Christoph Martin Wieland
Geschichte der Abderiten
Erster Teil
der das erste zweite und dritte
Buch enthält
Vorbericht
Diejenigen denen etwan daran gelegen sein möchte sich der Wahrheit der bei
dieser Geschichte zum Grunde liegenden Tatsachen und charakteristischen Züge zu
vergewissern können wofern sie nicht Lust haben solche in den Quellen selbst
nämlich in den Werken eines Herodots Diogenes Laertius Atenäus Aelians
Plutarchs Lucians Paläphatus Cicero Horaz Petrons Juvenals Valerius
Gellius Solinus ua aufzusuchen sich aus den Artikeln Abdera und Demokritus
in dem Baylischen Wörterbuche überzeugen dass diese Abderiten nicht unter die
wahren Geschichten im Geschmacke der lucianischen gehören Sowohl die Abderiten
als ihr gelehrter Mitbürger Demokritus erscheinen hier in ihrem wahren Lichte
und wiewohl der Verfasser bei Ausfüllung der Lücken Aufklärung der dunkeln
Stellen Hebung der wirklichen und Vereinigung der scheinbaren Widersprüche die
man in den vorbemeldten Schriftstellern findet nach unbekannten Nachrichten
gearbeitet zu haben scheint so werden doch scharfsinnige Leser gewahr werden
dass er in allem diesem einem Gewährsmanne gefolget ist dessen Ansehen alle
Aeliane und Atenäen zu Boden wiegt und gegen dessen einzelne Stimme das
Zeugnis einer ganzen Welt und die Entscheidung aller Amphictyonen Areopagiten
Decemvirn Centumvirn und Ducentumvirn auch Doctoren Magistern und
Baccalauren samt und sonders ohne Wirkung ist nämlich der Natur selbst
Sollte man dieses kleine Werk als einen wiewohl geringen Beitrag zur
Geschichte des menschlichen Verstandes ansehen wollen so lässt sichs der
Verfasser sehr wohl gefallen glaubt aber dass es auch unter diesem so vornehm
klingenden Titel weder mehr noch weniger sei als was alle Geschichtbücher sein
müssen wenn sie nicht sogar unter die schöne Melusine herabsinken und mit dem
schalsten aller Märchen der Dame DAunoy in Eine Rubrik geworfen werden wollen
Erstes Buch oder
Demokritus unter den Abderiten
Erstes Kapitel
Vorläufige Nachrichten vom Ursprung der Stadt Abdera und dem Charakter ihrer
Einwohner
Das Altertum der Stadt Abdera in Tracien verliert sich in der fabelhaften
Heldenzeit Auch kann es uns sehr gleichgültig sein ob sie ihren Namen von
Abdera einer Schwester des berüchtigten Diomedes Königs der bistonischen
Tracier1 der ein so großer Liebhaber von Pferden war und deren so viel
hielt dass er und sein Land endlich von seinen Pferden aufgefressen wurde2
oder von Abderus einem Stallmeister dieses Königs oder von einem andern
Abderus der ein Liebling des Herkules gewesen sein soll empfangen habe
Abdera war einige Jahrhundert nach ihrer ersten Gründung vor Alter wieder
zusammengefallen als Timesius von Klazomene um die Zeit der ein und
dreissigsten Olympiade unternahm sie wieder aufzubauen Die wilden Tracier
welche keine Städte in ihrer Nachbarschaft aufkommen lassen wollten ließ ihm
nicht Zeit die Früchte seiner Arbeit zu geniessen3 Sie trieben ihn wieder fort
und Abdera blieb unbewohnt und unvollendet bis ungefähr um das Ende der
Olympiade 59 die Einwohner der ionischen Stadt Teos weil sie keine Lust
hatten sich dem Eroberer Cyrus zu unterwerfen zu Schiffe gingen nach
Tracien segelten und da sie in einer der fruchtbarsten Gegenden desselben
dieses Abdera schon gebaut fanden sich dessen als einer verlassenen und
niemanden zugehörigen Sache bemächtigten auch sich darinnen gegen die
tracischen Barbaren so gut behaupteten dass sie und ihre Nachkommen von nun an
Abderiten hießen und einen kleinen Freistaat ausmachten der wie die meisten
griechischen Städte ein zweideutig Mittelding von Demokratie und Aristokratie
war und regieret wurde wie kleine Republiken von je her regieret worden
sind
»Wozu rufen unsre Leser diese nichtsbedeutende Deduction des Ursprungs und
der Schicksale des Städtchens Abdera in Tracien Was kümmert uns Abdera Was
liegt uns daran zu wissen oder nicht zu wissen wann wie wo warum von wem
und zu was Ende eine Stadt welche längst nicht mehr in der Welt ist erbaut
worden sein mag«
Geduld günstige Leser Geduld bis wir eh ich weiter fort erzähle über
unsre Bedingungen einig sind Verhüte der Himmel dass man euch zumuten sollte
die Abderiten zu lesen wenn ihr gerade was nötigeres zu tun oder was besseres
zu lesen habt
»Ich muss auf eine Predigt studieren Ich habe Kranke zu besuchen Ich
hab ein Gutachten einen Bescheid eine Leuterung einen untertänigsten Bericht
zu machen Ich muss recensieren Mir fehlen noch sechzehn Bogen an den vier
Alphabeten die ich meinem Verleger binnen acht Tagen liefern muss Ich hab
ein Joch Ochsen gekauft Ich hab ein Weib genommen « In Gottes Namen
Studiert besucht referiert recensiert übersetzt kauft und freiet
Beschäftigte Leser sind selten gute Leser Bald gefällt ihnen alles bald
nichts bald verstehen sie uns halb bald gar nicht bald was das schlimmste
ist unrecht Wer mit Vergnügen mit Nutzen lesen will muss gerade sonst nichts
anders zu tun noch zu denken haben Und wenn ihr euch in diesem Falle befindet
warum solltet ihr nicht zwo oder drei Minuten daran wenden wollen etwas zu
wissen was einem Salmasius einem Barnes einem Bayle und um aufrichtig zu
sein mir selbst weil mir nicht zu rechter Zeit einfiel den Artikel Abdera im
Bayle nachzuschlagen eben so viele Stunden gekostet hat Würdet ihr mir doch
geduldig zugehöret haben wenn ich euch die Historie vom König in Böhmenland der
sieben Schlösser hatte oder die Geschichte der drei Kalender zu erzählen
angefangen hätte
Die Abderiten also hätten dem zufolge was bereits von ihnen gemeldet
worden ist ein so feines lebhaftes witziges und kluges Völkchen sein sollen
als jemals eines unter der Sonne gelebt hat
»Und warum dies«
Diese Frage wird uns vermutlich nicht von den Gelehrten unter unsern Lesern
gemacht Aber wer wollte auch Bücher schreiben wenn alle Leser so gelehrt
wären als der Autor Die Frage warum dies ist allemal eine sehr vernünftige
Frage Sie verdient wo die Rede von menschlichen Dingen ist allemal eine
Antwort und wehe dem der verlegen oder beschämt oder ungehalten wird wenn
er sich auf warum dies vernehmen lassen soll Wir unsers Orts würden die Antwort
ungefodert gegeben haben wenn die Leser nicht so hastig gewesen wären Hier ist
sie
Teos war eine ateniensische Kolonie von den zwölfen oder dreizehn eine
welche unter Anführung des Neleus Kodrus Sohns in Ionien gepflanzt wurden
Die Atenienser waren von je her ein muntres und geistreiches Volk und sind
es noch wie man sagt Atenienser nach Ionien versetzt gewannen unter dem
schönen Himmel der dieses von der Natur verzärtelte Land umfliesst wie
Burgunderreben durch Verpflanzung aufs Vorgebirge Vor allen andern Völkern des
Erdbodens waren die ionischen Griechen die Günstlinge der Musen Homerus selbst
war der größten Wahrscheinlichkeit nach ein Ionier Die erotischen Gesänge
die milesischen Fabeln die Vorbilder unsrer Novellen und Romanen erkennen
Ionien für ihr Vaterland Der Horaz der Griechen Alcäus die glühende Sappho
Anakreon der Sänger Aspasia die Lehrerin Apelles der Maler der Grazien
waren aus Ionien Anakreon war sogar ein geborner Tejer Dieser letzte mochte
etwa ein Jüngling von achtzehn Jahren sein wenn anders Barnes recht gerechnet
hat als seine Mitbürger nach Abdera zogen Er zog mit ihnen und zum Beweise
dass er seine den Liebesgöttern geweihte Leier nicht zurückgelassen sang er dort
das Lied an ein tracisches Mädchen in Barnesens Ausgabe das ein und
sechzigste worin ein gewisser wilder tracischer Ton mit der ionischen Grazie
die seinen Liedern eigen ist auf eine ganz besondere Art absticht
Wer sollte nun nicht denken die Tejer in ihrem ersten Ursprung
Atenienser so lange Zeit in Ionien einheimisch Mitbürger eines Anakreons
sollten auch in Tracien den Charakter eines geistreichen Volkes behauptet
haben Allein was auch die Ursache davon gewesen sein mag das Gegenteil ist
außer Zweifel Kaum wurden die Tejer zu Abderiten so schlugen sie aus der Art
Nicht dass sie ihre vormalige Lebhaftigkeit ganz verloren und sich in Schöpse
verwandelt hätten wie Juvenal sie beschuldigt6 Ihre Lebhaftigkeit nahm nur
eine wunderliche Wendung und ihre Einbildung gewann einen so großen Vorsprung
über ihre Vernunft dass es dieser niemals wieder möglich war sie einzuholen Es
mangelte den Abderiten nie an Einfällen aber selten passten ihre Einfälle auf
die Gelegenheit wo sie angebracht wurden oder kamen erst wenn die Gelegenheit
vorbei war Sie sprachen viel aber immer ohne sich einen Augenblick zu
bedenken was sie sagen wollten oder wie sie es sagen wollten Die natürliche
Folge hievon war dass sie selten den Mund auftaten ohne etwas albernes zu
sagen Zum Unglück erstreckte sich diese schlimme Gewohnheit auch auf ihre
Handlungen denn gemeiniglich schlossen sie den Käfig erst wenn der Vogel
entflogen war Dies zog ihnen den Vorwurf der Unbesonnenheit zu aber die
Erfahrung bewies dass es ihnen nicht besser ging wenn sie sich besannen
Machten sie welches ziemlich oft begegnete irgend einen sehr dummen Streich
so kam es immer daher weil sie es gar zu gut machen wollten und wenn sie in
den Angelegenheiten ihres gemeinen Wesens recht lange und ernstliche
Beratschlagungen hielten so konnte man sicher darauf rechnen dass sie unter
allen möglichen Entschließungen die schlechteste ergreifen würden
Sie wurden endlich zum Sprichwort unter den Griechen Ein abderitischer
Einfall ein Abderitenstückchen war bei diesen ungefähr was bei uns ein
Schildbürger oder bei den Helvetiern ein Lalleburgerstreich ist und die guten
Abderiten ermangelten nicht die Spötter und Lacher reichlich mit sinnreichen
Zügen dieser Art zu versehen Für jetzt mögen davon nur ein paar Beispiele zur
Probe dienen Einsmals fiel ihnen ein dass eine Stadt wie Abdera billig auch
einen schönen Brunnen haben müsse Er sollte in die Mitte ihres großen
Marktplatzes gesetzt werden und zu Bestreitung der Kosten wurde eine neue
Auflage gemacht Sie ließ einen berühmten Bildhauer von Athen kommen um eine
Gruppe von Statuen zu verfertigen welche den Gott des Meeres auf einem von vier
Seepferden gezogenen Wagen mit Nymphen Tritonen und Delphinen umgeben
vorstellte Die Seepferde und Delphinen sollten eine Menge Wassers aus ihren
Nasen hervorspritzen Aber wie alles fertig stund fand sich dass kaum Wasser
genug da war um die Nase eines einzigen Delphins zu befeuchten und als man das
Werk spielen ließ sah es nicht anders aus als ob alle diese Seepferde und
Delphinen den Schnuppen hätten Um nicht ausgelacht zu werden ließ sie also
die ganze Gruppe in den Tempel des Neptunus bringen und so oft man sie einem
Fremden wies bedauerte der Küster sehr ernstaft im Namen der löblichen Stadt
Abdera dass ein so herrliches Kunstwerk aus Kargheit der Natur unbrauchbar
bleiben müsse Ein andermal erhandelten sie eine sehr schöne Venus von
Elfenbein die man unter die Meisterstücke des Praxiteles zählte Sie war
ungefähr fünf Fuß hoch und sollte auf einen Altar der Liebesgöttin gestellt
werden Als sie angelangt war geriet ganz Abdera in Entzücken über die
Schönheit ihrer Venus denn die Abderiten gaben sich für feine Kenner und
schwärmerische Liebhaber der Künste aus Sie ist zu schön riefen sie einhellig
um auf einem niedrigen Platze zu stehen Ein Meisterstück das der Stadt so viel
Ehre macht und so viel Geld gekostet hat kann nicht zu hoch aufgestellt
werden sie muss das Erste sein was den Fremden beim Eintritt in Abdera in die
Augen fällt Diesem glücklichen Gedanken zufolge stellten sie das kleine
niedliche Bild auf einen Obelisk von achtzig Fuß und wiewohl es nun unmöglich
war zu erkennen ob es eine Venus oder Austernymphe vorstellen sollte so
nötigten sie doch alle Fremden zu gestehen dass man nichts vollkommners sehen
könne
Uns dünkt diese Beispiele beweisen schon hinlänglich dass man den Abderiten
kein Unrecht tat wenn man sie für warme Köpfe hielt Aber wir zweifeln ob sich
ein Zug denken lässt der ihren Charakter stärker zeichnen könnte als dieser
dass sie nach dem Zeugnis des Justinus die Frösche in und um ihre Stadt
dergestalt über Land nehmen ließ dass sie selbst endlich genötigt wurden
ihren quäkenden Mitbürgern Platz zu machen und bis zu Austrag der Sache sich
unter dem Schutze des Königs Kassander an einen dritten Ort zu begeben Dies
Unglück befiel die Abderiten nicht ungewarnt Ein weiser Mann der sich unter
ihnen befand sagte ihnen lange zuvor dass es endlich so kommen würde Der
Fehler lag in der Tat bloß an den Mitteln wodurch sie dem Übel steuern wollten
wiewohl sie nie dazu gebracht werden konnten dies einzusehen Was ihnen
gleichwohl die Augen hätte öffnen sollen war dass sie kaum etliche Monate von
Abdera weggezogen waren als eine Menge von Kranichen aus der Gegend von
Geranien ankamen und ihnen alle ihre Frösche so rein wegputzten dass eine Meile
rings um Abdera nicht einer übrig blieb der dem wiederkommenden Frühling
Brekekek koax koax entgegen gesungen hätte
Zweites Kapitel
Demokritus von Abdera
Ob und wie viel seine Vaterstadt berechtigt war sich etwas auf ihn einzubilden
Keine Luft ist so dicke kein Volk so dumm kein Ort so unberühmt dass nicht
zuweilen ein großer Mann daraus hervorgehen sollte sagt Juvenal Pindarus und
Epaminondas wurden in Böotien geboren Aristoteles zu Stagira Cicero zu
Arpinum Virgil im Dörfchen Andes bei Mantua Albertus Magnus zu Lauingen
Martin Luther zu Eisleben Sixtus V im Dorfe Montalto in der Mark Ancona und
einer der besten Könige die jemals gewesen sind zu Pau in Bearn Was Wunder
wenn auch Abdera zufälliger Weise die Ehre hatte dass der größte Naturforscher
des Altertums Demokritus in ihren Mauern das Leben empfing
Ich sehe nicht wie ein Ort sich eines solchen Umstandes bedienen kann um
Ansprüche an den Ruhm eines großen Mannes zu machen Wer geboren werden soll
muss irgendwo geboren werden das übrige nimmt die Natur auf sich und ich
zweifle sehr ob außer dem Lykurgus ein Gesetzgeber gewesen der seine
Fürsorge bis auf den Homunculus ausgedehnt und alle mögliche Vorkehrungen
getroffen hätte damit dem Staat wohl organisierte schöne und seelenvolle
Kinder geliefert würden Wir müssen gestehen in dieser Rücksicht hatte Sparta
einiges Recht sich mit den Vorzügen seiner Bürger Ehre zu machen Aber in
Abdera wie beinahe in der ganzen Welt ließ man den Zufall und den Genius
walten
natale comes qui temperat astrum
und wenn ein Protagoras8 oder Demokritus aus ihrem Mittel entsprang so war die
gute Stadt Abdera gewiss eben so unschuldig daran als Lykurgus und seine
Gesetze wenn in Sparta ein Dummkopf oder eine Memme geboren wurde
Diese Nachlässigkeit wiewohl sie eine dem Staat äußerst angelegene Sache
betrifft möchte noch immer hingehen Die Natur wenn man sie nur ungestört
arbeiten lässt macht meistens alle weitere Fürsorge für das Geraten ihrer Werke
überflüssig Aber wiewohl sie selten vergisst ihr Lieblingswerk mit allen den
Fähigkeiten auszurüsten aus welchen ein vollkommener Mensch gebildet werden
könnte so ist doch eben diese Ausbildung das was sie der Kunst überlässt und
es bleibt also jedem Staate noch Gelegenheit genug übrig sich ein Recht an die
Vorzüge und Verdienste seiner Mitbürger zu erwerben Allein auch hierin ließ
die Abderiten sehr viel an ihrer Klugheit zu vermissen übrig und man hätte
schwerlich einen Ort finden können wo für die Bildung des innern Gefühls des
Verstandes und des Herzens der künftigen Bürger weniger gesorgt worden wäre
Die Bildung des Geschmacks di eines feinen richtigen und gelehrten
Gefühls alles Schönen ist die beste Grundlage zu jener berühmten sokratischen
Kalokagatie oder innerlichen Schönheit und Güte der Seele welche den
liebenswürdigen edelmütigen wohltätigen und glücklichen Menschen macht Und
nichts ist geschickter dieses richtige Gefühl des Schönen in uns zu bilden als
wenn alles was wir von der Kindheit an sehen und hören schön ist In einer
Stadt wo die Künste der Musen in der größten Vollkommenheit getrieben werden
in einer schön gebauten und mit Meisterstücken der bildenden Künste angefüllten
Stadt in einem Athen geboren zu sein ist daher allerdings kein geringer
Vorteil und wenn die Atenienser zu Platons und Menanders Zeiten mehr Geschmack
hatten als tausend andere Völker so hatten sie es unstreitig ihrem Vaterlande
zu danken
Abdera führte in einem griechischen Sprüchworte über dessen Verstand die
Gelehrten nach ihrer Gewohnheit nicht einig sind den Beinamen womit Florenz
unter den italienischen Städten prangt die Schöne Wir haben schon bemerkt
dass die Abderiten Entusiasten der schönen Künste waren und in der Tat zur
Zeit ihres größten Flors das ist eben damals da sie auf einige Zeit den
Fröschen Platz machen mussten war ihre Stadt voll prächtiger Gebäude reich an
Malereien und Bildsäulen mit einem schönen Theater und Musiksaal Odeion
versehen kurz ein kleines Athen bloß den Geschmack ausgenommen Denn zum
Unglück erstreckte sich die wunderliche Laune von welcher wir oben gesprochen
haben auch auf ihre Begriffe vom Schönen und Anständigen Latona die
Schutzgöttin ihrer Stadt hatte den schlechtesten Tempel Jason der Anführer
der Argonauten hingegen dessen goldenes Vliess sie zu besitzen vorgaben den
prächtigsten Ihr Rataus sah wie ein Magazin aus und unmittelbar vor dem
Saale wo die Angelegenheiten des Staats erwogen wurden hatten alle Kräuter
Obst und Eierweiber von Abdera ihre Niederlage Hingegen ruhte das Gymnasium
worin sich ihre Jugend im Ringen und Fechten übte auf einer dreifachen
Säulenreihe Der Fechtsaal war mit lauter Schildereien von Beratschlagungen und
mit Statuen in ruhigen oder tiefsinnigen Stellungen ausgeziert9 Dafür aber
stellte das Rataus den Vätern des Vaterlandes eine desto reizendre Augenweide
dar Denn wohin sie in dem Saal ihrer gewöhnlichen Sitzungen die Augen warfen
glänzten ihnen schöne nackende Kämpfer oder badende Dianen und schlafende
Bacchanten entgegen und Venus mit ihrem Buhler im Netze Vulcans allen
Einwohnern des Olympus zur Schau ausgestellt ein großes Stück welches dem
Sitz des Archons gegenüber hingwurde den Fremden mit einem Triumphe gezeigt
der den ernsten Phocion selbst genötigt hätte zum erstenmal in seinem Leben zu
lachen Der König Lysimachus sagten sie habe ihnen sechs Städte und ein
Gebiet von vielen Meilen dafür angeboten aber sie hätten sich nicht
entschließen können ein so herrliches Stück hinzugeben zumal da es gerade
die Höhe und Breite habe um eine ganze Seite der Ratsstube eizunehmen und über
dies habe einer ihrer Kunstrichter in einem weitläuftigen mit großer
Gelehrsamkeit angefüllten Werke die Beziehung des allegorischen Sinnes dieser
Schilderei auf den Platz wo sie stehe sehr scharfsinnig dargetan
Wir würden nicht fertig werden wenn wir alle Unschicklichkeiten wovon
diese wundervolle Republik wimmelte berühren wollten Aber noch eine können wir
nicht vorbeigehen weil sie einen wesentlichen Zug ihrer Verfassung betrifft
und keinen geringen Einfluss auf den Charakter der Abderiten hatte In den
ältesten Zeiten der Stadt war vermutlich einem orphischen Institut zufolge der
Nomophylax oder Beschirmer der Gesetze eine der obersten Magistratspersonen
zugleich Vorsänger bei den gottesdienstlichen Chören und Oberaufseher über das
Musikwesen Dies hatte damals seinen guten Grund Allein mit der Länge der Zeit
ändern sich die Gründe der Gesetze diese werden alsdann durch buchstäbliche
Erfüllung lächerlich und müssen also nach den veränderten Umständen umgegossen
werden Aber eine solche Betrachtung kam nicht in abderitische Köpfe Es hatte
sich öfters zugetragen dass ein Nomophylax erwählt wurde der zwar die Gesetze
ganz leidlich beschirmte aber entweder schlecht sang oder gar nichts von der
Musik verstund Was hatten die Abderiten zu tun Nach häufigen Beratschlagungen
machten sie endlich die Verordnung Der beste Sänger aus Abdera sollte hinfür
allezeit auch Nomophylax sein und dabei blieb es so lang Abdera stund Dass der
Nomophylax und der Vorsänger zwo verschiedene Personen sein könnten war in
zwanzig öffentlichen Beratschlagungen keiner Seele eingefallen
Es ist leicht zu erachten dass die Musik bei so bewandten Sachen zu Abdera
in großer Achtung stehen musste Alles in dieser Stadt war musikalisch alles
sang flötete und leierte Ihre Sittenlehre und Politik ihre Theologie und
Kosmologie war auf musikalische Grundsätze gebaut ja ihre Ärzte heilten sogar
die Krankheiten durch Tonarten und Melodien So weit scheint ihnen was die
Spekulation betrifft das Ansehen der größten Weisen des Altertums eines
Orpheus Pythagoras und Plato zu statten zu kommen Aber in der Ausübung
entfernten sie sich desto weiter von der Strenge dieser Philosophen Plato
verweiset alle sanften und weichlichen Tonarten aus seiner Republik die Musik
soll seinen Bürgern weder Freude noch Traurigkeit einflößen er verbannet mit
den ionischen und lydischen Harmonien10 alle Trink und Liebeslieder ja die
Instrumente selbst scheinen ihm so wenig gleichgültig dass er vielmehr die
vielsaitigen und die lydische Flöte als gefährliche Werkzeuge der Üppigkeit
ausmustert und seinen Bürgern nur die Leier und die Citar so wie den Hirten
und dem Landvolke nur die Rohrpfeife gestattet So strenge philosophierten die
Abderiten nicht Keine Tonart kein Instrument war bei ihnen ausgeschlossen und
einem sehr wahren aber sehr oft von ihnen missverstandnen Grundsatze zufolge
behaupteten sie dass man alle ernstaften Dinge lustig und alle lustigen
ernstaft behandeln müsse Die Ausdehnung dieser Maxime auf die Musik brachte
bei ihnen die widersinnigsten Wirkungen hervor Ihre gottesdienstlichen Gesänge
klangen wie Gassenlieder allein dafür konnte man nichts feierlichers hören als
die Melodie ihrer Tänze Die Musik zu einem Trauerspiel war gemeiniglich
komisch hingegen klangen ihre Kriegslieder so schwermütig dass sie sich nur für
Leute schickten die an den Galgen gehen Diese Widersinnigkeit erstreckte sich
über alle Gegenstände des Geschmacks Ein Leierspieler wurde in Abdera nur dann
für vortrefflich gehalten wenn er die Saiten so zu rühren wusste dass man eine
Flöte zu hören glaubte und eine Sängerin um bewundert zu werden musste gurgeln
und trillern wie eine Nachtigall Die Abderiten hatten keinen Begriff davon dass
die Musik nur in so fern Musik ist als sie das Herz rührt sie waren wohl
zufrieden wenn nur ihre Ohren gekützelt oder wenigstens mit nichtssagenden
aber vollen und oft abwechselnden Harmonien gestopft wurden Mit einem Worte
bei aller ihrer Schwärmerei für die Künste hatten die Abderiten keinen
Geschmack und es ahnte ihnen gar nicht dass das Schöne aus einem höheren Grunde
schön sei als weil es ihnen so beliebte
Dieses alles ungeachtet konnte Natur Zufall und gutes Glück mit
zusammengesetzten Kräften wohl einmal so viel zuwege bringen dass ein geborner
Abderite Menschenverstand bekam Aber wenigstens muss man gestehen wenn sich so
etwas begab so hatte Abdera nichts dabei geholfen Denn ein Abderit war
ordentlicher Weise nur in so fern klug als er kein Abderit war ein Umstand
der uns ohne Mühe begreifen lässt warum die Abderiten von demjenigen unter ihren
Mitbürgern der ihnen in den Augen der Welt am meisten Ehre machte immer am
wenigsten hielten Dies war keine ihrer gewöhnlichen Widersinnigkeiten Sie
hatten eine Ursache dazu die so natürlich ist dass es unbillig wäre sie ihnen
zum Vorwurf zu machen
Diese Ursache war nicht wie einige sich einbilden weil sie zE den
Naturforscher Demokritus lange zuvor eh er ein großer Mann war mit dem
Kreisel spielen oder auf einem Grasplatze Burzelbäume machen gesehen hatten
Auch nicht weil sie aus Neid oder Eifersucht nicht leiden konnten dass
einer aus ihrem Mittel klüger sein sollte als sie Denn bei der untrüglichen
Aufschrift der Pforte des delphischen Tempels dies zu denken hatte kein
einziger Abderit Weisheit genug oder er würde von dem Augenblick an kein
Abderit mehr gewesen sein
Der wahre Grund meine Freunde warum die Abderiten aus ihrem Mitbürger
Demokritus nicht viel machten war dieser weil sie ihn für keinen weisen Mann
hielten
»Warum das nicht«
Weil sie nicht konnten
»Und warum konnten sie nicht«
Weil sie sich alsdann selbst für Dummköpfe hätten halten müssen Und dies zu
tun waren sie gleichwohl nicht widersinnisch genug
Auch hätten sie eben so leicht auf dem Kopfe tanzen oder den Mond mit den
Zähnen fassen oder den Zirkel quadrieren können als einen Menschen der in
Allem ihr Gegenfüssler war für einen weisen Mann zu halten Dies folgt aus einer
Eigenschaft der menschlichen Natur die schon zu Adams Zeiten bemerkt worden
sein muss und gleichwohl da Helvetius daraus folgerte was daraus folgt
vielen ganz neu vorkam die seit dieser Zeit niemanden mehr neu ist und dennoch
im Leben alle Augenblicke Vergessen wird
Drittes Kapitel
Was Demokritus für ein Mann war
Seine Reisen
Er kommt nach Abdera zurück
Was er mitbringt und wie er aufgenommen wird
Ein Examen das sie mit ihm vornehmen welches zugleich eine Probe einer
abderitischen Konversation ist
Demokritus ich denke nicht dass es Sie gereuen wird den Mann näher kennen zu
lernen
Demokritus war ungefähr zwanzig Jahre alt als er seinen Vater einen der
reichsten Bürger von Abdera erbte Anstatt nun darauf zu denken wie er seinen
Reichtum erhalten oder vermehren oder auf die angenehmste oder lächerrlichste
Art durchbringen wollte entschloss sich der junge Mensch solchen zum Mittel
der Vervollkommnung seiner Seele zu machen
»Aber was sagten die Abderiten zum Entschlusse des jungen Demokritus«
Die guten Leute hatten sich nie träumen lassen dass die Seele ein anderes
Interesse habe als der Magen der Bauch und die übrigen integranten Teile des
sichtbaren Menschen Also mag ihnen freilich diese Grille ihres Landsmannes
wunderlich genug vorgekommen sein Allein dies war nun gerade was er sich am
wenigsten anfechten ließ Er ging seinen Weg fort und brachte viele Jahre mit
gelehrten Reisen durch alle festen Länder und Inseln zu die man damals bereisen
konnte Denn wer zu seiner Zeit weise werden wollte musste mit eignen Augen
sehen Es gab noch keine Buchdruckereien keine Journale Bibliotheken
Magazine Encyklopädien Realwörterbücher und wie alle die Werkzeuge heißen
mit deren Hilfe man jetzt ohne zu wissen wie ein Philosoph ein Kunstrichter
ein Autor ein Alleswisser wird Damals war die Weisheit so teuer und noch
teurer als die schöne Lais Nicht jedermann konnte nach Korint reisen Die
Anzahl der Weisen war sehr klein aber die es waren waren es auch desto mehr
Demokritus reiste nicht bloß um der Menschen Sitten und Verfassungen zu
beschauen wie Ulysses nicht bloß um Priester und Geisterseher aufzusuchen wie
Plato oder um Tempel Statuen Gemälde und Altertümer zu begucken wie
Pausanias oder um Pflanzen und Tiere abzuzeichnen und unter Klassen zu bringen
wie Doctor Solander sondern er reiste um Natur und Kunst in allen ihren
Wirkungen und Ursachen den Menschen in seiner Nacktheit und in allen seinen
Einkleidungen und Verkleidungen roh und bearbeitet bemalt und unbemalt ganz
und verstümmelt und die übrigen Dinge in allen ihren Beziehungen auf den
Menschen kennen zu lernen Die Raupen in Aetiopien sagte Demokritus sind
freilich nur Raupen Was ist eine Raupe um das erste angelegenste einzige
Studium eines Menschen zu sein Aber da wir nun einmal in Aetiopien sind so
sehen wir uns immer nebenher auch nach den ätiopischen Raupen um Es gibt
eine Raupe im Lande der Seren welche Millionen Menschen kleidet und nährt wer
weiß ob es nicht auch am Niger nützliche Raupen gibt
Mit dieser Art zu denken hatte sich Demokritus auf seinen Reisen einen
Schatz von Wissenschaft gesammelt der in seinen Augen alles Gold in den
Schatzkammern des Königs von Indien und alle Perlen an den Hälsen und Armen
seiner Weiber wert war Er kannte von der Zeder Libanons bis zum Schimmel eines
arkadischen Käses eine Menge von Bäumen Stauden Kräutern Gräsern und Moosen
nicht etwan bloß nach ihrer Gestalt und nach ihren Namen Geschlechtern und
Arten er kannte auch ihre Eigenschaften Kräfte und Tugenden Aber was er
tausendmal höher schätzte als alle seine übrigen Kenntnisse er hatte
allenthalben wo er es der Mühe wert fand sich aufzuhalten die Weisesten und
die Besten kennen gelernt Es hatte sich bald gezeigt dass er ihres Geschlechtes
war Sie waren also seine Freunde geworden hatten sich ihm mitgeteilt und ihm
dadurch die Mühe erspart eignen Fleißes Jahre lang und vielleicht doch
vergebens zu suchen was sie mit Aufwand und Mühe oder auch wohl nur
glücklicher Weise schon gefunden hatten
Bereichert mit allen diesen Schätzen des Geistes und Herzens kam Demokritus
nach einer Reise von zwanzig Jahren zu den Abderiten zurück die seiner beinahe
vergessen hatten Er war ein feiner stattlicher Mann höflich und abgeschliffen
wie ein Mann der mit mancherlei Arten von Erdensöhnen umzugehen gelernt hat zu
sein pflegt ziemlich braungelb von Farbe kam von den Enden der Welt und hatte
ein ausgestopftes Krokodil einen lebendigen Affen und viele andere sonderbare
Sachen mitgebracht Die Abderiten sprachen etliche Tage von nichts anderm als
von ihrem Mitbürger Demokritus der wieder gekommen war und Affen und Krokodile
mitgebracht hatte Allein in kurzer Zeit zeigte sichs dass sie sich in ihrer
Meinung von einem so weit gereiseten Manne sehr verrechnet hatten
Demokritus war von den wackeren Männern denen er indessen die Besorgung
seiner Güter anvertraut hatte um die Hälfte betrogen worden und gleichwohl
unterschrieb er ihre Rechnungen ohne Widerrede Natürlicher Weise musste dies der
guten Meinung von seinem Verstande den ersten Stoß geben Die Advokaten und
Richter wenigstens die sich zu einem einträglichen Processe Hoffnung gemacht
hatten merkten mit einem bedeutenden Achselzucken an dass es bedenklich sein
würde einem Manne der seinem eigenen Hause so schlecht vorstehe das gemeine
Wesen anzuvertrauen Indessen zweifelten die Abderiten nicht dass er sich nun
unter die Mitwerber um ihre vornehmsten Ehrenämter stellen würde Sie
berechneten schon wie hoch sie ihm ihre Stimme verkaufen wollten gaben ihm
eine Tochter Enkelin Schwester Nichte Base Schwägerin zur Ehe überschlugen
die Vorteile die sie zur Erhaltung dieser oder jener Absicht von seinem Ansehen
ziehen wollten wenn er einmal Archon oder Priester der Latona sein würde
usw Aber Demokritus erklärte sich dass er weder ein Ratsherr von Abdera noch
der Ehgemahl eine Abderitin sein wollte und vereitelte dadurch abermal alle
ihre Anschläge Nun hoffte man wenigstens durch seinen Umgang in etwas
entschädiget zu werden Ein Mann welcher Affen Krokodile und zahme Drachen von
seinen Reisen mitgebracht hatte musste eine ungeheure Menge Wunderdinge zu
erzählen haben Man erwartete dass er von zwölfellenlangen Riesen und von
sechsdaumenhohen Zwergen von Menschen mit Hund und Eselsköpfen von Meerfrauen
mit grünen Haaren von weißen Negern und blauen Centauren sprechen würde Aber
Demokritus log so wenig und in der Tat weniger als ob er nie über den
tracischen Bosporus gekommen wäre
Man fragte ihn ob er im Lande der Garamanten keine Leute ohne Kopf
angetroffen habe welche die Augen die Nase und den Mund auf der Brust trügen
und ein abderitischer Gelehrter der ohne jemals aus den Mauern seiner Stadt
gekommen zu sein sich die Miene gab als ob kein Winkel des Erdbodens wäre den
er nicht durchkrochen hätte bewies ihm in großer Gesellschaft dass er entweder
nie in Aetiopien gewesen sei oder dort notwendig mit den Agriophagen deren
König nur ein Auge über der Nase hat mit den Sambern die allezeit einen Hund
zu ihrem König erwählen und mit den Artabatiten die auf allen Vieren gehen
Bekanntschaft gemacht haben müsse11 Und wofern Sie bis in den äußersten Teil
des abendländischen Aetiopien eingedrungen sind fuhr der gelehrte Mann fort
so bin ich gewiss dass Sie ein Volk ohne Nasen angetroffen haben und ein
anderes wo die Leute einen so kleinen Mund führen dass sie ihre Suppe durch
Strohhalmen einzuschlürfen genötigt sind12
Demokritus beteuerte beim Kastor und Pollux dass er sich nicht erinnere
diese Ehre gehabt zu haben
Wenigstens sagte jener haben Sie in Indien Menschen angetroffen die nur
ein einziges Bein auf die Welt bringen aber dem ungeachtet wegen der
außerordentlichen Breite ihres Fußes so geschwind auf dem Boden fortrutschen
dass man ihnen zu Pferde kaum nachkommen kann13 Und was sagten Sie dazu wie Sie
an der Quelle des Ganges ein Volk antrafen das ohne alle andre Nahrung vom
bloßen Geruche wilder Äpfel lebt14
O erzählen Sie uns doch riefen die schönen Abderitinnen erzählen Sie doch
Herr Demokritus Was müssten Sie uns nicht erzählen können wenn Sie nur wollten
Demokritus schwur vergebens dass er von allen diesen Wundermenschen in
Aetiopien und Indien nichts gesehen noch gehört habe
Aber was haben Sie denn gesehen fragte ein runder dicker Mann der zwar
weder einäugig war wie die Agriophagen noch eine Hundsschnauze hatte wie die
Cymolgen noch die Augen auf den Schultern trug wie die Omophtalmen noch vom
bloßen Geruche lebte wie die Paradiesvögel aber doch gewiss nicht mehr Gehirn in
seinem großen Schädel trug als ein mexicanischer Kolibri ohne darum weniger
ein Ratsherr von Abdera zu sein Aber was haben Sie denn gesehen sagte Wanst
Sie der zwanzig Jahre in der Welt herum gefahren sind wenn Sie nichts von
allem dem gesehen haben was man in fernen Landen wunderbares sehen kann
Wunderbares versetzte Demokritus lächelnd Ich hatte so viel mit
Betrachtung des Natürlichen zu tun dass ich fürs Wunderbare keine Zeit übrig
behielt
Nun das gesteh ich erwiderte Wanst das verlohnt sich auch der Mühe alle
Meere zu durchfahren und über alle Berge zu steigen um nichts zu sehen als
was man zu Hause eben so gut sehen konnte
Demokritus zankte sich nicht gerne mit den Leuten um ihre Meinungen am
allerwenigsten mit Abderiten und gleichwohl wollt er auch nicht dass es
aussehen sollte als ob er gar nichts sagen könne Er suchte unter den schönen
Abderitinnen die in der Gesellschaft waren eine aus an die er das richten
könnte was er sagen wollte und fand eine mit zwei großen junonischen Augen
die ihn trotz seiner physiognomischen Kenntnisse verführten ihrer
Eigentümerin etwas mehr Verstand oder Empfindung zuzutrauen als den übrigen Was
wollten Sie sagte er zu ihr dass ich zum Exempel mit einer Dame die die
Augen auf der Stirne oder am Ellebogen trüge hätte anfangen sollen Oder was
würde mirs nun helfen wenn ich noch so gelehrt in der Kunst wäre das Herz
einer Menschenfresserin zu rühren Ich habe mich immer zu wohl befunden mich
der sanften Gewalt von zwei schönen Augen die an ihrem natürlichen Platze
stehen zu überlassen um jemals eine Versuchung zu bekommen das große
Stierauge auf der Stirn einer Cyklopin zärtlich zu sehen
Die Schöne mit den großen Augen zweifelhaft was sie aus dieser Anrede
machen sollte guckte dem Mann der so sprach mit stummer Verwunderung in den
Mund lächelte ihm ihre schönen Zähne vor und sah sich zur rechten und linken
Seite um als ob sie den Verstand seiner Rede suchen wollte
Die übrigen Abderitinnen hatten zwar eben so wenig davon begriffen weil sie
aber aus dem Umstande dass er sich gerade an die Grossäugige gewendet hatte
schlossen er habe ihr etwas Schönes gesagt so sahen sie einander jede mit
einer eignen Grimasse an Diese rümpfte eine kleine Stumpfnase jene zog den
Mund in die Länge eine dritte spitzte den ihrigen der ohnehin groß genug war
eine vierte riss ein paar kleine Augen auf eine fünfte brüstete sich mit
zurückgezogenem Kopfe usw Demokritus sah es erinnerte sich dass er in
Abdera war und schwieg
Viertes Kapitel
Das Examen wird fortgesetzt und verwandelt sich in eine Disputation über die
Schönheit wobei dem Demokritus sehr warm gemacht wird
Schweigen ist zuweilen eine Kunst aber doch nie eine so große als uns
gewisse Leute glauben machen wollen die dann am klügsten sind wenn sie
schweigen
Wenn ein weiser Mann sieht dass er es mit Kindern zu tun hat warum sollt
er sich zu weise dünken nach ihrer Art mit ihnen zu reden
Ich bin zwar sagte Demokritus zu seiner neugierigen Gesellschaft
aufrichtig genug gewesen zu gestehen dass ich von allem was man will dass ich
gesehen haben sollte nichts gesehen habe aber bilden Sie sich darum nicht ein
dass mir auf so vielen Reisen zu Wasser und zu Lande nichts aufgestoßen sei das
Ihre Neubegierde befriedigen könnte Glauben Sie mir es sind Dinge darunter
die Ihnen vielleicht noch wunderbarer vorkommen würden als diejenigen wovon
die Rede war
Bei diesen Worten rückten die schönen Abderitinnen näher und spitzten Mund
und Ohren Das ist doch ein Wort von einem gereisten Manne rief der kurze dicke
Ratsherr Des Gelehrten Stirne entrunzelte sich durch die Hoffnung dass er etwas
zu tadeln und zu verbessern bekommen würde Demokritus möchte auch sagen was er
wollte
Ich befand mich einst in einem Lande fing Demokritus an wo es mir so wohl
gefiel dass ich in den ersten drei oder vier Tagen die ich darinnen zubrachte
unsterblich zu sein wünschte um ewig darin zu leben
»Ich bin nie aus Abdera gekommen sagte der Ratsmann aber ich dachte immer
dass es keinen Ort in der Welt gäbe wo es mir besser gefallen könnte als in
Abdera Auch geht es mir gerade wie Ihnen mit dem Lande wo es Ihnen so wohl
gefiel ich wollte mit Freuden auf die ganze übrige Welt Verzicht tun wenn ich
nur ewig in Abdera leben könnte Aber warum gefiel es Ihnen nur drei Tage lang
so wohl in dem Lande«
Sie werden es gleich hören Stellen Sie sich ein unermessliches Land vor dem
die angenehmste Abwechslung von Bergen Tälern Wäldern Hügeln und Auen unter
der Herrschaft eines ewigen Frühlings und Herbstes allenthalben wohin man
sieht das Ansehen des herrlichsten Lustgartens gibt alles angebaut und
bewässert alles blühend und fruchtbar allenthalben ein ewiges Grün und immer
frische Schatten und Wälder von den schönsten Fruchtbäumen Datteln Feigen
Zitronen Granaten die ohne Pflege wie in Tracien die Eicheln wachsen Haine
von Myrten und Schasmin Amors und Cyteräens Lieblingsblume nicht auf Hecken
wie bei uns sondern in dichten Büscheln auf großen Bäumen wachsend und
vollaufgeblüht wie die Busen meiner schönen Mitbürgerinnen
Dies hatte Demokritus nicht gut gemacht und es kann künftigen Erzählern
zur Warnung dienen dass man sich vorher wohl in seiner Gesellschaft umsehen muss
ehe man Komplimente dieser Art wagt so verbindlich sie auch an sich selbst
klingen mögen Die Schönen hielten die Hände vor die Augen und erröteten Denn
zum Unglück war unter den Anwesenden keine die dem schmeichelhaften Gleichnis
Ehre gemacht hätte wiewohl sie nicht ermangelten sich aufzublähen so gut sie
konnten
und diese reizenden Haine fuhr er fort vom lieblichen Gesang unzähliger
Arten von Vögeln belebt und mit tausend bunten Papageien erfüllt deren Farben
im Sonnenglanz die Augen blenden Welch ein Land Ich begriff nicht warum die
Göttin der Liebe Cytere zu ihrem Wohnsitz erwählt hätte da ein Land wie dieses
in der Welt war Wo hätten die Grazien angenehmer tanzen können als am Rande
von Bächen und Quellen wo zwischen kurzem dichtem Gras vom lebhaftesten Grün
Lilien und Hyacinten und zehen Tausenden noch schöneren Blumen die in unsrer
Sprache ohne Namen sind freiwillig hervorblühn und die Luft mit wollüstigen
Wohlgerüchen erfüllen
Die schönen Abderitinnen hatten wie leicht zu erachten die
Einbildungskraft nicht weniger lebhaft als die Abderiten und das Gemälde das
ihnen Demokritus ohne dabei an Arges zu denken vorstellte war mehr als ihre
kleinen Seelchen aushalten konnten Einige seufzten laut vor Behäglichkeit
andere sahen aus als ob sie die wollüstigen Gerüche die in ihrer Phantasie
düfteten mit Mund und Nase einschlürfen wollten die schöne Juno sank mit dem
Kopf auf ein Polster des Kanapees zurück schloss ihre großen Augen halb und
befand sich unvermerkt am blumichten Rand einer dieser schönen Quellen von
Rosen und Zitronenbäumen umschattet aus deren Zweigen Wolken von ambrosischen
Düften auf sie herab wallten In einer sanften Betäubung von süßen Empfindungen
begann sie eben einzuschlummern als sie einen Jüngling schön wie Bacchus und
dringend wie Amor zu ihren Füßen liegen sah Sie richtete sich auf ihn desto
besser betrachten zu können und sah ihm so schön so zärtlich dass die Worte
womit sie seine Verwegenheit bestrafen wollte auf ihren Lippen erstarben Kaum
hatte sie
Und wie meinen Sie fuhr Demokritus fort nennt sich dies zauberische Land
von dessen Schönheiten alles was ich davon sagen könnte Ihnen kaum den
Schatten eines Begriffs geben würde Es ist eben dieses Aetiopien welches mein
gelehrter Freund hier mit Ungeheuern von Menschen bevölkert die eines so
schönen Vaterlandes ganz unwürdig sind Aber eine Sache die er mir für wahr
nachsagen kann ist dass es im ganzen Aetiopien und Libyen wiewohl diese Namen
eine Menge verschiedener Völker umfassen keinen Menschen gibt der seine Nase
nicht eben da trüge wo wir nicht eben so viel Augen und Ohren hätte als wir
und kurz
Ein großer Seufzer von derjenigen Art wodurch sich ein von Schmerz oder
Vergnügen gepresstes Herz Luft zu machen sucht hob in diesem Augenblicke den
Busen der schönen Abderitin welche während dass Demokritus in seiner Rede
fortfuhr in dem Traumgesichte worin wir sie zu belauschen Bedenken trugen
wie es scheint auf einen Umstand gekommen war an welchem ihr Herz auf die
eine oder andre Art sehr lebhaft Anteil nahm Da die übrigen Anwesenden nicht
wissen konnten dass die gute Dame einige hundert Meilen weit von Abdera unter
einem ätiopischen Rosenbaum in einem Meer der süßesten Wohlgerüche schwamm
tausend neue Vögel das Glück der Liebe singen hörte tausend bunte Papageien vor
ihren Augen herum flattern sah und zum Überfluss einen Jüngling mit gelben
Locken und Korallenlippen zu ihren Füßen liegen hatte so war es natürlich
dass man den besagten Seufzer mit einem allgemeinen Erstaunen empfing Man
begriff nichts davon dass die letzten Worte Demokrits die Ursache einer solchen
Wirkung gewesen sein könnten Was fehlt Ihnen Lysandra riefen die Abderitinnen
aus Einem Munde indem sie sich sehr besorgt um sie stellten Die schöne
Lysandra die in diesem Augenblicke wieder gewahr wurde wo sie war errötete
und versicherte dass es nichts sei Demokritus der nun zu merken anfing was es
war stund ihnen gut dafür dass ein paar Züge frische Luft alles wieder gut
machen würden aber in seinem Herzen beschloss er künftig seine Gemälde nur mit
Einer Farbe zu malen wie die Maler in Tracien Gerechte Götter dacht er was
für eine Einbildungskraft diese Abderitinnen haben
Nun meine schönen Neugierigen fuhr Demokritus fort was meinen Sie von
welcher Farbe die Einwohner eines so schönen Landes sind
»Von welcher Farbe Warum sollten sie eine andre Farbe haben als die
übrigen Menschen Sagten Sie uns nicht dass sie die Nase mitten im Gesichte
trügen und in allem Menschen wären wie wir Griechen«
Menschen ohne Zweifel aber sollten sie darum weniger Menschen sein wenn
sie schwarz oder olivenfarb wären
»Was meinen Sie damit«
Ich meine dass die schönsten unter den ätiopischen Nationen nämlich
diejenigen die nach unserm Maßstabe die schönsten das ist uns die ähnlichsten
sind durchaus olivenfarb wie die Aegyptier und diejenigen welche tiefer im
festen Lande und in den mittäglichsten Gegenden wohnen vom Kopf bis zur
Fusssohle so schwarz und noch ein wenig schwärzer sind als die Raben zu Abdera
»Was Sie sagen Und erschrecken die Leute nicht vor einander wenn sie
sich ansehen«
Erschrecken Warum dies Sie gefallen sich sehr mit ihrer Rabenschwärze und
finden dass nichts schöner sein kann
»O das ist lustig riefen die Abderitinnen Schwarz am ganzen Leibe als
ob sie mit Pech überzogen wären sich von Schönheit träumen zu lassen Was das
für ein dummes Volk sein muss Haben sie denn keine Maler die ihnen den Apollo
den Bacchus die Göttin der Liebe und die Grazien malen könnten Oder könnten
sie nicht schon vom Homer lernen dass Juno weiße Arme Tetis Silberfüsse und
Aurora Rosenfinger hat«
Ach erwiderte Demokritus die guten Leute haben keinen Homer oder wenn sie
einen haben so dürfen wir uns darauf verlassen dass seine Juno kohlschwarze
Arme hat Von Malern habe ich in Aetiopien nichts gehört Aber ich sah ein
Mädchen dessen Schönheit unter seinen Landesleuten beinahe eben so viel Unheil
anrichtete als die Tochter der Leda unter den Griechen und Trojanern und diese
africanische Helena war schwärzer als Ebenholz
»O beschreiben Sie uns doch dies Ungeheuer von Schönheit« riefen die
Abderitinnen die aus dem natürlichsten Grunde von der Welt an dieser
Unterredung unendlich viel Vergnügen fanden
Sie werden Mühe haben sich einen Begriff davon zu machen Stellen Sie sich
das völlige Gegenteil des griechischen Ideals der Schönheit vor die Größe einer
Grazie und die Dicke einer Ceres schwarze Haare aber nicht in langen
wallenden Locken um die Schultern fliessend sondern kurz und von Natur kraus wie
Schafwolle Die Stirne breit und stark gewölbt die Nase kurz aufgestülpt und
in der Mitte des Knorpels flach gedrückt die Wangen rund wie die Backen eines
Trompeters der Mund groß Philinna lächelte um zu zeigen wie klein der
ihrige sei
Die Lippen sehr dick und aufgeworfen und zwo Reihen von Zähnen wie
Perlenschnuren
Die Schönen lachten insgesamt wiewohl sie keine andre Ursache dazu haben
konnten als ihre eignen Zähne zu weisen denn was war sonst hier zu lachen
»Aber ihre Augen« fragte Lysandra
O was die betrifft die waren so klein und so wasserfarbig dass ich lange
nicht von mir erhalten konnte sie schön zu finden »Demokritus ist für Homers
Kuhaugen wie es scheint« sagte Myris indem sie einen höhnischen Seitenblick
auf die Schöne mit den großen Augen warf
In der Tat versetzte Demokritus mit einer Miene woraus ein Tauber
geschlossen hätte dass er ihr die größte Schmeichelei sage schöne Augen müssten
sehr groß sein wenn ich sie zu groß finden sollte und hässliche können deucht
mich nie zu klein sein
Die schöne Lysandra warf einen triumphierenden Blick auf ihre Schwestern
und schüttete dann eine ganze Glorie von Zufriedenheit aus ihren großen Augen
auf den glücklichen Demokrit herab
»Darf man wissen was Sie unter schönen Augen verstehen« fragte die kleine
Myris indem sich ihre Nase merklich spitzte
Ein Blick der schönen Lysandra schien ihm zu sagen Sie werden nicht
verlegen sein die Antwort auf diese Frage zu finden
Ich verstehe darunter Augen in denen sich eine schöne Seele malt sagte
Demokritus
Lysandra sah albern aus wie eine Person der man etwas unerwartetes gesagt
hat und die keine Antwort darauf finden kann Eine schöne Seele dachten die
Abderitinnen alle zugleich Was für wunderliche Dinge der Mann aus fernen
Landen mitgebracht hat Eine schöne Seele Dies ist noch über seine Affen und
Papageien
»Aber mit allen diesen Subtilitäten sagte der dicke Ratsherr kommen wir
von der Hauptsache ab Mir deucht die Rede war von der schönen Helena aus
Aetiopien und ich möchte doch wohl hören was die ehrlichen Leute so schönes
an ihr finden konnten«
Alles antwortete Demokritus
»So müssen sie gar keinen Begriff von Schönheit haben« sagte der Gelehrte
Um Vergebung erwiderte der Erzähler weil diese ätiopische Helena der
Gegenstand aller Wünsche war so lässt sich sicher schließen dass sie der Idee
von Schönheit glich die Jeder in seiner Einbildung fand
»Sie sind aus der Schule des Parmenides« sagte der Gelehrte indem er sich
in eine streitbare Positur setzte16
Ich bin nichts als ich selbst welches sehr wenig ist erwiderte
Demokritus halb erschrocken Wenn Sie dem Wort Idee gram sind so erlauben Sie
mir mich anders auszudrücken Die schöne Gulleru so nannte man die Schwarze
von der wir reden
Gulleru riefen die Abderitinnen indem sie in ein Gelächter ausbrachen das
kein Ende nehmen wollte Gulleru welch ein Name Und wie ging es mit Ihrer
schönen Gulleru fragte die spitznasige Myris mit einem Blick und in einem Tone
der noch dreimal spitziger als ihre Nase war
Wenn Sie mir jemals die Ehre erweisen mich zu besuchen antwortete der
Philosoph mit der ungezwungensten Höflichkeit so sollen Sie erfahren wie es
mit der schönen Gulleru gegangen ist Itzt muss ich diesem Herrn mein Versprechen
halten Die Gestalt der schönen Gulleru also
Der schönen Gulleru wiederholten die Abderitinnen und lachten von neuem
aber ohne dass Demokritus sich diesmal unterbrechen ließ
flößte zu ihrem Unglück den Jünglingen ihres Landes die stärkste
Leidenschaft ein Dies scheint zu beweisen dass man sie schön gefunden habe und
ohne Zweifel lag der Grund weswegen man sie schön fand in allem dem warum man
sie nicht für hässlich hielt Diese Aetiopier fanden also einen Unterschied
zwischen dem was ihnen schön und was ihnen nicht schön vorkam und wenn zehn
verschiedene Aetiopier in ihrem Urteil von dieser Helena übereinstimmten so
kam es vermutlich daher weil sie einerlei Begriff von Schönheit und Hässlichkeit
hatten
»Dies folgt nicht sagte der abderitische Gelehrte konnte nicht unter
zehn jeder etwas anderes an ihr liebenswürdig finden«
Der Fall ist nicht unmöglich aber er beweist nichts gegen mich Gesetzt
der eine hätte ihre kleinen Augen ein anderer ihre schwellenden Lippen ein
dritter ihre großen Ohren bewundernswürdig würdig gefunden so setzt auch dies
immer eine Vergleichung zwischen ihr und andern ätiopischen Schönen voraus Die
übrigen hatten Augen Ohren und Lippen so wohl wie Gulleru Wenn man also die
ihrigen schöner fand so musste man ein gewisses Modell der Schönheit haben mit
welchem man z E ihre Augen und andre Augen verglich und dies ist alles was
ich mit meinem Ideal sagen wollte
»Indessen erwiderte der Gelehrte werden Sie doch nicht behaupten wollen
dass diese Gulleru schlechterdings die schönste unter allen schwarzen Mädchen vor
ihr neben ihr und nach ihr gewesen sei ich meine die Schönste in
Vergleichung mit dem Modelle wovon Sie sagten«
Ich wüsste nicht warum ich dies behaupten sollte versetzte Demokritus
»Es konnte also eine geben die z E noch kleinere Augen noch dickere
Lippen noch größere Ohren hatte«
Möglicher Weise so viel ich weiß
»Und in Absicht dieser letztern gilt ohne Zweifel die nämliche
Voraussetzung und so ins Unendliche Die Aetiopier hatten also kein Modell der
Schönheit man müsste denn sagen dass sich unendlich kleine Augen unendlich
dicke Lippen unendlich große Ohren denken lassen«
Wie subtil die abderitischen Gelehrten sind dachte Demokritus Wenn ich
eingestund sagte er dass es ein schwarzes Mädchen geben könne welche kleinere
Augen oder dickere Lippen hätte als Gulleru so sagte ich damit noch nicht dass
dieses schwarze Mädchen den Aetiopiern darum schöner hätte vorkommen müssen als
Gulleru Das Schöne hat notwendig ein bestimmtes Maß und was über solches
ausschweift entfernt sich eben so davon wie das was unter ihm bleibt Wer
wird daraus dass die Griechen in der Größe der Augen und in der Kleinheit des
Mundes ein Stück der vollkommenen Schönheit setzen den Schluss ziehen eine
Frau deren Augapfel einen Daumen im Durchschnitt hielten oder deren Mund so
klein wäre dass man Mühe hätte einen Strohhalm hineinzubringen müsste von den
Griechen für desto schöner gehalten werden
Der Abderite war geschlagen wie man sieht und er fühlte es Aber ein
abderitischer Gelehrter hätte sich eher erdrosseln lassen als so was
einzugestehen Waren nicht Philinnen und Lysandren und ein kurzer dicker
Ratsherr da an deren Meinung von seinem Verstand ihm gelegen war Und wie wenig
kostete es ihm Abderiten und Abderitinnen auf seine Seite zu bringen In der
Tat wusste er nicht sogleich was er sagen sollte Aber in fester Zuversicht dass
ihm wohl noch was einfallen werde antwortete er indessen durch ein höhnisches
Lächeln welches zugleich andeutete dass er die Gründe seines Gegners verachte
und dass er im Begriff sei den entscheidenden Streich zu führen »Ists möglich
rief er endlich in einem Ton als ob dies die Antwort auf die letzte Rede des
Demokritus sei17 können Sie die Liebe zum Paradoxen so weit treiben im
Angesicht dieser Schönen zu behaupten dass ein Geschöpf wie Sie uns diese
Gulleru beschrieben haben eine Venus sei«
Sie haben vergessen versetzte Demokrit sehr gelassen dass die Rede nicht
von mir und diesen Schönen sondern von Aetiopiern war Ich behauptete nichts
ich erzählte nur was ich gesehen hatte Ich beschrieb Ihnen eine Schönheit nach
ätiopischem Geschmack Es ist nicht meine Schuld wenn die griechische
Hässlichkeit in Aetiopien Schönheit ist Auch seh ich nicht was mich
berechtigen könnte zwischen den Griechen und Aetiopiern zu entscheiden Ich
vermute es könnte sein dass beide Recht hätten
Ein lautes Gelächter dergleichen man aufschlägt wenn jemand etwas
unbegreiflich Ungereimtes gesagt hat wieherte dem Philosophen aus allen
anwesenden Hälsen entgegen
»Lass hören lass doch hören rief der dicke Ratsherr indem er seinen Wanst
mit beiden Händen hielt was unser Landsmann sagen kann um zu beweisen dass
beide Recht haben Ich höre für mein Leben gerne so was behaupten Wofür hätte
man auch sonst euch gelehrte Herren Die Erde ist rund der Schnee ist
schwarz der Mond ist zehnmal so groß als der ganze Peloponnesus Achilles kann
keine Schnecke im Laufen einholen Nicht wahr Herr Antistrepsiades Nicht
wahr Herr Demokritus Sie sehen dass ich auch ein wenig in Ihren Mysterien
eingeweiht bin Ha Ha Ha«
Die sämtlichen Abderiten und Abderitinnen erleichterten sympatetischer
Weise ihre Lungen abermals und Herr Antistrepsiades der einen Anschlag auf die
Abendmahlzeit des jovialischen Ratsherrn gemacht hatte unterstützte gefällig
das allgemeine Gelächter mit lautem Händeklatschen
Fünftes Kapitel
Unerwartete Auflösung des Knotens mit einigen neuen Beispielen von
abderitischem Witz
Demokritus war in der Laune sich mit seinen Abderiten und den Abderiten mit
sich Kurzweile zu machen Zu weise ihnen irgend eine von ihren National oder
Individualunarten übel zu nehmen konnt er es sehr wohl leiden dass sie ihn für
einen überklugen Mann ansahen der seinen abderitischen Mutterwitz auf seiner
langen Wanderschaft verdünstet hatte und nun zu nichts gut wäre als ihnen mit
seinen Einfällen und Grillen etwas zu lachen zu geben Er fuhr also nachdem
sich das Gelächter über den witzigen Einfall des dicken Ratsherrn endlich gelegt
hatte mit seinem gewöhnlichen Phlegma fort wo ihn der kleine jovialische Mann
unterbrochen hatte
Sagte ich nicht wenn die griechische Hässlichkeit in Aetiopien Schönheit
sei so könnte wohl sein dass beide Teile Recht hätten
»Ja ja das sagten Sie und ein Mann steht für sein Wort«
Wenn ich es gesagt habe so muss ichs wohl behaupten das versteht sich
Herr Antistrepsiades
»Wenn Sie können«
Bin ich etwan nicht auch ein Abderit Und zudem brauch ich hier nur die
Hälfte meines Satzes zu beweisen um das Ganze bewiesen zu haben denn dass die
Griechen Recht haben darf nicht erst bewiesen werden dies ist eine Sache die
in allen griechische Köpfen schon längst ausgemacht ist Aber dass die Aetiopier
auch Recht haben da liegt die Schwierigkeit Wenn ich mit Sophismen fechten
oder mich begnügen wollte meine Gegner stumm zu machen ohne sie zu überzeugen
so würd ich als Anwalt der ätiopischen Venus die ganze Streitfrage dem
innern Gefühl zu entscheiden überlassen Warum würd ich sagen nennen die
Menschen diese oder jene Figur diese oder jene Farbe schön Weil sie ihnen
gefällt Gut aber warum gefällt sie ihnen Weil sie ihnen angenehm ist Und
warum ist sie ihnen angenehm O mein Herr würde ich sagen Sie müssen endlich
aufhören zu fragen oder ich höre auf zu antworten Ein Ding ist uns angenehm
weil es einen Eindruck auf uns macht der uns angenehm ist Ich fordre alle
Ihre Grübler heraus einen bessern Grund anzugeben Nun würd es lächerlich
sein einem Menschen abstreiten zu wollen dass ihm angenehm sei was ihm
angenehm ist oder ihm zu beweisen er habe Unrecht sich wohlgefallen zu
lassen was einen gefallenden Eindruck auf ihn macht Wenn also die Figur einer
Gulleru seinen Augen wohl tut so gefällt sie ihm und wenn sie ihm gefällt so
nennt er sie schön oder es müsste nur kein solches Wort in seiner Sprache sein
»Und wenn und wenn ein Wahnwitziger Pferdäpfel für Pfirschen ässe« sagte
Antistrepsiades
»Pferdäpfel für Pfirschen gut gesagt bei meiner Ehre gut gesagt rief
der Ratsherr Knacken Sie das auf Herr Demokritus«
»Fi Fi doch Demokritus lispelte die schöne Myris indem sie die Hand vor
die Nase hielt wer wird auch von Pferdäpfeln reden Schonen Sie wenigstens
unsrer Nasen«
Jedermann sieht dass sich die schöne Myris mit diesem Verweise an den
witzigen Antistrepsiades hätte wenden sollen der die Pferdäpfel zuerst
aufgetragen hatte und an den Ratsherrn der dem Demokritus gar zumutete sie
aufzuknacken Aber es war nun einmal darauf abgesehen den Demokritus lächerlich
zu machen der Instinkt vertrat bei den sämtlichen Anwesenden hierin die Stelle
einer Verabredung und Myris konnte diese schöne Gelegenheit zu einem Stich der
die Lacher auf ihre Seite brachte unmöglich entwischen lassen Denn gerade der
Umstand dass Demokrit der ohnehin an den Pferdäpfeln des Antistrepsiades genug
zu schlucken hatte noch obendrein einen Verweis deswegen erhielt kam den
Abderiten und Abderitinnen so lustig vor dass sie alle zugleich zu lachen
anfingen und sich völlig so gebärdeten als ob der Philosoph nun aufs Haupt
geschlagen sei und gar nicht wieder aufstehen könne
Zu viel ist zu viel Der gute Demokritus hatte zwar in zwanzig Jahren viel
erwandert aber seitdem er aus Abdera gegangen war war ihm kein zwotes Abdera
aufgestoßen und nun da er wieder drin war zweifelte er zuweilen auf einen
oder zween Augenblicke ob er irgendwo sei Wie war es möglich mit solchen
Leuten fertig zu werden
»Nun Vetter sagte der Ratsherr kannst du die Pferdäpfel des
Antistrepsiades nicht hinunter kriegen Ha ha ha«
Dieser Einfall war zu abderitisch um die Zärtlichkeit der sämtlichen
gebogenen stumpfen viereckigen und spitzigen Nasen in der Gesellschaft nicht
zu überwältigen
Die Damen kicherten ein zirpendes Hi hi hi in das dumpfe donnernde Ha
ha ha der Mannspersonen
Sie haben gewonnen rief Demokritus und zum Zeichen dass ich mein Gewehr mit
guter Art strecke sollen Sie sehen ob ich die Ehre verdiene Ihr Landsmann und
Vetter zu sein Und nun fing er an mit einer Geschicklichkeit worin ihm kein
Abderite gleich kam von der untersten Note stufenweise Crescendo bis zum
Unisono mit dem Hi hi der schönen Abderitinnen ein Gelächter aufzuschlagen
dergleichen so lang Abdera auf tracischem Boden stund nie erhört worden war
Anfangs machten die Damen Miene als ob sie Widerstand tun wollten aber es
war keine Möglichkeit gegen das verzweifelte Crescendo auszuhalten Sie wurden
endlich davon wie von einem reißenden Strom ergriffen und da die Gewalt der
Ansteckung noch dazu schlug so kam es bald so weit dass die Sache ernstaft
wurde Die Frauenzimmer baten mit weinenden Augen um Barmherzigkeit Aber
Demokritus hatte keine Ohren und das Gelächter nahm überhand Endlich ließ er
sich wie es schien bewegen ihnen einen Stillstand zu bewilligen allein in
der Tat bloß damit sie die Peinigung die er ihnen zugedacht desto länger
aushalten könnten Denn kaum waren sie wieder ein wenig zu Atem gekommen so
fing er die nämliche Tonleiter eine Terze höher noch einmal zu durchlachen an
aber mit so vielen eingemischten Trillern und Rouladen dass sogar die
runzlichten Beisitzer des Höllengerichts Minos Aeakus und Rhadamantus in
ihrem höllenrichterlichen Ornat aus der Fassung dadurch gekommen wären
Zum Unglück hatten zwo oder drei von unsern Schönen nicht daran gedacht
ihre Personen gegen alle mögliche Folgen einer so heftigen Leibesübung in
Sicherheit zu setzen Scham und Natur kämpften auf Leben und Tod in den armen
Mädchen Vergebens flehten sie den unerbittlichen Demokritus mit Mund und Augen
um Gnade an vergebens forderten sie ihre vom Lachen gänzlich erschlafften
Sehnen zu einer letzten Anstrengung auf Die tyrannische Natur siegte und in
einem Augenblicke sah man den Saal wo sich die Gesellschaft befand unter
Der Schrecken über eine so unversehene Naturerscheinung die desto
wunderbarer war da das allgemeine Auffahren und Erstaunen der schönen
Abderitinnen zu beweisen schien dass es eine Wirkung ohne Ursache sei
unterbrach die Lacher auf etliche Augenblicke um sogleich mit verdoppelter
Gewalt wieder loszudrücken Natürlicher Weise gaben sich die erleichterten
Schönen alle Mühe den besonderen Anteil den sie an dieser Begebenheit hatten
durch Grimassen von Erstaunen und Ekel zu verbergen und den Verdacht auf ihre
schuldlosen Nachbarinnen fallen zu machen welche durch unzeitige aber
unfreiwillige Schamröte den unverdienten Argwohn mehr als zu viel bestärkten
Der lächerliche Zank der sich darüber unter ihnen erhub Demokrit und
Antistrepsiades die sich boshafter Weise ins Mittel schlugen und durch
ironische Trostgründe den Zorn derjenigen die sich unschuldig wussten noch mehr
aufreizten und mitten unter ihnen allen der kleine dicke Ratsherr der unter
berstendem Gelächter einmal über das andre ausrief dass er nicht die Hälfte von
Tracien um diesen Abend nehmen wollte alles dies zusammen machte eine Szene
die des Griffels eines Hogart würdig gewesen wäre wenn es damals schon einen
Hogart gegeben hätte
Wir können nicht sagen wie lange sie gedaurt haben mag denn es ist eine
von den Tugenden der Abderiten dass sie nicht aufhören können Aber Demokritus
bei dem alles seine Zeit hatte glaubte dass eine Komödie die kein Ende nimmt
die langweiligste unter allen Kurzweilen sei Er packte also alle die schönen
Sachen die er zur Rechtfertigung der ätiopischen Venus hätte sagen können
wofern er es mit vernünftigen Geschöpfen zu tun gehabt hätte ganz gelassen
zusammen wünschte den Abderiten und Abderitinnen was sie nicht hatten und
ging nach Hause nicht ohne Verwunderung über die gute Gesellschaft die man
anzutreffen Gefahr lief wenn man einen Ratsherrn von Abdera besuchte
Sechstes Kapitel
Eine Gelegenheit für den Leser um sein Gehirn aus der schaukelnden Bewegung des
vorigen Kapitels wieder in Ruhe zu setzen
Gute kunstlose sanfterzige Gulleru sagte Demokritus da er nach Hause
gekommen war zu einer wohlgepflegten krauslockigen Schwarzen die ihm mit
offenen Armen entgegenwatschelte komm an meinen Busen ehrliche Gulleru Zwar
bist du schwarz wie die Göttin der Nacht dein Haar ist wollicht und deine Nase
platt deine Augen sind klein deine Ohren groß und deine Lippen gleichen einer
aufgeborstnen Nelke Aber dein Herz ist rein und aufrichtig und fröhlich und
fühlt mit der ganzen Natur Du denkst nie Arges sagst nie was Albernes quälst
weder andre noch dich selbst und tust nichts was du nicht gestehen darfst
Deine Seele ist ohne Falsch wie dein Gesicht ohne Schminke Du kennst weder
Neid noch Schadenfreude und nie hat sich deine ehrliche platte Nase gerümpft
um eines deiner Nebengeschöpfe zu höhnen oder in Verlegenheit zu setzen
Unbesorgt ob du gefällst oder nicht gefällst lebst du in deine Unschuld
eingehüllt im Frieden mit dir selbst und der ganzen Natur immer geschickt
Freude zu geben und zu empfangen und wert dass das Herz eines Mannes an deinem
Busen ruhe Gute sanfterzige Gulleru Ich könnte dir einen andern Namen geben
einen schönen klangreichen griechischen Namen auf ane oder ide arion oder
erion aber dein Name ist schön genug weil er dein ist und ich bin nicht
Demokritus oder die Zeit soll noch kommen wo jedes ehrliche gute Herz dem
Namen Gulleru entgegenschlagen soll
Gulleru begriff nicht allzuwohl was Demokritus mit dieser empfindsamen
Anrede haben wollte aber sie sah dass es eine Ergiessung seines Herzens war und
so verstund sie gerade so viel davon als sie vonnöten hatte
»War diese Gulleru seine Frau«
Nein
»Seine Beischläferin«
Nein
»Seine Sklavin«
Nach ihrem Anzug zu schließen nicht
»Wie war sie denn angezogen«
So gut dass sie eine Fille dhonneur der Königin von Saba hätte vorstellen
können Schnüre von großen feinen Perlen zwischen den Locken und um Hals und
Arme ein Gewand voll schön gebrochner Falten von dünnem feuerfarbnem Atlass mit
Streifen von welcher Farbe ihr wollt unter ihrem Busen von einem
reichgestickten Gürtel zusammengehalten den eine Agraffe von Smaragden schloss
und was weiß ich alles
»Der Anzug war reich genug«
Wenigstens können Sie mir glauben dass so wie sie war kein Prinz von
Senegal Angola Gambia Kongo und Loango sie ungestraft angesehen hätte
»Aber «
Ich sehe wohl dass Sie noch nicht am Ende Ihrer Fragen sind Wer war denn
diese Gulleru War es eben die von welcher vorhin gesprochen wurde Wie kam
Demokritus zu ihr Auf welchen Fuß lebte sie in seinem Hause Ich gesteh es
dies sind sehr billige Fragen aber sie zu beantworten seh ich vor der Hand
keine Möglichkeit Denken Sie nicht dass ich hier den Verschwiegnen machen
wolle oder dass ein besonderes Geheimnis unter der Sache stecke Die Ursache
warum ich sie nicht beantworten kann ist die aller simpelste von der Welt
Tausend Schriftsteller befinden sich tausendmal in dem nämlichen Falle nur ist
unter Tausend kaum einer aufrichtig genug in solchen Fällen die wahre Ursache
zu bekennen Soll ich Ihnen die meinige sagen Sie werden gestehen dass sie über
alle Einwendung ist Denn kurz und gut ich weiß selbst kein Wort von allem
dem was Sie von mir wissen wollen und da ich nicht die Geschichte der schönen
Gulleru schreibe so begreifen Sie dass ich in Absicht auf diese Dame zu nichts
verbunden bin Sollte sich was ich nicht vorhersehen kann etwa in der Folge
Gelegenheit finden von Demokritus oder von ihr selbst etwas näheres zu
erkundigen so verlassen Sie sich darauf dass Sie alles von Wort zu Wort
erfahren sollen
Siebentes Kapitel
Patriotismus der Abderiten
Ihre Vorneigung für Athen als ihre Mutterstadt
Ein paar Proben von ihrem Atticismus und von der unangenehmen Aufrichtigkeit
des weisen Demokritus
Demokritus hatte noch keinen Monat unter den Abderiten gelebt als er ihnen und
zuweilen auch sie ihm schon so unerträglich waren als Menschen einander sein
müssen die mit ihren Begriffen und Neigungen alle Augenblicke wider einander
stoßen
Die Abderiten hegten von sich selbst und von ihrer Stadt und Republik eine
ganz außerordentliche Meinung Ihre Unwissenheit alles dessen was außerhalb
ihrem Gebiet in der Welt Merkwürdiges sein oder geschehen möchte war zugleich
eine Ursache und eine Frucht dieses lächerlichen Dünkels Daher kam es denn
durch eine sehr natürliche Folge dass sie sich gar keine Vorstellung machen
konnten wie etwas recht oder anständig oder gut sein könnte wenn es anders als
zu Abdera war oder wenn man zu Abdera gar nichts davon wusste Ein Begriff der
ihren Begriffen widersprach eine Gewohnheit die von den ihrigen abging eine
Art zu denken oder etwas ins Auge zu fassen die ihnen fremde war hieß ihnen
ohne weitere Untersuchung ungereimt und belachenswert Die Natur selbst
schrumpfte für sie in den engen Kreis ihrer eigenen Tätigkeit zusammen und
wiewohl sie es nicht so weit trieben sich wie die Japaner einzubilden außer
Abdera wohnten lauter Teufel Gespenster und Ungeheuer so sahen sie doch
wenigstens den Rest des Erdbodens und seiner Bewohner als einen ihrer
Aufmerksamkeit unwürdigen Gegenstand an und wenn sie zufälliger Weise
Gelegenheit bekamen etwas Fremdes zu sehen oder zu hören so wussten sie nichts
damit zu machen als sich darüber aufzuhalten und sich selbst Glück zu
wünschen dass sie nicht wären wie andere Leute Dies ging so weit dass sie
denjenigen für keinen guten Bürger hielten der an einem andern Orte bessere
Einrichtungen oder Gebräuche wahrgenommen hatte als zu Hause Wer das Glück
haben wollte ihnen zu gefallen musste schlechterdings so reden und tun als ob
die Stadt und Republik Abdera mit allen ihren zugehörigen Stücken
Eigenschaften und Zufälligkeiten ganz und gar untadelich und das Ideal aller
Republiken gewesen wäre
Von dieser Verachtung gegen alles was nicht abderitisch hieß war die Stadt
Athen allein ausgenommen aber auch diese vermutlich nur deswegen weil die
Abderiten als ehmalige Tejer ihr die Ehre erwiesen sie für ihre Mutterstadt
anzusehen Sie waren stolz darauf für das tracische Athen gehalten zu werden
und wiewohl ihnen dieser Name nie anders als spottweise gegeben wurde so hörten
sie doch keine Schmeichelei lieber als diese Sie bemühten sich die Atenienser
in allen Stücken zu copieren und copierten sie genau wie der Affe den
Menschen Wenn sie um lebhaft und geistreich zu sein alle Augenblicke ins
Possierliche fielen wichtige Dinge leichtsinnig und Kindereien ernstaft
behandelten das Volk oder ihren Rat um jeder Kleinigkeit willen zwanzigmal
versammelten um lange alberne Reden pro und contra über Sachen zu halten die
ein Mann von alltäglichem Menschenverstand in einer Viertelstunde besser als sie
entschieden hätte wenn sie unaufhörlich mit Projecten von Verschönerung und
Vergrößerung schwanger gingen und so oft sie etwas unternahmen immer erst
mitten im Werke ausrechneten dass es über ihre Kräfte gehe wenn sie ihre
halbtracische Sprache mit attischen Redensarten spickten ohne den mindesten
Geschmack eine ungeheure Passion für die Künste affectierten und immer von
Malerei und Statuen und Musik und Rednern und Dichtern schwatzten ohne jemals
einen Maler Bildhauer Redner oder Dichter der des Namens wert war gehabt zu
haben wenn sie Tempel bauten die wie Bäder und Bäder die wie Tempel
aussahen wenn sie die Geschichte von Vulcans Netze in ihre Ratsstube und den
großen Rat der Griechen über die Zurückgabe de schönen Chryseis in ihre Akademie
malen ließ wenn sie in Lustspiele gingen wo man sie zu weinen und in
Trauerspiele wo man sie zu lachen machte und in zwanzig ähnlichen Dingen
glaubten die guten Leute Atenienser zu sein und waren Abderiten
Wie erhaben der Schwung in diesem kleinen Gedicht ist das Physignatus auf
meine Wachtel gemacht hat sagte eine Abderitin Desto schlimmer sagte
Demokritus
Sehen Sie sprach der erste Archon von Abdera die Fassade von diesem
Gebäude welches wir zu unserm Zeughause bestimmet haben Sie ist von dem besten
parischen Marmor Gestehen Sie dass Sie nie ein Werk von grösserm Geschmack
gesehen haben
Es mag die Republik schönes Geld gekostet haben antwortete Demokritus
Was der Republik Ehre macht kostet nie zu viel erwiderte der Archon der
in diesem Augenblick den zweiten Perikles in sich fühlte ich weiß Sie sind ein
Kenner Demokritus denn Sie haben immer an allem etwas auszusetzen Ich bitte
Sie finden Sie mir einen Fehler an dieser Fassade
Tausend Drachmen für einen Fehler Herr Demokritus rief ein junger Herr
der die Ehre hatte ein Neffe des Archon zu sein und vor kurzem von Athen
zurückgekommen war wo er sich aus einem abderitischen Bengel für die Hälfte
seines Erbgutes zu einem attischen Gecken ausgebildet hatte
Die Fassade ist schön sagte Demokritus ganz bescheiden so schön dass sie
es auch zu Athen oder Korint oder Syrakus sein würde Ich sehe wenns erlaubt
ist es zu sagen nur Einen Fehler an diesem prächtigen Gebäude
»Einen Fehler« sprach der Archon mit einer Miene die sich nur ein
Abderite der ein Archon war geben konnte
Einen Fehler Einen Fehler wiederholte der junge Geck indem er ein lautes
Gelächter aufschlug
»Darf man fragen Demokritus wie ihr Fehler heißt«
Eine Kleinigkeit versetzte Demokritus nichts als dass man eine so schöne
Fassade nicht sehen kann
»Nicht sehen kann Und wieso«
Je beim Anubis wie wollen Sie dass man sie vor allen den alten übelgebauten
Häusern und Scheunen sehen soll die hier ringsum zwischen die Augen der Leute
und Ihre Fassade hingesetzt sind
»Diese Häuser stunden lange eh Sie und ich geboren wurden« sagte der
Archon
Dergleichen Dialogen gab es so lange der Philosoph unter ihnen lebte alle
Tage Stunden und Augenblicke
»Wie finden Sie diesen Purpur Demokritus Sie sind zu Tyrus gewesen nicht
wahr«
Ich wohl Madame aber dieser Purpur nicht dies ist Koccinum das Ihnen die
Syrakusaner aus Sardinien bringen und für tyrischen Purpur bezahlen lassen
»Aber wenigstens werden Sie doch diesen Schleier für indianischen Byssus von
der feinsten Art gelten lassen«
Von der feinsten Art schöne Atalanta die man in Memphis und Pelusium
verarbeiten lässt
Nun hatte sich der ehrliche Mann zwo Feindinnen in Einer Minute gemacht
Konnte aber auch was ärgerlicher sein als eine solche Aufrichtigkeit
Achtes Kapitel
Vorläufige Nachricht von dem abderitischen Schauspielwesen
Demokritus wird genötigt seine Meinung davon zu sagen
Die Abderiten wussten sich sehr viel mit ihrem Theater Ihre Schauspieler waren
gemeine Bürger von Abdera die entweder von ihrem Handwerke nicht leben konnten
oder zu faul waren eines zu lernen Sie hatten keinen gelehrten Begriff von der
Kunst aber eine desto größere Meinung von ihrer eignen Geschicklichkeit und
wirklich konnt es ihnen an Anlage nicht fehlen da die Abderiten überhaupt
geborene Gaukler Spassmacher und Pantomimen waren an denen immer jedes Glied
ihres Leibes mitreden half so wenig auch das was sie sagten zu bedeuten haben
mochte
Sie besaßen auch einen eignen Schauspieldichter Hyperbolus genannt der
wenn man ihnen glaubte ihre Schaubühne so weit gebracht hatte dass sie der
ateniensischen wenig nachgab Er war im Komischen so stark als im Tragischen
und machte überdies die possierlichsten Satyrenspiele18 von der Welt worin er
seine eignen Tragödien so schnakisch parodierte dass man sich wie die Abderiten
sagten darüber bucklicht lachen musste Ihrem Urteile nach vereinigte er in
seiner Tragödie den hohen Schwung und die mächtige Einbildungskraft des
Aeschylus mit der Beredsamkeit und dem Patos des Euripides so wie in seinen
Lustspielen des Aristophanes Laune und mutwilligen Witz mit dem feinen Geschmack
und der Eleganz des Agaton Die Behendigkeit womit er seiner Werke entbunden
wurde war das Talent worauf er sich am meisten zu gute tat Er lieferte jeden
Monat seine Tragödie mit einem kleinen Possenspielchen zur Zugabe Meine beste
Komödie sprach er hat mich nicht mehr als vierzehn Tage gekostet und
gleichwohl spielt sie ihre vier bis fünf Stunden wohlgezählt
Da sei uns der Himmel gnädig dachte Demokritus
Nun drangen die Abderiten immer von allen Seiten in ihn seine Meinung von
ihrem Theater zu sagen und so ungern er sich mit ihnen über ihren Geschmack in
Wortwechsel einließ so konnter doch auch nicht von sich erhalten ihnen zu
schmeicheln wenn sie ihm sein Urteil mit gesamter Hand abnötigten
»Wie gefällt Ihnen diese neue Tragödie«
Das Süjet ist glücklich gewählt Was müsste der Autor auch sein der einen
solchen Stoff ganz zu Grunde richten sollte
»Fanden Sie sie nicht sehr rührend«
Ein Stück könnte in einigen Stellen sehr rührend und doch ein sehr elendes
Stück sein sagte Demokritus Ich kenne einen Bildhauer von Sicyon der die Wut
hat lauter Liebesgöttinnen zu schnitzen
Diese sehen überhaupt sehr gemeinen Dirnen gleich aber sie haben alle die
schönsten Beine von der Welt Das ganze Geheimnis von der Sache ist dass der
Mann seine Frau zum Modelle nimmt die zum Glücke für seine Venusbilder
wenigstens die Beine schön hat So kann dem schlechtesten Dichter zuweilen eine
rührende Stelle gelingen wenn es sich gerade zutrifft dass er verliebt ist
oder einen Freund verloren hat oder dass ihm sonst ein Zufall zugestoßen ist
der sein Herz in eine Fassung setzt die es ihm leicht macht sich an den Platz
der Person die er reden lassen soll zu stellen
»Sie finden also die Hekuba unsers Dichters nicht vortrefflich«
Ich finde dass der Mann vielleicht sein Bestes getan hat Aber die vielen
bald dem Aeschylus bald dem Sophokles bald dem Euripides ausgerupften Federn
womit er seine Blöße zu decken sucht und die ihm vielleicht in den Augen
mancher Zuhörer denen jene Dichter nicht so gegenwärtig sind als mir Ehre
machen schaden ihm in den meinigen Eine Krähe wie sie von Gott erschaffen
ist dünkt mich so noch immer schöner als wenn sie sich mit Pfauen und
Fasanenfedern ausputzt Überhaupt fodre ich von dem Verfasser eines Trauerspiels
mit gleichem Rechte dass er mir für meinen Beifall ein vortreffliches
Trauerspiel als von meinem Schuster dass er mir für mein Geld ein Paar gute
Stiefeln liefere und wiewohl ich gerne gestehe dass es schwerer ist ein gutes
Trauerspiel als gute Stiefeln zu machen so bin ich darum nicht weniger
berechtiget von jedem Trauerspiel zu verlangen dass es alle Eigenschaften habe
die zu einem guten Trauerspiel als von einem Stiefel dass er alles habe was zu
einem guten Stiefel gehört
»Und was gehört denn Ihrer Meinung nach zu einem wohlgestiefelten
Trauerspiel« fragte ein junger abderitischer Patricius herzlich über den guten
Einfall lachend der ihm wie er glaubte entfahren war
Demokritus sprach mit einem kleinen Kreise von Personen die ihm zuzuhören
schienen und fuhr ohne auf die Frage des witzigen jungen Herrn Acht zu haben
fort Die wahren Regeln der Kunstwerke sprach er können nie willkürlich sein
Ich fordre nichts von einem Trauerspiele als was Sophokles von den seinigen
fodert und dies ist weder mehr noch weniger als die Natur und Absicht der
Sache mit sich bringt Einen einfachen wohldurchgedachten Plan worin der
Dichter alles vorausgesehen alles vorbereitet alles natürlich zusammengefügt
alles auf Einen Punkt geführt hat worin jeder Teil ein unentbehrliches Glied
und das Ganze ein wohlorganisierter schöner frei und edel sich bewegender
Körper ist Keine langweilige Exposition keine Episoden keine Szenen zum
Ausfüllen keine Reden deren Ende man mit Ungeduld herbeigähnt keine
Handlungen die nicht zum Hauptzwecke arbeiten Interessante aus der Natur
genommene Charaktere veredelt aber so dass man die Menschheit in ihnen nie
verkenne keine übermenschliche Tugenden keine Ungeheuer von Bosheit Personen
die immer ihren eigenen Individualbegriffen und Empfindungen gemäß reden und
handeln immer so dass man fühlt nach ihrem besonderen Charakter nach allen
ihren vorhergehenden und gegenwärtigen Umständen und Bestimmungen müssen sie im
gegebenen Falle so reden so handeln oder aufhören zu sein was sie sind Ich
fodre dass der Dichter nicht nur die menschliche Natur kenne in so ferne sie das
Modell aller seiner Nachbildungen ist ich fodre dass er auch auf die Zuschauer
Rücksicht nehme und genau wisse durch welche Wege man sich ihres Herzens
Meister macht dass er jeden starken Schlag den er auf solches tun will
unvermerkt vorbereite dass er wisse wenn es genug ist und eh er es uns durch
einerlei Eindrücke völlig ermüdet oder einen Affect bis zu dem Grade wo er
peinigend zu werden anfängt in uns erregt dem Herzen kleine Ruhepunkte zur
Erholung gönne und die Regungen die er uns mitteilt ohne Nachteil der
Hauptwirkung zu vermannichfaltigen wisse Ich fodre von ihm eine schöne und
ohne Ängstlichkeit mit äusserstem Fleiße polierte Sprache einen immer warmen
kräftigen Ausdruck einfach und erhaben ohne jemals zu schwellen noch zu
sinken stark und nervicht ohne rau und steif zu werden glänzend ohne zu
blenden wahre Heldensprache die immer der lebende Ausdruck einer großen Seele
und unmittelbar vom gegenwärtigen Gefühl eingegeben ist nie zu viel nie zu
wenig sagt und gleich einem dem Körper angegossnen Gewand immer den
eigentümlichen Geist des Redenden durchscheinen lässt Ich fodre dass derjenige
der sich unterwindet Helden reden zu lassen selbst eine große Seele habe und
indem er durch die Allgewalt der Begeisterung in seinen Helden verwandelt worden
ist alles was er ihm in den Mund logt in seinem eignen Herzen finde Ich
fodre
»O Herr Demokritus« riefen die Abderiten die sich nicht länger zu
halten wussten »Sie können da Sie nun einmal im Fodern sind alles fodern was
Ihnen beliebt In Abdera lässt man sich mit wenigerm abfinden Wir sind
zufrieden wenn uns ein Dichter rührt Der Mann der uns lachen oder weinen
macht ist in unsern Augen ein göttlicher Mann mag er es doch anfangen wie er
selbst will Dies ist seine Sache nicht die unsrige Hyperbolus gefällt uns
rührt uns macht uns Spaß und gesetzt auch dass er uns mitunter gähnen macht
so bleibt er doch immer ein großer Dichter Brauchen wir eines weitern
Beweises«
Die Schwarzen an der Goldküste sagte Demokritus tanzen mit Entzücken zum
Getöse eines armseligen Schaffells und etlicher Bleche die sie gegen einander
schlagen Gebt ihnen noch ein paar Kuhschellen und eine Sackpfeife dazu so
glauben sie in Elysium zu sein Wie viel Witz brauchte eure Amme um euch da
ihr noch Kinder wart durch ihre Erzählungen zu rühren Das albernste Märchen
in einem kläglichen Tone hergeleiert war dazu gut genug Folgt aber daraus dass
die Musik der Schwarzen vortrefflich oder ein Ammenmärchen gleich ein
herrliches Werk ist
»Sie sind sehr höflich Demokritus «
Um Vergebung Ich bin so unhöflich jedes Ding bei seinem Namen zu nennen
und so eigensinnig dass ich nie gestehen werde alles sei schön und
vortrefflich was man so zu nennen beliebt
»Aber das Gefühl eines ganzen Volkes wird doch mehr gelten als der
Eigendünkel eines einzigen«
Eigendünkel Das ist es eben was ich aus den Künsten der Musen verbannt
sehen möchte Unter allen den Foderungen wovon die Abderiten ihren Günstling
Hyperbolus so gütig loszählen ist keine einzige die nicht auf die strengste
Gerechtigkeit gegründet wäre Aber das Gefühl eines ganzen Volkes wenn es kein
gelehrtes Gefühl ist kann und muss in unzähligen Fällen betrüglich sein
»Wie zum Henker rief ein Abderite der mit seinem Gefühl sehr wohl
zufrieden schien Sie werden uns am Ende wohl gar noch unsre fünf Sinne
streitig machen«
Das verhüte der Himmel antwortete Demokritus Wenn Sie so bescheiden sind
keine weitere Ansprüche zu machen als auf fünf Sinne so wär es die größte
Ungerechtigkeit Sie im ruhigen Besitze derselben stören zu wollen Fünf Sinne
sind allerdings zumal wenn man alle fünfe zusammennimmt vollgültige Richter in
allen Dingen wo es darauf ankömmt zu entscheiden was weiß oder schwarz glatt
oder rau weich oder hart dick oder dünn bitter oder süß ist Ein Mann der
nie weiter geht als ihn seine fünf Sinne führen geht immer sicher und in der
Tat wenn euer Hyperbolus dafür sorgen wird dass in seinen Schauspielen jeder
Sinn ergötzt und keiner beleidigt werde so stehe ich ihm für die gute
Aufnahme und wenn sie noch zehnmal schlechter wären als sie sind
Wäre Demokritus zu Abdera weiter nichts gewesen als was Diogenes zu Korint
war so möchte ihm die Freiheit seiner Zunge vielleicht einige Ungelegenheit
zugezogen haben Denn so gerne die Abderiten über wichtige Dinge spassten so
wenig konnten sie ertragen wenn man sich über ihre Puppen und Steckenpferde
lustig machte Aber Demokritus war aus dem besten Hause in Abdera und was noch
mehr zu bedeuten hat er war reich Dieser doppelte Umstand machte dass man ihm
nachsah was man einem Philosophen in zerrissnem Mantel schwerlich zu gut
gehalten hätte »Sie sind auch ein unerträglicher Mensch Demokritus«
schnarrten die schönen Abderitinnen und ertrugen ihn doch
Der Poet Hyperbolus machte noch am nämlichen Abend ein entsetzliches
Sinngedicht auf den Philosophen Des folgenden Morgens lief es bei allen
Putztischen herum und in der dritten Nacht ward es in allen Gassen von Abdera
gesungen Denn Demokritus hatte eine Melodie dazu gesetzt
Neuntes Kapitel
Gute Gemütsart der Abderiten und wie sie sich an dem Philosophen Demokritus
wegen seiner Unhöflichkeit zu rächen wissen
Eine seiner Strafpredigten zur Probe
Die Abderiten machen ein Gesetz gegen alle Reisen wodurch ein abderitisches
Mutterkind hätte klüger werden können
Merkwürdige Art wie de Nomophylax Gryllus eine aus diesem Gesetz entstandene
Schwierigkeit auflöst
Es ist ordentlicher Weise eine gefährliche Sache mehr Verstand zu haben als
seine Mitbürger Sokrates musst es mit dem Leben bezahlen und wenn Aristoteles
mit ganzer Haut davon kam als ihn der Oberpriester Eurymedon zu Athen der
Ketzerei anklagte so kam es bloß daher weil er sich in Zeiten aus dem Staube
machte Ich will den Ateniensern keine Gelegenheit geben sagte er sich zum
zweitenmale an der Philosophie zu versündigen19
Die Abderiten waren bei allen ihren menschlichen Schwachheiten wenigstens
keine sehr bösartigen Leute Unter ihnen hätte Sokrates so alt werden können als
Nestor Sie hätten ihn für eine wunderliche Art von Narren gehalten und sich
über seine vermeintliche Torheit lustig gemacht aber die Sache bis zum
Giftbecher zu treiben war nicht in ihrem Charakter Demokritus ging so scharf
mit ihnen zu Werke dass ein weniger jovialisches Volk die Geduld dabei verloren
hätte Gleichwohl bestund alle Rache die sie an ihm nahmen darin dass sie
unbekümmert mit welchem Grunde eben so übel von ihm sprachen als er von ihnen
alles tadelten was er unternahm alles lächerlich fanden was er sagte und von
allem was er ihnen riet gerade das Gegenteil taten »Man muss dem Philosophen
durch den Sinn fahren sagten sie man muss ihm nicht weis machen dass er alles
besser wisse als wir« und dieser weisen Maxime zufolge begingen die guten
Leute eine Torheit über die andre und glaubten wie viel sie dabei gewonnen
hätten wenn es ihn verdrösse Zum Unglück verfehlten sie darin ihres Zweckes
gänzlich Denn Demokritus lachte dazu und wurde aller ihrer Neckereien wegen
nicht einen Augenblick früher grau O die Abderiten die Abderiten rief er
zuweilen da haben sie sich wieder selbst eine Ohrfeige gegeben in Hoffnung
dass es mir weh tun werde
»Aber sagten die Abderiten kann man auch mit einem Menschen schlimmer
daran sein Über alles in der Welt ist er andrer Meinung als wir An allem was
uns gefällt hat er etwas auszusetzen Es ist doch sehr unangenehm sich immer
widersprechen zu lassen«
Aber wenn ihr nun immer Unrecht habt antwortete Demokritus Und lasst
doch einmal sehen wie es anders sein könnte Alle eure Begriffe habt ihr eurer
Amme zu danken und über alles denkt ihr noch eben so wie ihr als Kinder davon
dachtet Eure Körper sind gewachsen und Eure Seelen liegen noch in der Wiege
Wie viele unter euch haben sich die Mühe gegeben den Grund zu erforschen warum
sie etwas wahr oder gut oder schön nennen Gleich den Unmündigen und Säuglingen
ist euch alles gut und schön was eure Sinnen kitzelt was euch gefällt Und auf
was für kleinfügige oft gar nicht zur Sache gehörende Ursachen und Umstände
kommt es an ob euch etwas gefallen soll oder nicht Wie verlegen würdet ihr oft
sein wenn ihr sagen solltet warum ihr dies liebt und jenes hasset Grillen
Launen Eigensinn die Gewohnheit euch von andern Leuten gängeln zu lassen mit
ihren Augen zu sehen mit ihren Ohren zu hören und was sie euch vorgepfiffen
haben nachzupfeifen sind die Triebfedern die bei euch die Stelle der
Vernunft ersetzen Soll ich euch sagen woran der Fehler liegt Ihr habt euch
einen falschen Begriff von Freiheit in den Kopf gesetzt Eure Kinder von drei
oder vier Jahren haben freilich den nämlichen Begriff davon aber dies macht ihn
nicht richtiger Wir sind ein freies Volk sagt ihr und nun glaubt ihr die
Vernunft habe euch nichts einzureden »Warum sollten wir nicht denken dürfen
wie es uns beliebt lieben und hassen wie es uns beliebt bewundern oder
verachten was uns beliebt Wer hat ein Recht uns zur Rede zu stellen oder
unsern Geschmack und unsre Neigungen vor seinen Richterstuhl zu fordern« Nun
dann meine lieben Abderiten so denkt und faselt liebt und hasst bewundert und
verachtet wie wenn und was euch beliebt Begeht Torheiten so oft und so viel
euch beliebt Macht euch lächerlich wie es euch beliebt Wem liegt am Ende was
daran So lang es nur Kleinigkeiten Puppen und Steckenpferde betrifft wär es
unbillig euch im Besitze des Rechtes eure Puppe und euer Steckenpferd nach
Belieben zu putzen und zu reiten stören zu wollen Gesetzt auch eure Puppe
wäre hässlich und das was ihr euer Steckenpferd nennt sähe von vorn und von
hinten einem Öchslein oder Eselein ähnlich was tut das Wenn eure Torheiten
euch glücklich und niemand unglücklich machen was geht es andre Leute an dass
es Torheiten sind Warum sollte nicht der hochweise Rat von Abdera in
feierlicher Procession einer hinter dem andern vom Ratause bis zum Tempel der
Latona Burzelbäume machen dürfen wenn es dem Rat und Volke von Abdera so
gefällig wäre Warum solltet ihr euer bestes Gebäude nicht in einen Winkel und
eure schöne kleine Venus nicht auf einen Obelisk setzen dürfen Aber meine
lieben Landsleute nicht alle eure Torheiten sind so unschuldig wie diese und
wenn ich sehe dass ihr euch durch eure Grillen und Aufwallungen Schaden tut so
müsst ich euer Freund nicht sein wenn ich stille dazu schweigen könnte Zum
Exempel euer Frosch und Mäusekrieg mit den Lemniern der unnötigste und
unbesonnenste der jemals angefangen wurde um der albernsten Ursache von der
Welt um einer Tänzerin willen Es fiel in die Augen dass ihr damals unter
dem unmittelbaren Einfluss eures bösen Dämons wart da ihr ihn beschlosset
Allein alles half nichts was man euch dagegen vorstellte Die Lemnier sollten
gezüchtiget werden und wie ihr Leute von lebhafter Einbildung seid so schien
euch nichts leichters als euch von der ganzen Insel Meister zu machen Denn die
Schwierigkeiten einer Sache pflegt ihr nie eher in Erwägung zu nehmen als bis
euch eure Nase daran erinnert Doch dies alles möchte noch hingegangen sein
wenn ihr nur wenigstens die Ausführung eurer Entwürfe einem tüchtigen Mann
aufgetragen hättet Aber den jungen Aphron zum Feldherrn zu machen ohne dass
sich irgend ein möglicher Grund davon erdenken ließ als weil eure Weiber
fanden dass er in seiner prächtigen neuen Rüstung so schön wie ein Paris sei
und über dem Vergnügen einen großen feuerfarbenen Federbusch auf seinem
hirnlosen Kopfe nicken zu sehen zu vergessen dass es nicht um ein Lustgefechte
zu tun war dies leugnets nur nicht dies war ein Abderitenstreich Und nun da
ihr ihn mit dem Verlust eurer Ehre eurer Galeeren und eurer besten Mannschaft
bezahlt habt was hilft es euch dass die Atenienser20 die ihr euch in ihren
Torheiten zum Muster genommen habt eben so sinnreiche Streiche und zuweilen
mit eben so glücklichem Ausgang zu spielen pflegen
In diesem Tone sprach Demokritus mit den Abderiten so oft sie ihm
Gelegenheit dazu gaben aber wiewohl dies sehr oft geschah so konnten sie sich
doch unmöglich gewöhnen diesen Ton angenehm zu finden »So geht es sagten sie
wenn man naseweisen Jünglingen erlaubt in der weiten Welt herum zu reisen um
sich ihres Vaterlandes schämen zu lernen und nach zehn oder zwanzig Jahren mit
einem Kopfe voll ausländischer Begriffe als Kosmopoliten zurückzukommen die
alles besser wissen als ihre Grossväter und alles anderswo besser gesehen haben
als zu Hause Die alten Aegyptier die niemand reisen ließ eh er wenigstens
funfzig Jahre auf dem Rücken hatte waren weise Leute«
Und eilends gingen die Abderiten hin und machten ein Gesetz dass kein
Abderitensohn hinfür weiter als bis an den korintischen Istmus länger als ein
Jahr und anders als unter der Aufsicht eines bejahrten Hofmeisters von
altabderitischer Abkunft Denkart und Sitte sollte reisen dürfen »Junge Leute
müssen zwar die Welt sehen sagte das Dekret aber eben darum sollen sie sich an
jedem Orte nicht länger aufhalten als bis sie alles was mit Augen da zu sehen
ist gesehen haben Besonders soll der Hofmeister genau bemerken was für
Gastöfe21 sie angetroffen wie sie gegessen und wie viel sie bezahlen müssen
damit ihre Mitbürger sich in der Folge diese erspriesslichen Geheimnachrichten zu
Nutze machen können Ferner soll wie das Dekret weiter sagt zu Ersparung der
Unkosten eines allzu langen Aufenthalts an einem Orte der Hofmeister dahin
sehen dass der junge Abderite in keine unnötige Bekanntschaften verwickelt
werde Der Wirt oder der Hausknecht als an dem Orte einheimisch kann ihm am
besten sagen was da merkwürdiges zu sehen ist wie die dasigen Gelehrten und
Künstler heißen wo sie wohnen und um welche Zeit sie zu sprechen sind dies
bemerkt sich der Hofmeister in sein Tagebuch und dann lässt sich in zween oder
drei Tagen wenn man die Zeit wohl zu Rate hält vieles in Augenschein nehmen«
Zum Unglück für dieses weise Dekret befanden sich zween abderitische junge
Herren von großer Wichtigkeit eben außer Landes als es abgefasst und nach
alter Gewohnheit dem Volk auf den Hauptplätzen der Stadt vorgesungen wurde Der
eine war der Sohn eines Krämers der durch Geiz und niederträchtige Kunstgriffe
in seinem Gewerbe binnen vierzig Jahren ein beträchtliches Vermögen
zusammengekratzt und in Kraft desselben seine Tochter das hässlichste und
dümmste Tierchen von ganz Abdera kürzlich an einen Neffen des kleinen dicken
Ratsherrn dessen oben rühmliche Erwähnung getan worden verheiratet hatte Der
andere war der einzige Sohn des Nomophylax und sollte um seinem Vater je
bälder je lieber in diesem Amte beigeordnet werden zu können nach Athen reisen
und sich mit dem Musikwesen daselbst genauer bekannt machen während dass der
Erbe des Krämers der ihn begleiten wollte mit den Putzmacherinnen und
Sträussermädchen allda genauere Bekanntschaft zu machen gesonnen war Nun hatte
das Dekret an den besonderen Fall worin sich diese jungen Herren befanden nicht
gedacht Die Frage war also was zu tun sei Ob man auf eine Modification des
Gesetzes antragen oder beim Senat bloß um Dispensation für den vorliegenden
Fall ansuchen sollte Keines von beiden sagte der Nomophylax der eben mit
der Komposition eines neuen Tanzes auf das Fest der Latona fertig und
außerordentlich mit selbst zufrieden war Um etwas am Gesetze selbst zu ändern
müsste man das Volk deswegen zusammenberufen und dies würde unsern Missgünstigen
nur Gelegenheit geben die Mäuler aufzureissen Was die Dispensation betrifft so
ist zwar an dem dass man die Gesetze meistens um der Dispensationen willen
macht und ich zweifle nicht dass der Senat uns ohne Schwierigkeit zugestehen
würde was jeder in ähnlichen Fällen Kraft des Gegenrechtes fodern zu können
wünscht Indessen hat doch jede Befreiung das Ansehen einer erwiesenen Gnade
und wozu haben wir nötig uns Verbindlichkeiten aufzuhalsen Das Gesetz ist ein
schlafender Löwe bei dem man so lang er nicht aufgeweckt wird so sicher als
bei einem Lamme vorbeischleichen kann Und wer wird die Unverschämtheit oder die
Verwegenheit haben ihn gegen den Sohn des Nomophylax aufzuwecken
Dieser Beschirmer der Gesetze war wie wir sehen ein Mann der von den
Gesetzen und von seinem Amte sehr verfeinerte Begriffe hatte und sich der
Vorteile die ihm das letztere gab fertig zu bedienen wusste Sein Name verdient
aufbehalten zu werden Er nannte sich Gryllus des Cyniskus Sohn
Zehntes Kapitel
Demokritus zieht sich aufs Land zurück und wird von den Abderiten fleißig
besucht
Allerlei Raritäten und eine Unterredung vom Schlaraffenlande der Sittenlehrer
Demokritus hatte sich da er in sein Vaterland zurückkam mit dem Gedanken
geschmeichelt dass er demselben mittelst alles dessen um was sich sein
Verstand und sein Herz indessen gebessert hatte nützlich werden könnte Er
hatte sich nicht vorgestellt dass es mit den abderitischen Köpfen so gar übel
stünde als er es nun wirklich befand Aber da er sich einige Zeit unter ihnen
aufgehalten sah er augenscheinlich dass es ein eitles Unternehmen gewesen wäre
sie verbessern zu wollen Alles war bei ihnen so verschoben dass man nicht
wusste wo man die Verbesserung anfangen sollte Jeder ihrer Missbräuche hing an
zwanzig andern es war unmöglich einen davon abzustellen ohne den ganzen Staat
umzuschaffen Eine gute Seuche dacht er welche das ganze Völkchen bis auf
etliche Dutzend Kinder die gerade groß genug wären um der Ammen entbehren zu
können von der Erde vertilgte wäre das einzige Mittel das der Stadt Abdera
helfen könnte den Abderiten ist nicht zu helfen
Er beschloss also sich mit guter Art von ihnen zurückzuziehen und ging ein
kleines Gut zu bewohnen das er in der Gegend von Abdera besaß und mit dessen
Benutzung und Verschönerung er die Stunden beschäftigte die ihm sein
Lieblingsstudium die Erforschung der Naturwirkungen übrig ließ Aber zum
Unglück für ihn lag dies Landgut zu nah bei Abdera Denn weil die Lage desselben
ungemein schön und der Weg dahin einer der angenehmsten Spaziergänge war so
sah er sich alle Tage Gottes von einem Schwarm von Abderiten und Abderitinnen
lauter Vettern und Basen heimgesucht welche das schöne Wetter und den
angenehmen Spaziergang zum Vorwande nahmen ihn in seiner glücklichen Einsamkeit
zu stören
Wiewohl Demokritus den Abderiten wenigstens eben so wenig gefiel als sie
ihm so war doch die Wirkung davon sehr verschieden Er floh sie weil sie ihm
Langeweile machten und sie suchten ihn weil sie sich die Zeit dadurch
vertrieben Er wusste die seinige anzuwenden sie hingegen hatten nichts bessers
zu tun
»Wir kommen Ihnen in Ihrer Einsamkeit die Zeit kürzen zu helfen« sagten
die Abderiten Ich pflege in meiner eigenen Gesellschaft sehr kurze Zeit zu
haben sagte Demokritus
»Aber wie ist es möglich dass man immer so allein sein kann rief die schöne
Pitöka Ich würde vor Langeweile vergehen wenn ich einen einzigen Tag leben
sollte ohne Leute zu sehen«
Sie versprachen sich von Leuten gesehen zu werden meinen Sie sagte
Demokritus
»Aber woher nehmen sie auch dass Demokritus Langeweile hat sein ganzes Haus
ist mit Seltenheiten angefüllt Mit Ihrer Erlaubnis Demokritus lassen Sie uns
doch alle die schönen Sachen sehen die Sie auf Ihrer Reise gesammelt haben«
Nun ging das Leiden des armen Einsiedlers erst recht an Er hatte in der Tat
eine schöne Sammlung von Naturalien aus allen Reichen der Natur ausgestopfte
Tiere Vögel Fische Schmetterlinge Muscheln Versteinerungen Erze usw
Alles war den Abderiten neu alles erregte ihr Erstaunen Der gute Naturforscher
wurde in einer Minute mit so viel Fragen übertäubt dass er wie die Fama aus
lauter Ohren und Zungen hätte zusammengesetzt sein müssen um auf alles
antworten zu können
»Erklären Sie uns doch was dieses ist wie es heißt woher es ist wie es
zugeht warum es so ist«
Demokritus erklärte so gut er konnte und wusste aber den Abderiten wurde
nichts klärer dadurch es war ihnen vielmehr als begriffen sie immer weniger
von der Sache je mehr er sie erklärte Seine Schuld war es nicht
»Wunderbar Unbegreiflich Sehr wunderbar« war ihr ewiger Gegenklang
So natürlich als etwas in der Welt erwiderte Demokritus ganz kaltsinnig
»Sie sind gar zu bescheiden Demokritus oder vermutlich wollen Sie nur dass
man Ihnen desto mehr Komplimente über Ihren guten Geschmack und über Ihre großen
Reisen machen soll«
Setzen Sie sich deswegen in keine Unkosten meine Herren ich nehme alles
für empfangen an
»Aber es mag doch eine angenehme Sache sein so tief in die Welt hinein zu
reisen« sagte ein Abderit
»Und ich dächte gerade das Gegenteil sprach ein anderer Nehmen Sie alle
die Gefahren und Beschwerlichkeiten denen man täglich ausgesetzt ist die
schlimmen Straßen die schlechten Gastöfe die Sandbänke die Schiffbrüche die
wilden Tiere Krokodile Einhörner Greifen und geflügelte Löwen von denen in
der Barbarei alles wimmelt«
»Und dann was hat man am Ende davon fiel ein Matador von Abdera ein
wenn man gesehen hat wie groß die Welt ist Ich dächte das Stück das ich
selbst davon besitze käme mir dann so klein vor dass ich keine Freude mehr
daran haben könnte«
»Aber rechnen Sie für nichts so viel Menschen zu sehen« erwiderte der
Erste
»Und was sieht man denn da Menschen Die konnte man zu Hause sehen Es ist
allenthalben wie bei uns«
»Ei hier ist gar ein Vogel ohne Füße« rief ein junges Frauenzimmer
»Ohne Füße Und der ganze Vogel nur eine einzige Feder das ist
erstaunlich« sprach eine andere »Begreifen Sie das«
»Ich bitte Sie Demokritus erklären Sie uns wie er gehen kann da er keine
Füße hat«
»Und wie er mit einer einzigen Feder fliegt«
»O was ich am liebsten sehen möchte sagte eine von den Basen das wäre ein
lebendiger Sphinx Sie müssen deren wohl viele in Ägypten gefunden haben«
»Aber ists möglich ich bitte Sie dass die Weiber und Töchter der
Gymnosophisten in Indien wie man sagt Sie verstehen mich doch was ich
fragen will«
Nicht ich Frau Salabanda
»O Sie verstehen mich gewiss Sie sind ja in Indien gewesen Sie haben die
Weiber der Gymnosophisten gesehen«
O ja und Sie können mir glauben dass die Weiber der Gymnosophisten weder
mehr noch weniger Weiber sind als die Weiber der Abderiten
»Sie erweisen uns viele Ehre Aber dies ist nicht was ich wissen wollte
Ich frage ob es wahr ist dass sie Hier hielt Frau Salabanda eine Hand vor
ihren Busen und die andere kurz sie setzte sich in die Attitüde22 der
mediceischen Venus um dem Philosophen begreiflich zu machen was sie wissen
wollte Nun verstehen Sie mich doch« sagte sie
Ja Madam die Natur ist nicht karger gegen sie gewesen als gegen andre
Welch eine Frage das ist
»Sie wollen mich nicht verstehen Demokritus ich dächte doch ich hätte
Ihnen deutlich genug gesagt dass ich wissen möchte ob es wahr sei dass sie
weil Sie doch wollen dass ichs Ihnen unverblümt sage so nackend gehen als sie
auf die Welt kommen«
»Nackend riefen die Abderitinnen alle auf einmal Da wären sie ja noch
unverschämter als die Mädchen in Sparta Wer wird auch so was glauben«
Sie haben Recht sagte der Naturforscher die Weiber der Gymnosophisten sind
weniger nackend als die Weiber der Griechen in ihrem vollständigsten Anzuge sie
sind vom Kopf bis zu den Füßen in ihre Unschuld und in die öffentliche
Ehrbarkeit eingehüllt23
»Wie meinen Sie das«
Kann ich mich deutlicher erklären
»Ach nun versteh ich Sie Es soll ein Stich sein Aber Sie scherzen doch
wohl nur mit ihrer Ehrbarkeit und Unschuld Wenn die Weiber der Gymnosophisten
nicht haltbarer gekleidet sind so müssen sie entweder sehr hässlich oder ihre
Männer sehr frostig sein«
Keines von beiden Ihre Weiber sind wohlgebildet und ihre Kinder gesund und
voller Leben ein unverwerfliches Zeugnis zu Gunsten ihrer Väter deucht mich
»Sie sind ein Liebhaber von Paradoxen Demokritus sprach der Matador aber
Sie werden mich in Ewigkeit nicht überreden dass die Sitten eines Volkes desto
reiner seien je nackender die Weiber desselben sind«
Wenn ich ein so großer Liebhaber von Paradoxen wäre als man mich
beschuldigt so würd es mir vielleicht nicht schwer fallen Sie dessen durch
Beispiele und Gründe zu überführen Aber ich bin dem Gebrauch der
Gymnosophistinnen nicht günstig genug um mich zu seinem Verteidiger
aufzuwerfen Auch war meine Meinung gar nicht das zu sagen was mich der
scharfsinnige Kratylus sagen lässt Die Weiber der Gymnosophisten schienen mir
nur zu beweisen dass Gewohnheit und Umstände in Gebräuchen dieser Art alles
entscheiden Die spartanischen Töchter weil sie kurze Röcke und die am Indus
weil sie gar keine Röcke tragen sind darum weder unehrbarer noch größerer
Gefahr ausgesetzt als diejenigen die ihre Tugend in sieben Schleier
einwickeln Nicht die Gegenstände sondern unsre Meinungen von denselben sind
die Ursache unordentlicher Leidenschaften Die Gymnosophisten welche keinen
Teil des menschlichen Körpers für unedler halten als den andern sehen ihre
Weiber wiewohl sie bloß in ihr angebornes Fell gekleidet sind für eben so
gekleidet an als die Scyten die ihrigen wenn sie ein Tigerkatzenfell um die
Lenden hangen haben
»Ich wünschte nicht dass Demokritus mit seiner Philosophie soviel über unsre
Weiber vermöchte dass sie sich solche Dinge in den Kopf setzten« sagte ein
ehrenfester steifer Abderit der mit Pelzwaren handelte »Ich auch nicht« sagte
ein Leinwandhändler Ich wahrlich auch nicht sagte Demokritus wiewohl ich
weder mit Pelzen noch Leinwand handle
»Aber eins erlauben Sie mir noch zu fragen lispelte die Base die so gerne
lebendige Sphinxe gesehen haben möchte Sie sind in der ganzen Welt
herumgekommen und es soll da viele wunderbare Länder geben wo alles anders ist
als bei uns «
Ich glaube kein Wort davon murmelte der Ratsherr indem er wie Homers
Jupiter das ambrosische Haar auf seinem weisheitschwangern Kopfe schüttelte
»Sagen Sie mir doch in welchem unter allen diesen Ländern es ihnen am
besten gefallen hat«
Wo könnt es Einem besser gefallen als zu Abdera
»O wir wissen schon dass dies Ihr Ernst nicht ist Ohne Komplimente
antworten Sie der jungen Dame wie Sie denken« sagte der Ratsherr
Sie werden über mich lachen erwiderte der Philosoph aber weil Sie es
verlangen schöne Klonarion so will ich Ihnen die reine Wahrheit sagen Haben
Sie nie von einem Lande gehört wo die Natur so gut ist neben ihren eigenen
Verrichtungen auch noch die Arbeit der Menschen auf sich zu nehmen von einem
Lande wo ewiger Friede herrscht wo niemand Knecht und niemand Herr niemand
arm und jedermann reich ist wo der Durst nach Golde zu keinen Verbrechen
zwingt weil man das Gold zu nichts gebrauchen kann wo eine Sichel ein eben so
unbekanntes Ding ist als ein Schwert wo der Fleissige nicht für den Müßiggänger
arbeiten muss wo es keine Ärzte gibt weil niemand krank wird keine Richter
weil es keine Händel gibt keine Händel weil jedermann zufrieden ist und
jedermann zufrieden ist weil jedermann alles hat was er nur wünschen kann
mit einem Worte von einem Lande wo alle Menschen so fromm wie die Lämmer und
so glücklich wie die Götter sind Haben Sie nie von einem solchen Lande
»Nicht dass ich mich erinnerte«
Dies nenn ich ein Land Klonarion Da ist es nie zu warm und nie zu kalt
nie zu nass und nie zu trocken Frühling und Herbst regieren dort nicht
wechselsweise sondern wie in den Gärten des Alcinous zugleich in ewiger
Eintracht Berge und Täler Wälder und Auen sind mit allem angefüllt was des
Menschen Herz gelüsten kann Aber nicht etwa dass die Leute sich die Mühe geben
müssten die Hasen zu jagen die Vögel oder Fische zu fangen und die Früchte zu
pflücken die sie essen wollen oder dass sie die Gemächlichkeiten deren sie
genießen erst mit vielem Ungemach erkaufen müssten Nein alles macht sich da
von selbst Die Rebhühner und Schnepfen fliegen einem gespickt und gebraten um
den Mund und bitten demütig dass man sie essen möchte Fische von allen Arten
schwimmen gekocht in Teichen von allen möglichen Brühen deren Ufer immer voll
Austern Krebse Pasteten Schinken und Ochsenzungen liegen Hasen und Rehböcke
kommen freiwillig herbeigelaufen streifen sich das Fell über die Ohren stecken
sich an den Bratspiess und legen sich wenn sie gar sind von selbst in die
Schüssel Allentalben stehen Tische die sich selbst decken und
weichgepolsterte Ruhebettchen laden allenthalben zum Ausruhen vom Nichtstun
und zu angenehmen Ermüdungen ein Neben denselben rauschen kleine Bäche von
Milch und Honig von cyprischem Wein Citronenwasser und andern angenehmen
Getränken und über sie her wölben sich mit Rosen und Jasmin untermengt
Stauden voller Becher und Gläser die sich so oft sie ausgetrunken werden
gleich von selbst wieder anfüllen Auch gibt es da Bäume die statt der Früchte
kleine Pastetchen Bratwürste Mandelkrapfen und Buttersemmeln tragen andere
die an allen Ästen mit Geigen Harfen Citern Teorben Flöten und Waldhörnern
behangen sind welche von sich selbst das angenehmste Konzert machen das man
hören kann Die glücklichen Menschen nachdem sie den wärmern Teil des Tages
verschlafen und den Abend vertanzt versungen und verscherzt haben erfrischen
sich dann in kühlen marmornen Bädern wo sie von unsichtbaren Händen sanft
gerieben mit feinem Byssus der sich selbst gesponnen und gewebt hat
abgetrocknet und mit den kostbarsten Essenzen die aus den Abendwolken wie
feuchter Duft heruntertauen eingebalsamt werden Dann legen sie sich auf
schwellenden Polstern um volle Tafeln her und essen und trinken und lachen
singen und tändeln und küssen die ganze Nacht durch die ein ewiger Vollmond
zum sanftern Tage macht und was noch das Angenehmste ist
»O gehen Sie Herr Demokritus Sie haben mich zum besten was Sie mir da
erzählen ist ja das Märchen vom Schlaraffenlande das ich tausendmal von meiner
Amme gehört habe wie ich noch ein kleines Mädchen war«
Aber Sie finden doch auch Klonarion dass sichs gut in diesem Lande leben
müsste
»Merken Sie denn nicht dass unter allem diesem eine geheime Bedeutung
verborgen liegt sagte der weise Ratmann vermutlich eine Satyre auf gewisse
Philosophen welche das höchste Gut in der Wollust suchen«
Schlecht geraten Herr Ratsherr dachte Demokritus
»Ich erinnere mich in den Amphiktyonen des Teleklides eine ähnliche
Beschreibung des goldnen Alters gelesen zu haben« sagte Frau Salabanda24
Das Land das ich der schönen Klonarion beschrieb sprach der Naturforscher
ist keine Satyre es ist das Land in welches von jedem Dutzend unter euch
weisen Leuten zwölfe sich im Herzen hineinwünschen und nach Möglichkeit
hineinarbeiten und in welches uns eure abderitischen Sittenlehrer
hineindeclamieren wollen wenn anders ihre Declamationen irgend einen Sinn
haben
»Ich möchte wohl wissen wie Sie dies verstehen« sagte der Ratsherr der
vermög einer vieljährigen Gewohnheit nur mit halben Ohren zu hören und sein
Votum im Rat schlummernd von sich zu geben nicht gerne die Mühe nahm einer
Sache lange nachzudenken
Sie lieben eine starke Beleuchtung wie ich sehe Herr Ratsmeister
erwiderte Demokritus Aber zu viel Licht ist zum Sehen eben so unbequem als zu
wenig Helldunkel ist deucht mich gerade so viel Licht als man gebraucht um
weder zu viel noch zu wenig zu sehen Ich setze zum voraus dass Sie überhaupt
sehen können Denn wenn dies nicht wäre so begreifen Sie wohl dass wir beim
Licht von zehentausend Sonnen nicht besser sehen würden als beim Schein eines
Feuerwurms
»Sie sprechen von Feuerwürmern« sagte der Ratsherr indem er bei dem
Worte Feuerwurm aus einer Art von Seelenschlummer erwachte in welchen er über
dem Gaffen nach Salabandas Busen während dass Demokritus redete gefallen war
»Ich dachte wir sprächen von den Moralisten«
Von Moralisten oder Feuerwürmern wie es Ihnen beliebt versetzte
Demokritus Was ich sagen wollte um Ihnen die Sache wovon wir sprachen
deutlich zu machen war dies Ein Land wo ewiger Friede herrscht und wo alle
Menschen in gleichem Grade frei und glücklich sind wo das Gute nicht mit dem
Bösen vermischt ist Schmerz nicht an Wollust und Tugend nicht an Untugend
grenzt wo lauter Schönheit lauter Ordnung lauter Harmonie ist mit einem
Wort ein Land wie eure Moralisten den ganzen Erdboden haben wollen ist
entweder ein Land wo die Leute keinen Magen und keinen Unterleib haben oder es
muss schlechterdings das Land sein das uns Teleklides schildert aus dessen
Amphiktyonen ich wie die schöne Salabanda sehr wohl bemerkt hat meine
Beschreibung genommen habe Vollkommene Gleichheit vollkommene Zufriedenheit
mit dem Gegenwärtigen immerwährende Eintracht kurz die saturnischen Zeiten
wo man keine Könige keine Priester keine Soldaten keine Ratsherren keine
Moralisten keine Schneider keine Köche keine Ärzte und keine Scharfrichter
braucht sind nur in dem Lande möglich wo einem die Rebhühner gebraten in den
Mund fliegen oder welches ungefähr eben so viel sagen will wo man keine
Bedürfnisse hat Dies ist wie mich deucht so klar dass es demjenigen dem es
dunkel ist durch alles Licht im Feuerhimmel nicht klärer gemacht werden könnte
Gleichwohl ärgern sich eure Moralisten darüber dass die Welt so ist wie sie ist
und wenn der ehrliche Philosoph der die Ursachen weiß warum sie nicht anders
sein kann den Ärger dieser Herren lächerlich findet so begegnen sie ihm als
ob er ein Feind der Götter und der Menschen wäre welches zwar an sich selbst
noch lächerlicher ist aber zuweilen da wo die milzsüchtigen Herren den Meister
spielen einen ziemlich tragischen Ausgang nimmt
»Aber was wollen Sie denn dass die Moralisten tun sollen«
Die Natur erst ein wenig kennen lernen eh sie sich einfallen lassen es
besser zu wissen als sie verträglich und duldsam gegen die Torheiten und
Unarten der Menschen sein welche die ihrigen dulden müssen durch Beispiele
bessern statt durch frostiges Gewäsche zu ermüden oder durch Schmähreden zu
erbittern keine Wirkungen fodern wovon die Ursachen noch nicht da sind und
nicht verlangen dass wir die Spitze eines Berges erreicht haben sollen ehe wir
hinauf gestiegen sind
»So unsinnig wird doch niemand sein« sagte der Abderiten einer
So unsinnig sind neun Zehnteile der Gesetzgeber Projectmacher Schulmeister
und Weltverbesserer auf dem ganzen Erdenrund alle Tage sagte Demokritus
Die zeitverkürzende Gesellschaft welche die Laune des Naturforschers
unerträglich zu finden anfing begab sich nun wieder nach Hause und dahlte
unterwegs beim Glanz des Abendsterns und einer schönen Dämmerung von Sphinxen
Einhörnern Gymnosophisten und Schlaraffenländern und so viel Mannichfaltigkeit
auch unter allen den Albernheiten welche gesagt wurden herrschte so stimmten
doch alle darin überein dass Demokritus ein wunderlicher einbildischer
überkluger tadelsüchtiger wiewohl bei allem dem ganz kurzweiliger Sonderling
sei
»Sein Wein ist das Beste was man bei ihm findet« sagte der Ratsherr
Gütiger Anubis dachte Demokritus da er wieder allein war was man nicht
mit diesen Abderiten reden muss um sich die Zeit von ihnen vertreiben zu
lassen
Elftes Kapitel
Etwas von den abderitischen Philosophen und wie Demokritus das Unglück hat
sich mit ein paar wohlgemeinten Worten in sehr schlimmen Kredit zu setzen
Dass man sich aber gleichwohl nicht einbilde als ob alle Abderiten ohne
Ausnahme durch ein Gelübde oder durch ihren Bürgereid verbunden gewesen seien
nicht mehr Verstand zu haben als ihre Grossmütter Ammen und Ratsherren Abdera
die Nebenbuhlerin von Athen hatte auch Philosophen das heißt sie hatte
Philosophen wie sie Maler und Dichter hatte Der berühmte Sophist Protagoras
war ein Abderit gewesen und hatte eine Menge von Schülern hinterlassen die
ihrem Meister zwar nicht an Witz und Beredsamkeit gleich kamen aber ihm dafür
auch an Eigendünkel und Albernheit desto überlegener waren
Diese Herren hatten sich eine bequeme Art von Philosophie zubereitet
vermittelst welcher sie ohne Mühe auf jede Frag eine Antwort fanden und von
allem was unter und über der Sonne ist so geläufig schwatzten dass in so
ferne sie nur immer Abderiten zu Zuhörern hatten die guten Zuhörer sich
festiglich einbildeten ihre Philosophen wüssten sehr viel mehr davon als sie
selbst wiewohl im Grunde der Unterschied nicht so groß war dass ein vernünftiger
Mann eine Feige darum gegeben hätte Denn am Ende lief es doch immer darauf
hinaus dass der abderitische Philosoph etliche lange nichtsbedeutende Wörter
abgerechnet gerade so viel von der Sache wusste als derjenige unter allen
Abderiten der am wenigsten davon zu wissen glaubte
Die Philosophen vermutlich weil sie es für zu klein hielten in den Detail
der Natur herabzusteigen gaben sich mit lauter Aufgaben ab die außerhalb der
Grenzen des menschlichen Verstandes liegen Bis in diese Region dachten sie
folgt uns niemand als wer unsers Gleichen ist und was wir auch den Abderiten
davon vorsagen so sind wir wenigstens gewiss dass uns niemand Lügen strafen
kann
Zum Exempel eine ihrer Lieblingsmaterien war die Frage
»Wie warum und woraus die Welt entstanden sei«
»Sie ging aus einem Ei hervor sagte Einer der Äther war das Weiße das
Chaos der Dotter und die Nacht brütete es aus25«
»Sie ist aus Feuer und Wasser entstanden« sagte ein Andrer
»Sie ist gar nicht entstanden sprach der Dritte Alles war immer so wie es
ist und wird immer so bleiben wie es war«
Diese Meinung fand in Abdera wegen ihrer Bequemlichkeit vielen Beifall Sie
erklärt alles sagten sie ohne dass man nötig hat sich erst lange den Kopf zu
zerbrechen Es ist immer so gewesen war die gewöhnliche Antwort eines
Abderiten wenn man ihn nach der Ursache oder dem Ursprung einer Sache fragte
und wer sich daran nicht ersättigen wollte wurde für einen stumpfen Kopf
angesehen
»Was ihr Welt nennt sagte der Vierte ist eigentlich eine ewige Reihe von
Welten die wie die Häute einer Zwiebel über einander liegen und sich nach
und nach ablösen«
Sehr deutlich gegeben riefen die Abderiten sehr deutlich Sie glaubten den
Philosophen verstanden zu haben weil sie sehr gut wussten was eine Zwiebel war
»Schimäre sprach der Fünfte Es gibt freilich unzählige Welten aber sie
entstehen aus der ungefähren Bewegung unteilbarer Sonnenstäubchen und es ist
viel Glück wenn nach zehntausendmal tausend übelgeratenen endlich eine
herauskömmt die noch so leidlich vernünftig aussieht wie die unsrige«
»Atomen geb ich zu sprach der Sechste aber keine Bewegung von Ungefähr
und ohne Richtung Die Atomen sind nichts oder sie haben bestimmte Kräfte und
Eigenschaften und je nachdem sie einander ähnlich oder unähnlich sind ziehen
sie einander an oder stoßen sich zurücke Daher machte der weise Empedokles
der Mann der um die wahre Beschaffenheit des Aetna zu erkundigen sich
weislich mitten in den Crater desselben hineingestürzt haben soll Hass und
Liebe zu den ersten Ursachen aller Zusammensetzungen und Empedokles hat Recht«
»Um Vergebung meine Herren ihr habt alle Unrecht sprach der Philosoph
Sisamis In Ewigkeit wird weder aus eurem mystischen Ei noch aus eurem Bündnis
zwischen Feuer und Wasser noch aus euren Atomen noch aus euren Homöomerien
eine Welt herauskommen wenn ihr keinen Geist zu Hilfe nehmt Die Welt ist wie
jedes andre Tier eine Zusammensetzung von Materie und Geist Der Geist ist es
der dem Stoffe Form gibt beide sind von Ewigkeit her vereinigt und so wie
einzelne Körper aufgelöst werden sobald der Geist der ihre Teile
zusammenhielt sich zurückzieht so würde wenn der allgemeine Weltgeist
aufhören könnte das Ganze zu umfassen und zu beleben Himmel und Erde im
nämlichen Augenblick in einen einzigen ungeheuren gestaltlosen finsteren und
toten Klumpen zusammenfallen«
Davor wolle Jupiter und Latona sein riefen die Abderiten nicht ohne sich
zu entsetzen wie sie den Mann eine so fürchterliche Drohung ausstoßen hörten
Es hat keine Gefahr sagte der Priester Strobylus so lange wir die Frösche der
Latona in unsern Mauern haben soll es der Weltgeist des Sisamis wohl bleiben
lassen solchen Unfug in der Welt anzurichten
»Meine Freunde sprach der Achte der Weltgeist des weisen Sisamis ist mit
den Atomen Homöomerien Zwiebeln und Eiern meiner Kollegen von gleichem
Schlage Einen Demiurg müssen wir annehmen wenn wir eine Welt haben wollen
denn ein Gebäude setzt einen Baumeister oder wenigstens einen Zimmermeister
voraus und nichts macht sich von sich selbst wie wir alle wissen«
Aber man spricht doch alle Tage Dies wird von sich selbst kommen von sich
selbst gehen sagten die Abderiten
»Man spricht wohl so antwortete der Philosoph allein wo habt ihr jemals
gesehen dass es wirklich so erfolgt wäre Ich habe freilich unsre Archonten wohl
tausendmal sagen hören es wird sich schon geben es wird schon kommen dies
oder jenes wird sich schon machen Aber wir hatten gut warten Es gab sich
nicht kam nicht und machte sich nicht«
Nur allzuwahr was die Werke unsrer Archonten betrifft sagte ein alter
Schuhflicker der für einen Mann von Einsicht beim Volke galt und große
Hoffnung hatte bei der nächsten Wahl Zunftmeister zu werden aber mit den
Werken der Natur wie die Welt ist mag es doch wohl anders bewandt sein Warum
sollte die Welt nicht eben so gut aus dem Chaos hervorwachsen können wie ein
Pilz aus der Erde wächst
»Meister Pfrieme versetzte der Philosoph zum Zunftmeister soll er meine
und aller meiner Vettern Stimme haben aber keine Einwürfe gegen mein System
wenn ich bitten darf Die Pilze wachsen freilich von selbst aus der Erde hervor
weil weil weil sie Pilze sind aber eine Welt wächst nicht von selbst weil
sie kein Pilz ist versteht Er mich nun Meister Pfrieme«
Alle Anwesende lachten von Herzen dass Meister Pfrieme so abgeführt war
»Die Welt ist kein Pilz dies ist klar wie Taglicht riefen die Abderiten da
ist nichts einzuwenden Meister Pfrieme«
Verzweifelt murmelte der künftige Zunftmeister aber so geht es wenn man
sich mit den Herren abgibt welche beweisen können dass der Schnee weiß ist
»Schwarz ist wolltet ihr sagen Nachbar«
Ich weiß was ich gesagt habe und was ich sagen wollte antwortete Meister
Pfrieme und ich wünsche nur dass die Republik
»Vergess Er die vierzehn Stimmen nicht die ich Ihm verschaffe Meister
Pfrieme« rief der Philosoph
Wohl wohl alles wohl Aber Demiurg das klingt mir bald so wie Demagog
und ich will weder Demagogen noch Demiurgen haben ich bin für die Freiheit und
wer ein guter Abderite ist der schwinge seinen Hut und folge mir
Und hiemit ging Meister Pfrieme davon denn der Leser merkt von selbst dass
alles dies in einer Halle von Abdera gesprochen wurde und einige müßige
Tölpel die ihn allerwegen zu begleiten pflegten folgten ihm
Aber der Philosoph ohne zu tun als ob er es gewahr werde fuhr fort »Ohne
einen Baumeister einen Demiurgen oder wie ihr ihn nennen wollt lässt sich
vernünftiger Weise keine Welt bauen Aber merket wohl es kam auf den Demiurg
an ob er bauen wollte und lasst sehen wie er es anfing Stellt euch die Materie
als einen ungeheuren Klumpen von vollkommen dichtem Krystall vor26 und den
Demiurg wie er mit einem großen Hammer von Diamant diesen Klumpen auf einen
Schlag in so viele unendlich kleine Stückchen zerschmettert dass sie durch den
leeren Raum viele Millionen Cubicmeilen herumstieben Natürlicher Weise brachen
sich diese unendlich kleine Stückchen Krystall auf verschiedene Art und indem
sie mit der ganzen Heftigkeit der Bewegung die ihnen der Schlag mit dem
diamantenen Hammer gab auf tausendfache Art wider einander fuhren und sich
unter einander auf allen Seiten stießen schlugen und rieben so entstund daraus
notwendig eine unzählige Menge Körperchen von allerlei regelmäßigen und
unregelmässigen Figuren dreieckige viereckige achteckige vieleckige und
runde Aus den runden wurde Wasser und Luft welche nichts anders als verdünntes
Wasser ist aus den dreieckigen Feuer aus den übrigen die Erde und aus diesen
vier Elementen setzt die Natur wie ihr wisst alle Körper in der Welt zusammen«
Das ist wunderbar sehr wunderbar aber es begreift sich doch sagten die
Abderiten Ein Klumpen Krystall ein diamantner Hammer und ein Demiurg der den
Krystall so meisterhaft in Stücken schlägt dass aus den Splittern ohne seine
weitere Bemühung eine Welt entsteht In der Tat die scharfsinnigste Hypothese
die man sehen kann und gleichwohl so simpel dass man dächte man hätte sie alle
Augenblicke selbst erfinden können
»Ich erkläre mittelst dieser so simpeln Voraussetzung alle möglichen
Wirkungen der Natur« sagte der Philosoph mit selbst zufriednem Lächeln
»Nicht ein Wespennest rief ein Neunter Dämonax genannt der den
Behauptungen seiner Mitbrüder bisher mit stillschweigender Verachtung zugehöret
hatte Es gehören andre Kräfte und Anstalten dazu ein so großes so schönes so
wundervolles Werk als dieses Weltgebäude ist zu Stande zu bringen Nur ein
höchstvollkommner Verstand konnte den Plan davon erfinden wiewohl ich gerne
gestehe dass zur Ausführung geringere Werk meister hinlänglich waren Er
überließ sie verschiedenen Klassen der subalternen Götter wies einer jeden
Klasse ihren besonderen Kreis an in welchem sie arbeitet und begnügte sich die
allgemeine Aufsicht über das Ganze zu führen Es ist lächerlich den Ursprung
der Weltkörper des Erdhodens der Pflanzen der Tiere und alles dessen was in
Luft und Wasser ist aus Atomen oder Sympatien oder ungefährer Bewegung oder
einem einzigen Hammerschlag erklären zu wollen Geister sind es welche in den
Elementen herrschen die Sphären des Himmels drehen die organischen Körper
bilden das Frühlingsgewand der Natur mit Blumen sticken und die Früchte des
Herbstes in ihren Schoss ausgiessen Kann etwas fasslicher und angenehmer sein als
diese Theorie Sie erklärt alles sie leitet jede Wirkung aus einer ihr
angemessenen Ursache ab und durch sie begreift man die in jedem andern System
unerklärbare Kunst der Natur eben so leicht als man begreift wie Zeuxis oder
Parrhasius mit ein wenig gefärbter Erde eine bezaubernde Landschaft oder ein Bad
der Diana erschaffen kann«
Was für eine schöne Sache es um die Philosophie ist sagten die Abderiten
Alles was man daran aussetzen möchte ist dass einem unter so viel feinen
Theorien die Wahl sauer wird
Indessen machte doch der Pytagoräer der alles durch Geister
bewerkstelligte das meiste Glück Die Poeten die Maler und alle übrigen
Schutzverwandten der Musen mit dem sämtlichen Frauenzimmer von Abdera an ihrer
Spitze erklärten sich für die Geister doch unter der Bedingung dass es ihnen
erlaubt sein müsse sie in so angenehme Gestalten als jedem gefällig sei
einzukleiden
Ich bin nie ein besonderer Freund der Philosophie gewesen sagte der
Priester Strobylus und aus Ursache aber wenn die Abderiten ihr Grübeln über
das Wie und Warum der Dinge nun einmal nicht lassen können so habe ich gegen
die Physik des Dämonax noch immer am wenigsten einzuwenden unter den gehörigen
Einschränkungen verträgt sie sich noch so ziemlich
»O sie verträgt sich mit allem in der Welt sagte Dämonax dies ist eben die
Schönheit davon«
Soll ich euch meine Meinung sagen sprach Demokritus Wenn es euch etwan
wirklich darum zu tun sein sollte die Beschaffenheit der Dinge die euch
umgeben kennen zu lernen so deucht mich ihr nehmt einen ungeheuren Umweg Die
Welt ist sehr groß und von dem Standort woraus wir in sie hineingucken nach
ihren vornehmsten Provinzen und Hauptstädten ist es so weit dass ich nicht
wohl begreife wie sich einer von uns einfallen lassen kann die Charte eines
Landes aufzunehmen wovon ihm sein angebornes Dörfchen ausgenommen alles
übrige und sogar die Grenzen unbekannt sind Ich dächte ehe wir Kosmogonien
und Kosmologien träumten setzten wir uns hin und beobachteten zum Exempel den
Ursprung einer Spinnewebe und dies so lange bis wir so viel davon
herausgebracht hätten als fünf Menschensinne mit Verstand angestrengt daran
entdecken können Ihr werdet zu tun finden das könnt ihr mir auf mein Wort
glauben Aber dafür werdet ihr auch erfahren dass euch diese einzige Spinnewebe
mehr Aufschluss über das große System der Natur und würdigere Begriffe von
seinem Urheber geben wird als alle die feinen Weltsysteme die ihr zwischen
Wachen und Schlaf aus eurem eignen Gehirne herausgesponnen habt
Demokritus meinte dies im ganzen Ernst aber die Philosophen von Abdera
glaubten dass er ihrer spotten wolle Er versteht nichts von der Pneumatik
sagte der eine Von der Physik noch weniger sagte der andere Er ist ein
Zweifler er glaubt keine Grundtriebe keinen Weltgeist keinen Demiurg
keinen Gott sagte der dritte vierte fünfte sechste und siebente Man
sollte solche Leute gar nicht im gemeinen Wesen dulden sagte der Priester
Strobylus
Zwölftes Kapitel
Demokritus zieht sich weiter von Abdera zurück
Wie er sich in seiner Einsamkeit beschäftigt
Er könnt bei den Abderiten in den Verdacht dass er Zauberkünste treibe
Ein Experiment das er bei dieser Gelegenheit mit den abderitischen Damen macht
und wie es abgelaufen
Bei dem allen war Demokritus ein Menschenfreund in der echtesten Bedeutung des
Worts Denn er meinte es gut mit der Menschheit und freute sich über nichts so
sehr als wenn er irgend etwas Böses verhüten oder etwas Gutes tun veranlassen
oder befördern konnte Und wiewohl er glaubte dass der Charakter eines
Weltbürgers Verhältnisse in sich schließe denen im Kollisionsfall alle andere
weichen müssten so hielt er sich doch darum nicht weniger verbunden als ein
Bürger von Abdera an dem Zustande seines Vaterlandes Anteil zu nehmen und so
viel er könnte zu dessen Verbesserung beizutragen Allein da man nur in so
fern Gutes tun kann als das Subject dessen fähig ist so fand er sein Vermögen
durch die unzähligen Hindernisse die ihm die Abderiten entgegensetzten in so
enge Grenzen eingeschlossen dass er Ursache zu haben glaubte sich als eine der
entbehrlichsten Personen in dieser kleinen Republik anzusehen Was sie am
nötigsten haben dacht er und das Beste was ich an ihnen tun könnte wäre sie
klug zu machen Aber die Abderiten sind freie Leute Wenn sie nun nicht klug
sein wollen wer kann sie nötigen
Da er also bei so bewandten Umständen wenig oder nichts für die Abderiten
als Abderiten tun konnte glaubte er hinlänglich gerechtfertigt zu sein wenn er
wenigstens seine eigene Person in Sicherheit zu bringen suchte und einen so
großen Teil als immer möglich von derjenigen Zeit rettete die er der Erfüllung
seiner weltbürgerlichen Pflichten schuldig zu sein vermeinte
Weil nun seine bisherige Freistätte entweder nicht weit genug von Abdera
entfernt war oder wegen ihrer Lage und anderer Bequemlichkeiten so viel Reiz
für die Abderiten hatte dass er ungeachtet seines Aufenthalts auf dem Lande
sich doch immer mitten unter ihnen befand so zog er sich noch etliche Stunden
weiter in einen Wald der zu seinem Gute gehörte zurück und bauete sich in die
wildeste Gegend desselben ein kleines Haus wo er die meiste Zeit in der
einsamen Ruhe die das eigene Element des Philosophen und des Dichters ist
dem Erforschen der Natur und der Betrachtung oblag
Einige neuere Gelehrte ob Abderiten oder nicht wollen wir hier
unentschieden lassen haben sich von den Beschäftigungen dieses griechischen
Bacons in seiner Einsamkeit wunderliche wiewohl auf ihrer Seite sehr natürliche
Begriffe gemacht »Er arbeitete am Stein der Weisen sagt Borrichius und er
fand ihn und machte Gold« Zum Beweis davon beruft er sich darauf dass
Demokritus ein Buch von Steinen und Metallen geschrieben habe Die Abderiten
seine Zeitgenossen und Mitbürger gingen noch weiter und ihre Vermutungen die
in abderitischen Köpfen gar bald zur Gewissheit wurden gründeten sich auf eben
so gute Schlüsse als jener des Borrichius Demokritus war von persischen Magis
erzogen worden27 er war zwanzig Jahre in den Morgenländern herumgereist hatte
mit ägyptischen Priestern Chaldäern Brachmanen und Gymnosophisten Umgang
gepflogen und war in allen ihren Mysterien initiert hatte tausend Arcana von
seinen Reisen mit sich gebracht und wusste zehntausend Dinge wovon niemals
etwas in eines Abderiten Sinn gekommen war Machte dies alles zusammengenommen
nicht den vollständigsten Beweis dass er ein ausgelernter Meister in der Magie
und allen davon abhängenden Künsten sein musste Der ehrwürdige Pater Delrio
hätte Spanien Portugall und Algarbien auf die Hälfte eines Beweises wie dieser
ist verbrennen lassen
Aber die guten Abderiten hatten noch nähere Beweistümer in Händen dass ihr
gelehrter Landsmann ein wenig hexen könne Er sagte Sonnen und
Mondfinsterungen Misswachs Seuchen und andre zukünftige Dinge zuvor Er hatte
einem verbuhlten Mädchen aus der Hand geweissagt dass sie zu Falle kommen und
einem Ratsherrn von Abdera dessen ganzes Leben zwischen Schlafen und Schmausen
geteilt war dass er an einer Unverdaulichkeit sterben würde und beides war
genau eingetroffen Überdem hatte man Bücher mit wunderlichen Zeichen in seinem
Kabinette gesehen man hatte ihn bei allerlei vermutlich magischen Operationen
mit Blut von Vögeln und Tieren angetroffen man hatte ihn verdächtige Kräuter
kochen gesehen und einige junge Leute wollten ihn sogar in später Nacht bei
sehr blassem Mondschein zwischen Gräbern sitzend überschlichen haben »Um ihn zu
schrecken hatten wir uns in die scheusslichsten Larven verkleidet sagten sie
Hörner Ziegenfüsse Drachenschwänze nichts fehlte uns um leibhafte Feldteufel
und Nachtgespenster vorzustellen wir bliesen sogar Rauch aus Nasen und Ohren
und machten es so arg um ihn herum dass ein Herkules vor Schrecken hätte zum
Weibe werden mögen Aber Demokritus achtete unser nicht und da wir es ihm
endlich zu lange machten sagte er bloß Nun wird das Kinderspiel noch lange
währen28 «
Da sieht man augenscheinlich sagten die Abderiten dass es nicht recht
richtig mit ihm ist Geister sind nichts Neues für ihn er muss wohl wissen wie
er mit ihnen steht »Er ist ein Zauberer nichts kann gewisser sein sagte der
Priester Strobylus wir müssen ein wenig besser Acht auf ihn geben«
Man muss gestehen dass Demokritus entweder aus Unvorsichtigkeit oder
welches glaublicher ist weil er sich wenig aus der Meinung seiner Landsleute
machte zu diesen und andern bösen Gerüchten einige Gelegenheit gab Man konnte
in der Tat nicht lange unter den Abderiten leben ohne in Versuchung zu geraten
ihnen etwas aufzuheften Ihr Vorwitz und ihre Leichtgläubigkeit auf der einen
Seite und die hohe Einbildung die sie sich von ihrer eignen Scharfsinnigkeit
machten auf der andern foderten einen gleichsam heraus und überdies war auch
sonst kein Mittel sich für die Langeweile die man bei ihnen hatte zu
entschädigen Demokritus befand sich nicht selten in diesem Falle und da die
Abderiten albern genug waren alles was er ihnen ironischer Weise sagte im
buchstäblichen Sinne zu nehmen so entstunden daher die vielen ungereimten
Meinungen und Märchen die auf seine Rechnung in der Welt herumliefen und noch
viele Jahrhunderte nach seinem Tode von andern Abderiten für bares Geld
angenommen oder wenigstens ihm selbst unbilliger Weise zur Last geleget
wurden
Demokritus hatte sich unter andern auch mit der Physiognomie abgegeben
und teils aus seinen eigenen Beobachtungen teils aus dem was ihm andere von den
ihrigen mitgeteilt sich eine Theorie davon gemacht von deren Gebrauch er sehr
vernünftig wie uns deucht urteilte dass es damit eben so wie mit der Theorie
der poetischen oder irgend einer andern Kunst beschaffen sei Denn so wie noch
keiner durch die bloße Wissenschaft der Regeln ein guter Dichter oder Künstler
geworden sei und nur derjenige welchen angebornes Genie emsiges Studium
hartnäckiger Fleiß und lange Übung zum Dichter oder Künstler gemacht geschickt
sei die Regeln seiner Kunst recht zu verstehen und anzuwenden so sei auch die
Theorie der Kunst aus dem Äusserlichen des Menschen auf das Innerliche zu
schließen nur für Leute von großer Fertigkeit im Beobachten und Unterscheiden
brauchbar für jeden andern hingegen eine höchst ungewisse und betrügliche
Sache und eben darum müsse sie als eine von den geheimen Wissenschaften oder
großen Mysterien der Philosophie immer nur der kleinen Zahl der Epopten29
vorbehalten bleiben
Diese Art von der Sache zu denken bewies dass Demokritus kein Scharlatan
war aber den Abderiten bewies sie bloß dass er ein Geheimnis aus seiner
Wissenschaft mache Daher ließ sie nicht ab ihn so oft sich die Rede davon
gab zu necken und zu plagen dass er ihnen etwas davon entdecken sollte
Besonders drückte dieser Vorwitz die Abderitinnen Sie wollten von ihm wissen
an was für äußerlichen Merkmalen ein getreuer Liebhaber zu erkennen sei ob
Milon von Krotona30 eine sehr große Nase gehabt habe ob eine blasse Farbe ein
notwendiges Zeichen eines Verliebten sei und hundert Fragen dieser Art mit
denen sie seine Geduld so sehr ermüdeten dass er endlich um ihrer los zu
werden auf den Einfall kam sie ein wenig zu erschrecken
Aber das haben Sie sich wohl nicht vorgestellt sagte Demokritus dass die
Jungferschaft ein unbetrügliches Merkzeichen in den Augen haben könnte
»In den Augen riefen die Abderitinnen O das ist nicht möglich Warum just
in den Augen«
Es ist nicht anders versetzte Demokritus und was Sie mir gewiss glauben
können ist dass mir dieses Merkmal schon öfters von den Geheimnissen junger und
alter Schönen mehr entdeckt hat als diese Lust gehabt haben würden mir von
freien Stücken anzuvertrauen31
Der zuversichtliche Ton womit er dies sagte verursachte einige
Entfärbungen wiewohl die Abderitinnen die in allen Fällen wo es auf die
gemeine Sicherheit ihres Geschlechtes ankam einander getreulich beizustehen
pflegten mit großer Hitze darauf bestunden dass sein vorgebliches Geheimnis
eine Schimäre sei
Sie nötigen mich durch Ihren Unglauben dass ich Ihnen noch mehr sagen muss
fuhr der Philosoph fort Die Natur ist voll solcher Geheimnisse meine schönen
Damen und wofür sollt ich auch wenn es sich der Mühe nicht verlohnte bis
nach Aetiopien und Indien gewandert sein Die Gymnosophisten deren Weiber
wie Sie wissen nackend gehen haben mir sehr artige Sachen entdeckt
»Zum Exempel« sagten die Abderitinnen
Unter andern ein Geheimnis welches ich wenn ich ein Ehmann wäre lieber
nicht zu wissen wünschen würde
»Ach nun haben wir die Ursache warum sich Demokritus nicht verheiraten
will« rief die schöne Tryallis
»Als ob wir nicht schon lange wüssten sagte Salabanda dass es seine
ätiopische Venus ist die ihn für unsre griechische so unempfindlich macht
Aber Ihr Geheimnis Demokritus wenn man es keuschen Ohren anvertrauen darf«
Zum Beweise dass man es darf will ich es den Ohren aller gegenwärtigen
Schönen anvertrauen antwortete der Naturforscher Ich weiß ein unfehlbares
Mittel wie man machen kann dass ein Frauenzimmer im Schlafe mit vernehmlicher
Stimme alles sagt was sie auf dem Herzen hat
»O gehen Sie riefen die Abderitinnen Sie wollen uns bange machen aber
wir lassen uns nicht so leicht erschrecken«
Wer wird auch an Erschrecken denken sagte Demokritus wenn von einem Mittel
die Rede ist wodurch einer jeden ehrlichen Frau Gelegenheit gegeben wird zu
zeigen dass sie keine Geheimnisse hat die ihr Mann nicht wissen dürfte
»Würket Ihr Mittel auch bei Unverheirateten« fragte eine Abderitin die
weder jung noch reizend genug zu sein schien um eine solche Frage zu tun
Es würkt vom zehnten Jahre an bis zum achtzigsten erwiderte Demokritus
ohne Beziehung auf irgendeinen andern Umstand worin sich ein Frauenzimmer
befinden kann
Die Sache fing an ernstaft zu werden »Aber Sie scherzen nur
Demokritus« sprach die Gemahlin eines Tesmoteten nicht ohne eine geheime
Furcht des Gegenteils versichert zu werden
Wollen Sie die Probe machen Lysistrata
»Die Probe Warum nicht Voraus bedungen dass nichts Magisches dazu
gebraucht wird Denn mit Hilfe Ihrer Talismane und Geister könnten Sie eine arme
Frau sagen machen was Sie wollten«
Es haben weder Geister noch Talismane damit zu tun Alles geht natürlich zu
Das Mittel das ich gebrauche ist die simpelste Sache von der Welt
Die Damen fingen an bei allen Grimassen von Herzhaftigkeit wozu sie sich
zu zwingen suchten eine Unruhe zu verraten die den Philosophen sehr
belustigte »Wenn man nicht wüsste dass Sie ein Spötter sind der die ganze Welt
zum Besten hat Aber darf man fragen worin Ihr Mittel besteht«
Wie ich Ihnen sagte die natürlichste Sache von der Welt Ein ganz kleines
unschädliches Ding einem schlafenden Frauenzimmer aufs Herzgrübchen gelegt das
ist das ganze Geheimnis aber es tut Wunder dies können Sie mir glauben Es
macht reden so lange noch im innersten Winkel des Herzens was zu entdecken ist
Unter sieben Frauenzimmern die sich in der Gesellschaft befanden war nur
eine deren Miene und Gebärde unverändert die nämliche blieb wie vorher Man
wird denken sie sei alt oder hässlich oder gar tugendhaft gewesen aber nichts
von allem diesem Sie war taub
»Wenn Sie wollen dass wir Ihnen glauben sollen Demokritus so nennen Sie
Ihr Mittel«
Ich will es dem Gemahl der schönen Tryallis ins Ohr sagen sprach der
boshafte Naturkündiger
Der Gemahl der schönen Tryallis war ohne blind zu sein so glücklich als
Hagedorn einen Blinden schätzt dessen Gemahlin schön ist Er hatte immer gute
Gesellschaft oder wenigstens was man zu Abdera so nannte in seinem Hause Der
gute Mann glaubte man finde so viel Vergnügen an seinem Umgang und an den
Versen die er seinen Besuchen vorzulesen pflegte In der Tat hatte er das
Talent die schlechten Verse die er machte nicht übel zu lesen und weil er
mit vieler Begeisterung las so ward er nicht gewahr dass seine Zuhörer anstatt
auf seine Verse Acht zu geben mit der schönen Tryallis liebäugelten
Kurz der Ratsherr Smilax war ein Mann der eine viel zu gute Meinung von
sich selbst hatte um von der Tugend seiner Gemahlin eine schlimme zu hegen
Er bedachte sich also keinen Augenblick dem Geheimnis des Demokritus sein
Ohr darzubieten
Es ist weiter nichts flüsterte ihm der Philosoph ins Ohr als die Zunge
eines lebendigen Frosches die man einer schlafenden Dame auf die linke Brust
legen muss Aber Sie müssen sich beim Ausreissen wohl in Acht nehmen dass nichts
von den daranhängenden Teilen mit geht und der Frosch muss wieder ins Wasser
gesetzt werden
»Das Mittel mag nicht übel sein sagte Smilax leise nur Schade dass es ein
wenig bedenklich ist Was würde der Priester Strobylus dazu sagen«
Sorgen Sie nicht dafür versetzte Demokritus ein Frosch ist doch keine
Diana der Priester Strobylus mag sagen was er will Und zudem geht es dem
Frosche ja nicht ans Leben
»Ich darf es also weiter geben« fragte Smilax
Von Herzen gerne alle Mannspersonen in der Gesellschaft dürfen es wissen
und ein jeder mag es ungescheut allen seinen Bekannten entdecken nur mit der
Bedingung dass es keiner weder seiner Frau noch seiner Geliebten wieder sage
Die guten Abderitinnen wussten nicht was sie von der Sache glauben sollten
Unmöglich schien sie ihnen nicht und was sollte auch Abderiten unmöglich
scheinen Ihre gegenwärtigen Männer oder Liebhaber waren nicht viel ruhiger
jeder setzte sich heimlich vor das Mittel ohne Aufschub zu probieren und jeder
den glücklichen Smilax ausgenommen besorgte gelehrter dadurch zu werden als
er wünschte
»Nicht wahr Männchen sagte Tryallis zu ihrem Gemahl indem sie ihn
freundlich auf die Backen klopfte du kennst mich zu gut um einer solchen Probe
nötig zu haben«
»Der meinige sollte sich so etwas einfallen lassen sagte Lagiska Eine
Probe setzt Zweifel voraus und ein Mann der an der Tugend seiner Frau zweifelt
«
Ist ein Mann der Gefahr läuft seine Zweifel in Gewissheit verwandelt zu
sehen setzte Demokritus hinzu da er sah dass sie einhielt Das wollten Sie
doch sagen schöne Lagiska
»Sie sind ein Weiberfeind Demokritus riefen die Abderitinnen allzumal
aber vergessen Sie nicht dass wir in Tracien sind und hüten Sie sich vor dem
Schicksal des Orpheus«
Wiewohl dies im Scherz gesagt wurde so war doch Ernst dabei Natürlicher
Weise lässt man sich nicht gerne ohne Not schlaflose Nächte machen eine Absicht
von welcher wir den Philosophen um so weniger frei sprechen können da er die
Folgen seines Einfalles notwendig voraussehen musste Wirklich gab diese Sache
den sieben Damen so viel zu denken dass sie die ganze Nacht kein Auge zutaten
und da das vorgebliche Geheimnis des Demokritus den folgenden Tag in ganz Abdera
herumlief so verursachte er dadurch etliche Nächte hinter einander eine
allgemeine Schlaflosigkeit
Indessen brachten die Weiber bei Tage wieder ein was ihnen bei Nacht
abging und weil verschiedene sich nicht einfallen ließ dass man ihnen das
Arcanum wenn sie unter Tages schliefen eben so gut applicieren könne als bei
Nacht und daher ihr Schlafzimmer zu verriegeln vergaßen so bekamen die Männer
unverhofft Gelegenheit von ihren Froschzungen Gebrauch zu machen Lysistrata
Tryallis und einige andere die am meisten dabei zu wagen hatten waren die
ersten an denen die Probe mit demjenigen Erfolg den man leicht voraussehen
kann gemacht wurde Aber eben dies stellte in kurzem die Ruhe in Abdera wieder
her Die Männer dieser Damen nachdem sie das Mittel zwei oder dreimal ohne
Erfolg gebraucht hatten kamen in vollem Sprunge zu unserm Philosophen gelaufen
um sich zu erkundigen was dies zu bedeuten hätte So rief er ihnen entgegen
hat die Froschzunge ihre Wirkung getan Haben Ihre Weiber gebeichtet Kein
Wort keine Sylbe sagten die Abderiten Desto besser rief Demokritus
triumphieren Sie darüber Wenn eine schlafende Frau mit einer Froschzunge auf
dem Herzen nichts sagt so ist es ein Zeichen dass sie nichts zu sagen hat
Ich wünsche Ihnen Glück meine Herren Jeder von Ihnen kann sich rühmen dass er
den Phönix der Weiber in seinem Hause besitze
Wer war glücklicher als unsre Abderiten Sie liefen so schnell als sie
gekommen waren wieder zurück fielen ihren erstaunten Weibern um den Hals
erstickten sie mit Küssen und Umarmungen und bekannten nun freiwillig was sie
getan hatten um sich von der Tugend ihrer Hälften wiewohl wir davon schon
gewiss waren sagten sie noch gewisser zu machen
Die guten Weiber wussten nicht ob sie ihren Sinnen glauben sollten Aber
wiewohl sie Abderitinnen waren hatten sie doch Verstand genug sich auf der
Stelle zu fassen und ihren Männern ein so unzärtliches Misstrauen als dasjenige
war dessen sie sich selbst anklagten nachdrücklich zu verweisen Einige
trieben die Sache bis zu Tränen aber alle hatten Mühe die Freude zu verbergen
die ihnen eine so unverhoffte Bestätigung ihrer Tugend verursachte und wiewohl
sie der Anständigkeit wegen auf den Demokritus schmälen mussten so war doch
keine die ihn nicht dafür hätte umarmen mögen dass er ihnen einen so guten
Dienst geleistet hatte Freilich war dies nicht was er gewollt hatte Aber die
Folgen dieses einzigen unschuldigen Scherzes mochten ihn lehren dass man mit
Abderiten nicht behutsam genug scherzen kann
Indessen wie alle Dinge dieser Welt mehr als eine Seite haben so fand sich
auch dass aus dem Übel welches unser Philosoph den Abderiten wider seine
Absicht zugefügt hatte gleichwohl mehr Gutes entsprang als man vermutlich
hätte erwarten können wenn die Froschzungen gewirkt hätten Die Männer machten
die Weiber durch ihre unbegrenzte Sicherheit und die Weiber die Männer durch
ihre Gefälligkeit und gute Laune glücklich Nirgends in der Welt sah man
zufriednere Ehen als in Abdera Und bei allem dem waren die Stirnen der
Abderiten so glatt und die Ohren und Zungen der Abderitinnen so keusch als
die von andern Leuten
Dreizehntes Kapitel
Demokritus soll die Abderitinnen die Sprache der Vögel lehren
Im Vorbeigehen eine Probe wie sie ihre Töchter bildeten
Ein andermal geschah es dass sich Demokritus an einem schönen Frühlingsabend mit
einer Gesellschaft in einem von den Lustgärten befand womit die Abderiten die
Gegend um ihre Stadt verschönert hatten
»Wirklich verschönert« Dies nun eben nicht denn woher hätten die
Abderiten nehmen sollen dass die Natur schöner ist als die Kunst und dass
zwischen künsteln und verschönern ein Unterschied ist Doch davon soll nun die
Rede nicht sein
Die Gesellschaft lag auf weichen mit Blumen bestreuten Rasen unter einer
hohen Laube im Kreise herum In den Zweigen eines benachbarten Baums sang eine
Nachtigall Eine junge Abderitin von vierzehn Jahren schien etwas dabei zu
empfinden wovon die übrigen nichts empfanden Demokritus ward es gewahr Das
Mädchen hatte eine sanfte Gesichtsbildung und Seele in den Augen Schade für
dich dass du eine Abderitin bist dacht er Was sollte dir in Abdera eine
empfindsame Seele Sie würde dich nur unglücklich machen Doch es hat keine
Gefahr Was die Erziehung deiner Mutter und Großmutter an dir unverdorben
gelassen hat werden die Söhnchen unsrer Archonten und Prytanen und was diese
verschonen wird das Beispiel deiner Freundinnen zu Grunde richten In weniger
als vier Jahren wirst du ein Abderitin sein wie die andern und wenn du erst
erfährst dass eine Froschzunge auf dem Herzgrübchen nichts zu bedeuten hat
Was denken Sie schöne Nannion sagte Demokritus zu dem Mädchen
»Ich denke dass ich mich dort unter die Bäume setzen möchte um dieser
Nachtigall recht ungestört zuhören zu können«
Das alberne Ding sagte die Mutter des Mädchens Hast du noch keine
Nachtigall gehört
»Nannion hat Recht sagte die schöne Tryallis ich selbst höre für mein
Leben gern den Nachtigallen zu Sie singen mit einem solchen Feuer und es ist
etwas so wollüstiges in ihren Modulationen dass ich schon oft gewünscht habe zu
verstehen was sie damit sagen wollen Ich bin gewiss man würde die schönsten
Dinge von der Welt hören Aber Sie Demokritus der alles weiß sollten Sie
nicht auch die Sprache der Nachtigallen verstehen«
Warum nicht antwortete der Philosoph mit seinem gewöhnlichen Phlegma und
die Sprache aller übrigen Vögel dazu
»Im Ernste«
Sie wissen ja dass ich immer im Ernste rede
»O das ist allerliebst Geschwinde übersetzen Sie uns was aus der Sprache
der Nachtigallen Wie hieß das was diese dort sang als Nannion so davon
gerührt wurde«
Das lässt sich nicht so leicht ins Griechische übersetzen als Sie denken
schöne Tryallis Es gibt keine Redensarten in unsrer Sprache die dazu zärtlich
und feurig genug wären
»Aber wie können Sie denn die Sprache der Vögel verstehen wenn Sie nicht
auf Griechisch wiedersagen können was Sie gehört haben«
Die Vögel können auch kein Griechisch und verstehen einander doch
»Aber Sie sind kein Vogel wiewohl Sie ein loser Mann sind der uns immer
zum Besten hat«
Dass man in Abdera doch so gerne Arges von seinem Nächsten denkt Indessen
verdient Ihre Antwort dass ich mich näher erkläre Die Vögel verstehen einander
durch eine gewisse Sympatie welche ordentlicher Weise nur unter gleichartigen
Geschöpfen statt hat Jeder Ton einer singenden Nachtigall ist der lebende
Ausdruck einer Empfindung und erregt in der zuhörenden unmittelbar den Unisono
dieser Empfindung Sie verstehet also vermittelst ihres eignen innern Gefühls
was ihr jene sagen wollte und gerade auf die nämliche Weise versteh ich sie
auch
»Aber wie machen Sie denn das« fragten etliche Abderitinnen
Die Frage war nachdem Demokritus sich bereits so deutlich erklärt hatte
gar zu abderitisch als dass er sie ihnen so ungenossen hätte hingehen lassen
können Er besann sich einen Augenblick
»Ich verstehe den Demokritus« sagte die kleine Nannion leise
»Du verstehst ihn du naseweises Ding schnarrte sie die Mutter an Nun
lass hören Puppe was verstehst du denn davon«
»Ich kann es nicht zu Worte bringen aber ich empfind es deucht mich«
erwiderte Nannion
»Sie ist wie Sie hören noch ein Kind sagte die Mutter wiewohl sie so
schnell aufgeschossen ist dass viele Leute sie für meine jüngere Schwester
angesehen haben Aber halten wir uns nicht mit dem Geplapper eines läppischen
Mädchens auf das noch nicht weiß was es sagt«
Nannion hat Empfindung sagte Demokritus Sie findet den Schlüssel zur
allgemeinen Sprache der Natur in ihrem Herzen und vielleicht versteht sie mehr
davon als
»O mein Herr ich bitte Sie machen Sie mir die kleine Närrin nicht noch
einbildischer sie ist ohnedies naseweis und schnippisch genug «
Bravo dachte Demokritus nur so fortgefahren Auf diesem Wege möchte noch
Hoffnung für den Kopf und das Herz der kleinen Nannion sein
»Bleiben wir bei der Sache fuhr die Abderitin fort die ohne jemals recht
gewusst zu haben wie und warum die unerkannte Ehre hatte Nannions Mutter zu
sein Sie wollten uns ja erklären wie es zuginge dass Sie die Sprache der
Vögel verstehen«
Wir sind den Abderitinnen die Gerechtigkeit schuldig nicht zu bergen dass
sie alles was Demokritus von seiner Kenntnis der Vögelsprache gesagt hatte für
bloße Prahlerei hielten Aber dies hinderte nicht dass die Fortsetzung dieses
Gesprächs nicht etwas sehr unterhaltendes für sie gehabt hätte denn sie hörten
von nichts lieber reden als von Dingen die sie nicht glaubten und doch
glaubten als da ist von Sphinxen Meermännern Sibyllen Kobolten Popanzen
Gespenstern und allem was in diese Rubrik gehört und die Sprache der Vögel
gehörte auch dahin dachten sie
Es ist ein Geheimnis sagte Demokritus das ich von dem Oberpriester zu
Memphis lernte da ich mich in den ägyptischen Mysterien initieren ließ Er war
ein langer hagerer Mann hatte einen sehr langen Namen und einen noch längeren
eisgrauen Bart der ihm bis an den Gürtel reichte Sie würden ihn für einen Mann
aus der andern Welt gehalten haben so feierlich und geheimnisvoll sah er in
seiner spitzigen Mütze und in seinem schleppenden Mantel aus
Die Aufmerksamkeit der Abderiten nahm merklich zu Nannion die sich ein
wenig weiter zurückgesetzt hatte lauschte mit dem linken Ohr der Nachtigall
entgegen aber von Zeit zu Zeit schoss sie einen dankvollen Seitenblick auf den
Philosophen welchen dieser so oft die Mutter auf ihren Busen sah oder ihren
Hund küsste mit aufmunterndem Lächeln beantwortete
Das ganze Geheimnis fuhr er fort besteht darin Man schneidet unter einer
gewissen Konstellation sieben verschiedenen Vögeln deren Namen ich nicht
entdecken darf die Hälse ab lässt ihr Blut in eine kleine Grube die zu dem
Ende in die Erde gemacht wird zusammenfliessen bedeckt die Grube mit
Lorbeerzweigen und geht seines Weges Nach Verfluss von ein und zwanzig Tagen
kommt man wieder deckt die Grube auf und findet einen kleinen Drachen von
seltsamer Gestalt der aus der Fäulnis des vermischten Blutes entstanden ist 32
»Einen Drachen« riefen die Abderitinnen mit allen Merkmalen des
Erstaunens
Einen Drachen wiewohl nicht viel größer als eine gewöhnliche Fledermaus
Diesen Drachen nehmen sie schneiden ihn in kleine Stücke und essen ihn mit
etwas Essig Öl und Pfeffer ohne das Mindeste davon übrig zu lassen gehen
darauf zu Bette decken sich wohl zu und schlafen ein und zwanzig Stunden in
einem Stücke fort Darauf erwachen sie wieder kleiden sich an gehen in ihren
Garten oder in ein Wäldchen und erstaunen nicht wenig indem sie sich
augenblicklich auf allen Seiten von Vögeln umgeben und gegrüßt finden deren
Sprache und Gesang sie so gut verstehen als ob sie alle Tage ihres Lebens
nichts als Elstern Gänschen und Trutühner33 gewesen wären
Demokritus erzählte den Abderitinnen alles dies mit einer so gelassenen
Ernsthaftigkeit dass sie sich um so weniger entbrechen konnten ihm Glauben
beizumessen da er ihrer Meinung nach die Sache unmöglich mit so vielen
Umständen hätte erzählen können wenn sie nicht wahr gewesen wäre Indessen
wussten sie jetzt doch gerade nur so viel davon als nötig war um desto
ungeduldiger zu werden alles zu wissen
»Aber fragten sie was für Vögel sind es denn die man dazu braucht Ist
der Sperling der Finke die Nachtigall die Elster die Wachtel der Rabe der
Kibitz die Nachteule usf auch darunter Wie sieht der Drache aus Hat er
Flügel Wie viele hat er deren Ist er gelb oder grün oder blau oder
rosenfarb Speit er Feuer Beisst oder sticht er nicht wenn man ihn anrühren
will Ist er gut zu essen Wie schmeckt er Wie verdaut er sich Was trinkt man
dazu« Alle diese Fragen womit der gute Naturforscher von allen Seiten
bestürmt wurde machten ihm so warm dass er sich endlich am kürzesten aus dem
Handel zu ziehen glaubte wenn er ihnen gestünde er habe die ganze Historie nur
zum Scherz ersonnen
»O dies sollen Sie uns nicht weis machen riefen die Abderitinnen Sie
wollen nur nicht dass wir hinter Ihre Geheimnisse kommen Aber wir werden Ihnen
keine Ruhe lassen verlassen Sie sich darauf Wir wollen den Drachen sehen
betasten beriechen kosten und mit Haut und Knochen aufessen oder Sie
sollen uns sagen warum nicht«
Zweites Buch oder
Hippokrates in Abdera
Erstes Kapitel
Eine Abschweifung über den Charakter und die Philosophie des Demokritus welche
wir den Leser nicht zu überschlagen bitten
Wir wissen nicht wie Demokritus es angefangen um sich die neugierigen Weiber
vom Halse zu schaffen Genug dass uns diese Beispiele begreiflich machen wie
ein bloßer zufälliger Einfall Gelegenheit habe geben können den unschuldigen
Naturforscher in den Ruf zu bringen als ob er Abderite genug gewesen wäre alle
die Märchen die er seinen albernen Landesleuten aufheftete selbst zu glauben
Diejenigen die ihm dies zum Vorwurf nachgesagt haben berufen sich auf seine
Schriften Aber schon lange vor den Zeiten des Vitruvius und Plinius wurden eine
Menge unechter Büchlein mit vielbedeutenden Titeln unter seinem Namen
herumgetragen Man weiß wie gewöhnlich diese Art von Betrug den müßigen
Gräculis der späteren Zeiten war Die Namen Hermes Trismegistus Zoroaster
Orpheus Pythagoras Demokritus waren ehrwürdig genug um die armseligsten
Geburten schaler Köpfe verkäuflich zu machen insonderheit nachdem die
alexandrische Philosophenschule die Magie in eine Art von allgemeiner Achtung
und die Gelehrten in den Geschmack gebracht hatte sich bei den Ungelehrten das
Ansehen zu geben als ob sie gewaltige Wundermänner wären die den Schlüssel zur
Geisterwelt gefunden hätten und für die nun in der ganzen Natur nichts geheimes
sei Die Abderiten hatten den Demokritus in den Ruf der Zauberei gebracht weil
sie nicht begreifen konnten wie man ohne ein Hexenmeister zu sein so viel
wissen könne als sie nicht wussten und spätere Betrüger fabricierten
Zauberbücher in seinem Namen um sich jenen Ruf bei den Dummköpfen ihrer Zeit zu
Nutzen zu machen
Überhaupt waren die Griechen große Liebhaber davon mit ihren Philosophen
den Narren zu treiben Die Atenienser lachten herzlich als ihnen der witzige
Possenreisser Aristophanes weis machte Sokrates halte die Wolken für Göttinnen
messe aus wie viele Flohfüsse hoch ein Floh springen könne34 lasse sich wenn
er meditieren wolle in einem Korbe aufhängen damit die anziehende Kraft der
Erde seine Gedanken nicht einsauge usf und es dünkte sie überaus kurzweilig
den Mann der ihnen immer die Wahrheit und also oft unangenehme Dinge sagte
wenigstens auf dem Schauplatze platte Pedantereien sagen zu hören Und wie musste
sich nicht Diogenes der unter den Nachahmern des Sokrates noch am meisten die
Miene seines Originals hatte von diesem Volke das so gerne lachte misshandeln
lassen Sogar der begeisterte Plato und der tiefsinnige Aristoteles blieben
nicht von Anklagen frei wodurch man sie zu dem großen Haufen der alltäglichen
Menschen herabzusetzen suchte Was Wunder also dass es dem Manne nicht besser
erging der so verwegen war mitten unter Abderiten Verstand zu haben
Demokritus lachte zuweilen wie wir alle und würde vielleicht wenn er zu
Korint oder Smyrna oder Syrakus oder an irgend einem andern Orte der Welt
gelebt hätte nicht mehr gelacht haben als jeder andre Biedermann der sich
aus Gründen oder von Temperaments wegen aufgelegter fühlt die Torheiten der
Menschen zu belachen als zu beweinen Aber er lebte unter Abderiten Es war nun
einmal die Art dieser guten Leute immer etwas zu tun worüber man entweder
lachen oder weinen oder ungehalten werden musste und Demokritus lachte wo ein
Phocion die Stirne gerunzelt ein Kato gepoltert und ein Swift zugepeitscht
hätte Bei einem ziemlich langen Aufenthalt in Abdera konnte ihm also die Miene
der Ironie wohl eigentümlich werden aber dass er im buchstäblichen Verstande
immer aus vollem Halse gelacht habe wie ihm ein Dichter der die Sachen gern
übertreibt nachsagt35 dies hätte wenigstens niemand in Prosa sagen sollen
Doch diese Nachrede möchte immer hingehen zumal da ein so gepriesener
Philosoph wie Seneca unsern Freund Demokritus über diesen Punkt rechtfertigt
und sogar nachahmenswürdig findet »Wir müssen uns dahin bestreben sagt Seneca
36 dass uns die Torheiten und Gebrechen des großen Haufens samt und sonders
nicht hassenswürdig sondern lächerlich vorkommen und wir werden besser tun
wenn wir uns hierin den Demokritus als den Heraklitus zum Muster nehmen Dieser
pflegte so oft er unter die Leute ging zu weinen jener zu lachen dieser sah
in allem unserm Tun eitel Not und Elend jener eitel Tand und Kinderspiel Nun
ist es aber freundlicher das menschliche Leben anzulachen als es anzugrinsen
und man kann sagen dass sich derjenige um das Menschengeschlecht verdienter
macht der es belacht als der es bejammert Denn jener lässt uns doch noch immer
ein wenig Hoffnung übrig dieser hingegen weint alberner Weise über Dinge die
er bessern zu können verzweifelt Auch zeigt derjenige eine größere Seele der
wenn er einen Blick über das Ganze wirft sich nicht des Lachens als jener
der sich der Tränen nicht enthalten kann denn er gibt dadurch zu erkennen dass
alles was andern groß und wichtig genug scheint um sie in die heftigsten
Leidenschaften zu setzen in seinen Augen so klein ist dass es nur den
leichtesten und kaltblütigsten unter allen Affecten in ihm erregen kann«37
Im Vorbeigehen deucht mich die Entscheidung des Sophisten Seneca habe
Verstand wiewohl er vielleicht besser getan hätte seine Gründe weder so weit
herzuholen noch in so gekünstelte Antitesen einzuschrauben Doch wie gesagt
der bloße Umstand dass Demokritus unter Abderiten lebte und über Abderiten
lachte macht den Vorwurf von welchem die Rede ist so übertrieben er auch sein
mag zum erträglichsten unter allem was unserm Weisen aufgebürdet worden Lässt
doch Homer die Götter selbst über einen weit weniger lächerlichen Gegenstand
über den hinkenden Vulcan der aus der gutherzigen Absicht Friede unter den
Olympiern zu stiften den Mundschenken macht in ein unauslöschliches Gelächter
ausbrechen Aber das Vorgeben dass Demokritus sich selbst freiwillig des
Gesichts beraubt habe und die Ursachen warum er es getan haben soll dies
setzt auf Seiten derjenigen bei denen es Eingang finden konnte eine Neigung
voraus die wenigstens ihrem Kopfe wenig Ehre macht
Und was für eine Neigung mag denn das sein Ich will es euch sagen lieben
Freunde und gebe der günstige Himmel dass es nicht gänzlich in den Wind gesagt
sein möge
Es ist die armselige Neigung jeden Dummkopf jeden hämischen Buben für
einen unverwerflichen Zeugen gelten zu lassen sobald er einem großen Manne
irgend eine überschwengliche Ungereimteit nachsagt welche auch der
alltäglichste Mensch bei fünf gesunden Sinnen zu begehen unfähig wäre
Ich möchte nicht gerne glauben dass diese Neigung so allgemein sei als die
Verkleinerer der menschlichen Natur behaupten Aber dies wenigstens lehrt die
Erfahrung dass die kleinen Anekdoten die man von großen Geistern auf Unkosten
ihrer Vernunft circulieren zu lassen pflegt sehr leicht bei den Meisten Eingang
finden Doch vielleicht ist dieser Hang im Grunde nicht sträflicher als das
Vergnügen womit die Sternseher Flecken in der Sonne entdeckt haben Vielleicht
ist es bloß das Unerwartete und Unbegreifliche was die Entdeckung solcher
Flecken so angenehm macht Außerdem findet sich auch nicht selten dass die armen
Leute indem sie einem großen Manne Widersinnigkeiten andichten ihm nach ihrer
Art zu denken noch viel Ehre zu erweisen glauben und dies mag wohl was die
freiwillige Blindheit unsers Philosophen betrifft der Fall bei mehr als einem
abderitischen Gehirne gewesen sein
»Demokritus beraubte sich des Gesichtes sagt man damit er desto tiefer
denken könnte Was ist hierin so unglaubliches Haben wir nicht Beispiele
freiwilliger Verstümmelungen von ähnlicher Art Kombabus Origenes «
Gut Kombabus und Origenes warfen einen Teil ihrer selbst von sich und
zwar einen Teil den wohl die meisten im Fall der Not mit allen ihren Augen
und wenn sie deren soviel als Argus hätten erkaufen würden Allein sie hatten
auch einen großen Beweggrund dazu Was gibt der Mensch nicht um sein Leben Und
was tut oder leidet man nicht der Günstling eines Fürsten zu bleiben oder gar
eine Pagode zu werden Demokritus hingegen konnte keinen Beweggrund von dieser
Stärke haben Es möchte noch hingehen wenn er ein Metaphysiker oder ein Poet
gewesen wäre Dies sind Leute die zu ihrem Geschäfte des Gesichts entbehren
können Sie arbeiten am meisten mit der Einbildungskraft und diese gewinnt
sogar durch die Blindheit
Aber wenn hat man jemals gehört dass ein Beobachter der Natur ein
Zergliederer ein Sternseher sich die Augen ausgestochen hätte um desto besser
zu beobachten zu zergliedern und nach den Sternen zu sehen
Die Ungereimteit ist so handgreiflich dass Tertullianus die angebliche Tat
unsers Philosophen aus einer andern Ursache ableitet die ihm aber zum wenigsten
eben so ungereimt hätte vorkommen müssen wenn er ein besserer Raisonneur
gewesen wäre oder nicht gerade vonnöten gehabt hätte die Philosophen die er
zu Boden legen wollte in Strohmänner zu verwandeln »Er beraubte sich der
Augen sagt Tertullian40 weil er kein Weib ansehen konnte ohne ihrer zu
begehren« Ein feiner Grund für einen griechischen Philosophen aus dem
Jahrhundert des Perikles Demokritus der sich gewiss nicht einfallen ließ
weiser sein zu wollen als Solon Anaxagoras Sokrates hatte auch vonnöten zu
einem solchen Mittel seine Zuflucht zu nehmen Wahr ists der Rat des letztern41
der Demokriten gewiss nichts unbekanntes war weil er Verstand genug hatte sich
ihn selbst zu geben verfängt wenig gegen die Gewalt der Liebe und einem
Philosophen der sein ganzes Leben dem Erforschen der Wahrheit widmen wollte
war allerdings sehr viel daran gelegen sich vor einer so tyrannischen
Leidenschaft zu hüten Allein von dieser hatte auch Demokritus wenigstens in
Abdera nichts zu besorgen Die Abderitinnen waren zwar schön aber die gütige
Natur hatte ihnen die Dummheit zum Gegengift ihrer körperlichen Reizungen
gegeben Eine Abderitin war nur schön bis sie den Mund auftat oder bis man
sie in ihrem Hauskleide sah Leidenschaften von drei Tagen waren das Äußerste
was sie einem ehrlichen Manne der kein Abderite war einflößen konnte und eine
Liebe von drei Tagen ist einem Demokritus am Philosophieren so wenig hinderlich
dass wir vielmehr allen Naturforschern Zergliederern Messkünstlern und
Sternsehern demütig raten wollten sich dieses Mittels als eines vortrefflichen
Recepts gegen Milzbeschwerungen öfters zu bedienen wenn recht zu vermuten
wäre dass diese Herren zu weise sind eines Rates vonnöten zu haben Ob
Demokritus selbst die Kraft dieses Mittels zufälliger Weise bei einer oder der
andern von den abderitischen Schönen die wir bereits kennen gelernt versucht
haben möchte können wir aus Mangel autentischer Nachrichten weder bejahen noch
verneinen Aber dass er um gar nicht oder nicht zu stark von so unschädlichen
Geschöpfen eingenommen zu werden und weil er auf allen Fall sicher war dass sie
ihm die Augen nicht auskratzen würden schwach genug gewesen sei sich solche
selbst auszukratzen dies mag Tertullianus glauben so lang es ihm beliebt wir
zweifeln sehr dass es jemand mitglauben wird
Aber alle diese Ungereimteiten werden unerheblich wenn wir sie mit
demjenigen vergleichen was ein sonst in seiner Art sehr verdienter Sammler von
Materialien zur Geschichte des menschlichen Verstandes42 die Philosophie des
Demokritus nennt Es würde schwer sein von einem Haufen einzelner Trümmer
Steine und zerbrochener Säulen die man als vorgebliche Überbleibsel des großen
Tempels zu Olympia aus unzähligen Orten zusammengebracht hätte mit Gewissheit zu
sagen dass es wirklich Trümmer dieses Tempels seien Aber was würde man von
einem Manne denken der wenn er diese Trümmer so gut es ihm in der Eile
möglich gewesen wäre auf einander gelegt und mit etwas Leim und Stroh
zusammengeflickt hätte ein so armseliges Stückwerk ohne Plan ohne Fundament
ohne Größe ohne Symmetrie und Schönheit für den Tempel zu Olympia ausgeben
wollte
Überhaupt ist es gar nicht wahrscheinlich dass Demokritus ein System gemacht
habe Ein Mann der sein Leben mit Reisen Beobachtungen und Versuchen zubringt
lebt selten lange genug um die Resultate dessen was er gesehen und erfahren
in ein kunstmässiges Lehrgebäude zusammenzufügen Und in dieser Rücksicht könnte
wohl auch Demokritus wiewohl er über ein Jahrhundert gelebt haben soll noch
immer zu früh vom Tod überrascht worden sein Aber dass ein solcher Mann mit dem
durchdringenden Verstande und mit dem brennenden Durste nach Wahrheit den ihm
das Altertum einhellig zuschreibt fällig gewesen sei handgreiflichen Unsinn zu
behaupten ist noch etwas weniger als unwahrscheinlich »Demokritus sagt man
uns erklärte das Dasein der Welt lediglich aus den Atomen dem leeren Raum und
der Notwendigkeit oder dem Schicksal Er fragte die Natur achtzig Jahre lang
und sie sagte ihm kein Wort von ihrem Urheber von seinem Plan von seinem
Endzweck Er schrieb den Atomen allen einerlei Art von Bewegung zu und wurde
nicht gewahr43 dass aus Elementen die sich in parallelen Linien bewegen in
Ewigkeit keine Körper entstehen können Er leugnete dass die Verbindung der
Atomen nach dem Gesetze der Ähnlichkeit geschehe er erklärte alles in der Welt
aus einer unendlich schnellen aber blinden Bewegung und behauptete gleichwohl
dass die Welt ein Ganzes sei« usf Diesen und andern ähnlichen Unsinn setzt
man auf seine Rechnung citiert den Stobäus Sextus Censorinus und bekümmert
sich wenig darum ob es unter die möglichen Dinge gehöre dass ein Mann von
Verstande wofür man gleichwohl den Demokritus ausgibt so gar erbärmlich
raisonnieren könnte Freilich sind große Geister von der Möglichkeit sich zu
irren oder unrichtige Folgerungen zu ziehen eben so wenig frei als die
kleinen wiewohl man gestehen muss dass sie unendlichmal seltener in diese Fehler
fallen als es die Lilliputter gerne hätten aber es gibt Albernheiten die nur
ein Dummkopf zu denken oder zu sagen fähig ist so wie es Untaten gibt die nur
ein Schurke begehen kann Die besten Menschen haben ihre Anomalien und die
Weisesten leiden zuweilen eine vorübergehende Verfinsterung aber dies hindert
nicht dass man nicht mit hinlänglicher Sicherheit von einem verständigen Manne
sollte behaupten können dass er gewöhnlich und besonders in solchen
Gelegenheiten wo auch die Dummsten allen den ihrigen zusammenraffen wie ein
Mann von Verstande verfahren werde
Diese Maxime könnte uns wenn sie gehörig angewendet würde im Leben manches
rasche Urteil manche von wichtigen Folgen begleitete Verwechslung des Scheins
mit der Wahrheit ersparen helfen Aber den Abderiten half sie nichts Denn zum
Anwenden einer Maxime wird gerade das Ding erfordert das sie nicht hatten Die
guten Leute behalfen sich mit einer ganz andern Logik als vernünftige Menschen
und in ihren Köpfen waren Begriffe associiert die wenn es keine Abderiten
gäbe sonst in aller Ewigkeit nie zusammenkommen würden Demokritus untersuchte
die Natur der Dinge und bemerkte die Ursachen gewisser Naturbegebenheiten ein
wenig früher als die Abderiten also war er ein Zauberer Er dachte über alles
anders als sie lebte nach andern Grundsätzen brachte seine Zeit auf eine ihnen
unbegreifliche Art mit sich selbst zu also war es nicht recht richtig in
seinem Kopfe der Mann hatte sich überstudiert und man besorgte dass es einen
unglücklichen Ausgang mit ihm nehmen werde
Zweites Kapitel
Demokritus wird eines schweren Verbrechens beschuldiget und von einem seiner
Verwandten damit entschuldiget dass er seines Verstandes nicht recht mächtig sei
Wie er das Ungewitter welches ihm der Priester Strobylus zubereiten wollte
noch zu rechter Zeit ableitet ein Arcanum dessen Wirkung selten ausbleibt
wenn es recht appliciert wird
Was hört man vom Demokritus sagten die Abderiten unter einander »Schon
sechs ganzer Wochen will niemand nichts von ihm gesehen haben Man kann seiner
nie habhaft werden oder wenn man ihn endlich trifft so sitzt er in tiefen
Gedanken und ihr seid eine halbe Stunde vor ihm gestanden habt mit ihm
gesprochen und seid wieder weggegangen ohne dass er es gewahr worden ist Bald
wühlt er in den Eingeweiden von Hunden und Katzen herum bald kocht er Kräuter
oder steht mit einem großen Blasebalg in der Hand vor einem Zauberofen und
macht Gold oder noch was ärgers Bei Tage klettert er wie ein Gems die
steilsten Klippen des Hämus hinan um Kräuter zu suchen als ob es deren nicht
genug in der Nähe gäbe und bei Nacht wo sogar die unvernünftigen Geschöpfe der
Ruhe pflegen wickelt er sich in einen scytischen Pelz und guckt beim Kastor
durch ein Blaserohr nach den Sternen«
»Ha ha ha Man könnte sichs nicht närrischer träumen lassen Ha ha ha«
lachte der kurze dicke Ratsherr
»Es ist bei allem dem Schade um den Mann sagte der Archon von Abdera man
muss gleichwohl gestehen dass er viel weiß«
»Aber was hat die Republik davon« versetzte ein Ratsherr der sich mit
Projecten Verbesserungsvorschlägen und Deductionen veralteter Ansprüche eine
hübsche runde Summe von der Republik verdient hatte und in Kraft dessen immer
aus vollen Backen von seinen Verdiensten um das abderitische Wesen prahlte
wiewohl das abderitische Wesen sich durch alle seine Projecte Deductionen und
Verbesserungen nicht um hundert Drachmen besser befand
»Es ist wahr sprach ein andrer mit seiner Wissenschaft läuft es auf lauter
Spielwerk hinaus nichts gründliches In minimis maximus«
»Und dann sein unerträglicher Stolz Seine Widersprechungssucht Sein
ewiges Vernünfteln und Tadeln und Spötteln«
»Und sein schlimmer Geschmack«
»Von der Musik wenigstens versteht er nicht den Guguck« sagte der
Nomophylax
»Vom Theater noch weniger« rief Hyperbolus
»Und von der hohen Ode gar nichts« sagte Physignatus
»Er ist ein Scharlatan ein Windbeutel «
»Und ein Freigeist obendrein schrie der Priester Strobylus ein
ausgemachter Freigeist ein Mensch der nichts glaubt dem nichts heilig ist Man
kann ihm beweisen dass er einer Menge von Fröschen die Zungen bei lebendigem
Leibe ausgerissen hat«
»Man spricht stark davon dass er deren etliche sogar lebendig zergliedert
habe« sagte jemand
»Ists möglich rief Strobylus mit allen Merkmalen des äußersten Entsetzens
sollte dies bewiesen werden können Gerechte Latona Wozu diese verfluchte
Philosophie einen Menschen nicht bringen kann Aber sollt es wirklich bewiesen
werden können«
»Ich geb es wie ich es empfangen habe« erwiderte jener
»Es muss untersucht werden schrie Strobylus hochpreislicher Herr Archon
Wohlweise Herren ich fodre Sie hiermit im Namen der Latona auf die Sache muss
untersucht werden«
»Wozu eine Untersuchung sagte Trasyllus einer von den Häuptern der
Republik ein naher Anverwandter und vermutlicher Erbe des Philosophen Die
Sache hat ihre Richtigkeit Aber sie beweiset weiter nichts als was ich leider
schon seit geraumer Zeit an meinem armen Vetter wahrgenommen habe dass es mit
seinem Verstande nicht so gut steht als zu wünschen wäre Demokritus ist kein
schlimmer Mann er ist kein Verächter der Götter aber er hat Stunden wo er
nicht bei sich selber ist Wenn er einen Frosch zergliedert hat so wollt ich
für ihn schwören dass er den Frosch für eine Katze ansah«
»Desto schlimmer« sagte Strobylus
»In der Tat desto schlimmer für seinen Kopf und für sein Hauswesen
fuhr Trasyllus fort Der arme Mann ist in einem Zustande wobei wir nicht
länger gleichgültig bleiben können Die Familie wird sich genötigt sehen die
Republik um Hilfe anzurufen Er ist in keinerlei Betrachtung fähig sein
Vermögen selbst zu verwalten Er wird bevogtet werden müssen«
»Wenn dies ist « sagte der Archon mit einer bedenklichen Miene und hielt
inne
»Ich werde die Ehre haben Ihre Herrlichkeit näher von der Sache zu
unterrichten« versetzte der Ratsherr Trasyllus
»Wie Demokritus sollte nicht bei Verstande sein rief einer aus den
Anwesenden Meine Herren von Abdera bedenken Sie wohl was Sie tun Sie sind in
Gefahr dem ganzen Griechenland ein großes Lachen zuzubereiten Ich will meine
Ohren verloren haben wenn Sie einen verständigern Mann diesseits und jenseits
des Hebrus finden als diesen nämlichen Demokritus Nehmen Sie sich in Acht
meine Herren die Sache ist kitzlicher als Sie vielleicht denken«
Unsre Leser erstaunen aber wir wollen Ihnen sogleich aus dem Wunder
helfen Derjenige der dies sagte war kein Abderit Er war ein Fremder aus
Syrakus und was die Ratsherren von Abdera im Respekt erhielt ein naher
Verwandter des älteren Dionysius der sich vor kurzem zum Fürsten dieser Republik
aufgeworfen hatte
»Sie können versichert sein antwortete der Archon dem Syrakusaner dass wir
nicht weiter in der Sache gehen werden als wir Grund finden«
»Ich nehme zu viel Anteil an der Ehre welche der erlauchte Syrakusaner
meinem Vetter durch seine gute Meinung erweist sagte Trasyllus als dass ich
nicht wünschen sollte sie bestätigen zu können Es ist wahr Demokritus hat
seine hellen Augenblicke und in einem solchen wird ihn der Prinz gesprochen
haben Aber leider es sind nur Augenblicke«
»So müssen die Augenblicke in Abdera sehr lang sein« fiel der Syrakusaner
ein
»Hoch und Wohlweise Herren sagte der Priester Strobylus die Umstände
mögen beschaffen sein wie sie wollen bedenken Sie dass die Rede von einem
lebendig zergliederten Frosche ist Die Sache ist wichtig und ich dringe auf
Untersuchung Denn dafür sei Latona und Apollo dass ich fürchten sollte «
»Beruhigen Sie sich Herr Oberpriester fiel ihm der Archon ins Wort der
unter uns gesagt selbst ein wenig im Verdachte stund von den Fröschen der
Latona nicht so gesund zu denken wie man in Abdera davon denken musste Auf die
erste Anregung welche von Seiten der Vorsteher des geheiligten Teiches beim
Senat gemacht werden wird sollen die Frösche alle gebührende Genugtuung
erhalten«
Der Syrakusaner ließ den Demokritus unverzüglich von allem benachrichtigen
was in dieser Gesellschaft gesprochen worden war
Lass den fettesten jungen Pfauen44 im Hühnerhofe würgen und an den Bratspiess
stecken sagte Demokritus zu seiner Haushälterin und benachrichtige mich wenn
er gar ist
Des nämlichen Abends als sich Strobylus zu Tische setzte ward der gebratne
Pfau in einer silbernen Schüssel als ein Geschenk des Demokritus aufgetragen
Als man ihn öffnete siehe da war er mit hundert goldnen Dariken45 gefüllt Es
muss doch nicht so gar übel mit dem Verstande des Mannes stehen dachte
Strobylus
Das Mittel wirkte unverzüglich was es wirken sollte Der Oberpriester ließ
sich den Pfauen herrlich schmecken trank grichischen Wein dazu strich die
hundert Dariken in seinen Beutel und dankte der Latona für die Genugtuung die
sie ihren Fröschen verschafft hatte
»Wir haben alle unsre Fehler sagte Strobylus des folgenden Tages in einer
großen Gesellschaft Demokritus ist zwar ein Philosoph aber ich finde doch dass
er es so übel nicht meint als ihn seine Feinde beschuldigen Die Welt ist
schlimm man hat wunderliche Dinge von ihm erzählt aber ich denke gern das
Beste von jedermann Ich hoffe sein Herz ist besser als sein Kopf Es soll
nicht gar zu richtig in dem letztern sein und ich glaub es selbst Einem
Menschen in solchen Umständen muss man viel zu gut halten Ich bin gewiss dass er
der feinste Mann in ganz Abdera wäre wenn ihm die Philosophie den Verstand
nicht verdorben hätte«
Strobylus fing durch diese Rede zwo Fliegen mit einer Klappe Er entledigte
sich seiner Verbindlichkeit gegen unsern Philosophen da er von ihm als von
einem guten Manne sprach und machte sich ein Verdienst um den Ratsherrn
Trasyllus indem er es auf Unkosten seines Verstandes tat Woraus zu ersehen
ist dass der Priester Strobylus bei aller seiner Einfalt oder Dummheit wenn
man es so nennen will ein schlauer Gast war
Drittes Kapitel
Eine kleine Abschweifung in die Regierungszeit Schah Bahams des Weisen
Charakter des Ratsherrn Trasyllus
Es gibt eine Art von Menschen die man viele Jahre lang kennen und beobachten
kann ohne mit sich selbst einig zu werden ob man sie in die Klasse der
schwachen oder der bösen Leute setzen soll Kaum haben sie einen Streich
gemacht dessen kein Mensch von einiger Überlegung fähig zu sein scheint so
überraschen sie uns durch eine so wohl ausgedachte Bosheit dass wir mit allem
guten Willen von ihrem Herzen das Beste zu denken uns in der Unmöglichkeit
befinden die Schuld auf ihren Kopf zu legen Gestern nahmen wir es für
ausgemacht an dass Herr Quidam so schwach von Verstande sei dass es Sünde wäre
ihm seine Ungereimteiten zu Verbrechen zu machen heute überführt uns der
Augenschein dass der Mann zu übeltätig ist um ein bloßer Dummkopf zu sein wir
sehen keinen Ausweg ihn von der Schuld eines bösen Willens frei zu sprechen
Aber kaum haben wir hierüber unsre Partei genommen so sagt oder tut er etwas
das uns wieder in unsre vorige Hypothese zurückwirft oder wenigstens in eine
der unangenehmsten Seelenlagen in die Verlegenheit setzt nicht zu wissen was
wir von dem Manne denken oder wenn unser Unstern will dass wir mit ihm zu tun
haben müssen was wir mit ihm anfangen wollen
Die geheime Geschichte von Agra sagt dass der berühmte SchahBaham sich
einsmals mit einem seiner Omrahs in diesem Falle befunden habe Der Omrah wurde
beschuldigt dass er Ungerechtigkeit ausgeübt habe
So soll er gehangen werden sagte SchahBaham
»Aber Sire sagte man der arme Kurli ist ein so schwacher Kopf dass noch
die Frage ist ob er den Unterschied zwischen Recht und Link deutlich genug
einsieht um zu wissen wenn er eine Ungerechtigkeit begeht oder nicht«
Wenn dies ist sagte SchahBaham so schickt ihn ins Narrenhospital
»Gleichwohl Sire da er Verstands genug hat einem Wagen mit Heu
auszuweichen und bei einem Pfeiler an dem er sich den Kopf zerschnellen
könnte vorbeizugehen weil er wohl merkt dass der Pfeiler nicht bei ihm
vorbeigehen würde «
Merkt er das rief der Sultan beim Barte des Propheten so sagt mir nichts
weiter Morgen soll man sehen ob Justiz in Agra ist
»Indessen gibt es Leute die Eur Majestät versichern werden dass der Omrah
seine Dummheit ausgenommen die ihm zuweilen boshaft macht der ehrlichste
Mann von der Welt ist«
»Um Vergebung fiel ein andrer von den Anwesenden Höflingen ein gerade
das Gegenteil Kurli hat alles was noch gut an ihm ist seiner Dummheit zu
danken Er würde zehnmal schlimmer sein als er ist wenn er Verstand genug
hätte um zu wissen wie ers anfangen soll«
Wisst ihr auch meine Freunde dass in allem was ihr mir da sagt kein
Menschenverstand ist versetzte SchahBaham Vergleicht euch mit euch selbst
wenn ich bitten darf Kurli spricht dieser ist ein böser Mann weil er dumm
ist Nein spricht jener er ist dumm weil er boshaft ist Gefehlt spricht
der dritte er würde ein schlimmer Mann sein wenn er nicht so dumm wäre
Wie wollt ihr dass unser einer aus diesem Galimatias klug werde Da
entscheide mir einmal jemand was ich mit ihm anfangen soll Denn entweder ist
er zu boshaft fürs Narrenspital oder zu dumm für den Galgen
»Dies ist es eben sagte die Sultanin Darejan Kurli ist zu dumm um sehr
boshaft zu sein und doch würde Kurli noch weniger boshaft sein als er ist wenn
er weniger dumm wäre«
Der Henker hole den rätselhaften Kerl rief SchahBaham Da sitzen wir und
zerbrechen uns die Köpfe um ausfindig zu machen ob er ein Esel oder ein
Schurke sei und am Ende werdet ihr sehen dass er Beides ist Alles wohl
überlegt wisst ihr was ich tun will Ich will ihn laufen lassen Seine Bosheit
und seine Dummheit werden einander schon die Waage halten Er wird in so fern
er nur kein Omrah ist weder durch diese noch jene großen Schaden tun Die Welt
ist weit lass ihn laufen Itimaddulet aber vorher soll er kommen und sich bei
der Sultanin bedanken Nur noch vor drei Minuten wollt ich ihm keine Feige um
seinen Hals gegeben haben
Man hat lange nicht ausfindig machen können warum SchahBaham den Beinamen
des Weisen in den Geschichtbüchern von Hindostan führt Aber nach dieser
Entscheidung kann es keine Frage mehr sein Alle sieben Weisen aus Griechenland
hätten den Knoten nicht besser auflösen können als ihn SchahBaham zerhieb
Der Ratsherr Trasyllus hatte das Unglück einer von diesen zum Glück der
Welt nicht so gar gewöhnlichen Menschen zu sein in deren Kopf und Herzen
Dummheit und Bosheit nach dem Ausdruck des Sultans einander die Waage halten
Seine Anschläge auf das Vermögen des Demokritus waren nicht von gestern her Er
hatte darauf gezählt dass sein Verwandter nach einer so langen Abwesenheit gar
nicht wiederkommen würde und auf diese Voraussetzung hatte er sich die Mühe
gegeben einen Plan zu machen den die Wiederkunft des Philosophen auf eine sehr
unangenehme Art vereitelte Trasyllus dessen Einbildung schon daran gewöhnt
war das Erbgut des Demokritus für einen Teil seines eignen Vermögens anzusehen
konnte sich nun nicht so leicht gewöhnen anders zu denken Er betrachtete also
den Demokritus als einen Räuber der ihm das Seinige vorentielt Aber
unglücklicher Weise hatte dieser der Räuber die Gesetze auf seiner Seite
Der arme Trasyllus durchsuchte alle Winkel in seinem Kopfe ein Mittel
gegen diesen ungünstigen Umstand zu finden und suchte lange vergebens Endlich
glaubte er in der Lebensart des Philosophen einen Grund auf den er bauen
könnte gefunden zu haben Die Abderiten waren schon vorbereitet dachte
Trasyllus denn dass Demokritus ein Narr sei war zu Abdera eine ausgemachte
Sache Es kam also nur noch darauf an dem großen Rat legaliter dazutun dass
seine Narrheit von derjenigen Art sei welche den damit Behafteten unfähig
macht sein eigener Herr zu sein Dies hatte nun einige Schwierigkeiten Mit
seinem eignen Verstande würde Trasyllus schwerlich durchgekommen sein Aber in
solchen Fällen finden seines gleichen für ihr Geld immer einen Spitzbuben der
ihnen seinen Kopf leiht und dann ist es so viel als ob sie selbst einen
hätten
Viertes Kapitel
Kurze doch hinlängliche Nachrichten von den abderitischen Sykophanten
Ein Fragment aus der Rede worin Trasyllus um die Bevogtung seines Vettern
ansuchte
Es gab damals zu Abdera eine Art von Leuten die sich von der Kunst nährten
schlimme Händel so zurechte zu machen dass sie wie gut aussahen Sie gebrauchten
dazu nur zween Hauptkunstgriffe entweder sie verfälschten das Factum oder sie
verdrehten das Gesetz Weil diese Lebensart sehr einträglich war so legten sich
nach und nach eine so große Menge von müßigen Leuten darauf dass die Pfuscher
zuletzt die Meister verdrangen Die Profession verlor dadurch von ihrem Ansehen
Man nannte diejenigen die sich damit abgaben Sykophanten weil die meisten so
arme Schelme waren dass sie für eine Feige alles sagten was man wollte
Indessen da die Sykophanten wenigstens den zwanzigsten Teil der Einwohner
von Abdera ausmachten und die Leute gleichwohl nicht bloß von Feigen leben
konnten so reichten die gewöhnlichen Gelegenheiten wobei die Rechtshändel zu
entstehen pflegen nicht mehr zu Die Vorfahren der Sykophanten hatten gewartet
bis man sie um ihren Beistand ansprach Aber bei dieser Methode hätten die
neueren Sykophanten hungern oder graben müssen Denn zu betteln war in Abdera
nicht erlaubt welches im Vorbeigehen zu sagen das einzige war was die
Fremden an der abderitischen Polizei zu loben fanden Nun waren die Sykophanten
zum Graben zu faul folglich blieb den meisten kein ander Mittel übrig als
die Händel die sie führen wollten selbst zu machen
Weil die Abderiten Leute von sehr hitziger Gemütsart und von geringer
Besonnenheit waren so fehlt es dazu nie an Gelegenheit Jede Kleinigkeit gab
also einen Handel jeder Abderite hatte seinen Sykophanten und so wurde wieder
eine Art von Gleichgewicht hergestellt wodurch sich die Profession um so mehr
in Ansehen erhielt weil die Nacheiferung große Talente entwickelte
Abdera gewann dadurch den Ruhm dass die Kunst Facta zu verfälschen und
Gesetze zu verdrehen in Athen selbst nicht so hoch gebracht worden sei und
dieser Ruhm wurde in der Folge dem Staat einträglich Denn wer einen
ungewöhnlich schlimmen Handel von einiger Wichtigkeit hatte verschrieb sich
einen abderitischen Sykophanten und es müsste nicht natürlich zugegangen sein
wenn der Sykophant eher von einem solchen Klienten abgelassen hätte bis nichts
mehr an ihm zu saugen übrig war
Doch dies war noch nicht der größte Vorteil den die Abderiten von ihren
Sykophanten zogen Was diese Leute in ihren Augen am vorzüglichsten machte war
die Bequemlichkeit eine jede Schelmerei ausführen zu können ohne sich selbst
dabei bemühen zu müssen oder sich mit der Justiz abzuwerfen Man brauchte die
Sache nur einem Sykophanten zu übergeben so konnte man gewöhnlicher Weise des
Ausgangs wegen ruhig sein Ich sage gewöhnlicher Weise denn freilich gab es
mitunter auch Fälle wo der Sykophant nachdem er sich erst von seinem Klienten
wohl hatte bezahlen lassen gleichwohl heimlich dem Gegenteil zu seinem Rechte
verhalf aber dies geschah auch niemals als wenn dieser wenigstens zween
Drittel mehr gab als der Klient
Übrigens konnte man nichts erbaulichers sehen als das gute Vernehmen worin
zu Abdera die Sykophanten mit den Magistratspersonen stunden Die einzigen die
sich übel bei dieser Eintracht befanden waren die Klienten Bei allen andern
Unternehmungen so gefährlich und gewagt sie auch immer sein mögen bleibt doch
wenigstens eine Möglichkeit mit ganzer Haut davon zu kommen Aber ein
abderitischer Klient war immer gewiss um sein Geld zu kommen er mochte seinen
Handel gewinnen oder verlieren Nun rechteten die Leute zwar darum weder mehr
noch weniger allein ihre Justiz kam dabei in einen Ruf gegen welchen nur
Abderiten gleichgültig sein konnten Denn es wurde zu einem Sprüchwort in
Griechenland demjenigen dem man das Ärgste an den Hals wünschen wollte einen
Prozess in Abdera zu wünschen
Aber beinahe hätten wir über den Sykophanten vergessen dass die Rede von
den Absichten des Ratsherrn Trasyllus auf das Vermögen unsers Philosophen und
von den Mitteln war wodurch er seinen vorhabenden Raub unter dem Schutze der
Gesetze zu begehen versuchen wollte
Um den geneigten Leser mit keiner langweiligen Umständlichkeit aufzuhalten
begnügen wir uns zu sagen dass Trasyllus die Sache seinem Sykophanten auftrug
Es war einer von den geschicktesten in ganz Abdera ein Mann der die gemeinen
Kunstgriffe seiner Mitbrüder verachtete und sich viel darauf zu gut tat dass
er seitdem er sein edles Handwerk trieb ein paar hundert schlimme Händel
gewonnen hatte ohne jemals eine einzige directe Lüge zu sagen Er steifte sich
auf lauter unleugbare Facta aber seine Stärke lag in der Zusammensetzung und im
Helldunkeln Demokritus hätte in keine bessern Hände fallen können Wir bedauern
nur dass wir weil die Acten des ganzen Processes längst von Mäusen gefressen
worden außer Stande sind jungen neuangehenden Sykophanten zum Besten die Rede
vollständig mitzuteilen worin dieser Meister in der Kunst dem großen Rate zu
Abdera bewies dass Demokritus seines Vermögens entsetzt werden müsse Alles was
von dieser Rede übrig geblieben ist ein kleines Fragment welches uns
merkwürdig genug scheint um zur Probe wie diese Herren eine Sache zu wenden
pflegten ein paar Blätter in dieser Geschichte einzunehmen
»Die größten die gefährlichsten die unerträglichsten aller Narren sagte
er sind die raisonnierenden Narren Ohne weniger Narren zu sein als andre
verbergen sie dem undenkenden Haufen die Zerrüttung ihres Kopfes durch die
Fertigkeit ihrer Zunge und werden für weise gehalten weil sie
zusammenhangender rasen als ihre Mitbrüder im Tollhause Ein ungelehrter Narr
ist verloren so bald es so weit mit ihm gekommen ist dass er Unsinn spricht
Bei dem gelehrten Narren hingegen sehen wir gerade das Widerspiel Sein Glück
ist gemacht und sein Ruhm befestiget so bald er Unsinn zu reden oder zu
schreiben anfängt Denn die meisten wiewohl sie sich ganz eigentlich bewusst
sind dass sie nichts davon verstehen sind entweder zu misstrauisch gegen ihren
eigenen Verstand um gewahr zu werden dass die Schuld nicht an ihnen liegt oder
zu dumm um es zu merken und also zu eitel um zu gestehen dass sie nichts
verstanden haben Je mehr also der gelehrte Narr Unsinn spricht desto lauter
schreien die dummen Narren über Wunder desto emsiger verdrehen sie sich die
Köpfe um Sinn in dem hochtönenden Unsinn zu finden Jener gleich einem durch
den öffentlichen Beifall angefrischten Luftspringer tut immer desto verwegnere
Sätze je mehr ihm zugeklatscht wird Diese klatschen immer stärker um den
gelehrten Gaukler noch größere Wunder tun zu sehen Und so geschieht es oft dass
der Schwindelgeist eines Einzigen ein ganzes Volk ergreift und dass so lange
die Mode des Unsinns dauert dem nämlichen Manne Altäre aufgerichtet werden den
man zu einer andern Zeit ohne viele Umstände mit ihm zu machen in einem
Hospital versorgt haben würde Glücklicher Weise für unsere gute Stadt Abdera
ist es so weit mit uns noch nicht gekommen Wir erkennen und bekennen alle aus
einem Munde dass Demokritus ein Sonderling ein Phantast ein Grillenfänger ist
Aber wir begnügen uns über ihn zu lachen und dies ist es eben worin wir
fehlen Itzt lachen wir über ihn aber wie lange wird es währen so werden wir
anfangen etwas Außerordentliches in seiner Narrheit zu finden Vom Erstaunen
zum Bewundern ist nur ein Schritt und haben wir diesen erst getan Götter wer
wird uns sagen können wo wir aufhören werden Demokritus ist ein Phantast
sprechen wir jetzt und lachen Aber was für ein Phantast ist Demokritus ein
eingebildeter starker Geist ein Spötter unsrer uralten Gebräuche und
Einrichtungen ein Müßiggänger dessen Beschäftigungen dem Staate nicht mehr
Nutzen bringen als wenn er gar nichts täte ein Mann der Katzen zergliedert
der die Sprache der Vögel versteht und den Stein der Weisen sucht ein
Nekromant ein Schmetterlingsjäger ein Sterngucker Und wir können noch
zweifeln ob er eine dunkle Kammer verdient Was würde aus Abdera werden wenn
seine Narrheit endlich ansteckend würde Wollen wir lieber die Folgen eines so
großen Übels erwarten als das einzige Mittel vorkehren wodurch wir es verhüten
könnten Zu unserm Glücke gehen die Gesetze dieses Mittel an die Hand Es ist
einfach es ist rechtmäßig es ist unfehlbar Ein dunkles Kämmerchen Hochweise
Väter ein dunkles Kämmerchen So sind wir auf einmal außer Gefahr und
Demokritus mag rasen so viel ihm beliebt
Aber sagen seine Freunde denn so weit ist es schon mit uns gekommen dass
ein Mann den wir alle für unsinnig halten Freunde unter uns hat Aber sagen
sie wo sind die Beweise dass seine Narrheit schon zu jenem Grade gestiegen ist
den die Gesetze zu einem dunkeln Kämmerchen erfodern Wahrhaftig wenn wir
nach allem was wir schon wissen noch Beweise fodern so wird er glühende Kohlen
für Goldstücke ansehen oder die Sonne am Mittag mit einer Laterne suchen
müssen wenn wir überzeugt werden sollen Hat er nicht behauptet dass die
Liebesgöttin in Aetiopien schwarz sei Hat er unsre Weiber nicht bereden
wollen nackend zu gehen wie die Weiber der Gymnosophisten Versicherte er nicht
neulich in einer großen Gesellschaft die Sonne stehe still die Erde überwälze
sich dreihundert und fünf und sechzigmal des Jahrs durch den Tierkreis und die
Ursache warum wir nicht ins Leere hinausfallen sei weil mitten in der Erde
ein großer Magnet liege der uns gleich eben so viel Feilspänen anziehe
wiewohl wir nicht von Eisen sind Doch ich will gerne zugeben dass dies alles
Kleinigkeiten sind Man kann närrische Dinge reden und kluge tun Wollte
Latona dass der Philosoph sich in diesem Falle befände Aber mir ist leid dass
ich es sagen muss seine Handlungen setzen einen so ungewöhnlichen Grad von
Wahnwitz voraus dass alle Niesewurz in der Welt zu wenig sein würde das Gehirn
zu reinigen worin sie ausgeheckt werden Um die Geduld des erlauchten Senats
nicht zu ermüden will ich aus unzähligen Beispielen nur zwei anführen deren
Gewissheit gerichtlich erwiesen werden kann falls sie ihrer Unglaublichkeit
wegen in Zweifel gezogen werden sollten
Vor einiger Zeit wurden unserm Philosophen Feigen vorgesetzt die wie es
ihm deuchte einen ganz besonderen Honiggeschmack hatten Die Sache schien ihm
von Wichtigkeit zu sein Er stund vom Tisch auf ging in den Garten ließ sich
den Baum zeigen von welchem die Feigen gelesen worden waren untersuchte den
Baum von unten bis oben ließ ihn bis an die Wurzeln aufgraben erforschte die
Erde worin er stund und wie ich nicht zweifle auch die Konstellation in der
er gepflanzt worden war Kurz er zerbrach sich etliche Tage lang den Kopf
darüber wie und welchergestalt die Atomen sich mit einander vergleichen müssten
wenn eine Feige nach Honig schmecken sollte Er ersann eine Hypothese verwarf
sie wieder fand eine andre dann die dritte und vierte und verwarf alle
wieder weil ihm keine scharfsinnig und gelehrt genug zu sein schien Die Sache
lag ihm so sehr am Herzen dass er Schlaf und Essenslust darüber verlor Endlich
erbarmte sich seine Köchin über ihn Herr sagte die Köchin wenn Sie nicht so
gelehrt wären so hätte Ihnen wohl längst einfallen müssen warum die Feigen
nach Honig schmeckten Und warum denn fragte Demokritus Ich legte sie um
sie frischer zu erhalten in einen Topf worin Honig gewesen war sagte die
Köchin dies ist das ganze Geheimnis und da ist weiter nichts zu untersuchen
dächt ich Du bist ein dummes Tier rief der mondsüchtige Philosoph Eine
feine Erklärung die du mir da gibst Für Geschöpfe deines gleichen mag sie
vielleicht gut genug sein aber meinst du dass wir andern uns mit so einfältigen
Erklärungen befriedigen lassen Gesetzt die Sache verhielte sich wie du sagst
was geht das mich an Dein Honigtopf soll mich wahrlich nicht abhalten
nachzuforschen wie die nämliche Naturbegebenheit auch ohne Honigtopf hätte
erfolgen können Und so fuhr der weise Mann fort der Vernunft und seiner Köchin
zu Trotz eine Ursache die nicht tiefer als in einem Honigtopfe lag in dem
unergründlichen Brunnen zu suchen worin seinem Vorgehen nach die Wahrheit
verborgen liegt bis eine andre Grille die seiner Phantasie in den Wurf kam
ihn zu andern vielleicht noch ungereimteren Nachforschungen verleitete
Doch so lächerlich diese Anekdote ist so ist sie doch nichts gegen die
Probe von Klugheit die er ablegte als im abgewichenen Jahre die Oliven in
Tracien und allen angrenzenden Gegenden missgeraten waren Demokritus hatte das
Jahr zuvor ich weiß nicht ob durch Punctation oder andre magische Künste
herausgebracht dass die Oliven die damals sehr wohlfeil waren im folgenden
Jahre gänzlich fehlen würden Ein solches Vor wissen würde hinlänglich sein das
Glück eines vernünftigen Mannes auf seine ganze Lebenszeit zu machen Auch hatte
es Anfangs das Ansehen als ob Demokritus diese Gelegenheit nicht entwischen
lassen wollte denn er kaufte alles Öl im ganzen Lande zusammen Ein Jahr darauf
stieg der Preis des Öls teils des Misswachses wegen teils weil aller Vorrat in
Demokritus Händen war viermal so hoch als es ihm gekostet hatte Nun gehe ich
allen Leuten welche wissen dass Viere viermal mehr als Eins sind zu erraten
was der Mann tat Können Sie sich vorstellen dass er unsinnig genug war
seinen Verkäufern ihr Öl um den nämlichen Preis wie er es von ihnen erhandelt
hatte zurückzugeben46 Wir wissen auch wie weit die Großmut bei einem
Menschen der seiner Sinne mächtig ist gehen kann Aber diese Tat lag so weit
außer den Grenzen der Glaubwürdigkeit dass die Leute die dabei gewannen selbst
die Köpfe schüttelten und gegen den Verstand des Mannes der einen Haufen Gold
für einen Haufen Nussschalen ansah Zweifel bekamen die zum Unglück für seine
Erben nur zu wohl gegründet waren«
Fünftes Kapitel
Die Sache wird auf ein medicinisches
Gutachten ausgestellt
Der Senat lässt ein Schreiben an den Hippokrates abgehen
Der Arzt kommt in Abdera an erscheint vor Rat wird vom Ratsherrn Trasyllus zu
einem Gastgebot gebeten und hat Langeweile
Ein Beispiel dass ein Beutel voll Dariken nicht bei allen Leuten anschlägt
So weit geht das Fragment und wenn man von einem so kleinen Teile auf das Ganze
schließen könnte so hätte der Sykophant allerdings mehr als einen Korb voll
Feigen von dem Ratsherrn Trasyllus verdient Seine Schuld war es wenigstens
nicht wenn der hohe Senat von Abdera unsern Philosophen nicht zu einem dunkeln
Kämmerchen verurteilte Aber Trasyllus hatte Missgönner im Senate und Meister
Pfrieme der inzwischen Zunftmeister worden war behauptete mit großem Eifer
dass es wider die Freiheit von Abdera laufen würde einen Bürger für wahnwitzig
zu erklären eh er von einem unparteiischen Arzte so befunden worden sei
»Wohl rief Trasyllus meinetwegen kann man den Hippokrates selbst über die
Sache sprechen lassen Ich bins wohl zufrieden«
Sagten wir nicht oben dass die Dummheit des Ratsherrn Trasyllus seiner
Bosheit die Waage gehalten habe Es war ein dummer Streich von ihm sich in
einer so misslichen Sache auf den Hippokrates zu berufen Aber freilich fiel es
ihm auch nicht ein dass man ihn beim Worte nehmen würde
Hippokrates sagte der Archon ist allerdings der Mann der uns am besten
aus diesem bedenklichen Handel ziehen könnte Zu gutem Glück befindet er sich
eben zu Tasos vielleicht lässt er sich bewegen zu uns herüber zu kommen wenn
wir ihn im Namen der Republik einladen lassen
Trasyllus entfärbte sich ein wenig da er hörte dass man Ernst aus der
Sache machen wollte Aber die Mehrheit der Stimmen fiel dem Archon bei Man
schickte unverzüglich einen Deputierten mit einem Einladungsschreiben47 an den
Arzt ab und brachte den Rest der Session damit zu sich über die
Ehrenbezeugungen zu beratschlagen womit man ihn empfangen wollte
»Dies war doch so abderitisch nicht« werden die Ärzte denken die sich
vielleicht unter unsern Lesern befinden Aber wo sagten wir denn dass die
Abderiten gar nichts getan hätten was auch einem vernünftigen Volke anständig
sein würde Indessen lag doch der wahre Grund warum sie dem Hippokrates so viel
Ehre erweisen wollten keinesweges in der Hochachtung die sie für ihn
empfanden sondern lediglich in der Eitelkeit für Leute gehalten zu werden die
einen großen Mann zu schätzen wüssten Und überdies merkten wir nicht schon bei
einer andern Gelegenheit an dass sie von je her außerordentliche Liebhaber von
Feierlichkeiten gewesen
Die Abgeordneten hatten Befehl dem Hippokrates nichts weiter zu sagen als
dass der Senat von Abdera seiner Gegenwart und seines Ausspruchs in einer sehr
wichtigen Angelegenheit vonnöten habe und Hippokrates konnte sich mit aller
seiner Philosophie nicht einbilden was für eine wichtige Sache dies sein
könnte Denn wozu dacht er haben sie nötig ein Geheimnis daraus zu machen
Der Senat von Abdera kann doch schwerlich in Korpore mit einer Krankheit
befallen sein die man nicht gerne kund werden lässt
Indessen entschloss er sich um so williger zu dieser Reise weil er schon
lange gewünscht hatte unsern Philosophen persönlich kennen zu lernen Aber wie
groß war sein Erstaunen da ihm nachdem er mit großem Gepränge eingeholt und
vor den versammelten Rat geführt worden war von dem regierenden Archon in
einer wohlgesetzten Rede zu wissen gemacht wurde »dass man ihn bloß darum nach
Abdera berufen habe um die Wahnsinnigkeit ihres Mitbürgers Demokritus zu
untersuchen und gutächtlich zu berichten ob ihm noch geholfen werden könne
oder ob es nicht schon so weit mit ihm gekommen sei dass man ihn ohne Bedenken
für bürgerlich tot erklären könne«
Dies muss ein andrer Demokritus sein dachte der Arzt Anfangs Aber die
Herren von Abdera ließ ihn nicht lange in Zweifel Gut gut sprach er bei
sich selbst bin ich nicht in Abdera Wie man auch so was vergessen kann
Hippokrates ließ ihnen nichts von seinem Erstaunen merken Er begnügte sich
den Senat und das Volk von Abdera zu loben dass sie eine so große Empfindung von
dem Wert eines Mitbürgers wie Demokritus hätten um seine Gesundheit als eine
Sache woran dem gemeinen Wesen gelegen sei anzusehen »Wahnwitz sagte er mit
großer Ernsthaftigkeit ist ein Punkt worin die größten Geister und die größten
Schöpse zuweilen zusammentreffen Wir wollen sehen«
Trasyllus lud den Arzt zur Tafel ein und hatte die Höflichkeit ihm die
feinsten Herren und die schönsten Frauen in der Stadt zur Gesellschaft zu gehen
Aber Hippokrates der ein kurzes Gesicht und keine Lorgnette48 hatte wurde
nicht gewahr dass die Damen schön waren und so kam es denn ohne Schuld der
guten Geschöpfe die sich zum Überfluss in die Wette herausgeputzt hatten dass
sie nicht völlig den Eindruck auf ihn machten den sie sich sonst versprechen
konnten Es war wirklich Schade dass er nicht besser sah Für einen Mann von
Verstande ist der Anblick einer schönen Frau allemal etwas sehr unterhaltendes
Und wofern die schöne Frau etwas dummes sagt welches den schönen Frauen
zuweilen so gut begegnen soll als den hässlichen macht es einen merklichen
Unterschied ob man sie nur hört oder ob man sie zugleich sieht Denn im
letzten Falle ist man immer geneigt alles was sie sagen kann vernünftig oder
artig oder wenigstens erträglich zu finden Da die Abderitinnen diesen Vorteil
bei dem kurzsichtigen Fremden verloren da er genötigt war von ihrer Schönheit
durch den Eindruck den sie auf seine Ohren machten zu urteilen so war
freilich nichts natürlicher als dass der Begriff den er dadurch von ihnen
bekam demjenigen ziemlich ähnlich war den sich ein Tauber mittelst eines Paars
gesunder Augen von einem Koncerte machen würde
»Wer ist die Dame die jetzt mit dem witzigen Herrn sprach« fragte er den
Trasyllus leise Man nannte ihm die Gemahlin eines Matadors der Republik
Er betrachtete sie nun mit neuer Aufmerksamkeit Verzweifelt dacht er bei sich
selbst dass ich mir die verwünschte Austerfrau nicht aus dem Kopfe bringen
kann die ich neulich vor meinem Hause zu Larissa mit einem molossischen
Eseltreiber scherzen hörte
Trasyllus hatte geheime Absichten auf unsern Aeskulap Seine Tafel war gut
sein Wein verführerisch und zum Überfluss ließ er milesische Tänzerinnen kommen
Aber Hippokrates aß wenig trank Wasser und hatte in Aspasiens Hause zu Athen
weit schönere Tänzerinnen gesehen Es wollte alles nichts verfangen Dem weisen
Manne begegnete etwas das ihm vielleicht in vielen Jahren nicht begegnet war
er hatte Langeweile und es schien ihm nicht der Mühe wert es den Abderiten zu
verbergen
Die Abderitinnen bemerkten also ohne großen Aufwand von Beobachtungskraft
was er ihnen deutlich genug sehen ließ und natürlicher Weise waren die Glossen
so sie darüber machten nicht zu seinem Vorteil Er soll sehr gelehrt sein
flisterten sie einander zu Schade dass er nicht mehr Welt hat Was ich gewiss
weiß ist dies dass mir der Einfall nie kommen wird ihm zu Liebe krank zu
werden sagte die schöne Tryallis
Trasyllus machte inzwischen Betrachtungen von einer andern Art So ein
großer Mann dieser Hippokrates sein mag dacht er so muss er doch seine
schwache Seite haben Aus den Ehrenbezeugungen womit ihn der Senat überhäufte
schien er sich nicht viel zu machen Das Vergnügen liebt er auch nicht Aber ich
wette dass ihm ein Beutel voll neuer funkelnder Dariken diese sauertöpfische
Miene vertreiben soll
So bald die Tafel aufgehoben war schritt Trasyllus zum Werke Er nahm den
Arzt auf die Seite und bemühte sich unter Bezeugung des großen Anteils den er
an dem unglücklichen Zustande seines Verwandten nehme ihn zu überzeugen dass
die Zerrüttung seines Gehirns eine so kundbare und ausgemachte Sache sei dass
nichts als die Pflicht allen Formalitäten der Gesetze genug zu tun den Senat
bewogen habe eine Tatsache woran niemand zweifle noch zum Überfluss durch den
Ausspruch eines auswärtigen Arztes bestätigen zu lassen »Da man Sie aber gleich
wohl in die Mühe gesetzt hat eine Reise zu uns zu tun die Sie vermutlich ohne
diese Veranlassung nicht unternommen haben würden so ist nichts billiger als
dass derjenige den die Sache am nächsten angeht Sie wegen des Verlustes den
Sie durch Verabsäumung Ihrer Geschäfte dabei erleiden in etwas schadlos halte
Nehmen Sie diese Kleinigkeit als ein Unterpfand einer Dankbarkeit an von
welcher ich Ihnen stärkere Beweise zu geben hoffe «
Ein ziemlich runder Beutel den Trasyllus bei diesen Worten dem Arzt in die
Hand drückte brachte diesen aus der Zerstreuung zurück womit er die Rede des
Ratsherrn angehört hatte »Was wollen Sie dass ich mit diesem Beutel machen
soll« fragte Hippokrates mit einem Phlegma welches den Abderiten völlig aus
der Fassung setzte »Sie wollten ihn vermutlich ihrem Haushofmeister geben
Sind Ihnen solche Zerstreuungen gewöhnlich Wenn dies wäre so wollt ich Ihnen
raten Ihrem Arzte davon zu sagen Aber Sie erinnerten mich vorhin an die
Ursach warum ich hier bin Ich danke Ihnen dafür Mein Aufenthalt kann nur sehr
kurz sein und ich darf den Besuch nicht länger aufschieben den ich wie Sie
wissen dem Demokritus schuldig bin« Mit diesen Worten machte der Aeskulap
seine Verbeugung und verschwand
Der Ratmann hatte in seinem Leben nie so dumm ausgesehen als in diesem
Augenblick Wie hätte sich aber auch ein abderitischer Ratsherr einfallen
lassen sollen dass ihm so etwas begegnen könnte Dies sind doch keine Zufälle
auf die man sich gefasst hält
Sechstes Kapitel
Hippokrates legt einen Besuch beim Demokritus ab
Geheimnachrichten von dem uralten Orden der Kosmopoliten
Hippokrates traf wie die Geschichte sagt unsern Naturforscher bei der
Zergliederung verschiedener Tiere an deren innerlichen Bau und animalische
Oekonomie er untersuchen wollte um vielleicht auf die Ursachen gewisser
Verschiedenheiten in ihren Eigenschaften und Neigungen zu kommen Diese
Beschäftigung bot ihnen reichen Stoff zu einer Unterredung an welche den
Demokritus nicht lang über die Person des Fremden ungewiss ließ Ihr
gegenseitiges Vergnügen über eine so unvermutete Zusammenkunft war der Größe
ihres beiderseitigen Wertes gleich aber auf Demokrits Seite um so viel
lebhafter je länger er in seiner Abgeschiedenheit von der Welt des Umgangs mit
einem Wesen seiner Art hatte entbehren müssen
Es gibt eine Art von Sterblichen deren schon von den Alten hier und da
unter dem Namen der Kosmopoliten Erwähnung getan wird und die ohne
Verabredung ohne Ordenszeichen ohne Loge zu halten und ohne durch Eidschwüre
gefesselt zu sein eine Art von Brüderschaft ausmachen welche fester
zusammenhängt als irgend ein anderer Orden in der Welt Zween Kosmopoliten
kommen der eine von Osten der andere von Westen sehen einander zum
erstenmale und sind Freunde nicht vermöge einer geheimen Sympatie die
vielleicht nur in Romanen zu finden ist nicht weil beschworne Pflichten sie
dazu verbinden sondern weil sie Kosmopoliten sind In jedem andern Orden gibt
es auch falsche oder wenigstens unwürdige Brüder in dem Orden der Kosmopoliten
ist dies eine Unmöglichkeit und dies ist deucht uns kein geringer Vorzug der
Kosmopoliten vor allen andern Gesellschaften Gemeinheiten Innungen Orden und
Brüderschaften in der Welt Denn wo ist eine von allen diesen welche sich
rühmen könnte dass sich niemals kein Ehrsüchtiger kein Neidischer kein
Geiziger kein Wucherer kein Verleumder kein Prahler kein Heuchler kein
Zweizüngiger kein heimlicher Ankläger kein Undankbarer kein Kuppler kein
Schmeichler kein Schmarotzer kein Sklave kein Mensch ohne Kopf oder ohne
Herz kein Pedant kein Mückensäuger kein Verfolger kein falscher Prophet kein
Heuchler kein Gaukler kein Plusmacher und kein Hofnarr in ihrem Mittel
befunden habe Die Kosmopoliten sind die einzigen die sich dessen rühmen
können Ihre Gesellschaft hat nicht vonnöten durch geheimnisvolle Zeremonien
und abschreckende Gebräuche wie ehmals die ägyptischen Priester die Unreinen
von sich auszuschliessen Diese schließen sich selbst aus und man kann eben so
wenig ein Kosmopolit scheinen wenn man es nicht ist als man sich ohne Talent
für einen guten Sänger oder Geiger ausgeben kann Der Betrug würde an den Tag
kommen so bald man sich hören lassen müsste Die Art wie die Kosmopoliten
denken ihre Grundsätze ihre Gesinnungen ihre Sprache ihr Phlegma ihre
Wärme sogar ihre Launen Schwachheiten und Fehler lassen sich unmöglich
nachmachen weil sie für alle die nicht zu ihrem Orden gehören ein wahres
Geheimnis sind Nicht ein Geheimnis das von der Verschwiegenheit der
Mitglieder oder von ihrer Vorsichtigkeit nicht behorcht zu werden abhängt
sondern ein Geheimnis auf welches die Natur selbst ihren Schieier gedeckt hat
Denn die Kosmopoliten könnten es ohne Bedenken bei Trompetenschall durch die
ganze Welt auskündigen lassen sie dürften sicher darauf rechnen dass außer
ihnen selbst kein Mensch etwas davon begreifen würde Bei dieser Bewandtnis der
Sache ist nichts natürlicher als das innige Einverständnis und das
gegenseitige Zutrauen das sich unter zween Kosmopoliten sogleich in der ersten
Stunde ihrer Bekanntschaft festsetzt Pylades und Orestes waren nach einer
zwanzigjährigen Dauer ihrer durch alle Arten von Prüfungen und Opfern bewährten
Freundschaft nicht mehr Freunde als es jene von dem Augenblick an da sie
einander erkennen sind Ihre Freundschaft hat nicht vonnöten durch die Zeit
zur Reife gebracht zu werden sie bedarf keiner Prüfungen sie gründet sich auf
das notwendigste aller Naturgesetze auf die Notwendigkeit uns selbst in
demjenigen zu lieben der uns am ähnlichsten ist
Man würde etwas wo nicht unmögliches doch gewiss ungereimtes von uns
verlangen wenn man erwartete dass wir uns über das Geheimnis der Kosmopoliten
deutlicher herauslassen sollten Denn es gehört wie wir deutlich genug zu
vernehmen gegeben haben zur Natur der Sache dass alles was man davon sagen
kann ein Rätsel ist wozu nur die Glieder dieses Ordens den Schlüssel haben
Das einzige was wir noch hinzusetzen können ist dass ihre Anzahl zu allen
Zeiten sehr klein gewesen und dass sie ungeachtet der Unsichtbarkeit ihrer
Gesellschaft einen Einfluss in die Dinge dieser Welt haben dessen Wirkungen
desto gewisser und dauerhafter sind weil sie kein Geräusch machen und meistens
durch Mittel erzielt werden deren scheinbare Direction die Augen der Menge irre
macht Wem dies ein neues Rätsel ist den ersuchen wir lieber fortzulesen als
sich mit einer Sache die ihn so wenig angeht ohne Not den Kopf zu zerbrechen
Demokritus und Hippokrates gehörten beide zu dieser wunderbaren und seltenen
Art von Menschen Sie waren also schon lange wiewohl unbekannter Weise die
vertrautesten Freunde gewesen und ihre Zusammenkunft glich viel mehr dem
Wiedersehen nach einer langen Trennung als einer neuangehenden Verbindung Ihre
Gespräche nach welchen der Leser vielleicht begierig ist waren vermutlich
interessant genug um der Mitteilung wert zu sein Aber sie würden uns zu weit
von den Abderiten entfernen die der eigentliche Gegenstand dieser Geschichte
sind Alles was wir davon zu sagen haben ist dass unsre Kosmopoliten den
ganzen Abend und den größten Teil der Nacht in einer Unterredung zubrachten
wobei ihnen die Zeit sehr kurz wurde und dass sie ihrer Gegenfüssler der
Abderiten und ihres Senats und der Ursache warum sie den Hippokrates hatten
kommen lassen so gänzlich darüber vergaßen als ob niemals so ein Ort und
solche Leute in der Welt gewesen wären
Erst des folgenden Morgens da sie nach einem leichten Schlaf von wenigen
Stunden wieder zusammenkamen um auf einer an die Gärten des Demokritus
grenzenden Anhöhe der Morgenluft zu genießen erinnerte der Anblick der unter
ihnen im Sonnenglanz liegenden Stadt den Hippokrates dass er in Abdera Geschäfte
habe »Kannst du wohl erraten sagte er zu seinem Freunde zu welchem Ende mich
die Abderiten eingeladen haben«
Die Abderiten haben dich eingeladen rief Demokritus Ich hörte doch diese
Zeit her von keiner Seuche die unter ihnen wüte Es ist zwar eine gewisse
Erbkrankheit mit der sie alle samt und sonders bis auf sehr wenige von alten
Zeiten her behaftet sind aber
»Getroffen getroffen guter Demokritus dies ist die Sache« Du scherzest
erwiderte Demokritus die Abderiten sollten zum Gefühl wo es ihnen fehlte
gekommen sein Ich kenne sie zu gut Darin liegt eben ihre Krankheit dass sie
dies nicht fühlen
»Indessen sagte der Andre ist nichts gewisser als dass ich jetzt nicht in
Abdera wäre wenn die Abderiten nicht von dem nämlichen Übel wovon du sprichst
geplagt würden Die armen Leute«
Ach nun versteh ich dich versetzte der Philosoph Deine Berufung konnte
eine Wirkung ihrer Krankheit sein ohne dass sie es wussten Lass doch sehen Ha
da haben wirs Ich wette alles in der Welt sie haben dich kommen lassen um dem
ehrlichen Demokritus so viel Aderlässe und Niesewurz zu verordnen als er
vonnöten haben möchte um ihres gleichen zu werden Nicht wahr
»Du kennst deine Leute vortrefflich wie ich sehe Demokritus und in der
Tat man muss so an ihre Narrheit gewöhnt sein wie du um so kaltblütig davon zu
sprechen«
Als ob es nicht allenthalben Abderiten gäbe sagte der Philosoph
»Aber Abderiten in diesem Grade Vergib mir wenn ich von deinem Vaterlande
nicht mit so viel Nachsicht urteilen kann als du Indessen versichre dich sie
sollen mich nicht umsonst zu sich berufen haben«
Siebentes Kapitel
Hippokrates erteilt den Abderiten seinen gutächtlichen Rat
Große und gefährliche Bewegungen die darüber im Senat entstehen und wie zum
Glück für das abderitische Gemeinwesen der Stundenweiser alles auf einmal
wieder in Ordnung bringt
Die Zeit kam heran wo der Aeskulap dem Senat von Abdera seinen Bericht
erstatten sollte Er kam trat mitten unter die versammelten Väter und sprach
mit einer Wohlredenheit die alle Anwesenden in Erstaunen setzte »Friede sei
mit Abdera Edle Veste Fürsichtige und Weise liebe Herren und Abderiten
Gestern lobte ich Sie wegen Ihrer Fürsorge für das Gehirn Ihres Mitbürgers
Demokritus und heute rate ich Ihnen wohlmeinend diese Fürsorge auf Ihre ganze
Stadt und Republik zu erstrecken Gesund an Leib und Seele zu sein ist das
höchste Gut das Sie sich selbst Ihren Kindern und Ihren Bürgern verschaffen
können und dies wirklich zu tun ist die erste Ihrer obrigkeitlichen Pflichten
So kurz mein Aufenthalt unter Ihnen ist so ist er doch schon lang genug um
mich zu überzeugen dass sich die Abderiten nicht so wohl befinden als es zu
wünschen wäre Ich bin zwar zu Kos geboren und wohne bald zu Athen bald zu
Larissa bald anderswo jetzt zu Abdera morgen vielleicht auf dem Wege nach
Byzanz Aber ich bin weder ein Koer noch ein Atenienser weder ein Larisser
noch Abderite ich bin ein Arzt So lange es Kranke auf dem Erdhoden gibt ist
meine Pflicht so viel Gesunde zu machen als ich kann Die gefährlichsten
Kranken sind die die nicht wissen dass sie krank sind und dies ist wie ich
finde der Fall der Abderiten Das Übel liegt für meine Kunst zu tief aber was
ich tun kann um die Heilung vorzubereiten ist dies Senden Sie mit dem ersten
guten Winde sechs große Schiffe nach Anticyra Meinetalben können sie mit
welcherlei Waren es den Abderiten beliebt dahin befrachtet werden aber zu
Anticyra lassen Sie alle sechs Schiffe so viel Niesewurz laden als sie tragen
können ohne zu sinken Man kann zwar auch Niesewurz aus Galatien haben die
etwas wohlfeiler ist aber die von Anticyra ist die beste Wenn die Schiffe
angekommen sein werden so lassen Sie das gesamte Volk auf Ihrem großen Markte
versammeln stellen Sie mit ihrer ganzen Priesterschaft an der Spitze einen
feierlichen Umgang zu allen Tempeln in Abdera an und bitten Sie die Götter dass
sie dem Senat und dem Volke zu Abdera geben möchten was dem Senat und dem Volke
zu Abdera fehlt Sodann kehren Sie auf den Markt zurück und teilen den
sämtlichen Vorrat von Niesewurz auf gemeiner Stadt Unkosten unter alle Bürger
aus auf jeden Kopf sieben Pfund nicht zu vergessen dass den Ratsherren welche
außerdem was sie für sich selbst gebrauchen noch für so viele andre Verstand
haben müssen eine doppelte Portion gereicht werde Die Portionen sind stark
ich gesteh es aber eingewurzelte Übel sind hartnäckig und können nur durch
anhaltenden Gebrauch der Armei geheilt werden Wenn Sie nun dieses
Vorbereitungsmittel nach der Vorschrift die ich Ihnen geben will durch die
erforderliche Zeit gebraucht haben werden dann überlasse ich Sie einem andern
Arzte Denn wie ich sagte die Krankheit der Abderiten liegt zu tief für meine
Kunst Ich kenne funfzig Meilen rings um Abdera nur einen einzigen Mann der
Ihnen von Grund aus helfen könnte wenn Sie sich geduldig und folgsam in seine
Cur begeben wollten Der Mann nennt sich Demokritus des Damasippus Sohn Stoßen
Sie sich nicht an dem Umstande dass er zu Abdera geboren ist er ist darum kein
Abderit dies können Sie mir auf mein Wort glauben oder wenn Sie mir nicht
glauben wollen so fragen Sie den Apollo zu Delphi Es ist ein guterziger Mann
der sich ein Vergnügen daraus machen wird Ihnen seine Dienste zu leisten Und
hiermit meine Herren und Bürger von Abdera empfehle ich Sie und Ihre Stadt den
Göttern Verachten Sie meinen Rat nicht weil ich ihn umsonst gebe es ist der
beste den ich jemals einem Kranken der sich für gesund hielt gegeben habe«
Als Hippokrates dies gesagt hatte machte er dem Senat eine höfliche
Verbeugung und ging seines Weges
Niemals sagt der Geschichtschreiber Hekatäus ein desto glaubwürdigerer
Zeuge weil er selbst ein Abderite war49 niemals hat man zweihundert Menschen
alle zugleich in einer so sonderbaren Attitüde gesehen als diejenige des
Senats von Abdera in diesem Augenblicke war es müssten nur die zweihundert
Phönicier sein welche Perseus durch den Anblick des Kopfs der Medusa auf
einmal in eben so viele Statuen verwandelte als ihm ihr Anführer Phineus seine
Geliebte und teuer erworbene Andromeda mit Gewalt wieder abjagen wollte50 In
der Tat hatten sie alle mögliche Ursachen von der Welt auf etliche Minuten
versteinert zu werden Beschreiben zu wollen was in ihren Seelen vorging würde
vergebliche Mühe sein Nichts ging in ihnen vor ihre Seelen waren so
versteinert als ihre Leiber Mit dummem sprachlosen Erstaunen sahen sie alle
nach der Türe durch welche der Aeskulap sich zurückgezogen hatte und auf jedem
Gesichte drückte sich zugleich die angestrengte Bemühung und das gänzliche
Unvermögen aus etwas von dieser Begebenheit zu begreifen Endlich schienen sie
nach und nach einige früher einige später wieder zu sich selbst zu kommen
Sie sahen einander mit großen Augen an funfzig Mäuler öffneten sich zugleich zu
der nämlichen Frage und fielen wieder zu weil sie sich aufgetan hatten eh sie
wussten was sie fragen wollten Zum Henker meine Herren rief endlich der
Zunftmeister Pfrieme ich glaube gar der Quacksalber hat uns mit seiner
doppelten Portion Niesewurz zum Narren Ich versah mir gleich vom Anfang
nichts gutes zu ihm sagte Trasyllus Meiner Frau wollt er gestern gar nicht
einleuchten sprach der Ratsherr Smilax Ich dachte gleich es würde übel
ablaufen wie er von den sechs Schiffen sprach die wir nach Anticyra senden
sollten sagte ein Anderer Und die verdammte Ernsthaftigkeit womit er uns
alles das vordeclamierte rief ein Dritter ich gestehe dass ich mir gar nicht
einbilden konnte wo es hinaus laufen würde Ha ha ha ein lustiger Zufall
so wahr ich ehrlich bin sagte der kleine dicke Ratsherr indem er sich vor
Lachen den Bauch hielt gestehen wir dass wir fein abgeführt sind Ein
verzweifelter Streich Das hätt uns nicht begegnen sollen Ha ha ha Aber
wer konnte sich auch zu einem solchen Manne so etwas versehen rief der
Nomophylax Ganz gewiss ist er auch einer von euren Philosophen sagte Meister
Pfrieme der Priester Strobylus hat wahrlich so unrecht nicht wenn es nicht
wider unsre Freiheiten wäre so wollt ich der erste sein der darauf antrüge
dass man alle diese Spitzköpfe zum Lande hinaus jagte
»Meine Herren fing jetzt der Archon an die Ehre der Stadt Abdera ist
angegriffen und anstatt dass wir hier sitzen und uns verwundern oder Glossen
machen sollten wir mit Ernst darauf denken was uns in einer so kitzlichen
Sache zu tun gezieme Vor allen Dingen sehe man wo Hippokrates hingekommen
ist«
Ein Ratsdiener der zu diesem Ende abgeschickt wurde kam nach einer
ziemlichen Weile mit der Nachricht zurück dass er nirgends mehr anzutreffen sei
Ein verfluchter Streich riefen die Ratsherren aus einem Munde wenn er uns
nun entwischt wäre Er wird doch kein Hexenmeister sein sagte der
Zunftmeister Pfrieme indem er nach einem Amulet sah das er gewöhnlich zu
seiner Sicherheit gegen böse Geister und böse Augen bei sich zu tragen pflegte
Bald darauf wurde berichtet dass man den fremden Herrn auf seinem Maulesel
ganz gelassen hinter dem Tempel der Dioskuren dem Landgute des Demokritus zu
traben gesehen habe
»Was ist nun zu tun meine Herren« sagte der Archon
Ja Allerdings was nun zu tun ist was nun zu tun ist dies ist eben
die Frage riefen die Ratsherren indem sie einander ansahen Nach einer langen
Pause zeigte sich dass die Herren nicht wussten was nun zu tun war
Der Mann steht in großem Ansehen beim Könige von Macedonien fuhr der Archon
fort er wird im ganzen Griechenlande wie ein zweiter Aeskulap verehrt Wir
könnten uns leicht in böse Händel verwickeln wenn wir einer wiewohl gerechten
Empfindlichkeit Gehör geben wollten Bei allem dem liegt mir die Ehre von
Abdera
Ohne Unterbrechung Herr Archon fiel ihm der Zunftmeister Pfrieme ein die
Ehre und Freiheit von Abdera kann niemanden näher am Herzen liegen als mir
selbst Aber alles wohl überlegt seh ich wahrlich nicht was die Ehre der
Stadt mit dieser Begebenheit zu tun haben kann Dieser Harpokratus oder
Hypokritus wie er sich nennt ist ein Arzt und ich habe mein Tage gehört dass
ein Arzt die ganze Welt für ein großes Siechhaus und alle Menschen für seine
Kranken ansieht Ein jeder spricht und handelt wie ers versteht und was einer
wünscht das glaubt er gerne Hypokritus möcht es denk ich wohl leiden wenn
wir alle krank wären damit er desto mehr zu heilen hätte Nun denkt er wenn
ich sie nur erst dahin bringen kann dass sie meine Arzeneien einnehmen dann
sollen sie mir krank genug werden Ich heiße nicht Meister Pfrieme wenn dies
nicht das ganze Geheimnis ist
Mein Seele getroffen rief der kleine dicke Ratsherr weder mehr noch
weniger Der Kerl ist so närrisch nicht Ich wette wenn er kann so hängt er
uns alle mögliche Flüsse und Fieber an den Hals bloß damit er den Spaß habe
uns für unser Geld wieder gesund zu machen Ha ha ha
»Aber vierzehn Pfund Niesewurz auf jeden Ratsherrn rief einer von den
Ältesten dessen Gehirn nach seiner Miene zu urteilen schon völlig
ausgetrocknet sein mochte Bei allen Fröschen der Latona dies ist zu arg Man
muss beinahe auf den Argwohn kommen dass etwas mehr dahinter steckt«
Vierzehn Pfund Niesewurz auf jeden Ratsherrn wiederholte Meister Pfrieme
und lachte aus vollem Halse
Und für jeden Zunftmeister setzte Smilax mit einem bedeutenden Ton hinzu
Das bitt ich mir aus rief Meister Pfrieme er sagte kein Wort von
Zunftmeistern
Aber das versteht sich doch wohl von selbst versetzte jener Ratsherren und
Zunftmeister Zunftmeister und Ratsherren ich sehe nicht warum die Herren
Zunftmeister hierin was besonders haben sollten
Wie was rief Meister Pfrieme mit großem Eifer ihr seht nicht was die
Zunftmeister vor den Ratsherren besonders haben Meine Herren Sie haben es
gehört Herr Stadtschreiber ich bitt es zum Protocoll zu nehmen
Die Zunftmeister stunden alle mit großem Gebrumme von ihren Sitzen auf
»Sagt ich nicht rief der alte hypochondrische Ratsmeister dass etwas mehr
hinter der Sache stecke Ein geheimer Anschlag gegen die Aristokratie Aber die
Herren haben sich ein wenig zu früh verraten«
Gegen die Aristokratie schrie Pfrieme mit verdoppelter Stimme gegen welche
Aristokratie Zum Henker Herr Ratsmeister seit wenn ist Abdera eine
Aristokratie Sind wir Zunftmeister etwan nur an die Wand hingemalt Stellen wir
nicht das Volk vor Haben wir nicht seine Rechte und Freiheiten zu vertreten
Herr Stadtschreiber zum Protocoll dass ich gegen alles Widrige protestiere und
dem löblichen Zunftmeistertum sowohl als gemeiner Stadt Abdera
Protestiert protestiert schrien die Zunftmeister alle zusammen
Reprotestiert reprotestiert schrien die Ratsherren
Der Lerm nahm überhand »Meine Herren rief der regierende Archon so laut
er konnte was für ein Schwindel hat Sie überfallen Ich bitte bedenken Sie
wer Sie sind und wo Sie sind Was werden die Eierweiber und Obständlerinnen da
unten von uns denken wenn sie uns wie die Zahnbrecher schreien hören«
Aber die Stimme der Weisheit verlor sich ungehört in dem betäubenden Getöse
Niemand hörte sein eigen Wort
Zu gutem Glücke war es seit undenklichen Zeiten in Abdera gebräuchlich auf
den Punkt zwölf Uhr durch die ganze Stadt zu Mittag zu essen und vermöge der
Ratsordnung musste so wie eine Stunde abgelaufen war eine Art von Herold vor
die Ratsstube treten und die Stunde ausrufen
Gnädige Herren rief der Herold mit der Stimme des homerischen Stentors die
zwölfte Stunde ist vorbei
»Stille der Stundenrufer« Was rief er »Zwölfe meine Herren zwölfe
vorbei« Schon zwölfe Schon vorbei So ist es hohe Zeit
Der größte Teil der gnädigen Herren war zu Gaste gebeten Das glückliche
Wort Zwölfe versetzte sie also auf einmal in eine Reihe angenehmer
Vorstellungen die mit dem Gegenstand ihres Zankes nicht in der mindesten
Verbindung stunden Schneller als die Figuren in einem Guckkasten sich
verwandeln stund eine große Tafel mit einer Menge niedlicher Schüsseln
bedeckt vor ihrer Stirne ihre Nasen weideten sich zum voraus an Düften von
bester Vorbedeutung ihre Ohren hörten das Geklapper der Teller ihre Zunge
kostete schon die leckerhaften Brühen in deren Erfindung die abderitischen
Köche mit einander wetteiferten kurz das unwesentliche Gastmahl beschäftigte
alle Kräfte ihrer Seelen und auf einmal war die Ruhe des abderitischen Staats
wieder hergestellt
»Wo werden Sie heute speisen« Bei Polyphonten »Dahin bin ich auch
geladen« Ich erfreue mich über die Ehre Ihrer Gesellschaft »Sehr viel Ehre
für mich« Was werden wir diesen Abend für eine Komödie haben »Die
Andromeda des Euripides« Also ein Trauerspiel »O mein Lieblingsstück
Und eine Musik Unter uns der Nomophylax hat etliche Chöre selbst gesetzt Sie
werden Wunder hören«
Unter so sanften Gesprächen erhuben sich die Väter von Abdera in
eilfertigem aber friedsamen Gewimmel vom Ratause zu großer Verwunderung der
Eierweiber und Obständlerinnen welche kurz zuvor die Wände der Ratsstube von
echtem tracischem Geschrei widerhallen gehört hatten
Alles dies hatte man dir zu danken wohltätiger Stundenrufer Ohne deine
glückliche Dazwischenkunft würde wahrscheinlicher Weise der Zank der Ratsherren
und Zunftmeister gleich dem Zorn des Achilles so lächerlich auch seine
Veranlassung war in ein Feuer ausgebrochen sein welches die schrecklichste
Zerrüttung wo nicht gar den Umsturz der Republik Abdera hätte verursachen
können Wenn jemals ein Abderit mit einer öffentlichen Ehrensäule belohnt zu
werden verdient hatte so war es gewiss dieser Stundenrufer Zwar muss man
gestehen der große Dienst den er in diesem Augenblicke seiner Vaterstadt
leistete verliert seine ganze Verdienstlichkeit durch den einzigen Umstand dass
er nur zufälliger Weise nützlich wurde Denn der ehrliche Mann dachte da er zur
gesetzten Zeit maschinenmässig Zwölfe rief an nichts weniger als an die
unabsehbaren Übel die er dadurch von dem gemeinen Wesen abwendete Aber dagegen
muss man auch bedenken dass seit undenklichen Zeiten kein Abderite sich auf andre
Weise um sein Vaterland verdient gemacht hatte Wenn es sich daher zutrug dass
sie etwas verrichteten das durch irgend einen glücklichen Zufall der Stadt
nützlich wurde so dankten sie den Göttern dafür denn sie fühlten wohl dass sie
als bloße Werkzeuge oder gelegentliche Ursachen mitgewirkt hatten Indessen
ließ sie sich doch das Verdienst des Zufalls so gut bezahlen als ob es ihr
eigenes gewesen wäre oder richtiger zu reden eben weil sie sich keines eignen
Verdiensts dabei bewusst waren ließ sie sich das Gute was der Zufall unter
ihrem Namen tat auf eben den Fuß bezahlen wie ein Mauleseltreiber den
täglichen Verdienst seines Esels einzieht
Es versteht sich dass die Rede hier bloß von Archonten Ratsherren und
Zunftmeistern ist Denn der ehrliche Stundenrufer mochte sich Verdienste um die
Republik machen so viel oder so wenig er wollte er bekam seine sechs Pfennige
des Tags in guter abderitischer Münze und Gott befohlen
Drittes Buch oder
Euripides unter den Abderiten
Erstes Kapitel
Die Abderiten machen sich fertig in die Komödie zu gehen
Es war bei den Ratsherren von Abdera eine alte hergebrachte Gewohnheit und
Sitte die bei dem Rat verhandelten Materien unmittelbar darauf bei Tische es
sei nun dass sie Gesellschaft hatten oder mit ihrer Familie allein speiseten zu
recapitulieren und zu einer reichen Quelle entweder von witzigen Einfällen und
spasshaften Anmerkungen oder von patriotischen Stossseufzern Klagen Wünschen
Träumen Aussichten udgl zu machen zumal wenn etwa in dem abgefassten
Ratsschluss die Verschwiegenheit ausdrücklich empfohlen worden war Aber
diesesmal wiewohl das Abenteuer der Abderiten mit dem Fürsten der Ärzte
sonderbar genug war um einen Platz in den Jahrbüchern ihrer Republik zu
verdienen wurde an allen Tafeln wo ein Ratsherr oder Zunftmeister obenan saß
des Hippokrates und Demokritus eben so wenig gedacht als ob gar keine Männer
dieses Namens in der Welt gewesen wären In diesem Stücke hatten die Abderiten
einen ganz besonderen PublicSpirit und ein feineres Gefühl als man ihnen in
Betracht ihres gewöhnlichen Eigendünkels hätte zutrauen sollen In der Tat
konnte ihre Geschichte mit dem Hippokrates man hätte sie wenden und colorieren
mögen wie man gewollt hätte auf keine Art die ihnen Ehre machte erzählt
werden Das Sicherste war also die Sache auf sich beruhen zu lassen und zu
schweigen
Die heutige Komödie machte also diesmal wie gewöhnlich den Hauptgegenstand
der Unterhaltung aus Denn seitdem sich die Abderiten nach dem Beispiel ihres
großen Musters der Atenienser mit einem eignen Theater versehen hatten wurde
in Gesellschaften so bald die übrigen Gemeinplätze Wetter Putz
Stadtneuigkeiten und Scandala erschöpft waren unfehlbar entweder von der
Komödie die gestern gespielt worden oder von der Komödie die heute gespielt
werden sollte gesprochen und die Herren von Abdera wussten sich besonders
gegen Fremde nicht wenig damit dass sie ihren Mitbürgern und Mitbürgerinnen
eine so schöne Gelegenheit zu Verfeinerung ihres Witzes und Geschmacks einen so
unerschöpflichen Stoff zu unschuldigen Gesprächen in Gesellschaften und
besonders dem schönen Geschlecht ein so herrliches Mittel gegen die Leib und
Seele verderbliche Langeweile verschafft hätten
Wir sagen es nicht um zu tadeln sondern zum verdienten Lob der Abderiten
dass sie ihr Komödienwesen für wichtig genug hielten die Aufsicht darüber einem
besonderen Ratsausschuss zu übergeben dessen Vorsitzer immer der zeitige
Nomophylax folglich einer der obersten Väter des Vaterlandes war Dies war
unstreitig sehr löblich Alles was man mit Recht an dieser Einrichtung
aussetzen konnte war dass es darum nicht um ein Haar besser mit ihrem
Komödienwesen stund Gleichwohl war dies nicht mehr als wessen man sich zu
Abdera versehen haben wird Weil nun die Wahl der Stücke von dieser
Ratsdeputation abhing und die Erfindung der Komödienzettel unter die
ansehnliche Menge von Erfindungen gehört die den Vorzug der Neuern vor den
Alten außer allen ferneren Widerspruch setzen so wusste das Publicum
ausgenommen wenn ein neues abderitisches Originalstück aufs Theater gebracht
wurde selten vorher was gespielt werden würde Denn wiewohl die Herren von
der Deputation eben kein Geheimnis aus der Sache machten so musste sie doch ehe
sie publik wurde durch so manchen schiefen Mund und durch so viele dicke Ohren
gehen dass fast immer ein Quid pro quo herauskam und die Zuhörer wenn sie zum
Exempel die Antigone des Sophokles erwarteten die Erigone des Physignatus für
lieb und gut nehmen mussten woran sie es dann auch selten oder nie ermangeln
ließ
Was werden sie uns heute für ein Stück geben war also jetzt die allgemeine
Frage in Abdera eine Frage die an sich selbst die unschuldigste Frage von der
Welt war aber durch einen einzigen kleinen Umstand erzabderitisch wurde
nämlich dass die Antwort schlechterdings von keinem praktischen Nutzen sein
konnte Denn die Leute gingen in die Komödie es mochte ein altes oder neues
gutes oder schlechtes Stück gespielt werden
Eigentlich zu reden gab es für die Abderiten gar keine schlechte Stücke
denn sie nahmen alles für gut und eine natürliche Folge dieser unbegrenzten
Gutmütigkeit war dass es für sie auch keine gute Stücke gab Schlecht oder gut
was sie amüsierte war ihnen recht und alles was wie ein Schauspiel aussah
amüsierte sie Jedes Stück also so elend es war und so elend es gespielt
worden sein mochte endigte sich mit einem Geklatsch das gar nicht aufhören
wollte Alsdann ertönte auf einmal durchs ganze Parterre ein allgemeines »Wie
hat Ihnen das heutige Stück gefallen« und wurde stracks durch ein eben so
allgemeines »Sehr wohl« beantwortet
So geneigt auch unsre werten Leser sein mögen sich nicht leicht über etwas
zu verwundern was wir ihnen von den Idiotismen unsers tracischen Atens
erzählen können so ist doch dieser eben erwähnte Zug etwas so ganz besonderes
dass wir besorgen müssen keinen Glauben zu finden wofern wir ihnen nicht
begreiflich machen wie es zugegangen dass die Abderiten mit einer so großen
Neigung zu Schauspielen es gleichwohl zu einer so hohen unbeschränkten
dramatischen Apathie oder vielmehr Hidypatie bringen konnten dass ihnen ein
elendes Stück nicht nur kein Leiden verursachte sondern sogar eben oder doch
beinahe eben so wohl tat als ein gutes Man wird uns wenn wir das Rätsel
auflösen sollen eine kleine Ausschweifung über das ganze abderitische
Teaterwesen erlauben müssen Wir sehen uns aber genötigt uns von dem
günstigen und billig denkenden Leser vorher eine kleine Gnade auszubitten an
deren großmütiger Gewährung ihm selbst am Ende noch mehr gelegen ist als uns
Und dies ist sich aller widrigen Eingebungen seines Kakodämons ungeachtet
ja nicht einzubilden als ob hier unter verdeckten Namen die Rede von den
Teaterdichtern den Schauspielern und dem Parterre seiner lieben Vaterstadt
die Rede sei Wir leugnen zwar nicht dass die ganze Abderitengeschichte in
gewissen Betracht einen doppelten Sinn habe aber ohne den Schlüssel zu
Aufschliessung des geheimen Sinnes den unsere Leser von uns selbst erhalten
sollen würden sie Gefahr laufen alle Augenblicke falsche Deutungen zu machen
Bis dahin also ersuchen wir Sie
Per genium dextramque Deosque Penates
sich aller unnachbarlichen und unfreundlichen Anwendungen zu enthalten und
alles was folgt so wie dies ganze Buch in keiner andern Gemütsverfassung zu
lesen als womit sie irgend eine andre alte oder neue unparteiische
Geschichtserzählung lesen würden
Zweites Kapitel
Nähere Nachrichten von dem abderitischen Nationalteater
Geschmack der Abderiten
Charakter des Nomophylax Gryllus
Als die Abderiten beschlossen hatten ein stehendes Theater zu haben wurde
zugleich aus patriotischen Rücksichten festgesetzt dass es ein Nationalteater
sein sollte Da nun die Nation wenigstens dem größten Teile nach aus Abderiten
bestund so musste ihr Theater notfolglich ein abderitisches werden Dies war
natürlicherweise die erste und unheilbare Quelle alles Übels
Der Respekt den die Abderiten für die heilige Stadt der Minerva als ihre
vermeinte Mutter trugen brachte es zwar mit sich dass die Schauspiele der
sämtlichen ateniensischen Dichter nicht weil sie gut waren denn das war eben
nicht immer der Fall sondern weil sie von Athen kamen in großem Ansehen bei
ihnen stunden Und Anfangs konnte auch aus Mangel einer genugsamen Anzahl
einheimischer Stücke beinahe nichts anders gegeben werden Allein eben deswegen
hielt man sowohl zur Ehre der Stadt und Republik Abdera als mancherlei anderer
Vorteile wegen für nötig eine Komödien und Tragödienfabrik in ihrem eigenen
Mittel anzulegen und diese neue poetische Manufactur in welcher abderitischer
Witz abderitische Sentiments abderitische Sitten und Torheiten als eben so
viele rohe Nationalproducte zu eigenem Gebrauch dramatisch verarbeitet werden
sollten wie guten weisen Regenten und Patrioten zusteht auf alle mögliche Art
aufzumuntern Dies auf Kosten des gemeinen Seckels zu bewerkstelligen ging aus
zwo Ursachen nicht wohl an erstens weil nicht viel drin war und zweitens
weil es damals noch nicht Mode war die Zuschauer bezahlen zu lassen sondern
das Aerarium die Unkosten des Theaters tragen musste und also ohnedies bei
diesem neuen Artikel schon genug auszugeben hatte Denn an eine neue Auflage auf
die Bürgerschaft war vor der Hand und bis man wusste wie viel Geschmack sie
dieser neuen Lustbarkeit abgewinnen würde nicht zu gedenken Es blieb also kein
ander Mittel als die abderitischen Dichter auf Unkosten des Geschmacks gemeiner
Stadt aufzumuntern di alle Waren die sie gratis liefern würden für gut zu
nehmen nach dem alten Sprüchwort geschenktem Gaul sieh nicht ins Maul oder
wie es die Abderiten gaben wo man umsonst isst wird immer gut gekocht Was
Horaz von seiner Zeit in Rom sagt
Scribimus indocti doctique poemata passim
galt nun von Abdera im superlativsten Grade Weil es einem zum Verdienst
angerechnet wurde wenn er ein Schauspiel schrieb und weil schlechterdings
nichts dabei zu wagen war so machte Tragödien wer Atem genug hatte ein paar
Dutzend zusammengeraffte Gedanken in eben so viel von Bombast strotzende
Perioden aufzublasen und jeder platte Spassmacher versuchte es die Zwerchfelle
der Abderiten auf denen er sonst in Gesellschaften oder Weinhäusern getrommelt
hatte jetzt auch einmal vom Theater herab zu bearbeiten
Diese patriotische Nachsicht gegen die Nationalproducte hatte eine
natürliche Folge die das Übel zugleich vermehrte und fortdauernd machte So ein
gedankenleeres windichtes aufgeblasenes ungezogenes unwissendes und aller
Anstrengung unfähiges Völkchen es auch um die jungen Patricier und Damoiseaux
von Abdera war so ließ sich doch gar bald einer von ihnen wir wissen nicht ob
von seinem Mädchen oder von seinen Schmarutzern oder auch von seinem eignen
angestammten Dünkel weis machen dass es nur an ihm liege dramatische
Epheukränze zu erwerben so gut als ein anderer Dieser erste Versuch wurde mit
einem so glänzenden Erfolg gekrönt dass Blemmias ein Neffe des Archon Onolaus
ein Knabe von 17 Jahren und was in der Familie der Onolaus nichts
ungewöhnliches war ein notorisches Ganshaupt ein unwiderstehliches Jucken in
seinen Fingern fühlte auch ein Bocksspiel zu machen wie man damals das Ding
hieß dass wir jetzt ein Trauerspiel zu schelten pflegen Niemals seit dem Abdera
auf tracischem Boden stund hatte man ein dummeres Nationalproduct gesehen
aber der Verfasser war ein Neffe des Archon und so konnt es ihm nicht fehlen
Der Schauplatz war so voll dass die jungen Herren den schönen Abderitinnen auf
dem Schoße sitzen mussten die gemeinen Leute standen einander auf den Schultern
Man hörte alle fünf Acte in unverwandter dummwartender Stille an man gähnte
seufzte wischte die Stirne rieb die Augen hatte Langeweile und hörte zu und
wie nun endlich das langerseufzte Ende kam wurde so abscheulich geklatscht dass
etliche zartnervichte Muttersöhnchen das Gehör darüber verloren
Nun wars klar dass es keine so große Kunst sein müsse eine Tragödie zu
machen weil sogar der junge Blemmias eine gemacht hatte Jedermann konnte sich
ohne große Unbescheidenheit eben so viel zutrauen Es wurde ein
Familienehrenpunkt dass jedes gute Haus wenigstens mit einem Sohn Neffen
Schwager oder Vetter musste prangen können der die Nationalschaubühne mit einer
Komödie oder einem Bocksspiel oder wenigstens mit einem Singspielchen
beschenkt hatte Wie groß dies Verdienst seinem innern Gehalt nach etwa sei
daran dachte niemand gutes mittelmässiges und elendes lief in einer Herde
untereinander her Es bedurfte um ein schlechtes Stück zu schützen keiner
Kabale Eine Höflichkeit war der andern wert Und weil die Herren allerseits
Eselsöhrchen hatten so konnte keinem einfallen dem andern das Auriculas asini
Mida rex habet zuzuflüstern
Man kann sich leicht vorstellen dass die Kunst bei dieser Toleranz nicht
viel gewonnen haben werde Aber was kümmerte die Abderiten das Interesse der
Kunst Genug dass es für die Ruhe ihrer Stadt und das allerseitige Vergnügen der
Interessenten zuträglicher war dergleichen Dinge friedlich und schiedlich
abzutun »Da kann man sehen pflegte der Archon Onolaus zu sagen wie viel drauf
ankommt dass man ein Ding beim rechten Ende nimmt Das Komödienwesen das zu
Athen alle Augenblicke die garstigsten Händel anrichtet ist zu Abdera ein Band
des allgemeinen guten Vernehmens und der unschuldigste Zeitvertreib von der
Welt Man geht in die Komödie man amüsiert sich auf die eine oder andere Art
entweder mit Zuhören oder mit seiner Nachbarin oder mit Träumen und Schlafen
wie es einem jeden beliebt dann wird geklatscht jedermann geht zufrieden nach
Hause und gute Nacht«
Wir sagten vorhin die Abderiten hätten sich mit ihrem Theater so viel zu
tun gemacht dass sie in Gesellschaften beinahe von nichts als von der Komödie
gesprochen und so verhielt sichs auch wirklich Aber wenn sie von
Teaterstücken und Vorstellung und Schauspielern sprachen so geschah es nicht
um etwa zu untersuchen was daran in der Tat beifallswürdig sein möchte oder
nicht Denn ob sie sich ein Ding gefallen oder nicht gefallen lassen wollten
das hing ihrer Meinung nach lediglich von ihrem freien Willen ab und wie
gesagt sie hatten nun einmal eine Art von schweigender Abrede mit einander
getroffen ihre einheimische dramatische Manufacturen aufzumuntern »Man sieht
doch recht augenscheinlich sagten sie was es auf sich hat wenn die Künste an
einem Orte aufgemuntert werden Noch vor zwanzig Jahren hatten wir kaum zween
oder drei Poeten von denen außer etwa an Geburtstagen oder Hochzeiten kein
Mensch Notiz nahm jetzt seit den zehn bis zwölf Jahren dass wir ein eigenes
Theater haben können wir schon über Stücke groß und klein in einander
gerechnet aufweisen die alle auf abderitischem Grund und Boden gewachsen
sind«
Wenn sie also von ihren Schauspielen schwatzten so war es nur um einander
zu fragen ob zE das gestrige Stück nicht schön gewesen sei und einander zu
antworten ja es sei sehr schön gewesen und was die Actrice welche die
Iphigenia oder Andromacha vorgestellt denn zu Abdera wurden die weiblichen
Rollen von wirklichen Frauenzimmern gemacht und das war eben nicht so
abderitisch für ein schönes neues Kleid angehabt Und das gab dann Gelegenheit
zu tausend kleinen interessanten Anmerkungen Reden und Gegenreden über den
Putz die Stimme den Anstand den Gang das Tragen des Kopfs und der Arme und
zwanzig andre Dinge dieser Art an den Schauspielern und Schauspielerinnen
Mitunter sprach man auch wohl von dem Stücke selbst sowohl von der Musik als
von den Worten wie sie die Poesie davon nannten di ein jedes sagte was ihm
am besten oder wenigsten gefallen hätte man hob die vorzüglich rührenden und
erhabenen Stellen aus tadelte auch wohl hier und da einen Ausdruck ein
allzuniedriges Wort oder ein Sentiment das man übertrieben oder anstößig fand
Aber immer endigte sich die Kritik mit dem ewigen abderitischen Refrein es
bleibt doch immer ein schönes Stück und hat viel Moral in sich schöne Moral
pflegte der kurze dicke Ratsherr hinzuzusetzen und immer traf sichs zu dass
die Stücke die er ihrer schönen Moral wegen selig pries gerade die elendesten
waren
Man wird vielleicht denken da die besonderen Ursachen die man zu Abdera
gehabt alle einheimische Stücke ohne Rücksicht auf Verdienst und Würdigkeit
aufzumuntern bei auswärtigen nicht statt gefunden so hätte doch wenigstens die
große Verschiedenheit der ateniensischen Schauspieldichter und der Abstand
eines Astydamas von einem Sophokles etwas dazu beitragen sollen ihren Geschmack
zu bilden und ihnen den Unterschied zwischen gut und schlecht vortrefflich und
mittelmäßig besonders den mächtigen Unterschied zwischen natürlichem Beruf und
bloßer Prätension und Nachäfferei zwischen dem munteren gleichen aushaltenden
Gang des wahren Meisters und dem Stelzenschritt oder dem Nachkeuchen
Nachhinken und Nachkriechen der Nachahmer anschaulich zu machen Aber fürs
erste ist der Geschmack eine Sache die sich ohne natürliche Anlage ohne eine
gewisse Feinheit des Seelenorgans womit man schmecken soll durch keine Kunst
noch Bildung erlangen lässt und wir haben gleich zu Anfang dieser Geschichte
schon bemerkt dass die Natur den Abderiten diese Anlage ganz versagt zu haben
schien Ihnen schmeckte Alles Man fand auf ihren Tischen die Meisterstücke des
Genies und Witzes mit den Producten der schalsten Köpfe den Taglöhnerarbeiten
der elendesten Pfuscher unter einander liegen Man konnte ihnen in solchen
Dingen weis machen was man wollte und es war nichts leichter als einem
Abderiten die erhabenste Ode von Pindar für den ersten Versuch eines Anfängers
und umgekehrt das sinnloseste Geschmier wenn es nur den Zuschnitt eines Gesangs
in Strophen und Antistrophen hatte für ein Werk von Pindar zu geben Daher war
bei einem jeden neuen Stücke das ihnen zu Gesicht kam immer ihre erste Frage
von wem und man hatte hundert Beispiele dass sie gegen das vortrefflichste
Werk gleichgültig geblieben waren bis sie erfahren hatten dass es einem
berühmten Namen zugehöre
Dazu kam noch der Umstand dass der Nomophylax Gryllus Cyniskus Sohn der an
der Errichtung des abderitischen Nationalteaters den meisten Anteil gehabt
hatte und der Oberaufseher über ihr ganzes Schauspielwesen war Anspruch
machte ein großer Musikverständiger und der erste Komponist seiner Zeit zu sein
ein Anspruch wogegen die gefälligen Abderiten um so weniger einzuwenden
hatten weil er ein sehr popularer Herr war und weil seine ganze
Kompositionskunst in einer kleinen Anzahl melodischer Formen oder Leisten
bestund welche zu allen Arten von Texten passen mussten und daher nichts
leichter war als seine Melodien zu singen und auswendig zu lernen
Die Eigenschaft auf die sich Herr Gryllus am meisten zu gut tat war seine
Behendigkeit im Komponieren »Nun wie gefällt Ihnen meine Iphigenia Hekuba
Alcestis oder was es sonsten war he« O ganz vortrefflich Herr Nomophylax
»Gelt da ist doch ein reiner Satz fliessende Melodie hä hä hä Und wie
lange denken Sie dass ich daran gemacht habe Zählen Sie nach Heute haben wir
den 13 ten Den vierten Morgens um 5 Uhr Sie wissen ich bin früh setzt ich
mich an mein Pult und fing an und gestern punct 10 Uhr Vormittags macht ich
den letzten Strich Nun zählen Sie nach 4 5 6 7 8 9 10 11 12
macht wie Sie sehen nicht volle 9 Tage und darunter 2 Ratstage und zwei oder
drei wo ich zu Gaste gebeten war andre Geschäfte nicht gerechnet Hm was
sagen Sie Heißt das nicht fix gearbeitet Ich sag es eben nicht um mich zu
rühmen aber das getraue ich mir wenns eine Wette gälte dass mir kein Komponist
im ganzen europäischen und asiatischen Griechenland bälder mit einem Stücke
fertig werden soll als ich Es ist nichts Aber es ist doch so eine eigne Gabe
die ich habe hä hä hä« Wir hoffen unsre Leser sehen den Mann nun vor sich
und wenn sie einige Anlage zur Musik haben so muss ihnen sein sie hätten ihm
bereits seine ganze Iphigenia Hekuba und Alcestis herunterorgeln gehört
Nun hatte dieser große Mann noch nebenher die kleine Schwachheit dass er
keine Musik gut finden konnte als seine eigene Keiner von den besten
Komponisten zu Athen Teben Korint usw konnt es ihm zu Dank machen Den
berühmten Damon selbst dessen gefällige geistreiche und immer zum Herzen
sprechende Art zu componieren außerhalb Abdera alles was eine Seele hatte
bezauberte nannte er unter seinen Vertrauten nur den Bänkelsängercomponisten
Bei dieser Art zu denken und vermöge der unendlichen Leichtigkeit womit er
seinen musikalischen Laich von sich gab hatte er nun binnen wenig Jahren zu
mehr als 60 Stücken von berühmten und unberühmten ateniensischen
Schauspieldichtern die Musik gemacht denn die abderitischen Nationalproducte
überließ er meistens seinen Schülern und Nachahmern und begnügte sich bloß mit
der Revision ihrer Arbeit Freilich fiel seine Wahl wie man denken kann nicht
immer auf die besten Stücke die Hälfte wenigstens waren bombastische
Karricaturnachahmungen des Aeschylus oder abgeschmackte Possenspiele
Jahrmarktstücke die von ihren Verfassern selbst bloß für die Belustigung des
untersten Pöbels bestimmt waren Aber genug der Nomophylax ein Haupt der
Stadt hatte sie componiert sie wurden also unendlich beklatscht und wenn sie
denn auch bei der öfteren Wiederholung mitunter gähnen und hojahnen machten dass
die Kinnladen hätten auseinander gehen mögen so versicherte man einander doch
beim Herausgehen sehr tröstlich es sei gar ein schönes Stück und gar eine
schöne Musik gewesen
Und so vereinigte sich denn alles nicht nur gegen die Arten und Stufen des
Schönen sondern gegen den innern unterschied des Vortrefflichen und Schlechten
selbst bei diesen griechenzenden Traciern jene mechanische Kaltsinnigkeit
hervorzubringen wodurch sie sich als durch einen festen Nationalcharakterzug
von allen übrigen policierten Völkern des Erdhodens auszeichneten eine
Kaltsinnigkeit die dadurch desto sonderbarer wurde weil sie ihnen
demungeachtet die Fähigkeit ließ zuweilen von dem wirklich Schönen auf eine gar
seltsame Art afficiert zu werden wie man in kurzem aus einem merkwürdigen
Beispiel ersehen soll
Drittes Kapitel
Beiträge zur abderitischen Litterargeschichte
Nachrichten von ihren ersten theatralischen Dichtern Hyperbolus Paraspasmus
Antiphilus und Tlaps
Bei aller dieser anscheinenden Gleichgültigkeit Toleranz Apathie Hidypatie
oder wie mans nehmen will müssen wir uns die Abderiten gleichwohl nicht als
Leute ohne allen Geschmack einbilden Denn ihre fünf Sinnen hatten sie richtig
und vollgezählt und wiewohl ihnen unter den angegebnen Umständen Alles gut
genug schmeckte so deuchte sie doch dieses oder jenes schmecke ihnen besser
als ein andres und so hatten sie denn ihre Lieblingsstücke und Lieblingsdichter
so gut als andre Leute
Damals als ihnen der kleine Verdruss mit dem Arzt Hippokrates zustiess waren
unter einer ziemlichen Anzahl von Teaterdichtern welche Handwerk davon machten
die Freiwilligen nicht gerechnet vornehmlich zween im Besitz der höchsten
Gunst des abderitischen Publicums Der eine machte Tragödien und eine Art
Stücke die man jetzt komische Opern nennt der andere Namens Tlaps eine Art
von Mitteldingen wobei einem weder wohl noch weh geschah wovon er der erste
Erfinder war und die deswegen nach seinem Namen Tlapsödien genannt wurden
Der erste war eben der Hyperbolus dessen schon zu Anfang dieser eben so
wahrhaften als wahrscheinlichen Geschichte als des berühmtesten unter den
abderitischen Dichtern erwähnt worden ist Er hatte sich zwar auch in den
übrigen Gattungen hervorgetan die außerordentliche Parteilichkeit seiner
Landsleute für ihn hatte ihm in allen den Preis zuerkannt und eben dieser
Vorzug erwarb ihm den hochtrabenden Zunamen Hyperbolus denn von Haus aus nannte
er sich Hegesias Der Grund warum dieser Mensch ein so besonderes Glück bei den
Abderiten machte war der natürlichste von der Welt nämlich eben der weswegen
er und seine Werke an jedem andern Orte der Welt als in Abdera ausgepfiffen
worden wären Er war unter allen ihren Dichtern derjenige in welchem der
eigentliche Geist von Abdera mit allen seinen Idiotismen und Abweichungen von
den schöneren Formen Proportionen und Lineamenten der Menschheit am
leibhaftesten wohnte derjenige mit dem alle übrigen am meisten
sympatisierten der immer alles just so machte wie sie es auch gemacht haben
würden ihnen immer das Wort aus dem Munde nahm immer das eigentliche
Pünktchen traf wo sie gekützelt sein wollten mit einem Wort der Dichter nach
ihrem Sinn und Herzen und das nicht etwa in Kraft eines außerordentlichen
Scharfsinns oder als ob er sich ein besonderes Studium daraus gemacht hätte
sondern lediglich weil er unter allen seinen Brüdern im Marsyas am meisten
Abderit war Bei ihm durfte man sich darauf verlassen dass der Gesichtspunkt
woraus er eine Sache ansah immer der schiefste war woraus sie angesehen werden
konnte dass er zwischen zwei Dingen allemal die Ähnlichkeit just fand wo ihr
wesentlichster Unterschied lag dass er je und allezeit feierlich aussehen würde
wo ein vernünftiger Mensch lacht und lachen würde wo es nur einem Abderiten
einfallen kann zu lachen usw Ein Mann der des abderitischen Genius so voll
war konnte natürlicher Weise in Abdera alles sein was er wollte Auch war er
ihr Anakreon ihr Alcäus ihr Pindar ihr Aeschylus ihr Aristophanes und seit
kurzem arbeitete er an einem großen Nationalheldengedicht in acht und vierzig
Gesängen die Abderiade genannt zu großer Freude des ganzen abderitischen
Volks »Denn sagten sie ein Homer ist das einzige was uns noch abgeht und
wenn Hyperbolus mit seiner Abderiade fertig sein wird so haben wir Ilias und
Odyssee in einem Stücke beisammen und dann lass die andern Griechen kommen und
uns noch über die Achseln ansehen wenn sie das Herz haben Sie sollen uns dann
einen Mann stellen dem wir nicht einen aus unserm Mittel gegenüber stellen
wollen«
Indessen war doch die Tragödie das eigentliche Fach des Hyperbolus Er hatte
deren hundert und zwanzig vermutlich auch groß und klein in einander gerechnet
verfertigt ein Umstand der ihm bei einem Volke das in allen Dingen nur auf
Anzahl und körperlichen Umfang sah allein schon einen außerordentlichen Vorzug
geben musste Denn von allen seinen Nebenbuhlern hatte es keiner auch nur auf das
Drittel dieser Zahl bringen können Ungeachtet ihn die Abderiten wegen des
Bombasts seiner Schreibart ihren Aeschylus zu nennen pflegten so wusste er sich
selbst doch nicht wenig mit seiner Originalität Man weise mir sprach er einen
Charakter einen Gedanken ein Sentiment einen Ausdruck in allen meinen
Werken den ich aus einem andern genommen hätte oder aus der Natur setzte
Demokritus hinzu »O rief Hyperbolus was das betrifft das kann ich Ihnen
zugeben ohne dass ich viel dabei verliere Natur Natur die Herren klappern
immer mit ihrer Natur und wissen am Ende nicht was sie wollen Die gemeine
Natur und die meinen Sie doch gehört in die Komödie ins Possenspiel in die
Tlapsödie wenn Sie wollen Aber die Tragödie muss über die Natur gehen oder
ich gebe nicht eine hohle Nuss darum« Von den seinigen galt dies im vollesten
Maß So wie seine Personen hatte nie kein Mensch ausgesehen nie kein Mensch
gefühlt gedacht gesprochen noch gehandelt Aber das wollten die Abderiten eben
und daher kam es auch dass sie unter allen auswärtigen Dichtern am wenigsten
aus dem Sophokles machten »Wenn ich aufrichtig sagen soll wie ich denke«
sagte einst Hyperbolus in einer vornehmen Gesellschaft wo über diese Materie
auf gut Abderitisch raisonniert wurde »ich habe nie begreifen können was an
dem Oedipus oder an der Elektra des Sophokles insonderheit was an seinem
Philoktet so außerordentliches sein soll Für einen Nachfolger eines so erhabenen
Dichters wie Aeschylus fällt er wahrlich gewaltig ab Nun ja attische
Urbanität die streit ich ihm nicht ab Urbanität so viel Sie wollen Aber der
Feuerstrom die wetterleuchtenden Gedanken die Donnerschläge der hinreissende
Wirbelwind kurz die Riesenstärke der Adlersflug der Löwengrimm der Sturm
und Drang der den wahren tragischen Dichter macht wo ist der« Das nenn ich
wie ein Meister von der Sache sprechen sagte einer von der Gesellschaft O
über solche Dinge verlassen Sie sich auf das Urteil des Hyperbolus rief ein
andrer wenn er das nicht verstehen sollte Er hat 120 Tragödien gemacht
flüsterte eine Abderitin einem Fremden ins Ohr s ist der erste Teaterdichter
von Abdera
Indessen hatte es doch unter allen seinen Nebenbuhlern Schülern und
Kaudatarien ihrer zweenen geglückt ihn auf dem tragischen Thron auf den ihm
der allgemeine Beifall hinauf geschwungen wanken zu machen Dem einen durch
ein Stück worin der Held gleich in der ersten Szene des ersten Acts seinen
Vater ermordet im zweiten seine leibliche Schwester heiratet im dritten
entdeckt dass er sie mit seiner Mutter gezeugt hatte im vierten sich selber
Ohren und Nase abschneidet und im fünften nachdem er die Mutter vergiftet und
die Schwester erdrosselt von den Furien unter Blitz und Donner in die Hölle
geholt wird Dem andern durch eine Niobe worin außer einer Menge O O Ai Ai
Pei Pei und Elelelelei und einigen Blasphemien wobei den Zuhörern die Haare
zu Berge standen das ganze Stück in lauter Action und Pantomime gesetzt war
Beide Stücke hatten den erstaunlichsten Effect gemacht Nie waren binnen drei
Stunden so viele Schnupftücher voll geweint worden seit ein Abdera in der Welt
war Nein es ist nicht zum Aushalten schluchzten die schönen Abderitinnen
Der arme Prinz wie er heulte wie er sich herumwälzte Und die Rede die er
hielt da er sich die Nase abgeschnitten hatte rief eine andere und die Furien
die Furien schrie eine dritte ich konnte vier Wochen lang kein Auge vor ihnen
zutun Es war schrecklich ich muss es gestehen sagte die vierte aber o die
Niobe wie sie mitten unter ihren übereinander hergewälzten Kindern dasteht
sich die Haare ausrauft sie über die dampfenden Leichen hinstreut dann sich
selbst auf sie hinwirft sie wieder beleben möchte dann in Verzweiflung wieder
auffährt die Augen wie feurige Räder im Kopf herumrollt dann mit ihren eigenen
Nägeln sich die Brust aufreisst und Hände voll Bluts unter entsetzlichen
Verwünschungen Himmel wirft Nein so was rührendes muss nie gesehen worden
sein Was das für ein Mann sein muss der Paraspasmus der Stärke genug hatte so
eine Szene aufs Theater zu bringen Nun was die Stärke anbetrifft sagte die
schöne Salabanda darauf lässt sich eben nicht immer so sicher schließen Ich
zweifle ob Paraspasmus alles halten würde was er zu versprechen scheint große
Prahler schlechte Fechter Man kannte die schöne Salabanda für eine Frau die
so was nicht ohne guten Grund sagte Dieser einzige Umstand brachte so viel
zuwege dass die Niobe des Paraspasmus bei der zweiten Vorstellung nicht mehr die
Hälfte der vorigen Wirkung tat und der Dichter selbst konnte sich in der Folge
nicht wieder von dem Schlag erholen den ihm Salabanda durch ein einziges Wort
in der Einbildungskraft der Abderitinnen gegeben hatte
Indessen blieb ihm und seinem Freunde Antiphilus doch immer die Ehre der
Tragödie zu Abdera einen neuen Schwung gegeben zu haben und die Erfinder zwoer
neuer Gattungen der grissgrammischen und der pantomimischen zu sein in
welchen den abderitischen Dichtern eine Laufbahn eröffnet wurde wo es um so
viel sichrer war Lorbeern einzuernten da im Grunde nichts leichters ist als
Kinder zu erschrecken und seine Helden vor lauter Affect gar nichts sagen zu
lassen
Wie aber die menschliche Unbeständigkeit sich auch an dem was in seiner
Neuheit noch so angenehm ist gar bald ersättiget so fingen auch die Abderiten
bereits an es überdrüssig zu werden immer und alle Tage gar schön zu finden
was ihnen in der Tat schon lange gar wenig Vergnügen machte als ein junger
Dichter Namens Tlaps auf den Einfall kam Stücke aufs Theater zu bringen die
weder Komödie noch Tragödie noch Posse sondern eine Art von lebendigen
abderitischen Familiengemälden wären wo weder Helden noch Narren sondern gute
ehrliche hausgebackne Abderiten auftreten ihren täglichen Stadt Markt Haus
und Familiengeschäften nachgehen und vor einem löblichen Spectatorium gerade so
handeln und sprechen sollten als ob sie auf der Bühne zu Hause wären und es
sonst keine Leute in der Welt gäbe als sie Man sieht dass dies ungefähr die
nämliche Gattung war wodurch sich Menander in der Folge so viel Ruhm erwarb
Der Unterschied bestand bloß darin dass er Atenienser und jener Abderiten auf
die Bühne brachte und dass er Menander und jener Tlaps war Allein da dieser
Unterschied den Abderiten nichts vorschlug oder vielmehr gerade zu Tlapsens
Vorteil gereichte so wurde sein erstes Stück52 in dieser Gattung mit einem
Entzücken aufgenommen wovon man noch kein Beispiel gesehen hatte Die ehrlichen
Abderiten sahen sich selbst zum erstenmal auf der Schaubühne in puris
Naturalibus ohne Karricatur ohne Stelzen ohne Löwenhäute Keulen Szepter und
Diademe in ihren gewöhnlichen Hauskleidern ihre gewöhnliche Sprache redend
nach ihrer angeborenen eigentümlichen abderitischen Art und Weise leiben und
leben essen und trinken freien und sich freien lassen usw und das war eben
was ihnen so viel Vergnügen machte Es ging ihnen wie einem jungen Mädchen das
sich zum erstenmal in einem Spiegel sehen würde sie konntens gar nicht genug
kriegen Die vierfache Braut wurde vierzehnmal hinter einander gespielt und
eine lange Zeit wollten die Abderiten nichts als Tlapsödien sehen Tlaps dem
es nicht so fix von der Faust ging als dem großen Hyperbolus und dem Nomophylax
Gryllus konnte deren nicht genug fertig kriegen Aber da er seinen Mitbrüdern
einmal den Ton angegeben hatte so fehlte es ihm nicht an Nachahmern Alles
legte sich auf die neue Gattung und in weniger als drei Jahren waren alle
mögliche Süjets und Titel von Tlapsödien so erschöpft dass es wirklich ein
Jammer war die Not der armen Dichter zu sehen wie sie druckten und schwitzten
um aus dem Schwamme den schon so viele vor ihnen ausgedruckt hatten noch einen
Tropfen trübes Wasser herauszupressen
Die natürliche Folge davon war dass unvermerkt alle Dinge wieder ins
gehörige Gleichgewicht kamen Die Abderiten die nach ziemlich allgemeiner
menschlicher Weise Anfangs für jede Gattung eine ausschliessende Neigung fassten
fanden endlich dass es nur desto besser sei wenn sie dem Überdruss durch
Abwechslung und Mannigfaltigkeit wehren konnten Die Tragödien gemeine
grissgrammische und pantomimische die Komödien Operetten und Possenspiele kamen
wieder in Umlauf der Nomophylax componierte die Tragödien des Euripides und
Hyperbolus zumal da ihn das Project abderitischer Homer zu werden im Kopfe
stak ließ sichs weils doch nicht zu ändern war am Ende gerne gefallen die
höchste Gunst des abderitischen Parterre mit Tlapsen zu teilen zumal da
dieser durch die Heirat mit der Nichte eines Oberzunftmeisters seit kurzem eine
wichtige Person geworden war
Viertes Kapitel
Merkwürdiges Beispiel von der guten Staatswirtschaft der Abderiten
Beschluss der Digression über ihr Teaterwesen
Ehe wir von dieser Abschweifung zum Verfolg unsrer Geschichte zurückkehren
möchte vonnöten sein dem geneigten Leser einen kleinen Zweifel zu benehmen der
ihm während vorstehender kurzen Abschattung des abderitischen Schauspielwesens
aufgestoßen sein möchte
Es ist nicht wohl zu begreifen wird man sagen wie das Aerarium von Abdera
dessen Einkünfte eben nicht so gar beträchtlich sein konnten eine so
ansehnliche Nebenausgabe wie ein tägliches Schauspiel mit allen seinen Artikeln
ist in die Länge habe bestreiten können gesetzt auch dass die Dichter ohne
Sold noch Lohn aus purem Patriotismus oder um die bloße Ehre gedient hätten
Wofern aber dies letztere war wird man kaum glaublich finden dass es so manchen
Teaterdichter von Profession in Abdera gegeben und dass der große Hyperbolus
mit allem seinem Patriotismus und Eigennutz es bis auf dramatische Stücke
sollte getrieben haben
Um nun den günstigen Leser nicht ohne Not aufzuhalten wollen wir ihm nur
gleich unverhohlen gestehen dass ihre Teaterdichter keineswegs umsonst
arbeiteten denn das große Gesetz »dem Ochsen der da drischt sollst du nicht
das Maul verbinden« ist ein Naturgesetz dessen allgemeine Verbindlichkeit auch
sogar die Abderiten fühlten und dass vermöge einer besonderen Finanzoperation
das Stadtärarium durch das Theater eigentlich keine neue Ausgabe zu bestreiten
hatte sondern dieser Aufwand größtenteils an andern nötigern und nützlichern
Artikeln erspart wurde
Die Sache verhielt sich so So bald die Gönner des Theaters sahen dass die
Abderiten Feuer gefasst und Schauspiele zum Bedürfnis für sie geworden
ermangelten sie nicht dem Volk durch die Zunftmeister vorstellen zu lassen dass
das Aerarium einem so großen Zuwachs von Ausgaben ohne neue Einnahmequellen oder
Erziehung andrer Ausgaben nicht gewachsen sei Dies veranlasste denn dass eine
Kommission niedergesetzt wurde welche nach mehr als sechzig zahlbaren
Sessionen endlich einen Entwurf einer Einrichtung des gemeinen abderitischen
Teaterwesens vor Rat legte den man so gründlich und wohlausgesonnen befand
dass er stracks in einer allgemeinen Versammlung der Bürgerschaft zu einem
Fundamentalgesetz der Stadt Abdera gestempelt wurde
Wir würden uns ein Vergnügen daraus machen dieses abderitische Meisterstück
auch vor unsre Leser zu legen wenn wir ihnen Geduld genug zutrauen dürften es
zu lesen Sollte aber irgend ein gemeines Wesen in oder außer dem heil röm
Reiche die Mitteilung desselben wünschen so ist man erbötig solche auf
beschehene Requisition gegen bloße Erstattung der Schreibauslagen unentgeltlich
zu communicieren Alles was wir hier davon sagen können ist dass vermöge
dieser Einrichtung sine aggravio Publici hinlängliche Fonds ausgemacht wurden
die Abderiten wöchentlich viermal mit Schauspielen zu tractieren sowohl
Dichter Schauspieler und Orchester als die Herren Deputierten und den
Nomophylax condigne zu remunerieren und überdies noch die beiden untersten
Klassen der Zuschauer bei jeder Vorstellung viritim mit einem Pfennigbrot und
zwo trocknen Feigen zu gratificieren Der einzige Fehler dieser schönen
Einrichtung war dass die Herren von der Kommission sich in Berechnung der
Einnahme und Ausgabe wegen deren Richtigkeit man sich auf ihre bekannte
Dexterität verließ um 28000 Drachmen ungefähr drittalb tausend Taler unsers
Geldes verrechnet hatten die das Aerarium mehr bezahlen musste als die
angewiesenen Fonds betrugen Das war nun freilich kein ganz gleichgültiger
Rechnungsverstoss Indessen waren die Herren von Abdera gewohnt so glattweg und
bona fide bei ihrem Aerario zu Werke zu gehen dass etliche Jahre verstrichen
bis man gewahr wurde woran es liege dass alle Jahre 2500 Taler in ihrem
Stadtseckel zu wenig waren Wie man es endlich mit vieler Mühe heraus gebracht
hatte fanden die Häupter für nötig die Sache vor das gesamte Volk zu bringen
und pro forma auf Einziehung der Schaubühne anzutragen Allein die Abderiten
gebärdeten sich zu diesem Vorschlag als ob man ihnen Wasser und Feuer nehmen
wolle Kurz es wurde ein Plebiscitum errichtet dass die jährlich abgängigen
drittalb Talente aus dem gemeinen Schatz der im Tempel der Latona niedergelegt
war genommen werden sollten und derjenige der sich künftig unterfangen würde
auf Abschaffung der Schaubühne anzutragen sollte für einen Feind der Stadt
Abdera angesehen werden
Die Abderiten glaubten nun ihre Sache recht klug gemacht zu haben und
pflegten gegen Fremde sich viel darauf zu gut zu tun dass ihre Schaubühne
jährlich 80 Talente 80000 Taler und gleichwohl der Bürgerschaft von Abdera
keinen Heller koste »Es kommt alles auf eine gute Einrichtung an sagten sie
Aber dafür haben wir auch ein Nationalteater wie kein andres in der Welt sein
muss« Das ist eine große Wahrheit sagte Demokritus solche Dichter solche
Schauspieler solche Musik und wöchentlich viermal für 80 Talente Ich
wenigstens habe das an keinem andern Ort in der Welt angetroffen
Was man ihnen lassen musste war dass ihr Theater für eines der prächtigsten
in Griechenland gelten konnte Freilich hatten sie dem Könige von Macedonien ihr
bestes Amt versetzt um es bauen zu können Aber da ihnen der König zugestanden
dass der Amtmann der Amtsschreiber und der Rentmeister allezeit Abderiten
bleiben sollten so konnte ja niemand was dagegen einzuwenden haben
Wir bittens den Lesern ab wenn Sie mit dieser allgemeinen Nachricht von dem
abderitischen Teaterwesen zu lange aufgehalten worden sind Es hat nun 6 Uhr
geschlagen und wir versetzen uns also ohne weiters in das Amphiteater dieser
preiswürdigen Republik wo die geneigten Leser nach Gefallen entweder bei dem
kleinen dicken Ratsherrn oder bei dem Priester Strobylus oder bei dem
Schwätzer Antistrepsiades oder bei irgend einer von den schönen Abderitinnen
mit welchen wir sie in den vorigen Kapiteln bekannt gemacht haben Platz zu
nehmen belieben werden
Fünftes Kapitel
Die Andromede des Euripides wird aufgeführt
Großer Success des Nomophylax und was die Sängerin Eukolpis dazu beigetragen
Ein paar Anmerkungen über die übrigen Schauspieler die Chöre und die Decoration
Das Stück das diesen Abend gespielt wurde war die Andromede des Euripides
eines von den 60 oder 70 Werken dieses Dichters wovon nur wenige kleine Späne
und Splitter der Vernichtung entronnen sind Die Abderiten trugen ohne eben
sehr zu wissen warum große Ehrerbietung für den Namen Euripides und alles was
diesen Namen trug Verschiedne seiner Tragödien oder Singspiele wie wir sie
eigentlich nennen sollten waren schon öfters aufgeführt und allemal sehr
schön gefunden worden Die Andromede eines der neuesten wurde jetzt zum
erstenmal auf die abderitische Schaubühne gebracht Der Nomophylax hatte die
Musik dazu gemacht und wie er seinen Freunden ziemlich laut ins Ohr sagte
diesmal sich selbst übertroffen das heißt der Mann hatte sich vorgesetzt alle
sein Künste auf einmal zu zeigen und darüber war ihm der gute Euripides
unvermerkt ganz aus den Augen gekommen Kurz Herr Gryllus hatte sich selbst
componiert unbekümmert ob seine Musik den Text oder der Text seine Musik zu
Unsinn mache welches dann gerade der Punkt war der auch die Abderiten am
wenigsten kümmerte Genug sie machte großen Lerm hatte wie seine Brüder
Vettern Schwäger Klienten und Hausbedienten als sämtliche Kenner
versicherten sehr erhabene und rührende Stellen und wurde mit dem lautsten
entschiedensten Beifall aufgenommen Nicht als ob nicht sogar in Abdera noch
hier und da Leute gesteckt hätten die weil sie vielleicht etwas dümmere Ohren
auf die Welt gebracht als ihre Mitbürger oder weil sie anderswo was Bessers
gehört haben mochten einander unter vier Augen gestunden dass der Nomophylax
mit aller seiner Anmassung ein Orpheus zu sein nur ein Leiermann und das beste
seiner Werke eine Rhapsodie ohne Geschmack und meistens auch ohne Sinn sei
Diese wenigen hatten sich ehmals sogar erkühnt etwas von dieser ihrer
Heterodoxie ins Publicum erschallen zu lassen aber sie waren jedesmal von den
Verehrern der gryllischen Muse so übel empfangen worden dass sie um mit heiler
Haut davon zu kommen für gut befanden sich in Zeiten den Majoribus zu
submittieren und nun waren diese Herren immer die die bei den elendesten
Stellen am ersten und am lautsten klatschten
Das Orchester tat diesmal sein Äusserstes um sich seines Oberhauptes würdig
zu zeigen »Ich hab ihnen aber auch alle Hände voll zu tun gegeben« sagte
Gryllus und schien sich viel darauf zu gut zu tun dass die armen Leute schon im
zweiten Act keinen trocknen Faden mehr am Leibe hatten
Im Vorbeigehen gesagt das Orchester war eins von den Instituten worin die
Abderiten es mit allen Städten in der Welt aufnahmen Das erste was sie einem
Fremden davon sagten war dass es hundert und zwanzig Köpfe stark sei »Das
Ateniensische pflegten sie mit bedeutendem Accent hinzuzusetzen soll nur 8o
haben aber freilich mit 120 Mann lässt sich auch was ausrichten« Wirklich
fehlte es unter so vielen nicht an geschickten Leuten wenigstens an solchen
aus denen ein Vorsteher wie in Abdera keiner war noch sein konnte etwas hätte
machen können Aber was half das ihrem Musikwesen Es war nun einmal im
Götterrate beschlossen dass im tracischen Athen nichts an seinem Platz nichts
seinem Zweck entsprechend nichts recht und nichts ganz sein sollte Weil die
Leute wenig für ihre Mühe hatten so glaubte man auch nicht viel von ihnen
fordern zu können und weil man mit einem Jeden zufrieden war der sein Bestes
tat wie sies nannten so tat niemand sein Bestes Die geschickten wurden
lässig und wer noch auf halbem Wege war verlor den Mut und zuletzt auch das
Vermögen weiter zu kommen Wofür hätten sie sich am Ende auch Mühe um
Vollkommenheit gehen sollen da sie für abderitische Ohren arbeiteten Freilich
hatten die leidigen Fremden auch Ohren aber sie hatten doch keine Stimme zu
geben fandens auch nicht einmal der Mühe wert oder waren zu höflich oder zu
politisch gegen den Geschmack von Abdera Sturm laufen zu wollen Der
Nomophylax so dumm er war merkte zwar selbst so gut als ein Andrer dass es
nicht so recht ging wie es sollte Aber außerdem dass er keinen Geschmack hatte
oder welches auf eins hinaus lief dass ihm nichts schmeckte was er nicht selbst
gekocht hatte und er also immer die rechten Mittel wodurch es besser werden
konnte verfehlte war er auch zu träge und zu ungeschmeidig sich mit andern
auf die gehörige Art abzugeben Vielleicht mocht ers auch am Ende wohl leiden
dass er wenn sein Leierwerk wie wohl zuweilen geschah sogar den Abderiten
nicht recht zu Ohren gehen wollte die Schuld aufs Orchester schieben und die
Herren und Damen die ihm Ehren halben ihr Kompliment deswegen machten
versichern konnte dass nicht eine Note so wie er sie gedacht und geschrieben
habe vorgetragen worden sei Allein das war doch immer nur eine Feuertüre für
den Notfall Denn aus dem naserümpfenden Ton worin er von allen andern
Orchestern zu sprechen pflegte und aus den Verdiensten die er sich um das
abderitische beilegte musste man schließen dass er so gut damit zufrieden war
als es einen patriotischen Nomophylax von Abdera ziemte
Wie es aber auch mit der Musik dieser Andromeda und ihrer Ausführung
beschaffen sein mochte gewiss ist dass in langer Zeit kein Stück so allgemein
gefallen hatte Dem Sänger der den Perseus machte wurde so gewaltig
zugeklatscht dass er mitten in der schönsten Szene aus dem Tone kam und in eine
Stelle aus dem Cyklops sich verirrete Andromeda in der Szene wo sie an den
Felsen gefesselt von allen ihren Freunden verlassen und dem Zorn der Nereiden
Preis gegeben angstvoll das Auftauchen des Ungeheuers erwartet musste ihren
Monolog dreimal wiederholen Der Nomophylax konnte seine Freude über einen so
glänzenden Success nicht bändigen Er ging von Reihe zu Reihe herum den Tribut
von Lob einzusammeln der ihm aus allen Lippen entgegenschallte und mitten
unter der Versichrung dass ihm zu viel Ehre widerfahre gestand er dass er
selbst mit keinem seiner Spielwerke wie er seine Opern mit vieler
Bescheidenheit zu nennen beliebte so zufrieden sei wie mit dieser Andromeda
Indessen hätt er doch um sich selbst und den Abderiten Gerechtigkeit zu
erweisen wenigstens die Hälfte des glücklichen Erfolgs auf Rechnung der
Sängerin Eukolpis setzen müssen die zwar ohnehin schon im Besitz zu gefallen
war aber in der Rolle der Andromeda Gelegenheit fand sich in einem so
vorteilhaften Lichte zu zeigen dass die jungen und alten Herren von Abdera sich
gar nicht satt an ihr sehen konnten Denn da war so viel zu sehen dass ans
Hören gar nicht zu denken war Eukolpis war eine große wohlgedrehte Figur zwar
um ein Namhaftes materieller als man in Athen zu einer Schönheit erfoderte
aber in diesem Stücke waren die Abderiten wie in vielen andern ausgemachte
Tracier und ein Mädchen aus welchem ein Bildhauer in Sicyon zwo gemacht
hätte war nach ihrem angenommenen Ebenmass ein Wunder von einer Nymphenfigur Da
die Andromeda nur sehr dünne angezogen sein durfte so hatte Eukolpis die sich
stark bewusst war worin eigentlich die Kraft ihres Zaubers liege eine Draperie
von rosenfarbnem koischem Zeug erfunden unter welcher ohne dass der Wohlstand
sich allzu sehr beleidigt finden konnte von den schönen Formen die man an ihr
bewunderte wenig oder nichts für die Zuschauer verloren ging Nun hatte sie gut
singen Die Komposition hätte wo möglich noch abgeschmackter und ihr Vortrag
noch zehnmal fehlerhafter sein können immer würde sie ihren Monologen haben
wiederholen müssen weil das doch immer der ehrlichste Vorwand war sie desto
länger mit lüsternen Blicken betasten zu können Wahrlich beim Jupiter ein
herrliches Stück sagte einer zum andern mit halbgeschlossnen Augen ein
unvergleichliches Stück Aber finden Sie nicht auch dass Eukolpis heute wie eine
Göttin Singt »O über allen Ausdruck Es ist beim Anubis nicht anders als
ob Euripides das ganze Stück bloß um ihrentwillen gemacht hätte« Der junge
Herr der dies sagte pflegte immer beim Anubis zu schwören um zu zeigen dass
er in Ägypten gewesen sei
Die Damen wie leicht zu erachten fanden die neue Andromeda nicht ganz so
wundervoll als die Mannsleute »Nicht übel Ganz artig sagten sie aber wie
kömmts dass die Rollen diesmal so unglücklich ausgeteilt wurden Das Stück
verlor dadurch Man hätte die Rollen tauschen und die Mutter der dicken Eukolpis
geben sollen Zu einer Kassiopea hätte sie sich trefflich geschickt« Gegen
ihren Anzug Kopfputz usw war auch viel zu erinnern Sie war nicht zu ihrem
Vorteil aufgesetzt der Gürtel war zu hoch und zu stark geschürzt und
besonders fand man die Ziererei ärgerlich immer ihren Fuß zu zeigen »auf
dessen unproportionierte Kleinheit sie sich ein wenig zu viel einbilde« sagten
die Damen die aus dem entgegengesetzten Grunde die ihrigen zu verbergen
pflegten Indessen kamen doch Frauen und Herren sämtlich darin überein dass sie
überaus schön singe und dass nichts niedlichers sein könne als die Arie worin
sie ihr Schicksal bejammerte Eukolpis wiewohl ihr Vortrag wenig taugte hatte
eine gute klingende biegsame Stimme aber was sie eigentlich zur
Lieblingssängerin der Abderiten gemacht hatte war die Mühe die sie sich mit
ziemlichem Erfolge gegeben den Nachtigallen gewisse Läufer und Tonfälle
abzulernen in denen sie sich selbst und ihren Zuhörern so wohl gefiel dass sie
solche überall zu rechter Zeit und zur Unzeit einmischte und immer damit
willkommen war Sie mochte zu tun haben was sie wollte zu lachen oder zu
weinen zu klagen oder zu zürnen zu hoffen oder zu fürchten immer fand sie
Gelegenheit ihre Nachtigallen anzubringen und war immer gewiss beklatscht zu
werden wenn sie gleich die besten Stellen damit verdorben hätte
Von den übrigen Personen die den Perseus als den ersten Liebhaber den
Agenor vormaligen Liebhaber der Andromeda den Vater die Mutter und einen
Priester des Neptuns vorstellten finden wir nicht viel mehr zu sagen als dass
man im Einzelnen zwar viel an ihnen auszustellen hatte im Ganzen aber sehr wohl
mit ihnen zufrieden war Perseus war ein schöngewachsner Mensch und hatte ein
großes Talent für einen abderitischen Pickelhering Der vorerwähnte Cyklops
im Satyrenspiele dieses Namens von Euripides war seine Meisterrolle Er spielt
den Perseus gar schön sagten die Abderitinnen nur Schade dass ihm zuweilen
unvermerkt der Cyklops dazwischen kommt Kassiopea ein kleines zieraffichtes
Ding voller angemasster Grazien hatte keinen einzigen natürlichen Ton aber sie
galt alles bei der Gemahlin des zweiten Archon hatte eine gar drollichte
Manier kleine Liedchen zu singen und tat ihr Bestes Der Priester des
Neptuns brüllte einen ungeheuren Matrosenbass und Agenor sang so elend als
einem zweiten Liebhaber zusteht Er sang zwar auch nicht besser wenn er den
ersten machte aber weil er sehr gut tanzte so hatte er eine Art von
Privilegium erhalten desto schlechter singen zu dürfen Er tanzt sehr schön
war immer die Antwort der Abderiten wenn jemand anmerkte dass sein Krächzen
unerträglich sei indessen tanzte Agenor nur selten und sang hingegen in allen
Singspielen und Operetten
Um die Schönheit dieser Andromeda ganz zu übersehen muss man sich noch zwei
Chöre einen von Nereiden und einen von den Gespielinnen der Andromeda
einbilden beide aus verkleideten Schuljungen bestehend die sich so ungebärdig
dazu anschickten dass die Abderiten zu ihrem großen Troste genug und satt zu
lachen bekamen Besonders tat der Chor der Nereiden durch die Erfindungen die
der Nomophylax dabei angebracht hatte die schnurrigste Wirkung von der Welt
Die Nereiden erschienen mit halbem Leib aus dem Wasser hervorragend mit
falschen gelben Haaren und mit mächtigen falschen Brüsten die von ferne recht
natürlich wie ausgestopfte Ballons und also sich selbst vollkommen gleich
sahen Die Symphonie unter welcher diese Meerwunder herangeschwommen kamen war
eine Nachahmung des berühmten Wreckeckeck Koax Koax in den Fröschen des
Aristophanes und um die Illusion vollkommener zu machen hatte Herr Gryllus
verschiedene Kühhörner angebracht die von Zeit zu Zeit einfielen um die auf
ihren Schneckenmuscheln blasenden Tritonen nachzuahmen
Von den Decorationen wollen wir beliebter Kürze halben weiter nichts
sagen als dass sie von den Abderiten sehr schön befunden wurden Insonderheit
bewunderte man einen Sonnenuntergang den sie vermittelst eines mit langen
Schwefelhölzern besteckten Windmühlenrades zuwege brachten welches einen guten
Effect getan hätte sagten sie wenn es nur ein wenig schneller umgetrieben
worden wäre Bei der Art wie Perseus mit seinen Mercurstiefeln aufs Theater
angeflogen kam hätten die Kenner wohl wünschen mögen dass man die Stricke in
denen er hing luftfarbig angestrichen hätte damit sie nicht so gar deutlich in
die Augen gefallen wären
Sechstes Kapitel
Sonderbares Nachspiel das die Abderiten mit einem unbekannten Fremden spielten
und dessen höchst unvermutete Entwicklung
Sobald das Stück geendigt war und das betäubende Klatschen ein wenig nachließ
fragte man einander wie gewöhnlich Nun wie hat Ihnen das Stück gefallen und
erhielt überall die gewöhnliche Antwort Einer von den jungen Herren der für
einen vorzüglichen Kenner passierte richtete die große Frage auch an einen
etwas bejahrten Fremden der in einer der mittleren Reihen saß und dem Ansehen
nach kein gemeiner Mann zu sein schien Der Fremde der sichs vielleicht schon
gemerkt hatte was man zu Abdera auf eine solche Frage antworten musste war so
ziemlich bald mit seinem Sehr wohl heraus aber weil seine Miene diesen Beifall
etwas verdächtig machte und sogar eine unfreiwillige wie wohl ganz schwache
Bewegung der Achseln womit er ihn begleitete für ein Achselzucken ausgedeutet
werden konnte so ließ ihn der junge abderitische Herr nicht so wohlfeil durch
wischen »Es scheint sagte er das Stück hat Ihnen nicht gefallen Es passiert
doch für eine der besten Piecen vom Euripides«
Das Stück mag nicht übel sein erwiderte der Fremde
»So haben Sie vielleicht an der Musik etwas auszusetzen«
An der Musik O was die Musik betrifft die ist eine Musik wie man sie
nur zu Abdera hört
»Sie sind sehr höflich In der Tat unser Nomophylax ist ein großer Mann in
seiner Art«
Ganz gewiss
»So sind Sie vermutlich mit den Schauspielern nicht zufrieden«
Ich bin mit der ganzen Welt zufrieden
»Ich dächte doch die Andromeda hätte ihre Rolle scharmant gemacht«
O sehr scharmant
»Sie tut einen großen Effect nicht wahr«
Das werden Sie am besten wissen ich bin dazu nicht mehr jung genug
»Wenigstens werden Sie doch gestehen dass Perseus ein großer Acteur ist«
In der Tat ein hübscher wohlgewachsner Mensch
»Und die Chöre das waren doch Chöre die dem Meister Ehre machten Finden
Sie zE den Einfall wie die Nereiden eingeführt worden nicht ungemein
glücklich«
Der Fremde schien des Abderiten satt zu sein Ich finde versetzte er mit
einiger Ungeduld dass die Abderiten glücklich sind an allen diesen Dingen so
viel Freude zu haben
»Mein Herr sagte der junge Geelschnabel in einem spöttelnden Tone gestehen
Sie nur dass das Stück die Ehre und das Glück nicht gehabt hat Ihren Beifall zu
erhalten«
Was ist Ihnen an meinem Beifall gelegen Die Majora entscheiden
»Da haben Sie Recht Aber ich möchte doch um Wunders willen hören was Sie
denn gegen unsre Musik oder gegen unsre Schauspieler einwenden könnten«
Könnten sagte der Fremde etwas schnell hielt aber gleich wieder an sich
Verzeihen Sie mir ich mag niemand sein Vergnügen abdisputieren Das Stück wie
es da gespielt worden hat zu Abdera allgemein gefallen was wollen Sie mehr
»Nicht so allgemein da es Ihnen nicht gefallen hat«
Ich bin ein Fremder
»Fremd oder nicht Ihre Gründe möcht ich hören Hi hi hi Ihre Gründe
mein Herr Ihre Gründe die werden doch wenigstens keine Fremde sein Hi hi
hi hi«
Dem Fremden fing die Geduld an auszugehen Junger Herr sagte er ich habe
für meine Komödie bezahlt denn ich habe geklatscht wie ein andrer Lassen Sies
damit gut sein Ich bin im Begriff wieder abzureisen Ich habe meine Geschäfte
»Ei ei sagte ein andrer abderitischer junger Mensch der dem Gespräch
zugehört hatte Sie werden uns ja nicht schon verlassen wollen Sie scheinen ein
großer Kenner zu sein Sie haben unsre Neugier unsre Lehrbegierde er sagte
dies mit einem dummnaseweisen Hohnlächeln gereizt wir lassen Sie wahrlich
nicht gehen bis Sie uns gesagt haben was Sie an dem heutigen Singspiel zu
tadeln finden Ich will nichts von den Worten sagen ich bin kein Kenner aber
die Musik dächt ich war doch unvergleichlich«
Das müssten am Ende doch wohl die Worte entscheiden wie Sies nennen sagte
der Fremde
»Wie meinen Sie das Ich denke Musik ist Musik und man braucht nur Ohren zu
haben um zu hören was schön ist«
Ich gebe Ihnen zu wenn Sie wollen erwiderte jener dass schöne Stellen in
dieser Musik sind es mag überhaupt eine gelehrte nach allen Regeln der Kunst
zugeschnittene schulgerechte artikelmässige Musik sein ich habe dagegen
nichts ich sage nur dass es keine Musik zur Andromeda des Euripides ist
»Sie meinen dass die Worte besser ausgedrückt sein sollten« O die Worte
sind zuweilen nur zu sehr ausgedrückt aber im Ganzen meine Herren im Ganzen
ist der Ton des Dichters verfehlt Der Charakter der Personen die Wahrheit der
Affecten und Empfindungen das eigene Schickliche der Situationen das was die
Musik sein kann und sein muss um Sprache der Natur Sprache der Leidenschaft zu
sein was sie sein muss damit der Dichter auf ihr wie in seinem Elemente
schwimme und emporgetragen nicht ersäuft werde das alles ist durchaus
verfehlt kurz das Ganze taugt nichts da haben Sie meine Beichte in drei
Worten
»Das Ganze schrien die beiden Abderiten das Ganze taugt nichts Nun das
ist viel gesagt Wir möchten wohl hören wie Sie das beweisen wollten«
Die Lebhaftigkeit womit unsre beiden Verfechter ihres vaterländischen
Geschmacks dem graubärtigen Fremden zusetzten hatte bereits verschiedene andre
Abderiten herbeigezogen jedermann wurde aufmerksam auf einen Streit der die
Ehre ihres Nationalteaters zu betreffen schien Alles drängte sich hinzu und
der Fremde wiewohl er ein langer stattlicher Mann war fand für nötig sich an
einen Pfeiler zurückzuziehen um wenigstens den Rücken frei zu behalten
Wie ich das beweisen Wollte erwiderte er ganz gelassen ich werde es nicht
beweisen Wem Sie das Stück gelesen die Aufführung gesehen die Musik gehört
haben und können noch verlangen dass ich Ihnen mein Urteil davon beweisen soll
so würd ich Zeit und Atem verlieren wenn ich mich weiter mit Ihnen einliesse
»Der Herr ist wie ich höre ein wenig schwer zu befriedigen sagte ein
Ratsherr der sich ins Gespräch mischen wollte und dem die beiden jungen
Abderiten aus Respekt Platz machten Wir haben doch hier in Abdera auch Ohren
Man lässt zwar jedem seine Freiheit aber gleichwohl «
»Wie was was gibts da schrie der kurze dicke Ratsherr der auch herbei
gewatschelt kam hat der Herr da etwas wider das Stück einzuwenden Das möcht
ich hören ha ha ha Eins der besten Stücke mein Treu die seit langem aufs
Theater gekommen sind Viel Action Viel ä ä was ich sage Ein schön
Stück Und schöne Moral«
Meine Herren sagte der Fremde ich habe Geschäfte Ich kam hieher um ein
wenig auszurasten ich habe geklatscht wies der Landesgebrauch mit sich
bringt und wäre still und friedlich wieder meines Weges gegangen wenn mich
diese jungen Herren hier nicht auf die zudringlichste Art genötigt hätten ihnen
meine Meinung zu sagen
»Sie haben auch vollkommnes Recht dazu erwiderte der andre Ratsherr der im
Grunde kein großer Verehrer des Nomophylax war und aus politischen Ursachen
seit einiger Zeit auf Gelegenheit laurte ihm mit guter Art wehzutun Sie sind
ein Kenner der Musik wie es scheint und «
Ich spreche nach meiner Überzeugung sagte der Fremde
Die Abderiten um ihn her wurden immer lauter
Endlich kam Herr Gryllus der von ferne gehört hatte dass die Rede von
seiner Musik war in eigener Person dazu Er hatte eine ganz eigne Art die Augen
zusammenzuziehen die Nase zu rümpfen die Achseln zu zucken zu grinsen und zu
meckern wenn er jemand mit dem er sich in einen Wortwechsel einließ seine
Verachtung zum Voraus zu empfinden gehen wollte »So sagte er hat meine
Komposition nicht das Glück dem Herrn zu gefallen Er ist also ein Kenner Hä
hä hä Versteht ohne Zweifel die Setzkunst Ha«
»Es ist der Nomophylax« sagte jemand dem Fremden ins Ohr um ihn durch die
Entdeckung des hohen Rangs des Mannes von dessen Werke er so ungünstig
geurteilt hatte auf einmal zu Boden zu schlagen
Der Fremde machte dem Nomophylax sein Kompliment wies in Abdera Sitte war
und schwieg
»Nun ich möchte doch hören was der Herr gegen die Komposition vorzubringen
hätte Für die Fehler des Orchesters geb ich kein gut Wort aber hundert
Drachmen für einen Fehler in der Komposition Hä hä hä Nun Lass hören«
Ich weiß nicht was Sie Fehler nennen sagte der Fremde meines Bedünkens
hat die ganze Musik wovon die Rede ist nur einen Fehler
»Und der ist« grinste der Nomophylax naserümpfend
Dass der Sinn und Geist des Dichters durchaus verfehlt ist antwortete der
Fremde
»So Nichts weiter Hä hä hä hä Ich hätte also den Dichter nicht
verstanden Und das wissen Sie Denken Sie dass wir hier nicht auch Griechisch
verstehen Oder haben Sie dem Poeten etwa im Kopfe gesessen hi hi hi«
Ich weiß was ich sage versetzte der Fremde und wenns denn sein muss so
erbiet ich mich von Vers zu Vers durchs ganze Stück mein Urteil zu Olympia
vor dem ganzen Griechenlande zu beweisen
»Das möchte zu viel Umstände machen« sagte der politische Ratsherr
»Es brauchts auch nicht rief der Nomophylax Morgen geht ein Schiff nach
Athen ich schreibe an den Euripides an den Dichter schicke ihm die ganze
Musik Der Herr wird das Stück doch wohl nicht besser verstehen wollen als der
Poet selbst Sie alle hier unterschreiben sich als Zeugen Euripides soll selbst
den Ausspruch tun«
Die Mühe können Sie sich ersparen sagte der Fremde lächelnd denn um dem
Handel mit einem Wort ein Ende zu machen der Euripides an den Sie appellieren
bin ich selbst
Unter allen möglichen schlimmen Streichen welche Euripides dem Nomophylax
von Abdera hätte spielen können war unstreitig der schlimmste dass er in dem
Augenblicke da man an ihn als an einen Abwesenden appellierte in eigener
Person da stand Aber wer konnte sich auch eines solchen Streichs vermuten sein
Was zum Anubis hatte er in Abdera zu tun Und gerade in dem Augenblick wo man
lieber einen Wolf gesehen hätte als ihn Wär er wie man doch natürlicher Weise
glauben musste zu Athen gewesen wo er hin gehörte nun so wäre alles seinen
ordentlichen Weg gegangen Der Nomophylax hätte seine Komposition mit einem
hübschen Briefe begleitet und seinem Namen alle seine Titel und Würden
beigefügt Das hätte doch wirken müssen Euripides hätte eine urbane attische
Antwort gegeben Gryllus hätte sie im ganzen Abdera lesen lassen und wer hätte
ihm dann den Sieg über den Fremden streitig machen wollen Aber dass der
Fremde der naseweise kritische Fremde der ihm so frisch ins Gesicht gesagt
hatte was in Abdera niemand einem Nomophylax ins Gesicht sagen durfte
Euripides selbst war das war einer von den Zufällen auf die ein Mann wie er
sich nicht gefasst gehalten hatte und die vermögend wären jeden andern als
einen Abderiten zu Schanden zu machen
Der Nomophylax wusste sich zu helfen indessen betäubte ihn doch der erste
Schlag auf einen Augenblick Euripides rief er und prallte drei Schritte
zurück und »Euripides« riefen im nämlichen Augenblick der politische Ratsherr
der kurze dicke Ratsherr die beiden jungen Herren und alle Umstehenden indem
sie ganz erstaunt herum guckten als ob sie sehen wollten aus welcher Wolke
Euripides so auf einmal mitten unter sie herabgefallen sei
Der Mensch ist nie ungeneigter zu glauben als wenn er von einer Begebenheit
überrascht wird an die er nur nicht als eine mögliche Sache gedacht hatte
Wie Das sollte Euripides sein Der nämliche Euripides von dem die Rede war
der die Andromeda gemacht an den der Nomophylax zu schreiben drohte Wie konnte
das zugehen
Der politische Ratsherr war der erste der sich aus dem allgemeinen
Erstaunen erholte Ein glücklicher Zufall wahrhaftig rief er beim Kastor ein
glücklicher Zufall Herr Nomophylax so brauchen sie ihre Musik nicht
abschreiben zu lassen und ersparen einen Brief
Der Nomophylax fühlte die ganze entscheidende Wichtigkeit des Moments und
wenn der ein großer Mann ist der in einem solchen entscheidenden Augenblick auf
der Stelle die einzige Partei ergreift die ihn aus der Schwierigkeit ziehen
kann so muss man gestehen dass Gryllus eine starke Anlage hatte ein großer Mann
zu sein »Euripides rief er Wie Der Herr sollte so auf einmal Euripides
worden sein Hä hä hä Der Einfall ist gut Aber wir lassen uns hier in Abdera
nicht so leicht Schwarz für Weiß geben«
Das wäre lustig sagte der Fremde wenn ich mir in Abdera das Recht an
meinen Namen streitig machen lassen müsste
»Verzeihen Sie mein Herr fiel der Sykophant des Trasyllus ein nicht das
Recht an ihren Namen sondern das Recht sich für den Euripides auszugeben auf
den der Nomophylax provocierte Sie können Euripides heißen ob Sie aber
Euripides sind das ist eine andere Frage«
Meine Herren sagte der Fremde ich will alles sein was Ihnen beliebt wenn
Sie mich nur gehen lassen wollen Ich verspreche Ihnen mit diesem Schritte gehe
ich den geradesten Weg den ich finden werde zu ihrem Tore hinaus und der
Nomophylax soll mich componieren wenn ich in meinem Leben wieder komme
»Nä nä nä rief der Nomophylax das geht so hurtig nicht der Herr hat
sich für den Euripides ausgegeben und nun da er sieht dass es Ernst gilt tritt
er auf die Hinterbeine Nä so haben wir nicht gewettet Er soll nun beweisen
dass er Euripides ist oder so wahr ich Gryllus heiße «
»Erhitzen Sie sich nicht Herr Kollege sagte der politische Ratsherr Ich
bin zwar kein Physiognomiste aber der Fremde sieht mir doch völlig danach aus
dass er Euripides sein könnte und ich wollte unmassgeblich raten piano zu
gehen«
»Mich wundert fing einer von den Umstehenden an dass man hier so viel Worte
verlieren mag da der ganze Handel in Ja und Nein entschieden sein könnte Da
oben über dem Portal steht ja die Büste des Euripides leibhaftig Es braucht ja
nichts weiter als zu sehen ob der Fremde der Büste gleich sieht«
»Bravo bravo schrie der kleine dicke Ratsherr das ist doch ein Wort von
einem gescheuten Manne Ha ha ha Die Büste das ist gar keine Frage die
Büste muss den Ausspruch tun wiewohl sie nicht reden kann ha ha ha ha ha«
Die umstehenden Abderiten lachten alle aus vollem Halse über den witzigen
Einfall des kurzen runden Männchens und nun lief alles was Füße hatte dem
Portale zu Der Fremde ergab sich mit guter Art in sein Schicksal ließ sich von
vorn und hinten betrachten und Stück vor Stück mit seiner Büste vergleichen so
lange sie wollten Aber leider die Vergleichung konnte unmöglich zu seinem
Vorteil ausfallen denn besagte Büste sah jedem andern Menschen oder Tiere
ähnlicher als ihm
»Nun schrie der Nomophylax triumphierend was kann der Herr nun zu seinem
Vorstand sagen«
»Ich kann etwas sagen versetzte der Fremde den die Komödie nachgerade zu
belustigen anfing woran von Ihnen allen keiner zu denken scheint wiewohl es
eben so wahr ist als dass Sie Abderiten und ich Euripides bin«
»Sagen sagen grinste der Nomophylax man kann freilich viel sagen hä hä
hä Und was kann der Herr sagen«
Ich sage dass diese Büste dem Euripides ganz und gar nicht ähnlich sieht
»Nein mein Herr rief der dicke Ratsherr das müssen Sie nicht sagen Die
Büste ist eine schöne Büste sie ist von weißem Marmor wie Sie sehen Marmor
von Paros straf mich Jupiter und kostet uns hundert bare Dariken Species das
können Sie mir nachsagen Es ist ein schönes Stück von unserm Stadtbildhauer
Ein geschickter berühmter Mann nennt sich Moschion werden von ihm gehört
haben ein berühmter Mann Und wie gesagt alle Fremden die noch zu uns
gekommen sind haben die Büste bewundert Sie ist echt das können Sie mir
nachsagen Sie sehen ja selbst es steht mit großen goldnen Buchstaben drunter
EYRIPIDHS«
Meine Herren sagte der Fremde der alle seine angeborene Ernsthaftigkeit
zusammennehmen musste um nicht auszubersten darf ich nur eine einzige Frage
tun
»Von Herzen gern« riefen die Abderiten
Gesetzt fuhr jener fort es entstünde zwischen mir und meiner Büste ein
Streit darüber wer mir am ähnlichsten sehe wem wollen Sie glauben der Büste
oder mir
»Das ist eine curiöse Frage« sagte der Abderiten einer sich hinter den
Ohren kratzend »Eine captiose Frage beim Jupiter rief ein andrer nehmen Sie
sich in Acht was Sie antworten Hochgeachter Herr Ratsherr«
Ist der dicke Herr ein Ratsherr dieser berühmten Republik fragte der
Fremde mit einer Verbeugung so bitte ich sehr um Verzeihung ich gestehe die
Büste ist ein schönes glattes Werk von schönem parischen Marmor und wenn sie
mir nicht ähnlich sieht so könnt es wohl bloß daher weil Ihr berühmter
Stadtbildhauer die Büste schöner gemacht hat als die Natur mich Es ist immer
ein Beweis seines guten Willens und der verdient alle meine Dankbarkeit
Dieses Kompliment tat einen großen Effect denn die Abderiten hattens gar
zu gerne wenn man fein höflich mit ihnen sprach »Es muss doch wohl Euripides
selber sein« murmelte einer dem andern ins Ohr und der dicke Ratsherr selbst
bemerkte bei nochmaliger Vergleichung der Büste mit dem Fremden dass die Bärte
einander vollkommen ähnlich sähen
Zu gutem Glücke kam der Archon Onolaus und sein Neffe Onobulus dazu der den
Euripides zu Athen hundertmal gesehen und öfters gesprochen hatte Die Freude
des jungen Onobulus über eine so unverhoffte Zusammenkunft und seine positive
Bejahung dass der Fremde wirklich der berühmte Euripides sei hieb den Knoten
auf einmal durch und die Abderiten versicherten nun einer den andern sie
hättens ihm gleich beim ersten Blick angesehen
Der Nomophylax wie er sah dass Euripides gegen seine Büste Recht behielt
machte sich seitwärts davon Ein verdammter Streich brummelte er zwischen den
Zähnen vor sich her wozu brauchte er aber auch so hinterm Berge zu halten Wenn
er wusste dass er Euripides war warum ließ er sich mir nicht präsentieren Da
hätte alles einen ganz andern Schwung bekommen
Der Archon Onolaus der in solchen Fällen gemeiniglich die Honneurs der
Stadt Abdera zu machen pflegte lud den Dichter mit großer Höflichkeit ein das
Gastrecht bei ihm zu nehmen und bat sich zugleich von dem politischen und
dicken Ratsherrn die Ehre auf den Abend aus welches beide mit vielem Vergnügen
annahmen
»Dacht ichs nicht gleich sagte der dicke Ratsherr zu einem der
Umstehenden der leibhaftige Euripides Bart Nase Stirn Ohrenläppchen
Augenbraunen alles auf ein Haar Man kann nichts gleichers sehen Wo doch wohl
der Nomophylax seine Sinne hatte Aber ja ja er mochte wohl ein bisschen
Hm Sie verstehen mich Kantores amant humores Ha ha ha ha Basta Desto
besser dass wir den Euripides bei uns haben Was ich sage ein feiner Mann beim
Jupiter und der uns viel Spaß machen soll Ha ha ha«
Siebentes Kapitel
Wie Euripides nach Abdera gekommen nebst einigen Geheimnachrichten von dem Hofe
zu Pella
So möglich es an sich selbst war dass sich Euripides zu Abdera befinden konnte
und eben so gut in dem Augenblick wo der Nomophylax Gryllus auf ihn
provocierte als in jedem andern und so gewohnt man dergleichen unvermuteter
Erscheinungen auf dem Theater ist so begreifen wir doch wohl dass es eine andre
Bewandtnis hat wenn sich eine solche Erscheinung im Parterre ereignet und es
ist solchenfalls der Majestät der Geschichte55 gemäß den Leser zu verständigen
wie es damit zugegangen Wir wollen alles was wir davon wissen getreulich
berichten und sollte dem scharfsinnigen Leser dem ungeachtet noch einiger
Zweifel übrig bleiben so müsste es nur die allgemeine Frage betreffen die sich
bei jeder Begebenheit unter und über dem Monde aufwerfen lässt nämlich warum
zE just von einer Mücke und just von dieser individuellen Mücke just in
dieser Sekunde dieser zehnten Minute dieser sechsten Nachmittagsstunde
dieses 10 ten Augusts dieses 1778 Jahres gemeiner Zeitrechnung just diese
nämliche Frau oder Fräulein von nicht ins Gesicht nicht in den Nacken
Ellnbogen Busen nicht auf die Hand noch in die Ferse usw sondern gerade
vier Daumen hoch über der linken Kniescheibe gestochen worden usw und da
bekennen wir ohne Scheu dass wir auf dieses Warum nichts zu antworten wissen
Fragt die Götter könnten wir allenfalls mit einem großen Manne sagen aber
weil dieses offenbar eine heroische Antwort wäre so halten wirs für
anständiger die Sache lediglich auf sich beruhen zu lassen
Also was wir wissen Der König Archelaus in Macedonien ein großer
Liebhaber der schönen Künste und der schönen Geister wie man damals gewisse
verzärtelte Kinder der Natur nicht nannte und wie man heutigs Tages einen Jeden
nennt von dem man nicht sagen kann was er ist dieser König Archelaus war
auf den Einfall gekommen ein eigenes Hofschauspiel zu halben und vermöge einer
Zusammenkettung von Umständen Ursachen Mitteln und Zwecken woran niemanden
mehr viel gelegen sein kann hatte er den Euripides unter sehr vorteilhaften
Bedingungen vermocht mit einer Truppe ausgesuchter Schauspieler Virtuosen
Baumeister Maler und Machinisten kurz mit allem was zu einem vollständigen
Teaterwesen gehört nach Pella an sein Hoflager zu kommen und die Direction
über die neue Hofschaubühne zu übernehmen Auf dieser Reise war jetzt Euripides
mit seiner ganzen Gesellschaft begriffen und wiewohl der Weg über Abdera weder
der einzige noch der kürzeste war so hatte er ihn doch genommem weil er Lust
hatte eine wegen des Witzes ihrer Einwohner so berühmte Republik mit eignen
Augen zu sehen Wie es aber gekommen dass er an dem nämlichen Tage eingetroffen
da der Nomophylax seine Andromeda zum erstenmale gab davon können wir wie
gesagt keine Rechenschaft geben Dergleichen Apropos tragen sich häufiger zu
als man denkt und es ist wenigstens kein größeres Mirakel als dass zE der
junge Herr von eben im Begriff war seine Beinkleider hinaufzuziehen als
unvermutet seine Nähterin ins Zimmer trat die seidenen Strümpfe die er ihr zu
stoppen geschickt hatte zu überbringen welches wie Sie wissen die
Veranlassung zu einer zufälligen Begebenheit war die in seiner hohen Familie
wenigstens eben so große Bewegungen verursachte als die unvorbereitete
Erscheinung des Euripides in dem abderitischen Parterre Wer sich über so was
wundern kann muss sich nicht viel auf die DAIMONIA verstehen wie eben dieser
Euripides sagt
Übrigens wenn wir sagten dass der König Archelaus ein großer Liebhaber der
schönen Künste und schönen Geister gewesen sei so muss das eben nicht so genau
und im strengsten Sinn der Worte genommen werden denn es ist eigentlich nur so
eine Art zu reden und dieser Herr war im Grunde nichts weniger als ein
Liebhaber der schönen Künste und schönen Geister Das Wahre davon war dass
besagter König Archelaus seit einiger Zeit öfters Langeweile hatte weil ihn
alle seine vormaligen Amüsemens als da sind F G H J K L
M usw nicht länger amüsieren wollten Überdem war er ein Herr von großer
Ambition der sich von seinem Oberkammerherrn hatte sagen lassen dass es
schlechterdings unter die Zuständigkeiten eines großen Fürsten gehöre Künste
und Wissenschaften in seinen Schutz zu nehmen Denn sagte der Oberkammerherr
Ew Majestät werden bemerkt haben dass man niemals eine Statue oder ein
Brustbild eines großen Herrn auf einer Medaille usw sieht an dessen rechter
Hand nicht eine Minerva stünde neben einem Trophee von Panzern Fahnen Spiessen
und Morgensternen zur Linken knien immer etliche geflügelte Jungen oder
halbnackte Mädchen mit Pinsel und Palet Winkelmass Flöte Leier und einer
Rolle Papier in den Händen die Künste vorstellend die sich dem großen Herrn
gleichsam zur Protection empfehlen oben drüber aber schwebt eine Fama mit der
Trompete am Mund anzudeuten dass Könige und Fürsten sich durch den Schutz den
sie den Künsten angedeihen lassen einen unsterblichen Ruhm erwerben usw
Der König Archelaus hatte also die Künste in seinen Schutz genommen und dem
zufolge wissen uns die Geschichtschreiber ein Langes und Breites davon zu
erzählen wie viel er gebaut habe und wie viel er auf Malerei und Bildhauerei
auf schöne Tapeten und andre schöne Meublen verwandt und wie alles bis auf die
Kommodidät bei ihm habe hetrurisch sein müssen und wie er berühmte Künstler
Virtuosen und schöne Geister an seinen Hof berufen habe usw welches alles
sagen sie er um so mehr tat weil ihm daran gelegen war das Andenken der
Übeltaten auszulöschen durch die er sich den Weg zum Throne zu dem er nicht
geboren war gebahnt hatte wie EE aus Ihrem Bayle mit mehrerm ersehen
können
Nach dieser kleinen Abschweifung kehren wir zu unserm attischen Dichter
zurück den wir unter einem schimmernden Zirkel von Abderiten und Abderitinnen
vom ersten Range unter einem grünen Pavillon im Garten des Archon Onolaus
antreffen werden
Achtes Kapitel
Wie sich Euripides mit den Abderiten benimmt
Sie machen einen Anschlag auf ihn wobei sich ihre politische Betriebsamkeit in
einem starken Lichte zeigt und der ihnen um so gewisser gelingen muss weil alle
Schwierigkeiten so sie dabei sehen bloß eingebildet sind
Es ist oben schon bemerkt worden dass Euripides schon lange wiewohl unbekannter
Weise bei den Abderiten in großem Ansehen stund Itzt so bald es erschollen
war dass er in Person zugegen sei war die ganze Stadt in Bewegung Man sprach
von nichts als vom Euripides »Haben Sie den Euripides schon gesehen Wie
sieht er aus Hat er eine große Nase Wie trägt er den Kopf Was hat er für
Augen Er spricht wohl in lauter Versen Ist er stolz« und hundert solche
Fragen machte man einander schneller als es möglich war auf eine zu antworten
Die Neugier den Euripides zu sehen zog noch außer denen die der Archon hatte
bitten lassen verschiedene herbei die nicht geladen waren Alles drängte sich
um den guten glatzköpfigen Dichter her um zu beaugenscheinigen ob er auch so
aussehe wie sie sich vorgestellt hatten dass er aussehen müsse Verschiedne
insonderheit unter den Damen schienen sich zu verwundern dass er am Ende doch
just so aussah wie ein andrer Mensch Andre bemerkten dass er viel Feuer in den
Augen habe und die schöne Tryallis raunte ihrer Nachbarin ins Ohr man seh es
ihm stark an dass er ein ausgemachter Weiberfeind58 sei Sie machte diese
Bemerkung mit einem Ausdruck von anticipiertem Vergnügen über den Triumph den
sie sich davon versprach wenn ein so erklärter Feind ihres Geschlechts die
Macht ihrer Reizungen würde bekennen müssen
Die Dummheit hat ihr Sublimes so gut als der Verstand und wer darin bis zum
Absurden gehen kann hat das Erhabne in dieser Art erreicht welches für
gescheute Leute immer eine Quelle von Vergnügen ist Die Abderiten hatten das
Glück im Besitz dieser Vollkommenheit zu sein Ihre Ungereimteit machte einen
Fremden Anfangs wohl zuweilen ungeduldig aber so bald man sah dass sie so ganz
aus einem Stücke war und eben darum so viele Zuversicht und Gutmütigkeit in
sich hatte so versöhnte man sich gleich wieder mit ihnen und belustigte sich
oft besser an ihrer Albernheit als an andrer Leute Witz
Euripides war in seinem Leben nie bei so guter Laune gewesen als bei diesem
Abderitenschmause Er antwortete mit der größten Gefälligkeit auf alle ihre
Fragen lachte über alle ihre platten Einfälle ließ jeden so hoch gelten als er
sich selbst würdigte und erklärte sich sogar über ihr Theater und Musikwesen so
billig dass jedermann vollkommen mit ihm zufrieden war »Ein feiner Gast
raunte der politische Ratsherr der Dame Salabanda die über ihm saß ins Ohr
der tritt leise auf« »Und so höflich so bescheiden als ob er kein großer
Kopf wäre« erwiderte Salabanda »Der drolligste Mann von der Welt beim
Jupiter sagte der kurze dicke Ratsherr beim Aufstehen von Tische ein recht
kurzweiliger Mann Hätts ihm nicht zugetraut mein Seel« Die Damen die er
schön gefunden hatte waren dafür so höflich und taten als ob sie ihn um
zwanzig Jahre junger fänden als er war kurz man war ganz von ihm bezaubert
und bedauerte nur dass man die Ehre und das Vergnügen ihn in Abdera zu sehen
nicht länger haben sollte Denn Euripides blieb dabei dass er sich nicht
aufhalten könne
Endlich nahm Frau Salabanda den politischen Ratsherrn und den jungen
Onobulus auf die Seite »Was meinen Sie sagte sie wenn wir ihn dahin bringen
könnten dass er uns seine Andromeda gäbe Er hat seine eigne Truppe bei sich Es
sollen ganz außerordentliche Virtuosen sein« Onobulus fand den Einfall
göttlich »Ich hatte ihn eben selbst gehabt sagte der politische Ratsherr und
war im Begriff es Ihnen vorzutragen Aber es wird Schwierigkeiten absetzen Der
Nomophylax« »O dafür lassen Sie mich sorgen fiel Salabanda ein ich will
ihm schon warm machen«
»Für meinen Oheim steh ich sagte Onobulus und noch in dieser Nacht will
ich unter unsern jungen Leuten eine Partei zusammentrommeln die Lerms genug in
der Stadt machen soll«
»Nur nicht zu hitzig munkelte der politische Ratsherr mit dem Kopf
wackelnd wir wollen uns nichts merken lassen Erst das Terrain sondiert und
fein leise aufgetreten das ist was ich immer sage«
»Aber wir haben keine Zeit zu verlieren Herr Froschpfleger59 Euripides
geht fort «
»Wir wollen ihn schon aufhalten sagte Salabanda er soll morgen bei mir
sein eine Gartenpartie und alle unsre hübschen Leute dazu eingeladen Lassen
Sie nur mich machen es soll gewiss gehen«
Frau Salabanda passierte in Abdera für eine gar weise Frau Sie war stark in
Politicis und hatte großen Einfluss auf den Archon Onolaus Der Oberpriester war
ihr Oheim und fünf oder sechs Ratsherren die sie in ihrer Freundschaft zählte
gaben selten eine andre Meinung im Rat von sich als die sie ihnen des Abends
zuvor eingetrichtert hatte Überdies stunden ihr die Liebhaber der schönen
Tryallis mit der sie in engstem Vertrauen lebte gänzlich zu Gebot nichts von
ihren eignen zu sagen deren sie immer einige hatte die auf Hoffnung dienten
und also so geschmeidig waren wie Handschuhe Ihr Haus das unter die besten in
der Stadt gehörte war der Ort wo alle Geschäfte vorbereitet alle Händel
geschlichtet und alle Wahlen ins Reine gebracht wurden mit einem Wort Frau
Salabanda machte in Abdera was sie wollte
Euripides ohne die mindeste Absicht Gebrauch von der Wichtigkeit dieser
Frau zu machen hatte sich diesen Abend so gut bei ihr insinuiert als ob er zum
wenigsten eine Froschpflegerstelle auf dem Korn gehabt hätte Brachte sie ein
politisches Weidsprüchlein als einen Gedanken vor so fand er dass es eine sehr
scharfsinnige Bemerkung sei citierte sie den Simonides oder Homer so
bewunderte er ihr Talent Verse zu declamieren Sie hatte ihn mit einigen
Stellen seiner Werke aufgezogen die ihn zu Athen in den bösen Ruf eines
Weiberfeindes gesetzt und er hatte indem er sich gegen sie und die schöne
Tryallis verbeugte versichert dass es sein Unglück sei nicht eher nach Abdera
gekommen zu sein Kurz er hatte sich so aufgeführt dass Frau Salabanda bereit
war einen Aufstand zu erregen falls ihr mit dem politischen Ratsherrn
eingefädeltes Project durch kein gelinderes Mittel hätte durchgesetzt werden
können
Man säumte sich nicht sich vor allen Dingen des Archons zu versichern der
gewöhnlich bald gewonnen war wenn man ihm sagte dass eine Sache der Republik
Abdera zu großem Ruhm gereichen und dem Volk sehr angenehm sein werde Aber
weil er ein Herr war der seine Ruhe liebte so erklärte er sich er überlasse
es ihnen alles in die gehörige Wege einzuleiten er seines Orts möchte sich mit
niemand deswegen abwerfen am wenigsten mit dem Nomophylax der ein Grobian sei
und unter dem Volk einen starken Anhang habe »Wegen des Volkes machen sich
Ew Herrlichkeit keine Sorge flüsterte ihm der Ratsherr zu das will ich durch
die dritte Hand schon stimmen lassen wie wirs nur wünschen können« »Und ich
sagte Salabanda nehme die Ratsherren auf mich« Wir wollen sehen sprach der
Archon indem er zur Gesellschaft zurückkehrte
»Sein Sie ruhig sprach die Dame zum politischen Ratsherrn indem sie ihn
auf die Seite nahm ich kenne den Archon Wenn man ihn haben will so muss man
ihm nur des Abends von einer Sache sprechen und wenn er Nein gesagt hat des
Morgens wiederkommen und ohne den Mund zu verkrümmen so reden als ob er Ja
gesagt habe und ihm dabei zeigen dass man des Erfolgs gewiss ist so kann man
sich auf ihm verlassen wie auf Gold Es ist nicht das erstemal dass ich ihn auf
diese Art drangekriegt habe«
»Sie sind eine schlaue Frau versetzte der Herr Froschpfleger indem er sie
sachte auf den runden Arm klopfte Was Sie leise auftreten Aber man wird
merken dass wir etwas vorhaben und das könnte nachteilig sein Wir müssen piano
gehen«
In diesem Augenblick trippelten ein paar Abderitinnen herbei denen bald
alle übrigen von der Gesellschaft folgten um zu hören wovon die Rede sei Der
politische Ratsherr schlich sich weg
»Nun wie gefällt euch Euripides sagte Frau Salabanda nicht wahr das ist
ein Mann«
O ein scharmanter Mann riefen die Abderitinnen
Nur Schade dass er so kahl ist setzte eine hinzu und dass ihm ein paar
Zähne fehlen sagte die andre
Närrchen destoweniger kann er dich beißen sagte die dritte und weil dies
ein witziger Einfall war so lachten sie alle herzlich darüber
Ist er schon verheiratet fragte ein junges Ding das so aussah als ob es
wie ein Pilz in einer einzigen Nacht aus dem Boden aufgeschossen wäre
Möchtest Du ihn etwa haben antwortete ein andres Fräulein spöttisch ich
denke er hat schon Urenkel zu verheuraten
O die will ich Dir überlassen sagte jene schnippisch und der Stich war
desto wespenartiger weil das besagte Fräulein wiewohl sie so jung tat als ein
Mädchen von achtzehn wenigstens ihre volle fünf und dreißig auf dem Nacken
trug
»Kinder unterbrach sie Frau Salabanda von dem allen ist jetzt die Rede
nicht Es ist was ganz anders auf dem Tapet Wie gefiel es euch wenn ich den
fremden Herrn beredete etliche Tage hier zu bleiben und uns mit der Truppe
die er bei sich hat eine seiner Komödien zu geben«
O das ist herrlich riefen die Abderitinnen alle vor Freuden aufhüpfend o
ja wenn Sie das machen könnten
»Das will ich schon machen können versetzte Salabanda aber ihr müsst alle
dazu helfen«
O ja o ja schnatterten die Abderitinnen und nun liefen sie in hellen
Haufen auf den Euripides zu und schrien alle auf einmal O ja Herr Euripides
Sie müssen uns eine Komödie spielen Wir lassen Sie nicht gehen bis Sie uns
eine Komödie gespielt haben Nicht wahr Sie versprechens uns
Der arme Mann dem diese Zumutung auf den Hals kam wie ein Kübel Wassers
überen Kopf trat ein paar Schritte zurück und versicherte sie es sei ihm nie
in den Sinn gekommen in Abdera Komödie zu spielen er müsse seine Reise
beschleunigen usw Aber das half alles nichts O Sie müssen schrien die
Abderitinnen wir lassen Ihnen keine Ruhe Sie sind viel zu artig als dass Sie
uns was abschlagen sollten Wir wollen Sie so schön bitten
»Im Ernst sagte Frau Salabanda wir haben einen Anschlag auf Sie gemacht «
und der nicht zu Wasser werden soll fiel Onobulus ein oder ich will nicht
Onobulus heißen
Was gibts Was gibts fragte der politische Ratsherr der den Unwissenden
machte indem er langsam und mit unstetem Blick hinzuschlich was haben Sie mit
dem Herrn vor Der kurze dicke Ratsherr kann auch herbeigewatschelt »Ich
glaube gar straf mich sie wollen alle auf einmal sein Herz mit Arrest
beschlagen ha ha ha« schrie er und lachte dass er sich die Seiten halten
musste Man verständigte ihn wovon die Rede sei »Ha ha ha ha Ein schöner
Gedanke straf mich Jupiter da komm ich gewiss auch das versprech ich Ihnen
Der Meister selbst das muss der Mühe wert sein Wird recht viel Ehre für Abdera
sein Herr Euripides große Ehre Haben uns glücklich zu schätzen dass unsre
Leute von so einem geschickten Manne profitieren sollen« Noch ein paar Herren
von Bedeutung machten ihm ungefähr das nämliche Kompliment
Euripides wiewohl er den Einfall nicht so übel fand sich diese Lust mit
den Abderiten zu machen spielte noch immer den Erstaunten und entschuldigte
sich damit dass er dem König Archelaus versprochen habe seine Reise zu
beschleunigen
»Ei was sagte Onobulus Sie sind ein Republikaner und eine Republik hat
ein näheres Recht an Sie«
»Sagen Sie dem Könige nur schnarrte die schöne Myris dass wir Sie so gar
schön gebeten haben Er soll ein galanter Herr sein Er wird Ihnen nicht übel
nehmen dass Sie sechs Frauenzimmern auf einmal nichts abschlagen konnten«
O du Tyrann der Götter und der Menschen Amor rief Euripides im Ton der
Tragödie indem er zugleich die schöne Tryallis ansah
»Wenn das Ihr Ernst ist sagte Tryallis mit der Miene einer Person die
nicht gewohnt ist weder abzuweisen noch abgewiesen zu werden wenn das Ihr
Ernst ist so beweisen Sie es dadurch dass Sie sich von mir erbitten lassen«
Dies von mir verdross die andern Abderitinnen Wir wollen nicht unbescheiden
sein sagte eine indem sie die Lippen einzog und auf die Seite sah Man muss
dem Herrn nichts zumuten was ihm unmöglich ist sagte eine Andre
Um Ihnen Vergnügen zu machen meine schönen Damen sprach der Dichter
könnte mir das Unmögliche möglich werden
Weil dies Nonsens war so gefiel es allgemein Onobulus war hurtig mit
seiner Schreibtafel heraus um sich den Gedanken aufzunotieren Die Weiber und
Mädchen warfen einen Blick auf Tryallis als ob sie sagen wollten Ätsch er
hat uns auch schön geheißen Madam braucht sich eben nicht so viel auf ihre
Atalantenfigur einzubilden er bleibt so gut um unsertwillen hier als um
ihrentwillen
Salabanda machte endlich dem Handel ein Ende indem sie sich bloß die
Gefälligkeit ausbat dass er ihr und ihren Freunden die alle seine großen
Verehrer seien nur noch den morgenden Tag schenken möchte Weil Euripides im
Grunde nichts zu eilen hatte und sich in Abdera sehr gut amüsierte so ließ er
sich nicht lange bitten eine Einladung anzunehmen die ihm hübsche Beiträge zu
Possenspielen für den Hof zu Pella versprach Und so ging dann die
Gesellschaft auf die Ehre sich morgen bei Frau Salabanda wiederzusehen gegen
Mitternacht in allerseitigem Vergnügen auseinander
Neuntes Kapitel
Euripides besieht die Stadt wird mit dem Priester Strobylus bekannt und
vernimmt von ihm die Geschichte der Latonenfrösche
Merkwürdiges Gespräch welches bei dieser Gelegenheit zwischen Demokritus dem
Priester und dem Dichter vorfällt
Inzwischen führte Onobulus in Begleitung etlicher junger Herren seines
Schlages seinen Gast in der Stadt herum um ihm alles was darin sehenswürdig
wäre zu zeigen Unterwegens begegnete ihnen Demokritus mit welchem Euripides
schon von langem her bekannt war Sie gingen also mit einander und da die Stadt
Abdera ziemlich weitläufig war so hatten die beiden Alten Gelegenheit genug
von den jungen Herren zu profitieren die immer den Mund offen hatten über
alles entschieden alles wussten und sich gar nicht zu Sinne kommen ließ dass
es ihres gleichen in Gegenwart von Männern anständiger sei zu hören als sich
hören zu lassen
Euripides hatte also diesen Morgen genug zu hören und zu sehen Die jungen
Abderiten die nie weiter als bis an die äußersten Schlagbäume ihrer Vaterstadt
gekommen waren sprachen von allem was sie ihm zeigten als von Wundern die
gar nicht ihres gleichen in der Welt hätten Onobulus hingegen der die große
Reise gemacht hatte verglich alles mit dem was er in eben dieser Art zu Athen
Korint und Syrakus gesehen und brachte in einem albernen Ton von
Entschuldigung eine Menge lächerlicher Ursachen hervor warum diese Dinge in
Athen Korint und Syrakus schöner und prächtiger wären als in Abdera
Junger Herr sagte Demokritus es ist hübsch dass Sie Ihre Vater und
Mutterstadt in Ehren haben aber wenn Sie uns einen Beweis davon geben wollen
so lassen Sie Athen Korint und Syrakus aus dem Spiele Nehmen wir jedes Ding
wie es ist und so keine Vergleichung so brauchts auch keine Entschuldigung
Euripides fand alles was man ihm zeigte sehr merkwürdig und das war es
auch Denn man zeigte ihm eine Bibliothek worin viel unnütze und ungelesene
Bücher ein Münzcabinet worinnen viel abgegriffene Münzen ein reiches Spital
worin viel übelverpflegte Arme ein Arsenal worin wenig Waffen und einen
Brunnen worin noch weniger Wasser war Man zeigte ihm auch das Rataus wo die
gute Stadt Abdera so wohl beraten wurde den Tempel des Jasons und ein
vergoldetes Widderfell welches sie wiewohl wenig Gold mehr daran zu sehen war
für das berühmte goldne Vliess ausgaben Sie nahmen auch den alten rauchigten
Tempel der Latona in Augenschein und das Grabmal des Abderus der die Stadt
zuerst erbaut haben sollte und die Gallerie wo alle Archonten von Abdera in
Lebensgröße gemalt stunden und einander alle so ähnlich sahen als ob der
folgende immer die Kopie von dem vorhergehenden gewesen wäre Endlich da sie
alles gesehen hatten führte man sie auch an den geheiligten Teich worin auf
Unkosten gemeiner Stadt die größten und fettesten Frösche gefüttert wurden die
man je gesehen hat und die wie der Priester Strobylus sehr ernstaft
versicherte in gerader Linie von den lycischen Bauern abstammten die der
umherirrenden nirgends Ruhe findenden und vor Durst verschmachtenden Latona
nicht gestatten wollten aus einem Teiche der ihnen zugehörte zu trinken und
dafür vom Jupiter zur Strafe in Frösche verwandelt wurden
O Herr Oberpriester sagte Demokritus erzählen Sie doch dem fremden Herrn
die Geschichte dieser Frösche und wie es zugegangen dass der geheiligte Teich
aus Lycien über das ionische Meer herüber bis nach Abdera versetzt worden
welches wie Sie wissen eine ziemliche Strecke Wegs über Länder und Meere
ausmacht und wenn man so sagen darf beinahe ein noch größeres Wunder ist als
die Froschwerdung der lycischen Bauern selbst
Strobylus sah dem Demokritus und dem Fremden mit einem bedenklichen Blick
unter die Augen Weil er aber nichts darin sehen konnte das ihn berechtigt
hätte sie für Spötter zu erklären welche nicht verdienten zu so ehrwürdigen
Mysterien zugelassen zu werden so bat er sie sich unter einen großen wilden
Feigenbaum zu setzen der eine Seite des kleinen Latonentempels beschattete und
erzählte ihnen hierauf mit eben der Treuherzigkeit womit man die alltäglichste
Begebenheit erzählen kann alles was er von der Sache zu wissen glaubte
»Die Geschichte des Latonendiensts in Abdera sagte er verliert sich im
Nebel des grauesten Altertums Unsre Vorfahren die Tejer die sich vor ungefähr
140 Jahren von Abdera Meister machten fanden ihn bereits seit unendlicher
Zeiten eingeführt und dieser Tempel hier ist vielleicht einer der ältesten in
der Welt wie Sie schon aus seiner Bauart und andern Zeichen eines hohen
Altertums schließen können Es ist wie Sie wissen nicht erlaubt mit
strafbarem Vorwitz den heiligen Schleier aufzuheben den die Zeit um den
Ursprung der Götter und ihres Dienstes geworfen hat Alles verliert sich in
Zeiten wo die Kunst zu schreiben noch nicht erfunden war Allein die mündliche
Überlieferung die von Vater zu Sohn durch so viele Jahrhunderte fortgepflanzt
wurde ersetzt den Abgang schriftlicher Urkunden mehr als hinlänglich und
macht so zu sagen eine lebendige Urkunde aus die dem toten Buchstaben billig
noch vorzuziehen ist Diese Tradition sagt als die vorerwähnte Verwandlung der
lycischen Bauern vorgegangen hätten die benachbarten Einwohner und einige von
den besagten Bauern selbst welche an dem Frevel der übrigen keinen Teil
genommen als Zeugen des vorgegangenen Wunders die Latona mit ihren noch an der
Brust liegenden Zwillingen Apollo und Diana für Gotteiten erkannt an dem
Teiche wo die Verwandlung geschehen einen Altar errichtet auch die Gegend und
das Gebüsche das den Teich umgab zu einem Hain geheiligt Das Land hieß damals
noch Milia und die in Frösche verwandelten Bauern waren also eigentlich zu
reden Milier als aber lange Zeit hernach Lycus Pandions des zweiten Sohn sich
mit einer attischen Kolonie des Landes bemächtigte bekam es von ihm den Namen
Lycia und der ältere Name verlor sich gänzlich Bei dieser Gelegenheit
verließen die Einwohner der Gegend wo der Altar und Hain der Latona stund weil
sie sich der Herrschaft des besagten Lycus nicht unterwerfen wollten ihr
Vaterland setzten sich zu Schiffe irrten eine Zeitlang auf dem ägeischen Meere
herum und ließ sich endlich zu Abdera nieder welches kurz zuvor durch die
Pest beinahe gänzlich entvölkert worden war Bei ihrem Abzuge schmerzte sie wie
die Tradition sagt nichts so sehr als dass sie den geheiligten Hain und Teich
der Latona zurücklassen mussten Sie sannen hin und her und fanden endlich das
Beste wäre einige junge Bäume aus dem besagten Hain mit Wurzel und Erde und
eine Anzahl von Fröschen aus dem besagten Teich in einer Tonne voll geheiligten
Wassers mitzunehmen Sobald sie zu Abdera anlangten war ihre erste Sorge einen
neuen Teich zu graben welches eben dieser ist den Sie hier vor sich sehen
Sie leiteten einen Arm des Flusses Nestus in denselben und besetzten ihn
mit den Abkömmlingen der in Frösche verwandelten Lycier oder Milier die sie in
dem geweihten Wasser mit sich gebracht Um den neuen Teich her dem sie
sorgfältig die völlige Gestalt und Größe des alten gaben pflanzten sie die
mitgebrachten heiligen Bäume weiheten sie aufs neue der Latona zum Hain bauten
ihr diesen Tempel und verordneten einen Priester der den Dienst desselben
versehen und des Hains und Teiches warten sollte welche sich auf diese Weise
ohne ein so großes Wunder als Herr Demokritus für nötig hielt aus Lycien nach
Abdera versetzt befanden Dieser Tempel Hain und Teich erhielt sich vermöge
der Ehrfurcht welche sogar die benachbarten wilden Tracier für denselben
hegten durch alle Veränderungen und Unfälle denen Abdera in der Folge
unterworfen war bis die Stadt endlich von den Tejern unsern Vorfahren zu den
Zeiten des großen Cyrus wiederhergestellt und wie man ohne Ruhmredigkeit sagen
kann zu einem Glanz erhoben wurde dass sie keine Ursache hat irgend eine andre
in der Welt zu beneiden«
Sie reden wie ein wahrer Patriot Herr Oberpriester sagte Euripides Aber
wenn es erlaubt wäre eine bescheidene Frage zu tun
»Fragen Sie was Sie wollen fiel ihm Strobylus ein ich werde Gott Lob
nie verlegen sein Antwort zu geben«
Mit Ew Ehrwürden Erlaubnis also fuhr Euripides fort Die ganze Welt kennt
die edle Denkart und die Liebe zur Pracht und zu den schönen Künsten die den
tejischen Abderiten eigen ist und wovon ihre Stadt überall die merkwürdigsten
Beweise darstellt Wie kommt es also da zumal die Tejer schon von alten Zeiten
her im Ruf einer besonderen Ehrfurcht für die Latona stehen dass die Abderiten
nicht auf den Gedanken gekommen sind ihr einen ansehnlichern Tempel aufzubauen
»Ich vermutete mir diesen Einwurf« sagte Strobylus mit einem Lächeln
wobei er die Augenbraunen in die Höhe zog und mächtig weise aussehen wollte
Es soll kein Einwurf sein versetzte Euripides sondern bloß eine
bescheidene Frage
»Ich will sie Ihnen beantworten sagte der Priester Ohne Zweifel wäre es
der Republik leicht gewesen der Latona als einer Göttin vom ersten Rang einen
so prächtigen Tempel aufzubauen wie sie dem Jason der doch nur ein Heros war
gebaut hat Aber sie hat mit Recht geglaubt dass es der Ehrfurcht die wir der
Mutter des Apollo und der Diana schuldig sind gemässer sei ihren uralten Tempel
zu lassen wie sie ihn gefunden und er ist und bleibt demungeachtet der oberste
und heiligste Tempel von Abdera was auch immer der Priester des Jasons dagegen
einwenden mag«
Strobylus sagte dieses letzte mit einem Eifer und einem Crescendo il Forte
dass Demokritus für nötig fand ihn zu versichern dass dies wenigstens bei allen
Gesunddenkenden eine ausgemachte Sache sei
»Indessen fuhr der Oberpriester fort hat die Republik gleichwohl solche
Beweise ihrer besonderen Devotion für den Tempel der Latona und dessen Zubehörden
abgelegt dass gegen die Lauterkeit ihrer Absichten nicht der geringste Zweifel
übrig sein kann Sie hat zu Versehung des Dienstes nicht nur ein Kollegium von
sechs Priestern deren Vorsteher zu sein ich unwürdiger Weise die Ehre habe
sondern auch aus dem Mittel des Senats drei Pfleger des geheiligten Teichs
angeordnet von welchen der erste allezeit eines von den Häuptern der Stadt ist
Ja sie hat aus Beweggründen deren Richtigkeit streitig zu machen nicht länger
erlaubt ist die Unverletzlichkeit der Frösche des Latonenteichs auf alle Tiere
dieser Gattung in ihrem ganzen Gebiet ausgedehnt und zu diesem Ende das ganze
Geschlecht der Störche Kraniche und aller andern Froschfeinde aus ihren Grenzen
verbannt«
Wenn die Versicherung dass es nicht länger erlaubt ist an der Richtigkeit
dieses Verfahrens zu zweifeln mir nicht die Zunge bände sagte Demokritus so
würde ich mir die Freiheit nehmen zu erinnern dass selbiges mehr in einer zwar
an sich selbst löblichen aber doch aufs äußerste getriebnen Deisidämonie62 als
in der Natur der Sache oder der Ehrfurcht die wir der Latona schuldig sind
gegründet zu sein scheint Denn in der Tat ist nichts gewisser als dass die
Frösche zu Abdera und in der Gegend umher die den Einwohnern bereits sehr
beschwerlich sind mit der Zeit sich unter einer solchen Protection so
überschwenglich vermehren werden dass ich nicht begreife wie unsre Nachkommen
sich mit ihnen werden vergleichen können Ich rede hier bloß menschlicher Weise
und unterwerfe meine Meinung dem Urteil der Obern wie einem rechtgesinnten
Abderiten zukommt
»Daran tun Sie wohl sagte Strobylus es mag nun Ihr Ernst sein oder nicht
und Sie würden nehmen Sie mirs nicht übel noch besser tun wenn Sie
dergleichen Meinungen gar nicht laut werden ließ Übrigens kann nichts
lächerrlichers sein als sich vor Fröschen zu fürchten und unter dem Schutze der
Latona können wir denke ich gefährlichere Feinde verachten als diese guten
unschuldigen Tierchen jemals sein könnten wenn sie auch unsre Feinde würden«
Das sollt ich auch denken sagte Euripides Mich wundert wie einem so
großen Naturforscher als Demokritus unbekannt sein kann dass die Frösche die
sich von Insecten und kleinen Schnecken nähren dem Menschen vielmehr nützlich
als schädlich sind
Der Priester Strobylus nahm diese Anmerkung so wohl auf dass er von diesem
Augenblick an ein hoher Gönner und Beförderer unsers Dichters wurde Die Herren
hatten sich kaum von ihm beurlaubt so ging er in einige der besten Häuser und
versicherte Euripides sei ein Mann von großen Verdiensten »Ich habe sehr wohl
bemerkt sagte er dass er mit dem Demokritus nicht zum Besten steht er gab ihm
ein oder zweimal tüchtig auf den Kolben Er ist wirklich ein hübscher
verständiger Mann für einen Poeten«
Zehntes Kapitel
Der Senat zu Abdera gibt dem Euripides ohne dass er darum angesucht hätte
Erlaubnis eines seiner Stücke auf dem abderitischen Theater aufzuführen
Kunstgriff wodurch sich die abderitische Kanzlei in solchen Fällen zu helfen
pflegte
Schlaues Betragen des Nomophylax
Merkwürdige Art der Abderiten einem der ihnen im Wege stund allen Vorschub zu
tun
Nachdem Euripides die Wahrzeichen von Abdera sämtlich in Augenschein genommen
führte man ihn nach dem Garten der Salabanda wo er den Ratsherrn ihren Gemahl
einen Mann der bloß durch seine Gemahlin merkwürdig wurde und eine große
Gesellschaft von abderitischem BeauMonde fand alle sehr begierig zu sehen wie
man es machte um Euripides zu sein
Euripides sah nur Ein Mittel sich mit Ehren aus der Sache zu ziehen und
das war in so guter abderitischer Gesellschaft nicht Euripides sondern so
sehr Abderit zu sein als ihm nur immer möglich war Die guten Leute wunderten
sich ihn so gleichartig mit ihnen selbst zu finden Es ist ein scharmanter
Mann sagten sie man dächte er wäre sein Leben lang in Abdera gewesen
Die Kabale der Dame Salabanda ging inzwischen tapfer ihren Gang und des
folgenden Morgens war schon die ganze Stadt des Gerüchtes voll der fremde
Dichter würde mit seinen Leuten eine Komödie aufführen wie man in Abdera noch
keine gesehen habe
Es war ein Ratstag Die Herren versammelten sich und einer fragte den
andern wenn Euripides sein Stück geben würde Keiner wollte was davon wissen
wiewohl jeder positiv versicherte dass bereits die Zurüstungen dazu gemacht
würden
Als der Archon die Sache in Vortrag brachte formalisierten sich die Freunde
des Nomophylax nicht wenig darüber »Wozu sagten sie brauchts uns noch zu
fragen ob wir erlauben wollen was schon beschlossen ist und wovon jedermann
als von einer ausgemachten Sache spricht«
Einer der hitzigsten behauptete dass der Senat eben deswegen Nein dazu
sagen und dadurch zeigen sollte dass Er Meister sei
»Das wäre mir ein sauberes Participium rief der Zunftmeister Pfrieme weil
die ganze Stadt für die Sache bordiert ist und die fremden Komödianten zu hören
wünscht so soll der Senat Nein dazu sagen Ich behaupte just das Gegenteil
Eben weil das Volk sie zu hören wünscht so sollen sie aufspielen Fox pobulus
Fox Deus Das ist immer mein Simplum gewesen und soll es bleiben so lange ich
Zunftmeister Pfrieme heißen werde«
Die Meisten traten auf des Zunftmeisters Seite Der politische Ratsherr
zuckte die Achseln sprach Pro und Kontra und beschloss endlich wenn der
Nomophylax nichts dabei zu erinnern hätte so glaubte er man könnte für diesmal
connivendo geschehen lassen dass die Fremden auf dem Stadtteater spielten
Der Nomophylax hatte bisher bloß die Nase gerümpft gegrinst seinen
Knebelbart gestrichen und einige abgebrochne Worte mit untermischtem Hä hä
hä gemeckert Er hätte nicht gerne dafür angesehen werden mögen als ob ihm
daran gelegen sei die Sache zu hintertreiben Allein je mehr ers verbergen
wollte desto stärker fiels in die Augen Er schwoll zusehends auf wie ein
Trutahn dem man ein rotes Tuch vorhält und endlich da er entweder bersten
oder reden musste sagte er »Die Herren mögen nun glauben was sie wollen aber
ich bin wirklich der erste der das neue Stück zu hören wünscht Ohne Zweifel
hat der Poet den Text und die Musik selbst gemacht und da muss es ja wohl ein
ganzes Wunderding sein Indessen weil er sich nicht aufhalten kann wie man
sagt so seh ich nicht wie man mit den Decorationen wird fertig werden können
Und wenn wir zu den Chören unsre Leute hergeben sollen wie zu vermuten ist so
bedaur ich dass ich sagen muss vor vierzehn Tagen wird nicht daran zu denken
sein«
Dafür lassen wir den Euripides sorgen sagte einer von den Vätern aus deren
Sprachröhren die Stimme der Dame Salabanda sprach man wird ihm ohnehin Ehren
halben die ganze Direction seines Schauspiels überlassen müssen Den Rechten
eines zeitigen Nomophylax und der Teatercommission unpräjudicierlich setzte
der Archon hinzu
»Ich bin alles zufrieden sagte Gryllus die Herren wollen was Neues Gut
Wünsche dass es wohl bekomme Bin selbst begierig das Ding zu hören wie
gesagt Es kommt freilich alles bloß darauf an ob man Glauben an die Leute hat
Verstehen Sie mich Indessen wird Recht Recht und Musik Musik bleiben und
ich wette was die Herren wollen die Terzen und Quinten und Octaven der Herren
Atenienser werden just so klingen wie die unsrigen hä hä hä hä«
Es ging also mit einem großen Mehr durch »dass den fremden Komödianten
semel pro semper und citra consequentiam erlaubt sein sollte eine Tragödie auf
der Nationalschaubühne aufzuführen und dass ihnen hiezu von Seiten der
Teaterdeputation aller Vorschub getan und die Kosten von der Kassa bestritten
werden sollten« Allein weil der Ausdruck erlaubt sein sollte dem Euripides
der nichts verlangt hatte sondern sich bloß erbitten lassen hätte anstößig
sein können so veranstaltete Frau Salabanda dass der Ratsschreiber der ihr
besonderer Freund und Diener war im Bescheid die Worte erlaubt sein sollte in
ersucht werden sollte und die fremden Komödianten in den berühmten Euripides
verwandelte Alles übrigens dem Ratschluss und der Kanzlei ohnpräjudicierlich
und citra consequentiam
So wie der Senat auseinander ging begab sich der Nomophylax zum Euripides
überschüttete ihn mit Komplimenten bot ihm seine Dienste an und versicherte
ihn dass ihm aller möglicher Vorschub getan werden sollte um sein neues Stück
recht bald aufführen zu können Der Effect dieser Versicherung war dass ihm
ohne dass jemand Schuld daran haben wollte alle mögliche Hindernisse in den Weg
gelegt wurden und dass es immer an allem fehlte was er nötig hatte Beschwerte
er sich so wies ihn immer einer an den andern und jeder beteuerte seine
Unschuld und seinen guten Willen indem er ganz deutlich zu verstehen gab dass
der Fehler bloß an diesem oder jenem liege der eine Viertelstunde zuvor seinen
guten Willen eben so stark beteuert hatte
Euripides fand die abderitische Art allen möglichen Vorschub zu tun so
beschwerlich dass er sich nicht entbrechen konnte der Dame Salabanda am Morgen
des dritten Tages zu erklären seine Meinung sei sich mit dem ersten Winde
woher er auch blasen möchte wieder einzuschiffen wofern sie nicht einen
Ratschluss auswirkte der den Herren von der Kommission anbeföhle ihm keinen
Vorschub zu tun Da der Archon wie wohl eigentlich alle executive Gewalt von
ihm abhing kein Mann von Execution war so war das einzige Mittel in dieser
Not den Zunftmeister Pfrieme und den Priester Strobylus welche alles beim
Volke vermochten in Bewegung zu setzen Salabanda übernahm beides mit so guter
Wirkung dass binnen Tag und Nacht alles was von Seiten der Teatercommission
besorgt werden musste fertig und bereit war welches um so leichter geschehen
konnte da Euripides seine eignen Decorationen bei sich hatte und also beinahe
nichts weiter zu tun war als sie dem abderitischen Theater anzupassen
Elftes Kapitel
Die Andromeda des Euripides wird endlich trotz aller Hindernisse von seiner
eignen Truppe aufgeführt
Außerordentliche Empfindsamkeit der Abderiten mit einer Digression welche
unter die lehrreichsten in diesem ganzen Werke gehört und daher auch von gar
keinem Nutzen sein wird
Die Abderiten hatten ein neues Stück erwartet und waren daher übel zufrieden
da sie hörten da es eben die Andromeda war die sie vor wenig Tagen schon
gesehen zu haben glaubten Noch weniger wollten ihnen Anfangs die fremden
Schauspieler einleuchten deren Ton und Action so natürlich war dass die guten
Leute gewohnt ihre Helden und Heldinnen wie Besessene herumfahren zu sehen und
schreien zu hören wie der verwundete Mars in der Iliade gar nicht wussten was
sie daraus machen sollten Das ist eine wunderliche Art zu agieren flüsterten
sie einander zu man merkt gar nicht dass man in der Komödie ist es klingt ja
ordentlich als ob die Leute ihre eigne Rollen spielten Indessen bezeugten sie
doch ihr Erstaunen über die Decorationen die zu Athen von einem berühmten
Meister in der Teaterperspectiv gemalt waren und da die Meisten in ihrem Leben
nichts Gutes in dieser Art gesehen hatten so glaubten sie bezaubert zu sein
wie sie das Ufer des Meers den Felsen wo Andromeda angefesselt war und den
Hain der Nereiden an einer kleinen Bucht auf der einen Seite und den Palast des
Königs Cepheus in der Ferne auf der andern so natürlich vor sich sahen dass sie
geschworen hätten es sei alles wirklich und wahrhaftig so wie es sich
darstellte Da nun überdies die Musik vollkommen nach dem Sinn des Dichters und
also das alles war was die Musik des Nomophylax Gryllus nicht war da sie
immer gerad aufs Herz wirkte und ungeachtet der größten Einfalt und Singbarkeit
doch immer neu und überraschend war so brachte alles dies mit der
Lebhaftigkeit und Wahrheit der Declamation und Pantomime und mit der Schönheit
der Stimmen und des Vortrags einen Grad von Täuschung bei den guten Abderiten
hervor wie sie noch in keinem Schauspiel erfahren hatten Sie vergaßen
gänzlich dass sie in ihrem Nationalteater saßen glaubten unvermerkt mitten in
der wirklichen Szene der Handlung zu sein nahmen Anteil an dem Glück und
Unglück der handelnden Personen als ob es ihre nächsten Blutsfreunde gewesen
wären betrübten und ängstigten sich hofften und fürchteten liebten und
hassten weinten und lachten wie es dem Zauberer unter dessen Gewalt sie waren
gefiel kurz die Andromeda wirkte so außerordentlich auf sie dass Euripides
selbst gestand noch niemals des Schauspiels einer so vollkommenen Empfindsamkeit
genossen zu haben
Wir bitten in Parentesi die empfindsamen Frauenzimmerchen und
Jüngelchen unsrer von lauter Empfindsamkeit höchst unempfindsamen Zeit sehr um
Verzeihung aber es war in der Tat unsre Meinung nicht durch diesen Zug der
außerordentlichen Empfindsamkeit der Abderiten Ihnen einen Stich zu geben und
gleichsam dadurch einigen Zweifel gegen ihren guten Verstand bei Ihnen selbst
oder bei andern Leuten zu erwecken In ganzem Ernst wir erzählen die Sache
bloß wie sie sich zutrug und wem eine so große Empfindsamkeit an Abderiten
befremdlich vorkommt den ersuchen wir höflichst zu bedenken dass sie bei
aller ihrer Abderiteit am Ende doch Menschen waren wie andre ja in gewissem
Sinn nur desto mehr Menschen je mehr Abderiten sie waren Denn gerade ihre
Abderiteit machte dass es eben so leicht war sie zu betrügen als die Vögel
die in die gemalten Trauben des Zeuxis hineinpickten indem sie sich jedem
Eindruck besonders den Illusionen der Kunst viel ungewahrsamer und
treuherziger überließen als feinere und kältere folglich auch gescheutere
Leute zu tun pflegen als welche man so leicht nicht verhindern kann durch
jeden Zauberdunst den man um sie her macht durchzusehen
Übrigens macht der Verfasser dieser Geschichte hier die Anmerkung Die große
Disposition der Abderiten sich von den Künsten der Einbildungskraft und der
Nachahmung täuschen zu lassen sei eben nicht das was er am wenigsten an ihnen
liebe Er mag aber wohl dazu seine besonderen Ursachen gehabt haben
In der Tat haben Dichter Tonkünstler Maler einem aufgeklärten und
verfeinerten Publico gegenüber schlimmes Spiel und just die eingebildeten
Kenner die unter einem solchen Publico immer den größten Haufen ausmachen sind
am schwersten zu befriedigen Anstatt der Einwirkung still zu halten tut man
alles was man kann um sie zu verhindern Anstatt zu genießen was da ist
raisonniert man darüber was da sein könnte Anstatt sich zur Illusion zu
bequemen63 wo die Vernichtung des Zaubers zu nichts dienen kann als uns eines
Vergnügens zu berauben setzt man ich weiß nicht welche kindische Ehre darin
den Philosophen zur Unzeit zu machen zwingt sich zu lachen wo Leute die sich
ihrem natürlichen Gefühl überlassen Tränen im Auge haben und wo diese lachen
die Nase aufzurümpfen um sich das Ansehen zu geben als ob man zu stark oder zu
fein oder zu gelehrt sei um sich von so was aus seinem Gleichgewicht setzen zu
lassen
Aber auch die wirklichen Kenner verkümmern sich selbst den Genuss den sie
von tausend Dingen die in ihrer Art gut sind haben könnten durch
Vergleichungen derselben mit Dingen anderer Art Vergleichungen die meistens
ungerecht und immer wider unsern eignen Vorteil sind Denn das was unsre
Eitelkeit dabei gewinnt ein Vergnügen zu verachten ist doch immer nur ein
Schatten nach welchem wir schnappen indem uns das Wirkliche entgeht
Wir finden daher dass es allezeit unter noch rohen Menschen war wo die
Söhne des Musengottes jene großen Wunder taten wovon man noch immer spricht
ohne recht zu wissen was man sagt Die Wälder in Tracien tanzten zur Leier des
Orpheus und die wilden Tiere schmiegten sich zu seinen Füßen nicht weil er
ein Halbgott war sondern weil die Tracier Bären waren nicht weil er
übermenschlich sang sondern weil seine Zuhörer wie bloße Naturmenschen hörten
kurz aus eben dem Grunde warum nach Forsters Bericht eine schottische
Sackpfeife die guten Seelen von Tahiti in Entzücken setzte
Die Anwendung dieser nicht sehr neuen aber sehr praktischen Bemerkung die
man so oft gehört hat und doch fast immer aus der Acht lässt wird der geneigte
Leser selbst machen wenns ihm beliebt Unser eigen Gewissen mag uns sagen ob
und in wie fern wir in andern Dingen mehr oder weniger Tracier und Abderiten
sind aber wenn wirs in diesem einzigen Puncte wären so möcht es nur desto
besser für uns und freilich auch für den größten Teil unsrer poetischen
Sackpfeifer sein
Zwölftes Kapitel
Wie ganz Abdera vor Bewunderung und Entzücken über die Andromeda des Euripides
zu Narren wurde
Philosophischkritischer Versuch über diese seltsame Art von Phrenesie welche
bei den Alten insgemein die abderische Krankheit genannt wird den
Geschichtschreibern ergebenst zugeeignet
Als der Vorhang gefallen war sahen die Abderiten noch immer mit offenem Aug und
Munde nach dem Schauplatz hin und so groß war ihre Verzückung dass sie nicht
nur ihrer gewöhnlichen Frage wie hat Ihnen das Stück gefallen vergaßen
sondern sogar des Klatschens vergessen haben würden wenn Salabanda und Onolaus
die bei der allgemeinen Stille am ersten wieder zu sich selbst kamen nicht
eilends diesem Mangel abgeholfen und dadurch ihren Mitbürgern die Beschämung
erspart hätten gerade zum erstenmale wo sie wirklich Ursache dazu hatten
nicht geklatscht zu haben Aber dafür brachten sie auch das Versäumte mit Wucher
ein Denn sobald der Anfang gemacht war wurde so laut und so lange geklatscht
bis kein Mensch mehr seine Hände fühlte Diejenigen die nicht mehr konnten
pausierten einen Augenblick und fingen dann wieder desto stärker an bis sie
von andern die inzwischen ausgeruht wieder abgelöst wurden Es blieb nicht bei
diesem lärmenden Ausbruch ihres Beifalls Die guten Abderiten waren so voll von
dem was sie gehört und gesehen hatten dass sie sich genötigt fanden ihrer
Repletion noch auf andere Weise Luft zu machen Verschiedene blieben im
Nachhausegehen auf öffentlicher Straße stehen und declamierten überlaut die
Stellen des Stücks wovon sie am stärksten gerührt worden waren Andre bei
denen die Leidenschaft so hoch gestiegen war dass sie singen mussten fingen zu
singen an und wiederholten wohl oder übel was sie von den schönsten Arien im
Gedächtnis behalten hatten Unvermerkt wurde wie es bei solchen Gelegenheiten
zu gehen pflegt der Paroxysmus allgemein eine Fee schien ihren Stab über
Abdera ausgereckt und alle seine Einwohner in Komödianten und Sänger verwandelt
zu haben Alles was Odem hatte sprach sang trallerte leierte und pfiff
wachend und schlafend viele Tage lang nichts als Stellen aus der Andromeda des
Euripides Wo man hin kam hörte man die große Arie O du der Götter und der
Menschen Herrscher Amor usw und sie wurde so lange gesungen bis von der
ursprünglichen Melodie gar nichts mehr übrig war und die Handwerksbursche zu
denen sie endlich herabsank sie bei Nacht auf der Straße nach eigener Melodie
brüllten
Wenn der Rat nicht wie so viele andre die uns von Weisen gegeben werden
den einzigen Fehler hätte dass er nicht praktikabel ist so würden wir eilen
was wir könnten allen Menschen den Rat zu geben niemals von irgend einer
Begebenheit die ihnen erzählt wird ein Wort zu glauben Denn unzählige
Erfahrungen die wir hierüber seit mehr als dreißig Jahren gemacht haben uns
überzeugt dass an allen solchen Erzählungen ordentlicher Weise kein Wort wahr
ist und wir wissen uns in ganzem Ernst nicht eines einzigen Falles zu besinnen
wo eine Sache wiewohl sie sich erst vor wenigen Stunden zugetragen nicht von
jedem der sie erzählte anders und also weil doch ein Ding nur auf eine Art
wahr ist von jedem falsch erzählt worden wäre
Da es diese Bewandtnis mit Dingen hat die zu unsrer Zeit an dem Ort unsers
Aufenthalts und beinahe vor unsern sichtlichen Augen geschehen so kann man
leicht ermessen wie es um die historische Treue und Zuverlässigkeit solcher
Begebenheiten stehen müsse die sich vor langer Zeit zugetragen und für die wir
keine andre Gewähr haben als was uns davon in geschriebenen oder gedruckten
Büchern weisgemacht wird Weiß der liebe Gott wie sie da der armen ehrlichen
Wahrheit mitspielen und was von ihr übrig bleiben kann wenn sie ein paar
tausend Jahre lang durch alle die verfälschenden Mediums von Traditionen
Chroniken Jahrbüchern pragmatischen Geschichten kurzen begriffen
historischen Wörterbüchern Anekdotensammlungen usw und durch so manche
gewaschne oder ungewaschne Hände von Schreibern und Abschreibern Setzern und
Übersetzern Censoren und Korrectoren etc durchgebeutelt geseigt und gepresst
worden ist Ich meines Orts bin durch die genauere Betrachtung dieser Umstände
schon lange bewogen worden ein Gelübde zu tun keine andre Geschichte zu
schreiben als von Personen an deren Existenz und von Begebenheiten an deren
Zuverlässigkeit keinem Menschen in der Welt etwas gelegen sein kann
Was mich zu dieser kleinen Expectoration veranlasst ist gerade die
Begebenheit die wir vor uns haben und die von den verschiedenen
Schriftstellern welche ihrer Erwähnung tun so seltsam behandelt und misshandelt
worden ist als ein guterziger nichts Arges wähnender Leser sich kaum
vorstellen kann
Da ist nun zum Exempel dieser Yorik dieser Erfinder Vater Protoplastus
und Prototypus aller empfindsamen Reisen und empfindelnden Wandersleute die
ohne Beutel und Tasche ja ohne nur ein paar Schuhsohlen darüber abgenutzt zu
haben empfindsame Reisen wer weiß wohin bloß in der Absicht getan haben mit
deren Beschreibung ihre Bier und Tabaksrechnung zu saldieren ich sage da ist
nun dieser Yorik der um ein hübsches Kapitelchen in sein berühmtes Sentimental
Journei daraus zu machen diese nämliche Begebenheit so accommodiert hat dass
sie zwar so wunderbar und abenteuerlich als ein Feenmärchen worden ist aber
auch darüber alle ihre individuelle Wahrheit und sogar alle abderitische
Familienähnlichkeit verloren hat
Man höre nur an »Die Stadt Abdera sagt er war die schändlichste und
gottloseste Stadt in ganz Tracien wimmelte und brudelte von Giftmischerei
Verschwörungen Meuchelmord Schmähschriften Pasquillen und Tumult Bei hellem
Tage war man seines Lebens nicht sicher bei Nacht wars noch ärger Nun begab
sichs fährt er fort als der Greuel aufs höchste gestiegen war dass man zu
Abdera die Andromeda des Euripides vorstellte Sie gefiel allen Zuschauern aber
von allen Stellen die dem Volke gefielen wirkten keine stärker auf seine
Imagination als die zärtlichen Naturzüge die der Dichter in die rührende Rede
des Perseus verweht hatte
O du der Götter und der Menschen Herrscher Amor
Alle Welt sprach den folgenden Tag in Jamben und von nichts als der rührenden
Anrede des Perseus O Amor du der Götter und der Menschen Herrscher64 In
jeder Gasse von Abdera in jedem Hause O Amor O Amor In jedem Munde usw
nichts als O du der Götter und der Menschen Herrscher Amor Das Feuer griff
um sich und die ganze Stadt gleich dem Herzen eines einzigen Mannes öffnete
sich der Liebe Kein Drogist konnte einen Scrupel Niesewurz los werden kein
Waffenschmied hatte das Herz ein einziges Werkzeug des Todes zu schmieden
Freundschaft und Tugend begegneten sich auf den Gassen das goldne Alter kehrte
zurück und schwebte über der Stadt Abdera Jeder Abderit nahm sein Haberrohr
und jede Abderitin verließ ihr Purpurgewebe und setzte sich keusch und horchte
auf den Gesang«
In der Tat ein sehr schönes Kapitelchen Alle jungen Knaben und Mädel fanden
es deliciös »O Amor Amor der Götter und der Menschen Herrscher Amor« Und
dass ein einziger Vers aus dem Euripides ein Vers wie wahrlich bei beiden
Ohren des Königs Midas der geringste unter euren Haberrohrsängern sich alle
Augenblicke zwanzig auf einem Beine stehend zu machen getrauen kann ein Wunder
gewirkt haben soll das alle Priester Propheten und Weisen der ganzen Welt mit
gesamter Hand nicht im Stande gewesen sind nur ein einzigesmal zu bewirken
das Wunder eine so schändliche heillose und gottesvergessene Stadt und
Republik wie Abdera gewesen sein soll auf einmal in ein unschuldiges
liebevolles Arkadien zu verwandeln das gefällt freilich den gauchhaarigten
empfindsamen geelschnäblichten Turteltäubchen und Turteltaubern Nur Schade
wie gesagt dass am ganzen Histörchen so wie es Bruder Yorik erzählt kein
wahres Wort ist
Das ganze Geheimnis ist der wunderliche Mensch war verliebt als er sich
das alles einbildete und so schrieb er wie es jedem ehrlichen Amoroso und
Virtuoso Steckenpferdler und Mondritter zu gehen pflegt alles was er sich
einbildete für Wahrheit hin Nur ists nicht hübsch an ihm dass er um seinem
Leibgötzen und Fetisch Amor ein desto größeres Kompliment zu machenden armen
Abderiten das Ärgste nachsagt was sich von Menschen denken und sagen lässt Aber
das ganze griechische und römische Altertum soll auftreten und zeugen ob jemals
so etwas auf die guten Leute gebracht worden sei Sie hatten freilich wie man
weiß ihre Launen und Mucken und was man im eigentlichen Verstande Klugheit und
Weisheit nennt war nie ihre Sache gewesen aber ihre Stadt deswegen zu einer
Mördergrube zu machen das geht ein wenig über die Grenzen der berüchtigten
Dichterfreiheit die so einen großen Tummelplatz man ihr auch immer zugestehen
will doch am Ende wie alle andere Dinge in der Welt ihre Grenzen haben muss
Lucian von Samosata im Eingang seines berühmten Büchleins wie man die
Geschichte schreiben müsste wenn man könnte erzählt die Sache ganz anders
wiewohl mit seiner Erlaubnis nicht viel richtiger als Yorik Er muss wie es
scheint etwas vom König Archelaus und von der Andromeda des Euripides und von
der seltsamen Schwärmerei die sich der Abderiten bemächtigte gehört haben und
dass man zuletzt genötigt war den Hippokrates zu Hilfe zu rufen damit er alles
zu Abdera wieder ins alte Gleis setzen möchte Und nun sehe man einmal wie der
Mann das alles durch einander wirft »Der Komödiant Archelaus der damals so
viel war als wenn man bei uns Brokmann oder Schröter oder ne vous déplaise
der deutsche Garrik sagt dieser Archelaus kam in den Tagen des Königs
Lysimachus nach Abdera und gab die Andromeda des Euripides Es war just ein
außerordentlich heißer Sommertag Die Sonne brannte den Abderiten auf ihre
Köpfe die wahrlich ohnehin schon warm genug waren Die ganze Stadt brachte ein
starkes Fieber aus der Komödie nach Hause Am siebenten Tage brach sich bei den
Meisten die Krankheit entweder durch heftiges Nasenbluten oder einen starken
Schweiß hingegen blieb ihnen eine seltsame Art von Zufall davon zurück Denn
wie das Fieber vorbei war überfiel sie allesamt ein unwiderstehlicher Drang
tragische Verse zu declamieren Sie sprachen in lauter Jamben schrien wo sie
stunden und gingen aus vollem Halse ganze Tiraden aus der Andromeda daher
sangen den Monologen des Perseus« usw
Lucian nach seiner spöttischen Art macht sich sehr lustig mit der
Vorstellung wie närrisch es ausgesehen haben müsse alle Straßen in Abdera von
bleichen entbauchten und vom siebentägigen Fieber ausgemergelten Tragikern
wimmeln zu sehen die aus allen ihren Leibeskräften »Du aber der Götter und der
Menschen Herrscher Amor« usw gesungen und er versichert diese Epidemie
habe so lange gedauert bis der Winter und eine eingefallne große Kälte dem
Unwesen endlich ein Ende gemacht
Man muss gestehen Lucians Art den Hergang zu erzählen hat vor der
yorikischen vieles voraus Denn so seltsam dieses abderitische Fieber scheinen
mag so werden doch alle Ärzte gestehen dass es wenigstens möglich und alle
Dichter dass es charaktermässig ist Es gilt also davon was die Italiener zu
sagen pflegen se non è vero è ben trovato Aber wahr ists freilich nicht wie
schon aus dem einzigen Umstand erhellt dass um die Zeit da sich diese
Begebenheit in Abdera zugetragen haben soll eigentlich kein Abdera mehr war
weil die Abderiten schon einige Jahre zuvor ausgezogen waren und ihre Stadt den
Fröschen und Ratten überlassen hatten
Kurz die Sache begab sich wie wir sie erzählt haben und wem man den
Paroxysmus der die Abderiten nach der Andromeda des Euripides überfiel ein
Fieber nennen will so war es wenigstens von keiner andern Art als das
Schauspielfieber womit wir bis auf diesen Tag manche Städte unsers werten
deutschen Vaterlandes behaftet sehen Das Übel lag nicht sowohl im Blute als in
der Abderiteit der guten Leute überhaupt
Indessen ist nicht zu leugnen dass es bei einigen bei denen es mehr Zunder
und Nahrung als bei andern finden mochte ernstaft genug wurde um des Arztes
zu bedürfen woraus denn vermutlich in der Folge der Irrtum Lucians entstanden
sein mag die ganze Sache für eine Art von hitzigem Fieber zu halten Zum Glücke
befand sich Hippokrates noch in der Nähe und da er die Natur der Abderiten
schon ziemlich kennen gelernt hatte so setzten etliche Pfund Niesewurz alles in
kurzem wieder in den alten Stand di die Abderiten hörten auf »O du der
Götter und der Menschen Herrscher Amor« zu singen und waren nun samt und
sonders wieder so weise als zuvor
Zweiter Teil
der das vierte und fünfte Buch und den Schlüssel enthält
Viertes Buch oder der Prozess um des Esels Schatten
Erstes Kapitel
Veranlassung des Processes und Facti Species
Der Periodus fatalis der Stadt Abdera schien endlich gekommen zu sein Kaum
hatten sie sich von dem wunderbaren Teaterfieber womit sie des ehrlichen
arglosen Euripides Götter und Menschenherrscher Amor heimgesucht hatte wieder
ein wenig erholt kaum sprachen die Bürger wieder in Prosa mit einander auf den
Straßen kaum verkauften die Drogisten wieder ihre Niesewurz schmiedeten die
Waffenschmiede wieder ihre Rappiere und Transchiermesser machten sich die
Abderitinnen wieder keusch und emsig an ihr Purpurgewebe und warfen die
Abderiten ihr leidiges Haberrohr weg um ihren verschiedenen Berufsarbeiten
wieder mit ihrem gewöhnlichen guten Verstande obzuliegen als die
Schicksalsgöttinnen ganz ingeheim aus dem schalsten dünnsten unhaltbarsten
Stoff der jemals von Göttern oder Menschen versponnen worden ist ein so
verworrenes Gespinnste von Abenteuern Händeln Verbitterungen Verhetzungen
Kabalen Parteien und anderm Unrat herauszogen dass endlich ganz Abdera davon
umwickelt und umsponnen wurde und da das heillose Zeug durch die unbesonnene
Hitze der Helfer und Helfershelfer in Flammen geriet diese berühmte Stadt
darüber beinahe und vielleicht gänzlich zu Grunde gegangen wäre wofern sie
nach des Schicksals Schluss durch eine geringere Ursache als Frösche und
Ratten hätte vertilgt werden können
Die Sache fing sich wie alle große Weltbegebenheiten mit einer sehr
geringfügigen Veranlassung an Ein gewisser Zahnarzt Namens Strution von
Geburt und Vorältern aus Megara gebürtig hatte sich schon seit vielen Jahren in
Abdera häuslich niedergelassen und weil er vielleicht im ganzen Lande der
einzige von seiner Profession war so erstreckte sich seine Kundschaft über
einen ansehnlichen Teil des mittäglichen Tracien Seine gewöhnliche Weise
denselben in Kontribution zu setzen war dass er die Jahrmärkte aller kleinen
Städte und Flecken auf mehr als dreißig Meilen in der Runde bereisete wo er
neben seinen Zahnpulver und seinen Zahntincturen gelegenheitlich auch
verschiedene Arcana wider Milzund Mutterbeschwerungen Engbrüstigkeit böse
Flüsse usw mit ziemlichem Vorteil absetzte Er hatte zu diesem Ende eine
eigene Eselin im Stalle welche bei solchen Gelegenheiten zugleich mit seiner
eignen kurzdicken Person und mit einem großen Quersack voll Arzneien und
Victualien beladen wurde Nun begab sichs einsmals da er den Jahrmarkt zu
Gerania besuchen sollte dass seine Eselin Abends zuvor ein Füllen geworfen
hatte folglich nicht im Stande war die Reise mitzumachen Strution mietete
sich also einen andern Esel bis zum Ort wo er sein erstes Nachtlager nehmen
wollte und der Eigentümer begleitete ihn zu Fuß um das lastbare Tier zu
besorgen und wieder nach Hause zu reiten Der Weg ging über eine große Heide Es
war mitten im Sommer und die Hitze diesen Tag sehr groß Der Zahnarzt dem sie
unerträglich zu werden anfing sah sich lechzend nach einem Schattenplatz um wo
er einen Augenblick absteigen und etwas frische Luft schöpfen könnte Aber da
war weit und breit weder Baum noch Staude noch irgend ein andrer
schattengebender Gegenstand zu sehen Endlich als er seinem Leibe keinen Rat
wusste machte er Halt stieg ab und setzte sich in den Schatten des Esels
Nu Herr was macht Ihr da sagte der Eseltreiber was soll das
Ich setze mich ein wenig in den Schatten versetzte Strution denn die
Sonne gibt mir ganz unleidlich auf den Schädel
Nä mein guter Herr erwiderte der andre so haben wir nicht gehandelt Ich
vermietete euch den Esel aber des Schattens wurde mit keinem Wort dabei
gedacht
I sagte der Zahnarzt lachend der Schatten geht mit dem Esel das versteht
sich
Ei beim Jason das versteht sich nicht rief der Eselmann ganz trotzig ein
anders ist der Esel ein anders ist des Esels Schatten Ihr habt mir den Esel um
so und so viel abgemietet Hättet Ihr den Schatten auch dazu mieten wollen so
hättet Ihrs sagen müssen Mit einem Wort Herr steht auf und setzt Eure Reise
fort oder bezahlt mir für des Esels Schatten was billig ist
Was schrie der Zahnarzt ich habe für den Esel bezahlt und soll jetzt auch
noch für seinen Schatten bezahlen Nennt mich selbst einen dreidoppelten Esel
wenn ich das tue Der Esel ist einmal für diesen ganzen Tag mein und ich will
mich in seinen Schatten setzen so oft mirs beliebt und darin sitzen bleiben
so lange mirs beliebt darauf könnt Ihr Euch verlassen
Ist das im Ernst Eure Meinung fragte der andre mit der ganzen
Kaltblütigkeit eines tracischen Eseltreibers
In ganzem Ernste versetzte Strution
So komm der Herr nur gleich stehenden Fußes wieder zurück nach Abdera vor
die Obrigkeit sagte jener da wollen wir sehen wer von uns beiden Recht
behalten wird So wahr Priapus mir und meinem Esel gnädig sei ich will sehen
wer mir den Schatten meines Esels wider meinen Willen abtrotzen soll
Der Zahnarzt hatte große Lust den Eseltreiber durch die Stärke seines Arms
zur Gebühr zu weisen Schon ballte er seine Faust zusammen schon hob sich sein
kurzer Arm aber als er seinen Mann genauer betrachtete fand er für besser ihn
allmählig wieder sinken zu lassen und es noch einmal mit gelindern
Vorstellungen zu versuchen Aber er verlor seinen Atem dabei Der ungeschlachte
Mensch bestand darauf dass er für den Schatten seines Esels bezahlt sein wollte
und da Strution eben so hartnäckig dabei blieb nicht bezahlen zu wollen so
war zuletzt kein andrer Weg übrig als nach Abdera zurückzukehren und die Sache
bei dem Stadtrichter anhängig zu machen
Zweites Kapitel
Verhandlung vor dem Stadtrichter Philippides
Der Stadtrichter Philippides vor den alle Händel dieser Art in erster Instanz
gebracht werden mussten war ein Mann von vielen guten Eigenschaften ein
ehrbarer nüchterner seinem Amte fleißig vorstehender Mann der jedermann mit
großer Geduld anhörte den Leuten freundlichen Bescheid gab und im allgemeinen
Ruf stund dass er unbestechlich sei Überdies war er ein guter Musikus sammelte
Naturalien hatte einige Schauspiele gemacht die nach Gewohnheit der Stadt
sehr wohl gefallen hatten und war beinahe gewiss beim ersten Erledigungsfalle
Nomophylax zu werden
Zu allen diesen Verdiensten hatte der gute Philippides nur einen einzigen
kleinen Fehler und das war dass so oft zwo Parteien vor ihn kamen ihm allemal
derjenige Recht zu haben schien der zuletzt gesprochen hatte Die Abderiten
waren so dumm nicht dass sie das nicht gemerkt hätten aber sie glaubten dass
man einem Manne der so viele gute Eigenschaften besitze einen einzigen Fehler
leicht zu gut halten könne Ja sagten sie wenn Philippides diesen Fehler nicht
hätte er wäre der beste Stadtrichter den Abdera jemals gesehen hat Indessen
hatte doch der Umstand dass dem ehrlichen Manne immer beide Parteien Recht zu
haben schienen natürlicher Weise die gute Folge dass er nichts angelegners
hatte als die Händel die vor ihn gebracht wurden in Güte auszumachen und so
würde die Blödigkeit des guten Philippides ein wahrer Segen für Abdera gewesen
sein wenn die Wachsamkeit der Sykophanten denen mit seiner Friedfertigkeit
übel gedient war nicht Mittel gefunden hätte ihre Wirkung fast in allen Fällen
zu vereiteln
Der Zahnarzt Strution und der Eseltreiber Antrax kamen also brennend vor
diesen würdigen Stadtrichter gelaufen und brachten beide zugleich mit großem
Geschrei ihre Klage vor Er hörte sie mit seiner gewöhnlichen Langmut an und
da sie endlich fertig oder des Schreiens müde waren zuckte er die Achseln und
der Handel deuchte ihm einer der verworrensten die ihm jemals vorgekommen Und
wer von euch beiden ist denn eigentlich der Kläger fragte er
Ich klage gegen den Eselmann antwortete Strution dass er unsern Kontract
gebrochen hat
Und ich sagte dieser klage gegen den Zahnarzt dass er sich ohnentgeltlich
einer Sache angemasst hat die ich ihm nicht vermietet hatte
Da haben wir zween Kläger sagte der Stadtrichter und wo ist der Beklagte
Ein wunderlicher Handel Erzählt mir die Sache noch einmal mit allen Umständen
aber einer nach dem andern denn es ist unmöglich klug daraus zu werden wenn
beide zugleich schreien
Hochgeachter Herr Stadtrichter sagte der Zahnarzt ich habe ihm den
Gebrauch des Esels auf einen Tag abgemietet Es ist wahr des Esels Schatten
wurde dabei nicht erwähnt Aber wer hat auch jemals erhört dass bei einer
solchen Miete eine Klausel wegen des Schattens wäre eingeschaltet worden Es ist
ja beim Herkules nicht der erste Esel der zu Abdera vermietet wird
Da hat der Herr Recht sagte der Richter
Der Esel und sein Schatten gehen mit einander fuhr Strution fort und
warum sollte der der den Esel selbst gemietet hat nicht auch den Niessbrauch
seines Schattens haben
Der Schatten ist ein Accessorium das ist klar versetzte der Stadtrichter
Gestrenger Herr schrie der Eseltreiber ich bin nur ein gemeiner Mann und
verstehe nichts von euren Arien und Orien Aber das geben mir meine vier Sinne
dass ich nicht schuldig bin meinen Esel umsonst in der Sonne stehen zu lassen
damit sich ein andrer in seinen Schatten setze Ich habe dem Herrn den Esel
vermietet und er hat mir die Hälfte voraus bezahlt das gesteh ich Aber ein
anders ist der Esel ein anders ist sein Schatten
Auch wahr murmelte der Stadtrichter
Will er diesen haben so mag er halb so viel dafür bezahlen als für den Esel
selbst denn ich verlange nichts als was billig ist und ich bitte mir zu meinem
Rechte zu verhelfen
Das Beste was ihr hierbei tun könnt sagte Philippides ist euch in Güte
von einander abzufinden Ihr ehrlicher Mann lasst immerhin des Esels Schatten
weils doch nur ein Schatten ist mit in die Miete gehen und Ihr Herr
Strution gebt ihm eine halbe Drachme dafür so können beide Teile zufrieden
sein
Ich gebe nicht den vierten Teil von einem Blaffert schrie der Zahnarzt ich
verlange mein Recht
Und ich schrie sein Gegenpart besteh auf dem meinigen Wenn der Esel mein
ist so ist der Schatten auch mein und ich kann damit als mit meinem Eigentum
schalten und walten und weil der Mann da nichts von Recht und Billigkeit hören
will so verlang ich jetzt das Doppelte und will sehen ob noch Justiz in Abdera
ist
Der Richter war in großer Verlegenheit Wo ist denn der Esel fragte er
endlich da ihm in der Angst nichts anders einfallen wollte um etwas Zeit zu
gewinnen
Der steht unten auf der Gasse vor der Türe
Führt ihn in den Hof herein sagte Philippides
Der Eigentümer des Esels gehorchte mit Freuden denn er hielt es für ein
gutes Zeichen dass der Richter die Hauptperson im Spiele sehen wollte Der Esel
wurde herbei geführt Schade dass er seine Meinung nicht auch zu der Sache sagen
konnte Aber er stund ganz gelassen da schaute mit gereckten Ohren erst den
beiden Herren dann seinem Meister ins Gesicht verzog das Maul ließ die Ohren
wieder sinken und sagte kein Wort
Da seht nun selbst gnädiger Herr Stadtrichter rief Antrax ob der
Schatten eines so schönen stattlichen Esels nicht seine zwo Drachmen unter
Brüdern wert ist zumal an einem so heißen Tage wie der heutige
Der Stadtrichter versuchte die Güte noch einmal und die Parteien fingen
schon an es allmählig näher zu geben als unglücklicher Weise Physignatus
und Polyphonus zween von den namhaftesten Sykophanten in Abdera dazu kamen
und nachdem sie gehört wovon die Rede war der Sache auf einmal eine andere
Wendung gaben Herr Strution hat das Recht völlig auf seiner Seite sagte
Physignatus der den Zahnarzt für einen wohlhabenden und dabei sehr hitzigen
und eigensinnigen Mann kannte Der andre Sykophant wiewohl ein wenig
verdrießlich dass ihm sein Handwerksgenosse so eilfertig zuvorgekommen war warf
einen Seitenblick auf den Esel der ihm ein hübsches wohlgenährtes Tier zu sein
schien und erklärte sich sogleich mit dem größten Nachdruck für den
Eseltreiber Beide Parteien wollten nun kein Wort mehr vom Vergleichen hören
und der ehrliche Philippides sah sich genötigt einen Rechtstag anzusetzen Sie
begaben sich nun jeder mit seinem Sykophanten nach Hause der Esel aber mit
seinem Schatten als dem Object des Rechtshandels wurde bis zu Austrag der Sache
in den Marstall gemeiner Stadt Abdera abgeführt
Drittes Kapitel
Wie die Parteien sich höheren Orts um Unterstützung bewerben
Nach dem Stadtrecht der Abderiten wurden alle über Mein und Dein unter den
gemeinen Bürgern entstandne Händel vor einem Gerichte von zwanzig Ehrenmännern
abgetan welche sich wöchentlich dreimal in der Vorhalle des Tempels der Nemesis
versammelten Alles wurde aus billiger Rücksicht auf die Nahrung der
Sykophanten schriftlich vor diesem Gerichte verhandelt und weil der Gang der
abderitischen Justiz eine Art von Schneckenlinie beschrieb und sich auch mit
der Geschwindigkeit der Schnecke fortbewegte zumal die Sykophanten nicht eher
zum Beschliessen verbunden waren bis sie nichts mehr zu sagen hatten so währte
das Libellieren gemeiniglich so lange als es die Mittel der Parteien
wahrscheinlicher Weise aushalten konnten Allein diesesmal kamen so viele
besondere Ursachen zusammen der Sache einen schnellern Schwung zu geben dass
man sich nicht darüber zu verwundern hat wenn der Prozess über des Esels
Schatten binnen weniger als vier Monaten schon so weit gediehen war dass nun am
nächsten Gerichtstage das Endurteil erfolgen sollte
Ein Rechtshandel über eines Esels Schatten würde sonder Zweifel in jeder
Stadt der Welt Aufsehen machen Man denke also was er in Abdera tun musste Kaum
war das Gerüchte davon erschollen als von Stund an alle andre Gegenstände der
gesellschaftlichen Unterhaltung fielen und jedermann mit eben so viel
Teilnehmung von diesem Handel sprach als ob er ein Großes dabei zu gewinnen
oder zu verlieren hätte Die einen erklärten sich für den Zahnarzt die andern
für den Eseltreiber Ja sogar der Esel selbst hatte seine Freunde welche dafür
hielten dass derselbe ganz wohl berechtigt wäre interveniendo einzukommen da
er durch die Zumutung den Zahnarzt in seinem Schatten sitzen zu lassen und
unterdessen in der brennenden Sonnenhitze zu stehen offenbar am meisten
prägraviert worden sei Mit einem Worte der besagte Esel hatte seinen Schatten
auf ganz Abdera geworfen und die Sache wurde mit einer Lebhaftigkeit einem
Eifer einem Interesse getrieben die kaum größer hätten sein können wenn das
Heil gemeiner Stadt und Republik auf dem Spiele gestanden hätte
Wiewohl nun diese Verfahrungsweise überhaupt niemanden der die Abderiten
aus der vorgehenden wahrhaften Geschichtsklitterung kennen gelernt hat
befremden wird so glauben wir doch denen Lesern welche eine Geschichte nur
alsdenn recht zu wissen glauben wenn ihnen das Spiel der Räder und Triebfedern
mit dem ganzen Zusammenhang der Ursachen und Folgen einer Begebenheit
aufgeschlossen wird keinen unangenehmen Dienst zu erweisen wenn wir ihnen
etwas umständlicher erzählen wie es zugegangen dass dieser Handel der in
seinem Ursprung nur zwischen Leuten von geringer Erheblichkeit und über einen
äußerst unerheblichen Gegenstand vorwaltete wichtig genug werden konnte um
zuletzt die ganze Republik in seinen Strudel hineinzuziehen
Die sämtliche Bürgerschaft in Abdera war wie von jeher die meisten Städte
in der Welt in Zünfte abgeteilt und vermöge einer alten Observanz gehörte der
Zahnarzt Strution in die Schusterzunft Der Grund davon war wie Gründe der
Abderiten immer zu sein pflegten mächtig spitzfindig In den ersten Zeiten der
Republik hatte nämlich diese Zunft bloß die Schuster und Schuhflicker in sich
begriffen Nachmals wurden alle Arten von Flickern mit dazu genommen und so kam
es dass in der Folge die Wundärzte als Menschenflicker und somit ob paritatem
rationis alle Arten von Ärzten zu dieser Zunft geschlagen wurden Strution
hatte demnach bloß die Ärzte ausgenommen mit denen er immer stark übern Fuß
gespannt war die ganze löbliche Schusterzunft und besonders alle Schuhflicker
auf seiner Seite die wie man sich noch erinnern wird einen sehr ansehnlichen
Teil der Bürgerschaft von Abdera ausmachten Natürlicherweise wandte sich also
der Zahnarzt vor allen andern sogleich an seinen Vorgesetzten den Zunftmeister
Pfrieme und dieser Mann dessen patriotischer Eifer für die Konstitution der
Republik niemanden unbekannt ist erklärte sich sogleich mit seiner gewöhnlichen
Hitze dass er sich eher mit seinem eigenen Schusterahl erstechen als geschehen
lassen wollte dass die Rechte und Freiheiten von Abdera in der Person eines
seiner Zunftverwandten so gröblich verletzt würden
»Billigkeit sagte er ist das höchste Recht Was kann aber billiger sein
als dass derjenige der einen Baum gepflanzet hat wiewohl es dabei eigentlich
auf die Früchte angesehen war nebenher auch den Schatten des Baums genieße Und
warum soll das was von einem Baume gilt nicht eben so wohl von einem Esel
gelten Wo zum Henker soll es mit unsrer Freiheit hinkommen wenn einem
zünftigen Bürger von Abdera nicht einmal frei stehen soll sich in den Schatten
eines Esels zu setzen Gleich als ob ein Eselsschatten vornehmer wäre als der
Schatten des Ratauses oder des Jasontempels in den sich stellen setzen und
legen mag wer da will Schatten ist Schatten er komme von einem Baum oder von
einer Ehrensäule von einem Esel oder von Sr Gnaden dem Archon selbst Kurz und
gut setzte Meister Pfrieme hinzu verlasst euch auf mich Herr Strution der
Grobian soll euch nicht nur den Schatten sondern zu eurer gebührenden Saxfazion
den Esel noch obendrein lassen oder es müsste weder Freiheit noch Eigentum mehr
in Abdera sein und dahin solls beim Element nicht kommen so lang ich der
Zunftmeister Pfrieme heiße«
Während dass der Zahnarzt sich der Gunst eines so wichtigen Mannes versichert
hatte ließ es der Eseltreiber Antrax seines Orts auch nicht fehlen sich um
einen Beschützer zu bewerben der jenem wenigstens das Gleichgewicht halten
könnte Antrax war eigentlich kein Bürger von Abdera sondern nur ein
Freigelassener der sich in dem Bezirk des Jasontempels aufhielt und er stand
als ein Schutzverwandter desselben unter der unmittelbaren Gerichtsbarkeit des
Erzpriesters dieses Heroen der bekanntermassen zu Abdera göttlich verehrt wurde
Natürlicherweise war also sein erster Gedanke wie er dazu gelangen könnte dass
der Erzpriester Agatyrsus sich seiner mit Nachdruck annehmen möchte Allein der
Erzpriester Jasons war zu Abdera eine sehr große Person und ein Eseltreiber
konnte schwerlich hoffen ohne einen besonderen Kanal den Zutritt zu einem Herrn
von diesem Range zu erhalten
Nach vielen Beratschlagungen mit seinen vertrautesten Freunden wurde endlich
folgender Weg beliebt Seine Frau Krobyle war mit einer Putzmacherin bekannt
deren Bruder der begünstigte Liebhaber des Aufwartmädchens einer gewissen
milesischen Tänzerin war welche wie die Rede ging bei dem Erzpriester in
großen Gnaden stund Nicht als ob er etwan wie es zu gehen pflegt
sonderlich weil die Priester des Jasons unverheiratet sein mussten kurz wie
die Welt argwöhnisch ist man sprach freilich allerlei Aber das Wahre von der
Sache ist der Erzpriester Agatyrsus war ein großer Liebhaber von
pantomimischen Solotänzen und weil er die Tänzerin um kein Ärgernis zu geben
nicht bei Tage zu sich kommen lassen wollte so blieb ihm nichts anders übrig
als sie mit der erforderlichen Vorsicht bei Nacht durch eine kleine Gartentür
in sein Kabinet führen zu lassen Da nun einst gewisse Leute eine
dichtverschleierte Person in der Morgendämmerung wieder herausgehen gesehen
hatten so war das Gemurmel entstanden als ob es die Tänzerin gewesen sei und
als ob der Erzpriester eine besondere Freundschaft auf diese junge Person
geworfen habe welche in der Tat fähig gewesen wäre in jedem andern als einem
Erzpriester noch etwas mehr zu erregen Wie nun dem auch sein mochte genug
der Eseltreiber sprach mit seiner Frau Frau Krobyle mit der Putzmacherin die
Putzmacherin mit ihrem Bruder der Bruder mit dem Aufwartmädchen und weil das
Aufwartmädchen alles über die Tänzerin vermochte von welcher vorausgesetzt
wurde dass sie alles über den Erzpriester vermöge der alles über die Magnaten
von Abdera und ihre Weiber vermochte so zweifelte Antrax keinen Augenblick
seine Sache in die besten Hände von der Welt gelegt zu haben
Aber unglücklicher Weise zeigte sichs dass die Favoritin der Tänzerin ein
Gelübde getan hatte ihre Allvermögenheit eben so wenig unentgeltlich
auszuleihen als Antrax den Schatten seines Esels Sie hatte eine Art von
Taxordnung vermöge deren der geringste Dienst den man von ihr verlangte
wenigstens eine Erkenntlichkeit von vier Drachmen voraussetzte und in
gegenwärtigem Falle war ihr um so weniger zuzumuten auch nur eine halbe Drachme
nachzulassen da sie ihrer Schamhaftigkeit eine so große Gewalt antun sollte
eine Sache zu empfehlen worin ein Esel die Hauptfigur war Kurz die Iris
bestand auf vier Drachmen welches just doppelt so viel war als der arme
Teufel im glücklichsten Falle mit seinem Prozess zu gewinnen hatte Er sah sich
also wieder in der vorigen Verlegenheit Denn wie konnte ein schlechter
Eseltreiber hoffen ohne eine haltbarere Stütze als die Gerechtigkeit seiner
Sache gegen einen Gegner zu bestehen der von einer ganzen Zunft unterstützt
wurde und sich überall rühmte dass er den Sieg bereits in Händen habe
Endlich besann sich der ehrliche Antrax eines Mittels wie er vielleicht
den Erzpriester ohne Dazwischenkunft der Tänzerin und ihres Aufwartmädchens auf
seine Seite bringen könnte Das Beste davon deuchte ihm dass er es nicht weit zu
suchen brauchte Ohne Umschweife er hatte eine Tochter Gorgo genannt die in
Hoffnung auf eine oder andre Weise beim Theater unterzukommen ganz leidlich
Singen und Ziterspielen gelernt hatte Das Mädchen war eben keine von den
schönsten Aber eine schlanke Figur ein paar große schwarze Augen und die
frische Blume der Jugend ersetzten seinen Gedanken nach reichlich was ihrem
Gesichte abging und wirklich wenn sie sich tüchtig gewaschen hatte sah sie in
ihrem Festtagsstaat mit ihren langen pechschwarzen Haarzöpfen und mit einem
Blumenstrauß vor dem Busen so ziemlich dem wilden tracischen Mädchen Anakreons
ähnlich Da sich nun bei näherer Erkundigung fand dass der Erzpriester
Agatyrsus auch ein Liebhaber vom Ziterspielen und von kleinen Liedern war
deren die junge Gorgo eine große Menge nicht übel zu singen wusste so machten
sich Antrax und Krobyle große Hoffnung durch das Talent und die Figur ihrer
Tochter am kürzesten zu ihrem Zweck zu kommen
Antrax wandte sich also an den Kammerdiener des Erzpriesters und Krobyle
unterrichtete inzwischen das Mädchen wie sie sich zu betragen hätte um wo
möglich die Tänzerin auszustechen und von der kleinen Gartentür ausschließlich
Meister zu bleiben Die Sache ging nach Wunsch Der Kammerdiener der durch die
Neigung seines Herrn zum Neuen und Manchfaltigen nicht selten ins Gedränge kam
ergriff diese gute Gelegenheit mit beiden Händen und die junge Gorgo spielte
ihre Rolle für eine Anfängerin meisterlich Agatyrsus fand eine gewisse
Mischung von Naivheit und Mutwillen und eine Art wilder Grazie bei ihr die ihn
reizte weil sie ihm neu war Kurz sie hatte kaum zwei oder dreimal in seinem
Kabinette gesungen so erfuhr Antrax schon von sichrer Hand dass Agatyrsus
seine gerechte Sache verschiedenen Richtern empfohlen und sich mit einigem
Nachdruck habe verlauten lassen wie er nicht gesonnen sei auch den
allergeringsten Schutzverwandten des Jasontempels ein Schlachtopfer der
Schikanen des Sykophanten Physignatus und der Parteilichkeit des Zunftmeisters
Pfrieme werden zu lassen
Viertes Kapitel
Gerichtliche Verhandlung
Relation des Assessor Miltias
Urtel und was daraus erfolgt
Inzwischen war nun der Gerichtstag herbeigekommen da dieser seltsame Handel
durch Urtel und Recht entschieden werden sollte Die Sykophanten hatten in
Sachen beschlossen und die Acten waren einem Referenten Namens Miltias
übergeben worden gegen dessen Unparteilichkeit die Missgönner des Zahnarztes
verschiedenes einzuwenden hatten Denn es war nicht zu leugnen dass er mit dem
Sykophanten Physignatus sehr vertraut umging und überdies wurde ganz laut davon
gesprochen dass die Dame Strution65 die für eine von den hübschen Weibern in
ihrer Klasse passierte ihm die gerechte Sache ihres Mannes zu
verschiedenenmalen in eigener Person empfohlen habe Allein da diese Einwendungen
auf keinem rechtsbeständigen Grunde beruhten und der Turnus nun einmal an
diesem Miltias war so blieb es bei der Ordnung
Miltias trug die Geschichte des Streits so unbefangen und beides sowohl
Zweifels als Entscheidungsgründe so ausführlich vor dass die Zuhörer lange
nicht merkten wo er eigentlich hinaus wolle Er leugnete nicht dass beide
Parteien vieles für und wider sich hätten Auf der einen Seite scheine nichts
klärer sagte er als dass derjenige der den Esel als das Principale gemietet
auch das Accessorium des Esels Schatten stillschweigend mit einbedungen habe
oder falls man auch keinen solchen stillschweigenden Vertrag zugeben wollte
dass der Schatten seinem Körper von selbst folge und also demjenigen der die
Nutzniessung des Esels an sich gebracht auch der beliebige Gebrauch seines
Schattens ohne weitere Beschwerde zustehe um so mehr als dem Esel selbst
dadurch an seinem Sein und Wesen nicht das Mindeste benommen werde Hingegen
scheine auf der andern Seite nicht weniger einleuchtend dass wiewohl der
Schatten weder als ein wesentlicher noch ausserwesentlicher Teil des Esels
anzusehen sei folglich von dem Abmieter des letztern keinesweges vermutet
werden könne dass er jenen zugleich mit diesem stillschweigend habe mieten
wollen gleichwohlen da besagter Schatten schlechterdings nicht für sich
selbst oder ohne besagten Esel bestehen könne und ein Eselsschatten im Grunde
nichts anders als ein Schattenesel sei der Eigentümer des leibhaften Esels mit
gutem Fug auch als Eigentümer des von jenem ausgehenden Schattenesels
betrachtet folglich keineswegs angehalten werden könne letztern ohnentgeltlich
an den Abmieter des ersteren zu überlassen Überdies und wenn man auch zugeben
wollte dass der Schatten ein Accessorium des mehr eröfterten Esels sei so könne
doch dem Abmieter dadurch noch kein Recht an denselben zuwachsen indem er durch
den Mietcontract nicht jeden Gebrauch desselben sondern nur denjenigen ohne
welchen die Absicht des Kontracts nämlich seine vorhabende Reise ohnmöglich
erzielt werden könne an sich gebracht habe Allein da sich unter den Gesetzen
der Stadt Abdera keines finde worin der vorliegende Fall klar und deutlich
enthalten sei und das Urteil also lediglich aus der Natur der Sache gezogen
werden müsse so komme es hauptsächlich auf einen Punkt an der von den
beiderseitigen Sykophanten aus der Acht gelassen oder wenigstens nur obenhin
berührt worden nämlich auf die Frage ob dasjenige was man Schatten nenne
unter die gemeinen Dinge an welche jedermann gleiches Recht hat oder unter die
eigentümlichen zu welchen einzelne Personen ein ausschliessendes Recht haben
oder erwerben können zu zählen sei Da nun in Ermangelung eines positiven
Gesetzes die Übereinstimmung und allgemeine Gewohnheit des menschlichen
Geschlechts als ein wahres Orakel der Natur selbst billig die Kraft eines
positiven Gesetzes habe vermöge dieser allgemeinen Gewohnheit aber die Schatten
der Dinge auch dererjenigen die nicht nur einzelnen Personen sondern ganzen
Gemeinheiten ja den unsterblichen Göttern selbst eigentümlich zugehören bisher
aller Orten einem jeden wer er auch sei frei ungehindert und ohnentgeltlich
zur Benutzung überlassen worden so erhelle daraus dass ex Konsensu et
Konsuetudine Generis Humani besagte Schatten eben so wie freie Luft Wind und
Wetter fliessendes Wasser Tag und Nacht Mondschein Dämmerung und dergleichen
mehr unter die gemeinen Dinge zu rechnen seien deren Genuss jedem offen stehe
und auf welche in so fern etwa besagter Genuss unter gewissen Umständen etwas
Ausschliessendes bei sich führe der erste der sich ihrer bemächtige ein
momentanes Besitzrecht erhalten habe Diesen Satz zu dessen Bestätigung der
scharfsinnige Miltias eine Menge Inductionen vorbrachte die wir unsern Lesern
erlassen wollen diesen Satz zum Grunde gelegt könne er also nicht anders
als dahin stimmen dass der Schatten aller Esel in Tracien folglich auch
derjenige der zu vorliegendem Rechtshandel unmittelbaren Anlass gegeben eben so
wenig einen Teil des Eigentums einer einzelnen Person ausmachen könne als der
Schatten des Berges Atos oder des Stadtturms von Abdera folglich mehrbesagter
Schatten weder geerbt noch gekauft noch inter vivos oder mortis causa
geschenkt noch vermietet noch auf irgend eine andre Art zum Gegenstand eines
bürgerlichen Kontracts gemacht werden könne und dass also aus diesen und andern
angeführten Gründen in Sachen des Eseltreibers Antrax Klägers an einem
entgegen und wider den Zahnarzt Strution Beklagten am andern Teil pcto des
von Beklagten zu Klägers angeblicher Gefährde und Schaden angemassten
Eselsschatten salvis tamen melioribus zu Recht zu erkennen sei dass Beklagter
sich des besagten Schattens zu seinem Gebrauch und Nutzen zu bedienen wohl
befugt gewesen Kläger aber Einwendens ungeachtet nicht nur mit seiner
unbefugten Foderung abzuweisen sondern auch in alle Kosten wie nicht weniger
zum Ersatz alles dem Beklagten verursachten Verlusts und Schadens nach
vorgängiger gerichtlicher Ermässigung zu verurteilen sei VRW
Wir überlassen es dem geneigten und rechtserfahrnen Leser über dieses zwar
nur auszugsweise mitgeteilte Gutachten des weisen Miltias nach Belieben seine
Betrachtung anzustellen Und da wir in dieser ganzen Sache uns keines Urteils
anzumassen sondern bloß die Stelle eines unparteiischen Geschichtschreibers zu
vertreten entschlossen sind so begnügen wir uns zu berichten dass es seit
undenklichen Zeiten eine Observanz bei dem Stadtgerichte zu Abdera war das
gutächtliche Urteil des Referenten jedesmal entweder einhellig oder doch mit
einer großen Mehrheit der Stimmen zu bestätigen Wenigstens hatte man seit mehr
als hundert Jahren kein Beispiel vom Gegenteil gesehen Es konnte auch nach
Gestalt der Sachen nicht wohl anders sein Denn während der Relation welche
gemeiniglich sehr lange dauerte pflegten die Herren Beisitzer eher alles andre
zu tun als auf die Rationes dubitandi et decidendi des Referenten Acht zu
geben Die meisten stunden auf guckten zum Fenster hinaus oder gingen weg um
in einem Nebenzimmer Kuchen oder kleine Bratwürste zu frühstücken oder machten
einen fliegenden Besuch bei einer guten Freundin und die wenigen welche sitzen
blieben und einigen Teil an der Sache zu nehmen schienen hatten alle
Augenblicke etwas mit ihren Nachbar zu flüstern oder schliefen wohl gar überem
Zuhören ein Kurz es waltete eine Art von stillschweigendem Kompromiss auf den
Referenten vor und es geschah bloß um der Form willen dass einige Minuten eh
er zur wirklichen Konclusion kam sich jedermann wieder auf seinem Platz
einfand um mit gehöriger Feierlichkeit das abgefasste Urtel zu bekräftigen So
war es bisher immer auch bei ziemlich wichtigen Händeln gehalten worden
Allein dem Prozess über des Esels Schatten widerfuhr die unerhörte Ehre dass das
ganze Gericht beisammen blieb und drei bis vier Beisitzer ausgenommen welche
dem Zahnarzt ihre Stimme schon versprochen hatten und ihr Recht in der Session
zu schlafen nicht vergeben wollten jedermann mit aller Aufmerksamkeit zuhörte
die eines so wundervollen Processes würdig war und als die Stimmen gesammelt
wurden fand sich dass das Urtel nur mit einem Mehr von 12 gegen 8 bekräftiget
wurde
Sogleich nach geschehener Publication ermangelte Polyphonus der klägerische
Sykophant nicht seine Stimme zu erheben und gegen das Urtel als ungerecht
parteiisch und mit unheilbaren Nullitäten behaftet an den großen Rat von Abdera
zu appellieren Da der Prozess über eine Sache geführt wurde die der beschwert
zu sein vermeinte Teil selbst nicht höher als zwo Drachmen geschätzt hatte und
dieses auch selbst mit Einschluss aller billig mäßigen Kosten und Schaden noch
lange nicht Summa appellabilis war so erhub sich hierüber ein großer Lerm im
Gerichte Die Minorität erklärte sich dass es hier gar nicht auf die Summe
sondern auf eine allgemeine Rechtsfrage ankomme die das Eigentum betreffe und
noch durch kein Gesetz in Abdera bestimmt sei folglich vermöge der Natur der
Sache vor den Gesetzgeber selbst gebracht werden müsse als welchem allein es
zukomme in zweifelhaften Fällen dieser Art den Ausspruch zu tun
Wie es zugegangen dass der Referent bei aller seiner Affection zur Sache
des Beklagten nicht daran gedacht dass die Gönner des Gegenteils sich dieses
Vorwandes bedienen würden die Sache vor den großen Rat zu spielen davon
wissen wir keinen andern Grund anzugeben als dass er ein Abderit war und nach
der allgemeinen altergebrachten Gewohnheit seiner Landesleute jedes Ding nur
von einer Seite und auch da nur ziemlich obenhin anzusehen pflegte Doch kann
vielleicht noch zu seiner Entschuldigung dienen dass er einen Teil der letzten
Nacht bei einem großen Gastmahl zugebracht und als er nach Hause gekommen der
Dame Strution noch eine ziemlich lange Audienz hatte geben müssen und also
vermutlich nicht ausgeschlafen hatte Genug nach langem Streiten und Lärmen
erklärte sich endlich der Stadtrichter Philippides dass er bewandten Umständen
nach nicht umhin könne die Frage ob die von Klägern eingewandte Appellation
statt finde vor den Senat zu bringen Hiermit stund er auf das Gericht ging
ziemlich tumultuarisch auseinander und beide Parteien eilten sich mit ihren
Freunden Gönnern und Sykophanten zu beraten was nun weiter in der Sache
anzufangen sei
Fünftes Kapitel
Gesinnungen des Senats
Tugend der schönen Gorgo und ihre Wirkungen
Der Priester Strobylus tritt auf und die Sache wird ernsthafter
Der Prozess über des Esels Schatten der Anfangs die Abderiten bloß durch seine
Ungereimteit belustigt hatte fing nun an eine Sache zu werden in welche die
Gerechtsamen das Point dhonneur und allerlei Leidenschaften und Interessen
verschiedner zum Teil ansehnlicher Glieder der Republik verwickelt wurden
Der Zunftmeister Pfrieme hatte seinen Kopf darauf gesetzt dass sein
Zunftangehöriger gewinnen müsste und da er sich meistens alle Abende in den
Versammlungsorten der gemeinen Bürger einfand hatte er schon beinahe die Hälfte
des Volks auf seine Seite gebracht und sein Anhang nahm täglich zu
Der Erzpriester hingegen hatte den Handel bisher nicht für wichtig genug
gehalten sein ganzes Ansehen zu Gunsten seines Beschützten anzuwenden Allein da
die Sachen zwischen ihm und der schönen Gorgo ernsthafter zu werden anfingen
indem sie anstatt einer gewissen Gelehrigkeit die er bei ihr zu finden gehofft
hatte einen Widerstand tat dessen man sich zu ihrer Herkunft und Erziehung
nicht hätte vermuten sollen ja sich sogar vernehmen ließ »Wie sie Bedenken
trage ihre Tugend noch einmal den Gefahren eines Besuchs durch die kleine
Gartentüre auszusetzen« so war es ganz natürlich dass er nun nicht länger
säumte durch den Eifer womit er die Sache des Vaters zu unterstützen anfing
sich ein näheres Recht an die Dankbarkeit der Tochter zu erwerben
Der neue Lärm den der Eselsprocess durch die Provocation an den großen Rat
in der Stadt machte gab ihm Gelegenheit mit einigen von den vornehmsten
Ratsherren aus der Sache zu sprechen »So lächerlich dieser Handel an sich
selbst sei sagte er so könne doch nicht zugegeben werden dass ein armer Mann
der unter dem Schutze Jasons stehe durch eine offenbare Kabale unterdrückt
werde Es komme nicht auf die Veranlassung an die oft zu den wichtigsten
Begebenheiten sehr gering sei sondern auf den Geist womit man die Sache
treibe und auf die Absichten die man im Schilde oder wenigstens in Petto
führe Die Insolenz des Sykophanten Physignatus der eigentlich an diesem
ganzen Skandal Schuld habe müsse gezüchtigt und dem herrschsüchtigen
unverständigen Demagogen dem Zunftmeister Pfrieme noch in Zeiten ein Zügel
angeworfen werden eh es ihm gelinge die Aristokratie gänzlich über den Haufen
zu werfen usw«
Wir müssen es zur Steuer der Wahrheit sagen Anfangs gab es verschiedene
Herren des Rats welche die Sache ungefähr so ansahen wie sie anzusehen war
und es dem Stadtrichter Philippides sehr verdachten dass er nicht Sinn genug
gehabt einen so ungereimten Zwist gleich in der Geburt zu ersticken Allein
unvermerkt änderten sich die Gesinnungen und der Schwindelgeist der bereits
einen Teil der Bürgerschaft auf die Köpfe gestellt hatte ergriff endlich auch
den größeren Teil der Ratsherren Einige fingen an die Sache für wichtiger
anzusehen weil ein Mann wie der Erzpriester Agatyrsus sich derselben so
ernstlich anzunehmen schien Andre setzte die Gefahr die der Aristokratie aus
den Unternehmungen des Zunftmeisters Pfrieme erwachsen könnte in Unruhe
Verschiedene ergriffen die Partei des Eseltreibers bloß aus
Widersprechungsgeist andre aus einem wirklichen Gefühl dass ihm Unrecht
geschehe und noch andre erklärten sich für den Zahnarzt weil gewisse Personen
mit denen sie nie einer Meinung sein wollten sich für seinen Gegner erklärt
hatten
Mit allem dem würde dennoch dieser geringfügige Handel so sehr die
Abderiten auch Abderiten waren niemals eine so heftige Gärung in ihrem
gemeinen Wesen verursacht haben wenn der böse Dämon dieser Republik nicht auch
den Priester Strobylus angeschürt hätte sich ohne einigen nähern Beruf als
seinen unruhigen Geist und seinen Hass gegen den Erzpriester Agatyrsus mit ins
Spiel zu mischen
Um dies dem geneigten Leser verständlicher zu machen werden wir die Sache
wie jener alte Dichter seine Ilias ab ovo anfangen müssen um so mehr als auch
gewisse Stellen in unsrer Erzählung des Abenteuers mit dem Euripides und
gewisse Ausdrücke die dem Priester Strobylus gegen den Demokrit entfielen ihr
gehöriges Licht dadurch erhalten werden
Sechstes Kapitel
Verhältnis des Latonentempels zum Tempel des Jasons
Kontrast in den Charakteren des Oberpriesters Strobylus und des Erzpriesters
Agatyrsus
Strobylus erklärt sich für die Gegenpartei des letztern und wird von Salabanda
unterstützt welche eine wichtige Rolle in der Sache zu spielen anfängt
Der Dienst der Latona war wie Strobylus den Euripides versichert hatte so alt
zu Abdera als die Verpflanzung der lycischen Kolonie und die äußerste Einfalt
der Bauart ihres kleinen Tempels konnte als eine hinlängliche Bekräftigung
dieser Tradition angesehen werden So unscheinbar dieser Latonentempel war so
gering waren auch die gestifteten Einkünfte ihrer Priesterschaft Wie aber die
Not erfindsam ist so hatten die Herren schon von langem her Mittel gefunden zu
einiger Entschädigung für die Kargheit ihres ordentlichen Einkommens den
Aberglauben der Abderiten in Kontribution zu setzen und da auch dieses nicht
zureichen wollte hatten sie es dahin gebracht dass der Senat weil er doch von
keiner Besoldungszulage hören wollte zu Unterhaltung des geheiligten
Froschgrabens gewisse Einkünfte aussetzte deren größten Teil die
billigdenkenden Frösche ihren Versorgern überließen
Eine ganz andre Beschaffenheit hatte es mit dem Tempel des Jason dieses
berühmten Anführers der Argonauten welchem in Abdera die Ehre der Erhebung in
den Götterstand und eines öffentlichen Dienstes widerfahren war ohne dass wir
hievon einen andern Grund anzugeben wissen als dass verschiedene der ältesten und
reichsten Familien in Abdera ihr Geschlechtsregister von diesem Heros
ableiteten Einer von dessen Enkeln hatte sich wie die Tradition sagte in
dieser Stadt niedergelassen und war der gemeinsame Stammvater verschiedener
Geschlechter geworden von welchen einige noch in den Tagen unserer
gegenwärtigen Geschichte in voller Blüte stunden Dem Andenken des Helden von
dem sie abstammten zu Ehren hatten sie Anfangs nach uraltem Gebrauch nur eine
kleine Hauskapelle gestiftet Mit der Länge der Zeit war eine Art von
öffentlichem Tempel daraus geworden den die Frömmigkeit der Abkömmlinge Jasons
nach und nach mit vielen Gütern und Einkünften versehen hatte Endlich als
Abdera durch Handelschaft und glückliche Zufälle eine der reichsten Städte in
Tracien geworden war entschlossen sich die Jasoniden ihrem vergötterten
Ahnherrn einen Tempel zu erbauen dessen Schönheit der Republik und ihnen selbst
bei der Nachwelt Ehre machen könnte Der neue Jasonstempel wurde ein herrliches
Werk und machte mit den dazu gehörigen Gebäuden Gärten Wohnungen der
Priester Beamten Schutzverwandten usw ein ganzes Quartier der Stadt aus
Der Erzpriester desselben musste allezeit von der ältesten Linie der Jasoniden
sein und da er bei sehr beträchtlichen Einkünften auch die Gerichtsbarkeit
über die zu dem Tempel gehörigen Personen und Güter ausübte so ist leicht zu
erachten dass die Oberpriester der Latona alle diese Vorzüge nicht mit
gleichgültigen Augen ansehen konnten und dass zwischen diesen beiden Prälaten
eine Eifersucht obwalten musste die auf die Nachfolger forterbte und bei jeder
Gelegenheit in ihrem Betragen sichtbar wurde
Der Oberpriester der Latona wurde zwar als das Haupt der ganzen
abderitischen Priesterschaft angesehen allein der Erzpriester Jasons stand
nicht unter ihm sondern machte mit seinen Untergebenen ein besonderes Kollegium
aus welches außer der Schutzherrlichkeit der Stadt Abdera von aller andern
Abhänglichkeit frei war Die Feste des Latonentempels waren die eigentlichen
großen Festtage der Republik allein da die Mäßigkeit seiner Einkünfte keinen
sonderlichen Aufwand zuließ so war das Fest des Jason welches mit ungemeiner
Pracht und großen Feierlichkeiten begangen wurde in den Augen des Volks wo
nicht das vornehmste wenigstens das worauf es sich am meisten freute und alle
die Ehrerbietung die man für das Altertum des Latonendienstes hegte und der
große Glaube des Pöbels an den Priester desselben und seine heiligen Frösche
konnte doch nicht verhindern dass die größere Figur die der Erzpriester machte
ihm nicht auch einen höheren Grad von Ansehen gegeben haben sollte Und wiewohl
das gemeine Volk überhaupt mehr Zuneigung zu dem Latonenpriester trug so wurde
doch dieser Vorzug dadurch wieder überwogen dass der Jasonpriester mit den
aristokratischen Häusern in einer Verbindung stund die ihm so viel Einfluss gab
dass es einem ehrgeizigen Manne an diesem Platz ein Leichtes gewesen wäre einen
kleinen Tyrannen von Abdera vorzustellen
Zu so vielen Ursachen der altergebrachten Eifersucht und Abneigung zwischen
den beiden Fürsten der abderitischen Klerisei kam bei Strobylus und Agatyrsus
noch ein persönlicher Widerwille der eine natürliche Frucht des Kontrasts ihrer
Sinnesarten war
Agatyrsus mehr Weltmann als Priester hatte in der Tat vom letztern wenig
mehr als die Kleidung Die Liebe zum Vergnügen war seine herrschende
Leidenschaft Denn wiewohl es ihm nicht an Stolz fehlte so kann man doch von
niemand sagen dass er ehrgeizig sei so lange sein Ehrgeiz eine andre
Leidenschaft neben sich herrschen lässt Er liebte die Künste und den
vertraulichen Umgang mit Virtuosen aller Arten und stund in dem Ruf einer von
den Priestern zu sein die wenig Glauben an ihre eignen Götter haben Wenigstens
ist nicht zu leugnen dass er öfters ziemlich frei über die Frösche der Latona
scherzte und es war jemand der es beschwören wollte aus seinem eignen Munde
gehört zu haben »die Frösche dieser Göttin wären schon längst alle in elende
Poeten und abderitische Sänger verwandelt worden« Dass er mit dem Demokritus
in ziemlich gutem Vernehmen lebte war auch nicht sehr geschickt seine
Ortodoxie zu bestätigen Kurz Agatyrsus war ein Mann von gutem Temperament
munterm Kopf und ziemlich freiem Leben beliebt bei dem abderitischen Adel noch
beliebter bei dem schönen Geschlecht und wegen seiner Freigebigkeit und
jasonmässigen Figur beliebt sogar bei den untersten Klassen des Volks
Nun hätte die Natur in ihrer launigsten Minute keinen völligern Antipoden
von allem was Agatyrsus war machen können als den Priester Strobylus Dieser
Mann hatte wie viele seines gleichen ausfindig gemacht dass eine in Falten
gelegte Miene und ein steifes Wesen unfehlbare Mittel sind bei dem großen
Haufen für einen weisen und unsträflichen Mann zu gelten Da er nun von Natur
ziemlich sauertöpfisch aussah so hatte es ihm wenig Mühe gekostet sich diese
Gravität anzugewöhnen die bei den Meisten weiter nichts beweist als die
Schwere ihres Witzes und die Ungeschliffenheit ihrer Sitten Ohne Sinn für das
Große und Schöne war er ein geborner Verächter aller Talente und Künste die
diesen Sinn voraussetzen und sein Hass gegen die Philosophie war bloß eine Maske
für den natürlichen Groll eines Dummkopfes gegen alle die mehr Verstand und
Wissenschaft haben als er In seinen Urteilen war er schief und einseitig in
seinen Meinungen eigensinnig im Widerspruch hitzig und grob und wo er entweder
in seiner eignen Person oder in den Fröschen der Latona beleidigt zu sein
glaubte äußerst rachgierig aber nichts destoweniger bis zur Niederträchtigkeit
geschmeidig sobald er eine Sache an der ihm gelegen war nicht ohne Hilfe
einer Person die er hasste durchsetzen konnte Überdies stand er mit einigem
Grund in dem Ruf dass er mit einer gehörigen Dose von Dariken und Philippen zu
allem in der Welt zu bringen sei was mit dem Äusserlichen seines Charakters
nicht ganz unverträglich war
Aus so entgegengesetzten Gemütsarten und so vielen Veranlassungen zu Neid
und Eifersucht auf Seiten des Priesters Strobylus entsprang notwendig bei
beiden ein wechselseitiger Hass der den Zwang den ihnen ihr Stand und Platz
auferlegte mit Mühe ertrug und nur darin verschieden war dass Agatyrsus den
Oberpriester zu sehr verachtete um ihn sehr zu hassen und dieser jenen zu sehr
beneidete um ihn so herzlich verachten zu können als er wohl gewünscht hätte
Zu diesem allem kam noch dass Agatyrsus kraft seiner Geburt und ganzen
Lage für die Aristokratie Strobylus hingegen ungeachtet seiner Verhältnisse
zu einigen Ratsherren ein erklärter Freund der Demokratie und nächst dem
Zunftmeister Pfrieme derjenige war der durch seinen persönlichen Charakter
seine Würde seine schwärmerische Hitze und eine gewisse populäre Art von
Beredsamkeit den meisten Einfluss auf den Pöbel hatte
Man sieht nun leicht voraus dass die Sache mit dem Eselsschatten oder
Schattenesel notwendig ernsthafter werden musste sobald ein paar Männer wie die
beiden Oberpriester von Abdera darein verwickelt wurden
Strobylus hatte so lange der Prozess vor den Stadtrichtern geführt wurde
nicht anders Teil daran genommen als dass er sich gelegenheitlich erklärte er
würde an des Zahnarztes Platz eben so gehandelt haben Aber kaum erfuhr er durch
die Dame Salabanda seine Nichte dass Agatyrsus die Sache seines in der ersten
Instanz verurteilten Schutzverwandten zu seiner eignen mache so fühlte er sich
auf einmal berufen sich mit an die Spitze der Partei des Beklagten zu stellen
und die Kabale des Zunftmeisters mit allem Ansehen das er bei den Ratsherren
sowohl als bei dem Volk hatte zu unterstützen
Salabanda war zu sehr gewohnt ihre Hand in allen abderitischen Händeln zu
haben als dass sie unter den letzten gewesen sein sollte die in dem
gegenwärtigen Partei nahmen Außer ihrem Verhältnis mit dem Priester Strobylus
hatte sie noch eine besondere Ursache es mit ihm zu halten eine Ursache die
darum nicht weniger wog weil sie solche in Petto behielt Wir haben bei einer
andern Gelegenheit erwähnt dass diese Dame es sei nun aus bloß politischen
Absichten oder dass sich vielleicht auch ein wenig Koquetterie und wer weiß
ob nicht auch zuweilen das was man in der neueren französischen
Feinenweltsprache das Herz einer Dame nennt mit einmischen mochte genug
ausgemacht war es dass sie immer eine Anzahl demütiger Sklaven an der Hand
hatte unter denen wie man glaubte doch immer wenigstens der eine oder andre
wissen müsse wofür er diene Die geheime Chronik von Abdera sagte dass der
Erzpriester Agatyrsus eine geraume Zeit die Ehre gehabt einer von den letztern
zu sein und in der Tat kamen eine Menge Umstände zusammen warum man dieses
Gerüchte für etwas mehr als eine bloße Vermutung halten konnte Kurz die
vertrauteste Freundschaft hatte seit geraumer Zeit unter ihnen obgewaltet als
die Tänzerin nach Abdera kam und dem flatterhaften Jasoniden in kurzem so
merkwürdig wurde dass Salabanda endlich nicht länger umhin konnte sich selbst
für aufgeopfert zu halten
Agatyrsus besuchte zwar ihr Haus noch immer auf den Fuß eines alten
Bekannten und die Dame war zu politisch um in ihrem äußern Betragen gegen ihn
die geringste Veränderung durchscheinen zu lassen Aber ihr Herz kochte Rache
Sie vergaß nichts was den Erzpriester immer tiefer in die Sache verwickeln und
immer in Feuer setzen konnte heimlich aber beleuchtete sie alle seine Schritte
und Tritte und alle großen und kleinen Vorder und Hintertüren die zu seinem
Kabinet führen konnten so genau dass sie seine Intrigue mit der jungen Gorgo
gar bald entdeckte und den Priester Strobylus in den Stand setzen konnte den
Eifer des Erzpriesters für die Sache des Eseltreibers in ein eben so verhasstes
Licht zu stellen als sie selbst unter der Hand bemüht war ihm einen
lächerlichen Anstrich zu geben
Agatyrsus so wenig es ihm kostete politische und ehrgeizige Vorteile dem
Interesse seiner Vergnügungen aufzuopfern hatte doch Augenblicke wo der
kleinste Widerstand in einer Sache an der ihm im Grunde gar nichts gelegen war
seinen ganzen Stolz aufrührisch machte und so oft dies geschah pflegte ihn
seine Lebhaftigkeit gemeiniglich unendlich weiter zu führen als er gegangen
wäre wenn er die Sache einiger kühlen Überlegung gewürdiget hätte Die Ursache
warum er sich Anfangs mit diesem abgeschmackten Handel bemengt hatte fand jetzt
zwar nicht länger statt Denn die schöne Gorgo hatte ungeachtet des Unterrichts
ihrer Mutter Krobyle entweder nicht Geschicklichkeit oder nicht innern Halt
genug gehabt den anfänglich entworfnen Verteidigungsplan gegen einen so
gefährlichen und erfahrnen Belagerer gehörig zu befolgen Allein er war nun
einmal in die Sache verwickelt seine Ehre war dabei betroffen er erhielt
täglich und stündlich Nachrichten wie unziemlich der Zunftmeister und der
Priester Strobylus mit ihrem Anhang wider ihn loszögen wie sie drohten wie
übermütig sie die Sache durchzusetzen hofften und dergleichen und dies war
mehr als es brauchte um ihn dahin zu bringen dass er seine ganze Macht
anzuwenden beschloss um Gegner die er so sehr verachtete zu Boden zu werfen
und für die Verwegenheit sich gegen ihn aufgelehnt zu haben zu züchtigen Der
Kabalen der Dame Salabanda ungeachtet die nicht fein genug gesponnen waren um
ihm lange verborgen zu bleiben war der größte Teil des Senats auf seiner Seite
und wiewohl seine Gegner nichts unterliessen was das Volk gegen ihn erbittern
konnte so hatte er doch zumal unter den Zünften der Gerber Fleischer und
Bäcker einen Anhang von derben stämmigten Gesellen die eben so hitzig vor der
Stirne als nervicht von Armen und auf jeden Wink bereit waren für ihn und
seine Partei je nachdem es nötig wäre zu schreien oder zuzuschlagen
Siebentes Kapitel
Das ganze Abdera teilt sich in zwo Parteien
Die Sache kommt vor Rat
In dieser Gärung befanden sich die Sachen als auf einmal die Namen Schatten und
Esel in Abdera gehört und in kurzem durchgängig dazu gebraucht wurden die
beiden Parteien zu bezeichnen Man hat über den wahren Ursprung dieser Übernamen
ganz zuverlässige Nachricht Vermutlich weil doch Parteien nicht lange ohne
Namen bestehen können hatten die Anhänger des Zahnarztes Strution unter dem
Pöbel den Anfang gemacht sich selbst weil sie für sein Recht an des Esels
Schatten stritten die Schatten und ihre Gegner weil sie den Schatten
gleichsam zum Esel selbst machen wollten aus Spott und Verachtung die Esel zu
nennen Da nun die Anhänger des Erzpriesters diese Benennung nicht verhindern
konnten so hatten sie wie es zu gehen pflegt sich unvermerkt daran gewöhnt
sie wiewohl bloß anfänglich zum Scherz zu gebrauchen nur mit dem
Unterschiede dass sie den Spieß umdrehten und das Verächtliche mit dem
Schatten und das Ehrenvolle mit dem Esel verknüpften Wenn es ja eins von
beiden sein soll sagten sie so wird jeder braver Kerl doch immer lieber ein
wirklicher leibhafter Esel mit all seinem Zubehör als der bloße Schatten von
einem Esel sein wollen
Wie es auch damit zugegangen sein mag genug in wenig Tagen war ganz Abdera
in diese zwo Parteien geteilt und so wie sie nun einen Namen hatten nahm auch
der Eifer auf beiden Seiten so schnell und heftig zu dass es gar nicht mehr
erlaubt war neutral zu bleiben Bist du ein Schatten oder ein Esel war immer
die erste Frage die die gemeinen Bürger an einander taten wenn sie sich auf
der Straße oder in der Schenke antrafen und wenn ein Schatten just das Unglück
hatte an einem solchen Ort der einzige seines gleichen unter einer Anzahl Eseln
zu sein so blieb ihm wofern er sich nicht gleich mit der Flucht rettete
nichts übrig als entweder auf der Stelle zu apostasieren oder sich mit
tüchtigen Stößen zur Türe hinaus werfen zu lassen
Die Unordnungen die hieraus entstehen mussten kann man sich ohne unser
Zutun vorstellen Die Verbitterung ging in kurzem so weit dass ein Schatten sich
lieber vor Hunger zum wirklichen stygischen Schatten abgezehrt als einem Bäcker
von der Gegenpartei für einen Dreier Brot abgekauft hätte
Auch die Weiber nahmen wie leicht zu erachten Partei und gewiss nicht mit
der wenigsten Hitze Denn das erste Blut das aus Gelegenheit dieses seltsamen
Bürgerkriegs vergossen wurde kam von den Nägeln zwoer Hökerweiber her die
einander auf öffentlichem Markte in die Physionomie geraten waren Man bemerkte
indessen dass bei weitem der größte Teil der Abderitinnen sich für den
Erzpriester erklärte und wo in einem Hause der Mann ein Schatten war da konnte
man sich darauf verlassen die Frau war eine Eselin und gemeiniglich eine so
hitzige und unbändige Eselin als man sich eine denken kann Unter einer Menge
teils heilloser teils lächerlicher Folgen dieses Parteigeists der in die
Abderitinnen fuhr war keine der geringsten dass mancher Liebeshandel dadurch
auf einmal abgebrochen wurde weil der eigensinnige Seladon lieber seine
Ansprüche als seine Partei aufgeben wollte so wie hingegen auch mancher der
sich schon Jahre lang vergebens um die Gunst einer Schönen beworben und ihre
Antipathie gegen ihn durch nichts was jemals von einem unglücklichen Liebhaber
versucht worden hatte überwinden können jetzt auf einmal keines andern Titels
bedurfte um glücklich zu werden als seine Dame zu überzeugen dass er ein
Esel sei
Inzwischen wurde die Präjudicialfrage ob die von Klägern eingewandte
Abberufung an den großen Rat statt finde oder nicht vor den Senat gebracht
Wiewohl dies das erstemal war dass es über die Eselssache bei diesem ehrwürdigen
Kollegio zur Sprache kam so zeigte sich doch bald dass jedermann schon seine
Partei genommen hatte Der Archon Onolaus war der einzige der in Verlegenheit
zu sein schien wie er der Sache einen leidlichen Anstrich geben könnte Denn
man bemerkte dass er viel leiser als gewöhnlich sprach und am Schluss seines
Vortrags in die merkwürdigen und ominosen Worte ausbrach er besorge sehr der
Eselsschatten über welchen jetzt mit so vieler Hitze gestritten werde möchte
den Ruhm der Republik auf viele Jahrhunderte verfinstern Seine Meinung war man
würde am besten tun die eingelegte Appellation als unstattaft abzuweisen den
Spruch des Stadtgerichts bis auf den Punkt der Kosten die gegen einander
aufgehoben werden könnten zu bestätigen und beiden Parteien ein ewiges
Stillschweigen aufzulegen Indessen setzte er doch hinzu wofern die Majora
davor hielten dass die Gesetze von Abdera nicht zureichend wären einen so
geringfügigen Handel auszumachen so müsse er sich gefallen lassen dass der
große Rat den Ausspruch darüber tue jedoch wollte er darauf angetragen haben
vorher im Archiv nachsuchen zu lassen ob sich nicht etwa schon in älteren Zeiten
dergleichen ungewöhnliche Fälle ereignet und wie man sich dabei benommen habe
Diese Mäßigung des Archon die ihm von der unparteiischrichtenden Nachwelt
einstimmig als ein Beweis von wahrer Regentenweisheit zum Verdienst angerechnet
werden wird wurde damals da der Parteigeist alle Augen verblendet hatte als
Schwachheit und phlegmatische Gleichgültigkeit ausgelegt Verschiedene Senatoren
von der Partei des Erzpriesters ließ sich weitläuftig und mit großem Eifer
vernehmen Man könne nichts geringfügig nennen was die Rechte und Freiheiten
der Abderiten betreffe wo kein Gesetz sei finde auch kein gerichtliches
Verfahren statt und das erste Beispiel wo den Richtern gestattet würde einen
Handel nach einer willkürlichen Billigkeit zu entscheiden würde das Ende der
Freiheit von Abdera sein Wenn der Streit auch noch was geringeres beträfe so
komme es nicht auf die Frage an wie viel oder wenig er wert sei sondern welche
von den Parteien Recht habe und da kein Gesetz vorhanden sei welches in
vorliegendem Fall entscheide ob des Esels Schatten stillschweigend in der Miete
begriffen sei oder nicht so könne sich weder das Untergericht noch der Senat
selbst ohne die offenbarste Tyrannie anmassen dem Abmieter etwas zuzusprechen
woran der Vermieter wenigstens eben so viel Recht habe oder vielmehr ein
ungleich besseres da aus der Natur ihres Kontracts keineswegs notwendig folge
dass die Meinung des letztern gewesen jenem auch den Schatten seines Esels zu
vermieten usw Einer von diesen Herren ging so weit dass er in der Hitze
heraus fuhr er sei jederzeit ein eifriger Patriot gewesen und eh er zugeben
würde dass einer seiner Mitbürger sich anmassen sollte nur den Schatten einer
tauben Nuss dem andern willkürlich abzusprechen eh wollt er ganz Abdera in
Feuer und Flammen sehen
Itzt verlor der Zunftmeister Pfrieme alle Geduld Das Feuer sagte er womit
man die ganze Stadt mit solcher Verwegenheit bedrohe sollte mit demjenigen
angezündet werden der sich zu reden unterstehe »Ich bin kein studierter Mann
fuhr er fort aber bei allen Göttern ich lasse mir Mäusedreck nicht für
Pfeffer verkaufen Man muss den Verstand verloren haben um einem gesunden
Menschen weis machen zu wollen dass es ein eigenes Gesetz brauche wenn die Frage
ist ob sich einer auf eines Esels Schatten setzen dürfe wenn er mit barem Geld
das Recht erkauft hat auf dem Esel selbst zu sitzen Überhaupt ist es Schande
und Spott dass so viel ernsthafte gescheute Männer sich den Kopf über einen
Handel zerbrechen den jedes Kind auf der Stelle entschieden haben würde Wenn
ist denn jemals in der Welt erhört worden dass Schatten unter die Dinge gehören
die man einander vermietet«
Herr Zunftmeister fiel der Ratsherr Buphranor ein Ihr schlagt Euch selbst
auf den Mund wenn Ihr das behauptet Denn wenn des Esels Schatten nicht
vermietet werden konnte so ist klar dass er nicht vermietet worden ist denn a
non posse ad non esse valet consequentia Der Zahnarzt kann also nach Eurem
eignen Grundsatz kein Recht an den Schatten haben und das Urtel ist an sich
null und nichtig
Der Zunftmeister stutzte und weil ihm nicht gleich einfiel was sich auf
dieses feine Argument antworten ließe so fing er desto lauter an zu schreien
und rief Himmel und Erde zu Zeugen an dass er eher seinen grauen Bart Haar vor
Haar ausraufen als sich noch in seinen alten Tagen zum Esel machen lassen
wollte Die Herren von seiner Partei unterstützten ihn aus allen Kräften allein
sie wurden überstimmt und alles was sie endlich mit Beihilfe des Archon und
des Ratsherrn der immer leise auftrat erhalten konnten war dass die Sache
einsweilen in statu quo bleiben sollte bis man im Archiv nachgesehen hätte ob
sich kein Präjudicium fände wodurch dieser Handel ohne größere Weitläuftigkeiten
entschieden werden könnte
Achtes Kapitel
Gute Ordnung in der Kanzlei von Abdera
Präjudicialfälle die nichts ausmachen
Das Volk will das Rataus stürmen und wird von Agatyrsus besänftigt
Der Senat beschliesst die Sache dem großen Rat zu überlassen
Die Kanzlei der Stadt Abdera weil es doch die Gelegenheit mit sich bringt
ihrer hier mit zwei Worten zu erwähnen war überhaupt so gut eingerichtet und
bedient als man es von einer so weisen Republik erwarten wird Indessen hatte
sie doch mit vielen andern Kanzleien zween Fehler gemein über welche zu Abdera
schon seit Jahrhunderten fast täglich Klage geführt wurde ohne dass darum
jemand auf den Einfall gekommen wäre ob es nicht etwa möglich sein könnte dem
Übel auf eine oder andre Weise abzuhelfen
Das eine dieser Gebrechen war dass die Urkunden und Acten in einigen sehr
dumpfen und feuchten Gewölben verwahrt lagen wo sie aus Mangel der Luft
verschimmelten vermoderten von Motten gefressen und nach und nach ganz
unbrauchbar wurden das andre dass man alles Suchens ungeachtet nichts darin
finden konnte So oft dies begegnete pflegte irgend ein patriotischer Ratsherr
meistens mit Beistimmung des ganzen Senats die Anmerkung zu machen »es komme
bloß daher weil keine Ordnung in der Kanzlei gehalten werde« In der Tat ließ
sich schwerlich eine Hypothese erdenken vermittelst welcher diese Erscheinung
auf eine leichtere und begreiflichere Weise zu erklären gewesen wäre Daher kam
es nun dass fast allemal wenn bei Rat beschlossen wurde dass in der Kanzlei
nachgesehen werden sollte jedermann schon voraus wusste und meistens sicher
darauf rechnete dass sich nichts finden würde Und eben daher kam es auch dass
die gewöhnliche Erklärung die bei der nächsten Ratssitzung erfolgte »es habe
sich alles Suchens ungeachtet nichts in der Kanzlei gefunden« mit der
kaltsinnigsten Gelassenheit als eine Sache die man erwartet hatte und die
sich von selbst verstund aufgenommen wurde
Dies war nun auch dermalen der Fall gewesen da die Kanzlei den Auftrag
erhalten hatte in den älteren Acten nachzusehen ob sich nicht vielleicht ein
Präjudicium finde das der Weisheit des Senats bei Entscheidung des
höchstbeschwerlichen Handels über den Eselsschatten zur Fackel dienen könnte Es
hatte sich nichts gefunden ungeachtet verschiedene Herren in der letzten
Session ganz positiv versicherten es müssten unzählige ähnliche Fälle vorhanden
sein
Indessen hatte gleichwohl der Eifer eines Ratsherrn von der Partei der Esel
die Acten von zween alten Rechtshändeln aufgetrieben die einst vielen Lärm in
Abdera gemacht und mit dem gegenwärtigen eine Ähnlichkeit zu haben schienen
Der eine betraf einen Streit zwischen den Besitzern zweier Grundstücke in
der Stadtflur über das Eigentumsrecht an einen zwischen beiden gelegnen kleinen
Hügel der ungefähr fünf oder sechs Schritte im Umfang betrug und mit Verlauf
der Zeit aus etlichen zusammengeflossenen Maulwurfshaufen entstanden sein
mochte Tausend kleine Nebenumstände hatten nach und nach eine so heftige
Verbitterung zwischen den beiden im Streite befangnen Familien angestiftet dass
jeder Teil entschlossen war lieber Haus und Hof als sein vermeintes Recht an
diesen Maulwurfshügel zu verlieren Die abderitische Justiz wurde dadurch in
eine desto größere Verlegenheit gesetzt da Beweis und Gegenbeweis von einer so
ungeheueren Kombination unendlich kleiner zweifelhafter und unaufklärbarer
Umstände abhing dass nach einem Prozess von fünf und zwanzig Jahren die Sache
nicht nur der Entscheidung nicht um einen Schritt näher gekommen sondern im
Gegenteil gerade fünf und zwanzigmal verworrener geworden war als Anfangs
Wahrscheinlicherweise würde sie auch nie zu Ende gebracht worden sein wenn sich
nicht beide Parteien endlich gezwungen gesehen hätten die Grundstücke zwischen
welchen der strittige Maulwurfshügel lag ihren Sykophanten für Processkosten und
Advocatengebühren cum omni causa et actione abzutreten Da nun hierunter auch
das vermeintliche Recht an den besagten kleinen Hügel begriffen war so hatten
die Sykophanten sich noch selbigen Tages in Güte dahin verglichen dieses
Hügelchen der großen Temis zu heiligen einen Feigenbaum darauf zu pflanzen
und unter denselben auf gemeinschaftliche Kosten die Bildsäule besagter Göttin
aus gutem Föhrenholz mit Steinfarbe angestrichen setzen zu lassen Auch wurde
unter Garantie des abderitischen Senats festgesetzt dass die Besitzer beider
Grundstücke zu ewigen Zeiten schuldig sein sollten besagte Bildsäule nebst dem
Feigenbaum gemeinschaftlich zu unterhalten Gestalten dann auch beide und zwar
der Feigenbaum in sehr ansehnlichen die Bildsäule aber in sehr verfallnen und
wurmstichigen Umständen zum ewigen Gedächtnis dieses merkwürdigen Handels noch
zur Zeit des gegenwärtigen zu sehen waren
Der andre Prozess schien mit dem vorliegenden noch eine nähere Verwandtschaft
zu haben Ein Abderit Namens Pamphus besaß ein Landgut dessen vornehmste
Annehmlichkeit darin bestund dass es auf der südwestlichen Seite eine ganz
herrliche Aussicht über ein schönes Tal hatte welches zwischen zween waldigten
Bergen hinlief in der Ferne immer schmäler wurde und sich endlich in das
ägeische Meer verlor Pamphus pflegte oft zu sagen dass ihm diese Aussicht nicht
um hundert attische Talente feil wäre und er hatte um so mehr Ursache sie so
hoch zu taxieren da das Gut an sich selbst so unerheblich war dass ihm niemand
der bloß auf den Nutzen sah fünf Talente darum gegeben haben würde
Unglücklicherweise fand ein ziemlich begüterter abderitischer Bauer der auf
eben dieser südwestlichen Seite sein Nachbar war sich veranlasst eine Scheune
bauen zu lassen die dem guten Pamphus einen so großen Teil seiner Aussicht
entzog dass sein Landgütchen seiner Rechnung nach wenigstens um 80 Talente
dadurch schlechter wurde Pamphus wandte alles Mögliche an den Nachbar in Güte
und Ernst von einem so fatalen Bau abzuhalten Allein der Bauer bestand auf
seinem Rechte seinen erbeigentümlichen Grund und Boden zu überbauen wo und wie
es ihm beliebte Es kam also zum Prozess Pamphus konnte zwar nicht erweisen dass
die strittige Aussicht ein notwendiges und wesentliches Pertinenzstück seines
Gutes sei oder dass ihm Luft und Licht dadurch entzogen werde oder dass sein
Großvater der es käuflich an seine Familie gebracht um besagter Aussicht
willen nur eine Drachme mehr bezahlt habe als das Gut nach damaligem Preise an
sich selbst wert war noch dass ihm sein Nachbar der Bauer mit einiger
Servitut verhaftet sei Kraft deren er ein Recht hätte ihm den Bau
niederzulegen Allein sein Sykophant behauptete dass die Entscheidungsgründe
dieser Sache viel tiefer lägen und aus der ersten ursprünglichen Quelle alles
Eigentumsrechts unmittelbar geschöpft werden müssten Wäre die Luft nicht ein
durchsichtiges Wesen sagte der Sykophant so möchte Elysium und der Olympus
selbst dem Landgute meines Principals gegenüber liegen er würde so wenig jemals
davon zu sehen bekommen haben als ob unmittelbar vor seinen Fenstern eine Mauer
stünde die bis an den Himmel reichte Die durchsichtige Natur und Eigenschaft
der Luft ist also die erste und wahre Grundursache der schönen Aussicht die das
Gut meines Principals beseligt Nun ist aber die freie durchsichtige Luft wie
jedermann weiß eines von den gemeinen Dingen an welche ursprünglich alle ein
gleiches Recht haben und eben darum ist jede noch von niemand occupierte
Portion derselben als eine Res Nullius als eine Sache die noch niemanden
eigentümlich angehört anzusehen und wird folglich ein Eigentum des ersten der
sie occupiert Seit unfürdenklichen Zeiten haben die Vorfahren meines Principals
an diesem Gute die dermalen im Streit verfangne Aussicht inne gehabt besessen
und genossen von männiglichen ungehindert und unangefochten Sie haben also die
dazu erforderliche Portion der Luft wirklich mit ihren Augen occupiert und sie
ist durch diese Occupation so wohl als durch einen Besitz seit unfürdenklicher
Zeit ein eigentümlicher Teil des mehrbesagten Gutes geworden wovon solchem
nicht das Geringste entzogen werden kann ohne die Grundgesetze aller
bürgerlichen Ordnung und Sicherheit umzustossen Der Senat von Abdera fand
diese Gründe ganz bedenklich es wurde lange für und wider mit großer Subtilität
gestritten und da Pamphus einige Zeit darauf in den Rat gewählt worden war
schien die Sache um so viel verwickelter und seine Gründe von Zeit zu Zeit
immer bedenklicher zu werden Der Bauer starb endlich ohne den Ausgang des
Handels zu erleben und seine Erben welche zuletzt merkten dass arme
Bauersleute wie sie gegen einen so großen Herrn als ein Ratsherr von Abdera
war nichts gewinnen könnten ließ sich endlich von ihrem Sykophanten zu einem
Vergleich bereden vermöge dessen sie die Processkosten bezahlten und von dem
Bau der strittigen Scheune um so mehr abstanden da sie kein Geld mehr dazu
hatten und der Prozess von ihrem Erbgut so viel weggefressen hatte dass sie
keiner neuen Scheune mehr bedurften um die wenigen Früchte die ihnen noch zu
bauen übrig blieben aufzubehalten
Nun war es zwar ziemlich klar dass diese beiden Rechtshändel zu Entscheidung
des vorliegenden sehr wenig Licht geben konnten zumal da in keinem von beiden
definitive war gesprochen worden sondern beide durch gütlichen Vergleich ihre
Endschaft erreicht hatten allein der Ratsherr der sie producierte schien auch
keinen andern Gebrauch davon machen zu wollen als dem Senat zu zeigen dass
diese beiden Händel die sowohl in Rücksicht auf die Wichtigkeit des
Gegenstandes als die Subtilität der Rechtsgründe sehr viele Ähnlichkeit mit dem
Eselsprocess zu haben schienen so viele Jahre lang vor dem abderitischen kleinen
Rat geführt und verhandelt worden ohne dass sich jemand habe beigehen lassen an
den großen Rat zu provocieren oder nur zu zweifeln ob der kleine auch wohl Fug
und Macht habe in Sachen dieser Art zu erkennen
Die sämtlichen Esel unterstützten diese Meinung ihres Parteiverwandten mit
desto grösserm Eifer da sie die Majora in Händen hatten wofern die Sache vor
Rat abgetan worden wäre allein eben darum beharrten die Schatten desto
hartnäckiger bei ihrem Widerspruch
Der ganze Morgen wurde mit Streiten und Schreien zugebracht und die Herren
würden endlich wie ihnen öfters zu begegnen pflegte um Mittagsessenszeit
unverrichteter Dinge auseinander gegangen sein wenn eine große Anzahl gemeiner
Bürger von der Schattenpartei die sich auf Veranstaltung des Zunftmeisters
Pfrieme vor dem Ratause versammelt hatte und durch eine Menge herbeigelaufnen
Pöbels von der niedrigsten Gattung verstärkt worden war der Sache nicht endlich
den Ausschlag gegeben hätte Die Partei des Erzpriesters legte in der Folge dem
Zunftmeister zur Last dass er geflissentlich ans Fenster getreten sei und das
Volk durch gegebne Zeichen zum Aufruhr angereizet habe Allein die Gegenpartei
leugnete diese Beschuldigung schlechterdings und behauptete das unziemliche
Geschrei das einige Esel auf einmal erhoben hätten habe die unten versammelten
Bürger auf die Gedanken gebracht als ob den Herren von ihrem Anhang Gewalt
geschehe und dieser Irrtum habe den ganzen Lärm veranlasst
Wie dem auch sein mochte auf einmal schallte ein brüllendes Geschrei zu den
Fenstern des Ratauses hinauf Freiheit Freiheit Es lebe der Zunftmeister
Pfrieme Weg mit den Eseln Weg mit den Jasoniden usw
Der Archon kam ans Fenster und gebot den Aufrührern Ruhe Aber ihr Geschrei
nahm überhand und einige der Frechsten drohten das Rataus auf der Stelle
anzuzünden wenn die Herren nicht unverzüglich aus einander gehen und die Sache
dem großen Rat und dem Volk anheimstellen würden Etliche lose Buben und
Heringsweiber drangen wirklich mit Gewalt in die benachbarten Häuser rissen
Brände von den Feuerherden und kamen damit zurück um den gnädigen Herren zu
zeigen dass es mit ihrer Drohung im Ernste gemeinet sei
Indessen hatte der Auflauf der hierdurch verursacht wurde eine Anzahl von
Eseln herbei gerufen die den Herren von ihrer Partei mit Knitteln Feuerzangen
Fleischmessern Mistgabeln und dem ersten dem Besten was ihnen in die Hände
gefallen war zu Hilfe kommen wollten und wiewohl sie von den Schatten bei
weitem übermehrt waren so trieb sie doch ihre Herzhaftigkeit und die
Verachtung womit sie die ganze Partei der Schatten ansahen die wörtlichen
Beleidigungen mit so nachdrücklichen Hieben und Stößen zu erwidern dass es
blutige Köpfe absetzte und das Handgemeng in wenig Augenblicken allgemein
wurde
Bei so gestalten Sachen war nun freilich in der Ratsstube nichts anders zu
tun als einhellig zu beschließen dass man lediglich aus Liebe zum Frieden und
um des gemeinen Bestens willen für diesesmal und citra praeiudicium sich
gleichwohl gefallen lassen wolle dass der Handel wegen des Eselsschattens vor
den großen Rat gebracht und der Entscheidung desselben überlassen werden
könnte
Inzwischen war den guten Ratsherren so enge in ihrer Haut dass sie so bald
man sich wiewohl auf eine sehr tumultuarische Weise dieses Schlusses
vereiniget hatte den Zunftmeister Pfrieme mit aufgehabnen Händen baten sich
herunter zu begeben und das aufgebrachte Volk zu beruhigen Der Zunftmeister
dem es mächtig wohl tat die stolzen Patricier so tief unter die Gewalt des
Knieriemens gedemütigt zu sehen zögerte zwar nicht ihnen die Probe seines
guten Willens und seines Ansehens bei dem Volke zu geben aber der Tumult war
schon so groß dass seine Stimme wiewohl eine der besten Bierstimmen von ganz
Abdera eben so wenig gehört wurde als das Geschrei eines Schiffjungens im
Mastkorbe unter dem donnernden Geheul des Sturms und dem Brausen der
zusammenprallenden Wellen Er würde sogar in der ersten Wut in welche der Pöbel
der ihn nicht sogleich erkannte bei seinem Anblick aufbrannte seines eignen
Lebens nicht sicher gewesen sein wenn nicht glücklicher Weise der Erzpriester
Agatyrsus der diesen zufälligen Tumult für den geschicktesten Augenblick hielt
der Gegenpartei in die Flanke zu fallen mit seinem vergoldeten Hammelsfell an
einer Stange vor sich her und mit seiner ganzen Priesterschaft hinterdrein in
eben diesem Momente herbeigekommen wäre dem Aufruhr Einhalt zu tun indem er
dem Pöbel die Versicherung gab dass ihnen genug getan werden sollte und dass er
selbst der erste sei der darauf antrage dass die Sache vor dem großen Rat
abgetan werden müsse
Diese öffentliche Versicherung des Erzpriesters und seine Herablassung und
Leutseligkeit zugleich mit der Ehrfurcht die das abderitische Volk für das
vergoldete Hammelsfell zu tragen gewohnt war tat eine so gute Wirkung dass in
wenig Augenblicken alles wieder ruhig war und der ganze Markt von einem lauten
Lebe der Erzpriester Agatyrsus erschallte Die Verwundeten schlichen sich ganz
geruhig nach Hause um sich ihre Köpfe verbinden zu lassen Der übrige Tross
strömte hinter dem zurückkehrenden Erzpriester her Der Zunftmeister aber hatte
den Verdruss zu sehen dass ein großer Teil seiner sonst so treuergebenen
Schatten von der Ansteckung des übrigen Haufens hingerissen den Triumph seines
Gegners vergrößern half und in diesem Augenblick des Taumels leicht dahin hätte
gebracht werden können allen den wilden Mutwillen den sie kurz zuvor an ihren
vermeintlichen Feinden den Eseln auszuüben bereit waren nun an ihren eignen
Freunden den Schatten auszulassen
Neuntes Kapitel
Politik beider Parteien
Der Erzpriester verfolgt seinen erhaltenen Vorteil
Die Schatten ziehen sich zurück
Der entscheidende Tag wird fest gesetzt
Dieser unvermutete Vorteil den der Erzpriester über die Schatten gewann
kränkte diese um so viel empfindlicher da er ihnen nicht nur die Freude und
Ehre des Sieges den sie im Senat erhalten hatten verkümmerte sondern ihre
Partei selbst merklich schwächte und ihnen überhaupt zu erkennen gab wie wenig
sie sich auf die Unterstützung eines leichtsinnigen Pöbels verlassen dürften
der von jedem Wind auf eine andere Seite geworfen wird und selten recht weiß
was er selbst will geschweige was diejenigen mit ihm machen wollen von denen
er sich treiben lässt
Agatyrsus der nun das erklärte Haupt der Esel war hatte durch seine
Emissarien erfahren dass die Gegenpartei durch nichts mehr bei der gemeinen
Bürgerschaft gewonnen habe als durch den Widerstand den die Beschützer des
Eseltreibers anfänglich taten da die Sache vor den großen Rat gespielt werden
sollte
Da dieser Rat aus vierhundert Männern bestund welche als die Repräsentanten
der gesamten Bürgerschaft von Abdera angesehen wurden und wovon beinahe die
Hälfte wirklich bloße Krämer und Handwerksleute waren so glaubte sich jeder
gemeine Mann durch die vermeinte Absicht die Vorrechte desselben einschränken
zu wollen persönlich beleidigt und die Vorspieglung des Zunftmeisters Pfrieme
dass es auf einen gänzlichen Umsturz ihrer demokratischen Verfassung abgezielt
sei fand desto leichter Eingang
In der Tat war es auch um das was in der abderitischen Staatseinrichtung
demokratisch schien bloßes Schattenwerk und politisches Gaukelspiel Denn der
kleine Rat dessen zwei Drittel aus alten Geschlechtern bestunden machte im
Grunde alles was er wollte und die Fälle wo die Vierhundert zusammenberufen
werden mussten waren in dem abderitischen Grundgesetz auf solche Schrauben
gesetzt dass es beinahe gänzlich von dem Urteil des kleinen Rates abhing wenn
und wie oft sie die Vierhundertmänner zusammenberufen wollten um zu dem was
jener schon beschlossen hatte ihre Beistimmung zu geben Aber eben darum weil
dieses Vorrecht der abderitischen Gemeinen nicht sehr viel zu bedeuten hatte
waren sie desto eifersüchtiger darauf und um so nötiger war es dem Volk das
Gängelband zu verbergen an welchem man es führte indem es allein zu gehen
glaubte
Es war also ein wahrer Meisterstreich von dem Erzpriester dass er sich nun
auf einmal und in einem Augenblick wo die Wirkung davon plötzlich und
entscheidend sein musste dem Volk in einer Sache zu Willen erklärte auf die es
einen so hohen Wert legte Und da er anstatt etwas dabei zu wagen vielmehr
dadurch einen starken Riss in den Plan der Gegenpartei machte so hatte diese
letztere alle Ursache nun auf neue Mittel und Wege zu denken wie sie den
Erzpriester und seinen Anhang wieder aus dem Vorteil heben und den günstigen
Eindruck auslöschen möchte den er auf das gemeine Volk gemacht hatte
Die Häupter der Schatten kamen noch an selbigem Abend in dem Hause der Dame
Salabanda zusammen und beschlossen dass man anstatt die Ernennung eines nahen
Tages zur Zusammenberufung der Vierhundert bei dem Archon zu betreiben sich
vielmehr falls es nötig sein sollte verwenden wolle solche zu verzögern um
dem Volke Zeit zu geben sich wieder abzukühlen Inzwischen wollte man die
Bürgerschaft unter der Hand und mit aller Gelassenheit zu überzeugen suchen wie
töricht sie wären sich von dem Erzpriester und seinen Miteseln als etwas
Verdienstliches anrechnen zu lassen was doch nichts weniger als guter Wille
sondern bloße gezwungne Folge ihrer Schwäche sei Wenn die Esel es in ihrer
Gewalt gehabt hätten die Sache dem großen Rat aus den Händen zu reißen so
würden sie es getan und sich wenig darum bekümmert haben ob es dem Volke lieb
oder leid sei Dieser plötzliche Absprung von ihrem vorigen stadtkundigen
Betragen sei ein allzu grober Kunstgriff die Volkspartei zu trennen als dass
man sich dadurch betrügen lassen könne Vielmehr habe man um desto mehr Ursache
auf seiner Hut zu sein da es augenscheinlich darauf angesehen sei das Volk
durch süße Worte einzuschläfern und unvermerkt dahin zu bringen dass es
unwissenderweise ein Werkzeug seiner eignen Unterdrückung werde
Der Oberpriester Strobylus der bei dieser Beratschlagung zugegen war
billigte zwar alles was man tun könnte um das Ansehen seines Nebenbuhlers bei
der Bürgerschaft zu vermindern und seine Absichten verdächtig zu machen »Allein
ich zweifle sehr setzte er hinzu dass wir die gehofften Früchte davon erleben
werden Ich bereite ihm aber eine andere und schärfere Lauge zu die desto
besser wirken wird wenn sie ihm ganz unversehens über den Kopf kommt Es ist
noch nicht Zeit mich deutlicher zu erklären Lasst mich nur machen Mag er sich
doch eine Weile mit der Hoffnung schmeicheln den Priester Strobylus im Triumph
hinter sich herzuschleppen Die Freude soll ihm übel versalzen werden darauf
verlasst euch Inzwischen wenn wir wie ich hoffe ehrlich an einander sind und
wenn es uns Ernst ist den Sieg über unsre Feinde zu erhalten so müssen wir
reinen Mund über das halten was ich euch von meinem geheimen Anschlag habe
merken lassen und seiner Zeit davon entdecken werde Agatyrsus muss sicher
gemacht werden Er muss glauben dass wir nur noch mit einem Flügel schlagen und
dass alle unsre Hoffnung auf unserm Vertrauen das Übergewicht im großen Rate zu
machen beruht« Jedermann fand dass der Oberpriester die Sache sehr richtig
gefasst habe und die Gesellschaft trennte sich sehr neugierig was das wohl für
ein Anschlag sein könne den er gegen den Erzpriester in Petto behalte aber
auch sehr überzeugt dass wenn es auf den Sturz des letztern angesehen sei die
Sache in keine bessere als in des Priesters Strobylus Hände gestellt werden
könne
Agatyrsus ermangelte inzwischen nicht aus dem kleinen Siege den er durch
eine ihm eigene Gegenwart des Geistes zu so gelegener Zeit über seine Gegner
erhalten hatte allen möglichen Vorteil zu ziehen Er hatte unter den Haufen
gemeinen Volks der ihn bis in den Vorhof des erzpriesterlichen Palasts
begleitete Brot und Wein austeilen lassen bevor er sie mit einer ernstlichen
Vermahnung ruhig zu sein wieder nach Hause gehen ließ wo sie nun vom Lobe
seiner Person seiner Leutseligkeit und Freigebigkeit gegen ihre Nachbarn und
Bekannten überflossen Aber wiewohl er den Geist der Republiken zu gut kannte
um die Gunst des Pöbels für nichts zu achten so wusste er doch wohl dass er
damit noch nicht viel gewonnen hatte Das Notwendigste war sich der Zuneigung
des größten Teils der Vierhundert gänzlich zu versichern teils weil jetzt auf
diese alles ankam teils weil man wenn sie einmal gewonnen waren mehr Staat
auf sie machen konnte als auf das übrige Volk Er hatte zwar bereits einen
ansehnlichen Anhang unter ihnen aber außer einer Anzahl erklärter und eifriger
Schatten mit denen er sich nicht einlassen mochte befanden sich noch sehr
viele und sie bestanden meistens aus den Vermöglichsten und Angesehensten von
der Bürgerschaft die sich entweder noch gar nicht erklärt hatten oder nur
darum gegen die Partei der Schatten hinneigten weil ihnen die Häupter der
Gegenpartei als herrschsüchtige gewalttätige Leute beschrieben worden waren
die diese ganze lächerliche Onoskiamachie bloß darum angezettelt hätten um die
Stadt in Verwirrung zu setzen und die Unruhen wovon sie selbst die Urheber
wären zum Vorwand und zu Werkzeugen ihrer ehrgeizigen Absichten zu gebrauchen
Diese Leute auf seine Seite zu bringen schien ihm nun eben so leicht als
es für den Triumph seiner Partei entscheidend war Er ließ sie alle noch an
selbigem Abend zu Gaste bitten Die meisten erschienen und der Erzpriester der
eine besondere Gabe hatte seiner Politik einen Firnis von Offenheit und
aufrichtigem Wesen anzustreichen machte ihnen kein Geheimnis daraus dass er sie
zu sich gebeten habe um mit Hilfe so braver und verständiger Männer die
Vorurteile zu zerstreuen die wie er hörte der Bürgerschaft wider ihn
beigebracht worden »Dass man sagte er in dem Handel zwischen einem Eseltreiber
und einem Zahnarzt und in einem Handel wo es bloß um den Schatten eines Esels
zu tun sei einen Mann seines Standes zum Haupt einer Partei machen wolle komme
ihm allzu lächerlich vor als dass er sich jemals einfallen lassen werde eine so
alberne Beschuldigung von sich abzulehnen Indessen sei der arme Antrax ein
Schutzverwandter des Jasontempels und er habe ihm also nicht versagen können
sich seiner so weit als es die Gerechtigkeit erfodre anzunehmen Ohne die
bekannte auffahrende Hitze des Zunftmeisters Pfrieme der sich etwas unzeitig
zum Sachwalter des Zahnarztes aufgeworfen nicht weil dieser Recht habe
sondern bloß weil er bei den Schustern zünftig sei würde eine so unbedeutende
Sache ohnmöglich zu solcher Weitläuftigkeit gekommen sein Sei aber einmal ein
Feuer angezündet so fänden sich immer Leute denen damit gedient sei es
anzublasen und zu nähren Er seines Orts habe sich immer zum Gesetz gemacht
sich in nichts zu mischen das ihn nichts angehe Dass er sich aber dazu
verwendet habe den gefährlichen Tumult der diesen Morgen von den Anhängern des
Zunftmeisters vor dem Ratause erregt worden durch seine Dazwischenkunft und
gütliche Zureden zu stillen werde ihm hoffentlich von keinem Billigdenkenden
als eine ungeziemende Anmassung sondern vielmehr als die Tat eines guten Bürgers
und Patrioten ausgelegt werden zumal da es dem Charakter eines Priesters immer
anständiger sei Friede zu machen und Unordnungen zu verhüten als Öl ins Feuer
zu gießen wie von manchen bekannt sei die er nicht zu nennen nötig habe Im
übrigen leugne er nicht dass er da die Sache mit dem Eselsschatten nun einmal
in erster Instanz verdorben worden und zu einem Handel erwachsen sei an
welchem ganz Abdera Anteil zu nehmen sich gleichsam genötigt sehe immer
gewünscht habe dass die Sache je bälder je lieber vor den großen Rat gebracht
würde nicht sowohl damit der arme Antrax die gebührende Genugtuung erhalte
wiewohl nicht zu zweifeln sei dass ihm solche bei dieser hohen Gerichtsstelle
keineswegs werde versagt werden als damit der zügellose Mutwille der
Sykophanten endlich einmal durch irgend ein angemessnes Gesetz eingeschränkt und
dergleichen Händeln die der Stadt Abdera zu schlechter Ehre gereichten fürs
künftige nach Möglichkeit vorgebaut werden möchte«
Agatyrsus brachte alles dies mit so vieler Gelassenheit und Mäßigung vor
dass seine Gäste sich nicht genug über die Ungerechtigkeit derjenigen verwundern
konnten welche einen so gut denkenden Herrn zum vornehmsten Anstifter dieser
Unruhen hätten machen wollen Sie hielten sich nun alle von dem Gegenteil
vollkommen überzeugt und es gelang ihm in wenigen Stunden diese wackeren Leute
ohne dass es sie selbst merkten und indem sie noch immer ganz unparteiisch zu
sein glaubten zu so guten Eseln zu machen als es vielleicht in Abdera gab
zumal nachdem die vortrefflichen Weine womit er sie bei der Abendmahlzeit
beträufte jeden Schatten des Misstrauens vollends ausgelöscht und jede Seele
zur Empfänglichkeit aller Eindrücke die er ihnen geben wollte geöffnet hatten
Man kann sich leicht vorstellen dass dieser Schritt des Agatyrsus die
Gegenpartei nicht wenig beunruhigen musste Da die Revolution welche unter
demjenigen Teil der Bürgerschaft der bisher gleichgültig geblieben war dadurch
bewirkt worden bald darauf sehr merklich zu werden anfing und alle Batterien
die man mit verdoppeltem Eifer dagegen spielen ließ nicht nur ohne Wirkung
blieben sondern gerade die gegenteilige Wirkung taten und die Übelgesinnteit
der Schatten durch die Vergleichung mit der Mäßigung und den patriotischen
Gesinnungen des Prälaten nur desto auffallender machten so würden die besagten
Schatten äußerst verlegen gewesen sein was sie anfangen wollten um ihrer
beinahe ganz gesunknen Partei wieder einen Schwung zu geben wenn der Priester
Strobylus sie nicht bei Mut erhalten und versichert hätte dass er sobald der
Gerichtstag festgesetzt sein würde dem kleinen Jason wie er ihn zu nennen
pflegte ein Gewitter über den Hals schicken wolle dessen er sich mit aller
seiner Schlauheit gewiss nicht versehn und wodurch die Sache sogleich ein ganz
ander Aussehen gewinnen werde
Die Schatten schienen sich nun so ruhig zu halten dass Agatyrsus und sein
Anhang diese anscheinende Niedergeschlagenheit ihrer Geister sehr wahrscheinlich
der wenigen Hoffnung zuschreiben konnten welche ihnen nach dem über sie
erhaltnen zwiefachen Vorteil übrig blieb Sie verdoppelten daher ihre Bemühungen
bei dem Archon Onolaus dessen Sohn ein vertrauter Freund des Erzpriesters und
einer der hitzigsten Esel war einen nahen Tag zur Versammlung des großen Rats
anzuberaumen und sie erhielten endlich durch ihr ungestümes Anhalten dass diese
Feierlichkeit auf den sechsten Tag nach der letzten Ratssitzung festgestellt
wurde
Diejenigen welche die Weisheit eines Plans oder einer genommenen Maßregel
nach dem Erfolg zu beurteilen pflegen werden vielleicht die Sicherheit des
Erzpriesters bei der plötzlichen Untätigkeit seiner Gegenpartei eines Mangels an
Klugheit und Vorsicht beschuldigen von welchem wir ihn allerdings nicht
gänzlich freisprechen können Wir leugnen es nicht es würde behutsamer von ihm
gewesen sein diese Untätigkeit vielmehr irgend einem wichtigen Streich über
welchem sie in der Stille brüteten als einem zu Boden gesunknen Mute
zuzuschreiben Allein es war einer von den Fehlern dieses Jasoniden dass er aus
allzulebhaftem Gefühl seiner eignen Stärke seine Gegner immer mehr verachtete
als die Klugheit erlaubte Er handelte fast immer wie einer der es nicht der
Mühe wert hält zu berechnen was ihm seine Feinde schaden können weil er sich
überhaupt bewusst ist dass es ihm nie an Mitteln fehlen werde das Ärgste was
sie ihm tun können von sich abzutreiben Indessen ist doch in gegenwärtigem
Falle zu vermuten dass tausend andre an seinem Platz und bei so günstigen
Anscheinungen eben so gedacht und wie er geglaubt hätten sehr wohl daran zu
tun wenn sie sich den guten Willen ihrer neuen Freunde zu Nutze machten bevor
er wieder erkaltete und ihren Feinden keine Zeit ließ wieder zu sich selbst
zu kommen
Dass der Erfolg seiner Erwartung nicht gemäß war kam von einem Streich des
Priesters Strobylus her den er mit aller seiner Klugheit nicht voraus sehen
konnte und der so sehr er auch in dem Charakter dieses Mannes gegründet sein
mochte doch so beschaffen war dass man nur durch die unmittelbare Erfahrung
dahin gebracht werden konnte ihn dessen für fähig zu halten
Zehntes Kapitel
Was für eine Mine der Priester Strobylus gegen einen Kollegen springen lässt
Zusammenberufung der Zehnmänner
Der Erzpriester wird vorgeladen findet aber Mittel sich sehr zu seinem Vorteil
aus der Sache zu ziehen
Tages vorher eh der Prozess über den Eselsschatten der seit einigen Wochen die
unglückliche Stadt Abdera in so weit aussehende Unruhen gestürzt hatte vor dem
großen Rat entschieden werden sollte kam der Oberpriester Strobylus mit zween
andern Priestern der Latona und verschiedenen Personen aus dem Volke in großer
Gemütsbewegung und Eilfertigkeit frühmorgens zu dem Archon Onolaus um Seiner
Gnaden ein Wunderzeichen zu berichten welches wie man die höchste Ursache habe
zu fürchten die Republik mit irgend einem großen Unglück bedrohe
Es hätten nämlich schon in der ersten und zweiten Nacht vor dieser letztern
einige zum Latonentempel gehörige Personen zu hören geglaubt dass die Frösche
des geheiligten Teiches anstatt des gewöhnlichen Wreckeckek Koax Koax welches
sie sonst mit allen andern natürlichen Fröschen und selbst mit denen in den
stygischen Sümpfen wie aus dem Aristophanes zu ersehen gemein hätten ganz
ungewöhnliche und klägliche Töne von sich gegeben wiewohl besagte Leute sich
nicht getraut so nahe hinzuzugehen um solche genau unterscheiden zu können
Auf die Anzeige die ihm dem Oberpriester gestern Abends hievon gemacht
worden habe er die Sache wichtig genug gefunden um mit seiner untergebnen
Priesterschaft die ganze Nacht bei dem geheiligten Teiche zuzubringen Bis gegen
Mitternacht habe die tiefste Stille auf demselben geruht allein um besagte Zeit
habe sich plötzlich ein dumpfes unglückweissagendes Getön aus dem Teich
erhoben und da sie näher hinzugetreten hätten sie insgesamt die Töne Weh
Weh Pheu Eleleleleleu ganz deutlich unterscheiden können Dieses Wehklagen
habe eine ganze Stunde lang gedauert und sei außer den Priestern noch von
allen denen gehört worden die er als Zeugen eines so unerhörten und höchst
bedenklichen Wunders mit sich gebracht habe Da nun gar nicht zu bezweifeln sei
dass die Göttin ihr bisher geliebtes Abdera durch dieses drohende und wundervolle
Anzeichen vor irgend einem bevorstehenden großen Unglück habe warnen oder
vielleicht zur Untersuchung und Bestrafung irgend eines noch unentdeckten
Frevels auffordern wollen der den Zorn der Götter auf die ganze Stadt ziehen
könnte so wolle er kraft seines Amtes und im Namen der Latona Seine Gnaden
hiemit ersucht haben das Kollegium der Zehnmänner unverzüglich zusammen berufen
zu lassen damit die Sache ihrer Wichtigkeit gemäß erwogen und die weitern
Vorkehrungen die ein solcher Vorfall erfodere getroffen werden könnten
Der Archon der in dem Ruf war sich in Absicht der geheiligten Frösche
ziemlich stark auf die freien Meinungen des Demokritus zu neigen schüttelte bei
diesem Vortrag den Kopf und stund eine Weile ohne den Priestern eine Antwort
zu geben Allein der Ernst womit diese Herren die Sache vorbrachten und der
seltsame Eindruck den solche bereits auf die gegenwärtigen Personen aus dem
Volke gemacht zu haben schien ließ ihn leicht voraussehen dass in wenig
Stunden die ganze Stadt von diesem vorgeblichen Wunder voll sein und in
schreckenvolle Ahndungen gesetzt werden würde bei welchen ihm nicht erlaubt
sein würde gleichgültig zu bleiben Es war ihm also nichts übrig als sogleich
in Gegenwart der Priester den Befehl zu geben dass die Zehnmänner sich wegen
eines außerordentlichen Vorfalls binnen einer Stunde in dem Tempel der Latona
versammeln sollten
Inzwischen hatte durch Veranstaltung des Oberpriesters das Gerücht von
einem furchtbaren Wunderzeichen welches seit drei Nächten in dem Haine der
Latona gehört werde sich bereits durch ganz Abdera verbreitet Die Freunde des
Erzpriesters Agatyrsus die nicht so einfältig waren sich durch solches
Gaukelwerk täuschen zu lassen wurden dadurch erbittert weil sie nicht
zweifelten dass irgend ein böser Anschlag gegen ihre Partei darunter verborgen
liege Verschiedene junge Herren und Damen von der ersten Klasse affectierten
über das vorgegebene Wunder zu spotten und machten Partien in der nächsten
Nacht der neumodischen Trauermusik im Froschteich der Latona beizuwohnen Aber
auf das gemeine Volk und auf einen großen Teil der Vornehmern die in Sachen
dieser Art allenthalben gemeines Volk zu sein pflegen machte die Erfindung des
Oberpriesters ihre vollständige Wirkung Das Pheu Pheu Eleleleleleu der
Latonenfrösche unterbrach auf einmal alle bürgerliche und häusliche
Beschäftigungen Alte und Junge Weiber und Kinder liefen auf den Gassen
zusammen und forschten mit erschrocknen Gesichtern nach den Umständen des
Wunders Und da beinahe ein jedes die Sache aus dem eignen Munde der ersten
Zeugen gehört haben wollte und der Eindruck den man dergleichen Erzählungen
auf die Zuhörer machen sieht eine natürliche Anreizung für den Erzähler zu sein
pflegt immer etwas das die Sache interessanter macht hinzuzutun so wurde das
Wunder in weniger als einer Stunde in den verschiedenen Gegenden der Stadt mit
so furchtbaren Umständen gefüttert dass den Leuten beim bloßen Hören die Haare
zu Berge standen Einige versicherten die Frösche als sie den fatalen Gesang
angestimmt hätten Menschenköpfe aus dem Teich emporgereckt andere dass sie
ganz feurige Augen von der Größe einer Walnuss gehabt hätten noch andere dass
man zu eben der Zeit allerlei fürchterliche Gespenster ungeheure heulende Töne
von sich gebend im Hain umherfahren gesehen wieder andere dass es bei hellem
Himmel ganz erschrecklich über dem Teich gebljetzt und gedonnert habe und
endlich beteuerten einige Ohrenzeugen dass sie ganz deutlich die Worte Weh dir
Abdera zu wiederholtenmalen hätten unterscheiden können Kurz das Wunder
wurde wie gewöhnlich immer größer je weiter es sich fortwälzte und fand
desto mehr Glauben je ungereimter widersprechender und unglaublicher die
Berichte waren die davon gegeben wurden Und da man bald die Zehnmänner zu
einer ungewöhnlichen Zeit in großer Hast und mit bedeutungsvollen Gesichtern dem
Tempel der Latona zueilen sah so zweifelte nun niemand mehr dass Begebenheiten
von der größten Wichtigkeit in dem Becher des abderitischen Schicksals gemischt
würden und die ganze Stadt schwebte in zitternder Erwartung der Dinge die da
kommen sollten
Das Kollegium der Zehnmänner war aus dem Archon den vier ältesten
Ratsherren den zween ältesten Zunftmeistern dem Oberpriester der Latona und
zween Vorstehern des geheiligten Teiches zusammengesetzt und stellte das
ehrwürdigste unter allen abderitischen Tribunalien vor Alle Sachen bei denen
die Religion von Abdera unmittelbar betroffen war standen unter seiner
Gerichtsbarkeit und sein Ansehen war beinahe unumschränkt
Es ist eine alte Bemerkung dass verständige Leute durchs Alter gewöhnlich
weiser und Narren mit den Jahren immer alberner werden Ein abderitischer
Nestor hatte daher selten viel dadurch gewonnen dass er zwo oder drei neue
Generationen gesehen hatte und so konnte man ohne Gefahr voraussetzen dass die
Zehnmänner von Abdera im Durchschnitt genommen den Ausschuss der blödesten
Köpfe in der ganzen Republik ausmachten Die guten Leute waren so bereitwillig
die Erzählung des Oberpriesters für eine Tatsache die gar keinem Einwurf
ausgesetzt sein könne anzunehmen dass sie die Abhörung der Zeugen für eine
bloße Formalität anzusehen schienen womit man so schnell als möglich fertig zu
werden suchen müsse Da nun Strobylus die Herren von der Richtigkeit des Wunders
schon zum voraus so wohl überzeugt fand so glaubte er um so weniger zu wagen
wenn er ohne Zeitverlust zu demjenigen fortschritte weswegen er sich die Mühe
genommen die ganze Fabel zu erfinden
»Von dem ersten Augenblick an sagte er da meine eignen Ohren Zeugen dieses
Wunderzeichens gewesen sind welches wie ich wohl sagen kann in den
Jahrbüchern von Abdera niemals seines gleichen gehabt hat stieg der Gedanke in
mir auf dass es eine Warnung der Göttin sein könnte vor den Folgen ihrer Rache
die wegen irgend eines geheimen unbestraften Verbrechens über unsern Häuptern
schweben möchte und dies setzte mich in die Notwendigkeit des Archons Gnaden
zu gegenwärtiger Versammlung des sehr ehrwürdigen Zehnmännergerichts zu
veranlassen Was damals bloß Vermutung war hat sich seit einer einzigen Stunde
zur Gewissheit aufgeklärt Der Frevler ist bereits entdeckt und das Verbrechen
durch Augenzeugen erweislich gegen deren Wahrhaftigkeit um so weniger einiger
Zweifel vorwaltet da der Täter ein Mann von zu großem Ansehen ist als dass
etwas geringeres als die Furcht der Götter Leute von gemeinem Stande dahin
bringen könnte als Zeugen wider ihn aufzutreten Sollten Sie es jemals für
möglich gehalten haben Hochgeachte Herren dass jemand mitten unter uns verwegen
genug sein könne unsern uralten von den ersten Stiftern unsrer Stadt auf uns
angeerbten und durch so viele Jahrhunderte unbefleckt erhaltenen Gottesdienst
und dessen Gebräuche und heilige Dinge zu verachten und ohne Ehrerbietung
weder für die Gesetze noch den gemeinen Glauben und die Sitten unsrer Stadt
mutwilligerweise zu misshandeln was uns allen heilig und ehrwürdig ist Mit
einem Wort können Sie glauben dass ein Mann mitten in Abdera lebt der dem
Buchstaben des Gesetzes zu Trotz Störche in seinem Garten unterhält die sich
täglich mit Fröschen aus dem Teich der Latona und andern geheiligten Teichen
füttern«
Erstaunen und Entsetzen drückte sich bei diesen Worten auf jedem Gesicht
aus Wenigstens musste der Archon um nicht der einzige zu sein der die Ausnahme
machte sich eben so bestürzt anstellen als es seine übrigen Kollegen wirklich
waren Ists möglich schrien drei oder vier von den Ältesten zugleich und wer
kann der Bösewicht sein der sich eines solchen Verbrechens schuldig gemacht
hat
»Verzeihen Sie mir erwiderte Strobylus wenn ich Sie bitte diesen harten
Ausdruck zu mildern Ich meines Orts will lieber glauben dass nicht
Gottlosigkeit sondern bloßer Leichtsinn und was man heut zu Tage zumal seit
Demokritus sein Unkraut unter uns ausgestreut hat Philosophie zu nennen pflegt
die Quelle dieser anscheinenden Verachtung unsrer heiligen Gebräuche und
Ordnungen sei Ich will und muss dies um so mehr glauben da der Mann der des
besagten Frevels durch das einhellige Zeugnis von mehr als sieben glaubwürdigen
Personen überwiesen werden kann selbst ein Mann von geheiligtem Stande selbst
ein Priester mit einem Wort da es der Jasonide Agatyrsus ist«
Agatyrsus riefen die erstaunten Zehnmänner aus einem Munde Drei oder vier
von ihnen erblassten und schienen verlegen zu sein einen Mann von solcher
Bedeutung und mit dessen Hause sie immer in gutem Vernehmen gestanden in einen
so schlimmen Handel verwickelt zu sehen
Strobylus ließ ihnen keine Zeit sich zu erholen Er befahl die Zeugen
hereinzurufen Sie wurden einer nach dem andern abgehört und es ergab sich dass
Agatyrsus allerdings seit einiger Zeit zween Störche in seinen Gärten
unterhielt dass man sie öfters über dem geheiligten Teiche schweben und
wirklich einen seiner quakenden Bewohner der sich eben am Ufer sonnen wollte
die Beute derselben werden gesehen habe
Wiewohl nun hierdurch die Wahrheit der Beschuldigung außer allen Zweifel
gesetzt schien so glaubte der Archon Onolaus dennoch dass es der Klugheit gemäß
sein würde zu Verhütung unangenehmer Folgen mit einem Manne wie der
Erzpriester Jasons säuberlich zu verfahren Er trug also darauf an dass man sich
begnügen sollte ihm von Seiten der Zehnmänner freundlich bedeuten zu lassen
»Man sei geneigt für diesmal zu glauben dass die Sache worüber man sich zu
beklagen habe ohne sein Vorwissen geschehen sei man verspreche sich aber von
seiner bekannten billigen Denkart dass er keinen Augenblick Anstand nehmen
werde die verbrecherischen Störche an die Vorsteher des heiligen Teiches
auszuliefern und den Zehnmännern sowohl als der ganzen Stadt hiedurch eine
gefällige Probe seiner Achtung gegen die Gesetze und religiösen Gebräuche seiner
Vaterstadt zu geben«
Drei Stimmen von neunen bekräftigten den Antrag des Archon aber Strobylus
und die übrigen setzten sich mit großem Eifer dagegen Sie behaupteten
außerdem dass es auf keine Weise zu billigen sei eine so übermäßige
Gelindigkeit gegen einen Bürger von Abdera zu gebrauchen der eines Verbrechens
von solcher Schwere überwiesen sei so erfodere auch die Gerichtsordnung dass
man ihn nicht eher verurteile eh er gehört und zur Verantwortung gelassen
worden Strobylus trug also darauf an dass der Erzpriester vorgeladen werden
sollte unverzüglich vor den Zehnmännern zu erscheinen und sich auf die wider
ihn angebrachte Klage zu verantworten und dieser Antrag ging Einwendens
ungeachtet mit sechs Stimmen gegen viere durch Der Erzpriester wurde also mit
allen in solchen Fällen üblichen Förmlichkeiten vorgeladen
Agatyrsus war nicht unvorbereitet als die Abgeordneten der Zehnmänner in
seinem Haus erschienen Nachdem er sie über eine Stunde hatte warten lassen
wurden sie endlich in einen Saal geführt wo der Erzpriester in seinem ganzen
Ornat auf einem erhöhten elfenbeinernen Lehnstuhl sitzend das stotternde
Anbringen ihres Wortalters mit großer Gelassenheit anhörte Als sie damit
fertig waren winkte er mit der Hand einem Bedienten der seitwärts hinter
seinem Stuhle stand Führe die Herren sagte er zu ihm in die Gärten und zeige
ihnen die Störche von denen die Rede ist damit sie ihren Principalen sagen
können dass sie solche mit eignen Augen gesehen haben hernach bringe sie wieder
hieher Die Abgeordneten machten große Augen aber die Ehrfurcht vor dem
Erzpriester band ihre Zungen und sie folgten dem Diener stillschweigend und als
Leute denen nicht ganz wohl bei der Sache war Als sie wieder zurückgekommen
fragte sie Agatyrsus ob sie die Störche gesehen hätten und da sie insgesamt
mit Ja geantwortet hatten fuhr er fort Nun so geht macht dem sehr ehrwürdigen
Gericht der Zehnmänner mein Kompliment und sagt denen die euch geschickt
haben ich lasse ihnen wissen dass diese Störche wie alles übrige was in dem
Umfang des Jasontempels lebt unter Jasons Schutze stehen und dass ich die
Anmassung einen Erzpriester dieses Tempels vorzuladen und nach den
abderitischen Gesetzen richten zu wollen sehr lächerlich finde Und damit
winkte er ihnen sich wegzubegeben
Diese Antwort deren sich die Zehnmänner um so mehr hätten versehen sollen
da ihnen nicht unbekannt sein konnte dass der Jasontempel mit seiner
Priesterschaft von der Gerichtsbarkeit der Stadt Abdera gänzlich befreit war
setzte sie in eine unbeschreibliche Verlegenheit und der Oberpriester Strobylus
geriet darüber in einen so heftigen Zorn dass er vor Wut gar nicht mehr wusste
was er sagte und endlich damit endigte der ganzen Republik den Untergang zu
drohen wofern dieser unleidliche Stolz eines kleinen aufgeblasenen Pfaffen der
wie er sagte nicht einmal als ein öffentlicher Priester anzusehen sei nicht
gedemütigt und der beleidigten Latona die vollständigste Genugtuung gegeben
werde
Allein der Archon und seine drei Ratsherren erklärten sich dass Latona für
deren Frösche sie übrigens alle schuldige Ehrerbietung hegten nichts damit zu
tun habe wenn die Zehnmänner die Grenzen ihrer Gerichtsbarkeit überschritten
Ich hab euchs vorhergesagt sprach der Archon aber ihr wolltet nicht hören
Würde mein Vorschlag angenommen worden sein so bin ich gewiss der Erzpriester
hätte uns eine höfliche und gefällige Antwort gegeben denn ein gut Wort findet
eine gute Statt Aber der ehrwürdige Oberpriester glaubte eine Gelegenheit
gefunden zu haben seinen alten Groll an dem Erzpriester auszulassen und nun
zeigt es sich dass er und diejenigen die sich von seinem unzeitigen Eifer
hinreißen ließ dem Gericht der Zehnmänner einen Schandfleck zugezogen haben
den alles Wasser des Hebrus und Nestus in hundert Jahren nicht wieder abwaschen
wird Ich gestehe es setzte er mit einer Hitze hinzu die man in vielen Jahren
nicht an ihm wahrgenommen hatte ich bin es müde der Vorsteher einer Republik
zu sein die sich von Eselsschatten und Fröschen zu Grunde richten lässt und ich
bin sehr gesonnen mein Amt eh es Morgen wird niederzulegen aber so lang ich
es noch trage Herr Oberpriester sollt ihr mir für jede Unordnung haften die
von diesem Augenblick an auf den Straßen von Abdera entstehen wird Und mit
diesen Worten die mit einem sehr ernstlichen Blick auf den betroffnen Strobylus
begleitet waren begab sich der Archon mit seinen drei Anhängern hinweg und
ließ die übrigen in sprachloser Bestürzung zurücke
Was ist nun anzufangen sagte endlich der Oberpriester den die Wendung die
das Werk seiner Erfindung wider alles Vermuten genommen hatte nicht wenig zu
beunruhigen anfing was ist nun zu tun meine Herren
Das wissen wir nicht sagten die beiden Zunftmeister und der vierte
Ratsherr und gingen ebenfalls davon so dass Strobylus mit den zween Vorstehern
des geheiligten Teichs allein blieben und nachdem sie eine Zeit lang alle drei
zugleich gesprochen hatten ohne selbst recht zu wissen was sie sagten endlich
des Schlusses eins wurden fördersamst bei dem einen der Vorsteher die
Mittagsmahlzeit einzunehmen und sodann mit ihren Freunden und Anhängern zu Rate
zu gehen wie sie es nun anzufangen hätten um die Bewegung worein das Volk
diesen Morgen gesetzt worden war auf einen Zweck zu lenken der den Sieg ihrer
Partei entscheiden könnte
Elftes Kapitel
Agatyrsus beruft seine Anhänger zusammen
Substanz seiner Rede an sie
Er ladet sie zu einem großen Opferfeste ein
Der Archon Onolaus will sein Amt niederlegen
Unruhe der Partei des Erzpriesters
über dieses Vorhaben
Durch was für eine List sie solches vereiteln
Inzwischen ließ Agatyrsus so bald die Abgeordneten der Zehnmänner sich wieder
wegbegeben unverzüglich die Vornehmsten von seinem Anhang im Rat und unter der
Bürgerschaft nebst allen Jasoniden zu sich berufen Er erzählte ihnen was ihm
so eben auf Anstiften des Priesters Strobylus mit den Zehnmännern begegnet war
und stellte ihnen vor wie notwendig es nun für das Ansehen ihrer Partei so wohl
als für die Ehre und selbst für die Erhaltung der Stadt Abdera sei die
Anschläge dieses ränkevollen Mannes zu vereiteln und dem Volke welches er
durch die lächerliche Fabel von der Wehklage der Latonenfrösche in Unruhe
gesetzt wieder einen entgegengesetzten Stoß zu geben Es falle einem jeden von
selbst in die Augen dass Strobylus dieses armselige Märchen nur deswegen
ersonnen habe um die eben so ungereimte aber wegen der abergläubischen
Vorurteile des Volkes desto gefährlichere Anklage die er gegen ihn den
Erzpriester bei den Zehnmännern angebracht vorzubereiten und eine wichtige
die Wohlfahrt der ganzen Republik betreffende Sache daraus zu machen Aber auch
dies sei ihn Grunde doch nur ein Mittel wozu er in der Verzweiflung gegriffen
habe um seiner darnieder gesunken Partei wieder auf die Füße zu helfen und von
den Bewegungen welche in der Stadt dadurch erregt worden bei der
bevorstehenden Entscheidung des Eselsschattenhandels Vorteil zu ziehen Weil nun
aus eben diesem Grunde leicht vorauszusehen sei dass der unruhige Priester aus
dem was diesen Morgen mit den Zehnmännern vorgegangen neuen Stoff hernehmen
werde ihn den Erzpriester bei dem Volke verhasst zu machen und im Notfall
wohl gar einen abermaligen noch gefährlichern Aufstand zu erregen so habe er
für nötig gehalten seine und des gemeinen Wesens zuverlässigste Freunde in den
Stand zu setzen dem Volke und allen die dessen bedürften richtigere Begriffe
von dem heutigen Vorgang und dessen allenfallsigen Folgen geben zu können Was
also die Störche anbelange so wären solche ohne sein Zutun von selbst gekommen
und hätten sich auf einen Baum seines Gartens ein Nest gebaut Er habe sich
nicht für berechtigt gehalten sie darin zu stören teils weil die Störche seit
undenklichen Zeiten bei allen gesitteten Völkern im Besitz einer Art von
geheiligtem Gastrechte stünden teils weil die Freiheit des Jasontempels und der
Schutz dieses Gottes alle lebende und leblose Dinge angehe die sich in dem
Umfang seiner Mauern befänden Das Gesetz wodurch die Zehnmänner vor einigen
Jahren die Störche aus dem Gebiet von Abdera verwiesen hätten gehe ihn nichts
an indem die Gerichtsbarkeit dieses Tribunals sich nur über dasjenige
erstrecke was auf den Dienst der Latona und die Gebräuche desselben Bezug habe
Und überhaupt sei bekannt dass der Jasontempel nur in so ferne mit der Republik
in Verbindung stehe als sich diese bei dessen Stiftung öffentlich verbindlich
gemacht ihn gegen alle gewaltsame Unternehmungen einheimischer oder auswärtiger
Feinde zu beschützen übrigens aber von allem Gerichtszwange der abderitischen
Tribunalien und von aller Oberherrlichkeit der Republik selbst vollkommen und
auf ewig befreit sei Er habe also indem er die unbefugte Vorladung von sich
abgewiesen nichts getan als was seine Würde von ihm erfordert die Zehnmänner
hingegen hätten durch diesen unbesonnenen Schritt wozu die Mehrheit derselben
von dem Priester Strobylus verleitet worden ihn in den Fall gesetzt von der
Republik wegen einer so groben Verletzung seiner erzpriesterlichen Vorrechte im
Namen Jasons und aller Jasoniden die strengste und vollständigste Genugtuung zu
fordern Die Sache wäre von wichtigern Folgen als die Anhänger des Zunftmeister
Pfrieme und Strobylus mit seinen Froschpflegern sich vielleicht vorstellten Das
goldne Vliess welches die Jasoniden als ihr wichtigstes Erbgut in diesem Tempel
aufbewahrten wäre seit Jahrhunderten als das Palladium von Abdera betrachtet
und verehrt worden Die Abderiten hätten sich also wohl vorzusehen keine
Schritte zu tun noch zuzulassen wodurch sie vielleicht durch eigne Schuld
desjenigen beraubt werden könnten an welches nach einem uralten und zur
Religion gewordnen Glauben das Schicksal und die Erhaltung ihrer Republik
gebunden sei
Der Erzpriester empfing auf diesen Vortrag von allen Anwesenden die
stärksten Versicherungen ihres Eifers sowohl für die gemeine Sache als für die
Rechte und Freiheiten des Jasontempels Man besprach sich über die verschiedenen
Maßregeln die man nehmen wollte um die Bürgerschaft in ihren guten Gesinnungen
zu befestigen und diejenigen wieder zu gewinnen die entweder das vorgegebne
Wunderzeichen mit den Fröschen der Latona irre gemacht oder Strobylus gegen die
Störche des Erzpriesters aufgewiegelt haben würde Die Versammlung trennte sich
hierauf und jeder begab sich an seinen Posten nachdem Agatyrsus sie alle zu
einem feierlichen Opfer eingeladen hatte welches er diesen Abend dem Jason in
seinem Tempel bringen wollte
Während dass dies im Palast des Erzpriesters vorging war der Archon äußerst
missvergnügt über die nicht allzuehrenfeste Rolle die er wider Willen hatte
spielen müssen nach Hause gekommen und hatte alle seine Verwandte Brüder
Schwäger Söhne Tochtermänner Neffen und Vettern zu sich berufen lassen um
ihnen anzukündigen was gestalten er fest entschlossen sei morgenden Tages vor
dem großen Rat seine Würde niederzulegen und sich auf ein Landgut das er vor
einigen Jahren auf der Insel Tasos gekauft hatte zurückzuziehen Sein ältester
Sohn und noch etliche von der Familie waren bei diesem Familienconvent nicht
zugegen weil sie eine halbe Stunde zuvor zu dem Erzpriester waren gebeten
worden Da nun die übrigen sahen dass Onolaus aller ihrer Bitten und
Vorstellungen ungeachtet unbeweglich auf seinem Vorsatz beharrte so schlich
sich einer von ihnen weg um der Versammlung im Jasonstempel Nachricht davon zu
geben und sie um ihren Beistand gegen einen so unverhofften widrigen Zufall zu
ersuchen
Er langte eben an da die Versammlung im Begriff war auseinander zu gehen
Diejenigen denen die Gemütsart des Archon von langem her bekannt war fanden
die Sache bedenklicher als sie beim ersten Anblick den Meisten vorkam Seit
zehn Jahren sagten sie ist dies vielleicht das erstemal dass der Archon eine
Entschließung aus sich selbst genommen hat Gewiss ist sie ihm nicht plötzlich
gekommen Er brütet schon eine geraume Zeit darüber und der heutige Vorgang hat
nur die Schale gesprengt die über kurz oder lang doch hätte brechen müssen
Kurz diese Entschließung ist sein eigen Werk man kann also sicher darauf
rechnen dass es nicht so leicht sein wird ihn davon zurückzubringen
Die ganze Versammlung geriet darüber in Unruhe Man fand dass dieser Streich
in einem so schwankenden Zeitpunkt wie der gegenwärtige der ganzen Partei und
der Republik selbst sehr nachteilig werden könnte Es wurde also einhellig
beschlossen dass man zwar so viel von diesem Vorhaben des Archons unter das Volk
kommen lassen müsste als vonnöten sei solches in Furcht und Ungewissheit zu
setzen zugleich aber wollte man auch veranstalten dass noch vor dem Opfer im
Jasonstempel die Angesehensten von den Räten und Bürgern beider Parteien sich zu
dem Archon begeben und ihn im Namen des ganzen Abdera beschwören sollten das
Ruder der Republik nicht mitten in einem Sturm zu verlassen wo sie eines so
weisen Piloten am meisten vonnöten hätten
Der Gedanke die Vornehmsten von beiden Parteien hierin zu vereinigen wurde
dadurch notwendig weil man voraus sah dass ohne dieses alle ihre Arbeit an dem
Archon fruchtlos sein würde Denn wiewohl er von Jugend an der Aristokratie
eifrig ergeben war so hatte er sich doch zu einem Grundsatz gemacht nicht
dafür angesehen sein zu wollen und die Popularität die er zu diesem Ende schon
so lange affectierte dass sie ihm endlich ganz natürlich ließ war es eben was
ihn beim Volke so beliebt gemacht hatte als noch wenige von seinen Vorfahren
gewesen waren Besonders aber hatte er seitdem sich die Stadt in die zwo
Parteien der Esel und der Schatten geteilt befand einen ordentlichen Ehrenpunct
darin gesetzt sich so zu betragen dass er keiner von beiden Parteien Ursach
gäbe ihn zu der ihrigen zu zählen und wiewohl beinahe alle seine Freunde und
Anverwandte erklärte Esel waren so blieben die Schatten doch überzeugt dass sie
nichts dadurch verlören und die Esel nichts dabei gewönnen indem diese
letztere genötigt waren alle ihre Schritte vor ihm zu verbergen und bei jedem
Vorteil den sie über die Schatten erhielten sich darauf verlassen konnten dass
er um die Sachen wieder ins Gleichgewicht zu bringen sich auf die Seite ihrer
Gegner neigen würde wiewohl er keinen einzigen von ihnen persönlich liebte
Die Bekanntmachung der Entschließung des Archons hatte alle die Wirkung die
man sich davon versprochen hatte Das Volk geriet darüber in neue Bestürzung
die Meisten sagten man brauche nun weiter nicht nachzuforschen was die
Wehklage der geheiligten Frösche vorbedeute Wenn der Archon die Republik in dem
betrübten Zustande worin sie sich befinde verlasse so sei alles verloren
Der Priester Strobylus und der Zunftmeister Pfrieme erhielten die Nachricht
von dem großen Opfer das der Erzpriester veranstalte und das Gerüchte von dem
Entschluss des Archon seine Stelle niederzulegen zu gleicher Zeit Sie
übersahn beim ersten Blick die Folgen dieses gedoppelten Streichs und eilten
den einen zu erwidern und dem andern zuvorzukommen Strobylus ließ das Volk zu
einer Expiation einladen welche auf den Abend in dem Tempel der Latona mit
großen Feierlichkeiten angestellt werden sollte um die Stadt von geheimen
Verbrechen zu reinigen und die schlimme Vorbedeutung des Eleleleleleu der
geheiligten Frösche abzuwenden Der Zunftmeister hingegen ging die Räte
Zunftmeister und angesehensten Bürger von seiner Partei aufzusuchen und sich
mit ihnen zu beraten wie der Archon auf andere Gedanken zu bringen sein möchte
Die Meisten waren schon durch die geheimen Werkzeuge der Gegenpartei
vorbereitet welche als ein großes Geheimnis herumgeflüstert hatten man wüsste
ganz gewiss dass die Esel sich alle mögliche Mühe gäben den Archon unter der
Hand in seinem Entschluss zu bestärken Die Schatten hielten sich dadurch
überzeugt dass ihre Gegner einen aus ihrem Mittel zu der höchsten Würde in der
Republik zu erheben gedächten und also der Mehrheit im großen Rat bei welchem
die Wahl stund schon ganz gewiss sein müssten Diese Betrachtung setzte sie in so
großen Allarm dass sie mit einer Menge Volks hinter ihnen her zur Wohnung des
Onolaus eilten und während der Pöbel ein Vivat nach dem andern erschallen ließ
hinaufgingen um Seine Gnaden im Namen der ganzen Bürgerschaft flehentlich zu
bitten den unglücklichen Gedanken an Resignation aufzugeben und sie niemals
am wenigsten zu einer Zeit zu verlassen wo seine Weisheit zu Beruhigung der
Stadt unentbehrlich sei
Der Archon zeigte sich über diesen öffentlichen Beweis der Liebe und des
Vertrauens seiner werten Mitbürger sehr vergnügt Er verhielt ihnen nicht dass
kaum vor einer Viertelstunde der größte Teil der Ratsherren der Jasoniden und
aller übrigen alten Geschlechter von Abdera bei ihm gewesen und eben diese
Bitte in eben so geneigten und dringenden Ausdrücken an ihn getan hätten So
große Ursache er auch habe der beschwerlichen Regierungslast müde zu sein und
zu wünschen dass sie auf stärkere Schultern als die seinigen gelegt werden
möchte so habe er doch kein Herz das diesem so lebhaft ausgedrückten Zutrauen
beider Parteien widerstehen könne Er sehe diese ihre Einmütigkeit in Absicht
auf seine Person und Würde als eine gute Vorbedeutung für die baldige
Wiederherstellung der gemeinen Ruhe an und werde seines Orts alles Mögliche mit
Vergnügen dazu beitragen
Als der Archon diese schöne Rede geendigt hatte sahen die Schatten einander
aus großen Augen an und fanden sich zu ihrem empfindlichsten Missvergnügen auf
einmal um die Hälfte klüger als zuvor Denn sie merkten nun dass sie von den
Eseln betrogen und zu einem falschen Schritt verleitet worden waren Sie
hatten in der Meinung dass sie diesen Schritt allein täten den Archon ganz
dadurch auf ihre Seite zu ziehen gehofft und nun befand sichs dass er ihren
Gegnern eben so viel Verbindlichkeit hatte als ihnen welches just so viel war
als ob er ihnen gar keine hätte Aber das war noch nicht das Ärgste Das
hinterlistige Betragen der Esel war ein offenbarer Beweis wie viel ihnen daran
gelegen sei dass die Stelle des Archons nicht ledig würde Nun konnte ihnen aber
an der Person des Onolaus selbst nicht viel gelegen sein denn er hatte nie das
Geringste für ihre Partei getan Wenn sie also so eifrig wünschten dass er
seinen Platz behalten möchte so konnt es aus keiner andern Ursache geschehen
als weil sie sich versichert hielten dass die Schatten Meister von der Wahl des
neuen Archons bleiben würden Diese Betrachtungen die sich ihnen jetzt in einem
Blick darstellten waren von einer so verdrießlichen Art dass die armen Schatten
alle Mühe von der Welt hatten ihren Unmut zu verbergen und sich zu großem
Vergnügen des Archons ziemlich eilfertig wegbegaben ohne dass es diesem
eingefallen wäre sich darüber zu verwundern oder die Veränderung in ihren
Gesichtern wahrzunehmen
Der heutige Tag war ein großer Tag für den weisen und ziemlich
schwerbeleibten Onolaus gewesen und er war nun vollkommen wieder mit Abdera
zufrieden Er befahl also dass seine Türe geschlossen werden sollte zog sich in
sein Gynäceum zurück warf sich in seinen Lehnstuhl schwatzte mit seiner Frau
und seinen Töchtern aß zu Nacht ging zeitig zu Bette und schlief
wohlgetröstet und unbesorgt um das Schicksal von Abdera bis an den hellen
Morgen
Zwölftes Kapitel
Der Entscheidungstag
Maßregeln beider Parteien
Die Vierhundert versammeln sich und das Gericht nimmt seinen Anfang
Philantropischpatriotische Träume des Herausgebers dieser merkwürdigen
Geschichte
Die verschiedenen Maschinen welche man diesen Tag über auf beiden Seiten hatte
spielen lassen brachten den abderitischen Staatskörper bei dem Anschein der
größten innerlichen Bewegung durch die Stöße die er nach entgegengesetzter
Richtung erhielt in eine Art von waagerechtes Schwanken vermöge dessen um die
Zeit da die Vierhundert zu Entscheidung des Eselsschattenhandels zusammenkamen
sich alles ungefähr in eben dem Stande befand worin es einige Tage zuvor
gewesen war di dass die Esel den größten Teil des Rats die Patricier und die
Ansehnlichsten und Vermöglichsten von der Bürgerschaft auf ihrer Seite hatten
die Schatten hingegen ihre meiste Stärke von der größeren Anzahl zogen Denn
seit dem großen feierlichen Umgang um den Froschteich der Latona welchen
Strobylus den Abend zuvor veranstaltet und dem die sämtlichen Schatten mit dem
Nomophylax Gryllus und dem Zunftmeister Pfrieme an ihrer Spitze sehr andächtig
beigewohnt hatten war der Pöbel wieder gänzlich für die letztere Partei
erklärt
Es würde bei Gelegenheit dieses Umgangs dem Priester Strobylus und den
übrigen Häuptern derselben ein Leichtes gewesen sein mittelst ihres Ansehens
über einen fanatischen Haufen Volkes welcher größtenteils bei gänzlicher
Zerrüttung der Republik mehr zu gewinnen als zu verlieren hatte noch an
selbigem Abend viel Unheil in Abdera anzurichten Allein außerdem dass der
Oberpriester im Namen des Archons noch einmal nachdrücklichst angewiesen worden
war den Pöbel in gehöriger Ordnung zu erhalten und dafür zu sorgen dass der
Tempel und alle Zugänge zu dem geheiligten Teiche noch vor Sonnenuntergang
geschlossen wären so waren sie auch selbst weit entfernt die Sache ohne
höchste Not aufs äußerste treiben oder die ganze Stadt in Blut und Flammen
setzen zu wollen und so klug waren sie doch Trotz ihrer übrigen Abderiteit
um einzusehen dass wenn ihnen der Pöbel einmal die Zügel aus den Händen
gerissen hätte es nicht mehr in ihrer Gewalt sein würde der ungestümen Wut
eines so blinden reißenden Tiers wieder Einhalt zu tun Der Zunftmeister
begnügte sich also da der Umgang vorbei war und die Türen des Tempels
geschlossen wurden dem auseinandergehenden Volke zu sagen er hoffe dass sich
alle redliche Abderiten morgen um neun Uhr auf dem Markte bei dem Urteil über
den Handel ihres Mitbürgers Strution einfinden und so viel an ihnen wäre
dazu verhelfen würden dass seine gerechte Sache den Sieg davon trage
Die Einladung war zwar ungeachtet der glimpflichen und seiner Meinung
nach sehr behutsamen Ausdrücke worin er sie vorbrachte nicht viel besser als
ein höchst illegales Verfahren eines aufrührischen Zunftmeisters der im Notfall
die Richter durch die unmittelbare Gefahr eines Tumults nötigen wollte das
Urteil nach seinem Sinn abzufassen Allein dies war es auch worauf es ankommen
zu lassen die Schatten fest entschlossen waren und da die andere Partei hievon
völlig überzeugt war so hatten sie ihrerseits alle mögliche Maßregeln genommen
sich auf das Äußerste was begegnen könnte gefasst zu machen
Der Erzpriester ließ sobald das Gericht den Anfang nahm alle Zugänge zum
Jasontempel von einer Schar handfester Gerber und Fleischer die mit tüchtigen
Knitteln und Messern versehen waren besetzen und in den Häusern der
vornehmsten Esel hatte man sich in eine Verfassung gesetzt als ob man eine
Belagerung auszuhalten gedenke Die Esel selbst erschienen mit Dolchen unter
ihren langen Kleidern auf dem Gerichtsplatz und einige von denen die am
lautesten sprachen hatten die Vorsicht gebraucht sogar einen Panzer unter
ihrem Brustlatz zu tragen um ihren patriotischen Busen mit desto größerer
Sicherheit den Stößen der Feinde der guten Sache entgegensetzen zu können
Die neunte Stunde kam nun heran Ganz Abdera stund in zitternder Bewegung
erwartungsvoll des Ausgangs den ein so unerhörter Handel nehmen würde und
niemand hatte sein Frühstück ordentlich zu sich genommen wiewohl alles schon
mit Tagesanbruch auf den Füßen war Die Vierhundert versammelten sich auf der
Terrasse der Tempel des Apollo und der Diana dem gewöhnlichen Platz wo der
große Rat unter freiem Himmel gehalten wurde dem großen Marktplatz gegenüber
von welchem man auf einer breiten Treppe von vierzehn Stufen zur Terrasse hinauf
stieg Auch die Parteien mit ihren nächsten Anverwandten und mit ihren beiden
Sykophanten hatten sich bereits eingefunden und ihren gehörigen Platz
eingenommen indessen sich der ganze Markt mit einer Menge Volks anfüllte
dessen Gesinnungen durch ein lärmendes Vivat so oft ein Ratsherr oder
Zunftmeister von der Schattenpartei einhergestiegen kam sich deutlich genug
verrieten
Alles wartete nun auf den Nomophylax der nach den Gewohnheiten der Stadt
Abdera in allen Fällen wo die Versammlung des großen Rates nicht unmittelbare
Angelegenheiten des gemeinen Wesens betraf das Präsidium bei demselben führte
Die Esel hatten zwar alles angewandt den Archon Onolaus dahin zu bringen dass
er weil es doch um ein neues Gesetz zu tun wäre den elfenbeinernen Lehnstuhl
der um drei Stufen über die Bänke der Räte erhöht für den Präsidenten gesetzt
war mit seiner eignen ehrwürdigen Person ausfüllen möchte Aber er erklärte
sich dass er lieber das Leben lassen als sich dazu verstehen wolle über ein
Eselsschattengericht zu präsidieren Man hatte sich also gezwungen gesehen
seiner Delicatesse nachzugeben
Der Nomophylax als ein großer Anhänger der Etikette gewohnt bei
dergleichen Gelegenheiten auf sich warten zu lassen hatte dafür gesorgt dass die
Versammlung indessen mit einer Musik von seiner Komposition unterhalten und
wie er sagte zu einer so feierlichen Handlung vorbereitet würde Dieser
Einfall wiewohl er eine Neuerung war wurde dennoch sehr wohl aufgenommen und
tat gegen die Absicht des Nomophylax der seine Partei dadurch in verstärkte
Bewegungen von Mut und Eifer hatte setzen wollen eine sehr gute Wirkung Denn
die Musik gab denen von der Partei des Erzpriesters zu einer Menge spässiger
Einfälle Anlass über welche sich von Zeit zu Zeit ein großes Gelächter erhob
Einer sagte Dieses Allegro klingt ja wie ein Schlachtgesang zu einem
Wachtelkampfe fiel ein anderer ein Dafür tönt aber auch sagte ein dritter
das Adagio als ob es dem Zahnbrecher Strution und Meister Knieriemen seinem
Schutzpatron zu Grabe singen sollte Die ganze Musik meinte ein vierter
verdiene von Schatten gemacht und von Eseln gehört zu werden usw Wie
frostig nun auch diese Scherze waren so brauchte es doch bei einem so
jovialischen und so leicht anzusteckenden Völkchen nichts mehr um die ganze
Versammlung unvermerkt in ihre natürliche komische Laune umzustimmen eine
Laune die der Parteiwut wovon sie noch besessen waren unvermerkt ihren Gift
benahm und vielleicht mehr als irgend etwas anders zur Erhaltung der Stadt in
diesem kritischen Augenblicke beitrug
Endlich erschien der Nomophylax mit seiner Leibwache von armen alten
Invalidenhandwerkern welche mit stumpfen Hellebarten und mit einer friedsamen
Art von eingerosteten Degen bewaffnet mehr das Ansehen von den lächerlichen
Figuren hatten womit man in Gärten die Vögel schreckt als von Kriegsmännern
die dem Gericht beim Pöbel Würde und Furchtbarkeit verschaffen sollten Wohl
indessen der Republik die zu Beschirmung ihrer Tore und innerlichen Sicherheit
keiner andern Helden nötig hat als solcher
Der Anblick dieser grotesken Milizer und die ungeschickte possierliche Art
wie sie sich in dem kriegerischen Aufzuge worein man sie nicht ohne Mühe
verkleidet hatte gebärdeten erweckte bei dem zuschauenden Volke einen neuen
Anstoß von Lustigkeit so dass der Herold viele Mühe hatte die Leute endlich zu
einer leidlichen Stille und zu dem Respekt den sie dem höchsten Gerichte
schuldig waren zu bringen
Der Präsident eröffnete nunmehr die Session mit einer kurzen Rede der
Herold gebot ein abermaliges Stillschweigen und die Sykophanten beider Teile
wurden namentlich aufgefodert sich mit ihrer Klage und Verantwortung mündlich
vernehmen zu lassen
Den Sykophanten welche für große Meister in ihrer Art passierten musste die
Gelegenheit ihre Kunst an einem Eselsschatten sehen zu lassen an sich allein
schon eine große Aufmunterung sein Man kann also leicht denken wie sie sich
nun vollends zusammengenommen haben werden da dieser Eselsschatten ein
Gegenstand geworden war an dem die ganze Republik Anteil nahm und um dessen
willen sie sich in zwo Parteien getrennt hatte deren jede die Sache ihres
Klienten zu ihrer eignen machte Seit ein Abdera in der Welt war hatte man noch
keinen Rechtshandel gesehen der so lächerlich an sich selbst und so ernstaft
durch die Art wie er behandelt wurde gewesen wäre Ein Sykophant müsste nur
ganz und gar kein Genie und keinen Sykophantensinn gehabt haben der bei einer
solchen Gelegenheit nicht sich selbst übertroffen hätte
Um so mehr ist es zu beklagen dass der übelberüchtigte Zahn der Zeit dem so
viele andere große Werke des Genies und Witzes nicht entgehen konnten noch
künftig entgehen werden leider auch der Originale dieser beiden berühmten
Reden nicht verschont hat wenigstens so viel uns bekannt ist Denn wer weiß ob
es nicht vielleicht einem künftigen Fourmont oder Sevin der auf Entdeckung
alter Handschriften ausgeht dereinst gelingen mag eine Abschrift derselben in
irgendeinem bestaubten Winkel einer alten griechischen Klosterbibliotek
aufzuspüren Oder wenn dies nicht zu hoffen stünde wer kann sagen ob nicht in
der Folge der Zeiten Tracien selbst wieder in die Hände christlicher Fürsten
fallen wird die sich nach dem Beispiel einiger großen Könige unsers
philosophischheroischen Alters eine Ehre daraus machen werden mächtige
Beförderer der Wissenschaften zu sein Akademien zu stiften versunkne Städte
ausgraben zu lassen usw Wer weiß ob nicht alsdann diese gegenwärtige
Abderitengeschichte selbst so unvollkommen sie ist in die Sprache dieses
künftig bessern Traciens übersetzt die Ehre haben wird Gelegenheit zu geben
dass ein solcher neutracischer Musagete auf den Einfall kommt die Stadt Abdera
aus ihrem Schutte hervorgraben zu lassen Da dann ohne Zweifel auch die Kanzlei
und das Archiv dieser berühmten Republik und in demselben die sämtlichen
Originalacten des Processes um des Esels Schatten nebst den beiden Reden deren
Verlust wir beklagen sich wieder finden werden Es ist wenigstens angenehm
sich solchergestalt auf den Flügeln patriotischmenschenfreundlicher Träume in
die Zunkunft zu schwingen und sich an den Glückseligkeiten zu laben die unsern
Nachkommen noch bevorstehen Glückseligkeiten für welche die bekanntermassen
immer steigende Vervollkommnung der Wissenschaften und Künste und der von ihnen
sich über alles Fleisch ergiessenden Erleuchtung Verschönerung und Sublimierung
der Denkart des Geschmacks und der Sitten uns sichre Bürgschaft leistet
Inzwischen gereicht es uns doch zu einigem Troste dass wir uns im Stande
sehen aus den Papieren aus welchen gegenwärtige Fragmente der
Abderitengeschichte genommen sind wenigstens einen Auszug dieser Reden zu
liefern dessen Echteit um so weniger verdächtig ist da kein Leser der eine
Nase hat den Duft der Abderiteit verkennen wird der daraus emporsteigt ein
innerliches Argument das am Ende doch immer das beste zu sein scheint das für
das Werk irgend eines Sterblichen er sei nun ein Ossian oder ein abderitischer
Feigenredner sich geben lässt
Dreizehntes Kapitel
Rede des Sykophanten Physignatus
Der Sykophant Physignatus der als Sachwalter des Zahnarztes Strution zuerst
redete war ein Mann von Mittelgrösse starken Muskeln und breiten Lungenflügeln
Er wusste sich viel damit dass er ein Schüler des berühmten Gorgias gewesen war
und machte Ansprüche einer der größten Redner seiner Zeit zu sein Aber darin
war er wie in vielen andern Stücken ein offenbarer Abderit Seine größte Kunst
bestund darin dass er um seinem wortreichen Vortrag durch die manchfaltige
Modulation seiner Stimme mehr Lebhaftigkeit und Ausdruck zu geben in dem Umfang
von anderthalb Octaven von einem Intervall zum andern wie ein Eichhorn
herumsprang und so viel Grimassen und Gesticulationen dazu machte als ob er
seinen Zuhörern nur durch Gebärden verständlich werden könnte
Indessen wollen wir ihm doch hiemit das Verdienst nicht ableugnen dass er
mit allen den Handgriffen womit man die Richter zu seinem Vorteil einnehmen
ihren Verstand verwirren seinen Gegenteil verhasst und überhaupt eine Sache
besser als sie ist scheinen machen kann ziemlich fertig umzuspringen auch
bei Gelegenheit keine unfeine Gemälde zu machen wusste wie der scharfsinnige
Leser aus seiner Rede selbst ohne unser Erinnern am besten abnehmen wird
Physignatus trat mit der ganzen Unverschämtheit eines Sykophanten auf der
sich darauf verlässt dass er Abderiten zu Zuhörern hat und fing also an
»Edle Ehrenfeste und Weise Grossmögende Vierhundertmänner
Wenn jemals ein Tag war an welchem sich die Vortrefflichkeit der Verfassung
unsrer Republik in ihrem größten Glanz enthüllt hat und wenn jemals ich mit dem
Gefühl was es ist ein Bürger von Abdera zu sein unter euch aufgetreten bin so
ist es an diesem großen festlichen Tage da vor diesem ehrwürdigen höchsten
Gerichte vor dieser erwartungsvollen und teilnehmenden Menge des Volks vor
diesem ansehnlichen Zusammenfluss von Fremden die der Ruf eines so
außerordentlichen Schauspiels scharenweise herbeigezogen hat ein Rechtshandel
zur Entscheidung gebracht werden soll der in einem minder freien minder
wohleingerichteten Staat der selbst in einem Teben Athen oder Sparta nicht
für wichtig genug gehalten worden wäre die stolzen Verwalter des gemeinen
Wesens nur einen Augenblick zu beschäftigen Edles preiswürdiges dreimal
glückliches Abdera Du allein geniessest unter dem Schutz einer Gesetzgebung der
auch die geringsten auch die zweifelhaftesten und spitzfündigsten Rechte und
Ansprüche der Bürger heilig sind du allein geniessest das Wesen einer Sicherheit
und Freiheit von denen andere Republiken was auch sonst die Vorzüge sein mögen
womit sich ihre patriotische Eitelkeit brüstet nur den Schatten zum Anteil
haben
Oder sagt mir in welcher andern Republik würde ein Rechtshandel zwischen
einem gemeinen Bürger und einem der Geringsten aus dem Volke ein Handel der
dem ersten Anblick nach kaum zwo oder drei Drachmen beträgt ein Handel über
einen Gegenstand der so unbedeutend scheint dass die Gesetze ihn bei Benennung
der Dinge welche ins Eigentum kommen können gänzlich vergessen zu haben
scheinen ein Handel über etwas dem ein subtiler Dialektiker sogar den Namen
eines Dinges streitig machen könnte mit einem Wort ein Streit über den
Schatten eines Esels zum Gegenstand der allgemeinen Teilnehmung zur Sache
eines jeden und also wenn ich so sagen darf gleichsam zur Sache des ganzen
Staats geworden sein In welcher andern Republik sind die Gesetze des Eigentums
so bestimmt die gegenseitigen Jura vel quasi der Bürger vor aller Willkür der
obrigkeitlichen Personen so sicher gestellt die geringfügigsten Ansprüche oder
Forderungen selbst des Ärmsten in den Augen der Obrigkeit so wichtig und hoch
angesehen dass das höchste Gericht der Republik selbst es nicht unter seiner
Würde hält sich feierlich zu versammeln um über das zweifelhaft scheinende
Recht an einen Eselsschatten zu erkennen Wehe dem Mann der bei diesem Worte die
Nase rümpfen und aus albernen kindischen Begriffen von dem was groß oder klein
ist mit unverständigem Hohnlächeln ansehen kann was die höchste Ehre unsrer
Justizverfassung der Ruhm unsrer Obrigkeit der Triumph des ganzen
abderitischen Wesens und eines jeden guten Bürgers ist Wehe dem Mann ich
wiederhol es zum zweitenund drittenmal der keinen Sinn hat dies zu fühlen
Und Heil der Republik in welcher sobald es auf die Gerechtsame der Bürger
auf einen Zweifel über Mein und Dein die Grundfeste aller bürgerlichen
Sicherheit ankömmt auch ein Eselsschatten keine Kleinigkeit ist
Aber indem ich solchergestalt auf der einen Seite mit aller Wärme eines
Patrioten allem gerechten Stolz eines echten Abderiten fühle und erkenne
welch ein glorreiches Zeugnis von der vortrefflichen Verfassung unsrer Republik
sowohl als von der unparteiischen Festigkeit und nichts übersehenden Sorgfalt
womit unsre ruhmwürdigst regierende Obrigkeit die Waage der Gerechtigkeit
handhabet dieser vorliegende Handel bei der spätesten Nachkommenschaft ablegen
wird wie sehr muss ich auf der andern Seite die Abnahme jener treuherzigen
Einfalt unsrer Vorältern das Verschwinden jener mitbürgerlichen und
freundnachbarlichen Sinnesart jener gegenseitigen Dienstgeflissenheit jener
freiwilligen Geneigteit aus Liebe und Freundschaft aus gutem Herzen oder
wenigstens um des Friedens willen etwas von unserm vermeinten strengen Recht
fahrenzulassen wie sehr mit einem Wort muss ich den Verfall der guten alten
abderitischen Sitten beklagen der die wahre und einzige Quelle des unwürdigen
des schamvollen Rechtshandels ist in welchem wir heute befangen sind Wie
werd ichs ohne glühende Schamröte heraus sagen können O du einst so berühmte
Biederherzigkeit unsrer guten Alten ist es dahin mit dir gekommen dass
abderitische Bürger sie die bei jeder Gelegenheit aus vaterländischer Treue
und nachbarlicher Freundschaft bereit sein sollten das Herz im Leibe mit
einander zu teilen so eigennützig so karg so unfreundlich was sag ich so
unmenschlich sind einander sogar den Schatten eines Esels zu versagen
Doch verzeiht mir werte Mitbürger ich irrte mich in dem Worte
verzeiht mir eine unvorsetzliche Beleidigung Derjenige der einer so niedrigen
so rohen und barbarischen Denkart fähig war ist keiner unsrer Mitbürger Es ist
ein bloßer geduldeter Einwohner unsrer Stadt ein bloßer Schutzverwandter des
Jasontempels ein Mensch aus den dicksten Hefen des Pöbels ein Mensch von
dessen Geburt Erziehung und Lebensart nichts bessers zu erwarten war mit einem
Wort ein Eseltreiber der außer dem gleichen Boden und der gemeinsamen Luft
die er atmet nichts mit uns gemein hat als was uns auch mit den wildesten
Völkern der hyperboreischen Wüsten gemein ist Seine Schande klebt an ihm
allein uns kann sie nicht besudeln Ein abderitischer Bürger ich unterstehe
michs zu sagen hätte sich keiner solchen Untat schuldig machen können
Aber nenn ich sie vielleicht mit einem zu strengen Namen diese Tat
Stellet euch ich bitte an den Platz eures guten Mitbürgers Strution und
fühlet
Er reist in seinen Geschäften in Geschäften seiner edelen Kunst die es
bloß mit Vermindrung der Leiden seiner Nebenmenschen zu tun hat von Abdera nach
Gerania Der Tag ist einer der schwülsten Sommertage Die strengste Sonnenhitze
scheint den ganzen Horizont in den hohlen Bauch eines glühenden Backofens
verwandelt zu haben Kein Wölkchen das ihre sengende Strahlen dämpfe Kein
wehendes Lüftchen den verlechzten Wandrer anzufrischen Die Sonne flammt über
seinem Scheitel saugt das Blut aus seinen Adern das Mark aus seinen Knochen
Lechzend die dürre Zung am Gaumen mit trüben von Hitze und Glanz
erblindenden Augen sieht er sich nach einem Schattenplatz nach irgend einem
einzelnen mitleidigen Baum um unter dessen Schirm er sich erholen er einen Mund
voll frischerer Luft einatmen einen Augenblick vor den glühenden Pfeilen des
unerbittlichen Apollo sicher sein könnte
Umsonst Ihr kennet alle die Gegend von Abdera nach Gerania Zwei Stunden
lang zur Schande des ganzen Traciens sei es gesagt kein Baum keine Staude
die das Auge des Wandrers in dieser abscheulichen Fläche von mageren Brach und
Kornfeldern erfrischen oder ihm gegen die mittägliche Sonne Zuflucht geben
könnte
Der arme Strution sank endlich von seinem Tier herab Die Natur vermocht
es nicht länger auszudauern Er ließ den Esel halten und setzte sich in seinen
Schatten Schwaches armseliges Erholungsmittel Aber so wenig es war war es
doch etwas
Und welch ein Ungeheuer musste der Gefühllose der Felsenherzige sein der
seinem leidenden Nebenmenschen in solchen Umständen den Schatten eines Esels
versagen konnte Wär es glaublich dass es einen solchen Menschen gebe wenn wir
ihn nicht mit eignen Augen vor uns sähen Aber hier steht er und was beinahe
noch ärger noch unglaublicher als die Tat selbst ist er bekennt sich von
freien Stücken dazu scheint sich seiner Schande noch zu rühmen und damit er
keinem seines gleichen der künftig geboren werden mag eine Möglichkeit ihm an
schamloser Frechheit gleich zu kommen übrig lasse treibt er sie so weit
nachdem er schon von dem ehrwürdigen Stadtgericht in erster Instanz verurteilet
worden sogar vor der Majestät dieses höchsten Gerichtshofes der
Vierhundertmänner zu behaupten dass er Recht daran getan habe Ich versagte ihm
den Eselsschatten nicht spricht er wiewohl ich nach dem strengen Recht nicht
schuldig war ihn darin sitzen zu lassen ich verlangte nur eine billige
Erkenntlichkeit dafür dass ich ihm zu dem Esel den ich ihm vermietet hatte
nun auch den Schatten des Esels überlassen sollte den ich nicht vermietet
hatte Elende schändliche Ausflucht Was würden wir von dem Manne denken der
einem halbverschmachtenden Wandrer verwehren wollte sich ohnentgeltlich in den
Schatten seines Baumes zu setzen Oder wie würden wir denjenigen nennen der
einem vor Durst sterbenden Fremdling nicht gestatten wollte sich aus dem Wasser
zu laben das auf seinem Grund und Boden flösse
Erinnert euch o ihr Männer von Abdera dass dies allein und kein andres
das Verbrechen jener lycischen Bauern war die der Vater der Götter und der
Menschen zur Rache wegen einer gleichartigen Unmenschlichkeit die diese Elenden
an seiner geliebten Latona und ihren Kindern ausübten zum schrecklichen
Beispiel aller Folgezeiten in Frösche verwandelte Ein furchtbares Wunder
dessen Wahrheit und Andenken mitten unter uns in dem heiligen Hain und Teich der
Latona der ehrwürdigen Schutzgöttin unsrer Stadt lebendig erhalten verewigt
und gleichsam täglich erneuert wird Und du Antrax du ein Einwohner der
Stadt in welcher dieses furchtbare Denkmal des Zorns der Götter über
verweigerte Menschlichkeit ein Gegenstand des öffentlichen Glaubens und
Gottesdienstes ist du scheutest dich nicht ihre Rache durch ein ähnliches
Verbrechen auf dich zu ziehen
Aber du trotzest auf dein Eigentumsrecht Wer sich seines Rechts bedient
sprichst du der tut niemand Unrecht Ich bin einem andern nicht mehr schuldig
als er um mich verdient Wenn der Esel mein Eigentum ist so ist es auch sein
Schatten
Sagst du das Und glaubst du oder glaubt der scharfsinnige und beredte
Sachwalter in dessen Hände du die schlimmste Sache die jemals vor ein Götter
oder Menschengericht gekommen gestellt hast glaubt er mit aller Zauberei
seiner Beredsamkeit oder mit allem Spinngewebe sophistischer Trugschlüsse
unsern Verstand dergestalt zu überwältigen und zu umspinnen dass wir uns
überreden lassen sollten einen Schatten für etwas Wirkliches geschweige für
etwas an welches jemand ein directes und ausschliessendes Recht haben könne zu
halten
Ich würde grossmögende Herren eure Geduld missbrauchen und eure Weisheit
beleidigen wenn ich alle Gründe hier wiederholen wollte womit ich bereits in
der ersten Instanz actenkundigermassen die Nichtigkeit der gegnerischen
Scheingründe dargetan habe Ich begnüge mich für jetzt nach Erfordernis der
Notdurft nur dies Wenige davon zu sagen Ein Schatten kann genau zu reden
nicht unter die wirklichen Dinge gerechnet werden Denn das was ihn zum
Schatten macht ist nichts Wirkliches und Positives sondern gerade das
Gegenteil nämlich die Entziehung desjenigen Lichtes welches auf den übrigen
den Schatten umgebenden Dingen liegt In vorliegendem Fall ist die schiefe
Stellung der Sonne und die Undurchsichtigkeit des Esels eine Eigenschaft die
ihm nicht in so fern er ein Esel sondern in so fern er ein opaker Körper ist
anklebt die einzige wahre Ursache des Schattens den der Esel zu werfen
scheint und den jeder andre Körper an seinem Platze werfen würde denn die
Figur des Schattens tut hier nichts zur Sache Mein Klient hat sich also genau
zu reden nicht in den Schatten eines Esels sondern in den Schatten eines
Körpers gesetzt und der Umstand dass dieser Körper ein Esel und der Esel ein
Hausgenosse eines gewissen Antrax aus dem Jasontempel zu Abdera war ging ihn
eben so wenig an als er zur Sache gehörte Denn wie gesagt nicht die Asinität
oder Eselheit wenn ich so sagen darf sondern die Körperlichkeit und
Undurchsichtigkeit des mehrbesagten Esels ist der Grund des Schattens den er zu
werfen scheint
Allein wenn wir auch zum Überfluss zugeben dass der Schatten unter die Dinge
gehöre so ist aus unzähligen Beispielen klar und weltbekannt dass er zu den
gemeinen Dingen zu rechnen ist an welche ein jeder so viel Recht hat als der
andre und an die sich derjenige das nächste Recht erwirbt der sie zuerst in
Besitz nimmt
Doch ich will noch mehr tun ich will sogar zugeben dass des Esels Schatten
ein Zubehör des Esels sei so gut als es seine Ohren sind was gewinnt der
Gegenteil dadurch Strution hatte den Esel gemietet folglich auch seinen
Schatten Denn es versteht sich bei jedem Mietcontract dass der Vermieter dem
Abmieter die Sache wovon die Rede ist mit allem ihrem Zubehör und mit allen
ihren Niessbarkeiten zum Gebrauch überlässt Mit welchem Schatten eines Rechts
konnte Antrax also begehren dass ihm Strution für den Schatten des Esels noch
besonders bezahle Das Dilemma ist außer aller Widerrede Entweder ist der
Schatten des Esels ein Teil und Zubehör des Esels oder nicht Ist er es nicht
so hat Strution und jeder andre eben so viel Recht daran als Antrax Ist ers
aber so hatte Antrax indem er den Esel vermietete auch den Schatten
vermietet und seine Forderung ist eben so ungereimt als wenn mir einer seine
Leier verkauft hätte und verlangte dann wenn ich darauf spielen wollte dass
ich ihm auch noch für ihren Klang bezahlen müsste
Doch wozu so viele Gründe in einer Sache die dem allgemeinen Menschensinn
so klar ist dass man sie nur zu hören braucht um zu sehen auf welcher Seite
das Recht ist Was ist ein Eselsschatten Welche Unverschämtheit von diesem
Antrax wofern er kein Recht an ihn hat sich dessen anzumassen um Wucher damit
zu treiben Und wofern der Schatten wirklich sein war welche
Niederträchtigkeit ein so weniges das Wenigste was sich nennen oder denken
lässt etwas in tausend andern Fällen gänzlich Unbrauchbares einem Menschen
einem Nachbar und Freunde in dem einzigen Falle zu versagen wo es ihm
unentbehrlich ist
Lasst Edle und Grossmögende Vierhundertmänner lasset nicht von Abdera
gesagt werden dass ein solcher Mutwille ein solcher Frevel vor einem Gericht
vor welchem wie vor jenem berühmten zu Athen Götter selbst nicht erröten
würden ihre Streitigkeiten entscheiden zu lassen Schutz gefunden habe Die
Abweisung des Klägers mit seiner unstattaften ungerechten und lächerlichen
Klage und Appellation die Verurteilung desselben in alle Kosten und Schäden
die er dem unschuldigen Beklagten durch sein unbefugtes Betragen in dieser Sache
verursacht hat ist jetzt das Wenigste was ich im Namen meines Klienten fodern
kann Auch Genugtuung und wahrlich eine ungeheure Genugtuung wenn sie mit der
Größe seines Frevels in Ebenmasse stehen soll ist der unbefugte Kläger schuldig
Genugtuung dem Beklagten dessen häusliche Ruhe Geschäfte Ehre und Leumund von
ihm und seinen Beschützern während dem Lauf dieses Handels auf unzählige Art
gestört und angegriffen worden Genugtuung dem ehrwürdigen Stadtgerichte von
dessen gerechtem Spruch er ohne Grund an dieses hohe Tribunal appelliert hat
Genugtuung diesem höchsten Gerichte selbst welches er mit einem so
nichtswürdigen Handel mutwilligerweise zu behelligen sich unterstanden
Genugtuung endlich der ganzen Stadt und Republik Abdera die er bei dieser
Gelegenheit in Unruhe Zwiespalt und Gefahr gesetzt hat
Fodre ich zu viel Grossmögende Herren fodre ich etwas Unbilliges Seht
hier das ganze Abdera das sich unzählbar an die Stufen dieser hohen
Gerichtsstätte drängt und im Namen eines verdienstvollen schwergekränkten
Mitbürgers ja im Namen der Republik selbst Genugtuung erwartet Genugtuung
fordert Bindet die Ehrfurcht ihre Zungen so funkelt sie doch aus jedem Auge
diese gerechte diese nicht zu verweigernde Forderung Das Vertrauen der Bürger
die Sicherheit ihrer Gerechtsame die Wiederherstellung unsrer innerlichen und
öffentlichen Ruhe die Begründung derselben auf die Zukunft mit einem Worte
die Wohlfahrt unsers ganzen Staats hängt von dem Ausspruch ab den ihr tun
werdet hängt von Erfüllung einer gerechten und allgemeinen Erwartung ab Und
wenn in den ersten Zeiten der Welt ein Esel das Verdienst hatte die
schlummernden Götter bei dem nächtlichen Überfall der Titanen mit seinem
Geschrei zu wecken und dadurch den Olympus selbst vor Verwüstung und Untergang
zu retten so möge jetzt der Schatten eines Esels die Gelegenheit und der
heutige Tag die glückliche Epoke sein in welcher diese uralte Stadt und
Republik nach so vielen und gefahrvollen Erschütterungen wieder beruhiget das
Band zwischen Obrigkeit und Bürgern wieder fest zusammengezogen alle vergangne
Misshelligkeiten in den Abgrund der Vergessenheit versenkt durch gerechte
Verurteilung eines einzigen frevelhaften Eseltreibers der ganze Staat gerettet
und dessen blühender Wohlstand auf ewige Zeiten sicher gestellt werde«
Vierzehntes Kapitel
Antwort des Sykophanten Polyphonus
Sobald Physignatus zu reden aufgehört hatte gab das Volk oder vielmehr der
Pöbel der den Markt erfüllte seine Beistimmung mit einem lauten Geschrei
welches so heftig und anhaltend war dass die Richter endlich zu besorgen
anfingen die ganze Handlung möchte dadurch unterbrochen werden Die Partei des
Erzpriesters geriet in Verlegenheit Die Schatten hingegen wiewohl sie im
großen Rat die kleinere Zahl ausmachten fassten neuen Mut und versprachen sich
von dem Eindruck den dieses Vorspiel auf die Esel machen müsste einen günstigen
Erfolg Indessen ermangelten die Zunftmeister nicht das Volk durch Zeichen zur
Ruhe zu vermahnen und nachdem der Herold endlich durch einen dreimaligen Ruf
die allgemeine Stille wieder hergestellt hatte trat Polyphonus der Sykophant
des Eseltreibers ein untersetzter stämmichter Mann mit kurzem krausem Haar und
dicken pechschwarzen Augenbraunen auf erhob eine Bassstimme die auf dem ganzen
Markt widerhallte und ließ sich folgendermaßen vernehmen
»Grossmögende Vierhundertmänner
Wahrheit und Licht haben das vor allen andern Dingen in der Welt voraus dass sie
keiner fremden Hilfe bedürfen um gesehen zu werden Ich überlasse meinem
Gegenpart willig alle Vorteile die er von seinen Rednerkünsten zu ziehen
vermeint hat Dem der Unrecht hat kommt es zu durch Figuren und Wendungen
und Fechterstreiche und das ganze Gaukelspiel der Schulrhetorik Kindern und
Narren einen Dunst vor die Augen zu machen Gescheute Leute lassen sich nicht
dadurch blenden Ich will nicht untersuchen wie viel Ehre und Nachruhm die
Republik Abdera bei diesem Handel über einen Eselsschatten gewinnen wird Ich
will die Richter weder durch grobe Schmeicheleien zu bestechen noch durch
versteckte Drohungen zu schrecken suchen Noch viel weniger will ich dem Volk
durch aufwiegelnde Reden das Signal zu Lärmen und Aufruhr geben Ich weiß warum
ich da bin und zu wem ich rede Kurz ich werde mich begnügen zu beweisen dass
der Eseltreiber Antrax Recht hat Der Richter wird alsdann schon wissen was
seines Amtes ist ohne dass ich ihn daran zu erinnern brauche«
Hier fingen einige wenige vom Pöbel die zunächst an den Stufen der Terrasse
standen an den Redner mit Geschrei Schimpfreden und Drohungen zu
unterbrechen Da aber der Nomophylax von seinem elfenbeinernen Thron aufstund
der Herold abermals Stille gebot und die Bürgerwache die an den Stufen stund
ihre langen Spieße lupfte so ward plötzlich alles wieder stille und der
Redner der sich nicht so leicht aus der Fassung bringen ließ fuhr also fort
»Grossmögende Herren ich stehe hier nicht als Sachwalter des Eseltreibers
Antrax sondern als Bevollmächtigter des Jasontempels und von wegen des
Erlauchten und sehr Ehrwürdigen Agatyrsus zeitigen Erzpriesters und
Obervorstehers desselben Hüters des wahren goldnen Vliesses obersten
Gerichtsherrn über alle dessen Stiftungen Güter Gerichte und Gebiete
Oberhaupts des hochedeln Geschlechts der Jasoniden etc um im Namen Jasons und
seines Tempels von euch zu begehren dass dem Eseltreiber Antrax Genugtuung
geschehe weil er im Grunde doch am meisten Recht hat und dass ers habe hoffe
ich trotz allen den Kniffen die mein Gegner von seinem Meister Gorgias gelernt
zu haben rühmt so klar und laut zu beweisen dass es die Blinden sehen und die
Tauben hören sollen Also ohne weitere Vorrede zur Sache
Antrax vermietete dem Zahnarzt Strution seinen Esel auf einen Tag nicht
zu selbst beliebigem Gebrauch sondern um ihn den Zahnarzt mit seinem
Mantelsack halbenweges nach Gerania zu tragen welches wie jedermann weiß
acht starke Meilen von hier entfernt liegt
Bei der Vermietung des Esels dachte natürlicherweise keiner von beiden an
seinen Schatten Aber als der Zahnarzt mitten auf dem Felde abstieg den Esel
der wahrlich von der Hitze noch mehr gelitten hatte als er in der Sonne halten
ließ und sich in dessen Schatten setzte war es ganz natürlich dass der Herr
und Eigentümer des Esels dabei nicht gleichgültig blieb
Ich begehre nicht zu leugnen dass Antrax eine alberne und eselhafte Wendung
nahm da er von dem Zahnbrecher verlangte dass er ihm für des Esels Schatten
deswegen bezahlen sollte weil er ihm den Schatten nicht mit vermietet habe
Aber dafür ist er auch nur ein Eseltreiber von Vorältern her di ein Mann der
eben darum weil er unter lauter Eseln aufgekommen ist und mehr mit Eseln als
ehrlichen Leuten lebt eine Art von Recht hergebracht und erworben hat selbst
nicht viel besser als ein Esel zu sein Im Grunde wars also bloß der Spaß
eines Eseltreibers
Aber in welche Klasse von Tieren sollen wir den setzen der aus einem
solchen Spaß Ernst machte Hätte der Herr Strution wie ein verständiger Mann
gehandelt so brauchte er dem Grobian nur zu sagen Guter Freund wir wollen uns
nicht um eines Eselsschattens willen entzweien Weil ich dir den Esel nicht
abgemietet habe um mich in seinen Schatten zu setzen sondern um darauf nach
Gerania zu reiten so ist es billig dass ich dir die etlichen Minuten
Zeitverlust vergüte die dir mein Absteigen verursacht zumal da der Esel um so
viel länger in der Hitze stehen muss und dadurch nicht besser wird Da Bruder
hast du eine halbe Drachme lass mich einen Augenblick hier verschnaufen und
dann wollen wir uns in aller Frösche Namen wieder auf den Weg machen
Hätte der Zahnarzt aus diesem Tone gesprochen so hätt er gesprochen wie
ein ehrliebender und billiger Mann Der Eseltreiber hätte ihm für die halbe
Drachme noch Vergelts Gott gesagt und die Stadt Abdera wäre des ungewissen
Nachruhms den ihr mein Gegenteil von diesem Eselsprocess verspricht und aller
der Unruhen die daraus entstehen mussten sobald sich so viele große und
angesehene Herren und Damen in die Sache mischten überhoben gewesen Statt
dessen setzt sich der Mann auf seinen eignen Esel besteht auf seinem bodenlosen
Recht sich vermöge seines Mietcontracts in des Esels Schatten zu setzen so oft
und so lange er wolle und bringt dadurch den Eseltreiber in die Hitze dass er
vor den Stadtrichter läuft und eine Klage anbringt die eben so abgeschmackt
und unsinnig ist als die Verantwortung des Beklagten
Ob es nun nicht zu Statuierung eines lehrreichen Beispiels wohl getan
wäre wenn dem Sykophanten Physignatus meinem wertesten Kollegen als dessen
Aufhetzung es ganz allein zuzuschreiben ist dass der Zahnbrecher den von dem
ehrwürdigen Stadtrichter Philippides vorgeschlagnen billigen Vergleich nicht
eingegangen für den Dienst den er dem abderitischen gemeinen Wesen dadurch
geleistet die Ohren gestutzt und allenfalls zum ewigen Andenken ein paar
Eselsohren dafür angesetzt würden imgleichen was für einen öffentlichen Dank
der ehrwürdige Zunftmeister Pfriem und die übrigen Herren die durch ihren
patriotischen Eifer Öl ins Feuer gegossen für ihre Mühe verdient haben möchten
überlässt der erlauchte Erzpriester mein Principal dem eignen einsichtsvollen
Ermessen des höchsten Gerichts der Vierhundert Er seines Ortes wird als
angeborner Oberherr und Richter des Eseltreibers Antrax nicht ermangeln ihm
zu wohlverdienter Belohnung seines in diesem Handel bewiesenen Unverstands
unmittelbar nach geendigtem Prozess fünf und zwanzig Prügel geben zu lassen Da
aber darum das Recht des mehrbesagten Eseltreibers wegen der von dem Zahnarzt
Strution erlittnen Ungebühr wegen des Missbrauchs den dieser von seinem Esel
gemacht und wegen der Weigerung einer billigen Vergütung des dadurch
verursachten Zeitverlusts und Deterioration seines lastbaren Tieres Genugtuung
zu fordern nichts destoweniger in seiner ganzen Kraft besteht so begehret und
erwartet der erlauchte Erzpriester von der Gerechtigkeit dieses hohen Gerichts
dass seinem Untertanen ohne längeren Aufschub die gebührende vollständigste
Entschädigung und Genugtuung verschafft werde
Euch aber setzte er hinzu indem er sich umdrehte und gegen das Volk
kehrte soll ich im Namen Jasons ankündigen dass alle diejenigen die auf eine
ungebührliche und aufrührische Art an der bösen Sache des Zahnbrechers Anteil
genommen so lange bis sie dafür gebührenden Abtrag getan haben werden von den
Wohltaten die der Tempel Jasons alle Monate den armen Bürgern zufliessen lässt
ausgeschlossen sein und bleiben sollen Dixi«
Funfzehntes Kapitel
Bewegungen welche die Rede des Polyphonus verursachte
Nachtrag des Sykophanten Physignatus
Verlegenheit der Richter
Diese kurze und unerwartete Rede brachte auf einige Augenblicke ein tiefes
Stillschweigen hervor Der Sykophant Physignatus schien zwar große Lust zu
haben sich über die Stelle die ihn persönlich betroffen hatte mit Hitze
vernehmen zu lassen Allein da er die Niedergeschlagenheit bemerkte die der
Inhalt der letzten Periode seines Gegners unter dem gemeinen Volke
hervorgebracht zu haben schien so begnügte er sich gegen die ehrenrührige
Stelle vom Ohrenabschneiden und andre Anzüglichkeiten sich quaevis competentia
vorzubehalten zuckte die Achseln und schwieg
Das Licht in welches der Sykophant Polyphonus den wahren Statum
controversiae gestellt hatte tat einen so guten Effect dass unter den
sämtlichen Vierhundertmännern kaum ihrer zwanzig überblieben die nach
abderitischer Gewohnheit nicht versicherten dass sie die Sache gleich vom
Anfang an eben so angesehen und es wurde in ziemlich lebhaften Ausdrücken gegen
diejenigen gesprochen welche Schuld daran hätten dass eine so simple Sache zu
solchen Weitläuftigkeiten getrieben worden sei Die Meisten schienen darauf
anzutragen dass dem Erzpriester nicht nur die für seinen Angehörigen verlangte
Entschädigung und Genugtuung zugesprochen sondern auch eine Kommission aus dem
großen Rat niedergesetzt werden sollte um nach der Schärfe zu untersuchen wer
die ersten Anstifter und Verhetzer dieses Handels eigentlich gewesen seien
Dieser Antrag brachte den Zunftmeister und diejenigen die ihre Partei mit
ihm gegen allen Erfolg zum voraus genommen hatten auf einmal wieder in
Harnisch Der Sykophant Physignatus der dadurch wieder Mut bekam verlangte
von dem Nomophylax noch einmal zum Gehör gelassen zu werden weil er auf die
Rede seines Gegenteils etwas neues vorzubringen habe und da ihm dieses den
Rechten nach nicht versagt werden konnte so ließ er sich folgendermaßen
vernehmen
»Wenn das gerechte Vertrauen zu einem so ehrwürdigen Gericht wie das
gegenwärtige den verhassten Namen einer bestechenden Schmeichelei womit mein
Gegenteil solches zu belegen sich nicht gescheut hat verdient so muss ich mich
darein ergeben einen Vorwurf auf mir sitzen zu lassen den ich nicht vermeiden
kann und ich glaube allenfalls durch eine allzuhohe Meinung von Euch
Grossmögende Herren weniger zu sündigen als mein Gegner durch die Einbildung
Eure Gerechtigkeit und Einsicht in einer so groben Schlinge zu fangen als
diejenige ist die er Euch gelegt hat Der Schein von gesunder Vernunft womit er
seine plumpe Vorstellungsart der Sache überstrichen und ein Ton den er seinem
Klienten abgeborgt zu haben scheint können höchstens eine augenblickliche
Überraschung wirken aber dass sie die Weisheit des obersten Rats von Abdera ganz
umzuwerfen vermögend wären wäre an mir Lästerung zu fürchten und war Unsinn an
ihm zu hoffen Wie Polyphonus anstatt die gerechte Sache seines Klienten zu
behaupten wie er vor dem ehrwürdigen Stadtgerichte und bisher immer hartnäckig
getan hat gesteht nun auf einmal selbst ein dass der Eseltreiber unrecht und
unsinnig daran getan habe seine gegen den Zahnarzt Strution erhobne Klage auf
sein vermeintes Eigentumsrecht an den Eselsschatten zu gründen er bekennt
öffentlich dass der Kläger eine unbefugte ungegründete frivole Klage erhoben
habe und er untersteht sich von Recht an Schadloshaltung zu schwatzen und in
dem trotzigen Tone eines Eseltreibers Genugtuung zu fordern Was für eine neue
unerhörte Art von Rechtsgelehrsamkeit wenn der unrechtabende Teil damit
durchkäme dass er am Ende wenn er sich nicht mehr anders zu helfen wüsste
selbst gestünde er habe Unrecht und mit fünfundzwanzig Prügel die er sich
dafür geben ließe und die ein Kerl wie Antrax schon auf seinen Buckel nehmen
kann sich noch ein Recht an Entschädigung und Satisfaction erwerben könnte
Gesetzt auch des Eseltreibers Fehler bestünde bloß darin dass er nicht die
rechte Action instituiert was geht das den unschuldigen Gegenteil oder den
Richter an Jener muss sich mit seiner Verantwortung nach der Klage richten und
dieser urteilt über die Sache nicht wie sie vielleicht in einem andern Licht
und unter einem andern Gesichtspunct erscheinen könnte sondern wie sie ihm
vorgetragen worden Ich verspreche mir also im Namen meines Klienten dass der
gegenteilischen Luftstreiche ungeachtet die vorliegende Sache nicht nach dem
neuen und allen bisherigen Verhandlungen zuwiderlaufenden Schwunge den ihr
Polyphonus zu geben gesucht sondern nach Beschaffenheit der Klage und des
Beweises abgeurteilt werde Die Rede ist in gegenwärtigem Rechtsstreit nicht von
Zeitverlust und Deterioration des Esels sondern von des Esels Schatten Kläger
behauptete dass sein Eigentumsrecht an den Esel sich auch auf dessen Schatten
erstrecke und hat es nicht bewiesen Beklagter behauptete dass er so viel Recht
an des Esels Schatten habe als der Eigentümer oder was allenfalls daran
abgehen könnte hab er durch den Mietcontract erworben und was er behauptete
hat er bewiesen
Ich stehe also hier Grossmögende Herren und verlange einen richterlichen
Spruch über das was bisher den Gegenstand des Streits ausgemacht hat Um
dessentwillen allein ist gegenwärtiges höchstes Gericht niedergesetzt worden
Dies allein macht jetzt die Sache aus worüber es zu erkennen hat Und ich
unterstehe michs vor diesem ganzen mich hörenden Volke zu sagen entweder ist
kein Recht in Abdera mehr oder meine Forderung ist gesetzmässig und die Rechte
eines jeden Bürgers sind darunter befangen dass meinem Klienten das seinige
zugesprochen werde«
Der Sykophant schwieg die Richter stutzten das Volk fing von neuem an zu
murmeln und unruhig zu werden und die Schatten reckten ihre Köpfe wieder empor
Nun sagte der Nomophylax indem er sich an Polyphonus wandte was hat der
klägerische Anwalt hierauf beizubringen
»Hochgeachter Herr Oberrichter erwiderte Polyphonus Nichts als Alles von
Wort zu Wort was ich schon gesagt habe Der Prozess über des Esels Schatten ist
ein so böser Handel dass er nicht bald genug ausgemacht werden kann Der Kläger
hat dabei gefehlt der Beklagte hat gefehlt die Anwälte haben gefehlt der
Richter der ersten Instanz hat gefehlt ganz Abdera hat gefehlt Man sollte
denken ein böser Wind habe uns alle angeblasen und es sei nicht so ganz
richtig mit uns gewesen als wohl zu wünschen wäre Käm es schlechterdings
darauf an uns noch länger zu prostituieren so sollte mirs wohl auch nicht an
Atem fehlen für das Recht meines Klienten an seines Esels Schatten eine Rede zu
halten die von Sonnenaufgang bis zu Sonnenuntergang dauern sollte Aber wie
gesagt wenn die Komödie die wir gespielt haben so lange sie bloß Komödie
blieb noch zu entschuldigen ist so wär es doch dünkt mich auf keine Weise
recht sie vor einem so ehrwürdigen Gerichte wie der hohe Rat von Abdera
länger fortzuspielen Wenigstens habe ich keine Instruction dazu und überlasse
Euch also Grossmögende Herren unter nochmaliger Wiederholung alles dessen was
ich im Namen des erlauchten und sehr ehrwürdigen Erzpriesters zu Recht gefordert
habe den Handel nun abzuurteln und auszumachen wie es Euch die Götter eingeben
werden«
Die Richter befanden sich in großer Verlegenheit und es ist schwer zu
sagen was für ein Mittel sie endlich ergriffen haben würden um mit Ehren aus
der Sache zu kommen wenn der Zufall der zu allen Zeiten der große Schutzgott
aller Abderiten gewesen ist sich ihrer nicht angenommen und diesem feinen
bürgerlichen Drama eine Entwicklung gegeben hätte deren sich einen Augenblick
vorher kein Mensch versah noch versehen konnte
Sechzehntes Kapitel
Unvermutete Entwicklung der ganzen Komödie und Wiederherstellung der Ruhe in
Abdera
Der Esel dessen Schatten zeiter nach dem Ausdruck des Archon Onolaus eine so
seltsame Verfinsterung in den Hirnschädeln der Abderiten angerichtet hatte war
bis zu Austrag der Sache in den öffentlichen Stall der Republik abgeführt und
bisher daselbst notdürftig verpflegt worden
Das Beste was man davon sagen kann ist dass er nicht fetter davon geworden
war
Diesen Morgen nun war es den Stallbedienten der Republik welche wussten dass
der Handel zu Ende gehen sollte auf einmal eingefallen der Esel der
gleichwohl eine Hauptperson bei der Sache vorstellte sollte doch billig auch
von der Partie sein Sie hatten ihn also gestriegelt mit Blumenkränzen und
Bändern herausgeputzt und brachten ihn nun unter der Begleitung und dem
Nachjauchzen unzähliger Gassenjungen in großem Pomp herbei
Der Zufall wollte dass sie in der nächsten Gasse die zum Markt führte
anlangten als Polyphonus eben seinen Nachtrag geendigt hatte und die armen
Richter sich gar nicht mehr zu helfen wussten das Volk hingegen zwischen der
Furcht vor dem Erzpriester und dem neuen Stoß den ihm die zwote Rede des
Sykophanten Physignatus gegeben in einer ungewissen und unmutigen Art von
Bewegung schwankte
Der Lerm den die besagten Gassenjungen um den Esel her machten drehte
jedermanns Augen nach der Seite woher er kam Man stutzte und drängte sich
hinzu
Ha rief endlich einer aus dem Volke da kommt der Esel selbst Er wird
den Richtern wohl zu einem Ausspruch helfen wollen sagte ein andrer Der
verdammte Esel rief ein dritter er hat uns alle zu Grunde gerichtet Ich
wollte dass ihn die Wölfe gefressen hätten eh er uns diesen gottlosen Handel
auf den Hals zog Heida schrie ein Kesselflicker der immer einer der
eifrigsten Schatten gewesen war was ein braver Abderit ist über den Esel her
Er soll uns die Zeche bezahlen Lasst nicht ein Haar aus seinem schäbigten
Schwanz von ihm übrig bleiben
In einem Augenblick stürzte sich die ganze Menge auf das Tier und ehe man
eine Hand umkehren konnte war es in tausend Stücke zerrissen Jedermann wollte
auch einen Bissen davon haben Man riss schlug zerrte kratzte balgte und
raufte sich darum mit einer Hitze die gar nicht ihres gleichen hatte Bei
einigen ging die Wut so weit dass sie ihren Anteil auf der Stelle roh und blutig
auffrassen die meisten aber liefen mit dem was sie davon gebracht nach Hause
und da ein jeder eine Menge hinter sich her hatte die ihm seinen Raub mit
großem Geschrei abzujagen suchten so wurde der ganze Markt in wenig Minuten so
leer als um Mitternacht
Die Vierhundertmänner waren im ersten Augenblick dieses Aufruhrs wovon sie
die Ursache nicht sogleich sehen konnten in so große Bestürzung geraten dass
sie alle ohne selbst zu wissen was sie taten die Dolche hervorzogen die sie
heimlich unter ihren Mänteln bei sich führten und die Herren sahen einander mit
keinem kleinen Erstaunen an da auf einmal vom Nomophylax bis zum untersten
Beisitzer in jeder Hand ein bloßer Dolch funkelte Als sie aber endlich sahen
und hörten was es war steckten sie geschwinde ihre Messer wieder in den Busen
und brachen allesamt gleich den Göttern im ersten Buch der Ilias in ein
unauslöschliches Gelächter aus
Dank sei dem Himmel rief endlich nachdem die sehr ehrwürdigen Herren
wieder zu sich selbst gekommen waren der Nomophylax lachend aus mit aller
unsrer Weisheit hätten wir der Sache keinen schicklichern Ausgang geben können
Wozu wollten wir uns nun noch länger die Köpfe zerbrechen Der Esel der
unschuldige Anlass dieses leidigen Handels ist wie es zu gehen pflegt das
Opfer davon geworden das Volk hat sein Mütchen an ihm abgekühlt und es kommt
jetzt nur noch auf eine gute Entschließung von unsrer Seite an so kann dieser
Tag der noch kaum so aussah als ob er ein trübes Ende nehmen würde ein Tag
der Freude und der Wiederherstellung der allgemeinen Ruhe werden Da der Esel
selbst nicht mehr ist was hülf es noch lange über seinen Schatten zu rechten
Ich trage also darauf an dass diese ganze Eselssache hiemit öffentlich für
geendigt und abgetan genommen beiden Teilen unter Vergütung aller ihrer Kosten
und Schäden aus dem Stadtärario ein ewiges Stillschweigen auferlegt dem armen
Esel aber auf gemeiner Stadt Kosten ein Denkmal aufgerichtet werde das zugleich
uns und unsern Nachkommen zur ewigen Erinnerung diene wie leicht eine große und
blühende Republik sogar um eines Esels Schatten willen hätte zu Grunde gehen
können
Jedermann klatschte dem Antrag des Nomophylax seinen Beifall zu als dem
klügsten und billigsten Auswege den man nach Gestalt der Sachen treffen
könne Beide Parteien konnten damit zufrieden sein und die Republik erkaufte
ihre Beruhigung und Verhütung größeren Schimpfs und Unheils noch immer wohlfeil
genug Der Schluss wurde also von den Vierhundertmännern einhellig diesem Vortrag
gemäß abgefasst wiewohl es einige Mühe kostete den Zunftmeister Pfrieme dahin
zu bringen dass er nicht den Ungeraden machte und der große Rat mit seiner
martialischen Bürgerwache im Vor und Hintertreffen begleitete den Nomophylax
bis vor seine Wohnung zurück wo er die Herren Kollegen samt und sonders auf den
Abend zu einem großen Konzert einlud welches er ihnen zu Befestigung der
wiederhergestellten Eintracht zum Besten geben wollte
Der Erzpriester Agatyrsus erliess dem Eseltreiber nicht nur die versprochnen
fünf und zwanzig Prügel sondern schenkte ihm noch obendrein drei schöne
Maulesel aus seinem eignen Stalle mit dem ausdrücklichen Verbot keine
Schadloshaltung aus dem abderitischen Aerario anzunehmen Des folgenden Tages
gab er den sämtlichen Schatten aus dem kleinen und großen Rat ein prächtiges
Gastmahl und am Abend ließ er unter die gemeinen Bürger von allen Zünften eine
halbe Drachme auf den Mann austeilen um dafür auf seine und aller guten
Abderiten Gesundheit zu trinken Diese Freigebigkeit gewann ihm auf einmal
wieder aller Herzen und da die Abderiten ohnehin wie wir wissen Leute waren
denen es nichts kostete von einer Extremität zur andern überzugehen so ist
sich bei einem so edelen Betragen des bisherigen Oberhaupts der stärkeren Partei
nicht zu verwundern dass die Namen von Eseln und Schatten in kurzem gar nicht
mehr gehört wurden Die Abderiten lachten jetzt selbst über ihre Torheit als
einen Anstoß von fiebrischer Raserei der nun Gottlob vorüber sei Einer ihrer
Balladenmänner deren sie sehr viele und sehr schlechte hatten eilte was er
konnte die ganze Geschichte in ein Gassenlied zu bringen das sogleich auf
allen Straßen gesungen wurde und der Dramenmacher Tlaps ermangelte nicht
binnen wenigen Wochen sogar eine Komödie daraus zu verfertigen wozu der
Nomophylax eigenhändig die Musik componierte
Dieses schöne Stück wurde öffentlich mit großem Beifall aufgeführt und
beide ehmalige Parteien lachten so herzlich darin als ob die Sache sie gar
nichts anginge
Demokritus der sich von dem Erzpriester hatte bereden lassen mit in dies
Schauspiel zu gehen sagte beim Herausgehen Diese Ähnlichkeit mit den
Ateniensern muss man den Abderiten wenigstens eingestehen dass sie recht
treuherzig über ihre eigne Narrenstreiche lachen können Sie werden zwar nicht
weiser darum aber es ist immer schon viel gewonnen wenn ein Volk leiden kann
dass ehrliche Leute sich über seine Torheiten lustig machen und mitlacht
anstatt wie die Affen tückisch darüber zu werden
Es war die letzte abderitische Komödie in welche Demokritus in seinem Leben
ging denn bald darauf zog er mit Sack und Pack aus der Gegend von Abdera weg
ohne einem Menschen zu sagen wo er hinginge und von dieser Zeit an hat man
keine weitere Nachrichten von ihm
Fünftes Buch oder die Frösche der Latona
Erstes Kapitel
Erste Quelle des Übels welches endlich den Untergang der abderitischen Republik
nach sich zog
Politik des Erzpriesters Agatyrsus
Er lässt einen eignen öffentlichen
Froschgraben anlegen
Nähere und entferntere Folgen dieses neuen Instituts
Die Republik Abdera genoss einige Jahre auf die eben so gefährlichen als Dank
ihrem gutlaunigen Genius so glücklich abgelaufnen Bewegungen wegen des
Eselsschatten der vollkommensten Ruhe von innen und außen und wenn es
natürlicherweise möglich wäre dass Abderiten sich lange wohl befinden könnten
so hätte man dem Anschein nach ihrem Wohlstande die längste Dauer versprechen
sollen Aber zu ihrem Unglück arbeitete eine ihnen allen verborgene Ursache
ein geheimer Feind der desto gefährlicher war weil sie ihn in ihrem eignen
Busen herumtrugen unvermerkt an ihrem Untergang
Die Abderiten verehrten wie wir wissen seit undenklichen Zeiten die Latona
als ihre Schutzgöttin
So viel sich auch immer mit gutem Fug gegen den Latonendienst einwenden
lässt so war es nun einmal ihre von Vorältern auf sie geerbte Volks und
Staatsreligion und sie waren in diesem Stücke nicht schlimmer dran als alle
übrigen griechischen Völkerschaften Ob sie wie die Atenienser Minerven oder
Juno wie die von Samos oder Dianen wie die Ephesier oder die Grazien wie
die Orchomenier oder ob sie Latonen verehrten darauf kams nicht an eine
Religion mussten sie haben und in Ermangelung einer bessern war eine jede besser
als gar keine
Aber der Latonendienst hätte auch ohne den geheiligten Froschgraben bestehen
können Wozu hatten sie nötig den einfältigen Glauben der alten Tejer ihrer
Vorältern durch einen so gefährlichen Zusatz aufzustutzen Wozu die Frösche der
Latona da sie die Latona selbst hatten Oder wenn sie ja ein sichtbares
Denkmal jener wundervollen Verwandlung der lycischen Bauern zur Nahrung ihres
abderitischen Glaubens bedurften hätten ein Halbdutzend ausgestopfte
Froschhäute mit einer schönen goldnen Inschrift in einer Kapelle des
Latonentempels aufgestellt mit einem brokatnen Tuch umschleiert und alle Jahr
mit gehörigen Feierlichkeiten dem Volke vorgezeigt ihrer Einbildungskraft nicht
die nämlichen Dienste getan
Demokritus ihr guter Mitbürger aber zum Unglück ein Mann dem man nichts
glauben konnte weil er in dem bösen Rufe stand dass er selbst nichts glaube
hatte während er sich unter ihnen aufhielt bei Gelegenheit zuweilen ein Wort
davon fallen lassen dass man des Guten zumal wo Frösche mit im Spiele wären
leicht zu viel tun könne und da seine Ohren nach einer zwanzigjährigen
Abwesenheit an das liebliche Brekekekek Koax Koax das ihm zu Abdera bei Nacht
und Tag um die Ohren schnarrte nicht so gewöhnt waren als die etwas dicken
Ohren seiner Landesleute so hatte er ihnen einigemal nachdrückliche
Vorstellungen gegen ihre Deisibatrachie wie ers nannte getan und ihnen öfters
bald im Scherz bald im Ernst vorhergesagt dass wenn sie nicht in Zeiten
Vorkehrung täten ihre quakenden Mitbürger sie endlich aus Abdera hinausquaken
würden Die Vornehmern konnten über diesen Punkt sehr gut Scherz vertragen denn
sie wollten wenigstens nicht dafür angesehen sein als ob sie mehr von den
Fröschen der Latona glaubten als Demokritus selbst Aber das Übel war dass er
sie weder durch Schimpf noch Ernst dahin bringen konnte die Sache aus einem
vernünftigen Gesichtspuncte zu beherzigen Scherzte er darüber so scherzten sie
mit sprach er ernstaft so lachten sie über ihn dass er über so was ernstaft
sein könne Und so blieb es denn Einwendens ungeachtet wie in allen Dingen so
auch hierinnen zu Abdera immer beim alten Brauch
Indessen wollte man doch zu Demokritus Zeiten eine gewisse Lauigkeit in
Absicht auf die Frösche unter der edelen abderitischen Jugend wahrgenommen haben
Gewiss ist dass der Priester Strobylus öfters große Klaglieder darüber anstimmte
dass die meisten guten Häuser die Froschgräben die sie von Alters her in ihren
Gärten unterhalten hätten unvermerkt eingehen ließ und dass der gemeine Mann
beinahe der einzige sei der in diesem Stücke noch fest an dem löblichen alten
Brauch hange und seine Ehrfurcht für den geheiligten Teich auch durch
freiwillige Gaben zu Tage lege
Wer sollte nun bei so bewandten Sachen vermutet haben dass gerade unter
allen Abderiten derjenige auf den am wenigsten ein Verdacht dass er an der
Deisibatrachie krank sei fallen könnte kurz dass der Erzpriester Agatyrsus
der Mann war der bald nach Endigung der Fehde zwischen den Eseln und Schatten
dem erkalteten Eifer der Abderiten für die Frösche wieder ein neues Leben gab
Gleichwohl ist es unmöglich ihn von diesem seltsamen Widerspruch zwischen
seiner innern Überzeugung und seinem äußerlichen Betragen freizusprechen und
wenn wir nicht bereits von seiner Art zu denken unterrichtet wären würde das
Letztere kaum zu erklären sein Aber wir kennen diesen Priester als einen
ehrgeizigen Mann Er hatte sich während der letzten Unruhen an der Spitze einer
mächtigen Partie gesehen und hatte keine Lust dieses Vergnügen gegen ein
geringeres Aequivalent zu vertauschen als einen fortdauernden Einfluss auf die
ganze nun wieder beruhigte Republik eine Sache die er nunmehr durch kein
gewissers Mittel erhalten konnte als durch eine große Popularität und durch
eine Gefälligkeit gegen die Vorurteile des Volks die ihn um so weniger kostete
da er wie so viele seines gleichen die Religion bloß als eine politische
Maschine ansah und im Grunde äußerst gleichgültig darüber war ob es Frösche
oder Eulen oder Hammelsfelle seien was ihm die freieste und sicherste
Befriedigung seiner Lieblingsleidenschaften gewährte
Diesemnach also und um sich auf die wohlfeilste Art bei dem Volke im
Ansehen und Einfluss zu erhalten verbannte er bald nach Endigung des
Schattenkriegs nicht nur die Störche über welche die Froschpfleger Klage
geführt hatten aus allen Gerichten und Gebieten des Jasontempels sondern trieb
die Gefälligkeit gegen seine neuen Freunde so weit dass er mitten auf einer
Esplanade die einer seiner Vorfahren zu einem öffentlichen Spazierplatz
gewidmet hatte einen Kanal graben ließ und sich zu Besetzung desselben auf
eine sehr verbindliche Art einige Fässer mit Froschlaich aus dem geheiligten
Teiche von dem Oberpriester Strobylus ausbat welche ihm denn auch nach einem
der Latona gebrachten feierlichen Opfer in Begleitung des ganzen abderitischen
Pöbels mit großer Feierlichkeit zugeführet wurden
Von diesem Tage an war Agatyrsus der Abgott des Volks und ein
Froschgraben zu rechter Zeit angelegt verschafte ihm was er sonst mit aller
Politik Wohlredenheit und Freigebigkeit nie erlangt haben würde Er herrschte
ohne die Ratsstube jemals zu betreten so unumschränkt in Abdera als ein König
und weil er den Ratsherren und Zunftmeistern alle Wochen zwei oder dreimal zu
essen gab und ihnen seine Befehle nie anders als in vollen Bechern von
Chierwein insinuierte so hatte niemand etwas gegen einen so liebenswürdigen
Tyrannen einzuwenden Die Herren glaubten nichts destoweniger auf dem Ratause
ihre eigne Meinung zu sagen wenn ihre Vota gleich nur der Widerhall der
Schlüsse waren welche Tages zuvor im Speisesaal des Erzpriesters abgefasst
wurden
Agatyrsus war der erste der sich unter guten Freunden über seinen neuen
Froschgraben lustig machte Aber das Volk hörte nichts davon Und da sein
Beispiel auf die Edelen von Abdera mehr wirkte als seine Scherze so hätte man
den Wetteifer sehen sollen womit sie um ebenfalls Proben von ihrer Popularität
abzulegen entweder die vertrockneten Froschgräben in ihren Gärten wieder
herstellten oder neue anlegten wo noch keine gewesen waren Wie in Abdera alle
Torheiten ansteckend waren so blieb auch von dieser niemand frei Anfangs war
es nur Mode eine Sache die zum guten Ton gehörte Ein Bürger von einigem
Vermögen würde sichs zur Schande gerechnet haben hierin hinter seinem
vornehmern Nachbar zurückzubleiben Aber unvermerkt wurde es ein unvermeidliches
Requisitum eines guten Bürgers und wer nicht wenigstens eine kleine Froschgrube
innerhalb seiner vier Pfähle aufweisen konnte würde für einen Feind Latonens
und für einen Verräter am Vaterlande ausgeschrien worden sein
Bei einem so warmen Eifer der Privatpersonen ist leicht zu erachten dass der
Senat die Zünfte und übrigen Kollegien nicht die letzten waren der Latona
gleichmäßige Beweise ihrer Devotion zu geben Jede Zunft ließ sich ihren eignen
Froschzwinger graben Auf jedem öffentlichen Platz der Stadt ja gar vor dem
Ratause selbst wo die Kräuter und Eierweiber ohnehin Lerms genug machten
wurden große mit Schilf und Rasen eingefasste Bassins zu diesem Ende angelegt
und das Policeicollegium dem hauptsächlich die Verschönerung der Stadt in seine
Pflichten gegeben war kam endlich gar auf den Einfall durch die Alleen womit
Abdera ringsumgeben war zu beiden Seiten schmale Kanäle ziehen und mit
Fröschen besetzen zu lassen Das Project wurde vor Rat gebracht und passierte
ohne Widerspruch wiewohl man sich genötigt sah um diese Kanäle und die übrigen
öffentlichen Froschteiche mit dem benötigten Wasser zu versehen den Fluss Nestus
beinahe gänzlich abgraben zu lassen Weder die Kosten die durch alle diese
Operationen dem Aerario aufgeladen wurden noch der vielfältige Nachteil der
aus dem Abgraben des Flusses entstund wurden in die mindeste Betrachtung
gezogen und als ein junger Ratsherr nur im Vorbeigehn erwähnte dass der Nestus
nahe am Eintrocknen wäre desto besser rief einer von den Froschpflegern so
haben wir einen großen Froschgraben mehr ohne dass es der Republik einen Heller
kostet
Wer sich bei diesem freilich nur in Abdera möglichen Enthusiasmus für die
Verschönerung der Stadt durch Froschgräben am besten befand waren die Priester
des Latonentempels Denn ungeachtet sie den Laich aus dem heiligen Teiche sehr
wohlfeil nämlich den abderitischen Cyatus der ungefähr ein Nössel unsers Masses
betragen mochte nur für zwo Drachmen verkauften so wollte doch jemand
berechnet haben dass sie in den ersten zwei bis drei Jahren da die Schwärmerei
am wirksamsten war über fünftausend Dariken damit gewonnen hätten Die Summe
scheint uns bei allem dem zu hoch angesetzt wiewohl nicht zu leugnen ist dass
sie sich für den Laich den sie der Republik ablieferten das Duplum aus der
Baucasse bezahlen ließ
Übrigens dachte in ganz Abdera niemand an die Folgen dieser schönen
Anstalten Die Folgen kamen wie gewöhnlich von sich selbst Aber weil sie
nicht auf einmal da stunden so währte es nicht nur eine geraume Zeit bis man
sie bemerkte sondern da sie endlich auffallend genug wurden um nicht länger
sogar von Abderiten übersehen zu werden so konnten diese doch trotz ihrem
bekannten Scharfsinn die Quelle derselben nicht ausfindig machen Die
abderitischen Ärzte zerbrachen sich die Köpfe um zu erraten woher es käme dass
Schnuppen Flüsse und Hautkrankheiten aller Arten von Jahr zu Jahr so mächtig
überhand nahmen und so hartnäckig wurden dass sie aller ihrer Kunst und aller
Niesewurz von Anticyra Trotz boten Kurz Abdera mit der ganzen Gegend umher war
beinahe in einen allgemeinen unabsehbaren Froschteich verwandelt eh es einem
ihrer Philosophen einfiel die Frage aufzuwerfen ob eine grenzenlose Vermehrung
der Froschmenge einem Staat nicht vielleicht mehr Schaden tun könnte als die
Vorteile die man sich davon verspreche jemals wieder gut zu machen vermöchten
Zweites Kapitel
Charakter des Philosophen Korax
Nachrichten von der Akademie der Wissenschaften zu Abdera
Korax wirft in derselben eine verfängliche Frage in Betreff der Latonenfrösche
und sich selbst zum Haupt der Gegenfröschler auf
Betragen der Latonenpriester gegen diese Secte und wie sie bewogen wurden
selbige für unschädlich anzusehen
Der merkwürdige Kopf der zuerst die Wahrnehmung machte dass die Menge der
Frösche in Abdera in der Tat übermäßig sei und mit der Anzahl und dem Bedürfnis
der zweibeinigten unbefiederten Einwohner ganz und gar in keinem Verhältnis
stehe nannte sich Korax Es war ein junger Mann von gutem Hause der sich
etliche Jahre zu Athen aufgehalten und in der Akademie wie die von Plato
gestiftete Philosophenschule bekanntermassen genennt wurde gewisse Grundsätze
eingezogen hatte die den Fröschen der Latona nicht allzugünstig waren Die
Wahrheit zu sagen Latona selbst hatte durch seinen Aufenthalt zu Athen so viel
bei ihm verloren dass es kein Wunder war wenn er ihre Frösche nicht mit aller
der Ehrfurcht ansehen konnte die von einem rechtdenkenden Abderiten gefodert
wurde »Eine jede schöne Frau ist eine Göttin pflegte er zu sagen wenigstens
eine Göttin der Herzen und Latona war unstreitig eine sehr schöne Frau aber
was geht das die Frösche und die Sache bloß menschlich und im Lichte der
Vernunft betrachtet was gehen am Ende die Frösche Latonen an Und gesetzt
auch die Göttin für die ich übrigens so viel Ehrfurcht hege als einer schönen
Frau und einer Göttin gebührt gesetzt sie habe die Frösche vor allem andern
Geziefer und Ungeziefer der Welt in ihren besonderen Schutz genommen folgt denn
daraus dass man der Frösche nie zuviel haben könne«
Korax war als er so zu raisonnieren anfing ein Mitglied der Akademie
welche in Abdera zur Nachahmung der ateniensischen gestiftet worden war Denn
die Abderiten waren wie wir wissen schon von langem her darauf gestellt alles
wie die Atenienser haben zu wollen Diese Akademie war ein kleiner in
Spaziergänge ausgehauener Wald ganz nahe bei der Stadt und da sie unter dem
Schutz des Senats stund und auf Kosten des Aerariums angelegt worden war so
hatten die Herren von der Polizeicommission nicht ermangelt sie reichlich mit
Froschgräben zu versehen Die Glieder der Akademie fanden sich zwar nicht selten
durch den eintönigen Chorgesang dieser quakenden Philomelen in ihren
tiefsinnigen Betrachtungen gestört Allein da dies an jedem andern Orte in und
um die Stadt Abdera eben so wohl der Fall gewesen wäre so hatten sie sich immer
in Geduld darein ergeben oder richtiger zu reden man war des Froschgesangs in
Abdera so gewohnt dass man nicht mehr davon hörte als die Einwohner von
Katadupa von dem großen Nilfall in dessen Nachbarschaft sie leben oder als die
Anwohner irgend eines andern Wasserfalls in der Welt
Allein mit Korax dessen Ohren durch seinen Aufenthalt zu Athen die
Empfindlichkeit die allen gesunden menschlichen Ohren natürlich ist wieder
erlangt hatten war es eine andre Sache Man wird es also nicht befremdlich
finden dass er gleich bei der ersten Sitzung der er beiwohnte die spitzige
Anmerkung machte er glaube das Käuzlein der Minerva qualificiere sich ungleich
besser zu einem außerordentlichen Mitgliede der Akademie als die Frösche der
Latona »Ich weiß nicht meine Herren wie Sie die Sache ansehen setzte er
hinzu aber mich deucht die Frösche haben seit einigen Jahren auf eine ganz
unbegreifliche Art in Abdera zugenommen«
Die Abderiten waren ein dumpfes Völklein wie wir alle wissen und es gab
vielleicht eine einzige berühmte Nation allenfalls ausgenommen kein anderes in
der Welt das in der sonderbaren Eigenschaft »den Wald vor lauter Bäumen nicht
sehen zu können« ihnen den Vorzug streitig machen konnte Aber dies musste man
ihnen lassen sobald es nur einem unter ihnen einfiel eine Bemerkung zu machen
die jedermann eben so gut hätte machen können als er wiewohl sie niemand vor
ihm gemacht hatte so schienen sie allesamt plötzlich aus einem langen Schlaf zu
erwachen sahen nun auf einmal was ihnen vor der Nase lag verwunderten sich
der gemachten Entdeckung und glaubten demjenigen sehr verbunden zu sein der
ihnen dazu verholfen hatte In der Tat antworteten die Herren von der Akademie
die Frösche haben seit einiger Zeit auf eine ganz unbegreifliche Art zugenommen
»Wenn ich sagte auf eine ganz unbegreifliche Art versetzte Korax so
will ich damit keineswegs gesagt haben dass etwas übernatürliches in der Sache
sei Im Grunde ist nichts begreiflicher als dass die Frösche sich auf eine ganz
ungeheure Art an einem Orte vermehren müssen wo man solche Anstalten zu ihrer
Unterhaltung vorkehrt wie zu Abdera das Unbegreifliche liegt meiner geringen
Meinung nach bloß darin wie die Abderiten einfältig genug sein können diese
Anstalten vorzukehren«
Die sämtlichen Mitglieder der Akademie stutzten über die Freiheit dieser
Rede sahen einander an und schienen verlegen zu sein was sie von der Sache
denken sollten
»Ich rede bloß menschlicher Weise« sagte Korax
Wir zweifeln nicht daran versetzte der Präsident der Akademie der ein
Ratsherr und einer von den Zehnmännern war allein die Akademie hat sichs bisher
zum Gesetz gemacht dergleichen schlüpfrige Materien auf welchen die Vernunft
so leicht ausglitschen kann lieber gar nicht zu berühren
»Die Akademie zu Athen hat sich kein solches Gesetz gemacht fiel ihm Korax
ein wenn man nicht über alles philosophieren darf so wärs eben so gut man
philosophierte über gar nichts«
Über alles sagte der Präsident Zehnmann mit einer bedenklichen Miene nur
nicht über Latonen und
Ihre Frösche setzte Korax lächelnd hinzu Dies wars auch wirklich was
der Präsident hatte sagen wollen aber bei dem Wörtchen und überfiel ihn eine
Art von Beklemmung als ob er wider Willen fühlte dass er im Begriff sei eine
Sottise zu sagen und so hielt er plötzlich mit offenem Munde still und überließ
es dem Korax die Periode zu vollenden
»Ein jedes Ding kann von sehr vielerlei Seiten und in mancherlei Lichte
betrachtet werden fuhr Korax fort und dies zu tun ist deucht mich just was
dem Philosophen zukömmt und was ihn von dem dummen undenkenden Haufen
unterscheidet Unsere Frösche zum Exempel können als Frösche schlechtweg und
als Frösche der Latona betrachtet werden Denn in so fern sie Frösche
schlechtweg sind sind sie weder mehr noch weniger Frösche als andre Ihr
Verhältnis gegen die Abderiten ist in so fern ungefähr das nämliche wie das
Verhältnis aller übrigen Frösche zu allen übrigen Menschen und in so fern kann
nichts unschuldigers sein als zu untersuchen ob zE die Froschmenge in einem
Staat mit der Volksmenge in gehörigem Verhältnis stehe oder nicht und wofern
sich fände dass der Staat einen großen Teil mehr Frösche ernähren müsste als er
nötig hätte die diensamsten Mittel vorzuschlagen wodurch ihre übermäßige Menge
vermindert werden könnte«
Korax spricht verständig sagten etliche junge Akademisten
»Ich rede bloß menschlicherweise von der Sache« sagte Korax
Ich wollte lieber dass wir gar nicht davon angefangen hätten sagte der
Präsident
Dies war der erste Funke den Korax in die schwindlichten Köpfe einiger
speculativen jungen Abderiten warf Unvermerkt wurde er zum Haupt und Worthalter
einer philosophischen Secte von deren Grundsätzen und Meinungen in Abdera nicht
allzuvorteilhaft gesprochen wurde Sie wurden nicht ohne Grund beschuldiget
dass sie nicht nur unter sich sondern sogar in großen Gesellschaften und auf den
öffentlichen Spazierplätzen behaupteten »es lasse sich mit keinem einzigen
triftigen Grunde beweisen dass die Frösche der Latona etwas bessers als gemeine
Frösche wären die Sage dass sie von den milischen Froschbauern oder
Bauerfröschen abstammten wäre ein albernes Volksmärchen und selbst die alte
Tradition dass Jupiter die milischen Bauern weil sie Latonen mit ihren
Zwillingen nicht aus ihrem Teiche hätten trinken lassen wollen in Frösche
verwandelt habe sei etwas woran man allenfalls zweifeln könnte ohne sich eben
darum an Jupitern oder Latonen zu versündigen Es möchte aber auch damit sein
wie es wollte so sei es doch ungereimt aus Devotion gegen die schöne Latona
die ganze Stadt und Republik Abdera zu einer Froschpfütze zu machen« und was
dergleichen Behauptungen mehr waren die so simpel und vernunftmässig sie uns
heutiges Tages vorkommen zu Abdera gleichwohl zumal in den Ohren der
Latonenpriester sehr übelklingend gefunden wurden und dem Philosophen Korax
und seinen Anhängern den verhassten Namen Batrachomachen oder Gegenfröschler
zuzogen ein Titel dessen sie sich jedoch um so weniger schämten weil es ihnen
gelungen war beinahe die ganze junge und schöne Welt mit ihren freien Meinungen
anzustecken
Die Priester des Latonentempels und das Kollegium der Froschpfleger
ermangelten nicht bei jeder Gelegenheit ihr Missfallen an dem mutwilligen Witze
der Gegenfröschler zu zeigen und der Oberpriester Stilbon vermehrte aus dieser
Veranlassung sein Buch von den Altertümern des Latonentempels mit einem großen
Kapitel über die Natur der Latonenfrösche Indessen hatten sie einen sehr
wesentlichen Beweggrund es dabei bewenden zu lassen und dieser war dass
ungeachtet der freigeisterischen Denkart über die Frösche welche Korax in
Abdera zur Mode gemacht hatte nicht ein einziger Froschgraben in und um die
Stadt weniger zu sehen war als zuvor Der Philosoph Korax und seine Anhänger
waren schlau genug gewesen zu merken dass sie sich die Freiheit »von den
Fröschen überlaut zu denken was sie wollten« nicht wohlfeiler erkaufen
könnten als wenn sie es was die Ausübung betraf gerade eben so machten wie
alle andre Leute Ja der weise Korax als derjenige auf den man am meisten
Acht gab hatte für schicklich angesehen lieber zu viel als zu wenig zu tun
und also gleich nach seiner Aufnahme in die Akademie auf seinem angeerbten
Grund und Boden einen der schönsten Froschgräben in ganz Abdera angelegt und
mit einer beträchtlichen Menge schöner wohlbeleibter Frösche aus dem geheiligten
Teich besetzt wovon er den Priestern jedes Stück mit vier Drachmen bezahlte
Dies war eine Höflichkeit für welche diese Herren so wenig sie sich ihm auch
sonst dafür verbunden halten mochten doch um des guten Beispiels willen nicht
umhin konnten dankbar zu scheinen zumal da diese nämliche Handlung des
sogenannten Philosophen hinlänglichen Vorwand gab diejenigen die sich an
seinen freien Meinungen und witzigen Einfällen hätten ärgern mögen zu
überzeugen dass es ihm nicht Ernst damit sei Seine Zunge ist schlimmer als sein
Gemüt pflegten sie zu sagen er will dafür angesehen sein als ob er zu viel
Witz hätte um zu denken wie andre Leute aber im Grunde ists bloße Ziererei
Wenn er nicht im Herzen eines Bessern überzeugt wäre würde er wohl seine
freigeisterischen Meinungen durch seine Handlungen widerlegen Man muss solche
Leute nicht nach dem was sie sprechen beurteilen sondern nach dem was sie
tun
Bei allem dem ist nicht zu leugnen dass Korax unter der Hand mit keinem
geringeren Anschlag umging als gleich einem neuen Herkules Teseus oder
Harmodius sein Vaterland von den Fröschen zu befreien von welchen es wie er
zu sagen pflegte mit grösserm Unheil bedroht würde als alle die Ungeheuer
Räuber und Tyrannen von denen jene Heroen das ihrige befreiten jemals im
ganzen Griechenlande angerichtet hätten
Drittes Kapitel
Ein unglücklicher Zufall nötigt den Senat von der unmässigen Froschmenge in
Abdera Notiz zu nehmen
Unvorsichtigkeit des Ratsherrn Meidias
Die Majora beschließen ein Gutachten der Akademie einzuholen
Der Nomophylax Hypsiboas protestiert gegen diesen Schluss und eilt den
Oberpriester Stilbon dagegen in Bewegung zu setzen
Das Ungemach das die Abderiten von der ungeheuren Vermehrung ihrer heiligen
Frösche erduldeten wurde inzwischen von Tag zu Tag drückender ohne dass der
damalige Archon Onokradias ein Schwestersohn des berühmten Onolaus und die
Wahrheit zu sagen der lockerste Kopf der jemals am Ruder von Abdera gewackelt
hatte vermocht werden konnte die Sache vor den Senat zu bringen bis bei
einer großen Feierlichkeit wo der Rat und die ganze Bürgerschaft in Procession
durch die Hauptstrassen ziehen musste das Unglück begegnete »dass ein paar
Dutzend Frösche die sich zu weit aus ihren Gräben herausgewagt hatten im
Gedränge des Volks zertreten wurden und aller schleunig vorgekehrten Hilfe
ungeachtet jämmerlich ums Leben kamen«
Dieser Vorfall schien so bedenklich dass sich der Archon genötigt fand
eine außerordentliche Ratsversammlung ansagen zu lassen um sich zu beraten was
für eine Genugtuung die Stadt für dieses zwar unvorsetzliche aber nichts desto
weniger höchst unglückliche Sacrilegium der Latona zu leisten hätte und durch
was für Vorkehrungen einem ähnlichen Unglücke fürs künftige vorgebaut werden
könnte
Nachdem eine gute Weile viel abderitische Platteiten über die Sache
vorgetragen worden waren platzte endlich der Ratsherr Meidias ein Verwandter
und Anhänger des Philosophen Korax heraus »Ich begreife nicht warum die
Herren um ein halb Schock Frösche mehr oder weniger ein solches Aufheben machen
mögen Jedermann ist überzeugt dass die Sache ein bloßer Zufall war den uns
Latona unmöglich übel nehmen kann und weil das Schicksal das über Götter
Menschen und Frösche zu befehlen hat doch nun einmal den Untergang einiger
quakenden Geschöpfe bei dieser Gelegenheit verhängen wollte möchtens doch
anstatt vier und zwanzig eben so viele Myriaden gewesen sein«
Es waren im ganzen Senat vielleicht nicht fünfe die in ihrem Hause oder in
Privatgesellschaften wenigstens seit Korax die erste Entdeckung gemacht
nicht tausendmal über die allzugrosse Vermehrung der Frösche geklagt hätten
Gleichwohl da es in vollem Senat noch nie darüber zur Sprache gekommen war
stutzte jedermann über die Kühnheit des Ratsherrn Meidias nicht anders als ob
er der Latona selbst an die Kehle gegriffen hätte Einige alte Herren sahen so
erschrocken aus als ob sie erwarteten dass ihr Herr Kollege für diese verwegene
Rede auf der Stelle zum Frosch werden würde
»Ich hege alle gebührende Achtung für den geheiligten Teich« fuhr Meidias
der alles wohl bemerkte ganz gelassen fort »aber ich berufe mich auf die
innere Überzeugung aller Menschen deren Mutterwitz noch nicht ganz
eingetrocknet ist ob jemand unter uns ohne Unverschämtheit leugnen könne dass
die Menge der Frösche in Abdera ungeheuer ist«
Die Ratsherren hatten sich indessen von ihrem ersten Schrecken wieder
erholt und wie sie sahen dass Meidias noch immer in seiner eignen Gestalt da
saß und ungestraft hatte sagen dürfen was sie im Grunde allesamt als Wahrheit
fühlten so fing einer nach dem andern an zu bekennen und nach einer kleinen
Weile zeigte sichs dass der ganze Senat einhellig der Meinung war es wäre zu
wünschen dass der Frösche in Abdera weniger sein möchten
Man ist in seinem eignen Hause nicht mehr vor ihnen sicher sagte einer
Man kann nicht über die Straße gehen ohne Gefahr zu laufen einen oder ein paar
zugleich mit jedem Tritte zu zerquetschen sagte ein andrer Man hätte der
Freiheit Frosch gräben anzulegen gleich Anfangs Schranken setzen sollen sagte
ein dritter Wär ich damals im Senat gewesen da die Stiftung der öffentlichen
Froschteiche beschlossen wurde ich würde meine Stimme nimmermehr dazu gegeben
haben sagte ein vierter Wer hätte aber auch gedacht dass sich die Frösche in
wenig Jahren so unmenschlich vermehren würden sagte ein fünfter Ich sah es
wohl vorher sagte der Präsident der Akademie aber ich habe mir zum Gesetze
gemacht mit den Priestern der Latona in Frieden zu leben
Ich auch sagte Meidias aber unsre Umstände werden dadurch nichts
gebessert
Was ist also bei so gestalten Sachen anzufangen meine Herren frug endlich
in seinem gewöhnlichen nieselnden Tone der Archon Onokradias
Da sitzt eben der Knoten antworteten die Ratsherren aus einem Munde Wenn
uns nur jemand sagen wollte was anzufangen ist
Was anzufangen ist rief Meidias hastig und hielt plötzlich wieder inne
Es erfolgte eine allgemeine Stille in der Ratsstube Die weisen Männer
ließ ihre Häupter auf die Brust fallen und schienen mit Anstrengung aller
ihrer Gesichtsmuskeln nachzusinnen was anzufangen sei
Aber wofür haben wir denn eine Akademie der Wissenschaften in Abdera rief
nach einer Weile der Archon zu allgemeiner Verwunderung aller Anwesenden Denn
man hatte ihn seit seiner Erwählung zum Archontat noch nie seine Meinung in
einer rhetorischen Figur vorbringen hören
Der Gedanke Seiner Hochweisheit ist unverbesserlich versetzte der Ratsherr
Meidias man trage der Akademie auf ihr Gutachten zu geben durch was für
Mittel
Das ists eben was ich meine unterbrach ihn der Archon wofür haben wir
eine Akademie wenn wir uns mit dergleichen subtilen Fragen die Köpfe zerbrechen
sollen
Vortrefflich riefen eine Menge dicker Ratsherren indem sie sich alle
zugleich mit der flachen Hand über ihre platten Stirnen fuhren die Akademie
die Akademie soll ein Gutachten stellen
Ich bitte Sie meine Herren rief Hypsiboas einer der Häupter der Republik
denn er war zur Zeit Nomophylax erster Froschpfleger und Mitglied des
ehrwürdigen Kollegiums der Zehnmänner Aller dieser Würden ungeachtet lebte
schwerlich im ganzen Abdera ein Mann der an Latonen und ihren Fröschen im
Herzen weniger Anteil nahm als er Aber weil ihm der Jasonide Onokradias bei der
letzten Archonswahl vorgezogen worden war so hatte er sichs zum Grundsatz
gemacht dem neuen Archon immer und in allem zuwider zu sein Er wurde daher von
den Jasoniden und ihren Freunden nicht unbillig beschuldiget dass er ein
unruhiger Kopf sei und mit nichts geringerm umgehe als eine Partei im Rate zu
formieren welche sich allen Absichten und Schlüssen der Jasoniden die freilich
seit langer Zeit den Meister in der Stadt gespielt hatten entgegen setzen
sollte »Ich bitte Sie meine Herren übereilen Sie sich nicht« rief
Hypsiboas »die Sache gehört nicht vor die Akademie sie gehört vor das
Kollegium der Batrachotrophen Es wäre wider alle gute Ordnung und würde von
den Priestern der Latona als die gröbste Beleidigung aufgenommen werden müssen
wenn man eine Frage von dieser Natur und Wichtigkeit der Akademie auftragen
wollte«
Es betrifft aber keine bloße Froschsache Hochgeachteter Herr Nomophylax
sagte Meidias mit seiner gewöhnlichen spöttelnden Gelassenheit leider ists
Dank sei es den schönen Anstalten die man seit einigen Jahren getroffen hat
eine Staatssache
Und vielleicht die wichtigste die jemals ein allgemeines Zusammentreten
aller vaterländischgesinnten Gemüter notwendig gemacht hat fiel ihm Stentor ins
Wort Stentor einer der heißesten Köpfe in der Stadt und der seiner polternden
Stimme wegen viel im Senat vermochte Die Jasoniden hatten ihn wiewohl er nur
ein Plebejer war durch die Vermählung mit einer natürlichen Tochter des
verstorbenen Erzpriesters Agatyrsus auf ihre Seite gebracht und pflegten sich
gewöhnlich seiner guten Stimme zu bedienen wenn etwas gegen den Nomophylax
Hypsiboas durchzusetzen war der eine eben so starke wiewohl nicht völlig so
polternde Stimme hatte als Stentor
Wohl bekam es diesmals den Ohren der abderitischen Ratsherren dass sie durch
das ewige Koax Koax ihrer Frösche ein wenig dickhäutig geworden waren sie
würden sonst in Gefahr gewesen sein bei dieser Gelegenheit völlig taub zu
werden Aber man war solcher Artigkeiten auf dem Ratause zu Abdera schon
gewohnt und ließ also die beiden mächtigen Schreier gleich zween
eifersüchtigen Bullen einander so lange anbrüllen bis sie vor Heiserkeit
nicht mehr schreien konnten
Da es von diesem Augenblick an nicht mehr der Mühe wert war ihnen
zuzuhören so fragte der Archon den Stadtschreiber wieviel die Uhr sei und
auf die Versicherung dass die Mittagsessenszeit herannahe wurde unverzüglich
zur Umfrage geschritten
Hier beliebe man sich zu erinnern dass es auf dem Ratause zu Abdera bei
Abfassung eines Schlusses niemals darum zu tun war die Gründe welche für oder
wider eine Meinung vorgetragen worden waren kaltblütig gegen einander
abzuwägen und sich auf die Seite desjenigen zu neigen der die besten gegeben
hatte sondern man schlug sich entweder zu dem der am längsten und lautsten
geschrien hatte oder zu dem dessen Partei man hielt Nun pflegte zwar die
Partei des Archon in currenten Sachen fast immer die stärkere zu sein aber
diesesmal da es mit dem Präsidenten der Akademie zu reden eine so schlüpfrige
Sache betraf würde Onokradias schwerlich die Oberhand erhalten haben wenn
Stentor seine Lungenflügel nicht so außerordentlich angegriffen hätte Es wurde
also mit 28 Stimmen gegen 22 beschlossen dass der Akademie ein Gutachten
abgefodert werden sollte durch was für Mittel und Wege der übermäßigen
Vermehrung der Frösche in und um Abdera jedoch der schuldigen Ehrfurcht für
Latonen und den Rechten ihres Tempels in alle Wege unbeschadet Einhalt getan
werden könnte
Die Klausel hatte der Ratsherr Meidias ausdrücklich einrücken lassen um die
Partei des Nomophylax entweder zu gewinnen oder ihr wenigstens keinen Vorwand zu
lassen dessen sie sich bedienen könnte das Volk gegen die Majorität
aufzuwiegeln Aber der Nomophylax und sein Anhang versicherten dass sie nicht so
einfältig wären sich durch Klauseln eine Nase drehen zu lassen Sie
protestierten gegen den Schluss ad Protocollum ließ sich davon Extractum in
forma probante erteilen und begaben sich unverzüglich in Procession zu dem
Oberpriester Stilbon um ihn von diesem unerhörten Eingriffe in die Rechte der
Batrachotrophen und des Latonentempels Nachricht zu geben und die Massnehmungen
abzureden welche zu Aufrechtaltung ihres Ansehens schleunigst ergriffen werden
müssten
Viertes Kapitel
Charakter und Lebensart des Oberpriesters Stilbon
Verhandlung zwischen den Latonenpriestern und den Ratsherren von der Minorität
Stilbon sieht die Sache aus einem eignen Gesichtspunct an und geht dem Archon
selbst Vorstellungen zu machen
Merkwürdige Unterredung zwischen den Zurückgebliebnen
Der Oberpriester Stilbon war bereits der dritte der dem ehrwürdigen Strobylus
dessen Asche im Frieden ruhe in dieser Würde gefolgt war In den Charakteren
dieser beiden Männer war den Eifer für die Sache ihres Ordens ausgenommen
sonst wenig ähnliches Stilbon hatte von Jugend an die Einsamkeit geliebt und
sich in den unzugangbarsten Gegenden des Latonenhains oder in den abgelegensten
Winkeln ihres Tempels mit Speculationen beschäftigt die desto mehr Reiz für
seinen Geist hatten je weiter sie sich über die Grenzen der menschlichen
Erkenntnis zu erheben schienen oder richtiger zu reden je weniger sich der
mindeste praktische Gebrauch zum Vorteil des menschlichen Lebens davon machen
ließ Gleich einer unermüdeten Spinne saß er im Mittelpunct seiner Gedanken und
Wortgewebe ewig beschäftigt den kleinen Vorrat von Ideen den er in dem engen
Bezirke des Latonentempels und bei einer so abgeschiedenen Lebensart hatte
erwerben können in so klare und dünne Fäden auszuspinnen dass er alle die
unzählbaren leeren Zellen seines Gehirns über und über damit austapezieren
konnte
Außer diesen metaphysischen Speculationen hatte er sich am meisten mit den
Altertümern von Abdera Tracien und Griechenland und besonders mit der
Geschichte aller festen Länder Inseln und Halbinseln die nach uralten
Traditionen einst da gewesen aber seit undenklichen Zeiten nicht mehr da
waren zu tun gemacht Der ehrliche Mann wusste kein Wort davon was zu seiner
eignen Zeit in der Welt vorging und noch weniger was 50 Jahre vor seiner Zeit
darin vorgegangen sogar die Stadt Abdera an deren einem Ende er lebte war ihm
wenig bekannter als Memphis oder Persepolis Dafür aber war er desto
einheimischer in dem alten Pelasgerlande wusste genau wie jedes Volk jede
Stadt und jeder kleine Flecken geheißen ehe sie ihren gegenwärtigen Namen
führten wusste wer jeden in Ruinen liegenden Tempel gebaut hatte und zählte
die Successionen aller der Könige an den Fingern her die vor der Überschwemmung
Deukalions unter den Toren ihrer kleinen Städte saßen und jedem Recht sprachen
der sichs nicht selbst zu verschaffen im Stande war Die berühmte Insel
Atlantis war ihm so bekannt als ob er alle ihre herrlichen Paläste Tempel
Marktplätze Gymnasien Amphiteater usw mit eignen Augen gesehen hätte und
er würde untröstbar gewesen sein wenn ihm jemand in seinem dicken Buche von den
Wanderungen der Insel Delos oder in irgend einem andern von den dicken Büchern
die er über eben so interessante Materien hatte ausgehen lassen die kleinste
Unrichtigkeit hätte zeigen können
Mit allen diesen Kenntnissen war Stilbon freilich ein sehr gelehrter aber
auch ungeachtet derselben ein sehr beschränkter und in allen Sachen die das
praktische Leben betrafen höchsteinfältiger Mann Seine Begriffe von den
menschlichen Dingen waren fast alle unbrauchbar weil sie selten oder nie auf
die Fälle passten wo er sie anwandte Er urteilte immer schief von dem was
gerade vor ihm stund schloss immer richtig aus falschen Vordersätzen wunderte
sich immer über die natürlichsten Ereignisse und erwartete immer einen
glücklichen Erfolg von Mitteln die seine Absichten notwendig vereiteln mussten
Sein Kopf war und blieb so lang er lebte ein Sammelplatz aller populären
Vorurteile Das blödeste alte Mütterchen in Abdera war nicht leichtgläubiger als
er und so ungereimt es vielen unsrer Leser scheinen wird so gewiss ist es dass
er vielleicht der einzige Mann in Abdera war der in vollem Ernst an die Frösche
der Latona glaubte
Bei allem dem wurde der Oberpriester Stilbon durchgehends für einen
wohlgesinnten und friedliebenden Mann gehalten und in so ferne man ihm die
negativen Tugenden die eine notwendige Folge seiner Lebensart seines Standes
und seiner Neigung zum speculativen Leben waren für voll anrechnete so konnte
er allerdings für weiser und besser gelten als irgend einer seiner
Mitabderiten Diese letztern hielten ihn für einen Mann ohne Leidenschaften
weil sie sahen dass nichts von allem was die Begierden andrer Leute zu reizen
pflegt Gewalt über ihn hatte Aber sie dachten nicht daran dass er auf alle
diese Dinge keinen Wert legte entweder weil er sie nicht kannte oder weil er
durch eine lange Gewohnheit bloß in Speculationen zu leben sich Untüchtigkeit
und Abneigung zu allem was andre Gewohnheiten voraussetzt zugezogen hatte
Indessen hatte der gute Stilbon wiewohl ohne es selbst zu wissen eine
Leidenschaft welche ganz allein hinreichend war soviel Unheil in Abdera
anzustiften als alle übrigen die er nicht hatte und das war die Leidenschaft
für seine Meinungen Selbst aufs vollkommenste von ihrer Wahrheit überzeugt
konnte er nicht begreifen wie ein Mensch wenn er auch nichts als seine bloßen
fünf Sinne und den allgemeinsten Menschenverstand hätte über irgend etwas eine
andre Vorstellungsart haben könne als er Wenn sich also dieser Fall zutrug so
wusste er sich die Möglichkeit desselben nicht anders zu erklären als durch die
Alternative dass ein solcher Mensch entweder nicht bei Sinnen oder dass er ein
boshafter vorsetzlicher und verstockter Feind der Wahrheit und also ein ganz
verabscheuenswürdiger Mensch sein müsse Durch diese Denkart war der
Oberpriester Stilbon mit aller seiner Gelehrsamkeit und mit allen seinen
negativen Tugenden ein gefährlicher Mann in Abdera und würde es noch ungleich
mehr gewesen sein wenn seine Indolenz und sein entschiedener Hang zur
Einsamkeit nicht alles was um ihn her geschah so weit von ihm entfernt hätte
dass es ihm selten bedeutend genug vorkam um die mindeste Kenntnis davon zu
nehmen
Ich habe nie gehört dass man Ursache haben könnte sich über eine allzugrosse
Menge der Frösche zu beklagen sagte Stilbon ganz gelassen als der Nomophylax
mit seinem Vortrag zu Ende war
Davon soll jetzt die Rede nicht sein Herr Oberpriester versetzte jener Der
Senat ist über diesen Punkt so ziemlich einer Meinung und ich denke die ganze
Stadt dazu Aber dass der Akademie aufgetragen worden die Mittel und Wege
wodurch der übermäßigen Froschmenge am füglichsten abgeholfen werden könne
vorzuschlagen das ists was wir niemals zugeben können
Hat der Senat der Akademie einen solchen Auftrag getan fragte Stilbon
»Sie hören ja rief Hypsiboas etwas ungeduldig das ists ja eben was ich
Ihnen sagte und warum wir da sind«
So hat der Senat einen Schritt getan wobei ihn seine gewöhnliche Weisheit
gänzlich verlassen hat erwiderte der Priester eben so kaltblütig wie zuvor
Haben Sie den Ratschluss bei sich
»Hier ist eine Abschrift davon«
Hm hm sagte Stilbon und schüttelte den Kopf nachdem er ihn sehr
bedächtlich ein oder zweimal überlesen hatte hier sind ja beinahe so viel
Absurditäten als Worte Primo muss erst erwiesen werden dass zu viel Frösche in
Abdera sind oder vielmehr dies kann in Ewigkeit nicht erwiesen werden Denn
um bestimmen zu können was zu viel ist muss man erst wissen was genug ist und
dies ist gerade was wir unmöglich wissen können es wäre denn dass der
delphische Apollo oder seine Mutter Latona selbst uns durch ein Orakel darüber
verständigen wollte Die Sache ist sonnenklar Denn da die Frösche unmittelbar
unter dem Schutz und Einfluss der Göttin stehen so ist es ungereimt zu sagen
dass ihrer jemals mehr seien als der Göttin beliebt und also braucht die Sache
nicht nur gar keiner Untersuchung sondern sie lässt auch keine Untersuchung zu
Secundo gesetzt dass der Frösche wirklich zu viel wären so ist es doch
ungereimt von Mitteln und Wegen zu reden wodurch ihre Anzahl vermindert werden
könnte Denn es gibt keine solche Mittel und Wege wenigstens keine die in
unsrer Willkür stehen welches eben so viel ist als ob es gar keine gebe
Tertio ist es ungereimt der Akademie einen solchen Auftrag zu machen Denn die
Akademie hat nicht nur kein Recht über Gegenstände von dieser Wichtigkeit zu
erkennen sondern sie besteht auch wie ich höre größtenteils aus Witzlingen
und seichten Köpfen die von solchen Dingen gar nichts verstehen und zum klaren
Beweis dass sie nichts davon verstehen sollen sie wie ich höre sogar albern
genug sein darüber zu scherzen und zu spotten Ich traue diesen armen Leuten
zu dass es aus Unverstand geschieht Denn hätten sie mein Buch von den
Altertümern des Latonentempels mit Bedacht gelesen so müssten sie entweder aller
Sinne beraubt oder offenbare Bösewichter sein wenn sie der Wahrheit die ich
darin sonnenklar dargelegt habe widerstehen könnten Das Senatusconsultum ist
also wie gesagt durchaus ungereimt und kann folglich von keinem Effect sein
indem ein absurder Satz eben so viel ist als gar kein Satz Sagen Sie dies
unsern gnädigen Herren in der nächsten Session hochgeachteter Herr Nomophylax
Deiterai prontides sopoterai Unsre gnädigen Herren werden sich unfehlbar eines
Bessern besinnen und solchenfalls werden wir am besten tun die Sache auf sich
beruhen zu lassen
»Herr Oberpriester« antwortete ihm Hypsiboas »Sie sind ein grundgelehrter
Mann das wissen wir alle Aber nehmen Sie mir nicht übel auf Weltändel und
Staatssachen verstehen Sich Ew Ehrwürden nicht Die Majora im Senat haben einen
Schluss gefasst der den Gerechtsamen der Batrachotrophen präjudicierlich ist
Indessen nach der Regel »Majora concludunt« bleibts bei diesem Ratsschlusse und
der Archon wird ihn zur Execution gebracht haben eh ich in der nächsten Session
Ihre logikalischen Einwendungen vortragen könnte wenn ich mich auch damit
beladen wollte«
Es kommt aber ja in solchen speculativen Dingen nicht auf die Majora
sondern auf die Saniora an sagte Stilbon
»Vortrefflich Herr Oberpriester« versetzte der Nomophylax »Das ist ein
Wort Die Saniora die Saniora haben ohnstreitig Recht Die Frage ist also jetzt
nur wie wir es anzugreifen haben dass sie auch Recht behalten Wir müssen auf
ein schleuniges Mittel denken die Vollstreckung des Ratsschlusses zu
suspendieren
Ich will Sr Gnaden dem Archon augenblicklich mein Buch von den
Altertümern des Latonentempels schicken Er muss es noch nicht gelesen haben
Denn in dem Kapitel von den Fröschen ist alles was über diesen Gegenstand zu
sagen ist ins Klare gesetzt«
Der Archon hat in seinem Leben kein Buch gelesen Herr Oberpriester sagte
einer von den Ratsherren lachend als das abderitische Intelligenzblatt dies
Mittel wird nicht anschlagen dafür bin ich Ihnen gut
Desto schlimmer erwiderte Stilbon In was für Zeiten leben wir wenn das
wahr ist Wenn das Oberhaupt des Staats ein solches Beispiel gibt Doch ich
kann unmöglich glauben dass es schon so weit mit Abdera gekommen sei
»Sie sind auch gar zu unschuldig Herr Oberpriester sagte der Nomophylax
Aber lassen wir das auf sich beruhen Es stünde noch gut genug wenn das der
größte Fehler des Archons wäre«
»Ich sehe nur ein Mittel in der Sache sprach jetzt einer von den Priestern
Namens Pamphagus das hochpreisliche Kollegium der Zehnmänner ist über den Senat
folglich «
Um Vergebung fiel ihm ein Ratsherr ins Wort nicht über den Senat sondern
nur
»Sie haben mich nicht ausreden lassen sagte der Priester etwas hitzig Die
Zehnmänner sind nicht über den Senat in Justiz Staats und Policeisachen Aber
da alle Sachen wobei der Latonentempel betroffen ist vor die Zehnmänner
gehören und von ihrer Entscheidung nicht weiter appelliert werden kann so ist
klar dass «
Die Zehnmänner nicht über den Senat sind fiel jener ein denn der Senat
behängt sich mit Latonensachen gar nicht und kann also nie mit den Zehnmännern
in Kollision kommen
»Desto besser für den Senat sagte der Priester Aber wenn sich denn ja
einmal der Senat beigehen ließe über einen Gegenstand der dem Dienst der
Latona wenigstens sehr nahe verwandt ist erkennen zu wollen wie dermalen
wirklich der Fall ist so sehe ich kein ander Mittel als die Zehnmänner
zusammenberufen zu lassen«
Das kann nur der Archon wandte Hypsiboas ein und natürlicherweise wird er
sich dessen weigern
»Er kann sich nicht weigern wenn er von dem Kollegio der Priester darum
angegangen wird« sagte Pamphagus
Herr Kollege ich bin nicht Ihrer Meinung fiel der Oberpriester ein Es
wäre wider die Würde der Zehnmänner und sogar wider die Ordnung wenn wir in
vorliegendem Falle auf ihre Zusammenberufung dringen wollten Die Zehnmänner
können und müssen sich versammeln wenn die Religion wirklich verletzt worden
ist Wo ist aber hier die Verletzung Der Senat hat einen absurden Schluss
gefasst das ist alles Es ist schlimm aber nicht schlimm genug Sie müssten denn
erweisen können dass die Zehnmänner darum da seien den Senat zu syndicieren
wenn er ungereimte Schlüsse macht
Der Priester Pamphagus biss die Lippen zusammen drehte sich nach dem Sitze
des Nomophylax und murmelte ihm etwas ins linke Ohr
Stilbon ohne darauf Acht zu geben fuhr fort ich will stehenden Fußes
selbst zum Archon gehen Ich will ihm mein Buch von den Altertümern des
Latonentempels bringen Er soll das Kapitel von den Fröschen lesen Es ist
unmöglich dass er nicht sogleich von der Ungereimteit des Ratsschlusses
überzeugt werde
»So gehen Sie dann und versuchen Sie Ihr Heil« sagte der Nomophylax Der
Oberpriester ging unverzüglich
Was das für ein Kopf ist sagte der Priester Pamphagus wie er weggegangen
war
Er ist ein sehr gelehrter Mann versetzte der Ratsherr Bucephalus aber
Ein gelehrter Mann sagte jener Was nennen Sie gelehrt Gelehrt in lauter
Dingen die kein Mensch zu wissen verlangt
Davon können Ew Ehrwürden besser urteilen als unser einer erwiderte der
Ratsherr ich verstehe nichts davon aber es ist mir doch immer unbegreiflich
vorgekommen dass ein so gelehrter Mann in Geschäftssachen so einfältig sein kann
wie ein kleines Kind
Es ist unglücklich für den Latonentempel sagte ein andrer Priester
Und für den ganzen Staat setzte ein dritter hinzu
Das weiß ich eben nicht sprach der Nomophylax mit einem spitzfündigen
Naserümpfen wir wollen aber bei der Sache bleiben Die Herren scheinen mir
sämtlich der Meinung zu sein dass die Zehnmänner zusammenberufen werden müssten
Um so mehr sagte einer der Ratsherren weil wir gewiss sind die Majora
gegen den Archon zu machen
Wenn wir uns nicht besser helfen können fuhr der Nomophylax fort so bin
ichs zufrieden Aber sollten wir in einer Sache wobei Latona und ihre
Priesterschaft auf unsrer Seite sind uns nicht noch besser helfen können
Machen wir nicht beinahe die Hälfte des Rats aus Wir sind bloß mit sechs
Stimmen majorisiert worden und wenn wir fest zusammenhalten
Das wollen wir schrien die Ratsherren aus voller Kehle
»Ich habe einen Gedanken meine Herren aber ich muss ihn reifer werden
lassen Erkiesen Sie zwei oder drei aus Ihrem Mittel mit denen ich mich diesen
Abend auf meinem Gartenhause näher von der Sache besprechen könne Es wird sich
inzwischen zeigen wie weit es der Oberpriester mit dem Archon Onokradias
gebracht haben wird«
Ich wette meinen Kopf gegen eine Melone sagte der Priester Charox er wird
aus arg ärger machen
Desto besser sagte der Nomophylax
Fünftes Kapitel
Was zwischen dem Oberpriester und dem Archon vorgefallen eines der
lehrreichsten Kapitel in dieser ganzen Geschichte
Während dass dies in dem Vorsaal des Oberpriesters verhandelt wurde hatte sich
dieser in eigener Person zum Archon erhoben und über eine Sache woran dem
Archon viel gelegen sei Audienz verlangt
O das wird ganz gewiss die Frösche betreffen sagte der Ratsherr Meidias
der eben allein bei dem Archon war und ihm berichtet hatte dass man den
Nomophylax mit seinem ganzen Anhang nach dem Latonentempel gehen gesehen habe
Dass doch der Henker verzeih mirs Latona alle Frösche hätte rief
Onokradias ungeduldig da wird mir der sauertöpfische Pfaffe die Ohren so voll
Warums und Darums schwatzen dass ich am Ende nicht wissen werde wo mir der
Kopfsteht Helfen Sie mir ich bitte Sie von dem gespenstmässigen alten Kerl
Meidias lachte über die Verlogenheit des Archons Hören Sie ihm immer an
sagte er aber halten Sie fest über Ihrem Ansehen und an dem Grundsatze dass
Not kein Gesetz hat Wir können uns doch wahrlich nicht von Fröschen auffressen
lassen und wenns so fortgehen sollte wie bisher so möchte uns Latona eben
sowohl allzumal in Frösche verwandeln Es wäre immer noch das Glücklichste was
uns widerfahren könnte wenn uns nicht bald auf andre Weise geholfen wird
Allenfalls kanns auch nicht schaden wenn Ew Gnaden dem Priester zu verstehen
geben dass Jason auch einen Tempel zu Abdera hat und dass Götter nur in so fern
Götter sind als sie Gutes tun
Schön schön sagte der Archon Wenn ich nur alles so behalten könnte wie
Sie mirs da gesagt haben Aber ich will mich schon zusammennehmen Lasst den
Priester nur anrücken Gehen Sie indessen in mein Kabinet Meidias Sie werden
eine feine Anzahl kleiner Stücke vom Parrhasius darin finden die man nicht
überall sieht Aber sagen Sie meiner Frau nichts davon Sie verstehen mich
doch
Meidias schlich sich in das Kabinet der Archon stellte sich in Positur und
Stilbon wurde vorgelassen
»Gnädiger Herr Archon sagte er ich komme Ew Gnaden einen guten Rat zu
geben weil ich eine große Meinung von Dero Weisheit hege und gerne Unheil
verhüten möchte«
Ich danke Ihnen für beides Herr Oberpriester Ein guter Rat findet wie Sie
wissen eine gute Statt Was haben Sie anzubringen
»Der Senat fuhr Stilbon fort hat sich wie ich höre in Sachen die
Frösche der Latona betreffend eines übereilten Schlusses schuldig gemacht«
Herr Oberpriester
»Ich sage nicht dass sie es aus bösem Willen getan Die Menschen sündigen
bloß weil sie unwissend sind Hier bringe ich Ew Gnaden ein Buch woraus Sie
sich belehren können was es mit unsern Fröschen für eine Bewandtnis hat Es hat
mir viele Mühe und Nachtwachen gekostet Sie können daraus lernen dass die
Akademie die von gestern her ist kein Recht haben kann über Frösche zu
erkennen die so alt sind als die Gottheit der Latona Die Frösche zu Abdera
sind wie wir alle wissen sollten ganz ein ander Ding als die Frösche anderer
Orte in der Welt Sie gehören der Latona an Sie sind niemals aussterbende
Zeugen und lebendige Documente ihrer Gottheit Es ist Unsinn zu sagen dass
ihrer zu viel sein könnten und ein Sacrilegium von Mitteln zu reden wodurch
ihre Anzahl vermindert werden soll«
Ein Sacrilegium Herr Oberpriester
»Ich verdiente nicht Oberpriester zu sein wenn ich zu solchen Dingen
schweigen wollte Denn wenn wir einmal zugelassen hätten dass die Anzahl der
Latonenfrösche vermindert werden dürfe so möchten unsre noch schlimmern
Nachkommen wohl gar so weit verfallen sie gänzlich ausrotten zu wollen Wie
gesagt in diesem Buche werden Ew Gnaden alles finden was von der Sache zu
glauben ist Sorgen Sie dafür dass Abschriften davon gemacht und jedes Haus mit
einem Exemplar versehen werde Ist dies geschehen dann wird das Sicherste sein
gar nicht mehr über die Sache zu raisonnieren Die Akademie mag sonst Gutachten
stellen worüber sie immer will Die ganze Natur liegt vor ihr offen Sie kann
reden vom Elephanten bis zur Blattlaus vom Adler bis zur Wassermotte vom
Walfisch bis zur Schmerle und von der Zeder bis zum Lykopodion aber von den
Fröschen soll sie schweigen«
Herr Oberpriester sagte der Archon die Götter sollen mich bewahren dass
ich mir jemals einfallen lasse zu untersuchen was es mit ihren Fröschen für
eine Bewandtnis hat Ich bin Archon um alles in Abdera zu lassen wie ich es
gefunden habe Indessen liegt am Tage dass wir uns vor lauter Fröschen nicht
mehr rühren können und diesem Unwesen muss gesteuert werden Denn schlimmer
darfs nicht mit uns werden das sehen Sie selbst Unsre Vorältern begnügten
sich den geheiligten Teich zu unterhalten und wer seinen eignen Froschgraben
haben wollte dem stunds frei dabei hätte mans lassen sollen Da es aber nun
einmal so weit mit uns gekommen ist dass wir nächstens in Gefahr sind lebendig
oder tot von Fröschen gegessen zu werden so werden uns Ew Ehrwürden doch wohl
nicht zumuten wollen dass wirs darauf ankommen lassen sollen Denn wenn einer
von Fröschen gegessen würde so möchts ihm wohl ein schlechter Trost sein zu
denken dass es keine gemeine Frösche seien Kurz und gut Herr Oberpriester die
Akademie soll ihr Gutachten stellen weil ihrs vom Senat aufgetragen worden
ist und mit aller Achtung die ich Ew Ehrwürden schuldig bin ich werde Ihr
Buch nicht lesen und es soll mir ein für allemal ausgemacht werden ob die
Frösche um der Abderiten willen oder die Abderiten um der Frösche willen da
sind Denn sobald die Republik durch die Frösche in Gefahr gesetzt wird sehen
Sie so wird eine Staatssache daraus und da haben die Priester der Latona
nichts drein zu reden wie Sie wissen Denn Not hat kein Gesetz und mit einem
Wort Herr Oberpriester wir wollen uns nicht von Ihren Fröschen essen lassen
Sollten Sie aber wider Verhoffen darauf bestehen so täte mirs leid wenn ich
Ihnen sagen müsste dass der Latonentempel nicht der einzige in Abdera ist und
das goldne Vliess dessen Verwahrung die Götter meiner Familie anvertraut haben
könnte vielleicht eine bisher noch unerkannte Tugend äußern und Abdera auf
einmal von aller Not befreien Mehr will ich nicht sagen Aber merken Sie sich
das Herr Oberpriester Der Krug geht so lange zum Wasser bis er bricht
Der gute Oberpriester wusste nicht ob er wache oder träume da er den
Archon den er immer für einen wohldenkenden und exemplarischen Regenten
gehalten hatte eine solche Sprache führen hörte Er stund eine Weile da ohne
ein Wort hervorbringen zu können nicht weil er nichts zu sagen wusste sondern
weil er soviel zu sagen hatte dass er nicht wusste wo er anfangen sollte Das
hätte ich nimmermehr für möglich gehalten fing er endlich an dass ich die Zeit
erleben sollte wo der Oberpriester der Latona aus dem Munde eines Archons hören
müsste was ich gehört habe
Dem Archon fing bei diesen Worten an unheimlich zu werden Denn weil er
selbst nicht mehr so eigentlich wusste was er dem Oberpriester gesagt hatte so
wurde ihm bange dass er mehr gesagt haben möchte als sich geziemte Er sah mit
einiger Verlegenheit nach der Kabinettüre als ob er seinen geheimen Rat Meidias
gerne zu Hilfe gerufen hätte Da er sich aber diesmal allein helfen musste so
zupfte er sich wechselsweise bald an der Nase bald am Bart hustete räusperte
sich und erwiderte endlich dem Oberpriester mit aller Würde die er sich in der
Eile geben konnte Ich weiß nicht wie ich das nehmen soll was Sie mir da
sagten Aber das weiß ich wenn Sie was gehört zu haben glauben das Sie nicht
hätten hören sollen so müssen Sie mich ganz unrecht verstanden haben Sie sind
ein sehr gelehrter Mann und ich trage alle mögliche Achtung für Ihre Person und
Ihr Amt
Sie wollen also mein Buch lesen fragte Stilbon
»Das eben nicht aber wenn Sie darauf bestehen wenn Sie glauben dass es
schlechterdings «
Man soll das Gute niemand aufdringen sagte der Priester mit einer
Empfindlichkeit über die er nicht Meister war Ich will es Ihnen da lassen
Lesen Sie es oder nicht Desto schlimmer für Sie wenn Ihnen gleichgültig ist
ob Sie richtig oder unrichtig denken
Herr Oberpriester fiel ihm der Archon der endlich auch warm zu werden
anfing ins Wort Sie sind ein empfindlicher Mann wie ich sehe Ich verdenk es
Ihnen zwar nicht dass Ihnen die Frösche am Herzen liegen denn dafür sind Sie
Oberpriester Sie sollten aber auch bedenken dass ich Archon über Abdera und
nicht über einen Froschteich bin Bleiben Sie in Ihrem Tempel und regieren Sie
dort wie Sie wollen und können auf dem Ratause lassen Sie uns regieren Die
Akademie soll ihr Gutachten über die Frösche stellen dafür geb ich Ihnen mein
Wort und es soll Ihnen communiciert werden eh der Senat einen Schluss darüber
fasst darauf können Sie sich auch verlassen
Der Oberpriester verschlang seinen Unwillen über den ganz unerwarteten
schlechten Erfolg seines Besuchs so gut er konnte machte seinen Bückling und
zog sich zurück mit der Versicherung dass er vollkommen überzeugt sei dass der
Senat nichts in Sachen weiter verfügen werde ohne mit den Priestern des
Latonentempels vorher einverstanden zu sein Der Archon versicherte ihm dagegen
zurück dass ihm die Rechte des Latonentempels so heilig seien als die Rechte
des Senats und das Beste der Stadt Abdera und somit schieden sie nach Gestalt
der Sachen noch ziemlich höflich von einander
Der hat mir warm gemacht sagte der Archon zum Ratsherrn Meidias indem er
sich mit seinem Schnupftuch die Stirne wischte
Sie haben sich aber auch tapfer gehalten versetzte der Ratsherr Das
Pfäffchen wird Gift und Galle kochen aber seine Blitze sind nur von
Bärenlappen Man braucht nur sich auf seine Distinctionen und Syllogismen nicht
einzulassen so ist er geschlagen und weiß weder wo aus noch wo ein
Ja wenn der Nomophylax nicht hinter ihm stäke erwiderte der Archon Ich
wollte dass ich mich nicht so weit herausgelassen hätte Aber was das auch für
eine Zumutung ist das dicke Buch zu lesen woran sich der hohläugige alte Kerl
blind geschrieben hat Wer hätte nicht ungeduldig werden sollen
Sorgen Sie für nichts Herr Archon Wir haben die Akademie für uns und in
wenig Tagen sollen auch die Lacher in ganz Abdera auf unsrer Seite sein Ich
will Liedchen und Gassenhauer unter das Volk streuen Der Balladenmacher Lelex
soll mir die Geschichte der lycischen Froschbauern in eine Ballade bringen über
die sich die Leute krank lachen sollen Man muss die Herren mit ihren Fröschen
lächerlich machen Auf eine feine Art versteht sich aber Schlag auf Schlag
Gassenhauer auf Gassenhauer Sie sollen sehen wie das Mittel anschlagen wird
Ich will es herzlich wünschen sagte der Archon denn Sie können sich kaum
vorstellen wie mir die verwetterten Frösche diesen Sommer über meinen Garten
zugerichtet haben Ich kann den Jammer gar nicht mehr ansehen Es fehlt uns
nichts als dass nächstens ein trocknes Jahr käme und uns noch eine Armee von
Feldmäusen und Maulwürfen über den Hals schickte
Fürs erste wollen wir uns die Frösche vom Leibe schaffen versetzte Meidias
für die Mäuse die noch kommen sollen wirds dann auch Mittel geben
Aber was zum Henker soll ich mit dem dicken Buche machen das mir der
Oberpriester zurückgelassen hat sagte der Archon Sie werden mir doch nicht
zumuten wollen dass ichs lesen soll
Da sei Jason und Medea für Herr Archon versetzte Meidias Geben Sie mirs
Ich wills meinem Vetter Korax bringen dem ohne Zweifel die Ausfertigung des
Gutachtens von der Akademie aufgetragen werden wird Er wird guten Gebrauch
davon machen dafür bin ich Ihnen Bürge
Es mag schönes Zeug drin stehen sagte der Archon
Wenns sonst zu nichts zu gebrauchen ist erwiderte der Ratsherr so machen
wirs zu Pulver und gebens den Ratten ein die nach Ew Gnaden Weissagung
noch kommen sollen Es muss ein herrliches Rattenpulver geben
Sechstes Kapitel
Was der Oberpriester Stilbon tat als er wieder nach Hause gekommen war
Das erste was der Oberpriester Stilbon tat als er wieder in seiner Zelle
angelangt war war dass er sich hinsetzte und sein Werk von den Altertümern des
Latonentempels vor die Hand nahm in der Absicht das Kapitel von den Fröschen
welches das größte Kapitel in dem ganzen Buche war wieder zu durchlesen und
zwar wie er sich wenigstens schmeichelte mit aller Unparteilichkeit eines
Richters der kein ander Interesse bei der Sache hat als die Entdeckung der
Wahrheit Denn so überzeugt er auch von den Resultaten seiner Untersuchungen
war so hielt er doch für billig und nötig eh er sich weiter einliesse sein
ganzes System und die Beweise desselben noch einmal Punkt vor Punkt zu prüfen
um es wenn ers auch bei dieser neuen und scharfen Untersuchung wahr befände
desto zuversichtlicher gegen alle Anfechtungen des Witzes und der
Modephilosophie seiner Zeit behaupten zu können
Armer Stilbon wenn du wie ich lieber glauben als nicht glauben will
aufrichtig warst was für ein betrügliches Ding ist es um eines Menschen
Vernunft und was für eine glatte verführerische Schlange ist die große
Erzzauberin Eigenliebe
Stilbon durchlas sein Kapitel von den Fröschen mit aller Unparteilichkeit
deren er fähig war prüfte jeden Satz jeden Beweis jeden Syllogismus mit der
Kaltblütigkeit eines Arcesilas und fand »dass man entweder dem allgemeinen
Menschensinn entsagen oder von seinem System überzeugt werden müsse«
Das kann nicht möglich sein sagt ihr Um Verzeihung das kann sehr
möglich sein denn es ist geschehen und geschieht noch immer alle Tage Nichts
ist natürlicher Der gute Mann liebte sein System wie sein eigen Fleisch und
Blut Er hatte es aus sich selbst gezeugt Es war ihm statt Weib und Kind statt
aller Güter Ehren und Freuden der Welt auf die er bei seinem Eintritt in den
Latonentempel Verzicht getan hatte es war ihm über Alles Als er sich
hinsetzte es von neuem zu prüfen war er bereits so vollkommen von der Wahrheit
und Schönheit desselben überzeugt als von seinem eignen Dasein Es erging ihm
also natürlicherweise eben so als wenn er sich hingesetzt hätte um mit aller
Kaltblütigkeit von der Welt zu untersuchen ob der Schnee auf dem Gipfel des
Hämus weiß oder schwarz sei
»Dass die milischen Bauern die der durstenden Latona aus ihrem Teiche zu
trinken verwehrten in Frösche verwandelt worden« sagte Stilbon in seinem
Buche »das ist Tatsache
Dass eine Anzahl dieser Frösche auf die Art und Weise wie die Tradition
berichtet nach Abdera in den Teich des Latonenhains versetzt worden ist
Tatsache
Beide Facta gründen sich auf das worauf sich alle historische Wahrheit
gründet auf menschlichen Glauben an menschliches Zeugnis und so lange Abdera
steht hat sich kein vernünftiger Mensch einfallen lassen dem allgemeinen
Glauben der Abderiten an diese Facta zu widersprechen Denn wer sie leugnen
wollte müsste ihre Unmöglichkeit beweisen können und wo ist der Mensch auf
Erden der dies könnte
Aber ob die Frösche die sich zu unsern heutigen Zeiten in dem geheiligten
Teiche befinden eben diejenigen seien die von Latonen oder was auf Eines
hinausläuft von Jupitern auf Latonens Bitte in Frösche verwandelt worden
darüber sind bisher verschiedene Meinungen gewesen
Unsre Gelehrten haben größtenteils davor gehalten dass die Unterhaltung des
geheiligten Teichs als bloßes Institut unsrer Vorältern und die darin
aufbewahrten Frösche als bloße Erinnerungszeichen der Macht unsrer
Schutzgöttin mit gebührender Ehre anzusehen seien
Das gemeine Volk hingegen hat von diesen Fröschen immer eben so gesprochen
und geglaubt als ob sie die nämlichen wären an denen das bekannte Wunder
geschehen sei
Und Ich Stilbon von Jupiters und Latonens Gnaden zur Zeit Oberpriester
von Abdera habe nach reiflicher Erwägung der Sache befunden dass dieser Glaube
des Volks sich auf unumstössliche Gründe stützt und hier ist mein Beweis « Der
geneigte Leser würde sich wahrscheinlicherweise schlecht erbaut finden wenn wir
ihm diesen Beweis so weitläuftig als er in besagtem Buch des Oberpriesters
Stilbon vorgetragen ist zu lesen geben wollten zumal da wir alle von dem
Ungrund desselben zum voraus wenigstens eben so vollkommen überzeugt sind als
es der gute Stilbon von dessen Gründlichkeit war Wir begnügen uns also nur mit
zwei Worten zu sagen dass sich sein ganzes System über die mehrbesagten Frösche
um eine heutigs Tages sehr gemeine damals aber in Abdera wenigstens ganz
neue und nach Stilbons ausdrücklicher Versicherung von ihm selbst erfundene
Hypothese drehte nämlich um die Lehre »dass alle Zeugung nichts anders als
Entwicklung ursprünglicher Keime sei « Stilbon fand diese Entdeckung als er
sie zuerst machte so schön und wusste sie mit so vielen dialektischen und
moralischen Gründen denn die Physik war seine Sache nicht zu unterstützen dass
sie ihm mit jedem Tage wahrscheinlicher vorkam
Endlich glaubte er sie auf den höchsten Grad der Wahrscheinlichkeit gebracht
zu haben Da nun von dieser zur Gewissheit nur noch ein leichter Sprung zu tun
ist was Wunder dass ihm eine so sinnreiche so subtile so wahrscheinliche
Hypothese eine Hypothese die er selbst erfunden mit so vieler Mühe
ausgearbeitet mit allen seinen übrigen Ideen in Verbindung gesetzt und zur
Grundlage eines neuen durchaus raisonnierten Systems über die Latonenfrösche
gemacht hatte zuletzt eben so gewiss anschaulich und unzweifelhaft vorkam
als irgend ein Lehrsatz im Euklides
»Als die milischen Bauern verwandelt wurden sagte Stilbon führten sie
die Keime aller Bauern und Nichtbauren die von damals an bis auf diesen Tag
und von diesem Tage bis ans Ende der Tage nach dem ordentlichen Lauf der Natur
von ihnen entspringen konnten und sollten in eben soviel ineinandergeschobenen
Keimen bei sich und in dem Augenblick da besagte milische Bauern zu Fröschen
wurden wurden auch die sämtlichen Menschenkeime die jeder bei sich führte in
Froschkeime verwandelt Denn sagt er entweder wurden diese Keime vernichtet
oder sie wurden ranificiert oder sie wurden gelassen wie sie waren Das erste
ist unmöglich weil aus Etwas eben so wenig Nichts als aus Nichts Etwas werden
kann Das dritte lässt sich auch nicht denken denn wären die besagten Keime
Menschenkeime geblieben so müssten die milischen Antropobatraxoi oder
Menschenfrösche wirkliche Menschen gezeugt haben welches wider die historische
Wahrheit und an sich selbst in alle Wege ungereimt ist Es bleibt also nur das
zweite übrig nämlich sie sind ranificiert di in Froschkeime verwandelt
worden und man kann also mit vollkommener Richtigkeit sagen dass die Frösche
die sich auf diesen Tag in dem geheiligten Teiche befinden und alle übrigen
deren Abstammung von denselben erweislich ist folglich die sämtlichen Frösche
in Abdera eben diejenigen sind welche von Latonen in Frösche verwandelt
worden nämlich in so fern sie damals in den froschwerdenden Bauern im Keim
vorhanden waren und zugleich uno eodemque actu mit ihnen verwandelt wurden«
Dies nun ein für allemal als erwiesene Wahrheit angenommen schien dem
ehrlichen Stilbon nichts sonnenklarer wie er zu sagen pflegte als die
Folgerungen die gleichsam von selbst daraus abflossen »So wie zum Beispiel
eine vom Strahl getroffne Eiche als eine Res sacra als dem Donnerer Zeus
angehörig und geheiligt mit schaudernder Ehrfurcht angesehen wird eben so
müssen sagte er die von Latonen oder Jupitern verwandelten Menschenfrösche
nebst allen ihren im Keim mitverwandelten Abkömmlingen bis ins tausendste und
zehntausendste Glied als eine Art wundervoller der Latona angehöriger
Mittelwesen angesehen und also auch als solche behandelt und geehret werden
Sie sind zwar dem Äusserlichen nach Frösche wie andre aber sie sind gleichwohl
auch keine Frösche wie andre Denn da sie von Geburt und Natur Menschen gewesen
waren und alles was wir von Natur und Geburt sind uns einen unauslöschlichen
Charakter gibt so sind sie nicht sowohl Frösche als Froschmenschen und also in
gewissem Sinne noch immer unsers Geschlechts unsre Brüder unsre verunglückten
Brüder zu unsrer Warnung mit dem furchtbaren Stempel der Rache der Götter
bezeichnet aber eben darum unsers zärtlichsten Mitleidens würdig Doch nicht
nur unsers Mitleidens setzte Stilbon hinzu sondern auch unsrer Ehrerbietung
da sie fortdauernde unverletzliche Denkmäler der Macht unsrer Göttin sind an
denen man sich nicht vergreifen kann ohne sich an ihr selbst zu vergreifen
indem ihre Erhaltung durch so viele Jahrhunderte der redendste Beweis ist dass
sie solche erhalten wissen wolle«
Der gute Oberpriester ein Mann der unsern Lesern so gar verächtlich wie
er ihnen vermutlich ist nicht vorkommen würde wenn sie sich recht an seinen
Platz zu stellen wüssten hatte den ganzen Abend mit Durchlesung und Überdenkung
seines Kapitels über die Frösche zugebracht und sich in die Bestrebung sein
System mit neuen Gründen zu befestigen so vertieft dass ihm gänzlich aus dem
Sinne gekommen war wie er dem Nomophylax versprochen habe ihm von dem Erfolg
seines Besuchs bei dem Archon Nachricht zu geben Er erinnerte sich dessen nicht
eher als da er um die Dämmerungszeit die Türe seiner Zelle aufgehen hörte und
den Nomophylax in eigener Person vor sich stehen sah
»Ich habe Ihnen nicht viel tröstliches zu berichten rief er ihm entgegen
wir sind in schlechtern Händen als ich mir jemals vorgestellt hätte Der Archon
weigerte sich mein Buch zu lesen vielleicht weil er überall gar nicht lesen
kann«
Dafür wollt ich nicht Bürge sein sagte Hypsiboas
»Und er sprach in einem Tone dessen ich mich zu einem Oberhaupte der
Republik nimmermehr versehen hätte«
Was sagte er denn
»Ich danke dem Himmel dass ich das Meiste wieder vergessen habe was er
sagte Genug er bestand darauf dass die Akademie ihr Gutachten geben müsste «
Das soll sie wohl bleiben lassen müssen fiel der Nomophylax ein die
Gegenfröschler sollen mehr Widerstand finden als sie sich vermuten waren Aber
damit man uns nicht beschuldigen könne dass wir gewalttätig zu Werke gehen eh
wir die gelindern Mittel versucht haben ist die sämtliche Minorität
entschlossen dem Senat ungesäumt eine schriftliche Vorstellung zu tun wofern
die Latonenpriesterschaft geneigt ist gemeine Sache mit uns zu machen
»Von Herzen gerne sagte Stilbon ich will die Vorstellung selbst
aufsetzen ich will ihnen dartun«
Vor der Hand unterbrach ihn der Nomophylax kann es an einem kurzen
Promemoria welches ich bereits sub spe rati et grati aufgesetzt habe genug
sein Wir müssen eine so gelehrte Feder wie die Ihrige auf den letzten Notfall
aufsparen
Der Oberpriester ließ sich zwar berichten setzte sich aber vor noch in
dieser Nacht an einem kleinen Tractätchen zu arbeiten worin er sein System über
die Latonenfrösche in ein neues Licht setzen und auf eine noch feinere Art als
es in seinem Werke von den Altertümern des Latonentempels geschehen war allen
Einwendungen zuvorkommen wollte welche der Philosoph Korax dagegen machen
könnte Vorgesehene Pfeile schaden desto weniger sagte er zu sich selbst Ich
will die Sache so klar und deutlich hinlegen dass auch die Einfältigsten
überzeugt werden sollen Es müsste doch wahrlich nicht mit rechten Dingen
zugehen wenn die Wahrheit ihre natürliche Macht über den Verstand der Menschen
nur gerade in diesem Falle verloren haben sollte
Siebentes Kapitel
Auszüge aus dem Gutachten der Akademie
Ein Wort über die Absichten welche Korax dabei gehabt mit einer Apologie
woran Stilbon und Korax gleichviel Anteil nehmen können
Inzwischen hatte während aller dieser Bewegungen unter der Minorität des Senats
und unter den Latonenpriestern die Akademie eine Weisung bekommen ihr
Gutachten »durch was für diensame Mittel der übermäßigen Froschmenge den
Gerechtsamen der Latona unbeschadet aufs schleunigste gesteuert werden könnte«
binnen sieben Tagen an den Senat abzugeben
Die Akademie ermangelte nicht sich den nächstfolgenden Morgen zu
versammeln Da die Gegenfröschler zur Zeit den größten Teil derselben
ausmachten so wurde die Ausfertigung des Gutachtens dem Philosophen Korax
aufgetragen jedoch von Seiten des Präsidenten mit der ausdrücklichen
Erinnerung dass er sich aufs sorgfältigste hüten möchte die Akademie in keine
böse Händel mit der Latonenpriesterschaft zu verwickeln
Korax versprach dass er alle seine Weisheit aufbieten wolle die Wahrheit
wo möglich auf eine unanstössige Art zu sagen Denn zum Unmöglichen setzte er
hinzu ist wie meine Hochgeehrten Herren wissen niemand in keinem Falle
verbunden
Darin haben Sie recht versetzte der Präsident meine Meinung ging auch bloß
dahin dass Sie sich möglichst in Acht nehmen sollten Denn der Wahrheit darf die
Akademie freilich so viel möglich nichts vergeben
Das ists was ich immer sage erwiderte Korax
»In was für eine seltsame Lage doch ein ehrlicher Mann kommen kann sobald
er das Unglück hat ein Abderit zu sein« sagte Korax zu sich selbst da er sich
anschickte das Gutachten der Akademie über die Froschsache zu Papier zu
bringen »In welcher andern Stadt auf dem Erdboden würde man sichs einfallen
lassen einer Akademie der Wissenschaften eine solche Frage Vorzulegen Und
gleichwohl ists dem Senat noch zum Verdienste anzurechnen dass er noch so viel
Verstand und Mut gehabt hat die Akademie zu fragen Es gibt Städte in der Welt
wo man so was nicht auf die Akademie ankommen lässt Man muss gestehen dass die
Abderiten zuweilen vor lauter Narrheit auf einen guten Einfall stoßen«
Korax setzte sich also an seinen Schreibtisch und arbeitete mit so viel
Lust und Liebe zum Ding dass er noch vor Sonnenuntergang mit seinem Gutachten
fertig war
Da wir dem geneigten Leser eine wo nicht ausführliche doch hinlängliche
Nachricht von dem System des Oberpriesters Stilbon gegeben haben so erfodert
die Unparteilichkeit welche die erste Pflicht eines Geschichtschreibers ist
dass wir ihnen auch von dem Inhalt dieses akademischen Gutachtens wenigstens so
viel mitteilen als zum Verständnis dieser merkwürdigen Geschichte vonnöten zu
sein scheint
»Der hohe Senat sagte Korax im Eingang seiner Schrift setzt in dem der
Akademie zugefertigten verehrlichen Ratsschlusse voraus dass die Froschmenge in
Abdera die Volksmenge dermalen in einem unmässigen und enormen Grade übersteige
und überhebt dadurch die Akademie der unangenehmen Arbeit erst beweisen zu
müssen was als eine stadt und weltkundige Tatsache vor jedermanns Augen liegt
Es gewinnt demnach das Ansehen als ob die Akademie bei so bewandter Sache
sich bloß über die Mittel zu erklären hätte wodurch diesem Unwesen am
schleunigsten abgeholfen werden kann
Allein da die Frösche in Abdera vermöge eines uralten und ehrwürdig
gewordnen Instituts und Glaubens unsrer Vorältern Vorrechte erlangt haben in
deren Besitze sie zu stören vielen bedenklich und manchen wohl gar unerlaubt
scheinen mag und da es vermöge der Natur der Sache leicht geschehen könnte
dass die einzigen diensamen Mittel welche die Akademie in dem gegenwärtigen
äußersten Notstande des gemeinen Wesens vorzuschlagen haben möchte jenen
wirklichen oder vermeinten Gerechtsamen der abderitischen Frösche Abbruch zu tun
scheinen könnten so wird es eben so zweckmäßige als unumgänglich sein eine
historischpragmatische Beleuchtung der Frage was es mit unsern besagten
Fröschen für eine besondere Bewandtnis habe vorauszuschicken
Die Akademie bittet sich also bei diesem teoretischen Teile ihres
untertänigsten und unmassgeblichen Gutachtens von allen hoch und
wohlansehnlichen Mitgliedern des hohen Senats um so mehr geneigte Aufmerksamkeit
aus als der glückliche Erfolg dieser ganzen der Republik so hoch angelegnen
Sache lediglich von Berichtigung der Präliminarfrage abhängt ob und in wiefern
die Frösche zu Abdera als wirkliche Frösche anzusehen seien oder nicht«
Diese Berichtigung nimmt in dem Gutachten selbst mehr als zwei Drittel des
Ganzen ein Der schlaue Philosoph wohl eingedenk dessen was er dem
vorsichtigen Präsidenten versprochen erwähnt der Verwandlung der milischen
Bauern nur im Vorbeigehen und mit aller Ehrerbietung die man einer alten
Volkssage schuldig ist Er setzt sie mit Beziehung auf das Buch des
Oberpriesters Stilbon von den Altertümern des Latonentempels als eine Sache
voraus die keinem mehreren Zweifel ausgesetzt ist als die Verwandlung des
Narcissus in eine Blume des Cyknus in einen Schwan der Daphne in einen
Lorbeerbaum oder irgend eine andre Verwandlung die auf einem eben so festen
Grunde beruhet Wenn es auch nicht unzulässig und unanständig wäre dergleichen
uralte Sagen leugnen zu wollen so wäre es meint er unverständig Denn da es
auf der einen Seite unmöglich sei ihre Glaubwürdigkeit durch historische
Zeugnisse umzustossen und auf der andern kein Naturforscher in der Welt im
Stande sei ihre absolute Unmöglichkeit zu erweisen so werde jeder Verständige
sich um so lieber enthalten sie zu bezweifeln als er doch weiter nichts dagegen
sagen könnte als die gemeinen Platteiten »es ist unglaublich es ist wider
den Lauf der Natur« und dergleichen Formeln die auch dem schalsten Kopfe beim
ersten Anblick eben so gut einfallen mussten Er betrachte also die Umgestaltung
der milischen Bauern in Frösche als eine auf sich beruhende Sache behaupte
aber dass ihre Wahrheit bei der vorliegenden Frage vollkommen gleichgültig sei
Denn es werde doch wohl niemand leugnen wollen dass diese milischen
Menschfrösche schon ein paar tausend Jahre wenigstens tot und abgetan seien
und gesetzt auch dass die abderitischen Frösche ihre Abstammung von denselben
genüglich erweisen könnten so würden sie damit doch weiter nichts erwiesen
haben als dass sie seit undenklichen Zeiten von Vater zu Sohn wahre
echtgebrochne Frösche seien Denn so wie die mehrbesagten milischen Bauern durch
ihre Verwandlung und von dem Augenblick ihrer Einfroschung an aufgehört
hätten Menschen zu sein so hätten sie auch von solchem Augenblick an nichts
anders als ihres gleichen nämlich leibhafte natürliche Frösche zeugen können
Mit einem Wort Frösche seien Frösche und der Umstand dass ihre ersten
Stammväter vor ihrer Verwandlung milische Bauern gewesen verändre eben so wenig
an ihrer gegenwärtigen Froschnatur als wenig ein von zwei und dreißig Ahnen her
geborner Bettler für einen Prinzen angesehen werde wenn gleich erweislich wäre
dass der erste Bettler seines Stammbaums in gerader Linie von Ninus und Semiramis
entsprossen sei Die Anhänger der entgegenstehenden Meinung schienen dieses auch
selbst so gut einzusehen dass sie um die vorgebliche höhere Natur der
abderitischen Frösche zu begründen ihre Zuflucht zu einer Hypothese nehmen
müssten deren bloße Darstellung alle Widerlegung überflüssig mache
Der scharfsinnige Leser und es versteht sich von selbst dass ein Werk wie
dies keine andre Leser haben kann wird sogleich ohne unser Erinnern bemerkt
haben dass Korax durch diese Einlenkung auf des Oberpriesters Stilbon System von
den Keimen kommen wollte welches er ehe er es wagen durfte mit seinem
Vorschlag wegen Verminderung der Frösche hervorzurücken entweder widerlegen
oder lächerlich machen musste
Da von diesen zween Wegen der letzte zugleich der bequemste und der
Fähigkeit der Hoch und Wohlweisheiten mit denen ers zu tun hatte der
angemessenste war so begnügte sich Korax das Unbegreifliche dieser Hypothese
durch eine komische Berechnung der unendlichen Kleinheit der angeblichen Keime
zum Ungereimten zu treiben
»Wir wollen sagte er um die Aufmerksamkeit des hohen Senats nicht ohne Not
mit aritmetischen Subtilitäten zu ermüden annehmen der Sohn des größten und
dicksten von den froschgewordnen Miliern habe sich in seinem Keimstande zu
seinem Vater verhalten wie 1 zu 10000000 Wir wollen es bloß um der runden
Zahl willen so annehmen wiewohl ohne große Mühe zu erweisen wäre dass der
größte unter allen Homunculis als ein Keim wenigstens noch zehnmal kleiner
ist als ich angegeben habe Nun steckt nach des Priester Stilbons Meinung in
diesem Keim nach gleicher Proportion verkleinert der Keim des Enkels im Keim
des Enkels der Keim des Urenkels und so in jedem folgenden Abkömmling bis ins
tausendste Glied immer mit jedem Grad 10 millionenmal kleiner der Keim des
nächstfolgenden so dass der Keim eines jetzt lebenden abderitischen Frosches
gesetzt dass er auch nur im dreissigsten Grade von seinem Stammvater dem milischen
Froschmenschen entfernt wäre damals da er sich als Keim in seinem besagten
Stammvater befand um so viele Millionen Billionen Trillionen usw kleiner
als eine Käsemilbe hätte gewesen sein müssen dass der geschwindeste Schreiber
den der hohe Senat von Abdera in seiner Kanzlei hat in zweihundert Jahren mit
allen den Nullen die er um diese Zahl zu bezeichnen schreiben müsste kaum
fertig werden könnte und das ganze Gebiet der preiswürdigen Republik so viel
nämlich davon noch nicht in Froschgräben verwandelt ist schwerlich Raum genug
für das Papier oder Pergament hätte welches diese ungeheure Zahl zu fassen groß
genug wäre Die Akademie überlässt es dem Ermessen des Senats ob das
allerwinzigste aller kleinen Tierchen in der Welt winzig genug sei sich von
einer solchen unaussprechlich winzigen Kleinheit einen Begriff zu machen und ob
man also anders glauben könne als dass dem ehrwürdigen Oberpriester etwas
Menschliches begegnet sein müsse da er die Hypothese von den Keimen erfunden
um der vorgeblichen Heiligkeit der abderitischen Frösche eine zwar nicht sehr
scheinbare aber wenigstens doch sehr dunkle und unbegreifliche Unterlage zu
geben
Die Akademie hat mit allem Fleiß die Einbildungskraft der erlauchten Väter
des Vaterlandes nicht über die Gebühr anstrengen wollen Wenn man aber bedenkt
wie kurz das natürliche Leben eines Frosches ist und dass unsre dermaligen
Frösche nach der Voraussetzung wenigstens im fünfhundertsten Grade von den
milischen Bauern abstammen so verliert sich die Hypothese des sehr ehrwürdigen
Oberpriesters in einem solchen Abgrund von Kleinheit dass es ungereimt und die
Wahrheit zu sagen grausam wäre nur ein Wort weiter davon zu sagen
Die Natur ist wie die berühmte Aufschrift zu Sais sagt alles was ist was
war und was sein wird und ihren Schleier hat noch kein Sterblicher aufgedeckt
Die Akademie von dieser großen Wahrheit tiefer als sonst irgend jemand
durchdrungen ist weit entfernt sich einiger besonderen und genauern Einsicht in
Geheimnisse welche unergründlich bleiben sollen anzumassen Sie glaubt dass es
vergebens sei von der Entstehungsart der organisierten Wesen mehr wissen zu
wollen als was die Sinnen bei einer anhaltenden Aufmerksamkeit davon entdecken
Und wenn sie es ja für erlaubt hält dem angeborenen Triebe des menschlichen
Geistes sich alles begreiflich machen zu wollen durch Hypotesen
nachzuhängen so findet sie diejenige noch immer die natürlichste vermöge deren
die Keime der organischen Körper durch die geheimen Kräfte der Natur erst
alsdann gebildet werden wenn sie ihrer wirklich vonnöten hat Dieser
Erklärungsart zufolge ist der Keim eines jeden jetztlebenden quakenden
Geschöpfes in allen Sümpfen und Froschgräben von Abdera nicht älter als der
Moment seiner Zeugung und hat mit dem individuellen Frosche der zur Zeit des
trojanischen Krieges quakte und von welchem der jetztlebende in gerader Linie
abstammt weiter nichts gemein als dass die Natur beide nach einem
gleichförmigen Modell durch gleichförmige Werkzeuge und zu gleichförmigen
Absichten gebildet hat«
Der Philosoph Korax nachdem er ein langes und breites zu Befestigung dieser
Meinung vorgebracht zieht endlich die Folgerung daraus dass die abderitischen
Frösche eben so natürliche gemeine und alltägliche Frösche seien als alle
übrige Frösche in der Welt und dass also die sonderbaren Vorrechte deren sie
sich in Abdera zu erfreuen hätten sich nicht auf irgend eine Vorzüglichkeit
ihrer Natur und vorgebliche Verwandtschaft mit der menschlichen sondern bloß
auf einen populären Glauben gründeten welchen man zu größtem Nachteil des
gemeinen Wesens allzulange unbestimmt und in einem Dunkel gelassen habe unter
dessen Begünstigung die Einbildungskraft der einen und der Eigennutz der andern
freien Spielraum gehabt habe mit diesen Fröschen eine Art von Unfug zu treiben
wovon man außerhalb Ägypten schwerlich ein ähnliches Beispiel in der Welt
finden werde
»Die Altertümer von Abdera fährt er fort liegen ungeachtet alles Lichtes
welches der ehrwürdige und gelehrte Stilbon so reichlich über sie ausgegossen
noch immer wie die Altertümer aller andern Städte in der Welt in einem
Nebel dessen Undurchdringlichkeit dem wahrheitsbegierigen Forscher wenig
Hoffnung lässt seine Begierde jemals befriediget zu sehen Aber wozu hätten wir
denn auch vonnöten mehr davon zu wissen als wir wirklich wissen Was es auch
mit dem Ursprung des Latonentempels und seines geheiligten Froschgrabens für
eine Bewandtnis haben mag würde etwa wenn wir diese Bewandtnis wüssten Latona
mehr oder weniger Göttin ihr Tempel mehr oder weniger Tempel und ihr
Froschgraben mehr oder weniger Froschgraben sein Latona soll und muss in ihrem
uralten Tempel verehrt und ihr uralter Froschgraben soll und muss in gebührenden
Ehren gehalten werden Beides ist Institut unsrer ältesten Vorfahren ehrwürdig
durch das graueste Altertum befestigt durch die Gewohnheit so vieler
Jahrhunderte unterhalten durch den ununterbrochnen fortgepflanzten allgemeinen
Glauben unsers Volkes geheiligt und unverletzlich gemacht durch die Gesetze
unsrer Republik welche die Bewachung und Beschützung desselben dem
ansehnlichsten Kollegio des Staats anvertraut haben Aber wenn Latona oder
Jupiter um Latonens willen die milischen Bauern in Frösche verwandelt hat
folgt denn daraus dass alle Frösche der Latona heilig sind und sich des
priesterlichen Vorrechts der persönlichen Unverletzlichkeit anzumassen haben
Und wenn unsre wackeren Vorfahren für gut befunden haben zum ewigen Gedächtnis
jenes Wunders im Bezirk des Latonentempels einen kleinen Froschgraben zu
unterhalten folgt denn daraus dass ganz Abdera in eine Froschlache verwandelt
werden muss
Die Akademie kennt sehr wohl die Achtung die man gewissen Meinungen und
Gefühlen des Volks schuldig ist Aber dem Aberglauben in welchen sie immer
auszuarten bereit sind kann doch nur so lange nachgesehen werden als er die
Grenzen der Unschädlichkeit nicht gar zu weit überschreitet Frösche können in
Ehren gehalten werden aber die Menschen den Fröschen auf zuopfern ist unbillig
Der Zweck um dessentwillen die Abderiten unsre Vorfahren den geheiligten
Froschteich einsetzten hätte freilich auch durch einen einzigen Frosch erreicht
werden können Doch lass es sein dass ein ganzer Teich voll gehalten wurde wenn
es nur bei diesem einzigen geblieben wäre Abdera würde darum nicht weniger
blühend mächtig und glücklich gewesen sein Bloß der seltsame Wahn dass man der
Frösche und Froschteiche nicht zuviel haben könne hat uns dahin gebracht dass
uns nun wirklich keine andre Wahl übrig bleibt als uns entweder dieser
überlästigen und allzufruchtbaren Mitbürger ungesäumt zu entladen oder alle
insgesamt mit bloßen Häuptern und Füßen nach dem Latonentempel zu wallen und
mit fussfälligem Bitten so lange bei der Göttin anzuhalten bis sie das alte
Wunder an uns erneuert und auch uns so viel unsrer sind in Frösche verwandelt
haben wird
Die Akademie müsste sich sehr gröblich an der Weisheit der Häupter und Väter
des Vaterlandes versündigen wenn sie nur einen Augenblick zweifeln wollte dass
das Mittel welches sie in einer so verzweifelten Lage vorzuschlagen aufgefodert
worden und das einzige welches sie vorzuschlagen im Stande ist nicht mit
beiden Händen ergriffen werden sollte Dieses Mittel hat alle von dem hohen
Senat erforderten Eigenschaften es ist in unsrer Gewalt es ist zweckmäßige und
von unmittelbarer Wirkung es ist nicht nur mit keinem Aufwand sondern sogar
mit einer namhaften Ersparnis verbunden und weder Latona noch ihre Priester
können unter den gehörigen Einschränkungen etwas dagegen einzuwenden haben«
Und nun rate der geneigte Leser was für ein Mittel das wohl sein konnte
Es ist um ihn nicht lange aufzuhalten das simpelste Mittel von der Welt Es
ist etwas in Europa von langen Zeiten her bis auf diesen Tag sehr gewöhnliches
eine Sache worüber in der ganzen Christenheit sich niemand das mindeste
Bedenken macht und wovor gleichwohl wie diese Stelle des Gutachtens im Senat
zu Abdera abgelesen wurde der Hälfte der Ratsherren die Haare zu Berge stunden
Mit einem Worte das Mittel das die Akademie von Abdera vorschlug um der
überzähligen Frösche mit guter Art los zu werden war sie zu essen
Der Verfasser des Gutachtens beteuerte dass er auf seinen Reisen zu Athen
und Megara zu Korint in Arkadien und an hundert andern Orten Froschkeulen
essen gesehen und selbst gegessen habe Er versicherte dass es eine sehr gesunde
nahrhafte und wohlschmeckende Speise sei man möchte sie nun gebacken oder
mariniert frikassiert oder in kleinen Pastetchen auf die Tafel bringen Er
berechnete dass auf diese Weise die übermäßige Froschmenge in kurzer Zeit auf
eine sehr gemässigte Zahl gebracht und dem gemeinen und Mittelmann bei
dermaligen klemmen Zeiten keine geringe Erleichterung durch diese neue Essware
verschafft werden würde Und wiewohl der daher entstehende Vorteil sich vermöge
der Natur der Sache von Tag zu Tage vermindern müsste so würde hingegen der
Abgang um so reichlicher ersetzt werden indem man nach und nach einige tausend
Froschteiche und Gräben austrocknen und wieder urbar machen könnte ein Umstand
wodurch wenigstens der vierte Teil des zu Abdera gehörigen Grund und Bodens
wieder gewonnen werden und den Einwohnern zu Nutzen gehen würde Die Akademie
setzt er hinzu habe die Sache aus allen möglichen Gesichtspuncten betrachtet
und könne nicht absehen wie von Seiten der Latona oder ihrer Priester die
mindeste Einwendung dagegen sollte gemacht werden können Denn was die Göttin
selbst betreffe so würde sie sich ohne Zweifel durch den bloßen Argwohn als ob
ihr an den Fröschen mehr als an den Abderiten gelegen sei sehr beleidigt
finden Von den Priestern aber sei zu erwarten dass sie viel zu gute Bürger und
Patrioten seien um sich einem Vorschlag zu widersetzen durch welchen
dasjenige was bisher das größte Übel und Drangsal des abderitischen gemeinen
Wesens gewesen bloß durch eine geschickte Wendung in den größten Nutzen
desselben verwandelt würde Da es aber nicht mehr als billig sei sie die
Priester um des gemeinen Bestens willen nicht zu beschädigen so hielte die
Akademie ohnmassgeblich davor dass ihnen nicht nur die Unverletzlichkeit des
uralten Froschgrabens am Latonentempel von neuem zu garantieren sondern auch
die Verordnung zu machen wäre dass von dem Augenblick an da die abderitischen
Froschkeulen für eine erlaubte Essware erklärt sein würden von jedem Schock
derselben eine Abgabe von 2 oder 3 Obolen an den Latonentempel bezahlt werden
müsste Eine Abgabe die nach einem sehr mäßigen Überschlag in kurzer Zeit eine
Summe von dreißig bis vierzig tausend Drachmen abwerfen und also den
Latonentempel wegen aller andern kleinen Vorteile die durch die neue Einrichtung
aufhörten reichlich schadlos halten würde
Endlich beschloss der Philosoph Korax sein Gutachten mit diesen merkwürdigen
Worten »Die Akademie glaube durch diesen eben so notgedrungnen als
gemeinnützigen Vorschlag ihrer Schuldigkeit genug getan zu haben Sie sei nun
wegen des Erfolgs ganz ruhig indem sie dabei nicht mehr betroffen sei als alle
übrigen Bürger von Abdera Aber da sie überzeugt sei dass nur ganz erklärte
Batrachosebisten fähig sein könnten sich einer so unumgänglichen Reformation
entgegen zu setzen so hoffte sie die preiswürdigen Väter des Vaterlandes
würden nicht zugeben dass eine so lächerliche Secte die Oberhand gewinnen und
vor den Augen aller Griechen und Barbaren den abderitischen Namen mit einem
Schandflecken beschmitzen sollte den keine Zeit wieder ausbeizen würde«
Es ist schwer von den Absichten eines Menschen aus seinen Handlungen zu
urteilen und hart schlimme Absichten zu argwohnen bloß weil eine Handlung
eben so leicht aus einem bösen als guten Beweggrunde hergeflossen sein konnte
aber einen jeden dessen Vorstellungsart nicht die unsrige ist bloß darum für
einen schlimmen Mann zu halten ist dumm Wiewohl wir also nicht mit Gewissheit
sagen können wie rein die Absichten des Philosophen Korax bei Abfassung dieses
Gutachtens gewesen sein mochten so können wir doch nicht umhin zu glauben dass
der Priester Stilbon in seiner Leidenschaft zu weit gegangen da er besagten
Korax dieses Gutachtens wegen für einen offenbaren Feind der Götter und der
Menschen erklärte und ihn einer augenscheinlichen Absicht alle Religion über
den Haufen zu werfen beschuldigte So überzeugt auch immer der Hohepriester
Stilbon von seinem System war so ist doch bei der großen und unwillkürlichen
Verschiedenheit der Vorstellungsarten unter den armen Sterblichen nicht
unmöglich dass Korax von der Wahrheit seiner Meinungen eben so aufrichtig
überzeugt war dass er die abderitischen Frösche im Innersten seines Herzens für
nichts mehr als bloße natürliche Frösche hielt und durch seinen Vorschlag
seinem Vaterlande wirklich einen wichtigen Dienst zu leisten glaubte Indessen
bescheidet sich Schreiber dieses ganz gerne dass es für uns Itztlebende und in
Betrachtung dass die allgemein in Europa angenommenen Grundsätze den Fröschen
wenig günstig sind eine äußerst delicate Sache ist über diesen Punkt ein
vollkommen unparteiisches Urteil zu fällen
Wie es also auch um die Moralität der Absichten des Philosophen Korax stehen
mochte so viel ist wenigstens gewiss dass er so wenig ohne Leidenschaften war
als der Oberpriester und dass er sich die Vermehrung seiner Anhänger viel zu
eifrig angelegen sein ließ um nicht den Verdacht zu erwecken dass die Eitelkeit
das Haupt einer Partei zu sein die Begierde über Stilbon den Sieg davon zu
tragen und der stolze Gedanke in den Annalen von Abdera dereinst Figur zu
machen wenigstens eben so viel zu seiner großen Tätigkeit in dieser Froschsache
beigetragen als seine Tugend Aber dass er alles was er getan aus bloßer
Näscherei getan habe halten wir für eine Verleumdung schwachköpfiger und
passionierter Leute woran es bekanntermassen bei solchen Gelegenheiten zumal in
kleinen Republiken nie zu fehlen pflegt
Korax hatte solche Maßregeln genommen dass sein Gutachten bei der zweiten
Zusammenkunft der Akademie einhellig genehmigt wurde Denn der Präsident und
drei oder vier Ehrenmitglieder die sich nicht bloß geben wollten hatten Tags
zuvor eine Reise aufs Land getan
Achtes Kapitel
Das Gutachten wird bei Rat verlesen und nach verschiedenen heftigen Debatten
einhellig beschlossen dass es den Latonenpriestern communiciert werden sollte
Das Gutachten wurde in der vorgeschriebenen Zeit dem Archon eingehändigt und
bei der nächsten Sitzung des Senats von dem Stadtschreiber Pyrops einem
erklärten Gegenfröschler aus voller Kehle und mit ungewöhnlich scharfer
Beobachtung aller Kommas und übrigen Unterscheidungszeichen abgelesen
Die Minorität hatte zwar indessen bei dem Archon große Bewegungen gemacht
um ihn dahin zu bringen die Execution des Ratsschlusses aufzuschieben und es
in einer außerordentlichen Ratsversammlung noch einmal auf die Mehrheit ankommen
zu lassen ob die Sache nicht mit Vorbeigehung der Akademie dem Kollegio der
Zehnmänner übergeben werden sollte Onokradias hatte auch diesen Antrag auf
Bedenkzeit angenommen aber ungeachtet des täglichen Anhaltens der Gegenpartei
seine Antwort um so mehr aufgeschoben da er versichert worden war dass das
Gutachten bis zum nächsten gewöhnlichen Ratstage fertig sein sollte
Der Nomophylax Hypsiboas und seine Anhänger fanden sich also nicht wenig
beleidigt da nachdem die gewöhnlichen Geschäfte abgetan waren der Archon ein
großes Heft unter seinem Mantel hervorzog und dem Senat berichtete dass es das
Gutachten sei welches vermöge des letzten Ratsschlusses der Akademie in der
bekannten leidigen Froschsache aufgetragen worden Sie stunden alle auf einmal
mit Ungestüm auf beschuldigten den Archon dass er hinterlistig zu Werke
gegangen und erklärten sich dass sie die Verlesung des Gutachtens nimmermehr
zugeben würden
Onokradias der unter andern kleinen Naturfehlern auch diesen hatte immer
hitzig zu sein wo er kalt und kalt wo er hitzig sein sollte war im Begriff
eine sehr hitzige Antwort zu geben wenn ihn der Ratsherr Meidias nicht gebeten
hätte ruhig zu sein und die Herren schreien zu lassen Wenn sie alles gesagt
haben werden flüsterte er ihm zu so werden sie nichts mehr zu sagen haben und
dann müssen sie wohl von selbst aufhören
Dies war auch was geschah Die Herren lärmten krähten und fochten mit den
Händen bis sie es müde waren und da sie endlich merkten dass ihnen niemand
zuhörte setzten sie sich brummend wieder hin wischten den Schweiß von der
Stirne und das Gutachten wurde verlesen
Wir kennen die Art der Abderiten so schnell wie man die Hand umdreht vom
Tragischen zum Komischen überzugehen und über der kleinsten Gelegenheit zum
Lachen die ernsthafte Seite eines Dinges gänzlich aus den Augen zu verlieren
Kaum war der dritte Teil des Gutachtens gelesen so zeigte sich schon die
Wirkung dieser jovialischen Laune sogar bei denjenigen die kurz zuvor so laut
dagegen geschrien hatten Das nenn ich doch beweisen sagte einer der
Ratsherren zu seinem Nachbar während dass Pyrops innhielt um nach damaliger
Gewohnheit eine Prise Nieswurz zu nehmen Man muss gestehen sagte ein andrer
das Ding ist meisterhaft geschrieben Ich will gerne sehen sagte ein dritter
was man gegen den Beweis dass Frösche am Ende doch nur Frösche sind wird
einwenden können Ich habe schon lange so was gemerkt sagte ein vierter mit
einer schlauen Miene aber es ist doch angenehm wenn man sieht dass gelehrte
Leute mit uns einer Meinung sind
Nur weiter Herr Stadtschreiber sagte Meidias denn das Beste muss noch erst
kommen
Pyrops las fort Die Ratsherren lachten dass sie die Bäuche halten mussten
über die Berechnung der Kleinheit der Keime des Priesters Stilbon wurden aber
auf einmal wieder ernstaft da die traurige Alternative vorkam und sie sich
vorstellten was für ein Jammer das wäre wenn sie in Korpore den regierenden
Archon an der Spitze nach dem Latonentempel ziehen und sichs noch zur besonderen
Gnade anrechnen lassen müssten in Frösche verwandelt zu werden Sie reckten die
dicken Hälse und schnappten nach Odem bei dem bloßen Gedanken wie ihnen bei
einer solchen Katastrophe zu Mute sein würde und waren von Herzen geneigt
jedes Mittel gut zu heißen wodurch ein solches Unglück verhütet werden könnte
Aber wie das Geheimnis nun heraus war wie sie hörten dass die Akademie kein
ander Mittel vorzuschlagen hätte als die Frösche deren sie einen Augenblick
zuvor um jeden Preis los zu werden gewünscht hatten zu essen welche Zunge
vermöchte das Gemisch von Erstaunen Entsetzen und Verdruss über fehlgeschlagene
Erwartung zu beschreiben das sich auf einmal in den verzerrten Gesichtern der
alten Ratsherren malte welche beinahe die Hälfte des Senats ausmachten Die
Leute sahen nicht anders aus als ob man ihnen zugemutet hätte ihre eignen
leiblichen Kinder in kleine Pastetchen hacken zu lassen Auf einmal von der
unbegreiflichen Macht des Vorurteils überwältigt fuhren sie alle mit Entsetzen
auf und erklärten dass sie nichts weiter hören wollten und dass sie sich einer
solchen Gottlosigkeit zu der Akademie nimmermehr versehen hätten
Sie hören aber ja dass es nur gemeine natürliche Frösche sind die wir essen
sollen rief der Ratsherr Meidias Essen wir doch Pfauen und Tauben und Gänse
ungeachtet jene der Juno und Venus und diese dem Priapus selbst heilig sind
Bekömmt uns denn etwa das Rindfleisch schlechter weil die Prinzessin Io in eine
Kuh verwandelt worden Oder machen wir uns das mindeste Bedenken alle Arten von
Fischen zu essen ungeachtet sie unter dem Schutze aller Wassergötter stehen
Aber die Rede ist weder von Gänsen noch Fischen sondern von Fröschen
schrien die alten Ratsherren und Zunftmeister das ist ganz was anders
Gerechte Götter die Frösche der Latona zu essen Wie kann ein Mensch von
gesundem Kopfe sich so etwas nur zu Sinne kommen lassen
So fassen Sie sich doch meine Herren schrie ihnen der Ratsherr Stentor
entgegen Sie werden doch nicht solche Batrachosebisten sein wollen
Lieber Batrachosebisten als Batrachophagen rief der Nomophylax der diesen
glücklichen Augenblick nicht entwischen lassen wollte sich zum Haupt einer
Partei aufzuwerfen auf deren Schultern er sich in kurzem zum Archontat erhoben
zu sehen hoffte
Lieber alles in der Welt als Batrachophagen schrien die Ratsherren von der
Minorität und ein Paar graubärtige Zunftmeister die sich zu ihnen schlugen
»Meine Herren sagte der Archon Onokradias indem er mit einiger Hitze von
seinem elfenbeinernen Stuhl auffuhr da die Batrachosebisten so laut zu schreien
anfingen dass ihm um sein Gehör bange wurde ein Vorschlag der Akademie ist noch
kein Ratsschluss Setzen Sie sich und hören Sie Vernunft an wenn Sie können Ich
will nicht hoffen dass hier jemand ist der sich einbildet dass mir so viel
daran gelegen sei Frösche zu essen Auch werd ich noch wohl Rat zu schaffen
wissen dass sie mich nicht fressen sollen Aber die Akademie die aus den
gelehrtesten Leuten in Abdera besteht muss doch wohl wissen was sie sagt
Nicht immer murmelte Meidias zwischen den Zähnen
Und da das gemeine Beste allem vorgeht und nicht billig ist dass die
Frösche den Menschen dass die Menschen sage ich den Fröschen aufgeopfert
werden wie die Akademie sehr wohl erwiesen hat so ist meine Meinung dass das
Gutachten ohne weiters der ehrwürdigen Latonenpriesterschaft communiciert werde
Können Sie einen bessern Vorschlag tun so will ich der erste sein der ihn
unterstützen hilft Denn ich habe für meine Person nichts gegen die Frösche in
so fern sie keinen Schaden tun«
Da der Antrag des Archons nichts anders war als worauf beide Parteien
ohnehin hatten antragen müssen so wurde die Kommunication des Gutachtens zwar
einhellig beliebt aber die Ruhe im Senat wurde dadurch nicht hergestellt und
von dieser Stunde an fand sich die arme Stadt Abdera wieder unter andern Namen
in Esel und Schatten geteilt
Neuntes Kapitel
Der Oberpriester Stilbon schreibt ein sehr dickes Buch gegen die Akademie
Es wird von Niemand gelesen im übrigen aber bleibt vor der Hand alles beim
Alten
Jedermann bildete sich ein dass der Oberpriester über das Gutachten der Akademie
Feuer und Flammen sprühen werde und man war nicht wenig verwundert da er dem
Anschein nach so gelassen dabei blieb als ob ihn die Sache gar nichts anginge
Was für armselige Köpfe sagte er den seinigen schüttelnd indem er das
Gutachten mit flüchtigem Blicke überlief und gleichwohl sollte man denken sie
müssten mein Buch von den Altertümern gelesen haben worin alles so
augenscheinlich dargelegt ist Es ist unbegreiflich wie man mit fünf gesunden
Sinnen so dumm sein kann Aber ich will ihnen noch wohl das Verständnis öffnen
Ich will ein Buch schreiben ein Buch das mir alle Akademien der Welt
widerlegen sollen wenn sie können
Und Stilbon der Oberpriester setzte sich hin und schrieb ein Buch dreimal
so dick als das erste das der Archon Onokradias nicht lesen wollte und er
bewies darin dass der Verfasser des Gutachtens keinen Menschenverstand habe dass
er ein Unwissender sei der nicht einmal gelernt habe wie nichts groß und
nichts klein in der Natur sei nicht wisse dass die Materie ins Unendliche
geteilt werden könne und dass die unendliche Kleinheit der Keime wenn man sie
auch noch unendlich kleiner annehme als Korax in seiner ganz lächerlich
übertriebnen Berechnung getan habe gegen ihre Möglichkeit nicht ein Minimum
beweise Er unterstützte die Gründe seines Systems von den abderitischen
Fröschen mit neuen Gründen und beantwortete mit großer Genauigkeit und
Weitläuftigkeit alle mögliche Einwürfe die er sich selbst dagegen machte Seine
Einbildung und seine Galle erhitzte sich unterm Schreiben unvermerkt so sehr
dass er in sehr bittere Sarkasmen gegen seine Gegner ausbrach sie eines
vorsetzlichen und verstockten Hasses gegen die Wahrheit anklagte und ziemlich
deutlich zu verstehen gab dass solche Menschen in einem wohlpolizierten Staat
gar nicht geduldet werden sollten
Der Senat von Abdera erschrak da der Archon nach etlichen Monaten denn
eher hatte Stilbon wiewohl er Tag und Nacht schrieb nicht mit seinem Buche
fertig werden können die Gegenschrift des Oberpriesters vor Rat brachte die
so voluminos war dass er sie um die Sache kurzweiliger zu machen durch zween
von den breitschultrigsten Sackträgern von Abdera auf einer Trage herein
schleppen und auf den großen Ratstisch legen ließ Die Herren fanden dass es
keine Möglichkeit sei eine so weitläuftige Deduction verlesen zu lassen Es
wurde also durch die Mehrheit der Stimmen beschlossen das Werk geradenwegs dem
Philosophen Korax zuzuschicken mit dem Auftrag dasjenige was er etwa dagegen
zu erinnern hätte schriftlich und sobald als möglich an den regierenden Archon
gelangen zu lassen
Korax stund eben mitten unter einem Haufen nasenweiser abderitischer
Jünglinge in der Vorhalle seines Hauses als die Sackträger mit ihrer gelehrten
Ladung bei ihm anlangten Als er nun von dem mitkommenden Ratsboten vernommen
hatte warum es zu tun sei entstund ein so unmässiges Gelächter unter der
gegenwärtigen Versammlung dass man es über drei oder vier Gassen bis in der
Ratsstube hören konnte Der Priester Stilbon hat einen schlauen Genius sagte
Korax er hat gerade das unfehlbarste Mittel ergriffen um nicht widerlegt zu
werden Aber er soll sich doch betrogen finden Wir wollen ihm zeigen dass man
ein Buch widerlegen kann ohne es gelesen zu haben
Wo sollen wir denn abladen fragten die Sackträger die schon eine gute
Weile mit ihrer Trage dagestanden waren und von allen den scherzhaften
Einfällen der gelehrten Herren nichts verstanden
In meinem Häuschen ist kein Platz für ein so großes Buch sagte Korax
Wissen Sie was fiel einer von den jungen Philosophen ein weil das Buch
doch geschrieben ist um nicht gelesen zu werden so stiften Sie es auf die
Ratsbibliotek Dort liegt es sicher und wird unter dem Schutz einer Kruste von
fingerdickem Staub ungelesen und wohlbehalten auf die späte Nachwelt kommen
Der Einfall ist trefflich sagte Korax Gute Freunde fuhr er fort sich an
die Sackträger wendend hier sind zwo Drachmen für eure Mühe tragt eure Ladung
auf die Ratsbibliotek und bekümmert euch weiter um nichts ich nehme die ganze
Sache auf meine Verantwortung
Stilbon dem das Schicksal eines Buches das ihm so viele Zeit und Mühe
gekostet hatte nicht lange verborgen bleiben konnte wusste vor Erstaunen und
Ingrimm weder was er denken noch tun sollte Große Latona rief er einmal übers
andre aus in was für Zeiten leben wir Was ist mit Leuten anzufangen die nicht
hören wollen Aber sei es darum Ich habe das Meinige getan Wollen sie nicht
hören so mögen sies bleiben lassen Ich setze keine Feder mehr an rühre
keinen Finger mehr für ein so undankbares ungeschliffnes und unverständiges
Volk
So dachte er im ersten Unmut aber der gute Priester betrog sich selbst
durch diese anscheinende Gelassenheit Seine Eigenliebe war zu sehr beleidigt
um so ruhig zu bleiben Je mehr er der Sache nachdachte und er konnte die
ganze Nacht an nichts anders denken je stärker fühlte er sich überzeugt dass
ihm nicht erlaubt sei bei einer so lauten Aufforderung für die gute Sache stille
zu sitzen
Der Nomophylax und die übrigen Feinde des Archons Onokradias ermangelten
nicht seinen Eifer durch ihre Aufstiftungen vollends zu entflammen Man hielt
fast täglich Zusammenkünfte um sich über die Maßregeln zu beratschlagen welche
man zu nehmen hätte dem einreissenden Strom der Unordnung und Ruchlosigkeit wie
es Stilbon nannte Einhalt zu tun
Aber die Zeiten hatten sich wirklich sehr geändert Stilbon war kein
Strobylus Das Volk kannte ihn wenig und er hatte keine von den Gaben wodurch
sich sein besagter Vorgänger mit unendlichmal weniger Gelehrsamkeit so wichtig
in Abdera gemacht hatte Beinahe alle junge Leute beiderlei Geschlechts waren
von den Grundsätzen des Philosophen Korax angesteckt Der größere Teil der
Ratsherren und angesehenen Bürger neigte sich ohne Grundsätze auf die Seite wo
es am meisten zu lachen gab Und sogar unter dem gemeinen Volke hatten die
Gassenlieder womit einige Versifexe von Koraxens Anhang die Stadt angefüllt
hatten so gute Wirkung getan dass man sich vor der Hand wenig Hoffnung machen
konnte den Pöbel so leicht als ehmals in Aufruhr zu setzen Aber was noch das
allerschlimmste war man hatte Ursache zu glauben dass es unter den Priestern
selbst einen und den andern gebe der ingeheim mit den Gegenfröschlern in
Verbindung stehe Es war in der Tat mehr als bloßer Argwohn dass der Priester
Pamphagus mit einem Anschlag schwanger gehe sich die gegenwärtigen Umstände zu
Nutze zu machen und den ehrlichen Stilbon von einer Stelle zu verdrängen
welcher er wie Pamphagus unter der Hand zu verstehen gab wegen seiner
gänzlichen Unerfahrenheit in Geschäften in einer so bedenklichen Krisis auf
keine Weise gewachsen sei
Bei allem dem machten gleichwohl die Batrachosebisten eine ansehnliche
Partei aus und Hypsiboas hatte Geschicklichkeit genug sie immer in einer
Bewegung zu erhalten welche mehr als einmal gefährliche Ausbrüche hätte nehmen
können wenn die Gegenpartei zufrieden mit ihren erhaltenen Siegen und ungeneigt
das Übergewicht in dessen Besitz sie war in Gefahr zu setzen nicht so untätig
geblieben und alles was zu ungewöhnlichen Bewegungen hätte Anlass geben können
sorgfältig vermieden hätte Denn wiewohl sie sich des Namens der Batrachophagen
eben nicht zu weigern schienen und die Frösche der Latona den gewöhnlichsten
Stoff zu lustigen Einfällen in ihren Gesellschaften hergaben so ließ sie es
doch nach echter abderitischer Weise dabei bewenden und die Frösche blieben
trotz dem Gutachten der Akademie und den Scherzen des Philosophen Korax noch
immer ungestört und ungegessen im Besitz der Stadt und Landschaft von Abdera
Zehntes Kapitel
Seltsame Entwicklung des ganzen abderitischen tragikomischen Possenspiels
Aller Wahrscheinlichkeit nach würden die Frösche der Latona dieser Sicherheit
noch lange genossen haben wenn nicht unglücklicherweise im nächsten Sommer eine
unendliche Menge Mäuse und Ratten von allen Farben auf einmal die Felder der
unglücklichen Republik überschwemmt und dadurch die ganze unschuldige und
ungefähre Weissagung des Archons Onokradias auf eine unvermutete Art in
Erfüllung gebracht hätten
Von Fröschen und Mäusen zugleich aufgegessen zu werden war für die armen
Abderiten zuviel auf einmal Die Sache wurde ernstaft
Die Gegenfröschler drangen nun ohne weiters auf die Notwendigkeit den
Vorschlag der Akademie unverzüglich ins Werk zu setzen
Die Batrachosebisten schrien die gelben grünen blauen blutroten und
flohfarben Mäuse die in wenig Tagen die greulichste Verwüstung auf den
abderitischen Feldern angerichtet hatten seien eine sichtliche Strafe der
Gottlosigkeit der Batrachophagen und augenscheinlich von Latonen unmittelbar
abgeschickt die Stadt die sich des Schutzes der Göttin unwürdig gemacht
gänzlich zu verderben
Vergebens bewies die Akademie dass gelbe grüne und flohfarbe Mäuse darum
nicht mehr Mäuse seien als andre dass es mit diesen Mäusen und Ratten ganz
natürlich zugehe dass man in den Jahrbüchern aller Völker ähnliche Beispiele
finde und dass es nunmehr da besagte Mäuse entschlossen schienen den Abderiten
ohnehin nichts anders zu essen übrig zu lassen um so nötiger sei sich des
Schadens den beiderlei gemeine Feinde der Republik verursachten wenigstens an
der essbaren Hälfte derselben nämlich an den Fröschen zu erholen
Vergebens schlug sich der Priester Pamphagus ins Mittel indem er den
Vorschlag tat die Frösche künftig zu ordentlichen Opfertieren zu machen und
nachdem der Kopf und die Eingeweide der Göttin geopfert worden die Keulen als
Opferfleisch zu ihren Ehren zu verzehren
Das Volk bestürzt über eine Landplage die es sich nicht anders als unter
dem Bilde eines Strafgerichts der erzürnten Götter denken konnte und von den
Häuptern der Froschpartei empört lief in Rotten vor das Rataus und drohte
kein Gebein von den Herren übrig zu lassen wenn sie nicht auf der Stelle ein
Mittel fänden die Stadt vom Verderben zu erretten
Guter Rat war noch nie so teuer auf dem Ratshause zu Abdera gewesen als
jetzt Die Ratsherren schwitzten Angstschweiß Sie schlugen vor ihre Stirne
aber es hallte hohl zurück Je mehr sie sich besannen je weniger konnten sie
finden was zu tun wäre
Das Volk wollte sich nicht abweisen lassen und schwur Fröschlern und
Gegenfröschlern die Hälse zu brechen wenn sie nicht Rat schafften
Endlich fuhr der Archon Onokradias auf einmal wie begeistert von seinem
Stuhl auf Folgen Sie mir sagte er zu den Ratsherren und ging mit großen
Schritten auf die marmorne Tribüne hinaus die zu öffentlichen Anreden an das
Volk bestimmt war Seine Augen funkelten von einem ungewöhnlichen Glanz er
schien eines Haupts länger als sonst und seine ganze Gestalt hatte etwas
Majestätischers als man jemals an einem Abderiten gesehen hatte Die Ratsherren
folgten ihm stillschweigend und erwartungsvoll
»Hört mich ihr Männer von Abdera sagte Onokradias mit einer Stimme die
nicht die seinige war Jason mein großer Stammvater ist vom Sitz der Götter
herabgestiegen und gibt mir in diesem Augenblick das Mittel ein wodurch wir
uns alle retten können Gehet jeder nach seinem Hause packet alle eure
Gerätschaften und Habseligkeiten zusammen und morgen bei Sonnenaufgang stellt
euch mit Weibern und Kindern Pferden und Eseln Rindern und Schafen kurz mit
Sack und Pack vor dem Jasonstempel ein Von da wollen wir mit dem goldnen
Vliesse dem heiligen Palladium der Abderiten an unsrer Spitze ausziehen diesen
von den Göttern verachteten Mauren den Rücken wenden und in den weiten Ebnen
des fruchtbaren Macedoniens einen andern Wohnort suchen bis der Zorn der Götter
sich gelegt haben und uns oder unsern Kindern wieder vergönnt sein wird unter
glücklichen Vorbedeutungen in die schöne Abdera zurückzukehren Die
verderblichen Mäuse wenn sie nichts mehr zu zehren finden werden sich unter
einander selbst auffressen und was die Frösche betrifft denen mag Latona
gnädig sein Geht meine Kinder und macht euch fertig Morgen mit Aufgang
der Sonne werden alle unsre Drangsale ein Ende haben«
Das ganze Volk jauchzte dem begeisterten Archon Beifall zu und in einem
Augenblick atmete wieder nur Eine Seele in allen Abderiten Ihre
leichtbewegliche Einbildungskraft stund auf einmal in voller Flamme Neue
Aussichten neue Szenen von Glück und Freuden tanzten vor ihrer Stirne Die
weiten Ebnen des glücklichen Macedoniens lagen wie fruchtbare Paradiese vor
ihren Augen ausgebreitet Sie atmeten schon die mildern Lüfte und sehnten sich
mit unbeschreiblicher Ungeduld aus dem dicken froschsumpfichten Dunstkreise
ihrer ekelhaften Vaterstadt heraus Alles eilte sich zu einem Auszug zu rüsten
von welchem wenige Augenblicke zuvor kein Mensch sich hatte träumen lassen
Am folgenden Morgen war das ganze Volk von Abdera reisefertig Alles was sie
von ihren Habseligkeiten nicht mitnehmen konnten ließ sie ohne Bedauern in
ihren Häusern so ungeduldig waren sie an einen Ort zu ziehen wo sie weder von
Fröschen noch Mäusen mehr geplagt werden würden
Am vierten Morgen ihrer Auswanderung begegnete ihnen der König Kassander
Man hörte das Getöse ihres Zugs von weitem und der Staub den sie erregten
verfinsterte das Tageslicht Kassander befahl den Seinigen Halt zu machen und
schickte jemand aus sich zu erkundigen was es wäre
Sire sagte der zurückkommende Abgeschickte es sind die Abderiten die vor
Fröschen und Mäusen nicht mehr in Abdera zu bleiben wussten und einen andern
Wohnplatz suchen
Wenns dies ist so sinds gewiss die Abderiten sagte Kassander
Indem erschien Onokradias an der Spitze einer Deputation von Ratsmännern und
Bürgern dem König ihr Anliegen vorzutragen
Die Sache kam Kassandern und seinen Höflingen so lustig vor dass sie sich
mit aller ihrer Höflichkeit nicht enthalten konnten den Abderiten überlaut ins
Gesicht zu lachen und die Abderiten wie sie den ganzen Hof lachen sahen
hielten es für ihre Schuldigkeit mitzulachen
Kassander versprach ihnen seinen Schutz und wies ihnen einen Ort an den
Grenzen von Macedonien an wo sie sich so lange aufhalten könnten bis sie
Mittel gefunden haben würden mit den Fröschen und Ratten ihres Vaterlandes
einen billigen Vergleich zu treffen
Von dieser Zeit an weiß man wenig mehr als nichts von den Abderiten und
ihren Begebenheiten Doch ist so viel gewiss dass sie einige Jahre nach dieser
seltsamen Auswanderung deren historische Gewissheit durch das Zeugnis des vom
Justinus in einen Auszug gebrachten Geschichtschreibers Trogus Pompejus L XV
C 2 außer allen Zweifel gesetzt wird wieder nach Abdera zurück gezogen Allem
Vermuten nach müssen sie die Ratten in ihren Köpfen die sonst immer mehr Spuk
darin gemacht als alle Ratten und Frösche in ihrer Stadt und Landschaft in
Macedonien zurückgelassen haben Denn von dieser Epoche an sagt die Geschichte
weiter nichts von ihnen als dass sie unter dem Schutze der macedonischen Könige
und der Römer verschiedene Jahrhunderte durch ein stilles und geruhiges Leben
geführt und da sie weder witziger noch dummer gewesen als andre Municipalen
ihres Gleichens den Geschichtschreibern keine Gelegenheit gegeben weder Böses
noch Gutes von ihnen zu sagen
Um übrigens unsern geneigten Lesern eine vollkommne Probe unsrer
Aufrichtigkeit zu geben wollen wir ihnen unverhalten lassen dass wofern der
ältere Plinius und sein aufgestellter Gewährsmann Varro hierin Glauben
verdienten Abdera nicht die einzige Stadt in der Welt gewesen wäre die von so
unansehnlichen Feinden als Frösche und Mäuse sind ihren natürlichen Einwohnern
abgejagt worden Denn Varro soll nicht nur einer Stadt in Spanien erwähnen die
von Kaninchen und einer andern die von Maulwürfen zerstört worden sondern
auch einer Stadt in Gallien deren Einwohner wie die Abderiten den Fröschen
hätten Platz machen müssen Allein da Plinius weder die Stadt welcher dies
Unglück begegnet sein soll mit Namen nennt noch ausdrücklich sagt aus welchem
von den unzähligen Werken des gelehrten Varro er diese Anekdote genommen habe
so glauben wir der Ehrerbietung die man diesem großen Manne schuldig ist nicht
zu nahe zu treten wenn wir vermuten dass sein Gedächtnis auf dessen Treue er
sich nicht selten zu viel verließ ihm für Tracien Gallien untergeschoben habe
und dass die Stadt von welcher beim Varro die Rede war keine andre gewesen als
unser Abdera selbst
Und hiemit sei dann der Gipfel auf das Denkmal gesetzt welches wir dieser
einst so berühmten und nun schon so viele Jahrhunderte lang wieder vergessenen
Republik zu errichten ohne Zweifel von einem für ihren Ruhm sorgenden Dämon
angetrieben worden nicht ohne Hoffnung dass es ungeachtet es aus so leichten
Materialien als die seltsamen Launen und jovialischen Narrheiten der Abderiten
sind zusammengesetzt ist so lange dauern werde bis unsre Nation den
glücklichen Zeitpunkt erreicht haben wird wo diese Geschichte niemand mehr
angehen niemand mehr unterhalten niemand mehr verdrießlich und niemand mehr
aufgeräumt machen wird mit einem Wort wo die Abderiten niemand mehr ähnlich
sehen und also ihre Begebenheiten eben so unverständlich sein werden als uns
Geschichten aus einem andern Planeten sein würden ein Zeitpunct der nicht mehr
weit entfernt sein kann wenn die Knaben in der ersten Generation des
neunzehnten Jahrhunderts nur um eben so viel weiser sein werden als die Knaben
im letzten Viertel des achtzehnten sich weiser als die Männer des vorgehenden
dünken oder wenn alle die Erziehungsbücher womit wir seit zehn Jahren so
reichlich beschenkt worden sind und täglich noch beschenkt werden nur den
zehnten Teil der herrlichen Wirkungen tun die uns die wohlmeinenden Verfasser
hoffen lassen
Der Schlüssel zur Abderitengeschichte
Als Homers Gedichte unter den Griechen bekannt worden waren hatte das Volk das
in vielen Dingen mit seinem schlichten Menschenverstand richtiger zu sehen
pflegt als die Herren mit bewaffneten Augen gerade Verstand genug um zu sehen
dass in diesen großen heroischen Fabeln ungeachtet des Wunderbaren
Abenteuerlichen und Unglaublichen womit sie so reichlich durchwebt sind dass
eine Amme Märchen genug um ihr Kind in Schlaf zu singen daraus machen konnte
mehr Weisheit und Unterricht fürs praktische Leben liege als in einem
milesischen Ammenmärchen und wir sehen aus Horazens Brief an Lollius und aus
dem Gebrauch welchen Plutarch von Homers Gedichten macht und zu machen lehrt
dass noch viele Jahrhunderte nach Homer die verständigsten Weltleute unter
Griechen und Römern der Meinung waren dass man was recht und nützlich was
unrecht und schädlich sei und wie viel ein Mann durch Tugend und Weisheit
vermöge so gut und noch besser aus Homers Fabeln lernen könne als aus den
subtilsten oder beredtesten stoischen Sittenlehrern Man überließ es alten
Kindsköpfen denn die Jungen belehrte man eines Bessern an dem bloßen
materiellen Teil der Dichtung kleben zu bleiben verständige Leute fühlten und
erkannten den Geist der in diesem Leibe atmete und ließ sichs nicht
einfallen scheiden zu wollen was die Muse untrennbar zusammengefügt hatte das
Wahre unter der Hülle des Wunderbaren und das Nützliche durch eine
Mischungskunst die nicht allen geoffenbart ist vereinbart mit dem Schönen und
Angenehmen
Wie es bei allen menschlichen Dingen geht so ging es auch hier Nicht
zufrieden in Homers Gedichten warnende oder aufmunternde Beispiele einen
lehrreichen Spiegel des menschlichen Lebens in seinen mancherlei Ständen
Verhältnissen und Szenen zu finden wollten die Gelehrten späterer Zeiten noch
tiefer eindringen noch mehr sehen als ihre Vorfahren und so entdeckte man
denn was entdeckt man nicht wenn man sichs einmal in den Kopf gesetzt hat
etwas zu entdecken in dem was nur Beispiel war Allegorie in allem sogar in
den bloßen Maschinen und Decorationen des poetischen Schauplatzes einen
mystischen Sinn und zuletzt in jeder Person jeder Begebenheit jedem Gemälde
jeder kleinen Fabel Gott weiß was für Geheimnisse von hermetischer orphischer
und magischer Philosophie an die der gute Dichter in der Unschuld seines
Herzens gewiss so wenig gedacht hatte als Virgil dass man zwölf hundert Jahre
nach seinem Tode mit seinen Versen die bösen Geister beschwören würde
Immittelst wurde es unvermerkt zu einem wesentlichen Requisit eines epischen
Gedichts wie man die größeren und heroischen poetischen Fabeln zu nennen
pflegte dass es außer der natürlichen Sinn und der Moral die es beim ersten
Anblick darbot noch einen andern geheimen und allegorischen haben müsse
wenigstens gewann diese Grille bei den Italiänern und Spaniern die Oberhand und
es ist mehr als lächerlich zu sehen was für eine undankbare Mühe sich die
Ausleger oder auch wohl die Dichter selbst geben um aus einem Amadis und
Orlando aus Trissins befreitem Italien oder Kamoens Lusiade ja sogar aus dem
Adone des Marino alle Arten von metaphysischer politischer moralischer
physikalischer und teologischer Allegorien herauszuspinnen Da es nun nicht die
Sache der Leser war in diese Geheimnisse aus eigener Kraft einzudringen so
musste man ihnen wenn sie so herrlicher Schätze nicht verlustigt werden sollten
notwendig einen Schlüssel dazu geben und dieser Schlüssel war eben die
Exposition des allegorischen oder mystischen Sinnes wiewohl der Dichter
gewöhnlicherweise erst wen er mit dem ganzen Werk fertig war daran dachte was
vor versteckte Ähnlichkeiten und Beziehungen sich etwa aus seinen Dichtungen
herausholen lassen könnten
Was bei vielen Dichtern bloße Gefälligkeit gegen eine herrschende Mode war
über welche sie sich nicht hinwegzusetzen wagten wurde für andre wirklicher
Zweck und Hauptwerk Der berühmte Zodiacus vitae des sogenannten Palingenius
die Argenis des Barclei die Feenkönigin des Spencer die neue Atlantis der Dame
Manlei die malabarischen Prinzessinnen das Märchen von der Tonne die
Geschichte von Johann Bull und eine Menge andrer Werke dieser Art woran
besonders das sechzehnte und siebenzehnte Jahrhundert fruchtbar gewesen ist
waren ihrer Natur und Absicht nach allegorisch und konnten also ohne Schlüssel
nicht verstanden werden wiewohl einige derselben zB Spencers Feenkönigin
und die allegorischen Satyren des D Swift so beschaffen sind dass eine jede
verständige und der Sachen kundige Person den Schlüssel dazu ohne fremde
Beihilfe in ihrem eignen Kopfe finden kann
Diese kurze Deduction wird mehr als hinlänglich sein um denen die noch nie
daran gedacht haben begreiflich zu machen wie es zugegangen sei dass sich
unvermerkt eine Art von gemeinem Vorurteil und wahrscheinlicher Meinung in den
meisten Köpfen festgesetzt hat als ob ein jedes Buch das einem satyrischen
Roman ähnlich sieht mit einem versteckten Sinn begabt sei und also einen
Schlüssel nötig habe Daher hat auch der Herausgeber der gegenwärtigen
Geschichte wie er gewahr wurde dass die meisten unter der großen Menge von
Lesern welche sein Werk zu finden die Ehre gehabt hat sich fest überzeugt
hielten dass noch etwas mehr dahinter stecken müsse als was die Worte beim
ersten Anblick zu besagen scheinen und also einen Schlüssel zu der
Abderitengeschichte als ein unentbehrliches Bedürfnis zu vollkommener
Verständnis eines so interessanten Buches zu erhalten wünschten sich dieses ihm
häufig zu Ohren kommende Verlangen seiner werten Leser keineswegs befremden
lassen sondern er hat es im Gegenteil für eine Aufmerksamkeit die er ihnen
schuldig ist gehalten bei gegenwärtiger neuer und vollständiger
Originalausgabe demselben so viel an ihm ist ein Genüge zu tun und ihnen
als einen Schlüssel oder statt des verlangten Schlüssels welches im Grunde auf
eins hinausläuft alles mitzuteilen was zu gründlicher Verständnis und
nützlichem Gebrauch dieses zum Vergnügen aller Klugen und zur Lehre und
Züchtigung aller Nn geschriebenen Werkes dienlich sein kann
Zu diesem Ende findet er nötig ihnen vor allen Dingen die Geschichte der
Entstehung desselben unverfälscht und mit den eigen Worten des Verfassers
eines zwar wenig bekannten aber seit dem Jahr 1753 sehr stark gelesenen
Schriftstellers mitzuteilen
»Es war so lautet sein Bericht es war ein schöner Herbstabend im Jahr
177 ich befand mich allein in dem oberen Stockwerk meiner Wohnung und sah
denn ich schäme mich nicht zu bekennen wenn mir etwas menschliches begegnet
vor langer Weile zum Fenster hinaus denn schon seit vielen Wochen hatte mich
mein Genius gänzlich verlassen Ich konnte weder denken noch lesen Alles Feuer
meines Geistes schien erloschen alle meine Laune gleich einem flüchtigen
Salze verduftet Ich war dumm aber ach ohne an den Seligkeiten der Dummheit
Teil zu haben ohne einen einzigen Gran von dieser stolzen Zufriedenheit mit
sich selbst dieser unerschütterlichen Überzeugung welche gewisse Leute
versichert dass alles was sie denken sagen träumen und im Schlaf reden wahr
witzig weise und in Marmor gegraben zu werden würdig sei einer Überzeugung
die den echten Sohn der großen Göttin wie ein Muttermal kennbar und zum
glücklichsten aller Menschen macht Kurz ich fühlte meinen Zustand und er lag
schwer auf mir ich schüttelte mich vergebens und es war wie gesagt so weit
mit mir gekommen dass ich durch ein ziemlich unbequemes kleines Fenster in die
Welt hinaus guckte ohne zu wissen was ich sah oder etwas zu sehen das des
Wissens wert gewesen wäre Auf einmal war mir als höre ich eine Stimme ob es
Wahrheit oder Täuschung war will ich nicht entscheiden die mir zurief setze
dich und schreibe die Geschichte der Abderiten Und plötzlich ward es Licht in
meinem Kopfe Ja ja dacht ich die Abderiten Was kann natürlicher Sein Die
Geschichte der Abderiten will ich schreiben Wie war es doch möglich dass mir
ein so natürlicher Einfall nicht schon längst gekommen ist Und also setzt ich
mich und schrieb und schlug nach und compilierte und ordnete zusammen und
schrieb wieder und es war eine Lust zu sehen wie mir das Werk von den Händen
ging
Indem ich nun so im besten Schreiben war fährt unser Verfasser in seiner
treuherzigen Beichte fort kam mir in einem Anstoß von Kapriccio oder Laune
oder wie mans sonst nennen will der Einfall meiner Phantasie den Zügel
schießen zu lassen und die Sachen so weit zu treiben als sie gehen könnten Es
betrifft ja nur die Abderiten dacht ich und an den Abderiten kann man sich
nicht versündigen sie sind ja doch am Ende weiter nichts als ein Pack Narren
die Albernheiten die ihnen die Geschichte zur Last legt sind groß genug um
das Ungereimteste was du ihnen andichten kannst zu rechtfertigen Ich gesteh
es also unverhohlen und wenns unrecht war so verzeihe mirs der Himmel ich
strengte alle Stränge meiner Erfindungskraft bis zum Reissen an um die Abderiten
so närrisch denken reden und sich betragen zu lassen als es nur möglich wäre
Es ist ja schon über zweitausend Jahre dass sie allesamt tot und begraben sind
sagte ich zu mir selbst es kann weder ihnen noch ihrer Nachkommenschaft
schaden denn auch von dieser ist schon lange kein Gebein mehr übrig Zu diesem
allem kam noch eine andre Vorstellung die mich durch einen gewissen Schein von
Gutherzigkeit einnahm Je närrischer ich sie mache dachte ich je weniger habe
ich zu besorgen dass man die Abderiten für eine Satyre halten und Anwendungen
davon auf Leute machen wird die ich doch wohl nicht gemeint haben kann da mir
ihr Dasein nicht einmal bekannt ist Aber ich irrte mich sehr indem ich so
schloss Der Erfolg bewies dass ich unschuldigerweise Abbildungen gemacht hatte
da ich nur Phantasie zu malen glaubte«
Man muss gestehen dies war einer der schlimmsten Streiche die einem Autor
begegnen können der keine List in seinem Herzen hat und ohne irgend eine
Seele ärgern oder betrüben zu wollen bloß sich selbst und seinem Nebenmenschen
die Langeweile zu vertreiben sucht Gleichwohl war dies was dem Verfasser der
Abderiten schon mit den ersten Kapiteln seines Werkleins begegnete Es ist
vielleicht keine Stadt in Deutschland und so weit die natürlichen Grenzen der
deutschen Sprachen gehen welches im Vorbeigehen gesagt eine größere Strecke
Landes ist als irgend eine andre europäische Sprache inne zu haben sich rühmen
kann wo die Abderiten nicht Leser gefunden haben sollten und wo man sie las
da wollte man die Originale zu den darin vorkommenden Bildern gesehen haben »In
tausend Orten sagt der Verfasser wo ich weder selbst jemals gewesen bin noch
die mindeste Bekanntschaft habe wunderte man sich woher ich die Abderiten
Abderitinnen und Abderitismen dieser Orte und Enden so genau kenne und man
glaubte ich müsste schlechterdings einen geheimen Briefwechsel oder einen
kleinen Kabinetsteufel haben der mir Anekdoten zutrüge die ich mit rechten
Dingen nicht hätte erfahren können Nun wusste ich fuhr er fort nichts
gewisser als dass ich weder diesen noch jenen hatte folglich war klar wie
Taglicht dass das alte Völklein der Abderiten nicht so ausgestorben war als ich
mir eingebildet hatte«
Diese Entdeckung veranlasste den Autor Nachforschungen anzustellen die er
für unnötig gehalten hatte so lange er bei Verfassung seines Werkes mehr seine
eigne Phantasie und Laune als Geschichte und Urkunden zu Rate gezogen hatte Er
durchstöberte manche große und kleine Bücher ohne sonderlichen Erfolg bis er
endlich in der sechsten Dekade des berühmten Hafen Slawkenbergius p m 864
folgende Stelle fand die ihm einigen Aufschluss über diese unerwartete
Ereignisse zu geben schien
»Die gute Stadt Abdera in Tracien sagt Slawkenbergius am angeführten
Orte ehmals eine große volkreiche blühende Handelsstadt das tracische
Athen die Vaterstadt eines Protagoras und Demokritus das Paradies der Narren
und der Frösche diese gute schöne Stadt Abdera ist nicht mehr Vergebens
suchen wir sie in den Landcharten und Beschreibungen des heutigen Traciens
sogar der Ort wo sie ehmals gestanden ist unbekannt oder kann wenigstens nur
durch Mutmaßungen angegeben werden Aber nicht so die Abderiten diese leben und
weben noch immer fort wiewohl ihr ursprünglicher Wohnsitz längst von der Erde
verschwunden ist Sie sind ein unzerstörbares unsterbliches Völkchen ohne
irgendwo einen festen Sitz zu haben findet man sie allenthalben und wiewohl
sie unter allen andern Völkern zerstreut leben haben sie sich doch bis auf
diesen Tag rein und unvermischt erhalten und bleiben ihrer alten abderitischen
Art und Weise so getreu dass man einen Abderiten wo man ihn auch antrifft nur
einen Augenblick zu sehen braucht um eben so gewiss zu sehen und zu hören dass
er ein Abderit ist als man es zu Frankfurt und Leipzig Konstantinopel und
Aleppo einem Juden anmerkt dass er ein Jude ist Das Sonderbarste aber und ein
Umstand worin sie sich von den Israeliten Beduinen Armeniern und allen andern
unvermischten Völkern wesentlich unterscheiden ist dieses dass sie sich ohne
mindeste Gefahr ihrer Abderiteit mit allen übrigen Erdbewohnern vermischen und
ungeachtet sie allenthalben die Sprache des Landes wo sie wohnen reden
Staatsverfassung Religion und Gebräuche mit den Nichtabderiten gemein haben
auch essen und trinken handeln und wandeln sich kleiden und putzen sich
frisieren und parfümieren purgieren und klysterisieren lassen kurz alles was
zur Notdurft des menschlichen Lebens gehört ungefähr eben so machen wie andre
Leute dass sie sage ich nichts destoweniger in allem was sie zu Abderiten
macht sich selbst so unveränderlich gleich bleiben als ob sie von jeher durch
eine diamantne Mauer dreimal so hoch und dick als die Mauern des alten
Babylons von den vernünftigen Geschöpfen auf unserm Planeten abgesondert
gewesen wären alle andre Menschenarten verändern sich durch Verpflanzung und
zwo verschiedene Arten bringen durch Vermischung eine dritte hervor Aber an den
Abderiten wohin sie auch verpflanzt wurden und soviel sie sich auch mit andern
Völkern vermischt haben hat man nie die geringste wesentliche Veränderung
wahrnehmen können Sie sind immer noch die nämlichen Narren die sie vor
zweitausend Jahren zu Abdera waren und wiewohl man schon längst nicht mehr
sagen kann siehe hie ist Abdera oder da ist Abdera so ist doch in Europa
Asia Africa und America soweit diese große Erdviertel policiert sind keine
Stadt kein Marktflecken Dorf noch Dörfchen wo nicht einige Glieder dieser
unsichtbaren Genossenschaft anzutreffen sein sollten« So weit besagter Hafen
Slawkenbergius
»Nachdem ich diese Stelle gelesen hatte fährt unser Verfasser fort so
hatte ich nun auf einmal den Schlüssel zu den vorbesagten Erfahrungen die mir
ersten Anblicks so unerklärbar vorgekommen waren und so wie der
Slawkenbergische Bericht das was mir mit den Abderiten begegnet war begreiflich
machte so bestätigte dieses hinwieder die Glaubwürdigkeit von jenem Die
Abderiten hatten also einen Samen hinterlassen der in allen Landen aufgegangen
war und sich in eine sehr zahlreiche Nachkommenschaft ausgebreitet hatte und da
man beinahe allenthalben die Charaktere und Begebenheiten der alten Abderiten
für Abbildungen und Anekdoten der neuen ansah so erwies sich dadurch auch die
seltsame Eigenschaft der Einförmigkeit und Unveränderlichkeit welche dieses
Volk nach dem angeführten Zeugnis von andern Völkern des festen Landes und der
Inseln des Meeres unterscheidet Die Nachrichten die mir hierüber von allen
Orten zukamen gereichten mir aus einem doppelten Grunde zu großem Troste
erstens weil ich mich nun auf einmal von allem innerlichen Vorwurf den
Abderiten vielleicht zuviel getan zu haben erleichtert fand und zweitens weil
ich vernahm dass mein Werk überall auch von den Abderiten selbst mit Vergnügen
gelesen und besonders die treffende Ähnlichkeit zwischen den alten und neuen
bewundert werde welche den letztern als ein augenscheinlicher Beweis der
Echteit ihrer Abstammung allerdings sehr schmeichelhaft sein musste Die
Wenigen welche sich beschwert haben sollen dass man sie zu ähnlich geschildert
habe kommen in der Tat gegen die Menge derer die zufrieden sind in keine
Betrachtung und auch diese Wenigen täten vielleicht besser wenn sie die Sache
anders nähmen Denn da sie wie es scheint nicht gerne für das angesehen sein
wollen was sie sind und sich deswegen in die Haut irgend eines edleren Tieres
gesteckt haben so erfodert die Klugheit dass sie ihre Ohren nicht selbst
hervorstrecken um eine Aufmerksamkeit auf sich zu erregen die nicht zu ihrem
Vorteil ausfallen kann
Auf der andern Seite aber ließ ich mir auch den Umstand dass ich die
Geschichte der alten Abderiten gleichsam unter den Augen der neueren schrieb zu
einem Beweggrund dienen meine Einbildungskraft die ich anfangs bloß ihrer
Willkür überlassen hatte kürzer im Zügel zu halten mich vor allen Karikaturen
sorgfältig zu hüten und den Abderiten in allem was ich von ihnen erzählte die
strengste Gerechtigkeit widerfahren zu lassen Denn ich sah mich nun als den
Geschichtschreiber der Altertümer einer noch fortblühenden Familie an welche
berechtigt wäre es übel zu vermerken wenn man ihren Vorfahren irgend etwas
ohne Grund und gegen die Wahrheit aufbürdete«
Die Geschichte der Abderiten kann also mit gutem Grunde als eine der
wahresten und zuverlässigsten und eben darum als ein getreuer Spiegel
betrachtet werden worin die Neuern ihr Antlitz beschauen und wenn sie nur
ehrlich gegen sich selber sein wollen genau entdecken können in wiefern sie
ihren Vorfahren ähnlich sind Es wäre sehr überflüssig von dem Nutzen den das
Werk in dieser Rücksicht so lange als es noch Abderiten geben wird und dies
wird vermutlich sehr lange sein stiften kann und muss viele Worte zu machen
Wir bemerken also nur dass es beiläufig auch noch den Nutzen haben könnte die
Nachkömmlinge der alten Deutschen unter uns behutsamer zu machen sich vor allem
zu hüten was den Verdacht erwecken könnte als ob sie entweder aus abderitischen
Blute stammten oder aus übertriebner Bewunderung der abderitischen Art und Kunst
und daher entspringender Nachahmungssucht sich selbst Ähnlichkeiten mit diesem
Volke geben wollten wobei sie aus vielerlei Ursachen wenig zu gewinnen hätten
Und dies werte Leser wäre also der versprochne Schlüssel zu diesem
merkwürdigen Originalwerke mit beigefügter Versicherung dass nicht das kleinste
geheime Schubfach darin ist welches Sie sich mit diesem Schlüssel nicht sollten
aufschließen können und wofern Ihnen jemand ins Ohr raunen wollte als ob noch
mehr darin verborgen sei so können Sie sicherlich glauben dass er entweder
nicht weiß was er sagt oder nichts Gutes im Schilde führt
SAPIENTIA PRIMA EST STULTITIA CARUISSE
Fußnoten
1 Solin Polyhist c X
2 Paläphatus in seinem Buche von Unglaublichen Dingen erklärt auf diese Weise
die Fabel dass dieser Fürst seine Pferde mit Menschenfleisch gefüttert habe und
ihnen endlich selbst vom Herkules zur Speise vorgeworfen worden sei
3 Herodot I 43
6 Juvenal Satyr X v 50
8 Ein berühmter Sophiste von Abdera etwas älter als Demokritus welchen Cicero
dem Hippias Prodikus Gorgias und also den größten Männern seiner Profession
an die Seite setzt
9 Was hier von den Abderiten gesagt wird erzählen andere alte Schriftsteller
von der Stadt Alabandus S Koel Rhodog Lect Ant L XXVI Kap 25
10 Plato de Republ L III Tom opp II p 398
11 Plin Naturgesch B IV
12 Solin C XXX auch Plinius Mela und andere Alte und Neuere welche uns
alle die Wundermenschen von denen hier die Rede ist für wirkliche Geschöpfe
Gottes zu gehen kein Bedenken tragen
13 Solinus aus dem Ktesias
14 Ebenderselbe
16 Parmenides von Elea wird für den Erfinder der Lehre von den Ideen oder
wesentlichen Urbildern gehalten welche Plato in sein System aufgenommen und
sich so eigen gemacht hat dass man sie gewöhnlich nach seinem Namen zu nennen
pflegt
17 Ein sehr gewöhnlicher Griff der abderitischen Gelehrten und Kunstrichter
18 Griechische Possenspiele die mit der Opera buffa der Welschen einige
Ähnlichkeit hatten und wovon uns der Cyklops des Euripides das einzige übrig
gebliebene Stück dieser Art einen Begriff gibt
19 Aelian Var Hist III 36
20 Die Atenienser hatten zu ihrem Kriege mit Megara keinen bessern Grund wenn
man dem Aristophanes glauben dürfte als dass etliche junge Herren von Megara
um die Entführung einer megarischen Kourtisane zu rächen ein paar junge Dirnen
von der nämlichen Profession aus Aspasiens Pflanzschule entführt hatten Aspasia
vermochte alles über den Perikles Perikles alles in Athen und so wurde den
Megarern der Krieg angekündigt Plutarch im Leben des Perikles
21 Ob diese Stelle der Gastöfe wegen für unecht und eingeschoben zu halten
sei überlässt man dem Urteile derjenigen welche die Rem cauponariam Veterum
gründlich untersucht haben
22 Ein fremdes Wort Ich bitte es den Puristen ab Aber weder Lage noch
Stellung noch Gebärde drückt das aus was Attitüde und so oft es uns an
unentbehrlichen einheimischen Worten gebricht werden wir wohl genötigt
bleiben fremde zu borgen Und von wem können wir solchenfalls schicklicher
borgen als von derjenigen lebenden Sprache welche die polierteste und
allgemeinste ist So machten es die alten Römer mit der griechischen und warum
sollten deutsche Schriftsteller mit gleicher Bescheidenheit nicht tun dürfen
was sogar Cicero dem seine Muttersprache so viel zu danken hatte für erlaubt
hielt
23 Die öffentliche Ehrbarkeit diente ihnen statt eines Schleiers sagt ich weiß
nicht welcher Alter von den spartanischen Töchtern
24 Frau Salabanda hat Recht Lange vor dem Hammel der Madame Dannoy machte
Lucian in seiner wahren Geschichte und lange vor Lucian machten die
griechischen Komödiendichter Metagenes Pherckrates Teleklides Krates und
Kratinus Beschreibungen vom Schlaraffenlande und vom Schlaraffenleben worin
sie sich in die Wette beeiferten der ausschweifendsten Einbildungskraft eines
neueren Märchenmachers nichts übrig zu lassen Die kühnsten Züge im Gemälde
welches Demokritus davon macht sind aus den Fragmenten genommen die uns
Atenäus im sechsten Buche seines Gastmahls der Sophisten davon aufbehalten hat
25 Um denjenigen Lesern welche weder den Diogenes Laertius noch des Deslandes
oder Bruckers kritische Geschichte der Philosophie noch die Kompendien des
Herrn Formei oder D Büschings gelesen haben irrige Vermutungen zu ersparen
erinnert der Verfasser dass alle hier vorkommende Hypotesen sich eines sehr
ehrwürdigen Altertums und zum Teil einer Menge Verfechter und Anhänger rühmen
können Die Meinung unsers Demokritus ist die einzige welche vermutlich bloß
weil sie die vernünftigste ist keine Secte gemacht hat
26 Dieser Philosoph war also ein Kartesianer vor dem Kartesius
27 Xerxes der bei seinem Kriegszuge gegen die Griechen einige Tage zu Abdera
bei dem Vater des Demokritus sein Hauptquartier gehabt hatte den damals noch
sehr jungen Demokritus lieb gewonnen und zu dessen besserer Erziehung ein paar
von den Magis die er bei sich hatte zurückgelassen Diogen Laert
28 S Lucian im Philopseudes
29 Epopten hießen diejenigen welche nach ausgestandner Prüfung zum Anschauen
der großen Mysterien zu Eleusis zugelassen wurden S Warburtonts Divine
Legation Vol I p 155 der 4ten Ausgabe
30 Ein Mann von dessen wunderbarer Leibesstärke und Gefrässigkeit die
fabelhaften Graeculi erstaunliche Dinge zu erzählen wissen zE dass er einen
wohlgemästeten Ochsen dreihundert Schritte weit auf den Schultern getragen und
nachdem er ihn mit einem einzigen Faustschlag tot gemacht in einem Tage
aufgegessen habe
31 Eine der Hälfte des menschlichen Geschlechts verhasste Sagacität nennt dies
Joh Chrysostomus Magnenus in seinem Leben des Demokritus
32 Plinius der in seiner Natur und Kunstgeschichte Wahres und Falsches ohn
Unterschied zusammengetragen hat erzählt im Kapit 49 seines zehnten Buchs in
ganzem Ernst Demokritus habe in einer seiner Schriften gewisse Vögel benennet
aus deren vermischtem Blut eine Schlange entstehe welche die Eigenschaft habe
dass derjenige der sie esse ob mit Essig und Öl sagt er nicht von Stund an
alles verstehe was die Vögel miteinander reden Wegen dieser und anderer
ähnlicher Albernheiten wovon wie er sagt die Schriften des Demokritus
wimmeln liest er ihm an einem andern Orte seines Werkes den Text sehr
schulmeisterhaft Aber Gellius Noct Atticar L X Kap 12 verteidigt unsern
Philosophen mit besserm Grund als Plinius ihn verurteilt Was konnte Demokritus
dafür dass die Abderiten dumm genug waren alles was er im Ernste sagte für
Ironie und alles was er scherzweise sagte für Ernst zu nehmen Oder wie
konnt er verhindern dass nicht lange nach seinem Tode abderitische Köpfe
tausend Albernheiten an die er nie gedacht hatte unter seinem Namen und
Ansehen an andre Abderiten verkauften Was für klägliches Zeug ließ ihn nicht
erst im Jahr 1646 Magnenus in seinem Democritus redivivus sagen Und was müssen
nicht die Leute in der andern Welt von sich sagen lassen
33 Dies ist wohl ein Irrtum des Übersetzers Denn wer weiß nicht dass die
Trutühner dem Aristoteles selbst unbekannt waren und unbekannt sein mussten
weil sie erst aus Westindien zu uns und in die übrigen Teile unsrer Halbkugel
gekommen sind S Buffon Histoire naturelle des Oiseaux T 3 p 187 u f
34 Nichts ist möglicher als dass Sokrates wirklich einmal etwas gesagt haben
konnte das zu dieser Türlipinade Anlass gegeben Er durfte nur in einer
Gesellschaft wo die Rede von Größe und Kleinheit war den Irrtum angemerkt
haben den man gewöhnlich begeht da man von Groß und Klein als von wesentlichen
Eigenschaften spricht und nicht bedenkt dass es bloß auf den Maßstab ankommt
ob etwas groß oder klein sein soll Er konnte nach seiner scherzhaften Art
gesagt haben man habe Unrecht den Sprung eines Flohs nach der attischen Elle
zu messen man müsse um die Schnellkraft des Flohs mit derjenigen eines
Luftspringers zu vergleichen nicht den menschlichen Fuß sondern den Flohfuss
zum Maß nehmen wenn man anders den Flöhen Gerechtigkeit widerfahren lassen
wolle und dergleichen Nun brauchte nur ein Abderite in der Gesellschaft zu
sein so können wir sicher darauf rechnen dass er es als eine große
Ungereimteit die dem Philosophen entfahren sei nach seiner eignen Art wieder
erzählt haben werde und wenn gleich Aristophanes klug genug war zu begreifen
dass Sokrates etwas kluges gesagt hatte so war es doch für einen Mann von seiner
Profession und zu seiner Absicht den Philosophen lächerlich zu machen schon
genug dass man diesem Einfall eine Wendung geben konnte wodurch er geschickt
wurde die Zwerchfelle der Atenienser welche den Geschmack und den Witz
abgerechnet ziemlich Abderiten waren einen Augenblick zu erschüttern
35 Perpetuo risu pulmonem agitare solebat Democritus Juvenal Sat X 33
36 De Tranquill animi c 15
37 Bei allem dem erklärt sich doch Seneca bald darauf dass es noch besser und
einem weisen Manne anständiger sei die herrschenden Sitten und Fehler der
Menschen sanft und gleichmütig zu ertragen als darüber zu lachen oder zu
weinen Mich dünkt er hätte mit wenig Mühe finden können dass es noch was
bessers gibt als dies Bessere Warum immer lachen immer weinen immer zürnen
oder immer gleichgültig sein Es gibt Torheiten welche belachenswert sind es
gibt andere die ernstaft genug sind um dem Menschenfreund Seufzer
auszupressen andre die einen Heiligen zum Unwillen reizen könnten endlich
noch andre die man der menschlichen Schwachheit zu gut halten soll Ein weiser
und guter Mann nisi pituita molesta est wie Horaz weislich ausbedingt lacht
oder lächelt bedaurt oder beweint entschuldigt oder verzeiht je nach dem es
Personen und Sachen Ort und Zeit mit sich bringen Denn lachen und weinen
lieben und hassen züchtigen und loslassen hat seine Zeit sagt Salomo welcher
älter klüger und besser war als Seneca mit allen seinen Antitesen
40 Apolog C 46
41 Memorab Socrat Lib 1 Kap 3 Num 14
42 Brucker vom Magnenus der den Demokritus nach seiner eignen Phantasie
raisonnieren und deraisonnieren lässt nichts zu sagen
43 Bruck Histor Crit Philos T 1 p 1190
44 Hier scheint sich eine Unrichtigkeit in den Text eingeschlichen zu haben Der
Pfau war vor Alexanders Eroberung des persischen Reiches ein unbekannter Vogel
in Griechenland Und da er nachmals aus Asien nach Europa überging war er
anfangs so selten dass man ihn zu Athen um Geld sehen ließ Jedoch wurde er in
kurzer Zeit nach dem Ausdruck des Komödienschreibers Antiphanes so gemein als
die Wachteln In der üppigen Epoche von Rom wurde deren eine unendliche Menge
daselbst erzogen und der Pfau machte ein vorzügliches Gerichte auf den
römischen Tafeln aus Woher der Herr von Büffon genommen hat dass die Griechen
keine Pfauen gegessen weiß ich nicht das Gegenteil hätte ihm eine Stelle aus
dem Poeten Alexis beim Atenäus beweisen können Indessen wäre doch wenn es vor
Alexandern keine Pfauen in Europa gegeben hätte gewiss dass Demokritus dem
Priester Strobylus keinen gebratnen Pfauen hätte schicken können man müsste denn
voraussetzen dass dieser Naturforscher unter andern Seltenheiten auch Pfauen aus
Indien mitgebracht hätte Und warum sollte man dies nicht voraussetzen können
Im Notfall könnten uns auch die alten samischen Münzen auf denen man neben der
Juno einen Pfau abgebildet sieht aus der Schwierigkeit helfen wenn es der
Mühe wert wäre
45 Eine persische Goldmünze die von Cyaxares 11 oder Darius aus Medien nach
der Eroberung Babylons zuerst soll geschlagen worden sein
46 Wie ungleich sich doch das nämliche Factum erzählen lässt Von eben dieser
Tat die unser Sykophant für den vollständigsten Beweis eines verrückten
Gehirnes hält spricht Plinius als von einer höchst edelen und der Philosophie
Ehre machenden Handlung Demokritus war viel zu gutherzig um sich auf Unkosten
andrer die nicht so viel entbehren konnten wie er bereichern zu wollen Ihre
ängstliche Unruhe und Verzweiflung einen so großen Gewinnst verfehlt zu haben
rührte ihn er gab ihnen ihr Öl oder das daraus gelöste Geld zurück und
begnügte sich den Abderiten gezeigt zu haben dass es nur von ihm abhange
Reichtümer zu erwerben wenn er es für der Mühe wert hielte In diesem Lichte
sieht Plinius die Sache an und in der Tat muss man ein Abderite ein Sykophant
und ein Schurke zugleich sein um so wie unser Sykophant davon zu sprechen
47 Es befindet sich noch etwas unter dieser Rubrik in den Ausgaben der Werke des
Hippokrates Es ist aber ohne allen Zweifel untergeschoben und die Arbeit
irgend eines schalen Gräculus späterer Zeiten so wie die ganze Erzählung von
der Zusammenkunft dieses Arztes mit dem Demokritus in einem der unechten Briefe
die den Namen des ersteren führen
48 Denen welche sich etwan hierüber verwundern möchten dienet zur Nachricht
dass die Lorgnetten damals noch nicht erfunden waren
49 Zum Unglück sind alle seine Werke verloren gegangen V Recherches sur
Hecatée de Milet Tom IX des Mém de Litterat
50 Ovid Metamorph L V v 218
52 Es nannte sich Eugamia oder die vierfache Braut Eugamia war von ihrem Vater
an einen von der Mutter an den andern und von einer Tante an deren Erbschaft
ihr gelegen war an den dritten Mann versprochen worden Am Ende kam heraus dass
das voreilige Mädchen sich selbst in aller Stille bereits an einen vierten
verschenkt hatte
55 Ein Ausdruck der vor kurzem von einem französischen Schriftsteller bei einer
solchen Gelegenheit gebraucht worden ist dass er nun für unwiederbringlich
ruiniert angesehen werden kann und allein noch in einem Possenspiel auszustehen
ist
58 Es ist bekannt dass dieses hässliche Laster dem Euripides wiewohl
unverdienter Weise Schuld gegeben wurde
59 Der Ratsherr war einer von den Fürsorgern des geheiligten Froschgrabens
welches in Abdera eine sehr ansehnliche Stelle war Man nannte sie die
Batrachotrophen welches zu deutsch sehr füglich durch Froschpfleger gegeben
werden kann
62 Der Apostel Paul bedient sich des von diesem Worte abgeleiteten Beiworts da
er die Atenienser ironischer oder wenigstens zweideutiger Weise wegen ihrer
unbegrenzten Religiosität zu loben scheint Apost Gesch XVII 22 Man könnte
es Götterfurcht oder Dämonenfurcht übersetzen
63 Es versteht sich von selbst dass der Dichter das Seinige getan haben muss um
die Illusion zu bewirken und zu unterhalten denn sonst hat er freilich kein
Recht von uns zu verlangen dass wir ihm zu gefallen tun sollen als ob wir
sähen was er uns nicht zeigt fühlten was er uns nicht fühlen macht usw
64 Aufrichtig zu reden dieser Vers ist der einzige rührende in dem ganzen
Fragment der Rede des Perseus das zufälliger Weise noch vorhanden ist wie
unsre des Griechischen kundige Leser selbst urteilen mögen denn so lauten die
Worte
All o tyranne Teon the kantropon Eros
H mh didaske ta kaka painetai kala
H toi erosin on sy dhmioyrgos ei
Moxtoysi maxtoys eityxos synekponei k t l
65 Wir wissen wohl dass dies nicht à la grecque gesprochen ist aber die Dame
Strution ist wie Frau Damon in unsern Komödien und was liegt dem Leser daran
wie die Zahnärztin mit ihrem eigenen Namen geheißen haben mag