Christoph Martin Wieland
Der Sieg der Natur über die Schwärmerei oder
Die Abenteuer des Don Sylvio von Rosalva
Eine Geschichte worin alles Wunderbare natürlich zugeht
Nachbericht des Herausgebers
welcher aus Versehen des Abschreibers zu einem Vorberichte gemacht worden
Ich muss es dem guten Willen der Leser überlassen ob sie glauben wollen oder
nicht dass dieses Buch den Don Ramiro von Z der einige Jahre
GesandtschaftsSekretarius bei einem bekannten Spanischen Minister an einem
deutschen Hofe gewesen zum Verfasser habe Ich meines Orts gestehe dass ich die
spanische Handschrift nicht selbst in Händen gehabt allein mein Freund der
Herr Übersetzer erzählt mir in einem Schreiben worin er mir aufträgt die
Ausgabe dieses Werks zu besorgen eine so umständliche und wohlzusammen hangende
Geschichte der besagten Handschrift und ihrer seltsamen Schicksale der Ursachen
warum ungeachtet des günstigen Urteils so der Erzbischof von T davon
gefällt dieselbe in Spanien niemalen zum Druck gelangen können und auf was Art
sie vor einigen Jahren in seine Hände gekommen dass ich mir die Mühe nicht
geben mag an der Wahrheit seiner Erzählung zu zweifeln Er versichert mich dass
alle diese und noch viele andre sehr merkwürdige Anecdoten dieses Buch
betreffend in einer weitläufigen Zuschrift enthalten seien welche Don Ramiro
an seinen Gönner den berühmten Minister Don Richard von W gerichtet habe
und die er dem Leser nicht missgönnt haben würde wenn er nicht durch viele
eingefallene Geschäfte an Übersetzung derselben wäre gehindert worden
Ich lasse alles dieses an seinen Ort gestellt sein Was ich gewiss sagen
kann ist dass mich Don Sylvio von Rosalva so sehr belustiget hat als irgend ein
Buch von dieser Art und dass ich bei Durchlesung des Manuscripts so oft und so
herzlich lachen musste dass meine Frau welche wusste dass ich allein in meinem
Kabinete war endlich in voller Bestürzung herbei gelaufen kam und mich fragte
was mir fehle denn sie besorgte in der Tat ich möchte närrisch geworden sein
eine Besorgnis womit sie ich gestehe es meinem Verstande eben keine Ehre
antat Meine Frau die eine gute Art von einem Hausweibe ist und sich ihre
Augen eben nicht mit vielem Lesen verderbt hat wenn sie gleich kein gelehrtes
Frauenzimmer ist doch so viel Vernunft dass sie weißt wenn man lachen und wenn
man weinen muss Ich bat sie also sie möchte sich zu mir setzen und da las ich
ihr das Kapitel vor wobei sie mich so laut lachen gehört hatte ich war noch
nicht bis in die Mitte gekommen so fand sie die Einfälle des Pedrillo so
schnakisch dass sie auch zu lachen anfing und weil sie die Gewohnheit an sich
hat dass sie nicht wieder aufhören kann wenn der Anfang einmal gemacht ist so
lachte sie so lang und viel dass ich selbst auch wieder darein kam und vor
Lachen nicht mehr fortkommen konnte denn das Lachen ist wie man weißt so
ansteckend wie das Gähnen Mein Schreiber wollte eben gewisse Acten in meinem
Zimmer holen wie wir im besten Lachen waren weil er nun eine gar feierliche
sauertöpfische Art von einem Kerl ist so blieb er bei unserm Anblick mit der
Feder hinterm Ohr in der Türe stehen und machte eine Mine gegen uns als ob er
dächte wir wären dem Tollhause entloffen Ich sagte ihm warum es zu tun sei
und ersuchte ihn nur ein wenig da zu bleiben und zuzuhören ich las fort und
wurde alle Augenblick durch das Kichern meiner Frau und mein eigenes Lachen
unterbrochen Anfangs hielt sich mein Herr vom Tintenfass so gut dass es nicht
besser sein konnte er machte ein paar Augen wie ein Kato und veränderte nicht
die kleinste von den Falten in die er sein Gesicht alle Morgen zu legen pflegt
ungeachtet etliche Stellen kamen bei denen ich und meine Frau uns beinahe aus
dem Atem lachten allein endlich triumphierte doch Pedrillo über seine stoische
Unbeweglichkeit und eine gewisse Stelle auf die ich im Lesen kam würkte mit
einem solchen Nachdruck auf sein Zwerchfell dass er in ein wieherndes Gelächter
ausbrach welches desto lauter erschallte je mehr er sich bemüht hatte es
zurück zu halten das Stuben die indessen auch an die Türe gekommen war machte
die vierte Stimme in diesem Sardonischen Koncerte und da der Lerm den wir
machten in kurzem auch die Köchin und Hans den Hausknecht herbei zog so
wurde durch diese neue Verstärkung der Effect unsrer wiehernden Symphonie so
heftig dass die Leute auf der Straße stehen blieben und mit zu lachen anfingen
ohne dass sie wussten warum Kurz es lag nur an mir alle meine Nachbarn mit ins
Spiel zu bringen und wer weißt ob das Gelächter sich nicht von Gasse zu Gasse
fortgewälzt und endlich die ganze Stadt samt den Vorstädten in Erschütterung
gesetzt hätte wenn ich nicht so klug gewesen wäre mein Manuskript wegzulegen
mein Gesinde wegzuschelten und meine Frau auf ein anders Kapitel zu bringen
Ich bitte den geneigten Leser um Verzeihung dass ich so frei gewesen bin ihn
mit solchen Kleinigkeiten aufzuhalten ich weiß selbst nicht wie es gekommen
ist dass ich mich so vergessen habe denn ich kenne die Ehrerbietung sonst ganz
wohl die ein Vorredner dem hochansehnlichen Publico schuldig ist und ich
wollte in der Tat nur sagen wie gute Hoffnung ich habe dass Don Sylvio und sein
getreuer Pedrillo nicht wenig beitragen werden der Hypochondrie und dem Spleen
Einhalt zu tun welche wie ich höre aus England nach Frankreich und von den
Franzosen die nun schon einmal dazu bestimmt sind uns ihre Galanterien
anzuhängen seit einiger Zeit auch zu uns Deutschen herüber gekommen sein und
sonderlich unter den Damen und jungen Herren bereits starke Progressen gemacht
haben sollen
Weil man aber doch aufrichtig sein und das eine sagen muss O wie das andre
so kann ich nicht bergen dass ich einen gewissen Papefiguier kenne der dieses
Buch in einem ganz andern Lichte betrachtet und an dem es in der Tat nicht
liegt dass es nicht als ein kleines Ungeheuer in der Geburt erstickt worden Er
ist eine Art von einem Petriner der Verstands halben gewiss keine Ketzerei
erfinden wird aber dagegen zum Ersatz einer von den eigensinnigsten Köpfen in
der Christenheit Er geht schon seit dem vorletzten JubelJahr dienstlos herum
und lebt indessen bis der Jansenismus wie er hofft durch ein allgemeines
Koncilium eingeführt sein wird von der Gutherzigkeit der Christen und vom
Nachtisch des benachbarten Adels Denn er ist ein erklärter bockbeiniger
Janseniste und das ist eben die Quelle seines Unglücks Allein er hat wie
gesagt den Mut noch nicht verloren dass seine Partei die Oberhand gewinnen
werde und er sieht den Fall der Jesuiten in Frankreich als einen glücklichen
Vorboten an dass der Untergang des großen Drachen vor der Türe sei welcher
bisher wie er sagt die ganze Welt verführt habe Dieser ehrliche Mann der
sich zuweilen zum Mittagessen bei mir einlädt kam neulich in mein Zimmer zu
einer Zeit da ich eben meiner Geschäfte wegen keine Acht gehen konnte Er
durchnisterte also indessen meine Papiere und da kam er zum Unglück auf das
Manuskript des Don Sylvio Ich dachte gleich dass es Händel absetzen werde und
ich betrog mich nicht er hatte kaum eine Viertelstunde darin herum geblättert
so warf er es wieder auf den Tisch und geriet in einen so heftigen Eifer über
ein so gottloses und gefährliches Buch dass ich Gewalt brauchen musste um ihn zu
verhindern dass er es nicht auf der Stelle ins Kamin warf Er wollte sichs nicht
ausreden lassen dass die Abenteuer des Don Sylvio eine Allegorie oder Parabola
sei wie er es hieß deren geheimer Sinn und Endzweck auf nichts geringers als
auf den Umsturz des Glaubens des Evangelii des Pater Quesnell und der Wunder
des Herrn von Paris abgesehen sei Mit einem Wort er machte einen solchen
Lermen dass er mich als einen Laien der seiner eignen Einsicht in dergleichen
Sachen nicht trauen darf endlich selbst ungewiss machte ob ich gleich bei
Durchlesung des Manuscripts nicht das mindeste gefunden hatte das mir die
Absichten des Verfassers hätte verdächtig machen können Weil ich nun als der
erbetene Herausgeber dieses Buches den sichersten Weg gehen und gewiss wissen
wollte woran ich wäre so communicierte ich das Manuskript einem angesehen
Geistlichen welcher dermalen Dechant zu ist und bei jedermann den Namen
eines der gelehrtesten und frömmsten Priestern in unsrer ganzen Revier hat und
bat ihn er möchte mir seine Gedanken davon offenherzig entdecken indem ich
sehr ungleiche Urteile darüber hätte fällen hören Dieser rechtschaffene Mann
schrieb mir zurück »er hätte den Don Sylvio nicht ohne Vergnügen durchlesen ob
er gleich gestehe dass ohne einen besonderen Beruf diese Art von Lectur einem
Mann von seinem Stande nicht sonderlich anständig sei er vermute sehr dass der
Verfasser kaum eine andre Absicht gehabt habe als sich und seinen Lesern eine
Kurzweil zu machen eine Absicht die an sich selbst und in ihrer gehörigen Masse
und Einschränkung nicht verwerflich sei die Torheiten der Menschen ihre
Vorurteile und irrige Meinungen und die Ausschweifungen ihrer Einbildungskraft
und ihrer Leidenschaften zu verspotten sei nicht nur erlaubt sondern so gar
nützlich und wenn in einem Buch das mehr zur Belustigung als zum Unterricht
geschrieben sei und worin guter Humor und scherzende Satyre herrsche der
scherzhaft Ton selbst über ernstaftere Gegenstände ausgedehnt werde so sei
auch dieses solange die Schranken der Anständigkeit nicht überschritten werden
ganz wohl zu dulden indem die Wahrheit ein jedes Licht vertragen könne und das
Lächerliche niemals an der Wahrheit selbst hafte sondern vielmehr bloß dazu
diene die falschen Zusätze womit sie in den Köpfen der Menschen vermengt
werde von ihr abzuschneiden und wenn auch im übrigen die Absicht des
Verfassers gewesen wäre in der Person des Don Sylvio die Schwärmerei und in
Pedrillo den Aberglauben und die Leichtgläubigkeit des Pöbels und überhaupt
dasjenige das Juvenal veteres avias nenne in ein lächerliches Licht zu
stellen so würde er der Religion dadurch vielmehr einen Dienst als den
geringsten Abbruch getan haben und ihm eine solche Freiheit übel auszudeuten
würde um so viel unbilliger sein da die heiligen Väter selbst sich meistens
keiner andern Waffen als des lachenden Spottes und der beissenden Ironie gegen
den herrschenden Aberglauben ihrer Zeiten bedient hätten etc etc«
Dieses gelinde Urteil von einem Mann dessen Aussprüche bei mir eine
entscheidende Autorität haben beruhigte mich wieder vollkommen und ich gesteh
es dass ich ihm recht dafür verbunden bin dass ich beim Don Sylvio wieder
unbesorgt und nach Herzens Lust lachen darf
Ich überlasse es nun den Lesern was sie tun wollen ob sie dabei lachen
lächeln sauer sehen schmälen oder weinen wollen Mir liegt weniger daran als
dem Verleger denn dieser hat sich um die Wahrheit zu gestehen darauf
verlassen dass Don Sylvio ein lustiges Buch sei und er würde sich schwerlich
damit abgegeben haben ein paar tausend Kopien von den Einfällen des Hrn Don
Ramiro von Z auf seine Unkosten machen zu lassen wenn man ihn nicht
versichert hätte dass die Medici in hypochondrischen und MilzKrankheiten in
allen Arten von Vaperus und hysterischen Zufällen und sogar im Podagra ihren
Patienten künftig den Don Sylvio statt einer Tisanne einzunehmen verschreiben
würden
R am N den
2 Octob 1763
PFXDRGN
und SSD
Erster Teil
Erstes Buch
Erstes Kapitel
Charakter einer Art von Tanten
In einem alten baufälligen Schloss der Spanischen Provinz Valencia lebte vor
einigen Jahren ein Frauenzimmer von Stande die zu derjenigen Zeit da sie in
der folgenden Geschichte ihre Rolle spielte bereits sechzig Jahre unter dem
Namen Donna Mencia von Rosalva sehr wenig Aufsehens in der Welt gemacht hatte
Diese Dame hatte die Hoffnung sich durch ihre persönliche Annehmlichkeiten
zu unterscheiden schon seit dem Successions Krieg aufgegeben in dessen Zeiten
sie zwar jung und nicht ungeneigt gewesen war einen würdigen Liebhaber
glücklich zu machen aber immer so empfindliche Kränkungen von der
Kaltsinnigkeit der Mannspersonen erfahren hatte dass sie mehr als einmal in
Versuchung geraten war in der Abgeschiedenheit einer KlosterCelle ein Herz
dessen die Welt sich so unwürdig bezeugte dem Himmel aufzuopfern Allein ihre
Klugheit ließ sie jedesmal bemerken dass dieses Mittel wie alle diejenigen so
der Unmut einzugehen pflegt ihre Absicht nur sehr unvollkommen erreichen und
in der Tat die Undankbarkeit der Welt nur an ihr selbst bestrafen würden
Sie besann sich also glücklicher Weise eines andern welches sie nicht so
viel kostete und weit geschickter war die einzige Absicht zu befördern die bei
so bewandten Umständen ihrer würdig zu sein schien Sie wurde eine Spröde und
nahm sich vor ihre beleidigten Reizungen an allen den Unglückseligen zu rächen
welche sie als Wolken ansah die den Glanz derselben aufgefangen und unkräftig
gemacht hatten Sie erklärte sich öffentlich für eine abgesagte Feindin der
Schönheit und Liebe und warf sich hingegen zur Beschützerin aller dieser
ehrwürdigen Vestalen auf denen die Natur die Gabe der transcendentalen
Keuschheit mitgeteilt hat und deren bloßer Anblick fähig wären den mutigsten
Faunen zu entwaffnen
Donna Mencia ließ es nicht bei der bloßen Freundschaft bewenden die der
nähere Umgang die Sympatie und die Ähnlichkeit ihres Schicksals zwischen ihr
und einigen Frauenzimmern von dieser Klasse stiftete mit denen sie zu Valencia
wo sie erzogen worden war nach und nach Bekanntschaft gemacht hatte Sie
richtete eine Art von Schwesterschaft mit ihnen auf die in der schönen Welt
eben das war was die MönchsOrden in der politischen sind ein Staat im Staat
dessen Interesse ist dem andern allen möglichen Abbruch zu tun und die sich
den Namen der AntiGrazien erwarben indem sie mit dem ganzen Reich der Liebe in
einer eben so offenbaren und unversöhnlichen Fehde stunden als die
MalteserRitter mit den Musulmannen
Um ihre Zusammenkünfte auch dem gemeinen Wesen so nützlich zu machen als
sie ihnen selbst angenehm waren erwählten sie die Beförderung der Tugend und
guten Sitten unter ihrem Geschlecht zum Gegenstand ihrer großmütigen Bemühungen
denn die klägliche Verderbnis desselben war ihrem Urteil nach die wahre und
einzige Quelle alles Unheils in der Welt Sie legten zum Grund ihrer
Sittenlehre dass die Besitzerin eines angenehmen Gesichts unmöglich tugendhaft
sein könne und nach diesem Grundsatz wurden alle ihre Urteile über die
Handlungen und den moralischen Wert einer jeden Person ihres Geschlechts
bestimmt Ein Frauenzimmer welches gefiel war in ihren Augen eine
Unglückselige eine verlorne Kreatur eine Pest der menschlichen Gesellschaft
ein Gefäß und Werkzeug der bösen Geister eine Harpye Hyäne Syrene und
Amphisbäne und alles dieses und noch etwas ärgers je nachdem es mehr oder
weniger von dem ansteckenden Gifte bei sich führte welches nach dem System
dieser Sittenlehrerinnen eben so tödlich für die Tugend als schmeichelhaft für
die Eigenliebe und veführisch für die armen Mannsleute ist
In diesem strengen Charakter hatte sich Donna Mencia bereits über fünfzehn
Jahre der schönen Welt zu Valencia furchtbar gemacht als Don Pedro von Rosalva
ihr Bruder den Entschluss fasste Madrit zu verlassen wo er den Rest eines im
Dienst des neuen Königs aufgewandten Vermögens verzehrt hatte eine Pension
nachzusuchen die er nicht erhielt und nun da es zu spät war nicht wenig
bedaurte dass er ihn nicht lieber angewendet hatte ein kleines altes Schloss zwo
oder drei Stunden von Xelva das einzige was ihm von seinen Voreltern übrig
war in einen bewohnbaren Stand zu setzen
Er hatte von einer Gemahlin die ihm kürzlich gestorben war einen Sohn und
eine Tochter deren zartes Alter so wohl als die Regierung seines kleinen
Hauswesens eine weibliche Aufsicht erforderte Er übertrug dieses Amt seiner
Schwester welche leicht zu bewegen war die Demütigungen so sie in Valencia
erlitten hatte gegen das Vergnügen zu vertauschen die vornehmste Frau in einem
Dorfe zu sein eine Denkungsart die sie vielleicht dem großen Cäsar abgelernt
haben mochte der bei seinem Durchzug durch ein elendes Städtchen in den
Pyrenäen seine Freunde versicherte dass er lieber der erste in diesem armseligen
Städtchen als der zweite in Rom sein möchte
Der Gram über fehlgeschlagene Hoffnungen ließ den guten Don Pedro die
Annehmlichkeiten der Freiheit und des Landlebens dessen wahre Vorteile ohnehin
seinen Landsleuten noch unbekannt sind nicht lange genießen Er starb und
hinterließ seinem Sohn Don Sylvio einen Stammbaum der sich in den Zeiten des
Gargoris und Habides verlor ein verfallenes Schloss mit drei Türmen etliche
PachtHöfe und die Hoffnung nach dem Tode der Donna Mencia eine Erbschaft von
alten Juwelen Brillen und Rosenkränzen nebst einem ansehnlichen Vorrat von
Ritterbüchern und Romanen mit seiner Schwester zu teilen
Don Pedro starb desto ruhiger da er seinen Sohn ob er gleich das zehnte
Jahr kaum erreicht hatte in den Händen einer so weisen Dame ließ als Donna
Mencia in seinen Augen war
Denn ihre erstaunliche Belesenheit in Chroniken und Ritterbüchern und die
Beredsamkeit womit sie ihre tiefe Einsichten in die StaatsWissenschaft und
Sittenlehre bei der Mahlzeit und bei andern Gelegenheiten auszulegen pflegte
hatten ihm eine desto größere Meinung von ihrem Verstande beigebracht je
weniger seine Martialische Lebensart ihm Zeit gelassen hatte eine mehrere
Kenntnis von dem was man die polite Gelehrteit heißt zu erwerben als etwan
das wenige sein mochte was ihm aus seinen Schul in einem nicht allzugetreuen
Gedächtnis übrig geblieben war
Zweites Kapitel
Was für eine Erziehung Don Sylvio von seiner Tante bekommen
Donna Mencia betrog die Hoffnung nicht welche sich ihr Bruder von ihrer
Sorgfalt und Geschicklichkeit gemacht hatte Denn so bald der junge Sylvio von
dem Vicarius des Dorfs so viel Latein gelernt hatte dass er die Verwandlungen
des Ovidius verstehen und von dem Barbier eines benachbarten Fleckens dem
Amphion der Gegend so viel Musik dass er etliche Dutzend alte Balladen auf der
Citer accompagnieren konnte so nahm sie es auf sich selbst ihn zu allen den
übrigen Eigenschaften auszubilden welche nach ihren Begriffen einen
vollkommenen Kavalier ausmachten
Das schlimmste war dass sie diese Begriffe aus dem Pharamond der Klelia
dem großen Cyrus und andern Büchern von dieser Klasse geschöpft hatte welche
nebst den Abenteuern der zwölf Pairs von Frankreich und der Ritter von der
runden Tafel den vornehmsten Teil ihrer Bibliothek ausmachten Ihrer Meinung
nach lag in diesen Büchern der ganze Reichtum der erhabensten und nützlichsten
Kenntnisse verborgen Sie glaubte also ihren Untergebenen nicht besser anweisen
zu können als wenn sie ihm die Begriffe und den Geschmack beizubringen suchte
so sie selbst aus so lautern Quellen geschöpft hatte und die glücklichen
Fähigkeiten des jungen Don Sylvio begünstigten ihre Absichten so sehr dass er
ehe er noch das fünfzehnte Jahr erreicht hatte zum wenigsten eben so gelehrt
als seine gnädige Tante war Er besaß in diesem zarten Alter bereits eine so
ausgebreitete Erkenntnis von der Geschichte der NaturKunde der Theologie der
Metaphysik der Sittenlehre der Staats und KriegsKunst den Altertümern und
den schönen Wissenschaften als irgend einer von den gelehrtesten Helden des
großen Cyrus und wusste mit so vieler Beredsamkeit über die subtilsten Fragen
aus diesen Wissenschaften zu perorieren dass die Bedienten des Hauses der
Vicarius der Schulmeister der vorbesagte Barbier und andere Personen von
Distinction die den freien Zutritt im Hause hatten sowohl die WunderGaben des
jungen Herrn als die weise ErziehungsKunst der gnädigen Frau nicht genug
bewundern konnten
Was dieser letztern an ihrem Neffen am besten gefiel war die
außerordentliche Begierde wovon er brannte den erhabenen Mustern nachzuahmen
von deren großen Taten und Helden Tugenden er bis zur Bezauberung entzückt war
und womit er seine EinbildungsKraft so vertraut gemacht hatte dass er sich
endlich beredete es würde ihm nicht mehr Mühe kosten sie auszuüben als er
brauchte sich eine Vorstellung davon zu machen Donna Mencia zweifelte nicht
dass Don Sylvio mit so edlen Neigungen und einer so heroischen Denkungsart
dereinst eine große Rolle in der Welt spielen und den Helden welche sie am
meisten bewunderte an Ruhm und Glück eben so ähnlich werden müsste als er es
ihnen an Schönheit und persönlichen Annehmlichkeiten war
Drittes Kapitel
Psychologische Betrachtungen
Man wird sich um so weniger wundern dass die EinbildungsKraft des Don Sylvio
von einer so wunderbaren Erziehung einen seltsamen Schwung bekommen musste wenn
wir sagen dass eine ungemeine Empfindlichkeit und was unmittelbar damit
verbunden ist eine starke Disposition zur Zärtlichkeit unter die Gaben gehörte
womit ihn die Natur bis zum Übermaß beschenke hatte
Junge Leute von dieser Art lieben überhaupt alle Vorstellungen welche
lebhafte Eindrücke auf ihr Herz machen und Leidenschaften erwecken die in
einem leichten Schlummer liegend bereit sind von dem kleinsten Geräusch
aufzufahren
Kommt dann noch hinzu dass sie fern von der Welt in einer ländlichen
Einsamkeit und Einfalt unter den natürlichen Vergnügungen des Landlebens und
frei von den Arbeiten desselben erzogen werden So erhalten die wunderbaren und
passionierten Vorstellungen eine verdoppelte und desto stärkere Gewalt über ihr
Herz je geschäftiger die Phantasie in solchen Umständen zu sein pflegt das
Leere auszufüllen so die beständige Einförmigkeit der Gegenstände die sich den
Sinnen darstellen in der Seele zurücklässt Unvermerkter Weise verwebt sich die
Einbildung mit dem Gefühl das Wunderbare mit dem Natürlichen und das Falsche
mit dem Wahren Die Seele welche nach einem blinden Instincte Schimären eben so
regelmäßig bearbeitet als Wahrheiten bauet sich nach und nach aus allem diesem
ein Ganzes und gewöhnt sich an es für wahr zu halten weil sie Licht und
Zusammenhang darin findet und weil ihre Phantasie mit den Schimären die den
größten Teil davon ausmachen eben so bekannt ist als ihre Sinnen mit den
würklichen Gegenständen von denen sie ohne sonderliche Abwechslung immer
umgeben sind
In diesem Falle befand sich der Jüngling welcher der Held unserer
Geschichte sein wird Die natürliche Lauterkeit seiner Seele war des Argwohns
ob er etwan betrogen werde unfähig Seine Einbildung fasste also die
schimärischen Wesen die ihr die Poeten und RomanenDichter vorstellten eben so
auf wie seine Sinnen die Eindrücke der natürlichen Dinge aufgefasset hatten Je
angenehmer ihm das Wunderbare und Übernatürliche war1 desto leichter war er zu
verführen es wirklich zu glauben zumal da er in die Möglichkeit auch der
unglaublichsten Dinge keinen Zweifel setzte Denn für den Unwissenden ist alles
möglich Solchergestalt schob sich die poetische und bezauberte Welt in seinem
Kopf an die Stelle der würklichen und die Gestirne die elementarischen
Geister die Zauberer und Feen waren in seinem System eben so gewiss die Beweger
der Natur als es die Schwere die AnziehungsKraft die Elasticität das
electrische Feuer und andere natürliche Ursachen in dem System eines heutigen
Weltweisen sind
Die Natur selbst deren anhaltende Beobachtung das sicherste Mittel gegen
die Ausschweifungen der Schwärmerei ist scheint auf der andern Seite durch die
unmittelbaren Eindrücke so ihr majestätisches Schauspiel auf unsre Seele macht
die erste Quelle derselben zu sein
Das angenehme Grauen so uns beim Eintritt in den dunkeln Labyrinth eines
dichten Gehölzes befällt beförderte ohne Zweifel den allgemeinen Glauben der
ältesten Zeiten dass die Wälder und Haine von Göttern bewohnt würden Der süße
Schauer das Erstaunen die gefühlte Erweiterung und Erhöhung unsers Wesens die
wir in einer heitern Nacht beim Anblick des gestirnten Himmels erfahren
begünstigte vermutlich den Glauben dass dieser schimmervolle mit unzählbaren
nie erlöschenden Lampen erleuchtete Abgrund eine Wohnung unsterblicher Wesen
sei
Aus dieser Quelle kommt es vermutlich dass die Landleute denen ihre
Arbeiten keine Zeit lassen die verworrenen Eindrücke so die Natur auf sie
macht zu deutlicher Erkenntnis zu erhöhen überhaupt aberglaubischer als andre
Leute sind daher die körperlichen Geister womit sie die ganze Natur angefüllt
sehen daher die unsichtbare Jagden in den Wäldern die Feen die des Nachts auf
den Fluren im Kreise tanzen die freundlichen und die boshaften Kobolte der
Alp der die Mädchen drückt die BergGeister die WasserNixen die
FeuerMänner und wer weiß wie viel andre HirnGespenster von denen sie so
vieles zu erzählen wissen und deren Würklichkeit bei ihnen so ausgemacht ist
dass man sie nicht leugnen kann ohne in den Augen der meisten von ihrer Klasse
entweder albern oder gottlos zu scheinen
Nehmen wir nun alle diese Umstände zusammen welche sich vereinigten der
romanhaften Erziehung unsers jungen Ritters ihre volle Kraft zu geben so werden
wir nicht unbegreiflich finden dass er nur noch wenige Schritte zu machen hatte
um auf so abenteurliche Sprünge zu geraten als seit den Zeiten seines
Landsmanns des Ritters von Mancha jemals in ein schwindlichtes Gehirn gekommen
sein mögen
Viertes Kapitel
Wie Don Sylvio mit den Feen bekannt wird
Zum Unglück für seine Vernunft befanden sich unter den Büchern womit eine große
Kammer des Hauses angefüllt war eine Menge FeenMärchen wovon Don Pedro ein
großer Liebhaber gewesen war ob er gleich von seiner weisen Schwester wegen
seines Geschmacks an solchen unnützen Possen wie sie es nannte nicht selten
angefochten wurde Denn in so großem Ansehen die Ritterbücher bei ihr stunden
welche sie mit den Chroniken Historien und Reisebeschreibungen in einerlei
Klasse setzte so verächtlich waren ihr alle diese kleine Spiele des Witzes die
bloß zur Unterhaltung der Kinder oder zum Zeitvertreib der Erwachsenen
geschrieben werden und durch nichts als die angenehme Art der Erzählung sich
Leuten von Geschmack empfehlen können
Don Pedro gestand ihr willig ein dass es Schäkereien seien aber sie
vertreiben mir sagte er doch manche langweilige Stunde je schnakischer die
Einfälle sind die der närrische Kerl der Autor auf die Bahn bringt desto
mehr lach ich und das ist alles was ich dabei suche
Die weise Donna Mencia welche wie alle wunderliche Leute nur ihre eigene
Grillen vernünftig fand ließ sich zwar durch diese Antwort nicht befriedigen
allein die Arabischen und Persianischen Erzählungen und die Novellen und die
FeenMärchen blieben nichts desto weniger in ruhigem Besitz ihres Platzes in der
Bibliothek und da sie meistens nur in blaues Papier geheftet waren so
verbargen sie sich so bescheiden hinter die ehrwürdigen Folianten und
QuartBände der Donna Mencia dass sie nach dem Tode des alten Ritters in kurzem
gänzlich vergessen wurden
Allein vermutlich wollte die Fee die sich in das Schicksal des jungen
Sylvio mischte nicht zugeben dass er seine Bestimmung verfehlen sollte und da
er einst in Abwesenheit seiner Tante deren Ernsthaftigkeit und ewige
Sittenlehren ihm sehr beschwerlich zu werden anfingen in der BücherKammer
herum stöberte um sich etwas zur Zeitkürzung auszusuchen so geriet er es sei
nun von ungefähr oder durch den geheimen Antrieb der besagten Fee auf ein
starkes Heft von FeenMärchen Er steckte es voller Freude zu sich und zog
sich so geschwind er konnte in den Garten zurück um den Wert seines Funds
ungestört erkundigen zu können denn es schwante ihm schon beim Anblick der
Titel dass es sehr angenehme Sachen sein müssten
Die Kürze dieser Erzählungen war das erste wodurch sie ihm gefielen so
sehr war er der dicken Folianten müde woraus er seiner Tante täglich etliche
Stunden lang vorlesen musste So bald er aber eine oder zwei davon durchlesen
hatte war nichts dem Vergnügen zu vergleichen das er darüber empfand und der
Gierigkeit womit er alle die übrigen verschlang
Ein gewisser Instinkt der auch die einfältigsten unter den jungen Leuten
lehrt was sie ihren Aufsehern sagen dürfen oder nicht warnte ihn seine liebe
Tante nichts von der Entdeckung merken zu lassen die er gemacht hatte allein
der Zwang den er sich hierüber antun musste machte ihm die Feen nur desto
lieber und er würde die ganze Nacht durch gelesen haben wenn man wie Tasso
ehmals in seinem Gefängnis wünschte bei den Augen einer Katze lesen könnte
Denn die Vorsicht der Donna Mencia für seine Gesundheit und für die Ersparung
der Kerzen hatte ihm schon von langem her die Mittel zu gelehrten NachtWachen
benommen
Allein so bald der Tag anbrach war er schon wieder munter er nahm sein
Heft unter seinem HauptKüssen hervor durchlas mit fliegenden Blicken ein
Märchen nach dem andern und wie er mit der ganzen Sammlung fertig war fing er
wieder von vorn an ohne es müde zu werden So oft er konnte begab er sich in
den Garten oder in den angrenzenden Wald und nahm seine Märchen mit Die
Lebhaftigkeit womit seine Einbildungskraft sich derselben bemächtigte war
außerordentlich er las nicht er sah er hörte er fühlte Eine schönere und
wundervolle Natur als die er bisher gekannt hatte schien sich vor ihm
aufzutun und die Vermischung des Wundertaren mit der Einfalt der Natur welche
der Charakter der meisten Spielwerke von dieser Gattung ist wurde für ihn ein
untrügliches Kennzeichen ihrer Wahrheit
Dieser Punkt fand desto weniger Schwierigkeit bei ihm da er durch seine
bisherige Lebensart vollkommen dazu vorbereitet war Denn seit dem Anfang seiner
Studien der mit den Verwandlungen des Ovidius gemacht worden war ihm bisher
kein einziges Buch in die Hand gekommen das ihm richtigere Begriffe hätte geben
können im Gegenteil verschiedene Schriftsteller aus den Zeiten da die
PytagorischKabbalistische Philosophie durch ganz Europa im Ansehen stund
hatten durch ihre systematische Träumereien von Planetarischen und
Elementarischen Geistern von Beschwörungen geheimnisvollen Zahlen und
Talismannen und von jener vorgeblichen Weisheit die ihren Besitzer zum Meister
der ganzen Natur machen könne ihn so sehr in seinen Einbildungen befestiget
dass selbst die wundervolle Haselnuss der Babiole und das Stück Leinwand von vier
hundert Ellen welches der Liebhaber der weißen Katze aus einem HirsenKörnlein
auspackte und sechsmal durch das feinste NadelÖhr zog in seinen Augen nichts
unbegreifliches hatte
Es hinderte ihn also nichts sich dem Vergnügen gänzlich zu überlassen
welches er aus den FeenMärchen schöpfte von denen er nach und nach unter der
Maculatur die den Boden der BücherKammer deckte noch eine große Menge hervor
zog wovon immer eines abenteurlicher als das andre war und worin er eine
Unterhaltung fand die er um alle Lustbarkeiten der Welt nicht vertauschet
hätte
Er konnte nicht so vorsichtig sein dass seine eben so strenge als
scharfaugichte Aufseherin nicht endlich die Ursache seiner häufigen Spaziergänge
in das Lustwäldchen entdeckt und ihm eine sehr scharfe sehr gelehrte und sehr
langweilige Strafpredigt deswegen gehalten hätte allein das diente wie es zu
gehen pflegt zu nichts anderm als dass Don Sylvio behutsamer wurde und sich
besser in Acht nahm seine Neigungen und angehende Entwürfe vor ihr zu
verbergen
Die Wahrheit zu sagen er hatte sie jederzeit mehr gefürchtet als geliebt
allein seit dem sein Gehirn mit Florinen Rosetten Brillianten Cristallinen
und wer weiß wie vielen andern überirdischen und unnatürlich schönen
Schönheiten angefüllt war so wurde er nicht selten versucht die gute alte
Tante für eine Art von Karabosse anzusehen deren tyrannische OberHerrschaft
ihm von Tag zu Tag unerträglicher wurde
Sie mochte also sagen was sie wollte die Bezauberungen die Schlösser von
Diamanten und Rubinen die verwandelten oder in Türme und unterirdische Paläste
eingesperrte Princessinnen und die zärtlichen Liebhaber die unter dem
wundertätigen Schutz einer guten Fee den Nachstellungen einer bösen glücklich
entgehen blieben im gänzlichen Besitz seiner EinbildungsKraft er las nichts
anders er staunte und dichtete nichts anders er ging den ganzen Tag mit nichts
anderm um und träumte die ganze Nacht von nichts anderm
Fünftes Kapitel
Seltsame Torheit des Don Sylvio
Seine Liebe zu einer idealischen Prinzessin
In einer so seltsamen GemütsVerfassung konnte nichts natürlicher sein als dass
Don Sylvio endlich auf die Torheit verfiel sich eben solche Abenteure zu
wünschen wie diejenige deren Erzählung ihm in den Märchen so viel Vergnügen
machte
In kurzem ging er noch weiter er bemühte sich die Phantasien womit sein
Kopf angefüllt war zu realisieren und sich so gut er konnte in die FeenWelt
zu versetzen
Er gab deswegen allem was um ihn war Namen aus seinen Märchen Ein artiges
Hündchen das er hatte musste an statt Amorett wie es vorher hieß Pimpimp
heißen weil das Hündchen der Prinzessin Wunderschön so geheißen hatte und er
verstiess eine aschfarbe Katze mit weißen Pfoten die sein Günstling gewesen war
um einer ganz weißen willen die zu Ehren der Prinzessin Weisskätzgen mit allen
ersinnlichen Höflichkeiten überhäuft wurde
Alle Morgen und Abend ging er etliche gemalte Fensterscheiben in einer halb
eingefallenen Galerie des Schlosses zu besichtigen in der Hoffnung gleich dem
Prinzen Höckerich Gemälde darauf zu finden die ihm einigen Aufschluss über sein
künftiges Schicksal geben würden und er durchsuchte wohl zwanzigmal alle Winkel
des Schlosses vom Dach bis in den Keller ob er nicht irgendwo einen bezauberten
Schrank oder eine Falltreppe entdecken möchte die in einen unterirdischen
Palast führte Er fand freilich nichts und die FensterScheiben wiesen ihm
einmal wie das andre nichts als geharnischte Ritter die mit eingelegten Lanzen
wohl ein paar hundert Jahre schon aufeinander zurannten allein er wusste sich
sehr gut deswegen zu trösten Er war noch nicht völlig achtzehn Jahr alt und er
hatte aus den meisten Märchen gesehen dass ein Prinz oder Ritter wenigstens
achtzehen Jahr alt sein muss um Abenteuer zu haben
Inzwischen legte er in einer Ecke seines Gartens eine Art von Laube an die
dem BlumenSchloss ähnlich sein sollte worin die Fee Immerschöne die süßen
Augenblicke die sie in den Armen ihres geliebten Schäfers genoss vor ihrem Hofe
zu verbergen pflegte Er ließ etliche Linden die er dazu bequem fand so
zurichten dass ihre Stämme die Grundpfeiler die untersten Äste den Fußboden
und ihre Wipfel das Dach dieses seltsamen Lustauses wurden die Wände waren von
Myrten mit Rosenhecken und Geissblatt durchwunden und hinter derselben war eine
Treppe von Wasen so gut angebracht dass man sie nicht gewahr wurde
In diesem grünen Schloss wie Don Sylvio es zu nennen beliebte hatte er ein
kleines Kabinet angelegt welches er um ihm ein desto Feenmässigeres Ansehen zu
geben mit den schönsten Schmetterlingen austapezierte die er auf seinen
Spaziergängen in dem benachbarten Walde und an den Ufern des Guadalaviar der
nicht weit von seinem Garten vorbei floss gefangen hatte
In diesem Kabinet brachte er oft halbe Nächte mit Träumereien über die
wunderbaren Begebenheiten zu die er sich wünschte und die er in kurzem zu
erfahren hoffte Unvermerkt schlief er über diesen phantastischen Betrachtungen
ein und günstige Träume setzten die Abenteuer fort worin er wachend sich zu
verirren angefangen hatte Eine schöne Prinzessin die er liebte war
gemeiniglich der Gegenstand davon nur war das beschwerliche dabei dass er sie
allemal in der Gewalt der Fee Fanferlüsch oder einer andern neidischen alten
Hexe sah die seiner Liebe die verdriesslichsten Hindernisse in den Weg legte
Bald musste er sich mit Drachen und fliegenden Katzen herum balgen bald fand
er alle Zugänge zu dem Palast worin sie gefangen gehalten wurde mit
DistelKöpfen besät die sich in dem Augenblick da er sie berührte in eben so
viele Riesen verwandelten und ihm den Weg mit großen stählernen Kolben streitig
machten Nun griff er sie zwar an wie es einem tapfern Ritter zukommt und hieb
auf jeden Streich ein paar Dutzend mitten voneinander aber kaum war er mit
ihnen fertig und im Begriff als Sieger in den Palast hinein zu gehen so musste
er sehen wie seine geliebte Prinzessin auf einem mit Fledermäusen bespannten
Wagen durch den Schornstein davon geführt wurde Ein andermal fand er sie auf
einer Blumenbank an einer Quelle sitzend er warf sich zu ihren Füßen er sagte
ihr die zärtlichsten Sachen vor und sie schien ihn mit Vergnügen anzuhören
allein indem er sie umarmen wollte denn man weiß dass die Liebe in Träumen
nicht alle die Gradationen beobachtet die einem Schäfer an den Ufern des Lignon
vorgeschrieben sind so sah er mit Entsetzen dass er die Gestalt der dicken
Maritorne der Viehmagd des Hauses an seinen Busen drückte und erhielt von
Lippen die ihm einen Augenblick zuvor lauter Nectar und Ambrosia zu düften
schienen einen von Knoblauch und Käse so kräftig durchwürzten Kuss dass er vor
Ekel und Abscheu des Todes hätte sein mögen
So nichtig nun immer diese eingebildete Unglücksfälle waren so lebhaft war
gleichwohl der Schmerz den sie ihm verursachten Er hielt diese Träume für böse
Vorbedeutungen und zweifelte nicht dass er eine mächtige Feindin habe die
darauf beflissen sei ihn in der Liebe unglücklich zu machen die er bereits in
einem hohen Grade für die bezaubernde Unbekannte empfand welche er nach dem
Schluße des Schicksals zu lieben bestimmt war
Sechstes Kapitel
Abenteuer mit dem Laubfrosch
Warum Don Sylvio nicht gemerkt dass der Frosch keine Fee war
Der Gedanke einen unsichtbaren Feind von solcher Wichtigkeit zu haben
beunruhigte unsern jungen Helden nicht wenig jedoch da er in seinen Märchen
keinen von Feen oder Zauberern verfolgten Prinzen gefunden hatte der nicht von
einer andern Fee beschützt worden wäre so ermunterte ihn die Hoffnung wieder
dass er nicht der erste sein werde an dem diese Regel eine Ausnahme leiden
sollte
Weil es nun in der FeenWelt eben so wie in unserer AlltagsWelt der
Gebrauch ist dass man selten jemand Dienste zu leisten pflegt von dem man nicht
eben dergleichen oder noch größere zurück erwartet so wünschte sich Don Sylvio
nichts so sehnlich als eine Gelegenheit zu bekommen sich die Dankbarkeit
irgend einer großmütigen Fee verbinden zu können
Indem er einst in diesen Gedanken an einem Graben in seinem Garten vorbei
ging sah er auf der andern Seite einen Storch einige Nachrichten sagen
wiewohl ohne genugsamen Grund dass es eine Störchin gewesen im Begriff einen
artigen Laubfrosch zu erhaschen der unbesorgt quakend im Gras herum hüpfte
Don Sylvio würde auch aus bloßem Antrieb seines Herzens welches sehr gütig
und mitleidig war nicht saumselig gewesen sein dem notleidenden Frosche zu
Hilfe zu kommen Allein der Gedanke dass es vielleicht eine Fee und wohl gar
eben der wohltätige Frosch sein könnte so der Prinzessin Mufette und ihrer
Mutter so gute Dienste geleistet hatte setzte ihm Flügel an er sprang über den
Graben und verjagte mit einem Stecken den er eben in der Hand hatte den
langbeinichten Erbfeind der Frösche in eben dem Augenblick da er im Begriff
war den kleinen unschuldigen Quäker hinunter zu schlingen Der Storch ließ
seinen Raub fallen und entfloh und das Fröschchen sprang in den Graben ohne
sich zu bekümmern wem es seine Rettung zu danken habe
Don Sylvio blieb an dem Graben stehen und erwartete dass es in Gestalt einer
schönen Nymphe oder doch mit seiner Rosen Haube auf dem Kopf wieder hervor
kommen werde um sich für so einen wichtigen Dienst gar schön bei ihm zu
bedanken er wartete über eine halbe Stunde aber zu seiner nicht geringen
Befremdung wollte weder Frosch noch Nymphe zum Vorschein kommen
Eine so ungewöhnliche Undankbarkeit an einer Fee war ihm unbegreiflich Wenn
es auch dachte er die kleine hässliche Magotine die alte Ragotte oder die Fee
Koncombre selbst gewesen wäre so sollte doch ein Dienst von dieser Art
vermögend gewesen sein sie zu einiger Erkenntlichkeit zu bewegen Könnte es
aber nicht sein besann er sich einen Augenblick darauf dass es ihr nicht
erlaubt ist mir jetzt in ihrer eigenen Gestalt zu erscheinen oder dass sie es
aus andern Ursachen auf eine Gelegenheit verschiebt da sie mir ihre Dankbarkeit
durch eine würkliche Dienstleistung beweisen kann
Diese Vermutung schien ihm weil sie mit seinen grillenhaften Wünschen am
besten überein stimmte bei mehrerm Nachdenken so wahrscheinlich dass er voller
Zufriedenheit in sein grünes Schloss zurück ging und keinen Augenblick länger
zweifelte dass diese Begebenheit in kurzem irgend eine wichtige Veränderung in
seinem Schicksal nach sich ziehen würde
Vermutlich werden einige Leser sich wundern wie es möglich sei dass Don
Sylvio albern genug habe sein können um aus dem widrigen Ausgang dieses
Abenteuers nicht den Schluss zu ziehen der am natürlichsten daraus folgte
nämlich dass der Frosch keine Fee gewesen sei Allein sie werden uns erlauben
ihnen zu sagen dass sie die Macht der Vorurteile und vielleicht ihre eigene
Erfahrung nicht genugsam in Erwägung ziehen Nichts ist unter den Menschen
gewöhnlicher als diese Art von Trug Schlüssen das Vorurteil und die
Leidenschaft macht keine andre
Ein alter Geck der durch seine Freigebigkeit die Treue seiner Liebste zu
erkaufen gedenkt schreibt die funkelnden Augen und die glühende Wangen womit
sie ihn empfängt der Freude zu die ihr seine Ankunft verursache und bedenkt
nicht wie viel wahrscheinlicher es wäre sie auf die Rechnung eines jüngeren
Buhlers zu setzen der inzwischen in einem Schranke steckt und seines
leichtglaubigen Unvermögens spottet
Ein Indianer kauft seinem Bonzen Amulete ab die wider alle Krankheiten
dienen sollen er wird krank und die Amulete helfen nichts Was schließt er
daraus Vielleicht dass seine Amulete keine solche HeilungsKraft haben und dass
der Bonze ein Betrüger ist Nichts weniger alles was er daraus schließt ist
dass er dem Götzen dessen Bild er am Halse getragen nicht Andacht genug
bewiesen und den Bonzen nicht Almosen genug gegeben habe
Keine Leute sehen mehr Verdienste an sich selbst als diejenige an denen
sonst niemand keine sieht wer wollte ihnen auch zumuten die Verachtung die
sie für eine Wirkung des Neides halten der weit natürlichern Ursache
zuzuschreiben dass andre unmöglich so parteiisch für sie sein können als sie
selbst
Dergleichen Beispiele ließ sich ins Unendliche häufen Es ist wohl wahr
die Torheit des Don Sylvio wird dadurch nicht kleiner aber es ist auch zu
seiner Entschuldigung genug dass er wenigstens keine schlimmere Schlüsse macht
als andere ehrliche Leute
Siebendes Kapitel
Don Sylvio findet auf eine wunderbare Art das Bildnis seiner geliebten
Prinzessin
Einige Tage nachdem sich das Abenteuer mit dem Laubfrosch zugetragen hatte
ging Don Sylvio mit dem Anbruch des Morgens in den Wald um Schmetterlinge zu
suchen von denen ihm noch einige zu Ausschmückung seines Kabinets abgingen
Er hatte sich schon über eine Stunde weit von seinem Schloss entfernt als er
eines wunderschönen Papilions ansichtig wurde der sich nur wenige Schritte von
ihm auf eine Blume setzte Seine Flügel waren Lasurblau mit einer Einfassung
von Purpur verbrämt die in der Sonne wie Gold glänzte Don Sylvio glaubte ihn
schon erhascht zu haben aber der schöne Sommer Vogel schlupfte unter seinem
Strohhut weg und verbarg sich in das dichteste Gebüsche
O rief Don Sylvio ich muss dich haben und wenn ich dich auch bis in das
unterirdische Reich des König Hammels verfolgen müsste wo es kleine Pastetchen
regnet und gebratne Feldhühner auf den Bäumen wachsen
Der SommerVogel der sich auf den Vorteil seiner Flügel verließ schien ihm
eine so weite Reise ersparen zu wollen Kaum hatte Sylvio ihn aus dem Gesicht
verloren so fand er ihn wieder ein paar Schritte vor sich auf einem
RosmarinStrauch sitzen Er wollte ihn wieder haschen aber es ging wie das
erstemal der schöne Papilion schien seiner nur zu spotten oft gaukelte er in
kleinen Kreisen um ihn herum dann setzt er sich wieder aber entwischte
allemal wenn er im Begriff war gefangen zu werden
Dieses Spiel daurte so lange bis Don Sylvio endlich merkte dass er in eine
ihm ganz unbekannte Gegend verirrt war
Jetzt reuete es ihn dass er sich einem Schmetterling zu lieb so weit
eingelassen hatte allein da es nun einmal geschehen war so wollte er doch so
viele Mühe nicht umsonst gehabt haben und ließ nicht nach bis er endlich so
glücklich war den Papilion zu erhaschen der ihm mehr Mühe gemacht hatte als
jemals eine Spröde seit dem es Spröden gibt ihrem Liebhaber gemacht hat
Seine Freude war ungemein und in der Tat konnte man keinen schöneren
SommerVogel sehen Er betrachtete ihn lange mit einem desto lebhaftern
Vergnügen je mehr er ihm Mühe gekostet hatte und er war jetzt im Begriff ihn
in ein kleines Käficht zu stecken so er zu diesem Ende bei sich trug als es
ihn deuchte als ob der gefangne Schmetterling ihn mit einer flehenden Mine und
gesenkten Flügeln anschaue Er bildete sich so gar ein denn Einbildungen
kosteten ihn nichts dass er so laut geseufzt habe als ein Papilion nur immer
seufzen kann
Mehr brauchte es nicht um ihn auf seine gewöhnliche Grille zu bringen und
es kam ihm ganz wahrscheinlich vor dass es vielleicht eine Fee oder eine
verwandelte Prinzessin sein möchte
Denn dachte er ist die Prinzessin Burzeline eine Heuschrecke gewesen so
kann eine andre eben so gut ein SommerVogel sein Er besann sich also keinen
Augenblick ihm die Freiheit wieder zu schenken um die er ihn so beweglich zu
bitten geschienen hatte
Der erledigte SommerVogel flatterte fröhlich davon und Don Sylvio ging ihm
nach voll Erwartung was daraus werden möchte als er ein paar Schritte vor
sich etwas im Grase blinken sah welches seine Aufmerksamkeit an sich zog Er
hob es auf und fand dass es eine Art von Kleinod war mit großen Brillianten
besetzt und an einer Schnur der feinsten Perlen befestiget Er betrachtete es
auf allen Seiten aber wie groß war sein Erstaunen als er von einem ungefähren
Druck auf eine Feder die er nicht bemerkt hatte einen großen Türkis in der
Mitte auf die Seite springen und ein kleines sehr künstlich auf Email gemachtes
Brustbild entdecken sah welches eine junge Schäferin von ungemeiner Schönheit
vorstellte
Er stund etliche Augenblicke unbeweglich und wusste nicht ob er seinen
Augen trauen sollte Er besah und befühlte es immer wieder von neuem um sich zu
überzeugen dass es keine Einbildung sei und je mehr er es betrachtete desto
mehr beredete er sich dass es das Bildnis einer Göttin oder doch zum wenigsten
der Allerschönsten Sterblichen sei die jemals gewesen oder künftig sein werde
Unsre schönen Leserinnen werden ihm dieses übereilte Urteil desto eher zu
gut halten wann sie bedenken dass er von seiner Tante die aus bekannten
Ursachen sehr wenig Gesellschaft sah in einer so strengen Einsamkeit erzogen
worden war dass er außer ihrer eignen angenehmen Person ihrer Kammerfrau der
Witwe eines Sennor Scudero welche bereits fünf und dreißig Jahr eingestand der
dicken Maritorne und den Bauerweibern im Dorfe in seinem Leben nichts gesehen
hatte was auch nur im uneigentlichen Verstand zum schönen Geschlecht hätte
gerechnet werden können Denn seine Schwester die in der Tat ein hübsches
kleines Mädchen gewesen war hatte sich schon in einem Alter von drei Jahren
verloren und man vermutete dass sie von einer Zigeunerin gestohlen worden sei
welche jemand um dieselbe Zeit nicht weit vom Schloss angetroffen haben wollte
Don Sylvio musste also notwendig von der Schönheit dieser Schäferin
außerordentlich gerührt werden da sie unter den Figuren an die er seine Augen
hatte gewöhnen müssen nicht anders ausgesehen hätte als wie Latona unter den
Einwohnern von Delos als sie in Frösche verwandlt ihr am Ufer entgegen
quäkten Kurz es deuchte ihn unmöglich dass Gracieuse Bellebelle die Schöne
mit den goldnen Haaren oder Venus selbst so schön gewesen sein könnten und er
wurde vom ersten Anblick an so verliebt in dieses Bildnis als es jemals ein
irrender Ritter oder ein Arcadischer Schäfer in seine Dulcinea oder Amyrillis
gewesen ist
Endlich rief er in seiner Entzückung aus endlich hab ich sie gefunden
sie die ich mit ahnender Sehnsucht überall suchte die ich zu lieben bestimmt
bin und o dass keine zu kühne Hoffnung mich täusche sie die mein glückliches
Schicksal bestimmt hat mich durch ihre Liebe den Göttern an Wonne gleich zu
machen O gütige Fee die du meiner dich annimmst wer du auch seist dir
allein dank ich dieses überraschende Glück Wer anders als du legte in dieser
öden Wildnis die vielleicht vor mir keines Menschen Fuß betreten hat dieses
himmlische Bildnis in meinen Weg O vollende deine Wohltat zeige dich mir und
lass zu deinen Füßen mich hören wo ich sie finden kann sie deren Schattenbild
schon genug ist eine unauslöschliche Liebe in meiner Brust anzuzünden Denn das
schwöre ich bei allen Göttern die der Liebe günstig sind und wenn ich sie auch
am QuecksilberSee mitten unter den Ungeheuern der Fee Lionne im Ringe des
Saturnus ja selbst in der großen AquavitFlasche der Feen suchen müsste bis ich
sie gefunden habe soll kein ruhiger Schlaf auf meine Augen sich senken
Also sagt er und schwur ihn hörten die Nymphen im Haine
Und die Feen und
Je nun wahrhaftig das sind ja gar Hexameter Was für ein ansteckendes Fieber
der Enthusiasmus ist die begeisterte Rede des Don Sylvio ergriff uns ohne dass
wir es gewahr wurden und wenn uns Apollo nicht in Zeiten beim Ohr gezupft
hätte so könnten unsre armen Leser mit einem ganzen Wolkenbruch von Hexametern
geängstiget worden sein eh wir gemerkt hätten dass es nicht recht richtig in
unserm Kopfe sei Wir wollen also hier einen Augenblick ruhen und ehe wir
diese wahrhafte Erzählung fortsetzen unserm Blute Zeit lassen wieder in Prosa
zu fließen
Achtes Kapitel
Reflexionen des Autors und des Don Sylvio
Mancher denkt zu fischen und krebset sagte der weise Sancho bei einer gewissen
Gelegenheit zu seinem Herrn Nichts begegnet öfters als dass man etwas anders
sucht und etwas anders findet Saul suchte seines Vaters Eselinnen und fand
eine Krone Don Sylvio suchte SommerVögel und fand ein schönes Mädchen oder
doch ihr Bildnis
Nun war er verliebt so verliebt als man sein kann und einzig darauf
bedacht wie er auch das Urbild seines kleinen Gemäldes finden wolle Denn ob er
jetzt gleich wusste wie seine Geliebte aussah so wusste er doch weder wer sie
war noch wo sie sich aufhielt
Es ist leicht zu erraten was ein gewöhnlicher Mensch an seinem Platz
gedacht oder getan hätte aber davon ist die Rede nicht Don Sylvio dachte und
tat nichts wie gewöhnliche Menschen Die Gedanken die sich uns andern am ersten
darbieten fielen ihm allemal am letzten und gemeiniglich gar nicht ein und
wenn ihm ein sonderbarer Zufall begegnete so riet er augenblicklich diejenige
Ursache dazu die es nach dem Lauf der Natur am wenigsten sein konnte
Wie leicht konnte das kleine MiniaturStückchen eine bloße Phantasie eines
Malers gewesen sein Oder war es nicht eben so möglich dass es eine Person
vorstellte die längst verstorben war und konnte sich also Don Sylvio nicht in
dem Fall des Prinzen SeifelMuluk in den Persianischen Erzählungen befinden
der sich ein paar tausend Jahre zu spät in eine Maitresse des Königs Salomon
verliebte
Diese oder dergleichen Gedanken kamen unserm Helden nun nicht in den Sinn
Je mehr er der Begebenheit dieses Morgens nachdachte desto mehr überzeugten ihn
alle Umstände dass es der Anfang eines so außerordentlichen Abenteuers sei als
vielleicht jemals einem jungen Prinzen oder Ritter begegnet sein möchte
Allein was sollte er nun anfangen wo sollte er die schöne Schäferin suchen
Wen sollte er fragen Der blaue Sommer Vogel der ihm vermutlich Nachricht von
ihr hätte geben können war verschwunden und ohne eine nähere Anweisung auf
Geratwohl in diesem Walde fortzugehen schien ihm desto gefährlicher da eine
von seinen unsichtbaren Feindinnen von deren Bosheit er so viele Proben zu
haben glaubte ihn eben so leicht auf den unrechten als sein gutes Glück auf
den rechten Weg bringen konnte
Nach langem Nachdenken welches durch die Betrachtung seines schönen
Bildnisses oft unterbrochen wurde dauchte ihn zuletzt das sicherste
zuzuwarten bis er von dem blauen Papilion eine nähere Nachricht von seiner
Geliebten erhalten haben würde Denn es war nun etwas ausgemachtes für ihn dass
es eine Fee gewesen sei und da sie für die Freiheit so er ihr geschenkt sich
schon so erkenntlich zu beweisen angefangen so zweifelte er nicht dass sie
fortfahren würde ihn die Wirkungen ihrer Gunst verspüren zu lassen
Inzwischen hatte Pimpimp sein Hündchen der die Sprache ausgenommen dem
Hündchen der Prinzessin Wunderschöne ja dem kleinen Toutou selbst weder an
Artigkeit noch Verstand etwas nachgab ihn im ganzen Walde aufgesucht und die
Freude war auf beiden Seiten sehr groß da er seinen Herrn endlich gefunden
hatte
In der Tat fing Don Sylvio an zu merken dass es bald MittagessensZeit sein
werde und es war ihm überaus angenehm einen Wegweiser bekommen zu haben der
ihn aus diesem Walde worin er sich noch nie so weit vertieft hatte wieder nach
Hause führen konnte Denn so bezaubert die Liebhaber in den neueren Zeiten immer
sein mögen so ist doch wie schon ein berühmter Schriftsteller vor uns
angemerkt hat die Mode ganze Jahre ohne Essen und Trinken nur von der Liebe
allein zu leben heut zu Tag so sehr abgekommen dass auch der aller erhabenste
und geistigste Verliebte in diesem Stück ein ausgemachter Epicurer ist Eine
Abänderung welche wir unsers Orts um so weniger missbilligen können da wir
glauben dass sich das schöne Geschlecht nichts desto schlimmer dabei befinden
dürfte
Don Sylvio ging also oder stolperte vielmehr mit dem Schatz den er so
unverhofft gefunden hatte nach Hause denn er beschaute ihn im gehen so oft
dass er alle Augenblicke über einen Stock fiel oder an einen Baum anstieß
Unterwegs geriet er im Nachsinnen über sein Abenteuer auf tausend
wunderliche Gedanken es fiel ihm ein ob dieses Gemälde nicht vielleicht die
Fee selbst vorstelle die ihm in Gestalt des blauen SommerVogels erschienen
war Vielleicht liebt sie mich dachte er denn es wäre doch nicht das
erstemal dass ein Sterblicher diese Ehre gehabt hätte und sie hat eine Probe
machen wollen was ihre wahre Gestalt für einen Eindruck auf mein Herz machen
werde
Diese Einbildung gefiel ihm so wohl dass er sie eine lange Weile fortsetzte
allein zuletzt musste sie doch wieder einer andern Platz machen und so ging es
an einem fort bis er zu Hause anlangte Kurz der blaue SommerVogel und die
schöne Schäferin hatten seiner Phantasie einen so außerordentlichen Schwung
gegeben dass man sich nicht irren kann wann man in kurzem sehr seltsame
Wirkungen davon erwartet
Es möchte übrigens scheinen als ob die Torheit unsers jungen Ritters seit
einiger Zeit so stark zugenommen habe dass der verdächtige Zustand seines
Gehirns seiner scharfsichtigen Tante unmöglich habe verborgen bleiben können In
der Tat wäre es auch nicht anders gewesen wenn diese Dame Zeit und Musse gehabt
hätte ihren Neffen zu beobachten Allein außer dem dass sie ihn seitdem er das
siebenzehente Jahr zurück gelegt aus der engeren Aufsicht und der strengern
Zucht freigelassen hatte die sich für sein Alter nicht mehr schickten so war
sie seit einigen Wochen mit einer gewissen Sache beschäftigt um derentwillen
sie öfters abwesend zu sein und in das benachbarte Städtchen zu fahren
genötigt war
Vermutlich musste diese Angelegenheit von nicht geringer Wichtigkeit für sie
sein denn wenn sie wieder zurück kam schien sie wider ihre Gewohnheit so
tiefsinnig und zerstreut bekümmerte sich so wenig um die Geschäfte des Hauses
redete so viel mit sich selber und so wenig in Gesellschaft und sagte wenn
sie mit den Bedienten zu reden hatte so oft eines für das andre dass außer
ihrem Neffen jedermann über eine so große Veränderung sich nicht genug
verwundern konnte
Es ist leicht zu erachten dass man über die Ursache derselben allerlei
Vermutungen anstellte allein die Vorsichtigkeit der Donna Mencia und die
Verschwiegenheit der Dame Beatrix hielten so gut aus dass die Sache ein
Geheimnis blieb und das wollen wir sie auch so lange bleiben lassen bis die
Zeit die endlich alles offenbar macht sie zu demjenigen Punkt der Reife
gebracht haben wird worin Geheimnisse von dieser Art sich insgemein selbst zu
verraten pflegen
Neuntes Kapitel
Folgen des Abenteuers mit dem SommerVogel
Der Leser wird mit einer neuen Person bekannt gemacht
Der getreue Pimpimp hatte seine Zeit so wohl genommen dass er mit seinem Herrn
eben anlangte als es Zeit war zu Tische zu gehen Ein tiefes Stillschweigen
herrschte über der Tafel und Don Sylvio war wie man leicht denken kann
derjenige nicht der es unterbrochen hätte Er war zu sehr in seine
Angelegenheiten vertieft als dass er hätte bemerken sollen wie sehr es seine
gnädige Tante in die ihrige war Eben so wenig beobachtete er dass sie sich
ungewöhnlich geputzt hatte und dass sie von Zeit zu Zeit in einen
gegenüberstehenden Spiegel Gesichter machte welche dem Pedrillo der bei Tisch
aufwartete so sonderbar vorkamen dass er sich in die Lippen beißen musste um
nicht überlaut zu lachen
Nach dem Essen kündigte Donna Mencia ihrem Neffen an dass sie in Geschäften
genötigt sei in die Stadt zu fahren und darin über Nacht zu bleiben
Don Sylvio war zu höflich einige Neugierigkeit über die Natur dieser
Geschäfte merken zu lassen und er konnte es desto leichter sein da er in der
Tat keine hatte Sie schieden also sehr vergnügt von einander und unser junger
Ritter verschwand bald darauf ohne dass jemand im Hause gewahr wurde wohin er
ging
Da er gewohnt war die Sieste in seinem grünen Schloss zu halten so vermisste
man ihn nicht eher als da es Abendessens Zeit war Man suchte ihn hierauf im
Hause im Garten in den Feldern im Wald aber überall umsonst Man rief seinen
Namen aber da war kein Don Sylvio
Der vorgedachte Pedrillo ein junger Bursche aus dem Dorfe der ihm zur
Aufwartung gegeben war eine Küchenmagd ein Stallknecht und die schöne
Maritorne deren wir schon erwähnt haben machten in Abwesenheit der Donna
Mencia und der Dame Beatrix ihrer getreuen Kammerfrau die ganze
Hausgenossenschaft aus Diese vier guten Leute waren nicht wenig betrübt
darüber dass sie nicht wussten was aus ihrem jungen Herrn geworden sei denn sie
liebten ihn wegen seines angenehmen und leutseligen Wesens recht herzlich
Nachdem sie ihn nun beim Mondschein bis in die späte Nacht umsonst gesucht
hatten kamen sie endlich auf den Gedanken dass er vielleicht zu seiner Tante
gegangen sei denn das Städtchen war kaum drei Stunden weit vom Schloss entfernt
Sie gingen also heim und legten sich schlafen
Allein Pedrillo der oft genug um seinen Herrn war dass ihm seine Neigung
zur Feerei nicht unbekannt sein konnte kam bei näherm Nachdenken auf die
Vermutung dass er sich auf einem seiner gewohnten Spaziergängen im Walde
vielleicht über irgend einem Abenteuer verirrt haben möchte Er stund also den
folgenden Morgen früh auf und durchstöberte nochmals den ganzen Wald ohne
glücklicher zu sein als den Abend zuvor
Er wollte eben wieder heimkehren als er in einem Felsen um welchen etliche
Reihen von wilden LorbeerBäumen im Zirkel stunden eine mit Geissblatt
bewachsene Höhle gewahr ward
Pedrillo dem es ungeachtet seiner ziemlich schafmässigen Mine nicht an Witz
fehlte und der in den Ritterbüchern und Märchen nicht weniger bewandert war als
sein Herr hielt diesen Ort für Feenmäßig genug dass er ihn vielleicht darin
finden könnte Er betrog sich nicht denn wie er an den Eingang der Grotte kam
sah er ihn auf einem Lager von Moos und Blumen ausgestreckt in tiefem Schlafe
liegen der kleine Pimpimp schlief zu seinen Füßen neben ihm lag seine Citer
und an seinem Halse hing das Kleinod mit dem Bildnis der schönen Schäferin
Pedrillo der es noch nie gesehen hatte wurde von dem Glanz der Steine und
Perlen wovon dieses Halsgeschmeide schimmerte nicht wenig geblendet und ob er
gleich kein großer Kenner von Juwelen war so deuchte ihn doch dass sie
wenigstens zehen Dörfer wie das seinige wert sein könnten Er betrachtete sie
lang ohne auf das Gemälde Acht zu geben und konnte nicht begreifen woher Don
Sylvio einen so kostbaren Schmuck bekommen haben möchte Seine Neugierigkeit
wurde endlich so dringend dass er sich kaum enthalten konnte ihn aufzuwecken
Das tat er nun zwar nicht denn Pedrillo war ein so höflicher BauerJunge als
irgend einer in Valencia aber er nahm doch die Citer und klimperte darauf so
laut er konnte und endlich sang er gar dazu ohne dass er seine Absicht desto
mehr erreichte
Nun bei meiner Six rief er endlich ganz ungedultig aus das geht nicht
natürlich zu wenn das nicht ein bezauberter Schlaf ist so versteh ich nichts
davon Vielleicht steckt die Zauberei in diesem Kleinod hier wenn das wäre so
ist es besser ich nehm es ihm vom Hals oder ich zerbrech es gar wenns nötig
ist als dass mein junger Herr hier ein paar tausend Jahre wie ein Murmeltier an
einem Stück verschnarche
Indem er das sagte langte er nach dem Kleinod stieß aber von ungefähr mit
dem Ellbogen an den Don Sylvio an der davon erwachte und weil er die Augen
noch nicht recht auftun konnte den Pedrillo nicht sogleich erkannte sondern
nur eine MenschenFigur sah die ihm seine geliebte Schäferin stehlen wollte
Er geriet darüber in eine außerordentliche Wut Verfluchte Zauberin rief
er ist es dir nicht genug dass du diese unschuldige Prinzessin ihrer
himmlischen Schönheit beraubt und in einen elenden SommerVogel verwandelt hast
Willst du mir auch das einzige rauben was mir das Übermaß meines Unglücks noch
erträglich machen kann Aber wisse vorher musst du dieses Herz ausreißen worin
ihr Bildnis mit feurigen Zügen eingegraben ist
Ums Himmels willen Herr rief Pedrillo indem er an den Eingang der Grotte
zurück sprang was meint ihr mit allem diesem seltsamen Zeug Ich bin weder ein
Zauberer noch ein Schwarzkünstler Gott sei Dank ich bin Pedrillo euer Diener
von altchristlichem Geschlecht so gut als einer in unserm Kirchspiel und es
tut mir leid nachdem ich euch in allen vier Enden der Welt gesucht habe euch
in dieser verfluchten Grotte und in einem solchen Zustand anzutreffen was sagt
ihr da von Zauberern und von dem Übermaß der SommerVögel die in Princessinnen
verwandelt sind Gott sei es geklagt ich dachte gleich dass es nichts Gutes
bedeuten werde wie ich euch hier eingeschlafen fand
Bist du Pedrillo versetzte Don Sylvio der sich in des die Augen gerieben
hatte Wenn du Pedrillo bist wie deine Gestalt es allerdings zu bezeugen
scheint so bin ich schon zufrieden und die Vorwürfe gehen dich nichts an die
ich dir machte indem ich dich für einen andern ansah Aber was wolltest du mit
diesem Bildnis anfangen
Mit was für einem Bildnis fragte Pedrillo
Schurke versetzte Don Sylvio mit dem Bildnis das du im Begriff warst
mir zu entwenden als ich von einer unsichtbaren Hand erweckt wurde um einem so
großem Unfall zuvor zu kommen
Beim Element Herr Don Sylvio erwiderte Pedrillo ich glaube ihr träumet
wenn ihr nicht noch was ärgers tut Wir suchten euch gestern den ganzen Abend
bis um die Zeit da Gott sei bei uns die Gespenster zu gehen pflegen aber es
war alles umsonst Diesen Morgen früh lief ich im ganzen Wald herum und suchte
alle Gesträuche und Büsche durch endlich fand ich euch in dieser Höhle
schlafen und da sah ich dieses Kleinod und weil ihr so gar fest schliefet so
bildete ich mir ein dass es vielleicht ein Telesman sein könnte wodurch ihr in
dieser Höhle in einem ewigen Schlaf bezaubert liegen müsstet bis jemand käme
der den Telesman zerbräche wie ich dergleichen Exempel viel in den großen
dicken Büchern gelesen habe die in der gnädigen Frauen ihrer BücherKammer
stehen und weil ihr mir nun lieb seid Herr und weil ihr mich daurtet dass ihr
wie Dämonion den die Göttin Dina einsmals bezauberte dass er hundert Jahre lang
schlafen musste damit sie sich recht satt an ihm küssen könnte die alte
verliebte Hexe ihr wisst ja die Historie Herr sie steht in einem alten Buch
das ich aus der Erbschaft meiner Großmutter für dreizehn Maravedis annehmen
musste ob es gleich keinen Deckel und kein TitelBlatt mehr hatte es waren die
Menge gemalter Figuren darin woran ich mich erlustigte wie ich noch ein
kleiner Junge war und dann las mir meine Großmutter die Historien die daneben
stunden es ist mir als ob ich sie noch vor mir sitzen sehe die gute alte
Frau Gott tröste sie Aber was wollt ich sagen Ja und seht ihr weil ihr mich
nun halt daurtet wollt ich sagen dass ihr so lange schlafen solltet und so
wollte ich den Telesman zerbrechen das ist das Ganze seht ihr und ich denke
da ist nichts darüber ihr euch erzürnen solltet
Don Sylvio so gute Lust er auch hatte böse zu sein konnte sich doch des
Lachens nicht enthalten da er den Pedrillo so reden hörte Höre Pedrillo
sagte er zu ihm es ist mir schon genug dass du es nicht übel gemeint hast aber
ich versichere dich du warst im Begriff mir einen sehr schlimmen Streich zu
spielen Es ist nur allzugewiss dass ich von demjenigen bezaubert bin was du für
einen Talisman angesehen hast aber lieber wollt ich das Leben verlieren als
zugehen dass diese Bezauberung aufgelöst würde Ich habe diese Nacht Sachen von
großer Wichtigkeit erfahren aber frage mich nicht was es sei du sollst alles
wissen so bald es Zeit ist denn ich bin deiner Dienste benötiget Mehr kann
ich jetzt nicht sagen
Pedrillo verstund kein Wort von diesen Reden aber das machte ihn eben desto
neugieriger Ich will auch nichts fragen Herr sagte er indem sie nach Hause
gingen ihr habt mirs verboten und ich weiß den Gehorsam wohl den ich euch
schuldig bin denn erstlich so seid ihr mein Junker weil ich aus eurem Dorfe
bin und dann seid ihr mein Herr weil ich in eurem Muss und Brot stehe denn
obgleich die gnädige Frau die Haushaltung führt so weiß ich doch wohl dass
alles aus eurem Beutel geht O das versprech ich euch wenn ich schon einfältig
aussehe so merk ich doch wohl wo der Hase liegt Ich will also nicht
neugierig sein und fragen was das für wichtige Dinge sind die ich nicht fragen
darf weil ihr mir sie nicht sagen könnt ob ihr schon wolltet wenn es Zeit
wäre dass ich sie wisse Sagtet ihr nicht so Herr Aber es ist doch was
seltsames ich glaube bald ich bin selbst bezaubert denn ich verstand euch
sonst alles was ihr sagtet aber seit dem ich diesen Telesman angerührt habe
ist mir nicht anders als ob ihr calecutisch redet Ich will gleich des Todes
sein wenn ich von allem was wir da miteinander gesprochen haben ein Wort
verstehe Ich habe schon oft gehört viel wissen macht Kopfweh aber wenn einer
wisste wo ihr diese Nacht gewesen seid da wir euch in der ganzen Welt suchten
so könnte einer vielleicht erraten mehr sag ich nicht ihr könntet sonst
meinen dass ich vorwitzig sei und euch fragen wolle und Vorwitz das ist mein
Fehler nicht Was mich nicht brennt das blase ich auch nicht Zum Exempel wenn
ich vorwitzig wäre so hätt ich wohl erfahren können warum die gnädige Frau
seit acht Tagen so oft in die Stadt fährt denn unter uns geredt Herr ich
gelte was bei der Frau Beatrix ob ihr mirs gleich nicht angesehen hättet Sie
hat es hinter den Ohren das versprech ich euch wenn sie schon einen so großen
Rosenkranz am Gürtel hängen hat als ein Waldbruder und so leise daher tritt
als ob sie auf Eiern gehe Stille Wasser gründen tief und es sind nicht alle
Köche die lange Messer tragen Kurz und gut Herr ich ging gestern bei ihrem
Zimmer vorbei und wie sie sah dass ichs war denn die Tür war halb offen so
rief sie mir und bat mich dass ich ihr das Halstuch heften möchte und da weiß
ich nicht wie es kam aber ich sollt es auf dem Rücken heften und da heftete
ichs vornen und konnte nie fertig werden aber sie lachte nur über meine
Ungeschicklichkeit und Gott verzeih mirs ich glaub ich wäre noch dabei wenn
die gnädige Frau nicht geschellt hätte Das erstemal hörten wir nichts so viel
hatte ich zu tun aber sie schellte wieder und das so stark dass Frau Beatrix
sagte Ich muss gehen Pedrillo sonst werde ich gezankt wenn ich gewusst hätte
dass du so ungeschickt wärest so hätt ich dich nicht gerufen denn siehst du du
machst schon so lang und jetzt muss ichs doch selbst heften Und da lief sie
fort Herr und was ich sagen wollte Ja da hätt ich sie fragen können warum
die gnädige Frau so oft in die Stadt fährt und zu wem und dieses und jenes
aber wie ich sagte über dem Halstuch hatt ich alles vergessen Ihr seht also
dass ich nicht neugierig bin denn die Dame Beatrix war bei guter Laune und ich
glaube sie hätte mir alles gesagt
In diesem Ton fuhr Pedrillo den ganzen Weg lang fort ohne dass Don Sylvio
darauf Acht gab was er schwatzte so sehr war er in Gedanken vertieft Allein
so bald sie zu Hause waren erinnerte ihn sein Magen dass er seit gestern Mittag
gefastet hatte denn wie wir schon bemerkt haben die Bezauberung erstreckte
sich bei ihm niemals bis auf den Magen Er ließ sich also einen EierKuchen und
ein paar fricassierte Hühner zum Frühstück machen und aß mit so gutem Appetit
dass Pedrillo wieder Mut schöpfte und eine bessere Meinung von dem Verstande
seines Herrn fasste als er diesen Morgen gehabt da er ihn von Verwandlungen
Princessinnen und bezauberten SommerVögeln reden hörte
Zehntes Kapitel
Worin Fern Salamander Princessinnen und grüne Zwerge auftreten
So bald die größte Hitze vorbei begab sich Don Sylvio mit seinem getreuen
Pedrillo in den Garten setzte sich an dem schattenreichesten Ort desselben
unter eine Laube von Jasmin und nachdem er ihm ernstlich untersagt hatte ihn
in seiner Rede nicht zu unterbrechen wie es so ziemlich seine Gewohnheit war
so erzählte er ihm umständlich alles was ihm von dem Abenteuer mit dem
Laubfrosch an bis auf den Augenblick da er ihn in der Grotte schlafend
gefunden begegnet war
Wir übergehen dasjenige was unsern Lesern schon bekannt ist und fangen
seine Erzählung da an wo die unsrige stille gestanden nämlich bei seiner
Entfernung welche seine Hausgenossen in so große Unruhe gesetzt hatte
So bald meine Tante abgereist war fuhr Don Sylvio fort so ging ich wieder
in den Wald um den Ort zu suchen wo der blaue Papilion verschwunden war und
mir an seiner statt dieses Bildnis hinterlassen hatte wovon nunmehr das Glück
oder Unglück meines Lebens abhängt Ich nahm den kleinen Pimpimp mit mir weil
ich hoffte dass er den Weg den wir miteinander gegangen durch seinen Instinkt
leichter wieder ausspüren würde als ich mich dessen erinnern könnte Ich betrog
mich nicht ich erkannte den Ort und nachdem ich ihn aufs sorgfältigste
durchsucht hatte in der Hoffnung vielleicht etwas zu finden das mir einiges
Licht geben könnte wem das Bildnis zugehöre fing ich an allenthalben umher zu
laufen ob ich den blauen Sommer Vogel wieder entdecken möchte den ich
nachdem was mir begegnet war für keinen gewöhnlichen SommerVogel halten
konnte Wenn es dachte ich eine Fee ist wie ich zu glauben Ursach habe so
bewegt sie vielleicht die Unruhe worin sie mich sieht mir wieder sichtbar zu
werden und mir die Nachrichten zu geben ohne welche ich nicht länger leben
kann
Ich suchte also den ganzen Wald aus ich fand SommerVögel genug aber der
blaue war nirgends zu sehen Die Nacht nahm überhand und Pimpimp war so müde
dass er nicht mehr laufen konnte Ich war es nicht weniger als er und da ich
diese Grotte wo du mich gefunden hast gewahr wurde so beschloss ich die Nacht
da zuzubringen Ich machte mir ein Lager und Pimpimp schlief neben mir ein
während dass ich den Gedanken nachhing die meine Umstände mit sich brachten Der
Mond schien so anmutig dass er mich zu einem Spaziergang unter den Bäumen die
vor der Grotte stunden einzuladen schien
Ich war nicht lange auf und nieder gegangen so sah ich einen plötzlichen
Glanz der die Bäume und Gesträuche weit umher vergüldete Ich stutzte auf und
erblickte eine feurige Kugel in der Luft die weit höher als der Mond zu
schweben schien und sich langsam gegen den Ort wo ich stund herab senkte Du
kannst dir nicht vorstellen Pedrillo wie groß die Freude war die ich über
diesen Anblick empfand
Die Freude unterbrach ihn Pedrillo nun wahrhaftig Herr ihr seid doch
nicht wie andre Leute gemacht ich würde über ein solches Wunderzeichen gleich
zu Tode erschrocken sein und ihr konntet euch freuen Sagte ich dir nicht dass
ich keine Zwischenreden haben wollte versetzte Don Sylvio wenn ich mich
freute so hatte ich eine sehr gute Ursache dazu denn ich wusste wohl dass es
eine Fee war und mein Herz sagte mir vor dass es diejenige sei die ich suchte
Meine Erwartung betrog mich nicht Die feurige Kugel die im Annähern immer
größer wurde zersprang nah über mir mit einem großen Knall und an ihrer statt
sah ich eine wunderschöne Dame auf einem Wagen von Karfunkeln der von zween
feuerfarben geflügelten Schlangen gezogen wurde Um sie her flatterten auf einer
kleinen silbernen Wolke eine Menge Salamander in Gestalt kleiner geflügelten
Knaben von überirdischer Schönheit ihre Haare schienen gekräuselte
Sonnenstrahlen ihre Flügel Feuerflammen ihr Leib weißer als der Schnee im
Sonnenschein und die Farbe der Morgenröte schimmerte um ihre Stirn und auf
ihren Wangen Dem ungeachtet wurden sie alle von dem Glanz der Fee verdunkelt
welcher so blendend war dass mir das Gesicht davon vergangen wäre wenn sie die
Vorsicht nicht gebraucht hätte mich mit ihrem Stabe zu berühren
Don Sylvio sagte sie zu mir ich bin die Fee Radiante welcher du neulich
in der Gestalt eines kleinen Frosches ein Leben gerettet hast von welchem so
verächtlich es schien dasjenige abhing worin du mich jetzt siehst Du weißt
dass wir alle hundert Jahre acht Tage lang die Gestalt irgend eines Vogels oder
Tiers annehmen müssen dass wir in dieser Zeit den Gebrauch aller unsrer Macht
verlieren und allen Zufällen aus gesetzt sind denen die tierische Natur
unterworfen ist Die acht Tage in denen ich genötigt war ein Laubfrosch zu
sein waren bis auf etliche Stunden verstrichen als das Vergnügen mich bald
wieder in meiner eigenen Gestalt zu sehen mich unvorsichtig genug machte
meinen Graben zu verlassen und mich der Gefahr auszusetzen die mir ohne deine
großmütige Hilfe verderblich gewesen wäre Der Schrecken den ich in dem
Schnabel des Storchs ausgestanden hatte hielt mich ab dir sogleich für meine
Errettung zu danken und da ich in wenigen Stunden meine eigne Gestalt wieder
erlangt hatte nötigten mich die Salamander deren Königin ich bin meine ersten
Augenblicke ihren Angelegenheiten zu schenken Allein so bald ich wieder Zeit
hatte an die Meinigen zu gedenken erinnerte ich mich wie viel ich dir schuldig
sei und dachte auf Mittel dir meine Dankbarkeit zu beweisen Meine Bücher die
ich zu Rate zog belehrten mich dass du vom Schicksal bestimmt seist eine
gewisse Prinzessin zu lieben aber dass deinem Glück Schwierigkeiten entgegen
stünden die du ohne einen mächtigen Beistand schwerlich zu besiegen vermögend
sein werdest Ich komme nun dir diesen Beistand anzubieten Deine Geliebte wird
von der Fee Fanferlüsch verfolgt weil sie sich nicht überwinden konnte einen
gewissen Zwerg zu heiraten der ein Neffe dieser Fee ist und wegen seiner
grünen Farbe der grüne Zwerg oder auch weil er gemeiniglich auf einer Bremse
zu reiten pflegt der BremsenReiter genennt wird Weil die Prinzessin
unbeweglich blieb so ist sie vor kurzem von dieser grausamen Fee in einen
blauen Papilion mit purpurfarbem Saum verwandelt worden mit der Bedingung dass
diese Bezauberung nicht eher aufhören solle bis sie in diesem Zustand einen
geliebten Liebhaber gefunden hätte der ihr den Kopf und die Flügel abreißen
würde Unglücklicher Don Sylvio der blaue SommerVogel den du diesen Morgen
fingest war deine Prinzessin sie sah dich im Walde und liebte dich so bald
sie dich sah sie floh nur vor dir weil sie sehen wollte ob du ihr nachgehen
würdest und ließ sich willig fangen so bald sie versichert war dass sie dir
selbst in Gestalt eines SommerVogels nicht gleichgültig sei Als sie sich in
deiner Hand sah bemühte sie sich dir zu sagen wie angenehm ihr diese
Gefangenschaft sei aber die grausame Fanferlüsch hatte ihr auch die Sprache
geraubt und sie konnte nichts hervor bringen als einen Seufzer den du
unglücklicher Weise für ein Zeichen hieltest dass sie den Verlust ihrer Freiheit
beklage Dein mitleidiges Herz bewog dich sie wieder fliegen zu lassen sie
flatterte traurig fort würde aber vermutlich bald wieder zurück gekehrt sein
wenn sie nicht in eben demselben Augenblick den grünen Zwerg erblickt hätte der
auf seiner Bremse angeritten kam und die Zähne so ab scheulich gegen sie
blöckte dass sie sich vor Angst zehen tausend Flügel wünschte um desto
schneller entfliehen zu können
Zum Glück für sie war ich eben im Begriff dich aufzusuchen ich sah die
Gefahr worin sich die arme Prinzessin befand und eilte ihr zu Hilfe nachdem
ich einem meiner Salamander befohlen hatte das Bildnis der Prinzessin in deinen
Weg zu legen
Ich setzte dem grünen Zwerge nach welcher zu schwach sich mit mir in einen
Kampf einzulassen alle mögliche Gestalten annahm um mir zu entwischen Endlich
verwandelte er sich in eine kleine Wolke allein ich ward es so gleich gewahr
und druckte ihn zwischen meinen Händen so fest zusammen dass er in Tropfen
zerfloss Die Leute die unten im Feld arbeiteten sahen dass es Blut regnete und
hielten es für eine böse Vorbedeutung Der grüne Zwerg befand sich so übel in
dieser Presse dass er in seine eigene Gestalt zurück trat allein er behielt sie
nicht lange ich verwandelte ihn in einen elfenbeinernen Zahnstocher mit der
Bedingung dass er seine natürliche Gestalt nicht eher wieder bekommen sollte
bis er gedient hätte den hintersten Stockzahn eines achtzigjährigen Mädchens
auszustochern die noch eine unbefleckte Jungfer wäre
Beim Element unterbrach ihn Pedrillo ich bin der Fee Radamante ihr
gehorsamer Diener aber sie denkt nicht was sie tut auf diese Art wird der
arme grüne Zwerg ewig ein Zahnstocher bleiben denn seht ihr Herr Don Sylvio
ich will nicht Pedrillo heißen wenn ihr mir in der alten und in der neuen Welt
eine achtzigjährige Jungfer finden könnt die noch Zähne auszustochern hat oder
ein achtzigjähriges Mädchen mit Zähnen die noch eine Jungfer ist
Dafür lass ich den grünen Zwerg sorgen versetzte Don Sylvio wenigstens wird
er lange genug suchen müssen dass ich nichts von ihm zu besorgen habe Aber
sagte ich dir nicht schon zweimal dass ich nicht unterbrochen sein will wenn
wir gute Freunde bleiben sollen Herr Pedrillo so lass michs nicht zum
drittenmal sagen
Gut Herr erwiderte Pedrillo fahret nur fort und erzürnet euch nicht ich
will so still sein wie eine Maus ihr wisst dass ich sonst kein Plauderer bin
aber wie ihr von dem Zahnstocher und von der achtzigjährigen Jungfer
Zum Henker rief Don Sylvio du verfluchtes Plaudermaul du fängst ja wieder
von vornen an
Nein Herr sagte Pedrillo ich wollte nur sagen dass ich euch nicht mehr
unterbrechen will und dass ich es auch diesmal nicht getan hätte wenn nicht der
Zahnstocher
Ich wollte schrie Don Sylvio dass du selbst ein Zahnstocher wärest so höre
doch und schweige oder das soll das letzte Wort sein das du jemals von mir
gehört hast
Diese Drohung erschreckte den Pedrillo der seinen jungen Herrn überaus lieb
hatte er legte die Hand auf den Mund zum Zeichen dass er nichts mehr sagen
wolle und Don Sylvio fuhr also fort
Die Fee hielt ein wenig inn nachdem sie ihre Erzählung geendiget hatte und
ich ergriff diesen Augenblick mich ihr zu Füßen zu werfen und ihr meine
Dankbarkeit in den lebhaftesten Ausdrücken zu bezeugen
Mächtige Fee setzte ich hinzu sie haben so viel für mich getan vollenden
sie ihr Werk haben sie dem grünen Zwerg die Gestalt eines Zahnstochers geben
können was für Mühe wird es sie kosten meiner geliebten Prinzessin ihre eigene
wieder zu geben
Es ist nicht in meiner Macht erwiderte die Fee eine Bezauberung
aufzulösen die eine meiner Mitschwestern gemacht hat Dieses Abenteuer ist für
dich aufgehoben Versäume keine Zeit Don Sylvio Nimm deinen getreuen Pedrillo
und den kleinen Pimpimp mit dir und suche den blauen SommerVogel so lange bis
du ihn findest Ich besorge sehr dass die boshafte Fanferlüsch ihren Neffen an
ihm und an dir selbst zu rächen suchen werde aber lass dich durch keine
Schwierigkeiten abschrecken und sei versichert dass du meinen Beistand wo er
nötig sein wird nie vergeblich anrufen sollst
Mit diesen Worten verschwand die Fee der Wagen und die Salamander Ich
befand mich so abgemattet dass ich in einen tiefen Schlaf fiel und ich schliefe
vielleicht noch wenn du mich nicht aufgeweckt hättest
Du hast nun gehört Pedrillo was mir die Fee befohlen hat ich habe keine
Zeit zu verlieren Wir müssen uns auf den Weg machen meine geliebte Prinzessin
zu suchen und ich hoffe dass du dich nicht weigern wirst mich zu begleiten
Elftes Kapitel
Ein Gespräch zwischen Pedrillo und seinem Herrn
Zurüstungen zu der beschlossenen Wanderschaft
Pedrillo hatte seinem Herrn mit großem Vergnügen zugehört indem er die
Geschichte von der Fee und von der Prinzessin und vom grünen Zwerg erzählte
denn er war ein ungemeiner Liebhaber von Märchen und WunderGeschichten Allein
da er hörte dass Don Sylvio Ernst daraus machte und dass es darum zu tun sei in
der Welt herum zu ziehen um einen blauen SommerVogel aufzusuchen so wollte
ihm die Sache nicht recht einleuchten Er kratzte hinter den Ohren zuckte die
Achseln und sagte endlich nach einigem Zaudern
Bei meinem Leben Herr Don Sylvio ich weiß nicht was ich sagen soll aber
mir deucht dass ihr das alles eben so gut hättet träumen können als etwas
anders und wenn ich nicht wisste dass ihr das ehrlichste Gemüt auf der Welt
seid so möchte einer Gott verzeih mirs fast denken
Wie fiel ihm Don Sylvio ein zweifelst du etwan an der Wahrheit meiner
Erzählung
Nein wahrhaftig versetzte Pedrillo daran zweifle ich im geringsten nicht
aber die feurige Kugel und der Frosch der eine Fee ist und der grüne Zwerg
der sich in die Prinzessin verliebte und der SommerVogel den ihr heiraten
und in eine schöne Prinzessin verwandeln sollt und der Zahnstocher Wenn ich
euch die Wahrheit gestehen soll Herr aber ihr müsst es nicht übel nehmen seht
ihr so glaub ich dass euch alles dieses nur im Traum so vorgekommen ist man
träumet oft gar wunderliche Dinge zum Exempel mir träumte letzthin
Wahrhaftig rief Don Sylvio dem die Geduld ausging ich habe jetzt nichts
zu tun als deine Träume anzuhören Sage mir du unvernünftiges Tier wenn es ein
Traum gewesen ist dass ich die Fee Radiante gesehen habe und dass sie mir gesagt
hat was ich tun soll um meine unvergleichliche Prinzessin zu finden ist es
auch ein Traum dass ich ihr Bildnis an meinem Halse trage
Mit diesen Worten nahm er das Kleinod drückte die Feder und zeigte dem
Pedrillo das kleine Bildnis welches unter dem großen Diamant verborgen lag
Pedrillo machte große Augen in dem er das Bild eines Frauenzimmers sah
das wie ihn deuchte tausendmal schöner war als die Frau Beatrix selbst
Beim Sanct Velten rief er nun sag ich kein Wort mehr so ist das die
Prinzessin die euch die Fee Radicante versprochen hat und die in einen blauen
Schmetterling verwandelt ist Nun muss ichs freilich wohl glauben dass alles die
Wahrheit ist was ihr mir erzählt habt wahrhaftig wenn ich sie nicht mit
meinen eignen Augen sähe so hätt ichs nicht geglaubt Das ist wunderbar Aber
von wem könntet ihr es auch sonst haben als von einer Fee denn ich wollte
meinen Kopfwetten dass der kleinste dieser Steine wohl zehen BauernHöfe wert
ist Aber ich habe oft gelesen dass solche Sachen bei den Feen nur Kleinigkeiten
sind bei ihnen sind die Diamanten so gemein wie die Gassensteine und ich bin
versichert dass die Frau Rademante an ihrem Nachtgeschirr größere Edelsteine hat
als die Königin welche Gott erhalten wolle an ihrem Halsbande Beim Element
solche Sachen findt man nicht im Schlaf ihr müsst also wohl gewacht haben und
wenn ihr gewacht habt so habt ihr nicht träumen können wie ich sagte und so
muss es wohl wahr sein dass die Prinzessin ein SommerVogel ist Lasst sie mich
doch noch einmal sehen Meiner Treu das ist doch recht hübsch Wie freundlich
sie einen ansieht Wenn einer nicht wüsste dass es nur gemalt wäre so meinte
man es werde gleich den Mund auftun und reden Der Henker hole die verfluchten
Unholden die so unbarmherzig sein konnten ein so hübsches kleines Gesichtgen
in ein Unziefer zu verwandeln Wahrhaftig Herr Bremsen Reiter solche schöne
Princessinnen macht man nur gleich für deines gleichen dass dich die Kränke du
Mistfinke du Meinst du weil sie so klein ist dass ein Mückenflügel ihr ganzes
Gesichtgen verdecken könnte so sei sie nur gleich für einen krummbeinichten
buckligen grünen Heuströffel gewachsen wie du bist
Dummer Junge fiel ihm Sylvio ein ich glaube du bildest dir gar ein die
Prinzessin sei nicht größer als sie in diesem Bildnis ist Sie ist hier nur so
klein gemalt weil es die Kleinheit des Raums nicht anders zuließ aber das
verhindert nicht dass sie nicht zum wenigsten so groß sei als die Diana oder
die schöne Alie welche gewiss nicht die kleinste gewesen sein muss da ein so
großer Riese als Moulineau war sie mit Gewalt zur Frau haben wollte und
gesetzt auch dass sie etwas kleiner wäre so wäre sie nur dadurch den Gratien
desto ähnlicher welche von den Poeten und Malern kleiner vorgestellt werden als
andre Göttinnen um die Anmut und Lieblichkeit dadurch auszudrücken um
derentwillen sie die Ehre verdienen die Gespielen und Aufwärterinnen der Göttin
der Liebe zu sein
Das ist auch nur billig versetzte Pedrillo denn man sagt im Sprüchwort
was klein ist das ist artig und wenn auch gleich die Prinzessin nicht größer
wäre als eine PariserPuppe so wollt ich doch wetten dass sie das drolligste
kleine Ding ist das man nur an einem SommerTag sehen mag Pedrillo mein
Freund fiel ihm Don Sylvio ein wir verderben hier die Zeit mit unnützem
Geschwätz indessen dass meine Geliebte vielleicht in Gefahr ist
Bei meiner Treu Herr unterbrach ihn der voreilige Pedrillo das wollt ich
eben sagen für eine so schöne Prinzessin könnte auch nichts verdriesslichers
sein als dass sie keinen Augenblick sicher ist wenn irgend eine verfluchte
Dohle oder Krähe daher kommt und sie ihren Jungen zum Futter wegschnappt
Sapperment sie würden sie gewiss so gut aufschnabulieren als ob sie nur ein
gemeines Unziefer und nicht eine große Prinzessin wäre wie ich nun selbst
glaube dass sie ist seit dem ihr ich Bildnis gesehen habe
Was du da sagst erwiderte Sylvio macht mir keinen Kummer ich verlasse
mich deshalb vollkommen auf den Schutz der Fee Radiante allein wenn dieser
Schutz mehr als hinlänglich ist sie gegen alle Dohlen und Krähen der Welt
sicher zu stellen so ist er es doch nicht gegen die Nachstellungen der
boshaften Fanferlüsch denn du hast gehört dass die Entzauberung des blauen
SommerVogels für mich allein vorbehalten ist Was meinst du Pedrillo wär es
nicht am besten wenn wir uns jetzt gleich auf den Weg machten da meine Tante
nicht zu Hause ist Wir sind hier alle beieinander ich und du und Pimpimp wir
wollen gehen und die Prinzessin suchen sie mag auch sein wo sie will für das
übrige wird die Fee sorgen
Ihr seid sehr eilfertig Gnädiger Herr erwiderte Pedrillo aber mir deucht
ihr denkt nicht daran dass man auf Reisen allerhand Dinge braucht mit denen man
auf den Notfall versehen sein muss
Und mir deucht unterbrach ihn Don Sylvio du weißt nicht was du sagst Wo
hast du jemals gehört oder gelesen dass ein Prinz oder Ritter der unter dem
Schutz der Feen in der Welt herum reist eine solche Vorsicht gebraucht hätte
Sie haben alle zeit schöne Kleider feine Wäsche und Geld so viel sie brauchen
sie übernachten insgemein in bezauberten Palästen wo sie aufs beste bewirtet
werden und wenn es auch begegnet dass sie sich in Wäldern und Einöden verirren
so steht doch eh sie sichs versehen eine Tafel vor ihnen die von unsichtbaren
Händen gedeckt und mit den niedlichsten Speisen besetzt wird und sie schlafen
in anmutigen Grotten oder unter Lauben die von den Nymphen gepflanzt worden
auf einem Lager von Blumen ein
Das ist alles wohl hübsch und gut sagte Pedrillo aber die Wahrheit zu
sagen Gnädiger Herr ich möchte mich nicht gar zu sehr darauf verlassen Man
hat unter den Feen seine Freunde und seine Feinde und ich habe wohl eher von
Prinzen und Princessinnen gelesen die auf dergleichen Reisen mit guten Zähnen
manchmal übel gebissen haben Vorsicht schadet niemalen pflegte meine
Großmutter zu sagen ein Sperling in der Hand ist besser als ein Hasel im
Busche Kurz wenn ihr euch raten lassen wollt Herr so will ich gehen und
etwas Wäsche und kalte Küche und etliche Flaschen Wein in einen ZwerchSack
zusammen packen sorget ihr für einen guten Beutel voll Realen und wenn das
geschehen ist so wollen wir uns immerhin weil es nun einmal so sein muss auf
den Weg machen und gebe der Himmel dass wir weder blaue noch grüne Zwerge
antreffen die uns unsre Prinzessin streitig machen
Don Sylvio welcher seine Grillen ausgenommen der beste Mensch von der
Welt war ließ sich von Pedrillo überreden und ging mit ihm in das Schloss
zurück nachdem er aus Furcht den Vorwitz seiner Leute zu erregen das Kleinod
mit dem Bildnis der vermeinten Prinzessin in seine Tasche gesteckt hatte
Ungeachtet seines Vertrauens auf die Feen unterließ er doch nicht indes dass
Pedrillo den Keller und die Speiskammer durchnisterte sich etliche Ringe die
er von seinem Vater geerbt hatte und seiner ganzen Barschaft zu bemächtigen
welche sich die Wahrheit zu gestehen nicht über zehn oder zwölf Ducaten
belief in seinen Augen aber eine Summe war mit der er sich unter dem Schutz
der Radiante bis zu den Gegenfüsslern zu reisen getraute Er zog sein feinstes
Hemd mit Spitzen an ein Wams von grünem Atlas mit schmalen goldnen Spitzen
besetzt und mit rosenfarbem Taffet gefüttert rosenfarbe Beinkleider und
Strümpfe und der Federbusch auf dem Hut war von eben dieser Farbe In diesem
Aufzug worin er es mit allen Narcissen und Hyacinten der Poeten hätte
aufnehmen können wartete er mit Ungeduld auf seinen Reisegefährten in der
festen Entschließung sich noch vor der Wiederkunft seiner Tante heimlich davon
zu machen
Zwölftes Kapitel
Unmassgebliche Gedanken des Autors
Wenn wir diese Geschichte ein halb Dutzend Jahrhunderte früher hätten schreiben
können so würde dieses Kapitel überflüssig gewesen sein Es gibt Zeiten wo
dasjenige was man Wunderdinge nennt so alltäglich ist dass die Leute nichts
wunderlichers finden als eine natürliche Begebenheit Allein in denjenigen
worin wir leben scheint die entgegengesetzte DenkungsArt so sehr überhand
genommen zu haben dass wir kaum hoffen dürfen unter allen die diese Geschichte
vielleicht lesen werden auch nur einen einzigen zu finden den wir bereden
könnten dass in dem vorigen Kapitel nichts erzählt worden sei was nicht alle
Tage begegnen könne Seit der Erfindung der VergrösserungsGläser haben die
unsichtbaren Dinge ein böses Spiel und man braucht nur ein Geist zu sein um
alle Mühe von der Welt zu haben die Leute von seinem Dasein zu überzeugen
Kurz wir möchten sagen was wir wollten so würde uns doch niemand glauben dass
eine Fee Radiante sei oder dass der blaue Papilion eine Prinzessin und ein
Zahnstocher jemals ein grüner Zwerg gewesen sei
Bei solchen Umständen halten wir für das beste wenn wir nur frei gestehen
dass wir selbst von allem was Don Sylvio seinem getreuen Pedrillo erzählt hat
eben so wenig glauben als von den Gesichten unsrer frommen Landsmännin der
Schwester Maria von Agreda oder von den Erzählungen vom roten Mützchen und
irgend einem andern Märchen womit uns ehmals unsre geliebte Amme einzuschläfern
pflegte
Dem ungeachtet nötigt uns die Wahrhaftigkeit deren wir uns im Lauf dieser
ganzen Geschichte befleissigen zu versichern dass Don Sylvio in seiner ganzen
Erzählung nichts gesagt habe was nicht in gewissem Sinn eben so wirklich war
als es die meisten andre Geschichten aus der Geisterwelt sind
Um dieses scheinbare Paradoxum zu begreifen müssen wir uns erinnern dass es
eine zweifache Art von Würklichkeit gibt welche in concreto nicht allemal so
leicht zu unterscheiden ist als manche Leute denken
So wie es nämlich allen Egoisten zu trotz Dinge gibt die wirklich außer
uns sind so gibt es andre die bloß in unserm Gehirn existieren Die ersteren
sind wenn wir gleich nicht wissen dass sie sind die andre sind nur in so fern
wir uns einbilden dass sie seien Sie sind für sich selbst nichts aber sie
machen auf denjenigen der sie für wirklich hält die nämliche Wirkung als ob
sie etwas wären und ohne dass die Menschen sich deswegen weniger dünken sind
sie die Triebfedern der meisten Handlungen des menschlichen Geschlechts die
Quelle unsrer Glückseligkeit und unsers Elends unsrer schändlichsten Laster und
unsrer glänzendesten Tugenden
Welche Fee oder ZauberPalast ist schimärischer als dieser Nachruhm von
welchem doch die größten Männer gestanden haben dass er der Endzweck ihrer
schönsten Unternehmungen gewesen sei Alexander der den fabelhaften Zug des
Bacchus nach Indien realisierte und sich in tausend freiwillige Gefahren
stürzte damit die Atenienser von ihm zu reden hätten zog einer eben so
unwesentlichen Schimäre nach als Don Sylvio da er auszog um den blauen Papilion
zu entzaubern in den Augen eines kalten Zuschauers der menschlichen Handlungen
ist der erste ein so großer Tor als der andere und dieser hat wenigstens den
Vorzug dass seine Schimäre keinen Schaden tat da die Schimäre des Eroberers von
Asien eine halbe Welt unglücklich machte
Doch wir fangen an zu merken dass wir uns in Betrachtungen versteigen die
uns weit genug von unsrer Absicht entfernt haben dass wir verlegen sind einen
geschicktern Übergang zu finden als den die MiscellanienSchreiber zu machen
pflegen wenn sie nach einem halben dutzend Digressionen wieder dahin zurück
wollen woher sie gekommen sind
Um also wieder zur Sache zu kommen so werden wir bei der Erzählung unsers
jungen Ritters einen Unterschied machen müssen zwischen demjenigen was ihm
wirklich begegnet war und zwischen dem was seine EinbildungsKraft hinzugetan
hatte Wir haben ihn wie man sich noch erinnern wird nach dem Abenteuer mit
dem Papilion und dem Bildnis in einem Zustand verlassen worin seine Phantasie
auf einen außerordentlichen Grad erhöht war Die Lebhaftigkeit der Bilder die
sich ihm darstellten nahm mit der Nacht desto mehr zu je weniger sie von
äußern Empfindungen geschwächet wurde es brauchte nur noch einen Grad um sie
selbst zu einer Art von Empfindungen zu machen In einer solchen Disposition
wurde er eine feurige Kugel gewahr die in der Luft daher schwebte und nach
einer Weile nicht weit von ihm zersprang Dieses nicht ungewöhnliche Meteor
welches ein Naturforscher mit beobachtenden Augen angesehen hätte vollendete
die Bezauberung eines Don Sylvio Er erinnerte sich in seinen Märchen öfters
solche flammende Kugeln gefunden zu haben aus denen allemal eine Fee auf einem
diamantnen Wagen von sechs Schwanen oder vier und zwanzig Hammeln mit goldnem
Vliess gezogen hervor kam Nach seiner Weise war also diese natürliche
Erscheinung der Anfang einer übernatürlichen und mehr brauchte es nicht um die
Phantasien die schon geformt und zur Geburt zeitig in seinem Kopf lagen in
eine Reihe von vermeinten Empfindungen zu verwandeln die von einem Traum nur
darin unterschieden waren dass er dabei wachte und durch ihren Zusammenhang mit
seinen vorhergehenden und nachfolgenden Ideen desto stärker betrogen wurde sie
für wirklich zu halten
Dieses ist wenigstens nach unserer Meinung die wahrscheinlichste Erklärung
die man von dergleichen Visionen geben kann Allein wir sind weit entfernt sie
jemanden aufdringen zu wollen Don Sylvio war allein da ihm die Fee Radiante
erschienen sein soll und man kann allen Zweiflern Materialisten Deisten und
Panteisten kühnlich Trotz bieten jemals zu erweisen dass die Fee Radiante
oder ihre Erscheinung etwas unmögliches sei Wir können also unsre Erklärung für
mehr nicht geben als für eine bloße Vermutung und wenn die Liebhaber des
Wunderbaren geneigter sein sollten hierüber dem Don Sylvio selbst zu glauben
welcher unstreitig ein AugenZeuge und außer allem Verdacht eines vorsetzlichen
Betrugs ist so haben wir nicht das geringste dagegen einzuwenden
Zweites Buch
Erstes Kapitel
Ein Exempel dass Sprödigkeit den Zorn der Venus reizt
Indessen dass Don Sylvio zu seiner abenteuerlichen Wanderschaft Anstalt machte
war Donna Mencia beschäftigt ihn durch ein Mittel zurück zu halten von
welchem er sich eben so wenig träumen ließ als sie von seiner Liebe zu einem
bezauberten Schmetterling
Wir haben bereits gemeldet dass sie seit einiger Zeit häufige Reisen in das
benachbarte Städtchen tat um welche Don Sylvio sich zwar nichts bekümmerte die
aber in der Tat auf nichts anders abzielten als ihm einen schlimmern Streich zu
spielen als er von der vereinigten Bosheit aller Fanferlüschen und Karabossen
der ganzen Welt nur immer hätte erwarten können
Man erinnert sich vielleicht noch dass die Donna Mencia ungeachtet ihrer
außerordentlichen Sprödigkeit in ihrer ersten Jugend keine gänzliche Feindin
der Liebe gewesen war und wenn wir die Wahrheit unverblümt sagen sollen so ist
vielleicht niemalen ein Frauenzimmer gewesen dem die Tugend wozu die
Umbarmherzigkeit der Mannsleute sie verurteilte beschwerlicher gefallen wäre
Man will so gar wissen dass seit dem sie sich aus der großen Welt in eine
Einsamkeit zurück gezogen welche der erzwungenen Sprödigkeit nicht sehr günstig
zu sein pflegt ihre Bedürfnisse mehr als einmal so dringend geworden dass sie
wenn wir es anders ohne Beleidigung des Geschlechts zu dem sie gehörte sagen
können so gar einem gewissen Stall bedienten im Hause Aufmunterungen gegeben
die vielleicht nicht ohne Wirkung geblieben wären wenn die Reizungen der jungen
Maritorne diesen plumpen Liebhaber nicht gegen alle Vorzüge eines hochadelichen
Gerippes unempfindlich gemacht hätten Was auch an dieser Anecdote sein mag so
ist gewiss dass sie in diesem Stück unglücklich genug war um genötigt zu sein
in den unzulänglichen Täuschungen einer aufgereizten EinbildungsKraft den
Schatten eines Vergnügens zu suchen dessen Größe ihre Unerfahrenheit nach der
Wut ihrer Begierden abmass Der Abscheu den sie vor den Erzählungen eines Bocaz
und selbst vor den unschuldigsten Scherzen eines Lope de Vega bezeugte hinderte
nicht dass die Gespräche die irgend ein moderner Sotades der berühmten Aloysia
Sigea aufgeschoben das Buch waren welches allezeit unter ihrem Hauptküssen
lag eine Gewohnheit die sie vielleicht mit dem Exempel des heiligen
Chrysostomus zu rechtfertigen glaubte welcher den eben so sotadischen Komödien
des Aristophanes die nämliche Ehre widerfahren ließ
So unanständig es vielleicht scheinen möchte dass wir durch Aufdeckung
dieser Heimlichkeiten die Vorteile vernichtet haben welche die Welt von dem
erbaulichen Beispiel der keuschen Donna Mencia hätte ziehen können so nötig war
es die Pflichten der historischen Treue in diesem Stücke zu erfüllen da eine
übertriebene Diskretion die Wahrhaftigkeit unsrer Geschichte in Absicht dessen
was wir nun zu melden haben nicht wenig hätte verdächtig machen können
Um also unsre Leser nicht länger aufzuhalten so war es nur mehr als zu
gewiss dass weder ihre Tugend noch der Stolz auf ihre Geburt noch sechzig
Frühlinge die sie bereits erlebt hatte ihr zärtliches Herz gegen die Liebe zu
schützen vermochten die ein gewisser Procurator von Xelva so glücklich war ihr
einzuflößen
Sie hatte ihn bei einer bejahrten Freundin kennen gelernt bei der er in
Geschäften öftere Besuche ablegte und die Nachrichten die sie von seinen
Umständen einzog schienen dem Anschlag überaus günstig zu sein den sie beim
ersten Anblick auf seine Person gemacht hatte
Dieser würdige Mann nennte sich Rodrigo Sanchez und war sein Talent für
die Rabulisterei ausgenommen durch seine körperliche Vorzüge merkwürdiger als
durch die Annehmlichkeiten seines Geistes Er war ein untersetzter Mann von
mittler Größe breit geschuldert krause Haare kleine funkelnde Augen die von
großen schwarzen Augbrauen wie von einem dunkeln Gebüsche beschattet wurden
eine große HabichtsNase und ein paar Beine die im Notfall stark genug gewesen
wären einen Atlas zu unterstützen
Wir können nicht für gewiss sagen ob die Figuren von dieser Art den Spröden
von Profession überhaupt so gefährlich sind als man bemerkt haben will gewiss
ist dass Herr Rodrigo in den Augen der Donna Mencia ein Adonis war und die Ehre
hatte beim ersten Anblick über die Abneigung zu siegen so sie jederzeit gegen
den Ehestand hatte spüren lassen und den Wunsch in ihr zu erregen mit ihm an
dieses Joch gespannt zu werden ungeachtet er kaum vierzig Jahre hatte und noch
ein Junggeselle war
Wenn die Augen dieses neuen Adonis nicht dankbar genug waren in ihr eine
Venus zu sehen so hatte er doch so bald er merkte dass es um eine Heurat zu
tun sei einen Beweggrund der auf Leute von seiner Art eben so kräftig zu
würken pflegt als die persönlichen Reizungen auf Liebhaber von feinerm Metall
Der Herr Procurator hatte von einem älteren Bruder der ein JuwelenHändler
gewesen war eine Nichte Mergelina genannt die seit dem Tode ihrer Eltern
nebst einem Vermögen von hundert tausend Ducaten unter seiner Vormundschaft
stund So gleichgültig ihm seine Nichte für ihre eigene Person war so zärtlich
liebte er ihre Ducaten und er hatte schon lang umsonst auf ein gesetzmässiges
Mittel studiert sich derselben oder doch eines guten Teils davon zu
bemächtigen als die Leidenschaft die er das Glück hatte der Donna Mencia
einzuflößen ihm eine erwünschte Gelegenheit zu geben schien seine Absicht zu
erreichen Seine Nichte welche unstreitig ein sehr reizendes Vermögen besaß
hatte bereits etliche Freier abgewiesen weil sie nur bürgerlich waren denn sie
hatte sichs nun einmal in den Kopf gesetzt entweder eine Edelfrau zu werden
oder als Jungfer zu sterben Herr Rodrigo zweifelte also nicht sie zu allem zu
bereden was er nur wollte in so fern er ihr einen Hidalgo zum Mann geben
könnte allein die Schwierigkeit war einen zu finden der so gefällig wäre als
es Herr Rodrigo haben wollte Die Nachrichten die er von der Freundin der Donna
Mencia erhielt machten ihm Hoffnung dass sich niemand zu seinen Absichten
besser schicken könne als Don Sylvio welcher ihm als ein junger Edelmann
beschrieben wurde der ohne alle Erfahrung oder Kenntnis der Welt ungemein
großmütig und dabei gewohnt sei sich in allem von seiner Base regieren zu
lassen Er beschloss also sein Glück zu versuchen und von dem verliebten Anstoß
der alten Mencia so viel Vorteil zu ziehen als nur immer möglich sein möchte
Freilich spielte er die Rolle eines seufzenden Schäfers so lächerlich als man
sich vorstellen kann allein er brachte doch Feuer genug darein um eine so
zärtliche Person als Donna Mencia war zu überreden dass er der Verliebteste
unter allen Menschen sei
Allein so bald sich diese Dame ihres Sieges gewiss hielt erinnerte sie sich
dessen was sie ihrer Tugend und ihrem Charakter schuldig war und machte so
viele Umstände dass der Herr Procurator welcher sich wenig auf die Kunst
verstund die Spröden zahm zu machen die Geduld zehnmal verloren hätte wenn er
durch keine stärkere Gewalt als die bejahrten Annehmlichkeiten seiner Grausamen
zurück gehalten worden wäre Das beste für ihn war dass es ihr selbst so viel
Mühe kostete die keusche Flamme wovon sie brannte zu verbergen dass sie für
gut befand seine Probzeit um so mehr abzukürzen als sie keine Ursache hatte an
der Stärke seiner Leidenschaft zu zweifeln Sie willigte also endlich ein den
Herrn Rodrigo glücklich zu machen die zweifache Heurat des Oheims mit der
Tante und des Neffen mit der Nichte wurde beschlossen und der Herr Procurator
setzte einen Kontract auf worin die Vorteile der ersteren nicht vergessen waren
Donna Mencia hatte ihren Neffen allzuwohl gezogen als dass sie an seiner
Einwilligung im geringsten hätte zweifeln sollen Indes machte ihr der Gedanke
doch einige Mühe dass diese doppelte Verbindung dem Adel ihres Geschlechts auf
den sie immer stolz gewesen war in den Augen der Welt nicht wenig derogieren
würde und so sehr auch die Heftigkeit ihrer Leidenschaft durch die blendenden
Verdienste des Herrn Rodrigo Sanchez gerechtfertiget zu werden schien so würde
sie sich doch kaum haben entschließen können derselben eine so große
Bedenklichkeit aufzuopfern wenn Herr Rodrigo der ein starker Genealogiste war
ihr nicht Hoffnung gemacht hätte in kurzem einen Stammbaum zu Stande zu
bringen in welchem er den Ursprung seiner Familie in gerader Linie von einem
natürlichen Sohn des Kastilianischen Königs Sancho des Großen herleiten wollte
Zweites Kapitel
Ein Gemälde im Geschmacke des Kalot
Don Sylvio der den Kopf von Schmetterlingen und grünen Zwergen voll hatte ließ
sich wenig davon träumen dass seine gnädige Tante indes dass er auf die
Befreiung seiner beflügelten Prinzessin dachte damit umging ihn mit einem
BürgerMädgen von Xelva zu verheuraten und wenn man die Wahrheit sagen soll
mit dem hässlichsten Dinge das jemals geheuratet worden ist
Er war also nicht wenig bestürzt da er sie ehe noch Pedrillo mit den
Zurüstungen zur Reise fertig war in Gesellschaft eines Frauenzimmers und einer
Mannsperson die ihm gänzlich unbekannt waren zurück kommen sah Er erstaunte
noch mehr da er diese fremde Figuren in der Nähe betrachtete und insonderheit
kam ihm die junge Dame so außerordentlich vor dass er sie Anfangs für eine
angekleidete Meerkatze hielt Pedrillo der ihnen aus der Kutsche steigen half
hatte alle Mühe von der Welt sich beim Anblick derselben des Lachens zu
enthalten und Don Sylvio so höflich er sonst war trat in der ersten
Bestürzung ein paar Schritte zurück ohne die Zufriedenheit zu bemerken die
sich bei seinem Anblick über ihr liebliches Gesicht ausbreitete
In der Tat hatte die weise Mencia um eine Nichte zu haben die ihren eignen
Reizungen keinen Eintrag täte keine bequemere Person auswählen können als Donna
Mergelina
Wir wollen einen Versuch wagen ob wir die Einbildungskraft unsrer Leser in
den Stand setzen können sich einige Vorstellung von ihr zu machen
Sie war vollkommen zwei Ellen und vier Daumen hoch von einer Schulter zur
andern bei nahe eben so breit und überhaupt so regelmäßig gebaut dass ihr Kopf
ungefähr den vierten Teil ihrer Höhe ausmachte Hals Brust und Unterleib aber
sich so unmerklich in einander verloren dass man unmöglich sehen konnte wo
eines anfing und das andere aufhörte Ungeachtet der außerordentlichen Länge
ihres Kinns stellte ihr Gesicht doch ein ziemlich regelmässiges Viereck vor denn
ihre Stirne war gerade um so viel zu niedrig als ihr Kinn zu lang war Ihre
Augen waren so rund und standen so weit aus dem Kopf hervor dass das Beiwort
welches Homer der Juno zu geben pflegt ausdrücklich für Donna Mergelina gemacht
zu sein schien Ihr Mund war von einer so geräumigen Weite dass man den
Schaumlöffel des Prinzen Tanzai ohne die mindeste Gefahr ihrer breiten Zähne
darin hätte hin und wieder schieben können und wenn ihre Lippen jemals von
einem Poeten zum Sitz der Gratien gemacht worden sind so müssen wir gestehen
dass es ein Kanape war auf dem diese Göttinnen Platz genug gehabt hätten sich
im Notfall noch mit etlichen jungen LiebesGöttern herum zu tummeln Ihre Nase
war in der Tat um etwas zu klein denn man hatte Mühe zwischen ihren dicken und
hangenden Backen etwas erhabenes zu entdecken welches man endlich an den
aufgestülpten Naslöchern für eine Nase gelten lassen musste allein das war auch
das einzige an ihrer ganzen Person woran sich die Natur zu karg bewiesen hatte
Zum Ersatz hatte sie hingegen einen Rücken der so hoch war als sie sich nur
wünschen konnte ein paar hübsche lange Ohren und die Hände und Füße so breit
als es nötig war damit sie im Wasser und auf dem Trocknen zugleich leben
könnte Allein was selbst nach ihrer eigenen Absicht alle diese Schönheiten
verdunkeln sollte war ein Busen aber ein Busen wie man zumal in Spanien
wenige sieht in der Tat ziemlich weiß aber von einem so unmässigen Umfang dass
er für eine Statue der Venus Kallipygos sehr füglich das Modell zu einem ganz
andern Teile des Leibes hätte abgehen können Sie schien sich auf diese Art von
Schönheit so viel einzubilden dass sie dieselbe mit einer Freigebigkeit
auslegte welche von strengen Sittenlehrern vielleicht ärgerlich hätte genennt
werden können wenn sie weniger ekelhaft gewesen wäre
Was die Farben betrifft so die Natur gebraucht hatte ein solches
Meisterstück auszuschmücken so waren sie allerdings so wunderbar gemischt dass
sie einem Vandyk zu schaffen gegeben hätten Sie hatte weder blonde Haare wie
Ceres noch braune wie Venus noch goldfarbe wie die Schöne mit den goldnen
Haaren die ihrige waren feuerfarbig und dabei von Natur so geradlinicht und
kurz dass sie die Kunst und Geduld einer Cypassis2 zu Schanden gemacht hätten
Ihre Augen waren hellgrau Stirne und Wangen olivenfarbig und wo es sich
gehörte mit braunrot getuscht ihr Maul wenn es uns für diesmal erlaubt ist
dieses Wort zu gebrauchen spielte ein wenig auf meergrün und verlor durch die
Schwärze ihrer großen ungleich gewachsenen Zähne nicht das mindeste von seiner
Anmut und ihre Arme und Hände hatten eine so natürliche LederFarbe dass sie
die Ausgabe völlig ersparen konnte die andre Frauenzimmer auf Hundslederne
Handschuhe wenden müssen Alles dieses nun welches ohne Zweifel eine Art von
Figuren ausmachte die man selten anderswo als auf Kaminen zu sehen bekommt war
durch einen Putz erhöht der von dem Geschmack der schönen Mergelina eine so
gute Meinung erweckte dass man sie nur anzusehen brauchte um die ungemeine
Harmonie des Leibes und der Seelen in ihr zu bewundern die nach den Grundsätzen
des Pythagoras die höchste Schönheit ausmacht Sie trug einen Rock von
hochgelbem Atlas mit Silber gestickt ein Korset von grünem Taft himmelblaue
Bänder eine Feuerfarbe Feder carmesinrote Schuh mit Gold und rosenfarbe
Strümpfe mit silbernen Zwickeln Diese liebenswürdige Person hatte mit Hilfe des
höflichen Don Sylvio kaum einen kleinen Saal erreicht in welchem Donna Mencia
ihre Besuche anzunehmen pflegte als ihr erstes war zu einem Spiegel zu
watscheln um wie sie sagte die Unordnung zu verbessern so die Reise in ihrem
Anzug gemacht hatte Man setzte sich hierauf und während dass die Dame Beatrix
mit einigen Erfrischungen erwartet wurde schien jede Person in dieser kleinen
Gesellschaft verlegen zu sein was sie mit sich selbst und mit den andern
anfangen sollte Donna Mergelina spielte mit ihrem Fächer oder gaffte in den
Spiegel dem sie sich gegen über gesetzt hatte Herr Rodrigo sah bald die
jugendliche Mencia bald seine Beine an Don Sylvio machte große Augen und schien
zerstreut und die gute Tante hatte immer den Mund halb offen ohne dass sie
wusste was sie sagen wollte Herr Rodrigo war eben im Begriff zu bemerken dass
es schön Wetter sei als die aufwartsame Beatrix herein trat um die
Konversation mit einem großen Korb voll frischer trockner und eingemachter
Früchte zu beleben Jetzt wurde der Gesellschaft auf einmal leicht ums Herz
Donna Mergelina hatte Anlass ihre gute Erziehung sehen zu lassen indem sie mit
vielen Komplimenten und Verneigungen die Ungelegenheit bedaurte die man sich
ihrentwegen mache Komplimente und Grimassen die von der höflichen Donna Mencia
mit eben so vielen Gegen Komplimenten und GegenGrimassen beantwortet wurden
Man machte hierauf die Beobachtung dass die Erdbeeren sehr groß und die Kirschen
von vortrefflichem Geschmack seien man lobte die eingemachten Nüsse und
Pfersiche und Donna Mencia nahm davon Anlass zu einer gelehrten Abhandlung von
der Kunst Konfituren zu machen bei welcher der Herr Procurator so lange Weile
hatte dass er sich möglichst angelegen sein ließ den Gegenstand derselben aus
dem Wege zu räumen um das Gespräch auf einen Prozess lenken zu können den er
wirklich unter Händen hatte und wovon er sobald er Gelegenheit hatte das Wort
zu nehmen die Damen auf eine sehr galante Art unterhielt
Drittes Kapitel
Gespräch zwischen der Tante und dem Neffen
Nach einiger Weile kam die Dame Beatrix mit verschiedenen Weinen und abgezogenen
Wassern wieder in den Saal und während dass sie auf einen Wink ihrer
Gebieterin die Gäste mit ihrem geistreichen Gespräch unterhielt zog sich diese
mit ihrem Neffen in ein anders Zimmer zurück um ihm zu erklären was dieser
Besuch zu bedeuten habe
Ihr seid ja ganz außerordentlich geputzt Don Sylvio fing sie an Ihr
wusstet doch nicht dass ich Gesellschaft mitbringen würde
Nein gnädige Tante erwiderte Don Sylvio errötend und stotternd aber
ich weiß nicht ich vermutete
Ihr bedürft gar keiner Entschuldigung deswegen versetzte Donna Mencia ihr
hättet euch zu keiner gelegenern Zeit putzen können und ich bin geneigt es
einer Art von Ahnung zuzuschreiben
Hierauf nahm sie Platz räusperte sich etlichemal und eröffnete ihm endlich
nach verschiedenen Vorreden nicht ohne ein wenig zu erröten ihr gedoppeltes
Vorhaben ihn mit der schönen Mergelina zu vermählen und das EigentumsRecht
über ihre eigne Person dem verdienstvollen Herrn Rodrigo Sanchez abzutreten Sie
unterließ nicht ihm die großen Vorteile anzupreisen die ihm aus dieser
Vermählung zugehen würden und ihren Reden nach hatte er Ursache sich ihr für
eine so ausnehmende Probe ihrer Fürsorge für seine Glückseligkeit noch sehr
verbunden zu achten
Allein Don Sylvio war weit entfernt so gelehrig und dankbar zu sein als
seine Tante vermutet hatte Das Erstaunen das ihn beim Anfang ihrer Rede
befiel verwandelte sich beim Ende derselben in einen Unwillen den er kaum
zurück halten konnte
Jedoch tat er sich die äußerste Gewalt an und sagte endlich nach einer
ziemlich langen Pause mit einer Mine worin mehr Befremdung als Verdriesslichkeit
herrschen sollte Ich gestehe ihnen Frau Tante dass ich nicht begreife was sie
mit allem diesem haben wollen Ich bin kaum achtzehen Jahre alt meine Geburt
und die Erziehung die sie mir gegeben haben bestimmen mich in kurzem diese
müßige LandlebensArt zu verlassen und auf dem Wege ritterlicher Abenteuer ein
anständiges Glück zu suchen Sie selbst haben mir diese DenkungsArt eingeflößt
und nun wollen sie mich plötzlich mit einem kleinen BürgerMädgen verheuraten
dessen Missgestalt und persönliche Mängel fähig wären auch den geldgierigsten
Harpax abzuschrecken und mit welchem ich lebenslänglich verurteilt sein würde
mich in dieses elende Dorf zu verbannen um mein Unglück und meine Schande vor
der ganzen Welt zu verbergen
Ihr vergesst erwiderte Donna Mencia die Ehrerbietung die ihr mir schuldig
seid und ich gestehe euch dass ich mehr Gehorsam
Gehorsam fiel ihr Don Sylvio hitzig ein wenn sie mich an ein Ungeheuer
anfesseln wollen dessen bloßen Anblick zu vermeiden ich bereit wäre in den
offenen Rachen eines Löwen zu rennen
Man weißt sehr wohl erwiderte Donna Mencia mit einem höhnischen
Nasenrümpfen dass ihr euch außerordentlich viel mit eurer Schönheit wisst aber
wir wollen uns in keinen Streit hierüber einlassen Donna Mergelina verdient die
Verachtung gar nicht die ihr für sie habt sie ist eine liebenswürdige Person
und wenn sie es auch weniger wäre so ist eine Partei von hundert tausend
Ducaten wahrhaftig keine Sache die ein kleiner Edelmann der jährlich kaum
hundert Pistolen wert ist so trotzig ausschlagen kann
Es ist noch nicht so lange Gnädige Frau antwortete Don Sylvio gelassner
dass sie den Wert eines Edelmanns nicht nach seinen Einkünften abwogen und wenn
hundert tausend Ducaten meine Augen nicht genug bezaubern können um diese
Person die sie Donna Mergelina nennen liebenswürdig zu finden so ist es außer
dem Himmel dem ich mein Herz zu danken habe niemand anders als Donna Mencia
die mich den Reichtum verachten gelehrt hat so bald er mit Niederträchtigkeit
erkauft werden muss
Und worin besteht denn erwiderte sie das Niederträchtige wenn ihr Donna
Mergelina heuratet Sind gleich ihre Voreltern durch Unglücksfälle genötigt
worden eine Abstammung zu verbergen die vielleicht so edel ist als eine im
Königreich ich weiß was ich rede Don Sylvio so hat doch das Glück das ihnen
seit dem desto günstiger gewesen ist sie in den Stand gesetzt ihre eigene
Familie wieder empor zu heben und der unsrigen einen Glanz wieder zu geben den
eine schimpfliche Dürftigkeit auszulöschen bereit war
Unverschuldete Dürftigkeit ist nie schimpflich versetzte Don Sylvio mit
Wangen die von einer edelen Röte glühten überlassen sie es mir Gnädige Frau
für den Glanz meines Namens zu sorgen ich spüre Mut genug in mir dem Unglück
Trotz zu bieten welches ihn zur Dunkelheit zu verurteilen scheint Donna
Mergelina mag edel sein wenn sie wollen aber ich versichere sie wenn sie auch
von dem großen Cid selbst abstammete und mir alle Goldgruben von Peru zur
Mitgift brächte so werde ich sie nicht heiraten
Du wirst sie nicht heiraten rief Donna Mencia mit einem Ton der sich für
einen Untergebenen von zwölf Jahren besser geschickt hätte Ich sage dir aber
dass du sie heiraten sollst oder du sollst sehen ob Donna Mencia das Ansehen zu
behaupten weißt das ihr die Natur und deines Vaters Willen über dich gegeben
haben du sollst sie heiraten sag ich oder Keine vergebliche Drohungen
unterbrach sie Don Sylvio mit einer Mine und einem Anstand der sie ein wenig
bestürzt machte ich kenne den Umfang meiner Pflichten gegen sie und die
Grenzen ihrer Rechte über mich Heuraten sie immer den Herrn Rodrigo Sanchez
ich werde mir nie einfallen lassen es übel zu finden aber erlauben sie mir in
den Jahren worin ich bin eine Verbindung abzulehnen die sich in keiner
Betrachtung für mich schickt
Bei diesen Worten geriet die alte Dame in Flammen Ich verstehe dich rief
sie und klappte etliche faule Zähne zusammen die noch wie alte Denkmäler hier
und da aus ihrem weiten Munde hervor ragten ich sehe die ganze Bosheit des
geheimen Vorwurfs den ihr mir machen wollt aber ich verachte euch und alles
was ihr sagen könnt Wie ein Knabe von eurem Alter sollte besser wissen als
ich was sich schickt oder was sich nicht schickt doch es ist unnötig dass ich
mich ereifere Wenn du noch zu unreif bist den Wert meiner Fürsorge für dich zu
schätzen so werde ich doch nicht zugeben dass deine Unbesonnenheit dich eines
Glücks verlustig mache welches alles übertrifft was du jemals erwarten
konntest Du machst den Versuch zu früh ein Joch abzuschütteln das ich
leichter oder schwerer machen kann je nachdem ich es nötig finde denn kurz und
gut mein Herr Neffe ihr steht unter mir und ich werde mir Gehorsam zu
verschaffen wissen
Ihre Aufführung erwiderte Don Sylvio ganz ergrimmt beweist dass graue
Haare nicht allezeit sichre Bürgen der Weisheit sind Wissen sie aber hiemit
dass ich weder alt noch jung genug bin mich zum Opfer ihrer lächerlichen
Leidenschaft machen zu lassen Ich entlasse sie aller Pflicht für mein Glück zu
sorgen und wenn ich ihre missgeschaffene Mergelina und die hundert tausend
Ducaten womit sie meine Liebe bestechen will verschmähe so glauben sie nur
dass ich meine Ursachen habe ich weiß auch was ich rede Donna Mencia und dass
ich unter dem Schutz worin ich stehe alle Drohungen verachten kann womit sie
mich wie einen kleinen Züchtling zu schrecken gedenken
Mit diesen Worten eilte er aus dem Zimmer fort und begab sich in den
Garten wo er vor Unwillen außer sich selbst hin und wieder lief und mit
Ungeduld auf seinen getreuen Pedrillo wartete
Viertes Kapitel
Mutmaßungen des Don Sylvio
Er verabredet seine Entweichung mit dem Pedrillo
Pedrillo der was er auch sagen mochte eben so vorwitzig als plauderhaft war
hatte an einer kleinen Seitentüre des Zimmers die ganze Unterredung angehört
die sein Herr mit Donna Mencia gehabt hatte
Wie er nun sah dass er im größten Zorn in den Garten lief so schlich er
ihm nach und traf ihn in einem Gange von KastanienBäumen an wo er die Hände
auf dem Rücken gefaltet mit großen Schritten hin und wieder ging und ziemlich
laut mit sich selber redete Er sah so wild aus dass Pedrillo sich nicht
getraute ihm näher zu kommen Allein so bald Don Sylvio seiner gewahr wurde
rief er ihm und sagte Ich sehe wohl dass du dich vor meinen Vorwürfen
fürchtest denn wenn deine unzeitigen Sorgen nicht gewesen wären so wären wir
jetzt schon weit von diesem verwünschten Hause entfernt woraus wir nun wie ich
besorge ohne den Beistand der mächtigen Radiante schwerlich entkommen werden
Aber besorge nichts mein Freund ich weiß dass du keine böse Absicht hattest
und ich bin nicht so unbillig dass ich dir Begegnisse zur Last legen sollte an
denen allein mein widriges Schicksal und die Bosheit der Zauberer meiner Feinde
schuld ist
Mit diesen Worten nahm er ihn bei der Hand führte ihn in eine Laube und
nachdem er ihm befohlen hatte sich auf allen Seiten umzusehen ob sie auch
allein wären sagte er mit leiser Stimme zu ihm Höre Pedrillo ich will dir
meine innersten Gedanken entdecken ich bin vollkommen überzeugt dass diese alte
hagre Frau die du mit den zweien Ungeheuern aus der Kutsche steigen sahst
nicht meine Tante Donna Mencia ist ob ich gleich beim ersten Anblick selbst
betrogen wurde sie dafür zu halten Ganz gewiss ist es die boshafte Fanferlüsch
die ihre Gestalt angenommen hat um desto gewisser die Anschläge zu zerstören
welche die wohltätige Radiante zu meinem Glück gemacht hat Ich habe Merkmale
Pedrillo die mir keinen Zweifel übrig lassen denn so gut auch diese anmassliche
Donna Mencia sich zu verstellen wusste so bemerkte ich doch in der Unterredung
die ich mit ihr hatte etlichemal etwas grässliches in ihren Augen das meine
Tante niemals gehabt hat Kurz denn ich kann mich jetzt nicht umständlich
herauslassen ich habe über diesen Punkt nicht den mindesten Zweifel
Fanferlüsch wird die Verwandlung des grünen Zwergs erfahren haben und um
zu verhindern dass ich mit Hilfe der mächtigen Radiante nicht dazu gelange den
blauen Papilion zu entzaubern ist sie in Gestalt der Donna Mencia hieher
gekommen um mich zu einer Heurat zu nötigen die ich verabscheuen würde wenn
gleich diejenige die sie mir zur Braut aufdringen will eben so schön wäre als
sie abscheulich ist
Glaubt ihr das Gnädiger Herr antwortete Pedrillo der ihm mit großer
Aufmerksamkeit zugehört hatte wenn ich die Wahrheit gestehen soll so dächte
ich fast selbst dass ihr recht haben könnt denn ich merkte gleich wie ich sie
aussteigen sah dass es nicht mit rechten Dingen zuging und seit dem ihr mir
eure Gedanken gesagt habt wollte ich schier wetten dass diese Donna
Schmergelina oder wie sie heißt des grünen Zwergs leibliche Schwester wäre
wenn sie nicht Gott behüt uns noch etwas ärgers ist denn ich will nicht
ehrlich sein wenn ich in meinem Leben einen so hässlichen WechselBalg gesehen
habe Jetzt reut es mich dass ich ihr nicht gleich auf die Füße sah aber das
hab ich doch gesehen dass sie ganz grün im Gesicht und am Leibe war und dass sie
einen Buckel und ein paar entsetzlich lange Ohren hatte
Mit allen diesen Schönheiten versetzte Don Sylvio verlangt sie nichts
geringers als dass ich sie heiraten soll
Ihr sollt sie heiraten rief Pedrillo heiraten Ihr ein solches Mondkalb
heiraten Ihr müsstet ja gar den Verstand verloren haben verzeiht mir gnädiger
Herr dass ich so sage denn ich weiß doch wohl dass ihrs nicht tun werdet Zum
Henker was bildt sich das AffenGesicht ein das wäre wohl ewig Schade wenn
ein so hübscher junger Herr einem solchen kleinen Meer Drachen in den Armen
liegen sollte Beim Element da wird nichts draus Jungfer Schmergelina lass dir
heim geigen oder wenn du ja geheuratet sein willst so lass dich den Zwerg
Migonnet heiraten der schickt sich besser für dich hi hi hi das würde mir
ein Paar sein das zusammen taugte Sapperment wenn er ein dutzend Finken und
Distelvögel auf der Nase sitzen hätte wie die Historie sagt so setzte sie ein
halb dutzend Meerschweinchen auf ihren breiten Busen das würde gut lassen dass
dich die Pest Ja wohl da Man heuratet nur gleich solche LebKuchenGesichter
Ich habe zwar gehört dass sie hortreich sein soll aber wenn sie sich auch von
Fuß auf übergülden ließe so möcht ich sie nicht ob ich gleich nur ein armer
Kerl bin Weniger Geld Jungfer Fanferlüschin und mehr Schönheit oder sucht
eure Heurater anderswo wenn ihr so gut sein wollt
Don Sylvio musste über den Eifer womit Pedrillo alles dieses närrische Zeug
vorbrachte lachen so wenig er auch Lust dazu hatte da er es aber gar zu lange
machte so fiel er ihm endlich ein und sagte Mein lieber Pedrillo die Sache
ist ernsthafter als du dir vielleicht einbildest Fanferlüsch ist eine von den
schlimmsten und rachgierigsten Feen die jemals gewesen sind und ihre Macht ist
nicht geringe wenn sie es ist die diesen Abend in Gestalt meiner Tante hieher
gekommen ist mir diese ungeheure Mergelina aufzudringen
Sapperment unterbrach ihn Pedrillo den diese Worte plötzlich auf einen
andern Ton stimmten wenn die gnädige Frau eure Tante nicht eure Tante
sondern wie ihr sagtet die verfluchte Fanferlüsch ist so helf uns der Himmel
denn wie wollt ihr dass wir uns gegen Zauberer und Gespenster helfen sollen
Höre Freund Pedrillo sagte Don Sylvio es ist kein ander Mittel übrig als
dass wir uns in dieser Nacht noch aus dem Hause machen
Diese Nacht noch rief Pedrillo ganz erschrocken aus o gnädiger Herr
bedenket doch was ihr sagt die Nacht ist ohnehin Niemands Freund aber in
solchen Umständen seht ihr wollt ich keinen Fuß aus dem Hause setzen und wenn
ihr mir auch so viel Quadrupel geben wolltet als ich Haare auf dem Kopf habe
Ich will des Todes sein wenn wir nicht bei jedem Tritt ein paar tausend
Gespenster Drachen und Stachelschweine antreffen die uns allenthalben den Pass
verrennen Ich bitte euch Herr Don Sylvio
Schweige mit deinen abgeschmackten Possen sagte Don Sylvio hab ich nicht
das Bildnis der Prinzessin deren Anblick gewiss allein schon hinlänglich ist
alle Ungeheuer von Africa in Ehrfurcht zu halten und auf allen Fall hat uns ja
die Fee Radiante ihren Schutz versprochen Wir werden dem Ansehen nach eine
schöne heitre Nacht haben und wenn auch der Mond nicht schiene so zweifle ich
nicht dass sie uns im Notfall einen von ihren Salamandern oder etliche schicken
wird die unsern Weg beleuchten und uns gegen alle Verfolgungen der Fanferlüsch
sicher stellen werden Mit einem Wort Pedrillo mein Freund wenn du mich lieb
hast so sei mir zu meinem Vorhaben behilflich denn wenn wir diese Gelegenheit
zur Flucht versäumen so weißt der Himmel ob wir sie jemals wieder finden
werden Sei versichert dass ich nicht undankbar sein werde Ich verspreche nicht
gern mehr als ich halten kann aber wenn ich einmal meine Prinzessin gefunden
habe so darfst du darauf zählen dass dein Glück gemacht sein soll Willt du
mich aber nicht begleiten so sei versichert dass ich lieber allein gehen ja
lieber tausendmal den Tod leiden als noch eine Nacht in diesem verwünschten
Schloss bleiben will
Pedrillo war ungeachtet seiner Furchtsamkeit der guterzigste Narr von der
Welt die Tränen kamen ihm in die Augen da er seinen Herrn so reden hörte und
er entschloss sich endlich allen Gespenstern Fanferlüschen und Schmergelinen zu
trotz mit ihm davon zu gehen in welcher Stunde der Nacht es ihm belieben werde
Fünftes Kapitel
Ein Spaziergang Klugheit des Don Sylvio
Sie hatten ihre Abrede kaum genommen als sich in einiger Entfernung die
schmetternde Stimme der Donna Mencia hören ließ die ihre Gäste frische Luft zu
schöpfen in den Garten führte der zwar aus Mangel an Unterhaltung wild genug
aus sah aber seiner Anlag und Einrichtung nach überaus anmutig war Pedrillo
hatte kaum so viel Zeit sich hinter etliche Hecken von Myrten in einen andern
Gang zu schleichen wo er unbemerkt aus dem Garten kommen konnte Don Sylvio
aber blieb auf seiner Bank sitzen bis ihm die kleine Gesellschaft näher kam
Da es ihm ungeachtet seiner Torheiten nicht an Vernunft fehlte so begriff
er bei der ersten Überlegung dass er um die Entweichung die er vorhatte besser
zu verbergen ein Betragen annehmen müsse welches ohne mit der Erklärung die
er seiner anmasslichen Tante gegeben einen allzustarken Absatz zu machen doch
Hoffnung fassen ließe dass er nach und nach vielleicht gewonnen werden könnte
Er ging also der Gsellschaft mit langsamen Schritten und einem Gesicht
entgegen welches weder ganz bewölkt noch ganz heiter war er mischte sich mit
einer guten Art in ihre Gespräche und verbarg so gut er konnte den Ekel und
das innerliche Grauen so ihm die Schwester des grünen Zwergs in desto höherm
Grad verursachte je mehr sie sich Mühe gab ihm zu gefallen und ihn merken zu
lassen wie sehr er nach ihrem Geschmack sei
Zu gutem Glück ersetzte die Eitelkeit der schönen Mergelina alles was eine
Person von feiner Empfindung an seinem Betragen vermisst hätte so reichlich dass
sie vollkommen mit ihm zufrieden schien obgleich alles wozu er sich zwingen
konnte in den Grenzen der gleichgültigen Höflichkeit blieb die man einem Gast
und dem Geschlecht schuldig ist wozu sie zu gehören schien
Was seine Tante betrifft so konnte wohl nichts überflüssigers sein als die
Sorge die er sich machte dass sie sein Vorhaben nicht argwöhnen möchte Sie
wusste dass er weder Geld noch die mindeste Bekanntschaft in der ganzen Gegend
hatte und es fiel ihr also nur nicht als etwas mögliches ein dass er mit einer
Flucht umgehen könnte wozu ihm alle Mittel fehlten Es ist wahr der Ton womit
er sich unterstanden hatte sich ihr entgegen zu setzen und besonders die
letzten Worte die ihm im Unwillen entgangen waren hatten sie stutzen gemacht
und sie hatte sich vorgenommen sich im Hause zu erkundigen ob vielleicht in
ihrer Abwesenheit etwas vorgegangen sei das ihn zu einer so ungewöhnlichen
Sprache veranlasst haben könnte Allein die Notwendigkeit ihrem geliebten Don
Rodrigo denn zu Rosalva war Herr Rodrigo Sanchez so gut Don als ein Gusmann
Gesellschaft zu leisten hatte ihr noch keine Zeit dazu gelassen und da sie
ihren Neffen jetzt so höflich gegen Donna Mergelina sah so hoffte sie dass er
sich indes eines bessern besonnen habe und hielt es für unnötig sich mehr um
Ausdrücke zu bekümmern die wie sie glaubte gar wohl bloße Eingebungen einer
unbesonnenen Jugendhitze gewesen sein könnten
Sechstes Kapitel
Don Sylvio wird in die Gärten der
Fee Radiante entzückt
Seltsames qui pro quo so daraus entsteht
Unangenehme Folgen desselben
Unsre kleine Gesellschaft oder doch wenigstens die Damen welche die Seele
davon ausmachten befanden den Spaziergang so angenehm dass die Nacht sie
überschlich ohne dass sie es merken wollten
In der Tat war es eine Nacht welche dazu gemacht schien die Liebe zu
begünstigen eine so angenehme und heitre Nacht dass die keusche Diana keine
schönere gewählt haben konnte den schönen Endymion einzuschläfern oder die
Göttin der Liebe ihren Adonis glücklich zu machen
Die zärtliche Donna Mencia und ihr Aeneas blieben unvermerkt in einer dicht
bewachsenen Laube zurück ungeachtet es ziernlich dunkel darin war und die
nicht weniger zärtliche Mergelina drückte ihrem Begleiter die Hand mit einem
Nachdruck der geschickter war die Stärke ihrer Leidenschaft als die
Leichtigkeit ihrer Hand zu beweisen in der Absicht ihn aus einer Träumerei zu
erwecken worin er sich seit einer geraumen Weile verloren hatte
Nicht weniger als die übrigen von den Schönheiten der schlummernden Natur
gerührt die im dämmernden Mondschein wie in einem Nachtgewand von
durchsichtigem Flor in nachlässiger Anmut ausgestreckt zu liegen schien hatte
der entzückte Don Sylvio vergessen wo er war und wen er neben sich hatte Er
bildete sich ein in die bezauberten Gärten der Fee Radiante versetzt zu sein er
glaubte unter gewölbten Gängen von eterischem Jasmin und niemals welkenden
Rosen zu wandeln die Sterne deuchten ihn lauter Salamander und Salamandrinnen
die sich auf dem Azur des Himmels mit Kontre Tänzen belustigten und die
Frösche die sich in einem benachbarten Graben hören ließ waren in seinen
Ohren eben so viel entzückende Stimmen die den Ruhm seiner unvergleichlichen
Prinzessin und das Glück seiner Liebe besangen Kurz er war so sehr außer sich
selbst dass er in dem Augenblick da ihn die schöne Mergelina die Schwere ihrer
Hand fühlen ließ sich einbildete seine geliebte Prinzessin an seiner Seite zu
sehen
Wie rief er ganz entzückt aus darf ich meinen Augen glauben Götter ist
es ein Traum womit mein Sehnsuchtvolles Herz mich täuscht oder seh ich sie
wirklich schönste Prinzessin und hat endlich die Stärke meiner Leidenschaft
die Gewalt einer verhassten Zauberei übermocht und ihnen diese himmlische
Gestalt wieder gegeben deren blendender Glanz die abwesende Sonne ersetzt und
einen neuen reizendern Tag über die verschönerte Natur ausbreitet
In diesem Ton der erhabensten Schwärmerei fuhr er eine gute Weile fort der
erstaunten Mergelina Dinge vorzusagen von denen sie nicht das mindeste
verstund ohne darum weniger davon gerührt zu werden Sie merkte doch wenigstens
aus dem Ton und der Lebhaftigkeit womit er sie sagte dass die Rede von sehr
feurigen Empfindungen war und da sie die Sprache der feinen Welt nur aus
Ritterbüchern und schwülstigen Romanen kannte und überdies von der Erziehung
des Don Sylvio bereits die günstigsten Vorurteile bekommen hatte so beredete
sie sich leicht dass dieses die schöne Art sei wie Leute von Stand und feiner
Lebensart ihre Liebe zu erklären pflegten Denn der Gedanke dass er ihrer
vielleicht nur spotten wolle so wahrscheinlich er auch einer dritten Person
geschienen hätte war natürlicher Weise der letzte von allen die einem
Frauenzimmer von ihrer Gattung einfallen konnten Sie hörte ihm also ohne
Unterbrechung mit desto mehr Vergnügen zu da sie hoffte dass die schönen
Sachen die er ihr vorsagte und die sie ihm in der Tat gerne geschenkt hätte
am Ende doch zu gewissen Erläuterungen führen würden wovon sie aus dem geheimen
Umgang mit einem jungen Krämer in ihrer Nachbarschaft einem sehr
antiplatonischen Gesellen gewisse Begriffe erhalten hatte und welche
allerdings mit den Begierden wovon sie gepresst wurde besser übereinstimmten
als die erhabensten LiebesErklärungen Um inzwischen doch nicht ganz untätig zu
sein und diese erwünschte Augenblicke so viel an ihr war zu beschleunigen
lehnte sie sich mit einer zärtlichen Art an ihn drückte seine Hand an ihren
Busen der von zärtlicher Sehnsucht bis an den Hals empor stieg und drehte ihre
gläsernen Augäpfel so schnell im Kopf herum dass sie electrisch wurden und
funkelten wie die Augen einer Katze im dunkeln
Allein es sei nun dass die EinbildungsKraft unsers Helden durch die
ungeheure Menge von Galimatias womit er seine vermeinte Prinzessin bewillkommt
hatte erschöpft war oder dass keine Verblendung Schwärmerei oder Bezauberung
stark genug sein konnte gegen das nähere Anschauen der Donna Mergelina
auszuhalten so warf er kaum indem sie aus dem Gebüsch hervor kamen und eine
lichte Stelle betraten einen Blick auf seine Gefährtin als er mit einem großen
Schrei und einem nicht geringeren Entsetzen von ihr zurück bebte als dasjenige
war womit die Prinzessin Lädronnete an statt eines Gemahls den sie sich
schöner als den Liebesgott eingebildet hatte den scheußlichen grünen Serpentin
in ihre Arme verwickelt fand
Himmel was seh ich rief er ganz bestürzt aus was für eine entsetzliche
Verwandlung ha verfluchte Fanferlüsch haben die Verfolgungen die ich schon
von dir erleiden musste deinen ungerechten Hass noch nicht befriedigen können
Was hab ich dir getan dass du in dem Augenblick da ich meine geliebte
Prinzessin zu umarmen glaubte diese abscheuliche Zwergin an ihre Stelle
schiebst in deren ekelhaften Umhalsung ich ohne das wohltätige Licht der
keuschen Göttin vielleicht selbst zum Ungeheuer geworden oder wie vom Anblick
der Medusa zum Stein erstarrt wäre Aber glaube nicht dass ich eine solche
Beleidigung ungerochen lassen werde Rede du kleine unausgeschaffene Missgeburt
wo ist meine Prinzessin dein Leben hängt an deiner Antwort Ich kenne die
lächerliche Ansprüche die du an mein Herz machst aber wisse dass du trotz
allen Fanferlüschen und grünen Zwergen unter meinen Füßen wie ein Wurm
zermürset werden sollst wofern du sie nicht in diesem Augenblick wieder in
meine Arme lieferst
Wer bei diesen Reden aus den Wolken fiel war die arme Mergelina Der
grimmige Ton womit er sie außstieß und die drohenden Gebärden womit sie
begleitet waren erschreckte sie so heftig dass sie ein fürchterliches Geschrei
erhub auf welches Donna Mencia und der edle Rodrigo nicht ermangelten so
schleunig herbei zu eilen als es die Unterredung erlaubte worin sie begriffen
waren
Man kann leicht erachten wie sehr sie über dasjenige erstaunten was sie
sahen und hörten Der Zustand worin sie den ergrimmten Don Sylvio antrafen und
die Erzählung so ihnen die beleidigte Schöne nicht ohne große TränenGüsse von
allem demjenigen machte was vorgegangen war brachten sie allerseits auf den
Schluss dass er verrückt sein müsse und die Reden womit er in der Hitze seines
Affects gegen sie alle fortfuhr waren nichts weniger als geschickt sie auf
bessere Gedanken zu bringen
Inzwischen liefen auf den Lerm den diese Szene machte auch die Bedienten
des Hauses herbei und das Ende davon war dass Don Sylvio ungeachtet des
tapfern Widerstands den er tat an Händen und Füßen gebunden in sein Zimmer
getragen wurde
Man kleidete ihn aus brachte ihn zu Bette und bestellte den getreuen
Pedrillo auf ihn Acht zu haben indessen dass Donna Mencia in ihrer kleinen
HausApotek beschäftigt war ein niederschlagendes Pulver für ihn zurecht zu
machen und die schnellfüssige Maritorne abgeschickt wurde den Barbier zu holen
der ihm eine Ader öffnen sollte
Siebentes Kapitel
Don Sylvio kommt wieder zu sich selbst
Unterredung mit Pedrillo
Wie geschickt dieser die vermeinte Fanferlüsch zu hintergehen weißt
So heftig die Anstösse waren mit denen Don Sylvio zuweilen befallen wurde so
schnell pflegten sie vorüber zu gehen wenn sie ihren nächsten Grund in
demjenigen Teil der Seele hatten welchem der göttliche Plato seinen Sitz
zwischen der Brust und dem Zwerchfell angewiesen hat
Er befand sich also kaum etliche Minuten allein so erholte er sich wieder
und verwunderte sich nicht wenig sich in seinem Zimmer und in seinem Bette zu
sehen
Endlich erblickte er in einem Winkel den Pedrillo der auf die erste
Bewegung die er an seinem Herrn vermerkt sich verkrochen hatte aus Besorgnis
er möchte wieder einen Anstoß von Raserei bekommen
Bist du hier mein guter Pedrillo rief ihm Don Sylvio mit einem sanften Ton
der Stimme zu indem er ihm die Hand entgegen bot ich dachte schon du hättest
mich auch verlassen aber du hast ein gutes Herz und es soll dich auch nicht
gereuen dass du so viel Ergebenheit gegen mich zeigst
Pedrillo weinte vor Freuden da er seinen jungen Herrn den er für rasend
gehalten hatte so gelassen und vernünftig reden hörte und bezeugte ihm seine
Freude in den lebhaftesten Ausdrücken die er in der Eile finden konnte
Ich begreife weder was du mir da sagst antwortete Don Sylvio noch was mit
mir vorgegangen ist Es sind noch nicht sechs Minuten so befand ich mich in den
Gärten der Königin der Salamander kannst du mir nicht sagen wie ich hieher
gekommen bin und wer mir Hände und Füße so gebunden hat
Gott steh uns bei rief Pedrillo halb erschrocken was sagt ihr da von
Salamandern und von der Königin die ihr gewiss so wenig gesehen habt als ich
meine UrÄlterMutter Wisst ihr denn nicht was euch begegnet ist Aber sie sind
auch mit Eu Gnaden so umgegangen dass es kein Wunder ist wenn ihr eine
Ohnmacht gekriegt habt Ich war eben im Begriff meinen Zwerchsack heimlich aus
dem Haus zu tragen als ich den Lermen im Garten hörte ich warf ihn geschwind
hinter ein Gebüsch und lief was ich laufen konnte um zu sehen was es wäre
denn es deuchte mich dass ich euch schreien hörte aber ich kam schon zu spät
Das verfluchte Volk schrie aus einem Halse ihr wäret mit eurer Erlaubnis zu
sagen im Kopf verrückt oder gar toll sie fielen über euch her und banden
euch ohne dass ich es wehren konnte Dass sie die Pest Jetzt seh ich wohl dass
alles nur erlogen war und dass ihr so gut bei euren vier Sinnen seid als ich
und ein anderer guter Christ
Höre Pedrillo erwiderte Don Sylvio aber löse mir zu erst diese Bande auf
ich kann es nicht länger so ausstehen wenn ich diesen Abend eine starke
Vermutung hatte dass unter der Ankunft dieser Alten die sich für meine Tante
ausgibt ein Geheimnis verborgen liege so weiß ich jetzt gewiss was ich von der
Sache denken soll es sind mir erstaunliche Dinge begegnet seit dem du mich im
Garten verlassen hast aber es lässt sich jetzt nicht einmal davon flüstern Wir
sind hier nicht sicher und der Himmel weißt was uns noch bevor steht wenn wir
uns nicht durch eine schleunige Flucht zu retten suchen
Aber wie wird das möglich sein antwortete Pedrillo sie sind noch alle auf
und die gnädige Frau die alte Hexe wollt ich sagen wird alle Augenblicke
kommen um euch wie sie sagte ein TerpentinPulver einzugeben
Du willt vielleicht ein TemperierPulver sagen fiel ihm Don Sylvio ein
Es mag heißen wie es will sagte Pedrillo wenn ich Eu Gnaden raten darf
so werdet ihr nicht ungescheit sein und es hinunter schlucken Bösen Leuten ist
nie viel Gutes zuzutrauen sie könnte euch eben so gut Mäusgift oder geschabte
Nägel als gestossene KrebsAugen eingeben
Das hab ich wohl am wenigsten zu besorgen erwiderte Don Sylvio ich könnte
eher vermuten dass sie mir einen LiebesTrank beibringen möchte um mich gegen
diese hässliche Zwergin zu entzünden die ich weiß selbst nicht ihre Tochter
oder ihre Nichte ist Aber ich bitte dich Pedrillo mein Freund denke ein
Mittel aus wie ich diese Nacht noch entrinnen könne ohne weder die Alte noch
die Junge wieder zu Gesichte zu kriegen denn ich versichere dich der Streich
den sie mir gespielt haben geht mir so tief zu Gemüte dass ich bei ihrem
Anblick unmöglich gelassen bleiben könnte
Wisst ihr was sagte Pedrillo nachdem er sich eine gute Weile besonnen
hatte die Frau Fee Rademante könnte uns hier am besten aus der Not helfen Wenn
sie so sehr eure gute Freundin ist als sie vorgibt warum kommt sie nicht und
befreit uns aus den Klauen dieser alten Kupplerin Wenigstens könnte sie uns
doch einen LuftWagen oder das Hütchen des Prinzen Kobolt oder so was schicken
dass wir desto bälder davon kämen Aber so machen es diese große Herren und
Damen So lang ihr nichts braucht versprechen sie euch goldne Berge aber
verlasse sich ein andrer drauf wenn man sie am nötigsten hat da ist niemand zu
Hause Ich wette gleich was man will wenn wir in Scorpionen oder Lindwürmer
verwandelt sein werden so wird sie gleich da sein und ihr Mitleiden mit uns
bezeugen und die Schuld auf das Schicksal oder auf die Konstipation der Sterne
schieben
Rede nicht so unvernünftig fiel ihm Don Sylvio ein meinst du die Feen
haben sonst nichts zu tun als da zustehen und zu lauren bis es dir einfällt
dass sie uns aufwarten sollen Wenn wir uns selbst nicht mehr helfen können so
bin ich gewiss dass Radiante mir ihren Beistand nicht versagen wird Inzwischen
müssen wir das unsrige tun und auf Mittel denken
Gut gut unterbrach ihn Pedrillo ich höre die alte Gabelreuterin auf der
Treppe jetzt ist guter Rat teuer hum mir fällt was ein legt euch auf die
Seite und tut als ob ihr schlaft So schnarcht ein wenig für das übrige lasst
mich sorgen
Er hatte kaum ausgeredet so trat Donna Mencia mit ihrem Pulver und einem
Glas Wasser in der Hand ins Zimmer Wie steht es um Don Sylvio fragte sie den
Pedrillo der ihr auf den Zehen entgegen ging ich dachte nicht so lange
auszubleiben aber es ist mir
Reden sie nicht so laut flüsterte ihr Pedrillo zu mein junger Herr ist
schon eine gute Weile eingeschlafen und sie wissen ja dass man einen
schlafenden Löwen nicht aufwecken soll Die Ruhe tut ihm jetzt besser als alle
Pulver und Latwergen der ganzen Welt
Hat er keinen neuen Anstoß gehabt seit dem du allein bei ihm bist fragte
die alte Dame
Nein gnädige Frau Fanferlüschin antwortete Pedrillo indem er ihr bald auf
die Stirne bald auf die Füße sah er hatte
Was sagtest du da unterbrach ihn Donna Mencia Wie nenntest du mich du
alberner Kerl was soll das bedeuten
O ich bitte Eu Gnaden tausendmal um Verzeihung erwiderte Pedrillo
zitternd es ist mir so entfahren ohne dass ich daran dachte man kann ja leicht
eins für das andre sagen ich wollte nur sagen dass es am besten wäre wenn Eu
Gnaden meinen jungen Herrn schlafen ließe denn es ist noch keine halbe
Viertelstunde da rief er Pedrillo Gnädiger Herr sagte ich wollt ihr etwas
Höre Pedrillo sagte er ich weiß nicht wie mir ist sagte er aber ich bin so
matt als ob mir alle Glieder entzwei geschlagen wären aber ich denke wenn ich
nur schlafen könnte so würde mir bald besser werden sagte er und damit legte
er sich auf die Seite und schlief ein Hört ihr ihn nicht schnarchen
Er schläft sagte Donna Mencia nachdem sie ein wenig hinter den Vorhang
geguckt hatte es ist mir lieb dass er wieder so ruhig ist Weck ihn ja nicht
auf wenn er aber von sich selbst erwacht so gib ihm dieses Pulver ein es wird
ihm gewiss wohl tun indessen kommt der Barbier der ihm eine Ader öffnen soll
denn man kann nicht vorsichtig genug sein Er ist vermutlich nur aus Mattigkeit
eingeschlafen und das Fieber kommt vielleicht nur desto heftiger wenn er
aufwacht
Ich glaube sagte Pedrillo Eu Gnaden kann sich deshalb ganz ruhig schlafen
legen ich hoffe das ärgste ist vorbei Indessen will ich schon auf ihn acht
haben aber aufwecken lass ich ihn nicht und wenn der Barbier von Bagdad in
eigener Person käme Er kann mir wachen helfen wenn mein junger Herr allenfalls
wieder rappelköpfisch werden sollte so ist es immer besser es seien unsrer
zween die ihn hüten als einer
Donna Mencia bezeugte sich hiemit zufrieden und verließ das Zimmer ihres
Neffen um ihre Gäste die an seinem Unfall nicht wenig Anteil genommen hatten
durch die Nachricht dass es wieder besser mit ihm stehe zu beruhigen
Was für eine Angst du mir eingejagt hast sagte Don Sylvio als sie wieder
allein waren wenn wirst du doch einmal über deine verwünschte Zunge Meister
werden Konnte auch etwas unbesonnener und dummer sein als ihr ins Gesicht zu
sagen dass du sie für die Fee Fanferlüsch ansehest
Erzürnt euch nur nicht gnädiger Herr antwortete Pedrillo ihr werdet doch
selbst gestehen müssen dass ich meinen Fehler augenblicklich wieder gut gemacht
habe und das ist eben die Kunst Es kann der klügsten Gans ein Ei entfallen
ich will sagen es verspricht sich wohl der Pfarrer auf der Kanzel aber
gleichwie ich die gnädige Frau oft bei Tische sagen hörte der beste General
wäre derjenige der am meisten Fehler macht nicht doch der am besten der
seine Fehler ich kann jetzt nicht daran kommen aber es war doch etwas von
Fehlern und es schickte sich recht gut hieher
Ich glaube du redest im Schlaf unterbrach ihn Don Sylvio Was für
verteufeltes Zeug plauderst du wieder daher ohne dich zu bekümmern dass ich
jetzt wichtigere Dinge zu tun habe als deinen Albernheiten zuzuhören Geh und
schleiche dich indessen dass ich mich ankleide leise hinunter um zu sehen ob
sie sich schlafen legen wir müssen wo möglich noch vorher zu entrinnen
suchen ehe der Barbier kommt sonst werden wir aufgehalten und dann ist alles
verloren
Das ist eben die Sache versetzte Pedrillo Maritorne ist schon über eine
Stunde weg und wenn sie ihn zu Hause angetroffen hat sind wir keinen
Augenblick vor seiner Ankunft sicher
Wir wollen das beste hoffen sagte der junge Ritter der schon beinahe
angezogen war geh und tue was ich dir befohlen habe und wenn du merkst dass
alles im Hause still ist so schleiche durch die kleine Nebentreppe in den
Garten und erwarte mich beim grünen Schloss wo es am leichtesten ist über die
GartenMauer zu steigen denn sie ist dort ziemlich eingefallen
Wo habt ihr denn fragte Pedrillo euren Schlüssel aber ja jetzt besinn
ich mich sie nahmen euch im Garten alles Eisen Werk weg das sie bei euch
fanden Degen Messer Schlüssel so gar euren Flaschenzieher aus Furcht ihr
möchtet ihnen oder euch selbst damit Schaden tun
Gut gut sagte Don Sylvio geh und erwarte mich beim grünen Schloss wir
haben keinen Augenblick zu verlieren
Pedrillo gehorchte und nach einer kleinen Viertelstunde sah ihn Don Sylvio
dessen Zimmer gegen den Garten lag einen langen Gang von Pomeranzenbäumen
einschlagen der zum grünen Schloss führte Er war eben im Begriff ihm zu folgen
als er gewahr wurde dass er keinen Degen hatte Ohne Degen auf Abenteuer
auszugehen deuchte ihn eine Unanständigkeit die nicht zu entschuldigen wäre
Ob ich gleich hoffen darf dachte er dass mir die Fee Radiante im Fall der Not
einen diamantnen geben würde so würde es doch das Ansehen einer Zagheit haben
wenn ich kein andres Gewehr führen wollte als ein bezaubertes Endlich besann er
sich eines alten Reuter Säbels der unter andern Altertümern nicht weit von
seinem Zimmer in einer PlunderKammer lag und das Ansehen hatte seit den
Zeiten König Ferdinands des Katolischen wenig Dienste getan zu haben Die
Schwere dieses ehrwürdigen Seitengewehrs machte ihm die Notwendigkeit sich
dessen zu bedienen sehr unangenehm allein da er sich nicht anders zu helfen
wusste so bewaffnete er sich damit mit dem Vorsatz es bei der ersten
Gelegenheit gegen ein bequemers zu vertauschen
Die allgemeine Stille die im Hause herrschte versicherte ihn dass
jedermann schon zu Bette gegangen sei Er schlich sich also ganz getrost in den
Garten wo dem Pedrillo jeder Augenblick von Verzug eine Stunde deuchte so sehr
besorgte er dass ihre Flucht von der zurück kommenden Maritorne allzufrüh
entdeckt werden möchte Dieses und die Furcht vor demjenigen was er in diesem
Fall von der Rache der Fee Fanferlüsch zu erwarten haben würde hatte alle andre
Furcht bei ihm verdrungen
Allein das gute Glück unsers jungen Ritters hatte schon für diese
Schwierigkeit gesorgt Maritorne die sich entweder vor Gespenstern fürchtete
oder ihre artige Person bei Nacht nicht allein wagen wollte hatte ihrem
Liebhaber dem Hausknecht die Erlaubnis gegeben sie zu begleiten Unterwegs
hatte sich dieses zärtliche Paar von der Annehmlichkeit dieser verführerischen
Nacht verleiten lassen sich in einem kleinen Gebüsche niederzusetzen Was
sollen wir sagen Die Gelegenheit war günstig der Liebhaber ungestüm die
Schöne schwach Kurz sie taten was Jupiter selbst in dergleichen Umständen oft
getan hatte die gute Maritorne vergaß dass sie den Bartier holen sollte und
erinnerte sich dessen erst da sie von der Morgen Sonne aus dem süßen Schlummer
erweckt wurde worin eine angenehme Ermattung sie nebst ihrem Gefährten in
diesem Gebüsche eingewiegt hatte
Drittes Buch
Erstes Kapitel
Heimliche Flucht unsrer Abenteurer
Wortstreit der zwischen ihnen wegen eines Baums entsteht den Pedrillo für
einen Riesen ansieht
Es war ungefähr eine halbe Stunde nach Mitternacht als Don Sylvio unter vielen
andächtigen Seufzern an die Gebieterin seines Herzens in Gesellschaft des
getreuen und wohlbepackten Pedrillo seine abenteurliche Wanderschaft antrat Der
kleine Pimpimp der nach dem Befehl der Fee mit von der Partie war hüpfte
munter vor ihnen her und führte sie es sei nun aus bloßem Instinkt oder durch
den geheimen Antrieb irgend einer Fee den nämlichen Weg auf welchem Don Sylvio
das Bildnis seiner Prinzessin gefunden hatte Pedrillo machte zwar viele
Einwendungen dagegen und stellte vor dass sie längst des linken Ufers des
Guadalaviar der sich an dem Walde hinab zog einen bequemern Weg haben würden
Allein Don Sylvio blieb dabei dass er keinen andern Wegweiser haben wolle als
Pimpimp von welchem er zu vermuten anfing dass er vielleicht wohl selbst eine
Art von Fee oder wenigstens von vernünftigen Tieren sein könnte Pedrillo musste
sich also ergehen so sehr er sich fürchtete bei nächtlicher Weile durch einen
Wald zu reisen wo seine Phantasie alles was er sah in Gespenster verwandelte
Das schlimmste war dass sich nachdem sie kaum eine Stunde lang gewandert waren
der Himmel mit Wolken zu bedecken anfing die ihnen kaum so viel Heiterkeit
übrig ließ dass sie einen Weg in dem Gehölze finden konnten ob es gleich
keines von den dichtesten war
Dieser Umstand ermangelte nicht die Einbildung des armen Pedrillo vollends
in Verwirrung zu setzen Es fielen ihm auf einmal alle GespensterHistorien ein
die er von seiner Kindheit an gehört hatte er glaubte alle Augenblicke etwas
verdächtiges zu sehen und zitterte bei dem mindesten Geräusch das er merkte
so laut oder noch lauter als ein Klopfstockischer Teufel
Du schnatterst ja als ob du das Fieber hättest sagte endlich Don Sylvio
der schon lange gemerkt hatte wo es ihm fehlte
Um des Himmels willen gnädiger Herr stotterte Pedrillo und fasste ihn
dabei beim Rock seht ihr nichts Ich sehe Bäume so gut als man sie im Dunkeln
sehen kann versetzte Don Sylvio
Gott steh uns bei Sagte Pedrillo keuchend seht ihr dann den greulichen
Riesen nicht der dort auf einmal aus dem Boden hervor kommt dort linker Hand
Er wird immer größer und größer und streckt deucht mich wohl hundert Arme
gegen uns aus seht ihr er kommt immer näher
Ich glaube du bist nicht klug erwiderte Don Sylvio tu die Augen besser
auf und schäme dich dass du einen Baum für einen Riesen ansiehest
Gott gehe nur dass es nicht noch etwas ärgers als ein Riese ist versetzte
Pedrillo Ein Baum sagt ihr Wo hat denn ein Baum Arme und Füße
Ich sage dir alberner Tropf antwortete Don Sylvio dass es ein Baum ist was
du für Arme ansiehst sind seine Äste er scheint immer größer zu werden weil
der Grund worauf wir gehen etwas erhaben ist und er kommt uns immer näher
weil wir auf ihn zugehen Wenn du so furchtsam bist dass du Eichbäume für Riesen
ansiehst so möcht ich wohl wissen wofür du die würklichen Riesen halten wirst
die uns vielleicht noch aufstossen werden Was mich betrifft so schwör ich dir
dass alle Bäume in diesem Walde zu Riesen werden könnten ohne dass ich sie
fürchten würde
Ich bitte euch mein lieber Herr versetzte Pedrillo redet nicht so laut
die Haare stehen mir zu Berge wenn ich euch so reden höre Die Riesen könnten
euch beim Worte nehmen glaubt mir Herr ein einziger würde euch so viel zu tun
geben dass ihr genug hättet Ich bitte euch ums Himmels willen geht ihm aus dem
Wege und tut ihm nichts es daurte mich nur mein junges Blut der Popanz würde
keinen Unterschied machen und ich müsste dran glauben so unschuldig ich immer
bin
Das dachte ich wohl antwortete Don Sylvio lachend dass es dir nur um deine
eigne Haut ist aber besorge nichts die Fee Radiante hat dich ja ausdrücklich
zu meinem Gefährten ernannt und du stehest also unter ihrem Schutz so gut als
ich selbst Ich sag es dir noch einmal wenn aus jedem Baum in diesem Walde ein
Riese würde und aus jedem Blatt ein junger Feldteufel hervor kröche so hätten
wir doch nichts zu besorgen Aber siehst du denn nicht dass dein Riese nichts
mehr und nichts weniger ist als was ich dir sagte Wir sind nun ganz nah bei
ihm und wenn du noch nicht glauben willst dass es ein Baum ist ein Eichbaum
sag ich dir ein eichener Eichbaum so gut als es jemals einer gewesen ist so
will ich zur Probe einen Ast davon abhauen
Ach mein lieber gnädiger Herr rief Pedrillo indem er ihm den Arm zurück
hielt tut es ja nicht ich bitte euch ums Himmels willen lasst es bleiben und
macht nicht euch und mich durch eure Tollkühnheit unglücklich Es mag nun jetzt
eine Eiche oder eine Linde sein so hab ich doch mit meinen Augen gesehen dass
es ein ungeheurer Riese war ich will eben nicht sagen ein Riese Gott weiß
was es gewesen sein mag aber ich weiß doch was ich gesehen habe der Teufel
Gott behüt uns ist ein Tausendkünstler und er kann eben so gut Weißt du wohl
Pedrillo fiel ihm Don Sylvio ins Wort dass ich deiner blödsinnigen Einfälle
müde bin Ich glaube zum Henker du willst einen Don Quischotte aus mir machen
und mich bereden Windmühlen für Riesen anzusehen da siehe wie viel ich mir
aus deinen Riesen mache Mit diesen Worten zog er seinen Säbel und hieb auf
einen Zug einen ziemlichen Ast herunter
Pedrillo erschrak anfangs so sehr über diese verwegene Tat dass er beinahe
umgesunken wäre da er aber sah dass sie keine schlimme Folgen hatte so fasste
er wieder Mut Ich hätte nicht gemeint sagte er zu unserm Helden dass ihr so
viel Herz hättet Herr Don Sylvio ich glaube verzeih mirs Gott ihr wäret toll
genug mit dem Teufel und seiner Großmutter anzubinden Aber wir wollen nicht zu
früh Triumph singen Seht einmal ob nicht Blut aus dem Ast heraus fleusst
Da sieh selbst sagte Don Sylvio indem er ihm den Ast darbot und gesteh
einmal dass du der albernste dumme Junge bist den ich jemals gesehen habe
Woher nimmst du doch alles das altvettelische Zeug das du sagst
Was ich da sagte gnädiger Herr ist meiner Six nicht so einfältig als ihr
denkt ich habe dergleichen Dinge mehr gelesen und was einmal begegnet ist
kann ein andermal wieder begegnen Zum Exempel ich besinne mich jetzt gleich
eines gewissen Trajanischen Prinzen ich weiß selbst nicht mehr Koridor oder
Isidor3 aber es dort sich so was in seinem Namen der von einem
Mahommetanischen Zauberer in einen Cypressenbaum verwandelt worden war und da
ihn der Pabst Aeneas Sylvius ich weiß nicht mehr warum wollte umhauen lassen
da floss bei jedem Hieb Blut heraus frisches Blut so rot als man es nur sehen
wollte Die Leute erschraken entsetzlich wie ihr euch einbilden könnt allein
der Pabst Aeneas der gleich merkte dass ein Geheimnis darunter stecken müsse
befahl man sollte nur fortfahren zu hauen und was meint ihr wohl was da
geschah Man hörte eine Stimme aus dem Baum eine überaus klägliche Stimme
welche sagte dass sie die Seele des Isidorus sei oder wie er hieß und wie es
ihr ergangen und wie sie von dem unglaubigen Zauberer in diesen Baum verwandelt
worden sei ohne dass sie vorher habe beichten oder sich vorbereiten können und
bat alle Christliche Herzen die gegenwärtig waren so flehentlich dass
jedermann die helle Zähren weinen musste dass sie doch zu Linderung ihrer Pein
etliche dutzend Ave für sie beten möchten
Das muss ich gestehen sagte Don Sylvio nachdem Pedrillo mit seiner
Erzählung zu Ende war dass du eine erstaunliche Belesenheit hast Pedrillo und
was die Gabe der Erzählung betrifft so will ich mein Schloss und alles Meinige
verloren haben wenn zu Salamanca oder in irgend einer andern Universität von
Spanien ein Baccalaureus ist der es mit dir aufnehmen dürfte Ich biete ihnen
allen Trotz dass sie einen Trojanischen Prinzen mit dem Pabst Aeneas Sylvius
oder Pius dem andern zusammen bringen wie du getan hast es müsste denn in der
Hölle sein wohin gewiss Aeneas Sylvius nicht gekommen ist denn er war einer von
den frömmsten und gelehrtesten unter allen die jemals der Kirche vorgestanden
sind
Es beliebt Eu Gnaden so zu sagen erwiderte Pedrillo aber es mag nun euer
Ernst sein oder nicht so versichre ich euch dass ich mir in diesem Stück wenn
ich schon nicht gestudiert bin vor keinem fürchte er mag sein wer er will und
wenn er auch ein dreifacher Bacularius oder gar ein Doctor in allen sieben
Facultäten wäre Ich war noch nicht acht Jahr alt so wusste ich schon alle
Historien des Ovidius Nasus und alle Fabeln in Florians Chronik auswendig
gelt das hättet ihr nicht hinter mir gesucht Aber ich hatte ein Gedächtnis wie
ein Elephant und unser alter Pfarrer tröst ihn Gott sagte meiner Großmutter
oft wenn man mich studieren ließe so könnte ich noch wohl einmal ob Gott
wollte Bischof oder gar General Vicarius werden Wer weiß auch was geschehen
wäre wenn der gnädige Herr Eu Gnaden Herr Vater mich nicht ins Schloss
genommen hätte da mich meine Großmutter eben zu ihrem Bruder tun wollte der
damals Küster in einem Dorf ohnweit Toledo war und wie die Leute sagten sehr
viel beim Erzbischof galt Ihr müsst aber nicht meinen als ob ich damit sagen
wolle dass ich bei diesem Tausch verloren habe Es ist überall gut Brot essen
Eu Gnaden weiß dass ich euch so zu sagen von eurer Kindheit an treulich und
redlich gedient habe und ich bin gewiss dass ihr mein Glück machen werdet wenn
wir einmal Gott gebe nur bald unsre Prinzessin gefunden haben Denn ob ihr
schon ein so edler Edelmann seid als einer in der Christenheit so bin ich doch
gewiss dass ihr euer Wort so ehrlich halten werdet als ob ihr nur ein Bauer
wäret
Auf diese Art fuhr der gute Pedrillo noch eine gute Weile fort zu plaudern
ohne dass sein Herr der in ganz andern Gedanken vertieft war die geringste Acht
darauf gab Pedrillo schwatzte wie die Kinder im Finsteren zu singen pflegen
denn er fürchtete sich noch immer so sehr dass er schwitzte und es war kein
Heiliger im Kalender dem er nicht bei sich selbst ein Gelübde tat wenn er ihn
lebendigen Leibs und unbeschädigt das Tageslicht wieder sehen lassen würde
Zweites Kapitel
Merkwürdiges Abenteuer mit dem Salamander und dem Froschgraben
Inzwischen hatten sich unsre Wanderer ungeachtet der immer zunehmenden
Dunkelheit doch so weit aus dem Walde heraus gearbeitet dass sie eine offene
Stelle gewahr wurden deren Anblick ein rechter Anstrich für den armen Pedrillo
war Er lenkte so gleich dahin ein und seine Freude vermehrte sich nicht wenig
da er in einiger Entfernung ein Licht erblickte welches er für ein Zeichen
hielt dass ein Wirtshaus oder Pachtof in der Gegend sei wo sie den Anbruch des
Tages erwarten könnten
Allein seine Freude verwandelte sich bald wieder in Furcht und Grauen da er
sah dass dieses Licht plötzlich näher kam und um ein merkliches größer wurde
Don Sylvio hingegen wurde es kaum gewahr als er voller Freuden ausrief Siehst
du nun Pedrillo dass ich mir keine vergebliche Hoffnung machte da ich mich auf
den Beistand der großen Radiante verließ Was soll ich dann sehen Herr fragte
Pedrillo Du musst blinder als Tiresias sein dass du so fragen kannst Siehst du
denn den Salamander nicht der in der ganzen schimmernden Pracht eines Bewohners
des reinsten FeuerKreises auf uns zueilt Einen Salamander rief Pedrillo wo
ist er denn ich bitte euch denn ich sehe nichts als einen feurigen Mann der
vermutlich bei seinen Lebzeiten in dieser Gegend einen Marchstein verrückt haben
wird und jetzt zur Strafe feurig umgehen muss Dummkopf versetzte Don Sylvio
ein wenig entrüstet können denn deine abergläubischen Augen allenthalben nichts
anders sehen als die Hirngespenste welche die alte Hure deine Großmutter von
ihrer ÄlterMutter geerbt und dir in dein dummes Hirn gesetzt hat Eben das was
du für einen feurigen Mann ansiehst ist ein Salamander sag ich dir und einer
der schönsten die den strahlenden Thron der großen Radiante umglänzen Siehst
du nicht wie seine Haarlocken gleich gekräuselten Sonnenstrahlen um seinen
morgenrötlichen Nacken wallen Siehst du nicht seine Augen wie zween
Morgensterne blitzen Siehst du die lazurnen mit Licht durchwebten Flügel nicht
mit denen er wie ein Unsterblicher in majestätischem Flug den Eter teilt
Sapperment Herr Don Sylvio schrie Pedrillo indem er sich mit der Faust
vor die Stirne schlug entweder bin ich ein Narr oder ihr seid nicht recht
klug ich will geprellt werden wenn ich von allem was ihr mir da sagt etwas
anders sehe als einen kleinen Feuerklumpen der in der Luft schwebt und bald
näher kommt bald wieder zurückweicht und dergleichen ich oft gesehen habe ihr
könnt es heißen wie ihr wollt aber ich habe meine Tage gehört dass es feurige
Männer
Pedrillo mein Freund unterbrach ihn Don Sylvio wenn ich nicht mit deiner
Einfalt Mitleiden hätte so hätte ich gute Lust dir dein unverschämtes Maul zu
stopfen dass du ein Andenken davon behieltest Ich dächte doch wahrhaftig der
Herr Pedrillo sollte mir zutrauen dass ich wissen müsse was ein Salamander ist
da ich ihrer mehr als zehen tausend im Gefolg der Fee Radiante gesehen habe Es
ist ein Salamander sag ich dir nochmal der vermutlich etwas bei mir
auszurichten hat der vielleicht auch nur abgeschickt ist uns den Weg zu
zeigen es sei nun das eine oder das andere so wollen wir ihm nachgehen das
übrige wird sich bald von selber geben
So mag es denn ein Salamander sein weil ihr es so haben wollt erwiderte
Pedrillo ihr müsst euch besser auf solche hohe Sachen verstehen als unser einer
Euer Gnaden ist vielleicht an einem Sonntag auf die Welt gekommen denn man
sagt die SonntagsKinder können bei hellem Mittag Geister sehen
Was du da sagst versetzte Don Sylvio ist so unrichtig nicht Es kann eine
Gabe sein womit mich eine Fee bei meiner Geburt beschenkt hat dass die
Elementarischen Geister die sonst ihrer Natur nach von irdischen Augen nicht
gesehen werden können für mich nicht unsichtbar sind
Wenn aber dieses wäre sagte Pedrillo so müsste ich jetzt gar nichts sehen
Eurer Beschreibung nach ist dieser Salamander so schön wie ein Cherubin warum
missgönnt er mir dann das Vergnügen ihn in seiner eigenen Gestalt zu sehen und
warum zeigt er sich mir lieber in der fürchterlichen Gestalt eines feurigen
Mannes Daran hat deine verdorbne EinbildungsKraft Schuld erwiderte Don
Sylvio Wenn du die feurigen Männer nicht schon im Kopfe hättest so würdest du
ohne Zweifel eben das sehen was ich sehe es geht dir jetzt mit dem Salamander
der unser Führer worden ist wie es dir vor mit der Eiche ging die du für einen
Riesen ansahst
Sachte sachte Herr Don Sylvio fiel ihm Pedrillo ein wir wollen diese
Saite nicht mehr berühren zu geschehenen Dingen muss man das beste reden Ich
dächte eine Höflichkeit wäre gleichwohl der andern wert und wenn ich euren
Salamander gelten lasse so könntet ihr meine Riesen wohl auch in ihrem Werte
beruhen lassen Wer weiß ohne dem ob sie nicht näher mit einander verwandt sind
als man sich einbildet denn die Wahrheit zu sagen der Grund auf den uns euer
Salamander geführt hat fangt an ziemlich seichte zu werden ich besorge immer
er wird es uns nicht besser machen als ein gemeiner Feuermann denn diese
boshaften Schelmen haben keine größere Freude als wenn sie arme Wandersleute
zum besten haben und in einen Morast oder Froschgraben hinein führen können
Pedrillo hatte kaum ausgeredt als Don Sylvio der immer voraus ging und
dem vermeinten Salamander mit starken Schritten folgte auf einmal bis an die
Knie in einen Graben sank Pedrillo der ihm so bald er ihn plätschern hörte
zu Hilfe kommen wollte tat es mit so weniger Behutsamkeit dass es ihm noch
ärger ging als seinem Herrn denn er fiel so lang er war in den dicksten Schlamm
hinein Das jämmerliche Geschrei das er anfing machte unsern Helden besorgen
er möchte ein Bein verstaucht oder gar gebrochen haben Was ist dir begegnet
mein guter Pedrillo dass du so kläglich tust rief er ihm zu indem er sich
selbst aus dem Morast heraus arbeitete so gut es die Länge und Schwere seines
Seitengewehrs zuließ Wo seid ihr denn mein lieber Herr rief Pedrillo
ängstlich Habt ihr noch eure eigene Gestalt oder sind wir schon in Frösche
verwandelt dass es Gott erbarme mich deucht ich höre mich selbst schon quäken
wenn es nicht der Schrecken ist der mich gar närrisch macht Da haben wirs nun
sagte ich nicht vorher es werde so gehen und werdet ihr so gut sein und mich
ein andermal auch etwas gelten lassen Wo ist nun der Salamander mit seinen
goldfarben Flügeln und lazurnen Haarlocken und mit seinen Morgensternen in den
Augen Zum Guckguck ist er und bekümmert sich den Henker darum wie wir wieder
aus dem Quark heraus kommen
Das Übel ist nicht halb so groß als du es machst sagte Don Sylvio und es
mag sein wie es will so hat der Salamander keine Schuld Warum sahen wir nicht
besser vor uns hin denn er machte uns hell genug Und wenn er verschwunden ist
so ist gewiss nichts anders als dein ungewaschenes Maul
O sagt das nicht rief Pedrillo der indessen aus dem Schlamm wieder hervor
gekrochen war Sapperment ich denke es ist gewaschen genug und mehr als mir
lieb ist ich fiel der Länge nach hinein und kriegte gleich ein Maul voll das
gewiss nicht nach Muscaten schmeckte das versichre ich euch
Genug hievon sagte Don Sylvio auf einer Reise wie die unsrige ist muss man
sich alles gefallen lassen Wenn ich dir aber die Wahrheit sagen soll so fang
ich bald selbst an Zweifel zu bekommen Ob ich gleich noch immer darauf schwören
wollte dass ich einen Salamander gesehen habe so ist es doch nicht unmöglich
dass unsere Feinde weil sie keine offenbare Gewalt gegen uns gebrauchen dürfen
eine List versucht haben uns von der Fortsetzung unserer Unternehmung
abzuschrecken
Wenn ich reden dürfte sprach Pedrillo so weiß ich wohl was ich sagen
möchte
Und was wolltest du denn sagen
Dass unsre Feinde vielleicht nicht so gar unrecht haben
Wie so wenn ich bitten darf Herr Pedrillo
Weil es mich deucht dass wir nicht recht klug sind bei Nacht und Nebel so
durch dick und dünn herum zu ziehen und die Köpfe an den Bäumen zu zerstossen
und in Sümpfe und Froschgräben hinein zu fallen um vor einem kleinen Sack mit
hundert tausend Ducaten davon zu laufen den wir heiraten könnten ohne dass es
uns einen Heller mehr kostete als ein armes Ja
Der Froschgraben hat wie ich sehe eine merkliche Veränderung in deiner
Denkungsart hervor gebracht erwiderte Don Sylvio aber ehe wir uns tiefer in
diese Materie einlassen möchtest du nicht so gut sein und mir ein paar
Strümpfe aus dem ZwerchSack suchen denn die meinigen sind so nass und übel
zugericht dass es nicht ärger sein könnte
Eu Gnaden antwortete Pedrillo kann doch immer noch besser mit dem
Salamander zufrieden sein als ich denn ich bin vom Kopf bis zu den Füßen so
besasset dass ich einen ganzen langen Tag brauchen werde bis ich nur wieder
trocken bin
Mich deucht ich sehe hier eine kleine Anhöhe wo wir uns ein wenig setzen
und umkleiden können Seht ihr nun fuhr er fort indem er seinen Zwerchsack
aufschnürte ob meine Vorsorge vergeblich gewesen ist Wir säßen jetzt schön
wenn wir warten müssten bis uns die Fee Radiante andre Wäsche brächte Aber
wieder auf unser a propos zu kommen ich denke wir haben uns nun genug
abgekühlt dass wir mit kaltem Blut von der Sache reden können Wie wär es Herr
Don Sylvio wenn wir hier warteten bis es Tag wird und dann allgemach wieder
zurück kehrten wo wir hergekommen sind Mich deucht wir haben etwas
angefangen seht ihr wovon wir kein Ende sehen werden
Meiner Six ich wollte lieber eine Stecknadel in einem Heustock suchen als
einen Schmetterling in der weiten Welt und dann noch alle das Ungemach dem man
sich dabei aussetzt die Dorn ritzen die Beulen am Kopf die verstossnen
Schienbeine die Riesen die Salamander die Froschgräben und alles das um der
schönen Augen eines Schmetterlings willen beim Velten das ist ja alles was
man leiden könnte wenn es um die schöne Hecuba aus Griechenland zu tun wäre
Freilich ist der Schmetterling eine geborene Prinzessin aber seht ihr Herr
wenn ich sagen soll wie mirs um Herz ist denn ich bin immer ein guter
offenherziger Narr gewesen es ist hier ein Aber das uns das ganze Spiel
verderbt Ein Schmetterling der eine Prinzessin ist ist freilich ein vornehmer
Schmetterling aber zum Henker eine Prinzessin die nur ein Schmetterling ist
ist noch weniger als eine Prinzessin in einem Puppenspiel denn wenn die
Prinzessin Tacamahaca oder Rossabarba mit dem spitzen Kinn mit ihrer Krone von
Flittergold und mit ihrer langen Schleppe von falschem SilberMohr abgetrippelt
ist so findet ihr doch Lolottchen hinter der Szene die wenns drum und dran
kommt wohl so gut ist als manche Prinzessin und nicht so viel Umstände macht
das werdet ihr mir nicht leugnen können und seht ihr Herr was ich sagen
wollte
Sa sa Pedrillo das geht ja unvergleichlich rief Don Sylvio du sprichst
ja wie ein Cicero fahre nur fort denn ich möchte doch gerne sehen was endlich
heraus kommen wird wenn du fertig bist
Das werdet ihr bald sehen gnädiger Herr antwortete Pedrillo ich merke
wohl dass ihr meiner spotten wollt aber es hat doch wohl eher ein Esel einem
Propheten einen guten Rat gegeben Kinder und Narren sagen die Wahrheit und das
Lange und Kurze von der Sache ist dass der hab ich immer besser gewesen ist
als der hätt ich vom Wünschen sagt man im Sprüchwort ist noch keiner reich
worden Die Frau Rademante hat euch freilich viel versprochen aber versprechen
ist eins und halten ist ein anders sagte Hans zu Peretten und wenn mans
zuletzt beim Licht besieht so deucht mich es komme gerade so heraus als wenn
mir jemand einen Schatz schenkte den ich aber erst noch erheben soll ohne dass
ich weiß wo Wie wär es wenn wir uns an das hielten was wir schon haben Donna
Schmergelina ist ein junges Frauenzimmer das mit alle dem auch nicht zu
verachten ist hundert tausend Ducaten sind meiner Six ein hübsches Geld Herr
und wenn es auch zuletzt etliche tausend weniger wären so ist es doch
vielleicht mehr als das Fürstentum wert ist das euch eure Prinzessin zubringen
würde Zudem so hat der letzte auch noch nicht geschossen wer weiß was Donna
Schmergelina ist wenn man genau nachsieht sie ist wenigstens immer eine Nichte
der Fee Fanferlüsch und Fanferlüsch mag im übrigen so alt so dürr und so
schlimm sein als sie will so ist sie doch eine Fee so gut als eine andre und
kann wenn sie will mit einem einzigen Schlag ihrer ZauberRute alle Ziegel auf
eurem Schloss in Rubinen verwandeln
Das ist alles wohl gut erwiderte Don Sylvio aber du hast mir doch selbst
gestanden dass Donna Schmergelina so hässlich sei dass man sie unmöglich lieben
könne
Je nun versetzte Pedrillo was das anbetrifft so muss ich bekennen dass sie
eben nicht die schönste ist aber wenn ihr darauf Acht gegeben habt so hat sie
doch so was in ihrem Gesicht
Ja wohl Finnen und Pockengruben so viel du willst unterbrach ihn Don
Sylvio
Und was tut das zur Sache Herr Schönheit ist eine vergängliche Blume
Schönheit vergeht Tugend besteht das unansehnliche Veilchen hat einen bessern
Geruch als die prächtige aber stinkende Sammetblume Indessen ist sie doch auch
so hässlich nicht als ihr es macht ich muss gestehen sie ist was man sagen
möchte so ziemlich bucklicht und beim ersten Anblick dächte man sie hätte
rote Haare aber wenn man sie in einem gewissen Licht betrachtet so fallen sie
eher ins rosenfarbe und es lässt ihr in der Tat nicht übel Kurz und gut wenn
ich an Euer Gnaden Platz wäre so machte ichs wie der Einäugige um hundert
tausend Ducaten willen kann man schon ein Auge zumachen bei Nacht sind alle
Kühe schwarz Geld im Beutel ist der Meister Geld regiert die Welt kein Geld
kein Schweizer dabei bleib ich und wenn alle siebzig Weise aus Morgenland
mir das Gegenteil beweisen wollten
Don Sylvio der überhaupt die beste Seele von der Welt und diesen Morgen
bei außerordentlich guter Laune war belustigte sich so sehr an den Reden seines
schwatzhaften und naseweisen Dieners dass er ihn immerfort reden ließ ohne ihn
zu unterbrechen Pedrillo fuhr also fort die Vorteile nach einander her zu
rechnen die ihm die Vermählung mit der Nichte der Fee Fanferlüsch verschaffen
würde er baute auf Unkosten der hundert tausend Ducaten und der Ziegelsteine
welche die Fee in Rubinen verwandeln sollte die schönsten Schlösser die jemals
in Spanien gebaut worden sind und erhitzte über diesen Vorstellungen seine
Einbildung so stark dass es eine ziemliche Weile anstund bis er merkte dass Don
Sylvio indessen sanft und ruhig eingeschlafen war Weil er nun nicht Philosoph
genug war um mit sich allein zu reden so schwieg er endlich und nachdem er
etliche Züge aus einer Flasche Wein getan hatte so machte er sich ein Lager
zurechte und folgte dem Beispiel seines Herren
Drittes Kapitel
Worin Pedrillo auf eine sehr unangenehme Art aus dem Schlaf gemerkt wird
Der gute Pedrillo schnarchte noch als Don Sylvio plötzlich aus einem Traum
auffuhr der seinen Schlummer auf eine sehr unangenehme Art unterbrochen hatte
Verdammter Zwerg rief er indem er den Pedrillo bei der Gurgel fasste gib mir
mein Bildnis wieder oder du bist des Todes
He Hilfe Hilfe Mörder Feuer Hilfe schrie Pedrillo und schlug mit
Händen und Füßen um sich indem er ohne zu wissen wie ihm geschah so
unfreundlich aus dem Schlaferweckt wurde
Meine Prinzessin her rief Don Sylvio nochmals oder
Je zum Henker schrie Pedrillo indem er sich von ihm losriss seid ihrs
Herr Reitet euch dann der Teufel dass ihr mich mit aller Gewalt erdrosseln
wollt Pestilenz Man ist ja seines Lebens nicht bei euch sicher
Wie was ist das rief Don Sylvio ganz bestürzt bist du es Pedrillo
Je zum Teufel antwortete dieser ich meine wohl dass ichs bin wenn mich
meine Mutter nicht mit einem andern verwechselt hat Ist denn das auch Manier
einen so im Schlaf zu überfallen Sackerlot wenns so gilt so bedank ich mich
für die Kommission Euer Gnaden Schmetterlinge und Princessinnen suchen zu
helfen
Ich weiß nicht wo ich bin oder was ich sagen soll erwiderte Don Sylvio das
seh ich nun mit meinen Augen dass du Pedrillo bist aber
O großen Dank Herr Ritter Don Sylvio von Rosalva euer Diener beim
Element ihr seid sehr gnädig dass ihr mir es endlich ganz lasst dass ich meiner
Mutter Sohn bin aber meint ihr es sei damit gleich ausgerichtet Meiner Seel
ihr hättet mir den Hals umgedreht haben können ehe ich gewusst hätte wie es zu
gegangen wäre Da seht nun her wie ihr mit mir umgegangen seid Potz
Herrich wenn ihrs euren guten Freunden nicht besser macht Aber ich will
gleich wetten da wird wieder ein Zwerg oder Salamander dahinter stecken
Gib dich nur zufrieden mein lieber Pedrillo antwortete Don Sylvio du
kannst ja selbst denken dass meine Absicht nicht war dir was zu Leide zu tun
und ich schwöre dirs bei dem Leben meiner Prinzessin ich begreife noch nicht
wie es zugegangen dass der verwünschte grüne Zwerg den ich schon in meiner
Gewalt hatte mir wieder entwischt ist und dich an seine Stelle geschoben hat
Dacht ichs nicht rief Pedrillo da haben wirs der grüne Zwerg Sagt ich es
nicht vorher wir würden kaum den Fuß zum Hause hinaus gesetzt haben so würde
der Diebshenker uns alle Drachen Riesen Zwerge und Rohrdommeln der ganzen Welt
auf den Hals hetzen Ich bin euch gut dafür bei Tag wird uns nichts dergleichen
begegnen Aber hab ich euch recht verstanden gnädiger Herr sagtet ihr nicht
was vom grünen Zwerg Ich dachte der sei in einen Zahnstocher verwandelt
worden Es scheint mit Erlaubnis der Frau SalamanderKönigin dass sie eben keine
Sklavin ihrer Worte ist Gott verzeih mirs man soll nicht Böses von seinem
Nächsten denken aber beim Velten Herr wenn sie euch nicht für einen Narren
hat so will ich gelogen haben
Rede nicht so ungebührlich von einer so großen Fee sagte Don Sylvio sehr
ernstaft es wird dich noch gereuen ich sage es dir zum letzten mal dass ich
die ungezogene Frechheit deines Mauls nicht mehr leiden werde Höre nur erst
was mir begegnet ist und dann rede Musst du dann immer urteilen eh du einmal
weißt wovon die Rede ist
Ich glaubte nicht dass ich mich so sehr verfehlt hätte antwortete Pedrillo
ganz kaltsinnig ich habe doch so viel Vernunft dass ich weiß dass Holzäpfel
keine Quitten sind Ich lasse mir eben auch nicht alles weis machen und ich
bin mit eurer Erlaubnis nicht so dumm als ich aussehe Es sind noch nicht fünf
Minuten so wolltet ihr mich erwürgen weil ihr mich wie ihr sagt für den
grünen Zwerg ansaht Nun sag ich so entweder ist der grüne Zwerg ein
Zahnstocher oder er ist keiner ist er keiner so hat die Fee ihr wisst schon
was ist er aber einer zum Henker seit wenn seh ich dann einem Zahnstocher
gleich das ist ein Schluss hoffe ich woran nichts auszusetzen ist ich möchte
wohl sehen was Euer Gnaden darauf antworten könnte
Zum Henker sagte Don Sylvio lächelnd gibst du dich auch damit ab
Dilemmata zu machen Wenn du so fortfährst so wird ja zuletzt nicht mehr mit
dir auszukommen sein Aber höre nur erst sag ich dir und lass mich allein
reden bis ich fertig bin hernach wollen wir sehen was für Schlüsse wir
darüber zu machen haben
Viertes Kapitel
Was die Einbildung nicht tut
Nachdem Pedrillo versprochen hatte dass er seine Zunge im Zügel halten wollte
fing Don Sylvio seine Erzählung also an Du warst kaum neben mir eingeschlafen
Holla gnädiger Herr fiel ihm Pedrillo ein mit Erlaubnis woher konntet
ihr das wissen denn ihr schliefet ja schon lange da ich noch wachte
Du hältst dein Versprechen unvergleichlich sagte Don Sylvio willt du so
gut sein und mich ohne Unterbrechung reden lassen Ich würde bis morgen nicht
fertig wenn ich bei jedem Wort auf deine unverschämte Fragen antworten müsste
Ich sage dir dass ich wachte und das soll dir genug sein Indem ich nun allem
dem was uns begegnet ist nachdachte sah ich eine Sylphide vor mir stehen
Eine Sylphide rief Pedrillo und hielt schnell wieder inne indem er seinem
Herrn steif ins Gesicht sah
Ja eine Sylphide fuhr unser Held ganz gelassen fort und die schönste
Sylphide die jemals von einem Sterblichen gesehen worden ist Don Sylvio sagte
sie zu mir ich weiß wen sie suchen kommen sie mit mir ich will sie zu ihrer
Geliebten bringen ich bin schon lange ihre gute Freundin aber sie sollen doch
diese Gefälligkeit nicht ganz umsonst empfangen O rief ich indem ich mich zu
ihren Füßen warf befehlen sie nur schönste Sylphide es ist nichts in der
Welt das ich nicht tun will ihnen meine Dankbarkeit zu bezeugen wenn sie ihr
Versprechen halten Dasjenige was ich von ihnen dafür verlange erwiderte die
Sylphide ist eine Kleinigkeit kommen sie nur sie sollen erst ihre Prinzessin
sehen über das andre werden wir bald einig sein Hierauf nahm sie eine Rose von
ihrem schönen Busen und warf sie auf den Boden augenblicklich verwandelte sich
die Rose in einen MuschelWagen von Rubin der mit zwölf Paradiesvögeln bespannt
war von einer Schönheit dergleichen noch nicht gesehen worden ist Ich setzte
mich neben sie ein und in wenigen Minuten stiegen wir in dem anmutigsten Ort
ab den sich die Einbildungskraft nur immer vorstellen kann Ich würde nicht
fertig werden wenn ich dir eine Beschreibung davon machen wollte
O gnädiger Herr sagte Pedrillo das tut nichts wenn die Beschreibung lang
ist desto besser ich wollte euch den ganzen Tag ungegessen zuhören ich höre
euch gar zu gern erzählen
Stelle dir fuhr Don Sylvio fort eine unermessliche Ebne vor in welcher die
Zauberkunst irgend einer Fee alle die Annehmlichkeiten vereiniget hatte welche
die Poeten von Tibur und Tarent von dem Tessalischen Tempe und von den Hainen
von Daphne rühmen anmutige Gebüsche schlängelnde Silberbäche blühende Auen
Lustgänge von Citronenbäumen kleine Seen mit Myrten eingefasst Lauben von
Jasmin und vielfärbichten Rosen Kurz alles was man sich nur von einem Ort
vorstellen kann der dem Vergnügen und der Liebe geheiliget ist Scharen von
jungen Nymphen in leichtem Gewand flatterten unter den Myrten umher oder
tanzten mit Liebesgöttern auf den Fluren oder badeten in stillen Grotten
Das muss ich gestehen Herr Don Sylvio fiel Pedrillo ein dass ihr unter
einem glücklichen Zeichen geboren seid Sapperment es leben die Selphiden das
ist etwas anders als diese vertrackten Salamander die zu nichts gut sind als
euch in einen Froschgraben hinein zu führen Aber warum habt ihr mich doch nicht
auch mitgenommen Wenn es um ein angenehmes Abenteuer zu tun ist da denkt
niemand an mich
Höre nur weiter fuhr Don Sylvio fort man muss niemand vor dem Ende
glücklich preisen sagte Solon der Weise und es scheint nicht anders als ob
ich dazu verhängt sei eine Erfahrung nach der andern von dieser traurigen
Wahrheit zu machen Indem ich an diesem anmutsvollen Ort mich umsah erblickte
ich eine Nymphe unter einer Laube sitzend die mit einem Sommer Vogel spielte
der an einem goldnen Faden um sie her flatterte Himmel wie ward mir da ich
sah dass es meine geliebte Prinzessin war da ich ihn für eben den blauen
Sommervogel erkannte den wir suchen Bist du der junge Ritter sagte die Nymphe
zu mir der unter dem Schutz der Fee Radiante das Abenteuer unternommen hat den
blauen Sommervogel zu entzaubern Ich bin es schönste Nymphe antwortete ich
und bereit ihnen mein Leben selbst O so viel verlang ich nicht fiel sie mir
ins Wort wenn du mir beweisen kannst dass du Don Sylvio von Rosalva bist so
ist der Sommervogel dein Sagen sie nur womit ich es ihnen beweisen soll
erwiderte ich ich weiß zu gewiss dass ichs bin als dass ich vor irgend einer
Probe mich scheuen sollte Zeige mir nur das Bildnis der Prinzessin antwortete
sie du musst es haben wenn du Don Sylvio bist ich verlange keinen andern
Beweis O Pedrillo ich Unglückseliger Wo war die Fee meine Beschützerin in
diesem fatalen Augenblick Ich gab ihr das Bildnis aber kaum hatte sie es in
der Hand so sah ich Himmel werd ich es aussprechen können mit Entsetzen sah
ich an statt der schönen Nymphe den grünen Zwerg vor mir stehen Das kleine
bucklichte Ungeheuer war vor Freude ganz ausgelassen sprang in die Höhe drehte
das Bildnis in der Hand herum blöckte die Zähne gegen mich und sagte endlich
mit spöttischem Gelächter zu mir Nun hab ich was ich wollte Wisse du
unmächtiger Nebenbuhler dass niemand als der Besitzer dieses Bildnisses im Stand
ist dem blauen Sommervogel seine eigene Gestalt wieder zu geben Nun sind beide
in meinen Händen und du hast nichts mehr zu hoffen Geh dank es meiner
Entzückung dass ich dir das Leben schenke aber merke was ich dir jetzt sage
Ich werde dich aufs genaueste beobachten und wenn ich dich nur über einem
Gedanken an meine Geliebte ertappe so bist du des Todes
Du kannst dir die Wut vorstellen Pedrillo worein mich diese Reden und der
Anblick dieses hässlichen Gnomen mit dem Bildnis meiner Prinzessin in seinen
Klauen setzen musste ich fiel über ihn her und rang mit ihm fest entschlossen
entweder mein Leben zu lassen oder mein Bildnis wieder zu haben
Der Vorsatz war gut und löblich sagte Pedrillo aber warum musste ich mit
ins Spiel gemischt werden und zwar nicht eher als bis es ums Erdrosseln zu tun
war
Eben das ist es erwiderte unser Held was ich selbst nicht begreife ich
rang wie gesagt mit dem Zwerg und in eben dem Augenblick da ich im Begriff war
ihn zu erwürgen zeigte mir dein Geschrei und meine Augen dass du es warst der
unter meinen Händen zappelte Der Zwerg war verschwunden und ich befand mich
wieder an dem nämlichen Ort wo mich die Sylphide abgeholt hatte
Und wo blieb dann die Selphide fragte Pedrillo
So bald wir an dem Ort anlangten wo sie mich absteigen hieß muss sie
verschwunden sein denn ich sah weder sie noch ihren Wagen mehr
Das ist eine verzweifelte Historie sagte Pedrillo meiner Six sie fing
sich so schön an es ist Jammerschade dass sie nicht besser aufhörte Aber
wenn einem einfältigen Kerl eine Frage erlaubt ist glaubt ihr also gnädiger
Herr dass euch das alles wirklich begegnet ist
Daran ist wohl kein Zweifel antwortete Don Sylvio ich wachte ja da es mir
begegnete ich sah mit meinen Augen ich hörte mit meinen Ohren ich hatte den
Gebrauch aller meiner Sinnen ich muss also gewacht haben und wenn das ist
Ja ja das ist eben noch die Frage versetzte Pedrillo ich will es eben
nicht für gewiss sagen aber wenn ihr schon die Wunderlichkeit an euch habt und
nicht leiden könnt dass man sage ihr träumet wie andere ehrliche Leute so weiß
ich doch wohl gesagt will ichs nicht haben aber ich denke doch was ich denke
Du denkst es sei nur ein Traum gewesen Pedrillo wollte der Himmel dass es
so wäre Aber
Seht ihr gnädiger Herr fuhr Pedrillo fort es ist in allem ein Unterschied
zu machen wie ihr die Erscheinung von der Fee Rademante hattet da dacht ich
auch es hab euch nur so geträumt bis ihr mir das reiche Kleinod und das
Bildnis zeigtet so sie euch gegeben hatte da konnt ich freilich nichts mehr
dagegen einwenden Was die Augen sehen glaubt das Herz Wenn ihr mir nur eine
Feder von einem dieser Paradiesvögel die euch gezogen haben aufweisen könntet
so ließe sich noch von der Sache reden aber beim Velten was braucht es da
langes und breites ihr habt ja das Kleinod am Halse hangen das euch der Zwerg
gestohlen haben soll sucht nur unter eurem Wams ihr werdet die Prinzessin
gewiss noch am alten Ort finden
O Wunder rief Don Sylvio da er es wirklich auf seiner Brust fand wie er
es zu tragen pflegte du hast recht Pedrillo Dank sei der hülfreichen
Radiante hier ist es
Ich glaube Herr sagte Pedrillo diesmal tut ihr der Fee zu viel Ehre an
und ich wette mit euch was ihr wollt ob ich gleich nichts habe der grüne Zwerg
hat den blauen Schmetterling und euer Bildnis so wenig gesehen als ich den
Pabst Hier habt ihr geschlafen Herr und da ist euch das alles im Traum
vorgekommen und da seid ihr zuletzt dran erwacht und da habt ihr mich beim
Kopf gekriegt Sapperment ihr hättet das wohl auch nur träumen können wie das
übrige Ich schwör es euch ein andermal wenn wir wieder schlafen wollen werde
ich so gut sein und mich fünfzig oder sechzig Schritte von euch wegmachen
Ich habe keine Lust wachend davor zu büßen wenn euch ein Zwerg im Traum
erzürnt hat
Es fehlte zwar noch viel dass Don Sylvio den Gedanken seines Gefährten über
dieses Abenteuer Beifall gab allein Pedrillo der diesesmal seine Stärke
fühlte ließ nicht ab bis er es so weit brachte dass sein Herr es selbst
unwahrscheinlich fand dass der grüne Zwerg in so kurzer Zeit seiner
Zahnstocherschaft entlediget worden sein könnte und sie wurden endlich beide
des Schlusses einig dass alles zusammen nur ein Blendwerk gewesen sei welches
Don Sylvio ohne sich lange zu bedenken auf die Rechnung der Fee Karabosse
schob die wie er den Pedrillo versicherte eine vertraute Freundin der
Fanferlüsch und des grünen Zwergs sei und da sie ihm auf keine andere Art
beikommen könne sich eine boshafte Freude daraus mache ihn wenigstens in
Verwirrung zu setzen und ihm seine Reise beschwerlich zu machen
Pedrillo ließ sich mit dieser Auskunft befriedigen und sie setzten unter
diesen Gesprächen ihren Weg fort bis die zunehmende Sonnenhitze sie nötigte
tiefer im Walde Schatten zu suchen
Fünftes Kapitel
Worin die Geschichte nach Rosalva zurück kehrt
Der wahrhafte Urheber dieser merkwürdigen und kurzweiligen Geschichte findet
hier nötig den Lauf seiner Erzählung einen Augenblick zu unterbrechen um den
Leser zu berichten was indessen in dem Schloss zu Rosalva vorgegangen
Die arme Maritorne die wir nebst ihrem getreuen Pyramus auf dem Wege nach
dem Barbier unter dem Schutz der Nymphen und Waldgötter haben einschlafen
lassen erwachte mit dem Anbruch des Morgens nicht so bald als sie sich
erinnerte dass sie abgeschickt worden war Meister Blas den Barbier abzuholen
Sie besann sich was sie sagen wollte wenn man sie um die Ursach ihres langen
Aussenbleibens fragen würde und da ihr nichts einfallen wollte so fing sie an
sich ihre schönen goldfarben Haare auszuraufen und ein so klägliches Geschrei
zu erheben dass ihr Liebhaber daran erwachte und nach der Ursach ihrer
Verzweiflung fragte Hast du nichts als das mein Schnäuzchen rief er als sie
ihm ihr Anliegen eröffnet hatte da will ich bald Rat geschafft haben Ich kenne
Meister Blasen sehr wohl er ist in ein gewisses junges Mädchen verliebt ein
hübsches rundes rotbackichtes Mensch das eine Viertelstunde weit von seinem
Flecken in einem Pachtof wohnt denn sie ist des Pachters seine leibliche
Tochter und weil er wie alle Leute sagen eine gute Citer schlägt so vergeht
keine Nacht dass er nicht bis Morgens um zwei unter ihrem Kammerfenster sitzt
und klimpert und singt bis ihm die Finger und das Maul abfallen möchten Du
darfst also diesen Morgen nur zu ihm gehen und sagen du seist in der Nacht
schon da gewesen und habest ihn nicht angetroffen hernach bring ihn mit und
sag der gnädigen Frau du habest gewartet bis er heim kommen oder so was sie
wird nicht so genau nachfragen Aber das sag ich dir Maritorne mein Täubchen
schäkre mir nicht mit ihm siehst du Meister Blas ist ein loser Kauz der sich
gerne zutäppisch macht und das will ich nicht haben hörst dus Sapperment
ich verstehe keinen Spaß nicht was das anbetrifft
Maritorne welche nun wieder vollkommen getröstet war sparte nichts ihren
Liebhaber über diesen Punkt zu beruhigen und Jago auf den der Morgen eben so
mächtige Einflüsse hatte als die Nacht überzeugte sie von neuem wie würdig er
ihrer Treue sei Allein aus Furcht die aufgehende Sonne über ihr Glück
eifersüchtig zu machen entriss er sich endlich ihren Armen und schlich in
größter Stille seinem Stalle zu wo er auf halb verfaultem Stroh und einem paar
alten MaulEselDecken neben zwei oder drei Gespenstern von ehmaligen Pferden
in Ermanglung eines bessern sein Lager zu haben pflegte Es war ungefähr morgens
um sechs Uhr als Donna Mencia erwachte das Verlangen nach dem glücklichen
Zeitpunct von welchem sie kraft der hohen Meinung die sie von ihren Reizungen
hatte sich eine angenehmere Art zu erwachen versprach erinnerte sie an den
Anstoß den ihr Neffe gestern gehabt hatte und der ihre Sehnsucht mit höchst
beschwerlichen Verzögerungen bedräute Sie stund auf warf einen Schlafrock um
sich und lief gerade nach seinem Zimmer um zu sehen wie er die Nacht
zugebracht hätte Sie riss wie man denken kann ein paar große Augen auf da sie
weder von dem Herrn noch von dem Diener die geringste Spur antraf Nachdem sie
ihn nun allenthalben wo er zu suchen war vergeblich gesucht hatte rief sie
das ganze Haus zusammen und setzte jedermann durch die Nachricht dass der junge
Herr und Pedrillo unsichtbar worden seien in die äußerste Bestürzung Diejenige
allein welche jemals geliebt haben wie Donna Mergelina liebte können sich den
Schmerz vorstellen der bei einer so unverhofften Zeitung ihre zärtliche Brust
zerriss Sie würde die gute Seele ohnmächtig hingesunken sein wenn ihr nicht
der Arm ihres besorgten Oheims und das englische Salz der präsumtiven Tante
noch in Zeiten zu Hilfe gekommen wären Man hörte eine gute Weile nichts als
Jammern und Wehklagen allein die Dame Beatrix welche schon seit geraumer Zeit
sehr ernsthafte Absichten auf den Pedrillo hatte und sich schmeichelte keinen
kleinen Anteil an seinem Herzen zu haben wollte nichts davon hören dass sie
entlaufen sein sollten Sie werden sagte sie irgendwo im Garten oder im grünen
Lustause sein wo Don Sylvio den Morgen öfters zuzubringen pflegt
Auf dieses Signal lief jedermann in den Garten man verteilte sich auf alle
Seiten man durchsuchte alle Stauden und Hecken man durchnisterte bis auf die
Kohlsträuche und da man niemand fand so fing man wieder von vorne an
Maritorne die inzwischen auch angelangt war mischte sich nebst dem Barbier so
herzhaft unter die Suchenden als ob nichts vorgegangen wäre denn sie hatte die
Vorsichtigkeit gebraucht und ungeachtet des Verbots ihres Liebhabers sich des
Barbiers durch gewisse kleine Gefälligkeiten versichert wodurch sie den
Vorteil ungezankt durchzuwischen nicht zu teuer zu erkaufen glaubte Es fehlte
also nicht an Suchern aber man fand nichts desto mehr und nachdem man so wohl
den Garten als den Park und einen Teil des angrenzenden Holzes bis gegen den
Mittag durchsucht hatte so sah man sich endlich gezwungen unverrichteter
Dingen in das Schloss zurück zu kehren wo Donna Mencia alle Anwesende in einen
großen Saal zusammen berief um sich über einen so unvermuteten und höchst
betrübten Vorfall zu beratschlagen Man warf tausenderlei Fragen mit einmal auf
eine jede Person hatte ihre besondere Vermutungen und Vorschläge und weil alle
zugleich redeten so wurde der Lerm so groß dass niemand sein eigenes Wort hören
konnte bis endlich das Ansehen des Herrn Rodrigo wiewohl nicht ohne Mühe so
viel vermochte dass nach vorhergehndem allgemeinem Stillschweigen eine Person
nach der andern ihre Meinung sagen sollte Alle nur ersinnliche Möglichkeiten
wurden erschöpft und insonderheit taten Herr Rodrigo der ein starker
Dialecticus war und eine vortreffliche Bassstimme hatte und Meister Blas der
Bartier der wegen Geläufigkeit seiner Zunge Obermeister seiner ganzen Zunft zu
sein verdiente sich so sehr hervor dass die Session bis Nachmittags um zwei Uhr
daurte Allein wie es darum zu tun war dass die Stimmen gesammelt und der
Schluss angezeigt werden sollte gab es wieder einen neuen Tumult ein jedes
behauptete seine Meinung und nachdem sich die Dame Beatrix und der Barbier alle
nur ersinnliche Mühe gegeben hatten die Ruhe wieder herzustellen so wurde man
endlich des Schlusses einig »dass man nicht begreifen könne wo sie hin gekommen
sein möchten« Weil es nun schon drei Uhr war und jedermann hungerte so wurde
einhellig für gut befunden »dass man vorher zu Mittag essen hernach aber in
einer zweiten Session untersuchen wolle was nunmehr in der Sache zu tun sein
möchte«
Der Spanische Autor der im Gefolg eines bekannten Ministers seiner Nation
sich etliche Jahre in D aufgehalten nimmt sich die Freiheit bei dieser
Gelegenheit sich über gewisse kleine Republiken lustig zu machen von denen er
beobachtet haben will dass die Beratschlagung im Saale der Donna Mencia eine
natürliche Kopei von der Art und Weise sei wie man in selbigen die öffentlichen
Angelegenheiten zu behandeln pflege Man muss gestehen dass die Anecdoten die er
davon beibringt nicht sehr geschickt sind die Republicanische Verfassung
anzupreisen allein von einem Spanier dessen ganze Freiheit darin besteht dass
er das Recht hat mit zwei oder drei Brillen auf der Nasen und mit verschränkten
Beinen vor seinem Hause zu sitzen sich die Zähne auszustochern und so viel
Grillen zu fangen als ihm beliebt ist freilich nicht zu erwarten dass er die
Gebrechen der politischen Freiheit im gehörigen Verhältnis mit ihren Vorteilen
betrachte und wie sollte er der von der vermeinten Erhabenheit seiner Nation
und von der Größe seines Königs verblendet ist die Beobachtung machen können
dass es oft mehr Geschicklichkeit erfordert die verwickelten Triebräder eines
kleinen Staats von freien Menschen zu regieren als einer halben Welt von Sklaven
zu befehlen Man weißt wie weit auch in diesem Stücke die Vorurteile gehen und
wenn Don Ramiro von Z uns andern kleinen Republicanern in der Beratschlagung
zu Rosalva einen Spiegel vorzuhalten meint so könnten wir ihm vielleicht
Beispiele aus der Geschichte großer Monarchien entgegen halten wo nach einer
Menge von geheimen Konferenzen zuletzt doch der Einfluss eines Kammer Mädchens
eines Komödianten oder eines Hofnarren die ganze vereinigte Weisheit von einem
paar dutzend Spanischen Mänteln und langen Perucken überwogen hat
Dem sei indessen wie ihm wolle so wird verhoffentlich niemand dem
Übersetzer übel ausdeuten dass ihm der patriotische Geist wovon er beseelt ist
nicht erlaubt hat eine Stelle zu übersetzen welche von den Neidern der
Republicanischen Glückseligkeit nicht wenig hätte missbraucht werden können Die
Rücksicht auf unser Vaterland ist eine Pflicht die sich bis auf unsre kleinsten
Handlungen erstreckt und wenn nur derjenige den Namen eines guten Bürgers
verdient der mit dem gegenwärtigen Zustande seiner Republik zufrieden ist so
wird man den Abscheu nicht tadeln können welchen man in kleinen freien Staaten
gegen alles was nur von fern die Mine einer politischen Satyre hat mit so
großem Recht zu bezeugen gewohnt ist Ferne sei es von uns die stolze Ruhe und
den süßen Schlummer worin diesfalls unser Vaterland liegt nur einen Augenblick
zu unterbrechen Don Ramiro mag beobachtet haben was er will wir hüllen uns in
unsern Patriotismus ein beißen die Zähne zusammen und sind zufrieden
Sechstes Kapitel
Unterredung beim Frühstück Eifersucht des Don Sylvio
Wir haben unsre Abenteurer denen die kluge Langsamkeit die bei den
Beratschlagungen zu Rosalva präsidierte sehr wohl zu statten kam in einem
Gehölze verlassen wohin sie sich vor der Sonne zurück gezogen hatten Sie waren
noch nicht lange unter den Bäumen fortgegangen als Pedrillo seinem Herrn
vorstellte wie nach der Meinung des Asclepiades und anderer berühmten
Naturkündiger zu glücklicher Fortsetzung einer Reise nichts dienlichers sei
als des Morgens ein gutes Frühstück zu sich zu nehmen Weil nun Don Sylvio
nichts erhebliches dagegen einzuwenden hatte so suchte Pedrillo einen bequemen
Platz wo sie sich setzen konnten packte seinen Zwerchsack aus und brachte
eine große Pastete zum Vorschein welche die Dame Beatrix zu einem ganz andern
Gebrauch von Xelva mitgebracht hatte
Gelt Herr sagte Pedrillo ich seh euchs an ihr wundert euch wie ich zu
dieser Pastete gekommen bin Die arme Dame Beatrix Sie wird ein paar mächtig
große Augen machen wenn sie sehen wird dass der Vogel ausgeflogen ist Aber da
seht ihr doch was es ist wenn man umgänglich mit den Leuten ist wenn ich
nicht etwas bei der Frau Beatrix gälte so könnten wir jetzt mit einem Stück
Brot und einer Hand voll Haselnüsse vorlieb nehmen
Sie hat dir doch die Pastete nicht selbst gegeben sagte Don Sylvio
Das eben nicht versetzte Pedrillo aber wie sie gestern Abend in das
ProviantGewölbe ging winkte sie mir dass ich mit ihr gehen sollte und da
schwatzten wir eine weile zusammen und da wollt ich ihr ich gesteh es einen
Kuss stehlen denn das hab ich von unserm alten Pfarrer selbst gehört dass ein
Kuss in Ehren keine Sünd ist aber sie drehte den Kopf so geschwind zurück dass
ich ihren Mund um ein paar Handbreiten verfehlte aber meiner Six es ging mir
nicht desto schlimmer denn ich kam gerad auf ein Fleckchen wo ihr Halstuch ein
wenig offen war und ich versichere Euer Gnaden es war weicher als Pflaum und
weiß wie Marzipan Freilich schmälte sie mich aus dass es eine Art hat wie ihr
leicht denken könnt sie gab mir glaub ich gar eine kleine Ohrfeige oder so
was aber ich besänftigte sie bald wieder und da gab sie mir zum Zeichen ihrer
Versöhnlichkeit dieses Stück eingemachten Cedrat und da schäkerten wir noch
eine gute Weile mit einander denn wie ihr wisst Gelegenheit macht Diebe und
die Frau Beatrix ist nicht halb so spröde als ihr Gesicht Wenn sie schon nicht
dergleichen tut so hat sies doch gern wenn man ein wenig mit ihr haseliert
das kann mir Euer Gnaden auf mein Wort glauben Bei dieser Gelegenheit zeigte
sie mir die Pastete und andere Sachen die sie für unsere Gäste von Xelva
mitgebracht hatte und da warf ich gleich ein Aug auf die Pastete und denkt
nur gnädiger Herr wie ich zu ihr gekommen bin denn das hättet ihr mir gewiss
nicht zugetraut
Seht ihr Herr Don Sylvio ich bin gewiss ein ehrlicher Kauz aber dumm bin
ich nicht und Euer Gnaden zu lieb wollt ich Gott verzeih mirs dem Pabst zu
Rom seinen Pantoffel stehlen wenn es sein müsste
Und wie hast du es denn gemacht fragte Don Sylvio denn sie wird doch den
Schlüssel zum Gewölbe abgezogen und zu sich genommen haben
Das ist es eben sagte Pedrillo aber man findet für alles Rat nur für den
Tod nicht Wie alles im Hause schlief schlich ich mich an ihre Kammer und
legte das Ohr ans SchlüsselLoch und lauschte und wie ich hörte dass sie
schnarchte so machte ich die Tür ganz leise auf und schlich auf den Zehen an
ihr Bette aber es war so dunkel in der Kammer wie in einer Kuh da tappte ich
so lange herum bis ich den Bund Schlüssel fand den sie immer an ihrem Gürtel
zu tragen pflegt da nahm ich die Schlüssel und schlich so sachte davon wie die
Katze aus dem Taubenschlag Nun wisst ihr das ganze Geheimnis denn wie ich
einmal die Schlüssel hatte so war die Pastete mein Sapperment ich sackte ein
dass es eine Lust war und damit ihr seht dass ich nichts vergessen habe fuhr er
fort indem er eine Flasche aus dem Zwerchsack hervor zog so versucht einmal
diesen AlicantenWein und wenn er nicht so gut ist dass man alle Finger und die
Zehen oben drein danach schleckt so will ich mein Lebtag mit den Gänsen
trinken
Hier machte Pedrillo eine starke Pause aber seine Kinnhacken arbeiteten
nichts desto weniger ob er gleich zu reden aufhörte und er hielt sich so wohl
dass die Pastete in kurzer Frist um ein gutes Drittel leichter wurde Er vergaß
nicht auch der Flasche auf Gesundheit der Frau Beatrix fleißig zuzusprechen
und er wurde nach und nach so lustig dass er zu pfeifen und zu singen anfing
Hei sa rief er indem er die Flasche in die Höhe hielt es leben die Feen und
die bezauberten Princessinnen Sapperment es ist ein rechter Spaß auf der
Feerei herum zu wandern aber es gehört ein wohl gespickter Zwerchsack dazu das
ist wahr Nun wie gnädiger Herr was habt ihr Ihr seid ja gar nicht
aufgeräumt Ihr esst und trinkt ja nichts was soll das sein Hei sa der Henker
hole die Grillen Lustig weil wir ledig sind wer weißt wenn uns wieder so wohl
sein wird es wird immer Zeit zum Kopfhängen sein wenn der Vadus mecus und die
Flaschen leer sind
Mein guter Pedrillo sagte Don Sylvio sei du immer lustig so gut du kannst
und gib auf mich nicht Acht ich gönne dir deinen fröhlichen Mut von Herzen du
würdest nicht so fröhlich sein wenn du an meiner Stelle wärest
Und warum das gnädiger Herr was ist euch schon wieder über die Leber
gekrochen
Ach Pedrillo versetzte der junge Ritter wie sollt ich vergessen können
wie weit ich noch vom Ziel meiner Wünsche entfernt bin und was für Hindernisse
ach vielleicht unübersteigliche Hindernisse ich noch vor mir finden werde Ich
versichere dich wenn die Versprechungen der Fee Radiante mir nicht den Mut
erhielten die Gedanken die mich in diesem Augenblick quälen wären fähig mich
zur Verzweiflung zu treiben
Da sei Gott vor und unsre Frau von Guadalouppe rief Pedrillo ihr macht
einem ja recht bange Aber wenn es nur Gedanken sind warum jagt ihr sie nicht
fort Zum Henker das heißt ja sich selber quälen Seht ihr gnädiger Herr wenn
ich gesund bin und mir nichts weh tut und ich zu essen und zu trinken habe so
bin ich so lustig wie der Vogel auf dem Zweige und bekümmere mich nicht so viel
darum ob es morgen Regen oder schön Wetter geben wird
Sage mir einmal erwiderte Don Sylvio mit einem tiefen Seufzer wie kann ich
aufgeräumt ja wie kann ich nur ruhig sein so lange meine geliebte Prinzessin
in der Gestalt eines Sommervogels herum irret in einer Gestalt die vielleicht
unter allen möglichen für meine Liebe die gefährlichste ist
Gefährlich sagt ihr gnädiger Herr das begreif ich nicht was an einem
Sommervogel gefährliches sein kann denn ihr habt mir ja gesagt dass sie von den
Krähen und Dohlen nichts zu besorgen hat
Die Fee schmeichelte mir zwar fuhr Don Sylvio fort dass die Prinzessin mich
liebe aber wer versichert mich dass eine Neigung die gewisser maßen die Frucht
eines einzigen flüchtigen Augenblicks war gegen die Nachstellungen aushalten
werde die ihrem Herzen
Je zum Deixel unterbrach ihn Pedrillo redet ihr im Schlaf Herr oder
wisst ihr auch was ihr sagt Die Gestalt eines Sommervogels ist eine gefährliche
Gestalt und ihr fürchtet euch vor den Nachstellungen womit man so lange sie
ein Schmetterling ist ihrem Herzen nachstellen wird Hab ich auch in meinem
Leben so was gehört Es scheint meiner Six wohl dass verliebt und nicht gescheit
sein ein Ding ist Eifersüchtig Ihr müsst also auf die Sommervögel eifersüchtig
sein die ihr in dieser Gestalt zu nahe kommen könnten Verzweifelt was das für
ein schnakischer Einfall ist Hi hi hi auf einen Sommervogel eifersüchtig
hi hi das kommt ja gerade so heraus als wenn ihr auf die Flöhe eifersüchtig
sein wolltet die sich unter ihren Unterröckchen lustig machen werden wenn sie
wieder eine Prinzessin ist hi hi hi
Höre Pedrillo mein Freund versetzte Don Sylvio sehr ernstaft ich merke
schon lange dass du den Spassvogel machen willst aber lass dir ein für allemal
gesagt sein dass nichts unerträglichers in der Welt ist als Leute die zur
Unzeit spaßhaft sind Sage mir einmal hast du die Geschichte des
BlätterPrinzen oder des Prinzen von der Insel des ewigen Frühlings gelesen
Des BlätterPrinz Nein wahrlich Herr antwortete Pedrillo den kenn ich
nicht das ist das erste mal dass ich seinen Namen höre
Du kennest also fuhr Don Sylvio fort die Insel der Papilions auch nicht
Die Insel der Papilions sagt ihr das ist ja so viel als wenn einer sagte
die Insel der Sommervögel
Gewisser maßen antwortete Don Sylvio Du musst also wissen dass diese
Papilions eine Art von geflügelten Genien sind an Gestalt und Schönheit den
Liebesgöttern oder kleinen Sylphen ähnlich und von ungemein verliebter Natur
aber so flüchtig und unbeständig dass sie immer von einem Gegenstand zum andern
flattern Kaum hat ein solcher Papilion einer Schönen eine ewige Treue
geschworen so eilt er schon um einer andern zu sagen dass er noch nichts
geliebt habe als sie Kurz der nämliche Tag ja oft die nämliche Stunde sieht
ihre Flammen entglimmen brennen und erlöschen und ihre Liebe ist nicht so bald
glücklich so ist sie nicht mehr
Das ist mir eine närrische Art zu lieben Sie können also reden diese
Papilions
Ich sage dir ja dass es keine gemeine Papilions sondern eine Art von
Sylphen sind welche nach dem Bericht eines gewissen Arabischen Naturkündigers
aus der verstohlenen Liebe einer gewissen Sylphide zu einem jungen Faunen
entsprungen sein sollen Die überirdische Schönheit die immerwährende Jugend
und die eterische Behendigkeit womit sie begabt sind haben sie von
mütterlicher Seite her so wie sie von der väterlichen ihre Art zu lieben ihre
Verwegenheit und ihren Unbestand geerbt haben
Ha ha Nun besinn ich mich rief Pedrillo gut gut Nun weiß ich wovon
ihr redet Ich habe ja in dem großen Gemälde das in der gnädigen Frauen ihrem
Kabinet hängt dergleichen geflügelte Bübchen wer weißt wie oft gesehen ihr
kennt es ja es stellt die Liebe des Florus und der Zephira
Umgekehrt Herr Pedrillo du willst sagen des Zephyrus und der Flora
Ja ja so wollt ichs eben sagen des Florus und der schönen Zephira vor
sie ist in der Tat schön meiner Six Ich hatte nie das Herz es recht
anzuschauen denn unser Vicarius sagt es sei Sünde wenn man so was anschaue
Aber ich weiß doch wohl was ich weiß der hat gut sagen der allein reden darf
unter uns gnädiger Herr der gute Herr Vicarius ist eben auch nicht von Stahl
und Eisen er täte vielleicht nicht übel wenn er sich selber ein wenig bei der
Nase nehmen wollte Solltet ihr wohl erraten bei wem ich ihn neulich von
ungefähr denn gewiss mit Willen geschah es nicht antraf beider dicken
Maritorne Sapperment Herr er betete das Pater noster nicht mit ihr das könnt
ihr mir glauben ich mag nicht reden wenn es weiter käme so könnte sich einer
die Zunge verbrennen dass einer lieber wünschte er hätte keine Augen gehabt
ich will nur so viel sagen gnädiger Herr ihr dürft mir gewiss glauben dass es
wahr ist aber das sag ich ich gesteh euch kein Wort ein wenn es weiter käme
nein hol mich Gott nicht auf der Folter Meiner Six es ist nicht gut wenn
man von solchen Herren zuviel weißt ihr versteht mich wohl
Aber was hast du denn gesehen fragte Don Sylvio
O Sapperment gnädiger Herr antwortete Pedrillo verzeiht mir ich schäme
michs zu sagen seht ihr weil es Maritorne war so war es auch gar zu arg Ja
wenn es noch Frau Beatrix gewesen wäre
Genug hievon sagte Don Sylvio errötend ich will nichts weiter wissen
Aber was wolltest du von dem Gemälde sagen
Ja von dem Gemälde wenn ich michs jetzt noch besinnen kann he Nun fällt
mirs ein ich sagte euch und ich will nicht ehrlich sein wenns nicht wahr ist
ich getraute mir nie dass ichs recht angesehen hätte es ist so vorgestellt als
ob sie bade und da könnt ihr leicht denken weil sie halter meint dass sie
allein sei und es mitten im Sommer ist kurz und gut sie hat mit Gunst zu
sagen keinen Fetzen am Leibe nicht einmal eine BadEhre und da ist ihr
Liebhaber der Florus auf einer Wolke vorgestellt und sieht so ernstlich auf
sie herab als ob er sie mit den Augen verschlingen wolle und da flattern eine
ganze Menge von diesen kleinen Bübchen mit SchmetterlingsFlügeln um ihn her
und werfen einander mit Rosen
Gut gut sagte Don Sylvio du musst aber wissen dass diese Papilions durch
die Gewalt einer Bezauberung welche Amor dessen Unwillen sie sich zugezogen
auf sie legte ihre Gestalt verlieren so bald sie sich über die Insel erheben
wo sie geboren werden Kurz sie werden Schmetterlinge oder scheinen es doch zu
sein da ihnen von ihrer eigentümlichen Gestalt nichts als die Flügel übrig
bleiben In dieser Gestalt mischen sie sich unter die wahren Schmetterlinge und
bedienen sich ohne Scheu der Vorrechte die eine Vestalin selbst sich kein
Bedenken macht diesen kleinen unschuldigen Tierchen zu lassen und ihre
unwiderstehliche Neigung zu LiebesStreichen hat sie selbst in dieser Gestalt
schon öfters gefährlicher gemacht als man denken sollte Denn da sie reden
können
Reden Fiel ihm Pedrillo ein je das muss ja überaus schnakisch heraus
kommen wenns wahr ist beim Velten Ein redender Schmetterling ich möchte nur
einen einzigen haben der reden könnte ich versichere euch ich wollte in vier
Wochen so viel Geld mit ihm gewinnen dass ich den König fragen könnte ob ihm
Valencia feil sei Aber nun merk ich endlich warum Eu Gnaden nicht recht wohl
bei der Sache ist Ihr habt wahrhaftig so unrecht nicht ein Papilion der
reden kann der eine Sylphe ist der eh man sichs versieht sich in einen
schönen krauslockichten Buben verwandelt potz Wetter das ist kein Spaß nicht
Es ist doch immer eine Möglichkeit dass die Prinzessin in Bekanntschaft mit
einem von diesen kleinen bunten Teufelchen kommen könnte und dann setzten sie
sich miteinander auf einen Strauch und schwatzen eins so lange der Tag wäre
und dann gibt eine Rede die andre sagte das BauerMädchen und dann rückt man
unvermerkt immer näher und näher zusammen und dann versteht ihr mich ich
will nicht sagen was weiter geschehen könnte Aber wir sind alle Menschen und
es käme nur darauf an dass das arme Ding einen Augenblick vergässe dass sie eure
Liebste ist so würden wir ein schönes Spiel sehen
Wenn ich nicht wisste rief Don Sylvio entrüstet dass du selbst nicht weißt
was du plauderst so solltest du mir die tolle Frechheit womit du dich
erkühnest die Tugend meiner unvergleichlichen Prinzessin anzuschmitzen mit
jedem Tropfen deines dummen OchsenBluts bezahlen
Ich bitte Euer Gnaden tausendmal um Vergebung sagte Pedrillo indem er
etliche Schritte zurück sprang ich will gehangen sein wenn ich es so bös
gemeint habe als ihr mir es aufnehmt ihr erzürnt euch ja gleich wenn ich nur
ein Wörtchen sage Man kann doch einen Pelz nicht waschen ohne ihn nass zu
machen Sapperment Entweder seid ihr eifersüchtig oder nicht seids ihrs so
müsst ihr doch eine Ursach dazu haben und wenn ihr keine Ursach habt je zum
Geier was macht ihr mit der Eifersucht
Wenn ich eifersüchtig bin wie du es nennst versetzte Don Sylvio so bin
ich es bloß über ihr Herz nicht als ob ich besorgte dass sie fähig wäre einen
Schritt zu tun der ihre Tugend verdächtig machen könnte sie ist für mich
bestimmt dafür hab ich das Wort der Fee Radiante und die Prinzessin weißt es
dass sie die meinige werden soll ich bin also ihrer Person gewiss und ich würde
mich selbst verachten wenn nur der Schatten eines Argwohns gegen ihre Ehre in
meine Seele kommen könnte unsere Person ist allezeit in unserer Gewalt aber
unsere Empfindungen sind es nicht ein andrer könnte ihr Herz besitzen indem
ich nichts als der Besitzer ihrer Schönheit wäre
Ich will nicht ehrlich sein Herr Don Sylvio fiel ihm Pedrillo ein wenn
ich verstehe was ihr da sagt was wollt ihr denn mit eurem Herzen und mit
eurer Person und mit euren Empfindungen sagen Je beim Element wenn ich die
Person habe so habe ich ihr Herz und wenn ich das Herz habe so habe ich die
Person das geht ja nie ohne einander Seht ihr Herr ich verstehe mich nichts
auf eure Distillationen aber ich sage so viel wenn ich eine Frau hätte die
mich nicht von Herzen lieb hätte so würde mir die Stirne verzweifelt jucken
wenn sie gleich die Tugend selbst wäre wer einmal das Herz eines Weibsbilds
hat seht ihr Sachte was war das für ein Geräusch Hörtet ihr nichts Herr
Nein was hörtest du denn
Es war ein Geräusch dort von jener Seite her aus dem Gebüsche
Es ist vielleicht ein Vogel gewesen
Der Himmel gebe nur dass es kein Raubvogel sei gnädiger Herr jetzt ist es
wieder ganz stille und was wollt ich sagen Wir redeten von eurer Eifersucht
ja und da sagt ich es rauscht schon wieder heiliger Schutzengel was kommt
da Gott sei bei uns Herr eine Zwergin eine Unholdin
Stille du feige Memme lispelte ihm Don Sylvio zu der jetzt sah was den
guten Pedrillo in einen so großen Schrecken setzte es ist wie ich sehe eine
Fee
Eine Fee sagt ihr Ja von den Feen die auf der Gabel zum Schornstein
hinaus fahren Meiner Treu Sie sieht einer Hexe ähnlicher als eine Taube ihrem
Tauber
Halt ein mit dergleichen Reden Pedrillo es ist möglich dass es eine von
meinen guten Freundinnen ist die schönsten Feen pflegen zuweilen in Gestalt
hässlicher alter Weiber zu erscheinen um zu sehen wie man ihnen in dieser
Gestalt begegnet
Ha nun seh ich erst was es ist rief Pedrillo ha ha hi Eine Zigeunerin
ist es Herr seht sie nur recht an es ist eine Zigeunerin das ist keine
Frage Sie kommt eben recht sie soll uns unser gutes Glück sagen
Nimm dich in acht Pedrillo sagte Don Sylvio leise zu ihm es ist eine Fee
sag ich dir wenigstens ist es doch möglich dass es eine ist und in solchen
Sachen ist immer besser man gehe den sichersten Weg sie mag nun sein was sie
will so wollen wir ihr doch als einer Fee begegnen so wagen wir doch nichts
dabei
Unter diesen Reden näherte sich ihnen die vermeinte Fee welche in der Tat
weder mehr noch weniger als eine alte bucklichte Zigeunerin war die nicht ohne
Ursach in dieser Gegend herum spückte und zum wenigsten eben so betroffen war
als unsere Wanderer da sie eines jungen Menschen von so edlem Ansehen als Don
Sylvio war in diesem Gehölz und in einem solchen Aufzug ansichtig wurde
Siebentes Kapitel
Abenteuer mit der Zigeunerin
So bald die Zigeunerin näher gekommen war stund Don Sylvio vor ihr auf grüßte
sie sehr höflich und fragte Ob er etwas zu ihren Diensten tun könne
Heilige Barbara rief sie aus was macht ein so schöner junger Herr in
diesem Walde Habt ihr euch etwa verirrt oder sucht ihr vielleicht
He Frau Zigeunerin unterbrach sie Pedrillo nicht so vorwitzig Haben wir
euch doch auch nicht gefragt was ihr sucht Wer sagt euch
Schweige ungezogener Tölpel rief Don Sylvio indem er einen zürnenden
Blick auf ihn warf In der Tat meine liebe alte Mutter ihr könntet euch
verwundern was ich hier mache wenn ihr nicht wie es scheint schon vorher
wisstet was ich suche
Hei da Großmutter sagte Pedrillo dem der Wein von Malaga ein wenig in den
Kopf gestiegen war ihr könnt ja wahrsagen nicht so Seht ihm einmal in die
Hand und sagt mir ob er eine glückliche Physionomie habe
Ich brauche seine Hand nicht dazu erwiderte die Alte das seh ich ihm in
den Augen Gelt junger Herr mit dem glatten JungferGesichtchen so jung ihr
seid so wisst ihr doch schon was die Liebe ist hi hi hi Ihr werdet rot hab
ichs nicht erraten
Zum Henker sagte Pedrillo das seht ihr ihm an den Augen an Mütterchen So
seht ihr gewiss auch dass die Prinzessin die er liebt ein Sommervogel ist he
Ein Sommervogel rief die Zigeunerin aus hi hi hi das ist so ein guter
Einfall ich glaub es bei meiner Redlichkeit dass sie ein Sommervogel ist ist
er schon flicke junger Herr hat er schon Federn hi hi Ich verstehe mich
auch ein wenig auf diese Art von Sommervögeln ich ich weiß die Zeit da ich zu
Sevilla ihrer eine hübsche Anzahl in meinem Käficht hatte das könnt ihr mir
glauben Aber es scheint er sei euch ausgeflogen weil ihr ihn sucht
Es deucht mich fast alte Mutter sagte Pedrillo ihr wisst mehr von der
Sache als wir selbst Aber ich bitte euch weil ihr in seinen Augen so viel
gesehen habt so werdet ihr in seiner Hand noch mehr sehen das habe ich mein
Tage gehört eure Hand gnädiger Herr wenn ihr so gut sein wollt Seht einmal
Mütterchen was sagt ihr zu diesen Ligamenten
Meiner Treu rief die Zigeunerin eine feine weiße Hand hört mein schöner
Herr wenn ihr einen Ducaten in diese schöne Hand legt so will ich euch
wahrsagen dass es eine Lust sein soll
Einen Ducaten sagte Pedrillo Potz Herrich Gevatterin ich glaube du hast
diesen Morgen Schnips getrunken Einen Ducaten wenn du noch einen Realen gesagt
hättest das ließe sich endlich dran wagen denn wir habens eben nicht so nötig
dass du uns wahrsagest verstehst du mich wir wissen doch schon was wir wissen
Das ist noch die Frage antwortete die Alte wer weißt was geschehen kann
es ist noch nicht aller Tage Abend und so viel ich merke
Hier ist der Ducaten meine gute Mutter sagte Don Sylvio kehret euch nicht
an das alberne Geschwätz dieses Burschen hier er ist eine gute Art von einem
Jungen aber er weißt oft selbst nicht was er sagt man muss ihm nichts übel
nehmen
Junger Herr antwortete die Zigeunerin ihr habt so gute Manieren dass ich
euch wohl mehr zu gefallen tun wollte als das wenn ich noch wäre was ich vor
Zeiten war bei St Jacob ich hatte auch meine Zeit das könnt ihr mir glauben
man wird von langem leben alt wie ihr seht aber ich erinnere mich der Zeit
noch wohl da ich die artige Zigeunerin hieß und da sich die jungen Herren von
Toledo um die Ehre rauften mir Ständchen zu bringen ich machte meiner Treu
eine Teurung in die Saiten so viel Guitarren und Lauten wurden mir zulieb
zerspringt da regnete es Sonnette und Pistolen auch das versichre ich euch
Gut gut sagte Pedrillo ungedultig wir bekümmern uns viel um die
Ständchen die man euch vor hundert Jahren gebracht hat als der Teufel noch ein
kleiner Junge war und ihr eure Zähne noch im Maul hattet Zur Sache wenn ich
bitten darf ihr habt nun unsern Ducaten wir wollen jetzt auch von eurer Ware
haben eure Hand gnädiger Herr
Nur noch einen einzigen kleinen Ducaten mein schöner junger Herr so will
ich euch wahrsagen dass ihrs nicht besser wünschen sollt
Hier ist er sagte Don Sylvio indem er ihr so sehr auch Pedrillo murrte
den Ducaten auf seiner Hand darbot
Eine hübsche Hand wie ich sagte eine feine glückliche Hand junger Herr
Hi hi hi sagt ichs nicht du bist verliebt Schätzchen Gelt das gute Kind
du brauchst nicht rot zu werden du hast das rechte Alter dazu ach es ist eine
so hübsche Sache um die Liebe Wie lass es einmal sehen in ein artiges kleines
Mädchen bist du verliebt in ein wunderartiges kleines Mädchen
Getroffen mein Seel rief Pedrillo in der Tat wunderartig und kleine wie
eine Puppe
Noch ein junges Mädchen sehr jung ein wenig flatterhaft
Flatterhaft in der Tat sagte Pedrillo denn sie flattert über Stauden und
Hecken dass ihr der Henker nicht nachkommen kann
Das wird sich alles schon geben man wird alle Tag älter sie liebt dich
doch nicht wahr
Das ist es eben was wir gerne wissen möchten denn wir haben so einen
gewissen kleinen Argwohn eine gewisse Suspection
Schweige rief Don Sylvio kannst denn du dein Maul nicht einen Augenblick
halten
Dass sie einen andern liebt fuhr die Zigeunerin fort das kleine schelmische
Ding Einen andern das ist verzweifelt Aber so sind die jungen Mädchen wer
ihnen Tändeleien und Liebkosungen vorsagt verderbt seine Zeit gewiss bei ihnen
nicht Ja wohl Sie liebt einen andern Ich wette gleich dass es einer von
diesen kleinen süßen Herrchen ist von diesen Papilions die um alle hübsche
Blumen herum flattern und auf keiner sitzen bleiben
Holla Frau Zigeunerin rief Pedrillo da er sah dass Don Sylvio bei diesen
Worten so blass wie eine Leiche wurde ihr sagt mehr als wir wissen wollen
Ich habe genug sagte Don Sylvio indem er seine Hand zurück zog lasst mich
gehen mein Unglück ist gewiss Sie hat es so gar in meiner Hand gelesen
Was hat das auf sich unterbrach ihn Pedrillo wenn man es nur nicht an
eurer Stirne liest Hei da Großmutter wir wollen von was anderm reden was
sagt ihr zu meiner Hand Da sind zween Realen ich denke dafür sollte sich
schon was hübsches sehen lassen
Bei meiner Treu rief die Alte nachdem sie ihm einen Augenblick in die Hand
geguckt hatte in was für einem Zeichen sind diese jungen Leute geboren ihr
seid ja so verliebt wie die Sperlinge Fi da sind gleich fünf oder sechs Weiber
an einem Stiel
Fünf oder sechs Weiber ihr seid nicht klug Mädchen wollt ihr sagen was
wollt ihr dass ich mit so viel Weibern anfangen soll
Sie werden gewiss nicht abstehen auf mein Wort versetzte die alte was du
nicht brauchst ist gut für andre Leute Du wirst dir doch nicht einbilden dass
du eine hübsche Frau für dich allein haben wollest Meiner Treu ich sehe hier
eine die mir die Mine hat als ob sie dir gute Freunde machen werde
Wie was Ihr seht die Person die ich jetzt im Sinn habe in meiner Hand
Ohne Zweifel
Das wollen wir doch sehen Ist sie groß oder klein alt oder jung fett oder
mager antworte mir einmal auf das mein gutes Mütterchen
Sie ist weder zu groß noch zu klein Gut weder zu alt noch zu jung
Sapperment Und was man sagen möchte eher fett als mager nicht wahr es ist
so
Pestilenz Wie macht ihrs denn dass ihr alles das in meiner Hand sehen
könnt Seht ihr denn auch die großen schwarzen Augen die sie im Kopf hat
In der Tat ein paar hübsche schwarze Augen ein paar freundliche einladende
Augen das gesteh ich Schwarze Augen schwarzes Haar und ein hübsches Maul
voll perlenfarber Zähne lässt gut zusammen
Beim Element ihr kennt sie ja so gut als ich selbst Aber weiter einen
hübschen vollen Busen he
O das versteht sich wenn anders der Schneider
Wie der Schneider sagt ihr Wahrhaftig da kommt ihr mir recht
Sapperment es schneidert sich nichts das könnt ihr mir wieder nachsagen was
das betrifft so darf sie sich neben einer Infantin sehen lassen sie mag sein
wer sie will das versprech ich euch Und was sagt ihr zu ihren Füßchen
Sind sie nicht niedlich Gelt und ein paar Waden ihr werdet sie vor dem Rock
nicht recht sehen können Aber ihr könnt mir sicher glauben dass man sie nicht
schöner drechseln könnte
In der Tat du hast recht es ist ein hübsches rundes drolligtes Ding
aber desto schlimmer für dich mein Sohn
Warum desto schlimmer
O das ist ja keine Frage Du wirst es erfahren denke an mich du wirst es
erfahren was es auf sich hat eine hübsche Frau zu haben Sie wird dir was
aufsetzen denke an mich Sie wird dir was aufsetzen mehr will ich nicht sagen
Ei potz Gift rief Pedrillo ich denke das ist genug gesagt Sie wird mir
was aufsetzen Ihr wollt sagen sie werde mir Hörner aufsetzen
Ich will eben nicht sagen Hörner aber doch so was so was das die Stirne
jucken macht so eine Art von Sprossen Kurz und gut wenn du ein eigenes Haus
kriegst so lass auf mein Wort die Türen so hoch machen als du kannst in
dergleichen Umständen kann man nie zu vorsichtig sein Aber ich verderbe hier
meine Zeit ich denke ihr habt für euer Geld so viel gehört dass ihr zufrieden
sein könnt ich habe Geschäfte Lebt wohl meine Kinder bis wir uns wieder
sehen
Mit diesen Worten ging die Zigeunerin ihres Weges und ließ den guten
Pedrillo in keiner geringen Verlegenheit was er von ihr denken sollte Zum
Henker rief er indem er nach seinem Herrn lief der sich in großem Unmut unter
einen Baum geworfen hatte wenn diese alte bucklichte Hexe keine Fee ist wie
ihr sagtet so redt der böse Feind leibhaftig aus ihr Das ist einmal gewiss dass
es mit ihrer Wahrsagerei nicht natürlich zugeht Wie konnte sie wissen dass ihr
in eine Prinzessin verliebt seid und dass die Prinzessin ein Papilion ist Und
hat sie mir nicht die Frau Beatrix so natürlich beschrieben als ob sie sie
selbst gemacht hätte Und doch ist gewiss dass sie uns heute zum erstenmal
gesehen hat Was sagt ihr hierzu gnädiger Herr Ich für meine Person gestehe
euch dass ich mich eher zum Gimpel sinnen würde eh ich aus allem diesem
verfluchten Zeug klug werden könnte
Don Sylvio der in tiefen Gedanken da gelegen war und auf die Reden seines
Reisegefährten keine Acht gegeben hatte wachte jetzt auf einmal auf Höre
Pedrillo sagte er ich will dir meine Gedanken von dieser Begebenheit sagen
und ich bin gewiss dass ich mich nicht betrüge Aber wo ist die Zigeunerin
hingekommen
Verschwunden ist sie gnädiger Herr ich weiß selbst nicht wie ich guckte
nur einen Augenblick auf die Seite und wie ich wieder herüber sah da war sie
weg
Ich gestehe dir Pedrillo fuhr Don Sylvio fort dass ich nicht gleich im
Stande war mich zu fassen da sie mir die Untreue der Prinzessin anzukündigen
schien anfangs nicht denn du hattest es ihr aus Unbedachtsamkeit auf die Zunge
geleget aber der Umstand dass es ein Papilion sei dem ich aufgeopfert werde
war eine zu starke Bestätigung meiner vorigen Besorgnisse als dass ich hätte
gelassen bleiben können Allein seit dem ich allem dem was sie sagte denn ich
erinnere mich noch an jedes Wort und dem Ton und der Mine womit sie es sagte
besser nachgedacht habe bin ich überzeugt dass der verstellte Salamander die
Sylphide mit der ich diesen Morgen reiste und diese Zigeunerin eine und eben
dieselbe Person ist und dass alle diese Erscheinungen nichts als boshafte
Kunstgriffe sind wodurch meine Feinde mich von der Vollendung meines Vorhabens
abzuschrecken suchen Mit einem Wort ich zweifle keinen Augenblick daran dass
diese Zigeunerin nichts geringers als die Fee Karabosse selbst war So viel ist
gewiss dass sie vollkommen die Gestalt hatte welche die Geschichte dieser Fee
beilegt denn sie war klein bucklicht schielend triefaugicht und ganz
schwarzgelb im Gesicht Dem sei wie ihm wolle ich bin fest entschlossen mich
durch alle diese Kunstgriffe nicht irre machen zu lassen Nein meine teure
Prinzessin fuhr er mit erhöhtem Ton der Stimme fort indem er ihr Bildnis
ansah und an seinen Mund drückte nichts ist vermögend die reine und
unsterbliche Flammen zu ersticken die deine göttliche Schönheit in meiner Brust
entzündet hat Auch kaltsinnig auch unbeständig auch ungetreu würde ich dich
nicht weniger lieben Aber verflucht sei der Gedanke der dich mir ungetreu
vorstellen will nachdem die gütige Fee die uns beschützt mich deiner
Zärtlichkeit versichert hat Ach vielleicht liegst du in diesem Augenblick
fern von mir in einer Einöde wohin dein Schmerz oder das Verhängnis dich
getrieben hat im Schoße einer aufblühenden Rose verborgen und betauest ihre
duftende Brust mit deinen Tränen und jammerst dass ich dich verlassen habe
Himmel ich sollte dich verlassen können Nein du süße Beherrscherin meiner
Seele der Tod selbst in der furchtbarsten Gestalt die ihm die Grausamkeit
unserer Feinde geben kann soll nicht verhindern dass mein Schatten von seiner
unsterblichen Liebe beseelt dich überall suche dir überall nachfolge und die
Götter um ihre Sphären nicht beneidend in deiner Brust sein besseres Elysium
suche
Don Sylvio brachte diese patetische Rede mit so vieler Lebhaftigkeit mit
einem so zärtlichen Ton der Stimme und mit so rührenden Bewegungen vor dass dem
armen Pedrillo der mit offenem Maul und Augen zuhörte die Tränen über die
Backen herab rollten ohne dass er wusste wie ihm geschah
Bei meiner Treu Herr Don Sylvio rief er aus und wischte sich die Augen
mit der Hand ihr habt eine außerordentliche Gabe einen weichherzig zu machen
Wie macht ihrs doch dass euch alle diese schöne Sachen einfallen die ihr da
sagtet Pestilenz wenn ihr ein Pfarrer wäret und auf der Kanzel so predigen
würdet das setzte Zähren ab Meiner Six es gäbe ein Gewässer dass man mit
Nachen in der Kirche fahren müsste Ich wollte was drum gehen wenn ichs so hätte
behalten können wie ihrs gesagt habt aber ich habe mir doch die aufblühende
Rosen und die duftende Schoss der Tränen und den unsterblichen Schatten gemerkt
und hernach brachtet ihr auch die Sphären und die Götter drein und etwas von
der Liebe und von der heiligen Elisabet Sterb ich wenn ich begreife wie ihr
das alles so zusammen bringen konntet Aber auf die Hauptsach zu kommen
Gut gut unterbrach ihn Don Sylvio die Hauptsach ist dass wir den blauen
SommerVogel suchen müssen packe deine Sachen wieder zusammen und lass uns
weiter gehen Aber ich sehe hier mehr als einen Fußweg durch dieses Gehölze wo
ist Pimpimp Mich deucht ich habe ihn schon etliche Stunden nicht gesehen
Diese Frage war ein Donnerschlag für den Pedrillo der sich jetzt plötzlich
erinnerte dass er den armen Pimpimp seit dem Abenteuer mit dem Froschgraben
gänzlich aus der Acht gelassen hatte Allein da ihm zugleich beifiel dass ihm
sein Herr eine solche Nachlässigkeit nicht vergeben würde so versicherte er
ihn dass er nicht weit gegangen sein könne Ich habe ihn diese ganze Nacht auf
dem Arm getragen setzte er hinzu denn es war so müde das arme kleine Ding
dass es sich nicht mehr rühren konnte und er war diesen Morgen noch da als die
Zigeunerin kam ich will ihm rufen er wird sich nicht weit verloffen haben
Pedrillo rief also was er rufen konnte und sein Herr half ihm rufen und suchen
aber sie waren nicht glücklicher als die Argonauten da sie den schönen Hylas
suchten den die Nymphen geraubt und in ihre Grotten unter die Wellen hinab
gezückt hatten die Suchenden durchstrichen den Hain und das Ufer und riefen
Hylas Hylas dass der Hain und die Ufer ertönten Umsonst Hylas lag indes in
den Armen der schönsten Nymphe und hörte ihr Rufen nicht So ging es auch hier
mit dem einzigen Unterschied dass Pimpimp in diesem Augenblick an statt am
Busen einer schönen Nymphe zu ruhen in den Armen der schwarzgelben Zigeunerin
lag welche ihn bald nachdem sie von unsern Reisenden Abschied genommen halb
tot vor Mattigkeit auf der Spur seines Herrn gefunden und weil er überaus klein
und artig war mit sich genommen hatte
Don Sylvio wurde über diesen neuen Unfall äußerst betrübt und es fehlte
wenig so hätte er diesmal den Mut gänzlich sinken lassen Pedrillo hatte keine
Mühe ihn zu bereden dass Pimpimp von der Fee Karabosse gestohlen worden sei
aber desto größere ihn von hundert tollen Entschließungen abzubringen auf die
er in seiner Verzweiflung verfiel
Vielleicht wäre dieses der Augenblick gewesen da er seinem Herrn den Antrag
hätte machen können wieder umzukehren allein seit der Konversation die er mit
der kalten Pastete und der Flasche AlicantenWein gehalten hatte war wieder
eine kleine Veränderung in seiner DenkungsArt vorgegangen und er dachte jetzt
so wenig ans Wiederkehren dass es ihm leid gewesen wäre wenn Don Sylvio davon
selbst angefangen hätte Die Wahrheit zu sagen so kam bei dem guten Pedrillo
alles auf die Umstände des gegenwärtigen Augenblicks an Er dachte anders bei
Nacht und anders an einem schönen Sommertag anders in einem Wald und anders
auf freiem Felde anders in einem Froschgraben und anders nach einem guten
Frühstück Pedrillo war in diesem Stück ein anderer Seneca und der ganze
Unterschied zwischen ihm und einem Philosophen lag diesfalls bloß darin dass er
sich keine Mühe gab seine Widersprüche in einen Zusammenhang zu räsonnieren Er
strengte also alle seine Beredsamkeit an um seinen Herrn zu überreden dass noch
nichts verloren sei Pimpimp wird sich wieder finden eh wirs denken sagte er
lasst ihr nur die Frau Radiante dafür sorgen wer weißt was sie für Absichten
dabei hat dass er weg ist Man muss das beste hoffen gnädiger Herr das böse
kommt von sich selbst Einmal die Fee eure gute Freundin muss als eine brave
Frau ihr Wort halten wir müssen über lang oder kurz unsere Prinzessin haben
und damit Punctum
Dieser kräftige Zuspruch beruhigte das Gemüt unsers bekümmerten Helden
wieder in etwas und weil eine angenehme Luft die von der SeeSeite her den
Wald durchstrich die Wärme ziemlich mäßigte so beschlossen sie ihren Weg noch
eine Zeitlang unter den Bäumen fortzusetzen
Achtes Kapitel
Don Sylvio ermüdet sich über dem Suchen des blauen Schmetterlings und schläft
nach einer guten FeldMahlzeit ein
Da die Absicht des Don Sylvio bei dieser wundervollen Wanderschaft ganz allein
war den blauen Sommervogel aufzusuchen so kann man leicht denken dass beinahe
ein jeder Schmetterling der ihm in den Weg kam seine Aufmerksamkeit an sich
zog
Diesesmal schien es nach Pedrillo Beobachtung nicht anders als ob die
Fanferlüschin und Karabosse recht mit Fleiß alle Sommervögel der ganzen Welt
zusammen getrieben hätten um sie im Gehölze herum zu sprengen aus jedem Busche
flatterten ihrer ein halb dutzend hervor und unser Ritter der alle Augenblick
seine Prinzessin zu sehen glaubte setzte sich in den Kopf dass er nicht ruhen
wollte bis er sie erhascht hatte Pedrillo mochte fluchen wie er wollte es
half alles nichts er musste seinem Herrn Gesellschaft leisten
Allein nachdem sie ein paar Stunden lang wie die Unsinnigen hin und wieder
geloffen und so müde waren dass sie sich kaum auf den Beinen halten konnten so
befand sich dass die verwünschten Schmetterlinge sie nur zum Besten gehabt
hatten Es waren ihrer so viele gewesen dass man eine Sammlung in ein Kabinet
davon hätte machen können gelbe rote weissgraue feuerfarbe aurorafarbe
bunte getüpfelte gestrichelte pfauenaugichte kurz Schmetterlinge von allen
Farben und Arten nur kein redender und keine Prinzessin
Herr Don Sylvio rief endlich Pedrillo keuchend indem er unter einen Baum
hinsank ich kann nicht mehr Ich wollte dass die Pestilenz unter alle
Schmetterlinge käme eure Prinzessin ausgenommen so hätten wir doch noch
Hoffnung sie zu finden Denn das sag ich euch wenn sich die Frau Radiante unser
nicht besser annimmt als bisher so geb ich das Suchen auf
Pedrillo mein Freund antwortete Don Sylvio mit erstickter Stimme ich bin
so matt dass ich mich nicht rühren kann Sich doch ich bitte dich ob du nicht
einen bequemen Platz findest wo wir ausruhen können und wenn ich wieder reden
kann so will ich dir meine Gedanken sagen
Geht nur noch etliche dutzend Schritte weiter sagte Pedrillo wenn ihr
anders noch gehen könnt ich sehe dort einen schönen grünen Platz der gegen das
Feld hinaus offen ist dort hinter den OlivenBäumen mich deucht das sollte
kein unfeiner Platz sein
In der Tat befanden sie ihn da sie hinzu kamen noch anmutiger als er von
fern geschienen hatte denn es zog sich ein hohes Gebüsche von gelben und weißen
Rosen auf der einen Seite um ihn her und machte eine Art von natürlicher Laube
und wo er offen war hatte man eine Aussicht über die schönsten Wiesen die von
bunten Blumen funkelten und von hundert schlängelnden Bächen durchschnitten
waren deren Rand zu beiden Seiten mit fruchtbaren Bäumen besetzt dem entzückten
Auge das Gemälde eines Paradieses darstellte
Was für ein angenehmer Ruheplatz rief Don Sylvio dem dieser Anblick wieder
den Mut erhöhte sollte man nicht denken dass ihn irgend eine Nymphe oder Fee in
diesem Augenblick habe entstehen lassen damit wir uns wieder erquicken können
Aber ich bitte dich hole mir eine Flasche Wasser aus jenem Bache der dort
zwischen den RosinenSträuchen fließt ich bin ganz leck vor Durst und
Mattigkeit Indem er dieses sagte warf er sich auf den Rasen hin der so weich
und zart war wie ein samtner Polster
Pedrillo kam in der Minute mit seiner Flasche zurück Munter munter Herr
Don Sylvio rief er ihm zu hier ist Wassers die Fülle und was noch mehr ist
hier sind noch ein paar Flaschen Wein von Malaga in meinem Zwerchsack die uns
nur desto besser schmecken werden weil wir sie so sauer verdient haben Hei sa
auf Gesundheit unsrer Prinzessin was noch nichts ist kann etwas werden Nur
gutes Muts gnädiger Herr es ist noch nichts verspielt Wir sind ja noch keinen
Tag auf der Reise und es wäre vielleicht besser wenn wir nicht so gar nötig
täten Man weißt ja beim Velten wie die Weibsleute sind ich wette wenn wir
ganz ruhig unsre Straße zögen und uns Essen und Trinken schmecken ließ und
täten als ob uns nicht viel daran gelegen wäre sie käme von sich selbst und
ließe sich so willig haschen als jene Schäferin die vor einem Hirten den sie
liebte fliehen wollte und in eine Grotte lief Zum Henker wer hat mehr dabei
zu gewinnen als sie selbst Meint ihr dass sie lieber ein armer blauer
Schmetterling ist als eine Prinzessin und eure Frau Das soll sie einem andern
weis machen Es ist also wie ihr seht noch nichts versäumt wir wollen es den
verdammten Karabossen zum Trotze tun und lustig sein Auf Herr Don Sylvio
Essen und trinken hält Leib und Seele zusammen kommt und greift zu Wer weißt
ob wir nicht Morgen mit unsrer Prinzessin in einem Schloss von Alabaster aus
lauter Regenbogen Schüsseln zu Mittag essen
Dieser schöne Zuspruch des Pedrillo wurde durch sein Beispiel und den
Appetit unsers Helden so nachdrücklich unter stützt dass er wenn uns dieser
Jansenistische Ausdruck erlaubt ist eine unwiderstehliche Wirkung tun musste
Don Sylvio erfuhr bei dieser Gelegenheit wie richtig die Anmerkung des
weisen Zoroasters ist welcher in einem seiner verloren gegangenen Büchern
versichert dass ein Pfund weißes Brot eine kalte Pastete und eine Flasche Wein
von Malaga bei einer Person die guten Appetit und lange nichts gegessen hat
ein bewährtes Mittel gegen allen Kummer sei Sein Mut nahm nach der nämlichen
Proportion zu in welcher die Pastete und die Flasche abnahm die fröhlichen
Geister des Weins zerstreuten in kurzer Zeit die schwarzen Dünste womit sein
Gehirn umzogen war und allmählich nahmen angenehme Bilder lächelnde Aussichten
und süße Träumereien ihre Stelle ein bis endlich der Gott des Schlafs ohne ein
Körnchen MohnSamen dazu nötig zu haben seiner aufgelösten Sinne sich
bemächtigte und indem er ihn sanft betäubt ins Gras hin streckte den Zephyrn
Befehle hinterließ ihn von Zeit zu Zeit mit vertropfenden Rosen zu bestreuen
Pedrillo folgte in wenigen Augenblicken dem Beispiel seines Herrn nachdem
er die Vorsichtigkeit gebraucht hatte sich und seinen vielgeliebten Zwerchsack
zwanzig oder dreißig Schritte weit von ihm weg hinter ein Gebüsch in Sicherheit
zu bringen
Unsre Leser befinden sich vermutlich durch die narcotische Kraft unsrer
Erzählung in den nämlichen Umständen und damit sie wenn sie Lust haben unsern
Schläfern Gesellschaft leisten können so wollen wir hier eine kleine Pause
machen
Neuntes Kapitel
Das artigste Abenteuer in diesem ganzen Buche
Pedrillo hatte ungefähr zwo oder drei Stunden geschlafen als er wieder
aufwachte und weil er sich wieder vollkommen munter befand so stund er auf
und schlich aus seinem Busch hervor um nach seinem Herrn zu sehen Aber wie
groß war sein Erstaunen über den Anblick der sich ihm darstellte da er näher
hinzu kam Eine spröde Schäferin die in einer Sommerlaube schlummernd von den
Freuden geträumt hat so sie wachend verachtet kann nicht bestürzter sein wenn
sie plötzlich auffahrend sich in die Arme eines kühnen Liebhabers verwickelt
fühlt als es Pedrillo war da er zwoer junger Frauenzimmer gewahr wurde welche
halb vom Rosengebüsche versteckt neben seinem Herrn stunden und ihn aufmerksam
zu betrachten schienen
Beide waren wie Schäferinnen gekleidet beide schienen nicht über sechzehen
Jahr alt zu sein und beide deuchten ihn so schön dass er eine gute Weile
zweifelte ob sie nicht von den Nymphen und Sylphiden seien die seinem Herrn so
gern im Schlafe zu erscheinen pflegten Träume ich etwan auch dachte er bei
sich selbst und bilde mirs nur so ein dass ich wache oder sehe ich mit meinen
leiblichen Augen Halt einmal wir wollen bald dahinter kommen ich will mich in
die Arme und in die Waden zwicken Gut gut ich bins selbst das hat seine
Richtigkeit das sind ja meine Augen und ich mag sie reiben wie ich will so
zeigen sie mir doch immer diese zwo schöne Kreaturen wenn es anders Kreaturen
sind aber ich glaube gänzlich dass es Feen sind und von den schönsten Feen
die man nur immer an einem Sommertag sehen kann
Damit fing er von neuem an mit weitoffnen Augen und gähnendem Maul zu
gaffen als ob er es nicht satt werden könnte und je mehr er sie betrachtete
desto mehr versicherte er sich dass er in seinem Leben nichts so schönes gesehen
habe
Eine von beiden war etwas größer und schlanker als die andre und nicht über
siebenzehn oder achtzehn Jahre alt sie war ganz weiß gekleidet und hatte an
statt der natürlichen Blumen kleine Sträusse von lauter Edelsteinen im Haar und
vor dem Busen stecken deren funkelnder Schimmer jedoch von dem Glanz ihrer
schönen Augen eben so sehr als die Weiße ihres Anzugs von dem blendenden
Alabaster ihres Nackens und ihrer Arme übertroffen wurde
Pedrillo von so viel Glanz und Schimmer ganz geblendet zweifelte keinen
Augenblick dass es die Fee Radiante selbst sei und wurde noch mehr in diesem
Gedanken bestärkt da er in einiger Entfernung ein paar Edelknaben sah die so
schön waren und so sehr von Silber schimmerten dass er sie für nichts geringers
als ein paar Salamander halten konnte In diesem Augenblick verschwanden alle
die kleinen Zweifel die ihm von Zeit zu Zeit über die Würklichkeit dieser Fee
und der ganzen Geschichte die davon abhing aufgestiegen waren nun war in
seinen Augen nichts gewissers als dass der blaue Sommervogel eine Prinzessin
war und die Erscheinung der Fee von der wie er nun gänzlich glaubte die
Entwicklung dieses Romans abhing versicherte ihn vollkommen dass sein junger
Herr in kurzer Zeit über alle Zwerge und Zwerginnen obsiegen und der
glücklichste Prinz von der Welt werden würde
In diesen Hoffnungsvollen Gedanken schlich er wiewohl zitternd und den Atem
zurück haltend näher hinzu und da er merkte dass sie mit einander redeten so
blieb er ganz nahe im Gebüsche stehen und lauschte mit gerecktem Ohr einem
jungen Faunen nicht unähnlich der ein paar Nymphen belauscht die mit einander
abreden wo sie diese Nacht sich baden wollen
Gestehen sie hörte er die kleinere sagen eine lebhafte reife Brunette von
vier und zwanzig Jahren bei deren Anblick ihm das Herz pochte wie es in seinem
Leben noch nie gepocht hatte Gestehen sie dass sie diesen liebenswürdigen
jungen Menschen nicht ohne Bewegung ansehen Wie schön er da liegt was für
Locken was für ein reizendes Gesicht lauter Lilien und Rosen Ich will nicht
ehrlich sein wenn Endymion so schön war als dieser bezaubernde Schläfer Sehen
sie doch gnädige Frau Spüren sie nicht einen kleinen Beruf in sich seine
Diana zu werden
Närrisches Mädchen versetzte die vermeinte Fee was du für Einfälle hast
Und doch will ich dir gestehen Laura In der Tat er ist schön aber wenn er
aufwachen würde das sicherste ist wir gehen wieder
Da haben Eu Gnaden recht erwiderte die Kleinere mit einer boshaften Mine
was machen wir auch hier Er kann alle Augenblicke aufwachen und was wird er
denken wenn er sieht dass wir so vor ihm da stehen und ihn angaffen als ob
wir noch nie keinen rotbackichten Buben gesehen hätten
Aber versetzte die Fee ich möchte doch wissen wer er ist Seiner Gestalt
und seinem Anzug nach scheint er nichts gemeines zu sein
O das versprech ich ihnen sagte die Nymphe eine KarmeliterNonne die ihn
an unserm Platz in diesem RosenGebüsche angetroffen hätte würde ihn zum
wenigsten für einen kleinen Johann Baptist oder gar für einen Engel angesehen
haben
Aber wer kann er dann sein Ich kenne in unsrer ganzen Gegend
Das glaub ich wohl unterbrach sie die andre es ist kaum drei Wochen dass
Eu Gnaden in dieser Gegend sich aufhalten und ihre Antipathie gegen die
gewöhnliche Landadeliche Figuren hat ihnen noch nicht erlaubt Bekanntschaften
zu machen sie haben ja außer dem Licentiat Don Gabriel den sie schon zu
Valencia kannten und ihrem Bruder mit keiner Seele Umgang gehabt als mit den
Nachtigallen in ihrem Park und den Lämmern auf ihrer Schäferei
Rede nicht so laut sagte die andre ich besorge alle Augenblicke dass er
aufwachen möchte ich wollte um alles in der Welt nicht dass er uns sähe Aber
sage mir einmal Laura begreifst du was einen jungen Menschen der dem Ansehen
nach von Stande zu sein scheint so allein hieher gebracht haben kann Er ist
nicht so allein als ihr denkt meine schöne Damen rief Pedrillo der sich
nimmer länger halten konnte da er merkte dass die Fee eine gnädige Frau und
die Nymphe eine Art von Kammermädchen war
Der kleine Schrecken den diese Stimme unsern Schönen machte weil sie nicht
gleich sahen woher sie kam verschwand augenblicklich wie sie den Pedrillo
ansichtig wurden der ungeachtet seines nicht sehr schimmernden Aufzugs ein
junger Pursche von einer glücklichen Physionomie und von einer Figur war die
einem sprödern Mädchen als die schöne Laura zu sein schien hätte Anfechtungen
machen können
Ich sehe wohl fuhr er fort dass ihr gerne wissen möchtet was für eine
Gattung von Vögeln mein junger Herr ist den ihr hier schlafend angetroffen
habt Wenn ihr mir versprecht dass ihr es bei euch behalten wollt denn es ist
uns viel daran gelegen dass eine gewisse alte Tante die wir haben nichts davon
erfahre wo wir hingekommen sind es steckt ein Geheimnis darunter versteht ihr
mich Aber ich denke so hübschen jungen Damen kann ich es wohl sagen denn ihr
seht mir beim Velten weder Nichten noch Basen von der Fee Fanferlüsch gleich
Erklärt euch ein wenig deutlicher mein Freund sagte Laura mit einem Blick
den Pedrillo nicht auf die Erde fallen ließ aber macht es kurz wir möchten
sonst euren Herrn vom Schlaf erwecken
O darüber macht euch keine Sorgen antwortete Pedrillo Er hat die ganze
verwichene Nacht kein Auge zugetan und wenn er einmal ins Schlafen kommt so
könnte der Himmel einfallen ehe er aufwachen würde Er ist vor Mattigkeit
eingeschlafen denn wir haben seit gestern Nachts um zwölf Uhr wenigstens vier
und zwanzig Meilen gemacht
Vier und zwanzig Meilen und zu Fuß wie es scheint sagte Laura als ob sie
sich sehr verwunderte
Es geht gar schnell meine schöne Jungfer wenn man auf der Feerei reist
antwortete Pedrillo man kommt da aus dem Lande man weißt selbst nicht wie und
ihr habt oft ein paar tausend Meilen gemacht wenn ihr geschworen hättet dass
ihr nicht vom Fleck gekommen wäret
Das gesteh ich sagte Laura aber was nennt ihr denn auf der Feerei reisen
wenn man fragen darf
Sapperment gnädiges Fräulein erwiderte Pedrillo das ist eine Frage die
sich nicht in einem Augenblick beantworten lässt Aber um es kurz und gut zu
geben so suchen wir unter uns gesagt eine Prinzessin oder eigentlich zu
reden einen Schmetterling in den mein Herr verliebt ist und wenn wir ihn
gefunden haben so soll ihn mein Herr in eine Prinzessin verwandeln und
heiraten das ist das Ganze seht ihr aber ich bitte euch haltet reinen Mund
wir müssen uns vor gewissen Zwergen in Acht nehmen die einen Anspruch auf unsre
Prinzessin machen und uns wenn sie von unserm Vorhaben Wind bekämen den
ganzen Spaß verderben könnten
Was halten Eu Gnaden von unserm Fund sagte Laura seitwärts zu der schönen
Dame haben sie in ihrem Leben jemals so reden gehört Man könnte sichs ja nicht
närrischer träumen lassen
Aber wer ist denn dein Herr fragte die Dame
O was das anbetrifft antwortete Pedrillo er ist der beste freundlichste
freigebigste guterzigste gelehrteste und tapferste junge Edelmann in ganz
Spanien das könnt ihr mir glauben ich muss es doch wohl wissen weil wir
miteinander aufgewachsen sind er ist mein Milchbruder Gut gut fiel ihm die
Dame ein ich frage bloß nach seinem Namen wie heißt er
Don Sylvio von Rosalva heißt er sprach Pedrillo sein Schloss ist nur drei
kleine Stunden von Xelva herwärts Don Sylvio wie gesagt sein Vater hieß Don
Pedro von Rosalva er war mein Taufpate gnädiges Fräulein und deswegen wurde
ich Pedro getauft aber wie ich klein war nannten sie mich Pedrillo und nun
heiß ich eben noch Pedrillo und werde wohl Pedrillo sein und bleiben so lang es
Gott gefällt es wäre dann dass mein gnädiger Herr seine Prinzessin bald fände
denn da wollt ich keinem davor gut sein dass ich nicht ein Marquisat oder eine
von den Grafschaften davon tragen könnte die sie meinem Herrn zum Brautschatz
mitbringen wird
Pedrillo sagte alles dieses mit solchem Ernst und mit einer so aufrichtigen
Mine dass unsre Schönen keinen Augenblick länger zweifelten dass es mit diesen
Leutchen nicht richtig stehen müsse Hier ist ja noch mehr als Don Quixotte
sagte die Zofe zu ihrer Gebieterin wenn der Herrin einen Schmetterling verliebt
ist und der Diener auf Marquisate Staat macht so können wir noch Freude an
ihnen erleben Aber guter Freund ihr sagtet uns von einem Schmetterling in
den euer Herr verliebt sei und den er in eine Prinzessin verwandeln soll Ihr
wolltet vermutlich sagen dass er in eine Prinzessin verliebt sei die von einem
Zauberer in einen Schmetterling verwandelt worden
Getroffen rief Pedrillo das ist eben die Sache und jetzt soll sie wieder
in eine Prinzessin parafrasiert werden Aber wenn ich euch die Wahrheit sagen
soll so deucht mich unter uns die Fee Rademante die meinem gnädigen Herrn
ihre Production versprochen hat lässt sich die Sache nicht so angelegen sein als
sie wohl könnte und ich besorge eben immer es möchte am Ende noch auf ein La
mi hinaus gehen
Was ist denn das für eine Fee fragt die Zofe Rademante sagt ihr
O sie mag heißen wie sie will unterbrach sie die andre Dame mit einer
Mine die in einem minder anmutigen Gesicht verdrießlich ausgesehen hätte wir
haben keine Zeit uns um Feen und Schmetterlinge zu bekümmern es wird Nacht
sein ehe wir zu Lirias sind was wird mein Bruder von unserm Aussenbleiben
denken
Mit diesen Worten entfernte sie sich nachdem sie noch einen Blick auf den
schönen Schläfer geworfen hatte einen Blick der sich wenn sie allein gewesen
wäre vielleicht in einen Kuss verwandelt hätte wenigstens war dieses eine von
den Anmerkungen welche die schlaue Laura ganz in der Stille bei sich selbst
machte
Pedrillo hielt es für seine Schuldigkeit diese schönen Damen bis an den Weg
zu begleiten wo sie ihre Maultiere unter der Aufsicht der zween Edelknaben
gelassen hatten allein die Wahrheit zu sagen sein Herz hatte mehr Anteil an
diesem Umstand als seine Höflichkeit Die kleine Laura hatte in wenigen
Augenblicken eine Veränderung in ihm gewürkt woran die gute Dame Beatrix schon
etliche Jahre mit wenig Erfolg gearbeitet hatte Kurz er war so verliebt als
es jemals ein Pedrillo gewesen ist Es deuchte ihn er hätte seiner schönen
Unbekannten noch wer weißt wieviel zu sagen aber das Herz war ihm so voll dass
er kein Wort heraus bringen konnte und sie waren schon eine gute Weile
unsichtbar geworden da er noch immer wie an den Boden gefesselt stand und mit
unverwandtem Blick nach der Gegend hinsah wo er sie aus den Augen verloren
hatte
Zehendes Kapitel
Wer die Dame gewesen welche Pedrillo für eine Fee angesehen
Pedrillo den wir von nun an oder eigentlicher zu reden von dem Augenblick an
da ihn die reizende Laura zum erstenmal angelächelt hatte als einen Menschen
betrachten müssen von dem ohne Unbilligkeit nicht gefordert werden kann dass er
diejenige Gegenwart des Geistes zeigen soll wodurch einer der bei sich selbst
ist sich zu unterscheiden pflegt Pedrillo sage ich hatte die beiden Damen
die ihm in dem vorigen Kapitel erschienen schon eine geraume Zeit aus dem
Gesicht verloren ehe es ihm einfiel dass er nicht übel getan hätte sich zu
erkundigen wie sie hießen oder wo man sie erfragen könnte
Weil es aber eben so wenig billig wäre wenn unsre Leser die vermutlich
nicht verliebt sind diese Zerstreuung des verliebten Pedrillo entgelten müssten
So halten wir uns verbunden die Neugier zu befriedigen die wir uns schmeicheln
in ihnen erregt zu haben indem wir ihnen ohne die geheimnisvolle
Zurückhaltung womit die RomanenDichter uns zuweilen etliche Kapitel lang im
Zweifel lassen wer diese oder jene Person sei mit der sie uns in irgend einem
Wirtshaus oder auf der Landgutsche zusammen gebracht haben jedoch in größtem
Vertrauen denn in der Tat darf Don Sylvio noch nichts davon wissen entdecken
wollen wer diese Damen wären und durch was für einen Zufall sie an den Ort
gekommen wo sie zum Unglück für die Ruhe ihres Herzens den schönen Sylvio
schlafend und seinen getreuen Achates wachend angetroffen
Diejenige welche Pedrillo ihrer Gestalt und ihrer Juwelen wegen für eine
Fee angesehen hatte nannte sich Donna Felicia von Kardena und befand sich in
einem Alter von achtzehn Jahren die Witwe von Don Miguel von Kardena der die
Diskretion gehabt hatte ungefähr zwei Jahre nach ihrer Vermählung im
siebenzigsten seines Alters zu sterben und sie als Erbin der unermesslichen
Reichtümer zu hinterlassen mit deren Erwerbung er beinahe sein ganzes Leben in
Mexico zugebracht hatte
Sie wohnten seit ihrer Vermählung zu Valencia einer Stadt die ihrer
Schönheit und angenehmen Lage wegen von den Spaniern Vorzugsweise die Schöne
genannt wird Allein so bald Donna Felicia durch den Tod ihres Alten Meisterin
von sich selbst wurde entschloss sie sich aufs Land zu ziehen wo sie einem
gewissen romanhaften Schwung ihrer Phantasie und ihres Herzens sich
ungehinderter überlassen konnte
Die Poeten hatten bei ihr ungefähr die nämliche Wirkung getan wie die
FeenMärchen bei unserm Helden Wenn dieser seine EinbildungsKraft von
Verwandlungen Zaubereien Princessinnen Popanzen und Zwergen voll hatte so
war die ihrige mit poetischen Gemälden arcadischen Schäfereien und zärtlichen
Liebesbegegnissen angefüllt und sie hatte sich den frostigen Armen eines so
unpoetischen Liebhabers als ein Ehmann von siebzig Jahren ist aus keiner
andern Absicht überlassen als weil die Reichtümer über welche sie in kurzem zu
gebieten hoffte sie in den Stand setzen würden alle die angenehmen Entwürfe zu
realisieren die sie sich von einer freien und glücklichen Lebensart nach den
poetischen Begriffen machte
Bei einer seltenen Schönheit besaß Donna Felicia alle die Annehmlichkeiten
welche den Mangel der Schönheit ersetzen und die Schönheit unwiderstehlich
machen Sie spielte die Laute in der äußersten Vollkommenheit und begleitete
sie mit einem Gesang der desto bezaubernder war da der bloße Ton ihrer Stimme
etwas rührendes und musicalisches hatte welches nach dem Urteil des guten
Königs Lear ein vortreffliches Ding an einem Frauenzimmer ist Sie zeichnete
sie malte in Pastell und damit ihr keine von den Gaben der Musen fehlen möchte
so machte sie auch Sonnette Idyllen und kleine Sinngedichte welche nach dem
Urteil ihrer Liebhaber alles übertrafen was die Sapphos die Korinnen und die
neun Musen selbst jemals in dieser Art hervor gebracht hatten
Man kann sich vorstellen was für eine Revolution der Tod ihres Gemahls in
der schönen Welt zu Valencia machen musste Alle Damen zitterten für die Treue
ihrer Liebhaber alle jungen Herren rüsteten sich auf eine so glänzende
Eroberung die Poeten machten ganze Wagen voll Stanzen und Elegien im Vorrat
welche sie bei den Liebhabern der schönen Witwe in billigen Preise anzubringen
hofften Kurz alle Welt war in Bewegung diejenige allein ausgenommen die das
Ziel so vieler Anstalten und Absichten war Ihre Trauerzeit und der Winter waren
kaum vorbei so verließ sie die Stadt ohne sich zu bekümmern in was für
trostlose Umstände ein so grausamer Entschluss ihre Anbeter setzen werde und
begab sich mit ihrem Bruder nach Lirias einem schönen Gut so er in einer der
anmutigsten Gegenden besaß die man auf dem Erdboden findet
Sie erwählte sich diesen Aufenthalt teils weil sie ihren Bruder sehr
zärtlich liebte teils des Wohlstands wegen Denn ob sie gleich selbst ein
prächtiges Landgut besaß welches Don Miguel auf ihr Verlangen in der
Nachbarschaft von Xelva gekauft hatte so hielt sie es doch für anständiger
unter den Augen eines Bruders zu leben zumal da sie keine nähere Verwandte
übrig hatte und Don Eugenio von Lirias in dem allgemeinen Ruf stund ein sehr
verdienstvoller junger Edelmann zu sein
Donna Felicia hatte auf ihrem eigenen Gut eine Art von Schäferei angelegt
aus welcher sie nach und nach ein andres Arcadien zu machen gedachte Sie setzte
sich vor von Zeit zu Zeit einen kleinen Absprung dahin zu machen und sie war
eben im Begriff in Gesellschaft ihrer vertrauten Laura von einer solchen
SpazierReise nach Lirias zurück zu kehren als sie des Rosengebüsches ansichtig
wurde unter welchem Don Sylvio eingeschlafen war Der Ort deuchte sie so
anmutig dass sie abstieg um etliche Rosen zu brechen von denen sie wie alle
poetische Seelen eine große Liebhaberin war und dieses war der Anlass wobei
sie auf eine so unvermutete Art durch den Anblick unsers schlummernden
FeenRitters überraschet wurde
So poetisch mystisch oder magisch das Wort Sympatie in den Ohren vieler
unsrer heutigen Weisen klingen mag so kennen wir doch kein anders Wort um eine
gewisse Art von Zuneigung zu bezeichnen die wir die sämtlichen Kinder von Adam
und Even nämlich zuweilen beim ersten Anblick für unbekannte Personen
empfinden und welche sich so wohl in ihrer Quelle als in ihren Wirkungen von
allen andern Arten der Zuneigung Freundschaft oder Liebe nicht wenig
unterscheidet
Zum Exempel Es waren wohl mehr als fünfzig der Liebenswürdigsten jungen
Kavaliers in Valencia die sich alle nur ersinnliche Mühe gaben das Herz der
schönen Felicia zu rühren ohne dass sie es so weit bringen konnten dass sie
einem unter ihnen den Vorzug vor den Reichtümern des alten Don Miguel gegeben
hätte Einige von ihren Verehrern hatten wirklich Verdienste Donna Felicia ließ
ihnen hierüber vollkommene Gerechtigkeit widerfahren sie schätzte sie hoch
fand Vergnügen an ihrem Umgang würdigte sie ihrer Freundschaft und würde
vielleicht man merke mit Erlaubnis dieses vielleicht unter gewissen
Umständen in einem gewissen Zeichen des Monds wenn ein gewisser Wind gegangen
wäre an einem gewissen Ort zu einer gewissen Stunde und in gewissen
Dispositionen so gar fähig gewesen sein für irgend einen unter ihnen der mehr
Lebensart gehabt hätte als der kleine Abbé der Frau von Lisban eine kleine
Schwachheit zu haben denn mit Erlaubnis unsrer schönen Landsmänninnen es
gibt nach der Meinung des weisen Avicenna welcher auch der ehrwürdige Pater
Escobar in seiner MoralTheologie beipflichtet gewisse Augenblicke wo ein
glücklicher Zufall der Tugend ungemein zu statten kommt Allein es gelang keinem
einzigen unter ihnen und würde auch nach einer längeren Reihe von Jahren als
die Celadons in der Asträa zu den Füßen ihrer unempfindlichen Göttinnen
verseufzen keinem unter ihnen gelungen sein ihr diese außerordentliche und
unerklärbare Empfindung beizubringen welche Don Sylvio ohne sein Zutun ohne
darum zu wissen schlafend und beim ersten Anblick in ihr erregte eine
Empfindung die ihr in dem zehnten Teil eines Augenblicks mehr sagte als ihr
Herz ihr in ihrem ganzen Leben für alle ihre Bewunderer gesagt hatte Kurz eine
Empfindung die ihr wenn der ecstatische Zustand worin sie sich damals befand
einige Aufmerksamkeit auf sich selbst erlaubte ganz deutlich zu verstehen
gegeben hätte dass sie fähig wäre diesem unbekannten jungen Schläfer alle die
Reichtümer mit Freuden aufzuopfern denen sie vor wenigen Jahren die
liebenswürdigste Jugend von Valencia aufgeopfert hatte
Was die eigentliche Ursache einer so seltsamen Wirkung und aller derjenigen
sei wodurch sich die sympatetische Liebe von den übrigen Arten der Liebe
unterscheidet würde eine Untersuchung sein die uns zu weit von unsrer
Erzählung entfernte und wir überlassen es unsern Lesern sich hierüber
diejenige Hypothese auszuwählen die ihnen die anständigste ist Es mag nun
sein dass die Seelen solcher sympatetischen Geschöpfe in einem vorherigen
Zustande sich schon gekannt und geliebt haben oder dass es eine natürliche
Verwandtschaft unter Seelen und wie es ein Englischer Dichter nennt
SchwesterSeelen gibt oder dass ihre Genii in einem besonderen Verständnis mit
einander stehen oder dass eine musicalische Gleichstimmung ihrer Fibern und
Fibrillen auf eine mechanische Art diese Wirkung hervor bringt Genug dass diese
Sympatie sich eben so wirklich in der Natur befindet als die Schwere die
Anziehung die Elasticität oder die magnetische Kräfte und dass man es alles
wohl überlegt der schönen Donna Felicia eben so wenig übel nehmen kann dass
sie von der magischen Gewalt dieses Geheimnisvollen Zugs bezwungen sich nicht
erwehren konnte für unsern Helden etwas zu empfinden das sie noch nie
empfunden hatte als man es einem gewissen Regulo Vasconi übel auslegen konnte
dass er nach Scaligers Bericht das Wasser nicht zurück halten konnte so bald
er eine SackPfeife hörte
Wir haben Uns dieses nicht allzu edlen Gleichnisses ungeachtet wir
besorgen mussten die Delicatesse unsrer schönen so wohl als hässlichen Leserinnen
dadurch zu beleidigen mit gutem Vorbedacht bedient weil es im Fall die
künftigen Kommentatoren dieser unsrer Geschichte so vorwitzig sein sollten
unsre wahre Meinung von der Sympatie erforschen zu wollen dazu dienen kann
ihnen einiges Licht hierüber zu geben Und nunmehr kehren wir ohne uns länger
mit solchen Subtilitäten aufzuhalten zu unsern beiden Schönen zurück welche
wir wie man sich vielleicht noch erinnert auf dem Rückwege nach Lirias
verlassen haben
Elftes Kapitel
Eines von den gelehrtesten Kapitel in diesem Werte
Der Geschmack der Leute in der Welt ist so verschieden dass wir nicht davor
stehen können ob sich nicht Leser finden werden die sich für die Dame Laura
ob sie gleich nur eine Schöne von der zweiten Klasse oder um uns gelehrt
auszudrücken eine Dea minorum Gentium ist vielleicht stärker interessieren als
für ihre Gebieterin selbst Sollte es solche Liebhaber geben so werden sie
vermutlich nicht wohl auf uns zu sprechen sein dass wir ihnen nicht auch einen
Auszug der Geschichte der schönen Laura mitteilen Allein wir ersuchen sie sich
zu erinnern dass wir bereits so viel von diesem jungen Fraueuzimmer gesagt
haben als man nötig hatte um zu sehen dass sie eine artige hübsche witzige
und ziemlich lebhafte kleine Person war und dieses ist deucht uns das
merkwürdigste was wir von ihr sagen konnten Denn was ihre Geschicht betrifft
so war sie ein KammerMädchen und die Geschichte der KammerMädchen ist wie
man weiß wenigstens nach dem ordentlichen Lauf der Natur in der ganzen Welt
eine und eben dieselbige
Der berühmte P Sanchez merket in seinem eben so keuschen als lehrreichen
Buche de Matrimonio an dass eine angehende Liebe anders auf eine junge Witwe
und anders auf ein junges Mädchen würke die erste sagt er wird davon munter
aufgeweckt mutwillig da man hingegen an der andern ein in sich selbst hinein
gezogenes Staunen und eine stille Schwermut bemerkt welche setzt dieser
vortreffliche Mann hinzu die Wirkung des geheimen innerlichen Abscheus ist den
die Seele vor der Gefahr empfindt aus dem glorreichen Stande der Engel herab zu
stürzen und in eine grobe materielle Leidenschaft zu sinken die in ihren
Folgen endlich zu einer so unanständigen Verkörperung führt als diejenige ist
wodurch die Welt mit Sünden bevölkert wird
Wir haben eine zu tiefe Ehrfurcht für die H Inquisition als dass wir uns
unterstehen sollten einen so großen Mann auch nur des kleinsten Irrtums zu
beschuldigen wir wollen also lieber sagen die Natur habe sehr unrecht getan
dass sie ohne die geringste Achtung für die Autorität eines Mannes der so viel
neue Sünden erfunden hat in der schönen Felicia und ihrer Vertrauten gerade das
Widerspiel von seiner Beobachtung zu würken sich erkühnt habe Denn so
widersinnisch es immer scheinen mag so gewiss ist es und so wenig können wir
leugnen dass auf der Reise nach Lirias wovon jetzt die Rede ist die junge
Witwe staunend und stillschweigend und das Mädchen ungeachtet der Gefahr vor
der ihrer jungfräulichen Seele hätte schauern sollen so fröhlich und bei so
guter Laune war dass die allerseraphischste Schwester der H Klara in Versuchung
hätte geraten mögen sich an ihren Platz zu wünschen Sie hatten bereits ein
ziemliches Stück Weges zurück gelegt ohne dass Donna Felicia so begierig auch
die muntere Laura auf das Signal wartete ihren Einfällen Luft zu machen nur
einen einzigen Laut von sich gegeben hätte es wäre dann dass man einen Seufzer
hieher rechnen wollte der ihr ungefähr entwischte eigentlich zu reden aber nur
ein Fragment von einem Seufzer war indem sie ihn eben noch früh genug ertappt
hatte um zwei Drittel davon in ihren verschwiegenen Busen zurück zudrücken
Endlich konnte es Laura die für ein KammerMädchen außerordentlich lange
geschwiegen hatte nicht länger aushalten sie machte den Anfang mit einer
Frage die wieder eine andre nach sich zog und so erhub sich nach und nach
zwischen ihr und ihrer Gebieterin oder Freundin denn sie war in der Tat
beides eine Unterredung die wir unsern geehrten Lesern von Wort zu Wort
mitteilen wollen wie Pedrillo sie in der Folge aus den corallenen Lippen seiner
Nymphe unmittelbar vernommen zu haben uns selbst versichert hat
Zwölftes Kapitel
Ein weiblicher Dialogus
Sie sind ungewöhnlich tiefsinnig gnädige Frau
Tiefsinnig
Wenn sie es nicht ungnädig nehmen wollen und bei nahe schwermütig wenn
sich ein so verdriessliches Wort für ein Gesicht schickte worin selbst der Unmut
reizend ist
»Ich weiß nicht was du damit sagen willst mich deucht ich bin so
aufgeräumt als ich es diesen ganzen Tag gewesen bin«
Nicht ganz so aufgeräumt gnädige Frau
»Warum sollt ichs denn nicht sein wenn man fragen darf« Das weiß ich
nicht aber mich deucht ich hörte eben jetzt einen kleinen Seufzer
»Einen Seufzer«
Ja aber nur einen kleinen so eine Art von Seufzern wie ein Mädchen von
vierzehn Jahren seufzt wenn sich ein hübscher junger Liebhaber um ihre ältere
Schwester bewirbt
»Du hast unverschämte Gleichnisse Mädchen du verwandelst einen armen
unschuldigen Atemzug in einen Seufzer um einen Einfall anzubringen auf den du
dich seit einer ganzen Viertelstunde besonnen hast«
Ich danke Ihr Gnaden für das Kompliment das sie meinem Witz machen aber
weil sie weder tiefsinnig aussehen noch geseufzt haben wollen ob sich gleich
noch manches dagegen einwenden ließe so wollen wir von etwas anderm reden wenn
es Ihnen beliebt
»Ich bin diesen Abend nicht sehr zum Plaudern aufgelegt«
Es war ein recht angenehmer Ort wo Ihr Gnaden diese Rosen brachen welche
die Wahrheit zu sagen denn ich bin kein Poet bereits an Ihrem Busen zu
verwelken anfangen es war ein recht angenehmer Ort
»Das war es«
Ein recht poetischer Ort in der Tat und ich hoffe es hat Ihre Gnaden
nicht gereut dass Sie da abgestiegen sind ungeachtet des kleinen Endymions
den wir da schlafend gefunden haben Gestehen sie gnädige Frau dass man in
Valencia nichts so schönes sieht
»Du sprichst mit einer Lebhaftigkeit von ihm die mich bei nahe glauben
macht dass du verliebt seist«
Vielleicht könnten Ih Gnaden das eher von mir glauben wenn ich nichts von
ihm sagte
»Ich verstehe dich du magst dir aber einbilden was du willst so kann ich
doch nicht sagen dass er mir so übernatürlich schön vorgekommen sei als du ihn
machst«
Übernatürlich schön das wollt ich eben nicht sagen denn ich verstehe mich
nicht viel auf übernatürliche Sachen aber das werden sie doch zugeben dass er
weit schöner ist als Don Alexis der doch in Valencia eine so wichtige Person
vorstellt dass die Damen nicht warten können bis er sich ihnen anträgt und
dass Donna Felicia von Kardena ausgenommen keine ist die nicht dafür
angesehen sein wollte ihn wenigstens ein paar Tage gehabt zu haben
»Schöner als Don Alexis sagt nicht so viel als du meinst ich habe ihn nie
für etwas anders gehalten als für einen abgeschmackten kleinen Gecken dessen
größtes Verdienst ist dass er weiche Hände und weiße Zähne hat und dass er uns
mit aller nur möglichen Einbildung von sich selbst eine ungeheure Menge plattes
Zeug vorzuschnarren weißt«
Auch weiß ich selbst nicht warum mir gerade dieser Don Alexis in den Sinn
kam denn in der Tat ich habe nie begreifen können was unsre Damen an ihm
sahen Er mag sich in Acht nehmen wenn unser Don Sylvio in Valencia auftreten
sollte so wird ihm nicht einmal so viel Verdienst übrig bleiben als er
braucht um ein armes zärtliches KammerMädchen Herz zu verführen
»Ich weiß nicht mit was für Augen du diesen Don Sylvio wie du ihn nennst
angesehen haben musst ich gesteh es er kam mir liebenswürdig vor aber so sehr
schöne als du sagst «
Ihre Gnaden haben das rechte Wort gebraucht liebenswürdig das ist das
Wort das wollt ich eben sagen denn in der Tat was seine Schönheit betrifft
daran ließ sich vielleicht manches aussetzen Blondes Haar
»Kastanienbraun willt du sagen «
Nun ja Kastanienbraun aber weil er eine so überaus feine Farbe hat eine
Frauenzimmermässige Farbe möchte man sagen so würde blondes Haar deucht mich
»Und mich deucht die Natur habe das besser gewusst als du sein Haar steht
wirklich ungemein gut zu seiner GesichtsFarbe«
Aber ich denke er sollte doch mehr männliches in seinem Gesicht haben Ich
stehe Ihnen davor wenn man ihn in ein Mädchen verkleidete Donna Leonora von
Zuniga selbst die gewiss eine Kennerin von Mannspersonen ist würde betrogen
werden
»Gut er ist kein Hercules das ist ausgemacht aber ungeachtet der
vollkommenen Feinheit und Regelmäßigkeit seiner Züge finde ich doch dass er
etwas großes und heroisches in seiner Bildung hat das du notwendig bemerkt
haben solltest da du ihn wie es scheint so genau betrachtet hast«
In der Tat scheint es dass ihn Ih Gnaden in einem einzigen Augenblick
richtiger betrachtet haben als ich in einer ViertelStunde Aber was sagen sie
zu seinem Munde Ich gestehe dass er schön ist aber doch ein wenig zu klein
deucht mich
»Ich möchte nur wissen warum du affectierst gerade das an ihme zu tadeln
was er wirklich schönes hat«
Ich bitte Ih Gnaden um Vergebung ich rede nur wie es mir vorkommt und
wenn ich nicht besorgte Ih Gnaden zu missfallen
»Mir zu missfallen Ich glaube du bist nicht klug Aber wenn ich die Wahrheit
sagen soll so bin ich selbst nicht viel klüger dass ich deinen tollen Einfällen
so viel Gehör gebe Was bekümmert uns das ob Don Sylvio schön ist oder wie
schön er ist «
Das ist auch wahr genug dass er liebenswürdig ist das ist doch immer der
Punkt worauf alles ankommt Mich deucht ich habe irgendwo gelesen dass uns
nichts so schön vorkommt als was wir lieben
»Wenn das ist so müsstest du sehr in diesen Unbekannten verliebt sein denn
wenn man dich hört so ist der Vaticanische Apollo von keiner untadelichern
Schönheit als Don Sylvio«
Er hat wenigstens den Vorzug vor ihm dass er Atem holt und das ist nach
meiner geringen Einsicht ein großer Vorzug
»Wir wollen einmal aufhören zu tändeln Sage mir einmal Laura erinnerst du
dich noch was dieser Pedrillo oder wie er sich nannte uns von ihm sagte«
Wenn man diesem Burschen glauben dürfte so wäre unser Unbekannter von gutem
Hause ein Sohn von Don Pedro von Rosalva von dem ich Ih Gnaden Herrn Vater
öfters als von einem wackeren Offizier sprechen hörte Aber wenn ich meine wahre
Meinung sagen soll so glaube ich Herr Pedrillo könnte mehr gesagt haben als
er jemals wird beweisen können
»Nun ja das Ansehen kann betrügen denn das ist vollkommen auf seiner
Seite aber deine Ursachen wenn ich bitten darf«
Wenn wir dem Pedrillo der mir die Mine eines schnakischen Gesellen hat
glauben sollen so müssen wir auch glauben dass Don Sylvio in einen
Schmetterling verliebt ist dass er der Himmel weißt was für einen Zwerg zu
einem Nebenbuhler hat und eine gewisse Fee zur Beschützerin durch deren
Beistand der Schmetterling in eine Prinzessin verwandelt werden soll und so
weiter Das ist nun alles toll genug deucht mich Das ärgste ist dass der
BauerJunge alles dies abgeschmackte Zeug mit einer so verwünschten ehrlichen
SchafsMine vorbrachte mit einem so trostlosen Ton der Aufrichtigkeit dass uns
alle Hoffnung benommen ist er möchte es nur zum Spaß gesagt haben Das ist
verzweifelt
»Ich gestehe dir Laura und warum sollt ich dir ein Geheimnis daraus
machen ich interessiere mich für diesen jungen Menschen Er müsste verrückt
sein wenn Pedrillo die Wahrheit gesagt hätte«
Und Pedrillo müsste noch verrückter sein gnädige Frau denn man kann nicht
gelassner von den alltäglichsten Dingen reden als er von Sommervögeln Zwergen
Feen Princessinnen und Marquisaten spricht
»Es ist etwas unbegreifliches in allem diesem Aber so viel lässt sich doch
aus dem verworrenen Geschwätze des Dieners erraten dass sich Don Sylvio um einer
LiebesAngelegenheit willen von Hause weggestohlen hat der Bursche erwähnte
einer alten Tante die vermutlich seiner Liebe Hindernisse in den Weg legt
vielleicht ist er darüber närrisch worden Eine heftige Leidenschaft kann durch
einen unvorsichtigen Widerstand zu seltsamen Ausbrüchen getrieben werden«
Das ist gewiss zumal da ohnehin nichts leichters sein soll als dass Liebe
und Vernunft Händel mit einander kriegen aber wenn wir nicht voraus setzen dass
Pedrillo eben so verliebt und eben so toll ist als sein Herr so haben wir mit
unsrer Hypothese nichts gewonnen Ich habe einen wunderlichen Einfall gnädige
Frau aber er kann doch immer gut sein bis wir einen bessern haben Es ist ein
so schwermütiger Gedanke wenn wir uns einen so liebenswürdigen jungen Kavalier
verrückt vorstellen sollen In der Tat es wäre ein Gedanke der des Seufzers
wohl wert wäre der ihnen jetzt entgangen ist Dieses mal wenigstens gestehen
sie es nur dass sie geseufzt haben es war einer von den Seufzern die sich
nicht verleugnen lassen ich sah ihm von seiner Empfängnis an zu wie er sich
aus ihrem schönen Busen allgemach empor arbeitete bis zu dem Augenblick da er
zwischen ihren halb geöffneten Lippen hervor schlüpfend in Gestalt eines
kleinen Amors davon flog
»Närrisches Ding Aber was war denn das für ein Einfall den du mir sagen
wolltest«
Ich bilde mir ein Don Sylvio könnte mit Erlaubnis ein wenig närrisch sein
ohne dass er gerade das sein müsste was man rasend heißt kurz er könnte mit
einer Art von Narrheit oder Schwärmerei oder wie mans nennen will behaftet
sein die ihn nichts desto unwürdiger machte einer jeden Dame die ihn unter
einem so anmutigen Rosengebüsche schlafen gesehen hätte liebenswürdig
vorzukommen
»Ich merke Mädchen du hast dir in den Kopf gesetzt dass ich notwendig in
ihn verliebt sein müsse aber darüber wollen wir jetzt nicht disputieren Und
worin soll denn diese Schwärmerei bestehen«
Mich deucht er könnte eine Art von einem jungen Don Quixotte sein der
nach Pedrillo Ausdruck auf der Feerei wie der Ritter von Mancha auf der
irrenden Ritterschaft herum zöge Wär es so etwas unbegreifliches dass ein
junger Mensch von lebhafter GemütsArt der die Welt nie gesehen hat und in
seinem Dorfe nichts fand das der Zärtlichkeit seines Geschmacks ein Genügen
hätte tun können durch das Lesen der Romanen und FeenMärchen auf den
wunderlichen Einfall geraten wäre die Feen und die bezauberten Paläste mit
allen ihren Drachen Zwergen Popanzen und blauen Centauren für würkliche Dinge
zu halten
»Es wäre eine seltsame Art von Schwärmerei und doch deucht mich ich
begreife dass sie möglich sein könnte Aber was sollen wir in diesem Fall aus
seiner Liebe zu der Prinzessin machen die in einen Sommervogel verwandelt ist«
Ich wette gleich was man will gnädige Frau diese Prinzessin ist weder mehr
noch weniger als ein hübsches Bauermädchen das ihm in die Augen gestochen hat
seine bezauberte Phantasie hat sie zuerst zu einer Prinzessin erhöht und
endlich mit Hilfe eines gelben Zwergs oder einer bucklichten Magotine in einen
Papilion verwandelt und es wird sonst nichts nötig sein als dass er eine junge
Dame zu sehen bekommt die seiner lebhaften EinbildungsKraft genug tut so wird
seine Geliebte ohne Zauberstab und Talisman in einem Augenblick wieder ihre
erste Gestalt bekommen und mit Pedrillo zu reden zwar nicht in eine
Prinzessin aber doch in ein BauerMädchen zurück metaphrasiert werden
»Ich gestehe dir Laura dass meine Neugierigkeit rege gemacht ist es reuet
mich jetzt dass ich nicht wartete bis er erwachte«
Weil er nur wenige Meilen von uns wohnt so wird es nicht schwer sein
Nachrichten einzuziehen die uns aus dem Wunder helfen können Und wer weißt ob
die Kobolte die sich mit seinem Schicksal abgeben ihn nicht eben so gut nach
Lirias führen können als sie uns heute in dieses Rosengebüsche geführt haben
welches so wahr ich ein Mädchen bin der bezauberten Laube einer FeenKönigin
so ähnlich sah als ich in meinem Leben was gesehen habe
Indem Laura dieses sagte waren sie in dem innern SchlossHofe zu Lirias
angelangt wo wir die Freiheit nehmen wollen uns von ihnen zu beurlauben um zu
sehen was indessen aus dem Helden unsrer Geschichte geworden ist den wir so
angenehm uns auch die Gesellschaft der Donna Felicia sein mag ohne strafwürdige
Nachlässigkeit nicht länger aus den Augen lassen können
Viertes Buch
Erstes Kapitel
Worin der Autor eine tiefe Einsicht in die Geheimnisse der Ontologie an den Tag
legt
Wenn jemals ein Mensch sich in einer seltsamen Verfassung befunden hat so war
es Pedrillo nachdem er die schönen Geschöpfe mit denen wir ihn im vorigen Buch
zusammen gebracht aus dem Gesichte verloren hatte Die Verwirrung die diese
Erscheinung in seinem Kopf und in seinem Herzen zurück ließ war so groß dass
uns die bloße Bemühung eine Beschreibung davon zu machen beinahe in eine eben
so große Verwirrung setzt Ob er gewacht oder geträumt habe ob es Feen oder
Sterbliche gewesen ob sie verschwunden oder davon geflogen seien das waren
Fragen die er sich immer weniger beantworten konnte je öfter er sie sich
machte Nachsinnen ist in der Tat nicht jedermanns Sache Pedrillo wenigstens
wusste so wenig damit umzugehen dass er sich endlich in seinen eigenen Gedanken
wie in einem Netze gefangen sah worin er sich immer desto mehr verwickelte je
mehr er sich bemühte los zu kommen kurz nachdem er eine gute Viertelstunde
lang mit sich selbst gestritten hatte so hörte er endlich damit auf dass er in
ganzen Ernst an seinem eignen Dasein zu zweifeln anfing
Unter allen Zweifeln denen die arme blödsinnige Vernunft des Menschen
ausgesetzt ist wird man vielleicht keinen finden der sich weniger in die Länge
aushalten lässt als dieser auch war es dem guten Pedrillo nicht anders dabei zu
Mute als ob er mit der Geschwindigkeit einer Trille oder eines WindMühlenRads
um seine eigene Achse herum getrieben würde
Vielleicht möchte man denken wenn er ein Kartesianer gewesen wäre so hätte
er sich durch das berühmte cogito ergo sum gar leicht aus seinem Zweifel
heraus helfen können Allein in den Umständen worin der arme Knabe war hätte
vielleicht Kartesius selbst sein Latein dabei verloren denn er dachte wirklich
gar nichts und wenn er in einem solchen zustande ja noch fähig gewesen wäre
einen Syllogismus zu machen so würde doch der Kartesianische Grundsatz zu
nichts anderm gedient haben als ihn aus den Zweifeln an seinem Dasein in die
Gewissheit dass er nicht sei zu stürzen welches in der Tat nicht viel besser
gewesen wäre als ex Scylla in Charybdin oder aus dem Regen unter die Traufe zu
kommen
Man muss gestehen dass der rohe natürliche Mutterwitz Instinkt Sensus
communis oder wie man es sonst nennen will denn über Worte werden wir
niemalen keinen Streit anfangen seinem Besitzer zuweilen weit nützlicher ist
als die subtilste Vernunft Wäre Pedrillo ein Metaphysicus gewesen so würde er
gewiss bei dem Zweifel an seinem Dasein nicht stille gestanden sein er würde so
lange nachgegrübelt reflectiert analysiert abstrahiert distinguiert und
combiniert haben bis er sich selbst und vermutlich auch allen andern Dingen
die Würklichkeit ja wohl gar die Möglichkeit selbst völlig weggeleugnet hätte
und wer weißt ob er endlich nicht der Stifter einer neuen philosophischen Secte
geworden wäre von der sich nicht ohne Grund vermuten lässt dass sie wegen ihrer
besonderen Bequemlichkeit die schwersten physicalischen und moralischen
Problemata ohne die geringste Mühe aufzulösen alle andere Secten der Dualisten
Materialisten Panteisten Idealisten Egoisten Platoniker Aristoteliker
Stoiker Epicuräer Nominalisten Realisten Occamisten Abälardisten
Averroisten Paracelsisten Machiavellisten Rosenkreuzer Kartesianer
Spinozisten Wolfianer und Crusianer in kurzer Zeit verschlungen hätte
Wir können nicht ohne Granen und Erschütterung daran gedenken was für
verderbliche Folgen eine solche Philosophie in dem System der menschlichen
Gesellschaft hätte nach sich ziehen können da es in der Tat unmöglich scheint
dass der Grundsatz der nichtExistenz weder mit irgend einer bekannten Religion
noch mit den eingeführten Gesetzen und Gewohnheiten der policierten Nationen in
einen erträglichen Zusammenhang sollte gebracht werden können Denn mit welchem
Schein Rechtens könnte man von einem Menschen der nicht ist Zehenten Opfer
oder Jura stolæ eintreiben oder wie wäre es möglich denjenigen eines
Verbrechens zu überweisen der den Richter durch eine lange Demonstration in
geometrischer Methode beweisen würde dass er zu der Zeit da er dieses oder
jenes getan haben solle gar nicht einmal existiert habe
Allein zum größten Glück für die öffentliche Ruhe hatte Pedrillo nicht den
geringsten Ansatz zur speculativen Philosophie und an statt über seinen
beschwerlichen Zustand lange zu räsonnieren ließ er sich nichts angelegener
sein als wie er sich bald davon befreien wolle Sein Herr dachte er der in
dieser Sache desto unparteiischer sei da er diese ganze Zeit über geschlafen
habe werde ihm am besten aus dem Wunder helfen können
Ob und wie ferne Pedrillo hierin richtig gedacht habe oder nicht wollen wir
dahin gestellt sein lassen indem uns eine nähere Untersuchung davon unfehlbar
in den berühmten Streit über den Intellectum agentem und patientem verwickeln
könnte wozu wir uns diesmal um so weniger aufgelegt finden als wirklich der
tiefsinnige Inhalt dieses Kapitels unser Gehirn so sehr abgemattet hat dass wir
uns genötigt sehen mit Erlaubnis des grossgünstigen Lesers eine Pause zu
machen
Zweites Kapitel
Ein Beispiel dass ein Augenzeuge nicht allemal so zuverlässig ist als man zu
glauben pflegt
Pedrillo weckte also seinen schlafenden Herrn aber unglücklicher Weise in einem
Augenblick da er in dem angenehmsten Traum begriffen war den sich ein
platonischer Liebhaber als der Liebhaber eines Schmetterlings ist nur immer
wünschen konnte
Unglückseliger rief der erwachende Don Sylvio aus was für einem Traum
weckst du mich
Sapperment Herr Don Sylvio schrie Pedrillo es ist jetzt die Frage nicht
von Träumen es sind ganz andere Dinge auf dem Tapet Aber ich bitte euch mein
lieber Herr wenn ihr anders noch ein Fünkchen christlicher Liebe für den armen
Pedrillo habt so sagt mir vor allen Dingen ob ich wirklich Pedrillo bin oder
nicht Denn meiner Six es ist nicht alles wie es sollte ich will geprellt
sein wenn ich meiner leiblichen Mutter auf ihr bloßes Wort glaubte dass ich
meines Vaters Sohn sei
Was für eine Tollheit kommt dich an fragte Don Sylvio den diese Reden in
Verwunderung setzten was für Ursachen hast du zu denken dass du ein anderer
seist als du selbst
Sagt mir nur erst ob ichs bin erwiderte Pedrillo die Ursachen werden
seiner Zeit schon nachkommen wir wollen erst den Hauptpunct ausmachen seid so
gut und antwortet mir nur directe auf meine Frage denn ihr werdet sehen dass
mehr daran liegt als ihr euch jetzt einbildet
Alberner Junge sagte Don Sylvio lächelnd du bist zwanzig Jahrelang immer
Pedrillo gewesen warum solltest du es nicht noch sein
Seht mich recht an gnädiger Herr betrachtet mich von vorn und hinten und
sagt mir die Wahrheit so wahr ihr ein Edelmann seid
So wahr ich ein Edelmann bin antwortete Don Sylvio du bist Pedrillo oder
du bist ein Esel eines von beiden ist gewiss
Ein Esel Hier sind meine Ohren Herr es stecken denk ich unter mancher
DoctorMütze längere und wenn ich so gewiss Pedrillo bin als ich kein Doctor
kein Esel wollt ich sagen bin so geht alles wie es gehen soll Die Wahrheit
zu sagen Herr ich hatte selbst so eine Ahnung so eine Art von Reprehension
dass es nicht wohl anders sein könne als wie ihr mich versichert aber wenn
einem solche seltsame Dinge begegnen wie mir so wär es kein Wunder wenn einer
endlich seinen eigen Namen darüber vergässe
Und was ist dir dann begegnet fragte Don Sylvio Mach es kurz wenn ich
bitten darf
Herr antwortete Pedrillo das lässt sich nicht in einem Augenblick sagen
ein weiser Mann kann in einem Atemzug mehr fragen als ein Narr in einem ganzen
Tag beantworten kann Wenn ihr mir Zeit lassen wollt so will ich euch alles
haarklein erzählen denn meiner Six es ist mir ich sehe sie noch vor mir mit
ihren großen braunen Augen und mit der allerliebsten schelmischen Mine womit
sie mich seitwärts anlachte wie sie wieder aufsitzen wollte Sterb ich wenn
mir nicht war als ob sie mein Herze an einem Bindfaden hinter sich her zöge
Ihr werdet über mich lachen Herr aber ich will nicht ehrlich sein wenn ich
den Maulesel auf dem sie saß nicht mit neidischen Augen ansah
Missbrauche meine Geduld nicht länger sagte Don Sylvio der von allem diesem
Gewäsche nichts begriff erzähle mir ordentlich und von Anfang an was dir
begegnet ist seit dem ich eingeschlafen bin
Gut gnädiger Herr das will ich auch wenn ihr nur Geduld haben könnt
denn wie ich sagte ich habe euch so viel zu erzählen dass ich nicht weiß wo
ich anfangen soll ob ich gleich so voll davon bin dass alles auf einmal heraus
platzen möchte Aber weil ihr verlangt dass ich die Sache von Anfang an erzählen
soll so wisst also Herr dass ihr noch nicht lange eingeschlafen wart als
mich ein oder zweimal ein so entsetzliches Gähnen ankam dass ich dachte ich
würde den ganzen Abend nicht damit fertig werden Ich merkte daraus dass sich
der Schlaf bei mir anmelden wolle aber weil ich mir vorgesetzt hatte bei Eu
Gnaden zu wachen so wehrte ich mich so gut ich konnte und tat um mich munter
zu erhalten noch zwei oder drei Züge aus der Flasche vielleicht mochten es
viere gewesen sein ich kann es so eigentlich nicht sagen Kurz die Flasche
wurde endlich leer ohne dass ich muntrer wurde die Auglider fielen mir alle
Augenblicke zu und dann gähnte ich wieder und so capitulierten wir so lange
mit einander der Schlaf und ich
O wahrhaftig rief Don Sylvio wenn du so erzählen willst so wird dein und
mein Leben nicht zureichen bis du fertig bist Du hast geschlafen gut und da
bist du wieder aufgewacht oder sind dir die wunderbare Dinge im Schlaf
begegnet die du mir erzählen wolltest
Im Schlaf Nein wahrlich Herr damals wie ich die Erscheinung hatte war
ich schon wieder aufgewacht wie ich euch gesagt haben würde wenn ihr mich nur
hättet fortreden lassen Denn wenn ich die Sachen der Ordnung nach sagen soll
so muss doch eins auf das andere folgen
Ohne Zweifel sagte Don Sylvio aber musst du deswegen alle diese nichts
bedeutenden Umstände mit dazu nehmen wodurch deine Erzählung so schleppend und
einschläfernd wird als ein altes KunkelStubenMärchen Du hast geschlafen und
bist wieder aufgewacht das ist das ganze Geheimnis und das hättest du mit
dreien Worten sagen können Nun weiter
Ja freilich zum Henker nun weiter wenn ihr mich alle Augenblicke aus dem
Koncept bringt da soll ichs gleich wieder finden Wo blieb ich Ja bei
meinem einschlafen
Du bist ja schon wieder aufgewacht
Man muss doch vorher einschlafen ehe man wieder aufwachen kann Aber weil
ihrs so haben wollt so sei es dann Ich wachte also wieder auf wie ihr sagtet
und die Wahrheit zu gestehen ich würde vielleicht noch schlafen wenn mich
nicht eine gewisse Notwendigkeit ein gewisses ich weiß nicht wie ichs sagen
soll dass es nicht gar zu unhöflich heraus komme aber dem Gelehrten sagt das
Sprüchwort ist gut predigen Kurz eine gewisse Angelegenheit die man durch
keinen Procurator verrichten kann ihr versteht mich ja
Unvergleichlich Pedrillo mache nur dass du bald wieder davon kommst
Ein jedes Ding will seine Zeit haben sagt Salomon Kurz und gut es war
ein Geschäfte dass der Korregidor von Xelva und der König selbst gerade auf die
nämliche Art verrichten muss wie der armste Bauerjunge Und in der Tat ich habe
schon oft gedacht wenn große Herren und Damen der Sache recht nachdenken
wollten und es brauchte eben nicht viel Kopfverbrechens es könnte ihnen
ein gut Teil von der hohen Einbildung benehmen als ob sie wer weißt wie viel
besser seien als wie andre gemeine Leute wenn sie zum Exempel dächten ich
will es aus Respekt vor Eu Gnaden nicht heraus sagen aber es ist doch gewiss
dass sie weder Bisem noch Ambra machen und wenn mans beim Licht besieht
Pedrillo Pedrillo rief Don Sylvio lachend wenn du ins moralisieren hinein
kommst so kannst du das Ende nicht wieder finden Überhüpfe immer die
erbaulichen Sachen die dir bei Gelegenheit dass du deine Notdurft verrichtet
hast beigefallen sind
Ha nun habens Eu Gnaden selbst gesagt das war in der Tat nicht verblümt
gegeben ich hätte mich nimmermehr unterstanden die Sache so deutsch heraus zu
sagen aber da es nun einmal heraus ist so will ich jetzt ohne weitere
Präscription oder Circumherumschweifung sagen dass ich nachdem ich die Natur
erleichtert hatte welches im Vorbeigehen zu sagen hinter einem dichten
Gebüsche fünfzig oder sechzig Schritte weit von dem Orte wo ihr schlieft
geschah
Pedrillo mein Freund unterbrach ihn Don Sylvio ich sehe dass du in der
Laune bist mich zur Verzweiflung zu treiben Aber fahre immer fort weil es nun
einmal mein Schicksal ist dass ich durch die Geduld die ich mit deiner
mördrischen Waschhaftigkeit haben muss zum Märtyrer werden soll Ich will
aushalten so lang es die Natur ausstehen kann
Gnädiger Herr antwortete Pedrillo es sollte mir von Herzen leid tun wenn
ich Eurer Gnaden Geduld missbrauchte aber ihr seht ja wie es geht ein Wort gibt
das andre man fangt oft bei einer Gansspule an und hört beim Engel Gabriel
auf und zu dem so dürfte ich den bewussten Umstand um des folgenden willen
nicht vorbei lassen weil ihr daraus sehen könnt dass ich gewiss erwacht und bei
völligem Gebrauch meiner Sinnen war Aber wir wollen uns um deswillen nicht
entzweien denn weil ich jetzt zur HauptSache komme so will ich schon desto
kürzer sein
Vortrefflich Pedrillo nur keine weitere Entschuldigungen
Wisst also mein lieber Herr dass wie ich wieder hinter meinem Busche
hervor kam und gehen wollte und sehen was ihr macht da sah ich ratet
einmal gnädiger Herr was ich gesehen habe
Da sahst du in einen Bach und da sahst du den albernsten dummsten
unverschämtesten langweiligsten abgeschmacktesten Schurken von einem Esel der
seit Bileams Zeiten jemals auf zwei Beinen gegangen ist nicht wahr
Ihr habt es nicht getroffen Herr aber ich will gehangen sein wenn ihrs
nicht erratet so bald ichs euch sage eine Fee sah ich eine Fee aber die
schönste feenmässigste Fee die man nur an einem Sommertag sehen mag und die
gewiss wenn sie nicht die Frau Rademante selbst gewesen ist schöner und
glänzender war als alle eure Bellinen Scharmanten Amaranten und Rademanten
zusammen genommen
Ein Fee sagst du und woher wusstest du dass es eine Fee war
Woher ichs wusste Sapperment Herr glaubt ihr denn dass ich gar nichts
wisse ich sollte schon so lang in eurem Dienste sein und nicht wissen was eine
Fee ist wenn es keine Fee war so sagt Pedrillo sei ein Stockfisch und lasst
mich wässern und pläuen wie einen Stockfisch bis es genung ist Ich sag euch
Herr ihr Gesicht glänzte als ob es aus einem einzigen Karfunkelstein
geschnitten wäre es wurde auf drei oder vier Meilen um sie herum so heiter
als ob ein halb dutzend Sonnen am Himmel wären Wenn das keine Fee war so
könnt ihr kecklich alle eure FeenMärchen ins Feuer werfen und sagen dass nie
keine Fee gewesen ist noch sein wird so lange man Suppen mit Löffeln gegessen
hat und wenn es Gott gefällt auch noch künftig essen wird
Gut gut wo sahst du denn die Fee und was machte sie
Was sie machte Sapperment sie schaute euch an ihr könnt euch nicht
vorstellen wie sie euch anschaute nicht anders als ob man das Sehen bald
verbieten würde sie stund ganz hart an euch und bückte sich ein wenig und sah
euch immer wieder an dass es eine rechte Lust war zuzusehen
War sie allein
O das ist eben der HauptUmstand wenn sie allein gewesen wäre so würde
ich nicht so viel Wesens von ihr machen aber sie hatte eine andere kleine Fee
oder Nymphe oder ein SylphenMädchen oder wie ihrs heißen wollt bei sich das
allerdrolligste holdseligste kleine Ding das ihr in eurem Leben gesehen habt
Wie sah sie denn aus Beschreibe sie mir einmal ob ich vielleicht erraten
kann wer es war
Wie gesagt Herr ein liebliches kleines Ding beerschwarze Haare
Ich frage wie die Fee aussah rief Don Sylvio
Was ich sage Herr wunderartig nicht zu fett und nicht zu mager aber
frisch und saftig wie eine Morgenrose ein Gesicht wie Milch und Blut und einen
Hals und Arme ich kanns euch nicht beschreiben wie mir dabei zu Mute war
aber das schwör ich euch die Frau Beatrix ist nur eine Meerkatze gegen sie ich
schämte mich recht dass ich so dumm gewesen war und mit einer solcher alten
abgestandenen Runkunkel gelöffelt hatte aber ohne Wissen ohne Sünde wem ich
diese hätte voraus sehen können
Ich will dass du mir von der Fee reden sollst und du redst mir immer nur
von ihrem Mädchen
Potz Herrich von was sollt ich auch sonst reden gnädiger Herr sie ließ
mir keine Zeit die andre recht anzusehen Ihr hättet sie nur sehen sollen
Sapperment ich hätte den ganzen langen Tag da stehen und sie angaffen wollen
ohne dass ichs müde geworden wäre
Nun gut dann aber die Fee
Die Fee Ja was die Fee anbelangt die stand eben da wie ich sagte und
schaute euch an ich kann eben nicht viel von ihr sagen denn wie ich sagte
das kleine Ding war immer in Bewegung und ich sah alle Augenblicke wieder etwas
an ihr das mich aus dem Koncept brachte ich sagte euch ja gleich anfangs dass
es eine überaus schöne Fee war ich denke die Diamanten und Karfunkelsteine
die sie an sich hängen hatte waren wohl zwei oder drei Königreiche wert und
sie gaben einen Glanz von sich dass man sie nicht lang ansehen konnte aber die
kleinere
Gut gut sprachen sie denn nichts mit einander Hörtest du nichts Was
sagte die Fee
Was sie sagte O sie sagte recht hübsche Sachen das versichre ich euch
ich lauschte wie ein Habicht und ich habe mir alles von Wort zu Wort gemerkt
Sapperment sagte sie das ist doch ein feiner junger Herr Gelt gnädige
Frau sagte die andre ich will kein ehrliches Mädchen sein wenn wir in
Valencia etwas hübschers gesehen haben ich wette was man will sagte sie wenn
es nicht ein Sylphe ist so ist es gar ein Waldgott Aber wer mag es denn wohl
sein sagte die Fee Gnädige Frau sagte die Kleine er muss nur durch Hexerei
hieher gekommen sein denn wir kennen doch alle Mannsleute auf zehen Meilen in
die Runde und ein so hübscher Junggeselle ist bei meiner Six keine Sache die
lange verborgen bleiben kann Mit einem Wort ich mag euch nicht alles wieder
sagen was sie von euch sagten denn ihr wisst wohl der Hochmut ist eine von den
sieben Todsünden und ich wollte nicht ein Kaisertum drum nehmen und es auf
meinem Gewissen haben wenn ihr nur eine Stunde länger im Fegfeuer sitzen
müsstet als es Gott gefallen wird
Aber wenn sie alles das gesagt haben mein guter Pedrillo was du da
erzählst so sind es eher ein paar Landstreicherinnen gewesen als Feen Wenn
haben jemals Feen in einem so pöbelhaften Ton gesprochen
Ich muss euch bekennen gnädiger Herr dass ich selbst einen kleinen Scrupel
darüber bekam und das machte mich auch so beherzt dass ich näher zu ihnen ging
und mit ihnen redte Aber wie ich dem kleinen Mädchen wieder in die Augen sah
und wie ich die Juwelen ansah womit die andre über und über behangen war
ja und das hätt ich schier vergessen sie hatten auch ein paar Salamander bei
sich die wie die helle Sonne glänzten und bei den Maultieren stunden auf
denen die beide Feen gekommen waren
Salamander sagst du
Ja Herr Salamander leibhafte Salamander und wie die beide Damen sich
wieder auf ihre Maultiere gesetzt hatten so flogen sie alle mit einander durch
die Luft davon dass ich in einem Augenblick so wenig von ihnen sah als ob sie
nie da gewesen wären
Pedrillo mein Freund rief Don Sylvio aus entweder du willt mir die Ehre
antun deinen Spaß mit mir zu treiben oder die Dünste des Malaga hatten deine
Augen bezaubert wie du alle diese Dinge sahst Seit dem es Feen gegeben hat
hat man noch keine auf Maultieren reiten gesehen wenn du noch gesagt hättest
sie seien in einem goldnen oder elfenbeinernen Wagen mit geflügelten Maultieren
davon gefahren das ginge noch an Aber dass eine Fee nicht anders reisen soll
als wie eines jeden ehrlichen Pachters Frau das mache einem andern weis oder
bekenne dass du nichts davon verstehst Deine Fee ist aufs höchste ein
Frauenzimmer die ein Landgut in dieser Gegend hat die Nymphe die dir so wohl
gefiel ihr Kammermädchen und was du für Salamander angesehen hast das werden
ein paar ErdenSöhne von kleinen Pagen gewesen sein die gewiss sehr verlegen
sein würden wenn sie wie die wahren Salamander auf einem Sonnenstrahl in sechs
oder sieben Minuten von einem Ende der Welt zum andern reiten müssten
Gnädiger Herr antwortete Pedrillo ich hätte doch gedacht dass ich ein
besseres Zutrauen von euch verdient hätte als dass ihr glauben sollt ich wolle
euch was weis machen Wenn die Salamander die ich bei den Maultieren stehen
sah keine Salamander waren so ist das ihre Sache und nicht die meinige was
geht das mich an oder warum soll ich subligiert sein zu wissen ob sie dieses
oder jenes sind So viel könnt ihr mir glauben dass der Irrwisch den ihr
vergangene Nacht für einen Salamander angesehen habt nicht des zehenten Teils
soviel Salamander war als diese da ich will ein Kohlstrunk sein wenn er etwas
bessers in Vergleichung mit ihnen war als ein Schwefelhölzchen gegen ein
Windlicht Und was die Fee anbelangt so sollen mir weder Artischokeles noch
Pluto ausreden dass sie nichts bessers und nichts schlechters als die Fee
Rademante war wenn es nicht gar eure Prinzessin gewesen ist denn in der Tat
sie hatte viel Ähnlichkeit mit dem kleinen Bildnis das euch die Fee gegeben
hat
Du faselst mein lieber Pedrillo
Mein Six gnädiger Herr es ist wie ich sage weist mir einmal die
Prinzessin wenn ihr so gut sein wollt Pestilenz es ist nicht anders als
ob es an ihr runter geschnitten wäre Die Größe ausgenommen denn in der Tat
könnte sie dieses ganze Bildchen auf den Nagel ihres Daumens setzen wollt ich
schwören dass sie es selber wäre
Höre Pedrillo sagte Don Sylvio wenn es nicht der ganze Inhalt deiner
albernen Erzählung schon klar genug machte so würde dieser einzige Umstand ein
genugsamer Beweis sein dass du geträumet haben musst Ich bin so gewiss als ichs
von meinem eignen Dasein bin dass dieses Bildnis niemand in der Welt ähnlich
sieht als meiner Prinzessin Nun ist unleugbar dass meine Prinzessin nicht eher
aufhören kann ein Schmetterling zu sein bis ich sie gefunden und ihr Kopf und
Flügel ausgerissen habe Folglich ist es die Unmöglichkeit selbst dass die
Person die du gesehen zu haben glaubst meiner Prinzessin gleich sehe Das ist
eine Demonstration die so gut ist als die beste im Euclides
Ich verstehe mich nichts auf eure Remonstration Herr Don Sylvio erwiderte
Pedrillo aber was ich gesehen habe das hab ich gesehen und wenn der Pabst
euer Vetter wäre so könntet ihr mir nicht übel nehmen dass ich meinen Augen
mehr glaube als euren Schlüssen Wenn ich einen Zwiebel vor mir habe und es
stünden alle Bacularii und Licentiaten von Salamanca ja alle Patriarchen
Exarchen und Monarchen der ganzen Christenheit da und bewiesen mir dass es eine
SchöpsKeule sei so würde ich doch glauben dass ein Zwiebel ein Zwiebel sei
und warum das Weil meine Augen meine Augen sind und weil niemand in der Welt
besser wissen kann als ich selbst ob ich sehe was ich sehe Kurz und gut Euer
Gnaden kann hievon glauben was ihr beliebt es wird sich seiner Zeit schon
zeigen wer recht hat das ist mein Trost denn die Fee sie mag auch sein wer
sie will wird es denk ich bei diesem ersten Besuch nicht bewenden lassen Sie
machte mir beim Velten eine Mine ob sie nicht viel Gutes im Sinn habe und es
deuchte mich sie hörte es gar nicht gern dass ihr in einen bezauberten
SommerVogel verliebt seid
Hast du ihr denn das gesagt Pedrillo
Wenn ich es nicht hätte sagen sollen antwortete Pedrillo ein wenig
erschrocken so bitte ich Eu Gnaden tausendmal um Vergebung ich weiß selbst
nicht wie mir geschah aber die kleine Hexe ihr Mädchen machte mich so
treuherzig dass sie mir immer eins nach dem andern heraus lockte ich muss
bezaubert gewesen sein und zudem dacht ich wenn sie eine Fee ist so weißt sie
das alles ohnehin und es würde sie nur ungehalten machen wenn ich auf ihre
Fragen nicht die rechten Antworten gäbe
Sie fragte dich also aus und du sagtest ihr alles
Ja gnädiger Herr aber nur überhaupt und so verblümt dass sie nichts hätte
davon verstehen können wenn sie keine Fee gewesen wäre Aber wie ich sagte die
Kleine sah mir aus als ob sie alles schon vorher besser wisse als ich selbst
ich wollte gleich wetten sie fragte mich nur um zu sehen was ich ihr
antworten würde
Und was sagte denn diejenige dazu die du für die Fee ansahst
Nichts sonderliches denn sie eilte gar gewaltig fort wir müssen gehen
sagte sie und machte ein ziemlich verdriessliches Gesicht dazu was wird mein
Bruder denken wenn wir so spät nach Hause kommen
O Himmel rief hier Don Sylvio aus und wurde so blass wie ein weißes Tuch
jetzt geht mir auf einmal ein schreckenvolles Licht auf Wie wenn es die
Schwester des grünen Zwergs
Potz Gift gnädiger Herr schrie Pedrillo was ihr da für einen Einfall
habt der Himmel gehe dass ihrs nicht erraten haben möget Aber jetzt erinnert
ihr mich wieder daran sie hatte in der Tat einen grünen Unterrock und eine
grüne Westen an mit Golde gestickt Mein Seele was ich für ein Dumfkopf bin
Ich dachte an nichts Böses Aber das verzweifelte kleine Mädchen
Je mehr ich alle Umstände deiner Erzählung überlege fuhr Don Sylvio fort
desto mehr find ich mich in meiner Vermutung bestärkt Es ist nichts gewissers
als dass es diese verhasste Donna Mergelina war
Aber die Fee war so schön wie ein Frühlingstag und Donna Schmergelina ist
mit Respekt vor Eu Gnaden der garstigste Sausödel den ich in meinem Leben
gesehen habe Wie reimt sich das
Die Fee ihre Tante hat Macht genug ihr was für eine Gestalt sie will zu
geben und es ist gewiss nicht ohne Ursach dass sie wie du behauptest eine
Ähnlichkeit mit meiner geliebten Prinzessin hatte
Das hatte sie gnädiger Herr aber beim Element wenn sie nun wählen kann
was für eine Gestalt sie annehmen will so war sie eine große Närrin dass sie
sich euch nicht lieber anfangs in einer schönen zeigte Sapperment sie muss
gewaltig in ihren Buckel und in ihren breiten Busen verliebt sein
Das alles hat seine Ursachen erwiderte Don Sylvio Meinst du diese
Zwergin so abscheulich sie ist schmeichle sich nicht eine der
liebenswürdigsten Personen ihres Geschlechts zu sein Oder glaubst du sie würde
meiner Prinzessin nur den kleinsten Vorzug vor ihr eingestehen Die Eigenliebe
ist die größte unter allen Feen sie braucht weder Zauberstab noch Talismanne
um die seltsamste Verwandlungen zu machen Wenn ich mich dessen was mir in den
Gärten der Fee Radiante begegnet ist und des neuerlichen Abenteuers mit der
Sylphide erinnere so besorge ich sehr
Wohl dann gnädiger Herr fiel ihm Pedrillo wieder ein wenn die schöne
Dame die euch so aufmerksam betrachtete Donna Schmergelina ist so kann ich
nichts dazu ich muss es geschehen lassen Aber für die Kleine will ich gebeten
haben ich weiß nicht wie es kommt aber mein Herz sagt mir dass die Gestalt
die sie hatte ihre eigne war ich will mir die Ohren abschneiden lassen wenn
ihr in der ganzen weiten Welt ein paar Augen oder eine Nase oder ein kleines
Maul findet die ihr besser ließ als ihre eigene Mit einem Wort ich lass ihr
nichts geschehen und wenn ihr sie ja in etwas verwandeln wollt so müsste es in
einen PomeranzenBaum sein aber mit der Bedingung dass ich in eine Biene
transferiert werde und dass außer mir alle andre Bienen Hummeln Wespen
Hornissen Fliegen und Mücken auf zwei hundert quadrate CubicMeilen in die
Runde von ihr verbannt sein sollen
Hei da Pedrillo rief Don Sylvio du bekommst ja ganz poetische Einfälle
was die Liebe nicht tut Wenn du so fortmachst so werden wir noch zuletzt ganze
Bände voll zärtlicher Elegien und Sonnette von deiner Handarbeit zu sehen
bekommen Aber mein guter Freund schmeichle dir nicht zu viel es wäre nicht
das erstemal dass der grüne Zwerg die Gestalt einer schönen jungen Nymphe
angenommen hätte du solltest dich noch wohl erinnern was mir diesen Morgen
begegnet ist das einzige was mich noch was bessers hoffen heißt ist
dieses dass sie mir das Bildnis meiner Prinzessin gelassen haben
Gut Herr sagte Predillo wann man recht nachsieht so werdet ihr das wohl
wieder einem gewissen Pedrillo zu danken haben versichert sie waren euch schon
nahe genug auf dem Leibe und wer weißt was hätte geschehen können wenn ich
nicht in Zeiten dazu gekommen wäre in der Tat machte mir die kleine Spitzbübin
eine Mine wie eine kleine Spitzbübin und zischelte der andern was weiß ich
was in die Ohren und wies immer mit dem Finger auf euch aber wie gesagt ich
verrückte ihnen das Koncept ein wenig wie ich hinter meinem Busch hervor kam
Wahrhaftig meine gute Damen Pedrillo ist ein feinerer Kauz als ihr euch
einbildet er schneuzt sich nicht am Ärmel das könnt ihr versichert sein
Gut gut sagte Don Sylvio indem er aufstand und sich wieder reisfertig
machte für diesmal sind wir noch glücklich genug davon gekommen aber wir
wollen uns nicht länger hier auf halten der Abend ist überaus anmutig und wir
können noch ein paar Stunden reisen ehe es Nacht wird Es wird sich vielleicht
in kurzem aufklären was die Erscheinung die du gesehen zu bedeuten hatte
Pedrillo der bekannter maßen immer das letzte Wort haben musste nahm von
dem unschuldigen Worte Bedeuten Anlass das Gespräch unvermerkt auf die
fruchtbare Materien von Vorbedeutungen Ahnungen und Anzeichen zu lenken und
regalierte seinen Herrn während dass sie ihren Weg fortsetzten mit einer sehr
umständlichen Erzählung aller Histörchen von dieser Art die seit undenklichen
Zeiten den Tanten und Grossmüttern in seiner Freundschaft vermöge einer
ununterbrochenen Tradition von Großmutter zu Großmutter begegnet sein sollten
Er merkte nicht dass Don Sylvio der mit ganz andern Betrachtungen beschäftigt
war nicht die geringste Aufmerksamkeit auf seine Erzählung hatte und wenn ers
auch gemerkt hätte so würde er vielleicht nichts desto weniger fortgemacht
haben denn denken und reden waren bei dem guten Pedrillo einerlei und wenn er
nur ungehindert plaudern durfte so bekümmerte er sich wenig darum ob man ihm
zuhörte oder nicht eine Diskretion die ihm mit einem gewissen Poeten von
unsrer Bekanntschaft gemein war der seine Freunde nie besuchte ohne ein paar
starke Hefte von seiner Arbeit bei sich zu haben die er so bald er sich
gesetzt hatte vorzulesen anfing sein Zuhörer hatte inzwischen vollkommene
Freiheit zu gähnen einzuschlafen ja so laut zu schnarchen als er nur
wollte die Entzückung unsers Poeten erlaubte ihm nicht darauf Acht zu geben
und wenn der Zuhörer nach einer Sieste von zwei oder drei Stunden nur früh genug
erwachte um den Schluss des Gedichts zu hören und den Beifall zu bekräftigen
den der Poet sich selbst gab so fiel es diesem nur nicht ein daran zu
zweifeln dass er seinem Freund die angenehmste Zeitkürzung von der Welt gemacht
habe
Drittes Kapitel
Worin Don Sylvio seht zu seinem Vorteil erscheint
Unsre Wanderer waren ungefähr eine halbe Stunde fortgegangen als etliche
PistolenSchüsse und zu gleicher Zeit ein ängstliches Geschrei aus dem
benachbarten Gebüsch in ihre Ohren drang
Das ist eine Stimme die um Hilfe ruft sagte Don Sylvio wir müssen sehen
was es ist
Pedrillo der bei Nacht und in den GespensterStunden die feigeste Memme von
der Welt war hatte hingegen Herz wie ein junger Stier aus Andalusien wenn es
darum zu tun war sich mit Leuten von Fleisch und Blut beim Tagslicht herum zu
balgen Er machte also nicht die geringste Schwierigkeit seinem Herrn zu folgen
und sie waren kaum fünfzig oder sechzig Schritte dem Getümmel nach ins
Gebüsche hinein gegangen als ihnen auf einem ziemlich großen Platz drei junge
Männer zu Pferd in die Augen fielen die mit der äußersten Wut von ihrer sieben
angefallen wurden von denen vier gleichfalls beritten waren Don Sylvio flog
ohne sich einen Augenblick zu besinnen den Schwächern zu Hilfe unter denen er
einen schönen jungen Ritter erblickte der sich ganz allein gegen drei von
seinen Gegnern mit der Tapferkeit eines echten Spaniers der für seine Dame
ficht verteidigte Einen Augenblick später würde sein Beistand zu späte
gekommen sein denn einer von den Gegnern des jungen Ritters war im Begriff
einen Streich auf ihn zu führen der dem Gefecht auf einmal ein Ende gemacht
hätte wenn Don Sylvio sich nicht in eben dem Augenblick dazwischen geworfen
und den Streich mit seinem Schlachtschwert aufgefasst hätte welches in der Tat
der mörderischen Durindana des großen Orlando weit ähnlicher sah als einem
heutigen StutzerDegen
Während dass Don Sylvio so ungeübt er auch in solchen blutigen Geschäften
war die Feinde durch seine Erscheinung durch seinen Mut und durch die
gewaltigen Streiche die er auf sie führte in kein gemeines Erstaunen setzte
war Pedrillo seines Orts auch nicht müßig Er hatte zwar kein andres Gewehr bei
sich als einen dicken knotichten Stecken von Schwarzdorn allein er wusste sich
dessen mit so vielem Nachdruck und mit solcher Behendigkeit zu bedienen dass er
in wenigen Augenblicken zween der streitbarsten Feinde unter seine Füße brachte
Kurz unsre Abenteurer arbeiteten mit so gutem Erfolg dass sich der Sieg in
kurzem für ihre Partei erklärte und die Feinde sich genötigt sahen mit
Zurücklassung zweier stark Verwundeten ihre Sicherheit in der Flucht zu suchen
So bald das Gefecht geendigt war sah sich Don Sylvio nach dem jungen
Ritter um der ihn beim ersten Anblick so sehr interessiert hatte um ihm seine
Freude über den glücklichen Ausgang dieses gefährlichen Abenteuers zu bezeugen
aber dieser hatte jetzt nichts angelegeners als einem jungen Frauenzimmer
zuzueilen welches nicht weit von dem Kampfplatz ohnmächtig in den Armen ihrer
Kammerfrauen lag Man hatte große Mühe sie wieder zu sich selbst zu bringen
und die Art wie der junge Ritter sich dabei aufführte ließ es zweifelhaft ob
sie seine Schwester oder seine Geliebte sei So bald sie den Gebrauch ihrer
Sinnen wieder hatte sagte er zu ihr Liebste Hyacinthe wenn ihnen ihre
Befreiung angenehm und das Leben eines Freundes der nur für sie zu leben
wünscht nicht gleichgültig ist so sehen sie hier den liebenswürdigen jungen
Ritter dessen Großmut und Tapferkeit ich beides zu danken habe
Don Sylvio näherte sich bei diesen Worten mit dem edlen und anmutsvollen
Anstand womit ihn die Natur oder ich weiß nicht was für eine Fee bei seiner
Geburt begabt hatte und nachdem er die junge Dame durch eine tiefe Verbeugung
gegrüßt hatte bezeugte er ihnen seine Freude über ihre Befreiung in den
lebhaftesten Ausdrücken Es ist wahr dass sie seiner Gewohnheit nach einen
ziemlich schwülstigen und romanhaften Schwung hatten allein die Gemütsbewegung
worin diese beide Personen waren verhinderte sie es zu bemerken Die junge
Dame war noch zu schwach und erschrocken als dass sie ihm ihre Dankbarkeit
anders als durch Gebärden hätte zu erkennen geben können aber Don Eugenio so
hieß der junge Kavalier und Don Gabriel sein Freund der unserm Helden nicht
weniger für sein Leben verbunden war bezeugten ihm die ihrige in desto
lebhaftern Ausdrücken und nachdem sie von Don Sylvio vernommen hatten dass er
unbeschädiget davon gekommen sagte Don Gabriel zu der schönen Hyacinthe Unser
Beschützer ist in allen Stücken so sehr einem Schutzengel ähnlich dass es kein
Wunder ist dass er auch so unverwundbar als ein Engel ist
Don Sylvio betrachtete indessen die schöne junge Dame mit einer
Aufmerksamkeit und mit einer gewissen innerlichen Regung die ihn selbst
befremdete da er geglaubt hatte dass kein Frauenzimmer in der Welt reizend
genug sein könne den geringsten Eindruck auf ein Herz zu machen in welchem das
Bildnis seiner Prinzessin herrschte Die Schönheit dieser jungen Person die
nicht über sechszehn Jahre zu haben schien hatte zwar beim ersten Anblick
nichts blendendes aber diesen zauberischen Reiz der sich nicht beschreiben
lässt und nach dem Urteil der Kenner noch etwas schöners als die Schönheit
selbst ist konnte man in keinem höheren Grad besitzen Es war unmöglich ihr
nicht vom ersten Blick gewogen zu werden eine so anziehende Anmut war über ihre
ganze Person ausgebreitet Ihr gleichgültigster Blick hatte etwas rührendes ihr
gewöhnlicher Ton der Stimme war Musik und der Kummer selbst konnte das reizende
Lächeln nicht auslöschen das ihren angenehmen Mund umfloss
Don Sylvio schien die Wirkung dieser verführischen Reizungen etliche
Augenblicke lang so stark zu erfahren dass Don Eugenio dadurch hätte beunruhiget
werden können wenn nicht die Wunden die er und sein Freund im Gefecht
bekommen und in der ersten Hitze nicht geachtet hatten stark genug zu bluten
angefangen hätten dass sie nötig fanden sich auf der Stelle verbinden zu
lassen Hyacinthe die kein Auge von Don Eugenio verwandte sah kaum das Blut
ihres Freundes fließen als sie mit einem ängstlichen Schrei in eine abermalige
Ohnmacht sank
Dieser Zufall gab unserm Helden Gelegenheit sich in den Gedanken zu
bestärken dass diese beide Personen nichts anders als ein paar Verliebte sein
könnten und er zweifelte nunmehr nicht daran dass die junge Dame eine
Prinzessin sei die ein verhasster Nebenbuhler mit Hilfe irgend eines Zauberers
ihrem begünstigten Liebhaber habe entziehen wollen Diese Vorstellung
verdoppelte natürlicher Weise den Anteil den er bereits an ihrem Schicksal zu
nehmen angefangen hatte
Die Wunde des Don Eugenio war keine von den gefährlichen und die Ohnmacht
der schönen Hyacinthe so unschädlich als alle Ohnmachten junger Mädchen zu sein
pflegen sie mögen nun ihren Grund in einem Übermaß von Schmerz oder Vergnügen
haben Nachdem man also die junge Dame durch englisches Salz wieder hergestellt
und die beiden verwundeten Ritter verbunden hatte so gut es in der Eile möglich
war so wurde beschlossen weil die Nacht herein brach und Donna Hyacinthe der
Ruhe benötiget war in dem nächsten Wirtshause das man antreffen würde stille
zu halten Unser Held erbot sich sie um mehrerer Sicherheit willen zu
begleiten und Don Eugenio nahm sein Erbieten desto williger an da er sehr
begierig war zu wissen wer der eben so liebenswürdige als sonderbare
Unbekannte sein möchte dem er so unverhoffter Weise sein Leben und seine
Geliebte schuldig geworden war Nach einigen hin und wieder gewechselten
Komplimenten setzte sich also Don Eugenio zu der jungen Dame in den Wagen und
überließ unserm Ritter sein ReitPferd Pedrillo der indes über alles was er
sah große Augen gemacht hatte und sich nicht wenig auf die verbindlichen
Sachen einbildete die ihm Don Gabriel und der Kammerdiener von seiner
Tapferkeit sagten ließ sich wiewohl nicht ohne viele Mühe bereden seinen
Platz neben der Dame Teresilla zu nehmen einer jungen Person von fünf und
dreißig Jahren welche so schön mit Rot und Weiß bemalt war und die Jugend
ihres Gesichts durch die sittsame Enthüllung eines nicht unfeinen Halses so
geschickt zu bestätigen wusste dass Pedrillo in kurzer Zeit stark genug davon
überzeugt wurde um im Notfall sein SylphenMädchen dran zu setzen dass sie erst
zwanzig Jahre habe
Viertes Kapitel
Die Gesellschaft langt in einem Wirtshaus an
Weil die Reise ziemlich langsam ging so war es bei nahe zehen Uhr wie sie in
einem Wirtshaus anlangten wo sie außer einer guten Anzahl leerer Gemächer nicht
die geringste Bequemlichkeit antrafen
Es war ein Vorteil für unsere Gesellschaft dass die HauptPersonen mehr der
Ruhe als des Essens benötigt waren denn der Wirt hatte für alles was man
verlangte eine Entschuldigung fertig das Wildpret war gestern ausgegangen
frisches Fleisch sollte er Morgen bekommen seine Tauben hätte der Stossvogel
geholt und erst diese Nacht hatte ein kleiner Teufel von einem Marder seinen
ganzen Hühnerstall entvölkert allein bis Morgen Mittag hoffte er so vornehme
Gäste besser zu bedienen denn sein Wirtshaus hatte das Glück häufig von großen
Herren besucht zu werden und nur erst vorgestern hatten sie den Grafen von
Leiva und verwichnen Montag die verwittibte Herzogin von MedinaSidonia mit
einem großen Gefolge von Damen und Kavaliers gehabt
In diesem Ton würde es noch lange fortgegangen sein wenn ihm jemand hätte
zuhören wollen Allein da die Dame Teresilla der Kammerdiener und Pedrillo mit
ihren Herrschaften und diese mit sich selbst zu tun hatten so musste er sichs
gefallen lassen mitten in dem Mittagessen der Herzogin von MedinaSidonia
welches er ihren Ohren auftrug abzubrechen und zog sich endlich mit vielen
Komplimenten und Verbeugungen in den Stall zurück um dafür zu sorgen dass die
Pferde und Maultiere eben so gut bedient werden möchten als ihre Herren
Donna Hyacinthe welche sich nicht völlig wohl befand beurlaubte sich von
ihren Beschützern nachdem sie ihnen und besonders unserm Helden für die
Großmut womit sie ihr Leben für sie gewaget auf eine sehr einnehmende Art
gedankt hatte
Don Sylvio begleitete den Don Eugenio und seinen Freund in ihr Zimmer um
der Verbindung ihrer Wunden beizuwohnen und bediente sich des Vorwands dass die
Ruhe das beste HeilMittel für sie sein werde um ihnen bald darauf eine gute
Nacht zu wünschen
Diese beide junge Herren und besonders Don Gabriel hatten sich so viel als
der Wohlstand erlaubte bemüht ihn zu Entdeckung seines Namens und Standes zu
veranlassen ohne etwas anders als abgebrochene und geheimnisvolle Äußerungen
von ihm zu erhalten wodurch sie in den Gedanken ziemlich bestätiget wurden dass
er eine Art von Abenteurer sein könnte Auf der andern Seite hingegen wurden sie
durch seine Schönheit das edle Ansehen seiner Person seine Tapferkeit und die
Höflichkeit seines Betragens desto stärker zu seinem Vorteil eingenommen da es
leicht zu bemerken war dass er alle diese Vorzüge der Natur allein zu danken
hatte Denn ob er gleich diejenige Art von Höflichkeit besaß die von dem
conventionellen Wohlstand unabhängig ist und daher bei allen Nationen dafür
erkannt wird weil sie bloß in dem Ausdruck einer leutseligen Gemütsart und in
der Verbindung einer gewissen Achtung gegen uns selbst mit derjenigen die wir
andern schuldig sind besteht So fehlte es doch seinen Manieren gänzlich an dem
Ton der damals unter derjenigen Art von Leuten die man die gute Gesellschaft
nennt in den vornehmsten Städten von Spanien herrschte Eben dieses fiel auch
in seiner Kleidung und in seinem Putz in die Augen und insonderheit machte das
große Schlachtschwert das an seiner Seite hing mit seinem übrigen Ansehen
einen so lächerlichen Absatz dass man nicht wusste was man davon denken sollte
Indessen nun dass die beiden Ritter ihre Neugier auf den folgenden Tag
vertrösteten erfreute sich Don Sylvio seines Orts nicht wenig dass er glücklich
genug gewesen war einer von den liebenswürdigsten Princessinnen in der Welt
und einem jungen Prinzen oder Ritter der ihrer vollkommen würdig zu sein
schien Dienste zu leisten und da er nicht zweifelte dass sich irgend eine
große Fee ihres Schicksals annehmen werde so hoffte er diese neue
Bekanntschaft könnte vielleicht in der Folge einen günstigen Einfluss in seine
eigene Angelegenheiten haben Diese lagen ihm zu nah am Herzen als dass er sich
lange mit andern Betrachtungen hätte beschäftigen können das Bild seiner
geliebten Prinzessin ihre klägliche Verwandlung die Nachstellungen der Fee
Fanferlüsch kurz alles was ihm seit einigen Tagen begegnet war bemächtigte
sich also wieder seiner ganzen Einbildungskraft und nachdem er sich ein paar
schlaflose Stunden durch seinen gewöhnlichen Träumereien überlassen und das
Schicksal seiner unglücklichen Prinzessin und sein eigenes aufs wehmütigste
beklagt hatte schlummerte er endlich in den frohen Aussichten ein die eine
geheime Ahnung ihm näher vorstellte als ers zu glauben Ursach hatte
Fünftes Kapitel
Der Autor hofft dass dieses Kapitel keiner KammerJungfer in die Hände fallen
werde
Indessen dass wir die Princessinnen und Helden zu Bette gebracht haben wo wir
sie so lang es ihnen gefällt ruhig schlafen lassen wollen hatte Pedrillo
der wie wir schon bemerkt haben jederzeit von dem gegenwärtigen Augenblick
abhing der Begierde nicht widerstehen können mit der schönen Teresilla sich
etwas genauer bekannt zu machen Zu gutem Glück war niemand der ihm den Vorteil
eines Tête à Tête hätte streitig machen wollen denn der Kammerdiener der durch
einen Streifschuss und zwei oder drei kleine Hiebe im Gefecht verwundet worden
war hatte sich bereits zur Ruhe begeben und der Kutscher war kein Mann der
sich hätte unterstehen dürfen seine Augen zu einer KammerJungfer zu erheben
Pedrillo machte sich also die Gelegenheit zu nutze und unterhielt die Dame
Teresilla während dass eine dicke schmutzige Gallicierin in der Küche mit
Zubereitung eines wohlbezwiebelten Hasenpfeffers von einer alten Hauskatze
beschäftigt war
Die Annehmlichkeiten ihres Umgangs verdoppelten den Eindruck den die Rosen
und Lilien ihres verjüngten Gesichts auf einen ehrlichen BauerKerl machen
konnten der sie für natürlich hielt und nachdem sie der großen Hitze wegen
sich zuletzt gar ihres Halstuchs entlediget hatte so stieg seine Leidenschaft
mit Überhüpfung aller Grade wodurch eine platonische Liebe unvermerkt
fortzuschleichen pflegt auf einmal so hoch dass die schöne Teresilla so groß
auch immer ihr Vertrauen auf die Stärke ihrer Tugend sein mochte gar bald
Ursache bekam sich in einiger Gefahr zu glauben
Dem ungeachtet ist gewiss dass sie es sei nun aus guter Meinung von ihrem
Gesellschafter denn wir haben schon bemerkt dass er in der Tat ein viel
versprechender Bursche war oder aus jugendlicher Unerfahrenheit oder aus
irgend einer besonderen Absicht sich so mit ihm betrug als ob sie nicht das
geringste von ihm zu befürchten hätte Das letztere lässt sich um so eher
vermuten weil sie den Vorteil kaum bemerkte den ihr die Schwachheit des armen
Pedrillo zu geben schien als sie die ganze Macht ihrer Reizungen und ihrer
Beredsamkeit anwandte um den Namen und die Angelegenheiten seines Herrn von ihm
heraus zu locken
Allein Pedrillo der eine ähnliche Beobachtung gemacht haben mochte hatte
sich vorgenommen ihr sein Geheimnis so teuer zu verkaufen als es nur immer
möglich sein möchte Er drang also darauf dass sie ihm zuerst die Geschichte der
Donna Hyacinthe entdecken müsste ehe er nur in Versuchung kommen könne das
ausdrückliche und scharfe Verbot seines Herrn so leichtsinniger Weise zu
übertreten
Die schöne und wie wir vielleicht bald hinzu setzen müssen die zärtliche
Teresilla welche merkte dass sie mit einem Menschen zu tun hatte bei dem durch
allzu große Strenge nichts auszurichten war trug nicht das geringste Bedenken
seine Neugier durch eine weitläuflge Erzählung zu befriedigen welche die
Hauptumstände ausgenommen so apocryphisch sein mochte als gemeiniglich die
Erzählungen sind so die KammerMädchens von den Anecdoten ihrer gnädigen Frauen
zu machen pflegen Pedrillo erfuhr also dass Donna Hyacinthe weder mehr noch
weniger eine Donna sei als irgend eine die ihre Wäsche an einen Zaun aufhängt
dass ihr Gesicht und ihre kleine Person ihren Adel ihr Vermögen und alle ihre
Rechte und Ansprüche in sich fasse und dass man so gar vermute dass sie ein
FindelKind sei dem seine Mutter nicht habe sagen können wem es sein Dasein zu
danken habe Sie habe seit einiger Zeit auf dem Theater zu Grenada ziemlich viel
Aufsehens gemacht und nicht weniger Liebhaber gehabt als alle die Mannsleute
welche sie gesehen hätten unter denen sich aber keiner mehr Mühe gegeben habe
ihr Herz zu erobern als Don Fernand von Zamora ein sehr reicher junger
Kavalier der einen ungeheuren Aufwand um ihrentwillen gemacht ohne dass er so
viel man wisse jemals das mindeste von ihr erhalten können Kurz unter so
vielen die um sie geseufzet hätten sei Don Eugenio von Lirias der einzige
dessen eben so tugendhafte als heftige Leidenschaft sie wo nicht aufzumuntern
doch wenigstens zu dulden geschienen habe Allein wer die Donna Hyacinthe kenne
sei so blöde nicht sich durch diesen Schein einer strengen Tugend hintergehen
zu lassen Es sei eine ausgemachte Sache dass sie den Don Eugenio bis zur
Ausschweifung liebe und dass sie nicht lange grausam gegen ihn geblieben sein
würde wenn sie nicht im Sinn gehabt hätte ihn so weit zu bringen dass er
endlich die Torheit beginge sie gar zu heiraten In dieser Absicht habe sie ihn
wirklich überredet sie vom Theater wegzunehmen und auf einige Zeit in ein
Kloster zu Valencia zu tun von wannen sie hernach unter einem andern Namen nach
und nach in der Welt hätte erscheinen sollen Allein zu allem Unglück sei
dieses Vorhaben die Dame Teresilla hätte wenn sie gewollt hätte gar wohl
sagen können von wem denn sie war es selbst dem Don Fernand etliche Wochen
vor der Ausführung verraten worden Dieser habe die Verzweiflung über seine
unglückliche Leidenschaft und andre Ursachen zum Vorwand genommen sich von
Grenada weg zubegeben damit er indessen Anstalten machen könnte sie seinem
glücklichern Nebenbuhler zu entreißen Er müsse wie der Ausgang gezeigt so gar
den Tag gewusst haben wenn Hyacinthe nach Valencia abgehen würde kurz er habe
seine Maßregeln so gut genommen dass er sie eine Stunde von Montesa überrascht
und in seine Gewalt bekommen habe Seine Absicht sei vermutlich gewesen sie auf
eines seiner Güter in Arragon zu führen allein das gute Glück ihrer Dame habe
gewollt dass sie unterwegs auf Don Eugenio den man zu Valencia zu sein geglaubt
habe gestoßen seien da er in Begleitung seines Freundes Don Gabriel dem
Ansehen nach einen bloßen Spazierritt getan und vermutlich nichts wenigers
besorgt habe als seine Geliebte in den Händen eines Nebenbuhlers anzutreffen
Da sie nun einander so gleich erkannt habe Don Eugenio ungeachtet der
Überlegenheit seiner Gegner sich entschlossen gezeigt lieber das Leben als
seine geliebte Hyacinthe zu verlieren Würde aber vermutlich beide zugleich
verloren haben wenn ihm nicht ein glückliches Ungefähr in der Person des
unbekannten jungen Ritters und des tapfern Pedrillo einen Beistand zugeschickt
hätte durch den sich der Sieg in etlichen Augenblicken für ihn erklärt habe
Nachdem die gefällige Teresilla mit ihrer Erzählung fertig war forderte
sie wie billig eine gleiche Gefälligkeit von ihrem Gesellschafter aber
Pedrillo hatte schon wieder andere Schwierigkeiten in Bereitschaft er
verschanzte sich hinter die Wichtigkeit seines Geheimnisses die Treue die er
seinem Herrn schuldig sei sein gegebenes Wort und die Gefahr in die er sich
durch eine solche Indiscretion stürzen würde kurz sie verlor alle ihre
Wohlredenheit und so gar eine Menge kleiner Gunstbezeugungen an ihm welche so
unerheblich sie auch an sich selbst waren doch ihrer Meinung nach mehr als
hinreichend hätten sein sollen ihn zu der lebhaftesten Erkenntlichkeit zu
bewegen Pedrillo bewies ihr mit seiner gewöhnlichen Bündigkeit dass ein
Geheimnis von dieser Art sich nur einer Person anvertrauen lasse für die man
gar nichts geheimes habe und er ging endlich so weit auf die Gefälligkeit die
sie von ihm forderte einen Preis zu setzen welchen sie ohne eben eine
Lucretia zu sein hätte übermäßig finden können
Cicero dem alle Welt eingestehen muss dass er ein unvergleichlicher Redner
ein großer Staatsmann ein mittelmässiger Philosoph und ein sehr kleiner General
war sagt an einem Ort seiner eben so angenehmen als lehrreichen Schriften »Dass
die Begierde nach Erkenntnis der stärkste unter allen natürlichen Trieben des
Menschen sei Der Trieb zum Wissen sagt er scheint so wesentlich in uns zu
sein dass wir zu allem was unsere Kenntnis erweitert ohne Hoffnung oder
Absicht eines besonderen Vorteils von der Natur selbst dahin gerissen werden«
und nachdem er einige Beispiele davon gegeben setzt er hinzu Homerus scheine
dieses sehr wohl eingesehen zu haben da er von den Syrenen dichte dass die
zauberische Kraft ihres Gesangs nicht so wohl in der Annehmlichkeit ihrer
Stimme oder der ungewöhnlichen Lieblichkeit der Melodie bestanden sei als in
der Versicherung »dass sie alles wissen was auf dem ganzen Erdboden geschehe
und in dem Versprechen ihre Zuhörer gelehrter wieder zu entlassen als sie
gekommen seien« Kein geringerer Reiz glaubt er hätte einen so großen Mann als
Ulysses war so sehr dahin reißen können dass ohne die kluge Veranstaltung
welche die Fee Circe deswegen gemacht selbst die Gewissheit eines
unvermeidlichen Untergangs nicht vermögend gewesen wäre ihn von den fatalen
Klippen dieser Zauberinnen zurück zu halten
Die junge und tugendhafte Teresilla gibt uns ein merkwürdiges Beispiel wie
richtig diese Beobachtung des angezogenen römischen Schriftstellers ist Der
Preis den der eigennützige Pedrillo auf die Entdeckung seines Geheimnisses
setzte machte sie allerdings stutzen sie ermangelte nicht ihre
Bedenklichkeiten den Seinigen entgegen zu setzen und wandte alles an um ihn zu
einem billigen Nachlass zu bereden Aber da er hartnäckig darauf bestand dass
sich seine Geschichte nirgend als in seiner Kammer erzählen lasse so sah sie
sich endlich genötigt alle ihre kleinen Scrupel der Begierde nach einer
Erweiterung ihrer Erkenntnisse aufzuopfern deren Wichtigkeit sie nach der Größe
des Preises abmass Sie versprach also jedoch unter der ausdrücklichen
Bedingung dass er eine so ausnehmende Probe ihres Zutrauens nicht missbrauchen
wollte ihn so bald das ganze Haus in Ruhe sein würde in seiner Kammer zu
besuchen Pedrillo der gegen die Billigkeit ihrer Bedingung nichts einwenden
konnte versprach ihr alles was sie wollte und beide hielten ihr Wort so
gewissenhaft wie man sichs einbilden kann
Sechstes Kapitel
Exempel eines merkwürdigen Verhörs
Don Sylvio hatte nach einer langen Folge wachender Träume endlich ein paar
Stunden geschlummert als er wie die Geschichte meldet von den Flöhen
aufgeweckt wurde wovon es in diesem Wirtshause wimmelte Der günstige Leser
wird so höflich sein und die Anführung dieses Umstands als einen abermaligen
Beweis der Genauigkeit ansehen womit wir die Pflichten der historischen Treue
zu beobachten beflissen sind da es uns wenn wir nur für die Ehre unsers Witzes
hätten sorgen wollen ein leichtes gewesen wäre unsern Helden durch irgend eine
edlere oder wunderbare Veranlassung aufzuwecken
Indem er nun beschäftigt war sich vor diesen beschwerlichen Geschöpfen
einige Sicherheit zu verschaffen deuchte ihm in dem nächsten Gemach das nur
durch eine Bretterwand von dem seinigen abgesondert war eine flüsternde Stimme
zu hören deren Ton etwas weibliches zu haben schien Er hielt sein Ohr so nahe
an die Wand als möglich war und glaubte ganz deutlich diese Worte zu hören
Unter keiner andern Bedingung als wenn ihr mich das Bildnis der Prinzessin
sehen lasst Aber wie soll das möglich sein hörte er eine andere Stimme
antworten wenn ichs auch wagen wollte in sein Zimmer zu schleichen und es
während dass er schläft wegzunehmen so ist es doch unmöglich weil ers immer am
Halse zu tragen pflegt er würde erwachen und dann möchte uns der Himmel gnädig
sein O Keine Ausflüchten sagte die weibliche Stimme wahrhaftig ich hätte
nicht geglaubt aber ich sage euch ich will das Bildnis haben oder bildet
euch nicht ein dass ich
Hier wurde die Stimme etwas leiser oder vielmehr Don Sylvio der bereits zu
viel gehört hatte konnte nicht so viel Gelassenheit behalten länger
aufzuhorchen Wie rief er und sank vor Bestürzung zitternd auf sein Küssen
zurück ein heimlicher Anschlag wider mich wider das was mir teurer als mein
Leben ist O Radiante jetzt ist es Zeit dass du mir deinen Beistand leistest
sonst bin ich verloren
Don Sylvio rief dieses so laut dass Pedrillo und die wissensbegierige
Teresilla nicht ratsam fanden ihre Unterredung fortzusetzen und da sie bald
darauf zwei oder dreimal Pedrillo rufen hörten so hielt die junge Dame für das
sicherste sich so behend als nur möglich war aus einem Gemach hinweg zu
schleichen wo sie um die halbe Welt nicht von einer dritten Person hätte
angetroffen werden mögen Allein sie konnte doch nicht schnell genug sein dass
Don Sylvio in dem Augenblick da er eine kleine TapetenTür die aus seinem
Zimmer in Pedrillo Kammer ging eröffnete nicht bei dem trüben Schein den die
Morgendämmerung durch ein kleines mit Spennengeweben überhangnes Fenster warf
eine weibliche Gestalt erblickt hätte die in eben demselben Augenblick aus der
andern Tür entschlüpfte Zum Glück für die Dame Teresilla vermehrte dieser
Umstand seine Bestürzung so sehr dass er lange genug starr und sprachlos an den
Boden angefroren stund um ihr Zeit zu lassen sich wieder auf den Zehen in das
Zimmer ihres Fräulein zu schleichen
Der subtileste Dialecticus der sich dermalen in den Umständen des Pedrillo
befunden hätte würde vermutlich sehr verlegen gewesen sein sich mit einer
guten Art aus einer so kützlichen Situation heraus zu wickeln Alle seine
Schlüsse in Festino und Barocco würden ihm nicht halb so gute Dienste geleistet
haben als dem schlauen Pedrillo der bloße Instinkt dessen Eingebung er sich in
diesem critischen Augenblick blindlings überließ
Seid ihrs gnädiger Herr rief er als ob er nur eben aus einem tiefen
Schlaf erwache Was ist euch begegnet dass ihr schon so früh aufsteht
Kleide dich unverzüglich an und folge mir in mein Zimmer antwortete Don
Sylvio mit einem Ton der den armen Pedrillo vom Wirbel bis zu den Zehen zittern
machte und schloss zu gleicher Zeit die äußerste Tür der Kammer zu welche
Teresilla halb offen gelassen hatte
Ich will in einem Augenblick fertig sein gnädiger Herr sagte Pedrillo
wenn ihr mich allein lassen wollt denn es würde sich doch nicht schicken dass
ich in Eurer Gnaden Gegenwart die Hosen anzöge
Du kannst anziehen was du willst antwortete Don Sylvio mache nur dass du
bald fertig wirst oder wir sind am längsten gute Freunde gewesen
Pedrillo der nun keinen Augenblick zweifelte dass sein Herr alles gehört
haben werde was zwischen ihm und der Dame Teresilla vorgegangen war verfluchte
von ganzem Herzen das Jahr den Monat den Tag die Stunde und den Augenblick
da er diese verderbliche Syrene gesehen hatte sie kam ihm jetzo so alt so
hässlich so dürr und unangenehm vor als er sie vor etlichen Minuten jung
schön artig und appetitlich gefunden hatte und er hätte sich selber gerne mit
Füßen getreten wenn es nur etwas hätte helfen können Allein da der vorbesagte
Instinkt ihn versicherte dass Dreistigkeit und Leugnen das einzige Mittel sei
sich aus diesem schlimmen Handel zu ziehen so erschien er endlich vor seinem
Herrn mit dem festen Vorsatz sich eher die Haut über die Ohren abziehen zu
lassen ehe er das geringste eingestehen wollte
So bald er in das Zimmer getreten war befahl ihm Don Sylvio die Türe zu
riegeln und fing hierauf an mit dem Ernst eines GeneralInquisitors folgendes
Examen mit ihm vorzunehmen
Wer war die Person die vorhin in deiner Kammer war
Was für eine Person gnädiger Herr antwortete Pedrillo mit einem Ton als
ob er die Frage nicht begreifen könne
Spitzbube rief Don Sylvio das will ich eben wissen was für eine Person es
war
Ich weiß von keiner Person gnädiger Herr antwortete Pedrillo außer euer
eignen die ich sah wie ihr die Türe aufmachtet und mich wecktet denn ihr
werdet doch nicht die Flöhe meinen von denen ich in der Tat zwei oder dreimal
hundert tausend zu Bettgesellen hatte das verfluchte Gesindel weckte mich alle
Augenblicke auf es war nicht anders als ob sie Kompagnienweise aufzögen und
ich will nicht ehrlich sein wenn sie nicht einen Lermen machten dass mir die
Ohren davon gellten nichts von einem halben dutzend Katern zu gedenken die auf
dem Dach das an meinem Fenster anliegt der jungen Katze vom Hause wie ich mir
einbilde eine Serenade brachten und so jämmerlich in die Wette heulten dass
mir jetzt noch alle Rippen im Leibe davon weh tun
Still mit dieser unzeitigen Spasshaftigkeit sagte Don Sylvio sie wird dir
diesmal nichts helfen Ich habe eine Person aus deiner Kammer schleichen
gesehen ich habe sie mit dir reden gehört und ich will wissen wer es war
Gnädiger Herr antwortete Pedrillo ich will gleich des Todes sein wenn ich
weiß was ich sagen soll Wenn ihr was gesehen habt so verlang ich euch nicht zu
widersprechen ihr seid von den Feen begabt und seht bei allen Anlässen mehr
als unser einer aber was mich betrifft wenn ich sagte dass ich was gesehen
hätte so müsst es nur im Schlaf gewesen sein Denn ich schlief die ganze Zeit
über außer wenn mich wie gesagt die Flöhbisse und die Katzenmusik weckte
mehr kann ich nicht sagen und wenn es mir das Leben gälte
Nichtswürdiger rief Don Sylvio indem er sein furchtbares Schwert
entblößte ich sage dir dass ich mich mit deinen elenden Ausflüchten nicht
abfertigen lassen will bekenne die reine Wahrheit oder du bist des Todes
Ach mein lieber gnädiger Herr Don Sylvio schrie Pedrillo indem er sich
ihm zu Füßen warf um Gottes willen schonet mein junges Blut ich will euch ja
alles sagen was ich weiß Was bewegt euch doch dass ihr so grausam mit mir
umgehen wollt Ich habe euch schon so viele Jahre gedient und ihr wisst dass ich
euch durch ein Feuer geloffen wäre wenn ihrs verlangt hättet Ich bitte euch
gnädiger Herr steckt doch diesen abscheulichen Säbel ein ich will euch ja
alles bekennen Es ist doch entsetzlich dass ich deswegen sterben soll weil ich
nichts gesehen habe O heiliger Sanct Jago wenn ich nur diesmal davon komme
In der Tat gnädiger Herr wenn schon das Kammermädchen der Fräulein Hyacinthe
bei mir geschlafen hätte ihr könntet mirs nicht ärger machen
Ausflüchte Ausflüchte rief Don Sylvio meinst du ich soll so albern sein
mir einzubilden die Kammerfrau einer Prinzessin werde in drei oder vier Stunden
gleich so vertraut mit dir werden dass sie die Nacht in deiner Kammer zubringe
Ich sage dir noch einmal du hast kein ander Mittel dein Leben zu retten als
wenn du mir die Wahrheit gestehst Es soll dir kein Leid geschehen was es auch
sein mag aber ich will die Wahrheit wissen
Was wollt ihr denn dass ich sagen soll gnädiger Herr antwortete Pedrillo
einmal ich weiß von nichts als was ich euch schon gestanden habe und wenn ich
mehr sagen soll als ich weiß so müsst ihr mirs nur vorsprechen
Antworte die reine Wahrheit auf meine Fragen war niemand bei dir in der
Kammer
Zehen tausend Escadronen Flöhe wie ich Eu Gnaden sagte sonst keine Seele
so viel ich weiß
Wer war denn die Person die ich zu deiner Türe hinaus schlüpfen sah wie
ich die meinige öffnete
Das weiß ich nicht gnädiger Herr ich wachte eben auf und war noch ganz
schlaftrunken wie ihr mir riefet Wenn ihr was gesehen habt so müsst ihr ja am
besten wissen was es war
Es deuchte mich eine weibliche Gestalt zu sein aber ich konnte nicht
erkennen wer es sein möchte sie entfloh oder verschwand in dem nämlichen
Augenblick da ich sie gewahr wurde
Sapperment gnädiger Herr so ist es ein Geist gewesen und das kann auch
gar wohl möglich sein Es sah mir gleich beim Eintritt so gespenstmässig in
diesem Hause aus wenn ihr was gesehen habt und es ist gleich wieder
verschwunden so war es Gott behüt uns ein Geist der vielleicht ehemals in
dieser Kammer ermordet worden ist Meiner Six ich wollte nicht eine Grafschaft
darum nehmen dass ich ihn gesehen hätte ich hätte gleich vor Angst die Seele
ausgeblasen das versichre ich euch
Pedrillo sagte dieses mit einer so treuherzigen Mine dass Don Sylvio zu
glauben anfing er könnte ihn unschuldiger weis im Verdacht haben
Aber hörtest du denn auch niemand fuhr er fort wenn du nichts gesehen
hast
Gnädiger Herr versetzte Pedrillo man hat wie ihr wisst manchmal allerlei
Einbildungen wenn einer des Nachts allein und in einem fremden Hause ist Ich
hätte mir nichts daraus gemacht denn ich erinnere mich noch wohl wie ihr mich
auslachtet da ich den Riesen sah dem ihr gestern früh einen Ast abhiebet aber
weil ihr selbst glaubt dass es nicht gar zu richtig in diesem Wirtshaus sei so
will ich euch bekennen dass ich ungefähr vor einer halben Stund erwachte und da
war mir nicht anders als ob ein Sack auf mir läge dass ich kaum Atem holen
konnte und eine Weile darauf deuchte mich als ob ich etliche Personen
miteinander flüstern hörte ich hätte sie gerne behorcht aber es war mir so
angst dass ich mich unter die Decke verkroch und da schlief ich unvermerkt
wieder ein und da hörte ich weiter nichts Das ist die reine Wahrheit und wenn
ihrs anders findet so mögt ihr mich umbringen oder den Flöhen vorwerfen die
in diesem Hause so hungrig sind wie die Wölfe in den Pyrenäen ich will mir
alles gefallen lassen
Pedrillo mein Freund antwortete ihm Don Sylvio mit einem Ton der ihm das
Leben wieder gab ich bin zufrieden aber wenn ich dir sagen werde wie weit die
Bosheit gewisser Personen die ich nicht nennen will geht so wirst du dich
nicht wundern dass ich dich anfangs so unfreundlich angelassen habe Wisse also
dass ich mit diesen meinen Ohren einen Anschlag behorcht habe der in deiner
Kammer gemacht wurde mir das Bildnis meiner geliebten Prinzessin zu entwenden
Ich bin überzeugt dass du einer so entsetzlichen Verräterei unfähig bist aber
ich schwöre dir bei der Ehre eines Ritters ich hörte deine Stimme und ich
zweifle nun keinen Augenblick dass es meine beide Feindinnen waren von denen
die eine deine Stimme annahm in der Absicht wofern ihnen ihr Anschlag auf mein
Bildnis fehl schlüge wenigstens so viel zu erhalten dass ich dich für den
schändlichsten Verräter halten sollte
Das ist ja verrucht gnädiger Herr rief Pedrillo Sapperment das heißt den
Spaß zu weit treiben Auf solche Art ist ein ehrlicher Kerl so gar im Schlaf
nicht sicher dass nicht irgend ein vertrackter Zwerg oder Hexenmeister seine
Person annimmt und in dieser geborgten Person so viel Spitzbübereien angibt
bis er den armen Teufel in seiner eignen Person an den Galgen bringt Aber ich
bitte euch Herr was sagte denn meine Stimme oder die Hexe die meine Stimme
angenommen hatte
Gib dich zufrieden Pedrillo erwiderte Don Sylvio ich bin von deiner
Unschuld überzeugt und wir sind beide hinlänglich dadurch gerochen dass ihnen
ihre gedoppelte Absicht fehl geschlagen ist Aber mache dich fertig ich will
keinen Augenblick länger in diesem Hause bleiben
Wollt ihr denn gehen fragte Pedrillo ohne von der Dame und dem Ritter
Abschied zu nehmen denen wir gestern das Leben gerettet haben Sie hatten
gestern so viel mit ihren Circumflexen zu tun die sie in der Schlacht bekommen
haben dass sie sich nicht einmal Zeit nehmen konnten uns recht dafür zu danken
und ich meine doch einem das Leben retten ist ein Ritterdienst der wenigstens
einen Vergelts Gott wert ist
Ich verlange keinen Dank antwortete Don Sylvio für eine Handlung die
meine Schuldigkeit war ich mag mich als einen Ritter oder bloß als einen
Menschen betrachten ich würde alle Augenblicke für einen jeden Türken Juden
oder Heiden des gleichen tun und ob ich gleich gewünscht hätte nähere Umstände
von ihren Begebenheiten zu erfahren so nötigt mich doch die gefährliche
Entdeckung die ich diesen Morgen gemacht habe meinen Entschluss zu ändern Welch
ein Glück war es für mich dass ich noch zeitig genug erwachte um ihren Anschlag
vereiteln zu können Aber ich bin gewiss dass mich eine unsichtbare Hand weckte
Ich gestehe dir dass ich mich in diesem Hause keinen Augenblick sicher halte
Die Fee Radiante hat mir ihren Schutz versprochen in so fern wir meine geliebte
Prinzessin suchen und wenn du dich besinnst so wirst du finden dass uns alle
die widrigen Zufälle die uns auf unsrer Reise befallen haben während dass wir
schliefen oder stille lagen begegnet sind
Ja gnädiger Herr sagte Pedrillo dazwischen den Froschgraben ausgenommen
in den uns eure Salamander hinein führten
Und ich sehe es fuhr Don Sylvio fort als eine gerechte Strafe an dafür
dass ich mein Gelübde es sollte bis ich meine Prinzessin gefunden hätte kein
Schlaf in meine Augen kommen nicht besser gehalten habe Mit einem Wort
Pedrillo ich will keine Minute länger in diesem Hause bleiben in welchem
Fanferlüsch vielleicht Freunde oder andere Vorteile hat die mir unbekannt sind
Packe dein Geräte zusammen und lasse uns so leise als wir können davon
schleichen es fängt kaum an zu tagen das ganze Haus schläft und wenn auch
unsre Feinde wachen so bin ich gewiss dass Radiante einen bezauberten Nebel um
uns her machen wird hinter welchem uns der hundertäugichte Argus selbst nicht
entdecken würde
Sei es so weil ihrs für gut befindet antwortete Pedrillo froh genug dass
er so wohlfeil davon gekommen war Sapperment ich dachte doch gleich wie ich
die Flöhe so Legionenweis auf mich eindringen sah dass es nichts gutes bedeuten
werde Ich versichre Eu Gnaden ich bin am ganzen Leibe nur eine Wunde und ich
wollte auf ein Buch schwören dass es keine natürliche Flöhe sondern lauter
bezauberte Igel und Stachelschweine waren mit denen uns dieses boshafte
Zaubervolk zu Tode zu hetzen hoffte
In diesem Tone plauderte Pedrillo so lange fort als er mit Bepackung seines
Zwerchsacks zu tun hatte denn er besorgte immer sein Herr möchte wenn er ihm
Zeit zum Nachdenken ließe hinter die Wahrheit kommen und so bald er
reisefertig war schlichen sie sich ohne nach dem Wirt und der Zeche zu fragen
so leise fort dass selbst die Dame Teresilla die sich aus Vorsichtigkeit ganz
ruhig in ihrem Zimmer hielt nicht das geringste von ihrer Abreise merkte
Siebentes Kapitel
Eine kleine Abschweifung nach Lirias wobei der Autor eine nicht unfeine
Kenntnis des weiblichen Herzens sehen lässt
Don Sylvio bejammerte allemal den Verlust des armen kleinen Pimpimps so oft es
darum zu tun war welchen Weg sie gehen sollten Allein da es nun nicht anders
sein konnte so begnügten sie sich auf demjenigen fortzuwandeln der sie hieher
gebracht hatte
Es begegnete ihnen einige Stunden lang so wenig merkwürdiges dass wir um
den Leser nicht immer mit Erzählung ihrer Gespräche zu ermüden indessen einen
kleinen Absprung nach Lirias machen wollen wo die Liebenswürdige Donna Felicia
mit ihrer würdigen Vertrauten sehr erstaunt waren von ihrem Bruder keine andre
Nachricht zu erfahren als dass er mit Don Gabriel ausgeritten sei ohne jemand
anders als seinen Kammerdiener mitzunehmen Sein Aussenbleiben setzte sie in die
größte Unruhe und die kluge Laura wusste sich endlich nicht anders zu helfen
als dass sie sich bemühte die Aufmerksamkeit ihrer Dame auf einen andern
Gegenstand zu lenken
Sie brachten also beinahe die ganze Nacht mit Gesprächen von Don Sylvio zu
in denen die angehende Liebe die er so gar im Schlafe glücklich genug gewesen
war der reizenden Felicia einzuflößen sich nach und nach so lebhaft
offenbarte dass es sehr geziert heraus gekommen wäre wenn sie ihrer Laura ein
Geheimnis daraus hätte machen wollen zumal da dieses Mädchen seines Verstands
und guten Herzens wegen des Vertrauens nicht unwürdig war wodurch seine
Gebieterin es beinahe zum Rang einer Freundin zu erheben schien
Dass dieser unbekannte Schläfer der schönste unter allen Sterblichen sei das
hatten ihnen ihre Augen gesagt und sie breiteten sich mit desto grössrer
Gefälligkeit über diesen Punkt aus da sie noch keine Gelegenheit gehabt hatten
andre Verdienste an ihm kennen zu lernen Aber wer er sei und ob sein Stand und
seine moralischen Eigenschaften mit einer so einnehmenden AußenSeite
übereinstimme das war eine Frage gegen deren Bejahung Donna Felicia tausend
Zweifel zu erregen wusste um das Vergnügen zu haben sie von Lauren beantwortet
zu sehen Nachdem sie nun alles was nur möglich war dafür und dawider gesagt
hatten so wurde man endlich einig dass es im äußersten Grad unwahrscheinlich
sei dass ein Jüngling dessen Gestalt die Natur mit allem Fleiß dazu gemacht zu
haben scheine um eine vortreffliche Seele anzukünden nicht der edelste der
tugendhafteste der tapferste der angenehmste mit einem Wort der
liebenswürdigste unter allen die jemals von Weibern geboren worden sein sollte
Selbst das Zeugnis des Pedrillo so ungeneigt man war ihm in denjenigen Puncten
die seinem Herrn nicht so sehr zum Vorteil gereichten einigen Glauben
beizumessen wurde in Absicht des Lobes so er seinem moralischen Charakter
erteilt hatte für desto vollgültiger angesehen je weniger Bediente sonst
gewohnt sind ihren Herrschaften in diesem Stück bei fremden Personen zu
schmeicheln
Allein was sollte man aus dem bezauberten Sommervogel der Prinzessin den
Feen und dem Zwerge machen welche Pedrillo in seine Geschichte eingeflochten
hatte Was sollte man von der Ernsthaftigkeit dem aufrichtigen Gesicht und dem
zuverlässigen Ton denken womit dieser Bursche der die Mine gar nicht hatte
als ob er seinen Zuhörerinnen etwas hätte weis machen wollen sie versichert
hatte dass sein Herr in eine bezauberte Prinzessin verliebt sei die er mit
Hilfe einer großen Fee zu erlösen im Sinn habe
Über diesen Punkt war Donna Felicia nicht so leicht zu befriedigen und es
währete lange bis die sinnreiche Laura sie endlich überredete dass man es eben
damit so machen müsse wie vernünftige Muselmänner mit gewissen unglaublichen
oder kindischen Erzählungen des Alcorans man müsse sie für eine Art von
Allegorie ansehen worunter so bald man den Schlüssel dazu hätte vermutlich
nichts anders als ein ganz natürliches und alltägliches LiebesHistörchen
verborgen liegen werde Diese Erklärung so wohl ausgesonnen sie schien war
dennoch nicht völlig nach dem Geschmack der Donna Felicia und Laura hatte
Gelegenheit für sich selbst die Anmerkung zu machen dass die gute junge Dame
ihren Geliebten lieber mit einem noch unversehrten Herzen ein wenig närrisch
als bei vollkommenem Verstand in eine andre verliebt gesehen hätte
Man endigte also damit dass Laura sich bemühen sollte so bald als möglich
nähere Erkundigungen von Don Sylvio von Rosalva einzuziehen Zu gutem Glück
ersparte ihr der Zufall diese Mühe indem es sich von ungefähr fügte dass der
nämliche Barbier dessen wir bereits mehrmal Erwähnung getan und der in der
ganzen Gegend für einen desto bessern Wundarzt gehalten wurde weil er auf viele
Meilen umher der einzige war gleich den folgenden Morgen nach Lirias kam um
einen Bedienten zu besuchen der schon etliche Wochen an einem Beinbruch gelegen
war
Laura kam eben in das Zimmer wo er war als er mit der Waschhaftigkeit
die seiner Profession seit undenklichen Zeiten eigen gewesen ist von der
Entweichung des Don Sylvio als einer Neuigkeit erzählte wovon bereits in der
ganzen Gegend von Rosalva gesprochen werde Sie hatte also keine Mühe von diesem
glaubwürdigen Mann so viel Nachrichten über unsern Helden einzuziehen als sie
nur wünschen konnte Sie erfuhr von ihm den Charakter der Tante die Erziehung
und Lebensart des jungen Ritters die Absichten der Donna Mencia ihn mit den
hundert tausend Ducaten der missgeschaffnen Mergelina Sanchez zu vermählen und
welchergestalt er mit seinem Diener Pedrillo vermutlich um eine so unanständige
Heurat auszuweichen heimlich davon gegangen sei ohne dass man wisse wohin Was
seine persönliche Eigenschaften betraf so versicherte der Herr Barbier dass
derjenige noch geboren werden müsse der es ihm an Schönheit Wissenschaft und
Tugend zuvor tun sollte und er setzte hinzu er hoffe alles gesagt zu haben
wenn er die Herren und Damen versichere dass Don Sylvio unter seiner Anführung
binnen zween Monaten so wundertätige Progressen im Citerschlagen gemacht habe
dass er selbst sich nicht schäme ihn als seinen Meister darin zu erkennen Von
einem Liebeshandel worin Don Sylvio jemals verwickelt gewesen sein sollte
wollte der Barbier nicht das geringste wissen hingegen verschwieg er nicht dass
er in der Tat etwas sonderbares und romanhaftes an sich habe so ihm jedoch
nicht übel lasse und dass er aus einem gewissen Gespräch das sie vor etlichen
Wochen mit einander geführt so viel ersehen hätte dass Don Sylvio einen
außerordentlichen Geschmack an den FeenMärchen finde und sich in den Kopf
gesetzt habe dass es lauter wahrhafte Geschichten seien dass es wirklich Feen
gehe und dass es gar nichts seltsames sein würde wenn ihm selbst dergleichen
Dinge begegneten
Diese Nachrichten enthielten bei nahe alles was Donna Felicia zu ihrer
Beruhigung nötig hatte Allein ob gleich der romanhafte Schwung seiner
Einbildungskraft etwas desto angenehmeres für sie hatte weil er mit ihrer
eigenen Sinnesart sympatisierte So war sie doch auf der andern Seite nicht
sehr vergnügt dass er die Liebe zur Feerei bis zu einem Grad der Schwärmerei
trieb der ihn zu einer Art von Narren machte Vielleicht dachte sie ist er in
eine idealische Prinzessin verliebt die er nie gesehen hat und damit seine
Liebe ein desto feenmässigers Ansehen bekomme hat er sich selbst beredet dass
sie von einer Fee die sich seines Nebenbuhlers annimmt in einen Sommervogel
verwandelt worden sei Diese Einbildung deuchte sie närrisch genung aber wenn
Don Sylvio lächerlich war in eine bloße Idee verliebt zu sein war es Donna
Felicia weniger da sie über diese arme Idee eifersüchtig war In der Tat merkte
sie es selbst denn so vertraut sie sonst mit ihrer Laura zu sein pflegte so
konnte sie ihr doch diese Schwachheit nicht ohne Erröten gestehen Die
Unterredung die sie darüber mit einander hatten leitete sie nach und nach auf
allerlei Projecte wie man es anfangen könnte um bekannter mit Don Sylvio zu
werden aber das schlimmste war dass sich bei jedem irgend eine Schwierigkeit
fand die man allemal erst entdeckte wenn man sich lange genug über die
Ausführung desselben gefreuet hatte Es blieb ihnen also zuletzt nichts anders
übrig als die Hoffnung dass der Zufall dem man in allen menschlichen
Angelegenheiten vieles überlassen muss vielleicht in kurzem mehr zu Begünstigung
ihrer Absichten tun könne als die ausgesonnensten Entwürfe
Achtes Kapitel
Das höchstklägliche Abenteuer mit den GrasNymphen
Inzwischen setzte Don Sylvio mit seinem getreuen Achates unter mancherlei
Gesprächen wozu ihre Begebenheiten Anlass gaben seine irrende Reise fort und
ruhte von Zeit zu Zeit in den anmutigen Gebüschen aus womit die bezaubernden
Landschaften von Valencia wie mit Kränzen durchwunden sind
Sie befanden sich wirklich in einem kleinen CypressenWald wohin sie die
zunehmende Hitze getrieben hatte und wo sie sich an der lachenden Aussicht über
die blühenden Ebnen ergötzten die sich zu beiden Seiten des Guadalaviars
verbreiteten als Pedrillo plötzlich eine Entdeckung machte welche allen
Bekümmernissen Liebesschmerzen und Herumirrungen unsers Helden auf einmal ein
erwünschtes Ende zu versprechen schien
Hei sa gnädiger Herr rief er Freude über Freude wir haben unsre
Prinzessin gefunden oder meine Augen müssen bezaubert sein seht ihr den blauen
Sommervogel nicht der dort um die Rosenstauden herum flattert
Pedrillo betrog sich nicht gänzlich es war wirklich ein blauer Sommervogel
und Don Sylvio wünschte zu sehr dass es seine Prinzessin sein möchte als dass er
einen Augenblick daran gezweifelt hätte Ich will auf diese Seite herüber gehen
gnädiger Herr sagte Pedrillo und ihr schleicht indessen allgemach auf ihn zu
er soll uns nicht entwischen und ich denke die Prinzessin braucht euch nur zu
sehen so wird sie euch von selbst in die Hände fliegen
Der Sommervogel schien wirklich die Hoffnung des Pedrillo zu rechtfertigen
er flog in kleinen Kreisen dem Don Sylvio entgegen und dieser näherte sich ihm
schon mit ausgestreckter Hand von Freude und Sehnsucht zitternd als der
Unstern unsers armen Liebhabers einen andern weissgrauen Sommervogel herbei
führte der den blauen kaum erblickte als er mit der Dreistigkeit die dieser
verbuhlten Gattung von Geschöpfen eigen ist auf ihn zuflog und sich nicht
scheute vor den Augen seines Nebenbuhlers sich Freiheiten heraus zu nehmen zu
denen er desto mehr berechtiget zu sein glaubte da es ihm vermutlich nicht in
den Sinn kam dass seine geflügelte Schöne eine Prinzessin sein könnte
Don Sylvio geriet wie man denken kann über diese Verwegenheit in eine
desto größere Wut da er in dem Widerstand des blauen Schmetterlings einen neuen
Grund zu sehen glaubte dass es ganz gewiss seine Prinzessin sei er warf sich
also dazwischen und war glücklich genug seinen mutwilligen Nebenbuhler mit
einem Stabe den er in der Hand hatte zu Boden zu schlagen Allein die
vermeinte Prinzessin war indessen in der Angst davon geflogen und je schneller
ihr Don Sylvio und Pedrillo nacheilten desto schüchterner flatterte sie vor
ihnen her vermutlich weil sie noch immer von dem weissgrauen Schmetterling
verfolgt zu werden glaubte
Von ungefähr trug sich zu dass drei oder vier Mädchen aus einem benachbarten
Dorfe um von ihrer Arbeit auszuruhen am Ufer des Flusses sich in den Schatten
gesetzt hatten und sich damit belustigten aus den Blumen welche häufig um sie
her blühten Kränze zu flechten
Der blaue Schmetterling hatte seine Verfolger so weit hinter sich gelassen
dass sie ihn kaum noch mit den Augen erreichen konnten und weil er sich jetzt
außer Gefahr glaubte so fing er an wieder ruhiger zu werden und schweifte so
lange von Blume zu Blume bis er einer von den vorbesagten Dirnen in die Hände
geriet die ihn haschte und zum Zeitvertreib an einem Faden den sie um seine
Füße band um sich her flattern ließ
Don Sylvio der schon nahe genug war um dieses Spiel zu beobachten sagte zu
Pedrillo Nun hab ich einmal den Aufschluss des Traumgesichts dessen Erklärung
mir gestern Morgen so viel zu schaffen machte es war eine Warnung der Fee
meiner Freundin die mich das was mir jetzo begegnet im Traum vorher sehen
ließ damit ich nicht unvorsichtig in den Schlingen meiner Feinde gefangen
würde Siehst du die Nymphe die dort im Schatten sitzt und den blauen
Sommervogel an einem Faden um sich her flattern lässt
Eine Nymphe sagt ihr antwortete Pedrillo Sapperment Herr Don Sylvio sie
sieht einer Nymphe gerad so gleich als einem Fuder Heu Es ist ein Grasmädchen
so gut als die andern die dort im Schatten beisammen sitzen
Ich bin zu sehr gewohnt erwiderte Don Sylvio dass du alles besser wissen
willst als ich als dass ich mich über deine Unverschämtheit entrüsten sollte
Ich weiß Dank sei der Fee Radiante was ich davon denken soll und du magst sie
nun für eine Nymphe oder für ein Grasmädchen ansehen so will ich entweder mein
Leben verlieren oder sie soll mir meine Prinzessin ausliefern
Gnädiger Herr antwortete Pedrillo wenn die Rede von Salamandern Sylphen
RastralGeistern und andern solchen Dingen ist die über den Verstand des
gemeinen Mannes gehen da räum ich Eu Gnaden herzlich gern ein dass ihr euch
besser darauf versteht aber mit den Grasmädchen ist es etwas anders die sind
offenbar von meiner Kompetenz und es ist auch keine Sache wobei man sich
betrügen kann man riecht sie ja auf dreißig Schritte Ich möchte wohl wissen
seit wenn eure Nymphen nach Knoblauch schmecken oder so zerlumpte Unterröcke
tragen dass die Lappen herunter hangen und das Hemd aller Orten hervor guckt
Kurz und gut Herr es ist eine Bauerndirne und dazu eine von den
schmutzigsten die man sich wünschen kann Es wird nicht viel Mühe kosten den
blauen Schmetterling von ihr zu kriegen ihr braucht ihr nur ein paar Maravedis
zu gehen so sagt sie euch noch vergelts Gott dafür
Don Sylvio der sich nicht berichten ließ wenn er sich einmal etwas in den
Kopf gesetzt hatte würdigte diese Reden nicht einmal darauf Acht zu gehen er
ging auf die vermeinte Nymphe zu und verlangte dass sie ihm seinen
Schmetterling wieder geben sollte
Was gebt ihr mir um ihn junger Herr sagte das Grasmädchen lachend
Alles was du willst antwortete Don Sylvio
Gut sagte die Nymphe so gebt mir das Kleinod das ihr hier am Halse hangen
habt ich will es meinen kleinen Schwestern nach Hause bringen und wenn ihr mir
noch einen halben Realen dazu gebt so soll der Schmetterling zusamt dem Faden
euer sein
Verdammter grüner Zwerg rief Don Sylvio voll Grimms indem er seinen Säbel
zog hoffe nicht unter dieser geborgten Gestalt die ein Beweis deiner Feigheit
ist meiner ungestraft zu spotten Stirb Verruchter oder gib mir den
Sommervogel an den du keinen Anspruch machen kannst den ich nicht mit
Aufopferung meines eigenen Lebens aus deinem verdammten Herzen reißen will
Man kann sich vorstellen dass die schöne Nymphe auf eine so unhöfliche
Anrede die mit so fürchterlichen Drohungen begleitet war weniger nicht tun
konnte als ein jämmerliches Geschrei zu erheben Pedrillo den die Narrheit
seines Herrn bei nahe selbst toll machte warf sich weil alles Zureden nichts
helfen wollte zwischen ihn und die Nymphe und bemühte sich ihm seinen Säbel
aus den Händen zu winden Die übrigen Nymphen welche sahen wie übel man ihrer
Gespielin begegnete lieben auch herzu und fielen wie Furien über den Sylvio
und Pedrillo her welche genug zu tun hatten sich gegen ihre grobe Fäuste und
lange Nägel zu verteidigen
Unglücklicher Weise fügte es sich dass der Liebhaber der jungen Nymphe die
das Unglück hatte für den grünen Zwerg angesehen zu werden nicht weit davon
mit zwei oder drei andern Bauerknechten im Felde arbeitete Das klägliche
Geschrei dieser Weibsleute und der Anblick seiner Geliebten welcher Pedrillo
im Begriff war einen starken Schopf Haare aus dem Kopf zu reißen setzte ihn in
eine solche Wut dass er in Begleitung seiner Gesellen herbei eilte und mit dem
Knittel den er dem Pedrillo aus den Händen riss so nachdrücklich auf unsre
beiden Abenteurer zudreschte dass sie ihres mutigen Widerstandes ungeachtet
endlich von der Menge der Feinde zu Boden geworfen wurden Der ergrimmte
Liebhaber und die rachschnaubende GrasNymphe begnügten sich nicht hiermit
sondern schlugen noch so lange mit geballten Fäusten auf sie zu bis sie
besorgten dass es zu viel sein möchte und nachdem sich die Nymphe zum Ersatz
ihres Schmetterlings der gleich zu Anfang des Gefechts entwischet war des
Kleinods unsers atemlosen Helden bemeistert hatte so gingen sie allerseits
davon und ließ unsre Abenteurer für tot im Grase liegen
Ende des ersten Teils
Zweiter Teil
Fünftes Buch
Erstes Kapitel
Worin der Autor das Vergnügen hat von sich selbst zu reden
Wir zweifeln sehr daran ob seit dem es FeenMärchen in der Welt gibt ein von
Feen beschützter Liebhaber er mag nun ein Prinz ein Ritter oder ein Schäfer
gewesen sein sich jemals in so fatalen Umständen befunden habe als diejenige
waren worin wir unsern Helden zu Ende des vorigen Buchs verlassen mussten
Es ist wahr andre FeenHelden haben auch ihre Anfechtungen sie müssen sich
oft mit Drachen Meerwundern und blauen Centauren herum schlagen sie kommen in
Gefahr von Popanzen gefressen zu werden sie werden von alten zahnlosen Feen
entführt die ihre Tugend auf die gefährlichsten Proben setzen und am Ende sie
oft gar in Papagaien Kater oder Grillen verwandeln Aber dass jemals eine so
außerordentliche Person wie der Günstling einer Königin der Salamander und der
Liebhaber eines bezauberten Schmetterlings ist von GrasMenschern zerkratzt
und von Bauerjungen wäre abgeprügelt worden davon wird man in der
vollständigsten Sammlung aller Geschichten die sich mit Es war einmal anfangen
vergebens ein Beispiel suchen
Der geneigte Leser wird hieraus die Folge ziehen und weil er es vielleicht
nicht tun möchte so nimmt der Autor die Freiheit es ihm hiemit zu verstehen zu
geben dass diese merkliche Verschiedenheit die sich zwischen der Geschichte des
Don Sylvio und andern FeenMärchen findet ein überaus günstiges Vorurteil für
die historische Treue und Wahrhaftigkeit des Autors erwecken müsse Hätten wir
unsern Helden in einem Wagen von Saphir mit ParadiesVögeln bespannt reisen und
alle Abend in einem bezauberten Palast absteigen lassen hätten wir ihm das rote
Hütchen des Prinzen Kobolt den Pantoffel der Fee Moustasche den Ring des
Gyges oder die Zauberrute der königlichen Fee Trusio gegeben um sich aus allen
Nöten heraus zu helfen so hätte ein jedes Mädchen von zehen Jahren gemerkt dass
man ihm nur ein Märchen erzähle Aber ungeachtet unsre Geschichte so seltsam und
wunderbar ist als irgend eine von denen mit deren Anhörung sich der weise
Sultan von Indien Schach Baham die Zeit zu vertreiben geruhte so wird man uns
doch nicht vorwerfen können dass wir unserm Helden jemals ein Abenteuer
aufstossen lassen welches nicht vollkommen mit dem ordentlichen Lauf der Natur
überein stimme und dergleichen nicht alle Tage zu begegnen pflegen oder doch
begegnen könnten wie z Ex dass ein Frosch in Gefahr komme von einem Storchen
verschlungen zu werden oder dass einer ein Kleinod mit einem Bildnis finde
welches vermutlich jemand anderer vorher verloren hat Wir haben ihn zu Fuß
reisen lassen und nicht einmal Sorge getragen ihn vor Sümpfen und Froschgräben
zu bewahren wenn er schlief so war es auf der harten Erde oder in einem
elenden DorfWirtshause wo ihm die Flöhe keine Ruhe ließ An statt dass
Rosenarmichte Nymphen oder Sylphen mit goldnen Flügeln ihm am blumichten Rande
crystallner Brunnen Nectar und Ambrosia hätten auf tragen sollen haben wir ihn
aus dem ZwerchSack des Pedrillo bedient und ganz neuer Dingen haben wir ihn
nicht etwan von Riesen oder bezauberten Mohren sondern von gemeinen
BauerJungen abpläuen lassen
Wir hoffen das sind Beweise die für sich selbst reden und wir wünschten
dass man von vielen berühmten Geschichtschreibern mit eben so gutem Fug sagen
könnte dass sie von der betrügerischen Neigung ihre Gemälde und Charactere zu
verschönern oder ihren Begebenheiten einen Firnis von Wunderbarem zu geben so
entfernt gewesen sein möchten als wir die wir uns bei Bekanntmachung dieser
wahrhaften und glaubwürdigen Geschichte nicht etwan wie junge leichtsinnige
Schwindelköpfe sich einbilden möchten eine eitle Belustigung sondern das
gemeine Beste und die Beförderung der Gesundheit unsrer geliebten Leser an Leib
und Gemüt zum Endzweck vorgesetzt haben
Vielleicht werden einige deren Scharfsinn nicht tiefer als in die äußere
Schale der Dinge einzudringen pflegt nicht begreifen wie die Geschichte des
Don Sylvio zu einem so heilsamen Zweck sollte dienen können Nun wär es uns zwar
ein leichtes sie aus den Schriften großer Ärzte und Naturkündiger zu belehren
dass es ein gewisses Fieber gibt dem die menschliche Seele vom vierzehenten Jahr
ihres Alters bis zum großen StufenJahre häufig ausgesetzt ist welches durch
keine andere ArzneiMittel sichrer vertrieben werden kann als durch solche die
das Zwerchfell erschüttern das Blut verdünnern und die Lebensgeister
aufmuntern eben so wie der giftige Biss der Taranteln durch nichts anders als
durch die sympatetische Kraft gewisser Tänze die dem Kranken vorgespielt
werden geheilt werden kann Wir könnten ihnen auch gar leicht mit vielen
Gründen beweisen dass die vorgedachten heilsamen Kräfte in dieser Geschichte
verborgen liegen Allein da diese gedoppelte Bemühung uns zum Missvergnügen
aller unsrer übrigen Leser zu lange von der Fortsetzung der Begebenheiten unsers
Helden entfernen würde so müssen wir es für diesmal zwar eines jeden eigenem
Belieben überlassen was er hievon denken wolle allein bei einer zweiten
Ausgabe wozu uns ohne Ruhm zu melden der gute Geschmack des Publici Hoffnung
macht werden wir nicht unterlassen ein medicinisches Gutachten über diese
Materie welches völlig zu unserm Vorteil ausfallen wird beidrucken zu lassen
und zu dessen besserer Bestätigung ein Verzeichnis verschiedener merkwürdiger
Curen beizufügen die einige Ärzte von unserer Bekanntschaft mit unserm Buche
gemacht haben
Inzwischen wünschten wir dass irgend eine Europäische Academie und wenn es
auch nur die zu Pau in Bearn wäre sich belieben lassen möchte einen Preis von
fünfzig Ducaten auf die Untersuchung des manchfaltigen physicalischen
moralischen und politischen Nutzens zu setzen welchen die menschliche
Gesellschaft von Schriften die auf eine erlaubte Art zu lachen machen ziehen
könnte besonders auf die gründliche Erörterung der Frage Ob es nicht dem
gemeinen Besten so wohl als dem Vorteil der Buchhandlung die bekanntlich einen
so beträchtlichen Zweig des Europäischen Kommercii ausmacht weit zuträglicher
wäre wenn an statt der Menge schlechter und mittelmässiger moralischer Bücher
in allen Formaten welche unter viel versprechenden Titeln die arme Welt mit den
alltäglichen Beobachtungen schiefen zusammen gerafften und unverdauten
Gedanken frostigen Declamationen und frommen Wünschen ihrer langweiligen
Verfasser bedrucken alle halbe Jahre etliche Dutzend Bücher im Geschmack des
Komischen Romans des Baccalaureus von Salamanca oder des Findlings ja wenn es
auch im Geschmack des Kandid oder des Gargantua und Pantraguel wäre auf die
Messen kämen Bücher in denen die Wahrheit mit Lachen gesagt die der Dummheit
Schwärmerei und Schelmerei ihre betrügliche Masken abziehen die Menschen mit
ihren Leidenschaften und Torheiten in ihrer wahren Gestalt und Proportion
weder vergrößert noch verkleinert abschildern und von ihren Handlungen diesen
Firnis wegwischen womit Stolz Selbstbetrug oder geheime Absichten sie zu
verfälschen pflegen Bücher die mit desto besserm Erfolg unterrichten und
bessern da sie bloß zu belustigen scheinen und die auch alsdann wenn sie zu
nichts gut wären als beschäftigten Leuten in ErholungsStunden den Kopf
auszustäuben müßige Leute unschädlich zu beschäftigen und überhaupt den guten
Humor eines Volks zu unterhalten immer noch tausendmal nützlicher wären als
dieses längst ausgedroschne moralische Stroh dieser metodische Mischmasch von
missgestalteten und buntscheckigten Ideen diese frostigen oder begeisterten
Kapucinaden welche hier gemeint sind und die mit Erlaubnis der guten
Absichten wovon ihre Verfasser so viel Wesens machen weit mehr am Kopf der
Leser verderben als sie an ihrem Herzen bessern können und bloß deswegen so
wenig Schaden tun weil sie ordentlicher Weise nur zum Einpacken anderer Bücher
gebraucht werden
Es wäre uns um gewisser Ursachen willen lieb gewesen wenn wir Gelegenheit
gefunden hätten diese Anmerkung irgendwo dem Pedrillo oder einer andern
privilegierten Person von dieser Art in den Mund zu legen denn einem Pedrillo
Launcellot Gobbo oder Gobbo Launcellot nimmt niemand übel wenn er die Wahrheit
sagt Da es aber nicht füglich sein konnte so haben wir uns schon entschließen
müssen sie im Vorbeigehen selbst zu sagen und wollen deswegen wo und bei wem
es nötig ist höflichst abgebeten haben
Zweites Kapitel
Worin sich Pedrillo sehr zu seinem Vorteil zeigt
Pedrillo ungeachtet er in dem unglücklichen Abenteuer mit den GrasNymphen die
meiste Schläge bekommen hatte raffte sich nachdem er eine gute halbe
ViertelStunde ganz betäubt dagelegen war dennoch zuerst wieder vom Boden auf
und der erste Gebrauch den er von seinen wiederkehrenden Sinnen machte war
dass er alle Nymphen Faunen und Sylvanen Zwerge Princessinnen und
Schmetterlinge nebst allen und jeden FeenMärchen die von Erschaffung der Welt
an bis auf selbigen Tag geschrieben worden und noch künftig bis an der Welt
Ende geschrieben werden möchten mit ihren Verfassern Gönnern und Erzählern
und deren sämtlichen Angehörigen und Erben in auf und absteigender Linie samt
und sonders zum T wünschte Er verfluchte die Gänse mit deren Spulen sie
geschrieben die Lettern womit sie gesetzt und die Farbe womit sie gedruckt
worden und wünschte herzlich dass die heilige Inquisition alle diejenige zu
Staub und Asche verbrennen möchte die dergleichen verteufeltes Zeug wodurch
der artigste und braveste junge Edelmann von ganz Spanien zum Narren gemacht
worden unter die Leute brächten Denn die Schläge die er ohne Zahl und Maß um
des blauen Schmetterlings willen empfangen hatte überzeugten ihn nun auf
einmal dass alles was ihm sein Herr von der Fee Radiante und der Bezauberung
seiner vermeinten Prinzessin gesagt hatte lauter Träume und Einbildungen seien
Je verflucht schrie er wenn hat jemals eine Fee diejenige die sie in ihren
Schutz genommen hat von GrasMenschern und Bauerknechten zu tot prügeln lassen
Es sollte mich nicht verdrießen wenn es noch Popanze oder Feuerspeiende Drachen
gewesen wären aber von solchem Lumpenvolk Sackerlot Ich will mich fressen
lassen wenn seine Rademante die uns alle diese verfluchte Händel gemacht hat
nicht gerade so eine Fee ist wie die dreifachen Huren die mir die Augen mit
ihren Nägeln ausgekratzt haben Nymphen sind
In diesem emphatischen Ton fuhr er noch eine gute Weile fort bis er endlich
gewahr wurde dass sein Herr noch immer ohne Bewegung auf dem Boden ausgestreckt
lag Dieser Anblick und die Furcht dass er gar tot sein möchte machten den
gutherzigen Tropfen auf einmal seines eignen Ungemachs vergessen er rief ihm
er rüttelte ihn und da er noch immer kein Zeichen von sich gab so fing er eben
so jämmerlich oder noch jämmerlicher zu schreien an als der bucklichte Sohn des
bösen Königs da ihn das Gänsemädchen nicht heiraten wollte
Endlich besann er sich in der Angst an eine Flasche MaderaWein die er noch
in seinem ZwerchSack hatte und zu gutem Glück hatten die Feinde in der Hitze
des Streits den Zwerchsack den Pedrillo gleich anfangs von sich legte aus der
Acht gelassen Er holte also die Flasche und goss sie ohne sich den Wein dauern
zu lassen fast ganz über Don Sylvio Gesicht aus Dieses Mittel tat die
gewünschte Wirkung Don Sylvio erholte sich in kurzem wieder denn seine
Betäubung war von einem einzigen etwas nachdrücklichen Schlag hergekommen den
er wiewohl ohne andern Schaden als eine ziemliche Beule über den Kopf bekommen
hatte er öffnete die Augen und rief mit schwacher Stimme Wo bin ich Lebst du
noch Pedrillo
Ja mein lieber Herr rief Pedrillo und Gott Lob dass ihr wie ich sehe
auch noch lebt denn so wahr ich ehrlich bin wenn ihr tot gewesen wäret wie
ich schon zu fürchten anfing ich hätte mich eher in den Fluss gestürzt eh ich
euch hätte überleben wollen
Wollte Gott sagte Don Sylvio dass ich dein gutes Herz und deine Treue
belohnen könnte Aber o Himmel sage mir wenn du es weißt was ist aus meiner
armen Prinzessin worden
Die Prinzessin schrie Pedrillo fort ist sie zum T ist sie sie flog
gleich anfangs davon wie die pausbackichten Unholden mit ihren langen krummen
Nägeln über uns her fielen Sapperment ich wollte sie hätt uns Aber was
habt ihr denn Herr ums Himmels willen gnädiger Herr was fehlt euch dass es
Gott erbarme Was ist zu tun O die verfluchten Feen
Pedrillo jammerte so weil sein Herr der sich nach dem Bildnis seiner
Prinzessin umgesehen so bald er fand dass er es nicht mehr bei sich hatte vor
Schrecken und Herzleid abermal in Ohnmacht gesunken war
Er hatte große Mühe ihn wieder zu sich selbst zu bringen aber noch größere
der Verzweiflung Einhalt zu tun der sich unser Ritter ohne Maß überließ so
bald er wieder fähig war die Größe seines Verlusts zu fühlen Pedrillo so gute
Lust er gehabt hätte über die Fee Radiante und alle Feen der ganzen Welt
loszubrechen und seinem Herrn die närrische Liebe zu einem Schmetterling
auszureden wusste nicht mehr was er sagen oder anfangen sollte da er ihn so
kläglich jammern hörte und so gar entschlossen sah den Guadalaviar durch
seinen Tod berühmt zu machen Er warf sich ihm zu Füßen er bat er weinte er
fluchte über die Feen und die Feerei aber das erste half nichts und das andre
machte das Übel noch ärger
Nachdem er nun alles andere versucht hatte so verfiel er endlich auf das
einzige Mittel wovon man sich in dergleichen Umständen noch einige Wirkung
versprechen kann er fing an mit ihm in die Wette zu heulen und ihn wo
möglich noch darin zu übertreffen Er dachte mein junger Herr wird es doch
endlich müde werden und wenn nur einmal der erste Anstoß von Tollheit vorüber
ist so wird er sich hernach schon besser berichten lassen
Wie er nun sah dass Don Sylvio wieder stille wurde so fing er an obgleich
wider seine eigene Überzeugung alle nur ersinnliche Vorstellungen hervor zu
suchen die wie er glaubte ihn sollten beruhigen können Er versicherte ihn
dass wenn auch wider bessers Hoffen das Bildnis der Prinzessin in den Händen
des grünen Zwergs sein sollte so sei doch die Prinzessin selbst in Sicherheit
denn die habe er samt dem Faden mit seinen eignen Augen davon fliegen gesehen
Glaubet mir mein lieber Herr sagte er die Fee Rademante will nur eure Geduld
auf die Probe setzen es kann in kurzer Zeit alles ein ganz anders Gesicht
bekommen Man muss hoffen so lange man noch Atem hat Denket dass es andern
Prinzen und Rittern auch nicht besser oder wohl noch ärger gegangen ist Was hat
nicht der blaue Vogel ausstehen müssen bis er der garstigen Forelle los war
und seine liebe Florine in seinen Arm bekam Wie sauer ist es dem guten Prinzen
Höckerich gemacht worden bis er zum Besitz der schönen Brilliante gelangte die
der schwarze Zauberer in eine Heuschrecke verwandelte ob sie gleich so gut eine
Prinzessin war als andre die ich nicht nennen will Ihr seid doch noch nicht in
einem Keller voller Kröten und Eidexen bis an den Hals im Wasser gestanden wie
die Brüder der Prinzessin Rosette ihr seid doch in kein Tier verwandelt worden
wie der Prinz der glücklichen Insel und ihr seid noch nie in Gefahr gewesen von
Popanzen und Unholden gefressen zu werden wie der Prinz Amatus mit einem Wort
gnädiger Herr bedenkt dass ich Ursache genug hätte mich so arg zu beklagen als
einer Ich weiß nicht warum es die Frau Rademante so gut mit mir meint aber
ich habe zehenmal mehr Prügel und Stöße in den Hintern gekriegt als ihr und die
Prinzessin soll noch geboren werden die mich deswegen trösten wird Wenn ihr
etwas leidet so wisst ihr doch warum Aber dem armen Pedrillo der bei allen
schlimmen Abenteuern das meiste davon trägt gibt niemand kein gutes Wort darum
Sei es Ich will mich nicht beschweren ob mir gleich die verdammten Bengel den
Rücken so weich geschlagen haben als den Bauch es ist nun einmal mein
Schicksal wenn ihr nur wieder zufrieden sein wollt so will ich mit Eu Gnaden
aushalten so lang Gott will und ich noch eine Rippe habe die ich mir in eurem
Dienst entzwei schlagen lassen kann
Diese Vorstellungen denen das gute Herz des Pedrillo keinen geringen
Nachdruck gab und die Gewissheit dass die Prinzessin noch lebe und in Freiheit
sei würkten nach und nach so kräftig auf unsern Helden dass er sich wieder
fasste und dem Pedrillo für die Ergebenheit die er gegen ihn zeigte sehr
verbindliche Dinge sagte mit der Versicherung dass er wenn er noch glücklich
genug sein sollte das Ziel seiner Wünsche zu erreichen seine erste Sorge sein
lassen wollte ihn für seine Treue und für alles Ungemach so er ihm zuliebe
ausgestanden so reichlich zu belohnen dass ihm nichts zu wünschen übrig bleiben
sollte Diese tröstlichen Versprechungen so wenig auch die dermaligen Umstände
zu ihrer Erfüllung Hoffnung machten erfreuten den dankbaren Pedrillo so sehr
dass er der empfangnen Schläge auf einmal vergessen hätte wenn sein Rücken nicht
so unhöflich gewesen wäre ihn alle Augenblicke daran zu erinnern
Indessen bot er doch allen seinen Kräften auf um seinen Herrn wieder
aufzumuntern und nachdem er den schattigsten Platz am Fluße ausgesucht hatte
so wurde beschlossen sich so lange da aufzuhalten bis sie sich völlig erholt
haben würden
Don Sylvio fühlte den Schmerz das Bildnis seiner Geliebten verloren zu
haben allzustark als dass er andre Schmerzen hätte fühlen können er fing alle
Augenblicke an neue Klagen anzustimmen und es währete ziemlich lang bis ihn
das Beispiel des Pedrillo und sein eigener Hunger vermögen konnten den Vorrat
aufzehren zu helfen der sich noch im Zwerchsack fand Es war unter anderm noch
eine Flasche Malaga vorhanden die ihnen in so betrübten Umständen sehr zu
statten kam und in kurzer Zeit den ehrlichen Pedrillo so guten Humors machte
dass er nicht leiden konnte seinen Herrn mit einer so trostlosen Mine da sitzen
zu sehen Herr Don Sylvio sagte er im Unglück muss man Mut haben Sapperment
Es ist keine Kunst zufrieden zu sein wenn euch alles nach Wunsch und Willen
geht
Nur herzhaft gnädiger Herr Ein feiges Herz freit keine schöne Frau Das
Glück ist kugelrund heute mir morgen dir heut Regen Hagel und Prügelsuppen
morgen Sonnenschein Freude und Wohlleben Es ist die Welt pflegte meine
Großmutter zu sagen jeder Tag hat seine eigene Plage aber es wird alles
besser wenn man nur der Zeit erwarten kann Zeit bringt Rosen und man redt so
lange von der Kirmes bis sie kommt Es ist mir ich seh es schon wie froh ihr
sein werdet wenn wir einmal unsere Prinzessin haben aber nicht mehr als einen
elenden Schmetterling versteht sich sondern in Lebensgröße wie sie aus
Mutterleibe gekommen ist ich will sagen als eine würkliche Prinzessin
versteht ihr mich mit einer reichen goldnen Krone auf dem Kopf und in einem
langen Talar über und über mit Perlen und Karfunkeln besetzt dass sie wie die
helle Sonne glänzen wird Hei sa da wirds zugehen da wird der Himmel voller
Geigen hangen da werden wir alle Tage Feiertag haben und essen und trinken
und tanzen und springen und lachen und fröhlich sein dass die Karabossen und
Fanferlüschen vor Neid bersten möchten wenn sie uns so lustig sehen Nur gutes
Muts sag ich Sapperment wenn wir die Prinzessin selbst haben was bekümmern
wir uns um ihr Bild So dächte ich wenn es meine Sache wäre Zudem so wollt ich
gleich schwören dass der grüne Zwerg euer Kleinod so wenig gesehen hat als die
achtzigjährige Jungfer der er die Zähne ausstochern soll Ich hatte meine Augen
weit genug offen und ich sehe Gott Lob noch wohl dass eine Mistgabel kein
Ohrlöffelchen ist Die Nymphe war ein Grasmensch gnädiger Herr ein Kühmensch
das weiß ich so gewiss als ob ich sie selbst gemacht hätte Und wenn ihrs nicht
glauben wollt so ist bald ein Mittel da hinter die Sache zu kommen das Dorf
kann nicht hundert Meilen von hier sein wo sie zu Hause ist Wir wollen diesen
Abend noch hingehen und von Tür zu Tür suchen bis wir sie gefunden haben sie
muss das Kleinod wieder heraus geben oder es müsste keine Justiz mehr im Lande
sein
Aber wenn es so wäre sagte Don Sylvio woher käme die wunderbare
Übereinstimmung zwischen dieser Begebenheit und meinem gestrigen Traum
Gnädiger Herr antwortete Pedrillo ich erinnere mich euers Traums noch so
wohl als ob ich ihn selbst geträumet hätte aber ich kann die Übereinstimmung
nicht finden die ihr darin seht Wo ist denn hier die Sylphide die euch
erschien und wo ist der Rosenwagen mit zwölf rubinenen ParadiesVögeln der
euch in die bezauberte Insel führte das ist doch ein HauptUmstand der hier
gänzlich mangelt Und dann sagtet ihr die Nymphe habe den blauen Schmetterling
an einem goldnen Faden flattern lassen das trifft wieder nicht ein denn der
Faden den die Gras Nymphe dazu brauchte war ein grober hanfener Faden womit
sie denk ich die Löcher in ihrem Hemde hatte stoppen wollen und sie hätte
meiner Six wohl daran getan denn die bloße Haut guckte ihr allenthalben
hervor ich will nicht ehrlich sein wenn sie nicht so schwarz wie Erde war und
ich habe doch mein Tage gehört dass eine Nymphe lauter Lilien und Rosen ist
Doch sie mag gewesen sein was sie will so viel weiß ich gewiss dass wir die
Schläge die uns die groben Lümmels gaben gewiss nicht im Traume gekriegt haben
doch das ist nun vorbei und zu geschehenen Dingen muss man das beste reden
Auf die Gesundheit der Prinzessin wo sie auch sein mag Ich hoffe sie wird es
uns seiner Zeit auch entgelten lassen dass wir so viel um ihrentwillen
ausgestanden haben
Drittes Kapitel
Innerliche Anfechtungen des Don Sylvio
Don Sylvio dem das Gewäsche des Pedrillo beschwerlich war bediente sich des
Vorwands dass er während der Nachmittags Hitze ein paar Stunden ruhen möchte um
ihn zum schweigen zu bringen Er stellte sich als ob er schliefe und Pedrillo
folgte seinem Beispiel bald darauf in vollem Ernst aber Don Sylvio war zu
unruhig als dass er hätte schlafen können Tausend quälende Gedanken die wider
seinen Willen in ihm aufstiegen brachten ihn endlich so weit dass er zum
erstenmal ein Misstrauen in die Wahrheit seiner Einbildungen zu setzen anfing
Wie dacht er wenn die Erscheinung die ich von der Fee Radiante zu haben
glaubte ein bloßes Spiel einer erhitzen Phantasie gewesen wäre Je mehr er
dieser Vermutung nachsann je wahrscheinlicher fand er sie und die unglückliche
Begebenheit mit den GrasNymphen die er nun ziemlich geneigt war für das zu
halten was sie wirklich waren trieb diese Wahrscheinlichkeit in etlichen
Minuten bis zur Gewissheit hinauf denn es schien ihm unbegreiflich dass ihn die
Fee Radiante den Fäusten und Knitteln dieses groben Bauergesindels preis gegeben
haben würde wenn sie ihm wirklich ihren Schutz versprochen hätte
Diese Zweifel ängsteten ihn unaussprechlich er raffte alle seine Kräfte
zusammen sich ihrer zu erwehren aber sie kamen immer mit verdoppelter Stärke
wieder und der Aufruhr den sie in einem Gehirn erregten ward zuletzt so wild
dass der Überrest von Vernunft den ihm die Feerei noch gelassen hatte in
größter Gefahr war vollends darüber verloren zu gehen
In diesen betrübten Umständen war das Bild seiner geliebten Schäferin das
einzige was in seiner von Zweifeln gleichsam überschwemmten Seele noch empor
ragte und im allgemeinen Umsturz seiner Ideen unerschüttert blieb Wenn auch
alles andre Einbildung ist rief er so weiß ich doch gewiss o du namenlose
Unbekannte dass es keine Einbildung ist dass ich dich liebe Es mag nun eine Fee
sein die dein Bild in meinen Weg gelegt hat oder ein glückliches Ungefähr mag
es dahin geworfen haben du magst eine Prinzessin oder Schäferin sein du magst
für mich bestimmt sein oder einst von einem glücklichern als ich geliebt
werden du die jetzt die schönste unter den Nymphen des Himmels bist Wenn mein
Verhängnis es so will dass ich deiner beraubt in Hoffnungloser Liebe
verschmachten soll so ist doch keine Gewalt die dein Bild aus meiner Seele
reißen kann Ich will dich suchen durch alle Länder und Meere des Erdkreises
von einem Pol zum andern vom ewigen Schnee der Cimmerischen Gebirge bis in die
glühenden Zonen wo kein schattender Baum keine kühle Quelle die brennende
Hitze mildert und wenn ich dich nicht finde und die Erde dich ihre schönste
Zierde schon verloren hat was kann mich hindern dass mein verlangender Geist
von der Gewalt seiner unsterblichen Liebe empor gezogen von Sphäre zu Sphäre
irre dich da zu suchen wo deine Schönheit alle die namenlose Schönheiten des
Eters verdunkelt oder herab in die unterirdischen Gegenden steige und unter
den Schatten dich suche die von deinen Augen angestrahlt den Verlust des Tages
nicht mehr beklagen und ein süßes Vergessen aller andern Wünsche aus deinen
Blicken saugen
Diese Dityrambische Einfälle so närrisch sie unsern weisen Lesern
vorkommen mögen machten eine sehr heilsame Wirkung auf unsern Helden denn er
schlummerte unvermerkt darüber ein und das war in seinen dermaligen Umständen
das beste was ihm begegnen konnte Denn was kann der Unglückliche bessers tun
als schlafen
Don Sylvio fand diesmal in seinem Schlummer einen gedoppelten Vorteil das
Vergessen seines Kummers und die Glückseligkeit eines angenehmen Traums der
wenigstens so lang er daurte alle Wirkungen der Wahrheit hatte Es deuchte ihm
er sehe seine geliebte Prinzessin aber nicht in Gestalt einer Schäferin oder
eines Sommervogels sondern in ihrer eigenen wie eine Göttin geschmückt sie
lag auf einer rosenfarben Wolken die nahe bei ihm über dem Boden schwebte und
besprach sich eine geraume Zeit mit ihm sie munterte ihn auf den Mut nicht
sinken zu lassen und den Hindernissen großmütig zu widerstehen die ihre Feinde
ihrem Glück in den Weg legten sie versicherte ihn dass die Zeit nicht lange
mehr verziehen werde da sie die Gestalt worin sie ihm jetzt sich zeige durch
ihn selbst wieder erhalten würde und setzte auf eine eben so zärtliche als
verbindliche Art hinzu sie wünschte noch tausendmal liebenswürdiger zu sein um
ihn für alles Ungemach belohnen zu können womit er ihren Besitz erkaufen müsse
Don Sylvio wollte ihr eben diejenige Antwort hierauf geben die ein jeder
Liebhaber auf eine so schmeichlende Erklärung bereit hätte als sie wieder
verschwand
Dieser Umstand war freilich gerade der unangenehmste in seinem ganzen
Traume aber das Vergnügen sie gesehen zu haben und der liebliche Ton ihrer
Tröstungen der noch um sein entzücktes Ohr säuselte machte ihn für alles
schmerzhafte unempfindlich Er vergaß aller seiner überstandenen Trübsale
verachtete alle künftige und war jetzt nur begierig eine Reise fortzusetzen
wovon jeder Schritt ihn dem Ziele seiner Sehnsucht näher brachte Er weckte also
den Pedrillo und nachdem er ihm voller Freuden seinen Traum erzählt hatte
befahl er ihm sich unverzüglich reisefertig zu machen
Beim Sanct Velten rief Pedrillo das ist doch artig wie unsre Träume in
einander passen Ihr habt eine Erscheinung von der Prinzessin gehabt und ich vom
SylphenMädchen Es kam mir vor ich fände sie an dem nämlichen Orte wo ihr
gestern schliefet unter den Rosen liegen aber ihre Frau die Fee war nicht
dabei und jetzt reuet es mich dass ich sie nicht nach ihrem Namen fragte aber
wir hatten so viel andere Dinge zu schwatzen dass ich es vergaß Sapperment die
Zeit verging dass ich nicht wusste wo sie hinkam wir waren wohl drei bis vier
Stunden beisammen denn die Sonne ging unter ohne dass wirs gewahr wurden und
doch deuchte michs nur ein Augenblick es war mir nicht anders als ob ich selbst
ein Sylphe wäre wenn es mir das Leben gälte so könnt ich euch nicht
beschreiben wie mir war aber das ist gewiss dass mir in meinem Leben nie so zu
Mute gewesen ist Sagt ich nicht das Glück würde uns auch einmal wieder
anlachen Diese Träume kamen gewiss nicht so von ungefähr wer weiß was geschehen
kann Die Frau Rademante will es vielleicht auf einmal wieder einbringen was
sie bisher versäumt hat Wir wollen sehen sagte der Blinde das Blatt kann sich
schnell wenden So viel versichere ich euch Herr wenn ich einmal den grünen
Zwerg unter mich kriege wie ich hoffe und glaube so soll er die RippenStöße
mit Wucher wieder kriegen womit er uns heute bedient hat darauf kann er sich
verlassen
Viertes Kapitel
Die Weissagungen des Pedrillo fangen an in Erfüllung zu gehen
Während dass Pedrillo seinem sprudelnden Humor gewöhnlicher maßen Luft machte
setzten sie ihren Weg durch einen Wald von KastanienBäumen fort welcher je
weiter sie kamen immer mehr das Ansehen eines Parks bekam Hier und da sahen
sie große Sommerlauben Springbrunnen Urnen Grotten und Ruinen die aus
Gebüschen von Rosen Jasmin oder Geissblatt hervor ragten und nachdem sie eine
kleine halbe Stunde fortgegangen waren so befanden sie sich in einer Art von
Labyrinth von Rosen und Myrtenhecken dessen Gänge so künstlich durch einander
geschlungen waren dass sie einige Mühe hatten sich heraus zu finden
Diese Anscheinungen ließ unsre Wanderer nicht zweifeln dass sie sich in
der Nähe eines FeenSchlosses und am Anfang eines sehr merkwürdigen Abenteuers
befänden
Pedrillo rief einmal übers andre sagt ichs nicht sagt ichs nicht vorher
die Fee Rademante würde sich besser halten Da seht nun einmal gnädiger Herr
ob es wohl getan gewesen wäre wenn wir uns dem verfluchten Zaubergeschmeiss zu
Gefallen ins Wasser gestürzt hätten wie ihr ganz gewiss getan hättet wenn ich
nicht gewesen wäre Das Beste was wir davon gehabt hätten wäre etwan gewesen
dass uns irgend eine Nymphe oder Syrene in Wasserschlangen oder Meerschweine
verwandelt hätte an statt dass wir jetzt Hoffnung haben in einem crystallenen
oder diamantnen Schloss zu übernachten auf seidenen Matratzen zu liegen und
von lauter schönen Sylphiden bedient zu werden von denen die schlechteste so
viel Perlen und Edelsteine an sich hängen hat dass man ein kleines Königreich
darum kaufen könnte
Indem er dieses sagte befanden sie sich in einem großen Spaziergang von
PomeranzenBäumen an dessen Ende sie einen prächtigen Pavillion erblickten
dessen halb geöffnete Flügeltüren in einen großen Saal sehen ließ aus dem
weil die sinkende Sonne ihm gegen über stand ein Schimmer von Spiegeln
Vergoldungen und reichem Geräte von ferne schon die Augen des Pedrillo blendete
So erfreut er über diesen Anblick war so fing ihn doch an ein wenig zu
schauern wenn er dachte dass er sich in einem Orte befände wo alles durch
Zauberei zuginge und das Herz schlug ihm immer stärker je näher sie dem
Pavillion kamen Don Sylvio selbst der sonst nicht der furchtsamste war schien
eine Weile unentschlossen was er tun sollte denn er hatte schon so viele Proben
von der Arglist und unermüdeten Bosheit seiner Feinde dass er nicht wusste ob
nicht etwan eine neue List unter diesen schönen Anscheinungen verborgen liege
Allein die tröstlichen Versprechungen die ihm seine geliebte Prinzessin so
kürzlich erst gegeben hatte verbannten alle diese Besorgnisse bald wieder und
ob er gleich außer einigen Papagaien die auf dem vergoldeten Geländer das den
Saal umgab herum hüpften kein lebendiges Wesen gewahr wurde so beschloss er
doch nach einer kleinen Überlegung hinein zu gehen und zu erwarten was aus
diesem Abenteuer werden möchte
Aber wie groß war sein Erstaunen als er beim Eintritt in den Saal dessen
Schönheit und kostbare Auszierung einer Fee würdig schien eine Menge Katzen von
allen Farben erblickte die sich nicht anders gebärdeten als ob sie die
einzigen Bewohner dieses prächtigen Ortes wären Einige lagen auf Polstern von
goldnem Brocat andre spazierten ganz gelassen zwischen den BlumenGefässen und
schinesischen Pagoden womit der Kamin ausgezieret war herum indem noch andre
sich um ein wunderartiges schneeweisses Kätzchen geschäftig zeigten welches mit
Perlenschnüren umwunden in einer anmutignachlässigen Stellung auf einem Sopha
von rosenfarbem Damast mit Silber ausgestreckt lag
Bei einem solchen Anblick hätte sich wohl ein weiserer Mann als Don Sylvio
war des Palasts der weißen Katze aus einem der artigsten Märchen die man hat
erinnern können Aber da die Katzen die auf den Polstern lagen so bald er den
Fuß in den Saal setzte ihn mit einer Symphonie nach ihrer Art bewillkommten so
war nunmehr nach seiner Weise zu schließen nichts gewissers als dass er sich
in dem nämlichen Palast befand worin ein gewisser Prinz dem die Geschichte
keinen Namen gibt in Gesellschaft einer sehr geistreichen zärtlichen und
tugendhaften weißen Katze die sich in der Folge eine eben so schöne Prinzessin
befand drei Jahre zubrachte die ihm nur einzelne Tage deuchten
Seine Freude über einen so glücklichen Zufall war ungemein denn außer der
verbindlichen Aufnahme die er sich in diesem Schloss versprechen konnte war
ihm das gute Herz und die Großmut der weißen Katze so wohl bekannt dass er sich
versichert hielt sie werde ihm zu glücklicher Vollendung seines Vorhabens allen
Beistand leisten den er sich nur wünschen könne
In diesen Gedanken näherte er sich dem Sopha wo das schöne weiße Kätzchen
saß und war im Begriff sie mit aller der Ehrfurcht die einer Katze von so
hoher Geburt und außerordentlichen Eigenschaften gebührte anzureden als sich
plötzlich eine Türe öffnete aus welcher zu großem Erstaunen des Pedrillo die
kleine Sylphide herein guckte die er gestern im Walde gesehen hatte Wenn eine
so unvermutete Erscheinung den Pedrillo in Bestürzung setzte so tat sie auf die
Sylphide keine geringere Wirkung Kaum wurde sie unsrer Abenteurer gewahr als
sie den Kopf mit einem Schrei zurück zog die Türe wieder zuschlug und so
eilfertig zurück lief als ob sie ein Gespenst gesehen hätte
Don Sylvio wusste nicht was er aus dieser seltsamen Art zu erscheinen und
wieder zu verschwinden machen sollte aber Pedrillo half ihm augenblicklich aus
dem Wunder Da haben wirs rief er Glück zu gnädiger Herr unser Traum ist
erfüllt seid nur unbekümmert sie wird bald wieder kommen sie lief nur um der
Fee zu sagen dass wir da sind
Von wem redst du fragte Don Sylvio leise indem er ihn auf die Seite nahm
Sapperment von der Sylphide die eben jetzt zu dieser Türe herein guckte
und die wie ich Eu Gnaden schwören kann eben dieselbe Sylphide ist die ich
gestern unter der Rosenlaube neben euch antraf und die mir heut im Traum
erschienen ist
Pedrillo sagte Don Sylvio es müsste mich alles betrügen oder wir befinden
uns im Schloss der weißen Katze welche eine große Prinzessin und zugleich eine
Fee ist wenn die Sylphide die du kennest zu diesem Palast gehört so war die
Fee die du gestern sahst vermutlich die weiße Katze selbst
Ich weiß nicht was ihr mit eurer weißen Katze haben wollt antwortete
Pedrillo ihr werdet doch zum Deixel nicht denken dass das Pusschen das dort
auf dem Sopha sitzt und Gesichter schneidt die Fee ist
Rede nicht so laut unterbrach ihn Don Sylvio und lass dir ein für allemal
sagen dass man an solchen Orten wie der wo wir uns jetzo befinden nicht
vorsichtig und bescheiden genug sein kann
Don Sylvio hatte die letzten Worte noch nicht ausgesprochen als Pedrillo
einen großen Schrei tat und mit beiden Händen wie ein Unsinniger um sich
schlug denn einer von den Papagaien die den Katzen in diesem Zimmer
Gesellschaft leisteten hatte entweder weil ihm seine Physionomie nicht
anständig war oder aus einer andern Ursache die er so viel wir wissen
niemalen entdeckt hat für gut befunden ihm indem er hinter ihm vorbei flog
einen kleinen Backenstreich mit seinen Krallen zu versetzen den Pedrillo weil
er den Urheber davon nicht sah mit großen Beteuerungen von irgend einem Kobolt
oder unsichtbaren Zwerg empfangen zu haben versicherte
Nimm es sagte Don Sylvio als den Lohn für dein unbescheidenes Geplauder
an es wird weiter nichts als eine kleine Züchtigung gewesen sein die dir eine
von den unsichtbaren Händen gegeben hat von denen man in diesem Palast bedient
zu werden pflegt
Potz Herrich sagte Pedrillo das ist eine vertrackte Art die Leute zu
bedienen Wenn es eine Hand war so muss sie sich die Nägel in sieben Jahren
nicht beschnitten haben ich versichere Eu Gnaden dass ein Griff von einem
jungen Waldteufel nicht tiefer einschneiden könnte Sapperment wenn man für ein
jedes Wort womit man sich hier verfehlt einen solchen Circumflex bekommt so
muss ich mir das Maul zunähen lassen oder die boshaften Kobolte werden mir bis
Morgen das ganze große und kleine Alphabet in mein Gesicht hinein gekratzt
haben
In der Tat sagte Don Sylvio du würdest am besten tun wenn du einen
vollkommenen Stummen vorstelltest denn so wie du dich aufführst steh ich dir
nicht davor dass dir nicht noch unangenehmere Dinge begegnen könnten nichts
davon zu sagen dass du mir mit deiner ungezogenen Waschhaftigkeit und mit deinen
pöbelhaften Schwüren und Ausdrücken sehr wenig Ehre machen wirst
Nun gut Herr versetzte Pedrillo ein guter Rat findet eine gute Statt ich
will weil ihrs für gut anseht so stumm sein als ein Karpe ich will euch einen
Stummen agieren dass ihr eure Lust daran sehen sollt Aber hum ich höre jemand
kommen he sagt ichs nicht Es ist die Fee selbst St
Fünftes Kapitel
Erscheinung der Fee
Wie gefährlich es ist wenn einer ein Frauenzimmer antrifft das seiner Liebste
gar zu ähnlich sieht
Es ist geneigter Leser bereits zwei und vierzig Minuten achtzehen Sekunden
richtig an einer zu Genf fabricierten LondnerUhr abgezählt dass wir einem
halben dutzend schönen neuen Gleichnissen nachsinnen wodurch ein Poet
benötigten Falls den höchsten Grad des Erstaunens und der Bestürzung
abzuschildern versuchen könnte ohne dass wir so glücklich gewesen sind nur ein
einziges zu finden welches nicht durch die vielen Hände wodurch es seit den
Zeiten des alten Homers bis auf diesen Tag gegangen so abgenutzt worden wäre
dass es wirklich zu nichts mehr zu gebrauchen ist
Wir wissen uns also für diesmal nicht anders zu helfen als durch eine
gewisse rhetorische Figur die wir einem der geschicktesten
ZueignungsSchriftenMachern unsrer Zeit abgesehen haben und sagen also Weder
der Schrecken eines unvorsichtigen Knaben der seine Hand in eine Höhle gesteckt
hat und unversehens eine Schlange ergreift noch das Entsetzen jenes
Bräutigams der des Morgens nach seiner HochzeitNacht an statt der schönen
Schwester die er liebte die hässliche an seiner Seite fand noch die Bestürzung
eines Richters bei Erblickung eines silbernen Waschbeckens voll Cremnitzer
Ducaten womit ihm ein Klient der zu leben weißt die Gerechtigkeit seiner
Sache begreiflich gemacht hat sind hinlänglich uns nur den zehnten Teil der
Bestürzung vorzubilden in welche Don Sylvio geriet da er in der Fee dieses
Zauberschlosses das Urbild seiner geliebten Schäferin erblickte Doch wir sagen
zu viel denn da er sich seit seinem letzten Traum von neuem überredet hatte
dass sie noch ein Sommervogel sei so war er bloß darüber bestürzt wie es
zugehe dass eine so erstaunliche Ähnlichkeit zwischen ihr und dieser Fee sein
könne
Donna Felicia denn wir können und wollen es nicht länger verbergen dass wir
zu Lirias sind hatte Sorge getragen sich unserm Helden in einem Anzug zu
zeigen der indem er ihre Annehmlichkeiten auf die vorteilhafteste Art
entwickelte ihr zugleich ein so sonderbares Ansehen gab dass ihr nur ein
Stäbchen von Ebenholz fehlte um eine vollkommene Lüminöse vorzustellen
Sie hatte sich wirklich an ihrem NachtTische befunden um sich auf die
Ankunft ihres Bruders auszuputzen der sie auf eine unerwartete Gesellschaft
vorbereitet hatte als ihr Laura die überraschende Zeitung brachte dass Don
Sylvio sie wisse nicht wie in ihrem Saal sichtbar geworden sei und der
glückliche Instinkt der bei den Beherrscherinnen unsrer Herzen die Stelle
unsrer langsamen Vernunft einnimmt hatte ihr in einem Augenblick begreiflich
gemacht dass sie nicht Feenmäßig genug aussehen könne um den Eindruck zu
befördern den sie auf ihn zu machen wünschte
Sie bewillkommte ihn mit dem edlen und anmutsvollen Anstand der ihr eigen
war ob sie sich gleich Gewalt antun musste die Unruhe zu verbergen die in
ihrem schönen Busen pochte Sie bezeugte sich dem Zufall sehr verbunden der
einen jungen Ritter dessen Ansehen keine gemeine Verdienste ankündigte in ihr
Schloss geführt hätte und versicherte ihn dass ihr Bruder dessen Ankunft sie
alle Augenblicke erwartete sehr erfreut sein würde eine so angenehme
Bekanntschaft zu machen
Hätte Don Sylvio nichts als die Bestürzung über eine unverhoffte Ähnlichkeit
zu bekämpfen gehabt so möchte es wohl nicht schwer gewesen sein sich in der
gehörigen Fassung zu erhalten Allein die Natur die ihre Rechte nie verliert
und am Ende doch allemal den Sieg über die EinbildungsKraft davon trägt
spielte ihm in diesem critischen Augenblick einen andern Streich gegen den es
so viel als unmöglich war sich zu verteidigen
Der gute Sylvio hatte die Eindrücke die das Bildnis seiner vermeinten
Prinzessin auf ihn gemacht und die Wünsche die es in seinem Herzen erregt
hatte für Liebe gehalten er hatte sich geirrt es war nur eine schwache
Vorempfindung nur ein armes SchattenBild der Liebe die ihm das Urbild selbst
ein flössen würde
Ihr erster Blick der dem Seinigen begegnete schien ihre Seelen
auszutauschen Die ganze Gewalt dieser unbeschreiblichen Entzückung womit eine
sympatetische Liebe zumal wenn es die erste ist bei Erblickung ihres
Gegenstands eine empfindliche und zu dieser glücklichen Art von Schwärmerei
aufgelegte Seele berauschen kann durchdrang erfüllte überwältigte sein ganzes
Wesen Alle seine vorige Ideen schienen ausgelöscht neue Sinnen schienen
plötzlich in seinem Innersten sich zu entwickeln um alle diese unzähliche
Reizungen aufzufassen die ihm entgegen strahlten Kurz er war so sehr außer
sich selbst dass er die verbindliche Anrede der vermeinten Fee mit nichts anderm
als stammlenden und abgebrochenen Sylben zu beantworten vermochte
Donna Felicia würde vermutlich mit dem zierlichsten und wohl gesetztesten
Kompliment nicht halb so gut zufrieden gewesen sein als sie es mit der weit
beredtern Verwirrung war worin sie ihn sah Dasjenige was in ihrem eigenen
Herzen vorging ergänzte ihr bis zum Überfluss was in der Anrede unsers Helden
mangelhaft und unverständlich war aber weil sie mehr Gewalt über sich selbst
hatte oder um uns richtiger auszudrücken weil sie ein Frauenzimmer war so
wusste sie nicht nur ihre eigene Unruhe zu verbergen sondern sie hatte auch so
viel Gefälligkeit und gab ihm Zeit sich selbst wieder zu erholen indem sie
sich so gleich auf den Sopha niedersetzte und nachdem sie ihn ersucht einen
Lehnstuhl neben ihr einzunehmen von dem weißen Kätzchen das seinen Platz auf
ihrem Schoße genommen hatte Anlass nahm über die Gedanken zu scherzen die beim
Eintritt in diesen Saal in ihm hätten veranlasst werden müssen Gestehen sie mir
Don Sylvio sagte sie dass sie bei Erblickung einer so ansehnlichen
Gesellschaft von Katzen die bei meinem kleinen Liebling Kour zu machen schien
sich kaum erwehren konnten zu glauben dass sie in dem Palast der weißen Katze
seien
Man kann auf keine glücklichere Art betrogen werden schönste Fee erwiderte
Don Sylvio Möchten sie mit eben der Scharfsichtigkeit womit sie meinen ersten
Gedanken der ehe ich sie selbst zu sehen das Glück hatte natürlich genug war
zu entdecken wussten in das Innerste meiner Seele schauen und darin zu lesen
würdigen was ich weder Kühnheit noch Vermögen habe auszusprechen
Donna Felicia fand für gut an statt auf diese ehrfurchtsvolle
LiebesErklärung zu antworten ihn mit der LebensGeschichte und den
bewundernswürdigen Tugenden der kleinen weißen Katze zu unterhalten und so
geringfügig dieser Gegenstand an sich selbst war so wichtig wurde er zumal für
einen so geneigten Zuhörer als Don Sylvio war auf den schönen Lippen der Donna
Felicia und durch den Reiz den sie über alles was sie sagte oder tat
auszugiessen wusste Don Sylvio erfuhr es nur allzusehr Jeder ihrer Blicke jedes
Wort das sie sprach jede kleine Bewegung die sie machte vermehrte die
Entzückung worin er ganz verloren schien Seine EinbildungsKraft unfähig
etwas vollkommeners zu erstreben als sich seinen Augen darstellte wurde nun
auf einmal ihrer vorigen Macht beraubt und diente zu nichts als den Sieg der
Empfindung vollkommen zu machen Alle diese schönen Phantomen womit sie
angefüllt gewesen war verschwanden wie die leichten Dünste eines
FrühlingsMorgens vor der aufgehenden Sonne er erinnerte sich seines vorigen
Zustands nur wie eines Traums oder richtiger zu reden er vergaß ihn und alles
was er kurz vorher gedacht geliebt gehofft und gefürchtet hatte so lang er
Donna Felicia vor sich sah so gänzlich als ob er den ganzen Lete ausgetrunken
hätte
Dieser Zustand mochte für ihn selbst angenehm genug sein aber er machte ihn
nicht sehr kurzweilig für seine Gesellschafterin und nachdem alles was sich
von ihren Katzen nur immer sagen ließ völlig erschöpft war so würde die
Konversation ziemlich matt geworden sein wenn die Papagaien die von Zeit zu
Zeit in den Saal gehüpft kamen und überaus witzig und schwatzhaft waren sich
nicht zuweilen in das Gespräch gemischt hätten
Sechstes Kapitel
Unverhoffte Zusammenkunft
Donna Felicia bezeugte eben einige Unruhe über das Aussenbleiben ihres Bruders
der ihr wie sie sagte Hoffnung gegeben hatte ihr eine liebenswürdige
Gesellschaft mit zubringen als sich die innere Türe des Saals öffnete und Don
Eugenio von Lirias mit der schönen Hyacinthe und seinem Freunde Don Gabriel
herein trat und unserm Helden in dem Unbekannten dem er das Leben oder
wenigstens seine Geliebte gerettet hatte den Bruder seiner angebeteten Fee
zeigte
Die Überraschung war auf beiden Seiten gleich angenehm und mit einer gleich
großen Verwunderung auf Seiten des Bruders und der Schwester begleitet Allein
da es sich jetzt nicht schickte diese letztere Regung merken zu lassen so
begnügte sich Don Eugenio nachdem er seiner Schwester die schöne Hyacinthe
vorgestellt und empfohlen hatte seine Freude darüber zu bezeugen dass er
unsern Helden dessen unerwartete heimliche Abreise aus dem Wirtshause ihn nicht
wenig befremdet hatte so unverhofft in seinem eigenen Hause wieder finde Sie
wissen vielleicht nicht sagte er zu Donna Felicia wie viel wir dem Don Sylvio
schuldig sind In kurzem sollen sie den ganzen Zusammenhang einer Geschichte
erfahren die ihnen kein Geheimnis mehr sein darf Alles was ich Ihnen jetzt
davon melden kann ist dass Sie in der Person dieses liebenswürdigen Unbekannten
denjenigen sehen der durch großmütige Wagung seines eigenen Lebens Ihnen einen
Bruder erhalten hat
Sie vergrößern erwiderte unser Held den Wert eines Beistands den ihre und
ihres Freundes Tapferkeit überflüssig machte und wozu ich durch Gesinnungen
die ihr erster Anblick mir einflößte hingerissen wurde Hätte ich damals wissen
können was dieser glückliche Augenblick mich gelehrt hat so würde ich wenn
auch jede meiner Adern ein eigenes Leben hätte jedes derselben mit Vergnügen
aufgeopfert haben um ein so kostbares Leben zu erhalten
Don Eugenio würde vermutlich über dieses hyperbolische Kompliment ein wenig
gestutzt haben wenn die Aufmerksamkeit die er anwandte die Eindrücke welche
Hyacinthe auf seine Schwester machte zu beobachten ihm zugelassen hätte auf
irgend etwas anders aufmerksam zu sein
Donna Felicia welche ziemlich verlegen gewesen war wie sie ihre Neigung zu
unserm Helden und den Plan den sie seit einer halben Stunde mit der
Behendigkeit die allen Wirkungen der Liebe eigen ist bei sich selbst entworfen
hatte ihrem Bruder verbergen oder gefällig machen möchte war vor Vergnügen
außer sich da sie hörte was für Verdienste sich Don Sylvio bereits um ihn
gemacht hatte Dieser glückliche Umstand rechtfertigte nicht nur die
Lebhaftigkeit ihrer Achtung für den Erretter eines Bruders den sie so zärtlich
liebte sondern da er ihr in Verbindung mit den übrigen Umständen einiges Licht
über die geheime Geschichte worin Hyacinthe vermutlich keine NebenRolle zu
spielen hatte zu geben schien so hoffte sie nun dass sie wenig Mühe haben
würde den Beifall ihres Bruders für ihre Liebe zu erhalten da er vermutlich
den ihrigen für die Seine nötig haben würde Sie verdoppelte also die Ausdrücke
des Wohlgefallens und der Zuneigung welche ihr die Liebenswürdigkeit der jungen
Hyacinthe ohnehin eingeflößt haben würde da sie aller Zurückhaltung des Don
Eugenio ungeachtet nur allzudeutlich sah wie heftig er sie liebte und Don
Eugenio der alle diesen Liebkosungen ganz allein auf die Rechnung der Vorzüge
seiner Geliebten schrieb war darüber so erfreut dass er den Augenblick kaum
erwarten konnte sich seines Geheimnisses in ihren schwesterlichen Busen zu
entladen
Niemals hat vielleicht in einer Gesellschaft von Personen die einander
teils gänzlich teils bei nahe unbekannt waren so viel Sympatie und eine
solche Mannigfaltigkeit von verborgenen zärtlichen Regungen geherrschet als in
dieser Natürlicher Weise konnten so liebenswürdige Personen als sich hier
zusammen gefunden hatten einander nicht gleichgültig sein aber die geheimen
obgleich noch unentwickelten Verhältnisse worin sie gegen einander stunden
machten sie einander noch unendlichmal interessanter und Amor und die Natur
die hier in geheim ihr Spiel hatten brachten eine Harmonie und eine
Vertraulichkeit wozu sonst eine Reihe von Wochen erfordert wird in eben so
vielen Minuten hervor
Don Gabriel war der einzige der ohne eigennützige Absichten an dem
allgemeinen Vergnügen Anteil nahm Die Ruhe seines eigenen Herzens erlaubte ihm
die übrigen mit der Scharfsichtigkeit eines Weisen und mit der Güte eines
Menschenfreunds zu beobachten und ob gleich ein Teil von dem was er zu
bemerken glaubte ein Rätsel für ihn war so sah er doch dass in kurzem sehr
artige Geheimnisse sich entwickeln würden
Inzwischen erschienen ein paar prächtig gekleidete kleine Mohren um die
Gesellschaft mit Erfrischungen zu bedienen und Don Gabriel der einen
natürlichen Beruf dazu zu haben glaubte hatte die Gefälligkeit durch die
Munterkeit seines Witzes zu verhindern dass die Konversation nicht von Zeit zu
Zeit in ein gedoppeltes wiewohl stillschweigendes TêteàTête ausartete
Ungeachtet einer gewissen phantastischen Wendung die beinahe in allem was
Don Sylvio sagte oder tat in die Augen fiel wurde doch Don Eugenio je länger
je mehr von ihm eingenommen und bei den Verbindlichkeiten die er ihm hatte
konnte er ohnehin nicht weniger tun als sich die Ehre seines Aufenthalts zu
Lirias auf einige Zeit auszubitten um wie er sagte einer Bekanntschaft die
sich auf eine so außerordentliche Art angefangen Zeit zu lassen zu derjenigen
vollkommenen Freundschaft zu reifen deren er sich nicht unwürdig zu zeigen
hoffte
Don Sylvio nahm eine so verbindliche Einladung mit größtem Vergnügen an
ohne einen Augenblick mehr Umstände zu machen als die Prinzen in den
FeenMärchen zu machen pflegen wenn ihnen ein NachtQuartier in einem
bezauberten Schloss angeboten wird
Donna Felicia entfernte sich hierauf mit der schönen Hyacinthe und Don
Eugenio führte seinen Gast in ein prächtiges Zimmer welches er ihn als das
seinige anzusehen bat so lang er ihn mit seinem Aufenthalt in Lirias beglücken
würde Er verließ ihn hierauf bis zum AbendEssen und wartete mit Ungeduld bis
Laura ihm die Nachricht brachte dass seine Schwester sich in ihrem Kabinet
allein befinde
Siebendes Kapitel
Gegenseitige Gefälligkeiten
Es ist schon längst beobachtet worden dass das terentianische Tu si hic esses
aliter sentias wenn der gehörige Gebrauch davon gemacht würde ein fast
allgemeines Mittel gegen alle die Widersprüche Irrungen und Zwistigkeiten wäre
die aus der Verschiedenheit und dem Zusammenstoß der menschlichen Meinungen und
Leidenschaften täglich zu entstehen pflegen
Für einen bloßen Zuschauer der menschlichen Torheiten wenn es anders einen
solchen gibt kann nichts lustigers sein als eine ganze wohl policierte
Gesellschaft von moralischen Egoisten beisammen zu sehen wovon immer einer dem
andern seine Personalität streitig macht und nichts geringers zu fordern
scheint als dass alle andre in allen Sachen und zu allen Zeiten gerade so
empfinden denken urteilen glauben lieben hassen tun und lassen sollen wie
er welches in der Tat eben so viel sagen will dass sie keine für sich selbst
bestehende Wesen sondern bloße Accidentia und Bestimmungen von ihm selbst sein
sollen
Es ist wahr unter allen diesen Egoisten ist keiner unverschämt genug diese
Forderung geradezu zu machen aber indem wir alle Meinungen Urteile oder
Neigungen unserer Nebengeschöpfe für töricht irrig und ausschweifend erklären
so bald sie mit den unsrigen in einigem Widerspruch stehen was tun wir im Grund
anders als dass wir ihnen unter der Hand zu verstehen geben dass sie unrecht
haben ein paar Augen ein Gehirn und ein Herz für sich haben zu wollen
»Warum gefällt ihnen das mein Herr«
Ich kann ihnen keine andre Ursach davon geben als weil es mir gefällt
»Aber ich kann doch unmöglich begreifen was sie denn daran sehen das ihnen
so sehr gefällt Ich für meinen Teil «
Gut mein Herr das beweist nichts als dass mir etwas gefallen kann das
ihnen missfällt
»Ich will eben nicht sagen dass es mir schlechterdings missfalle aber ich
kann doch auch nicht sagen dass ich es so gar vortrefflich so gar ungemein
finden sollte wie sie«
Gesetzt aber es käme mir so vor
»So hätten sie unrecht«
Und warum das mein Herr
»Weil es nicht so ist«
Und warum ist es nicht so
»Eine seltsame Frage mit ihrer Erlaubnis Hab ich denn nicht so gute Augen
wie sie Ist mein Geschmack nicht eben so richtig Kann ich nicht eben so gut
von dem Wert einer Sache urteilen wie sie Wenn es so vortrefflich wäre wie sie
sich einbilden so müsste ichs ja auch so finden«
Alles dieses kann ich mit so gutem Rechte sagen wie sie Es mag nun hier das
Auge der Verstand oder die Einbildung entscheiden warum soll ich ihren Augen
ihrem Verstand oder ihrer Einbildung mehr zutrauen als den meinigen Das möcht
ich doch wissen
»Das kann ich ihnen gleich sagen Ich sehe die Sache wie sie ist und Sie
sind durch den Affect verblendet«
Gut mein Herr da kommen sie mir gerade wo ich sie erwartete Wenn der
Affect zuweilen verblendet und das tut er nur alsdann wenn er raset welches
nie lange dauern kann so ist hingegen eben so gewiss dass er ordentlicher Weise
das Gesicht schärft Wie können sie erwarten dass der flüchtige unachtsame und
ungefähre Blick den die Gleichgültigkeit auf einen Gegenstand wirft so viel an
ihm entdecken oder die Grade seines Werts so richtig bemerken soll als der
Affect der ihn mit der äußersten Aufmerksamkeit von allen Seiten und
Gesichtspuncten betrachtet
»Aber die Einbildung die sich unvermerkt in seine Beobachtungen mischt
Belieben Sie zu bedenken mein Herr dass nur ein Narr seine Einbildungen für
würkliche Empfindungen hält warum wollen sie lieber auf einer Voraussetzung
bestehen wodurch sie die Gesundheit meines Hirns verdächtig machen als
gestehen dass es eine Sache geben kann die ich besser kenne als sie oder die
zum wenigsten mir aus guten Ursachen anders vorkommt als ihnen«
Erhitzen Sie sich nicht meine Herren sagte ein dritter der diesem Streit
zwischen Ich und Du zugehört hatte Sie könnten noch einen halben Tag
disputieren ohne dass einer den andern bekehren würde und wissen sie wohl
warum die Ursache ist ganz natürlich weil sie beide recht haben Tu si hic
esses sagt Terentz Sie urteilen wie ein Liebhaber und so haben sie recht und
Sie urteilen wie ein Gleichgültiger und so haben sie auch recht
»Aber mein Herr Schiedsrichter die Frage ist Ob er recht habe ein
Liebhaber von etwas zu sein das in der Tat «
Ihnen gleichgültig ist wollen sie sagen
»Nein mein Herr das den Grad der Liebe nicht verdient den er «
Das ist eben die Frage die sich nicht ausmachen lässt mein Herr Auf diesem
Wege geraten wir wieder in den vorigen Zirkel und da können wir ewig herum
traben ohne jemals an ein Ende zu kommen Ihr Streit ist von einer Art der nur
durch einen gütlichen Verglich ausgemacht werden kann Gestehen sie einander
ein dass Ich gar wohl berechtiget ist nicht Du zu sein hernach setzen Sie sich
jeder an des andern Platz ich will verloren haben was sie wollen wenn Sie
nicht eben so dächten wie er wenn sie er oder in seinen Umständen wären und so
hat der Streit ein Ende
Es ist wie vermutlich Aristoteles schon vor uns bemerkt haben wird keine
verdriesslichere Situation in der Welt als diejenige worin ein Liebhaber ist
der einer dritten Person zumal wenn sie nur wenig empfindlich ist von seiner
Neigung Rechenschaft geben soll Donna Felicia und ihr Bruder befanden sich
dermalen beide in diesem critischen Umstande und bei einer andern Lage der
Sachen würde vermutlich ein jedes große Schwierigkeiten gehabt haben den
Beifall des andern zu erhalten Ohne diesen glücklichen Zufall hätte Donna
Felicia oder Don Eugenio sich so viel sie gewollt hätten auf das tu si hic
esses berufen mögen sie würden vermutlich nicht halb so viel damit gewonnen
haben als jetzt da sich jedes wirklich an des andern Platz befand so groß ist
der Unterschied zwischen der Wirkung die eine flüchtige Abstraction und ein
wahres Gefühl auf uns macht Es ist wahr wenn sie einander hätten schicannieren
wollen oder von der unverschämten Art von Leuten gewesen wären die allein das
Recht haben wollen Schellen an ihren Kappen zu tragen so würden sie noch immer
Stoff genug gefunden haben einander Händel zu machen Aber bei der guten
Vernunft und gefälligen GemütsArt die sie mit einander gemein hatten brauchte
nur das Hindernis aus dem Wege geräumt zu werden das aus der Gleichgültigkeit
des einen Teils natürlicher Weise hätte entstehen müssen Wir wollen einmal
setzen Donna Felicia hätte die Nachsicht ihres Bruders nicht für sich selbst
nötig gehabt wie viele Einwendungen hätte sie nicht gegen seine Liebe zu einem
Mädchen ohne Namen ohne Vermögen ja selbst ohne schimmernde persönliche
Eigenschaften zu einer Person die vielleicht Ursach hatte über ihre Herkunft
zu erröten und mit der sich seine Bekanntschaft auf dem Theater angefangen
hatte einwenden können Ich gestehe Ihnen alles ein würde Don Eugenio
geantwortet haben alle diese Einwürfe alles was sie meine Freunde und die
Welt nur immer dagegen sagen können hat mir meine eigene Vernunft tausendmal
gesagt und so töricht ich ihnen scheinen mag so bin ich es doch nicht genug
um nicht ganz deutlich einzusehen dass Sie und meine Vernunft recht haben aber
was vermag das alles gegen die Stimme meines Herzens gegen einen
unwiderstehlichen Zug von dem ich nicht Meister bin noch zu sein wünschen
kann Die Hälfte aller dieser Um stände würde mehr als zulänglich sein eine
gewöhnliche Leidenschaft zu dämpfen Aber die Gewalt der Sympatie liebste
Schwester Man muss sie selbst erfahren haben um zu wissen wie unmöglich es
von dem ersten Augenblick an da man sie erfährt ist ihr zu widerstehen
Donna Felicia würde diesen Grund sehr geringhaltig gefunden haben wenn sie
diese Sympatie womit Don Eugenio es sei nun mit Recht oder Unrecht seine
Torheit oder Schwachheit oder wie es die weisen Leute die über solche
Ausschweifungen hinweg gesetzt sind nennen wollen zu rechtfertigen vermeinte
nicht aus eigener Erfahrung gekannt hätte und in der Tat hätte es ihr kaum
anders als ungereimt vorkommen können dass eine betrügliche ungewisse und
unerklärbare Empfindung ein ich weiß nicht was das vielleicht nur ein Gespenst
der EinbildungsKraft ist für hinlänglich gehalten werden solle die Stimme der
Vernunft der Klugheit und der Ehre zu überwiegen Allein zum Vorteil ihrer
beiderseitigen Leidenschaft befanden sie sich beide in dem nämlichen oder doch
einem sehr ähnlichen Falle Was Donna Felicia für den Don Sylvio empfand
erklärte ihr vollkommen was Don Eugenio seine Sympatie für Hyacinten nannte
und Don Eugenio konnte nicht so unbillig sein von seiner Schwester die
Unterdrückung einer Neigung zu verlangen die er selbst für unwiderstehlich
erklärt hatte Sie schenkten also einander die Einwürfe die eines jeden eigene
Vernunft so gut als des andern seine gegen den Entschluss ihres Herzens zu machen
wusste und richteten ihre vereinigte Aufmerksamkeit bloß darauf wie die
Hindernisse die ihren Wünschen im Wege stunden am besten gehoben werden
könnten Die Gefälligkeit die Donna Felicia in diesem Stücke für die
Leidenschaft ihres Bruders zeigte verdiente alle nur ersinnliche
Erkenntlichkeit auf seiner Seite und da in der Tat die überspannte Phantasie
unsers Helden das einzige war was ihn ihrer Liebe unwürdig machen konnte So
schien alles bloß darauf anzukommen wie man es anzufangen hätte um sein Gehirn
wieder in seine natürliche Falten zu legen Die Nachrichten des Bartiers wurden
hiebei zum Grunde gelegt und Don Eugenio urteilte dass es nicht sehr viel Mühe
brauchen werde einen jungen Menschen dessen Torheit bloß in einer Art von
Schwärmerei bestund die aus zufälligen Ursachen einen so seltsamen Schwung
genommen hatte in kurzer Zeit zurechte zu bringen Ich habe bemerkt sagte er
dass sie ihm nichts weniger als gleichgültig sind Es ist wahr sie haben eine
Rivalin aber da sie nur ein Sommervogel ist und erst noch in eine eingebildete
Prinzessin verwandelt werden soll so wird sie ihnen den Sieg nicht lange
streitig machen Lassen sie uns anfangs so viel Nachsicht gegen seine Torheit
brauchen als nötig ist um sein Vertrauen zu erwerben die Natur und die Liebe
werden das meiste tun die Phantasie wird nach und nach der Empfindung Platz
machen und wenn nur diese einmal die Oberhand hat so wird es leicht sein ihm
Vorurteile und irrige Begriffe zu benehmen die keinen Fürsprecher mehr in
seinem Herzen haben
Donna Felicia war sehr erfreut ihre eigene Ideen von ihrem Bruder
gerechtfertiget zu sehen und unterließ nicht ihm ihre Dankbarkeit dadurch zu
bezeugen dass sie so viel Gutes von seiner geliebten Hyacinthe sagte als er nur
immer wünschen konnte Sie versicherte ihn so gar dass sie in ihrer Person und
Denkungsart allzuviel edles habe als dass das Geheimnis ihrer Geburt sich anders
als zu ihrem Vorteil enthüllen könne und Don Eugenio dem dieser Gedanke nichts
neues war hatte ihn jederzeit dem Vorteil seines Herzens zu günstig gefunden
um seinen Witz zu Einwürfen dagegen zu missbrauchen
Nachdem sie sich also über die Maßregeln die sie zu Beförderung ihrer
Absichten mit Don Sylvio nehmen wollten verglichen und für gut befunden hatten
der schönen Hyacinthe und dem Don Gabriel einen Teil des Geheimnisses
anzuvertrauen So schieden sie so vergnügt von einander als sie es jemals
gewesen waren und begaben sich in den Saal um ihren Gästen bis zum Abendessen
Gesellschaft zu leisten
Achtes Kapitel
Streit zwischen der Liebe zum Bilde und der Liebe zum Original
Die schimmernde Pracht des Speisesaals worin man sich versammlete die Menge
der Wachslichter womit er erleuchtet war die Kostbarkeit des Tischgerätes die
Niedlichkeit der Mahlzeit die Verschiedenheit der ausgesuchtesten Weine alles
dieses würde unsern Helden der in einem FeenSchloss zu sein glaubte auch in
andern Umständen nicht in die geringste Verwunderung gesetzt haben ob es gleich
das erstemal war dass er eine solche Pracht außerhalb seiner Einbildung sah Nun
aber da Donna Felicia sich seiner ganzen Aufmerksamkeit bemächtiget hatte wäre
er leicht zu bereden gewesen in einer Stroh Hütte worin er sie gesehen hätte
sich im Palast der Fee Lüminöse zu glauben
Die schöne Felicia konnte nicht die letzte Person sein die den Eindruck
bemerkte den sie auf ihn machte und weil sie sich ihres Sieges nicht genug
versichern zu können glaubte so nahm sie sich vor alle ihre Reizungen zu
vereinigen um ihm eine schlaflose Nacht zu machen Eine angenehme Symphonie
die sich unter der Tafel hören ließ ohne dass man sah woher und wovon also Don
Sylvio ohne Anstand den Sylphen die Ehre gab von denen die FeenPaläste bedient
zu werden pflegten gab ihr Gelegenheit nach Endigung der Mahlzeit ihre eigene
Geschicklichkeit hören zulassen Die junge Hyacinthe glaubte sich übertroffen zu
sehen und würde sich also niemals haben einfallen lassen der Donna Felicia das
unbegrenzte Lob streitig zu machen womit sie der bezauberte Sylvio
überschüttete Aber Don Eugenio war zu eifersüchtig über die LieblingsTalente
seiner jungen Freundin um seine Schwester in dem ruhigen Besitz eines so großen
und ungeteilten Beifalls zu lassen
Er ließ also nicht ab bis sie sich erbitten ließ sich mit der schönen
Felicia in einen Wettstreit einzulassen der in einer Gesellschaft wie diese
war nicht anders als das allgemeine Vergnügen befördern könnte Die beiden
Damen schienen wider die Gewohnheit ihres Geschlechts einander den Vorzug mit
einer so ungezwungenen Gutherzigkeit beizulegen dass man Mühe hatte an ihrer
Aufrichtigkeit zu zweifeln Don Gabriel fand dass es dem Paris leichter gewesen
unter den drei Göttinnen einer den goldnen Apfel zuzusprechen als den Ausspruch
zu tun welche unter diesen zweien allzu liebenswürdigen Musen an Schönheit der
Stimme und des Gesangs an Behendigkeit der Finger und an Geschicklichkeit sich
aller Zauber der Harmonie nach ihrem Belieben zu bedienen einen Vorzug vor der
andern habe und selbst die Liebhaber so ausgemacht dieser Punkt bei jedem war
gestunden doch dass wenn es ja möglich sei eine von beiden zu übertreffen Donna
Felicia nur von Hyacinten und Hyacinthe nur von Donna Felicia übertroffen
werden könne
Unsere kleine Gesellschaft hatte so wenig lange Weile bei dieser Art von
Unterhaltung und die Damen waren so gefällig dass die anbrechende
MorgenDämmerung sie endlich erinnern musste dass es Zeit sei schlafen zu gehen
Wir wissen nicht ob außer Don Gabriel der sich in einem Alter von vierzig
Jahren bereits über die bewölkte und stürmische Gegend der Leidenschaften in die
immer heitere Höhe einer beinahe stoischen SeelenRuhe empor gearbeitet hatte
sich jemand von den übrigen die guten Wünsche zu Nutze gemacht die sie einander
deswegen taten Was wir gewiss wissen ist dass Don Sylvio sich noch niemals in
einem Zustande befunden hatte der dem Schlaf weniger günstig gewesen wäre In
der Entzückung die ihm noch immer gebunden hielt merkte er nicht einmal dass
sich an statt des guten ehrlichen Pedrillo den er weder sah noch vermisste ein
paar junge Edelknaben in seinem Vorzimmer befanden die sich der Ehre anmassten
ihn auszukleiden und er war es wirklich schon ehe er sich besann dass er nicht
ausgekleidet sein wollte Nachdem er nun die Knaben die er seiner Gewohnheit
nach zu Sylphen erhob entlassen hatte kleidete er sich wieder an warf sich
der MorgenRöte gegen über in einen weichen Lehnstuhl und überließ sich noch
eine geraume Zeit mit einem Vergnügen wovon nur wenige sich einen Begriff
machen können dem Anschauen des reizenden Gegenstandes der noch immer wie
gegenwärtig vor seiner bezauberten Seele schwebte Allein er musste doch endlich
aus dieser wachenden Träumerei erwachen und nachdem er wieder zu sich selbst
gekommen war fing er an sich zu befragen was er von allem dem was ihm in
diesem Palast begegnet war denken sollte Er glaubte sichs bewusst zu sein dass
es weder ein Traum noch eine Erscheinung von derjenigen Art wie er schon
gehabt hatte gewesen sei Aber was er aus der Beherrscherin dieses Palasts
machen sollte ob es eine Fee eine Sterbliche eine Göttin oder wohl gar seine
Prinzessin selbst sei wie die Ähnlichkeit die sie mit dem verlorenen Bildnis
hatte ihn zu bereden schien darüber konnte er sich nicht mit sich selbst
vergleichen Zwar stimmte diese letzte Vermutung so sehr mit seinen Wünschen
überein dass er sich eine gute Weile bemühte sie wahrscheinlich zu finden
allein bei genauerer Überlegung fand er diese Hypothese mit so vielen
Schwierigkeiten umgeben dass er sie wieder fahren ließ Vielleicht ist sie eine
Anverwandte meiner Prinzessin dachte er oder in der nämlichen Konstellation
und unter den Einflüssen der nämlichen Aspecten geboren oder sie hat diese
Ähnlichkeit aus geheimen Ursachen nur angenommen oder es ist wohl gar nur ein
süßer Irrtum meines Herzens das von irgend einem ähnlichen Zug verführt
diejenige zu sehen glaubt die es überall zu sehen wünscht Nach langem
Nachdenken schien ihm das letztere das wahrscheinlichste weil es mit der Treue
die er seiner Geliebten zu halten entschlossen war sich am besten zu vertragen
schien Auf diese Art bewunderte er bloß seine Prinzessin in Donna Felicia und
er schloss sehr scharfsinnig wie reizend bezaubernd überirdisch göttlich und
wofern es möglich wäre mehr als göttlich die Vollkommenheiten seiner Prinzessin
sein müssten da eine schwache Ähnlichkeit mit ihr diese Fee schon so reizend in
seinen Augen machte
Um diesem Schluße desto mehr Stärke zu geben strengte er die äußerste
Macht seiner Phantasie an sich die vermeinte Prinzessin noch reizender
liebenswürdiger und vollkommener einzubilden als Donna Felicia aber es sei
nun dass die EinbildungsKraft nicht im Stande ist etwas vollkommeners hervor zu
bringen als die Natur oder dass ihm die Liebe hierin einen ihrer gewöhnlichen
Streiche spielte gewiss ist das Bild der schönen Felicia stand jedesmal an der
Stelle der Prinzessin und alle seine Bestrebungen sich dieselbe unter andern
Zügen vorzustellen waren vergeblich
Dieser Umstand setzte ihn in keine geringe Verlegenheit ohne sein eigenes
Herz in Verdacht zu ziehen fing er an über die Bezauberung welche Donna
Felicia über seine Seele auszuüben schien misstrauisch zu werden Er geriet auf
allerlei seltsame Einfälle die er wechselsweise bald verwarf bald
wahrscheinlich fand und nachdem er sich lange über die Maßregeln die er zu
nehmen hätte bedacht deuchte ihn zuletzt das sicherste zu sein sich so bald
als möglich oder wenigstens so bald als er Ursache finden würde seinen Argwohn
für gegründet zu halten aus diesem gefährlichen Schloss zu entfernen
Neuntes Kapitel
Was für gefährliche Leute die Philosophen sind
Unter diesen einsamen Betrachtungen war es heller Tag geworden Don Sylvio begab
sich um seinen Gedanken desto besser nachhängen zu können in den Garten und
wir wissen nicht wohin sie ihn endlich geführt hätten wenn Don Gabriel der
die Morgenstunden gewöhnlicher Weise mit einem Buch im Garten zubrachte ihn
nicht in den Gängen des Labyrints angetroffen hätte
Von ungefähr war das Buch das Don Gabriel in der Hand hatte ein
physicalisches und dieses führte sie nach und nach in ein Gespräch über die
Natur worin Don Sylvio seine cabbalistischen Begriffe und Grundsätze mit so
vieler Scharfsinnigkeit und mit einer so lebhaften Beredsamkeit behauptete dass
Don Gabriel die Schönheit seines Geistes und die durchgängige Falschheit seiner
Ideen gleich viel zu bewundern Ursache hatte
Man musste so sehr Philosoph sein als es Don Gabriel war um den Mut über
eine so tiefeingewurzelte Schwärmerei endlich Meister zu werden nicht auf
einmal zu verlieren Allein durch die Gefälligkeit die er gegen die Vorurteile
unsers Helden hatte hoffte er mit gutem Grunde ihn ohne seine Grundsätze
gerade zu bestreiten unvermerkt so weit zu bringen dass er selbst an der
Wahrheit derselben zweifeln müsste
Unsre Leser und Leserinnen denn ungeachtet des strengen Verbots des Herrn
Rousseau werden wir ganz gewiss dergleichen haben unter denen schwerlich ein
einziges nötig hat von Zoroastrischen Plotinischen Kabbalistischen
Paracelsischen und Rosenkreuzerischen Irrtümern geheilt zu werden würden uns
vermutlich für die Mitteilung einer so tiefsinnigen metaphysischen Unterredung
wenig Dank wissen zumal da es von Morgens sechs Uhr bis um die Zeit da die
Gesellschaft sich in einem kleinen GartenSaal zum Frühstück versammlete
fortgesetzt wurde Wir begnügen uns also ihnen zu melden dass Don Gabriel mit
aller nur ersinnlichen Hochachtung die er für die Weisen welche die Natur im
Ganzen und en detail durch Geister bewegen lassen zu hegen vorgab so starke
Einwürfe gegen diese wundervolle NaturLehre vorbrachte dass Don Sylvio wo
nicht völlig wankte doch ziemlich erschüttert wurde und so vorsichtig auch
der Philosoph gewesen war den Feen nicht zu nahe zu treten nicht wenig besorgt
zu werden anfing was aus allen seinen Märchen und aus seinen eigenen Abenteuren
werden möchte wenn die Grundsätze des Don Gabriel die dieser zwar für bloße
Hypotesen gab sich in facto wahr befinden sollten
Nun half sich zwar Don Sylvio mit dem gewöhnlichen Schluße den die
Schwärmerei zu machen pflegt wenn sie von der gesunden Vernunft in die Enge
getrieben wird er verwies sich selbst auf seine Erfahrungen und schloss dass
Grundsätze die seiner Erfahrung widersprächen notwendig falsch sein müssten
Allein es regte sich doch wir wissen nicht was in seinem Kopfe das ihn bei
diesem Schluße nicht so ruhig sein ließ als man es bei einer geometrischen
Demonstration zu sein pflegt und da er ein ungemeiner Liebhaber von
Speculationen von dieser Gattung war so willigte er mit Vergnügen ein dieses
Gespräch zu einer andern gelegenen Zeit in der Bibliothek des Don Eugenio
fortzusetzen
Zehendes Kapitel
Wie kräftig die Vorsätze sind die man gegen die Liebe fasst
Don Sylvio hatte sich unter anderm vorgenommen den Eindrücken männlich zu
widerstehen welche wie er sich selbst zu bereden suchte die Ähnlichkeit der
Donna Felicia mit seiner Prinzessin aufsein Herz machte Dieser heldenmütige
Entschluss gab ihm anfangs wie er mit Don Gabriel zur Gesellschaft kam ein so
gezwungenes und entlehntes Aussehen als nur immer ein Mittelding von einem
Knaben und Jüngling haben kann der nur erst neulich dem Kollegio entwischt ist
und jetzt zum erstenmal in guter Gesellschaft erscheint Donna Felicia bemerkte
es beim ersten Anblick ohne dass sie darauf acht zu geben schien sie erriet die
Ursache davon mit dieser außerordentlichen Scharfsinnigkeit welche die Liebe zu
geben pflegt und hoffte nicht ohne Ursache dass ihre Gegenwart den Streit
zwischen seiner Phantasie und seinem Herzen bald entscheiden werde
Die Moralisten habens uns schon oft gesagt und werdens noch oft genug
sagen dass es nur ein einziges bewährtes Mittel gegen die Liebe gebe und dieses
ist sagen sie so bald man sich getroffen fühlt so schnell davon zu laufen als
nur immer möglich ist Dieses Mittel ist ohne Zweifel vortrefflich wir bedauern
nur dass es diesen weisen Männern nicht auch gefallen hat das Geheimnis zu
entdecken wie man es dem Patienten beibringen solle Denn man will bemerkt
haben dass ein Liebhaber natürlicher Weise eben so wenig fähig sei vor dem
Gegenstande seiner Leidenschaft davon zu laufen als ob er an Händen und Füßen
gebunden oder an allen Nerven gelähmt wäre ja man behauptet so gar nach einer
unendlichen Menge von Erfahrungen worauf man sich beruft dass es in solchen
Umständen nur nicht einmal möglich sei zu wünschen dass man möchte fliehen
können
Es ist wahr Don Sylvio hatte eine Art von Entschluss gefasst dass er so bald
es nötig sein sollte fliehen wolle allein wie man sieht war dieser Entschluss
nur bedingt und die Liebe blieb allezeit Richterin darüber ob es nötig sei zu
fliehen oder nicht und über dies war die schöne Felicia nicht dabei wie er
diesen Entschluss fasste
Die Gegenwart des geliebten Gegenstandes verbreitet eine Art von magischer
Kraft oder um uns eines eben so unverständlichen aber unsers philosophischen
Jahrhunderts würdigern Ausdrucks zu bedienen eine Art von magnetischen
Ausflüssen rund um sich her und der Liebhaber tritt nicht so bald in diesen
magnetischen Wirbel so fühlt er sich von einer unwiderstehlichen Gewalt
ergriffen die ihn in einer Art von SpiralLinie so lange um denselben herum
zieht bis er Wir überlassen es der Scharfsinnigkeit des geneigten Lesers die
Allegorie so weit zu treiben als er will oder als sie gehen kann und bemerken
nur noch dass diese anziehende Kraft einer Geliebten außer denen die ihr mit
den natürlichen und künstlichen Magneten gemein sind noch die besondere
Eigenschaft hat alle Gedanken Einbildungen Erinnerungen oder Entschließungen
die ihre Wirkung entkräften könnten auf einmal in der Seele des angezogenen
Körpers auszuwischen
Don Sylvio wurde in wenigen Minuten ein Beispiel dieser physicalischen
Beobachtung Er hatte sich vorgenommen Donna Felicia gar nicht anzusehen er
konnte sich aber doch nicht enthalten sie ein wenig von der Seite anzuschielen
Bald darauf wagte er einen directen Blick aber so schüchtern als ob er besorgt
hätte sie möchte Basilisken in den Augen haben Dieser Versuch lief so
glücklich ab dass er kühner wurde und er versuchte es so lange bis er gar
nicht mehr daran gedachte noch daran gedenken konnte die Augen von ihr wieder
abzuziehen Kurz die vorbesagte magnetische Kraft tat ihre Wirkung so gut dass
er sich dem Anschauen seiner Göttin wieder so gänzlich so ruhig und mit solchem
Entzücken überließ als ob nie keine Radiante kein blauer Sommervogel und keine
bezauberte Prinzessin innerhalb der kleinen Welt seines Hirnschädels existiert
hätte
Die schöne Felicia befand sich in Absicht ihres Herzens ungefähr in den
nämlichen Umständen Don Sylvio hatte zum wenigsten eine eben so starke
magnetische Kraft für sie als sie für ihn ja wenn wir dem Albertus Magnus und
andern Naturforschern des guten alten blinden Teresias nicht zu gedenken der
weil er wechselsweise Mann und Weib gewesen war aus Erfahrung von der Sache
sprechen konnte wenn wir sage ich diesen Weisen glauben sollen so musste die
Anziehung die sie selbst erfuhr wirklich um ein gutes Teil stärker sein ob
sie gleich vermittelst einer gewissen vis inertiæ womit die Natur oder die
Erziehung ihr Geschlecht zu begaben pflegt die Wirkung derselben nach Massgabe
der Umstände so viel es nötig war zu schwächen wusste Diese gegenseitige
Anziehung beschleunigte natürlicher Weise die wundervolle Koncentration die
daraus zu erfolgen pflegt und indem beide zu gleicher Zeit anzogen und
angezogen wurden so befand sichs dass ehe sie es selbst gewahr wurden ihre
Seelen einander schon in allen Puncten berührten und also nicht viel leichter
wieder von einander zu scheiden waren als ein paar Tautropfen die im Schoss
einer halb geöffneten Rose zusammen geflossen sind
In einer so sympatetischen Gesellschaft wie diese war konnte die
Konversation nicht lange gleichgültig bleiben Das Gespräch lenkte sich
unvermerkt auf den sonderbaren Zufall der unsern Helden und Don Eugenio mit
einander bekannt gemacht hatte und der Anteil den die schöne Hyacinthe an
diesem Abenteuer hatte erweckte bei denen die von ihrer Geschichte noch nicht
umständlich unterrichtet waren eine desto gerechtere Neugier da ihre
liebenswürdige Eigenschaften bereits jedes Herz für sich eingenommen hatten
Denn selbst Don Sylvio so gleichgültig ihn seine Leidenschaft für die Donna
Felicia gegen alle andere Reizungen hätte machen sollen empfand wider seinen
Willen eine Art von Zuneigung für sie die er sich selbst nicht recht erklären
konnte und die ohne die Unruhe das Feuer und die Begierde der Liebe zu haben
alle Zärtlichkeit derselben zu haben schien
Die schöne Hyacinthe hatte keine Ursache vor einer von den gegenwärtigen
Personen ein Geheimnis aus ihrer Geschichte zu machen und hingegen sehr
wichtige sie zu entdecken Die Leidenschaft des Don Eugenio dasjenige was er
schon für sie getan die Absichten die er mit ihr hatte und vermutlich auch die
Hauptumstände ihres Lebens waren wirklich schon bekannt und so groß auch die
Achtung war womit ihr Donna Felicia begegnete so besorgte sie doch dass man
Vorurteile gegen sie gefasst haben könnte welche sie desto mehr zu vernichten
begierig war da sie einen so festen Entschluss als eine Verliebte nur immer
fassen kann gefasst hatte ihrem Verständnis mit Don Eugenio ein Ende zu machen
Sie machte also keine Schwierigkeiten der Bitte ihres Liebhabers die von Donna
Felicia und Don Sylvio unterstützt wurde durch Erzählung ihrer Begebenheiten
genug zu tun auf welche unser Held desto begieriger war da er nicht zweifelte
dass die Feen keinen geringen Anteil an demselben haben würden
Elftes Kapitel
Geschichte der Hyazinte
Wenn es richtig ist wie ich zu glauben geneigt bin fing die schöne Hyacinthe
ihre Erzählung an dass ein Frauenzimmer desto schätzbarer ist je weniger sie
von sich zu reden macht so bin ich unglücklich genug dass ich in einem Alter
worin die meisten kaum angefangen haben unter den Flügeln einer zärtlichen
Mutter schüchtern hervor zu schleichen eine Erzählung meiner Begebenheiten zu
machen habe und ich würde in der Tat untröstbar deswegen sein wenn ich die
Schuld davon mir selbst beizumessen hätte
Alles was ich Ihnen von meiner Abkunft sagen kann ist dass ich nichts davon
weiß Ich erinnere mich zwar wiewohl nur ganz dunkel der Zeit da mich eine
schon bejahrte Zigeunerin von der ich erzogen worden bin in ihre Gewalt bekam
ich war noch sehr klein und mich deucht dass ich in einem großen Hause gewesen
war und etliche Weibsleute und einen kleinen Bruder um mich gehabt hatte den
ich sehr zärtlich liebte Aber auch diese wenigen Erinnerungen sind so schwach
und erloschen dass ich mir nicht getraue Sie zu versichern dass es wirklich so
gewesen sei
Die Zigeunerin die sich für meine Großmutter ausgab ohne dass sich mein
Herz jemals überreden lassen wollte es zu glauben wandte allen nur möglichen
Fleiß an mich zu den Absichten die sie mit mir hatte zu erziehen Ich war
kaum sieben Jahr alt da die gute Art wie ich zu meiner kleinen
BiscayerTrommel tanzte die naiven Antworten die ich gab und tausend kleine
Gaukeleien die ich zu machen wusste mir allenthalben wo wir hinkamen die
Gunst der Leute erwarben und meiner alten PflegMutter ihre Realen zufliegen
machten Dieser Success munterte sie auf dass sie nichts ermangeln ließ die
Talente die sie in mir zu finden glaubte zu entwickeln In meinem zwölften
Jahre spielte ich die Citer und die Teorbe sang eine unendliche Menge von
Liedern und Romanzen und prophezeite aus der Hand und aus dem KaffeeSatz so
gut als irgend eine Zigeunerin in der Welt
Die Aufmerksamkeit die ich ungeachtet meiner anscheinenden
Flatterhaftigkeit auf alles hatte was ich sah und hörte machte mich einsmal
da wir auf einem Feste zu Toledo waren bemerken dass unter einem Haufen von
Zuschauern die ich nebst etlichen andern jungen Mädchen zum Vorteil unsrer
Alten durch Tänze und Balladen belustigen musste ein paar Männer von
ernstaftem Ansehen stunden die mich mit mitleidigen Augen anzusehen schienen
Wie Schade sagte einer dass sie eine Zigeunerin ist Wie bald wird diese sich
selbst noch unbewusste Anmut die Beute der Verführung werden Glaubet mir sagte
der andere sie hat mir eher die Mine andre zu verführen als sich verführen zu
lassen Desto mehr ist sie zu bedauern erwiderte der erste in ihrem Stand ist
die Tugend die in jedem andern ein Verdienst ist ein Fehler der sie nur desto
unglücklicher machen würde Diese Reden die ich ohne dass sie es merkten
auffasste machten einen tiefen Eindruck auf mein Gemüt und je weniger ich ihren
Sinn verstehen konnte desto mehr bemühte ich mich ihn auszugrübeln
Die alte Zigeunerin die nur darauf dachte wie sie mich reizend machen
wollte hatte sich wenig bekümmert mich die Tugend kennen zu lehren und wie
hätte sie es sollen da sie selbst weder Begriff noch Gefühl davon hatte Dem
ungeachtet war ich nicht gänzlich ohne moralische Begriffe Ein gewisser
Instinkt der sich durch meine Aufmerksamkeit auf die Handlungen unserer kleinen
Gesellschaft und auf die Bewegungen meines eigenen Herzens nach und nach
entwickelte sagte mir dass dieses oder jenes schön oder hässlich sei ohne dass
ich eine andere Ursache hätte angeben können als meine Empfindung Die Romanzen
und Märchen von denen ich eine große Menge auswendig wusste waren eine andere
Quelle aus der ich mir eine Art von Sittenlehre zog die vielleicht nicht die
sicherste war aber sie war doch immer besser als gar keine Dieser Instinkt
diese verworrene Begriffe von sittlicher Schönheit und die obigen Reden der
beiden Toledaner die mir immer wieder einfielen flössten mir endlich einen
lebhaften Abscheu vor meinem Stand und der Lebensart die wir führten ein so
unschuldig sie immer in gewissem Sinne genennt werden konnte Ich muss
unglücklich sein sagte ich zu mir selbst weil man mich bedauernswürdig findt
und bin ich es nicht da ich für einen kleinen elenden Gewinnst mich
allenthalben zur Schau aussetzen mich von jeden unverschämten Auge begaffen
lassen und Leuten die ich nicht kenne zum Spielzeug dienen muss Dieser Gedanke
machte mich nach und nach in meinen eigenen Augen so verächtlich dass ich den
Geschmack an den kleinen Ergötzlichkeiten aus denen bisher mein Leben zusammen
gewebt gewesen war gänzlich verlor
Ich war eben in dieser GemütsVerfassung als uns einst die Alte in ein
schönes Schloss führte wo sie durch die Talente ihrer vorgeblichen Töchter
denn sie hatte unser fünfe oder sechse von denen die älteste kaum vierzehn
Jahr alt war einige Ducaten zu erschleichen hoffte Die Dame des Schlosses war
eine Witwe von dreißig Jahren die ihr vornehmstes Geschäfte daraus machte eine
sehr artige Tochter zu erziehen die ungefähr in meinem Alter war Diese Dame
schien von meiner Unschuld und von dem stillen Kummer der in meinen Augen
schmachtete gerührt zu werden Sie nahm mich beiseite tat verschiedene Fragen
an mich und schien mit meinen Antworten sehr vergnügt zu sein Zuletzt fragte
sie mich ob ich nicht Lust hätte bei ihr zu bleiben Ihr edles Ansehen und
ihre leutselige Mine bezauberte mich so sehr dass sie meine Antwort in meinem
Gesichte lesen konnte eh ich Worte fand ihr meine Freude darüber auszudrücken
Sie wiederholte diesen Antrag gegen die alte Zigeunerin und vergaß nichts was
sie hätte überreden können mich aufs beste bei ihr versorgt zu glauben Aber
die Alte welche ganz andere Absichten mit mir hatte war unerbittlich Endlich
sagte sie dass ich ihr zu nützlich wäre als dass sie sich entschließen könnte
mich ohne einen beträchtlichen Ersatz von sich zu lassen Zum Unglück war die
großmütige Dame die bereits mein ganzes Herz eingenommen hatte nicht reich
genug die ausschweifende Forderung der Alten zu befriedigen und diese bemerkte
es kaum so eilte sie was sie konnte bis wir wieder aus dem Hause waren Meine
Tränen rührten die gütige Dame so sehr dass sie sich bei nahe entschlossen hätte
Gewalt zu brauchen allein die Alte berief sich auf ihre mütterliche Rechte
die ich nicht widersprechen konnte so wenig sie auch mein Herz bestätigte
Kurz wir mussten scheiden und die Besorgnis dass man uns nachsetzen möchte
machte die Alte so behutsam dass sie uns durch lauter Wälder Umwege und
abgelegene Örter führte bis wir endlich zu Sevilla anlangten Ich war
untröstbar und die Alte sah sich genötigt meinen Schmerz austoben zu lassen
ehe sie es versuchen wollte mir mein Schicksal in einem angenehmen Lichte
vorzustellen Ich war zu jung und zu sehr zur Fröhligkeit geneigt als dass die
Traurigkeit der ich mich ohne Maß überlassen hatte von langer Dauer hätte sein
können Unsre Ankunft zu Sevilla veränderte die Szene unsrer LebensArt die
Alte mietete ein geraumiges Haus räumte mir ein eigenes Zimmer ein und
verdoppelte die Freundlichkeit mit der sie mir immer begegnet war Sie gab mir
Meister die mich in der Musik vollkommen machen sollten und machte mir alle
Tage Geschenke von Bändern und andern artigen Kleinigkeiten
Endlich da sie mich eines Morgens aufgeräumter sah als gewöhnlich hielt sie
mir nachdem sie sich den Weg zu meinem Herzen durch Liebkosungen und
Schmeicheleien eröffnet zu haben glaubte eine lange Rede worin sie mir sagte
dass die Zeit nun herbei rücke da sie die Früchte der Bemühungen so sie auf
mich gewandt zu sehen hoffte Sie erhob meine Reizungen und versicherte mich
dass die Glückseligkeit meines Lebens bloß von dem klugen Gebrauch abhangen
werde den ich davon zu machen lernen würde Du siehst an mir mein Töchterchen
sagte sie dass man alle Tage älter wird die Blüte der Jugend ist die Zeit die
man sich zu nutze machen muss wenn sie einmal versäumt ist so ist der Schade
unersetzlich Ich kann dir keine Reichtümer hinterlassen deine Gestalt und
deine Gaben sind alles was du hast aber sei unbesorgt sie werden dich wenn
du klug bist in einen goldnen Regen setzen Nach dieser viel versprechenden
Vorrede fing sie einen Discours von der Liebe an wobei sie den Vorteil zu haben
glaubte mich desto leichter zu überreden je unerfahrner ich war Sie
erschöpfte ihre eigene EinbildungsKraft um die meinige zu erhitzen aber die
kalte Gleichgültigkeit worin ich blieb versicherte sie dass ihre Schildereien
nicht den mindesten Eindruck auf mich machten Vermutlich dachte sie dass dieser
Kaltsinn mehr meiner vollkommenen Unwissenheit in solchen Sachen als einer
absoluten Unempfindlichkeit zuzuschreiben sei Sie glaubte ein artiger junger
Lehrmeister würde geschickter sein als sie selbst mir die neue Kunst wozu sie
mich anführen wollte angenehm zu machen und es währte nicht lange so brachte
sie einen jungen Kavalier von Sevilla in mein Zimmer der wie er sagte das
Vergnügen haben wollte mit mir bekannt zu werden Bald darauf gab sie ich weiß
nicht was für Geschäfte vor und ließ uns allein Der junge Herr fing die
Konversation mit einigen Komplimenten an die er aus einem alten Ritterbuch
gelernt haben mochte auf diese folgte eine überaus feurige Liebes Erklärung
und aus Besorgnis ich möchte ihn nicht recht verstanden haben endigte er
damit dass er sich einige kleine Freiheiten heraus nehmen wollte Ich erschrak
anfangs und stieß ihn ziemlich unhöflich zurück aber ein Augenblick von
Überlegung oder vielmehr der besagte Instinkt der wenigstens bei mir denn ich
getraue mir nicht von mir auf unser ganzes Geschlecht zu schließen sehr oft die
Stelle der Überlegung vertritt zeigte mir so gleich dass Ernst und Unwille mir
hier wenig helfen würde Ich sagte ihm also mit einer angenommenen Munterkeit
Sie sind allzu voreilig mein Herr ich will nicht mit ihnen darüber
disputieren ob es wahr ist dass sie mich lieben es mag wahr sein oder nicht
so werden sie mir doch eingestehen müssen dass es nun darauf ankommt ob ich sie
wieder lieben will und wenn ich auch wollte ob ich es kann denn das hängt
nicht allemal von unserer Willkür ab Sie verlieben sich wie es scheint sehr
eilfertig das ist ihre Manier ich bin um ein ziemliches langsamer das ist
die meinige meine Gunstbezeugungen gehen mit meinem Herzen und dieses ist
nicht so leicht zu gewinnen als sie denken es ergibt sich mit ihrer Erlaubnis
nicht auf die erste Aufforderung Wenn sie mich aber so sehr lieben als sie
mich bereden wollen so kann es sie nicht viel kosten so viel Gefälligkeit für
mich zu haben und in Geduld abzuwarten wozu sich mein eigensinniges Herz mit
Zeit und Weile entschließen wird Kommen sie mein schöner Herr fuhr ich fort
ich will ihnen indessen zu Linderung ihrer Qual eine Romanze vorsingen von der
sie gewiss gestehen sollen dass sie die schönste ist die sie jemals gehört
haben Indem ich dies es sagte hüpfte ich ohne ihm Zeit zur Antwort zu lassen
zu meiner Teorbe leirte indes dass ich sie stimmte ein Präludium und sang
ihm darauf eine altfränkische Ballade von mehr als hundert und fünfzig Strophen
die eine so einschläfernde Melodie hatte dass die Lebhaftigkeit eines Franzosen
nicht zugereicht hätte dagegen auszuhalten Mein junger Herr saß da sah mich
mit einer Art von dummer Verwunderung an und rief von Zeit zu Zeit gähnend
schön rührend unvergleichlich Allein endlich kriegte ers doch genug und wie
er sah dass die Romanze kein Ende nehmen wollte so nahm er seinen Hut machte
seinen Reverenz und zog mit der tröstlichen Versicherung ab dass er bald wieder
kommen wollte
Sie werden denken dass ich bei diesem Anlass keine unfeine Anlage zur
Koquetterie gezeigt habe allein meine Absicht ist ihnen die Wahrheit zu
erzählen sie mag zu meinem Vorteil gereichen oder nicht
Bald darauf kam die Alte und ich merkte aus ihren Reden dass der junge Herr
nicht ganz vergnügt mit mir hinweg gegangen war Sie war es hingegen desto mehr
da ich ihr erzählte auf was Art ich seine kleine Lebhaftigkeit gedämpft hatte
Sie lobte mich und hoffte mit solchen Dispositionen noch Freude an mir zu
erleben Es ist eben nicht nötig sagte sie mir dass man alle die uns lieben
wieder liebe im Gegenteil es ist nichts in der Welt wovon eine junge Person
die ihr Glück durch sich selbst machen soll sich mehr in Acht nehmen muss als
eine ernsthafte Leidenschaft Gefälligkeit mein Töchterchen ist alles was man
von dir verlangt Indessen tust du wohl dass du auf deine gleichgültigsten
Gunstbezeugungen einen hohen Preis setzest ein Mädchen ist wert was sie sich
gelten macht es ist jetzt deine Zeit mein Kind und man ist nicht immer
vierzehen Jahr alt In diesem Ton fuhr die Alte noch eine gute Weile fort
Aus euren Reden unterbrach ich sie endlich muss ich schließen dass ihr
meint ich solle diesen jungen Menschen noch öfter sehen Warum nicht
versetzte die Alte und noch zwanzig andere dazu die dir vielleicht besser
gefallen werden Man sieht alle und weist niemand ab man wählt sich einen aus
und amusiert indes die andern bis die Reihe an sie kommt An statt diese Reden
zu beantworten brach ich in einen Strom von Tränen aus ich sagte der Alten
schluchzend dass ich keine Neigung zu einer solchen LebensArt hätte und machte
ihr bittere Vorwürfe dass sie mich nicht bei der guten Dame gelassen hatte die
mich so gerne bei sich behalten hätte Wenn ich euch zur Last bin sagte ich
O das sollst du nicht unterbrach mich die Alte du sollst mir und dir nützlich
sein Aber wie soll das zugehen fragte ich Wir singen und tanzen nicht mehr
weder in den Häusern noch auf den Märkten oder an den Festtagen und wenn ich
euch sagen soll wie ich denke so wollte ich auch lieber sterben als in dem
Alter worin ich bin länger herum ziehen und wie ein kleiner Affe die Leute
für Geld durch meine Sprünge belustigen Ich würde mich zu Tode schämen und ich
sage euch es ist nichts in der Welt das ich nicht lieber Sei nur
unbekümmert fiel mir die Alte ein du sollst auch nicht Wie du noch ein Kind
warst da war das alles schön und gut jetzt da du groß bist und wie ein
junges Rosenknöspchen aufzugehen anfangst jetzt taugst du zu was besserm eine
Rose ist nur dazu da dass man sie pflücke und die Rosen von deiner Art haben
das besondere dass sie nur desto schöner blühen wenn sie gepflückt sind Wie du
noch selbst ein Kind warst war es dir ganz anständig andere durch
Kinderspiele zu ergötzen jetzt ist es Zeit zu einer andern Art von Spielen
Deine Jugend deine Figur und deine Gaben werden dir so viele Liebhaber
verschaffen als du nur willst Ich will aber keine Liebhaber sag ich euch
und wills euch tausendmal hinter einander sagen wenn ihr mirs dann glauben
wollt Du willt keine Liebhaber versetzte die alte und lachte überlaut du
albernes einfältiges Ding du willt keine Liebhaber das wollen wir einmal
sehen Ich kenne dich besser als du selbst wir wollen in acht Tagen wieder
davon reden du glaubst weil dir der erste den du gesehen hast gleichgültig
war Aber wie ich sagte wenn du ehe acht Tage in die Welt gekommen sind
nicht einen Liebhaber hast in den du so verliebt bist wie ein junges Kätzchen
so will ich mein Handwerk aufgeben Mit diesen Worten ging sie fort ohne darauf
acht zu geben dass ich vor Scham und Unwillen bis aufs Weiße im Auge rot war
Ich war außer mir selbst ich warf mich auf einen Stuhl ich stand wieder auf
rang die Hände weinte schrie und dachte in einer Verwirrung worin es
unmöglich war zu denken auf ein Mittel wie ich aus der Gewalt des bösen alten
Weibes entkommen wollte Die gute liebenswürdige Dame fiel mir immer ein sie
würde mich gewiss aufnehmen dachte ich wenn ich nur ein Mittel finde zu
entwischen Das schlimmste meiner Einbildung nach war dass ich ihren Namen
nicht wusste noch wie der Ort hieß wo sie wohnte denn die Alte hat mir ihn
niemals sagen wollen Allein ich erinnerte mich doch so viel dass das Schloss nur
wenige Meilen von Kalatrava liege und ich zweifelte nicht dass ich sie erfragen
würde wenn ich nur ein mal wieder zu Kalatrava wäre Diese Gedanken beruhigten
mich wieder in etwas und da ich nun meine Flucht fest bei mir beschlossen
hatte so nahm ich mir vor sie bei der ersten Gelegenheit ins Werk zu setzen
Zwölftes Kapitel
Fortsetzung der Geschichte der Hyacinthe
Meine ehmaligen Gespielen die ich seit einiger Zeit selten zu sehen bekam
hatten sich wie ich in der Folge merkte gelehriger finden lassen die
Absichten der Alten zu begünstigen Man hatte bisher Sorge getragen alles was
im Hause vorging vor mir zu verhehlen aber jetzt fand die Alte für gut den
Vorhang aufzuziehen Die armen jungen Geschöpfe die von ihrer neuen Lebensart
nur die angenehme Seite sahen schienen ganz davon bezaubert zu sein sie
konnten nicht Worte genug finden mir ihre Glückseligkeit anzupreisen und die
älteste hatte es schon so weit gebracht dass sie meine Sprödigkeit wie sie es
nannte sehr beissend zu verspotten wusste Ich machte eine ziemlich alberne Figur
unter diesen Mädchen aber meine Verwirrung nahm nicht wenig zu wie ich nach
und nach eine Anzahl junger Mannsleute ankommen sah die beim ersten Eintritt in
ein ab gelegenes Zimmer wo wir waren so bekannt taten als ob sie da zu Hause
wären Weil ihnen mein Gesicht neu war so hatte ich gleich den ganzen Schwarm
um mich her und sie schienen es abgeredt zu haben mich durch ausschweifende
Lobsprüche in Verlogenheit zu setzen Die Alte merkte meine Bestürzung sie nahm
mich bei Seite und sagte mir dass es Leute vom Stande wären welche ihr die
Ehre täten den Abend zuweilen bei ihr zuzubringen sie versicherte mich dass es
sehr wohl gesittete junge Herren seien deren Absicht nicht weiter als auf eine
unschuldige Ergötzung gehe ein aufgewecktes Gespräch ein Spiel eine
Kollation und ein Tanz sei alles was sie bei uns suchten sie bezahlten dafür
wie Prinzen und da ihr Haus eine KaffeeSchenke sei so könne es niemand in der
Welt übel finden dass sie so gute Gesellschaft bei sich sehe Ich musste mich
hiemit befriedigen lassen und in der Tat führten sie sich bis zum Nachtessen so
anständig auf dass die Furcht die ich anfangs vor ihnen gehabt hatte
allmählich meiner gewöhnlichen Munterkeit Platz machte Ich ließ mich nicht
lange bitten ihnen so viel Romanzen zu singen als sie nur wollten und ich
gestehe ihnen dass meine kleine Eitelkeit nicht ganz unempfindlich gegen die
Schmeicheleien war die mir vorgesagt wurden Allein unter dem Nachtessen und
nachdem ihnen der Wein zu Kopfe gestiegen war fingen sie an sich für den
Zwang den sie sich bisher angetan hatten schadlos zu halten Die unbesonnene
Lebhaftigkeit meiner ehmaligen Gespielen schien sie zu den Freiheiten heraus zu
fordern die sie sich mit ihnen heraus nahmen Zungen Augen und Hände wurden
immer freier und ehe man sichs versah hatte die trunkene Ausgelassenheit eines
Bacchanals die Stelle der anständigen Fröhlichkeit eingenommen Ich würde
vergeblich Worte suchen um ihnen eine Beschreibung von dem Zustande zu machen
worin mich dasjenige was ich sah und hörte setzte Mein Erröten meine
Verwirrung wurde der Gegenstand ihrer Spötterei ein paar Gecken von unsrer
edlen Gesellschaft nahmen es auf sich mich wie sie sagten zahm zu machen und
ihre Nymphen die man gewiss der Sprödigkeit nicht beschuldigen konnte munterten
sie selbst dazu auf Ich wollte entfliehen aber ein paar andere verrannten mir
die Türe ich lief zu der Alten warf mich zu ihren Füßen und bat sie mich zu
retten aber sie lachte nur über mich Meinst du denn sagte sie dass es dir das
Leben kosten werde Fi wie unartig du bist wer verlangt dir dann was zu Leide
zu tun du solltest dir es zur Ehre rechnen dass so artige junge Kavaliers mit
dir scherzen mögen und du weinst und zitterst und schlotterst wie eine kleine
Närrin Kommen sie Don Fernand und trösten sie das gute Kind Diese Reden
verwandelten meine Angst in eine Art von Verzweiflung ich stund auf lief wie
eine Unsinnige zum Tisch bemächtigte mich eines Messers und drohte mich zu
ermorden wenn jemand sich unterstünde mich anzurühren O das fangt an tragisch
zu werden rief einer von unsern Gecken hat man jemals so was gesehen Das ist
noch mehr als Lucretia denn die wollte doch erst versuchen ob es der Mühe wert
wäre sich zu erstechen Dieser vermeinte witzige Einfall zog eine unendliche
Menge anderer nach sich worin immer einer den andern übertreffen wollte und es
erhob sich ein großer Streit wer wie sie sagten das Abenteuer mit dem kleinen
feuerspeienden Drachen bestehen sollte bis zuletzt einer den Vorschlag tat es
durch Würfel auszumachen Eine so niederträchtige Begegnung schmerzte mich so
sehr dass ich ganz atemlos in einen Lehnstuhl sank und alle Augenblick dachte
das Herz würde mir zerbersten Ich weiß nicht was in diesem Zustand aus mir
geworden wäre wenn nicht einer aus der Gesellschaft vor dem die übrigen eine
Art von Ehrerbietung zu haben schienen und der diesen ganzen Abend sehr
aufmerksam auf mich gewesen war sich auf einmal zu meinem Beschützer
aufgeworfen hätte Er sagte den übrigen mit einem Ton der seine Wirkung tat
dass ich keine solche Begegnung verdiene und zu gleicher Zeit gab er der Alten
einen Wink mich wegzuführen Sie brachte mich in ein kleines Zimmer wo ich mich
auf ein Ruhbette warf und durch einen Strom von Tränen meinem Herzen leichter
machte Die Alte ließ mich hier über eine Stunde allein und so bald ich wieder
zu mir selbst gekommen war fing ich wieder an auf meine Flucht zu denken
Alles was mir vormals unüberwindliche Hindernisse geschienen hatte war jetzt
nichts in meinen Augen die Fragen wohin ich fliehen oder wie ich ohne Geld
unter lauter unbekannten Leuten und so jung als ich war fortkommen wollte
fielen mir nur nicht einmal ein Wenn ich nur aus diesem Hause wäre dachte ich
so möchte der Himmel für das übrige sorgen Meine Ungeduld wurde so groß dass
ich keinen Augenblick länger warten wollte mein Vorhaben was auch daraus
entstehen möchte ins Werk zu setzen Aber wie groß war mein Schmerz da ich die
Tür verschlossen fand Ich lief nach den Fenstern aber sie waren so hoch dass
ich sie nicht erreichen konnte und zum Überfluss mit eisernen Gittern verwahrt
Ich schrie so laut als ich konnte damit man mich auf der Straße hören möchte
aber das Zimmer war weit von der Straße entfernt und niemand hörte mich Ich
warf mich wieder auf mein Ruhbette raufte mir die Haare aus schrie und
winselte wie eine Unsinnige und klagte den Himmel an dass er mich mit einem
Herzen das für meine Umstände zu edel war die Tochter einer Zigeunerin hätte
werden lassen oder wenn ich es nicht sei dass er mich in Umstände hätte
geraten lassen die mich so unerträglichen Beschimpfungen aussetzten O gewiss
bin ich für einen so schmählichen Stand nicht geboren dachte ich Wenn es auch
meine Gestalt und Farbe nicht zu verraten schiene so sagt mirs mein Herz dass
ich keine Enkelin dieser schändlichen Kupplerin bin die mich der Himmel weißt
durch was für Mittel in ihre Gewalt bekommen hat Ach ich bin vielleicht von
edelen Eltern geboren und die zärtliche Mutter die mich gebar beweint
vielleicht noch jetzt den Verlust einer Tochter welche sie liebenswürdig und
glücklich zu machen hoffte
Meine erregte Phantasie setzte diesen Gedanken lange fort ob es gleich
nicht das erstemal war dass er mir zu gleicher Zeit meinen Zustand unerträglich
machte und einen gewissen Mut einflößte mich durch meine Gesinnungen über ihn
zu erheben ich bestrebte mich so tiefe Blicke in meine Kindheit zu tun als
mir möglich war um in den schwachen Spuren erloschener Erinnerungen eine
Bekräftigung meiner wünsche zu finden und so eitel und ungewiss auch die
Einbildungen waren womit ich mich selbst zu betrügen suchte so dienten sie
doch dazu mich in dem Vorsatz zu bestärken in was für Umstände ich auch kommen
möchte meine Ehre eben so sorgfältig in Acht zu nehmen als ob das edelste Blut
von Kastilien in meinen Adern flösse Ich war noch in diese Gedanken vertieft
als die Alte wieder kam und mir mit ungemeiner Freundlichkeit sagte dass ich
mich fertig machen sollte ihr in eine andere Wohnung zu folgen weil mir dem
Ansehen nach die ihrige so übel gefalle Sie setzte hinzu dass ich dort an
statt von jemand abzuhangen ganz allein zu befehlen haben würde und noch viel
anders was mir eine große Meinung von dem Glücke das mir bevor stehe geben
sollte Sie wollte mich bereden ihre Absicht sei diesen Abend nur gewesen mich
auf eine Probe zu setzen sie lobte mein Betragen und sagte dass ich demselben
die glückliche Veränderung zu danken habe worin ich noch in dieser Nacht mich
sehen würde Der junge Kavalier fiel mir so gleich ein der sich meiner
angenommen hatte ich fragte die Alte aber sie gab mir lauter unbestimmte
Antworten auf meine Fragen Meine Begierde aus einem so schändlichen Hause zu
kommen verkleinerte die neue Gefahren worein ich geraten konnte zu sehr als
dass eine ungewisse Furcht den Abscheu vor einem Schicksal das in diesem Hause
fast unvermeidlich schien hätte überwiegen können und zudem so hätte mir da
ich nun einmal in ihren Händen war die Weigerung mit ihr zu gehen wenig helfen
können Ich ließ es mir also gefallen sie putzte mich so gut auf als es in der
Eile möglich war warf einen Schleier über mich und sich selbst und führte mich
aus dem Hause Es war um Mitternacht und der Mond schien unter einem leichten
Gewölk hervor Nachdem wir einige kleine Gassen durchkrochen hatten fanden wir
eine Kutsche die auf uns wartete Wir stiegen ein und ich war ein wenig
bestürzt wie ich eine von meinen vormaligen Gespielen zu uns einsteigen sah
die wie mir die Alte sagte mein Aufwartmädchen vorstellen sollte bis ich ein
anders hätte Indes war es mir doch angenehm dass sie Sorge getragen hatte
diejenige auszuwählen die mir immer die liebste gewesen und die in der Tat
eine einzige Schwachheit ausgenommen das beste Ding von der Welt war Wir
wurden eine ziemliche Zeit hin und wieder geführt bis endlich unser Wagen vor
einem kleinen Hause still hielt das kein sonderliches Ansehen hatte Die Türe
öffnete sich wir gingen hinein und wurden von einer etwas bejahrten Frau
empfangen die uns mit Lichtern entgegen kam Sie war in schlechtem grauen Zeug
gekleidet hatte eine von den größten Brillen auf der Nase und einen Rosenkranz
an ihrem Gürtel der ihr bis auf die Füße herab hing dieser Aufzug und ein
rundes rötliches Gesicht das aus einer altmodischen SchleierHaube hervor
guckte mit einem paar kleinen Augen die sie auf eine andächtige Art im Kopf
herum drehte gab ihr so völlig das Ansehen einer Beate dass ich anfangs in ein
Kloster zu kommen meinte Aber diese Vorstellung verlor sich bald da sie mich
in ein Gemach von vier in einander gehenden Zimmern führte welches wie sie
sagte meine künftige Wohnung sein sollte
Diese Zimmer waren immer eines prächtiger als das andere Tapeten Spiegel
Porcellan Gemälde Schnitzwerk Vergoldungen alles war so schön dass ich
etliche Augenblicke davon verblendet wurde Die Alte die mich bis hieher
begleitet hatte wartete nicht bis ich mich aus der ersten Bestürzung worin
die Wahrheit zu sagen Furcht und Vergnügen zu gleichen Teilen vermischt war
erholen konnte Ich überlasse dich nun dir selbst meine liebe Hyacinthe sagte
sie zu mir nachdem sie mich auf die Seite genommen hatte du bist
liebenswürdig und hast dir in den Kopf gesetzt auch tugendhaft zu sein der
Einfall ist gut und wenn du dich dessen zu bedienen weißt so kann dir deine
Tugend hundertmal so viel wert sein als mir deine Jugend und Schönheit Mit
diesen Worten verließ sie mich ohne eine Antwort zu erwarten Die Beate folgte
ihr nachdem sie mir mit einer tiefen Verbeugung eine gute Nacht gewünscht
hatte So bald ich allein war fing ich an diesem Abenteuer nachzudenken Ich
fragte die kleine Stella die bei mir geblieben war und ob sie mir gleich
nichts anders sagen konnte als dass der Marquis von Villa Hermosa eben
derjenige der sich diesen Abend meiner angenommen hatte sich bald nach meiner
Entfernung mit der Alten weg begeben und erst nach einer Stunde wieder gekommen
sei so schien es mir doch genug mich in der Vermutung zu bestärken dass ich
von der alten Kupplerin diesem jungen Herrn ausgeliefert worden sei Ich brachte
den Rest der Nacht in einer unruhigen Verwirrung hin und wieder laufender
Gedanken auf einem Sopha zu Ich stellte mir vor wie ich mich gegen den Marquis
bezeugen wollte meine Einbildung malte mir eine Menge von Abenteuern vor die
ich in alten Romanen gelesen hatte und meine kleine Eitelkeit fand sich durch
den Gedanken geschmeichelt dass ich vermutlich selbst die Heldin eines Romans
werden könnte Ohne Zweifel dachte ich liebt mich der Marquis und wenn er
mich liebt so bin ich wenigstens gewiss dass er mir anständig begegnen wird
Vielleicht denkt er mich durch Geschenke Juwelen reiche Kleider und eine
wollüstige Lebensart zu gewinnen aber er wird es anders finden Der bloße
Gedanke dass ein Preis in der Welt sein sollte um den Hyacinthe sich selbst
dahin gäbe empört mein ganzes Wesen Von dieser Seite hab ich nichts zu
besorgen Aber wie wenn er liebenswürdig wäre Wenn mein eigenes Herz mich
unvermerkt verführte oder wenn es wahr wäre dass die Liebe nicht in unsrer
Gewalt ist So ist es doch in meiner Gewalt es ihm zu verbergen und wenn
ers auch zuletzt entdeckte so werd ichs ihm dennoch weder eingestehen noch
seinen Anträgen Gehörgeben bis ich entdeckt habe wem ich mein Dasein schuldig
bin O ihr deren Blut dieses Herz belebt rief ich wer ihr auch sein möget
mein Herz sagt mir dass ihr einer Tochter würdig seid die ihr einst ohne zu
erröten dafür erkennen dürfet
Unter allen den Gedanken die diese Zeit über in meinem Kopf herum
schwärmten war dieser ohne Zweifel der beste er entsprang aus meinem Herzen
ich fand ein unbeschreibliches Vergnügen ihm nachzuhängen und fühlte dass er
mir eine gewisse Stärke mitteilte die mich über mein Alter und die Niedrigkeit
meiner Umstände erhob
In einer solchen Verfassung fand mich der Marquis da er bei seinem ersten
Besuch mir seine Absichten eröffnete Ich hatte ihn des Abends zuvor anfangs
gar nicht von den übrigen unterschieden und hernach nur mit einem zerstreuten
Blick und in einer ängstlichen Unruhe worin ich keiner Aufmerksamkeit fähig
war angesehen Jetzt da ich ihn genauer betrachtete fand ich ihn vollkommen
schön aber mein Herz blieb gleichgültig und sagte mir kein Wörtchen zu seinem
Vorteil Er schien sich so viel mit seiner Figur zu wissen dass es ihm nur nicht
einfiel dass man ihm sollte widerstehen können Dieser Stolz beleidigte den
meinigen und freilich konnte der Marquis nicht vermuten bei einem kleinen
ZigeunerMädchen Stolz zu finden Ich will ihre Geduld durch keine umständliche
Erzählung der Erklärungen die er mir machte und der Antworten die ich ihm
gab ermüden Die Offenherzigkeit womit ich ihm meine Gleichgültigkeit gegen
seine Reizungen zu erkennen gab und die stolze Bescheidenheit womit ich einen
schönen Schmuck von Diamanten ausschlug welche wie er sehr sinnreich sagte
nur dazu dienen sollten von dem Glanz meiner schönen Augen verdunkelt zu werden
schien ihn ganz aus seiner Fassung zu bringen Ich sagte ihm dass er mich
durch nichts in der Welt verpflichten könne als wenn er mich einer Dame von
seinen Verwandten oder Freundinnen empfehlen wollte um in ihre Dienste
aufgenommen zu werden Er konnte eine so niederträchtige Bitte mit dem Stolz
den er in meinen übrigen Gesinnungen fand nicht zusammen reimen und nachdem er
viele vergebliche Mühe gehabt hatte mich auf andere Gedanken zu bringen so
verließ er mich endlich in der Hoffnung wie er sagte dass die Abgeneigteit
die seine Figur das Unglück habe mir einzuflößen nicht unüberwindlich sein
werde Allein seine Hoffnung betrog ihn diesesmal Er fand nach etlichen andern
Besuchen die er mir machte dass ich wirklich keine Seele haben müsse Ich
bestund schlechterdings darauf dass er mir meine Freiheit wieder geben sollte
Und was willt du denn mit deiner Freiheit anfangen kleine Närrin sagte er
Gnädiger Herr antwortete ich es ist mir unmöglich ihnen Hoffnungen zu machen
die mein Herz verleugnet Ich weiß es gewiss dass ich sie in acht Tagen oder in
acht Wochen wenn sie wollen eben so wenig lieben werde als jetzt Darauf
können sie sich verlassen und das ist alles was sie jemals von mir zu erwarten
haben Ist das alles erwiderte der Marquis höhnisch Du bist sehr offenherzig
Hyacinthe und ich kann mich wenigstens nicht beklagen dass du mich in
Ungewissheit schmachten lassest Eine andere an deinem Platz würde mich bereden
dass sie mich liebe wenn es auch nicht wahr wäre
Ich weiß nicht was eine andere täte versetzte ich Aber das weiß ich dass
ich hier nicht an meinem Platze bin und dass ich nicht begreife was sie mit mir
wollen nachdem ich ihnen gesagt habe dass ich sie niemals lieben werde Höre
Hyacinthe sagte mir der Marquis es ist billig dass ich deine Aufrichtigkeit
erwidere ich habe dich in einem Hause gefunden wo man keine Spröden sucht und
wo du mir nicht hättest übel nehmen können wenn ich dir eben so begegnet wäre
wie die jungen Leute von deren ungestümen Mutwillen ich dich befreite Ich sah
aber dass es unbillich wäre dich mit deinen gefälligen Schwestern in eine
Klasse zu setzen Du gefielst mir deine Unschuld nahm mich ein kurz ich fand
dich liebenswürdig und beschloss dich unverzüglich aus einem Hause zu befreien
wo du gewiss noch viel weniger an deinem Platze zu sein schienest als hier Ich
handelte dich deiner Mutter ab Was sagen sie gnädiger Herr rief ich Sie
haben mich abgehandelt Ja antwortete er und teuer genug dass du nicht
verlangen kannst dass ich mein Geld umsonst ausgegeben haben soll Aber wissen
sie auch sagte ich dass diese Alte die sich für meine Großmutter ausgibt
nichts weniger ist und wer sind denn deine Eltern fragte der Marquis Das weiß
ich nicht antwortete ich vielleicht sind es rechtschaffene Leute vielleicht
auch ist es mir besser sie nicht zu kennen aber ich sage ihnen dass ich in der
Ungewissheit worin ich hierüber bin für das sicherste halte mir einzubilden
dass ich vielleicht von gutem Hause sei und so lächerlich ihnen diese Einbildung
vorkommen mag so vermag sie doch so viel über mich dass die glänzendsten
Verheißungen und die grausamsten Schrecknisse mich nicht von dem Entschluss
abbringen sollen ein ehrliches Mädchen zu bleiben wie ich bisher gewesen bin
so gerecht auch immer das Vorurteil ist das meine Umstände gegen mich erwecken
Die Alte hatte kein Recht mich ihnen zu verkaufen und es ist in ihrer Gewalt
sie zur Rückgabe eines so unerlaubten Gewinnstes zu nötigen
Meinst du das sagte der Marquis spottend Ich sage dir aber ich dass ich
keine Lust dazu habe und dass du mit Erlaubnis aller der schönen Einbildungen
die du dir in den Kopf gesetzt hast mein sein sollst du magst wollen oder
nicht Siehst du Hyacinthe ich glaube nicht an die Tugend eines Mädchens von
fünf zehen Jahren und du wirst doch nicht unter unzählichen die erste
unerbittliche sein die ich gefunden habe ich versichere dich dass bessere als
du bist nicht halb so viel Umstände mit mir gemacht haben Ich antwortete nur
mit einem Strom von Tränen auf diese Rede und der Marquis schien verlegen zu
sein was er mit mir anfangen sollte Ich warf mich zu seinen Füßen und bat ihn
aufs beweglichste dass er mich in Freiheit setzen und meinem Schicksale
überlassen möchte Meine Bitten würkten gerade das Widerspiel Er hob mich in
einer außerordentlichen Bewegung auf warf sich zu meinen Füßen nieder und
sagte mir alles was die heftigste Leidenschaft eingeben kann Ich glaube dass
etwas ansteckendes in heftigen Leidenschaften ist und dasjenige was die
Zuschauer bei der lebhaften und wahren Vorstellung einer Leidenschaft auf dem
Schauplatz erfahren scheint eine Bestätigung meiner Meinung zu sein Ich liebte
den Marquis nicht aber ich konnte mich nicht erwehren von der Heftigkeit
seiner Liebe beunruhiget zu werden Er hatte sich meiner Hände bemächtiget und
er fühlte vermutlich dass mein Puls hurtiger schlug er sah eine mehr als
gewöhnliche Röte auf meinen Wangen und da die Sinnen mehr Anteil an seiner
Liebe hatten als das Herz so glaubte er dass dieses der Augenblick sei da er
mich überraschen könnte Es würde lächerlich sein wenn ich sie überreden
wollte dass ich keiner Schwachheit fähig sei die Tugend besteht meiner Meinung
nach in gewissen Umständen weniger in einer völligen Unempfindlichkeit die
niemals ein Verdienst ist als in dem Sieg einer stärkeren Empfindung oder
Leidenschaft über die Regungen der Natur Dem sei wie ihm wolle so erfreue ich
mich ihnen sagen zu können dass der erste Versuch den der Marquis machte von
meiner Verwirrung Vorteil zu ziehen mir auf einmal meine erste Stärke wieder
gab Ich riss mich von ihm los und sagte ihm dass ich nichts mehr von einer
Liebe hören wolle die ich in keinerlei Betrachtung aufzumuntern Willens sei
Ich setzte so vieles hinzu ihn gänzlich hievon zu überzeugen dass ihm endlich
die Geduld ausging Er erzürnte sich heftig über mich er beschuldigte mich dass
meine Sprödigkeit ein bloßer Kunstgriff sei wodurch ich ihn zu der Torheit zu
bringen hoffte mir seine Ehre aufzuopfern und schwur dass er mich allen meinen
Ahnen zu Trotz auf einen wohlfeilern Fuß haben wollte und wenn ich auch in
gerader Linie von dem Egyptischen Könige Misphragmutosis abstammte Sein Zorn
und seine Drohungen schreckten mich so sehr dass ich allen meinen Witz
anstrengte ihn durch glimpfliche Worte wieder zu besänftigen ich bediente mich
so gar einiger die er ohne Zwang so auslegen konnte dass sie ihn von der Zeit
günstigere Gesinnungen hoffen ließ Er schien sich nach und nach zufrieden zu
geben und verließ mich endlich mit dem Versprechen dass wofern ich nach dreien
Tagen die er mir zur Bedenkzeit gebe auf meiner Abneigung gegen ihn beharrete
er sich meiner Entfernung nicht länger widersetzen wollte Er sagte mir das mit
einer so ungezwungenen Art dass ich ihm glaubte Ich brachte also den übrigen
Abend ganz ruhig zu und war nicht wenig über den Sieg vergnügt den ich mir
schmeichelte über ihn erhalten zu haben Ich nahm meine Teorbe sang scherzte
mit der kleinen Stella aß zu Nacht und legte mich ganz ruhig zu Bette Ich war
noch nicht eingeschlafen und ein Wachslicht brannte noch auf meinem Gueridon
vor meinem Bette als ich auf einmal die Tür meines Schlafzimmers aufgehen
hörte Ich würde sehr erschrocken sein wenn ich ein Gespenst vor mir gesehen
hätte aber ich erschrak noch weit mehr da ich sah dass es der Marquis war Er
war nur in einem leichten Nachtgewande und hatte etwas so wildes in seinen
Blicken und Gebärden dass ich vor Angst schlotterte als ich ihn auf mich
zugehen sah Ich wollte geschwind aus dem Bette springen denn ich kleidete mich
niemals völlig aus aber er hielt mich zurück und schwur dass ich mich ergeben
müsste es möchte auch kosten was es wolle Ich erhub ein entsetzliches Geschrei
und wehrte mich ob er sich gleich bemühte mir den Mund mit Küssen zu
verstopfen mit einer solchen Wut dass er sich genötigt sah einen Augenblick
Atem zu schöpfen Ich fing von neuem an zu schreien und machte es laut genug
dass Stella die in dem vierten Zimmer von dem meinigen schlief davon erwachte
und in einem Anzug der von ihrem Schrecken zeugte mir zu Hilfe eilte Ihr
Anblick verdoppelte meinen Mut so schwach auch der Beistand war den ich von
ihr erwarten konnte ich stieß den Marquis mit einer solchen Stärke zurück dass
er über die kleine Stella hinweg taumelte und mit ihr zu Boden fiel Dieser
Umstand so gering er an sich selbst scheinen mag war diesesmal mein Glück
Das gute Mädchen hatte keines von den Gesichten die man in Spanien schön
nennt ob ihr gleich unter den Kaffern vielleicht nichts als die Farbe des
Landes gefehlt hätte um eine Gratie zu sein Allein zum Ersatz entdeckte die
Unordnung worein ihr Fall ihre ohnehin sehr leichte Bekleidung brachte dem
erhitzen Marquis andre Schönheiten wodurch die Natur sie wegen ihres Gesichts
vollkommen entschädiget zu haben schien Er wurde so sehr dadurch gerührt dass
er plötzlich den Entschluss fasste sie zum Werkzeug seiner Rache an meiner
Sprödigkeit zu machen Er entdeckte ihr indem er sie aufhub den Eindruck den
ihre Reizungen auf ihn gemacht hatten in so lebhaften Figuren dass sie nicht
lange einen Scherz daraus machen konnte sie floh wie Daphne und er verfolgte
sie wie Apollo aber mit besserm Erfolg Mit einem Wort er verschloss sich in
ihre Kammer und erinnerte sich vermutlich in wenig Augenblicken nicht mehr dass
eine Hyacinthe in der Welt war Diese unverhoffte Veränderung der Szene gab mir
einen Einfall ein den ich unverzüglich ins Werk zu richten beschloss Ich
kleidete mich völlig an und nachdem ich eine Weile gewartet hatte schlich ich
an Stella Türe um zu horchen ob ich mich sicher glauben könne Keinen
günstigern Augenblick zur Flucht konnte ich niemals wieder hoffen Die alte
Beguine hatte sich weil sie wusste dass der Marquis selbst im Hause war ganz
sorgenlos zur Ruhe begehen und dieser war so sehr mit seiner neuen Eroberung
beschäftigt dass er mich vielleicht nicht gehört hätte wenn ich auch weniger
behutsam gewesen wäre Ich schlich also wiewohl so furchtsam dass ich mir kaum
Atem zu holen getrauete aus meinem Zimmer und kam endlich nach einer guten
Weile denn es war sehr dunkel und ich besorgte alle Augenblicke anzustossen
oder ein Geräusch zu machen bis an die Haustüre die ich verschlossen fand Ich
tappte so lange herum bis ich eine Art von einer kleinen Kammer offen fand die
gegen die Straße eine Öffnung hatte so statt der Fenster mit eisernen Stäben
verwahrt war Ich fand sie weit genung von einander um mich durchpressen zu
können und es gelang mir endlich wiewohl mit vieler Mühe und Schmerzen
Sie können sich die Freude kaum vorstellen die ich hatte wie ich mich auf
der Straße sah Ich lief was ich konnte ohne zu wissen wohin und weil das
Haus worin ich war in einer von den Vorstädten stund so befand ich mich in
kurzer Zeit auf dem freien Felde Niemals hatte mir der gestirnte Himmel so
schön geschienen als jetzo da er meine Flucht beförderte Ich befahl mich den
unsichtbaren Beschützern der Unschuld und so bald ich merkte dass ich auf der
Landstraße war so lief ich so schnell davon als ob ich Flügel an den Fersen
hätte Wie die Sonne aufging war ich schon drei Stunden von Sevilla entfernt
Ich tauschte meine Kleider mit einem jungen BauerMädchen von meiner Größe die
mir begegnete und nachdem ich mich in einem Dorfe mit Brot und meinen Kruge
mit frischer Milch versehen hatte setzte ich meine Reise fort ich ruhte den
Tag über in dichten Gebüschen aus und ging des Abends bis ich ein Wirtshaus
antraf wo ich die Nacht zubringen konnte Ich richtete meine Reise nach
Kalatrava wo ich die gute Dame zu erfragen hoffte auf deren Großmut und
Neigung zu mir ich alle meine Hoffnungen gründete aber weil ich gezwungen war
zu Fuße zu gehen denn ich hatte aus einer vielleicht übertriebenen
Bedenklichkeit nichts mit mir genommen als das wenige Geld so ich bei mir
trug wie ich das Haus der Zigeunerin verließ und dieses reichte kaum zu meiner
ReiseZehrung zu so ging meine Wanderschaft überaus langsam und ich hatte
Zeit genug meinen vergangenen Begebenheiten und meinem künftigen Schicksal
nachzudenken So ungünstig auch das gegenwärtige aussah so blieb ich doch immer
munter der Gedanke dass ich meine Unschuld aus so schlüpfrigen Umständen davon
gebracht hatte machte mich leicht und fröhlich und von allem was mir in dem
kleinen Hause des Marquis zu Dienste gestanden war bedaurte ich nichts als
meine schöne Teorbe von Sandelholz womit ich mir unterwegs die Zeit hätte
verkürzen können Ich sang nichts desto minder so lange der Tag war und machte
mir eine Zeitkürzung daraus den Gesang der Nachtigallen nachzuahmen worin ich
ohne Ruhm zu melden eine so große Meisterin wurde dass ich die Nachtigallen
selbst eifersüchtig machen konnte
Auf diese Art kam ich endlich glücklich und ohne dass mir ein merkwürdiges
Abenteuer zugestoßen wäre im Schloss an wo die Dame die ich suchte gewohnt
hatte aber urteilen sie wie groß meine Bestürzung war da man mir sagte das
junge Fräulein ihre einzige Tochter sei vor etlichen Monaten an den Pocken
gestorben und ihre Mutter hätte sich aus Betrübnis über den Verlust eines
Kindes das ihr einziges Vergnügen gewesen war bald darauf in ein Kloster
unweit Toledo vergraben Diese Nachrichten schlugen mir den Mut so sehr nieder
dass ich ein paar Tage ganz krank davon wurde Meine Umstände konnten nicht
verzweifelter sein ich war ohne Geld unter lauter Unbekannten und in dem
schlechten Aufzug den ich machte um so mehr vielen Unbequemlichkeiten
ausgesetzt da man gar leicht sah dass ich verkleidet war Ich hatte keinen
andern Ausweg als bei irgend einer Dame Dienste zu suchen aber die
Schwierigkeit war jemand zu finden der es auf sich nehmen wollte mich in einem
guten Hause zu empfehlen
Indem ich in dieser Verlegenheit nicht wusste wohin ich mich wenden sollte
begegnete es dass eine kleine Gesellschaft von Komödianten in das Wirtshaus kam
wo ich mich aufhielt Die Frau des Vorstehers eine Person von feinem Ansehen
und sehr einnehmenden Manieren machte Bekanntschaft mit mir wir gefielen
einander beim ersten Anblick und es währete nicht lange so hatte sie mein
Vertrauen so sehr gewonnen dass ich ihr meine Geschichte und meine dermaligen
Umstände entdeckte Sie hatte eben eine junge Person nötig um die Stelle ihrer
besten Schauspielerin zu ersetzen welche ihr der Graf von L erst kürzlich
entführt und ihrer Gesellschaft dadurch keinen geringen Schaden zugefügt hatte
Sie machte mir den Antrag ob ich nicht Lust hätte mich dem Theater zu widmen
und sparte keine Vorstellungen und Überredungen um mir Lust dazu zu machen
Natürlicher Weise hätte ein Mädchen das bisher die Person einer kleinen
Zigeunerin gespielt hatte sich durch die Ehre zu einer TheaterHeldin erhoben
zu werden sehr geschmeichelt finden sollen Allein so jung ich war so wußt ich
doch wohl dass in den Augen der Welt der Unterschied zwischen einer Komödiantin
und einer Zigeunerin nicht so groß ist als sich die TheaterPrincessinnen
einbilden und die gute Dame Arsenia hatte sehr vieles zu tun bis sie mit allen
meinen Bedenklichkeiten fertig war Sie schien von meinen Gesinnungen ganz
bezaubert und verdoppelte ihre Liebkosungen und Zureden um mich zu einer
Lebensart zu bewegen die ihrer Meinung nach an sich selbst nichts unedles oder
verächtliches habe und bloß durch die schlechte Sitten der meisten welche sie
treiben in einen etwas zweideutigen Ruf gekommen sei Sie sagte mir zum Beweis
dieses Satzes sehr vieles das mir einen großen Schein der Wahrheit zu haben
schien und ob sie gleich nicht in Abrede war dass eine junge Schauspielerin
mehr Versuchungen ausgesetzt sei als andre Frauenzimmer so behauptete sie
hingegen dass sie desto mehr Ehre davon habe wenn sie den Mut und die
Standhaftigkeit besitze in einem Stande worin man ihr so viel zu gut halten
würde wirklich tugendhaft zu sein Kurz die Vorstellungen der Arsenia ihre
Liebkosungen ihre Bitten die Freundschaft die sie mir versprach und meine
gegenwärtige Not die mir keine Wahl übrig ließ überwanden endlich meine
Bedenklichkeiten ohne sie zu heben und ich erklärte mich für eine Profession
zu der sie ein ganz besonderes Talent bei mir entdeckt haben wollte Ich wurde
also mit allgemeinem Beifall in die Gesellschaft aufgenommen und nachdem mich
Arsenia in den Geheimnissen ihrer Kunst unterrichtet hatte wurde Korduba zum
Ort ausersehen wo ich meinen ersten öffentlichen Auftritt machen sollte Die
Zuschauer urteilten eben so günstig von mir als von Arsenia und ich gestehe
ihnen dass das frohe Geklatsch und der lebhafte Ausdruck eines allgemeinen
Vergnügens der einer gefallenden Schauspielerin so bald sie nur erscheint von
allen Seiten entgegen lächelt ein süßer und gefährlicher Augenblick für die
Eitelkeit eines jungen Mädchens ist
Indes konnte doch die Empfindlichkeit die ich so lange das Schauspiel
daurte für einen Beifall hatte wovon ich vielleicht das meiste der Neuheit
meiner Figur zu danken hatte die demütigenden Vorwürfe nicht verhindern die
ich mir selbst machte so bald ich aufhörte Ines oder Roxelane zu sein Ich
errötete vor mir selbst wenn ich dachte dass ich unverschämt genug gewesen war
mich gleichsam den Augen des Publici Preis zu geben und in einer angenommenen
Person Leidenschaften zu erregen die einer zügellosen Jugend eine Art von Recht
zu geben schienen von mir zu erwarten dass ich in meiner eigenen Person die
ihrigen begünstigen sollte Diese Betrachtungen indem sie mir alle
Annehmlichkeiten meines Standes verbitterten machten mich desto behutsamer in
meiner Aufführung Mein Herz welches niemals schlimme Neigungen gehabt hatte
machte mirs leicht mich vor der Verführung zu bewahren aber die Schwierigkeit
war in einer so schlüpfrigen LebensArt auch den Schein zu vermeiden und die
schalksaugige Verleumdung selbst zu nötigen mein Betragen wenigstens durch ihr
Stillschweigen für untadelhaft zu erklären Ich weiß nicht in wie weit ich
hierin glücklich gewesen sein mag aber ich würde undankbar sein wenn ich
vergässe ihnen zu sagen dass Arsenia die ich meiner Hochachtung immer würdiger
fand je besser ich sie kennen lernte indem sie die Stelle einer Mutter bei mir
vertrat mir zu Erreichung meiner Absicht unendlich nützlich war Ich verlor
mich niemals aus ihren Augen ich aß und schlief bei ihr ihr Umgang und
Beispiel entwickelte und unterhielt meine Gesinnungen und ihr Charakter dem
alle Welt Gerechtigkeit widerfahren lassen musste schützte mich vor der Bosheit
derjenigen die als eine Grundregel annahmen dass eine Person welche tugendhaft
zu sein scheint in der Tat nur behutsam sei Wir verließen Korduba in wenig
Wochen und begaben uns nach Grenada wo wir uns bei nahe ein Jahr lang
aufhielten und eines ununterbrochenen Beifalls genossen Hier hatte ich das
Glück mit Don Eugenio bekannt zu werden Die Hochachtung worin er seiner
Verdienste und Sitten wegen stund unterschied ihn zu sehr von dem großen Haufen
des jungen Adels als dass Arsenia sich hätte ein Bedenken machen können von ihm
und einer kleinen Anzahl seiner Freunde Besuche anzunehmen die an statt uns
Tadel zuzuziehen vielmehr für einen Beweis angesehen wurden dass wir
schätzbarer sein müssten als unser Stand anzukündigen schien In einer
Gesellschaft wie diese und wo die allzu gütige Parteilichkeit des Don Eugenio
für mich kein Geheimnis sein kann wird es mir erlaubt sein zu sagen dass ich
ganz unempfindlich hätte sein müssen um von seinen Gesinnungen nicht gerührt zu
werden Ich erröte nicht ihnen zu gestehen dass ich vom Anfang unsers Umgangs an
eine Achtung für ihn empfand die ich vorher für niemand empfunden hatte und
wie ich glaube für keinen andern jemals empfinden werde Wenn ich auf etwas
stolz zu sein berechtiget wäre so müsste es auf die Freundschaft sein womit er
mich beehret hat Die Welt die immer urteilt ohne zu kennen oder sich die Mühe
der Untersuchung zu geben hat mir künstliche Absichten beigemessen deren die
Aufrichtigkeit meiner Seele nie fähig gewesen ist Allein ich habe mich
jederzeit damit beruhiget dass Don Eugenio mich besser kennt und die Ausführung
eines Entschlusses der schon lange fest bei mir steht wird wie ich hoffe die
Freundschaft am besten rechtfertigen deren er mich nicht unwürdig gefunden hat
Dreizehntes Kapitel
Don Eugenio setzt die Erzählung der Hyacinthe fort
Die liebenswürdige Hyacinthe schien indem sie dieses sagte so gerührt zu
werden dass sie so sehr sie sich auch bemühte es zu verbergen ein wenig inne
halten musste Erlauben Sie schöne Hyacinthe sagte Don Eugenio ohne dass er
ihre Beunruhigung zu merken schien dass ich ihre Erzählung fortsetze da sie nun
auf denjenigen Teil ihrer Geschichte gekommen sind wo sie mit der meinigen
verwickelt zu sein anfangt
Es ist bei nahe ein Jahr fuhr er fort dass ich mit Don Gabriel nach Grenada
reiste wo ich verschiedene Angelegenheiten in Ordnung zu bringen hatte Ich
besuchte einsmals die Komödie und sah Hyacinthe sie gefiel mir und rührte
mich Das erste war eine natürliche Folge der Annehmlichkeiten ihrer Person
denn wem gefiel sie nicht Und das andere schien mir eine eben so natürliche
Wirkung der Rolle zu sein die sie damals spielte Der allgemeine Beifall in
dessen Besitz sie war und der mir ihre eigene Person mit denen die sie
annehmen musste zu vermengen schien blendete mich nicht ich bemerkte dass sie
nur eine mittelmäßige Schauspielerin war Es ist wahr in einigen Stellen wo
sie edle Gesinnungen oder wahre und ungekünstelte Empfindungen der Natur zu
sagen hatte schien sie unverbesserlich aber der Poet hatte dafür gesorgt dass
sie nur selten Anlass hatte es zu sein und in allen übrigen glaubte ich zu
bemerken dass sie sich zwingen musste Gesinnungen oder GemütsBewegungen
anzunehmen die nicht ihr eigene waren Diese Beobachtung war ihr sehr
vorteilhaft bei mir und ich glaube in der Tat dass sie mir denselben ganzen
Abend nie besser gefiel als wenn sie als eine Schauspielerin betrachtet am
wenigsten hätte gefallen sollen Ich ging aus der Komödie und war betroffen
wie ich fand dass mir das Bild dieses jungen Mädchens überall folgte ich sah
sie diesen ganzen Abend vor mir der rührende Klang ihrer Stimme tönte noch
immer in meinen Ohren und alle Zerstreuungen der Gesellschaft wo ich den Abend
zubrachte waren nicht zulänglich diesen Eindrücken das mindeste von ihrer
Lebhaftigkeit zu benehmen Ich gab eine Zeit lang keine Acht darauf und bemühte
mich endlich diese Ideen zu zerstreuen aber sie kamen immer wieder und ich
hatte ein paar Tage nötig bis sie andern Vorstellungen Platz machten mit denen
ich damals beschäftigt war
Nach einigen Tagen kam ich wieder in die Komödie und erwartete vergeblich
dass Hyacinthe auftreten würde Sie wurde diesesmal durch eine andere ersetzt
die das Talent sich in alle mögliche Gestalten zu verwandeln welches eigentlich
den guten Schauspieler macht in einem weit höheren Grade besaß Aber sie missfiel
mir ohne dass ich einen andern Grund hätte angeben können als weil sie nicht
Hyacinthe war und niemals hatte ich so ungedultig auf den letzten Aufzug
gewartet Ich erkundigte mich bei einem meiner Freunde nach Hyacinten und
erfuhr von ihm den Charakter der Arsenia die für ihre Tante gehalten wurde und
die ein gezogene Lebensart die sie führten Diese Nachrichten vermehrten meine
Neugier ich beschloss mich mit ihnen bekannt zu machen ich besuchte sie und
fand dass mir mein Freund nicht zu viel Gutes von Arsenien gesagt hatte Man ist
so wenig gewohnt Tugend Grundsätze und edle Gesinnungen bei Schauspielerinnen
zu suchen dass man sich wenn man sie bei ihnen findet nicht erwehren kann
diesen Charakter eben so sehr für ein Werk ihrer Kunst zu halten als die
übrigen die ihnen die Poeten zu spielen auferlegen Ich beobachtete Arsenien
eine geraume Zeit mit allem dem Misstrauen welches ihr Stand notwendig zu machen
schien und sie gewann so viel dadurch als vielleicht manche die ein großes
Geräusch mit ihrer Tugend macht dabei verlieren würde Urteilen sie ob ich
weniger Aufmerksamkeit auf Hyacinten gehabt haben werde Ihre Jugend schien sie
zwar von allem Verdacht loszusprechen als ob Verstellung und Kunst einen Anteil
an der Unschuld haben könnte die aus ihrem ganzem Wesen zu atmen schien es war
unmöglich sie mit einem misstrauischen Auge anzusehen Aber das Vergnügen so ich
darin fand mich immer mehr in der Idee bestärkt zu sehen die ich mir beim
ersten Anblick von ihr gemacht hatte machte dass sie mit einer
Scharfsichtigkeit der nichts entging beobachtet wurde Eben diese
Aufrichtigkeit und liebenswürdige Einfalt des Herzens welche sie aller der
kleinen Kunstgriffe unfähig machte wodurch die Schönen aus Eitelkeit oder
anderen Absichten unsern Herzen nachzustellen pflegen ließ sie auch nicht
bemerken dass sie beobachtet wurde Sie dachte eben so wenig daran sich zu
verbergen als sich zu zeigen Sie gefiel ohne gefallen zu wollen und die
Anmut die ihre kleinsten Bewegungen anzüglich machten war eben so natürlich
und ungeschminkt als ihre Gesichtsfarbe Ihre Handlungen hatten nie mehr als
eine Absicht und nie eine andere als die sie natürlicher Weise haben sollten
Sie schien nicht zu wissen dass man die Augen so beseelt auch die ihrigen von
Natur waren zu etwas anderm als zum sehen gebrauchen könne sie lachte niemals
um ihre schöne Zähne zu zeigen und ließ oft in einer einzigen Stunde zwanzig
Gelegenheiten entgehen wo eine andere sich das Vergnügen gemacht hätte die
Anwesenden von der Schönheit eines wohlgestalten Arms oder von der
verführerischen Artigkeit eines kleinen Fußes zu überweisen Ihre Gegenwart
Hyacinthe macht es überflüssig ein Gemälde fortzuführen womit ich ohnehin nie
zufrieden sein würde Die Unschuld hat eine unendliche Menge Annehmlichkeiten
die eben so wenig beschrieben als von der Kunst nachgeahmt werden können und
deren Eindruck desto gefährlicher ist da er so sanft und unschuldig zu sein
scheint als sie selbst Mein Herz war schon völlig von ihr eingenommen ehe ich
daran dachte wie weit mich die Gesinnungen führen könnten die sie mir wiewohl
ohne ihr Zutun einflößte Unvermerkt wurde ich es gewohnt sie alle Tage zu
sehen unvermerkt verlor alles andere was mir sonst angenehm gewesen war
seinen Reiz für mich ihre bloße Gegenwart setzte mich in Entzücken und ohne
sie machte mir alles Langeweile Ich entzog mich nach und nach allen
Gesellschaften Lustbarkeiten und Zerstreuungen um des einzigen Vergnügens
ungestört zu genießen dessen jetzt mein Herz fähig war Jeder Augenblick um
den irgend ein Zufall mich nötigte sie später als gewöhnlich zu sehen dehnte
sich in eine tödliche Länge aus und ein ganzer Abend den ich in ihrer und
Arseniens Gesellschaft zubrachte denn allein sah ich sie niemals schien mir
ein Augenblick wenn er vorüber war
Die Vorwürfe meiner Freunde nötigten mich endlich ihnen von einer Neigung
Rechenschaft zu geben die alle andere in meinem Herzen ausgelöscht zu haben
schien und die kleinen Streitigkeiten die wir darüber mit einander bekamen
entdeckten mir dass diese Neigung an statt wie man für recht und billig hielt
ein bloßer Zeitvertreib und flüchtiger Geschmack zusein eine Leidenschaft war
die das Glück oder Unglück meines Lebens entscheiden würde Ich will Ihnen durch
keine umständliche Beschreibung alles dessen was von dieser Entdeckung an in
meinem Herzen vorging beschwerlich fallen Diejenigen welche glauben dass man
die Liebe mit Erfolg bekämpfen könne reden von einer Liebe die nur in sehr
uneigentlichem Verstande so genennt zu werden pflegt Diese auflodernde Flammen
die bloß durch die Schönheit oder ein beidseitiges Bedürfnis angezündet und
durch die Begierden unterhalten werden diese willkürlichen Verbindungen an
denen das Herz keinen Anteil hat die man aus Eitelkeit Langeweile Vorwitz
Kaprice Gewohnheit oder Konvenienz eingeht und wieder aufhebt wie und wenn man
will und die man so wenig sie mit der Liebe gemein haben bloß darum Liebe
nennt um ihnen einen ehrbaren Namen zu geben diese mögen wohl ohne Mühe
bekämpft und besiegt werden Aber über eine wahre Liebe die sich auf ein
geheimes Verständnis der Herzen gründet und mit gegenseitiger Hochachtung
verbunden ist ist noch nie kein Sieg erhalten worden und die Schwierigkeiten
die ihr in den Weg gelegt werden dienen zu nichts als den ihrigen zu
befördern Ich machte mir selbst alle nur ersinnliche Einwürfe ich fühlte ihre
Stärke ich wusste nur gar zu wohl dass man die Vorurteile die meiner Liebe das
Urteil sprachen nicht ungestraft verachten könne Aber was vermochten alle
diese Betrachtungen gegen eine Neigung die für mein Herz die Quelle einer
innerlichen Glückseligkeit war der ich alle Augenblick bereit war alles andere
Glück aufzuopfern Ein Opfer wofür derjenige der wahrhaftig liebt sich durch
einen einzigen Blick eine einzige Träne der Zärtlichkeit für entschädiget
halten würde Doch ich weiß eben so wohl dass ich in dieser kleinen
Gesellschaft von Freunden keine Entschuldigung nötig habe als dass diejenigen
die das Unglück haben dieser Art von Gesinnungen selbst unfähig zu sein keine
Entschuldigung gelten lassen
Ich entschloss mich also mit aller nur möglicher Unerschrockenheit in den
Augen dieser letztern ein Tor zu sein und richtete jetzt alle meine Bemühungen
allein dahin mich einer Gegenliebe zu versichern von der die Glückseligkeit
meines Lebens abhangen sollte Mein Umgang mit Hyacinthe daurte bereits etliche
Monate und meine Absichten waren bei mir selbst fest gesetzt ohne dass sie
Ursache hatte mich als einen Liebhaber anzusehen Mein Betragen war so zurück
haltend und die Zärtlichkeit die ich für sie zeigte derjenigen so ähnlich
die ein Bruder für eine Schwester haben kann dass Arsenia endlich einen kleinen
Argwohn über meine Absichten bekam Sie erriet zwar dass ich das Vergnügen haben
wollte eine gewisse Sympatie die zwischen unsern Herzen zu sein schien sich
in dem ihrigen nach und nach und von sich selbst entwickeln zu lassen aber sie
zweifelte zuweilen ob der Gebrauch den ich einst davon machen würde so
unschuldig sein möchte als sie es aus Liebe zu ihrer Hyacinthe wünschte Sie
hatte zwar Ursache sich zu meiner Denkungsart und zu meinen Grundsätzen das
beste zu versehen aber auf der andern Seite setzten die Vorurteile der Welt
oder vielleicht die Betrachtung meines eigenen Glücks eine so weite Kluft
zwischen uns dass sie mir nicht Mut oder Liebe genug zutrauen konnte sie zu
überspringen Sie wusste dass die Welt weit geneigter sein würde mir eine
Verbindung wobei nur Hyacinthe aufgeopfert würde zu gut zu halten als eine
solche wodurch nach den Maximen des großen Haufens meine eigene Ehre verdunkelt
würde und was meine Denkungsart betraf so kannte sie die Menschen zu gut als
dass sie die Grundsätze eines jungen Mannes für eine hinlängliche Gewähr gegen
seine Leidenschaften hätte halten sollen Diese Betrachtungen die sie mir in
der Folge selbst entdeckte schienen ihr zwar nicht dringend genug die
unschuldige Neigung die durch fast unmerkliche Grade in dem Herzen ihrer jungen
Freundin sich entwickelte durch voreilige Besorgnisse zurück zu schrecken aber
sie verdoppelten doch ihre Aufmerksamkeit auf mich und bewogen sie mir
wiewohl auf eine sehr feine Art Gelegenheit zu machen wo ich wie sie glaubte
meine Gesinnungen deutlicher verraten sollte
Unter einer Menge von jungen Leuten die sich zu erklärten Verehrern der
liebenswürdigen Hyacinthe aufgeworfen hatten und sich ihres vermeinten Rechts
bedienten sie hinter der Szene mit allem dem Unsinn zu ermüden den sie ihr
vorsagten waren verschiedene die ihre Absichten gerne weiter getrieben hätten
wenn sie so lang ich ihnen ihrer Meinung nach im Wege stund sich einigen
Erfolg davon hätten versprechen können So unangenehm es mir war dass ich
Hyacinthe nicht von diesem ganzen beschwerlichen Schwarm befreien konnte so
wenig hatte ich Ursache zu besorgen dass irgend einer von ihnen ihrem Herzen
gefährlich sein könnte es ist dachte ich eine natürliche Unbequemlichkeit
der die Rose ausgesetzt ist dass sie allerlei Ungeziefer um sich her sumsen
lassen muss und das Betragen der Hyacinthe welche diesen Gecken eine Art von
Ehrfurcht über die sie selbst erstaunte einzuflößen wusste machte mich über
diesen Punkt so ruhig als ich nur immer hätte sein können wenn sie mir ganz
gleichgültig gewesen wäre Allein Don Fernand von Zamora der um diese Zeit nach
Grenada kam und vom erstenmal da er Hyacinten auf dem Theater sah eine
heftige Leidenschaft nach seiner Art für sie fasste ließ mich nicht lange in
dieser stolzen Ruhe Ein Rival der die Schönheit eines Narcissus mit der
frechen Ausgelassenheit eines Satyren verband der gewohnt war seinen
Leidenschaften den Zügel zu verhängen und die unermesslichen Reichtümer über
die ihn der Tod seiner Eltern zum Herrn gemacht hatte zu Befriedigung seiner
Begierden unmäßig verschwendte ein solcher Rival so wenig ich auch für
Hyacintens Herz von ihm besorgte war doch in verschiedenen andern Absichten
nicht als gleichgültig anzusehen Er machte seine erste Liebes Erklärung mit
Geschenken die vielleicht manche spröde und stolze Tugend in Versuchung hätten
führen können Hyacinthe schickte sie zurück ohne zu glauben dass sie ihrer
Unschuld oder meiner Liebe die ihr ungeachtet ich noch immer in den Grenzen
der Freundschaft zu bleiben schien kein Geheimnis war ein beträchtliches Opfer
gebracht habe allein sie konnte sich doch mit guter Art nicht erwehren seine
Besuche anzunehmen und an den ausschweifenden prächtigen Lustbarkeiten die er
seiner Eitelkeit zu Ehren anstellte mit Arsenien und andern von ihren
theatralischen Freundinnen Anteil zu nehmen So schwer es meinem Herzen wurde
so beschloss ich doch sie in dieser Gefahr wenn es eine war gänzlich dem
ihrigen zu überlassen
Don Fernand dem ganz Grenada sagen konnte dass ich sie niemals anders als
in Arseniens oder anderer Gesellschaft sah konnte sich um so weniger bereden
dass ich sein Rival sei da er durch die genaueste Beobachtung nichts in meinem
Betragen entdeckte das mich hätte verdächtig machen können und wenn er auch
einigen Verdacht gehabt hätte so würde ihn das nur desto eifriger gemacht
haben seine Anfälle auf ihr Herz zu verdoppeln Allein weder seine Schönheit
noch sein schimmernder Aufzug noch seine Geschenke noch seine Feste noch die
ungeheure Menge von Oden und Elegien in denen er über die diamantne Härte ihres
Herzens klagte oder sich wunderte wie der warme Schnee ihres schönen Busens so
kalt sein könne waren nicht vermögend aus diesem kleinen FelsenHerzen ein
einziges armes Fünkchen von Mitleiden heraus zu schlagen so kläglich auch die
ganze poetische Zunft von Grenada auf seine Unkosten darum winseln musste und
Don Fernand von Zamora fand endlich für gut sein Herz seine Geschenke und
seine Elegien einer andern Schauspielerin anzubieten welche die Sprödigkeit
wie sie es nannte ausgenommen in allen andern Stücken mit Hyacinten in die
Wette eiferte So sehr ich nun Ursache hatte mit dem Ausgang dieses Abenteuers
zufrieden zu sein so ungedultig hatten mich die Unbequemlichkeiten des
theatralischen Lebens denen ich Hyacinthe bei dieser Gelegenheit ausgesetzt
sehen musste gemacht sie davon zu befreien Ich glaubte nunmehr ihres
Characters und Herzens so gewiss zu sein dass ich eine längere Beobachtung für
überflüssig hielt und ich ging wirklich damit um mich Arsenien zu entdecken
und die Mittel zur Ausführung meines Entwurfs mit ihr abzureden als eine
auszehrende Krankheit deren schneller Anwachs sie gar bald an ihrer
Wiedergenesung zweifeln machte sie veranlasste mir zuvor zukommen Sie bat sich
eine Unterredung mit mir aus wovon außer einer kurzen Erzählung ihrer eigenen
Schicksale Hyacinthe der einzige Gegenstand war Ich liebe sie sagte diese
hochachtungswürdige Frau zu mir als ob sie mein eigenes Kind wäre und die
Umstände worin ich sie verlassen muss sind das einzige was mir die
Verlängerung eines Lebens angenehm gemacht hätte das mir durch eine lange Kette
von UnglücksFällen und einen Gram den nur mein Tod enden kann schon lange zu
einer beschwerlichen Bürde worden ist Meine Liebe zu ihr ist desto
unparteiischer da sie kein Werk eines mechanischen Triebs ist sondern sich
allein auf die Eigenschaften ihres Herzens gründet Wie würdig ist sie eines
bessern Schicksals und wie wenig Hoffnung darf ich mir machen dass ihr Glück
jemals mit ihrem Wert übereinstimmen werde In ihren Umständen kann sie keine
Lebensart erwählen die nicht ihre eigene Gefahren hat Jugend und Unschuld von
so vielen Annehmlichkeiten begleitet sind ohne die Vorteile der Geburt oder des
Glücks gefährliche Gaben für unser Geschlecht eben diese Unschuld eben diese
Reizungen die an einer jungen Person von Stande oder an einer reichen Erbin
eine ehrerbietige Liebe oder doch wenigstens rechtmäßige Absichten einflößen
würden machen ein Mädchen die dem Glück nichts zu danken hat zu einem bloßen
Gegenstand von Begierden die auf ihr Verderben zielen und eben derjenige der
sich nicht schämt zu ihren Füßen hingeworfen sie in der Sprache der
Schwärmerei und Anbetung für die Göttin seines Herzens zu erklären würde sich
durch den bloßen Verdacht dass er ehrliche Absichten auf sie haben könnte für
beleidigt halten Urteilen sie nun selbst Don Eugenio ob ich über Hyacintens
Schicksal ruhig sein kann Sie ist für die Umstände nicht gemacht wo zu ihr
Unglück sie verurteilt hat sie ist liebenswürdig und wie ich glaube durch
ihre Unschuld und sanfte Gemütsart nur desto fähiger gerührt zu werden Ich
besorge nichts für sie von allen diesen schimmernden Gecken die um sie herum
flattern und gleich unfähig sind Liebe zu empfinden und einzuflößen aber wenn
sie einen Mann findet der mit den Eigenschaften eines edlen Gemüts mit
tugendhaften Gesinnungen und einer ehrerbietigen Zärtlichkeit sich ihre
Hochachtung erwirbt der seine Begierden unter uneigennützigen Empfindungen zu
verbergen und die Liebe unter dem Namen und in Gestalt der Freundschaft
heimlich in ihr Herz einzuführen weiß der Geduld genug hat den Zeitpunct
abzuwarten da sie durch das Vertrauen das sie ihm schuldig zu sein glaubt
durch die Unschuld ihrer eigenen Empfindungen durch den zauberischen Reiz der
Sympatie und gewisser geheimer Triebe die sie in der unerfahrnen Einfalt ihres
Herzens mit den zärtlichen Regungen desselben vermengt entwaffnet unbesorgt
und ganz in Liebe aufgelöst als ein williges Opfer seinen Begierden überliefert
wird
Ach Don Eugenio wie sehr besorge ich dass sie diesen Mann schon gesehen
hat Vergeben sie mir mein edler Freund die Umstände worin ich bin
berechtigen mich freimütig zu sein eine Person die in kurzem von den Menschen
nichts mehr zu fürchten noch zu hoffen hat sieht durch alle die Blendwerke
durch die unsere Urteile zu betören zu verfälschen oder zurück zu halten
pflegen so lange wir noch selbst in die menschliche Angelegenheiten verwickelt
sind Sie werden nicht daran zweifeln dass ich schon lange weiß dass sie
Hyacinten lieben und sie müssen es so gut wissen als ich dass sie ihre
Absichten auf das zärtlichste und beste aller Herzen nur gar zu gut erreicht
haben Ich schätze sie hoch Don Eugenio und noch vor wenig Tagen würde ich es
für beleidigend angesehen haben ihnen das geringste Misstrauen sehen zulassen
aber was wollen sie dass ich jetzt da Hyacintens Sicherheit meine einzige
Sorge ist von ihrer Neigung denken soll Hier fuhr die redliche Arsenia fort
mir ihre Besorgnisse zu entdecken und endigte ihre Rede endlich damit dass sie
mich mit vielen Tränen beschwur der Unschuld ihrer jungen Freundin zu schonen
Sie sah mich so lebhaft gerührt dass sie unmöglich in die Wahrheit der
Erklärungen die ich ihr hierauf gab einen Zweifel setzen konnte Ich entdeckte
ihr umständlich was von dem ersten Augenblick an da ich Hyacinten gesehen
hatte in meinem Herzen vorgegangen war wie sehr jederzeit das Verlangen sie
glücklich zu sehen die Begierde mich selbst durch sie glücklich zu machen
überwogen habe und wie fest ich nunmehr entschlossen sei alle andere
Betrachtungen so wichtig sie immer an sich selbst sein möchten unserer
gemeinschaftlichen Glückseligkeit aufzuopfern Ich bat sie Hyacinthe hierüber
vorzubereiten und alsdann zu gestatten dass ich in ihrer Gegenwart mich gegen
sie erklären dürfte Beides geschah und die liebenswürdige Hyacinthe machte
sich kein Bedenken mich sehen zu lassen wie gerührt sie davon war Diese
Zeichen des vollkommenen Vertrauens das ich in ihre Rechtschaffenheit setze
sagte sie indem sie mich mit tränenden Augen ansah diese Tränen die ich mich
nicht bemühe vor ihnen zu verbergen bin ich ihren allzugrossmütigen Gesinnungen
schuldig Aber das ist alles was die unglückliche Hyacinthe tun kann ihnen
ihre Dankbarkeit zu zeigen Sie entdeckte mir hierauf mit einer
Offenherzigkeit die sie noch tausendmal liebenswürdiger in meinen Augen machte
die ganze Geschichte ihres Lebens
Urteilen sie jetzt selbst Don Eugenio fuhr sie fort wie sie damit zu Ende
war ob ich nicht die unwürdigste Kreatur wäre wenn ich das Übermaß ihrer
Gütigkeit für mich missbrauchen wollte so lang ich nicht eine völlige Gewissheit
dessen habe was vermutlich eine bloße Eingebung meiner Eitelkeit ist wenn ich
mir schmeichle dass ich vielleicht weniger Ursache habe über meinen Ursprung zu
erröten als die Zigeunerin die mich erzogen hat mich bereden wollte Arsenia
vereinigte sich vergebens mit mir sie zu überzeugen dass ihre Bedenklichkeit zu
weit getrieben sei sie blieb unbeweglich bei ihrem Entschlusse wenn sie
Arsenien verlieren sollte sich in ein Kloster zu begeben und alles was ich
endlich von ihr erhalten konnte war dass sie mir die Wahl des Orts überließ
und feierlich versprach sich ohne meine Einstimmung durch kein Gelübde binden
zu wollen Ich schrieb so gleich an einen Freund zu Sevilla um Nachrichten von
der alten Zigeunerin einzuziehen erfuhr aber dass die Aufmerksamkeit die der
Korregidor auf ihr Haus zu wenden angefangen sie vor kurzem genötigt habe sich
durch eine schleunige Flucht in Sicherheit zu bringen So verdrießlich mir
dieser Umstand war so gab ich doch die Hoffnung nicht auf durch die Maßregeln
die ich deswegen nahm die Alte noch endlich aufzutreiben die ich alsdann
unfehlbar zum Geständnis wie sie zu Hyacinten gekommen sei zu bringen hoffte
und im Fall sie mir entgehen würde so schmeichelte ich mir doch Hyacintens
Entschluss endlich durch meine Beständigkeit zu erweichen Inzwischen nötigten
mich die Angelegenheiten meiner Schwester die meine Gegenwart zu Valencia
schlechterdings erforderten von Grenada abzureisen und meine Geliebte bei
einer würdigen Freundin zurück zu lassen von der sie sich durch nichts als den
Tod trennen lassen wollte und deren täglich abnehmendes Leben mir wenig
Hoffnung überließ sie jemals wieder zu sehen
Vierzehntes Kapitel
Beschluss der Geschichte der Hyacinthe
Eine Vermutung des Don Sylvio
Vorbereitungen zu einem Intermezzo wobei wenige Leute lange Weile haben werden
So interessant vermutlich die Liebesgeschichte des Don Eugenio und der schönen
Hyacinthe ihnen selbst und vielleicht auch ihren unmittelbaren Zuhörern gewesen
sein mag so wenig können wir unsern Lesern übel nehmen wenn sie das Ende davon
zu sehen wünschen Es ist in der Tat für ehrliche Leute die bei kaltem Blut
sind kein langweiligeres Geschöpf in der Welt als ein Liebhaber der die
Geschichte seines Herzens erzählt Wir wollen uns also begnügen ihnen zu sagen
dass Hyacinthe das Wort wieder nahm und ihre eigene Begebenheiten von dem Tod
ihrer Freundin an bis zu dem Augenblick fortsetzte da Don Eugenio und Don
Gabriel von unserm Helden unterstützt sie den räuberischen Händen des Don
Fernand von Zamora entrissen Sie ergänzte was ihr selbst bisher in diesen
Begebenheiten unbegreiflich gewesen war aus dem Geständnis welches die getreue
Teresilla sich genötigt gesehen hatte ihrer Gebieterin von ihrem geheimen
Briefwechsel mit Don Fernand und von allen den kleinen Verrätereien zu machen
die sie seit geraumer Zeit gespielt hatte Denn unglücklicher Weise für diese
würdige KammerJungfer hatte sich ein Briefchen des Don Fernand so sie an statt
es zu verbrennen in ihrem Unterröckchen wohl verwahrt zu haben glaubte man
weißt nicht wie in Pedrillo Kammer aus ihrem Sack verloren und wie sich alles
zusammen schicken muss wenn eine Schelmerei zur Entdeckung reif ist so war es
dem Don Eugenio in die Hände gefallen da er an dem nämlichen Morgen als unser
Held das Wirtshaus so plötzlich verlassen hatte von ungefähr in diese Kammer
trat
Sie erzählte also wie Don Fernand von Zamora an statt seine Absichten wie
er Mine gemacht hatte aufzugeben Mittel gefunden ihre Aufwärterin auf seine
Seite zu bringen was für Entwürfe er mit Teresillen gemacht um auf ihrer Reise
nach Valencia wozu sie gleich nach Arseniens Tode Anstalt gemacht sich ihrer
Person zu bemächtigen auf was Art er dieses Vorhaben ins Werk gerichtet wie
sehr er sich bemüht sie zu besänftigen und durch eine ehrerbietige
Zurückhaltung ihr eine bessere Meinung von seinen Absichten beizubringen und
wie endlich der glückliche Umstand dass Don Eugenio an statt zu Valencia zu
sein wie sie selbst geglaubt hatte zu Lirias gewesen und durch einen noch
glücklichern Zufall auf einem Spazierritt zwischen Julilla und Lirias auf sie
gestoßen ihre Befreiung veranlasst habe
Die schöne Hyacinthe vergaß bei dieser Gelegenheit nicht unserm Helden von
neuem für die Großmut zu danken womit er sich für sie und Don Eugenio gewaget
hatte und Don Sylvio erwiderte diese Höflichkeit im Ton der Galanterie der
Ritter vom Graal und von der runden Tafel Er bezeugte sich ihr sehr verbunden
dass sie ihm erlaubt hatte einen Zuhörer ihrer Geschichte abzugeben und
versicherte sie dass man sie nur zu sehen und zu hören brauche um überzeugt zu
sein dass ihre Abkunft ungeachtet des geheimnisvollen Dunkels womit sie noch
bedeckt sei eben so erhaben und glänzend sein müsse als ihre persönliche
Verdienste Indessen konnte er doch nicht umhin seine Verwunderung darüber zu
bezeugen dass in einer Geschichte die ihm außerordentlich genug schien die
Feen nicht das geringste zu tun gehabt haben sollten und er fragte sie ganz
ernstaft woher es komme dass sie über diesen Punkt ein so genaues
Stillschweigen beobachtet habe da es doch ganz und gar nicht begreiflich sei
dass die Feen und Zauberer an den Begebenheiten einer so vollkommenen jungen Dame
keinen Anteil gehabt haben sollten Die ernsthafte Mine womit er diese Frage
tat machte dass die beiden Damen ungeachtet ihres Vorsatzes alle mögliche
Achtung für seine Schwärmerei zu zeigen sich des Lachens nicht enthalten
konnten Wollten sie dann sagte Hyacinthe dass ich ein FeenMärchen aus meiner
Geschichte gemacht haben sollte warum ließ sie mir nichts davon merken Wenn
ich geglaubt hätte sie ihnen dadurch angenehm zu machen so wäre es mir ein
leichtes gewesen die alte Zigeunerin in eine Karabosse die gute Dame zu
Kalatrava in eine Lüminöse und Don Fernand von Zamora wo nicht zu einem
schelmischen Zwerg doch wenigstens zu einem Sylphen oder Salamander zu machen
Vergeben sie mir sagte Donna Felicia aber meines Erachtens würde ihre
Erzählung sehr dabei gewonnen haben Denken sie einmal wie frostig es klingen
würde wenn ein Dichter sich begnügen wollte zu sagen Daphnis oder Koridon
setzte sich in den Schatten und schöpfte frische Luft oder er löschte seinen
Durst aus einer Quelle aber so bald er sagt Freiwillige Blumen drangen auf
Floras Befehl hervor den schönen Seladon zum weichen Polster zu dienen
gaukelnde Zephirs fächelten ihm mit ihren Rosenflügeln Kühlung und ambrosische
Geruche zu und eine Nymphe reizend wie die junge Hebe bot ihm
freundlichlächelnd crystallenes Wasser in einer Perlenmuschel dar dann glauben
wir erst dass der Poet sein Amt getan und die Natur geschildert habe wie er
soll Vermutlich sagte Don Gabriel welcher merkte dass unser Held ein wenig
betroffen war und nicht wusste wie er die Scherze der beiden Damen aufnehmen
sollte ist die Absicht der schönen Hyacinthe gewesen uns nur dasjenige was
man einen summarischen Begriff nennen möchte von ihren Abenteuern zu gehen Die
Feen können dem ungeachtet wie ich nicht zweifeln will die geheimen
Treibfedern aller ihrer wundervollen Zufälle gewesen sein und wenn ich bedenke
Vergeben sie mir Don Gabriel fiel ihm Hyacinthe ein ich schwöre ihnen im
ganzen Ernst dass die Feen so viel mir bekannt ist nicht die geringste Mühe
mit mir gehabt haben Sie werden mich doch nicht bereden wollen hoffe ich dass
alle diese schimärischen Wesen die in den Märchen so viel zu tun haben jemals
außer den Märchen existiert haben Ist es möglich rief Don Sylvio dass sie
hieran zweifeln können Sehen sie denn nicht dass man allen historischen Glauben
aufgeben müsse
Erhitzen sie sich nicht mein lieber Don Sylvio fiel ihm Don Gabriel
lächelnd ins Wort sie sehen ja dass Hyacinthe nur gescherzt hat und wenn es
auch ihr Ernst gewesen wäre so wollen wir sie bald auf andere Gedanken bringen
Sie kennt vielleicht nur das Märchen vom blauen Bart oder vom roten Mützchen
und von der guten kleinen Maus sie würde ganz anders reden wenn sie zum
Exempel die Geschichte des Prinzen Biribinker hören würde die eine
unzweifelhafte Glaubwürdigkeit vor sich hat da sie aus dem sechsten Buche der
unglaublichen Geschichten des berühmten Paläphatus genommen ist Ich gestehe
ihnen sagte Don Sylvio dass mir dieser Prinz dessen sie erwähnen gänzlich
unbekannt ist und dass ich sehr begierig wäre Sie würden es noch viel mehr
sein unterbrach ihn Don Gabriel wenn sie sich zum voraus vorstellen könnten
wie außerordentlich und interessant seine Begebenheiten sind Ich glaube nicht
zu viel zu sagen wenn ich sie versichere dass sie alles übertreffen was man
jemals in den Geschichten der Feen gesehen hat Sie machen mich selbst
begierig sagte Don Eugenio die unglaublichen Geschichten eines
Schriftstellers der dem Homer den Vorzug des Altertums streitig macht sind
unstreitig eine Gewähr die niemand sich einfallen lassen wird für unsicher zu
halten und wenn schon das sechste Buch davon für die Welt längst verloren
gegangen ist so folgt doch nicht daraus dass Don Gabriel dessen Stärke in der
geheimen Philosophie uns bekannt ist nicht mehr davon wissen könne als andere
Ich bin ihrer Meinung sagte Donna Felicia ich wollte wetten wenn dieses
sechste Buch auch nie geschrieben worden wäre so würde die tiefe Wissenschaft
des Don Gabriel mehr als zulänglich sein uns die Geschichte des Prinzen
Biribinker von Wort zu Wort eben so zu erzählen wie er sie in diesem sechsten
Buch gefunden hätte wenn es geschrieben worden wäre Es beliebt ihnen zu
scherzen Donna Felicia sagte Don Gabriel ganz ernstaft ich gestehe dass die
Geschichte des Prinzen Biribinker bisher noch unbekannt gewesen ist aber das
benimmt ihrer Wahrheit nichts und Don Sylvio soll mit Eu Gnaden Erlaubnis
Richter darüber sein ob etwas darin ist das die Glaubwürdigkeit des
Geschichtschreibers verdächtig machen könnte Wir wollen sehen erwiderte Donna
Felicia denn ich hoffe doch sie werden uns übrigen erlauben Zuhörer
abzugeben wenn wir uns gleich nicht anmassen dürfen Richter zu sein Weil sich
nun jedermann begierig zeigte eine Geschichte zu wissen von welcher der bloße
Name Biribinker sehr viel merkwürdiges zu versprechen schien so wurde
abgeredet dass man sich Abends nach der Sieste in dem MyrtenWäldchen
versammeln wollte um sie anzuhören und weil die Sonne anfing beschwerlich zu
werden so begab sich die Gesellschaft durch einen bedeckten grünen Gang in das
Wohnhaus zurück
Unser Held hatte während dass Hyacinthe ihre Geschichte erzählte einen
Einfall bekommen den er dem Don Eugenio entdeckte so bald sie sich allein
sahen Was würden sie dazu sagen Don Eugenio fing er an wenn Hyacinthe meine
Schwester wäre Ihre Schwester versetzte Don Eugenio haben sie denn eine
Schwester verloren Ich hatte eine antwortete Don Sylvio die sich in ihrem
dritten Jahr verlor ohne dass man erfahren konnte was aus ihr geworden sei
Himmel rief Don Eugenio wie glücklich wäre ich wenn ihre Mutmaßung sich wahr
befände Und in der Tat nun wundert michs erst wie gewisse GesichtsZüge die
Hyacinthe mit ihnen gemein hat mich nicht selbst auf diesen Gedanken gebracht
haben Aber erinnern sie sich keiner Umstände wissen sie keine Merkmale die
unsere Vermutung zu einer Gewissheit leiten könnten Wenn der Instinkt nicht
betrüglich wäre antwortete Don Sylvio so würde ich geneigt sein die Anmutung
die ich beim ersten Anblick für sie empfand für die Stimme des Blutes zu halten
Aber ich besorge Don Eugenio dass ich mir mit einer unzeitigen Hoffnung
geschmeichelt habe Und warum fragte Don Eugenio ungedultig Ich finde einen
Umstand in Hyacintens Geschichte antwortete jener der mich in Verlegenheit
setzt Ich bitte sie erklären sie sich rief Don Eugenio ich bin auf der
Folter so lange sie mich im Zweifel schweben lassen Hyacinthe ist von einer
Zigeunerin erzogen und wie sie vermutet ihren würklichen Eltern entwendet
worden fuhr Don Sylvio fort die Zeiten und das Alter kommen überein meine
Schwester hatte ungefähr drei Jahre wie sie unsichtbar wurde und sie würde
jetzo Hyacintens Alter haben die Verschiedenheit der Namen denn meine
Schwester hieß Seraphine tut nichts zur Sache man konnte ihren Namen ändern
aber der Umstand mit der Zigeunerin verderbt alles Man vermutete zwar in meinem
Hause dass meine Schwester von einer Zigeunerin gestohlen worden sei aber ohne
genugsamen Grund und ich habe eine Menge der wichtigsten Ursachen die mich
überzeugen dass es eine Fee gewesen ist
Hier war Don Eugenio im Begriff die Geduld zu verlieren und er hatte alle
nur ersinnliche Mühe seine erste Bewegungen zurück zu halten Wenn sie keine
andere Bedenklichkeit haben sagte er endlich nachdem er sich wieder gefasst
hatte so haben wir nicht nötig uns hierüber zu beunruhigen Was hindert uns zu
glauben dass die Zigeunerin die Hyacinten raubte die Fee gewesen sei die
ihre Schwester unsichtbar gemacht hat Wir wollen uns nicht bei dem Namen
aufhalten Glauben sie mir alle ihre Karabossen Fanferlüschen Koncumbern und
Magotinen sind nicht mehr noch weniger Feen gewesen als diese Zigeunerin und
wer weißt ob sich nicht am Ende zeigen wird dass die Feerei an Hyacintens
Geschichte mehr Anteil gehabt als sie sich selbst einbildet Don Sylvio fand
diese Idee sehr gut und beide strengten nunmehr allen ihren Witz an sich in
einer Einbildung zu bestärken die ihren Neigungen schmeichelte Unser Held
zweifelte nicht dass sich das Geheimnis in kurzem und ehe man sich dessen
versehen würde durch die plötzliche Erscheinung der Feen von selbst aufklären
werde und Don Eugenio machte von neuem Anstalten die Zigeunerin von der er
über die Genealogie seiner geliebten Hyacinthe mehr Licht erwartete als von
allen Feen der ganzen Welt herbei zu schaffen sie möchte sich auch verkrochen
haben wohin sie wollte
Während dieser Unterredung hatte sich Donna Felicia in ihr Kabinet begeben
wo sie indessen dass Laura mit Hyacintens Aufputz beschäftigt war das
Vergnügen hatte ihren Gedanken ungestört Gehör zu geben Ohne Zweifel hatte sie
Ursache genug mit den Vorteilen zufrieden zu sein die sie bereits über sein
Herz erhalten hatte Sie würde es auch vielleicht gewesen sein wenn ihr Herz
weniger Anteil an ihren Absichten gehabt hätte als ihre Eitelkeit Aber die
Liebe ist wie man weißt so furchtsam dass sie sich oft am weitesten von ihrem
Glück entfernt zu sein glaubt wenn sie ihm am nächsten ist Donna Felicia
befand sich diesesmal in diesem Fall und die übertriebene Vorstellung die sie
sich von der Schwierigkeit machte den blauen Schmetterling aus seinem Herzen zu
verdrängen beredete sie dass es unumgänglich notwendig sei ihn mit stärkeren
Waffen zu bekämpfen als bisher Insonderheit hielt sie es für sehr nachteilig
wenn sie ihm Zeit lassen würde sich in GegenVerfassung zu setzen ihrer
Meinung nach konnte sein Herz nicht anders als mit Sturm erobert werden und
eine jede Minute worin es nicht von ihren Blicken beschossen wurde schien ihr
die Lücken wieder zu ergänzen so sie darin gemacht haben könnten Unter
diesen Betrachtungen fiel ihr ein ihn zu ihrer Toilette rufen zu lassen und
nachdem sie diesen Gedanken in weniger als einer Viertelstunde wohl zwanzigmal
gebilliget und wieder verworfen hatte so behielt er doch zuletzt die Oberhand
und Laura bekam einen Wink ihm wiewohl nur in ihrem eigenen Namen zu
verstehen zu geben dass ihre Dame sichtbar sei
Wir hätten hier einen schönen Anlass unsere Geschicklichkeit so wohl in
Gemälden die eine gewisse Delicatesse des Pinsels erfordern als in
Zergliederung der Empfindungen und Entwicklung der zartesten Treibfedern des
menschlichen Herzens zu zeigen wenn wir uns in eine Beschreibung alles dessen
einlassen wollten was bei diesem Besuch wobei Hyacinthe und Laura gegenwärtig
waren vorgegangen Allein da unsere Eitelkeit durch die Proben die wir unsern
Leser bereits hievon gegeben zu haben glauben schon hinlänglich befriediget
ist so werden sie erlauben dass wir ohne unsre Bequemlichkeit ihrem Vergnügen
aufzuopfern uns für diesmal begnügen ihnen zu sagen dass die schöne Felicia
ihre Absichten vollkommen erreicht habe oder wenn dieser Ausdruck zu
unbestimmt scheinen möchte dass alle die phantastischen Entzückungen worein die
Feen und die Liebe eines schimärischen Gegenstandes unsern Helden von Zeit zu
Zeit gesetzt hatten sich gegen diejenige die er bei dieser Gelegenheit erfuhr
gerade so verhielten wie ein Schmetterling gegen eine reizende Witwe von
achtzehen Jahren
Wenn Donna Felicia bei ihrer Toilette Anlass gehabt hatte unserm Helden ihre
materielle Schönheit in dem mannigfaltesten und vorteilhaftesten Lichte zu
zeigen so unterließ sie nicht über der Tafel seine Bezauberung durch die
intellectualischen Reizungen ihres Geistes die unter dem Flor der sichtbaren
Schönheit so verführerisch sind auf den höchsten Grad zu treiben Die
NachmittagsHitze war dieses mal so erträglich dass man über dem Vergnügen einer
aufgeweckten Konversation die gewöhnliche Sieste vergaß und Don Sylvio der
lauter Aug Ohr und Seele für seine Göttin war würde so gar das Märchen
vergessen haben womit Don Gabriel die Gesellschaft zu regalieren versprochen
hatte wenn er bei einem Spaziergang den man des Abends in dem
MyrtenWäldchen machte nicht von Hyacinten daran erinnert worden wäre Weil
die Absicht dabei war eine Probe zu machen wie weit das Vorurteil und die
Einbildung bei unserm Helden gehe so hatte Don Gabriel die übrigen schon
vorbereitet von seinem Märchen den höchsten Grad des Abenteuerlichen und
Ungereimten zu erwarten Allein dieses machte sie nur desto begieriger zu sehen
wie er sich aus der Sache ziehen würde Hyacinthe hatte also kaum des Prinzen
Biribinker erwähnt so vereinigte sich die ganze Gesellschaft ihm anzuliegen
dass er ihre Ungeduld nach der versprochenen Geschichte befriedigen möchte und
Don Sylvio selbst erwachte so bald er hörte dass von einem FeenMärchen die
Rede war aus der süßen Träumerei worein ihn die schöne Donna Felicia schon
eine geraume Weile gesetzt hatte so groß ist die Macht der Gewohnheit und so
wenig kann der vollkommenste Gegenstand von unserer Aufmerksamkeit Meister
bleiben so bald sich uns ein anderer so klein und eitel er immer
vergleichungsweise sein mag darstellt der einmal im Besitz ist eine gewisse
Gewalt über unsere Einbildung oder unsere Sinnen auszuüben Nachdem sie also in
einer dicht mit Jasmin bewachsenen Sommerlaube Platz genommen so fing Don
Gabriel nach einer kurzen Vorrede zum Lobe des glaubwürdigen
Geschichtschreibers Paläphatus diejenige Erzählung an womit wir den geneigten
Leser in dem folgenden Buche zu unterhalten gedenken
Sechstes Buch
Erstes Kapitel
Geschichte des Prinzen Biribinker
In einem Lande dessen weder Strabo noch Martiniere Erwähnung tun lebte einst
ein König der den Geschichtschreibern so wenig zu verdienen gab dass sie aus
Rachbegierde mit einander einig wurden so gar seine Existenz bei der Nachwelt
zweifelhaft zu machen Allein alle ihre boshaften Bemühungen haben nicht
verhindern können dass sich nicht einige glaubwürdige Urkunden erhalten hätten
in denen man alles findet was sich ungefähr von ihm sagen ließ Diesen Urkunden
zufolge war er eine gute Art von einem Könige machte des Tages seine vier
Mahlzeiten hatte einen guten Schlaf und liebte Ruhe und Frieden so sehr dass
es bei hoher Strafe verboten war die bloßen Namen Degen Flinte Kanone und
dergleichen in seiner Gegenwart zu nennen Das merkwürdigste an seiner Person
sagen die bemeldten Urkunden war ein Wanst von einer so majestätischen
Peripherie dass ihm die größten Monarchen seiner Zeit hierin den Vorzug lassen
mussten Ob ihm der Beiname des Großen den er bei seinen Lebzeiten geführt haben
soll um dieses nämlichen Wanstes oder einer andern geheimen Ursache willen
gegeben worden davon lässt sich nichts gewisses sagen so viel aber ist
ausgemacht dass in dem ganzen Umfange seines Reichs niemand war den dieser
Beiname einen einzigen Tropfen Bluts gekostet hätte Wie es darum zu tun war
dass seine Majestät aus Liebe zu dero Völkern und zu Erhaltung der Thron Folge in
dero Familie sich vermählen sollte so hatte die Academie der Wissenschaften
nicht wenig zu tun vermittelst der gegebenen Größe des königlichen Wanstes und
einiger anderer Verhältnisse die Figur derjenigen Prinzessin zu bestimmen
welche man würdig halten konnte die Hoffnungen der Nation zu erfüllen Nach
einer langen Reihe von academischen Sitzungen wurde endlich die verlangte Figur
und durch eine große Menge von Gesandtschaften die an alle Höfe von Asien
geschickt wurden die Prinzessin ausfindig gemacht die mit dem gegebenen Modell
übereinstimmte Die Freude über ihre Ankunft war außerordentlich und das
Beilager wurde mit so großer Pracht vollzogen dass sich wenigstens fünfzig
tausend Paare von den königlichen Untertanen entschließen mussten ledig zu
bleiben um seiner Majestät die Unkosten von dero Hochzeit bestreiten zu helfen
Der Präsident der Academie der ungeachtet er der schlechteste Geometer seiner
Zeit war sich alle Ehre der obgedachten Erfindung beizulegen gewusst hatte
glaubte mit gutem Grunde dass nunmehr sein ganzes Ansehen von der Fruchtbarkeit
der Königin abhange und weil er in der ExperimentalPhysik ungleich stärker
war als in der Geometrie so fand er man weißt nicht was für ein Mittel die
Berechnungen der Academie zu verificieren Kurz die Königin gebar zu gehöriger
Zeit den schönsten Prinzen der jemals gesehen worden ist und der König hatte
eine so große Freude darüber dass er den Präsidenten auf der Stelle zu seinem
ersten Vezier ernannte
So bald der Prinz geboren war versammelte man zwanzig tausend junge Mädchen
von ungemeiner Schönheit die man zum voraus aus allen Enden des Reichs zusammen
berufen hatte um eine Säugamme für ihn auszuwählen Man muss gestehen dass unter
allen diesen jungen Mädchen nicht eine einzige Jungfer war allein man glaubte
sie würden sich nur desto besser zu dem ehrenvollen Amte schicken wozu man sie
nötig hatte und wozu sich jede die meiste Hoffnung machte weil der erste
Leibarzt ausdrücklich verordnet hatte dass die Wahl auf die schönste fallen
sollte Aus zwanzig tausend schönen die schönste auszuwählen ist keine so
leichte Kommission als man denken möchte auch hatte der Leibarzt ungeachtet
er eine gute Brille auf der Nase sitzen hatte so viel Mühe einen zureichenden
Grund zu finden warum er einer vor der andern den Vorzug geben sollte dass
bereits der dritte Tag sich zum Ende neigte ehe er es nur so weit gebracht
hatte die Kandidatinnen von zwanzig tausend auf vier und zwanzig zu bringen
Allein da doch endlich eine Wahl getroffen werden musste so war er eben im
Begriff unter den vier und zwanzig einer großen Brunette den Vorzug zu geben
weil sie unter allen den kleinsten Mund und die schönste Brust hatte
Eigenschaften die wie er versicherte Galenus und Avicenna schlechterding von
einer guten Amme fordern als man unvermutet eine gewaltig große Biene nebst
einer schwarzen Ziege ankommen sah welche vor die Königin gelassen zu werden
begehrten
Frau Königin sprach die Biene ich höre sie brauchen eine Amme für ihren
schönen Prinzen Wenn sie das Vertrauen zu mir haben wollten mir vor diesen
zweibeinigten Kreaturen den Vorzug zu geben so sollte es sie gewiss nicht
gereuen Ich will den Prinzen mit lauter Honig von PomeranzenBlüten säugen und
sie sollen ihre Lust daran sehen wie groß und fett er dabei werden soll Sein
Atem soll so lieblich riechen wie Jasmin sein Speichel soll süßer sein als
KanarienSect und seine Windeln
Gestrenge Frau Königin fiel ihr die Ziege ins Wort nehmen sie sich vor
dieser Biene in Acht das will ich ihnen als eine gute Freundin geraten haben
Es ist wahr wenn ihnen sehr viel daran gelegen ist dass ihr junges Herrchen süß
werde so taugt sie dazu besser als irgend eine andere aber es laurt wie das
Sprüchwort sagt eine Schlange unter den Blumen Sie wird ihn mit einem Stachel
begaben der ihm unendlich viel Unglück zuziehen wird Ich bin nur eine
schlechte Ziege aber ich schwöre eurer Majestät bei meinem Bart meine Milch
wird ihm weit besser zuschlagen als ihr Honig und wenn er schon weder Nectar
noch Ambrosia machen wird so versprech ich ihnen hingegen dass er der
tapferste der weiseste und der glücklichste unter allen Prinzen sein soll die
jemals Ziegenmilch getrunken haben
Jedermann verwunderte sich da man die Ziege und die dicke Biene so reden
hörte Allein die Königin merkte gleich dass es zwo Feen sein müssten und dieses
machte sie eine ziemliche Weile unschlüssig was sie tun sollte Endlich
erklärte sie sich für die Biene denn weil sie ein wenig geizig war so dachte
sie Wenn die Biene ihr Wort hält so wird der Prinz allenthalben so viel
Süßigkeiten von sich geben dass man das Konfect für die Tafel wird ersparen
können Die Ziege schien es sehr übel zu nehmen dass sie abgewiesen wurde sie
meckerte dreimal etwas unverständliches in ihren Bart hinein und siehe da
erschien ein prächtig lackierter und vergoldeter Wagen von acht Phönixen
gezogen die schwarze Ziege verschwand in dem nämlichen Augenblick und an ihrer
statt sah man ein kleines altes Weibchen in dem Wagen sitzen die mit vielen
Drohungen gegen die Königin und den jungen Prinzen durch die Luft davon fuhr
Der LeibMedicus war über eine so seltsame Wahl nicht weniger missvergnügt und
wollte der Brunette mit dem schönen Busen den Antrag machen ob sie nicht Lust
hätte die Stelle einer Hausmeisterin bei ihm einzunehmen allein zum Unglück
kam er schon zu spät und musste sichs gefallen lassen mit einer von den übrigen
neunzehn tausend neun hundert und sechs und siebzig vorlieb zu nehmen denn
die vier und zwanzig waren alle schon bestellt
Inzwischen machten die Drohungen der schwarzen Ziege dem Könige so bang dass
er noch an dem nämlichen Abend seinen StaatsRat versammlete um sich zu
beraten was bei so gefährlichen Umständen zu tun sein möchte denn weil er
gewohnt war sich alle Nacht mit Märchen einschläfern zu lassen so wusste er
wohl dass die Feen nicht für die Langeweile zu drohen pflegen Nachdem nun die
weisen Männer alle bei einander waren und ein jeder seine Meinung gesagt hatte
so befand sichs dass sechs und dreißig Räte in großen viereckichten Perücken
nicht weniger als sechs und dreißig Vorschläge getan hatten wovon an jedem
wenigstens sechs und dreißig Schwierigkeiten ausgesetzt wurden man stritt in
mehr als sechs und dreißig Sessionen mit vieler Lebhaftigkeit und der Prinz
würde vermutlich mannbar geworden sein ehe man eines Schlusses hätte einig
werden können wenn nicht der FavoritHofNarre seiner Majestät den Einfall
gehabt hätte dass man eine Gesandtschaft an den großen Zauberer Karamussal
schicken sollte der auf der Spitze des Berges Atlas wohnte und von allen Orten
her wie ein Orakel um Rat gefragt wurde Weil nun der Hofnarr das Herz des
Königs hatte und in der Tat für den feinsten Kopf des ganzen Hofes gehalten
wurde so fiel ihm jedermann bei und in wenig Tagen wurde eine Gesandtschaft
abgeschickt welche die Taggelder zu ersparen mit so großer Geschwindigkeit
reisten dass sie in drei Monaten auf der Spitze des Berges Atlas anlangten ob
er gleich bei nahe zwei hundert Meilen von der Hauptstadt entfernt war
Sie wurden so gleich vor den großen Karamussal gelassen der in einem
prächtigen Saal auf einem Throne von Ebenholz sitzend den ganzen Tag genug zu
tun hatte auf alle die wunderlichen Fragen Antwort zu geben die aus allen
Teilen der Welt an ihn gebracht wurden Der erste Abgesandte nachdem er sich den
Bart gestrichen und dreimal geräuspert hatte öffnete eben einen ziemlich großen
Mund um eine schöne Anrede herzusagen die ihm sein Secretair aufgesetzt hatte
als ihn Karamussal unterbrach Herr Abgesandter sagte er ich schenke ihnen
ihre Rede ob ich es ihnen gleich an ihrer Physionomie ansehe dass sie sehr
hübsch gelautet haben würde ich habe selbst den ganzen Tag so viel zu reden
dass mir keine Zeit zum hören übrig bleibt und zu dem so weiß ich schon voraus
was sie bei mir anzubringen haben Sagen sie dem König ihrem Herrn er habe
sich an der Fee Kaprosine eine mächtige Feindin gemacht indessen sei es doch
nicht unmöglich die Zufälle so sie dem Prinzen angedroht habe auszuweichen
wenn man die gehörige Vorsicht gebrauche dass er vor seinem achtzehnten Jahre
kein Milchmädchen zu sehen bekomme Weil es aber aller Vorsicht ungeachtet
eine sehr schwere wo nicht unmögliche Sache ist seinem Schicksal zu entgehen
so sei mein Rat dass man um auf alle Fälle gefasst zu sein dem Prinzen den
Namen Biribinker gebe dessen geheime Kräfte allein mächtig genug sind ihn aus
allen den Abenteuern die ihm zustossen könnten glücklich heraus zu führen Mit
diesem Bescheid entließ Karamussal die Gesandtschaft welche nach Verfluss
abermaliger drei Monate unter allgemeinem Zujauchzen des Volks wieder in der
Hauptstadt ihres Landes anlangte
Der König fand die Antwort des großen Karamussal so ungereimt dass er große
Lust hatte darüber böse zu werden Bei meinem Bauch rief er denn das war
sein großer Schwur ich glaube der große Karamussal hat seinen Spaß mit uns
Biribinker was für ein verfluchter Name das ist Hat man auch jemals gehört
dass ein Prinz Biribinker geheißen hätte Ich möchte doch wohl wissen was für
eine geheime Kraft in diesem närrischen Namen stecken soll Und wenn ich die
Wahrheit sagen soll das Verbot ihm vor seinem achtzehnten Jahre kein
Milchmädchen sehen zu lassen deucht mich nicht viel gescheiter Warum dann
gerade kein Milchmädchen Und seit wenn sind die Milchmädchen gefährlicher als
andere Mädchen Wenn er noch gesagt hätte keine Tänzerin oder kein
Kammerfräulein von der Königin das wollt ich noch gelten lassen denn unter
uns ich wollte nicht gut dafür sein dass ich nicht selbst gelegenheitlich eine
kleine Anfechtung von dieser Art bekommen könnte Indessen weil es der große
Karamussal nun einmal so haben will so mag der Prinz immerhin Biribinker
heißen er wird wenigstens der erste dieses Namens sein und das gibt einem doch
immer ein gewisses Ansehen in der Historie und was die Milchmädchen anbetrifft
so will ich schon Anstalt machen dass auf fünfzig Meilen um meine Residenz weder
Kuh noch Ziege MelkKübel noch Milchmädchen zu finden sein soll
Der König dessen geringste Sorge war die Folgen seiner Entschließungen
vorher zu überlegen war wirklich im Begriff ein Edict deshalb ergehen zu
lassen als ihm sein Parlament durch eine zahlreiche Deputation vorstellen ließ
dass es sehr hart um nicht gar tyrannisch zu sagen heraus kommen würde wenn
Sr Majestät getreue Untertanen gezwungen werden sollten den Kaffee künftig
ohne Milchrahm zu trinken und weil die vorläufige Nachricht von diesem Edict
wirklich schon ein großes Murren unter dem Volk erregte so mussten sich Seine
Majestät endlich entschließen nach dem Beispiele so vieler andern Könige in den
FeenGeschichten dero CronPrinzen unter der Aufsicht seiner Amme der Biene
von sich zu entfernen und es ihrer Klugheit zu überlassen wie sie ihn vor den
Nachstellungen der Fee Kaprosine und vor den Milchmädchen sicher stellen wollte
Die Biene brachte also den kleinen Prinzen in einen großen Wald der
wenigstens zwei hundert Meilen im Umfang hatte und so unbewohnt war dass man in
seinem ganzen Bezirk nur nicht einen Maulwurf gefunden hätte Sie baute durch
ihre Kunst einen unermesslichen Bienenkorb von rotem Marmor und legte um
denselben einen Park von PomeranzenBäumen an der sich über fünf und zwanzig
Meilen in die Länge und Breite erstreckte Ein Schwarm von hundert tausend
Bienen deren Königin sie war beschäftigte sich für den Prinzen und das Serail
der Königin Honig zu machen und damit man seinetwegen vollkommen sicher sein
könnte so wurden rings um den Wald alle fünf hundert Schritte WespenNester
angelegt welche Befehl hatten die Grenzen aufs schärfste zu bewachen
Indessen wuchs der Prinz heran und übertraf durch seine Schönheit und
wunderbare Eigenschaften alles was jemals gesehen worden ist Er spuckte lauter
Syrup er pisste lauter PomeranzenBlütWasser und seine Windeln enthielten so
köstliche Sachen dass sie von Zeit zu Zeit der Königin zugeschickt werden
mussten damit sie an GalaTägen ihren NachTisch daraus verbessern konnte So
bald er zu reden anfing lallte er Koncetti und Epigrammata und sein Witz wurde
nach und nach so stachlicht dass ihm keine Biene mehr gewachsen war ob gleich
die dummste im ganzen Korbe zum wenigsten so viel Witz hatte als einer von den
vierzigen der Academie Francoise
Allein so bald er das siebenzehnte Jahr erreicht hatte regte sich ein
gewisser Instinkt bei ihm der ihm sagte dass er nicht dazu gemacht sei sein
Leben in einem Bienenkorbe zuzubringen Die Fee Melisotte so nannte sich seine
Amme wandte zwar alles an ihn aufzumuntern und zu zerstreuen sie verschrieb
ihm eine Anzahl sehr geschickter Katzen die ihm alle Abend ein Französisches
Konzert oder eine Opera von Lulli vormauen mussten er hatte ein Hündchen das
auf dem Seil tanzte und ein dutzend Papagaien und Elstern die sonst nichts zu
tun hatten als ihm Märchen zu erzählen und ihn mit ihren Einfällen zu
unterhalten allein das wollte alles nichts helfen Biribinker sann Tag und
Nacht auf nichts anders als wie er aus seiner Gefangenschaft entwischen möchte
Die größte Schwierigkeit die er dabei sah waren die verwünschten Wespen die
den Wald bewachten und in der Tat kleine Tierchen waren die einen Herkules
hätten erschrecken können denn sie waren so groß wie junge Elephanten und ihr
Stachel hatte die Figur und bei nahe auch die Größe der Morgensterne deren sich
die alten Schweizer mit so gutem Erfolg zu Behauptung ihrer Freiheit zu bedienen
pflegten Da er sich nun einsmals voller Verzweiflung über seine Gefangenschaft
unter einen Baum geworfen hatte näherte sich ihm eine Hummel die wie alle
übrigen männlichen Bewohner des Bienenstocks die Größe eines halb gewachsenen
Bären hatte
Prinz Biribinker sagte die Hummel wenn sie Langeweile haben so versichere
ich sie dass es mir noch schlimmer geht Die Fee Melisotte unsre Königin hat
mir seit etlichen Wochen die Ehre angetan mich zu ihrem Liebling zu erkiesen
aber ich gestehe ihnen dass ich der Last meines Amtes nicht gewachsen bin Sie
hat unter uns geredet über fünftausend Hummeln in ihrem Serail die gewiss
nicht müßig sind ich wollte mich nicht beschweren wenn sie mich den übrigen
gleich hielte aber Sapperment der Vorzug den sie mir gibt fangt mir an
beschwerlich zu fallen ich sage ihnen dass es nicht länger auszustehen ist
Wenn sie wollten Prinz so wäre es ihnen ein leichtes sich selbst und mir die
Freiheit zu verschaffen Was ist denn zu tun fragte der Prinz Ich bin nicht
allzeit eine Hummel gewesen antwortete der missvergnügte Liebling und sie
allein sind im Stande mir meine erste Gestalt wieder zu geben Setzen sie sich
auf meinen Rücken es ist Abend und die Königin ist in ihrer Celle in
Geschäften begriffen die ihr keine Freiheit lassen sich um etwas anders zu
bekümmern Ich will mit ihnen davon fliegen aber sie müssen mir versprechen
dass sie tun wollen was ich von ihnen verlange Der Prinz versprach es ihm
ersetzte sich ohne Bedenken auf und die Hummel flog so schnell mit ihm davon
dass sie in sieben Minuten aus dem Walde waren Nunmehr sprach die Hummel sind
sie in Sicherheit Die Macht des alten Zauberers Padmanaba der mich in diese
Umstände gebracht hat erlaubt mir nicht weiter mit ihnen zu gehen aber hören
sie was ich ihnen sagen werde Wenn sie auf diesem Wege linker Hand fortgehen
so werden sie endlich in eine große Ebene kommen wo sie eine Herde himmelblauer
Ziegen sehen werden die um eine kleine Hütte herum weiden Nehmen sie sich ja
in acht dass sie nicht in die Hütte hinein gehen oder sie sind verloren Halten
sie sich immer linker Hand und gehen sie fort bis sie endlich zu einem
verfallenen Palast kommen dessen noch übrige Pracht ihnen beweisen wird was er
ehmals gewesen ist Sie werden durch etliche Höfe an eine große Treppe von
weißem Marmor kommen welche sie in einen langen Gang führen wird wo sie zu
beiden Seiten eine Menge prächtiger und hell erleuchteter Zimmer finden werden
Gehen sie ja in keines derselben hinein sonst schließt es sich augenblicklich
von selbst wieder zu und keine menschlische Gewalt kann sie wieder heraus
bringen Sie werden aber eines davon verschlossen finden und dieses wird sich
öffnen so bald sie den Namen Biribinker aussprechen In diesem Zimmer bringen
sie die Nacht zu das ist alles was ich von ihnen verlange Glückliche Reise
gnädiger Herr und wenn sie sich bei meinem Rat wohl befinden so vergessen sie
nicht dass ein Dienst des andern wert ist
Mit diesen Worten flog die Hummel davon und ließ den Prinzen in keiner
mittelmäßigen Erstaunung über alles was sie ihm gesagt hatte Voller Ungeduld
nach den wundervollen Begebenheiten die ihm bevor stunden ging er die ganze
Nacht durch denn es war Mondschein und mitten im Sommer Des Morgens erblickte
er die Wiese die Hütte und die himmelblauen Ziegen Er erinnerte sich des
Verbots gar wohl das die Hummel ihm so nachdrücklich eingeschärft hatte allein
er fühlte beim Anblick der Ziegen und der Hütte eine Art von Anziehung der er
nicht widerstehen konnte Er ging also in die Hütte hinein und fand niemand
darin als ein junges Milchmädchen in einem schneeweißen Leibchen und Unterrock
die im Begriff war etliche Ziegen zu melken die an einer diamantnen Krippe
angebunden stunden Der MelkKübel den sie in ihrer schönen Hand hatte war aus
einem einzigen Rubin gemacht und statt des Strohes war der Stall mit lauter
Jasmin und PomeranzenBlüten bestreut Alles dieses war freilich
bewundernswürdig genug allein der Prinz bemerkte es kaum so sehr hatte ihn die
Schönheit des jungen Mädchens geblendet In der Tat Venus in dem Augenblick da
sie von den Zephyren ans Gestade von Paphos getragen wurde oder die junge Hebe
wenn sie halb aufgeschürzt den Göttern Nectar einschenkte waren weder schöner
noch reizender als dieses Milchmädchen Ihre Wangen beschämten die frischesten
Rosen und die Perlenschnuren womit ihre Arme und ihre kleinen netten Füßchen
umwunden waren schienen nur dazu zu dienen die blendende Weiße derselben zu
erhöhen Nichts konnte zierlicher und reizender sein als ihre GesichtsZüge und
ihr Lächeln über ihr ganzes Wesen war ein Ausdruck von Zärtlichkeit und
Unschuld ausgebreitet und ihre kleinsten Bewegungen hatten diesen namenlosen
Reiz dem die Herzen beim ersten Anblick entgegen fliegen Diese bezaubernde
Person schien auf eine eben so angenehme Art über den Prinzen Biribinker
betroffen als er über sie halb unschlüssig ob sie bleiben oder fliehen
wollte blieb sie stehen und betrachtete ihn mit einem verschämten Blicke
worin Schüchternheit und Vergnügen sich zu vermischen schienen Ja ja rief
sie endlich aus indem sich der Prinz zu ihren Füßen warf er ist es er ist es
Wie rief der entzückte Prinz der aus diesen Worten schloss dass sie ihn schon
kenne und dass er ihr nicht gleichgültig sei ist der allzuglückliche
Biribinker Götter schrie das Milchmädchen indem sie ganz bestürzt zurück
bebte was für einen verhassten Namen höre ich wie sehr haben meine Augen und
mein voreiliges Herz mich betrogen Fliehe fliehe unglückliche Galactine Mit
diesen Worten floh sie wirklich so schnell aus der Hütte als ob sie der Wind
davon führte Der bestürzte Prinz der den Abscheu nicht begreifen konnte den
sie vor seinem Namen hatte lief ihr nach so schnell als er konnte allein das
Milchmädchen flog dass ihre Fusssohlen kaum die Spitzen des Grases berührten
Umsonst beflügelten die Schönheiten die ihr flatterndes Gewand in jedem
Augenblick entdeckte die Begierden und die Füße des nacheilenden Prinzen er
verlor sie in einem dichten Gebüsche wo er den ganzen Tag hin und wieder lief
und jedem Rasseln und Flüstern das er hörte nachging ohne dass er die mindeste
Spur von ihr finden konnte
Indessen war die Sonne untergegangen und er befand sich unvermerkt an der
Pforte eines alten Schlosses welches halb eingefallen schien Denn es ragten
allenthalben Mauerstücke von Marmor und umgestürzte Säulen von den kostbarsten
Edelsteinen aus dem Gesträuch hervor und er stieß sich alle Augenblicke an
Trümmern wovon der schlechteste eine Insel auf dem festen Lande wert war Er
merkte hieraus dass er bei dem Palast sei wovon ihm sein guter Freund die
Hummel gesagt hatte und hoffte wie die verliebten hoffnungsvolle Leute zu
sein pflegen sein holdseliges Milchmädchen vielleicht hier zu finden Er
arbeitete sich durch drei Vorhöfe durch und kam endlich an die Treppe von
weißem Marmor Zu beiden Seiten stund auf jeder Stufe deren zum wenigsten
sechzig waren ein großer geflügelter Löwe der bei jedem Atemzug so viel Feuer
aus seinen Naslöchern schnaubte dass es heller als bei Tag davon wurde aber es
versengte ihm nur nicht ein Haar und die Löwen sahen ihn nicht so bald so
spannten sie ihre Flügel aus und flohen mit großem Gebrüll davon
Der Prinz Biribinker ging also hinauf und kam sogleich in eine lange
Galerie wo er die offenen Zimmer fand wovor ihn die Hummel gewarnt hatte Ein
jedes derselben führte in zwei oder drei andere und die Pracht womit sie
eingerichtet und ausgeschmücket waren übertraf alles was sich seine
Einbildungs vorstellen konnte ungeachtet ihm die Feerei nichts neues war
Allein dieses mal nahm er sich wohl in acht seiner Neugier o den Zügel zu
lassen und ging so lange fort bis er an eine verschlossene Türe von Ebenholz
kam an welcher ein goldener Schlüssel steckte Er versuchte lange vergeblich
ihn umzudrehen aber so bald er den Namen Biribinker ausgesprochen hatte sprang
die Türe von sich selbst auf und er befand sich in einem großen Saal dessen
Wände ganz mit crystallenen Spiegeln überzogen waren Er wurde von einem
diamantnen Cronleuchter erhellt an welchem in mehr als fünf hundert Lampen
lauter ZimmetÖl brannte In der Mitte stund ein ovaler Tisch von Elfenbein mit
smaragdenen Füßen für zwo Personen gedeckt und zur Seiten zween Schenktische
von LasurStein die mit goldenen Tellern Bechern Trinkschalen und anderm
Tisch Geräte versehen waren Nachdem er alles was sich in diesem Saale seinen
Augen darbot eine gute Weile voller Erstaunen betrachtet hatte erblickte er
eine Türe durch die er in verschiedene andere Zimmer kam wovon immer eines das
andere an Pracht der Auszierung überglänzte Er besah alles Stück vor Stück und
wusste nicht mehr was er davon denken sollte Die Zugänge zu diesem Palast
hatten ihm ein zerstörtes Schloss angekündiget das Inwendige schien keinen
Zweifel übrig zu lassen dass es bewohnt sei und doch sah und hörte er keine
lebendige Seele Er durchging alle diese Zimmer noch einmal er suchte überall
und entdeckte endlich in dem letzten noch eine kleine Türe in den Tapeten Er
öffnete sie und befand sich in einem Kabinet worin die Feerei sich selbst
übertroffen hatte Ein angenehmes Gemisch von Licht und Schatten erheiterte es
ohne dass man die Quelle dieser zauberischen Dämmerung entdecken konnte Die
Wände von poliertem schwarzem Granit stellten wie eben so viele Spiegel
verschiedene Szenen von der Geschichte des Adonis und der Venus mit einer
Lebhaftigkeit vor die der Natur gleich kam ohne dass man erraten konnte durch
was für eine Kunst diese lebende Bilder sich dem Stein einverleibet hatten
Liebliche Gerüche wie von Frühlingswinden aus frisch aufblühenden Blumenstöcken
herbei geweht erfüllten das ganze Gemach ohne dass man sah woher sie kamen
und eine stille Harmonie wie von einem Konzert das aus tiefer Ferne gehört
wird umschlich eben so unsichtbar das bezauberte Ohr und schmelzte das Herz in
zärtliche Sehnsucht Ein wollüstiges Ruhebett von welchem ein marmorner
LiebesGott der zu atmen schien den wallenden Vorhang halb hinweg zog war das
einzige Geräte in diesem anmutsvollen Ort und erweckte in dem Herzen unsers
Prinzen ein gehemmisvolles Verlangen nach etwas wovon er so neu als er noch
war nur dunkle Begriffe hatte ob ihm gleich die Tapeten die er sehr
aufmerksam und nicht ohne eine süße Unruhe betrachtete einiges Licht zu geben
anfingen In diesen Augenblicken stellte sich ihm das Bild des schönen
Milchmädchens mit einer neuen Lebhaftigkeit dar und nachdem er eine Menge
vergeblicher Klagen über ihren Verlust angestimmt hatte fing er von neuem an zu
suchen bis er es müde wurde Weil er nun diesesmal nicht glücklicher war als
vorher so begab er sich wieder in das Kabinet mit dem Ruhebette zog seine
Kleider aus und war im Begriff sich niederzulegen als eines der
unvermeidlichsten Bedürfnisse der menschlichen Natur ihn nötigte sich unter dem
Bette umzusehen Er fand wirklich ein Gefäß von Crystall an welchem noch
Merkmale zu sehen waren dass es vor Zeiten zu einem solchen Gebrauch gedient
hatte Der Prinz fing schon an es mit PomeranzenBlüt Wasser zu begiessen als
er o Wunder das crystallene Gefäß verschwinden und an dessen statt eine
junge Nymphe vor sich stehen sah die so schön war dass es unmöglich hätte
scheinen sollen so sehr über sie zu erschrecken als der Prinz wirklich
erschrak Sie lachte ihn so freundlich an als ob sie einander schon längst
gekannt hätten und ehe er sich noch aus seiner Bestürzung erholen konnte sagte
sie zu ihm Willkommen Prinz Biribinker Lassen sie sichs nicht verdrießen einer
jungen Fee einen Dienst getan zu haben die ein barbarischer Eifersüchtiger über
zwei Jahrhunderte lang zu einem Werkzeug der niedrigsten Bedürfnisse missbraucht
hat Reden sie aufrichtig Prinz finden sie nicht dass mich die Natur zu einem
edleren Gebrauch bestimmt hat Sie sagte dieses mit einem gewissen Blick dessen
DirectionsLinie den bescheidenen Biribinker in einige Verwirrung setzte Er
hatte wie wir wissen so viel Witz als man haben kann aber wir müssen hinzu
setzen eben so viel Unbesonnenheit er merkte dass er der Fee etwas
verbindliches sagen sollte weil er aber gewohnt alles was er sprach mit einem
gewissen Schwung zu sagen so konnte all sein Witz diesmal nicht verhindern dass
er nicht etwas sehr dummes sagte Es ist ein Glück für sie schönste Nymphe
antwortete er ihr dass ich die Absicht nicht haben konnte ihnen den seltsamen
Dienst zu leisten den ich ihnen unwissender Weise geleistet habe denn ich
versichere sie dass ich sonst allzuwohl gewusst hätte was der Wohlstand
O machen sie nicht so viel Komplimente erwiderte die Fee in den
Umständen worin sich unsere Bekanntschaft anfängt sind sie sehr überflüssig
Ich habe ihnen nichts geringers als mich selbst zu danken und da wir nicht
länger als diese Nacht beisammen bleiben werden so müsste ich mir selbst
Vorwürfe machen wenn ich ihnen Anlass gäbe die Zeit mit Komplimenten zu
verderben Ich weiß dass sie der Ruhebedürftig sind sie sind schon
ausgekleidet legen sie sich immer zu Bette Es ist zwar das einzige das in
diesen Gemächern ist aber es steht ein Sopha in dem großen Saal auf dem ich
die Nacht ganz bequem werde zubringen können
Madame versetzte der Prinz ohne dass er selbst recht wusste was er sagte
ich würde in diesem Augenblick der glücklichste unter allen Sterblichen sein
wenn ich nicht der unglücklichste wäre Ich muss ihnen gestehen ich finde was
ich nicht gesucht habe indem ich suchte was ich verloren hatte und wenn nicht
der Schmerz sie gefunden zu haben die Freude meines Verlusts Nein die
Freude wollt ich sagen sie gefunden zu haben
Je nun wahrhaftig fiel ihm die Fee ins Wort ich glaube sie schwärmen Was
wollen sie mir mit allem dem Galimatias sagen Kommen sie Prinz Biribinker
gestehen sie mir in guter Prosa dass sie in ein Milchmädchen verliebt sind
Sie raten so glücklich sagte der Prinz dass ich ihnen gestehen muss
O daraus haben sie gar kein Bedenken zu machen fuhr die Fee fort und in
ein Milchmädchen das sie diesen Morgen in einer schlechten Hütte angetroffen
haben in einem Stall was man sagen möchte
»Aber ich bitte sie woher wie können sie «
Und die auf einer Streu von PomeranzenBlüten im Begriff war eine
himmelblaue Ziege in einen Kübel von Rubin zumelken nicht wahr
Wahrhaftig rief der Prinz für eine Person die vor einer Viertelstunde
nehmen sie mirs nicht ungnädig noch ich will nicht sagen was war wissen
sie erstaunlich viel
»Und die davonlief so bald sie den Namen Biribinker hörte «
Aber ich bitte sie Madame woher können sie das alles wissen da sie doch
wie sie sagen schon zwei hundert Jahre in dem sonderbaren Stande gewesen sind
worin ich die Ehre gehabt habe sie so unverhofft kennen zu lernen
Nicht so unverhofft auf meiner Seite als sie sich einbilden antwortete die
Fee Aber heißen sie ihre Neugierigkeit noch einen Augenblick ruhen Sie sind
abgemattet und haben den ganzen Tag nichts gegessen kommen sie mit mir in den
Saal es ist schon für uns beide gedeckt und ich hoffe ihre Treue gegen ihr
schönes Milchmädchen werde ihnen doch erlauben mir wenigstens bei Tische
Gesellschaft zu leisten Biribinker merkte den geheimen Verveis sehr wohl der
in diesen Worten lag er tat aber nicht dergleichen und begnügte sich mit einem
tiefen Reverenz ihr in den Speissaal zu folgen
So bald sie hinein gekommen waren ging die schöne Cristalline so hieß die
Fee zum Kamin und bemächtigte sich eines kleinen Stabs von Ebenholz an dessen
beiden Enden ein diamantner Talisman befestiget war Nun habe ich nichts weiter
zu besorgen sagte sie setzen sie sich Prinz Biribinker ich bin nun Meisterin
von diesem Palast und von vierzig tausend elementarischen Geistern die der
große Zauberer der ihn vor fünfhundert Jahren erbaute zum Dienst desselben
bestimmt hat
Mit diesen Worten schlug sie dreimal an den Tisch und in dreien
Augenblicken sah Biribinker mit Erstaunen dass er mit den niedlichsten Speisen
besetzt war und dass die Flaschen auf dem Schenktisch sich von selbst mit Wein
anfüllten
Ich weiß sagte die Fee zum Prinzen dass sie nichts als Honig essen
versuchen sie einmal von diesem hier und sagen sie mir ob sie jemals
dergleichen gekostet haben Der Prinz aß davon und schwur dass es nichts
geringers als das Ambrosia der Götter sein könne Er wird sagte sie aus den
reinsten Düften der unverwelklichen Blumen bereitet die in den Gärten der
Sylphen blühen Und was sagen sie zu diesem Wein fuhr sie fort indem sie ihm
eine volle Trinkschale darbot Ich schwöre ihnen rief der entzückte Prinz dass
die schöne Ariadne dem jungen Bacchus keinen bessern eingeschenkt hat Er wird
versetzte sie aus den Trauben gedruckt die in den Gärten der Sylphen wachsen
und dem Gebrauch desselben haben diese schöne Geister die unsterbliche Jugend
und Munterkeit zu danken die in ihren Adern wallt
Die Fee sagte nichts davon dass dieser Nectar noch eine andere Eigenschaft
hatte die der Prinz gar bald zu erfahren anfing Je mehr er davon trank je
reizender fand er seine schöne Gesellschafterin Beim ersten Zug bemerkte er
dass sie sehr schöne blonde Haare hatte beim andern wurde er von der Schönheit
ihrer Arme gerührt beim dritten entdeckte er ein Grübchen in ihrem linken
Backen und beim vierten entzückte ihn die Weiße und Fülle eines gewissen
Busens der unter dem Nebel eines dünnen Flors seinen Augen nachstellte Ein so
reizender Gegenstand und eine Trinkschale die sich immer wieder von sich selbst
anfüllte waren mehr als er nötig hatte um seine Sinnen in ein süßes Vergessen
aller Milchmädchen der ganzen Welt einzuwiegen Was sollen wir sagen Biribinker
war zu höflich eine so schöne Fee auf dem Sopha schlafen zu lassen und die
schöne Fee zu dankbar als dass sie ihm in einem Hause wo vierzig tausend
Geister herum spukten ihre Gesellschaft hätte abschlagen können Kurz die
Höflichkeit wurde auf der einen und die Dankbarkeit auf der andern Seite so
weit getrieben als es möglich war und Biribinker bewies sich der guten Neigung
vollkommen würdig welche Cristalline beim ersten Anblick von ihm gefasst hatte
Die Fee erwachte wie die Geschichte sagt zuerst und konnte den Übelstand
nicht ertragen einen so außerordentlichen Prinzen in so guter Gesellschaft
schlafen zu sehen Prinz Biribinker sagte sie zu ihm nachdem sie ihn man
weißt nicht wie erweckt hatte ich habe ihnen keine gemeine Verbindlichkeiten
Sie haben mich von der unanständigsten Bezauberung die jemals ein Frauenzimmer
erlitten hat befreit sie haben mich an meinem Eifersüchtigen gerochen nun ist
nur noch eins übrig und sie können sich auf die unbegrenzte Dankbarkeit der Fee
Cristalline Rechnung machen
Und was ist dann noch übrig fragte der Prinz indem er sich die Augen rieb
So hören sie dann antwortete die Fee Dieser Palast gehörte wie ich ihnen
schon gesagt habe einem Zauberer dem seine Wissenschaft eine fast
unumschränkte Macht über alle Elemente gab Allein seine Macht über die Herzen
war desto eingeschränkter Zum Unglück war er trotz seinem hohen Alter und
einem schneeweißen Bart der ihm bis an die Gürtel herab hing eine der
verliebtesten Seelen die jemals gewesen sind Er verliebte sich in mich und ob
er gleich die Gabe nicht hatte sich wieder lieben zu machen so hatte er doch
Macht genug um gefürchtet zu werden Bewundern sie die Wunderlichkeit des
Schicksals ich versagte ihm mein Herz welches zu gewinnen er sich alle nur
ersinnliche Mühe gab und überließ ihm meine Person die ihm zu nichts nütze
war Vor langer Weile wurde er endlich eifersüchtig aber so eifersüchtig dass
es nicht auszustehen war Er hatte die schönsten Sylphen zu seiner Bedienung
und doch ärgerte er sich über die unschuldigsten Freiheiten die wir mit
einander nahmen Er brauchte einen nur in meinem Zimmer oder auf meinem Sopha
anzutreffen so war ich schon gewiss dass ich ihn nicht wieder zu sehen bekam Ich
verlangte von ihm dass er sich auf meine Tugend verlassen sollte aber auch
diese schien dem Unglaubigen keine hinlängliche Bürgschaft gegen ein Schicksal
das er so wohl zu verdienen sich bewusst war Kurz er schaffte alle Sylphen ab
und nahm zu unsrer Bedienung lauter Gnomen an kleine missgeschaffene Zwerge bei
deren bloßen Anblick ich vor Ekel hätte ohnmächtig werden mögen Allein wie die
Gewohnheit endlich alles erträglich macht so versöhnte sie mich nach und nach
mit der Figur dieser Gnomen und machte dass ich zuletzt possierlich fand was
mir anfangs abscheulich vorgekommen war Es war keiner unter allen der nicht
etwas übermässiges in seiner Bildung gehabt hätte Der eine hatte einen Höcker
wie ein Kamel der andere eine Nase die ihm bis über den Mund herab hing der
dritte Ohren wie ein Faun und ein Maul das ihm den Kopf in zwo Halbkugeln
spaltete der vierte einen ungeheuren Wanst kurz eine Chinesische
Einbildungskraft kann nichts abenteurlichers erfinden als die Gesichter und
Figuren dieser Zwerge Allein der alte Padmanaba hatte nicht bemerkt dass sich
unter seinen Aufwärtern einer befand der in einem gewissen Sinn gefährlicher
war als der schönste Sylphe von der Welt Nicht dass er weniger hässlich gewesen
wäre als die übrigen aber durch ein seltsames Spiel der Natur war bei ihm ein
Verdienst was bei andern zu nichts diente als die Augen zu beleidigen
Ich weiß nicht ob sie mich verstehen Prinz Biribinker
Nicht allzuwohl versetzte der Prinz aber erzählen sie nur weiter
vielleicht werden sie in der Folge deutlicher werden
Es stund nicht lange an fuhr die schöne Cristalline fort so hatte Grigri
so hieß der Gnome Ursache zu glauben dass er mir weniger missfalle als seine
Gesellen Was wollen sie Man gerät auf allerlei Einfälle wenn man lange Weile
hat und Grigri hatte eine außerordentliche Gabe missvergnügten Damen die Zeit zu
vertreiben Mit einem Wort er wusste meine müßige Stunden und ich hatte ihrer
in der Tat sehr viele auf eine so angenehme Art auszufüllen dass man nicht
zufriedener sein kann als ich es war Padmanaba bemerkte endlich die ungewohnte
Fröhlichkeit die aus meinem Gesicht und aus meinem ganzen Wesen hervor
schimmerte Er zweifelte nicht dass sie eine andere Ursache haben müsste als das
Vergnügen so er selbst mir machte aber er konnte nicht erraten was es für
eine sein möchte Zum Unglück war er ein großer Meister in derjenigen Art von
Schlussreden die man Soriten nennt Er geriet durch eine lange Kette von
Schlüssen endlich auf die Vermutung die ihm das ganze Geheimnis anfzuschliessen
schien Er beschloss uns zu beobachten und nahm seine Zeit so wohl dass er uns
in eben diesem Kabinet bei einem Spiel überraschte welches die unerschöpfliche
Geschicklichkeit des kleinen Grigri außerordentlich interessant zu machen wusste
Hätten sie es geglaubt mein Prinz dass man ein so schlimmes Herz haben könnte
als der alte Zauberer bei dieser Gelegenheit zeigte An statt großmütig an
meinem Vergnügen Anteil zu nehmen erzürnte er sich darüber der
Niederträchtige Er hätte sich immer erzürnen mögen dass er nicht Grigri war
aber was konnte unbilliger sein als uns deswegen zu strafen
In der Tat sagte Biribinker nichts unbilligers denn wenn er nur in einem
einzigen Punkt Grigri gewesen wäre so bin ich gewiss dass sie ihm ungeachtet
seines langen weißen Bartes den Vorzug vor einem kleinen hässlichen Zwergen
gegeben hätten
Was sagen sie mir von einem kleinen hässlichen Zwerg erwiderte Cristalline
ich versichere sie in dem Augenblick wovon wir reden war Grigri ein Adonis in
meinen Augen Aber hören sie nur wie es weiter ging Nachdem der Alte
unsichtbarer Weise unsern Spielen eine Weile zugesehen hatte trat er endlich
hervor und setzte uns in einen Schrecken der sich leichter einbilden als
beschreiben lässt Er schüttete die ganze Wut über uns aus in die ihn ein
Anblick gesetzt hatte der seines Unvermögens zu spotten schien Ich schäme mich
ihnen die Komplimente zu wiederholen die er mir bei dieser Gelegenheit machte
Kurz denn ich muss Zeit sparen er verwandelte mich sie wissen wohl worein
und den armen Grigri in eine Hummel
In eine Hummel rief Biribinker das ist sonderbar so ist vielleicht Herr
Grigri von meiner Bekanntschaft
Mit der Bedingung fuhr Cristalline fort dass ich meine Gestalt nicht eher
wieder bekommen sollte bis ich dem Prinzen Biribinker verzeihen sie meiner
Schamhaftigkeit dass ich den Umstand nicht nenne worin ich zu erst das
Vergnügen hatte sie kennen zu lernen und in der Tat ohne ihnen zu schmeicheln
so sehr zu ihrem Vorteil dass ich in der ersten Bestürzung im Begriff war sie
für den armen Grigri selbst zu halten
Sie erweisen mir allzuviel Ehre erwiderte Biribinker und wenn ich gewusst
hätte dass ihr Herz für einen so würdigen Gegenstand eingenommen wäre
Ich bitte sie sagte die Fee gewöhnen sie sich doch die unzeitlichen
Komplimente ab die sie so gern zu machen pflegen sie können nicht glauben wie
gezwungen und wunderlich es ihnen lässt Ich sage ihnen dass ich die beste
Meinung von ihrer Bescheidenheit habe und ich denke ich gebe ihnen eine sehr
starke Probe davon da ich mich so nahe bei ihnen sicher glaube Ich erinnere
mich zwar nicht allzuwohl wie es zugegangen ist dass wir so vertraulich mit
einander worden sind denn ich gestehe dass ich aus Vergnügen über unsere so
lang gewünschte Zusammenkunft ein paar Gläser mehr getrunken als ich zu trinken
pflege aber ich hoffe doch sie werden sich in den Schranken
In der Tat schöne Cristalline fiel ihr der Prinz ins Wort ich finde ihr
Gedächtnis so außerordentlich als die Tugend worauf sie wollten dass der alte
Padmanaba sich verlassen sollte aber sagen sie mir doch wenn sie es nicht auch
vergessen haben was wurde denn aus der Hummel
Sie erinnern mich eben recht daran antwortete die Fee der arme Grigri ich
hatte ihn wirklich vergessen es ist mir leid aber der grausame Padmanaba hat
seine Befreiung auf eine so ungereimte Bedingung gesetzt dass ich nicht weiß
wie ich es ihnen werde sagen können
Und was kann denn das für eine Bedingung sein fragte Biribinker
Ich begreife nicht antwortete Cristalline was sie dem alten Zauberer getan
haben können dass er sie in diese Händel eingemischt hat denn das ist gewiss
dass damals da alle diese Verwandlungen vorgingen ihre ÄlterMutter noch nicht
einmal geboren war Mit einem Wort Grigri soll seine vorige Gestalt nicht
wiederbekommen bis sie Nein die Delicatesse meiner Empfindungen lässt mir
nicht zu es ihnen zu sagen und ich begreife nicht wie ich fähig sein werde
mich dazu zu verstehen denn sie werden denk ich an der Röte womit der bloße
Gedanke daran mein Gesicht überzieht schon erraten haben was es ist
Ich will selbst gleich zue inem dreifachen Hummel werden rief Biribinker
wenn ich errate was sie haben wollen ich bitte sie machen sie nicht so viel
Umschweife es ist schon heller Tag und ich kann mich nicht mehr aufhalten
Wie sagte die Fee wird ihnen die Zeit so lange bei mir bin ich nicht
fähig ihnen ein Milchmädchen nur für etliche Stunden aus dem Sinn zu bringen
Sie sollten mir wenigstens aus Eigennutz ein wenig den Hof machen denn ich kann
mehr zu ihrem Glücke beitragen als sie sich einbilden
So sagen sie mir dann geschwind was ich tun soll erwiderte Biribinker
Wie ungedultig sie sind rief die Fee Wissen sie also dass der arme Grigri
nicht eher wieder Grigri werden soll bis der Prinz Biribinker Nun so raten
sie doch Aber das versichere ich ihnen wenn es nicht um die Wiederherstellung
eines alten guten Freundes zu tun wäre ich könnte mich nimmermehr dazu
verstehen das Opfer der Rache zu werden welche Padmanaba durch ihren
Beistand an dem armen Grigri nehmen will
Er will doch nicht dass ich ihnen das Leben nehmen soll sagte der Prinz
Nun das muss ich gestehen antwortete Cristalline dass sie heute mit einem
außerordentlich harten Kopf aufgewacht sind Glauben sie denn nicht dass ein
recht eingenommener Liebhaber seine Geliebte lieber sterben als in eines andern
Armen sehen würde
Ha ha Nun versteh ich sie endlich Madam sagte Biribinker ganz
kaltsinnig wahrhaftig ihre Schamhaftigkeit hätte nicht nötig gehabt sich so
viel Bedenken zu machen die Sache gerade heraus zu sagen Aber erlauben sie mir
ihrem Gedächtnis ein wenig nachzuhelfen und sie zu erinnern dass wenn es mir
hieran läge Grigri schon lange entummelt sein müsste Es sind noch nicht drei
Stunden
Ich glaube sie haben Zerstreuungen unterbrach ihn die Fee
Indessen müssen sie wissen dass Padmanaba sehr streng über dem Recht der
Wiedervergeltung hält und dass Grigri nicht eher zu seiner ersten Gestalt
gelangen kann bis sie ihm alle die Beleidigungen wieder geben welche der
Zauberer von ihm empfangen zu haben glaubt
O Madame rief der Prinz indem er aus dem Ruhebette sprang ich bin des
Herrn Padmanaba gehorsamer Diener aber wenn es nur auf diesen kleinen Umstand
ankommt so werden sie unter den zehen tausend Gnomen die ihnen zu Diensten
stehen einen neuen Grigri suchen müssen um ihren graubartigen Gecken an seinem
wundertätigen Nebenbuhler zu rächen denn daran wird ihnen vermutlich mehr
gelegen sein als dass ihr kleiner Zwerg seine vorige Schönheit wieder bekomme
Was mich betrifft so denke ich sie sollten zufrieden sein dass ich ihnen die
ihrige wieder gegeben Ich sage das nicht als ob ich mich durch die
Gütigkeiten die sie für mich gehabt haben nicht überflüssig für einen Dienst
belohnt halte der mich so wenig gekostet hat ich wollte sie nur erinnern dass
die Hauptsache doch immer in dem Umstande liegt dass sie an statt ein
crystallener Nachttopf zu sein wieder die Fee Cristalline sind und dass die
Gewalt die ihnen der Zauberstab des alten Padmanaba gibt sie gar leicht wegen
des Verlusts eines einzigen sollte trösten können
Ich hoffe doch nicht versetzte Cristalline dass sie meine Sorge für den
armen Grigri einer eigennützigen Absicht beimessen Sie müssten in der Tat weder
die Feinheit meiner Empfindungen noch die Pflichten der Freundschaft kennen
wenn sie nicht begreifen könnten dass man sich für einen Freund beeifern kann
ohne einen andern BewegungsGrund zu haben als das Beste dieses Freunds und
ich müsste sie bedauern
O Madame erwiderte Biribinker der sich indessen angekleidet hatte ich
bin von der quintessenzmäßigen Feinheit ihrer Empfindungen so überzeugt als
sie es nur verlangen können aber sie sehen wie bequem dieser Morgen ist meine
Reise fortzusetzen Sein sie so gütig sie deren Herz einer so uneigennützigen
Freundschaft fähig ist und entdecken mir auf welchem Weg ich meine geliebte
Galactine wieder finden kann So will ich gegen alle und jede behaupten dass sie
die grossmütigste die uneigennützigste und wenn sie wollen auch die sprödeste
unter allen Feen des Erdkreises sind
Sie sollen befriediget werden antwortete Cristalline gehen sie und suchen
ihr Milchmädchen weil es doch ihr Schicksal so haben will ich hätte vielleicht
Ursache mit ihrer Aufführung nicht allzu sehr zufrieden zu sein aber ich sehe
wohl dass man es mit ihnen nicht so genau nehmen muss Gehen sie Prinz sie
werden im Hof ein Maultier antreffen welches so lange mit ihnen davon trotten
wird bis sie ihre Galactine gefunden haben und wofern ihnen wider Vermuten
etwas unangenehmes zustossen sollte so werden sie in dieser ErbsenSchote ein
unfehlbares Mittel dagegen finden
Wie froh bin ich unterbrach Don Eugenio die Erzählung seines Freundes dass
sie ihren Biribinker endlich aus diesem verwünschten Schloss heraus führen Ich
gestehe ihnen dass ich dieser Cristalline endlich überdrüssig worden bin Was
für eine abgeschmackte Kreatur Sagen sie nur sie ist eine Fee versetzte Don
Gabriel das ist alles gesagt Sie wollen vermutlich sagte Don Sylvio mit
großem Ernst hiemit nicht zu verstehen geben als ob es keine
hochachtungswürdige Feen gebe denn es ist unleugbar dass es solche gibt
indessen ist doch gewiss dass vielleicht die meisten irgend etwas seltsames und
ungereimtes an sich haben wodurch sie sich von den Sterblichen unterscheiden
wollen wenn anders der Fehler nicht an uns liegt dass wir sie nach Regeln
beurteilen denen sie als Wesen von einer andern Klasse nicht unterworfen sind
Aber ihr Gewäsche sagte Don Eugenio die Delicatesse ihrer Empfindungen ihre
Tugend Was sagen sie dazu Ich halte es für eine so kitzliche Sache von Feen zu
urteilen dass ich lieber nichts davon sagen will antwortete Don Sylvio und das
bei dieser Gelegenheit um so mehr als in der Tat die Geschichte des Prinzen
Biribinker in allen Betrachtungen die ausserordentlichste FeenGeschichte ist
die ich jemals gehört habe Was den Charakter der Fee Cristalline betrifft
sagte Don Gabriel so gibt ihn der Geschichtschreiber für nichts bessers als er
ist und ich glaube dass man ihn allenfalls tadelhaft finden könnte ohne der
Ehrfurcht gegen die Feen zu nahe zu treten im übrigen werden sie doch gestehen
Don Eugenio dass ihr Gewäsche nicht halb so langweilig ist als es ihnen aus
meinem Munde gewesen sein mag so bald sie sich an des Prinzen Stelle setzen
Man hört eine schöne Person allemal gern wenn man sie sieht und wenn sie eine
wohl klingende Stimme hat sie überzeugt und rührt ohne dass man darauf acht
gibt was sie sagt und würde gemeiniglich nicht viel dabei gewinnen wenn man
darauf acht gäbe Wenn sie unserm Geschlecht keine schönere Komplimente zu
machen haben sagte Donna Felicia so täten sie besser ihre Erzählung
fortzusetzen so langweilig sie immer sein mag
Don Gabriel versprach sein möglichstes zu tun um sie kurzweiliger zu
machen und fuhr also fort Der Prinz Biribinker steckte die ErbsenSchote zu
sich bedankte sich gegen die Fee für alle ihre Gütigkeiten und stieg in den
Hof herab Sehen sie hier sagte Cristalline die ihn begleitete sehen sie hier
ein Mauleier das vielleicht wenige seines gleichen hat Es stammt in gerader
Linie von dem berühmten trojanischen Pferd und der Eselin des Silenus ab Von
der väterlichen Seite hat es die Eigenschaft dass es von Holz ist und weder
Futter noch Streue noch Striegel nötig hat und von der mütterlichen dass es
einen überaus sanften Trab geht und so gedultig ist wie ein Schaf Steigen sie
auf und lassen es gehen wohin es will es wird sie zu ihrem geliebten
Milchmädchen bringen und wenn sie nicht so glücklich sein werden als sie
wünschen so wird die Schuld nur an ihnen selbst sein
Der Prinz besah dieses außerordentliche Tier von allen Seiten und hatte
alle die Wunderdinge die ihm in diesem Schloss begegnet waren nötig um ihm so
viel Gutes zuzutrauen als ihm die Fee nachgerühmt hatte Indessen dass er
aufstieg wollte ihm Cristalline noch eine Probe geben dass sie nicht zu viel
von ihrer Macht gesagt hatte Sie schlug mit ihrem Stab dreimal in die Luft und
siehe auf einmal erschienen alle zehen tausend Sylphen welche ihr der Stab des
Padmanaba untertänig machte der Hof die Treppe die Galerie und sogar die
Dächer und die Luft wimmelte von geflügelten Jünglingen wovon der geringste den
vaticanischen Apollo an Schönheit übertraf Bei allen Feen rief Biribinker von
diesem Anblick außer sich selbst gesetzt was für einen glänzenden Hof sie
haben Lassen sie den kleinen Grigri immer eine Hummel bleiben Madame und
halten sie sich an diese hier es müsste unglücklich sein wenn unter allen
diesen LiebesGöttern keiner fähig sein sollte ihnen einen Gnomen zu ersetzen
der ihrem eigenen Geständnis nach keinen andern Vorzug vor seinen missgeschaffnen
Gesellen hatte als dass er auf eine kurzweiligere Art ungestalt war Sie sehen
wenigstens versetzte Cristalline dass es mir nicht an Gesellschaft fehlt die
mich wegen ihrer Unbeständigkeit trösten kann wenn es mir jemals einfallen
sollte dass ich getröstet sein wollte
Mit diesen Worten wünschte sie ihm eine glückliche Reise und Biribinker
trabte auf seinem hölzernen Maultier davon indem er allem demjenigen
nachdachte was ihm in diesem wundervollen Schloss begegnet war
Zweites Kapitel
Fortsetzung der Geschichte des Prinzen Biribinker
Ich will ihnen fuhr Don Gabriel in seiner Erzählung fort die manchfaltigen
Betrachtungen erlassen welche Biribinker unterwegs mit sich selbst anstellte
um ihnen zu sagen dass er gegen Mittag da die Hitze unerträglich zu werden
anfing an dem Eingang eines Waldes abstieg und sich an den Rand eines kleinen
Bachs setzte der von Bäumen und Gebüschen umschattet war Nicht lange so
erblickte er eine Schäferin die eine kleine Herde rosenfarber Ziegen vor sich
her trieb um sie an dem Bache zu tränken wo Biribinker im Schatten lag
Denken sie Don Sylvio wie groß seine Entzückung sein musste als er in
dieser jungen Hirtin sein geliebtes Milchmädchen erkannte Sie kam ihm noch
zehenmal schöner vor als da er sie das erstemal gesehen hatte aber was ihn am
meisten erfreute war dass sie an statt vor ihm zu fliehen immer näher herbei
kam und sich endlich wie es schien ohne ihn zu bemerken nicht weit von ihm
ins Gras setzte Der Prinz unterstund sich nicht sie anzureden aber er sah sie
mit so durchdringenden feurigen Blicken an dass die Steine im Bache bei nahe
davon in Glas verwandelt worden wären Die schöne Schäferin welche sehr kalter
Natur sein musste um von so kräftigen Blicken nicht geröstet zu werden flochte
indessen ganz gelassen einen Blumenkranz und unterließ nicht von Zeit zu Zeit
einen Seitenblick auf ihn zu werfen worin er nichts weniger als Unwillen zu
entdecken vermeinte Dieses machte ihn so kühn dass er näher zu ihr rückte ohne
dass sie es wahrnahm den sie spielte eben mit einer kleinen Ziege die an statt
der Haare lauter Silberfaden hatte und mit Blumenkränzen und rosenfarben
Bändern aufs artigste geziert war Seine Augen sagten ihr aus diesem neuen
StandPunkt nicht weniger schönes als zuvor und die ihrigen antworteten von
Zeit zu Zeit so höflich dass er sich endlich nicht länger halten konnte sich zu
ihren Füßen zu werfen und ihr nach seiner Gewohnheit in sehr poetischen
Redensarten zu wiederholen was er vorher in einer weit verständlichern und
überzeugendern Sprache gesagt hatte Nachdem seine zärtliche Elegie zu Ende war
antwortete ihm die schöne Schäferin mit einem Blick welcher kaltsinniger
anfing als aufhörte Ich weiß nicht ob ich sie recht verstanden habe wollten
sie mir alle diese Weile her nicht sagen dass sie mich lieb hätten Himmel
dass ich sie liebe rief der entzückte Biribinker sagen sie dass ich sie anbete
dass ich meine schmachtende Seele zu ihren Füßen aushauche Sehen sie antwortete
die Schäferin ich bin nur ein ganz einfältiges Mädchen ich verlange nicht dass
sie mich anbeten sollen und sie sollen auch ihre Seele nicht aushauchen denn
ich denke nicht dass sie zu viel davon haben ich würde wohl zufrieden sein
wenn sie mich nur liebten Aber ich gestehe ihnen dass ich schwerer zu
überzeugen bin als die Fee mit der sie die vergangene Nacht zugebracht haben
Götter rief der bestürzte Prinz was höre ich Wie ist es möglich Wer kann
ihnen Woher wissen sie ich weiß nicht was ich sage O unglückseliger
Biribinker
Die schöne Schäferin tat einen großen Schrei ehe er diesen fatalen Namen
noch ganz ausgesprochen hatte Ja wohl unglückseliger Biribinker rief sie aus
indem sie sich mit großer Hastigkeit vom Boden aufraffte müssen sie mein Ohr
schon wieder mit diesem schändlichen Namen beleidigen Sie zwingen mich sie zu
hassen und zu fliehen da ich Hier wurde die erzürnte Galactine plötzlich von
einem Anblick unterbrochen der dem Prinzen und ihr selbst auf einmal alle
andere Gedanken benahm Sie sahen einen Riesen auf sie zu kommen der an statt
eines Kranzes ein paar junge Eichbäume um den Kopf geflochten hatte und sich
unterm Gehen die Zähne mit einem Zaunpfahl ausstocherte Er ging gerade auf die
Schäferin zu und donnerte sie mit einer so entsetzlichen Stimme an dass mehr
als zwei hundert Dohlen die ihre Nester in seinem Bart hatten mit großem
Gekrächze heraus geflogen kamen Was hast du hier rief er mit diesem kleinen
Zwerg Püppchen Folge mir augenblicklich oder ich hacke dich zu kleinen
Pastetchen und du sagte er zu dem Prinzen indem er ihn in einen großen Sack
steckte herein in meinen Sack Nach diesem sehr laconischen Gruß schnürte er den
Sack zu nahm die Schäferin auf den Arm und trabte davon Biribinker glaubte in
den leeren Raum gestürzt worden zu sein denn er fiel und fiel immer fort ohne
dass es ein Ende nehmen wollte Endlich kam er doch auf den Boden aber stieß den
Kopf so stark an einem Weberknopf an dass er etliche Minuten ganz betäubt da
lag und die Hirnschale gebrochen zu haben glaubte Nach und nach erholte er
sich wie der und da besann er sich an die ErbsenSchote die ihm Cristalline
gegeben hatte er brach sie auf fand aber nichts als ein kleines Messer von
Diamant mit einem Heft von einer Greifen Klaue kaum so groß dass man es mit
drei Fingern fassen konnte Ist das alles dachte er was die Fee Cristalline
für mich tut Was will sie dass ich mit diesem Spielzeug machen soll Es ist
kaum groß genug dass ich mir die Kehle damit abschneiden könnte und vielleicht
ist das auch ihre Meinung Aber man muss doch alles andere vorher versuchen ehe
man sich die Kehle abschneidt Ich kann mit diesem Messerchen ein Loch in den
Sack bohren ob es gleich Mühe kosten wird und wenn ich schon einen Sprung
wagen muss so will ich doch lieber alles wagen als Gefahr laufen dass dieser
verfluchte Popanz kleine Bratwürstchen für seine Popänzchen aus mir macht In
dieser großmütigen Entschließung arbeitete der Prinz Biribinker oder vielmehr
das kleine Messer worauf ein Talisman eingegraben war so nachdrücklich dass er
in kurzer Zeit eine ziemliche Öffnung in den Sack machte ungeachtet die Fäden
des Gewebes so dick waren wie ein AnkerSeile Er bemerkte dass die Reise eben
durch einen Wald ging und dachte seine Zeit so gut in Acht zu nehmen dass er
indem er sich aus dem Sack heraus stürzte an dem Wipfel eines hohen Baums sich
halten könnte Diesen Anschlag setzte er ungesäumt ins Werk ohne dass es der
Riese gewahr wurde allein der Ast an den er sich halten wollte brach mit ihm
und der gute Biribinker fiel in ein ziemlich tiefes marmornes BrunnenBecken
voll Wassers welches zu allem Glück unter ihm lag denn was er für einen Wald
angesehen hatte befand sich ein sehr schöner Park der zu einem nicht weit
davon gelegenen Schloss gehörte Er dachte indem er untertauchte zum wenigsten
in das Kaspische Meer gefallen zu sein oder besser zu sagen er dachte gar
nichts so betäubt von Schrecken lag er da und vermutlich würde er in seinem
Leben das Trockne nicht wieder gesehen haben wenn nicht eine Nymphe die sich
eben in diesem Brunnen badete zu seiner Rettung herbei geschwommen wäre Die
Gefahr worin sie einen so schönen jungen Menschen sah machte sie vergessen in
was für einem Zustande sie selbst war und in der Tat hätte er leicht ertrinken
können ehe sie ihre Kleider angezogen hätte Kurz Biribinker fühlte da er zu
sich selbst kam dass sein Gesicht an dem schönsten Busen lag der jemals gewesen
ist und da er die Augen auftat sah er sich am Rande eines großen Brunnens in
den Armen einer Nymphe die ihm in dem ungekünstelten Aufzug worin er sie sah
beim ersten Anblick so viel und noch mehr Leben wieder gab als er brauchte
Dieses Abenteuer setzte ihn in ein so angenehmes Erstaunen dass er kein Wort
hervor bringen konnte Allein die Nymphe merkte kaum dass er wieder lebte so
riss sie sich von ihm los und sprang ins Wasser Biribinker der sich
einbildete dass sie ihm entfliehen wolle erhub ein so klägliches Geschrei als
ein kleiner Junge nur immer machen kann wenn man ihm eine neue Puppe nehmen
will Die schöne Nymphe war wohl sehr weit von einem so grausamen Vorhaben
entfernt denn in wenigen Augenblicken sah er sie schon wieder mit einem Rücken
der die Lilien an Glanz übertraf aus dem Wasser hervor ragen Sie hob den Kopf
ein wenig empor aber kaum erblickte sie den Prinzen so tauchte sie wieder
unter und plätscherte unter dem Wasser fort bis sie an die andere Seite des
Brunnens kam wo ihre Kleider lagen Allein da sie sah dass ihr der Prinz
folgte erhub sie sich mit halbem Leib aber ganz in ihre lange gelbe Haare
eingehüllt die ihr in dichten wallenden Locken bis zu den Füßen herab flossen
und seinen lüsternen Augen den Anblick von Schönheiten entzogen welche fähig
waren einen Titon zu verjüngen
Sie sind sehr unbescheiden Prinz Biribinker sagte sie dass sie sich in
solchen Augenblicken aufdringen da man allein sein will
Vergeben sie mir schönste Nymphe antwortete der Prinz wenn mir ihre
Bedenklichkeiten ein wenig unzeitig vorkommen nach dem Dienst den sie mir so
großmütig geleistet haben dächte ich
Man sehe doch rief die Nymphe aus was für einen Übermut diese Mannsleute
haben Man untersteht sich nicht ihnen die mindeste kleine Höflichkeit zu
erzeigen ohne dass sie ihre Glossen darüber machen und ein bloßes Werk der
Großmut und des Mitleidens ist in ihren Augen schon eine Aufmunterung wodurch
sie berechtiget zu sein glauben sich Freiheiten mit uns heraus zu nehmen Wie
weil ich gütig genug gewesen bin ihnen das Leben zu retten so glauben sie
vielleicht
Sie sind sehr grausam unterbrach sie der Prinz dass sie dasjenige einem
unbescheidenen Übermut beimessen was eine notwendige Wirkung der Zauberei ihrer
Reizungen ist Wenn sie mir das Leben wieder nehmen wollen das sie mir gerettet
haben denn wer kann sie gesehen haben und die Beraubung eines so entzückenden
Anblicks ertragen so töten sie mich wenigstens auf eine großmütige Art machen
sie ein Denkmal ihrer alles bezwingenden Schönheit aus mir und lassen mich hier
in ihrem Anschauen zum Marmorbilde erstarren
Sie haben wie ich höre eine hübsche Belesenheit in den Poeten versetzte
die Nymphe wo nahmen sie doch diese Anspielung War nicht einmal eine gewisse
Medusa Sie haben ihren Ovidius gelesen das ist gewiss und man muss gestehen
dass sie ihrem Schulmeister Ehre machen
Grausame rief Biribinker mit Ungeduld was für ein Belieben finden sie die
Sprache meines Herzens welches keinen Ausdruck für seine Empfindungen stark
genug findet mit den Figuren eines schülerhaften Witzes zu verwechseln Sie
nehmen ihre Zeit sehr übel wenn sie disputieren wollen fiel ihm die Nymphe
ein sehen sie denn nicht wie viel Vorteile ich in dem Element worin ich bin
über sie habe Aber ich bitte sie gehen sie hinter diese MyrtenHecken und
erlauben sie mir dass ich mich ankleide wenn sie so gut sein wollen Würde es
aber nicht großmütiger von ihnen sein wenn sie mir erlaubten dass ich sie
ankleiden hilfe Glauben sie das erwiderte die Nymphe ich danke ihnen für
ihre Dienstfertigkeit aber ich möchte ihnen nicht gerne Mühe machen und sie
sehen auch dass ich Leute genug habe die diese Arbeit besser gewohnt sind als
sie
Mit diesen Worten blies sie in ein kleines AmmonsHorn so ihr an einer
Schnur der größten und feinsten Perlen am Halse hing und in einem Augenblick
erfüllte sich der ganze Brunnen mit jungen Nymphen die plätschernd aus dem
Wasser herauf fuhren und einen Kreis um ihre Gebieterin machten Biribinker
konnte sich jetzt noch weniger entschließen als zuvor auf die Seite zu gehen
aber die Nymphen erblickten ihm kaum so spritzten sie ihm eine solche Menge
Wassers ins Gesicht dass er aus Furcht ein anderer Actäon zu werden so
eilfertig davon lief als ob er schon Hirschläufte hätte Er fühlte sich alle
Augenblicke an die Stirne da er aber weder Geweih noch Sprossen merkte so
schlich er wieder zurück um hinter den MyrtenHecken der Ankleidung seiner
schönen Nymphe zuzusehen Allein er kam schon zu spät die Nymphen waren wieder
verschwunden und indem er hinter der Hecke hervor gehen wollte fehlte es nicht
viel dass er mit dem Kopf an die Stirne seiner Erretterin angeschlagen hätte
die im Begriff war ihn zu suchen Er erstaunte ungemein da er sie sah Wie
Madame rief er aus nennen sie das angekleidet sein
Warum nicht antwortete die Nymphe sehen sie denn nicht dass ich in einen
siebenfachen Schleier von Leinwand eingewickelt bin Das gestehe ich sagte
der Prinz wenn das Leinwand ist so möchte ich wohl denjenigen sehen der sie
gewebt hat denn das feinste SpinnenGewebe ist Segeltuch gegen dieses Ich
hätte geschworen dass es Luft wäre Es ist die feinste Art von gewebtem Wasser
versetzte sie von einer Art trocknem Wasser welches von Polypen gesponnen und
von unsern Mädchen gewebt wird es ist die gewöhnliche Kleidung die wir andern
Ondinen zu tragen pflegen Was für eine andere wollen sie dass wir haben sollen
da wir uns weder vor Frost noch Hitze zu verwahren brauchen Der Himmel verhüte
sagte Biribinker dass ich ihnen eine andere wünsche aber mich deucht wenn sie
es nicht ungnädig nehmen wollen sie hätten vorhin nicht nötig gehabt so viel
Umstände zu machen wie sie aus dem Bade steigen wollten Hören sie mein Herr
von Honigseim sagte die Nymphe mit einem kleinen spöttischen Naserümpfen das
ihr sehr gut ließ wenn ich ihnen raten dürfte so gewöhnten sie sich das
moralisieren ab denn es ist gerade das worauf sie sich am wenigsten verstehen
Wissen sie denn nicht dass der Gebrauch über die Anständigkeit entscheidet Man
sieht wohl dass sie die Welt nie anders als in einem BienenKorbe gesehen haben
und sie würden sehr wohl tun wenn sie nach dem Rat des weisen Avicenna über
nichts urteilten was sie zum erstenmal sehen Aber lassen sie uns von etwas
anderm reden Sie haben noch nicht zu Mittag gegessen nicht wahr und so
verliebt sie immer mit gewissen Ausnahmen in ihr Milchmädchen sind so weiß
ich doch wohl dass sie nicht gewohnt sind von Seufzern zu leben
Nach diesen Worten blies sie wieder in ihr kleines Ammonshorn und
augenblicklich stiegen drei Nymphen aus dem Brunnen hervor Die erste brachte
einen kleinen Tisch von Bernstein der von drei Gratien empor gehoben wurde die
aus einem einzigen Ametyste geschnitten waren Die andere breitete eine Matte
von den feinsten gespaltenen Binsen darüber aus und die dritte trug ein
Körbchen auf dem Kopfe aus dem sie verschiedene bedeckte Muscheln auf den Tisch
stellte Man sagt mir sie essen nichts als Honig sprach die Nymphe zu
Biribinker sie sollen einen kosten der nicht der schlimmste ist ob er gleich
aus lauter Seegewächsen gezogen wird Der Prinz versuchte ihn und fand ihn so
gut dass er bei nahe die Schale mit verschluckt hätte Wie sie abgespeist
hatten erschienen zwo andere Najaden mit einem kleinen Schenktisch von Saphir
der mit einer Menge Trinkschalen aufgesetzt war Sie waren alle aus gediegenem
Wasser geschnitzt hart wie Diamant durchsichtig wie Cristall und wie es
schien mit lauter Brunnenwasser angefüllt Aber wie Biribinker davon kostete
befands sichs dass die besten persischen Weine Phlegma dagegen waren Gestehen
sie sagte die Ondine dass sie hier nicht schlimmer sind als bei der Fee
Cristalline bei der sie die vergangene Nacht zugebracht haben
Sie sind allzubescheiden schönste Ondine antwortete der Prinz dass sie
sich mit einer Fee vergleichen die in allen Stücken so weit unter ihnen ist
Wieder übel geschlossen erwiderte die Nymphe ich sagte das nicht aus
Bescheidenheit sondern nur um zu hören was sie mir darauf antworten würden
Aber ich bitte sie meine Göttin sagte der Prinz wie geht es zu dass sie
so gute Nachrichten von mir haben So bald sie mich sehen nennen sie mich bei
meinem Namen Sie sehen daraus antwortete die Nymphe dass ich eine so gute
Kennerin bin als die Fee Cristalline »Sie wissen dass ich in einem BienenKorb
erzogen worden bin« das riecht man ihnen auf zwanzig Schritte weit an»dass ich
ein Milchmädchen liebe« O ja wie man noch nie geliebt hat und dass sie noch
verliebter sind seit dem sie eine Schäferin worden ist und wer weißt wie weit
sie ihr Glück getrieben hätten wenn nicht der Riese Karaculiamborix Aber
haben sie keinen Kummer sie sollen sie wieder sehen und so glücklich sein als
man in Besitz eines Milchmädchens nur immer sein kann
O rief Biribinker bei dem die Getränke der Ondine mächtig zu würken
anfingen kann man etwas anders zu sehen oder zu besitzen wünschen nachdem man
sie gesehen hat göttliche Ondine Ich erinnere mich nur nicht mehr dass ich
vorher Augen hatte und der Augenblick da ich sie zum erstenmal sah ist der
Anfang meines Daseins Ich kenne und wünsche mir keine andere Glückseligkeit
als zu ihren Füßen von dem Feuer verzehrt zu werden das ihr erster Blick in
meiner Brust entzündet hat
Prinz Biribinker antwortete die Ondine sie haben einen schlimmen
Lehrmeister in der Redekunst gehabt Ich hätte gedacht die Fee Cristalline
sollte ihnen die lächerliche Meinung benommen haben dass man uns Unsinn vorsagen
müsse um uns die Heftigkeit seiner Leidenschaft zu beweisen Ich wette was sie
wollen dass es nicht wahr ist dass sie zu meinen Füßen verzehrt zu werden
wünschen glauben sie mir ich weiß besser was sie wünschen und sie würden mehr
dabei gewinnen wenn sie natürlich mit mir reden wollten Diese schwülstige
Sprache die sie sich angewöhnt haben ist vielleicht gut Milchmädchen zu
rühren aber lassen sie sich ein für allemal sagen dass man uns nicht nach
einerlei Methode behandeln muss Ein Frauenzimmer das den Averroes so lange
studiert hat wie ich wird durch keine poetische Blümchen gewonnen man muss uns
überzeugen können wenn man uns rühren will und die Macht der Wahrheit ist das
einzige was uns nötigen kann uns zu ergeben
Biribinker war es zu sehr gewohnt von den Damen denen er in die Hände fiel
gehofmeistert zu werden als dass er sich durch einen Verweis hätte kleinmütig
machen lassen sollen der ihm die Mittel zeigte wodurch man bei den
Schülerinnen des Averroes glücklich werden kann und in der Tat fühlte er dass
es ihn weit weniger Mühe kosten werde sie durch die Energie der Wahrheit als
durch spitzfündige und schwülstige Liebes Erklärungen zu überwältigen Die
Reizungen der Ondinen übertreffen nach dem vollgültigen Zeugnis des Grafen von
Gabalis alles was den Besitz der schönsten unter den Töchtern der Menschen
begehrenswürdig macht Kurz Biribinker wurde nach und nach so natürlich und
überzeugend als sie es nur wünschen konnte und ob sie gleich eine genaue
Beobachterin dessen war was man Gradationen nennt so wusste sie doch die Zeit
so gut einzuteilen dass es eben Nacht wurde wie der Prinz die Überzeugung bis
zu derjenigen Evidenz trieb die keinen Zweifel übrig lässt Die Geschichte sagt
weiter nichts von dem was zwischen ihnen vorgegangen als dass sich Biribinker
des Morgens da er erwachte zu seinem nicht geringen Erstaunen auf eben dem
Ruhebette in eben dem Zimmer in eben dem Palast und in dem nämlichen Zustande
befand worin er des Morgens zuvor gewesen war
Die schöne Ondine welche man weißt nicht warum sich nicht weit von ihm
befand merkte kaum dass er erwacht war als sie ihn mit einer Anmut die ihn
vor etlichen Stunden eben so sehr entzückt hatte als sie ihn jetzt gleichgültig
ließ also anredete Das Schicksal mein lieber Biribinker hat sie dazu
ausersehen sich unglückliche Feen verbindlich zu machen Da ich das Vergnügen
habe eine davon zu sein so ist es billig dass ich sie berichte wer ich bin
und wie viel ich ihnen zu danken habe Wissen sie also dass ich eine von
denjenigen Feen bin die man Ondinen nennt weil sie das Element des Wassers
bewohnen aus dessen subtilesten Atomen ihr Wesen zusammen gesetzt ist Man
nannte mich Mirabella und der Stand einer Fee mit dem Rang den mir meine
Geburt unter den Ondinen gab hätte mich glücklich machen können wenn irgend
etwas fähig wäre uns gegen die Einflüsse eines feindseligen Gestirns zu
schützen Das meinige verurteilte mich von einem alten Zauberer geliebt zu
werden dem seine tiefe Wissenschaft eine unbegrenzte Gewalt über die
elementarischen Geister gab Allein bei allem dem war er der unangenehmste
Mensch von der Welt und ohne die Freundschaft eines Salamanders der ein
Günstling des alten Padmanaba war
Wie rief der Prinz Padmanaba sagen sie der Mann mit dem schneeweißen
Ellenlangen Bart der arme Mädchens die Langeweile haben in Nachtgeschirre und
kurzweilige Gnomen in Hummeln verwandelt
Eben dieser versetzte die Ondine war es der sich die Rechte eines
Ehemanns über mich anmasste ohne zu den Pflichten dieses Characters die mindeste
Tüchtigkeit zu haben Eine meiner Vorgängerinnen die er in den Armen eines
hässlichen Gnomen überraschte hatte ihn so misstrauisch gemacht dass er auf
seinen eigenen Schatten eifersüchtig war Er hatte alle Gnomen abgeschafft und
dafür lauter Salamander angenommen deren feurige Natur wie er dachte
geschickter war Schrecken als Liebe einzuflößen Sie erinnern sich ohne Zweifel
aus ihrem Ovidius an die schöne Semele die in der Umarmung eines Salamanders zu
Asche wurde Aber der gute Alte vergaß mit aller seiner Vorsichtigkeit dass die
wässerichte Natur der Ondinen sie vor einer solchen Gefahr vollkommen sichert
und das gedämpfte Feuer der Salamander zu einer sanften Hitze mässiget die der
Liebe nicht wenig günstig ist Padmanaba verließ sich so völlig auf seinen
Günstling dass er uns alle Freiheit ließ die wir nur wünschen konnten Sie
bilden sich vielleicht ein Prinz Biribinker dass wir uns diese Gelegenheit nach
der Weise materieller Liebhaber zu Nutze gemacht haben würden aber sie irren
sich Flox so hieß mein Freund der Salamander war zu gleicher Zeit der
zärtlichste und der geistigste Liebhaber von der Welt Er merkte gleich dass
mein Hetz nur durch den Verstand gewonnen werden könne und trieb seine
Gefälligkeit gegen meine Delicatesse so weit dass er gar nicht einmal zu
bemerken schien dass ich wie sie sehen eine ziemlich feine Haut eine nicht
ganz gleichgültige Figur und ein paar niedliche kleine Füßchen hatte mit denen
ich im Notfall so fertig zu reden wusste als eine andere mit den Augen Mit
einem Wort er ging mit mir um als ob ich lauter Geist gewesen wäre An statt
wie andere Liebhaber mit mir zu tändeln analysierte er mir die geheimnisvollen
Schriften des Averroes wir sprachen ganze Tage lang von unsern Empfindungen
und ob es gleich im Grund immer eben dieselbigen waren so wussten wir ihnen doch
so vielerlei Wendungen zu geben dass wir immer etwas neues zu sagen schienen
wenn wir in der Tat immer einerlei sagten Sie sehen mein Prinz dass nichts
unschuldigers sein konnte als unsere Freundschaft oder wenn sie es so nennen
wollen unsere Liebe Und doch konnte uns weder die Lauterkeit unsrer Absichten
noch die Vorsichtigkeit einer jungen Gnomide die in meinen Diensten und in der
Tat ein dummes kleines Ding war vor den boshaften Beobachtungen so vieler
Augen die der Neid auf uns offen hielt sicher stellen Verschiedene
Salamander von den Vorzügen beleidigt die ich meinem Freund über sie gab
unterstunden sich über unsern Umgang gewisse Glossen zu machen die sich ihrem
Vorgehen nach auf gewisse Vertraulichkeiten gründeten die sie zwischen uns
wahrgenommen haben wollten Der eine bemerkte dass ich außerordentlich munter
sei und dass ein gewisses Feuer in meinen Augen blitze welches lange Zeit darin
erloschen gewesen war ein anderer konnte nicht begreifen dass meine Lust zur
Philosophie groß genug sein könne um mir so gar in meinem Schlafzimmer
Lectionen darin geben zu lassen ein dritter wollte eine gewisse Sympatie
unserer Knien und Ellenbogen und ein vierter ich weiß nicht was für ein
geheimes Verständnis zwischen unsern Füßen entdeckt haben Sie sehen mein
Prinz dass wenn auch in einer von den Zerstreuungen denen die metaphysischen
Seelen am häufigsten unterworfen sind etwas dergleichen vorgegangen wäre man
doch die Bosheit und materielle DenkungsArt unserer Feinde haben musste um
solche Kleinigkeiten zum Nachteil einer Tugend auszudeuten die sich jederzeit
durch die strengsten Grundsätze in der Sittenlehre in einem festgesetzten
Ansehen erhalten hatte
Inzwischen wurde das Gemurmel unserer Missgünstigen so laut dass es endlich
auch vor den alten Padmanaba kam der nur allzu geneigt war dergleichen
Eingebungen ein aufmerksames Ohr zu leihen Er wurde desto stärker dadurch
aufgebracht je größer die Meinung gewesen war die er von meiner Tugend oder
wenigstens von der Kälte meines Bluts gefasst hatte Man machte einen Anschlag
uns zu überraschen und es gelung endlich unsern Feinden uns in einer von den
obgedachten Zerstreuungen anzutreffen die zum Unglück stark genug war dass
wir etliche Augenblicke den Gebrauch unserer Sinne verloren zu haben schienen
Die donnernde Stimme des furchtbaren Padmanaba weckte mich endlich aus einer Art
von Entzückung worin es sehr unangenehm ist unterbrochen zu werden sie können
sich vorstellen ob ich betroffen war da ich in einem so delicaten Umstand
mich von so vielen Augen beleuchtet sah Indes verließ mich doch die Gegenwart
des Geistes nicht ganz ich bat meinen alten Gemahl mich nicht eher zu
verurteilen bis er meine Rechtfertigung gehört hätte und war im Begriff ihm
aus dem siebenten Kapitel der Metaphysik des Averroes zu beweisen wie
betrüglich das Zeugnis der Sinne sei als er mich mit diesen Worten unterbrach
Ich habe dich zu sehr geliebt Undankbare als dass ich fähig wäre die Rache an
dir zu nehmen die meine beleidigte Ehre fordert Deine Strafe soll nichts
anders als eine Probe der Tugend sein an welche du noch Ansprüche zu machen
verwegen genug bist Ich verbanne dich fuhr er fort indem er mich mit seinem
Stab berührte in die Bezirke des Parks der dieses Schloss umgibt behalte deine
Gestalt und die Vorrechte deines FeenStandes aber verliere beides und
verwandle dich in das hässlichste Crocodil so oft du mit jemand wer er auch
sei in eine Zerstreuung fällst wie diejenige war worin ich dich hier gefunden
habe Wie sehr bedaure ich dass es nicht in meiner Gewalt ist diese Bezauberung
unauflöslich zu machen Aber die Zukunft wird wie ich besorge einen Prinzen
hervor bringen dessen wunderbares Gestirn aller meiner Macht Trotz bietet
Alles was ich tun kann ist die Auflösung meiner Bezauberungen an die
Talismanische Kraft eines so seltsamen Namens zu binden dass er vielleicht in
vielen Jahrtausenden in keiner Sprache des Erdbodens wird gehört werden Nachdem
Padmanaba diese geheimnisvollen Worte gesprochen hatte ward ich durch eine
unsichtbare Gewalt in den Brunnen versetzt wo sie mich zuerst gesehen haben
und bald darauf erfuhr ich dass der Alte aus Verdruss über meine vermeinte
Untreue das Schloss verlassen habe ohne dass man wisse was aus ihm oder meinem
geliebten Salamander geworden sei Ich war untröstbar über den Verlust des
letztern und machte meinen Nymphen etliche Tage lang so abscheuliche Gesichter
dass einige davon in Gichter fielen und andere vor Angst auf der Stelle nieder
kamen Allein wie kein heftiger Schmerz langwierig sein kann so währete auch
der meinige nur so lange bis ich mich erinnerte dass mir Padmanaba doch ein
Mittel gelassen hatte die Ehre meiner Tugend zu retten Was soll ich ihnen
sagen Prinz Biribinker Mehr als fünfzig tausend Prinzen und Ritter haben seit
mehr als einem Jahrhunderte das Abenteuer vergeblich unternommen das sie allein
fähig waren zu Stande zu bringen Von was für Klagen was für Verwünschungen
erschallte nicht dieser Wald wenn diese Unglücklichen statt einer reizenden
Nymphe die sie umfangen wollten plötzlich ein ungeheures Crocodil der Abscheu
den eine so demütigende Erinnerung mir verursacht lässt mich nicht weiter reden
es ist wahr diese hässliche Verwandlung hörte sogleich wieder auf aber jeder
neuer Versuch den sie machen wollten sie aufzulösen hatte jedesmal den
nämlichen Erfolg Dieser Brunnen welcher ehemals die gewöhnliche Größe hatte
ist allein durch ihre Tränen so groß und tief geworden dass er wie sie gesehen
haben einem kleinen See ähnlich sieht und viele die sich aus Verzweiflung
hinein stürzten würden einen feuchten Tod darin gefunden haben wenn meine
Nymphen sie nicht aufgefangen und wieder mit dem Leben ausgesöhnt hätten Sie
allein glücklicher Biribinker waren mächtig genug eine Bezauberung zu
vernichten die mich in die traurige Notwendigkeit setzte so viele tausende zu
Zeugen meines Unglücks zu machen
Aber eben das ist etwas das ich noch nicht recht einsehe sagte der Prinz
Wozu hatten sie alle diese Zeugen nötig Mir deucht die Ehre ihrer Tugend wie
sie es nennen wäre am besten gerechtfertiget worden wenn sie sich nie in den
Fall gesetzt hätten ein Crocodil zu werden So schließen sie und ihres gleichen
erwiderte Mirabella Sagen sie mir einmal was für Ehre kann eine erzwungene
Tugend machen Welches Frauenzimmer ist nicht fähig ihren Begierden Gewalt
anzutun wenn sie zu gleicher Zeit die Unmöglichkeit sie zu befriedigen und
eine schimpfliche Strafe vor Augen sieht Aber der Liebe zur Tugend die Furcht
der Schande ja in gewissem Sinn die Tugend selbst aufopfern das ist ein Grad
von moralischem Heldenmut dessen nur die edelsten Seelen fähig sind
Erklären sie mir doch das deutlicher sagte Biribinker ich bin sonst eben
nicht der dummste aber ich will gehangen sein wenn ich ein Wort von allem was
sie da sagten verstanden habe
Unsere Tugend erwiderte die Fee ist nur alsdann ein Verdienst wenn es in
unserer Willkür steht ob wir sie behalten oder verlieren wollen Lucretia
würde nie als ein Muster der Keuschheit aufgestellt worden sein wenn sie den
jungen Tarquinius in die Unmöglichkeit gesetzt hätte einen Versuch auf ihre
Ehre zu machen Eine alltägliche Tugend würde ihr Schlafzimmer verriegelt haben
die erhabene Lucretia ließ es offen Sie tat noch mehr sie ergab sich so gar
um Gelegenheit zu haben durch das große Opfer das sie der beleidigten Tugend
brachte der Welt zu zeigen dass der kleinste Flecken der ihren Glanz
verdunkelt mit Blut ausgelöscht zu werden verdient
Sie sehen aus diesem Beispiel mein Prinz wie weit die geläuterte Denkart
großer Seelen über die gemeinen Begriffe des moralischen Pöbels erhaben ist Um
eine Bezauberung aufzulösen die meiner Tugend ihren größten Wert die
Freiwilligkeit und das Vergnügen der besiegten Schwierigkeit raubte musste ich
mich so oft in den Fall setzen sie zu beleidigen bis ich denjenigen gefunden
hatte der mich von einer Strafe befreien konnte wovon die bloße Vorstellung
meiner edlen Denkungsart unerträglich war Nun verstehen sie mich doch hoffe
ich
Unvergleichlich rief Biribinker aus sie erklären sich immer dunkler Aber
das muss ich gestehen dass sie wenn sie es nicht übel nehmen wollen die
allersonderbarste Preciöse sind die man vielleicht jemals in der Welt gesehen
hat Was sagen sie versetzte die schöne Ondine sehr lebhaft Wie eine
Preciöse ich eine Preciöse sagen sie Wahrhaftig sie kennen mich sehr
schlecht oder sie müssen in ihrem Leben keine Preciöse gesehen haben Was
finden sie geziertes oder gekünsteltes an meiner Person an meinen Manieren an
meiner Kleidung an meiner Art mich auszudrücken Was ist gezwungenes Mit
einem Wort wollen sie dass ich ihnen Proben gebe dass ich keine Preciöse bin
Biribinker erschrak über diesen unverhofften Antrag so sehr als über die Art
wie sie ihm bewies dass es ihr Ernst sei O Madam erwiderte er ich glaube
alles was sie wollen Ich brauche keine Probe und ich sehe auch nicht wie ihre
Tugend Meine Tugend rief die Fee Eben meine Tugend fordert von mir sie zu
überzeugen dass ich keine Preciöse bin Wenn sie keine Preciöse sind antwortete
Biribinker so schwöre ich ihnen dass ich kein Salamander bin und dass meine
Natur nicht feurig genug ist
Fi sagte die Ondine schämen sie sich nicht vor einem Frauenzimmer so
unanständig zu reden Was bilden sie sich ein Wer fordert denn etwas von ihrer
Natur oder was geht es mich an ob sie kalt oder feurig ist Lassen sie sich
sagen dass sie ein Mensch ohne Delicatesse sind der weder die Ohren noch die
Wangen einer Dame zu schonen weißt Wissen sie denn nicht dass es ein Verbrechen
ist ein Frauenzimmer um einer Kleinigkeit willen erröten zu machen Unsere
Tugend O Madame fiel ihr Biribinker in die Rede ich bitte sie nennen sie
mir dieses Wort nicht mehr Wenn sie nur wüssten wie es ihren schönen Mund
verzerrt Und erlauben sie mir ihnen mit aller der Delicatesse deren ich fähig
bin zu sagen dass ich so viel getan zu haben glaube als man von einem braven
Mann fordern kann indem ich ein Abenteuer zu Stande gebracht woran fünfzig
tausend tapfere Helden zu kurz gefallen sind Was noch mehr zu tun sein mag
überlasse ich den Salamandern Sylphen Gnomen Faunen und Tritonen welche
nunmehr ein offenes Feld haben ihre Tugend im Atem zu erhalten Alles warum
ich sie bitte ist ihr Schutz und meine Entlassung
Was ihre Entlassung betrifft antwortete die schöne Mirabella die können
sie sich selbst geben denn sie wissen dass ich sie nicht gerufen habe Wenn sie
aber meinen Schutz verlangen so kann ich ihnen nicht bergen dass ihr Glück von
ihrer eigenen Aufführung abhangt Wenn sie so fortfahren so wird der Schutz
aller Feen der ganzen Welt an ihnen verloren sein Hat man jemals einen
Liebhaber gesehen wie sie sind Sie ziehen den ganzen Tag in der Welt herum
ihre Geliebte zu suchen und bringen die ganze Nacht in den Armen einer andern
zu den folgenden Morgen geht ihre Liebe wieder an und den Abend drauf ihre
Untreue Was wollen sie dass aus einer solchen Aufführung endlich werden soll
Ihre Schäferin müsste außerordentlich gedultig sein wenn sie sich diese neue Art
zu lieben gefallen lassen wollte Wahrhaftig rief der Prinz es steht ihnen
recht wohl an mir Vorwürfe von dieser Art zu machen Ich mag nicht reden Aber
glauben sie mir ihr moralisieren fangt mir an beschwerlich zu werden so eine
große Meisterin sie immer darin sein mögen Sagen sie mir lieber wie ich meine
geliebte Galactine aus den Händen des verfluchten Riesen befreien kann der sie
gestern davon führte
Bekümmern sie sich nicht um den Riesen sagte die Fee ein Nebenbuhler der
sich die Zähne mit einem Zaunpfahl ausstochert ist nicht halb so fürchterlich
als sie sich einbilden und ich kenne einen gewissen Gnomen der ihnen so klein
er ist mehr Eintrag tun könnte als Karaculiamborix wenn er gleich noch etliche
hundert Ellen länger wäre als er ist Kurz sorgen sie für nichts als wie sie
ihre Schäferin wieder besänftigen wollen das übrige wird sich von selbst geben
und sollten sie ja in Umstände kommen wo sie meiner Hilfe benötiget wären so
zerbrechen sie nur dieses StraussenEi das ich ihnen gebe es wird ihnen auf
mein Wort keine geringere Dienste tun als die ErbsenSchote der Fee
Cristalline
Kaum hatte Mirabella das letzte Wort ausgesprochen so verschwand sie das
Kabinet und der Palast und Biribinker befand sich ohne zu wissen wie es
zuging an dem nämlichen Orte wo ihn der Riese Karaculiamborix bei seiner
Schäferin überfallen hatte Man kann nicht erstaunter sein als er es über die
seltsame Dinge war die ihm seit seiner Flucht aus dem großen Bienenkorbe
begegnet waren Er rieb sich die Augen kneipte sich in die Arme zog sich bei
der Nase und hätte gerne gefragt ob er oder ein anderer der Prinz Biribinker
sei wenn er jemand hätte fragen können Je mehr er nachdachte desto
wahrscheinlicher kam es ihm vor dass alles nur ein Traum gewesen sei und er
fing schon an sich in dieser Meinung zu bestärken als er eine Jägerin aus dem
Gebüsch hervor kommen sah die an Gestalt und Anstand nichts geringers als
Diana selbst zu sein schien Ihr grünes Gewand mit goldnen Bienen durchwürkt
war bis an die Knie aufgeschürzt und unter ihrem Busen mit einem Gürtel von
Diamanten gebunden ein Teil ihrer schönen Haare war mit einer Perlenschnur in
einen Knoten geknüpft der Rest flatterte in kleinen Locken um ihre weiße
Schultern In der Hand trug sie einen Jagdspiess und ein goldner Köcher klang
auf ihrem Rücken Diesmal dachte Biribinker weiß ich es doch gewiss dass ich
nicht träume und indem er das dachte kam ihm die Jägerin so nahe dass er seine
geliebte Galactine in ihr erkannte Noch niemals war sie ihm so bezaubernd
vorgekommen als in diesem Aufzug der ihr das Ansehen einer Göttin gab Er
vergaß auf einmal der Cristallinen und Mirabellen die ihn vor kurzem so sehr
bezaubert hatten und indem er sich zu ihren Füßen warf bezeugte er sein
Vergnügen sie wieder gefunden zu haben in so lebhaften Ausdrücken dass es der
getreueste unter allen Liebhabern nicht besser hätte machen können Allein die
schöne Galactine wusste mehr von seinen Begebenheiten als er sich einbildete
Wie sagte sie indem sie ihr anmutiges Gesicht mit einem Unwillen der ihm nur
neue Reizungen gab von ihm wegwandte unterstehst du dich noch vor meine Augen
zu kommen nachdem du dich durch wiederholte Beleidigungen der Gnade verlustig
gemacht die ich dir schon einmal widerfahren ließ Göttliche Galactine
antwortete ihr Biribinker zürnen sie nicht mit mir wenden sie ihre Augen nicht
so von mir ab wenn sie nicht wollen dass ich auf der Stelle zu ihren Füßen
sterben soll Weg mit diesem Unsinn sagte die schöne Jägerin den du gewohnt
bist an eine jede zu verschwenden die dir in den Weg kommt du hast mich nie
geliebt Wankelmütiger wer alle liebt liebt keine
Niemals rief Biribinker mit tränenden Augen niemals hab ich eine andere
geliebt als sie und das ist so wahr dass ich darauf schwören wollte dass alles
nur ein Traum war was mir in einem gewissen Schloss begegnet ist Wenigstens
versichere ich Ihnen dass die Zerstreuungen die sie mir so übel auslegen ein
bloßes Spiel der Sinnen waren woran mein Herz nicht den geringsten Anteil
hatte Eine feine Distinction erwiderte die Jägerin Zerstreuungen nennen sie
das ich sage ihnen dass ich keinen Liebhaber verlange der solchen
Zerstreuungen unterworfen ist Ich habe die Philosophie des Averroes nie
studiert und ich bin eine so materielle Kreatur dass ich nicht begreifen kann
wie das Herz meines Liebhabers unschuldig sein kann wenn mir seine Sinnen
untreu sind
Vergeben sie mir nur noch dieses einzige mal sagte Biribinker schluchzend
Ich ihnen vergeben unterbrach ihn die schöne Galactine und warum sollte ich
ihnen vergeben Sehen sie mich einmal an ist man vielleicht mit einem Gesicht
wie das meinige zum Vergeben genötigt Oder meinen sie dass ich um Liebhaber
zu haben wenn ich ihrer haben will so gedultig sein müsse als sie mich gerne
finden möchten Glauben sie mir es liegt nur an mir unter zwanzig andern zu
wählen die den Wert eines Herzens das sie so mutwillig von sich werfen besser
zu schätzen wissen
Diese Worte ob sie gleich mit einem Blick begleitet waren der ihre Strenge
zum wenigsten um die Hälfte milderte brachten den armen Biribinker vollends zur
Verzweiflung Was hör ich rief er Grausame So wollen sie dann meinen Tod
Können meine Tränen sie nicht erweichen Nein bei allen Göttern ehe ich
zugeben werde dass ein anderer als Biribinker O verhasstestes unter allen
Ungeheuern rief die ergrimmte Galactine lässest du mich noch einmal diesen
abscheulichen Namen hören der mir schon zweimal die Seele durchbohrt hat Flieh
auf ewig aus meinen Augen oder erwarte das ärgste von dem immerwährenden Hass
den ich dir und deinem unseligen Namen geschworen habe
Biribinker zitterte an allen Nerven wie er seine Schöne auf einmal in eine
so heftige Wut ausbrechen sah er verfluchte im Übermaß seines Schmerzens den
Namen Biribinker und denjenigen der ihm denselben gegeben hatte und er würde
vielleicht denn für gewiss will ich es eben nicht sagen mit dem Kopf wider die
nächste Eiche angeloffen sein wenn er nicht in eben dem Augenblicke sechs wilde
Männer erblickt hätte die in vollem Lauf aus dem Wald hervor stürmten und vor
seinen Augen sich der schönen Jägerin bemächtigten Diese Wilden hatten eine
mehr als menschliche Statur um das Haupt und die Lenden waren sie mit
EichenZweigen bekränzt auf der linken Schulter trugen sie eine stählerne
Keule und Biribinker fand sie in diesem Aufzug so fürchterlich dass er seiner
angeborenen Tapferkeit ungeachtet allen Mut verlor seine Geliebte aus ihren
Händen zu retten In dieser dringenden Not erinnerte er sich an das StraussenEi
das ihm die Fee Mirabella gegeben hatte er zerbrach es mit bebender Hand und
erstaunte wie man denken kann so sehr als jemals da er eine unendliche Menge
von kleinen Nymphen Tritonen und Delphinen heraus wimmeln sah die sich
augenblicklich in LebensGröße ausdehnten und die einen aus ihren
WasserKrügen die andern aus ihren Naslöchern eine so ungeheure Menge Wassers
ausgossen dass in weniger als einer Minute ein See um ihn her entstund der den
ganzen Horizont erfüllte Er selbst befand sich auf dem Rücken eines Delphins
der so sanft mit ihm davon schwamm dass er keine Bewegung spürte und die
Nymphen und Tritonen die um ihn her plätscherten bemühten sich ihm durch
Musik und mutwillige Spiele eine Lust zu machen Aber Biribinker sah nur nach
dem Orte wo er seine geliebte Galactine den Wilden hatte überlassen müssen und
da er so weit sein schärfster Blick reichte um und um nichts als Wasser sah
betrübte er sich so herzlich dass er sich etliche mal in die See stürzen wollte
Er würde es auch gewiss getan haben wenn er nicht besorgt hätte einer von den
Nymphen die um seinen Delphin schwammen in die Arme zu fallen welches ihn
wie er sehr weislich davor hielt leicht in eine Versuchung hätte setzen
können worin die ewige Treue die er seiner Schönen nunmehr angelobt hatte in
Gefahr gekommen wäre Er trieb diesmal die Vorsichtigkeit so weit dass er sich
ein seidenes Schnupftuch um die Augen band aus Furcht von den Schönheiten zu
sehr gerührt zu werden die durch tausend verführerische Bewegungen seinen Augen
nachstellten
Auf diese Weise war er ohne den geringsten widrigen Zufall schon ein paar
Stunden fort geschwommen als er es endlich wagte das Schnupftuch ein wenig weg
zuschieben um zu sehen wo er wäre Er fand zu seiner großen Beruhigung dass
die Nymphen verschwunden waren hingegen gewahrete er in der Ferne etwas das
wie der Rücken eines großen Gebürges über die Wellen hervor ragte er merkte
auch dass die See außerordentlich ungestüm wurde und bald darauf erhub sich ein
so entsetzlicher Sturmwind mit so gewaltigen Regengüssen dass es nicht anders
war als ob ein ganzer Ozean aus der Luft herab stürzte
Der Urheber dieses Unwesens war ein Walfisch aber ein Walfisch dergleichen
man nicht alle Tage sieht denn diejenigen die man an den Grönländischen Küsten
zu fangen pflegt waren in Vergleichung mit ihm nicht viel größer als die
winzigen Tierchen die man durch VergrösserungsGläser bei vielen tausenden in
einem Tropfen Wassers herum schwimmen sieht So oft er schnaubte welches
gemeiniglich alle vier Stunden geschah so entstund ein Sturmwind und die
Wasserströme die er aus seinen Naslöchern aussprjetzte verursachten Platzregen
und Wolkenbrüche auf fünfzig Meilen in die Runde Die Bewegung des Meers war so
heftig dass Biribinker sich nicht länger auf seinem Delphin erhalten konnte
sondern sich den Wellen überlassen musste die ihn wie einen Ball herum
schleuderten bis er zuletzt von der Luft die der Walfisch einatmete wie von
einem Wirbelwind ergriffen und durch eines von den Naslöchern des Ungeheuers
hinab gezogen wurde Er fiel ein paar Stunden lang in einem fort ohne dass er in
der Betäubung wusste wie ihm geschah endlich aber merkte er dass er in ein
großes Gewässer fiel womit eine Höhle im Bauch des Walfisches angefüllt war Es
war ein kleiner See der etwan fünf bis sechs deutsche Meilen im Umkreis hatte
und vermutlich würde Biribinker das Ende aller seiner Abenteuer darin gefunden
haben wenn er nicht zu gutem Glück sich so nah am Ufer einer Insel oder
Halbinsel gesehen hätte dass er kaum zwei hundert Schritte zu schwimmen hatte
um auf dem Trocknen zu sein
Die Not die Erfinderin aller Künste lehrte ihn diesmal schwimmen ob es
gleich das erstemal in seinem Leben war Er kam glücklich ans Ufer und nachdem
er sich auf einem Felsen der zwar wie andere Felsen von Stein aber so weich
wie ein Polster war zurecht gesetzt hatte erquickte er sich indes dass seine
Kleider an der Sonne trockneten an den lieblichen Geruchen die ihm ein kühler
Landwind aus einem Wald von ZimmetStauden der das Ufer bekränzte entgegen
wehte Weil er aber begierig war das Land in Augenschein zu nehmen und sich zu
erkundigen ob und von wem es bewohnt sei so stieg er so bald er sich in etwas
erholt hatte von seinem Felsen herab und strich eine halbe Stunde lang im Wald
herum bis er endlich in einen großen Lustgarten kam worin alle mögliche Bäume
Stauden Gewächse Blumen und Kräuter des ganzen Erdbodens in der anmutigsten
Unordnung durch einander geworfen waren Die Kunst war in der Anlegung desselben
so versteckt dass alles ein bloßes Spiel der Natur zu sein schien Hier und da
sah er Nymphen von blendender Schönheit unter Gebüschen oder in Grotten liegen
und kleine Bäche aus ihren Urnen gießen die den Garten durchschlängelten an
vielen Orten in allerlei Figuren in die Höhe spielten an andern Wasserfälle
machten oder in marmorne Becken sich sammelten Diese Brunnen wimmelten von
allen Arten von Fischen welche wider die Gewohnheit der Geschöpfe von ihrer
Gattung so lieblich sangen dass Biribinker ganz davon bezaubert wurde
Insonderheit bewunderte er einen gewissen Karpfen der die schönste Discant
Stimme von der Welt hatte und einen Triller schlug der dem besten Kastraten
Ehre gemacht hätte Der Prinz hörte ihm eine geraume Weile mit größtem Vergnügen
zu da ihn aber alle diese Wunderdinge nur desto begieriger machten zu
erfahren wem diese bezauberte Insel gehöre und ob er sich wirklich wie er
glaubte in der unterirdischen Welt befinde so tat er deswegen verschiedene
Fragen an die besagten Fische denn er dachte weil sie so schön sängen so
würden sie vermutlich auch reden können Allein die Fische sangen immer fort
ohne ihm zu antworten oder nur Acht darauf zu geben was er sagte
Er gab es also endlich auf und ging immer weiter fort bis er in einen
großen Krautgarten kam der mit allen Arten von Salat WurzelWerk Schoten und
RankenGewächsen besetzt war die dem Ansehen nach ohne Pflege wiewohl so
schön als nur möglich ist in regellosem Überfluss hervor wuchsen Indem er sich
nun so gut er konnte einen Weg durch diese Wildnis machte stieß er von
ungefähr mit dem rechten Fuß an einen großen Kürbis der so ziemlich dem Wanst
eines schinesischen Mandarins gleich sah und den er unter seinen breiten
Blättern nicht gleich wahrgenommen hatte
Herr Biribinker rief ihm der Kürbis zu ein andermal sein sie so gut und
schauen ein wenig unter ihre Füße eh sie einem ehrlichen Kürbis auf den Nabel
treten Ich bitte sehr um Vergebung Herr Kürbis sagte Biribinker es geschah
in der Tat nicht aus Vorsatz und ich würde mich gewiss besser vorgesehen haben
wenn ich hätte vermuten können dass die Kürbisse in dieser Insel so wichtige
Personen sind als ich nun sehe Indes bin ich doch erfreut dass mir dieser
kleine Zufall das Vergnügen verschafft hat mit ihnen Bekanntschaft zu machen
denn ich hoffe sie werden mir die Gefälligkeit nicht versagen mich zu
belehren wo ich bin und was ich aus allem machen soll was ich hier sehe und
höre
Prinz Biribinker antwortete der Kürbis ihre Gegenwart ist mir allzu
angenehm als dass ich mir nicht das größte Vergnügen daraus machen sollte ihnen
alle die kleinen Dienste zu leisten die von mir abhangen Sie befinden sich im
Bauch eines Walfisches und diese Insel Im Bauch eines Walfisches rief
Biribinker indem er ihn unterbrach das übertrifft noch alles was mir bisher
begegnet ist Nun schwöre ich ihnen Herr Kürbis dass ich mich in meinem Leben
über nichts mehr verwundern will Wahrhaftig wenn es im Bauch eines Walfisches
Luft und Wasser Inseln und Lustgärten ja wie ich merke Sonne Mond und Sterne
gibt wenn die Felsen darin so weich wie Polster sind die Fische singen und
die Kürbisse reden Was diesen Punkt betrifft unterbrach ihn der Kürbis
gleichfalls so belieben sie sich sagen zu lassen dass ich hierin einen Vorzug
vor allen andern Kürbissen Gurken und Melonen in diesem Garten habe sie hätten
hundert andere mit Füßen treten können ohne nur einen Ton von ihnen heraus zu
bringen
Ich bitte sie nochmals um Vergebung erwiderte der Prinz
Das haben sie gar nicht nötig sagte der Kürbis ich versichere ihnen es
wäre mir leid wenn es mir nicht begegnet wäre ich warte hier schon so lange
auf ihre Ankunft und die Zeit wurde mir endlich so lange dass ich schon zu
verzweifeln anfing diese glückliche Begebenheit jemals zu erleben Glauben sie
mir für einen der nicht dazu geboren ist ist es eine verdrießliche Sache
hundert Jahre lang ein Kürbis zu sein zumal wenn man die Konversation liebt und
gute Gesellschaft gewohnt ist Aber die Zeit ist nun gekommen da sie mich an
dem verfluchten Padmanaba rächen werden Was sagen sie mir von Padmanaba rief
Biribinker Meinen sie den Zauberer der die schöne Cristalline in einen
NachtTopf verwandelte und die noch schönere Mirabella verurteilte ein
Crocodil zu werden so oft sie ihre Tugend auf die Probe setzen wollte Diese
Frage erwiderte der Kürbis versichert mich dass ich mich nicht betrogen habe
da ich sie für den Prinzen Biribinker hielt ich sehe daraus dass die Hälfte der
Bezauberungen des alten Gecken schon vernichtet sind und dass der Augenblick
meiner Befreiung da ist Haben sie sich also auch über ihn zu beklagen fragte
Biribinker
Nehmen sie mir nicht übel antwortete der Kürbis wenn mich diese Frage zu
lachen macht und in der Tat lachte er so laut dass er wegen seines kurzen
Atems der eine Folge seines gewaltigen Schmerbauchs war eine gute Weile
keuchen und husten musste bis er wieder reden konnte Merken sie dann nicht
fuhr er fort dass ich etwas bessers sein muss als ich aussehe Hat ihnen die
schöne Mirabella nicht von einem gewissen Salamander gesagt der das Glück hatte
in gewissen Umständen von dem alten Padmanaba überrascht zu werden Ja wohl
sagte Biribinker sie sprach mir von einem gewissen geistigen Liebhaber der
ihre Seele mit den Geheimnissen der Philosophie des Averroes unterhielt damit
sie die kleinen Experimente nicht beobachten möchte die er indessen Sachte
sachte rief der Kürbis ich sehe dass sie mehr von mir wissen als sie
allenfalls nötig gehabt hätten ich bin dieser Salamander dieser Flox der wie
ich sagte und wie sie schon wussten so glücklich war die schöne Mirabella
wegen der frostigen Nächte zu entschädigen die sie mit dem alten Zauberer
zuzubringen genötigt war Die vorerwähnte Szene wobei er die Torheit hatte
einen ungebetenen Zuschauer abzugeben setzte ihn in eine Art von Verzweiflung
ohne ihn von der LiebesKrankheit zu heilen womit er lächerlicher Weise
behaftet war Sein Palast ja ein jeder anderer Aufenthalt den er in welchem
Element er gewollt hätte wählen konnte wurde ihm verhasst er traute weder
Sterblichen noch Unsterblichen Gnomen und Sylphen Tritonen und Salamander
waren ihm alle gleich verdächtig und er hielt sich nirgends sicher als in einer
gänzlichen und umzugangbaren Einsamkeit Nach vielen andern Projecten die er
eben so bald verwarf als machte fiel ihm endlich ein sich in den Bauch des
Walfisches zurück zu ziehen wo ihn dacht er gewiss niemand suchen würde Er
ließ sich durch eine Anzahl Salamander einen Palast darin erbauen und damit sie
ihn nicht verraten könnten so verwandelte er sie nebst mir in eben so viele
Kürbisse mit der Bedingung es so lange zu bleiben bis der Prinz Biribinker uns
unsere erste Gestalt wieder geben würde Ich war der einzige von allen dem er
den Gebrauch der Vernunft und der Sprache ließ wovon die erste wie er glaubte
mir zu nichts nützen konnte als mich durch die Erinnerungen meiner verlorenen
Glückseligkeit zu peinigen und die andere zu nichts als manchem eitelen Ach und
O oder Gesprächen worin ich die Mühe nehmen müsste mir die Antworten selbst zu
geben Allein in diesem Stück betrog sich der weise Mann ein wenig denn so
ungünstig auch immer die Figur und Organisation eines Kürbis zu Beobachtungen
sein mag so geschickt ist sie hingegen zu Betrachtungen a priori und mit alle
dem entdeckt man doch in hundert Jahren nach und nach eines oder anders was
entweder unsere schon gefasste Hypotesen bestätiget oder uns auf die Spur einer
neuen bringt Kurz ich bin der kleinen Angelegenheiten des Herrn Padmanaba so
unkundig nicht als er vielleicht denkt und ich hoffe ihnen Anleitungen zu
geben wodurch sie in den Stand gesetzt werden sollen alle seine Vorsichtigkeit
zu vereiteln
Ich würde ihnen sehr dafür verbunden sein erwiderte der Prinz ich weiß
nicht was für einen sonderbaren Beruf ich in mir spüre dem guten Padmanaba
Streiche zu spielen vermutlich ist es der Einfluss meines Gestirns der mich
dazu dahin reißt denn ich wüsste nicht dass er mich jemals in seinem Leben
persönlich beleidigt haben sollte Ist es nicht Beleidigung genug sagte der
Kürbis dass er Ursache ist dass ihnen der große Karamussal der auf der Spitze
des Berges Atlas wohnt den Namen Biribinker gegeben hat einen Namen der ihnen
bei ihrem geliebten Milchmädchen schon dreimal so fatal gewesen ist So ist
also der alte Padmanaba schuld daran dass ich Biribinker heiße fragte der Prinz
voller Verwunderung erklären sie mir doch ein wenig wie diese Dinge zusammen
hangen denn ich gestehe ihnen dass ich mir den Kopf schon oft vergeblich
zerbrochen habe um hinter das Geheimnis meines Namens zu kommen welchem ich
wie es scheint alle meine seltsame Begebenheiten zu danken habe Insonderheit
möchte ich doch wissen wie es zugeht dass jedermann wo ich hinkomme bis auf
die Kürbisse mich gleich bei meinem Namen nennt und von allen Umständen meiner
Geschichte so gut benachrichtiget ist als ob sie mir an der Stirne geschrieben
stünden
Es ist mir noch nicht erlaubt antwortete der Kürbis ihre Neugier über
diesen Punkt zu befriedigen genug dass es nur von ihnen abhängt sich
vielleicht nach dieser Abrede ins Klare zu setzen Die größte Schwierigkeit ist
nun einmal überstanden Padmanaba dachte wohl nicht dass sie ihn im Bauch seines
Walfisches finden würden Ich bekenne ihnen aufrichtig unterbrach ihn
Biribinker dass ich noch weniger daran dachte und sie werden gestehen müssen
dass er wenigstens alles getan hat was möglich war um seinem Schicksal zu
entgehen Aber sie erwähnten eines Palasts den sich ihr Alter von Salamandern
in dieser Insel habe bauen lassen ich denke wir sind hier in den Gärten die
dazu gehören warum sehe ich denn nirgends keinen Palast Die Ursache ist ganz
natürlich antwortete der Kürbis sie würden ihn unfehlbar sehen wenn er nicht
unsichtbar wäre Unsichtbar rief Biribinker so wird er doch nicht unfühlbar
sein hoffe ich Das nicht antwortete Flox aber da er aus gediegenen Flammen
erbaut ist
Sie sagen mir von einem seltsamen Palast unterbrach ihn Biribinker abermal
aber wenn er aus Flammen erbaut ist wie kann er denn unsichtbar sein Darin
besteht eben das wunderbare von der Sache antwortete der Kürbis es mag nun
möglich oder unmöglich sein so ist es nicht anders sie können den Palast nicht
sehen wenigstens nicht in dem Stande worin sie jetzt sind aber gehen sie nun
ungefähr zwei hundert Schritte gerade fort so wird die Hitze die sie empfinden
werden sie bald genug überzeugen dass ich ihnen die Wahrheit sage
Die außerordentliche Dinge welche Biribinker bereits im Bauche des
Walfisches gesehen hatte und was kann man auch im Bauch eines Walfisches
anders erwarten als außerordentliche Dinge hätten ihn billig geneigt machen
sollen alles glaubwürdig zu finden was man ihm sagte dem ungeachtet war er
diesmal so eigensinnig dass er nur sich selbst glauben wollte Er ging also auf
den unsichtbaren Palast zu aber kaum war er hundert Schritte fortgegangen so
spürte er bereits einen merklichen Grad von Hitze die ihm mit einem gewissen
unsichtbaren Glanz der ihm die Augen übergehen machte entgegen kam Die Wärme
und der Glanz nahmen immer zu je weiter er fortging bis beide in kurzem so
durchdringend wurden dass es nicht länger auszustehen war Er ging also wieder
zurück und suchte seinen Freund den Kürbis der ihm so bald er ihn wieder
kommen hörte entgegen rief Nun Prinz Biribinker werden Sie mir künftig
glauben wenn ich ihnen etwas sage Wenigstens begreifen sie doch hoffe ich
dass nichts natürlichers sein kann als dass ein Palast von gediegenen Flammen vor
Hitze unzugangbar und vor lauter Glanz und Schimmer unsichtbar ist
Ich begreife das in der Tat viel besser antwortete Biribinker als wie ich
hinein kommen werde denn das sag ich ihnen ich spüre eine unwiderstehliche
Begierde in mir in diesen Palast hinein zu gehen und wenn es mir auch das
Leben kosten sollte so kann ich So viel soll es sie nicht kosten fiel ihm
der Kürbis in die Rede Wenn sie sich gefallen lassen wollen zu tun was ich
ihnen sage so wird ihnen der Palast sichtbar werden und sie werden eben so
sicher hinein gehen können als ob es eine Strohhütte wäre Sie brauchen nur ein
ganz leichtes Mittel dazu und das ihnen nicht mehr kosten wird als einen
einzigen kleinen Sprung Halten sie mich nicht lange mit Rätseln auf Herr
Kürbis sagte Biribinker was ist zu tun es mag nun etwas leichtes oder
schweres sein so sehen sie mich bereit alles zu wagen um in ein Schloss zu
kommen das von lauter Glanz unsichtbar ist
Ungefähr sechzig Schritte hinter jenen Granatbäumen versetzte der Kürbis
werden sie in einem kleinen Labyrinth von Jasmin und Rosenhecken einen Brunnen
finden der sich von einem andern Brunnen durch nichts unterscheidet als dass er
statt des Wassers mit Feuer angefüllt ist Gehen sie Prinz baden sie sich in
diesem Brunnen und in einer Viertelstunde ungefähr kommen sie wieder und sagen
mir wie ihnen das Bad zugeschlagen hat
Sonst nichts als das sagte Biribinker mit einer Mine die mehr
verdrießlich als höhnisch war ich glaube sie sind nicht klug Herr Kürbis
ich soll mich in einem feurigen Brunnen baden und hernach wieder kommen und
ihnen sagen wie mir das Bad bekommen hat Hat man auch jemals so was tolles
gehört Ereifern sie sich nur nicht so versetzte der Kürbis es steht ja bei
ihnen ob sie in den unsichtbaren Palast kommen wollen oder nicht und wenn sie
sich nicht so entschlossen erklärt hätten wie sie getan haben so wäre mirs in
der Tat nie eingefallen ihnen einen solchen Antrag zu machen
Kürbis mein guter Freund erwiderte Biribinker ich merke dass ihr euch ein
wenig lustig mit mir machen wollt aber ich muss euch sagen dass ich jetzt nicht
im Humor bin Spaß zu verstehen Ich verlange nicht als eine abgeschiedene Seele
in den Palast zu kommen Das sollen sie auch nicht sagte der Kürbis das
feurige Bad das ich ihnen vorschlage ist nicht so gefährlich als sie sichs
einbilden und Padmanaba selbst bedient sich desselben alle drei Tage sonst
würde er eben so wenig in einem Palast von gediegenem Feuer wohnen können als
sie Denn ob er gleich außer dem großen Karamussal der auf der Spitze des
Berges Atlas wohnt der größte Zauberer in der ganzen Welt ist so ist er doch
von eben so irdischer Natur und Abkunft als sie Ja er würde ohne den Gebrauch
dieses Brunnens der eines der größten Geheimnisse seiner Kunst ist nicht
einmal der kleinen Glückseligkeit fähig sein die er jetzt bei der schönen
Salamandrin die er in seinem Palast eingeschlossen hält genießt oder doch zu
genießen glaubt wenn anders der Gebrauch den ein Titon von seiner Aurora zu
machen fähig ist ein Genuss genennt zu werden verdient Er hat also eine schöne
Salamandrin bei sich fragte Biribinker Warum nicht antwortete der Kürbis
meinen sie dass man sich umsonst in den Bauch eines Walfisches verschließt
Ist sie sehr schön fuhr Biribinker fort Sie müssen wohl nie keine
Salamandrin gesehen haben erwiderte der Kürbis weil sie das fragen können
Wissen sie denn nicht dass die schönste Sterbliche gegen die geringste von
unsern Schönen nicht besser als wie ein Affenweibchen aussehen würde Es ist
wahr ich kenne eine Ondine die vielleicht der schönsten Salamandrin den Vorzug
streitig machen könnte allein es ist unter allen Ondinen nur eine Mirabella
O was das anbetrifft unterbrach ihn Biribinker wenn die Salamandrin des alten
Padmanaba nicht schöner als Mirabella ist so hätten sie nicht nötig gehabt die
sterblichen Schönen so weit unter sie herunter zu setzen Ich gestehe dass sie
reizend ist aber ich kenne ein gewisses Milchmädchen in welches sie so
verliebt sind fiel ihm der Kürbis höhnisch in die Rede dass sie der schönen
Mirabella beim ersten Anblick schwuren sie nie gesehen zu haben Die Wirkung
zeugt am besten von der Ursache und wenn man ihre Leidenschaft nach diesem
Grundsatz beurteilen wollte
O wahrhaftig rief Biribinker ungeduldig ich bin glaube ich nur hieher
gekommen um einen Kürbis philosophieren zu hören Sagen sie mir lieber wie ich
in den unsichtbaren Palast kommen kann denn ich sterbe vor Ungeduld wenn es
nicht geschieht ist denn kein anders Mittel als das verwünschte feurige Bad
worin sie mich gerne zu einer Karbonnade gemacht sehen möchten Sie sind
wunderlich mit Erlaubnis antwortete der Kürbis Ich sagte ihnen ja schon dass
mir selbst alles daran gelegen ist dass sie in den unsichtbaren Palast kommen
wo allen Umständen nach eines der ausserordentlichsten Abenteuern auf sie
wartet Meinen sie denn dass ich für meinen Spaß ein Kürbis bin und dass ich
mich nicht je bälder je lieber von diesem verfluchten unbequemen Wanst befreit
sehen werde der sich so übel für einen so speculativen Geist schickt als ich
bin Ich sage ihnen noch einmal sie haben kein anders Mittel in den Palast zu
kommen ohne von der Glut desselben verzehrt zu werden als das feurige Bad
welches ich ihnen vorschlug Ehe sie vor Ungeduld sterben wie sie sagen
könnten sie es ja ein paar Minuten versuchen kommen sie auch darin um wofür
ich ihnen doch gut stehe so ist es nur eine Todesart für die andere und das
kommt zuletzt auf Eines hinaus Gut sagte Biribinker wir wollen sehen was zu
tun sein wird Vielleicht sollte ich nicht so viel Zutrauen in sie setzen als
ich tue allein der Zug meines Schicksals ist stärker als meine Vernunft ich
will gehen und wenn sie binnen einer Viertelstunde nichts von mir hören so
ergeben sie sich nur gedultig darein ein Kürbis zu bleiben bis Padmanaba von
sich selbst entweder verliebt oder eifersüchtig zu sein aufhört
Mit diesen Worten machte er dem Kürbis sein Kompliment und ging dem
Labyrinth zu wo der feurige Brunnen sein sollte Er fand ein großes rundes
Becken mit breiten Steinen von Diamant ausgemauert und mit einem Feuer
angefüllt welches ohne von irgend einer sichtbaren Materie genährt zu werden
in schlängelnden Blitzen empor loderte und unschädlich die dichten Büsche von
Rosen leckte die rings umher über den Brunnen sich wölbten Unzähliche Farben
spielten mit der anmutigsten Abwechslung in diesen wundervollen Flammen und
statt des Rauchs ergoss sich ein lauer unsichtbarer Dampf von den lieblichsten
Geruchen umher Biribinker betrachtete dieses Wunder eine geraume Zeit mit einer
Unschlüssigkeit die einem FeenHelden wenig Ehre macht und er würde vielleicht
noch immer am Rande des Brunnens stehen wenn ihn nicht da er sichs am
wenigsten versah eine unsichtbare Gewalt mitten in die Flammen geworfen hätte
Er erschrak so sehr dass er vor Angst nicht schreien konnte aber da er spürte
dass ihm dieses Feuer kein Haar versengte und an statt ihm nur den geringsten
Schmerz zu verursachen sein ganzes Wesen mit einer wollüstigen Wärme
durchdrang so fasste er sich bald wieder und in kurzem gefiel es ihm so wohl
darin dass er in den feurigen Wellen herum plätscherte wie ein Fisch in
frischem Wasser Vielleicht würde er weit länger als die vorgeschriebene Zeit in
einem so angenehmen Bade zugebracht haben wenn ihn nicht die immer zunehmende
Hitze zuletzt heraus getrieben hätte Er sprang also wieder heraus aber wie
sehr erstaunte er da er sich nicht nur so leicht und unkörperlich fühlte dass
er wie ein Zephyr über dem Boden hin schwebte sondern auf einmal einen Palast
erblickte dessen Glanz und Schönheit alles übertraf was ein menschliches Auge
jemals gesehen hat Er stund eine gute Weile wie außer sich selbst und sein
erster Gedanke da er wieder denken konnte war an die Schönheit die ein so
herrlicher Palast in sich schließen müsse denn da Diamanten und Rubinen ihn nur
Gassensteine gegen die Materialien deuchten woraus dieses Schloss erbaut war so
zweifelte er nicht dass die schöne Salamandrin sich gegen die Schönen die er
bisher gekannt hatte zum wenigsten eben so verhalten würde wie dieser Palast
gegen die gewöhnlichen Feenschlösser die man prächtig genug gebaut zu haben
glaubt wenn man die Mauren von Diamanten oder Smaragden aufführt das Dach mit
Rubinen deckt den Fußboden mit Perlen einlegt und was dergleichen mehr ist
welches doch alles in Vergleichung mit diesem feurigen Palast nichts bessers als
eine elende Hütte vorgestellt hätte Unter diesen Gedanken näherte er sich
demselben unvermerkt und war schon durch den ersten Hof dessen glänzende
Pforte sich von selbst vor ihm auftat hinein gegangen als ihm einfiel dass ihm
der Kürbis ausdrücklich gesagt hatte er sollte nach dem Bad im feurigen Brunnen
wieder zu ihm kommen Vermutlich dachte er hat er mir Nachrichten zu geben
ohne die es gefährlich sein könnte sich in ein solches Schloss zu wagen und da
ich mich bisher bei seinen Anweisungen so wohl befunden habe so würde es weder
klug noch dankbar sein wenn ich mir einbilden wollte dass ich seiner nicht mehr
nötig habe Man sehe doch wie seltsam es kommen kann Wer hätte jemals gedacht
dass ein Kürbis ein Ratgeber eines Prinzen sein würde
Biribinker schlich sich also nicht ohne Furcht entdeckt zu werden zu seinem
Kürbis zurück Ha rief ihm dieser auf zwanzig Schritte entgegen ich sehe dass
ihnen das Bad unvergleichlich wohl zugeschlagen hat sie sind ja zum bezaubern
ich schwöre ihnen bei der Tugend meiner geliebten Mirabella dass keine
Salamandrin ist die ihnen so wie sie jetzt aussehen nur eine Minute
widerstehen wird Aber was wird aus ihrer Treue gegen das Milchmädchen werden
Herr Kürbis sagte Biribinker lassen sie sich mit aller der Achtung die ich
ihnen übrigens schuldig bin sagen dass sie besser getan hätten mich in den
Umständen worein mich ihr Bad gesetzt hat mit dergleichen unzeitigen
Erinnerungen zu verschonen Ich bitte um Verzeihung antwortete der Kürbis ich
wollte nur so viel sagen Gut gut unterbrach ihn der Prinz ich weiß wohl
was sie sagen wollten und ich antworte ihnen darauf dass ich ohne ihre
Warnungen die ein beleidigendes Misstrauen in meine Standhaftigkeit setzen
durch die bloße Erinnerung an mein himmlisches Milchmädchen gegen die
vereinigten Reizungen aller ihrer feurigen Schönen so sicher zu sein glaube als
ich es mitten unter den hässlichsten Gnomiden sein könnte Es wird sich zeigen
sagte der Kürbis ob sie diese edle Gesinnungen zu behaupten wissen werden ich
habe eine so gute Meinung von ihnen als man nach allem was in einem gewissen
Schloss vorgegangen ist nur immer haben kann aber bei alle dem kann ich doch
nicht leugnen dass ich ihre Treue in keine kleine Gefahr gesetzt sehe wenn sie
in den Palast hinein gehen Es steht noch bei ihnen ob sie es wagen wollen oder
nicht bedenken sie sich wohl oder
Mein lieber Herr Kürbis unterbrach ihn Biribinker ich sehe dass sie eine
eben so verzweifelte Wut zum raisonnieren haben als die tugendhafte und
preciöse Mirabella ihre Geliebte Warum haben sie denn verlangt dass ich in dem
feurigen Brunnen baden sollte wenn ich nicht in den Palast hinein gehen darf
Noch einmal mein lieber Freund sorgen sie nicht für meine Treue und sagen sie
mir lieber wie ich mich zu verhalten habe wenn ich in den Palast komme Sie
haben hiezu wenig Unterricht nötig antwortete der Kürbis denn sie werden
nirgend keinen Widerstand finden alle Türen werden sich ihnen von selbst
eröffnen und wenn sie irgend etwas zu besorgen haben so muss es nur wie ich
schon gesagt und wie sie sich so ungern sagen lassen von ihrem eigenen Herzen
sein Aber was für eine Mine denken sie dass mir der alte Padmanaba machen
werde fragte der Prinz So viel ich an der Bewegung der Gestirne merke
erwiderte der Kürbis so ist es bereits um Mitternacht um welche Zeit der Alte
in tiefem Schlaf zu liegen pflegt Allein gesetzt auch dass er aufwachen sollte
so haben sie von seinem Zorn nichts zu besorgen alle seine Macht vermag nichts
gegen die ZauberKraft ihres Namens und nach den Vorteilen die sie bisher über
ihn erhalten haben zu urteilen können sie allerdings hoffen diesesmal nicht
weniger glücklich zu sein
Es mag gehen wie es will versetzte Biribinker so bin ich entschlossen das
Abenteuer mit dem unsichtbaren Schloss zu bestehen denn es ließe sich doch sonst
keine vernünftige Ursache angeben warum ich in des Walfisches Bauch gekommen
sein sollte Gute Nacht Herr Kürbis bis wir uns wieder sehen
Viel Glücks tapferer und liebenswürdiger Biribinker rief ihm der
wortreiche Kürbis nach fahre wohl du Blume und Zierde aller FeenRitter und
möge das Abenteuer dem du so mutig entgegen gehst einen Ausgang gewinnen
dergleichen noch kein Märchen gehabt hat seitdem es Feen und Ammen in der Welt
gibt Gehe weiser KönigsSohn wohin dich dein Schicksal zieht aber hüte dich
die Warnungen eines Kürbis zu verachten der dein guter Freund ist und
vielleicht tiefere Blicke in die Zukunft tut als irgend ein KalenderMacher in
der Christenheit
Der Kürbis merkte nicht indem er diese schöne AbschiedsRede hielt dass der
Prinz schon durch den ersten Schlosshof gegangen war ehe er noch zu reden
aufgehört hatte Biribinker war jetzt ganz und gar von dem Abenteuer
eingenommen das er vor sich hatte und seine EinbildungsKraft die in dem
feurigen Bad einen außerordentlichen Schwung erhalten hatte stellte ihm die
schöne Salamandrin die er bald zu sehen hoffte mit so unwiderstehlichen
Reizungen vor dass er sich des Wunsches nicht enthalten konnte seinem
Milchmädchen nur dieses einzige mal noch ungetreu sein zu können Unter diesen
Gedanken kam er durch den zweiten Hof in ein Vorhaus aus welchem ihm ein großes
Getümmel entgegen schallte Er lauschte ein wenig und vernahm dass es eine
Menge von krächzenden WeiberStimmen waren die in einem heftigen Wortwechsel
begriffen schienen So neugierig als er von Kindheit auf gewesen war konnte er
sich nicht enthalten zu sehen wem diese anmutigen Stimmen zugehörten Er
öffnete die Tür eines großen und überaus prächtigen Saals und entsetzte sich
nicht wenig da er ihn mit fünfzig oder sechzig der allerhässlichsten kleinen
Zwerginnen angefüllt sah die nur immer die bürleske Einbildung eines Kalot oder
Hogart zu ersinnen fähig wäre
Der arme Biribinker glaubte beim ersten Anblick dass er zu einem
HexenSabbat gekommen sei und er würde unfehlbar vor Abscheu in Ohnmacht
gefallen sein wenn er nicht zu gleicher Zeit vor Lachen über so possierliche
Figuren hätte bersten mögen Diese schönen Nymphen die in der Tat nichts
geringers als junge Gnomiden waren von denen die jüngste kaum achtzig Jahre
haben mochte wurden seiner kaum gewahr so eilten sie alle auf ihn zu so
schnell als es ihre krummen Beine zuliessen Sie kommen eben recht Prinz
Biribinker rief ihm eine von den hässlichsten entgegen einen Streit zu
entscheiden worüber wir einander beinahe in die Haare gekommen wären Sie
zanken sich doch nicht hoffe ich welche unter ihnen die schönste sei Sagte
Biribinker Und warum nicht erwiderte die Gnomide sie haben es ersten Streichs
erraten Aber denken sie nur mein schöner Prinz nachdem ich es wirklich schon
dahin gebracht habe dass mir alle übrige den Vorzug eingestehen so untersteht
sich dieses FratzenGesicht diese kleine Pagode hier mir den goldnen Apfel noch
streitig zu machen O mein angenehmster junger Prinz schrie die Angeklagte
indem sie ihn in die Waden kneipte welches vermutlich ihrer Absicht nach eine
Liebkosung sein sollte ich darf es kühnlich auf ihr Urteil ankommen lassen
Sehen sie uns beide nur recht an betrachten sie uns Stück vor Stück und tun
sie den Ausspruch nach ihrem Gewissen wofern ich mir zu viel schmeichlen würde
wenn ich sagte nach ihrem Herzen Begreifen sie Prinz Biribinker sagte die
erste wie man die Unverschämtheit so weit treiben kann Fürs erste so ist sie
kaum eines Daumens Breite kleiner als ich und sie werden gestehen dass das
keinen Unterscheid macht was ihren Buckel betrifft so hoffe ich der meinige
darf sich noch immer neben dem ihren sehen lassen und meine Füße sind wie sie
sehen immer so breit und wohl um zwei gute Mannsdaumen länger als die ihrige
Ich weiß wohl dass sie sich sehr viel auf den Umfang und die Schwärze ihres
Busens zu gut tut aber sie werden doch bekennen müssen fuhr sie fort indem
sie ihr Halstuch abnahm dass der meinige wo nicht völlig so ansehnlich doch
ungleich schwärzer ist als der ihrige Mag er doch Rief die andere einen so
kleinen Vorzug kann ich dir leicht eingestehen da ich in allen andern Stücken
den Vorteil über dich habe
Sie lachen mein liebster Prinz Biribinker und es kann in der Tat nichts
lächerlicher sein als die Eitelkeit dieser Meerkatze hier Ich schäme mich dass
ich genötigt sein soll mich selbst zu loben aber sehen sie einmal um wie
viel meine Beine krümmer und stumpichter sind als die ihrigen Ich will von
allem übrigen nichts sagen man müsste nur blind sein wenn man nicht beim ersten
Anblick sehen sollte dass meine Augen kleiner und matter sind als die ihrigen
dass meine Backen um die Hälfte aufgedunsener sind und meine UnterLippe viel
weiter herunter hangt auch nichts von der ungleich größeren Länge meiner Ohren
zu gedenken und dass ich wenigstens fünf oder sechs Warzen mehr im Gesicht habe
als sie und dass die Haare an den meinigen länger sind wir wollen auf einen
Augenblick das alles beiseite setzen und nur von der Nase reden Es ist wahr
die ihrige ist eine von den größten die man sehen mag und man könnte in
Versuchung geraten sie die Schönste zu nennen wenn man die meinige nicht
gesehen hat Aber man braucht ja keinen Maßstab um zu finden dass meine Nase
wenigstens einer halben Spanne lang weiter über den Mund herab hängt als die
ihrige Die Schamhaftigkeit erlaubt mir nicht setzte sie mit einem entsetzlich
zärtlichen Blick hinzu von andern Schönheiten zu reden die nur einem
glücklichen Liebhaber sichtbar werden dürfen aber sie können versichert sein
dass ich in diesem Stück nicht weniger Ursache habe mich der Freigebigkeit der
Natur zu berühmen als in Absicht dessen was ihnen in die Augen fällt und ich
hoffe Mademoiselle rief Biribinker so bald er vor Lachen reden konnte ich
unterstehe mich eben nicht mich für einen Kenner auszugeben aber in der Tat
es kann ihrer Freundin nicht Ernst sein wenn sie sich was die Schönheit
betrifft mit ihnen in einen Wettstreit einlassen will der Vorzug den sie in
diesem Stück haben ist augenscheinlich und es ist unmöglich dass der gute
Geschmack der Herren Gnomen ihnen hierüber nicht vollkommene Gerechtigkeit
widerfahren lassen sollte
Die erste Gnomide schien durch diese Entscheidung nicht wenig beleidigt zu
sein allein Biribinker der vor Ungeduld brannte die schöne Salamandrin zu
sehen bekümmerte sich wenig um alles was sie zwischen ihren langen Zähnen
murmelte und zog sich wieder zurück nachdem er der ganzen liebreizenden
Gesellschaft eine gute Nacht gewünscht hatte Statt der Antwort schickten sie
ihm ein lautes Gelächter nach um dessen Bedeutung er sich wenig bekümmerte da
er jetzo den Palast vor sich stehen sah dessen unbegreifliche Schönheit seine
ganze Aufmerksamkeit auf sich zog Nachdem er ihn eine geraume Weile voller
Bewunderung betrachtet hatte sah er dass die beiden Flügel der Pforte sich
auftaten Er konnte dieses nicht anders als für ein Zeichen ansehen dass seine
Unternehmung mit dem glücklichsten Ausgang bekrönt werden würde Er ging also
mit hoffnungsvollem Mut hinein und befand sich nachdem er eine Treppe hinauf
gestiegen war in einem großen Vorsaal aus dem er in eine Reihe von Zimmern
kam von deren Schimmer er ungeachtet der Veränderung die das FeuerBad in
seiner Natur hervor gebracht hatte fast verblendet wurde
Allein so mannigfaltig und außerordentlich alle die schönen Dinge waren die
von allen Seiten seinen Augen entgegen strahlten so vergaß er doch alles andere
über den Gemälden einer unvergleichlich schönen jungen Salamandrin womit alle
diese Zimmer behangen waren Er zweifelte nicht dass es die Geliebte des alten
Padmanaba sein werde und diese Kopien worein sie in allen nur ersinnlichen
Stellungen Anzügen und Gesichtspuncten bald wachend bald schlafend bald als
Diana bald als Venus Hebe Flora oder eine andere Göttin vorgestellt war
gaben ihm eine solche Idee von dem Urbilde dass er bei der bloßen Erwartung
seiner bevorstehenden Glückseligkeit vor Entzückung und Wonne hätte zerfließen
mögen Ins besondere konnte er nicht satt werden eine große Tafel anzuschauen
worin sie in einem Bade von Flammen saß von Liebesgöttern bedient die durch
das Anschauen ihrer überirdischen Schönheit außer sich selbst gesetzt schienen
Biribinker wusste nicht ob er die Schönheit des Gegenstands oder die Kunst der
Malerei am meisten bewundern sollte und musste sich selbst gestehen dass Titian
und Guido gegen die Salamandrischen Maler in Absicht der Kolorit nur Sudler
seien Der Eindruck den dieses Gemälde auf ihn machte war so lebhaft dass er
mit äußerster Ungeduld diejenige zu sehen wünschte die in einem leblosen
Nachbilde schon so unwiderstehliche Begierden einflößte Er durchsuchte also
eine Menge von Zimmern ohne dass er jemand fand er durchsuchte den ganzen
Palast von oben bis unten und wiederholte es zwei oder dreimal aber da war
keine Seele zu hören noch zu sehen Endlich ward er einer halb geöffneten Türe
gewahr die in den ausserordentlichsten Lustgarten führte den er jemals gesehen
hatte Alle Bäume Gewächse und Blumen Alleen Lauben und Springbrunnen in
diesem Garten waren von lauterm Feuer jedes brannte in seiner natürlichen
Farbe mit einem eben so anmutigen als durchdringenden Glanz und die Wirkung
die das Ganze machte übertraf in der Tat alles was sich die EinbildungsKraft
prächtiges vorstellen kann
Biribinker warf nur einen flüchtigen Blick auf dieses majestätische
Schauspiel denn er gewahrte am Ende des Gartens einen Pavillion in welchem er
seine schöne Salamandrin zu finden hoffte Er flog dahin und die Türe öffnete
sich abermal von selbst um ihn durch einen großen Saal in ein Kabinet
einzulassen wo er niemand sah als einen Greisen von majestätischem Ansehen mit
einem langen schneeweißen Bart der auf einem Ruhebette in tiefem Schlafe zu
liegen schien Er zweifelte nicht dass es der alte Padmanaba sei und ob er
gleich versichert war dass er keine Gewalttätigkeit von ihm zu besorgen hatte
so konnte er sich doch nicht erwehren ein wenig zu zittern da er sich mit den
Absichten die er hatte so nah bei diesem Zauberer und an einem Orte sah wo
alles demselben zu Gebot stund Doch der Gedanke dass ihn das Schicksal nun
einmal dazu ausersehen habe die Bezauberungen des Padmanaba zu zerstören und
das Verlangen die schöne Salamandrin zu sehen gaben ihm in wenig Augenblicken
seinen ganzen Mut wieder Er war im Begriff sich dem Ruhebette zu nähern um
sich eines Säbels zu bemächtigen der neben dem Alten auf einem Küssen lag als
er merkte dass er mit dem Fuß an etwas stieß ob er gleich nicht sah was es
sein könnte Er stutzte und da er die Hände zu Hilfe nahm so fühlte er den
artigsten kleinen Fuß der je gewesen ist auf einem Polster ausgestreckt Eine
so unverhoffte Entdeckung machte ihn neugierig das Bein kennen zu lernen dem
ein so artiger Fuß zugehörte denn Biribinker schloss in diesem Falle wie Sanct
Thomas von Aquino selbst geschlossen haben würde nämlich dass wo man einen
Fuß finde man nach dem ordentlichen Lauf der Natur berechtiget sei ein Bein zu
erwarten Er setzte also seine Beobachtungen fort und entdeckte endlich von
Schönheit zu Schönheit in der unsichtbaren Figur die er vor sich hatte ein
junges Frauenzimmer die in einem tiefen Schlaf versenkt zu sein schien und
nach dem Zeugnis des einzigen Sinnes der ihm ihr Dasein verraten hatte zu
urteilen von einer so vollkommenen Schönheit war dass sie nichts geringers als
entweder Venus oder die schöne Salamandrin selbst sein konnte In dem nämlichen
Augenblick da er diese Entdeckung machte ließ sich eine muntere Symphonie von
allen möglichen Instrumenten hören ohne dass man weder Instrumente noch
Musicanten sah
Biribinker erschrak und bebte von der schönen Unsichtbaren zurück denn sein
erster Gedanke war dass dieses Getöse den schlafenden Zauberer aufwecken würde
aber er entsetzte sich noch weit mehr da er sah dass Padmanaba verschwunden
war
Dieser Zauberer war alt genug um klug zu sein er wusste schon lange wie
gefährlich ihm Biribinker einst sein würde und die Furcht vor einem Prinzen
der dazu geboren schien seine Bezauberungen aufzulösen war der stärkste
Beweggrund gewesen warum er seine Residenz in des Walfisches Bauch
aufgeschlagen hatte Allein auch in dieser Freistatt hielt er sich und seine
schöne Salamandrin die nun der einzige Gegenstand seiner Sorgen war nicht für
sicher genug und da ihm eine geheime Ahnung vorher sagte dass ihn Biribinker
bis in des Walfisches Bauch verfolgen würde so glaubte er nicht genug Vorsicht
gebrauchen zu können um das Unglück zu verhüten womit ihn die überraschende
Erscheinung eines so furchtbaren Gegners bedräute In dieser Absicht hatte er
seine Geliebte mit einem geheimnisvollen Talisman bewaffnet der die gedoppelte
Eigenschaft hatte sie allen andern Augen als den seinigen unsichtbar zu machen
und so bald er berührt wurde eine zauberische Musik hervor zu bringen Käme
auch Biribinker dachte der alte Padmanaba aller Schwierigkeiten ungeachtet
in den Bauch des Walfisches ja selbst in den unsichtbaren Palast so würde ihm
doch die schöne Salamandrin unsichtbar sein und entdeckte er sie auch trotz
ihrer Unsichtbarkeit so würde doch so bald er den Talisman berührte das
musicalische Getöse sein Dasein verraten und ihn Padmanaba noch zeitig genug in
den Stand setzen seinem Unstern zuvor zu kommen Diese Vorsicht war desto
nötiger da der gute Alte seit mehreren Jahren mit einer Art von Schlafsucht
behaftet war die ihn nötigte alle Tage wenigstens sechszehen Stunden von vier
und zwanzig zu verschlafen Das geringe Zutrauen das ihm seine vorige Liebste
zu ihrem ganzen Geschlecht übrig gelassen hatte bewog ihn die schöne
Salamandrin während der ganzen Zeit seines Schlummers in einen bezauberten
Schlaf zu versenken aus welchem niemand als er sie erwecken konnte Der einzige
Biribinker würde unter gewissen Umständen und Bedingungen die nämliche Macht
gehabt haben und Padmanaba so wollt es das Schicksal würde in eben
demselben Augenblick die seinige wenigstens über die schöne Salamandrin
gänzlich verloren haben und da alles dieses während dass der Alte schlief gar
leicht hätte begegnen können so hatte er den Talisman der ihn erwecken sollte
so weislich angebracht dass Biribinker in so fern man ihm auch nur eine
mittelmäßige Neugierigkeit zutrauen konnte ihn notwendig finden musste
Hier konnte Don Sylvio sich nicht enthalten die Erzählung des Don Gabriel zu
unterbrechen indem er ihn ersuchte sich über den Umstand mit dem Talisman
etwas deutlicher zu erklären ich finde sie wider ihre Gewohnheit eine Weile
her etwas dunkel setzte er hinzu und ich gestehe ihnen dass ich von allem
was sie bei Gelegenheit der Erwachung des alten Padmanaba sagten kaum die
Hälfte verstanden habe Die ganze Gesellschaft selbst die schöne Hyacinthe
nicht ausgenommen lächelte über diese Anmerkung und Don Gabriel wusste sich
nicht anders zu helfen als dass die Dunkelheit worüber Don Sylvio sich
beklagte in der Sache selbst liege und dass überhaupt wenige FeenGeschichten
gefunden werden welche durchaus so deutlich und begreiflich seien als es zu
wünschen wäre Weil nun Don Sylvio sich mit dieser Entschuldigung zu begnügen
schien so fuhr Don Gabriel in seiner Erzählung also fort
Kaum hatte Biribinker in dem nämlichen Augenblick da er entdeckte dass der
schöne Fuß der zu diesem Abenteuer Anlass gegeben einem eben so schönen jungen
Frauenzimmer zugehöre den fatalen Talisman berührt so fing wie schon gemeldet
worden der Talisman zu musicieren an und Padmanaba erwachte Er warf wie
leicht zu erachten ist keinen sehr freundlichen Blick auf unsern Prinzen
allein da er mit Gewalt nichts gegen ihm vermochte so blieb ihm nichts übrig
als sich auf der Stelle unsichtbar zu machen und mit aller nur möglichen
Eilfertigkeit auf die Verhinderung des Vorhabens bedacht zu sein welches er
ohne in einem übertriebenen Grad argwöhnisch zu sein bei Biribinker voraus
setzen konnte
Inzwischen hatte sich dieser Prinz dem es bei Gelegenheit nicht an Mut
fehlte wieder aus der ersten Bestürzung erholt worein ihn das unsichtbare
Konzert und die Verschwindung des Padmanaba gesetzt hatte So gefährlich als es
ihm schien in einem solchen Ort gar zu neugierig zu sein so wollte er doch
wissen was aus dem alten Zauberer geworden sei Er suchte ihn also im Garten so
wohl als in allen Zimmern und Winkeln des Schlosses nachdem er die Vorsicht
gebraucht hatte sich vorher mit dem Säbel zu bewaffnen den Padmanaba zurück
gelassen hatte und auf dessen beiden Seiten er so viel talismannische Figuren
eingegraben fand dass er sich mit diesem Gewehr vor dem Zauberer Merlin selbst
nicht gefürchtet hätte Da er aber weder den Alten noch jemand andern finden
konnte so zweifelte er nun nicht länger dass Padmanaba entflohen sei und ihm
seinen Palast und seine Schöne zur Beute überlassen habe In diesen Gedanken
kehrte er triumphierend zurück warf seinen Säbel auf das Ruhebette und sich
selbst zu den Füßen der liebenswürdigen Unsichtbaren die er zu seiner
unbeschreiblichen Freude noch immer schlafend fand ungeacht die Musik des
berührten Talismans mit der angenehmsten Abwechslung von Allegro und Andante
immer fort daurte Man weißt nicht ob es den zauberischen Einflüssen eines von
diesen Andante welches in der Tat nicht zärtlicher hätte sein können wenn es
von Jomelli selbst gesetzt gewesen wäre oder einem Zweifel der wie es zu
gehen pflegt bei ihm entstund ob er auch dem Zeugnis eines einzigen Sinnes
glauben dürfe und ob nicht diese unvergleichliche Schöne die er auf dem Sopha
gefunden zu haben glaubte ein bloßes Blendwerk sein möchte dergleichen in
bezauberten Palästen nicht ungewöhnlich sind Man weißt nicht sage ich ob es
der einen oder der andern von diesen Ursachen zuzuschreiben war dass Biribinker
durch neue Beobachtungen sich der Wahrheit eines so außerordentlichen
Phänomenons zu versichern anfing In kurzem fügte er auch noch Versuche hinzu
und beides so wohl als die heftigste Symptomen einer Leidenschaft die in
kurzem bis zum äußersten Grad der Schwärmerei und des Taumels stieg ließ ihm
endlich keinen Zweifel mehr übrig dass er wirklich die schöne Salamandrin in
seinen Armen habe deren sichtbare Gestalt ihn in den Zimmern des Palasts so
sehr entzückt hatte Dieser Gedanke und das bezaubernde Kolorit womit sein
Gedächtnis die Unvollkommenheit des fünften Sinnes ergänzte dessen er sich
allein bedienen konnte setzte ihn zu sehr außer sich selbst als dass er sich in
diesen Augenblicken seines geliebten Milchmädchens seiner Entschließungen und
der Warnungen des Kürbis hätte erinnern können Kurz er wurde immer kühner und
die zunehmende Dunkelheit des Zimmers die er für eine Aufmunterung seiner
Unternehmungen hielt mit der Musik des Talismans welche immer zärtlicher
wurde war in der Tat nicht geschickt seine Entzückung auf einen mässigern Grad
herab zu stimmen Es findet sich hier eine abermalige kleine Lücke in dem
Original dieser merkwürdigen Geschichte deren Ausfüllung wir den Bentleis und
Scribleris unserer Zeit überlassen wollen ohne uns auch nur mit Vermutungen
über den Inhalt derselben aufzuhalten Biribinker fährt die Geschichte fort
erwachte eben aus einer Betäubung welche gewissen Indianischen Philosophen so
angenehm zu sein scheint dass sie in eine immerwährende Dauer derselbigen den
höchsten Grad der Glückseligkeit setzen als er gewahr wurde dass die schöne
Unsichtbare alle seine Liebkosungen mit ungemeiner Lebhaftigkeit erwiderte Er
schloss hieraus dass sie erwacht sein müsse und unterließ nicht ihr in der
erhabenen Sprache die er sich im Bienenstock der Fee Melisotte angewöhnt hatte
alle die zärtlichen Sachen vorzusagen welche Cristalline und Mirabella in
ähnlichen Umständen von ihm gehört hatten Die Unsichtbare beantwortete diese
schönen Erklärungen Lobsprüche Ausrufungen und Beteuerungen mit Seufzern
Verkleinerung ihrer Reizungen und Zweifeln an seiner Beständigkeit die ein
weniger entzückter Liebhaber als es Biribinker war hätte unzeitig und im Mund
einer so liebenswürdigen Person unnatürlich finden können Allein der Prinz der
in diesen Augenblicken gar nicht aufgelegt war Schlüsse zu machen begnügte sich
bloß in dem gewöhnlichen Wege wie man dergleichen Zweifel zu zerstreuen
pflegt die Beweise seiner Zärtlichkeit zu verdoppeln Sie gab ihm alle
Aufmerksamkeit die er nur immer wünschen konnte ohne desto besser überzeugt zu
sein Haben sie nicht sagte sie ihm Mirabellen und Cristallinen eben so
geliebt wie mich Haben sie nicht einer jeden von ihnen eben so viel zärtliches
vorgesagt eben so viel Beteuerungen gemacht eben so viele Beweise gegeben ohne
dass weder die eine noch die andere so reizend sie ihnen auch in der ersten
Berauschung ihrer Sinnen vorkamen fähig war über das Milchmädchen das sie
sich in den Kopf gesetzt haben nur einen einzigen Tag lang die Oberhand zu
behalten Ach Biribinker das Schicksal meiner Vorgängerinnen sagt mir nur
allzu deutlich was das meinige sein wird und wie können sie verlangen dass ich
bei einer so traurigen Gewissheit sie in wenigen Stunden wieder zu verlieren
gleichgültig bleiben soll Biribinker antwortete ihr hierauf mit den
lebhaftesten und feierlichsten Versicherungen einer ewigen und eben so
unbegrenzten Liebe als es ihre Reizungen seien Er behauptete dass sie sich
selbst beleidige indem sie sich mit den beiden Feen vergleiche die wie er
sagte nicht liebenswürdig genug gewesen waren ihm etwas mehr als einen
flüchtigen Geschmack beizubringen und schwur ihr bei allen Liebesgöttern dass
von dem Augenblick an da er das Glück gehabt habe ihr Bild im großen Saal zu
erblicken das Milchmädchen welches sie in so unnötige Besorgnisse setze nicht
mehr Gewalt über sein Herz gehabt habe als ein jedes anders Milchmädchen in der
Welt Diese Versicherungen beruhigten die schöne Unsichtbare nur schwach und
Biribinker sah sich genötigt alle seine Figuren zu erschöpfen um die
Hartnäckigkeit ihres Unglaubens zu überwinden O rief er schönste Unsichtbare
warum kann ich nicht den ganzen Erdkreis und alle vier Elemente mit ihren
Bewohnern auf einmal zu Zeugen der unveränderlichen Treue machen die ich ihnen
schwöre Wir alle sind Zeugen rief eine Menge von weiblichen und männlichen
Stimmen die ihm von Personen die um ihn herum stunden in die Ohren schallten
Biribinker der wohl nicht vermutet hatte dass man ihn beim Wort nehmen würde
fuhr mit einiger Bestürzung auf und wollte sehen woher diese Stimmen kämen
aber o Himmel welche Zunge könnte beredt genug sein die Bestürzung und das
Entsetzen auszudrücken worein ihn der Anblick setzte den eine plötzliche
Erheiterung des Zimmers seinen weit offenen Augen darstellte Er sah o Wunder
o Abenteuer o schreckenvoller Anblick er sah sich in eben dem Kabinet
welches schon zweimal ein Zeuge seiner treulosen Unbeständigkeit gewesen war an
statt der schönen Salamandrin fand er sich in die Arme der hässlichen Gnomide
verwickelt welcher er vor etlichen Stunden den Preis zuerkannt hatte und was
seine Beschämung und seinen Schmerz hätte tödlich machen mögen er sah sich um
und um von allen denjenigen umgeben die er sich am wenigsten zu Zuschauern
wünschen konnte und sie waren grausam genug in eben dem Augenblick da er sich
mit grauemvollem Ekel aus den Armen seiner missgeschaffnen Schönen los wickeln
wollte in ein so lautes Gelächter auszubrechen dass der ganze Palast davon
widerhallte Zur Rechten des Ruhbettes sah er o wie gern hätte er sich in
diesem Augenblick blind und unsichtbar zu sein gewünscht die Fee Cristalline
welche den kleinen Grigri an der Hand hatte zur Linken die schöne Mirabella mit
ihrem geliebten Flox der in der Tat als Salamander eine bessere Mine hatte als
in der Gestalt eines dicken Kürbis aber was die Qual des unglücklichen
Biribinkers auf den äußersten Grad vermehrte war der Anblick der Fee Kaprosine
mit seinem schönen Milchmädchen und des alten Padmanaba mit der schönen
Salamandrin an der Hand welche beiderseits auf einer goldfarbigen Wolke die
von kleinen Sylphen getragen wurde saßen und mit höhnischem Lächeln auf ihn
hinunter sahen Glück zu Prinz Biribinker sagte die Fee Cristalline in der
Tat nun vergebe ich ihnen dass sie so ungedultig von mir wegeilten wer einer
solchen Eroberung zueilt kann sich nicht genug beschleunigen Sie erinnern sich
noch wohl Prinz Biribinker nahm jetzt Grigri das Wort dass ich eben keine
Ursache habe mich ihnen verpflichtet zu glauben so denn wenn es an ihnen
gelegen wäre so möchte ich wohl ewig eine Hummel geblieben sein aber es wäre
zu grausam ihrer in den Umständen worin sie sind noch zu spotten Sehen sie
selbige als eine Strafe an die sie in mehr als einer Betrachtung verdient
haben Wenn auch die Schöne bei der wir sie auf eine so unvermutete Art
überraschen ihrer nicht von allen Seiten so würdig wäre als sie ist fuhr
Mirabella mit einer boshaften Mine fort so haben sie wenigstens den Vorteil
dass sie keine Preciöse ist Was mich betrifft setzte der gewesene Kürbis hinzu
so könnte ich zwar bedauern dass ich meine wieder erlangte Gestalt und den
Besitz der schönen Mirabella ihrem Unglück zu danken habe allein nachdem ich
als Kürbis großmütig genug gewesen war sie vor den Folgen einer neuen Untreue
zu warnen so werden sie mich nicht verdenken können wenn ich mich als
Salamander erfreue dass sie meine Warnungen verachtet haben Siehe
Unglücklicher aber mit Recht bestrafter Biribinker meckerte jetzt die Fee
Kaprosine wiewohl dich Karamussal gegen meinen Zorn geschützt hat Siehe hier
die liebenswürdige Prinzessin Galactine die du als Milchmädchen liebtest und
deren Besitz ein allzu günstiges Schicksal alles meines Hasses ungeachtet dir
zugedacht hatte wenn du durch eine dreimal wiederholte Untreue dich ihrer nicht
selbst unwürdig gemacht hättest Wenn Mitleiden dir helfen könnte armer Prinz
sagte das schöne Milchmädchen so würdest du so wenig du es auch von mir
verdient haben magst weniger unglücklich sein denn ich sehe wohl dass deine
Strafe härter ist als dein Verbrechen und dass die Feen und Zauberer wenigstens
eben so viel Schuld an deinem Unfall haben als du selbst Bei diesen Worten
sah der allzu unglückliche Biribinker auf heftete einen Blick voll
unbeschreiblicher Empfindungen auf sein geliebtes Milchmädchen und sank mit
einem Seufzer worin er seine Seele auszuhauchen schien wieder zurück ohne das
Vermögen zu haben nur ein Wort hervor zu bringen Lerne rief ihm der alte
Padmanaba von der andern Seite zu lerne bewundernswürdiger Biribinker seltnes
Muster der Weisheit und der Beständigkeit dass der alte Padmanaba nicht alt
genug ist deine Verwegenheit unbestraft zu lassen und möge deine Geschichte
in immerwährender Zeitfolge von einer Amme der andern überliefert der späten
Nachwelt zum Beispiel dienen wie gefährlich es ist den großen Karamussal um
sein Schicksal zu befragen und vor seinem achtzehnten Jahr ein Milchmädchen zu
sehen
Kaum hatte Padmanaba den Mund wieder zugetan so hörte man auf einmal ein
fürchterliches Donnern mit Sturmwind und Blitzen begleitet wodurch der ganze
Palast wie in einem Erdbeben erschüttert und die ganze Gesellschaft den
einzigen verzweiflungsvollen Biribinker ausgenommen in Furcht gesetzt wurde
denn selbst der alte Padmanaba merkte dass dieses Ungewitter von einer Macht
herkomme die der seinigen überlegen war Auf einmal flog die Decke des Zimmers
und das ganze Dach des Palasts hinweg und man sah unter Donnern und Blitzen
den großen Karamussal auf einem Hippogryfen sitzend herab steigen und
zwischen der Fee Kaprosine und dem alten Padmanaba seinen Platz auf einer Wolke
nehmen Der Prinz Biribinker ist genug gestraft rief Karamussal mit
majestätischer Stimme Das Schicksal ist befriediget und ich nehme ihn in
meinen Schutz Verschwinde nichtswürdiger Wechselbalg fuhr er fort indem er
die Gnomide mit seinem Stab berührte und sie Prinz Biribinker wählen sie
unter diesen vier Schönen welche sie wollen die Salamandrin die Sylphide die
Ondine oder die Sterbliche diejenige so ihr Herz wählen wird soll ihre
Gemahlin sein und sie von der Unbeständigkeit heilen die bisher wie man
gestehen muss ihr Fehler gewesen ist Padmanaba würde vor Verdruss über eine so
unerwartete Entwicklung gerne mit den Zähnen geknirscht haben wenn er welche
gehabt hätte Was die Schönen betrifft so hatten sie alle ihre Augen mit
Erwartung auf den Prinzen geheftet und besonders sah man der jungen
Salamandrin die noch kein Wort gesprochen hatte ganz deutlich an dass sie
lieber gesehen hätte wenn der alte Padmanaba an statt die garstige Gnomide an
ihren Platz zu schieben ihr erlaubt hätte ihre eigene Stelle selbst zu
vertreten Aber Biribinker der in einem Augenblick von dem äußersten Grad der
Scham und der Verzweiflung auf den höchsten Grad der Glückseligkeit überging
bedachte sich keinen Augenblick wie er wählen wollte Ob gleich die
elementarischen Damen sein Milchmädchen an Schönheit weit hinter sich zurück
ließ so konnten doch alle ihre Reizungen in Gegenwart seiner geliebten
Galactine mehr nicht als einen flüchtigen Blick von ihm erhalten Er warf sich
vor dieser anmutsvollen Kreatur nieder und bat mit den Ausdrücken einer so
aufrichtigen Reue einer so wahren Liebe um die Vergebung seiner Schuld dass sie
nicht so unbarmherzig sein konnte ihm nicht wenigstens die Hoffnung dass sie
sich noch erbitten lassen werde zu erlauben Karamussal dem er sich
gleichfalls zu Füßen warf hob ihn auf nahm ihn bei der Hand und führte ihn
der Prinzessin Galactine zu Empfangen sie hier liebenswürdige Prinzessin den
Prinzen Kacamiello von meiner Hand denn dieses ist nunmehr sein Name da die
Absichten warum ich ihm den andern geben ließ erfüllt sind Biribinker und
Milchmädchen sind nun nicht mehr und nachdem beide dem Eigensinn ihres Gestirns
genug getan und der Feerei ihre Gebühr bezahlt haben so bleibt mir nichts
übrig als den Prinzen Kacamiello seinen königlichen Eltern zurück zu geben und
durch ein ewiges Band mit der Prinzessin Galactine zu vereinigen Ihr schöne
Feen fuhr er fort indem er sich zu Cristallinen und Mirabellen wandte habt
wie ich hoffe Ursache mit mir vergnügt zu sein da ihr durch meine
Veranstaltung eure Gestalt und eure Liebhaber wieder erhalten habt weil es aber
unbillig wäre dass ich allein leer ausginge so entlade ich hier den alten
Padmanaba aller seiner Sorgen indem ich die schöne Salamandrin die bei ihm
nichts zu tun hat als unsichtbar zu sein und zu schlafen zur Belohnung meiner
Mühe für mich selbst behalte
Mit diesen Worten schlug der große Karamussal mit seinem Stabe dreimal in
die Luft und auf einmal befand er sich mit dem Prinzen und der Prinzessin im
Kabinet des Königs der wie man denken kann eine große Freude hatte seinen
Sohn und Erben so groß und schön mit einer so schönen Prinzessin und mit einem
so schönen Namen wieder zu sehen Bald darauf wurde das Beilager mit großer
Feierlichkeit und Pracht vollzogen das neue Ehepaar liebte sich so lange als es
konnte und zeugete Söhne und Töchter und nachdem endlich der alte König in die
neunzehnte Welt abgereist war so regierte König Kacamiello so weislich an
seiner statt dass die Untertanen keinen Unterschied spürten Er machte seinen
Freund Flox zur Belohnung der guten Dienste die er ihm als Kürbis geleistet
hatte zu seinem ersten Vezier und die schöne Mirabella nebst der Fee
Cristalline unterliessen niemals bei Hofe zu erscheinen so oft die Königin in
die Wochen kam Sie brachten jedesmal den kleinen Grigri mit welcher ungeachtet
seiner Hässlichkeit bei den meisten HofDamen einen Beifall erhielt der ihren
Liebhabern nicht gleichgültig war Das muss man gestehen sagten sie alle aus
einem Munde dass Grigri mit aller seiner Hässlichkeit der kurzweiligste
Gesellschafter von der Welt ist
Und hier endet sich die eben so lehrreiche als wahrhafte Geschichte des
Prinzen Biribinkers setzte Don Gabriel hinzu bei der ich meinen Zweck
vollkommen erreicht habe wenn sie ihnen keine lange Weile gemacht und die
schöne Hyacinthe von ihrem Vorurteil gegen die Feerei zurück gebracht haben
kann
Drittes Kapitel
Anmerkungen über die vorstehende Geschichte
Wenn das ihre Absicht gewesen ist Don Gabriel sagte Hyacinthe so bedaure ich
dass sie solche so wenig erreicht haben als nur möglich ist Wenn ich ihnen die
Wahrheit sagen soll so halte ich es für unmöglich das abenteurliche und
ungereimte weiter zu treiben und Don Sylvio müsste wohl sehr gut sein wenn er
nicht schon lange gesehen hätte dass ihre Absicht ist die Feen um allen ihren
Kredit bei ihm zu bringen Sie urteilen sehr strenge versetzte Don Eugenio es
ist wahr dass die Natur in dieser ganzen Geschichte vom Anfang bis zum Ende auf
den Kopf gestellt ist dass die Characters eben so ungereimt als die
Begebenheiten unglaublich sind und dass wenn man die einen und die andern nach
den Gesetzen der Vernunft der Wahrscheinlichkeit und der Sittlichkeit
beurteilen wollte nichts tollers erdacht werden kann Allein das wäre nicht
billiger als wenn man das Klima von Siberien nach dem Klima von Valencia oder
die Höflichkeit der Schineser nach der unsrigen beurteilen wollte Das Land der
Feerei liegt außerhalb der Grenzen der Natur und wird nach seinen eigenen
Gesetzen oder richtiger zu sagen wie gewisse Republiken die ich nicht nennen
will nach gar keinen Gesetzen regiert Man kann ein FeenMärchen nur nach
andern FeenMärchen beurteilen und in diesem Gesichtspunct finde ich den
Biribinker nicht nur so wahrscheinlich und lehrreich sondern in allen
Betrachtungen weit interessanter die vier Facardins vielleicht allein
ausgenommen als irgend ein anders Märchen in der Welt Ich möchte doch zum
Exempel wissen was sie lehrreiches in diesem Märchen finden fragte Hyacinthe
Moralisten von Profession erwiderte Don Eugenio Leute die im Stande sind ein
ganzes System von Sittenlehre aus einer Elegie des Tibullus auszuziehen würden
ohne Zweifel geschickter sein als ich diese Frage zu beantworten Aber damit
ich meinen Satz nicht ganz unerwiesen lasse wird nicht in dieser Geschichte die
Ausschweifung und das Laster durchgängig bestraft wird nicht die Unschuld in
der Person des Milchmädchens am Ende belohnt und ist nicht das Ganze eine sehr
überzeugende Bestätigung der moralischen Maxime Dass der Vorwitz über unser
künftiges Schicksal in der Absicht uns demselben zu entziehen töricht und
gefährlich sei Hätte der König mit dem großen Wanst den großen Karamussal
unbefragt gelassen so würde man nie gewusst haben dass es gefährlich für den
Prinzen sei vor seinem achtzehnten Jahr ein Milchmädchen zu sehen und so
würde er auch den Namen Biribinker nie bekommen haben Er würde wie andere
Prinzen am Hofe seines Vaters aufgewachsen sein und wenn es Zeit gewesen wäre
ihn zu vermählen so würde man durch Gesandte um die Prinzessin Galactine haben
werben lassen und alles wäre den natürlichen Gang fortgegangen Der Vorwitz des
Königs und das fatale Oraculum des großen Karamussal war ganz allein an allem
Unheil schuld Die Mittel wodurch man ihn vor dem Milchmädchen verwahren
wollte dienten zu nichts als sie desto bälder zusammen zu bringen und der
Name Biribinker der ihm freilich aus allen seinen Abenteuern heraus half würde
das nicht nötig gehabt haben weil der Prinz nie in diese Abenteuer verwickelt
worden wäre wenn er nicht Biribinker geheißen hätte Sie haben hierin
vollkommen recht sagte Donna Felicia aber eben darin besteht das Lustige von
der ganzen Komödie oder vielmehr wenn man diesen einzigen Umstand wegtäte so
würde die ganze Geschichte des Prinzen Biribinkers an statt eines der
possierlichsten FeenMärchen eine AlltagsHistorie sein die aufs höchste gut
genug gewesen wäre einen Artikel in den Zeitungen seiner Zeit auszufüllen Und
das wäre wohl Schade gewesen Kurz ungereimt oder nicht ich nehme den Prinzen
Biribinker in meinen Schutz und wenn ich die Ehre hätte Hut und Degen zu
tragen so wollte ich gegen alle und jede behaupten dass die Liebe des Prinzen
Biribinkers die Tugend der Dame Cristalline die Delicatesse der schönen
Mirabella ihre Kleidung von trocknem Wasser und ihre Zerstreuungen der Riese
Karaculiamborix das StraussenEi der Walfisch die Seen Inseln und bezauberten
Schlösser die er im Leibe hat der Palast von gediegenem Feuer und der redende
Kürbis der sich auf den Lauf der Sterne versteht mit allen andern wundervollen
und unerwarteten Dingen wovon es in diesem Märchen wimmelte alles hübsch
untereinander gemischt das aller drolligste Zeug ausmachen das ich in meinem
Leben gehört habe Sie haben den Karpfen vergessen der so schöne OpernArien
singt sagte Hyacinthe das Hündchen das auf dem Seil tanzte und die feurige
Blicke womit Biribinker die Steine am Bach wo sein Mädchen saß in Glas
verwandelte Erlauben sie mir noch hinzu zu setzen sagte Don Gabriel dass man
schwerlich ein Märchen finden wird wo die kostbarsten Materialien so sehr
verschwendet wären Ich bin gewiss dass man in keiner RaritätenKammer von Europa
einen Melkkübel von Rubin antreffen wird und ich kenne keine bezauberte Gärten
worin so gar die Brunnen mit diamantnen Quaderstücken gepflastert wären
Don Sylvio hatte sich bisher begnügt demjenigen was gesagt wurde aufmerksam
zuzuhören Wie aber alle ihre Meinung gesagt hatten und er merkte dass man nun
auf seine Entscheidung warte so sagte er ganz ernstaft Ich muss gestehen dass
ich gewünscht hätte der Prinz Biribinker wäre entweder seinem Milchmädchen die
in der Tat eine sehr liebenswürdige Person ist getreuer gewesen oder er würde
für seine Ausschweifungen schärfer gestraft worden sein aber diesen einzigen
Umstand und die Charakter so wohl als die Aufführung einiger anderer Personen
die niemand billigen wird ausgenommen sehe ich nicht was in der ganzen
Geschichte dieses Prinzen ungereimtes geschweige dann unnatürliches und
unmögliches sein sollte Wie Don Sylvio sagte Hyacinthe sie finden alle diese
Wunderdinge den Riesen der sich die Zähne mit einem Zaunpfahl ausstochert den
Walfisch der auf fünfzig Meilen in die Runde Wolkenbrüche aus seinen Naslöchern
spritzt die weichen Felsen die singenden Fische und die redende Kürbisse
natürlich und möglich Ohne Zweifel schöne Hyacinthe gab Don Sylvio zur
Antwort wenn wir anders nicht den unendlich kleinen Teil der Natur den wir vor
Augen haben oder das was wir alle Tage begegnen sehen zum Maßstab dessen was
der Natur möglich ist machen wollen Es ist wahr Karaculiamborix ist in
Vergleichung mit einem gewöhnlichen Menschen ein Ungeheuer aber er wird selbst
zum Pygmeen wenn wir ihn mit den Einwohnern des Saturnus vergleichen die nach
dem Bericht eines großen Astronomi mit Meilenstäben ausgemessen werden müssen
Warum sollte es nicht einen Walfisch geben können welcher groß genug wäre um
Seen und Inseln in sich zu halten da es kleine Wassertiere gibt gegen welche
ein gewöhnlicher Grönländischer Walfisch zum wenigsten so groß ist als jener
gegen diese Was den Walfisch betrifft unterbrach ihn Don Gabriel so kann
seine Möglichkeit keine Frage sein da es allen Umständen nach der nämliche ist
von welchem Lucian in seinen wahrhaften Geschichten eine umständliche
Beschreibung macht und worin er selbst ein großes Land entdeckt hat welches
damals von fünf oder sechs verschiedenen Nationen bewohnt war die immer gegen
einander zu Felde lagen und vermutlich zu der Zeit da Padmanaba sich einen
Palast in den Bauch des Walfisches bauen ließ einander schon aufgerieben
hatten Das einzige was die Sache unglaublich machen könnte ist der Umstand
dass Biribinker Sonne Mond und Sterne darin gesehen haben soll Ich glaube
nicht sagte Don Sylvio dass das so viel sagen soll als ob eine würkliche Sonne
und würkliche Sterne ihren Lauf in des Walfisches Bauch gehalten hätten sondern
nur dass es den Prinzen so dauchte welches Padmanaba durch seine Kunst leicht
zuwege bringen konnte Diese Sonne und diese Sternen könnten zum Exempel eben
so viele Salamander sein die Padmanaba nötigte in gewissen angewiesenen
Entfernungen und Kreisen zu leuchten und ihren Lauf zu halten und ich vermute
aus allen Umständen dass es wirklich so gewesen ist Ich möchte wohl wissen
sagte Hyacinthe was Don Sylvio unmöglich heißt denn so wie er die Grenzen der
Möglichkeiten ausdehnt sollte deucht mich alles möglich sein was man sich in
der Schwärmerei eines hitzigen Fiebers einbilden kann Wenn es gediegenes Feuer
und trockenes Wasser gibt so sollte es auch bleiernes Gold und einen
viereckichten Zirkel geben können Vergeben sie mir Hyacinthe versetzte Don
Sylvio das schließt nicht so gut wie sie zu glauben scheinen die Ründe gehört
zum Wesen des Cirkels und es ist also an sich selbst unmöglich sich einen
viereckichten Zirkel einzubilden aber woher lässt sichs erweisen dass die
Flüssigkeit eine wesentliche Eigenschaft des Wassers und des Feuers sei Sehen
wir nicht im Winter Eis welches nichts anders als festes oder gediegenes Wasser
ist warum sollte die Macht oder die Kunst der elementarischen Geister nicht
auch trocknes Wasser oder festes Feuer hervor bringen können Mich deucht fuhr
er fort die wahre Quelle der irrigen Urteile die man über alles dasjenige was
man wunderbare Begebenheiten heißt zu fällen pflegt entspringe aus der
falschen Einbildung als ob alles unmöglich sei was sich nicht aus körperlichen
und in die Sinne fallenden Ursachen erklären lässt gleich als ob die Kräfte der
Geister von denen die körperlichen Dinge bloß tote und grobe Werkzeuge sind
nicht notwendiger Weise die mechanischen und geborgten Kräfte eben dieser
Werkzeuge unendlich übersteigen müssten In dieser Betrachtung glaube ich
allerdings dass unzähliche Dinge möglich sind die wir aus keinem bessern Grunde
für unmöglich halten als weil sie unserer Unwissenheit unbegreiflich vorkommen
worin wir ungefähr eben so weise sind als ein Wilder der die bezaubernde
Modulation die ein Meister aus einer QuerFlöte hervor bringt für unmöglich
halten wollte weil er selbst aus seinem Haberrohr nur heisere und einförmige
Töne erzwingen kann Ich finde also in der Geschichte des Prinzen Biribinkers
nichts unmögliches und die Glaubwürdigkeit des Geschichtsschreibers voraus
gesetzt sehe ich nicht warum sie nicht von einem Ende zum andern eben so
wirklich begegnet sein und eben so viel Glauben verdienen sollte als irgend
eine andere Geschichte Jetzt haben sie den rechten Punkt berührt sagte Don
Gabriel auf die Glaubwürdigkeit der Zeugen kommt alles an denn ob wir gleich
allen den Wunderdingen womit die Geschichtschreiber und die Dichter die Welt
angefüllt haben oder doch dem größten Teil davon eine bedingte Möglichkeit
einräumen können so sind sie doch um des willen nicht weniger bloße Schimären
so lange nicht bis zur Überzeugung der Vernunft erwiesen werden kann dass sie
wirklich existieren oder existiert haben Und das gestehe ich ihnen dass es sehr
schlecht um die historische Wahrheit der Feen und GeisterGeschichten steht
wenn sie keine bessere Gewähr ihrer Wahrheit aufzuweisen haben als Biribinker
Warum das fragte Don Sylvio Weil diese ganze Geschichte von meiner eigenen
Erfindung ist antwortete Don Gabriel Von ihrer Erfindung rief jener etwas
betroffen aus O Don Gabriel das hätte ich ihnen nicht zugetraut Sie nannten
uns ja einen Geschichtschreiber woraus sie hergenommen sein sollte Vergeben
sie mir Don Sylvio erwiderte der andere es ist nicht anders als wie ich sage
Ich wollte einen Versuch machen wie weit ihre Vorurteile für die Feerei gehen
könnten ich strengte nehmen sie mirs nicht übel auf allen Aberwitz dessen ich
fähig bin an um eine so widersinnische und ungereimte WunderGeschichte zu
erdenken als man nur jemals gehört haben möchte und so entstund der Prinz
Biribinker aber ich gestehe ihnen freilich dass es mir nicht möglich war etwas
so ungereimtes zu ersinnen das nicht in allen andern FeenMärchen seines
gleichen hätte und ich hätte voraus sehen können dass diese Analogie sie
verführen würde Glauben sie mir Don Sylvio die Urheber der FeenMärchen und
der meisten WunderGeschichten haben so wenig im Sinn klugen Leuten etwas weis
zu machen als ich es haben könnte ihre Absicht ist die EinbildungsKraft zu
belustigen und ich gestehe ihnen dass ich selbst ein größerer Liebhaber von
Märchen als von metaphysischen Systemen bin Ich kenne unter den Alten und
Neuern Leute von großen Fähigkeiten und selbst Leute von Ansehen die sich in
müßigen Stunden damit abgegeben haben Märchen zu schreiben und viele größere
Männer als ich bin und die einen ernstaftern Charakter behaupteten als ich
jemals zu behaupten verlange die diese Spielwerke allen andern Werken des
Witzes vorzogen Wer liebt nicht zum Exempel den Orlando des Ariost der doch
in der Tat nichts anders als ein Gewebe von FeenMärchen ist Ich könnte noch
vieles zum Vorteil derselben sagen wenn es jetzt darum zu tun wäre ihnen eine
Lobrede zu halten Aber bei dem allen bleiben Märchen doch immer Märchen und so
viel Vergnügen als uns unter den Händen eines Dichters der damit umzugehen
weißt die Salamander und Sylphiden die Feen und Kabbalisten machen können so
bleiben sie nichts desto weniger schimärische Wesen für deren Würklichkeit man
nicht einen einzigen bessern Grund hat als ich für einen Biribinker anzuführen
im Stande wäre Sie scheinen nicht zu bedenken sagte Don Sylvio dass sie die
Feen und elementarischen Geister nebst der Kabbala oder geheimen Philosophie
die den Weisen die Macht gibt sich diese Geister unterwürfig zu machen nicht
leugnen können ohne den Grund aller historischen Wahrheit umzustossen Denn wie
durchgängig und übereinstimmend ist nicht das Zeugnis der ganzen Geschichte zu
ihrem Vorteil Sie haben vermutlich die Nachrichten von dem Grafen von Gabalis
gelesen erwiderte Don Gabriel worin dieses Argument auf den höchsten Grad der
Stärke getrieben ist die es haben kann Aber alles was man damit beweisen kann
ist weder mehr noch minder als dass die Geschichte mit Fabeln und Unwahrheiten
untermischt ist ein großes Übel welches dem schwachen Verstand oder dem bösen
Willen oder wenigstens der Eitelkeit der Geschichtschreiber zu Schulden liegt
und in meinen Augen die wahre Quelle so vieler schädlichen Irrtümer ist womit
wir die verschiedenen Gesellschaften der Menschen behaftet sehen Glauben sie
zum Exempel dass Biribinker nur um den vierten Teil eines Grans glaubwürdiger
wäre wenn er von Wort zu Wort von dem Geschichtschreiber Paläphatus erzählt
würde Woher könnten wir wissen ob ein Autor der vor drei tausend Jahren
gelebt hat und dessen Geschichte und Charakter uns gänzlich unbekannt ist nur
im Sinn gehabt habe uns die Wahrheit zu sagen Und gesetzt er hatte sie konnte
er nicht leichtglaubig sein Konnte er nicht aus unlautern Quellen geschöpft
haben Konnte er nicht durch vorgefasste Meinungen oder falsche Nachrichten
selbst hintergegangen worden sein Oder gesetzt das alles fände nicht bei ihm
statt kann nicht in einer Zeitfolge von zwei oder drei tausend Jahren seine
Geschichte unter den Händen der Abschreiber verändert verfälscht und mit
unterschobenen Zusätzen vermehrt worden sein So lange wir nicht im Stande sind
von jedem besonderen Abenteuer des Biribinkers und so zu reden von Zeile zu
Zeile zu beweisen dass keiner von allen diesen möglichen Fällen dabei Platz
finde so würde Herodot selbst kein hinlänglicher GewährsMann für die Wahrheit
dieser anmasslichen Geschichte sein Ich gestehe ihnen das Zeugnis eines Tacitus
oder Hume4 würde der Existenz der ElementarGeister und eines jeden andern
Dings das nicht innerhalb des bekannten Cirkels der allgemeinen menschlichen
Erfahrung liegt sehr zu statten kommen allein zum Unglück für das Wunderbare
können sie sich keiner so vollgültigen Zeugen rühmen Und gesetzt auch es
fänden sich unter der unendlichen Menge von Wunderdingen dieser Art die seit
dem Anbeginn der Welt bei allen Völkern des Erdbodens erzählt und zum Teil
geglaubt worden sind einige wenige die ein unverwerfliches Ansehen vor sich
hätten so würde dieses weder die übrigen glaubwürdiger machen noch den
allgemeinen Grundsatz entkräften können Dass alles und jedes was keine Analogie
mit dem ordentlichen Lauf der Natur in so fern sie unter unsern Sinnen liegt
oder mit demjenigen hat was der größte Teil des menschlichen Geschlechts alle
Tage erfährt eben deswegen die allerstärkste und gewisser maßen eine unendliche
Präsumtion der Unwahrheit wider sich habe ein Grundsatz den das allgemeine
Gefühl des menschlichen Geschlechts rechtfertiget ob er gleich der ganzen
Feerei mit allen ihren Zubehörden auf einmal das Leben abspricht
Die Damen hatten sich zurück gezogen so bald sie sahen dass die
Konversation einen scientifischen Schwung nehmen wurde Don Sylvio ergab sich
nicht so leicht als sein Gegner erwartet haben mochte Er bediente sich aller
Vorteile die ihm die scheinbare Verwandtschaft dieser Materie mit andern wo
Don Gabriel nach HusarenArt nur fliehend fechten konnte zu geben schien
allein nachdem er sich endlich durch die überwiegende Geschicklichkeit seines
Gegners aus allen seinen Schlupfwinkeln heraus getrieben sah so blieb ihm
endlich nichts übrig als sich gleichfalls auf die Erfahrung zu berufen durch
welche ihn jener zu überweisen gedacht hatte Doch er fand bald dass er wenig
gewinnen würde einen Philosophen wie Don Gabriel mit seinen eigenen Waffen
anzugreifen man bewies ihm dass besondere und außerordentliche Erfahrungen so
bald sie der Analogie der allgemeinen Erfahrung widersprechen allezeit
verdächtig sind und dass zu einer Evidenz der sich die Vernunft ergeben müsste
ein so scharfer Beweis erfordert würde dass unter tausend solchen
außerordentlichen Erfahrungen kaum eine zu finden sei die bei genauer
Untersuchung nur so viel Wahrscheinlichkeit übrig behalte als zu einer starken
Präsumtion erfordert werde Er nahm zu Erläuterung seiner Lehrsätze die
Visionen der Schwester Maria von Agreda zum Beispiel und vertiefte sich
unvermerkt in Speculationen die der Übersetzer für die meisten Leser dieses
Buchs zu tiefsinnig gehalten und um so lieber weg gelassen hat als aus dem
Vorbericht der dem spanischen Manuskript voran gesetzt ist erhellet dass der
ehrwürdige DominicanerMönch dem selbiges zur Censur gegeben worden von diesem
Discurs den unschuldigen Anlass genommen den Druck des ganzen Werks zu
untersagen Dem sei wie ihm wolle so fand Don Eugenio selbst für gut die
Fortsetzung dieser allzu metaphysischen Untersuchungen zu hemmen Ich glaube
kaum sagte er dass es zum Beweis wie leicht uns in diesem Stück unsere
vorgefasste Meinungen oder eine allzuwürksame Phantasie hintergehen kann etwas
anders braucht als sich auf Don Sylvio eigene Erfahrung zu berufen Ich wette
was man will sie glaubten beim Eintritt in diese Gärten und beim Anblick des
Pavillions in einen FeenSitz gekommen zu sein und doch ist nichts gewissers
als dass sie in eben diesem Lirias sind welches mein Großvater Gilblas von
Santillane der dankbaren Großmut des Don Alphonso von Leiva zu danken hatte und
welches seit dem teils von ihm teils von meinem Vater Don Felix von Lirias
erweitert und verschönert worden Sie scheinen noch so wenig von der würklichen
Welt gesehen zu haben dass die Ähnlichkeiten die sie zwischen den Gärten und
Gebäuden zu Lirias mit denen womit ihre EinbildungsKraft in den Märchen
bekannt worden ist gefunden haben sie leicht verführen konnten dasjenige was
von ganz alltäglichen MenschenHänden gemacht ist für ein Werk der Geister und
der Feerei zu halten Gestehen sie Don Sylvio dass sie bei Erblickung meiner
Schwester keinen Augenblick anstunden sie für eine Fee zu halten und doch kann
ihnen mein Pfarrer mit dem TaufRegister beweisen dass sie eine Sterbliche ist
und von guten alten Christen abstammt die niemalen der Magie verdächtig gewesen
sind eine Enkelin der liebenswürdigen Dorotea von Jutella welche bestimmt
war meinem Großvater den Verlust seiner geliebten Antonia zu ersetzen und mit
der sie in der Tat eine so große Ähnlichkeit hat dass man das Bildnis der einen
für der andern ihres hält Diese einzige Induction würkte mehr als alle
Schlussreden des Don Gabriel Don Sylvio hatte außer einem Kompliment das er bei
diesem Anlass den Reizungen der Donna Felicia machte so wenig gründliches darauf
zu antworten dass er allmählich stille wurde und wie es schien in Gedanken
verfiel die seinen Kopf merklich verdüsterten Zu gutem Glück war es eben Zeit
in eine Komödie zu gehen welche Don Eugenio durch eine herum wandernde kleine
SchauspielerGesellschaft die er etliche Wochen bei sich behielt veranstaltet
hatte Diese angenehme Zerstreuung und die Gegenwart der Donna Felicia die er
den ganzen übrigen Abend genoss stellten nach und nach den guten Humor unsers
Helden wieder her die aufmunternde Freundlichkeit oder sollen wir die
Zärtlichkeit sagen die in ihrem ganzen Betragen gegen ihn herrschte machte ihn
gar bald lebhaft gesprächig und begierig zu gefallen und der Ton der
scherzenden Fröhlichkeit worein sie über dem Nachtessen die ganze Gesellschaft
stimmte würkte zuletzt so mächtig auf ihn dass er unvermerkt die Rolle vergaß
die er zu spielen übernommen hatte und mit dem Prinzen Biribinker und seinen
Feen so lustig machte als ob er nie keine Feen geglaubt und keinen Sommervogel
geliebt hätte
Siebentes Buch
Erstes Kapitel
Merkwürdige Entdeckung
Sonderbare Verschwiegenheit des Pedrillo
Der spanische Autor fängt dieses Buch mit einer Art von Entschuldigung an die
er an diejenigen von seinen Lesern richtet welche wie er sagt einen kleinen
Unwillen darüber bezeugt haben dass seit dem Augenblick da Donna Felicia und
Don Sylvio sich in dem Pavillion zu Lirias so unverhofft zusammen gefunden der
gute Pedrillo bisher so gänzlich bei Seite gesetzt worden dass man ihn nur nicht
ein einziges mal habe auftreten lassen um die Gesellschaft und den geneigten
Leser mit seinen Einfällen zu belustigen
Wir halten es sagt unser Autor für keinen kleinen Fehler eines
Schauspiels wenn der Dichter der es übernommen hat die Charakter
Leidenschaften Tugenden oder Torheiten seiner Personen durch den Labyrinth
verwickelter Zufälle zu dem vorgesetzten Ziele fortzuführen an statt seine
ganze Aufmerksamkeit mit ihnen allein zu beschäftigen sich alle Augenblicke an
die Zuschauer erinnert für die er arbeitet ja wohl gar durch ein ad
spectatores so er bald dieser bald jener handelnden Person in den Mund legt
der schlechten Anlegung seines Plans oder einer hinkenden Entwicklung
nachzuhelfen genötigt ist Unsers Bedünkens hat es mit einer Geschichte wie die
unsrige ist die nämliche Bewandtnis Ja wenn Pedrillo wie die lustige
Personen in gewissen Komödien nur darum da wäre die Leser lachen zu machen da
könnte man uns billig einen Vorwurf machen dass wir vielleicht mehr als eine
Gelegenheit entgehen lassen wo er seine Bestimmung zum Zeitvertreib seiner
Gönner hätte erfüllen können Allein Pedrillo hat wie man längst bemerkt haben
sollte eine weit wichtigere Rolle zu spielen und wenn auch bei seiner
Einführung in diese Geschichte unsere Absicht zum Teil mit auf die Belustigung
des Lesers gegangen ist so ist doch gewiss dass dieses um uns gelehrt
auszudrücken nur ein finis secundarius war der wie man weißt dem
HauptEndzweck allemal Platz machen muss wenn nicht Raum genug für beide da ist
Pedrillo kommt also oder geht plaudert oder schweigt ist geschäftig oder müßig
oder gar unsichtbar je nachdem es die Natur seines Dienstes oder sein
Verhältnis gegen seinen Herrn mit sich bringt Da er ihn auf seiner wundervollen
Wanderschaft begleitete so hatte er das Recht zu plaudern wie und was er
wollte so lange Don Sylvio keine bessere Gesellschaft hatte und er tritt ab
und zieht sich in die LakaienStube oder in das Zimmer der schönen Laura
zurück so bald sein Herr bessere Gesellschaft hat Es ist wahr man könnte uns
das Exempel des Sancho Pansa einwenden welcher in dem Schloss wo sein Herr
Trotz seinen Feinden den Zauberern und Mohren so wohl aufgenommen wurde
allezeit mit von der Gesellschaft war allenthalben freien Zutritt und so gar
die Ehre hatte der Frau Herzogin mehr als einmal unter vier Augen zu sprechen
Allein man muss sich erinnern dass es dort darum zu tun war mit der feierlichen
Narrheit des Ritters und der schalkhaften Dummheit des Stallmeisters sich lustig
zu machen da hingegen in dem Schloss zu Lirias alles angewandt wird unsern
Helden von der Bezauberung seines Gehirns je bälder je lieber zu befreien ohne
dass man sich das mindeste darum bekümmert ob unsere werten Leser die ihn
vielleicht lieber närrisch sehen würden dabei verlieren oder nicht
Damit man uns indessen den Vorwurf nicht machen könne als ob wir den guten
Pedrillo so bald wir seiner nicht mehr nötig gehabt undankbarer Weise
weggeworfen hätten so haben wir einen Teil dieses Kapitels dazu bestimmt
seinen besagten Gönnern eine kurze Nachricht zu geben wie er seit seiner
Ankunft zu Lirias seine Zeit zugebracht
Man erinnert sich vermutlich noch dass die angenehme Laura schon damals da
sie ihm in Gestalt einer Sylphide zum erstenmal erschien sein Herz mit sich
hinweg nahm ohne dass er selbst begreifen konnte wie es zuging Man muss
gestehen für einen Liebhaber der sich in der ersten Wärme einer angehenden
Leidenschaft befindet war die Zerstreuung ziemlich stark wozu ihn noch an dem
nämlichen Abend die Dame Teresilla verleitete Allein in diesem Stück war
Pedrillo ein anderer Biribinker wenn er gleich seiner ersten Liebste nicht
öfter untreu wurde als er Anlass dazu hatte so schien es doch als ob jede neue
Untreue seine Liebe nur desto stärker anfache und er brauchte die wahre
Beherrscherin seines Herzens nur wieder zu sehen um auf einmal zu vergessen
dass ihm eine andere hätte gefallen können Bei so bewandten Umständen wird sich
niemand wundern dass es wenig Mühe kostete ihn einen oder zween Tage von seinem
Herrn entfernt zu halten Laura welche diesen Befehl von ihrer Gebieterin
hatte fand die Vollziehung desselben desto leichter da Pedrillo von dem
Vergnügen sie zu sehen und mit ihr zu schäkern wie er es nannte so berauscht
war dass er vielleicht in einer noch längeren Zeit nicht an Don Sylvio gedacht
hätte wenn die Sylphide nicht selbst die erste gewesen wäre ihn daran zu
erinnern
Die Zärtliche Neigung welche Pedrillo so glücklich gewesen war dieser
jungen Nymphe einzuflößen bewog sie die Gelegenheiten nicht auszuweichen wo
sie mit ihm allein sein konnte ohne Aufsehen zu machen oder vermisst zu werden
und so geschah es dass sie an dem andern Tag seit seiner Ankunft zu eben der
Zeit da die Herrschaft in einem Saale des GartenPavillions sich mit Gesprächen
unterhielt und der größte Teil des Hauses des nachmittäglichen Schlummers
pflegte beide ohne sich bestellt zu haben und also von ungefähr oder durch
eine Wirkung der magnetischen Kräfte deren wir an einem andern Orte Erwähnung
getan in einer dicht verwachsenen Laube des Labyrints zusammen kamen Die
beiderseitige Absicht war die Sieste hier zu machen da sie aber einander eben
so unverhofft antrafen als Dido und der trojanische Held in einer gewissen
Höhle so war nichts natürlichers als dass sie an statt zu schlafen sich
zusammen setzten und mit einander schwatzten Die Hitze tut nicht auf alle
Leute die nämliche Wirkung und wenn gleich die Naturkündiger beweisen dass ein
großer Grad derselben die Lebensgeister zerstreue und die Fibern abspanne so
war doch Pedrillo noch niemal in einer Verfassung gewesen die ihn zu einem
gefährlichern Liebhaber hätte machen können als damals Laura wurde es gar bald
gewahr und da sie wider die Gewohnheit der spanischen Kammermädchen weder
galant war noch die Spröde machte so sah sie sich endlich genötigt ihm zu
verstehen zu geben dass ein Liebhaber sie durch nichts als durch seine
Bescheidenheit von der Wahrheit seiner Liebe überzeugen könne Die Furcht sie
erzürnt zu haben tat bei dem guten Pedrillo was nach dem System der
Naturkündiger die Hitze hätte tun sollen er wurde auf einmal so schüchtern und
so demütig als der demütigste von den Verehrern der Königin der
CristallInseln und versprach ihr wenn sie ihn nur nicht gar aus ihrer
Gegenwart verbannen wollte so zahm und unschuldig zu sein als ein Lamm Unter
dieser Bedingung willigte die schöne Laura ein ihn bei sich zu behalten und
damit sie seine Aufmerksamkeit auf ihre Reizungen ein wenig zerstreuen möchte
vermochte sie ihn nach und nach durch Frag und Antwort zu einer umständlichen
Erzählung alles dessen was ihm von der Geschichte seines jungen Herrn bekannt
war Sie erfuhr also den Umstand mit dem Bildnis der bezauberten Prinzessin und
er sah aus der Beschreibung desselben dass es eben dasjenige Halsgeschmeide war
welches ihre Dame vor etlichen Tagen auf einer Spazierreise nach ihrem kleinen
Arcadien verloren hatte Sie entdeckte dieses dem Pedrillo und auf die fernere
Nachricht auf was für eine Weise Don Sylvio desselben beraubt worden war
machte sie sich in Gesellschaft ihres neuen Freundes unverzüglich auf es wieder
herzubringen Sie zweifelten nicht dass es sich in den Händen einer von den
BauerDirnen befinden würde die auf den SchlossGütern arbeiteten und ihre
Vermutung traf richtig ein Das Kleinod wurde gegen ein Geschenk von etlichen
Maravedis ausgeliefert und noch an dem nämlichen Abend der Donna Felicia
eingehändiget welche über die Nachrichten und Erläuterungen die ihr Laura aus
Pedrillo Munde darüber gab noch mehr Vergnügen empfand als über das Geschmeide
selbst ob es gleich von großem Wert war Sie glaubte nunmehr den Talisman in
Händen zu haben durch welchen die Entzauberung ihres geliebten Don Sylvio zu
Stande gebracht werden könnte und setzte sich vor den Gebrauch den sie davon
machen wollte nicht länger als bis an den folgenden Morgen zu verschieben
Inzwischen wurde dem Pedrillo durch seine gebietende Dame Laura aufs
nachdrücklichste eingeschärft seinem Herrn nichts von diesem Geheimnis zu
sagen und Pedrillo konnte es folglich kaum erwarten bis er eine Gelegenheit
erschleichen würde die alte Beobachtung zu rechtfertigen dass kein gewisseres
Mittel ist die Leute zu etwas anzuspornen als wenn man es verbietet Diese
Gelegenheit bot sich gleich des folgenden Tages an Der Herr und der Diener
waren beide verliebt und schliefen folglich beide sehr wenig Pedrillo wurde
gewahr dass Don Sylvio mit anbrechendem Morgen in den Alleen des Gartens
tiefsinnig hin und wieder ging und weil Laura die sonst genau auf ihn Acht
gab damals vermutlich noch in angenehmen MorgenTräumen begriffen war so
schlich er sich ganz leise aus einem Zimmerchen so man ihm unter dem Dach
eingeräumt hatte herab und suchte seinen Herrn auf
Don Sylvio hatte einen guten Teil der Nacht mit Betrachtungen zugebracht
welche den Feen nicht sehr vorteilhaft waren Die Wahrheit zu sagen seit dem
kleinen Betrug den ihm Don Gabriel mit dem Märchen vom Prinzen Biribinker
gespielt hatte hatte sein Glaube an diese Damen und ihre Geschichtschreiber
keine geringe Erschütterung erlitten Die Geschichte des Herrn Biribinkers kam
ihm jetzt selbst so abgeschmackt vor dass er nicht begreifen konnte wie es
zugegangen dass er den Betrug nicht augenblicklich gemerkt habe Er fand
endlich dass die wahre Ursache davon schwerlich eine andere sein könne als die
Ähnlichkeit dieses Märchens mit den übrigen und das Vorurteil so er einmal für
die Wahrheit der letztern gefasst hatte Er konnte sich selbst nicht länger
verbergen dass wenn auch die Ungereimteiten im Biribinker um etwas weiter
getrieben wären als in andern Märchen dennoch die Analogie zwischen dem ersten
und den letztern groß genug sei um ihm zumal in Betrachtung alles dessen was
Don Gabriel und Don Eugenio dagegen eingewandt hatten alle Märchen ohne Ausnahm
verdächtig zu machen Unter dergleichen Betrachtungen war er endlich
eingeschlafen und nach einem Schlummer von drei Stunden in welchem er an einem
fort von Donna Felicia geträumt hatte war er wieder aufgestanden um bei einem
einsamen Spaziergang in der Kühle des Morgens seine Betrachtungen über eine für
ihn so wichtige Sache mit desto besserm Erfolg fortsetzen zu können
Es währete eine geraume Zeit bis ihn Pedrillo fand denn er hatte sich
indessen dass sich dieser ankleidete und herunter stieg in den Alleen des
Labyrints vertieft welches wegen seiner Größe und der Mannigfaltigkeit der
Gänge Sommerlauben kleinen Lustwäldchen Kascaden griechischen Tempeln
Pagoden Bildsäulen und andern Dingen die geschickt waren ihm ein romantisches
Ansehen zu geben den angenehmsten Ort von der Welt ausmachte Unser Held der
nicht länger zweifeln konnte dass alles dieses so sehr es einer bezauberten
Gegend gleich sah ein Werk der Kunst sei die von einer dichterischen
Imagination geleitet aus der geschickten Verbindung der verschiedenen
Schönheiten der Natur und der nachahmenden Künste ein so angenehmes Ganzes
hervor zu bringen gewusst habe kam beim ersten Eintritt in diesen anmutsvollen
Hain auf den Gedanken dass die Phantasie vielleicht die einzige und wahre Mutter
des Wunderbaren sei welches er bisher aus Unerfahrenheit für einen Teil der
Natur selbst gehalten hatte Er hatte diesem Gedanken schon eine ziemliche Weile
mit dem Vergnügen womit lebhafte Geister eine neue Entdeckung zu verfolgen
pflegen nachgehangen als er auf einmal den Pedrillo ansichtig wurde der
hinter einem Gebüsche von wildem Lorbeer so sich um die Ruinen eines kleinen
Tempels herum zog mit großer Freude auf ihn zugelaufen kam Je guten Morgen
Herr Don Sylvio schrie ihm dieser entgegen so bald er ihn erblickte lebt ihr
auch noch Sapperment gnädiger Herr man kriegt euch ja den ganzen Tag nicht
einen Augenblick zu sehen wenn ich nicht von der Jungfer Laura gehört hätte
dass ihr noch da wäret ich hätte verzeih mirs Gott denken mögen dass euch die
Feen durch die Luft davon geführt hätten Ich habe weit mehr Ursache mich über
dich zu beschweren versetzte Don Sylvio lachend Du musst sehr von deiner
Sylphiden bezaubert sein dass ich dich seit dem Augenblick da du bei der
Ankunft der Donna Felicia aus dem Saale weg gingst nicht zu sehen gekriegt
habe Gnädiger Herr antwortete Pedrillo ich glaube ihr irrt euch nicht um die
Hälfte wenn ihr denkt dass ich bezaubert bin man sagt die Bezauberten essen
und trinken nichts ohne dass sie um ein Quintchen magerer werden als sie gewesen
sind ich will gleich gehangen sein aber versteht mich recht nur an meines
Mädchens Hals meine ich wenn ich seit vorgestern so viel gegessen habe als
eine Fliege auf ihren Flügeln wegtragen könnte Seht ihr wenn wir bei Tische
sitzen so sitze ich allemal der Jungfer Laura gegen über und da gaffe ich sie
halt eines Gaffens an und da gibt es alle Augenblick etwas anders und da sehe
ich ihr zu wie ihr das Essen so wohl ansteht und gucke ihr in ihr kleines
Maul denn sie hat ein Maul voll Zähne dass es eine Lust ist so weiß und gleich
gesetzt wie eine Schnur Perlen und was ich sagte da neckt sie mich alle
Augenblick oder winkt mir oder tritt mich mit dem Fuß oder macht etwas an
ihrem Halstuch zu rechte und mit alle dem Spaß vergäss ich meiner Six Essen
und Trinken wenn sie mir nicht zuweilen selbst einen Bissen ins Maul steckte
Und doch bin ich wie Eu Gnaden sieht so frisch und stark als ob ich mit dem
Bel zu Babel in die Wette frässe Das macht die gute Gesellschaft Beim Velten
man sieht Eu Gnaden auch keinen Mangel an ihr seht so frisch und rotbackicht
wie ein Bräutigam und doch wollt ich wetten dass Eu Gnaden heute Nacht nicht
viel geschlafen hat Das macht wie du sagst die gute Gesellschaft erwiderte
Don Sylvio aber wie gefällt es dir denn in diesem Schloss Pedrillo Wollen
wir uns nicht bald wieder auf den Weg machen Auf den Weg machen rief Pedrillo
indem er einen Sprung zurück tat und seinen Herrn mit einer schelmischen Mine
ansah Sapperment wir wollen erst recht ankommen ehe wir wieder ans Weggehen
denken Wir haben nicht so sehr zu eilen gnädiger Herr man trifft nicht hinter
allen Zäunen ein Quartier an wie dieses und hernach wenn mirs Eu Gnaden nicht
übel nehmen will die Feen mögen sagen was sie wollen so denk ich halt es ist
doch immer besser unter ChristenMenschen zu leben als unter solchem
Zaubervolk unter Kobolten und Geistern wo man nie gewiss weißt wen man vor sich
hat Die Dame Laura gefiel mir gleich das erstemal ob ich sie gleich für ein
SylphenMädchen ansah ich kann euch nicht sagen wie wohl aber seit dem ich
weiß dass sie eine gute catolische Christin ist und Fleisch und Blut hat wie
andere ehrliche Leute und dass sie weder Sylphin noch Gnomin sondern Jungfer
Laura der gnädigen Frau Donna Felicia von Kardena ihr KammerMädchen ist
seitdem ist sie mir noch tausendmal lieber Mit einem Wort Herr Don Sylvio ich
hoffe dass es Euer Gnaden nicht Ernst war dieses Schloss schon wieder zu
verlassen wo es uns so wohl geht dass wir es nicht besser wünschen könnten
Wenn es schon weder von Saphir noch Diamant Steinen gebaut ist so ist es doch
wie mir Laura versichert hat eines von den schönsten in der ganzen Provinz und
mir deucht ich wollte mir mein Lebenlang kein schöners wünschen wenn ich an
eurem Platz wäre Ich weiß schon was ich weiß wenn ich schon nicht dergleichen
tue aber man findet manchmal mehr als man sucht und ein Waldschnepfe lässt sich
wohl gegen einen Auerhahnen tauschen Ich will nichts gesagt haben aber denkt
an mich gnädiger Herr ob wir nicht zwei oder drei Hochzeiten erleben ehe wir
aus diesem Schloss kommen ich bitte Eu Gnaden sich seiner Zeit daran zu
erinnern dass ichs vorher gesagt habe Ich möchte doch wohl wissen sagte Don
Sylvio was das vor Geheimnisse sind die dich wie es scheint so stark
drucken dass du es kaum erwarten kannst bis du dich ihrer erlediget hast Wenn
mich Eu Gnaden für einen solchen Schwätzer ansieht erwiderte Pedrillo so
hätte ich gute Lust dass ich meinen Kopf auch setzte und euch fein hübsch
nichts sagte Ihr könntet euch leicht einbilden als ob ich nichts bei mir
behalten könnte und hernach hab ich noch meine besondere Ursachen und ich
denke Jungfer Laura hatte die ihrigen auch da sie mir so scharf verboten dass
ich euch nichts davon sagen sollte dass die Prinzessin Sapperment Schier hätt
ichs entwischen lassen aber ich ertappte mich selbst noch zu rechter Zeit nur
noch eine kleine Geduld gnädiger Herr Die Birnen fallen von sich selbst wenn
sie reif sind es werden ehe es lange währen wird seltsame Dinge an den Tag
kommen Aber das muss ich gestehen gnädiger Herr dass ihr in einem glückseligen
Zeichen geboren seid Sapperment Es leben die Feen und die bezauberten
Schmetterlinge denn das ist nun einmal richtig wenn wir nicht Narren gewesen
und den blauen Schmetterling gesucht hätten Mehr sag ich nicht Genug dass ich
weiß was ich weiß und dass Eu Gnaden sieht dass ich schweigen kann Gelt wenn
ich ein solcher Plauderer wäre wie ihr immer sagt so hätt ich es sauber bei
mir behalten können dass wir das Bild mit samt der Prinzessin gefunden haben
Was sagst du unterbrach ihn Don Sylvio Du hast das Bildnis meiner Prinzessin
gefunden wo ist es wo ist es Ich bitte Eu Gnaden um Vergebung antwortete
Pedrillo mit der größten Gleichmütigkeit von der Welt ich habe kein Bildnis
und ich sagte auch nicht dass ich das Bildnis eurer Prinzessin gefunden habe und
ich wurde auch lügen wenn ich das sagte Was plauderst du dann von einem Bild
und von einer Prinzessin die man gefunden habe sagte Don Sylvio Ihr habt
mich nicht recht verstanden gnädiger Herr erwiderte Pedrillo das sagt ich
gewiss nicht denn das ist eben das Geheimnis seht ihr und weil ich nun einmal
versprochen habe dass ich nichts verraten wolle so soll es auch nicht aus
meinem Munde kommen und wenn ihr mir goldene Berge davor verhiesset Ich bitte
euch gnädiger Herr fragt mich nicht der Teufel ist ein Schelm es könnte
einem unversehens ein Wort entwischen Kurz und gut Herr Don Sylvio ich sage
so viel wenn wir gewusst hätten was ich jetzt weiß so hätte uns die Fee
Rademante die Mühe dem blauen Schmetterling durch dick und dünn nachzulaufen
und eine gute Tracht Schläge die wir um seinetwillen bekommen haben ersparen
und uns fein sauber zu Hause lassen können Aber bin ich nicht ein Narre dann
hätten wir unsere Prinzessin nicht gefunden Das ist auch wahr und man mag
sagen was man will wenn sie gleich nur eine Sachte da war mirs beim Element
schon wieder auf der Zunge Was dann du abgeschmackter Dummkopf rief Don
Sylvio ungedultig Entweder schweige gar oder rede dass man begreifen kann was
du willst Sei ich ein Esel Herr Don Sylvio sagte jener wenn ich selbst
etwas davon begreife Wenn man die Sache auf der einen Seite ansieht so meinte
man die Fee habe euch nur zum besten gehabt und doch ist es auf der andern
Seite richtig dass sie ihr Wort gehalten hat das Bildnis ist da das hat seine
Richtigkeit und die Prinzessin ist auch da ob sie gleich eigentlich zu reden
weder ein blauer Schmetterling noch was man sagen möchte eine Prinzessin ist
der Henker mag dieses verworrene Zeug auseinander lesen denn etwas muss man doch
sein und wenn das Bildnis ich weiß selbst nicht was ich sagen wollte der
Kopf wird mir ganz warm davon wenn ich unsern Begebenheiten nachsinne dass
Feerei darin ist das lass ich mir nicht ausreden denn man kann es meiner Six
mit Händen greifen dass sich das alles nicht von ungefähr so wunderlich zusammen
fügen konnte Aber wenn ich recht sehe so kommt dort die Prinzessin Donna
Felicia wollt ich sagen Sapperment sie kommt eben recht wenn sie nur eine
Minute später gekommen wäre so hätte ich glaub ich selbst mit alle dem
Plaudern zuletzt das ganze Geheimnis ausgeplaudert Mit diesen Worten entfernte
er sich von Don Sylvio welcher so bald er seine Schöne erblickte auf einmal
der Neugier vergaß die der geheimnisvolle Pedrillo in ihm erregt hatte und mit
schnellen Schritten einen andern Gang einschlug wo er ihr zu begegnen hoffte
Zweites Kapitel
Anfang der Entwicklung
Wenn Verliebte einander ausweichen so geschieht es gemeiniglich um eifriger
gesucht und bälder gefunden zu werden Donna Felicia hatte so bald sie unsern
Helden erblickte einen entgegen gesetzten Weg genommen aber doch nicht ohne
sich mehr als einmal umzusehen und so bald sie sah dass er sie suchte so
lenkte sie unvermerkt in einen Gang ein wo er sie finden musste Beide schienen
sich zu verwundern einander so früh im Garten anzutreffen aber Donna Felicia
war nicht so aufrichtig die wahre Ursache davon zu gestehen als Don Sylvio Sie
schützte die Annehmlichkeit des Morgens vor da hingegen dieser ganz offenherzig
bekannte dass er sich um keiner andern Ursache willen so früh in den Garten
begeben habe als seinen Gedanken desto freier nachzuhängen Ein viel
bedeutender Blick den er bei diesen Worten auf sie heftete und ein übel
verhaltener Seufzer ergänzten und bestimmten was darin undeutlich war aber
Donna Felicia die es nichts desto besser verstund oder doch nicht der gleichen
tun wollte lenkte die Unterredung auf die Feen indem sie ihn fragte ob ihm
die Geschichte des gestrigen Abends nicht im Traum vorgekommen sei Ich für
meine Person gestehe ihnen sagte sie dass ich die ganze Nacht durch in des
Walfisches Bauch herum gewandert bin und wenn sie neugierig sind mehr davon zu
wissen so kann ich ihnen vielleicht Nachrichten geben die ihnen nicht
gleichgültig sein werden Don Sylvio antwortete ihr hierauf mit dem ganzen Ernst
eines Liebhabers von siebenzehen Jahren dass da er seit dem er sie gesehen
habe wachend nichts anders sehe als sie seine Seele sich im Traum noch weniger
mit einem andern Gegenstande beschäftigen könne Er gestund auch dass dasjenige
was in ihm vorgehe seitdem er sie kenne ihn beinahe gänzlich überzeuge dass es
keine andere Bezauberung gehe als die Liebe O warum kann ich keine Worte
finden rief er ihnen eine Beschreibung davon zu machen Sie haben mir ein
neues Wesen gegeben Ihre Gegenwart verbreitet einen Glanz um mich her der die
ganze Natur in meinen Augen schöner und rührender macht ich glaube in einer
andern Welt zu sein alles was ich sehe scheint mir einen Widerschein ihrer
Reizungen entgegen zu werfen die leblosesten Dinge scheinen beseelt und atmen
den Geist der Liebe aus Selbst abwesend bleibt eine Spur an jedem Ort wo ich
sie gesehen habe ein zauberischer Reiz zurück und ich glaube es zu fühlen dass
sie auch unsichtbar noch immer gegenwärtig sind Don Sylvio unterbrach ihn
Felicia mit einem zärtlichen Blick den sie sich bemühte unter einem
scherzhaften Lächeln zu verbergen Versuchen sie mich nicht ihnen zu sagen dass
sie in den Poeten wenigstens so belesen sind als der Prinz Nennen sie ihn
nicht Donna Felicia sagte unser Held den diese Worte so wenig sie böse
gemeint waren so sehr bewegten dass ihm die Tränen in die Augen traten
beleidigen sie die Aufrichtigkeit meiner Seele nicht durch eine Vergleichung
die ich so wenig verdiene ich sage ihnen was ich erfahre und ich wünschte es
ihnen in einer Sprache sagen zu können die nicht so weit unter der Wahrheit
meiner Empfindungen wäre Was ich empfinde seit dem ich sie sehe ist unendlich
weit von den Wirkungen einer erhitzen Phantasie unterschieden Ihr erster
Anblick hat das ganze Feuer meiner EinbildungsKraft ausgelöscht ich erinnere
mich meines vorhergehenden Lebens nur wie eines eitelen Traums von dem
glücklichen Augenblick da ich sie zum erstenmal sah fängt sich mein wahres
Dasein an und o möchte es Hier hielt der allzuschüchterne Jüngling inne und
ließ einen Blick der bis in die Seele der schönen Felicia drang vollenden was
er nicht kühn genug gewesen war auszusprechen Vielleicht könnte ich erwiderte
Donna Felicia sie mit gutem Grunde beschuldigen dass sie nicht so ganz
aufrichtig gegen mich sind als sie mich bereden wollen aber ich will ihnen
keinen Vorwurf machen und ich bin auch nicht dazu berechtiget Sie haben mir
die Ehre angetan Don Sylvio mich für eine Fee zu halten erlauben sie mir
ihnen eine Probe zu geben dass ich ihrer Radiante wenigstens in einem Stücke
gleiche sehen sie hier das Bildnis ihrer Geliebten das sie verloren ich
stelle es ihnen wieder zu wie sie es aus ihren Händen empfangen haben Mit
diesen Worten gab sie ihm die Perlenschnur mit dem Bildnis und ergötzte sich
nicht wenig an der Bestürzung worein sie ihn durch ein so unerwartetes Geschenk
setzte Er nahm es mit zitternder Hand er sah es an dann betrachtete er Donna
Felicia sah das Bildnis wieder an und rief endlich aus Woher auch dieses
Bildnis sei oder wen es vorstellen mag so sagt mir mein Gesicht dass es das
ihrige ist und mein Herz dass es alle die Gewalt die es über mich hatte
allein von dieser wunderbaren Ähnlichkeit mit ihnen empfangen hat Ich erhielt
es nicht aus den Händen einer Fee wie sie sagten ich fand es in dem Walde der
an den Park von Rosalva grenzt dieser Umstand und dass es nachdem es mir
geraubt worden wieder in ihre Hände gekommen ist scheint ein Geheimnis zu
verbergen Erklären sie mirs schönste Felicia es ist ganz gewiss ihr eigen
Bildnis so bald ich es sah bemeisterte es sich meiner ganzen Seele ich fühlte
es an der unaussprechlichen Liebe die es mir einflößte dass es diejenige
vorstellte die mich allein glücklich machen kann mein Herz erkannte den
Gegenstand aller seiner Wünsche darin Aber o wie unendlich lebhafter war
diese Empfindung da ich das Urbild erblickte Nehmen sie sich in Acht sagte
Donna Felicia lächelnd ihr Herz könnte ihnen einen kleinen Streich gespielt
haben ich versichere sie dass dieses Bildnis ungeachtet der Ähnlichkeit die
sie zu sehen glauben nicht das meinige ist
Sie waren unter diesen Gesprächen immer fort gegangen und befanden sich
indem Felicia dieses sagte bei dem Pavillion Sie bemerkte die Verlegenheit
worein ihre Versicherung den guten Don Sylvio setzte ob er gleich immer fort
behauptete dass er in diesem Bildnis es möchte nun auch vorstellen sollen wen
es wollte niemand als sie selbst geliebt habe Er schrieb es der Wirkung einer
geheimen Vorempfindung zu ob er gleich gestund dass ihm die Umstände worin er
es bekommen habe noch immer ein Rätsel seien Donna Felicia konnte nicht so
grausam sein ihn länger in einer Verwirrung zu lassen die zu nichts hätte
dienen können als ihre Eitelkeit zu vergnügen sie führte ihn also durch den
Saal des Pavillions in ein Kabinet bei dessen Öffnung ihm so gleich zwei große
Bildnisse in LebensGröße in die Augen fielen welche neben einander hingen und
einander so vollkommen ähnlich waren dass man sie durch nichts anders
unterscheiden konnte als eine kleine Verschiedenheit des Kolorits die nur dem
schärfsten Kenner merklich sein konnte Eines von diesen Bildnissen ist das
meinige sagte sie raten sie Don Sylvio welches von beiden Beide sinds rief
Don Sylvio denn es deucht mich augenscheinlich dass dieses hier eine Kopei von
jenem ist Sie irren sich Don Sylvio erwiderte Felicia dieses hier welches
sie für das meinige ansehen ist wenigstens sechzig Jahre älter Es stellt meine
Großmutter Donna Dorotea von Jutella vor so wie sie in einem Alter von
sechzehen Jahren war hier fuhr sie fort indem sie ihm ein kleines
MignaturGemälde wies das unter dem großen Portrait hing sehen sie ein anders
das ungefähr um die nämliche Zeit von ihr gemacht wurde es ist dem größeren
vollkommen ähnlich und nach diesem wurde das kleine Bildnis gemalt das die
Gelegenheit zu einer so seltsamen Intrigue gegeben hat Die außerordentliche
Ähnlichkeit die mein Vater zwischen mir und Donna Dorotea fand bewog ihn
mich da ich sechszehen Jahre hatte in der nämlichen Kleidung und Stellung
abmalen zu lassen und jedermann sagt dass mein Bild mir selbst eben so
vollkommen gleiche als meiner Großmutter Mein Großvater der seine Gemahlin
außerordentlich liebte ließ das kleine Gemälde machen das in ihre Hände
gekommen ist und pflegte es nach der Mode seiner Zeit an einer goldnen Kette
zu tragen Er hinterließ es meiner Mutter und da es von dieser auf mich kam so
hing ich es an diese PerlenSchnur und trug es so lange als ein Halsgeschmeide
bis ich es vor etlichen Tagen in dem nämlichen Walde verlor wo sie es bald
darauf gefunden haben müssen Dieses ist die Entwicklung des ganzen Knotens und
nun setzte sie lächelnd hinzu überlasse ich ihnen da die Großmutter und die
Enkelin gleich viel Recht an ihre Neigung hat für welche von beiden sie sich
erklären wollen
Don Sylvio war vor Freude über eine Entwicklung die seinem Herzen so gemäß
war außer sich er warf sich zu ihren Füßen und sagte ihr in der rührenden
Unordnung welche die wahre Beredsamkeit der Liebe ist Sachen die unsern
werten Lesern eben so töricht vorkommen würden als sie der gerührten Donna
Felicia angenehm sein mussten In der Verfassung worin ihr eigenes Herz war
hört man einem Liebhaber wie Don Sylvio so gerne zu dass es eine ziemliche
Weile währte bis sie sich besann dass sie seiner Entzückung ein wenig Einhalt
tun müsste Sie bat ihn also aufzustehen und ihr in den Saal zu folgen wo sie
ihre Unterredung bequemer fortsetzen könnten Don Sylvio erzählte ihr jetzt sein
ganzes FeenMärchen die Geschichte des SommerVogels und die Erscheinung der
Fee Radiante und er gestund desto williger dass seine mit FeenWundern
angefüllte EinbildungsKraft einen großen Anteil an diesem vermeinten Gesichte
gehabt habe da ihn Donna Felicia auf der andern Seite nicht ohne Vergnügen
erlaubte die andere Hälfte dieses sonderbaren Phänomeni auf die Rechnung einer
geheimen Divination oder Vorwissenschaft seiner Seele zu schreiben der es
ahnte dass er in kurzem das Urbild dieses geliebten Schattenbildes finden
würde Wenn die Feen auch nur Geschöpfe unserer Einbildungskraft sind sagte er
so werde ich sie doch immer als meine größte Wohltäterinnen ansehen da ich ohne
sie noch immer in der Einsamkeit von Rosalva schmachtete und vielleicht auf
ewig der Glückseligkeit entbehrt hätte diejenige zu finden die mein
verlangendes Herz seit dem es sich selbst fühlt zu suchen schien Er fuhr
nunmehr fort mit der völligen Begeisterung eines wahrhaftig eingenommenen
Liebhabers der aufmerksamen Felicia seine Empfindungen abzuschildern und diese
junge Dame fand sich unvermerkt so sehr davon gerührt dass sie ihres anfangs
gefassten Vorsatzes uneingedenk sich nicht enthalten konnte ihm zu erzählen wie
sie ihn in der Rosenlaube schlafend gefunden und von diesem Augenblick an sich
nicht erwehren können einen Anteil an diesem Unbekannten zu nehmen der ihr die
Gesinnungen die ihr Bildnis und sie selbst ihm eingeflößt desto angenehmer
mache Dieses Geständnis setzte unsern Helden in eine Entzückung die er eine
geraume Zeit durch nichts anders ausdrücken konnte als dass er sich zu ihren
Füßen warf und ihre schönen Hände eine nach der andern mit Küssen überhäufte
in denen er seine Seele hätte ausatmen mögen Für eine zärtliche Schöne von
Feliciens Alter ist vielleicht nichts gefährlicher als der Anblick der
Glückseligkeit womit ihre erste Gutsbezeugungen ihren Liebhaber berauschen und
man muss gestehen dass die Gefahr nichts desto kleiner ist wenn dieser Liebhaber
so jung so schön und so feurig ist als es Don Sylvio war
In dieser Betrachtung hoffen wir werde man es der liebenswürdigen Felicia
zu gut halten dass sie vielleicht zu viel Nachsicht gegen ihren ecstatischen
Anbeter hatte In dieser süßen Trunkenheit der Seele da sie ganz in Liebe und
Wonne aufgelöst die lebhaftesten Ausdrücke ihrer Empfindung noch zu schwach
findet kann man ohne Unbilligkeit nicht fordern dass sie geschickt sein soll
sich in diesem Gleichgewicht zu erhalten welches uns die Weisheit der
Moralisten vorschreibt Diese erhabene Leute fordern freilich mit Recht dass man
nie zu viel tun solle aber die Frage ist was in dem Falle wovon wir reden zu
viel sei und durch was für bisher noch unbekannte Mittel möglich sei Weisheit
und Liebe in so genauen ParallelLinien fortlaufen zu machen dass sich diese
niemals von jener entfernen könne
Für ein paar junge Leute wie Don Sylvio und die schöne Felicia in der
vorbemeldten Verfassung ihres Herzens waren ist die Zeit keine Folge von
Augenblicken sondern ein einziger unbeweglicher Augenblick welcher ganze Jahre
unbemerkt verschlingen würde wenn sie nicht von äußerlichen Ursachen oder der
Erschöpfung ihrer eigenen Lebensgeister aus einer so zauberischen Entzückung
aufgeweckt würden Sie befanden sich noch so wenig in dem letztern Falle dass
sie sehr erstaunt waren von der Dame Laura zu vernehmen dass es schon Zeit zum
Frühstücken sei Dieser Anzeige zufolge wurde beliebt dass sich Don Sylvio auf
eine kleine Weile beurlauben sollte und so wenig hatte ihn das Anschauen seiner
geliebten Felicia in vier ganzen Stunden sättigen können dass es ihm fast
unmöglich schien sich nur auf etliche Augenblicke davon los zu reißen
Eine Weile darauf fand sich die ganze kleine Gesellschaft beim TeeTische
der Donna Felicia zusammen Don Eugenio und Don Gabriel bewunderten die
sichtbare Verwandlung nicht wenig die mit unserm Helden vorgegangen war der
erste hatte sich schon mit einer ganzen Rüstung von Gründen gewaffnet um die
Feen aus ihren letzten Verschanzungen in seinem Gehirn heraus zu treiben allein
er fand zu nicht geringer Beschämung seiner Philosophie gar bald dass alle
Arbeit schon verrichtet war und musste sich selbst gestehen dass ein paar schöne
Augen in etlichen Minuten stärker überzeugen und schneller bekehren als die
Academie das Lyceum und die Stoa mit vereinigten Kräften kaum in eben so viel
Jahren zu tun vermöchten
Drittes Kapitel
Abermalige Entdeckungen
Die Gesellschaft hatte sich nach genommenem Frühstück in die Bibliothek begeben
wo Don Gabriel sich eben beschäftigte seinem jungen Freund und den Damen
verschiedene physicalische Experimente vorzuzeigen als man eine Art von Kutsche
über den Schlosshof rollen hörte welche die Aufmerksamkeit der Schüler unsers
Philosophen unterbrach Man denke wie angenehm die Bestürzung des Don Sylvio
war da er nach einer kleinen Weile seine geliebte Tante Donna Mencia in das
Zimmer treten sah
Damit einem künftigen Kunstrichter welcher sich vielleicht die rühmliche
Mühe geben wird dieses unser Werk gegen den tadelhaftigen Zahn des Zoilus und
seiner Brüder nämlich aller und jeder welche sich zu empfindlichster
Kränkung unserer gerechten väterlichen Liebe zu diesem Kind unsers Witzes
unterfangen mögen die Mängel und Gebrechen desselben boshafter Weise
aufzudecken zu schützen damit sagen wir diesem gelehrten und
vortrefflichen Manne dem wir hiemit für seine großmütige Bemühung zum Voraus
öffentlichen Dank erstatten wenigstens die Arbeit erspart werde denn er wird
ohne das genug zu tun finden uns gegen den Vorwurf zu verteidigen als ob wir
wider alle Wahrscheinlichkeit die weise und ehrwürdige Donna Mencia wie einen
Deum ex machina in einer mit zween ausgemergelten DorfKleppern bespannten
Kalesche nach Lirias geschleppt hätten ohne eine bessere Ursache davon
anzugeben als weil wir ihrer daselbst nötig haben So sehen wir uns genötigt
dem geneigten Leser ehe wir weiter gehen zu sagen dass diese unerwartete
Erscheinung in der Tat nicht aus unserm Antrieb sondern aus Veranlassung des
berühmten Barbiers bewerkstelliget worden der in dieser Geschichte schon mehr
als einmal aufgetreten ist Dieser hatte bei einem abermaligen Besuch den er
Tages zuvor seinem Patienten zu Lirias gemacht die Ankunft des Don Sylvio und
durch die Waschhaftigkeit des verschwiegenen Pedrillo verschiedene kleine
Umstände erfahren die ihn auf die Vermutung brachten dass ein Geheimnis hinter
der Sache stecke Mit diesen Neuigkeiten war Meister Blas spornstreichs nach
Rosalva gerannt wo man bereits Anstalt machte unsern Helden in allen
benachbarten Orten aufsuchen zu lassen Donna Mencia war dadurch in keine
mittelmäßige Unruhe gesetzt worden denn da die Verbindung ihres Neffen mit der
schönen Mergelina eine Klausul war ohne welche die ihrige mit dem Herrn Rodrigo
Sanchez von sich selbst zerfiel so konnte sie unmöglich gleichgültig bleiben
da ihr Meister Blas mit einer geheimnisvollen Mine in die Ohren zischelte dass
so viel er aus allen Umständen abnehmen könne Don Sylvio nicht umsonst zu
Lirias sein müsse Kurz sie hatte die Sache wichtig genug gefunden ihn in
eigener Person zu reclamieren und wenn man noch die tiefe Verachtung dazu
nimmt die ihr das graue Altertum ihres eigenen Hauses gegen den neuen Adel
einflößte so wird man sich vorstellen dass die Mine die sie beim Eintritt in
das Schloss zu Lirias machte keine von den angenehmsten sein konnte Allein wie
sie ihren Neffen noch vollends in einer so gefährlichen Gesellschaft sah als
Donna Felicia und Hyacinthe nach ihren bekannten Grundsätzen waren so stieg ihr
Unmut auf einen Grad der ihrem Gesicht welches ohnehin geschickter war die
Strenge der Tugend als ihre Schönheit auszudrücken ein so Furienmässiges Ansehen
gab dass ihr zu ihrer hageren Gestalt nur noch etliche Schlangen um den Kopf und
eine Fackel in der Hand fehlte um eine von den grinsenden Grazien der Hölle
vorzustellen Allein da sie aller dieser Annehmlichkeiten ungeachtet die Tante
des Don Sylvio war so wurde sie auf eine so ehrerbietige und verbindliche Art
empfangen dass sie sich genötigt sah das fürchterliche und drohende womit sie
ihr Angesicht bewaffnet hatte um etliche Grade zu mildern ja die Schönheit und
feine Gestalt des Don Eugenio besänftigte sie endlich so sehr dass die beiden
Damen die sich auf den ersten Blick den sie ihnen verlieh gegen das andere
Ende des Saals zurück gezogen hatten wieder Mut fassten und sich allmählich dem
Sopha wo Donna Mencia auf Bitten des Don Eugenio sich nieder gelassen
näherten doch nicht ohne die Vorsichtigkeit dass sie ihre Plätze nahe genug bei
der Türe nahmen um im Notfall sich durch eine schleunige Flucht retten zu
können Donna Mencia eröffnete nach einer kurzen Vorrede die Ursache warum sie
da sei und bezeugte keine kleine Verwunderung über dasjenige was die Ursache
sein könne dass sie ihren Neffen zu Lirias finde Don Eugenio antwortete ihr
dass er dieses Vergnügen einem bloßen Zufall schuldig sei und erzählte ihr
hierauf wiewohl mit Auslassung einiger NebenUmstände die Begebenheit wo ihm
der tapfere Beistand des Don Sylvio so nötig gewesen war Donna Mencia bezeugte
eine so große Zufriedenheit darüber dass sich ihr Neffe bei einer so schönen
Gelegenheit des ritterlichen Blutes das in seinen Adern floss würdig bewiesen
dass die junge Hyacinthe sich aufgemuntert fand ihren Anteil zum Lob unsers
Helden beizutragen
Die erhabene Mencia ließ sich jetzt zum erstenmal herab diese kleinen
Geschöpfe mit einem zerstreuten Blick anzusehen Wir haben ehemals schon
bemerkt dass Hyacinthe weder die Größe noch die Regelmäßigkeit der Züge noch
die vollkommene Feinheit der GesichtsFarbe hatte die zu einem gerechten
Anspruch an das Prädicat der Schönheit gehören die ungemeine Anmut ihrer
Bildung und ihrer ganzen Person war alles was sie beim ersten Anblick gefällig
machte und da Donna Mencia was die Annehmlichkeit betrifft vollkommen mit
sich selbst zufrieden war und über das noch den Vorzug einer majestätischen
Größe vor ihr hatte so machte dieses alles zusammen genommen dass Hyacinthe
Gnade vor ihren Augen fand Nach und nach beehrte sie dieselbige so gar mit
einer Art von Aufmerksamkeit und machte nur eben die Anmerkung dass sie noch
niemand gesehen habe der sie so lebhaft an ihre verstorbene Schwägerin Donna
Isidora erinnere wie dieses junge Frauenzimmer als Don Sylvio der sich nicht
getraut hatte ihr gleich unter die Augen zu kommen mit Don Gabriel in das
Zimmer trat Das Lob welches er kurz zuvor erhalten hatte die gute Art womit
er sie begrüßte und vielleicht auch die Figur seines Begleiters die eine von
denen war womit man wenig Mühe hatte sich ein günstiges Auge von ihr zu
erwerben taten eine so gute Wirkung dass Don Sylvio besser empfangen wurde als
er gehofft hatte Don Gabriel kannte den Charakter der Dame von langem her und
da er boshaft genug war ihr die schönsten Dinge von der Welt in der
ModeSprache der Zeiten Karls des 2ten vorzusagen so sah er sich zu großer
Belustigung der übrigen Gesellschaft unvermerkt mit der kurzweiligen Rolle
eines erklärten Verehrers und Günstlings beladen Jedermann trug das seinige
bei sie durch schwülstige Lobsprüche und Komplimente im Geschmack des Amadis zu
unterhalten die Herren hatten für niemand Augen als für sie und die jungen
Damen affectierten ein so schüchternes und kindisches Wesen dass sie
aufgemuntert wurde sich selbst um zwanzig Jahre jünger anzusehen Sie tat es
und wurde wirklich nach und nach so munter so gesprächig und so tändelnd dass
es ein Jammer war
Man hatte diese Komödie bereits eine geraume Zeit gespielt und die
nochmalige Anmerkung welche Donna Mencia über die Ähnlichkeit der Hyacinthe mit
Donna Isidora von Rosalva machte hatte sie in eine umständliche Erzählung ihrer
eigenen jugendlichen Begebenheiten verwickelt womit sie die Aufmerksamkeit
ihrer Zuhörer schon eine gute halbe Stunde abgemattet hatte als man plötzlich
ein großes Geschrei und Getümmel hörte das sich die Treppe herauf zu ziehen
schien Man unterschied gar bald die Stimme des Pedrillo und in einem
Augenblick darauf zeigte er sich persönlich oder vielmehr er stürmte ohne die
geringste Achtung für die hohen Herrschaften in das Zimmer hinein und schrie
Freude über Freude gnädiger Herr Pimpimp ist gefunden Pimpimp ist wieder da
Meiner Six ich kannte die verfluchte Karabosse den ersten Augenblick auf
fünfzig Schritte aber sie will ihn nicht her geben sie hat ihn nicht
gestohlen sagt sie und hängt mir noch wer weißt wie viel lose Reden an ich
möchte sie vor einer so ehrbaren Gesellschaft nicht wiederholen aber
Sapperment ich blieb ihr nichts schuldig Wurst wider Wurst ich wusch ihr das
Maul wie sichs gehörte die alte Vettel sie hat ihn nicht gestohlen sagt sie
sie will ihn niemand als Euer Gnaden selbst in die Hände geben sagt sie Sie
will für den T dass man sie selbst vor den gnädigen Herrn Don Eugenio lassen
soll und da sagte ich es ist Gesellschaft da man hat keine Zeit sich von dir
in die Hände gucken zu lassen sagte ich man weißt schon alles was man wissen
soll sagte ich gib du nur den Pimpimp her und packe dich oder beim
Sapperment sagte ich ich will dir alle die Maulschellen und Stöße und Püffe in
den Hintern dreifach wieder geben die ich vorgestern auf deine oder deiner
Gevatterin der alten Fanferlüschin ihre Anstiftung gekriegt habe sagte ich
aber es half alles nichts und sie würde mit Gewalt in das Zimmer hinein
gedrungen sein wenn ich sie nicht beim Flügel gekriegt und über sechs oder
acht Stufen die Treppe hinunter geschmissen hätte
Wovon ist denn die Rede mein Freund fragte Don Eugenio Wer ist die alte
Frau oder sagt sie nichts das sie anzubringen habe Gnädiger Herr antwortete
Pedrillo wer sie ist das wird sie selbst am besten sagen können mein gnädiger
Herr Don Sylvio behauptete für den Deixel dass es die Fee Karabosse sei aber
wenn ich die Wahrheit sagen soll so glaube ich dass sie mit Respekt vor Eu
Gnaden zu sagen eine Zigeunerin ist Don Eugenio hörte kaum das letzte Wort
als er hastig von seinem Sitz auffuhr und zum Zimmer hinaus eilte Die
Zigeunerin konnte vielleicht diejenige sein die er suchte und zu gutem Glücke
betrog er sich diesesmal nicht in seiner Hoffnung
Die vermeinte Karabosse welche unsern Helden des Morgens nach seiner
Entweichung im Walde angetroffen hatte war eben diese Zigeunerin die wir eine
Hauptperson in der Geschichte der Hyacinthe vorstellen gesehen haben Der Leser
erinnert sich vielleicht noch dass der indiscrete Vorwitz des Korregidor von
Sevilla diese würdige alte Dame genötigt hatte sich so weit als möglich von
dieser Hauptstadt zu entfernen Zum Unglück waren ihr Name ihre Person und ihre
Verdienste in jeder andern Provinz von Spanien so rühmlich bekannt dass sie
nicht wusste wohin sie fliehen sollte um nicht dem nämlichen Schicksal dem sie
entgehen wollte in die Hände zu laufen In dieser Not fiel ihr Hyacinthe ein
von der sie durch eine von ihren alten Freundinnen erfahren hatte dass sie auf
dem Theater zu Grenada im Besitz der allgemeinen Bewunderung sei Sie machte
sich so unkenntlich als sie konnte und kam an dem nämlichen Tage in Grenada an
da Hyacinthe abgereist war Sie erfuhr von einer Schauspielerin alles und einen
guten Teil mehr als das was man von des Don Eugenio Neigung und Absichten für
Hyacinten wusste Diese Nachricht zeigte ihr ein Mittel sich durch den Dienst
den sie im Stande war diesem jungen Kavalier zu leisten einen Beschützer und
eine sichere Zuflucht zu verschaffen Sie eilte also so sehr als sie konnte um
noch vor Hyacinten zu Valencia anzukommen und sie war wirklich auf dieser
Reise begriffen als sie von ungefähr mit unserm Abenteuer zusammen kam Einige
Meilen über Xelva traf sie durch einen ähnlichen Zufall in dem Wirtshause wo
sie übernachtete einen Verwalter des Don Eugenio an der im Begriff war von
einem Gut so sein Herr in der Nähe von Valencia hatte nach Lirias abzugehen
Von diesem erfuhr sie dass sie nichts zu tun hätte als wieder umzukehren wenn
sie seinen Herrn sprechen wollte und da sie ihm Sachen von der äußersten
Wichtigkeit zu entdecken haben wollte so war der Verwalter höflich genug ihr
seine Gesellschaft anzubieten Sie kam also zu Lirias an und das Schicksal
wollte dass es gerade zu einer solchen Zeit geschah da die Anwesenheit der
Donna Mencia ihre Entdeckungen gültig machen konnte Don Eugenio kam in wenigen
Augenblicken mit der Zigeunerin zurück Hier bringe ich ihnen sagte er zu Donna
Mencia eine Frau die sich davor ausgibt dass sie Eu Gnaden eine verlorne
Nichte wieder zustellen könne Die liebenswürdige Hyacinthe tat vor Bestürzung
einen Schrei wie sie ihrer PflegMutter ansichtig wurde und diese fiel so
bald sie Donna Mencia erblickte zu ihren Füßen und bat um die Vergebung einer
großen Übeltat deren sie gegen diese Dame schuldig zu sein bekannte Sie
erzählte hierauf mit allen Umständen des Orts und der Zeit auf was für eine
Weise es ihr geglückt habe ihre Nichte Donna Seraphina als ein dreijähriges
Kind wegzustehlen dass das junge Frauenzimmer welches sie glücklich genug sei
unter dem Namen Hyacinthe in dieser Gesellschaft wieder zu finden eben diese
Donna Seraphina sei und dass sie zu dessen vollgültigem Beweis eine kleine
goldene Kette mit einem Creuz aufbewahrt habe welches die kleine Seraphina am
Halse getragen als sie selbige geraubt habe Man kann sich die
GemütsBewegungen die eine so glückliche Entdeckung in unserer Gesellschaft
erregen musste leichter vorstellen als sie sich beschreiben lassen Don
Eugenio der vor Freude außer sich selbst war würde der Zigeunerin gerne allen
Beweis ihrer Aussage geschenkt haben Aber Donna Mencia war nicht so voreilig
sie examinierte die Zigeunerin über die kleinsten Umstände der Entführung mit
der schärfsten Genauigkeit und da sie durch die Antworten derselben völlig
befriediget war so betrachtete sie auch die Halskette die sie für eben
diejenige erkannte womit sie selbst der kleinen Seraphina ein Geschenke gemacht
hatte da der alte Don Pedro sie ihrer Aufsicht übergeben Kurz nach einer
Untersuchung die über eine halbe Stunde daurte wurde Hyacinthe für Donna
Seraphina von Rosalva erkannt und in dieser Qualität von ihrer Tante und von
unserm Helden mit so vieler Zärtlichkeit umarmt als jede dieser beiden Personen
fähig war Diese Entdeckung verbreitete eine außerordentliche Freude durch das
ganze Haus und Don Eugenio welcher die seinige über die ganze Natur hätte
ausgiessen mögen erteilte so gleich Befehle noch diesen Tag und etliche
folgende durch alle nur ersinnliche Freudenbezeugungen zu Festtägen zu machen
Viertes Kapitel
Beschluss dieser Geschichte
Wir haben nunmehr geneigter Leser die Geschichte unsers Helden bis zu dem
Zeitpunct fortgeführt wo sie aufhört wunderbar zu sein oder welches eben so
viel ist wo sie in den ordentlichen und allgemeinen Weg der menschlichen
Begebenheiten einzuschlagen anfängt und also aufhört zu den Absichten geschickt
zu sein die wir uns in diesem Werke vorgesetzt haben Don Sylvio der nunmehr
keine andere Feen erkennt als seine angebetete Felicia und keine andere
Bezauberung als die aus ihren Augen entspringt ist auf dem Wege glücklich
seines Glückes würdig und wenn er anders wie wir hoffen lange genug lebt
seiner Zeit auch so gar weise zu werden Wir könnten ihn also in so angenehmen
Umständen mit bestem Fuge seiner Liebe und seinem glücklichen Gestirn
überlassen wenn wir nicht vermutlich einige Leser oder Leserinnen hätten die
zu träge sind sich die gänzliche Entwicklung dieser wundervollen Geschichte so
leicht es auch ist sie zu erraten ohne unser Zutun selber vorzustellen
Diesen melden wir also dass noch an eben diesem Tage Don Sylvio seiner gnädigen
Tante so wohl von den Verdiensten so sich Don Eugenio um seine wieder gefundene
Schwester gemacht und von ihrer gegenseitigen Neigung als von dem wunderbaren
Anfang und glücklichen Success seiner eigenen Leidenschaft für die schöne Felicia
von Kardena umständliche Nachricht gab Es kostete wenig Mühe die Einwilligung
dieser Dame bei welcher der Stolz über eine gewisse andere Leidenschaft
ordentlicher Weise die Oberhand hatte zu der doppelten Verbindung die ihr von
Don Eugenio und von ihrem Neffen vorgeschlagen wurde zu erhalten Sie errötete
nun vor sich selbst dass hundert tausend Ducaten sie fähig gemacht hatten einen
Procurator von Xelva und seine missgeborne Nichte einer Verbindung mit ihrer
Familie würdig zu achten und da sie eine gute Rechnerin war so fand sie dass
mit vierzig tausend Ducaten jährlicher Einkünfte welche Donna Felicia ihrem
geliebten Don Sylvio zubrachte der Glanz ihres Hauses viel besser wieder
hergestellt werden könne Diese Überzeugung wurde nicht wenig durch einen
Artikel der EhePacten ihres Neffen befördert worin ihr so lange sie lebte
eine jährliche Pension von sechs tausend Ducaten angewiesen wurde ein kleines
Einkommen mit dessen Hilfe sie im Fall der Not den Abgang des Herrn Rodrigo
Sanchez würdiglich ersetzen zu können hoffte
So große Ursache man auch hatte zu glauben dass unser Held von den
Wirkungen welche die Feerei auf sein Gehirn gemacht völlig hergestellt sei so
nötig fand man den leeren Raum den die Verbannung der Feen darin gelassen
hatte nunmehr mit den Ideen würklicher Dinge anzufüllen Er entschloss sich
also durch eine Reise die er in die vornehmsten Teile von Europa machen
wollte sich des Besitzes der schönen Felicia würdiger zu machen Don Eugenio
trieb die Freundschaft so weit sich zu seinem Begleiter und Führer anzubieten
und unsere beiden Schönen waren mehr als großmütig genug in eine Trennung von
zwei Jahren einzuwilligen welche ihnen in einem Kloster zu Valencia so sie
indes zu ihrem Aufenthalt erwählten durch häufige Briefe von ihren Liebhabern
versüsst wurden Diese zwei Jahre gingen endlich vorüber und Don Eugenio und Don
Gabriel brachten ihren Freund in einer Vollkommenheit zurück die ihn für eine
jede andere Person als seine Felicia unkennbar gemacht hätte denn sie schien
nichts weniger als erstaunt durch die große Welt und alle die Gelegenheiten
die er gehabt hatte diese glücklichen Fähigkeiten entwickelt zu sehen die ihr
von Anfang an alles was nur liebenswürdig heißt von ihm versprochen hatten
Diese liebenswürdige junge Witwe und ihre würdige Freundin Donna Seraphina
welche sich in dem Umgang mit Felicia und andern Personen von Verdiensten
gleichfalls zu der vollkommenen Liebenswürdigkeit ausgebildet hatte deren sie
fähig war willigten nun mit Vergnügen ein ihre Sehnsuchtsvollen Liebhaber
glücklich zu machen und der ehrliche Pedrillo der seinen Herrn begleitet
hatte und eben so aufgeweckt sinnreich und spaßhaft obgleich um ein gutes
Teil höflicher und artiger als vorher zurück gekommen war erhielt zur
Belohnung der Leiden die er um seines Herrn willen auf der ehmaligen
Wanderschaft nach dem bezauberten Schmetterling ausgestanden und zur Vergeltung
der getreuen Dienste die er ihm auf seinen Reisen durch Europa geleistet die
schöne und kluge Laura mit der Stelle eines Haushofmeisters die er vermutlich
noch jetzo da wir dieses schreiben in der liebenswürdigsten und glücklichsten
Familie von ganz Spanien bekleidet
Ende
Fußnoten
1 ut omne
Humanum genus est avidum nimis auricularum Lucret
2 Ponendis in mille modis perfecta capillis Komere sed solas digna Cypassi
Deas Ovid
3 Seh Virgil Æneid L III v 20 seq
4 Der geneigte Leser wird hier einen ziemlichen Anachronismus bemerken der zum
Unglück nicht der einzige in diesem Werke ist und vielleicht einigen Zweifel
gegen die Glaubwürdigkeit dieser ganzen Geschichte erwecken könnte dessen
Hinwegräumung wir den Criticis überlassen Anmerk des Herausg