Da die Philosophie nichts anderes ist als das Streben nach Weisheit und
Wahrheit so sollte man vernunftgemäß erwarten dürfen dass die welche am
meisten Zeit und Mühe auf dieselbe verwendet haben sich einer größeren Ruhe
und Heiterkeit des Gemütes einer größeren Klarheit und Sicherheit der
Erkenntnis erfreuen und weniger durch Zweifel und Bedenken beunruhigt werden
als andere Menschen Wir sehen dagegen dass vielmehr die ungelehrte Menge der
Menschen die auf der Landstraße des schlichten Menschenverstandes wandelt und
durch die Gebote der Natur geleitet wird größtenteils zufrieden und ruhig
lebt Ihnen scheint nichts was gewöhnlich ist unerklärlich oder schwer zu
begreifen Sie klagen nicht über irgend welche Unzuverlässigkeit ihrer Sinne und
sind ganz frei von der Gefahr in Zweifelsucht zu geraten Sobald wir aber der
Leitung der Sinne und der Natur uns entziehen um dem Lichte eines höheren
Prinzips zu folgen um über die Natur der Dinge Schlüsse zu ziehen
nachzudenken zu reflektieren so erheben sich sofort tausend Zweifel in unserem
Geist in Betreff eben der Dinge welche wir vorher völlig zu begreifen meinten
Vorurteile und Irrtümer der Sinne enthüllen sich von allen Seiten her unserem
Blick und indem wir diese durch Nachdenken zu berichtigen streben werden wir
unvermerkt in seltsame von der gewöhnlichen Meinung abweichende Behauptungen
Schwierigkeiten und Widersprüche verstrickt die sich in dem Maasse als wir in
der Betrachtung weiter gehen vermehren und steigern bis wir zuletzt nachdem
wir manche verschlungene Irrgänge durchwandert haben uns gerade an dem Punkte
wiederfinden von welchem wir ausgegangen waren oder was schlimmer ist bis
wir die Forschung aufgeben und in Zweifelsucht verloren die Hände in den
Schoss legen
Man hält dafür die Ursache hiervon liege in der Dunkelheit der Dinge
oder in der natürlichen Schwäche und Unvollkommenheit unseres Verstandes Man
sagt unsere Geisteskräfte seien beschränkt und dieselben seien von der Natur
dazu bestimmt zur Erhaltung und Erleichterung des Lebens zu dienen nicht zur
Erforschung des inneren Wesens und der Einrichtung der Dinge Zudem sei es nicht
verwunderlich dass der menschliche Verstand da er endlich sei wenn er Dinge
behandle die an der Unendlichkeit Teil haben in Ungereimtheiten und
Widersprüche verfalle aus welchen sich jemals herauszuarbeiten ihm unmöglich
sei da es zu der Natur des Unendlichen gehöre nicht vom Endlichen begriffen
werden zu können
Doch sind wir vielleicht zu parteiisch für uns selbst eingenommen wenn
wir die Quelle des Fehlers in den Anlagen unseres Geistes suchen und nicht
vielmehr in dem unrichtigen Gebrauch den wir von denselben machen Es ist
misslich vorauszusetzen dass richtige Schlüsse aus wahren Vordersätzen jemals
zu Endergebnissen führen sollten welche nicht aufrecht erhalten oder mit
einander in Übereinstimmung gebracht werden könnten Man sollte doch denken
dass Gott nicht so ungütig gegen die Menschenkinder verfahren sei diesen ein
lebhaftes Verlangen nach einem Wissen einzuflößen welches er ihnen zugleich
völlig unerreichbar gemacht hätte Dies würde nicht zu dem gewöhnlichen
liebevollen Verfahren der Vorsehung stimmen mit welchem sie regelmäßig ihren
Geschöpfen die Mittel gegeben hat durch deren rechten Gebrauch dieselben alle
ihnen eingepflanzten Triebe unfehlbar zu befriedigen vermögen Kurz ich bin
geneigt zu glauben dass weitaus die meisten wo nicht alle Schwierigkeiten
welche bisher die Philosophen hingehalten und ihnen den Weg zur Erkenntnis
versperrt haben durchaus von uns selbst verschuldet seien dass wir zuerst eine
Staubwolke erregt haben und uns dann beklagen nicht sehen zu kennen
Mein Vorsatz ist demgemäß zu versuchen ob ich ausfindig machen kann
welche Grundannahmen es seien die jene Fülle von Zweifeln und jenes unsichere
Schwanken die alle jene Ungereimtheiten und Widersprüche bei den verschiedenen
Sekten der Philosophen in solchem Maasse verursacht haben dass die weisesten
Menschen unsere Unwissenheit für unheilbar gehalten haben indem sie annahmen
dieselbe rühre von der natürlichen Schwäche und Beschränktheit unserer
Geisteskräfte her Und es ist gewiss eine die Mühe lohnende Aufgabe eine genaue
Untersuchung über die ersten Prinzipien der menschlichen Erkenntnis
anzustellen dieselben allseitig zu sichten und zu prüfen zumal da die
Vermutung nicht unbegründet sein durfte dass jene Hindernisse und Anstöße
welche den Geist bei dem Suchen der Wahrheit aufhalten und verwirren nicht
sowohl in irgend einer Dunkelheit und Verwickelung der Objekte oder in einer
natürlichen Schwäche des Verstandes ihre Quelle haben als vielmehr in falschen
Grundannahmen an denen man festgehalten hat und die sich doch hätten vermeiden
lassen
Wie schwierig und aussichtslos auch immer dieser Versuch erscheinen mag
wenn ich in Betracht ziehe wie viele große und außerordentliche Männer vor
mir die gleiche Absicht gehegt haben so bin ich doch nicht ohne einige
Hoffnung welche sich auf die Erwägung gründet dass die weitesten Aussichten
nicht immer die deutlichsten sind und dass der Kurzsichtige weil er genötigt
ist die Objekte dem Auge näher zu bringen vielleicht durch eine genaue
Besichtigung aus geringer Entfernung solches zu erkennen vermag was weit
besseren Augen entgangen ist
Um den Geist des Lesers zu einem leichteren Verständnis des Folgenden
zu befähigen ist es angemessen Einiges einleitend vorauszuschicken was das
Wesen und den falschen Gebrauch der Sprache betrifft Die Erörterung dieses
Gegenstandes aber führt mich dazu einigermaßen meine Hauptfrage schon im
Voraus mitzubehandeln indem ich etwas berühre das einen Hauptanteil an der
Verwickelung und Trübung der Forschung gehabt und unzählige Irrtümer und
Anstöße in fast allen Teilen der Wissenschaft veranlasst zu haben scheint
Dies ist die Meinung der Geist habe ein Vermögen abstrakte Ideen »abstract
ideas« oder Begriffe »notions« von Dingen zu bilden Wer nicht durchaus ein
Fremdling in den Schriften und Disputationen der Philosophen ist muss zugeben
dass kein kleiner Teil derselben sich auf abstrakte Ideen bezieht Man nimmt
an dass diese vorzugsweise dass Objekt der Wissenschaften bilden welche die
Namen Logik und Metaphysik tragen und überhaupt derjenigen welche für die
abstraktesten und höchsten Lehrobjekte gelten in diesen allen wird man
schwerlich eine Frage so behandelt finden dass nicht vorausgesetzt würde dass
abstrakte Ideen in dem Geiste existieren und dieser mit denselben wohl bekannt
sei
Allseitig wird anerkannt dass die Eigenschaften Qualitäten oder
Beschaffenheiten Modi Daseinsweisen der Dinge nicht einzeln für sich und
gesondert von allen anderen in Wirklichkeit existieren sondern dass jedesmal
mehrere derselben in dem nämlichen Objekt gleichsam mit einander vermischt und
verbunden seien Man sagt uns aber dass der Geist da er fähig sei jede
Eigenschaft einzeln zu betrachten oder sie von den anderen Eigenschaften mit
welchen sie vereinigt ist abzusondern hierdurch sich selbst abstrakte Ideen
bilde Wenn zB durch den Gesichtssinn ein ausgedehntes farbiges und bewegtes
Objekt wahrgenommen worden ist so bildet sagt man der Geist indem er diese
gemischte oder zusammengesetzte Idee in ihre einfachen Bestandteile auflöst und
einen jeden derselben für sich mit Ausschluss der übrigen betrachtet die
abstrakten Ideen der Ausdehnung Farbe Bewegung Nicht als ob es möglich wäre
dass Farbe oder Bewegung ohne Ausdehnung existieren es soll nur der Geist für
sich selbst durch Abstraktion die Idee der Farbe ohne Ausdehnung und der
Bewegung ohne Farbe und Ausdehnung bilden können
Da ferner der Geist beobachtet hat dass in den einzelnen durch die
Sinne wahrgenommenen Ausdehnungen etwas Gleiches ihnen allen Gemeinsames ist
und etwas Anderes den einzelnen Ausdehnungen Eigentümliches wie diese oder
jene Form oder Größe wodurch sie sich von einander unterscheiden so
betrachtet er das Gemeinsame besonders oder scheidet es als ein Objekt für sich
ab und bildet demgemäß eine sehr abstrakte Idee einer Ausdehnung die weder
Linie noch Fläche noch Körper ist noch auch irgend eine bestimmte Form oder
Größe hat sondern eine von diesem allem abgelöste Idee ist In gleicher Weise
bildet der Geist indem er von den einzelnen sinnlich perzipierten Farben
dasjenige weglässt was dieselben von einander unterscheidet und nur dasjenige
zurückbehält was allen gemeinsam ist eine Idee von Farbe in abstracto die
weder Roth noch Blau noch Weiß noch irgend eine andere bestimmte Farbe ist
In gleicher Art wird auch die abstrakte Idee der Bewegung welche gleichmäßig
allen einzelnen sinnlich wahrgenommenen Bewegungen entspricht dadurch gebildet
dass die Bewegung nicht nur abgesondert von dem bewegten Körper sondern ebenso
auch von der beschriebenen Figur und von allen besonderen Richtungen und
Geschwindigkeiten betrachtet wird
Wie der Geist sich abstrakte Ideen von Eigenschaften oder
Beschaffenheiten Bestimmtheiten Modis bildet so erlangt er durch denselben
Akt der sondernden Unterscheidung oder Vorstellungszerlegung auch abstrakte
Ideen von den mehr zusammengesetzten Dingen welche verschiedene zusammen
existierende Eigenschaften enthalten Hat zB der Geist beobachtet dass Peter
Jakob und Johann einander durch gewisse ihnen allen gemeinsam zukommende
Bestimmtheiten der Gestalt und anderer Eigenschaften gleichen so lässt er aus
der komplexen oder zusammengesetzten Idee die er von Peter Jakob und anderen
einzelnen Menschen hat dasjenige weg was einem jeden derselben eigentümlich
ist behält nur dasjenige zurück was ihnen allen gemeinsam ist und bildet so
eine abstrakte Idee an welcher alle einzelnen gleichmäßig Teil haben indem
er von allen den Umständen und Unterschieden welche dieselbe zu irgend einer
Einzelexistenz gestalten können gänzlich abstrahiert und dieselben ausscheidet
Auf diese Weise sagt man erlangen wir die abstrakte Idee des Menschen oder
wenn wir lieber wollen der Menschheit oder der menschlichen Natur worin zwar
die Idee der Farbe liegt da kein Mensch ohne Farbe ist aber dies kann weder
die weiße noch die schwarze noch irgend eine andere einzelne Farbe sein weil
es keine einzelne Farbe gibt an der alle Menschen teilhaben Ebenso liegt
darin auch die Idee der Körpergestalt aber dies ist weder eine große noch
eine kleine noch eine mittlere Gestalt sondern etwas von diesen allen
Abstrahiertes Das Gleiche gilt von allem Übrigen Da es ferner eine große
Menge anderer Geschöpfe gibt die in einigen Teilen aber nicht in allen mit
der abstrakten Idee »Mensch« übereinkommen so lässt der Geist die Theile weg
welche den Menschen eigentümlich sind hält nur diejenigen fest welche allen
lebenden Wesen gemeinsam sind und bildet so die Idee des »animal« worin nicht
nur von allen einzelnen Menschen sondern auch von allen Vögeln Vierfüßlern
Fischen und Insekten abstrahiert wird Die konstituierenden Theile der abstrakten
Idee eines Tieres animal sind Körper Leben Sinnesempfindung und
freiwillige Bewegung unter »Körper« wird verstanden ein Körper ohne irgend eine
besondere Gestalt oder Figur da keine solche allen Tieren gemeinsam ist ohne
Bedeckung mit Haaren Federn oder Schuppen usw aber auch nicht nackt da
Haare Federn Schuppen und Nacktheit unterscheidende Eigentümlichkeiten
einzelner Tiere sind und darum aus der abstrakten Idee wegbleiben Aus
demselben Grunde darf die freiwillige Bewegung weder ein Gehen noch ein
Fliegen noch ein Kriechen sein sie ist nichtsdestoweniger eine Bewegung was
für eine Bewegung aber ist nicht leicht zu begreifen
Ob Andere diese wunderbare Fähigkeit der Ideenabstraktion besitzen
können sie uns am besten sagen was mich betrifft so finde ich in der Tat in
mir eine Fähigkeit mir die Ideen der einzelnen Dinge die ich wahrgenommen
habe vorzustellen oder zu vergegenwärtigen und dieselben mannichfach
zusammenzusetzen und zu teilen Ich kann mir einen Mann mit zwei Köpfen oder
auch die oberen Theile eines Menschen mit dem Leibe eines Pferdes verbunden
vorstellen Ich kann die Hand das Auge die Nase jedes für sich abstrakt oder
getrennt von den übrigen Teilen des Körpers betrachten Was für eine Hand oder
was für ein Auge ich dann aber auch mir vorstellen mag so muss doch dieser Hand
oder diesem Auge irgend eine bestimmte Gestalt und Farbe zukommen Ebenso muss
auch die Idee eines Mannes die ich mir bilde entweder die eines weißen oder
eines schwarzen oder eines rothäutigen eines gerade oder krumm gewachsenen
eines großen oder kleinen oder eines Mannes von mittlerer Größe sein Es ist
unmöglich durch ein angestrengtes Denken die oben beschriebene abstrakte Idee
zu erfassen Ebenso unmöglich ist es mir die abstrakte Idee einer Bewegung ohne
einen sich bewegenden Körper die weder schnell noch langsam weder krummlinig
noch geradlinig sei zu bilden und das Gleiche gilt von jedweder anderen
abstrakten allgemeinen Idee Um mich genauer zu erklären ich finde mich selbst
befähigt zur Abstraktion in Einem Sinne nämlich wenn ich gewisse einzelne
Theile oder Eigenschaften gesondert von anderen betrachte mit denen sie zwar in
irgend welchem Objekt vereinigt sind ohne die sie aber in Wirklichkeit
existieren können Aber ich finde mich nicht befähigt diejenigen Eigenschaften
von einander durch Abstraktion zu trennen oder gesondert zu betrachten welche
nicht möglicherweise ebenso gesondert existieren können oder einen allgemeinen
Begriff durch Abstraktion von den besonderen in der vorhin bezeichneten Weise zu
bilden In diesen beiden letzteren Bedeutungen aber wird eigentlich der Terminus
Abstraktion gebraucht Auch ist die Annahme nicht unbegründet dass die meisten
Menschen zugeben werden mit mir in gleichem Falle zu sein Die meisten
Menschen welche schlicht und ungelehrt sind machen keinen Anspruch auf den
Besitz abstrakter Begriffe Man sagt dieselben seien schwierig und nicht ohne
Mühe und Studium zu erlangen Wir dürfen nach dem Obigen vernünftigerweise
Schließen dass wenn es abstrakte Ideen gibt dieselben nur bei Gelehrten
sich finden
Ich schreite nun zur Prüfung dessen fort was zur Verteidigung der
Lehre von der Abstraktion vorgebracht werden kann und versuche zu entdecken
was es sei wodurch wissenschaftliche Männer bewegen werden eine Meinung
anzunehmen welche dem gemeinen Menschenverstande so fremd ist wie es diese zu
sein scheint Ein kürzlich verstorbener mit Recht geschätzter Philosoph hat
ohne Zweifel dieser Meinung großen Vorschub geleistet indem er zu denken
scheint der Besitz abstrakter Ideen sei das was zwischen der Verstandeskraft
des Menschen und der Tiere den größten Unterschied ausmache »Der Besitz
allgemeiner Ideen« sagt er »begründet einen durchgängigen Unterschied zwischen
dem Menschen und den vernunftlosen Wesen und ist ein Vorzug der den Fähigkeiten
der letzteren in keiner Weise erreichbar ist Denn es ist offenbar dass wir bei
denselben keine Spur des Gebrauches allgemeiner Zeichen für universale Ideen
finden wonach wir Grund haben anzunehmen dass sie nicht die Fähigkeit zu
abstrahieren oder allgemeine Ideen zu bilden besitzen da sie keine Worte oder
irgend welche allgemeine Zeichen gebrauchen« Und kurz nachher »Demgemäß
dürfen wir denke ich annehmen dass hierin der spezifische Unterschied der
Tiere von den Menschen bestehe dieser eigentümliche Unterschied sondert sie
gänzlich und erweitert sich zuletzt zu einem so beträchtlichen Abstände Denn
haben die Tiere überhaupt irgend welche Vorstellungen und sind sie nicht wie
Einige wollen bloße Maschinen so können wir nicht leugnen dass sie in einem
gewissen Sinne Vernunft besitzen Ebenso offenbar wie die Tatsache dass sie
Sinne besitzen scheint mir auch dies zu sein dass einige von ihnen in gewissen
Fällen Schlüsse ziehen aber nur mittelst solcher Einzelvorstellungen wie sie
dieselben von ihren Sinnen empfangen Auch die obersten Tierklassen bleiben in
diese engen Grenzen gebannt und vermögen dieselben nicht durch irgend welche
Abstraktion zu erweitern« Versuch über den menschlichen Verstand Buch II
Cap IX Sektion 10 u 11 Ich stimme diesem gelehrten Schriftsteller
unbedenklich darin bei dass den Fälligkeiten der Tiere die Abstraktion
durchaus unerreichbar sei nur fürchte ich dass wenn hierin ihr
Unterscheidungsmerkmal liegen soll sehr viele von denen die für Menschen
gelten mit ihnen in Eine Klasse zu setzen seien Der hier angegebene Grund den
Tieren keine abstrakten Ideen zuzuschreiben liegt darin dass wir bei ihnen
keinen Gebrauch von Worten oder anderen allgemeinen Zeichen beobachten Dieser
Grund ruht auf der Voraussetzung dass der Gebrauch von Worten an den Besitz
Allgemeiner Ideen geknüpft sei woraus folgt dass Menschen die sich der
Sprache bedienen fähig seien zu abstrahieren oder ihre Ideen zu verallgemeinern
Dass dieses der Sinn und die Folgerung des Verfassers ist geht ferner aus
seiner Antwort auf die Frage hervor die er an einer anderen Stelle aufwirft
»Da doch alle existierenden Dinge Einzelobjekte sind wie gelangen wir zu
allgemeinen Bezeichnungen« Er antwortet »Worte werden dadurch allgemein dass
sie zu Zeichen allgemeiner Ideen gemacht werden« a a O B III Cap III
Sect 6 Es scheint jedoch dass ein Wort allgemein wird indem es als Zeichen
gebraucht wird nicht für eine abstrakte allgemeine Idee sondern für mehrere
Einzelideen deren jede es besondere im Geiste anregt Wird zB gesagt die
Bewegungsänderung ist proportional der aufgewandten Kraft oder alles
Ausgedehnte ist teilbar so sind diese Regeln von Bewegung und Ausdehnung im
Allgemeinen zu verstehen dennoch folgt nicht dass sie in meinem Geiste eine
Vorstellung von Bewegung ohne einen bewegten Körper oder ohne eine bestimmte
Richtung und Geschwindigkeit anregen oder dass ich eine abstrakte allgemeine
Idee einer Ausdehnung bilden müsse die weder Linie noch Fläche noch Körper
weder groß noch klein weder schwarz noch weiß noch rot noch von irgend
einer anderen bestimmten Farbe sei sondern es liegt darin nur dass welche
Bewegung auch immer ich betrachten mag sei dieselbe schnell oder langsam
senkrecht waagerecht oder schräg sei sie die Bewegung dieses oder jenes
Objektes das sie betreffende Axiom sich gleichmäßig bewahrheite Ebenso
bewahrheitet sich der andere Satz bei jeder besonderen Ausdehnung wobei es
keinen unterschied macht ob dieselbe eine Linie oder eine Fläche oder ein
Körper ob dieselbe von dieser oder jener Größe oder Figur sei
Indem wir beobachten wie Ideen allgemein werden gelangen wir zu einem
richtigeren Urteil darüber wie Worte dies werden Ich muss hier bemerken dass
ich nicht absolut die Existenz von allgemeinen Ideen sondern nur die von
abstrakten allgemeinen Ideen leugne denn an den obigen Stellen wo allgemeine
Ideen erwähnt werden ist stets vorausgesetzt dass sie durch Abstraktion
gebildet seien auf die in Sektion VIII u IX auseinandergesetzte Weise
Wollen wir nun mit unseren Worten einen bestimmten Sinn verknüpfen und nur von
Begreiflichem reden so müssen wir glaube ich anerkennen dass eine Idee die
an und für sich eine Einzelvorstellung ist allgemein dadurch wird dass sie
dazu verwendet wird alle anderen Einzelvorstellungen derselben Art zu
repräsentieren oder statt derselben aufzutreten Damit dies durch ein Beispiel
klar werde stelle man sich vor dass ein Geometer den Nachweis führe wie eine
Linie in zwei gleiche Theile zu zerlegen sei Er zeichnet etwa eine schwarze
Linie von der Länge eines Zolls diese Linie die an und für sich eine einzelne
Linie ist ist nichtsdestoweniger mit Rücksicht auf das was durch sie bezeichnet
wird allgemein da sie wie sie hier gebraucht wird alle einzelnen Linien wie
auch immer dieselben beschaffen sein mögen repräsentiert so dass was von ihr
bewiesen ist von allen Linien oder mit anderen Worten von einer Linie im
Allgemeinen bewiesen ist Ebenso wie die einzelne Linie dadurch dass sie als
Zeichen dient allgemein wird so ist der Name Linie der an sich partikular
ist dadurch dass er als Zeichen dient allgemein geworden und wie die
Allgemeinheit jener Idee nicht darauf beruht dass sie ein Zeichen für eine
abstrakte oder allgemeine Linie wäre sondern darauf dass sie ein Zeichen für
alle einzelnen geraden Linien ist die existieren können so muss auch angenommen
werden dass das Wort Linie seine Allgemeinheit derselben Ursache verdanke
nämlich dem Umstände dass es verschiedene einzelne Linien unterschiedslos
bezeichnet
Um dem Leser eine noch klarere Einsicht in die Natur abstrakter Ideen
und in die Anwendungen um deren willen man derselben zu bedürfen glaubt zu
verschaffen will ich noch folgende Stelle aus dem »Versuch über den
menschlichen Verstand« anführen »Abstrakte Ideen sind Kindern oder im Denken
noch ungeübten Personen nicht so nahe liegend oder leicht zu bilden wie
Einzelideen so weit sie dies den Erwachsenen sind sind sie es nur durch den
beständigen gewohnten Gebrauch geworden Achten wir genau auf sie so werden
wir finden dass allgemeine Ideen Gebilde und Erfindungen des Geistes sind die
nicht ohne Schwierigkeit gebildet werden und sich nicht so leicht von selbst
einstellen wie wir zu glauben geneigt sind Erheischt es zB nicht einige Mühe
und Geschicklichkeit die allgemeine Idee eines Dreiecks zu bilden die doch
noch keine der abstraktesten umfassendsten und schwierigsten ist Es soll die
Idee eines Dreiecks gebildet werden welches weder schiefwinkelig noch
rechtwinkelig weder gleichseitig noch gleichschenkelig noch
ungleichschenkelig sei sondern alles dieses und zugleich auch nichts von
diesem In der Tat ist dies etwas unvollständiges das nicht existieren kann
eine Idee worin einige Theile von verschiedenen und mit einander unvereinbaren
Ideen zusammengestellt sind Allerdings bedarf der Geist in seinem gegenwärtigen
unvollkommenen Zustande solcher Ideen und eilt möglichst sie zu bilden zum Behuf
der Mittheilung und Erweiterung der Erkenntnis da er zu beidem von Natur eine
sehr starke Neigung hat Doch lässt sich mit Recht vermuten dass solche Ideen
Merkmale unserer Unvollkommenheit seien Zum mindesten reicht das Gesagte hin
zu beweisen dass die abstraktesten und allgemeinsten Ideen nicht diejenigen
seien mit welchen der Geist zuerst und am leichtesten vertraut wird nicht
diejenigen auf welche seine ersten Kenntnisse sich beziehen« a a O IV VII
9 Falls irgend Jemand die Fähigkeit besitzt in seinem Geiste eine solche
Dreiecksidee zu bilden wie sie hier beschrieben ist so ist es vergeblich sie
ihm abdisputieren zu wollen ich unternehme das nicht Mein Wunsch geht nur
dahin der Leser möge sich vollständig und mit Gewissheit überzeugen ob er eine
solche Idee habe oder nicht Und dies denke ich kann für Niemanden eine schwer
zu lösende Aufgabe sein Was kann einem Jeden leichter sein als ein wenig in
seinen eigenen Gedankenkreis hineinzuschauen und zu erproben ob er eine Idee
die der Beschreibung welche hier von der allgemeinen Idee eines Dreiecks
gegeben worden ist entspreche habe oder erlangen könne die Idee eines
Dreiecks welches weder schiefwinkelig noch rechtwinkelig weder gleichseitig
noch gleichschenkelig noch ungleichseitig sondern dieses alles und zugleich
auch nichts von diesem sei
Es wird hier vieles von der Schwierigkeit gesagt welche sich an
abstrakte Ideen knüpfe von der Mühe und Kunst die erforderlich sei um sie zu
bilden Und es ist gar nicht zu bezweifeln dass es großer Mühe und Anstrengung
des Geistes bedarf unser Denken von den Einzelobjekten loszumachen und sich zu
den hohen Spekulationen zu erheben welche sich auf abstrakte Ideen beziehen
Die natürliche Konsequenz hieraus scheint doch zu sein dass etwas so
Schwieriges wie die Bildung abstrakter Ideen nicht eine Bedingung der
Möglichkeit der Gedankenmittheilung sei die etwas allen Klassen der Menschen so
Leichtes und Gewöhnliches ist Doch man sagt uns wenn sie Erwachsenen nahe
liegend und leicht zu sein scheinen so seien sie dies nur durch beständigen und
gewöhnlichen Gebrauch geworden Nun möchte ich gern wissen zu welcher Zeit die
Menschen damit beschäftigt seien jene Schwierigkeit zu überwinden und sich mit
jenen notwendigen Mitteln zur Unterredung zu versorgen Dies kann nicht dann
geschehen wenn sie erwachsen sind denn zu dieser Zeit sind sie wie es
scheint sich keiner derartigen Bemühung bewusst somit bleibt nur übrig dass
es ein Werk ihrer Kindheit sei Gewiss wird man finden dass die große und
vielfache Mühe der Bildung abstrakter Ideen eine schwere Aufgabe für dieses
Alter sei Ist es nicht schwer sich vorzustellen dass ein paar Kinder nicht
miteinander von ihren Zuckerbohnen und Klappern und ihrem anderen Tand plaudern
können wenn sie nicht zuvor zahllose Widersprüche miteinander vereinigt und so
in ihrem Geist abstrakte allgemeine Ideen gebildet und dieselben an jeden
Gemeinnamen dessen sie sich bedienen geknüpft haben
Auch glaube ich dass dieselben zur Erweiterung der Erkenntnis ganz
ebenso wenig wie zur Mittheilung erforderlich sind Es wird wie ich wohl weiß
entschieden behauptet dass alle Erkenntnis und Beweisführung allgemeine
Begriffe betreffe und ich stimme meinerseits dieser Behauptung völlig bei doch
scheint mir dass diese Begriffe nicht durch Abstraktion in der vorhin
bezeichneten Weise gebildet seien denn Allgemeinheit besteht so viel ich
begreifen kann nicht in dem absoluten positiven Wesen oder Begriffe von irgend
etwas sondern in der Beziehung in welcher etwas zu anderem Einzelnen steht
was dadurch bezeichnet oder vertreten wird wodurch es geschieht dass Dinge
Namen oder Begriffe die ihrer eigenen Natur nach partikular sind allgemein
werden Wenn ich irgend einen Satz beweise der Dreiecke betrifft so nimmt man
an dass ich den allgemeinen Begriff des Dreiecks im Auge habe dies muss aber
nicht so verstanden werden als ob ich eine Idee eines Dreiecks das weder
gleichseitig noch ungleichseitig noch gleichschenkelig wäre bilden könnte
sondern nur so dass das einzelne Dreieck welches ich betrachte gleichgültig
ob dasselbe von dieser oder jener Art sei geradlinige Dreiecke aller Art
repräsentiert oder statt derselben stellt und in diesem Sinne allgemein ist
Dieses alles scheint sehr klar zu sein und keine Schwierigkeit zu involvieren
Doch mag hier gefragt werden wie wir anders wissen können dass ein
Satz von allen einzelnen Dreiecken wahr sei als wenn wir ihn zuerst an der
abstrakten Idee eines Dreiecks die von allen einzelnen gleichmäßig gelte
bewiesen gesehen haben Denn daraus dass gezeigt sein mag eine Eigenschaft
komme irgend einem einzelnen Dreieck zu folgt ja doch nicht dass dieselbe
gleicherweise auch irgend einem andern Dreieck zukomme welches nicht in jedem
Betracht identisch mit jenem ist Habe ich zB gezeigt dass die drei Winkel
eines gleichschenkeligen rechtwinkeligen Dreiecks zwei rechten Winkeln gleich
seien so kann ich hieraus nicht Schließen dass das Nämliche von allen anderen
Dreiecken gelte welche weder einen rechten Winkel noch zwei einander gleiche
Seiten haben Es scheint demnach dass wir um gewiss zu sein dass dieser Satz
allgemein wahr sei entweder einen besonderen Beweis für jedes einzelne Dreieck
führen müssen was unmöglich ist oder es ein für allemal zeigen müssen an der
allgemeinen Idee eines Dreiecks woran alle einzelnen unterschiedslos
teilhaben und wodurch sie alle gleichmäßig repräsentiert werden Darauf
antworte ich dass obschon die Idee die ich im Auge habe während ich den
Beweis führe zB die eines gleichschenkeligen rechtwinkeligen Dreiecks ist
dessen Seiten von einer bestimmten Länge sind ich nichtsdestoweniger gewiss
sein kann derselbe Beweis finde Anwendung auf alle anderen geradlinigen
Dreiecke von welcher Form oder Größe auch immer dieselben sein mögen und zwar
darum weil weder der rechte Winkel noch die Gleichheit zweier Seiten noch
auch die bestimmte Länge der Seiten irgendwie bei der Beweisführung in Betracht
gezogen worden sind Zwar trägt das Gebilde welches ich vor Augen habe alle
diese Besonderheiten an sich aber es ist durchaus keine Erwähnung derselben in
dem Beweise des Satzes geschehen Es ist nicht gesagt worden die drei Winkel
seien darum zwei rechten gleich weil einer von ihnen ein rechter sei oder weil
die Seiten welche diesen einschließen gleich lang seien was ausreichend
zeigt dass der Winkel der ein rechter ist ein schiefer hätte sein mögen und
die Seiten ungleich und dass nichtsdestoweniger der Beweis gültig geblieben
wäre Ans diesem Grunde und nicht darum weil ich von der abstrakten Idee eines
Dreiecks den Beweis geführt hätte schließe ich dass das von einem einzelnen
rechtwinkeligen gleichschenkeligen Dreieck Erwiesene von jedem schiefwinkeligen
und ungleichseitigen Dreieck wahr sei Es muss hier zugegeben werden dass es
möglich ist eine Figur bloß als Dreieck zu betrachten ohne dass man auf die
besonderen Eigenschaften der Winkel oder Verhältnisse der Seiten achtet
Insoweit kann man abstrahieren aber dies beweist keineswegs dass man eine
abstrakte allgemeine mit innerem Widerspruch behaftete Idee eines Dreiecks
bilden könne In gleicher Art können wir Peter insofern er ein Mensch ist oder
insofern er ein lebendes Wesen ist betrachten ohne die vorerwähnte abstrakte
Idee eines Menschen oder eines lebenden Wesens zu bilden indem nicht alles
Perzipierte in Betracht gezogen wird
Es wäre eine gleich sehr endlose wie nutzlose Aufgabe den
Schulphilosophen jenen großen Meistern der Abstraktion durch alle die
mannichfachen unentwirrbaren Irrgänge von Irrtum und Disputation zu folgen in
welche ihre Lehre von abstrakten Wesen und Begriffen sie hineingeführt zu haben
scheint Was für Hader und Streit entstanden wie viel gelehrter Staub
aufgewirbelt worden ist wegen dieser Dinge und welch einen herrlichen Vorteil
die Menschheit daraus geschöpft hat ist heute zu gut bekannt als dass man
darüber noch ausführlich zu handeln brauchte Und es stände noch gut wenn die
üblen Folgen dieser Lehre auf den Kreis ihrer erklärten Bekenner eingeschränkt
geblieben wären Erwägt man die großen Mühen den Fleiß und die Fähigkeiten
welche so manche Menschenalter hindurch auf die Pflege und Förderung der
Wissenschaften verwendet worden sind erwägt man dass trotz alledem der weitaus
größere Teil derselben voll Dunkelheit und Ungewissheit und voll von
Streitigkeiten die nie enden zu sollen scheinen geblieben ist und dass selbst
diejenigen Wissenschaften die für gestützt auf die klarsten und zwingendsten
Beweise gelten seltsame Behauptungen enthalten die dem Verständnis der
Menschen völlig unzugänglich sind und dass Alles zusammengefasst nur ein
geringer Teil derselben der Menschheit einen wirklichen Nutzen anderer Art
gewährt als den einer unschuldigen Zerstreuung und Ergötzung erwägt man sage
ich dies alles so kann man leicht zur Hoffnungslosigkeit und völligen
Verachtung alles Studiums gelangen Doch mag man vielleicht anders urteilen bei
einem Blick auf die falschen Prinzipien welche zur Geltung in der Welt gelangt
sind und unter welchen allen keines dünkt mich einen weiter reichenden
Einfluss auf die Denkweise der Forscher geübt hat als die Lehre von abstrakten
allgemeinen Ideen
Ich wende mich nun zur Betrachtung des Ursprungs dieser herrschenden
Vorstellung Dieser scheint mir in der Sprache zu liegen Gewiss hätte nichts
was weniger verbreitet ist als die Vernunft selbst eine so allgemein
angenommene Meinung verursachen können Dass dies wahr sei geht wie aus
anderen Gründen so besonders auch aus dem offenen Bekenntnis der
geschicktesten Verteidiger der abstrakten Ideen hervor dass dieselben zum
Zweck der Benennung gebildet worden seien woraus offenbar folgt dass gäbe es
nicht etwas wie Sprache oder allgemeine Zeichen niemals irgendwie an
Abstraktion gedacht worden wäre Siehe »Versuch über den menschlichen Verstand«
III VI 39 und an anderen Stellen Wir wollen demgemäß untersuchen in welcher
Weise der Gebrauch von Worten zur Entstehung jenes Irrtums beigetragen habe Es
kommt hierbei zuvörderst in Betracht dass man angenommen hat jeder Name habe
oder sollte haben eine einzige bestimmte und feste Bedeutung was die Menschen
geneigt macht zu denken es gebe gewisse abstrakte bestimmte Ideen welche die
wahre und allein unmittelbare Bedeutung eines jeden Gemeinnamens ausmachen und
durch Vermittlung dieser abstrakten Ideen gelange ein Gemeinname dazu irgend
ein einzelnes Ding zu bezeichnen während es doch in Wahrheit keineswegs eine
einzelne genau bestimmte Bedeutung gibt die sich an irgend einen Gemeinnamen
knüpfte da sie alle eine große Zahl einzelner Ideen unterschiedslos
bezeichnen Dieses Alles folgt offenbar aus dem schon Gesagten und wird einem
Jeden durch einiges Nachdenken einleuchtend werden Hiergegen wird eingewandt
werden dass jeder Name der eine Definition habe hierdurch auf eine bestimmte
Bedeutung eingeschränkt sei Ist zB ein Dreieck definiert als eine durch drei
gerade Linien begrenzte ebene Fläche so ist hierdurch dieser Name darauf
eingeschränkt eine einzige bestimmte Idee und keine andere zu bezeichnen Ich
antworte hierauf dass in der Definition nicht gesagt ist ob die Fläche groß
oder klein sei schwarz oder weiß ob die Seiten lang oder kurz seien gleich
oder ungleich auch nicht unter was für Winkeln sie gegen einander geneigt
seien in diesem Allem kann große Verschiedenheit bestehen und es ist
demgemäß keine bestimmte Idee gegeben auf welche die Bedeutung des Wortes
Dreieck eingeschränkt wäre Einen Namen beständig im Sinne einer bestimmten
Definition gebrauchen heißt nicht das Nämliche wie durch ihn jedesmal die
nämliche Idee bezeichnen Das Erstere ist durchaus erforderlich das Andere
nutzlos und unausführbar
Um aber ferner noch Rechenschaft davon zu geben wie Worte den Anlass
zu der Lehre von den abstrakten Ideen gegeben haben muss bemerkt werden dass
es eine herrschende Meinung ist die Sprache habe keinen anderen Zweck als
unsere Ideen mitzuteilen und jeder Name der etwas bezeichne stehe für eine
Idee Setzen wir dies voraus und ist es zugleich gewiss dass Namen die doch
nicht für ganz bedeutungslos gelten nicht immer denkbare Einzelvorstellungen
ausdrücken so lässt sich mit Strenge folgern dass sie für einen abstrakten
Begriff stehen Dass manche allgemeine Bezeichnungen unter Gelehrten im Gebrauch
sind die nicht immer bei Anderen bestimmte Einzelvorstellungen anregen wird
Niemand leugnen Und durch einiges Nachdenken wird man finden dass es nicht
notwendig ist dass selbst bei der strengsten Gedankenverknüpfung Namen die
etwas bedeuten und Ideen vertreten jedesmal so oft sie gebraucht werden in
dem Geiste eben dieselben Ideen erwecken zu deren Vertretung sie gebildet
worden sind da im Lesen und Sprechen Gemeinnamen größtenteils so gebraucht
werden wie Buchstaben in der Algebra wo obschon durch jeden Buchstaben eine
bestimmte Quantität bezeichnet wird es doch zum Zwecke des richtigen Fortgangs
der Rechnung nicht erforderlich ist dass bei einem jeden Schritt jeder
Buchstabe die bestimmte Quantität zu deren Vertretung er bestimmt war ins
Bewusstsein treten lasse
Zudem ist nicht wie gewöhnlich angenommen wird die Mittheilung von
Ideen welche durch Worte ausgedrückt werden der hauptsächliche und sogar
einzige Zweck der Sprache Es gibt andere Zwecke wie zB die Erregung irgend
einer Leidenschaft die Bewirkung des Entschlusses eine Handlung auszuführen
oder zu unterlassen die Versetzung des Gemüts in irgend einen bestimmten
Zustand Zwecke denen der erstgenannte in manchen Fällen völlig untergeordnet
ist ja derselbe kann ganz wegfallen wenn diese Zwecke sich ohne ihn erreichen
lassen wie dies denke ich nicht selten in dem gewöhnlichen Reden der Fall
ist Ich bitte den Leser selbst nachzudenken und zu beobachten ob es nicht
beim Hören oder Lesen einer Rede oft geschieht dass die Affekte der Furcht der
Liebe des Hasses der Bewunderung der Verachtung und ähnliche unmittelbar in
seinem Geiste entstehen sobald er gewisse Worte vernimmt ohne dass irgend
welche Ideen dazwischen treten Ursprünglich mögen in der Tat die Worte Ideen
angeregt haben die geeignet waren solche Gemütsbewegungen hervorzubringen
aber es lässt sich wenn ich nicht irre beobachten dass wenn uns einmal die
Sprache geläufig geworden ist das Hören der Töne das Sehen der Zeichen oft
unmittelbar die Affekte zur Folge hat die anfänglich nur durch Vermittlung der
Ideen hervorgerufen werden konnten welche nun völlig ausbleiben Können wir
zB nicht freudig affiziert werden durch das Versprechen eines guten Dings auch
ohne eine Vorstellung davon zu haben worin dieses bestelle Oder reicht nicht
schon die Bedrohung mit einer Gefahr zu Furcht zu erregen obschon wir nicht an
irgend ein einzelnes Übel denken das uns wahrscheinlich treffen werde und uns
auch nicht eine abstrakte Vorstellung bilden Ich glaube dass Jeder der auch
nur ein wenig eigenes Nachdenken mit dem Gesagten verbinden will gewiss die
Ansicht gewinnen wird dass Gemeinnamen oft als Bestandteile der Sprache
gebraucht werden ohne dass der Sprechende sie zu Zeichen solcher Ideen in
seinem eigenen Geiste bestimmt welche sie nach seiner Absicht in dem Geiste des
Hörers hervorrufen sollen Auch sogar Eigennamen scheinen nicht immer in der
Absicht ausgesprochen zu werden uns die Vorstellungen der Individuen ins
Bewusstsein zu rufen die wie man voraussetzt durch sie bezeichnet werden
Sagt mir zB ein Schulphilosoph »Aristoteles hat dies gesagt« so ist nach
meinem Verständnis alles was er damit beabsichtigt dies mich geneigt zu
machen seine Meinung mit der Ehrerbietung und Unterwürfigkeit anzunehmen
welche die Gewohnheit an jenen Namen geknüpft hat Diese Wirkung kann im Geiste
solcher die gewöhnt sind ihr Urteil dem Ansehen dieses Philosophen zu
unterwerfen so augenblicklich eintreten dass unmöglich irgend eine
Vorstellung seiner Person seiner Schriften seines Rufs vorausgegangen sein
kann Unzählige Beispiele dieser Art könnten aufgestellt werden aber warum
sollte ich bei Dingen verweilen die einem Jeden seine eigene Erfahrung ohne
Zweifel reichlich ins Bewusstsein ruft
Es ist von uns denke ich die Unmöglichkeit abstrakter Ideen erwiesen
worden Wir haben erwogen was von ihren geschicktesten Verteidigern gesagt
worden ist und wir haben zu zeigen gesucht dass sie von keinem Nutzen für die
Zwecke seien um deren willen man sie für erforderlich hält Wir haben
schließlich der Quelle nachgespürt woraus die Annahme derselben fließt und
diese in der Sprache gefunden Es kann nicht geleugnet werden dass Worte
trefflich dazu dienen den ganzen Vorrat von Kenntnissen der durch die
vereinten Bemühungen von Forschem aller Zeiten und Völker gewonnen worden ist
in den Gesichtskreis eines jeden Einzelnen zu ziehen und in seinen Besitz zu
bringen Zugleich aber muss anerkannt werden dass die meisten Theile des
Wissens erstaunlich verwirrt und verdunkelt worden sind durch den Missbrauch von
Worten und allgemeinen Redeweisen worin sie überliefert worden sind Weil
demgemäß Worte so leicht den Geist zu täuschen vermögen so werde ich welche
Ideen auch immer ich betrachte versuchen sie gleichsam bloß und nackt
anzuschauen indem ich aus meinem Denken so weit ich es vermag jene
Benennungen entferne welche eine lange und beständige Gewohnheit so eng mit
ihnen verknüpft hat und ich darf erwarten dass hieraus folgende Vorteile
herfließen werden
Zuerst darf ich gewiss sein von allen bloß verbalen Kontroversen
loszukommen das Emporwachsen dieses Unkrauts aber ist in fast allen
Wissenszweigen ein Haupthindernis des Gedeihens der Wahrheit und gesunden
Erkenntnis gewesen Zweitens scheint dies ein sicherer Weg zu sein mich jenem
feinen und zarten Netze abstrakter Ideen zu entziehen welches auf eine so
klägliche Weise den Geist der Menschen verwirrt und verstrickt hat und zwar in
der seltsamen Weise dass je schärfer und wissbegieriger der Verstand eines
Menschen war er desto leichter tief verstrickt und gefesselt werden konnte
Drittens so lange ich meine Betrachtung auf meine eigenen der Worte
entkleideten Ideen einschränke sehe ich nicht wie ich leicht in die Irre
geraten könnte Die Objekte meiner Betrachtung kenne ich klar und genau Ich
kann nicht die falsche Meinung hegen ich hatte eine Idee die ich nicht habe
Es ist mir nicht möglich mir einzubilden einige meiner eigenen Ideen seien
einander ähnlich oder unähnlich die dies nicht wirklich sind Die
Übereinstimmungen oder Verschiedenheiten zu unterscheiden die zwischen meinen
Ideen bestehen zu sehen welche Ideen in einer zusammengesetzten Idee enthalten
sind und welche nicht dazu ist nichts Weiteres erforderlich als eine
aufmerksame Wahrnehmung dessen was in meinem eigenen denkenden Geiste vorgeht
Aber die Erreichung aller dieser Vorteile hat zur Voraussetzung eine
völlige Befreiung von der Täuschung durch Worte und diese darf ich mir kaum
versprechen so schwer ist es eine Verbindung aufzulösen die so früh begonnen
hat und durch eine so lange Gewöhnung fest geworden ist wie die welche
zwischen Ideen und Worten besteht Diese Schwierigkeit scheint durch die Lehre
von der Abstraktion um sehr vieles vermehrt worden zu sein Denn es dürfte nicht
befremdlich sein dass man so lange man dafür hielt abstrakte Ideen seien an
die Worte geknüpft Worte statt der Ideen gebrauchte da es unausführbar
gefunden wurde das Wort bei Seite zu setzen und abstrakte Ideen im Geiste zu
behalten die an sich selbst durchaus undenkbar waren Dies scheint mir die
Hauptursache zu sein warum die Männer welche so nachdrücklich Anderen
empfohlen haben allen Gebrauch von Worten in ihrem Nachsinnen bei Seite zu
setzen und ihre bloßen Ideen zu betrachten doch bei dem Versuch dies selbst
zu leisten gescheitert sind Neuerdings sind von Manchen die absurden Meinungen
und sinnlosen Streitverhandlungen welche aus dem Missbrauch der Worte
erwachsen wohl bemerkt worden und sie geben den guten Rath um diese Übel zu
vermeiden solle man auf die bezeichneten Ideen achten und seine Aufmerksamkeit
von den Worten ablenken welche dieselben bezeichnen Wie trefflich aber auch
dieser Rath sein mag den sie Anderen erteilt haben so ist doch klar dass sie
selbst ihn nicht genügend befolgen konnten so lange sie dafür hielten die
Worte dienten unmittelbar nur zur Ideenbezeichnung und die unmittelbare
Bedeutung eines jeden Gemeinnamens sei eine bestimmte abstrakte Idee
Nachdem aber diese Meinungen als Irrtümer erkannt sind so kann man
leichter sich davor hüten durch Worte getäuscht zu werden Wer weiß dass er
keine anderen Ideen als Einzelideen besitzt wird sich nicht vergeblich bemühen
die an irgend einen Namen geknüpfte abstrakte Idee herauszufinden und zu denken
Wer weiß dass Namen nicht immer Ideen vertreten wird sich die Mühe ersparen
nach Ideen zu suchen wo keine gewesen sind Es wäre demgemäß zu wünschen dass
ein Jeder so sehr als möglich sich bemühte eine klare Einsicht in die Ideen zu
gewinnen die er betrachten will indem er von denselben alle die Bekleidung und
allen den beschwerenden Anhang von Worten abtrennt der so sehr dazu beiträgt
das Urteil zu trüben und die Aufmerksamkeit zu teilen Vergeblich erweitern
wir unsern Blick in die himmlischen Räume und erspähen das Innere der Erde
vergeblich ziehen wir die Schriften gelehrter Männer zu Rat und verfolgen die
dunkeln Spuren des Altertums wir sollten nur den Vorhang von Worten wegziehen
um klar und rein den Erkenntnisbaum zu erblicken dessen Frucht vortrefflich
und unserer Hand erreichbar ist
Wenn wir nicht Sorge tragen die ersten Prinzipien der Erkenntnis rein
als solche zu denken abgelöst von der Verwirrung und Täuschung die sich an
Worte knüpft so mögen wir endlose Betrachtungen über sie ohne irgend einen
Erfolg anstellen wir mögen Konsequenzen aus Konsequenzen ziehen und werden doch
niemals weiser werden Je weiter wir gehen um so unrettbarer werden wir in
Schwierigkeiten und Irrtümer uns verlieren um so tiefer in diese uns
verwickeln Ich bitte demgemäß einen Jeden der die folgenden Bogen zu lesen
gedenkt meine Worte sich als Anlass zu eigenem Denken dienen zu lassen und zu
versuchen beim Lesen den nämlichen Gedankengang zu bilden welcher der meinige
beim Schreiben war Hierdurch wird es ihm leicht werden die Wahrheit oder
Unwahrheit dessen was ich sage zu entdecken Er wird ganz außer Gefahr sein
durch meine Worte getäuscht zu werden und ich sehe nicht wie er zu einem
Irrtum verleitet werden könne wenn er seine eigenen nackten der entstellenden
Hülle entledigten Ideen betrachtet
Jedem der einen Blick auf die Gegenstände der menschlichen Erkenntnis
wirft leuchtet ein dass dieselben teils den Sinnen gegenwärtig eingeprägte
Ideen sind teils Ideen welche durch ein Aufmerken auf das was die Seele
leidet und tut gewonnen werden teils endlich Ideen welche mittelst des
Gedächtnisses und der Einbildungskraft durch Zusammensetzung Teilung oder
einfache Vergegenwärtigung der ursprünglich in einer der beiden vorhin
angegebenen Weisen empfangenen Ideen gebildet werden Durch den Gesichtssinn
erhalte ich die Licht und FarbenIdeen in ihren verschiedenen Abstufungen und
qualitativen Modifikationen durch den Tastsinn perzipiere ich zB Härte und
Weichheit Hitze und Kälte Bewegung und Widerstand und von diesem allem mehr
oder weniger hinsichtlich der Quantität oder des Grades Der Geruchssinn
verschafft mir Gerüche der Geschmackssinn Geschmacksempfindungen der Sinn des
Gehörs führt dem Geiste Schallempfindungen zu in ihrer ganzen Mannigfaltigkeit
nach Ton und Zusammensetzung Da nun beobachtet wird dass einige von diesen
Empfindungen einander begleiten so geschieht es dass sie mit Einem Namen
bezeichnet und in Folge hiervon als Ein Ding betrachtet werden Ist zB
beobachtet worden dass eine gewisse Farbe Geschmacksempfindung
Geruchsempfindung Gestalt und Festigkeit vereint auftreten so werden sie für
Ein bestimmtes Ding gehalten welches durch den Namen Apfel bezeichnet wird
Andere Gruppen von Ideen bilden einen Stein einen Baum ein Buch und ähnliche
sinnliche Dinge die je nachdem sie gefallen oder missfallen die Gefühle des
Hasses der Freude des Kummers usw hervorrufen
Aber neben all dieser endlosen Mannigfaltigkeit von Ideen oder
Erkenntnisobjekten existiert ebensowohl auch etwas das sie erkennt oder
perzipiert und verschiedene Tätigkeiten wie wollen sich vorstellen sich
wiedererinnern an den Ideen ausübt Dieses perzipierende tätige Wesen ist
dasjenige was ich Gemüt Geist Seele oder mich selbst nenne Durch diese
Worte bezeichne ich nicht irgend eine meiner Ideen sondern ein von ihnen allen
ganz verschiedenes Ding worin sie existieren oder was das Nämliche besagt
wodurch sie perzipiert werden denn die Existenz einer Idee besteht im
Percipiertwerden
Dass weder unsere Gedanken noch unsere Gefühle noch unsere
Einbildungsvorstellungen außerhalb des Geistes existieren wird ein Jeder
zugeben Es scheint aber nicht weniger evident zu sein dass die verschiedenen
Sinnesempfindungen oder den Sinnen eingeprägten Ideen wie auch immer dieselben
mit einander vermischt oder verbunden sein mögen dh was für Objekte auch
immer sie bilden mögen nicht anders existieren können als in einem Geiste der
sie perzipiert Dies kann glaube ich von einem Jeden anschaulich erkannt
werden der darauf achten will was unter dem Ausdruck existieren bei dessen
Anwendung auf sinnliche Dinge zu verstehen ist Sage ich der Tisch an dem ich
schreibe existiert so heißt das ich sehe und fühle ihn wäre ich außerhalb
meiner Studierstube so könnte ich die Existenz desselben in dem Sinne aussagen
dass ich wenn ich in meiner Studierstube wäre denselben perzipieren könnte oder
dass irgend ein anderer Geist denselben gegenwärtig perzipiere Es war da ein
Geruch heißt derselbe ward wahrgenommen ein Ton fand statt heißt derselbe
ward gehört eine Farbe oder Gestalt sie ward durch den Gesichtssinn oder durch
den Tastsinn perzipiert Dies ist der einzige verständliche Sinn dieser und aller
ähnlichen Ausdrücke Denn was von einer absoluten Existenz undenkender Dinge
ohne irgend eine Beziehung auf ihr Percipiertwerden gesagt zu werden pflegt
scheint durchaus unverständlich zu sein Das Sein esse solcher Dinge ist
Percipiertwerden percipi Es ist nicht möglich dass sie irgend eine Existenz
außerhalb der Geister oder denkenden Wesen haben von welchen sie perzipiert
werden
Es besteht in der Tat eine auffallend verbreitete Meinung dass Häuser
Berge Flüsse mit Einem Wort alle sinnlichen Objekte eine natürliche oder
reale Existenz haben welche von ihrem Percipiertwerden durch den denkenden Geist
verschieden sei Mit wie großer Zuversicht und mit wie allgemeiner Zustimmung
aber auch immer dieses Prinzip behauptet werden mag so wird doch wenn ich
nicht irre ein Jeder der den Muth hat es in Zweifel zu ziehen finden dass
dasselbe einen offenbaren Widerspruch involviert Denn was sind die vorhin
erwähnten Objekte anderes als die sinnlich von uns wahrgenommenen Dinge und was
perzipieren wir anderes als unsere eigenen Ideen oder Sinnesempfindungen und ist
es nicht ein vollkommener Widerspruch dass irgend eine solche oder irgend eine
Verbindung derselben unwahrgenommen existiere
Wenn wir diese Annahme gründlich prüfen so wird sich vielleicht
herausstellen dass sie sich schließlich auf die Lehre von den abstrakten Ideen
zurückführen lässt Denn kann wohl die Abstraktion auf eine größere Höhe
getrieben werden als bis zur Unterscheidung der Existenz sinnlicher Dinge von
ihrem Percipiertwerden so dass man sich vorstellt sie existierten unperzipiert
Licht und Farben Hitze und Kälte Ausdehnung und Figuren mit Einem Wort die
Dinge welche wir sehen und fühlen was sind sie anderes als verschiedenartige
Sinnesempfindungen Vorstellungen Ideen oder Eindrücke auf die Sinne und ist
es möglich auch nur in Gedanken irgend eine derselben vom Percipiertwerden zu
trennen Ich für meine Person könnte ebenso leicht ein Ding von sich selbst
abtrennen Ich kann in der Tat vermöge meines Denkens solche Dinge von einander
abtrennen oder gesondert auffassen die ich vielleicht niemals durch die Sinne
in solcher Trennung perzipiert habe So stelle ich den Rumpf eines menschlichen
Körpers ohne die Glieder vor oder den Geruch einer Rose ohne an die Rose selbst
zu denken Insoweit das leugne ich nicht vermag ich zu abstrahieren wenn
anders der Ausdruck Abstraktion hier noch im eigentlichen Sinne gilt wo es sich
nur darum handelt solche Objekte gesondert zu denken welche in der Tat von
einander getrennt existieren oder wirklich eins ohne das andere perzipiert werden
können aber meine Fähigkeit zu denken oder vorzustellen erstreckt sich nicht
weiter als die Möglichkeit einer realen Existenz oder Perzeption So unmöglich
es mir ist ein Ding ohne eine wirkliche Wahrnehmung desselben zu sehen oder zu
fühlen eben so unmöglich ist es mir hiernach irgend ein sinnlich wahrnehmbares
Ding oder Objekt gesondert von der sinnlichen Wahrnehmung oder Perzeption
desselben zu denken
Einige Wahrheiten liegen so nahe und sind so einleuchtend dass man nur
die Augen des Geistes zu öffnen braucht um sie zu erkennen Zu diesen rechne
ich die wichtige Wahrheit dass der ganze himmlische Chor und die Fülle der
irdischen Objekte mit Einem Wort alle die Dinge die das große Weltgebäude
ausmachen keine Subsistenz außerhalb des Geistes haben dass ihr Sein ihr
Percipiertwerden oder Erkanntwerden ist dass sie also so lange sie nicht
wirklich durch mich erkannt sind oder in meinem Geiste oder in dem Geiste irgend
eines anderen geschaffenen Wesens existieren entweder überhaupt keine Existenz
haben oder in dem Geiste eines ewigen Wesens existieren müssen da es etwas
völlig Undenkbares ist und alle Verkehrtheit der Abstraktion in sich schließt
wenn irgend einem Theile derselben eine von dem Geiste unabhängige Existenz
zugeschrieben wird Um sich hiervon zu überzeugen braucht der Leser nur durch
eigenes Nachdenken den Versuch zu machen in Gedanken das Sein eines sinnlich
wahrnehmbaren Dinges von dessen Percipiertwerden zu trennen
Aus dem Gesagten folgt dass es keine andere Substanz gibt als den
Geist oder das was perzipiert Zum vollständigeren Erweis dieses Satzes aber
werde in Erwägung gezogen dass die sinnlichen Qualitäten Farbe Figur
Bewegung Geruch Geschmack und ähnliche sind dh die durch die Sinne
perzipierten Ideen Nun ist es ein offenbarer Widerspruch dass eine Idee in
einem nicht perzipierenden Dinge existiere denn eine Idee haben ist ganz
dasselbe was perzipieren ist dasjenige also worin Farbe Figur und die
ähnlichen Qualitäten existieren muss sie perzipieren hieraus ist klar dass es
keine nicht denkende Substanz oder kein nicht denkendes Substrat dieser Dinge
geben kann
Aber sagt ihr obschon die Ideen selbst nicht außerhalb des Geistes
existieren so kann es doch ihnen ähnliche Dinge deren Kopien oder Ebenbilder
sie sind geben und diese Dinge existieren außerhalb des Geistes in einer nicht
denkenden Substanz Ich antworte eine Idee kann nur einer Idee ähnlich sein
eine Farbe oder Figur nur einer anderen Farbe oder Figur Wenn wir auch noch so
wenig auf unsere Gedanken achten so werden wir es unmöglich finden eine andere
Ähnlichkeit als zwischen unseren Ideen zu begreifen Außerdem frage ich ob
diese vorausgesetzten Originale oder Äußeren Dinge deren Abbilder oder
Darstellungen unsere Ideen seien selbst percipierbar seien oder nicht Sind sie
es dann sind sie Ideen und wir haben erreicht was wir wollten sagt ihr
dagegen sie seien es nicht so gebe ich jedem Beliebigen die Entscheidung
anheim ob es einen Sinn habe zu behaupten eine Farbe sei ähnlich etwas
Unsichtbarem Härte oder Weichheit ähnlich etwas Untastbarem usw
Einige machen einen Unterschied zwischen primären und sekundären
Qualitäten unter den ersteren verstehen sie Ausdehnung Figur Bewegung Ruhe
Solidität oder Undurchdringlichkeit und Zahl durch den letzteren Ausdruck aber
bezeichnen sie alle anderen sinnlichen Qualitäten wie zB Farben Töne
Geschmacksempfindungen u so fort Sie erkennen an dass die Ideen welche wir
von diesen Qualitäten haben nicht die Ebenbilder von irgend etwas seien das
außerhalb des Geistes oder unperzipiert existiere sie behaupten aber unsere
Ideen der primären Qualitäten seien Abdrücke oder Bilder von Dingen die
außerhalb des Geistes existieren in einer nicht denkenden Substanz welche sie
Materie nennen Unter Materie haben wir demgemäß eine träge empfindungslose
Substanz zu verstehen in welcher Ausdehnung Figur und Bewegung wirklich
existieren Aber es geht aus dem schon Gesagten deutlich hervor dass Ausdehnung
Figur und Bewegung nur Ideen sind die in dem Geiste existieren und dass eine
Idee nur einer Idee ähnlich sein kann und dass demgemäß weder sie selbst noch
auch ihre Urbilder in einer nicht perzipierenden Substanz existieren können
Hieraus ist offenbar dass eben der Begriff von dem was Materie oder
körperliche Substanz genannt wird einen Widerspruch in sich schließt
Diejenigen welche behaupten dass Figur Bewegung und die übrigen
primären oder ursprünglichen Qualitäten außerhalb des Geistes in undenkenden
Substanzen existieren erkennen gleichzeitig an dass von Farben Tönen Hitze
Kälte und derartigen sekundären Qualitäten nicht das Nämliche gelte sie
behaupten die letzteren seien Sinnesempfindungen die nur im Geiste existieren
und dieselben seien abhängig oder werden veranlasst von der verschiedenen
Größe Struktur und Bewegung der kleinen Theile der Materie Sie halten dies
für eine unzweifelhafte Wahrheit für die sie Beweise die keine Widerrede
zulassen zu führen vermögen Wenn es nun aber gewiss ist dass diese
»ursprünglichen Qualitäten« untrennbar mit den anderen sinnlichen Qualitäten
vereinigt sind und sogar nicht in Gedanken von ihnen abgesondert werden können
so folgt offenbar dass sie nur in dem Geiste existieren Ich bitte aber einen
Jeden nachzudenken und zu erproben ob er irgendwie durch eine
Vorstellungszerlegung die Ausdehnung und Bewegung eines Körpers ohne alle
anderen sinnlichen Qualitäten denken könne Ich für meine Person sehe deutlich
dass es nicht in meiner Macht steht eine Idee eines ausgedehnten und bewegten
Körpers zu bilden ohne ihm zugleich eine Farbe oder andere sinnliche Qualität
zuzuschreiben welche anerkanntermaßen nur in dem Geiste existiert Kurz
Ausdehnung Figur und Bewegung sind undenkbar wenn sie von allen anderen
Eigenschaften durch Abstraktion gesondert werden Wo also die anderen sinnlichen
Eigenschaften sind da müssen sie auch sein dh in dem Geiste und nirgendwo
anders
Ferner sind anerkanntermaßen Größe und Kleinheit Raschheit und
Langsamkeit nur in unserem Geiste da sie völlig relativ sind und sich ändern
wie die Gestalt oder Lage der Sinnesorgane sich ändert Die Ausdehnung
demgemäß welche außerhalb des Geistes existiert ist weder groß noch klein
die Bewegung weder rasch noch langsam dh diese Ausdehnung und diese Bewegung
sind überhaupt nichts Aber sagt ihr sie sind Ausdehnung im Allgemeinen und
Bewegung im Allgemeinen So zeigt sich wie sehr die Annahme dass es
ausgedehnte bewegbare Substanzen außerhalb des Geistes gebe von jener
seltsamen Lehre der abstrakten Ideen abhängt Und bei dieser Gelegenheit kann
ich nicht umhin zu bemerken wie sehr die vage und unbestimmte Vorstellung einer
Materie oder körperlichen Substanz wozu die neueren Philosophen durch ihre
eigenen Voraussetzungen gedrängt werden jenem antiquierten und so viel
verlachten Begriff einer materia prima gleicht der bei Aristoteles und seinen
Anhängern gefunden wird Ohne Ausdehnung kann Solidität nicht gedacht werden
Ist demnach gezeigt worden dass Ausdehnung nicht in einer nicht denkenden
Substanz existiert so muss das Gleiche von der Solidität wahr sein
Dass die Zahl durchaus ein Produkt des Geistes sei auch wenn zugegeben
würde dass die anderen Qualitäten außerhalb des Geistes existieren wird einem
Jeden einleuchten der bedenkt dass das nämliche Ding eine verschiedene
Zahlbezeichnung erhält wenn der Geist es in verschiedenen Beziehungen
betrachtet So ist zB die nämliche Ausdehnung 1 oder 3 oder 36 je nachdem der
Geist sie im Verhältnis zu einer Elle einer engl Elle von 3 Fuß oder zu
einem Fuß oder zu einem Zoll betrachtet Die Zahl ist so augenscheinlich
relativ und von dem menschlichen Verstande abhängig dass es kaum zu denken ist
dass irgend Jemand ihr eine absolute Existenz außerhalb des Geistes zuschreiben
könne Wir sagen Ein Buch Eine Seite Eine Linie diese alle sind gleich sehr
Einheiten obschon einige derselben mehrere der anderen enthalten Und in jedem
Betracht ist es klar dass die Einheit sich auf eine besondere Kombination von
Ideen bezieht welche der Geist willkürlich zusammenstellt
Ich weiß dass Einige dafür halten die Einheit sei eine einfache
oder unzusammengesetzte Idee die alle anderen Ideen in unserem Geiste begleite
Ich finde nicht dass ich irgend eine solche Idee habe die dem Worte Einheit
entspräche und ich denke doch dass es wenn ich sie hätte nicht fehlen
könnte dass ich sie fände es müsste vielmehr mein Geist mit ihr am
allervertrautesten sein da sie ja wie behauptet wird alle anderen Ideen
begleiten und durch alle Weisen der sinnlichen und inneren Wahrnehmung perzipiert
werden soll Um Alles mit Einem Male zu sagen sie ist eine abstrakte Idee
Ich füge hinzu dass in derselben Weise wie neuere Philosophen
beweisen dass gewisse sinnliche Eigenschaften keine Existenz in der Materie
oder außerhalb des Geistes haben das Gleiche auch von allen anderen sinnlichen
Eigenschaften bewiesen werden kann So wird zB gesagt dass Hitze und Kälte
nur psychische Affektionen seien und durchaus nicht Abdrücke von wirklichen in
den körperlichen Substanzen durch welche sie angeregt werden existierenden
Wesen denn der nämliche Körper welcher einer Hand als warm erscheine
erscheine einer anderen als kalt Warum sollen wir nun nicht ebensowohl
Schließen dass Figur und Ausdehnung nicht Abdrücke oder Ähnlichkeiten von in
der Materie existierenden Eigenschaften seien da sie dem nämlichen Auge von
verschiedenen Punkten aus oder von dem nämlichen Punkte aus Augen von
verschiedener Struktur verschieden erscheinen und daher nicht Bilder von etwas
außerhalb des Geistes unwandelbar Bestimmtem sein können Ferner wird bewiesen
dass Süßigkeit nicht wirklich in dem wohlschmeckendes Dinge sei weil ohne
Veränderung dieses Dinges die Süßigkeit sich in Bitterkeit umwandelt zB beim
Fieber oder einer anderweitigen Alteration des Gaumens Ist es nicht ebenso
vernunftgemäß zu sagen dass Bewegung nicht außerhalb des Geistes stattfinde
da wenn die Aufeinanderfolge von Vorstellungen in dem Geiste rascher wird die
Bewegung anerkanntermaßen ohne dass irgend eine Veränderung in irgend einem
realen Objekt stattgefunden hat langsamer zu sein scheinen wird
Kurz wenn Jemand jene Argumente recht erwägt von denen man glaubt
dass sie deutlich erweisen dass Farben und Geschmacksempfindungen bloß in dem
Geiste existieren so wird er finden dass sie mit gleicher Kraft das Nämliche
von der Ausdehnung Figur und Bewegung darzutun vermögen Doch muss zugegeben
werden dass diese Argumentationsweise nicht sowohl beweist dass es keine
Ausdehnung oder Farbe in einem Äußeren Objekte gebe als vielmehr nur dass wir
nicht durch die Sinne erkennen welches die wahre Ausdehnung oder Farbe des
Objektes sei Aber die vorhergehenden Argumente zeigen deutlich die
Unmöglichkeit dass überhaupt irgend eine Farbe oder Ausdehnung oder sinnlich
wahrnehmbare Eigenschaft irgend welcher Art in einem nicht denkenden Substrat
außerhalb des Geistes existiere oder vielmehr die Unmöglichkeit dass es irgend
etwas Derartiges wie ein Äußeres Objekt gebe
Prüfen wir jedoch noch ein wenig die herrschende Ansicht Man sagt
Ausdehnung sei ein Modus oder ein Accidens der Materie und diese sei das
Substrat welches jene trage Nun möchte ich gern dass mir erklärt würde was
unter dem der Materie zugeschriebenen Tragen der Ausdehnung zu verstehen sei
Sagt ihr ich habe keine Idee von der Materie und kann dies daher nicht
erklären so antworte ich mögt ihr auch keine positive Idee der Materie haben
so darf doch zum mindesten eine negative euch nicht fehlen wenn ihr überhaupt
irgend einen Sinn mit dem Worte verknüpft obschon ihr nicht wisst was sie ist
so muss doch vorausgesetzt werden dürfen dass ihr wisst in welcher Beziehung
sie zu ihren Accidentien stehe und was unter ihrem Tragen derselben zu verstehen
sei Offenbar kann das Wort »tragen« hier nicht in seinem gewöhnlichen oder
buchstäblichen Sinne genommen werden wie wenn wir sagen dass Säulen ein
Gebäude tragen in welchem Sinne ist es denn nun zu verstehen
Prüfen wir das was die sorgfältigsten Philosophen selbst unter dem
Ausdruck »materielle Substanz« zu verstehen erklären so finden wir dass sie
bekennen keinen anderen Sinn mit diesen Lauten zu verknüpfen als die Idee
eines Wesens eines Etwas eines Seienden being überhaupt zusammen mit dem
relativen Begriff seines Tragens von Accidentien Mir scheint die allgemeine
Idee eines Wesens abstrakter und unbegreiflicher als alle anderen zu sein und
was das Tragen von Accidentien betrifft so kann dies wie vorhin bemerkt worden
ist nicht in dem gewöhnlichen Wortsinn verstanden muss also in einem anderen
Sinne genommen werden der unerklärt bleibt Demgemäß gelange ich wenn ich die
beiden Theile oder Seiten der Bedeutung der Worte »materielle Substanz«
betrachte zu der Überzeugung dass damit gar kein bestimmter Sinn verbunden
ist Doch warum sollen wir uns noch weiter bemühen mit der Erörterung dieses
materiellen Substrats oder Trägers von Figur Bewegung und anderen sinnlichen
Qualitäten Setzt dasselbe nicht voraus dass diese eine Existenz außerhalb des
Geistes haben Und ist dies nicht ein direkter Widerspruch und durchaus
unbegreiflich
Wäre es aber auch möglich dass feste gestaltete bewegliche
Substanzen die den Ideen welche wir von Körpern haben entsprächen außerhalb
des Geistes existierten wie sollte es uns möglich sein dies zu wissen Entweder
müssten wir es durch die Sinne oder durch ein Denken erkennen Durch unsere
Sinne aber haben wir nur die Kenntnis unserer Sinnesempfindungen Ideen oder
jener Dinge die man benenne sie wie man wolle unmittelbar sinnlich
wahrgenommen werden aber die Sinne lehren uns nicht dass Dinge außerhalb des
Geistes oder unperzipiert existieren die denjenigen gleichen welche perzipiert
werden Dies erkennen die Materialisten selbst an Es bleibt also nur übrig
dass wir wenn wir überhaupt irgend ein Wissen von Äußeren Objekten besitzen
dieses durch ein Denken erlangt haben indem wir die Existenz derselben aus dem
was unmittelbar sinnlich perzipiert ist erschließen Welcher Schluss aber kann
uns bestimmen auf Grund dessen was wir perzipieren die Existenz von Körpern
außerhalb des Geistes anzunehmen da doch gerade die Vertreter der Lehre von
der Materie selbst nicht behaupten dass irgend eine notwendige Verbindung
zwischen denselben und unseren Ideen bestehe Es wird ja allseitig zugegeben
und was in Träumen im Wahnsinn und ähnlichen Zuständen geschieht setzt es
außer Zweifel dass es möglich sei dass wir mit allen den Ideen die wir
jetzt haben ausgestattet seien wenngleich keine Körper außer uns existierten
die ihnen glichen Also leuchtet ein dass die Annahme der Existenz äußerer
Körper zur Erklärung unserer Ideenbildung nicht erforderlich ist da zugegeben
wird dass Ideen in der nämlichen Ordnung in welcher wir sie gegenwärtig
vorfinden ohne Mitwirkung derselben zuweilen wirklich hervorgebracht werden und
möglicherweise immer hervorgebracht werden können
Jedoch wenn wir auch möglicherweise zu allen unseren sinnlichen
Wahrnehmungen ohne äußere Objekte gelangen so könnte man es doch vielleicht
für leichter halten ihre Entstehungsweise durch die Voraussetzung von Äußeren
Körpern die ihnen ähnlich seien als auf andere Weise zu erklären und so würde
es denn wenigstens für wahrscheinlich gelten dürfen dass solche Dinge wie
Körper existieren die ihre Ideen in unseren Seelen anregen Aber auch dies kann
nicht gesagt werden denn geben wir auch den Materialisten ihre Äußeren Körper
zu so wissen sie nach ihrem eigenen Bekenntnis doch noch ebenso wenig wie
unsere Ideen hervorgebracht werden da sie sich selbst für unfähig erklären zu
begreifen in welcher Art ein Körper auf einen Geist einwirken könne oder wie
es möglich sei dass eine Idee dem Geiste eingeprägt werde Hiernach leuchtet
ein dass die Produktion von Ideen oder Sinneswahrnehmungen in unserem Geiste
kein Grund sein kann Materie oder körperliche Substanzen vorauszusetzen da
anerkannt wird dass diese Produktion unter jener Voraussetzung und ohne
dieselbe gleich unerklärlich bleibt Also selbst dann wenn es möglich wäre
dass Körper außerhalb des Geistes existierten müsste doch die Annahme dass
solche wirklich existieren eine sehr unsichere Meinung sein da dies
voraussetzen hieße Gott habe unzählige Dinge geschaffen die durchaus nutzlos
seien und in keiner Art zu irgend welchem Zwecke dienen
Kurz gäbe es äußere Körper so konnten wir unmöglich zur Kenntnis
derselben gelangen und gäbe es keine so möchten wir doch die gleichen Gründe
wie jetzt für die Existenz derselben haben Macht die Voraussetzung deren
Möglichkeit Niemand leugnen kann eine Intelligenz habe ohne Mitwirkung äußerer
Körper die nämliche Reihe von Sinneswahrnehmungen oder Ideen die ihr habt und
zwar sei dieselbe in der nämlichen Ordnung und mit gleicher Lebhaftigkeit dem
Geiste eingeprägt Ich frage ob diese Intelligenz nicht ganz eben den Grund
habe die Existenz körperlicher Substanzen die durch seine Ideen repräsentiert
würden und dieselben in ihr anregten anzunehmen den ihr möglicherweise haben
könnt das Nämliche anzunehmen Dies kann gar nicht zweifelhaft sein und diese
Eine Betrachtung genügt schon jedem vernünftig Erwägenden die Kraft der
Argumente von welcher Art auch dieselben sein mögen verdächtig zu machen die
er für die Annahme dass Körper außerhalb des Geistes existieren vielleicht zu
haben glaubt
Wäre es erforderlich irgend welchen ferneren Beweis gegen die Existenz
einer Materie dem schon Gesagten noch beizufügen so könnte ich einige von jenen
Irrtümern und Schwierigkeiten um nicht zu sagen Gottlosigkeiten anführen
welche aus jener Annahme hergeflossen sind Dieselbe hat zahllose Streitfragen
und Disputationen in der Philosophie und nicht wenige von weit größerer
Bedeutung in der Religion hervorgerufen Aber ich werde hier nicht speziell
darauf eingehen teils weil ich dafür halte dass es keiner aus den
Konsequenzen a posteriori entnommenen Argumente zur Bestätigung dessen
bedürfe was wenn ich nicht irre zureichend aus den Realgründen a priori
erwiesen worden ist teils darum weil ich hernach noch Gelegenheit finden
werde einiges darüber zu sagen
Ich fürchte dass ich Anlass gegeben habe zu glauben ich sei
unnötigerweise weitläufig bei der Behandlung dieses Gegenstandes gewesen Denn
wozu dient es ausführlich zu sein über das was mit der größten Deutlichkeit in
einem oder zwei Sätzen einem Jeden erwiesen werden kann der auch nur des
geringsten Nachdenkens fällig ist Ihr braucht bloß eure eigenen Gedanken zu
betrachten und so zu erproben ob ihr für möglich halten könnt dass ein Ton
eine Figur eine Bewegung oder eine Farbe außerhalb des Geistes oder
unperzipiert existiere Dieser leichte Versuch lässt euch erkennen dass eure
Behauptung ein völliger Widerspruch ist so sehr dass ich damit einverstanden
bin die Entscheidung der ganzen Frage von dem Ergebnis abhängig zu machen
Falls ihr es auch nur als möglich denken könnt dass eine ausgedehnte bewegliche
Substanz oder im Allgemeinen irgend eine Idee oder etwas einer Idee Ähnliches
in einer anderen Weise existiere als in einem sie perzipierenden Geiste so werde
ich willig meinen Satz aufgeben und euch die Existenz des ganzen Gefüges
äußerer Körper die ihr behauptet zugestehen obschon ihr mir keinen Grund
angeben könnt warum ihr glaubt dass es existiere und keinen Zweck dem es
diene wenn vorausgesetzt wird dass es existiere Ich sage die bloße
Möglichkeit dass eure Meinung wahr sei soll für ein Argument gelten dass sie
in der Tat wahr sei
Aber es ist doch sagt ihr gewiss nichts leichter als sich
vorzustellen dass zB Bäume in einem Parke oder Bücher in einem Kabinett
existieren ohne dass Jemand sie wahrnimmt Ich antworte es ist freilich nicht
schwer dies vorzustellen aber was ich bitte euch heißt dies alles anders
als in eurem Geiste gewisse Ideen bilden die ihr Bücher und Bäume nennt und
gleichzeitig unterlassen die Idee von Jemandem der dieselben perzipiere zu
bilden Aber perzipiert oder denkt ihr selbst denn nicht unterdess eben diese
Objekte Dies führt also nicht zum Ziel es zeigt nur dass ihr die Macht habt
zu erdenken oder Vorstellungen in eurem Geiste zu bilden aber es zeigt nicht
dass ihr es als möglich begreifen könnt dass die Objekte eures Denkens
außerhalb des Geistes existieren um dies zu erweisen müsstet ihr vorstellen
dass sie existieren ohne dass sie vorgestellt werden oder an sie gedacht werde
was ein offenbarer Widerspruch ist Wenn wir das Äußerste versuchen um die
Existenz äußerer Körper zu denken so betrachten wir doch immer nur unsere
eigenen Ideen Indem aber der Geist von sich selbst dabei keine Notiz nimmt so
täuscht er sich mit der Vorstellung er könne Körper denken und denke Körper
die ungedacht von dem Geiste oder außerhalb des Geistes existieren obschon sie
doch zugleich auch von ihm vorgestellt werden oder in ihm existieren Ein wenig
Aufmerksamkeit wird einem Jeden die Wahrheit und Evidenz dessen was hier gesagt
worden ist zeigen und es überflüssig machen andere Beweise gegen die Existenz
einer materiellen Substanz aufzustellen
Es ist schon bei der geringsten Prüfung unserer eigenen Gedanken sehr
leicht zu wissen ob es uns möglich sei zu verstehen was gemeint sei mit der
absoluten Existenz sinnlich wahrnehmbarer Objekte an sich oder außerhalb des
Geistes Mir ist offenbar dass diese Worte entweder einen direkten Widerspruch
oder andernfalls überhaupt nichts bedeuten Um hiervon auch Andere zu
überzeugen weiß ich keinen leichteren und geraderen Weg einzuschlagen als
den dass ich sie bitte ruhig auf ihre eigenen Gedanken zu achten und wenn
hierdurch die Sinnlosigkeit dieser Ausdrücke oder der Widerspruch in denselben
zu Tage tritt so ist gewiss nichts Weiteres zu ihrer Überzeugung erforderlich
Hierauf also lege ich Gewicht dass die Worte »absolute Existenz undenkender
Dinge« ohne Sinn oder mit einem Widersprach behaftet seien Dies wiederhole und
betone ich und empfehle es ernstlich dem aufmerksamen Nachdenken des Lesers
Alle unsere Ideen Sinneswahrnehmungen oder die Dinge die wir
perzipieren durch welche Namen auch immer dieselben bezeichnet werden mögen
sind augenscheinlich ohne Aktivität es ist in ihnen nichts von Kraft oder
Tätigkeit enthalten so dass eine Idee oder ein Denkobjekt nicht irgend eine
Veränderung in einem anderen hervorbringen oder bewirken kann Um uns von der
Wahrheit dieses Satzes zu überzeugen brauchen wir nur unsere Ideen zu
beobachten Denn da sie und ein jeder ihrer Bestandteile nur In dem Geiste
existieren so folgt dass nichts in ihnen ist als was perzipiert wird Ein
Jeglicher der auf seine vermittelst der Sinne oder vermittelst der auf
Seelenvorgänge gerichteten Reflexion hervorgebrachten Ideen achtet wird in
denselben keine Kraft oder Tätigkeit wahrnehmen es ist demgemäß nichts
Derartiges in ihnen enthalten Ein wenig Aufmerksamkeit wird uns zeigen dass
das Sein einer Idee die Passivität oder Inaktivität so durchaus involviert dass
es unmöglich ist dass eine Idee etwas tue oder um den genauen Ausdruck zu
gebrauchen die Ursache von irgend Etwas sei auch kann sie nicht das Abbild
oder der Abdruck von irgend einem aktiven Dinge sein wie aus Sektion VIII
hervorgeht Hieraus folgt offenbar dass Ausdehnung Figur und Bewegung nicht
die Ursache unserer Sinnesempfindungen sein können Wenn man sagt dass diese
die Wirkungen von Kräften seien die aus der Gestalt Zahl Bewegung und Größe
von kleinsten Körperteilen hervorgehen so muss dies hiernach gewiss falsch
sein
Wir perzipieren eine beständige Folge von Ideen einige derselben
werden von Neuem hervorgerufen andere werden verändert oder verschwinden ganz
Es gibt demnach eine Ursache dieser Ideen wovon sie abhängen und durch die sie
hervorgebracht und verändert werden Dass diese Ursache keine Eigenschaft oder
Idee oder Verbindung von Ideen sein kann ist klar aus der vorigen Sektion
Dieselbe muss also eine Substanz sein es ist aber gezeigt worden dass es nicht
eine körperliche oder materielle Substanz gibt es bleibt also nur übrig dass
die Ursache der Ideen eine unkörperliche tätige Substanz oder ein Geist ist
Ein Geist ist ein einfaches unteilbares tätiges Wesen welches
sofern es Ideen perzipiert Verstand und sofern es sie hervorbringt oder
anderweitig in Bezug auf sie tätig ist Wille heißt Daher kann keine Idee
einer Seele oder eines Geistes gebildet werden denn da nach Sektion XXV alle
Ideen passiv oder untätig sind so können sie uns nicht als Abbilder oder durch
Ähnlichkeit das was wirkt repräsentieren Ein wenig Aufmerksamkeit wird einem
Jeden klar machen dass es absolut unmöglich ist eine Idee zu haben welche
jenem tätigen Prinzip der Bewegung und des Wechsels der Ideen ähnlich sei
Derartig ist die Natur des Geistes oder dessen was wirkt dass derselbe nicht
an sich selbst perzipiert werden kann sondern nur vermöge der Wirkungen die er
hervorbringt Wenn Jemand an der Wahrheit des hier Vorgetragenen zweifelt so
mag er nur nachdenken und versuchen ob er die Idee irgend einer Kraft oder
eines tätigen Dinges bilden könne und ob er Ideen von zwei Grundkräften habe
die durch die Namen Wille und Verstand bezeichnet werden und ebensowohl von
einander verschieden sind wie von einer dritten Idee nämlich der Idee der
Substanz oder des Seienden überhaupt die mit der Relationsvorstellung verbunden
ist die vorhin genannten Kräfte zu tragen oder ihr Substrat zu sein und den
Namen trägt Seele oder Geist Einige nehmen dies an aber so viel ich sehen
kann bezeichnen die Worte Wille Seele Geist nicht verschiedene Ideen oder in
Wahrheit überhaupt nicht irgend eine Idee sondern etwas was von Ideen sehr
verschieden ist und was da es etwas Tätiges ist nicht irgend welcher Idee
ähnlich oder durch dieselbe repräsentiert sein kann Doch muss gleichzeitig
zugegeben werden dass wir einen gewissen Begriff notion von der Seele dem
Geist und den psychischen Tätigkeiten wie Wollen Lieben Hassen haben sofern
wir den Sinn dieser Worte kennen oder verstehen
Ich finde dass ich Ideen in meinem Geiste nach Belieben hervorrufen
und die Scene so oft wechseln und sich verändern lassen kann als ich es für
geeignet halte Ich brauche nur zu wollen und sofort taucht diese oder jene Idee
in meiner Phantasie auf und durch dieselbe Kraft tritt sie ins Unbewusstsein
zurück und macht einer anderen Platz Dieses Produzieren und Aufheben von Ideen
berechtigt uns den Geist recht eigentlich aktiv zu nennen Dieses alles ist
gewiss und auf Erfahrung gegründet wenn wir dagegen von nicht denkenden aktiven
Dingen oder von einem Hervorrufen von Ideen durch etwas anderes als den Willen
reden dann spielen wir nur mit Worten
Aber was für eine Macht ich auch immer über meine eigenen Gedanken
haben mag so finde ich doch dass die Ideen die ich gegenwärtig durch die
Sinne perzipiere nicht in einer gleichen Abhängigkeit von meinem Willen stehen
Wenn ich bei vollem Tageslicht meine Augen öffne so steht es nicht in meiner
Macht ob ich sehen werde oder nicht noch auch welche einzelnen Objekte sich
meinem Blicke darstellen werden und so sind gleicherweise auch beim Gehör und
den anderen Sinnen die ihnen eingeprägten Ideen nicht Geschöpfe meines Willens
Es gibt also einen anderen Willen oder Geist der sie hervorbringt
Die sinnlichen Ideen sind stärker lebhafter und bestimmter als die
Ideen der Einbildungskraft sie haben desgleichen eine gewisse Beständigkeit
Ordnung und Zusammenhang und werden nicht aufs Geratewohl hervorgerufen wie
es diejenigen oft werden welche die Wirkungen menschlicher Willensakte sind
sondern in einer geordneten Folge oder Reihe deren bewunderungswürdige
Verbindung ausreichend die Weisheit und Güte ihres Urhebers bezeugt Nun werden
die festen Regeln oder bestimmten Weisen wonach der Geist von dem wir abhängig
sind in uns die sinnlichen Ideen erzeugt die Naturgesetze genannt und diese
lernen wir durch Erfahrung kennen die uns belehrt dass gewissen bestimmten
Ideen bestimmte andere Ideen in dem gewöhnlichen Laufe der Dinge folgen
Dies gibt uns eine gewisse Voraussicht welche uns befähigt unsere
Handlungen zum Nutzen des Lebens zu ordnen Ohne diese Voraussicht würden wir
unablässig in Verlegenheit sein wir könnten nicht wissen wie wir es
anzustellen hätten uns auch nur das geringste Vergnügen zu verschaffen oder den
geringsten sinnlichen Schmerz abzuwehren Dass Speise uns nährt Schlaf
erfrischt Feuer wärmt dass das Säen in der Saatzeit das Mittel ist im Herbst
zu ernten und im Allgemeinen dass um bestimmte Zwecke zu erreichen bestimmte
Mittel dienlich sind dies alles wissen wir nicht durch Entdeckung irgend einer
notwendigen Verbindung zwischen unseren Ideen sondern nur durch die
Beobachtung der festen Naturgesetze ohne welche wir Alle in Ungewissheit und
Verwirrung wären und ein erwachsener Mann ebensowenig wie ein neugeborenes Kind
wüsste wie er sich im Leben zu benehmen habe
Und doch ist diese beständige gleichmäßige Wirksamkeit welche so
deutlich die Güte und Weisheit des herrschenden Geistes offenbart dessen Wille
die Gesetze der Natur konstituiert so weit davon entfernt unsere Gedanken zu
ihm hinzuleiten dass es sie vielmehr veranlasst zweiten Ursachen
Mittelursachen durch Gott bedingten Ursachen nachzuforschen Denn wenn wir
bemerken dass bestimmten sinnlichen Ideen beständig andere Ideen folgen und
wenn wir wissen dass dies nicht durch uns bewirkt wird so schreiben wir sofort
Kraft und Wirksamkeit den Ideen selbst zu und betrachten die eine als die
Ursache einer anderen und doch kann nichts törichter und unverständiger sein
als dies Haben wir zB beobachtet dass wenn wir durch das Gesicht eine
gewisse runde leuchtende Gestalt wahrgenommen haben wir gleichzeitig durch das
Gefühl die Idee oder Sinneswahrnehmung erhalten welche Hitze genannt wird so
Schließen wir hieraus die Sonne sei die Ursache der Hitze In gleicher Weise
sind wir geneigt wenn wir wahrnehmen dass die Bewegung und der Zusammenstoß
von Körpern mit einem Schall verbunden ist den letzteren für eine Wirkung jenes
Vorgangs zu halten
Die durch den Urheber der Natur den Sinnen eingeprägten Ideen
heißen wirkliche Dinge diejenigen aber welche durch die Einbildungskraft
hervorgerufen werden und weniger regelmäßig lebhaft und beständig sind werden
als Ideen im engeren Sinne oder als Bilder der Dinge welche sie nachbilden und
darstellen bezeichnet Dann sind aber unsere Sinneswahrnehmungen wie lebhaft
und bestimmt sie auch sein mögen nichtsdestoweniger Ideen dh sie existieren
in dem Geiste oder werden durch den Geist perzipiert ebenso gewiss wie die
Ideen welche er selbst gestaltet Es ist zuzugeben dass die sinnlichen Ideen
mehr Realität in sich tragen dh sie sind kräftiger geordneter
zusammenhängender als die Geschöpfe des Geistes aber dies beweist nicht dass
sie außerhalb des Geistes existieren Sie sind auch in geringerem Grade von dem
Geiste oder der denkenden Substanz welche sie perzipiert abhängig indem sie
durch den Willen eines anderen und mächtigeren Geistes hervorgerufen werden
aber sie sind doch Ideen und sicherlich kann keine Idee sie mag schwach oder
stark sein anders existieren als in einem Geiste der sie perzipiert
Bevor wir weiter gehen müssen wir einige Zeit auf die Beantwortung
von Einwürfen wenden die vermutlich gegen die bisher dargelegten Prinzipien
erhoben werden mögen Wenn ich hierbei Personen von rascher Auffassung zu
ausführlich zu sein scheine so hoffe ich doch auf Verzeihung weil nicht alle
Menschen mit gleicher Leichtigkeit Dinge von dieser Art auffassen und ich doch
von Jedermann verstanden werden mochte Es wird wohl zuerst eingewandt werden
dass durch die vorstehenden Prinzipien alles was reell und substantiell in der
Natur sei aus der Welt verbannt werde und dass an die Stelle davon ein
phantastisches Ideensystem trete Alles was existiert existiert nur in dem
Geiste dh es wird bloß vorgestellt Was wird demnach aus Sonne Mond und
Sternen Was müssen wir denken von Häusern Flüssen Bergen Bäumen Steinen ja
von unserem eigenen Körper Sind diese alle nur ebenso viele Chimären und
Täuschungen der Phantasie Auf alle diese und alle derartigen Einwürfe antworte
ich dass wir vermöge der vorstehenden Prinzipien keines einzigen Naturobjektes
verlustig gehen Was auch immer wir sehen fühlen hören oder irgendwie
begreifen oder verstehen bleibt so gewiss und ist so real wie es je gewesen
ist Es gibt eine Natur rerum natura und die Unterscheidung zwischen
Realitäten und Chimären behält ihre volle Kraft Dies geht klar hervor aus Sect
XXIX XXX XXXIII wo wir gezeigt haben was unter dem Ausdruck reelle Dinge im
Unterschied von Chimären oder durch uns selbst gebildeten Ideen zu verstehen
sei beide jedoch existieren gleichmäßig in dem Geiste und sind in diesem Sinne
gleich sehr Ideen
Ich bestreite nicht die Existenz irgend eines Dinges das wir durch
Sinneswahrnehmung oder durch Reflexion auf unser Inneres zu erkennen vermögen
Dass die Dinge die ich mit meinen Augen sehe und mit meinen Händen betaste
existieren wirklich existieren bezweifle ich nicht im Mindesten Das Einzige
dessen Existenz wir in Abrede stellen ist das was die Philosophen Materie oder
körperliche Substanz nennen Und indem dies geschieht verlieren die übrigen
Menschen nichts die wie ich wohl sagen darf diese Materie nicht vermissen
werden Allerdings werden die Atheisten die anscheinende Stütze verlieren
welche ein leeres Wort ihrer unfrommen Ansicht gewährt und die Philosophen
werden vielleicht finden dass sie einen mächtigen Anlass zur Tändelei und
Disputation verloren haben
Wenn Jemand glaubt dies tue der Existenz oder Realität der Dinge
Eintrag so ist er weit davon entfernt das zu verstehen was in so deutlichen
Ausdrücken wie es mir nur möglich war bisher auseinandergesetzt worden ist
Ich fasse hier die Hauptpunkte des Gesagten zusammen Es gibt psychische
Substanzen Geister oder menschliche Seelen welche in sich selbst Ideen nach
Belieben durch ihren Willen hervorrufen aber diese Ideen sind matt schwach und
unbeständig im Vergleich mit anderen die sie durch die Sinne perzipieren und
die indem sie diesen nach gewissen Regeln oder Naturgesetzen eingeprägt werden
sich selbst als Wirkungen eines Geistes bekunden der mächtiger und weiser ist
als die menschlichen Geister Von diesen letzteren Ideen wird gesagt dass sie
mehr Realität in sich tragen als die ersteren worunter zu verstehen ist dass
sie stärker affizieren mehr geordnet und bestimmt und nicht willkürliche Gebilde
des sie perzipierenden Geistes sind In diesem Sinne ist die Sonne welche ich
bei Tage sehe die wirkliche Sonne und die welche ich zur Machtzeit vorstelle
die abbildliche Idee der ersteren In dem hier bezeichneten Sinne von Realität
ist offenbar jede Pflanze jeder Stern jedes Mineral und im Allgemeinen jeder
Teil des Weltsystems nach unseren Prinzipien ebenso sehr wie nach irgend
welchen anderen ein wirkliches Ding Ich bitte die Leser ihre eigenen Gedanken
zu betrachten und zuzusehen ob sie etwas hiervon Verschiedenes unter dem
Terminus Realität verstehen
Es wird entgegnet werden es sei doch wenigstens so viel wahr dass
wir alle körperlichen Substanzen aufheben Hierauf antworte ich dass wenn das
Wort Substanz in dem gewöhnlichen Sinne genommen wird als Bezeichnung einer
Verbindung sinnfälliger Eigenschaften wie Ausdehnung Solidität Gewicht und
ähnlicher mit einander wir nicht beschuldigt werden können dies zu negieren
wird es aber in einem philosophischen Sinne genommen worin es den Träger von
Accidentien oder Eigenschaften außerhalb des Geistes bezeichnen soll dann
erkenne ich in der Tat an dass wir das hiermit Gemeinte aufheben wenn anders
von Jemand gesagt werden kann dass er etwas aufhebe was niemals irgend eine
Existenz gehabt hat selbst nicht in der bloßen Vorstellung
Aber sagt ihr es lautet sehr anstößig wenn gesagt wird wir
essen und trinken Ideen und sind bekleidet mit Ideen Ich gebe zu dass dies
einen solchen Eindruck mache und zwar darum weil das Wort Idee in der
gewöhnlichen Rede nicht gebraucht wird um die verschiedenen Kombinationen
sinnlicher Eigenschaften zu bezeichnen welche Dinge genannt werden und es ist
gewiss dass eine jegliche Ausdrucksweise die von dem gewöhnlichen
Sprachgebrauch abweicht anstößig und lächerlich erscheint Aber dies betrifft
nicht die Wahrheit dieses Satzes der obschon in anderen Worten nichts anderes
besagt als dass wir uns nähren und bekleiden mit Dingen welche wir unmittelbar
durch unsere Sinne perzipieren Die Härte oder Weichheit die Farbe der
Geschmack die Wärme die Figur und derartige Eigenschaften welche in ihrer
gegenseitigen Verbindung die verschiedenen Arten von Lebensmitteln und
Kleidungsstücken ausmachen existieren wie gezeigt worden ist bloß in dem
Geiste der sie perzipiert und nur dies ist gemeint wenn wir sie Ideen nennen
wäre dieses Wort ebenso im gewöhnlichen Gebrauch wie Ding so würde jener
Ausdruck ebenso wenig seltsam oder lächerlich klingen als dieser Ich kämpfe
nicht für die Schicklichkeit sondern für die Wahrheit des Ausdrucks und werde
demgemäß wenn ihr mit mir in der Ansicht übereinkommt dass wir die
unmittelbaren Objekte der Sinne die nicht unperzipiert oder außerhalb des
Geistes existieren können essen und trinken und zu unserer Bekleidung
gebrauchen gern zugeben dass es schicklicher oder dem Gebrauch angemessener
ist sie »Dinge« als »Ideen« zu nennen
Wenn gefragt wird warum ich das Wort Idee gebrauche und sie nicht
lieber im Anschluss an den Sprachgebrauch Dinge nenne so antworte ich ich tue
das aus zwei Gründen erstens weil insgemein vorausgesetzt wird dass der
Ausdruck Ding im Gegensatz zu Idee etwas bezeichne das außerhalb des Geistes
existiere zweitens weil Ding eine umfassendere Bedeutung hat als Idee indem es
Geister oder denkende Dinge ebensowohl wie Ideen bezeichnet Da nun die
Sinnesobjekte bloß in dem Geiste existieren und durchaus ohne Denken und
Tätigkeit sind so ziehe ich vor sie durch das Wort Idee zu bezeichnen in
dessen Bedeutung diese Merkmale liegen
Vielleicht aber erwidert Jemand was wir auch immer sagen mögen er
wolle seinen Sinnen glauben und nicht zugeben dass Argumente irgend welcher
Art wie plausibel dieselben auch seien mehr gelten als die sinnliche
Gewissheit Dem sei so behauptet so sehr ihr mögt die Zuverlässigkeit der
Sinne wir sind ganz damit einverstanden Das was ich sehe höre und fühle
existiert dh es wird durch mich perzipiert daran zweifle ich ebenso wenig wie
an meinem eigenen Sein Aber ich sehe nicht wie das Zeugnis des Sinnes als ein
Beweis der Existenz eines Dinges angeführt werden kann welches nicht durch den
Sinn perzipiert wird Wir wollen nicht dass irgend Jemand ein Zweifler werde und
seinen Sinnen misstraue wir gestehen denselben im Gegenteil alle denkbare
Kraft und Zuverlässigkeit zu auch gibt es keine Prinzipien welche dem
Skeptizismus mehr widerstritten als die von uns dargelegten wie hernach klar
gezeigt werden wird
Zweitens wird eingewandt werden es sei ein großer Unterschied
zwischen wirklichem Feuer zB und der Idee eines Feuers zwischen dem Traum
oder der Einbildung man habe sich verbrannt und dem wirklichen Verletztsein
durch Feuer dies und Ähnliches mag zur Bekämpfung unserer Thesen vorgebracht
werden Die Antwort auf alles dies ergibt sich klar aus dem schon Gesagten und
ich darf hier nur beifügen dass wenn wirkliches Feuer sehr verschieden von der
Idee Feuer ist ebenso auch der wirkliche Schmerz den es verursacht sehr
verschieden von der Idee des nämlichen Schmerzes ist und es hat doch noch
Niemand behauptet dass nur die Idee des Schmerzes in dem Geiste sei wirklicher
Schmerz aber in einem nicht perzipierenden Dinge oder außerhalb des Geistes sei
oder sein könne
Drittens wird eingewandt werden dass wir Objekte tatsächlich
außerhalb unser oder in einer Entfernung von uns erblicken und dass dieselben
demgemäß nicht in dem Geiste existieren da die Annahme ungereimt sei dass die
Dinge welche in der Entfernung von einigen Meilen gesehen werden uns so nahe
seien wie unsere eigenen Gedanken Hierauf antworte ich man möge doch in
Betracht ziehen dass wir im Traume oft Dinge so perzipieren als existierten sie
in einer großen Entfernung von uns und dass ungeachtet dessen anerkannt wird
dass diese Dinge ihre Existenz nur in dem Geiste haben
Um aber hierüber vollere Klarheit zu gewinnen mag es der Mühe wert
sein in Betracht zu ziehen wie es geschieht dass wir durch den Gesichtssinn
Entfernungen und von uns entfernte Dinge wahrnehmen Denn wenn wir in Wahrheit
einen außer uns liegenden Raum und wirklich in ihm existierende Körper die
einen in größerer Nähe die anderen in weiterer Entfernung von uns wahrnehmen
können so scheint dies einigermaßen dem oben Gesagten dass sie nirgendwo
außerhalb des Geistes existieren zu widerstreiten Die Erwägung dieser
Schwierigkeit war das was meinen »Versuch einer neuen Theorie des Sehens«
veranlasste der vor nicht langer Zeit veröffentlicht worden ist Hierin wird
gezeigt dass Entfernung oder Draussensein vermöge des Gesichtssinnes nicht
unmittelbar durch sich selbst perzipiert wird und dass sie auch nicht auf Grund
von Linien und Winkeln oder irgend etwas damit in notwendiger Verbindung
Stehendem aufgefasst oder beurteilt wird sondern vielmehr uns zum Bewusstsein
durch gewisse sichtbare Ideen und das Sehen begleitende Wahrnehmungen gelangt
welche an sich selbst keine Ähnlichkeit mit oder Beziehung zu Entfernung und
entfernten Dingen haben vermöge einer Verbindung aber welche wir durch
Erfahrung kennen lernen uns zu reichen für Entfernung und entfernte Dinge
werden und uns diese ins Bewusstsein rufen in derselben Weise wie Worte irgend
einer Sprache die Ideen zu deren Vertretung sie gebildet worden sind ins
Bewusstsein rufen So erklärt es sich dass ein Blindgeborner der später zum
Sehen befähigt wird anfänglich nicht glaubt dass die Dinge die er sieht
außerhalb seines Geistes oder in irgend einer Entfernung von ihm selbst seien
Siehe Sektion XLI der erwähnten Abhandlung
Die Ideen des Gesichts und des Tastsinnes machen zwei ganz
verschiedene und unähnliche Spezies aus Die ersteren sind Zeichen und
Prognostica der letzteren Dass die eigentümlichen Objekte des Gesichtssinnes
weder außerhalb des Geistes existieren noch Bilder von Äußeren Dingen sind
haben wir auch in jener Abhandlung gezeigt obschon in derselben vorausgesetzt
wird dass das Gegenteil von den tastbaren Objekten gelte nicht als ob die
Zustimmung zu diesem vulgären Irrtum erforderlich sei um die dort
aufgestellten Ansichten zu begründen sondern nur weil es außerhalb meines
Planes lag denselben in einer Abhandlung über das Sehen zu prüfen und zu
widerlegen Streng genommen ist demnach von den Gesichtswahrnehmungen wenn wir
durch sie Entfernung und entfernte Dinge auffassen zu sagen dass sie uns nicht
Dinge die gegenwärtig in einer Entfernung existieren bekunden oder zum
Bewusstsein bringen sondern uns nur darauf aufmerksam machen welche Tastideen
in unserem Geiste entstehen werden nach bestimmten Zeitabschnitten und in Folge
bestimmter Handlungen Es ist sage ich offenbar nach dem was in den früheren
Teilen dieser Schrift gesagt worden ist wie auch in Sektion CXLVII und an
anderen Stellen des »Versuchs über das Sehen« dass sichtbare Ideen die Sprache
sind wodurch der herrschende Geist von dem wir abhängig sind uns belehrt was
für tastbare Ideen er uns einzuprägen in Begriff stehe falls wir diese oder
jene Bewegung in unserem eigenen Körper hervorrufen Wer jedoch eine
vollständigere Belehrung über diesen Punkt sucht den verweise ich auf den
»Versuch« selbst
Viertens wird eingewandt werden es folge aus den obigen Prinzipien
dass die Dinge in jedem Augenblick vernichtet und neugeschaffen werden Die
sinnlichen Dinge existieren nur wenn sie perzipiert werden die Bäume also sind
in dem Garten oder die Stühle in dem Zimmer nicht länger als Jemand da ist der
sie wahrnimmt Schließe ich meine Augen so wird Alles was sich auf der
Straße befindet auf nichts reduziert und wenn ich nur dieselben öffne so wird
es von Neuem geschaffen Zur Antwort auf alles dies verweise ich den Leser auf
das was in Sektion III IV etc gesagt worden ist und wünsche er möge
erwägen ob er unter der wirklichen Existenz einer Idee etwas verstehe was von
ihrem Perzipiert werden verschieden ist Ich meinesteils bin nach der genauesten
Untersuchung die ich anstellen konnte nicht im Stande gewesen irgend etwas
Anderes zu entdecken was diese Worte bedeuten Und ich bitte noch einmal den
Leser seine eigenen Gedanken zu erforschen und sich nicht durch Worte täuschen
zu lassen Wenn er es als möglich denken kann dass entweder seine Ideen oder
deren Urbilder existieren ohne perzipiert zu werden dann verteidige ich meinen
Satz nicht mehr kann er dies aber nicht so muss er zugeben dass er nicht
vernunftgemäß verfährt indem er sich zum Verteidiger von er weiß nicht was
aufwirft und mir als eine Ungereimtheit vorwirft dass ich Sätzen nicht
beistimme die im Grunde sinnlos sind
Es darf nicht unbemerkt bleiben in welchem Maße den herrschenden
philosophischen Prinzipien selbst die vorgeblichen Ungereimtheiten sich
vorwerfen lassen Es wird für eine gar ungereimte Ansicht gehalten dass wenn
ich meine Augen schließe alle sichtbaren Objekte in meiner Umgebung auf nichts
sich reduzieren sollen und ist es nicht doch eben dies was die Philosophen
durchgängig zugeben indem sie allseitig darin übereinkommen dass Licht und
Farben die einzigen eigentlichen und unmittelbaren Objekte des Sehens bloße
sinnliche Empfindungen sind die nicht länger existieren als sie perzipiert
werden Ferner mag es Einigen vielleicht sehr unglaublich scheinen dass die
Dinge jeden Augenblick erschaffen werden aber eben dieser Satz ist die
gewöhnliche Lehre der Schulen Denn die Schulphilosophen sind obschon sie die
Existenz der Materie anerkennen und annehmen dass das ganze Weltgebäude aus ihr
gebildet sei nichtsdestoweniger der Ansicht dass dieselbe nicht ohne die
göttliche Erhaltung bestehen könne die von ihnen für ein fortwährendes Schaffen
erklärt wird
Ferner wird einiges Nachdenken uns zeigen dass wenn schon die
Existenz der Materie oder körperlichen Substanz zugegeben wird doch unabweisbar
aus den Prinzipien die jetzt allgemein anerkannt sind folgt dass die
einzelnen Körper von welcher Art dieselben auch sein mögen sämtlich nicht
existieren so lange sie nicht perzipiert werden Denn aus Sektion XI ff geht
hervor dass die Materie deren Existenz die Philosophen behaupten ein
unbegreifliches Etwas ist welches keine solchen Eigenschaften hat durch welche
die unseren Sinnen wahrnehmbaren Körper sich von einander unterscheiden Um dies
aber genauer zu erklären muss ich bemerken dass die unendliche Teilbarkeit
der Materie jetzt allgemein angenommen wird wenigstens von den anerkanntesten
und ausgezeichnetsten Philosophen die auf Grund der angenommenen Grundlehren
dieselbe unwiderleglich dartun Hieraus folgt dass unendlich viele Theile in
jedem Theile der Materie seien die nicht sinnlich wahrgenommen werden
Demgemäß ist der Grund weshalb irgend ein einzelner Körper von einer
begrenzten Größe zu sein scheint oder nur eine endliche Zahl von Teilen den
Sinnen zeigt nicht der dass er nicht mehr Theile enthielte da er ja an sich
selbst eine unendliche Zahl von Teilen enthalten soll sondern der dass der
Sinn nicht scharf genug ist dieselben zu unterscheiden In dem Maße wie der
Sinn schärfer wird perzipiert er demnach eine größere Zahl von Teilen in dem
Objekt dh das Objekt erscheint grösser und seine Gestalt ändert sich da die
Theile an seinen Enden welche zuvor unwahrnehmbar waren jetzt es in Linien und
Winkeln begrenzen die sehr verschieden von den früher durch den stumpferen Sinn
wahrgenommenen sind Und zuletzt muss nach verschiedenen Änderungen der Größe
und Gestalt wenn der Sinn unendlich scharf wird der Körper als unendlich
erscheinen Während aller dieser Vorgänge findet keine Änderung in dem Körper
statt sondern nur in dem denselben wahrnehmenden Sinne Demnach ist jeder
Körper an sich selbst betrachtet unendlich ausgedehntes und demzufolge ohne
alle Gestalt oder Figur Hieraus ergibt sich dass wenn schon die Existenz der
Materie als noch so gewiss zugegeben würde es doch ebenso gewiss ist dass die
Materialisten selbst durch ihre eigenen Prinzipien genötigt sind anzuerkennen
dass weder die einzelnen sinnlich wahrgenommenen Körper noch irgend etwas das
denselben ähnlich wäre außerhalb des Geistes existiere Die Materie sage ich
und jedes Teilchen von ihr ist nach der Konsequenz ihrer Prinzipien unendlich
und gestaltlos und der Geist ist es der alle die Mannigfaltigkeit von Körpern
gestaltet welche die sichtbare Welt ausmachen und von welchen jeder beliebige
nicht länger existiert als er perzipiert wird
Sehen wir genauer zu so zeigt sich dass der in Sektion XLV
vorgetragene Einwurf nicht mit Recht gegen unsere oben aufgestellten Prinzipien
gerichtet wird und dass er überhaupt nicht irgendwie als ein Einwurf gegen
dieselben gelten kann Denn obschon wir in der Tat die Sinnesobjekte für nichts
anderes halten als für Ideen die nicht unperzipiert existieren können so dürfen
wir doch hieraus nicht Schließen dass sie nur so lange eine Existenz haben
als sie durch uns perzipiert werden weil ein anderer Geist existieren kann der
sie perzipiert wenn auch wir dies nicht tun Wird gesagt Körper existieren
nicht außerhalb des Geistes so darf dies nicht so verstanden werden als wäre
dieser oder jener einzelne Geist gemeint sondern alle Geister welche es auch
seien Demgemäß folgt nicht aus den vorstehenden Prinzipien dass die Körper in
jedem Augenblick vernichtet und geschaffen werden oder überhaupt gar nicht
während der Intervalle zwischen unseren Perzeptionen existieren
Fünftens wird vielleicht eingewandt werden wenn Ausdehnung und Figur
nur in dem Geiste existieren so folge dass der Geist ausgedehnt und gestaltet
sei denn Ausdehnung sei ein Modus oder ein Attribut das um in der
Schulsprache zu reden von dem Subjekt Substrat in welchem es existiert
prädiziert werde Ich antworte diese Qualitäten sind in dem Geiste nur insofern
als sie durch ihn perzipiert werden dh nicht in der Weise eines Modus oder
Attributs sondern nur in der Weise einer Idee und es folgt ebenso wenig dass
die Seele oder der Geist ausgedehnt sei weil Ausdehnung in ihm existiert wie
dass er rot oder blau sei weil diese Farben wie allseitig zugegeben wird in
ihm und nirgendwo sonst existieren Was die Philosophen über Subjekt Substrat
und Modus sagen das scheint sehr grundlos und unverständlich zu sein Sie
wollen zB dass in dem Satze ein Würfel ist hart ausgedehnt und eckig das
Wort Würfel ein Subjekt oder eine Substanz bezeichne die von der Härte
Ausdehnung und Figur welche davon ausgesagt werden und darin existieren
verschieden sei Dies kann ich nicht verstehen mir scheint ein Würfel nichts
von dem was als seine Modi oder Accidentien bezeichnet wird Verschiedenes zu
sein Sagt man ein Würfel ist hart ausgedehnt und eckig so heißt das nicht
dass man diese Eigenschaften einem von ihnen verschiedenen Subjekt das sie
trage zuschreibe sondern es ist nur eine Erklärung dessen was man unter dem
Worte Würfel verstehe
Sechstens werdet ihr sagen es sei sehr vieles durch Materie und Bewegung
erklärt worden wer diese wegnehme zerstöre die ganze KorpuskularPhilosophie
und untergrabe jene mechanischen Prinzipien die mit so beträchtlichem Erfolge
zur Erklärung der Erscheinungen angewandt worden seien Alle Fortschritte die
in der Naturforschung durch alte oder neuere Philosophen gemacht worden seien
fließen sämtlich aus der Voraussetzung her dass die körperliche Substanz oder
Materie wirklich existiere Hierauf antworte ich dass nicht eine einzige
Erscheinung durch diese Voraussetzung erklärt wird die nicht ebenso gut ohne
dieselbe erklärt werden könne wie dies leicht durch eine induktive
Zusammenstellung des Einzelnen gezeigt werden kann Die Phänomene erklären
heißt dasselbe wie zeigen warum wir bei bestimmten Anlässen mit bestimmten
Ideen affiziert werden Aber wie Materie auf einen Geist wirken oder irgend eine
Idee in ihm hervorbringen möge das zu erklären wird sich kein Philosoph
anheischig machen Demgemäß ist offenbar dass die Annahme der Existenz der
Materie von keinem Nutzen in der Naturlehre ist Auch gründen die welche die
Dinge erklären wollen ihre Erklärungsversuche nicht auf die körperliche
Substanz sondern auf Figur Bewegung und andere Eigenschaften die in Wahrheit
bloße Ideen sind und demgemäß nicht Ursache von irgend etwas sein können wie
schon gezeigt worden ist Siehe Sektion XXV
Siebentens wird hierbei gefragt werden ob es nicht ungereimt zu sein
scheine mit Aufhebung von Naturursachen jegliches der unmittelbaren Wirkung von
Geistern zuzuschreiben Wir müssen diesen Prinzipien gemäß nicht mehr sagen
dass Feuer heiß macht Wasser kühlt sondern dass der Geist heiß macht und so
fort Würde nicht Jemand der sich in dieser Weise ausdrücken wollte gebührend
verlacht werden Ich antworte ja er würde es werden In solchen Dingen müssen
wir denken mit den Gelehrten und sprechen mit dem Volke Die welche durch
Beweisführung von der Wahrheit des Kopernikanischen Systems überzeugt worden
sind sagen nichtsdestoweniger die Sonne geht auf geht unter erreicht den
Meridian und erkünstelten sie eine entgegengesetzte Ausdrucksweise in der
gewöhnlichen Rede so würde das ohne Zweifel als sehr lächerlich erscheinen Ein
wenig Nachdenken über das hier Gesagte wird zeigen dass der gemeine
Sprachgebrauch in keiner Art eine Änderung oder Störung durch die Annahme
unserer Prinzipien erfahren würde
In den gewöhnlichen Angelegenheiten des Lebens mögen übliche Ausdrücke
so lange beibehalten werden als sie in uns die geeigneten Empfindungen oder
Zustände hervorrufen vermöge deren wir so handeln wie es für unser Wohlsein
erforderlich ist so falsch sie auch immer sein mögen wenn sie in einem
strengen theoretischen Sinne genommen werden Ja dieses Verhältnis ist
unvermeidlich da der eigentliche Sinn der Ausdrücke durch den Gebrauch bestimmt
wird und die Spräche daher den herrschenden Meinungen sich anschließt welche
nicht immer die wahrsten sind Hiernach ist es unmöglich selbst in den
strengsten philosophischen Betrachtungen niemals durch Abweichung von der
Tendenz und dem Geiste der Sprache in der wir reden Spitzfindlern Anlass zu
geben angebliche Schwierigkeiten und Widerspruche bei uns zu finden Aber ein
wohlgesinnter und unbefangener Leser wird den Sinn aus dem Ziel und Fortgang und
Zusammenhang eines Vertrags entnehmen und die ungenauen Redeweisen gestatten
welche der Sprachgebrauch unvermeidlich macht
Was die Ansicht betrifft dass es keine körperlichen Ursachen gebe so
ist diese schon früher durch einige Scholastiker vertreten worden wie
neuerdings durch einige der modernen Philosophen welche obschon sie annehmen
dass Materie existiere doch wollen dass Gott allein die unmittelbar wirkende
Ursache von Allem sei Diese Männer haben richtig erkannt dass unter allen
Sinnesobjekten keine seien die irgend eine Kraft besäßen oder eine Tätigkeit
zu üben vermöchten und dass demgemäß das Gleiche von allen Körpern deren
Existenz außerhalb des Geistes sie voraussetzen ebenso gelte wie von den
unmittelbaren Sinnesobjekten Aber wenn sie nun annehmen dass es eine unzählige
Menge geschaffener Dinge gebe die doch nach ihrer eigenen Ansicht nicht fähig
sind irgend eine Wirkung in der Natur hervorzubringen und die daher zu gar
keinem Zweck geschaffen sind da Gott Jegliches ebenso gut auch ohne dieselben
hätte bewirken können so ist dies meine ich auch wenn es als möglich
zugegeben würde doch gewiss eine sehr vernunftwidrige und ausschweifende
Annahme
Achtens Die allgemeine einmütige Anerkennung der Menschen mag von
Einigen für ein unüberwindliches Argument zu Gunsten der Materie oder der
Existenz äußerer Dinge gehalten werden Sollen wir annehmen dass alle Welt im
Irrtum sei und wenn dem so ist welche Ursache kann dann angegeben werden für
einen so weit verbreiteten und herrschenden Irrtum Ich antworte Erstens
Durch eine genaue Untersuchung wird vielleicht gefunden werden dass nicht so
Viele wie man sich vorstellt wirklich an die Existenz von Materie oder Dingen
außerhalb des Geistes glauben Streng genommen ist es unmöglich an das zu
glauben was einen Widersprach in sich schließt oder sinnlos ist und ob die
vorerwähnten Ausdrücke von dieser Art seien oder nicht gebe ich der
unparteiischen Prüfung des Lesers anheim In einem Sinne kann in der Tat gesagt
werden dass die Menschen an die Existenz der Materie glauben dh sie handeln
so als ob die unmittelbare Ursache ihrer Wahrnehmungen welche sie in jedem
Augenblicke affiziert und ihnen so nahe und gegenwärtig ist ein empfindungsloses
undenkendes Wesen wäre Aber es ist mir undenkbar dass sie irgend einen klaren
Sinn mit diesen Worten verknüpfen und daraus eine bestimmte theoretische Ansicht
bilden sollten Es ist dies nicht der einzige Fall einer Selbsttäuschung der
Menschen vermöge der Einbildung dass sie Sätze glaubten die sie oft gehört
haben obschon sie im Grunde keinen bestimmten Gedanken damit verknüpfen
Ich antworte aber zweitens dass wenn auch zugestanden werden muss
dass einer Vorstellung eine sehr allgemeine und entschiedene Zustimmung zu Teil
werde hierin doch nur ein schwaches Argument ihrer Wahrheit für einen Jeden
liegt der in Betracht zieht welch einer großen Zahl von Vorurteilen und
falschen Meinungen mit der äußersten Zähigkeit der nicht reflektierende Teil
der Menschheit welcher der weitaus größere ist anhange Es gab eine Zeit zu
welcher die Gegenfüßler und die Erdbewegung als monströse Ungereimtheiten
selbst von Gelehrten betrachtet wurden und wenn wir erwägen welch einen
geringen Teil diese von der gesamten Menschheit ausmachen so werden wir
finden dass bis auf den heutigen Tag diese Begriffe nur noch sehr wenig in der
Welt festen Fuß gefasst haben
Aber man fordert wir sollen eine Ursache dieses Vorurteils angeben
und seine Verbreitung in der Welt erklären Ich antworte hierauf dass die
Menschen da sie wissen dass sie manche Ideen perzipieren deren Urheber sie
nicht selbst sind da dieselben nicht von innen her angeregt werden noch auch
von ihren eigenen Willensakten abhangen in Folge hiervon annehmen diese Ideen
oder Objekte der Wahrnehmung hätten eine vom Geiste unabhängige Existenz
außerhalb desselben ohne dass sie es sich jemals auch nur im Traum in den Sinn
kommen lassen dass in diesen Worten ein Widerspruch liege Da aber Philosophen
klar erkannt hatten dass die unmittelbaren Objekte der Wahrnehmung nicht
außerhalb des Geistes existieren so korrigierten sie in gewissem Maße den
Irrtum der Menge fielen aber gleichzeitig in einen andern der nicht weniger
ungereimt scheint nämlich dass es gewisse Objekte gebe die wirklich
außerhalb des Geistes seien oder eine von ihrem Percipiertwerden verschiedene
Subsistenz haben Objekte von welchen unsere Ideen nur Bilder oder
Ähnlichkeiten seien die durch diese Dinge dem Geiste eingeprägt würden Diese
Vorstellung der Philosophen verdankt ihren Ursprung der nämlichen Ursache wie
die vorhin erwähnte nämlich dem Bewusstsein dass sie nicht selbst die Urheber
ihrer eigenen Wahrnehmungen seien von denen sie mit Evidenz erkennen dass sie
ihnen von Außen eingeprägt seien und die demnach eine von den Geistern denen
sie eingeprägt sind verschiedene Ursache haben müssen
Warum sie aber annehmen die sinnlichen Ideen würden von Dingen die
denselben ähnlich seien hervorgerufen und nicht lieber auf einen Geist
rekurrieren der doch allein wirken kann davon mag der Grund darin liegen 1
dass sie nicht den Widerspruch bemerken welcher ebensowohl in der Voraussetzung
liegt dass es außerhalb des Geistes existierende Dinge gebe die unseren Ideen
ähnlich seien als auch in der Annahme dass diesen Kraft oder Tätigkeit
zukomme 2 dass der höchste Geist der jene Ideen in unseren Geistern
hervorruft unserm Blick nicht bezeichnet und begrenzt wird durch irgend eine
einzelne beschränkte Gruppe sinnlicher Ideen wie menschliche wirkende Wesen uns
bezeichnet werden durch ihre Größe ihr Aussehen ihre Glieder und Bewegungen
3 dass seine Wirkungen regelmäßig und gleichförmig sind denn jedesmal wenn
der Lauf der Natur durch ein Wunder unterbrochen wird sind die Menschen bereit
die Gegenwart eines höheren wirkenden Wesens anzuerkennen sehen wir aber die
Dinge ihren gewöhnlichen Verlauf nehmen dann regen sie uns nicht zum Nachdenken
an ihre Ordnung und Verkettung ist zwar in der Tat ein Beweis der größten
Weisheit Macht und Güte ihres Schöpfers ist aber so beständig und uns etwas so
Gewöhnliches dass wir sie nicht als die unmittelbaren Wirkungen eines freien
Geistes denken besonders weil Unbeständigkeit und Veränderlichkeit beim
Handeln obwohl diese in der Tat eine Unvollkommenheit sind uns doch als ein
Zeichen von Freiheit zu gelten pflegen
Zehntens wird eingewandt werden dass die von uns aufgestellten
Begriffe nicht mit gewissen wohlbegründeten Wahrheiten in der Philosophie und
Mathematik zusammenbestehen können So sei zB jetzt die Bewegung der Erde von
den Astronomen allgemein als eine auf die klarsten und überzeugendsten Beweise
gegründete Wahrheit anerkannt aber nach den obigen Prinzipien könne es etwas
Derartiges gar nicht geben Denn da Bewegung nur eine Idee sei so folge dass
dieselbe wenn sie nicht wahrgenommen werde nicht existiere die Erdbewegung
aber werde nicht sinnlich wahrgenommen Ich antworte man wird finden dass jene
Annahme wenn sie recht verstanden wird den oben dargelegten Prinzipien nicht
widerstreitet denn die Frage ob die Erde in Bewegung sei oder nicht läuft in
Wahrheit nur darauf hinaus ob wir Grund haben aus den astronomischen
Beobachtungen zu Schließen dass wenn wir unter gewissen Verhältnissen auf
einem gewissen Standpunkt in einer bestimmten Entfernung von der Erde und Sonne
ständen wir die Erde inmitten des Chors der Planeten sich bewegen und in jedem
Betracht als einen derselben erscheinen sehen würden und dies wird nach den
festgestellten Naturgesetzen denen wir nicht Ursache haben zu misstrauen
vernunftgemäß aus den Erscheinungen geschlossen
Wir können oft nach der Erfahrung die wir von dem Lauf und der
Aufeinanderfolge unserer Ideen gemacht haben nicht etwa ungewisse Vermutungen
sondern sichere und wohlbegründete Voraussagen über die Ideen machen die wir in
Folge einer großen Menge von Handlungen haben werden und wir können im Stande
sein richtig darüber zu urteilen was uns erschienen sein würde im Fall wir in
Lagen wären welche sehr verschieden von denjenigen sind in welchen wir uns
gegenwärtig befinden Hierin besteht die Naturerkenntnis die ihren Nutzen und
ihre Gewissheit in sehr guter Übereinstimmung mit dem oben Gesagten behalten
kann Es wird leicht sein dies auf alle Einwürfe gleicher Art anzuwenden
welche auch immer es seien die man aus der Größe der Sterne oder irgend
welchen anderen Entdeckungen in der Astronomie und der Naturwissenschaft
überhaupt entnehmen kann
Elftens wird gefragt werden wozu die merkwürdige Organisation der
Pflanzen und der bewunderungswürdige Mechanismus in den Teilen der Tiere
diene Könnten nicht Pflanzen wachsen und Blätter und Blüten treiben und
Tiere alle ihre Bewegungen vollziehen auch ohne dass sie versehen wären mit
allen jenen mannigfachen inneren Teilen die so hübsch eingerichtet und
zusammengefügt sind und die wenn sie Ideen sind keine Kraft oder Wirksamkeit
in sich haben und in keiner notwendigen Verbindung mit den Wirkungen stehen
die ihnen zugeschrieben werden Bringt ein Geist unmittelbar durch ein »Fiat«
oder einen Akt seines Willens jegliche Wirkung hervor so müssen wir annehmen
dass alles Feine und Kunstvolle in den Werken der Menschen und der Natur
zwecklos sei Nach dieser Lehre müsste ein Künstler obschon er Feder und Räder
und das ganze Getriebe einer Uhr gemacht und alles in solcher Art eingerichtet
hätte wie er wusste dass dadurch die beabsichtigten Bewegungen bewirkt
würden doch glauben dass dies alles zu nichts diene und dass eine Intelligenz
den Zeiger richte und gemäß der Tagesstunde stelle Ist es so warum sollte
dann nicht die Intelligenz dies tun ohne dass der Künstler sich die Mühe
machte das Getriebe anzufertigen und zusammenzustellen Warum ist nicht ein
leeres Gehäuse ausreichend Und wie geschieht es dass wenn irgend ein Fehler
im Gang der Uhr ist eine entsprechende Unordnung im Getriebe gefunden wird und
dass nachdem eine geschickte Hand die Reparatur vollzogen hat alles wieder in
Ordnung ist Das Gleiche kann gesagt werden von dem Uhrwerk der Natur das
großenteils so wundervoll fein und zart ist dass es kaum durch das beste
Mikroskop zu erkennen ist Kurz es wird gefragt werden wie nach unseren
Prinzipien uns auch nur irgendwie befriedigende Erklärung gegeben oder ein Zweck
bezeichnet werden könne von der Existenz unzähliger Körper und Maschinen die
mit der ausgesuchtesten Kunst gebildet sind und die doch nach der gewöhnlichen
philosophischen Theorie eine sehr angemessene Verwendung finden und eine Fülle
von Erscheinungen zu erklären dienen
Auf alles dies antworte ich erstens dass wenn auch in Bezug auf das
Verfahren der Vorsehung und die Zwecke die sie einigen Teilen der Natur
gesetzt hat einige Schwierigkeiten übrig blieben die ich nicht durch die
vorstehenden Prinzipien zu lösen vermöchte dennoch dieser Einwurf von geringem
Gewicht sein würde gegen die Wahrheit und Gewissheit von Dingen die mit der
größten Evidenz a priori bewiesen werden können Zweitens sind aber auch die
herrschenden Prinzipien nicht frei von den gleichen Schwierigkeiten denn es
kann dabei ebensowohl die Frage aufgeworfen werden zu welchem Zweck Gott jenen
Umweg einschlage durch Instrumente und Maschinen Dinge zu bewirken die er wie
Niemand leugnen kann durch das bloße Gebot seines Willens ohne jenen Apparat
hätte bewirken können ja wenn wir näher die Sache betrachten so werden wir
finden dass der Einwurf mit großer Kraft gegen die zurückgewendet werden kann
welche annehmen dass jene Maschinen außerhalb des Geistes bestehen denn es
ist überzeugend nachgewiesen worden dass Solidität Größe Figur Bewegung und
Ähnliches keine Aktivität oder Wirkungskraft in sich tragen wodurch sie fähig
wären irgend eine Wirkung in der Natur hervorzubringen S Sektion XXV Wer also
annimmt dass sie unwahrgenommen existieren die Möglichkeit hiervon zugegeben
tut dies offenbar zwecklos da der einzige Zweck der ihnen in ihrer
unwahrgenommenen Existenz zugeschrieben wird der ist jene wahrnehmbaren
Erfolge hervorzubringen die in Wahrheit nur einem Geiste zugeschrieben werden
können
Um aber die Schwierigkeit näher ins Auge zu fassen muss bemerkt
werden dass mag auch die Produktion aller jener Theile und Organe nicht
durchaus notwendig zur Hervorbringung irgend einer Wirkung sein sie doch dazu
erforderlich ist in einer konstanten regelmäßigen Weise den Naturgesetzen
gemäß die Dinge hervorzubringen Es gibt gewisse allgemeine Gesetze die durch
die ganze Kette von Naturerfolgen hindurchgehen diese lernt man durch
Beobachtung und Studium der Natur kennen und wendet sie an ebensowohl zur
Bildung von Kunstprodukten zum Behuf des Nutzens und Schmuckes des Lebens wie
zur Erklärung der verschiedenen Phänomene diese Erklärung besteht nur darin
dass man die Übereinstimmung nachweist in welcher irgend eine einzelne
Erscheinung mit den allgemeinen Gesetzen der Natur steht oder was dasselbe
ist dass man die Gleichmäßigkeit entdeckt mit welcher die natürlichen
Wirkungen erfolgen dies wird Jedem einleuchten der auf die verschiedenen Fälle
achtet in welchen Philosophen von Naturerscheinungen Rechenschaft zu geben
behaupten Dass ein großer Nutzen in diesen regelmäßigen konstanten Weisen
des Handelns liegt welche der höchste Wirkende beobachtet ist in Sektion XXXI
gezeigt worden Auch ist es nicht weniger einleuchtend dass eine bestimmte
Größe Figur Bewegung und Anordnung von Teilen erforderlich ist obschon nicht
absolut zur Hervorbringung irgend einer Wirkung doch zur Hervorbringung
derselben gemäß den beständigen mechanischen Gesetzen der Natur So kann es
zB nicht geleugnet werden dass Gott oder die höchste Intelligenz welche den
geordneten Lauf der Dinge aufrechterhält und beherrscht falls er ein Wunder
tun wollte alle die Bewegungen die über dem Zifferblatt einer Uhr erfolgen
hervorbringen konnte auch wenn Niemand das Getriebe bearbeitet und eingefügt
hätte will er aber gemäß den Gesetzen des Mechanismus bandeln die von ihm zu
weisen Zwecken bei der Schöpfung begründet sind und aufrechterhalten werden so
ist es notwendig dass jene Handlungen des Uhrmachers die Anfertigung und
angemessene Einrichtung des Getriebes der Hervorbringung der erwähnten
Bewegungen vorausgehen ebenso wie auch dass irgend welche Unregelmäßigkeit in
diesen Bewegungen verbunden sei mit der Wahrnehmung irgend welcher Unordnung im
Getriebe nach deren Beseitigung alles wieder in Ordnung ist
Es kann in der Tat bei gewissen Anlässen erforderlich sein dass der
Urheber der Natur seine oberherrliche Macht bekunde durch Hervorbringung einer
Erscheinung außerhalb der geordneten Reihe der Dinge Solche Ausnahmen von den
allgemeinen Gesetzen der Natur sind geeignet zu überraschen und die Menschen im
ehrerbietigen Anerkennung des Daseins Gottes zu bringen aber dann darf von
diesem Mittel nur selten Gebrauch gemacht werden weil andernfalls zu erwarten
steht dass es seine Wirkung verfehle Zudem will Gott so scheint es lieber
unsere Vernunft von seinen Eigenschaften durch die Werke der Natur überzeugen
die so viele Harmonie und Kunst in ihrem Bau bekunden und so deutlich die
Weisheit und Güte ihres Urhebers bezeugen als uns durch Erregung von Erstaunen
mittelst außerordentlicher und überraschender Ereignisse zum Glauben an sein
Dasein bringen
Um diesen Gegenstand in ein noch helleres Licht zu setzen bemerke
ich dass das was in Sektion LX eingeworfen worden ist in der Tat nur auf
Folgendes hinausläuft Ideen werden nicht auf irgend eine beliebige Art und
ordnungslos erzeugt es ist zwischen ihnen eine bestimmte Ordnung und Verbindung
gleich der zwischen Ursache und Wirkung es gibt auch verschiedene in einer
sehr regelmäßigen und künstlichen Weise gebildete Ideengruppen die wie
Instrumente in der Hand der Natur erscheinen welche gleichsam hinter der Scene
verborgen eine geheime Wirkung bei der Produktion der Erscheinungen haben die
auf dem Schauplatze der Welt gesehen werden während sie selbst nur dem
nachspürenden Auge des Forschers erkennbar sind Aber da eine Idee nicht die
Ursache einer andern sein kann wozu dient denn diese Verbindung Und da diese
Instrumente als bloße unwirksame Perzeptionen in dem Geiste nicht zur
Hervorbringung natürlicher Wirkungen dienen so wird gefragt warum sie gebildet
werden oder mit andern Worten was für ein Grund angeführt werden könne warum
Gott uns bei einer sorgsamen Betrachtung seiner Werke eine so große
Mannigfaltigkeit von so kunstvoll und so gesetzmäßig mit einander verknüpften
Ideen zeige da es doch nicht glaublich sei dass er so zu sagen den Aufwand
aller dieser Kunst und Regelmäßigkeit zwecklos mache
Auf alles dies ist meine Antwort erstens dass die Verbindung der
Ideen nicht das Verhältnis von Ursache und Wirkung in sich schließt sondern
nur das Verhältnis eines Merkmals oder Zeichens zu dem bezeichneten Objekt Das
Feuer welches ich sehe ist nicht die Ursache des Schmerzes den ich empfinde
wenn ich mich ihm nähere sondern das Merkmal welches mich davor warnt In
gleicher Art ist das Geräusch das ich höre nicht die Wirkung dieser oder jener
Bewegung oder des Zusammenstoßes von Körpern in unserer Umgebung sondern nur
das Zeichen davon Zweitens der Grund warum Ideen zu Maschinen gestaltet sind
dh zu künstlichen und regelmäßigen Verbindungen ist der nämliche wie der
Grund der Verbindung von Buchstaben zu Worten Damit einige wenige primitive
Ideen dazu verwendet werden können eine große Zahl von Wirkungen und
Handlungen zu bezeichnen ist erforderlich dass sie mannigfach mit einander
kombiniert seien und damit ihr Nutzen ein beständiger und allgemeiner sei
müssen diese Kombinationen nach Gesetzen und planmäßig gemacht werden Auf
diese Weise wird uns eine Fülle von Belehrung gegeben über das was wir von
bestimmten Handlungen zu erwarten haben und welches Verfahren jedesmal
einzuhalten sei um bestimmte Ideen hervorzurufen und dies ist in der Tat
alles was ich als klaren Sinn der Aussage erkenne dass wir durch Erkenntnis
der Figur Zusammenfügung und des Mechanismus der inneren Theile von natürlichen
oder künstlichen Körpern dahin gelangen können die verschiedenen davon
abhängigen Erfolge und Eigenschaften oder die Natur des Dinges zu erkennen
Hieraus ist offenbar dass die Dinge welche unter dem Begriff einer
mitwirkenden oder zur Hervorbringung von Wirkungen beitragenden Ursache gänzlich
unerklärbar sind und uns in große Ungereimtheiten verwickeln sehr naturgemäß
sich erklären lassen und einen eigentümlichen und naheliegenden Nutzen
bekunden wenn sie nur als Merkmale oder Zeichen die zu unserer Belehrung
dienen betrachtet werden Und eben darin sollte die Aufgabe des Naturforschers
bestehen diese durch den Urheber der Natur begründeten Zeichen aufzusuchen und
nach dem Verständnis derselben zu streben sie liegt nicht in der Erklärung von
Vorgängen durch körperliche Ursachen welche Lehre so sehr den Geist der
Menschen von jenem aktiven Prinzip jenem höchsten und weisen Geiste abgelenkt
zu haben scheint »in dem wir leben weben und sind«
Zwölftens wird vielleicht eingewandt werden dass wenn schon aus dem
Bisherigen klar sei es könne so etwas wie eine untätige unempfindliche
ausgedehnte solide gestaltete bewegliche Substanz die außerhalb des Geistes
existiere wie von Philosophen die Materie beschrieben werde nicht geben doch
nicht einleuchte dass nicht möglicherweise eine Materie existiere wenn dieses
Wort so verstanden werde dass man daraus die positiven Ideen Ausdehnung Figur
Solidität und Bewegung weglasse und darunter nur verstehe eine untätige
unempfindliche Substanz die außerhalb des Geistes oder unperzipiert existiere
und die Ursache unserer Ideen sei oder bei deren Gegenwart es Gott gefalle
Ideen in uns hervorzurufen Hierauf antworte ich erstens dass es nicht weniger
ungereimt zu sein scheint eine Substanz ohne Accidentien wie Accidentien ohne
eine Substanz vorauszusetzen Aber zweitens auch wenn wir zugäben dass diese
unbekannte Substanz möglicherweise existiere so fragt sich doch wo sie denn
etwa sein könne Dass sie nicht im Geiste existiere ist zugegeben und dass sie
nicht an einem Orte sei ist nicht minder gewiss da alle Ausdehnung nur im
Geiste existiert wie schon bewiesen worden ist Es bleibt also übrig dass sie
überhaupt nirgendwo existiere
Lasst uns ein wenig die Beschreibung prüfen die uns hier von der
Materie gegeben wird Diese ist weder wirkend noch perzipierend noch wird sie
perzipiert denn nur eben dies ist gemeint wenn gesagt wird sie sei eine träge
unempfindliche unbekannte Substanz diese Definition besteht ganz aus
Negationen nur mit Ausnahme des relativen Begriffs des Drunterstehens oder
Tragens es muss aber dann bemerkt werden dass die Materie überhaupt nichts
trägt und wie nahe dies der Beschreibung eines Nichtseienden kommt möge doch
erwogen werden Aber sagt ihr sie ist die unbekannte Veranlassung bei deren
Gegenwart Ideen in uns durch den Willen Gottes hervorgerufen werden Nun möchte
ich gern wissen wie irgend etwas uns gegenwärtig sein könne das weder durch
sinnliche noch durch innere Wahrnehmung perzipierbar noch auch fähig ist
irgend eine Idee in uns hervorzubringen noch auch ausgedehnt ist noch auch
irgend eine Form hat noch auch an irgend einer Stelle existiert Die Worte
gegenwärtig sein müssen wenn sie so angewandt werden notwendig in irgend
einem abstrakten und seltsamen Sinne genommen werden den ich nicht fähig bin zu
verstehen
Lasst uns ferner prüfen was unter Veranlassung verstanden werde So
viel ich aus dem gewöhnlichen Sprachgebrauch entnehmen kann bezeichnet dieses
Wort entweder das Wirkende das irgend einen Erfolg hervorbringt oder
andernfalls etwas das in dem gewöhnlichen Laufe der Dinge als den Erfolg
begleitend oder demselben vorausgehend beobachtet wird Wird aber das Wort auf
die Materie wie diese oben beschrieben worden ist angewandt so kann es in
keiner von diesen Bedeutungen genommen werden Denn da die Materie passiv und
untätig sein soll so kann sie nicht etwas Wirkendes oder eine hervorbringende
Ursache sein da sie aber auch unperzipierbar ist indem ihr alle sinnlich
wahrnehmbaren Qualitäten fehlen so kann sie nicht die Veranlassung unserer
Perzeptionen in dem letzteren Sinne sein wie wenn gesagt wird dass ich mir den
Finger verbrannt habe sei die Veranlassung des Schmerzes den ich daran
empfinde Was kann demnach gemeint sein wenn jene Materie eine Veranlassung
genannt wird Dieser Terminus wird dann entweder überhaupt in keinem Sinne
gebraucht oder in einem solchen der von seiner üblichen Bedeutung weit absteht
Vielleicht werdet ihr sagen die Materie werde wenn schon nicht durch
uns perzipiert doch perzipiert durch Gott für den sie die Veranlassung sei
Ideen in unsern Geistern hervorzurufen Denn sagt ihr da wir beobachten dass
unsere Sinneswahrnehmungen in einer geordneten und sich gleich bleibenden Weise
hervorgerufen werden so ist es nur vernunftgemäß vorauszusetzen dass
bestimmte sich gleichbleibende und regelmäßige Veranlassungen zu ihrem
Hervorgebrachtwerden bestehen Das besagt dass es bestimmte beharrliche und von
einander unterschiedene Theile der Materie gebe die unseren Ideen entsprechen
und die obschon sie dieselben nicht in unseren Geistern hervorrufen oder uns
irgendwie unmittelbar affizieren da sie durchaus passiv und uns unperzipierbar
sind nichtsdestoweniger für Gott durch den sie perzipiert werden gleichsam
ebensoviele Anlässe sind ihn zu erinnern wann Ideen und was für Ideen unseren
Geistern einzuprägen seien damit so die Dinge in einer beständigen und
gleichmäßigen Weise geschehen
Zur Antwort hierauf bemerke ich dass wie hier der Begriff der
Materie gefasst ist die Frage nicht länger die Existenz eines von Geist und
Idee vom Perzipierenden und Perzipiertwerdenden verschiedenen Dinges betrifft
sondern darauf geht ob es nicht gewisse Ideen von ich weiß nicht was für einer
Art in Gottes Geiste gebe welche eben so viele Merkmale oder Zeichen seien die
ihn dazu leiten Sinnesempfindungen in unseren Geistern nach einer sich
gleichbleibenden und regelmäßigen Methode hervorzurufen zum guten Teil in
derselben Weise wie ein Musiker durch die Musiknoten bei der Erzeugung jener
harmonischen Folge und Verbindung von Tönen geleitet wird die ein Tonstück
genannt wird obschon die welche die Musik hören die Noten nicht wahrnehmen
und vielleicht gar nichts von ihnen wissen Aber dieser Begriff der Materie
scheint zu ausschweifend zu sein um eine Widerlegung zu verdienen Zudem bildet
derselbe in der Tat keinen Einwurf gegen das von uns Behauptete dass es
nämlich keine empfindungslose unperzipierte Substanz gebe
Folgen wir dem Lichte der Vernunft so werden wir aus der beständigen
gleichförmigen Weise unserer Sinneswahrnehmungen auf die Güte und Weisheit des
Geistes Schließen der dieselben in uns hervorruft Aber dies ist alles was
ich vernünftiger Weise daraus Schließen kann Mir sage ich ist es
einleuchtend dass das Sein eines unendlich weisen guten und mächtigen Geistes
völlig zureichend ist alle Erscheinungen der Natur zu erklären Mit einer
untätigen empfindungslosen Materie aber hat nichts von dem was ich begreife
das Mindeste zu tun nichts leitet meine Gedanken darauf hin Und ich möchte
gern sehen wie Jemand auch nur die geringste Naturerscheinung dadurch erkläre
oder irgend einen Grund aufzeige möge derselbe auch nur den geringsten Grad von
Wahrscheinlichkeit besitzen warum er die Existenz derselben annehme oder dass
auch nur dieser Annahme in einer irgend erträglichen Weise ein Sinn oder eine
Bedeutung gegeben werde Denn wird gesagt jene Materie sei eine Veranlassung
so haben wir denke ich deutlich gezeigt dass dieselbe für uns dies nicht ist
sie müsste also für Gott die Veranlassung sein Ideen in uns hervorzurufen und
worauf dies hinauslaufe hat sich uns jetzt eben gezeigt
Es ist der Mühe wert ein wenig über die Motive nachzudenken
welche die Menschen bewegen haben die Existenz einer materiellen Substanz
anzunehmen so dass wir nachdem wir das stufenweise Hinschwinden und den
Untergang dieser Motive oder Gründe beobachtet haben in gleichem Verhältnis
die Zustimmung aufheben können welche auf dieselben gegründet worden war
Zuerst also glaubte man dass Farbe Figur Bewegung und die übrigen sinnlichen
Qualitäten oder Accidentien wirklich außerhalb des Geistes existieren und aus
diesem Grunde schien es erforderlich ein gewisses nicht denkendes Substrat oder
eine Substanz vorauszusetzen worin sie Existenz hätten da sie nicht als an
sich selbst existierend gedacht werden konnten Als hernach im Fortgange der
Zeit man sich überzeugte dass Farben Töne und die übrigen »sekundären
Qualitäten« nicht außerhalb des Geistes existieren streifte man diesem Substrat
oder der materiellen Substanz jene Qualitäten ab und ließ ihm nur die primären
übrig Figur Bewegung und ähnliche von denen man immer noch annahm dass sie
außerhalb des Geistes existierten und demgemäß eines materiellen Trägers
bedürften Da nun aber gezeigt worden ist dass auch von diesen Eigenschaften
keine anders als in einem Geiste oder einer Seele wodurch sie perzipiert werde
existieren könne so folgt dass wir nicht länger irgend einen Grund haben das
Dasein einer Materie vorauszusetzen ja dass es durchaus unmöglich ist dass
etwas Derartiges existiere so lange dieses Wort in dem Sinne genommen wird
worin es ein undenkendes Substrat von Eigenschaften oder Accidentien bezeichnet
in welchem diese außerhalb des Geistes existieren
Aber obschon es von den Materialisten selbst zugegeben wird dass die
Materie nur zu dem Zweck als Trägerin von Accidentien zu dienen angenommen
werde und obschon man erwarten dürfte dass da der Grund ganz wegfalle der
Geist natürlich auch und zwar ohne irgend ein Widerstreben den Glauben an das
was ausschließlich auf denselben gebaut war aufgeben werde so ist doch das
Vorurteil so tief in unser Denken eingedrungen dass wir uns schwer von ihm
losmachen können und demgemäß geneigt sind da die Sache selbst unhaltbar ist
wenigstens den Namen beizubehalten den wir dann auf ich weiß nicht was für
abstrakte und unbestimmte Begriffe eines Seienden oder einer Veranlassung
anwenden obschon ohne irgend einen auch nur anscheinenden Grund so viel ich
wenigstens sehen kann Denn was für einen Anhalt haben wir oder was perzipieren
wir unter allen Ideen Sinneswahrnehmungen Begriffen welche unserm Geiste durch
die Sinne oder durch Selbstbetrachtung eingeprägt sind woraus sich die Existenz
einer trägen gedankenlosen unperzipierten Veranlassung erschließen ließe Und
andererseits was kann es bei einem allgenugsamen Geiste geben das uns glauben
oder auch nur vermuten ließe derselbe werde durch ein träges Ding geleitet
das für ihn die Veranlassung sei Ideen in unserm Geiste hervorzurufen
Es ist ein sehr auffälliger Beweis der Stärke des Vorurteils und
etwas sehr Beklagenswertes dass der Geist der Menschen trotz aller
Vernunftevidenz eine so große Vorliebe für ein stupides gedankenloses Etwas
behält durch dessen Einschiebung er sich wenn ich so sagen darf gegen die
göttliche Vorsehung decken und Gott weiter von den Angelegenheiten der Welt
entfernen möchte Aber mögen wir auch das Äußerste tun was wir können um
den Glauben an eine Materie zu sichern mögen wir auch versuchen wenn
Vernunftgründe uns im Stich lassen unsere Meinung auf die bloße Möglichkeit
des Dinges zu gründen und mögen wir dabei auch um diese bloße Möglichkeit
herauszubringen unserer Phantasie den vollen Spielraum gestatten den sie
findet wenn sie nicht durch die Vernunft geleitet wird so ist doch das
Endresultat nur dass es gewisse unbekannte Ideen im Geiste Gottes gebe denn
dies wenn überhaupt irgend etwas ist alles was ich als den Sinn von
Veranlassung in Bezug auf Gott zu verstehen vermag Und dies heißt im Grunde
nicht länger für die Sache sondern für den Namen kämpfen
Ob es nun solche Ideen im Geiste Gottes gebe und ob sie durch den
Namen Materie zu bezeichnen seien darüber werde ich nicht streiten Aber wenn
ihr festhaltet an dem Begriff einer undenkenden Substanz oder eines Trägers von
Ausdehnung Bewegung und anderen sinnlich wahrnehmbaren Eigenschaften dann
finde ich es offenbar unmöglich dass ein solches Ding existiere denn es ist ein
voller Widerspruch dass jene Eigenschaften in einer nicht perzipierenden
Substanz existieren oder durch eine solche getragen werden
Aber sagt ihr mag es auch zuzugeben sein dass es kernen nicht
denkenden Träger von Ausdehnung und den anderen Qualitäten oder Accidentien
gebe die wir perzipieren so gibt es doch vielleicht eine gewisse träge nicht
perzipierende Substanz oder ein Substrat gewisser anderer Qualitäten welche uns
eben so unerkennbar sind wie einem Blindgebornen die Farben weil wir keinen
auf sie eingerichteten Sinn haben Hätten wir aber einen neuen Sinn so würden
wir dann wohl ebenso wenig an ihrer Existenz zweifeln als ein Blinder nachdem
er sehend geworden ist an der Existenz von Licht und Farben zweifelt Ich
antworte erstens wenn das was ihr unter dem Worte Materie versteht nur der
unbekannte Träger unbekannter Qualitäten ist so ist es gleichgültig ob ein
solches Ding existiert oder nicht da es uns nichts angeht und ich sehe nicht
welchen Nutzen eine Disputation über etwas wovon wir nicht wissen was noch
warum es sei gewähren könne
Zweitens aber hätten wir einen neuen Sinn so könnte derselbe uns
nur mit neuen Ideen oder Sinnesempfindungen versehen und wir hätten dann den
nämlichen Grund gegen ihre Existenz in einer nicht perzipierenden Substanz der
bereits in Betreff der Gestalt Bewegung Farbe etc vorgebracht worden ist
Qualitäten sind wie gezeigt worden ist nichts anderes als Sinneswahrnehmungen
oder Ideen welche nur in einem Geiste existieren der sie perzipiert und dies
gilt nicht nur von den Ideen die wir zur Zeit besitzen sondern gleichermaßen
von allen möglichen Ideen von welcher Art auch immer dieselben sein mögen
Doch werdet ihr behaupten wenn sich auch der Glaube an die Existenz
der Materie auf keinen Grund stützen wenn sich auch kein Zweck der Materie
angeben und nichts durch sie erklären lasse wenn selbst sich nicht der Sinn
dieses Wortes begreifen lasse so sei es doch kein Widerspruch zu sagen dass
Materie existiere und dass diese Materie eine Substanz im Allgemeinen oder eine
Veranlassung von Ideen sei obschon in der Tat der Fortgang zur Entwickelung
dieser Meinung oder die Zustimmung zu irgend einer besonderen Erklärung jener
Worte mit großen Schwierigkeiten verbunden sein möge Ich antworte wenn Worte
ohne Sinn gebraucht werden dann könnt ihr dieselben nach Belieben
zusammenstellen ohne Gefahr in einen Widerspruch zu verfallen Ihr dürft zB
sagen dass zweimal zwei gleich sieben sei so lange ihr erklärt dass ihr nicht
die Worte dieses Satzes in ihrem üblichen Sinne nehmt sondern als Zeichen für
etwas wovon ihr nicht wisst was es sei In derselben Art dürft ihr sagen es
gebe eine träge gedankenlose Substanz ohne Accidentien welche die Veranlassung
zu unseren Ideen sei Wir werden durch den einen Satz gerade eben so sehr
belehrt werden wie durch den andern
Zuletzt werdet ihr sagen wie aber wenn wir die Behauptung es
existiere eine materielle Substanz aufgeben und unter der Materie ein
unbekanntes Etwas verstehen das weder Substanz noch Accidens weder Geist noch
Idee trag gedankenlos unteilbar unbeweglich unausgedehnt ist und an keinem
Orte existiert Denn sagt ihr was auch immer gegen Substanz oder Veranlassung
oder irgend einen andern positiven oder Relationsbegriff von Materie eingewandt
werden mag findet gar keine Anwendung mehr so lange diese negative Definition
der Materie festgehalten wird Ich antworte ihr mögt wenn euch das gut dünkt
das Wort Materie in dem nämlichen Sinne gebrauchen worin Andere das Wort Nichts
gebrauchen so dass beide Worte nach eurer Redeweise mit einander vertauscht
werden können Denn dies scheint mir nach allem das Ergebnis dieser
Definition zu sein wenn ich mit Aufmerksamkeit die Theile derselben insgesamt
oder einzeln betrachte so finde ich nicht dass dadurch irgend eine Wirkung auf
meinen Geist geübt würde die verschieden wäre von der welche das Wort Nichts
hervorruft
Vielleicht werdet ihr entgegnen es liege in der vorstehenden
Definition etwas was einen ausreichenden Unterschied von dem Nichts begründe
nämlich die positive abstrakte Idee der Wesenheit des Seins oder der Existenz
In der Tat ich erkenne an dass die welche sich die Fähigkeit zuschreiben
abstrakte allgemeine Ideen zu bilden so reden als hätten sie eine solche Idee
welche wie sie sagen der abstrakteste und allgemeinste von allen Begriffen
ist dh für mich der unbegreiflichste von allen Ich sehe keinen Grund zu
leugnen dass es eine große Mannigfaltigkeit von Geistern verschiedenen Ranges
und verschiedener Befähigung gebe die eine weit größere Zahl von Kräften und
weit umfassendere Kräfte besitzen als die welche der Urheber meines Seins mir
verliehen hat und wollte ich mich anheischig machen nach meinen eigenen
geringen eingeschränkten nicht weit reichenden Perzeptionsweisen zu bestimmen
was für Ideen die unerschöpfliche Macht des höchsten Geistes ihnen einpräge so
wäre dies gewiss die äußerste Torheit und Anmaßung Denn es kann so weit
ich darüber zu urteilen vermag unzählige Arten von Ideen oder
Sinnesempfindungen geben die eben so verschieden von einander und von allem
was ich perzipiert habe sind wie Farben von Tönen Wie sehr ich aber auch
bereit bin die Beschränktheit meiner Erkenntniskraft in Betracht der endlosen
Mannigfaltigkeit von Geistern und Ideen welche möglicherweise existieren
anzuerkennen so ist es doch vermute ich ein völliger Widerspruch dass
irgend einer dieser Geister einen Begriff eines Seins oder einer Existenz haben
könne wobei von Geist und Idee Perzipieren und Percipiertwerden abstrahiert wäre
Nun bleibt uns noch übrig die Einwürfe zu erwägen welche möglicherweise im
Namen der Religion erhoben werden
Es gibt Personen welche dafür halten dass wenn schon zugegeben
werden müsse die aus der Vernunft entnommenen Argumente für die wirkliche
Existenz von Körpern seien nicht beweiskräftig doch die heilige Schrift über
diesen Punkt so klar sei dass dies zureiche jeden guten Christen davon zu
überzeugen dass Körper in Wirklichkeit existieren und etwas mehr seien als
bloße Ideen da ja in der Bibel unzählige Tatsachen erzählt werden welche
offenbar die Realität von Holz und Stein Bergen und Flüssen Städten und
menschlichen Leibern voraussetzen Hierauf antworte ich dass keine Art von
Schriften seien es heilige oder profane welche diese und derartige Worte in
ihrer gewöhnlichen Bedeutung gebrauchen oder doch so dass ein Sinn darin liege
in die Gefahr komme dass ihre Wahrheit durch unsere Lehre in Frage gestellt
werde Dass alle jene Dinge wirklich existieren dass es Körper gebe selbst
körperliche Substanzen falls dieses Wort im vulgären Sinne gebraucht wird
stimmt wie bewiesen worden ist mit unseren Prinzipien zusammen und der
Unterschied zwischen Dingen und Ideen Realitäten und Chimären ist deutlich
erklärt worden Sect XXIX XXX XXXIII XXXVI etc Und ich denke dass weder
das was die Philosophen Materie nennen noch die Existenz von Objekten
außerhalb des Geistes irgendwo in der Schrift erwähnt wird
Ferner mag es äußere Dinge geben oder nicht so wird doch
allseitig anerkannt dass der eigentliche Zweck der Worte darin besteht unsere
Begriffe zu bezeichnen oder die Dinge nur so zu bezeichnen wie sie uns bekannt
und von uns aufgefasst seien Hieraus folgt offenbar dass in den oben
dargelegten Sätzen nichts ist was mit dem richtigen Gebrauch und der Bedeutung
der Sprache nicht zusammen bestände und dass jede Ausdrucksweise von welcher
Art sie auch sei sofern sie einen verständlichen Sinn hat unangegriffen
bleibt Jedoch dies alles scheint nach dem was früher schon auseinandergesetzt
worden ist so handgreiflich zu sein dass es nicht nötig ist länger dabei zu
verweilen
Doch es wird eingewandt werden dass die Wunder zum mindesten viel
von ihrer Wichtigkeit und Bedeutung durch unsere Prinzipien verlieren Was
müssen wir von Moses Stabe denken wurde derselbe nicht wirklich in eine
Schlange verwandelt und fand nur ein Wechsel von Ideen in den Geistern der
Zuschauer statt Und darf man annehmen dass unser Erlöser auf der Hochzeit zu
Kana nicht mehr tat als auf Gesicht Geruch und Geschmack der Gäste so
einwirken dass er in ihnen die Erscheinung oder Idee Wein erschuf Das Nämliche
kann von allen andern Wundern gesagt werden die den vorstehenden Prinzipien
zufolge als ebenso viele Täuschungen oder Illusionen der Phantasie angesehen
werden müssen Hierauf antworte ich dass der Stab in eine wirkliche Schlange
und das Wasser in wirklichen Wein verwandelt wurde Dass dies nicht im Mindesten
dem was ich anderswo gesagt habe widerstreite wird aus Sektion XXXIV und XXXV
einleuchten Aber dies wie es um reell und imaginär stehe ist schon so
deutlich und vollständig erklärt es ist so oft darauf Bezug genommen worden
und die aufgeworfenen Zweifel lassen sich so leicht lösen dass es den Verstand
des Lesers beleidigen hieße wenn an dieser Stelle die Erklärung aufs Neue
vorgebracht werden sollte Ich will nur bemerken dass wenn bei Tisch alle
Anwesenden Wein sehen und riechen und schmecken und trinken und die Wirkungen
desselben vorfinden nach mir kein Zweifel an der Realität desselben bestehen
kann so dass im Grunde der die Realität der Wunder betreffende Zweifel nicht
unsere sondern nur die herrschenden Prinzipien betrifft und folglich eher für
als gegen das Gesagte spricht
Nachdem wir mit den Einwürfen uns abgefunden haben die ich in das
hellste Licht zu stellen und denen ich alle mögliche Kraft und Stärke zu geben
versuchte gehen wir nun zunächst dazu fort einen Blick auf die Konsequenzen
unserer Sätze zu werfen Einige von diesen springen sofort in die Augen Mehrere
schwierige und dunkle Probleme an welche ein Übermaß von Spekulation
verschwendet worden ist werden gänzlich aus der Philosophie verbannt Kann eine
körperliche Substanz empfinden Ist die Materie ins Unendliche teilbar Und
wie wirkt sie auf den Geist Mit diesen und ähnlichen Untersuchungen haben sich
Philosophen zu allen Zeiten unablässig unterhalten Da dieselben aber durch die
Existenz der Materie bedingt sind so können sie nach unseren Prinzipien nicht
mehr stattfinden Es gibt sowohl in Betracht der Religion als der
Wissenschaften noch manche andere Vorteile die leicht ein Jeder aus dem
Vorstellenden entnehmen kann Doch dies wird in dem Folgenden deutlicher werden
Aus den vorgetragenen Prinzipien folgt dass die menschliche
Erkenntnis naturgemäß in zwei Hauptklassen eingeteilt werden kann nämlich in
die Erkenntnis von Ideen und die von Geistern Von einer jeden derselben werde
ich ordnungsgemäß handeln Was zuerst die Ideen oder undenkenden Dinge
betrifft so ist unsere Erkenntnis derselben sehr verdunkelt und verwirrt und
wir sind zu sehr gefährlichen Irrtümern verleitet worden durch die
Voraussetzung einer zweifachen Existenz der Sinnesobjekte einer intelligiblen
in dem Geiste und einer realen außerhalb des Geistes wobei angenommen wurde
dass undenkende Dinge eine natürliche Existenz an sich selbst hätten die
verschieden wäre von ihrem Percipiertwerden durch Geister Dies was wenn ich
mich nicht ganz täusche als eine durchaus grundlose und ungereimte Vorstellung
erwiesen worden ist ist der gerade Weg zum Skeptizismus denn so lange man
dafür hielt dass reale Dinge außerhalb des Geistes existieren und dass der
Erkenntnis derselben nur in so weit Realität zukomme als sie realen Dingen
konform sei musste folgen dass es uns nicht gewiss sein könne dass wir irgend
eine reale Erkenntnis überhaupt besitzen Denn wie kann erkannt werden dass
die Dinge welche perzipiert werden jenen andern konform seien welche nicht
perzipiert werden oder außerhalb des Geistes existieren
Farbe Gestalt Bewegung Ausdehnung etc sind sofern wir sie nur
als eben so viele sinnliche Wahrnehmungen in dem Geiste betrachten vollkommen
bekannt da nichts in ihnen ist was nicht perzipiert würde Werden sie aber als
Merkmale oder Bilder betrachtet die in Beziehung stehen zu Dingen oder
Urbildern welche außerhalb des Geistes existieren dann verfallen wir Alle in
Skeptizismus Wir sehen nur die Erscheinungsweisen und nicht die realen
Qualitäten der Dinge Was Ausdehnung Figur oder Bewegung irgend eines Dinges
wirklich und absolut oder an sich seien ist uns unmöglich zu erkennen wir
erkennen nur das Verhältnis oder die Beziehung worin sie zu unseren Sinnen
stehen Während die Dinge unverändert bleiben wechseln unsere Ideen und welche
von diesen die wirklich in dem Dinge existierende wahre Qualität repräsentieren
oder ob irgend welche derselben überhaupt diese repräsentieren ist eine uns
nicht erreichbare Erkenntnis so dass so weit wir darüber zu urteilen
vermögen alles was wir sehen hören und fühlen ein bloßes Phantom und eine
eitle Chimäre sein und nicht im mindesten mit den wirklichen Dingen welche in
rerum natura existieren übereinstimmen mag Alle diese Anzweifelung folgt aus
der Voraussetzung dass ein unterschied zwischen Dingen und Ideen bestehe und
dass die ersteren ein Bestehen außerhalb des Geistes oder unwahrgenommen haben
Es wäre leicht ausführlich über dieses Thema zu handeln und zu zeigen wie die
von den Skeptikern zu allen Zeiten vorgebrachten Argumente von der Voraussetzung
äußerer Objekte abhangen
So lange wir undenkenden Dingen eine wirkliche Existenz
zuschreiben welche von ihrem Percipiertwerden verschieden sei ist es uns nicht
bloß unmöglich mit Evidenz die Natur irgend eines wirklichen undenkenden
Dinges zu erkennen sondern auch nur dies dass ein solches existiere Daher
geschieht es dass wir gewisse Philosophen ihren Sinnen misstrauen und an der
Existenz von Himmel und Erde von jeglichem Ding das sie sehen und fühlen
selbst von ihrem eigenen Körper zweifeln sehen Und nach all ihrer mühevollen
Gedankenarbeit sind sie genötigt einzugestehen dass wir gar keine an sich
selbst evidente oder durch einen Beweis gesicherte Erkenntnis von der Existenz
sinnlicher Dinge zu erlangen vermögen Aber alle diese Ungewissheit die so sehr
den Geist irre führt und verwirrt und die Philosophie lächerlich macht in den
Augen der Welt verschwindet wenn wir einen Sinn mit unseren Worten verknüpfen
und uns nicht selbst durch die Termini absolut äußerlich existieren und
ähnliche täuschen welche etwas bezeichnen wovon wir nicht wissen was es ist
Ich kann ebensowohl an meinem eigenen Sein zweifeln wie an dem Sein jener
Dinge die ich tatsächlich durch den Sinn wahrnehme da es ein offenbarer
Widerspruch wäre dass irgend ein sinnliches Ding unmittelbar durch das Gesicht
oder Getast wahrgenommen werde und doch gleichzeitig keine wirkliche Existenz
habe da die wirkliche Existenz eines undenkenden Dinges gerade in seinem
Percipiertwerden besteht
Nichts scheint von größerer Wichtigkeit zur Begründung eines festen
Systems gesunder und echter Erkenntnis zu sein die probehaltig gegenüber den
Angriffen des Skeptizismus befunden werde als das Ausgehen von einer bestimmten
Erklärung was verstanden werde unter Ding Realität Existenz denn vergeblich
werden wir über die reelle Existenz von Dingen disputieren oder irgend etwas
darüber zu wissen behaupten so lange wir nicht den Sinn dieser Worte
festgestellt haben Ding oder Seiendes ist der allgemeinste aller Samen
darunter fallen zwei völlig von einander verschiedene und heterogene Klassen
welche nichts mit einander gemein haben nämlich Geister und Ideen Die ersteren
sind tätige unteilbare Substanzen die andere träge vergängliche abhängige
Dinge die nicht an sich existieren sondern getragen sind von oder existieren in
Geistern oder spirituellen Substanzen Wir erkennen unsere eigene Existenz durch
ein inneres Wahrnehmen einen inneren Sinn oder »Reflektion« und die Existenz
anderer Geister durch Schließen Man darf sagen dass wir in einem gewissen
Sinn eine Kenntnis oder Vorstellung von unserm eigenen Gemüte von Geistern
und aktiven Dingen haben wovon wir nicht Ideen im strengen Sinne besitzen In
gleicher Art kennen wir Beziehungen zwischen Dingen oder Ideen und haben eine
Vorstellung von diesen Beziehungen welche von den auf einander bezogenen Dingen
oder Ideen verschieden sind sofern die letzteren von uns perzipiert werden
können ohne dass wir die ersteren perzipieren Mir scheint dass Ideen Geister
und Beziehungen in allen ihren Arten den Gegenstand der menschlichen Erkenntnis
und das wovon geredet wird ausmachen und dass der Ausdruck Idee nur
uneigentlich in einem so weiten Sinne gebraucht werden könne dass er zur
Bezeichnung von allem diene was wir erkennen oder wovon wir irgend eine
Vorstellung notion haben
Ideen welche den Sinnen eingeprägt sind sind wirkliche Dinge oder
existieren wirklich dies leugnen wir nicht aber wir leugnen dass sie
außerhalb der Geister welche sie perzipieren selbständig bestehen oder dass
sie Abbilder von Urbildern seien welche außerhalb des Geistes existieren da
das wirkliche Sein einer Sinneswahrnehmung oder Idee in ihrem Percipiertwerden
besteht und eine Idee nur einer Idee ähnlich sein kann Ferner mögen die durch
die Sinne perzipierten Dinge äußere genannt werden mit Rücksicht auf ihren
Ursprung sofern sie nicht von innen her durch den Geist selbst erzeugt
sondern durch einen Geist der von dem sie perzipierenden verschieden ist diesem
eingeprägt werden Ebenso mögen sinnlich wahrnehmbare Objekte noch in einem
andern Sinne außerhalb des Geistes befindlich genannt werden nämlich wenn sie
in irgend einem andern Geiste existieren So können wenn ich meine Augen
schließe die Dinge welche ich sah noch existieren aber sie müssen dann in
einem andern Geiste existieren
Es wäre ein Missverständnis wenn man annähme das hier Gesagte tue
im Mindesten der Realität der Dinge Eintrag Nach der herrschenden Doktrin wird
anerkannt dass Ausdehnung Bewegung mit Einem Wort alle sinnlichen Qualitäten
eines Trägers bedürfen da sie nicht für sich selbst subsistieren können Dass
aber die sinnlich perzipierten Objekte nur Kombinationen von solchen Qualitäten
seien und demgemäß nicht für sich subsistieren können wird zugegeben In so
weit stimmen Alle miteinander überein Wenn wir also negieren dass die sinnlich
perzipierten Dinge eine von einer Substanz oder einem Träger worin sie
existieren unabhängige Existenz haben so entziehen wir nichts der herrschenden
Annahme ihrer Realität und machen uns in diesem Betracht keiner Neuerung
schuldig Die ganze Differenz liegt darin dass nach uns die undenkenden
sinnlich perzipierten Dinge keine von ihrem Percipiertwerden verschiedene Existenz
haben und dass sie demgemäß in keiner andern Substanz existieren können als in
jenen unausgedehnten unteilbaren Substanzen oder Geistern welche handeln und
denken und sie perzipieren wogegen die Philosophen in der Regel annehmen dass
die sensiblen Qualitäten in einer trägen ausgedehnten nicht perzipierenden
Substanz welche sie Materie nennen existieren in einer Substanz der sie eine
natürliche selbständige Existenz außerhalb aller denkenden Wesen zuschreiben
welche verschieden sei von dem Percipiertwerden durch einen Geist welcher es
auch sein möge selbst durch den ewigen Geist des Schöpfers in dem sie nur
Ideen der von ihm geschaffenen körperlichen Substanzen voraussetzen wenn anders
sie überhaupt das Geschaffensein dieser Substanzen zugeben
Denn wie wir gezeigt haben dass die Lehre von der Materie oder
körperlichen Substanz die Hauptstütze und Säule des Skeptizismus gewesen ist
ebenso sind auch aus dem nämlichen Grunde alle jene unfrommen Systeme des
Atheismus und der Religionsverwerfung hervorgegangen Ja es ist als so
schwierig erschienen zu begreifen dass Materie aus Nichts geschaffen sei dass
selbst die berühmtesten derjenigen alten Philosophen die das Sein eines Gottes
annahmen die Materie für ungeschaffen und gleich ewig mit ihm gehalten haben
Wie sehr die materielle Substanz den Atheisten aller Zeiten wert gewesen ist
bedarf nicht der Erwähnung Alle ihre monströsen Systeme stehen in einer so
offenbaren und notwendigen Abhängigkeit von ihr dass ist dieser Eckstein
einmal weggenommen das ganze Gebäude notwendig zusammenstürzen muss so sehr
dass sich nicht länger der Zeitaufwand lohnen wird eine besondere Betrachtung
auf die Absurditäten einer jeden nichtswürdigen Sekte von Atheisten zu richten
Dass unfromme und weltlich gesinnte Personen leicht auf solche
Systeme fallen welche ihre Neigungen begünstigen indem sie die Annahme einer
immateriellen Substanz verspotten und voraussetzen die Seele sei teilbar und
dem Untergang ebensowohl wie der Körper unterworfen Systeme die alle
Freiheit Intelligenz und Absicht aus der Bildung der Dinge ausschließen und
statt dessen eine von selbst existierende stupide nicht denkende Substanz Zur
Wurzel und zum Ursprung aller Dinge machen dass sie auf solche horchen die
eine Vorsehung oder Aufsicht eines höheren Geistes auf die Dinge der Welt
leugnen und die ganze Reibe der Ereignisse entweder einem blinden Zufall oder
einer verhängnisvollen Notwendigkeit zuschreiben die aus der Einwirkung der
Körper aufeinander entspringe das alles ist sehr natürlich Und wenn
andererseits Männer von besseren Prinzipien bemerken dass die Feinde der
Religion ein so großes Gewicht auf eine nicht denkende Materie legen und dass
sie alle so viele Mühe und Kunst aufwenden alles auf dieselbe zu reduzieren so
sollte ich denken jene müssten sich freuen ihre Gegner ihres mächtigen Halts
beraubt und aus jener einzigen Festung vertrieben zu sehen außerhalb welcher
die Epikureer Hobbisten und ähnlich Denkende auch nicht einmal den Schatten
eines Vorwands haben sondern über sie aufs Einfachste und Leichteste der Sieg
errungen wird
Die Existenz einer Materie oder unwahrgenommener Körper ist nicht nur
die Hauptstütze der Atheisten und Fatalisten gewesen sondern auf dem nämlichen
Prinzip ruht ebenso auch der Götzendienst in allen seinen mannigfachen Formen
Möchten die Menschen nur erwägen dass Sonne Mond und Sterne und alle anderen
Sinnesobjekte nur eben so viele Wahrnehmungen in ihren Geistern seien die keine
andere Existenz als ihr bloßes Percipiertwerden haben so würden sie gewiss
nicht niederfallen und ihre eigenen Ideen anbeten sondern vielmehr ihre
Huldigung jenem ewigen unsichtbaren Geiste darbringen der alle Dinge
hervorbringt und erhält
Das nämliche ungereimte Prinzip hat indem er sich mit den Artikeln
unsers Glaubens mischte Christen nicht geringe Schwierigkeiten verursacht Wie
viele Zweifel und Einwürfe sind nicht zB in Betreff der Wiederauferstehung von
Socinianern und Anderen erhoben worden Aber hangen nicht die plausibelsten
derselben von der Voraussetzung ab dass ein Körper der nämliche genannt werde
nicht in Betracht seiner Form oder dessen was durch die Sinne perzipiert wird
sondern der materiellen Substanz welche unter mancherlei Formen die nämliche
bleibe Wird diese materielle Substanz hinweggenommen um deren Identität der
ganze Streit sich dreht und wird unter Körper verstanden was jede schlichte
gewöhnliche Person unter diesem Worte versteht nämlich das unmittelbar Gesehene
und Gefühlte was nur eine Verbindung von sinnlichen Eigenschaften ist so
reduzieren sich jene unbeantwortbaren Einwürfe auf nichts
Ist einmal die Materie aus der Natur ausgetrieben so nimmt sie mit
sich fort so manche skeptische und unfromme Vorstellungen solch eine
unglaubliche Zahl von Streitigkeiten und verwirrenden Fragen die sowohl für
Theologen als Philosophen Dornen gewesen sind und den Menschen so viele
fruchtlose Arbeit gemacht haben dass wenn die Gründe die wir dagegen
aufgestellt haben nicht beweiskräftig gefunden werden was sie meines Erachtens
doch offenbar sind ich doch dessen gewiss bin dass alle Freunde der
Erkenntnis des Friedens und der Religion Grund haben zu wünschen sie wären
es
Neben der vermeintlichen Äußeren Existenz der Sinnesobjekte ist eine
andere reiche Quelle von Irrtümern und Schwierigkeiten in Betreff der
Ideenerkenntnis die Lehre von abstrakten Ideen wie dieselbe in der Einleitung
auseinandergesetzt worden ist Die einfachsten Dinge von der Welt mit denen wir
aufs Genaueste vertraut sind und die wir vollkommen kennen erscheinen wenn
sie in einer abstrakten Weise betrachtet werden auf eine seltsame Art schwierig
und unbegreiflich Zeit Raum und Bewegung sind wenn sie im Einzelnen oder
concret genommen werden einem Jeden bekannt sind sie aber durch den Kopf eines
Metaphysikers gegangen so werden sie zu abstrakt und fein um von Menschen mit
gewöhnlicher Auffassungskraft verstanden zu werden Sagt euerm Diener er solle
euch zu einer gewissen Zeit an einem gewissen Orte erwarten so wird er sich
nicht mit einer Überlegung aufhalten was mit diesen Worten gemeint sei er
findet nicht die mindeste Schwierigkeit darin sich die einzelne Zeit und den
Ort vorzustellen oder die Bewegung durch welche er sich dorthin zu begeben hat
Wird aber Zeit mit Ausschluss aller jener einzelnen Handlungen und Ideen die
Abwechslung in den Tag bringen bloß als Fortsetzung der Existenz oder Dauer
in abstrakte genommen dann wird es vielleicht auch einem Philosophen Mühe
machen den Sinn zu erfassen
Jedesmal wenn ich versucht habe eine einfache von der Ideenfolge
in meinem Geist abstrahierte Idee der Zeit zu bilden die gleichmäßig
verfließe und an der alle Dinge Teil haben habe ich mich in unauflösbare
Schwierigkeiten verwickelt und verloren Ich habe überhaupt keinen Begriff von
ihr und höre nur Andere sagen sie sei ins unendliche teilbar und so über
sie reden dass ich zu wunderlichen Gedanken über meine Existenz veranlasst
werde da diese Lehre ihrem Bekenner durchaus die Notwendigkeit auferlegt zu
denken entweder dass er unzählige Zeitalter hindurch ohne einen Gedanken
fortdauere oder andererseits dass er in einem jeden Augenblick seines Lebens
vernichtet werde was doch beides gleich ungereimt zu sein scheint Da also die
Zeit nichts ist wenn wir absehen von der Ideenfolge in unserm Geist so folgt
dass die Dauer eines endlichen Geistes nach der Zahl der Ideen oder der
Handlungen abgeschätzt werden muss die einander in eben diesem Geiste oder
Gemüte folgen Hieraus ist eine offenbare Konsequenz dass die Seele immer
denkt und in der Tat wird ein Jeder der in seinen Gedanken oder durch
Abstraktion die Existenz eines Geistes von dessen Denken abzusondern unternimmt
den Versuch wie ich glaube nicht leicht finden
Ebenso verlieren wir wenn wir versuchen Ausdehnung und Bewegung von
allen andern Eigenschaften abzulösen und für sich zu betrachten dieselben aus
dem Gesicht und verfallen in sehr ausschweifende Meinungen was die Folge einer
zweifachen Abstraktion ist indem erstens vorausgesetzt wird dass zB die
Ausdehnung sich von allen anderen sinnlichen Eigenschaften abtrennen lasse und
zweitens dass das Sein die Entität der Ausdehnung sich von ihrem
Percipiertwerden durch Abstraktion sondern lasse Aber ein Jeder der nachdenken
und Sorge tragen will zu verstehen was er sagt wird wenn ich nicht irre
anerkennen dass alle sinnlichen Qualitäten gleichermaßen Sinnesempfindungen
und alle gleichermaßen real sind dass wo Ausdehnung ist auch Farbe ist
dh in seinem Geiste und dass ihre Urbilder nur in einem andern Geiste
existieren können und dass die sinnlich wahrnehmbaren Dinge nichts anderes als
verbundene gemischte oder wenn man so sagen darf zusammengewachsene
konkrete Sinnesempfindungen sind von welchen allen keiner eine unperzipierte
Existenz zugeschrieben werden darf
Was es heiße Jemand sei glücklich oder ein Objekt sei gut mag ein
Jeder zu wissen glauben Aber auf die Bildung einer abstrakten Idee von Glück
die von aller einzelnen Lust abgelöst wäre oder von Güte die von jeglichem
Ding das gut ist abgesondert wäre können Wenige Anspruch machen Ebenso kann
Jemand gerecht und tugendhaft sein ohne genaue Ideen von Gerechtigkeit und
Tugend zu besitzen Die Meinung dass diese und ähnliche Worte für allgemeine
Begriffe stehen welche von allen einzelnen Personen und Handlungen abstrahiert
seien scheint die Sittenlehre schwierig und das Studium derselben für die
Menschen minder nützlich gemacht zu haben Und in der Tat hat die Lehre von der
Abstraktion nicht wenig dazu beigetragen den nützlichsten Teil der
Wissenschaft zu schädigen
Die beiden großen Abtheilungen theoretischer Wissenschaft die auf
sinnlich gegebene Ideen und deren Relationen gehen sind Naturbetrachtung
natural philosophy und Mathematik In Bezug auf jede derselben will ich
Einiges bemerken und zwar zuerst in Bezug auf die Naturbetrachtung Auf diesem
Gebiete triumphieren die Skeptiker Der ganze Vorrat von Argumenten welche sie
vorbringen um unsere Fähigkeiten herabzusetzen und die Menschen als unwissend
und schwach erscheinen zu lassen ist besonders aus der Grundannahme geflossen
dass wir in Betreff der wahren und wirklichen Natur der Dinge von einer
unbesiegbaren Blindheit seien Dies urgieren sie und lieben es sich darüber zu
verbreiten Wir werden sagen sie auf eine klägliche Weise von unseren Sinnen
irre geführt und getäuscht mit der bloßen Außenseite und Erscheinung der
Dinge Das wirkliche Wesen die inneren Eigenschaften und die Einrichtung eines
jeden auch des geringsten Objects ist unserm Blick verborgen es ist etwas in
jedem Wassertropfen in jedem Sandkorn das zu ergründen oder zu begreifen die
Kraft des menschlichen Verstandes übersteigt Es ist aber aus dem Nachgewiesenen
offenbar dass all diese Klage grundlos ist und dass wir nur unter dem Einfluss
falscher Prinzipien zu dem Grade des Misstrauens gegen unsere Sinne gelangen
dass wir glauben wir wüssten nichts von den Dingen die wir vollkommen
begreifen
Uns selbst als unwissend über die Natur der Dinge zu bekennen dazu
liegt eine große Verleitung in der herrschenden Meinung dass jegliches Ding in
sich die Ursache seiner Eigenschaften trage oder dass in einem jeden Dinge ein
inneres Wesen sei welches die Quelle seiner unterscheidbaren Eigenschaften
bilde und wovon diese abhängig seien Einige haben sich anheischig gemacht
Rechenschaft von den Erscheinungen durch verborgene Qualitäten zu geben die
aber neulich in jüngster Zeit meistens in mechanische Ursachen aufgelöst
worden sind dh in Figur Bewegung Gewicht und derartige Qualitäten
unwahrnehmbarer Teilchen während doch in Wahrheit es keine andere tätige oder
wirkende Ursache gibt als Geist da es offenbar ist dass Bewegung ebensowohl
wie alle anderen Ideen durchaus trag ist s Sektion XXV Daher muss der
Versuch die Hervorbringung von Farben oder Tönen durch Figur Bewegung Größe
und Ähnliches zu erklären notwendigerweise eine vergebliche Arbeit sein Und
demgemäß sehen wir dass die hierauf abzielenden Versuche durchaus nicht
befriedigen Dies mag im Allgemeinen über jene Bezeichnung einer Idee oder
Eigenschaft als der Ursache einer andern gesagt sein Ich brauche nicht zu
sagen wie viele Hypothesen und Spekulationen durch diese Lehre wegfallen und
wie sehr das Naturstudium durch dieselbe vereinfacht wird
Das große mechanische Prinzip welches jetzt in Ansehen steht ist
die Attraktion Dass ein Stein zur Erde fällt oder die See zum Monde hin
anschwillt mag Einigen hierdurch zureichend erklärt zu sein scheinen Aber wie
sind wir denn aufgeklärt wenn uns gesagt wird dies geschehe durch Anziehung
Zeigt dieses Wort die Weise des Strebens an und bedeutet es dass die
Annäherung durch einen gegenseitigen Zug der Körper erfolge und nicht dadurch
dass sie zu einander hin gestoßen oder gedrängt werden Aber es ist nichts über
die Weise oder Tätigkeit festgestellt und diese kann vielleicht so viel wir
wissen mit gleicher Wahrheit als Impuls oder Fortstoßung wie als Anziehung
bezeichnet werden Ferner sehen wir dass die Theile des Stahls fest an einander
haften und auch dies wird durch die Attraktion erklärt aber in diesem Falle
wie in den übrigen finde ich nicht dass irgend etwas Weiteres als der Erfolg
selbst bezeichnet sei die Art und Weise der Tätigkeit wodurch derselbe
hervorgebracht wird oder die Ursache welche ihn hervorbringt wird dadurch
auch nicht einmal mutmaßlich bestimmt
In der Tat können wir wenn wir einen Blick auf die verschiedenen
Phänomene werfen und sie miteinander vergleichen einige Ähnlichkeit und
Übereinstimmung zwischen ihnen finden ZB in dem Fall eines Steines auf den
Boden in der Erhebung der See gegen den Mond hin in der Kohäsion und
Kristallisation ist etwas Ähnliches nämlich eine Vereinigung oder gegenseitige
Annäherung von Körpern so dass eine jede von diesen oder den ähnlichen
Erscheinungen demjenigen nicht befremdlich oder überraschend sein mag der genau
die Naturwirkungen beobachtet und miteinander verglichen hat denn dafür wird
nur dasjenige gehalten was ungewöhnlich oder ein für sich dastehendes und
außerhalb des gewöhnlichen Verlaufs unserer Beobachtung liegendes Ding ist
Dass Körper zum Mittelpunkte der Erde hin streben wird nicht für etwas
Seltsames gehalten weil es etwas ist das wir in einem jeden Augenblick unseres
Lebens beobachten Dass sie aber eine gleiche Gravitation zum Mondmittelpunkte
hin haben wird den meisten Menschen als wunderlich und unerklärbar erscheinen
weil es nur bei der Ebbe und Flut beobachtet wird Aber ein Naturforscher
dessen Gedanken einen größeren Kreis von Naturvorgängen umfassen hat eine
gewisse Ähnlichkeit unter himmlischen und irdischen Erscheinungen beobachtet
welche bekundet dass unzählige Körper eine Tendenz haben sich einander zu
nähern diese bezeichnet er durch den allgemeinen Namen Attraktion und glaubt
nun dass von allem was daraus zurückgeführt werden kann eine genügende
Rechenschaft gegeben sei So erklärt er die Ebbe und Flut durch das
Angezogenwerden der Erdkugel zum Monde hin welches ihm nicht als wunderlich
oder gesetzlos erscheint sondern nur als ein einzelnes Beispiel einer
allgemeinen Regel oder eines Naturgesetzes
Wenn wir demgemäß den Unterschied der zwischen Naturforschern und
Andern hinsichtlich ihrer Erkenntnis der Erscheinungen besteht näher ins Auge
fassen so werden wir finden dass derselbe nicht in einer genaueren Kenntnis
der wirkenden Ursache welche die Erscheinungen hervorbringt besteht denn
diese kann nur der Wille eines Geistes sein sondern nur in einer größeren
Breite der Auffassung wodurch Ähnlichkeiten Harmonien Übereinstimmungen in
den Naturwerken entdeckt und die einzelnen Erscheinungen erklärt dh auf
allgemeine Regeln zurückgeführt werden s Sektion LXII welche Regeln
gegründet auf die in der Hervorbringung der natürlichen Wirkungen beobachtete
Ähnlichkeit und Gleichförmigkeit dem Geiste höchst erfreulich sind und von ihm
gesucht werden und zwar darum weil sie unsern Blick über das hinaus was
gegenwärtig und uns nahe ist erweitern und uns befähigen sehr wahrscheinliche
Vermutungen über Dinge aufzustellen die in sehr weiten zeitlichen und
räumlichen Entfernungen sich ereignet haben mögen ebenso wie Zukünftiges
vorauszusagen und diese Art von Hinstreben zur Allwissenheit wird von dem
Geiste sehr geliebt
Aber wir sollten vorsichtig bei solcher Forschung verfahren denn wir
sind geneigt zu großes Gewicht auf Analogien zu legen und zum Nachtheil der
Wahrheit jenem ungestümen Dränge des Geistes nachzugeben seine Kenntnisse zu
allgemeinen Theoremen zu erweitern So sind zB Einige sofort geneigt
Gravitation oder gegenseitige Anziehung weil dieselbe sich in vielen Fällen
zeigt für allgemein auszugeben und anzunehmen dass das Anziehen und das
Angezogenwerden durch jeden andern Körper eine wesentliche Eigenschaft sei die
allen Körpern welche es auch seien innewohne Wogegen es doch scheint dass
die Fixsterne kein solches Zueinanderstreben haben und so weit ist jene
Gravitation davon entfernt den Körpern wesentlich zu sein dass in einigen
Fällen ein gerade entgegengesetztes Prinzip sich zu bekunden scheint wie in dem
Wachsen der Pflanzen nach oben und in der Elastizität der Luft Es ist nichts
Notwendiges oder Wesentliches in dem Vorgang sondern dieser hängt gänzlich von
dem Willen des herrschenden Geistes ab der verursacht dass gewisse Körper sich
fest zusammenschließen oder zu einander hinstreben gemäß verschiedenen
Gesetzen während er andere in einer fixierten Entfernung hält und einigen gibt
er eine völlig entgegengesetzte Tendenz auseinander zu fliehen gerade wie er
es passend findet
Nach dem Vorstehenden dürfen wir denke ich folgende Schlüsse ziehen
1 Es ist klar dass die Philosophen sich selbst fruchtlos täuschen wenn sie
eine natürliche wirkende Ursache suchen die von einer Seele oder einem Geist
verschieden sei 2 In Anbetracht dessen dass die gesamte Schöpfung das Werk
eines weisen und guten wirkenden Wesens ist sollte es als Aufgabe der Forscher
gelten ihre Gedanken im Gegensatz zu dem was Einige fordern auf die
Zweckursachen der Dinge zu richten und ich muss gestehen dass ich keinen Grund
sehe warum eine Aufzeigung der verschiedenen Zwecke zu welchen Naturobjekte
bestimmt sind und denen gemäß sie uranfänglich mit unaussprechlicher Weisheit
eingerichtet worden sind nicht für eine gute Weise Rechenschaft über sie zu
geben gelten solle die eines Forschers durchaus würdig sei 3 Aus dem Obigen
kann kein Grund entnommen werden warum fernerhin nicht die Naturgeschichte
studiert und Beobachtungen und Versuche gemacht werden sollten dass aber diese
den Menschen zum Nutzen gereichen und uns befähigen Schlüsse zu ziehen ist
nicht das Ergebnis irgend welcher unveränderlichen Eigenschaften oder
Beziehungen zwischen den Dingen selbst sondern allein der göttlichen Güte und
Freundlichkeit gegen die Menschen in der Leitung der Welt s Sektion XXX und
XXXI 4 Durch eine sorgsame Beobachtung der in unsern Gesichtskreis fallenden
Erscheinungen können wir die allgemeinen Gesetze der Natur erkennen und aus
ihnen die anderen Erscheinungen herleiten ich sage nicht als notwendig
erweisen deduzieren nicht demonstrieren denn alle Herleitungen Deduktionen
dieser Art sind abhängig von der Voraussetzung dass der Urheber der Natur
stets gleichmäßig handle unter beständiger Beobachtung jener Regeln die wir
für Prinzipien ansehen und das können wir doch nicht mit Sicherheit wissen
Die welche allgemeine Regeln aus den Erscheinungen entnehmen und
hernach die Erscheinungen aus diesen Regeln ableiten scheinen vielmehr Zeichen
als Ursachen zu betrachten Jemand kann natürliche Zeichen wohl verstehen ohne
ihre Analogie zu kennen oder sagen zu können nach was für einem Gesetz ein Ding
so oder anders sei Und gleich wie es sehr wohl möglich ist inkorrekt zu
schreiben durch eine zu strenge Befolgung allgemeiner grammatischer Regeln so
ist es bei Schlüssen aus allgemeinen Naturgesetzen nicht unmöglich durch zu
weite Ausdehnung der Analogie zu irren
Wie bei dem Lesen anderer Bücher ein weiser Mann seine Gedanken
vielmehr auf den Sinn richten und denselben sich zu Nutzen zu machen streben
als dieselben zu grammatischen Bemerkungen über die Sprache verwenden wird so
scheint es bei der Lesung des Buchs der Natur unter der Würde des Geistes zu
sein allzusehr nach Exaktheit in der Zurückführung jeder einzelnen Erscheinung
auf allgemeine Gesetze oder in dem Nachweis wie sie aus denselben folge zu
streben Wir sollten uns edlere Ziele stecken unsern Geist erfrischen und
erheben durch einen Blick auf die Schönheit Ordnung Fülle und Mannigfaltigkeit
der Naturobjekte dann durch richtig hierauf gebaute Schlüsse unsere Begriffe
von der Größe Weisheit und Güte des Schöpfers erweitern und zuletzt die
verschiedenen Theile der Schöpfung so weit dies bei uns steht den Zwecken
dienstbar machen zu welchen sie bestimmt sind nämlich Gottes Ehre und
Erhaltung und Schmückung des Lebens für uns und unsere Mitgeschöpfe
Dass den besten Aufschluss über die vorhin erwähnte
naturwissenschaftliche Erkenntnis der Regelmäßigkeit in den Erscheinungen ein
gewisser berühmter Traktat über die Mechanik gewähre wird man zweifellos
anerkennen In der Einleitung dieses mit Recht bewunderten Traktats werden Zeit
Raum und Bewegung eingeteilt in die absolute und relative wahre und
anscheinende mathematische und vulgäre diese Unterscheidung setzt wie ihr
Verfasser dies ausführlich erklärt voraus dass jene Größen eine Existenz
außerhalb des Geistes haben und dass sie gewöhnlich in Beziehung zu den
sinnlichen Dingen betrachtet werden zu welchen sie jedoch ihrer eigenen Natur
nach überhaupt keine Beziehung haben
Was die Zeit betrifft wie sie hier in einem absoluten oder abstrakten
Sinne genommen wird als die Dauer oder Beharrung der Existenz der Dinge so
habe ich nichts dem hinzuzufügen was hierüber schon Sektion XCVII und XCVIII
gesagt worden ist Übrigens hält dieser berühmte Schriftsteller dafür es gebe
einen absoluten Raum der als nicht durch die Sinne perzipierbar an sich
gleichförmig und unbeweglich bleibe und einen relativen Raum der das Maß des
absoluten sei dieser relative Raum sei beweglich und bestimmt durch seine Lage
in Rücksicht der sinnlich wahrnehmbaren Körper werde aber gewöhnlich für den
unbeweglichen Raum genommen Den Ort definiert er als den Teil des Raumes den
ein Körper einnehme Ebenso wie der Raum teils absolut teils relativ sei
sei dies auch der Ort Absolute Bewegung ist der Übergang eines Körpers aus
einem absoluten Ort an einen andern absoluten Ort relative Bewegung der
Übergang aus einem relativen Ort an einen andern Da die Theile des absoluten
Raumes nicht in die Sinneswahrnehmung fallen so sind wir genötigt statt ihrer
ihre sinnfälligen Maße zu gebrauchen und somit Ort und Bewegung mit Rücksicht
auf Körper zu bestimmen welche wir als unbeweglich betrachten Aber es wird
gesagt wir müssen in philosophischen Betrachtungen von unseren Sinnen
abstrahieren weil es sein kann dass keiner von den Körpern die zu ruhen
scheinen wirklich ruht und dass das nämliche Ding welches relativ in Bewegung
ist in Wirklichkeit ruht Ebenso kann ein und derselbe Körper in relativer Ruhe
und Bewegung oder selbst gleichzeitig in entgegengesetzter relativer Bewegung
sein jenachdem sein Ort verschieden bestimmt wird Alle diese Vieldeutigkeit
wird in den anscheinenden Bewegungen gefunden aber durchaus nicht in der wahren
oder absoluten Bewegung welche demgemäß allein in der Philosophie betrachtet
werden sollte Die wahre Bewegung wird uns gesagt ist von den anscheinenden
oder relativen Bewegungen durch folgende Eigenschaften zu unterscheiden 1 In
der wahren oder absoluten Bewegung nehmen alle die Theile welche die nämliche
Lage in Beziehung auf das Ganze behalten an den Bewegungen des Ganzen Teil 2
Wird der Ort bewegt so bewegt sich auch das darin Befindliche so dass ein
Körper der sich an einem Orte bewegt welcher selbst in Bewegung ist an der
Bewegung seines Ortes Teil nimmt 3 Wahre Bewegung wird niemals anders erzeugt
oder abgeändert als durch eine auf den Körper selbst einwirkende Kraft 4
Wahre Bewegung wird stets geändert durch eine auf den bewegten Körper
einwirkende Kraft 5 In einer nur relativen kreisförmigen Bewegung ist keine
Zentrifugalkraft die jedoch in der wahren oder absoluten Bewegung der Quantität
der Bewegung proportional ist
Aber ungeachtet dessen was hier gesagt worden ist scheint mir keine
Bewegung eine andere als eine relative sein zu können so dass wir um uns
Bewegung vorzustellen uns zum Mindesten zwei Körper vorstellen müssen deren
Abstand oder gegenseitige Lage sich ändert Hiernach könnte wenn überhaupt nur
Ein Körper existierte dieser unmöglich in Bewegung sein Dies scheint
einleuchtend zu sein sofern die Idee die ich von Bewegung habe notwendig
eine Beziehung in sich schließt
Aber obschon es bei jeglicher Bewegung notwendig ist mehr als Einen
Körper zu denken so kann es doch geschehen dass nur Einer bewegt ist nämlich
der auf welchen die Kraft wirkt die den Wechsel des Abstandes verursacht
oder mit anderen Worten der auf welchen die Tätigkeit gerichtet ist Denn
wenn gleich Einige die relative Bewegung so definieren dass darunter die
Änderung des Abstandes eines Körpers von irgend einem andern Körper zu
verstehen sei mag die Kraft oder Tätigkeit welche diese Änderung bewirkt
auf ihn gerichtet worden sein oder nicht so scheint es doch dass da die
relative Bewegung diejenige ist welche sinnlich perzipiert und bei den
gewöhnlichen Vorgängen im Leben beobachtet wird Jedermann der gesunden
Menschenverstand hat ebensowohl wie der beste Philosoph wisse was sie sei
nun frage ich einen jeden Beliebigen ob nach dem Sinne worin er Bewegung
nimmt die Steine über die er schreitet wenn er durch die Straßen geht
bewegt genannt werden können weil sie ihren Abstand von seinen Füssen ändern
Mir scheint dass obwohl Bewegung eine Beziehung eines Dinges auf ein anderes
in sich schließt doch nicht notwendig sei dass jede veränderte Beziehung
Bewegung genannt werde Wie ein Mensch über etwas denken kann was selbst nicht
denkt so kann ein Körper zu einem andern Körper hin oder von demselben weg sich
bewegen ohne dass doch darum der letztere selbst in Bewegung ist
Wenn der Ort auf verschiedene Weise bestimmt wird so ändert sich die
auf ihn bezügliche Bewegung Von einem Menschen der in einem Schiffe ist kann
man sagen er ruhe in Bezug auf die Seiten des Fahrzeugs und bewege sich doch in
Bezug auf das Land oder er könne sich ostwärts in dem einen und westwärts in
dem andern Betracht bewegen Im gemeinen Leben denken die Menschen niemals über
die Erde hinaus um den Ort irgend eines Körpers zu bestimmen was in Bezug auf
die Erde ruht wird als absolut ruhend angesehen Aber Forscher die einen
größeren Gedankenkreis umfassen und richtigere Begriffe von dem Ganzen der
Dinge haben entdecken dass auch die Erde selbst in Bewegung ist In der
Absicht also ihre Gedanken zu fixieren scheinen sie die körperliche Welt als
begrenzt zu denken und deren äußerste unbewegte Grenze oder ihre Hülse als den
Ort sich vorzustellen wonach sie wahre Bewegungen abschätzen Prüfen wir unsere
eigenen Begriffe so werden wir denke ich finden dass alle die absolute
Bewegung von der wir uns eine Idee bilden können im Grunde nichts anderes ist
als in dieser Art bestimmte relative Bewegung Denn wie schon bemerkt worden
ist absolute Bewegung ist wenn man alle Beziehung auf Äußeres ausschließt
undenkbar und auf diese Art relativer Bewegung passen wie man wenn ich nicht
irre finden wird alle die oben erwähnten Eigenschaften Ursachen und
Wirkungen welche man der absoluten Bewegung zuschreibt Was das über die
Zentrifugalkraft Gesagte betrifft dass dieselbe nicht bei relativer
Kreisbewegung vorkomme so sehe ich nicht wie dies aus dem Experiment folge
welches zum Beweise beigebracht worden ist Siehe Philosophiae naturalis
principia mathematica im Schol zu Defin VIII Denn das Wasser in dem Gefäße
hat zu der Zeit wo ihm die größte relative Bewegung zugeschrieben wird meiner
Meinung nach gar keine Bewegung wie aus der vorigen Sektion hervorgeht
Denn um einen Körper bewegt zu nennen ist erforderlich 1 dass
derselbe seinen Abstand oder seine Lage in Beziehung auf einen andern Körper
ändere 2 dass die diese Änderung veranlassende Kraft oder Tätigkeit auf ihn
gerichtet sei Bleibt eine dieser beiden Bedingungen unerfüllt so entspricht
es denke ich nicht der gewöhnlichen Auffassung noch auch dem Sprachgebrauch
einen Körper bewegt zu nennen Ich gebe zwar zu dass es uns möglich ist einen
Körper den wir seinen Abstand von einem andern ändern sehen als bewegt zu
denken obschon keine Kraft auf ihn gerichtet ist in welchem Sinne anscheinende
Bewegung vorhanden sein mag dann aber geschieht dies darum weil die Kraft
welche den Abstandswechsel verursacht von uns vorgestellt wird als gerichtet
oder bezogen auf den Körper den wir als bewegt denken was in der Tat zeigt
dass wir des Irrtums fähig sind ein Ding welches unbewegt ist sei in
Bewegung das ist alles was sich folgern lässt
Ans dem Gesagten folgt dass die philosophische Betrachtung der
Bewegung nicht das Dasein eines absoluten Raumes involviert der verschieden wäre
von dem durch die Sinne perzipierten und auf Körper bezüglichen Raume dass
dieser letztere nicht außerhalb des Geistes existieren kann ist klar vermöge
derselben Prinzipien welche das Gleiche von allen anderen Sinnesobjekten
beweisen und vielleicht werden wir bei genauer Untersuchung finden dass wir
nicht einmal eine Idee eines reinen Raumes mit Ausschluss aller Körper bilden
können Ich muss bekennen dass mir dies als unmöglich erscheint weil diese
Idee höchst abstrakt wäre Rufe ich eine Bewegung in einem Theile meines Körpers
hervor und lässt sich dieselbe frei oder ohne Widerstand vollziehen so sage
ich es ist dort Raum finde ich aber einen Widerstand so sage ich es sei dort
ein Körper und in dem Maße wie der Widerstand gegen die Bewegung geringer
oder grösser ist sage ich der Raum sei mein oder weniger frei Es muss also
wenn ich von freiem oder leerem Raume spreche nicht vorausgesetzt werden das
Wort Raum stehe für eine Idee die von Körper und Bewegung gesondert oder ohne
diese denkbar wäre Freilich sind wir geneigt zu glauben dass jedes Nomen
substantivum eine bestimmte Idee vertrete die von allen anderen gesondert
werden könne was unzählige Irrtümer veranlasst hat Wenn ich also annehme die
ganze Welt werde vernichtet außer meinem eigenen Körper so sage ich es bleibe
noch der bloße Raum hiermit ist nichts anderes gemeint als dass ich es als
möglich denke dass die Glieder meines Leibes nach allen Seiten hin ohne den
geringsten Widerstand sich bewegen wäre aber auch noch mein Leib vernichtet
dann konnte keine Bewegung und folglich kein Raum sein Vielleicht glauben
Einige der Gesichtssinn liefere ihnen die Idee des bloßen Raumes aber es geht
aus dem was wir anderweitig gezeigt haben klar hervor dass die Ideen Raum und
Entfernung nicht durch diesen Sinn erlangt werden Siehe den Versuch über das
Sehen
Das hier Vorgetragene scheint alle jene Disputationen und jene
Bedenken aufzuheben die unter den Gelehrten in Betreff der Natur des leeren
Raumes sich erhoben haben Der Hauptvorteil aber der daraus hervorgeht
besteht darin dass wir von jenem gefährlichen Dilemma befreit werden in
welches Einige die ihre Gedanken auf diesen Gegenstand gerichtet haben sich
selbst verstrickt glauben nämlich entweder annehmen zu müssen dass der reale
Raum Gott sei oder andernfalls dass es etwas von Gott Verschiedenes gebe das
ewig ungeschaffen unendlich unteilbar unveränderlich sei und beide
Vorstellungen scheinen doch verderblich und ungereimt zu sein Es ist gewiss
dass nicht wenige Theologen ebensowohl wie Philosophen von großem Ansehen aus
der Schwierigkeit welche sie darin fanden Grenzen des Raums oder Vernichtung
des Raumes zu denken den Schluss gezogen haben derselbe müsse göttlich sein
In jüngster Zeit haben Einige sich besonders bemüht zu zeigen dass dies nicht
im Widerstreit zu den unmitteilbaren Attributen Gottes stehe Wie sehr auch
diese Lehre der Würde der göttlichen Natur widerstreiten mag so sehe ich doch
nicht wie wir von ihr loskommen können so lange wir den herrschenden Meinungen
anhangen
So viel über Naturphilosophie wir wenden uns nun zu einigen
Untersuchungen welche den andern Hauptzweig theoretischer Erkenntnis nämlich
die Mathematik betreffen Wie sehr diese auch wegen ihrer Klarheit und der
Sicherheit der Beweisführung gepriesen werden mag die schwerlich auf irgend
einem andern Gebiete wiedergefunden wird so kann sie dennoch nicht für durchaus
frei von Irrtümern gehalten werden sofern in ihren Prinzipien ein versteckter
Irrtum sitzt der den Vertretern dieser Wissenschaft mit den anderen Menschen
gemeinsam ist Obwohl die Mathematiker ihre Theoreme aus sehr einleuchtenden
Fundamentalsätzen ableiten so gehen doch ihre Prinzipien nicht über die
Betrachtung der Quantität hinaus und sie steigen nicht auf bis zu einer
Betrachtung jener die Schranken der Einzelwissenschaften überschreitenden
transzendentalen Grundsätze welche auf eine jede der Einzelwissenschaften
Einfluss haben jede von diesen die Mathematik nicht ausgenommen muss
demgemäß von Irrtümern die in diesen Grundsätzen liegen mitbetroffen werden
Wir leugnen nicht dass die von den Mathematikern aufgestellten Prinzipien wahr
seien und dass ihre Weise der Ableitung aus jenen Prinzipien klar und
unanfechtbar sei Wir halten aber dafür es gebe gewisse irrtümliche allgemeine
Sätze die weiter reichen als das Objekt der Mathematik und die aus diesem
Grunde in dieser Wissenschaft durchgängig nur stillschweigend vorausgesetzt
aber nicht ausdrücklich erwähnt werden wir glauben dass die üblen Wirkungen
jener verborgenen ungeprüften Irrtümer durch alle Zweige der Mathematik
hindurch sich erstrecken Um deutlich zu reden wir vermuten die Mathematiker
seien ebensowohl wie andere Menschen an den Irrtümern beteiligt welche aus
der Lehre herfließen dass es abstrakte allgemeine Ideen gebe und dass Objekte
außerhalb des Geistes existieren
Man hat dafür gehalten die Arithmetik habe zu ihrem Objekt abstrakte
Zahlideen Die Eigenschaften und gegenseitigen Verhältnisse abstrakter Zahlen zu
verstehen wird für keinen geringen Teil theoretischer Erkenntnis gehalten
Die Meinung dass den Zahlen in abstracto ein reines durch den Verstand
erkennbares Wesen zukomme hat sie in Ansehen bei solchen Philosophen gesetzt
welche eine ungewöhnliche Feinheit und Erhebung des Denkens sich zum Ziele
gesetzt zu haben scheinen Der größte Werth ward den nichtigsten
Zahlenspekulationen zugeschrieben von denen sich keine nützliche Anwendung
machen lässt sondern die nur zur Ergötzung dienen und Einige gingen in Folge
davon so weit von hohen Mysterien zu träumen die in den Zahlen lägen und
mittelst derselben die Naturobjekte erklären zu wollen Wenn wir aber unsere
eigenen Gedanken durchforschen und das oben Gesagte erwägen so werden wir wohl
jene hohen Gedankenflüge und Abstraktionen gering achten und alle Untersuchungen
über Zahlen nur als eben so viele mühevolle Spielereien diffiziles nugae
betrachten so weit sie nicht der Praxis dienen und den Vorteil des Lebens
befördern
Die Einheit in abstracto haben wir oben in Sektion XIII betrachtet
daraus und aus dem in der Einleitung Gesagten folgt offenbar dass es gar keine
solche Idee gibt Da aber die Zahl als eine Zusammenfassung von Einheiten
definiert wird so dürfen wir Schließen dass wenn es nichts Derartiges wie
Einheit oder Eins in abstracto gibt es keine abstrakten Zahlideen gebe welche
durch die Zahlworte und Ziffern bezeichnet werden Werden also die Theorien in
der Arithmetik von den Worten und Ziffern durch Abstraktion abgesondert wie
gleicherweise auch von aller praktischen Anwendung und auch von den einzelnen
gezählten Objekten so darf man annehmen dass sie ganz gegenstandslos seien
Hieraus ergibt sich wie durchaus die Wissenschaft von den Zahlen der Anwendung
zu dienen hat und wie nüchtern und tändelnd sie wird wenn man sie als etwas
rein Theoretisches betrachtet
Da es jedoch Einige gibt die getäuscht durch den glänzenden Schein
der Entdeckung abstrakter Wahrheiten ihre Zeit an arithmetische Theoreme und
Probleme verschwenden welche gar keinen Nutzen bringen so wird es nicht
unangemessen sein eine vollständigere Betrachtung anzustellen und das
Täuschende jenes Scheines aufzudecken es wird dieses ganz offenbar werden wenn
wir einen Blick auf die Arithmetik in ihrer Kindheit werfen und beobachten was
es war das ursprünglich die Menschen zum Studium dieser Wissenschaft führte und
auf welches Ziel sie dabei ihr Streben richteten Es ist eine naturgemäße
Annahme dass die Menschen zuerst zur Unterstützung des Gedächtnisses und Hülfe
beim Zusammenzählen Gebrauch von Rechenmarken gemacht haben oder beim Schreiben
von einzelnen Strichen Punkten oder Ähnlichem wovon ein Jedes bestimmt war
eine Einheit zu bezeichnen dh ein gewisses einzelnes Ding irgend welcher Art
das sie mit andern zusammenzuzählen hatten Später erfanden sie die kürzere
Weise ein einzelnes Zeichen mehrere Striche oder Punkte vertreten zu lassen
Zuletzt kamen die arabischen oder indischen Zahlzeichen in Gebrauch wobei durch
Wiederholung einiger wenigen Zage oder Figuren und durch Änderung der Bedeutung
eines jeden Zeichens nach der Stelle die es einnimmt alle Zählen aufs
angemessenste ausgedrückt werden können dies scheint vermöge einer Nachahmung
der Sprache geschehen zu sein so dass sich eine genaue Ähnlichkeit zwischen
der Bezeichnung durch Ziffern und durch Worte beobachten lässt indem die neun
einfachen Zahlzeichen den nenn ersten Zahlworten entsprechen und die Stellen in
der Zahlbezeichnung der Benennung als Zehner Hunderte etc in den Zahlworten
Gemäß jenen Bedingungen des einfachen Wertes und des Stellenwertes der
Ziffern wurden Methoden ersonnen aus den gegebenen Ziffern oder Zeichen der
Theile zu finden was für Ziffern und wie gestellte Ziffern geeignet seien das
Ganze zu bezeichnen und umgekehrt Nachdem man die gesuchten Ziffern gefunden
und beobachtet hat dass die nämliche Regel oder Analogie durchgängig gelte ist
es leicht sie in Worte zu fassen und so wird die Zahl vollständig bekannt
Denn die Zahl irgend welcher einzelnen Dinge heißt dann bekannt wenn wir das
Zahlwort oder die Zahlzeichen in ihrer richtigen Stellung kennen welche
gemäß der feststehenden Analogie denselben zugehören Denn wenn diese Zeichen
bekannt sind so können wir durch die arithmetischen Operationen die Zeichen
irgend eines Theiles der einzelnen durch sie bezeichneten Summen kennen lernen
und indem wir so in Zeichen rechnen können wir zufolge der zwischen ihnen und
der bestimmten Menge von Dingen von welchen jedes als eine Einheit gilt zu
Stande gebrachten Verbindung die Geschicklichkeit erlangen richtig zu summieren
zu teilen und Verhältnisse zu bilden welche auf die Dinge selbst Anwendung
finden die wir der Rechnung zu unterwerfen beabsichtigen
In der Arithmetik werden demnach nicht Dinge sondern Zeichen
betrachtet welche jedoch nicht um ihrer selbst willen sondern darum weil sie
uns zeigen wie in Bezug auf die Dinge zu verfahren sei und wie über diese
richtig zu verfugen sei der Untersuchung unterworfen werden Nun geschieht es
hier ebenso wie wir dies oben Sect XIX der Einleitung in Bezug auf die Worte
im Allgemeinen bemerkt haben dass man dafür hält abstrakte Ideen würden durch
Zahlworte oder Zahlzeichen bezeichnet indem sie in unserm Geiste nicht Ideen
von einzelnen Dingen anregen Ich will jetzt nicht eine speziellere Untersuchung
hierüber führen sondern nur bemerken dass aus dem Gesagten klar ist dass das
was man als abstrakte Wahrheiten und Theoreme über Zahlen ansieht in Wahrheit
auf kein Objekt geht das von den einzelnen zählbaren Dingen verschieden wäre
daneben bloß auf Namen und Ziffern die ursprünglich in keinem andern Sinne
betrachtet wurden als sofern sie Zeichen sind oder geeignet auf eine
angemessene Weise alle einzelnen Dinge zu bezeichnen welche man zu zählen
nötig hatte Hieraus folgt dass sie um ihrer selbst willen zu studieren eben
so weise sein und einem ebenso guten Zwecke dienen würde wie wenn Jemand mit
Vernachlässigung des rechten Gebrauchs oder der ursprünglichen Absicht und
Aufgabe der Sprache seine Zeit auf eine unschickliche Kritik über Worte oder auf
Erwägungen und Streitfragen die nur Worte betreffen verwenden wollte
Von den Zahlen gehen wir in unserer Betrachtung zur Ausdehnung fort
die als relative das Objekt der Geometrie ist Die unendliche Teilbarkeit
endlicher Ausdehnung wird zwar nicht ausdrücklich als Axiom oder als Theorem in
den Elementen dieser Wissenschaft ausgesprochen wird aber in ihr überall
vorausgesetzt und man denkt sie stehe in einer so untrennbaren und
wesentlichen Verbindung mit den geometrischen Prinzipien und Demonstrationen
dass die Mathematiker sie niemals in Zweifelziehen oder irgend eine Untersuchung
darauf richten Da diese Vorstellung die Quelle aller jener ergötzlichen
geometrischen Paradoxien ist welche in so schroffem Widerstreit zu dem
schlichten Menschenverstande stehen und die ein noch nicht durch Gelehrsamkeit
von dem geraden Wege abgelenkter Geist nur mit so vielem Widerstreben in sich
aufnimmt so ist sie der Hauptanlass zu all jener misslichen äußersten
Subtilität welche das mathematische Studium so schwierig und abstoßend macht
Können wir also zeigen dass keine endliche Ausdehnung unendlich viele Theile
enthält oder ins Unendliche teilbar ist so folgt dass hierdurch sofort die
geometrische Wissenschaft von einer Menge von Schwierigkeiten und Widersprüchen
befreit werden wird welche stets der menschlichen Vernunft zum Vorwurf gereicht
haben und dass zugleich die Aneignung dieser Wissenschaft weniger Zeit und Mühe
kosten wird als bisher
Jede einzelne begrenzte Ausdehnung welche ein Objekt unseres Denkens
werden kann ist eine Idee die nur in dem Geiste existieren kann und demgemäß
muss jeder Teil derselben perzipiert werden Wenn ich also nicht unzählig viele
Theile in irgend einer begrenzten Ausdehnung die ich betrachte perzipieren
kann so ist gewiss dass sie nicht darin enthalten sind es ist aber offenbar
dass ich nicht unzählig viele Theile in irgend einer einzelnen Linie Fläche
oder einem Körper unterscheiden kann mag ich diese Gebilde sinnlich wahrnehmen
oder sie mir in meinem Geiste vorstellen hieraus schließe ich dass dieselben
darin nicht enthalten sind Nichts kann mir klarer sein als dass die
Ausdehnungen die ich betrachte nichts anderes als meine eigenen Ideen sind
und es ist nicht weniger klar dass ich die Ideen die ich habe nicht in eine
unendliche Zahl anderer Ideen auflösen kann dh dass sie nicht ins Unendliche
teilbar sind Wenn unter endlicher Ausdehnung etwas von einer endlichen Idee
Verschiedenes gemeint ist so erkläre ich dass ich nicht weiß was das ist
und dass ich demgemäß nichts davon behaupten noch auch negieren kann Wenn aber
die Termini Ausdehnung Theile und ähnliche in einem verständlichen Sinne
genommen werden dh wenn sie Ideen bezeichnen dann ist es ein so offenbarer
Widerspruch zu sagen eine endliche Größe oder Ausdehnung bestehe aus
unendlich vielen Teilen dass ein Jeder auf den ersten Blick anerkennt dass es
ein solcher sei Und es ist eben unmöglich dass jener Aussage jemals irgend ein
denkendes Wesen beistimme wenn dasselbe nicht durch geringe und allmälige
Übergänge dahin gebracht worden ist wie dass ein eben erst bekehrter Heide an
das Wunder der Transsubstantiation glaube Alte und eingewurzelte Vorurteile
erlangen oft die Geltung von Prinzipien und solche Sätze die einmal die Kraft
und das Ansehen eines Prinzips erlangt haben gelten nicht nur selbst sondern
mit ihnen zugleich auch das was sich aus ihnen ableiten lässt für erhaben über
alle Prüfung Keine Ungereimtheit ist so groß dass nicht der Geist auf diese
Weise bereit gemacht werden könnte sie hinzunehmen
Wer das Vorurteil hegt dass abstrakte allgemeine Ideen existieren
der kann auch die Annahme billigen dass was auch immer von den sinnlichen
Ideen gelten möge die Ausdehnung in abstrakte ins Unendliche teilbar sei und
wer dafür hält dass die Sinnesobjekte außerhalb des Geistes existieren wird
vielleicht auf Grund hiervon zu dem Zugeständnis gebracht werden dass eine
Linie die nur einen Zoll lang ist unzählig viele Theile enthalten Könne
welche wirklich existieren obwohl sie zu klein seien um unterschieden zu
werden Diese Irrtümer sind im Geist der Geometer ebensowohl eingewurzelt wie
in dem Geiste anderer Menschen und haben den gleichen Einfluss auf ihre
Erwägungen und es wäre nicht schwer zu zeigen wie darauf die geometrischen
Argumente beruhen auf welche die unendliche Teilbarkeit der Ausdehnung
gestützt wird Für jetzt wollen wir nur im Allgemeinen bemerken warum alle
Mathematiker diese Lehre so sehr lieben und mit solcher Zähigkeit an ihr
festhalten
Es ist an einer andern Stelle Sect XV der Einleitung bemerkt
worden dass die geometrischen Sätze und Beweise allgemeine Ideen betreffen es
ist dort erklärt worden in welchem Sinne dies zu verstehen sei nämlich dass
die einzelnen Linien und Figuren in der Zeichnung so betrachtet werden dass sie
unzählige andere von verschiedener Größe vertreten oder mit andern Worten der
Geometer betrachtet sie mit Abstraktion von ihrer Größe was nicht in sich
schließt dass er eine abstrakte Idee bilde sondern nur dass er sich nicht
darum kümmere welches die einzelne Größe sei ob eine bedeutende oder geringe
sondern dieselbe als etwas für die Beweisführung Gleichgültiges ansieht hieraus
folgt dass von einer in der Zeichnung enthaltenen Linie obschon dieselbe nur
einen Zoll lang ist so gesprochen werden muss als ob dieselbe zehntausend
Theile enthielte weil sie nicht an sich sondern als allgemein betrachtet wird
allgemein aber ist sie nur in ihrer Bedeutung wonach sie unzählige Linien
vertritt die grösser sind als sie selbst in welchen zehntausend und mehr
Theile unterschieden werden können obschon sie selbst nicht mehr als einen
Zoll lang sein mag Demgemäß werden die Eigenschaften der bezeichneten Linien
nach einer sehr üblichen Redeweise auf das Zeichen übertragen und durch
Missverständnis so betrachtet als ob sie diesem nach seiner eigenen Natur
angehörten
Da keine Zahl von Teilen so groß ist dass es nicht eine Linie
geben konnte die deren noch mehrere enthielte so wird gesagt die Linie von
einem Zoll enthalte so viele Theile dass deren Zahl jede angebbare Zahl
überschreite dies ist wahr nicht von jener Linie an sich sondern nur von dem
durch sie Bezeichneten Hält man aber in seinem Denken diese Unterscheidung
nicht fest so kommt man unvermerkt zu dem Glauben dass die kleine einzelne auf
Papier gezeichnete Linie in sich selbst unzählig viele Theile habe Es gibt
nichts derartiges wie den zehntausendsten Teil eines Zolles wohl aber einer
Meile oder des Erddurchmessers welche durch jenen Zoll bezeichnet werden
können Wenn ich also ein Dreieck aufs Papier zeichne und eine Seite zB die
nicht über einen Zoll lang ist als Radius nehme so betrachte ich diesen als
geteilt in zehntausend oder in hunderttausend Theile oder mehr Denn obwohl der
zehntausendste Teil jener Linie an sich betrachtet ganz und gar nichts ist und
demgemäß ohne irgend einen Irrtum oder Nachtheil vernachlässigt werden kann
so folgt doch aus der Betrachtung dieser Linien als bloßer Zeichen für größere
Quantitäten deren zehntausendster Teil sehr beträchtlich sein kann dass um
beträchtliche Irrtümer in der Anwendung zu vermeiden der Radius als eine Linie
von zehntausend oder mehr Teilen genommen werden muss
Aus dem Gesagten ist klar warum wir wenn ein Satz allgemein
anwendbar werden soll von den auf das Papier hingezeichneten Linien so sprechen
müssen als ob dieselben Theile enthielten welche sie in Wirklichkeit nicht
enthalten Thun wir dies so werden wir doch bei genauer Prüfung wohl finden
dass wir dabei nicht einen Zoll selbst als bestehend aus tausend Teilen oder
als zerlegbar in tausend Theile betrachten können sondern nur eine gewisse
andere Linie die weit grösser ist als ein Zoll und durch diesen repräsentiert
wird und dass wir wenn wir sagen eine Linie sei ins Unendliche teilbar eine
unendlich große Linie meinen müssen In dem Erwähnten scheint die Hauptursache
zu liegen warum man die Voraussetzung der unendlichen Teilbarkeit endlicher
Ausdehnung in der Geometrie für erforderlich gehalten hat
Die vielen aus dieser Voraussetzung hervorgehenden Ungereimtheiten
und Widersprüche hätten sollte man denken als ebensoviele Beweise gegen
dieselbe gelten sollen Aber ich weiß nicht nach was für einer Logik man
annimmt dass Beweise a posteriori gegen Sätze die das Unendliche betreffen
nicht zulässig seien Als ob es nicht sogar für einen unendlichen Geist
unmöglich wäre Widersprüche mit einander zu vereinigen oder als ob etwas
Ungereimtes und Widersprechendes in einer notwendigen Verbindung mit der
Wahrheit stehen oder aus ihr herfließen könnte Vielmehr wird ein Jeder der
die Schwäche dieses Vorgebens erkennt denken dass es ersonnen ward der
Trägheit des Geistes zu Gefallen der sich lieber bei einem gemächlichen Zweifel
beruhigt als dass er die Mühe auf sich nähme jene Voraussetzungen die er
stets als wahr angenommen hat einer strengen Prüfung zu unterwerfen
In der jüngsten Zeit sind die Spekulationen über unendliche Größen so
weit getrieben worden und haben so seltsame Vorstellungen erzeugt dass dadurch
nicht geringe Zweifel und Disputationen unter den Geometern der Gegenwart
veranlagst worden sind Einige derselben die in hohem Ansehen stehen begnügen
sich nicht mit der Behauptung dass endliche Linien in eine unendliche Zahl von
Teilen zerlegt werden können sondern behaupten ferner noch dass ein jeder
dieser unendlich kleinen Theile selbst wieder in eine unendliche Zahl anderer
Theile oder unendlich kleiner Größen zweiter Ordnung zerlegbar sei und so fort
in infinitum Diese sage ich behaupten es gebe unendlich kleine Theile
unendlich kleiner Theile unendlich kleiner Größen ohne dass jemals ein Ende
erreicht werde so dass nach ihnen ein Zoll nicht nur eine unendliche Zahl von
Teilen enthält sondern eine Unendlichkeit einer Unendlichkeit einer
Unendlichkeit von Teilen ins unendliche hin Andere halten dafür dass alle
Ordnungen von Infinitesimalgrößen unterhalb der ersten gar nichts seien indem
sie die Annahme mit gutem Grunde für absurd halten dass es irgend eine
positive Quantität oder eine Teilgröße einer Ausdehnung gebe welche obschon
unendlich vervielfacht niemals der kleinsten gegebenen Ausdehnung gleich werden
könne Und doch scheint es andererseits nicht weniger absurd anzunehmen dass
das Quadrat der Kubus oder eine andere Potenz einer positiven realen Basis
selbst gar nichts sei was diejenigen behaupten müssen welche
Infinitesimalgrößen der ersten Ordnung aber keine der höheren Ordnungen
annehmen
Haben wir also nicht Recht zu folgern dass sie beide im Unrecht
seien und dass es in der Tat nichts Derartiges gebe wie unendlich kleine
Theile oder eine unendliche Zahl von Teilen die in einer endlichen Größe
enthalten seien Aber ihr werdet sagen wenn diese Lehre gälte so würden die
Grundlagen der Geometrie zerstört werden und die großen Männer welche diese
Wissenschaft zu einer so erstaunlichen Hohe gebracht haben hätten ein
Luftschloss gebaut Hierauf kann entgegnet werden dass alles was in der
Geometrie nützlich ist und dem menschlichen Leben Förderung gewährt doch
gesichert und durch unsere Prinzipien unerschüttert bleibt Diese Wissenschaft
wird als eine praktische betrachtet eher Vorteil aus dem Gesagten ziehen als
irgend eine Schädigung zu befürchten haben Dies aber in das rechte Licht zu
stellen mag die Aufgabe einer besonderen Untersuchung sein Mag übrigens folgen
dass einige der verwickeltsten und subtilsten Theile der theoretischen
Mathematik wegfallen werden ohne irgend eine Benachteiligung der Wahrheit so
sehe ich doch nicht was für einen Schaden die Menschheit davon haben werde Im
Gegenteil es wäre sehr zu wünschen dass Männer von großen Fähigkeiten und
ausdauerndem Fleiß ihre Gedanken von jenen Ergötzungen ablenkten und dieselben
dem Studium solcher Dinge zuwendeten die den Angelegenheiten des Lebens näher
liegen oder mehr direkten Einfluss auf die Sitten haben
Wenn man sagt dass einige unzweifelhaft wahre Sätze durch Methoden
wobei von dem Unendlichen Anwendung gemacht worden ist entdeckt worden seien
und dass dies nicht möglich gewesen wäre wenn die Existenz desselben einen
Widerspruch in sich schlösse so antworte ich dass bei einer eindringenden
Untersuchung nicht gefunden werden wird dass in irgend einem Falle unendlich
kleine Theile endlicher Linien gedacht oder angewandt werden müssen oder auch
nur Quantitäten die geringer wären als das sinnlich wahrnehmbare Minimum ja
es wird einleuchten dass dies auch in der Tat niemals geschehe da es
unmöglich ist
Aus dem Gesagten geht klar hervor dass sehr zahlreiche und
folgenschwere Irrtümer aus jenen falschen Prinzipien hervorgegangen sind die
wir in den vorstehenden Teilen dieser Abhandlung bekämpft haben Zugleich
erweisen sich die denselben entgegengesetzten Annahmen als die fruchtreichsten
Prinzipien aus welchen unzählige Konsequenzen hervorgehen die der wahren
Philosophie ebensowohl wie der Religion höchst vorteilhaft sind Insbesondere
ist gezeigt worden dass die Materie oder die absolute Existenz körperlicher
Objekte dasjenige sei worin die erklärtesten und verderblichsten Feinde aller
menschlichen oder göttlichen Erkenntnis immer ihre Hauptstütze gesucht und
worauf sie ihr Vertrauen gesetzt haben Und fürwahr wenn durch Unterscheidung
der wirklichen Existenz nicht denkender Dinge von ihrem Erkanntwerden und durch
die Annahme dass sie eine Subsistenz an sich selbst außerhalb der Seelen oder
Geister haben kein einziges Ding in der Natur erklärt wird sondern im
Gegenteil eine große Zahl unlösbarer Schwierigkeiten entsteht wenn die
Voraussetzung dass es Materie gebe bloß eine prekäre ist da sie sich nicht
auch nur auf einen einzigen Grund stützt wenn ihre Konsequenzen nicht das Licht
der Prüfung und freien Forschung ertragen sondern sich durch die dunkle und
unbestimmte Behauptung der Unbegreiflichkeit des Unendlichen decken wenn
zugleich die Beseitigung dieser Materie nicht die geringste üble Folge nach sich
zieht wenn dieselbe nicht einmal in der Welt vermisst wird sondern jegliches
Ding eben so leicht ja leichter ohne sie sich begreifen lässt wenn endlich
sowohl Skeptiker als Atheisten durch die Voraussetzung dass es nur Geister und
Ideen gebe für immer zum Schweigen gebracht werden und diese Ansicht sowohl
der Vernunft als der Religion gemäß ist dann denke ich sollte man erwarten
dass dieselbe gebilligt und entschieden festgehalten werde möchte sie auch nur
als eine Hypothese aufgestellt und die Existenz der Materie als möglich
zugegeben worden sein während wir doch wie ich glaube deutlich gezeigt haben
dass dieselbe nicht möglich ist
Es ist wahr dass zufolge der obigen Prinzipien verschiedene
Disputationen und Spekulationen die für nicht unwesentliche Theile der
Gelehrsamkeit gehalten werden als nutzlos wegfallen Wie sehr dies aber auch
gegen unsere Prinzipien diejenigen einnehmen mag welche schon sehr in Studien
jener Art sich vertieft und große Fortschritte in denselben gemacht haben so
wird doch hoffen wir von Anderen nicht ein berechtigter Grund zur Verwerfung
der hier dargelegten Prinzipien und Sätze darin gefunden werden dass dieselben
die Mühe des Studiums vermindern und die menschlichen Wissenschaften klarer
übersichtlicher und zugänglicher machen als sie zuvor waren
Nach Erledigung dessen was wir über die Erkenntnis von Ideen zu
sagen beabsichtigten haben wir der oben aufgestellten Disposition zufolge
zunächst von Geistern zu handeln die Erkenntnis welche die Menschen von
denselben haben ist wohl nicht so mangelhaft wie man gewöhnlich annimmt Als
Hauptgrund für die Ansicht dass wir die Natur der Geister nicht kennen wird
angeführt dass wir keine Idee davon haben Aber es sollte doch fürwahr nicht
als ein Mangel des menschlichen Verstandes angesehen werden dass derselbe nicht
die Idee Geist perzipiert wenn es offenbar unmöglich ist dass es eine solche
Idee gebe dies aber ist wenn ich nicht irre in Sektion XXVII bewiesen worden
wozu ich hier noch füge dass gezeigt worden ist ein Geist sei die einzige
Substanz oder der Träger worin die nichtdenkenden Dinge oder Ideen existieren
können und dass es offenbar eine ungereimte Annahme ist diese Substanz welche
Ideen trägt oder perzipiert sei selbst eine Idee oder ähnlich einer Idee
Vielleicht wird gesagt werden es fehle uns ein Sinn der wie
Einige sich eingebildet haben geeignet sei auch Substanzen zu erkennen
besäßen wir denselben so könnten wir unsere Seele eben so gut erkennen wie
wir ein Dreieck erkennen Hierauf antworte ich dass wenn wir mit einem neuen
Sinne ausgestattet wären wir dadurch doch nur gewisse neue Sinneswahrnehmungen
oder sinnliche Ideen erlangen könnten Niemand aber wie ich glaube wird sagen
was er unter den Ausdrücken Seele und Substanz verstehe sei nur eine besondere
Art von Idee oder Sinneswahrnehmung Wir dürfen demgemäß Schließen dass
alles wohl erwogen es ebensowenig vernunftgemäß ist unsere Kräfte darum weil
sie uns nicht eine Idee von einem Geiste oder einer tätigen denkenden Substanz
liefern für mangelhaft zu halten als es sein würde sie wegen der Unfähigkeit
zu tadeln ein rundes Viereck zu begreifen
Aus der Meinung dass Geister nach der Weise einer Idee oder
Sinneswahrnehmung zu erkennen seien sind manche ungereimte und vom rechten
Glauben abweichende heterodoxe Annahmen und Zweifel mancherlei Art in Betreff
der Natur der Seele entstanden Es ist sogar wahrscheinlich dass diese Meinung
Einige zu dem Zweifel geführt hat ob sie überhaupt irgend eine von ihrem Körper
verschiedene Seele haben da sie bei der Untersuchung sich nicht im Besitz einer
Idee von ihr finden konnten Dass eine Idee welche untätig ist und deren
Existenz im Percipiertwerden besteht das Abbild oder das Gleichnis eines an
sich bestehenden tätigen Wesens sei scheint keiner andern Widerlegung zu
bedürfen als der bloßen Aufmerksamkeit auf das was unter jenen Worten
verstanden werde Vielleicht aber werdet ihr sagen wenn gleich eine Idee einem
Geiste nicht in dessen Denken Handeln oder substantiellem Bestehen gleichen
könne so könne sie ihm doch in andern Beziehungen gleichen und es sei nicht
nötig dass eine Idee oder ein Bild in allen Beziehungen seinem Original
gleiche
Ich antworte wenn nicht in den erwähnten Beziehungen dann
unmöglich in irgend welchen anderen Nehmt die Fähigkeit des Wollens Denkens
und der Ideenperzeption hinweg so bleibt nichts mehr übrig worin eine Idee
einem Geiste gleichen könnte Denn unter dem Worte Geist verstehen wir nur das
was denkt will und perzipiert dies und nur dies macht die Bedeutung dieses
Wortes aus Ist es also unmöglich dass diese Vermögen in irgend einem Grade in
einer Idee repräsentiert seien so ist es offenbar dass es keine Idee eines
Geistes geben kann
Aber es wird entgegnet werden wenn es keine durch die Ausdrücke
Seele Geist und Substanz bezeichneten Ideen gebe so seien dieselben gänzlich
bedeutungslos oder ohne Sinn Ich antworte diese Ausdrücke bedeuten oder
bezeichnen ein wirkliches Ding welches weder eine Idee noch einer Idee ähnlich
ist sondern Ideen perzipiert und in Bezug auf sie will und denkt Was ich selbst
bin was ich durch den Terminus »Ich« bezeichne ist identisch mit dem was
unter »Seele« oder »geistige Substanz« zu verstehen ist Wird gesagt dies
heiße nur um ein Wort rechten und da die unmittelbaren Bedeutungen anderer
Namen mit allgemeiner Übereinstimmung Ideen genannt würden so könne kein Grund
angeführt werden warum das was durch die Namen Geist oder Seele bezeichnet
werde nicht ebenso genannt werden solle so antworte ich alle nicht denkenden
Objekte des Geistes kommen darin miteinander überein dass sie gänzlich passiv
sind und dass ihre Existenz nur in ihrem Percipiertwerden besteht wogegen eine
Seele oder ein Geist ein aktives Ding ist dessen Existenz nicht im
Percipiertwerden sondern im Perzipieren von Ideen und im Denken besteht Es ist
demgemäß zur Vermeidung von Zweideutigkeit und von Nichtunterscheidung völlig
verschiedener und unähnlicher Wesen erforderlich zwischen Geist und Idee einen
Unterschied zu machen Siehe Sektion XXVII
In einem weiteren Sinne des Wortes mag gesagt werden dass wir eine
Idee oder vielmehr einen Begriff notion von einem Geiste haben dh wir
verstehen die Bedeutung des Wortes andernfalls könnten wir ja nichts davon
bejahen oder verneinen Wie wir ferner die Ideen welche in anderen Geistern
sind vermittelst unserer eigenen die wie wir voraussetzen jenen ähnlich
sind verstehen so erkennen wir andere Geister vermittelst unserer eigenen
Seele welche in diesem Sinne das Abbild oder die Idee jener ist indem sie eine
gleiche Beziehung zu anderen Geistern hat wie Bläue oder Hitze die ich
perzipiere zu den gleichartigen durch einen Andern perzipierten Ideen
Man muss nicht meinen dass die welche der Seele eine in ihrem Wesen
begründete natürliche Unsterblichkeit zuschreiben dafür halten dieselbe
Könne absolut nicht vernichtet werden selbst nicht durch die Allmacht ihres
Schöpfers sie behaupten nur sie sei nicht vermöge der gewöhnlichen Gesetze der
Natur oder der Bewegung dem Zerfallen oder Aufgelöstwerden ausgesetzt
Diejenigen dagegen welche annehmen die Seele eines Menschen sei nur eine feine
Lebensflamme oder ein System von materiellen Lebensgeistern lassen sie
vergänglich und zerstörbar gleich dem Körper sein da nichts leichter
zerstreut werden kann als solch ein Ding welches der Natur gemäß unmöglich
die Auflösung des umschließenden Gehäuses überleben kann Und diese Vorstellung
ist begierig ergriffen und gehegt worden von dem schlechtesten Theile der
Menschen als das wirksamste Gegenmittel gegen alle Eindrucke der Tugend und
Religion Aber es ist deutlich gezeigt worden dass Körper von welchem Bau oder
Gefüge sie auch seien nur passive Ideen im Geiste sind der von ihnen weiter
absteht und ihnen ungleichartiger ist als das Licht von der Finsternis Die
Seele ist wie wir gezeigt haben unteilbar unkörperlich unausgedehnt
folglich auch unzerstörbar Nichts kann deutlicher sein als dass der Naturlauf
dh die Bewegungen Wechsel der Verfall und die Auflösung wovon wir stündlich
Naturkörper betroffen sehen unmöglich eine tätige einfache
unzusammengesetzte Substanz betreffen kann ein solches Ding ist demgemäß nicht
durch die Kraft der Natur zerstörbar dh die menschliche Seele hat eine
natürliche Unsterblichkeit
Nach dem Gesagten ist es denke ich klar dass unsere Seelen nicht
in derselben Weise wie empfindungslose untätige Objekte oder in der Weise
einer Idee erkannt werden können Geister und Ideen sind so durchaus
verschiedene Dinge dass wenn wir sagen sie existieren sie werden erkannt
nicht angenommen werden darf dass diese Worte irgend etwas beiden Wesen
Gemeinsames bezeichnen es gibt nichts Ähnliches oder Gemeinsames in ihnen
und die Erwartung dass wir durch irgend eine Vermehrung oder Erweiterung
unserer Geisteskräfte befähigt werden könnten einen Geist so zu erkennen wie
wir ein Dreieck erkennen scheint mir ebenso ungereimt zu sein als wenn wir
hofften einen Ton zu sehen Ich betone dies weil ich denke dass es von
Bedeutung ist zur Klärung verschiedener wichtiger Fragen und zur Vermeidung
einiger sehr gefährlichen Irrtümer welche die Natur der Seele betreffen Man
kann glaube ich streng genommen nicht sagen dass wir eine Idee von einem
tätigen Ding oder von einer Tätigkeit haben obwohl man sagen kann dass wir
einen Begriff eine Vorstellung notion davon haben Ich habe eine gewisse
Kenntnis oder einen Begriff von meinem Geiste und seinen Tätigkeiten die sich
auf Ideen beziehen sofern ich weiß oder verstehe was mit jenen Worten gesagt
werden soll Was ich weiß davon habe ich einen Begriff Ich schließe nicht
aus dass die Ausdrücke Idee und Begriff miteinander vertauschbar gebraucht
werden wenn die Welt es so will Aber es fördert doch die Klarheit und
Bestimmtheit sehr verschiedene Dinge mit verschiedenen Namen zu bezeichnen
Ebenso ist zu bemerken dass da alle Beziehungen eine Tätigkeit des Geistes in
sich Schließen nicht in strengem Sinn gesagt werden kann dass wir eine Idee
sondern vielmehr zu sagen ist dass wir einen Begriff von den Beziehungen oder
Verhältnissen zwischen den Dingen haben Indes wenn wie es heute üblich ist
das Wort Idee auf Geister Beziehungen und Tätigkeiten mitbezogen wird so
handelt es sich dabei schließlich doch nur um den Wortgebrauch
Es wird nicht unpassend sein hier noch die Bemerkung beizufügen
dass die Lehre von den abstrakten Ideen keinen geringen Antheil daran gehabt
hat die Wissenschaften welche eigens von geistigen Dingen handeln verwickelt
und dunkel zu machen Man hat sich vorgestellt man könne abstrakte Begriffe von
den Kräften und Tätigkeiten des Geistes bilden und dieselben abgelöst
ebensowohl von der Seele oder dem Geiste selbst wie von ihren bezüglichen
Objekten und Wirkungen betrachten In Folge hiervon ist eine große Zahl von
dunklen und mehrdeutigen Ausdrücken welche abstrakte Begriffe bezeichnen
sollen in die Metaphysik und Moral eingeführt worden und hieraus sind
unzählige Verwirrungen und Disputationen unter den Gelehrten erwachsen
Aber nichts scheint mehr zum Aufkommen von Streitigkeiten und
Irrungen welche die Natur und die Tätigkeiten der Seele betreffen beigetragen
zu haben als der Gebrauch von jenen Dingen in Ausdrücken zu reden die von
sinnlichen Dingen entnommen sind So wird zB der Wille als die Bewegung der
Seele bezeichnet dies flößt den Glauben ein der menschliche Geist sei wie ein
Ball in Bewegung angestoßen und bestimmt durch die Sinnesobjekte mit gleicher
Notwendigkeit wie dies durch den Schlag eines Ballschlägels geschieht Hieraus
fließen endlose Zweifel und Irrtümer mit gefährlichen Folgen auf dem Gebiete
der Moral Dieses alles kann ich zweifle daran nicht geklärt werden und die
Wahrheit kann schlicht einfach und in sich wohlgegründet erscheinen falls nur
die Philosophen dazu bestimmt werden könnten in sich selbst einzukehren und
aufmerksam ihre eigenen Gedanken zu betrachten
Aus dem Gesagten geht klar hervor dass wir die Existenz anderer
Geister auf keine andere Weise als durch ihre Tätigkeiten oder durch die von
ihnen in uns hervorgerufenen Ideen erkennen können Ich nehme verschiedene
Bewegungen Veränderungen und Verknüpfungen von Ideen wahr die mir bekunden
dass es bestimmte einzelne tätige Wesen gleich mir selbst gibt welche damit
in Verbindung stehen und an der Hervorbringung derselben Teil haben Hiernach
ist die Kenntnis welche ich von anderen Geistern habe keine unmittelbare wie
die Kenntnis meiner Ideen es ist sondern sie ist durch Ideen vermittelt
welche ich als Wirkungen oder begleitende Zeichen auf tätige Wesen oder Geister
beziehe die von mir selbst verschieden sind
Aber obwohl es einige Dinge gibt die uns überzeugen dass die
Wirksamkeit menschlicher Wesen an ihrer Hervorbringung beteiligt sei so ist es
doch einem Jeden klar dass die Dinge welche wir Naturprodukte nennen dh der
weitaus größere Teil der von uns perzipierten Ideen oder Sinneswahrnehmungen
nicht durch menschliche Willensakte hervorgebracht oder von denselben abhängig
ist Es existiert also ein anderer Geist der sie verursacht da die Annahme
dass sie durch sich selbst bestehen einen Widerspruch in sich Schließen würde
Siehe Sektion XXIX Wenn wir aber aufmerksam jene beständige Regelmäßigkeit
Ordnung und Verkettung der Naturobjekte betrachten die erstaunliche Pracht
Schönheit und Vollkommenheit der größeren und die höchste Kunst in der Bildung
der kleineren Theile der Schöpfung zugleich mit der genauen Übereinstimmung
und dem Zusammenhang aller Theile des Ganzen und vor Allem die niemals genug
bewunderten Gesetze des Schmerzes und der Lust und die Instinkte oder
Naturtriebe Bestrebungen und Affekte der Tiere wenn wir sage ich dieses
alles in Betracht ziehen und gleichzeitig den Sinn und die Bedeutung der
Attribute »Einer ewig unendlich weise gut und vollkommen« beachten so werden
wir klar erkennen dass sie dem vorhin erwähnten Geiste angehören der alles in
allem wirkt und durch den alles besteht
Hieraus leuchtet ein dass Gott eben so gewiss und unmittelbar
erkannt wird wie irgend ein anderes psychisches Wesen oder ein Geist welcher
es auch sei der von uns selbst verschieden ist Wir dürfen sogar behaupten
dass die Existenz Gottes weit einleuchtender perzipiert werde als die Existenz
von Menschen weil die Naturwirkungen unendlich zahlreicher und beträchtlicher
sind als die welche Menschen zugeschrieben werden Es gibt durchaus kein
Merkmal das einen Menschen oder eine von ihm hervorgebrachte Wirkung bekundet
und das nicht noch strenger das Sein jenes Geistes erwiese welcher der Urheber
der Natur ist Denn es leuchtet ein dass bei der Affizierung anderer Personen
der Wille eines Menschen kein anderes Objekt hat als nur die Bewegung der
Glieder seines Leibes dass aber eine solche Bewegung von irgend einer Idee im
Geiste eines Andern begleitet sei oder dieselbe hervorrufe hängt gänzlich von
dem Willen des Schöpfers ab Er allein ist der welcher da er alle Dinge trägt
durch das Wort seiner Macht jene Beziehung zwischen Geistern aufrecht erhält
wodurch sie fähig sind ihre Existenz gegenseitig zu erkennen Dieses reine und
helle Licht aber welches Jeglichen erleuchtet ist selbst unsichtbar
Die Menge gedankenloser Personen scheint ganz allgemein
vorzuschützen dass man Gott nicht sehen könne Könnten wir ihn nur sehen sagen
diese Leute wie wir einen Menschen sehen so würden wir glauben dass er sei
und auf Grund dieses Glaubens seinen Geboten gehorchen Aber ach wir brauchen
ja nur unsere Augen zu öffnen um den Oberherrn aller Dinge in vollerem Maße
und mit höherer Klarheit zu schauen als irgend eines unserer Mitgeschöpfe Ich
stelle mir nicht vor dass wir wie Einige wollen Gott durch einen direkten und
unmittelbaren Anblick sehen oder dass wir körperliche Dinge nicht durch sich
selbst sehen sondern durch das was sie im Wesen Gottes repräsentiert welche
Lehre wie ich bekennen muss mir unverständlich ist Doch ich will meine
Meinung erläutern Bin menschlicher Geist eine menschliche Person wird nicht
sinnlich perzipiert da er nicht eine Idee ist sehen wir also die Farbe Größe
Gestalt und die Bewegungen eines Menschen so perzipieren wir nur gewisse
Sinneswahrnehmungen oder Ideen in unseren eigenen Geistern und da diese unserem
Blick in mehreren besonderen Gruppen sich darstellen so dienen sie dazu uns
die Existenz von endlichen und geschaffenen Geistern die uns selbst ähnlich
sind anzuzeigen Hieraus ist klar dass wir nicht einen Menschen sehen wenn
unter Mensch etwas uns Ähnliches das lebt sich bewegt wahrnimmt und denkt
verstanden wird sondern nur einen solchen Ideenkomplex der uns anleitet zu
denken dass ein besonderes Denk und Bewegungsprinzip welches uns selbst
gleiche damit zugleich vorhanden und dadurch repräsentiert sei In der nämlichen
Weise sehen wir Gott der ganze Unterschied liegt darin dass während irgend
eine endliche und begrenzte Gruppe von Ideen einen einzelnen menschlichen Geist
anzeigt wir jederzeit und überall wohin wir auch unsere Blicke richten mögen
deutliche Spuren der Gottheit erblicken da jegliches Ding das wir sehen
hören fühlen oder irgendwie sinnlich wahrnehmen ein Zeichen oder eine Wirkung
der göttlichen Macht ist in eben der Weise wie unsere Perzeptionen der von
Menschen hervorgebrachten Bewegungen uns als Zeichen dienen
Es ist also klar dass nichts offenbarer für Jeden der des
geringsten Nachdenkens fähig ist sein kann als die Existenz Gottes oder eines
Geistes der unsern Geistern innerlich gegenwärtig ist indem er in ihnen alle
jene Mannigfaltigkeit von Ideen oder Sinneswahrnehmungen hervorbringt die uns
beständig affizieren eines Geistes von dem wir absolut und gänzlich abhängig
sind kurz »in dem wir leben weben und sind« Dass zur Entdeckung dieser
großen Wahrheit die dem Geiste so nahe liegt und so zugänglich ist nur die
Vernunft so Weniger gelangt ist ein betrübender Beweis der Stumpfheit und
Unaufmerksamkeit der Menschen die obschon sie rings umgeben sind von so klaren
Selbstbezeugungen der Gottheit doch so wenig davon ergriffen werden dass es
scheint als seien sie gleichsam geblendet durch ein Übermaß von Licht
Aber werdet ihr sagen hat denn die Natur keinen Antheil an der
Hervorbringung von Naturobjekten und müssen diese alle der unmittelbaren und
alleinigen Wirksamkeit Gottes zugeschrieben werden Ich antworte wird unter
Natur nur verstanden die sichtbare Reihe von Wirkungen oder von
Sinneswahrnehmungen welche nach gewissen feststehenden und allgemeinen Gesetzen
unserm Geiste eingeprägt sind dann ist klar dass die Natur in diesem Sinne des
Wortes überhaupt nichts hervorbringen kann Wird aber unter Natur ein sowohl von
Gott als auch von den Naturgesetzen und sinnlich perzipierten Dingen
verschiedenes Wesen verstanden so muss ich gestehen dass mir dann dieses Wort
ein leerer Schall ohne irgend eine verständliche Bedeutung ist Natur in diesem
Sinne ist ein eitles Wahngebilde welche die Heiden aufgebracht haben die
keinen richtigen Begriff von der Allgegenwart und unendlichen Vollkommenheit
Gottes besaßen Unerklärlicher aber ist dass es Eingang finden konnte unter
Christen welche an die heilige Schrift zu glauben bekannten die doch beständig
der unmittelbaren Hand Gottes jene Wirkungen zuschreibt welche die heidnischen
Philosophen als Wirkungen der Natur zu erklären pflegen »Der Herr ziehet die
Nebel auf vom Ende der Erde er macht die Blitze im Regen und lässt den Wind
kommen aus verborgenen Orten« Jerem X 13 »Er macht aus der Finsternis den
Morgen und aus dem Tage die finstere Nacht« Amos V 8 »Du suchest das Land
heim und wässerst es und machest es sehr reich Du segnest sein Gewächs und
krönest das Jahr mit Deiner Güte Die Anger sind voll Schafe und die Auen
stehen dick mit Korn« Psalm LXV 10 14 Obschon dies aber die beständige
Sprache der Schrift ist so haben wir doch ich weiß nicht was für eine
Abneigung zu glauben dass Gott sich so direkt mit unseren Angelegenheiten
befasse Gern möchten wir ihn in einem großen Abstande von uns denken und eine
blinde nicht denkende Vertretung an seine Stelle setzen obschon wenn wir dem
hl Paulus glauben dürfen »er nicht fern ist von einem Jeglichen unter uns«
Es wird ohne Zweiter entgegen werden die langsame und allmähliche
Weise die sich bei der Entstehung von Naturobjekten beobachten lasse scheine
zu ihrer Ursache nicht die unmittelbare Hand eines allmächtigen wirkenden Wesens
zu haben Zudem sind Monstra unzeitige Geburten nicht zur Entwicklung gelangte
Früchte Regen in Wüsteneien Unglücksfälle die das menschliche Leben treffen
eben so viele Argumente dafür dass der gesamte Bau der Natur nicht unmittelbar
durch einen Geist von unendlicher Weisheit und Güte bewirkt und beaufsichtigt
werde Die Antwort aber auf diesen Einwurf liegt großenteils schon in Sektion
LXII vor es ist offenbar dass die vorerwähnten Wirkungsweisen der Natur
durchaus erforderlich sind zu dem Zweck nach den einfachsten und allgemeinsten
Gesetzen und auf eine gleichförmige und beständige Weise zu wirken was für
Gottes Weisheit und Güte zeugt Solcher Art ist die kunstvolle Einrichtung des
großen Mechanismus der Natur dass während ihre Bewegungen und mannigfachen
Erscheinungen unsere Sinne treffen die Hand selbst welche das Ganze bewirkt
den fleischlichen Menschen unwahrnehmbar ist »Fürwahr« sagt der Prophet »Du
bist ein verborgener Gott« Jesaias XLV 15 Aber wiewohl Gott sich den
Sinnlichen und Trägen verbirgt die sich nicht im Geringsten mit Denken bemühen
wollen so kann doch dem vorurteilslosen und aufmerksamen Geiste nichts
deutlicher erkennbar sein als die Gegenwart eines allweisen Geistes im
Innersten der Dinge der das System alles Seienden gestaltet ordnet und
aufrecht erhält Es ist nach dem was wir an anderen Stellen bemerkt haben
offenbar dass das Wirken nach allgemeinen und feststehenden Gesetzen so
notwendig zu unserer Leitung in den Geschäften des Lebens und Einweihung in das
Geheimnis der Natur ist dass ohne dies auch der umfassendste Verstand aller
menschliche Scharfsinn und alle Überlegung zu gar keinem Zwecke dienen könnten
es wäre sogar unmöglich dass es solche Vermögen oder Kräfte im Geiste gäbe
Siehe Sektion XXXI Diese eine Rücksicht wiegt reichlich alle einzelnen
Unzuträglichkeiten auf die aus der Gesetzmäßigkeit hervorgehen mögen
Wir sollten ferner in Betracht ziehen dass gerade die Flecken und
Mängel der Natur nicht ohne Nutzen sind indem sie eine angenehme
Mannigfaltigkeit bewirken und die Schönheit des übrigen Theiles der Schöpfung
erhöhen wie Schatten in einem Gemälde dazu dienen die helleren und lichteren
Theile zu heben Es wäre auch gut wenn wir prüfen möchten ob unsere Auffassung
der Überfülle an Samen und Keimen und der zufälligen Zerstörung von Pflanzen
und Tieren als eines unzweckmäßigen Verfahrens des Urhebers der Natur nicht
die Wirkung eines Vorurteils sei welches aus dem gewohnten Verfahren schwacher
und sparsamer Sterblichen hergeflossen ist Bei einem Menschen mag mit Recht
eine haushälterische Verwaltung solcher Dinge die er sich nicht ohne viele Mühe
und Fleiß verschaffen kann für Weisheit gehalten werden Aber wir dürfen nicht
uns vorstellen dass der unerklärbar feine Mechanismus eines Tieres oder einer
Pflanze dem großen Schöpfer irgendwie mehr Mühe oder Sorge bei dem Akte des
Erschaffens als ein Kiesel koste da nichts einleuchtender ist als dass ein
allmächtiger Geist gleichmäßig ein jegliches Ding durch ein bloßes »Es werde«
oder einen Akt seines Willens hervorbringen kann Hiernach ist klar dass der
großartige Aufwand von Naturobjekten nicht als Schwäche oder Verschwendung von
Seiten des sie hervorbringenden wirkenden Wesens gedeutet werden sondern
vielmehr als ein Beweis der Fülle seiner Macht gelten sollte
Die Zumischung von Schmerz und Ungemach die in der Welt gemäß den
Naturgesetzen und den Handlungsweisen endlicher unvollkommener Geister ist ist
in unserm gegenwärtigen Zustande durchaus erforderlich für unser Wohlsein Aber
unser Blick ist zu beschränkt wir fassen zB die Idee irgend eines einzelnen
Schmerzes ins Auge und bezeichnen denselben als ein Übel wenn wir dagegen
unsern Blick erweitern so dass wir die verschiedenen Zwecke Verbindungen und
Abhängigkeitsverhältnisse der Dinge betrachten und erwägen bei was für
Gelegenheiten und in welchen Verhältnissen wir mit Schmerz und Lust affiziert
werden wenn wir das Wesen der menschlichen Freiheit und den Zweck um deswillen
wir in die Welt hineingesetzt worden sind begreifen so werden wir uns
genötigt sehen anzuerkennen dass jene einzelnen Dinge die an sich als Übel
erscheinen die Natur eines Gutes haben sofern sie in ihrer Verbindung mit dem
ganzen System der Dinge betrachtet werden
Nach dem Gesagten wird es jedem Nachdenkenden einleuchten dass nur
aus Mangel an Aufmerksamkeit und umfassendem Denken einige Personen als
Begünstiger des Atheismus oder auch der manichäischen Häresie auftreten
Beschränkte und nicht nachdenkende Geister mögen zwar die Werke der Vorsehung
die Schönheit und Ordnung die zu begreifen sie nicht im Stande sind oder sich
nicht die Mühe geben wollen herabsetzen Aber wer auch nur einigermaßen
richtig und umfassend zu denken vermag und zugleich Übung im Nachdenken hat
kann niemals genug die Spuren der göttlichen Weisheit und Güte bewundern die
aus der Einrichtung der Natur hervorleuchten Jedoch welche Wahrheit gäbe es
wohl die so klar dem Geiste einleuchtete dass wir nicht durch eine Abkehr
unseres Denkens ein freiwilliges Schließen der Augen ihrer Anerkennung zu
entgehen vermöchten Darf man sich demnach wundem wenn man finden sollte dass
die große Menge der Menschen stets auf Geschäfte oder auf Vergnügen ausgehend
und wenig gewöhnt die Augen ihres Geistes zu öffnen und fest auf ein Objekt zu
richten nicht die volle Überzeugung und Gewissheit von dem Sein Gottes habe
welche bei vernünftigen Wesen zu erwarten wäre
Wir können uns nicht sowohl darüber wundern dass unachtsame Menschen
unüberzeugt bleiben von einer so einleuchtenden und wichtigen Wahrheit als
vielmehr darüber dass Menschen gefunden werden können die so stumpf sind
unachtsam zu bleiben Und doch ist zu fürchten dass nur zu viele Menschen
welche Fähigkeiten und Müsse haben und in christlichen Ländern leben bloß
durch eine trage erschreckliche Unachtsamkeit in einen gewissen Atheismus
verfallen sind Denn es ist durchaus unmöglich dass eine von der vollen
Empfindung der Allgegenwart Heiligkeit und Gerechtigkeit jenes allmächtigen
Geistes durchdrungene und erleuchtete Seele ohne Gewissensbisse in einer
Verletzung seiner Gesetze beharre Wir sollten also ernstlich und anhaltend
nachdenken über jene wichtigen Punkte um so eine völlig zweifellose
Überzeugung davon zu gewinnen »dass die Augen des Herrn überall hinschauen auf
Böse und Gute dass er mit Tina ist und uns schützt überall wohin wir gehen
und uns Brod zu essen gibt und Kleidung anzuziehen« dass er uns gegenwärtig
ist und unsere innersten Gedanken kennt und dass wir in der absolutsten und
unmittelbarsten Abhängigkeit vor ihm stehen Ein klarer Blick auf diese großen
Wahrheiten muss notwendig unsere Herzen mit ehrfurchtsvoller Andacht und
heiliger Furcht erfüllen welche der kräftigste Antrieb zur Tugend und der beste
Schutz gegen das Laster ist
Denn was im Grunde doch den Vorrang vor allen unseren anderen Studien
verdient ist die Betrachtung Gottes und unserer Pflicht Diese zu befördern
war die Hauptabsicht und das Ziel meiner Arbeit und ich werde diese für
durchaus unnütz und fruchtlos halten wenn ich nicht durch das was ich gesagt
habe meine Leser mit einem frömmeren Gefühl der Gegenwart Gottes erfüllen und
durch Aufzeigung der Falschheit oder Leerheit jener unfruchtbaren Spekulationen
welche die Hauptbeschäftigung der Gelehrten ausmachen sie geneigter machen kann
zur ehrfurchtsvollen Annahme der heilsamen Wahrheiten des Evangeliums deren
Erkenntnis und Ausübung die höchste Vollendung des menschlichen Wesens ist