1925_Reventlow_Selbstmordverein.html




        
                         Franziska Gräfin zu Reventlow
                              Der Selbstmordverein
                     Novellistischer Roman aus dem Nachlass
 Die Geschichte fing damit an dass der junge Baron Henning bei einem Künstlerball
eine Dame kennenlernte die sich Lucy nannte und durchaus rätselhaft blieb Sie
war später wieder mit ihm verschwunden  man wusste von beiden nichts Näheres
    Lucy war nicht eigentlich schön aber wie von allen Sachverständigen
festgestellt wurde ungemein reizvoll mit einem weißen sanften Gesicht und
einem Mund der eher zu frechen und pikanten Zügen gepasst hätte Er war
auffallend rot und die Oberlippe kurz so dass die Zähne stets ein wenig
herausfordernd zum Vorschein kamen Eben in diesen Gegensatz verliebte sich
Henning aber nachdem er einmal mit ihr getanzt hatte gelang es ihm nicht ihr
mehr nahezukommen und die Bekanntschaft wie er es gewünscht hätte festzulegen
so dass eine Fortsetzung folgen konnte Er wurde sich nicht einmal klar in
welche Sphäre sie einzureihen sei  vielleicht in die zweifelhafte es konnte
aber auch ein junges Mädchen oder eine verheiratete Frau sein die im Rahmen des
zwanglosen Festes über die Stränge schlug
    Der Schwede behandelte sie korrekt und anscheinend mit Hochachtung sie
zeigte auch einwandfreie Manieren tanzte aber wie toll völlig hingerissen man
hätte beinah sagen können disparat und gegen Schluss des Balles als die
Stimmung den üblichen Höhepunkt vor Schluss und Aufbruch erreichte schwang Lucy
die Fremde und Undefinierbare sich mit Hilfe ihres Kavaliers auf den Tisch an
dessen Ende Henning mit seiner Gesellschaft saß und tanzte einen raschen
wirbelnden Tanz sprang leichtfüssig wieder herunter und war dann endgültig
verschwunden
    Henning war schon müde und saß da in einer Art von Betäubung er sah nur die
leichten wirbelnden Füße in den zierlichsten Schuhen und durchsichtigsten
Strümpfen die man sich denken konnte die schwarze funkelnde Seide ihres
Kleides das sich raschelnd drehte und sah von unten herauf in das schon
erwähnte sanfte Gesicht mit den dunklen Augen und dem impertinenten Mund
    Dann stand er noch eine Weile vor dem Hotel während die Gäste sich
allmählich verliefen und die Autos nach allen Seiten davonstoben und ging
schließlich nach Hause um bis zum nächsten Nachmittag zu schlafen
    Er wohnte damals mit seinem Freund dem Doktor Burmann zusammen der das
Fest nicht mitgemacht hatte denn er war ein vielbeschäftigter Arzt und noch
spät abends zu einem Kranken gerufen worden Mit einigen Stossseufzern über den
ewigen Zwang seiner Berufspflichten warf er sich in den Sessel als man sich
gegen fünf Uhr zum Tee zusammenfand und hörte dann nachdenklich Hennings
Bericht an Der lag lang hingestreckt in seinem Schaukelstuhl den er jedem
anderen Möbel vorzog ein wenig übernächtigt und so nervös dass er jedesmal
zusammenfuhr wenn es draußen klingelte Das aber geschah des öfteren denn die
beiden Junggesellen machten sozusagen ein Haus Außer den Konsultationsräumen im
Parterre hatten sie eine umfangreiche Etage inne und sahen gerne ihre Bekannten
bei sich Die damit verbundenen Äußerlichkeiten wickelten sich in guter Ordnung
und ziemlich unmerkbar ab eine tüchtige Wirtschafterin die fast nie zum
Vorschein kam sorgte für den Haushalt und die sichtbare Bedienung lag dem
alten Diener Josias ob den Henning sich von daheim mitgebracht hatte und der
mit seinem weißen Haar und Bart aussah wie ein greiser König der seine Krone
verloren hat Und schließlich gab es noch Frau Käte Burmanns platonische
Freundin wie sie selbst sich gerne nennen hörte da sie gleichen Wert auf ihre
Bewegungsfreiheit wie auf ihren guten Ruf legte Sie hatten sich schon als
Kinder gekannt und pflegten seitdem eine Art geschwisterlicher Beziehung So
ging sie unbekümmert aus und ein sah ein wenig nach dem Rechten und spielte
gelegentlich wenn man Gäste einlud die Hausfrau oder wenn der Doktor
schwierige Patienten hatte auch die Empfangsdame Im übrigen war sie früh Witwe
geworden und hatte keine Lust sich wieder zu verheiraten
    Sie kam denn auch heute fiel mitten in das Gespräch der beiden Freunde
hinein und erklärte in ihrer heiteren energischen Art sie merke wohl dass sie
störe aber es fiele ihr nicht ein wieder fortzugehn im Gegenteil man müsse
ihr helfen diesen trostlosen Regensonntag totzuschlagen Damit hatte sie auch
schon ihren Pelz mitten ins Zimmer über einen Stuhl geworfen sich einen
bequemen Sessel dicht an den Ofen geschoben und verlangte Tee einen guten
heißen Tee mit Arrak Der alte Josias der sie tief und stumm verehrte
beschleunigte seine feierlichen Bewegungen bis alles Nötige am Platze war
rollte den Teetisch herbei schenkte ein und verschwand
       »So jetzt geht es mir schon besser« sagte Frau Käte »und jetzt
soll es meinetwegen weiterregnen aber zu Hause  mir war heute zumut wie einer
richtigen einsamen Witwe die eigentlich in die Kirche gehen sollte und nachher
Wohltätigkeitsbesuche machen«
    »Äh und statt dessen kamen Sie zu uns  zu den Armen im Geist mit der
gütigen Absicht uns etwas aufzuhellen«
    »Er tut uns unrecht« sagte Burmann »denn grade heute können wir dir etwas
Besonderes bieten Käte Wir haben ein neues Thema«
    Henning machte eine ablehnende Handbewegung aber der andere fuhr
unerbittlich fort
    »Ein ganz neues Thema wenn es auch das ewig alte Lied ist «
    »O wie langweilig« meinte Frau Käte  »also Liebe
    Hat sich wieder einmal einer von euch verliebt Das ist doch nichts Neues«
    »Freilich etwas Neues und ganz Ungewöhnliches denn Henning ist seit gestern
nacht in ein Phantom verliebt und wird wie ich ihn kenne nun diesem Phantom
nachjagen wie er bisher wirklichen und realen Frauen nachlief«
    »Wetten dass sie es auf mich abgesehen hat« sagte Henning »Als sie anfing
zu tanzen hat sie mir einen Blick zugeworfen und als sie aufhörte eine
Bewegung mit der Hand   «
    »Aber dann verschwand sie«
    »Ich werd sie schon wiederfinden  Wenn ich nur wüsste was sie mit dem
verdammten Schweden zu tun hat«
    »Nun vermutlich hat sie eine Liaison mit ihm«
    Henning stöhnte und Frau Käte begann nun viele Fragen zu tun Sie wollte
alles ganz genau wissen und wurde geradezu ärgerlich über die Unterbrechung als
es draußen klingelte zwei dreimal rasch hintereinander Dann steckte der alte
Diener den Kopf in die Tür
    »Fräulein Nini« meldete er vorsichtig und sah seinen Herrn fragend an
    »Wegschicken Josias ich bin heute durchaus nicht zu sprechen« Und während
das geräuschlos und taktvoll ausgeführt wurde stöhnte er wiederum ein wenig »O
Gott  wie bin ich all diese Ninis und Lulus müde  Sonntag nachmittag 
Dämmerung  Langeweile  Pardon ich nehme an dass ihr beiden nicht hier wäret 
und dann so ein herziges Gesichterl mit einem großen Hut oder einem winzigen
Hut Und das setzt sich dann ans Klavier und will mich aufheitern und singt
seine Kouplets ein rührsames Volkslied oder je nach dem Niveau auch etwas
anderes und will soupieren «
    »Du bist heute absolut wie der Lebemann in einem mittelmäßigen Salonstück«
sagte Burmann »Schau ihn nur an Käte wie er dasitzt den Kopf etwas
hintenüber die Haltung müde die Augen vor lauter Blasierteit nur noch zwei
schwarze Ritzen und fort mit den Ninis und Lulus  zum Teufel«
    »So hör doch endlich einmal auf von mir zu reden«
    »Ja lass ihn in Ruhe mir gefällt er heute viel besser als sonst« und Frau
Käte rückte ihren Sessel ganz dicht zu Henning heran »Ja sehen Sie Baron
unser lieber Hans Burmann ist ein langweiliger Mensch mit seiner Praxis und
seinen Zielen aber wir haben noch Sinn für Romantik und verstehen uns viel
besser Schade schade dass sie sich nie in mich verliebt haben und ich hier im
Hause nur respektiert und gern gesehen werde    Aber wie es nun einmal ist
kann ich mich gut hineindenken in diese Geschichte Es gefällt mir dass Sie sich
in diese unwahrscheinliche Lucy verliebt haben dass grade Sie endlich einmal
hinter einem Phantom herlaufen wollen  ein Phantom mit einem verdammten
Schweden  das ist sehr hübsch  Ach Gott schon wieder ein Besuch «
    »Diesmal wirds wohl die Lulu sein« meinte Henning resigniert »und es war
grade so nett Ihnen zuzuhören « Er küsste ihr die Hand
    Es hatte wieder geschellt aber diesmal viel zuversichtlicher als vorhin
Ninis Position war schon seit einiger Zeit ins Schwanken geraten und das gab
sich auch in ihrem leicht vibrierenden Anläuten kund
    »Der Herr Vetter und Fräulein Hedy« meldete Josias mit wohlwollendem
Lächeln und schon brachen die beiden Angekündigten mit geräuschvollem Vergnügen
ins Zimmer ein ohne erst abzuwarten ob sie willkommen waren oder nicht Es war
Burmanns Vetter Georg ein achtzehnjähriger Gymnasiast und seine Freundin Hedy
die kaum siebzehn zählte Die zwei liebten sich machten hier im Hause kein
Geheimnis daraus und wurden wohlwollend protegiert und geduldet Es war nichts
dabei zu machen auch wenn die Älteren ihre Bedenken hatten sie waren viel zu
überzeugt von ihrer guten Sache und ihren Rechten an das Leben Man versuchte
wohl hier und da pädagogisch auf sie einzuwirken aber es nützte gar nichts Sie
liebten sich und basta Sie fanden es herrlich und wollten keinen Moment
verlieren und basta Georg war seinem Äußeren nach ein hübscher
Durchschnittsjunge aus guter Familie Hedy brünett und lebhaft aus wohlhabendem
Parvenümilieu und nach dem was sie erzählte jedenfalls darauf berechnet nach
einer sorgfältigen Erziehung eine gute Partie zu machen
    Sie wollten gleich anfangen von ihren neuesten Eskapaden und
Gaunerstreichen zu erzählen aber es war heute keine Stimmung dafür Man ließ
sie nicht recht aufkommen versorgte sie nur mit Tee und Süßigkeiten und fuhr
fort von Lucy und dem gestrigen Fest zu sprechen
    »Recht so Henning« sagte der kleine Georg als er erfasst hatte worum es
sich handelte »Machen Sie nur einmal Ernst und stecken Sie Ihr Rouéleben auf 
das ist ja langweilig  das ist ja unschön Grad vorhin sind wir Ihrer Nini
begegnet  Sie haben sie wohl weggeschickt und dann läuft sie zu einem anderen
um den Abend totzuschlagen Das ist vielleicht nicht schön von ihr aber Sie
machen sie eben auch nicht glücklich«
    »Was wissen denn Sie davon Sie dummer Bub« Georg und Hedy sahen sich nur
an und platzten vor Lachen Sie saßen da und tranken alle süßen Schnäpse aus
die sie nur erreichen konnten Oh sie kannten das Leben und waren überzeugt
alle anderen seien nur elende Stümper
    Später bestürmten sie Burmann um Geld Sie brauchten immer Geld sie mussten
Auto fahren um nicht gesehen zu werden und heute wollten sie gemeinsam zu
Abend essen denn Hedys Eltern gingen aus
    »Kinder Kinder« sagte Burmann und warf ihnen ein Goldstück zu das die
Kleine geschickt auffing Aber sie wurde dunkelrot dabei
    »Wärs hingefallen so müssten wir darauf verzichten Herr Doktor ich kann
mir doch nicht so Geld hinwerfen lassen wie eine  und Georg erst recht
nicht wenn ich dabei bin«
    »Eine feine Lektion Hedy ich wills mir merken Bleiben Sie nur bei diesen
Empfindungen damit es nicht einmal schiefgeht mit Ihnen«
    »Das wird es nie dazu bin ich viel zu gut erzogen« Sie lächelte vergnügt
und ein wenig zweideutig zu Georg hinüber
    Der wurde verlegen »Du könntest es mir tatsächlich ebensogut in die Hand
geben Hans oder auf den Tisch legen   und außerdem reicht es nicht Wir
müssen Chambre séparée nehmen man kann überall Leute treffen«
    »Nein hört einmal das ist doch etwas reichlich« protestierte Käte die
sonst diesem Fall ein wenig ratlos gegenüberstand »du Georg musst doch an
Hedys Ruf denken«  »Ich heirate sie ja«
    Sie bekamen nun noch ein zweites Goldstück welches diesmal in aller Form
überreicht wurde und zogen beglückt vondannen
    Es ging jetzt schon gegen Abend der Regen rann immer weiter gleichmäßig und
ermüdend an den Fenstern nieder
    Man hörte die beiden jungen Leute auf der Treppe noch lachen bis die
Haustür drunten ins Schloss fiel und lauschte ihnen unwillkürlich nach Burmann
war aufgestanden und wanderte im Zimmer auf und ab Dann machte er vor einer
Etagere halt auf der einige indische Nippes standen und betrachtete sie
anscheinend mit gespannter Aufmerksamkeit
    »Hast du etwa wieder Verantwortungsgedanken« fragte Henning
    »Nein  Verantwortung stimmt nicht ganz Es ist nur so ein dummes Gefühl 
Ich hätte mich lieber nicht darauf einlassen sollen in diesem Babyroman den
Mitwisser zu machen Ich spiel da wirklich eine ungeschickte Rolle Für die
beiden bin ich der ältere Vetter dem man blind vertraut und Geld abknöpft
dafür darf ich dann wenns einmal hapert mit ihnen durch dick und dünn gehen
Und den etwaigen Eltern gegenüber  stellt euch nur den Fall vor dass etwas
aufkommt oder es irgendein Malheur gibt «
    Er machte eine ironische Grimasse  »Ich bin es so gewöhnt tadellos
dazustehen und ihr habt alle nichts Besseres zu tun als mich jeden Augenblick
in eure  Verzeihung  zweifelhaften Abenteuer hineinzuziehen«
    »Ich doch nicht« rief Käte empört »Nein du machst eine rühmenswerte
Ausnahme Wenn du welche hast weiß man wenigstens nichts davon«  ihre Blicke
trafen sich einen Augenblick und Burmann fühlte eine plötzliche Neugier in sich
aufsteigen ob diese immerhin hübsche und unabhängige Frau die er wie eine Art
Schwester betrachtete wohl wirklich so ungestört und ohne Erlebnisse ihren Weg
ging Aber dann bemerkte er dass Henning ihn fragend ansah und kam wieder auf
seinen Gedankengang zurück
    »Nein mir ist nicht ganz wohl dabei denn nach meinen bisherigen
Erfahrungen gehen die meisten Abenteuer schlecht aus wenigstens die der anderen
Mit meinen eigenen Angelegenheiten  es bleiben eben immer Angelegenheiten 
habe ich im ganzen weder Glück noch Pech Das verläuft alles so schön friedlich
und mittelmäßig wie es sich für einen normalen Bürger gehört«
    »Meinst du denn Hans dass diese beiden Kinder « « fragte Käte
    »Kinder Gott das ist immerhin seine siebzehn oder achtzehn Jahre alt und
geht wie du siehst ohne Gardedame im Chambre séparée soupieren Was soll es da
nützen sie zu warnen«
    »Nein« sagte Henning während er von seinem Schaukelstuhl aus etwas
schläfrig jeder Bewegung seines Freundes folgte »andere zu warnen ist die
überflüssigste und sinnloseste Beschäftigung die je erfunden wurde Vor was um
Gottes willen willst du denn mich oder die beiden glücklichen Krabben warnen
Vor dem Unheil das aus jeder Freude entstehen kann einerlei auf welchem Gebiet
man sie sucht Sobald man daran denkt ist ja auch die Freude hin wenigstens
die richtige unbefangene« er hob die Arme und dehnte sich weit hintenüber mit
einem fast verächtlichen Ausdruck um die Lippen »dann warne lieber gleich vor
dem Leben in Bausch und Bogen das Leben ist ja so bedenklich und riskant auf
Schritt und Tritt «
    »Sie reden ja ganz weltschmerzlich Henning das ist wieder eine neue Nuance
bei Ihnen«
    »Nein nur angeödet teure Frau Käte Vor allem liegt mir der Brief von
meinem alten Herrn im Magen  Sie wissen ja er hat sich wieder verheiratet und
fängt an mich mit kleinen Stiefbrüdern zu beglücken Ich gönne es ihm von
Herzen aber meine Situation wird sich sehr verändern und darüber hält er mir
jetzt ausführliche Vorträge Vorläufig sind es nur Briefe aber die unangenehmen
Tatsachen werden schon folgen  Sehen Sie Hans Burmann hat vorhin gesagt er
sei gewöhnt tadellos dazustehen  und ich bin gewöhnt so zu leben«  er machte
eine Geste über das behaglich und elegant eingerichtete Zimmer
    »Das soll ich mir nun abgewöhnen oder einen Beruf ergreifen  Sakrament 
Und gerade in diesem Moment läuft mir ein Weib über den Weg « Burmann hatte
mit mehr Teilnahme zugehört als er sich anmerken lassen wollte aber nun
lächelte er
    »Für das du viel Geld ausgeben möchtest nicht wahr Lieber Junge
einstweilen ist sie dir doch nur über den Weg gelaufen Wer weiß ob du sie
überhaupt wiedersiehst Mir scheint du brauchst dir einstweilen noch keine
Sorgen über eure gemeinsame Zukunft zu machen«
    »Und Phantome sind vielleicht nicht so anspruchsvoll« sagte Frau Käte
tröstend
    »Ich bitte euch lasst eure Witze« Henning zog nervös die Brauen zusammen
warf einen Blick auf die Uhr und stand auf »Ich finde sie schon noch Ach
schell doch dem Josias da du gerade bei der Tür stehst Hans Ich denke wir
ziehen uns jetzt um und gehen essen Frau Käte wird inzwischen das
Handschreiben meines Vaters lesen  Ich lade Sie zu einem guten Abendessen
ein Frau Käte  nicht zum Soupieren um Sie nicht mit Nini auf eine Stufe zu
stellen  Sie sollen selbst Restaurant Menü und alles was Sie wollen
bestimmen und nachher beim Kaffee reden wir ein ernstes Wort über die Zukunft
Ihr müsst mir ein wenig raten«
    »Das nützt ja doch nichts Henning Ihre Zukunft  die wird doch immer nur
von Ihren Renten abhängen Außerdem wird es mir nachgerade langweilig dass ihr
mich immer nur in euren ernsten Angelegenheiten zu Rate zieht jetzt möchte ich
auch einmal die frivolen mitmachen Lieber helfe ich Ihnen Lucy suchen «
Die Ninis und Lulus die bisher eine ziemliche Rolle in Hennings Leben spielten
hatten jetzt schlechte Zeiten und über ihn selbst gingen bald trübe Gerüchte
um Es hieß er sei finanziell ruiniert und habe sich an die vermögliche Frau
Käte Tergens gehängt die ihn zu heiraten und zu rangieren gedenke Überall
begegnete man den beiden zusammen sie machten alle Vergnügungen der Saison mit
wurden außerdem viel in Restaurants Tearooms Kaffeehäusern und
nächtlicherweile in den Bars gesehen  derselbe Baron Erasmus von Henning der
wohl für einen Lebemann gleichzeitig aber als einwandfreier Gesellschaftsmensch
galt und dieselbe Frau Käte Tergens gegen deren unbescholtens Dasein sich
bisher keine Beweise hatten aufbringen lassen
    Tatsächlich hatten die beiden eine Art Bund miteinander geschlossen und wie
sie an jenem Sonntagabend halb scherzend vereinbarten gemeinsam die Jagd nach
dem Phantom Lucy und dem Schweden aufgenommen dem verdammten Schweden wie man
ihn in einer Mischung von Ressentiment und Wohlwollen auch fernerhin bezeichnete
 Die große Chance war Lucy selbst wieder zu begegnen aber auch wenn es nur
gelang den Schweden aufzufinden so ließ sich ja jedenfalls Anhaltspunkte
über ihre Personalien und ihren Verbleib gewinnen In Henning nun hatte sich die
Idee festgesetzt dass er sie schwerlich auf der Straße oder in irgendeinem
normalen Tagesmilieu treffen würde sondern eher wie jenes erste Mal in einer
Umgebung von Lärm Menschenfülle und festlicher Bewegteit Als Jagdgründe
galten daher vor allem die Stätten des Vergnügens und zwar durchmass man die
vornehmeren wie die minderwertigen und zweifelhaften da man ja über Lucys
soziale Sphäre über ihre Neigungen wie über alles andere vollkommen im unklaren
tappte
    »Ich taxiere sie auf Typus Schlange« hatte Käte gemeint »ein bissl
dämonisch wie es dazugehört Dämonische Schlangen haben selbstredend
extravagante Gelüste und wollen sich überall herumtreiben um so mehr wenn sie
den verantwortlichen Begleiter damit ärgern können  in diesem Fall den
verdammten Schweden«
    »Hoffen wir dass sie ihn bis aufs Blut ärgert« antwortete Henning voller
Eifersucht »aber auf dämonische Weiber bin ich sonst noch nie hereingefallen
das kann also nicht ganz stimmen Schlange  vielleicht ein wenig wenn auch in
anderem Sinn  Wo übrigens haben Sie diese Weisheit her Frau Käte«
    »Ich weiß nicht  ich habe die Schlangen immer so beneidet sie verstehen
es so gut anderen die Männer wegzunehmen Aber es lässt sich nicht lernen wenn
man kein angeborenes Talent dazu hat«
    Sie sah dabei ganz sehnsüchtig drein und Henning betrachtete sie mit
Interesse Sie war ruhig elegant selbstsicher und alle Einzelheiten stimmten
im Äußeren wie im Wesen Das sagte er ihr auch und setzte hinzu sie brauche
keine Schlangen zu beneiden durchaus nicht und solle nur ja so bleiben wie
sie sei
    »Aber wer soll ihr dann den Schweden abspenstig machen«
    »Sie selbst wird abspenstig gemacht den Schweden brauchen wir dann
überhaupt nicht mehr«
    Doktor Burmann war unzufrieden mit den beiden besonders wenn er sie über
solchen und ähnlichen Gesprächen betraf die jetzt an der Tagesordnung waren
Schier endlos konnten sie darüber fortreden wer Lucy wohl sei und wie sie sei
was sie täte wie sie lebte oder sich ausmalen was für Situationen zustande
kommen würden Sie machten einen ganzen Roman oder eine Legende daraus in der
sie lebten und in die sie immer neue Züge hineinphantasierten Und er Burmann
fand dieses Treiben mehr als absurd Wenn es schließlich nur das gewesen wäre
aber bei Henning fing es nachgerade an ins Patologische abzuirren
    Er hatte niemals ausgesprochene Interessen gehabt und sich nie in besonders
nützlicher Weise betätigt aber jetzt setzte er sich dieses Weib in den Kopf
das er nicht einmal kannte und beschäftigte sich damit wie ein Gelehrter mit
einem wichtigen Problem oder auch wie ein Monomane mit seiner fixen Idee Und
Käte die sonst so Vernünftige machte das alles entusiastisch mit und ohne
darauf zu achten dass sie sich auf eine unsinnige Weise kompromittierte
    »Höre einmal mein Lieber wie lange soll das eigentlich noch so fortgehen«
fragte Burmann eines Morgens beim ersten Frühstück das sie gemeinsam im
Esszimmer einnahmen Henning war eben erst aus seinem heißen Bade gestiegen saß
da im Frottiermantel und betrachtete vertieft seine gepflegte Hand Er war
sichtlich in jener weichen verträumten Morgenstimmung die man gerne noch eine
Weile festhalten möchte Aber jetzt hob er den Kopf und Burmann betrachtete ihn
kritisch ein wenig ärgerlich Zweifellos war er ein schöner Mensch nur wenn
man ihn näher kannte begriff man nicht recht weshalb die Natur ihn mit so
energischen beinah harten Zügen ausgestattet hatte die durch das dunkle Haar
und die dunklen Augen unter einer breiten gewölbten Stirn noch mehr betont
wurden Er sah in dieser seiner Morgentoilette aus wie ein Stierkämpfer der
Pause macht und mit seinem heroischen Metier innerlich gar nichts zu tun hat
    »Bis wir sie finden« sagte er abwesend »Wer sagt dir denn dass sie
überhaupt noch hier ist«
    »Sicher ist sie hier Man hat uns neulich in der Bar Rouge ein Paar
beschrieben  es schien alles zu stimmen auch wie sie getanzt hat und wie der
Schwede aussah So gehen wir jetzt vorläufig gegen zwölf oder eins in diese Bar
die zwar an sich ziemlich mesquin ist Aber es ist momentan chic dahinzugehen
und man findet sogar ganz mögliche Leute«
    »Kannst du denn nicht allein hingehen Ich finde ja nur du solltest Käte
aus dem Spiel lassen«
    »Ah die Käte« sagte Henning voll Bewunderung »Nein lass sie nur sie ist
alt genug um für sich selbst einzustehen« Er hatte dabei aufgesehen und
begegnete einem beobachtenden Blick
    »Nein nein es besteht durchaus keine unerlaubte Beziehung zwischen uns 
wir haben nur einen Spleen miteinander Das ist eine ganz zarte Sache Wenn ich
mich geschraubt ausdrücken darf etwas beinah Mystisches Ja lache nur«
    Burmann sah ihn jetzt wirklich maßlos erstaunt an
    »Gott sei mit dir du fängst wahrhaftig an zu reden wie ein
Kaffeehausliterat«
    Henning schenkte sich zum drittenmal Kaffee ein trank ihn langsam aus und
schob dann die Tasse weg
    »Was willst du man ist nicht gewöhnt von subtileren Gefühlen zu reden und
deshalb klingt es uns nach Literatur Aber ich genieße alles das wirklich wie
etwas ganz Neues«  »Die subtilen Gefühle«  »Ja  ich träume von diesem
Mädchen  du musst auch diesen lyrischen Ausdruck verwinden  und davon dass ich
sie kriegen könnte Sie hat eben einen ganz seltenen Eindruck auf mich gemacht
Ich bin fest überzeugt ich weiß es beinah dass ich sie wiedertreffe und dass sie
mich auch will Ich habe also jetzt eine Art Vorfreude mit einiger Unruhe und
Sehnsucht Mach doch nicht so ein Gesicht  du hast wirklich keine Fühlfäden
für solche Dinge «
    »Wer weiß «
    »Aber Käte hat sie« fuhr Henning unbeirrt fort »sie geht in jeder
Beziehung mit Du glaubst gar nicht wieviel Romantik in ihr steckt ich hatte
sie immer für ein wenig nüchtern gehalten Aber wie sie all die Stimmungen
genießt und last not least wie sie flirten kann Da ist ein Barkavalier der
ihr auf Tod und Leben die Kour macht und nicht begreift was sie an mir findet
wo wir doch immer so stumpfsinnig miteinander herumsassen  ich schwärme
einfach für Käte Überhaupt früher habe ich mich entweder gelangweilt oder
amüsiert jetzt bin ich nahezu so etwas wie glücklich  eine Frau die mich
wirklich reizt der ich nachlaufe gewissermaßen wie im Nebel aber sie wird so
Gott will einmal sichtbar werden und eine die mir derweil Gesellschaft
leistet und dabei immer sympatischere Seiten entwickelt«
    »Es wird damit enden dass ihr zwei euch ineinander verliebt«
    »Gott bewahre ich sage dir ja wir haben nur einen Spleen miteinander«
    »Ach Henning alter Junge was soll aus dir werden« sagte Burmann mit
einiger Herzlichkeit Er wusste selber nicht warum aber seine Verstimmung begann
zu weichen »Was man so im allgemeinen einen Charakter nennt bist du ja nie
gewesen  bitte nimm mir das nicht übel«
    »Weit entfernt ich weiß es selbst«
    »Schön  es fällt mir auch nicht ein dir einen Vorwurf daraus zu machen
Nur beunruhigt es mich neuerdings dass du gar so wenig Rückgrat hast So wie
dein Leben bisher war bist du ja ganz gut ohne das ausgekommen Es waren keine
Widerstände da und die begehrten Dinge fielen dir schmerzlos in den Schoss Aber
jetzt wäre der Zeitpunkt gekommen dich ein wenig zusammenzuraffen und deine
Lage die sich über kurz oder lang bedeutend verändern wird ins Auge zu fassen
«
    »Genau dasselbe hält mir mein Vater in jedem seiner Briefe vor  dabei ist
er geradeso wie ich hat sich sein Leben lang um nichts gekümmert und denkt
jetzt nur an seine junge Frau und wie er die Zukunft ihrer Sprösslinge
sicherstellen soll Mir dagegen meint er könne es nicht schwerfallen mit der
Zeit eine glänzende Position zu erringen mit meinem Namen und meiner Begabung
welches beides ich natürlich von ihm habe «
    »Und statt dessen bummelst du weiter und gerätst mit deiner Bummelei nun
auch noch auf phantastische Geleise «
    »Ja« sagte der andere ruhig und überzeugt »und was nützt es so viel
darüber zu reden und nachzudenken Du siehst immer nur den Bummler und
untüchtigen Menschen in mir im Grunde aber bin ich ein großer Philosoph Es muss
doch nicht nur tüchtige Leute geben ich zum Beispiel würde nur anderen die es
nötiger haben den Platz und die Arbeit wegnehmen  Du hast Ziele und willst
vorwärts aber wo kommt man denn schließlich hin mit diesem Vorwärts Ich habe
keine Ziele und denke Lasst mich nur da wo ich bin « Er stützte seine
muskulösen gut gebildeten Arme auf den Tisch »trotzdem  da man beabsichtigt
wenn auch ohne jeden bösen Willen mir diese so sehr geschätzte Gegenwart unter
den Füßen wegzuziehen werde ich wohl einen oder mehrere Versuche machen mich
anders zu arrangieren  Der alte Herr will nächste Woche selbst herkommen und
alles mögliche mit mir bereden  ja und jetzt «
    »Ich muss zu meinen Patienten Und was hast du vor«
    »Mit Käte spazierenfahren  wir essen dann draußen Es wäre hübsch wenn
du auch einmal mitkämest aber du hast ja nie Zeit für uns«
    Henning zögerte an der Tür als wäre noch etwas zu sagen dann kam er
zurück Burmann war am Tisch sitzen geblieben und blätterte in seinem Notizbuch
Dann sah er auf ihre Blicke trafen sich und in beiden stieg eine unklare
Bewegung auf
    »Hans mein Sohn« sagte der andere in möglichst trivialem Ton »wenn der
gemeinsame Spleen dich ernstlich stört  nein sagen wir etwas stört was
vielleicht noch werden könnte Du weißt doch hoffentlich dass mein Mangel an
Charakter vor Rücksichtslosigkeiten und dergleichen haltmacht«
    »Ja gewiss aber das andere weiß ich selbst noch nicht recht Ich kann
allerdings nicht leugnen dass ich in dieser Zeit manchmal etwas Ähnliches wie
Eifersucht gefühlt habe«
    »Ihr beide solltet euch heiraten Diese sogenannte Freundschaft ist doch
schließlich eine halbe Sache oder meinst du man müsse zum Heiraten richtig
verliebt sein«
    »Sie denkt nicht daran« sagte Burmann kurz Ein wenig nachdenklicher als
gewöhnlich ging Henning eine Stunde später die Straße hinunter Da ihn Käte
erst um 11 Uhr erwartete wollte er sich erst noch etwas Bewegung machen dann
einen Wagen nehmen und sie abholen In diesen letzten Wochen die bei allem
Charme doch von einer spannenden Unruhe erfüllt waren sehnte er sich manchmal
förmlich nach einer Weile des Alleinseins was ihm sonst nie in den Sinn
gekommen war Das Morgengespräch mit seinem Freunde ging ihm wieder durch den
Kopf und er beschloss Käte doch gelegentlich zu sondieren Wie dumm
eigentlich wenn zwischen den beiden etwas bestand was sich zu engeren
Beziehungen eignete so hätten sie doch eher darauf kommen können anstatt
jahrelang nebeneinander herzulaufen und eine gemütliche Freundschaft zu
kultivieren Freilich hatte man sich allseitig wohl dabei befunden und es
sollte am liebsten so bleiben
    Als er grade so weit mit seinen Gedanken gekommen war wurde er schon wieder
gestört Der kleine Georg tauchte neben ihm auf Schulbücher unter dem Arm
fragte woher und wohin und schloss sich an Es gefiel ihm neben dem eleganten
Mann herzugehen und kollegial behandelt zu werden wenn man Bekannten begegnete
    »Was macht denn Ihr Phantom Baron« fragte er »haben Sie es gefunden Sie
sind ja nie mehr zu Hause«
    »Nichts gefunden« sagte Henning »Phantomen begegnet man nicht so leicht im
Tageslicht wieder«
    »Und dann ist es auch kein richtiges Phantom mehr es wäre vielleicht
schade« bemerkte Georg der heute merkwürdig ernst war
    »Das ist eine richtige Jugendweisheit Wird man älter so möchte man doch
lieber etwas Wirklichkeit in der Hand als eine schöne Illusion auf dem Dach
haben Aber erzählen Sie mir lieber etwas von sich Wie war denn der Abend im
Séparée damals Mir scheint seitdem haben wir uns nicht mehr gesehen«
    »Es war sehr komisch« erzählte Georg »Man hat uns erst ziemlich dumm
angeschaut dann hab ich dem Ober fünf Mark Trinkgeld gegeben Er hat in
verschiedene Türen hineingesehen und uns schließlich in ein Zimmer geführt aber
es sah anders aus als ich mir dachte Da stand zum Beispiel ein Käfig mit einem
Papageien  Ich treibe mich ja sonst nicht mit Weibern herum und kenne diese
Geschichten nicht« sagte Georg ein wenig verächtlich denn er war ein
ziemlicher Idealist »es war ja nur Hedys wegen damit sie nicht gesehen würde«
Henning musste ein wenig lachen
    »Warum lachen Sie«
    »Ach nur über den Papagei ja und dann«
    »Dann haben wir schließlich doch noch Pech gehabt Auf dem Korridor als wir
fortgingen sind wir dem alten Kommerzienrat Schönlank begegnet Sie wissen
doch der mit dem Hut im Nacken der ihre Eltern kennt und der droht ihr nun
jeden Augenblick er würde es zu Hause erzählen wenn sie ihn nicht etwas
freundlicher anschaute Das fällt ihr natürlich nicht ein sie kann keine
älteren Herren ausstehen besonders wenn sie zudringlich sind«
    »Da hat sie ganz recht«
    »Ach es gibt immer so viele Geschichten« sagte Georg aufseufzend »aber
jetzt muss ich Hedy drüben am Telegraphenamt treffen Da steht sie schon«
    Henning ging mit Drüben stand Hedy mit einem anderen Backfisch der ihr
inzwischen Gesellschaft geleistet hatte und nun diskret davonstob Hedy kniff
ihre lichtbraunen etwas kurzsichtigen Augen mit den langen Wimpern flüchtig
zusammen um zu erkennen wer da mit Georg kam Der wellige braune Zopf mit
einer großen Schleife ließ ihr noch etwas Kindliches sonst war wie immer die
ganze Erscheinung für ihr Alter etwas zu mondän und sie benahm sich mit
vollendeter Sicherheit Man konnte kaum annehmen dass sie sich vor
aufdringlichen Kommerzienräten ernstlich fürchtete Sie reichte Henning die Hand
und machte Konversation
    Eine Schönheit wird sie nicht dachte er aber immerhin ganz hübsch ganz
pikant etwas für den Salon Vielleicht ein wenig zu schmächtig  aber das
wächst ja noch fiel ihm ein  das ist noch nicht ausgewachsen hat noch nicht
seine endgültige Form angenommen
    Er fühlte heute ein fast zärtliches Wohlwollen für die beiden und es reizte
ihn Hedy im Gegensatz zu ihrer Damenhaftigkeit als Kind zu behandeln
    So trat er in die nächste Konditorei kaufte ihr Pralinés und lud dann beide
ein die Spazierfahrt mitzumachen Es gefiel ihm wie eine unbefangene Freude in
ihren Augen aufging und sie Georg mit einem fragenden Blick streifte Nein es
war nichts einzuwenden wenn man nur rechtzeitig nach Hause kam und nun gingen
alle drei weiter um einen Wagen zu nehmen
    »Um die nächste Ecke ist eine Haltestelle« sagte Georg der geborene
Grossstädter der jede Haltestelle jedes Postamt und was es sonst an nützlichen
und notwendigen Dingen gab sofort im Kopf hatte Henning aber erklärte er habe
heute Lust langsam und beschaulich zu fahren und wollte deshalb eine
Pferdedroschke die denn auch bald gefunden wurde
    »Nein nein nein nicht die« protestierte Hedy plötzlich aufgeregt
»Schimmel bringen Unglück «
    »Wer hat Ihnen das gesagt«
    »Meine alte Kinderfrau sie weiß auch immer vorher wenn jemand stirbt«
    Sie war tatsächlich ganz erschrocken und sah einen Moment blass und
unglücklich aus
    »Aber Hedy« sagte Georg mit etwas gezwungenem Lachen und dann leiser »so
nimm dich doch zusammen«
    »Jetzt nehmen wir grade den Schimmel und Sie sollen sehen dass er Ihnen
Glück bringt« und Henning schob sie in den Wagen und setzte sich neben sie
    »Wie kommen denn grade Sie zu einer phantastischen Kinderfrau mir scheint
das passt nicht recht zu Ihnen«
    »Gott sie ist irgendwo aus Pommern  ich war dort als Baby bei meinen
Grosseltern während Papa sich hier etablierte und dann hat man sie mit
hergenommen Sie kann auch aus der Hand wahrsagen «
    »So und was hat sie Ihnen denn schon gewahrsagt«
    »Nicht viel Gutes  ach ich pfeife darauf « Aber dann verstummte sie und
war wieder ganz Weltdame
    Nach einigen Minuten hielt der Wagen vor Kätes Haus Sie hatte schon
ungeduldig und wohl eingehüllt auf dem Balkon gewartet und kam gleich herunter
dann rollte man weiter in den hellen Wintervormittag
    Hedy machte wieder Konversation und bewunderte Käte im stillen
    »Kinder erzählt mir etwas Neues etwas ganz Neues« sagte sie auf einmal
»ich bin heute mit dem linken Fuß aufgestanden und mir kommt alles so fad vor
Ich möchte etwas Lustiges hören womöglich eine kleine Sensation Himmel die
Welt ist manchmal so langweilig«
    »Ich weiß nichts«
    »Sie wissen nie etwas Henning Bei Ihnen könnte immer etwas passieren aber
es passiert nichts wie mit Lucy Also Georg Hedy dann ihr ihr seid doch
immer voll von Erlebnissen  meinetwegen auch eine Schulgeschichte  ihr
glücklichen Menschenkinder geht ja noch in die Schule«
    »Ja das tun wir« sagte Georg mit Nachdruck und sehr ernstem Gesicht es
war als wenn sich plötzlich eine Maske über seine Züge legte »wir gehen noch
in die Schule und da passiert allerhand Ich weiß auch eine Schulgeschichte für
dich Käte wenn du gerne eine Sensation willst aber lustig ist sie nicht«
    »Erzähl sie nur«  sie lehnte sich zurück und war bereit die
Schulgeschichte über sich ergehen zu lassen  »aber was machst du denn für ein
Gesicht Junge«
    »Gar kein Gesicht  weißt du es hat gestern einer aus unserer Klasse einen
Selbstmordversuch gemacht in der Pause auf dem Schulhof Er hat sich die Adern
aufgeschnitten dann hat man ihn ins Krankenhaus gebracht und er ist
gestorben«
    »Aber Georg das ist ja schrecklich  ein Freund von dir  in deinem Alter«
    Käte fuhr in die Höhe und legte die Hand auf seinen Arm »Man sollte doch
wirklich nicht so frivol reden Kaum hab ich mir ganz gedankenlos eine
Sensation gewünscht  Aber warum denn« Georg war ganz blass und Hedy sah ihn
an als wollte sie sagen Warum sprichst du darüber Ihr war die Angelegenheit
natürlich schon bekannt und beide hatten seitdem einige Aufregung durchgemacht
Man war inzwischen aus der Stadt herausgekommen und begegnete in den Anlagen zu
dieser Tagesstunde nur wenigen Spaziergängern oder vereinzelten Reitern die in
dem weichen Reitweg hintrabten und hatte den Eindruck jetzt geht alles nach
Hause zum Mittagessen
    »Hat er etwas mit den Lehrern gehabt« fragte Käte weiter
    »Nein man weiß nicht warum  das heißt es ist noch etwas anderes dabei«
    »Junge sei doch nicht so geheimnisvoll«
    »Ich habe allen Grund dazu« sagte Georg verstört »  aber mit euch kann
ich ja schließlich darüber sprechen Die Sache ist die « fuhr er immer noch
etwas zögernd fort »wir haben in der Klasse einen Selbstmordverein gegründet
gehabt  es ist noch nicht lange her  und es war eigentlich nur halb im
Spaß «
    »Einen Selbstmordverein« fragte Henning starr vor Staunen »aber lieber
Georg das sind doch    und was meinen Sie damit halb im Spaß Der Junge
von dem Sie sprechen scheint es doch ziemlich ernst genommen zu haben«
    »Deshalb begreifen wir ja auch nicht  Den Verein haben wir nicht gemacht
damit man sich nun auf jeden Fall umbringen soll Wir waren nur zusammen und
sprachen vom Sterben und solchen Sachen Wir hatten auch etwas getrunken den
Abend«
    »Und daraufhin gründet ihr einen Selbstmordverein  nein weißt du «
    »Ach du musst es nicht falsch verstehen Nicht einen richtigen Verein wie
die Spiessbürger «
    Hedy bekam einen kleinen Lachanfall bei dem Gedanken dass Spiessbürger einen
solchen Verein gründen sollten aber im Grunde bewunderte sie das düstere
Patos das über der Sache lag und genierte sich dann dass sie gelacht hatte
    »Es könnte auch nach dummen Buben klingen Georg«
    »Nein«  Georg fühlte sich hin und her gezerrt von seinen Empfindungen er
war noch beklommen von dem Ereignis und sehnte sich nach Mitteilung aber es
reute ihn beinah darüber gesprochen zu haben wenn er nicht richtig verstanden
wurde »Nein wir sind keine dummen Buben mehr wir sind nur junge Menschen und
die Probleme sind für uns ebensogut da wie für euch Das mit dem Sterben ist
eines womit man sich schon als Kind herumquält  Da war einer der hat mit
angesehen wie sein Vater starb und er sagte es sei so schrecklich gewesen
dass er immer nur gedacht habe Nein nur nicht so Ja Gott wie soll man das
erklären wir kamen dann schließlich überein dass wir alle auf eine anständige
Art sterben wollten wenn es einmal soweit ist oder wenn man keine Lust mehr
hat Das kann doch jedem passieren«
    »Ja dagegen ist eigentlich nichts einzuwenden« meinte Henning sachlich
»irgendeinen Grund wird Ihr Freund wohl auch gehabt haben Oder meinen Sie etwa
dass ihn die Sache mit dem Verein exaltiert hat«
    Der Junge zuckte die Achseln »Das weiß niemand Aber die Geschichte ist
aufgekommen  er hatte einen Brief an uns andere geschrieben den hat man in
seiner Tasche gefunden und ohne weiteres gelesen  Nun wird in den nächsten
Tagen Konferenz gehalten wir sollen einzeln ausgefragt werden und es kann
sein dass man uns alle relegiert«
    Georg lehnte sich wie ermüdet zurück und sah sorgenvoll aus wie ein
Erwachsener Hedy hatte kein Wort geäußert nur ihre Augen wanderten bei seiner
Erzählung immer mit
    »Was machen wir dann« sagte sie jetzt unruhig und sah abwechselnd Henning
und Käte an Diese so viel älteren und erfahrenen Leute mussten doch irgendeinen
Rat wissen
    »Wenn Georg auf eine andere Schule käme und ich soll hierbleiben «
    Aber sie schwiegen und dachten nach Gewiss das war eine traurige
Geschichte aber es passiert ja so viel dergleichen Kinder junge Leute werden
mit dem Leben nicht fertig oder verzweifeln wenn etwas nicht klappt den
Erwachsenen geht es ebenso Und die ganz Jungen werfen vielleicht die Flinte
eher ins Korn weil sie noch nicht erfahren haben dass doch immer wieder etwas
Neues kommt Da saßen diese beiden die bisher immer voll Vergnügen mit ihren
Schulbüchern unter dem Arm ins Leben hineintrabten und hatten
Unannehmlichkeiten schwere Gedanken und Befürchtungen
    Käte versuchte etwas unbestimmt zu trösten abwarten  und man wird ja
sehen 
    Das schöne Wetter und das Vergnügen am Draussensein hatte man darüber ganz
vergessen Erst als der Kutscher sich umwandte und fragte ob er noch weiter
fahren solle fiel es allen wieder ein »Gott wir fahren ja spazieren und es
ist gleich Mittag« und Käte schlug vor auszusteigen und in dem kleinen
Restaurant am Waldrand zu essen Es würde sich für die beiden schon ein Vorwand
finden den man nach Hause telephonieren konnte
    Das geschah denn auch Man umstand das Telefon und eines nach dem anderen
sagte seinen Spruch Georg erzählte von einem Ausflug mit Kameraden und Hedy mit
heller Stimme von einer Freundin die sie unerwartet eingeladen habe Doktor
Burmann dagegen wurde gebeten wenn er nicht gleich abkommen könne wenigstens
zum Kaffee zu erscheinen
    Henning verhandelte indessen mit dem Kellner und stellte das Menü zusammen
»Da wir heute Kindergesellschaft haben muss es zum Schluss wohl Süßigkeiten und
Sekt geben« sagte er zu Käte »Inszenieren wir um Gottes willen etwas
Lustigkeit ich kann solche Stimmungen auf die Länge nicht vertragen Diese
dumme Schultragödie wie es deren schon Dutzende gegeben hat und die nun ihren
Schatten auf unsere beiden Krabben zu werfen gedenkt  Haben Sie gesehen wie
das Mädel verängstigt dreinschaut wenn man sie nicht beobachtet Das Leben
dieses sogenannte Leben ist wirklich ungeschickt und taktlos diesen hübschen
kleinen Roman sollte es doch ruhig stehenlassen bis er von selbst aufhört 
Und Sie haben heute auch einen nervösen Zug teure Käte «
    Sie stand vor dem Spiegel und es war Henning schon öfters aufgefallen dass
sie sich in dieser Geste von den meisten anderen Frauen unterschied Sie hatte
fast nie etwas an sich zu nesteln und zu ordnen Wenn sie morgens aus ihrem
Ankleidezimmer hervorging war die Sache erledigt ihre Frisur ihre Kleidung
alle ihre Einzelheiten blieben den Tag über wie sie selbst harmonisch und
besonnen Sah sie in den Spiegel was gern und häufig geschah so war es
eigentlich nur um das mit wohlwollendem Interesse festzustellen
    »Pfui das höre ich nicht gerne« antwortete sie auf Hennings Bemerkung
»aber Sie haben wohl recht ich habe es eben schon selbst konstatiert Ich
glaube wir bummeln doch etwas zuviel und ich muss allmählich daran denken mich
zu konservieren Ihnen als Mann macht es ja nichts wenn Sie Lebefalten
bekommen aber ich danke dafür Außerdem hat die Sensation die ich mir
frivolerweise wünschte und die Georg mir dann so prompt servierte mich ganz
trübe gestimmt« Wieder warf sie einen längeren Blick in den Spiegel
    »Ich musste eben daran denken wenn ich selbst Kinder hätte«
    »Nun die wären vermutlich noch in zarterem Alter«
    »Aber einmal würden sie doch groß  außerdem wissen Sie lieber Baron
dass ich nächstens 34 Jahre alt werde«
    Wie unvorsichtig dachte Henning ein paar Jahre weiter wird sie sich
ärgern dass man es ihr nachrechnen kann Überhaupt Frauen sollten ihr Alter
immer unbestimmt lassen möglichst viel Raum für Illusionen in jeder
Beziehung«
    Und dann sagte er scherzend
    »Barmherzigkeit Frau Käte Sie haben heute eine Tendenz zu entgleisen und
das passt nicht zu Ihnen Sie können nicht von Ihrem Spiegel wegfinden stehen da
und machen Betrachtungen über Ihr Alter und die Kinder die Sie haben könnten
 übrigens vielleicht würde es Ihnen ausgezeichnet stehen  eine Schar
blühender Kinder«
    »Das dachte ich gerade auch aber ich bin eine kinderlose Witwe die von
ihren Renten lebt  greulich«
    »Heiraten Sie doch Hans Burmann il ne demande pas mieux«
    »Burmann  nein«
    »Dann mich  ich würde Ihre Renten gar nicht greulich finden«
    Sie warf ihm einen raschen Blick zu und lachte dann
    »Geben Sie acht dass ich Sie nicht beim Wort nehme Aber was wird dann mit
Lucy Ich würde eifersüchtig sein und mich mit dem verdammten Schweden trösten«
    »Ach Lucy  ich glaube jetzt kaum mehr dass wir sie noch finden Außerdem
ist sie nichts zum Heiraten    Lucy wünscht sich gewiss keine Kinder«
    Georg und Hedy kamen jetzt endlich herein sie hatten im Korridor am
Telephon endlos miteinander zu flüstern gehabt und das Personal streifte sie
mit neugierigen Blicken
    Das kleine Gastzimmer war voll Wintersonnenschein und gut geheizt Man
setzte sich zu Tisch hatte guten Appetit und fühlte sich bald gemütlich und in
einiger Ferne von allen sonstigen Angelegenheiten Keiner hatte mehr Lust über
unangenehme Ereignisse oder bedrückende Fragen zu sprechen Henning saß neben
dem jungen Mädchen und machte ihr die Kour in aufgeräumter Stimmung die er auch
den anderen mitzuteilen suchte
    »Machen Sie jetzt bitte vergnügte Augen wenn es auch nur für mich ist
Georg hat es vielleicht gerne wenn Sie manchmal tragisch dreinblicken Zur
wahren Liebe gehört ja immer etwas Tragik Kann sie das auch Georg«
    Der lächelte überlegen
    »Darüber werden keine Details veröffentlicht«
    Hedy trank Wein und lachte Sie brauchte eine Reaktion und sie fühlte sich
wohl unter diesen Menschen die gesellschaftlich und dabei leger waren Zu Hause
und in ihren Kreisen war das ganz anders und sie begann darüber nachzudenken
warum allerlei wirre Gedanken denen sie schließlich mit der Bemerkung Ausdruck
gab »Ich glaube meine Eltern sind was man Protzen nennt« Alle lachten aber
man begriff dass sie mit diesem Bekenntnis den Versuch machte ihnen
näherzukommen
    »Ja deine Eltern« sagte Georg »es ist schrecklich dass alle Menschen
Eltern haben Könnte man doch einfach so da sein«
    Henning dachte mit einem Seufzer an seinen Vater und die junge Stiefmutter
und meinte »Ja sie sind oft lästig aber man muss sie nehmen wie sie sind
Sehen Sie Hedy mein Vater ist sehr vornehm und war einmal sehr reich aber ihm
lief das Geld durch die Finger und ich werde eines schönen Tages   lassen wir
das Sie dagegen stört es dass Ihre Eltern wie Sie eben so hübsch sagten
Protzen sind Aber das hat auch seine Vorzüge Seien Sie froh dass man Sie mit
allen Annehmlichkeiten des Daseins umgibt Ihr eigenes Milieu können Sie sich
später immer noch machen wie es Ihnen zusagt  Sie wissen doch was ein
Milieu ist«
    »Ja natürlich weiß ich das« sagte sie halb beleidigt sah ihn aber dabei
vertrauend und lernbegierig an
    »Nur die materiellen Dinge nicht unterschätzen solange man jung ist später
hat man dann  o nein es stimmt nicht ganz was ich sagen wollte Aber wenn
Sie einmal die Kinderschuhe ausgetreten haben «
    »Kinderschuhe  ich werde Ihnen einen Kinderschuh von mir schenken einen
recht ausgetretenen damit Sie endlich begreifen dass ich kein Backfisch mehr
bin«
    »Ja tun Sie das ich werde mich sehr darüber freuen«
    »Meine Mama hat eine ganze Menge davon aufgehoben die lässt sie dann
vergolden und hängt oder stellt sie irgendwo auf  ist das nicht geschmacklos
    »Es geht  wie mans nehmen will Es hat auch etwas Ergreifendes eine
Mama die Reliquien sammelt  Sind Sie das einzige Kind«
    »Nein ich habe noch einen greulichen kleinen Bruder « und sie begann
weiter von ihrem Zuhause zu erzählen
    Käte und Georg die ihnen gegenübersassen hatten sich inzwischen in ein
ernsteres Sondergespräch vertieft Dann kam das Dessert der Sekt und gleich
darauf Burmann
    »Immer eure Situationen die ich mitmachen soll« sagte er »was ist denn
das wieder für ein Winteridyll   ein Sünder und eine achtbare Witwe dinieren
mit der jüngsten Lebewelt außerhalb des Weichbildes einer Großstadt  Ich
habe übrigens einen wundervollen Gang gemacht hier heraus und ausnahmsweise
gar keine Lust euch ins Gewissen zu reden Gebt mir lieber zu trinken Sei
still mein Junge ich weiß natürlich schon alles Dein Vater hat endlos mit mir
telefoniert Wir werden sehen was sich tun lässt« Käte legte Georg mütterlich
die Hand auf die Schulter sie hatte den Jungen besonders gern und sagte »Na
hoffen wir dass die Wolke wieder vorüberzieht Und du Hans bist ja heute in
Extralaune was ich von mir nicht gerade behaupten könnte Wohlwollend und
tolerant für die Schwächen deiner Mitmenschen«
    »Ich habe einen schweren Patienten durch die Operation gebracht aber das
versteht ihr ja doch nicht Prosit«
    Man stieß an
    »Also prosit« sagte Henning »es lebe  es muss doch irgend etwas leben
wenn man anstösst«
    »Der Selbstmordverein« rief plötzlich Hedy mit ihrer etwas zu hellen
Stimme während der Schaum von dem übervollen Glas ihr über die Finger lief Sie
war schon ein wenig angeheitert
    »Nein kleine Kusine« und der Doktor war gleich wieder ernster »ich bin
dafür dass man diesen Verein so rasch wie möglich wieder begräbt Sprechen wir
lieber nicht mehr davon«
    »Begraben wir ihn dann wenigstens lustig« meinte Henning »spiel Hans wir
werden ein bisschen tanzen«
    »Richtig tanzen wir« sagte Käte wie erleichtert »tanzen wir uns alle die
dummen Geschichten vom Gemüt herunter«
    »Du auch« fragte Burmann und sah sie verwundert an
    »Sie hat solange wir da tafeln keine zehn Worte gesprochen«
    »Ja  ich weiß nicht  die Kinder waren nicht wie sonst Henning
versuchte das Seelische zu ignorieren was ihm aber nicht recht glückte Und
heute hats mich auch«
    Damit ging sie an das Klavier machte es auf und schlug ein paar Töne an
»Ach das Ding ist auch verstimmt aber es macht nichts Also spiel Hans und
ich werde mit Henning den Ball eröffnen«
    »Schön spiel Hans« wiederholte Burmann resigniert und begann eine Mazurka
»aber vertanzt mir dann bitte eure Phantome und Selbstmordvereine und andere
Verrückteiten recht gründlich«
    Der Kellner schaute verwundert drein während er die Tische und Stühle
beiseiteschob Diese Leute schienen ihm merkwürdig was sie alles für krause
Dinge redeten und nun wollten sie am hellen Nachmittag tanzen
    »Lassen Sie den Sektkübel stehen und die Gläser« rief ihm Henning zu »und
zwei neue Flaschen  Georg Hedy rührt euch oder meint ihr wir wollten euch
vortanzen und ihr dürft nur zuschauen«
    Sie gehorchten halb mechanisch Hedy war dann bald mit großer Lebendigkeit
bei der Sache sie fand diesen improvisierten Ball herrlich Georg dagegen war
zerstreut es war das erste Mal dass sie miteinander tanzten bisher hatte sich
nie Gelegenheit dazu geboten und er bewunderte die leichte
Selbstverständlichkeit mit der sie sich bewegte Er liebte sie in dieser Stunde
mehr als je aber dazwischen dachte er immer noch wie hypnotisiert an seinen
toten Schulfreund und an seine eigene Zukunft Bisher war ihm das Leben immer
glatt und ohne Verwicklungen hingegangen zu Hause wie in der Schule und mit
Hedy an das Weitere dachte man nicht Nun kam es vielleicht an ihn heran alles
mögliche konnte herankommen und er fühlte selbst dass es noch zu früh sei Man
war noch Gymnasiast und der Sohn einer geordneten Familie der über nichts
selber zu bestimmen ja noch nicht einmal mitzureden hatte
    Burmann spielte unermüdlich einen Tanz nach dem anderen trank dazwischen
ein Glas Sekt und einen schwarzen Kaffee dachte an seinen geretteten Patienten
und dass es ganz angenehm sei hier und da einen freien Nachmittag zu erleben so
wie heute am Klavier zu sitzen und befreundete Menschen um sich zu haben Er
selbst tanzte nicht gern
    Die Paare wechselten jetzt tanzte Georg mit Käte und Henning mit der
Kleinen Das Wirtspaar kam zuschauen der Wirt fragte höflich ob er sich
erlauben dürfe die Damen um ein Tänzchen zu bitten was dann wieder Henning
verpflichtete seine Frau einigemal herumzuschwenken Sie war entzückt mit
einem leutseligen Baron zu tanzen und sagte man solle doch öfters kommen hier
draußen sei man ja ganz ungeniert
    Untertags und überhaupt in der Woche gebe es selten Gäste
    »Ja ja« sagte Henning zustimmend und war ganz froh als er dann wieder die
leichte Hedy im Arm hatte
    Draußen wurde es allmählich dunkler die Sonne ging rot und langsam unter
    »Nun tanzen wir zum Schluss einen Konversationswalzer  erzählen Sie mir
noch weiter von sich Hedy Wir lernen uns ja heute erst etwas näher kennen 
Und dann schickt man die Kinder nach Hause«
    Ihr war sehr wohl und sie genoss den sonderbaren Tag mit lauter ungewohnten
Dingen den es heute für sie gab Weintrinken Gesellschaft und Tanzen wo man
sonst um diese Zeit Sprach oder Musikstunden hatte Drüben walzten Georg und
Käte bald dicht an ihnen vorbei bald wieder in der Entfernung Sie sprachen
eifrig zusammen und riefen manchmal dem Doktor der mit heroischer Ausdauer
immer noch am Klavier saß ein paar Worte zu Hedy lehnte sich zurück an
Hennings Schulter mit halbgeschlossenen Augen und fühlte sich sehr geborgen und
zutraulich
    »Ich möchte es wäre immer so alle Tage so ähnlich wie heute« sagte sie
halblaut »aber dann muss man wieder nach Hause«
    »Zu Hause haben Sie doch wahrscheinlich auch allerhand angenehme Dinge 
ein hübsches Zimmer schöne Sachen «
    »Ja alles was ich will aber es ist sehr langweilig Und sprechen Sie doch
nicht immer mit mir wie mit einem kleinen Kind «
    »Ich weiß immer noch nicht recht was Sie sind«
    »Das wird sich zeigen  wenn zum Beispiel Georg jetzt wirklich von der
Schule käme « meinte sie sehr energisch und warf einen langen Blick zu Georg
hinüber der ihn auffing und zurücklächelte
    »Wieso denn«
    »Dann bleibe ich auch nicht mehr zu Hause«
    »Kind das sagt man so Ihr vergesst noch immer dass überall die sogenannte
raue Wirklichkeit dazwischen steht Sie ist tatsächlich sehr rau wenn man mit
ihr in nähere Berührung kommt und sich mit hundert praktischen Fragen
auseinandersetzen soll die bisher von anderen Personen erledigt wurden Sie
können doch nicht das alles was Sie heute umgibt nur so hinwerfen und mit dem
Herzliebsten in die Welt hinauslaufen wie in einem Volkslied«
    »O man kann alles mögliche« erwiderte Hedy gläubig
    »Ich könnte vielleicht zum Theater gehen oder Tänzerin werden oder sonst
etwas Das haben schon andere auch getan«
    »Nur ohne Georg leben kann man nicht«
    »Nein« sagte sie vollkommen überzeugt »das kann ich nicht Doch glaubt mir
jetzt vielleicht niemand ich weiß schon So wie meine Freundin mit der ich
heute mittag an der Post war  die ist die einzige die alles weiß und meint
auch ich sei doch nur ein oberflächlicher Fratz
    In zwei oder drei Jahren würde man mich verheiraten und dann hätte ich
Georg bald vergessen Sie behauptet so endete es mit allen Jugendlieben Kann
sein dass ich sonst oberflächlich bin es macht mir Spaß schöne Kleider zu
haben und Ringe und dergleichen und wenn man mir nachsteigt  schon weil es
die anderen Mädchen ärgert«  sie machte eine Pause man kam gerade an den
anderen vorbei die jetzt auf dem Sofa saßen und ausruhten und hörte Käte
atemlos sagen »Die werden ja überhaupt nicht müde«
    »Nur weiter Hedy die anderen ärgern sich also «
    »Und wie« sagte sie wegwerfend »Mir steigen ja viele Buben nach und auch
Erwachsene Das macht mir Vergnügen aber ich mache mir nichts aus ihnen
absolut nichts Ich werde nie jemand anders gern haben als Georg «
    Das ist die Sprache der Leidenschaft dachte Henning wenn auch noch
schulmädchenhaft formuliert Und Entschlossenheit Mut es ist alles da was das
Leben von einer Liebesaffäre verlangt
    Und dann sagte er »Wir müssen Schluss machen man wird ungeduldig Dann
lassen wir ein Auto rufen und fahren euch nach Hause  Schade ich hätte gerne
noch etwas weiter gefragt Ich möchte noch verschiedenes von Ihnen wissen  aber
dann vielleicht nicht mehr wie man ein Kind fragt«
    Er fühlte wie bei seinen Worten ein leiser Schrecken durch ihren Körper
lief sie schlug die Augen jetzt voll auf und wurde rot
    »Nein fragen Sie lieber nicht Man kann nicht von allem sprechen«
    »Nicht aus Neugier Hedy oder aus Indiskretion aber man könnte doch so
etwas wie Besorgnis um euch zwei haben Eigentlich haben Sie mir auch schon
geantwortet Und ich bin doch schließlich kein Kommerzienrat«
    »Schluss Schluss« riefen die anderen vom Sofa her und Burmann hörte auf zu
spielen Man kühlte sich noch eine Weile ab dann kam das Auto  Während der
Heimfahrt warf Hedy sich dicht an Georg heran
    Dem alten Josias lag es ob seinen Herrn allmorgendlich mit Behutsamkeit zu
wecken nicht zu früh nicht zu spät immerhin so dass man noch zu einer
möglichen Zeit frühstücken konnte Aus langjähriger Erfahrung wusste er eine wie
schwierige und verantwortungsvolle Aufgabe es ist Menschen die spät mit von
Alkohol und Amüsements belasteten Nerven schlafen gehen auf erträgliche Weise
in den neuen Tag hinüberzubalancieren und es war ein ganzes Kunstwerk wie das
täglich in Szene gesetzt wurde Zuerst begab er sich in das anstossende
Ankleidezimmer dessen Tür offen stand legte dies und jenes zurecht und
verursachte diskrete Geräusche die dem Schläfer allmählich die Wirklichkeit
näherbrachte ohne ihn brutal aufzustören Dann entzündete er den Gaskocher
setzte den kleinen blanken Messingkessel mit dem Rasierwasser auf und spähte
vorsichtig durch die Tür Jetzt wusste Henning der alle diese Manipulationen
gewohnheitsmässig im Halbschlaf verfolgte Aha es ist Morgen man wird aufwachen
müssen und das leise Summen der Gasflamme rief ein angenehmes Gefühl von
geregelter Häuslichkeit und wohligem Bedientsein hervor Worauf der Alte in die
Küche ging und mit einem Tablett zurückkehrte  ein Glas Tee und die Post waren
die Dinge mit denen nunmehr das eigentliche Wecken eingeleitet wurde und mit
denen Henning sich mehr oder minder eilig beschäftigte während Josias die
Vorhänge zurückzog und außer dem »guten Morgen Herr Baron« eine Bemerkung über
das Wetter machte Diese Bemerkung wurde stets optimistisch gehalten bei
schlechtem Wetter die Aussichten auf besseres betont und bei gutem einfach die
erfreuliche Tatsache festgestellt
    Burmann bei dem Josias nur einmal und zwar erheblich früher anzuklopfen
hatte mokierte sich des öfteren über dieses Zeremoniell Henning lachte dann
der alte Diener aber fühlte sich verletzt und sprach sich gelegentlich in der
Küche gegen die Haushälterin Frau Lohr darüber aus
    Ein Baron war seiner Meinung nach in erster Linie zum Bedientwerden auf der
Welt das aber konnten die bürgerlichen Herrschaften nicht begreifen Übrigens
den Doktor in allen Ehren so tüchtig wie der war und gewiss auch ein feiner
Herr aber dennoch war es etwas anderes Frau Lohr stimmte ihm durchaus bei sie
fühlte sich sehr geehrt mit einem richtigen Herrschaftsdiener zusammen tätig zu
sein der wohlwollend mit ihr verkehrte und dessen abgeschliffene Manieren und
feudale Ansichten ihr imponierten Für den jungen Baron schwärmte sie es waren
Glanzpunkte in ihrem Leben wenn er manchmal selbst in die Küche kam und
ernsthafte kulinarische Gespräche mit ihr führte
    »Josias morgen kommt mein Vater« sagte Henning eines Morgens kurz nach dem
Ausflug mit Hedy und Georg
    »Der alte Herr Baron  ah«
    Josias war grade mit den Vorhängen beschäftigt und erläuterte es sei
Tauwetter eingetreten Henning wandte den Kopf nach dem Fenster draußen war es
grau und neblig die Vögel zwitscherten mit besonderer Lebhaftigkeit und man
spürte schon etwas den herannahenden Frühling Der Alte stand da mit seinem
langen weißen Bart und sah aus wie ein enttronter Fürst
    Es stimmt eigentlich ganz gut dachte Henning wir werden wohl beide eines
Tages unseren Palast verlassen müssen und in irgendein trübes Exil auswandern 
    »Nun was sagst du dazu«
    Josias zitterte ein wenig vor Aufregung »Ja Herr Baron was soll ich wohl
dazu sagen  wird die gnädige Frau denn auch mitkommen« Er hielt es durchaus
mit dem jungen und fand die Ereignisse mit denen der Vater inzwischen sein
Leben ausstaffiert hatte wenig lobenswert
    »Nein die gnädige Frau bleibt daheim und hütet ihre Babies  zwei kleine
Stiefbrüder haben wir jetzt schon Josias und wer weiß wie viele es noch
werden mögen«
    »Ich meine wenn ich mir das erlauben darf der Herr Baron hätten lieber der
einzige Sohn bleiben sollen«
    »Da hast du recht mein Freund aber wir können es nicht mehr ändern Die
Buben sind jetzt da und brauchen weil sie zwei sind doppelt so viel Platz wie
ich Deshalb werden wir unsere Gewohnheiten ein wenig verändern müssen Josias
Das kommt davon wenn man einen lebenslustigen Papa hat«
    »Ja der Herr Baron war immer sehr munter« bemerkte Josias unzufrieden
»aber jetzt haben wir ihn schon lange nicht mehr gesehen Und bei uns ist alles
umgekehrt wenn ich so sagen darf Sonst sind es die Herren Söhne die den Unfug
anrichten und der gnädige Herr Papa hat den Ärger«
    »Wir wollen nicht ungerecht sein Alter andere Väter sind in der Regel auch
viel strenger und unbequemer Meiner ließ mich wenigstens tun was ich Lust
hatte und niemals hat es böse Worte gegeben Überhaupt ist da nichts zu machen
wir müssen die Sachen nehmen wie sie nun einmal sind  Tu jetzt das Tablett
da weg  ist das Bad fertig Ich will aufstehen«
    »Ja gewiss ist es fertig Herr Baron« Josias nahm das Tablett schob
sorgsam die Briefe und Zeitungen die neben dem Teeglas lagen auf den
Nachttisch und schickte sich an zu gehen
    »Was willst du denn noch Oh sieh mich nur nicht so bekümmert an«
    Der Alte stand mitten im Zimmer und sah wirklich recht verzweiflungsvoll
drein
    »Wenn ich noch etwas fragen darf Herr Baron  Das Gut   das Gut
wenigstens bleibt doch Ihnen«
    »Na ja als Ältester bin ich natürlich der Erbe Aber ich will es nicht Was
tu ich damit ohne das nötige Geld Besser man zahlt mich aus Ich mag ja schon
jetzt nicht mehr hin Wenn du etwa Heimweh hast bleibt es dir immer frei
wieder zu meinem Vater zu gehen«
    »Ich bleibe lieber beim Herrn Baron«
    »Und wenn alle Stränge reißen kannst du auch bei der gnädigen Frau
eintreten Denke dir Josias eine schöne Frau bedienen«
    Dafür aber hatte Josias keinen Sinn Er schüttelte seinen weissbärtigen
Fürstenkopf und ging in die Küche hinaus um sich mit Frau Lohr weiter über den
Fall auszusprechen
    Der vielfach besprochene und viel kritisierte Vater kam an Er war vornehm
aufrecht und jugendlich wie immer mit einem diplomatischen unnahbaren Zug um
den Mund Der war ihm von jeher eigen gewesen hatte sich in den letzten Jahren
noch verschärft und wirkte äußerst suggestiv Wer diesen Mann nach seinem
Äußeren beurteilte kam gewiss nie auf den Gedanken es könne etwas in seinem
Leben nicht in Ordnung sein oder gar Angriffspunkte bieten
    Erasmus der Sohn stellte das mit Befriedigung fest als er ihn an der Bahn
empfing und mit Herzlichkeit begrüßte Sie hatten sich über zwei Jahre nicht
gesehen aber da war nichts verändert als sei man vorgestern zum letztenmal
zusammen gewesen Während sie dann zum Hotel fuhren und man des Rasselns halber
auf eine Unterhaltung verzichtete musterte er den Vater im stillen und das
Resultat der Musterung war im ganzen günstig Dann fiel ihm plötzlich ein
Grabdenkmal ein das er auf einem italienischen Friedhof gesehen hatte und das
trotz seiner Geschmacklosigkeit sehr bewundert wurde Es stellte eine Wand dar
mit einer Tür in der Tür stand der verstorbene Vater und einen Schritt zurück
der Sohn beide in moderner Kleidung mit steifem Hut Der Vater mit einer
abschliessenden Geste schien etwa zu sagen Adieu ich begebe mich nun in die
Ewigkeit und der Sohn der ihn bis an die Tür begleitet hat lüftet den Hut ein
wenig Schön Papa lass es dir gutgehen
    Er lächelte unwillkürlich als er an jene marmornen Gestalten mit den
steifen Hüten dachte und dass sie ihm eben jetzt wieder einfallen mussten Der
ältere Herr  man konnte ihn noch nicht ganz mit Recht als den alten Herrn
bezeichnen beugte sich leicht vor und wollte etwas sagen aber in dem
Augenblick hielt der Wagen und man musste sich vorläufig dem Hotelpersonal
widmen
    Später saßen sie im Speisesaal ein wenig abseits in einer behaglichen Ecke
Auf dem Tisch stand ein Strauss von gelben und bräunlichen Chrysantemen Erasmus
bekümmerte sich um jede Einzelheit er hatte nichts vergessen was der
Geschmacksrichtung seines Vaters entsprach und wünschte diesem vor allem den
Eindruck zu geben dass er als willkommener Gast aufgefasst werde Auch sollte das
Gespräch nicht gleich auf die Unannehmlichkeiten kommen So fragte er nach
hundert Dingen nach dem Winterleben auf dem Gut nach dem Befinden der
Stiefmutter und der Kinder Gott sei Dank nervös war der Papa noch nicht
geworden er behielt seinen unnahbaren Ausdruck und antwortete mit ruhiger
gemessener Freundlichkeit seine scharfen grauen Augen gingen manchmal durch
den Saal und ruhten dann wieder auf dem Sohn der ihm gegenübersass
    Das Gut  ja man hatte einen neuen Inspektor der frühere hatte Summen
von bedrückender Größe unterschlagen »Ein großer Fehler dass man nicht von
vornherein misstrauisch ist Jahrelang lässt man sich die Bücher vorlegen in den
Büchern stimmt alles in der Wirtschaft scheint alles zu stimmen und dann
schließlich ist es doch ganz anders« sagte Henning senior mit vollendeter
Fassung nur eine diskrete Falte zwischen den Brauen wurde sichtbar aber sie
glättete sich bald wieder
    »Erzähl mir jetzt lieber etwas von dir Erasmus Du siehst vorzüglich aus
und scheinst bei guter Stimmung Ich habe das offen gesagt kaum erwartet dass
du dich über meinen Besuch freust Ich komme ja leider « er suchte nach
einem Ausdruck und lächelte als ob er gerne eine ironische Bemerkung an seine
eigene Adresse gerichtet hätte
    »Ach Papa du kommst wie ein gestürzter Minister verzeih meine
Respektlosigkeit der immer noch erwarten darf dass das Volk ihm zujubelt
Schließlich war doch nur diese oder jene ungünstige Konstellation daran schuld«
    »Aber jetzt sind wir fertig denke ich Trinken wir den Kaffee in der
Halle«
    Sie schritten durch den Saal und die anderen Gäste die noch essend oder
plaudernd herumsassen schauten ihnen mit mechanischer Hotelneugier nach Die
beiden nahmen sich sehr gut nebeneinander aus und die Familienähnlichkeit war
nicht zu verkennen Nur war der Ältere größer und schmaler mit helleren Augen
und ebenmässig ergrautem Haar während bei dem Jungen alles gleichsam dunkel
unterstrichen war Seine Mutter war die Tochter eines exotischen Konsuls
gewesen übrigens war sie früh gestorben und für ihn nur mehr eine
verschwommene etwas phantastische Erinnerung an helle Kleider und lustige
Kinderspiele
    »Ja sei nur ruhig Papa das Volk jubelt dir immer noch zu« sagte Erasmus
nachdem sie sich wiederum niedergelassen und einen Augenblick dem stets bewegten
Kommen und Gehen in der Halle zugesehen hatten
    »Ich habe mich wirklich gefreut dich hier zu haben und hoffe du bleibst
längere Zeit Betrachten wir das jetzt als gemeinsame Reise und eine Art
Ferienvergnügen Ich denke ein wenig Großstadt muss dir Spaß machen nachdem du
jetzt so selten mehr herauskommst«
    Der Papa rauchte seine Zigarette sah den Sprechenden prüfend an und warf
hier und da einen zerstreuten Blick auf die Kaffeemaschine die vor ihnen stand
und mit großer Munterkeit sprudelte und zischte
    »Du erinnerst mich heute ganz besonders an deine Mutter« sagte er dann
nachdenklich »Sie hatte dieselbe Art mir zuzujubeln wie du dich ausdrückst
immer gute Miene zum bösen Spiel zu machen Ich war leider schon damals kein
glücklicher Spieler nur fiel es noch nicht so ins Gewicht«
    »Macht nichts Papa man ist schließlich wie man ist und es mag ganz gut
sein dass ich von der Mama die tropische Indolenz mitbekommen habe wie mein
Freund Burmann das zu nennen pflegt Er geht noch weiter und behauptet ich habe
zu wenig Rückgrat «
    »Ich fürchte auch mein Junge wir kommen nicht viel weiter wenn wir uns da
gemütlich gegenübersitzen und uns wohlwollend beurteilen«
    »Also Mut Papa trinke deinen Kaffee und dann wollen wir die Lage ins Auge
fassen wie es sich für ernste Männer gehört Reden wir nicht erst davon was
geschehen und nicht mehr zu ändern ist sondern gehen wir gleich zur Zukunft
über Ich bin eine Perle von Sohn und werde niemals einen Vorwurf gegen dich
erheben«
    Der Vater zuckte die Achseln und sah noch um eine Nuance vornehmer aus
    »Du weißt es gibt Söhne und vielleicht auch Töchter« fuhr Erasmus unbeirrt
fort »die vor ihre Eltern hintreten und sich beklagen man habe sie nicht
richtig erzogen nicht gut gelenkt oder sich nicht genügend um ihre Zukunft
gekümmert  Davon stehe ich also ein für allemal ab Im Gegenteil ich habe es
immer sehr angenehm empfunden dass du mir soviel freie Hand ließest Als
einziger Akt väterlicher Strenge ist zu verzeichnen dass ich meinen Doktor jur
machen musste  sonderbar warum Eltern das immer für unerlässlich halten Damals
fand ich es recht überflüssig und grausam«
    »Und jetzt«
    »Du schriebst mir ja schon darüber  du meintest ich könnte als Jurist im
Bankfach Karriere machen natürlich auf Grund unserer Beziehungen und so weiter
Lieber Papa wir wollen es doch etwas anders formulieren Gewiss man kann alles
versuchen ich denke sogar die nötigen Schritte und Besuche schon in nächster
Zeit zu unternehmen Vielleicht bringe ich es soweit mich als Jurist im
Bankfach zu betätigen und so etwas wie ein Gehalt zu beziehen aber bitte ergehe
dich nicht in Illusionen Karriere machen liegt nicht in meiner Linie«
    »In deinem Alter kann man die Linie noch verändern   meine dagegen ist
leider nicht mehr stark zu beeinflussen« und er beschrieb mit seiner schmalen
Hand einen Bogen durch die Luft welcher das Abwärtsgehen der Linie andeutete
    »Nun abwärts geht es ja auch bei mir« erwiderte Erasmus »sag mir lieber
gleich Papa wieviel du mir noch geben kannst  wenn dein neuer Inspektor
sich als ehrlich erweist und keine weiteren unvorgesehenen Schrecknisse
eintreten«
    Der Vater nannte nicht ohne Zögern eine Summe und seine Augen wanderten
währenddem zu einer Gesellschaft von Herren und Damen hinüber die in
Teatertoilette die Treppe hinabkamen Pelze Zylinder ein grünes Chiffonkleid
zierliche Füße und lebhafte Stimmen
    Die Summe war noch niedriger als Erasmus erwartet hatte und er empfand
jenen leisen frostigen Schrecken mit dem man eine allmählich heranrückende
Gefahr plötzlich dicht vor sich stehen sieht Er schwieg und blickte ebenfalls
zu der Gesellschaft hinüber die jetzt unter Lachen und Sprechen in der
Entréetür verschwand Gleich darauf hörte man ein Auto fortsausen Seine
Gedanken folgten ihnen ganz mechanisch und kehrten erst wieder zurück als er
den Vater fragen hörte
    »Hast du Schulden« Es klang wie wenn ein Arzt teilnehmend und voller
Verständnis fragt »Haben Sie Schmerzen«
    »Schulden  o ja ziemlich viele« und diesmal war es der Sohn welcher
einen Bogen in die Luft zeichnete und dieser Bogen schien unbestimmt ins
Unendliche zu verlaufen
    »Ja lieber Erasmus hättest du das nicht vermeiden können indem du etwas
früher anfingst dich den veränderten Verhältnissen anzupassen«
    »Gewiss Papa man hätte aber man hat nicht Du hast meine Einkünfte schon
im letzten Jahr bedeutend verkürzt und mich schonend vorbereitet aber ich
konnte mich noch nicht entschließen das Gewohnte abzuändern Mach dir deswegen
keine düsteren Gedanken wenn ich erst ein tüchtiger und arbeitsamer Bankmensch
geworden bin werde ich wohl auch mit den Schulden fertig  In drei Monaten
läuft mein Mietskontrakt ab da werde ich dann umziehen mich vereinfachen und
was sonst noch dazugehört«
    Er brachte das mit Entschlossenheit vor und dachte bei sich Nein das ist
ja alles unmöglich  umziehen in eine kleine Wohnung  all das widerwärtige
Detail und dann ein Bureau  man geht ins Bureau und kommt mittags und abends
nach Hause Man hat wenig Geld und muss auf alle Ausgaben schauen »Weißt du
Papa« sagte er dann und versuchte alle diese Gedanken in irgendeinen Abgrund
seines Bewusstseins zu schieben »wir haben jetzt genug von Geschäften geredet
Ich weiß was ich wissen muss und halte es für eine überflüssige Zugabe dass du
mir noch weitläufig auseinandersetzt wie das alles gekommen ist Du brauchst
deshalb nicht zu denken dass ich edel oder grosszügig sein will ich bin nur
bequem und möchte dir und mir alles Peinliche schenken  Schau doch einmal in
den Spiegel dort wie wir uns gegenübersitzen Der  pardon  verkrachte Vater
und sein Sohn am Scheidewege Leute von Stande die sich zu beherrschen wissen
 Wir haben doch viel Ähnlichkeit miteinander auch äußerlich Du siehst etwas
älter aus was ganz in der Ordnung ist und du hast Weltmannsfalten ich habe
bis jetzt nur Lebfalten wie die Käte das nennt«
    »Wer ist die Käte«
    »Eine wohlhabende schöne und noch ziemlich junge Witwe mit der ich viel
verkehre«
    Er sah im Spiegel dass des Vaters Gesicht sich lächelnd aufhellte
    »Nein Papa mach dir keine Hoffnungen Ich bin in eine andere verliebt und
weiß noch nicht einmal wer sie ist wo sie ist noch überhaupt was mit ihr
ist  Geh jetzt schlafen du musst müde sein das werde ich dir alles nach und
nach erzählen«
    Henning senior ließ sich ohne viel Widerstand bereden seinen Aufenthalt
länger auszudehnen als er ursprünglich beabsichtigt hatte sah sich während
dieser Zeit das Leben seines Sohnes näher an lernte dessen Bekannte kennen und
erwog skeptisch und ein wenig mutlos die Chancen die sich für seine Zukunft
aufstellen ließ Dass er hier als Vater vor einer schwer lösbaren Aufgabe
stand war ihm von vornherein klar man konnte dem Schicksal wie es sich nun
einmal entwickelt hatte nicht in die Speichen fallen und weder die ungünstig
gewordenen äußeren Verhältnisse ändern noch den Charakter des Sohnes
nachträglich auf sie zuschneiden Man hatte ihn zum Grandseigneur erzogen und
das war wohl der einzige Beruf der sich mit seinen Neigungen und Anlagen
deckte Aber auch nur solange er ihn lässig und dilettantisch ausüben konnte
Er war zu träge um sich wie manche andere als Grandseigneur an sich
durchzusetzen und auf diese Weise das Spiel in die Hand zu bekommen
    So blieb wohl nichts anderes übrig als eine Stellung zu finden für die
seine Fähigkeiten hinreichten und der Vater tat was er konnte um diesen
Schritt wenigstens etwas vorzubereiten Er holte halbvergessene Beziehungen zu
einflussreichen oder nützlichen Persönlichkeiten wieder hervor machte Besuche
und ließ mit stoischer Haltung Einladungen über sich ergehen dabei hatte er zum
erstenmal das Gefühl dass er jetzt für die Zukunft seines Ältesten wirklich
arbeitete und schaffte wenn er sich leutselig und distinguiert unter Menschen
bewegte die ihn im Grunde unsäglich langweilten
    Erasmus ließ sich hier und da bewegen ihn zu begleiten den Einladungen aber
wich er aus wie er überhaupt zu allem ja und amen sagte was man ihm vorschlug
sich jedoch mit innerem Schauder abwandte sobald es ihm lästig wurde Seine
Lust zu geselligem Verkehr war in diesem Winter sehr eingeschlafen und der
Vater bemühte sich vergebens sie wieder zu beleben
    So wurden aus einer Woche zwei und dann verging auch noch die dritte bis
der alte Baron sich entschloss allmählich wieder abzureisen
    »Ich habe mich sehr wohl gefühlt als dein Gast« sagte er an einem der
letzten Abende »deine Bekannten sind reizende Leute euer Interieur sehr
gemütlich  ich muss hinzufügen es peinigt mich gradezu dass du es aufgeben
sollst Es ließ sich doch vielleicht noch Mittel und Wege finden «
    Sie saßen zusammen im Hotel auf demselben Platz in der Halle wie am
Ankunftstage dem Spiegel gegenüber der das Bild »Vater und Sohn« gleichgültig
wiedergab sooft man es ihm vorführte Beide waren zum Ausgehen gerüstet den
Hut auf dem Kopf und den Überzieher geöffnet da es hier drinnen reichlich warm
war Man machte eine Pause zwischen verschiedenen Unternehmungen hatte nach
angekommenen Briefen gefragt und einen Kognak getrunken
    »Dein Optimismus Papa vermöchte noch eine Welt aus den Angeln zu heben
wozu doch nicht einmal wir Jüngeren mehr die Schneid haben Ich selbst am
allerwenigsten«
    »Das ist kein Optimismus sondern nur nüchterne Berechnungen aber leider
liegen dir ja auch die allzu fern als dass man irgendwelche Hoffnungen darauf
gründen könnte«  »Bitte werde nicht aggressiv du darfst nicht Eigenschaften
von mir erwarten die sonst bei niemandem in unserer Familie nachzuweisen sind
 Was sollte ich denn nach deiner Meinung für Berechnungen anstellen um mein
Interieur zu retten« Der Senior drehte mit vielsagender Geste seinen Ehering
vom Finger und steckte ihn dann wieder an
    »Da läge das Heil für dich  am ersten Abend schon hatte ich rein instinktiv
diesen Gedanken als du mir nur zufällig den Namen nanntest Und nachdem ich
diese ungewöhnlich sympatische Frau näher kennengelernt habe die doch zum
mindesten eine freundschaftliche Neigung für dich fühlt und du ebenfalls für
sie will es mir nicht aus dem Sinn dass hier dein Glück zu finden wäre Ganz
abgesehen von der materiellen Seite der Sache Vielleicht kein romantisches
überschwengliches Glück aber das was eigentlich besser und brauchbarer ist 
du weißt schon was ich meine «
    »Ja das weiß ich  aber du zwingst mich beständig zu respektlosen
Äußerungen Auf deinen Ehering darfst du nun schon gar nicht hinweisen wenn du
mich in dieser Richtung beeinflussen willst weder auf den ersten noch auf den
zweiten«
    Es war das erstemal dass Erasmus diesen Punkt direkt berührte und auf seine
Bemerkung entstand eine plötzliche Stille zwischen ihnen Das Gesicht des Vaters
war undurchdringlich und er dachte an seine beiden Frauen Erasmus tropische
Mama die er aus unvernünftiger Leidenschaft geheiratet und solange sie lebte
mit Juwelen und Kostbarkeiten behängt hatte wie ein heidnisches Götterbild Den
Gefühlsluxus durfte er sich immerhin leisten der andere ging damals schon über
seine Verhältnisse Er ertappte sich bei wunderlichen Gefühlsregungen
vielleicht weil er Erasmus jetzt täglich um sich hatte und dieser stark an sie
erinnerte er hatte dieselben stumpfschwarzen Augen mit schweren Lidern Wenn
sie noch lebte säße sie jetzt wohl hier zwischen ihnen heiter und indolent
und scherzte mit ihrem großen Sohn Es war hübsch und melancholisch sich das
auszumalen Aber das Familienbild hatte sich verschoben jetzt war die andere
da und auch hier hatte die Berechnung keine Rolle gespielt Im Gegenteil man
war sehr verliebt ineinander gewesen Sie war bedeutend jünger als er und wenn
sie auch nicht wie die andere beständig auf einem Ruhebett lag und sich mit
Geschmeiden behängen ließ so machte sie doch ihre Ansprüche und die beiden
Kinder für die so vieles zu geschehen hatte schienen ihm manchmal eine etwas
überflüssige Zugabe
    »Überhaupt« sagte jetzt Erasmus »die Käte ist doch kein Tauschobjekt wie
eine Perlenkette um die man unter Indianern schachert Ich schlage Burmann vor
er soll sie heiraten  du mir ich soll sie heiraten und wärest du noch Witwer
so würde ich sie dir wiederum anbieten«
    »Sehr richtig« die Antwort klang etwas zerstreut der Baron kehrte erst
allmählich wieder von seiner Gedankenwanderung zurück »Nein gewiss Frau Käte
ist keine Perlenkette um die man Schacher treibt sondern eine sehr anmutige
Frau und mehr als das  Wovon ich aber eigentlich sprechen wollte das war
etwas anderes  die ganze Atmosphäre in der ihr lebt  Aber wir sind zu
weit abgeschweift «
    »Es ist Zeit dass wir gehen Papa das Theater fängt um halb neun an und
Käte liebt es gar nicht wenn man sie warten lässt«
    »Schön gehen wir« Sie standen auf verließen das Hotel und gingen über
einen weiten erleuchteten Platz dem Theater zu Man fröstelte nach dem
Stillsitzen im warmen Raum
    »Nachher« sagte der Vater und schlug den Kragen in die Höhe »nachher habe
ich eine Verabredung mit dem Kommerzienrat Schönlank Kommst du mit«
    »Nein Gott soll mich schützen Ich habe ihm meinen Besuch gemacht und das
genügt vorläufig Wir gehen in die Bar Rouge wenn es dir Spaß macht kannst du
ja später nachkommen«
    »Gerade dieser Mann könnte dir sehr nützlich sein wenn du seinen Kreis
etwas kultivieren wolltest Ich schwärme gewiss nicht für Finanzkreise aber« 
er unterdrückte die Begründung man konnte doch nicht bei jedem Gespräch wieder
auf den wunden Punkt zurückkommen Man ging ins Theater
    »Schönlank ist noch keiner von den Schlimmsten Er ist belesen gebildet
gereist man unterhält sich nicht schlecht mit ihm Auch im Hause ich war
einmal zum Five oclock dort es gab eine ganz angeregte Unterhaltung und ein
gutes Niveau«
    »Mag sein Papa Ich habe eine Privatantipatie gegen den Mann Schon weil
er unsere kleine Hedy sekkiert«
    »Wer ist das nun wieder« sagte der Vater nachdenklich und resigniert »Ja
die Hedy  die Käte Das wars worüber ich vorhin sprechen wollte Immer nur
Vornamen Wenn man euch zuhört kennt man sich nie aus um was es sich da
eigentlich handelt Das hat so einen Anstrich von Künstlerleben Künstlerleben
mag sehr nett sein aber es taugt nicht wenn man sich eine Position zu machen
hat Wenn ich an meine eigene Jugend zurückdenke  was man mit Vornamen
nannte das gehörte auf ein ganz anderes Blatt Damit wäre man wohl auch in die
Bar gegangen  mit einer Dame gewiss nicht Ich will deshalb gar nichts gegen
euren Ton sagen ich finde an eurem Ton gar nichts auszusetzen er ist weder lax
noch zweideutig Ich sehe höchstens wie soll ich sagen einen Hang zum
Gehenlassen darin eine nicht ganz unbedenkliche Bequemlichkeit ihr tut eben
was euch Spaß macht  Gott was haben wir dagegen uns als junge Offiziere
anstrengen müssen um das immer auseinanderzuhalten die Nächte durchgebummelt
und dann wieder frisch sein um den Damen der Gesellschaft den Hof zu machen«
    Er gähnte leise und diskret und gab sich einen leisen Ruck während sie die
Stufen zum Teatergebäude hinaufstiegen und durch den menschenleeren Korridor
zur Garderobe gingen Die Vorstellung hatte schon angefangen und Käte
erwartete sie in der Loge munter und etwas ungnädig
    Das Stück war langweilig und man bekümmerte sich nicht viel darum was da
auf der Bühne getan wurde Erasmus entschuldigte sich oberflächlich dass er
nicht besser gewählt habe Im Grunde fühlte er sich nur verpflichtet den Papa
auch einmal ins Theater zu führen und es war ja schließlich dasselbe ob man
hier saß oder in einem Restaurant Man sah Leute und Toiletten und dann ging
man wieder fort 
    Er rückte etwas abseits und nahm das Publikum mit dem Opernglas durch wie
ein in sich versunkener Gelehrter den Sternenhimmel absucht Käte warf hin und
wieder einen Blick auf ihn und dachte Er sucht Lucy Sie war beinah
eifersüchtig wenn er allein suchte und fühlte eine Art Heimweh nach der ersten
Zeit ihrer gemeinsamen Unternehmungen Das war alles durch den Besuch des Vaters
ins Stocken geraten und abgeschwächt worden
    Nach einer Weile gab Erasmus es auf legte das Glas fort und schaute mit
aufgestützten Armen vor sich hin über die Brüstung oder nach der Bühne und
hörte dem Gespräch der anderen zu
    Der Vater war ganz auf der Höhe charmierte mit Käte und plauderte alles
mögliche Er strengt sich an wie in seiner Jugend dachte Erasmus aber man
merkt es nicht Das geht so ganz wie von selbst Jetzt erzählte er von früheren
Bekannten die er ganz unvermutet wiedergetroffen nachmittags im Café in
demselben Café wo sie schon vor zehn Jahren ihren Schwarzen tranken
    »Alle drei sind Junggesellen geblieben« erzählte Baron Henning und seine
Stimme war genau auf die Tonlage eingestellt die eine Unterhaltung im Theater
erfordert Es klang fast als vertrauten er und Käte einander Geheimnisse an
    »Alte Junggesellen«
    »Sie müssen wohl so um vierzig herum sein also bedeutend jünger als ich«
    »Käuze« fragte dann Käte als ob man von amüsanten Haustieren spräche
    »Ich habe ein großes Faible für Käuze und sie werden immer seltener«
    »Ja und nein Sie haben wohl ihre Schrullen sind aber sorgfältig auf alle
Äußerlichkeiten bedacht Sie pflegen die Geselligkeit in jeder Form sind
beständig eingeladen zu Tees Abend und Mittagsgesellschaften Routs
Frühstücks und dergleichen mehr  Ein bisschen moderner Tick  im Café sitzen
sie dann zusammen und sprechen von Lebensharmonie Ich Frau Käte bin ja
leider zu wenig modern und beherrsche diesen Jargon nicht besonders Man sprach
wohl früher über dieselben Sachen aber man drückte sich anders aus nur das
Resultat war natürlich ganz das gleiche«
    Käte erwiderte etwas was man nicht verstand
    »Außerdem sind sie Gourmands richtige echte Gourmands und betreiben das
wie eine edle Passion Mit der Feierlichkeit einer Gerichtskommission
begutachten sie die Küche der verschiedenen Häuser wo sie verkehren und sind
deshalb natürlich bei den Hausfrauen etwas gefürchtet«
    »Ich finde Ihre Käuze gar nicht übel  üben sie sonst noch einen
bürgerlichen Beruf aus«
    »Nein sie sind alle drei wohlsituiert haben nur Interessen und dieses oder
jenes Steckenpferd zum Beispiel ein warmes Herz für die Jugend die sie gerne
in ihrem Sinne nämlich in dem einer harmonischen Lebensführung beeinflussen
möchten«
    »Und Sie Baron sitzen daneben und mokieren sich im stillen«
    »Ja ich mokiere mich vielleicht Ich glaube dass man nichts und niemand
wirklich beeinflussen kann vor allem keine jungen Menschen Das besorgt alles
das Leben selbst«
    »Meinst du mich Papa« fragte Erasmus mit apatischer wie aus der Ferne
herüberklingender Stimme 
    Er hatte sich bis dahin sozusagen unsichtbar gemacht und der Vater wandte
sich fast erstaunt nach ihm um und ging über seine Zwischenfrage hinweg
    »Du kennst ja die Herren von denen wir sprechen Augustin sagte mir dass
ihr euch öfters in Gesellschaft getroffen «
    »Ja natürlich kenne ich sie und sicher sind sie schon damit beschäftigt
beim schwarzen Kaffee auch mein Schicksal zu stilisieren falls sie über die
dunklen Geschicke unseres Hauses unterrichtet sind Ich will sie doch einmal
wieder aufsuchen und verspreche mir mehr von ihnen als von deinen
Kommerzienräten«
    »Momentan stilisieren sie das Schicksal einer talentvollen und unbemittelten
Nichte die auf die Malerei versessen ist«
    »Vielleicht ist das Lucy  ach nein Lucy wird doch so Gott will keine
Malerin sein« Der Vater machte eine unschuldige Bewegung
    »Haben Sie denn gar nichts für Lucy übrig« fragte Käte »unser Traum
unser Phantom «
    »Unseren Spleen« ergänzte Erasmus und sah nach der Bühne wo jetzt der
Vorhang fiel Die Darsteller wurden gerufen zweimal dreimal und machten ihre
Verneigungen mit beglücktem Lächeln »Unser Spleen Käte« wiederholte der
junge Henning noch einmal als sie nach einer schweigsamen Autofahrt in der Bar
saßen »der bleibt vielleicht das Beste an der ganzen Geschichte wenn der Papa
fort ist wollen wir ihn weiter kultivieren«
    Er stürzte einen Drink nach dem anderen hinunter und sie sah ihm verwundert
zu Es war ihr schon seit einiger Zeit aufgefallen dass er gegen seine frühere
Gewohnheit viel trank
    »Oder es könnte auch eine große Albernheit sein Wir laufen da herum
verwachen die Nächte und bilden uns ein nach diesem Weib zu suchen das am
Ende wenn es wirklich existiert eine ganz üble Nummer oder eine dumme Gans
ist«
    »Aber wir haben uns ganz wohl dabei befunden«
    »Ja es ist sehr hübsch zur Abwechslung Bruder und Schwester zu spielen
ich habe das noch nie gekannt Wenn wir uns nun statt dessen ineinander verliebt
hätten Käte wie andere normale Menschen  vielleicht wären wir dabei noch
viel glücklicher gewesen  wer kann das wissen«
    »Ja wer kann das wissen  aber ich bitte Sie lieber Erasmus« und sie
rückte ihm das Glas weg »Machen Sie jetzt eine Pause Sie entwickeln neuerdings
Anlagen zum stillen Trinker«
    »Also die Kinder kommen auch hierher« sagte er in verändertem Ton »wann
waren sie bei Ihnen«
    »Am Nachmittag  nur Georg Er hatte mir viel zu erzählen Die
Schulgeschichte ist beigelegt das heißt die Buben sind verwarnt worden wenn
sie sich noch das Geringste zuschulden kommen ließ ginge es ihnen an den
Kragen Nach dem was er so sprach ist immer noch große Erregung unter ihnen
über den Tod des Kameraden und die Art wie man sie dann behandelt hat halb wie
ungezogene Kinder und halb wie angehende Verbrecher Die fünf welche den
Selbstmordverein bildeten der sechste ist ja tot haben sich verschworen in
allem zusammenzuhalten was ihnen auch immer passieren könnte Anfangs sei gar
kein Patos dabei gewesen sagte er mir aber jetzt ist es eine ganz patetische
Sache geworden zwischen ihnen Mit Erziehung wird ja immer nur das Gegenteil
erreicht Jetzt sitzen sie beständig zusammen und debattieren mit erhitzen
Gemütern Ich finde den Jungen sehr verändert Ach was seid ihr alles für
Menschen jede Erschütterung wirft euch aus dem Geleise«
    »Ich war nie darin« antwortete Henning Seine Stimme klang fremd und sie
begriff dass er nicht mehr nüchtern war Ein paar Sekunden kämpfte sie mit einer
ärgerlichen Nervosität die plötzlich in ihr emporsteigen wollte Das Leben
konnte ganz vernünftig gut und angenehm sein und so hatte man es auch bisher
in ihrem engeren Kreise damit gehalten Aber jetzt war es beständig als ob eine
unbestimmbare Spannung in der Luft läge und die Nerven aller vibrieren machte
 Käte sann darüber nach um sich wieder zu beruhigen gewöhnlich wurde sie
rasch mit solchen Stimmungen fertig Sie pflegte nachzudenken wie man aufräumt
das kommt hierher das dorthin das da muss repariert werden und jenes wirft man
lieber gleich ganz weg  Heute gelang es ihr nicht die Umgebung war zu
ungeeignet so schob sie entschlossen alles von sich weg nahm sich vor ein
anderes Mal und zwang sich zu ihrer offiziellen Munterkeit
    Das Lokal füllte sich indessen immer mehr Leute kamen und gingen tranken
standen herum oder ließ sich nieder und tanzten in dem freien Raum vor dem
Büfett Das Nachtleben kam in Gang
    Henning entschuldigte sich dass er dummes Zeug geredet habe der allzu
unfehlbar weltmännische Papa rufe bei ihm eine Reaktion hervor meinte er und
wurde dann sehr lustig ließ sich sogar mit Kätes Barkavalier der unweigerlich
auftauchte und um einen Tanz bat auf ein Wortgefecht über den Tisch herüber
ein
    Um Mitternacht erschienen Georg und Hedy Gott mochte wissen wie sie das
wieder möglich gemacht hatten  Käte hatte am Nachmittag als Georg ihr den
Plan mitteilte gedankenlos zugestimmt jetzt war es ihr wie Henning etwas
bedrückend die beiden hier in dem zweifelhaften Durcheinander zu sehen Sie
waren aber weniger denn je gesonnen sich bevormunden zu lassen benahmen sich
verwegen rebellisch und überlegen Hedy trug ein helles Kleid mit halblangen
Ärmeln und eine erwachsene Frisur die aussah als sei sie eben auf Reklame
frisiert vom Koiffeur gekommen Das Kindliche an ihr schien absichtlich
unterdrückt und als Henning bemerkte sie komme ihm ganz fremd vor wie eine
Dame der man sich erst vorstellen lasse sagte sie herausfordernd
    »Das ist recht jetzt will ich endlich einmal erwachsen sein Von jetzt an
kümmere ich mich um nichts und niemand mehr und tue was ich will«
    Gleich darauf zog sie ihn in eine Ecke lehnte sich beinah zärtlich an ihn
und bat »Tanzen Sie heute wieder einen Konversationswalzer mit mir wie damals
im Waldrestaurant Und morgen bringe ich Ihnen den Schuh wissen Sie den
ausgetretenen den ich Ihnen versprochen habe« dabei blinzelte sie wie immer
wenn sie ins Licht sah ihre hellbraunen Augen die manchmal ins Grünliche
spielten kniffen sich zusammen und die Pupillen wurden ganz klein
    »Sie haben Katzenaugen Hedy« sagte Henning »und wie stehts mit den
Krallen Die wachsen Ihnen wohl noch«
    »Der Kuss und dann die Kralle  so sind sie alle« sagte der Barkavalier
der in der Nähe stand Er wunderte sich dass der sonst so unzugängliche Baron
der nie von Kätes Seite wich sich mit einem Mädchen beschäftigte Er fand es
ungehörig übrigens hielt er Henning für keinen echten Baron
    Hedy sah ihn ablehnend an und zog Henning mit sich fort
    »Für Sie habe ich keine Krallen« versicherte sie »aber auch keinen Kuss«
    »Ich will ja auch keinen Kind Georg würde es wahrscheinlich nicht gerne
sehen«
    »Doch nein ich werde Ihnen noch einmal einen Kuss geben Ich habe Sie sehr
gerne und will Georg schon erklären wie das ist Ich weiß schon Sie gelten für
einen Mädchenjäger »fuhr sie altklug und nachsichtig fort »aber mit mir ist es
anders«
    »Nun ja gewiss für Sie bin ich so etwas wie ein älterer Freund Kommen Sie
nur immer zu mir wenn Sie einen solchen brauchen«
    Sie hatte auf einmal Tränen in den Augen und kam nun der Kuss genügend
erörtert war auf die Kralle zurück
    »Ja es gibt schon Leute denen ich auch die Krallen zeigen möchte«
    »Wem denn«
    »Oh diesem alten Hund von Kommerzienrat« und sie erzählte dass der sie nun
doch verraten habe Er hatte ihre Mutter warnend darauf aufmerksam gemacht dass
sie sich mit einem jungen Menschen herumtreibe Die war außer sich und wollte
wissen wer es sei Hedy aber wollte es auf keinen Fall sagen Die Mutter machte
ihr nun Szenen drohte auch den Vater einzuweihen jammerte dass sie
leichtsinnig sei und sich ihre Zukunft verderben würde Sie sollte eben durchaus
eine glänzende Partie machen
    »Es fällt mir ja nicht ein« sagte sie nein sie wisse ganz genau was sie
wolle und sprach so als ob nur ihre Eltern unvernünftig seien und keine Ahnung
von der Welt hätten Sie selbst hingegen war sich vollkommen klar wo hier das
Richtige lag
    Henning bemühte sich ihr vermittelnd zuzureden Sie konnte doch die Mutter
beruhigen die Sache mit Georg als einen Schulflirt hinstellen wie er bei allen
einmal vorkomme und dann vorsichtiger sein »Ihr treibt es selbst für unsere
Begriffe zu arg« meinte er »zum Beispiel hierher zu kommen«
    »Es gibt ja doch über kurz oder lang einen Krach« sagte sie leichtsinnig
»und da finde ich soll man sich vorher noch so viel wie möglich amüsieren
Georg wollte ja auch nicht ich habe ihn mit vieler Mühe überredet weil Sie und
Frau Käte auch hier sind « Sie nickte Georg zu der drüben beim Büfett
stand und sagte »Übrigens will ich jetzt mit ihm tanzen Nachher kommen wir
dann an den Tisch«
    Erasmus kehrte zu Käte zurück die sich schlagfertig und amüsiert gegen
einige neuaufgetauchte Kourmacher verteidigte Als er kam zogen sie sich
höflich in Anerkennung seiner älteren Rechte zurück Nur der Ungar blieb in der
Nähe man war an ihn gewöhnt und bewilligte ihm Privilegien Er durfte am
Nebentisch sitzen und manchmal herübersprechen Um Käte aufzureizen erzählte
er dass er den Baron mit einem feschen kleinen Mädel ertappt habe
    Käte fächelte sich gleichmütig und nun ging die Tür auf eine Gruppe von
Gästen drängte hinaus und zwei Neuankommende blieben wartend stehen bis sie
vorbei waren Es waren der alte Baron und der Kommerzienrat Schönlank
    »Sehen Sie Gespenster« fragte Käte »Sie machen ein Gesicht wie ein
erschrockener Schuljunge wenn der Papa kommt« Erasmus fühlte tatsächlich ein
eisiges Unbehagen
    »Nicht wegen dem Papa« sagte er leise »aber der andere ist Schönlank der
Unglücksrabe Hätte ich eine Ahnung gehabt dass er den mitbringt Wir müssen
sehen Hedy so schnell wie möglich noch unbemerkt abzuschieben«
    Die beiden Herren standen schon vor ihnen man begrüßte sich und sie nahmen
Platz Henning der ältere liebte diese Art von Lokalen nicht besonders in
Damengesellschaft er sah sich kühl und prüfend um und bestellte einen Whisky
wie jemand der sich in Unvermeidliches ergibt Außerdem war er müde Schönlank
dagegen  er war ein gutaussehender Mann mit beweglichen Allüren  zeigte sich
aufgeräumt und schlug einen scherzenden Mitternachtston an »Schöne Frau« sagte
er zu Käte und schlug ihr vor eine Flasche Sekt mit ihm zu trinken Sie ging
darauf ein und überdachte rasch was zu tun sei Hedy und Georg tanzten in
einiger Entfernung mit solcher Hingebung dass sie nichts anderes mehr sahen und
hörten  Der Kommerzienrat saß mit dem Rücken gegen das Lokal Wenn sie oder
Erasmus aufstanden drehte er sich vielleicht um um ihnen nachzusehen Sie
flüsterte dem Ungarn der sie mit Glutaugen betrachtete und die neuen
Ankömmlinge misstrauisch musterte einen Auftrag an Hedy zu
    »Sie wollen mich nur lossein« flüsterte er zurück »was sind das für neue
Verehrer«
    »Nein Sie dürfen gleich wiederkommen und ich tanze mit Ihnen soviel Sie
wollen Sagen Sie dem Mädchen nur sie möchte sofort heimgehen durch die
Hintertür und nicht mehr hierherkommen«
    »Schönste Frau« sagte der Kommerzienrat schenkte ihr ein und lachte
schallend »Sie haben ja den Teufel im Leibe Wer hätte das gedacht dass wir uns
einmal zu solcher Stunde und an solchem Ort treffen würden Ich habe ja diesen
Winter schon allerhand von Ihrer Vergnügungssucht gehört und es freut mich
ungemein Sie einmal in flagranti zu erwischen Auf Ihr Wohl« Käte stieß
lächelnd mit ihm an
    »Oh da sind Sie auf falscher Fährte Das hat gar nichts mit
Vergnügungssucht zu tun Ich verfolge ganz andere Zwecke«
    Der Ungar erhob sich zögerte noch und warf flammende Blicke auf die
Tischgesellschaft Dann ging er langsam und verschwand im Hintergrund bei den
tanzenden Paaren Käte folgte ihm mit den Augen und verwickelte Schönlank in
eine muntere Neckerei während Erasmus mit seinem Vater über die Abreise sprach
und ungeduldig die Füße im Takt der Musik bewegte Drüben trat Kätes Kavalier
an das tanzende Pärchen heran
    »Kleine Katze« sagte er »die gnädige Frau lässt Ihnen sagen Sie möchten so
rasch wie möglich verschwinden durch die Hintertür sich nicht mehr blicken
lassen Geschwind kleine Katze«
    Sie blieben stehen Georg ließ sie los und betrachtete den Sprecher Was
wünschte er Er hatte nicht recht verstanden und meinte es handle sich um eine
Frechheit gegen Hedy Nun stellte der andere sich vor und wiederholte seinen
Auftrag Hedy aber stürmte ohne ein Wort zu sagen und ohne zu überlegen auf den
Tisch zu wo die anderen saßen Was sollte das heißen was wollte man von ihr
und weshalb schickte man diesen Menschen anstatt selbst mit ihr zu sprechen
Dann war ihr vorübergehend zumut wie in einem bösen Traum Henning und Käte
sahen sie betroffen an da saß ein älterer Herr mit strengem Gesicht den sie
nicht kannte aber ihr fiel ein dass es wohl Hennings Vater sein müsse und noch
einer der laut lachte sich nach ihr umwandte und den sie recht gut kannte
    »Ah das ist ja eine reizende Überraschung« sagte Schönlank immer
aufgeräumter fasste ihre Hand und wollte sie heranziehen Sie machte keinen
Versuch sich zu befreien schlug ihn aber mit der freien Hand ganz mechanisch
und zornig zweimal nacheinander ins Gesicht Damit war das Traumgefühl zu Ende
sie begriff dass sie eine ungeheure Dummheit gemacht hatte und sah nun alles
ganz deutlich vor sich wie Henning aufsprang und zu ihr herüberkam und
gleichzeitig Georg neben ihr stand während Käte sie sprachlos anstarrte und
der alte Baron ungemein reserviert blieb Der Kommerzienrat hatte eine Grimasse
geschnitten und seine Stimme klang nicht mehr so munter als er sagte
    »Aber was fällt Ihnen denn ein Fräulein Hedy Es wird doch wohl Zeit dass
ich mal ein ernstes Wort mit Ihrem Papa rede die Mama nimmt es anscheinend
nicht ernst genug Dann ist es aber aus mit Ihren Amüsements«
    »Ja dann ist es aus« sagte sie verzweifelt und gedankenlos
    Keiner sagte ein Wort nur der Kommerzienrat sprach weiter »Aha das ist
also Georg«
    »Burmann ist mein Name« stellte Georg sich mit einer zornerfüllten
Verbeugung vor und besann sich was er jetzt tun sollte
    »Das ist also Georg  sehr hübsch  man geht zusammen ins Chambre
séparée man tanzt in der Bar«
    Er lachte herzlich und verständnisvoll und betrachtete den Jungen von oben
bis unten »Georg Burmann« wiederholte er dann »ja ja ich weiß schon 
einer der jungen Herren vom Selbstmordverein einstweilen aber noch ganz
lebenslustig Oder sind Sie hier um neue Anhänger zu werben«
    »Stimmt Herr Kommerzienrat« sagte Georg mit zornsprühenden Augen er
fühlte sich in einer schwierigen Lage und fügte unbeholfen hinzu »Ich bedaure
nur dass Sie nie mit Erfolg in unserem Verein tätig waren«
    »So Was habe ich Ihnen denn getan junger Mann«
    »Sie sind gemein« sagte Georg jetzt in sehr bestimmtem Ton
    »Jetzt aber ist Schluss« warf sich Erasmus plötzlich dazwischen und schob
Hedy fort der Garderobe zu Dort wickelte er sie ohne weiteres in ihren Mantel
Georg folgte ihnen
    »Bringen Sie das Kind jetzt gleich nach Hause Georg Ich werde schon mit
dem Mann reden Gott was macht ihr denn für Sachen War das notwendig« Das
Mädchen war aufgeregt und zitterte am ganzen Körper dazwischen aber sagte sie
triumphierend »Sehen Sie jetzt habe ich ihm doch einmal die Krallen gezeigt«
Erasmus nahm ihre Hände und steckte sie in den Muff
    »Ach Hedy hätten Sie es lieber nicht getan Ihr rennt euch nur hinein und
was nützt es euch Diese Leute sind einem über Jetzt geht und morgen kommt ihr
zu Hans hinauf da reden wir weiter«
    Georg drückte ihm die Hand und sprach nichts mehr Dann begleitete er sie an
die Hintertür die auf eine Nebenstrasse hinausging und sah ihnen nach wie sie
eng aneinandergeschmiegt davongingen
    Am Tisch wo die Gesellschaft saß herrschte unterdessen eine peinliche
Stimmung Schönlank versuchte dem Baron den Vorfall zu erklären Der hörte
wortkarg zu und dachte Das also war Hedy was sind das alles für Geschichten
Unangenehm und ungehörig Man hätte nicht in dies Lokal gehen sollen
    Der Ungar hatte sich wieder an den Nebentisch in Kätes Nähe gesetzt Er
fasste lebhafte Sympatie für Hedy und Georg auf den Zusammenhang kam es ihm
nicht an er war nur neugierig wer das Mädchen sei
    »Ich bitte Sie ich bin mit der Familie befreundet« sagte Schönlank »das
kann man doch nicht einfach mitansehen und als guter Onkel ein Auge zudrücken
Eine kleine Liebelei schön das gibts immer zwischen Gymnasiasten und
Mädchenschule aber der Junge schleppt sie überall hin wo junge Mädchen nicht
hingehören Er hat üble Anlagen der Bengel « und er begann vom
Selbstmordverein zu erzählen Der Baron hörte zu ohne besonderes Interesse und
nickte nur hier und da ja ja gewiss
    Dann kam Erasmus zurück und es wurde dadurch noch schwieriger da er ja
anscheinend freundschaftliche Beziehungen zu den jugendlichen Sündern hatte und
sie unter seinen Schutz nahm Schönlank brach mitten im Satz ab und sah ihn
gespannt an Er war sehr neugierig und hätte gerne alles mögliche gewusst
Daneben fühlte er sehr wohl dass der junge Baron ihm keine sympatischen
Empfindungen entgegenbrachte während er seinerseits sich schon seit längerer
Zeit für ihn interessierte und ihn gerne in seinen Kreis gezogen hätte Ein
Baron besonders wenn er ein schöner Mensch und etwas absonderlich war nahm
sich immer gut aus
    »Herr Kommerzienrat« sagte Erasmus und suchte seine Privatantipatie
möglichst zu bezwingen »ich bin dafür dass wir dieses unfreundliche Intermezzo
jetzt ruhen lassen Nächster Tage komme ich einmal zu Ihnen und dann sprechen
wir darüber Nur bitte ich Sie bei den Eltern des jungen Mädchens bis dahin zu
schweigen Nichts für ungut aber es kann Ihnen selbst doch nicht angenehm sein
einem Mädel gegenüber den Angeber zu spielen« Ein degoutierter Zug legte sich
um seinen Mund und die Antipathie bekam wieder die Oberhand 
    »Ich werde mich sehr freuen Sie bei mir zu sehen« erwiderte der andere mit
einem Unterton von Gereiztheit »Es ist auch sehr liebenswürdig von Ihnen mir
Fingerzeige für mein Verhalten zu geben Ich fürchte aber das werden Sie mir
selbst überlassen müssen Ungezogenen Schulkindern gehört Strafe anders ist
ihnen nicht beizukommen Oder soll man ihre Unarten einfach über sich ergehen
lassen Ich bitte Sie wir sitzen in einem öffentlichen Lokal Der Vater der
Kleinen ist mein Geschäftsfreund Soll ich riskieren dass ihm gelegentlich
erzählt wird ich habe mich hier von seiner Tochter ohrfeigen lassen Wie stehe
ich dann da Man könnte auf die seltsamsten Vermutungen kommen Durch die
Unverschämtheit dieser liebenswürdigen Jugend eventuell noch kompromittiert zu
werden kann ich mir wirklich nicht leisten So leid es mir tut sehe ich hier
keinen anderen Weg als die Eltern auf die Vergnügungen ihres Töchterchens
aufmerksam zu machen mit denen ich leider in Kollision geraten bin«
    Er hat von seinem Standpunkt aus natürlich recht der Unglücksmensch dachte
Erasmus Die Liebesgeschichte unserer Krabben ist natürlich eine ganz unerhörte
und unmögliche Geschichte Wir haben ja auch manchmal Moral gepredigt aber es
hat nichts genützt 
    Nun legte der Kommerzienrat ihm auch noch die Hand auf den Arm »Lieber
Baron Sie denken doch nicht etwa dass ich mich für diese hübsche kleine
Ohrfeige rächen wollte Darüber lacht man und fertig Aber dem Mädel gehört eine
strengere Erziehung wo soll das sonst noch hinaus Jugend hat keine Tugend
weil sie die Tragweite der Dinge noch nicht begreift Da sind wir Älteren dazu
da Unglück zu verhüten Die Kleine ist nicht so harmlos wie es aussieht Ich
könnte ihr Großvater sein erlaube ich mir aber einmal eine kleine
Freundlichkeit so macht sie viel Wesens daraus  ihre Phantasie ist eben
schon auf Irrwegen« Henning senior wurde ungeduldig er hatte genug davon er
war verstimmt und wollte schlafen
    »Sie haben Pech mit uns« sagte Käte zu ihm während die anderen noch
sprachen und der Kellner zum Zahlen erschien »Erst sind wir langweilig wie
heute im Theater und dann gibts noch unangenehme Zwischenfälle«
    »Ein bisschen Boheme die ganze Geschichte Frau Käte« antwortete er »und
mir ist das ungewohnt und fremd Ich fürchte manchmal dass mein Sohn einige
Anlage zum Bohemien hat und das ist sicher kein Glück für ihn« Dann verließ
man das Lokal und trennte sich
    Es war sehr spät gewesen und als Erasmus am nächsten Morgen erwachte
fühlte er sich benommen im Kopf und hatte eine unklare Erinnerung dass etwas
Bedrückendes vorgefallen sei Langsam stellte er die Ereignisse des Vorabends
wieder zusammen als Josias kam und ihm Hedys Besuch meldete
    »Du hast sie doch nicht weggeschickt«
    »Nein Fräulein Hedy wartet beim Herrn Doktor er ist heute morgen zu Hause
geblieben«
    Man wird also ernste Worte mit Hedy reden überlegte er und später mit dem
Jungen Mittags kommt der Papa und ich muss ihm einen Kommentar geben wenn es
ihn heute noch interessiert und dann schließlich noch wieder mit Käte das
Ganze bearbeiten Ja da wird immer viel gesprochen und zugeschaut wie die
Dinge sich entwickeln aber es kommt nie dazu dass man eingreifen und für sich
oder die anderen handeln könnte Liegt das nun an uns oder an den Umständen
    »Fräulein Hedy sitzt schon seit einer Stunde beim Herrn Doktor und hat
geweint« berichtete Josias »ich habe ihr dann Kaffee gebracht«
    »Ja recht so Josias du bist alt und siehst das alles schon aus der Ferne
an aber wir haben immer Geschichten und Geschichten und man kommt nicht zur
Ruhe Was würdest du nun machen wenn das deine Kinder oder Enkel wären« Und er
erzählte ihm mit kurzen Worten was es gab
    Josias war es gewöhnt dass man ihn öfters ins Vertrauen zog und er sein
Urteil abgeben sollte Für ihn gab es hier einen Unterschied den er streng
gewahrt haben wollte Das war die ältere Generation und die junge Die ältere
musste tadellos dastehen da durfte nichts vorkommen was irgendwie Ärgernis
erregen konnte Henning der Vater zum Beispiel hatte in seinen Augen den
Nimbus der Unantastbarkeit verloren seit er durch seine zweite Heirat den
Niedergang der Familie heraufbeschworen
    Jede Respektlosigkeit fiel seiner alten Dienerseele schwer aber er
begegnete ihm seither mit einer Zurückhaltung die jener wiederum mit
leutseliger Distanz zu ignorieren suchte
    Mit der Jugend war es etwas anderes der Jugend gegenüber bewies Josias eine
unendliche Toleranz Sie war noch nicht verantwortlich und hatte nicht zu
repräsentieren Er musste wohl selbst einmal jung gewesen sein oder er hatte
zuviel mitangesehen denn er begriff dass es da nicht ohne Irrtümer und
Verfehlungen abgehen konnte einerlei welchen Kreisen man angehörte In diesem
Sinne äußerte er sich nun auch über Georg und Hedy die er als Schützlinge
seines jungen Gebieters zärtlich liebte den Kommerzienrat dagegen verurteilte
er als alten Sünder der nur seine Hände davon lassen sollte
    Hedy saß also bei Burmann und trank ihren Kaffee an dem Frühstückstisch der
noch auf Henning wartete und erzählte erzählte ohne Ende Burmann war
ungewöhnlich aufgeregt über das was er zu hören bekam In den Elternhäusern der
beiden stand jedenfalls eine Katastrophe bevor in die er soweit es Georg
betraf mitverwickelt wurde
    »Der elende Mensch wird nicht den Mund halten das ist ganz ausgeschlossen«
erklärte Hedy in bezug auf Schönlank »Die Mutter würde ich vielleicht noch
herumkriegen sie ist ziemlich schwach mir gegenüber und hat nur Angst vor dem
Gerede aber der Vater«  sie schloss einen Moment die Augen wie vor einer
zermalmenden Gefahr  »nein ich laufe fort ich gehe nicht wieder nach Hause«
    »Das tun Sie nicht Hedy man wird Sie einfach wiederholen und dann ist
alles schlimmer als vorher Was kann Ihnen denn schließlich passieren man
schickt Sie vielleicht ein Jahr in Pension und nachher ist alles wieder in
Ordnung Es ist ja lächerlich wenn man noch das ganze Leben vor sich hat« Sie
wippte mit dem Stuhl und lächelte eigensinnig
    »Das sagt ihr immer das ganze Leben Was nützt uns das Man kann doch jung
sterben Wir wollen uns gerade jetzt nicht trennen«
    »Kinderei Menschen die wissen dass sie wirklich zusammengehören halten
auch eine Trennung aus  erst recht Will man etwas vom Leben so muss man auch
seinen Beitrag zahlen Das ist nun einmal so und da gibts auch für euch keine
Ausnahme Ruhig Hedy ich weiß schon was Sie mir antworten wollen  dass wir ja
mit im Komplott waren und euch gewähren ließ Ja du lieber Gott was sollten
wir denn tun Ihr standet sozusagen unter unserem Schutz und wir konnten das
bis zu einem gewissen Grade verantworten Dass ihr euch traft zusammen
spazierengingt oder zu uns kamt das alles mochte noch hingehen auch wenn die
Eltern davon erfuhren Das haben alle getan als sie in eurem Alter waren und
man hätte nicht viel Aufhebens davon gemacht Aber ihr lasst jede Vorsicht außer
acht ihr müsst in Séparées und Nachtlokale gehen koste es was es wolle da
können wir nicht mehr für euch einstehen wenn ihr in der Klemme sitzt können
euch nicht mehr helfen gar nichts Im Gegenteil wenn eure Eltern uns auf die
Bude rücken stehen wir in einem üblen Licht da dass wir solchen Scherzen
Vorschub geleistet haben«
    Während er noch sprach war Erasmus hereingekommen hatte Hedy
stillschwiegend die Hand gegeben und war dann ans Fenster getreten Er hörte zu
was der Doktor sagte und sah dabei nach den Spatzen die draußen in den kahlen
Baumzweigen hüpften
    »Ich muss auch leider zugeben dass es ein großer Fehler war eure Geschichte
zu protegieren Was wisst ihr denn von Liebe  das ist ja alles Kinderei und
Vergnügungssucht«
    Blass und stumm saß sie da lauschte fast mit Entsetzen auf die harten
unheilschweren Worte die auf sie niederregneten Es nahm gar kein Ende mehr
was sie alles getan und angerichtet hatte Eine beklommende Ratlosigkeit kam
über sie und sie blickte hilfesuchend nach Henning der ihr den Rücken zuwandte
und an den Fensterscheiben trommelte Ihn irritierten Burmanns Reden und das
Gefühl dass er wohl recht hatte und man hier gar nichts tun konnte
    Als er endlich an den Tisch kam und sich niedersetzte begegnete er einem
vorwurfsvollen und bittenden Blick Hedy hatte auch heute ihre erwachsene
Frisur und ihm schien es sei nicht mehr der Backfisch den er brüderlich
beschützte sondern eine junge Dame die einen Roman erlebte für die man
Schritte tun und die üblichen Ritterpflichten auf sich nehmen musste Aber wie
war das in diesem Fall möglich Da hatten irgendwelche Eltern fremde
unbekannte Leute zu bestimmen und was sie bestimmten geschah
    »Gib jetzt Ruhe« sagte er schließlich möglichst heiter um die lastende
Stimmung zu bannen »Wir wollen doch erst einmal abwarten ob denn nun wirklich
ein solches Erdbeben anheben wird wie ihr zu erwarten scheint Der angenehme
Kommerzienrat von dem unser aller Wohl und Wehe abhängt kann doch auch seinen
Entschluss ändern und stillschweigen Dann werden die beiden fortan vorsichtiger
sein  Du Hans kannst ganz außerhalb bleiben den Verkehr hier im Hause und
meinetwegen auch die Nachtexpedition schreiben wir auf mein Konto Ich bin ja
einstweilen an keine sozialen Rücksichten gebunden Du hast gewiss recht in
vielem was du da sagt aber es hat jetzt gar keinen Zweck den begangenen
Fehlern nachzugehen Man begeht keine weiteren macht wieder gut was
gutzumachen ist und nimmt etwaige Unannehmlichkeiten auf sich Letzteres
bezieht sich auf Sie Hedy Selbst wenn das furchtbare Ereignis eintreten
sollte dass man Sie in eine Pension schickt  wir halten ja doch zu Ihnen man
schreibt Ihnen besucht Sie «
    »Ja ich « antwortete sie beklommen  »aber was wird mit Georg Seine
Eltern waren schon außer sich über die Vereinsgeschichte Wenn es jetzt wieder
etwas gibt meint er sie nehmen ihn einfach von der Schule und stecken ihn in
ein Geschäft Und er will doch studieren große Reisen machen«
    »Mit Ihnen nicht wahr Nun über diese Reisen wollen wir uns noch nicht
weiter aufregen Um Georg ist mir nicht bange der lässt sich nicht so leicht
einschüchtern«
    »Ihr kennt ihn ja gar nicht« sagte Hedy mit großer Überlegenheit »Er
spricht immer so bagatellmässig wenn ihr dabei seid Mir hat er gesagt eher
würde er sich eine Kugel vor den Kopf schießen«
    Burmann wurde ärgerlich »Ja natürlich siehe Selbstmordverein So reden
alle grünen Jungen und mit all diesen Geschichten hat er zur Genüge bewiesen
dass er noch ein grüner Junge ist Lassen Sie ihn nur am Nachmittag heraufkommen
ich möchte aber allein mit ihm sprechen und seien Sie nur ganz ruhig das sind
Redensarten Wer vorher damit droht hat sich noch nie eine Kugel durch den Kopf
geschossen  Ich gehe jetzt  entschuldige mich bei deinem Vater Henning ich
kann meine Leute nicht länger warten lassen aber möglicherweise komme ich schon
bald zurück Und lass Hedy vorher fortgehen er kann jeden Moment hier sein« 
»Gott ist der heute schlechter Laune« sagte Hedy als Burmann fort war »dann
muss ich also gleich gehen Warten Sie einen Moment«
    Sie stürzte in den Korridor wo sie ihre Sachen abgelegt hatte und kam mit
einem kleinen in Seidenpapier gewickelten Paket wieder
    »Da ist Ihr Schuh« und sie stellte einen winzigen schiefgetretenen
Kinderschuh vor ihn hin Er war mit Gold bronziert und wirkte dadurch etwas
steif beinah als ob er aus Gips wäre Daran sei die Mama schuld erklärte Hedy
die habe eben all die abgelegten Schuhchen bronzieren lassen Sie hätte ihm
lieber einen »wirklichen« gebracht aber da sei keiner mehr zu finden Henning
betrachtete den vergoldeten winzigen Schuh der vor ihm auf dem weißen
Tischtuch stand
    »Das schadet nichts Hedy Sie machen es vielleicht ebenso wenn Sie einmal
verheiratet sind Er freut mich sehr ich stelle ihn auf meinen Schreibtisch«
    »Ja als Andenken«
    »Andenken das brauchen wir einstweilen noch nicht
    Sie sind ja noch hier «
    »Den Kuss sollen Sie auch noch haben« sagte Hedy mit einem Lächeln und
suchte sich zu beherrschen denn ihre Nerven ließ nach und sie war dem Weinen
nahe Henning zog sie an sich und legte den Arm um sie »Ja was ist denn Kind
Mut Mut ich weiß schon das Leben ist manchmal nicht schön aber es wird dann
schon wieder besser«
    Hedy aber warf sich förmlich in seine Arme und schluchzte verzweifelt Er
suchte sie zu beruhigen wie man ein Kind tröstet mit zärtlichen Worten
trocknete ihr immer wieder die Augen und beneidete sie im stillen dass sie noch
so fassungslos weinen konnte und worüber Über einen Kommerzienrat der sie bei
ihren Eltern verklagen wollte Daneben empfand er es wie eine Liebkosung dass
sie sich mit ihrem kindischen Leid an ihn schmiegte Das war alles noch so
unverbraucht und verschwenderisch gab und nahm was es grade brauchte oder
übrig hatte ohne darüber nachzudenken
    »So jetzt hören wir aber auf Hedy« sagte er dann sehr energisch schob
sie ein wenig zurück und nahm ihre beiden Hände Er wollte nicht etwa noch
selber gerührt werden und in keiner Weise aus der Rolle des älteren Freundes
fallen
    »Ja ich höre schon auf« wiederholte sie mit einer störrischen Kopfbewegung
und biss sich auf die Lippen Das Sprechen wurde ihr schwer und die hellbraunen
Augen waren stark verweint Draußen wurde geklingelt und man hörte Josias zur
Haustür gehen Erasmus vermutete dass es sein Vater sei und das Mädchen wollte
erschrocken zur anderen Tür hinaus
    »Lass gut sein Kind keine Eile es ist wirklich ganz gleichgültig« dann
zog er sie wieder an sich und küsste sie auf die Stirn und den Mund Sie waren
neben dem Fenster als der alte Herr hereinkam Er stand noch unter dem
peinlichen Eindruck des vorigen Abends und war nicht eben freudig überrascht
dasselbe Mädchen welches die Szene veranlasste in anscheinend vertraulichem
Zwiegespräch mit seinem Sohne schon wieder vorzufinden Ihr verstörtes Aussehen
aber rührte ihn sie nahm sich in diesem niedergedrückten Zustand jedenfalls
besser aus als gestern in ihrer zornigen Frechheit und er sagte sich dass er
ja nicht wissen könne was sich hinter alledem abspielte
    Sie gab ihm verlegen die Hand als Erasmus vorstellte vermochte ihre Tränen
aber immer noch nicht zu bezwingen und lief dann rasch aus dem Zimmer Erasmus
folgte und schien sie noch die Treppe hinunter zu begleiten Es dauerte eine
Weile bis er wiederkam und der Vater ging inzwischen zerstreut im Zimmer hin
und her blieb schließlich vor dem vergoldeten Kinderschuh stehen nahm ihn in
die Hand und betrachtete ihn eingehend
    »Armer Vater« sagte Erasmus noch in der Tür »das fade Teaterstück von
gestern hat sich gerächt Du gerätst seitdem von einer dramatischen Szene in die
andere Ein Kommerzienrat wird geohrfeigt und sinnt auf Rache ein weinendes
Mädchen erscheint und dein Sohn der sonst zu nichts Besonderem gut ist
tröstet die jugendliche Sünderin Denke nur nicht dass es immer so bewegt bei
uns hergeht« Dann hielt er es für angemessen einige Erläuterungen zu geben
Der alte Baron folgte aufmerksam und wiegte den Kopf hin und her
    »Schade um das Mädchen man sollte sie eine Zeitlang fortschicken und dann
verheiraten Ich danke Gott dass ich keine Töchter habe Man soll streng mit den
Mädels sein unerbittlich streng sonst hat man auf Schritt und Tritt die
unmöglichsten Begebenheiten und wenn sie hübsch und temperamentvoll sind wie
diese Kleine ist das nicht so leicht  Und du bist nicht etwa nebenbei in sie
verliebt«
    »Ach Papa etwas verliebt ist man in jedes weibliche Wesen wenn es Charme
hat Aber Hedy beschütze ich nur wie ein älterer Herr außerdem respektiere ich
immer die Rechte der anderen auch wenn es nur Gymnasiasten sind Ausgenommen
natürlich wenn man eine Frau durchaus haben will Die Rechte des verdammten
Schweden sind mir zum Beispiel ganz gleichgültig« Der Vater überhörte diese
Bemerkung er wollte nun einmal von Lucy nichts wissen Diese unsichtbare
Schwiegertochter ärgerte ihn und er hielt sie falls sie wirklich existierte
für etwas ganz Bedenkliches Statt dessen interessierte er sich für Georg der
hatte ihm gefallen wie er gestern abend so begossen und selbstbewusst Schönlank
gegenüberstand Zudem war er des Doktors Vetter für den er eine starke
Sympatie hegte Ihm imponierte die zielbewusste Tüchtigkeit die unbeirrt ihren
Weg ging und die er ohne weiteres für eine Burmannsche Familieneigenschaft
hielt ebenso wie er die gegenteilige Veranlagung als unabänderliche Henningsche
Eigentümlichkeit erachtete
    Während dieses Thema noch behandelt wurde kam der Doktor zurück und hatte
wie schon manchmal sein ironisches Vergnügen daran wenn der Baron Theorien
aufstellte Josias erschien um den Tisch abzuräumen sie gingen in Burmanns
Arbeitszimmer hinüber und er holte verschiedene Familienphotographien hervor
auch von Georg und seinen Eltern und Geschwistern Es war tatsächlich
auffallend wie fast all diesen Gesichtern ein gewisser geschlossener klarer
Ausdruck eigen war »Nur gerade Georg ist anders« sagte Burmann
    »Mag sein dass ich ihn deshalb immer besonders gern hatte Sehen Sie rein
äußerlich guter Durchschnitt aber unter der Durchschnittsmaske hat er eine
Anlage zum Fanatismus was übrigens die Linien um den Mund auch erkennen
lassen«
    »Hältst du das für ein Glück« fragte Erasmus
    »Glück Nein aber Glück ist ja auch nicht unbedingt das Wünschenswerteste
Die Menschen mit bloßen Glücksanlagen haben es meist nicht einmal besonders gut
auf der Welt«
    »Und die Fanatiker«
    »Du musst das nur richtig verstehen nicht im übertriebenen Sinn Ich sprach
nur von einer Anlage und meine damit dass jemand imstande ist sich unbeirrt für
eine Sache einzusetzen eine Idee ein Werk ein Ziel was weiß ich  das
ergibt sich natürlich erst im Lauf des Lebens«
    »Einstweilen für Hedy« sagte Erasmus »Nun ja auch das ist ihm blutig
ernst Ich habe wie du gehört hast dem Mädel heute gründlich die Leviten
gelesen und werde es mit Georg ebenso machen aber eigentlich nur weil ich es
für richtiger halte den überlegenen Älteren zu zeigen anstatt sie wie ihr in
Verständnis und Mitgefühl einzuwickeln Selbstverständlich kann man nicht
verlangen dass er sich wie ein ausgereifter Mann benimmt Aber sonst  wir
behandeln die Geschichte immer wie einen Babyroman den wir komisch und
liebenswürdig nehmen  im Grunde ist es doch wohl ein ganz ernstes Stück Leben
das wir da mit ansehen«
    Der alte Baron lauschte mit Interesse Ihm war es etwas Ungewohntes dass man
allem so auf den Grund ging aber vielleicht  meinte er  lernt man dann über
manches anders denken es war sonst nicht so einfach mit der jüngsten Jugend
Fühlung zu behalten weil man sich zu leicht über ihre törichten Sprünge nur
ärgert
    »Und diese Geschichte mit dem Verein die Ihr Vetter da veranstaltet hat
Als man selbst noch in diesem Alter war « Das war bei ihm eine häufig
wiederkehrende Betrachtung bei der er sich dann in Gedanken verlor
    »Wer jemals wirklich jung war hat sicher auch gelegentlich mit
Selbstmordgedanken gespielt Das braucht noch lange nicht patologisch zu sein
In der ersten Jugend liegt das Leben am verlockendsten und auch am
bedrohlichsten vor uns und beides wirft leicht aus dem Gleichgewicht  Man
hat das wieder einmal viel zu wichtig behandelt  der Junge der sich
tatsächlich umgebracht hat hätte es auch ohne Verein getan Und die anderen
fühlen sich als interessante Verbrecher und fordern das Schicksal heraus Sie
machen den Schulweg nur noch zusammen gehen mit ihren Mädchen spazieren 
jetzt fällt es uns erst recht nicht mehr ein auf Musterknaben zu posieren
sagte mir Georg Ja und wer weiß Herr Baron was Ihr Freund Schönlank da jetzt
für einen neuen Stein in den Teich werfen wird«
    »Mein Freund« erwiderte der Baron unwillig und spöttisch »wollte ich mich
seiner eigenen Redeweise bedienen so dürfte man ihn höchstens als meinen
Geschäftsfreund bezeichnen Offen gesagt ich neige allmählich immer mehr dazu
gegen ihn Partei zu nehmen«
    »So hast du doch etwas bei uns gelernt« meinte Erasmus der auf einer Ecke
des großen Tisches saß Er war ungeduldig wie immer wenn ihm das Gespräch zu
eingehend wurde »Mir hat dein Geschäftsfreund von vornherein einen fatalen
Eindruck gemacht und jetzt hat er vollends verspielt Ein Kommerzienrat auf
Kriegsfuss mit der Schuljugend das hat einen Beigeschmack von Lustspielfigur
Mach dir keine Hoffnung dass ich eine von seinen Töchtern heirate um mich zu
rangieren« Damit glitt er von der Tischecke herab und öffnete die Tür zum
Esszimmer »Josias wo hast du den Schuh hingetan der bei meinem Platz stand«
    »Ist das ein Schuh Herr Baron« fragte Josias zurück und machte irgendeine
Bemerkung über die Erasmus laut lachte
    »Gib her« sagte er dann »ich will ihn auf meinen Schreibtisch stellen und
du wirst achtgeben dass ihm nichts passiert« Er ging in das andere Zimmer
hinüber und dann entfernten sich seine Schritte während der Alte weiter mit
Tellern und Besteck klapperte
    »Sie sehen es sind unweigerlich die Gegensätze die sich anziehen« meinte
Burmann »Ihnen gefällt das was Sie meine Tatkraft nennen und was nichts
weiter ist als meine Methode mit dem Leben fertig zu werden Ich wiederum habe
die Vorliebe für meinen Vetter weil ich ihn für fähig halte Extravaganzen zu
begehen und für Ihren Sohn weil er eigentlich ein sentimentaler Dekadent ist
Sehen Sie nur was er wieder für Wesens mit dem Schuh des kleinen Mädchens
treibt«
    Dann erschrak er selbst über das was er gesagt hatte Der Baron verzog eine
Sekunde lang das Gesicht wie jemand der Zahnschmerzen hat sie aber zu
ignorieren wünscht
    »Das ist ein harter Ausdruck lieber Doktor« sagte er langsam »Ich fürchte
ja Sie haben recht aber ich höre hier bei Ihnen so oft sagen man müsse
Menschen und Dinge so nehmen wie sie einmal sind«
    Der Nachmittag und Abend verliefen ziemlich farblos Erasmus widmete sich
fast ausschließlich seinem Vater der nun sicher morgen abfahren wollte Sie
hatten einander nicht mehr viel zu sagen das Geschäftliche war verhandelt
worden und das Persönliche blieb wie es immer gewesen war Beide fühlten dass
das Leben und seine Geschehnisse ihnen weder je eine wirkliche Entfremdung noch
eine besonders tiefgehende Annäherung bringen würden und waren ganz zufrieden
damit Der Vater sprach wohl den Wunsch aus Erasmus möchte einmal wieder nach
Hause kommen sei es zu einem kurzen Besuch oder einem längeren Aufenthalt Er
deutete auch an dass er dort jederzeit eine bleibende Stätte finden könne falls
er sich mit Beruf und Karriere nicht abfinden würde Es war da ein entlegenes
unbewohntes Jagdhaus das als Knabe sein Traum gewesen und wo er ganz als sein
eigener Herr residieren konnte Erasmus quittierte das alles mit dankendem
Lächeln versprach zu kommen und wer weiß vielleicht hielt er auch einmal als
schiffbrüchiger Bankjurist seinen Einzug in das Jagdhaus und spielte dort den
gefährlichen Einsiedler für die Damen der Umgegend »Oder wenn ich doch noch die
Käte heirate« fügte er scherzend hinzu So redeten sie beide voll freundlichem
Entgegenkommen und wussten sehr gut dass von alledem nichts geschehen würde Der
Sohn würde nach wie vor den Besuch zu Hause umgehen und wenn ihm nichts anderes
glückte doch schwerlich auf seine Kinderträume von einem Häuschen im Walde
zurückkommen Was noch kommen mochte wusste man ja niemals aber dass dieses oder
jenes bestimmt nicht eintreten würde konnte man schon jetzt mit Bestimmtheit
wissen
    Es waren noch einige geschäftliche Gänge zu machen Besorgungen und
Abschiedsbesuche Auch bei Käte gab es eine letzte Teestunde zwischen
Nachmittag und Abend an der Erasmus sich nicht beteiligte Sie sah den
liebenswürdigen alten Herrn ungern scheiden der ihr halb väterlich die Kour
gemacht und sie abwechselnd an ihren eigenen Vater und an ihren sehr viel
älteren Mann erinnerte Er wiederum bewunderte sie und es war ihm lieb zu
wissen dass sein Sohn eine solche Frau wenigstens zur Freundin hatte Kurz es
bestand eine Brücke zwischen ihnen auf der herzliche und sympatische Gefühle
hinüber und herüberwanderten
    »Sie müssen wiederkommen Baron« sagte sie zum Abschied »und womöglich zu
einem festlichen Anlass entweder wenn wir Lucy entdeckt haben und sie sich
vielleicht doch zur Schwiegertochter eignet oder wenn es unseren vereinten
Bemühungen noch gelingt Ihren Sohn zum erfolgreichen Streber zu machen Ich
fahre derweil fort meine beiden Junggesellen zu behüten die ja leider ihre
wärmeren Gefühle immer für andere Frauen reservieren Es ist fast als hätte ich
zwei Ehemänner die mich fortgesetzt betrügen«
    »Ein unverzeihlicher Irrtum Frau Käte den ich nie begangen hätte wäre
ich Ihnen früher begegnet« sagte er galant und küsste ihr in der Korridortür die
Hand Erasmus trieb sich indessen in den Straßen herum und beschloss sobald er
wieder allein sei sich mit verbissener Energie der Neuregulierung seines Lebens
zu widmen Geredet hatte man jetzt genug davon So ging der Tag zu Ende wie
manchmal letzte Tage eines längeren Beisammenseins in einer gewissen Stumpfheit
ausklingen wenn alles schon gesagt und gefühlt worden ist worauf es ankam Der
nächste aber begann damit dass schon in aller Frühe die Mutter Georgs
antelephonierte und sofort den Doktor zu sprechen verlangte Er lag noch im Bett
und beauftragte Josias zu fragen ob jemand krank sei Gleich nach zehn Uhr
könne er hinauskommen Sein Onkel der Architekt Burmann wohnte weit draußen in
einem Vorort Merkwürdig dachte er dann ärgerlich über die frühe Störung sie
haben doch ihren Hausarzt und pflegen mich sonst nicht zu beehren Josias kam
zurück »Nein Herr Doktor niemand ist krank aber ob wir nicht wüssten wo der
junge Herr Georg sei Er ist seit vorgestern abend nicht heimgekommen sagte die
gnädige Frau und sie meinte er wäre vielleicht hier bei uns«
    »Josias« sagte Burmann in plötzlichem Erschrecken und fuhr in die Höhe
    Der Alte sah in fragend an mit dem Denken ging es bei ihm nicht so schnell
    »War Georg gestern hier« fragte Burmann und besann sich Ja richtig er
hatte kommen sollen aber man war nicht zu Hause gewesen und hatte hinterlassen
er möge im Hotel anrufen wo sie den Abend verbrachten
    »Nein Herr Doktor niemand von den jungen Herrschaften ist dagewesen«
    Josias blieb unschlüssig stehen während der Doktor sich rasch ankleidete
noch ehe er fertig war wurde wieder angerufen und diesmal ging er selbst
hinaus
    Georgs Mutter schien sehr beunruhigt Wo könne der Junge stecken hatte ihn
gestern niemand gesehen Bis jetzt hatte es sich durch kleine Zufälle und Listen
glücklich so gefügt dass ihr Mann sein Fernbleiben nicht bemerkte aber wenn er
auch heute nicht wieder erschien war das nicht länger aufrechtzuerhalten »Was
macht er nur wo treibt er sich herum« sagte sie und Burmann gingen die
verschiedensten Gedanken durch den Kopf während er wiederholte dass er nichts
wisse Er hatte diese Tante sehr gern sie war eine ruhige üppige Frau mit
schöner klangvoller Stimme die jetzt am Telephon vielleicht auch infolge der
Angst merkwürdig verändert und fremd klang »In Gottes Namen soll er treiben
was er mag nur will ich keine Angst um ihn haben Du weißt ja doch sicher
etwas Hans und sollst es mir nur nicht sagen Aber du musst mir helfen«
    »Ich habe keine Ahnung« antwortete er »er wollte gestern zu mir kommen
hat sich aber nicht sehen lassen«
    »So rate mir doch wenigstens was ich tun soll  in der Schule anfragen
 ich fürchte wenn er nicht da war erregt es erst recht Aufsehen« sie
machte eine Pause schien mit jemand zu sprechen »hörst du Hans Mein Mann
kommt zu Tisch nicht nach Hause so gewinnen wir Zeit Aber bis Abend muss der
Junge da sein Geh du doch zur Schule frage seine Kameraden unauffällig Was
meinst du vielleicht steckt eine Weibergeschichte dahinter mir wurde schon
mehrmals erzählt dass er mit einem Mädchen gesehen wurde«
    »Das ist wohl möglich« antwortete Burmann mechanisch »das kommt ja vor
mein Gott«
    »Es ist auch ganz gleichgültig hörst du er braucht deswegen keine Angst zu
haben Schaffe ihn mir nur wieder her ehe dein Onkel etwas merkt«
    Er versprach sein möglichstes zu tun Ja gewiss er konnte mittags wenn die
Schule aus war die Kameraden fragen Sie sollte nur versuchen sich nicht so
aufzuregen und den Onkel hinzuhalten etwa sagen der Junge hätte mit ihm Hans
Burmann einen Ausflug gemacht etwas unwahrscheinlich um diese Jahreszeit aber
er hatte ja manchmal Patienten außerhalb der Stadt
    Darauf ging er zu Henning hinein dem Josias inzwischen berichtet hatte
fand ihn vollständig wach mit aufgestützten Ellenbogen und er sah wieder aus
wie ein müder Stierkämpfer Burmann setzte sich auf den Bettrand »Was sagst du
dazu Was haben die zwei nur wieder angestellt Das ist ein schöner Erfolg
meiner gestrigen Moralrede«
    »An die dachte ich gerade auch Hat nicht Hedy gesagt sie wolle überhaupt
nicht wieder nach Hause« Burmann sah angestrengt vor sich hin und
rekapitulierte das gestrige Gespräch
    »Allerdings ja das hat sie gesagt aber wie man so etwas hinredet ohne
festen Plan Es ist doch kaum anzunehmen dass sie allen Ernstes miteinander
durchgebrannt sind  wohin und mit was  Für so kopflos halte ich Georg
denn doch nicht«
    »Aber Hedy und bei solchen Anlässen gibt die Ansicht der Dame meistens den
Ausschlag Welcher Mann würde je durchbrennen wenn sie es nicht wollte«
    »Was hast du denn nachher noch mit ihr gesprochen«
    »Nichts Sie hat nur geweint und ich habe sie getröstet bis dann der Papa
kam«
    Henning richtete sich auf und wurde sehr unruhig Die ganze Szene stand
wieder deutlich vor ihm und ihm schien als sei er gestern in unbegreiflicher
Unachtsamkeit an etwas vorbeigegangen was ihm jetzt erst in der richtigen
Beleuchtung erschien Hedy hatte geweint wie eine völlig Verzweifelte und hatte
sich überhaupt benommen wie jemand der Abschied nimmt
    Er sagte jedoch nichts weiter darüber sondern stand nun ebenfalls auf und
machte eilig Toilette Die elektrischen Lampen brannten noch während es draußen
längst hell geworden war Henning warf ungeduldig alles durcheinander was ihm
in die Hände kam und blieb dazwischen unentschlossen stehen um einer Vermutung
nachzugehen oder zu hören was Burmann sagte Es war eine Stimmung wie inmitten
eines Aufbruches einer plötzlichen Veränderung des Bisherigen in einem Milieu
wo man nicht an unerwartete Ereignisse gewöhnt ist
    Dann gingen sie zusammen hinunter und Josias brachte das Frühstück Wie er
gestern Hedy mit einem guten Kaffee trösten wollte so suchte er jetzt auf die
beiden Freunde durch besonders liebevolle Bedienung beruhigend einzuwirken Er
schenkte ihnen ein was sonst jedem selbst überlassen blieb reichte ihnen zu
was sie brauchten und blieb dann abwartend im Hintergrund stehen Man ließ ihn
gewähren er gehörte ja mit dazu und war von großer Besorgnis erfüllt
    Henning meinte man müsse vor allem zu erfahren suchen ob auch Hedy nicht
heimgekommen sei  Sie besuchte die Selekta einer Mädchenschule und die
Schule lag in der Nähe jenes Postamts wo er sie damals mit Georg getroffen
hatte Das ließ sich leicht erfahren er selbst wollte um die Mittagszeit
hingehen und falls Hedy nicht sichtbar würde eines der anderen Mädchen fragen
    »Gut« sagte Burmann »und ich patrouilliere um die gleiche Zeit vor dem
Gymnasium  dann treffen wir uns Natürlich frage ich vorher noch einmal an ob
Georg inzwischen nach Hause gekommen ist Vielleicht löst sich der ganze
Schrecken in eine neuerliche noch etwas gewagtere Eskapade der beiden auf Es
wird nun aber doch allmählich zu arg und das sollen sie mir entgelten Man
hätte wohl Bessers zu tun als sich um die zwei zu ängstigen und Detektiv vor
den verschiedenen Kinderschulen zu spielen  Übrigens ich gestehe dass ich
vorhin gründlich erschrocken war aber jetzt bei Tageslicht kommt es mir
übertrieben vor sich so verhängnisvoll zu gebärden weil ein dummer Junge eine
Nacht nicht nach Hause kommt Vielleicht haben sie nur wieder gebummelt und er
ist bei einem seiner Bekannten geblieben«
    »Gut versuchen wir es wieder mit Optimismus« sagte Henning »Dein Kaffee
Alter hat Wunder getan an uns  bei Hedy wollte er gestern nicht viel
anschlagen  Und du übernimmst den Telefondienst während wir weg sind Ist
etwas zu melden so sage es mir zwischen eins und drei Uhr ins Hotel Dann
bringe ich meinen Vater an die Bahn und komme selbst wieder her«
    Burmann machte sich auf um einen Kollegen zu bitten er möge ihn heute
nachmittag vertreten und Erasmus ging gleich in die Stadt Vielleicht gab es
der Zufall dass er den beiden Sündern begegnete Er ging einige Male durch die
Hauptstrassen und dann in eine Konditorei wo er wusste dass sie häufig
verkehrten Dort fragte er ganz beiläufig ob sie gestern hier gewesen seien
»Nein vorgestern war die junge Dame da und holte ein Paket ab was sie hier
gelassen seitdem nicht mehr« Henning saß am Fenster und sah über seine Zeitung
hinweg hinaus viele Unbekannte und hin und wieder auch Bekannte kamen vorüber
mit flüchtigem Seitenblick wie man im Gehen die Fenster von Läden und Lokalen
streift Das bedienende Mädchen ordnete etwas am Nebentisch und sagte zu ihm
hinüber »Die Herrschaften kommen immer nur nachmittags« Henning gefiel ihr
und es erweckte ihr Interesse dass er so teilnahmslos vor sich hinsah sie hätte
gerne ein Gespräch mit ihm angefangen aber er hatte keine Lust
    Der Vormittag nahm kein Ende endlich war es halb zwölf er erkundigte sich
nach der Mädchenschule und schlenderte dort auf und ab bis es Mittag schlug
Bald nachher kamen Scharen von Kindern und halbwüchsigen Mädchen aus dem
Gebäude die größeren folgten etwas später gingen langsamer und meist zu zweien
oder dreien Auch Lehrer und Lehrerinnen kamen vorbei und sahen ihn misstrauisch
oder neugierig an Er war auf dem Trottoir stehengeblieben und musterte die
einzelnen Gruppen Hedy war nicht darunter aber er glaubte das Mädchen zu
erkennen das sie damals begleitet hatte und dann fortlief als er und Georg
kamen Auf alle Fälle ob sie es nun war oder nicht warf er ihr einen
vielsagenden Blick zu und winkte mit den Augen Sie stutzte ihre Gefährtinnen
lachten und machten Bemerkungen Dann machte sie sich von ihnen los und schlug
die entgegengesetzte Richtung ein Henning folgte ihr ohne weiteres sie wandte
sich auch halb um und erwartete wahrscheinlich ein Abenteuer  Nun zog er den
Hut und sprach sie an Es war ein schlankes Mädchen mit einer dicken Franse über
der Stirn und lustigen Augen Die lustigen Augen wurden zwar einen Moment
beleidigt als sie begriff dass es sich gar nicht um sie handelte aber das ging
rasch vorüber Es bedeutete immerhin ein Erlebnis dass ein schöner eleganter
Mann hierher kam um über wichtige Dinge mit ihr zu sprechen Ja sie war Hedys
Freundin und in deren Liebeshandel eingeweiht Bei ihr wurde Hedy eingeladen
wenn es sich um einen Vorwand zum Fortbleiben handelte Aber gestern und heute
war sie nicht in die Schule gekommen vielleicht war sie krank
    Die Freundin erbot sich gleich nach Tisch hinzugehen und sich zu
erkundigen
    »Ja tun Sie das« sagte Henning und sah auf die schmale Gestalt die mit
der Schulmappe neben ihm hertrabte Nun erzählte er ihr dass auch Georg
verschwunden wäre
    »Dann sind sie sicher zusammen durchgebrannt« rief das Mädchen erregt
    »Hedy wollte doch immer zum Theater gehen«
    »Ja liebes Kind« sagte er sehr überlegen »das ist ja ein ungeheurer
Unsinn Aber ihr seid alle gleich ihr stellt euch das vor wie in einem Roman
Ach wie spannend Man brennt durch man geht zum Theater und alles ist auf das
angenehmste erledigt man kann das Buch zuklappen In Wirklichkeit aber gerät
man in eine Sackgasse von Unmöglichkeiten«
    »Ich weiß« meinte das Mädchen kleinlaut »solange man nicht mündig ist  «
    »Es kann eine schöne Geschichte werden« fuhr Henning ingrimmig fort »Ein
Aufruhr unter allen Eltern und Verwandten und was weiß ich  Die beiden
Missetäter wird man bald gefunden haben und ihnen kein angenehmes Dasein
bereiten Hüten Sie sich nur davor kleines Fräulein auf ähnliche Dummheiten zu
verfallen  und jetzt gehen Sie heim später sprechen Sie bei Hedys Eltern vor
und bringen mir Nachricht  ja wohin « Er überlegte und verabredete dann
dass er sie nachmittags in jener Konditorei treffen wollte Der Backfisch gab ihm
die Hand schaute ihn an und verschwand erfüllt von der Wichtigkeit seiner
Mission
    Henning sah ihr nach
    Das ging nun wahrscheinlich den ganzen Tag so fort dass man sich traf
suchte auf Nachrichten wartete Die Spannung des Morgens hatte schon
nachgelassen man wurde nervös und unlustig fühlte sich versucht die Dinge
einfach ihren Weg gehen zu lassen und sich ins Alltägliche zurückzuziehen zum
Beispiel Käte aufzusuchen und ein belangloses Gespräch mit ihr zu führen
    Es war halb eins und er musste sich eilen um Burmann nicht zu verfehlen
der ihn schon an der vereinbarten Stelle erwartete und sich in ähnlicher
Stimmung zu befinden schien »Man kommt sich ja einfach dumm vor« sagte er
»läuft da herum wie ein Narr ängstigt sich blamiert sich und die beiden
sitzen derweil irgendwo im Versteck und amüsieren sich königlich  Also Hedy
ist auch verschwunden Georg nicht wiedergekommen Seine Mutter ist außer sich
und meint nun es sei ihm etwas zugestoßen Es nützt ja nichts dass ich hingehe
und sie zu trösten versuche Irgendwie und  wann wird sich ja der Sachverhalt
herausstellen und die hoffnungsvollen Sprösslinge werden auslöffeln müssen was
sie sich eingebrockt haben  Ich glaube es ist am gescheitesten wenn wir
jetzt einfach die Finger davon lassen«
    »Wen hast du denn dort gesprochen  seine Freunde«
    »Ja die Jünglinge vom Selbstmordverein Sie waren feierlich und
verschlossen Gesehen hätten sie ihn nicht und wüssten nicht was er vorhabe Als
ich mit ihnen sprach kam der Klassenlehrer vorbei besah sich die Jungen voller
Argwohn und fragte was ich wünsche Oh nichts Besonderes ich kam zufällig in
der Gegend und wollte meinen Vetter Georg Burmann abholen  Der fehle seit
zwei Tagen er wolle sich heute erkundigen lassen ob er krank sei Darauf
warfen sich die Jungen Verschwörerblicke zu etwa so Wir halten zusammen und
verraten nichts  Sie wissen sicher ganz genau Bescheid«
    »Und jetzt«
    »Jetzt kümmern wir uns vorläufig nicht weiter darum und lassen die leidige
Affäre auf sich beruhen Nach Tisch werde ich dann noch einmal mit Georgs Mutter
sprechen«
    Der Vater ging vor dem Hotel auf und ab als sie ankamen und wärmte sich an
der mittäglichen Märzsonne Er bedauerte dass er nicht noch länger bleiben könne
und betrachtete das Strassenbild das gerade hier in der Nähe des Bahnhofs sehr
belebt war mit etwas leerem gespanntem Blick wie man Dinge ansieht die einen
im Grunde nichts mehr angehen
    »Ich glaube am schwersten fällt dir der Abschied vom Stadtleben« sagte
Erasmus »hoffe aber dass dir auch unsere Gesellschaft fehlen wird wenn du
wieder nur deine Gutsnachbarn um dich hast und die unvermeidlichen Gespräche
über Pferdehandel und Ernteaussichten«
    Der alte Herr war heute ziemlich abwesend als sei schon ein Teil seines
Wesens auf der Reise Die Worte seines Sohnes erwiderte er mit einem
konventionellen Lächeln von dem auch der Doktor seinen Teil bekam
    »Gewiss ja ich werde eure angenehme Gesellschaft sehr entbehren Im übrigen
magst du recht haben mir ist das Landleben oder sagen wir lieber das Leben auf
meinem Gut eine liebe und vertraute Gewohnheit aber im Grunde bleibt man doch
immer Stadtmensch Wenn ich nicht so gebunden wäre «
    »Das ist deine eigene Schuld  wärst du Junggeselle geblieben so könnten
wir uns hier ein gemütliches Leben zusammen machen  Nun gehst du wieder fort
und wer weiß wann und unter was für Umständen man sich wiedersieht«
    »Bitte nur keine graue Abschiedsstimmung« warf Burmann dazwischen während
sie die Stufen zum Hotel emporstiegen »Zu einem guten Abschied gehört dass man
das Vergangene wie das Kommende mit Wohlwollen ins Auge fasst«
    »Aber der Papa ist heute düster gestimmt ich übrigens auch« sagte Erasmus
»Um dem abzuhelfen wird man jetzt sehr gut essen einige Flaschen trinken und
dann «
    »Dann kehrt der gestürzte Minister in sein Exil zurück« bemerkte der Vater
trocken als sie an dem großen Spiegel in der Halle vorbeikamen und er sich des
ersten Abends erinnerte Sodann richtete er sich straff empor und sah so
unerreichbar vornehm aus als ob er noch um Königreiche zu würfeln habe Diese
Haltung behielt er halb ironisch bei zeigte sich während der Mahlzeit die als
stilgemässes Junggesellendiner begangen und endlos ausgedehnt wurde von seiner
bestechendsten Seite erzählte Anekdoten von seinem betrügerischen Inspektor und
von seinen Gutsnachbarn die er freundlich verachtete und spöttelte über das
schlimme Geschick das über dem Hause Henning waltete Er behandelte dieses
Geschick gewissermaßen als sei es seine Tischdame mit der er eine sarkastische
Konversation zu führen habe So kam der leichte gleichgültige Ton den alle
wünschten anscheinend mühelos zustande und es waren vielleicht die heitersten
Stunden die man zusammen verlebt hatte
    Die Flaschen wurden leer der unruhige bedrückende Morgen verschwand wie
hinter einem Schleier Man dachte kaum mehr daran bis gelegentlich der
Hotelbesitzer durch den Saal ging an dem Tisch stehenblieb und den scheidenden
Gast in ein längeres Gespräch verwickelte Er begann mit einigen Worten des
Bedauerns dass der Herr Baron wieder abreisen wolle hoffte er sei mit seinem
Aufenthalt hier im Hause zufrieden und würde dasselbe bei nächster Gelegenheit
wieder beehren machte dann einige allgemeine Bemerkungen über Tagesereignisse
und erzählte schließlich dass sich eben jetzt die Nachricht von einem
sensationellen Selbstmord verbreitet habe  ein blutjunges Liebespaar beide aus
bester Familie hatte sich in den Anlagen außerhalb des westlichen Stadtviertels
zusammen erschossen  Es hieß man habe sie trennen wollen  es hieß das
Mädchen sei von seinen Eltern verstoßen worden es hieß  Der Mann stand da
mit seiner behäbigen Gestalt und seiner lässigen Kellnergrazie und sprach mit
häufigem Achselzucken und nicht ohne Bewegung über die verschiedenen Gerüchte
die wie immer bei derartigen Ereignissen die Gemüter erhitzen Dann kam er
wieder auf den Fremdenverkehr und sein Hotel zurück
    Die beiden Freunde waren ihm dankbar für seine Gesprächigkeit die sich vor
allem an den alten Baron wandte und von diesem wortkarg und gelangweilt erduldet
wurde Sie beherrschten sich wechselten nur ein paar leise Worte miteinander
und versuchten noch einmal die endgültigen Befürchtungen abzuwehren die sich
ihnen jetzt wieder aufdrängten Es war ja noch nicht gesagt dass es jene beiden
waren es war nicht einmal sehr wahrscheinlich Ebensogut konnte es sich um das
gemeinsame Ende irgendwelcher fremder und gleichgültiger Menschen handeln
    Endlich ging der Wirt und Burmann verabschiedete sich unter dem Vorwand
eines ärztlichen Besuches um gleich nach der Polizei zu fahren und sich über
den Fall zu erkundigen
    Erasmus überwachte indessen die Abreise seines Vaters es schien ihm jetzt
dass dieser gerade im rechten Moment abfuhr und er fürchtete beinah er möchte
den Zug versäumen Er ging mit ihm in das Zimmer hinauf und während der alte
Herr langsam und exakt die letzten Vorbereitungen traf erwähnte er in kurzen
Worten das Verschwinden der beiden und dass man nicht ohne Sorge um sie sei Der
Vater hörte nur halb hin fand es bedauerlich und aufregend war aber mit seinen
Gedanken bei Kofferschlüsseln und ähnlichen Dingen und drängte zur Eile Als
alles erledigt war blieb ihnen am Bahnhof noch eine halbe Stunde Das
Restaurant war überfüllt und ungemütlich deshalb blieben sie auf dem Perron und
gingen langsam auf und ab Als die Reisenden allmählich anfingen einzusteigen
kam Burmann durch das Gedränge auf sie zu Sein Ausdruck war verschlossen und
hart er ging wie jemand der große Eile hat
    »Beinah zu viel Liebenswürdigkeit Herr Doktor« sagte Henning senior hielt
dann plötzlich inne und sah ihn erstaunt an Alle drei standen einen Moment
schweigend und wie verlegen da
    »Was ist denn« fragte der Baron »ist etwas Schlimmes passiert«
    »Ja« antwortete Burmann wie wenn er als Arzt über einen ernsten Fall zu
berichten hätte »Man hat uns vorhin im Hotel von einem Liebesdrama erzählt 
Sie haben vielleicht nicht so darauf geachtet Herr Baron Uns beide dagegen hat
es gleich beunruhigt da mein Vetter und das junge Mädchen seit gestern vermisst
wurden Ich war jetzt auf der Polizei dann in der Leichenhalle  es stimmt
alles sie sind tot die beiden 
    Sinnlos ist die ganze Geschichte« fügte er hinzu nur um weiter zu
sprechen da niemand etwas sagte »so unnötig Warum gleich sterben Aber da ist
jetzt nichts mehr zu machen sie sind tot«
    Erasmus sprach keine Silbe und schien weder erregt noch erschrocken Ihm
war als hätte er es die ganze Zeit schon gewusst und es sei ihm jetzt nur
offiziell bestätigt worden Er sah gradeaus auf die große Bahnhofsuhr  fünf Uhr
zehn  gestern um diese Zeit lebten sie wohl noch dachte er  wo mögen sie
da gewesen sein  was sprachen sie miteinander und wie stellten sie sich die
Sache vor  Und wir machten Abschiedsbesuche  vielleicht hätte man es noch
verhindern können oder auch nicht
    Der Vater dagegen den es doch am wenigsten anging war sichtlich schwer
erschüttert »Mein Gott« sagte er einmal über das andere und seine Lippen
zuckten als hätte ihn selbst etwas Schweres betroffen
    Dann suchte er nach passenden Worten die der Situation entsprachen Den
ganzen Zug entlang stiegen immer hastiger die Leute ein hier und dort wurden
schon die Türen zugeschlagen
    »Es ist Zeit Papa« sagte Erasmus »grüße zu Hause und schreibe mir bald«
Es fiel ihm auf dass der Vater blass geworden war und ihm mit einer wunderlichen
Besorgnis in die Augen sah als wollte er sich nach seiner inneren Verfassung
erkundigen  Aber als er dann eingestiegen war und am Koupéfenster erschien
hatte er seine Haltung schon wieder korrigiert nur das Lächeln ließ er fort
weil es jetzt nicht am Platz war Dann fuhr er in den Abend hinaus und man sah
ihm nach worauf die beiden anderen den Heimweg antraten
    Die Straßen waren hell erleuchtet und der Himmel voll schwarzer
Frühlingswolken »Erzähl mir nichts« sagte Erasmus hastig aber nach einer
Weile begann er dennoch ausführlich nach allen Einzelheiten zu fragen als sei
das Sensationelle daran noch das einzige was es etwas erträglicher machte
Viele Einzelheiten gab es übrigens nicht zu berichten Geschehen war es
mutmasslich heute morgen in aller Frühe oder noch in der Nacht Ein Parkwächter
hatte sie in den Vormittagsstunden gefunden und da Georg eine Brieftasche mit
Visitenkarten bei sich trug war seine Persönlichkeit ohne weiteres festgestellt
worden Wer das Mädchen war wusste man nicht Burmann hatte ihre Personalien
angegeben Nun würde er gleich zu Georgs Eltern gehen müssen 
    Er sprach rasch und einsilbig und hielt es wohl für besser das
Gefühlsmässige einstweilen auszuschalten und sich um so intensiver dem
geschäftlichen Teil der Sache zu widmen
    Henning empfand eine Art von Eifersucht Burmann war doch wenigstens
irgendwie beteiligt er selbst stand wie ein müßiger Zuschauer mit den Händen in
der Tasche und was er fühlte kam für niemand in Betracht Er wollte den Abend
nicht allein verbringen und beschloss Käte aufzusuchen
    »Tu das« sagte Burmann »besser sie erfährt es jetzt durch dich als morgen
durch die Zeitung oder durch gleichgültige Leute Sie ist sehr sensibel«
    »O nein ich möchte gerade mit ihr zusammen sein als ob nichts geschehen
wäre«
    Sie trennten sich Erasmus ging zu Käte und sie freute sich über den
unerwarteten Abendbesuch Es traf sich dass sie wegen Kopfschmerzen eine
Einladung abgesagt hatte und nun gezwungen war zu Hause zu bleiben Sie ließ
ein kleines Souper herrichten nachher lag sie noch etwas matt auf der breiten
Chaiselongue zwischen einem Wald von weichen seidenen Kissen und ließ sich von
Henning bedienen und unterhalten
    Er tat sein Bestes war sehr gesprächig und Käte erklärte sich zufrieden
»Ein so guter Kauseur wie Ihr Papa sind Sie noch nicht« meinte sie »aber Sie
machen doch Fortschritte  Was werden wir denn nun machen wo er wieder fort
ist Wollen wir wirklich wieder nach Lucy suchen«
    »Ich glaube nicht Wir haben sie mit unserem Suchen nur verjagt Es nützt
nichts mehr«
    »Und wieder abends in den Bars tanzen« sagte Käte nachdenklich »aber
hoffentlich ohne diesen peinlichen Kommerzienrat Apropos was ist denn daraus
geworden«
    »Ich weiß nicht« sagte Erasmus rasch »man wird es schon erfahren«
    »Haben Sie die Kinder seitdem nicht mehr gesehen«
    »Nein seitdem nicht mehr ich war gestern und heute immer mit dem Papa
zusammen«
    »Wenn der Schönlank mir nicht so unendlich widerwärtig wäre« begann Käte
von neuem »so könnte ich eigentlich ein Wort für Hedy bei ihm einlegen Ich
habe sowieso in einer Geschäftssache mit ihm zu tun und anstatt es telefonisch
zu erledigen  ja ich werde morgen in seinem Bureau vorsprechen Es war doch
zum Teil meine Schuld dass die Kinder dorthin kamen Wer weiß was das arme
Mädel für Unannehmlichkeiten davon hat Wir sind schlechte Kinderhüter
Henning«
    »Ja das sind wir« bestätigte er »aber jetzt ist es zu spät«
    »Wieso zu spät«
    »Man hätte gleich etwas tun sollen den nächsten Tag Und nun hören Sie
bitte auf von diesem Typ zu sprechen Er kommt mir vor wie der Satan in einem
Märchen«
    Er stand auf und machte einen Gang durch das Zimmer das halb im Dunkeln
lag nur der Platz bei der Chaiselongue mit dem Tischchen davor war beleuchtet
    »Ich könnte mir wohl denken dass er einen Pferdefuss hat« sagte Käte von
ihrem Lager her
    Die ganze Sache in der Bar drängte sich ihm wieder auf vor allem die Figur
des Herrn Schönlank mit seinem soignierten Äußeren und dem kulanten Lächeln 
er sah tatsächlich so aus wie man sich einen Geschäftsfreund vorstellt Erasmus
schwelgte förmlich in seiner Antipathie gegen ihn obgleich er einsah dass man
ihm keinerlei Schuld beimessen konnte
    Georg und Hedy waren jedenfalls seitdem nicht mehr nach Hause zurückgekehrt
und sein Verbrechen bestand nur darin dass er überhaupt zugegen gewesen war
    Dann versuchte er darüber nachzudenken warum die beiden nicht mehr hatten
leben wollen aber Käte hob den Kopf von ihren Kissen und beunruhigte sich über
sein sonderbares Wesen So kehrte er in den Umkreis der Lampe zurück
    »Sicher hat er den« sagte er als Antwort auf ihre Bemerkung von dem
Pferdefuss des Kommerzienrats »oder er hat den bösen Blick oder etwas Ähnliches
Und solche Leute sollte man meiden«
    Sie lachte und meinte sie sei sehr müde
    »Sie werden jetzt heimgeschickt es war ein sehr hübscher häuslicher Abend
Nun werden wir alle einmal gründlich ausschlafen ehe wir unsere folies communes
wiederaufnehmen Das junge Volk aber darf nicht mehr mit«
    »Nein das nehmen wir nicht mehr mit« antwortete er und küsste ihr die Hand
»Und wenn Sie mir einen Gefallen tun wollen so gehen Sie morgen nicht zu dem
Mann mit dem Pferdefuss Ich nehme Ihnen den Gang nächster Tage mit Freuden ab«
    Halb im Scherz ging sie darauf ein dachte aber anderen Tags nicht mehr
daran und suchte dennoch den Kommerzienrat in seinem Bureau auf Sie wollte ihn
bitten doch dem jungen Mädchen keine Schwierigkeiten zu bereiten ihm sagen
dass es ihr persönlich bekannt sei und sie fortan ein wachsames Auge auf die
kleine Liebesgeschichte haben würde
    Man ließ sie im Vorzimmer warten dann kam Schönlank von draußen im Zylinder
mit Trauerflor er hatte eben seinen Kondolenzbesuch bei einer befreundeten
Familie gemacht deren Tochter  er ließ Käte in das Bureau eintreten
stellte den Zylinder auf ein spiegelblankes Tischchen und fuhr sich über die
Stirn  eine unbegreifliche Geschichte  ein blutjunges Ding aus angesehener
Familie und mit einem Liebhaber in den Tod gegangen  »Gott wie traurig«
sagte Käte die sich niedergelassen hatte und mechanisch den Zylinder auf dem
blanken Tischchen betrachtete Der Kommerzienrat warf sich noch in voller
Gemütsbewegung ebenfalls auf einen Sessel sah Käte an und schien über etwas
nachzudenken
    »Entschuldigen Sie mich gnädige Frau »ich verliere sonst nicht so leicht
die Kontenance aber dies geht mir nah ich muss mich erst einen Augenblick
sammeln dann wollen wir Ihre Angelegenheit besprechen Die Papiere sind da es
ist alles in Ordnung«
    »Der Mann mit dem Pferdefuss scheint doch ein Herz zu haben« dachte sie
    Er erhob sich wieder ging an einen Geldschrank und schloss ihn auf Käte
musste an einen albernen Film denken den sie neulich gesehen Da schloss ein
ruinierter Bankier mit genau derselben Geste seinen völlig leeren Kassenschrank
auf holte aus einer Ecke desselben eine Schnapsflasche und ein Gläschen hervor
und trank sich Mut an Es hätte sie gar nicht verwundert wenn jetzt Schönlank
es ebenso gemacht hätte Aber er nahm nur ein Kuvert mit Papieren heraus und
legte es vor sie hin dann saß er ihr wieder gegenüber
    »Sie haben ja übrigens das Mädchen neulich gesehen« sagte er immer noch
ergriffen »an dem Abend wo ich das unerwartete Vergnügen hatte Sie in einer
Bar zu treffen «
    Er sprach nun noch des längeren über das Mädchen und dessen Eltern mit
denen er seit langem bekannt war über Jugend über Fehltritte und Selbstmorde
Käte hörte ihm schweigend und wie gelähmt zu und beeilte sich dann
fortzukommen Ihr war nachher als habe sie stundenlang dagesessen und nicht
einmal die Augen bewegen können während Schönlank sie lauernd beobachtete
    Aber er dachte gar nicht daran ihm war nicht das geringste in ihrem Wesen
aufgefallen und er kam nicht einmal auf den Gedanken dass sie das Mädchen näher
gekannt habe Er war überhaupt ein ziemlich harmloser Mensch und hätte sich sehr
verwundert dass man ihn so wenig leiden konnte und ihm eventuell teuflische
Qualitäten sei es auch nur einen Pferdefuss zutraute Und sein Mitgefühl für
den schwer betroffenen Geschäftsfreund Hedys Vater war durchaus aufrichtig
Was die beiden jungen Leute zum Sterben veranlasst und wo sie sich den Tag vorher
aufgehalten hatten wurde in keiner Weise näher aufgeklärt Man musste wohl
annehmen dass es ein ganz momentaner Entschluss gewesen sei Wenigstens Georg
hatte keine Zeile an seine Angehörigen hinterlassen und wie Hedy es damit
gehalten darüber erfuhren Henning und seine Freunde nichts  Es bot sich
keine Möglichkeit mit ihren Eltern in Beziehung zu treten sie hatten jeden
dahingehenden Versuch seitens der Burmannschen Familie abgelehnt und blieben
anonym die Mutter welche die Schuhe ihrer Kinder vergolden ließ und der
Vater der ein Geschäftsfreund des Herrn Schönlank war
    Man wusste nicht einmal wann und wo Hedy begraben wurde die Eltern hatten
sie reklamiert und es schien als sei jede Spur von ihr ausgelöscht
    Georgs Begräbnis dagegen wurde von einem der Familie nahestehenden
Geistlichen in der herkömmlichen Weise begangen Auch Henning und Burmann waren
hinausgefahren der Friedhof lag weit draußen vor der Stadt Burmann als
Verwandter stand neben seinem Onkel während Henning sich möglichst im
Hintergrund hielt Während der Rede des Geistlichen der die unfassliche
Verirrung eines jugendlichen Gemütes beklagte und Vergebung dafür erflehte sah
Henning eine Gruppe von vier Schülern in seiner Nähe  Es fiel ihm auf dass
sie abgesondert dastanden und von der übrigen Trauerversammlung hier und da mit
wenig sympatischen Blicken gestreift wurden auch der Prediger schaute mehr als
einmal verhängnisvoll zu ihnen herüber Die vier trugen Trauerflor am Arm und
schauten regungslos auf das Grab
    Der Selbstmordverein dachte Erasmus Er behielt die Jungen im Auge und als
die Versammlung sich auflöste gesellte er sich zu ihnen und fing ein Gespräch
an Sie gingen dann gemeinsam zwischen den langen Gräberreihen entlang über den
Friedhof und kehrten zu Fuß nach der Stadt zurück
    Die Jungen waren bedrückt und erregt nun hatten sie schon den zweiten aus
ihrer Mitte begraben sehen und diesmal war auch noch ein Mädchen dabei gewesen
das sie alle kannten Sie fühlten sich wie in einem Schauerroman der immer neue
Fortsetzungen haben konnte Gegen Henning verhielten sie sich anfangs etwas
reserviert allmählich aber tauten sie auf und erkannten ihn als guten Bekannten
Georgs an
    Schließlich lud er sie in ein Weinrestaurant ein er fühlte eine Art
Verpflichtung die jungen Leute etwas aufzuheitern zum mindesten die öde
Friedhofsstimmung zu verscheuchen die so beklemmend und nutzlos auf den
Lebenden lastete Als das nicht recht gelingen wollte versuchte er es mit einem
anderen Ton
    »Was da geschehen ist stellt Sie gewissermaßen vor eine Aufgabe« sagte er
zu dem der ihm der Anführer zu sein schien  er sprach am meisten und sah am
erwachsensten aus »Sie müssen darauf achten dass keiner mehr folgt Die Pflicht
des Selbstmordvereins ist jetzt am Leben zu bleiben«
    Wider Willen lächelten sie alle vier und der Anführer sagte
    »Aber bitte nennen Sie uns nicht so wir haben doch nie im Ernst einen
solchen Verein gründen wollen Das war so Gerede wie man eben manchmal spricht
und vor allem sollte es ganz unter uns bleiben«
    »Ich weiß« sagte Henning »dasselbe hat mir Georg schon einmal gesagt«
    »Aber jetzt ist der Verein nicht mehr auszustreichen« bemerkte ein anderer
ein Schwarzhaariger Eleganter der so aussah als ob er einmal viele Abenteuer
und Schulden haben würde Die übrigen waren uninteressant und verhielten sich
schweigend
    Dann wollten sie gehen Kam einer von ihnen jetzt nicht rechtzeitig nach
Hause so war man gleich in Angst es sei wieder ein Unglück geschehen 
    Henning schenkte ihnen noch einmal ein
    »Sie können mich ja von jetzt an als außerordentliches Mitglied betrachten«
sagte er zwischen Scherz und Ernst »Ich bin im Prinzip durchaus dafür Nur
nicht in Ihrem Alter da soll man noch warten«
    Die beiden Indifferenten lächelten wieder die anderen blieben ernst und
stießen nicht ohne Feierlichkeit mit ihm an
Ein halbes Jahr war seitdem hingegangen ein Frühling ein Sommer und man war
wieder mitten im Herbst Von den beiden Toten wurde öfters noch gesprochen aber
ihre Gestalten verblassten immer mehr und rückten schattenhaft in die Ferne wie
alle die nicht mehr da sind
    Henning hatte angefangen sich um seine Karriere die ihn im Grunde so wenig
interessierte zu bekümmern er kultivierte die Beziehungen die sein Vater ihm
angeraten und arbeitete sich bei einem Rechtsanwalt ein Es war dies ein
Bekannter von ihm der begriff um was es sich handelte und ihn mit ungläubigem
Staunen wochenlang regelmäßig im Bureau erscheinen sah Henning selbst wunderte
sich vielleicht noch mehr darüber war aber im Grunde nicht sehr überzeugt dass
er nun wirklich eine Bahn beschritten habe die ihn über kurz oder lang an ein
wünschenswertes Ziel bringen würde Im Gegenteil je mehr die anderen erst
schüchtern dann immer zuversichtlicher auf die beginnende Wandlung seines
Lebens blickten um so unwahrscheinlicher erschien sie ihm selbst
    Sorgfältig verbarg er den Widerwillen mit dem er von seinem Tagewerk nach
Hause zurückkam und sich wieder in den eigentlichen Erasmus Henning mit der
geordneten Behaglichkeit und der tropischen Indolenz zurückverwandelte Die
letztere hatte ihn auch trotz aller großen Entschlüsse veranlasst seine
bisherige Wohnung und den damit verbundenen Lebensapparat beizubehalten
    »Schilt mich nur patologisch soviel du willst« sagte er gelegentlich zu
Burmann »ich erkenne es vollkommen an wie ein Schuldkonto das man mir schwarz
auf weiß oder lila auf weiß vorlegt Wie ob und wann ich es einmal arrangieren
werde weiß ich noch nicht Siehst du wenn die sattsam bekannten Stränge reißen
 erschießen kann ich mich immer noch als außerordentliches Mitglied des
Selbstmordvereins  aber unpatologisch existieren das bringe ich nun mal
nicht fertig« Er bekam daraufhin einen der Burmannschen Blicke und eine der
Burmannschen Bemerkungen
    »Du bist schon ein ganz schwerer Fall  wenn du nur selbst wüsstest was
für Unsinn du wieder daherredest«
    »Du verstehst es aber doch Man nehme mir das Beiwerk meines Lebens an dem
ich nun einmal hänge wie ein Sammler an seinen Raritäten so bin ich entwurzelt
und tauge zu nichts mehr es gibt mich überhaupt nicht mehr Ich brauche das
Haus hier die Straße die ich gewöhnt bin dich und Käte so wie ihr hier
seid nicht wie ihr in irgendeiner beliebigen Dreizimmerwohnung kommen und gehen
würdet Last not least Josias und unser Morgenzeremoniell«
    »Und wenn nun der Alte eines schönen Tages eingeht«
    »Das tut er nicht  solange alles bleibt wie es ist bin ich überzeugt er
lebt weiter wie der ewige Jude Wären wir dagegen umgezogen so würde er sicher
sofort in Staub zerfallen«
    »Das könnte ich mir ganz gut vorstellen Übrigens spricht da viel die
Belastung der Herkunft mit Ihr seid Herr und Knecht auf der eigenen Scholle
geboren und lebt dann in ewigem Heimweh wenigstens nach einer unveränderten
Wohnstätte nach den Leuten die euch schon als Kinder auf dem Arm getragen
haben und so weiter Ich kenne so etwas nicht  ich bin einfach da wo ich bin
Es würde mich nicht im geringsten berühren wenn ich von morgen an am
entgegengesetzten Ende der Stadt oder der Welt leben sollte«
    »Ganz richtig von der Scholle weg bleibt man immer heimatlos und sucht
etwas Ähnliches oder ein Surrogat dafür Oder man kann nur gleich ganz weit
fortgehen in die Tropen zum Beispiel«
    »Ach das ist wieder so echt« sagte Burmann »in die Tropen gehen Eine
andere Wohnung suchen ist unmöglich seine Lebensgewohnheiten ändern
ausgeschlossen aber nach Afrika oder Australien oder auf den Mond auswandern 
Bagatelle«
    »Gewiss das ist auch viel einfacher« antwortete Henning in tiefstem Ernst
»Warum hast du denn nie daran gedacht«
    »Mein Gott« sagte Erasmus langsam »was sollte ich dort solange ich mich
hier wohl fühle Aber die Käuze haben mir neulich einmal lang und breit davon
gesprochen Sie meinten ich passe so gut dorthin Du weißt ja wie sie sind
sie betrachten alles von künstlerischen oder ähnlichen Gesichtspunkten In
meinem Fall stellen sie sich zum Beispiel ein sonnenheisses Land vor mitten
darin ein komfortables Klubhaus und davor sitze ich im weißen Anzug von
Niggerboys umgeben die mir mit ungeheuren Palmblättern Kühlung zufächeln Wenn
weiter nichts dabei zu tun wäre möchte mir das auch ganz gut gefallen Die
Käuze treiben es wie einen angenehmen Sport Menschen und Verhältnisse ausfindig
zu machen die zueinander stimmen Sie können sich dann auch wirklich ins Zeug
legen um diese und jene zusammenzubringen Käte nennt Augustin deswegen den
Impresario des Schicksals und er hört das gar nicht ungern«
    »So lass dich nur von ihm in das komfortable Klubhaus verpflanzen er hat
damit nicht so unrecht«
    »Er unterhandelt auch schon mit dem Kommerzienrat der soll irgendeine
wunderbare Position für mich ausfindig machen Ich nähme sie zwar lieber aus
einer anderen Hand entgegen«
    »Du verkehrst in letzter Zeit viel mit ihnen wie mir scheint«
    »Ja das Café wo die Käuze tagen und Schicksale lenken liegt an meinem Weg
zum Bureau so mache ich dort fast regelmäßig noch eine letzte Rast und lasse
mich mit milder Zukunftsmusik und schönen Bildern trösten«
    Käte kam in das Zimmer mit einer weißen Schürze angetan sie hatte die
Aufsicht geführt während Josias und Frau Lohr Burmanns Konsultationszimmer der
allwöchentlichen großen Reinigung unterzogen
    »Fertig Hans es glänzt alles nur so und Josias ist aufs neue überzeugt
dass wir uns doch noch heiraten weil ich mich so um deine Sachen kümmere Er ist
sehr dafür ich glaube zum Teil aus Besorgnis dass sonst Erasmus eine
Mesalliance mit mir eingehen möchte Einer von euch muss es ja schließlich sein«
    »Liebste einzige Käte legen Sie die Schürze weg die Ihnen nicht steht
und dann auch das leidige Thema wer von uns dreien sich verheiraten soll« bat
Henning »die Sache ist noch lange nicht spruchreif«
    Sie war aber eigensinnig behielt die Schürze an und beanspruchte den
Schaukelstuhl den er ihr nicht ganz bereitwillig abtrat
    »Es ist so selten geworden dass wir alle drei beisammen sind« sagte sie
fast traurig »alles hat sich verändert Haben eigentlich die beiden Kinder eine
so große Rolle bei uns gespielt oder ist es weil wir den Schrecken noch nicht
verwinden können Grade heute habe ich wieder so viel daran gedacht und mir
ist als hätten wir uns alle seitdem verändert etwas von unserer Spannkraft
eingebüßt« Keiner antwortete während sie langsam schaukelte und in die Luft
sah
    »Wovon habt ihr denn gesprochen als ich hereinkam«
    »Von den Käuzen« antwortete Henning erleichtert
    »Ich erzählte Hans wie ich mich alle Nachmittage von ihnen aufrichten
lasse Sie haben tiefes Verständnis dafür dass mein Bureau und ich eine
unglückliche Zusammenstellung ergeben und spintisieren darüber während ihr
anderen mit eurem gesunden Menschenverstand das nicht einsehen wollt und stumm
an meinen Leiden vorübergeht«
    »Ja Sie sind so etwas wie ein unverstandner Mann«
    »Pfui« sagte Erasmus »und überhaupt hat es etwas Aufreibendes wenn
fortwährend festgestellt wird wie jemand ist und was er ist Wozu es weiß ja
doch keiner etwas vom anderen Erinnerst du dich noch Hans wie du damals mit
meinem Vater über Georg gesprochen hast Du meintest noch er habe das Zeug
dazu etwas Besonderes zu werden Tags darauf hat er sich mir nichts dir nichts
erschossen Ebenso Hedy die wir alle für einen netten aber oberflächlichen
Backfisch hielten So viel weiß man voneinander«
    »Aber nach dem was Sie erzählen machen die Käuze es auch nicht viel
anders und da finden Sie es wohltuend«
    »Nein die eben nicht Sie gehen einige Schritte weiter Sie stellen wohl
erst fest wie ein Mensch ist und wie die Verhältnisse sind seine die nicht
für ihn passen und andere die vielleicht für ihn passen würden Und dann
machen sie sozusagen Arrangierproben Der da steht nicht gut bewegt sich nicht
richtig nimmt sich in dieser Beleuchtung ungünstig aus  stellen wir ihn
anderswo hin Zum Beispiel der jugendliche Liebhaber Henning eignet sich nicht
für Heldenrollen auch als Schreiber bei einem Advokaten macht er schlechte
Figur lassen wir ihn lieber nur in Salonszenen auftreten oder als
Afrikareisenden Versteht ihr sie wissen wenigstens so etwas wie Hoffnung zu
erwecken dass die schlechte Inszenierung des Lebens hier und da abgeändert
werden könnte «
    »Ich verstehe schon« warf Burmann ein »und für Leute die immer eine Regie
brauchen wie du ist das gewiss ein wünschenswerter Verkehr Mir dagegen würden
solche Gespräche auf die Nerven fallen wenn ich sie oft mit anhören müsste«
    »Du hast auch Pech gehabt die beiden Male als du mit warst wurde nur über
französische Küche im vorigen Jahrhundert oder über die talentvolle Nichte
gesprochen«
    »Und mir scheint es wurde beides etwas zu wichtig genommen«
    »Wie man es nehmen will sie halten eben die französische Küche für einen
wichtigen Lebensfaktor und die Nichte macht ihnen viel zu schaffen«
    »Kennst du sie«
    »Nein ich habe sie noch nie zu Gesicht bekommen Ich glaube sie halten
mich für gefährlich Das Mädchen kommt irgendwo aus dem Wildwest und soll nun
gesellschaftlich zugestutzt werden Sie haben sozusagen Mutterstelle an ihr zu
vertreten«
    »Wessen Nichte ist sie denn eigentlich« fragte Burmann »Ihr sprecht immer
von den drei Herren als ob sie ein Sammelbegriff wären«
    »Ich muss allerdings sagen dass sie sich damals auch so benahmen Augustin
führte beständig das Wort und die beiden anderen sind mir ganz unklar
geblieben«
    »Gewiss sie sind nur Begleiterscheinungen Nebenkäuze Weintrapp und
Leidhecker  es gehört unbedingt zu ihnen dass sie so wunderliche Namen
haben«
    »Die Namen sind lustig sie klingen wie erfunden«
    »Und die Nichte ist natürlich Augustins Nichte« erläuterte Henning weiter
»Weintrapp und Leidhecker partizipieren nur an den Freuden und Sorgen die sie
um sich verbreitet  aber was mich weit mehr interessiert  es scheint dass
sie etwas darüber erfahren haben wer Lucy ist Woher wollten sie mir nicht
sagen Sie tun immer gern etwas geheimnisvoll und das Vergnügen kann man ihnen
ja lassen So sind wir auch noch nicht ganz sicher ob die Personalien stimmen«
    Nun fuhr Käte auf wie von einer Tarantel gestochen
    »Und das sagen Sie erst jetzt Mein Gott was sind Sie für ein Mensch«
    Sie hatte ihm die Morgenstunde bei Schönlank immer noch nicht vergessen und
dies schien ihr wieder ein neuer Verrat
    Burmann beobachtete die beiden wie aus einem Hinterhalt und sagte dann wie
in schmerzlicher Resignation »So wird also dieses Spiel von neuem beginnen
Aber erzähl uns doch«
    »Sie soll eine schwedische Sängerin oder Tänzerin sein und wollte hier
auftreten Das hat sich dann aus irgendeinem Grunde zerschlagen es sei aber
nicht ausgeschlossen dass sie diesen Winter wiederkommt Und der verdammte
Schwede ist wahrscheinlich Pianist begleitet sie auf dem Klavier und auch
durchs Leben« Henning schwieg dachte an den vergangenen Winter und fügte dann
hinzu
    »Wenn es wirklich dieselbe ist man kann sich ja auch irren Und wer weiß
ob sie mich jetzt noch interessiert«
    Dann zog er sich in seine Gemächer zurück um wie er sagte noch einen
Prozess zu bearbeiten und die beiden anderen blieben allein
    Burmann trat zu Käte heran die regungslos im Schaukelstuhl lag immer noch
mit der weißen Hausfrauenschürze und mit ihren schönen klaren Augen zu ihm
aufsah In ihrem Ausdruck war einen Moment lang etwas Hilfesuchendes Er legte
ganz vorsichtig die Hand auf ihre Schulter und fragte
    »Käte liebst du ihn eigentlich«
    »Nein« antwortete sie »ich kann ihn nicht ausstehen und er mag seine Lucy
nur alleine suchen«
    Es schien dass Hennings Interesse für Lucy noch nicht gänzlich erloschen
war denn er nahm seine abendlichen Irrfahrten wieder auf und die anderen
bekamen ihn wenig mehr zu Gesicht da er spät nach Hause kam die Vormittage
wieder wie früher verschlief und dann gleich nach Tisch mit seiner Aktenmappe
verschwand
    Einmal hatte er Käte aufgefordert mitzukommen sie zeigte sich aber
launisch und wollte einstweilen von keinem gemeinsamen Spleen mehr wissen Er
kam dann auch nicht wieder darauf zurück und ging mehr und mehr seine eigenen
Wege
    So war der Herbst verstrichen und die Wintersaison hatte längst mit ihrem
üblichen Getriebe eingesetzt als er und Käte sich zufällig auf einem Ball
trafen Keiner hatte gewusst dass der andere da sein würde Als Erasmus eintrat
stand sie in einer Saalecke vielfach umringt und in lebhafter Unterhaltung Sie
sah ihn mit der Frau des Hauses kommen mit verschiedenen anderen sprechen man
begrüßte sich vorläufig nur mit einem Blick während er allmählich der Gruppe
näher kam
    »Da kommt der Baron Henning« bemerkte einer der Herren »um die Schar Ihrer
Freier vollständig zu machen oder aber wie ich fürchte um uns andere
auszustechen  er hat doch wohl immer noch die meiste Chance« fügte er leiser
hinzu
    Käte befand sich in guter Stimmung und war ihm fast dankbar für die
Bemerkung Sie sah es nicht ungern wenn man ihre Beziehung zu Henning
überschätzte und doch gab es ihr manchmal einen leisen Stich weil so gar
nichts dahinter war
    Dann schüttelten sie sich die Hand mit betonter Herzlichkeit da es vor
anderen geschah und empfanden es beide mit Vergnügen sich in dieser fremden
Umgebung wiederzusehen Die Verstimmung die in letzter Zeit eingerissen war
musste wohl oder übel vor der Umgebung ignoriert werden So konnte man sich
wieder freundlich begegnen ohne erst eine langweilige und vielleicht missglückte
Aussprache zu veranstalten
    Es hatte sich gerade ein Wettstreit entsponnen wer Käte zum Souper führen
sollte und sie hatte die Entscheidung mutwillig bis zum letzten Moment
hinausgeschoben
    »Sehen Sie« sagte sie nun zu Henning »ich übte mich gerade darin
kapriziöse Schlange zu spielen  die Herren sind ja immer begeistert wenn sie
einen für kapriziös halten dürfen  und habe noch keinem mein Jawort gegeben
Natürlich bekommen es jetzt Sie der es am wenigsten verdient und sich nicht
einmal drum beworben hat«
    »Sie sind bezaubernd und ungerecht wie das Schicksal selbst« sagte Doktor
Augustin der Kauz der ihr zunächst stand während die anderen ein unwilliges
Gemurmel erhoben Henning sah sie unter schweren Augenlidern hervor forschend an
und versuchte um der vielen beobachtenden Blicke willen einen triumphierenden
Ausdruck über seine ermüdeten Züge zu verbreiten Dann entführte er Käte zum
Souperwalzer während die enttäuschten Freier noch einen Augenblick
stehenblieben ihnen nachsahen und sich dann zerstreuten
    Das Souper ging in zwei kleineren an den Tanzsaal grenzenden Räumen vor
sich Es waren dort wie in einem Restaurant einzelne Tische aufgestellt an
denen je nachdem ein zwei oder mehrere Paare saßen Henning hatte rasch als ob
es so sein müsste ein Tischchen ausfindig gemacht das sich nur zum têteatête
eignete Dicht daneben war ein Kamin in dem nur des hübschen Effekts halber ein
Holzfeuer brannte und er wusste von früheren Gelegenheiten dass der Platz nicht
sehr beliebt war weil man ihn zu heiß fand
    »So gehts« sagte er heiter als sie sich gegenüber saßen
    »Ich hatte gar keine Lust herzukommen Hätte mir nicht Josias den Frack so
verführerisch hingelegt so wäre ich weggeblieben Und nun bin ich wirklich
froh hier zu sein Ist es nicht beinah als ob wir ein junges Paar auf der
Hochzeitsreise wären und diese ganze Sache nur arrangiert um einen hübschen
Rahmen für uns abzugeben«
    dabei schenkte er ihr ein legte ihr vor und bediente sie wirklich wie ein
junger Ehemann Das helle Kaminfeuer die weißen Tische mit Blumenschmuck und
festlichen Menschen das Lachen und Sprechen ringsum das alles gab eine Note
von intensiver Behaglichkeit Käte musterte ihren Tischherrn er hatte nur
etwas Unruhiges im Ausdruck aber wenn er sprach legte er eine ungewohnte Wärme
in seinen Ton »Was haben Sie heute  Ihnen ist irgend etwas begegnet Oder sind
Sie jetzt immer so Wir haben uns wenig gesehen Sie verändern sich ich weiß
nur noch nicht in welcher Richtung«
    »Nein bitte liebste Käte lassen Sie uns vorläufig plaudern
ausschließlich plaudern  Mir ist etwas begegnet jawohl aber ich muss noch
überlegen ob ich es Ihnen erzählen soll  Jedenfalls erst später nicht so
zwischen zwei Gängen mit Gabel und Messer in der Hand«
    Sie aßen also weiter und sprachen von gleichgültigen Dingen von den
verschiedenen Bekannten oder kritisierten die Gesellschaft die rings umher saß
Endlich kam man beim Dessert an Käte hatte großes Vergnügen an all den
zierlichen süßen Dingen die da herumgereicht wurden und Henning sah ihr zu wie
bei einem Spiel Um sie her ging es jetzt ziemlich unruhig zu ein Teil der
Gäste war schon aufgestanden und verteilte sich wieder in den anstoßenden
Salons Die Jugend drängte sich im Tanzsaal um einen Amerikaner der einen neuen
Tanz vormachte und erklärte Dazwischen schoben sich still und eilig die Diener
und servierten kleine Kaffeetassen auf schweren silbernen Tabletts Andere waren
noch sitzen geblieben sahen schläfrig dem Treiben zu oder unterhielten sich
    Zwischen Henning und Käte war das Gespräch immer einsilbiger geworden da
beide sich bemühten dem auszuweichen was der eine fragen und der andere
antworten konnte
    Dann aber sagte sie ohne jeden Übergang »Jetzt erzählen Sie mir Erasmus
ob Sie Lust haben oder nicht Ich will alles wissen was Sie in diesen Wochen
gemacht haben seit wir«  sie dachte nach und zog die Augenbrauen fragend und
vorwurfsvoll in die Höhe  »ich muss wohl leider sagen verstimmt aufeinander
sind oder vielmehr waren Sie haben jetzt eine Chance es wieder auszugleichen
Außerdem sind wir fertig Messer und Gabel brauchen Sie nicht mehr zu stören«
    »Es war eine schlechte Zeit« sagte er »und Sie haben mir sehr gefehlt
Wenn Sie mich jetzt wieder beim Vornamen nennen bin ich ja zu jeder Busse
bereit Obgleich es Ihre Schuld war«
    »Sie denken wieder an etwas anderes es war doch nicht meine Schuld «
Erasmus unterbrach sie »Sehen Sie das junge Mädchen das dort mit einem älteren
Herren spricht«
    Käte wandte sich um
    »Ja  und«
    »Das ist die Freundin von Hedy mit der ich damals gesprochen habe Wir
verabredeten uns nachmittags in eine Konditorei wohin sie mir Nachricht bringen
sollte ob Hedy zu Hause sei und ich bin dann nicht hingegangen Ich hatte es
vollkommen vergessen und es fiel mir erst viel später wieder ein«
    Das Mädchen legte den Arm auf den des älteren Herrn der vermutlich ihr
Vater war und kam an ihnen vorbei Henning stützte den Arm auf den Tisch und
begegnete ihrem Blick als wünschte er sie möchte ihn erkennen Schon in der
Tür sah sie sich denn auch neugierig nach ihm um
    »Diesen Winter wäre wohl auch Hedy zum erstenmal ausgegangen« meinte Käte
»wir hätten sie hier und da getroffen so wie sie den Abend in der Bar aussah
damenhaft und ein bisschen fremd Erinnerungen bleiben immer so melancholisch
selbst wenn man sich an das Geschehene gewöhnt hat Und Sie« fuhr sie dann
fort während er noch völlig abwesend der hellen Gestalt nachsah »Sie haben
wieder den Blick als ob Sie Gespenster sähen«
    »Dasselbe sagten sie damals als Schönlank mit meinem Vater hereinkam Es
ist mir im Gedächtnis geblieben weil es das letzte Wort war ehe sich die
fatale Szene entwickelte und weil es so zutreffend war  Bleiben wir noch ein
wenig sitzen es wird nicht weiter auffallen Die stürmische Jugend tanzt und
die ältere Generation kann sich wie Sie sehen noch nicht zum Aufstehen und zu
weiteren Strapazen entschließen« So können wir ruhig noch eine Weile abseits
bleiben«
    Sie saßen und blickten auf das dekorative Kaminfeuer beide in Anspruch
genommen durch die unerwartet wieder aufgewachten Erinnerungen
    »Hat der Gespensterblick Sie beunruhigt« fragte Erasmus mit gezwungenem
Lächeln »Sie sehen mich so besorgt an«
    »Nein diesmal nicht weil er der Vergangenheit gilt 
    Ich wüsste nicht was er jetzt und hier Schlimmes voraussehen könnte Aber
ich mag ihn nicht  Sie sehen dann aus als ob Sie willenlos und ohne Widerstand
dem ersten besten Gespenst verfallen würden das Ihnen begegnet«
    »So ist es auch Käte Sie haben eine unheimliche Divinationsgabe Übrigens
handelt es sich nicht um dies kleine Mädchen das da eben vorüberging und
gewissermaßen Hedy wieder mitbrachte Das ist ein harmloses Gespenstchen ich
werde nachher mit ihm tanzen und mich entschuldigen dass ich es damals umsonst
habe warten lassen  Aber ich habe vor einigen Tagen ein anderes getroffen
«
    »Lucy« fragte sie wider Willen Sie hatte überhaupt nichts mehr fragen
wollen denn es reizte sie im stillen dass er immer neue Überraschungen bei der
Hand hatte und sie ausspielte oder für sich behielt wie es ihm grade gefiel
    Ihm schien es aber diesmal nicht auf den Effekt anzukommen er verlangte nur
danach sie wieder teilnehmen zu lassen und er hatte seine anfänglichen
Bedenken längst wieder vergessen
    »Ja hören Sie nur zu Aber erst noch eine Vorbemerkung Es steht ziemlich
schlecht um mich liebe Käte Ich habe in dieser Zeit ein dummes Leben geführt
 ich habe angefangen zu spielen und viel verloren Notabene ich verliere
natürlich was ich eigentlich gar nicht besitze Und abends habe ich dann allein
oder mit Ihrem Ungarn  der übrigens beständig nach Ihnen fragt  viele viele
Gläser getrunken An dem Abend auf den es ankommt war ich zufällig allein und
trank wieder viele Gläser fühlte mich wie ich leider gestehen muss schon etwas
unklar und dachte darüber nach wie ich mich aus alledem wieder herausreissen
könnte Es war ein ziemliches Gedränge in der Bar ich sah zu wie sie tanzten
und sah ein dunkles Mädchen mit einem langen blonden Herrn den ich schon einmal
gesehen haben musste«
    »Der verdammte Schwede« sagte Käte halblaut und ergriffen
    »Richtig der verdammte Schwede  ich wusste es auch aber es erregte mich
nicht besonders Sie müssen entschuldigen wenn ich noch einmal betone dass mein
Bewusstsein etwas umfangen war es gehört leider zur Geschichte und beeinflusst
sie  Ich sah also den verdammten Schweden sah ihn mit Lucy tanzen und
empfand es mit friedlicher Heiterkeit dass die beiden wieder da waren Sie
tanzte auch wieder auffallend stürmisch war aber nicht so schick angezogen wie
damals im Gegenteil sie sah einigermaßen reduziert aus und das freute mich
beinah Ich dachte dir ist es anscheinend auch nicht besonders gut gegangen
seit damals« Henning stockte und sah eine Zeitlang in das Feuer Käte
beobachtete sein schön gebildetes Profil und die breite Stirn und sann darüber
nach welchen Eindruck er wohl auf Lucy gemacht habe
    »Es blieb auf die Länge nicht so idyllisch« fuhr er in seiner Erzählung
fort »Ich trank einen schwarzen Kaffee wurde wieder munterer und fing Händel
mit dem Schweden an nannte ihn einen verdammten Schweden und suchte ihm
klarzumachen dass ich mindestens ebensoviel Anrecht an Lucy habe wie er Kurzum
es war eine Szene wie sie manchmal gegen Morgen in solchen Lokalen stattfindet
Schließlich endete sie damit dass Lucy mit mir am Tisch saß und der Schwede
verschwunden war Sie hatte sich die ganze Zeit halb totgelacht und schien
großen Spaß daran zu haben«
    »Und dann« wollte Käte wissen Sie war sehr gespannt aber leicht
enttäuscht Man hatte sich dereinst zuviel von Lucy versprochen als dass sie
jetzt als banales Barabenteuer enden durfte 
    »Soll ich auch noch den Rest erzählen« und als Käte nickte »Ich will ihn
kurz andeuten Sie kam mit mir in ein Hotel war aber morgens verschwunden Ich
habe sie also nur im Rausch und im Dunkeln gesehen von Licht wollte sie
durchaus nichts wissen Keine Verabredung keine Adresse  nichts Folglich 
und dies ist die Pointe  ist sie ein Phantom geblieben und muss selbst wissen
dass sie eines ist warum hätte sie sich sonst so mysteriös benommen Eine Frau
die den ganzen Abend lacht und tanzt ihren Schweden der sie durchs Leben
begleitet mir nichts dir nichts verabschiedet um sich zu einem völlig Fremden
zu gesellen diesen aber wieder absichtlich im Dunkel über sich lässt  sagen Sie
selbst Käte ist es etwa mit mir nicht richtig oder begegnen mir tatsächlich
Gespenster«
    Er schüttelte sich und seine letzten Worte klangen wie ein halb
verzweifelter Appell an ihren Wirklichkeitssinn der ihm zu Hilfe kommen sollte
Sie wusste dass alle den an ihr liebten immer war es ihre Rolle die frohe
sichere Frau darzustellen die mit allem fertig wurde aber sie war das müde und
wollte nichts mehr davon wissen Seit sie Henning im Lauf des letzten Jahres
durch alles was sie zusammen erlebt hatten nähergekommen war reizte es sie
grade ihre Sicherheit aufzugeben und lieber dunkle und verworrene Erlebnisse
mit ihm zu teilen Seine Erzählung hatte ihr anfangs wenig gefallen jetzt
gewann sie wieder an Charme aber zugleich empfand sie doch gegen ihren Willen
eine quälende Eifersucht
    »Ihre Geschichte ist jedenfalls ziemlich sonderbar« sagte sie und es
irritierte sie hier im Ballkleid zu sitzen schön und begehrenswert auszusehen
alles das nur um seine zweifelhaften Bekenntnisse entgegenzunehmen »Aber wie
soll ich wissen wie es um Sie steht Seit dem Tode der beiden Kinder sind wir
wohl alle etwas nervös geblieben und leicht zu erschrecken  Und wie war sie
denn  Lucy meine ich Solange sie greifbar vorhanden war«
    »Ach ich weiß nicht« gab er zerstreut zurück »Der verdammte Schwede
dagegen ist mir sehr deutlich in Erinnerung geblieben Übrigens hat er mich
gefordert oder ich ihn Ich entsinne mich nicht mehr genau wie es war Er saß
eine Weile neben mir sehr lang und sehr blond und setzte mir sanftmütig
auseinander dass es wohl ein Nonsens wäre sich wegen eines Mädchens zu
schlagen die sich bald mit dem einen bald mit dem anderen amüsiere Am
nächsten Morgen müsse er verreisen käme aber in einiger Zeit zurück und dann
könne das Duell stattfinden Ich dachte erst ich hätte die ganze Unterredung
geträumt fand aber nachher seine Visitenkarte in meiner Westentasche und werde
ihm wohl auch die meine gegeben haben Er heißt natürlich Axel   Pallström
oder Hallström oder so ähnlich und hat mit Bleistift unter den Namen
geschrieben Pistolen spätestens am 15 Februar Dies Nachspiel fügt sich dem
ganzen Spuk nicht übel an«
    Kätens widersprechende Empfindungen lösten sich plötzlich sie war selbst
ganz beglückt dass sie wieder weich und freundschaftlich für ihn fühlen konnte
und brach in ein helles Gelächter über den verdammten Schweden aus Henning war
verwundert dann aber stimmte er mit ein und sie lachten beide noch als Doktor
Augustin zu ihnen trat
    »Sie vergnügen sich anscheinend besser als ich« sagte er
    Sein Erscheinen kam nicht grade erwünscht aber man konnte nicht gut nein
sagen und er rückte sich einen Stuhl an den Kamin Die drei waren jetzt fast
die einzigen im Raum
    »Ich irre hier herum« fuhr Augustin in seiner etwas umständlichen
Sprechweise fort »und kann diesen Festen keinen Geschmack abgewinnen Es sollte
eine Kunst sein sich zu vergnügen den in Frage kommenden Sinnen einen feinen
allmählich an und wieder abklingenden Anreiz zu bieten  statt dessen  die
jungen Leute da drüben tanzen nur um zu tanzen um sich Bewegung zu machen die
älteren langweilen sich Dazwischen steht man herum soupiert eilig und
gedankenlos «
    »Das ist wohl der springende Punkt« warf Henning ein »aber als
berufsmässiger Gourmand  oder Gourmet wie Sie mich zu verbessern pflegen 
sollte man eben nicht auf Bälle gehen«
    »Recht mein junger Freund wenn nicht auch die gesellschaftlichen
Verpflichtungen als notwendige Tugend gepflegt werden müssten Ein gutes Diner
oder Souper als Selbstzweck ist mir lieber aber wer gibt denn heute noch Diners
an sich«
    Erasmus lächelte konventionell wie sein Vater manchmal lächelte wenn ihm
eine Situation nicht ganz recht war Doktor Augustin betrachtete ihn aufmerksam
mit seinen runden genussfrohen Augen und fühlte dass da etwas nicht in Ordnung
war
    »Ich habe gewiss ein anregendes Gespräch unterbrochen« fragte er »darf ich
bitten dass Sie es fortsetzen ohne meine Anwesenheit in Betracht zu ziehen Ich
will dann auch gestehen dass mich Ihr Lachen herbeilockte Meine Tischdame
wurden abgerufen weil ihr Baby sich erkältet hatte und ich fand keine andere
Gesellschaft als einen morosen älteren Herrn der ebenfalls allein war Kurz
gnädige Frau meine innere Harmonie wird heute beständig beeinträchtigt und ich
hoffe Sie gestatten mir mich an der Ihrigen zu erbauen«
    »Gerne« erwiderte Käte spöttisch
    »Ja dieses hübsche Plätzchen am Feuer das Sie sich ausgesucht haben und
das einen wirkungsvollen Rahmen für Ihrer beider Erscheinung abgibt regte wenn
ich so sagen darf meinen künstlerischen Blick an Sicher erzählte der Baron
grade eine amüsante Geschichte«
    »Gewiss« sagte Henning »schade dass Sie nicht früher kamen Übrigens haben
Sie doch ein wenig daneben geraten wir erzählten uns nämlich Spukgeschichten
die gnädige Frau und ich«
    »Beabsichtigen Sie das Gruseln zu lernen Gnädigste Mir will zwar scheinen
als sei trotz des Kamins und der späten Stunde hier nicht ganz die geeignete
Umgebung dazu«
    »O doch  ich kann es schon« meinte Käte mit einem Versuch zu scherzen
obgleich ihr wirklich beklommen und wunderlich zumut war Dies Gefühl steigerte
sich noch als Henning aufstand und die Absicht äußerte das junge Mädchen von
vorhin um einen Tanz zu bitten Er würde nicht lange ausbleiben und dann wieder
hierher kommen
    So blieb sie mit Augustin allein Sie gab sich alle Mühe eine unbefangene
Unterhaltung mit ihm zu führen aber sie konnte diese phantastische Stimmung
die sie sich sonst manchmal gewünscht hatte nicht wieder loswerden 
Vergebens sagte sie sich dass ihre Nerven überreizt seien  ihr schien alles
um sie her unwirklich und unsinnig die Musik im Saal nebenan die Paare die
sich immer lebhafter drehten die ganze festliche Atmosphäre und Helle welche
Menschen und Räume einhüllte »Da tanzt er nun mit dem harmlosen Gespenstchen«
dachte sie »zwischen den anderen die sich wirklich amüsieren Und wer weiß
was da nicht alles wieder emporsteigt wenn sie von Hedy sprechen«
    Sie fühlte auch dass ihre Antworten bis zur Unhöflichkeit zerstreut waren
und Augustin sie des öfteren erstaunt und verlegen ansah Inzwischen betrachtete
er die großen Sträusse von weißen Rosen die auf dem Kaminsims standen
Wahrscheinlich stellte er ästhetische Betrachtungen an und es beunruhigte ihn
dass eine schöne Frau neben Rosensträussen saß und nicht harmonisch aufgelegt war
Sie stellte dann ihrerseits fest auch er nähme sich heute nicht ganz richtig
aus man war zu sehr gewöhnt ihn von seinen beiden Nebenkäuzen ergänzt zu
sehen allein wirkte er inkomplett und seine Bemerkungen die nicht durch ein
doppeltes Echo variiert wurden langweilig und gekünstelt
    »Wo haben Sie denn Ihre Trabanten gelassen« fragte sie aus diesem
Gedankengang heraus
    »Sie sind noch weniger Ballfreunde als ich und sie fanden einen Vorwand
die Einladung zu umgehen Statt dessen sind sie mit meiner Nichte im Theater«
    »Ah mit der gemeinsamen Nichte Die hätten Sie doch auch mit hierher nehmen
können«
    »Sie ist noch nicht eingeführt und hat noch nicht die nötigen Besuche
gemacht Das ist alles nicht so einfach Das Mädchen kann auch wohl nicht gut
mit uns ausgehen Wenigstens meinten Weintrapp und Leidhecker es nähme sich
nicht gut aus und man müsse einen anderen Modus finden«
    Käte war froh dass sich endlich ein ablenkendes Thema auftat und fragte
weiter
    »Ja überhaupt was ist denn eigentlich mit dieser Nichte Man hört hier und
da von ihr sprechen bekommt sie aber immer noch nicht zu sehen Erzählen Sie
mir doch etwas von ihr  wie alt ist sie  ist sie hübsch und wie heißt sie 
sie muss doch außer ihrer Eigenschaft als Nichte auch irgendeinen Namen haben«
    »Elisabet« sagte Augustin mit sorgenvoller Miene »aber der Name passt
durchaus nicht zu ihr Ein Mädchen welches Elisabet heißt könnte zum Beispiel
sanft und ein wenig überirdisch sein  meinetwegen auch etwas gewöhnlich und
schwerfällig  dann würde man sie eben Lisbeth oder Elise nennen Aber eine
Elisabet darf nicht den Teufel im Leibe haben das wirkt ungemein stillos 
Hübsch  ja sie ist knapp zwanzig Jahre alt und soweit ich unparteiisch
urteilen kann recht hübsch zu nennen Aber auch ihr Äußeres ist ungebärdig und
entbehrt der Sorgfalt zum mindesten immer eine oder die andere Haarsträhne die
ihr in die Augen fällt oder sonst etwas das nicht am richtigen Platz sitzt
Und so ist es bei ihr mit allem Sie ist begabt aber zu keiner stetigen
Ausbildung ihrer tatsächlich vorhandenen Talente zu bewegen Sie kam mit der
Absicht Malerei zu studieren jetzt will sie Schauspielerin werden und
deklamiert den ganzen Tag«
    »Wie sind Sie denn dazu gekommen ausschließlich die Obhut über die junge
Dame zu übernehmen«
    »Sie ist in Amerika geboren« erklärte Augustin und ihre Eltern starben
kurz nacheinander ohne irgend etwas zu hinterlassen Ihre dortigen Bekannten
haben ihr wohl den Rat gegeben sich an ihre europäischen Verwandten zu halten
und sie einfach herübergeschickt Da ich nun der einzige Verwandte war erschien
sie eines Tages bei mir und ich konnte nicht gut umhin mich ihrer anzunehmen
Ich muss auch sagen gnädige Frau dass ich in gewissem Sinne Freude daran habe
solch ein junges Menschenschicksal zu leiten  könnte man ihr nur den
WildWest etwas rascher abgewöhnen Aber  ich langweile Sie gewiss Wollen Sie
nicht noch tanzen«
    Nein sie hatte keine Lust mehr es war schon spät gegen zwei Uhr und
lohnte sich nicht noch einmal anzufangen Es tat ihr wohl hier sitzen zu
bleiben sich von unbekannten Menschen die einen nichts angingen erzählen zu
lassen und sie war jetzt ganz bei der Sache Die drei Käuze mit ihren
Onkelsorgen waren ganz unterhaltend
    Henning war unterdessen in dem Getümmel des Balles untergetaucht und kam
lange nicht wieder Er suchte nach der jungen Dame erfuhr dass sie Wera Erler
hieß und ihr Vater ebenfalls ein Geschäftsfreund von Schönlank war worauf er
sich ihr vorstellen ließ und um einen Tanz bat Sie hatte den Namen nicht
verstanden sah ihn neugierig an mit denselben vergnügten Augen wie damals vor
der Schule und schien sich zu besinnen ob sie ihn nicht schon einmal gesehen
habe Dann ließ sie sich wie ein gehorsames Kind stillschweigend und
pflichtbewusst von ihm herumdrehen sah ihn nochmals von der Seite an und
erklärte bald sie sei müde sie habe heute schon so viel getanzt
    »So unterhalten wir uns ein bisschen« schlug Henning vor »Sie erkennen mich
wohl nicht wieder«
    »Doch aber ich habe Ihren Namen nicht verstanden«
    »Der tut wenig dazu« meinte er ernstaft »aber ich habe mich einmal recht
unhöflich gegen Sie benommen«
    »Sie« sagte Wera ungläubig »haben wir denn schon einmal mitsammen getanzt
diesen Winter«
    »Nein es muss ja auch nicht beim Tanzen gewesen sein Denken Sie einmal nach
 wir haben vor längerer Zeit eine kleine Mittagspromenade zusammen gemacht
Sie waren damals noch ein Backfisch es ist etwas über ein halbes Jahr her Dann
wollten wir uns am Nachmittag treffen aber es passierten alle möglichen Sachen
und ich konnte nicht kommen«
    Jetzt entsann sich das Mädchen allerdings wer er war Sie sah erregt an ihm
vorbei ob auch niemand in der Nähe sei und zuhöre und erzählte dann dass auch
sie damals nicht an den verabredeten Ort gekommen sei Man hatte sie nicht
fortgehen lassen Ein Bruder von ihr gehörte ebenfalls zum Selbstmordverein war
mit Georg befreundet gewesen und alle Eltern waren in furchtbarer Aufregung
Mit dem Bruder hatte sie dann den ganzen Nachmittag zusammengesessen und über
die Geschichte gesprochen Er wusste auch wo Georg und Hedy sich verborgen
gehalten aber er würde nie etwas darüber sagen Henning ließ ihn sich
beschreiben es war jener schwarzhaarige soignierte Junge dessen er sich noch
sehr wohl erinnerte
    An der Art wie sie sprach fühlte er dass das alles schon wie etwas
Halbvergessenes war was nur zufällig wieder aufgerührt wurde 
Jugendfreundschaft die im Moment wohl intensiv empfunden wird aber nichts
Unersetzliches ist Das störte ihn keineswegs sondern tat ihm eher wohl Sie
war wirklich nur ein harmloses Gespenst und stand auf einer ganz gesunden
menschlichen Basis Jetzt zupfte sie an einer Palme die hinter ihnen die Ecke
füllte hätte gerne etwas Tiefempfundenes gesagt fand aber nicht das Richtige
Dann sah Henning dass nicht weit von ihnen entfernt die Frau des Gastgebers
stand und neben ihr der Kommerzienrat Schönlank der ihn beobachtete Ihm fiel
ein dass jener Weras Vater kannte und er verlor plötzlich die Lust noch weiter
mit ihr zu sprechen
    »Nicht wahr gnädiges Fräulein das ist eine schlechte Ballunterhaltung«
sagte er lächelnd »und es schickt sich vielleicht auch nicht dass wir so lange
hier beisammenstehen Ich bringe Sie jetzt zu Ihrem Papa zurück  wenn der
wüsste dass wir einmal ein Rendezvous verabredet hatten«
    »Damals war ich ja noch ein Schulmädchen«
    »Und jetzt sind Sie erwachsen und würden nicht mehr darauf eingehen«
    »Wer weiß « Sie war nicht ganz zufrieden dass er sie schon wieder
abliefern wollte Die abgeschworene Backfischromantik regte sich  man könnte
in einer Ecke sitzen und von Hedy sprechen
    »Und dann kommt zufällig Herr Schönlank herein 
    Nein wir wollen uns die Sache wenigstens noch überlegen Da Sie gewiss die
Absicht haben diesen Winter viel zu tanzen und ich ebenfalls viel mitmachen
werde treffen wir uns sicher noch an manchem Ballabend  Man kann auch da von
Hedy sprechen  sie hat noch den letzten oder vorletzten Abend vor ihrem Tode
mit uns getanzt«
    Davon hatte Wera gehört es hatte sich herumgesprochen man wusste nicht
durch wen Jetzt wurde ihr alles wieder lebendig sie fühlte etwas von dem
dunklen Reiz der über Hedys kurzem verwegenem Leben und ihrem jähen Ende lag
Ihr Blick war ganz verändert als sie noch einmal zu ihrem Begleiter aufsah
Aber der Papa der Geschäftsfreund spähte schon besorgt nach ihr aus und
Henning zog sich nach einigen höflichen Worten zurück
    Als er an einem der nächsten Tage in das Kaffeehaus kam wo Augustin mit
seinen Freunden tagte hielt dieser ihnen gerade einen begeisterten Vortrag über
Frau Käte Tergens Er kannte sie zwar schon länger hatte aber noch nie
eingehender mit ihr gesprochen und meinte nun hier sei endlich einmal alles
beisammen an äußerer Erscheinung an Eigenschaften und den dazugehörigen
Lebensumständen Wie diese Frau sich zum Dasein verhalte so verhalte sich auch
das Dasein zu ihr und ebenso die Menschen die mit ihr in Berührung kamen
    Die zwei anderen Herren Leidhecker und Weintrapp hörten zu beglückt dass
endlich etwas so Harmonisches entdeckt worden sei und sozusagen unter ihnen
weilte Denn auch ihnen war Frau Tergens eine bekannte Erscheinung nur war man
sich noch nicht klar gewesen was sie eigentlich zu bedeuten habe
    Erasmus war wie gewöhnlich mit seiner Aktenmappe erschienen obgleich er das
Bureau schon lange vernachlässigte Die anderen brauchten das nicht zu wissen
man setzte ja immer noch von allen Seiten Hoffnungen auf ihn während er selbst
fühlte dass ihm der Boden unter den Füßen immer mehr entglitt Die Aktenmappe
wie manche andere Äußerlichkeiten die ihn umgaben waren nur noch
Teaterrequisiten auf die er immerhin noch einen gewissen Wert legte
    Er saß ganz zufrieden da und hörte zu wie man Käte entdeckte Sie konnte
ja auch einen von diesen dreien heiraten dachte er zum Beispiel Augustin der
sie sicher auf Händen tragen würde Sie ist eigentlich doch immer die
Perlenkette die wir einander anpreisen Sonderbar ist es mit dieser Frau jeder
ist entzückt von ihr und findet der andere solle sie doch heiraten dabei
bleibt sie immer allein und wir anderen ebenfalls
    Augustin lächelte mit seinen runden Augen
    »Für Elisabet verspreche ich mir sehr viel von der Bekanntschaft mit Frau
Tergens Ich soll sie ihr bringen sie hat uns auf einen Abend in der nächsten
Woche eingeladen«
    »Gewiss wäre es von Vorteil für das Mädchen wenn es entsprechenden
Damenverkehr fände« meinte Weintrapp Er hatte ein phlegmatisches Gesicht
glattrasiert mit goldener Brille Übrigens waren sie alle drei glattrasiert das
gehörte zu ihren gemeinsamen ästhetischen Prinzipien  Und Henning sagte »Ich
hätte sie ja längst mit Frau Käte bekannt machen können aber man hat mir
Fräulein Elisabet bis jetzt systematisch vorenthalten«
    »Gott bewahre lieber Baron« und Augustin wurde beinah verlegen »es bot
sich nur noch keine Gelegenheit Sie ist ja noch nicht lange hier und ich halte
es in meiner Eigenschaft als Onkel nicht für angebracht sie mit ins Kaffeehaus
zu nehmen«
    »Mit wem verkehrte sie denn bisher«
    »Das ist ja gerade der wunde Punkt sozusagen mit niemand außer mit einigen
Schauspieleleven und elevinnen Sie nimmt wie Sie wissen neuerdings
dramatischen Unterricht Ferner wollte sie durchaus nicht in einer Pension
wohnen wie ich wünschte sondern hat sich ein kleines Appartement genommen«
    »Sie meinte es sei weniger kostspielig« erläuterte Weintrapp der für die
praktischen Fragen als Sachverständiger galt »und so störe sie niemanden durch
ihre Sprechübungen Darin musste man ihr wohl beistimmen aber andererseits war
zu bedenken ob nicht ihr Ruf durch diese freiere Lebensführung gefährdet wird«
    »Was meinen Sie dazu Henning« fragte Augustin
    »Sie kennen unsere Gesellschaft besser als ich Das Mädchen selbst hat
leider aus Amerika ziemlich freie Ansichten über Verkehr und dergleichen
mitgebracht«
    »Elisabet ist ein Kind« sagte Leidhecker der bisher noch keine Silbe
gesprochen hatte Er war ein schweigsamer Mensch machte nur hier und da
vereinzelte Bemerkungen oder fasste die Quintessenz eines Gespräches in
irgendeiner sprichwortartigen Sentenz zusammen Man nahm seine Aussprüche
achtungsvoll entgegen wie überhaupt in diesem kleinem Zirkel die Eigenart jedes
einzelnen mit Liebe kultiviert wurde Es folgte eine kurze Pause während der
Zigaretten angezündet wurden und Henning nach der Uhr sah Die Nichte begann ihn
zu langweilen und Augustin kam wieder darauf zu sprechen wo er mit ihr Besuche
zu machen gedenke Unweigerlich fiel dabei wieder der Name des Kommerzienrats
Schönlank sein Haus gehörte zu denen die in erster Linie in Betracht kamen
Die Käuze schätzten es einmütig wegen seiner vorzüglichen Diners und außerdem
galt es für den Sammelpunkt von allem was sich auf schöngeistigem und
künstlerischem Gebiet betätigte Eine angehende Schauspielerin konnte sicher
nichts Besseres tun als dort Stammgast zu werden
    Henning ließ ihn ausreden er sah ein dass er dem Kommerzienrat doch niemals
entrinnen würde und beschloss ihm demnächst einen Besuch zu machen
    Über dem Abend bei Käte herrschte ein ausgesprochener Unstern
    Sie hatte kurz vorher einen Bekannten aus früherer Zeit getroffen einen
älteren Schauspieler der sich speziell für unfertige Talente interessierte und
ihn ebenfalls eingeladen womit sie Augustin einen Gefallen zu tun dachte Er
kam schon etwas früher um noch vor dem Eintreffen der anderen eine ruhige
Stunde mit ihr zu verbringen Aber Käte stand grade am Telephon und war sehr
präokkupiert Sie hatte unerwartet ihr Mädchen entlassen müssen wodurch dann
auch die Köchin aus dem Gleichgewicht geraten war und verhandelte mit Burmann
ob nicht Josias ihr für den Abend aushelfen könne
    »Setzen Sie sich Herr Werner« sagte sie und lächelte dem Eintretenden zu
»oder gehen Sie umher und schauen sich meine Zimmer an«
    Er aber zog es vor neben ihr stehenzubleiben und ihr die unbeschäftigte
Hand zu küssen
    »Also Hans könnt ihr mir Josias zur Aushilfe schicken«
    »Unmöglich« kam es zurück »er hat heute Ausgang und ist schon fort Was
sind denn das für Feste zu denen wir nicht eingeladen werden«
    »Nur Augustin mit der Elisabet und noch jemand« antwortete sie ärgerlich
»Gott sei Dank dass ihr nicht auch noch kommt Was sprichst du denn da Ist
Erasmus auch dort«
    »Ja« sagte dieser und erbot sich an Josias Stelle zu kommen und ihr zu
helfen Käte lachte und versicherte sie könne ihn nicht brauchen aber er
bestand darauf und wollte wissen wer der Unbekannte sei »Das kann ich jetzt
nicht erklären weil er neben mir steht und zuhört«
    »Das dulden wir nicht« sagte Erasmus »also ich komme auf jeden Fall«
    Endlich hängte sie den Hörer wieder ein und konnte sich ihrem Gast widmen
Er stand mit gekreuzten Armen da und wartete »Entschuldigen Sie «
    »Aber ich schwärme dafür Telephongespräche anzuhören« sagte er »die
fehlende Hälfte macht es so hübsch geheimnisvoll Und die kühne
Selbstverständlichkeit mit der der Sprechende ins Leere hineinredet  Der
Zuhörer dagegen wird nie wissen was da eigentlich verhandelt wird Wer zum
Beispiel ist der Mann mit dem biblischen Namen Josua oder Josias der
anscheinend einen anderen ersetzen soll «
    »Ein alter Diener« erläuterte Käte »ferner Hans ein Jugendfreund 
Erasmus ein Baron «
    »Und da wollen Sie mich glauben machen es handle sich nur um Hausfrauennöte
 und wer ist denn Augustin«
    Als sie ihm nun gerade auseinandersetzte was es mit Augustin für eine
Bewandtnis habe und dass sie seinetwegen mit ihrem Souper zu glänzen wünsche
kam von diesem eine Botschaft dass er durch eine starke Erkältung verhindert
sei wenn sie aber nichts dagegen habe würde Elisabet alleine kommen
    »So spielt das Leben« sagte der alte Schauspieler befriedigt »Augustin um
dessentwillen man so viele Ängste aussteht sagt ab Ich dagegen der
geringschätzig als noch jemand bezeichnet wurde bin hier und denke nicht zu
weichen auch wenn das ganze Programm umgestürzt wird«
    Käte war im Grunde ganz zufrieden sie ging hinaus um die Köchin zu
beruhigen dass der gefürchtete kritische Gast nicht käme und machte sich dann
daran selbst den Tisch zu decken wobei ihr Werner in bester Laune an die Hand
ging
    Erasmus hatte sich unterdessen gleich auf den Weg gemacht Er wusste dass sie
ihre Gäste um acht Uhr erwartete und dachte noch rechtzeitig anzukommen Eben
vor ihm trat ein junges Mädchen in das Haus er holte sie auf der ersten Treppe
ein und wollte rasch vorüber als sie stehenblieb und ihn ansah Sie war blass
brünett eine lange losgelöste Locke fiel ihr über die Stirn und sie warf sie
mit einer brüsken Kopfbewegung zurück
    Dann lächelte sie und war sichtlich etwas erschrocken
    »Lucy« sagte Henning vollkommen verwirrt Er begriff nicht gleich dass sie
plötzlich hier vor ihm auf der Treppe stand »Wie kommen Sie hierher«
    »Was meinen Sie damit« gab sie in großer Verlegenheit zurück »Ich heiße
Elisabet Augustin Mir scheint Sie verwechseln mich mit jemand anders« Damit
ging sie rasch und energisch die Stufen hinauf es schien sie zu reizen dass er
ihr folgte und sie funkelte ihn zornig mit den Augen an als er ebenfalls im
zweiten Stock vor Kätes Tür haltmachte
    »Einen Moment bitte« sagte er nun als sie anläuten wollte stellte sich
vor und bemerkte er sei ebenfalls bei Frau Tergens eingeladen und ein Freund
ihres Onkels
    »Ja ich weiß jetzt wer Sie sind« antwortete sie und errötete bis unter
die Locke die schon wieder in die Stirn fiel »Aber ich dachte vorhin als Sie
mich so plötzlich anredeten Sie wollten sich einen Scherz machen« Sie brach ab
und drückte auf die Klingel
    Käte kam selbst aufmachen begrüßte beide bedauerte dass der Onkel nicht
kommen könne und war sehr herzlich und eilig »Erasmus helfen Sie Fräulein
Augustin ablegen ich habe noch einen Moment zu tun gehen Sie in das kleine
Zimmer  Ja also  Baron HenningFräulein Augustin  aber Sie haben wohl
schon auf der Treppe Bekanntschaft gemacht«
    »Ja« sagte Henning Käte verschwand und man hörte ihre und des
Schauspielers sonore Stimme im Esszimmer Henning nahm dem jungen Mädchen den
Mantel ab dann stand sie vor dem Spiegel und schob ihre widerspenstigen
schwarzen Haare zurecht Er sah mechanisch zu musterte jede Einzelheit ihrer
Gestalt und ihrer Toilette die einen etwas lässigen Eindruck machte Das an
sich elegante dunkle Abendkleid war nicht mehr ganz auf der Höhe vor allem der
Halsausschnitt war mit einer gewissen Verwegenheit arrangiert als sei im
letzten Moment noch etwas geändert worden und die seidenen Schuhe sahen aus
als dienten sie gelegentlich auch zum Spazierengehen Nun wandte sie sich ihm
zu ein reizvolles Gesicht mit lebhaften unregelmässigen Zügen Nein da war
kein Zweifel möglich dieses Gesicht kannte er Aber es war jetzt nicht Ort und
Zeit um dem Zusammenhang nachzugehen Er führte sie in das Zimmer gleich
darauf erschienen auch Käte und Herr Werner und man ging zu Tisch
    Es gab viel Gelächter und einiges Durcheinander da alle der bedrängten
Hausfrau beispringen wollten Elisabet fand sich rasch hinein um so mehr als
man sie von vornherein nicht als Fremde behandelte Hennig übernahm allen
Ernstes die Bedienung und duldete nicht dass die Damen sich betätigten Er
servierte geschickt wie ein gelernter Kellner und brachte die Köchin die das
unziemlich fand in große Verlegenheit besonders wenn er die leeren Schüsseln
zurückbrachte Werner dagegen war begeistert und meinte er sähe jetzt ein dass
auch ein Baron zu etwas gut sein könne und wo er das gelernt habe
    »Meinem alten Josias abgesehen« sagte Henning »Ja es ist nichts mehr mit
den Vorurteilen der Kaste Herr Werner Meinen Sie nicht auch ich könnte noch
ganz gut als Oberkellner Karriere machen wenn alle Stränge reißen«
    Der hielt das für einen harmlosen und billigen Scherz
    »Ja sie reißen Herr Werner sie reißen sie sind eigentlich schon
gerissen« fuhr Henning fort in dem melancholisch wohlerzogenen Ton eines
Kellners der mit seinem Gast über das Leben redet und reichte ihm den Salat
    »Pfui Erasmus« rief Käte dazwischen sie konnte diesen Ton bei ihm
absolut nicht leiden
    Dann erwachte in Werner der Regisseur er machte darauf aufmerksam wie
diese oder jene Bewegung auf der Bühne gemacht werden müsse Das Gespräch kam
auf das Theater und Werner erklärte sich bereit Elisabet nachher ein wenig zu
examinieren
    »Geht nur schon hinüber« schlug Käte vor »wir werden hier inzwischen
Ordnung schaffen«
    Werner und Elisabet gingen in den Salon und es dauerte nicht lange so
hörte man lebhaftes und lautes Sprechen Erasmus hatte sich wieder auf seinen
Platz gesetzt
    »So Käte lassen wir die beiden nur deklamieren und trinken wir in aller
Ruhe noch ein Glas Wein zusammen Wie finden Sie das Mädchen«
    »Ich finde gar nichts mehr Ich bin ganz müde es ist mir zu ungewohnt mich
für meine Gäste so anzustrengen Gott sei Dank dass Augustin nicht kam meine
Harmonie geht schon an einem fehlenden Dienstboten in die Brüche«
    »Mehr Temperament« rief nebenan Werner mit klangvoller Donnerstimme
    »Hat sie welches« fragte Käte ermattet »sie sieht entschieden so aus und
die Käuze beklagen sich ja auch darüber Bei Tisch fand ich allerdings ihr
Benehmen eher schüchtern und gezwungen«
    »Die Käuze mochten dennoch nicht unrecht haben« sagte Erasmus in gedämpftem
Ton »Ich bin wieder einmal im Zweifel ob ich Ihnen etwas erzählen soll«
    »Was ist denn nun wieder Sie machen mich wirklich nervös Erasmus Ich will
lieber nichts mehr mit Ihren Geschichten zu tun haben«
    »Es sind gar nicht meine Geschichten sie passieren mir nur«
    »Also «
    »Also diese Elisabet ist identisch mit Lucy  vielmehr mit der Dame die
ich neulich in der Bar für sie gehalten habe«
    »Sie haben wohl tatsächlich schon Halluzinationen« sagte Käte und
schüttelte ihre müde Zerstreutheit ab
    »Nein dies war keine  ich erkannte sie gleich wieder als ich sie auf der
Treppe traf und jetzt bin ich meiner Sache vollkommen sicher Sie hat sogar
dasselbe Kleid an«
    »Und hat sie Sie auch wiedererkannt«
    »Zweifellos aber sie will nichts davon wissen«
    »Das ist nun allerdings eine unangenehme Geschichte« meinte Käte
nachdenklich Dann wurden sie unterbrochen der alte Josias kam er war von
seinem Ausgang zurückgekommen und wollte fragen ob man seiner noch bedürfe So
überließ man ihm das Weitere und ging zu den anderen hinüber
    Elisabet wollte schon um zehn aufbrechen sie habe morgen früh Unterricht
sagte sie und müsse ausschlafen Dann sträubte sie sich in fast auffälliger
Weise gegen Hennings Begleitung sie wolle keine Störung verursachen und sei
gewöhnt allein zu gehen Schließlich bat sie man möchte ihr ein Auto rufen
und hoffte auf diese Weise allein fortzukommen Es geschah aber Henning
begleitete sie hinunter und stieg dann ohne weiteres mit ein
    »Was war denn das jetzt« sagte Werner der mit Käte allein geblieben war
»sie wollte nicht absolut nicht und der Baron sah sie die ganze Zeit an wie
ein Tierbändiger Dann fährt sie davon und er verschwindet ebenfalls Ihnen ist
auch irgend etwas nicht ganz recht   Ja das Leben « und er tat ein paar
große Schritte auf und ab »Ihr Jugendfreund heißt Burmann wie ich vorhin hörte
 war es nicht auch ein Burmann der junge Mensch der sich umbrachte«
    »Ja sein Vetter«
    »Nun mir scheint es geht um Sie herum ganz interessant zu Komplizierte
Menschen und komplizierte Ereignisse«
    »Ach nein« sagte Käte bedrückt »wir sind alle ganz gewöhnliche Menschen
aber der liebe Gott spielt ein bisschen Verhängnis mit uns  « Henning hatte sich
auf dem Rücksitz niedergelassen um dem jungen Mädchen ins Gesicht sehen zu
können »Was meint also Herr Werner zu Ihren schauspielerischen Leistungen«
    »Er war ganz zufrieden« erwiderte sie unruhig »und möchte mit meinem Onkel
sprechen Eine lange Rede hat er mir darüber gehalten ich sei noch zu unruhig
und sprunghaft aber an Talent fehle es mir nicht«
    »Nein das glaube ich auch« sagte Henning langsam und betont  »Wie wollen
Sie das wissen«  »Nun Sie haben Ihre Rolle damals und heute abend wieder
recht gut gespielt Aber ich werde keinesfalls mit Ihrem Onkel darüber
sprechen«
    Wieder traf ihn ein unruhiger Blick und sie versuchte überlegen zu lächeln
    »Wissen Sie Herr Baron ich habe schon öfters von Ihnen sagen hören Sie
wären ein sonderbarer Mensch Mit mir sind Sie wirklich nun recht sonderbar 
Was wollen Sie eigentlich von mir«
    »Und warum sagen Sie das so gereizt  Das war ungeschickt Ihr Talent
versagt doch manchmal Dagegen wäre es kein übler Effekt wenn sie jetzt sagen
wollten dass Sie mich wiedererkannt haben«
    »Nun ja« sagte Elisabet mit einem raschen Entschluss »ich habe Sie gleich
wiedererkannt aber Sie verstehen wohl dass es eine unangenehme Situation für
mich ist« Beide schwiegen Das Auto fuhr langsam da noch viel Verkehr auf der
Straße war und Elisabet sah mit ihren lebhaften Augen zum Fenster hinaus als
ob sie das sehr interessierte
    Sie ist leichtsinnig und gefasst dachte Henning dann beugte er sich ein
wenig vor und sagte mit einem Lächeln »Also   Lucy«
    Sie zuckte leicht zusammen »So sagen Sie mir jetzt bitte warum haben Sie
mich immer so genannt Ich habe Ihnen schon mehrmals gesagt dass ich nicht so
heiße«
    »Darauf habe ich nicht geachtet ich war den Abend nicht ganz normal wie
Sie vielleicht auch bemerkt haben Die Art unserer Bekanntschaft war ja auch
nicht grade normal oder sagen wir nicht die in unseren Kreisen übliche«
    Elisabet sah sehr jung und ziemlich beschämt aus und fragte
    »Ich weiß Es ist wohl eine dumme Frage wenn man sich so benimmt wie ich
damals aber sagen Sie mir bitte
    Für was haben Sie mich eigentlich gehalten«
    »Für Lucy wie Sie schon wissen«
    »Wer ist das« fragte sie weiter  »das heißt also Sie haben mich mit einer
anderen verwechselt«
    »Wenn man es so nennen will ja Es tut mir leid eine so ungalante Tatsache
zugeben zu müssen«
    »Geschieht mir ganz recht« sagte das Mädchen plötzlich mit amerikanischer
Nüchternheit »Ich weiß ja selbst nicht was mir damals eingefallen ist Ich
habe mich so gelangweilt seit ich hier bin und bekam auf einmal Lust mich
unsinnig zu amüsieren Was geschehen ist kann man nicht mehr ändern Aber ich
weiß schon   «
    Sie wurde während sie sprach immer lebhafter und zutraulicher wie ein
Kind das seine ungezogenen Streiche erzählt und bis zu einem gewissen Grade auf
Verständnis rechnet »  Ich fürchte überhaupt ich bin leichtsinnig und das
nimmt einmal ein schlechtes Ende«
    »Ja« sagte Henning »man darf sich einen solchen Leichtsinn nicht leisten
als junge Dame die zur Gesellschaft gehören will Von mir haben Sie nichts zu
befürchten aber dass Sie gerade an mich gerieten war nur ein liebenswürdiger
Zufall«
    »Und Sie Verachten Sie mich jetzt nicht wie die Mädchen in Romanen immer
fragen«
    »O nein dazu bin ich abgesehen von allem anderen viel zu höflich Darf
ich ganz offen mit Ihnen reden  Sind Sie erst eine berühmte Schauspielerin so
machen Sie was Sie wollen da sieht man Ihnen durch die Finger und nimmt von
vornherein an dass Sie kein Musterleben führen Einstweilen aber sollten Sie
sich Ihrer Existenz als beschütztes junges Mädchen anpassen sonst kommen Sie
unter die Räder   Sonderbarerweise komme ich öfters in die Lage derartige
Mahnreden zu halten  Ihr jungen Mädchen seid eine schwierige Sache Man möchte
so gerne sagen Amüsiert euch nur Kinder das Leben ist kurz genug aber man
darf nicht«
    »Wenn es nun aber nicht mehr zu ändern ist« sagte Elisabet wieder mit
einer Beimischung von Eigensinn und Erasmus maß sie mit einem langen Blick
während ihr eine heiße Röte ins Gesicht stieg
    »Wir sind jedenfalls in eine wunderliche Beziehung zueinander geraten und
ich denke gerade darüber nach wie wir uns da aus der Affäre ziehen«
    Er machte eine Pause und dachte an ganz andere Dinge
    »Sagen Sie mir bitte noch das eine Haben Sie hier  nach dem Vorher frage
ich nicht  schon öfters solche Abendunternehmungen gemacht und dann  wie kamen
Sie zu dem schwedischen Herrn«
    »Den kenne ich aus der Pension wo ich zuerst wohnte  und es ist nichts
dahinter Ich war an dem Abend im Theater zum erstenmal allein sonst hat mich
immer einer von den Onkeln begleitet Da traf ich ihn er lud mich ein mit ihm
zu essen Gott und dann bekam man Lust noch etwas zu unternehmen und wir
gingen in die Bar «
    Das Auto hielt
    »Wir sind schon da Trinken Sie noch eine Tasse Tee bei mir« sagte
Elisabet hastig »Ich habe jetzt eine eigene Wohnung«
    »Ja ich möchte wohl noch etwas weiter mit Ihnen sprechen«
    Man stieg aus und sie führte ihn in ihre Wohnung die erst flüchtig
eingerichtet war und den Eindruck machte es würde wohl auch so bleiben Alles
lag und stand ein wenig achtlos durcheinander
    »Es war noch nie Besuch hier« entschuldigte sie sich »ich gehe morgens
früh fort zum Unterricht und nachmittags zum Zuschauen in die Teaterproben So
wird es hier immer noch nicht fertig«
    Ihre Mutter war sicher noch eine Indianerin dachte Henning die irgendwo im
Urwald ihren Haushalt führte Ich fange an die Sorgenfalten der Käuze zu
verstehen
    Das Mädchen mochte seine Gedanken erraten und sagte die Onkel kämen nie
hierher und es habe einen großen Kampf gekostet bis man sie alleine wohnen
ließ
    Im Nebenraum sah man ein Bett und einen großen Spiegel Henning räumte
nachsichtig einige Kleider von einem breiten Sessel während Elisabet Hut und
Mantel nebenan auf das Bett warf und dann die Tür hinter sich zuzog Dann sollte
sie weiter von dem Schweden erzählen aber sie hatte ihn nur einmal auf der
Straße gesehen ehe er abreiste und wusste sonst nichts über ihn
    »Was sagte er denn über den Verlauf des Abends«
    »Er fand ich hätte ihn schnöde behandelt aber er lachte darüber
besonders dass Sie ihn so zornig behandelten und dass Sie mich beständig Lucy
nannten Dann meinte er er sei Ihnen früher schon einmal begegnet wusste aber
nicht wer Sie wären«
    »Ah das wollten Sie also von ihm erfahren Es ist doch recht schlimm
Elisabet  Sie wussten nicht einmal wer ich sei«
    »Ja« gab sie kleinlaut zu »er war auch sehr neugierig und fragte alles
mögliche Ich habe ihm nur gesagt Sie wären nachher ganz vernünftig geworden
und hätten mich ganz korrekt nach Hause gebracht«
    »Und jetzt Sehen Sie mich nur nicht so unglücklich an Unser Abenteuer ist
etwas eigenartig hat aber den Vorteil dass niemand außer uns beiden darum weiß
Ich schlage Ihnen vor wir ignorieren es und verkehren weiter miteinander als
ob nichts geschehen sei Ihre drei Onkel wissen dass ich Sie bei Frau Tergens
kennengelernt habe wir werden uns nun wohl öfters sehen und uns zwanglos
begegnen wie das in unseren Kreisen üblich ist Vielleicht werden wir noch ganz
gute Freunde  Oder finden Sie dass ich Sie nach dem was vorgefallen ist
heiraten müsste Ich kann Ihnen nur davon abraten  aus allen möglichen Gründen«
    Ihr kam dieser Gedanke so unerwartet dass sie hell auflachte
    »Nein das brauchen Sie nicht Ich glaube ich bin überhaupt keine Frau zum
Heiraten« Dann fügte sie ernster hinzu »Ich war damals wirklich etwas verliebt
in Sie und es reute mich dass ich nicht einmal wusste wer Sie waren«
    »So« sagte Henning und sah sie scharf an
    »Das war aber doch Ihre eigene Schuld Sprechen wir nicht mehr davon Und
jetzt ist es vorbei«
    »Ja  ich danke Ihnen dass Sie die Sache so gentlemanlike geordnet haben«
    Er stand auf um zu gehen und gab ihr die Hand
    »Sie sind eigentlich ein liebes Mädel Elisabet aber geben Sie mehr acht
auf sich Schaffen Sie zum Beispiel das Chaos hier in Ihrer Wohnung ab und
überhaupt  Chaos tut niemals gut vor allem in äußeren Dingen Ich fühle jetzt
beinah so etwas wie Verantwortung für Sie «
    Sie nahm die Lampe und leuchtete von der Treppe aus bis er die Haustür
gefunden hatte Er sah sich unten noch einmal um ihr warm getöntes lebhaftes
Gesicht lächelte und sie warf die Locke zurück  Henning nickte ihr zu und
unterwegs fiel ihm ein dass er ihr ja noch von Lucy erzählen wollte und manches
andere Aber man würde nun wohl öfters zusammenkommen und das war ihm ein ganz
sympatischer Gedanke
    Es kam dann auch so dass sie sich in der nächsten Zeit häufig sahen aber
das gemeinsame Abenteuer wurde nicht mehr erwähnt Henning begegnete ihr mit
Korrekteit die sogar einen Anflug von Strenge hatte Er rügte ihr zerfahrenes
Wesen und hatte jeden Augenblick etwas an ihrer Toilette oder ihrem Benehmen
auszusetzen Sie lachte dann wohl nahm es sich aber doch mehr zu Herzen als
wenn ihre bisherigen Beschützer sie zu erziehen versuchen So bemühte sie sich
ihre Wohnung besser in Stand zu setzen und lud ihn dann ein sie einmal wieder
zu besuchen Aber er lehnte es kurzweg ab man traf sich immer nur in
Gesellschaft der anderen oder machte nach ihrer Teaterstunde einen Spaziergang
miteinander
    Werner war inzwischen wieder abgereist nachdem er Doktor Augustin
kennengelernt und des längeren mit ihm über seine Nichte gesprochen Er hatte
sich inzwischen noch eingehender mit ihr beschäftigt und äußerte sich in
unbestimmten Ausdrücken Gewiss es sei alles mögliche da was sich entwickeln
und herausbilden ließe aber auch ihm gab die eigenwillige Sprunghaftigkeit des
Mädchens zu denken Wenn man eine Rolle mit ihr durchnahm war sie manchmal ganz
bei der Sache und zeigte die besten Ansätze aber gleich darauf hatte sie Gott
weiß was für andere Gedanken im Kopf und war zu nichts mehr zu brauchen
»Strenge künstlerische Zucht tut ihr not« sagte Werner »und Abschleifen in
jeder Beziehung Vielleicht ein rauer Diamant der die Mühe lohnt vielleicht
auch nur ein hübscher blanker Kieselstein«
    Das gab den Käuzen viel zu denken und zu reden Sie hatten zwar schon häufig
ähnliche Erwägungen gemacht aber sie waren dabei unter sich gewesen Das
Problem war sozusagen in der Familie geblieben jetzt begannen sich auch andere
dafür zu interessieren das störte und beunruhigte sie
    Eines Nachmittags saß Henning wieder bei ihnen und zufällig hatte sich auch
Käte eingestellt was sonst selten vorkam
    »Was macht Ihr Diamant« fragte Henning »geht es gut vorwärts mit dem
Abschleifen« Er hatte Elisabet in der letzten Woche nur flüchtig gesehen Aber
Augustin war herzlich schlechter Laune und sagte mit einem Anflug von
Galgenhumor der eine neue Erscheinung an ihm war
    »Nein wir kommen nicht damit zu Rande Entweder muss ich jetzt heiraten
damit das Mädchen eine Art Familie hat oder man muss sie selbst unter die Haube
bringen mit einem Mann der sie zu beeinflussen weiß«
    Weintrapp und Leidhecker wechselten erstaunte befremdete Blicke solche
gewaltsame Scherze lagen sonst gar nicht in seinem Stil Er fühlte das auch
selbst und lenkte wieder in die gewohnte an diesem Stammtisch herkömmliche
Redeweise ein
    »Ich gedachte hiermit keine Frivolität zu sagen sondern meinte es ganz im
Ernst« sagte er »Das Kaffeehaus ist zwar nicht der geeignete Ort um darüber
zu sprechen aber da wir hier unter uns sind  Kurzum Sie wissen dass
Elisabet inzwischen einige Bälle besuchte und bei dieser Gelegenheit hat ein
Herr Sie kennengelernt der sie zu heiraten wünscht Ich möchte
selbstverständlich noch keinen Namen nennen aber er war schon bei mir hat
nicht grade direkt um sie angehalten sondern  wie soll ich sagen  mich nur
darauf vorbereitet dass dieses geschehen würde sobald er sich ihrer Zustimmung
einigermaßen sicher fühlt «
    Käte musste unwillkürlich lachen dieser vorsichtige Bewerber würde sich
sicher gut mit den Käuzen verstehen Henning aber ärgerte sich Da wurde so viel
über das Wohl und Wehe dieses Mädchens geschwätzt und schließlich war es doch
allen am bequemsten sie mit dem ersten besten Trottel zu verheiraten Er hatte
sie gern und fand es schade um sie Sie war ein warmherziges impulsives Wesen
und zeigte ihm gegenüber eine fast kindliche Anhänglichkeit Er nahm sich vor
sich wieder mehr um sie zu bekümmern eben jetzt hatte er sie ein wenig
vernachlässigt weil ihm andere Dinge im Kopf lagen
    »Was sagt sie denn selbst dazu« fragte er brüsk
    »Das eben« sagte Augustin »das eben hat mich ein wenig aus der Fassung
gebracht Sie lachte erst und fragte ob er Geld habe viel Geld und schilderte
mir aufs ausführlichste wie sie sich dann das Leben zu gestalten wünsche Dann
wurde sie wieder ernst sagte sie dächte gar nicht daran und fände den
betreffenden Herrn unausstehlich Ferner erklärte sie mir noch an demselben
Tage vom Theater habe sie vorläufig genug es habe sie anfangs gelockt und
gereizt aber als dauernder Beruf sei es eben doch nichts für sie Jetzt sehne
sie sich nur danach Musik zu treiben Sie ist tatsächlich musikalisch recht
begabt aber es wird allmählich eine Kalamität mit all ihren Talenten und dem
gänzlichen Mangel an Ausdauer  Nach dieser Aussprache ist sie dann nicht mehr
bei mir gewesen so suchte ich sie dieser Tage in ihrer Wohnung auf « Augustins
Augen weiteten sich als habe er dort ganz ungewöhnliche Eindrücke erlebt  »sie
sitzt den ganzen Tag am Klavier und spielt Nein das kann nicht so
weitergehen«
    »Elisabet ist ein Kind« sagte der schweigsame Leidhecker »das meinte die
Frau Kommerzienrat auch  ich sprach gestern mit ihr über die Aufführung bei
der Elisabet jetzt plötzlich nicht mehr mitwirken will«
    Käte fragte um was für eine Aufführung es sich handle und Augustin
erzählte es solle im Hause Schönlank ein Diner gegeben werden mit nachfolgenden
künstlerischen Darbietungen an denen sich auch talentvolle Dilettanten
beteiligten
    Man vertiefte sich in Einzelheiten das Gespräch drehte sich nun endlos und
ausschließlich um dieses Diner sowie die kulinarischen und künstlerischen
Genüsse die es bieten sollte Die Käuze hatten einige interessante alte Rezepte
ausgegraben und sie ausführlich mit der Frau Schönlank besprochen Elisabet
hatte schon mit jenem Herrn der sich um sie bewerben wollte eine Rolle geprobt
und musste unter allen Umständen dazu bewogen werden ihren Widerstand
aufzugeben Auch an Henning wandte Augustin sich mit einer dringenden Ermahnung
die Einladung nicht auszuschlagen Er antwortete ausweichend und brach gleich
danach auf
    »Lassen Sie ihn doch mit Schönlank zufrieden« sagte Käte als er gegangen
war »er mag die Leute nicht und das Zureden verstimmt ihn nur«
    »Es ist aber tatsächlich von Wichtigkeit für ihn gnädige Frau  Ich kann
Ihnen das nicht im einzelnen auseinandersetzen es ist gewissermaßen noch
Geschäftsgeheimnis Nur so viel möchte ich sagen dass der Kommerzienrat von den
besten Absichten für unseren gemeinsamen Freund erfüllt ist wenn ihm dieser nur
ein weniges entgegen kommen wollte«
    »Etwa eine von seinen Töchtern zur Baronin machte  ja das glaube ich
gern«
    »Sie tun dem Mann unrecht Er ist wie ich ihn kenne durchaus kein
berechnender Charakter Seine Eitelkeit wenn man es schon so nennen will liegt
auf ganz anderem Gebiet Er ist ein mächtiger und einflussreicher Mann und wo er
einmal Sympatie für jemanden gefasst hat macht es ihm die größte Freude jene
beiden angenehmen Dinge für ihn geltend zu machen«
    
    »Warum hat er nur diese auffallende Sympatie für Henning« meinte Käte
nachdenklich
    »Viele haben Sympatie für ihn« bemerkte Leidhecker »aber er hat keine
Verwendung dafür«
    Augustin liebte es nicht wenn man ihn durch Zwischenbemerkungen störte er
quittierte daher diese nur mit einem flüchtigen Lächeln und fuhr dann fort wie
schon gesagt könne er keine Einzelheiten darüber sagen aber Schönlank habe
eine Stellung für ihn im Auge welche für Henning den Ausweg aus allen
Schwierigkeiten bedeute
    »Meinen Sie denn dass er überhaupt in einer Stellung irgend etwas leisten
wird«
    Ihre Frage klang sehr ungläubig
    »Der Baron ist begabt« sagte Leidhecker und Weintrapp der Zeitungen las
nickte zustimmend
    »Selbst das wäre hier nicht einmal nötig Für die Leistungen sind andere
Leute da Er braucht nur zu repräsentieren vorhanden zu sein und ich
wiederhole dem Herrn Schönlank ein wenig entgegenzukommen«
    Auch diese beiden Fähigkeiten traute Käte ihm nicht recht zu aber sie
sprach das nicht aus
    »Reden Sie ihm zu« sagte Augustin geheimnisvoll und eindringlich »Tun Sie
Ihr möglichstes gnädige Frau dass Henning das Diner nicht versäumt Man legt
Wert darauf dass er gerade bei dieser Gelegenheit erscheint«
    »Gewiss gerne soweit ich da etwas ausrichten kann Wenn man Ihnen heute
zuhört lieber Doktor möchte man beinah glauben dieses Diner sei eine magische
Veranstaltung wo jeder der ernstlich danach trachtet sein Lebensglück
ausgehändigt bekommt  Ihre Nichte Henning  vielleicht findet sich auch für
mich noch etwas«
    »Sie brauchen es nicht Frau Käte «
    Sie war schon aufgestanden Augustin begleitete sie bis an den Ausgang
    »Allen Scherz beiseite gnädige Frau« sagte er »ich hatte kürzlich einen
Brief von dem alten Baron er macht sich schwere Sorge um seinen Sohn  und ich
auch Durch einen Zufall habe ich allerhand über ihn erfahren ich fürchte er
ist da in Dinge hineingeraten die ihm den Hals brechen können wenn nicht etwas
geschieht «
    »Wenn er nicht zum Diner des Kommerzienrats geht« antwortete Käte mit
einer Nuance von Gereiztheit
    »Gewiss ja er hat auch mir gegenüber so etwas geäußert Es scheint dass er
spielt  was weiß ich Es wird auf die Dauer langweilig und ermüdend wenn ein
ausgewachsener Mensch immer Sorgenkind bleibt«
    Und als sie Henning das nächste Mal traf sagte sie ihm
    »Nun wie stehts Sie werden doch hingehen  zu Schönlanks meine ich
Man will Sie retten Ich weiß nicht inwieweit Sie Rettung brauchen aber
überlegen Sie es sich rechtzeitig Natürlich gehe ich auch hin und wenn wir
einen stimmungsvollen Platz finden können wir ja wieder einen
Annäherungsversuch machen  Übrigens werde ich Hans Burmann heiraten um diese
Frage endlich aus der Welt zu schaffen«
    Henning lachte »Aber Käte was ist denn in Sie gefahren Sie werden ja
ganz brutal Natürlich wünsche ich Ihnen alles Glück und Hans ebenfalls«
    Er machte seinen Besuch bei Schönlanks und wurde mit strahlender
Liebenswürdigkeit empfangen Dann gab es eine längere Privatunterhaltung mit dem
Kommerzienrat der ihn ungemein vorsichtig behandelte und sich nur in
Andeutungen erging So sondierte er flüchtig ob Henning wohl gewillt sei es
mit einer Stellung zu versuchen die nur geringe Ansprüche an Fachkenntnis
stellte aber diese und jene Vorteile böte  deutete an dass er Gelegenheit
haben würde die massgebenden Persönlichkeiten bei dem geplanten Fest
kennenzulernen  es sei auch dies nur Formsache als solche aber von
Wichtigkeit
    Henning war an diesem Vormittag in friedfertiger Stimmung und ließ alles mit
stummer Resignation über sich ergehen Nur als Schönlank äußerst behutsam
andeutete dass sich wohl auch ein Modus finden würde pekuniäre Schwierigkeiten
zu arrangieren zuckte er ein wenig und dachte an den Pferdefuss Wenn dieser
Mann wirklich genau über ihn orientiert war musste etwas ganz Besonderes
dahinterstecken oder aber er war von einer sinnlosen Nächstenliebe besessen
    Vielleicht hatte Schönlank dieses Zucken bemerkt denn er sprang rasch
wieder von dem heiklen Punkt ab erzählte von den künstlerischen Darbietungen
des Abends und erwähnte so nebenbei es werde auch ein schwedisches Tänzerpaar
erwartet das schon voriges Jahr hier geweilt habe ohne jedoch aufzutreten Er
nannte auch die Namen und Henning fiel dabei die Visitenkarte des verdammten
Schweden ein spätestens am 15 Februar Es stimmte alles ganz genau und war
vielleicht ein eigentümliches Zusammentreffen aber er wunderte sich nicht
darüber Der Kommerzienrat war sichtlich dazu ausersehen sein Schicksal in die
Hand zu nehmen und ein ganzes Füllhorn erwünschter Dinge über ihn auszuschütten
Nur kam er wahrscheinlich damit zu spät
    Es war Mittag vorbei als sie sich unter herzlichem Händeschütteln trennten
Der Kommerzienrat begab sich zu seiner Familie und Henning ging nach Hause Man
hatte Elisabet eingeladen und er fand sie und Burmann schon bei Tisch Die
beiden verstanden sich ausnehmend gut und Henning machte eine Bemerkung
darüber als er in das Zimmer trat Er meinte sie sähe heute ganz besonders
artig und gesetzt aus gewiss habe Burmann ihr gerade wieder eine ihrer neuesten
Launen ausgeredet sogar die Locke in der ihr ganzer Eigensinn stecke sei
ausnahmsweise am rechten Platz Worauf das Mädchen mit raschem Aufblick
antwortete Ja hier im Hause sei ihr am allerwohlsten und dann verhielten sich
auch ihre Launen und Locken ruhiger
    Dann erzählte Henning von seinem Besuch erklärte ohne weiteres Elisabet
möchte jetzt ihre Proben wiederaufnehmen es sei eine ausgemachte Sache dass sie
alle beide das Fest mitmachen würden Wenn er zu Kreuz krieche solle sie ihm
wenigstens dabei Gesellschaft leisten Elisabet nickte
    »Warum ist denn Käte nicht erschienen« fragte er »oder kommt sie noch«
    »Nein sie war verhindert du wirst die Herren Onkel nachher beruhigen
müssen dass wir ihre Nichte ohne Gardedame empfangen haben«
    »Sie mag mich nicht« meinte Elisabet »und übrigens möchte ich das Recht
haben hier im Hause aus und ein zu gehen wie es mir und Ihnen passt«
    Man versuchte ihr diesen Gedanken auszureden warum sollte Käte etwas gegen
sie haben aber die beiden Freunde fühlten dass wohl etwas Richtiges daran sein
mochte und dann versprachen sie die Frage des unbeschränkten Gastrechts näher
zu erwägen
    »Wenn ich wieder zurück bin« sagte Burmann »ja ich denke nämlich auf ein
paar Tage fortzugehen Jetzt mitten im Winter einerlei ich bin überarbeitet
und muss ein wenig ausspannen«
    Noch während er darüber sprach rasselte das Telefon und Josias meldete
dass ein Patient dringend seinen Besuch wünsche Burmann legte die Serviette weg
    »Da können Sie sich einen Begriff machen Elisabet was Pflicht heißt Ein
schönes bittres Wort das Sie nur vom Hörensagen kennen« Damit ging er
    Henning nahm sie mit herüber in sein Zimmer das sie gerne sehen wollte Sie
betrachtete alles entdeckte schließlich auch den vergoldeten Schuh auf dem
Schreibtisch und fragte ob der aus seiner eigenen Kinderzeit stamme Nein und
Henning begann ihr die Geschichte dieses Schuhes zu erzählen Elisabet saß
dabei auf dem Schreibtisch und ließ die Füße herabhängen Es wunderte ihn dass
es sie so erregte aber sie wurde bleich bis in die Lippen und schauderte
sichtlich
    »Ja mein Gott« unterbrach er sich »was haben Sie denn Wenn Sie dies
fremde Schicksal so erregt  und Sie wollen Schauspielerin werden«
    »Nein das will ich nicht mehr« und sie nahm sich wieder zusammen »ich
tauge nicht dazu Ich tauge überhaupt zu nichts Was ich auch anfange immer
dasselbe Aber das sind nicht nur Launen wie ihr meint Und mit dem Leben geht
es mir genauso Es ist ja« sie bekam plötzlich wieder Farbe und sprang auf »es
ist manchmal so schön leichtsinnig zu sein und dann ist auch das wieder
nichts« dabei hatte sie ein frivoles Lächeln und sah ihn sonderbar an dann
verschwand das Lächeln und ihre Augen wurden matt und dunkel Sie nahm den
Schuh noch einmal in die Hand »Wissen Sie was Henning« sagte sie langsam und
ohne Pose »am liebsten möchte ich denselben Weg gehen wie diese Hedy ich habe
nur den Mut nicht Und vor allem nicht allein«
    »Warten Sie noch vielleicht leiste ich Ihnen Gesellschaft«
    »Warten worauf«
    »Nun zum mindesten warten wir noch das berühmte Diner ab Vielleicht denken
wir nachher alle beide anders darüber«
    Sie schwieg und er versuchte diese Szene absurd zu finden aber es wollte
ihm nicht recht gelingen Wenn sie nur jetzt nicht anfängt zu weinen wie die
Kleine damals Dann werde ich sie zu trösten suchen und wer weiß wie das
endet aber Elisabet weinte nicht sondern sah ihn gerade an und sagte
    »Ist das Ihr Ernst  ich meine dass Sie auch solche Gedanken haben«
    Er zuckte die Achseln
    »Mir ist eigentlich nie etwas ernst Ich hänge weder am Leben noch sehne
ich mich danach es los zu sein  aber« fuhr er halb gedankenlos fort mit
einer tiefen Falte zwischen den Augen »es könnten Umstände eintreten die mir
nicht viel Wahl lassen Übrigens spreche ich das heute zum erstenmal aus
komischerweise gerade Ihnen gegenüber Das ist vielleicht ebenso sinnlos wie
unser Irrtum an jenem Abend Oder es ist nur Hedys Schuh daran schuld«
    »Wieso Was für Umstände« wollte sie wissen Er setzte sich in den Sessel
vor dem Schreibtisch und spielte mit dem Federhalter der vor ihm lag
    »Geldgeschichten Elisabet Ja sehen Sie mich nur so an Sie denken ich
sei ein Gentleman das denken bisher alle die mich kennen Ich halte mich ja
auch selbst dafür aber  verstehen Sie  meine Geldaffären sind auf einen Punkt
geraten wo ich eventuell nicht mehr dafür gelten könnte Das liegt mir nicht
wenn ich auch ein äußerst indolenter Mensch bin es würde mich doch wohl zu
einem Entschluss treiben der die ganze Sache erledigt Sie haben doch gewiss
schon hin und wieder gehört dass sich Männer wegen derartiger Angelegenheiten
eine Kugel vor den Kopf schießen«
    Das Mädchen sah ihn immer noch an als habe sie nicht recht begriffen
    »Aber wie gesagt ich habe noch eine Weile Zeit es mir zu überlegen
Jedenfalls gehen wir erst zusammen zu dem Diner Und jetzt wollen wir
Spazierengehen um auf andere Gedanken zu kommen«
    Unterwegs erzählte er ihr dass auch Lucy da sein werde Er sei recht
neugierig wie es nun diesmal mit ihr ausgehen werde Jedenfalls würde sie nun
wohl aufhören ein Phantom zu sein «
    »Und Sie werden uns wohl nicht noch einmal miteinander verwechseln« sagte
Elisabet nachdenklich
Der Tag es kommerzienrätlichen Festes war herangekommen Burmann war verreist
und Henning den ganzen Nachmittag allein zu Hause Er befand sich in einem
Zustand von unerträglicher Nervosität und ging ruhelos von einem Zimmer in das
andere Dann wieder sah er zum Fenster hinaus oder nach der Uhr die heute
überhaupt nicht vorzurücken schien Einmal dachte er daran Käte aufzusuchen
gab es aber gleich wieder auf Es war keine Freude mehr dabei wenn sie zusammen
waren Henning war sich noch nicht darüber klargeworden ob sie ihre kürzlich
geäusserten Zukunftspläne im Ernst gemeint habe aber er fühlte dass sie ihn mehr
und mehr fallen ließ und sich anderen Gedanken zuwandte Die Käuze mochte er
ebenfalls nicht sehen Sie würden nur wieder vom Diner reden und das konnte er
nicht mehr anhören wenn er auch entschlossen war es mitzumachen Schließlich
kam ihm der Gedanke Elisabet aufzusuchen sie würde ihm wenigstens
Gesellschaft leisten und dann fuhr man gleich zusammen zu Schönlanks Um sieben
Uhr sollte das Fest beginnen und jetzt war es halb fünf Er rief Josias und
begann sich rasch umzukleiden Der Alte versuchte einen Scherz um ihn
aufzuheitern
    »Der Herr Baron haben heute Ballfieber wie eine junge Dame«
    »Es ist kein Ball Josias es ist ein Diner«
    »Nun ich meine das kommt wohl auf dasselbe hinaus Wenn Herr Baron keine
Lust haben sollten Herr Baron doch lieber nicht hingehen«
    »Du hast leicht reden  Höre Josias« sagte er dann während er vor dem
Spiegel stand und den Kragen zuknöpfte »ich muss hingehen weil der
Kommerzienrat mir eine Stellung verschaffen will  eine Stellung Josias  es
wird jetzt Ernst mit uns blutiger Ernst«
    »Ich weiß Herr Baron« sagte der Alte glaubte aber immer noch nicht daran
»Es ist schwer für den Herrn Baron und unser alter Herr Baron hat die Schuld
Aber es wird gewiss alles wieder in Ordnung kommen und dann sind wir wieder
zufrieden«
    »Meinst du ich wäre unzufrieden  ja vielleicht kann man es auch so
nennen« Er hatte inzwischen die Krawatte gebunden und wandte sich nach Josias
um der den Frack bereitielt
    »Es geht mir sehr schlecht lieber Josias und vielleicht geht es eines
schönen Tages schief mit mir trotz allen Kommerzienräten Ich spreche nicht gern
darüber du verlierst sonst noch den Respekt Aber schließlich kommt so etwas in
den besten Familien vor und da erst recht nimmt sich aber doppelt schlecht aus
 Es könnte also sein dass ich fortgehe ins Ausland oder sonst wohin  man kann
das alles noch nicht wissen und du bleibst dann einfach beim Doktor Zu meinem
Vater möchtest du wohl nicht zurück oder«
    »Nein Herr Baron Aber gehen Herr Baron nur erst einmal zu dem Diner Dann
wird es schon wieder recht sein«
    Josias glaubte absolut nicht an Katastrophen die über seinen jungen Herrn
hereinbrechen könnten der hatte schon oft so geredet und es war immer alles
geblieben wie es war
    »Schön wir sind fertig rufe ein Auto und hörst du da liegen noch Briefe
von heute morgen auf dem Nachttisch Wirf die ganze Geschichte ins Feuer aber
vergiss es nicht«
    Unterwegs kaufte er einen großen Strauss Rosen für Elisabet Sie war zu
Hause hatte aber Besuch von einigen jungen Schauspielern und zwei Mädchen die
ebenfalls Kolleginnen vom dramatischen Unterricht waren Die ganze Gesellschaft
saß um den Tisch trank Wein und war laut und lustig
    Elisabet machte ihm selbst die Tür auf und war sehr überrascht Voller
Freude nahm sie die Rosen an sich »Danke schön wie hübsch dass Sie kommen und
schon in voller Gala«
    »Ich wollte Sie für heute abend abholen und gleich so lange hierbleiben
wenn ich Sie nicht störe«
    »Gewiss nicht aber es sind Leute bei mir «
    »Das habe ich schon bemerkt«  die Tür zum Wohnzimmer stand offen man hörte
Stimmengewirr und Lachen  »so ertappe ich Sie doch einmal wenn Ihre Onkel
nicht aufpassen«
    »Die sprachen erst davon mich abzuholen kamen aber glücklicherweise davon
ab Soll ich die Leute wegschicken«
    »Nein« antwortete Henning und legte im Flur seinen Pelz ab »ich habe gar
nichts dagegen vor diesem Abendzauber noch etwas Boheme zu mir zu nehmen und
mir anzusehen wie Sie leben wenn Sie nicht unter Aufsicht sind«
    Er bekam darauf die jungen Künstler und ihre Damen vorgestellt saß im Frack
dazwischen war liebenswürdig und guter Laune
    »Nun müsst ihr gehen es wird Zeit Toilette zu machen« sagte Elisabet als
es gegen sechs Uhr ging
    Sie wollten nicht sie wollten bleiben und sie in ihrer
Gesellschaftstoilette sehen Die Onkel hatten sich angestrengt und ihr ein sehr
schönes Kleid machen lassen das nebenan auf dem Bett lag Sie führte Henning
hinein um es ihm zu zeigen die anderen hatten es schon vorher bewundert Dann
setzte sie sich plötzlich neben das Kleid auf ihr Bett und sah ihn hilflos an
Er sah erst jetzt dass sie tiefe Schatten um die Augen hatte
    »Was ist mit Ihnen Kind« fragte er »eben waren Sie noch so lustig und
nun machen Sie ein Gesicht «
    »Nein ich bin gar nicht lustig und ich möchte heute abend lieber nicht
hingehen einfach zu Hause bleiben«
    »Ich auch nicht aber nun ist der ganze Apparat einmal in Szene gesetzt
Gehen wir nur wenn es auch vielleicht keinen Sinn hat« er fuhr sich über die
Stirn und sah sie wieder an »ich fürchte Sie haben schon einen kleinen
Schwips und mir geht es ebenso Man muss sich einen Ruck geben es geht doch
nicht an dass wir beide in angeheiterter Stimmung dort auftreten Denken Sie nur
an Ihren Freier  ja Augustin war so indiskret mir davon zu erzählen Sie
sollten sich die Sache jedenfalls überlegen und ihn derweil nicht vor den Kopf
stoßen Geordnete Lebensverhältnisse sind immer hin nicht zu verachten«
    Elisabet legte den Kopf auf das Kissen und lachte fassungslos richtete
sich aber gleich wieder empor und lehnte sich ein wenig an ihn Henning
streichelte sie sanft und vorsichtig spielte mit der eigensinnigen Locke die
heute wieder nicht am Platz bleiben wollte »Liebes Kind es ist besser wenn
wir jetzt Haltung bewahren wir haben sie alle beide nötig Mut Mut ziehen Sie
sich an auf dreiviertel sieben habe ich den Wagen bestellt«
    Die anderen lärmten nebenan
    »Ja gehen Sie hinüber«
    »Ein Teufelsmädel« bemerkte einer von den jungen Leuten der Eberhard
gerufen wurde und Henning wunderte sich dass die beiden Mädchen in dieses Lob
einstimmten Es war kein Kolleginnenton man schien sie wirklich gern zu haben
sprach anerkennend über ihr Talent ihre Erscheinung und dann wieder über andere
Sachen Die Zeit verging draußen rasselte ein Auto Und Henning bemerkte mit
Schrecken dass es schon zehn Minuten auf sieben war Elisabet blieb immer noch
im Nebenzimmer und schien sich nicht zu rühren
    Er ging an die Tür und sah hinein sie saß in einem hellblauen Kimono und in
aller Gemütsruhe vor dem Spiegel hatte sich frisiert und betrachtete sich nun
ganz versunken und mit ernstem Ausdruck
    »Es ist höchste Zeit« sagte Henning »wir kommen ohnehin zu spät und bei
einem Diner ist das peinlich«
    Sie fuhr herum
    »Ach das ist mir ja so gleichgültig  Ich muss erst noch ein Glas Wein
trinken«
    Damit schob sie sich an ihm vorüber setzte sich wieder zu den anderen und
ließ sich einschenken Henning ergab sich in sein Schicksal und wartete ab wie
es sich nun weiterentwickeln würde Ihm war zumut wie in einem Traum wo man
läuft und läuft und nicht vorwärts kommt Er sah deutlich den peinlichen Moment
vor sich wo sie beide verspätet anlangen würden aller Blicke sich auf sie
richteten begriff dass das eine Unmöglichkeit sei und rang mit dem Entschluss
allein zu fahren Dann aber kam sie gewiss nicht mehr nach und würde sich große
Unannehmlichkeiten zuziehen Das durfte er keines falls auf sich nehmen
    Er beugte sich vor und sprach leise auf sie ein Die Schauspieler schwätzten
untereinander ruhig weiter Von Henning hatten sie bisher nie gehört hielten
die beiden für ein Liebespaar und wollten so wenig wie möglich stören
    »Ich kann wirklich nicht« antwortete Elisabet und stützte den Kopf in
beide Hände »gehen Sie allein«
    »Weshalb nicht Sind Sie krank«
    »Nein ich bin nicht krank  es ist etwas anderes Ich mag nicht und es
hat auch keinen Zweck mehr« Ganz unvermittelt nahm sie die Hände herunter sah
ihn voll an und sagte »Lieber Henning es hilft Ihnen nichts Sie werden mich
doch heiraten müssen«
    Es dauerte eine ganze Weile bis er begriffen hatte dass sie in vollem Ernst
sprach und um was es sich handelte
    »Das auch noch« sagte er unwillkürlich
    »Und jetzt gehen Sie ich fühle mich heute nicht imstande alle die Leute zu
sehen ihnen etwas vorzuspielen Für sich werden Sie schon eine Entschuldigung
finden Denken Sie auch wie es sich ausnehmen würde wenn wir beide mit einer
solchen Verspätung ankämen« dabei lächelte sie wieder
    »Entschuldige Elisabet« rief eines der Mädchen vom Tisch herüber »aber
ihr kommt wirklich nicht mehr zurecht Willst du dich nicht anziehen ich helfe
dir Und dann müssen wir auch fort wir gehen ins Theater«
    »Ja komm und hilf mir Ich ziehe mich an damit sie nichts merken« sagte
sie leise zu Henning »Und Sie gehen jetzt« Sie gab ihm die Hand und zog das
Mädchen mit sich fort
    Henning ging aber nur auf die Straße hinunter lohnte den Chauffeur ab und
kam wieder herauf
    Oben war man inzwischen wieder munter geworden die ganze Gesellschaft
beteiligte sich an Elisabeths Toilette Man half ihr reichte ihr die Sachen
suchte nach Nadeln kritisierte es ging zu wie in der Teatergarderobe und
niemand ließ sich dadurch stören dass Henning wieder erschien
    »Närrische Leute seid ihr« sagte Eberhard »jeder von uns wäre froh darum
bei Schönlanks zu verkehren und ihr verplaudert die Zeit als ob das gar nicht
der Rede wert sei Ihr werdet um eine Stunde zu spät in die Gesellschaft
hineinplatzen und das macht einen verwünscht schlechten Eindruck Pass auf
Elisabet man wird dich nie wieder einladen«
    Elisabet sah sehr hübsch aus in ihrem lichtgelben Kleid mit einer von
Hennings Rosen im Haar und diesmal war alles an ihr in tadelloser Ordnung
selbst die Frisur ließ nichts zu wünschen übrig Sie nahm den Rosenstrauss in die
Hand verneigte sich mit gemässigtem Salonlächeln hielt eine Entschuldigungsrede
an einen fingierten Kommerzienrat etwas von oben herab wie eine große Dame die
sich wohl einen Verstoss gegen die Etikette leisten kann und trieb alle mögliche
Allotria
    »Nun stoßen wir noch einmal an« sagte sie dann »auf das Haus Schönlank
und ob es uns Glück bringen wird Kinder ihr wisst ja gar nicht was alles von
diesem Diner abhängt Und dann geht ihr alle Ich habe es mir überlegt ich
erscheine erst nach Tisch und nehme derweil meine Rolle noch einmal durch Und
Sie Baron«
    »Wenn Sie erlauben warte ich auf Sie ich werde mich ganz still verhalten«
    Zehn Minuten später waren alle gegangen und die beiden allein Sie sprachen
noch lange miteinander und fuhren dann in die Stadt um in einem stillen
eleganten Restaurant zusammen zu Abend zu essen Und dort kam eine beinah
leichte und fröhliche Stimmung über sie Sie saßen sich gegenüber beide immer
noch in Gesellschaftstoilette Elisabet hatte ihre Rosen mitgenommen Das Diner
war endgültig aufgegeben
    »Und haben Sie jetzt wirklich noch den Mut« fragte Henning lächelnd
    »Sehen Sie nur wie das Leben wieder hübsch und verlockend aussieht sobald
man aus den eigenen vier Wänden die alles wissen herauskommt«
    »Man müsste ja doch wieder dorthin zurück und dann geht es wieder nicht 
mit alledem was man sich angerichtet hat«
    »Nein gewiss es geht nicht« sagte Henning »Für mich wenigstens steht das
ganz fest  ich bin fertig rien ne va plus Das weiß ich schon seit einigen
Tagen ich dachte eigentlich nur um Ihretwillen heute noch dorthin zu gehen
Aber Sie«
    »Ich würde es sonst ja doch alleine tun« antwortete Elisabet mit
Festigkeit »heute morgen oder in drei Wochen was sollte sonst aus mir
werden«
    »Wir können es ja auch noch überlegen« meinte Henning
    »Wenn wir nun das Diner nicht versäumt hätten  jedenfalls denken jetzt
verschiedene Menschen an uns und warum wir nicht da sind Zum Beispiel der
Mann der mich heiraten möchte«
    »Wäre das nicht noch ein Ausweg gewesen Elisabet«
    »Nein«
    »Und Lucy wird da sein« sagte er »nun bleibt sie doch ein Phantom Auch
der verdammte Schwede  ich habe Ihnen doch erzählt  spätestens am 15
Februar das ist übermorgen Damit behält er nun vielleicht recht wenn es auch
anders gemeint war«
    Elisabet war tief in Gedanken versunken und manchmal kam ein verstörter
Zug in ihr Gesicht wie bei Menschen die nicht mehr ganz bei Verstand sind
»Wenn wir uns wenigstens geliebt hätten« sagte sie »dann wäre es viel
schöner«
    »Ja was können wir dafür Das Schicksal hat uns auch ohne das
zusammengeworfen und hat es nicht ganz geschickt gemacht wie so oft Es würde
uns übrigens nicht viel nützen Kind wir würden nur etwas mehr am Leben hängen
Aber ich mache Ihnen einen Vorschlag Elisabet wir nehmen einen Nachtzug
fahren irgendwohin an einen anderen Ort und bleiben noch einen Tag beisammen
oder zwei Dann wünsche ich spurlos von der Bühne zu verschwinden Was Sie tun
wollen steht bei Ihnen«
    »So wie ich da bin« fragte sie »ich möchte nicht noch einmal nach Hause«
    Henning lächelte »Gut bleiben wir so wie wir sind zum Andenken an das
Diner mit all seinen schönen Verheißungen Wir haben ja die Mäntel darüber
Kommen Sie Kind machen Sie sich fertig«
    Auf dem Weg zum Bahnhof zog er sie an sich »Ob wir uns nun lieben oder
nicht jetzt bleiben wir zusammen und es kann nichts Schlimmes mehr kommen Mir
war schon lange nicht mehr so froh und leicht wie heute abend«
    Die Käuze saßen am anderen Tage ratlos und verstört bei ihrem schwarzen
Kaffee Weder Elisabet noch der Baron Henning waren gestern abend im Hause des
Kommerzienrats erschienen sie hatten sich nicht einmal entschuldigt und ließ
sich auch heute nicht blicken Man hatte sich nach Henning erkundigt und von dem
alten Josias erfahren dass er seit gestern nachmittag nicht mehr zu Hause
gewesen sei und zwar wäre er im Frack fortgegangen Aber schließlich  man
kannte ihn und er hatte manchmal seine Einfälle jedenfalls beunruhigten sie
sich mehr um Elisabet Es wurde auch zu ihr ein Bote geschickt er fand die
Wohnung unverschlossen aber sie war nicht da Die Leute im Hause erzählten dass
gestern eine Gesellschaft von jungen Leuten bei ihr gewesen sei die sie nicht
näher zu beschreiben wussten verschiedentlich hatte man auch Autos vorfahren
hören
    Augustin war wie vor den Kopf geschlagen Was mochte das Mädchen angestellt
haben  war sie etwa mit diesen jungen Leuten fortgefahren Und wohin
    »Wir hätten dies Alleinwohnen niemals zugeben sollen« sagte er »ganz
abgesehen davon dass dies mit Schönlanks eine peinliche Affäre war die
schwerlich wieder in Ordnung zu bringen ist  wenn sie nun in schlechte
Gesellschaft geraten ist in einem unbewachten Augenblick auf leichtsinnige
Streiche verfällt  Der gleichen kommt ja vor «
    »Elisabet ist ein Kind« sagte Leidhecker beschwichtigend
    Käte hatte in bezug auf Erasmus andere und mehr zutreffende Ahnungen und
in plötzlicher Angst rief sie Burmann telegraphisch zurück
    Wieder ging die Kunde von einem aufregenden Doppelselbstmord durch
verschiedene Stadtviertel  diesmal atmeten die Eltern der jüngsten Generation
erleichtert auf denn der ominöse Verein hatte nichts damit zu tun  Und wieder
traf es Burmann die Toten zu rekognoszieren da er durch einen langen Brief von
Henning orientiert war
    Später erzählte er Käte Erasmus habe wieder ausgesehen wie ein schöner
Stierkämpfer mit breiter Stirn und breiter Brust und unendlich froh nicht mehr
in die Arena hinabsteigen zu müssen Dann las er ihr aus Hennings Brief vor Er
sagte darin es sei alles sehr merkwürdig gekommen aber er habe noch für eine
kurze Weile etwas kennengelernt das er beinah für Glück halten könnte Ihn
Hans Burmann bäte er den alten Josias zu behalten und seinem Vater möglichst
schonend alles mitzuteilen Es sei wirklich kein anderer Ausweg mehr für ihn
gewesen und er zählte hierfür Gründe auf die Burmann beim Vorlesen mit
Schweigen überging Käte möge er in aller Freundschaft grüßen und so weiter
    Während er ihr das vorlas erlebte er es zum erstenmal dass sie weinte Sie
mochte ihn doch wohl geliebt haben dachte Burmann
    Dann kam der alte Baron an er wurde allmählich vorbereitet wie das immer
zu geschehen pflegt und nahm alles gefasst entgegen Bei dem Begräbnis seines
Sohnes drückte auch der Kommerzienrat Schönlank ihm in tiefer und echter
Ergriffenheit die Hand Er ließ es höflich über sich ergehen und der unnahbare
Zug um seinen Mund wich keinen Augenblick
    Den Abend verbrachte er mit Käte und Hans Burmann ließ sich was sie
wussten über Elisabet erzählen und nahm Hedys vergoldeten Kinderschuh als
Andenken an sich weil ihn dieser ganz besonders an seinen letzten Besuch
erinnerte
    Bei der Trauerfeier auf dem Friedhof waren auch die vier Schüler vom
Selbstmordverein erschienen Sie hatten von der Tragödie gehört und obgleich
man ihnen auch dieses Mal wo sie ganz unbeteiligt waren nicht mit freundlichen
Blicken begegnete ließ sie es sich nicht nehmen einen Kranz auf das Grab zu
legen