1925_Kafka_DerProzess.html




        
                                  Franz Kafka
                                   Der Prozess
                                  Erstes Kapitel
         Verhaftung  Gespräch mit Frau Grubach Dann Fräulein Bürstner
Jemand musste Josef K verleumdet haben denn ohne dass er etwas Böses getan
hätte wurde er eines Morgens verhaftet Die Köchin der Frau Grubach seiner
Zimmervermieterin die ihm jeden Tag gegen acht Uhr früh das Frühstück brachte
kam diesmal nicht Das war noch niemals geschehen K wartete noch ein Weilchen
sah von seinem Kopfkissen aus die alte Frau die ihm gegenüber wohnte und die
ihn mit einer an ihr ganz ungewöhnlichen Neugierde beobachtete dann aber
gleichzeitig befremdet und hungrig läutete er Sofort klopfte es und ein Mann
den er in dieser Wohnung noch niemals gesehen hatte trat ein Er war schlank
und doch fest gebaut er trug ein anliegendes schwarzes Kleid das ähnlich den
Reiseanzügen mit verschiedenen Falten Taschen Schnallen Knöpfen und einem
Gürtel versehen war und infolgedessen ohne dass man sich darüber klar wurde
wozu es dienen sollte besonders praktisch erschien »Wer sind Sie« fragte K
und saß gleich halb aufrecht im Bett Der Mann aber ging über die Frage hinweg
als müsse man seine Erscheinung hinnehmen und sagte bloß seinerseits »Sie
haben geläutet« »Anna soll mir das Frühstück bringen« sagte K und versuchte
zunächst stillschweigend durch Aufmerksamkeit und Überlegung festzustellen wer
der Mann eigentlich war Aber dieser setzte sich nicht allzulange seinen Blicken
aus sondern wandte sich zur Tür die er ein wenig öffnete um jemandem der
offenbar knapp hinter der Tür stand zu sagen »Er will dass Anna ihm das
Frühstück bringt« Ein kleines Gelächter im Nebenzimmer folgte es war nach dem
Klang nicht sicher ob nicht mehrere Personen daran beteiligt waren Obwohl der
fremde Mann dadurch nichts erfahren haben konnte was er nicht schon früher
gewusst hätte sagte er nun doch zu K im Tone einer Meldung »Es ist unmöglich«
»Das wäre neu« sagte K sprang aus dem Bett und zog rasch seine Hosen an »Ich
will doch sehen was für Leute im Nebenzimmer sind und wie Frau Grubach diese
Störung mir gegenüber verantworten wird« Es fiel ihm zwar gleich ein dass er
das nicht hätte laut sagen müssen und dass er dadurch gewissermaßen ein
Beaufsichtigungsrecht des Fremden anerkannte aber es schien ihm jetzt nicht
wichtig Immerhin fasste es der Fremde so auf denn er sagte »Wollen Sie nicht
lieber hierbleiben« »Ich will weder hierbleiben noch von Ihnen angesprochen
werden solange Sie sich mir nicht vorstellen« »Es war gut gemeint« sagte der
Fremde und öffnete nun freiwillig die Tür Im Nebenzimmer in das K langsamer
eintrat als er wollte sah es auf den ersten Blick fast genau so aus wie am
Abend vorher Es war das Wohnzimmer der Frau Grubach vielleicht war in diesem
mit Möbeln Decken Porzellan und Photographien überfüllten Zimmer heute ein
wenig mehr Raum als sonst man erkannte das nicht gleich um so weniger als die
Hauptveränderung in der Anwesenheit eines Mannes bestand der beim offenen
Fenster mit einem Buch saß von dem er jetzt aufblickte »Sie hätten in Ihrem
Zimmer bleiben sollen Hat es Ihnen denn Franz nicht gesagt« »Ja was wollen
Sie denn« sagte K und sah von der neuen Bekanntschaft zu dem mit Franz
Benannten der in der Tür stehengeblieben war und dann wieder zurück Durch das
offene Fenster erblickte man wieder die alte Frau die mit wahrhaft
greisenhafter Neugierde zu dem jetzt gegenüberliegenden Fenster getreten war um
auch weiterhin alles zu sehen »Ich will doch Frau Grubach « sagte K machte
eine Bewegung als reiße er sich von den zwei Männern los die aber weit von ihm
entfernt standen und wollte weitergehen »Nein« sagte der Mann beim Fenster
warf das Buch auf ein Tischchen und stand auf »Sie dürfen nicht weggehen Sie
sind ja verhaftet« »Es sieht so aus« sagte K »Und warum denn« fragte er
dann »Wir sind nicht dazu bestellt Ihnen das zu sagen Gehen Sie in Ihr Zimmer
und warten Sie Das Verfahren ist nun einmal eingeleitet und Sie werden alles
zur richtigen Zeit erfahren Ich gehe über meinen Auftrag hinaus wenn ich Ihnen
so freundschaftlich zurede Aber ich hoffe es hört es niemand sonst als Franz
und der ist selbst gegen alle Vorschrift freundlich zu Ihnen Wenn Sie auch
weiterhin so viel Glück haben wie bei der Bestimmung Ihrer Wächter dann können
Sie zuversichtlich sein« K wollte sich setzen aber nun sah er dass im ganzen
Zimmer keine Sitzgelegenheit war außer dem Sessel beim Fenster »Sie werden
noch einsehen wie wahr das alles ist« sagte Franz und ging gleichzeitig mit
dem andern Mann auf ihn zu Besonders der letztere überragte K bedeutend und
klopfte ihm öfters auf die Schulter Beide prüften Ks Nachtemd und sagten dass
er jetzt ein viel schlechteres Hemd werde anziehen müssen dass sie aber dieses
Hemd wie auch seine übrige Wäsche aufbewahren und wenn seine Sache günstig
ausfallen sollte ihm wieder zurückgeben würden »Es ist besser Sie geben die
Sachen uns als ins Depot« sagten sie »denn im Depot kommen öfters
Unterschleife vor und außerdem verkauft man dort alle Sachen nach einer gewissen
Zeit ohne Rücksicht ob das betreffende Verfahren zu Ende ist oder nicht Und
wie lange dauern doch derartige Prozesse besonders in letzter Zeit Sie bekämen
dann schließlich allerdings vom Depot den Erlös aber dieser Erlös ist erstens
an sich schon gering denn beim Verkauf entscheidet nicht die Höhe des
Angebotes sondern die Höhe der Bestechung und weiter verringern sich solche
Erlöse erfahrungsgemäss wenn sie von Hand zu Hand und von Jahr zu Jahr
weitergegeben werden« K achtete auf diese Reden kaum das Verfügungsrecht über
seine Sachen das er vielleicht noch besaß schätzte er nicht hoch ein viel
wichtiger war es ihm Klarheit über seine Lage zu bekommen in Gegenwart dieser
Leute konnte er aber nicht einmal nachdenken immer wieder stieß der Bauch des
zweiten Wächters  es konnten ja nur Wächter sein  förmlich freundschaftlich an
ihn sah er aber auf dann erblickte er ein zu diesem dicken Körper gar nicht
passendes trockenes knochiges Gesicht mit starker seitlich gedrehter Nase das
sich über ihn hinweg mit dem anderen Wächter verständigte Was waren denn das
für Menschen Wovon sprachen sie Welcher Behörde gehörten sie an K lebte doch
in einem Rechtsstaat überall herrschte Friede alle Gesetze bestanden aufrecht
wer wagte ihn in seiner Wohnung zu überfallen Er neigte stets dazu alles
möglichst leicht zu nehmen das Schlimmste erst beim Eintritt des Schlimmsten zu
glauben keine Vorsorge für die Zukunft zu treffen selbst wenn alles drohte
Hier schien ihm das aber nicht richtig man konnte zwar das Ganze als Spaß
ansehen als einen groben Spaß den ihm aus unbekannten Gründen vielleicht weil
heute sein dreissigster Geburtstag war die Kollegen in der Bank veranstaltet
hatten es war natürlich möglich vielleicht brauchte er nur auf irgendeine
Weise den Wächtern ins Gesicht zu lachen und sie würden mitlachen vielleicht
waren es Dienstmänner von der Straßenecke sie sahen ihnen nicht unähnlich 
trotzdem war er diesmal förmlich schon seit dem ersten Anblick des Wächters
Franz entschlossen nicht den geringsten Vorteil den er vielleicht gegenüber
diesen Leuten besaß aus der Hand zu geben Darin dass man später sagen würde
er habe keinen Spaß verstanden sah K eine ganz geringe Gefahr wohl aber
erinnerte er sich  ohne dass es sonst seine Gewohnheit gewesen wäre aus
Erfahrungen zu lernen  an einige an sich unbedeutende Fälle in denen er zum
Unterschied von seinen Freunden mit Bewusstsein ohne das geringste Gefühl für
die möglichen Folgen sich unvorsichtig benommen hatte und dafür durch das
Ergebnis gestraft worden war Es sollte nicht wieder geschehen zumindest nicht
diesmal war es eine Komödie so wollte er mitspielen
    Noch war er frei »Erlauben Sie« sagte er und ging eilig zwischen den
Wächtern durch in sein Zimmer »Er scheint vernünftig zu sein« hörte er hinter
sich sagen In seinem Zimmer riss er gleich die Schubladen des Schreibtischs auf
es lag dort alles in großer Ordnung aber gerade die Legitimationspapiere die
er suchte konnte er in der Aufregung nicht gleich finden Schließlich fand er
seine Radfahrlegitimation und wollte schon mit ihr zu den Wächtern gehen dann
aber schien ihm das Papier zu geringfügig und er suchte weiter bis er den
Geburtsschein fand Als er wieder in das Nebenzimmer zurückkam öffnete sich
gerade die gegenüberliegende Tür und Frau Grubach wollte dort eintreten Man sah
sie nur einen Augenblick denn kaum hatte sie K erkannt als sie offenbar
verlegen wurde um Verzeihung bat verschwand und äußerst vorsichtig die Tür
schloss »Kommen Sie doch herein« hatte K gerade noch sagen können Nun aber
stand er mit seinen Papieren in der Mitte des Zimmers sah noch auf die Tür hin
die sich nicht wieder öffnete und wurde erst durch einen Anruf der Wächter
aufgeschreckt die bei dem Tischchen am offenen Fenster saßen und wie K jetzt
erkannte sein Frühstück verzehrten »Warum ist sie nicht eingetreten« fragte
er »Sie darf nicht« sagte der große Wächter »Sie sind doch verhaftet« »Wie
kann ich denn verhaftet sein und gar auf diese Weise« »Nun fangen Sie also
wieder an« sagte der Wächter und tauchte ein Butterbrot ins Honigfässchen
»Solche Fragen beantworten wir nicht« »Sie werden sie beantworten müssen«
sagte K »Hier sind meine Legitimationspapiere zeigen Sie mir jetzt die Ihrigen
und vor allem den Verhaftbefehl« »Du lieber Himmel« sagte der Wächter »Dass
Sie sich in Ihre Lage nicht fügen können und dass Sie es darauf angelegt zu haben
scheinen uns die wir Ihnen jetzt wahrscheinlich von allen Ihren Mitmenschen am
nächsten stehen nutzlos zu reizen« »Es ist so glauben Sie es doch« sagte
Franz führte die Kaffeetasse die er in der Hand hielt nicht zum Mund sondern
sah K mit einem langen wahrscheinlich bedeutungsvollen aber unverständlichen
Blick an K ließ sich ohne es zu wollen in ein Zwiegespräch der Blicke mit
Franz ein schlug dann aber doch auf seine Papiere und sagte »Hier sind meine
Legitimationspapiere« »Was kümmern uns denn die« rief nun schon der große
Wächter »Sie führen sich ärger auf als ein Kind Was wollen Sie denn Wollen
Sie Ihren großen verfluchten Prozess dadurch zu einem raschen Ende bringen dass
Sie mit uns den Wächtern über Legitimation und Verhaftbefehl diskutieren Wir
sind niedrige Angestellte die sich in einem Legitimationspapier kaum auskennen
und die mit Ihrer Sache nichts anderes zu tun haben als dass sie zehn Stunden
täglich bei Ihnen Wache halten und dafür bezahlt werden Das ist alles was wir
sind trotzdem aber sind wir fähig einzusehen dass die hohen Behörden in deren
Dienst wir stehen ehe sie eine solche Verhaftung verfügen sich sehr genau über
die Gründe der Verhaftung und die Person des Verhafteten unterrichten Es gibt
darin keinen Irrtum Unsere Behörde soweit ich sie kenne und ich kenne nur die
niedrigsten Grade sucht doch nicht etwa die Schuld in der Bevölkerung sondern
wird wie es im Gesetz heißt von der Schuld angezogen und muss uns Wächter
ausschicken Das ist Gesetz Wo gäbe es da einen Irrtum« »Dieses Gesetz kenne
ich nicht« sagte K »Desto schlimmer für Sie« sagte der Wächter »Es besteht
wohl auch nur in Ihren Köpfen« sagte K er wollte sich irgendwie in die
Gedanken der Wächter einschleichen sie zu seinen Gunsten wenden oder sich dort
einbürgern Aber der Wächter sagte nur abweisend »Sie werden es zu fühlen
bekommen« Franz mischte sich ein und sagte »Sieh Willem er gibt zu er kenne
das Gesetz nicht und behauptet gleichzeitig schuldlos zu sein« »Du hast ganz
recht aber ihm kann man nichts begreiflich machen« sagte der andere K
antwortete nichts mehr muss ich dachte er durch das Geschwätz dieser
niedrigsten Organe  sie geben selbst zu es zu sein  mich noch mehr verwirren
lassen Sie reden doch jedenfalls von Dingen die sie gar nicht verstehen Ihre
Sicherheit ist nur durch ihre Dummheit möglich Ein paar Worte die ich mit
einem mir ebenbürtigen Menschen sprechen werde werden alles unvergleichlich
klarer machen als die längsten Reden mit diesen Er ging einige Male in dem
freien Raum des Zimmers auf und ab drüben sah er die alte Frau die einen noch
viel älteren Greis zum Fenster gezerrt hatte den sie umschlungen hielt K
musste dieser Schaustellung ein Ende machen »Führen Sie mich zu Ihrem
Vorgesetzten« sagte er »Wenn er es wünscht nicht früher« sagte der Wächter
der Willem genannt worden war »Und nun rate ich Ihnen« fügte er hinzu »in Ihr
Zimmer zu gehen sich ruhig zu verhalten und darauf zu warten was über Sie
verfügt werden wird Wir raten Ihnen zerstreuen Sie sich nicht durch nutzlose
Gedanken sondern sammeln Sie sich es werden große Anforderungen an Sie
gestellt werden Sie haben uns nicht so behandelt wie es unser Entgegenkommen
verdient hätte Sie haben vergessen dass wir mögen wir auch sein was immer
zumindest jetzt Ihnen gegenüber freie Männer sind das ist kein kleines
Übergewicht Trotzdem sind wir bereit falls Sie Geld haben Ihnen ein kleines
Frühstück aus dem Kaffeehaus drüben zu bringen«
    Ohne auf dieses Angebot zu antworten stand K ein Weilchen lang still
Vielleicht würden ihn die beiden wenn er die Tür des folgenden Zimmers oder gar
die Tür des Vorzimmers öffnete gar nicht zu hindern wagen vielleicht wäre es
die einfachste Lösung des Ganzen dass er es auf die Spitze trieb Aber
vielleicht würden sie ihn doch packen und war er einmal niedergeworfen so war
auch alle Überlegenheit verloren die er jetzt ihnen gegenüber in gewisser
Hinsicht doch wahrte Deshalb zog er die Sicherheit der Lösung vor wie sie der
natürliche Verlauf bringen musste und ging in sein Zimmer zurück ohne dass von
seiner Seite oder von Seite der Wächter ein weiteres Wort gefallen wäre
    Er warf sich auf sein Bett und nahm vom Waschtisch einen schönen Apfel den
er sich gestern abend für das Frühstück vorbereitet hatte Jetzt war er sein
einziges Frühstück und jedenfalls wie er sich beim ersten großen Bissen
versicherte viel besser als das Frühstück aus dem schmutzigen Nachtcafé
gewesen wäre das er durch die Gnade der Wächter hätte bekommen können Er
fühlte sich wohl und zuversichtlich in der Bank versäumte er zwar heute
vormittag seinen Dienst aber das war bei der verhältnismäßig hohen Stellung
die er dort einnahm leicht entschuldigt Sollte er die wirkliche Entschuldigung
anführen Er gedachte es zu tun Würde man ihm nicht glauben was in diesem Fall
begreiflich war so konnte er Frau Grubach als Zeugin führen oder auch die
beiden Alten von drüben die wohl jetzt auf dem Marsch zum gegenüberliegenden
Fenster waren Es wunderte K wenigstens aus dem Gedankengang der Wächter
wunderte es ihn dass sie ihn in das Zimmer getrieben und ihn hier allein
gelassen hatten wo er doch zehnfache Möglichkeit hatte sich umzubringen
Gleichzeitig allerdings fragte er sich diesmal aus seinem Gedankengang was für
einen Grund er haben könnte es zu tun Etwa weil die zwei nebenan saßen und
sein Frühstück abgefangen hatten Es wäre so sinnlos gewesen sich umzubringen
dass er selbst wenn er es hätte tun wollen infolge der Sinnlosigkeit dazu nicht
imstande gewesen wäre Wäre die geistige Beschränktheit der Wächter nicht so
auffallend gewesen so hätte man annehmen können dass auch sie infolge der
gleichen Überzeugung keine Gefahr darin gesehen hätten ihn allein zu lassen
Sie mochten jetzt wenn sie wollten zusehen wie er zu einem Wandschränkchen
ging in dem er einen guten Schnaps aufbewahrte wie er ein Gläschen zuerst zum
Ersatz des Frühstücks leerte und wie er ein zweites Gläschen dazu bestimmte
sich Mut zu machen das letztere nur aus Vorsicht für den unwahrscheinlichen
Fall dass es nötig sein sollte
    Da erschreckte ihn ein Zuruf aus dem Nebenzimmer derartig dass er mit den
Zähnen ans Glas schlug »Der Aufseher ruft Sie« hieß es Es war nur das
Schreien das ihn erschreckte dieses kurze abgehackte militärische Schreien
das er dem Wächter Franz gar nicht zugetraut hätte Der Befehl selbst war ihm
sehr willkommen »Endlich« rief er zurück versperrte den Wandschrank und eilte
sofort ins Nebenzimmer Dort standen die zwei Wächter und jagten ihn als wäre
das selbstverständlich wieder in sein Zimmer zurück »Was fällt Euch ein«
riefen sie »Im Hemd wollt Ihr vor den Aufseher Er lässt Euch durchprügeln und
uns mit« »Lasst mich zum Teufel« rief K der schon bis zu seinem
Kleiderkasten zurückgedrängt war »wenn man mich im Bett überfällt kann man
nicht erwarten mich im Festanzug zu finden« »Es hilft nichts« sagten die
Wächter die immer wenn K schrie ganz ruhig ja fast traurig wurden und ihn
dadurch verwirrten oder gewissermaßen zur Besinnung brachten »Lächerliche
Zeremonien« brummte er noch hob aber schon einen Rock vom Stuhl und hielt ihn
ein Weilchen mit beiden Händen als unterbreite er ihn dem Urteil der Wächter
Sie schüttelten die Köpfe »Es muss ein schwarzer Rock sein« sagten sie K warf
daraufhin den Rock zu Boden und sagte  er wusste selbst nicht in welchem Sinne
er es sagte  »Es ist doch noch nicht die Hauptverhandlung« Die Wächter
lächelten blieben aber bei ihrem »Es muss ein schwarzer Rock sein« »Wenn ich
dadurch die Sache beschleunige soll es mir recht sein« sagte K öffnete
selbst den Kleiderkasten suchte lange unter den vielen Kleidern wählte sein
bestes schwarzes Kleid ein Jackettkleid das durch seine Taille unter den
Bekannten fast Aufsehen gemacht hatte zog nun auch ein anderes Hemd hervor und
begann sich sorgfältig anzuziehen Im geheimen glaubte er eine Beschleunigung
des Ganzen damit erreicht zu haben dass die Wächter vergessen hatten ihn zum
Bad zu zwingen Er beobachtete sie ob sie sich vielleicht daran doch erinnern
würden aber das fiel ihnen natürlich gar nicht ein dagegen vergaß Willem
nicht Franz mit der Meldung dass sich K anziehe zum Aufseher zu schicken
    Als er vollständig angezogen war musste er knapp vor Willem durch das leere
Nebenzimmer in das folgende Zimmer gehen dessen Tür mit beiden Flügeln bereits
geöffnet war Dieses Zimmer wurde wie K genau wusste seit kurzer Zeit von
einem Fräulein Bürstner einer Schreibmaschinistin bewohnt die sehr früh in
die Arbeit zu gehen pflegte spät nach Hause kam und mit der K nicht viel mehr
als die Grussworte gewechselt hatte Jetzt war das Nachttischchen von ihrem Bett
als Verhandlungstisch in die Mitte des Zimmers gerückt und der Aufseher saß
hinter ihm Er hatte die Beine übereinandergeschlagen und einen Arm auf die
Rückenlehne des Stuhles gelegt
    In einer Ecke des Zimmers standen drei junge Leute und sahen die
Photographien des Fräulein Bürstner an die in einer an der Wand aufgehängten
Matte steckten An der Klinke des offenen Fensters hing eine weiße Bluse Im
gegenüberliegenden Fenster lagen wieder die zwei Alten doch hatte sich ihre
Gesellschaft vergrößert denn hinter ihnen sie weit überragend stand ein Mann
mit einem auf der Brust offenen Hemd der seinen rötlichen Spitzbart mit den
Fingern drückte und drehte »Josef K« fragte der Aufseher vielleicht nur um
Ks zerstreute Blicke auf sich zu lenken K nickte »Sie sind durch die
Vorgänge des heutigen Morgens wohl sehr überrascht« fragte der Aufseher und
verschob dabei mit beiden Händen die wenigen Gegenstände die auf dem
Nachttischchen lagen die Kerze mit Zündhölzchen ein Buch und ein Nadelkissen
als seien es Gegenstände die er zur Verhandlung benötige »Gewiss« sagte K
und das Wohlgefühl endlich einem vernünftigen Menschen gegenüberzustehen und
über seine Angelegenheit mit ihm sprechen zu können ergriff ihn »Gewiss ich
bin überrascht aber ich bin keineswegs sehr überrascht« »Nicht sehr
überrascht« fragte der Aufseher und stellte nun die Kerze in die Mitte des
Tischchens während er die anderen Sachen um sie gruppierte »Sie missverstehen
mich vielleicht« beeilte sich K zu bemerken »Ich meine«  hier unterbrach
sich K und sah sich nach einem Sessel um »Ich kann mich doch setzen« fragte
er »Es ist nicht üblich« antwortete der Aufseher »Ich meine« sagte nun K
ohne weitere Pause »ich bin allerdings sehr überrascht aber man ist wenn man
dreißig Jahre auf der Welt ist und sich allein hat durchschlagen müssen wie es
mir beschieden war gegen Überraschungen abgehärtet und nimmt sie nicht zu
schwer Besonders die heutige nicht« »Warum besonders die heutige nicht« »Ich
will nicht sagen dass ich das Ganze für einen Spaß ansehe dafür scheinen mir
die Veranstaltungen die gemacht wurden doch zu umfangreich Es müssten alle
Mitglieder der Pension daran beteiligt sein und auch Sie alle das ginge über
die Grenzen eines Spasses Ich will also nicht sagen dass es ein Spaß ist« »Ganz
richtig« sagte der Aufseher und sah nach wieviel Zündhölzchen in der
Zündhölzchenschachtel waren »Andererseits aber« fuhr K fort und wandte sich
hierbei an alle und hätte gern sogar die drei bei den Photographien sich
zugewendet »andererseits aber kann die Sache auch nicht viel Wichtigkeit haben
Ich folgere das daraus dass ich angeklagt bin aber nicht die geringste Schuld
auffinden kann wegen deren man mich anklagen könnte Aber auch das ist
nebensächlich die Hauptfrage ist von wem bin ich angeklagt Welche Behörde
führt das Verfahren Sind Sie Beamte Keiner hat eine Uniform wenn man nicht
Ihr Kleid«  hier wandte er sich an Franz  »eine Uniform nennen will aber es
ist doch eher ein Reiseanzug In diesen Fragen verlange ich Klarheit und ich
bin überzeugt dass wir nach dieser Klarstellung voneinander den herzlichsten
Abschied werden nehmen können« Der Aufseher schlug die Zündhölzchenschachtel
auf den Tisch nieder »Sie befinden sich in einem großen Irrtum« sagte er
»Diese Herren hier und ich sind für Ihre Angelegenheit vollständig
nebensächlich ja wir wissen sogar von ihr fast nichts Wir könnten die
regelrechtesten Uniformen tragen und Ihre Sache würde um nichts schlechter
stehen Ich kann Ihnen auch durchaus nicht sagen dass Sie angeklagt sind oder
vielmehr ich weiß nicht ob Sie es sind Sie sind verhaftet das ist richtig
mehr weiß ich nicht Vielleicht haben die Wächter etwas anderes geschwätzt dann
ist es eben nur Geschwätz gewesen Wenn ich nun aber auch Ihre Fragen nicht
beantworte so kann ich Ihnen doch raten denken Sie weniger an uns und an das
was mit Ihnen geschehen wird denken Sie lieber mehr an sich Und machen Sie
keinen solchen Lärm mit dem Gefühl Ihrer Unschuld es stört den nicht gerade
schlechten Eindruck den Sie im übrigen machen Auch sollten Sie überhaupt im
Reden zurückhaltender sein fast alles was Sie vorhin gesagt haben hätte man
auch wenn Sie nur ein paar Worte gesagt hätten Ihrem Verhalten entnehmen
können außerdem war es nichts für Sie übermäßig Günstiges«
    K starrte den Aufseher an Schulmässige Lehren bekam er hier von einem
vielleicht jüngeren Menschen Für seine Offenheit wurde er mit einer Rüge
bestraft Und über den Grund seiner Verhaftung und über deren Auftraggeber
erfuhr er nichts Er geriet in eine gewisse Aufregung ging auf und ab woran
ihn niemand hinderte schob seine Manschetten zurück befühlte die Brust strich
sein Haar zurecht kam an den drei Herren vorüber sagte »Es ist ja sinnlos«
worauf sich diese zu ihm umdrehten und ihn entgegenkommend aber ernst ansahen
und machte endlich wieder vor dem Tisch des Aufsehers halt »Der Staatsanwalt
Hasterer ist mein guter Freund« sagte er »kann ich ihm telephonieren«
»Gewiss« sagte der Aufseher »aber ich weiß nicht welchen Sinn das haben
sollte es müsste denn sein dass Sie irgendeine private Angelegenheit mit ihm zu
besprechen haben« »Welchen Sinn« rief K mehr bestürzt als geärgert »Wer
sind Sie denn Sie wollen einen Sinn und führen das Sinnloseste auf das es
gibt Ist es nicht zum Steinerweichen Die Herren haben mich zuerst überfallen
und jetzt sitzen oder stehen sie hier herum und lassen mich vor Ihnen die Hohe
Schule reiten Welchen Sinn es hätte an einen Staatsanwalt zu telephonieren
wenn ich angeblich verhaftet bin Gut ich werde nicht telephonieren« »Aber
doch« sagte der Aufseher und streckte die Hand zum Vorzimmer aus wo das
Telephon war »bitte telephonieren Sie doch« »Nein ich will nicht mehr«
sagte K und ging zum Fenster Drüben war noch die Gesellschaft beim Fenster und
schien nur jetzt dadurch dass K ans Fenster herangetreten war in der Ruhe des
Zuschauens ein wenig gestört Die Alten wollten sich erheben aber der Mann
hinter ihnen beruhigte sie »Dort sind auch solche Zuschauer« rief K ganz laut
dem Aufseher zu und zeigte mit dem Zeigefinger hinaus »Weg von dort« rief er
dann hinüber Die drei wichen auch sofort ein paar Schritte zurück die beiden
Alten sogar noch hinter den Mann der sie mit seinem breiten Körper deckte und
nach seinen Mundbewegungen zu schließen irgend etwas auf die Entfernung hin
Unverständliches sagte Ganz aber verschwanden sie nicht sondern schienen auf
den Augenblick zu warten in dem sie sich unbemerkt wieder dem Fenster nähern
könnten »Zudringliche rücksichtslose Leute« sagte K als er sich ins Zimmer
zurückwendete Der Aufseher stimmte ihm möglicherweise zu wie K mit einem
Seitenblick zu erkennen glaubte Aber es war ebensogut möglich dass er gar nicht
zugehört hatte denn er hatte eine Hand fest auf den Tisch gedrückt und schien
die Finger ihrer Länge nach zu vergleichen Die zwei Wächter saßen auf einem mit
einer Schmuckdecke verhüllten Koffer und rieben ihre Knie Die drei jungen Leute
hatten die Hände in die Hüften gelegt und sahen ziellos herum Es war still wie
in irgendeinem vergessenen Büro »Nun meine Herren« rief K es schien ihm
einen Augenblick lang als trage er alle auf seinen Schultern »Ihrem Aussehen
nach zu schließen dürfte meine Angelegenheit beendet sein Ich bin der Ansicht
dass es am besten ist über die Berechtigung oder Nichtberechtigung Ihres
Vorgehens nicht mehr nachzudenken und der Sache durch einen gegenseitigen
Händedruck einen versöhnlichen Abschluss zu geben Wenn auch Sie meiner Ansicht
sind dann bitte « und er trat an den Tisch des Aufsehers hin und reichte ihm
die Hand Der Aufseher hob die Augen nagte an den Lippen und sah auf Ks
ausgestreckte Hand noch immer glaubte K der Aufseher werde einschlagen
Dieser aber stand auf nahm einen harten runden Hut der auf Fräulein Bürstners
Bett lag und setzte sich ihn vorsichtig mit beiden Händen auf wie man es bei
der Anprobe neuer Hüte tut »Wie einfach Ihnen alles scheint« sagte er dabei zu
K »wir sollten der Sache einen versöhnlichen Abschluss geben meinten Sie Nein
nein das geht wirklich nicht Womit ich andererseits durchaus nicht sagen will
dass Sie verzweifeln sollen Nein warum denn Sie sind nur verhaftet nichts
weiter Das hatte ich Ihnen mitzuteilen habe es getan und habe auch gesehen
wie Sie es aufgenommen haben Damit ist es für heute genug und wir können uns
verabschieden allerdings nur vorläufig Sie werden wohl jetzt in die Bank gehen
wollen« »In die Bank« fragte K »ich dachte ich wäre verhaftet« K fragte
mit einem gewissen Trotz denn obwohl sein Handschlag nicht angenommen worden
war fühlte er sich insbesondere seitdem der Aufseher aufgestanden war immer
unabhängiger von allen diesen Leuten Er spielte mit ihnen Er hatte die
Absicht falls sie weggehen sollten bis zum Haustor nachzulaufen und ihnen
seine Verhaftung anzubieten Darum wiederholte er auch »Wie kann ich denn in
die Bank gehen da ich verhaftet bin« »Ach so« sagte der Aufseher der schon
bei der Tür war »Sie haben mich missverstanden Sie sind verhaftet gewiss aber
das soll Sie nicht hindern Ihren Beruf zu erfüllen Sie sollen auch Ihrer
gewöhnlichen Lebensweise nicht gehindert sein« »Dann ist das Verhaftetsein
nicht sehr schlimm« sagte K und ging nahe an den Aufseher heran »Ich meinte
es niemals anders« sagte dieser »Es scheint aber dann nicht einmal die
Mitteilung der Verhaftung sehr notwendig gewesen zu sein« sagte K und ging
noch näher Auch die anderen hatten sich genähert Alle waren jetzt auf einem
engen Raum bei der Tür versammelt »Es war meine Pflicht« sagte der Aufseher
»Eine dumme Pflicht« sagte K unnachgiebig »Mag sein« antwortete der
Aufseher »aber wir wollen mit solchen Reden nicht unsere Zeit verlieren Ich
hatte angenommen dass Sie in die Bank gehen wollen Da Sie auf alle Worte
aufpassen füge ich hinzu ich zwinge Sie nicht in die Bank zu gehen ich hatte
nur angenommen dass Sie es wollen Und um Ihnen das zu erleichtern und Ihre
Ankunft in der Bank möglichst unauffällig zu machen habe ich diese drei Herren
Ihre Kollegen hier zu Ihrer Verfügung gehalten« »Wie« rief K und staunte die
drei an Diese so uncharakteristischen blutarmen jungen Leute die er immer
noch nur als Gruppe bei den Photographien in der Erinnerung hatte waren
tatsächlich Beamte aus seiner Bank nicht Kollegen das war zu viel gesagt und
bewies eine Lücke in der Allwissenheit des Aufsehers aber untergeordnete Beamte
aus der Bank waren es allerdings Wie hatte K das übersehen können Wie hatte
er doch hingenommen sein müssen von dem Aufseher und den Wächtern um diese drei
nicht zu erkennen Den steifen die Hände schwingenden Rabensteiner den blonden
Kullich mit den tiefliegenden Augen und Kaminer mit dem unausstehlichen durch
eine chronische Muskelzerrung bewirkten Lächeln »Guten Morgen« sagte K nach
einem Weilchen und reichte den sich korrekt verbeugenden Herren die Hand »Ich
habe Sie gar nicht erkannt Nun werden wir also an die Arbeit gehen nicht« Die
Herren nickten lachend und eifrig als hätten sie die ganze Zeit über darauf
gewartet nur als K seinen Hut vermisste der in seinem Zimmer liegengeblieben
war liefen sie sämtlich hintereinander ihn holen was immerhin auf eine
gewisse Verlegenheit schließen ließ K stand still und sah ihnen durch die zwei
offenen Türen nach der letzte war natürlich der gleichgültige Rabensteiner der
bloß einen eleganten Trab angeschlagen hatte Kaminer überreichte den Hut und
K musste sich wie dies übrigens auch öfters in der Bank nötig war ausdrücklich
sagen dass Kaminers Lächeln nicht Absicht war ja dass er überhaupt absichtlich
nicht lächeln konnte Im Vorzimmer öffnete dann Frau Grubach die gar nicht sehr
schuldbewusst aussah der ganzen Gesellschaft die Wohnungstür und K sah wie so
oft auf ihr Schürzenband nieder das so unnötig tief in ihren mächtigen Leib
einschnitt Unten entschloss sich K die Uhr in der Hand ein Automobil zu
nehmen um die schon halbstündige Verspätung nicht unnötig zu vergrößern
Kaminer lief zur Ecke um den Wagen zu holen die zwei anderen versuchten
offensichtlich K zu zerstreuen als plötzlich Kullich auf das
gegenüberliegende Haustor zeigte in dem eben der große Mann mit dem blonden
Spitzbart erschien und im ersten Augenblick ein wenig verlegen darüber dass er
sich jetzt in seiner ganzen Größe zeigte zur Wand zurücktrat und sich anlehnte
Die Alten waren wohl noch auf der Treppe K ärgerte sich über Kullich dass
dieser auf den Mann aufmerksam machte den er selbst schon früher gesehen ja
den er sogar erwartet hatte »Schauen Sie nicht hin« stieß er hervor ohne zu
bemerken wie auffallend eine solche Redeweise gegenüber selbständigen Männern
war Es war aber auch keine Erklärung nötig denn gerade kam das Automobil man
setzte sich und fuhr los Da erinnerte sich K dass er das Weggehen des
Aufsehers und der Wächter gar nicht bemerkt hatte der Aufseher hatte ihm die
drei Beamten verdeckt und nun wieder die Beamten den Aufseher Viel
Geistesgegenwart bewies das nicht und K nahm sich vor sich in dieser Hinsicht
genauer zu beobachten Doch drehte er sich noch unwillkürlich um und beugte sich
über das Hinterdeck des Automobils vor um möglicherweise den Aufseher und die
Wächter noch zu sehen Aber gleich wendete er sich wieder zurück und lehnte sich
bequem in die Wagenecke ohne auch nur den Versuch gemacht zu haben jemanden zu
suchen Obwohl es nicht den Anschein hatte hätte er gerade jetzt Zuspruch nötig
gehabt aber nun schienen die Herren ermüdet Rabensteiner sah rechts aus dem
Wagen Kullich links und nur Kaminer stand mit seinem Grinsen zur Verfügung
über das einen Spaß zu machen leider die Menschlichkeit verbot
In diesem Frühjahr pflegte K die Abende in der Weise zu verbringen dass er nach
der Arbeit wenn dies noch möglich war  er saß meistens bis neun Uhr im Büro 
einen kleinen Spaziergang allein oder mit Beamten machte und dann in eine
Bierstube ging wo er an einem Stammtisch mit meist älteren Herren gewöhnlich
bis elf Uhr beisammen saß Es gab aber auch Ausnahmen von dieser Einteilung
wenn K zum Beispiel vom Bankdirektor der seine Arbeitskraft und
Vertrauenswürdigkeit sehr schätzte zu einer Autofahrt oder zu einem Abendessen
in seiner Villa eingeladen wurde Außerdem ging K einmal in der Woche zu einem
Mädchen namens Elsa die während der Nacht bis in den späten Morgen als
Kellnerin in einer Weinstube bediente und während des Tages nur vom Bett aus
Besuche empfing
    An diesem Abend aber  der Tag war unter angestrengter Arbeit und vielen
ehrenden und freundschaftlichen Geburtstagswünschen schnell verlaufen  wollte
K sofort nach Hause gehen In allen kleinen Pausen der Tagesarbeit hatte er
daran gedacht ohne genau zu wissen was er meinte schien es ihm als ob durch
die Vorfälle des Morgens eine große Unordnung in der ganzen Wohnung der Frau
Grubach verursacht worden sei und dass gerade er nötig sei um die Ordnung
wiederherzustellen War aber einmal diese Ordnung hergestellt dann war jede
Spur jener Vorfälle ausgelöscht und alles nahm seinen alten Gang wieder auf
Insbesondere von den drei Beamten war nichts zu befürchten sie waren wieder in
die große Beamtenschaft der Bank versenkt es war keine Veränderung an ihnen zu
bemerken K hatte sie öfters einzeln und gemeinsam in sein Büro berufen zu
keinem andern Zweck als um sie zu beobachten immer hatte er sie befriedigt
entlassen können
    Als er um halb zehn Uhr abends vor dem Hause in dem er wohnte ankam traf
er im Haustor einen jungen Burschen der dort breitbeinig stand und eine Pfeife
rauchte »Wer sind Sie« fragte K sofort und brachte sein Gesicht nahe an den
Burschen man sah nicht viel im Halbdunkel des Flurs »Ich bin der Sohn des
Hausmeisters gnädiger Herr« antwortete der Bursche nahm die Pfeife aus dem
Mund und trat zur Seite »Der Sohn des Hausmeisters« fragte K und klopfte mit
seinem Stock ungeduldig den Boden »Wünscht der gnädige Herr etwas Soll ich den
Vater holen« »Nein nein« sagte K in seiner Stimme lag etwas Verzeihendes
als habe der Bursche etwas Böses ausgeführt er aber verzeihe ihm »Es ist gut«
sagte er dann und ging weiter aber ehe er die Treppe hinaufstieg drehte er
sich noch einmal um
    Er hätte geradewegs in sein Zimmer gehen können aber da er mit Frau Grubach
sprechen wollte klopfte er gleich an ihre Tür an Sie saß mit einem
Strickstrumpf am Tisch auf dem noch ein Haufen alter Strümpfe lag K
entschuldigte sich zerstreut dass er so spät komme aber Frau Grubach war sehr
freundlich und wollte keine Entschuldigung hören für ihn sei sie immer zu
sprechen er wisse sehr gut dass er ihr bester und liebster Mieter sei K sah
sich im Zimmer um es war wieder vollkommen in seinem alten Zustand das
Frühstücksgeschirr das früh auf dem Tischchen beim Fenster gestanden hatte war
auch schon weggeräumt »Frauenhände bringen doch im stillen viel fertig« dachte
er er hätte das Geschirr vielleicht auf der Stelle zerschlagen aber gewiss
nicht hinaustragen können Er sah Frau Grubach mit einer gewissen Dankbarkeit
an »Warum arbeiten Sie noch so spät« fragte er Sie saßen nun beide am Tisch
und K vergrub von Zeit zu Zeit seine Hand in die Strümpfe »Es gibt viel
Arbeit« sagte sie »während des Tages gehöre ich den Mietern wenn ich meine
Sachen in Ordnung bringen will bleiben mir nur die Abende« »Ich habe Ihnen
heute wohl noch eine aussergewöhnliche Arbeit gemacht« »Wieso denn« fragte sie
etwas eifriger werdend die Arbeit ruhte in ihrem Schoße »Ich meine die Männer
die heute früh hier waren« »Ach so« sagte sie und kehrte wieder in ihre Ruhe
zurück »das hat mir keine besondere Arbeit gemacht« K sah schweigend zu wie
sie den Strickstrumpf wieder vornahm Sie scheint sich zu wundern dass ich davon
spreche dachte er sie scheint es nicht für richtig zu halten dass ich davon
spreche Desto wichtiger ist es dass ich es tue Nur mit einer alten Frau kann
ich davon sprechen »Doch Arbeit hat es gewiss gemacht« sagte er dann »aber es
wird nicht wieder vorkommen« »Nein das kann nicht wieder vorkommen« sagte sie
bekräftigend und lächelte K fast wehmütig an »Meinen Sie das ernstlich«
fragte K »Ja« sagte sie leiser »aber vor allem dürfen Sie es nicht zu schwer
nehmen Was geschieht nicht alles in der Welt Da Sie so vertraulich mit mir
reden Herr K kann ich Ihnen ja eingestehen dass ich ein wenig hinter der Tür
gehorcht habe und dass mir auch die beiden Wächter einiges erzählt haben Es
handelt sich ja um Ihr Glück und das liegt mir wirklich am Herzen mehr als mir
vielleicht zusteht denn ich bin ja bloß die Vermieterin Nun ich habe also
einiges gehört aber ich kann nicht sagen dass es etwas besonders Schlimmes war
Nein Sie sind zwar verhaftet aber nicht so wie ein Dieb verhaftet wird Wenn
man wie ein Dieb verhaftet wird so ist es schlimm aber diese Verhaftung  Es
kommt mir wie etwas Gelehrtes vor entschuldigen Sie wenn ich etwas Dummes
sage es kommt mir wie etwas Gelehrtes vor das ich zwar nicht verstehe das man
aber auch nicht verstehen muss«
    »Es ist gar nichts Dummes was Sie gesagt haben Frau Grubach wenigstens
bin auch ich zum Teil Ihrer Meinung nur urteile ich über das Ganze noch
schärfer als Sie und halte es einfach nicht einmal für etwas Gelehrtes sondern
überhaupt für nichts Ich wurde überrumpelt das war es Wäre ich gleich nach
dem Erwachen ohne mich durch das Ausbleiben der Anna beirren zu lassen
aufgestanden und ohne Rücksicht auf irgend jemand der mir in den Weg getreten
wäre zu Ihnen gegangen hätte ich diesmal ausnahmsweise etwa in der Küche
gefrühstückt hätte mir von Ihnen die Kleidungsstücke aus meinem Zimmer bringen
lassen kurz hätte ich vernünftig gehandelt so wäre nichts weiter geschehen
es wäre alles was werden wollte erstickt worden Man ist aber so wenig
vorbereitet In der Bank zum Beispiel bin ich vorbereitet dort könnte mir etwas
Derartiges unmöglich geschehen ich habe dort einen eigenen Diener das
allgemeine Telephon und das Bürotelephon stehen vor mir auf dem Tisch immerfort
kommen Leute Parteien und Beamte außerdem aber und vor allem bin ich dort
immerfort im Zusammenhang der Arbeit daher geistesgegenwärtig es würde mir
geradezu ein Vergnügen machen dort einer solchen Sache gegenübergestellt zu
werden Nun es ist vorüber und ich wollte eigentlich auch gar nicht mehr
darüber sprechen nur Ihr Urteil das Urteil einer vernünftigen Frau wollte ich
hören und bin sehr froh dass wir darin übereinstimmen Nun müssen Sie mir aber
die Hand reichen eine solche Übereinstimmung muss durch Handschlag bekräftigt
werden«
    Ob sie mir die Hand reichen wird Der Aufseher hat mir die Hand nicht
gereicht dachte er und sah die Frau anders als früher prüfend an Sie stand
auf weil auch er aufgestanden war sie war ein wenig befangen weil ihr nicht
alles was K gesagt hatte verständlich gewesen war Infolge dieser
Befangenheit sagte sie aber etwas was sie gar nicht wollte und was auch gar
nicht am Platze war »Nehmen Sie es doch nicht so schwer Herr K« sagte sie
hatte Tränen in der Stimme und vergaß natürlich auch den Handschlag »Ich wüsste
nicht dass ich es schwer nehme« sagte K plötzlich ermüdet und das Wertlose
aller Zustimmungen dieser Frau einsehend
    Bei der Tür fragte er noch »Ist Fräulein Bürstner zu Hause« »Nein« sagte
Frau Grubach und lächelte bei dieser trockenen Auskunft mit einer verspäteten
vernünftigen Teilnahme »Sie ist im Theater Wollten Sie etwas von ihr Soll ich
ihr etwas ausrichten« »Ach ich wollte nur ein paar Worte mit ihr reden« »Ich
weiß leider nicht wann sie kommt wenn sie im Theater ist kommt sie gewöhnlich
spät« »Das ist ja ganz gleichgültig« sagte K und drehte schon den gesenkten
Kopf der Tür zu um wegzugehen »ich wollte mich nur bei ihr entschuldigen dass
ich heute ihr Zimmer in Anspruch genommen habe« »Das ist nicht nötig Herr K
Sie sind zu rücksichtsvoll das Fräulein weiß ja von gar nichts sie war seit
dem frühen Morgen noch nicht zu Hause es ist auch schon alles in Ordnung
gebracht sehen Sie selbst« Und sie öffnete die Tür zu Fräulein Bürstners
Zimmer »Danke ich glaube es« sagte K ging dann aber doch zu der offenen
Tür Der Mond schien still in das dunkle Zimmer Soviel man sehen konnte war
wirklich alles an seinem Platz auch die Bluse hing nicht mehr an der
Fensterklinke Auffallend hoch schienen die Polster im Bett sie lagen zum Teil
im Mondlicht »Das Fräulein kommt oft spät nach Hause« sagte K und sah Frau
Grubach an als trage sie die Verantwortung dafür »Wie eben junge Leute sind«
sagte Frau Grubach entschuldigend »Gewiss gewiss« sagte K »es kann aber zu
weit gehen« »Das kann es« sagte Frau Grubach »wie sehr haben Sie recht Herr
K Vielleicht sogar in diesem Fall Ich will Fräulein Bürstner gewiss nicht
verleumden sie ist ein gutes liebes Mädchen freundlich ordentlich
pünktlich arbeitsam ich schätze das alles sehr aber eines ist wahr sie
sollte stolzer zurückhaltender sein Ich habe sie in diesem Monat schon zweimal
in entlegenen Straßen und immer mit einem andern Herrn gesehen Es ist mir sehr
peinlich ich erzähle es beim wahrhaftigen Gott nur Ihnen Herr K aber es
wird sich nicht vermeiden lassen dass ich auch mit dem Fräulein selbst darüber
spreche Es ist übrigens nicht das Einzige das sie mir verdächtig macht« »Sie
sind auf ganz falschem Weg« sagte K wütend und fast unfähig es zu verbergen
»übrigens haben sie offenbar auch meine Bemerkung über das Fräulein
missverstanden so war es nicht gemeint Ich warne Sie sogar aufrichtig dem
Fräulein irgend etwas zu sagen Sie sind durchaus im Irrtum ich kenne das
Fräulein sehr gut es ist nichts davon wahr was Sie sagten Übrigens
vielleicht gehe ich zu weit ich will Sie nicht hindern sagen Sie ihr was Sie
wollen Gute Nacht« »Herr K« sagte Frau Grubach bittend und eilte K bis zu
seiner Tür nach die er schon geöffnet hatte »ich will ja noch gar nicht mit
dem Fräulein reden natürlich will ich sie vorher noch weiter beobachten nur
Ihnen habe ich anvertraut was ich wusste Schließlich muss es doch im Sinne jedes
Mieters sein wenn man die Pension rein zu erhalten sucht und nichts anderes
ist mein Bestreben dabei« »Die Reinheit« rief K noch durch die Spalte der
Tür »wenn Sie die Pension rein erhalten wollen müssen Sie zuerst mir
kündigen« Dann schlug er die Tür zu ein leises Klopfen beachtete er nicht
mehr
    Dagegen beschloss er da er gar keine Lust zum Schlafen hatte noch
wachzubleiben und bei dieser Gelegenheit auch festzustellen wann Fräulein
Bürstner kommen würde Vielleicht wäre es dann auch möglich so unpassend es
sein mochte noch ein paar Worte mit ihr zu reden Als er im Fenster lag und die
müden Augen drückte dachte er einen Augenblick sogar daran Frau Grubach zu
bestrafen und Fräulein Bürstner zu überreden gemeinsam mit ihm zu kündigen
Sofort aber erschien ihm das entsetzlich übertrieben und er hatte sogar den
Verdacht gegen sich dass er darauf ausging die Wohnung wegen der Vorfälle am
Morgen zu wechseln Nichts wäre unsinniger und vor allem zweckloser und
verächtlicher gewesen
    Als er des Hinausschauens auf die leere Straße überdrüssig geworden war
legte er sich auf das Kanapee nachdem er die Tür zum Vorzimmer ein wenig
geöffnet hatte um jeden der die Wohnung betrat gleich vom Kanapee aus sehen
zu können Etwa bis elf Uhr lag er ruhig eine Zigarre rauchend auf dem
Kanapee Von da ab hielt er es aber nicht mehr dort aus sondern ging ein wenig
ins Vorzimmer als könne er dadurch die Ankunft des Fräulein Bürstner
beschleunigen Er hatte kein besonderes Verlangen nach ihr er konnte sich nicht
einmal genau erinnern wie sie aussah aber nun wollte er mit ihr reden und es
reizte ihn dass sie durch ihr spätes Kommen auch noch in den Abschluss dieses
Tages Unruhe und Unordnung brachte Sie war auch schuld daran dass er heute
nicht zu Abend gegessen und dass er den für heute beabsichtigten Besuch bei Elsa
unterlassen hatte Beides konnte er allerdings noch dadurch nachholen dass er
jetzt in das Weinlokal ging in dem Elsa bedienstet war Er wollte es auch noch
später nach der Unterredung mit Fräulein Bürstner tun
    Es war halb zwölf vorüber als jemand im Treppenhaus zu hören war K der
seinen Gedanken hingegeben im Vorzimmer so als wäre es sein eigenes Zimmer
laut auf und ab ging flüchtete hinter seine Tür Es war Fräulein Bürstner die
gekommen war Fröstelnd zog sie während sie die Tür versperrte einen seidenen
Schal um ihre schmalen Schultern zusammen Im nächsten Augenblick musste sie in
ihr Zimmer gehen in das K gewiss um Mitternacht nicht eindringen durfte er
musste sie also jetzt ansprechen hatte aber unglücklicherweise versäumt das
elektrische Licht in seinem Zimmer anzudrehen so dass sein Vortreten aus dem
dunklen Zimmer den Anschein eines Überfalls hatte und wenigstens sehr
erschrecken musste In seiner Hilflosigkeit und da keine Zeit zu verlieren war
flüsterte er durch den Türspalt »Fräulein Bürstner« Es klang wie eine Bitte
nicht wie ein Anruf »Ist jemand hier« fragte Fräulein Bürstner und sah sich
mit großen Augen um »Ich bin es« sagte K und trat vor »Ach Herr K« sagte
Fräulein Bürstner lächelnd »Guten Abend« und sie reichte ihm die Hand »Ich
wollte ein paar Worte mit Ihnen sprechen wollen Sie mir das jetzt erlauben«
»Jetzt« fragte Fräulein Bürstner »muss es jetzt sein Es ist ein wenig
sonderbar nicht« »Ich warte seit neun Uhr auf Sie« »Nun ja ich war im
Theater ich wusste doch nichts von Ihnen« »Der Anlass für das was ich Ihnen
sagen will hat sich erst heute ergeben« »So nun ich habe ja nichts
Grundsätzliches dagegen außer dass ich zum Hinfallen müde bin Also kommen Sie
auf ein paar Minuten in mein Zimmer Hier könnten wir uns auf keinen Fall
unterhalten wir wecken ja alle und das wäre mir unseretwegen noch unangenehmer
als der Leute wegen Warten Sie hier bis ich in meinem Zimmer angezündet habe
und drehen Sie dann hier das Licht ab« K tat so wartete dann aber noch bis
Fräulein Bürstner ihn aus ihrem Zimmer nochmals leise aufforderte zu kommen
»Setzen Sie sich« sagte sie und zeigte auf die Ottomane sie selbst blieb
aufrecht am Bettpfosten trotz der Müdigkeit von der sie gesprochen hatte nicht
einmal ihren kleinen aber mit einer Überfülle von Blumen geschmückten Hut legte
sie ab »Was wollten Sie also Ich bin wirklich neugierig« Sie kreuzte leicht
die Beine »Sie werden vielleicht sagen« begann K »dass die Sache nicht so
dringend war um jetzt besprochen zu werden aber « »Einleitungen überhöre ich
immer« sagte Fräulein Bürstner »Das erleichtert meine Aufgabe« sagte K »Ihr
Zimmer ist heute früh gewissermaßen durch meine Schuld ein wenig in Unordnung
gebracht worden es geschah durch fremde Leute gegen meinen Willen und doch wie
gesagt durch meine Schuld dafür wollte ich um Entschuldigung bitten« »Mein
Zimmer« fragte Fräulein Bürstner und sah statt des Zimmers K prüfend an »Es
ist so« sagte K und nun sahen beide einander zum erstenmal in die Augen »die
Art und Weise in der es geschah ist an sich keines Wortes wert« »Aber doch
das eigentlich Interessante« sagte Fräulein Bürstner »Nein« sagte K »Nun«
sagte Fräulein Bürstner »ich will mich nicht in Geheimnisse eindrängen
bestehen Sie darauf dass es uninteressant ist so will ich auch nichts dagegen
einwenden Die Entschuldigung um die Sie bitten gebe ich Ihnen gern besonders
da ich keine Spur einer Unordnung finden kann« Sie machte die flachen Hände
tief an die Hüften gelegt einen Rundgang durch das Zimmer Bei der Matte mit
den Photographien blieb sie stehen »Sehen Sie doch« rief sie »Meine
Photographien sind wirklich durcheinandergeworfen Das ist aber hässlich Es ist
also jemand unberechtigterweise in meinem Zimmer gewesen« K nickte und
verfluchte im stillen den Beamten Kaminer der seine öde sinnlose Lebhaftigkeit
niemals zähmen konnte »Es ist sonderbar« sagte Fräulein Bürstner »dass ich
gezwungen bin Ihnen etwas zu verbieten was Sie sich selbst verbieten müssten
nämlich in meiner Abwesenheit mein Zimmer zu betreten« »Ich erklärte Ihnen
doch Fräulein« sagte K und ging auch zu den Photographien »dass nicht ich es
war der sich an Ihren Photographien vergangen hat aber da Sie mir nicht
glauben so muss ich also eingestehen dass die Untersuchungskommission drei
Bankbeamte mitgebracht hat von denen der eine den ich bei nächster Gelegenheit
aus der Bank hinausbefördern werde die Photographien wahrscheinlich in die Hand
genommen hat Ja es war eine Untersuchungskommission hier« fügte K hinzu da
ihn das Fräulein mit einem fragenden Blick ansah »Ihretwegen« fragte das
Fräulein »Ja« antwortete K »Nein« rief das Fräulein und lachte »Doch«
sagte K »glauben Sie denn dass ich schuldlos bin« »Nun schuldlos« sagte
das Fräulein »ich will nicht gleich ein vielleicht folgenschweres Urteil
aussprechen auch kenne ich Sie doch nicht es muss doch schon ein schwerer
Verbrecher sein dem man gleich eine Untersuchungskommission auf den Leib
schickt Da Sie aber doch frei sind  ich schließe wenigstens aus Ihrer Ruhe
dass Sie nicht aus dem Gefängnis entlaufen sind  so können Sie doch kein solches
Verbrechen begangen haben« »Ja« sagte K »aber die Untersuchungskommission
kann doch eingesehen haben dass ich unschuldig bin oder doch nicht so schuldig
wie angenommen wurde« »Gewiss das kann sein« sagte Fräulein Bürstner sehr
aufmerksam »Sehen Sie« sagte K »Sie haben nicht viel Erfahrung in
Gerichtssachen« »Nein das habe ich nicht« sagte Fräulein Bürstner »und habe
es auch schon oft bedauert denn ich möchte alles wissen und gerade
Gerichtssachen interessieren mich ungemein Das Gericht hat eine eigentümliche
Anziehungskraft nicht Aber ich werde in dieser Richtung meine Kenntnisse
sicher vervollständigen denn ich trete nächsten Monat als Kanzleikraft in ein
Advokatenbüro ein« »Das ist sehr gut« sagte K »Sie werden mir dann in meinem
Prozess ein wenig helfen können« »Das könnte sein« sagte Fräulein Bürstner
»warum denn nicht Ich verwende gern meine Kenntnisse« »Ich meine es auch im
Ernst« sagte K »oder zumindest in dem halben Ernst in dem Sie es meinen Um
einen Advokaten heranzuziehen dazu ist die Sache doch zu kleinlich aber einen
Ratgeber könnte ich gut brauchen« »Ja aber wenn ich Ratgeber sein soll müsste
ich wissen worum es sich handelt« sagte Fräulein Bürstner »Das ist eben der
Haken« sagte K »das weiß ich selbst nicht« »Dann haben Sie sich also einen
Spaß aus mir gemacht« sagte Fräulein Bürstner übermäßig enttäuscht »es war
höchst unnötig sich diese späte Nachtzeit dazu auszusuchen« Und sie ging von
den Photographien weg wo sie so lange vereinigt gestanden hatten »Aber nein
Fräulein« sagte K »ich mache keinen Spaß Dass Sie mir nicht glauben wollen
Was ich weiß habe ich Ihnen schon gesagt Sogar mehr als ich weiß denn es war
gar keine Untersuchungskommission ich nenne es so weil ich keinen andern Namen
dafür weiß Es wurde gar nichts untersucht ich wurde nur verhaftet aber von
einer Kommission« Fräulein Bürstner saß auf der Ottomane und lachte wieder
»Wie war es denn« fragte sie »Schrecklich« sagte K aber er dachte jetzt gar
nicht daran sondern war ganz vom Anblick des Fräulein Bürstner ergriffen die
das Gesicht auf eine Hand stützte  der Ellbogen ruhte auf dem Kissen der
Ottomane  während die andere Hand langsam die Hüfte strich »Das ist zu
allgemein« sagte Fräulein Bürstner »Was ist zu allgemein« fragte K Dann
erinnerte er sich und fragte »Soll ich Ihnen zeigen wie es gewesen ist« Er
wollte Bewegung machen und doch nicht weggehen »Ich bin schon müde« sagte
Fräulein Bürstner »Sie kamen so spät« sagte K »Nun endet es damit dass ich
Vorwürfe bekomme es ist auch berechtigt denn ich hätte Sie nicht mehr
hereinlassen sollen Notwendig war es ja auch nicht wie es sich gezeigt hat«
»Es war notwendig das werden Sie erst jetzt sehen« sagte K »Darf ich das
Nachttischchen von Ihrem Bett herrücken« »Was fällt Ihnen ein« sagte Fräulein
Bürstner »das dürfen Sie natürlich nicht« »Dann kann ich es Ihnen nicht
zeigen« sagte K aufgeregt als füge man ihm dadurch einen unermesslichen
Schaden zu »Ja wenn Sie es zur Darstellung brauchen dann rücken Sie das
Tischchen nur ruhig fort« sagte Fräulein Bürstner und fügte nach einem Weilchen
mit schwächerer Stimme hinzu »Ich bin so müde dass ich mehr erlaube als gut
ist« K stellte das Tischchen in die Mitte des Zimmers und setzte sich
dahinter »Sie müssen sich die Verteilung der Personen richtig vorstellen es
ist sehr interessant Ich bin der Aufseher dort auf dem Koffer sitzen zwei
Wächter bei den Photographien stehen drei junge Leute An der Fensterklinke
hängt was ich nur nebenbei erwähne eine weiße Bluse Und jetzt fängt es an
Ja ich vergesse mich Die wichtigste Person also ich stehe hier vor dem
Tischchen Der Aufseher sitzt äußerst bequem die Beine übereinandergelegt den
Arm hier über die Lehne hinunterhängend ein Lümmel sondergleichen Und jetzt
fängt es also wirklich an Der Aufseher ruft als ob er mich wecken müsste er
schreit geradezu ich muss leider wenn ich es Ihnen begreiflich machen will
auch schreien es ist übrigens nur mein Name den er so schreit« Fräulein
Bürstner die lachend zuhörte legte den Zeigefinger an den Mund um K am
Schreien zu hindern aber es war zu spät K war zu sehr in der Rolle er rief
langsam »Josef K« übrigens nicht so laut wie er gedroht hatte aber doch
so dass sich der Ruf nachdem er plötzlich ausgestoßen war erst allmählich im
Zimmer zu verbreiten schien
    Da klopfte es an die Tür des Nebenzimmers einigemal stark kurz und
regelmäßig Fräulein Bürstner erbleichte und legte die Hand aufs Herz K
erschrak deshalb besonders stark weil er noch ein Weilchen ganz unfähig gewesen
war an etwas anderes zu denken als an die Vorfälle des Morgens und an das
Mädchen dem er sie vorführte Kaum hatte er sich gefasst sprang er zu Fräulein
Bürstner und nahm ihre Hand »Fürchten Sie nichts« flüsterte er »ich werde
alles in Ordnung bringen Wer kann es aber sein Hier nebenan ist doch nur das
Wohnzimmer in dem niemand schläft« »Doch« flüsterte Fräulein Bürstner an Ks
Ohr »seit gestern schläft hier ein Neffe von Frau Grubach ein Hauptmann Es
ist gerade kein anderes Zimmer frei Auch ich habe es vergessen Dass Sie so
schreien mussten Ich bin unglücklich darüber« »Dafür ist gar kein Grund« sagte
K und küsste als sie jetzt auf das Kissen zurücksank ihre Stirn »Weg weg«
sagte sie und richtete sich eilig wieder auf »gehen Sie doch gehen Sie doch
was wollen Sie er horcht doch an der Tür er hört doch alles Wie Sie mich
quälen« »Ich gehe nicht früher« sagte K »als Sie ein wenig beruhigt sind
Kommen Sie in die andere Ecke des Zimmers dort kann er uns nicht hören« Sie
ließ sich dorthin führen »Sie überlegen nicht« sagte er »dass es sich zwar um
eine Unannehmlichkeit für Sie handelt aber durchaus nicht um eine Gefahr Sie
wissen wie mich Frau Grubach die in dieser Sache doch entscheidet besonders
da der Hauptmann ihr Neffe ist geradezu verehrt und alles was ich sage
unbedingt glaubt Sie ist auch im übrigen von mir abhängig denn sie hat eine
größere Summe von mir geliehen Jeden Ihrer Vorschläge über eine Erklärung für
unser Beisammen nehme ich an wenn es nur ein wenig zweckentsprechend ist und
verbürge mich Frau Grubach dazu zu bringen die Erklärung nicht nur vor der
Öffentlichkeit sondern wirklich und aufrichtig zu glauben Mich müssen Sie
dabei in keiner Weise schonen Wollen Sie verbreitet haben dass ich Sie
überfallen habe so wird Frau Grubach in diesem Sinne unterrichtet werden und
wird es glauben ohne das Vertrauen zu mir zu verlieren so sehr hängt sie an
mir« Fräulein Bürstner sah still und ein wenig zusammengesunken vor sich auf
den Boden »Warum sollte Frau Grubach nicht glauben dass ich Sie überfallen
habe« fügte K hinzu Vor sich sah er ihr Haar geteiltes niedrig gebauschtes
fest zusammengehaltenes rötliches Haar Er glaubte sie werde ihm den Blick
zuwenden aber sie sagte in unveränderter Haltung »Verzeihen Sie ich bin durch
das plötzliche Klopfen so erschreckt worden nicht so sehr durch die Folgen die
die Anwesenheit des Hauptmanns haben könnte Es war so still nach Ihrem Schrei
und da klopfte es deshalb bin ich so erschrocken ich saß auch in der Nähe der
Tür es klopfte fast neben mir Für Ihre Vorschläge danke ich aber ich nehme
sie nicht an Ich kann für alles was in meinem Zimmer geschieht die
Verantwortung tragen und zwar gegenüber jedem Ich wundere mich dass Sie nicht
merken was für eine Beleidigung für mich in Ihren Vorschlägen liegt neben den
guten Absichten natürlich die ich gewiss anerkenne Aber nun gehen Sie lassen
Sie mich allein ich habe es jetzt noch nötiger als früher Aus den wenigen
Minuten um die Sie gebeten haben ist nun eine halbe Stunde und mehr geworden«
K fasste sie bei der Hand und dann beim Handgelenk »Sie sind mir aber nicht
böse« sagte er Sie streifte seine Hand ab und antwortete »Nein nein ich bin
niemals und niemandem böse« Er fasste wieder nach ihrem Handgelenk sie duldete
es jetzt und führte ihn so zur Tür Er war fest entschlossen wegzugehen Aber
vor der Tür als hätte er nicht erwartet hier eine Tür zu finden stockte er
diesen Augenblick benützte Fräulein Bürstner sich loszumachen die Tür zu
öffnen ins Vorzimmer zu schlüpfen und von dort aus K leise zu sagen »Nun
kommen Sie doch bitte Sehen Sie«  sie zeigte auf die Tür des Hauptmanns
unter der ein Lichtschein hervorkam  »er hat angezündet und unterhält sich über
uns« »Ich komme schon« sagte K lief vor fasste sie küsste sie auf den Mund
und dann über das ganze Gesicht wie ein durstiges Tier mit der Zunge über das
endlich gefundene Quellwasser hinjagt Schließlich küsste er sie auf den Hals wo
die Gurgel ist und dort ließ er die Lippen lange liegen Ein Geräusch aus dem
Zimmer des Hauptmanns ließ ihn aufschauen »Jetzt werde ich gehen« sagte er er
wollte Fräulein Bürstner beim Taufnamen nennen wusste ihn aber nicht Sie nickte
müde überließ ihm schon halb abgewendet die Hand zum Küssen als wisse sie
nichts davon und ging gebückt in ihr Zimmer Kurz darauf lag K in seinem Bett
Er schlief sehr bald ein vor dem Einschlafen dachte er noch ein Weilchen über
sein Verhalten nach er war damit zufrieden wunderte sich aber dass er nicht
noch zufriedener war wegen des Hauptmanns machte er sich für Fräulein Bürstner
ernstliche Sorgen
 
                                Zweites Kapitel
                               Erste Untersuchung
K war telephonisch verständigt worden dass am nächsten Sonntag eine kleine
Untersuchung in seiner Angelegenheit stattfinden würde Man machte ihn darauf
aufmerksam dass diese Untersuchungen regelmäßig wenn auch vielleicht nicht jede
Woche so doch häufiger einander folgen würden Es liege einerseits im
allgemeinen Interesse den Prozess rasch zu Ende zu führen anderseits aber
müssten die Untersuchungen in jeder Hinsicht gründlich sein und dürften doch
wegen der damit verbundenen Anstrengung niemals allzulange dauern Deshalb habe
man den Ausweg dieser rasch aufeinanderfolgenden aber kurzen Untersuchungen
gewählt Die Bestimmung des Sonntags als Untersuchungstag habe man deshalb
vorgenommen um K in seiner beruflichen Arbeit nicht zu stören Man setze
voraus dass er damit einverstanden sei sollte er einen anderen Termin wünschen
so würde man ihm so gut es ginge entgegenkommen Die Untersuchungen wären
beispielsweise auch in der Nacht möglich aber da sei wohl K nicht frisch
genug Jedenfalls werde man es solange K nichts einwende beim Sonntag
belassen Es sei selbstverständlich dass er bestimmt erscheinen müsse darauf
müsse man ihn wohl nicht erst aufmerksam machen Es wurde ihm die Nummer des
Hauses genannt in dem er sich einfinden solle es war ein Haus in einer
entlegenen Vorstadtstrasse in der K noch niemals gewesen war
    K hängte als er diese Meldung erhalten hatte ohne zu antworten den Hörer
an er war gleich entschlossen Sonntag hinzugehen es war gewiss notwendig der
Prozess kam in Gang und er musste sich dem entgegenstellen diese erste
Untersuchung sollte auch die letzte sein Er stand noch nachdenklich beim
Apparat da hörte er hinter sich die Stimme des DirektorStellvertreters der
telephonieren wollte dem aber K den Weg verstellte »Schlechte Nachrichten«
fragte der DirektorStellvertreter leichthin nicht um etwas zu erfahren
sondern um K vom Apparat wegzubringen »Nein nein« sagte K trat beiseite
ging aber nicht weg Der DirektorStellvertreter nahm den Hörer und sagte
während er auf die telephonische Verbindung wartete über das Hörrohr hinweg
»Eine Frage Herr K Möchten Sie mir Sonntag früh das Vergnügen machen eine
Partie auf meinem Segelboot mitzumachen Es wird eine größere Gesellschaft sein
gewiss auch Ihre Bekannten darunter Unter anderem Staatsanwalt Hasterer Wollen
Sie kommen Kommen Sie doch« K versuchte darauf achtzugeben was der
DirektorStellvertreter sagte Es war nicht unwichtig für ihn denn diese
Einladung des DirektorStellvertreters mit dem er sich niemals sehr gut
vertragen hatte bedeutete einen Versöhnungsversuch von dessen Seite und zeigte
wie wichtig K in der Bank geworden war und wie wertvoll seine Freundschaft oder
wenigstens seine Unparteilichkeit dem zweitöchsten Beamten der Bank erschien
Diese Einladung war eine Demütigung des DirektorStellvertreters mochte sie
auch nur in Erwartung der telephonischen Verbindung über das Hörrohr hinweg
gesagt sein Aber K musste eine zweite Demütigung folgen lassen er sagte
»Vielen Dank Aber ich habe leider Sonntag keine Zeit ich habe schon eine
Verpflichtung« »Schade« sagte der DirektorStellvertreter und wandte sich dem
telephonischen Gespräch zu das gerade hergestellt worden war Es war kein
kurzes Gespräch aber K blieb in seiner Zerstreutheit die ganze Zeit über neben
dem Apparat stehen Erst als der DirektorStellvertreter abläutete erschrak er
und sagte um sein unnützes Dastehen nur ein wenig zu entschuldigen »Ich bin
jetzt antelephoniert worden ich möchte irgendwo hinkommen aber man hat
vergessen mir zu sagen zu welcher Stunde« »Fragen Sie doch noch einmal nach«
sagte der DirektorStellvertreter »Es ist nicht so wichtig« sagte K obwohl
dadurch seine frühere schon an sich mangelhafte Entschuldigung noch weiter
verfiel Der DirektorStellvertreter sprach noch im Weggehen über andere Dinge
K zwang sich auch zu antworten dachte aber hauptsächlich daran dass es am
besten sein werde Sonntag um neun Uhr vormittags hinzukommen da zu dieser
Stunde an Werktagen alle Gerichte zu arbeiten anfangen
    Sonntag war trübes Wetter K war sehr ermüdet da er wegen einer
Stammtischfeierlichkeit bis spät in die Nacht im Gasthaus geblieben war er
hätte fast verschlafen Eilig ohne Zeit zu haben zu überlegen und die
verschiedenen Pläne die er während der Woche ausgedacht hatte
zusammenzustellen kleidete er sich an und lief ohne zu frühstücken in die ihm
bezeichnete Vorstadt Eigentümlicherweise traf er obwohl er wenig Zeit hatte
umherzublicken die drei an seiner Angelegenheit beteiligten Beamten
Rabensteiner Kullich und Kaminer Die ersten zwei fuhren in einer Elektrischen
quer über Ks Weg Kaminer aber saß auf der Terrasse eines Kaffeehauses und
beugte sich gerade als K vorüberkam neugierig über die Brüstung Alle sahen
ihm wohl nach und wunderten sich wie ihr Vorgesetzter lief es war irgendein
Trotz der K davon abgehalten hatte zu fahren er hatte Abscheu vor jeder
selbst der geringsten fremden Hilfe in dieser seiner Sache auch wollte er
niemanden in Anspruch nehmen und dadurch selbst nur im allerentferntesten
einweihen schließlich hatte er aber auch nicht die geringste Lust sich durch
allzu große Pünktlichkeit vor der Untersuchungskommission zu erniedrigen
Allerdings lief er jetzt um nur möglichst um neun Uhr einzutreffen obwohl er
nicht einmal für eine bestimmte Stunde bestellt war
    Er hatte gedacht das Haus schon von der Ferne an irgendeinem Zeichen das
er sich selbst nicht genau vorgestellt hatte oder an einer besonderen Bewegung
vor dem Eingang schon von weitem zu erkennen Aber die Juliusstrasse in der es
sein sollte und an deren Beginn K einen Augenblick lang stehenblieb enthielt
auf beiden Seiten fast ganz einförmige Häuser hohe graue von armen Leuten
bewohnte Mietäuser Jetzt am Sonntagmorgen waren die meisten Fenster besetzt
Männer in Hemdärmeln lehnten dort und rauchten oder hielten kleine Kinder
vorsichtig und zärtlich an den Fensterrand Andere Fenster waren hoch mit
Bettzeug angefüllt über dem flüchtig der zerraufte Kopf einer Frau erschien
Man rief einander über die Gasse zu ein solcher Zuruf bewirkte gerade über K
ein großes Gelächter Regelmässig verteilt befanden sich in der langen Straße
kleine unter dem Strassenniveau liegende durch ein paar Treppen erreichbare
Läden mit verschiedenen Lebensmitteln Dort gingen Frauen aus und ein oder
standen auf den Stufen und plauderten Ein Obständler der seine Waren zu den
Fenstern hinauf empfahl hätte ebenso unaufmerksam wie K mit seinem Karren
diesen fast niedergeworfen Eben begann ein in besseren Stadtvierteln
ausgedientes Grammophon mörderisch zu spielen
    K ging tiefer in die Gasse hinein langsam als hätte er nun schon Zeit
oder als sähe ihn der Untersuchungsrichter aus irgendeinem Fenster und wisse
also dass sich K eingefunden habe Es war kurz nach neun Das Haus lag ziemlich
weit es war fast ungewöhnlich ausgedehnt besonders die Toreinfahrt war hoch
und weit Sie war offenbar für Lastfuhren bestimmt die zu den verschiedenen
Warenmagazinen gehörten die jetzt versperrt den großen Hof umgaben und
Aufschriften von Firmen trugen von denen K einige aus dem Bankgeschäft kannte
Gegen seine sonstige Gewohnheit sich mit allen diesen Äußerlichkeiten genauer
befassend blieb er auch ein wenig am Eingang des Hofes stehen In seiner Nähe
auf einer Kiste saß ein blossfüssiger Mann und las eine Zeitung Auf einem
Handkarren schaukelten zwei Jungen Vor einer Pumpe stand ein schwaches junges
Mädchen in einer Nachtjoppe und blickte während das Wasser in ihre Kanne
strömte auf K hin In einer Ecke des Hofes wurde zwischen zwei Fenstern ein
Strick gespannt auf dem die zum Trocknen bestimmte Wäsche schon hing Ein Mann
stand unten und leitete die Arbeit durch ein paar Zurufe
    K wandte sich der Treppe zu um zum Untersuchungszimmer zu kommen stand
dann aber wieder still denn außer dieser Treppe sah er im Hof noch drei
verschiedene Treppenaufgänge und überdies schien ein kleiner Durchgang am Ende
des Hofes noch in einen zweiten Hof zu führen Er ärgerte sich dass man ihm die
Lage des Zimmers nicht näher bezeichnet hatte es war doch eine sonderbare
Nachlässigkeit oder Gleichgültigkeit mit der man ihn behandelte er
beabsichtigte das sehr laut und deutlich festzustellen Schließlich stieg er
doch die Treppe hinauf und spielte in Gedanken mit einer Erinnerung an den
Ausspruch des Wächters Willem dass das Gericht von der Schuld angezogen werde
woraus eigentlich folgte dass das Untersuchungszimmer an der Treppe liegen
musste die K zufällig wählte
    Er störte im Hinaufgehen viele Kinder die auf der Treppe spielten und ihn
wenn er durch ihre Reihe schritt böse ansahen »Wenn ich nächstens wieder
hergehen sollte« sagte er sich »muss ich entweder Zuckerwerk mitnehmen um sie
zu gewinnen oder den Stock um sie zu prügeln« Knapp vor dem ersten Stockwerk
musste er sogar ein Weilchen warten bis eine Spielkugel ihren Weg vollendet
hatte zwei kleine Jungen mit den verzwickten Gesichtern erwachsener Strolche
hielten ihn indessen an den Beinkleidern hätte er sie abschütteln wollen hätte
er ihnen wehtun müssen und er fürchtete ihr Geschrei
    Im ersten Stockwerk begann die eigentliche Suche Da er doch nicht nach der
Untersuchungskommission fragen konnte erfand er einen Tischler Lanz  der Name
fiel ihm ein weil der Hauptmann der Neffe der Frau Grubach so hieß  und
wollte nun in allen Wohnungen nachfragen ob hier ein Tischler Lanz wohne um so
die Möglichkeit zu bekommen in die Zimmer hineinzusehen Es zeigte sich aber
dass das meistens ohne weiteres möglich war denn fast alle Türen standen offen
und die Kinder liefen ein und aus Es waren in der Regel kleine einfenstrige
Zimmer in denen auch gekocht wurde Manche Frauen hielten Säuglinge im Arm und
arbeiteten mit der freien Hand auf dem Herd Halbwüchsige scheinbar nur mit
Schürzen bekleidete Mädchen liefen am fleissigsten hin und her In allen Zimmern
standen die Betten noch in Benützung es lagen dort Kranke oder noch Schlafende
oder Leute die sich dort in Kleidern streckten An den Wohnungen deren Türen
geschlossen waren klopfe K an und fragte ob hier ein Tischler Lanz wohne
Meistens öffnete eine Frau hörte die Frage an und wandte sich ins Zimmer zu
jemandem der sich aus dem Bett erhob »Der Herr fragt ob ein Tischler Lanz
hier wohnt« »Tischler Lanz« fragte der aus dem Bett »Ja« sagte K obwohl
sich hier die Untersuchungskommission zweifellos nicht befand und daher seine
Aufgabe beendet war Viele glaubten es liege K sehr viel daran den Tischler
Lanz zu finden dachten lange nach nannten einen Tischler der aber nicht Lanz
hieß oder einen Namen der mit Lanz eine ganz entfernte Ähnlichkeit hatte oder
sie fragten bei Nachbarn oder begleiteten K zu einer weit entfernten Tür wo
ihrer Meinung nach ein derartiger Mann möglicherweise in Aftermiete wohne oder
wo jemand sei der bessere Auskunft als sie selbst geben könne Schließlich
musste K kaum mehr selbst fragen sondern wurde auf diese Weise durch die
Stockwerke gezogen Er bedauerte seinen Plan der ihm zuerst so praktisch
erschienen war Vor dem fünften Stockwerk entschloss er sich die Suche
aufzugeben verabschiedete sich von einem freundlichen jungen Arbeiter der ihn
weiter hinaufführen wollte und ging hinunter Dann aber ärgerte ihm wieder das
Nutzlose dieser ganzen Unternehmung er ging nochmals zurück und klopfte an die
erste Tür des fünften Stockwerkes Das erste was er in dem kleinen Zimmer sah
war eine große Wanduhr die schon zehn Uhr zeigte »Wohnt ein Tischler Lanz
hier« fragte er »Bitte« sagte eine junge Frau mit schwarzen leuchtenden
Augen die gerade in einem Kübel Kinderwäsche wusch und zeigte mit der nassen
Hand auf die offene Tür des Nebenzimmers
    K glaubte in eine Versammlung einzutreten Ein Gedränge der verschiedensten
Leute  niemand kümmerte sich um den Eintretenden  füllte ein mittelgrosses
zweifenstriges Zimmer das knapp an der Decke von einer Galerie umgeben war die
gleichfalls vollständig besetzt war und wo die Leute nur gebückt stehen konnten
und mit Kopf und Rücken an die Decke stießen K dem die Luft zu dumpf war
trat wieder hinaus und sagte zu der jungen Frau die ihn wahrscheinlich falsch
verstanden hatte »Ich habe nach einem Tischler einem gewissen Lanz gefragt«
»Ja« sagte die Frau »gehen Sie bitte hinein« K hätte ihr vielleicht nicht
gefolgt wenn die Frau nicht auf ihn zugegangen wäre die Türklinke ergriffen
und gesagt hätte »Nach Ihnen muss ich schließen es darf niemand mehr hinein«
»Sehr vernünftig« sagte K »es ist aber jetzt schon zu voll« Dann ging er
aber doch wieder hinein
    Zwischen zwei Männern hindurch die sich unmittelbar bei der Tür
unterhielten  der eine machte mit beiden weit vorgestreckten Händen die
Bewegung des Geldaufzählens der andere sah ihm scharf in die Augen  fasste
eine Hand nach K Es war ein kleiner rotbäckiger Junge »Kommen Sie kommen
Sie« sagte er K ließ sich von ihm führen es zeigte sich dass in dem
durcheinanderwimmelnden Gedränge doch ein schmaler Weg frei war der
möglicherweise zwei Parteien schied dafür sprach auch dass K in den ersten
Reihen rechts und links kaum ein ihm zugewendetes Gesicht sah sondern nur die
Rücken von Leuten welche ihre Reden und Bewegungen nur an Leute ihrer Partei
richteten Die meisten waren schwarz angezogen in alten lang und lose
hinunterhängenden Feiertagsröcken Nur diese Kleidung beirrte K sonst hätte er
das Ganze für eine politische Bezirksversammlung angesehen
    Am anderen Ende des Saales zu dem K geführt wurde stand auf einem sehr
niedrigen gleichfalls überfüllten Podium ein kleiner Tisch der Quere nach
aufgestellt und hinter ihm nahe am Rand des Podiums saß ein kleiner dicker
schnaufender Mann der sich gerade mit einem hinter ihm Stehenden  dieser hatte
den Ellbogen auf die Sessellehne gestützt und die Beine gekreuzt  unter großem
Gelächter unterhielt Manchmal warf er den Arm in die Luft als karikiere er
jemanden Der Junge der K führte hatte Mühe seine Meldung vorzubringen
Zweimal hatte er schon auf den Fußspitzen stehend etwas auszurichten versucht
ohne von dem Mann oben beachtet worden zu sein Erst als einer der Leute oben
auf dem Podium auf den Jungen aufmerksam machte wandte sich der Mann ihm zu und
hörte hinuntergebeugt seinen leisen Bericht an Dann zog er seine Uhr und sah
schnell nach K hin »Sie hätten vor einer Stunde und fünf Minuten erscheinen
sollen« sagte er K wollte etwas antworten aber er hatte keine Zeit denn
kaum hatte der Mann ausgesprochen erhob sich in der rechten Saalhälfte ein
allgemeines Murren »Sie hätten vor einer Stunde und fünf Minuten erscheinen
sollen« wiederholte nun der Mann mit erhobener Stimme und sah nun auch schnell
in den Saal hinunter Sofort wurde auch das Murren stärker und verlor sich da
der Mann nichts mehr sagte nur allmählich Es war jetzt im Saal viel stiller
als bei Ks Eintritt Nur die Leute auf der Galerie hörten nicht auf ihre
Bemerkungen zu machen Sie schienen soweit man oben in dem Halbdunkel Dunst
und Staub etwas unterscheiden konnte schlechter angezogen zu sein als die
unten Manche hatten Polster mitgebracht die sie zwischen den Kopf und die
Zimmerdecke gelegt hatten um sich nicht wundzudrücken
    K hatte sich entschlossen mehr zu beobachten als zu reden infolgedessen
verzichtete er auf die Verteidigung wegen seines angeblichen Zuspätkommens und
sagte bloß »Mag ich zu spät gekommen sein jetzt bin ich hier« Ein
Beifallklatschen wieder aus der rechten Saalhälfte folgte Leicht zu
gewinnende Leute dachte K und war nur gestört durch die Stille in der linken
Saalhälfte die gerade hinter ihm lag und aus der sich nur ganz vereinzeltes
Händeklatschen erhoben hatte Er dachte nach was er sagen könnte um alle auf
einmal oder wenn das nicht möglich sein sollte wenigstens zeitweilig auch die
anderen zu gewinnen
    »Ja« sagte der Mann »aber ich bin nicht mehr verpflichtet Sie jetzt zu
verhören«  wieder das Murren diesmal aber missverständlich denn der Mann fuhr
indem er den Leuten mit der Hand abwinkte fort  »ich will es jedoch
ausnahmsweise heute noch tun Eine solche Verspätung darf sich aber nicht mehr
wiederholen Und nun treten Sie vor« Irgend jemand sprang vom Podium hinunter
so dass für K ein Platz frei wurde auf den er hinaufstieg Er stand eng an den
Tisch gedrückt das Gedränge hinter ihm war so groß dass er ihm Widerstand
leisten musste wollte er nicht den Tisch des Untersuchungsrichters und
vielleicht auch diesen selbst vom Podium hinunterstossen
    Der Untersuchungsrichter kümmerte sich aber nicht darum sondern saß recht
bequem auf seinem Sessel und griff nachdem er dem Mann hinter ihm ein
abschliessendes Wort gesagt hatte nach einem kleinen Anmerkungsbuch dem
einzigen Gegenstand auf seinem Tisch Es war schulheftartig alt durch vieles
Blättern ganz aus der Form gebracht »Also« sagte der Untersuchungsrichter
blätterte in dem Heft und wandte sich im Tone einer Feststellung an K »Sie
sind Zimmermaler« »Nein« sagte K »sondern erster Prokurist einer großen
Bank« Dieser Antwort folgte bei der rechten Partei unten ein Gelächter das so
herzlich war dass K mitlachen musste Die Leute stützten sich mit den Händen auf
ihre Knie und schüttelten sich wie unter schweren Hustenanfällen Es lachten
sogar einzelne auf der Galerie Der ganz böse gewordene Untersuchungsrichter
der wahrscheinlich gegen die Leute unten machtlos war suchte sich an der
Galerie zu entschädigen sprang auf drohte der Galerie und seine sonst wenig
auffallenden Augenbrauen drängten sich buschig schwarz und groß über seinen
Augen
    Die linke Saalhälfte war aber noch immer still die Leute standen dort in
Reihen hatten ihre Gesichter dem Podium zugewendet und hörten den Worten die
oben gewechselt wurden ebenso ruhig zu wie dem Lärm der anderen Partei sie
duldeten sogar dass einzelne aus ihren Reihen mit der anderen Partei hie und da
gemeinsam vorgingen Die Leute der linken Partei die übrigens weniger zahlreich
waren mochten im Grunde ebenso unbedeutend sein wie die der rechten Partei
aber die Ruhe ihres Verhaltens ließ sie bedeutungsvoller erscheinen Als K
jetzt zu reden begann war er überzeugt in ihrem Sinne zu sprechen
    »Ihre Frage Herr Untersuchungsrichter ob ich Zimmermaler bin  vielmehr
Sie haben gar nicht gefragt sondern es mir auf den Kopf zugesagt  ist
bezeichnend für die ganze Art des Verfahrens das gegen mich geführt wird Sie
können einwenden dass es ja überhaupt kein Verfahren ist Sie haben sehr recht
denn es ist ja nur ein Verfahren wenn ich es als solches anerkenne Aber ich
erkenne es also für den Augenblick jetzt an aus Mitleid gewissermaßen Man kann
sich nicht anders als mitleidig dazu stellen wenn man es überhaupt beachten
will Ich sage nicht dass es ein liederliches Verfahren ist aber ich möchte
Ihnen diese Bezeichnung zur Selbsterkenntnis angeboten haben«
    K unterbrach sich und sah in den Saal hinunter Was er gesagt hatte war
scharf schärfer als er es beabsichtigt hatte aber doch richtig Es hätte
Beifall hier oder dort verdient es war jedoch alles still man wartete offenbar
gespannt auf das Folgende es bereitete sich vielleicht in der Stille ein
Ausbruch vor der allem ein Ende machen würde Störend war es dass sich jetzt
die Tür am Saalende öffnete die junge Wäscherin die ihre Arbeit wahrscheinlich
beendet hatte eintrat und trotz aller Vorsicht die sie aufwendete einige
Blicke auf sich zog Nur der Untersuchungsrichter machte K unmittelbare Freude
denn er schien von den Worten sofort getroffen zu werden Er hatte bisher
stehend zugehört denn er war von Ks Ansprache überrascht worden während er
sich für die Galerie aufgerichtet hatte Jetzt in der Pause setzte er sich
allmählich als sollte es nicht bemerkt werden Wahrscheinlich um seine Miene zu
beruhigen nahm er wieder das Heftchen vor
    »Es hilft nichts« fuhr K fort »auch Ihr Heftchen Herr
Untersuchungsrichter bestätigt was ich sage« Zufrieden damit nur seine
ruhigen Worte in der fremden Versammlung zu hören wagte es K sogar kurzerhand
das Heft dem Untersuchungsrichter wegzunehmen und es mit den Fingerspitzen als
scheue er sich davor an einem mittleren Blatte hochzuheben so dass beiderseits
die engbeschriebenen fleckigen gelbrandigen Blätter hinunterhingen »Das sind
die Akten des Untersuchungsrichters« sagte er und ließ das Heft auf den Tisch
hinunterfallen »Lesen Sie darin ruhig weiter Herr Untersuchungsrichter vor
diesem Schuldbuch fürchte ich mich wahrhaftig nicht obwohl es mir unzugänglich
ist denn ich kann es nur mit zwei Fingern anfassen und würde es nicht in die
Hand nehmen« Es konnte nur ein Zeichen tiefer Demütigung sein oder es musste
zumindest so aufgefasst werden dass der Untersuchungsrichter nach dem Heftchen
wie es auf den Tisch gefallen war griff es ein wenig in Ordnung zu bringen
suchte und es wieder vornahm um darin zu lesen
    Die Gesichter der Leute in der ersten Reihe waren so gespannt auf K
gerichtet dass er ein Weilchen lang zu ihnen hinuntersah Es waren durchwegs
ältere Männer einige waren weissbärtig Waren vielleicht sie die Entscheidenden
die die ganze Versammlung beeinflussen konnten welche auch durch die Demütigung
des Untersuchungsrichters sich nicht aus der Regungslosigkeit bringen ließ in
welche sie seit Ks Rede versunken war
    »Was mir geschehen ist« fuhr K fort etwas leiser als früher und suchte
immer wieder die Gesichter der ersten Reihe ab was seiner Rede einen etwas
fahrigen Ausdruck gab »was mir geschehen ist ist ja nur ein einzelner Fall und
als solcher nicht sehr wichtig da ich es nicht sehr schwer nehme aber es ist
das Zeichen eines Verfahrens wie es gegen viele geübt wird Für diese stehe ich
hier ein nicht für mich«
    Er hatte unwillkürlich seine Stimme erhoben Irgendwo klatschte jemand mit
erhobenen Händen und rief »Bravo Warum denn nicht Bravo Und wieder Bravo«
Die in der ersten Reihe griffen hier und da in ihre Bärte keiner kehrte sich
wegen des Ausrufs um Auch K maß ihm keine Bedeutung bei war aber doch
aufgemuntert er hielt es jetzt gar nicht mehr für nötig dass alle Beifall
klatschten es genügte wenn die Allgemeinheit über die Sache nachzudenken
begann und nur manchmal einer durch Überredung gewonnen wurde
    »Ich will nicht Rednererfolg« sagte K aus dieser Überlegung heraus »er
dürfte mir auch nicht erreichbar sein Der Herr Untersuchungsrichter spricht
wahrscheinlich viel besser es gehört ja zu seinem Beruf Was ich will ist nur
die öffentliche Besprechung eines öffentlichen Missstandes Hören Sie Ich bin
vor etwa zehn Tagen verhaftet worden über die Tatsache der Verhaftung selbst
lache ich aber das gehört jetzt nicht hierher Ich wurde früh im Bett
überfallen vielleicht hatte man  es ist nach dem was der Untersuchungsrichter
sagte nicht ausgeschlossen  den Befehl irgendeinen Zimmermaler der ebenso
unschuldig ist wie ich zu verhaften aber man wählte mich Das Nebenzimmer war
von zwei groben Wächtern besetzt Wenn ich ein gefährlicher Räuber wäre hätte
man nicht bessere Vorsorge treffen können Diese Wächter waren überdies
demoralisiertes Gesindel sie schwätzten mir die Ohren voll sie wollten sich
bestechen lassen sie wollten mir unter Vorspiegelungen Wäsche und Kleider
herauslocken sie wollten Geld um mir angeblich ein Frühstück zu bringen
nachdem sie mein eigenes Frühstück vor meinen Augen schamlos aufgegessen hatten
Nicht genug daran Ich wurde in ein drittes Zimmer vor den Aufseher geführt Es
war das Zimmer einer Dame die ich sehr schätze und ich musste zusehen wie
dieses Zimmer meinetwegen aber ohne meine Schuld durch die Anwesenheit der
Wächter und des Aufsehers gewissermaßen verunreinigt wurde Es war nicht leicht
ruhig zu bleiben Es gelang mir aber und ich fragte den Aufseher vollständig
ruhig  wenn er hier wäre müsste er es bestätigen   warum ich verhaftet sei
Was antwortete nun dieser Aufseher den ich jetzt noch vor mir sehe wie er auf
dem Sessel der erwähnten Dame als eine Darstellung des stumpfsinnigsten Hochmuts
sitzt Meine Herren er antwortete im Grunde nichts vielleicht wusste er
wirklich nichts er hatte mich verhaftet und war damit zufrieden Er hat sogar
noch ein übriges getan und in das Zimmer jener Dame drei niedrige Angestellte
meiner Bank gebracht die sich damit beschäftigten Photographien Eigentum der
Dame zu betasten und in Unordnung zu bringen Die Anwesenheit dieser
Angestellten hatte natürlich noch einen andern Zweck sie sollten ebenso wie
meine Vermieterin und ihr Dienstmädchen die Nachricht von meiner Verhaftung
verbreiten mein öffentliches Ansehen schädigen und insbesondere in der Bank
meine Stellung erschüttern Nun ist nichts davon auch nicht im geringsten
gelungen selbst meine Vermieterin eine ganz einfache Person  ich will ihren
Namen hier in ehrendem Sinne nennen sie heißt Frau Grubach  selbst Frau
Grubach war verständig genug einzusehen dass eine solche Verhaftung nicht mehr
bedeutet als einen Anschlag den nicht genügend beaufsichtigte Jungen auf der
Gasse ausführen Ich wiederhole mir hat das Ganze nur Unannehmlichkeiten und
vorübergehenden Ärger bereitet hätte es aber nicht auch schlimmere Folgen haben
können«
    Als K sich hier unterbrach und nach dem stillen Untersuchungsrichter
hinsah glaubte er zu bemerken dass dieser gerade mit einem Blick jemandem in
der Menge ein Zeichen gab K lächelte und sagte »Eben gibt hier neben mir der
Herr Untersuchungsrichter jemandem von Ihnen ein geheimes Zeichen Es sind also
Leute unter Ihnen die von hier oben dirigiert werden Ich weiß nicht ob das
Zeichen jetzt Zischen oder Beifall bewirken sollte und verzichte dadurch dass
ich die Sache vorzeitig verrate ganz bewusst darauf die Bedeutung des Zeichens
zu erfahren Es ist mir vollständig gleichgültig und ich ermächtige den Herrn
Untersuchungsrichter öffentlich seine bezahlten Angestellten dort unten statt
mit geheimen Zeichen laut mit Worten zu befehligen indem er etwa einmal sagt
Jetzt zischt und das nächste Mal Jetzt klatscht«
    In Verlegenheit oder Ungeduld rückte der Untersuchungsrichter auf seinem
Sessel hin und her Der Mann hinter ihm mit dem er sich schon früher
unterhalten hatte beugte sich wieder zu ihm sei es um ihm im allgemeinen Mut
zuzusprechen oder um ihm einen besonderen Rat zu geben Unten unterhielten sich
die Leute leise aber lebhaft Die zwei Parteien die früher so entgegengesetzte
Meinungen gehabt zu haben schienen vermischten sich einzelne Leute zeigten mit
dem Finger auf K andere auf den Untersuchungsrichter Der neblige Dunst im
Zimmer war äußerst lästig er verhinderte sogar eine genauere Beobachtung der
Fernerstehenden Besonders für die Galeriebesucher musste er störend sein sie
waren gezwungen allerdings unter scheuen Seitenblicken nach dem
Untersuchungsrichter leise Fragen an die Versammlungsteilnehmer zu stellen um
sich näher zu unterrichten Die Antworten wurden im Schutz der vorgehaltenen
Hände ebenso leise gegeben
    »Ich bin gleich zu Ende« sagte K und schlug da keine Glocke vorhanden
war mit der Faust auf den Tisch im Schrecken darüber fuhren die Köpfe des
Untersuchungsrichters und seines Ratgebers augenblicklich auseinander »Mir
steht die ganze Sache fern ich beurteile sie daher ruhig und Sie können
vorausgesetzt dass Ihnen an diesem angeblichen Gericht etwas gelegen ist großen
Vorteil davon haben wenn Sie mir zuhören Ihre gegenseitigen Besprechungen
dessen was ich vorbringe bitte ich Sie für späterhin zu verschieben denn ich
habe keine Zeit und werde bald weggehen«
    Sofort war es still so sehr beherrschte K schon die Versammlung Man
schrie nicht mehr durcheinander wie am Anfang man klatschte nicht einmal mehr
Beifall aber man schien schon überzeugt oder auf dem nächsten Wege dazu
    »Es ist kein Zweifel« sagte K sehr leise denn ihn freute das angespannte
Aufhorchen der ganzen Versammlung in dieser Stille entstand ein Sausen das
aufreizender war als der verzückteste Beifall »es ist kein Zweifel dass hinter
allen Äußerungen dieses Gerichtes in meinem Fall also hinter der Verhaftung und
der heutigen Untersuchung eine große Organisation sich befindet Eine
Organisation die nicht nur bestechliche Wächter läppische Aufseher und
Untersuchungsrichter die günstigsten Falles bescheiden sind beschäftigt
sondern die weiterhin jedenfalls eine Richterschaft hohen und höchsten Grades
unterhält mit dem zahllosen unumgänglichen Gefolge von Dienern Schreibern
Gendarmen und andern Hilfskräften vielleicht sogar Henkern ich scheue vor dem
Wort nicht zurück Und der Sinn dieser großen Organisation meine Herren Er
besteht darin dass unschuldige Personen verhaftet werden und gegen sie ein
sinnloses und meistens wie in meinem Fall ergebnisloses Verfahren eingeleitet
wird Wie ließe sich bei dieser Sinnlosigkeit des Ganzen die schlimmste
Korruption der Beamtenschaft vermeiden Das ist unmöglich das brächte auch der
höchste Richter nicht einmal für sich selbst zustande Darum suchen die Wächter
den Verhafteten die Kleider vom Leib zu stehlen darum brechen Aufseher in
fremde Wohnungen ein darum sollen Unschuldige statt verhört lieber vor ganzen
Versammlungen entwürdigt werden Die Wächter haben nur von Depots erzählt in
die man das Eigentum der Verhafteten bringt ich wollte einmal diese Depotplätze
sehen in denen das mühsam erarbeitete Vermögen der Verhafteten fault soweit es
nicht von diebischen Depotbeamten gestohlen ist«
    K wurde durch ein Kreischen vom Saalende unterbrochen er beschattete die
Augen um hinsehen zu können denn das trübe Tageslicht machte den Dunst
weisslich und blendete Es handelte sich um die Waschfrau die K gleich bei
ihrem Eintritt als eine wesentliche Störung erkannt hatte Ob sie jetzt schuldig
war oder nicht konnte man nicht erkennen K sah nur dass ein Mann sie in einen
Winkel bei der Tür gezogen hatte und dort an sich drückte Aber nicht sie
kreischte sondern der Mann er hatte den Mund breit gezogen und blickte zur
Decke Ein kleiner Kreis hatte sich um beide gebildet die Galeriebesucher in
der Nähe schienen darüber begeistert dass der Ernst den K in die Versammlung
eingeführt hatte auf diese Weise unterbrochen wurde K wollte unter dem ersten
Eindruck gleich hinlaufen auch dachte er allen würde daran gelegen sein dort
Ordnung zu schaffen und zumindest das Paar aus dem Saal zu weisen aber die
ersten Reihen vor ihm blieben ganz fest keiner rührte sich und keiner ließ K
durch Im Gegenteil man hinderte ihn alte Männer hielten den Arm vor und
irgendeine Hand  er hatte nicht Zeit sich umzudrehen   fasste ihn hinten am
Kragen K dachte nicht eigentlich mehr an das Paar ihm war als werde seine
Freiheit eingeschränkt als mache man mit der Verhaftung ernst und er sprang
rücksichtslos vom Podium hinunter Nun stand er Aug in Aug dem Gedränge
gegenüber Hatte er die Leute nicht richtig beurteilt Hatte er seiner Rede
zuviel Wirkung zugetraut Hatte man sich verstellt solange er gesprochen hatte
und hatte man jetzt da er zu den Schlussfolgerungen kam die Verstellung satt
Was für Gesichter rings um ihn Kleine schwarze Äuglein huschten hin und her
die Wangen hingen herab wie bei Versoffenen die langen Bärte waren steif und
schütter und griff man in sie so war es als bilde man bloß Krallen nicht als
griffe man in Bärte Unter den Bärten aber  und das war die eigentliche
Entdeckung die K machte  schimmerten am Rockkragen Abzeichen in verschiedener
Größe und Farbe Alle hatten diese Abzeichen soweit man sehen konnte Alle
gehörten zueinander die scheinbaren Parteien rechts und links und als er sich
plötzlich umdrehte sah er die gleichen Abzeichen am Kragen des
Untersuchungsrichters der die Hände im Schoss ruhig hinuntersah »So« rief K
und warf die Arme in die Höhe die plötzliche Erkenntnis wollte Raum »ihr seid
ja alle Beamte wie ich sehe ihr seid ja die korrupte Bande gegen die ich
sprach ihr habt euch hier gedrängt als Zuhörer und Schnüffler habt scheinbare
Parteien gebildet und eine hat applaudiert um mich zu prüfen ihr wolltet
lernen wie man Unschuldige verführen soll Nun ihr seid nicht nutzlos hier
gewesen hoffe ich entweder habt ihr euch darüber unterhalten dass jemand die
Verteidigung der Unschuld von euch erwartet hat oder aber  lass mich oder ich
schlage« rief K einem zitternden Greis zu der sich besonders nahe an ihn
geschoben hatte  »oder aber ihr habt wirklich etwas gelernt Und damit wünsche
ich euch Glück zu euerem Gewerbe« Er nahm schnell seinen Hut der am Rande des
Tisches lag und drängte sich unter allgemeiner Stille jedenfalls der Stille
vollkommenster Überraschung zum Ausgang Der Untersuchungsrichter schien aber
noch schneller als K gewesen zu sein denn er erwartete ihn bei der Tür »Einen
Augenblick« sagte er K blieb stehen sah aber nicht auf den
Untersuchungsrichter sondern auf die Tür deren Klinke er schon ergriffen
hatte »Ich wollte Sie nur darauf aufmerksam machen« sagte der
Untersuchungsrichter »dass Sie sich heute  es dürfte Ihnen noch nicht zu
Bewusstsein gekommen sein  des Vorteils beraubt haben den ein Verhör für den
Verhafteten in jedem Falle bedeutet« K lachte die Tür an »Ihr Lumpen« rief
er »ich schenke euch alle Verhöre« öffnete die Tür und eilte die Treppe
hinunter Hinter ihm erhob sich der Lärm der wiederlebendig gewordenen
Versammlung welche die Vorfälle wahrscheinlich nach Art von Studierenden zu
besprechen begann
 
                                Drittes Kapitel
                             Im leeren Sitzungssaal
                          Der Student  Die Kanzleien
K wartete während der nächsten Woche von Tag zu Tag auf eine neuerliche
Verständigung er konnte nicht glauben dass man seinen Verzicht auf Verhöre
wörtlich genommen hatte und als die erwartete Verständigung bis Samstagabend
wirklich nicht kam nahm er an er sei stillschweigend in das gleiche Haus für
die gleiche Zeit wieder vorgeladen Er begab sich daher Sonntags wieder hin
ging diesmal geradewegs über Treppen und Gänge einige Leute die sich seiner
erinnerten grüßten ihn an ihren Türen aber er musste niemanden mehr fragen und
kam bald zu der richtigen Tür Auf sein Klopfen wurde ihm gleich aufgemacht und
ohne sich weiter nach der bekannten Frau umzusehen die bei der Tür stehenblieb
wollte er gleich ins Nebenzimmer »Heute ist keine Sitzung« sagte die Frau
»Warum sollte keine Sitzung sein« fragte er und wollte es nicht glauben Aber
die Frau überzeugte ihn indem sie die Tür des Nebenzimmers öffnete Es war
wirklich leer und sah in seiner Leere noch kläglicher aus als am letzten
Sonntag Auf dem Tisch der unverändert auf dem Podium stand lagen einige
Bücher »Kann ich mir die Bücher anschauen« fragte K nicht aus besonderer
Neugierde sondern nur um nicht vollständig nutzlos hier gewesen zu sein
»Nein« sagte die Frau und schloss wieder die Tür »das ist nicht erlaubt Die
Bücher gehören dem Untersuchungsrichter«
    »Ach so« sagte K und nickte »die Bücher sind wohl Gesetzbücher und es
gehört zu der Art dieses Gerichtswesens dass man nicht nur unschuldig sondern
auch unwissend verurteilt wird« »Es wird so sein« sagte die Frau die ihn
nicht genau verstanden hatte »Nun dann gehe ich wieder« sagte K »Soll ich
dem Untersuchungsrichter etwas melden« fragte die Frau »Sie kennen ihn«
fragte K
    »Natürlich« sagte die Frau »mein Mann ist ja Gerichtsdiener« Erst jetzt
merkte K dass das Zimmer in dem letzthin nur ein Waschbottich gestanden war
jetzt ein völlig eingerichtetes Wohnzimmer bildete Die Frau bemerkte sein
Staunen und sagte »Ja wir haben hier freie Wohnung müssen aber an
Sitzungstagen das Zimmer ausräumen Die Stellung meines Mannes hat manche
Nachteile« »Ich staune nicht so sehr über das Zimmer« sagte K und blickte sie
böse an »als vielmehr darüber dass Sie verheiratet sind« »Spielen Sie
vielleicht auf den Vorfall in der letzten Sitzung an durch den ich Ihre Rede
störte« fragte die Frau »Natürlich« sagte K »heute ist es ja schon vorüber
und fast vergessen aber damals hat es mich geradezu wütend gemacht Und nun
sagen Sie selbst dass Sie eine verheiratete Frau sind« »Es war nicht zu Ihrem
Nachteil dass ihre Rede abgebrochen wurde Man hat nachher noch sehr ungünstig
über sie geurteilt«
    »Mag sein« sagte K ablenkend »aber Sie entschuldigt das nicht« »Ich bin
vor allen entschuldigt die mich kennen« sagte die Frau »der welcher mich
damals umarmt hat verfolgt mich schon seit langem Ich mag im allgemeinen nicht
verlockend sein für ihn bin ich es aber Es gibt hierfür keinen Schutz auch
mein Mann hat sich schon damit abgefunden will er seine Stellung behalten muss
er es dulden denn jener Mann ist Student und wird voraussichtlich zu größerer
Macht kommen Er ist immerfort hinter mir her gerade ehe Sie kamen ist er
fortgegangen« »Es passt zu allem anderen« sagte K »es überrascht mich nicht«
»Sie wollen hier wohl einiges verbessern« fragte die Frau langsam und prüfend
als sage sie etwas was sowohl für sie als für K gefährlich war »Ich habe das
schon aus Ihrer Rede geschlossen die mir persönlich sehr gut gefallen hat Ich
habe allerdings nur einen Teil gehört den Anfang habe ich versäumt und während
des Schlusses lag ich mit dem Studenten auf dem Boden  Es ist ja so widerlich
hier« sagte sie nach einer Pause und fasste Ks Hand »Glauben Sie dass es Ihnen
gelingen wird eine Besserung zu erreichen« K lächelte und drehte seine Hand
ein wenig in ihren weichen Händen »Eigentlich« sagte er »bin ich nicht dazu
angestellt Besserungen hier zu erreichen wie Sie sich ausdrücken und wenn Sie
es zum Beispiel dem Untersuchungsrichter sagten würden Sie ausgelacht oder
bestraft werden Tatsächlich hätte ich mich auch aus freiem Willen in diese
Dinge gewiss nicht eingemischt und meinen Schlaf hätte die
Verbesserungsbedürftigkeit dieses Gerichtswesens niemals gestört Aber ich bin
dadurch dass ich angeblich verhaftet wurde  ich bin nämlich verhaftet 
gezwungen worden hier einzugreifen und zwar um meinetwillen Wenn ich aber
dabei auch Ihnen irgendwie nützlich sein kann werde ich es natürlich sehr gerne
tun Nicht etwa nur aus Nächstenliebe sondern außerdem deshalb weil auch Sie
mir helfen können« »Wie könnte ich denn das« fragte die Frau »Indem Sie mir
zum Beispiel die Bücher dort auf dem Tisch zeigen« »Aber gewiss« rief die Frau
und zog ihn eiligst hinter sich her Es waren alte abgegriffene Bücher ein
Einbanddeckel war in der Mitte fast zerbrochen die Stücke hingen nur durch
Fasern zusammen »Wie schmutzig hier alles ist« sagte K kopfschüttelnd und
die Frau wischte mit ihrer Schürze ehe K nach den Büchern greifen konnte
wenigstens oberflächlich den Staub weg K schlug das oberste Buch auf es
erschien ein unanständiges Bild Ein Mann und eine Frau saßen nackt auf einem
Kanapee die gemeine Absicht des Zeichners war deutlich zu erkennen aber seine
Ungeschicklichkeit war so groß gewesen dass schließlich doch nur ein Mann und
eine Frau zu sehen waren die allzu körperlich aus dem Bilde hervorragten
übermäßig aufrecht dasassen und sich infolge falscher Perspektive nur mühsam
einander zuwendeten K blätterte nicht weiter sondern schlug nur noch das
Titelblatt des zweiten Buches auf es war ein Roman mit dem Titel »Die Plagen
welche Grete von ihrem Manne Hans zu erleiden hatte« »Das sind die
Gesetzbücher die hier studiert werden« sagte K »von solchen Menschen soll
ich gerichtet werden« »Ich werde Ihnen helfen« sagte die Frau »Wollen Sie«
»Könnten Sie denn das wirklich ohne sich selbst in Gefahr zu bringen Sie
sagten doch vorhin Ihr Mann sei sehr abhängig von Vorgesetzten« »Trotzdem will
ich Ihnen helfen« sagte die Frau »kommen Sie wir müssen es besprechen Über
meine Gefahr reden Sie nicht mehr ich fürchte die Gefahr nur dort wo ich sie
fürchten will Kommen Sie« Sie zeigte auf das Podium und bat ihn sich mit ihr
auf die Stufe zu setzen »Sie haben schöne dunkle Augen« sagte sie nachdem sie
sich gesetzt hatten und sah K von unten ins Gesicht »man sagt mir ich hätte
auch schöne Augen aber Ihre sind viel schöner Sie fielen mir übrigens gleich
damals auf als Sie zum erstenmal hier eintraten Sie waren auch der Grund
warum ich dann später hierher ins Versammlungszimmer ging was ich sonst niemals
tue und was mir sogar gewissermaßen verboten ist« Das ist also alles dachte
K sie bietet sich mir an sie ist verdorben wie alle hier rings herum sie hat
die Gerichtsbeamten satt was ja begreiflich ist und begrüßt deshalb jeden
beliebigen Fremden mit einem Kompliment wegen seiner Augen Und K stand
stillschweigend auf als hätte er seine Gedanken laut ausgesprochen und dadurch
der Frau sein Verhalten erklärt »Ich glaube nicht dass Sie mir helfen können«
sagte er »um mir wirklich zu helfen müsste man Beziehungen zu hohen Beamten
haben Sie aber kennen gewiss nur die niedrigen Angestellten die sich hier in
Mengen herumtreiben Diese kennen Sie gewiss sehr gut und könnten bei ihnen auch
manches durchsetzen das bezweifle ich nicht aber das Größte was man bei ihnen
durchsetzen könnte wäre für den endgültigen Ausgang des Prozesses gänzlich
belanglos Sie aber hätten sich dadurch doch einige Freunde verscherzt Das will
ich nicht Führen Sie ihr bisheriges Verhältnis zu diesen Leuten weiter es
scheint mir nämlich dass es Ihnen unentbehrlich ist Ich sage das nicht ohne
Bedauern denn um Ihr Kompliment doch auch irgendwie zu erwidern auch Sie
gefallen mir gut besonders wenn Sie mich wie jetzt so traurig ansehen wozu
übrigens für Sie gar kein Grund ist Sie gehören zu der Gesellschaft die ich
bekämpfen muss befinden sich aber in ihr sehr wohl Sie lieben sogar den
Studenten und wenn Sie ihn nicht lieben so ziehen Sie ihn doch wenigstens
Ihrem Manne vor Das konnte man aus Ihren Worten leicht erkennen« »Nein« rief
sie blieb sitzen und griff nach Ks Hand die er ihr nicht rasch genug entzog
»Sie dürfen jetzt nicht weggehen Sie dürfen nicht mit einem falschen Urteil
über mich weggehen Brächten Sie es wirklich zustande jetzt wegzugehen Bin ich
wirklich so wertlos dass Sie mir nicht einmal den Gefallen tun wollen noch ein
kleines Weilchen hierzubleiben« » Sie missverstehen mich« sagte K und setzte
sich »wenn Ihnen wirklich daran liegt dass ich hier bleibe bleibe ich gern
ich habe ja Zeit ich kam doch in der Erwartung her dass heute eine Verhandlung
sein werde Mit dem was ich früher sagte wollte ich Sie nur bitten in meinem
Prozess nichts für mich zu unternehmen Aber auch das muss Sie nicht kränken wenn
Sie bedenken dass mir am Ausgang des Prozesses gar nichts liegt und dass ich über
eine Verurteilung nur lachen werde Vorausgesetzt dass es überhaupt zu einem
wirklichen Abschluss des Prozesses kommt was ich sehr bezweifle Ich glaube
vielmehr dass das Verfahren infolge Faulheit oder Vergesslichkeit oder vielleicht
sogar infolge Angst der Beamtenschaft schon abgebrochen ist oder in der nächsten
Zeit abgebrochen werden wird Möglich ist allerdings auch dass man in Hoffnung
auf irgendeine größere Bestechung den Prozess scheinbar weiterführen wird ganz
vergeblich wie ich heute schon sagen kann denn ich besteche niemanden Es wäre
immerhin eine Gefälligkeit die Sie mir leisten könnten wenn Sie dem
Untersuchungsrichter oder irgend jemandem sonst der wichtige Nachrichten gern
verbreitet mitteilten dass ich niemals und durch keine Kunststücke an denen
die Herren wohl reich sind zu einer Bestechung zu bewegen sein werde Es wäre
ganz aussichtslos das können Sie ihnen offen sagen Übrigens wird man es
vielleicht selbst schon bemerkt haben und selbst wenn dies nicht sein sollte
liegt mir gar nicht so viel daran dass man es jetzt schon erfährt Es würde ja
dadurch den Herren nur Arbeit erspart werden allerdings auch mir einige
Unannehmlichkeiten die ich aber gern auf mich nehme wenn ich weiß dass jede
gleichzeitig ein Hieb für die anderen ist Und dass es so wird dafür will ich
sorgen Kennen Sie eigentlich den Untersuchungsrichter« »Natürlich« sagte die
Frau »an den dachte ich sogar zuerst als ich Ihnen Hilfe anbot Ich wusste
nicht dass er nur ein niedriger Beamter ist aber da Sie es sagen wird es
wahrscheinlich richtig sein Trotzdem glaube ich dass der Bericht den er nach
oben liefert immerhin einigen Einfluss hat Und er schreibt soviel Berichte Sie
sagen dass die Beamten faul sind alle gewiss nicht besonders dieser
Untersuchungsrichter nicht er schreibt sehr viel Letzten Sonntag zum Beispiel
dauerte die Sitzung bis gegen Abend Alle Leute gingen weg der
Untersuchungsrichter aber blieb im Saal ich musste ihm eine Lampe bringen ich
hatte nur eine kleine Küchenlampe aber er war mit ihr zufrieden und fing gleich
zu schreiben an Inzwischen war auch mein Mann gekommen der an jenem Sonntag
gerade Urlaub hatte wir holten die Möbel richteten wieder unser Zimmer ein es
kamen dann noch Nachbarn wir unterhielten uns noch bei einer Kerze kurz wir
vergaßen den Untersuchungsrichter und gingen schlafen Plötzlich in der Nacht
es muss schon tief in der Nacht gewesen sein wache ich auf neben dem Bett steht
der Untersuchungsrichter und blendet die Lampe mit der Hand ab so dass auf
meinen Mann kein Licht fällt es war unnötige Vorsicht mein Mann hat einen
solchen Schlaf dass ihn auch das Licht nicht geweckt hätte Ich war so
erschrocken dass ich fast geschrien hätte aber der Untersuchungsrichter war
sehr freundlich ermahnte mich zur Vorsicht flüsterte mir zu dass er bis jetzt
geschrieben habe dass er mir jetzt die Lampe zurückbringe und dass er niemals den
Anblick vergessen werde wie er mich schlafend gebunden habe Mit dem allem
wollte ich Ihnen nur sagen dass der Untersuchungsrichter tatsächlich viele
Berichte schreibt insbesondere über Sie denn Ihre Einvernahme war gewiss einer
der Hauptgegenstände der sonntäglichen Sitzung Solche langen Berichte können
aber doch nicht ganz bedeutungslos sein Außerdem aber können Sie doch auch aus
dem Vorfall sehen dass sich der Untersuchungsrichter um mich bewirbt und dass ich
gerade jetzt in der ersten Zeit er muss mich überhaupt erst jetzt bemerkt haben
großen Einfluss auf ihn haben kann Dass ihm viel an mir liegt dafür habe ich
jetzt auch noch andere Beweise Er hat mir gestern durch den Studenten zu dem
er viel Vertrauen hat und der sein Mitarbeiter ist seidene Strümpfe zum
Geschenk geschickt angeblich dafür dass ich das Sitzungszimmer aufräume aber
das ist nur ein Vorwand denn diese Arbeit ist doch nur meine Pflicht und für
sie wird mein Mann bezahlt Es sind schöne Strümpfe sehen Sie«  sie streckte
die Beine zog die Röcke bis zum Knie hinauf und sah auch selbst die Strümpfe an
 »es sind schöne Strümpfe aber doch eigentlich zu fein und für mich nicht
geeignet«
    Plötzlich unterbrach sie sich legte ihre Hand auf Ks Hand als wolle sie
ihn beruhigen und flüsterte »Still Bertold sieht uns zu« K hob langsam den
Blick In der Tür des Sitzungszimmers stand ein junger Mann er war klein hatte
nicht ganz gerade Beine und suchte sich durch einen kurzen schütteren
rötlichen Vollbart in dem er die Finger fortwährend herumführte Würde zu
geben K sah ihn neugierig an es war ja der erste Student der unbekannten
Rechtswissenschaft dem er gewissermaßen menschlich begegnete ein Mann der
wahrscheinlich auch einmal zu höheren Beamtenstellen gelangen würde Der Student
dagegen kümmerte sich um K scheinbar gar nicht er winkte nur mit einem Finger
den er für einen Augenblick aus seinem Barte zog der Frau und ging zum Fenster
die Frau beugte sich zu K und flüsterte »Seien Sie mir nicht böse ich bitte
Sie vielmals denken Sie auch nicht schlecht von mir ich muss jetzt zu ihm
gehen zu diesem scheußlichen Menschen sehen Sie nur seine krummen Beine an
Aber ich komme gleich zurück und dann gehe ich mit Ihnen wenn Sie mich
mitnehmen ich gehe wohin Sie wollen Sie können mit mir tun was sie wollen
ich werde glücklich sein wenn ich von hier für möglichst lange Zeit fort bin
am liebsten allerdings für immer« Sie streichelte noch Ks Hand sprang auf und
lief zum Fenster Unwillkürlich haschte noch K nach ihrer Hand ins Leere Die
Frau verlockte ihn wirklich er fand trotz allem Nachdenken keinen haltbaren
Grund dafür warum er der Verlockung nicht nachgeben sollte Den flüchtigen
Einwand dass ihn die Frau für das Gericht einfange wehrte er ohne Mühe ab Auf
welche Weise konnte sie ihn einfangen Blieb er nicht immer so frei dass er das
ganze Gericht wenigstens soweit es ihn betraf sofort zerschlagen konnte
Konnte er nicht dieses geringe Vertrauen zu sich haben Und ihr Anerbieten einer
Hilfe klang aufrichtig und war vielleicht nicht wertlos Und es gab vielleicht
keine bessere Rache an dem Untersuchungsrichter und seinem Anhang als dass er
ihnen diese Frau entzog und an sich nahm Es könnte sich dann einmal der Fall
ereignen dass der Untersuchungsrichter nach mühevoller Arbeit an Lügenberichten
über K in später Nacht das Bett der Frau leer fand Und leer deshalb weil sie
K gehörte weil diese Frau am Fenster dieser üppige gelenkige warme Körper
im dunklen Kleid aus grobem schwerem Stoff durchaus nur K gehörte
    Nachdem er auf diese Weise die Bedenken gegen die Frau beseitigt hatte
wurde ihm das leise Zwiegespräch am Fenster zu lang er klopfte mit den Knöcheln
auf das Podium und dann auch mit der Faust Der Student sah kurz über die
Schulter der Frau hinweg nach K hin ließ sich aber nicht stören ja drückte
sich sogar eng an die Frau und umfasste sie Sie senkte tief den Kopf als höre
sie ihm aufmerksam zu er küsste sie als sie sich bückte laut auf den Hals
ohne sich im Reden wesentlich zu unterbrechen K sah darin die Tyrannei
bestätigt die der Student nach den klagen der Frau über sie ausübte stand auf
und ging im Zimmer auf und ab Er überlegte unter Seitenblicken nach dem
Studenten wie er ihn möglichst schnell wegschaffen könnte und es war ihm daher
nicht unwillkommen als der Student offenbar gestört durch Ks Herumgehen das
schon zeitweilig zu einem Trampeln ausgeartet war bemerkte »Wenn Sie
ungeduldig sind können Sie weggehen Sie hätten auch schon früher weggehen
können es hätte Sie niemand vermisst Ja Sie hätten sogar weggehen sollen und
zwar schon bei meinem Eintritt und zwar schleunigst« Es mochte in dieser
Bemerkung alle mögliche Wut zum Ausdruck kommen jedenfalls lag darin aber auch
der Hochmut des künftigen Gerichtsbeamten der zu einem missliebigen Angeklagten
sprach K blieb ganz nahe bei ihm stehen und sagte lächelnd »Ich bin
ungeduldig das ist richtig aber diese Ungeduld wird am leichtesten dadurch zu
beseitigen sein dass Sie uns verlassen Wenn Sie aber vielleicht hergekommen
sind um zu studieren  ich hörte dass Sie Student sind  so will ich Ihnen
gerne Platz machen und mit der Frau weggehen Sie werden übrigens noch viel
studieren müssen ehe Sie Richter werden Ich kenne zwar Ihr Gerichtswesen noch
nicht sehr genau nehme aber an dass es mit groben Reden allein die Sie
allerdings schon unverschämt gut zu führen wissen noch lange nicht getan ist«
»Man hätte ihn nicht so frei herumlaufen lassen sollen« sagte der Student als
wolle er der Frau eine Erklärung für Ks beleidigende Rede geben »es war ein
Missgriff Ich habe es dem Untersuchungsrichter gesagt Man hätte ihn zwischen
den Verhören zumindest in seinem Zimmer halten sollen Der Untersuchungsrichter
ist manchmal unbegreiflich« »Unnütze Reden« sagte K und streckte die Hand
nach der Frau aus »kommen Sie« »Ach so« sagte der Student »nein nein die
bekommen Sie nicht« und mit einer Kraft die man ihm nicht zugetraut hätte hob
er sie auf einen Arm und lief mit gebeugtem Rücken zärtlich zu ihr aufsehend
zur Tür Eine gewisse Angst vor K war hierbei nicht zu verkennen trotzdem
wagte er es K noch zu reizen indem er mit der freien Hand den Arm der Frau
streichelte und drückte K lief ein paar Schritte neben ihm her bereit ihn zu
fassen und wenn es sein musste zu würgen da sagte die Frau »Es hilft nichts
der Untersuchungsrichter lässt mich holen ich darf nicht mit Ihnen gehen dieses
kleine Scheusal« sie fuhr hierbei dem Studenten mit der Hand übers Gesicht
»dieses kleine Scheusal lässt mich nicht« »Und Sie wollen nicht befreit werden«
schrie K und legte die Hand auf die Schulter des Studenten der mit den Zähnen
nach ihr schnappte »Nein« rief die Frau und wehrte K mit beiden Händen ab
»nein nein nur das nicht woran denken Sie denn Das wäre mein Verderben
Lassen Sie ihn doch o bitte lassen Sie ihn doch Er führt ja nur den Befehl
des Untersuchungsrichters aus und trägt mich zu ihm« »Dann mag er laufen und
Sie will ich nie mehr sehen« sagte K wütend vor Enttäuschung und gab dem
Studenten einen Stoß in den Rücken dass er kurz stolperte um gleich darauf vor
Vergnügen darüber dass er nicht gefallen war mit seiner Last desto höher zu
springen K ging ihnen langsam nach er sah ein dass das die erste zweifellose
Niederlage war die er von diesen Leuten erfahren hatte Es war natürlich kein
Grund sich deshalb zu ängstigen er erhielt die Niederlage nur deshalb weil er
den Kampf aufsuchte Wenn er zu Hause bliebe und sein gewohntes Leben führte
war er jedem dieser Leute tausendfach überlegen und konnte jeden mit einem
Fußtritt von seinem Wege räumen Und er stellte sich die allerlächerrlichste
Szene vor die es zum Beispiel geben würde wenn dieser klägliche Student
dieses aufgeblasene Kind dieser krumme Bartträger vor Elsas Bett knien und mit
gefalteten Händen um Gnade bitten würde K gefiel diese Vorstellung so dass er
beschloss wenn sich nur irgendeine Gelegenheit dafür ergeben sollte den
Studenten einmal zu Elsa mitzunehmen
    Aus Neugierde eilte K noch zur Tür er wollte sehen wohin die Frau
getragen wurde der Student würde sie doch nicht etwa über die Straßen auf dem
Arm tragen Es zeigte sich dass der Weg viel kürzer war Gleich gegenüber der
Wohnung führte eine schmale hölzerne Treppe wahrscheinlich zum Dachboden sie
machte eine Wendung so dass man ihr Ende nicht sah Über diese Treppe trug der
Student die Frau hinauf schon sehr langsam und stöhnend denn er war durch das
bisherige Laufen geschwächt Die Frau grüßte mit der Hand zu K hinunter und
suchte durch Auf und Abziehen der Schultern zu zeigen dass sie an der
Entführung unschuldig sei viel Bedauern lag aber in dieser Bewegung nicht K
sah sie ausdruckslos wie eine Fremde an er wollte weder verraten dass er
enttäuscht war noch auch dass er die Enttäuschung leicht überwinden könne
    Die zwei waren schon verschwunden K aber stand noch immer in der Tür Er
musste annehmen dass ihn die Frau nicht nur betrogen sondern mit der Angabe dass
sie zum Untersuchungsrichter getragen werde auch belogen habe Der
Untersuchungsrichter würde doch nicht auf dem Dachboden sitzen und warten Die
Holztreppe erklärte nichts solange man sie auch ansah Da bemerkte K einen
kleinen Zettel neben dem Aufgang ging hinüber und las in einer kindlichen
ungeübten Schrift »Aufgang zu den Gerichtskanzleien« Hier auf dem Dachboden
dieses Mietauses waren also die Gerichtskanzleien Das war keine Einrichtung
die viel Achtung einzuflößen imstande war und es war für einen Angeklagten
beruhigend sich vorzustellen wie wenig Geldmittel diesem Gericht zur Verfügung
standen wenn es seine Kanzleien dort unterbrachte wo die Mietsparteien die
schon selbst zu den Ärmsten gehörten ihren unnützen Kram hinwarfen Allerdings
war es nicht ausgeschlossen dass man Geld genug hatte dass aber die
Beamtenschaft sich darüber warf ehe es für Gerichtszwecke verwendet wurde Das
war nach den bisherigen Erfahrungen Ks sogar sehr wahrscheinlich nur war dann
eine solche Verlotterung des Gerichtes für einen Angeklagten zwar entwürdigend
aber im Grunde noch beruhigender als es die Armut des Gerichtes gewesen wäre
Nun war es K auch begreiflich dass man sich beim ersten Verhör schämte den
Angeklagten auf den Dachboden vorzuladen und es vorzog ihn in seiner Wohnung zu
belästigen In welcher Stellung befand sich doch K gegenüber dem Richter der
auf dem Dachboden saß während er selbst in der Bank ein großes Zimmer mit einem
Vorzimmer hatte und durch eine riesige Fensterscheibe auf den belebten
Stadtplatz hinuntersehen konnte Allerdings hatte er keine Nebeneinkünfte aus
Bestechungen oder Unterschlagungen und konnte sich auch vom Diener keine Frau
auf dem Arm ins Büro tragen lassen Darauf wollte K aber wenigstens in diesem
Leben gerne verzichten
    K stand noch vor dem Anschlagzettel als ein Mann die Treppe heraufkam
durch die offene Tür ins Wohnzimmer sah aus dem man auch das Sitzungszimmer
sehen konnte und schließlich K fragte ob er hier nicht vor kurzem eine Frau
gesehen habe »Sie sind der Gerichtsdiener nicht« fragte K »Ja« sagte der
Mann »ach so Sie sind der Angeklagte K jetzt erkenne ich Sie auch seien Sie
willkommen« Und er reichte K der es gar nicht erwartet hatte die Hand
»Heute ist aber keine Sitzung angezeigt« sagte dann der Gerichtsdiener als K
schwieg »Ich weiß« sagte K und betrachtete den Zivilrock des Gerichtsdieners
der als einziges amtliches Abzeichen neben einigen gewöhnlichen Knöpfen auch
zwei vergoldete Knöpfe aufwies die von einem alten Offiziersmantel abgetrennt
zu sein schienen »Ich habe vor einem Weilchen mit Ihrer Frau gesprochen Sie
ist nicht mehr hier Der Student hat sie zum Untersuchungsrichter getragen«
»Sehen Sie« sagte der Gerichtsdiener »immer trägt man sie mir weg Heute ist
doch Sonntag und ich bin zu keiner Arbeit verpflichtet aber nur um mich von
hier zu entfernen schickt man mich mit einer jedenfalls unnützen Meldung weg
Und zwar schickt man mich nicht weit weg so dass ich die Hoffnung habe wenn ich
mich sehr beeile vielleicht noch rechtzeitig zurückzukommen Ich laufe also so
sehr ich kann schreie dem Amt zu dem ich geschickt wurde meine Meldung durch
den Türspalt so atemlos zu dass man sie kaum verstanden haben wird laufe wieder
zurück aber der Student hat sich noch mehr beeilt als ich er hatte allerdings
auch einen kürzeren Weg er musste nur die Bodentreppe hinunterlaufen Wäre ich
nicht so abhängig ich hätte den Studenten schon längst hier an der Wand
zerdrückt Hier neben dem Anschlagzettel Davon träume ich immer Hier ein
wenig über dem Fußboden ist er festgedrückt die Arme gestreckt die Finger
gespreizt die krummen Beine zum Kreis gedreht und ringsherum Blutspritzer
Bisher war es aber nur Traum« »Eine andere Hilfe gibt es nicht« fragte K
lächelnd »Ich wüsste keine« sagte der Gerichtsdiener »Und jetzt wird es ja
noch ärger bisher hat er sie nur zu sich getragen jetzt trägt er sie was ich
allerdings längst erwartet habe auch zum Untersuchungsrichter« »Hat denn Ihre
Frau gar keine Schuld dabei« fragte K er musste sich bei dieser Frage
bezwingen so sehr fühlte auch er jetzt die Eifersucht »Aber gewiss« sagte der
Gerichtsdiener »sie hat sogar die größte Schuld Sie hat sich ja an ihn
gehängt Was ihn betrifft er läuft allen Weibern nach In diesem Hause allein
ist er schon aus fünf Wohnungen in die er sich eingeschlichen hat
hinausgeworfen worden Meine Frau ist allerdings die Schönste im ganzen Haus
und gerade ich darf mich nicht wehren« »Wenn es sich so verhält dann gibt es
allerdings keine Hilfe« sagte K »Warum denn nicht« fragte der Gerichtsdiener
»Man müsste den Studenten der ein Feigling ist einmal wenn er meine Frau
anrühren will so durchprügeln dass er es niemals mehr wagt Aber ich darf es
nicht und andere machen mir den Gefallen nicht denn alle fürchten seine Macht
Nur ein Mann wie Sie könnte es tun« »Wieso denn ich« fragte K erstaunt »Sie
sind doch angeklagt« sagte der Gerichtsdiener »Ja« sagte K »aber desto mehr
müsste ich doch fürchten dass er wenn auch vielleicht nicht Einfluss auf den
Ausgang des Prozesses so doch wahrscheinlich auf die Voruntersuchung hat« »Ja
gewiss« sagte der Gerichtsdiener als sei die Ansicht Ks genau so richtig wie
seine eigene »Es werden aber bei uns in der Regel keine aussichtslosen Prozesse
geführt« »Ich bin nicht Ihrer Meinung« sagte K »das soll mich aber nicht
hindern gelegentlich den Studenten in Behandlung zu nehmen« »Ich wäre Ihnen
sehr dankbar« sagte der Gerichtsdiener etwas förmlich er schien eigentlich
doch nicht an die Erfüllbarkeit seines höchsten Wunsches zu glauben »Es würden
vielleicht« fuhr K fort »auch noch andere Ihrer Beamten und vielleicht sogar
alle das gleiche verdienen« »Ja ja« sagte der Gerichtsdiener als handle es
sich um etwas Selbstverständliches Dann sah er K mit einem zutraulichen Blick
an wie er es bisher trotz aller Freundlichkeit nicht getan hatte und fügte
hinzu »Man rebelliert eben immer« Aber das Gespräch schien ihm doch ein wenig
unbehaglich geworden zu sein denn er brach es ab indem er sagte »Jetzt muss
ich mich in der Kanzlei melden Wollen Sie mitkommen« »Ich habe dort nichts zu
tun« sagte K »Sie können die Kanzleien ansehen Es wird sich niemand um Sie
kümmern« »Ist es denn sehenswert« fragte K zögernd hatte aber große Lust
mitzugehen »Nun« sagte der Gerichtsdiener »ich dachte es würde Sie
interessieren« »Gut« sagte K schließlich »ich gehe mit« Und er lief
schneller als der Gerichtsdiener die Treppe hinauf
    Beim Eintritt wäre er fast hingefallen denn hinter der Tür war noch eine
Stufe »Auf das Publikum nimmt man nicht viel Rücksicht« sagte er »Man nimmt
überhaupt keine Rücksicht« sagte der Gerichtsdiener »sehen Sie nur hier das
Wartezimmer« Es war ein langer Gang von dem aus roh gezimmerte Türen zu den
einzelnen Abteilungen des Dachbodens führten Obwohl kein unmittelbarer
Lichtzutritt bestand war es doch nicht vollständig dunkel denn manche
Abteilungen hatten gegen den Gang zu statt einheitlicher Bretterwände bloße
allerdings bis zur Decke reichende Holzgitter durch die einiges Licht drang und
durch die man auch einzelne Beamte sehen konnte wie sie an Tischen schrieben
oder geradezu am Gitter standen und durch die Lücken die Leute auf dem Gang
beobachteten Es waren wahrscheinlich weil Sonntag war nur wenig Leute auf dem
Gang Sie machten einen sehr bescheidenen Eindruck In fast regelmäßigen
Entfernungen voneinander saßen sie auf den zwei Reihen langer Holzbänke die zu
beiden Seiten des Ganges angebracht waren Alle waren vernachlässigt angezogen
obwohl die meisten nach dem Gesichtsausdruck der Haltung der Barttracht und
vielen kaum sicherzustellenden kleinen Einzelheiten den höheren Klassen
angehörten Da keine Kleiderhaken vorhanden waren hatten sie die Hüte
wahrscheinlich einer dem Beispiel des anderen folgend unter die Bank gestellt
Als die welche zunächst der Tür saßen K und den Gerichtsdiener erblickten
erhoben sie sich zum Gruß da das die Folgenden sahen glaubten sie auch grüßen
zu müssen so dass alle beim Vorbeigehen der beiden sich erhoben Sie standen
niemals vollständig aufrecht der Rücken war geneigt die Knie geknickt sie
standen wie Strassenbettler K wartete auf den ein wenig hinter ihm gehenden
Gerichtsdiener und sagte »Wie gedemütigt die sein müssen« »Ja« sagte der
Gerichtsdiener »es sind Angeklagte alle die Sie hier sehen sind Angeklagte«
»Wirklich« sagte K »Dann sind es ja meine Kollegen« Und er wandte sich an den
nächsten einen großen schlanken schon fast grauhaarigen Mann »Worauf warten
Sie hier« fragte K höflich Die unerwartete Ansprache aber machte den Mann
verwirrt was um so peinlicher aussah da es sich offenbar um einen
welterfahrenen Menschen handelte der anderswo gewiss sich zu beherrschen
verstand und die Überlegenheit die er sich über viele erworben hatte nicht
leicht aufgab Hier aber wusste er auf eine so einfache Frage nicht zu antworten
und sah auf die anderen hin als seien sie verpflichtet ihm zu helfen und als
könne niemand von ihm eine Antwort verlangen wenn diese Hilfe ausbliebe Da
trat der Gerichtsdiener hinzu und sagte um den Mann zu beruhigen und
aufzumuntern »Der Herr hier fragt ja nur worauf Sie warten Antworten Sie
doch« Die ihm wahrscheinlich bekannte Stimme des Gerichtsdieners wirkte besser
»Ich warte « begann er und stockte Offenbar hatte er diesen Anfang gewählt um
ganz genau auf die Fragestellung zu antworten fand aber jetzt die Fortsetzung
nicht Einige der Wartenden hatten sich genähert und umstanden die Gruppe der
Gerichtsdiener sagte zu ihnen »Weg weg macht den Gang frei« Sie wichen ein
wenig zurück aber nicht bis zu ihren früheren Sitzen Inzwischen hatte sich der
Gefragte gesammelt und antwortete sogar mit einem kleinen Lächeln »Ich habe vor
einem Monat einige Beweisanträge in meiner Sache gemacht und warte auf die
Erledigung« »Sie scheinen sich ja viele Mühe zu geben« sagte K »Ja« sagte
der Mann »es ist ja meine Sache« »Jeder denkt nicht so wie Sie« sagte K
»ich zum Beispiel bin auch angeklagt habe aber so wahr ich selig werden will
weder einen Beweisantrag gestellt noch auch sonst irgend etwas Derartiges
unternommen Halten Sie denn das für nötig« »Ich weiß nicht genau« sagte der
Mann wieder in vollständiger Unsicherheit er glaubte offenbar K mache mit ihm
einen Scherz deshalb hätte er wahrscheinlich am liebsten aus Furcht
irgendeinen neuen Fehler zu machen seine frühere Antwort ganz wiederholt vor
Ks ungeduldigem Blick aber sagte er nur »Was mich betrifft ich habe
Beweisanträge gestellt« »Sie glauben wohl nicht dass ich angeklagt bin« fragte
K »O bitte gewiss« sagte der Mann und trat ein wenig zur Seite aber in der
Antwort war nicht Glaube sondern nur Angst »Sie glauben mir also nicht«
fragte K und fasste ihn unbewusst durch das demütige Wesen des Mannes
aufgefordert beim Arm als wolle er ihn zum Glauben zwingen Aber er wollte ihm
nicht Schmerz bereiten hatte ihn auch nur ganz leicht angegriffen trotzdem
schrie der Mann auf als habe K ihn nicht mit zwei Fingern sondern mit einer
glühenden Zange erfasst Dieses lächerliche Schreien machte ihn K endgültig
überdrüssig glaubte man ihm nicht dass er angeklagt war so war es desto
besser vielleicht hielt er ihn sogar für einen Richter Und er fasste ihn nun
zum Abschied wirklich fester stieß ihn auf die Bank zurück und ging weiter
»Die meisten Angeklagten sind so empfindlich« sagte der Gerichtsdiener Hinter
ihnen sammelten sich jetzt fast alle Wartenden um den Mann der schon zu
schreien aufgehört hatte und schienen ihn über den Zwischenfall genau
auszufragen K entgegen kam jetzt ein Wächter der hauptsächlich an einem Säbel
kenntlich war dessen Scheide wenigstens der Farbe nach aus Aluminium bestand
K staunte darüber und griff sogar mit der Hand hin Der Wächter der wegen des
Schreiens gekommen war fragte nach dem Vorgefallenen Der Gerichtsdiener suchte
ihn mit einigen Worten zu beruhigen aber der Wächter erklärte doch noch selbst
nachsehen zu müssen salutierte und ging weiter mit sehr eiligen aber sehr
kurzen wahrscheinlich durch Gicht abgemessenen Schritten
    K kümmerte sich nicht lange um ihn und die Gesellschaft auf dem Gang
besonders da er etwa in der Hälfte des Ganges die Möglichkeit sah rechts durch
eine türlose Öffnung einzubiegen Er verständigte sich mit dem Gerichtsdiener
darüber ob das der richtige Weg sei der Gerichtsdiener nickte und K bog nun
wirklich dort ein Es war ihm lästig dass er immer einen oder zwei Schritte vor
dem Gerichtsdiener gehen musste es konnte wenigstens an diesem Ort den Anschein
haben als ob er verhaftet vorgeführt werde Er wartete also öfters auf den
Gerichtsdiener aber dieser blieb gleich wieder zurück Schließlich sagte K um
seinem Unbehagen ein Ende zu machen »Nun habe ich gesehen wie es hier
aussieht ich will jetzt weggehen« »Sie haben noch nicht alles gesehen« sagte
der Gerichtsdiener vollständig unverfänglich »Ich will nicht alles sehen«
sagte K der sich übrigens wirklich müde fühlte »ich will gehen wie kommt man
zum Ausgang« »Sie haben sich doch nicht schon verirrt« fragte der
Gerichtsdiener erstaunt »Sie gehen hier bis zur Ecke und dann rechts den Gang
hinunter geradeaus zur Tür« »Kommen Sie mit« sagte K »zeigen Sie mir den
Weg ich werde ihn verfehlen es sind hier so viele Wege« »Es ist der einzige
Weg« sagte der Gerichtsdiener nun schon vorwurfsvoll »ich kann nicht wieder
mit Ihnen zurückgehen ich muss doch meine Meldung vorbringen und habe schon viel
Zeit durch Sie versäumt« »Kommen Sie mit« wiederholte K jetzt schärfer als
habe er endlich den Gerichtsdiener auf einer Unwahrheit ertappt »Schreien Sie
doch nicht so« flüsterte der Gerichtsdiener »es sind ja hier überall Büros
Wenn Sie nicht allein zurückgehen wollen so gehen Sie noch ein Stückchen mit
mir oder warten Sie hier bis ich meine Meldung erledigt habe dann will ich ja
gern mit Ihnen wieder zurückgehen« »Nein nein« sagte K »ich werde nicht
warten und Sie müssen jetzt mit mir gehen« K hatte sich noch gar nicht in dem
Raum umgesehen in dem er sich befand erst als jetzt eine der vielen Holztüren
die ringsherum standen sich öffnete blickte er hin Ein Mädchen das wohl
durch Ks lautes Sprechen herbeigerufen war trat ein und fragte »Was wünscht
der Herr« Hinter ihr in der Ferne sah man im Halbdunkel noch einen Mann sich
nähern K blickte den Gerichtsdiener an Dieser hatte doch gesagt dass sich
niemand um K kümmern werde und nun kamen schon zwei es brauchte nur wenig und
die Beamtenschaft wurde auf ihn aufmerksam würde eine Erklärung seiner
Anwesenheit haben wollen Die einzig verständliche und annehmbare war die dass
er Angeklagter war und das Datum des nächsten Verhörs erfahren wollte gerade
diese Erklärung aber wollte er nicht geben besonders da sie auch nicht
wahrheitsgemäss war denn er war nur aus Neugierde gekommen oder was als
Erklärung noch unmöglicher war aus dem Verlangen festzustellen dass das Innere
dieses Gerichtswesens ebenso widerlich war wie sein Äußeres Und es schien ja
dass er mit dieser Annahme recht hatte er wollte nicht weiter eindringen er war
beengt genug von dem was er bisher gesehen hatte er war gerade jetzt nicht in
der Verfassung einem höheren Beamten gegenüberzutreten wie er hinter jeder Tür
auftauchen konnte er wollte weggehen und zwar mit dem Gerichtsdiener oder
allein wenn es sein musste
    Aber sein stummes Dastehen musste auffallend sein und wirklich sahen ihn das
Mädchen und der Gerichtsdiener derartig an als ob in der nächsten Minute
irgendeine große Verwandlung mit ihm geschehen müsse die sie zu beobachten
nicht versäumen wollten Und in der Türöffnung stand der Mann den K früher in
der Ferne bemerkt hatte er hielt sich am Deckbalken der niedrigen Tür fest und
schaukelte ein wenig auf den Fußspitzen wie ein ungeduldiger Zuschauer Das
Mädchen aber erkannte doch zuerst dass das Benehmen Ks in einem leichten
Unwohlsein seinen Grund hatte sie brachte einen Sessel und fragte »Wollen Sie
sich nicht setzen« K setzte sich sofort und stützte um noch besseren Halt zu
bekommen die Ellbogen auf die Lehnen »Sie haben ein wenig Schwindel nicht«
fragte sie ihn Er hatte nun ihr Gesicht nahe vor sich es hatte den strengen
Ausdruck wie ihn manche Frauen gerade in ihrer schönsten Jugend haben »Machen
Sie sich darüber keine Gedanken« sagte sie »das ist hier nichts
Aussergewöhnliches fast jeder bekommt einen solchen Anfall wenn er zum
erstenmal herkommt Sie sind zum erstenmal hier Nun ja das ist also nichts
Aussergewöhnliches Die Sonne brennt hier auf das Dachgerüst und das heiße Holz
macht die Luft so dumpf und schwer Der Ort ist deshalb für Büroräumlichkeiten
nicht sehr geeignet so große Vorteile er allerdings sonst bietet Aber was die
Luft betrifft so ist sie an Tagen großen Parteienverkehrs und das ist fast
jeder Tag kaum mehr atembar Wenn Sie dann noch bedenken dass hier auch
vielfach Wäsche zum Trocknen ausgehängt wird  man kann es den Mietern nicht
gänzlich untersagen  so werden Sie sich nicht mehr wundern dass Ihnen ein
wenig übel wurde Aber man gewöhnt sich schließlich an die Luft sehr gut Wenn
Sie zum zweiten oder drittenmal herkommen werden Sie das Drückende hier kaum
mehr spüren Fühlen Sie sich schon besser« K antwortete nicht es war ihm zu
peinlich durch diese plötzliche Schwäche den Leuten hier ausgeliefert zu sein
überdies war ihm da er jetzt die Ursachen seiner Übelkeit erfahren hatte nicht
besser sondern noch ein wenig schlechter
    Das Mädchen merkte es gleich nahm um K eine Erfrischung zu bereiten eine
Hakenstange die an der Wand lehnte und stieß damit eine kleine Luke auf die
gerade über K angebracht war und ins Freie führte Aber es fiel so viel Russ
herein dass das Mädchen die Luke gleich wieder zuziehen und mit ihrem
Taschentuch die Hände Ks vom Russ reinigen musste denn K war zu müde um das
selbst zu besorgen Er wäre gern hier ruhig sitzengeblieben bis er sich zum
Weggehen genügend gekräftigt hatte das musste aber um so früher geschehen je
weniger man sich um ihn kümmern würde Nun sagte aber überdies das Mädchen
»Hier können Sie nicht bleiben hier stören wir den Verkehr « K fragte mit den
Blicken welchen Verkehr er denn hier störe  »Ich werde Sie wenn Sie wollen
ins Krankenzimmer führen Helfen Sie mir bitte« sagte sie zu dem Mann in der
Tür der auch gleich näher kam Aber K wollte nicht ins Krankenzimmer gerade
das wollte er ja vermeiden weiter geführt zu werden je weiter er kam desto
ärger musste es werden »Ich kann schon gehen« sagte er deshalb und stand durch
das bequeme Sitzen verwöhnt zitternd auf Dann aber konnte er sich nicht
aufrecht halten »Es geht doch nicht« sagte er kopfschüttelnd und setzte sich
seufzend wieder nieder Er erinnerte sich an den Gerichtsdiener der ihn trotz
allem leicht hinausführen könnte aber der schien schon längst weg zu sein K
sah zwischen dem Mädchen und dem Mann die vor ihm standen hindurch konnte
aber den Gerichtsdiener nicht finden
    »Ich glaube« sagte der Mann der übrigens elegant gekleidet war und
besonders durch eine graue Weste auffiel die in zwei langen
scharfgeschnittenen Spitzen endigte »das Unwohlsein des Herrn geht auf die
Atmosphäre hier zurück es wird daher am besten und auch ihm am liebsten sein
wenn wir ihn nicht erst ins Krankenzimmer sondern überhaupt aus den Kanzleien
hinausführen« »Das ist es« rief K und fuhr vor lauter Freude fast noch in die
Rede des Mannes hinein »mir wird gewiss sofort besser werden ich bin auch gar
nicht so schwach nur ein wenig Unterstützung unter den Achseln brauche ich ich
werde Ihnen nicht viel Mühe machen es ist ja auch kein langer Weg führen Sie
mich nur zur Tür ich setze mich dann noch ein wenig auf die Stufen und werde
gleich erholt sein ich leide nämlich gar nicht unter solchen Anfällen es kommt
mir selbst überraschend Ich bin doch auch Beamter und an Büroluft gewöhnt aber
hier scheint es doch zu arg Sie sagen es selbst Wollen Sie also die
Freundlichkeit haben mich ein wenig zu führen ich habe nämlich Schwindel und
es wird mir schlecht wenn ich allein aufstehe« Und er hob die Schultern um es
den beiden zu erleichtern ihm unter die Arme zu greifen
    Aber der Mann folgte der Aufforderung nicht sondern hielt die Hände ruhig
in den Hosentaschen und lachte laut »Sehen Sie« sagte er zu dem Mädchen »ich
habe also doch das Richtige getroffen Dem Herrn ist nur hier nicht wohl nicht
im allgemeinen« Das Mädchen lächelte auch schlug aber dem Mann leicht mit den
Fingerspitzen auf den Arm als hätte er sich mit K einen zu starken Spaß
erlaubt »Aber was denken Sie denn« sagte der Mann noch immer lachend »ich
will ja den Herrn wirklich hinausführen« »Dann ist es gut« sagte das Mädchen
indem sie ihren zierlichen Kopf für einen Augenblick neigte »Messen Sie dem
Lachen nicht zuviel Bedeutung zu« sagte das Mädchen zu K der wieder traurig
geworden vor sich hinstarrte und keine Erklärung zu brauchen schien »dieser
Herr  ich darf Sie doch vorstellen« der Herr gab mit einer Handbewegung die
Erlaubnis »dieser Herr also ist der Auskunftgeber Er gibt den wartenden
Parteien alle Auskunft die sie brauchen und da unser Gerichtswesen in der
Bevölkerung nicht sehr bekannt ist werden viele Auskünfte verlangt Er weiß auf
alle Fragen eine Antwort Sie können ihn wenn Sie einmal Lust dazu haben
daraufhin erproben Das ist aber nicht sein einziger Vorzug sein zweiter Vorzug
ist die elegante Kleidung Wir das heißt die Beamtenschaft meinten einmal man
müsse den Auskunftgeber der immerfort und zwar als erster mit Parteien
verhandelt des würdigen ersten Eindrucks halber auch elegant anziehen Wir
anderen sind wie Sie gleich an mir sehen können leider sehr schlecht und
altmodisch angezogen es hat auch nicht viel Sinn für die Kleidung etwas zu
verwenden da wir fast unaufhörlich in den Kanzleien sind wir schlafen ja auch
hier Aber wie gesagt für den Auskunftgeber hielten wir einmal schöne Kleidung
für nötig Da sie aber von unserer Verwaltung die in dieser Hinsicht etwas
sonderbar ist nicht erhältlich war machten wir eine Sammlung  auch Parteien
steuerten bei  und wir kauften ihm dieses schöne Kleid und noch andere Alles
wäre jetzt vorbereitet einen guten Eindruck zu machen aber durch sein Lachen
verdirbt er es wieder und erschreckt die Leute« »So ist es« sagte der Herr
spöttisch »aber ich verstehe nicht Fräulein warum Sie dem Herrn alle unsere
Intimitäten erzählen oder besser aufdrängen denn er will sie ja gar nicht
erfahren Sehen Sie nur wie er offenbar mit seinen eigenen Angelegenheiten
beschäftigt dasitzt« K hatte nicht einmal Lust zu widersprechen die Absicht
des Mädchens mochte eine gute sein sie war vielleicht darauf gerichtet ihn zu
zerstreuen oder ihm die Möglichkeit zu geben sich zu sammeln aber das Mittel
war verfehlt »Ich musste ihm Ihr Lachen erklären« sagte das Mädchen »Es war ja
beleidigend« »Ich glaube er würde noch ärgere Beleidigungen verzeihen wenn
ich ihn schließlich hinausführe« K sagte nichts sah nicht einmal auf er
duldete es dass die zwei über ihn wie über eine Sache verhandelten es war ihm
sogar am liebsten Aber plötzlich fühlte er die Hand des Auskunftgebers an einem
Arm und die Hand des Mädchens am anderen »Also auf Sie schwacher Mann« sagte
der Auskunftgeber »Ich danke Ihnen beiden vielmals« sagte K freudig
überrascht erhob sich langsam und führte selbst die fremden Hände an die
Stellen an denen er die Stütze am meisten brauchte »Es sieht so aus« sagte
das Mädchen leise in Ks Ohr während sie sich dem Gang näherten »als ob mir
besonders viel daran gelegen wäre den Auskunftgeber in ein gutes Licht zu
stellen aber man mag es glauben ich will doch die Wahrheit sagen Er hat kein
hartes Herz Er ist nicht verpflichtet kranke Parteien hinauszuführen und tut
es doch wie Sie sehen Vielleicht ist niemand von uns harterzig wir wollten
vielleicht alle gern helfen aber als Gerichtsbeamte bekommen wir leicht den
Anschein als ob wir harterzig wären und niemandem helfen wollten Ich leide
geradezu darunter« »Wollen Sie sich nicht hier ein wenig setzen« fragte der
Auskunftgeber sie waren schon im Gang und gerade vor dem Angeklagten den K
früher angesprochen hatte K schämte sich fast vor ihm früher war er so
aufrecht vor ihm gestanden jetzt mussten ihn zwei stützen seinen Hut
balancierte der Auskunftgeber auf den gespreizten Fingern die Frisur war
zerstört die Haare hingen ihm in die schweissbedeckte Stirn Aber der Angeklagte
schien nichts davon zu bemerken demütig stand er vor dem Auskunftgeber der
über ihn hinwegsah und suchte nur seine Anwesenheit zu entschuldigen »Ich
weiß« sagte er »dass die Erledigung meiner Anträge heute noch nicht gegeben
werden kann Ich bin aber doch gekommen ich dachte ich könnte doch hier
warten es ist Sonntag ich habe ja Zeit und hier störe ich nicht« »Sie müssen
das nicht so sehr entschuldigen« sagte der Auskunftgeber »Ihre Sorgsamkeit ist
ja ganz lobenswert Sie nehmen hier zwar unnötigerweise den Platz weg aber ich
will Sie trotzdem solange es mir nicht lästig wird durchaus nicht hindern den
Gang Ihrer Angelegenheit genau zu verfolgen Wenn man Leute gesehen hat die
ihre Pflicht schändlich vernachlässigten lernt man es mit Leuten wie Sie
sind Geduld zu haben Setzen Sie sich« »Wie er mit den Parteien zu reden
versteht« flüsterte das Mädchen K nickte fuhr aber gleich auf als ihn der
Auskunftgeber wieder fragte »Wollen Sie sich nicht hier niedersetzen« »Nein«
sagte K ich will mich nicht ausruhen Er hatte das mit möglichster
Bestimmtheit gesagt in Wirklichkeit hätte es ihm sehr wohlgetan sich
niederzusetzen Er war wie seekrank Er glaubte auf einem Schiff zu sein das
sich in schwerem Seegang befand Es war ihm als stürze das Wasser gegen die
Holzwände als komme aus der Tiefe des Ganges ein Brausen her wie von
überschlagendem Wasser als schaukle der Gang in der Quere und als würden die
wartenden Parteien zu beiden Seiten gesenkt und gehoben Desto unbegreiflicher
war die Ruhe des Mädchens und des Mannes die ihn führten Er war ihnen
ausgeliefert ließ sie ihn los so musste er hinfallen wie ein Brett Aus ihren
kleinen Augen gingen scharfe Blicke hin und her ihre gleichmäßigen Schritte
fühlte K ohne sie mitzumachen denn er wurde fast von Schritt zu Schritt
getragen Endlich merkte er dass sie zu ihm sprachen aber er verstand sie
nicht er hörte nur den Lärm der alles erfüllte und durch den hindurch ein
unveränderlicher hoher Ton wie von einer Sirene zu klingen schien »Lauter«
flüsterte er mit gesenktem Kopf und schämte sich denn er wusste dass sie laut
genug wenn auch für ihn unverständlich gesprochen hatten Da kam endlich als
wäre die Wand vor ihm durchrissen ein frischer Luftzug ihm entgegen und er
hörte neben sich sagen »Zuerst will er weg dann aber kann man ihm hundertmal
sagen dass hier der Ausgang ist und er rührt sich nicht« K merkte dass er vor
der Ausgangstür stand die das Mädchen geöffnet hatte Ihm war als wären alle
seine Kräfte mit einemmal zurückgekehrt um einen Vorgeschmack der Freiheit zu
gewinnen trat er gleich auf eine Treppenstufe und verabschiedete sich von dort
aus von seinen Begleitern die sich zu ihm hinabbeugten »Vielen Dank«
wiederholte er drückte beiden wiederholt die Hände und ließ erst ab als er zu
sehen glaubte dass sie an die Kanzleiluft gewöhnt die verhältnismäßig frische
Luft die von der Treppe kam schlecht ertrugen Sie konnten kaum antworten und
das Mädchen wäre vielleicht abgestürzt wenn nicht K äußerst schnell die Tür
geschlossen hätte K stand dann noch einen Augenblick still strich sich mit
Hilfe eines Taschenspiegels das Haar zurecht hob seinen Hut auf der auf dem
nächsten Treppenabsatz lag  der Auskunftgeber hatte ihn wohl hingeworfen  und
lief dann die Treppe hinunter so frisch und in so langen Sprüngen dass er vor
diesem Umschwung fast Angst bekam Solche Überraschungen hatte ihm sein sonst
ganz gefestigter Gesundheitszustand noch nie bereitet Wollte etwa sein Körper
revolutionieren und ihm einen neuen Prozess bereiten da er den alten so mühelos
ertrug Er lehnte den Gedanken nicht ganz ab bei nächster Gelegenheit zu einem
Arzt zu gehen jedenfalls aber wollte er  darin konnte er sich selbst beraten 
alle künftigen Sonntagvormittage besser als diesen verwenden
 
                                Viertes Kapitel
                       Die Freundin des Fräulein Bürstner
In der nächsten Zeit war es K unmöglich mit Fräulein Bürstner auch nur einige
wenige Worte zu sprechen Er versuchte auf die verschiedenste Weise an sie
heranzukommen sie aber wusste es immer zu verhindern Er kam gleich nach dem
Büro nach Hause blieb in seinem Zimmer ohne das Licht anzudrehen auf dem
Kanapee sitzen und beschäftigte sich mit nichts anderem als das Vorzimmer zu
beobachten Ging etwa das Dienstmädchen vorbei und schloss die Tür des scheinbar
leeren Zimmers so stand er nach einem Weilchen auf und öffnete sie wieder Des
Morgens stand er um eine Stunde früher auf als sonst um vielleicht Fräulein
Bürstner allein treffen zu können wenn sie ins Büro ging Aber keiner dieser
Versuche gelang Dann schrieb er ihr einen Brief sowohl ins Büro als auch in die
Wohnung suchte darin nochmals sein Verhalten zu rechtfertigen bot sich zu
jeder Genugtuung an versprach niemals die Grenzen zu überschreiten die sie
ihm setzen würde und bat nur ihm die Möglichkeit zu geben einmal mit ihr zu
sprechen besonders da er auch bei Frau Grubach nichts veranlassen könne
solange er sich nicht vorher mit ihr beraten habe schließlich teilte er ihr
mit dass er den nächsten Sonntag während des ganzen Tages in seinem Zimmer auf
ein Zeichen von ihr warten werde das ihm die Erfüllung seiner Bitte in Aussicht
stellen oder das ihm wenigstens erklären solle warum sie die Bitte nicht
erfüllen könne obwohl er doch versprochen habe sich in allem ihr zu fügen Die
Briefe kamen nicht zurück aber es erfolgte auch keine Antwort Dagegen gab es
Sonntag ein Zeichen dessen Deutlichkeit genügend war Gleich früh bemerkte K
durch das Schlüsselloch eine besondere Bewegung im Vorzimmer die sich bald
aufklärte Eine Lehrerin des Französischen sie war übrigens eine Deutsche und
hieß Montag ein schwaches blasses ein wenig hinkendes Mädchen das bisher ein
eigenes Zimmer bewohnt hatte übersiedelte in das Zimmer des Fräulein Bürstner
Stundenlang sah man sie durch das Vorzimmer schlürfen Immer war noch ein
Wäschestück oder ein Deckchen oder ein Buch vergessen das besonders geholt und
in die neue Wohnung hinübergetragen werden musste
    Als Frau Grubach K das Frühstück brachte  sie überließ seitdem sie K so
erzürnt hatte auch nicht die geringste Bedienung dem Dienstmädchen  konnte
sich K nicht zurückhalten sie zum erstenmal seit fünf Tagen anzusprechen
»Warum ist denn heute ein solcher Lärm im Vorzimmer« fragte er während er den
Kaffee eingoss »könnte das nicht eingestellt werden Muss denn gerade am Sonntag
aufgeräumt werden« Obwohl K nicht zu Frau Grubach aufsah bemerkte er doch
dass sie wie erleichtert aufatmete Selbst diese strengen Fragen Ks fasste sie
als Verzeihung oder als Beginn der Verzeihung auf »Es wird nicht aufgeräumt
Herr K« sagte sie »Fräulein Montag übersiedelt nur zu Fräulein Bürstner und
schafft ihre Sachen hinüber« Sie sagte nichts weiter sondern wartete wie K
es aufnehmen und ob er ihr gestatten würde weiterzureden K stellte sie aber
auf die Probe rührte nachdenklich den Kaffee mit dem Löffel und schwieg Dann
sah er zu ihr auf und sagte »Haben Sie schon Ihren früheren Verdacht wegen
Fräulein Bürstner aufgegeben« »Herr K« rief Frau Grubach die nur auf diese
Frage gewartet hatte und hielt K ihre gefalteten Hände hin »Sie haben eine
gelegentliche Bemerkung letzthin so schwer genommen Ich habe ja nicht im
entferntesten daran gedacht Sie oder irgend jemand zu kränken Sie kennen mich
doch schon lange genug Herr K um davon überzeugt sein zu können Sie wissen
gar nicht wie ich die letzten Tage gelitten habe Ich sollte meine Mieter
verleumden Und Sie Herr K glaubten es Und sagten ich solle Ihnen kündigen
Ihnen kündigen« Der letzte Ausruf erstickte schon unter Tränen sie hob die
Schürze zum Gesicht und schluchzte laut
    »Weinen Sie doch nicht Frau Grubach« sagte K und sah zum Fenster hinaus
er dachte nur an Fräulein Bürstner und daran dass sie ein fremdes Mädchen in ihr
Zimmer aufgenommen hatte »Weinen Sie doch nicht« sagte er nochmals als er
sich ins Zimmer zurückwandte und Frau Grubach noch immer weinte »Es war ja
damals auch von mir nicht so schlimm gemeint Wir haben eben einander
gegenseitig missverstanden Das kann auch alten Freunden einmal geschehen« Frau
Grubach rückte die Schürze unter die Augen um zu sehen ob K wirklich versöhnt
sei »Nun ja es ist so« sagte K und wagte nun da nach dem Verhalten der
Frau Grubach zu schließen der Hauptmann nichts verraten hatte noch
hinzuzufügen »Glauben Sie denn wirklich dass ich mich wegen eines fremden
Mädchens mit Ihnen verfeinden könnte« »Das ist es ja eben Herr K« sagte Frau
Grubach es war ihr Unglück dass sie sobald sie sich nur irgendwie freier
fühlte gleich etwas Ungeschicktes sagte »Ich fragte mich immerfort Warum
nimmt sich Herr K so sehr des Fräulein Bürstner an Warum zankt er ihretwegen
mit mir obwohl er weiß dass mir jedes böse Wort von ihm den Schlaf nimmt Ich
habe ja über das Fräulein nichts anderes gesagt als was ich mit eigenen Augen
gesehen habe« K sagte dazu nichts er hätte sie mit dem ersten Wort aus dem
Zimmer jagen müssen und das wollte er nicht Er begnügte sich damit den Kaffee
zu trinken und Frau Grubach ihre Überflüssigkeit fühlen zu lassen Draußen hörte
man wieder den schleppenden Schritt des Fräulein Montag welche das ganze
Vorzimmer durchquerte »Hören Sie es« fragte K und zeigte mit der Hand nach
der Tür »Ja« sagte Frau Grubach und seufzte »ich wollte ihr helfen und auch
vom Dienstmädchen helfen lassen aber sie ist eigensinnig sie will alles selbst
übersiedeln Ich wundere mich über Fräulein Bürstner Mir ist es oft lästig dass
ich Fräulein Montag in Miete habe Fräulein Bürstner aber nimmt sie sogar zu
sich ins Zimmer« Das muss Sie gar nicht kümmern sagte K und zerdrückte die
Zuckerreste in der Tasse »Haben Sie denn dadurch einen Schaden« »Nein« sagte
Frau Grubach »an und für sich ist es mir ganz willkommen ich bekomme dadurch
ein Zimmer frei und kann dort meinen Neffen den Hauptmann unterbringen Ich
fürchtete schon längst dass er Sie in den letzten Tagen während derer ich ihn
nebenan im Wohnzimmer wohnen lassen musste gestört haben könnte Er nimmt nicht
viel Rücksicht« »Was für Einfälle« sagte K und stand auf »davon ist ja keine
Rede Sie scheinen mich wohl für überempfindlich zu halten weil ich diese
Wanderungen des Fräulein Montag  jetzt geht sie wieder zurück  nicht vertragen
kann« Frau Grubach kam sich recht machtlos vor »Soll ich Herr K sagen dass
sie den restlichen Teil der Übersiedelung aufschieben soll Wenn Sie wollen tue
ich es sofort« »Aber sie soll doch zu Fräulein Bürstner übersiedeln« sagte K
»Ja« sagte Frau Grubach sie verstand nicht ganz was K meinte »Nun also«
sagte K »dann muss sie doch ihre Sachen hinübertragen« Frau Grubach nickte
nur Diese stumme Hilflosigkeit die äußerlich nicht anders aussah als Trotz
reizte K noch mehr Er fing an im Zimmer vom Fenster zur Tür auf und ab zu
gehen und nahm dadurch Frau Grubach die Möglichkeit sich zu entfernen was sie
sonst wahrscheinlich getan hätte
    Gerade war K einmal wieder bis zur Tür gekommen als es klopfte Es war das
Dienstmädchen welches meldete dass Fräulein Montag gern mit Herrn K ein paar
Worte sprechen möchte und dass sie ihn deshalb bitte ins Esszimmer zu kommen wo
sie ihn erwarte K hörte das Dienstmädchen nachdenklich an dann wandte er sich
mit einem fast höhnischen Blick nach der erschrockenen Frau Grubach um Dieser
Blick schien zu sagen dass K diese Einladung des Fräulein Montag schon längst
vorausgesehen habe und dass sie auch sehr gut mit der Quälerei zusammenpasse die
er diesen Sonntagvormittag von den Mietern der Frau Grubach erfahren musste Er
schickte das Dienstmädchen zurück mit der Antwort dass er sofort komme ging
dann zum Kleiderkasten um den Rock zu wechseln und hatte als Antwort für Frau
Grubach welche leise über die lästige Person jammerte nur die Bitte sie möge
das Frühstücksgeschirr schon forttragen »Sie haben ja fast nichts angerührt«
sagte Frau Grubach Ach tragen Sie es doch weg rief K es war ihm als sei
irgendwie allem Fräulein Montag beigemischt und mache es widerwärtig
    Als er durch das Vorzimmer ging sah er nach der geschlossenen Tür von
Fräulein Bürstners Zimmer Aber er war nicht dorthin eingeladen sondern in das
Esszimmer dessen Tür er aufriß ohne zu klopfen
    Es war ein sehr langes aber schmales einfenstriges Zimmer Es war dort nur
so viel Platz vorhanden dass man in den Ecken an der Türseite zwei Schränke
schief hatte aufstellen können während der übrige Raum vollständig von dem
langen Speisetisch eingenommen war der in der Nähe der Tür begann und bis knapp
zum großen Fenster reichte welches dadurch fast unzugänglich geworden war Der
Tisch war bereits gedeckt und zwar für viele Personen da am Sonntag fast alle
Mieter hier zu Mittag aßen
    Als K eintrat kam Fräulein Montag vom Fenster her an der einen Seite des
Tisches entlang K entgegen Sie grüßten einander stumm Dann sagte Fräulein
Montag wie immer den Kopf ungewöhnlich aufgerichtet »Ich weiß nicht ob Sie
mich kennen K sah sie mit zusammengezogenen Augen an« »Gewiss« sagte er »Sie
wohnen doch schon längere Zeit bei Frau Grubach« »Sie kümmern sich aber wie
ich glaube nicht viel um die Pension« sagte Fräulein Montag »Nein« sagte K
»Wollen Sie sich nicht setzen« sagte Fräulein Montag Sie zogen beide
schweigend zwei Sessel am äußersten Ende des Tisches hervor und setzten sich
einander gegenüber Aber Fräulein Montag stand gleich wieder auf denn sie hatte
ihr Handtäschchen auf dem Fensterbrett liegengelassen und ging es holen sie
schleifte durch das ganze Zimmer Als sie das Handtäschchen leicht schwenkend
wieder zurückkam sagte sie »Ich möchte nur im Auftrag meiner Freundin ein paar
Worte mit Ihnen sprechen Sie wollte selbst kommen aber sie fühlt sich heute
ein wenig unwohl Sie möchten sie entschuldigen und mich statt ihrer anhören
Sie hätte Ihnen auch nichts anderes sagen können als ich Ihnen sagen werde Im
Gegenteil ich glaube ich kann Ihnen sogar mehr sagen da ich doch
verhältnismäßig unbeteiligt bin Glauben Sie nicht auch«
    »Was wäre denn zu sagen« antwortete K der dessen müde war die Augen des
Fräulein Montag fortwährend auf seine Lippe gerichtet zu sehen Sie masste sich
dadurch eine Herrschaft schon darüber an was er erst sagen wollte »Fräulein
Bürstner will mir offenbar die persönliche Aussprache um die ich sie gebeten
habe nicht bewilligen« »Das ist es« sagte Fräulein Montag »oder vielmehr so
ist es gar nicht Sie drücken es sonderbar scharf aus Im allgemeinen werden
doch Aussprachen weder bewilligt noch geschieht das Gegenteil Aber es kann
geschehen dass man Aussprachen für unnötig hält und so ist es eben hier Jetzt
nach Ihrer Bemerkung kann ich ja offen reden Sie haben meine Freundin
schriftlich oder mündlich um eine Unterredung gebeten Nun weiß aber meine
Freundin so muss ich wenigstens annehmen was diese Unterredung betreffen soll
und ist deshalb aus Gründen die ich nicht kenne überzeugt dass es niemandem
Nutzen bringen würde wenn die Unterredung wirklich zustande käme Im übrigen
erzählte sie mir erst gestern und nur ganz flüchtig davon sie sagte hierbei
dass auch Ihnen jedenfalls nicht viel an der Unterredung liegen könne denn Sie
wären nur durch einen Zufall auf einen derartigen Gedanken gekommen und würden
selbst auch ohne besondere Erklärung wenn nicht schon jetzt so doch sehr bald
die Sinnlosigkeit des Ganzen erkennen Ich antwortete darauf dass das richtig
sein mag dass ich es aber zur vollständigen Klarstellung doch für vorteilhaft
hielte Ihnen eine ausdrückliche Antwort zukommen zu lassen Ich bot mich an
diese Aufgabe zu übernehmen nach einigem Zögern gab meine Freundin mir nach
Ich hoffe nun aber auch in Ihrem Sinne gehandelt zu haben denn selbst die
kleinste Unsicherheit in der geringfügigsten Sache ist doch immer quälend und
wenn man sie wie in diesem Falle leicht beseitigen kann so soll es doch
besser sofort geschehen« »Ich danke Ihnen« sagte K sofort stand langsam auf
sah Fräulein Montag an dann über den Tisch hin dann aus dem Fenster  das
gegenüberliegende Haus stand in der Sonne  und ging zur Tür Fräulein Montag
folgte ihm ein paar Schritte als vertraue sie ihm nicht ganz Vor der Tür
mussten aber beide zurückweichen denn sie öffnete sich und der Hauptmann Lanz
trat ein K sah ihn zum erstenmal aus der Nähe Es war ein großer etwa
vierzigjähriger Mann mit braungebranntem fleischigem Gesicht Er machte eine
leichte Verbeugung die auch K galt ging dann zu Fräulein Montag und küsste ihr
ehrerbietig die Hand Er war sehr gewandt in seinen Bewegungen Seine
Höflichkeit gegen Fräulein Montag stach auffallend von der Behandlung ab die
sie von K erfahren hatte Trotzdem schien Fräulein Montag K nicht böse zu
sein denn sie wollte ihn sogar wie K zu bemerken glaubte dem Hauptmann
vorstellen Aber K wollte nicht vorgestellt werden er wäre nicht imstande
gewesen weder dem Hauptmann noch Fräulein Montag gegenüber irgendwie freundlich
zu sein der Handkuss hatte sie für ihn zu einer Gruppe verbunden die ihm unter
dem Anschein äußerster Harmlosigkeit und Uneigennützigkeit von Fräulein Bürstner
abhalten wollte K glaubte jedoch nicht nur das zu erkennen er erkannte auch
dass Fräulein Montag ein gutes allerdings zweischneidiges Mittel gewählt hatte
Sie übertrieb die Bedeutung der Beziehung zwischen Fräulein Bürstner und K sie
übertrieb vor allem die Bedeutung der erbetenen Aussprache und versuchte es
gleichzeitig so zu wenden als ob es K sei der alles übertreibe Sie sollte
sich täuschen K wollte nichts übertreiben er wusste dass Fräulein Bürstner ein
kleines Schreibmaschinenfräulein war das ihm nicht lange Widerstand leisten
sollte Hierbei zog er absichtlich gar nicht in Berechnung was er von Frau
Grubach über Fräulein Bürstner erfahren hatte Das alles überlegte er während
er kaum grüßend das Zimmer verließ Er wollte gleich in sein Zimmer gehen aber
ein kleines Lachen des Fräulein Montag das er hinter sich aus dem Esszimmer
hörte brachte ihn auf den Gedanken dass er vielleicht beiden dem Hauptmann wie
Fräulein Montag eine Überraschung bereiten könnte Er sah sich um und horchte
ob aus irgendeinem der umliegenden Zimmer eine Störung zu erwarten wäre es war
überall still nur die Unterhaltung aus dem Esszimmer war zu hören und aus dem
Gang der zur Küche führte die Stimme der Frau Grubach Die Gelegenheit schien
günstig K ging zur Tür von Fräulein Bürstners Zimmer und klopfte leise Da
sich nichts rührte klopfte er nochmals aber es erfolgte noch immer keine
Antwort Schlief sie Oder war sie wirklich unwohl Oder verleugnete sie sich
nur deshalb weil sie ahnte dass es nur K sein konnte der so leise klopfte K
nahm an dass sie sich verleugne und klopfte stärker öffnete schließlich da
das Klopfen keinen Erfolg hatte vorsichtig und nicht ohne das Gefühl etwas
Unrechtes und überdies Nutzloses zu tun die Tür Im Zimmer war niemand Es
erinnerte übrigens kaum mehr an das Zimmer wie es K gekannt hatte An der Wand
waren nun zwei Betten hintereinander aufgestellt drei Sessel in der Nähe der
Tür waren mit Kleidern und Wäsche überhäuft ein Schrank stand offen Fräulein
Bürstner war wahrscheinlich fortgegangen während Fräulein Montag im Esszimmer
auf K eingeredet hatte K war dadurch nicht sehr bestürzt er hatte kaum mehr
erwartet Fräulein Bürstner so leicht zu treffen er hatte diesen Versuch fast
nur aus Trotz gegen Fräulein Montag gemacht Um so peinlicher war es ihm aber
als er während er die Tür wieder schloss in der offenen Tür des Esszimmers
Fräulein Montag und den Hauptmann sich unterhalten sah Sie standen dort
vielleicht schon seitdem K die Tür geöffnet hatte sie vermieden jeden
Anschein als ob sie K etwa beobachteten sie unterhielten sich leise und
verfolgten Ks Bewegungen mit den Blicken nur so wie man während eines
Gespräches zerstreut umherblickt Aber auf K lagen diese Blicke doch schwer er
beeilte sich an der Wand entlang in sein Zimmer zu kommen
 
                                Fünftes Kapitel
                                  Der Prügler
Als K an einem der nächsten Abende den Korridor passierte der sein Büro von
der Haupttreppe trennte  er ging diesmal fast als der letzte nach Hause nur in
der Expedition arbeiteten noch zwei Diener im kleinen Lichtfeld einer Glühlampe
 hörte er hinter einer Tür hinter der er immer nur eine Rumpelkammer vermutet
hatte ohne sie jemals selbst gesehen zu haben Seufzer ausstoßen Er blieb
erstaunt stehen und horchte noch einmal auf um festzustellen ob er sich nicht
irrte  es wurde ein Weilchen still dann waren es aber doch wieder Seufzer 
Zuerst wollte er einen der Diener holen man konnte vielleicht einen Zeugen
brauchen dann aber fasste ihn eine derart unbezähmbare Neugierde dass er die Tür
förmlich aufriß Es war wie er richtig vermutet hatte eine Rumpelkammer
Unbrauchbare alte Drucksorten umgeworfene leere irdene Tintenflaschen lagen
hinter der Schwelle In der Kammer selbst aber standen drei Männer gebückt in
dem niedrigen Raum Eine auf einem Regal festgemachte Kerze gab ihnen Licht
»Was treibt ihr hier« fragte K sich vor Aufregung überstürzend aber nicht
laut Der eine Mann der die anderen offenbar beherrschte und zuerst den Blick
auf sich lenkte stak in einer Art dunkler Lederkleidung die den Hals bis tief
zur Brust und die ganzen Arme nackt ließ Er antwortete nicht Aber die zwei
anderen riefen »Herr Wir sollen geprügelt werden weil du dich beim
Untersuchungsrichter über uns beklagt hast« Und nun erst erkannte K dass es
wirklich die Wächter Franz und Willem waren und dass der dritte eine Rute in der
Hand hielt um sie zu prügeln »Nun« sagte K und starrte sie an »ich habe
mich nicht beklagt ich habe nur gesagt wie es sich in meiner Wohnung
zugetragen hat Und einwandfrei habt ihr euch ja nicht benommen« »Herr« sagte
Willem während Franz sich hinter ihm vor dem dritten offenbar zu sichern
suchte »wenn Ihr wüsstet wie schlecht wir bezahlt sind Ihr würdet besser über
uns urteilen Ich habe eine Familie zu ernähren und Franz hier wollte heiraten
man sucht sich zu bereichern wie es geht durch bloße Arbeit gelingt es nicht
selbst durch die angestrengteste Eure feine Wäsche hat mich verlockt es ist
natürlich den Wächtern verboten so zu handeln es war unrecht aber Tradition
ist es dass die Wäsche den Wächtern gehört es ist immer so gewesen glaubt es
mir es ist ja auch verständlich was bedeuten denn noch solche Dinge für den
welcher so unglücklich ist verhaftet zu werden Bringt er es dann allerdings
öffentlich zur Sprache dann muss die Strafe erfolgen« »Was ihr jetzt sagt
wusste ich nicht ich habe auch keineswegs eure Bestrafung verlangt mir ging es
um ein Prinzip« »Franz« wandte sich Willem zum anderen Wächter »sagte ich dir
nicht dass der Herr unsere Bestrafung nicht verlangt hat Jetzt hörst du dass er
nicht einmal gewusst hat dass wir bestraft werden müssen« »Lass dich nicht durch
solche Reden rühren« sagte der dritte zu K »die Strafe ist ebenso gerecht als
unvermeidlich« »Höre nicht auf ihn« sagte Willem und unterbrach sich nur um
die Hand über die er einen Rutenhieb bekommen hatte schnell an den Mund zu
führen »wir werden nur gestraft weil du uns angezeigt hast Sonst wäre uns
nichts geschehen selbst wenn man erfahren hätte was wir getan haben Kann man
das Gerechtigkeit nennen Wir zwei insbesondere aber ich hatten uns als
Wächter durch lange Zeit sehr bewährt  du selbst musst eingestehen dass wir vom
Gesichtspunkt der Behörde gesehen gut gewacht haben  wir hatten Aussicht
vorwärtszukommen und wären gewiss bald auch Prügler geworden wie dieser der eben
das Glück hatte von niemandem angezeigt worden zu sein denn eine solche
Anzeige kommt wirklich nur sehr selten vor Und jetzt Herr ist alles verloren
unsere Laufbahn beendet wir werden noch viel untergeordnetere Arbeiten leisten
müssen als es der Wachdienst ist und überdies bekommen wir jetzt diese
schrecklich schmerzhaften Prügel« »Kann denn die Rute solche Schmerzen machen«
fragte K und prüfte die Rute die der Prügler vor ihm schwang »Wir werden uns
ja ganz nackt ausziehen müssen« sagte Willem »Ach so« sagte K und sah den
Prügler genau an er war braun gebrannt wie ein Matrose und hatte ein wildes
frisches Gesicht »Gibt es keine Möglichkeit den beiden die Prügel zu
ersparen« fragte er ihn »Nein« sagte der Prügler und schüttelte lächelnd den
Kopf »Zieht euch aus« befahl er den Wächtern Und zu K sagte er »Du musst
ihnen nicht alles glauben sie sind durch die Angst vor den Prügeln schon ein
wenig schwachsinnig geworden Was dieser hier zum Beispiel« er zeigte auf
Willem  »über seine mögliche Laufbahn erzählt hat ist geradezu lächerlich
Sieh an wie fett er ist  die ersten Rutenstreiche werden überhaupt im Fett
verlorengehen  Weißt du wodurch er so fett geworden ist Er hat die
Gewohnheit allen Verhafteten das Frühstück aufzuessen Hat er nicht auch dein
Frühstück aufgegessen Nun ich sagte es ja Aber ein Mann mit einem solchen
Bauch kann nie und nimmermehr Prügler werden das ist ganz ausgeschlossen« »Es
gibt auch solche Prügler« behauptete Willem der gerade seinen Hosengürtel
löste »Nein« sagte der Prügler und strich ihm mit der Rute derartig über den
Hals dass er zusammenzuckte »du sollst nicht zuhören sondern dich ausziehen«
»Ich würde dich gut belohnen wenn du sie laufen lässt« sagte K und zog ohne
den Prügler nochmals anzusehen  solche Geschäfte werden beiderseits mit
niedergeschlagenen Augen am besten abgewickelt  seine Brieftasche hervor »Du
willst wohl dann auch mich anzeigen« sagte der Prügler »und auch noch mir
Prügel verschaffen Nein nein« »Sei doch vernünftig« sagte K »wenn ich
gewollt hätte dass diese beiden bestraft werden würde ich sie doch jetzt nicht
loskaufen wollen Ich könnte einfach die Tür hier zuschlagen nichts weiter
sehen und hören wollen und nach Hause gehen Nun tue ich das aber nicht
vielmehr liegt mir ernstlich daran sie zu befreien hätte ich geahnt dass sie
bestraft werden sollen oder auch nur bestraft werden können hätte ich ihre
Namen nie genannt Ich halte sie nämlich gar nicht für schuldig schuldig ist
die Organisation schuldig sind die hohen Beamten« »So ist es« riefen die
Wächter und bekamen sofort einen Hieb über ihren schon entkleideten Rücken
»Hättest du hier unter deiner Rute einen hohen Richter« sagte K und drückte
während er sprach die Rute die sich schon wieder erheben wollte nieder »ich
würde dich wahrhaftig nicht hindern loszuschlagen im Gegenteil ich würde dir
noch Geld geben damit du dich für die gute Sache kräftigst« »Was du sagst
klingt ja glaubwürdig« sagte der Prügler »aber ich lasse mich nicht bestechen
Ich bin zum Prügeln angestellt also prügle ich« Der Wächter Franz der
vielleicht in Erwartung eines guten Ausgangs des Eingreifens von K bisher
ziemlich zurückhaltend gewesen war trat jetzt nur noch mit den Hosen
bekleidet zur Tür hing sich niederkniend an Ks Arm und flüsterte »Wenn du
für uns beide Schonung nicht durchsetzen kannst so versuche wenigstens mich zu
befreien Willem ist älter als ich in jeder Hinsicht weniger empfindlich auch
hat er schon einmal vor ein paar Jahren eine leichte Prügelstrafe bekommen ich
aber bin noch nicht entehrt und bin doch zu meiner Handlungsweise nur durch
Willem gebracht worden der im Guten und Schlechten mein Lehrer ist Unten vor
der Bank wartet meine arme Braut auf den Ausgang ich schäme mich ja so
erbärmlich« Er trocknete mit Ks Rock sein von Tränen ganz überlaufenes
Gesicht »Ich warte nicht mehr« sagte der Prügler fasste die Rute mit beiden
Händen und hieb auf Franz ein während Willem in einem Winkel kauerte und
heimlich zusah ohne eine Kopfwendung zu wagen Da erhob sich der Schrei den
Franz außstieß ungeteilt und unveränderlich er schien nicht von einem
Menschen sondern von einem gemarterten Instrument zu stammen der ganze
Korridor tönte von ihm das ganze Haus musste es hören »Schrei nicht« rief K
er konnte sich nicht zurückhalten und während er gespannt in die Richtung sah
aus der die Diener kommen mussten stieß er an Franz nicht stark aber doch
stark genug dass der Besinnungslose niederfiel und im Krampf mit den Händen den
Boden absuchte den Schlägen entging er aber nicht die Rute fand ihn auch auf
der Erde während er sich unter ihr wälzte schwang sich ihre Spitze regelmäßig
auf und ab Und schon erschien in der Ferne ein Diener und ein paar Schritte
hinter ihm ein zweiter K hatte schnell die Tür zugeworfen war zu einem der
Hoffenster getreten und öffnete es Das Schreien hatte vollständig aufgehört Um
die Diener nicht herankommen zu lassen rief er »Ich bin es« »Guten Abend
Herr Prokurist« rief es zurück »Ist etwas geschehen« »Nein nein« antwortete
K »es schreit nur ein Hund auf dem Hof« Als die Diener sich doch nicht
rührten fügte er hinzu »Sie können bei Ihrer Arbeit bleiben« Um sich in kein
Gespräch mit den Dienern einlassen zu müssen beugte er sich aus dem Fenster
Als er nach einem Weilchen wieder in den Korridor sah waren sie schon weg K
aber blieb nun beim Fenster in die Rumpelkammer wagte er nicht zu gehen und
nach Hause gehen wollte er auch nicht Es war ein kleiner viereckiger Hof in
den er hinuntersah ringsherum waren Büroräume untergebracht alle Fenster waren
jetzt schon dunkel nur die obersten fingen einen Widerschein des Mondes auf K
suchte angestrengt mit den Blicken in das Dunkel eines Hofwinkels einzudringen
in dem einige Handkarren ineinandergefahren waren Es quälte ihn dass es ihm
nicht gelungen war das Prügeln zu verhindern aber es war nicht seine Schuld
dass es nicht gelungen war hätte Franz nicht geschrien  gewiss es musste sehr
weh getan haben aber in einem entscheidenden Augenblick muss man sich
beherrschen  hätte er nicht geschrien so hätte K wenigstens sehr
wahrscheinlich noch ein Mittel gefunden den Prügler zu überreden Wenn die
ganze unterste Beamtenschaft Gesindel war warum hätte gerade der Prügler der
das unmenschlichste Amt hatte eine Ausnahme machen sollen K hatte auch gut
beobachtet wie ihm beim Anblick der Banknote die Augen geleuchtet hatten er
hatte mit dem Prügeln offenbar nur deshalb Ernst gemacht um die
Bestechungssumme noch ein wenig zu erhöhen Und K hätte nicht gespart es lag
ihm wirklich daran die Wächter zu befreien wenn er nun schon angefangen hatte
die Verderbnis dieses Gerichtswesens zu bekämpfen so war es selbstverständlich
dass er auch von dieser Seite eingriff Aber in dem Augenblick wo Franz zu
schreien angefangen hatte war natürlich alles zu Ende K konnte nicht
zulassen dass die Diener und vielleicht noch alle möglichen Leute kämen und ihn
in Unterhandlungen mit der Gesellschaft in der Rumpelkammer überraschten Diese
Aufopferung konnte wirklich niemand von K verlangen Wenn er das zu tun
beabsichtigt hätte so wäre es ja fast einfacher gewesen K hätte sich selbst
ausgezogen und dem Prügler als Ersatz für die Wächter angeboten Übrigens hätte
der Prügler diese Vertretung gewiss nicht angenommen da er dadurch ohne einen
Vorteil zu gewinnen dennoch seine Pflicht schwer verletzt hätte und
wahrscheinlich doppelt verletzt hätte denn K musste wohl solange er im
Verfahren stand für alle Angestellten des Gerichts unverletzlich sein
Allerdings konnten hier auch besondere Bestimmungen gelten Jedenfalls hatte K
nichts anderes tun können als die Tür zuschlagen obwohl dadurch auch jetzt
noch für K durchaus nicht jede Gefahr beseitigt blieb Dass er noch zuletzt
Franz einen Stoß gegeben hatte war bedauerlich und nur durch seine Aufregung zu
entschuldigen
    In der Ferne hörte er die Schritte der Diener um ihnen nicht auffällig zu
werden schloss er das Fenster und ging in der Richtung zur Haupttreppe Bei der
Tür zur Rumpelkammer blieb er ein wenig stehen und horchte Es war ganz still
Der Mann konnte die Wächter totgeprügelt haben sie waren ja ganz in seine Macht
gegeben K hatte schon die Hand nach der Klinke ausgestreckt zog sie dann aber
wieder zurück Helfen konnte er niemandem mehr und die Diener mussten gleich
kommen er gelobte sich aber die Sache noch zur Sprache zu bringen und die
wirklich Schuldigen die hohen Beamten von denen sich ihm noch keiner zu zeigen
gewagt hatte soweit es in seinen Kräften war gebührend zu bestrafen Als er
die Freitreppe der Bank hinunterging beobachtete er sorgfältig alle Passanten
aber selbst in der weiteren Umgebung war kein Mädchen zu sehen das auf jemanden
gewartet hätte Die Bemerkung Franzens dass seine Braut auf ihn warte erwies
sich als eine allerdings verzeihliche Lüge die nur den Zweck gehabt hatte
größeres Mitleid zu erwecken
    Auch noch am nächsten Tage kamen K die Wächter nicht aus dem Sinn er war
bei der Arbeit zerstreut und musste um sie zu bewältigen noch ein wenig länger
im Büro bleiben als am Tag vorher Als er auf dem Nachhausewege wieder an der
Rumpelkammer vorbeikam öffnete er sie wie aus Gewohnheit Vor dem was er statt
des erwarteten Dunkels erblickte wusste er sich nicht zu fassen Alles war
unverändert so wie er es am Abend vorher beim Öffnen der Tür gefunden hatte
Die Drucksorten und Tintenflaschen gleich hinter der Schwelle der Prügler mit
der Rute die noch vollständig ausgezogenen Wächter die Kerze auf dem Regal
und die Wächter begannen zu klagen und riefen »Herr« Sofort warf K die Tür zu
und schlug noch mit den Fäusten gegen sie als sei sie dann fester verschlossen
Fast weinend lief er zu den Dienern die ruhig an den Kopiermaschinen arbeiteten
und erstaunt in ihrer Arbeit innehielten »Räumt doch endlich die Rumpelkammer
aus« rief er »Wir versinken ja im Schmutz« Die Diener waren bereit es am
nächsten Tag zu tun K nickte jetzt spät am Abend konnte er sie nicht mehr zu
der Arbeit zwingen wie er es eigentlich beabsichtigt hatte Er setzte sich ein
wenig um die Diener ein Weilchen lang in der Nähe zu behalten warf einige
Kopien durcheinander wodurch er den Anschein zu erwecken glaubte dass er sie
überprüfe und ging dann da er einsah dass die Diener nicht wagen würden
gleichzeitig mit ihm wegzugehen müde und gedankenlos nach Hause
 
                                Sechstes Kapitel
                                Der Onkel  Leni
Eines Nachmittags  K war gerade vor dem Postabschluss sehr beschäftigt 
drängte sich zwischen zwei Dienern die Schriftstücke hineintrugen Ks Onkel
Karl ein kleiner Grundbesitzer vom Lande ins Zimmer K erschrak bei dem
Anblick weniger als er schon vor längerer Zeit bei der Vorstellung vom Kommen
des Onkels erschrocken war Der Onkel musste kommen das stand bei K schon etwa
einen Monat lang fest Schon damals hatte er ihn zu sehen geglaubt wie er ein
wenig gebückt den eingedrückten Panamahut in der Linken die Rechte schon von
weitem ihm entgegenstreckte und sie mit rücksichtsloser Eile über den
Schreibtisch hinreichte alles umstossend was ihm im Wege war Der Onkel befand
sich immer in Eile denn er war von dem unglücklichen Gedanken verfolgt bei
seinem immer nur eintägigen Aufenthalt in der Hauptstadt müsse er alles
erledigen können was er sich vorgenommen hatte und dürfe überdies auch kein
gelegentlich sich darbietendes Gespräch oder Geschäft oder Vergnügen sich
entgehen lassen dabei musste ihm K der ihm als seinem gewesenen Vormund
besonders verpflichtet war in allem möglichen behilflich sein und ihn außerdem
bei sich übernachten lassen »Das Gespenst vom Lande« pflegte er ihn zu nennen
    Gleich nach der Begrüßung  sich in den Fauteuil zu setzen wozu ihn K
einlud hatte er keine Zeit  bat er K um ein kurzes Gespräch unter vier Augen
»Es ist notwendig« sagte er mühselig schluckend »zu meiner Beruhigung ist es
notwendig« K schickte sofort die Diener aus dem Zimmer mit der Weisung
niemand einzulassen »Was habe ich gehört Josef« rief der Onkel als sie
allein waren setzte sich auf den Tisch und stopfte unter sich ohne hinzusehen
verschiedene Papiere um besser zu sitzen K schwieg er wusste was kommen
würde aber plötzlich von der anstrengenden Arbeit entspannt wie er war gab
er sich zunächst einer angenehmen Mattigkeit hin und sah durch das Fenster auf
die gegenüberliegende Strassenseite von der von seinem Sitz aus nur ein kleiner
dreieckiger Ausschnitt zu sehen war ein Stück leerer Häusermauer zwischen zwei
Geschäftsauslagen »Du schaust aus dem Fenster« rief der Onkel mit erhobenen
Armen »um Himmels willen Josef antworte mir doch Ist es wahr kann es denn
wahr sein« »Lieber Onkel« sagte K und riss sich von seiner Zerstreutheit los
»ich weiß ja gar nicht was du von mir willst« »Josef« sagte der Onkel
warnend »die Wahrheit hast du immer gesagt soviel ich weiß Soll ich deine
letzten Worte als schlimmes Zeichen auffassen« »Ich ahne ja was du willst«
sagte K folgsam »du hast wahrscheinlich von meinem Prozess gehört« »So ist
es« antwortete der Onkel langsam nickend »ich habe von deinem Prozess gehört«
»Von wem denn« fragte K »Erna hat es mir geschrieben« sagte der Onkel »sie
hat ja keinen Verkehr mit dir du kümmerst dich leider nicht viel um sie
trotzdem hat sie es erfahren Heute habe ich den Brief bekommen und bin
natürlich sofort hergefahren Aus keinem anderen Grund aber es scheint ein
genügender Grund zu sein Ich kann dir die Briefstelle die dich betrifft
vorlesen« Er zog den Brief aus der Brieftasche »Hier ist es« Sie schreibt
»Josef habe ich schon lange nicht gesehen vorige Woche war ich einmal in der
Bank aber Josef war so beschäftigt dass ich nicht vorgelassen wurde ich habe
fast eine Stunde gewartet musste dann aber nach Hause weil ich Klavierstunde
hatte Ich hätte gern mit ihm gesprochen vielleicht wird sich nächstens eine
Gelegenheit finden Zu meinem Namenstag hat er mir eine große Schachtel
Schokolade geschickt es war sehr lieb und aufmerksam Ich hatte vergessen es
Euch damals zu schreiben erst jetzt da Ihr mich fragt erinnere ich mich
daran Schokolade müsst Ihr wissen verschwindet nämlich in der Pension sofort
kaum ist man zum Bewusstsein dessen gekommen dass man mit Schokolade beschenkt
worden ist ist sie auch schon weg Aber was Josef betrifft wollte ich Euch
noch etwas sagen Wie erwähnt wurde ich in der Bank nicht zu ihm vorgelassen
weil er gerade mit einem Herrn verhandelte Nachdem ich eine Zeitlang ruhig
gewartet hatte fragte ich einen Diener ob die Verhandlung noch lange dauern
werde Er sagte das dürfte wohl sein denn es handle sich wahrscheinlich um den
Prozess der gegen den Herrn Prokuristen geführt werde Ich fragte was denn das
für ein Prozess sei ob er sich nicht irre er aber sagte er irre sich nicht es
sei ein Prozess und zwar ein schwerer Prozess mehr aber wisse er nicht Er
selbst möchte dem Herrn Prokuristen gerne helfen denn dieser sei ein guter und
gerechter Herr aber er wisse nicht wie er es anfangen sollte und er möchte
nur wünschen dass sich einflussreiche Herren seiner annehmen würden Dies werde
auch sicher geschehen und es werde schließlich ein gutes Ende nehmen vorläufig
aber stehe es wie er aus der Laune des Herrn Prokuristen entnehmen könne gar
nicht gut Ich legte diesen Reden natürlich nicht viel Bedeutung bei suchte
auch den einfältigen Diener zu beruhigen verbot ihm anderen gegenüber davon zu
sprechen und halte das Ganze für ein Geschwätz Trotzdem wäre es vielleicht
gut wenn Du liebster Vater bei Deinem nächsten Besuch der Sache nachgehen
wolltest es wird Dir leicht sein Genaueres zu erfahren und wenn es wirklich
nötig sein sollte durch Deine großen einflussreichen Bekanntschaften
einzugreifen Sollte es aber nicht nötig sein was ja das wahrscheinlichste ist
so wird es wenigstens Deiner Tochter bald Gelegenheit geben Dich zu umarmen
was sie freuen würde  Ein gutes Kind« sagte der Onkel als er die Vorlesung
beendet hatte und wischte einige Tränen aus den Augen fort K nickte er hatte
infolge der verschiedenen Störungen der letzten Zeit vollständig Erna vergessen
sogar ihren Geburtstag hatte er vergessen und die Geschichte von der Schokolade
war offenbar nur zu dem Zweck erfunden um ihn vor Onkel und Tante in Schutz zu
nehmen Es war sehr rührend und mit den Teaterkarten die er ihr von jetzt ab
regelmäßig schicken wollte gewiss nicht genügend belohnt aber zu Besuchen in
der Pension und zu Unterhaltungen mit einer kleinen achtzehnjährigen
Gymnasiastin fühlte er sich jetzt nicht geeignet »Und was sagst du jetzt«
fragte der Onkel der durch den Brief alle Eile und Aufregung vergessen hatte
und ihn noch einmal zu lesen schien »Ja Onkel« sagte K »es ist wahr«
»Wahr« rief der Onkel
    »Was ist wahr Wie kann es denn wahr sein Was für ein Prozess Doch nicht
ein Strafprozess« »Ein Strafprozess« antwortete K »Und du sitzt ruhig hier und
hast einen Strafprozess auf dem Halse« rief der Onkel der immer lauter wurde
»Je ruhiger ich bin desto besser ist es für den Ausgang« sagte K müde
»fürchte nichts« »Das kann mich nicht beruhigen« rief der Onkel »Josef
lieber Josef denke an dich an deine Verwandten an unsern guten Namen Du
warst bisher unsere Ehre du darfst nicht unsere Schande werden Deine Haltung«
er sah K mit schief geneigtem Kopfe an »gefällt mir nicht so verhält sich
kein unschuldig Angeklagter der noch bei Kräften ist Sag mir nur schnell
worum es sich handelt damit ich dir helfen kann Es handelt sich natürlich um
die Bank«
    »Nein« sagte K und stand auf »du sprichst aber zu laut lieber Onkel der
Diener steht wahrscheinlich an der Tür und horcht Das ist mir unangenehm Wir
wollen lieber weggehen Ich werde dir dann alle Fragen so gut es geht
beantworten Ich weiß sehr gut dass ich der Familie Rechenschaft schuldig bin«
»Richtig« schrie der Onkel »sehr richtig beeile dich nur Josef beeile
dich« »Ich muss nur noch einige Aufträge geben« sagte K und berief
telephonisch seinen Vertreter zu sich der in wenigen Augenblicken eintrat Der
Onkel in seiner Aufregung zeigte ihm mit der Hand dass K ihn habe rufen
lassen woran auch sonst kein Zweifel gewesen wäre K der vor dem Schreibtisch
stand erklärte dem jungen Mann der kühl aber aufmerksam zuhörte mit leiser
Stimme unter Zuhilfenahme verschiedener Schriftstücke was in seiner Abwesenheit
heute noch erledigt werden müsse Der Onkel störte indem er zuerst mit großen
Augen und nervösem Lippenbeissen dabeistand ohne allerdings zuzuhören aber der
Anschein dessen war schon störend genug Dann aber ging er im Zimmer auf und ab
und blieb hie und da vor dem Fenster oder vor einem Bild stehen wo bei er immer
in verschiedene Ausrufe ausbrach wie »Mir ist es vollständig unbegreiflich«
oder »Jetzt sagt mir nur was soll denn daraus werden« Der junge Mann tat als
bemerke er nichts davon hörte ruhig Ks Aufträge bis zu Ende an notierte sich
auch einiges und ging nachdem er sich vor K wie auch vor dem Onkel verneigt
hatte der ihm aber gerade den Rücken zukehrte aus dem Fenster sah und mit
ausgestreckten Händen die Vorhänge zusammenknüllte Die Tür hatte sich noch kaum
geschlossen als der Onkel ausrief »Endlich ist der Hampelmann weggegangen
jetzt können doch auch wir gehen Endlich« Es gab leider kein Mittel den Onkel
zu bewegen in der Vorhalle wo einige Beamte und Diener herumstanden und die
gerade auch der DirektorStellvertreter kreuzte die Fragen wegen des Prozesses
zu unterlassen »Also Josef« begann der Onkel während er die Verbeugungen der
Umstehenden durch leichtes Salutieren beantwortete »jetzt sag mir offen was es
für ein Prozess ist« K machte einige nichtssagende Bemerkungen lachte auch ein
wenig und erst auf der Treppe erklärte er dem Onkel dass er vor den Leuten
nicht habe offen reden wollen »Richtig« sagte der Onkel »aber jetzt rede«
Mit geneigtem Kopf eine Zigarre in kurzen eiligen Zügen rauchend hörte er zu
»Vor allem Onkel« sagte K »handelt es sich gar nicht um einen Prozess vor dem
gewöhnlichen Gericht« »Das ist schlimm« sagte der Onkel »Wie« sagte K und
sah den Onkel an »Dass das schlimm ist meine ich« wiederholte der Onkel Sie
standen auf der Freitreppe die zur Straße führte da der Portier zu horchen
schien zog K den Onkel hinunter der lebhafte Strassenverkehr nahm sie auf Der
Onkel der sich in K eingehängt hatte fragte nicht mehr so dringend nach dem
Prozess sie gingen sogar eine Zeitlang schweigend weiter »Wie ist es aber
geschehen« fragte endlich der Onkel so plötzlich stehenbleibend dass die
hinter ihm gehenden Leute erschreckt auswichen »Solche Dinge kommen doch nicht
plötzlich sie bereiten sich seit langem vor es müssen Anzeichen dessen gewesen
sein warum hast du mir nicht geschrieben Du weißt dass ich für dich alles tue
ich bin ja gewissermaßen noch dein Vormund und war bis heute stolz darauf Ich
werde dir natürlich auch jetzt noch helfen nur ist es jetzt wenn der Prozess
schon im Gange ist sehr schwer Am besten wäre es jedenfalls wenn du dir jetzt
einen kleinen Urlaub nimmst und zu uns aufs Land kommst Du bist auch ein wenig
abgemagert jetzt merke ich es Auf dem Land wirst du dich kräftigen das wird
gut sein es stehen dir ja gewiss Anstrengungen bevor Außerdem aber wirst du
dadurch dem Gericht gewissermaßen entzogen sein Hier haben sie alle möglichen
Machtmittel die sie notwendigerweise automatisch auch dir gegenüber anwenden
auf das Land müssten sie aber erst Organe delegieren oder nur brieflich
telegraphisch telephonisch auf dich einzuwirken suchen Das schwächt natürlich
die Wirkung ab befreit dich zwar nicht aber lässt dich aufatmen« »Sie könnten
mir ja verbieten wegzufahren« sagte K den die Rede des Onkels ein wenig in
ihren Gedankengang gezogen hatte »Ich glaube nicht dass sie das tun werden«
sagte der Onkel nachdenklich »so groß ist der Verlust an Macht nicht den sie
durch deine Abreise erleiden« »Ich dachte« sagte K und fasste den Onkel unterm
Arm um ihn am Stehenbleiben hindern zu können »dass du dem Ganzen noch weniger
Bedeutung beimessen würdest als ich und jetzt nimmst du es selbst so schwer«
»Josef« rief der Onkel und wollte sich ihm entwinden um stehenbleiben zu
können aber K ließ ihn nicht »du bist verwandelt du hattest doch immer ein
so richtiges Auffassungsvermögen und gerade jetzt verlässt es dich Willst du
denn den Prozess verlieren Weißt du was das bedeutet Das bedeutet dass du
einfach gestrichen wirst Und dass die ganze Verwandtschaft mitgerissen oder
wenigstens bis auf den Boden gedemütigt wird Josef nimm dich doch zusammen
Deine Gleichgültigkeit bringt mich um den Verstand Wenn man dich ansieht
möchte man fast dem Sprichwort glauben Einen solchen Prozess haben heißt ihn
schon verloren haben«
    »Lieber Onkel« sagte K »die Aufregung ist so unnütz sie ist es auf
deiner Seite und wäre es auch auf meiner Mit Aufregung gewinnt man die Prozesse
nicht lass auch meine praktischen Erfahrungen ein wenig gelten so wie ich
deine selbst wenn sie mich überraschen immer und auch jetzt sehr achte Da du
sagst dass auch die Familie durch den Prozess in Mitleidenschaft gezogen würde 
was ich für meinen Teil durchaus nicht begreifen kann das ist aber Nebensache
 so will ich dir gerne in allem folgen Nur den Landaufentalt halte ich
selbst in deinem Sinn nicht für vorteilhaft denn das würde Flucht und
Schuldbewusstsein bedeuten Überdies bin ich hier zwar mehr verfolgt kann aber
auch selbst die Sache mehr betreiben« »Richtig« sagte der Onkel in einem Ton
als kämen sie jetzt endlich einander näher »ich machte den Vorschlag nur weil
ich wenn du hier bliebst die Sache von deiner Gleichgültigkeit gefährdet sah
und es für besser hielt wenn ich statt deiner für dich arbeitete Willst du es
aber mit aller Kraft selbst betreiben so ist es natürlich weit besser« »Darin
wären wir also einig« sagte K »Und hast du jetzt einen Vorschlag dafür was
ich zunächst machen soll« »Ich muss mir natürlich die Sache noch überlegen«
sagte der Onkel »du musst bedenken dass ich jetzt schon zwanzig Jahre fast
ununterbrochen auf dem Lande bin dabei lässt der Spürsinn in diesen Richtungen
nach Verschiedene wichtige Verbindungen mit Persönlichkeiten die sich hier
vielleicht besser auskennen haben sich von selbst gelockert Ich bin auf dem
Land ein wenig verlassen das weißt du ja Selbst merkt man es eigentlich erst
bei solchen Gelegenheiten Zum Teil kam mir deine Sache auch unerwartet wenn
ich auch merkwürdigerweise nach Ernas Brief schon etwas Derartiges ahnte und es
heute bei deinem Anblick fast mit Bestimmtheit wusste Aber das ist gleichgültig
das Wichtigste ist jetzt keine Zeit zu verlieren« Schon während seiner Rede
hatte er auf den Fußspitzen stehend einem Automobil gewinkt und zog jetzt
während er gleichzeitig dem Wagenlenker eine Adresse zurief K hinter sich in
den Wagen »Wir fahren jetzt zum Advokaten Huld« sagte er »er war mein
Schulkollege Du kennst den Namen gewiss auch Nicht Das ist aber merkwürdig Er
hat doch als Verteidiger und Armenadvokat einen bedeutenden Ruf Ich aber habe
besonders zu ihm als Menschen großes Vertrauen« »Mir ist alles recht was du
unternimmst« sagte K obwohl ihm die eilige und dringliche Art mit der der
Onkel die Angelegenheit behandelte Unbehagen verursachte Es war nicht sehr
erfreulich als Angeklagter zu einem Armenadvokaten zu fahren »Ich wusste
nicht« sagte er »dass man in einer solchen Sache auch einen Advokaten zuziehen
könne« »Aber natürlich« sagte der Onkel »das ist ja selbstverständlich Warum
denn nicht Und nun erzähle mir damit ich über die Sache genau unterrichtet
bin alles was bisher geschehen ist« K begann sofort zu erzählen ohne irgend
etwas zu verschweigen seine vollständige Offenheit war der einzige Protest den
er sich gegen des Onkels Ansicht der Prozess sei eine große Schande erlauben
konnte Fräulein Bürstners Namen erwähnte er nur einmal und flüchtig aber das
beeinträchtigte nicht die Offenheit denn Fräulein Bürstner stand mit dem Prozess
in keiner Verbindung Während er erzählte sah er aus dem Fenster und
beobachtete wie sie sich gerade jener Vorstadt näherten in der die
Gerichtskanzleien waren er machte den Onkel darauf aufmerksam der aber das
Zusammentreffen nicht besonders auffallend fand Der Wagen hielt vor einem
dunklen Haus Der Onkel läutete gleich im Parterre bei der ersten Tür während
sie warteten fletschte er lächelnd seine großen Zähne und flüsterte »Acht Uhr
eine ungewöhnliche Zeit für Parteienbesuche Huld nimmt es mir aber nicht übel«
Im Guckfenster der Tür erschienen zwei große schwarze Augen sahen ein Weilchen
die zwei Gäste an und verschwanden die Tür öffnete sich aber nicht Der Onkel
und K bestätigten einander gegenseitig die Tatsache die zwei Augen gesehen zu
haben »Ein neues Stubenmädchen das sich vor Fremden fürchtet« sagte der Onkel
und klopfte nochmals Wieder erschienen die Augen man konnte sie jetzt fast für
traurig halten vielleicht war das aber auch nur eine Täuschung hervorgerufen
durch die offene Gasflamme die nahe über den Köpfen stark zischend brannte
aber wenig Licht gab »Öffnen Sie« rief der Onkel und hieb mit der Faust gegen
die Tür »es sind Freunde des Herrn Advokaten« »Der Herr Advokat ist krank«
flüsterte es hinter ihnen In einer Tür am andern Ende des kleinen Ganges stand
ein Herr im Schlafrock und machte mit äußerst leiser Stimme diese Mitteilung
Der Onkel der schon wegen des langen Wartens wütend war wandte sich mit einem
Ruck um rief »Krank Sie sagen er ist krank« und ging fast drohend als sei
der Herr die Krankheit auf ihn zu »Man hat schon geöffnet« sagte der Herr
zeigte auf die Tür des Advokaten raffte seinen Schlafrock zusammen und
verschwand Die Tür war wirklich geöffnet worden ein junges Mädchen  K
erkannte die dunklen ein wenig hervorgewälzten Augen wieder  stand in langer
weißer Schürze im Vorzimmer und hielt eine Kerze in der Hand »Nächstens öffnen
Sie früher« sagte der Onkel statt einer Begrüßung während das Mädchen einen
kleinen Knicks machte »Komm Josef« sagte er dann zu K der sich langsam an
dem Mädchen vorüberschob »Der Herr Advokat ist krank« sagte das Mädchen da
der Onkel ohne sich aufzuhalten auf eine Tür zueilte K staunte das Mädchen
noch an während es sich schon umgedreht hatte um die Wohnungstüre wieder zu
versperren es hatte ein puppenförmig gerundetes Gesicht nicht nur die bleichen
Wangen und das Kinn verliefen rund auch die Schläfen und die Stirnränder
»Josef« rief der Onkel wieder und das Mädchen fragte er »Es ist das
Herzleiden« »Ich glaube wohl« sagte das Mädchen es hatte Zeit gefunden mit
der Kerze voranzugehen und die Zimmertür zu öffnen In einem Winkel des Zimmers
wohin das Kerzenlicht noch nicht drang erhob sich im Bett ein Gesicht mit
langem Bart »Leni wer kommt denn« fragte der Advokat der durch die Kerze
geblendet die Gäste nicht erkannte »Albert dein alter Freund ist es« sagte
der Onkel »Ach Albert« sagte der Advokat und ließ sich auf die Kissen
zurückfallen als bedürfe es diesem Besuch gegenüber keiner Verstellung »Steht
es wirklich so schlecht« fragte der Onkel und setzte sich auf den Bettrand
»Ich glaube es nicht Es ist ein Anfall deines Herzleidens und wird vorübergehen
wie die früheren« »Möglich« sagte der Advokat leise »es ist aber ärger als
es jemals gewesen ist Ich atme schwer schlafe gar nicht und verliere täglich
an Kraft« »So« sagte der Onkel und drückte den Panamahut mit seiner großen
Hand fest aufs Knie »Das sind schlechte Nachrichten Hast du übrigens die
richtige Pflege Es ist auch so traurig hier so dunkel Es ist schon lange her
seit ich zum letztenmal hier war damals schien es mir freundlicher Auch dein
kleines Fräulein hier scheint nicht sehr lustig oder sie verstellt sich« Das
Mädchen stand noch immer mit der Kerze nahe bei der Tür soweit ihr unbestimmter
Blick erkennen ließ sah sie eher K an als den Onkel selbst als dieser jetzt
von ihr sprach K lehnte an einem Sessel den er in die Nähe des Mädchens
geschoben hatte »Wenn man so krank ist wie ich« sagte der Advokat »muss man
Ruhe haben Mir ist es nicht traurig« Nach einer kleinen Pause fügte er hinzu
»Und Leni pflegt mich gut sie ist brav« Den Onkel konnte das aber nicht
überzeugen er war sichtlich gegen die Pflegerin voreingenommen und wenn er
auch dem Kranken nichts entgegnete so verfolgte er doch die Pflegerin mit
strengen Blicken als sie jetzt zum Bett hinging die Kerze auf das
Nachttischchen stellte sich über den Kranken hinbeugte und beim Ordnen der
Kissen mit ihm flüsterte Er vergaß fast die Rücksicht auf den Kranken stand
auf ging hinter der Pflegerin hin und her und K hätte es nicht gewundert
wenn er sie hinten an den Röcken erfasst und vom Bett fortgezogen hätte K
selbst sah allem ruhig zu die Krankheit des Advokaten war ihm sogar nicht ganz
unwillkommen dem Eifer den der Onkel für seine Sache entwickelt hatte hatte
er sich nicht entgegenstellen können die Ablenkung die dieser Eifer jetzt ohne
sein Zutun erfuhr nahm er gerne hin Da sagte der Onkel vielleicht nur in der
Absicht die Pflegerin zu beleidigen »Fräulein bitte lassen Sie uns ein
Weilchen allein ich habe mit meinem Freund eine persönliche Angelegenheit zu
besprechen« Die Pflegerin die noch weit über den Kranken hingebeugt war und
gerade das Leintuch an der Wand glättete wendete nur den Kopf und sagte sehr
ruhig was einen auffallenden Unterschied zu den vor Wut stockenden und dann
wieder überfliessenden Reden des Onkels bildete »Sie sehen der Herr ist so
krank er kann keine Angelegenheiten besprechen« Sie hatte die Worte des Onkels
wahrscheinlich nur aus Bequemlichkeit wiederholt immerhin konnte es selbst von
einem Unbeteiligten als spöttisch aufgefasst werden der Onkel aber fuhr
natürlich wie ein Gestochener auf »Du Verdammte« sagte er im ersten Gurgeln
der Aufregung noch ziemlich unverständlich K erschrak obwohl er etwas
Ähnliches erwartet hatte und lief auf den Onkel zu mit der bestimmten Absicht
ihm mit beiden Händen den Mund zu schließen Glücklicherweise erhob sich aber
hinter dem Mädchen der Kranke der Onkel machte ein finsteres Gesicht als
schlucke er etwas Abscheuliches hinunter und sagte dann ruhiger »Wir haben
natürlich auch noch den Verstand nicht verloren wäre das was ich verlange
nicht möglich würde ich es nicht verlangen Bitte gehen Sie jetzt« Die
Pflegerin stand aufgerichtet am Bett dem Onkel voll zugewendet mit der einen
Hand streichelte sie wie K zu bemerken glaubte die Hand des Advokaten »Du
kannst vor Leni alles sagen« sagte der Kranke zweifellos im Ton einer
dringenden Bitte »Es betrifft mich nicht« sagte der Onkel »es ist nicht mein
Geheimnis« Und er drehte sich um als gedenke er in keine Verhandlungen mehr
einzugehen gebe aber noch eine kleine Bedenkzeit »Wen betrifft es denn«
fragte der Advokat mit erlöschender Stimme und legte sich wieder zurück »Meinen
Neffen« sagte der Onkel »ich habe ihn auch mitgebracht« Und er stellte vor
»Prokurist Josef K« »Oh« sagte der Kranke viel lebhafter und streckte K die
Hand entgegen »verzeihen Sie ich habe Sie gar nicht bemerkt Geh Leni« sagte
er dann zu der Pflegerin die sich auch gar nicht mehr wehrte und reichte ihr
die Hand als gelte es einen Abschied für lange Zeit »Du bist also« sagte er
endlich zum Onkel der auch versöhnt näher getreten war »nicht gekommen mir
einen Krankenbesuch zu machen sondern du kommst in Geschäften«
    Es war als hätte die Vorstellung eines Krankenbesuches den Advokaten bisher
gelähmt so gekräftigt sah er jetzt aus blieb ständig auf einen Ellbogen
aufgestützt was ziemlich anstrengend sein musste und zog immer wieder an einem
Bartstrahn in der Mitte seines Bartes »Du siehst schon viel gesünder aus«
sagte der Onkel »seit diese Hexe draußen ist« Er unterbrach sich flüsterte
»Ich wette dass sie horcht« und er sprang zur Tür Aber hinter der Tür war
niemand der Onkel kam zurück nicht enttäuscht denn ihr Nichtorchen erschien
ihm als eine noch größere Bosheit wohl aber verbittert »Du verkennst sie«
sagte der Advokat ohne die Pflegerin weiter in Schutz zu nehmen vielleicht
wollte er damit aus drücken dass sie nicht schutzbedürftig sei Aber in viel
teilnehmenderem Tone fuhr er fort »Was die Angelegenheit deines Herrn Neffen
betrifft so würde ich mich allerdings glücklich schätzen wenn meine Kraft für
diese äußerst schwierige Aufgabe ausreichen könnte ich fürchte sehr dass sie
nicht ausreichen wird jedenfalls will ich nichts unversucht lassen wenn ich
nicht ausreiche könnte man ja noch jemanden anderen beiziehen Um aufrichtig zu
sein interessiert mich die Sache zu sehr als dass ich es über mich bringen
könnte auf jede Beteiligung zu verzichten Hält es mein Herz nicht aus so wird
es doch wenigstens hier eine würdige Gelegenheit finden gänzlich zu versagen«
K glaubte kein Wort dieser ganzen Rede zu verstehen er sah den Onkel an um
dort eine Erklärung zu finden aber dieser saß mit der Kerze in der Hand auf
dem Nachttischchen von dem bereits eine Arzneiflasche auf den Teppich gerollt
war nickte zu allem was der Advokat sagte war mit allem einverstanden und sah
hie und da auf K mit der Aufforderung zu gleichem Einverständnis hin Hatte
vielleicht der Onkel schon früher dem Advokaten von dem Prozess erzählt Aber das
war unmöglich alles was vorhergegangen war sprach dagegen »Ich verstehe
nicht « sagte er deshalb »Ja habe vielleicht ich Sie missverstanden« fragte
der Advokat ebenso erstaunt und verlegen wie K »Ich war vielleicht voreilig
Worüber wollten Sie denn mit mir sprechen Ich dachte es handle sich um Ihren
Prozess« »Natürlich« sagte der Onkel und fragte dann K »Was willst du denn«
»Ja aber woher wissen Sie denn etwas über mich und meinen Prozess« fragte K
»Ach so« sagte der Advokat lächelnd »ich bin doch Advokat ich verkehre in
Gerichtskreisen man spricht über verschiedene Prozesse und auffallendere
besonders wenn es den Neffen eines Freundes betrifft behält man im Gedächtnis
Das ist doch nichts Merkwürdiges« »Was willst du denn« fragte der Onkel K
nochmals »Du bist so unruhig« »Sie verkehren in diesen Gerichtskreisen«
fragte K »Ja« sagte der Advokat »Du fragst wie ein Kind« sagte der Onkel
»Mit wem sollte ich denn verkehren wenn nicht mit Leuten meines Faches« fügte
der Advokat hinzu Es klang so unwiderleglich dass K gar nicht antwortete »Sie
arbeiten doch bei dem Gericht im Justizpalast und nicht bei dem auf dem
Dachboden« hatte er sagen wollen konnte sich aber nicht überwinden es
wirklich zu sagen »Sie müssen doch bedenken« fuhr der Advokat fort in einem
Tone als erkläre er etwas Selbstverständliches überflüssigerweise und nebenbei
»Sie müssen doch bedenken dass ich aus einem solchen Verkehr auch große Vorteile
für meine Klientel ziehe und zwar in vielfacher Hinsicht man darf nicht einmal
immer davon reden Natürlich bin ich jetzt infolge meiner Krankheit ein wenig
behindert aber ich bekomme trotzdem Besuch von guten Freunden vom Gericht und
erfahre doch einiges Erfahre vielleicht mehr als manche die in bester
Gesundheit den ganzen Tag bei Gericht verbringen So habe ich zum Beispiel
gerade jetzt einen lieben Besuch« Und er zeigte in eine dunkle Zimmerecke »Wo
denn« fragte K in der ersten Überraschung fast grob Er sah unsicher herum
das Licht der kleinen Kerze drang bis zur gegenüberliegenden Wand bei weitem
nicht Und wirklich begann sich dort in der Ecke etwas zu rühren Im Licht der
Kerze die der Onkel jetzt hochhielt sah man dort bei einem kleinen Tischchen
einen älteren Herrn sitzen Er hatte wohl gar nicht geatmet dass er so lange
unbemerkt geblieben war Jetzt stand er umständlich auf offenbar unzufrieden
damit dass man auf ihn aufmerksam gemacht hatte Es war als wolle er mit den
Händen die er wie kurze Flügel bewegte alle Vorstellungen und Begrüßungen
abwehren als wolle er auf keinen Fall die anderen durch seine Anwesenheit
stören und als bitte er dringend wieder um die Versetzung ins Dunkel und um das
Vergessen seiner Anwesenheit Das konnte man ihm nun aber nicht mehr zugestehen
»Ihr habt uns nämlich überrascht« sagte der Advokat zur Erklärung und winkte
dabei dem Herrn aufmunternd zu näherzukommen was dieser langsam zögernd
herumblickend und doch mit einer gewissen Würde tat »der Herr Kanzleidirektor 
ach so Verzeihung ich habe nicht vorgestellt  hier mein Freund Albert K
hier sein Neffe Prokurist Josef K und hier der Herr Kanzleidirektor  der
Herr Kanzleidirektor also war so freundlich mich zu besuchen Den Wert eines
solchen Besuches kann eigentlich nur der Eingeweihte würdigen welcher weiß wie
der Herr Kanzleidirektor mit Arbeit überhäuft ist Nun er kam aber trotzdem
wir unterhielten uns friedlich soweit meine Schwäche es erlaubte wir hatten
zwar Leni nicht verboten Besuche einzulassen denn es waren keine zu erwarten
aber unsere Meinung war doch dass wir allein bleiben sollten dann aber kamen
deine Faustiebe Albert der Herr Kanzleidirektor rückte mit Sessel und Tisch
in den Winkel nun aber zeigt sich dass wir möglicherweise das heißt wenn der
Wunsch danach besteht eine gemeinsame Angelegenheit zu besprechen haben und
sehr gut wieder zusammenrücken können  Herr Kanzleidirektor« sagte er mit
Kopfneigen und unterwürfigem Lächeln und zeigte auf einen Lehnstuhl in der Nähe
des Bettes »Ich kann leider nur noch ein paar Minuten bleiben« sagte der
Kanzleidirektor freundlich setzte sich breit in den Lehnstuhl und sah auf die
Uhr »die Geschäfte rufen mich Jedenfalls will ich nicht die Gelegenheit
vorübergehen lassen einen Freund meines Freundes kennenzulernen« Er neigte den
Kopf leicht gegen den Onkel der von der neuen Bekanntschaft sehr befriedigt
schien aber infolge seiner Natur Gefühle der Ergebenheit nicht ausdrücken
konnte und die Worte des Kanzleidirektors mit verlegenem aber lautem Lachen
begleitete Ein hässlicher Anblick K konnte ruhig alles beobachten denn um ihn
kümmerte sich niemand der Kanzleidirektor nahm wie es seine Gewohnheit schien
da er nun schon einmal hervorgezogen war die Herrschaft über das Gespräch an
sich der Advokat dessen erste Schwäche vielleicht nur dazu hatte dienen
sollen den neuen Besuch zu vertreiben hörte aufmerksam die Hand am Ohre zu
der Onkel als Kerzenträger  er balancierte die Kerze auf seinem Schenkel der
Advokat sah öfter besorgt hin  war bald frei von Verlegenheit und nur noch
entzückt sowohl von der Art der Rede des Kanzleidirektors als auch von den
sanften wellenförmigen Handbewegungen mit denen er sie begleitete K der am
Bettpfosten lehnte wurde vom Kanzleidirektor vielleicht sogar mit Absicht
vollständig vernachlässigt und diente den alten Herren nur als Zuhörer Übrigens
wusste er kaum wovon die Rede war und dachte bald an die Pflegerin und an die
schlechte Behandlung die sie vom Onkel erfahren hatte bald daran ob er den
Kanzleidirektor nicht schon einmal gesehen hatte vielleicht sogar in der
Versammlung bei seiner ersten Untersuchung Wenn er sich auch vielleicht
täuschte so hätte sich doch der Kanzleidirektor den Versammlungsteilnehmern in
der ersten Reihe den alten Herren mit den schütteren Bärten vorzüglich
eingefügt
    Da ließ ein Lärm aus dem Vorzimmer wie von zerbrechendem Porzellan alle
aufhorchen »Ich will nachsehen was geschehen ist« sagte K und ging langsam
hinaus als gebe er den anderen noch Gelegenheit ihn zurückzuhalten Kaum war
er ins Vorzimmer getreten und wollte sich im Dunkel zurechtfinden als sich auf
die Hand mit der er die Tür noch festhielt eine kleine Hand legte viel
kleiner als Ks Hand und die Tür leise schloss Es war die Pflegerin die hier
gewartet hatte »Es ist nichts geschehen« flüsterte sie »ich habe nur einen
Teller gegen die Mauer geworfen um Sie herauszuholen« In seiner Befangenheit
sagte K »Ich habe auch an Sie gedacht« »Desto besser« sagte die Pflegerin
»kommen Sie« Nach ein paar Schritten kamen sie zu einer Tür aus mattem Glas
welche die Pflegerin vor K öffnete »Treten Sie doch ein« sagte sie Es war
jedenfalls das Arbeitszimmer des Advokaten soweit man im Mondlicht sehen
konnte das jetzt nur einen kleinen viereckigen Teil des Fussbodens an jedem der
drei großen Fenster erhellte war es mit schweren alten Möbelstücken
ausgestattet »Hierher« sagte die Pflegerin und zeigte auf eine dunkle Truhe
mit holzgeschnjetzter Lehne Noch als er sich gesetzt hatte sah sich K im
Zimmer um es war ein hohes großes Zimmer die Kundschaft des Armenadvokaten
musste sich hier verloren vorkommen K glaubte die kleinen Schritte zu sehen
mit denen die Besucher zu dem gewaltigen Schreibtisch vorrückten Dann aber
vergaß er dies und hatte nur noch Augen für die Pflegerin die ganz nahe neben
ihm saß und ihn fast an die Seitenlehne drückte »Ich dachte« sagte sie »Sie
würden von selbst zu mir herauskommen ohne dass ich Sie erst rufen müsste Es war
doch merkwürdig Zuerst sahen Sie mich gleich beim Eintritt ununterbrochen an
und dann ließ Sie mich warten Nennen Sie mich übrigens Leni« fügte sie noch
rasch und unvermittelt zu als solle kein Augenblick dieser Aussprache versäumt
werden »Gern« sagte K »Was aber die Merkwürdigkeit betrifft Leni so ist sie
leicht zu erklären Erstens musste ich doch das Geschwätz der alten Herren
anhören und konnte nicht grundlos weglaufen zweitens aber bin ich nicht frech
sondern eher schüchtern und auch Sie Leni sahen wahrhaftig nicht so aus als
ob Sie in einem Sprung zu gewinnen wären« »Das ist es nicht« sagte Leni legte
den Arm über die Lehne und sah K an »aber ich gefiel Ihnen nicht und gefalle
Ihnen auch wahrscheinlich jetzt nicht« »Gefallen wäre ja nicht viel« sagte K
ausweichend »Oh« sagte sie lächelnd und gewann durch Ks Bemerkung und diesen
kleinen Ausruf eine gewisse Überlegenheit Deshalb schwieg K ein Weilchen Da
er sich an das Dunkel im Zimmer schon gewöhnt hatte konnte er verschiedene
Einzelheiten der Einrichtung unterscheiden Besonders fiel ihm ein großes Bild
auf das rechts von der Tür hing er beugte sich vor um es besser zu sehen Es
stellte einen Mann im Richtertalar dar er saß auf einem hohen Tronsessel
dessen Vergoldung vielfach aus dem Bilde hervorstach Das Ungewöhnliche war dass
dieser Richter nicht in Ruhe und Würde dort saß sondern den linken Arm fest an
Rücken und Seitenlehne drückte den rechten Arm aber völlig frei hatte und nur
mit der Hand die Seitenlehne umfasste als wolle er im nächsten Augenblick mit
einer heftigen und vielleicht empörten Wendung aufspringen um etwas
Entscheidendes zu sagen oder gar das Urteil zu verkünden Der Angeklagte war
wohl zu Füßen der Treppe zu denken deren oberste mit einem gelben Teppich
bedeckte Stufen noch auf dem Bilde zu sehen waren »Vielleicht ist das mein
Richter« sagte K und zeigte mit einem Finger auf das Bild »Ich kenne ihn«
sagte Leni und sah auch zum Bilde auf »er kommt öfters hierher Das Bild stammt
aus seiner Jugend er kann aber niemals dem Bilde auch nur ähnlich gewesen sein
denn er ist fast winzig klein Trotzdem hat er sich auf dem Bild so in die Länge
ziehen lassen denn er ist unsinnig eitel wie alle hier Aber auch ich bin
eitel und sehr unzufrieden damit dass ich Ihnen gar nicht gefalle« Auf die
letzte Bemerkung antwortete K nur damit dass er Leni umfasste und an sich zog
sie lehnte still den Kopf an seine Schulter Zu dem Übrigen aber sagte er »Was
für einen Rang hat er« »Er ist Untersuchungsrichter« sagte sie ergriff Ks
Hand mit der er sie umfasst hielt und spielte mit seinen Fingern »Wieder nur
Untersuchungsrichter« sagte K enttäuscht »die hohen Beamten verstecken sich
Aber er sitzt doch auf einem Tronsessel« »Das ist alles Erfindung« sagte
Leni das Gesicht über Ks Hand gebeugt »in Wirklichkeit sitzt er auf einem
Küchensessel auf dem eine alte Pferdedecke zusammengelegt ist Aber müssen Sie
denn immerfort an Ihren Prozess denken« fügte sie langsam hinzu »Nein durchaus
nicht« sagte K »ich denke wahrscheinlich sogar zu wenig an ihn« »Das ist
nicht der Fehler den Sie machen« sagte Leni »Sie sind zu unnachgiebig so
habe ich es gehört« »Wer hat das gesagt« fragte K er fühlte ihren Körper an
seiner Brust und sah auf ihr reiches dunkles fest gedrehtes Haar hinab »Ich
würde zuviel verraten wenn ich das sagte« antwortete Leni »Fragen Sie bitte
nicht nach Namen stellen Sie aber Ihren Fehler ab seien Sie nicht mehr so
unnachgiebig gegen dieses Gericht kann man sich ja nicht wehren man muss das
Geständnis machen Machen Sie doch bei nächster Gelegenheit das Geständnis Erst
dann ist die Möglichkeit zu entschlüpfen gegeben erst dann Jedoch selbst das
ist ohne fremde Hilfe nicht möglich wegen dieser Hilfe aber müssen Sie sich
nicht ängstigen die will ich Ihnen selbst leisten« »Sie verstehen viel von
diesem Gericht und von den Betrügereien die hier nötig sind« sagte K und hob
sie da sie sich allzu stark an ihn drängte auf seinen Schoss »So ist es gut«
sagte sie und richtete sich auf seinem Schoss ein indem sie den Rock glättete
und die Bluse zurechtzog Dann hing sie sich mit beiden Händen an seinen Hals
lehnte sich zurück und sah ihn lange an »Und wenn ich das Geständnis nicht
mache dann können Sie mir nicht helfen« fragte K versuchsweise Ich werbe
Helferinnen dachte er fast verwundert zuerst Fräulein Bürstner dann die Frau
des Gerichtsdieners und endlich diese kleine Pflegerin die ein unbegreifliches
Bedürfnis nach mir zu haben scheint Wie sie auf meinem Schoss sitzt als sei es
ihr einzig richtiger Platz »Nein« antwortete Leni und schüttelte langsam den
Kopf »dann kann ich Ihnen nicht helfen Aber Sie wollen ja meine Hilfe gar
nicht es liegt Ihnen nichts daran Sie sind eigensinnig und lassen sich nicht
überzeugen« »Haben Sie eine Geliebte« fragte sie nach einem Weilchen »Nein«
sagte K »O doch« sagte sie »Ja wirklich« sagte K »denken Sie nur ich
habe sie verleugnet und trage doch sogar ihre Photographie bei mir« Auf ihre
Bitten zeigte er ihr eine Photographie Elsas zusammengekrümmt auf seinem Schoss
studierte sie das Bild
    Es war eine Momentphotographie Elsa war nach einem Wirbeltanz aufgenommen
wie sie ihn in dem Weinlokal gern tanzte ihr Rock flog noch im Faltenwurf der
Drehung um sie her die Hände hatte sie auf die festen Hüften gelegt und sah mit
straffem Hals lachend zur Seite wem ihr Lachen galt konnte man aus dem Bild
nicht erkennen »Sie ist stark geschnürt« sagte Leni und zeigte auf die Stelle
wo dies ihrer Meinung nach zu sehen war »Sie gefällt mir nicht sie ist
unbeholfen und roh Vielleicht ist sie aber Ihnen gegenüber sanft und
freundlich darauf könnte man nach dem Bilde schließen
    So große starke Mädchen wissen oft nichts anderes als sanft und freundlich
zu sein Würde sie sich aber für Sie opfern können« »Nein« sagte K »sie ist
weder sanft und freundlich noch würde sie sich für mich opfern können
    Auch habe ich bisher weder das eine noch das andere von ihr verlangt Ja
ich habe noch nicht einmal das Bild so genau angesehen wie Sie« »Es liegt Ihnen
also gar nicht viel an ihr« sagte Leni »sie ist also gar nicht Ihre Geliebte«
»Doch« sagte K »Ich nehme mein Wort nicht zurück«
    »Mag sie also jetzt Ihre Geliebte sein« sagte Leni »Sie würden sie aber
nicht sehr vermissen wenn Sie sie verlören oder für jemand anderen zum
Beispiel für mich eintauschten« »Gewiss« sagte K lächelnd »das wäre denkbar
aber sie hat einen großen Vorteil Ihnen gegen über sie weiß nichts von meinem
Prozess und selbst wenn sie etwas davon wüsste würde sie nicht daran denken Sie
würde mich nicht zur Nachgiebigkeit zu überreden suchen« »Das ist kein
Vorteil« sagte Leni »Wenn sie keine sonstigen Vorteile hat verliere ich nicht
den Mut Hat sie irgendeinen körperlichen Fehler« »Einen körperlichen Fehler«
fragte K »Ja« sagte Leni »ich habe nämlich einen solchen kleinen Fehler
sehen Sie« Sie spannte den Mittel und Ringfinger ihrer rechten Hand
auseinander zwischen denen das Verbindungshäutchen fast bis zum obersten Gelenk
der kurzen Finger reichte K merkte im Dunkel nicht gleich was sie ihm zeigen
wollte sie führte deshalb seine Hand hin damit er es abtaste »Was für ein
Naturspiel« sagte K und fügte als er die ganze Hand überblickt hatte hinzu
»Was für eine hübsche Kralle« Mit einer Art Stolz sah Leni zu wie K staunend
immer wieder ihre zwei Finger auseinanderzog und zusammenlegte bis er sie
schließlich flüchtig küsste und losliess »Oh« rief sie aber sofort »Sie haben
mich geküsst« Eilig mit offenem Mund erkletterte sie mit den Knien seinen
Schoss K sah fast bestürzt zu ihr auf jetzt da sie ihm so nahe war ging ein
bitterer aufreizender Geruch wie von Pfeffer von ihr aus sie nahm seinen Kopf
an sich beugte sich über ihn hinweg und biss und küsste seinen Hals biss selbst
in seine Haare »Sie haben mich eingetauscht« rief sie von Zeit zu Zeit »sehen
Sie nun haben Sie mich eingetauscht« Da glitt ihr Knie aus mit einem kleinen
Schrei fiel sie fast auf den Teppich K umfasste sie um sie noch zu halten und
wurde zu ihr hinabgezogen »Jetzt gehörst du mir« sagte sie
»Hier hast du den Hausschlüssel komm wann du willst« waren ihre letzten
Worte und ein zielloser Kuss traf ihn noch im Weggehen auf den Rücken Als er
aus dem Haustor trat fiel ein leichter Regen er wollte in die Mitte der Straße
gehen um vielleicht Leni noch beim Fenster erblicken zu können da stürzte aus
einem Automobil das vor dem Hause wartete und das K in seiner Zerstreutheit
gar nicht bemerkt hatte der Onkel fasste ihn bei den Armen und stieß ihn gegen
das Haustor als wolle er ihn dort festnageln »Junge« rief er »wie konntest
du nur das tun Du hast deiner Sache die auf gutem Wege war schrecklich
geschadet Verkriechst dich mit einem kleinen schmutzigen Ding das überdies
offensichtlich die Geliebte des Advokaten ist und bleibst stundenlang weg
Suchst nicht einmal einen Vorwand verheimlichst nichts nein bist ganz offen
läufst zu ihr und bleibst bei ihr Und unterdessen sitzen wir beisammen der
Onkel der sich für dich abmüht der Advokat der für dich gewonnen werden soll
der Kanzleidirektor vor allem dieser große Herr der deine Sache in ihrem
jetzigen Stadium geradezu beherrscht Wir wollen beraten wie dir zu helfen
wäre ich muss den Advokaten vorsichtig behandeln dieser wieder den
Kanzleidirektor und du hättest doch allen Grund mich wenigstens zu
unterstützen Statt dessen bleibst du fort Schließlich lässt es sich nicht
verheimlichen nun es sind höfliche gewandte Männer sie sprechen nicht davon
sie schonen mich schließlich können aber auch sie sich nicht mehr überwinden
und da sie von der Sache nicht reden können verstummen sie Wir sind
minutenlang schweigend dagesessen und haben gehorcht ob du nicht doch endlich
kämest Alles vergebens Endlich steht der Kanzleidirektor der viel länger
geblieben ist als er ursprünglich wollte auf verabschiedet sich bedauert
mich sichtlich ohne mir helfen zu können wartet in unbegreiflicher
Liebenswürdigkeit noch eine Zeitlang in der Tür dann geht er Ich war natürlich
glücklich dass er weg war mir war schon die Luft zum Atmen ausgegangen Auf den
kranken Advokaten hat alles noch stärker eingewirkt er konnte der gute Mann
gar nicht sprechen als ich mich von ihm verabschiedete Du hast wahrscheinlich
zu seinem vollständigen Zusammenbrechen beigetragen und beschleunigst so den Tod
eines Mannes auf den du angewiesen bist Und mich deinen Onkel lässt du hier
im Regen  fühle nur ich bin ganz durchnässt  stundenlang warten und mich in
Sorgen abquälen«
 
                               Siebentes Kapitel
                           Advokat  Fabrikant Maler
An einem Wintervormittag  draußen fiel Schnee im trüben Licht  saß K trotz
der frühen Stunde schon äußerst müde in seinem Büro Um sich wenigstens vor den
unteren Beamten zu schützen hatte er dem Diener den Auftrag gegeben niemanden
von ihnen einzulassen da er mit einer größeren Arbeit beschäftigt sei Aber
statt zu arbeiten drehte er sich in seinem Sessel verschob langsam einige
Gegenstände auf dem Tisch ließ dann aber ohne es zu wissen den ganzen Arm
ausgestreckt auf der Tischplatte liegen und blieb mit gesenktem Kopf unbeweglich
sitzen
    Der Gedanke an den Prozess verließ ihn nicht mehr Öfters schon hatte er
überlegt ob es nicht gut wäre eine Verteidigungsschrift auszuarbeiten und bei
Gericht einzureichen Er wollte darin eine kurze Lebensbeschreibung vorlegen und
bei jedem irgendwie wichtigeren Ereignis erklären aus welchen Gründen er so
gehandelt hatte ob diese Handlungsweise nach seinem gegenwärtigen Urteil zu
verwerfen oder zu billigen war und welche Gründe er für dieses oder jenes
anführen konnte Die Vorteile einer solchen Verteidigungsschrift gegenüber der
bloßen Verteidigung durch den übrigens auch sonst nicht einwandfreien Advokaten
waren zweifellos K wusste ja gar nicht was der Advokat unternahm viel war es
jedenfalls nicht schon einen Monat lang hatte er ihn nicht mehr zu sich
berufen und auch bei keiner der früheren Besprechungen hatte K den Eindruck
gehabt dass dieser Mann viel für ihn erreichen könne Vor allem hatte er ihn
fast gar nicht ausgefragt Und hier war doch so viel zu fragen Fragen war die
Hauptsache K hatte das Gefühl als ob er selbst alle hier nötigen Fragen
stellen könnte Der Advokat dagegen statt zu fragen erzählte selbst oder saß
ihm stumm gegenüber beugte sich wahrscheinlich wegen seines schwachen Gehörs
ein wenig über den Schreibtisch vor zog an einem Bartstrahn innerhalb seines
Bartes und blickte auf den Teppich nieder vielleicht gerade auf die Stelle wo
K mit Leni gelegen war Hier und da gab er K einige leere Ermahnungen wie man
sie Kindern gibt Ebenso nutzlose wie langweilige Reden die K in der
Schlussabrechnung mit keinem Heller zu bezahlen gedachte Nachdem der Advokat ihn
genügend gedemütigt zu haben glaubte fing er gewöhnlich an ihn wieder ein
wenig aufzumuntern Er habe schon erzählte er dann viele ähnliche Prozesse
ganz oder teilweise gewonnen Prozesse die wenn auch in Wirklichkeit
vielleicht nicht so schwierig wie dieser äußerlich noch hoffnungsloser waren
Ein Verzeichnis dieser Prozesse habe er hier in der Schublade  hierbei klopfte
er an irgendeine Lade des Tisches  die Schriften könne er leider nicht zeigen
da es sich um Amtsgeheimnisse handle Trotzdem komme jetzt natürlich die große
Erfahrung die er durch alle diese Prozesse erworben habe K zugute Er habe
natürlich sofort zu arbeiten begonnen und die erste Eingabe sei schon fast
fertiggestellt Sie sei sehr wichtig weil der erste Eindruck den die
Verteidigung mache oft die ganze Richtung des Verfahrens bestimme Leider
darauf müsse er K allerdings aufmerksam machen geschehe es manchmal dass die
ersten Eingaben bei Gericht gar nicht gelesen würden Man lege sie einfach zu
den Akten und weise darauf hin dass vorläufig die Einvernahme und Beobachtung
des Angeklagten wichtiger sei als alles Geschriebene Man fügt wenn der Petent
dringlich wird hinzu dass man vor der Entscheidung sobald alles Material
gesammelt ist im Zusammenhang natürlich alle Akten also auch diese erste
Eingabe überprüfen wird Leider sei aber auch dies meistens nicht richtig die
erste Eingabe werde gewöhnlich verlegt oder gehe gänzlich verloren und selbst
wenn sie bis zum Ende erhalten bleibt werde sie wie der Advokat allerdings nur
gerüchtweise erfahren hat kaum gelesen Das alles sei bedauerlich aber nicht
ganz ohne Berechtigung K möge doch nicht außer acht lassen dass das Verfahren
nicht öffentlich sei es kann wenn das Gericht es für nötig hält öffentlich
werden das Gesetz aber schreibt Öffentlichkeit nicht vor Infolge dessen sind
auch die Schriften des Gerichts vor allem die Anklageschrift dem Angeklagten
und seiner Verteidigung unzugänglich man weiß daher im allgemeinen nicht oder
wenigstens nicht genau wogegen sich die erste Eingabe zu richten hat sie kann
daher eigentlich nur zufälligerweise etwas enthalten was für die Sache von
Bedeutung ist Wirklich zutreffende und beweisführende Eingaben kann man erst
später ausarbeiten wenn im Laufe der Einvernahmen des Angeklagten die einzelnen
Anklagepunkte und ihre Begründung deutlicher hervor treten oder erraten werden
können Unter diesen Verhältnissen ist natürlich die Verteidigung in einer sehr
ungünstigen und schwierigen Lage Aber auch das ist beabsichtigt Die
Verteidigung ist nämlich durch das Gesetz nicht eigentlich gestattet sondern
nur geduldet und selbst darüber ob aus der betreffenden Gesetzesstelle
wenigstens Duldung herausgelesen werden soll besteht Streit Es gibt daher
strenggenommen gar keine vom Gericht anerkannten Advokaten alle die vor diesem
Gericht als Advokaten auftreten sind im Grunde nur Winkeladvokaten Das wirkt
natürlich auf den ganzen Stand sehr entwürdigend ein und wenn K nächstens
einmal in die Gerichtskanzleien gehen werde könne er sich ja um auch das
einmal gesehen zu haben das Advokatenzimmer ansehen Er werde vor der
Gesellschaft die dort beisammen sei vermutlich erschrecken Schon die ihnen
zugewiesene enge niedrige Kammer zeige die Verachtung die das Gericht für
diese Leute hat Licht bekommt die Kammer nur durch eine kleine Luke die so
hochgelegen ist dass man wenn man hinausschauen will wo einem übrigens der
Rauch eines knapp davor gelegenen Kamins in die Nase fährt und das Gesicht
schwärzt erst einen Kollegen suchen muss der einen auf den Rücken nimmt Im
Fußboden dieser Kammer  um nur noch ein Beispiel für diese Zustände anzuführen
 ist nun schon seit mehr als einem Jahr ein Loch nicht so groß dass ein Mensch
durchfallen könnte aber groß genug dass man mit einem Bein ganz einsinkt Das
Advokatenzimmer liegt auf dem zweiten Dachboden sinkt also einer ein so hängt
das Bein in den ersten Dachboden hinunter und zwar gerade in den Gang wo die
Parteien warten Es ist nicht zuviel gesagt wenn man in Advokatenkreisen solche
Verhältnisse schändlich nennt Beschwerden an die Verwaltung haben nicht den
geringsten Erfolg wohl aber ist es den Advokaten auf das strengste verboten
irgend etwas in dem Zimmer auf eigene Kosten ändern zu lassen Aber auch diese
Behandlung der Advokaten hat ihre Begründung Man will die Verteidigung
möglichst ausschalten alles soll auf den Angeklagten selbst gestellt sein Kein
schlechter Standpunkt im Grunde nichts wäre aber verfehlter als daraus zu
folgern dass bei diesem Gericht die Advokaten für den Angeklagten unnötig sind
Im Gegenteil bei keinem anderen Gericht sind sie so notwendig wie bei diesem
Das Verfahren ist nämlich im allgemeinen nicht nur vor der Öffentlichkeit
geheim sondern auch vor dem Angeklagten Natürlich nur soweit dies möglich ist
es ist aber in sehr weitem Ausmass möglich Auch der Angeklagte hat nämlich
keinen Einblick in die Gerichtsschriften und aus den Verhören auf die ihnen
zugrunde liegenden Schriften zu schließen ist sehr schwierig insbesondere aber
für den Angeklagten der doch befangen ist und alle möglichen Sorgen hat die
ihn zerstreuen Hier greift nun die Verteidigung ein Bei den Verhören dürfen im
allgemeinen Verteidiger nicht anwesend sein sie müssen daher nach den Verhören
und zwar möglichst noch an der Tür des Untersuchungszimmers den Angeklagten
über das Verhör ausforschen und diesen oft schon sehr verwischten Berichten das
für die Verteidigung Taugliche entnehmen Aber das Wichtigste ist dies nicht
denn viel kann man auf diese Weise nicht erfahren wenn natürlich auch hier wie
überall ein tüchtiger Mann mehr erfährt als andere Das Wichtigste bleiben
trotzdem die persönlichen Beziehungen des Advokaten in ihnen liegt der
Hauptwert der Verteidigung Nun habe ja wohl K schon seinen eigenen Erlebnissen
entnommen dass die allerunterste Organisation des Gerichtes nicht ganz
vollkommen ist pflichtvergessene und bestechliche Angestellte aufweist wodurch
gewissermaßen die strenge Abschliessung des Gerichtes Lücken bekommt Hier nun
drängt sich die Mehrzahl der Advokaten ein hier wird bestochen und ausgehorcht
ja es kamen wenigstens in früherer Zeit sogar Fälle von Aktendiebstählen vor
Es ist nicht zu leugnen dass auf diese Weise für den Augenblick einige sogar
überraschend günstige Resultate für den Angeklagten sich erzielen lassen damit
stolzieren auch diese kleinen Advokaten herum und locken neue Kundschaft an
aber für den weiteren Fortgang des Prozesses bedeutet es entweder nichts oder
nichts Gutes Wirklichen Wert aber haben nur ehrliche persönliche Beziehungen
und zwar mit höheren Beamten womit natürlich nur höhere Beamten der unteren
Grade gemeint sind Nur dadurch kann der Fortgang des Prozesses wenn auch
zunächst nur unmerklich später aber immer deutlicher beeinflusst werden Das
können natürlich nur wenige Advokaten und hier sei die Wahl Ks sehr günstig
gewesen Nur noch vielleicht ein oder zwei Advokaten könnten sich mit ähnlichen
Beziehungen ausweisen wie Dr Huld Diese kümmern sich allerdings um die
Gesellschaft im Advokatenzimmer nicht und haben auch nichts mit ihr zu tun Um
so enger sei aber die Verbindung mit den Gerichtsbeamten Es sei nicht einmal
immer nötig dass Dr Huld zu Gericht gehe in den Vorzimmern der
Untersuchungsrichter auf ihr zufälliges Erscheinen warte und je nach ihrer Laune
einen meist nur scheinbaren Erfolg erziele oder auch nicht einmal diesen Nein
K habe es ja selbst gesehen die Beamten und darunter recht hohe kommen
selbst geben bereitwillig Auskunft offene oder wenigstens leicht deutbare
besprechen den nächsten Fortgang der Prozesse ja sie lassen sich sogar in
einzelnen Fällen überzeugen und nehmen die fremde Ansicht gern an Allerdings
dürfe man ihnen gerade in dieser letzteren Hinsicht nicht allzusehr vertrauen
so bestimmt sie ihre neue für die Verteidigung günstige Absicht auch
aussprechen gehen sie doch vielleicht geradewegs in ihre Kanzlei und geben für
den nächsten Tag einen Gerichtsbeschluss der gerade das Entgegengesetzte enthält
und vielleicht für den Angeklagten noch viel strenger ist als ihre erste
Absicht von der sie gänzlich abgekommen zu sein behaupteten Dagegen könne man
sich natürlich nicht wehren denn das was sie zwischen vier Augen gesagt haben
ist eben auch nur zwischen vier Augen gesagt und lasse keine öffentliche
Folgerung zu selbst wenn die Verteidigung nicht auch sonst bestrebt sein müsste
sich die Gunst der Herren zu erhalten Andererseits sei es allerdings auch
richtig dass die Herren nicht etwa nur aus Menschenliebe oder aus
freundschaftlichen Gefühlen sich mit der Verteidigung natürlich nur mit einer
sachverständigen Verteidigung in Verbindung setzen sie sind vielmehr in
gewisser Hinsicht auch auf sie angewiesen Hier mache sich eben der Nachteil
einer Gerichtsorganisation geltend die selbst in ihren Anfängen das geheime
Gericht festsetzt Den Beamten fehlt der Zusammenhang mit der Bevölkerung für
die gewöhnlichen mittleren Prozesse sind sie gut ausgerüstet ein solcher
Prozess rollt fast von selbst auf seiner Bahn ab und braucht nur hier und da
einen Anstoß gegenüber den ganz einfachen Fällen aber wie auch gegenüber den
besonders schwierigen sind sie oft ratlos sie haben weil sie fortwährend Tag
und Nacht in ihr Gesetz eingezwängt sind nicht den richtigen Sinn für
menschliche Beziehungen und das entbehren sie in solchen Fällen schwer Dann
kommen sie zum Advokaten um Rat und hinter ihnen trägt ein Diener die Akten
die sonst so geheim sind An diesem Fenster hätte man manche Herren von denen
man es am wenigsten erwarten würde antreffen können wie sie geradezu trostlos
auf die Gasse hinaussahn während der Advokat an seinem Tisch die Akten
studierte um ihnen einen guten Rat geben zu können Übrigens könne man gerade
bei solchen Gelegenheiten sehen wie ungemein ernst die Herren ihren Beruf
nehmen und wie sie über Hindernisse die sie ihrer Natur nach nicht bewältigen
können in große Verzweiflung geraten Ihre Stellung sei auch sonst nicht
leicht man dürfe ihnen nicht Unrecht tun und ihre Stellung nicht für leicht
ansehen Die Rangordnung und Steigerung des Gerichtes sei unendlich und selbst
für den Eingeweihten nicht absehbar Das Verfahren vor den Gerichtshöfen sei
aber im allgemeinen auch für die unteren Beamten geheim sie können daher die
Angelegenheiten die sie bearbeiten in ihrem ferneren Weitergang kaum jemals
vollständig verfolgen die Gerichtssache erscheint also in ihrem Gesichtskreis
ohne dass sie oft wissen woher sie kommt und sie geht weiter ohne dass sie
erfahren wohin Die Belehrung also die man aus dem Studium der einzelnen
Prozessstadien der schliesslichen Entscheidung und ihrer Gründe schöpfen kann
entgeht diesen Beamten Sie dürfen sich nur mit jenem Teil des Prozesses
befassen der vom Gesetz für sie abgegrenzt ist und wissen von dem Weiteren
also von den Ergebnissen ihrer eigenen Arbeit meist weniger als die
Verteidigung die doch in der Regel fast bis zum Schluss des Prozesses mit dem
Angeklagten in Verbindung bleibt Auch in diese Richtung also können sie von der
Verteidigung manches Wertvolle erfahren Wundere sich K noch wenn er alles
dieses im Auge behalte über die Gereiztheit der Beamten die sich manchmal den
Parteien gegenüber in  jeder mache diese Erfahrung  beleidigender Weise
äußert Alle Beamten seien gereizt selbst wenn sie ruhig scheinen Natürlich
haben die kleinen Advokaten besonders viel darunter zu leiden Man erzählt zum
Beispiel folgende Geschichte die sehr den Anschein der Wahrheit hat Ein alter
Beamter ein guter stiller Herr hatte eine schwierige Gerichtssache welche
besonders durch die Eingaben des Advokaten verwickelt worden war einen Tag und
eine Nacht ununterbrochen studiert  diese Beamten sind tatsächlich fleißig wie
niemand sonst  Gegen Morgen nun nach vierundzwanzigstündiger wahrscheinlich
nicht sehr ergiebiger Arbeit ging er zur Eingangstür stellte sich dort in
Hinterhalt und warf jeden Advokaten der eintreten wollte die Treppe hinunter
Die Advokaten sammelten sich unten auf dem Treppenansatz und berieten was sie
tun sollten einerseits haben sie keinen eigentlichen Anspruch darauf
eingelassen zu werden können daher rechtlich gegen den Beamten kaum etwas
unternehmen und müssen sich wie schon erwähnt auch hüten die Beamtenschaft
gegen sich aufzubringen Andererseits aber ist jeder nicht bei Gericht
verbrachte Tag für sie verloren und es lag ihnen also viel daran einzudringen
Schließlich einigten sie sich darauf dass sie den alten Herrn ermüden wollten
Immer wieder wurde ein Advokat ausgeschickt der die Treppe hinauflief und sich
dann unter möglichstem allerdings passivem Widerstand hinunterwerfen ließ wo
er dann von den Kollegen aufgefangen wurde Das dauerte etwa eine Stunde dann
wurde der alte Herr er war ja auch von der Nachtarbeit schon erschöpft
wirklich müde und ging in seine Kanzlei zurück Die unten wollten es erst gar
nicht glauben und schickten zuerst einen aus der hinter der Tür nachsehen
sollte ob dort wirklich leer war Dann erst zogen sie ein und wagten
wahrscheinlich nicht einmal zu murren Denn den Advokaten  und selbst der
Kleinste kann doch die Verhältnisse wenigstens zum Teil übersehen  liegt es
vollständig ferne bei Gericht irgendwelche Verbesserungen einführen oder
durchsetzen zu wollen während  und dies ist sehr bezeichnend  fast jeder
Angeklagte selbst ganz einfältige Leute gleich beim allerersten Eintritt in
den Prozess an Verbesserungsvorschläge zu denken anfangen und damit oft Zeit und
Kraft verschwenden die anders viel besser verwendet werden könnten Das einzig
Richtige sei es sich mit den vorhandenen Verhältnissen abzufinden Selbst wenn
es möglich wäre Einzelheiten zu verbessern  es ist aber ein unsinniger
Aberglaube  hätte man bestenfalls für künftige Fälle etwas erreicht sich
selbst aber unermesslich dadurch geschadet dass man die besondere Aufmerksamkeit
der immer rachsüchtigen Beamtenschaft erregt hat Nur keine Aufmerksamkeit
erregen Sich ruhig verhalten selbst wenn es einem noch so sehr gegen den Sinn
geht Einzusehen versuchen dass dieser große Gerichtsorganismus gewissermaßen
ewig in der Schwebe bleibt und dass man zwar wenn man auf seinem Platz
selbständig etwas ändert den Boden unter den Füßen sich wegnimmt und selbst
abstürzen kann während der große Organismus sich selbst für die kleine Störung
leicht an einer anderen Stelle  alles ist doch in Verbindung  Ersatz schafft
und unverändert bleibt wenn er nicht etwa was sogar wahrscheinlich ist noch
geschlossener noch aufmerksamer noch strenger noch böser wird Man überlasse
doch die Arbeit dem Advokaten statt sie zu stören Vorwürfe nützen ja nicht
viel besonders wenn man ihre Ursachen in ihrer ganzen Bedeutung nicht
begreiflich machen kann aber gesagt müsse es doch werden wieviel K seiner
Sache durch das Verhalten gegenüber dem Kanzleidirektor geschadet habe Dieser
einflussreiche Mann sei aus der Liste jener bei denen man für K etwas
unternehmen könne schon fast zu streichen Selbst flüchtige Erwähnungen des
Prozesses überhöre er mit deutlicher Absicht In manchem seien ja die Beamten
wie Kinder Oft können sie durch Harmlosigkeiten unter die allerdings Ks
Verhalten leider nicht gehörte derartig verletzt werden dass sie selbst mit
guten Freunden zu reden aufhören sich von ihnen abwenden wenn sie ihnen
begegnen und ihnen in allem möglichen entgegenarbeiten Dann aber einmal
überraschenderweise ohne besonderen Grund lassen sie sich durch einen kleinen
Scherz den man nur deshalb wagt weil alles aussichtslos scheint zum Lachen
bringen und sind versöhnt Es sei eben gleichzeitig schwer und leicht sich mit
ihnen zu verhalten Grundsätze dafür gibt es kaum Manchmal sei es zum
Verwundern dass ein einziges Durchschnittsleben dafür hinreiche um so viel zu
erfassen dass man hier mit einigem Erfolg arbeiten könne Es kommen allerdings
trübe Stunden wie sie ja jeder hat wo man glaubt nicht das geringste erzielt
zu haben wo es einem scheint als hätten nur die von Anfang an für einen guten
Ausgang bestimmten Prozesse ein gutes Ende genommen wie es auch ohne Mitilfe
geschehen wäre während alle anderen verlorengegangen sind trotz allem
Nebenherlaufen aller Mühe allen kleinen scheinbaren Erfolgen über die man
solche Freude hatte Dann scheint einem allerdings nichts mehr sicher und man
würde auf bestimmte Fragen hin nicht einmal zu leugnen wagen dass man ihrem
Wesen nach gut verlaufende Prozesse gerade durch die Mitilfe auf Abwege
gebracht hat Auch das ist ja eine Art Selbstvertrauen aber es ist das einzige
dass dann übrigbleibt Solchen Anfällen  es sind natürlich nur Anfälle nichts
weiter  sind Advokaten besonders dann ausgesetzt wenn ihnen ein Prozess den
sie weit genug und zufriedenstellend geführt haben plötzlich aus der Hand
genommen wird Das ist wohl das Ärgste das einem Advokaten geschehen kann
Nicht etwa durch den Angeklagten wird ihnen der Prozess entzogen das geschieht
wohl niemals ein Angeklagter der einmal einen bestimmten Advokaten genommen
hat muss bei ihm bleiben geschehe was immer Wie könnte er sich überhaupt wenn
er einmal Hilfe in Anspruch genommen hat allein noch erhalten Das geschieht
also nicht wohl aber geschieht es manchmal dass der Prozess eine Richtung nimmt
wo der Advokat nicht mehr mitkommen darf Der Prozess und der Angeklagte und
alles wird dem Advokaten einfach entzogen dann können auch die besten
Beziehungen zu den Beamten nicht mehr helfen denn sie selbst wissen nichts Der
Prozess ist eben in ein Stadium getreten wo keine Hilfe mehr geleistet werden
darf wo ihn unzugängliche Gerichtshöfe bearbeiten wo auch der Angeklagte für
den Advokaten nicht mehr erreichbar ist Man kommt dann eines Tages nach Hause
und findet auf seinem Tisch alle die vielen Eingaben die man mit allem Fleiß
und mit den schönsten Hoffnungen in dieser Sache gemacht hat sie sind
zurückgestellt worden da sie in das neue Prozessstadium nicht übertragen werden
dürfen es sind wertlose Fetzen dabei muss der Prozess noch nicht verloren sein
durchaus nicht wenigstens liegt kein entscheidender Grund für diese Annahme
vor man weiß bloß nichts mehr von dem Prozess und wird auch nichts mehr von ihm
erfahren Nun sind ja solche Fälle glücklicherweise Ausnahmen und selbst wenn
Ks Prozess ein solcher Fall sein sollte sei er doch vorläufig noch weit von
solchem Stadium entfernt Hier sei aber noch reichliche Gelegenheit für
Advokatenarbeit gegeben und dass sie ausgenützt werde dessen dürfe K sicher
sein Die Eingabe sei wie erwähnt noch nicht überreicht das eile aber auch
nicht viel wichtiger seien die einleitenden Besprechungen mit massgebenden
Beamten und die hätten schon stattgefunden Mit verschiedenem Erfolg wie offen
zugestanden werden soll Es sei viel besser vorläufig Einzelheiten nicht zu
verraten durch die K nur Ungünstig beeinflusst und allzu hoffnungsfreudig oder
allzu ängstlich gemacht werden könnte nur so viel sei gesagt dass sich einzelne
sehr günstig ausgesprochen und sich auch sehr bereitwillig gezeigt haben
während andere sich weniger günstig geäußert aber doch ihre Mitilfe keineswegs
verweigert haben Das Ergebnis sei also im ganzen sehr erfreulich nur dürfe man
daraus keine besonderen Schlüsse ziehen da alle Vorverhandlungen ähnlich
beginnen und durchaus erst die weitere Entwicklung den Wert dieser
Vorverhandlungen zeigt Jedenfalls sei noch nichts verloren und wenn es noch
gelingen sollte den Kanzleidirektor trotz allem zu gewinnen  es sei schon
verschiedenes zu diesem Zwecke eingeleitet  dann sei das Ganze  wie die
Chirurgen sagen  eine reine Wunde und man könne getrost das Folgende erwarten
    In solchen und ähnlichen Reden war der Advokat unerschöpflich Sie
wiederholten sich bei jedem Besuch Immer gab es Fortschritte niemals aber
konnte die Art dieser Fortschritte mitgeteilt werden Immerfort wurde an der
ersten Eingabe gearbeitet aber sie wurde nicht fertig was sich meistens beim
nächsten Besuch als großer Vorteil herausstellte da die letzte Zeit was man
nicht hätte voraussehen können für die Übergabe sehr ungünstig gewesen wäre
Bemerkte K manchmal ganz ermattet von den Reden dass es doch selbst unter
Berücksichtigung aller Schwierigkeiten sehr langsam vorwärtsgehe wurde ihm
entgegnet es gehe gar nicht langsam vorwärts wohl aber wäre man schon viel
weiter wenn K sich rechtzeitig an den Advokaten gewendet hätte Das hatte er
aber leider versäumt und diese Versäumnis werde auch noch weitere Nachteile
bringen nicht nur zeitliche
    Die einzige wohltätige Unterbrechung dieser Besuche war Leni die es immer
so einzurichten wusste dass sie dem Advokaten in Anwesenheit Ks den Tee brachte
Dann stand sie hinter K sah scheinbar zu wie der Advokat mit einer Art Gier
tief zur Tasse hinabgebeugt den Tee eingoss und trank und ließ im geheimen ihre
Hand von K erfassen Es herrschte völliges Schweigen Der Advokat trank K
drückte Lenis Hand und Leni wagte es manchmal Ks Haare sanft zu streicheln
»Du bist noch hier« fragte der Advokat nachdem er fertig war »Ich wollte das
Geschirr wegnehmen« sagte Leni es gab noch einen letzten Händedruck der
Advokat wischte sich den Mund und begann mit neuer Kraft auf K einzureden
    War es Trost oder Verzweiflung was der Advokat erreichen wollte K wusste
es nicht wohl aber hielt er es für feststehend dass seine Verteidigung nicht in
guten Händen war Es mochte ja alles richtig sein was der Advokat erzählte
wenn es auch durchsichtig war dass er sich möglichst in den Vordergrund stellen
wollte und wahrscheinlich noch niemals einen so großen Prozess geführt hatte wie
es Ks Prozess seiner Meinung nach war Verdächtig aber blieben die unaufhörlich
hervorgehobenen persönlichen Beziehungen zu den Beamten Mussten sie denn
ausschließlich zu Ks Nutzen ausgebeutet werden Der Advokat vergaß nie zu
bemerken dass es sich nur um niedrige Beamte handelte also um Beamte in sehr
abhängiger Stellung für deren Fortkommen gewisse Wendungen der Prozesse
wahrscheinlich von Bedeutung sein konnten Benützten sie vielleicht den
Advokaten dazu um solche für den Angeklagten natürlich immer ungünstige
Wendungen zu erzielen Vielleicht taten sie das nicht in jedem Prozess gewiss
das war nicht wahrscheinlich es gab dann wohl wieder Prozesse in deren Verlauf
sie dem Advokaten für seine Dienste Vorteile einräumten denn es musste ihnen ja
auch daran gelegen sein seinen Ruf ungeschädigt zu erhalten Verhielt es sich
aber wirklich so in welcher Weise würden sie bei Ks Prozess eingreifen der
wie der Advokat erklärte ein sehr schwieriger also wichtiger Prozess war und
gleich anfangs bei Gericht große Aufmerksamkeit erregt hatte Es konnte nicht
sehr zweifelhaft sein was sie tun würden Anzeichen dessen konnte man ja schon
darin sehen dass die erste Eingabe noch immer nicht überreicht war obwohl der
Prozess schon Monate dauerte und dass sich alles den Angaben des Advokaten nach
in den Anfängen befand was natürlich sehr geeignet war den Angeklagten
einzuschläfern und hilflos zu erhalten um ihn dann plötzlich mit der
Entscheidung zu überfallen oder wenigstens mit der Bekanntmachung dass die zu
seinen Ungunsten abgeschlossene Untersuchung an die höheren Behörden
weitergegeben werde
    Es war unbedingt nötig dass K selbst eingriff Gerade in Zuständen großer
Müdigkeit wie an diesem Wintervormittag wo ihm alles willenlos durch den Kopf
zog war diese Überzeugung unabweisbar Die Verachtung die er früher für den
Prozess gehabt hatte galt nicht mehr Wäre er allein in der Welt gewesen hätte
er den Prozess leicht missachten können wenn es allerdings auch sicher war dass
dann der Prozess überhaupt nicht entstanden wäre Jetzt aber hatte ihn der Onkel
schon zum Advokaten gezogen Familienrücksichten sprachen mit seine Stellung
war nicht mehr vollständig unabhängig von dem Verlauf des Prozesses er selbst
hatte unvorsichtigerweise mit einer gewissen unerklärlichen Genugtuung vor
Bekannten den Prozess erwähnt andere hatten auf unbekannte Weise davon erfahren
das Verhältnis zu Fräulein Bürstner schien entsprechend dem Prozess zu schwanken
 kurz er hatte kaum mehr die Wahl den Prozess anzunehmen oder abzulehnen er
stand mitten darin und musste sich wehren War er müde dann war es schlimm
    Zu übertriebener Sorge war allerdings vorläufig kein Grund Er hatte es
verstanden sich in der Bank in verhältnismäßig kurzer Zeit zu seiner hohen
Stellung emporzuarbeiten und sich von allen anerkannt in dieser Stellung zu
erhalten er musste jetzt nur diese Fähigkeiten die ihm das ermöglicht hatten
ein wenig dem Prozess zuwenden und es war kein Zweifel dass es gut ausgehen
müsste Vor allem war es wenn etwas erreicht werden sollte notwendig jeden
Gedanken an eine mögliche Schuld von vornherein abzulehnen Es gab keine Schuld
Der Prozess war nichts anderes als ein großes Geschäft wie er es schon oft mit
Vorteil für die Bank abgeschlossen hatte ein Geschäft innerhalb dessen wie
das die Regel war verschiedene Gefahren lauerten die eben abgewehrt werden
mussten Zu diesem Zwecke durfte man allerdings nicht mit Gedanken an irgendeine
Schuld spielen sondern den Gedanken an den eigenen Vorteil möglichst
festhalten Von diesem Gesichtspunkt aus war es auch unvermeidlich dem
Advokaten die Vertretung sehr bald am besten noch an diesem Abend zu
entziehen Es war zwar nach seinen Erzählungen etwas Unerhörtes und
wahrscheinlich sehr Beleidigendes aber K konnte nicht dulden dass seinen
Anstrengungen in dem Prozess Hindernisse begegneten die vielleicht von seinem
eigenen Advokaten veranlasst waren War aber einmal der Advokat abgeschüttelt
dann musste die Eingabe sofort überreicht und womöglich jeden Tag darauf gedrängt
werden dass man sie berücksichtige Zu diesem Zwecke würde es natürlich nicht
genügen dass K wie die anderen im Gang saß und den Hut unter die Bank stellte
Er selbst oder die Frauen oder andere Boten mussten Tag für Tag die Beamten
überlaufen und sie zwingen statt durch das Gitter auf den Gang zu schauen sich
zu ihrem Tisch zu setzen und Ks Eingabe zu studieren Von diesen Anstrengungen
dürfte man nicht ablassen alles müsste organisiert und überwacht werden das
Gericht sollte einmal auf einen Angeklagten stoßen der sein Recht zu wahren
verstand
    Wenn sich aber auch K dies alles durchzuführen getraute die Schwierigkeit
der Abfassung der Eingabe war überwältigend Früher etwa noch vor einer Woche
hatte er nur mit einem Gefühl der Scham daran denken können dass er einmal
genötigt sein könnte eine solche Eingabe selbst zu machen dass dies auch
schwierig sein konnte daran hatte er gar nicht gedacht Er erinnerte sich wie
er einmal an einem Vormittag als er gerade mit Arbeit überhäuft war plötzlich
alles zur Seite geschoben und den Schreibblock vorgenommen hatte um
versuchsweise den Gedankengang einer derartigen Eingabe zu entwerfen und ihn
vielleicht dem schwerfälligen Advokaten zur Verfügung zu stellen und wie gerade
in diesem Augenblick die Tür des Direktionszimmers sich öffnete und der
DirektorStellvertreter mit großem Gelächter eintrat Es war für K damals sehr
peinlich gewesen obwohl der DirektorStellvertreter natürlich nicht über die
Eingabe gelacht hatte von der er nichts wusste sondern über einen Börsenwitz
den er eben gehört hatte einen Witz der zum Verständnis eine Zeichnung
erforderte die nun der DirektorStellvertreter über Ks Tisch gebeugt mit Ks
Bleistift den er ihm aus der Hand nahm auf dem Schreibblock ausführte der für
die Eingabe bestimmt gewesen war
    Heute wusste K nichts mehr von Scham die Eingabe musste gemacht werden Wenn
er im Büro keine Zeit für sie fand was sehr wahrscheinlich war dann musste er
sie zu Hause in den Nächten machen Würden auch die Nächte nicht genügen dann
musste er einen Urlaub nehmen Nur nicht auf halbem Wege stehenbleiben das war
nicht nur in Geschäften sondern immer und überall das Unsinnigste Die Eingabe
bedeutete freilich eine fast endlose Arbeit Man musste keinen sehr ängstlichen
Charakter haben und konnte doch leicht zu dem Glauben kommen dass es unmöglich
war die Eingabe jemals fertigzustellen Nicht aus Faulheit oder Hinterlist die
den Advokaten allein an der Fertigstellung hindern konnten sondern weil in
Unkenntnis der vorhandenen Anklage und gar ihrer möglichen Erweiterungen das
ganze Leben in den kleinsten Handlungen und Ereignissen in die Erinnerung
zurückgebracht dargestellt und von allen Seiten überprüft werden musste Und wie
traurig war eine solche Arbeit überdies Sie war vielleicht geeignet einmal
nach der Pensionierung den kindisch gewordenen Geist zu beschäftigen und ihm zu
helfen die langen Tage hinzubringen Aber jetzt wo K alle Gedanken zu seiner
Arbeit brauchte wo jede Stunde da er noch im Aufstieg war und schon für den
DirektorStellvertreter eine Drohung bedeutete mit größter Schnelligkeit
verging und wo er die kurzen Abende und Nächte als junger Mensch genießen
wollte jetzt sollte er mit der Verfassung dieser Eingabe beginnen Wieder ging
sein Denken in Klagen aus Fast unwillkürlich nur um dem ein Ende zu machen
tastete er mit dem Finger nach dem Knopf der elektrischen Glocke die ins
Vorzimmer führte Während er ihn niederdrückte blickte er zur Uhr auf Es war
elf Uhr zwei Stunden eine lange kostbare Zeit hatte er verträumt und war
natürlich noch matter als vorher Immerhin war die Zeit nicht verloren er hatte
Entschlüsse gefasst die wertvoll sein konnten Die Diener brachten außer
verschiedener Post zwei Visitenkarten von Herren die schon längere Zeit auf K
warteten Es waren gerade sehr wichtige Kundschaften der Bank die man
eigentlich auf keinen Fall hätte warten lassen sollen Warum kamen sie zu so
ungelegener Zeit und warum so schienen wieder die Herren hinter der
geschlossenen Tür zu fragen verwendete der fleißige K für
Privatangelegenheiten die beste Geschäftszeit Müde von dem Vorhergegangenen und
müde das Folgende erwartend stand K auf um den ersten zu empfangen
    Es war ein kleiner munterer Herr ein Fabrikant den K gut kannte Er
bedauerte K in wichtiger Arbeit gestört zu haben und K bedauerte
seinerseits dass er den Fabrikanten so lange hatte warten lassen Schon dieses
Bedauern aber sprach er in derartig mechanischer Weise und mit fast falscher
Betonung aus dass der Fabrikant wenn er nicht ganz von der Geschäftssache
eingenommen gewesen wäre es hätte bemerken müssen Statt dessen zog er eilig
Rechnungen und Tabellen aus allen Taschen breitete sie vor K aus erklärte
verschiedene Posten verbesserte einen kleinen Rechenfehler der ihm sogar bei
diesem flüchtigen Überblick aufgefallen war erinnerte K an ein ähnliches
Geschäft das er mit ihm vor etwa einem Jahr abgeschlossen hatte erwähnte
nebenbei dass sich diesmal eine andere Bank unter größten Opfern um das Geschäft
bewerbe und verstummte schließlich um nun Ks Meinung zu erfahren K hatte
auch tatsächlich im Anfang die Rede des Fabrikanten gut verfolgt der Gedanke an
das wichtige Geschäft hatte dann auch ihn ergriffen nur leider nicht für die
Dauer er war bald vom Zuhören abgekommen hatte dann noch ein Weilchen zu den
lauteren Ausrufen des Fabrikanten mit dem Kopf genickt hatte aber schließlich
auch das unterlassen und sich darauf eingeschränkt den kahlen auf die Papiere
hinabgebeugten Kopf anzusehen und sich zu fragen wann der Fabrikant endlich
erkennen werde dass seine ganze Rede nutzlos sei Als er nun verstummte glaubte
K zuerst wirklich es geschehe dies deshalb um ihm Gelegenheit zu dem
Eingeständnis zu geben dass er nicht fähig sei zuzuhören Nur mit Bedauern
merkte er aber an dem gespannten Blick des offenbar auf alle Entgegnungen
gefassten Fabrikanten dass die geschäftliche Besprechung fortgesetzt werden
müsse Er neigte also den Kopf wie vor einem Befehl und begann mit dem Bleistift
langsam über den Papieren hin und herzufahren hier und da hielt er inne und
starrte eine Ziffer an Der Fabrikant vermutete Einwände vielleicht waren die
Ziffern wirklich nicht feststehend vielleicht waren sie nicht das
Entscheidende jedenfalls bedeckte der Fabrikant die Papiere mit der Hand und
begann von neuem ganz nahe an K heranrückend eine allgemeine Darstellung des
Geschäftes »Es ist schwierig« sagte K rümpfte die Lippen und sank da die
Papiere das einzig Fassbare verdeckt waren haltlos gegen die Seitenlehne Er
blickte sogar nur schwach auf als sich die Tür des Direktionszimmers öffnete
und dort nicht ganz deutlich etwa wie hinter einem Gazeschleier der
DirektorStellvertreter erschien K dachte nicht weiter darüber nach sondern
verfolgte nur die unmittelbare Wirkung die für ihn sehr erfreulich war Denn
sofort hüpfte der Fabrikant vom Sessel auf und eilte dem DirektorStellvertreter
entgegen K aber hätte ihn noch zehnmal flinker machen wollen denn er
fürchtete der DirektorStellvertreter könnte wieder verschwinden Es war
unnütze Furcht die Herren trafen einander reichten einander die Hände und
gingen gemeinsam auf Ks Schreibtisch zu Der Fabrikant beklagte sich dass er
beim Prokuristen so wenig Neigung für das Geschäft gefunden habe und zeigte auf
K der sich unter dem Blick des DirektorStellvertreters wieder über die
Papiere beugte Als dann die beiden sich an den Schreibtisch lehnten und der
Fabrikant sich daran machte nun den Direktor  Stellvertreter für sich zu
erobern war es K als werde über seinem Kopf von zwei Männern deren Größe er
sich übertrieben vorstellte über ihn selbst verhandelt Langsam suchte er mit
vorsichtig aufwärts gedrehten Augen zu erfahren was sich oben ereignete nahm
vom Schreibtisch ohne hinzusehen eines der Papiere legte es auf die flache
Hand und hob es allmählich während er selbst aufstand zu den Herren hinauf Er
dachte hierbei an nichts Bestimmtes sondern handelte nur in dem Gefühl dass er
sich so verhalten müsste wenn er einmal die große Eingabe fertiggestellt hätte
die ihn gänzlich entlasten sollte Der DirektorStellvertreter der sich an dem
Gespräch mit aller Aufmerksamkeit beteiligte sah nur flüchtig auf das Papier
überlas gar nicht was dort stand denn was dem Prokuristen wichtig war war ihm
unwichtig nahm es aus Ks Hand sagte »Danke ich weiß schon alles« und legte
es ruhig wieder auf den Tisch zurück K sah ihn verbittert von der Seite an
Der DirektorStellvertreter aber merkte es gar nicht oder wurde wenn er es
merkte dadurch nur aufgemuntert lachte öfters laut auf brachte einmal durch
eine schlagfertige Entgegnung den Fabrikanten in deutliche Verlegenheit aus der
er ihn aber sofort riss indem er sich selbst einen Einwand machte und lud ihn
schließlich ein in sein Büro hinüberzukommen wo sie die Angelegenheit zu Ende
führen könnten »Es ist eine sehr wichtige Sache« sagte er zu dem Fabrikanten
»ich sehe das vollständig ein Und dem Herrn Prokuristen«  selbst bei dieser
Bemerkung redete er eigentlich nur zum Fabrikanten  »wird es gewiss lieb sein
wenn wir es ihm abnehmen Die Sache verlangt ruhige Überlegung Er aber scheint
heute sehr überlastet zu sein auch warten ja einige Leute im Vorzimmer schon
stundenlang auf ihn« K hatte gerade noch genügend Fassung sich vom
DirektorStellvertreter wegzudrehen und sein freundliches aber starres Lächeln
nur dem Fabrikanten zuzuwenden sonst griff er gar nicht ein stützte sich ein
wenig vorgebeugt mit beiden Händen auf den Schreibtisch wie ein Kommis hinter
dem Pult und sah zu wie die zwei Herren unter weiteren Reden die Papiere vom
Tisch nahmen und im Direktionszimmer verschwanden In der Tür drehte sich noch
der Fabrikant um sagte er verabschiede sich noch nicht sondern werde
natürlich dem Herrn Prokuristen über den Erfolg der Besprechung berichten auch
habe er ihm noch eine andere kleine Mitteilung zu machen
    Endlich war K allein Er dachte gar nicht daran irgendeine andere Partei
vorzulassen und nur undeutlich kam ihm zu Bewusstsein wie angenehm es sei dass
die Leute draußen in dem Glauben waren er verhandle noch mit dem Fabrikanten
und es könne aus diesem Grunde niemand nicht einmal der Diener bei ihm
eintreten Er ging zum Fenster setzte sich auf die Brüstung hielt sich mit
einer Hand an der Klinke fest und sah auf den Platz hinaus Der Schnee fiel noch
immer es hatte sich noch gar nicht aufgehellt
    Lange saß er so ohne zu wissen was ihm eigentlich Sorgen machte nur von
Zeit zu Zeit blickte er ein wenig erschreckt über die Schulter hinweg zur
Vorzimmertür wo er irrtümlicherweise ein Geräusch zu hören geglaubt hatte Da
aber niemand kam wurde er ruhiger ging zum Waschtisch wusch sich mit kaltem
Wasser und kehrte mit freierem Kopf zu seinem Fensterplatz zurück Der
Entschluss seine Verteidigung selbst in die Hand zu nehmen stellte sich ihm
schwerwiegender dar als er ursprünglich angenommen hatte Solange er die
Verteidigung auf den Advokaten überwälzt hatte war er doch noch vom Prozess im
Grunde wenig betroffen gewesen er hatte ihn von der Ferne beobachtet und hatte
unmittelbar von ihm kaum erreicht werden können er hatte nachsehen können wann
er wollte wie seine Sache stand aber er hatte auch den Kopf wieder
zurückziehen können wann er wollte Jetzt hingegen wenn er seine Verteidigung
selbst führen würde musste er sich  wenigstens für den Augenblick  ganz und
gar dem Gericht aussetzen der Erfolg dessen sollte ja für später seine
vollständige und endgültige Befreiung sein aber um diese zu erreichen musste er
sich vorläufig jedenfalls in viel größere Gefahr begeben als bisher Hätte er
daran zweifeln wollen so hätte ihn das heutige Beisammensein mit dem
DirektorStellvertreter und dem Fabrikanten hinreichend vom Gegenteil überzeugen
können Wie war er doch dagesessen schon vom bloßen Entschluss sich selbst zu
verteidigen gänzlich benommen Wie sollte es aber später werden Was für Tage
standen ihm bevor Würde er den Weg finden der durch alles hindurch zum guten
Ende führte Bedeutete nicht eine sorgfältige Verteidigung  und alles andere
war sinnlos  bedeutete nicht eine sorgfältige Verteidigung gleichzeitig die
Notwendigkeit sich von allem anderen möglichst anzuschließen Würde er das
glücklich überstehen Und wie sollte ihm die Durchführung dessen in der Bank
gelingen Es handelte sich ja nicht nur um die Eingabe für die ein Urlaub
vielleicht genügt hätte obwohl die Bitte um einen Urlaub gerade jetzt ein
großes Wagnis gewesen wäre es handelte sich doch um einen ganzen Prozess dessen
Dauer unabsehbar war Was für ein Hindernis war plötzlich in Ks Laufbahn
geworfen worden
    Und jetzt sollte er für die Bank arbeiten  Er sah auf den Schreibtisch
hin  Jetzt sollte er Parteien vorlassen und mit ihnen verhandeln Während sein
Prozess weiterrollte während oben auf dem Dachboden die Gerichtsbeamten über den
Schriften dieses Prozesses saßen sollte er die Geschäfte der Bank besorgen Sah
es nicht aus wie eine Folter die vom Gericht anerkannt mit dem Prozess
zusammenhing und ihn begleitete Und würde man etwa in der Bank bei der
Beurteilung seiner Arbeit seine besondere Lage berücksichtigen Niemand und
niemals Ganz unbekannt war ja sein Prozess nicht wenn es auch noch nicht ganz
klar war wer davon wusste und wieviel Bis zum DirektorStellvertreter aber war
das Gerücht hoffentlich noch nicht gedrungen sonst hätte man schon deutlich
sehen müssen wie er es ohne jede Kollegialität und Menschlichkeit gegen K
ausnützen würde Und der Direktor Gewiss er war K gut gesinnt und er hätte
wahrscheinlich sobald er vom Prozess erfahren hätte soweit es an ihm lag
manche Erleichterungen für K schaffen wollen aber er wäre damit gewiss nicht
durchgedrungen denn er unterlag jetzt da das Gegengewicht das K bisher
gebildet hatte schwächer zu werden anfing immer mehr dem Einfluss des
DirektorStellvertreters der außerdem auch den leidenden Zustand des Direktors
zur Stärkung der eigenen Macht ausnützte Was hatte also K zu erhoffen
Vielleicht schwächte er durch solche Überlegungen seine Widerstandskraft aber
es war doch auch notwendig sich selbst nicht zu täuschen und alles so klar zu
sehen als es augenblicklich möglich war
    Ohne besonderen Grund nur um vorläufig noch nicht zum Schreibtisch
zurückkehren zu müssen öffnete er das Fenster Es ließ sich nur schwer öffnen
er musste mit beiden Händen die Klinke drehen Dann zog durch das Fenster in
dessen ganzer Breite und Höhe der mit Rauch vermischte Nebel in das Zimmer und
füllte es mit einem leichten Brandgeruch Auch einige Schneeflocken wurden
hereingeweht »Ein hässlicher Herbst« sagte hinter K der Fabrikant der vom
DirektorStellvertreter kommend unbemerkt ins Zimmer getreten war K nickte und
sah unruhig auf die Aktentasche des Fabrikanten aus der dieser nun wohl die
Papiere herausziehen würde um K das Ergebnis der Verhandlungen mit dem
DirektorStellvertreter mitzuteilen Der Fabrikant aber folgte Ks Blick
klopfte auf seine Tasche und sagte ohne sie zu öffnen »Sie wollen hören wie
es ausgefallen ist Ich trage schon fast den Geschäftsabschluss in der Tasche
Ein reizender Mensch Ihr DirektorStellvertreter aber durchaus nicht
ungefährlich« Er lachte schüttelte Ks Hand und wollte auch ihn zum Lachen
bringen Aber K schien es nun wieder verdächtig dass ihm der Fabrikant die
Papiere nicht zeigen wollte und er fand an der Bemerkung des Fabrikanten nichts
zum Lachen »Herr Prokurist« sagte der Fabrikant »Sie leiden wohl unter dem
Wetter Sie sehen heute so bedrückt aus« »Ja« sagte K und griff mit der Hand
an die Schläfe »Kopfschmerzen Familiensorgen« »Sehr richtig« sagte der
Fabrikant der ein eiliger Mensch war und niemanden ruhig anhören konnte »jeder
hat sein Kreuz zu tragen« Unwillkürlich hatte K einen Schritt gegen die Tür
gemacht als wolle er den Fabrikanten hinausbegleiten dieser aber sagte »Ich
hätte Herr Prokurist noch eine kleine Mitteilung für Sie Ich fürchte sehr
dass ich Sie gerade heute damit vielleicht belästige aber ich war schon zweimal
in der letzten Zeit bei Ihnen und habe es jedesmal vergessen Schiebe ich es
aber noch weiterhin auf verliert es wahrscheinlich vollständig seinen Zweck
Das wäre aber schade denn im Grunde ist meine Mitteilung vielleicht doch nicht
wertlos« Ehe K Zeit hatte zu antworten trat der Fabrikant nahe an ihn heran
klopfte mit dem Fingerknöchel leicht an seine Brust und sagte leise »Sie haben
einen Prozess nicht wahr« K trat zurück und rief sofort »Das hat Ihnen der
DirektorStellvertreter gesagt« »Ach nein« sagte der Fabrikant »woher sollte
denn der DirektorStellvertreter es wissen« »Und Sie« fragte K schon viel
gefasster »Ich erfahre hie und da etwas von dem Gericht« sagte der Fabrikant
»das betrifft eben die Mitteilung die ich Ihnen machen wollte« »So viel Leute
sind mit dem Gericht in Verbindung« sagte K mit gesenktem Kopf und führte den
Fabrikanten zum Schreibtisch Sie setzten sich wieder wie früher und der
Fabrikant sagte »Es ist leider nicht sehr viel was ich Ihnen mitteilen kann
Aber in solchen Dingen soll man nicht das geringste vernachlässigen Außerdem
drängt es mich aber Ihnen irgendwie zu helfen und sei meine Hilfe noch so
bescheiden Wir waren doch bisher gute Geschäftsfreunde nicht Nun also« K
wollte sich wegen seines Verhaltens bei der heutigen Besprechung entschuldigen
aber der Fabrikant duldete keine Unterbrechung schob die Aktentasche hoch unter
die Achsel um zu zeigen dass er Eile habe und fuhr fort »Von Ihrem Prozess
weiß ich durch einen gewissen Titorelli Es ist ein Maler Titorelli ist nur
sein Künstlername seinen wirklichen Namen kenne ich gar nicht einmal Er kommt
schon seit Jahren von Zeit zu Zeit in mein Büro und bringt kleine Bilder mit
für die ich ihm  er ist fast ein Bettler  immer eine Art Almosen gebe Es sind
übrigens hübsche Bilder Heidelandschaften und dergleichen Diese Verkäufe  wir
hatten uns schon beide daran gewöhnt  gingen ganz glatt vor sich Einmal aber
wiederholten sich diese Besuche doch zu oft ich machte ihm Vorwürfe wir kamen
ins Gespräch es interessierte mich wie er sich allein durch Malen erhalten
könne und ich erfuhr nun zu meinem Staunen dass seine Haupteinnahmequelle das
Porträtmalen sei Er arbeite für das Gericht sagte er Für welches Gericht
fragte ich Und nun erzählte er mir von dem Gericht Sie werden sich wohl am
besten vorstellen können wie erstaunt ich über diese Erzählungen war Seitdem
höre ich bei jedem seiner Besuche irgendwelche Neuigkeiten vom Gericht und
bekomme so allmählich einen gewissen Einblick in die Sache Allerdings ist
Titorelli geschwätzig und ich muss ihn oft abwehren nicht nur weil er gewiss
auch lügt sondern vor allem weil ein Geschäftsmann wie ich der unter den
eigenen Geschäftssorgen fast zusammenbricht sich nicht noch viel um fremde
Dinge kümmern kann Aber das nur nebenbei Vielleicht  so dachte ich jetzt 
kann Ihnen Titorelli ein wenig behilflich sein er kennt viele Richter und wenn
er selbst auch keinen großen Einfluss haben sollte so kann er Ihnen doch
Ratschläge geben wie man verschiedenen einflussreichen Leuten beikommen kann
Und wenn auch diese Ratschläge an und für sich nicht entscheidend sein sollten
so werden sie doch meiner Meinung nach in Ihrem Besitz von großer Bedeutung
sein Sie sind ja fast ein Advokat Ich pflege immer zu sagen Prokurist K ist
fast ein Advokat Oh ich habe keine Sorgen wegen Ihres Prozesses Wollen Sie
nun aber zu Titorelli gehen Auf meine Empfehlung hin wird er gewiss alles tun
was ihm möglich ist Ich denke wirklich Sie sollten hingehen Es muss natürlich
nicht heute sein einmal gelegentlich Allerdings sind Sie  das will ich noch
sagen  dadurch dass ich Ihnen diesen Rat gebe nicht im geringsten
verpflichtet auch wirklich zu Titorelli hinzugehen Nein wenn Sie Titorelli
entbehren zu können glauben ist es gewiss besser ihn ganz beiseite zu lassen
Vielleicht haben Sie schon einen ganz genauen Plan und Titorelli könnte ihn
stören Nein dann gehen Sie natürlich auf keinen Fall hin Es kostet gewiss auch
Überwindung sich von einem solchen Burschen Ratschläge geben zu lassen Nun
wie Sie wollen Hier ist das Empfehlungsschreiben und hier die Adresse«
    Enttäuscht nahm K den Brief und steckte ihn in die Tasche Selbst im
günstigsten Falle war der Vorteil den ihm die Empfehlung bringen konnte
unverhältnismässig kleiner als der Schaden der darin lag dass der Fabrikant von
seinem Prozess wusste und dass der Maler die Nachricht weiterverbreitete Er konnte
sich kaum dazu zwingen dem Fabrikanten der schon auf dem Weg zur Tür war mit
ein paar Worten zu danken »Ich werde hingehen« sagte er als er sich bei der
Tür vom Fabrikanten verabschiedete »oder ihm da ich jetzt sehr beschäftigt
bin schreiben er möge einmal zu mir ins Büro kommen« »Ich wusste ja« sagte
der Fabrikant »dass Sie den besten Ausweg finden würden Allerdings dachte ich
dass Sie es lieber vermeiden wollen Leute wie diesen Titorelli in die Bank
einzuladen um mit ihm hier über den Prozess zu sprechen Es ist auch nicht immer
vorteilhaft Briefe an solche Leute aus der Hand zu geben Aber Sie haben gewiss
alles durchgedacht und wissen was Sie tun dürfen« K nickte und begleitete den
Fabrikanten noch durch das Vorzimmer Aber trotz äusserlicher Ruhe war er über
sich sehr erschrocken dass er Titorelli schreiben würde hatte er eigentlich nur
gesagt um dem Fabrikanten irgendwie zu zeigen dass er die Empfehlung zu
schätzen wisse und die Möglichkeiten mit Titorelli zusammenzukommen sofort
überlege aber wenn er Titorellis Beistand für wertvoll angesehen hätte hätte
er auch nicht gezögert ihm wirklich zu schreiben Die Gefahren aber die das
zur Folge haben könnte hatte er erst durch die Bemerkung des Fabrikanten
erkannt Konnte er sich auf seinen eigenen Verstand tatsächlich schon so wenig
verlassen Wenn es möglich war dass er einen fragwürdigen Menschen durch einen
deutlichen Brief in die Bank einlud um von ihm nur durch eine Tür vom
DirektorStellvertreter getrennt Ratschläge wegen seines Prozesses zu erbitten
war es dann nicht möglich und sogar sehr wahrscheinlich dass er auch andere
Gefahren übersah oder in sie hinein rannte Nicht immer stand jemand neben ihm
um ihn zu warnen Und gerade jetzt wo er mit gesammelten Kräften auftreten
sollte mussten derartige ihm bisher fremde Zweifel an seiner eigenen
Wachsamkeit auftreten Sollten die Schwierigkeiten die er bei Ausführung seiner
Büroarbeit fühlte nun auch im Prozess beginnen Jetzt allerdings begriff er es
gar nicht mehr wie es möglich gewesen war dass er an Titorelli hatte schreiben
und ihn in die Bank einladen wollen
    Er schüttelte noch den Kopf darüber als der Diener an seine Seite trat und
ihn auf drei Herren aufmerksam machte die hier im Vorzimmer auf einer Bank
saßen Sie warteten schon lange darauf zu K vorgelassen zu werden Jetzt da
der Diener mit K sprach waren sie aufgestanden und jeder wollte eine günstige
Gelegenheit ausnützen um sich vor den anderen an K heranzumachen Da man von
s der Bank so rücksichtslos war sie hier im Wartezimmer ihre Zeit
verlieren zu lassen wollten auch sie keine Rücksicht mehr üben »Herr
Prokurist« sagte schon der eine Aber K hatte sich vom Diener den Winterrock
bringen lassen und sagte während er ihn mit Hilfe des Dieners anzog allen
dreien »Verzeihen Sie meine Herren ich habe augenblicklich leider keine Zeit
Sie zu empfangen Ich bitte Sie sehr um Verzeihung aber ich habe einen
dringenden Geschäftsgang zu erledigen und muss sofort weggehen Sie haben ja
selbst gesehen wie lange ich jetzt aufgehalten wurde Wären Sie so freundlich
morgen oder wann immer wiederzukommen Oder wollen wir die Sachen vielleicht
telephonisch besprechen Oder wollen Sie mir vielleicht jetzt kurz sagen worum
es sich handelt und ich gebe Ihnen dann eine ausführliche schriftliche Antwort
Am besten wäre es allerdings Sie kämen nächstens« Diese Vorschläge Ks
brachten die Herren die nun vollständig nutzlos gewartet haben sollten in
solches Staunen dass sie einander stumm ansahen »Wir sind also einig« fragte
K der sich nach dem Diener umgewendet hatte der ihm nun auch den Hut brachte
Durch die offene Tür von Ks Zimmer sah man wie sich draußen der Schneefall
sehr verstärkt hatte K schlug daher den Mantelkragen in die Höhe und knöpfte
ihn hoch unter dem Halse zu
    Da trat gerade aus dem Nebenzimmer der DirektorStellvertreter sah lächelnd
K im Winterrock mit den Herren verhandeln und fragte »Sie gehen jetzt weg
Herr Prokurist« »Ja« sagte K und richtete sich auf »ich habe einen
Geschäftsgang zu machen« Aber der DirektorStellvertreter hatte sich schon den
Herren zugewendet »Und die Herren« fragte er »Ich glaube sie warten schon
lange« »Wir haben uns schon geeinigt« sagte K Aber nun ließ sich die Herren
nicht mehr halten umringten K und erklärten dass sie nicht stundenlang
gewartet hätten wenn ihre Angelegenheiten nicht wichtig wären und nicht jetzt
und zwar ausführlich und unter vier Augen besprochen werden müssten Der
DirektorStellvertreter hörte ihnen ein Weilchen zu betrachtete auch K der
den Hut in der Hand hielt und ihn stellenweise von Staub reinigte und sagte
dann »Meine Herren es gibt ja einen sehr einfachen Ausweg Wenn Sie mit mir
vorlieb nehmen wollen übernehme ich sehr gerne die Verhandlungen statt des
Herrn Prokuristen Ihre Angelegenheiten müssen natürlich sofort besprochen
werden Wir sind Geschäftsleute wie Sie und wissen die Zeit von Geschäftsleuten
richtig zu bewerten Wollen Sie hier eintreten« Und er öffnete die Tür die zu
dem Vorzimmer seines Büros führte
    Wie sich doch der DirektorStellvertreter alles anzueignen verstand was K
jetzt notgedrungen aufgeben musste Gab aber K nicht mehr auf als unbedingt
nötig war Während er mit unbestimmten und wie er sich eingestehen musste sehr
geringen Hoffnungen zu einem unbekannten Maler lief erlitt hier sein Ansehen
eine unheilbare Schädigung Es wäre wahrscheinlich viel besser gewesen den
Winterrock wieder auszuziehen und wenigstens die zwei Herren die ja nebenan
doch noch warten mussten für sich zurückzugewinnen K hätte es vielleicht auch
versucht wenn er nicht jetzt in seinem Zimmer den DirektorStellvertreter
erblickt hätte wie er im Bücherständer als wäre es sein eigener etwas suchte
Als K sich erregt der Tür näherte rief er »Ach Sie sind noch nicht
weggegangen« Er wandte ihm sein Gesicht zu dessen viele straffe Falten nicht
Alter sondern Kraft zu beweisen schienen und fing sofort wieder zu suchen an
»Ich suche eine Vertragsabschrift« sagte er »die sich wie der Vertreter der
Firma behauptet bei Ihnen befinden soll Wollen Sie mir nicht suchen helfen«
K machte einen Schritt aber der DirektorStellvertreter sagte »Danke ich
habe es schon gefunden« und kehrte mit einem großen Paket Schriften das nicht
nur die Vertragsabschrift sondern gewiss noch vieles andere enthielt wieder in
sein Zimmer zurück
    »Jetzt bin ich ihm nicht gewachsen« sagte sich K »wenn aber meine
persönlichen Schwierigkeiten einmal beseitigt sein werden dann soll er
wahrhaftig der erste sein der es zu fühlen bekommt und zwar möglichst bitter«
Durch diesen Gedanken ein wenig beruhigt gab K dem Diener der schon lange die
Tür zum Korridor für ihn offenhielt den Auftrag dem Direktor gelegentlich die
Meldung zu machen dass er sich auf einem Geschäftsgang befinde und verließ
fast glücklich darüber sich eine Zeitlang vollständiger seiner Sache widmen zu
können die Bank
    Er fuhr sofort zum Maler der in einer Vorstadt wohnte die jener in
welcher sich die Gerichtskanzleien befanden vollständig entgegengesetzt war Es
war eine noch ärmere Gegend die Häuser noch dunkler die Gassen voll Schmutz
der auf dem zerflossenen Schnee langsam umhertrieb Im Hause in dem der Maler
wohnte war nur ein Flügel des großen Tores geöffnet in den anderen aber war
unten in der Mauer eine Lücke gebrochen aus der gerade als sich K näherte
eine widerliche gelbe rauchende Flüssigkeit herausschoss vor der sich einige
Ratten in den nahen Kanal flüchteten Unten an der Treppe lag ein kleines Kind
bäuchlings auf der Erde und weinte aber man hörte es kaum infolge des alles
übertönenden Lärms der aus einer Klempnerwerkstätte auf der anderen Seite des
Torganges kam Die Tür der Werkstätte war offen drei Gehilfen standen im
Halbkreis um irgendein Werkstück auf das sie mit den Hämmern schlugen Eine
große Platte Weissblech die an der Wand hing warf ein bleiches Licht das
zwischen zwei Gehilfen eindrang und die Gesichter und Arbeitsschürzen erhellte
K hatte für alles nur einen flüchtigen Blick er wollte möglichst rasch hier
fertig werden nur den Maler mit ein paar Worten ausforschen und sofort wieder
in die Bank zurückgehen Wenn er hier nur den kleinsten Erfolg hatte sollte das
auf seine heutige Arbeit in der Bank noch eine gute Wirkung ausüben Im dritten
Stockwerk musste er seinen Schritt mäßigen er war ganz außer Atem die Treppen
ebenso wie die Stockwerke waren übermäßig hoch und der Maler sollte ganz oben
in einer Dachkammer wohnen Auch war die Luft sehr drückend es gab keinen
Treppenhof die enge Treppe war auf beiden Seiten von Mauern eingeschlossen in
denen nur hier und da fast ganz oben kleine Fenster angebracht waren Gerade als
K ein wenig stehenblieb liefen ein paar kleine Mädchen aus einer Wohnung
heraus und eilten lachend die Treppe weiter hinauf K folgte ihnen langsam
holte eines der Mädchen ein das gestolpert und hinter den andern
zurückgeblieben war und fragte es während sie nebeneinander weiterstiegen
»Wohnt hier ein Maler Titorelli« Das Mädchen ein kaum dreizenjähriges etwas
buckliges Mädchen stieß ihn darauf mit dem Ellbogen an und sah von der Seite zu
ihm auf Weder ihre Jugend noch ihr Körperfehler hatte verhindern können dass
sie schon ganz verdorben war Sie lächelte nicht einmal sondern sah K ernst
mit scharfem aufforderndem Blicke an K tat als hätte er ihr Benehmen nicht
bemerkt und fragte »Kennst du den Maler Titorelli« Sie nickte und fragte
ihrerseits »Was wollen Sie von ihm« K schien es vorteilhaft sich noch
schnell ein wenig über Titorelli zu unterrichten »Ich will mich von ihm malen
lassen« sagte er »Malen lassen« fragte sie öffnete übermäßig den Mund
schlug leicht mit der Hand gegen K als hätte er etwas außerordentlich
Überraschendes oder Ungeschicktes gesagt hob mit beiden Händen ihr ohnedies
sehr kurzes Röckchen und lief so schnell sie konnte hinter den andern Mädchen
her deren Geschrei schon undeutlich in der Höhe sich verlor Bei der nächsten
Wendung der Treppe aber traf K schon wieder alle Mädchen Sie waren offenbar
von der Buckligen von Ks Absicht verständigt worden und erwarteten ihn Sie
standen zu beiden Seiten der Treppe drückten sich an die Mauer damit K bequem
zwischen ihnen durchkomme und glätteten mit der Hand ihre Schürzen Alle
Gesichter wie auch diese Spalierbildung stellten eine Mischung von
Kindlichkeit und Verworfenheit dar Oben an der Spitze der Mädchen die sich
jetzt hinter K lachend zusammenschlossen war die Bucklige welche die Führung
übernahm K hatte es ihr zu verdanken dass er gleich den richtigen Weg fand Er
wollte nämlich geradeaus weitersteigen sie aber zeigte ihm dass er eine
Abzweigung der Treppe wählen müsse um zu Titorelli zu kommen Die Treppe die
zu ihm führte war besonders schmal sehr lang ohne Biegung in ihrer ganzen
Länge zu übersehen und oben unmittelbar vor Titorellis Tür abgeschlossen Diese
Tür die durch ein kleines schief über ihr eingesetztes Oberlichtfenster im
Gegensatz zur übrigen Treppe verhältnismäßig hell beleuchtet wurde war aus
nicht übertünchten Balken zusammengesetzt auf die der Name Titorelli mit roter
Farbe in breiten Pinselstrichen gemalt war K war mit seinem Gefolge noch kaum
in der Mitte der Treppe als oben offenbar veranlasst durch das Geräusch der
vielen Schritte die Tür ein wenig geöffnet wurde und ein wahrscheinlich nur mit
einem Nachtemd bekleideter Mann in der Türspalte erschien »Oh« rief er als
er die Menge kommen sah und verschwand Die Bucklige klatschte vor Freude in
die Hände und die übrigen Mädchen drängten hinter K um ihn schneller
vorwärtszutreiben
    Sie waren aber noch nicht einmal hinaufgekommen als oben der Maler die Tür
gänzlich aufriß und mit einer tiefen Verbeugung K einlud einzutreten Die
Mädchen dagegen wehrte er ab er wollte keine von ihnen einlassen sosehr sie
baten und sosehr sie versuchten wenn schon nicht mit seiner Erlaubnis so gegen
seinen Willen einzudringen Nur der Buckligen gelang es unter seinem
ausgestreckten Arm durchzuschlüpfen aber der Maler jagte hinter ihr her packte
sie bei den Röcken wirbelte sie einmal um sich herum und setzte sie dann vor
die Tür bei den anderen Mädchen ab die es während der Maler seinen Posten
verlassen hatte doch nicht gewagt hatten die Schwelle zu überschreiten K
wusste nicht wie er das Ganze beurteilen sollte es hatte nämlich den Anschein
als ob alles in freundschaftlichem Einvernehmen geschehe Die Mädchen bei der
Tür streckten eines hinter dem anderen die Hälse in die Höhe riefen dem Maler
verschiedene scherzhaft gemeinte Worte zu die K nicht verstand und auch der
Maler lachte während die Bucklige in seiner Hand fast flog Dann schloss er die
Tür verbeugte sich nochmals vor K reichte ihm die Hand und sagte sich
vorstellend »Kunstmaler Titorelli« K zeigte auf die Tür hinter der die
Mädchen flüsterten und sagte »Sie scheinen im Hause sehr beliebt zu sein«
»Ach die Fratzen« sagte der Maler und suchte vergebens sein Nachtemd am Halse
zuzuknöpfen Er war im übrigen blossfüssig und nur noch mit einer breiten
gelblichen Leinenhose bekleidet die mit einem Riemen festgemacht war dessen
langes Ende frei hin und her schlug »Diese Fratzen sind mir eine wahre Last«
fuhr er fort während er vom Nachtemd dessen letzter Knopf gerade abgerissen
war abliess einen Sessel holte und K zum Niedersetzen nötigte »Ich habe eine
von ihnen  sie ist heute nicht einmal dabei  einmal gemalt und seitdem
verfolgen mich alle Wenn ich selbst hier bin kommen sie nur herein wenn ich
es erlaube bin ich aber einmal weg dann ist immer zumindest eine da Sie haben
sich einen Schlüssel zu meiner Tür machen lassen den sie untereinander
verleihen Man kann sich kaum vorstellen wie lästig das ist Ich komme zum
Beispiel mit einer Dame die ich malen soll nach Hause öffne die Tür mit
meinem Schlüssel und finde etwa die Bucklige dort beim Tischchen wie sie sich
mit dem Pinsel die Lippen rot färbt während ihre kleinen Geschwister die sie
zu beaufsichtigen hat sich herumtreiben und das Zimmer in allen Ecken
verunreinigen Oder ich komme wie es mir erst gestern geschehen ist spätabends
nach Hause  entschuldigen Sie bitte mit Rücksicht darauf meinen Zustand und
die Unordnung im Zimmer  also ich komme spätabends nach Hause und will ins
Bett steigen da zwickt mich etwas ins Bein ich schaue unter das Bett und ziehe
wieder so ein Ding heraus Warum sie sich so zu mir drängen weiß ich nicht dass
ich sie nicht zu mir zu locken suche dürften Sie eben bemerkt haben Natürlich
bin ich dadurch auch in meiner Arbeit gestört Wäre mir dieses Atelier nicht
umsonst zur Verfügung gestellt ich wäre schon längst ausgezogen« Gerade rief
hinter der Tür ein Stimmchen zart und ängstlich »Titorelli dürfen wir schon
kommen« »Nein« antwortete der Maler »Ich allein auch nicht« fragte es
wieder »Auch nicht« sagte der Maler ging zur Tür und sperrte sie ab
    K hatte sich inzwischen im Zimmer umgesehen er wäre niemals selbst auf den
Gedanken gekommen dass man dieses elende kleine Zimmer ein Atelier nennen
könnte Mehr als zwei lange Schritte konnte man der Länge und Quere nach kaum
hier machen Alles Fußboden Wände und Zimmerdecke war aus Holz zwischen den
Balken sah man schmale Ritzen K gegenüber stand an der Wand das Bett das mit
verschiedenfarbigem Bettzeug überladen war In der Mitte des Zimmers war auf
einer Staffelei ein Bild das mit einem Hemd verhüllt war dessen Ärmel bis zum
Boden baumelten Hinter K war das Fenster durch das man im Nebel nicht weiter
sehen konnte als über das mit Schnee bedeckte Dach des Nachbarhauses
    Das Umdrehen des Schlüssels im Schloss erinnerte K daran dass er bald hatte
weggehen wollen Er zog daher den Brief des Fabrikanten aus der Tasche reichte
ihn dem Maler und sagte »Ich habe durch diesen Herrn Ihren Bekannten von
Ihnen erfahren und bin auf seinen Rat hin gekommen« Der Maler las den Brief
flüchtig durch und warf ihn aufs Bett Hätte der Fabrikant nicht auf das
bestimmteste von Titorelli als von seinem Bekannten gesprochen als von einem
armen Menschen der auf seine Almosen angewiesen war so hätte man jetzt
wirklich glauben können Titorelli kenne den Fabrikanten nicht oder wisse sich
an ihn wenigstens nicht zu erinnern Überdies fragte nun der Maler »Wollen Sie
Bilder kaufen oder sich selbst malen lassen« K sah den Maler erstaunt an Was
stand denn eigentlich in dem Brief K hatte es als selbstverständlich
angenommen dass der Fabrikant in dem Brief den Maler davon unterrichtet hatte
dass K nichts anderes wollte als sich hier wegen seines Prozesses zu
erkundigen Er war doch gar zu eilig und unüberlegt hierhergelaufen Aber er
musste jetzt dem Maler irgendwie antworten und sagte mit einem Blick auf die
Staffelei »Sie arbeiten gerade an einem Bild« »Ja« sagte der Maler und warf
das Hemd das über der Staffelei hing dem Brief nach auf das Bett »Es ist ein
Porträt Eine gute Arbeit aber noch nicht ganz fertig« Der Zufall war K
günstig die Möglichkeit vom Gericht zu reden wurde ihm förmlich dargeboten
denn es war offenbar das Porträt eines Richters Es war übrigens dem Bild im
Arbeitszimmer des Advokaten auffallend ähnlich Es handelte sich hier zwar um
einen ganz anderen Richter einen dicken Mann mit schwarzem buschigem Vollbart
der seitlich weit die Wangen hinaufreichte auch war jenes Bild ein Ölbild
dieses aber mit Pastellfarben schwach und undeutlich angesetzt Aber alles
übrige war ähnlich denn auch hier wollte sich gerade der Richter von seinem
Tronsessel dessen Seitenlehnen er festhielt drohend erheben »Das ist ja ein
Richter« hatte K gleich sagen wollen hielt sich dann aber vorläufig noch
zurück und näherte sich dem Bild als wolle er es in den Einzelheiten studieren
Eine große Figur die in der Mitte der Rückenlehne des Tronsessels stand
konnte er sich nicht erklären und fragte den Maler nach ihr Sie müsse noch ein
wenig ausgearbeitet werden antwortete der Maler holte von einem Tischchen
einen Pastellstift und strichelte mit ihm ein wenig an den Rändern der Figur
ohne sie aber dadurch für K deutlicher zu machen »Es ist die Gerechtigkeit«
sagte der Maler schließlich »Jetzt erkenne ich sie schon« sagte K »hier ist
die Binde um die Augen und hier die Waage Aber sind nicht an den Fersen Flügel
und befindet sie sich nicht im Lauf« »Ja« sagte der Maler »ich musste es über
Auftrag so malen es ist eigentlich die Gerechtigkeit und die Siegesgöttin in
einem« »Das ist keine gute Verbindung« sagte K lächelnd »die Gerechtigkeit
muss ruhen sonst schwankt die Waage und es ist kein gerechtes Urteil möglich«
»Ich füge mich darin meinem Auftraggeber« sagte der Maler »Ja gewiss« sagte
K der mit seiner Bemerkung niemanden hatte kränken wollen »Sie haben die
Figur so gemalt wie sie auf dem Tronsessel wirklich steht« »Nein« sagte der
Maler »ich habe weder die Figur noch den Tronsessel gesehen das alles ist
Erfindung aber es wurde mir angegeben was ich zu malen habe« »Wie« fragte
K er tat absichtlich als verstehe er den Maler nicht völlig »es ist doch ein
Richter der auf dem Richterstuhl sitzt« »Ja« sagte der Maler »aber er ist
kein hoher Richter und ist niemals auf einem solchen Tronsessel gesessen« »Und
lässt sich doch in so feierlicher Haltung malen Er sitzt ja da wie ein
Gerichtspräsident« »Ja eitel sind die Herren« sagte der Maler »Aber sie
haben die höhere Erlaubnis sich so malen zu lassen Jedem ist genau
vorgeschrieben wie er sich malen lassen darf Nur kann man leider gerade nach
diesem Bilde die Einzelheiten der Tracht und des Sitzes nicht beurteilen die
Pastellfarben sind für solche Darstellungen nicht geeignet« »Ja« sagte K »es
ist sonderbar dass es in Pastellfarben gemalt ist« »Der Richter wünschte es
so« sagte der Maler »es ist für eine Dame bestimmt« Der Anblick des Bildes
schien ihm Lust zur Arbeit gemacht zu haben er krempelte die Hemdärmel
aufwärts nahm einige Stifte in die Hand und K sah zu wie unter den
zitternden Spitzen der Stifte anschliessend an den Kopf des Richters ein
rötlicher Schatten sich bildete der strahlenförmig gegen den Rand des Bildes
verging Allmählich umgab dieses Spiel des Schattens den Kopf wie ein Schmuck
oder eine hohe Auszeichnung Um die Figur der Gerechtigkeit aber blieb es bis
auf eine unmerkliche Tönung hell in dieser Helligkeit schien die Figur
besonders vorzudringen sie erinnerte kaum mehr an die Göttin der Gerechtigkeit
aber auch nicht an die des Sieges sie sah jetzt vielmehr vollkommen wie die
Göttin der Jagd aus Die Arbeit des Malers zog K mehr an als er wollte
schließlich aber machte er sich doch Vorwürfe dass er so lange schon hier war
und im Grunde noch nichts für seine eigene Sache unternommen hatte »Wie heißt
dieser Richter« fragte er plötzlich »Das darf ich nicht sagen« antwortete der
Maler er war tief zum Bild hinabgebeugt und vernachlässigte deutlich seinen
Gast den er doch zuerst so rücksichtsvoll empfangen hatte K hielt das für
eine Laune und ärgerte sich darüber weil er dadurch Zeit verlor »Sie sind wohl
ein Vertrauensmann des Gerichtes« fragte er Sofort legte der Maler die Stifte
beiseite richtete sich auf rieb die Hände aneinander und sah K lächelnd an
»Nur immer gleich mit der Wahrheit heraus« sagte er »Sie wollen etwas über das
Gericht erfahren wie es ja auch in Ihrem Empfehlungsschreiben steht und haben
zunächst über meine Bilder gesprochen um mich zu gewinnen Aber ich nehme das
nicht übel Sie konnten ja nicht wissen dass das bei mir unangebracht ist Oh
bitte« sagte er scharf abwehrend als K etwas einwenden wollte Und fuhr dann
fort »Im übrigen haben Sie mit Ihrer Bemerkung vollständig recht ich bin ein
Vertrauensmann des Gerichtes« Er machte eine Pause als wolle er K Zeit
lassen sich mit dieser Tatsache abzufinden Man hörte jetzt wieder hinter der
Tür die Mädchen Sie drängten sich wahrscheinlich um das Schlüsselloch
vielleicht konnte man auch durch die Ritzen ins Zimmer hineinsehen K unterließ
es sich irgendwie zu entschuldigen denn er wollte den Maler nicht ablenken
wohl aber wollte er nicht dass der Maler sich allzusehr überhebe und sich auf
diese Weise gewissermaßen unerreichbar mache er fragte deshalb »Ist das eine
öffentlich anerkannte Stellung« »Nein« sagte der Maler kurz als sei ihm
dadurch die weitere Rede verschlagen K wollte ihn aber nicht verstummen lassen
und sagte »Nun oft sind derartige nichtanerkannte Stellungen einflussreicher
als die anerkannten« »Das ist eben bei mir der Fall« sagte der Maler und
nickte mit zusammengezogener Stirn »Ich sprach gestern mit dem Fabrikanten über
Ihren Fall er fragte mich ob ich Ihnen nicht helfen wollte ich antwortete
Der Mann kann ja einmal zu mir kommen und nun freue ich mich Sie so bald hier
zu sehen Die Sache scheint Ihnen ja sehr nahezugehen worüber ich mich
natürlich gar nicht wundere Wollen Sie vielleicht zunächst Ihren Rock ablegen«
Obwohl K beabsichtigte nur ganz kurze Zeit hierzubleiben war ihm diese
Aufforderung des Malers doch sehr willkommen Die Luft im Zimmer war ihm
allmählich drückend geworden öfters hatte er schon verwundert auf einen
kleinen zweifellos nicht geheizten Eisenofen in der Ecke hingesehen die
Schwüle im Zimmer war unerklärlich Während er den Winterrock ablegte und auch
noch den Rock aufknöpfte sagte der Maler sich entschuldigend »Ich muss Wärme
haben Es ist hier doch sehr behaglich nicht Das Zimmer ist in dieser Hinsicht
sehr gut gelegen« K sagte nichts dazu aber es war eigentlich nicht die Wärme
die ihm Unbehagen machte es war vielmehr die dumpfe das Atmen fast behindernde
Luft das Zimmer war wohl schon lange nicht gelüftet Diese Unannehmlichkeit
wurde für K dadurch verstärkt dass ihn der Maler bat sich auf das Bett zu
setzen während er selbst sich auf den einzigen Stuhl des Zimmers vor der
Staffelei niedersetzte Außerdem schien es der Maler misszuverstehen warum K
nur am Bettrand blieb er bat vielmehr K möchte es sich bequem machen und
ging da K zögerte selbst hin und drängte ihn tief in die Betten und Polster
hinein Dann kehrte er wieder zu seinem Sessel zurück und stellte endlich die
erste sachliche Frage die K alles andere vergessen ließ »Sie sind
unschuldig« fragte er »Ja« sagte K Die Beantwortung dieser Frage machte ihm
geradezu Freude besonders da sie gegenüber einem Privatmann also ohne jede
Verantwortung erfolgte Noch niemand hatte ihn so offen gefragt Um diese Freude
auszukosten fügte er noch hinzu »Ich bin vollständig unschuldig« »So« sagte
der Maler senkte den Kopf und schien nachzudenken Plötzlich hob er wieder den
Kopf und sagte »Wenn Sie unschuldig sind dann ist ja die Sache sehr einfach«
Ks Blick trübte sich dieser angebliche Vertrauensmann des Gerichtes redete wie
ein unwissendes Kind »Meine Unschuld vereinfacht die Sache nicht« sagte K Er
musste trotz allem lächeln und schüttelte langsam den Kopf »Es kommt auf viele
Feinheiten an in denen sich das Gericht verliert Zum Schluss aber zieht es von
irgendwoher wo ursprünglich gar nichts gewesen ist eine große Schuld hervor«
»Ja ja gewiss« sagte der Maler als störe K unnötigerweise seinen
Gedankengang »Sie sind aber doch unschuldig« »Nun ja« sagte K »Das ist die
Hauptsache« sagte der Maler Er war durch Gegengründe nicht zu beeinflussen
nur war es trotz seiner Entschiedenheit nicht klar ob er aus Überzeugung oder
nur aus Gleichgültigkeit so redete K wollte das zunächst feststellen und sagte
deshalb »Sie kennen ja gewiss das Gericht viel besser als ich ich weiß nicht
viel mehr als was ich darüber allerdings von ganz verschiedenen Leuten gehört
habe Darin stimmten aber alle überein dass leichtsinnige Anklagen nicht erhoben
werden und dass das Gericht wenn es einmal anklagt fest von der Schuld des
Angeklagten überzeugt ist und von dieser Überzeugung nur schwer abgebracht
werden kann« »Schwer« fragte der Maler und warf eine Hand in die Höhe
»Niemals ist das Gericht davon abzubringen Wenn ich hier alle Richter
nebeneinander auf eine Leinwand male und Sie werden sich vor dieser Leinwand
verteidigen so werden Sie mehr Erfolg haben als vor dem wirklichen Gericht«
»Ja« sagte K für sich und vergaß dass er den Maler nur hatte ausforschen
wollen
    Wieder begann ein Mädchen hinter der Tür zu fragen »Titorelli wird er denn
nicht schon bald weggehen« »Schweigt« rief der Maler zur Tür hin »seht ihr
denn nicht dass ich mit dem Herrn eine Besprechung habe« Aber das Mädchen gab
sich damit nicht zufrieden sondern fragte »Du wirst ihn malen« Und als der
Maler nicht antwortete sagte sie noch »Bitte mal ihn nicht einen so
hässlichen Menschen« Ein Durcheinander unverständlicher zustimmender Zurufe
folgte Der Maler machte einen Sprung zur Tür öffnete sie bis zu einem Spalt 
man sah die bittend vorgestreckten gefalteten Hände der Mädchen  und sagte
»Wenn ihr nicht still seid werfe ich euch alle die Treppe hinunter Setzt euch
hier auf die Stufen und verhaltet euch ruhig« Wahrscheinlich folgten sie nicht
gleich so dass er kommandieren musste »Nieder auf die Stufen« Erst dann wurde
es still
    »Verzeihen Sie« sagte der Maler als er zu K wieder zurückkehrte K hatte
sich kaum zur Tür hingewendet er hatte es vollständig dem Maler überlassen ob
und wie er ihn in Schutz nehmen wollte Er machte auch jetzt kaum eine Bewegung
als sich der Maler zu ihm niederbeugte und ihm um draußen nicht gehört zu
werden ins Ohr flüsterte »Auch diese Mädchen gehören zum Gericht« »Wie«
fragte K wich mit dem Kopf zur Seite und sah den Maler an Dieser aber setzte
sich wieder auf seinen Sessel und sagte halb im Scherz halb zur Erklärung »Es
gehört ja alles zum Gericht« »Das habe ich noch nicht bemerkt« sagte K kurz
die allgemeine Bemerkung des Malers nahm dem Hinweis auf die Mädchen alles
Beunruhigende Trotzdem sah K ein Weilchen lang zur Tür hin hinter der die
Mädchen jetzt still auf den Stufen saßen Nur eines hatte einen Strohhalm durch
eine Ritze zwischen den Balken gesteckt und führte ihn langsam auf und ab
    »Sie scheinen noch keinen Überblick über das Gericht zu haben« sagte der
Maler er hatte die Beine weit auseinandergestreckt und klatschte mit den
Fußspitzen auf den Boden »Da Sie aber unschuldig sind werden Sie ihn auch
nicht benötigen Ich allein hole Sie heraus« »Wie wollen Sie das tun« fragte
K »Da Sie doch vor kurzem selbst gesagt haben dass das Gericht für Beweisgründe
vollständig unzugänglich ist« »Unzugänglich nur für Beweisgründe die man vor
dem Gericht vorbringt« sagte der Maler und hob den Zeigefinger als habe K
eine feine Unterscheidung nicht bemerkt »Anders verhält es sich aber damit was
man in dieser Hinsicht hinter dem öffentlichen Gericht versucht also in den
Beratungszimmern in den Korridoren oder zum Beispiel auch hier im Atelier«
Was der Maler jetzt sagte schien K nicht mehr so unglaubwürdig es zeigte
vielmehr eine große Übereinstimmung mit dem was K auch von anderen Leuten
gehört hatte Ja es war sogar sehr hoffnungsvoll Waren die Richter durch
persönliche Beziehungen wirklich so leicht zu lenken wie es der Advokat
dargestellt hatte dann waren die Beziehungen des Malers zu den eitlen Richtern
besonders wichtig und jedenfalls keineswegs zu unterschätzen Dann fügte sich
der Maler sehr gut in den Kreis von Helfern die K allmählich um sich
versammelte Man hatte einmal in der Bank sein Organisationstalent gerühmt
hier wo er ganz allein auf sich gestellt war zeigte sich eine gute
Gelegenheit es auf das Äußerste zu erproben Der Maler beobachtete die Wirkung
die seine Erklärung auf K gemacht hatte und sagte dann mit einer gewissen
Ängstlichkeit »Fällt es Ihnen nicht auf dass ich fast wie ein Jurist spreche
Es ist der ununterbrochene Verkehr mit den Herren vom Gericht der mich so
beeinflusst Ich habe natürlich viel Gewinn davon aber der künstlerische Schwung
geht zum großen Teil verloren« »Wie sind Sie denn zum erstenmal mit den
Richtern in Verbindung gekommen« fragte K er wollte zuerst das Vertrauen des
Malers gewinnen bevor er ihn geradezu in seine Dienste nahm »Das war sehr
einfach« sagte der Maler »ich habe diese Verbindung geerbt Schon mein Vater
war Gerichtsmaler Es ist das eine Stellung die sich immer vererbt Man kann
dafür neue Leute nicht brauchen Es sind nämlich für das Malen der verschiedenen
Beamtengrade so verschiedene vielfache und vor allem geheime Regeln
aufgestellt dass sie überhaupt nicht außerhalb bestimmter Familien bekannt
werden Dort in der Schublade zum Beispiel habe ich die Aufzeichnungen meines
Vaters die ich niemandem zeige Aber nur wer sie kennt ist zum Malen von
Richtern befähigt Jedoch selbst wenn ich sie verlöre blieben mir noch so
viele Regeln die ich allein in meinem Kopfe trage dass mir niemand meine
Stellung streitig machen könnte Es will doch jeder Richter so gemalt werden
wie die alten großen Richter gemalt worden sind und das kann nur ich« »Das
ist beneidenswert« sagte K der an seine Stellung in der Bank dachte »Ihre
Stellung ist also unerschütterlich« »Ja unerschütterlich« sagte der Maler und
hob stolz die Achseln »Deshalb kann ich es auch wagen hier und da einem armen
Manne der einen Prozess hat zu helfen« »Und wie tun Sie das« fragte K als
sei es nicht er den der Maler soeben einen armen Mann genannt hatte Der Maler
aber ließ sich nicht ablenken sondern sagte »In Ihrem Fall zum Beispiel werde
ich da Sie vollständig unschuldig sind folgendes unternehmen« Die wiederholte
Erwähnung seiner Unschuld wurde K schon lästig Ihm schien es manchmal als
mache der Maler durch solche Bemerkungen einen günstigen Ausgang des Prozesses
zur Voraussetzung seiner Hilfe die dadurch natürlich in sich selbst
zusammenfiel Trotz diesen Zweifeln bezwang sich aber K und unterbrach den
Maler nicht Verzichten wollte er auf die Hilfe des Malers nicht dazu war er
entschlossen auch schien ihm diese Hilfe durchaus nicht fragwürdiger als die
des Advokaten zu sein K zog sie jener sogar bei weitem vor weil sie harmloser
und offener dargeboten wurde
    Der Maler hatte seinen Sessel näher zum Bett gezogen und fuhr mit gedämpfter
Stimme fort »Ich habe vergessen Sie zunächst zu fragen welche Art der
Befreiung Sie wünschen Es gibt drei Möglichkeiten nämlich die wirkliche
Freisprechung die scheinbare Freisprechung und die Verschleppung Die wirkliche
Freisprechung ist natürlich das Beste nur habe ich nicht den geringsten Einfluss
auf diese Art der Lösung Es gibt meiner Meinung nach überhaupt keine einzelne
Person die auf die wirkliche Freisprechung Einfluss hätte Hier entscheidet
wahrscheinlich nur die Unschuld des Angeklagten Da Sie unschuldig sind wäre es
wirklich möglich dass Sie sich allein auf Ihre Unschuld verlassen Dann brauchen
Sie aber weder mich noch irgendeine andere Hilfe«
    Diese geordnete Darstellung verblüffte K anfangs dann aber sagte er ebenso
leise wie der Maler »Ich glaube Sie widersprechen sich« »Wie denn« fragte
der Maler geduldig und lehnte sich lächelnd zurück Dieses Lächeln erweckte in
K das Gefühl als ob er jetzt daran gehe nicht in den Worten des Malers
sondern in dem Gerichtsverfahren selbst Widersprüche zu entdecken Trotzdem wich
er aber nicht zurück und sagte »Sie haben früher die Bemerkung gemacht dass das
Gericht für Beweisgründe unzugänglich ist später haben Sie dies auf das
öffentliche Gericht eingeschränkt und jetzt sagen Sie sogar dass der
Unschuldige vor dem Gericht keine Hilfe braucht Darin liegt schon ein
Widerspruch Außerdem aber haben Sie früher gesagt dass man die Richter
persönlich beeinflussen kann stellen aber jetzt in Abrede dass die wirkliche
Freisprechung wie Sie sie nennen jemals durch persönliche Beeinflussung zu
erreichen ist Darin liegt der zweite Widerspruch« »Diese Widersprüche sind
leicht aufzuklären« sagte der Maler »Es ist hier von zwei verschiedenen Dingen
die Rede von dem was im Gesetz steht und von dem was ich persönlich erfahren
habe das dürfen Sie nicht verwechseln Im Gesetz ich habe es allerdings nicht
gelesen steht natürlich einerseits dass der Unschuldige freigesprochen wird
andererseits steht dort aber nicht dass die Richter beeinflusst werden können
Nun habe aber ich gerade das Gegenteil dessen erfahren Ich weiß von keiner
wirklichen Freisprechung wohl aber von vielen Beeinflussungen Es ist natürlich
möglich dass in allen mir bekannten Fällen keine Unschuld vorhanden war Aber
ist das nicht unwahrscheinlich In so vielen Fällen keine einzige Unschuld
Schon als Kind hörte ich dem Vater genau zu wenn er zu Hause von Prozessen
erzählte auch die Richter die in sein Atelier kamen erzählten vom Gericht
man spricht in unseren Kreisen überhaupt von nichts anderem kaum bekam ich die
Möglichkeit selbst zu Gericht zu gehen nützte ich sie immer aus unzählbare
Prozesse habe ich in wichtigen Stadien angehört und soweit sie sichtbar sind
verfolgt und  ich muss es zugeben  nicht einen einzigen wirklichen Freispruch
erlebt« »Keinen einzigen Freispruch also« sagte K als rede er zu sich selbst
und zu seinen Hoffnungen »Das bestätigt aber die Meinung die ich von dem
Gericht schon habe Es ist also auch von dieser Seite zwecklos Ein einziger
Henker könnte das ganze Gericht ersetzen« »Sie dürfen nicht verallgemeinern«
sagte der Maler unzufrieden »ich habe ja nur von meinen Erfahrungen
gesprochen« »Das genügt doch« sagte K »oder haben Sie von Freisprüchen aus
früherer Zeit gehört« »Solche Freisprüche« antwortete der Maler »soll es
allerdings gegeben haben Nur ist es sehr schwer das festzustellen Die
abschliessenden Entscheidungen des Gerichts werden nicht veröffentlicht sie sind
nicht einmal den Richtern zugänglich infolgedessen haben sich über alte
Gerichtsfälle nur Legenden erhalten Diese enthalten allerdings sogar in der
Mehrzahl wirkliche Freisprechungen man kann sie glauben nachweisbar sind sie
aber nicht Trotzdem muss man sie nicht ganz vernachlässigen eine gewisse
Wahrheit enthalten sie wohl gewiss auch sind sie sehr schön ich selbst habe
einige Bilder gemalt die solche Legenden zum Inhalt haben« »Blosse Legenden
ändern meine Meinung nicht« sagte K »man kann sich wohl auch vor Gericht auf
diese Legenden nicht berufen« Der Maler lachte »Nein das kann man nicht«
sagte er »Dann ist es nutzlos darüber zu reden« sagte K er wollte vorläufig
alle Meinungen des Malers hinnehmen selbst wenn er sie für unwahrscheinlich
hielt und sie anderen Berichten widersprachen Er hatte jetzt nicht die Zeit
alles was der Maler sagte auf die Wahrheit hin zu überprüfen oder gar zu
widerlegen es war schon das Äußerste erreicht wenn er den Maler dazu bewog
ihm in irgendeiner sei es auch in einer nicht entscheidenden Weise zu helfen
Darum sagte er »Sehen wir also von der wirklichen Freisprechung ab Sie
erwähnten aber noch zwei andere Möglichkeiten« »Die scheinbare Freisprechung
und die Verschleppung Um die allein kann es sich handeln« sagte der Maler
»Wollen Sie aber nicht ehe wir davon reden den Rock ausziehen Es ist Ihnen
wohl heiß« »Ja« sagte K der bisher auf nichts als auf die Erklärungen des
Malers geachtet hatte dem aber jetzt da er an die Hitze erinnert worden war
starker Schweiß auf der Stirn ausbrach »Es ist fast unerträglich« Der Maler
nickte als verstehe er Ks Unbehagen sehr gut »Könnte man nicht das Fenster
öffnen« fragte K »Nein« sagte der Maler »Es ist bloß eine fest eingesetzte
Glasscheibe man kann es nicht öffnen« Jetzt erkannte K dass er die ganze Zeit
über darauf gehofft hatte plötzlich werde der Maler oder er zum Fenster gehen
und es aufreißen Er war darauf vorbereitet selbst den Nebel mit offenem Mund
einzuatmen Das Gefühl hier von der Luft vollständig abgesperrt zu sein
verursachte ihm Schwindel Er schlug leicht mit der Hand auf das Federbett neben
sich und sagte mit schwacher Stimme »Das ist ja unbequem und ungesund« »O
nein« sagte der Maler zur Verteidigung seines Fensters »dadurch dass es nicht
aufgemacht werden kann wird obwohl es nur eine einfache Scheibe ist die Wärme
hier besser festgehalten als durch ein Doppelfenster Will ich aber lüften was
nicht sehr notwendig ist da durch die Balkenritzen überall Luft eindringt kann
ich eine meiner Türen oder sogar beide öffnen« K durch diese Erklärung ein
wenig getröstet blickte herum um die zweite Tür zu finden Der Maler bemerkte
das und sagte »Sie ist hinter Ihnen ich musste sie durch das Bett verstellen«
Jetzt erst sah K die kleine Tür in der Wand »Es ist eben hier alles viel zu
klein für ein Atelier« sagte der Maler als wolle er einem Tadel Ks
zuvorkommen »Ich musste mich einrichten so gut es ging Das Bett vor der Tür
steht natürlich an einem sehr schlechten Platz Der Richter zum Beispiel den
ich jetzt male kommt immer durch die Tür beim Bett und ich habe ihm auch einen
Schlüssel von dieser Tür gegeben damit er auch wenn ich nicht zu Hause bin
hier im Atelier auf mich warten kann Nun kommt er aber gewöhnlich früh am
Morgen während ich noch schlafe Es reißt mich natürlich immer aus dem tiefsten
Schlaf wenn sich neben dem Bett die Tür öffnet Sie würden jede Ehrfurcht vor
den Richtern verlieren wenn Sie die Flüche hörten mit denen ich ihn empfange
wenn er früh über mein Bett steigt Ich könnte ihm allerdings den Schlüssel
wegnehmen aber es würde dadurch nur ärger werden Man kann hier alle Türen mit
der geringsten Anstrengung aus den Angeln brechen« Während dieser ganzen Rede
überlegte K ob er den Rock ausziehen sollte er sah aber schließlich ein dass
er wenn er es nicht tat unfähig war hier noch länger zu bleiben er zog daher
den Rock aus legte ihn aber über die Knie um ihn falls die Besprechung zu
Ende wäre wieder anziehen zu können Kaum hatte er den Rock ausgezogen rief
eines der Mädchen »Er hat schon den Rock ausgezogen« und man hörte wie sich
alle zu den Ritzen drängten um das Schauspiel selbst zu sehen »Die Mädchen
glauben nämlich« sagte der Maler »dass ich Sie malen werde und dass Sie sich
deshalb ausziehen« »So« sagte K nur wenig belustigt denn er fühlte sich
nicht viel besser als früher obwohl er jetzt in Hemdärmeln dasaß Fast mürrisch
fragte er »Wie nannten Sie die zwei anderen Möglichkeiten« Er hatte die
Ausdrücke schon wieder vergessen »Die scheinbare Freisprechung und die
Verschleppung« sagte der Maler »Es liegt an Ihnen was Sie davon wählen
Beides ist durch meine Hilfe erreichbar natürlich nicht ohne Mühe der
Unterschied in dieser Hinsicht ist der dass die scheinbare Freisprechung eine
gesammelte zeitweilige die Verschleppung eine viel geringere aber dauernde
Anstrengung verlangt Zunächst also die scheinbare Freisprechung Wenn Sie diese
wünschen sollten schreibe ich auf einem Bogen Papier eine Bestätigung Ihrer
Unschuld auf Der Text für eine solche Bestätigung ist mir von meinem Vater
überliefert und ganz unangreifbar Mit dieser Bestätigung mache ich nun einen
Rundgang bei den mir bekannten Richtern Ich fange also etwa damit an dass ich
dem Richter den ich jetzt male heute abend wenn er zur Sitzung kommt die
Bestätigung vorlege Ich lege ihm die Bestätigung vor erkläre ihm dass Sie
unschuldig sind und verbürge mich für Ihre Unschuld Das ist aber keine bloß
äußerliche sondern eine wirkliche bindende Bürgschaft« In den Blicken des
Malers lag es wie ein Vorwurf dass K ihm die Last einer solchen Bürgschaft
auferlegen wolle »Das wäre ja sehr freundlich« sagte K »Und der Richter würde
Ihnen glauben und mich trotzdem nicht wirklich freisprechen« »Wie ich schon
sagte« antwortete der Maler »Übrigens ist es durchaus nicht sicher dass jeder
mir glauben würde mancher Richter wird zum Beispiel verlangen dass ich Sie
selbst zu ihm hinführe Dann müssten Sie also einmal mitkommen Allerdings ist in
einem solchen Falle die Sache schon halb gewonnen besonders da ich Sie
natürlich vorher genau darüber unterrichten würde wie Sie sich bei dem
betreffenden Richter zu verhalten haben Schlimmer ist es bei den Richtern die
mich  auch das wird vorkommen  von vornherein abweisen Auf diese müssen wir
wenn ich es auch an mehrfachen Versuchen gewiss nicht fehlen lassen werde
verzichten wir dürfen das aber auch denn einzelne Richter können hier nicht
den Ausschlag geben Wenn ich nun auf dieser Bestätigung eine genügende Anzahl
von Unterschriften der Richter habe gehe ich mit dieser Bestätigung zu dem
Richter der Ihren Prozess gerade führt Möglicherweise habe ich auch seine
Unterschrift dann entwickelt sich alles noch ein wenig rascher als sonst Im
allgemeinen gibt es aber dann überhaupt nicht mehr viel Hindernisse es ist dann
für den Angeklagten die Zeit der höchsten Zuversicht Es ist merkwürdig aber
wahr die Leute sind in dieser Zeit zuversichtlicher als nach dem Freispruch Es
bedarf jetzt keiner besonderen Mühe mehr Der Richter besitzt in der Bestätigung
die Bürgschaft einer Anzahl von Richtern kann Sie unbesorgt freisprechen und
wird es allerdings nach Durchführung verschiedener Formalitäten mir und
anderen Bekannten zu Gefallen zweifellos tun Sie aber treten aus dem Gericht
und sind frei« »Dann bin ich also frei« sagte K zögernd »Ja« sagte der
Maler »aber nur scheinbar frei oder besser ausgedrückt zeitweilig frei Die
untersten Richter nämlich zu denen meine Bekannten gehören haben nicht das
Recht endgültig freizusprechen dieses Recht hat nur das oberste für Sie für
mich und für uns alle ganz unerreichbare Gericht Wie es dort aussieht wissen
wir nicht und wollen wir nebenbei gesagt auch nicht wissen Das große Recht
von der Anklage zu befreien haben also unsere Richter nicht wohl aber haben
sie das Recht von der Anklage loszulösen Das heißt wenn Sie auf diese Weise
freigesprochen werden sind Sie für den Augenblick der Anklage entzogen aber
sie schwebt auch weiterhin über Ihnen und kann sobald nur der höhere Befehl
kommt sofort in Wirkung treten Da ich mit dem Gericht in so guter Verbindung
stehe kann ich Ihnen auch sagen wie sich in den Vorschriften für die
Gerichtskanzleien der Unterschied zwischen der wirklichen und der scheinbaren
Freisprechung rein äußerlich zeigt Bei einer wirklichen Freisprechung sollen
die Prozessakten vollständig abgelegt werden sie verschwinden gänzlich aus dem
Verfahren nicht nur die Anklage auch der Prozess und sogar der Freispruch sind
vernichtet alles ist vernichtet Anders beim scheinbaren Freispruch Mit dem
Akt ist keine weitere Veränderung vor sich gegangen als dass er um die
Bestätigung der Unschuld um den Freispruch und um die Begründung des
Freispruchs bereichert worden ist Im übrigen aber bleibt er im Verfahren er
wird wie es der ununterbrochene Verkehr der Gerichtskanzleien erfordert zu den
höheren Gerichten weitergeleitet kommt zu den niedrigeren zurück und pendelt so
mit größeren und kleineren Schwingungen mit größeren und kleineren Stockungen
auf und ab Diese Wege sind unberechenbar Von außen gesehen kann es manchmal
den Anschein bekommen dass alles längst vergessen der Akt verloren und der
Freispruch ein vollkommener ist Ein Eingeweihter wird das nicht glauben Es
geht kein Akt verloren es gibt bei Gericht kein Vergessen Eines Tages 
niemand erwartet es  nimmt irgendein Richter den Akt aufmerksamer in die Hand
erkennt dass in diesem Fall die Anklage noch lebendig ist und ordnet die
sofortige Verhaftung an Ich habe hier angenommen dass zwischen dem scheinbaren
Freispruch und der neuen Verhaftung eine lange Zeit vergeht das ist möglich
und ich weiß von solchen Fällen es ist aber ebensogut möglich dass der
Freigesprochene vom Gericht nach Hause kommt und dort schon Beauftragte warten
um ihn wieder zu verhaften Dann ist natürlich das freie Leben zu Ende« »Und
der Prozess beginnt von neuem« fragte K fast ungläubig »Allerdings« sagte der
Maler »der Prozess beginnt von neuem es besteht aber wieder die Möglichkeit
ebenso wie früher einen scheinbaren Freispruch zu erwirken Man muss wieder alle
Kräfte zusammennehmen und darf sich nicht ergeben« Das letztere sagte der Maler
vielleicht unter dem Eindruck den K der ein wenig zusammengesunken war auf
ihn machte »Ist aber« fragte K als wolle er jetzt irgendwelchen Enthüllungen
des Malers zuvorkommen »die Erwirkung eines zweiten Freispruchs nicht
schwieriger als die des ersten« »Man kann« antwortete der Maler »in dieser
Hinsicht nichts Bestimmtes sagen Sie meinen wohl dass die Richter durch die
zweite Verhaftung in ihrem Urteil zuungunsten des Angeklagten beeinflusst werden
Das ist nicht der Fall Die Richter haben ja schon beim Freispruch diese
Verhaftung vorgesehen Dieser Umstand wirkt also kaum ein Wohl aber kann aus
zahllosen sonstigen Gründen die Stimmung der Richter sowie ihre rechtliche
Beurteilung des Falles eine andere geworden sein und die Bemühungen um den
zweiten Freispruch müssen daher den veränderten Umständen angepasst werden und im
allgemeinen ebenso kräftig sein wie die vor dem ersten Freispruch« »Aber dieser
zweite Freispruch ist doch wieder nicht endgültig« sagte K und drehte
abweisend den Kopf »Natürlich nicht« sagte der Maler »dem zweiten Freispruch
folgt die dritte Verhaftung dem dritten Freispruch die vierte Verhaftung und
so fort Das liegt schon im Begriff des scheinbaren Freispruchs« K schwieg
»Der scheinbare Freispruch scheint Ihnen offenbar nicht vorteilhaft zu sein«
sagte der Maler »vielleicht entspricht Ihnen die Verschleppung besser Soll ich
Ihnen das Wesen der Verschleppung erklären« K nickte Der Maler hatte sich
breit in seinen Sessel zurückgelehnt das Nachtemd war weit offen er hatte
eure Hand daruntergeschoben mit der er über die Brust und die Seiten strich
»Die Verschleppung« sagte der Maler und sah einen Augenblick vor sich hin als
suche er eine vollständig zutreffende Erklärung »die Verschleppung besteht
darin dass der Prozess dauernd im niedrigsten Prozessstadium erhalten wird Um
dies zu erreichen ist es nötig dass der Angeklagte und der Helfer insbesondere
aber der Helfer in ununterbrochener persönlicher Fühlung mit dem Gericht bleibt
Ich wiederhole es ist hierfür kein solcher Kraftaufwand nötig wie bei der
Erreichung eines scheinbaren Freispruchs wohl aber ist eine viel größere
Aufmerksamkeit nötig Man darf den Prozess nicht aus den Augen verlieren man muss
zu dem betreffenden Richter in regelmäßigen Zwischenräumen und außerdem bei
besonderen Gelegenheiten gehen und ihn auf jede Weise sich freundlich zu
erhalten suchen ist man mit dem Richter nicht persönlich bekannt so muss man
durch bekannte Richter ihn beeinflussen lassen ohne dass man etwa deshalb die
unmittelbaren Besprechungen aufgeben dürfte Versäumt man in dieser Hinsicht
nichts so kann man mit genügender Bestimmtheit annehmen dass der Prozess über
sein erstes Stadium nicht hinauskommt Der Prozess hört zwar nicht auf aber der
Angeklagte ist vor einer Verurteilung fast ebenso gesichert wie wenn er frei
wäre Gegenüber dem scheinbaren Freispruch hat die Verschleppung den Vorteil
dass die Zukunft des Angeklagten weniger unbestimmt ist er bleibt vor dem
Schrecken der plötzlichen Verhaftungen bewahrt und muss nicht fürchten etwa
gerade zu Zeiten wo seine sonstigen Umstände dafür am wenigsten günstig sind
die Anstrengungen und Aufregungen auf sich nehmen zu müssen welche mit der
Erreichung des scheinbaren Freispruchs verbunden sind Allerdings hat auch die
Verschleppung für den Angeklagten gewisse Nachteile die man nicht unterschätzen
darf Ich denke hierbei nicht daran dass hier der Angeklagte niemals frei ist
das ist er ja auch bei der scheinbaren Freisprechung im eigentlichen Sinne
nicht Es ist ein anderer Nachteil Der Prozess kann nicht stillstehen ohne dass
wenigstens scheinbare Gründe dafür vorliegen Es muss deshalb im Prozess nach
außen hin etwas geschehen Es müssen also von Zeit zu Zeit verschiedene
Anordnungen getroffen werden der Angeklagte muss verhört werden Untersuchungen
müssen stattfinden und so weiter Der Prozess muss eben immerfort in dem kleinen
Kreis auf den er künstlich eingeschränkt worden ist gedreht werden Das bringt
natürlich gewisse Unannehmlichkeiten für den Angeklagten mit sich die Sie sich
aber wiederum nicht zu schlimm vorstellen dürfen Es ist ja alles nur äußerlich
die Verhöre beispielsweise sind also nur ganz kurz wenn man einmal keine Zeit
oder keine Lust hat hinzugehen darf man sich entschuldigen man kann sogar bei
gewissen Richtern die Anordnungen für eine lange Zeit im voraus gemeinsam
festsetzen es handelt sich im Wesen nur darum dass man da man Angeklagter ist
von Zeit zu Zeit bei seinem Richter sich meldet« Schon während der letzten
Worte hatte K den Rock über den Arm gelegt und war aufgestanden »Er steht
schon auf« rief es sofort draußen vor der Tür »Sie wollen schon fortgehen«
fragte der Maler der auch aufgestanden war »Es ist gewiss die Luft die Sie von
hier vertreibt Es ist mir sehr peinlich Ich hätte Ihnen auch noch manches zu
sagen Ich musste mich ganz kurz fassen Ich hoffe aber verständlich gewesen zu
sein« »O ja« sagte K dem von der Anstrengung mit der er sich zum Zuhören
gezwungen hatte der Kopf schmerzte Trotz dieser Bestätigung sagte der Maler
alles noch einmal zusammenfassend als wolle er K auf den Heimweg einen Trost
mitgeben »Beide Metoden haben das Gemeinsame dass sie eine Verurteilung des
Angeklagten verhindern« »Sie verhindern aber auch die wirkliche Freisprechung«
sagte K leise als schäme er sich das erkannt zu haben »Sie haben den Kern
der Sache erfasst« sagte der Maler schnell K legte die Hand auf seinen
Winterrock konnte sich aber nicht einmal entschließen den Rock anzuziehen Am
liebsten hätte er alles zusammengepackt und wäre damit an die frische Luft
gelaufen Auch die Mädchen konnten ihn nicht dazu bewegen sich anzuziehen
obwohl sie verfrüht einander schon zuriefen dass er sich anziehe Dem Maler
lag daran Ks Stimmung irgendwie zu deuten er sagte deshalb »Sie haben sich
wohl hinsichtlich meiner Vorschläge noch nicht entschieden Ich billige das Ich
hätte Ihnen sogar davon abgeraten sich sofort zu entscheiden Die Vorteile und
Nachteile sind haarfein Man muss alles genau abschätzen Allerdings darf man
auch nicht zuviel Zeit verlieren« »Ich werde bald wiederkommen« sagte K der
in einem plötzlichen Entschluss den Rock anzog den Mantel über die Schulter warf
und zur Tür eilte hinter der jetzt die Mädchen zu schreien anfingen K
glaubte die schreienden Mädchen durch die Tür zu sehen »Sie müssen aber Wort
halten« sagte der Maler der ihm nicht gefolgt war »sonst komme ich in die
Bank um selbst nachzufragen« »Sperren Sie doch die Tür auf« sagte K und riss
an der Klinke die die Mädchen wie er an dem Gegendruck merkte draußen
festielten »Wollen Sie von den Mädchen belästigt werden« fragte der Maler
»Benützen Sie doch lieber diesen Ausgang« und er zeigte auf die Tür hinter dem
Bett K war damit einverstanden und sprang zum Bett zurück Aber statt die Tür
dort zu öffnen kroch der Maler unter das Bett und fragte von unten »Nur noch
einen Augenblick wollen Sie nicht noch ein Bild sehen das ich Ihnen verkaufen
könnte« K wollte nicht unhöflich sein der Maler hatte sich wirklich seiner
angenommen und versprochen ihm weiterhin zu helfen auch war infolge der
Vergesslichkeit Ks über die Entlohnung für die Hilfe noch gar nicht gesprochen
worden deshalb konnte ihn K jetzt nicht abweisen und ließ sich das Bild
zeigen wenn er auch vor Ungeduld zitterte aus dem Atelier wegzukommen Der
Maler zog unter dem Bett einen Haufen ungerahmter Bilder hervor die so mit
Staub bedeckt waren dass dieser als ihn der Maler vom obersten Bild wegzublasen
suchte längere Zeit atemraubend K vor den Augen wirbelte »Eine
Heidelandschaft« sagte der Maler und reichte K das Bild Es stellte zwei
schwache Bäume dar die weit voneinander entfernt im dunklen Gras standen Im
Hintergrund war ein vielfarbiger Sonnenuntergang »Schön« sagte K »ich kaufe
es« K hatte unbedacht sich so kurz geäußert er war daher froh als der Maler
statt dies übelzunehmen ein zweites Bild vom Boden aufhob »Hier ist ein
Gegenstück zu diesem Bild« sagte der Maler Es mochte als Gegenstück
beabsichtigt sein es war aber nicht der geringste Unterschied gegenüber dem
ersten Bild zu merken hier waren die Bäume hier das Gras und dort der
Sonnenuntergang Aber K lag wenig daran »Es sind schöne Landschaften« sagte
er »ich kaufe beide und werde sie in meinem Büro aufhängen« »Das Motiv scheint
Ihnen zu gefallen« sagte der Maler und holte ein drittes Bild herauf »es
trifft sich gut dass ich noch ein ähnliches Bild hier habe« Es war aber nicht
ähnlich es war vielmehr die völlig gleiche Heidelandschaft Der Maler nützte
diese Gelegenheit alte Bilder zu verkaufen gut aus »Ich nehme auch dieses
noch« sagte K »Wieviel kosten die drei Bilder« »Darüber werden wir nächstens
sprechen« sagte der Maler »Sie haben jetzt Eile und wir bleiben doch in
Verbindung Im übrigen freut es mich dass Ihnen die Bilder gefallen ich werde
Ihnen alle Bilder mitgeben die ich hier unten habe Es sind lauter
Heidelandschaften ich habe schon viele Heidelandschaften gemalt Manche Leute
weisen solche Bilder ab weil sie zu düster sind andere aber und Sie gehören
zu ihnen lieben gerade das Düstere« Aber K hatte jetzt keinen Sinn für die
beruflichen Erfahrungen des Bettelmalers »Packen Sie alle Bilder ein« rief er
dem Maler in die Rede fallend »morgen kommt mein Diener und wird sie holen«
»Es ist nicht nötig« sagte der Maler »Ich hoffe ich werde Ihnen einen Träger
verschaffen können der gleich mit Ihnen gehen wird« Und er beugte sich endlich
über das Bett und sperrte die Tür auf »Steigen Sie ohne Scheu auf das Bett«
sagte der Maler »das tut jeder der hier hereinkommt« K hätte auch ohne diese
Aufforderung keine Rücksicht genommen er hatte sogar schon einen Fuß mitten auf
das Federbett gesetzt da sah er durch die offene Tür hinaus und zog den Fuß
wieder zurück »Was ist das« fragte er den Maler »Worüber staunen Sie« fragte
dieser seinerseits staunend »Es sind die Gerichtskanzleien Wussten Sie nicht
dass hier Gerichtskanzleien sind Gerichtskanzleien sind doch fast auf jedem
Dachboden warum sollten sie gerade hier fehlen Auch mein Atelier gehört
eigentlich zu den Gerichtskanzleien das Gericht hat es mir aber zur Verfügung
gestellt« K erschrak nicht so sehr darüber dass er auch hier Gerichtskanzleien
gefunden hatte er erschrak hauptsächlich über sich über seine Unwissenheit in
Gerichtssachen Als eine Grundregel für das Verhalten eines Angeklagten erschien
es ihm immer vorbereitet zu sein sich niemals überraschen zu lassen nicht
ahnungslos nach rechts zu schauen wenn links der Richter neben ihm stand  und
gerade gegen diese Grundregel verstiess er immer wieder Vor ihm dehnte sich ein
langer Gang aus dem eine Luft wehte mit der verglichen die Luft im Atelier
erfrischend war Bänke waren zu beiden Seiten des Ganges aufgestellt genau so
wie im Wartezimmer der Kanzlei die für K zuständig war Es schienen genaue
Vorschriften für die Einrichtung von Kanzleien zu bestehen Augenblicklich war
der Parteienverkehr hier nicht sehr groß Ein Mann saß dort halb liegend das
Gesicht hatte er auf der Bank in seine Arme vergraben und schien zu schlafen
ein anderer stand im Halbdunkel am Ende des Ganges K stieg nun über das Bett
der Maler folgte ihm mit den Bildern Sie trafen bald einen Gerichtsdiener  K
erkannte jetzt schon alle Gerichtsdiener an dem Goldknopf den diese an ihrem
Zivilanzug unter den gewöhnlichen Knöpfen hatten  und der Maler gab ihm den
Auftrag K mit den Bildern zu begleiten K wankte mehr als er ging das
Taschentuch hielt er an den Mund gedrückt Sie waren schon nahe dem Ausgang da
stürmten ihnen die Mädchen entgegen die also K auch nicht erspart geblieben
waren Sie hatten offenbar gesehen dass die zweite Tür des Ateliers geöffnet
worden war und hatten den Umweg gemacht um von dieser Seite einzudringen »Ich
kann Sie nicht mehr begleiten« rief der Maler lachend unter dem Andrang der
Mädchen »Auf Wiedersehen Und überlegen Sie nicht zu lange« K sah sich nicht
einmal nach ihm um Auf der Gasse nahm er den ersten Wagen der ihm in den Weg
kam Es lag ihm daran den Diener loszuwerden dessen Goldknopf ihm unaufhörlich
in die Augen stach wenn er auch sonst wahrscheinlich niemandem auffiel In
seiner Dienstfertigkeit wollte sich der Diener noch auf den Kutschbock setzen
K jagte ihn aber hinunter Mittag war schon längst vorüber als K vor der Bank
ankam Er hätte gern die Bilder im Wagen gelassen fürchtete aber bei
irgendeiner Gelegenheit genötigt zu werden sich dem Maler gegenüber mit ihnen
auszuweisen Er ließ sie daher in sein Büro schaffen und versperrte sie in die
unterste Lade seines Tisches um sie wenigstens für die allernächsten Tage vor
den Blicken des DirektorStellvertreters in Sicherheit zu bringen
 
                                 Achtes Kapitel
                    Kaufmann Block  Kündigung des Advokaten
Endlich hatte sich K doch entschlossen dem Advokaten seine Vertretung zu
entziehen Zweifel daran ob es richtig war so zu handeln waren zwar nicht
auszurotten aber die Überzeugung von der Notwendigkeit dessen überwog Die
Entschließung hatte K an dem Tage an dem er zum Advokaten gehen wollte viel
Arbeitskraft entzogen er arbeitete besonders langsam er musste sehr lange im
Büro bleiben und es war schon zehn Uhr vorüber als er endlich vor der Tür des
Advokaten stand Noch ehe er läutete überlegte er ob es nicht besser wäre dem
Advokaten telephonisch oder brieflich zu kündigen die persönliche Unterredung
würde gewiss sehr peinlich werden Trotzdem wollte K schließlich auf sie nicht
verzichten bei jeder anderen Art der Kündigung würde diese stillschweigend oder
mit ein paar förmlichen Worten angenommen werden und K würde wenn nicht etwa
Leni einiges erforschen könnte niemals erfahren wie der Advokat die Kündigung
aufgenommen hatte und was für Folgen für K diese Kündigung nach der nicht
unwichtigen Meinung des Advokaten haben könnte Sass aber der Advokat K
gegenüber und wurde er von der Kündigung überrascht so würde K selbst wenn
der Advokat sich nicht viel entlocken ließ aus seinem Gesicht und seinem
Benehmen alles was er wollte leicht entnehmen können Es war sogar nicht
ausgeschlossen dass er überzeugt wurde dass es doch gut wäre dem Advokaten die
Verteidigung zu überlassen und dass er dann seine Kündigung zurückzog
    Das erste Läuten an der Tür des Advokaten war wie gewöhnlich zwecklos
»Leni könnte flinker sein« dachte K Aber es war schon ein Vorteil wenn sich
nicht die andere Partei einmischte wie sie es gewöhnlich tat sei es dass der
Mann im Schlafrock oder sonst jemand zu belästigen anfing Während K zum
zweitenmal den Knopf drückte sah er nach der anderen Tür zurück diesmal aber
blieb auch sie geschlossen Endlich erschienen an dem Guckfenster der Tür des
Advokaten zwei Augen es waren aber nicht Lenis Augen Jemand schloss die Tür
auf stemmte sich aber vorläufig noch gegen sie rief in die Wohnung zurück »Er
ist es« und öffnete erst dann vollständig K hatte gegen die Tür gedrängt
denn schon hörte er wie hinter ihm in der Tür der anderen Wohnung der Schlüssel
hastig im Schloss gedreht wurde Als sich daher die Tür vor ihm endlich öffnete
stürmte er geradezu ins Vorzimmer und sah noch wie durch den Gang der zwischen
den Zimmern hindurchführte Leni welcher der Warnungsruf des Türöffners
gegolten hatte im Hemd davonlief Er blickte ihr ein Weilchen nach und sah sich
dann nach dem Türöffner um Es war ein kleiner dürrer Mann mit Vollbart er
hielt eine Kerze in der Hand »Sie sind hier angestellt« fragte K »Nein«
antwortete der Mann »ich bin hier fremd der Advokat ist nur mein Vertreter
ich bin hier wegen einer Rechtsangelegenheit« »Ohne Rock« fragte K und zeigte
mit einer Handbewegung auf die mangelhafte Bekleidung des Mannes »Ach
verzeihen Sie« sagte der Mann und beleuchtete sich selbst mit der Kerze als
sähe er selbst zum erstenmal seinen Zustand »Leni ist Ihre Geliebte« fragte K
kurz Er hatte die Beine ein wenig gespreizt die Hände in denen er den Hut
hielt hinten verschlungen Schon durch den Besitz eines starken Überrocks
fühlte er sich dem mageren Kleinen sehr überlegen »O Gott« sagte der und hob
die eine Hand in erschrockener Abwehr vor das Gesicht »nein nein was denken
Sie denn« »Sie sehen glaubwürdig aus« sagte K lächelnd »trotzdem  kommen
Sie« Er winkte ihm mit dem Hut und ließ ihn vor sich gehen »Wie heißen Sie
denn« fragte K auf dem Weg »Block Kaufmann Block« sagte der Kleine und
drehte sich bei dieser Vorstellung nach K um stehenbleiben ließ ihn aber K
nicht »Ist das Ihr wirklicher Name« fragte K »Gewiss« war die Antwort »warum
haben Sie denn Zweifel« »Ich dachte Sie könnten Grund haben Ihren Namen zu
verschweigen« sagte K Er fühlte sich so frei wie man es sonst nur ist wenn
man in der Fremde mit niedrigen Leuten spricht alles was einen selbst
betrifft bei sich behält nur gleichmütig von den Interessen der anderen redet
sie dadurch vor sich selbst erhöht aber auch nach Belieben fallen lassen kann
Bei der Tür des Arbeitszimmers des Advokaten blieb K stehen öffnete sie und
rief dem Kaufmann der folgsam weitergegangen war zu »Nicht so eilig Leuchten
Sie hier« K dachte Leni könnte sich hier versteckt haben er ließ den
Kaufmann alle Winkel absuchen aber das Zimmer war leer Vor dem Bild des
Richters hielt K den Kaufmann hinten an den Hosenträgern zurück »Kennen Sie
den« fragte er und zeigte mit dem Zeigefinger in die Höhe Der Kaufmann hob die
Kerze sah blinzelnd hinauf und sagte »Es ist ein Richter« »Ein hoher
Richter« fragte K und stellte sich seitlich vor den Kaufmann um den Eindruck
den das Bild auf ihn machte zu beobachten Der Kaufmann sah bewundernd
aufwärts »Es ist ein hoher Richter« sagte er »Sie haben keinen großen
Einblick« sagte K »Unter den niedrigen Untersuchungsrichtern ist er der
niedrigste« »Nun erinnere ich mich« sagte der Kaufmann und senkte die Kerze
»ich habe es auch schon gehört« »Aber natürlich« rief K »ich vergaß ja
natürlich müssen Sie es schon gehört haben« »Aber warum denn warum denn«
fragte der Kaufmann während er sich von K mit den Händen angetrieben zur Tür
fortbewegte Draußen auf dem Gang sagte K »Sie wissen doch wo sich Leni
versteckt hat« »Versteckt« sagte der Kaufmann »nein sie dürfte aber in der
Küche sein und dem Advokaten eine Suppe kochen« »Warum haben Sie das nicht
gleich gesagt« fragte K »Ich wollte Sie ja hinführen Sie haben mich aber
wieder zurückgerufen« antwortete der Kaufmann wie verwirrt durch die
widersprechenden Befehle »Sie glauben wohl sehr schlau zu sein« sagte K
»führen Sie mich also« In der Küche war K noch nie gewesen sie war
überraschend groß und reich ausgestattet Allein der Herd war dreimal so groß
wie gewöhnliche Herde von dem übrigen sah man keine Einzelheiten denn die
Küche wurde jetzt nur von einer kleinen Lampe beleuchtet die beim Eingang hing
Am Herd stand Leni in weißer Schürze wie immer und leerte Eier in einen Topf
aus der auf einem Spiritusfeuer stand »Guten Abend Josef« sagte sie mit
einem Seitenblick »Guten Abend« sagte K und zeigte mit einer Hand auf einen
abseits stehenden Sessel auf den sich der Kaufmann setzen sollte was dieser
auch tat K aber ging ganz nahe hinter Leni beugte sich über ihre Schulter und
fragte »Wer ist der Mann« Leni umfasste K mit einer Hand die andere quirlte
die Suppe zog ihn nach vorn zu sich und sagte »Es ist ein bedauernswerter
Mensch ein armer Kaufmann ein gewisser Block Sieh ihn nur an« Sie blickten
beide zurück Der Kaufmann saß auf dem Sessel auf den ihn K gewiesen hatte er
hatte die Kerze deren Licht jetzt unnötig war ausgepustet und drückte mit den
Fingern den Docht um den Rauch zu verhindern »Du warst im Hemd« sagte K und
wendete ihren Kopf mit der Hand wieder dem Herd zu Sie schwieg »Er ist dein
Geliebter« fragte K Sie wollte nach dem Suppentopf greifen aber K nahm ihre
beiden Hände und sagte »Nun antworte« Sie sagte »Komm ins Arbeitszimmer ich
werde dir alles erklären« »Nein« sagte K »ich will dass du es hier
erklärst« Sie hing sich an ihn und wollte ihn küssen K wehrte sie aber ab und
sagte »Ich will nicht dass du mich jetzt küsst« »Josef« sagte Leni und sah K
bittend und doch offen in die Augen »du wirst doch nicht auf Herrn Block
eifersüchtig sein  Rudi« sagte sie dann sich an den Kaufmann wendend »so
hilf mir doch du siehst ich werde verdächtigt lass die Kerze« Man hätte
denken können er hätte nicht achtgegeben aber er war vollständig eingeweiht
»Ich wüsste auch nicht warum Sie eifersüchtig sein sollten« sagte er wenig
schlagfertig »Ich weiß es eigentlich auch nicht« sagte K und sah den Kaufmann
lächelnd an Leni lachte laut benützte die Unaufmerksamkeit Ks um sich in
seinen Arm einzuhängen und flüsterte »Lass ihn jetzt du siehst ja was für ein
Mensch er ist Ich habe mich seiner ein wenig angenommen weil er eine große
Kundschaft des Advokaten ist aus keinem andern Grund Und du Willst du noch
heute mit dem Advokaten sprechen Er ist heute sehr krank aber wenn du willst
melde ich dich doch an Über Nacht bleibst du aber bei mir ganz gewiss Du warst
auch schon so lange nicht bei uns selbst der Advokat hat nach dir gefragt
Vernachlässige den Prozess nicht Auch ich habe dir Verschiedenes mitzuteilen
was ich erfahren habe Nun aber zieh fürs erste deinen Mantel aus« Sie half
ihm sich ausziehen nahm ihm den Hut ab lief mit den Sachen ins Vorzimmer sie
anzuhängen lief dann wieder zurück und sah nach der Suppe »Soll ich zuerst
dich anmelden oder ihm zuerst die Suppe bringen« »Melde mich zuerst an« sagte
K Er war ärgerlich er hatte ursprünglich beabsichtigt mit Leni seine
Angelegenheit insbesondere die fragliche Kündigung genau zu besprechen die
Anwesenheit des Kaufmanns hatte ihm aber die Lust dazu genommen Jetzt aber
hielt er seine Sache doch für zu wichtig als dass dieser kleine Kaufmann
vielleicht entscheidend eingreifen sollte und so rief er Leni die schon auf
dem Gang war wieder zurück »Bring ihm doch zuerst die Suppe« sagte er »er
soll sich für die Unterredung mit mir stärken er wird es nötig haben« »Sie
sind auch ein Klient des Advokaten« sagte wie zur Feststellung der Kaufmann
leise aus seiner Ecke Es wurde aber nicht gut aufgenommen »Was kümmert Sie
denn das« sagte K und Leni sagte »Wirst du still sein  Dann bringe ich ihm
also zuerst die Suppe« sagte Leni zu K und goss die Suppe auf einen Teller »Es
ist dann nur zu befürchten dass er bald einschläft nach dem Essen schläft er
bald ein« »Das was ich ihm sagen werde wird ihn wacherhalten« sagte K er
wollte immerfort durchblicken lassen dass er etwas Wichtiges mit dem Advokaten
zu verhandeln beabsichtige er wollte von Leni gefragt werden was es sei und
dann erst sie um Rat fragen Aber sie erfüllte pünktlich bloß die
ausgesprochenen Befehle Als sie mit der Tasse an ihm vorüberging stieß sie
absichtlich sanft an ihn und flüsterte »Wenn er die Suppe gegessen hat melde
ich dich gleich an damit ich dich möglichst bald wiederbekomme« »Geh nur«
sagte K »geh nur« »Sei doch freundlicher« sagte sie und drehte sich in der
Tür mit der Tasse nochmals ganz um
    K sah ihr nach nun war es endgültig beschlossen dass der Advokat entlassen
würde es war wohl auch besser dass er vorher mit Leni nicht mehr darüber
sprechen konnte sie hatte kaum den genügenden Überblick über das Ganze hätte
gewiss abgeraten hätte möglicherweise K auch wirklich von der Kündigung diesmal
abgehalten er wäre weiterhin in Zweifel und Unruhe geblieben und schließlich
hätte er nach einiger Zeit seinen Entschluss doch ausgeführt denn dieser
Entschluss war allzu zwingend Je früher er aber ausgeführt wurde desto mehr
Schaden wurde abgehalten Vielleicht wusste übrigens der Kaufmann etwas darüber
zu sagen
    K wandte sich um kaum bemerkte das der Kaufmann als er sofort aufstehen
wollte »Bleiben Sie sitzen« sagte K und zog einen Sessel neben ihn »Sind Sie
schon ein alter Klient des Advokaten« fragte K »Ja« sagte der Kaufmann »ein
sehr alter Klient« »Wieviel Jahre vertritt er Sie denn schon« fragte K »Ich
weiß nicht wie Sie es meinen« sagte der Kaufmann »in geschäftlichen
Rechtsangelegenheiten  ich habe ein Getreidegeschäft  vertritt mich der
Advokat schon seit ich das Geschäft übernommen habe also etwa seit zwanzig
Jahren in meinem eigenen Prozess auf den Sie wahrscheinlich anspielen vertritt
er mich auch seit Beginn es ist schon länger als fünf Jahre Ja weit über fünf
Jahre« fügte er dann hinzu und zog eine alte Brieftasche hervor »hier habe ich
alles aufgeschrieben wenn Sie wollen sage ich Ihnen die genauen Daten Es ist
schwer alles zu behalten Mein Prozess dauert wahrscheinlich schon viel länger
er begann kurz nach dem Tod meiner Frau und das ist schon länger als
fünfeinhalb Jahre« K rückte näher zu ihm »Der Advokat übernimmt also auch
gewöhnliche Rechtssachen« fragte er Diese Verbindung der Gerichte und
Rechtswissenschaften schien K ungemein beruhigend »Gewiss« sagte der Kaufmann
und flüsterte dann K zu »Man sagt sogar dass er in diesen Rechtssachen
tüchtiger ist als in den anderen« Aber dann schien er das Gesagte zu bereuen
er legte K eine Hand auf die Schulter und sagte »Ich bitte Sie sehr verraten
Sie mich nicht« K klopfte ihm zur Beruhigung auf den Schenkel und sagte
»Nein ich bin kein Verräter« »Er ist nämlich rachsüchtig« sagte der Kaufmann
»Gegen einen so treuen Klienten wird er gewiss nichts tun« sagte K »O doch«
sagte der Kaufmann »wenn er aufgeregt ist kennt er keine Unterschiede
übrigens bin ich ihm nicht eigentlich treu« »Wieso denn nicht« fragte K »Soll
ich es Ihnen anvertrauen« fragte der Kaufmann zweifelnd »Ich denke Sie dürfen
es« sagte K »Nun« sagte der Kaufmann »ich werde es Ihnen zum Teil
anvertrauen Sie müssen mir aber auch ein Geheimnis sagen damit wir uns
gegenüber dem Advokaten gegenseitig festhalten« »Sie sind sehr vorsichtig«
sagte K »aber ich werde Ihnen ein Geheimnis sagen das Sie vollständig
beruhigen wird Worin besteht also Ihre Untreue gegenüber dem Advokaten« »Ich
habe« sagte der Kaufmann zögernd und in einem Ton als gestehe er etwas
Unehrenhaftes ein »ich habe außer ihm noch andere Advokaten« »Das ist doch
nichts so Schlimmes« sagte K ein wenig enttäuscht »Hier ja« sagte der
Kaufmann der noch seit seinem Geständnis schwer atmete infolge Ks Bemerkung
aber mehr Vertrauen fasste »Es ist nicht erlaubt Und am allerwenigsten ist es
erlaubt neben einem sogenannten Advokaten auch noch Winkeladvokaten zu nehmen
Und gerade das habe ich getan ich habe außer ihm noch fünf Winkeladvokaten«
»Fünf« rief K erst die Zahl setzte ihn in Erstaunen »fünf Advokaten außer
diesem« Der Kaufmann nickte »Ich verhandle gerade noch mit einem sechsten«
»Aber wozu brauchen Sie denn soviel Advokaten« fragte K »Ich brauche alle«
sagte der Kaufmann »Wollen Sie mir das nicht erklären« fragte K »Gern« sagte
der Kaufmann »Vor allem will ich doch meinen Prozess nicht verlieren das ist
doch selbstverständlich Infolgedessen darf ich nichts was mir nützen könnte
außer acht lassen selbst wenn die Hoffnung auf Nutzen in einem bestimmten Falle
nur ganz gering ist darf ich sie auch nicht verwerfen Ich habe deshalb alles
was ich besitze auf den Prozess verwendet So habe ich zum Beispiel alles Geld
meinem Geschäft entzogen früher füllten die Büroräume meines Geschäfts fast ein
Stockwerk heute genügt eine kleine Kammer im Hinterhaus wo ich mit einem
Lehrjungen arbeite Diesen Rückgang hat natürlich nicht nur die Entziehung des
Geldes verschuldet sondern mehr noch die Entziehung meiner Arbeitskraft Wenn
man für seinen Prozess etwas tun will kann man sich mit anderem nur wenig
befassen« »Sie arbeiten also auch selbst bei Gericht« fragte K »Gerade
darüber möchte ich gern etwas erfahren« »Darüber kann ich nur wenig berichten«
sagte der Kaufmann »anfangs habe ich es wohl auch versucht aber ich habe bald
wieder davon abgelassen Es ist zu erschöpfend und bringt nicht viel Erfolg
Selbst dort zu arbeiten und zu unterhandeln hat sich wenigstens für mich als
ganz unmöglich erwiesen Es ist ja dort schon das bloße Sitzen und Warten eine
große Anstrengung Sie kennen ja selbst die schwere Luft in den Kanzleien«
»Wieso wissen Sie denn dass ich dort war« fragte K »Ich war gerade im
Wartezimmer als Sie durchgingen« »Was für ein Zufall das ist« rief K ganz
hingenommen und die frühere Lächerlichkeit des Kaufmanns ganz vergessend »Sie
haben mich also gesehen Sie waren im Wartezimmer als ich durchging Ja ich
bin dort einmal durchgegangen« »Es ist kein so großer Zufall« sagte der
Kaufmann »ich bin dort fast jeden Tag« »Ich werde nun wahrscheinlich auch
öfters hingehen müssen« sagte K »nur werde ich wohl kaum mehr so ehrenvoll
aufgenommen werden wie damals Alle standen auf Man dachte wohl ich sei ein
Richter« »Nein« sagte der Kaufmann »wir grüßten damals den Gerichtsdiener
Dass Sie ein Angeklagter sind das wussten wir Solche Nachrichten verbreiten sich
sehr rasch« »Das wussten Sie also schon« sagte K »dann erschien Ihnen aber
mein Benehmen vielleicht hochmütig Sprach man sich nicht darüber aus« »Nein«
sagte der Kaufmann »im Gegenteil Aber das sind Dummheiten« »Was für
Dummheiten denn« fragte K »Warum fragen Sie danach« sagte der Kaufmann
ärgerlich »Sie scheinen die Leute dort noch nicht zu kennen und werden es
vielleicht unrichtig auffassen Sie müssen bedenken dass in diesem Verfahren
immer wieder viele Dinge zur Sprache kommen für die der Verstand nicht mehr
ausreicht man ist einfach zu müde und abgelenkt für vieles und zum Ersatz
verlegt man sich auf den Aberglauben Ich rede von den anderen bin aber selbst
gar nicht besser Ein solcher Aberglaube ist es zum Beispiel dass viele aus dem
Gesicht des Angeklagten insbesondere aus der Zeichnung der Lippen den Ausgang
des Prozesses erkennen wollen Diese Leute also haben behauptet Sie würden
nach Ihren Lippen zu schließen gewiss und bald verurteilt werden Ich
wiederhole es ist ein lächerlicher Aberglaube und in den meisten Fällen durch
die Tatsachen auch vollständig widerlegt aber wenn man in jener Gesellschaft
lebt ist es schwer sich solchen Meinungen zu entziehen Denken Sie nur wie
stark dieser Aberglaube wirken kann Sie haben doch einen dort angesprochen
nicht Er konnte Ihnen aber kaum antworten Es gibt natürlich viele Gründe um
dort verwirrt zu sein aber einer davon war auch der Anblick Ihrer Lippen Er
hat später erzählt er hätte auf Ihren Lippen auch das Zeichen seiner eigenen
Verurteilung zu sehen geglaubt« »Meine Lippen« fragte K zog einen
Taschenspiegel hervor und sah sich an »Ich kann an meinen Lippen nichts
Besonderes erkennen Und Sie« »Ich auch nicht« sagte der Kaufmann »ganz und
gar nicht« »Wie abergläubisch diese Leute sind« rief K aus »Sagte ich es
nicht« fragte der Kaufmann »Verkehren sie denn soviel untereinander und
tauschen sie ihre Meinungen aus« sagte K »Ich habe mich bisher ganz abseits
gehalten« »Im allgemeinen verkehren sie nicht miteinander« sagte der Kaufmann
»das wäre nicht möglich es sind ja so viele Es gibt auch wenig gemeinsame
Interessen Wenn manchmal in einer Gruppe der Glaube an ein gemeinsames
Interesse auftaucht so erweist er sich bald als ein Irrtum Gemeinsam lässt sich
gegen das Gericht nichts durchsetzen Jeder Fall wird für sich untersucht es
ist ja das sorgfältigste Gericht Gemeinsam kann man also nichts durchsetzen
nur ein einzelner erreicht manchmal etwas im geheimen erst wenn es erreicht
ist erfahren es die anderen keiner weiß wie es geschehen ist Es gibt also
keine Gemeinsamkeit man kommt zwar hie und da in den Wartezimmern zusammen
aber dort wird wenig besprochen Die abergläubischen Meinungen bestehen schon
seit alters her und vermehren sich förmlich von selbst« »Ich sah die Herren
dort im Wartezimmer« sagte K »ihr Warten kam mir so nutzlos vor« »Das Warten
ist nicht nutzlos« sagte der Kaufmann »nutzlos ist nur das selbständige
Eingreifen Ich sagte schon dass ich jetzt außer diesem noch fünf Advokaten
habe Man sollte doch glauben  ich selbst glaubte es zuerst  jetzt könnte ich
ihnen die Sache vollständig überlassen Das wäre aber ganz falsch Ich kann sie
ihnen weniger überlassen als wenn ich nur einen hätte Sie verstehen das wohl
nicht« »Nein« sagte K und legte um den Kaufmann an seinem allzu schnellen
Reden zu hindern die Hand beruhigend auf seine Hand »ich möchte Sie nur
bitten ein wenig langsamer zu reden es sind doch lauter für mich sehr wichtige
Dinge und ich kann Ihnen nicht recht folgen« »Gut dass Sie mich daran
erinnern« sagte der Kaufmann »Sie sind ja ein Neuer ein Junger Ihr Prozess
ist ein halbes Jahr alt nicht wahr Ja ich habe davon gehört Ein so junger
Prozess Ich aber habe diese Dinge schon unzähligemal durchgedacht sie sind mir
das Selbstverständlichste auf der Welt« »Sie sind wohl froh dass Ihr Prozess
schon so weit fortgeschritten ist« fragte K er wollte nicht geradezu fragen
wie die Angelegenheiten des Kaufmanns stünden Er bekam aber auch keine
deutliche Antwort »Ja ich habe meinen Prozess fünf Jahre lang fortgewälzt«
sagte der Kaufmann und senkte den Kopf »es ist keine kleine Leistung« Dann
schwieg er ein Weilchen K horchte ob Leni nicht schon komme Einerseits
wollte er nicht dass sie komme denn er hatte noch vieles zu fragen und wollte
auch nicht von Leni in diesem vertraulichen Gespräch mit dem Kaufmann
angetroffen werden andererseits aber ärgerte er sich darüber dass sie trotz
seiner Anwesenheit so lange beim Advokaten blieb viel länger als zum Reichen
der Suppe nötig war »Ich erinnere mich noch an die Zeit genau« begann der
Kaufmann wieder und K war gleich voll Aufmerksamkeit »als mein Prozess etwa so
alt war wie jetzt Ihr Prozess Ich hatte damals nur diesen Advokaten war aber
nicht sehr mit ihm zufrieden« Hier erfahre ich ja alles dachte K und nickte
lebhaft mit dem Kopf als könne er dadurch den Kaufmann aufmuntern alles
Wissenswerte zu sagen »Mein Prozess« fuhr der Kaufmann fort »kam nicht
vorwärts es fanden zwar Untersuchungen statt ich kam auch zu jeder sammelte
Material erlegte alle meine Geschäftsbücher bei Gericht was wie ich später
erfuhr nicht einmal nötig war ich lief immer wieder zum Advokaten er brachte
auch verschiedene Eingaben ein « »Verschiedene Eingaben« fragte K »Ja
gewiss« sagte der Kaufmann »Das ist mir sehr wichtig« sagte K »in meinem
Fall arbeitet er noch immer an der ersten Eingabe Er hat noch nichts getan Ich
sehe jetzt er vernachlässigt mich schändlich« »Dass die Eingabe noch nicht
fertig ist kann verschiedene berechtigte Gründe haben« sagte der Kaufmann
»Übrigens hatte es sich bei meinen Eingaben später gezeigt dass sie ganz wertlos
waren Ich habe sogar eine durch das Entgegenkommen eines Gerichtsbeamten selbst
gelesen Sie war zwar gelehrt aber eigentlich inhaltlos Vor allem sehr viel
Latein das ich nicht verstehe dann seitenlange allgemeine Anrufungen des
Gerichtes dann Schmeicheleien für einzelne bestimmte Beamte die zwar nicht
genannt waren die aber ein Eingeweihter jedenfalls erraten musste dann
Selbstlob des Advokaten wobei er sich auf geradezu hündische Weise vor dem
Gericht demütigte und endlich Untersuchungen von Rechtsfällen aus alter Zeit
die dem meinigen ähnlich sein sollten Diese Untersuchungen waren allerdings
soweit ich ihnen folgen konnte sehr sorgfältig gemacht Ich will auch mit
diesem allen kein Urteil über die Arbeit des Advokaten abgeben auch war die
Eingabe die ich gelesen habe nur eine unter mehreren jedenfalls aber und
davon will ich jetzt sprechen konnte ich damals in meinem Prozess keinen
Fortschritt sehen« »Was für einen Fortschritt wollten Sie denn sehen« fragte
K »Sie fragen ganz vernünftig« sagte der Kaufmann lächelnd »man kann in
diesem Verfahren nur selten Fortschritte sehen Aber damals wusste ich das nicht
Ich bin Kaufmann und war es damals noch viel mehr als heute ich wollte
greifbare Fortschritte haben das Ganze sollte sich zum Ende neigen oder
wenigstens den regelrechten Aufstieg nehmen Statt dessen gab es nur
Einvernehmungen die meist den gleichen Inhalt hatten die Antworten hatte ich
schon bereit wie eine Litanei mehrmals in der Woche kamen Gerichtsboten in mein
Geschäft in meine Wohnung oder wo sie mich sonst antreffen konnten das war
natürlich störend heute ist es wenigstens in dieser Hinsicht viel besser der
telephonische Anruf stört viel weniger auch unter meinen Geschäftsfreunden
insbesondere aber unter meinen Verwandten fingen Gerüchte von meinem Prozess
sich zu verbreiten an Schädigungen gab es also von allen Seiten aber nicht das
geringste Anzeichen sprach dafür dass auch nur die erste Gerichtsverhandlung in
der nächsten Zeit stattfinden würde Ich ging also zum Advokaten und beklagte
mich Er gab mir zwar lange Erklärungen lehnte es aber entschieden ab etwas in
meinem Sinne zu tun niemand habe Einfluss auf die Festsetzung der Verhandlung
in einer Eingabe darauf zu dringen  wie ich es verlangte  sei einfach
unerhört und würde mich und ihn verderben Ich dachte Was dieser Advokat nicht
will oder kann wird ein anderer wollen und können Ich sah mich also nach
anderen Advokaten um Ich will es gleich vorwegnehmen keiner hat die
Festsetzung der Hauptverhandlung verlangt oder durchgesetzt es ist allerdings
mit einem Vorbehalt von dem ich noch sprechen werde wirklich unmöglich
hinsichtlich dieses Punktes hat mich also dieser Advokat nicht getäuscht im
übrigen aber hatte ich es nicht zu bedauern mich noch an andere Advokaten
gewendet zu haben Sie dürften wohl von Dr Huld auch schon manches über die
Winkeladvokaten gehört haben er hat sie Ihnen wahrscheinlich als sehr
verächtlich dargestellt und das sind sie wirklich Allerdings unterläuft ihm
immer wenn er von ihnen spricht und sich und seine Kollegen zu ihnen in
Vergleich setzt ein kleiner Fehler auf den ich Sie ganz nebenbei auch
aufmerksam machen will Er nennt dann immer die Advokaten seines Kreises zur
Unterscheidung die großen Advokaten Das ist falsch es kann sich natürlich
jeder groß nennen wenn es ihm beliebt in diesem Fall aber entscheidet doch nur
der Gerichtsgebrauch Nach diesem gibt es nämlich außer den Winkeladvokaten noch
kleine und große Advokaten Dieser Advokat und seine Kollegen sind jedoch nur
die kleinen Advokaten die großen Advokaten aber von denen ich nur gehört und
die ich nie gesehen habe stehen im Rang unvergleichlich höher über den kleinen
Advokaten als diese über den verachteten Winkeladvokaten« »Die großen
Advokaten« fragte K »Wer sind denn die Wie kommt man zu ihnen« »Sie haben
also noch nie von ihnen gehört« sagte der Kaufmann »Es gibt kaum einen
Angeklagten der nicht nachdem er von ihnen erfahren hat eine Zeitlang von
ihnen träumen würde Lassen Sie sich lieber nicht dazu verführen Wer die großen
Advokaten sind weiß ich nicht und zu ihnen kommen kann man wohl gar nicht Ich
kenne keinen Fall von dem sich mit Bestimmtheit sagen ließe dass sie
eingegriffen hätten Manchen verteidigen sie aber durch eigenen Willen kann man
das nicht erreichen sie verteidigen nur den den sie verteidigen wollen Die
Sache deren sie sich annehmen muss aber wohl über das niedrige Gericht schon
hinausgekommen sein Im übrigen ist es besser nicht an sie zu denken denn
sonst kommen einem die Besprechungen mit den anderen Advokaten deren Ratschläge
und deren Hilfeleistungen so widerlich und nutzlos vor ich habe es selbst
erfahren dass man am liebsten alles wegwerfen sich zu Hause ins Bett legen und
von nichts mehr hören wollte Das wäre aber natürlich wieder das Dümmste auch
hätte man im Bett nicht lange Ruhe« »Sie dachten damals also nicht an die
großen Advokaten« fragte K »Nicht lange« sagte der Kaufmann und lächelte
wieder »vollständig vergessen kann man sie leider nicht besonders die Nacht
ist solchen Gedanken günstig Aber damals wollte ich ja sofortige Erfolge ich
ging daher zu den Winkeladvokaten«
    »Wie ihr hier beieinander sitzt« rief Leni die mit der Tasse
zurückgekommen war und in der Tür stehenblieb Sie saßen wirklich eng beisammen
bei der kleinsten Wendung mussten sie mit den Köpfen aneinanderstossen der
Kaufmann der abgesehen von seiner Kleinheit auch noch den Rücken gekrümmt
hielt hatte K gezwungen sich auch tief zu bücken wenn er alles hören wollte
»Noch ein Weilchen« rief K Leni abwehrend zu und zuckte ungeduldig mit der
Hand die er noch immer auf des Kaufmanns Hand liegen hatte »Er wollte dass ich
ihm von meinem Prozess erzähle« sagte der Kaufmann zu Leni »Erzähle nur
erzähle« sagte diese Sie sprach mit dem Kaufmann liebevoll aber doch auch
herablassend K gefiel das nicht wie er jetzt erkannt hatte hatte der Mann
doch einen gewissen Wert zumindest hatte er Erfahrungen die er gut mitzuteilen
verstand Leni beurteilte ihn wahrscheinlich unrichtig Er sah ärgerlich zu als
Leni jetzt dem Kaufmann die Kerze die er die ganze Zeit über festgehalten
hatte abnahm ihm die Hand mit ihrer Schürze abwischte und dann neben ihm
niederkniete um etwas Wachs wegzukratzen das von der Kerze auf seine Hose
getropft war »Sie wollten mir von den Winkeladvokaten erzählen« sagte K und
schob ohne eine weitere Bemerkung Lenis Hand weg »Was willst du denn« fragte
Leni schlug leicht nach K und setzte ihre Arbeit fort »Ja von den
Winkeladvokaten« sagte der Kaufmann und fuhr sich über die Stirn als denke er
nach K wollte ihm nachhelfen und sagte »Sie wollten sofortige Erfolge haben
und gingen deshalb zu den Winkeladvokaten« »Ganz richtig« sagte der Kaufmann
setzte aber nicht fort »Er will vielleicht vor Leni nicht davon sprechen«
dachte K bezwang seine Ungeduld das Weitere gleich jetzt zu hören und drang
nun nicht mehr weiter in ihn
    »Hast du mich angemeldet« fragte er Leni »Natürlich« sagte diese »er
wartet auf dich Lass jetzt Block mit Block kannst du auch später reden er
bleibt doch hier« K zögerte noch »Sie bleiben hier« fragte er den Kaufmann
er wollte dessen eigene Antwort er wollte nicht dass Leni vom Kaufmann wie von
einem Abwesenden sprach er war heute gegen Leni voll geheimen Ärgers Und
wieder antwortete nur Leni »Er schläft hier öfters« »Schläft hier« rief K
er hatte gedacht der Kaufmann werde hier nur auf ihn warten während er die
Unterredung mit dem Advokaten rasch erledigen würde dann aber würden sie
gemeinsam fortgehen und alles gründlich und ungestört besprechen »Ja« sagte
Leni »nicht jeder wird wie du Josef zu beliebiger Stunde beim Advokaten
vorgelassen Du scheinst dich ja gar nicht darüber zu wundern dass dich der
Advokat trotz seiner Krankheit noch um elf Uhr nachts empfängt Du nimmst das
was deine Freunde für dich tun doch als gar zu selbstverständlich an Nun
deine Freunde oder zumindest ich tun es gerne Ich will keinen anderen Dank und
brauche auch keinen anderen als dass du mich liebhast« »Dich liebhaben« dachte
K im ersten Augenblick erst dann ging es ihm durch den Kopf »Nun ja ich habe
sie lieb« Trotzdem sagte er alles andere vernachlässigend »Er empfängt mich
weil ich sein Klient bin Wenn auch dafür noch fremde Hilfe nötig wäre müsste
man bei jedem Schritt immer gleichzeitig betteln und danken« »Wie schlimm er
heute ist nicht« fragte Leni den Kaufmann »Jetzt bin ich der Abwesende«
dachte K und wurde fast sogar auf den Kaufmann böse als dieser die
Unhöflichkeit Lenis übernehmend sagte »Der Advokat empfängt ihn auch noch aus
anderen Gründen Sein Fall ist nämlich interessanter als der meine Außerdem
aber ist sein Prozess in den Anfängen also wahrscheinlich noch nicht sehr
verfahren da beschäftigt sich der Advokat noch gern mit ihm Später wird das
anders werden« »Ja ja« sagte Leni und sah den Kaufmann lachend an »wie er
schwatzt Ihm darfst du nämlich« hierbei wandte sie sich an K »gar nichts
glauben So lieb er ist so geschwätzig ist er Vielleicht mag ihn der Advokat
auch deshalb nicht leiden Jedenfalls empfängt er ihn nur wenn er in Laune ist
Ich habe mir schon viel Mühe gegeben das zu ändern aber es ist unmöglich
Denke nur manchmal melde ich Block an er empfängt ihn aber erst am dritten Tag
nachher Ist Block aber zu der Zeit wenn er vorgerufen wird nicht zur Stelle
so ist alles verloren und er muss von neuem angemeldet werden Deshalb habe ich
Block erlaubt hier zu schlafen es ist ja schon vorgekommen dass er in der
Nacht um ihn geläutet hat Jetzt ist also Block auch in der Nacht bereit
Allerdings geschieht es jetzt wieder dass der Advokat wenn es sich zeigt dass
Block da ist seinen Auftrag ihn vorzulassen manchmal widerruft« K sah
fragend zum Kaufmann hin Dieser nickte und sagte so offen wie er früher mit K
gesprochen hatte vielleicht war er zerstreut vor Beschämung »Ja man wird
später sehr abhängig von seinem Advokaten« »Er klagt ja nur zum Schein« sagte
Leni »Er schläft ja hier sehr gern wie er mir schon oft gestanden hat« Sie
ging zu einer kleinen Tür und stieß sie auf »Willst du sein Schlafzimmer
sehen« fragte sie K ging hin und sah von der Schwelle aus in den niedrigen
fensterlosen Raum der von einem schmalen Bett vollständig ausgefüllt war In
dieses Bett musste man über den Bettpfosten steigen Am Kopfende des Bettes war
eine Vertiefung in der Mauer dort standen peinlich geordnet eine Kerze
Tintenfass und Feder sowie ein Bündel Papiere wahrscheinlich Prozessschriften
»Sie schlafen im Dienstmädchenzimmer« fragte K und wendete sich zum Kaufmann
zurück »Leni hat es mir eingeräumt« antwortete der Kaufmann »es ist sehr
vorteilhaft« K sah ihn lange an der erste Eindruck den er von dem Kaufmann
erhalten hatte war vielleicht doch der richtige gewesen Erfahrungen hatte er
denn sein Prozess dauerte schon lange aber er hatte diese Erfahrungen teuer
bezahlt Plötzlich ertrug K den Anblick des Kaufmanns nicht mehr »Bring ihn
doch ins Bett« rief er Leni zu die ihn gar nicht zu verstehen schien Er
selbst aber wollte zum Advokaten gehen und durch die Kündigung sich nicht nur
vom Advokaten sondern auch von Leni und dem Kaufmann befreien Aber noch ehe er
zur Tür gekommen war sprach ihn der Kaufmann mit leiser Stimme an »Herr
Prokurist« K wandte sich mit bösem Gesicht um »Sie haben Ihr Versprechen
vergessen« sagte der Kaufmann und streckte sich von seinem Sitz aus bittend K
entgegen »Sie wollten mir noch ein Geheimnis sagen« »Wahrhaftig« sagte K und
streifte auch Leni die ihn aufmerksam ansah mit einem Blick »also hören Sie
es ist allerdings fast kein Geheimnis mehr Ich gehe jetzt zum Advokaten um ihn
zu entlassen« »Er entlässt ihn« rief der Kaufmann sprang vom Sessel und lief
mit erhobenen Armen in der Küche umher Immer wieder rief er »Er entlässt den
Advokaten« Leni wollte gleich auf K losfahren aber der Kaufmann kam ihr in
den Weg wofür sie ihm mit den Fäusten einen Hieb gab Noch mit den zu Fäusten
geballten Händen lief sie dann hinter K der aber einen großen Vorsprung hatte
Er war schon in das Zimmer des Advokaten eingetreten als ihn Leni einholte Die
Tür hatte er hinter sich fast geschlossen aber Leni die mit dem Fuß den
Türflügel offenhielt fasste ihn beim Arm und wollte ihn zurückziehen Aber er
drückte ihr Handgelenk so stark dass sie unter einem Seufzer ihn loslassen
musste Ins Zimmer einzutreten wagte sie nicht gleich K aber versperrte die
Tür mit dem Schlüssel
    »Ich warte schon sehr lange auf Sie« sagte der Advokat vom Bett aus legte
ein Schriftstück das er beim Licht einer Kerze gelesen hatte auf das
Nachttischchen und setzte sich eine Brille auf mit der er K scharf ansah
Statt sich zu entschuldigen sagte K »Ich gehe bald wieder weg« Der Advokat
hatte Ks Bemerkung weil sie keine Entschuldigung war unbeachtet gelassen und
sagte »Ich werde Sie nächstens zu dieser späten Stunde nicht mehr vorlassen«
»Das kommt meinem Anliegen entgegen« sagte K Der Advokat sah ihn fragend an
»Setzen Sie sich« sagte er »Weil Sie es wünschen« sagte K zog einen Sessel
zum Nachttischchen und setzte sich »Es schien mir dass Sie die Tür abgesperrt
haben« sagte der Advokat »Ja« sagte K »es war Lenis wegen« Er hatte nicht
die Absicht irgend jemanden zu schonen Aber der Advokat fragte »War sie
wieder zudringlich« »Zudringlich« fragte K »Ja« sagte der Advokat er lachte
dabei bekam einen Hustenanfall und begann nachdem dieser vergangen war wieder
zu lachen »Sie haben doch wohl ihre Zudringlichkeit schon bemerkt«fragte er
und klopfte K auf die Hand die dieser zerstreut auf das Nachttischchen
gestützt hatte und die er jetzt rasch zurückzog »Sie legen dem nicht viel
Bedeutung bei« sagte der Advokat als K schwieg »desto besser Sonst hätte
ich mich vielleicht bei Ihnen entschuldigen müssen Es ist eine Sonderbarkeit
Lenis die ich ihr übrigens längst verziehen habe und von der ich auch nicht
reden würde wenn Sie nicht eben jetzt die Tür abgesperrt hätten Diese
Sonderbarkeit Ihnen allerdings müsste ich sie wohl am wenigsten erklären aber
Sie sehen mich so bestürzt an und deshalb tue ich es diese Sonderbarkeit
besteht darin dass Leni die meisten Angeklagten schön findet Sie hängt sich an
alle liebt alle scheint allerdings auch von allen geliebt zu werden um mich
zu unterhalten erzählt sie mir dann wenn ich es erlaube manchmal davon Ich
bin über das Ganze nicht so erstaunt wie Sie es zu sein scheinen Wenn man den
richtigen Blick dafür hat findet man die Angeklagten wirklich oft schön Das
allerdings ist eine merkwürdige gewissermaßen naturwissenschaftliche
Erscheinung Es tritt natürlich als Folge der Anklage nicht etwa eine deutliche
genau zu bestimmende Veränderung des Aussehens ein Es ist doch nicht wie bei
anderen Gerichtssachen die meisten bleiben in ihrer gewöhnlichen Lebensweise
und werden wenn sie einen guten Advokaten haben der für sie sorgt durch den
Prozess nicht behindert Trotzdem sind diejenigen welche darin Erfahrung haben
imstande aus der größten Menge die Angeklagten Mann für Mann zu erkennen
Woran werden Sie fragen Meine Antwort wird Sie nicht befriedigen Die
Angeklagten sind eben die Schönsten Es kann nicht die Schuld sein die sie
schön macht denn  so muss wenigstens ich als Advokat sprechen  es sind doch
nicht alle schuldig es kann auch nicht die richtige Strafe sein die sie jetzt
schon schön macht denn es werden doch nicht alle bestraft es kann also nur an
dem gegen sie erhobenen Verfahren liegen das ihnen irgendwie anhaftet
Allerdings gibt es unter den Schönen auch besonders schöne Schön sind aber
alle selbst Block dieser elende Wurm«
    K war als der Advokat geendet hatte vollständig gefasst er hatte sogar zu
den letzten Worten auffallend genickt und sich so selbst die Bestätigung seiner
alten Ansicht gegeben nach welcher der Advokat ihn immer und so auch diesmal
durch allgemeine Mitteilungen die nicht zur Sache gehörten zu zerstreuen und
von der Hauptfrage was er an tatsächlicher Arbeit für Ks Sache getan hatte
abzulenken suchte Der Advokat merkte wohl dass ihm K diesmal mehr Widerstand
leistete als sonst denn er verstummte jetzt um K die Möglichkeit zu geben
selbst zu sprechen und fragte dann da K stumm blieb »Sind Sie heute mit
einer bestimmten Absicht zu mir gekommen« »Ja« sagte K und blendete mit der
Hand ein wenig die Kerze ab um den Advokaten besser zu sehen »ich wollte Ihnen
sagen dass ich Ihnen mit dem heutigen Tage meine Vertretung entziehe« »Verstehe
ich Sie recht« fragte der Advokat erhob sich halb im Bett und stützte sich mit
einer Hand auf die Kissen »Ich nehme es an« sagte K der straff aufgerichtet
wie auf der Lauer dasaß »Nun wir können ja auch diesen Plan besprechen«
sagte der Advokat nach einem Weilchen »Es ist kein Plan mehr« sagte K »Mag
sein« sagte der Advokat »wir wollen aber trotzdem nichts übereilen« Er
gebrauchte das Wort »wir« als habe er nicht die Absicht K freizulassen und
als wolle er wenn er schon nicht sein Vertreter sein dürfte wenigstens sein
Berater bleiben »Es ist nicht übereilt« sagte K stand langsam auf und trat
hinter seinen Sessel »es ist gut überlegt und vielleicht sogar zu lange Der
Entschluss ist endgültig« »Dann erlauben Sie mir nur noch einige Worte« sagte
der Advokat hob das Federbett weg und setzte sich auf den Bettrand Seine
nackten weisshaarigen Beine zitterten vor Kälte Er bat K ihm vom Kanapee eine
Decke zu reichen K holte die Decke und sagte »Sie setzen sich ganz unnötig
einer Verkühlung aus« »Der Anlass ist wichtig genug« sagte der Advokat während
er mit dem Federbett den Oberkörper umhüllte und dann die Beine in die Decke
einwickelte »Ihr Onkel ist mein Freund und auch Sie sind mir im Laufe der Zeit
lieb geworden Ich gestehe das offen ein Ich brauche mich dessen nicht zu
schämen« Diese rührseligen Reden des alten Mannes waren K sehr unwillkommen
denn sie zwangen ihn zu einer ausführlicheren Erklärung die er gern vermieden
hätte und sie beirrten ihn außerdem wie er sich offen eingestand wenn sie
allerdings auch seinen Entschluss niemals rückgängig machen konnten »Ich danke
Ihnen für Ihre freundliche Gesinnung« sagte er »ich erkenne auch an dass Sie
sich meiner Sache so sehr angenommen haben wie es Ihnen möglich ist und wie es
Ihnen für mich vorteilhaft scheint Ich jedoch habe in der letzten Zeit die
Überzeugung gewonnen dass das nicht genügend ist Ich werde natürlich niemals
versuchen Sie einen soviel älteren und erfahreneren Mann von meiner Ansicht
überzeugen zu wollen wenn ich es manchmal unwillkürlich versucht habe so
verzeihen Sie mir die Sache aber ist wie Sie sich selbst ausdrückten wichtig
genug und es ist meiner Überzeugung nach notwendig viel kräftiger in den
Prozess einzugreifen als es bisher geschehen ist« »Ich verstehe Sie« sagte der
Advokat »Sie sind ungeduldig« »Ich bin nicht ungeduldig« sagte K ein wenig
gereizt und achtete nicht mehr soviel auf seine Worte »Sie dürften bei meinem
ersten Besuch als ich mit meinem Onkel zu Ihnen kam bemerkt haben dass mir an
dem Prozess nicht viel lag wenn man mich nicht gewissermaßen gewaltsam an ihn
erinnerte vergaß ich ihn vollständig Aber mein Onkel bestand darauf dass ich
Ihnen meine Vertretung übergebe ich tat es um ihm gefällig zu sein Und nun
hätte man doch erwarten sollen dass mir der Prozess noch leichter fallen würde
als bis dahin denn man übergibt doch dem Advokaten die Vertretung um die Last
des Prozesses ein wenig von sich abzuwälzen Es geschah aber das Gegenteil
Niemals früher hatte ich so große Sorgen wegen des Prozesses wie seit der Zeit
seitdem Sie mich vertreten Als ich allein war unternahm ich nichts in meiner
Sache aber ich fühlte es kaum jetzt dagegen hatte ich einen Vertreter alles
war dafür eingerichtet dass etwas geschehe unaufhörlich und immer gespannter
erwartete ich Ihr Eingreifen aber es blieb aus Ich bekam von Ihnen allerdings
verschiedene Mitteilungen über das Gericht die ich vielleicht von niemandem
sonst hätte bekommen können Aber das kann mir nicht genügen wenn mir jetzt der
Prozess förmlich im geheimen immer näher an den Leib rückt« K hatte den
Sessel von sich gestoßen und stand die Hände in den Rocktaschen aufrecht da
»Von einem gewissen Zeitpunkt der Praxis an« sagte der Advokat leise und ruhig
»ereignet sich nichts wesentlich Neues mehr Wie viele Parteien sind in
ähnlichen Stadien der Prozesse ähnlich wie Sie vor mir gestanden und haben
ähnlich gesprochen« »Dann haben« sagte K »alle diese ähnlichen Parteien
ebenso recht gehabt wie ich Das widerlegt mich gar nicht« »Ich wollte Sie
damit nicht widerlegen« sagte der Advokat »ich wollte aber noch hinzufügen
dass ich bei Ihnen mehr Urteilskraft erwartet hätte als bei den anderen
besonders da ich Ihnen mehr Einblick in das Gerichtswesen und in meine Tätigkeit
gegeben habe als ich es sonst Parteien gegenüber tue Und nun muss ich sehen
dass Sie trotz allem nicht genügend Vertrauen zu mir haben Sie machen es mir
nicht leicht« Wie sich der Advokat vor K demütigte Ohne jede Rücksicht auf
die Standesehre die gewiss gerade in diesem Punkte am empfindlichsten ist Und
warum tat er das Er war doch dem Anschein nach ein vielbeschäftigter Advokat
und überdies ein reicher Mann es konnte ihm an und für sich weder an dem
Verdienstentgang noch an dem Verlust eines Klienten viel liegen Außerdem war er
kränklich und hätte selbst darauf bedacht sein sollen dass ihm Arbeit abgenommen
werde Und trotzdem hielt er K so fest Warum War es persönliche Anteilnahme
für den Onkel oder sah er Ks Prozess wirklich für so außerordentlich an und
hoffte sich darin auszuzeichnen entweder für K oder  diese Möglichkeit war
eben niemals auszuschliessen  für die Freunde beim Gericht An ihm selbst war
nichts zu erkennen so rücksichtslos prüfend ihn auch K ansah Man hätte fast
annehmen können er warte mit absichtlich verschlossener Miene die Wirkung
seiner Worte ab Aber er deutete offenbar das Schweigen Ks für sich allzu
günstig wenn er jetzt fortfuhr »Sie werden bemerkt haben dass ich zwar eine
große Kanzlei habe aber keine Hilfskräfte beschäftige Das war früher anders
es gab eine Zeit wo einige junge Juristen für mich arbeiteten heute arbeite
ich allein Es hängt dies zum Teil mit der Änderung meiner Praxis zusammen
indem ich mich immer mehr auf Rechtssachen von der Art der Ihrigen beschränkte
zum Teil mit der immer tieferen Erkenntnis die ich von diesen Rechtssachen
erhielt Ich fand dass ich diese Arbeit niemandem überlassen dürfe wenn ich
mich nicht an meinen Klienten und an der Aufgabe die ich übernommen hatte
versündigen wollte Der Entschluss aber alle Arbeit selbst zu leisten hatte die
natürlichen Folgen ich musste fast alle Ansuchen um Vertretungen abweisen und
konnte nur denen nachgeben die mir besonders nahegingen  nun es gibt ja genug
Kreaturen und sogar ganz in der Nähe die sich auf jeden Brocken stürzen den
ich wegwerfe Und außerdem wurde ich vor Überanstrengung krank Aber trotzdem
bereue ich meinen Entschluss nicht es ist möglich dass ich mehr Vertretungen
hätte abweisen sollen als ich getan habe dass ich aber den übernommenen
Prozessen mich ganz hingegeben habe hat sich als unbedingt notwendig
herausgestellt und durch die Erfolge belohnt Ich habe einmal in einer Schrift
den Unterschied sehr schön ausgedrückt gefunden der zwischen der Vertretung in
gewöhnlichen Rechtssachen und der Vertretung in diesen Rechtssachen besteht Es
hieß dort der Advokat führt seinen Klienten an einem Zwirnsfaden bis zum
Urteil der andere aber hebt seinen Klienten gleich auf die Schultern und trägt
ihn ohne ihn abzusetzen zum Urteil und noch darüber hinaus So ist es Aber es
war nicht ganz richtig wenn ich sagte dass ich diese große Arbeit niemals
bereue Wenn sie wie in Ihrem Fall so vollständig verkannt wird dann nun
dann bereue ich fast« K wurde durch diese Reden mehr ungeduldig als überzeugt
Er glaubte irgendwie aus dem Tonfall des Advokaten herauszuhören was ihn
erwartete wenn er nachgäbe wieder würden die Vertröstungen beginnen die
Hinweise auf die fortschreitende Eingabe auf die gebesserte Stimmung der
Gerichtsbeamten aber auch auf die großen Schwierigkeiten die sich der Arbeit
entgegenstellten  kurz all das bis zum Überdruss Bekannte würde hervorgeholt
werden um K wieder mit unbestimmten Hoffnungen zu täuschen und mit
unbestimmten Drohungen zu quälen Das musste endgültig verhindert werden er
sagte deshalb »Was wollen Sie in meiner Sache unternehmen wenn Sie die
Vertretung behalten« Der Advokat fügte sich sogar dieser beleidigenden Frage
und antwortete »In dem was ich für Sie bereits unternommen habe weiter
fortfahren« »Ich wusste es ja« sagte K »nun ist aber jedes weitere Wort
überflüssig« »Ich werde noch einen Versuch machen« sagte der Advokat als
geschehe das was K erregte nicht K sondern ihm »Ich habe nämlich die
Vermutung dass Sie nicht nur zu der falschen Beurteilung meines
Rechtsbeistandes sondern auch zu Ihrem sonstigen Verhalten dadurch verleitet
werden dass man Sie obwohl Sie Angeklagter sind zu gut behandelt oder
richtiger ausgedrückt nachlässig scheinbar nachlässig behandelt Auch dieses
letztere hat seinen Grund es ist oft besser in Ketten als frei zu sein Aber
ich möchte Ihnen doch zeigen wie andere Angeklagte behandelt werden vielleicht
gelingt es Ihnen daraus eine Lehre zu nehmen Ich werde jetzt nämlich Block
vorrufen sperren Sie die Tür auf und setzen Sie sich hier neben den
Nachttisch« »Gerne« sagte K und tat was der Advokat verlangt hatte zu
lernen war er immer bereit Um sich aber für jeden Fall zu sichern fragte er
noch »Sie haben aber zur Kenntnis genommen dass ich Ihnen meine Vertretung
entziehe« »Ja« sagte der Advokat »Sie können es aber heute noch rückgängig
machen« Er legte sich wieder ins Bett zurück zog das Federbett bis zum Kinn
und drehte sich der Wand zu Dann läutete er
    Fast gleichzeitig mit dem Glockenzeichen erschien Leni sie suchte durch
rasche Blicke zu erfahren was geschehen war dass K ruhig beim Bett des
Advokaten saß schien ihr beruhigend Sie nickte K der sie starr ansah
lächelnd zu »Hole Block« sagte der Advokat Statt ihn aber zu holen trat sie
nur vor die Tür rief »Block Zum Advokaten« und schlüpfte dann
wahrscheinlich weil der Advokat zur Wand abgekehrt blieb und sich um nichts
kümmerte hinter Ks Sessel Sie störte ihn von nun ab indem sie sich über die
Sessellehne vorbeugte oder mit den Händen allerdings sehr zart und vorsichtig
durch sein Haar fuhr und über seine Wangen strich Schließlich suchte K sie
daran zu hindern indem er sie bei einer Hand erfasste die sie ihm nach einigem
Widerstreben überließ
    Block war auf den Anruf hin gleich gekommen blieb aber vor der Tür stehen
und schien zu überlegen ob er eintreten sollte Er zog die Augenbrauen hoch und
neigte den Kopf als horche er ob sich der Befehl zum Advokaten zu kommen
wiederholen würde K hätte ihn zum Eintreten aufmuntern können aber er hatte
sich vorgenommen nicht nur mit dem Advokaten sondern mit allem was hier in
der Wohnung war endgültig zu brechen und verhielt sich deshalb regungslos Auch
Leni schwieg Block merkte dass ihn wenigstens niemand verjage und trat auf den
Fußspitzen ein das Gesicht gespannt die Hände auf dem Rücken verkrampft Die
Tür hatte er für einen möglichen Rückzug offen gelassen K blickte er gar nicht
an sondern immer nur das hohe Federbett unter dem der Advokat da er sich ganz
nahe an die Wand geschoben hatte nicht einmal zu sehen war Da hörte man aber
seine Stimme »Block hier« fragte er Diese Frage gab Block der schon eine
große Strecke weitergerückt war förmlich einen Stoß in die Brust und dann einen
in den Rücken er taumelte blieb tief gebückt stehen und sagte »Zu dienen«
»Was willst du« fragte der Advokat »du kommst ungelegen« »Wurde ich nicht
gerufen« fragte Block mehr sich selbst als den Advokaten hielt die Hände zum
Schutze vor und war bereit wegzulaufen »Du wurdest gerufen« sagte der
Advokat »trotzdem kommst du ungelegen« Und nach einer Pause fügte er hinzu
»Du kommst immer ungelegen« Seitdem der Advokat sprach sah Block nicht mehr
auf das Bett hin er starrte vielmehr irgendwo in eine Ecke und lauschte nur
als sei der Anblick des Sprechers zu blendend als dass er ihn ertragen könnte
Es war aber auch das Zuhören schwer denn der Advokat sprach gegen die Wand und
zwar leise und schnell »Wollt Ihr dass ich weggehe« fragte Block »Nun bist du
einmal da« sagte der Advokat »Bleib« Man hätte glauben können der Advokat
habe nicht Blocks Wunsch erfüllt sondern ihm etwa mit Prügeln gedroht denn
jetzt fing Block wirklich zu zittern an »Ich war gestern« sagte der Advokat
»beim Dritten Richter meinem Freund und habe allmählich das Gespräch auf dich
gelenkt Willst du wissen was er sagte« »O bitte« sagte Block Da der Advokat
nicht gleich antwortete wiederholte Block nochmals die Bitte und neigte sich
als wolle er niederknien Da fuhr ihn aber K an »Was tust du« rief er Da ihn
Leni an dem Ausruf hatte hindern wollen fasste er auch ihre zweite Hand Es war
nicht der Druck der Liebe mit dem er sie festhielt sie seufzte auch öfters und
suchte ihm die Hände zu entwinden Für Ks Ausruf aber wurde Block gestraft
denn der Advokat fragte ihn »Wer ist denn dein Advokat« »Ihr seid es« sagte
Block »Und außer mir« fragte der Advokat »Niemand außer Euch« sagte Block
»Dann folge auch niemandem sonst« sagte der Advokat Block erkannte das
vollständig an er maß K mit bösen Blicken und schüttelte heftig gegen ihn den
Kopf Hätte man dieses Benehmen in Worte übersetzt so wären es grobe
Beschimpfungen gewesen Mit diesem Menschen hatte K freundschaftlich über seine
eigene Sache reden wollen »Ich werde dich nicht mehr stören« sagte K in den
Sessel zurückgelehnt »Knie nieder oder krieche auf allen vieren tu was du
willst Ich werde mich darum nicht kümmern« Aber Block hatte doch Ehrgefühl
wenigstens gegenüber K denn er ging mit den Fäusten fuchtelnd auf ihn zu
und rief so laut als er es nur in der Nähe des Advokaten wagte »Sie dürfen
nicht so mit mir reden das ist nicht erlaubt Warum beleidigen Sie mich Und
überdies noch hier vor dem Herrn Advokaten wo wir beide Sie und ich nur aus
Barmherzigkeit geduldet sind Sie sind kein besserer Mensch als ich denn Sie
sind auch angeklagt und haben auch einen Prozess Wenn Sie aber trotzdem noch ein
Herr sind dann bin ich ein ebensolcher Herr wenn nicht gar ein noch größerer
Und ich will auch als ein solcher angesprochen werden gerade von Ihnen Wenn
Sie sich aber dadurch für bevorzugt halten dass Sie hier sitzen und ruhig
zuhören dürfen während ich wie Sie sich ausdrücken auf allen vieren krieche
dann erinnere ich Sie an den alten Rechtsspruch für den Verdächtigen ist
Bewegung besser als Ruhe denn der welcher ruht kann immer ohne es zu wissen
auf einer Waagschale sein und mit seinen Sünden gewogen werden« K sagte
nichts er staunte nur mit unbeweglichen Augen diesen verwirrten Menschen an
Was für Veränderungen waren mit ihm nur schon in der letzten Stunde vor sich
gegangen War es der Prozess der ihn so hin und her warf und ihn nicht erkennen
ließ wo Freund und wo Feind war Sah er denn nicht dass der Advokat ihn
absichtlich demütigte und diesmal nichts anderes bezweckte als sich vor K mit
seiner Macht zu brüsten und sich dadurch vielleicht auch K zu unterwerfen Wenn
Block aber nicht fähig war das zu erkennen oder wenn er den Advokaten so sehr
fürchtete dass ihm jene Erkenntnis nichts helfen konnte wie kam es dass er doch
wieder so schlau oder so kühn war den Advokaten zu betrügen und ihm zu
verschweigen dass er außer ihm noch andere Advokaten für sich arbeiten ließ Und
wie wagte er es K anzugreifen da dieser doch gleich sein Geheimnis verraten
konnte Aber er wagte noch mehr er ging zum Bett des Advokaten und begann sich
nun auch dort über K zu beschweren »Herr Advokat« sagte er »habt Ihr gehört
wie dieser Mann mit mir gesprochen hat Man kann noch die Stunden seines
Prozesses zählen und schon will er mir einem Mann der fünf Jahre im Prozesse
steht gute Lehren geben Er beschimpft mich sogar Weiß nichts und beschimpft
mich der ich soweit meine schwachen Kräfte reichen genau studiert habe was
Anstand Pflicht und Gerichtsgebrauch verlangt« »Kümmere dich um niemanden«
sagte der Advokat »und tue was dir richtig scheint« »Gewiss« sagte Block als
spreche er sich selbst Mut zu und kniete unter einem kurzen Seitenblick nun
knapp beim Bett nieder »Ich knie schon mein Advokat« sagte er Der Advokat
schwieg aber Block streichelte mit einer Hand vorsichtig das Federbett In der
Stille die jetzt herrschte sagte Leni indem sie sich von Ks Händen befreite
»Du machst mir Schmerzen Lass mich Ich gehe zu Block« Sie ging hin und setzte
sich auf den Bettrand Block war über ihr Kommen sehr erfreut er bat sie gleich
durch lebhafte aber stumme Zeichen sich beim Advokaten für ihn einzusetzen Er
benötigte offenbar die Mitteilungen des Advokaten sehr dringend aber vielleicht
nur zu dem Zweck um sie durch seine übrigen Advokaten ausnützen zu lassen Leni
wusste wahrscheinlich genau wie man dem Advokaten beikommen könne sie zeigte
auf die Hand des Advokaten und spitzte die Lippen wie zum Kuss Gleich führte
Block den Handkuss aus und wiederholte ihn auf eine Aufforderung Lenis hin noch
zweimal Aber der Advokat schwieg noch immer Da beugte sich Leni über den
Advokaten hin der schöne Wuchs ihres Körpers wurde sichtbar als sie sich so
streckte und strich tief zu seinem Gesicht geneigt über sein langes weißes
Haar Das zwang ihm nun doch eine Antwort ab »Ich zögere es ihm mitzuteilen«
sagte der Advokat und man sah wie er den Kopf ein wenig schüttelte
vielleicht um des Druckes von Lenis Hand mehr teilhaftig zu werden Block
horchte mit gesenktem Kopf als übertrete er durch dieses Horchen ein Gebot
»Warum zögerst du denn« fragte Leni K hatte das Gefühl als höre er ein
einstudiertes Gespräch das sich schon oft wiederholt hatte das sich noch oft
wiederholen würde und das nur für Block seine Neuheit nicht verlieren konnte
»Wie hat er sich heute verhalten« fragte der Advokat statt zu antworten Ehe
sich Leni darüber äußerte sah sie zu Block hinunter und beobachtete ein
Weilchen wie er die Hände ihr entgegenhob und bittend aneinander rieb
Schließlich nickte sie ernst wandte sich zum Advokaten und sagte »Er war ruhig
und fleißig« Ein alter Kaufmann ein Mann mit langem Bart flehte ein junges
Mädchen um ein günstiges Zeugnis an Mochte er dabei auch Hintergedanken haben
nichts konnte ihn in den Augen eines Mitmenschen rechtfertigen K begriff
nicht wie der Advokat daran hatte denken können durch diese Vorführung ihn zu
gewinnen Hätte er ihn nicht schon früher verjagt er hätte es durch diese Szene
erreicht Er entwürdigte fast den Zuseher So bewirkte also die Methode des
Advokaten welcher K glücklicherweise nicht lange genug ausgesetzt gewesen war
dass der Klient schließlich die ganze Welt vergaß und nur auf diesem Irrweg zum
Ende des Prozesses sich fortzuschleppen hoffte Das war kein Klient mehr das
war der Hund des Advokaten Hätte ihm dieser befohlen unter das Bett wie in
eine Hundehütte zu kriechen und von dort aus zu bellen er hätte es mit Lust
getan Als sei K beauftragt alles was hier gesprochen wurde genau in sich
aufzunehmen an einem höheren Ort die Anzeige davon zu erstatten und einen
Bericht abzulegen hörte er prüfend und überlegen zu »Was hat er während des
ganzen Tages getan« fragte der Advokat »Ich habe ihn« sagte Leni »damit er
mich bei der Arbeit nicht störe in dem Dienstmädchenzimmer eingesperrt wo er
sich ja gewöhnlich aufhält Durch die Lücke konnte ich von Zeit zu Zeit
nachsehen was er machte Er kniete immer auf dem Bett hatte die Schriften die
du ihm geliehen hast auf dem Fensterbrett aufgeschlagen und las in ihnen Das
hat einen guten Eindruck auf mich gemacht das Fenster führt nämlich nur in
einen Luftschacht und gibt fast kein Licht Dass Block trotzdem las zeigte mir
wie folgsam er ist« »Es freut mich das zu hören« sagte der Advokat »Hat er
aber auch mit Verständnis gelesen« Block bewegte während dieses Gesprächs
unaufhörlich die Lippen offenbar formulierte er die Antworten die er von Leni
erhoffte »Darauf kann ich natürlich« sagte Leni »nicht mit Bestimmtheit
antworten Jedenfalls habe ich gesehen dass er gründlich las Er hat den ganzen
Tag über die gleiche Seite gelesen und beim Lesen den Finger die Zeilen
entlanggeführt Immer wenn ich zu ihm hineinsah hat er geseufzt als mache ihm
das Lesen viel Mühe Die Schriften die du ihm geliehen hast sind
wahrscheinlich schwer verständlich« »Ja« sagte der Advokat »das sind sie
allerdings Ich glaube auch nicht dass er etwas von ihnen versteht Sie sollen
ihm nur eine Ahnung davon geben wie schwer der Kampf ist den ich zu seiner
Verteidigung führe Und für wen führe ich diesen schweren Kampf Für  es ist
fast lächerlich es auszusprechen  für Block Auch was das bedeutet soll er
begreifen lernen Hat er ununterbrochen studiert« »Fast ununterbrochen«
antwortete Leni »nur einmal hat er mich um Wasser zum Trinken gebeten Da habe
ich ihm ein Glas durch die Luke gereicht Um acht Uhr habe ich ihn dann
herausgelassen und ihm etwas zu essen gegeben« Block streifte K mit einem
Seitenblick als werde hier Rühmendes von ihm erzählt und müsse auch auf K
Eindruck machen Er schien jetzt gute Hoffnungen zu haben bewegte sich freier
und rückte auf den Knien hin und her Desto deutlicher war es wie er unter den
folgenden Worten des Advokaten erstarrte »Du lobst ihn« sagte der Advokat
»Aber gerade das macht es mir schwer zu reden Der Richter hatte sich nämlich
nicht günstig ausgesprochen weder über Block selbst noch über seinen Prozess«
»Nicht günstig« fragte Leni »Wie ist das möglich« Block sah sie mit einem so
gespannten Blick an als traue er ihr die Fähigkeit zu jetzt noch die längst
ausgesprochenen Worte des Richters zu seinen Gunsten zu wenden »Nicht günstig«
sagte der Advokat »Er war sogar unangenehm berührt als ich von Block zu
sprechen anfing Reden Sie nicht von Block sagte er Er ist mein Klient sagte
ich Sie lassen sich missbrauchen sagte er Ich halte seine Sache nicht für
verloren sagte ich Sie lassen sich missbrauchen wiederholte er Ich glaube es
nicht sagte ich Block ist im Prozess fleißig und immer hinter seiner Sache her
Er wohnt fast bei mir um immer auf dem laufenden zu sein Solchen Eifer findet
man nicht immer Gewiss er ist persönlich nicht angenehm hat hässliche
Umgangsformen und ist schmutzig aber in prozessualer Hinsicht ist er
untadelhaft Ich sagte untadelhaft ich übertrieb absichtlich Darauf sagte er
Block ist bloß schlau Er hat viel Erfahrung angesammelt und versteht es den
Prozess zu verschleppen Aber seine Unwissenheit ist noch viel größer als seine
Schlauheit Was würde er wohl dazu sagen wenn er erführe dass sein Prozess noch
gar nicht begonnen hat wenn man ihm sagte dass noch nicht einmal das
Glockenzeichen zum Beginn des Prozesses gegeben ist Ruhig Block« sagte der
Advokat denn Block begann sich gerade auf unsicheren Knien zu erheben und
wollte offenbar um Aufklärung bitten Es war jetzt das erstemal dass sich der
Advokat mit ausführlicheren Worten geradezu an Block wendete Mit müden Augen
sah er halb ziellos halb zu Block hinunter der unter diesem Blick wieder
langsam in die Knie zurücksank »Diese Äußerung des Richters hat für dich gar
keine Bedeutung« sagte der Advokat »Erschrick doch nicht bei jedem Wort Wenn
sich das wiederholt werde ich dir gar nichts mehr verraten Man kann keinen
Satz beginnen ohne dass du einen anschaust als ob jetzt dein Endurteil käme
Schäme dich hier vor meinem Klienten Auch erschütterst du das Vertrauen das er
in mich setzt Was willst du denn Noch lebst du noch stehst du unter meinem
Schutz Sinnlose Angst Du hast irgendwo gelesen dass das Endurteil in manchen
Fällen unversehens komme aus beliebigem Munde zu beliebiger Zeit Mit vielen
Vorbehalten ist das allerdings wahr ebenso wahr aber ist es dass mich deine
Angst anwidert und dass ich darin einen Mangel des notwendigen Vertrauens sehe
Was habe ich denn gesagt Ich habe die Äußerung eines Richters wiedergegeben Du
weißt die verschiedenen Ansichten häufen sich um das Verfahren bis zur
Undurchdringlichkeit Dieser Richter zum Beispiel nimmt den Anfang des
Verfahrens zu einem anderen Zeitpunkt an als ich Ein Meinungsunterschied
nichts weiter In einem gewissen Stadium des Prozesses wird nach altem Brauch
ein Glockenzeichen gegeben Nach der Ansicht dieses Richters beginnt damit der
Prozess Ich kann dir jetzt nicht alles sagen was dagegen spricht du würdest es
auch nicht verstehen es genüge dir dass viel dagegen spricht« Verlegen fuhr
Block unten mit den Fingern durch das Fell des Bettvorlegers die Angst wegen
des Ausspruchs des Richters ließ ihn zeitweise die eigene Untertänigkeit
gegenüber dem Advokaten vergessen er dachte dann nur an sich und drehte die
Worte des Richters nach allen Seiten »Block« sagte Leni in warnendem Ton und
zog ihn am Rockkragen ein wenig in die Höhe »Lass jetzt das Fell und höre dem
Advokaten zu«
                      Dieses Kapitel wurde nicht vollendet
 
                                Neuntes Kapitel
                                     Im Dom
K bekam den Auftrag einem italienischen Geschäftsfreund der Bank der für sie
sehr wichtig war und sich zum erstenmal in dieser Stadt aufhielt einige
Kunstdenkmäler zu zeigen Es war ein Auftrag den er zu anderer Zeit gewiss für
ehrend gehalten hätte den er aber jetzt da er nur mit großer Anstrengung sein
Ansehen in der Bank noch wahren konnte widerwillig übernahm Jede Stunde die
er dem Büro entzogen wurde machte ihm Kummer er konnte zwar die Bürozeit bei
weitem nicht mehr so ausnützen wie früher er brachte manche Stunden nur unter
dem notdürftigsten Anschein wirklicher Arbeit hin aber desto größer waren seine
Sorgen wenn er nicht im Büro war Er glaubte dann zu sehen wie der Direktor
Stellvertreter der ja immer auf der Lauer gewesen war von Zeit zu Zeit in sein
Büro kam sich an seinen Schreibtisch setzte seine Schriftstücke durchsuchte
Parteien mit denen K seit Jahren fast befreundet gewesen war empfing und ihm
abspenstig machte ja vielleicht sogar Fehler aufdeckte von denen sich K
während der Arbeit jetzt immer aus tausend Richtungen bedroht sah und die er
nicht mehr vermeiden konnte Wurde er daher einmal sei es in noch so
auszeichnender Weise zu einem Geschäftsweg oder gar zu einer kleinen Reise
beauftragt  solche Aufträge hatten sich in der letzten Zeit ganz zufällig
gehäuft  dann lag immerhin die Vermutung nahe dass man ihn für ein Weilchen
aus dem Büro entfernen und seine Arbeit überprüfen wolle oder wenigstens dass
man im Büro ihn für leicht entbehrlich halte Die meisten dieser Aufträge hätte
er ohne Schwierigkeit ablehnen können aber er wagte es nicht denn wenn seine
Befürchtung auch nur im geringsten begründet war bedeutete die Ablehnung des
Auftrags Geständnis seiner Angst Aus diesem Grunde nahm er solche Aufträge
scheinbar gleichmütig hin und verschwieg sogar als er eine anstrengende
zweitägige Geschäftsreise machen sollte eine ernstliche Verkühlung um sich nur
nicht der Gefahr auszusetzen mit Berufung auf das gerade herrschende
regnerische Herbstwetter von der Reise abgehalten zu werden Als er von dieser
Reise mit wütenden Kopfschmerzen zurückkehrte erfuhr er dass er dazu bestimmt
sei am nächsten Tag den italienischen Geschäftsfreund zu begleiten Die
Verlockung sich wenigstens dieses eine Mal zu weigern war sehr groß vor allem
war das was man ihm hier zugedacht hatte keine unmittelbar mit dem Geschäft
zusammenhängende Arbeit aber die Erfüllung dieser gesellschaftlichen Pflicht
gegenüber dem Geschäftsfreund war an sich zweifellos wichtig genug nur nicht
für K der wohl wusste dass er sich nur durch Arbeitserfolge erhalten könne und
dass es wenn ihm das nicht gelänge vollständig wertlos war wenn er diesen
Italiener unerwarteterweise sogar bezaubern sollte er wollte nicht einmal für
einen Tag aus dem Bereich der Arbeit geschoben werden denn die Furcht nicht
mehr zurückgelassen zu werden war zu groß eine Furcht die er sehr genau als
übertrieben erkannte die ihn aber doch beengte In diesem Fall allerdings war
es fast unmöglich einen annehmbaren Einwand zu erfinden Ks Kenntnis des
Italienischen war zwar nicht sehr groß aber immerhin genügend das
Entscheidende aber war dass K aus früherer Zeit einige kunstistorische
Kenntnisse besaß was in äußerst übertriebener Weise dadurch in der Bank
bekanntgeworden war dass K eine Zeitlang übrigens auch nur aus geschäftlichen
Gründen Mitglied des Vereins zur Erhaltung der städtischen Kunstdenkmäler
gewesen war Nun war aber der Italiener wie man gerüchteweise erfahren hatte
ein Kunstliebhaber und die Wahl Ks zu seinem Begleiter war daher
selbstverständlich
    Es war ein sehr regnerischer stürmischer Morgen als K voll Ärger über den
Tag der ihm bevorstand schon um sieben Uhr ins Büro kam um wenigstens einige
Arbeit noch fertigzubringen ehe der Besuch ihn allem entziehen würde Er war
sehr müde denn er hatte die halbe Nacht mit dem Studium einer italienischen
Grammatik verbracht um sich ein wenig vorzubereiten das Fenster an dem er in
der letzten Zeit viel zu oft zu sitzen pflegte lockte ihn mehr als der
Schreibtisch aber er widerstand und setzte sich zur Arbeit Leider trat gerade
der Diener ein und meldete der Herr Direktor habe ihn geschickt um
nachzusehen ob der Herr Prokurist schon hier sei sei er hier dann möge er so
freundlich sein und ins Empfangszimmer hinüberkommen der Herr aus Italien sei
schon da »Ich komme schon« sagte K steckte ein kleines Wörterbuch in die
Tasche nahm ein Album der städtischen Sehenswürdigkeiten das er für den
Fremden vorbereitet hatte unter den Arm und ging durch das Büro des
DirektorStellvertreters in das Direktionszimmer Er war glücklich darüber so
früh ins Büro gekommen zu sein und sofort zur Verfügung stehen zu können was
wohl niemand ernstlich erwartet hatte Das Büro des DirektorStellvertreters war
natürlich noch leer wie in tiefer Nacht wahrscheinlich hatte der Diener auch
ihn ins Empfangszimmer berufen sollen es war aber erfolglos gewesen Als K ins
Empfangszimmer eintrat erhoben sich die zwei Herren aus den tiefen Fauteuils
Der Direktor lächelte freundlich offenbar war er sehr erfreut über Ks Kommen
er besorgte sofort die Vorstellung der Italiener schüttelte K kräftig die Hand
und nannte lächelnd irgend jemanden einen Frühaufsteher K verstand nicht
genau wen er meinte es war überdies ein sonderbares Wort dessen Sinn K erst
nach einem Weilchen erriet Er antwortete mit einigen glatten Sätzen die der
Italiener wieder lachend hinnahm wobei er mehrmals mit nervöser Hand über
seinen graublauen buschigen Schnurrbart fuhr Dieser Bart war offenbar
parfümiert man war fast versucht sich zu nähern und zu riechen Als sich alle
gesetzt hatten und ein kleines einleitendes Gespräch begann bemerkte K mit
großem Unbehagen dass er den Italiener nur bruchstückweise verstand Wenn er
ganz ruhig sprach verstand er ihn fast vollständig das waren aber nur seltene
Ausnahmen meistens quoll ihm die Rede aus dem Mund er schüttelte den Kopf wie
vor Lust darüber Bei solchen Reden aber verwickelte er sich regelmäßig in
irgendeinen Dialekt der für K nichts Italienisches mehr hatte den aber der
Direktor nicht nur verstand sondern auch sprach was K allerdings hätte
voraussehen können denn der Italiener stammte aus Süditalien wo auch der
Direktor einige Jahre gewesen war Jedenfalls erkannte K dass ihm die
Möglichkeit sich mit dem Italiener zu verständigen zum größten Teil genommen
war denn auch dessen Französisch war nur schwerverständlich auch verdeckte der
Bart die Lippenbewegungen deren Anblick vielleicht zum Verständnis geholfen
hätte K begann viel Unannehmlichkeiten vorauszusehen vorläufig gab er es auf
den Italiener verstehen zu wollen  in der Gegenwart des Direktors der ihn so
leicht verstand wäre es unnötige Anstrengung gewesen  und er beschränkte sich
darauf ihn verdrießlich zu beobachten wie er tief und doch leicht in dem
Fauteuil ruhte wie er öfters an seinem kurzen scharf geschnittenen Röckchen
zupfte und wie er einmal mit erhobenen Armen und lose in den Gelenken bewegten
Händen irgend etwas darzustellen versuchte das K nicht begreifen konnte
obwohl er vorgebeugt die Hände nicht aus den Augen ließ Schließlich machte sich
bei K der sonst unbeschäftigt nur mechanisch mit den Blicken dem Hin und Her
der Reden folgte die frühere Müdigkeit geltend und er ertappte sich einmal zu
seinem Schrecken glücklicherweise noch rechtzeitig dabei dass er in der
Zerstreutheit gerade hatte aufstehen sich umdrehen und weggehen wollen Endlich
sah der Italiener auf die Uhr und sprang auf Nachdem er sich vom Direktor
verabschiedet hatte drängte er sich an K und zwar so dicht dass K seinen
Fauteuil zurückschieben musste um sich bewegen zu können Der Direktor der
gewiss an Ks Augen die Not erkannte in der er sich gegenüber diesem Italienisch
befand mischte sich in das Gespräch und zwar so klug und so zart dass es den
Anschein hatte als füge er nur kleine Ratschläge bei während er in
Wirklichkeit alles was der Italiener unermüdlich ihm in die Rede fallend
vorbrachte in aller Kürze K verständlich machte K erfuhr von ihm dass der
Italiener vorläufig noch einige Geschäfte zu besorgen habe dass er leider auch
im ganzen nur wenig Zeit haben werde dass er auch keinesfalls beabsichtige in
Eile alle Sehenswürdigkeiten abzulaufen dass er sich vielmehr  allerdings nur
wenn K zustimme bei ihm allein liege die Entscheidung  entschlossen habe nur
den Dom diesen aber gründlich zu besichtigen Er freue sich ungemein diese
Besichtigung in Begleitung eines so gelehrten und liebenswürdigen Mannes  damit
war K gemeint der mit nichts anderem beschäftigt war als den Italiener zu
überhören und die Worte des Direktors schnell aufzufassen  vornehmen zu können
und er bitte ihn wenn ihm die Stunde gelegen sei in zwei Stunden etwa um zehn
Uhr sich im Dom einzufinden Er selbst hoffe um diese Zeit schon bestimmt dort
sein zu können K antwortete einiges Entsprechende der Italiener drückte
zuerst dem Direktor dann K dann nochmals dem Direktor die Hand und ging von
beiden gefolgt nur noch halb ihnen zugewendet im Reden aber noch immer nicht
aussetzend zur Tür K blieb dann noch ein Weilchen mit dem Direktor beisammen
der heute besonders leidend aussah Er glaubte sich bei K irgendwie
entschuldigen zu müssen und sagte  sie standen vertraulich nahe beisammen 
zuerst hätte er beabsichtigt selbst mit dem Italiener zu gehen dann aber  er
gab keinen näheren Grund an  habe er sich entschlossen lieber K zu schicken
Wenn er den Italiener nicht gleich im Anfang verstehe so müsse er sich dadurch
nicht verblüffen lassen das Verständnis komme sehr rasch und wenn er auch viel
überhaupt nicht verstehen sollte so sei es auch nicht so schlimm denn für den
Italiener sei es nicht gar so wichtig verstanden zu werden Übrigens sei Ks
Italienisch überraschend gut und er werde sich gewiss ausgezeichnet mit der
Sache abfinden Damit war K verabschiedet Die Zeit die ihm noch freiblieb
verbrachte er damit seltene Vokabeln die er zur Führung im Dom benötigte aus
dem Wörterbuch herauszuschreiben Es war eine äußerst lästige Arbeit Diener
brachten die Post Beamte kamen mit verschiedenen Anfragen und blieben da sie
K beschäftigt sahen bei der Tür stehen rührten sich aber nicht weg bevor sie
K angehört hatte der DirektorStellvertreter ließ es sich nicht entgehen K
zu stören kam öfters herein nahm ihm das Wörterbuch aus der Hand und blätterte
offenbar ganz sinnlos darin selbst Parteien tauchten wenn sich die Tür
öffnete im Halbdunkel des Vorzimmers auf und verbeugten sich zögernd  sie
wollten auf sich aufmerksam machen waren aber dessen nicht sicher ob sie
gesehen wurden  das alles bewegte sich um K als um seinen Mittelpunkt
während er selbst die Wörter die er brauchte zusammenstellte dann im
Wörterbuch suchte dann herausschrieb dann ihre Aussprache übte und schließlich
auswendig zu lernen versuchte Sein früheres gutes Gedächtnis schien ihn aber
ganz verlassen zu haben manchmal wurde er auf den Italiener der ihm diese
Anstrengung verursachte so wütend dass er das Wörterbuch unter Papieren
vergrub mit der festen Absicht sich nicht mehr vorzubereiten dann aber sah er
ein dass er doch nicht stumm mit dem Italiener vor den Kunstwerken im Dom auf
und ab gehen könne und er zog mit noch größerer Wut das Wörterbuch wieder
hervor
    Gerade um halb zehn Uhr als er weggehen wollte erfolgte ein telephonischer
Anruf Leni wünschte ihm guten Morgen und fragte nach seinem Befinden K dankte
eilig und bemerkte er könne sich jetzt unmöglich in ein Gespräch einlassen
denn er müsse in den Dom »In den Dom« fragte Leni »Nun ja in den Dom«
»Warum denn in den Dom« sagte Leni K suchte es ihr in Kürze zu erklären aber
kaum hatte er damit angefangen sagte Leni plötzlich »Sie hetzen dich«
Bedauern das er nicht herausgefordert und nicht erwartet hatte vertrug K
nicht er verabschiedete sich mit zwei Worten sagte aber doch während er den
Hörer an seinen Platz hängte halb zu sich halb zu dem fernen Mädchen das es
nicht mehr hörte »Ja sie hetzen mich«
    Nun war es aber schon spät es bestand schon fast die Gefahr dass er nicht
rechtzeitig ankam Im Automobil fuhr er hin im letzten Augenblick hatte er sich
noch an das Album erinnert das er früh zu übergeben keine Gelegenheit gefunden
hatte und das er deshalb jetzt mitnahm Er hielt es auf seinen Knien und
trommelte darauf unruhig während der ganzen Fahrt Der Regen war schwächer
geworden aber es war feucht kühl und dunkel man würde im Dom wenig sehen
wohl aber würde sich dort infolge des langen Stehens auf den kalten Fliesen
Ks Verkühlung sehr verschlimmern Der Domplatz war ganz leer K erinnerte
sich dass es ihm schon als kleinem Kind aufgefallen war dass in den Häusern
dieses engen Platzes immer fast alle Fenstervorhänge herabgelassen waren Bei
dem heutigen Wetter war es allerdings verständlicher als sonst Auch im Dom
schien es leer zu sein es fiel natürlich niemandem ein jetzt hierherzukommen
K durchlief beide Seitenschiffe er traf nur ein altes Weib das eingehüllt in
ein warmes Tuch vor einem Marienbild kniete und es anblickte Von weitem sah er
dann noch einen hinkenden Diener in einer Mauertür verschwinden K war
pünktlich gekommen gerade bei seinem Eintritt hatte es zehn geschlagen der
Italiener war aber noch nicht hier K ging zum Haupteingang zurück stand dort
eine Zeitlang unentschlossen und machte dann im Regen einen Rundgang um den Dom
um nachzusehen ob der Italiener nicht vielleicht bei irgendeinem Seiteneingang
warte Er war nirgends zu finden Sollte der Direktor etwa die Zeitangabe
missverstanden haben Wie konnte man auch diesen Menschen richtig verstehen Wie
es aber auch sein mochte jedenfalls musste K zumindest eine halbe Stunde auf
ihn warten Da er müde war wollte er sich setzen er ging wieder in den Dom
fand auf einer Stufe einen kleinen teppichartigen Fetzen zog ihn mit der
Fussspitze vor eine nahe Bank wickelte sich fester in seinen Mantel schlug den
Kragen in die Höhe und setzte sich Um sich zu zerstreuen schlug er das Album
auf blätterte darin ein wenig musste aber bald aufhören denn es wurde so
dunkel dass er als er aufblickte in dem nahen Seitenschiff kaum eine
Einzelheit unterscheiden konnte
    In der Ferne funkelte auf dem Hauptaltar ein großes Dreieck von
Kerzenlichtern K hätte nicht mit Bestimmtheit sagen können ob er sie schon
früher gesehen hatte Vielleicht waren sie erst jetzt angezündet worden Die
Kirchendiener sind berufsmässige Schleicher man bemerkt sie nicht Als sich K
zufällig umdrehte sah er nicht weit hinter sich eine hohe starke an einer
Säule befestigte Kerze gleichfalls brennen So schön das war zur Beleuchtung
der Altarbilder die meistens in der Finsternis der Seitenaltäre hingen war das
gänzlich unzureichend es vermehrte vielmehr die Finsternis Es war vom
Italiener ebenso vernünftig als unhöflich gehandelt dass er nicht gekommen war
es wäre nichts zu sehen gewesen man hätte sich damit begnügen müssen mit Ks
elektrischer Taschenlampe einige Bilder zollweise abzusuchen Um zu versuchen
was man davon erwarten könnte ging K zu einer nahen Seitenkapelle stieg ein
paar Stufen bis zu einer niedrigen Marmorbrüstung und über sie vorgebeugt
beleuchtete er mit der Lampe das Altarbild Störend schwebte das ewige Licht
davor Das erste was K sah und zum Teil erriet war ein großer gepanzerter
Ritter der am äußersten Rande des Bildes dargestellt war Er stützte sich auf
sein Schwert das er in den kahlen Boden vor sich  nur einige Grashalme kamen
hie und da hervor  gestoßen hatte Er schien aufmerksam einen Vorgang zu
beobachten der sich vor ihm abspielte Es war erstaunlich dass er so
stehenblieb und sich nicht näherte Vielleicht war er dazu bestimmt Wache zu
stehen K der schon lange keine Bilder gesehen hatte betrachtete den Ritter
längere Zeit obwohl er immerfort mit den Augen zwinkern musste da er das grüne
Licht der Lampe nicht vertrug Als er dann das Licht über den übrigen Teil des
Bildes streichen ließ fand er eine Grablegung Christi in gewöhnlicher
Auffassung es war übrigens ein neueres Bild Er steckte die Lampe ein und
kehrte wieder zu seinem Platz zurück
    Es war nun schon wahrscheinlich unnötig auf den Italiener zu warten
draußen war aber gewiss strömender Regen und da es hier nicht so kalt war wie
K erwartet hatte beschloss er vorläufig hierzubleiben In seiner Nachbarschaft
war die große Kanzel auf ihrem kleinen runden Dach waren halb liegend zwei
leere goldene Kreuze angebracht die einander mit ihrer äußersten Spitze
überquerten Die Aussenwand der Brüstung und der Übergang zur tragenden Säule war
von grünem Laubwerk gebildet in das kleine Engel griffen bald lebhaft bald
ruhend K trat vor die Kanzel und untersuchte sie von allen Seiten die
Bearbeitung des Steines war überaus sorgfältig das tiefe Dunkel zwischen dem
Laubwerk und hinter ihm schien wie eingefangen und festgehalten K legte seine
Hand in eine solche Lücke und tastete dann den Stein vorsichtig ab von dem
Dasein dieser Kanzel hatte er bisher gar nicht gewusst Da bemerkte er zufällig
hinter der nächsten Bankreihe einen Kirchendiener der dort in einem hängenden
faltigen schwarzen Rock stand in der linken Hand eine Schnupftabaksdose hielt
und ihn betrachtete Was will denn der Mann dachte K Bin ich ihm verdächtig
Will er ein Trinkgeld Als sich aber nun der Kirchendiener von K bemerkt sah
zeigte er mit der Rechten zwischen zwei Fingern hielt er noch eine Prise Tabak
in irgendeiner unbestimmten Richtung Sein Benehmen war fast unverständlich K
wartete noch ein Weilchen aber der Kirchendiener hörte nicht auf mit der Hand
etwas zu zeigen und bekräftigte es noch durch Kopfnicken »Was will er denn«
fragte K leise er wagte es nicht hier zu rufen dann aber zog er die
Geldtasche und drängte sich durch die nächste Bank um zu dem Mann zu kommen
Doch dieser machte sofort eine abwehrende Bewegung mit der Hand zuckte die
Schultern und hinkte davon Mit einer ähnlichen Gangart wie es dieses eilige
Hinken war hatte K als Kind das Reiten auf Pferden nachzuahmen versucht »Ein
kindischer Alter« dachte K »sein Verstand reicht nur noch zum Kirchendienst
aus Wie er stehenbleibt wenn ich stehe und wie er lauert ob ich weitergehen
will« Lächelnd folgte K dem Alten durch das ganze Seitenschiff fast bis zur
Höhe des Hauptaltars der Alte hörte nicht auf etwas zu zeigen aber K drehte
sich absichtlich nicht um das Zeigen hatte keinen anderen Zweck als ihn von
der Spur des Alten abzubringen Schließlich ließ er wirklich von ihm er wollte
ihn nicht zu sehr ängstigen auch wollte er die Erscheinung für den Fall dass
der Italiener doch noch kommen sollte nicht ganz verscheuchen
    Als er in das Hauptschiff trat um seinen Platz zu suchen auf dem er das
Album liegengelassen hatte bemerkte er an einer Säule fast angrenzend an die
Bänke des Altarchors eine kleine Nebenkanzel ganz einfach aus kahlem
bleichem Stein Sie war so klein dass sie aus der Ferne wie eine noch leere
Nische erschien die für die Aufnahme einer Heiligenstatue bestimmt war Der
Prediger konnte gewiss keinen vollen Schritt von der Brüstung zurücktreten
Außerdem begann die steinerne Einwölbung der Kanzel ungewöhnlich tief und stieg
zwar ohne jeden Schmuck aber derartig geschweift in die Höhe dass ein
mittelgrosser Mann dort nicht aufrecht stehen konnte sondern sich dauernd über
die Brüstung vorbeugen musste Das Ganze war wie zur Qual des Predigers bestimmt
es war unverständlich wozu man diese Kanzel benötigte da man doch die andere
große und so kunstvoll geschmückte zur Verfügung hatte
    K wäre auch diese kleine Kanzel gewiss nicht aufgefallen wenn nicht oben
eine Lampe befestigt gewesen wäre wie man sie kurz vor einer Predigt
bereitzustellen pflegt Sollte jetzt etwa eine Predigt stattfinden In der
leeren Kirche K sah an der Treppe hinab die an die Säule sich anschmiegend
zur Kanzel führte und so schmal war als solle sie nicht für Menschen sondern
nur zum Schmuck der Säule dienen Aber unten an der Kanzel K lächelte vor
Staunen stand wirklich der Geistliche hielt die Hand am Geländer bereit
aufzusteigen und sah auf K hin Dann nickte er ganz leicht mit dem Kopf
worauf K sich bekreuzigte und verbeugte was er schon früher hätte tun sollen
Der Geistliche gab sich einen kleinen Aufschwung und stieg mit kurzen schnellen
Schritten die Kanzel hinauf Sollte wirklich eine Predigt beginnen War
vielleicht der Kirchendiener doch nicht so ganz vom Verstand verlassen und hatte
K dem Prediger zutreiben wollen was allerdings in der leeren Kirche äußerst
notwendig gewesen war Übrigens gab es ja noch irgendwo vor einem Marienbild ein
altes Weib das auch hätte kommen sollen Und wenn es schon eine Predigt sein
sollte warum wurde sie nicht von der Orgel eingeleitet Aber die blieb still
und blinkte nur schwach aus der Finsternis ihrer großen Höhe
    K dachte daran ob er sich jetzt nicht eiligst entfernen sollte wenn er es
jetzt nicht tat war keine Aussicht dass er es während der Predigt tun könnte
er musste dann bleiben solange sie dauerte im Büro verlor er soviel Zeit auf
den Italiener zu warten war er längst nicht mehr verpflichtet er sah auf seine
Uhr es war elf Aber konnte denn wirklich gepredigt werden Konnte K allein
die Gemeinde darstellen Wie wenn er ein Fremder gewesen wäre der nur dir
Kirche besichtigen wollte Im Grunde war er auch nichts anderes Es war unsinnig
daran zu denken dass gepredigt werden sollte jetzt um elf Uhr an einem
Werktag bei grässlichstem Wetter Der Geistliche  ein Geistlicher war es
zweifellos ein junger Mann mit glattem dunklem Gesicht  ging offenbar nur
hinauf um die Lampe zu löschen die irrtümlich angezündet worden war
    Es war aber nicht so der Geistliche prüfte vielmehr das Licht und schraubte
es noch ein wenig auf dann drehte er sich langsam der Brüstung zu die er vorn
an der kantigen Einfassung mit beiden Händen erfasste So stand er eine Zeitlang
und blickte ohne den Kopf zu rühren umher K war ein großes Stück
zurückgewichen und lehnte mit den Ellbogen an der vordersten Kirchenbank Mit
unsicheren Augen sah er irgendwo ohne den Ort genau zu bestimmen den
Kirchendiener mit krummem Rücken friedlich wie nach beendeter Aufgabe sich
zusammenkauern Was für eine Stille herrschte jetzt im Dom Aber K musste sie
stören er hatte nicht die Absicht hierzubleiben wenn es die Pflicht des
Geistlichen war zu einer bestimmten Stunde ohne Rücksicht auf die Umstände zu
predigen so mochte er es tun es würde auch ohne Ks Beistand gelingen ebenso
wie die Anwesenheit Ks die Wirkung gewiss nicht steigern würde Langsam setzte
sich also K in Gang tastete sich auf den Fußspitzen an der Bank hin kam dann
in den breiten Hauptweg und ging auch dort ganz ungestört nur dass der steinerne
Boden unter dem leisesten Schritt erklang und die Wölbungen schwach aber
ununterbrochen in vielfachem gesetzmässigem Fortschreiten davon widerhallten
K fühlte sich ein wenig verlassen als er dort vom Geistlichen vielleicht
beobachtet zwischen den leeren Bänken allein hindurchging auch schien ihm die
Größe des Doms gerade an der Grenze des für Menschen noch Erträglichen zu
liegen Als er zu seinem früheren Platz kam haschte er förmlich ohne weiteren
Aufenthalt nach dem dort liegengelassenen Album und nahm es an sich Fast hatte
er schon das Gebiet der Bänke verlassen und näherte sich dem freien Raum der
zwischen ihnen und dem Ausgang lag als er zum erstenmal die Stimme des
Geistlichen hörte Eine mächtige geübte Stimme Wie durchdrang sie den zu ihrer
Aufnahme bereiten Dom Es war aber nicht die Gemeinde die der Geistliche
anrief es war ganz eindeutig und es gab keine Ausflüchte er rief »Josef K«
    K stockte und sah vor sich auf den Boden Vorläufig war er noch frei er
konnte noch weitergehen und durch eine der drei kleinen dunklen Holztüren die
nicht weit vor ihm waren sich davonmachen Es würde eben bedeuten dass er nicht
verstanden hatte oder dass er zwar verstanden hatte sich aber darum nicht
kümmern wollte Falls er sich aber umdrehte war er festgehalten denn dann
hatte er das Geständnis gemacht dass er gut verstanden hatte dass er wirklich
der Angerufene war und dass er auch folgen wollte Hätte der Geistliche nochmals
gerufen wäre K gewiss fortgegangen aber da alles still blieb solange K auch
wartete drehte er doch ein wenig den Kopf denn er wollte sehen was der
Geistliche jetzt mache Er stand ruhig auf der Kanzel wie früher es war aber
deutlich zu sehen dass er Ks Kopfwendung bemerkt hatte Es wäre ein kindliches
Versteckenspiel gewesen wenn sich jetzt K nicht vollständig umgedreht hätte
Er tat es und wurde vom Geistlichen durch ein Winken des Fingers näher gerufen
Da jetzt alles offen geschehen konnte lief er  er tat es auch aus Neugierde
und um die Angelegenheit abzukürzen  mit langen fliegenden Schritten der
Kanzel entgegen Bei den ersten Bänken machte er halt aber dem Geistlichen
schien die Entfernung noch zu groß er streckte die Hand aus und zeigte mit dem
scharf gesenkten Zeigefinger auf eine Stelle knapp vor der Kanzel K folgte
auch darin er musste auf diesem Platz den Kopf schon weit zurückbeugen um den
Geistlichen noch zu sehen »Du bist Josef K« sagte der Geistliche und erhob
eine Hand auf der Brüstung in einer unbestimmten Bewegung »Ja« sagte K er
dachte daran wie offen er früher immer seinen Namen genannt hatte seit einiger
Zeit war er ihm eine Last auch kannten jetzt seinen Namen Leute mit denen er
zum erstenmal zusammenkam wie schön war es sich zuerst vorzustellen und dann
erst gekannt zu werden »Du bist angeklagt« sagte der Geistliche besonders
leise »Ja« sagte K »man hat mich davon verständigt« »Dann bist du der den
ich suche« sagte der Geistliche »Ich bin der Gefängniskaplan« »Ach so« sagte
K »Ich habe dich hierher rufen lassen« sagte der Geistliche »um mit dir zu
sprechen« »Ich wusste es nicht« sagte K »Ich bin hierhergekommen um einem
Italiener den Dom zu zeigen« »Lass das Nebensächliche« sagte der Geistliche
»Was hältst du in der Hand Ist es ein Gebetbuch« »Nein« antwortete K »es
ist ein Album der städtischen Sehenswürdigkeiten« »Leg es aus der Hand« sagte
der Geistliche K warf es so heftig weg dass es aufklappte und mit zerdrückten
Blättern ein Stück über den Boden schleifte »Weißt du dass dein Prozess schlecht
steht« fragte der Geistliche »Es scheint mir auch so« sagte K »Ich habe mir
alle Mühe gegeben bisher aber ohne Erfolg Allerdings habe ich die Eingabe noch
nicht fertig« »Wie stellst du dir das Ende vor« fragte der Geistliche »Früher
dachte ich es müsse gut enden« sagte K »jetzt zweifle ich daran manchmal
selbst Ich weiß nicht wie es enden wird Weißt du es« »Nein« sagte der
Geistliche »aber ich fürchte es wird schlecht enden Man hält dich für
schuldig Dein Prozess wird vielleicht über ein niedriges Gericht gar nicht
hinauskommen Man hält wenigstens vorläufig deine Schuld für erwiesen« »Ich bin
aber nicht schuldig« sagte K »es ist ein Irrtum Wie kann denn ein Mensch
überhaupt schuldig sein Wir sind hier doch alle Menschen einer wie der
andere« »Das ist richtig« sagte der Geistliche »aber so pflegen die
Schuldigen zu reden« »Hast auch du ein Vorurteil gegen mich« fragte K »Ich
habe kein Vorurteil gegen dich« sagte der Geistliche »Ich danke dir« sagte
K »alle anderen aber die an dem Verfahren beteiligt sind haben ein Vorurteil
gegen mich Sie flössen es auch den Unbeteiligten ein Meine Stellung wird immer
schwieriger« »Du missverstehst die Tatsachen« sagte der Geistliche »das Urteil
kommt nicht mit einemmal das Verfahren geht allmählich ins Urteil über« »So
ist es also« sagte K und senkte den Kopf »Was willst du nächstens in deiner
Sache tun« fragte der Geistliche »Ich will noch Hilfe suchen« sagte K und
hob den Kopf um zu sehen wie der Geistliche es beurteile »Es gibt noch
gewisse Möglichkeiten die ich nicht ausgenützt habe« »Du suchst zuviel fremde
Hilfe« sagte der Geistliche missbilligend »und besonders bei Frauen Merkst du
denn nicht dass es nicht die wahre Hilfe ist« »Manchmal und sogar oft könnte
ich dir recht geben« sagte K »aber nicht immer Die Frauen haben eine große
Macht Wenn ich einige Frauen die ich kenne dazu bewegen könnte
gemeinschaftlich für mich zu arbeiten müsste ich durchdringen Besonders bei
diesem Gericht das fast nur aus Frauenjägern besteht Zeig dem
Untersuchungsrichter eine Frau aus der Ferne und er überrennt um nur
rechtzeitig hinzukommen den Gerichtstisch und den Angeklagten« Der Geistliche
neigte den Kopf zur Brüstung jetzt erst schien die Überdachung der Kanzel ihn
niederzudrücken Was für ein Unwetter mochte draußen sein Das war kein trüber
Tag mehr das war schon tiefe Nacht Keine Glasmalerei der großen Fenster war
imstande die dunkle Wand auch nur mit einem Schimmer zu unterbrechen Und
gerade jetzt begann der Kirchendiener die Kerzen auf dem Hauptaltar eine nach
der anderen auszulöschen »Bist du mir böse« fragte K den Geistlichen »Du
weißt vielleicht nicht was für einem Gericht du dienst« Er bekam keine
Antwort »Es sind doch nur meine Erfahrungen« sagte K Oben blieb es noch immer
still »Ich wollte dich nicht beleidigen« sagte K Da schrie der Geistliche zu
K hinunter »Siehst du denn nicht zwei Schritte weit« Es war im Zorn
geschrien aber gleichzeitig wie von einem der jemanden fallen sieht und weil
er selbst erschrocken ist unvorsichtig ohne Willen schreit
    Nun schwiegen beide lange Gewiss konnte der Geistliche in dem Dunkel das
unten herrschte K nicht genau erkennen während K den Geistlichen im Licht
der kleinen Lampe deutlich sah Warum kam der Geistliche nicht herunter Eine
Predigt hatte er ja nicht gehalten sondern K nur einige Mitteilungen gemacht
die ihm wenn er sie genau beachtete wahrscheinlich mehr schaden als nützen
würden Wohl aber schien K die gute Absicht des Geistlichen zweifellos zu sein
es war nicht unmöglich dass er sich mit ihm wenn er herunterkäme einigen
würde es war nicht unmöglich dass er von ihm einen entscheidenden und
annehmbaren Rat bekäme der ihm zum Beispiel zeigen würde nicht etwa wie der
Prozess zu beeinflussen war sondern wie man aus dem Prozess ausbrechen wie man
ihn umgehen wie man außerhalb des Prozesses leben könnte Diese Möglichkeit
musste bestehen K hatte in der letzten Zeit öfters an sie gedacht Wusste aber
der Geistliche eine solche Möglichkeit würde er sie vielleicht wenn man ihn
darum bat verraten obwohl er selbst zum Gerichte gehörte und obwohl er als K
das Gericht angegriffen hatte sein sanftes Wesen unterdrückt und K sogar
angeschrien hatte
    »Willst du nicht herunterkommen« sagte K »Es ist doch keine Predigt zu
halten Komm zu mir herunter« »Jetzt kann ich schon kommen« sagte der
Geistliche er bereute vielleicht sein Schreien Während er die Lampe von ihrem
Haken löste sagte er »Ich musste zuerst aus der Entfernung mit dir sprechen
Ich lasse mich sonst zu leicht beeinflussen und vergesse meinen Dienst«
    K erwartete ihn unten an der Treppe Der Geistliche streckte ihm schon von
einer oberen Stufe im Hinuntergehen die Hand entgegen »Hast du ein wenig Zeit
für mich« fragte K »Soviel Zeit als du brauchst« sagte der Geistliche und
reichte K die kleine Lampe damit er sie trage Auch in der Nähe verlor sich
eine gewisse Feierlichkeit aus seinem Wesen nicht »Du bist sehr freundlich zu
mir« sagte K sie gingen nebeneinander im dunklen Seitenschiff auf und ab »Du
bist eine Ausnahme unter allen die zum Gericht gehören Ich habe mehr Vertrauen
zu dir als zu irgend jemandem von ihnen so viele ich schon kenne Mit dir kann
ich offen reden« »Täusche dich nicht« sagte der Geistliche »Worin sollte ich
mich denn täuschen« fragte K »In dem Gericht täuschst du dich« sagte der
Geistliche »in den einleitenden Schriften zum Gesetz heißt es von dieser
Täuschung Vor dem Gesetz steht ein Türhüter Zu diesem Türhüter kommt ein Mann
vom Lande und bittet um Eintritt in das Gesetz Aber der Türhüter sagt dass er
ihm jetzt den Eintritt nicht gewähren könne Der Mann überlegt und fragt dann
ob er also später werde eintreten dürfen Es ist möglich sagt der Türhüter
jetzt aber nicht Da das Tor zum Gesetz offensteht wie immer und der Türhüter
beiseite tritt bückt sich der Mann um durch das Tor in das Innere zu sehen
Als der Türhüter das merkt lacht er und sagt Wenn es dich so lockt versuche
es doch trotz meinem Verbot hineinzugehen Merke aber Ich bin mächtig Und ich
bin nur der unterste Türhüter Von Saal zu Saal stehen aber Türhüter einer
mächtiger als der andere Schon den Anblick des dritten kann nicht einmal ich
mehr vertragen Solche Schwierigkeiten hat der Mann vom Lande nicht erwartet
das Gesetz soll doch jedem und immer zugänglich sein denkt er aber als er
jetzt den Türhüter in seinem Pelzmantel genauer ansieht seine große Spitznase
den langen dünnen schwarzen tartarischen Bart entschließt er sich doch
lieber zu warten bis er die Erlaubnis zum Eintritt bekommt Der Türhüter gibt
ihm einen Schemel und lässt ihn seitwärts von der Tür sich niedersetzen Dort
sitzt er Tage und Jahre Er macht viele Versuche eingelassen zu werden und
ermüdet den Türhüter durch seine Bitten Der Türhüter stellt öfters kleine
Verhöre mit ihm an fragt ihn nach seiner Heimat aus und nach vielem anderen es
sind aber teilnahmslose Fragen wie sie große Herren stellen und zum Schluße
sagt er ihm immer wieder dass er ihn noch nicht einlassen könne Der Mann der
sich für seine Reise mit vielem ausgerüstet hat verwendet alles und sei es
noch so wertvoll um den Türhüter zu bestechen Dieser nimmt zwar alles an aber
sagt dabei Ich nehme es nur an damit du nicht glaubst etwas versäumt zu
haben Während der vielen Jahre beobachtet der Mann den Türhüter fast
ununterbrochen Er vergisst die anderen Türhüter und dieser erste scheint ihm
das einzige Hindernis für den Eintritt in das Gesetz Er verflucht den
unglücklichen Zufall in den ersten Jahren laut später als er alt wird brummt
er nur noch vor sich hin Er wird kindisch und da er in dem jahrelangen Studium
des Türhüters auch die Flöhe in seinem Pelzkragen erkannt hat bittet er auch
die Flöhe ihm zu helfen und den Türhüter umzustimmen Schließlich wird sein
Augenlicht schwach und er weiß nicht ob es um ihn wirklich dunkler wird oder
ob ihn nur die Augen täuschen Wohl aber erkennt er jetzt im Dunkel einen Glanz
der unverlöschlich aus der Türe des Gesetzes bricht Nun lebt er nicht mehr
lange Vor seinem Tode sammeln sich in seinem Kopfe alle Erfahrungen der ganzen
Zeit zu einer Frage die er bisher an den Türhüter noch nicht gestellt hat Er
winkt ihm zu da er seinen erstarrenden Körper nicht mehr aufrichten kann Der
Türhüter muss sich tief zu ihm hinunterneigen denn die Grössenunterschiede haben
sich sehr zuungunsten des Mannes verändert Was willst du denn jetzt noch
wissen fragt der Türhüter du bist unersättlich Alle streben doch nach dem
Gesetz sagt der Mann wie kommt es dass in den vielen Jahren niemand außer mir
Einlass verlangt hat Der Türhüter erkennt dass der Mann schon am Ende ist und
um sein vergehendes Gehör noch zu erreichen brüllt er ihn an Hier konnte
niemand sonst Einlass erhalten denn dieser Eingang war nur für dich bestimmt
Ich gehe jetzt und schließe ihn«
    »Der Türhüter hat also den Mann getäuscht« sagte K sofort von der
Geschichte sehr stark angezogen »Sei nicht übereilt« sagte der Geistliche
»übernimm nicht die fremde Meinung ungeprüft Ich habe dir die Geschichte im
Wortlaut der Schrift erzählt Von Täuschung steht darin nichts« »Es ist aber
klar« sagte K »und deine erste Deutung war ganz richtig Der Türhüter hat die
erlösende Mitteilung erst dann gemacht als sie dem Manne nicht mehr helfen
konnte« »Er wurde nicht früher gefragt« sagte der Geistliche »bedenke auch
dass er nur Türhüter war und als solcher hat er seine Pflicht erfüllt« »Warum
glaubst du dass er seine Pflicht erfüllt hat« fragte K »er hat sie nicht
erfüllt Seine Pflicht war es vielleicht alle Fremden abzuwehren diesen Mann
aber für den der Eingang bestimmt war hätte er einlassen müssen« »Du hast
nicht genug Achtung vor der Schrift und veränderst die Geschichte« sagte der
Geistliche »Die Geschichte enthält über den Einlass ins Gesetz zwei wichtige
Erklärungen des Türhüters eine am Anfang eine am Ende Die eine Stelle lautet
dass er ihm jetzt den Eintritt nicht gewähren könne und die andere dieser
Eingang war nur für dich bestimmt Bestände zwischen diesen beiden Erklärungen
ein Widerspruch dann hättest du recht und der Türhüter hätte den Mann
getäuscht Nun besteht aber kein Widerspruch Im Gegenteil die erste Erklärung
deutet sogar auf die zweite hin Man könnte fast sagen der Türhüter ging über
seine Pflicht hinaus indem er dem Mann eine zukünftige Möglichkeit des
Einlasses in Aussicht stellte Zu jener Zeit scheint es nur seine Pflicht
gewesen zu sein den Mann abzuweisen und tatsächlich wundern sich viele
Erklärer der Schrift darüber dass der Türhüter jene Andeutung überhaupt gemacht
hat denn er scheint die Genauigkeit zu lieben und wacht streng über sein Amt
Durch viele Jahre verlässt er seinen Posten nicht und schließt das Tor erst ganz
zuletzt er ist sich der Wichtigkeit seines Dienstes sehr bewusst denn er sagt
Ich bin mächtig er hat Ehrfurcht vor den Vorgesetzten denn er sagt Ich bin
nur der unterste Türhüter er ist nicht geschwätzig denn während der vielen
Jahre stellt er nur wie es heißt teilnahmslose Fragen er ist nicht
bestechlich denn er sagt über ein Geschenk Ich nehme es nur an damit du nicht
glaubst etwas versäumt zu haben er ist wo es um Pflichterfüllung geht weder
zu rühren noch zu erbittern denn es heißt von dem Mann er ermüdet den Türhüter
durch sein Bitten schließlich deutet auch sein Äußeres auf einen pedantischen
Charakter hin die große Spitznase und der lange dünne schwarze tartarische
Bart Kann es einen pflichttreueren Türhüter geben Nun mischen sich aber in den
Türhüter noch andere Wesenszüge ein die für den der Einlass verlangt sehr
günstig sind und welche es immerhin begreiflich machen dass er in jener
Andeutung einer zukünftigen Möglichkeit über seine Pflicht etwas hinausgehen
konnte Es ist nämlich nicht zu leugnen dass er ein wenig einfältig und im
Zusammenhang damit ein wenig eingebildet ist Wenn auch seine Äußerungen über
seine Macht und über die Macht der anderen Türhüter und über deren sogar für ihn
unerträglichen Anblick  ich sage wenn auch alle diese Äußerungen an sich
richtig sein mögen so zeigt doch die Art wie er diese Äußerungen vorbringt
dass seine Auffassung durch Einfalt und Überhebung getrübt ist Die Erklärer
sagen hiezu Richtiges Auffassen einer Sache und Missverstehen der gleichen Sache
schließen einander nicht vollständig aus Jedenfalls aber muss man annehmen dass
jene Einfalt und Überhebung so geringfügig sie sich vielleicht auch äußern
doch die Bewachung des Eingangs schwächen es sind Lücken im Charakter des
Türhüters Hiezu kommt noch dass der Türhüter seiner Naturanlage nach freundlich
zu sein scheint er ist durchaus nicht immer Amtsperson Gleich in den ersten
Augenblicken macht er den Spaß dass er den Mann trotz dem ausdrücklich
aufrechterhaltenen Verbot zum Eintritt einlädt dann schickt er ihn nicht etwa
fort sondern gibt ihm wie es heißt einen Schemel und lässt ihn seitwärts von
der Tür sich niedersetzen Die Geduld mit der er durch alle die Jahre die
Bitten des Mannes erträgt die kleinen Verhöre die Annahme der Geschenke die
Vornehmheit mit der er es zulässt dass der Mann neben ihm laut den unglücklichen
Zufall verflucht der den Türhüter hier aufgestellt hat  alles dieses lässt auf
Regungen des Mitleids schließen Nicht jeder Türhüter hätte so gehandelt Und
schließlich beugt er sich noch auf einen Wink hin tief zu dem Mann hinab um ihm
Gelegenheit zur letzten Frage zu geben Nur eine schwache Ungeduld  der
Türhüter weiß ja dass alles zu Ende ist  spricht sich in den Worten aus Du
bist unersättlich Manche gehen sogar in dieser Art der Erklärung noch weiter
und meinen die Worte Du bist unersättlich drücken eine Art freundschaftlicher
Bewunderung aus die allerdings von Herablassung nicht frei ist Jedenfalls
schließt sich so die Gestalt des Türhüters anders ab als du es glaubst« »Du
kennst die Geschichte genauer als ich und längere Zeit« sagte K Sie schwiegen
ein Weilchen Dann sagte K »Du glaubst also der Mann wurde nicht getäuscht«
»Missverstehe mich nicht« sagte der Geistliche »ich zeige dir nur die
Meinungen die darüber bestehen Du musst nicht zuviel auf Meinungen achten Die
Schrift ist unveränderlich und die Meinungen sind oft nur ein Ausdruck der
Verzweiflung darüber In diesem Falle gibt es sogar eine Meinung nach welcher
gerade der Türhüter der Getäuschte ist« »Das ist eine weitgehende Meinung«
sagte K »Wie wird sie begründet« »Die Begründung« antwortete der Geistliche
»geht von der Einfalt des Türhüters aus Man sagt dass er das Innere des
Gesetzes nicht kennt sondern nur den Weg den er vor dem Eingang immer wieder
abgehen muss Die Vorstellungen die er von dem Innern hat werden für kindlich
gehalten und man nimmt an dass er das wovor er dem Manne Furcht machen will
selbst fürchtet Ja er fürchtet es mehr als der Mann denn dieser will ja
nichts anderes als eintreten selbst als er von den schrecklichen Türhütern des
Innern gehört hat der Türhüter dagegen will nicht eintreten wenigstens erfährt
man nichts darüber Andere sagen zwar dass er bereits im Innern gewesen sein
muss denn er ist doch einmal in den Dienst des Gesetzes aufgenommen worden und
das könne nur im Innern geschehen sein Darauf ist zu antworten dass er wohl
auch durch einen Ruf aus dem Innern zum Türhüter bestellt worden sein könnte und
dass er zumindest tief im Innern nicht gewesen sein dürfte da er doch schon den
Anblick des dritten Türhüters nicht mehr ertragen kann Außerdem aber wird auch
nicht berichtet dass er während der vielen Jahre außer der Bemerkung über die
Türhüter irgend etwas von dem Innern erzählt hätte Es könnte ihm verboten sein
aber auch vom Verbot hat er nichts erzählt Aus alledem schließt man dass er
über das Aussehen und die Bedeutung des Innern nichts weiß und sich darüber in
Täuschung befindet Aber auch über den Mann vom Lande soll er sich in Täuschung
befinden denn er ist diesem Mann untergeordnet und weiß es nicht Dass er den
Mann als einen Untergeordneten behandelt erkennt man aus vielem das dir noch
erinnerlich sein dürfte Dass er ihm aber tatsächlich untergeordnet ist soll
nach dieser Meinung ebenso deutlich hervorgehen Vor allem ist der Freie dem
Gebundenen übergeordnet Nun ist der Mann tatsächlich frei er kann hingehen
wohin er will nur der Eingang in das Gesetz ist ihm verboten und überdies nur
von einem einzelnen vom Türhüter Wenn er sich auf den Schemel seitwärts vom
Tor niedersetzt und dort sein Leben lang bleibt so geschieht dies freiwillig
die Geschichte erzählt von keinem Zwang Der Türhüter dagegen ist durch sein Amt
an seinen Posten gebunden er darf sich nicht auswärts entfernen allem Anschein
nach aber auch nicht in das Innere gehen selbst wenn er es wollte Außerdem ist
er zwar im Dienst des Gesetzes dient aber nur für diesen Eingang also auch nur
für diesen Mann für den dieser Eingang allein bestimmt ist Auch aus diesem
Grunde ist er ihm untergeordnet Es ist anzunehmen dass er durch viele Jahre
durch ein ganzes Mannesalter gewissermaßen nur leeren Dienst geleistet hat denn
es wird gesagt dass ein Mann kommt also jemand im Mannesalter dass also der
Türhüter lange warten musste ehe sich sein Zweck erfüllte und zwar so lange
warten musste als es dem Mann beliebte der doch freiwillig kam Aber auch das
Ende des Dienstes wird durch das Lebensende des Mannes bestimmt bis zum Ende
also bleibt er ihm untergeordnet Und immer wieder wird betont dass von alledem
der Türhüter nichts zu wissen scheint Daran wird aber nichts Auffälliges
gesehen denn nach dieser Meinung befindet sich der Türhüter noch in einer viel
schwereren Täuschung sie betrifft seinen Dienst Zuletzt spricht er nämlich vom
Eingang und sagt Ich gehe jetzt und schließe ihn aber am Anfang heißt es dass
das Tor zum Gesetz offensteht wie immer steht es aber immer offen immer das
heißt unabhängig von der Lebensdauer des Mannes für den es bestimmt ist dann
wird es auch der Türhüter nicht schließen können Darüber gehen die Meinungen
auseinander ob der Türhüter mit der Ankündigung dass er das Tor schließen wird
nur eine Antwort geben oder seine Dienstpflicht betonen oder den Mann noch im
letzten Augenblick in Reue und Trauer setzen will Darin aber sind viele einig
dass er das Tor nicht wird schließen können Sie glauben sogar dass er
wenigstens am Ende auch in seinem Wissen dem Manne untergeordnet ist denn
dieser sieht den Glanz der aus dem Eingang des Gesetzes bricht während der
Türhüter als solcher wohl mit dem Rücken zum Eingang steht und auch durch keine
Äußerung zeigt dass er eine Veränderung bemerkt hätte« »Das ist gut begründet«
sagte K der einzelne Stellen aus der Erklärung des Geistlichen halblaut für
sich wiederholt hatte »Es ist gut begründet und ich glaube nun auch dass der
Türhüter getäuscht ist Dadurch bin ich aber von meiner früheren Meinung nicht
abgekommen denn beide decken sich teilweise Es ist unentscheidend ob der
Türhüter klar sieht oder getäuscht wird Ich sagte der Mann wird getäuscht
Wenn der Türhüter klar sieht könnte man daran zweifeln wenn der Türhüter aber
getäuscht ist dann muss sich seine Täuschung notwendig auf den Mann übertragen
Der Türhüter ist dann zwar kein Betrüger aber so einfältig dass er sofort aus
dem Dienst gejagt werden müsste Du musst doch bedenken dass die Täuschung in der
sich der Türhüter befindet ihm nichts schadet dem Mann aber tausendfach«
»Hier stößt du auf eine Gegenmeinung« sagte der Geistliche »Manche sagen
nämlich dass die Geschichte niemandem ein Recht gibt über den Türhüter zu
urteilen Wie er uns auch erscheinen mag ist er doch ein Diener des Gesetzes
also zum Gesetz gehörig also dem menschlichen Urteil entrückt Man darf dann
auch nicht glauben dass der Türhüter dem Manne untergeordnet ist Durch seinen
Dienst auch nur an den Eingang des Gesetzes gebunden zu sein ist
unvergleichlich mehr als frei in der Welt zu leben Der Mann kommt erst zum
Gesetz der Türhüter ist schon dort Er ist vom Gesetz zum Dienst bestellt an
seiner Würdigkeit zu zweifeln hieße am Gesetz zweifeln« »Mit dieser Meinung
stimme ich nicht überein« sagte K kopfschüttelnd »denn wenn man sich ihr
anschliesst muss man alles was der Türhüter sagt für wahr halten Dass das aber
nicht möglich ist hast du ja selbst ausführlich begründet« »Nein« sagte der
Geistliche »man muss nicht alles für wahr halten man muss es nur für notwendig
halten« »Trübselige Meinung« sagte K »Die Lüge wird zur Weltordnung gemacht«
    K sagte das abschliessend aber sein Endurteil war es nicht Er war zu müde
um alle Folgerungen der Geschichte übersehen zu können es waren auch ungewohnte
Gedankengänge in die sie ihn führte unwirkliche Dinge besser geeignet zur
Besprechung für die Gesellschaft der Gerichtsbeamten als für ihn Die einfache
Geschichte war unförmlich geworden er wollte sie von sich abschütteln und der
Geistliche der jetzt ein großes Zartgefühl bewies duldete es und nahm Ks
Bemerkung schweigend auf obwohl sie mit seiner eigenen Meinung gewiss nicht
übereinstimmte
    Sie gingen eine Zeitlang schweigend weiter K hielt sich eng neben dem
Geistlichen ohne zu wissen wo er sich befand Die Lampe in seiner Hand war
längst erloschen Einmal blinkte gerade vor ihm das silberne Standbild eines
Heiligen nur mit dem Schein des Silbers und spielte gleich wieder ins Dunkel
über Um nicht vollständig auf den Geistlichen angewiesen zu bleiben fragte ihn
K »Sind wir jetzt nicht in der Nähe des Haupteinganges« »Nein« sagte der
Geistliche »wir sind weit von ihm entfernt Willst du schon fortgehen« Obwohl
K gerade jetzt nicht daran gedacht hatte sagte er sofort »Gewiss ich muss
fortgehen Ich bin Prokurist einer Bank man wartet auf mich ich bin nur
hergekommen um einem ausländischen Geschäftsfreund den Dom zu zeigen« »Nun«
sagte der Geistliche und reichte K die Hand »dann geh« »Ich kann mich aber
im Dunkel allein nicht zurechtfinden« sagte K »Geh links zur Wand« sagte der
Geistliche »dann weiter die Wand entlang ohne sie zu verlassen und du wirst
einen Ausgang finden« Der Geistliche hatte sich erst ein paar Schritte
entfernt aber K rief schon sehr laut »Bitte warte noch« »Ich warte« sagte
der Geistliche »Willst du nicht noch etwas von mir« fragte K »Nein« sagte
der Geistliche »Du warst früher so freundlich zu mir« sagte K »und hast mir
alles erklärt jetzt aber entlässt du mich als läge dir nichts an mir« »Du musst
doch fortgehen« sagte der Geistliche »Nun ja« sagte K »sieh das doch ein«
»Sieh du zuerst ein wer ich bin« sagte der Geistliche »Du bist der
Gefängniskaplan« sagte K und ging näher zum Geistlichen hin seine sofortige
Rückkehr in die Bank war nicht so notwendig wie er sie dargestellt hatte er
konnte recht gut noch hierbleiben »Ich gehöre also zum Gericht« sagte der
Geistliche »Warum sollte ich also etwas von dir wollen Das Gericht will nichts
von dir Es nimmt dich auf wenn du kommst und es entlässt dich wenn du gehst«
 
                                Zehntes Kapitel
                                      Ende
Am Vorabend seines einunddreissigsten Geburtstages  es war gegen neun Uhr
abends die Zeit der Stille auf den Straßen  kamen zwei Herren in Ks Wohnung
In Gehröcken bleich und fett mit scheinbar unverrückbaren Zylinderhüten Nach
einer kleinen Förmlichkeit bei der Wohnungstür wegen des ersten Eintretens
wiederholte sich die gleiche Förmlichkeit in größerem Umfange vor Ks Tür Ohne
dass ihm der Besuch angekündigt gewesen wäre saß K gleichfalls schwarz
angezogen in einem Sessel in der Nähe der Türe und zog langsam neue scharf
sich über die Finger spannende Handschuhe an in der Haltung wie man Gäste
erwartet Er stand gleich auf und sah die Herren neugierig an »Sie sind also
für mich bestimmt« fragte er Die Herren nickten einer zeigte mit dem
Zylinderhut in der Hand auf den anderen K gestand sich ein dass er einen
anderen Besuch erwartet hatte Er ging zum Fenster und sah noch einmal auf die
dunkle Straße Auch fast alle Fenster auf der anderen Strassenseite waren schon
dunkel in vielen die Vorhänge herabgelassen In einem beleuchteten Fenster des
Stockwerkes spielten kleine Kinder hinter einem Gitter miteinander und tasteten
noch unfähig sich von ihren Plätzen fortzubewegen mit den Händchen
nacheinander »Alte untergeordnete Schauspieler schickt man um mich« sagte
sich K und sah sich um um sich nochmals davon zu überzeugen »Man sucht auf
billige Weise mit mir fertig zu werden« K wendete sich plötzlich ihnen zu und
fragte »An welchem Theater spielen Sie« »Theater« fragte der eine Herr mit
zuckenden Mundwinkeln den anderen um Rat Der andere gebärdete sich wie ein
Stummer der mit dem widerspenstigsten Organismus kämpft »Sie sind nicht darauf
vorbereitet gefragt zu werden« sagte sich K und ging seinen Hut holen
    Schon auf der Treppe wollten sich die Herren in K einhängen aber K sagte
»Erst auf der Gasse ich bin nicht krank« Gleich aber vor dem Tor hängten sie
sich in ihn in einer Weise ein wie K noch niemals mit einem Menschen gegangen
war Sie hielten die Schultern eng hinter den seinen knickten die Arme nicht
ein sondern benützten sie um Ks Arme in ihrer ganzen Länge zu umschlingen
unten erfassten sie Ks Hände mit einem schulmässigen eingeübten
unwiderstehlichen Griff K ging straff gestreckt zwischen ihnen sie bildeten
jetzt alle drei eine solche Einheit dass wenn man einen von ihnen zerschlagen
hätte alle zerschlagen gewesen wären Es war eine Einheit wie sie fast nur
Lebloses bilden kann
    Unter den Laternen versuchte K öfters so schwer es bei diesem engen
Aneinander ausgeführt werden konnte seine Begleiter deutlicher zu sehen als es
in der Dämmerung seines Zimmers möglich gewesen war »Vielleicht sind es
Tenöre« dachte er im Anblick ihres schweren Doppelkinns Er ekelte sich vor der
Reinlichkeit ihrer Gesichter Man sah förmlich noch die säubernde Hand die in
ihre Augenwinkel gefahren die ihre Oberlippe gerieben die die Falten am Kinn
ausgekratzt hatte
    Als K das bemerkte blieb er stehen infolgedessen blieben auch die andern
stehen sie waren am Rand eines freien menschenleeren mit Anlagen geschmückten
Platzes »Warum hat man gerade Sie geschickt« rief er mehr als er fragte Die
Herren wussten scheinbar keine Antwort sie warteten mit dem hängenden freien
Arm wie Krankenwärter wenn der Kranke sich ausruhen will »Ich gehe nicht
weiter« sagte K versuchsweise Darauf brauchten die Herren nicht zu antworten
es genügte dass sie den Griff nicht lockerten und K von der Stelle wegzuheben
versuchten aber K widerstand »Ich werde nicht mehr viel Kraft brauchen ich
werde jetzt alle anwenden« dachte er Ihm fielen die Fliegen ein die mit
zerreissenden Beinchen von der Leimrute wegstreben »Die Herren werden schwere
Arbeit haben«
    Da stieg vor ihnen aus einer tiefer gelegenen Gasse auf einer kleinen Treppe
Fräulein Bürstner zum Platz empor Es war nicht ganz sicher ob sie es war die
Ähnlichkeit war freilich groß Aber K lag auch nichts daran ob es bestimmt
Fräulein Bürstner war bloß die Wertlosigkeit seines Widerstandes kam ihm gleich
zum Bewusstsein Es war nichts Heldenhaftes wenn er widerstand wenn er jetzt
den Herren Schwierigkeiten bereitete wenn er jetzt in der Abwehr noch den
letzten Schein des Lebens zu genießen versuchte Er setzte sich in Gang und von
der Freude die er dadurch den Herren machte ging noch etwas auf ihm selbst
über Sie duldeten es jetzt dass er die Wegrichtung bestimmte und er bestimmte
sie nach dem Weg den das Fräulein vor ihnen nahm nicht etwa weil er sie
einholen nicht etwa weil er sie möglichst lange sehen wollte sondern nur
deshalb um die Mahnung die sie für ihn bedeutete nicht zu vergessen »Das
einzige was ich jetzt tun kann« sagte er sich und das Gleichmass seiner
Schritte und der Schritte der beiden anderen bestätigte seine Gedanken »das
einzige was ich jetzt tun kann ist bis zum Ende den ruhig einteilenden
Verstand behalten Ich wollte immer mit zwanzig Händen in die Welt hineinfahren
und überdies zu einem nicht zu billigenden Zweck Das war unrichtig Soll ich
nun zeigen dass nicht einmal der einjährige Prozess mich belehren konnte Soll
ich als ein begriffsstutziger Mensch abgehen Soll man mir nachsagen dürfen dass
ich am Anfang des Prozesses ihn beenden wollte und jetzt an seinem Ende ihn
wieder beginnen will Ich will nicht dass man das sagt Ich bin dafür dankbar
dass man mir auf diesem Weg diese halbstummen verständnislosen Herren mitgegeben
hat und dass man es mir überlassen hat mir selbst das Notwendige zu sagen«
    Das Fräulein war inzwischen in eine Seitengasse eingebogen aber K konnte
sie schon entbehren und überließ sich seinen Begleitern Alle drei zogen nun in
vollem Einverständnis über eine Brücke im Mondschein jeder kleinen Bewegung
die K machte gaben die Herren jetzt bereitwillig nach als er ein wenig zum
Geländer sich wendete drehten auch sie sich in ganzer Front dorthin Das im
Mondlicht glänzende und zitternde Wasser teilte sich um eine kleine Insel auf
der wie zusammengedrängt Laubmassen von Bäumen und Sträuchern sich aufhäuften
Unter ihnen jetzt unsichtbar führten Kieswege mit bequemen Bänken auf denen
K in manchem Sommer sich gestreckt und gedehnt hatte »Ich wollte ja gar nicht
stehenbleiben« sagte er zu seinen Begleitern beschämt durch ihre
Bereitwilligkeit Der eine schien dem anderen hinter Ks Rücken einen sanften
Vorwurf wegen des missverständlichen Stehenbleibens zu machen dann gingen sie
weiter
    Sie kamen durch einige ansteigende Gassen in denen hie und da Polizisten
standen oder gingen bald in der Ferne bald in nächster Nähe Einer mit
buschigem Schnurrbart die Hand am Griff des Säbels trat wie mit Absicht nahe
an die nicht ganz unverdächtige Gruppe Die Herren stockten der Polizeimann
schien schon den Mund zu öffnen da zog K mit Macht die Herren vorwärts Öfters
drehte er sich vorsichtig um ob der Polizeimann nicht folge als sie aber eine
Ecke zwischen sich und dem Polizeimann hatten fing K zu laufen an die Herren
mussten trotz großer Atemnot auch mit laufen
    So kamen sie rasch aus der Stadt hinaus die sich in dieser Richtung fast
ohne Übergang an die Felder anschloss Ein kleiner Steinbruch verlassen und öde
lag in der Nähe eines noch ganz städtischen Hauses Hier machten die Herren
halt sei es dass dieser Ort von allem Anfang an ihr Ziel gewesen war sei es
dass sie zu erschöpft waren um noch weiter zu laufen Jetzt ließ sie K los
der stumm wartete nahmen die Zylinderhüte ab und wischten sich während sie
sich im Steinbruch umsahn mit den Taschentüchern den Schweiß von der Stirn
Überall lag der Mondschein mit seiner Natürlichkeit und Ruhe die keinem anderen
Licht gegeben ist
    Nach Austausch einiger Höflichkeiten hinsichtlich dessen wer die nächsten
Aufgaben auszuführen habe  die Herren schienen die Aufträge ungeteilt bekommen
zu haben  ging der eine zu K und zog ihm den Rock die Weste und schließlich
das Hemd aus K fröstelte unwillkürlich worauf ihm der Herr einen leichten
beruhigenden Schlag auf den Rücken gab Dann legte er die Sachen sorgfältig
zusammen wie Dinge die man noch gebrauchen wird wenn auch nicht in
allernächster Zeit Um K nicht ohne Bewegung der immerhin kühlen Nachtluft
auszusetzen nahm er ihn unter den Arm und ging mit ihm ein wenig auf und ab
während der andere Herr den Steinbruch nach irgendeiner passenden Stelle
absuchte Als er sie gefunden hatte winkte er und der andere Herr geleitete K
hin Es war nahe der Bruchwand es lag dort ein losgebrochener Stein Die Herren
setzten K auf die Erde nieder lehnten ihn an den Stein und betteten seinen
Kopf obenauf Trotz aller Anstrengung die sie sich gaben und trotz allem
Entgegenkommen das ihnen K bewies blieb seine Haltung eine sehr gezwungene
und unglaubwürdige Der eine Herr bat daher den anderen ihm für ein Weilchen
das Hinlegen Ks allein zu überlassen aber auch dadurch wurde es nicht besser
Schließlich ließ sie K in einer Lage die nicht einmal die beste von den
bereits erreichten Lagen war Dann öffnete der eine Herr seinen Gehrock und nahm
aus einer Scheide die an einem um die Weste gespannten Gürtel hing ein langes
dünnes beiderseitig geschärftes Fleischermesser hielt es hoch und prüfte die
Schärfe im Licht Wieder begannen die widerlichen Höflichkeiten einer reichte
über K hinweg das Messer dem anderen dieser reichte es wieder über K zurück
K wusste jetzt genau dass es seine Pflicht gewesen wäre das Messer als es von
Hand zu Hand über ihm schwebte selbst zu fassen und sich einzubohren Aber er
tat es nicht sondern drehte den noch freien Hals und sah umher Vollständig
konnte er sich nicht bewähren alle Arbeit den Behörden nicht abnehmen die
Verantwortung für diesen letzten Fehler trug der der ihm den Rest der dazu
nötigen Kraft versagt hatte Seine Blicke fielen auf das letzte Stockwerk des an
den Steinbruch angrenzenden Hauses Wie ein Licht aufzuckt so fuhren die
Fensterflügel eines Fensters dort auseinander ein Mensch schwach und dünn in
der Ferne und Höhe beugte sich mit einem Ruck weit vor und streckte die Arme
noch weiter aus Wer war es Ein Freund Ein guter Mensch Einer der teilnahm
Einer der helfen wollte War es ein einzelner Waren es alle War noch Hilfe
Gab es Einwände die man vergessen hatte Gewiss gab es solche Die Logik ist
zwar unerschütterlich aber einem Menschen der leben will widersteht sie
nicht Wo war der Richter den er nie gesehen hatte Wo war das hohe Gericht
bis zu dem er nie gekommen war Er hob die Hände und spreizte alle Finger
    Aber an Ks Gurgel legten sich die Hände des einen Herrn während der andere
das Messer ihm tief ins Herz stieß und zweimal dort drehte Mit brechenden Augen
sah noch K wie die Herren nahe vor seinem Gesicht Wange an Wange
aneinandergelehnt die Entscheidung beobachteten »Wie ein Hund« sagte er es
war als sollte die Scham ihn überleben