Gorch Fock
Seefahrt ist not
Lasst mich nur auf meinem Sattel gelten
bleibt in euren Hütten euren Zelten
und ich reite froh in alle Ferne
über meiner Mütze nur die Sterne
Goethe
Erster Stremel
»Insonderheit aber bitten wir dich für die die auf dem Wasser ihre Nahrung
suchen Segne segne die Fischerei auf der See und im Fluss behüte Mann und
Schiff in allen Gefahren«
Pastor Bodemann beugte den grauen Kopf tiefer als zuvor Da hatte er laut
und warm für seinen alten Kaiser gebetet laut und warm wie es ihm von Herzen
kam nicht leise und kalt wie sein Vorgänger ein zäher Welfe der nur der
kirchlichen Vorschrift nachgekommen war »Lass deine Gnade groß werden über
deinen Knecht Wilhelm unsern Kaiser und Herrn und über das ganze kaiserliche
Haus«
Die gefurchte Stirn berührte fast das schwarze Tuch mit dem die Kanzel vom
Sonntag Reminiszere bis zum stillen Freitag bedeckt war Es schien als wenn die
Stimme ihm versagte und er aufhören müsste Und er hielt überwältigt inne und
ließ die große Stille kommen
Totenstill wurde es in der Kirche auf Finkenwärder Regungslos saß die
Gemeinde In die Augen kam eine Dunkelheit wie von aufsteigenden Tränen
Und die See nahm das Wort die Nordsee die Mordsee mit ihren jagenden
zerrissenen Wolken mit ihrem pfeifenden brausenden Sturm mit ihren haushohen
schäumenden brüllenden Seen mit Brand und Wetterleuchten mit Dünung und
Gewitter mit geborstenen Segeln gebrochenen Masten blakenden Notfackeln
verlorenen Wracken und hilferufenden Fahrensleuten
Und es war niemand da der nicht ihre Stimme vernommen hätte
Die hellhaarigen Jungen auf den Bänken neben dem Altar die als große
Schleefen zu den gegenübersitzenden Konfirmandinnen hinübergelacht und ihnen
zugenickt hatten verjagten sich legten beschämt die Hände zusammen und sahen
vor sich hin weil ihnen in der heiligen Stille die Väter und Brüder in den Sinn
kamen die draußen waren und weil sie daran dachten dass sie nach Ostern selbst
in die Fischerei hineinkamen
Auch bei den rotbäckigen Mädchen wurde es still Alle falteten rasch die
Hände und manches Kinderherz bebte vergessen war dass sie abends am Deich
einzuhüten hatten und dass die Jungen dort vor den Fenstern trommelten und
pfiffen bis sie hineingelassen wurden und Blindekuh oder Sechsundsechzig
mitspielen durften
Gesine Külper die schönste Deern der Hamburger Seite des Eilandes um die
die Junggäste einander Sonntag abends auf Musik bannig in die Wanten stiegen
weil keiner sie dem andern gönnte und jeder sie nach Hause bringen wollte
senkte die Wimpern und neigte den stolzen Kopf nicht allein weil sie wusste
dass es ihr gut stand sondern auch um die Seefischerei um alle Freundschaft
Bekanntschaft und Verwandtschaft die unter Segeln war
Auch Hein Loop betete mit der Rotbart vom Auedeich den sie den Seeteufel
nannten wenn er nicht dabei war Hein Loop einer der Verwegenen der
Verwogenen wie sie an der Wasserkante sagen einer von denen die nicht reffen
und nicht beidrehen mögen die mit allen Lappen segeln und mit jedem Winde
fischen denen es ergeht wie dem jungen Lord von Edenhall
sie schlürfen gern in vollem Zug
sie läuten gern mit lautem Schall
die mit dem Glück von Edenhall anstossen und es wohl auch einmal versuchen Die
See schmecke ihm erst dann wenn sie gar sei und gar sei sie nach seiner
Meinung erst wenn sie koche hat Hein Loop einmal gesagt und jeder der ihn
kannte glaubte es ihm Aber nun betete er denn er wollte den andern Tag mit
seinem Kutter nach See up de Schullen dol und konnte moi Wind und moi Fang
gebrauchen
Auch Jan Greun Simon Fock und Hinnik Six seine Macker die nicht weit
hinter ihm saßen ließ das Kirchenwort in die unerschrockenen Seemannsherzen
hinein wenn sie in Gedanken auch ein kräftiges Sprüchlein achteran hingen das
bei Jan hieß Herr Pastur de verdreihten Dänen ne vergeten Bei Simon lautete
es Amen Herr Pastur ober dat Is mütt ierst innen Dutt ans kann ik ne rut
Und bei Hinnik besagte es De Büt Herr Pastur de Büt de Büt de hürt dor ok
mit to
Von den mittleren Bänken kam ein Weinen und Schluchzen Dort saßen die
Seefischerwitwen in ihren schwarzen Kleidern und mit den dunkeln Kopftüchern
wie morgenländische Klageweiber anzusehen Der letzte Jahrgang hatte die Stirnen
auf der harten Holzlehne liegen als sei kein Leben mehr in ihm so wollten es
die Sitte und der Schmerz Zuhinterst saß die greise Geeschen Witten tiefe
Runen im Gesicht das einer Landkarte ähnlicher sah als einem Menschenantlitz
Sie konnte nur noch für Tote beten denn alles Leben hatte sie der See gegeben
ihren Vater der dreiundvierzig vor der holländischen Küste über Bord gekommen
war ihren Mann der in den sechziger Jahren während der Äquinoktien
untergegangen war ihren Bruder den sich die See fünf Jahre später bei Amrum
geholt hatte ihre beiden Söhne die vor neun Jahren mit ihrem neuen Ewer
verschollen waren Sie wohnte ganz allein in ihrem großen leeren Dachhaus
zwischen Netzen und Segeln die die Gebliebenen zurückgelassen hatten und
wunderte sich dass sie immer noch lebte und dass auf ihrem Kirchenplatz nicht
schon lange eine andere saß
Einer aber war da der hatte den Kopf nicht gesenkt und die Augen nicht
zugemacht Tees to Baben der Segelmacher und Spökenkieker der Blut stillen
Krankheiten besprechen Hexen bannen und Schweine zum Fressen bringen konnte und
die Gabe des Vorsehens und Vorhörens besaß Er beobachtete den Pastor scharf
und als Bodemann die Augen schloss machte Tees seine weit auf und starrte durch
das verbleite Fenster bis er ihn kommen sah den langen heimlichen Zug der
vom Deich stieg und über die Äcker Gräben und Wischen wallte ohne eines Weges
oder Steges zu bedürfen der durch die von selbst sperrweit aufgehenden Türen
drängte und die Kirche füllte Lautlos und gespenstisch besetzte er alle leeren
Plätze und alle Gänge Kopf an Kopf standen sie die gekommen waren die
gebliebenen Fahrensleute die alten und die jungen die Schiffer und die
Knechte Mit weitgeöffneten wasserleeren Augen sah der Segelmacher sie an Wie
sie über Bord gespült waren standen und gingen sie das Wasser leckte ihnen von
den Südwestern glänzte auf den Ölröcken und quoll aus den Seestiefeln Der
Spökenkieker sah sie und lugte ob sie einen unter sich hatten dessen Untergang
am Deich noch nicht bekannt geworden war dabei blieb er ruhig denn er war an
Spuk gewöhnt nur wenn einer der Toten ihn ansah schüttelte er den Kopf als
wenn er sagen wollte an den Segeln hat es nicht gelegen dass ihr geblieben
seid die Segel waren gut Wobei er allerdings voraussetzte dass er sie auch
wirklich gemacht hatte
Endlich ein erlösendes Husten unten im Schiff ein befreiendes Scharren
oben auf dem Chor ein dreistes Sperlingsgeschrei draußen in den Erlen und
Eschen Da vergingen Gespenster und Gedanken die Sonnenstrahlen fingen wieder
an zu spielen und AltBodemann bekam seine Sprache zurück Und als er dann bei
seinem Herrgott um den Hausstand anhielt und alle die dazugehörten um
gottesfürchtige Eheleute Eltern und Herren gehorsame Kinder und frommes und
getreues Gesinde da war die große Stille vorüber die Konfirmanden machten
wieder ihre verstohlenen Zeichen die Mädchen kicherten und stießen einander im
geheimen an Gesine Külper dachte an den ersten Schnellwalzer Tees Segelmacher
stützte die Ellbogen auf die Brüstung und hörte so nipp zu als wenn er noch
Pastor werden wollte und die Fahrensleute rollten die Prüntjer geruhig wieder
hinter die Kusen
Klaus Mewes der junge Seefischer der in der Nähe der Orgel auf dem Chor
saß war von der Erinnerung an seinen Vater freigekommen die ihn jäh befallen
hatte und konnte sich wieder seines guten Platzes freuen Denn er hatte sich so
zu Anker gehen lassen dass er nicht allein recht in der Sonne saß sondern auch
aus dem Fenster sehen konnte Hinter den Wischen und Gräben sah er den hohen
Deich aufragen und über den Stroh und Pfannendächern der Häuser gewahrte er
die Masten der Fischerfahrzeuge die auf den Schallen und am Bollwerk lagen und
die Rauchwolken der Dampfer die im Fahrwasser hart am holsteinischen Elbufer
auf und ab fuhren Dinge die ihm Hirn und Herz mit Mut und Freude füllten
Wenn er dieses Mal gleichwohl nicht sonderlich darauf achtete so konnte nur
sein Junge schuld daran sein der unter seinen Augen unermüdlich neben der
Kirche im Gras auf und ab ging Er freute sich wie ein Stint dass er ihn nicht
mit hereingenommen hatte wie es eigentlich seine Absicht gewesen war als der
Junge ihm mit dem Hund nachgekommen war und gesagt hatte sie wollten das
Gesangbuch tragen und ihn bis an die Kirchentür bringen Denn hätte der Vogel
Bunt so lange ruhig gesessen und geschwiegen Sicherlich nicht er wäre bald
aufgestanden und umhergelaufen und hätte geguckt und gezeigt und gefragt und
getan beim stillen Eingangsgebet in der Fensternische hätte er gefragt wie
jener Bauernjunge vom Osterende getan hatte als er seinen Vater in den Hut
gucken sah Du Vadder lot mi ok mol innen Hot kieken Den Klingelbeutel hätte
er in den Händen gewogen und ausgerufen Junge Junge Vadder dor is ober
plenni Monne in Und Geeschen Witten hätte er laut gefragt Diern Geeschen wat
schreest du Hest du dien Ontjen woll nix to freten geben Wenn er aber zur Ruhe
ermahnt worden wäre hätte er geantwortet ik bün vörn Pastur ne bang Vadder
oder eingewendet de lebe Gott is ne bi Hus Vadder de kann mi nix seggen
Es war weder vorwärts noch rückwärts aufzuzählen was er alles angerichtet
hätte und es war besser dass er draußen seine Wache abreißen musste
Der Seefischer lachte in sich hinein
Als sie vor der Kirche angelangt waren hatte Jochen Rolf sich zu ihnen
gesellt und schalkhafternst gemeint wenn der Junge mit hinein wolle müssten
ihm wohl erst die Taschen durchsucht werden damit er keine Steine bei sich
behalte und sie dem Küster an den Kopf werfe Solle er aber draußen bleiben
dann wäre nur zu wünschen dass der Pastor es kurz und knapp mache damit der
Junge nicht die Geduld verliere und alles in Brand stecke Worauf der Vogel Bunt
die Kirche von oben bis unten angeguckt und dann ernstaft erwidert hatte die
brenne ja gar nicht weil sie ganz aus Stein gemacht sei Da war dem
Seefischer ein köstlicher Einfall gekommen er hatte den Jungen bei der Hand
genommen und neben die Kirche gelotst ihm dort einen Apfelbaum und einen
Birnbaum gezeigt und ihm gesagt der eine sei der Grossmast und der andere der
Besansmast und zwischen ihnen sei der Fischerewer und rechter Hand sei
Steuerbord und linker Hand sei Backbord »Dat brukst mi ne to vertillen« hatte
der Junge geeifert »dat weet ik jo all lang« Na dann solle er aufpassen war
des Seefischers Entgegnung gewesen er wolle einmal ausfindig machen ob der
Junge schon etwas könne ob er schon zu etwas zu brauchen sei darum solle er
auf dem Ewer zwischen den Bäumen eine Wache nehmen wie auf See in der
Schollenzeit zwei Stunden hindurch Der Kompass läge Nordwest an er solle
darauf achten dass er nicht aus dem Kurs komme solle aufpassen dass die Segel
immer voll Wind seien und nicht klapperten und guten Ausguck halten damit er
keine Haverei mit andern Fischerewern habe Der Junge hatte wie ein Großer
genickt und war von Herzen damit einverstanden gewesen er hatte sogleich das
Deck mit großen Schritten ausgemessen hatte Grossmast und Besan mit den
wirklichen Masten verglichen und den Kopf in den Nacken geworfen und die Äste
auf ihre Eignung zu Giekbaum und Gaffel geprüft
»Van Burd dött ik ober doch ne gohn ne Vadder« hatte er noch gefragt
»Och du Dösbattel« war des Seefischers Erwiderung gewesen »kannst du ok
van Burd gohn Büst doch up See is doch all Woter üm di rüm«
»Is ok jo wohr Wat is Seemann denn«
»Seemann« Klaus Mewes hatte den struppigen Hund ergriffen und an den
Birnbaum gesetzt »Sitten blieben Seemann Dat is dat witte Nachtus
Störtebeker un sien Nüff dat is de Kumpass« Nun wisse er wohl alles er
brauche nicht immer am Ruder zu stehen und das Helmholz festzuhalten sondern
könne geruhig auf Deck hin und her gehen wie die Fischerleute es täten hatte
der Seefischer geschlossen und war in die Kirche getreten während der Junge
unter dem Geläut der Glocken und dem Gebraus der Orgel an seine erste
Schiffswache gegangen war
Jetzt war Bodemann schon mitten in der Predigt und der Junge ging immer
noch ernst und wachsam zwischen Apfel und Birnbaum auf und nieder als ob er
wirklich an Bord sei denn er wollte beweisen dass er schon groß genug wäre und
allein die Wache gehen könne Er wollte zeigen dass er schon mit der See klar
kommen könne damit sein Vater ihn im Sommer mit auf den Ewer nähme wie er ihm
versprochen hatte Wie nach Segeln blickte er nach den Zweigen hinauf Einen
Buchfink der im Wipfel des Apfelbaumes saß ließ er sich als Flögel gefallen
Er hatte die Hände nach Fischerart tief in die Hosentaschen gesteckt und pfiff
gefühlvoll vor sich hin spuckte auch einmal großartig in die See hinein als
wenn er bange sei dass er kein Wasser genug habe und aufs Trockne komme
Es schien stürmisch zu sein denn alle Augenblicke wehte ihm das weiße
Nachtaus über Bord sei es weil eine Ratte über den Graben schwamm oder weil
sich eine Katze auf der Wurt des nahen Bauernhofes sonnte Junge was war das
für ein Stück Arbeit Was sollte der Wachhabende tun Nachlaufen konnte er
nicht denn ringsherum war Wasser das keine Balken hatte er verlegte sich
deshalb auf Rufen und Pfeifen und wenn das nicht half dachte er schließlich
och wat nu jump ik eenfach ober Burd ik kann jo swümmen und lief nach der
Wurt oder nach dem Graben ergriff sein Nachtaus und schleppte es zurück wobei
er pustete als wenn er wirklich im Wasser sei stellte es wieder an den
Birnbaum und sagte »Du muss sitten blieben Seemann ans hebb ik keen Kumpass«
Dann guckte er verstohlen nach den Kirchenfenstern hinauf denn er war sich
nicht ganz sicher ob er über Bord springen durfte
Klaus Mewes sah es wohl und högte sich über ihn während ihm das Blut das
die Sonnenstrahlen geweckt hatten heftig und stark in den Schläfen klopfte Das
war sein Junge der kleine Mann mit den hellen Haaren den blauen nordischen
Augen und dem wettergebräunten Gesicht der eine graue wollene Matrosenmütze
aufhatte um den Hals ein schottischbuntes Tuch trug einen weissblauen
Buscherump und eine marineblaue Büx anhatte und auf braunen Segeltuchschuhen
ging wie ein Janmaat der auf Freiwache ist und sich landfein gemacht hat Das
war sein Junge Wer den so gehen und stehen sah dem mochte wohl das Gedicht von
Uhland einfallen Jung Siegfried war ein stolzer Knab und durch die Brust
seines Vaters brauste ein solches Lied das die Orgel übertönte
Wieder nahm Klaus Mewes sich freudig und heilig vor einen Fahrensmann aus
ihm zu machen einen Seefischer einen so furchtlosen und verwegenen wie
Finkenwärder noch keinen gehabt hatte Noch diesen Sommer wollte er ihn mit nach
See nehmen ob auch die Mutter weinte und die Leute den Kopf schüttelten
Lachend wollte er ihnen trotzen denn er war es nicht gewohnt auf andere zu
hören weder an Land noch auf See Wie seinen Ewer so steuerte er auch sein
Leben selbst
Ja Klaus Störtebeker sollte ein Fischermann werden
Der Junge hieß Klaus Mewes wie er selbst aber das ganze Eiland mit
Ausnahme von Gesa nannte ihn Klaus Störtebeker einmal weil er wirklich ein
großer Strömer und Liekedeeler war ein Brite und Tunichtgut dann weil sein
grüner Kahn diesen Seeräubernamen an Steven und Gatt trug schließlich auch
wegen des Großvaters dem er noch ähnlicher sehen sollte als seinem Vater wie
die alten Leute behaupteten der auch Klaus Mewes geheißen hatte wegen seines
Freibeutertums aber allgemein Störtebeker genannt worden war Was den kleinen
Klaus Mewes anbetraf so war der mit seinem Seeräubernamen so einverstanden dass
er auf seinen wirklichen nicht mehr hörte rief einer Klaus so sagte er Klaus
gift een ganzen barg nannte ihn einer Klaus Mewes so erwiderte er dat is
mien Vadder du anner erst bei Störtebeker ließ er sich ermuntern und
antwortete
Klaus Mewes freute sich Wie treu der Junge Wache ging wie genau er das
Deck abmass Da war kein Schritt zuviel und keiner zuwenig Wenn er sich beim
Birnbaum umdrehte vergaß er niemals nach dem Kompass zu sehen und die Segel zu
überholen wenn er beim Apfelbaum angekommen war spähte er luvwärts und
leewärts über die See Mit großem Behagen und einiger Verwunderung bemerkte der
Seefischer diese Einzelheiten die ihm sagten dass der Junge ihm und den anderen
Fahrensleuten schon viel mehr abgeguckt hatte als er glauben wollte Nichts
störte den kleinen Fischer der wusste dass er auf See war und kein Land in Sicht
hatte und sich weder um die vorbeigehenden Kinder bekümmerte noch den
vorüberrollenden Wagen nachlief
Dass der Seefischer bei diesem Ausguck viel von der Predigt hörte war nicht
zu verlangen er wurde kaum gewahr dass der goldene Stern oben an der Orgel
klingend lief einem Hochzeitspaare zur Feier und hätte sogar den Klingelbeutel
übersehen wenn er ihm nicht pall unter die Nase gehalten worden wäre Nur der
Gesang lenkte ihn eine Zeitlang von seinem Jungen ab denn es brauste gewaltig
durch die Kirche Krist Kyrie komm zu uns auf die See Im Innersten ergriff es
ihn denn das war kein Gesang mehr wie ein weher Ruf wie ein todesbanger
Schrei hörte es sich an und schlug wie Meereswogen um die kahlen Pfeiler es
war als wenn die Stürme sich wieder erhöben und die See und die Herzen
aufwühlten die Segel und die Seelen zerrissen als wenn Geisterlaute die
Stimmen der Ertrunkenen der Verschollenen sich hineinmischten So furchtbar
drückte der Küster auf die Tasten der an seinen gebliebenen Sohn dachte so
übermächtig sangen die Fahrensleute
Klaus Störtebeker sah sich besorgt um und dachte es komme Wind auf weil es
mit einem Male so brauste Aber er durfte und wollte sich nicht bange machen
lassen und ging deshalb wieder auf und ab zwischen den Bäumen deren Stämme der
Hasen und der Raupen wegen mit Kalk bestrichen waren Unverdrossen hielt er aus
bis der Mond aufging der stille milde Freund der Menschen Peter Wittorfs
rundes glänzendes Vollmondgesicht erschien in der Schalluke auf dem Turm Die
Glocke mit der Aufschrift Ut dat Füer bün ik floten Peter Struve hett mi
goten begann sich leise knarrend zu wiegen schwang sich höher und höher bis
der Klöppel dröhnend gegen den Mantel schlug und das helle Geläut sich erhob
Die Türen wurden aufgestoßen die Jungen stürmten heraus als sei drinnen eine
Feuersbrunst ausgebrochen die Mädchen drängten nach dann kamen die
Fahrensleute und die Frauen da ging das Nachtaus bellend in die Binsen und war
nicht wieder in Sicht zu bekommen so laut Störtebeker auch rief und pfiff Aber
wenn er nun auch ohne Kompass war so hielt er dennoch getreulich aus und verließ
seinen Posten nicht bis sein Vater lachend zu ihm trat und ihn erlöste
Ob er auch Haverei gehabt hätte Nein nur das Nachtaus wäre siebenmal über
Bord gekommen Ob der Fang gut gewesen sei Ja bannig gut ein feiner Streek
hundert Stiege große Südschollen
»Deubel ok du kannst dat ober« lobte Klaus Mewes
»Jä Vadder dat harrs di woll ne dacht wat Nimm mi man mit no See denn
schallst mol sehen wat wi de Fisch belurt« sagte der Junge mit blitzenden Augen
und fuchsklugen Nasenlöchern
Der Seefischer aber warf ihm das Gesangbuch hin und erwiderte sie wollten
erst mal sehen ob die Klüten noch schmeckten »Kumm Seemann« Und er
schechtete groß und heiter auf dem Kirchenweg entlang und überholte eine dunkle
Reihe nach der andern Immer größer wurden seine Schritte so dass Störtebeker in
Sprüngen laufen musste um mitzukommen und Seemann der weite Wege gar nicht
gewohnt war weil er sonst nur von Backbord nach Steuerbord zu wackeln brauchte
seine rote Zunge als Notflagge aussteckte was Klaus Mewes aber nicht bewegen
konnte sich aus der Fahrt laufen zu lassen
Der Seefischer lachte und sprach laut ohne sich an die missbilligenden
Blicke der Alten zu kehren Was ging es ihn an dass auf dem Kirchenwege nicht
gelacht werden sollte Er tat was er wollte und aß was ihm schmeckte der
große Klaus Mewes der getrost seine Segel dem Winde bot weil er keinen mürben
Kram fuhr der wusste dass er den besten Ewer unter den Füßen hatte mit dem sich
etwas beschicken ließ und der Herr und König seines Lebens war Nicht umsonst
hatte er Tag und Nacht bei jedem Wind und Wetter seine deutsche Flagge auf der
Besan wehen das war der Tiefe seines Wesens entsprungen und entsprach seiner
Liebe zu seinem Fahrzeug seiner Wikingerlust an der Seefahrt Hatte der Wind
das bunte Tuch zerfetzt dann zog er unbekümmert eine neue Flagge auf und ließ
weder Furcht noch Aberglauben in seine Seele hinein Sonnigen Herzens pflügte
der glückliche Fischer die See lachend strich er den reichen Segen ein den sie
für ihn hatte und wenn der Fische noch so viele waren Fremd war ihm das alte
heidnische Gefühl das den Bauern bewog sein Feld nicht ganz zu mähen sondern
eine Ecke Hafers stehen zu lassen für die Götter für Wotans Schimmel
Sie sagten man solle und dürfe niemand aufs Wasser weisen Wer den Weg nach
dem Schiff nicht von selbst finde aus dem könne doch kein Seemann werden am
besten aber sei es immer noch gewesen wenn einer gegen seiner Eltern und aller
Willen zur See gegangen sei Was scherte das Klaus Mewes den Lachenden Er
sprach mit seinem Jungen nichts als Fischerei und Seefahrt und erfüllte ihn mit
nichts anderem als dass er Fahrensmann werden müsse und solle Was für Last
haben die Frauen am Deich dass sie die Kinder vom Graben und von der Elbe
fernhalten dass sie sie aus den Booten und Kähnen herausbringen Goh man ne bit
Woter ist ihr zweites und drittes Wort Was tut Klaus Mewes Er lacht und sagt
»Goh man beten bit Woter Störtebeker Schipper man mol klüs man mol not
Fohrwoter raf seil man beten swümm man mol dor ligt de Boot dor is de Kohn«
Und eines brannte er dem Jungen wie mit glühendem Eisen ins Herz und drückte
es tief und unverwischbar unauslöschlich ein Ne bang wardn Nicht bange
werden sonst kommst du nicht mit nach See Nicht bange werden zu keiner Zeit
und Stunde einerlei ob es hell oder dunkel ist ob es donnert oder blitzt oder
weht weder auf dem Wasser noch an Land weder in den Masten noch auf den
Bäumen weder vor Menschen noch vor Tieren weder vor Lebendigen noch vor Toten
Nicht bange werden nicht bange werden
Und der Junge nahm es auf wie das Segel den Wind Bang dött ik ne wardn
ans komm ik ne no See sagte er sich immer wieder wenn ihm etwas Furcht
einjagen wollte und wurde dreist und verwegen wie sein Vater es wollte
Sie hatten die Höhe des Deiches erreicht und Klaus Mewes blickte aufatmend
über die Elbe Und wenn er auch die Fischerewer noch im Wintereise sitzen sah
das nicht von den Schallen schmelzen wollte so fischte und segelte er doch im
Morgenlicht mit allen Segeln bei Helgoland Und wenn Störtebeker sich auch noch
mit dem Gesangbuch abschleppte so hatte er ihn doch schon an Bord und wies ihm
die Feuerschiffe vor der Elbe und die Lotsenschoner auf See
Da grüßte sein Ewer über das Eis er sah seine Flagge flattern und seine
Seele fasste noch mehr Wind als sie schon bereichte denn sie setzte die letzten
und höchsten Segel
Zweiter Stremel
Klaus Störtebeker stand auf dem Deich hatte die Hände hohl um den Mund gelegt
und rief die Leute »Kap Horn un Hein wat eten Wat eten Wat eten«
Endlich entstiegen sie der Kombüse winkten mit der Hand zum Zeichen dass
sie verstanden hätten und kamen über das Eis
Dann setzten sie sich drinnen zu Tisch wie es sich gehörte Auf der Bank
mit dem Blumenkranz und dem Namen und der Jahreszahl saß zu oberst der Schiffer
rechts von ihm der Knecht der Bestmann vor ihm der Junge Störtebeker aber
neben ihm auf dem bunten Bankkissen
Gesa trug die vollen dampfenden Schüsseln auf Es gab frische Suppe mit
bunten Korintenklüten Safran Suppenkraut und Muskatnuss fehlten nicht daran
und ein Stück Fleisch wie ein halber Ochse groß kam dazu auf den Tisch
Eine stille Pause dann ergriff Klaus Mewes den großen blanken Schöpflöffel
und füllte sein Fatt seinen Teller Als er genug hatte gab er den Löffel dem
Knecht Störtebeker bekam ihn zu allerletzt obgleich er vielleicht am
hungrigsten war An der alten Schiffsordnung die am Deich galt durfte nicht
gerüttelt werden obschon Klaus Mewes sich sonst wahrlich nicht an das alte Wort
kehrte Fleesch förn Schipper Klüten förn Knecht Kantüffeln förn Jungen Er
gab ein Essen wie es selbst die großen Bauern nicht besser geben konnten
Bi Disch ward ne snackt das war nichts für Klaus Mewes da hätte ihm wohl
einer ein Pechpflaster auf den Mund backen müssen wenn er das gesollt hätte Er
sprach und lachte ohne sich etwas dabei zu denken und ließ sich auch durch die
verweisenden Blicke seiner Frau nicht aus dem Kurs bringen
Störtebeker aß fünf Klösse Gotts den Donner wat kunnt angohn »Vör de Hand
weg Vadder« versicherte er »ohn uttoseuken wenn ik no de lütten langt harr
harr ik wenigstens söben upkreegen«
»Oder söbenuntwintig« gab der Knecht trocken drein aber Störtebeker
verstand den Spott nicht
»Ik wull wi eten ierst lebennige Schullen Vadder de smeckt doch een barg
beter«
»Dat wull ik ok« rief Klaus Mewes und blickte nach seinem Ewer hinaus
Er hätte ja die Schollen annehmen können die JanOhm von der Aue geschickt
hätte meinte Gesa aber er wehrte ab und sagte das wäre ja noch schöner wenn
der Fischermann sich die ersten Schollen ins Haus bringen ließe Gott solle ihn
bewahren die müsse er selbst aus der See geholt haben oder sie schmeckten ihm
nicht Er sah seinen Jungen an »Ne Störtebeker«
»Jo Vadder«
Nachmittag standen die drei am Fenster und knütteten Klaus der Schiffer
Kap Horn der Knecht und Klaus Störtebeker Hein Mück der Junge hatte Urlaub
genommen die drei aber klapperten mit den Schegern und fuhren mit den Nadeln in
der Luft herum obgleich Gesa mit der Sabbatschändung uppen Sünndagnomerdag
keineswegs einverstanden war und eine Lippe zog Aber die Netzmacher ließ sich
nicht stören
Kap Horn war der Bestmann der Steuermann Klaus Mewes Knecht Er hieß
eigentlich anders aber auf Finkenwärder nannten sie ihn allgemein Kap Horn
Viele sagten auch Korl Horn namentlich die Gören
Er war ein Janmaat alten Schlages der lange Jahre auf großen Schiffen
gefahren hatte auf hamburgischen und englischen der im SüdAtlantik Albatrosse
geangelt und bei Grönland Walfische harpuniert hatte und dreissigmal unter der
Linie durchgekommen war Warum er dann noch von der großen Fahrt abgemustert
hatte und vom Viermastvollschiff auf den Fischerewer geklettert war weiß ich
nicht er fuhr aber schon zwölf Jahre bei Klaus Mewes und war schon fast zu
einem Finkenwärder geworden nur in seiner Sprache war noch ein hamburgischer
Ton und er gab noch oft ein englisches Wort drein Und dann hielt er sich als
alt und weitbefahrener Matrose für etwas Besseres als die anderen
Fischerknechte die doch höchstens einmal holländisch oder dänisch sprechen
gehört hatten
Wenn jemand mit Fahrten und Reisen prahlte dann pflegte er einfach zu
fragen »Kap Horn« Und wusste der andere dann nicht einmal was gemeint war so
spuckte er minnachtig aus verneinte er so drehte er sich um und sagte mit
Bierfahrern verkehre er nicht bekam er aber ein Ja als Antwort so fragte er
schnell »Veel mol« »Dree oder so« Dann lachte er und sagte »An mi kannst
nich klingeln old boy ik bün sosstein Mol um Kap Horn seilt un nu lot dien
Prohlen man een bitten no« Bei einer solchen Gelegenheit war er auch Kap Horn
getauft worden
Nun stand er backbords von seinem Schiffer am Fenster und war bei einer
weißen Manillakurre Klaus Mewes arbeitete an einem Zungensteert mit dem er nur
langsam weiter kommen konnte und Störtebeker hatte etwas in der Mache von dem
er steif und fest behauptete dass es eine Bunge werden sollte ein
Reifenkorbnetz für Hechte und Schleie während Kap Horn auf ein Zwiebelnetz riet
und Klaus Mewes es für eine Staatsgardine für den Krähenkäfig hielt Sie hatten
es gleich wichtig Wie Weberschiffchen flogen die Nadeln hin und her und auf
den Schegern reihte sich Masche an Masche dabei aber wurde ausgiebig geklönt
denn niemand hatte uppen Stutz zu mindern und Maschen zu zählen also besonders
aufmerksam zu sein Einmal frischte Kap Horn sogar ein altes Matrosendöntje von
St Pauli auf und begann zu singen
»In England geiht dat lustig her
dor bot se Scheepen grot un swor
een bannig Deert von Angetüm
dat sall jo de Gretj Astern sien
Lang is dat Deert twee dütsche Mil
hoch annertalf von Deck to Kiel
Soss Masten hoch bit an den Moon
acht Dog brukt een um roptogohn «
Weiter kam er aber nicht denn Gesa die nach dem Graben gewesen war und die
Enten gefüttert hatte trat in die Dönss und untersagte ihm den Hymnus mit den
Worten »Sünndogs ward ne sungen Korl«
Gesa die ihren Jungen stets Klaus nannte und von seinem grässlichen
Seeräubernamen nichts wissen wollte gab auch Kap Horn nicht seinen Spitznamen
sondern nannte ihn ehrbar Korl und meinte ihm wunder was für einen Gefallen
damit zu tun Janmaat verdeffendierte sich aber
»Wenn ik arbein sall mutt ik ok singen Gesa«
»Arbein schall Keen seggt di dat Pack dien Kurr man getrost tohoop un mok
man Fierobend un les man mol inne Bibel« priesterte sie und als Klaus Mewes
herzlich lachte fuhr sie erregter fort »Ji dree sündt jo woll ne sünd woll
rein mall worden stillt jo uppen Sünndag vört Finster hin un knütt Weet ji ok
keen sünndogs arbeit«
»Uns Herr Pastur« sagte Klaus
»Ne de Bedelmann För uns Lüd is de Week dor«
Klaus erwiderte gelassen es müsse aber sein denn es sei Tauwetter und das
Eis könne jede Tide abtreiben so dass sie fahren müssten er wolle und wolle die
beiden Kurren bis dahin aber fertig haben denn in der Fischerei unterbliebe das
Knütten doch wieder
Und er müsse seine Bunge auch klar haben verteidigte Störtebeker sich denn
sein Vater solle sie ihm noch einstellen Was sie wohl meine die ganzen Gräben
säßen voller Hechte
Dann sollten sie mit ihrem Kram nach der Küche oder nach dem Boden oder nach
dem Ewer gehen fing Gesa wieder an die sich über sie ärgerte Sie sollten sich
doch nicht von den Leuten sehen lassen denn am Deich sprächen sie sicherlich
wieder davon und hielten sich darüber auf
»Lot jüm Mudder« erwiderte Klaus sorglos »ik bliew doch hier mag to
giern sehen wenn welk uppen Diek langs goht un mi inne Finsteren kiekt«
Und er füllte die Nadel die leer geworden war und knüttete weiter
Gesa aber ging kopfschüttelnd aus der Stube und machte sich in der Küche zu
schaffen von wo sie über die Bauerndächer und Obstbäume nach ihrer Heimat sehen
konnte nach den blaugrauen Bergen der Geest Sie konnte die Fischer nicht
verstehen Sie war auch keine Fischerfrau geworden und fühlte wieder mit
bitterem Schmerz dass aus ihr niemals eine werden konnte Immer noch graute ihr
vor dem Wasser und alle Schiffahrt war ihr fremd und unverständlich Sie konnte
sich nicht helfen Das eine ließ sich nicht abschütteln und das andre nicht
lernen Klaus rüstete mit Gewalt zur Fahrt sie sah ihre böse Zeit kommen sie
hörte schon den Regen gegen die Fenster schlagen und den Wind an der Tür saugen
und wusste nicht wie sie es wieder ertragen sollte ihren Mann auf See zu
wissen Sie liebte ihn tief und heiß und lag in seinen Armen wie im
Sonnenschein aber seine Fahrten machten sie bange und sie wünschte im Herzen
nichts sehnlicher als dass er kein Seefischer wäre sondern Bauer oder
Handwerker oder sonst etwas anderes an Land Könnte er nicht etwas anderes
beschicken könnte er nicht sein Fahrzeug verkaufen wie andere Fischer es getan
hatten
Aber Klaus Mewes und das tun Sie musste doch lächeln über den Gedanken
Bis Blankenese müsste es gewiss zu hören sein sein Lachen wenn sie davon
spräche dass er an Land bleiben solle
Da saß sie nun in ihrem Glück um das die ganze arme Heide sie beneidete
war eine große Seefischerfrau mit Haus und Hof und Deich der jede Reise die
Hundertmarkscheine auf den Tisch flogen und war doch nur ein armes Weib voll
Unruhe und Bangigkeit die immer und überall Wetter und Wolken aufsteigen sah
und ihres Lebens nicht froh werden konnte Wie manchen Tag sehnte sie sich schon
nach der stillen einsamen Geest zurück wo sie nichts von Schiffen und von
Seefahrt gewusst hatte wie manchen Tag wenn die Elbe in Gischt und Schaum
einherging Wie manche Nacht ließ der Wind sie nicht einschlafen wie manches
Mal jagten die Blitze sie aus dem Bett wie oft erschreckten sie die Stimmen der
geängstigten Schiffahrt im Nebel Und immer allein zu sein Der Mann war auf
See der Junge auf der Elbe Mit den Finkenwärder Frauen aber hatte sie wenig
Verkehr und Freundschaft weil sie fühlte dass sie als Butenländerin nicht ganz
für voll angesehen wurde
Wie wichtig sie es in der Dönss hatten Als wenn sie sie gar nicht vermissten
Wie sie lachten Klaus Mewes am lautesten
Dieses Lachen hatte es ihr angetan als er um sie geworben hatte denn so
hatte sie noch niemals jemand lachen gehört Das hatte sie in seine Arme
gedrängt hatte sie von der Geest in die Marsch gelockt von dem Heidehof in das
Fischerhaus und hatte sie nicht an die Not und Schwere des Seefischerlebens
denken lassen Vergessen wares gewesen was sie gehört und gelesen hatte von
Sturm und Untergang wo einer so lachen konnte da konnte weder Unglück noch
Gefahr sein hatte sie gemeint als Klaus sie freite
Er lachte noch just so wie damals er hatte es noch nicht verlernt aber sie
konnte es jetzt nicht mehr ohne Schmerz hören es schnitt ihr ins Herz wenn sie
an das Finkenwärder Elend an die Witwen und Waisen an all die Tränen und
unruhigen Stunden dachte es kam ihr wie ein Frevel wie eine Sünde vor Dass er
so verwegen war machte ihr das Herz noch schwerer und eine trübe Ahnung früher
Witwenschaft hing ewig wie ein dunkles Gewölk über ihrem Leben
Wie laut sie erzählten die beiden Seefischer Gewiss von nichts anderem als
von Fahrt und See und die durstige Seele des Jungen trank es Der war schon der
See verfallen war dem Deich und ihr schon verfremdet und wurde es von Tag zu
Tag mehr Es war ja schon ausgemacht dass er den Sommer mit an Bord solle all
ihr Bitten war bisher vergeblich gewesen
Es war ein Herzleid ein hartes Leid An sie und ihre Heide dachte kein
einziger niemand bekümmerte sich darum Wie lange Zeit war sie nicht mehr zu
ihren Eltern gekommen die ihren Enkel kaum kannten Klaus lachte wenn sie
davon sprach sie solle gern hingehen und alle grüßen aber was er auf der Geest
beschicken solle Er könne auch so weit nicht laufen Den Jungen bekam sie nur
mit halber Gewalt dazu dass er mitging Seitdem er wusste dass sein Vater sich
nichts aus der Geest machte trug auch er kein Verlangen danach Dort sei für
einen Seefischer nichts zu lernen echote er dort gäbe es ja nur Heide und Sand
und Steine und weiter gar nichts
Schließlich aber ging Gesa doch nach der Stube zurück weil ihr zu kalt
wurde suchte ihr Strickzeug her und setzte sich neben den weißen Kachelofen
»Kiek mol an Mudder knütt ok Vadder« rief der Junge lustig »kiek mol an
Kap Horn un uns will se wat seggen«
Da musste sie wider Willen doch mitlachen
»Wat sä de Pastur denn Godes Klaus« fragte der Knecht »hett he ok beet
dat dat Is bald doldrift un wi no See seilen könnt«
»Jo dat segg man« sagte Klaus und riss grimmig an seiner Kurre »ik wull
dor keum mol Westenwind achter«
Er blickte über die Schallen auf denen die Fleek das dicke Eis schon seit
Fastelabend lag Bis an den Nienstedter Fall bis in die Mitte der Elbe stand es
noch zwar schwärzlich und mürbe aber es hing doch noch zusammen Dagegen war
das Fahrwasser drüben schon fast frei von Eis dort trieben nur noch große und
kleine Schollen Dort segelten denn auch schon die Fischerfahrzeuge vom Audeich
dem anderen Ende des Eilandes dort kreuzten schon die Dreuchewer und Jalken
dort fischten schon die Altenwerder Jollen nach Stinten und Sturen und die
Hamburger Smietnettfischer nach Butten während das Nessgeschwader das aus
dreißig Ewern neun Kuttern sieben Wattjollen einigen fünfzig Elbjollen und
Booten bestand noch im Eise festsass und nicht mitkonnte Die Auer und
Blankeneser kamen schon mit den ersten lebendigen Schollen die Elbe herauf
einige hatten schon große Reisen nach der Weser gemacht Klaus Mewes aber und
seine Nachbarn saßen noch fest Wenn der Eisbrecher binnen Wasser genug gehabt
hätte wäre ihnen längst geholfen gewesen aber der große Beisser konnte nur eben
den Rand ein wenig glatt fressen
Klaus Mewes sah dass zwei große Kutter von einem kleinen Schlepper von
Blankenese heraufbugsiert wurden die sicherlich den Bünn voller Schollen
hatten und kam sehr in Fahrt Seine Gedanken zertrümmerten das Eis und brachen
sich einen Weg nach dem offenen Wasser
»Kap Horn wat meenst dorto wenn wi sülben Isbreker speelt« rief er
»Wat seggst du Klaus Du wullt een Isbreker utgeben« fragte der alte
Janmaat der gerade mit brausendem Monsun in den Segeln zwischen dem Kap der
guten Hoffnung und Singapur schipperte und deshalb nicht zugehört hatte
»Wi wöt di bi Isbrekers« warf Störtebeker laut dazwischen »swarten Kaffe
schallst du hebben« Klaus aber hatte seinen Plan schon unter Segeln »Wi möt
allemann bi« rief er »Hütz mitte Mütz Lüttfischers un Seefischers Schippers
un Lüd Wi stekt uns beiden Kurrlienens ut un spannt uns alltohoop vör un denn
teht wi an Schallst mol sehen wo gau wi denn not Fohrwoter raf kommt«
»Jä«
»Wat jä Meenst wat wi ne soveel Hölpslüd uppen Hümpel kriegt« fragte der
Schiffer
»Ik hilp ok mit« versicherte der Junge wichtig »ik kann wat tehn Vadder«
»Du bliwst hier Klaus« kam es aber mit Gegenwind vom Ofen her »meenst du
wat du dor ünnert Is kommen schallst«
An Hilfsleuten würde es wohl nicht fehlen gab der Knecht zu aber wer würde
sein Fahrzeug zum Eisbrecher machen wollen Das sei der Knoten
Der am weitesten im Eis stecke erwiderte Klaus Er selbst Er wolle es
wagen sein Ewer sei einer der stärksten und könne es am besten ab er wolle
gleich am andern Morgen alles klar machen und Kap Horn solle dann den Deich
abklopfen und es aussingen dass die Eisbrecherei mit Hochwasser anfangen solle
»Denn könt wi offermorgen all up de Schullen dol Mudder«
»Huroh offermorgen geiht no See« rief der Junge warf die Bunge hin und
machte dass er hinauskam In voller Fahrt lief er den Deich entlang dass die
Enten im Graben ein lautes Gequark anstimmten und sich erst nach und nach von
dem grünköpfigen Wart beruhigen ließ Wat wat hebbt ji eegentlich dat dat
is de Jung doch jo bloß So schnatterte der Wart
»Du kummst ober noch ne mit« wollte Klaus gerade sagen aber er kam gar
nicht mehr dazu Der Junge war schon um die Huk er hörte auch nicht mehr dass
Gesa laut ans Fenster klopfte und ihn zurückrufen wollte
»Wat will he All Bescheed seggen« fragte Kap Horn lachend aber sein
Schiffer lachte noch lauter und sagte »De Ne de will no den Schoster hin un
sien Seestebeln holen Wenn de klor sünd schall he jo mit an Burd un he will
woll all gliek de ierste Reis giern mit«
»Dor hest du ok wat scheunes mokt Klaus« sagte Gesa kopfschüttelnd »dat
du em de Stebeln anmeten loten hest He löppt elken Dag söbenmol hin und kött
an De Schoster seggt he kann em all gor ne mihr hinholen«
»Jä du liebe Zeit« erwiderte er »endlich will de Bur de Koh betohlt
hebben un de Jung will toletzt ok mol sien Stebeln hebben De Schoster kanns ok
jo man klor moken denn hett he jo wedder sien geruhigen Nachten«
»Un denn«
»Denn nehm ik den Jungen mit no See Mudder dat weiß du jo dor is jo all
genog ober snackt worden« sagte er sicher
Sie war aufgestanden und erwiderte mit erregter heiserer Stimme »Un ik
segg di soveel Klaus Mees du kriegst den Jungen ne mit no See Wenn he noher
grot is un ut de Schol denn nimm em in Gotts Nomen hin denn will ik nix mihr
ober em to seggen hebben ober so lang hürt he mi mien Mudderrecht lot ik mi ne
nehmen Is genog wat ik em soveel uppe Elw loten mütt no See schall he noch
ne«
»Geef di Gesa« beschwichtigte Klaus gelassen während Kap Horn der zu dem
Streit nichts sagen wollte heimlich aus der Tür ging und mal über den
Westerdeich guckte »De Jung kummt düssen Sommer mit no See dat is so gewiss as
de Heben He schall bitieds seefast wardn«
»Ik lied dat ne un lied dat ne« beharrte sie leidenschaftlich »Du hest een
reinen Vogel mit dien Jungen weiß dat Keen een van de Seefischers nimmt son
lütten Boitel all mit an Burd de kum een Büx mit Verstand drägen kann«
Er machte geruhig seine Maschen »De hebbt ok ne son Jungen as ik« sagte
er »lot mi man Gesa Ik bün een rechten Fischermann un will een rechten
Fischerjungen ut em moken un ut di will ik ok wat rechts moken Diern Weess
wat dat is«
Sie gab keine Antwort
»Een rechte Fischerfroo Gesa Weess du wat Diern Du geihst ok mit no See
man to denn wardt ierst moi Kiek di mien Fischeree mol mit eegen Ogen an«
Sie schüttelte starr den Kopf
»Dat kann ik ne Klaus Wenn ik dat kunn denn harr ik dat vullicht all lang
dohn ober ik kannt ne«
»Dat kummt uppen Verseuk an« erwiderte er »goh man mol mit un du schallst
mol sehen buten ist een barg beter as binnen«
»Klaus gläuf mi dat doch to ik kann dat ne ik ward seekrank un starf di
all vör Angst Mi groot to dull vört Woter«
»Jo du büst een grote Bangbüx« schalt er dann aber tat ihm sein herber
Ton leid und er tröstete »Ober dat schall sik woll noch all geben mien Diern
pass man up du wadst noch een gode Fischerfroo de Banghaftigkeit gift sik mit
de Johren«
»Ne de gift sik ne dat weet ik« sagte sie tonlos und ging aus der Stube
weil ihr die Tränen kommen wollten
Da blieb der große Seefischer allein bei seinen Kurren aber er ließ sich
den klaren Sinn auch durch die Stille nicht verwirren und ging nicht von seinem
Kurs ab Kap Horn kam herein und nahm seine Arbeit schweigend auf
»De Jung kummt doch mit no See« ließ Klaus Mewes sich vernehmen Dann
blickte er nach seinem Ewer und wartete auf Kap Horns Meinung die auch bald an
den Tag kam
»Klaus ik will di mol wat seggen ik kunn dien Vadder sien as du geborn
weurst do krüz ik all bi Kap Horn rum un greep Albatrossen De Mudder hett noch
een Recht op den Jungen«
»Och wat« fiel Klaus ihm barsch ins Wort »ik hebb dat eenmol seggt un
dorbi bliwt dat he kummt mit an Burd Bi de Dierns geiht dat no de Mudder ober
bi de Jungens geiht dat no den Vadder Sien Mudder seh jo up leewst wenn he
Schoster oder Snieder wardn dä un keen anner Woter to sehen kreeg as dat innen
Teeputt Un wenn wi blieben schulln Kap Horn denn mokt se ok een Schoster oder
Snieder ut em Ober man keen Bang Klaus Mees kann ne blieben«
Der alte Knecht erhob warnend die Hand
»Dat hett dien Vadder ok vullicht dacht oder seggt Klaus Mees un he is
doch ne wedderkommen mit sien Eber«
Aber Klaus Mewes der seinen Ewer für den besten von der Elbe hielt und sich
für den besten Fischermann blieb dabei dass er nicht bleiben könne Das war
sein Wort von jeher gewesen und seine gewisse sturmgewohnte sonnenfreudige
Seele hielt daran fest »Ik kann ne blieben un ik bliew ok ne«
Störtebeker ließ sich auch wieder sehen er nahm seine Bunge und fing wieder
an zu knütten aber er machte ein Gesicht wie ein Fischer der nichts gefangen
hat und ließ die Unterlippe vorstehen als wenn ein Schock Hühner darauf sitzen
sollte Der Knecht sah ihn belustigt von der Seite an und stichelte »Na Klaus
Störtebeker großer Seeräuber wat sä de Schoster Hett he de Söbenmilenstebeln
noch nich klor«
Da brach es bei dem Jungen los wie bei einer Stintflage und er ballerte wie
ein Großer »Ik gläuf de Knappen is verrückt oder splienig Dat is oberhaupt
keen Schoster gläuf ik de kann gorne schostern un gor keen Stebeln moken Dat
is een Leisegänger Vadder «
Schiffer und Knecht konnten sich nicht mehr vor Lachen helfen aber der
Junge fuhr in seinen Schmähungen fort »Jedesmol wenn ik komm seggt he
morgen ober he kummt ne wieter as he is de Tüffel«
»Wat schöt de Stebeln denn all Störtebeker« fragte Klaus ernstaft
»Ik will doch mit no See Vadder un du hest doch seggt wenn de Stebeln
klor würn denn schull ik mit« antwortete der Junge zuversichtlich
»Büst du denn ok nich mehr bang« fragte nun Kap Horn lauernd »No See dröft
blot welk de nich bang sünd«
»Ne Kap Horn bang bün ik ne« erwiderte der Junge treuherzig
»Vörn dode Mus woll nich Störtebeker un vörn brodten Gnurrhohn ok woll
nich ober wenn di een lütten Rottenbieter inne Meut kummt denn neihst ut wat
kannst un schreest Mudder Mudder Mudder«
»Lögen Lögen Lögen« stritt Störtebeker und peekte ihn mit der hölzernen
Knüttnadel »Ik bün vör keen Hund bang un vör gor nix«
»Wenn du ober op See keen Land mehr sehen kannst denn geiht dat Bölken doch
los«
»Ne schreen do ik gewiss ne«
»Denn wardst du ober seekrank«
»Ne Kap Horn ik ward ne seekrank«
Das klang gerade so als wenn sein Vater sagte ik bliew ne Und Klaus Mewes
sah seinen Jungen an und dachte was soll in dem wohl anders stecken als ein
Fahrensmann Dann sagte er und es klang wie ein Gelübde »Man still
Störtebeker du kummst to Sommer mit an Burd«
Der Junge freilich hatte für die Feierlichkeit keinen Sinn und ließ ein
enttäuschtes »Och to Sommer ierst« fallen das den Knecht zu der Bemerkung
veranlasste es wäre jetzt noch zu kalt auf See
»Un dien Stebeln sünd ok jo noch ne klor« gab Klaus zu bedenken und Kap
Horn kam noch einmal mit der bitterbösen Seekrankheit an den Wind
Sie knütteten fleißig weiter als es aber Flut geworden war und das Eis
aufstand die Ewer sich erhoben und das Wasser auf das Bollwerk stieg hielt
Störtebeker es nicht mehr aus er ließ die Bunge liegen und nahm französischen
Abschied
»Neem schallt no to« fragte sein Vater aber er erwiderte hingeworfen er
wolle füttern und weg war er
»Dat keum jo bannig zaghaft rut« sagte der Knecht und sah ihm nach »wenn
de man nix anners in de Lur hett«
Klaus dachte dasselbe denn sonst pflegte Störtebeker die Fütterung seiner
Krähe und seiner Kaninchen mit dem von seiner Mutter gelernten Spruch
einzuleiten Der Gerechte erbarmt sich seines Viehes
Als eine ganze Zeit vergangen war legte Klaus Mewes den Scheger beiseite
und ging binnendeichs Wie er sich schon gedacht hatte war von Störtebeker
nichts zu erblicken Die Kaninchen machten Männchen als er den Deckel des
Kobens lüftete und ließ ihre Nasen in der Luft tanzen Kluss aber die alte
Nebelkrähe die er selbst einmal auf See gegriffen hatte saß unbeweglich auf
ihrer Stange und wagte nicht mehr als ein halbes Auge an seine Gegenwart Er
rief halblaut damit Gesa ihn nicht hören sollte aber er bekam keine Antwort
Dann ging er in das Schauer und guckte nach den Stichlingsnetzen die neben dem
Hühnerwiem hingen sie waren alle drei am Nagel fischen gegangen war der Junge
also nicht Er machte den Warbel vor und blickte über Wischen Stegel und
Binnendeich aber da rührte sich nichts als Hannis Holsts gelber Kater der um
einen Mäusebraten verlegen war und die Stubben überholte Tiefes Schweigen lag
über den dunkeln Gräben und in den kahlen Wipfeln der Eschen und Erlen saß das
nächtliche Grauen das die See nicht hat sondern nur das Land und das den
Seefischer darum einigermaßen bedrückte als er sich nun aufmachte seinen
Jungen zu suchen Er dachte aber nicht nach Weiberart an das Wasser und dass er
hineingefallen sein könnte übrigens wusste er jaauch dass Störtebeker schwimmen
konnte und nicht in einen Graben fiel ohne wieder herauszuklettern Aber er
wollte wissen wo er abgeblieben war
So ging er über die Wurt nach dem Deich zurück und guckte mit seinen
scharfen Augen über das Eis er lief über die Blöschen nach dem Ewer die Waken
und Löcher umgehend nichts war zu sehen als im Fahrwasser die Lichter die
gelben grünen und roten nichts zu hören als das raschelnde alte Reet auf den
Kneienblicken und das Krachen der zusammenbrechenden Sickberge in der Weite
Sollte der Junge wieder in der Kombüse sitzen wie er es schon mehrmals
gemacht hatte um sich an die Ewerluft zu gewöhnen Klaus Mewes turnte auf das
Deck und stieg in die stille dunkle Kajüte hinab die ihm nun beinahe fremd
vorkommen wollte so tot erschien sie ihm ohne das sonst ständig brennende
Licht
Wo mochte der Junge sein
Wieder an Deck horchte er von neuem aber er vernahm nur das Tuten eines
Dampfers der dwars von der Nienstedter Kirche fuhr Seine Flagge auf der Besan
regte sich leicht im Abendwind als er hinaufsah Da schoss ihm jäh der Gedanke
durch den Kopf wenn ik di bloß ne halfstock holen mütt aber er jagte ihn von
dannen kletterte über das Schwert und schritt über das Eis nach dem Bollwerk
zurück Im Osten glomm der Lichtschein von Hamburg auf der dem Landfremden eine
weit entfernte ungeheure Feuersbrunst vortäuscht Da dachte Klaus Mewes an die
alte Fischfrau Beeken Focken die 1842 schon verheiratet gewesen war so alt war
sie Die hatte einmal bei ihm auf dem Deich gestanden und mit ihren braunen
knochigen Fingern nach dem östlichen Abendrot gewiesen und gesagt viel anders
hätte sich das 1842 vom Deich aus auch nicht angesehen nun wäre Hamburg schon
so groß dass es jede Nacht einen so großen Brand hätte
»Jä Beeken dat magst du woll seggen bi de veelen Wirtschaften« hatte er
lachend geantwortet
Mit einem Mal drehte er sich um und sah Seemann auf dem Bollwerk stehen
»Neem is Störtebeker Seemann Such Such« rief er hastig
Seemann wedelte mit dem Schwanz zum Zeichen dass er verstanden hatte und
setzte sich gemächlich in Bewegung Er schwankte von dem langen Leben an Bord
wie ein wirklicher Seemann von einer Seite nach der andern wenn er lief
Klaus wusste schon Bescheid es ging nach der Nesskule in der der Kahn lag
der Junge schipperte gewiss oder goss das Wasser aus seinem Fahrzeug das etwas
ziepte Da lag aber der Kahn unter den krummen Wicheln und war nicht abgeleint
wie sonst der Riemen lag dwars und kein Junge war dabei jach befiel ein
ungeheurer Schreck den Fahrensmann der auf der Doggerbank den bösesten Stürmen
furchtlos in die Augen blicken konnte und er lief in Sprüngen den Deich hinab
»Klaus«
Der Störtebeker blieb ihm dies eine Mal doch in der Kehle stecken
»Hier bün ik Vadder wat schall ik« rief Störtebeker und eine dunkle
Gestalt löste sich aus dem Schatten der Baumstämme die den Schleusengraben wie
Gespenster umstanden Taumelnd kam sie näher und wäre umgeschossen wenn der
Seefischer sie nicht aufgefangen hätte
»Wat is dor los Störtebeker Wat fehlt di Büst du krank«
Der Junge sah blass aus aber er lächelte doch schon wieder verloren »Jo
Vadder ik bün seekrank un mütt mi jümmer speen«
»Wat kummt dat denn«
Der Junge wies nach seinem grünen Kahn »Ik will mi seefast moken Vadder
wat ik mi noher up See ne mihr to speen bruk Un Jakob Husteen hett to mi seggt
denn muss ik jümmer mitten Kohn dümpeln Örk örk wat bün ik nu slecht toweg
Vadder wat hebb ik förn bitteren Gesmack innen Mund«
Klaus wollte lachen lachen lachen er konnte es aber nicht weil ihn die
Tapferkeit des kleinen Kerls tief rührte der so lange mit dem Kahn dümpelte
bis ihm schwindelig wurde nur um sich seefest zu machen
»Jä Störtebeker so geiht dat buten den ganzen Dag Nu wullt doch gewiss ne
mihr mit no See wat«
Aber der Junge nickte herzhaft und sagte »Doch Vadder Morgen dümpel ik
wedder un offermorgen un den Dag de denn kummt ok bit ik ne mihr düsig ward
un mi ne mihr breken mütt Ik will mi doch to Sommer van Kap Horn un Hein Mück
nix utlachen loten«
Klaus Mewes vertaute den Kahn in schiffergerechter Art nahm seinen Jungen
bei der Hand und ging mit ihm nach dem Ness zurück
In der Dönss brannte schon die Lampe
Als sie sich vor der Tür die Füße abschrapten sagte Klaus halblaut »Brukst
Mudder dor ober nix van to seggen hürst« »Segg du man nix Vadder ik will
woll swiegen« flüsterte Störtebeker kameradschaftlich und setzte sich in der
Dönss gleich neben den Ofen möglichst weit von der Lampe bückte sich tief und
zog umständlich die Stiefel aus um sein Gesicht vor der Mutter zu verbergen
die gleich in richterlichem Ton fragte
»Non neem kommt ji denn her«
»Wi sünd mol no de Nesskul wesen« berichtete Klaus Mewes der Wahrheit gemäß
»Hest du ok natte Strümp Klaus«
»Ne Mudder knokendreug«
»Lot mol feuhlen De un dreug De leckt jo vör Nattigkeit Gliek treckst jüm
ut«
Störtebeker machte ein saures Gesicht aber er freute sich doch dass sie
weiter nichts merkte und wischte heimlich die letzten Spuren des
Seefestigkeitskursus ab
Nach dem Abendbrot wurde das Knütten noch eine Weile wieder aufgenommen
dann aber packten sie das Kurrengut zusammen und machten Feierabend
Kap Horn suchte sich die alten Zeitungen aus der Bank hervor und las den
Roman »Zehn Jahre unter der Erde oder Schuld und Sühne« mit aufgestützten
Ellbogen Wenn er dabei an Stellen kam die ihm behagten so nickte er anhaltend
mit dem Kopfe wogegen er bei Kapiteln die nicht nach seiner Klitsch waren
ebenso ausdauernd den Kopf schüttelte Ja man konnte noch mehr aus seinem
Gesicht erkennen denn wenn er von Wind oder Sturm las und in einem echten
Roman weht und stürmt es ja alle drei Seiten so pustete er leise vor sich
hin las er von Liebe so strich er sich über die Backen gab es eine
Mordgeschichte zu kauen so las er mit geballten Fäusten und so weiter Wenn sie
sturmeshalber achter Nordernei oder Wangeroog lagen beobachtete Klaus in der
Koje liegend seinen lesenden Knecht mitunter stundenlang und sagte dann
zuletzt »Nu will ik di mol vertillen Kap Horn wat du lest hest« Und meistens
stimmte es was er dann erzählte dass der Knecht zuletzt jedesmal erstaunt
sagte »Klaus Mees ik gläuf du kannst hexen«
Diesen Abend aber kam der Schiffer nicht dazu denn sein Junge ritt auf
seinen Knien und treunte um eine Geschichte
»Ik weet uppen Stutz keen«
»Och Vadder vertill doch een Du weiß so veel«
»Ne ik kann nu keen tohoopgrabbeln«
»Och man to Vadder«
»Non jo denn ober ganz still wesen un eulich tohürn un noher ne wedder
seggen dat wür jo gorkeen Geschichte«
»Ne Vadder dat segg ik ok ne« versicherte Störtebeker und sein Vater
legte los
»Non denn hür to dor wür mol een Mann de harr keen Kamm to köfft he sik
een to harr he een « Da hielt der Junge seinem Vater aber schon den Mund zu
und paukste »Dat is keen Geschichte dat is Narrenkrom Du schallst een euliche
Geschichte vertillen«
»Non denn hür to dor wür mol een Mann de wür in de Heid verbiestert nu
hür man god to Dor wür mol een Mann de wür in de Heid verbiestert « Da
hielt Störtebeker ihm wieder den Mund zu und sagte das wäre auch Tüdelei un he
kunn een euliche Geschichte verlangt wesen
»Non denn hür to to sett he sien Hot uppen Disch un seggt non denn so
wisst ich selbst bin Klaus Störtebeker«
O weh das hätte Klaus Mewes doch wohl lieber nicht vorbringen sollen
denn nun tagelte Störtebeker ihn regelrecht durch und heischte zwar etwas von
Klaus Störtebeker aber etwas andres nicht immer diesen einen Satz den er
schon tausendmal gehört habe
Kap Horn legte den Finger auf das letzte Wort das er gelesen hatte sah auf
und sagte »Klaus Störtebeker büst du jo sülben Junge dor brukt di doch
keeneen wat von to vertellen«
Gesa aber die einen Flicken auf die englischlederne Hose setzte sagte
abweisend »Lot den olen Seeräuber man ünnerwegens un näumt den Jungen man ne
jümmer Störtebeker Den olen slechten Nom ward he jo sien ganz Leben ne wedder
los«
»De Nom is gor nich so slecht Gesa« sagte Kap Horn ernstaft während
Klaus Mewes lachte und meinte den Namen habe er einmal weg Klaus Störtebeker
sei übrigens gar kein schlechter Mensch gewesen wohl habe er den reichen
Kaufleuten und den Königen ihr Gold und Gut weggenommen aber den Armen habe er
viel Gutes getan noch jetzt würden die armen Leute zu Verden von seinem Geld
gespeist Und mit den Fischern habe er es auch nicht bös gemeint er störte sie
nicht und wenn er Fische holte so bezahlte er sie reichlich
So erzählte Klaus Mewes was die Sage an der Wasserkante zusammengetragen
hat von den Vitalienbrüdern und ihrem Hauptmann Klaus Störtebeker und der
kleine Klaus Störtebeker saß mit funkelnden Augen und glühenden Backen dabei und
konnte nicht genug hören wie sie Kopenhagen in Brand steckten wie die
zerfetzte gelbe Flagge im Sturme flatterte wie sie mit den Hamburger Schiffen
umsprangen wie sie Ritzebüttel und Neuwerk wegnahmen und wie sie den
schottischen König gefangen hielten Als Klaus aber weiter ging und von dem
großen breiten Graben auf Finkenwärder erzählte der die kleine Elbe hieß und
dass Störtebeker dort oft mit seinen Schiffen auf der Lauer gelegen habe da
sprang der Junge auf dass Kap Horn ausrief »Neem is dat Für« und fragte
»Vadder neem is de Groben«
Sein Vater beschrieb ihm diesen Graben und sagte dass es damals noch keinen
Deich gegeben habe und dass die kleine Elbe ein Priel von der großen gewesen sei
aber er konnte es dem Jungen doch nicht recht verdeutschen der sich einen so
breiten Graben eben nicht vorstellen konnte und es blieb schließlich nichts
andres übrig als dass sie eine kleine nächtliche Expedition nach dem
Seeräubergraben ausrüsteten die trotz der großen Einwendungen von Gesa sofort
ausrückte und der sich auch Kap Horn und Seemann freiwillig anschlossen
»Klaus bliew hier dor sitt de Brummkirl innen Groben un holt di«
Der Junge lachte sie aus und sagte während er sein wollenes Halsband
umband »Brummkirl gift ne Mudder«
»So«
»Hett Vadder seggt Dor ward bloß lütte Kinner mit bang mokt wat se ne bit
Woter gohn schöt«
Dann schlug die Haustür knallend zu und Gesa war wieder allein Wie die
Brechseen über dem kleinen Ewer so schlugen die Gedanken über ihrem Kopfe
zusammen sie konnte sich ihrer nicht erwehren und konnte auch die quellenden
Tränen nicht hemmen Warum musste sie so geschaffen sein dass sie nicht getroster
Hoffnung und fröhlichen Herzens an die Seefahrt denken konnte warum konnte sie
sich der Keckheit ihres Jungen nicht freuen Warum nichtwarum nicht Sie war
doch jung und gesund warum musste sie da immer wieder zusammenbrechen und klein
und verzagt werden warum konnte sie ihn nicht los werden den furchtbaren
Gedanken dass sie den Ewer auf See untergehen und den Jungen ertrunken im Graben
sehen solle Warum wagte sie es nur mit heimlichem Grauen helle Kleider zu
tragen
Sie begriff es nicht dass eine Seefischerfrau wie die kleine Metta Holst
die doch auch nicht am Deich grossgeworden war sondern wie sie von der Geest
stammte es aushielt dass sie so fröhlich lachen und singen konnte und abends
in der Schummerei geruhig auf dem Deich unter den Linden hinter dem Spinnrad saß
und spann denn ihr Mann und ihre beiden Söhne fuhren auf einem Ewer schwammen
auf einem Stück Holz in der See Ein Blitzstrahl eine Brechsee konnte ihr
ganzes Leben verschütten ihr ganzes Haus verdunkeln ihr alles alles nehmen
und doch konnte sie singen und lachen die Frau Dass eine so fest stehen konnte
Gesa schüttelte den Kopf
Der Junge glitt ihr ganz aus den Händen Sie hielt viel von ihm gewiss
ebensoviel wie andere Frauen von ihren Kindern Und wenn sie ihn zügelte und
ihm wehrte wenn sie ihn dem Wasser fernzuhalten suchte was trieb sie anders
dazu als die Liebe Bis zu drei Jahren war der Junge ein rechtes Mutterkind
gewesen das ihr Schürzenband kaum losgelassen hatte und sein Vater hatte sich
wenig mit ihm abgegeben sondern nur immer lachend erklärt dass er mit so
kleinen Gören nicht umzugehen wisse ein Mann der ein kleines Kind auf dem Arm
habe komme ihm vor wie ein Hahn der auf Eier gesetzt sei Zwar hatte er den
Jungen zuerst wohl alle zwei Stunden geweckt und dabei gesagt das müsse er
beizeiten lernen denn später beim Schollenfang hieße es auch alle zwei Stunden
raus aber es war nur Spaß gewesen wie es auch Spaß gewesen war wenn er ihn
auf und ab schaukelte um ihn an die Dünung zu gewöhnen und ihn seefest zu
machen wozu er sang So dümpelt de Eber so dümpelt de Eber so dümpelt de Eber
up See
Dann aber als der Junge anfing zu sprechen und zu begreifen war es anders
geworden da kam der Ernst Da wurde er ausgelacht weil er ein Mutterkind war
und von ihren Wegen abgelenkt da wurde das Wort gesprochen Ne bang wesen
Junge anners kummst du ne mit no See Ne schreen Klaus anners kann ik di
noher an Burd ne bruken denn muss du Kleigrober oder Kristoffer Bullerballer
wardn Da war der Brand in die Kinderseele hineingeworfen worden und hatte sie
verheert Da war ihm der Kompass in die Brust gesetzt worden der beständig nach
der See wies und all sein Tun und Lassen lenkte
Dann kam der Kahn der grüne nordische Kahn von dem Gesa glaubte dass ihr
Mann ihn vom Teufel gekauft hatte und nicht von dem norwegischen Schuner wie er
behauptete Den bekam der Junge zu seinem vierten Geburtstage und damit war er
der Elbe und dem Wasser verfallen der nun mehr war als die andern Jungen am
Deich Reeder und Schiffer Da übertrugen die Finkenwärder den Namen des
Fahrzeuges bald auf den Jungen und aus dem kleinen Klaus Mewes wurde für jung
und alt ein kleiner Klaus Störtebeker Gesa seufzte tief denn sie trug schwer
an diesem gottlosen Namen
Die vier Getreuen aber standen an dem breiten schwarzen Graben zwischen den
dicken krummen Wicheln und den schlanken schiefen Erlen und suchten die Spuren
von Klaus Störtebeker Sie bestimmten den Baum an dem er sein Admiralsschiff
festgehabt hätte und durchforschten die hohlen Stämme nach Gold das er
vielleicht hineingesteckt haben könnte Das faule Holz glomm auch wirklich wie
Silber so dass der Junge alle Augenblicke ausrief »Hier sitt dat Gild hier
sitt dat Guld« und sie von einer Wichel nach der andern lockte
Klaus Mewes aber guckte viel nach dem Bauernhof auf der zehn oder zwölf
Ewerlängen entfernten deichhohen Wurt der bei den alten Leuten noch der
Grönlandshof hieß weil in alten Zeiten die hamburgischen Walfischfänger neben
ihm geankert hatten Dorter stammten er und die ganze weitverbreitete Sippe
der Mewes auf dem Grönlandshof hatte der alte Vogt holländischen Blutes
gesessen der aus einem Bartolomäus zu einem Bartel Mewes geworden war Seine
Jungen und Enkel dann die hatten es herausgefunden dass es besser sei die
grüne See zu pflügen als das braune Land und sie waren nach dem Deich gezogen
und Schiffer und Fischer geworden Das Bauerngeschlecht der Mewes war
ausgestorben die seefahrenden Mewes aber waren immer noch groß am Ruder und
machten ein Drittel der Fischerflotte aus während das zweite und letzte Drittel
den Focken und Külper zukam
Seefischerei Klaus Mewes sehnte sich nicht nach der Bauerei zurück und
tauschte seinen lieben großen Ewer gewiss nicht gegen den ganzen Grönlandshof
Dritter Stremel
Den Montag der als ein schöner stiller Vorfrühlingstag über die Elbe kam fing
Klaus Mewes mit füher Arbeit an er schleppte Segel und Kurren mit seinen
Leuten über das Eis machte die beiden Kurrleinen fertig und eiste dann das
Fahrzeug ringsum frei damit Raum für den notwendigen Anlauf gewonnen würde
denn er hatte keine Ruhe mehr das Eis trieb nicht weg und konnte noch
wochenlang liegen bleiben da musste er Gewalt anwenden
Hein Mück der erst gegen Morgen von Musik gekommen war konnte kaum die
Augen offen halten aber sein Tappen half ihm nichts er bekam die nassen
Faustandschuhe zu schmecken und musste tüchtig daran glauben
Halbermittag ging Kap Horn den Deich entlang um anzusagen für die große
Arbeit die gleich nach dem Essen angegriffen werden sollte Kap Horn war der
rechte Mann für so etwas denn er konnte gut klönen zwar dauerte es Stunden
bis er die hundertfünf Häuser abgeklopft hatte aber er hatte dafür auch die
Genugtuung acht Tassen Kaffee und zwei Kirschenschnäpse eingegossen bekommen
und alle an Land befindlichen Mannsleute angeworben zu haben Störtebeker
begleitete ihn ein Stück und lief dann nochmal nach dem Schuster und mahnte ihn
um die langen Stiefel freilich ohne dass er sie gekriegt hätte
Dann trabte er wieder nach dem Ness und half seinem Vater dem er in allen
Schiffsdingen der unermüdlichste und aufmerksamste Helfer war Ein so großer
Stankmacher und Ausfresser der Junge sonst war solange er bei seinem Vater
stand vergaß er alles andere und war nur noch der lerneifrige vielfragende
Schiffsjunge
Nach Mittag standen sie dann im Sonnenschein auf dem Ewer der schon in
seiner großen Wake trieb Schiffer Knecht Junge Spielvogel und Hund
Hein Mück pumpte noch etwas bis die Pumpe röchelte und Störtebeker drängte
das Ruder von Backbord nach Steuerbord und von Steuerbord nach Backbord als
habe er wirklich zu steuern Klaus Mewes und Kap Horn aber schleppten die beiden
schweren Trossen über das Eis
Da kamen sie vom Deich herunter und über das Eis gegangen die Seefischer
die Wattfischer die Lüttfischer die Frachtschipper es kamen der Gastwirt der
Reepschläger der Blockmacher der Krämer und der Segelmacher weit über hundert
Mann alle in großen Stiefeln steckend laut lachend und sprechend in Gruppen
und einzeln Und die gewaltige Schar versammelte sich um den Ewer einigte sich
über den Weg den sie nehmen wollte und verteilte sich auf die beiden langen
Kurrleinen Alles Görenzeug lief und rannte auf den Schallen umher und oben auf
dem Deich standen die Frauen und Mädchen und guckten und warteten Am Bollwerk
und auf den Schallen aber lag die Menge der Fahrzeuge denen der große Tag die
Freiheit bringen sollte Die vergoldeten Flögel blinkten im Sonnenschein und in
den Klüsenaugen leuchtete es vor Hoffnung
Der große Tag der größte Tag der Finkenwärder Fischerei an dem sie die
Mächtigkeit ihrer Flotte die Stärke ihrer Mannschaft die Brüderlichkeit und
Hilfsbereitschaft ihrer Fahrensleute am besten bewies Allen die ihn erlebt
haben die den großen Triumphzug vom Bollwerk bis an das weit entfernte
Fahrwasser gesehen haben hat er sich unauslöschlich in die Seele eingegrücktt
Nicht wahr du Finkenwärder up den Dag kannst du di ok noch besinnen
Es kamen immer noch mehr Fahrensleute über das Eis alle alle wollten
helfen alle wollten dabei sein Nun waren der Hilfsleute genug Klaus Mewes
stand am Steven wie ein König und gröhlte die Leinen müssten noch weiter
auseinander Und als das getan war da rief er über das Eis so laut er konnte
»All klor Een twee dree allemann inne Gangen Huroh Huroh Huroh«
Da sprang Kap Horn nach dem Ruder und warf es herum die Fahrensleute aber
setzten sich mit Huroh und Jümmerbeterbi und Hödjihöh in Bewegung und zogen die
Leinen steif der Ewer kam in Fahrt und schoss durch das offene Wasser dann
krachte und knackte er gegen das Eis zerbrach es schob es zur Seite drückte
es unter sich bäumte sich auf senkte sich wieder kam aber dann zum Stehen und
blieb vor einem Eisberge sitzen Aber ein schönes Stück war schon bewältigt
Störtebeker sprang wie ein Wiesel hüpfte wie ein Heister wie ein
Wippsteert auf dem Ewer umher als aber das Brechen losging stand er neben
seinem Vater der unermüdlich anfeuerte und hielt sich am Vorderpoller fest
Das war was für ihn »Junge Junge Vadder so geiht he god«
Stoppi stoppi
Nun musste ein Tau achteraus geschoren werden und sie mussten den Ewer ein
Stück rückwärts ziehen damit sie Anlaufraum gewännen Klaus Mewes und seine
Leute gingen mit Haken daran die Schollen vor dem Bug zu entfernen
Kord Külper aber der spassige der Ontjekolontje hieß er hatte aus dem
bremischen Dreimaster der mit Stückgut nach Valparaiso wollte und auf Scharhörn
strandete eine ganze Kiste Kölnischen Wassers Eau de Kologne erbeutet und
bespritzte seitdem Taschentuch und Südwester Buscherump und Ölbüx damit wie
behauptet wurde jedenfalls aber roch alles an ihm nach Ontjekolontje Kord
Külper kam heran und rief »Klaus Störtebeker mütt no achtern gohn anners speel
ik ne mihr mit de drückt dat Fohrtüch vör to deep dol« »Deit he ok« riefen
einige Knechte zur Bekräftigung
Da trat Störtebeker schweigend ab wie Wallenstein auf dem Reichstag zu
Regensburg ging langsam nach dem Heck und stellte sich neben Kap Horn ans
Ruder damit der Ewer den Steven höher höbe
Und Jan Kröger der laute kam über das Eis und sagte zu Klaus Mewes
»Klaus du büst en fixen Kirl bi de Klütenpann dat weet wi all du weest wat
vör un achter is annen Schipp un büst vörn doten Kiwitt ne bang ober dat
Gröhlen weest du dat Bölken versteihst du dat Andrieben hürst du dat
Beterbi mien Jung dat hest du doch noch ne rut Dat mütt ganz anners
rutflegen Ik kann gröhlen lot mi dor mol stohn un kummandiern«
Klaus Mewes aber lachte »Hier kummandier ik Jan dat weiß du woll bliew
du man anne Kurrlien« »Eegenbuck« rief Jan laut und ging an seinen Törn
Dann erhob Klaus Mewes wieder Arm und Stimme und alle zogen an
»Huroh Togliek Hödjihöh«
So rief es auf dem Ewer so rief es auf den Schallen so rief es vom Deich
und das Fahrzeug gnosterte wieder durch das Eis und brach den Weg weiter Zwei
Ewerlängen wurden gemeistert dafür mussten aber auch drei Mann ausscheiden die
eingebrochen waren Jakob Walross der eigentlich Jakob Witt hieß und seinen
Ökelnamen von seinem herunterhängenden borstigen Schnurrbart hatte und Hein
Mewes den sie Hein Lompdom nannten weil er einmal geantwortet hatte als ein
Altenwerder ihn fragte wie es auf Finkenwärder ginge Och dat weiß woll Siem
Achner jümmer lompdom lompdom Der dritte aber der eine Quappe stach war
Störtebeker er hatte sich den kleinen Haken hergekriegt und die Eisblöschen mit
weggeschoben dabei war er über Bord gefallen und wäre beinahe unter das Eis
gekommen wenn Kap Horn ihn nicht noch mit dem Haken erwischt hätte Er zog ihn
wie einen Seehund an Deck und nun war die Herrlichkeit aus Klaus Mewes ging
mit seinem Jungen nach unten zog ihn aus hängte das nasse Zeug um den Ofen und
steckte den nackten Mann in seine Koje Dann musste er wieder hinauf denn das
Eisen war schon wieder in vollem Gange er schickte aber Hein Mück der Feuer
machen musste damit es trockne Oben rief es wieder von allen Seiten am Bug
scheuerte und stieß das Eis dann donnerte und krachte es als bräche der Ewer
in Stücke Hein Mück sagte »Och wat dat Für will woll van sülben inne Gangen
kommen« und rannte die Treppe hinauf zu sehen und zu helfen
Klaus Störtebeker blieb allein in der Kajüte und horchte auf den Lärm Nun
treckten sie wieder nun musste der Ewer erst wieder über Steuer »Bang dött ik
ne wardn anners komm ik ne mit no See« sagte er vor sich hin wenn das
furchtbare Poltern wieder anfing Mitunter stand er auf und befühlte das Zeug
ob es noch nicht trocken wäre dann kroch er frierend wieder unter die Decke und
horchte abermals
Oder er guckte die goldenen Sprüche an die unter den Kojen eingeschnjetzt
waren
Was für Sprüche waren das fragt die Seele
Wer im Altonaer Museum gewesen ist und die Ausstellung des Deutschen
SeefischereiVereins gesehen hat Deutscher SeefischereiVerein ich möchte
seinen Namen golden schreiben weil er so viel für unsere Fischerei getan hat
und noch tut der hat auch in die puppenküchenenge Kombüse des Blankeneser
Fischerewers aus den sechziger Jahren hineingeguckt und die Sprüche gelesen die
darin stehen Unter der Schifferkoje In Storm un Not Bewahr uns Gott unter
der Knechtenkoje Hier eben öber hin Is beter as op den Bünn unter der
Jungenkoje Hüt Klüt un morgen Fisch Vergnögt gaht wi to Disch Und er hat
wohl gefragt ob auch die anderen Fischerfahrzeuge sich solcher Zier erfreuten
Sie taten es Wie jedes alte Bauernhaus seinen Segen trug so hatten auch
die Ewer ihre Sprüche köstliche Bibelverse zumeist
Bei Klaus Mewes stand unter der Koje des Koches sogar ein lateinisches Wort
Mediis tranduillus in undis
Und das war so gekommen als Klaus das Fahrzeug bauen ließ bei Jochen
Behrens an der Süderelbe der ein gutes Stück der Flotte gezimmert hatte dachte
er selbst viel über einen Bordsegen nach blätterte die Bibel und das Gesangbuch
durch und zerbrach sich den Kopf aber er konnte nichts ketschern das ihm gut
genug war Da ging er denn eines Tages als er wieder nach der Werft wollte
beim Pastoren vor und fragte den Bodemann der schon manchem Fischermann
geraten hatte musste etwas wissen
Nun hatte er den Tag aber gerade einen Auszug aus dem Borkumer Kirchenbuch
über eine angeschwemmte Finkenwärder Leiche bekommen und über den lateinischen
Spruch auf dem roten Siegel nachgedacht er nötigte den Besuch deshalb in einen
Stuhl der so weich war dass Klaus Mewes an Abrahams Schoss erinnert wurde und
schrieb ihm die vier Wörter auf »Sühso mien lebe Klaus Mees« sagte er und
fragte nach Schiff und Stapellauf
Der Fischermann bedankte sich dann aber drehte er den Zettel überkopf als
wenn die Worte in Spiegelschrift abgefasst wären guckte ihn nochmals scharf an
und sagte dann »Dat is woll latiensch Herr Pastur wat« »Jawoll Herr Mees
latiensch« »So so Non Herr Pastur weeten se son beten latiensch kann ik
jo an Jan Eitzen sien Kutter steiht Ora et labora und dat heet Bete und
arbeite Un an Nessbur sien Hus steiht Soli deo gloria un dat heet Gott allein
die Ehre Ober mit düt Medis sitt ik all gliek fast«
»Mediis tranpuillus in undis ruhig inmitten der Meereswogen heet dat«
sagte der Pastor ernst »Mit dem Spruch lett sik woll no See fohren«
Da hatte Klaus Mewes sich bedankt und war seines Weges gegangen Der Spruch
gleisste zwei Jahre unter seiner Koje dann ging einmal ein Schullehrer in der
Stachelbeerzeit mit ihm nach See ein deutschgesinnter begeisterter Junggast
der schlug großen Lärm darum »Schiffer Mewes was soll das Latein dort Ist ihr
Schiff kein deutsches und muss es keinen deutschen Spruch haben den sie
verstehen und bei dem sie sich etwas denken können Was sollen überhaupt alle
die lateinischen griechischen hebräischen englischen und französischen Namen
die eure Schiffe haben Wer heckt sie aus wer hat sie bedacht wer tauft hier
deutsche Fahrzeuge Sagitta Poseidon Ebenezer Avance Kourier Salamander
Pescatore Vlieboot und Cito Die Alten machten es besser die nannten die
Schiffe wie ihre Frauen danach müsste ihr Ewer Gesa heißen und nicht Laertes
Und statt des Lateins müsste hier ein guter deutscher Spruch stehen«
»Schallst recht hebben mien Jung« sagte Klaus Mewes »ik frei mi jümmer
wenn een kleuker is as ik bün An den Laertes lett sik jo nu nix mihr innern
ober wenn du een scheunen Spruch för de Koi weiß denn wöt wi mol sehen« Da kam
das starke ewige Luterwort unter die Koje
Ein feste Burg ist unser GOTT
den lateinischen Spruch aber erhielt die Knechtenkoje als Schmuck So ging es
wieder zwei Jahre gut bis der lange Harm Riegen der Ewersprüche sammelte
einmal in die Kajüte trat und ausrief »Twee Wiltsproken stoht dor all Klaus
oder de drütte de von Kap Horn bit ant Nurdkap snackt ward un de üller is as de
annern beiden tohoop fehlt dor noch bi plattdütsch«
»So« lachte Klaus Mewes »du kummst van wegen de Sprüch ik meen all du
wullst mol meten keen greuter is van uns twee beiden Harm plattdütsch kannen
doch bloß snacken to schrieben geiht dat doch ne«
»Klaus dat gift hunnert grote dicke Beuker de plattdütsch sünd«
»Kann ne angohn Harm Dor hebb ik noch nix van hürt«
»Wat« schrie Harm Riegen sprang auf rannte wie ein durchgehendes Pferd
den Deich entlang und kam nach einer Viertelstunde mit einer großen
plattdeutschen Bibel von 1486 zurück
»Hier Klaus Mees«
»Wat Dat is een Book Ik meen dat wür een räukerten Schinken«
Nachdem er sich aber zu seiner Verwunderung überzeugt hatte dass sie
wirklich plattdeutsch gedruckt war und nachdem Harm ihm ein Kapitel daraus
vorgelesen hatte erklärte er sich damit einverstanden auch einen
plattdeutschen Spruch zu setzen und gab zehn Bund getrockneter Scharben für die
Worte die nun unter seiner Koje prangten und leuchteten
Hilpt mi Sünn und Wind
hilpt mi bit Fischen
Ik heet Klaus Mees
un bün van Finkwarder
»Eegentlich harr ik di twintig Bund todacht Harm« sagte er aber doch
dabei »ober dat riemt sik jo ne dorüm kriegst du bloß tein« Den hochdeutschen
Spruch bekam die Jungenkoje
Wiederum stand der kleine Störtebeker auf und befühlte seine Sachen er
hängte sie um und stökerte das Feuer nach Du liebe Zeit wie lange dauerte das
Er kriegte ja von dem Eisbrechen gar nichts mehr zu sehen denn bei dem vielen
Hurra mussten sie wohl bald nach dem Fahrwasser kommen
Einem plötzlichen Einfall folgend schob er die Hinterwand der Koje zurück
und guckte über die Ketten hinweg nach den fünf Totenschädeln die ganz vorn im
Steven zwischen den Kneessen steckten Kap Horn hatte sie ihm vorher einmal
gezeigt und gesagt die hätten sie in der Kurre gefangen Man dürfe solche
Totenköpfe nicht wieder über Bord werfen sondern müsse sie in den Steven
stecken dann könne der Ewer niemals umkippen Nachdenklich starrte der Junge
sie an als wenn er nicht recht klug daraus werden könnte denn sein Vater hatte
auf seine Fragen geantwortet das ist nichts zum Besprechen und Besehen sondern
etwas zum Schweigen Wie grösig kalt die Luft aus dem dunkeln Loch kam
Störtebeker zitterte vor Kälte schob die Klappe zu und wärmte sich wieder auf
Als er aber einen Augenblick gelegen hatte litt es ihn nicht mehr unter der
Decke er holte die Seekarten vom Bord und rollte sie auf und sah die roten
Punkte an die Feuer bedeuteten und die kleinen Feuertürme und Baken die am
Rande der Karten standen während es draußen wieder lärmte und rief
Abermals stand er auf Das Zeug war noch klamm und fuchtig aber er dachte
wie sein Vater Uppen Lief dreugt upt best und zog sich an so schnell es gehen
wollte Er war noch nicht ganz fertig damit als es draußen dreimal Hurra rief
da hielt er es nicht mehr aus aus halb angezogen in Unterhosen mit einem
Stiefel am Fuß und einem in der Hand sauste er nach oben und guckte aus der
Kapp da drängte der Ewer gerade die letzten Eisstücke beiseite und glitt
langsam in das freie Fahrwasser hinein Klaus Mewes und seine Macker zogen die
mitgeschleiften Kurrleinen ein der Ewer aber benutzte die Dünung eines
vorbeigehenden Slomans zu einigen tiefen Dankesverbeugungen vor seinen Helfern
Ok veelen Dank dat ji mi rutolpen hebbt
Auch vom Deich und von den Schallen rief es jetzt Hurra
Die Fahrensleute gingen in froher Stimmung ehrlich erfreut über ihren
Erfolg gruppenweise über das Eis nach dem Deich zurück und sprachen und taten
von der Fahrt denn jetzt war der Weg nach der See frei geworden was dem
Einzelnen noch übrig blieb die kleine Rinne von seinem Ewer nach dem großen
Priel war Sache eines Tages und ließ sich leicht beschicken Die Schollenzeit
war angebrochen für die Schollengreifer vom Ness Hurra hurra hurra
Auf HF 125 aber dem Ewer »Laertes« ließ sie den Draggen zu Wasser
schossen die Leinen auf reinigten das Deck hängten die Laterne an das Fockstag
und kletterten dann in das Boot um den Bärenhunger zu vertreiben der alle
befallen hatte
Störtebeker saß auf der Euschenducht und quälte sich mit drei Dingen ab dass
der verdrehte Kerl von Schuster ihm die Stiefel noch nicht gemacht hatte dass
sein Vater morgen fahren wollte und ihn nicht mitnahm und dass sein grüner Kahn
noch im Nessgraben festsass und er noch nicht schippern konnte
»Du hest dat een beten god Seemann« sagte er aus diesen Gedanken heraus
und streichelte den Hund der auch keine Kniestiefel hatte und noch viel kleiner
als er war und doch immer mit nach See durfte Seemann aber hielt die Nase hoch
denn vom Deich kam ein Geruch wie von gebratenen Klössen mit dem Abendwind
herübergeweht
Klaus Mewes lachte und wriggte schneller denn er roch hinter den Klössen
schon die See und grüßte Helgoland
Vierter Stremel
1887 schreiben wir und die Hochseefischerei unter Segeln steht in Sommerblüte
Finkenwärder hat seinen Gipfel erreicht und ist Baas auf See
300 Ewer und Kutter nennt die Elbe ihr eigen von denen 187 zu Finkenwärder
beheimatet sind und ein HF auf den braunen Segeln tragen 83 reedern mit SB
und griesen Segeln nach Blankenese der Rest gehört dem lüneburgischen
Finkenwerder dem Cranz dem Mühlenberg und der Teufelsbrücke
Die das Land mit Fischen versorgen sind die Mewes und Külper von
Finkenwärder und die Breckwoldt und von Appen von Blankenese sie liefern
Hamburg und Bremen Oldenburg und Glückstadt Geestemünde und Tönning ihre
Schollen und Zungen und fangen wintertags so viele Heringe dass halb Holstein
und Hannover damit gedüngt werden können sie sind die Könige der Nordsee die
man in Dänemark so gut wie in Holland und England kennt denn es macht ihnen
nichts aus bei Südwind einmal nach Esbjerg zu segeln oder bei Nordwind nach
Ijmuiden oder bei Ostwind nach London
Wohl haben sie auf der Weser schon einen Fischdampfer die kleine Sagitta
aber unsere Fahrensleute lachen noch über den Smeukewer wenn sie ihm begegnen
wohl sind schon die Zeiten vorbei dass nur Finkenwärder auf Finkenwärder und
Blankeneser auf Blankeneser Schiffen fahren sie müssen sich schon mit
Butenländern behelfen aber dennoch steht die Sonne von Finkenwärder auf der
Mittagshöhe und seine Segel beschatten die ganze See
Wir grüßen euch ihr hundertsiebenundachtzig Schiffe als wenn ihr noch alle
am Leben wärt
Klaus Störtebeker hatte es den andern Morgen ganz verteufelt hild er musste
Brot vom Bäcker holen und Proviant vom Krämer musste einen Schinken aus der
Rauchkammer herabschleppen denn Klaus Mewes tat die erste Ausfahrt nicht ohne
einen Schinken obgleich man am Deich meinte der Schinken dürfe erste beim
ersten Kuckucksruf angeschnitten werden er trug die Kruken mit Weiß und
Schwarzsauer die Beutel mit Strümpfen und Unterhosen nach dem Bollwerk und
quälte sich mit Vaters Seestiefeln und seinem Ölzeug ab wie Roland mit seines
Vaters Waffen aber es machte ihm Spaß und er vergaß seinen Kummer darüber dass
er noch an Land bleiben sollte
Als alles schier war konnte er es aber doch nicht lassen dem saumseligen
Schuster nochmal die Wacht anzusagen Der Hans Niedersachs von Finkenwärder der
ein Schelm war und einen Schalk als Gesellen hatte sah ihn schon als er die
Treppe hinunterstieg und sagte zu seinem Gesellen »Kiek ut vör Störtebeker«
Wir müssen nun freilich wissen dass Klaus Mewes bei der Bestellung der
Siebenmeilenstiefel für seinen Jungen heimlich gesagt hatte es eile nicht und
vor Pfingsten brauchten sie nicht fertig zu sein und dass Gesa hinterher
bestimmt hatte sie sollten erst im Herbst geliefert werden wenn der Junge der
unruhigen Witterung wegen nicht mehr mit nach See kommen könne der Schuster tat
deshalb nur was ihm geheißen war wenn er ihn vertröstete Er hatte bei den
Stiefeln übrigens noch nicht einmal angefangen
Als Störtebeker die Tür aufklinkte saßen die beiden Pechräte tiefgebückt
da duckten sich hinter die großen Glaskugeln wie Verschwörer und klopften für
fünfzehn ohne aufzugucken
»Schoster sünd mien Stebeln klor«
Der Schuster und sein Geselle klopften das Leder noch lauter und deftiger
dass die Fenster wie bei einem Gewitter klirrten und taten als könnten sie
weder hören noch sehen
»Schoster wat mien Stebeln klor sünd«
Störtebeker rief schon lauter aber die beiden Pfriemenreiter stellten sich
wieder taub und hämmerten als wollten sie Stahl aus den Kuhhäuten machen dabei
aber sahen sie einander heimlich an wat he nu woll upstillt sollte es heißen
Der Junge sah sich in der Werkstatt um Da lagen die großen langen Stiefel
der Elbfischer de güngen bit ant Gatt und waren größer als er selbst da
standen die schweren starken Seefischerstiefel so gewaltig dass er sich
dahinter verstecken konnte da waren Bauernschuhe die so klotzigwaren dass er
damit hätte über die Elbe schippern können aber Kniestiefel die ihm zu pass
waren konnte er nicht dazwischen finden
»Schoster sünd mien Stebeln klor« Er gröhlte es so laut er konnte aber
die Schuster ließ sich in ihrer Klopferei nicht stören denn sie wussten noch
nicht was sie diesmal an den Tag geben sollten sollten sie wieder über seine
Seefahrt loslegen oder von seinem Kahn anfangen oder ihm ein paar linke
Mannsstiefel anpassen Störtebeker war ärgerlich geworden er sah den Kram noch
eine Weile an dann drehte er sich batz um und lief hinaus
»Nanu« sagte der Meister und ließ das Hämmern »nanu« sagte der Geselle
und stellte auch den Betrieb ein aber ehe sie sichs versahen sauste ein
großer Mauerstein durch das Fenster dass die Splitter umherflogen zerschlug
eine der Glaskugeln dass das Wasser über den Tisch spritzte und bumste schwer
gegen die Wand
»Nu hol mi noch mol förn Buern« rief Störtebeker draußen nahm seine
Pantoffeln in die Hand und sauste auf Strumpfsocken davon wie ein gejagter
Hase hast du nicht so kannst du nicht bang bün ik ne ober loopen kann ik
fix Der Schuster wollte ihm nach aber ehe er soweit war war der Junge schon
längst über Heide und Zaun Da lasen die beiden die Splitter auf nagelten ein
Stück Leder vor das Fenster und gelobten große Rache
Störtebeker war weit genug gelaufen und zog seine Pantoffeln wieder an
Seine Strümpfe waren klitschennass geworden denn er hatte auf seiner Flucht zwar
über alle Patten springen wollen aber es war ihm nicht immer gelungen und dann
saßen sie auch voller Schlick Er konnte sich zu Hause nicht damit sehen lassen
wenn er nicht eine Tracht Knüppelholz riskieren wollte das war ihm klar Und da
kam er bei und kletterte die Stegel hinunter setzte sich hinter eine dicke
hohle Wichel dass er vom Deich nicht wahrgenommen werden konnte und wusch die
Strümpfe im Graben bis sie wieder rein waren wrang sie aus und hängte sie zum
Trocknen auf sah den Sperlingen zu bis die Strümpfe einigermaßen trocken
waren und zog sie dann getrost an
»Klor is de Käs« sagte er zu den beiden kleinen Jungen die ihm bewundernd
zuguckten und lief nach Hause Jan Husteen der Elbfischer den sie seines
Lieblingsessens wegen allgemein Jan Sturenzupp nannten rief ihm nach
»Störtebeker du kummst ne mihr mit dien Vadder is all weg« »Wat schull he
woll« rief der Junge erregt und lief schneller aber er kam doch zu spät denn
das Haus war leer da war kein Vater mehr und kein Kap Horn kein Hein Mück und
kein Seemann sie waren schon alle an Bord und als er verstört hinausrannte und
Utkiek hielt da sah er den Ewer schon bei Nienstedten unter Segeln treiben
Er hätte brüllen mögen so überkam es ihn »Is Vadder all weg Worüm hett he
mi denn ne Adjüst seggt Mudder He wull mi doch Adjüst seggen«
»Neem kummst du her Junge Neem büst du wesen« fragte sie dagegen »wi
hebbt di soveel ropen un allerwärts söcht Vadder wull di so giern Adjüst seggen
un hett noch een ganze Tied no di teuft«
»Och wat« gnjetzte Störtebeker der traurig und zornig war »harr he denn ne
noch en betjen stoppen kunnt Ik bün jo man bloß eben langsen Diek wesen Vadder
mütt mi doch Adjüst seggen un ik mütt em ok doch Adjüst seggen Dat geiht jo
gor ne anners Mudder Minschenkinners ne wat is dat ok doch all für Krom« Und
er stand auf dem Deich und blickte mit dunkeln Augen und finsterem Gesicht nach
dem Ewer der mit glockenhellem Klippklanpp das Boot auf Deck tallte Es wollte
ihm nicht in den Kopf hinein dass sein Vater fahren konnte ohne ihm Adjüst
gesagt zu haben und er dachte wärst du doch bloß nicht nach dem Schuster
gelaufen dann hättest du deinen Vater noch gesehen
Wirklich hatten sie mit allemann nach dem Jungen gerufen als es Hochwasser
werden wollte und die Zeit gekommen war dass sie an Bord mussten »Störtebeker
Störtebeker Klaus Klaus Mees« schallte es über den Ness Auch Kap Horn und
Hein Mück riefen mit und sogar der kluge Seemann gab ein kurzes Bellen drein
aber der Junge war nicht hier und nicht wir zu werden auf keinem Bug lag er an
und kam nicht und kam nicht Da mussten sie endlich los ohne ihn gesehen zu
haben wenn sie nicht die Tide verpassen wollten Klaus und Gesa schieden aber
mit Widerhaken im Herzen die ihnen weh taten denn er hatte sie im Verdacht
dass sie den Jungen weit weggeschickt habe damit er nicht im letzten Augenblick
noch mitgenommen werden könne sie dagegen konnte den Gedanken nicht los werden
dass er den Jungen an Bord versteckt halte um ihn doch mit nach See zu nehmen
und dann nachher zu sagen es habe nicht anders gemacht werden können
Das verbitterte ihnen den Abschied
Als Gesa nun den Jungen wiederhatte und sah dass sie ihrem Mann Unrecht
getan hatte kam die Reue über sie und sie winkte vom Bodenfenster mit der
großen Dweel der leinenen Tischdecke bis er es sah und seine deutsche Flagge
dreimal grüßend dippte denn sein Unmut war längst verweht seitdem er wieder
als Fahrensmann an Bord stand und seine Segel über sich hatte Es war eine Lust
zu fahren In der weiten Runde welch ein reges Leben welch ein freudiges
Arbeiten Da war nicht ein Ewer nicht ein Kutter nicht eine Jolle auf denen
es still war überall eisten sie trugen Segel und Proviant herbei hievten die
Anker setzten die Segel ließ die Gaffeln knarren und schipperten einer nach
dem andern aus der großen Rinne die schon ihren Namen bekommen hatte und Klaus
Mees sien Lock hieß Draußen ließ sie sich mit dem Ebbstrom daltreiben denn
es war gar keine Kühlung Der erste aber war Klaus Mewes mit seinem »Laertes«
dem die deutsche Flagge von der Besan hing
So güngen se up de Schullen dol
Störtebeker stand noch auf dem Deich als wenn er dort angewachsen wäre sah
nach dem Ewer der unter der gründachigen Nienstedter Kirche kreuzte und
grübelte ob es wohl darum so gekommen sei weil er bange gewesen war Da hatte
er ja gleich die Strafe für seine Bangbüxigkeit er war nicht mitgekommen nach
See und sie hatten ihm nicht einmal Adjüst gesagt Wäre er langsam nach Hause
gegangen so hätte er seine Strümpfe nicht auszuwaschen brauchen und er hätte
seinen Vater noch gesehen
Nu will ik ober gewiss ne mihr bang wardn Ganz gewiss will ik nu ne mihr bang
wardn sagte er sich
Die Mutter stand in der Tür Der kleine Boitel dauerte sie »Jä Klaus dor
lett sik nu nix mihr an dohn herkieken kannst du em ne wedder Nu sünd wi
wedder den ganzen Sommer alleen«
»To Sommer bün ik doch all mit an Burd« sagte er mit halbem Vorwurf ohne
sich umzudrehen
»Kumm man rin wöt Kaffe drinken«
»Och ik mag nix Mudder«
»Ik will di bi magnix Gliek anto«
Da musste er sich geben und als er erst in der Küche am Tisch saß da
schmeckte es auch Wann hätte es Klaus Störtebeker übrigens nicht geschmeckt
Nach dem Kaffee wusch sie ihm das Gesicht Er hielt ausnahmsweise still
obgleich er sich schon selbst waschen konnte und obgleich genau wusste dass sie
es nur tat um ihm dabei die Backen eien zu können Als sie dann aber nach
seiner Bunge fragte und nach der Krähe denn sie hatte sich fest vorgenommen
sein Vertrauen zurückzugewinnen wollte auch nicht mehr so streng gegen ihn
sein sondern versuchen seine Kameradin zu werden da ging er bald hinaus
denn diese Fragen schienen ihm recht verfänglich So guckt der Spatz misstrauisch
vom Dach wenn ihm Krumen gestreut werden
Da beim Schloss von Godeffroy der guten Frau wie es am Deich hieß segelte
der Ewer viel weiter war er noch nicht gekommen denn es war immer noch
totstill
Störtebeker besann sich dass er noch nicht gefüttert hatte Der Gerechte
erbarmt sich seines Viehes auch wenn er Kummer hat Er ging über die Wurt nach
dem Hof und warf den Kaninchen Kartoffelschalen hinein aber trotz seines wehen
Herzens konnte er sich nicht enthalten der Eve den Bauch zu befühlen denn er
wartete sehr darauf dass sie jungen sollte hatte er doch schon fünf Junge fest
versagt Hein Meyer kriegte einen Bock und eine Eve Peter Fock einen Bock
Hannis Külper Jan Loop jeder eine Eve
Dann bekam die Nebelkrähe ihren aufgeweichten Stuten Der struppige Kluss
schlug mit den Flügeln und quarkte vergnügt über das Fressen Störtebeker fasste
es aber anders auf und sagte betrübt »Jä Kluss Vadder is nu no See hin un hett
mi ne Adjüst seggt«
Da sah er am Schauer seine Kreek stehen und dachte wenn du damit über das
Eis peektest ganz nach Blankenese hinunter könntest du deinen Vater noch sehen
und ihm Adjüst sagen »Ik mütt un mütt em Adjüst seggen« Er suchte die Peek
her nahm die Kreek auf den Nacken und schlich wie ein Indianer den Binnendeich
entlang damit die Mutter ihn nicht gewahr werden sollte Als er weit genug war
kletterte er über den Deich sprang vom Bollwerk auf das Eis und peekte sich
über Rillen und Sickberge an Waken und offenen Stellen vorbei nach dem
Fahrwasser
Vadder ik komm
Der Schuster war ein Schlauer Er wartete geruhig ab dass der Polizist auf
seinem gewohnten Rundgang den Deich entlang kam und schloss sich dann dem
ahnungslosen Beamten unter harmlosen Gesprächen an um sich ein wenig zu
verpetten wie er meinte So dachte erdem droken Klaus Störtebeker einen großen
Schrecken einzujagen
Aber er hatte seine Arbeit umsonst liegen lassen der Vogel war nicht da
Die ängstliche Gesa suchte den Jungen im Keller und auf dem Boden als sie ihn
aber nicht fand nahm sie an dass er geflohen sei ließ sich kopfschüttelnd die
schlimme Tat berichten und bezahlte die Scheibe und die Kugel Auch versprach
sie dem Schuster dass Klaus kommen und Abbitte tun solle gab ihm noch ein Paar
alte Stiefel zum Besohlen und Vorschuhen mit und brachte den Zwischenfall damit
auch glücklich wieder in die Reihe
»Adjüst Vadder Adjüst Vadder«
Klaus Mewes guckte nicht schlecht als er seinen Jungen mit einem Mal auf
dem Eise stehen sah dwars ab von Blankenese hart am Rande des Fahrwassers
Störtebeker stand neben seiner Kreek auf die Peek gestützt und winkte
»Wat kummst du hier her Wat deist du up dat mörre Is«
»Ik wull di doch noch Adjüst seggen Vadder« rief der Junge »du büst jo so
fohrn«
Kap Horn aber machte Weiberlärm
»Junge Junge wat kannst du wat moken wo licht harrst du inne Wok oder
innen Lock kommen kunnt«
Aber Störtebeker sagte ruhig »Dorför hett de Minsch doch Ogen Kap Horn«
Sein Vater ließ den Ewer in den Wind schießen und überlegte was er tun
sollte
»Dat Is is so mörr as Tunner dor güng ik gewiss ne mihr rup« ließ Hein Mück
sich vernehmen aber Störtebeker rief »Dat gläuf ik du Bangbüx Non Adjüst
Vadder«
»Kannst du ok wedder no Hus finnen Junge«
»Jo dat is jo nix Vadder«
Kap Horn aber legte sich ins Mittel und sagte Ȇmschicken kannst du em
nich Klaus dat geiht nich he kummt uns innen Lock un buddelt weg«
»Dat hebb ik ok all dacht« stimmte der Schiffer besorgt zu denn auch er
hatte kein Vertrauen mehr zu dem mürben Eis mit den zahllosen Löchern und den
großen Wasserstellen er konnte nicht begreifen wie der Junge es überhaupt
fertig gebracht hatte so weit vorzudringen bis an die beständig abbrökkelnde
Kante
»Klaus wat ik di seggen do dat sall so sien dat is Schicksol de Jung
sall mit no See Nimm em mit«
»Dat woll jüst ne« lenkte Klaus ab »dat is noch to kold buten un Gesa
weet dor ok jo nix van af ober an Burd wöt wi em man mol hieven Wi geeft em
denn an een upkommen Fohrtüch af un schickt em seker no Hus Boot vant Deck
Loop ne weg Störtebeker ik hol di«
»Junge Junge jo Vadder dat do man« frohlockte Störtebeker und dachte
nu geiht dat mit een vullen Huroh no See
Die Fahrensleute nahmen das Boot in die Talje und fierten es ins Wasser
Klaus Mewes stieß eben nach dem Eis hinüber packte den Jungen samt der Kreek
zwischen die Duchten und wriggte nach dem Ewer zurück
Da war Störtebeker doch richtig an Bord Wie er sich freute wie gesprächig
er war wie scharf er auf alles achtete Zumeist stand er bei seinem Vater im
Rudergang und half beim Steuern sah aufmerksam auf Segel und Kompass und hielt
tapfer das Helmholz mit fest dabei konnte er sich aber doch nicht enthalten an
den Streek zwischen Kirche und Apfelbaum zu erinnern »Düt mokt ober söbenmol
soveel Sposs Vadder«
Er ließ es sich sogar einfallen beim Aufluven »Ree« zu rufen und Hein Mück
nach der Fock zu schicken bis sein Vater es wie der holländische Kapitän
machte dem der große Friedrich in der Ems mit »Ree« zwischen sein Kommando kam
und sagte »Mynheer dat Ree kummt mi to«
Als er genug gesteuert hatte setzte er sich auf die Luken zog Seemann an
sich und ließ sich von Kap Horn und von seinem Vater alles verklaren was es zu
sehen gab während sie mit der Ebbe langsam elbabwärts kreuzten wenn dieses
Treiben noch den Namen Kreuzen verdiente Da war Dockenhuden mit den vielen
Tannenbäumen da war Blankenese mit den vielen Ewern und dem hohen Süllberg da
war der Schweinesand mit seinen Wicheln da war Hahnöfer mit den großen Bäumen
um die Hunderte von Krähen flogen die dort ihre Nester hatten da war Falkental
mit dem Taucherdampfer mit den Wracken und mit den zu Stein gewordenen
Zementsäcken da war Schulau mit dem Leuchtturm und dem Feuerschiff dahinter
Wedel mit dem Kirchturm und den roten Dächern da war die Lühe mit ihrem hohen
Deich und von allem gab es Geschichten zu erzählen
Als sie bis zur Lühe gekommen waren wogte die Flut ihnen entgegen und zwang
sie vor Anker zu gehen Grosssegel und Besan konnten die fünf Stunden geruhig
stehen bleiben nur die Fock ließ sie fallen und den Klüver nahmen sie weg
Klaus Mewes langte den Kieker aus dem Nachtaus und suchte den Strom nach
bekannten Fahrzeugen ab denen er seinen Jungen mitgeben könne aber er konnte
zunächst nur einige Dreuchewer und Lühjollen ausmachen die nicht in Frage
kamen
So gingen sie erst in die Kajüte hinunter und setzten sich zum Kaffee
nieder
»Ik wull dat geef brodte Schullen« rief Störtebeker übermütig »dor
verlangt mi eulich no« Er ging aber auch dem Groffbrot tüchtig in den Topp
Klaus Mewes sah ihn an und freute sich seiner Wenn Gesa Bescheid gewusst
hätte es wäre ihm von Herzen recht gewesen den Jungen an Bord zu behalten
aber so ging es nicht sie ängstigte sich ja zu Tode und suchte mit der Leuchte
und mit der Harke wenn er heute abend nicht Laden kam
Hein Mück dachte noch immer an die große gefährliche Reise über das Eis
die Störtebeker gemacht hatte und mit einem Mal sagte er mehr zu sich selbst
als zu den andern »Junge dat is jüst so as der Reiter und der Bodensee«
Gotts den Donner Klaus Mewes verschüttete den halben Kaffee und Kap Horn
blieb der Brotknust im Halse stecken so verwunderten sie sich schließlich
dieser Rede ihres Speisemeisters »Wat is dat« fragte der Schiffer zuletzt
»Och nix« »Nix« »Ne nix« »Ik will di gliek bi nix Hier vertillst oder du
wardst afmunstert un Klaus Störtebeker ward uns Kock« befahl Klaus
»Och nix ik dach bloß an een Gedicht in uns Leesbook dat is meist as
Störtebeker sien Reis«
»Upseggen«
Hein Mück bekam einen roten Kopf Das war eine schöne Tasse Tee Hätte er
doch nichts gesagt Nun musste er in seine Koje steigen und sein Lesebuch aus dem
Stroh suchen
Kap Horn konnte sich einen kleinen freundlichen Hieb auf Klaus nicht
verbeissen »Jä jä Klaus Mees du kiekst un wunnerst di woll dat he sien
Leesbook noch hett wat He hett dat nich so mokt as du Du hest den letzten Dag
jo all dien Beuker opfluckern loten hest dor annen Westerdiek een grote
Ostermoon von mokt«
»Jo« sagte Klaus Mewes »ik wür son groten Döskupp man god wat de Jungens
nu all een Deel kleuker sind Non denn legg los Heinrich Mücke« setzte er
gemütlich hinzu und der Koch las von dem Reitersmann der über den zugefrorenen
Bodensee geritten war ohne es zu wissen
Den Reiter schauderts er atmet schwer
Da hinten die Ebne die ritt ich her
Da recket die Magd die Arm in die Höh
Herrgott so rittest du über den See
An den Schlund an die Tiefe bodenlos
Hat gepocht des rasenden Hufes Stoß
Und unter dir zürnten die Wasser nicht
Nicht krachte hinunter die Rinde dicht
Und du wardst nicht die Speise der stummen Brut
Der hungrigen Hecht in der kalten Flut
Sie rufet das Dorf herbei zu der Mär
Es stellen die Knaben sich um ihn her
Die Mütter die Greise sie sammeln sich
Glückseliger Mann ja segne du dich
Herein zum Ofen zum dampfenden Tisch
Brich mit uns das Brot und iss vom Fisch
Als der Junge fertig war entstand eine kleine stille Pause im Ewer
obgleich Klaus Mewes der Schluss nicht recht gefallen wollte denn hinterher vor
Angst sterben war nichts für ihn Auch Störtebeker war still so sehr wunderte
er sich darüber dass Hein Mück laut lesen konnte
Dann stand sein Vater auf klopfte dem Koch auf die Schulter und sagte
anerkennend »Du kannst god beten Hein Bliew man giern beten bi de Beuker
wennt weiht hest dor Tied genog to« Damit stand er auf und ging an Deck um
wieder nach einer Schiffsgelegenheit für seinen Jungen zu suchen Und diesmal
fand sie sich obschon Störtebeker wünschte es möchte kein einziges Schiff
vorbeisegeln damit er die Nacht und immer an Bord bleiben musste
Aber da kam Jan Külper mit seiner alten Jolle heraufgesegelt und drehte
richtig bei als Klaus Mewes ihn anrief und ihm die Sache verklarte Jawohl er
nehme ihn gern mit sagte Jan Da kamen auch schon Kap Horn und Hein Mück an
Deck
Störtebeker sah dass die Herrlichkeit vorbei war und dass er von Bord
sollte Tränen standen ihm in den Augen als sein Vater ihn hinüberwriggte und
Kreek und Peek an die Jolle übergab Dann musste er selbst übersteigen »Adjüst
Störtebeker« »Jüst Vadder« Er konnte kaum sprechen so traurig war er
geworden und hatte für Jan Külper keinen guten Tag und guten Weg »Greut Mudder
man un segg man wi kommt bald mit een Reis lebennige Schullen hürst Un to
Sommer kummst du ok mit no See«
»Jo« sagte Störtebeker dumpf und dachte Lot dien Snacken doch bloß no
Klaus Mewes wriggte zurück und Jan Külper ließ die Jolle schwoien »Adjüst
Störtebeker« riefen Kap Horn und Hein Mück die auf den Luken standen aber der
Junge starrte ins Wasser und gab keine Antwort mehr Er war ganz krank und
wollte nichts hören und sehen Er wollte auch den Ewer nicht mehr angucken Jan
Külper hatte gedacht einen munteren Fahrtgenossen zu bekommen der ihm den
langen Weg verkürze aber Störtebeker blieb ein trübseliger Maat und blickte
während der ganzen Fahrt bis nach Finkenwärder hinauf starr ins Wasser
»Ward man ne seekrank Störtebeker« sagte der Elbfischer einmal
»Dor quäl di man ne üm«
»Sutje mien Jung anners kriegst du de Utsettung« drohte der Fischer
»Smiet mi doch ober Burd wenn mi ne mihr mitebben wullt« rief der Junge
patzig Da goss Jan ihm zur Strafe ein Euschfatt voll Wasser über den Kopf
Mit der hereinbrechenden Dämmerung kamen sie in Finkenwärder an Am
Köhlfleet eben hinter der Königsbake setzte Jan seinen mürrischen Passagier an
Land Störtebeker nahm seine Kreek auf den Buckel die Peek in die Hand und ging
den dunkeln Deich entlang nach dem Ness
Als er bei Gerd Eitzen um die Huk bog hörte er seine Mutter schon rufen
»Klaus Klaus Klaus« Und er sah dass Leute bei ihr standen Auch sein
Grossonkel der alte Jäger den er oft wochenlang nicht sah war auf dem Deich
»Klaus Klaus Klaus Neem schull de Jung doch woll bloß wesen«
»Hier is he«
»Woneem woneem«
»Hier uppen Diek Mudder«
Da lief sie ihm entgegen laut aufschreiend und nahm ihn bei der Hand und
führte ihn in die Stube und fragte wo er gesteckt hätte Und als er seine Reise
über das Eis und seine Fahrt mit dem Ewer die Elbe hinunter und mit der Jolle
die Elbe herauf verklart hatte ohne jede kindliche Übertreibung denn er hielt
sich an das Wort seines Vaters Eulich wat beleben denn brukt n ok ne to
legen da warf die Mutter sich schluchzend auf den Tisch und sagte »Haut ji
em Unkel haut ji em ik kannt ne«
»Hebben mütt he wat« erklärte der verbissene und durch das viele Rufen
gereizte Alte
»Du kannst mi haun Mudder ober van KorlUnkel lot ik mi ne haun« sagte
Störtebeker mit blitzenden Augen auch der alte Jäger den das Schreien aus dem
Schlaf gebracht hatte knurrte grimmig »Wat Van mit less du di ne haun du
Kosak Dat wöt wi doch mol wies wardn«
Erst wollte Störtebeker sich wehren wollte hinauslaufen dann aber war ihm
auch das einerlei mochte er ihn totauen wie Jan Külper ihn über Bord werfen
wollte Unbeweglich blieb er stehen und ließ sich schlagen ohne zu zucken oder
zu schreien Nur seine Augen funkelten dat ward ne vergeten Diese Ruhe brachte
den Alten noch mehr auf und er schlug ihn ärger da warf sich aber die Mutter
dazwischen und drängte die beiden auseinander denn sie wusste dass der Trotz des
Jungen nicht zu brechen war dass er sich lieber krumm und lahm prügeln ließ ehe
er einen Laut von sich gab
»Lot em man Unkel lot em man Goht man wedder uppen Bitt ik will woll
alleen mit em klor wardn« bat sie dringend Der Alte ging mit einem bösen Blick
hinaus und brummte noch auf der Diele
Ungerührt ließ Störtebeker sich die Geschichte von dem Schuster vorhalten
»Dat beten Hoveree« sagte er verächtlich »wat he dor son Larm üm moken mag
Harrst em dat Gild jo man ut mien Sporputt geben kunnt« Abbitte aber täte er
nicht der Schuster hätte ihn fürn Narren gehalten und hätte selbst Schuld dass
ihm das Fenster eingeworfen wäre
Nach dem Abendessen zog er sich aus und legte sich zu Bett Nach dem langen
ereignisreichen Tag schlief er schnell ein Er dachte noch wenn ik ierst an
Burd bün denn haut mi keeneen mihr Vadder litt dat ne as Mudder dann sang
der Schlafschiffer mit ihm ab
Wie seelenruhig er schlief als die Mutter an sein Bett schlich und ihm in
das stille braune Gesicht sah Lange Zeit sah sie ihn an und bat ihm ab dass
sie ihn hatte schlagen lassen denn der kleine Kerl konnte ja nicht anders
flöten als sein wilder lachender Vater es ihn gelehrt hatte Die Mutterliebe
wallte heiß in ihr auf sie beugte sich über ihn und küsste ihm den
festgeschlossenen Mund Bei Tage hätte sie das nicht tun dürfen er hätte sich
mit Händen und Füßen gesträubt gegen solchen Kinderkram wie er es hieß und
wäre lieber aus dem Fenster gesprungen als dass er ihr einen Süssen gegeben
hätte
»Mien Jung büst du doch« flüsterte sie zärtlich und strich ihm über das
Haar da regte er sich und sagte halblaut »U Vadder kiek mol dat grote
Schipp«
Da schlich sie in die Küche zurück und dachte schmerzlich er steht schon
wieder bei seinem Vater an Bord und du Gesa
Fünfter Stremel
Den andern Morgen war es das erste was Störtebeker tat dass er auf den Deich
lief und nach dem Wetter guckte Und er freute sich als der Wind wehte dass die
Ewer im Fahrwasser schnell von der Stelle kamen denn so kam auch sein Vater gut
vorwärts und war um so eher wieder da Denn sein Vater sein Vater Danach
fragte er das ging ihn an ohne den war es nichts ohne den wusste er nicht was
er anfangen sollte ohne den und ohne den Ewer machte es ihm keinen Spaß zu
leben Beim Kaffeetrinken ging es noch als er in behaglicher Breite von dem
Segeln und Kreuzen sprach wie weit sie wohl schon wären ob das Boot wohl schon
wieder aufgetallt wäre ob sie den großen Klüver wieder aufgesetzt hätten und
andere fahrensmännische Dinge aber als er dann im Türloch stand da war er
wieder ganz allein und wusste nicht was für einen Weg er einschlagen solle
Zuletzt dachte er an sein Viehzeug und er ging hin und mistete den
Kaninchenkoben aus Auch die Nebelkrähe bekam eine Lage frischen Strohes die
sie sich selbst mit wichtigem Gehabe zurechtlegte Danach ging er an dem Graben
entlang und zog die alte Bunge die sein Vater noch mit unter den Stubben
gesetzt hatte Es war aber weder ein Hecht noch ein Schlei darin nur ein großer
Wasserbulle krabbelte an dem mittleren Reifen und sprang eilig ins Wasser
zurück Der Junge stellte das Netz auf einer anderen Stelle ins Wasser und ging
nach dem Binnendeich um sein Hütfass zu überprüfen er zog den durchlöcherten
Kasten eine englische Hummerkiste die sein Vater auf See eingezogen hatte und
die nun vor dem Deichsiel im fließenden Wasser lag aufs Trockne und überzeugte
sich dass die beiden Karauschen die er drinnen hatte noch springenlebendig
waren
Damit waren seine Vormittagsämter eigentlich schon verwaltet Was sollte er
nun noch tun Wenn sein Vater da war hatte er alle Hände voll nun war er
eigentlich arbeitslos
Weiterhin auf dem Deich wo die Häuser wieder anfingen spielten die Kinder
Jungens und Dierns Ringelreihe und Tickfast »Speel doch een beten mit de
Kinner« sagte die Mutter die auf der Wurt stand und die Hühner fütterte da
ging er hin um sich nicht andere Landarbeit aufladen und sah eine Weile zu Sie
fragten ihn ob er mitspielen wolle aber er sagte nein mit Mädchen spiele er
überhaupt nicht er wäre doch kein Mädchenkönig Wenn sie Suhl oder Steckpfahl
oder Hahnensehen mitspielen wollten aber ohne die Mädchen dann hätte er Lust
Sie wollten aber lieber bei der Ringelreihe bleiben deshalb wurde es ihm bald
über da Gevatter zu stehen und er kehrte ihnen den Rücken
Der alte Jäger begegnete ihm Er hatte das Gewehr auf dem Nacken und den
Sack mit den Lockenten auf dem Rücken und wollte wilde Enten schießen Juno der
große braungefleckte Hund lief neben ihm her
Störtebeker tat als sähe er ihn gar nicht denn er dachte an die Schläge
vom Abend vorher aber der Alte hatte seine Wut verschnarcht und sagte vergnügt
»Meun Klaus Störtebeker« Störtebeker dachte aber snack soveel du wullt wat
geiht mi dat an obgleich die Enten durcheinander schnatterten
meunmeunmeunmeun und er gern einmal in den Sack geguckt hätte auch von Herzen
gern mit auf die Jagd gegangen wäre
Als der Jäger vorbei war setzte er sich auf das Rickels und wartete dass
einige von seinen Mackern kommen sollten mit denen er in die Pütten oder nach
der Wisch ziehen konnte Niemand ließ sich blicken die Mütter hielten sie fest
denn die Schustergeschichte hatte schon die Runde mit den Stutenfrauen gemacht
und auch die Reise über das Eis war schon bekannt geworden Ihre Jungen sollten
sich nicht mehr mit dem Buschräuber abgeben riefen die Frauen einander zu
»Hein du bliwst hier un geihst mi ne no den Ness no den Störtebeker hest mi
verstohn«»Jo Mudder«
In seiner Not nahm Störtebeker schließlich die Hechtschnarre zur Hand und
lief mit dem Bambusstock grabenauf und grabenab um einen Hecht zu erwischen
aber er hatte auch damit kein Glück Es war nicht sonnig genug die Hechte
standen tief im Wasser und waren sehr scheu sie schossen meistens schon in die
Tiefe wenn er näher kam Einmal gewahrte er einen großen Hecht der gut gegen
die Sonne stand behutsam tauchte er die goldige Drahtschlinge in das Wasser
ohne Wellenringe zu machen und schob sie vorsichtig an den Fisch hinan Es ging
auch anfänglich gut die Schnauze war schon in der Schnarre wenn sie hinter den
Kiemen war wollte er rasch zuziehen und den Hecht aufs Land schnellen aber da
strich eine Krähe über die Erlen und wo eben noch Muschi Pundsheek gestanden
hatte da lief nun ein Küsel im Wasser
»Du verdreihte Jakob du« rief Störtebeker ärgerlich und warf mit einem
Kluten nach ihr dann gab er die Feekfischerei auf und zog mit seinem runden
Netz nach der Sielkule um Stichlinge zu fangen Das war lohnender er
ketscherte einen halben Eimer voll weiße dicke Weibchen und graue dünne
Männchen Den größten Teil bekam die Mutter die sie für die Hühner kochen
wollte den Rest aber machte er auf der Bank unter den Linden sitzend mit
seinem Knief seinem Puggenslachter für Kluss zurecht indem er die Köpfe und
die Stacheln abschnitt Die alte Krähe lebte ordentlich auf als er ihr den
Schmaus durch die Maschen des Kastens stopfte
Als er sich dann aber vor den Käfig auf den Haublock setzte und ihr
ununterbrochen die drei Worte vorpredigte die sie lernen sollte »Höh Klaus
Mees« da sprang sie auf ihre Stange hielt den Kopf schief als wenn sie
schwerhörig wäre und öffnete mitunter verlangend den Schnabel als wenn sie um
weiter nichts als um neue Stichlinge verlegen wäre sie krächzte auch einmal
aber zum Nachsprechen kam sie nicht so eifrig der Junge sich auch um sie
bemühte denn er wollte seinen Vater nach getaner Reise damit überraschen der
sollte sich fix verjagen wenn er in den Hof hineinging und es mit einem Male
rief Höh Klaus Mees Eigentlich sollte die Krähe lernen De Jung mütt no See
aber das sollte nun erst später eingeübt werden Diesmal war die Geduld
freilich noch nicht groß
»Du büst dummerhaftig Kluss« sagte Störtebeker ärgerlich »wenn du ne bald
snackst bring ik di keen Steengrimpen mihr her«
Nach dem Mittagessen Plummensaus gab es eine Götterspeise für ihn
machte er sich ans Knütten und dachte mehr zu beschicken als zwei Tage vorher
zwischen seinem Vater und Kap Horn bei dem vielen Erzählen und Ausgucken Er
knüttete emsig ohne sich zu verpusten die Nadel flog nur so aber nach
anderthalb Stunden sah er ein dass es ohne ohne seinen Vater doch nichts
schaffte
Da ging er mit dem Euschfatt nach der Nesskule und goss den Kahn leer der
immer noch etwas Wasser machte Kalfatert musste der werden das war ein Apfel
und wenn sein Vater nicht so auf den Stutz gefahren wäre hätten sie es auch
zusammen getan nun musste er wohl allein dabei
Er sah auf das Wetter war gut der Wind moi sie fischten wohl schon und
hatten bald die Reise Wenn sie doch schon morgen kämen oder übermorgen
Der Jäger kam vom hohen Ness zurück Drei Enten baumelten an der Tasche und
machten ihn guter Laune
»Dor achter kummt de Schoster Klaus Störtebeker du schallst Afbitt dohn«
stichelte er aber der Junge ließ sich nicht in die Kneife bringen »De ward fix
nattgoten« sagte er gleichmütig dann aber besann er sich schluckte den Rest
des Grolles seines Grolls hinunter und lief auf den Deich um die geschossenen
Enten zu besehen und zu befühlen Juno zu streicheln der gänzlich mit Schlick
bespritzt war und die Flinte zu tragen denn er wollte nun doch gern einmal
wieder mit auf die Jagd bis sein Vater kam
»Wenn dat Is man ierst weg wür KorlUnkel wat ik mit mien Kohn schippern
kann«
»Offermorgen kriegt wi een neen Moon denn wardt woll anner Wetter« sagte
der Jäger und sah den Heben an
Zu Hause warteten drei Jungen vom östlichen Norderelbdeich die dreierlei
wissen wollten
Erstens ob er noch kleine Kaninchen zu verkaufen hätte denn dann wollten
sie einen Bock und eine Eve bestellen
Zweitens ob es wahr wäre dass er dem Schuster alle Fenster eingeschlagen
hätte denn das wäre am Deich erzählt worden
Drittens ob der Feek am Westerdeich schon trocken wäre denn dann wollten
sie gleich Ostermoonen beuten Streichhölzer hätten sie eine ganze Schachtel
voll in der Tasche
Störtebeker ging mit ihnen achternhus und wies ihnen die Eve »Ik weet ne
veel lütte Munkis dat ik krieg Jannis fief sünd verseggt wenn dor söben van
ward denn kriegst du noch twee« Wegen des Schusters ließ er es geruhig bei der
einen Scheibe die seine Mutter bezahlt hatte und sagte »De Lüd snotert sik
wat trecht Hein« Der Feek sei noch mistnass und für Ostermoonen sei es
überhaupt noch viel zu früh was sie sich wohl eigentlich einbildeten sie
hätten wohl einen Splien Wenn es soweit wäre dann würden sie wohl den weißen
Rauch trecken sehen »De Rietsticken geef mi man Ott dor kannst du lütte
Boitel doch noch ne mit ümgohn de nimmt dien Mudder di doch noch wedder weg«
Damit entriss er dem Jungen die Schachtel und steckte sie in die Tasche Er wies
ihnen noch Kluss und die angefangene Bunge ließ sie in das Hütfass gucken und die
Karauschen gebührend bewundern dann aber schickte er sie um denn er sah die
Gören vom andern Ende doch nicht ganz für voll an und wenn nicht die Bestellung
gewesen wäre hätte er sich gar nicht weiter mit ihnen abgegeben aber die
Kundschaft musste man sich ja gewogen halten
Er lief nach der Nesskule und obgleich es ihm vor drei Tagen so schlecht
bekommen war ging er doch wieder an das scharfe Dümpeln mit dem Kahn um sich
seefest zu machen Diesmal wurde ihm nicht schlecht
In der Dämmerung musste er nochmal den Deich entlang und Graupen und Zucker
vom Krämer holen Damit war sein Tagewerk beendigt
»Noch süß Dog Mudder denn kummt Vadder all wedder« sagte er
zuversichtlich als er die Stiefel auszog
Ungefähr so wie diesen Tag füllte Störtebeker auch die anderen Tage aus
ohne rechte Lust und rechten Wind und wartete auf den großen schönen Ewer mit
den hohen braunen Segeln dem grünen Bug und dem rot und weißen Flögel Als es
an der Zeit war dass sein Vater aufkommen konnte stand er stundenlang auf dem
Deich oder am Bollwerk wenn Flut war oder er saß im Wipfel der Linden vor der
Tür und blickte nach den vorbeisegelnden Fischerfahrzeugen aus Er suchte einen
grünen Ewer und einen blauweissen Stander der von Godefroo bis zur Nienstedter
Kirche wehen musste nicht länger wenn es der rechte sein sollte das wusste er
Zwar wartete er auch noch auf das Trockenwerden des Feeks des angetriebenen
Schilfes am Westerdeich auf das Schmelzen des Eises auf die Besserung der
Grabenfischerei auf das Jungen des Kaninchens und auf das Fertigwerden der
Seestiefel aber das waren doch nur Kleinigkeiten gegen das große Warten auf
seinen Vater
Außer seinem Elternhaus und zwei älteren Häusern stand auf der Nesshuk nur
noch eine alte Kate in der Sill wohnte eine alte wackelige Frau die im
Winter Wurstprökel machte und Strümpfe anstrickte Auch nahm sie die Schinken in
Pflege denn die Kate hatte keinen Schornstein und aller Torfrauch sammelte
sich auf der Diele die die beste Rauchkammer weit und siet abgab Im Sommer
spielte sie Fischfrau in Hamburg auch suchte sie Regenwürmer mit der Laterne
für die Aalfischer Sill war ein wenig wunderlich geworden in ihrem harten Leben
und galt auf dem Eiland allgemein als eine Hexe die einem etwas antun konnte
Sie trauten ihr nicht aber sie hüteten sich es merken zu lassen Niemand
verdarb es gern mit ihr denn manchem Fischermann der sie schief angeguckt
hatte war es schlecht ergangen er hatte den Mast abgebrochen oder andere große
Haverei bekommen die Kurre eingebüßt oder nichts gefangen Manch einen gab es
am Deich der an Hexen und Blaufärben glaubte und nicht fuhr ohne sein Fahrzeug
vorher gehörig ausgeräuchert zu haben Man musste Tees to Baben hören den
Hexenmeister dann wusste man erst Genaueres über die mannigfaltige Tätigkeit
dieses Weibes
Einmal hatte Peter Külper seine Kurre geloht und sie zwischen den Eschen zum
Trocknen aufgehängt Nachts wachte er mit einem Mal auf und es trieb ihn aus
dem Fenster zu gucken da sah er die alte Sill im Mondlicht zwischen den Bäumen
gehen und bemerkte dass sie seine Kurre berührte »Nu bün ik behext« dachte er
Am Morgen besah er die Kurre genau und fand einen Pfennig in das Steerttau
geklemmt Er pulte ihn heraus und vergrub ihn und das war sein Glück denn
sonst hätte er das Netz auf der ersten Reise gleich an den Steinen zerrissen
Also sprach Tees to Baben
Einer der wenigen die von solchem Hünenglauben nichts hielten war Klaus
Mewes der Lachende und als er einmal darüberzukam als Gesa dem Jungen
einschärfte doch ja nichts von der Frau anzunehmen keinen Apfel und keine
Birne da sagte er ernstaft »Mudder gläuf doch ne an Hexen un sowat De arme
Froo kann ne mihr as du Wat schull de den Jungen woll geben De freit sik wenn
se sülben wat to bieten hett« Und dann sagte er um das Unrecht gutzumachen
das Gesa ihr nach seinem sicheren Gefühl zugefügt hatte »Wi hebbt noch een poor
Schullen ober kumm Störtebeker un bring Sill de hin« Der Junge tat es Sill
war vergnügt und wollte ihm einen Apfel schenken aber sie konnte nicht gleich
einen finden und sagte ihn für später zu
Als Störtebeker einen Tag wieder von seinem Kahn kam dachte sie daran
klinkte die Tür auf und sagte »Mol rin Jung schallst wat Scheuns hebben«
Er ließ sich nicht lange nötigen aber er guckte sich erst um ob ihn die
Mutter auch nicht sah Als die Luft rein war trat er auf die dunkle Diele denn
bange war er nicht »U Sill wat bitt de Rook mi inne Ogen« rief er
»Jä jä de Rook De is slecht för de Ogen obersen god för de Schinken«
sagte die Alte und kroch in das Kellerloch hinein das unter den Wandbetten war
»Junge wat een barg Schinken Hürt di de all to Sill«
Sill saß ganz im Stroh und musselte darin umher wie ein Schwein im
frischbestreuten Koben Zu sehen war gar nichts mehr von ihr nur noch zu hören
Ein anderes Kind wäre ängstlich geworden und hätte die Beine in die Hand
genommen aber Störtebeker wusste nichts davon
»Wat seggst du Junge«
»Ich meen wat dat all dien Schinken sünd« wiederholte er lauter
»Jo all mien Schinken«
»Diern denn kannst du di woll frein«
Die schwarze Katze erhob sich auf dem Herde und sah ihn mit glühenden Augen
an »Is dat de Katt oder de Koter Sill«
Die Alte tauchte gerade wieder aus der Versenkung aufwie der Geist von
Hamlets Vater Sie hatte Strohhalme in den Haaren und zwei Äpfel in der
knochigen Hand
»Dat is de Koter Störtebeker de Koter is dat De Katt hett Junge wenn du
Lust hest kannst jüm offermorgen all versupen«
»Jo Sill dat mokt jo Sposs« sagte er gemütlich sie aber gab ihm die Äpfel
und bemerkte dazu es seien die letzten die wären für die Fische von damals
und er solle sie sich nur schmecken lassen Er nahm sie ohne Danke an und
machte dass er hinaus kam denn er konnte den beissenden Rauch nicht mehr
aushalten
Auf dem Deich überlegte er was er nun tun sollte und betrachtete die
schönen rotbäckigen Äpfel Wie fein die rochen Ob sie wohl behext waren und
ob er wohl krank davon wurde wenn er sie aß Die Mutter hatte es gesagt aber
sein Vater hatte darüber gelacht und sein Vater war der Oberste für ihn er
wollte sie getrost essen
»Klaus kumm hier mol her Wat hest du dor wat sünd dat för Appeln« rief
die Mutter die mit einem Mal neben ihm stand O weh das hätte nicht kommen
dürfen »Kantappeln Mudder« »Keen hett di de geben« Junge dass sein Vater
ihm das Lügen verboten hatte Nun musste er mit der Wahrheit an den Tag »Sill
för de Schullen de ik ehr to bröcht hebb«
»Her de Appeln«
»Och Mudder«
»Her de Appeln de schallst du ne upeten«
»Och Mudder lot mi de doch ik hebb solangen keen Appeln mihr hatt«
»Gifst du de her Klaus«
Er wollte flüchten aber sie kriegte ihn am Hosenträger und nahm sie ihm
weg Hastig steckte sie sie in die große Tasche die sie unter der Schürze trug
und ging ins Haus zurück Störtebeker lief hinterher und versuchte sie ihr
wieder abzuschnacken aber er erreichte es nicht sie war unerbittlich Da legte
er sich auf die Lauer und beobachtete sie heimlich ohne dass sie es gewahr
wurde Und als er sie später aus der Tür kommen hörte da versteckte er sich
schnell im Binnendeich hinter der dicken Wichel Gesa sah sich scheu um ob auch
einer guckte dann lief sie in den Garten grub ein Loch und steckte die Äpfel
hinein um die Hexerei unwirksam zu machen
Kaum war sie aber wieder oben als Störtebeker geschlichen kam und die Äpfel
wieder ausgrub Diesmal besah er sie nicht lange sondern wischte sie schnell an
der englischledernen Hose ab und steckte sie in die Tasche Erst als er in
sicherem Versteck am Westerdeich saß in seinem Storchnest das er sich im
Wipfel einer abseits stehenden Esche gebaut hatte betrachtete er sie wieder und
aß sie dann mit großem Behagen auf ohne bange zu sein dass er krank danach
werden könne Dazu schmeckten sie viel zu gut
Als er wieder nach Hause kam dick und satt lag ein gelber Prinzapfel auf
dem Tische und die Mutter sagte »Kiek Klaus dor hebb ik noch een van uns
eegen Appeln int Heid funnen de smeckt beter un dor wardst du ne krank van
Den et man up«
Störtebeker verachtete natürlich auch diese Kost nicht aber er sagte doch
»Van wegen beter Mudder dat will ik di man seggen ik mag Kant leber as
Prins«
Einige Tage danach brachte ein starker Westwind eine hohe Tide Wasser und
brach de Fleek das Eis in tausend Stücke schob das meiste davon auf den Deich
und ebbte den Rest nach der See hinab Dann machten Regen und Sonnenschein reine
Bahn bis auf die Sandhügel und Schlickhaufen im Gras Nun hatte Störtebeker
freies Wasser für seinen Seeräuberkahn er konnte wriggen und rudern soviel er
wollte Jede Tide stieß er eben vor der Flut vom Sielgraben ab ließ sich
stromab treiben und legte sich zwischen Blankenese und dem Schweinesand auf die
Lauer warf den Draggen aus und harrte der Schiffe die mit der Flut
heraufkommen sollten denn jetzt musste und musste sein Vater bald dabei sein
Zehn Tage war er schon weg Die Dünung der Dampfer tanzte mit seinem Fahrzeug
auf und ab das erfreute ihn denn so musste er doch zuletzt seefest werden
Wie er spähte Wenn große Drei oder Viermaster vorbeigeschleppt wurden
warf er den Kopf in den Nacken und guckte nach den Rahen und Masten hinauf
Dampfer sah er feindselig an denn er wusste dass sein Vater nichts von den
Stiemkästen hielt und dass auch Kap Horn nicht gut auf sie zu sprechen war Was
da sonst noch segelte und kreuzte Dreuchewer Jalken Kuffen Schaluppen und
Galjassen fand auch wenig Gnade vor seinen Augen das waren Dwarstreiber und
Torfschipper bei ihm
Aber die richtigen Ewer die Fischerewer das waren Schiffe für ihn denen
wriggte er entgegen und die begrüßte er »Hebbt ji Vadder ne sehen Hett he ne
bi jo fischt Kummt he bald« Wussten die Fahrensleute dann mitunter nicht wer
er war die Auer oder die Lüneburger dann drehte er einfach seinen Kahn so dass
sie seinen Namen »Klaus Störtebeker« lesen konnten dann wussten sie gleich
Bescheidund dann hieß es ja oder nein sie hätten bei ihm gefischt er käme
bald oder sie hätten ihn nicht gesehen er müsse wohl in der Süd zugange sein
oder er wäre nach der Weser gesegelt Es waren auch Schelme da die riefen sein
Vater sei nach Janmerika gefahren und käme erst Weihnachten wieder Und
Besorgte die ihn ermahnten nicht so weit hinaus zu schippern sondern am
Bollwerk zu bleiben Nur was er am liebsten hören wollte dass einer sagte »Dor
seilt dien Vadder dor achter schipper em man inne Meut« das bekam er nicht
zu hören und den schönsten Ewer kriegte er nicht zu sehen so weit er auch
blickte
Hinter ihm machten sie die Flagge klar um dem Deich zu winken und die
Frauen zu grüßen er sah es mit einem bitteren Geschmack im Munde
Abends wriggte er niedergeschlagen zurück Wenn er dann noch den Deich
entlang musste benachrichtigte er wohl die Frauen deren Männer aufgekommen
waren Geschen ik hebb mit Hannis snackt du schullst man noch mit den
Negendampfer nokommen Oder Trino Hein is upkommen hett tweehunnert Stieg
Schullen Und wenn auch die Frauen meistens schon Bescheid wussten wenn sie auch
schon gewinkt hatten so freuten sie sich doch der Bestätigung und sahen den
kleinen Störtebeker freundlicher an um so eher als er nicht für Geld ansagte
wie die andern Jungen die sich gemeinsam ein Fernrohr gekauft hatten und einen
förmlichen Fischerfrauenbenachrichtigungsdienst auf Teilung unterhielten
Störtebeker aber war zu stolz Geld anzunehmen »Behol man ik verdeen Gild nog
mit mien Fisch un mien Kninken« sagte er wenn ihm eine einen Groschen geben
wollte
Einen Tag als er draußen war lief ein großer grauer Manofwar ein
deutsches Kriegsschiff dicht an ihm entlang Schon von Schulau an hatte es sich
durch langgezogenes Heulen bemerkbar gemacht langsam glitt es nun vorüber Er
guckte es groß an denn auf einem solchen Manofwar war auch sein Vater gewesen
als er gedient hatte An der Reling standen viele Mariner und guckten ihn an
weil er so jung war und doch schon mitten auf der Elbe wriggte Mit einem Male
aber winkte ein Matrose und rief »Hallo Störtebeker« Das war Jan Greun der
auf der anderen Seite von der Stegel wohnte wat muss Hein Sass sik wunnern
»Höh Jan Wat kummst du denn hier her ik meen du würst in Schino«
»Lurst du up dien Vadder«
»Jo Jan He kummt man bloß ne«
Störtebeker rief noch er solle man mal mit den Kanonen losballern auch
fragte er Jan ob er seine Braut grüßen solle dann war das Kriegsschiff
vorüber und er musste machen dass er den Steven seines Kahnes gegen die
anlaufende große Dünung drehte
Bald nachher kam Hein Rolf mit seinem Kutter vorbei und als der Junge in
gewohnter Weise fragte da bekam er die Antwort
»Jo dien Vadder hett mit uns tohoop fischt He hett ok de Reis he is ober
no Bremerhoben gohn Segg dien Mudder man Bescheed«
»Is dat eulich wohr Hein«
»Jo meenst wat ik di wat vörleeg«
Da schipperte Störtebeker traurig nach dem Deich zurück Nach der Weser war
sein Vater Das konnte ja schön werden denn das letzte Jahr war er auch immer
dahin gewesen so dass die Mutter manchmal geklagt hatte wenn du ierst eenmol up
de Wesser wesen büst denn fohrst dor woll gliek söben Mol no de Ratt hin Nun
konnte es wieder so kommen dass er immer dahin segelte
»Mudder weiß neem Vadder is« fragte er als sie beim Kaffee saßen »In
Bremerhoben Ik hebb mit Hein Rolf snackt de hett bi em fischt«
»Gott Loff un Dank dat Vadder de Reis hett und an Land ist« sagte die
Mutter erfreut
»He harr ober man no Hus kommen müsst« sagte er darauf »wat deit he no de
Wesser hin«
»Dat mütt Vadder sülben weeten« erklärte sie aber »dor is he dichter bi de
See un hett dor ok woll noch een beter Markt as boben an Altno«
Und richtig erzählte die Stutenfrau die lebendige Zeitung des Deiches am
andern Morgen dass so viel Schollen oben an der Brücke wären dass kein einziger
Ewer leer geworden sei Sie müssten alle überliegen und hätten morgen wohl nur
noch tote Fische im Bünn die sie den Hökerweibern nachwerfen könnten ohne dass
diese sich auch nur umguckten Da sah Gesa ihren Jungen an doch man god wat
Vadder no de Wesser is aber Störtebeker steckte eine hochmütige Miene auf die
heißen sollte teuft man af in Bremerhoben is dat Markt vullicht noch slechter
Die Stutenfrau erzählte weiter dass Metta Focken Zwillinge bekommen hätte
twee lütte Jungens ober krekel un gesund dass Hinnik Bott seinen Ewer
kondemmen ließe und dass Jochen Fahjes Knecht auf See über Bord gekommen und
ertrunken sei nachts Er hätte sich noch lange über Wasser gehalten aber sie
hätten ihn nicht wiederfinden können weil es so dunkel gewesen wäre »Jochen
rett mi Jochen rett mi« hätte er immer gerufen bis er weggesunken sei die
schweren Seestiefel hätten ihn zuletzt hinuntergezogen »Is man een Butenlanner
Gorch hett he heten ober wat is dat bedreuft« schloss die Frau
Störtebeker lehnte am Deichpfahl einem absägten Kurrbaum der noch die
Zeichen HF 125 trug und hörte zu
Sechster Stremel
Störtebeker stand binnendeichs und heilte seine Bunge aus die zwei große Löcher
hatte entweder war ein Hecht hindurchgeschossen oder der Bauer hatte sie mit
Willen entzweigestossen Da begab es sich dass der Briefträger den Deich entlang
kam Als der Junge ihn sah dachte er an einen Brief von seinem Vater aber er
mochte noch nicht fragen Erst als er Jan Beier in das Schütt gehen sah ließ
er die Bunge liegen und sauste ins Haus hinein
»Van Bremen Gesa« sagte der Briefträger gerade und gab seiner Mutter einen
Brief wobei er den Herd mit den Augen streifte und lüsterte ob der Kessel über
dem Feuer hing Und als er das Wasser singen hörte hellte sich seine Miene auf
er holte den großen Beutel aus der Hosentasche setzte ihn gewichtig auf den
Tisch und sagte »Hunnert Doler mien Diern«
»Junge Junge Mudder wat een Hümpel« rief Störtebeker aus als er die
Goldstücke sah dann aber wurde er nachdenklich und sagte »Wat kann dat angohn
Wenn Vadder de Schulln utökert denn kriegt he doch luter Groschens un nu sündt
mit eenmol all Guldstücker«
»Jä dat zaubert wi up de Post all trecht« antwortete der Postkerl
geheimnisvoll
Gesa holte geschwind ein Glas aus dem Teeschapp und tat Rum und Zucker
hinein denn es war Jan Beiers herkömmliches Recht dass er einen Grog verlangen
konnte wenn er Geld gebracht hatte Er setzte die Mütze auf den Tisch die
Störtebeker wie einen Maikäfer betrachtete holte das rotbunte Taschentuch
heraus und wischte sich die Stirn obgleich ihn gar nicht schwitzte dann ließ
er eine kleine Rede über den langen Weg und sein Alter los um sich vor der
Kaiserlich Deutschen Reichspost zu rechtfertigen zuletzt aber zerstiess er den
Zucker und rührte den Grog liebevoll um er hielt das Glas gegen das Licht er
probte wie ein Weinküfer mit geschlossenen Augen und nickte zum Zeichen dass
er gegen das Verhältnis der Zutaten nichts einzuwenden wusste schließlich aber
trank er das Glas in einem Zuge leer und sagte zu Störtebeker »Dat Glas kannst
du utlicken«
»Ik bün keen Restensuper« sagte der Junge verächtlich und schob das Glas
von sich Jan Beier aber machte sich reisefertig nahm seinen Gutentagstock aus
der Ecke und ging aus der Tür mit den hergebrachten Worten »So nu geiht dat
ierst mol wedder Adjüst mien Diern«
»Jüst Jan«
»Junge Junge Mudder Vadder de kannt ober« rief Störtebeker bewundernd
sie aber steckte das Geld schnell in die Kommode und verbot ihm es am Deich zu
erzählen wieviel sie bekommen hatte Dann machte sie den Brief auf auf dessen
Umschlag wie immer nur stand
Klaus Mewes
Finkenwärder
ohne Herrn und ohne Elbdeich und ohne bei Hamburg »Se findt mi ok so« pflegte
Klaus Mewes heiter zu sagen wenn Gesa ihm das vorhielt
Sie las den Brief dem Jungen vor erst hochdeutsch wie er geschrieben und
dann plattdeutsch wie er gemeint war Diese Briefe von der Fahrt waren einander
dermaßen gleich dass Gesa schon manches Mal gesagt hatte sie wolle sie ihm
vorschreiben bis auf dreierlei das er dann nur noch auszufüllen hätte den
Hafen das Datum die Geldsumme
Bremen den 29 März 1887
Liebe Gesa
Wir sind hier glücklich angekommen haben 300 Stieg gehabt und 350 Mark
gemacht Ich schicke Dir 300 In Bremerhaven war es zu voll deshalb sind wir
raufgesegelt und haben es ganz gut getroffen Diese Nacht gehen wir wieder
runter Ob wir die andre Reise nach Hause kommen weiß ich noch nicht Das Markt
ist ja immer so schlecht auf der Elbe Wenn Störtebeker mitgegangen wäre hätte
ich ihm schön Bremen zeigen können Wir sind noch gesund und munter was ich
auch von Euch hoffe
Jetzt will ich schließen
Mit Gruß an Dich und Störtebeker
Dein Mann Klaus Mewes
Bei der Übersetzung rief Störtebeker einmal »Och de scheebe Weg no
Bremen« Das war eine Redensart am Deich Und bei der Stelle »Bremen zeigen«
rief er »Jo dat keem anners ut as dat anner Bremenwiesen« Die Seefischer
fragten wohl die Kinder Schall ik di mol Bremen wiesen Und sagte ein Junge ja
so fassten sie ihn bei den Ohren an und hoben ihn in die Höhe und fragten so
lange ob er Bremen nun sehen könne bis er gequält ja sagte
Im ganzen war Störtebeker aber mit dem Brief nicht zufrieden denn sein
Vater wollte ja noch länger nach der Weser fahren Verdrossen ging er wieder an
seine Arbeit
Was sein Vater wohl immer auf der Weser wollte Nachher wenn er erst mit an
Bord war konnte es seinetwegen gern immer nach Bremen gehen aber erst sollte
sein Vater kommen und ihn holen
Nach einiger Zeit begann es zu tröpfeln da trug er sein Netz nach dem
Schauer und heilte dort weiter unter den großen Namensbrettern gestrandeter
Schiffe aus der alten Zeit als noch gute Beute zu machen war Büt wie 73 als
eine englische Bark mit Kupfererz auf Grossvogelsand strandete oder wie 80 als
ein amerikanischer Klipper mit Erdöl auf Scharhörn entzweiging Viele der
Schauer hinter dem Deich trugen diese Namenbretter als Zier manchen
Schweinekoben schmückte eine Inschrift wie »Kalliobe« »Ceres« »Fare well« oder
»Merkur«
Das Schauer von Klaus Mewes wies fünf Namenbretter auf davon zwei mit
Goldbuchstaben und über dem vorderen Eingang stand eine gekrönte Jungfrau die
Gallionsfigur eines Vollschiffes einst von Albatrossen umschwebt von
fliegenden Fischen umschwirrt nun von Spatzen umpiept von Hühnern umgackert
Von den fünf Brettern hatte Klaus Mewes aber nur eins angemacht das mit der
goldenen Inschrift
Suzanne LE HAVRE
die andern vier stammten von seinem Vater dem großen Beutemacher und hießen
HOFFNUNG Goede Verwachting
HAABET SKIEN MARY THOMPSON
Es war ein Trost für Störtebeker dass seine eigene Fischerei in diesen Tagen
besser wurde er fing beinahe jede Nacht etwas Und weil sein Vater in den
ersten sechs oder acht Tagen ja doch nicht kommen konnte er also nicht nach dem
Fahrwasser zu schippern brauchte warf er sich mit großem Eifer aufs Knütten und
bekam die Bunge fertig Der Jäger stellte sie ihm ein und dann fischte er mit
doppeltem Geschirr Zuletzt saß das Hütfass voll von Hechte Sturbarschen
Schleien Rotaugen und Karauschen und er musste daran denken sie an den Markt
zu bringen
Da trat der seltene Fall ein dass er seine Mutter einmal gebrauchte denn er
konnte nicht bitten wie er nicht danken konnte Gesa musste hin und Hannes
Husteen fragen ob er die Fische mit nach Altona hinaufnehmen wolle Erst hatte
sie sich zum Schein geweigert »Frog em man sülben büst jo grot un kannst jo
snacken« da sagte er aber kurz und bündig »Non denn ist god denn lot de
Fisch man all krüssen denn lots man dot blieben« Hätte sie freilich gesagt er
wäre wohl bange dass er selbst nicht fragen möge so wäre er gewiss zu dem
Fischer gelaufen sie dachte aber nicht daran sondern tat den Gang für ihn
»Will he jüm mitebben Mudder«
»Jo schallst jüm ober furts hinbringen he geiht gliek rup«
Da packte Störtebeker seine Fische in ein Netz lief damit nach der Jolle
die im Sielgraben lag und schon ungeduldig mit dem Segel giekte und hängte sie
in den Bünn Hannes Husteen machte spasseshalber einige Einwendungen wenn bloß
ne son slecht Markt is dat ik jüm los ward de Dinger sünd ok so lütt wenn
de de Hökerwieber man nehmt Als Störtebeker aber sagte »Denn schallst du
jüm gor ne mitebben du Bangbüx« und den Bünn wieder aufmachen wollte da
hielt der Elbfischer ihn zurück und gelobte sein Bestes zu tun und die Fische
so teuer wie möglich zu verkaufen und wenn er sie dem Bürgermeister von Hamburg
selbst ins Haus bringen müsse und die Tide darüber versäume
Achtundzwanzig Groschen bekam Gesa den andern Tag für ihren Jungen
ausbezahlt Störtebeker der die Elbfischerfrau ankommen sah versteckte sich
schnell damit er nicht Dank zu sagen brauchte
Sein Vater fuhr weiter nach der Weser als wenn er den Weg nach der Elbe
ganz vergessen hätte Bald kam eine Kunde von Geestemünde bald von Vegesack
oder Elsflet oder Bremen oder Brake einmal sogar von Oldenburg Klaus Mewes
kroch in alle kleinen Löcher hinein und versorgte die ganze Unterweser mit
springlebendigen Klapperschollen und mit Finkenwärder Plattdeutsch Sie kannten
den fröhlichen Finken an Geeste Hunte Lesum und Weser gleich gut und freuten
sich wenn er mit aufgekrempelten Armen auf den Luken stand und seine Fische
pries Nach dem Elbdeich kamen nur Briefe und Anweisungen auf Geld
Störtebeker war böse auf seinen Vater und er machte seiner Mutter gegenüber
kein Hehl daraus Zumal mittags tat er den Mund auf wie ein Kesselflicker Nach
dem Fahrwasser ruderte er nur noch selten hinaus denn der Ewer kam ja doch
nicht und die Seefischer lachten ihn ja schon bald aus wenn er fragte
Er hätte wohl nicht gewusst was er mit seiner Zeit anfangen solle wenn die
Eve nicht sieben Junge gekriegt hätte die ihm viel Arbeit machten und wenn
nicht die Tage der Ostermoonen angebrochen wären
Die Tage der Ostermoonen der Osterfeuer am Westerdeich
Was steckt in den Jungen dass sie die Feuer anzünden wenn die Sonne höher
steigt Die alte Heidenfreude ist es die Freude an der Welt an der Sonne und
am Licht die sich dunkel in ihnen regt Die Alten stehen ihr ferner und können
schon auf die Osterbrennerei schelten Aber wie das junge Tier dem Urtier
ähnlicher ist als das ausgewachsene entwickelte so steht auch das Kind dem
früheren Menschen näher als der Mann es horcht auf Stimmen die in uns längst
verklungen sind Ihr Eltern und Lehrer habt Ihr das bedacht Nein So bedenkt
es jetzt und seht mit Ehrfurcht auf das Kind straft es nicht um seine
Osterflammen
»Johannisfeuer bleibe unverwehrt«
Kniehoch lag der Feek am Westerdeich ein Gemengsel aus Schilf Reet Binsen
und Gras das die winterlichen Sturmfluten zusammengeworfen hatten als die
Sonne es etwas getrocknet hatte da wurde es hümpelweise in Brand gesetzt Und
der Baas der Ostermoonen war Klaus Störtebeker er führte die Rotte der Jungen
an die jeden Tag an dem es nicht mit Mulden goss den Westerdeich belebte
Streichhölzer wurden immer einige aufgetrieben und da in allen strammgezogenen
Hosen Feuer saß so qualmte ein Hümpel nach dem andern Wie Wigwams eines
Indianerdorfes sahen die Feekhümpel aus die Jungen lagen daneben pusteten und
husteten machten an der Windseite Luftlöcher schleppten wieder Feek herbei und
freuten sich über den dicken weißen Rauch der bei dem ewigen Westwind meistens
das ganze Eiland durchzog und vom Ness bis nach dem Audeich zu riechen war Jeder
setzte seinen Ehrgeiz darein die größte Ostermoon zu haben Meistens hatte
Störtebeker sie
Die Leute auf dem Felde schalten der Pastor wetterte in der Kirche gegen
den heidnischen Greuel der Polizist vertrieb die Jungen die Bauern hetzten sie
mit den Hunden die Frauen taten alles mögliche aber die Jungen ließ sich
durch nichts abhalten sie fanden sich immer wieder zusammen und steckten die
Feuer wieder an Rauchgeschwärzt saßen oder standen sie bei ihren Ostermoonen
auf dem Deich aber ging einer von ihnen Wache und zeigte sich etwas ein Hund
oder ein Mensch so zerstob die Bande und verbarg sich in dem unwegsamen
Inselgewirr der Püttensümpfe zog die Bretter ab und saß in den Erlenbüschen
hinter dem Reet und den dicken Wicheln bis die Gefahr vorüber war Störtebeker
war der letzte der die Feuer im Stich ließ er war auch der erste der wieder
aus den Pütten kroch und vergaß niemals zu sagen »Ik bün obers ne bang
Jungens« Es warf stets das nasseste Zeug auf damit es tüchtig räucherte und
fand es ganz vergnüglich auch einmal eine alte Wichel in Brand zu setzen
Abends wusch er sich Gesicht und Hände im Graben und ging befriedigt nach Hause
ohne sich um die weiterschwelenden Feuer zu quälen »Lot man brinnen« sagte er
zu seiner Mutter wenn sie manchmal in der Dämmerung mit anderen besorgten
Frauen hinlief und die Flammen dämpfte damit nicht alle Bäume in Brand kommen
sollten
Ihre Strafpredigten hörte er ungerührt an Ostermoonen müssten sein sein
Vater hätte sie als Junge auch gehabt so verteidigte er sich und fand am andern
Morgen wieder den Weg nach dem Westerdeich
In der Giebelstube des letzten Hauses lag ein kranker Matrose der hieß Harm
Külper und konnte von seinem Bett nach dem Westerdeich sehen
Als ein gesunder starker lauter Junggast war er vor Jahren aus der Heimat
gegangen als ein kranker schwacher stiller Mann war er vor Wochen
zurückgekommen Er hatte alle seine Kraft zusammengenommen um den Deich allein
entlang zu gehen und hatte die Leute noch gegrüßt die vor den Türen gesessen
hatten aber es war ihm doch nicht möglich gewesen beim Kirchenweg sackte er um
und musste nach dem Ness getragen werden Andrees Fink der Starke nahm ihn wie
ein Kind auf den Arm und brachte ihn seiner Mutter die laut aufschrie so weiß
war sein Gesicht
In Manaos am Amazonenstrom hatte das Fieber ihn gepackt und niedergeworfen
Nun lag er im Bett und wartete auf den Tod denn er fühlte dass er nicht wieder
gesunden könne Die große Fahrt war aus über sein Seefahrtsbuch war ein
dicker schwarzer Strich gemacht worden den er nicht wegwischen konnte
Er war in ein Trauerhaus gekommen seine Mutter ging in schwarzen Kleidern
und die unteren Fenster waren dicht verhängt Sein Vater und sein ältester
Bruder waren mit ihrem Schiffe verschollen während er butenlands gewesen war
Harm Külper sah die Osterfeuer qualmen Mit großen Augen sah er sie an als
wenn er noch im deutschen Hospital läge und träume Er sprach nur noch selten
an stillen Tagen ließ er das Bett so stellen dass er die Elbe sehen konnte
sonst grübelte er die ganzen Tage vor sich hin Mit fünfundzwanzig Jahren den
Tod bei der Hand fassen wie das Seemannsherz sich dagegen wehrte Wie er immer
und immer wieder die zerrissenen Segel ansah als könne er es nicht begreifen
dass sie nicht wieder zu machen waren
Nur auf eins freute er sich noch auf den kleinen Klaus Störtebeker der
jeden Tag vorbeikam und seine Ostermoon ansteckte Der brachte noch ein Lächeln
in das ernste verschlossene Gesicht und er half ihm in Gedanken bei seinem
Osterfeuer hol man noch fix Feek her Klaus hürst Kiek hier Dat
schall fluckern un räukern Hol du ok mol wat Harm Jo hier is een
ganzen Arm vull Smiet man up U wat fluckert dat wat sleit de Flamm
hoch Dat is doch een feine Ostermoon ne Harm Jo dat is een scheune
Ostermoon Klaus Störtebeker
»Säst du wat mien Jung« fragte die Mutter besorgt die ihn sprechen gehört
hatte und von unten gekommen war
»Rop den lütten Klaus Störtebeker doch mol rup Mudder ik much giern mol
mit em snacken« bat er
Da kam Klaus Störtebeker die Treppe heraufgepoltert wie er bei seinem Feuer
gestanden hatte geschwärzten Gesichts und ließ sich ausfragen von dem
todkranken Matrosen Und berichtete von seiner Fischerei und seinen Kaninchen
von seinem Kahn und seiner Krähe am meisten aber von seinem Vater und dass er
den Sommer mit nach See wolle und solle Dann aber fing er an zu fragen nach
den großen Schiffen und den Schwarzen nach dem Fliegenden Holländer und nach
Amerika Ob Harm schon mal Menschenfresser gesehen hätte wollte er wissen und
ob es wahr wäre was Kap Horn ihm von der großen Leine erzählt hätte unter der
alle Schiffe hindurch müssten
Harm Külper fand großes Gefallen an der Art des Jungen Er schaute in dessen
Augen wie in einen Spiegel hinein und sah seine Kindheit wieder die er verloren
hatte Und er behielt Störtebeker lange bei sich bis die Mutter ihn an das
Ruhegebot des Arztes mahnen musste Da schenkte er ihm ein kleines zierliches
Vollschiff das er in den Passaten als die Segel wochenlang stehen bleiben
konnten geschnitzt und aufgetakelt hatte und nahm ihm das Versprechen ab den
andern Tag und alle Tage wieder heraufzukommen
»Dat brukt ne ierst een Seemann to wardn dat is all een« sagte er zu
seinem Bruder »Herrgott innen Heben wat förn moi Leben hett de nu noch vör sik
un mien is ut Mien is ut Ik bün beet« stöhnte er und kehrte das Gesicht
gegen die graue Wand
Da ging der Bruder hinaus weil er es nicht mit anhören konnte die Mutter
aber setzte sich zu ihm und streichelte ihm die Backen bis er ganz still lag
Dann sagte sie »Harm hür mol to Ik will mol mit di snacken«
»Och lot mi doch Mudder«
»Ne ik mütt di dat seggen Harm dat steiht mi so vörn Harten dat ik ne
mihr slopen kann Jan dien Bruer will ok no See wenn he Ostern ut de Schol
is Snack du em dat ut Harm Ik hol dat ne ut un goh to Woter wenn he ne an
Land bliwt«
Der Kranke schloss die Augen und gab keine Antwort da glaubte sie dass er
eingeschlafen sei und schlich auf Socken hinaus Er hatte aber nur keine
Antwort geben wollen
Störtebeker ließ die Ostermoon einen Tag liegen er hatte keine Zeit für
sie denn er war mit seinem kleinen Schiff am Bollwerk zugange und erprobte
dessen Segel und Manöverierfähigkeit
Der andre Tag war ein Sonntag ein heller sonniger Tag Weiße Wolken kamen
im Westen aus der See gestiegen und segelten wie Lustkutter auf dem blauen
Luftmeer Der Matrose ließ sich von seinem Bruder die Kissen hinter den Rücken
stopfen damit er besser ausgucken konnte und wartete auf Störtebeker Die
Mutter kam herein mit dem Gesangbuch in der Hand und fragte ob er noch etwas
wolle als er verneinte ging sie nach der Kirche und überließ die Wache dem
Konfirmanden
Störtebeker kam aber er hielt sich oben nicht lange auf sondern stolperte
gleich wieder die Bodentreppe hinunter um das Dankesfeuer zu entfachen Nach
kurzer Zeit loderte eine große Ostermoon auf dem Deiche wie Störtebeker noch
keine gehabt hatte das war für das schöne Vollschiff
Harm Külper verwandte kein Auge von ihm da ergriff ihn mit einem Male der
Gedanke jetzt muss ich sterben Und der ließ ihn nicht mehr los bis er sich ihm
ergab und das Ruder losliess treib Schifflein treib Da kam eine große
heilige Ruhe in sein Herz der Schmerz verging und all das Tote Dumpfe das
auf ihm und in ihm gelegen hatte wich einer wunderlichen Leichtigkeit und
Klarheit Er erkannte dass sein Leben groß und schön und sonnig gewesen war
Glitzernd und blinkend atmend und lachend lag die See vor ihm die große weite
See und hohe stolze Dreiund Viermaster segelten wie Königsschiffe vor dem
Winde Wie leuchteten ihre goldenen Namen wie winkten die Janmaaten Er stand
auf der Back im Sonntagsstaat in der Tür des Logis saß der Norweger und spielte
auf der Harmonika über ihm aber wölbten sich die gewaltigen Segel von der Fock
bis zu den Royals und die Rahen knarrten Delphine spielten vor dem Bug und
Albatrosse schwebten über dem Heck Und der Norweger spielte bis die weißen
Nocken rot wurden und die Sonne langsam ins Wasser sank
»Jan«
»Wat schall ik Harm«
Jan hatte einige Sprüche zu lernen die gar nicht sitzen wollten und sah
verdrießlich von seinem Katechismus auf
»Jan Mudder seggt ik schall di van de Fohrt afroden Du schallst ne no See
hin seggt se Un ik schall di bang moken Jan Ober ik dot ne wenn Vadder un
Jakob ok verdrunken sünd un wenn ik ok grote Hoveree hebb un kodimmt wardn
mütt Ik ro di to Jan Wenn du Lust no See hest denn goh no See un lot di ne
meuten Goh no See Jan un dink an dien Bruer wenn du goden Wind inne Seils
hest«
Der alte Lebensmut flammte noch einmal in der Seele des Matrosen auf
»Buten ist doch beter as binnen Jan gläuf mi dat Wenn de Wieber ok seggt
mien Leben is verkihrt wesen ik bün krank wedderkommen un hebb keen Sack vull
Gild mitbröcht ik segg di mien Leben is recht wesen un wünsch mi keen anner«
»Snack doch ne soveel Harm« beschwichtigte ihn der Bruder der gern
weiterlernen wollte »ik seh di dat an du hest dor Wehdog van«
Der Matrose aber richtete sich auf Mit dem letzten Rest seiner Kraft ging
er gegen die Schwäche an die ihn übermannen wollte und verlangte sein
Seefahrtsbuch
»Wat wullt dormit Harm«
»Mien Munsterbook Jan Dat ligt boben up mien Seemannskist«
Er ließ nicht nach bis er es in den Händen hatte Fest umschlossen seine
knochigen Finger es als er sagte »Dor steiht dat in Jan woneem ik allerwärts
wesen bün an de Westküst un in Schino inne Middellandssee un inne Sunda boben
bi de Eskimos un nerden bi de Minschenfreters Dat steiht dor all in Mien
Munsterbook will ik nu jümmer bi mi hebben Jan un wennk dot bün denn schöt ji
mi dat innen Sarg leggen wat ik mi vör Gott ok verklorn kann«
»Harm schoon di doch« bat der Bruder der ihm die Anstrengung ansah aber
der Matrose hörte nicht
»Kiek Jan ik bün nu so krank dat ik ne den lütten Finger mihr krumm moken
kann ohn mi weh to dohn wenn ik düt Book seh denn ward ik dor ober an dinken
wat ik mol boben up de Royals stohn hebb in Nacht un Störm un ne bangen wesen
bün un wat ik innen Atlantik mol Haifisch angelt hebb Un dor an to dinken dat
is god Jan wenn een starben mütt«
»Harm so snackst du nu un to Sommer wenn du wedder beter büst un wedder
up grote Fohrt geihst denn lachst du dor ober«
Der Kranke schüttelte den Kopf
»Mien Fohrt is ut Jan de grote un de lütte ik seh de See ne wedder Jan
goh no See un ward een fixen Seemann Ünner Seils ist up best«
»Ik do ok doch wat ik will« sagte der Bruder bestimmt »meenst du wat ik
Lust hebb bi de Buern to sleupen«
Befriedigt nickte der Matrose dann aber drängte er seinen Bruder hinaus
indem er ihm sagte er solle mal ausgucken ob die Mutter noch nicht käme denn
er meine die Kirchenglocken hätten schon geläutet
Er fühlte aber dass der Tod in der Kammer stand und wollte nicht dass der
Junge ihn sterben sehen sollte Als er allein war blickte er noch einmal über
den Westerdeich auf dem Klaus Störtebeker noch immer sein rauchendes Osterfeuer
bewachte Von der Elbe herüber tuteten die Dampfer und hinter dem Ness standen
viele braune Segel auf dem Wasser
Dann trat die große Meeresstille ein der Tod kam und grüßte ihn Und Harm
Külper war tapfer bis zum letzten Augenblick
Mit dem Seefahrtsbuch in den Händen fanden sie ihn und das Seefahrtsbuch
bekam er nach seinem Willen mit in den Sarg Die gebückte Triengretj die
Totenfrau ging von Tür zu Tür und sagte an dass er Mittweeken Klock dree aus
dem Hause komme Jan Köpke kam mit dem Leichenwagen den Deich entlanggewankt und
brachte den ruhelosen Weltumsegler dem Tausende von Seemeilen nicht genug
gewesen waren in einer kleinen halben Stunde zum Hafen und zur Ruhe
Störtebeker ging mit hinter dem Sarge und trug einen großen Kranz zu dem er das
halbe Geld aus seinem Spartopf zugeschossen hatte Aus jedem Hause ging einer
mit dass es eine große Leiche wurde Am Grabe sangen die Lüneburger
Kirchenjungen und Bodemann sprach bewegt von einem Matrosen der manchen Hafen
und manches Meer gesehen hätte
Nachher aber als die Frau auch die letzten Fenster verhängte lief
Störtebeker mit dem Vollschiff nach seinem Kahn wriggte vom Bollwerk ab und
ließ es auf der blinkenden Elbe segeln
Siebenter Stremel
Der verhängten Fenster wegen verlegte Störtebeker seine Ostermoonen nach dem
Südende des Westerdeiches Dort stand eine einsame kleine Kate in der Bartel
Tamp mit seiner Mutter hauste der alten Hanno Quast von der es hieß dass sie
nur einen Topf im Hause hätte der abwechselnd als Esstopf als Waschtopf und als
Pisspott dienen müsse Den Tisch fege sie mit dem Besen ab Sie hätte auch nur
ein Tuch das sie morgens als Schürze mittags als Tischtuch und abends als
Fenstervorhang benutze Unter dem Herd wäre ihr Hühnerwiem und die Ferkel
hausten bei ihr im Bettstroh
Bartel war von Amerika gekommen sie zu besuchen Er sollte in Minnesota
eine große Farm haben so groß wie ganz Finkenwärder sagten sie anzusehen war
ihm das aber nicht denn er ging Sonntags und alltags gleich schlumpig Und als
seine Mutter starb da zimmerte er selbst einen Sarg zurecht lud ihn auf die
Schubkarre und fuhr ihn nach dem Kirchhof das wäre so Mode in Amerika sagte
er und kümmerte sich nicht um die Leute Er wollte auch die Kule selbst graben
aber da kam ihm der Totengräber Hein Bausen in die Quere der von solcher
Gottlosigkeit nichts wissen wollte dem es aber mehr um die achtzehn Groschen zu
tun war die er für das Grab einzubekommen hatte als um den Frevel
Einige Tage danach läutete die Feuerglocke der Nachtwächter tutete und die
Feuerleute rannten in weißen Kitteln nach dem Spritzenhaus die Gören hinterher
Dann ging es mit Hurra durch das Land nach der Ecke des Westerdeiches denn
Hanno Quastens Haus brannte Als sie hinkamen stand die Kate in hellen Flammen
und war schon beinahe gänzlich niedergebrannt Bartel Tamp aber rannte mit dem
einzigen Topf seiner Mutter hin und her und goss Wasser in das Feuer Zu retten
war da nichts als die Feuerwehr die Schläuche angeschroben und alles in Schuss
hatte war das Haus schon zusammengestürzt und sie konnte nur noch die
Obstbäume nassspritzen Unverdrossen aber lief Bartel mit seinem Klütenpott
umher sagte Goddam und rief das hätten die Jungens getan die verdammten
Jungens Klaus Störtebeker und Konsorten Störtebeker machte dass er weg kam
als er das hörte
Es gab große Verhöre vor dem Polizisten aber Störtebeker blieb dabei dass
er es nicht getan hätte seine Ostermoon wäre viel zu weit weg gewesen als dass
Funken nach dem Strohdach geflogen sein könnten Obgleich seine Mutter ganz
verzweifelt war gab er nichts zu Sie drohten ihm mit der Strafschule aber er
fürchtete sich nicht Aber es kam doch soviel dabei heraus dass kein Junge mehr
mit ihm nach dem Westerdeich gehen durfte und er selbst bekam auch
Kellerarrest Es wäre wohl noch schlimmer geworden wenn Bartel Tamp nicht
gutmütig gesagt hätte die Jungen sollten nicht bestraft werden An dem alten
Haus sei nichts gelegen er reise ja doch wieder nach Amerika
Und er verklopfte den Hof ließ sich das Versicherungsgeld ausbezahlen und
dampfte nach Neuyork ab
Da kam das Gerede auf er hätte das Haus selbst angesteckt um das Geld zu
bekommen und die Leute glaubten es Aber Störtebeker war damit nicht
freigesprochen er hieß noch lange Zeit der Brandstifter und bekam kein gutes
Wort von seiner Mutter Die ganze Geschichte war überhaupt verratzt wie er sich
ausdrückte denn die Bauernknechte hatten ihm auch noch die Bungen weggenommen
und er konnte nicht mehr fischen
Den Tag vor Gründonnerstag aber als er sich zum erstenmal wieder eine
Ostermoon gemacht hatte eine ganz kleine deren Rauch nicht weit flog und sich
mehr als sonst umguckte denn die Sache war jetzt gefährlich genug da sah er
drei große braune Segel hinter dem Giebel des Nesshofes erscheinen die ihm
bekannt vorkamen Er sah scharf hin dann ließ er das Feuer im Stich und lief in
Sprüngen nach dem Bollwerk kettete lachend seinen Kahn los und wriggte schnell
vom Deich seinem Vater entgegen
Denn sein Vater war es er kannte den Ewer er sah die Flagge Sein Vater
war wieder da
Wie wriggte er wie rief er
»Höh Vadder höh«
Da wurde er vom Ewer gesehen
»Höh Klaus Störtebeker«
»Non Vadder de Reis afmokt« »Jo mien Jung« »Wat geiht di dat
Kap Horn« »Och god Störtebeker dat weiß woll slechte Lüd geiht dat
jümmer god« »Büst ok seekrank worden Hein Mück« »Ne du
Schietinnebüx«
Nun hatte er den Ewer erreicht band seinen Kahn achter an und kletterte an
Deck streichelte Seemann und stellte sich dann bei seinem Vater hin Nun war
alles gut er war wieder an Bord bei seinem Vater
»Hein Hein Mück du müsst di mol rosiern loten Minsch hest jo all een
eulichen Snauzbort«
Kap Horn aber sagte »Dat is keen Bort Störtebeker Hein Mück hett si bloß
en bitten annen Klütjenputt swart mokt«
»Dor quält jo man ne üm« schneuzte der Koch
Vom Ruder scholl es »Gohn den Draggen« Der schwere Anker fiel rasselnd
sprang die Kette nach straffte sich und brachte den Ewer zum Schwoien
»Vadder schall ik de Fock dol smieten« rief Störtebeker der sich
wunderte dass sich niemand um die Segel kümmerte Aber Klaus Mewes erwiderte
»De Seils blieft stohn Wie weut Mudder holen un denn mit allemann no Stadt
rup«
»Junge jo Dat ward fein« sagte Störtebeker wenngleich er nicht recht
einsehen konnte was seine Mutter dabei sollte Er erbot sich sie mit dem Kahn
zu holen aber sein Vater meinte sie hätten Zeit genug und wollten noch erst an
Land Kaffee trinken So nahmen die Leute denn das Boot in die Talje und setzten
es über Bord Der Schiffer warf unterdessen die Scharben in den Reisekorb und
dann schipperten sie an den Deich Störtebeker in seinem Kahn die Seefischer in
ihrem Boot Hein Mück wriggte »Inne Wett Hein de up ierst ant Bullwark kummt
hett wunnen« rief der Junge und wriggte aus Leibeskräften und richtig wurde
er dem schweren Boot leicht über
Gesa stand schon auf dem Deich und lachte ihnen aus glücklichem Herzen
entgegen Zu diesem Augenblick sah sie nur die Sonne die auf der Elbe und auf
ihres Mannes Gesicht lag und dachte nicht an die Stürme an den Nebel und an
die dunkeln Nächte
»Mudder du schallst di gliek klor moken hett Vadder seggt wi wöt
alltohoopen mit no Altno rup« rief Störtebeker schon von unten
Lachend gab der große Seefischer seiner jungen Frau die Hand und hielt ihre
fest »Goden Dag«
»Goden Dag« sagte sie verhalten und wollte ihre Hand lösen aber er hielt
sie fest und sah ihr in die Augen Da wurde sie rot und sagte verwirrt »Lot mi
doch los Klaus wat schöt de Lüd dinken«
Er hielt sie fester und hätte sie noch lange nicht losgelassen wenn nicht
der Junge dazwischengetreten wäre und gesagt hätte »To Vadder lot ehr los se
schall sik klor moken«
»Wullt mit Mudder«
Sie nickte »Jo dütmol goh ik mit Vadder Is jo scheun Wedder«
Dann saßen sie beim Kaffee und aßen und tranken die großen braunen
Gesellen die sich fünf Wochen auf der See herumgetrieben hatten und konnten
alle drei kaum soviel antworten als Störtebeker fragte Er musste alles wissen
wo sie gefischt und wieviel sie gefangen hatten wo sie zu Markt gewesen waren
und wieviel sie gebört hatten was für Wetter sie gehabt hatten und so weiter
Wie eine Mühle ging ihm der Mund wie eine Pfeffermühle
Gesa zog ihren Sonntagsstaat an und machte Störtebeker stadtgemäss obgleich
er sich zur Wehr setzte denn er mochte nicht glatt gehen Das Viehwerk wurde in
die Obhut der Nachbarin gegeben dann ging es mit Kahn und Boot nach dem Ewer
hinaus der sich groß und schön auf dem blanken Wasser spiegelte Klippklapp
sagte das Spill als die Kette aufgehievt wurde
Die Flut nahm sie auf ihren breiten Rücken und brachte sie durch das
Nienstedter Loch nach dem Fahrwasser zwischen die vielen Segel dort war soviel
Wind dass sie in geruhiger Fahrt bald bis Altona kamen wo sie an der
Fischerbrücke Tamp legten Störtebeker spielte bald mit Seemann auf den Luken
bald nahm er Kap Horn in seemännischen Angelegenheiten in Anspruch bald guckte
er neugierig in den Bünn in dem das Wasser wirbelte und ab und zu eine Scholle
auftauchte um schnell wieder hinunterzuschwimmen bald saß er auf der Kapp bei
Hein Mück der Kartoffeln schälte und aß getrocknete Knurrhähne Oder er besah
die Seeäpfel und Seesterne die sie ihm mitgebracht hatten
Er überholte die Schieblade in die sein Vater die Pfennige zu tun pflegte
und grabbelte eine ganze Handvoll Kupfer heraus Dann spielte er den Schelm und
kratzte am Mast damit mehr Wind komme Und wenn seine Mutter ängstlich den
ankommenden Dampfern entgegensah die Entfernungen maß und bat »Vadder stür
doch af wat wi keen Hoveree kriegt« dann lachte er sie aus und sagte »Mudder
de Damper mütt dat Seilschipp ut den Weg gohn Wi brukt uns ne to wohren«
»Worum denn nich« fragte Kap Horn lauernd
»Vadder seggt dat« gab Störtebeker zur Antwort »un de mütt dat doch
weeten«
»Jo mütt he ok« bestätigte der Schiffer vergnügt und guckte an dem großen
Reisdampfer hinauf der sich schwer und gewaltig an ihnen vorbeischob
»Störtebeker wat is dat förn Stiemer« Der Junge sah nach der Flagge am Heck
»Een Ingelschmann«
Auf der Back stand eine Anzahl halbnackter Singalesen
»U kiek Vadder dor stoht Swarte boben«
Eben vor Altona fing Gesa an zu berichten was der Junge in der Zeit
angerichtet hatte Sie saß auf den Luken und knüttete an ihrem Strumpf aber sie
hatte sich keine gute Stunde für ihre Klage ausgesucht Denn erst sagte
Störtebeker mit mildem Vorwurf »Mudder wi sitt hier nu so scheun up Deck un
fohrt so moi no Hamborg un nu fangst du dorvan an« Und er stand auf und ging
nach dem Steven Klaus Mewes nahm den Bericht noch leichter so hätte er es als
Junge auch gemacht sagte er sorglos sie solle ihn nur gewähren lassen Der
Junge solle ja kein Pastor sondern Fischermann werden
»Räuberhauptmann ward he Klaus ik segg di dat«
»Gesa mok doch keen Schop bang«
»So veel du nu ober em lachst müsst du noch mol ober em weenen«
»Ne dat gläuf ik ne Diern«
Unbekümmert sah er drein als könne er sein Leben schon überschauen
»Bestrof em Klaus«
»Mien gode Diern meenst du wenn ik ut See komm will ik up den Jungen
rümkloppen Gott schall mi bewohren dat ik dat do Man still Gesa anner Reis
nehm ik em vullicht all mit no See denn kann he an Land keen Undöt mihr moken«
Da gab sie es auf
Sie nahmen die Segel herunter und setzten sich zum Abendbrot nieder
Gebratene Schollen gab es das beste von der See Störtebeker stimmte eine Art
Lobgesang an und aß wie ein Scheunendrescher
Als sie noch um die Pfanne saßen kamen bereits die ersten Reisenkäufer
Fischhändler deren Gewerb es war den Fischern die ganze Reise abzukaufen und
die Schollen aus dem Bünn zu verhökern Sie boten einen guten runden Preis aber
Klaus Mewes vergab die Reise nicht denn es waren erst drei Ewer an der Brücke
und er konnte auf einen guten Markt hoffen auch war er von der Weser gewohnt
seine Schollen selbst zu verhandeln Die Händler drängten
»Dor komt hüt Nacht noch mehr Käppen Mewes«
»Lot jüm kommen Petersen wi wöt all leben« lachte Klaus Mewes
»Dat Woter is slecht di bliewt de Fisch bit morgen all dot Mewes«
»Lot jüm blieben Meyer wi möt all starben« bemerkte er trocken
Da war nichts zu machen er ließ sich nicht einmal nach Eierkohrs einladen
sondern sagte wenn er durstig wäre könne er sich noch selbst einen kaufen Und
er sog ruhig an den Gräten
Der Ewer dümpelte auf und ab hin und her als wenn er in der Helgoländer
Dünungklüse denn das Wasser wurde durch die vielen Dampfer in beständiger
Bewegung gehalten
Gesa wurde düsig Sie ging an Deck »Du büst seekrank Mudder weiß wat dat
is« rief Störtebeker hinter ihr her
»Pass man up di geiht dat nix beter« steckte Kap Horn es ihm aber er
lachte sicher und sagte »Nix zu machen Herr ik bün seefast«
»Wie spreekt uns to Sommer bi Hilchland wedder« warf Hein Mück dazwischen
aber Störtebeker erwehrte sich auch dieses Angreifers indem er spottend rief
»Wees du doch man ganz still Hein du hest jo för dot inne Koi legen ast weihn
worden is«
Sein Vater zog sich um und machte sich landfein Dann ging er mit Gesa die
Brücke hinan sie wollten nach St Pauli hinauf und mal in den Tingeltangel
gucken sagte er und sie ging gern mit weil sie das ewige Dümpeln des
Fahrzeuges nicht mehr aushalten konnte Störtebeker musste an Bord bleiben was
er auch gern tat denn aus solcher Musiktüdelei machte er sich nichts er blieb
am Deich nicht einmal bei den Nudelkastenmännern stehen
Zudem gab es Arbeit Knecht und Junge gingen dabei und ketscherten den Bünn
durch Alle toten Schollen und die schon fleckig gewordenen wurden
herausgesucht Störtebeker musste sie vorn aufs Deck legen damit sie sich besser
hielten Als das Deck voll war breiteten sie den großen Klüver darüber damit
ihnen nichts gestohlen werden sollte
Hein Mück fand auf den andern Ewern gute Gesellschaft und warf sich zum
Wohltäter auf weil er so lange auf der Weser gewesen war und einen schönen
Schilling in der Knipptasche hatte Sie petteten sich nach der Hafenstrasse
hinauf und genehmigten bei Martin Barghusen dem Schlafbaas einige deftige
Eisbrecher
Kap Horn aber saß mit Störtebeker auf der Kapp und wies ihm die Rahen der
großen Segelschiffe die bei Blohm und Voss dockten und nannte alle Segel und
Taue mit Namen er erzählte ihm von der großen Fahrt und von dem schweren Wetter
bei Kap Horn Der Junge hörte nipp zu wie er dem todkranken Matrosen zugehört
hatte Wenn der Knecht aber an gefährlichen Stellen beiläufig hinzufügte »Dor
harrst doch bang bi worden nich Störtebeker« dann sagte der Junge jedesmal
ernstaft »Ne bang harrk ne worden«
So saßen sie in der Dämmerung und sahen die Lichter auf dem Wasser schießen
Dem alten Janmaaten kam der kleine Junge in den Sinn den sie auf der dänischen
Bark an Bord gehabt hatten und mit dem er sich auch viel abgegeben hatte mehr
beinahe als seinem Vater dem Kapitän lieb gewesen war denn der Junge war
mehr vor dem Mast gewesen als auf dem Achterdeck Den kleinen Janmaaten hatten
sie ihn geheißen Das war ein stiller Junge gewesen dieser Störtebeker war ein
wilder Ungestüm jener war auf der Höhe von Rio gestorben und nach
Seemannsbrauch bestattet worden er selbst hatte ihn in Segeltuch eingenäht
dieser lebte und drängte mit allen Kräften nach der See als wenn er an Land
nicht lebenkönne
Als es ganz dunkel geworden war ging er mit dem Jungen in die Kajüte und
nahm ihn mit in seine Koje Und bei dem Wiegen des Ewers und dem Glucken des
Wassers schliefen beide bald ein der alte Janmaat und der seesüchtige Junge
Am andern Morgen war ein großes Trampeln und Scharren über Störtebeker als
er erwachte Kein Mensch war mehr unten er hatte richtig die Zeit
verschlafen Schnell zog er sich an und sauste an Deck
Du liebe Zeit was war da für ein Leben Als wenn es Karkmess wäre Das ganze
Deck stand voll von fremden Leuten was für ein Gedrängeauch doch was für ein
Lärm Fischfrauen Kökschen Bürgerinnen Arbeitsleute Kinder mit Netzen und
Körben mit Handtaschen und Beuteln standen um den Bünn herum fragten nach dem
Preis handelten und kauften schließlich Der Knecht und der Junge standen im
Raum vor dem Bünn und ketscherten die Schollen heraus Klaus Mewes aber ragte
wie ein Leuchtturm aus der Menschenbrandung reichte die leeren Körbe hinunter
langte die vollen herauf und strich das Geld ein eine Mark für sechzehn
Schollen Er war in bester Stimmung denn der Handel ging flott obgleich in der
Nacht noch sechs Ewer dazugekommen waren Hamburg war schollenhungrig
»Goh man mol mit den Jungen no de Reeperbohn rup un bekiekt jo de Lodens man
mol« sagte er zu Gesa die beim Kompasshäuschen stand und mit fremden Augen die
vielen Stadtmenschen guckte verwundert über ihn der damit umzuspringen wusste
als sei er als Handelsmann geboren Sie schüttelte aber den Kopf und blieb wo
sie war Und Störtebeker Ja wo war Störtebeker War er schon allein nach der
Reeperbahn gelaufen um sich den Kasper anzusehen
Nein Er stand mit aufgekrempelten Armen zwischen Kap Horn und Hein Mück und
hielt die Beutel und Netze auf damit sie die Schollen besser hineintun konnten
er warf die toten Fische beiseite und reichte die vollen Netze seinem Vater
hinauf »För twee Mark Vadder« »Förn Mark« »Fö föftein Groschen
Vadder« So rief er dabei mit einer Stimme aus der deutlich herauszuhören
war nun pass auf dass alle bezahlen
»Süsstein förn Mark Süsstein grote Schulln All springenlebennig Süsstein
förn Mark« rief Klaus Mewes oben und »Süsstein förn Mark Süsstein grote
Schulln All springenlebennig Süsstein förn Mark« echote Störtebeker unten
Klaus Mewes brauchte es wahrlich nicht wie die andern Ewer zu machen und sich
einen Fischmarktlöwen als Ausrufer anzunehmen Mitunter bekam der Junge auch
Streit mit den Kökschen »Leben dot de all Dor sünd keen dode twüschen
Luther grote gift ne dat geiht vörre Hand weg Ne dat sünd süsstein ik hebb
mi ne vertillt « An Kaffeetrinken dachte er nicht er musste ja helfen
»De sünd jo dot Junge« »Wenn du man ne dot büst deleewt« »De sünd jo so
lütt Junge« »Wenn du man ne lütt büst de sünd grot« Er ließ sich nicht
verblüffen »Sosstein forn Mark Oppen annern Ewer gift achttein« »Denn goh dor
man hin hier gift dat bloß süsstein« Er passte aber auch auf »Vadder de Olsch
hett noch ne betohlt«
Da sollte der Schollenhandel wohl in Flor kommen bei einem so guten
Hilfsmann »Vadder dat middelste Schott is all leddig«
Die Mutter sah besorgt auf seinen neuen Anzug »Wat mokt he sik ok doch
utsehn« Aber Klaus Mewes lachte sie aus und sagte »Worum hest du em dat nee
Tüch antohn Harrst em jo man inne Ingelschleddern mitloten kunnt Süsstein förn
Mark Süsstein grote Schullen«
Gegen zehn Uhr waren sie schon so weit dass sie die Luken zumachen konnten
die paar Stiege die noch im Bünn saßen brauchte Klaus Mewes selbst
Ausverkauft
Knecht und Junge spülten das Deck ab das aussah wie ein Stück vom Deich
bei Regenwetter Klaus Mewes aber ging mit Frau und Kind in die Kajüte und
entleerte seine dicken Taschen Ein Hause von Groschen Marken und Talern
bedeckte den Tisch als er abgezählt war waren es nahe an dreihundert Mark die
er in acht Tagen aus der See geholt hatte Es war wieder Glück dabei gewesen
dass er einen guten Markt getroffen hatte
Dreihundert Mark in acht Tagen Das kam den Bauern so groß vor dass sie
immer nur von den großen Seefischern sprachen und auf sie schalten denn hatten
sie einmal einen ordentlichen Knecht so lief er ihnen weg und wurde Fischer
Dreihundert Mark in acht Tagen wie kam das den Tagelöhnern vor die den ganzen
Tag für sechs Groschen wie Pferde arbeiten mussten wenn sie nicht zu alt für die
Fahrt gewesen wären sie hätten es wohl auch noch mit der Fischerei versucht
Wir wollen der Schollenzeit ihr Leuchten nicht trüben sie ist und bleibt
die beste schönste Zeit für den Fischermann Wie sie Taler haben mit der
Aufschrift »Segen des Mansfelder Bergbaues« so könnte die hamburgische Münze
für Finkenwärder Taler prägen mit der Aufschrift Segen des Schollenfanges Wenn
auch die Seefischerfrauen sagen dass so viel davon abginge die Kasse die
Kurren die Leute die Segel die Zinsen der Winter wir wollen sie dennoch
preisen die schöne schöne Schollenzeit
Nachmittags rollte die Kette wieder vor dem Ness durch die Klüsen »Dol de
Seils« Als sie zusammengebunden waren ging es mit Boot und Kahn an Land mit
Schollen und Scharben mit Taschen und Seesternen Gesa musste die Taschen
kochen Hein Mück hängte die Scharben auf dass die Leinen den Deich wie
Girlanden überzogen Klaus Störtebeker musste die Schollen austragen die sein
Vater in fürstlicher Weise verteilte von der ersten Reise bekam alle
Freundschaft Verwandtschaft und Nachbarschaft lebendige Schollen »De keen
Fisch utgeben mag is ne wiert wat he welk wedder fangt« hieß es am Deich Die
Bauern auf den Wurten die Handwerker die Tagelöhner keiner wurde vergessen
Sogar an die alte Sill dachte er Störtebeker lief gern mit den Schollen es
machte ihm Freude wenn die Leute fragten »Non Junge is dien Vadder her«
»Jo« »Mit Schullen« »Jo« dabei bekam er hier einen Groschen und da zwei der
Bäcker gab ihm einen Kringel und der Krämer einen Kakerlatje aus Zucker Bauer
Feldmann goss ihm den Eimer voll Milch Sill aber wühlte wieder ins Stroh hinein
und holte richtig noch einen schönen Apfel hervor Er verzehrte ihn jedoch
wohlweislich unterwegs damit er ihn nicht erst wieder aus der Erde zu graben
brauche und im Graben abwaschen müsse Es war ein fetter Tag für ihn
In der Schummerei aber saß er mit seinen Makkern auf dem Deich und ging mit
dem Hammer auf die gekochten Taschen los deren Scheren so fest waren dass sie
anders nicht geöffnet werden konnten Des Vollmondes wegen saßen sie voll
Fleisch und schmeckten vorzüglich Im Binnendeich schlichen die Katzen mit
erhobenen Schwänzen heran und knurrten einander wegen der Abfälle an
Gesa stand in der Tür Klaus Mewes saß unter den Linden auf der Bank und
verklarte dem alten Jäger der am Staket lehnte die Schollenfischerei bei Juist
und Borkum während die Nacht anbrach und die Lichter im Fahrwasser
aufleuchteten und die Masten des Ewers gewaltiger und schwerer in den Heben
hineinwuchsen
Vom äußern Ness kam ein Aalfischer der alte Jakob Derner mit seinen
Aalkörben beladen
»Non könt hier utolen«
»Jo Jakob«
Er blieb einen Augenblick stehen
»Loopt de Ool all Jakob«
»Ne Klaus is noch nix mit den Fang is noch to kold De Ool will Warms
hebben«
»Jä Jakob de Schull will ok Warms hebben de hebbt wi nu doch ober all
eulich belurt ik kann di seggen as de Voss de Geus un as de Hund de Rotten Wi
weet de Stä Junge Junge Fiefmol no de Wesser güstern an Altno gode
föfteinhunnert Stieg hebbt wi all holt wenn dat de Gildbütel man afkann«
Diese Rede war aber gar nicht nach Jakobs Gemüt er dachte an die drei vier
kleinen Aale die er jede Tide aus den Körben schrapte und ärgerte sich über
den großen Seefischer der mit Tausenden von Schollen um sich warf wie der
Bajazzo mit den Glaskugeln »So so« knurrte er und stiefelte weiter
Gesa schüttelte den Kopf »Wat magst du woll so dull prohlen Klaus Mees as
wenn du unsen Herrgott sien best Jung würst«
Er sah sie groß an »Wat meenst du dat« fragte er verwundert »Ik kann mien
Leben doch ne anners moken ast is grot un klor un scheun Dor steihst du dor
sitt mien Jung hier steiht mien Hus dat sünd mien Linnenbäum dor buten ligt
mien Eber un hier bün ik sülben oder is dat all ne wohr Lot den Dübel klogen
ik frei mi to dat wat ik hebb Un ik gläuf uns Herrgott süht ok leber een
vergneugten Minschen as een trurigen«
»Wees ne se tross Klaus Mees Du büst ok bloß een Minsch un wullt wedder no
See« mahnte sie er aber schüttelte die Worte ab wie die Ente das Wasser
Achter Stremel
Es war Ostern auf Finkenwärder
An den Gräben standen die Wicheln mit silbernen Katzen und die Erlen ließ
braune Troddeln im Winde wehen Die Pappeln leuchteten im Sonnenschein und
glommen wie Frühlingsbräute mit hellblonden Scheiteln Die Elstern bauten ihre
Nester im Lande Über den Wischen gaukelten die Kiebitze zu Hunderten und über
dem hohen Ness schwebten die grauen Reiher
Und die Finkenwärder Fahrensleute feierten Ostern indem sie um ihr Eiland
gingen Nur Ostern taten sie das sonst nicht Wann käme sonst auch wohl ein
Fischermann dazu einen Gang um sein Land zu machen Er geht sowieso nicht gern
denn Seebeine sind nicht für Landwege geschaffen Wintertags wenn er zu Hause
ist lassen die grundlosen Wege es nicht zu für die sie früher Stelzen gehabt
haben die aber abgekommen sind Sommertags hat er zwischen Jütland und
Niederland zuviel zu beschicken Nur Ostern ging es klar
Der Brauch entstammte der alten Zeit als die Fischerei den ganzen Winter
eingestellt war und die große allgemeine Ausreise erst nach Ostern stattfand
Da lag es nahe dass der Fischer noch mal seine Insel auf den Kieker nahm bevor
er sich der See für lange Monde anvertraute Auch die Konfirmanden die mit zur
See sollten hatten ein Verlangen den Deich noch einmal ganz unter den Füßen zu
haben bevor sie an Bord gingen 1887 war diese uralte Sitte noch allgemein
Wir denken an den Ostergang im Faust lesende Seele an den Doktor und
seinen Famulus an Bürger und Soldaten Scholaren und Handwerksburschen und an
all das andre bunte Gewimmel vor dem Tor der bunten mittelalterlichen Stadt
Frankfurt aber das muss verblassen vor der großen Deichwanderung der Fischer
am Ostersonntag die nachmittags anfängt und bis zum Abend währt und voll ist
von Größe und Gewaltigkeit
Breit und blau grüßt die Elbe im Hintergrunde steigen die Blankeneser
Berge auf Dampfer gehen auf und ab Ihr Rauch weht über den Strom Deutsche
englische französische nordische und holländische Flaggen flattern im Winde
Hunderte von braunen und griesen Segeln beleben das Fahrwasser gleich
Riesenvögel und im Osten steigen die Hamburger Türme aus dem Hafendunst auf
wie Propheten aus dem Volk Vom Bollwerk aber und von den Schallen grüßen die
blanken Ewer und Kutter die starken schönen Schiffe und ihre Flögel lachen im
Sonnenschein als wenn sie wüssten dass es Ostern ist Da liegt Schiff bei Schiff
in nachbarlicher Eintracht und jedes spiegelt sein Gesicht geruhig in dem
stillen Wasser Zwischen den Masten hängen die Kurren zum Trocknen die sich
ansehen lassen wie die Panzerhemden eines Hünengeschlechtes das große Wäsche
gehabt hat
Das ist die eine Seite des Deiches auf der andern stehen die Fischerhäuser
mit moosbewachsenen Stroh oder Pfannendächern mit grünen Türen geröteten
Steinen und blanken Fenstern hinter denen Blutstropfen Schuhbäume Geranien
und andre Blumen blühen Binnendeichs stehen die großen Hamenanker die
ausgedienten Kurrbäume die aufgefischten Hummerkästen dahinter liegen die
braunen Äcker von Gräben durchzogen die grünen Wischen die Wurten mit den
großen Bauerhäusern mit hohen Eschen Linden und Eichen Inseln inmitten der
Insel
Da kommen sie an die Osterleute
Zuerst die Gören de mol üm Finkwarder snurren wöt In Scharen kommen sie
und setzen am Westerdeich einen Feekhaufen nach dem andern in Brand denn
diesen Tag sind die Ostermoonen frei damit die Fahrensleute Leuchtfeuer
haben nach denen sie steuern können Ihnen folgen die Schlingel die ihre
Kräfte an den morschen Wicheln versuchen die in die Eschen klettern und in die
Heisternester gucken die über die Gräben jumpen und Enten und Gänse bange
machen die Deerns vom Deich stoßen und die Hunde reizen Sind die vorüber dann
erscheinen die Konfirmandinnen in langer Reihe sittsam in den langen Kleidern
gehend mit weißen Tüchern um die Schultern aber doch summt ihnen schon der
erste Schnellwalzer in den Ohren doch gucken sie sich schon heimlich nach den
Konfirmanden um die nun kommen etwas schwankenden Ganges als wenn sie ihr
Lebtag auf See gewesen wären Sie tun als hätten sie schon das kleine
Schifferpatent in der Tasche und gucken die Jungen gar nicht mehr an bekümmern
sich auch nicht mehr um die Osterfeuer sondern sprechen von Schiffen und
Mädchen Der breitrandige schwarze Hut der Huler sitzt verwegen auf dem
Kopfe etwas mit Backbordschlagseite wie der Fischerknecht ihn gern aufsetzt
Jeder schmökt seine Zigarre un noher fangt se doch all an to prüntjern
Nach ihnen aber kommen die Seefischer zu zweien oder dreien in Gruppen zu
fünfen oder sieben in Schöwen zu zehn und zwanzig die brauchen den ganzen
Deich und gehen geruhig und langsam bleiben stehen kehren ein sprechen mit
andern die ihnen entgegenkommen und betrachten den Deich die Häuser und die
Schiffe wie ein Bauer sein Vieh Namentlich die Alten nehmen sie vor die vor
den Türen stehen oder aus den Fenster schauen HeinBruer und JanOhm
TeesUnkel und Vadder Warnk und fragen sie nach ihrer Gesundheit und ob das
Essen noch schmecken wolle Sie sehen nach was auf den Werften gebaut wird und
wieviel neue Häuser das Jahr hinzugekommen sind Dazwischen gilt das Gespräch
der Fahrt und der Fischerei und dem Wetter Neem hei fischt und wat hei fungen
so geht es immerzu
Klaus Mewes und sein Junge müssten keine rechten Finkenwärder sein wenn sie
nicht auch unterwegs wären Auch sie machten die Runde um das Eiland wobei sie
sich ordentlich Zeit lassen mussten denn weil das Mewesgeschlecht das größte auf
Finkenwärder war hatten sie an allen Huken Verwandte wohnen denen sie Guten
Tag sagen mussten und wurden alle Augenblicke zu einer Tasse Kaffee
hineingenötigt Auch mit den Fischern die er überholte oder denen er
begegnete hatte Klaus Mewes manches zu beklönen Störtebeker zog ihn schon ab
und zu an der Jacke damit sie nur weiterkamen denn er wollte gern ganz um
Finkenwärder herum
Beim Segelmacher wurde ein neues Grosssegel bestellt das bis Karkmess
geliefert werden sollte Und als Klaus den Zimmerbaas auf der Helling stehen
sah bog er mit seinem Jungen vom Deich ab und betrat die Plaats Zunächst
bezahlte er die beiden Kurrbäume die er noch an der Rechnung stehen hatte dann
besah er den neuen Kutter den Simon Wriede bauen ließ Ein hohes stolzes
Fahrzeug war es das wie ein Königsschiff in den Heben ragte
»Wat köst de nu Jochen« fragte er als er alles befühlt und besehen hatte
»He löppt sowat up twölfdusend Klaus« erwiderte der Baas
»Dat Schipp is god« lobte der Seefischer und erfreute sich wieder an dem
scharfen Steven und dem schlanken Rumpf »de schall woll seilen Gotts den
Dünner Dor mol mit no buten to flimsen Jochen noch een poor Johr denn sett
ik mien Eber af un denn schallst du mi een neen Kutter bon noch greuter un
noch scheuner as düsse hier Un denn will ik jo mol wiesen wat Seilen un
Fischen to bedüden hett so gewiss as ik Klaus Mees heet«
»Denn gifst du mi den Ewer ne Vadder« rief Störtebeker eifrig der Baas
aber strich den grauen Bart und sagte bedächtig »Dor snackt wi noch mol ober
Klaus wenn wi denn noch leewt un noch gesund sünd«
»Hest upstünds noch mihr to bon Jochen«
»Noch een Kutter Klaus För Jan Harm«
»Geiht vörwarts mit de Fischeree Jochen Wo lang schallt duern un wi hebbt
HF 500 up See«
Der Baas aber sagte nur »Wi wöt dat best höpen« denn er glaubte nicht
daran
Vater und Sohn verließen die Werft und gingen weiter
Abends saßen sie alle in der Dönss und warteten auf die Ostereier Hein Mück
sagte er wolle ganz gewiss zehn essen und Kap Horn erzählte er habe schon den
ganzen Tag nichts mehr gegessen und rechne auf dreioder vierundzwanzig so
hungrig sei er Da trat Gesa mit der großen Schüssel an die gehäuft voll von
den schönen weißen Eiern war und das Ostereieressen begann das lustige
Wettessen bei dem der gewonnen hatte der die meisten Eier aß Mit glänzenden
Augen löffelte Störtebeker ein Ei nach dem andern aus »Wedder een Vadder De
smeckt as Sucker«
»Söben« rief sein Vater
»Kann ne angohn« sagte Störtebeker aufgebracht »du kannst heuchstens dree
Eier up hebben« Er zählte die Schalen »Een twee dree Vadder«
Kap Horn beschäftigte von da an die Augen des Jungen bald auf dem Deich und
bald bei den Bildern an der Wand und schob ihm ohne dass ers merkte die leeren
Schalen hin wie der brütenden Henne Enteneier untergeschmuggelt werden Die
drei Fahrensleute rissen ein ordentliches Loch in den Eierhügel aber
schließlich mussten sie doch back brassen und sich für beet erklären Da
bekleidete Störtebeker sich mit der Würde eines Preisrichters und zählte die
Eierschalen die jeder vor sich liegen hatte Bei seinem Vater waren es fünf
»U wat wenig Vadder Du säst söben Dat harr ik ne van di dacht« »Ik much ne
tolangen Störtebeker« entschuldigte sein Vater sich »ik dach anners wörds du
ne satt« Bei der Mutter kam Störtebeker zu dem niederschmetternden Ergebnis
»Twee Mudder dat et de lütten Kinner ok all meist Du muss gewiss de Pann
wegdrägen« Hein Mück der sechs Eier gegessen hatte kam glimpflich davon aber
über Kap Horn der nur ein Häufchen gänzlich zusammengedrückter Schalen hatte
goss er die volle Schale seines Spottes aus Dann ging er an den eigenen Berg und
steckte die Schalen zusammen »Mit de poor Dinger is doch keen Stoot to moken«
stichelte Kap Horn
»Van wegen poor Dinger« ereiferte der Junge sich und zählte sie in Gedanken
schnell noch einmal durch um sicher zu sein dass er sich nicht verzählt hatte
»kiek hier dree süß söben acht negen Negen Eier Ik harr sülben ne dacht
wat soveel würn ober kannst jo sehen«
»Wohrraftig negen« rief Klaus Mewes der sich kaum des Lachens erwehren
konnte »wat kannt angohn wat een swarte Koh witte Melk gift un wat de Jung
mihr Eier eten kann as wi groten Lüd«
Kap Horn lachte »Jo he is de Boos un sall noher hochleben loten wardn«
Störtebeker aber sagte »Junge Junge« und knöpfte die Hose auf um sich
Luft zu schaffen denn die vermeintlich gegessenen neun Eier lagen ihm nun doch
mit einem Male schwer im Magen »Vadder nu komm ik ok doch mit no See«
»Nu noch ne« bremste die Mutter schnell »is noch veel to kold buten«
Klaus Mewes sah sie jedoch bedeutsam an und sagte er wolle morgen zu dem
Schuster und Dampf dahinter machen dann könne der Junge die andere Reise schon
mit an Bord
»Och jo Vadder Och jo« rief Störtebeker in heller Freude und sprang in
der Dönss herum wie ein Füllen auf der Wisch
Er müsse aber auch Ölzeug haben gab Kap Horn zu bedenken das wolle er ihm
machen denn auf so was verstehe er sich noch von den großen Schiffen her Er
ließ sich eine Elle geben und nahm gleich Maß was dem Jungen den größten Spaß
machte Umständlich schrieb er Länge und Breite in sein Notizbuch mit Kalender
von Anno Tobak ein und malte darüber Ölzeug für Klaus Mewes junior
Spät am Abend standen sie auf dem Deich und guckten nach den drei großen
Osterfeuern die auf dem Opferberge bei Neugraben der altgermanischen
Tingstätte auf dem Sande von Teufelsbrücke und auf dem Strande von Blankenese
loderten und das Sonnund Sommerverlangen des Niedersachsengaues in die Nacht
hinausriefen
So bald wurde es doch noch nichts mit Störtebekers Seefahrt denn ein
starker stetiger Ostwind von dem die Fahrensleute sagten dass er bis Michaelis
wehen könne ließ seinen Vater nicht die Elbe herauf Klaus Mewes machte sich
wieder auf der Weser heimisch denn mit dem ewigen Dampferschleppen vom vierten
Feuerschiff bis Hamburg hatte er nicht viel im Sinn und schrieb von Bremen und
Bremerhaven
»He hett mi förn Narren« sagte Störtebeker immer wieder erbittert zur
Mutter wenn er den Ewer nicht hergucken konnte Längst hatte der Schuster die
Siebenmeilenstiefel abgeliefert aber sie hingen auf der Diele an dem Haken an
dem wintertags das geschlachtete Schwein hing und er sollte sie vorher nicht
tragen Da hingen sie und ärgerten ihn alle Tage
Störtebeker war wieder wie ein Schiff ohne Kompass das hierhin und dorthin
trieb wohin gerade der Wind wehte er fischte und schipperte bemühte sich um
das Sprechen der Nebelkrähe verkaufte die jungen Kaninchen er sprang mit den
Jungen über die Gräben und trocknete sein Zeug im Winde wenn es dabei nass
geworden war er watete schon in der Elbe wenn die Mutter es nicht sehen
konnte und war der einzige vom Ness der schon schwamm das Wasser war noch
eiskalt und benahm ihm fast den Atem er suchte Regenwürmer an feuchten
Abenden und pödderte Aale er ließ sein kleines Vollschiff segeln und kalfaterte
seinen Kahn mit Hilfe des Jägers er ging mit auf die Entenjagd und saß
mäuschenstill in den Binsen während die zahmen Lockenten nach den wilden
Schwestern riefen und Juno zum Sprunge bereit stand er holte sich die
getrockneten Scharben von der Leine zog ihnen die Haut ab schnitt sie in
Stremel und verzehrte sie er sorgte dafür dass sie abends und vor aufkommenden
Regenflagen unter Dach und Fach kamen er machte sich Hupuppen Flöten und
Dreibässe aus dem leicht abnehmbaren Bast der jungen Weidenzweige und ketscherte
an stillen Abenden die Maikäfer die um die grüngewordenen Linden schwirrten
aber es war keins rechte Herzenssache war alles Notbehelf bis sein Vater
kommen musste und er mit nach See sollte Alle seine Gedanken waren an Bord und
er konnte wieder jeden Tag nach dem Fahrwasser hinausfahren und Blankeneser
Cränzer und Finkenwärder nach HF 125 fragen
Da stand der alte Hans Benitt am Deich der auf dem Altenteil lebte
unbeweglich auf seine Schaufel gestützt und hatte die Maulwurfshügel unter den
Augen Regungslos stand er wie ein Hecht im Graben Wühlte aber ein Maulwurf
so schlich er hin stach mit der Schaufel in den Hügel warf den Schwarzrock in
die Luft und tötete ihn durch einen Hieb auf die Nase So reinigte er jeden Tag
den landschützenden Deich von seinen schlimmsten Feinden den Erdwühlern die in
alten Zeiten so manchen Deichbruch verschuldet hatten
Da kam ein Schnelläufer den Deich entlang bunt gekleidet wie ein Kasper von
St Pauli mit Schellen behängt eine Glocke in der Hand und hinter ihm her
liefen Hunderte von Kindern Die gingen nicht so sittsam hinter ihm wie die
Kinder von Hameln hinter dem Rattenfänger die lärmten und lachten schrien und
sangen wie rechte Gören des lauten Finkenwärders des Eilandes das gewohnt ist
zwischen Stürmen zu fischen und in schwarzen Kleidern zu tanzen »U een
Snilläuper« Vorbei braust die wilde Jagd Störtebeker läuft barfuß neben dem
Schnelläufer er überholt ihn und springt geschickt vom Deich als er einen mit
der Peitsche haben soll aber dann fällt ihm ein dass er mit dem Kahn los muss
und er kehrt batz um Und als der bunte Mann langsam zurück kam und von Tür zu
Tür ging um sich für sein schnelles Laufen bezahlt zu machen da dümpelte der
Junge schon bei Blankenese in der Dünung und riet die Ewer an
Jan Lanker aber gab dem Schnelläufer nichts als der seine Hand ausstreckte
sondern fragte nur »Wat is dor los« »Ik bün de Snelleuper un heff snell
loopen« »Wat geiht mi dat an Du harrst jo man sinnig loopen kunnt« sagte Jan
patzig und machte ihm die Tür vor der Nase zu
Da kamen Strassenmusikanten pfälzisches oder böhmisches Volk nicht zu
vieren wie in Hamburg sondern zu zwölfen und zwanzigen und spielten dass der
ganze Deich tanzte da kam der Schornsteinfeger und die Kinder sangen
Schosteenfeger sitt upt Dack
goh no Schol un lihr di wat
Da kamen kroatische Mausefallenkerle Nudelkastenmänner erschienen denen
weiße Mäuse aus den Taschen krochen Elias kam mit Hüten und Geesch mit Wolle
Jan Timm mit Kirschen und BettiBetti mit wat Räukerts da kam der
Scherenschleifer und ließ die Funken springen der Wollkämmer kam und schor die
Schafe die Bauern kamen mit Pferd und Wagen es gab wirklich viel zu gucken und
zu hören am garn und fischbehängten Deich aber Störtebekers Augen waren
westwärts gerichtet Er lag die meiste Zeit auf dem Wasser und ließ Torpedoboote
und Ochsendampfer Jalken und Kuffen Viermaster und Barken Lühjollen und
Steinewer vorbeidampfen und segeln Jonn Meyer kam auf der glückliche
Störfischer weithin kenntlich an den beiden Booten die auf Deck standen an
den roten Bojen den Pümpeln die an den Wanten hingen und an dem grossmaschigen
Störgarn er hatte neun große Störe gefangen die er an Stroppen hinter sich
her schleppte wie Etzel die Könige an Stricken mitnahm aber seinen Vater
konnte Störtebeker nicht in Sicht kriegen Was gingen ihn die Störe an sein
Vater fischte keine Störe Was kümmerte es ihn dass Jan Mewes seine alte Jolle
abschlachtete und mit dem Boot weiterfischte dass Hein Schloo zwei Fischottern
bei der Nesskule schoss dass Paul Fahje sich einen neuen Grossmast einsetzen ließ
weil er den alten abgesegelt hatte dass Hinnik Sass doch nach dem Bauern musste
weil er zu seekrank geworden war dass der kleine Karsten Kölln in den Graben
fiel und ertrank dass Hans Peter sich aufhängte weil sein Sohn von einem
Dampfer in Grund gebohrt war dass Hein Husteen und Marieken Kröger lustige
Hochzeit gaben Was kümmerte es ihn der auf seinen Vater lauerte Wie auch die
Mutter sich bemühte ihn an den Deich und an das Land zu gewöhnen er sprach
von der See und guckte nach den Schiffen als wenn es weiter nichts auf der Welt
gäbe
Dann kam der Tag an dem Gesa ihrem Jungen beiläufig klagte dass sie keinen
Sand mehr hätte und den Schweinen kaum noch streuen könnte wenn Vater doch bald
käme dass er ein Boot voll Sand vom Nienstedter Fall holen könnte Störtebeker
merkte sich das und beschloss sie zu überraschen und ihr heimlich einen Kahn
voll Sand zu holen Er nahm sich den dritten Tag als es mit der Tide besser
passte den kleinen Harm Rolf zu Hilfe versah sich mit zwei Schaufeln und
schipperte mit halber Ebbe westwärts nach den Ausläufern des Nienstedter
Falles die bei Niedrigwasser als Sandbänke aus dem Wasser tauchten Sie sollte
nicht sagen dass er nur zu schlechten Dingen zu gebrauchen sei
Als sie die rechte Stelle gefunden hatten klaren Sand ohne Schlick und
Kraut ließ er den Kahn aufs Trockne laufen zog Stiefel und Strümpfe aus
krempelte die Hose auf und sprang ins Wasser Sein kleiner Macker machte es ihm
nach Als der Fall hoch genug aus dem Wasser guckte häuften sie den Sand
zunächst neben dem Kahn zu einem Berg damit die Feuchtigkeit abziehen konnte
dann erst schaufelten sie den trockeneren Sand in den Kahn so musste er ja
bedeutend mehr tragen können sagte sich Störtebeker und warf immer mehr
hinein bis der Hümpel mit der Ducht gleich war Aber auch dann gab er noch
nicht nach er wollte eine ordentliche Last ans Bollwerk bringen und schaufelte
unermüdlich
»Schullt ok woll all genog wesen« fragte Harm aber Störtebeker schüttelte
den Kopf und spuckte von neuem in die Hände »Noch lang ne Harm smiet man noch
in de Sand is dreug un de Kohn is een fixen Kohn de drigt wat kann ik di
flüstern« Er musste sich schon den Schweiß von der Stirn wischen so riss er sich
ab »Lot em giern bit an den Dullboom to Woter liggen Harm dat weiht jo ne un
nix«
Er gönnte sich und seinem Knecht erst Ruhe als der ganze Kahn voll Sand
war »Nu wöt wi utscheiden Harm« sagte er väterlich setzte sich auf den
Dollbaum und wartete auf die Flut die den beladenen Kahn flottmachen sollte
der nun hoch und trocken auf dem langen Sandrücken saß Harm betrachtete besorgt
den großen Sandhaufen aber er getraute sich nicht etwas dagegen zu sagen weil
er nicht ausgelacht werden mochte und weil Störtebeker seiner Sache und seines
Fahrzeuges so sicher war
»Wenn achtern Swiensand Seils in Sicht kommt denn ist Floot« sagte
Störtebeker gleichmütig »dat durt ober noch wat« setzte er hinzu als er Jakob
Derner und Karsten Wubb die Aalfischer mit ihren Kähnen vorbeirudern sah denn
die wollten ja vor der Flut noch ihre Körbe überholen und die Aale herausnehmen
Die beiden Jungen spielten deshalb erst noch Kriegen auf dem Fall sie bewarfen
sich mit Sand sie sammelten die großen Elbmuscheln die Adam und Eva heißen
sie jagten die Möwen und Krähen auf die an der Fahrwasserkante saßen dass sie
sich wie eine riesige schwarzweiße Wolke über dem Wasser erhoben sie griffen
die Nesen und Weissfische die in den Prielen schwammen und wateten in den
tiefen Löchern mit denen der Fall bedeckt war Zuletzt saßen sie aber wieder
auf dem Bordrand und suchten nach flutkündenden Segeln
»Nu ist Stallwoter« sagte Störtebeker »kiek Harm« Und er wies nach den
Blasen auf dem Wasser die stillstanden
Dann setzte Donar das Trinkhorn des Riesen ab Die Ebbe wird künden von
Asenkraft bis einmal alles vergeht sagt die Edda und die Flut kam die Flut
die Flut Zuerst stiegen die Wasserblasen langsam stromauf unmerklich fast wie
vom Hauch bewegt aber ihre Geschwindigkeit nahm allmählich zu wurde stärker
und stärker gelassen wischte das Wasser mit leiser zaghafter Hand über den
Sand und stieg schüchtern über die ersten Sandrillen besann sich noch bevor es
eine Muschel umspülte dann aber nahmen Kraft und Strömung unaufhaltsam zu und
wurden stark und wild denn es war Neumond und springende Tide Wie kletterte
das Wasser wie sprang wie lief wie wallte es
Flot Schipper Flot Flot
Die Möwen und Krähen erhoben sich in die Luft und flogen davon ihnen
folgten die Störche und Reiher als das reissende Wasser immer mehr vom Sand
frass Im Fahrwasser ließ die elbab segelnden Schiffe die Draggen fallen weil
sie die Flut nicht bemeistern konnten dafür erschienen bei Schulau Dampfer über
Dampfer und hinter dem Schweinesand Segel bei Segel
Geruhig saß Störtebeker auf dem Bordrand baumelte mit den Beinen und ließ
die lebendige Flut um seine Füße strömen »Gliek sünd wi flott Harm« rief er
»kiek mol wat dat Woter kummt« Seines Genossen Besorgnis aber war angesichts
der starken Strömung zur Angst geworden und er wagte es wieder davon
anzufangen dass sie zu viel Sand eingeladen hätten dass der Kahn es nicht tragen
könne und dass sie gut täten etwas auszuwerfen Störtebeker indessen verzog
geringschätzig den Mund nannte ihn eine Bangbüx und verfolgte mit Freude wie
ein Stück des Sandes nach dem andern im Wasser verschwand
Nun war der ganze Sandfall unter der Kahn schwamm inmitten der großen
Wasserfläche und schwamm doch nicht sondern saß fest und rührte sich nicht
Er habe sich am Ende festgesogen bemerkte Störtebeker sie wollten doch mal
dümpeln krempelte die Hosen weiter auf und riss an dem Fahrzeug um es in Gang
zu bringen aber das lag fest wie ein großer Stein und war nicht zu bewegen so
sehr der Junge sich auch mühte
»Wat hebb ik di seggt wat hebb ik di seggt« jammerte sein Kamerad »wi
flott ne wi flott ne lot uns gau utsmieten« »Dat wür scheun« sagte Klaus
»kumm hier ward nix mokt« Und er bemühte sich eifriger den Kahn zu bewegen
er stieg auf die Ducht und nahm den Riemen zur Hand aber es war als wenn das
Fahrzeug angewachsen wäre jedenfalls rührte es sich nicht »Dat is jo rein as
wenn dat Diert behext wür« scherzte er als er sich dann aber über den Dollbaum
beugte und fand dass nur noch eine Handbreit nach war da wurde auch er
bedenklich und ging hastiger mit dem Riemen zur Kehr »Bang bün ik ober ne«
sagte er Der Kahn blieb fest sitzen Der Macker begann zu weinen »Wi
buddelt af wi versupt« klagte er und begann um Hilfe zu rufen »Hilpt uns
hilpt uns« Aber der Deich war weit und die aufsegelnden Fischerjollen waren
noch in der Ferne Wenn nicht ein Jäger in den Binsen oder im Reet saß wer
sollte sie dann retten Die Aalfischer waren schon längst zurückgerudert
Störtebeker warf Sand aus Wie flog die Schaufel wie blitzte sie in der
Sonne wie flog der Sand wie spritzte das Wasser auf
»Hilpt uns hilpt uns«
»Nu lot doch bloß mol dien Geschricht van Murd un Dotslag no« sagte
Störtebeker barsch »smiet man mit ut denn sünd wi gliek flott«
»U ik bün jo so bang Klaus«
»Denn kannst du ne no See hin Ik bün keen beten bang Smiet doch bloß mit
ut du Knappen«
Er hatte das Gesicht voll von Wasser und Schweißtropfen aber er warf
unverdrossen aus »Mol schuben Harm« Sie stemmten sich auf dem Dollbaum
stehend mit aller Macht gegen die Riemen und wirklich rührte das Fahrzeug sich
jetzt »Huroh wi hebbt em« rief Störtebeker »noch een lütt beten denn geiht
de Reis los« Er schaufelte emsig denn die Reling lag jetzt mit dem Wasser
gleich und mitunter spritzte schon eine kleine See in den Kahn Vielleicht wäre
es Störtebeker in seinem Eifer doch gelungen ihn im allerletzten Augenblick zu
retten aber da kam die hohe mächtige Dünung eines großen schwarzen
Amerikadampfers der schon bei Teufelsbrücke qualmte den Störtebeker bei seiner
dringlichen Arbeit aber nicht gesehen hatte in starken Wellen über den
Nienstedter Fall gelaufen fegte über den Bordrand und füllte den Kahn mit
Wasser wischte den Sand glatt und brachte das Euschfatt zum Treiben Da war
nichts mehr zu machen obschon Störtebeker das Euschfatt ergriff um das Wasser
auszugiessen es war zu spät
»Wi versupt wi versupt«
Sie standen schon bis an die Enkel im Wasser auf den Duchten Störtebeker
meinte freilich das wäre spassig so auf dem Wasser zu stehen Er tröstete Harm
und sagte er solle nicht bange sein bis das Wasser ihnen an die Knie ginge
wären die Jollen dreimal da und könnten sie holen schade wäre es nur um den
schönen Sand Er guckte aber doch mit Besorgnis umher ob nicht vom Deich ein
Boot käme denn der Wind war still geblieben und die Segel kamen nur langsam
näher Als das Wasser ihnen bis über die Knie reichte band er die Riemen an die
Fangelleine und hieß Harm sich daran festhalten damit der starke Strom ihn
nicht umrisse
Es war eine böse Lage Nun begann auch Störtebeker laut zu rufen nachdem er
versichert hatte dass er nicht bange sei Aber sie konnten wohl am Deich vor den
Eschen und Pappeln nicht gesehen und wegen der weiten Entfernung nicht gehört
werden denn kein Boot ließ sich sehen Immer höher stieg das Wasser es reichte
ihnen schon an die Hüften Störtebeker tröstete seinen frierenden Macker er
solle sich an ihm festhalten damit er nicht über Bord komme Dann sagte er ihm
sie wollten warten bis das Wasser ihnen bis unter die Arme gehe wenn dann noch
keine Rettung gekommen sei wollten sie die Leine losmachen und sich mit den
Riemen treiben lassen »De drägt uns as een Beesenbült« sagte er
zuversichtlich
»Wat is dat Woter kold wat früst mi Hilpt uns hilpt uns hilpt uns«
Störtebeker stützte ihn und hielt tapfer aus denn die ersten Boote kamen
heran und konnten sie am Ende schon sehen Mehr als an den Riemen klammerte er
sich an den Gedanken ne bang wardn anners kummst du ne mit no See Er begann
zu winken Da antwortete das erste Boot der Fischer hob die Hand und steckte
schnell die Riemen aus um durch Rudern schnellere Fahrt zu machen
»Nu hol di fast« sagte Störtebeker
Bis an die Brust standen die beiden Gesellen im Wasser als das Boot sie
erreichte und Jan Focks Junge Peter Husteen sie über den Setzbord zog
»Junge du kannst wat moken« sagte er zu Störtebeker »wat meenst woll
wenn Peter Husteen ne so bannig seilen kunn denn harrn ji hier doch afsopen as
son poor Rotten«
»Non denn lot di man een Medallje geben« antwortete Störtebeker und zog
die Riemen ein nachdem er sie losgeknotet hatte
»Nu büst doch mol bang wesen wat«
»Dat lügst du Peter Ik bün ne bang wesen Kannst Harm frogen Wat schreest
du denn nu noch« wandte er sich an seinen Leidensgefährten aber der antwortete
nicht er schluchzte nur noch mehr denn er dachte an die Schläge die zu Hause
seiner warteten
Daran dachte Störtebeker nicht denn seine Gedanken waren bei seinem
gesunkenen Fahrzeug und den Möglichkeiten es zu heben
»Segg den Düker man Bescheed« sagte er am Ness zu dem Fischerjungen als sie
gelandet wurden
Der Empfang den Gesa die schon unruhig geworden war ihrem Jungen
bereitete war nicht ohne aber er dachte Utschillers deit ne weh un Togels
durt ne lang und sagte schließlich als er wieder seine Prügel hingenommen
hatte ohne auch nur ein einziges Mal zu schreien und sich zum Abendbrot
hinsetzte »Bang wesen bün ik ober doch keen beten Mudder«
Den andern Tag ging der Jäger los um den Kahn zu bergen Störtebeker wollte
ihn mit aller Gewalt begleiten und weil er das nicht sollte wurde er zuletzt
in den Keller gesperrt und musste einen Tag brummen
Neunter Stremel
»Der Allmächtige der Herr der Götter
vor dem der Engel niederfällt
Gott redet donnernd aus dem Wetter
und ruft voll Majestät der Welt
Anbetend sinkt der Erdkreis nieder
der Wald ertönt es bebt die Flur
Und Blitze sagens Blitzen wieder
Gott ist der Herrscher der Natur
u wat een harten Slag ok doch Klaus ik bitt di üm allens inne Wilt stoh
doch up Kiek doch mol wat dat lücht De ganze Heben steiht in Für un Flammen«
Störtebeker aber der im Bett lag sagte mürrisch »Lot mi doch slopen
Mudder ik bün so so meud« Und er machte die Augen wieder zu Sie las mit
bebender Stimme im Gesangbuch weiter und fuhr bei den harten Donnerschlägen
ängstlich zusammen
Der warme Sommertag hatte ein Gewitter gebraut das gegen Abend in einer
dunkelblauen schweren Wolkenwand mit den unheilvollen weißen Flecken auf der
Elbe stand Es wetterleuchtete schon in der Dämmerung nun es Nacht geworden
war griff es mit Riesenhänden über den Heben und brach mit Regenund Windflagen
herein Ununterbrochen blitzte es an allen Ecken und der Donner rollte in einem
fort bis zuzeiten ein scharfer Knall alles Grollen übertönte Überall am Deich
hatten die Frauen sich erhoben die Kinder notdürftig angekleidet und saßen nun
in Angst und Bangnis bei dicht verhängten Fenstern laut betend Denn die
Gewitter sind schwer auf der Elbe sehr schwer sie liegen wie verankert über
dem Eiland und sitzen wie in einer Mausefalle die von den Blankeneser und
Harburger Bergen und den Häusern und Türmen von Hamburg gebildet wird Sie
können weder vorwärts noch seitwärts wie wirbeln sie da hin und her wie
gefangene Tiere toben sie und bleiben stundenlang liegen Sie müssen sich über
dem Eiland austoben das flach wie ein Teller und nass wie ein Keller ist und
keinerlei Ausstrahlungspunkte hat Der Wind vermag sie nicht zu vertreiben sie
liegen steinfest ja sie ziehen mitunter trotzig gegen die Luft Nur die Flut
hat Gewalt über sie die nimmt sie mit und drängt sie mit Gewalt über Hamburg
hin aber bis es Flut ist oft stundenlang wankt und weicht selten ein
Gewitter
Licht auf Licht fiel vom Heben der Regen rauschte auf dem Wasser wenn die
Donner einen Augenblick schwiegen der Gewitterwind brauste durch die Bäume und
die Fenster klirrten bei den harten Schlägen Oft bebte das Haus in seinen
Grundfesten
Gesa saß in der Küche bei dicht zugezogenem Fenster damit sie die grellen
Blitze nicht so scharf sehen konnte und las laut denn sie war bange vor
Gewittern Sie war angekleidet und trug ihr Geld ihre Papiere und ihr
Sparkassenbuch in der großen Tasche unter der Schürze damit sie wenigstens
etwas rette wenn es einschlüge Störtebeker blieb geruhig im Bett liegen denn
Gewitterfurcht hatte sein Vater ihm ausgeredet
Ein furchtbarer blauer Blitz ein kurzer entsetzlich knallender Schlag es
musste in der Nähe eingeschlagen haben
»Klaus nu steihst du batz up« Gesa lief in die Schlafkammer und holte den
Widerstrebenden aus den Federn suchte sein Zeug her und drängte ihn in die
Küche Da konnte es denn nicht helfen er musste sich unter Blitz und Donner
anziehen er nahm aber die Gelegenheit wahr und holte seine Siebenmeilenstiefel
her damit er draußen waten könne wenn es einschlüge wie er sagte Recht war
es ihm nicht er hätte lieber geschlafen So sah es ja aus als wenn er bange
wäre er konnte ja morgen nicht zu den Jungen sagen »Ik bün beliggen bleben«
»Hür doch mol Klaus wat dat innen Schosteen pultert«
»Jo dat is meist as wenn de Schosteenfeger dor togangen is« sagte der
Junge in schläfrigem Ton »lot mi man wedder to Koi gohn Vadder geiht bit
Gewidder ok uppen Bitt seggt he«
»Non un wat dien grote Vadder deit dat müsst du ok dohn ne«
»Jo dat is gewiss Mudder«
»Wat een Slag«
»Junge jo« sagte Klaus anerkennend »dat wür een eulichen Petrus hett
alle Negen smeeten bit Kegeln«
»Junge lot den droken Snack«
»Err hett Vadder ober seggt«
»Jo neem dien Vadder woll klüst bi düt Wedder«
»De Mudder De is up See un hett all de Seils dolsmeten un ligt inne Koi un
slöppt«
»Dat gläuf man ne«
»Dat gläuf man jo He hett mi dat sülben seggt Büst du denn fix bang
Mudder«
»Och Junge ik zitter un beef annen ganzen Lief«
»Wat kann dat angohn ik bün gor keen beten bang Mudder«
»Wennt obers insleit Klaus«
»Sleit ne in Mudder«
Wieder knallte der Donner »Wees still Junge Wat ut di un dien Vadder noch
mol wardn schall weet de lebe Gott ji sünd beid veel to driest«
Du un dien Vadder das hörte Störtebeker am liebsten Das Gewitter
stand nun steil über ihnen und die Blitze jagten einander »Nu hett dat
inslogen Nu hett dat gewiss inslogen« rief Gesa bei jedem Knall bis
Störtebeker es zuviel wurde
»Wennt jedesmol inslogen harr muss ganz Finkwarder woll all upfluckert
wesen« sagte er schlug die Vorhänge zurück und guckte in die Nacht hinaus
Gesa prallte zurück vor dem grellen Feuer er aber sah geruhig in die Blitze er
wusste von seinem Vater dass sie ihm nichts taten »Brinnt gornix Mudder Kiek
een ganzen gelen Junge de süht ut Heitmann wat is dat inne Besen dor blitzt
dat Junge eben son ganzen kwatterwatschen Mudder ik gläuf dat würn
Kugelblitz«
»Klaus mok de Kolosen to innen Blitz kieken dor kannst blind van wardn
Dink leber mol an dien Vadder du«
»An Vadder dink ik jümmerto« Störtebeker wurde gesprächiger »Bi sun
Gewidder loopt de Ool fix Mudder Morgen sitt de Körf vull Un de vunnacht
pöddert de kriegt gewiss söben Ammers vull Un de Buern ward all de Melk sur
vunnacht morgen möt wi swarten Kaffe drinken«
Unter Blitz und Donner schlichen so zwei Stunden hin dann als es bald hell
werden wollte und der Hahn schon einmal gekräht hatte verstärkte sich das
Toben der Wind schwoll an und der Hagel prasselte gegen die Scheiben
»Schullt woll al Floot wesen« fragte Störtebeker und holte den Hamburger
Almanach hinter dem Spiegel hervor Die Mutter sah nach »Jo is Floot Gott
Loff un Dank nu tütt dat Gewidder woll weg nu kummt de Wind dor woll achter«
Der Junge horchte auf denn er wollte gern zu Bett Plötzlich sagte er er
wolle mal ausgucken ob die Wolken schon zögen stand auf und trat ungeachtet
des mütterlichen Widerspruches aus der Tür in den nachlassenden Regen hinein
Der Deich war aufgeweicht und bildete eine große Pfütze Am Heben war nicht viel
zu unterscheiden aber das Schlimmste schien überstanden zu sein denn die
grellsten Blitze glommen jetzt im Osten und der Donner rollte verhaltener
Störtebeker blickte nach der Elbe und sah zwei dunkle große Segel unweit des
Bollwerks ein Ewer segelte vorbei Da hörte er in einem donnerschwachen
Augenblick wie die Kette durch die Klüse rollte scharf und deutlich
Da wusste er dass es sein Vater war und er rief so laut er gröhlen konnte
»Höh Vadder Höh Vadder«
Und vom Wasser antwortete es »Höh Störtebeker«
Er stürmte ins Haus »Mudder Mudder Vadder is hier He ligt hier afward
Kiek man bloß mol ut«
»Ist wohr Klaus«
»Jo jo he ist Ik hebb ober em ropen un he hett mi eben antert« damit
sauste er hinaus und als sie auf der Schwelle stand mit der Schürze über dem
Kopf da war er schon Gott weiß wie weit da war er schon nach dem Sielgraben
gelaufen hatte seinen Kahn den glücklich geborgenen losgemacht und wriggte im
Regen nach dem Ewer hinaus dessen rote Seitenlaterne sein Kompass war »Vadder
ik komm all« Die Reise dauerte einige Zeit denn er musste den reißenden
Flutstrom überwinden dann aber stand er an Deck zwischen den Seefischern die
tief im Ölzeug steckten und deren Gesichter glänzten Er stand bei ihnen als
sie die Segel fierten und achtete des Regens nicht er nahm Hein Mück die
Laternen ab trug sie nach der Diele und pustete sie aus und er legte Hand mit
an als sie das Boot vom Deck setzten Was kümmerten ihn Regen und Blitz was
ging ihn der Donner an er war ja bei seinem Vater an Bord
Als die erste Arbeit getan war wollten Knecht und Junge sich niederlegen
aber Klaus Mewes nahm sie mit an Land denn wenn Gesa auf war konnten sie auch
erst noch Kaffee trinken Als sie abstiessen Störtebeker als Lotse mit seinem
Kahn voran standen über Blankenese schon einige Sterne das Gewittergewölk saß
über Hamburg Der Regen hatte aufgehört Im Reet piepten die Wasserküken am
Nienstedter Loch lärmten die jungen Möwen und im Fahrwasser tutete ein Dampfer
Binnendeichs schrie eine katernde Katze in wilder Leidenschaftlichkeit
Die Linden tropften noch als sie auf dem Deich angelangt waren Gesa stand
in der Tür warm und licht im Schein der Lampe und wirklich sie hatte keine
Angst mehr nur noch Freude in den Augen Wie lieb erschien sie Klaus Mewes der
eine ganze Nacht nur in Blitze gesehen und nichts als Regen gehört hatte wie
freute er sich
Als die Leute und der Junge in die Küche gegangen waren hielt er sie fest
zog sie aus dem Licht heraus und nahm sie unter den leckenden Linden in die
Arme
Drinnen aber öffnete Kap Horn seinen Packen den er mitgebracht hatte da
war das Ölzeug das er gemacht hatte da war eine Ölbüx lang und weit genug da
war ein Ölrock mit großen blanken Knöpfen da war ein Südwester mit blauen
Sturmbändern alles hellgelb und noch klebend aber Störtebeker probte es doch
gleich an damit er wusste wie es passte Er zog die Hose mit dem Strick zu ließ
sich von dem Knecht die drang gehenden Knöpfe zumachen und setzte den Südwester
vor dem Spiegel auf Er zupfte und riss an dem Zeug herum endlich aber war er
fertig und ging vor dem Spiegel auf und ab wie ein Staatsminister Knecht und
Junge lobten ihn und sagten nun wäre er ein kleiner Fischermann ihm fehlte
aber noch das gewichtigste Urteil das seines Vaters
»Schipper wat ist könnt wi nu anmustern« rief er übermütig und guckte um
die Ecke Sein Vater und seine Mutter ließ einander schnell los denn sie
hatten noch nie vor dem Jungen geliebkost Sie kamen herein und bestaunten ihn
Sogar die Mutter musste über ihn lachen als er so freiherrlich dastand
»So Vadder Stebeln un Eultüch hebb ik nu kannt no See gohn«
»Jo Störtebeker nu ist so wiet nu kummst du mit no See« sagte Klaus
Mewes und sah Gesa groß und gewaltig an dass sie fühlte dagegen gäbe es
ebensowenig ein Auflehnen wie gegen das Schicksal selbst
Sie schwieg aber in ihrer Seele schrie es nach ihrem Mutterrecht
»Mudder du hest hürt Kap Horn du hest hürt Hein Mück du hest hürt Ji
hebbt alltohoopen hürt ik schall mit no See ik schall mit no See huroh« rief
der Junge setzte den Südwester ab unter dem ihm reichlich warm geworden war
und sprach im Tonfall seines Vaters mit verstellter grober Stimme »Non denn
so wiss ich selbst bin Klaus Störtebeker« dass alle lachten
Beim Kaffeetrinken kamen freilich auch seine letzten Schandtaten an den Tag
darunter als Hauptstück die große Haverei Kap Horn aber erhob den grauen Kopf
und sprang ihm bei er sähe kein Unrecht darin denn der Junge habe es gut
gemeint Und Klaus Mewes nickte und sagte wenn die Sache vor ein Seeamt käme
erhielte Störtebeker ein Lob wegen seiner Umsicht und Ruhe Anderseiner wäre
dabei ertrunken meinte Hein Mück um auch etwas zu sagen
»Non denn ist god he kriegt jo mol wedder recht« sagte Gesa in deren
Herzen die Bitterkeit wieder aufstieg »denn nimm em hin Goht hin un verdrinkt
alltohoopen« Die Tränen kamen ihr »Ochott wat ist een Hartleed mit mi arme
Froo Klaus Mees Klaus Mees du weiß ne wat du deist un dinkst noch mol an
mi Uns Herr Christus is bloß eenmol för di storben ik starf jede Nacht üm di
Un nu wullt du mi ok noch den Jungen nehmen«
Klaus Mewes aber ging es wie dem wallensteinischen Kürassier wo sie die Not
nur sah und die Plag schien ihm des Lebens heller Tag Unbeirrt ging er in der
Küche auf und ab als die Leute wieder an Bord waren und Störtebeker schon
schlief Er begriff es nicht dass sie immer wieder umkehrte auf dem Wege zur
Sonne Er dachte an seinen Großvater der geblieben war an seinen Vater der
verschollen war als er vierzehn Jahre alt war an seine Stürme und Unwetter
und fand sein Leben doch groß und stark und schön dass er sich kein anders
wünschte und auch seinem Jungen kein andres verschaffen wollte Klaus Mewes war
ein Fischername und die ihn trugen sollten immerdar Fischer bleiben
»Gesa«
»Wat schall ik noch«
Sie war müde körperlich und seelisch
»Wat kummst du merden inne Nacht mit son Gedanken vertüch Seefischerfroo
dött ne bang wesen dat weiß du doch«
»Bün ik een Seefischerfroo Klaus Mees«
Sie schüttelte trübe den Kopf als wenn sie hinzusetzen wolle ich bin keine
und werde niemals eine werden
»Noch ne Gesa ober du wardst noch een Weess wat Diern Goh mit an Burd
Man to Denn sünd wi uppen Dutt un brukt ne uppenanner to teuben Man to büst
jo so jung un so stark Goh mit Schallst mol sehen wo moi dat up See is«
Er fasste sie bei den Händen an aber sie wich seinen Blicken aus und
schüttkopfte »Ik kannt ne Klaus gläuf mi dat Mi groot all vör de Elw wat
schull dat ierst up See wardn Ik bleew vör Angst dot«
In dieser Nacht hatte Klaus Mewes zwischen seiner Frau und seinem Kinde zu
wählen und er wählte den Jungen
Bei ihm dem sturen Fischer gab es keinen langen Streek an Land wenn er
Proviant eingenommen hatte lag er nicht lange am Ness sondern ging mit der
ersten Tide seewärts um möglichst schnell wieder in die Fischerei zu kommen So
begann er auch diesmal sofort mit der Ausrüstung als er mit seinem Ewer von
Altona gekommen war Kap Horn der Janmaat war es zufrieden dass sie schon
abends fuhren obgleich er dann eine Hochzeit versäumte bei der er auf der
Harmonika spielen sollte Er war aber kein Passatmatrose der nur bei gutem
Wetter etwas taugte sondern er stand jederzeit seinen Strängen Und
Störtebeker Das zu sagen erübrigt sich ihm dauerte dieser Tag schon zu lang
und er hätte am liebsten gesehen wenn sie schon mittags den Anker aufgehievt
hätten denn je länger es dauerte desto eher konnte noch etwas dazwischen
kommen und er womöglich noch wieder abgemustert werden Nur einem passte der Kram
nicht dem guten Hein Mück der auf einen Sonntag gehofft hatte Ihn verlangte
nach der Musik denn er hatte plenty monei in der Tasche und wollte den
Bauernknechten mal preußische Taler unter die Nase halten wollte mal eine Runde
für allemann ausgeben wollte mal mit den Mädchen linksum tanzen und sie in der
Nacht nach Hause bringen die erdbeerseuten Deerns und nun wurde wieder nichts
daraus Er mochte es Klaus Mewes nur nicht antun der einen so treuen und fixen
Jungen nicht wieder bekäme sonst hätte er sich mit Trommeln und Pfeifen
aufgesagt jawoll Klaus Mewes
Gesa war ruhiger geworden sie konnte den beiden lachenden Klaus Mewes auf
die Dauer doch nicht grollen wenn sich ihr Herz auch zusammenzog und sie mit
Grauen an die einsame Zeit dachte die vor ihr lag Auch wollte sie vor ihrem
sonnensicheren Mann nicht mehr klein und verzagt stehen So half sie eifrig bei
der Ausrüstung des Fahrzeuges und suchte die Sachen für den Jungen her wobei
sie sogar wieder zu ihrer angeborenen Heiterkeit kam
Was packte sie nicht alles ein was machte sie nicht alles zurecht was
suchte sie nicht alles her Es war wie Klaus scherzend sagte als wenn
Störtebeker auf Lebenszeit nach Amerika auswandern oder als wenn er eine
Nordpolexpedition mitmachen wolle Strümpfe und Socken wollene Jacken Rümpfe
und Buscherumpen Halstücher Handschuhe und Taschentücher Mützen und Hüte
Unterhosen und Pulswärmer ganze Beutel voll standen auf der Diele in der Reihe
rein gefährlich anzusehen Gesa ging dabei nach dem Grundsatz der Fischerfrauen
der da hieß Upt Woter ist jümmer kold und kehrte alle Schiebladen um Seife
und Kamm Heftpflaster und Hamburger Tropfen Scharpie und Verbandsleinen alles
gehörte dazu
Klaus Mewes überholte unterdessen die Räucherkammer und musterte einen
Schinken eine Seite Specks und eine erkleckliche Anzahl von Mettwürsten an
indem er sie von der Leine schnitt
Störtebeker barg das Hütfass und stellte die Bungen auf den Schauerboden die
er den Bauernknechten wieder weggeholt hatte Dann schleppte er den
Kaninchenkoben auf den Deich denn er wollte sein Viehwerk mit an Bord haben
auch seine Krähe aber da kam Kap Horn und redete es ihm aus sie hätten für die
Munkis kein Futter und Kluss könne sich ja doch nicht mit Seemann vertragen
Störtebeker sah es ein und kantete den Stall wieder über die Wurt er konnte
sich aber nicht enthalten vorwurfsvoll zu sagen »Du hest mi ober sülben seggt
wat ji up grote Scheep Swien un Kninken an Burd hatt hebbt« »Jo op grote
Scheep« sagte Kap Horn »dat is ok wat anners«
»So Fischereber is ok een grot Schipp« rief Störtebeker patzig
Nach Mittag musste er mit Hein den Deich entlang mit der Karre und Brot und
Mehl holen Pflaumen und Erbsen Graupen und Bohnen Zucker und Kaffee Er hatte
seine Siebenmeilenstiefel an und konnte nur langsam vorwärts kommen dennoch
erregte er Aufsehen genug am Deich und wurde von allen Seiten gefragt ob er nun
mit an Bord komme Und wenn er bejaht hatte dann sagten sie er solle bloß
nicht seekrank werden solle kein Heimweh kriegen und solle aufpassen dass er
nicht über Bord falle War er aber vorbei so hieß es bei den Alten »Sien
Vadder is verrückt wat schall dat Gör all up See«
Der Krämer ein Schelm schenkte ihm einen langen Bindfaden »Wat schall dat
denn« fragte Störtebeker verwundert »Och nehm man mit Is god för de Fohrt«
»Neem to« »Kumm dat segg ik di int Uhr« raunte der Krämer und flüsterte »Dor
bindst du di de Been mit to Störtebeker du deist de Büx jo doch vull wenn ji
up See sünd«
Da warf der Junge den Bindfaden auf die Toonbank und sagte ihm könne sowas
nicht passieren
Sie wurden bis Hochwasser doch noch nicht ganz fertig und verschoben die
Abfahrt deshalb auf den andern Tag Störtebeker misstraute der Sache er
fürchtete dass sein Vater ihm auskneifen wolle und horchte in der Nacht alle
Augenblicke ob sich in der Schlafkammer auch etwas rege Als er schließlich die
Augen nicht mehr offen halten konnte zog er leise seines Vaters Strümpfe vom
Stuhl und steckte sie bei sich unter die Decke mit dem Gedanken Nu will ik t
woll hürn wenn du upsteihst
Der andere Morgen verging rasch Störtebeker fuhr ununterbrochen zwischen
Bollwerk und Ewer hin und her und brachte alle Beutel und Packen alle Brote und
Würste alle Kruken mit Weisssauer und Schwarzsauer sicher an Bord Es war zu
verwundern dass er sich nicht in Brand lief
Als der Flutstrom nachließ war es soweit dass sie an Bord mussten Der
Abschied nahte Gesa musste ihrem Jungen die Hand geben sie tat es scheinbar
ruhig Er sprang vor Freude dass es nun wirklich und dreihaftig losgehen sollte
und versprach alles was sie von ihm verlangte sich nicht zu erkälten nicht
seekrank zu werden nicht zu weinen nicht über Bord zu fallen nicht in die
Wanten zu klettern sich nicht von den Fischen beißen zu lassen und gesund zu
bleiben Er hätte in diesem Augenblick noch viel mehr versprochen dann aber
drängte er zur Abfahrt stiefelte den Deich hinunter und rief seinen Vater der
in der Stube lachenden Mundes Adjüst sagte und seine schöne Frau küsste bis sie
sich ihm verwirrt entzog
Der Kahn musste mit Störtebeker sagte sonst gingen die Jungens ihm damit
durch die Binsen und Klaus Mewes war es zufrieden denn der leichte Kahn war
eher vom Deck zu werfen als das schwere Boot und mochte ihnen in den Häfen ganz
gut zu pass kommen
Adjüst Adjüst Adjüst
Sie winkten und stießen vom Bollwerk ab Seemann stand auf der Ducht und
bellte zu Gesa hinüber die auf dem Deich stand als wenn auch er Adjüst sagen
wolle
Der Ewer entfaltete seine Segel wie ein Schmetterling seine Flügel der
Anker wurde aufgehievt wobei Kap Horn nach Matrosenbrauch sang dann schwoite
das Fahrzeug herum die Lappen fielen voll langsam zog es davon und segelte
in einem großen Gange westwärts Gesa winkte noch mal Klaus Mewes und
Störtebeker winkten vom Ruder Seemann bellte Da holte Kap Horn schnell seine
Harmonika die geliebte aus der Koje und spielte Auf Matrosen die Anker
gelichtet Hell klang es nach dem Deich hinüber aber Gesa stimmte es doch so
wehmütig dass sie die sich bisher tapfer gehalten hatte ins Haus gehen und
weinen musste
So trat Störtebeker seine Seefahrt an mit seinem Vater am Ruder und bei
Sonnenschein auf dem Wasser unter dem Harmonikaspiel von Kap Horn und dem
Gebell von Seemann
Fahr wohl Störtebeker
Zehnter Stremel
Nun wölbt euch große braune Segel nun knarrt ihr Gaffeln schlagt ihr
Schoten tanz Flögel Wind musst wehen du Sonne musst lachen du Wasser musst
blinken auf dass die Freude in Klaus Störtebekers Herz komme und er die Fahrt
lieb gewinne auf dass er ein Fahrensmann werde Dass er sich dem Kampf mit der
See zuschwöre wie der Knabe Hannibal dem Kampf mit Rom dass er auch dann zur See
gehe wenn sein Vater etwa vorzeitig bleiben sollte und seine Mutter einen
Landmann aus ihm zu machen gedächte
Denn navigare necesse est Seefahrt ist not und bitter not ist es dass das
Lachen von Klaus Mewes nicht von der See gehe
Sie hatten Nordwestwind und mussten kreuzen Hinter dem Schweinesand dwars
von Wittenbergen füllten sie das Wasserfass mit frischem Elbwasser wobei
Störtebeker fleißig half denn er konnte auch schon eine Pütze tragen Bisher
hatten sie nur die drei großen Segel stehen gehabt nun setzten sie noch den
Klüver das Toppsegel und den Nackenhut auf um bessere Fahrt zu machen Dann
nahmen sie das Boot aus dem Wasser und setzten es auf die Luken unter den
Giekbaum Auch Störtebekers Kahn wurde aufgehievt der bekam seinen Platz unter
den Luken an Backbord Hein Mück verstaute den Proviant in die verschiedenen
Schappen Es gab Enden aufzuschiessen sie hatten zu pumpen das Deck zu
schrubben und zu dweilen
Schließlich aber war alles getan bis auf die Fahrt bis auf das Segeln bis
auf das Kreuzen Kap Horn legte sich zu Koje weil er die Nachtwache bekommen
sollte Da stand denn Klaus Mewes am Ruder und Hein Mück hockte vorn auf Deck
putzte den Kessel und die Gabeln und Messer und bediente die Fock wenn der Ewer
über Stag ging Störtebeker saß auf den Luken Seemann hatte den struppigen Kopf
auf seinen Schoss gelegt und schlief
Er guckte nach dem Grosssegel hinauf das ihm so hoch so hoch vorkam dass er
sich immer wieder wundern musste »Dat reckt bit inne Wulken Vadder« sagte er
»uns Karkturn is nix dorgegen«
»Ree« rief sein Vater wenn sie die Grenze des Fahrwassers erreicht hatten
und warf das Ruder herum dass der Ewer gewaltig aufluvte und in den Wind schoss
Dann sprang Hein Mück auf und hielt die heftig schlagende rein wild werdende
Fock luvwärts fest Das Grosssegel schüttelte sich wie unwillig und haute erregt
mit den Schotenblöcken dass das Deck erzitterte dann aber war der Ewer herum
die Segel fielen von der andern Seite voll und der neue Streek begann »Gohn«
scholl es über Deck Hein Mück löste das Tau und gab dem Block einen Fußtritt
dass die Fock nach Lee schlug wo sie wieder festgebunden wurde
So ging es die ganze Tide
Hinter und vor ihnen waren viele Finkenwärder und Blankeneser unter Segeln
aber der Laertes der gut kreuzte blieb doch vorn und ließ sich nicht
überholen So kreuzten sie gegen den allmählich stärker werdenden Nordwest und
Klaus Mewes wies seinem Jungen die Schiffe und Baken die Tonnen und Feuertürme
die Deiche und Kirchtürme er erklärte ihm Flaggen und Segel er zeigte ihm
wieder die Windmühlen des alten Landes die Berghäuser von Blankenese »dat de
dor ne dolpurzelt« sagte der Junge als er sie in der Nähe sah den
Hahnöfersand mit den Krähennestern den Lühdeich mit den vielen Kirschbäumen
die roten Dächer von Wedel das Schulauer Feuerschiff das Wrack beim Hungrigen
Wolf von dem nur noch die Masten und ein Stück vom Steven aus dem Wasser
guckten Juels mit der weißen Bake Brunshausen mit einem löschenden Neuyorker
Dampfer und die Türme von Stade
Störtebeker nahm alles auf und fragte nach allem aber das Beste war ihm
doch der große Ewer in seiner Fahrt Wie er dahinsauste wie er in die Seen
schoss und wie dabei das Toppsegel unbeweglich in den Wolken stand darüber
musste er sich immer wieder wundern Auch seinen Vater sah er mitunter von der
Seite an obgleich der noch lachte und sprach schien es ihm doch ein andres
Lachen und Sprechen zu sein als am Deich und in der Dönss Und die Augen sahen
auch ganz anders aus
Finkenwärder war aus Sicht gekommen und scheinbar auch schon aus dem Sinn
denn als Hein Mück einmal spöttisch fragte »Hest ok all Heimweh« da guckte
Störtebeker ihn verwundert an als wenn er ihn gar nicht verstanden hätte Auch
als sein Vater einmal meinte »Muchst ok all wedder no Hus hin no Mudder« da
schüttelte er nur den Kopf wie im Traum und blickte nach den Segeln hinauf
»Jä ans müsst seggen denn geeft wi di an een Jill af denn büst morgen
wedder annen Diek« setzte Klaus Mewes lauernd hinzu Da fragte der Junge nach
dem Feuerturm im Süden um damit anzudeuten dass er von solchem Schnack nichts
wissen wollte
Bis vor den Pagensand kamen sie mit dem Ebbstrom dort aber wogte und
schäumte ihnen die Flut unwiderstehlich entgegen und zwang sie zu Anker zu
gehen Das war in der Dämmerung Sie ließ die Segel fallen steckten das
Staglicht an und aßen Abendbrot in der Kajüte Als sie nachher noch mal
überguckten Störtebeker und sein Vater sahen sie dass sich viele Ewer zu ihnen
gesellt hatten eine Schar von ebberwartender Fahrzeugen lag bei ihnen hinter
den niedrigen Büschen des ungedeichten Eilandes und die Lichter liefen auf dem
Wasser spielend durcheinander Der Heben war von übereinandergetürmten Wolken
umlagert wie von Alpen und der kalte Nachtwind strich tauend um die Wanten
Dann kletterten die beiden Mewes in eine Koje und ließ sich von den
gluckenden und klopfenden Seen so lange etwas erzählen bis sie es nicht mehr
hören konnten
»Büst ok all bang Störtebeker« fragte Klaus Mewes schon halb im Traum
aber der Junge antwortete nicht mehr er schlief schon
Bald wachte nur noch die niedrig geschrobene Lampe in der Kajüte
Mitternacht war vorüber als der Wecker surrend ablief Da rief Klaus Mewes
»Seilen« und schwang sich aus der Koje um die Seestiefel anzuziehen Knecht
und Junge entstiegen den seitlichen Kojen und suchten mit kleinen Augen nach
ihren Sachen Störtebeker sollte liegen bleiben wie Seemann der sich auf der
Bank nur umgedreht hatte aber er stand doch mit auf und half beim Anstecken der
Seitenlaternen er zog die Fock mit auf und drückte beim Hieven des Draggens mit
auf die Spaken denn es war kalt und ihn fror wie einen Schneiderlehrling Das
Grosssegel stieg auf die Besan folgte dann der große Klüver Auch auf den
andern Fahrzeugen regte es sich überall erglommen die bunten Lichter erscholl
der Lärm der Winschen das Rufen der Fahrensleute wehte mit dem Winde herüber
die Gaffeln knarrten und die Schoten hauten
Der Wind war südlich gelaufen so dass sie dalsegeln konnten schier
dolseilen und nicht mehr zu kreuzen brauchten Die Segel fielen voll und der
Ewer ein großer schwarzer Walfisch in der Nacht schwamm nach dem Fahrwasser
zurück
Kap Horn ging ans Ruder und übernahm die Wache Er hatte sich ein dickes
wollenes Tuch um den Hals gebunden und sah aus als wenn er es im Halse hätte
Störtebeker guckte eine Zeitlang auf den hellbeleuchteten Kompass und fragte ob
er auch in der Nacht richtig hielte er ermahnte den alten Knecht keine Havarei
zu machen und ging mit seinem Vater wieder zur Koje Er zog aber die Decke bis
an die Nase und schmiegte sich dicht an ihn denn er zitterte vor Kälte
Als er am andern Morgen mit seiner Kaffeemuck und seinem Knöbel Roggenbrot
aus der Kapp kam um seinen Vater auszuschelten dass er aufgestanden war ohne
ihn zu rufen und um zu sehen wie weit sie schon gekommen wären da schäumte
der Ewer mächtig durch bewegtes graugrünes schmutziges Wasser und lief was er
konnte »Vadder neem sünd wi all« »To Freeborg Störtebeker« rief Klaus Mewes
und wies ihm den Turm von Freiburg an der Elbe
»Neem is de See denn«
»Dor achter Wi kommt dor vundog noch hin Sultwoter hebbt wi all fot«
»Ne dat gläuf ik ne« rief Störtebeker aber Hein Mück sprang wie ein Luchs
auf schalt ihn einen Dummbart schlug eine Pütze voll Wasser auf und hieß ihn
kosten Störtebeker steckte den Finger hinein das Wasser war wirklich salzig
und bitter Er schmeckte noch einmal aber der Geschmack änderte sich nicht Wie
das angehen könne rief er kopfschüttelnd aus das könne er nicht begreifen Dass
Fische darin leben könnten wollte ihm noch weniger in den Kopf Nun wurde die
Fahrt noch geheimnisvoller für ihn
Der Wind wurde nach und nach so stark dass Klüver und Toppsegel weggenommen
werden mussten Der Ewer lag sehr schief die Segel standen bukt voll Wind und
die groben Seen spritzten schon einmal über Deck wenn der Ewer tauchte Am
Heben standen »Ziegenhaare« zerzauste Wolkenbüschel die auf stürmische
Witterung deuteten
Solche Fahrt war Klür für den Ewer und erst recht für Klaus Mewes der
vergnügt steuerte und sang Ein Vers aus der Dänenzeit war es den er beim
Wickel hatte vererbt vom Großvater her
»Kridderwidderwitt den dänschen Keunig
kridderwidderwitt den deen ik ne
Den sien Lohn is mi to wenig
Pillkantüffeln mag ik ne«
Störtebeker der das Lied kannte stimmte mit ein und versang die
Bangigkeit die ihn ankommen wollte Sein Vater war ja bei ihm was sollte ihm
da die See tun können
Scheelenkuhlen und die Bösch passierten sie gegen Mittag schon so rasch zog
der Laertes davon Bei Brunsbüttel füllte Hein Mück das Essen aus und übernahm
das Ruder während die andern sich die Klüten und Plummen schmecken ließ Als
sie wieder an Deck kamen waren sie so weit dass Klaus Mewes seinem Jungen die
See zeigen konnte denn im Norden trat das Ufer zurück dort blinkte die See
die See nach der er sich am Deich gesehnt hatte der kleine Störtebeker als
wenn sein Leben damit vermacht wäre
Nun stand er bei seinem Vater hinter dem Kompass und sagte ja er könne sie
sehen aber weiter sagte er nichts denn eigentlich war es eine große
Enttäuschung für ihn dies erste Schauen er hatte auf der Zunge zu sagen »Dat
is ok jo wieder nix as Woter« aber er verbiss es denn er dachte Erst ganz
hin sein
»Vadder neem fischt wi nu«
»Och mien Jung dat is noch wiet weg Ganz buten kannst nu noch gor ne
sehen«
Das war Störtebeker recht denn es musste auch noch anders kommen wenn es
mehr sein sollte als die Elbe
Es gab noch das Osterfeuerschiff zu sehen das an seinen Ketten riss die
Türme von Altenbruch dann kam Cuxhaven in Sicht der dicke Leuchtturm die
Kugelbake Da sah Störtebeker zum ersten Mal ein großes Schiff eine Bark unter
Rahsegeln Sein Vater wies ihm den alten und den neuen Hafen die großen
Seeschlepper die mächtigen Anker die am Deich standen das Schloss Ritzebüttel
das klug und geborgen aus den Bäumen guckte er zeigte ihm einen Seehund der
hinter dem Ewer auftauchte und drei Masten die im Norden kahl und verlassen
aus der See guckten
Störtebeker wurde doch stiller als er das Land kleiner und die See größer
werden sah als er wahrnahm dass der Ewer ungestümer auf und ab tauchte und sich
schräger als vorher warf aber er hielt tapfer aus und ließ sich nichts merken
Es gab kein Halten mehr für den großen Ewer mit dem flagigen starken
Südwestwind in den Segeln brauste er mächtig einher und schnitt eine breite
schaumige Furche wie ein rechter Pflüger Noch trug er die Segel ohne Reffe
aber die Luft schmierte zu dunkle Wolken beschatteten die See und auf den
Watten räucherte die Brandung Mit breiten langen Kämmen kam die Flut ihnen
entgegen aber diesmal wurde der Ewer Baas über sie denn er hatte Wind und
ließ sich von ihr nicht mehr aufhalten Sie segelten an der Kugelbake vorbei
der großen Frau der Elbmündung die immerfort nach ihrem Mann sucht der doch
längst geblieben ist und nahmen den Kurs nach dem vierten Feuerschiff NzW
Bald verlangte den Südwest nach Südwestern er brachte Regen und jagte die
Seefischer ins Ölzeug Auch Störtebeker musste hinein Als sein Vater ihm den
Rock zuknöpfte sah er ihn forschend an und bemerkte dass das Gesicht schon
etwas blasser geworden war er tat aber als hätte er nichts bemerkte Dem
Knecht und dem Jungen hatte er untersagt mit der Seekrankheit zu drohen und
Störtebeker bange zu machen so dachte er ihn am ersten davor zu bewahren
Heiter wies er ihm den dicken Turm von Neuwerk und erzählte dass Störtebeker
von dort einen Gang unterm Wasser bis nach Cuxhaven gehabt hätte
Hinter Scharhörn sichteten sie die ersten fischenden Fischerewer da vergaß
der Junge das fremde Gefühl und wurde lebhafter er holte sich den Kieker aus
dem Nachtaus und betrachtete Ewer für Ewer er las die Nummern und ließ sich
die Schiffer dazu sagen
»94 Vadder« »Jakob Fock dat weiß du doch« »138« »Jakob Mees« »3«
»Friedrichson van de Au de Störnfischer« »107« »Ornd Fock« Er lernte
erkennen wann einer einzog dann fiel die Fock nieder und die Möwen flogen um
die Masten wann er kurrte wann er segelte wann er aussetzte Von da an
kümmerte er sich nicht viel mehr um Gallioten und Feuerschiffe Lotsenschoner
und Frachtdampfer sondern nahm sich der Fischerei an Er drängte dass sie doch
auch schon aussetzten und war gar nicht erbaut als er hörte dass sie noch
einen ganzen Tag zu segeln hätten
Wenn ein Ewer nahe kam rief sein Vater den Schiffer an und fragte nach dem
Fang der Schiffer aber fragte nach dem Markt Das war immer ein nachbarliches
Gespräch wie am Deich und schloss mit einem Gedankenaustausch über das Wetter
Die See wurde düniger und der Ewer tauchte tiefer Bei der Lotsengalliot
nahm eine hohe See den Ewer auf den Rücken und warf ihn dwars weg dass
Störtebeker das Gleichgewicht verlor und gegen das Boot flog Er stand ruhig
wieder auf und hielt sich am Dollbaum fest aber die Düsigkeit im Kopf nahm
immer mehr zu und den schlechten Geschmack im Munde wurde er nicht wieder los
er fühlte dass seine Stunde kam dass er seekrank wurde und sich brechen musste
Er wollte es nicht er wollte es nicht Nur das nicht nur das nicht
Er wollte seefest sein Wie sie wohl lauerten Kap Horn und Hein Mück dass
sie ihn auslachen konnten Nein er wollte es nicht Fest biss er die Zähne
zusammen und hielt den Mund zu Er beneidete Seemann der ruhig und behaglich
auf den Handschuhen im Nachtaus lag und sorglos seine Pfoten ableckte während
er es kaum noch aushalten konnte
Wie eine Möwe schluckt und würgt wenn sie einen großen Hering in der Kehle
stecken hat so schluckte und würgte Störtebeker auf dem heftig dümpelnden
Fahrzeuge und wehrte sich gegen die Seekrankheit
Kap Horn sagte beiläufig zu Hein Mück wer hier schon seekrank würde sei
ein Schietinnebüx denn sie seien ja noch in der Elbe die See finge erst beim
ersten Feuerschiff an Störtebeker hörte es und wehrte sich noch mehr denn er
wollte doch nicht auf der Elbe schon seekrank werden Sie lachten ihn aus das
war gewiss Wenn er doch mit seinem Vater allein auf Deck wäre
Da hatte also all das Dümpeln in seinem Kahn all das Scheistern nichts
geholfen Junge Junge Junge was für ein Zustand Er wollte und wollte sich
aber vor dem äußersten Feuerschiff vor der richtigen See nicht geben
Als sie daran vorbeigeschäumt waren konnte Klaus Mewes seinen Jungen mit
einem Male nicht mehr sehen und dachte schon er wäre über Bord gefallen aber
da nahm Kap Horn das Ruder und wies nach dem Boot Der Seefischer ging nach
vorn da lag Störtebeker im Boot zusammengekrümmt unter den Duchten und
erbrach heftig Hein Mück steckte einen Grientje auf und wollte etwas sagen
aber Klaus Mewes sah ihn an dass er ihn schnell wieder sacken ließ Seinen
Jungen ließ er gewähren schließlich als das Spucken nachließ legte er ihm
die Hand auf die Schulter Der Junge fuhr zusammen und sah auf kreidebleich
im Gesicht Dann lächelte er unter Tränen und sagte »Nu lach mi man fix wat
ut Vadder wat ik seekrank bün« Urch da ging es wieder los Klaus Mewes
Dollbaum Luken und der neugierig herbeigekommene Seemann bekamen etwas ab Da
lachte Klaus Mewes doch und Kap Horn lachte am Ruder und sagte das wäre gerade
so wie bei einem Albatros der auf Deck sei und Hein Mück lachte weil sie ihn
die ersten Reisen auch ausgelacht hatten Störtebeker lachte auch mit wenn auch
verzerrten Gesichts dann aber musste er sich geben »Gliek ist all rut«
tröstete er »denn wardt beter« Aber das stimmte nicht denn es wurde immer
ärger je leerer der Magen wurde zuletzt spuckte er die Galle aus und lag dann
regungslos auf der Ducht
»Bang bün ik ober ne Vadder« sagte er matt »bloß seekrank«
»Schall ik di wedder an Land setten«
Störtebeker schüttelte den Kopf Auch unter Deck wollte er nicht denn er
sagte es ginge bald vorüber Da deckte sein Vater ihn mit einem alten Segel zu
und ließ ihn im Boot liegen weil die Seeluft besser war als die Luft in der
Koje
Als Klaus Mewes wieder am Ruder stand dachte er an seine erste Reise und an
seine Seekrankheit er war auch nicht frei geblieben Noch jetzt wurde er etwas
seekrank wenn er nach dem winterlichen Aufliegen wieder nach See kam wie
viele alte Fahrensleute
Der Wind krempte nach Westen um und nahm an Stärke zu Es wurde stur
Einzelne Ewer und Kutter fischten noch mit einem Reff im Segel die meisten
aber hatten das Kurren aufgegeben und trieben Die See hatte Mützen aufgesetzt
Klaus Mewes der seine alte Stelle zwischen Nordernei und Juist suchte gab das
Klabatzen und Kreuzen auf weil er die Segel nicht zerreißen wollte Er hielt
auf Helgoland zu dessen Feuer hell im Norden blinkte
Bidewind Der Ewer schoss und kletterte stampfte und rollte während die
düstere Nacht hereinbrach Viele Segel und Lichter waren bei ihnen und der
dunkle Felsen stieg immer höher aus der See
Als sie um Mitternacht zwischen dem kleinen Land und dem großen Land dh
zwischen der Düne und Helgoland zu Anker gingen war der Wind nordwestlich
gelaufen und zum Sturm angewachsen so dass sie froh sein konnten eine Reede zu
haben Sie setzten noch den zweiten Anker aus dann nahm Klaus Mewes den kleinen
Seekranken auf den Arm und trug ihn nach unten und weil er nichts essen
wollte packte er ihn gleich in die Koje
Hein Mück wagte nochmals zu lachen dafür bekam er eine nasse Hansch in den
Nacken »Wi sünd ok mol seekrank worden« sagte Klaus Mewes »dorüm kann he doch
een fixen Fischermann wardn Lot em man tofreeden«
Die ganze Nacht aber riss der Ewer gewaltig an seinen Ketten und klüste wie
nichts Gutes hinter Helgoland
In der Morgendämmerung legte der Wind sich etwas aber die Luft sah noch
nicht nach Aufklaren aus Draußen stand eine hohe See so dass an Fischen nicht
zu denken war Sie blieben deshalb noch liegen
Als Störtebeker aufwachte und aus der Koje lugte war die ganze Besatzung
schon auf den Beinen Hein Mück saß auf der Treppe und schälte Kartoffeln Kap
Horn war mit Segelhandsch und Nadel bei dem Toppsegel auf der Diele zugange dem
er einen Flicken aufsetzte Klaus Mewes knüttete an einem Kurrensteert Auf dem
aufgeklappten Tisch stand noch der Morgenkaffee
»Vadder neem sünd wi«
»Wi ligt achter Hilchland Störtebeker dat weiht so dull dat wi ne fischen
könnt«
»To Anker Vadder«
»Jo Störtebeker«
Der Junge dachte einen Augenblick nach warum ihm der Kopf mit einemmal so
sauste und warum die ganze Kajüte sich um ihn drehte da fiel ihm seine
Seekrankheit ein und er legte sich rasch wieder hin damit sie nicht
wiederkommen sollte
»Bliew man giern liggen« sagte sein Vater mit verstelltem Ernst während er
geruhig knüttete »wenn dat noher stiller is sett ik di an Land denn fohrst du
mit den Damper no Hus hürst Up See is dat doch nix för di wenn du so licht
seekrank wardst bi slecht Wedder Eten magst du ok nix dat kann jo ne god
gohn«
Dann ging er an Deck um nach dem Wetter zu sehen und sagte zu Seemann der
ihm nachgelaufen war und auch die Nase in den Wind steckte »Nu wöt wi mol sehen
wat de Mederzin ne hilpen deit« Als er die Reihe der Fahrzeuge überblickt
hatte die um ihn lag und mit Jannis Six gesprochen hatte der am dichtesten
bei ihm ankerte ging er wieder unter Deck nahm Scheger und Nadel auf und
knüttete weiter als wenn nichts geschehen wäre Und es war doch etwas
geschehen das ihm das Seefahrerherz mit Stolz und Freude erfüllte
Denn siehe Klaus Störtebeker war aufgestanden und hatte sich angezogen
Noch mehr er saß am Tisch und trank schwarzen Kaffee aus der Muck Noch mehr
er aß Schwarzbrot dazu obgleich ihm schon zuwider war es nur zu riechen Noch
mehr er versuchte zu lachen und wenn es noch nicht gleich gelang so war sein
Wille doch nicht daran schuld Tapfer aß und trank er obgleich der Fußboden und
die Kojen wieder zu kreisen und zu tanzen begannen
»Smeckt all wedder Störtebeker« fragte Klaus Mewes nach einer Weile
»Dat mütt Vadder Ik bün nu mit de Seekrankheit dör«
»Dat segg man nich to hart« rief der Knecht von der Diele
»Doch Kap Horn schallst sehen ik ward ne mihr seekrank Un no Hus will ik
ne Vadder ik will bi di blieben un mit fischen«
»Non« sagte sein Vater »denn ist god« Und erging sich mit ihm an Deck
damit der Junge in der frischen Seeluft ganz genese denn die Teer und
Segelgerüche der Kajüte waren nicht gut für seinen Zustand
Er wies ihm Helgoland und die Düne das Unterland und das Oberland die
große Treppe den Leuchtturm und die Kirche die großen rotgrauen Felsen die
starken Boote der Helgoländer und das Haus des Gouverneurs auf dem die rote
englische Flagge wehte Störtebeker vergaß seines Leidens und behielt das
Gegessene bei sich Er tat schon wieder Schiffsarbeit mit wenn er sich auch
noch matt fühlte sein Vater ließ ihn pumpen und das Boot schrubben damit er
immer in Fahrt blieb und sich nicht wieder hinlegte denn nun musste die
Seekrankheit endgültig verjagt werden
Mittags ging Störtebeker mit zu Tisch und aß tapfer wenn auch nicht so viel
wie sonst Seine Backen hatten schon einige Farbe zurückbekommen und seine
Augen glänzten schon wieder Der Kummer war vergessen
Klaus Mewes warf den Kahn über Bord und sagte er wolle an Land wer
mitginge Störtebeker war dabei Hein Mück der auch mit sollte lehnte ab er
wollte ein bisschen voraus schlafen
»Up Hilchland ist fein Hein Mück«
»Scheun ist bloß in Finkwarder up Musik« sagte Hein Mück aber und zog die
Stiefel aus um einen Stremel zu verträumen Kap Horn der gern mitgegangen
wäre musste zur Sicherung des Fahrzeuges zurückbleiben
Der kleine grüne Kahn wurde bannig hin und hergeworfen denn es stand noch
eine ziemliche See wenn auch der Wind nachgelassen hatte und raumer gelaufen
war aber Klaus Mewes wriggte zu geschickt als dass sie Wasser über bekamen
Störtebeker guckte die Wogenköpfe scharf an aber er fürchtete sich nicht und
ließ auch die Seekrankheit nicht an sich heran
An der Brücke banden sie den Kahn zwischen den Helgoländer Booten fest und
betraten den englischen Boden Mit dem Unterland waren sie bald schier Klaus
Mewes eine Weile mit Kai Rickmers den er kannte und der Schiffer klopfte dem
Jungen die Schultern und sagte etwas was Störtebeker aber nicht verstand
weshalb er meinte es wäre Englisch Dann stiegen sie die 188 Stufen zum
Oberland hinauf und blickten auf die kleinen kleinen Ewer und Kutter
»U wat is uns Eber lütt As mien lütt Schipp bi Hus« rief Störtebeker Er
bekam den Mönch zu sehen den gewaltigen frei im Wasser stehenden Felsen mit
dem grünen Hut und das Satorn Und blickte staunend in die schroffe Tiefe in
der das seifige Seewasser gedämpft rauschte Dann schlugen sie den Mittelweg
ein den die Badegäste die Kartoffelallee getauft haben und blickten von der
Nordklippe der Eilandes weit und breit über die graue hohe See die beiden
Finkenwärder Im Westen stand ein Dreimaster mit weißen Segeln auf der Kimmung
unter ihnen aber brandete die See in dumpfem Grollen
Am Leuchtturm dem schlafenden Riesen vorbei gingen sie nach den
Vogelfelsen auf denen die dummen Lummen die schwarzweissen isländischen
Gesellen in großen Scharen saßen Andre flogen hin und her und krächzten
Auf dem Unterland kehrten sie bei Hai Deepen ein und Klaus Mewes schrieb
einige Zeilen an Gesa Dann schieden sie von dem englischen Heligoland und
wriggten nach dem Ewer zurück Als Störtebeker bei der Pfanne über die Ausfahrt
berichtete fragte Hein Mück plötzlich nachdenklich »Worüm hürt Hilchland
eegentlich den Ingelschmann to« »Worum« lachte Kap Horn »Worum heurt em Malta
un Hongkong un Cypern un Gibraltar un Kapstadt un Jamaika He hett tolangt de
olle ehrliche Jan Bull as anner Lüd bleud weurn«
Klaus Mewes studierte das Wetterglas und ging nochmal mit dem Heben zu Rate
dann aber rief er munter »Seilen« und warf seine Kurre mit einem großen
Schwung in die Netzkoje auf der Diele die Fischerei trat wieder in ihr Recht
und alle stürzten an Deck
Sie brachten das Fahrzeug unter Segel hievten den Anker und kreuzten aus
dem Helgoländer Loch Draußen kamen sie in leege Wall und trafen eine so hohe
See und so frischen Wind an dass sie reffen mussten aber weil er einmal
unterwegs war ließ Klaus Mewes sich nicht aufhalten und dachte nicht an
Umkehren Er hatte schon anderes erlebt als diesen südwestlichen Kurs nach
Nordernei hinunter und hielt wohlgemut an seinem Ruder aus
Störtebeker stand bei ihm und hielt sich an der Rudertalje fest wenn der
Ewer überholte Er kämpfte wieder mit bösem Unwohlsein aber zum Brechen kam er
nicht mehr und weil sein Vater ihn ermunterte und sagte nun sei er darüber
hinweg so glaubte er es und bemeisterte die Übelkeit Nachts übernahm der
Knecht die Wache und Störtebeker ging mit seinem Vater zu Koje hocherfreut
dass er nicht mehr seekrank geworden war Auch Klaus Mewes war recht vergnügt
darüber und lobte ihn
Gegen Morgen mussten alle an Deck denn sie waren auf der alten Stelle
angelangt wie Klaus Mewes durch Peilen und Loten festgestellt hatte Dwars von
Juist klüsten sie und der Wind war wieder etwas schwächer geworden Sie machten
das Reff aus den Segeln heraus und setzten die Kurre aus nachdem sie den Ewer
an den Wind gebracht hatten Kurrbaum und Kugeln Teufelsklauen und und Sprenken
wurden zurechtgemacht dann ließ sie das Schleppnetz das ganze schwere
Geschirr zu Wasser mitten hinein in Störtebekers Gold in den roten Feuerweg
den die eben aus der See gestiegene Sonne auf dem Wasser gemacht hatte
Störtebeker war mit Leib und Seele dabei er rief und fragte als müsse er alle
Fischerei in der ersten halben Stunde lernen stolperte über die Kurrleine dass
er beinahe über Bord gekommen wäre trat Seemann auf den Schwanz dass er klagend
schrie und steckte sich überall dazwischen
Als die harte Arbeit getan war die gerade durch die ganze Kraft dreier
Männer bewältigt werden konnte bekam Hein Mück die Wache Schiffer und Knecht
gingen in die Puk
Der Ewer zog mit seiner Kurre seitwärts davon wie ein Ross mit dem Pflug
und segelte langsam dem grauen Streifen entgegen der im Süden aus der See
guckte Die dicke Kurrleine zitterte im Wasser als wolle sie jeden Augenblick
brechen Störtebeker sah eine Zeitlang über Bord und machte sich Gedanken
darüber als Hein Mück der Wachmann aber anfing sich über ihn lustig zu
machen ging er seinem Vater nach und verschlief die beiden Kurrstunden in
dessen Armen
»Intehn Intehn« Der Ruf der Tote uferwecken und Kranke zum Aufstehen
bringen kann scholl in die Scheinkappe hinein die Hein Mück geöffnet hatte Da
konnten sie aus dem Bett finden Junge Junge Eins zwei drei standen sie an
Deck und hievten im Angesichte der Norderneier Dünen die Kurre ein nachdem sie
die Fock fallen gelassen hatten
Was für eine harte Arbeit dies mühselige langsame Aufhieven des Netzes
»Hiev hiev« Wie oft musste Klaus Mewes ermuntern wie musste er sich beim
Abstoppen abreißen Allen dreien lief der Schweiß von der Stirn aber sie gaben
nicht nach bis der Kurrbaum an den Wanten saß Dann beugten sie sich über Bord
und zogen die Kurre mit den Händen über die Reling
Seemann bellte die Möwen an die schreiend um den Ewer flogen und sich zu
Hunderten angesammelt hatten lauter aber als Hund und Möwen war Störtebeker
der bald hier stand und bald dort und immerfort zeigte und rief »U wat een
Fisch Kiek dor een Schull Dor noch een Dor all wedder een Dor een Tasch
dor een Ruch dor een Gnurrhohn dor een den kinnk ne Junge Junge watten
Fisch«
Er sollte sich aber noch mehr wundern denn jetzt erschien der Steert der
Beutel des Netzes an der Oberfläche Der war so groß und schwer dass sie ihn
nicht über den Setzbord heben konnten Sie mussten ihn deshalb in die Talje
nehmen
Da hing er über dem Deck der wirre lebendige Klumpen von Fischen und
anderem Seegetier und leckte wie ein Sieb Der Schiffer machte das Steerttau
los und sprang beiseite die Kurre öffnete sich und quuksquaks stürzten die
Fische schlagend und spaddelnd auf Deck
Da kreischten die hungrigen Möwen noch lauter Störtebeker aber kam gänzlich
aus der Tüte Mann o Mann Junge Junge watten barg Fisch Das war doch noch
etwas anders als wenn er Stichlinge fischte oder als wenn die Lüttfischer am
Fall mit den Garnen zogen Da klapperten und spaddelten die Schollen und
Scharben da sprangen die Rochen da schnappten die roten Petermännchen nach
Wasser da knurrten die Knurrhähne zwischen ihnen kroch ein Hummer da lagen
Seemäuse und Seesterne Seeäpfel Muscheln und Tang ein alter Seestiefel ein
zerbrochener Topf und ein großer Stein
Die Luken wurden abgedeckt und die Schollen in den Bünn geworfen nach der
Größe gesondert und gezählt Der Streek hatte gelohnt denn sie kamen auf 8
Stiege großer und 12 Stiege kleiner Schollen Störtebeker musste den Hummer in
eine Kiepe setzen und sie in den Bünn hängen die Taschen packte Hein Mück dem
nach altem Brauch das Taschengeld gehörte in einen Hummerkasten Knurrhähne und
Rochen wurden für die Pfanne bestimmt denn weil die Eiskisten noch leer waren
konnten sie nicht frisch erhalten werden Die Scharben wurden zugemacht und in
Salzlake gelegt dann schaufelten sie den Rest des Fanges schnell über Bord und
setzten die Kurre wieder aus Die Fock rillte in die Höhe der Ewer fiel ab und
nahm seeseitigen Kurs
Die Möwen verließen das gastliche Schiff Spurlos wie sie erschienen waren
verschwanden sie wieder um andre fallende Focksegel aufzusuchen
Der erste Streek war getan
Diesmal blieb Störtebeker an Deck denn sein Vater stand am Ruder Sie taten
kurze zweistündige Striche in der Schollenzeit damit die Fische die lebendig
an den Markt gebracht werden mussten in der Kurre nicht zu sehr litten Kap Horn
und Hein Mück gingen in voller Kleidung zu Koje und schliefen denn wie ein
ehernes Gesetz hatte nun die Fischerei Gewalt über die Fischer das Tag und
NachtKurren ließ sich nur dann durchführen wenn die Freiwache verschlafen
wurde Bei gutem Wetter wurde ununterbrochen gefischt Ruhe gab es erst wenn
der Bünn voll war oder wenn die Stille oder der Sturm dazwischen kam
Wie der Fischermann inmitten der vielen Fische doch kein Stückchen wegwirft
wie er auch die letzte Gräte absaugt so lässt er keinen Streek aus und fischt
tags und nachts Sonntags und alltags
Was für ein Leben Störtebekers Backen glühten seine blauen Augen
leuchteten wie die Elbe an Sonnentagen sie fischten ja sie fischten ja
»Junge Vadder dat is wat dat mokt Sposs« versicherte er immer wieder und
sprach die ganzen zwei Segelstunden von nichts anderm als von dem Streek Die
Seekrankheit war vergessen er holte sich ein dickes Stück Schwarzbrot aus dem
Schapp und aß es er trank Kaffee dazu und war guter Dinge In der Weite kurrten
mehrere Finkenwärder aber dicht bei ihnen segelte niemand sie hatten das Feld
allein
Wie im Fluge verging die Zeit
»Is so wiet« sagte Klaus Mewes »nu rop jüm man« Freudig sprang
Störtebeker über die Luken schob die halbgeöffnete Kapp zurück kletterte die
Treppe hinab und gröhlte so laut er konnte »Kap Horn un Hein upstohn Wöt
intehn To gau Vadder hett dat seggt«
»Jo« brummte Hein Mück dem ein schöner Traum von seiner Gesine durch die
Latten gegangen war und grabbelte nach seinen Stiefeln Kap Horn aber schwang
sich auf die Bank und schalt »Wat is dat eegentlich forn Snack von wegen
opstohn Klaus Störtebeker Du meenst woll du büst hier bin Buern wat Weess du
nich dat an Bord allens utsungen wardn mutt Pass mol op so heet dat
Reis ut Quarteer is mien Verlangen
reis ut quarteer in Gottes Nom
De een von jo salt Ror verfangen
reis ut Quarteer de Wacht is don
acht Glosen sünd slon
Reis ut Quarteer in Gottes Nom«
»Junge dat is jo een ganzen Gesang« rief Störtebeker »den kank ne
beholen« Dann rüttelte er Hein der auf der Bank wieder eingedusselt war
»Schall ik ierst mit een Pütz Woter kommen Hebb ik di ne seggt du schullst
upstohn«
»Du kriegst gliek een annen Blackputt wat van hier no Amsterdam flügst«
drohte der Junge mürrisch und erhob sich
Störtebeker ging nicht vom Fleck bis sie fertig waren Als sie alle drei an
Deck kamen hatte sein Vater den Ewer schon in den Wind schießen lassen die
Fock war schon gefallen und die Möwen flogen schon wieder über den Masten
Sie legten die Leine um die Winsch und hievten Es ging noch schwerer als
vorher dass Störtebeker rief da säßen gewiss hundert Stiege Schollen drin Ihr
Seefischer die Ihr ihn auslachtet erwehrtet Ihr Euch der Gedanken an große
Fänge an reiche Schätze wenn Ihr die Kurre einzogt Wenns auch vorher nur
Tang und Schlick und Steine gewesen waren was Ihr zutage gehoben hattet kam
nicht bei jedem Streek die Hoffnung wieder dass es auch einmal etwas andres sein
könne Der Bauer der Gerste gesät hat weiß dass er nichts andres ernten kann
aber der Fischer der nicht sät Seht die Fischer an sie säen nicht und ernten
doch hatte Pastor Evers gepredigt für den ein andrer die Saat bestellt der
immer unbekannte geheimnisvolle Äcker und Felder berakt was kann der alles
ernten Störtebekers Gold liegt immer noch auf dem Grunde der See ein Fischer
wird es einmal finden heißt es Diese Hoffnung auf Großes Unsichtbares die
sich bei jedem Streek erneut ist es die auch dem armseligsten Fischerewer vor
allen andern Schiffen etwas vorausgibt und sie ist es die Fischer werben wird
solange die See nicht zugeschüttet ist
Klaus Mewes musste Hein Mück und seinem Jungen das Abstoppen für eine Weile
überlassen denn ohne seine Bärenkraft ließ die Winsch sich diesmal nicht
drehen Endlich konnte der Kurrbaum festgemacht werden Diesmal riss Störtebeker
schon kräftig mit an der Kurre denn er wusste jetzt worauf es ankam und
kümmerte sich wenig darum dass er nass wurde Sogar Seemann half er biss sich an
den Maschen fest und zerrte unter großem Geknurr
Als das Steerttau losgeknotet war donnerte ein schwerer Stein auf das Deck
dass der Ewer erdröhnte Das war der vermeintliche reiche Segen Zum Glück waren
aber auch noch Schollen in der Kurre Sie wanderten in den Bünn Der große
Felsen blieb einstweilen an Deck liegen Klaus Mewes wollte ihn hier nicht über
Bord werfen sondern gedachte ihn an einer Stelle sacken zu lassen wo nicht
gefischt wurde wo er also keinen Fischern mehr beschwerlich und keinen Kurren
mehr gefährlich werden konnte Störtebeker schrubbte ihn ab und setzte sich
darauf als die Sonne ihn abgetrocknet hatte
Kap Horn übernahm die nächste Wache Störtebeker der noch nicht wieder
schlafen konnte blieb bei ihm und half ihm beim Zusammenbinden und Aufhängen
der Scharben die der Wind nun trocknen musste Der alte Janmaat freute sich dass
der Junge so viel von ihm hielt und erzählte ihm Geschichten von der großen
Fahrt die noch all seine Gedanken füllte wie der Wind die Segel und die er
nicht vergessen konnte Geschichten von Albatrossen und Eisbergen von
Schiffbrüchen und Piraten von Chinesen und Negern von Haifischen und
schneebedeckten Bergen von dem Fliegenden Holländer von der Linie und dem
Sargassomeer bei Westindien in dem kein Schiff von der Stelle kommen konnte
Auch die berühmte Aalgeschichte von Hans Fink erzählte er ihm Die war so als
Hans auf großen Schiffen fuhr bekam seine Bark einst zwischen Kapstadt und
Singapur ein Leck in den Boden Sie wollten es dichten und konnten es nicht
denn das Wasser sprudelte immer stärker Da riefen sie Hans Fink den
Zimmermann dass er es dicht mache Als Hans aber angelaufen kam und gerade
anfangen wollte zu arbeiten in die Hände hatte er schon dreimal gespuckt
wat meent ji woll mit einem Mal taucht ein großer dicker fetter Aal vom
Grunde der See auf steckt den Kopf durch das Loch und bleibt darin sitzen Hans
Fink holt geruhig sein Knief aus der Tasche das mit der knöchernen Schale das
er noch heute hat schneidet dem Aal Kopf und Schwanz ab und lässt sich vom
Smutje Hamburger Aalsuppe davon kochen Und das Schiff ist dicht und macht nicht
einen Tropfen Wasser mehr dass sie glücklich in Singapur ankommen bloß weil
Hans Fink so schlau gewesen war
Gotts den Dünner was für eine Geschichte »Minsch wat kannt angohn«
rief Störtebeker verdutzt »wo grot is dat Leck denn wesen« »Och so as mien
Arm dick is« »Son dicke Ool gift ober ne« Kap Horn ließ sich aber nicht aus
dem Kurs bringen es wäre eben ein Seeaal gewesen »Veel Pund schull de woll
wogen hebben« »Dor mutt ik um legen Störtebeker Hans Fink meent ober he kunn
em op foftein Pund taxiern« Der Junge konnte auch jetzt noch nicht über den
sonderbaren Fall hinwegkommen und trieb den Knecht zuletzt in die Enge mit der
Frage »Jä nu segg mi ober mol wat hett he denn den Stiert afsneen kreegen De
seet doch butenburds« Da saß Kap Horn mit seinem Aal fest und wand sich selbst
wie ein Aal er suchte beim Kompass und bei den Segeln Rat ohne ihn zu finden
zuletzt aber rettete er sich durch einen Hasenseitensprung indem er tiefsinnig
erklärte »Dor heff ik Hans noch nich no frogt Wenn ik em annen Diek drop will
ik ober noch mol mit em ober den Krom snacken«
Noch viel mehr Geschichten brachte er zu Markt während sie stetig fischten
von Jan Wurts kleinem Haus das so klein war dass viele darüber fielen und viele
es für einen Maulwurfshügel ansahen Einmal erlebte Jan Wurt eine dreitägige
Sonnenfinsternis weil Hannis Loop der beim Lohen war sein Grosssegel aus
Versehen darüber gebreitet hatte Ein andermal steckte der große Karsten Külper
es im Vorbeigehen in die Jackentasche und als er nachher bei Madam auf Musik
war zog er es heraus und stellte es auf den Tisch zwischen die Groggläser und
Bierseidel mit den Worten »Kiekt Junggäst wat ik annen Feekstreek funnen
hebb« Seine Macker die Seefischer aber lasen das Schild an der Tür
Jan Wurt
Elbfischer
und sagten da hätte er schön was gemacht das sei Jan Wurts Haus Und ehe der
große Fischermann noch recht begriff was er angerichtet hatte ging die Tür des
kleinen Hauses auf und Jan guckte heraus Die Groggläser und den Saal sehen und
einen großen Lärm machen war eins bei ihm Alle Tänzer kamen aus dem Gang die
Musikanten konnten nicht weiterspielen eine so gewaltige Lunge hatte der kleine
Mann so konnte er gröhlen und schelten Der große Karsten wurde immer kleiner
und wäre am liebsten unter den Tisch gekrochen es half ihm aber nichts er
musste das Haus wieder hintragen wo er es hergenommen hatte und am andern
hochhellichten Tag musste er den Deich entlang und musste Abbitte vor Jan Wurt
tun Alle Leute lachten ihn aus
Als des Erzählens ein Ende war machte Kap Horn dem Jungen aus umgedrehten
kleinen Rochen die sonderbaren Seeaffen zurecht und lehrte ihn den Kompass nach
der Weise
West zum Norden Westnordwest
unsre Freundschaft steht fest
Süd zum Osten Südsüdost
deine Liebe ist mein Trost
Nur spielen wollte er nicht denn er behauptete mit der Harmonika mache er
die Fische bange dafür aber machte er ihm eine Angel für Makrelen und
Katzenhaie zurecht beschwerte sie mit dem Lot und fierte sie hinteraus Es war
nur schade dass nie etwas angebissen hatte so oft Störtebeker auch aufzog
Schon strichen einzelne Möwen über den Ewer hin als wenn sie sagen wollten
Man to wi sünd all hungerig
Da sang Störtebeker zum Einziehen und die Arbeit begann wieder Dieser
Streek brachte nur fünf Stiege sie segelten deshalb westlicher bevor sie
wieder aussetzten Hein Mück kam an den Törn Störtebeker aber tat auch ihm
Gesellschaft weil er noch nicht müde war er ließ sich von ihm im Steuern
unterrichten und steuerte allein als Hein sich als Koch betätigen die Klösse
rollen und die Kartoffeln zu Pott bringen musste Das war etwas für ihn allein
an Deck zu sein und allein zu steuern Wie passte er auf dass kein Segel an zu
klappern fing dass sie immer voll standen dass er nicht aus dem gegebenen Kurs
kam wie suchte er die See ab dass er keine Haverei mache Sein Vater hätte ihn
sehen müssen
Als Hein wieder die Wache nahm sprachen sie über Ostermoonen und
Binsenschiffe über Hechtschnarren Jimpenfischen Kaninchenzucht und andre
Dinge vom Deich sie einigten sich über die fischreichsten Gräben und
beschwögten Karkmess Weihnachten und Fastelabend die drei großen Feste die nun
bald kamen
Dieser Streek brachte gute zwanzig Stiege Schollen als sie aber nach dem
Mittagessen gekochte Rochen gab es etwas Köstliches an Deck gingen um die
Kurre wieder auszusetzen da war der Wind schlafen gegangen und der Ewer
steuerte nicht mehr da mussten sie das Fischen aufgeben Stundenlang dümpelte
der Ewer auf der ziemlichen Dünung hin und her wie in schweren Träumen die
Gaffeln knarrten und die Schoten schlugen mit den Blöcken
Das war die schlechteste Zeit für die Fischerleute Selbst Klaus Mewes
machte ein verdriessliches Gesicht Wie unsinnig schlug das herrenlose Ruder hin
und her willen und machtlos war der Ewer der Meeresdünung und der Seeströmung
ausgeliefert die mit ihm spielten wie Löwen mit der Maus Störtebeker wunderte
sich sehr über diese unruhige See und diesen tanzenden rollenden Ewer bei so
totenstiller Luft
Einer schlief einen Stremel der andere lag auf den Luken der Dritte lief
an Deck auf und ab sie wussten die Zeit nicht hinzubringen so jäh waren sie aus
der schönen Fischerei gerissen worden Wie guckten sie nach dem Heben wie
sehnten sie Wind herbei Klaus Mewes schüttelte das Wetterglas als wenn darin
die Brise säße Zuletzt schleppte er die angefangene Kurre an Deck denn drinnen
war es heiß und knüttete in großer Ungeduld Und Kap Horn spielte wieder
Segelmacher diesmal aber auf den Luken Hein Mück kochte Störtebeker einige
Taschen die dieser unter den Flügelschlägen und dem Gekreisch der Seemöwen
aufklopfte und verzehrte
»Kratz man mol annen Mast denn kummt Wind« rief Kap Horn aber Störtebeker
lachte ihn aus und sagte das solle er seine Großmutter man tun lassen Dagegen
hielt er scharfen Ausguck nach Windwolken an der Kimmung
Es kam aber kein Wind durch Die See wurde allmählich ruhiger Gegen Abend
sichtete Störtebeker drei Torpedoboote auf der See nicht weit vom Ewer mit
einem Male erhob er großen Lärm rief das ganze Schiffsvolk auf und sagte eins
von den Torpedobooten den schwarzen Schiffen sei eben umgekippt und
untergegangen Da wurde er aber bannig ausgelacht denn was er für Torpedoboote
gehalten hatte das waren Tümmler die träge auf dem Wasser trieben und mitunter
heisterkopf schossen und untertauchten Von ihnen tauchten allmählich immer mehr
auf mitunter erschien auch der Kopf eines Seehundes Ließ sich aber einmal
einer einfallen zu schreien dann musste man Seemann sehen wie er aus seinem
Handschuhberg stob und bellend und knurrend am Setzbord wütete Störtebeker
sagte er könnte sich tot darüber lachen
Es blieb die ganze Nacht todstill erst gegen Morgen kräuselte sich die
Dünung Da konnte zur allgemeinen Freude wieder gefischt werden
So trieben sie den Schollenfang noch vier Tage bei wechselnden Winden oft
von Stillen heimgesucht und kamen immer östlicher bis Langeoog hinauf Dort
sprach Klaus Mewes das erlösende Wort »Utscheiden« Sie hatten 250 Stiege der
ganze Bünn saß voll von Schollen sie hatten die Reise
Nach der Elbe ging es aber nicht des weiten Weges wegen sondern nach der
Weser Störtebeker sollte es bestimmen er war natürlich für die Weser denn
dort gab es etwas für ihn zu sehen und dann auf der Weser wohnte keine Mutter
die ihn möglicherweise wieder von Bord holte wohl aber auf der Elbe
Überhaupt die Elbe und der Deich was gingen sie ihn noch an Er dachte kaum
noch daran so weit weg lag das alles seit er mit fischte vergessen waren
Krähe und Kaninchen und die Bungen konnten sich geruhig mit Spinnweben
bedecken er fragte nicht mehr danach so sehr war er in der Seefischerei und in
der Seefahrt aufgegangen
Mit abgefierten Schoten segelten sie nach der Weser Da bekam Störtebeker
zum erstenmal das Wunder der Nordsee zu sehen den zwei Jahre vorher errichteten
RotensandFeuerturm den mitten im Meere stehenden rotweissen Riesenpilz dessen
Feuer ihm schon manchmal gezeigt worden war Kap Horn meinte der würde wohl
ebenso spurlos im Meere verschwinden wie sein Vorgänger weil er auf Sand gebaut
sei und nicht auf Felsen wie der Turm von Eddystone aber Klaus Mewes sagte
einerlei Bremen hätte da immer sein Meisterstück geschaffen Störtebeker
wunderte sich am meisten über das Rettungsboot das dort haushoch über dem
Wasser hing Und dass dort oben zwei Leute wohnten und schliefen
Sie kamen nachts in der Geeste an und verhökerten den andern Morgen ihre
Schollen Sie wurden sie auch zu gängigen Preisen los denn sie waren nur zu
fünfen und das war für Bremerhaven und Geestemünde nicht zu viel zumal Klaus
Mewes der hier an der Unterweser bekannt war den Geestendorfer Ausrufer Konrad
mobil machte der mit seiner Glocke und mit seiner rostigen durchdringenden
Stimme die abgelegenen Straßen abklopfen musste
Sie nahmen etwas Proviant ein vor allem Schiffskeks nach dem Störtebeker
ein großes Verlangen hatte dann Büffelfleisch und Zucker aus dem Freilager und
gingen am Abend schon wieder hinaus Der Ness bekam nur eine Postanweisung auf
zweihundert Mark und einen kurzen Brief den Klaus bei Kinau in der Achterdönss
schrieb während Störtebeker sich von Marta und Mieze den Töchtern des
Fischerwirtes denen der kleine Fischerjunge sehr gefiel im Billardspiel
unterrichten ließ
Der Junge sei gesund und munter hieß es in dem Brief den der Seefischer
schrieb er sei nur einen Tag seekrank gewesen nun wisse er schon nichts mehr
davon er habe große Lust zu der Fischerei und sei immer vergnügt Heimweh kenne
er nicht Er ließe schön grüßen Heute abend gingen sie wieder hinaus und kämen
bald mit Schollen nach der Elbe Störtebeker ließe ihr noch sagen sie solle die
Krähe und die Kaninchen nicht vergessen
Den Gruß und die Viehfrage hatte Klaus sich nach Wippchenart aus den Fingern
gesogen denn Störtebeker hatte jetzt ganz andre Dinge im Kopf Er wollte
Bremerhaven sehen das große Denkmal und die Chinesen auf den weißen
Lloyddampfern aber dazu war diesmal keine Zeit sie mussten an Bord und nach
See
Nach neun Tagen lagen sie wieder mit Schollen an der Kaje zu Geestemünde da
wehte es zwei Tage und da bekam Störtebeker alles zu sehen was er sehen
wollte
Elfter Stremel
Roland der Ries am Rataus zu Bremen
Kämpfer einst Karls in der Schlacht
Roland der Ries am Rataus zu Bremen
Jetzt wie einst noch steht er und wacht
HF 125 Laertes Unterscheidungssignal RTFB 20 Registertonnen groß
geführt vom Schiffer Klaus Mewes lag zu BremenStadt an der Schlachte mit
lebendigen Schollen Das trübe gelbe Wasser der Weser gurgelte um seinen Bug
und die Giebel der hohen Speicher blickten überlegen auf ihn herab denn sie
standen schon zweihundert Jahre und hatten Güter aller Zonen unter ihren
Dächern Auf der Kaje standen die Bremer Jungen und lachten über den kleinen
Stintmajor wie sie Störtebeker nannten Als sie sich aber einfallen ließ mit
Steinen nach ihm zu werfen da rief er »Ji verdreihten Zigarrenmokers« das
hatte er von Kap Horn aufgeschnappt zog seine Seestiefel aus und ging ihnen
mit der Handspake und mit Seemann zu Leibe bis sie die Flucht ergriffen
Die Bremer Bürgerfrauen Fischweiber Kökschen und Arbeitsleute waren minder
stolz als die alten Speicher und minder feindselig als die Jugend sie kamen mit
Körben und Netzen mit Taschen und Eimern besahen die Fische und kauften und
kauften Klaus Mewes der auch die Bremer zu nehmen wusste war den Fang bald
los zumal er ganz allein an der Schlachte lag Der verrufene schiefe Weg nach
Bremen hielt die andern Ewer fern
Um die letzten Stiege stritten sie förmlich ein Kampf um die Scholle
entbrannte dem Klaus Mewes lachend und mit seiner vollen Tasche klirrend
zuguckte bis er sagte »Nu is de Putt ut Hein Mück deck de Luken to« Dann
zählte er mit Störtebeker die vielen Groschen Marken und Taler es war wieder
eine gute Reise die die vielen Wind und Stillentage die dahinter lagen
lachend vergessen ließ
Nach Mittag machten Klaus Mewes der Große und der Kleine und Kap Horn sich
landfein und wiesen einander Bremen Zunächst steuerten sie wie alle Fremden
nach dem Markt und besahen den gewaltigen Dom die graue Börse den vergoldeten
Schütting das gründachige verwitterte Rataus und das hohe steife Standbild
die Rolandssäule Störtebeker gefiel von all diesen Bauwerken eigentlich nur der
Dom mit den beiden hohen Türmen das Rataus war ihm viel zu alt und zu voll von
Grünspan das könnten sie auch mal abschrubben meinte er vorwurfsvoll Der
Roland aber war ihm nicht bunt genug und machte ein zu dummes Gesicht als wenn
er nicht bis fünf zählen könne lachte er
Er verstummte aber als sie dann am Denkmal des Heidenbekehrers Wilhadi
vorbei in den halbdunkeln riesengrossen Dom traten mit den leuchtenden
Glasmalereien und der reichen Pracht der Wände die dem nordischen Gotteshaus
etwas SüdlichKatolisches gaben denn da gingen sie unhörbar auf weichen
Teppichen und alles war so still und so feierlich wie es den Morgen gewesen
war als sie hinter Langeoog gelegen hatten und das Läuten der Glocken zu hören
gewesen war »Hier in Bremen hett de lebe Gott dat doch beter as in Finkwarder«
flüsterte er seinem Vater zu der leise lachen musste
Sie besahen den Bleikeller unter dem Dom in dem keine Leichen verwesen und
in dem die Särge reihenweise stehen Schwedische Gräfinnen englische Majore
bremische Bürger lagen da gelb und lederartig in offenen Steinsärgen und die
Ecken waren mit Totenschädeln ausgefüllt Um die fortwirkende Kraft des Gewölbes
zu beweisen hingen auch frische Ratten Hühner und andres Getier an den
Pfeilern Die trockne Luft des Raumes benahm den Seefischern fast den Atem
weshalb sie sich dort nicht lange im Schnack aufhielten
Als sie wieder vor dem Dom standen sagte Kap Horn er könne den bösen
Geschmack nicht wieder aus dem Munde los werden »De mütt dolspeult wardn«
sagte Klaus »lot uns man eenen genehmigen Kumm de Rotskiller is jo bi de
Hand«
»Rotskeller Büst nich klok Klaus Dat is bloß wat for de Groten for
Reeders un Käppens dor gift bloß Wien Minsch« rief Janmaat aber Klaus Mewes
nahm ihn unter den Arm und bugsierte ihn in den von Hauff und Heine besungenen
Bremer Ratskeller hinein
»Een van de Groten bün ik ok« sagte er stolz »ik bün Reeder un Käppen und
Wien mag ik ok un op de scheune Reis kann sowieso een up stohn Kumm
Störtebeker«
Da gingen die drei getrost nach dem Ratskeller hinunter setzten sich mitten
zwischen die Pfeiler und besahen die Hausgelegenheit
»Finkwarder Fischermann kann allerwärts to Anker gohn« lachte Klaus »büst
ok bang Störtebeker«
»Ne bang bün ik ne Vadder«
Misstrauisch kam einer der Kellner näher denn die Jan vom Moor konnten wohl
nur versehentlich die Treppe heruntergefallen sein die wollten gewiss zu Heini
Holtentüffel und bei dem eine kleine Lage trinken als Klaus Mewes der es
merkte ihn groß und frei ansah und mit lauter Stimme zwei Flaschen Rheinweins
zu einem Taler den Buddel und ein Glas süßen Weins für den Jungen bestellte da
nickte er höflich und brachte das Verlangte
Es schien allgemein aufzufallen entweder dass der Finkenwärder so laut oder
dass und er plattdeutsch sprach denn an allen Tischen drehten sich die
bedächtigen geruhigen Bremer nach ihnen um aber Klaus Mewes ließ sich dadurch
in keiner Weise stören Er rief den Kellner und sie ließ sich durch alle
Räume führen sie sahen die Rose an der Decke die ein italienischer Maler
gemalt hatte weil er seine Zeche nicht bezahlen konnte sie sahen Fässer die
so groß waren wie ein kleines Haus sie kamen durch den Apostelkeller in dem
zwölf nach den Jüngern benannte Fässer lagen von denen der Judas sauer war sie
hörten von Wein von dem jeder Tropfen dreitausend Mark kostete
Endlich hievten sie den Draggen und stiegen wieder ans Tageslicht Die
Bremer Stadtmusikanten die Störtebeker noch durchaus sehen wollte waren nicht
auszumachen so gingen sie durch die Langenstrasse an dem schnörkelgesegneten
Essighaus vorüber nach dem Ewer zurück
Nicht so gut lief die Fahrt ab die Hein Mück abends unternahm um sich
etwas vorsingen zu lassen er konnte das Bremer Bier so wenig vertragen dass er
allerhand Havareien machte und schließlich von einem Schutzmann an Bord gebracht
werden musste Als er da noch weisen Wind hatte und sich nicht geben wollte goss
Klaus Mewes ihm einfach eine Pütze Weserwassers über den Kopf um den großen
Brand zu löschen
Keine Luft von keiner Seite
Dwars von Spiekeroog aber ohne Sicht von Land steht der Ewer totenstiller
auf dem spiegelglatten Meer Drei Tage haben sie schon keinen Wind mehr gehabt
zwei Tage hat die Dünung geknarrt und gelärmt nun am dritten Tag ist das Meer
glatt geworden wie es osterselten vorkommt Drei Tage schon ruht die Fischerei
hängt die Kurre am Mast ist das Ruder mittschiffs festgestroppt Die Sonne
brennt steil auf das Deck nieder das so heiß ist dass sie Schollen darauf
braten könnten und dass das Pech in den Nähten weich ist Von den Wanten leckt
der Teer
Plackentodstill ist es wie Störtebeker der munterste an Bord immer wieder
versichert Ein Brett das er ins Wasser geworfen hat um die Strömung zu
erkunden bleibt stundenlang neben dem Ewer liegen Das große Schiff ist tot
und tot ist die See Nicht einmal eine Möwe lässt sich sehen
Seemann liegt im Schatten des Bootes auf einem Stück Segeltuches und
schnappt nach Luft Kap Horn hockt auf der Diele neben dem Wasserfass und liest
in einem Buche das ihm der Bremerhavener Seemannspastor mitgegeben hat bis er
dabei einschläft Hein Mück hat das beste Teil erwählt er hat sich ausgezogen
und steht nun nackt im Bünn bis an den Hals im Seewasser
Dem Schiffer gehen sie weit aus dem Wege denn er ist wie ein gereizter
Löwe und es ist nicht gut anbinden mit ihm Er kann nicht fischen das sagt
alles
Er weiß nicht mehr was er tun soll Lesen Son Schiet Knütten Son
Snarrkrom Fischen will er Schollen greifen kurren segeln kreuzen denn
sie müssen nun endlich mal nach Hause Erst war ihm der Wind dazwischen
gekommen der sie hinter Wangeroog gejagt hatte dann war der Fang schlecht
gewesen drei magere Schollen im Streek und nun kam ihm noch die Stille in die
Quere Unruhig stand er vor dem Wetterglas und starrte es an als wenn es an
allem schuld wäre mit seiner ewigen deutschenglischen Predigt Sehr schön
verry dry Klaus Mewes konnte es nur als Sehr schlecht verdreiht lesen
Dann ging er wieder an Deck und spähte nach dem Heben als wolle er Löcher
hineingucken dabei hörte er das spalten und Plätschern im Bünn Erst wollte er
Hein die Leviten lesen dass er die paar Schollen im Bünn noch tot trat dann
aber dachte er dat mokst du ok Und er zog sich auf der Achterplicht aus
setzte seinen alten Kameruner ab rannte in Berserkerwut über Deck nach dem
Steven setzte vom Vorderpoller ab und sprang mit Hurra in die blaue See
tauchte tief unter und kam prustend wie ein Seehund wieder an die Oberfläche
»Kiek mol ober Kap Horn« rief Hein Mück »ik gläuf Klaus hett een
Sünnenstich kreegen«
Der Knecht klappte das Buch zu und lief an Deck da schwamm sein Schiffer
kräftig ausholend wohl zwanzig Faden vor dem Ewer und lachte und rief »So ist
moi Kap Horn«
Seemann aber stand mit den Vorderfüssen auf dem Setzbord und bellte und
Störtebeker sagte in einem fort er wolle auch mal schwimmen
»Lot di man nich vonne Haifisch opfreten un krieg man keen Ramm inne Been«
warnte der Knecht steckte eine Leine auf den Rettungsring und warf ihn über
Bord auch fierte er einen Riemen längsseit damit der Schwimmer einen Halt
hätte wenn er dessen bedürfte Schließlich setzte er mit Heins Hilfe noch den
Kahn ins Wasser stieg hinein und wriggte in die Nähe seines Schiffers denn das
Schwimmen in offener See ohne Schwimmweste und Leine war ihm ein Greuel und
ein Frevel wie der Bauer sich niemals auf die Erde setzen sollte so sollte der
Fischer niemals in der See schwimmen
Dennoch freute er sich über den rüstigen Schwimmer
Mit einem Male erhob Seemann ein zorniges Geknurre und Gescharre und als
der Knecht sich umdrehte sah er Störtebeker nackt an Bord laufen und den
widerstrebenden Hund nach dem Setzbord schleppen »Störtebeker wat mokst du«
rief er »Klaus kiek mol den Jungen«
»Wenn se all swümmt schallst du ok swümmen un wennt mit den Dübel
togeiht« gröhlte Störtebeker und warf den winselnden Seemann kopfheister in die
See dann nahm er einen Anlauf und sprang mit Hurra nach
»Minschenkinners noch mol nu wöllt se jo woll all versupen« rief Kap Horn
als auch noch Hein Mück über das Schwert kletterte
»Nimm Seemann man wohr för Störtebeker will ik woll uppassen« rief Klaus
Mewes und schwamm an die Seite seines Jungen der entrüstet sagte »Du meenst
woll ik kann ne swümmen Kap Horn wat As son Woterrott kann ik di seggen
Kiek mol Ik kann ok all duken pass up«
Und weg war er um prustend wieder aufzutauchen »Junge dat do ik ne
wedder dat Woter is jo sult dor hebb ik gor ne an dacht I wat bitter«
Klaus Mewes lachte vor Freude über seinen Jungen und hielt sich in seiner
Nähe auf um ihm beizuspringen wenn seine Kräfte nachlassen sollten Kap Horn
aber zog den spaddelnden Seemann in den Kahn und bewachte die drei kühnen
Schwimmer und den großen regungslosen Ewer der wie tot auf dem Wasser lag
So vertraute Klaus Mewes seiner Kraft und schwamm mit seinem Jungen in der
See als wäre es am Finkenwärder Bollwerk und nicht zwischen Spiekeroog und
Helgoland auf 20 Faden Wassertiefe
Wenn Gesa das gesehen hätte
Als die Sonne untergegangen war und die Hitze etwas nachließ saßen sie
allemann auf Deck Dort aßen sie auch Abendbrot denn in der Kombüse war es
nicht auszuhalten Dann schliefen sie in alten Segeln auf den Bänken und auf der
Diele Kap Horn ging die Wache
Gegen Morgen stieg unter der englischen Küste ein Gewitter aus der See und
fegte dunkel und drohend heran Mit ungeheurer Schnelligkeit verbreitete es sich
über den sternklaren Heben furchtbar knallte der Donner und die ganze Wolke
saß voll von Blitzen aber Klaus Mewes und seine Gesellen begrüßten das Wetter
mit Freude denn nun musste ja auch Wind kommen und sie erlösen
Als die ersten großen Tropfen fielen warfen sie die Segel nieder und
gingen hinunter denn bei einem Gewitter an Deck sein ist der gefährlichen Nähe
der Masten wegen nicht gut Sausend harfte der Wind auf den Wanten prasselnd
schlug der Regen auf das Deck die Masten erdröhnten der Ewer zitterte die
Lampe schwankte die See kam allmählich in leise Bewegung Geruhig saßen oder
lagen die Seefischer unter Deck und horchten Als das Gewitter halb vorüber war
zogen sie die Ölröcke an und setzten die Segel auf Und im blauen Schein der
letzten Blitze fierten sie die Kurre über Bord denn nun hatten sie wieder Wind
genug
Ships tat pass in the nigt
Tiefdunkel samtschwarz ist der Nachthimmel Die Sterne funkeln um so heller
um den Schleier der Milchstrasse Wie tanzt der Orion wie blitzt die Wega wie
leuchten die Zwillinge wie strahlt der Himmelswagen wie gleisst der Aldebaran
Die Weltwiese hat sich aufgetan die gewaltige Wisch die mit abertausend weißen
und bunten Blumen bewachsen ist und auf der Myriaden von Tautropfen glitzern
Die riesenhaften schwarzen Segel des Fischerewers aber sind wie urgewaltige
dunkle Kühe die auf der großen Wiese in den Blumen grasen Ruhig und bedächtig
grasen sie wie Kühe tun und fressen sich langsam weiter
Klaus Störtebeker steht bei seinem Vater am Ruder Gesprochen wird in
solchen Nächten nicht viel
Eine Kühlung eine leichte westliche Brise wandert über die See und gibt
den Segeln die Kraft die Kurre zu ziehen Rot grün und gelb spielen die
Fischerrlichter auf der Dünung Die Kielfurche leuchtet als ginge es durch
Silber Wo die Kurrleine ins Wasser taucht ist sie wie ein diamantenbesetztes
Zepter Leise knarren die Gaffeln oben am Mast und wie im Traum reißt der
Klüver der Jager das kühnste aller Segel an seiner Schote über der Besan
aber weht die dunkle Flagge im Nachtwinde Seemann schläft im Nachtaus neben
dem Kompass und Klaus Mewes geht nach Schifferart auf dem Achterdeck hin und
her die Hände in den Taschen während Störtebeker das Ruder mit einem Tau
regiert denn Steuern hat er längst gelernt
Bei sturem Wind und bei Regen singt Klaus Mewes wenn er allein an Deck ist
er singt auch bei Sonnenschein aber in solcher Nacht singt er nicht da fühlt
er tief das geheime Leben und Weben seines Ewers sein Wesen seine Atemzüge da
haben alle Segel und Wanten alle Bäume und Masten ihre eigene Sprache Nächte
die gewesen sind und Nächte die noch kommen sollen stehen vor seiner Seele
und dunkle Ahnungen beschleichen ihn denn jeder Seefischer ist ein Hagen der
ins dunkle Heunenland hinunterzieht Gedanken über Gedanken kommen ihm entgegen
wie der Wind in die Segel weht die ihn weit hinaustragen aus der Sehnsucht nach
Gesa nach einem guten Streek und einem schönen Markt die ihn Auge in Auge mit
der Ewigkeit stellen In solchen Nächten muss er Verklarung über sich selbst tun
der lachende Seefischer und nicht lachend sondern ernst beantwortet er seine
eigenen Fragen denn je höher dem Baum die Krone gewachsen ist desto tiefer
streckt sich seine Wurzel und Klaus Mewes ist ein solcher gewachsener Baum
Rund um sie herum stehen Lichter auf der See rote weiße grüne denn sie
fischen zwischen Helgoland und dem Weserfeuerschiff und auf diesen Gründen
wimmelt es von Finkenwärdern und Blankenesern Mitunter ist das Geklapper einer
Winsch in der Weite zu hören wenn sie irgendwo einziehen mitunter schallen die
Rufe zweier Fischer die einander nahe gekommen sind abgebrochen herüber
Dann kommen dunkle Segel an ihnen vorüber und weil der Laertes wegen seiner
Besansflagge leicht ausgemacht ist so wird hüben und drüben gerufen
»Klaus büst du dat«
»Jo Hinnik Wat fangt ji«
»Ochott is ne slimm acht Stieg«
»So Jä wi hebbt ok ne mihr hat Hest all bald de Reis«
»Morgen wöf utscheiden«
»Uppe Wesser ist bannig slecht wesen gor keen Schullen lostowardn Klaus«
»So«
Dann sind die Schiffe zu weit auseinander gekommen als dass das Seegespräch
fortgesetzt werden könnte und Klaus Mewes geht wieder schweigend auf und ab
Einmal steht er hart an den Wanten und blickt starr in die Weite als sähe er
seines Großvaters Kuff im Norden untergehen dann horcht er als höre er seines
Vaters Todesschrei aus der See heraus
Die ganze Nacht aber grasen die Segel ruhig und bedächtig in den Sternen
Gesa rang in dieser Nacht mit schweren Träumen Sie sah wie ein Schiff sich
mit haushohen Seen abriss wie es leck wurde und wie zuletzt eine große Woge ins
Segel schlug und es umwarf wie zwei Menschen in schwerem Seemannszeug in der
See schwammen sie hörte wie sie um Hilfe riefen
Als sie ihnen in die Gesichter sah schrie sie laut auf denn es waren ihr
Mann und ihr Junge
Da erwachte sie und weinte bis an den Morgen
Zwölfter Stremel
Am Deich jagten die Kinder den Schmetterlingen nach den Kohlweisslingen Füchsen
und Pfauenaugen wobei sie sangen
Schomoker sett di annen greunen Diek
Schomoker sett di annen greunen Diek
»U kiek Klaus Störtebeker de jümmer mit no See geiht« »Woneem« »Dor
Kannst ne kieken« »U Minsch wat süht de mol ut Ganz anners as to«
»Höh Klaus Störtebeker«
»Höh Peter Non wat mokst«
»Ik griep Schomokers kumm man her kannst noch mit ankommen«
»Wat goht mi Schomokers an Wi wöt teern un smeern wat meenst Uns Eber
süht ut as ik weet ne wat«
»Klaus Störtebeker wullt mien Kninken mol sehen«
»Ik hebb keen Tied Krischon mütt Teer holen«
Und Klaus Störtebeker ging mit der Teerpütze in der Hand an ihnen vorüber
und freute sich als er fühlte dass sie ihm nachguckten Er war größer und
brauner geworden sein Gesicht war das eines Indianers sein Gang aber war der
eines Fischermannes und seine Hände waren die eines Tagelöhners
»Dat is keen Kirl mihr för Hus und Hoff dat is een för Schipp un See«
hatte der alte Jäger zu Gesa gesagt Störtebeker hörte es und vergaß es nicht
wieder Und er vergaß auch nicht was der greise Willem Fock ihm sagte der sich
am Deich von seinen langen Fahrten ausruhte Er unterzog den Jungen einer
Kleinschifferprüfung fragte ihn nach Wind und Wetter Fang und Markt und freute
sich über die fahrensmännische Klugheit des kleinen Gesellen
»Hest den flegen Hollanner ok sehen«
»Ne Willem denn stünn ik woll ne hier De den flegen Hollander in Sicht
kriegt de blifft«
»So so meenst du dat Non denn wohr di man vorn flegen Hollanner
Störtebeker wenn du grot büst un seh man to dat du jümmer goden Wind hest un
ward man een fixen Fischermann hürst«
»Jo Willem dat will ik ok« sagte der Junge mit lachendem Munde und ging
stolz weiter
Da spielten die Mädchen Ringelreihe und sangen dazu Es fuhr ein Matrose
wohl über das Meer nahm Abschied vom Liebchen sie weinte so sehr
Störtebeker blickte sie gar nicht an sondern ging in den Kramerladen hinein und
ließ sich die Pütze voll Teer gießen Kinderspiel war ihm fremd geworden er war
Fischerjunge und fuhr bei seinem Vater auf dem Ewer
Sonnenwende Sonnenwende
A und O von Finkenwärder der kleine schwarze Ewer HF 1 Jan Sieverts
Hoffnung und der große weiße Kutter HF 190 Jakob Kohrs Möwe die noch die
Kränze vom Stapellauf in den Toppen flattern lagen im Köhlfleet beieinander
und um sie herum und auf den Schallen ankerten wohl hundertfünfzig große Ewer
und Kutter Schwarz grün rot und weiß spiegelten die Steven sich im Wasser
und jede Farbe hatte ihren eigenen Sinn
Schwarz rührte von den alten Fahrensleuten her die als die ersten das Watt
hinter sich ließ und sich auf die offene See wagten die bei Helgoland und
Terschelling die dunkeln holländischen Logger und die schwarzen englischen
Smacken sichteten Sie hatten auch weder Zeit noch Geld das Fahrzeug anzumalen
und aufzuzieren
Grün brachten die Bauernjungen auf als sie die Pflüge verrosten ließ und
sich auf die Seefischerei warfen Sie wollten auf der grauen kahlen See an ihre
grünen Felder und Wischen an ihre Linden und Eschen erinnert sein wenn sie
kein Land in Sicht hatten
Rot erwählten sich die glücklichsten Fischerleute die Störfänger und
Beutemacher die Schollenkönige die gern etwas Besonderes aufzuweisen wollten
und denen es auf den teuren Zinnober nicht ankam
Weiß aber war die erklärte Farbe der jungen Fischer die noch dabei waren
ihr Marinerzeug aufzutragen und die noch draußen klüsten wenn andre schon im
Hafen lagen Einer von ihnen wurde gewahr wie prächtig seinem Kutter der weiße
Berg von Schaum und Gischt vor dem Steven zu Gesicht stand und binnengekommen
wusste er nichts Besseres zu tun als den Bug weiß zu malen damit das Schiff
beständig im Schaum wühle
Hochwasser
Eine schlanke östliche Brise bläst von Hamburg herunter umstreicht
Heitmanns weißen Leuchtturm und die mächtige Königsbake das alte Wahrzeichen
von Finkenwärder rauscht durch das Reet des Pagensandes und lässt die Flögel
tanzen es ist ein Plan zum Fahren wie er nicht besser sein kann Und doch
bleiben alle Fahrzeuge liegen nirgends werden die Segel aufgezogen und die
Draggen aufgehievt Wahrlich es muss ein großes Ding sein das diese mächtige
Flotte die gewaltigste der deutschen Küsten im Hafen festhält und die
Helgoländer Bucht vereinsamen lässt
Es ist ein großes Ding Karkmess ist da der Jahrmarkt der Sonnwendtag der
Finkenwärder Fischerei ein Tag von so großer Bedeutung und so tief eingreifend
in das Leben und Treiben des Eilandes dass es Ehren und Notsache jedes Fischers
ist heimzufahren und dabei zu sein Knecht und Junge würden schöne Gesichter
machen wenn sie Karkmess nicht kriegten und bei den Nachbarn hieße es »Den
geiht dat jo woll bannig lütt he is jo ne mol Karkmess bi Hus wesen«
Von Finkenwärder erzählen und Karkmess vergessen hieße nach Rom reisen und
den Papst nicht sehen denn Karkmess ist die große Sonnenwende von Finkenwärder
ist der Nordstrich auf seinem Kompass und Mittelpunkt der Zeitrechnung der
Seefischer Soundsoviel Reisen vor Karkmess oder soundsoviel nach Karkmess das
hört einer am Deich auf Schritt und Tritt und »söben Weeken vör Karkmess« oder
»fief Weeken no Karkmess« sind genaue Zeitangaben über die kein Zweifel
aufkommen kann Karkmess teilt das Jahr es ist die Grenze zwischen der
Schollenzeit und der Zungenzeit Vor Karkmess werden in schnellen Reisen nur
Schollen gefangen die lebend an den Markt gebracht werden nach Karkmess geht es
auf die Zungen los die auf Eis gepackt werden da sind die Reisen länger und
mühseliger und das Geld hat nicht mehr den hellen Klang der Schollentaler
Die Sonne steht am höchsten Wotan will nach Süden reiten aber ehe er sein
weißes Ross den Sleipner wendet hält er einen Augenblick in Gedanken inne und
diesen Augenblick benutzen die Finkenwärder Fischer um ihr Sonnwendfest zu
feiern Ehe sie den dunkeln Nächten entgegensegeln wollen sie sich der Sonne
und des Lebens freuen wollen sie einen Tag lachen
Wer das nicht kann wer bis Karkmess nicht seinen guten Schilling verdient
hat der holt den Rest des Sommers auch nichts mehr aus der See und mag denken
die alten Weiber hätten ihn behext
Die Ewer kommen nicht auf einmal wie die Hühner wenn Tucktuck gerufen wird
sondern nach und nach Schon acht Tage vorher füllt sich das Fleet mit Schiffen
Klugheit und Nachbarlichkeit verhindern dass alle an einem Tag den
HamburgAltonaer Markt überfallen und die Fische wertlos machen
Es gibt auch mancherlei zu tun
Nicht allein den Sonntag zuvor an dem alle Fischerknechte und Fischerjungen
auf Musik sind und sich een Perd ein Mädchen für das Fest heuern weshalb
diese Musik am Deich auch der Pferdemarkt genannt wird sondern die ganze Woche
hindurch Da ist keine Zeit den Knackwurstkerlen beim Aufschlagen der Zelte zu
helfen oder die Reitbudenpfähle mit einzurammen denn erst muss der Ewer sein
Karkmesskleid haben Teeren und Schmeeren heißt die Losung den langen Tag wird
geteert und geschmeert dass der ganze Deich danach riecht und dass das Wasser in
allen Regenbogenfarben glänzt Da wird geschrubbt und kalfatert da wird gemalt
und gelabsalbt Wie Schafe die geschoren werden sollen liegen die Fahrzeuge
auf dem Sand und lassen alles über sich ergehen denn sie wissen dass es gut für
sie ist
Kein deutsches Kriegsschiff kann reiner sein als ein Finkenwärder Ewer zu
Karkmess so viel tut der Schiffer daran Nicht umsonst hat er holländisches Blut
in sich und eine große Lust an Reinlichkeit und Bunteit so schmückt er seinen
Ewer mit bunten Farben und glänzenden Streifen und wird nicht müde ihn zu
zieren
Da wird der Bünn gründlich gereinigt da werden die Eiskisten überholt
schlechte Taue ausgeschoren neue Kurren eingestellt und zerrissene Segel
geflickt Da wird geloht du liebe Zeit wie wird geloht Der ganze Rasen des
Deiches liegt voller ausgebreiteter Segel Grosssegel an Grosssegel Fock an Fock
Besan an Besan und alle werden gebräunt und geloht damit sie haltbarer werden
sollen
Das Lohen haben die Finkenwärder vor den Blankenesern voraus die keinen
Platz dafür haben denn in den Sand können sie die Segel nicht legen und
deshalb mit weißen Lappen fischen und segeln müssen
Überall am Bollwerk bruddelt es in den großen Wurstkesseln und Fischer und
Frauen schöpfen die Lohe und dweilen sie auf die Segel
Ist das Schiff moi dann sieht der Fischermann seine Knipptasche an und
begleicht die großen Rechnungen die er beim Zimmerbaas beim Schmied beim
Segelmacher und beim Reepschläger stehen hat denn Karkmess ist allgemeiner
Zahltag Hat er sein Schiff noch nicht freigefahren also das stehende Geld noch
nicht zurückbezahlt so bekommt noch der Bauer seine Zinsen
In der Aueschule aber tagt die Seefischerkasse die
Schiffsversicherungsgemeinschaft der Finkenwärder Seefischer die 1835 gegründet
worden ist als schwere Stürme die damalige kleine Flotte zu vernichten drohten
Sie lässt sich die Prozente das Jahresgeld bringen das nach den Verlusten
berechnet wird Das ist wahrhaftig kein grüner Tisch an dem die sechs Alten mit
dem Obervorsteher sitzen Plattdeutsch wird gesprochen einer nennt den andern
du jeder weiß was er will und niemand braucht nach Worten zu suchen Das ist
der Senat von Finkenwärder und einen bessern hatte Venedig auch nicht
Ein fester Bau ist diese Seefischerkasse ein Denkmal besten Gemeinsinnes
Sie ist der mächtige Leuchtturm der seine Strahlen vom Skagerrak bis zur
Temsemündung wirft Seen wollten ihn unterwaschen Stürme wollten sein Licht
verlöschen er steht und leuchtet
Mittlerweile sind sie auf der Aue von der Müggenburg bis zum Tun auch
nicht müßig gewesen sie haben gebaut und gezimmert geklopft und gehämmert auf
Deubel kumm rut bis Zelt an Zelt steht Dann steigt die Sonne blank und schön
aus dem Hamburger Daak und der große Freudentag ist da mit seinen Luftbällen
und Reitbuden seinen Aalzelten und Schiessständen seinen Eiskarren und
Lungenprüfern mit Lukas und Kaspar mit Herkulessen und Feuerfressern mit
Seiltänzern und Negern mit Hün und Perdün mit Jubel und Trubel Die Gören sind
wie durchgedreht und die Jungkerls und Deerns wissen vor Übermut und
Lebensfreude nicht was sie alles aufstellen wollen Da wird gejagt und
geschossen und getanzt und getrunken und gesungen und gelacht die ganze Aue
wirbelt durcheinander Die Jungen tragen blaue Brillen und
Rinaldinischnurrbärte sie essen Knackwürste und Eis bis sie nicht mehr können
die Mädchen kaufen sich Puppen und Kokosnüsse und lutschen an Zuckerstangen es
ist einfach unbeschreiblich was auf Karkmess alles los ist Die sich erzürnt
haben vertragen sich und trinken wieder einen zusammen und die gut Freund
gewesen waren erzürnen sich und kriegen das Tageln dat is so bi Karkmess mit
vermokt Hein Mück haut den Lukas dass es knallt und lässt sich für die
hervorragenden Leistungen eine goldene Medaille an die Heldenbrust heften Jan
Tiemann lässt sich elektrisieren Hinnik Külper kauft seiner Braut ein großes
Zuckerherz Peter Gröhn fordert den Neger sogar zu einem Boxkampf heraus Und
ein Getute und Geblarre ein Flöten und Knarren ein Juchen und Schreien
Das beste Teil erwählen sich die alten Fahrensleute sie ziehen ein weißes
Hemd an holen den Stuhl aus der Dönss und setzen sich geruhig auf den Deich Sie
lassen die Karkmessleute an sich vorüberziehen necken die beladenen Kinder und
führen ein nachbarliches Gespräch
Das Allerschönste sehen aber auch sie nicht vor Luftbällen und
Kinderspielzeug die blassen roten Rosen am Westerdeich und das wogende Korn im
Lande und den weißen Flieder auf den Wurten und die Lindenblüten am Elbdeich
das große Sommerblühen Das geht allen verloren
Der große und der kleine Klaus Mewes hätten nicht von hier sein müssen wenn
sie dem Karkmess fern geblieben wären Zumal Störtebeker hatte sich den Tag
ehrlich verdient Bis an den Bauch im Wasser stehend hatte er geschrubbt einen
ganzen Tag im Maststuhl zwischen Himmel und Erde hängend hatte er die Besan
gelabsalbt mit krummem Rücken war er in den Bünn gekrochen und hatte die toten
Schollen aus den Ecken geholt er hatte beim Lohen geholfen wie ein Großer er
hatte das Nachtaus grün angestrichen er hatte das alte Bettstroh mit allen
Flöhen und Wanzen auf dem Schlick verbrannt
Als Klaus Mewes den Sonnabend von der Aueschule zurückkam wo er seines
Amtes gewaltet hatte denn er saß trotz seiner Jugend schon im Vorstande der
Seefischerkasse da hatten Kap Horn Hein Mück Klaus Störtebeker und Gesa
gerade die bekannte letzte Feile weggelegt Wie ein Königsschiff lag der große
Ewer auf dem blinkenden Wasser und glänzte wie der Regenbogen Seine deutsche
Flagge wehte im Winde und grüßte seinen Schiffer
Dem aber lachte das Herz
Wennt Karkmess is wennt Karkmess is
denn goht wie langsen Diek
Sie gingen zu vieren Klaus Mewes Gesa Kap Horn und Störtebeker Dieser
voran denn er hatte die Taschen voll Geld Er nahm alles mit die Reitbuden und
die Schaukeln Nur Spielzeug kaufte er sich nicht mehr »Kann ik up See jo doch
ne bruken« sagte er verächtlich und als er beim Allemalundjedesmal einen
Goldfisch gewonnen hatte schenkte er ihn dem kleinen Paul Meyer Seiner Mutter
aber kaufte er einen bunten Blumentopf Kap Horn eine Kokosnuss damit der an
China erinnert würde und seinem Vater einen dicken geräucherten Aal Einen
Augenblick guckten sie auch bei Trina Külpers am Auedeich ein wo Musik war
Klaus und Gesa tanzten durch den Saal wie Bräutigam und Braut Da bekam auch der
alte Janmaat einen Tanz von der schönen jungen Frau seines Schiffers
Abends gingen Klaus und Gesa nochmal nach dem Karkmess
Kap Horn und Störtebeker blieben auf dem Ness In der Dämmerung saßen sie vor
der Tür Der Matrose guckte nach den Lichtern auf der Elbe und erzählte vom
Walrossfang bei Grönland
Und über den blühenden Lindenbäumen tanzten die Mücken
Im Westen aber stand dunkel und drohend eine Wolkenbank
Sommer heißt der gewaltige Herr den die Welt hat In königlicher Pracht
schreitet er einher weithin über Land und See gleisst und funkelt sein
Purpurmantel Groß und ehern sind seine Schritte Alles wirft er nieder alles
muss sich vor ihm beugen Das grüne Korn erbleicht und senkt die Ähren die
Blumen verdorren die Vögel verstummen die Tiere verkriechen sich
Nach dem spielenden Kind nach dem lachenden Jüngling ist der Mann gekommen
der Riese Stückwerk ist nicht sein Handwerk er macht ganze Arbeit Mit
gewaltiger furchtbarer Kraft drückt er alles Freundliche Milde Leichte in
Grund und Boden zermalmt er es zu Staub bis er allein dasteht Dann zuckt es
in seinen Fäusten dann reckt er die Arme dann stemmt er die Beine dann sprüht
es aus seinen Augen dann glüht und dampft sein Atem und hart lacht es um seine
Zähne Selbst die großen Meister die Winde müssen vor ihm ducken und wollen
sie sich erheben so fegt er sie mit Blitz und Donner von dannen Eö weiß was
er zu tun hat weiß dass es um Brot und Leben geht weiß dass der Winter kommt
Was andre nicht gekonnt haben an all den langen Tagen in all den milden Monden
das vollbringt er in wenigen Wochen in unerbittlichem Ernst in kochendem
Eifer in glühendem Hass in flammendem Zorn und all sein Ernst und Zorn ist
wilde gewaltige Liebe
Schwer liegt des Sommers Hand auf der Fischerei Auch Klaus Mewes fühlt sie
Lange Tage treibt der Ewer mit schlaffen Segeln in der Windstille und das Deck
ist bratenheiss Nachts steht der ganze Heben in Flammen und das Schiff
erzittert Wie lang ziehen sich die Reisen hin wie oft müssen sie in Nordernei
und Cuxhaven binnen laufen weil ihnen das Eis geschmolzen ist Sie fahren
wieder viel nach der Weser denn die Zungen die nicht freihändig verkauft
sondern in der Halle versteigert werden sind in Geestemünde ebenso teuer wie in
St Pauli und Altona Zweimal segeln sie bei scharfem Ostwind nach Ijmuiden in
Holland einmal kommen sie nach Esbjerg in Dänemark Manche Kurre zerreißen sie
in den Steinen so dass beständig einer mit dem Ausheilen zu tun hat Lange
Wachen gibt es der Streek dauert drei bis vier Stunden saure Arbeit denn die
Zungen sitzen mehr im Schlick als im Sand und die Kurre ist oft nicht zu
hieven Einmal verlieren sie das ganze Geschirr die Kurre hakt hakt ja wohl an
einem auf dem Meeresgrunde liegenden Wrack fest der Ewer törnt auf steht einen
Augenblick fast still dann aber reißt die Kurrleine und dreihundert Mark sind
verloren Ein andermal treibt eine ostfriesische Jalk gegen sie und macht ihnen
eine solche Havarei dass sie nach der Oste segeln und dort zimmern müssen Dann
wieder liegen sie vor Wind hinter Wangeroog
Aber Klaus Mewes verliert den Mut und verlernt das Lachen nicht Und es
kommen ja auch schöne große Reisen einmal als die Zungen auf Zweimarkzehn
stehen und die Steinbutt auf Einsachtzig machen sie gute vierhundert Mark
Klaus Störtebeker ist noch immer an Bord und wenn er auch nicht vor dem
hamburgischen Wasserschout angemustert worden ist so gehört er doch als
Viertsmaat zur Besatzung und bekommt seine Heuer so gut wie Hein Mück Ihm ist
jedes Wetter recht wenn er nur an Bord und bei seinem Vater bleiben darf
Sie kommen auch einige Male nach Hamburg hinauf aber sie halten sich auf
Finkenwärder nicht lange auf Klaus Mewes vertröstet Gesa auf den Winter wenn
sie ihn bittet doch einige Tage zu Hause zu bleiben er muss fischen Und den
Jungen soll sie vor dem Herbst nicht wieder bekommen so lange bleibt er an
Bord Und mit der Nachttide wird gefahren damit sie wieder in die Fischerei
kommen und ihnen das Eis nicht wegschmelze
All ihr Bitten und Flehen nützt ihr nichts der Wind bläst in die Segel und
der Ewer zieht westwärts Zwar winken die beiden Seefischer vom Achterdeck aber
sie lachen doch dabei und freuen sich dass sie wieder einmal glücklich der
Gefahr entronnen sind getrennt zu werden
In der Kürze eines Seeamtspruches könnte ich nun auch berichten dass sie
einmal im Sturm mit genauer Not über das Watt gesegelt sind
Es ließe sich aber auch anders schreiben obzwar es unfinkenwärderisch wäre
denn kein Fischermann machte viel Worte um etwas das alle Tage vorkommen kann
Der alte Regenwind der Südwest war Baas auf der See Graue Wolken eine
noch grauer als die andre trieb er über den Heben
Klaus Mewes und sein Junge die die Wache hatten steckten unter den
Südwestern tief im Ölzeug und ließ den Regen auf sich niederströmen Sie
fischten beim Weserfeuerschiff auf 22 Faden Der Ewer arbeitete stark in der
schweren Dünung und schlug trotzig und gereizt mit den leckenden Segeln gegen
die Wolken Mehr und mehr frischte der Wind auf die Seen krönten sich mit
Schaum und das Wetterglas fiel tiefer und tiefer
Klaus beschloss deshalb den Streek den letzten zu taufen und treiben zu
lassen
»Intehn intehn« sang Störtebeker und Kap Horn und Hein Mück kletterten
aus ihren Kojen und kamen an Deck Sie zogen ein und freuten sich als sie den
Steert an Deck hatten denn es wurde immer windiger und der Ewer stampfte und
rollte stärker als zuvor nun ihm der Halt des schweren Netzes mangelte
Schollen Zungen und Steinbutt meist kleines Zeug klatschten auf das Deck
Störtebeker und Hein Mück zogen die Fock auf und machten sich mit dem Knecht
über die Fische her Klaus aber nahm das Ruder und steuerte Als keinerlei
Aussicht war dass das Wetter sich so bald ändere dachte er hinter Wangeroog zu
flüchten dann aber besann er sich und hielt nach der Elbe hinüber um zwischen
den Baken bessere Gelegenheit zu erklüsen
Gischt und Regen waren die Fahrtgenossen des Ewers der vor dem mächtigen
Druck der Segel durch das hohle Wasser schäumte wie ein Dampfer und manchen
Spritzer überkriegte
Die paar Petermännchen Knurrhähne Rotzungen Rochen Kleisse Steinbutte
Taschen und Zungen waren bald verarbeitet Dann spülten sie das Deck rein Hein
ging in die Kombüse um Klösse zu braten und Kaffee zu brauen Kap Horn aber
blieb oben sah Luken und Boot genau nach und packte alles in den Raum und die
Plicht was drift gehen konnte denn es wollte schon dämmern und niemand konnte
wissen was die Nacht noch brächte
Die Elbe war weit weg
Sie konnten keine halbe Meile weit sehen so diesig und unsichtig war die
Luft Der Wind wehte flagiger und stossweiser als vorher und lief raumer Sie
segelten schon platt vor dem Laken und die hohen Wogen liefen ihnen nach wie
geifernde hungrige Wölfe eine große Gefahr für Boot und Segel Aber der
Laertes der kühne Schwimmer hielt kraftvoll den Kopf oben und ließ sich weder
begraben noch aus dem Kurs werfen Störtebeker stand geruhig bei seinem Vater
ohne Bangigkeit und half das Neuwerker Feuer suchen Wenn die Luft nicht so
dick gewesen wäre hätten sie es längst in Sicht haben müssen
Da weist Klaus Mewes nach Norden wo urplötzlich eine blauschwarze
Wolkenwand wie ein gewaltiges Gebirge aus der See steigt Mit unheimlicher
Schnelligkeit fährt sie in die Höhe und verbreitet sich mit unfasslicher Macht
über den griesen Heben Wetterleuchten grelle Blitze und dumpfe Donnerschläge
sind das nächste
»Nu gift wat« ruft Kap Horn
»Gläuf ik ok« antwortet Klaus Mewes »goh no binnen Störtebeker«
»Worüm Vadder Ik bün ne bang lot mi man hier blieben«
»Ne du muss dol Klaus du speulst uns ober Burd Goh gau no nerden un lot
Hein de Kapp toschuben un bliewt beid inne Koi bit wi jo wedder ropt«
Störtebeker sieht seinen Vater an dann sagt er »Jo Vadder« und geht nach
unten denn er weiß dass man dem Schiffer gehorchen muss und wenn mans auch
zehnmal besser wüsste
»Bang bün ik ober keen beten Vadder« ruft er noch vom Grossmast dann
verschwindet er und verklart Hein Mück die Sache der aber ruhig weiter brät und
meint es würde jawohl nicht so schlimm werden
Die beiden Fahrensleute oben erwarten den Sturm Zu sprechen brauchen sie
darüber nicht denn sie fahren lange genug zur See um zu wissen was die große
Wolke zu bedeuten hat Kap Horns Züge sind wie aus Holz geschnitten des
Schiffers Gesicht aber ist wie aus Erz gegossen niemand sähe es beiden an dass
sie so fröhliche Menschen sind und so gern lachen
Sie wissen was geschehen wird dennoch haben sie ein so jähes Umlaufen ein
so blitzschnelles Umspringen des Windes noch nicht erlebt und einen so
furchtbaren Wirrwarr des Wassers auch noch nicht Der Südwest hat ausgeweht mit
einer schweren Hagelflage in den Armen fegt ein eisiger Nordwest heran trommelt
und pfeift auf der See und wirft sich mit Ungestüm auf den Ewer Unmittelbar
darauf springt der Wind wieder um Nord Und noch kein Besinnen abermals dreht
er sich Nordost Nordoststurm Nun wahr dich Ewer nun wehr dich Klaus Mewes
Die See die See
Wie gischt und schäumt sie Sie kocht
Wie ein Amokläufer geht der Nordost die Sache an Er fasst die schweren
langsamen Seen des Südwestes beim Schopf und dreht sie geradezu um Furchtbar
bearbeitet er sie mit seinen Fäusten dass sie wild durcheinander laufen
Dat ward een beuse Nacht for mannig lütt Schipp dat noch buten is will Kap
Horn noch sagen aber er kommt nicht mehr dazu denn der Ewer ist mitten in
diesen Sturm und Aufruhr hineingeraten Wie wild kommt der Sturm über den
kleinen Fischerewer Erst springt er ihn an wie der Löwe ein Schaf als wolle
er ihn gleich beim ersten Anlauf kopfheister werfen Als ihm das nicht gelingt
legt er sich so hart auf die Segel dass sie den Ewer platt aufs Wasser drücken
und er zittert und bebt als könne er sich nicht wieder aufrichten Zu der
Kajüte purzelt Hein gegen den Ofen und Störtebeker gegen die Dielentür an Deck
aber klammern Schiffer und Knecht sich an die Wanten an um nicht über Bord zu
spülen Dann geht Klaus dem Raubtier zu Leibe das ihn überfallen hat »Fock
dol« gellt seine Stimme durch den Lärm Kap Horn turnt nach vorn und reißt sie
herunter »Seil dol« schrillt es Der Schiffer kettet das Ruder an und stürzt
nach den Fallen
Rumms Rumms Dröhnend wirft der Sturm den Giekbaum gegen das Boot und
zerschlägt diesem Duchten und Dollbaum er hebt ihn wieder und rammt
fürchterlich auf das Deck Kap Horn wäre getroffen und getötet worden wenn
Klaus ihn nicht beiseite gerissen hätte Wieder ein harter Windstoß da ein
scharfer Knall über dem zweiten Reff ist ein großes Loch in da Grosssegel
gerissen Gau gau Klaus Mewes oder dat ganze Seil geiht innen Dutt
Schon meinen sie es geborgen zu haben da greift das wilde Tier noch einmal
danach zwängt sich mit aller Gewalt hinein und schwenkt es als seine Fahne
dann aber gelingt es ihnen es niederzuholen Wütend heult der geprellte Sturm
durch die Wanten an denen es nichts zu beißen gibt dann aber gewahrt er das
Achtersegel das noch steht er macht einen krummen Buckel und in Fetzen
zerrissen fliegt die dunkle Besan in die Winde Zwar ist der Ewer wieder
aufgestanden aber er ist jetzt ohne Segel und gehorcht nicht mehr dem Ruder Er
ist ein Spielball der brüllenden Seen
Vor Topp und Takel lenzend dümpelt und scheistert er in der wilden Dünung
und die hohen Seen rollen über ihn hinweg
»Dor is een Licht« ruft Kap Horn und weist über den Steven Klaus blickt
nach der bezeichneten Richtung und sieht ein Licht auf der See hell und
tröstend Ein unerschrockener unauslöschlicher Weiser reißt dort das
Elbfeuerschiff an seinen Ketten Aber in welchem Kompass Klaus peilt und als er
»Nordost« ruft da schüttelt der alte Matrose ernst den Kopf und sieht ihn an
denn ein Ankreuzen gegen den schweren Sturm ist mit dem Loch im Grosssegel und
ohne die Besan ein Ding der Unmöglichkeit Die Elbe ist nicht zu erreichen
Den Ewer treiben lassen geht aber auch nicht an denn sie haben keinen
Platz die gefährlichen Sandbänke der Westertill sind in bedrohlicher Nähe und
der Sturm muss sie gerade dahin werfen wenn sie noch lange zögern
Es hilft nichts sie dürfen es nicht mehr mit ansehen sie müssen handeln
Zurück müssen sie zurück nach der Weser
Wo ist dein Lachen geblieben Klaus Mewes Warum singst du nicht der du
doch sonst im Sturm gesungen hast Denkst du du deines Jungen Der sitzt warm im
Bauch des Ewers und lacht aus der Koje So geiht he god und obgleich Hein
Mück ihn stören will und sagt es sei nichts Genaues bleibt er fröhlich und
lacht sorglos »Vadder is jo boben«
An Deck ist das Halsen glücklich gelungen Gezogen von der halb aufgeholten
angebundenen Fock und dem als Sturmsegel gesetzten Klüver am Grossmast geschoben
von den immer gröber und ochsiger werdenden Seen wühlt der Ewer sich durch das
kappelige Wasser
Südwest liegt an
Es ist eine böse Gelegenheit denn Hagelschauer und Regenflagen benehmen
alle Sicht So weit sie sehen können ist kein Licht zu erblicken sie sind
allein auf der See Ihr Zeug ist durchnässt denn die Seen laufen über den
Setzbord wie sie wollen
Die Frau am Deich In Klaus Mewes ist alles aufgestanden nichts schläft
oder träumt in ihm alles wacht Wie der Deich bei der Sturmflut schwarz ist von
Menschen so hat er seine Gedanken auf dem Haufen taghell sind alle Stuben und
Kammern beleuchtet und über die Treppen eilen die aufgejagten Diener
Die Seen werden hohler und hohler und donnerartiger klingt ihr Lärm wie
aus der Tiefe gequollen Klaus will ihm erst nicht glauben bis er sich dermaßen
verstärkt dass er es muss
»Lot ut« ruft er dann jäh und reißt das Blei aus dem Nachtaus Der Knecht
peilt die Tiefe
»Fief Fohm«
»Denn sünd wi uppe Grünnen«
Fünf Faden Wasser nur Wie weit sind sie abgetrieben Sie sind in leeger
Wall Bis jetzt ist alles Spiel gewesen verglichen mit dem Ernst der nun
kommt
Klaus Mewes fühlt sich von kalten eisernen Fäusten gepackt die ihn
erdrosseln wollen Gefahr gurgelt das Wasser Gefahr braust der Sturm Gefahr
schreit der Ewer »Nu geiht op Leben un Dod« ruft der Knecht
Klaus aber verkettet das Ruder und gröhlt »Seil upsetten« denn er will
sich nicht geben Mit großer Mühe setzten sie das Sturmsegel am Besansmast
binden das dritte Reff an und ziehen das Grosssegel halb auf und geben der Fock
etwas mehr Bott Der ringende Ewer luvt auf und legt sich dwars in die schweren
Seen Argewaltig wird der Kampf mit Wind und Wasser verzweifelt wehrt der
kleine Menschenewer sich gegen die beiden Großen die ihn tot machen wollen Mit
unbeschreiblicher Wildheit und Wut branden die Seen ununterbrochen über den
Setzbord dass das Deck ein Wasser ist die Segel wie Dachrinnen lecken und die
Spritzer bis zum Flögel fliegen Wenn eine der großen Unsulten von Sturzseen
gigantisch und eisern heranwuchtet duckt der Ewer sich wie ein Bulle und nimmt
sie von Steuerbord über richtet sich hoch und steil auf und schüttelt sie nach
Backbord ab Dann duckt er sich wieder ein Wal im Kampf mit Schwertfischen die
von allen Seiten auf ihn eindringen Wehr dich Ewer
Kap Horn halt aus Denk an die Stürme im südlichen Atlantik an den düstern
Felsen nach dem du genannt bist und lass die Kette nicht los Steh fest auf dem
glatten Deck lass dich nicht über Bord spülen Denk an die vielen Hochzeiten zu
denen du noch mit deiner Harmonika aufspielen sollst
Klaus Mewes du Leu von Finkenwärder der du immer in der ersten Reihe
gestanden hast muss ich dich aufrufen Nein das braucht es nicht da steht er
am Ruder im zerrissenen Ölrock nass wie ein Kater knietief im Wasser und wankt
und weicht nicht er hält den Ewer er hält ihn Damit er nicht über Bord
schöle hat er sich mit einem Tauende festgebunden So steht er da ein ganzer
Seemann ernst und wachsam und späht durch Nacht und Regen nach Land und
Feuern
Zeit gibt es nicht mehr es gibt nur noch Sturm Wer will wissen ob es
Minuten oder Stunden sind die sie durchleben bis an Steuerbord ein Licht
erscheint »Rodensand« ruft der Knecht aber der Schiffer schüttelt ungläubig
den Kopf Da taucht neben dem hellen Licht ein schwächeres auf und er muss
glauben was er erst nicht glauben wollteweil er sich nicht denken konnte dass
sie so weit abgetrieben sein könnten das Licht voraus ist das Feuerschiff
Bremen Sie müssen hoch auf den Gründen sein
Hastig knotete er sich los und wirft das Lot Er wirft es zum zweiten Mal
denn es kann ja nicht sein die Leine muss gehakt sein Aber es bleiben drei
Faden
»Dree Fohm Dree Fohm Dree Fohm« ruft er durch den Sturm »Hest hürt Kap
Horn« gröhlt er als er keine Antwort bekommt
In diesem Augenblick schiebt Störtebeker dem die Zeit zu lang wird die
Kapp auf um auszugucken da schlägt ihm die See dermaßen ins Gesicht dass er
das Gleichgewicht verliert und holterdipolter die Treppe hinuntersaust Er
krabbelt sich aber gleich wieder auf schiebt die Kapp zu und sagt zu Hein der
ihn ungeachtet seiner Bangigkeit auslacht »Junge dat do ik ne wedder Hein
Wat hebb ik een kreegen Meist as wenn Vadder mi een fixen Backs geef«
Kap Horn schweigt noch immer
Er denkt nach Soll so nun seine letzte Reise aussehen Soll das die letzte
Fahrt sein Soll der Tod der ihn auf den Weltmeeren nicht fassen konnte ihn
nun hier im Wattenwinkel im seichten Priel erwischen Es kann so sein und wenn
es so sein soll dann ist es auch gut denn es bleibt ja immer ein Seemannstod
Die heilige unerschütterliche Ruhe des Todgeweihten kommt in sein Herz Der
alte Janmaat will und kann sich nicht klein machen Er kann sterben ob Klaus
es auch kann Er sieht ihn an
»Dree Fohm bloß noch«
Klaus Mewes guckt in die Kirche von Finkenwärder hinein er sieht wie die
Köpfe sich tiefer auf die gefalteten Hände senken er hört wie Bodemann sagt
dass Fürbitte zu tun sei für drei Brüder die seit zwei Wochen vermisst würden
Und sein schönes Haus sieht er die bunte Haustür und die Bank unter den Linden
die Bank aber ist leer und die blanken Fenster in denen sich sonst die Elbe
von Nienstedten bis Schulau spiegelte sind dicht verhängt Und die Tür ist zu
der Hahn und die Hühner stehen unruhig davor und warten vergeblich auf ihr
Futter
Das ist ein Augenblick dann verweht der Sturm es Schiffsrat Aber was ist
da zu sagen Nichts denn was mit ihnen los ist weiß der eine wie der andre
vor ihnen ist der gefährliche Brand der Tegeler Plate sind die Brecher die
Sturzseen Dahinein und hindurch müssen sie sonst bleibt ihnen nichts zu tun
als abzudrehen und zu versuchen den Ewer so hoch wie möglich auf das Watt zu
setzen Kommen sie behalten durch die Brandung so ist Schiff und Mannschaft
geborgen raken sie Grund ist alles verloren Flüchten sie wattenauf so geht
der Ewer in Stücke aber sie können sich wahrscheinlich im Boot retten
Wahrscheinlich denn eins ist so gefährlich wie das andre
Kap Horn sieht starr nach Lee wo die Feuer des Ewersandes auf den Watten
stehen müssen als wenn er damit sagen will stranden und landen
Klaus Mewes aber will seinen Ewer nicht verlassen Er fühlt das Zittern und
Beben des treuen Fahrzeuges und ist entschlossen sich durchzuschlagen »Nu hol
di fast Kap Horn« ruft er gell
Und hinein in die Brecher geht es Händereibend steht der Tod neben ihm auf
dem Achterdeck und jauchzt »Nu krieg ik di Klaus Mees nu krieg ik di« Aber
der Schiffer hält das Ruder fest und lässt sich nicht erschüttern Vor ihm tobt
der Hexenkessel der Tegeler Plate er hält darauf zu Grauenhaft schallt ihm das
Donnern und Zischen der Grundseen entgegen die sich wild überschlagen er
verzieht keine Miene
Gott im Heben da stürzt die erste große See wie ein wildes Tier auf das
Deck und rollt über den Ewer weg zertrümmert das Backbordschwert reißt das
Boot los und wirft es quer gegen die Winsch wo es in der Klemme sitzen bleibt
Kap Horn stürzt auf die Luken Das Nachtaus ist weg sie sind ohne Kompass Ein
Glück dass sie Seemann vorher in die Kapp gestopft haben
Klaus Mewes steht noch Der Knecht springt auf und der Ewer klüst weiter
»Fastolen«
Das ist eine menschliche Stimme so schrill sie auch klingt Die zweite
Riesensee stößt wie ein Felsen gegen den Ewer und ergießt sich über das Deck
sie schlägt in die Segel dass das Fahrzeug sich auf die Seite legt und umkippen
will und die Fahrensleute bringt sie zum Schwimmen Aber sie lassen ihren Halt
nicht los und weil nicht gleich eine See hinterher kommt und den Rest gibt
vermag der Ewer sich noch wieder aufzurichten
Abermals fegt es heran steigt plötzlich steil auf und schlägt furchtbar auf
das Deck nieder dass die Luken verlorengehen und der Ewer sich halb mit Wasser
füllt Da beginnen die Lohnen auf der Diele zu treiben und Störtebeker und Hein
Mück waten aus der Kajüte und klettern oben auf die Treppe um sofort hinaus zu
können wenn etwas passieren sollte Fest klammern sie sich an damit sie nicht
hinunterfliegen »Junge wat snuft dat langs« ruft Störtebeker »ober bang bün
ik dorbi doch keen beten«
An Pumpen ist nicht zu denken sie müssen sich festhalten Sie müssen durch
Durch müssen sie Sie sind mitten in der Brandung schlimmer kann es nicht
werden Wenn nur die Segel nicht bersten wenn nur das Ruder hält
Wieder ein Brecher
Auf der Reede von Blexen dem oldenburgischen Weserdorf das dwars von
Bremerhaven liegt ließ sie gegen Morgen den Anker fallen peilten die Pumpen
das Gröbste heraus und krochen dann todmüde in ihre Kojen
Es war an einem Sonntag Die Glocken von Blexen von Nordenham von
Geestendorf und von Bremerhaven klangen über die Weser aber auf dem Fischerewer
rührte sich nichts alles an Bord schlief
Erst am Nachmittag zeigte sich wieder Leben an Deck die Seefischer
erschienen einer nach dem andern und überholten das haverierte Schiff das
schwer gelitten hatte Sie pumpten es leer und freuten sich als sie
feststellten dass es kein Wasser machte Seemann beschnupperte den kahlen
Besansmast und suchte das Nachtaus und sein Handschuhlager Klaus und Kap Horn
gingen gleich dabei das Grosssegel zu nähen und einen Flicken darauf zu setzen
damit sie ohne Schlepper in die Geeste gelangen konnten
Von Bremerhaven ließ Klaus drahten und den andern Tag erschien der
Obervorsteher Peter Fick von Finkenwärder und schätzte den Schaden ab Dann
kamen Zimmerbaas und Segelmacher Reepschläger und Optiker zu gutem Verdienst
der Ewer aber musste ganze acht Tage untätig an der Kaje liegen
Endlich waren sie so weit dass sie wieder in See gehen konnten
»Sall he wedder mit« fragte Kap Horn mit einem Male und blickte nach
Störtebeker der mit Seemann zwischen den weißen Eisschuppen tollte Klaus Mewes
sah seinen Knecht verwundert an
»Worüm denn ne« fragte er
»Och nix ik meen man bloß« lenkte der Janmaat ab der Schiffer aber sah
ihn schief an und sagte »Up wat för Gedanken du ok doch kommen kannst Hett mol
een beten weiht denn schall woll gliek allens kodimmt wardn wat«
»Ik heff jo doch gor nix seggt« beschwichtigte der alte Jantje ihn
sanftmütig und verschwand in der Kajüte
Klaus stand still und sah ihm nach ein Wind ging durch seine Seele und wie
ein Bluelight wie ein Notfeuer zuckte es vor ihm auf hatte das Schicksal ihn
warnen wollen als es ihn über das Watt jagte sollte er den Jungen abmustern
und seiner Mutter zurückschicken die so sehnlich nach ihm verlangte
Ach was Weibergedanken Der Junge blieb an Bord und damit gut
»Störtebeker«
»Wat schall ik Vadder Seemann nu stopp rittst mi jo de ganze Büx twei«
»Wullt noch wedder mit no See«
»Gewiss Vadder«
Das klang so selbstverständlich dass Klaus Mewes nicht weiter fragte Er
nahm ihn mit nach dem Fischerhaus hinauf um noch etwas Proviant zu kaufen
Im Fischerhaus zu Geestemünde hing ein schlichter Briefkasten an der Wand
unter dem Bilde eines Lloyddampfers und neben dem Sammelschifflein der Deutschen
Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger Es war nichts Besonderes daran und
doch konnte ich ihn nicht ohne die sonderbarsten Gedanken putzen denn in ihm
steckten die Briefe für die Fahrensleute für die Schiffer für die Matrosen
Nach schweren Stürmen wie füllte er sich dann mit Briefen der Frauen der
Mütter der Bräute Wie mancher Seemann trat an den Kasten schloss ihn auf und
blätterte den Haufen durch blätterte auch wohl ein zweites Mal Fand er einen
Brief wie glänzten dann seine Augen Mit verhaltener Stimme der die Freude
anzuhören war bestellte er einen Bittern und setzte sich mit dem Schatz in den
Winkel um zu lesen Oder er lief spornstreichs nach der Geeste hinunter Fand
einer nichts so schloss er leise den Briefkasten Ein andrer schlug ihn knallend
zu
Nun stand Klaus Mewes mit seinem Jungen davor und blätterte die Briefe
durch
»Peter Jonas De fohrt ne no de Wesser Richard Grube De Knecht is all
lang afmunstert Hein Fock Hest all Heimweh no dien vergneugten Hein
Geeschen Willem Mees« er machte eine lange Pause denn Willem Mewes
war geblieben »Paul Külper De ligt jo blangen uns den Breef bring em man
eben gau dol Störtebeker« Der Junge war bereit Briefträger zu spielen
und lief eilends nach der Geeste hinunter »Jan Sass De is no de Ilw den
Breef harrst di sporn kunnt Trino Hinnik Loop De kummt woll noch
Kassen Husteen Hinnik Wrie Hein Külln Haanrich Kinau Seefischer Klaus
Mewes HF 125 dat bün ik sülben August geef mi mol een lüten Angostura«
Er verschloss den Kasten und setzte sich mit seinem Brief an den Tisch Die
Reihen waren stellenweise verkleckst ein Zeichen dass Gesa beim Schreiben
geweint hatte
Sie schrieb warum sie denn immer nach der Weser segelten und nicht einmal
nach Hause kämen Sie komme sich vor wie eine Witfrau so einsam und verlassen
sei sie und habe Tag und Nacht keine Ruhe Klaus Mewes fühlte wie es ihm im
Halse aufstieg und bekam den Husten »Dor is oberen barg baschen Peper twüschen
August Den mokst du woll sülben wat« sagte er laut und hielt das Glas
misstrauisch gegen das Licht Dann las er weiter Ob sie noch gesund wären ob
den Jungen gar nicht nach Hause verlange Er möchte doch sofort antworten Am
Deich erzählten sie so viel von ihnen Was es mit der Havarei gewesen wäre Sie
sagten dass sie schon in London gewesen wären und immer mitten unter den
Englischen fischten das möchte er doch ja lassen denn das wären böse Briten
die könnten einen totschlagen hätte der alte Gerd Eitzen gesagt Hein Mücks
Mutter sei bei ihr gewesen und habe gejammert dass der Junge gar nichts von sich
hören lasse wenn er nur nicht über Bord gekommen sei habe sie gemeint
Dann kamen wieder Klagen über das lange Ausbleiben Klaus Mewes wurde es
weich ums Herz er holte sich Black und Posensteel das heißt Tinte und Feder
um Gesa einen langen Trostbrief zu schreiben Als er aber die Feder eintunkte
wusste er wieder nicht die Worte zu finden und es wurde wieder einer der
berühmten kurzen Briefe daraus in denen eigentlich nur stand »Liebe Frau es
grüßt dich dein Mann«
Als er den Brief zugebackt und durch einen Schlag mit der Faust glattgemacht
hatte ging er aber doch mit dem Bewusstsein einer guten Tat nach dem Ewer
zurück mit den Mehltüten unter dem Arm rief Störtebeker der auf einem
Eiswagen saß und an einem getrockneten Petermantje kaute und setzte die Segel
auf
Hein Mück bekam zwischen Grosssegel und Besan seinen Segen
»Segg mol Hein schriffst du denn keeneenmol no Hus Dien gode Moder weet
gornix van di af wat is dat eegentlich«
»Och dat ole Schrieben keen hett dor Lust to« sagte der Koch leichthin
aber damit bekam er den ganzen Ewer gegen sich sogar Seemann bellte ihn aus
und sie ruhten nicht eher bis er in die Kapp stieg und schnell einige Zeilen
schrieb die Störtebeker dann noch zwischen dem Losmachen der Taue nach dem
Fischerhaus trug
Die Weserfahrerei war aber noch nicht beendet denn Klaus Mewes mochte sich
kein Geld von Gesa schicken lassen um sie nicht unruhig zu machen Er hatte
deshalb die große Haverei noch nicht ganz bezahlen können Und weil es ihm ein
Greuel war Schulden zu haben wie es ihm ein Greuel war geflickte Segel am
Mast oder geflickte Hosen am Leibe zu haben so segelte er weiter nach der Weser
und trug die Rechnungen ab Auch war ihm bange dass Gesa den Jungen
zurückverlangte
Einmal lagen sie im Alten Hafen zu Bremerhaven vor der Fischauktionshalle
da machten Kap Horn und Störtebeker eine schöne Reise sie gingen zu Fuß nach
dem Neuen Hafen Dort lag hinter den weißen Lloyddampfern und den englischen
Baumwollkasten ein großes Segelschiff und das war Kap Horns alte Bark
»Elisabet« auf der er lange Jahre gefahren hatte
Piekfein hatte der alte Jantje sich gemacht als er mit dem Jungen an Bord
ging um seinen alten Käppen zu begrüßen Unter dem Arm trug er einen Beutel
voll Fische mit denen er ihn erfreuen wollte denn er hing noch immer an dem
Ollen an sien Vadder
Als sie am Fallreep standen erstaunte Störtebeker sehr über die himmelhohen
Masten und über die mächtigen Rahen denn so nahe hatte er ein großes Schiff
noch nicht gesehen am meisten aber musste er sich über die vielen Taue wundern
aus denen er gar nicht klug werden konnte Dann betraten sie den hohen grauen
Windjammer Der Alte war an Bord und freute sich über seinen alten Vollmatrosen
Obgleich der eigentlich vor den Mast gehörte nahm er ihn doch sogleich mit nach
dem geheiligten Achterdeck Und sie kamen in ein langes Schimannsgarn von alten
und neuen Zeiten von alten und neuen Schiffen von alten und jungen Seeleuten
Störtebeker lehnte erst etwas benommen von dem ungeheuer langen Deck an
der Reling und hörte mit fremden Augen zu dann aber untersuchte er das Schiff
genauer maß und klopfte befühlte und besah Er ließ sich von dem Koch einem
vergnügten Dicken ins Verhör nehmen und lauerte sich einen Löffel Labskaus weg
dann aber getraute er sich nach dem Vorderdeck und peilte das Logis Auf der
Back saßen die Matrosen die keine Landwache genommen hatten und klönten Einer
spielte leise auf einer Mundharmonika und machte große Augen Über dem Vortopp
aber stand der gelbe Mond und spiegelte sich auf dem blanken Wasser des Hafens
und jenseits des Weserdeiches blinkten die Leuchtfeuer Schweigend lagen die
Dampfer in langen Reihen Alle Arbeit schwieg Einzelne Matrosen gingen auf der
Kaje vorbei um die Stadt und ihre Freuden aufzusuchen
Störtebeker sah alles mit an und machte sich mancherlei Gedanken darüber
wenn auch das meiste noch durch seinen Kopf ging wie ein Traum So blicken wir
wenn wir Menschen durch unsern Garten kommen sehen die wir noch nicht kennen
wer sind sie und was wollen sie von uns bringen sie Gutes oder Schlechtes
oder haben sie sich vielleicht nur in der Hausnummer versehen
Erst guckten die Janmaaten nur wenig auf als der Junge unter der Fockrah
stand als sie aber hörten dass er Klaus Störtebeker hieß und ein kleiner
Fischermann ein Schollengreifer war wurden sie lebendig nahmen ihn in ihre
Mitte und fragten ihn aus Sie lachten über sein Finkenwärder Fischerplatt und
versuchten es nachzuahmen sie zogen seine Seefestigkeit in Zweifel und
verglichen den Fischerewer spottend mit einem Backtrog der einen alten
Kartoffelsack als Segel und einen Besenstiel als Mast hätte aber Störtebeker
ließ sich nicht verblüffen mit springenden Augen verteidigte er den großen Ewer
und die große Seefischerei und sprach so klug und seemännisch von Fahrt und
Wind dass sie sich verwunderten und mehrmals vor Erstaunen die Hände
zusammenschlugen Er zeigte auch dass er von großen Schiffen etwas wusste und
nannte Rahen und Masten beim richtigen Namen er kannte Nocken und Pferde Back
und Poop nur mit den Tauen konnte er noch nicht fertig werden da war er
eigentlich nur der Wanten und Pardunen und Brassen ganz sicher
»Un wo is Backbord« fragte der Zimmermann ein Däne
»Dor frog dien Grossmudder man no« antwortete Störtebeker »mi kannst ne
förn Buern hebben«
Er blieb aber bei den Matrosen bis Kap Horn ihn von achtern aussang Der
Segelmacher der großes Gefallen an ihm gefunden hatte alle alten Seeleute
sind wunderlich tiefe Kinderfreunde schenkte ihm einen ausgestopften
fliegenden Fisch und sie entliessen den kleinen Seemann mit Adjüst und Good bye
Der Kapitän nahm ihn mit in seine Kajüte und wies ihm seine kleinen Schiffe
das große Haifischmaul und den aus Holz geschnitzten wunderlichen Götzen der
mit dem Kopf nickte wenn man ihn ansah Auch er freute sich über Störtebeker
und als der eine kleine nautische Prüfung mit Auszeichnung bestanden hatte
bekam er die Reichsprämie von dem Alten ein weissseidenes Halstuch das in
Tschifu gekauft war
»Nu gröt dien Vadder du lütte Seeröver« damit wurde Störtebeker zuletzt
entlassen und als er mit Kap Horn auf der Kaje ging standen die Matrosen auf
der Back und guckten ihm nach wie er hinter Eisenbahnwagen und Baumwollballen
im Dunkel der Nacht verschwand Und sie sprachen noch lange von ihm
Klaus Mewes aber bewunderte das Halstuch und den fliegenden Fisch und ließ
sich das große Belebnis erzählen während der Knecht mit blanken Augen auf der
Bank saß und noch ganz von seinem alten Schiff erfüllt war
Als der Kapitän der »Elisabet« den andern Tag etwas in der
BürgermeisterSmidtStraße zu besorgen hatte machte er einen Umweg und ging
über den Alten Hafen um die beiden Seefischer wiederzusehen und dem großen
Klaus Mewes von dem sein alter Matrose ihm so viel erzählt hatte einen
Godendag zu entbieten Aber der Ewer war schon in der Morgenfrühe nach See
gesegelt so dass Käppen Vinnen kein Glück damit hatte
Einmal hatten sie dicht beim ersten Feuerschiff eingezogen und waren dabei
den Fang zu sichten und die Fische zu kehlen
Störtebeker nahm die Knurrhähne aus die er besser halten konnte als die
glatten Schollen und die schleimigen Zungen Da sah er unter dem Tang und den
Seesternen einen besonders großen dicken Steinbutt spaddeln Er zog ihn heraus
und wies ihn herum »Kiek mol Vadder wat förn scheunen Steenbutt rein een
Stoot«
Er stand dicht am Setzbord und der Ewer holte in diesem Augenblick
plötzlich weit über da sackte er langsam nach hinten über und fiel über Bord
in die Seehinein
Mann über Bord
Klaus Mewes der wohlgefällig den Steinbutt betrachtet hatte erhob sich jäh
von dem Hummerkasten auf dem er saß warf Fisch und Messer hin stürzte nach
dem Achterdeck und sprang dem Jungen nach den er unter dem Wasser spaddeln sah
denn die See war sehr klar und man konnte beinahe Grund sehen Zu spät dachte er
daran dass er die schweren Stiefel hätte ausziehen sollen Sie waren ihm sehr
hinderlich er fasste den Jungen nicht und hatte Mühe wieder an die Oberfläche
zu kommen Wie Blei hing es an ihm
Da schwamm der Junge »Hol di Klaus fix roonen« »Jo Vadder« Bevor er
zum zweitenmal untertauchte war sein Vater bei ihm und griff ihm unter die
Arme »Lot den Butt doch los Junge« »Ne Vadder« Zum Glück sah Klaus Mewes
den Rettungsring treiben den Kap Horn über Bord geworfen hatte und es gelang
ihm ihn zu erfassen ehe seine Kräfte erlahmt waren
Mittlerweile hatten der Knecht und der Junge das Fahrzeug herumgekriegt und
kamen auf sie zu Klaus Mewes erfasste die Leine die ihm zugeworfen wurde und
nun war Holland nicht mehr in Not sie wurden an Bord gezogen und konnten sich
verpusten
Störtebeker hatte den Steinbutt noch in der Hand »Son scheunen Butt schull
ik wedder swümmen loten« sagte er vorwurfsvoll zu seinem Vater dann zog er das
nasse Zeug aus und hängte es an den Wanten auf damit die Sonne und der Wind es
trockneten
»Up See mütten Kummer gewinnt wardn« sagte er lachend zu Kap Horn der ihn
kopfschüttelnd betrachtete ging in die Koje suchte sich trocknes Zeug aus dem
Beutel und setzte sich geruhig wieder bei den Knurrhähnen hin als wenn nichts
geschehen wäre Was wars denn auch weiter er hatte bloß einmal über Bord
gelegen
Dreizehnter Stremel
Is de Sommer all her fragen die Frauen die einander begegnen denn ein
grieser nebeliger Tag liegt auf der Niederelbe die bei tauber Tide
schwerfällig ebbt Nach starken nächtlichen Regengüssen ist die Luft dick
geworden So diesig ist es dass die Sonne kaum einen Schatten werfen kann Wie
der Mond steht sie am Heben eine weiße Scheibe ohne Strahlen Den Daak vermag
sie nicht zu vertreiben
Im Fahrwasser besinnt alle Schiffahrt sich auf die kaiserliche Verordnung
und erhebt ihre warnende und sichernde Stimme um Zusammenstösse zu vermeiden
Die vor Anker liegenden Bagger läuten die Glocke die kreuzenden Segler blasen
auf dem Ochsenhorn und die Dampfer tuten und brummen ununterbrochen auf der
ganzen Strecke von Neumühlen bis Blankenese dass man meinen könnte mitten im
Hamburger Hafen zu sein Der Rauch der den Schornsteinen entquillt hat nicht
die Kraft sich zu erheben Müde sackt er auf das Wasser Alle Segel und Schiffe
haben etwas Formloses Gespenstisches
Wie Herbst ist der Tag
»Stuten Wö ok Stuten«
Metta Greuns die Stutenfrau die von dem schriftgelehrten Jan Stihr der
ein bisschen heilig ist nicht mit Unrecht die Finkenwärder Morgenpost genannt
wird kommt mit ihren mächtigen Kiepen den Deich entlang die fast größer sind
als sie und singt vor allen Türen
»Wullt ok Stuten Greta« Oder Meetj oder Ilsbeeken oder Trina oder wie die
Frau gerade heißt Zu verwundern ist es dass sie bei den vierhundert Häusern
die den Elbdeich krönen und die sie abzuklopfen hat niemals die Gesinen
Geeschen Sillen Oleitjen Trinken Angken Wieschen und Ginen miteinander
verwechselt
Nun hat sie den Ness erreicht setzt die Körbe hin und atmet auf
»Gesa wullt ok Stuten hebben« ruft sie ins Haus hinein Die Seefischerfrau
kommt heraus bietet ihr Guten Morgen und macht sich über die gelichteten Kiepen
her um sich ihre Rundstücke und Überschnitte auszusuchen wobei sie deren
Frische nach Frauenart durch Bekneifen ermittelt
Was für schöne Blumen die Gesa auch doch vor den Fenstern hat denkt die
Stutenfrau die sich zum Ausruhen auf die Bank unter den Lindenbäumen gesetzt
hat Sie will doch sehen dass sie von den dunkeln Blutstropfen einmal einen
Ableger bekomme Diesmal aber noch nicht denn sie hat etwas andres auf dem
Herzen Als sie mit dem lokalen Teil und den Nachbargebieten ins reine gekommen
ist fragt sie teilnehmend
»Diern is dat wohr mit dien Jungen«
Gesa schrickt zusammen von böser Ahnung befallen »Wat schall wohr wesen«
fragt sie hastig und wird weiß im Gesicht
»Weess du dor noch nix af«
»Ne wat schall ik weeten« stößt Gesa heraus »ik weet bloß wat he gesund
un munter an Burd is«
»Non non non denn ist jo man god mien Diern Wenn dut ne weiß denn ist
woll Snackeree vanne Lüd de snackt sik jo eendeel trecht Non denn ist jo man
god«
»Wat hebbt se denn doch woll bloß seggt Metta«
»Och denn lot dat man Harr ik dat weeten denn harr ik di gor ne so
verjogt mien Diern Föftein Penn gifst du ut denn kriegst du jo noch wat
wedder Wat is dat ok doch dick van Dook vanmorgen«
Aber Gesa lässt sich nicht ablenken sie will wissen was erzählt worden ist
und lässt der Witfrau keine Ruhe bis sie es ihr sagt Am Deich ist erzählt
worden dass der kleine Klaus Störtebeker über Bord gekommen und in der See
ertrunken sei Klaus Mewes sei ihm noch nachgesprungen aber er habe ihn nicht
wiederkriegen können Wann es gewesen sein soll weiß sie nicht sie kann auch
nicht sagen welcher Seefischer es mitgebracht hat sie weiß nur dass es erzählt
worden ist
»Schree man ne gliek mien Diern« tröstet sie »is jo bloß Snackeree«
Aber Gesa hört nicht mehr weinend wankt sie in ihr Haus und bricht mit
einem lauten Aufschrei vor dem Herde zusammen Ein starkes Schluchzen
erschüttert sie und es dauert lange bis sie sich wieder erheben kann Dann
sitzt sie strömenden Gesichts am Tisch
Es ist gewiss es ist gewiss ruft es in ihr Klaus ist weg Das ist mehr als
bloßes Gespräch es ist wahr Sie hat keinen Jungen mehr wie sie es geträumt
hat Heftiger fließen ihre Tränen Nun weiß sie auch mit einem Male warum ihr
Mann nicht mehr nach der Elbe finden kann dieser grelle Blitz der in ihre
Seele gefallen ist hat das Dunkel erhellt das um seine Fahrt lag er kann ihr
ohne den Jungen nicht unter die Augen treten er mag nicht sagen dass er ihm
über Bord gespült ist Ob er nun auch noch lacht der lachende Seefischer der
so sehr an seinem Jungen gehangen hat Oder ob er ernst und still geworden ist
weil er seinen Störtebeker verloren hat
Gesa schluchzt wild auf Warum hat sie es zugegeben dass er mit zur See kam
Warum hat sie darein gewilligt Er war doch noch so klein und alles in ihr
schrie doch Es geht nicht gut Die Mutter die ihr Kind aufgibt gibt sich
selbst auf das hast du getan Gesa klagt ihre Seele sie an Nun hatte der
kleine Junge im bitteren Salzwasser ertrinken müssen und trieb ruhelos auf dem
Meeresgrunde zwischen den Muscheln und Steinen umher So lange Zeit neun Wochen
fast hatte sie ihn nicht mehr gesehen und nun sollte sie ihn gar nicht mehr zu
sehen bekommen Sie konnte ihm nicht einmal die Augen zudrücken und konnte ihm
keine Blumen auf sein Grab pflanzen
Riesengross liegt die Angst auf ihr sie vermag sich ihrer nicht zu erwehren
Stiller geworden geruhiger sagt sie sich hundertmal nein nein es ist nicht
wahr es kann nicht wahr sein es ist Gerede des Deiches Schnackerei der Leute
Der Junge fällt nicht über Bord und Klaus lässt ihn nicht ertrinken eher
ertrinkt er selbst mit Nein nein ihr kleiner Klaus lebt und lacht wie sein
großer Vater lebt und lacht und bei Wind und Sonnenschein fischen und segeln
sie auf See die beiden Fahrensleute
Aber die Angst geht nicht aus ihrer Seele keine Hoffnung kann sie verjagen
Sie öffnet die Kommodenschieblade und sucht die letzten Briefe von Bremerhaven
und Geestemünde heraus Zu jedem steht dass der Junge gesund und munter ist
und das sollte nicht wahr sein Ein Mann wie Klaus Mewes sollte lügen können
Gesa kann es nicht glauben und richtet sich an diesen Briefen wieder auf aber
wie eine Schlafwandlerin geht sie die Tage über Deich und Wurt wartet auf den
Briefträger und blickt über die Elbe Sie hat keinen Schlaf und keine Ruhe mehr
bis sie gewiss weiß dass ihr Junge lebt Sie hat so viel an ihm gutzumachen die
arme Mutter dass er wiederkäme Den Nachbarinnen weicht sie beharrlich aus
sie kann deren fragende Augen nicht ertragen und will nichts hören und nichts
sehen Morgens wenn die Sonne aufgeht ist sie voll Hoffnung aber nachts gibt
sie wieder alles verloren Ihre Augen sind von dem vielen Weinen geschwollen
und um ihren Mund hat sich eine Falte gegraben Wäre nicht das Viehzeug das
sein Futter und seine Wartung verlangte so hätte sie sich wohl eingeschlossen
und wäre tiefdenkern geworden
Den fünften Tag hielt sie einen Brief mit dem Geestemünder Stempel in der
Hand und riss ihn jäh auf dass Jan sie verwundert anguckte
Sie las dass Störtebeker gesund und munter wäre dann aber kamen die Zweifel
wieder über sie sie stöhnte auf und zerknüllte den Brief »Dat lügst du Klaus
Mees he is verdrunken« schrie ihre gemarterte Seele In der Nacht umbrauste
der Wind das Haus dass sie wenig Schlaf finden konnte und keine klaren Gedanken
zu fassen vermochte Ihre Seele war krank und wund und aus dem Rauschen der
Linden und Eschen klang ihr die klagende Stimme des Jungen
Als der Morgen dämmerte war sie entschlossen mit der Eisenbahn nach der
Weser zu fahren und sich Gewissheit zu verschaffen Sie musste Ruhe haben sie
konnte es nicht mehr aushalten Da zog sie ihr schwarzseidenes Kleid an und
machte sich reisefertig Als sie alles bereit hatte es gehörte sehr viel
dazu denn sie war erst wenig mit der Eisenbahn gefahren vertraute sie Haus
und Hof dem alten Jäger an der gar nicht wusste was los war und es auch nicht
herausbekommen konnte denn sie sagte nur dass sie etwas in der Stadt zu
besorgen habe und erst den andern Abend zurückkomme
Die Frauen die vor den Türen oder auf dem Deich standen erwiderten ihren
Gruß in etwas langgezogenem Ton der besagt na was hast du denn vor willst es
uns nicht erzählen Aber sie ging nicht darauf ein sondern machte dass sie
weiterkam denn das was Klaus Mewes ein Quell der Freude und Erquickung war
den Deich entlang zu gehen jeden anzuholen und vor allen Türen stehen zu
bleiben erschien ihr der Ortsfremden wie ein Spiessrutenlaufen mit
Hindernissen
Wenn sie vorbei war steckten die Frauen die Köpfe zusammen und sahen ihr
nach
»Se hett jo man bloß den eenen Jungen« hieß es dann
Bei der Post dachte sie daran ob es nicht besser wäre nach Geestemünde
schlagen zu lassen und ihre Ankunft zu melden Sie tat es aber nicht damit
Klaus nicht nach See ginge bevor sie da wäre Er sollte nicht wissen dass sie
unterwegs war Wenn sie ihn nicht mehr antraf konnte sie gewiss bei den andern
Ewern die Wahrheit erfahren
Der Klapperkasten »Kourier« paddelte langsam aber sicher aus dem Fleet und
setzte sie zu St Pauli ab Dort stieg sie in die Pferdebahn und fuhr nach dem
Hannoverschen Bahnhof den die Hamburger so gern den Pariser nannten
Der Bahnfahrt ungewohnt kam sie am späten Nachmittag müde und angegriffen
zu Geestendorf an und fragte sich nach der Geeste Sie erreichte auch den Deich
sah im Westen und Norden die breite Aussenweser und ging nach der Kaje hinunter
an der die Fischerewer in langer doppelter und dreifacher Reihe lagen denn der
Wind hatte viele von ihnen hergeweht Obgleich sie an weiter nichts dachte als
an ihren Jungen und weiter nichts suchte als HF 125 sah sie doch dass hier an
der Geeste eigentlich gar nichts Besonderes war da waren Eisschuppen und da
Werften hüben waren Holzstapel und drüben schmutzige graue Maschinenhäuser und
weiter nichts als höchstens noch Kohlenhaufen was Klaus wohl hatte dass er
immer so gern nach der Weser segelte wenn es weiter nichts war als diese graue
Ecke die sich mit dem grünen Deich doch nimmermehr vergleichen konnte
Sie las die Nummern der Ewer und suchte den Laertes Fragen mochte sie
nicht obgleich einige Jungen an Deck standen Da rief Jannis Sloo sie an der
mit einem Norderneier Schaluppenfischer sprach »Süh Gesa ok mol oberreist«
Sie gab keine Antwort sondern ging weiter »Klaus liggt dor wieder rup«
rief er ihr noch nach »Dor eben vörre Brügg de Flagg dor dat is he«
Die Flagge sie musste bitter und schmerzlich lächeln so wenig
Seefischerfrau war sie dass sie nicht einmal an das allgemein bekannte Zeichen
des Ewers gedacht hatte Ja da wehte die deutsche Flagge auf der Besan wehte
lustig und fröhlich wie sie immer geweht hatte aber ihr tat sie diesmal weh
weil Klaus sie nicht einmal halbstock gesetzt hatte
Es wollte schon schummerig werden als sie vor dem Ewer stand Tief
aufatmend hielt sie sich einen Augenblick am Pfahl fest In ihren Ohren sauste
es und ihr Herz klopfte schmerzhaft sollte sie nicht doch noch umkehren
In der Kajüte brannte schon Licht weil die Schienkapp aber halb von der
Fock bedeckt war konnte man von der Kaje aus niemand erkennen
Wie willenlos schlich Gesa sich auf den Ewer und stieg die Treppe hinunter
Dann stand sie auf der dunkeln Diele und blickte durch das rautenförmige
Türfenster in die erhellte Kajüte hinein
Da war der Tisch aufgeklappt und die dampfende Klütenpfanne stand darauf
auf einem Tauring und die Seefischer saßen im Kreise herum hatten die Gabeln
in den Händen und langten tüchtig zu Obenan saß Klaus Mewes groß und breit da
saß Kap Horn mit seinem Gelehrtengesicht und erzählte von der großen Hitze im
Roten Meer da saß Hein Mück mit einem Gesicht das besagteheissen sollte un
wenn du teinmol Kap Horn heest un vant Rode Meer snacken kannst dorüm büst un
bliwst du doch een Butenlanner för mi da saß der griese Seemann und
liebäugelte mit den gebratenen Klössen zwischen Seemann und Klaus Mewes aber saß
mit lachendem Gesicht der kleine Klaus Störtebeker und fragte in einemfort
dazwischen
Gesa stand regunglos im Dunkeln Es war ihr als hörte sie eine Stimme
hinter sich die sie lange nicht mehr vernommen hatte die ihrer Mutter auf der
Geest das ist ein Traum Gesa wenn du dich besinnst und die Augen aufmachst
dann stehst du nicht mehr auf der Ewerdiele und siehst kein Licht mehr dann ist
alles dunkel und du findest dich in deinem einsamen Bett am Deich wieder Sieh
deinen Jungen still an und halt ihn fest den Traum
Da rief Störtebeker »Dat is wat to dull mit di Hein Mück jedesmol mokst
du de Brotklüten to sult« Und er stand auf um aus dem Wasserfass auf der Diele
zu trinken Als er die Tür aufriß war es mit Gesas Kraft zu Ende
»Klaus mien Klaus« schrie sie auf und sank um
Schiffer und Frau waren allein in der Kajüte als Klaus Mewes seine Gesa
aufgehoben und in das Licht getragen hatte waren die andern einer nach dem
andern hinausgeschlichen um nicht zu stören
Hein Mück war nach dem Tingeltangel gegangen um sich etwas vorsingen zu
lassen Kap Horn und Störtebeker aber standen auf Deck und guckten nach dem
englischen Dampfer im Trockendock von Wenke an dem noch bei Licht eifrig
gearbeitet wurde Der Junge war schweigsam geworden er gab kaum noch Antwort
denn er ahnte dass es unten um ihn ging dass er von Bord sollte Der Knecht
fühlte es auch und machte sich Gedanken darüber
Es ging um Störtebeker
Zäh und leidenschaftlich rang die Mutter um ihr Kind mit krankhafter
Heftigkeit verlangte sie es zurück sie drohte und warnte bat und schmeichelte
weinte und schluchzte Ruhig und gelassen verteidigte Klaus Mewes seinen Jungen
und lachte ihrer Angriffe Er gab nicht so leicht etwas auf was er hatte und
hielt es meistens mit dem lübisschen Recht wat wi hebbt dat hebbt wi Und hier
stand er auf gutem Grund und Boden denn das Recht der Gesunden schien ihm höher
zu stehen als das der Kranken Aber Gesa ließ nicht nach die lang unterdrückte
und gehemmte Mutterliebe gab ihr Worte und Gedanken ein die ihn schließlich
doch aus seiner Ruhe brachten Und als er sich hinreißen ließ heftig zu werden
da verspielte er schließlich Er musste einwilligen dass der Junge mit nach Hause
reise Als er sein Wort gegeben hatte stand er auf und ging unruhig auf und ab
Er war uneins mit sich geworden und es rief beständig in ihm du steuerst
verkehrt Klaus Mewes du steuerst verkehrt Gib den Jungen nicht hin lass ihn
nicht von Bord der gehört zu dir und zu niemand anders Aber er hatte sein Wort
gegeben ihn vor dem Herbst abzumustern nicht einmal siebenmal hatte er es
versprochen und musste es endlich halten denn Gesa war gekommen und hatte die
Unruhe und den Herbst in sein Herz gebracht Sie wollte nicht ohne den Jungen
von Bord gehen und ging nicht ohne ihn von Bord
Ein schiefes verkehrtes Ende der schönen Sommerfahrt war dieser Beschluss
darüber kam er nicht hinweg Er hätte den Jungen selbst nach dem Ness bringen
müssen mit seinem Ewer darein hätte er sich vielleicht gefügt Noch einmal
machte er den Versuch Gesa zu bewegen an Bord zu bleiben und die eine Reise
die gewiss nach der Elbe gehen solle mitzumachen aber sie ging nicht darauf
ein Er musste Wort halten
Der schwerste Streek kam er musste es seinem Jungen sagen
Als er rief sagte Störtebeker hastig zu Kap Horn »Un ik goh ne mit un goh
ne mit« Dann trat er in den Lichtkreis
Klaus Mewes studierte das Wetterglas als er es ihm sagte
Störtebeker erwiderte kein Wort Er hatte das Gefühl als ob sein Vater ihn
schlüge und bei Schlägen sagte er nichts Seemann richtete sich an seinem Bein
auf als wenn er ihn trösten wolleer wurde es gar nicht gewahr Hätte seine
Mutter ihn in diesem Augenblick umarmt er hätte etwas Hässliches getan aber sie
war klug genug es nicht zu tun
Erst als er nachher draußen auf der Diele in der Segelkoje lag denn in
seines Vaters Koje war kein Platz mehr für ihn und bei Kap Horn wollte er nicht
schlafen löste sich der Bann und er wimmerte wie ein wundes Tier die ganze
Nacht weil sein Vater ihn nicht wieder mit nach See haben wollte Er glaubte
sie hörten ihn nicht aber sein Vater der auch nicht schlafen konnte hörte ihn
wohl und wenn er nicht gefürchtet hätte Gesa oder die Leute möchten es merken
so wäre er aufgestanden und zu seinem Jungen in die Koje gekrochen
In den Wanten brauste der Wind und schwerer Regen klatschte auf das Deck
Den andern Morgen half Störtebeker noch getreulich beim Pumpen während
seine Mutter schon seine Sachen einpackte die er mitaben sollte Sie hatte
gelernt wie die beiden genommen werden mussten und handelte danach
Klaus Mewes ging auf dem Achterdeck auf und ab und guckte den Heben an aber
ohne Teilnahme Er hätte lieber einen schweren Sturm auf der großen Fischerbank
ausgestanden als dass er nun seinen Jungen von Bord jagen musste wie einen
unbrauchbaren seekranken Koch Im Traum hatte er gesehen dass Störtebeker sich
im letzten Augenblick an den Wanten angeklammert hatte mit Gewalt hatte er ihm
die Hände lösen müssen dann war er unter die Winsch gekrochen zuletzt war er
sogar in den achtersten Mast geklettert und hatte gerufen Holst du mi dol
Vadder denn riet ik dien Flagg twei Da hatte der Wind stark aufgeheult und ihn
aufgeweckt
Störtebeker half beim Deckschrubben und sprach mit dem Knecht und dem
Jungen aber mit seinem Vater sprach er nicht Als sähe er ihn nicht so tat er
Da guckte Gesa aus der Kapp und rief »Kumm Klaus du muss di klor moken«
Sie war schon ganz angezogen dunkel wie das Schicksal selbst
Störtebeker tat als wenn er nichts gehört hätte »Dien Mudder hett di
ropen Klaus goh dol« sagte Klaus Mewes ernst
Da setzte der Junge die Pütze hin und sah ihn zum erstenmal wieder an
»Schall ik wirklich van Burd Vadder« fragte er mit heiserer Stimme
Klaus Mewes nickte ernst
Da ging der Junge schweigend in die Kajüte und ließ die Mutter mit ihm
machen was sie wollte Was sie ihm dabei erzählte vom Deich und seinen
Spielkameraden war ihm zuwider und er hörte deshalb auch kaum darauf
Schließlich nahm er an Deck Abschied von dem Ewer und von Hein und Kap Horn
»Hol di man fuchtig« sagte Hein ohne sich viel dabei zu denken Kap Horn aber
der tiefer sah und den Jammer des Jungen fühlte gab ihm die Hand und tröstete
»Nich bang wesen Klaus Störtebeker nich bang wesen Wi kriegt all nich unsen
Willen Annern Sommer kummst du wedder mit no See«
Störtebeker wandte sich ab als wenn er sagen wollte das glaubst du ja doch
selbst nicht
»Adjüst mien Seemann« sagte er und streichelte dem Hund das struppige
Fell
»De bringt di noch langs« rief Klaus Mewes der sich auch fertig gemacht
hatte um sie nach dem Bahnhof zu begleiten
Als sie den Deich erreicht hatten sah Störtebeker noch einmal verloren nach
der Geeste und suchte die Flagge aber er konnte sie nicht mehr sehen denn die
Eisschuppen hatten sich dazwischengedrängt Nur von der meeresbreiten grauen
Weser konnte er noch einen Streifen sehen
Er sagte aber nichts
Auf dem Bahnhof drängte Gesa zum Einsteigen obwohl noch Zeit genug
vorhanden war Sie suchte einen guten Fensterplatz in der Mitte des Zuges aus
und blickte mit ihrem Jungen aus dem Fenster Die Lokomotive pfiff und die
Wagen setzten sich langsam in Bewegung
»Adjüst mien Jung«
»Adjüst Vadder jüst Seemann«
Störtebeker blickte noch lange Zeit starr aus dem Fenster und winkte bis
Gesa ihn wortlos an sich zog Da löste es sich in ihm und er legte den Kopf auf
ihren Schoss und weinte bitterlich Da beide allein in dem Abteil waren sagte
sie nichts dagegen sondern strich ihm nur leise und weich über das sonnenhelle
Haar
Klaus Mewes aber ging langsam und in Gedanken nach seinem Ewer zurück
Seemann blieb manchmal fragend stehen denn es ging nicht den richtigen Weg
Erst als sie beim Petroleumhafen inmitten der hohen weißen Erdöltanks waren
merkte der Seefischer dass er sich verlaufen hatte und ging über die Geleise
zurück Wie in eine Totenkammer trat er in seine Kajüte und ließ sich müde auf
die Kojenbank fallen denn er hatte einen schweren Streek hinter sich
Was für einen sonderbaren Traum hast du gehabt Klaus Mewes sprach eine
Stimme in ihm dir träumte dass Gesa gekommen sei und den Jungen mitgenommen
hätte und du weißt doch ganz gut dass der kleine Klaus Störtebeker vor der
Weser über Bord gekommen und ertrunken ist sie haben es ja sogar schon am Deich
laut erzählt
Den Tag schmeckten ihm keine Arbeit und kein Essen denn der Junge fehlte
ihm dabei Überall guckten ihn die klaren lachenden blauen Augen an Ruhelos
ging er vom Deck in die Kajüte und wieder nach oben als ob er etwas verloren
hätte das er nicht wiederfinden könne Er war gänzlich aus dem Kurs gekommen
und hatte einen heißen Zorn auf sich dass er sich so hatte unterkriegen lassen
Dem alten getreuen Knecht erging es wenig besser auch er hatte die halben
Segel back gebrasst und konnte keine Fahrt machen Störtebeker fehlte vorn und
achtern Wieviel er von dem Jungen hielt fühlte er erst jetzt so recht
Mitunter sahen Schiffer und Knecht einander scheu an wie Leute die kein
gutes Gewissen hatten denn sie hatten ihren fröhlichen Maaten verraten und
verkauft wie die Kinder Israel ihren Bruder Josef und fühlten dass sie das
nicht wieder gutmachen könnten und dass der Junge es nicht verwinden noch
vergessen würde
Als das Wetter gegen Abend aufklärte setzten sie die Segel auf und gingen
hinaus um auf See Trost zu suchen
Vierzehnter Stremel
Der Deich war noch nicht eingesunken und die Elbe war noch nicht zugeschüttet
kein Graben war ausgetrocknet und keine Esche war umgeweht Kluss saß noch
struppig und vergnügt in seinem Hummerkasten und die Kaninchen musselten noch
in ihrem Stroh herum das ganze bunte Reich auf dem Ness war noch so wie es
vorher gewesen war aber der mit der Eisenbahn von der Weser zurückgekommen war
der war anders geworden der ging wie ein Fremder den Deich entlang und stand
wie im Traum unter den Linden Er fand sich nicht mehr in seinem kleinen
Herzogtum zurecht weil er es nicht wollte
Zu viel hatte er von der See und von der Schifffahrt gekostet Was galten
ihm noch die schmalen seichten Gräben der die ungeheure tiefe See gesehen
hatte Was galten ihm noch Blankenese und das Alteland der auf Helgoland und in
Bremen gewesen war Was sollte er noch mit den Gören spielen der einen ganzen
Sommer Seefischer gewesen war und einen großen Fischerewer allein gesteuert
hatte was sollte er mit ihnen durch den Schlick waten oder am Bollwerk
spaddeln der vom Steven hinabgesprungen war und mit seinem Vater in der See
geschwommen hatte
Wohl fütterte er sein Viehwerk wieder er fischte in den Gräben und streifte
in den Pütten umher aber er tat es nur um sich die Zeit zu vertreiben und
nicht weil es ihm Spaß machte Wenn er wenigstens seine Siebenmeilenstiefel
gehabt hätte die er an Bord zurückgelassen hatte und seinen grünen nordischen
Kahn der noch unter den Luken stand
Wie in einem Gefängnis verbrachte er seine Tage ging seiner Mutter weit aus
dem Wege und guckte viel nach dem Ewer aus denn wenn er seinem Vater auch gram
war so verlangte ihn doch schon wieder sehr nach ihm das Leben ohne seinen
Vater war überhaupt kein Leben mehr für ihn
Mit den andern Jungen konnte er sich nicht mehr stellen Nach und nach
erzürnte er sich mit allen dass zuletzt kaum noch einer mit ihm sprach und
keiner mehr nach dem Ness kam mit ihm loszugehen denn er sprach wie ein Großer
mit ihnen befahl noch mehr als früher konnte keinen Widerspruch mehr
vertragen namentlich nicht in Fischer und Wetterdingen »dat mütt ik as
Fohrnsmann doch woll beter weeten as du Kiekinnewilt« hieß es herrisch und
das ließ sie sich bald nicht mehr von ihm gefallen So war er die meiste Zeit
allein
Gesa ließ ihn in Ruhe Wenn sie sich auch innerlich quälte dass er ihr
selten ein gutes Wort gönnte und einen Bogen um sie machte so ließ sie sich
äußerlich doch nichts anmerken sondern wartete geduldig dass die Zeit die große
Wunde heile Sie vertraute fest darauf dass der Junge die See vergässe so wenig
kannte sie ihn
Nach zwölf Tagen schwenkte Störtebeker den Kieker vor Freude und rief ins
Haus »Vadder kummt up« Gesa lächelte und dachte ei Klaus Mewes ist dir die
Elbe nun mit einem Mal nicht mehr zu abgelegen Dann ging sie hinaus und fragte
wo der Ewer sei Störtebeker ließ sie durch das Glas gucken und wies ihr einen
dunkeln Punkt weit hinten zwischen Hahnöfer und Schweinesand Sie konnte kaum
erkennen dass es ein Fischerewer war aber er blieb dabei es wäre sein Vater
er kenne ihn ganz genau an den Segeln sie könne getrost Essen machen
Und Störtebeker behielt recht es war sein Vater der mit der Flut und dem
Westwind herankam und größer und größer wurde Die braunen Lappen wuchsen und
der grüne Steven hob sich höher aus dem Wasser Nun war auch die Nummer schon zu
lesen HF 125
Störtebeker blieb am Bollwerk stehen und sah ihm unverwandt entgegen Hätte
er seinen Kahn schon gehabt er wäre wieder hinausgewriggt und hätte das
Fahrzeug jubelnd umkreist
Da stand sein Vater am Ruder und Seemann lief eifrig hin und her sprang
über Schoten und Blöcke und tat als ob er der wichtigste Mann an Bord wäre Da
stand Kap Horn im Steven hinter dem Spill um auf den ersten Ruf des Schiffers
den Anker in die Tiefe donnern zu lassen und Hein Mück hatte schon Hand an das
Fockfall gelegt
»Höh Vadder«
So rief es über das Wasser und rief wieder und wieder »Höh Vadder Höh
Kap Horn Höh Hein Mück«
Junge da guckten die Fahrensleute rasch auf und als sie den Jungen
zwischen den Wicheln erkannt hatten da freuten sie sich über die Massen und
winkten und riefen Klaus Mewes hatte schon damit gerechnet dass der trotzige
Junge wegliefe wenn er wieder nach Hause käme und siech nicht um ihn bekümmere
und er hätte es ihm gar nicht einmal so sehr verdacht Wie freute er sich nun
dass Störtebeker gesund und fröhlich am Wasser stand und Ausguck hielt
»Gohn den Draggen Fock dol« scholl es dann über Deck und das Echo am
Bollwerk wiederholte laut und übermütig denn das Herz war ihm warm geworden
»Gohn den Draggen Fock dol« Da gewahrte auch Seemann seinen Kameraden den er
auf See so manches Mal vergeblich gesucht hatte wenn sein Herr fragte neem is
Störtebeker Seemann und er stellte sich mit den Vorderpfoten auf den
Schwertkopf und bellte grüßend während die Kette durch die Klüse rollte und der
Ewer schwoite
Rillend fiel die Fock dann bargen sie den großen Klüver nahmen das
Toppsegel weg warfen das Grosssegel dal und fierten die Besan herunter Die
Freude trieb die Fischer aber dem Jungen dauerte es dennoch viel zu lange er
konnte schon gar nicht mehr warten und ging ungeduldig zwischen den Bäumen hin
und her Endlich endlich waren die Segel zusammengebunden und das Boot konnte
über Bord gesetzt werden Es wurde aber auch Zeit denn Störtebeker konnte sich
nicht entsinnen dass es jemals so lange gedauert hätte War Kap Horn schon zu
alt für die Fahrt geworden oder woran konnte es sonst liegen Das ging ja
bannig sinnig
»Mien Kohn ne vergeten Vadder« rief er Klaus Mewes hob die Hand zum
Zeichen dass er verstanden hatte und es dauerte nicht lange da wiegte der
kleine grüne Kahn sich neben dem Boot auf der leichten Dünung die vom
Fahrwasser herüberwallte Dann nahm Hein die getrockneten Scharben von der Leine
und warf sie in eine Kiepe Kap Horn öffnete die Luken und stieg nach den
Eiskisten hinunter um einige Fische für den Deich einzupacken Klaus Mewes aber
kam mit seinem Reisekorb und einigen Beuteln in der rechten Hand und
Störtebekers Seestiefeln in der linken aus der Kapp und stieg ins Boot
Endlich kamen sie an Hein Mück wriggte wie es ihm als Jungen zukam
Seemann stand auf der vordersten Ducht als Lotse Klaus Mewes und Kap Horn saßen
im Mittel auf der Mastenducht und der Kahn schleppte an der Kette nach
Es wurde aber auch hohe Zeit denn Störtebeker hatte schon mehrmals seine
Hand ins Wasser gesteckt und wenn es noch länger gedauert hätte hätte er sich
nackt ausgezogen und wäre nach dem Ewer geschwommen
»Seemann Seemann biet mi doch ne de Nees af« lachte er nun und wehrte dem
Hunde dann griff er nach seinen großen Stiefeln und trug sie im Triumph den
Deich hinan der Herold der langsam nachkommenden Seefischer Seemann der auch
etwas tragen wollte hatte sich ein Stückchen Segeltuchws aus dem Boot
geschnüffelt und schleppte sich damit ab
Da war große Freude auf dem Ness erst tranken sie köstlichen Kaffee in der
Küche und die gelben Birnen und rotbackigen Äpfel die sich leicht im Winde
wiegten lachten sie von draußen an Und köstlich war die Fragerei von
Störtebeker nach dem Wetter und nach dem Fang er hörte nicht eher auf bis er
die ganze Reise von Streek zu Streek wie ein buntes Bilderbuch vor sich
ausgebreitet sah
Gesa wunderte sich auch sehr über seine große Munterkeit und sie sah Klaus
mehrmals bedeutsam an er wusste aber nicht was sie damit sagen wollte
Nach dem Kaffee hängte Störtebeker mit Hein Mück die Scharben auf dann
versorgte er die Nachbarschaft mit Schollen vom letzten Hol und half die Fische
zumachen die sie selbst braten wollten denn er konnte schon Flossen und
Steerte abschneiden Alle seine Unlust war verweht und verflogen er lebte und
lachte wieder Er schipperte mit seinem Vater in dessen Augen auch ein Leuchten
stand an Bord und ging wieder auf seinem großen schönen Ewer umher er pumpte
und schrubbte er bewegte das Ruder als wenn er steuerte er drehte die Winsch
um sich an das Einziehen der Kurre erinnern zu lassen er kletterte in die
Wanten als wenn er den dicken Neuwerker Feuerturm an der Kimmung suchen wollte
er blickte nach dem Kompass und nach allem
Den Abends saß er oben im Wipfel des Lindenbaumes der Tür und piepte wie ein
Sperling während sein Vater und seine Mutter Kap Horn und der Jäger in der
Dämmerung auf der Bank saßen nach den Lichtern auf der Elbe guckten und in
geruhigem Gespräch verweilten Als der Spatz aber gar nicht ins Nest wollte
ergriff Klaus Mewes ihn zuletzt an den nackten Beinen zog ihn herunter und
steckte ihn in die Kapuze
In der Nacht um zwei lief der Wecker ab Klaus Mewes und Störtebeker standen
auf und zogen sich an dann gingen sie im Dunkel den Deich entlang nach der
Nesskule in der der Kahn lag Es war nebelig und nasskalt Die Bäume tropften
und in den Pappeln saß ein Flüstern wie die Seen es an sich haben wenn sie um
den Steven glucken Auf den Feldern braute der Fuchs
Störtebeker trug ein dickes wollenes Halstuch und hatte seine großen
Stiefel an Sie kletterten schweigend in das Fahrzeug und stießen vom Lande ab
Der Junge wriggte Neben ihnen rauschte das Reet und in der Schleuse murmelte
das Wasser Auf der Wisch lagen die schwarzen Kühe regungslos im Gras und
erwarteten den Morgen Eine wilde Ente flog auf und verschwand surrend
Als sie die Elbe erreicht hatten wurde es noch kälter Der fliegende Nebel
wischte seine feuchten Hände an ihnen ab und ließ sie erschauern Klaus Mewes
saß in Gedanken auf der Ducht und hörte auf das Knarren des Riemens als wenn es
etwas zu bedeuten hätte Eine Jolle die kein Licht brennen hatte ging mit
ihrem hohen dunkeln Segel wie ein Gespenst vorbei dann stieg der Ewer groß und
schwarz vor ihnen auf dass Klaus Mewes erbebte denn er meinte ein fremdes
Schiff vor sich zu haben
Sie kletterten an Bord und weckten die Leute die in den Kojen schliefen
Die Laterne wurde angesteckt dann suchten sie Körbe und Hummerkasten her und
packten die Fische aus dem Eis Das Boot wurde klargemacht der Mast aufgesetzt
und das Segel gehisst sie verstauten die Körbe und Kasten zwischen den Duchten
dann versank der Ewer wieder in Nacht und Schweigen Klaus Mewes und sein Junge
aber segelten mit dem Boot nach dem Fahrwasser hinaus Es war mittlerweile Flut
geworden so dass sie trotz des schwachen Windes gute Fahrt machen konnten Sie
saßen beide auf der Achterducht und jeder hatte eine Hand auf dem Helmholz des
Ruders liegen Große hohe leere Kohlendampfer die von oben kamen mahlten an
ihnen vorbei und zwangen das Boot sich tief hinter ihnen zu verneigen Die
Schrauben hauten halb aus dem Wasser und wirbelten den Schaum hoch auf Vor und
hinter ihnen segelten viele Jalken und Jollen Boote und Ewer aber obgleich
Klaus Mewes manches Fahrzeug erkannte rief er doch keins an denn ihm war zum
Schweigen zumute
Machte es der Herbst der sich ankündigte dachte er der Stürme die ihm
bevorstanden oder kam es von dem Jungen her der neben ihm saß Er konnte es
nicht deuten
Als der Morgen graute kamen sie zu St Pauli an und legten Temp setzten
ihre Fische in die Halle und warteten den Beginn der Versteigerung ab Um sechs
schallte die Glocke laut durch das Gewölbe und rief die Fischhändler die Höker
und die Weiber zusammen der Auktionator erhob seine Stimme und ein
Hammerschlag folgte dem andern denn bei den Fischen gibt es kein langes
Besinnen Der große und der kleine Klaus standen vor ihren Kavelingen und
warteten bis die Reihe an sie kam und Gustav Platzmann ihre Fische verklopfte
die großen Zungen die Mittelzungen die kleinen die Kleisse und Steinbutte die
Schollen und Rochen die Petermännchen und Knurrhähne Störtebeker musste sich
bannig wundern denn als er dachte nun ginge der Handel los da war schon alles
verkauft und die Händler standen bereits auf andern Kisten aber auch Klaus
Mewes machte sich seine Gedanken darüber dass alles so schnell gegangen war Was
er in langen mühseligen Streeken an stürmischen Tagen und in dunkeln Nächten
dem Meere abgewonnen hatte was er Fisch für Fisch in der Hand gehabt und
sorgsam auf Eis gebettet hatte das wurde hier in einer Minute mit drei
Hammerschlägen abgetan »Nu goh man hin un hol man frische Fisch Klaus Mewes«
und damit basta
Die Abrechnung konnte er erst später bekommen sie hatten deshalb noch
viel Zeit Als sie die Fische der andern Ewer und Kutter gesehen hatten guckten
sie nach Altona hinüber und schauten den Elbjollen in die Bünnen dann kehrten
sie bei Eierkohrs an der Ecke der Schellfischallee ein und tranken Kaffee Und
weil es schien als wenn die Weiser der Uhr festgebunden wären stiefelten sie
sogar noch nach der Reeperbahn hinauf Aber da war noch alles tot der Kasper
schlief noch sie guckten denn auch nur eben bei Umlauff und Hagenbeck und beim
Panoptikum in die Fenster und gingen dann zurück nach dem Fischmarkt
»Non Klaus schall de Jung nu wedder mit no See« fragte Jan Tiemann der
Elbfischer
»Ne Jan he is bloß mol mit to Markt« sagte Klaus Mewes
»Jä jä Klaus dat magst du woll seggen Is ok all to winnig buten is to
ruselig Klaus Is keen Gelegenheit mihr för son lütte Geuten Klaus«
Klaus Mewes nickte halb Störtebeker aber sah den Elbfischer feindselig an
und dachte Wat weiß du Buttpedder dorvan af
Als sie später mit der Ebbe hinunterkreuzten inmitten der vielen
Dreuchewer die unter Segel waren war Klaus Mewes seiner Gedanken ledig und
blickte wieder fröhlich über die Elbe Und Störtebeker sah ihn von der Seite an
und wollte fragen was er schon gestern am Bollwerk fragen wollte und was ihm
seitdem schwer auf dem Herzen lag ob er wieder mit an Bord solle wieder mit
nach See Sie hatten eine schöne Reise gemacht das hatte er in der Halle wohl
gehört konnte es da nicht sein dass sein Vater ja sagte Aber so viele Male er
auch ansetzte er brachte die Worte doch nicht heraus im letzten Augenblick
stotterte er und fragte nach einem nahen Schiff oder nach etwas anderm Klaus
Mewes fühlte wohl die Not seines Jungen aber er tat als sei er ganz
unbefangen
So segelten sie die Elbe hinunter
Nach dem Essen legte der Schiffer die Abrechnung von St Pauli auf den
Tisch dass sie jeder sehen konnte und der Knecht bekam dreizehn Prozent der
Junge neun Prozent des Erlöses Klaus Mewes der gute Leute hatte und ein
glücklicher Seefischer war konnte ein Prozent mehr geben als die andern
Fischer und er tat es gern
Wenn ich ein Fischer wäre ließe ich meine Segel nicht von Tees to Baben
machen Ich ginge zu Jakob von Kölln am östlichen Norderelbdeich oder zu Kai
Kröger auf der Müggenburg aber zu Tees to Baben ginge ich nicht Tief im
Mittelalter mit seinen Hexen und Teufeln sitzt der Mann noch der kleine krumme
Segelmacher Wie übernatürlich lodert es in seinen dunkeln Augen wie zuckt es
um seinen Mund wenn er spricht wie wirr ist sein Haar Überall sieht er es
spuken allerwärts wittert er Unglück und ewig hat er es mit den Hexen zu tun
wie unheimlich ist sein Tun wenn er Segel näht erst legt er die Karten um den
rechten Tag und die rechte Stunde für die Arbeit herauszuklamüstern und dann
rutscht er wie ein Magier auf dem Segeltuch umher murmelt unverständlich vor
sich hin spricht mit den Reffbändern wie mit Menschen und streicht sonderbar
über die Lieken um die Hexen zu bannen Er weiß welche Segel zerreißen und
welche Fahrensleute bleiben alle Schiffsuntergänge der letzten vierzig Jahre
hat er im Kopf Mir graut vor ihm
Jan Hinnik und Jan Harm die beiden redseligen Wattenfischer saßen auf dem
Segelboden und erzählten sich etwas mit ihm Tees to Baben hockte auf einem
neuen Grosssegel wie der Schah von Persien auf seinem Teppich und verklarte
ihnen sein Steckenpferd das Leben von Doktor Faust der sich dem Teufel
verschrieben hatte und dafür alles bekommen was er haben wollte Gold und
Silber und Edelsteine schöne Mädchen und das Feinste zu essen und zu trinken
Da kam Klaus Mewes mit seinem Jungen lachend über die Deichbrücke zur Tür
herein bot den Fahrensleuten die Tageszeit und fragte den Segelmacher was er
für den neuen Klüver zu bezahlen hätte
Tees lächelte eigentümlich und sagte »Du kummst ok jümmer wenn ik di ne
bruken kann Klaus Mees Ik wür hier so scheun mit Doktor Faust inne Gangen un
nu frogst du wat de Klüber löppt un ik mütt upstohn un an to reken fangen«
»Dorüm kannst du doch wieter vertillen Tees« lachte Klaus
»Ne ne di vertill ik nix« antwortete der Segelmacher der aufgestanden
war und sein Buch suchte »di vertill ik nix du lachst jo doch bloß ober sowat
du meenst dat gift bloß dat wat du vör Ogen sühst aber ich sage dir irre
dich nicht Klaus Mewes Schall ik di mol de Korten leggen«
»Ne lot man Tees« wehrte der Seefischer heiter ab »ik gläuf ne an
Hexen«
»Wat he guchelt de grote Klaus Mees« wandte der Alte sich an die beiden
Wattenläufer »wat he glüst as wenn he ne blieben kunn«
»Man keen Bangen« rief Klaus sicher »ik bliew ok ne« Und Störtebeker der
auch einmal zu Wort kommen wollte setzte nachdrücklich hinzu »Vadder kann ne
blieben he kummt jümmer wedder«
»Do ik ok mien Jung«
Der Segelmacher aber blickte ihn über seine Brille hinweg an und sagte mit
veränderter Stimme »Dat hett dien Vadder ok seggt Klaus Mees De kunn ok ne
blieben Tees sä he tross to mi van tein bliwt jümmer bloß een ik hür ober to
de negen de glücklich fohrt Jä und de See is em doch ober worden is em doch
ober worden Klaus Mees und de See dat gläuf man is noch jümmer hungerig no
Ebers un Kutters«
»Dat vertill man ole Wieber de keen Tähnen mihr hebbt« erwiderte Klaus
Mewes unerschüttert »wi könnt noch fix bieten un lot uns ne oberdübeln Wat ist
mit den Klüber Kannst dien eegen Schrift ne lesen«
Der Segelmacher schüttkopfte und strich sich mit der Hand über die Augen
dann begann er wieder in seinem Hauptbuch zu suchen und zu blättern aber er kam
wieder zu keinem Ergebnis und sagte zuletzt er sei wieder behext die Hexen
stünden hinter ihm und hielten ihm die Augen zu damit er das Konto nicht finden
solle »Betohl anner Reis Klaus Mees dat löppt jo ne weg«
»Och wat kiek man mol eulich to Tees« mahnte der Fischer »ik kann ne
jeden Dag langsen Diek slarpen üm dienenhalben«
»Ungläubig wie Thomas und ungeduldig wie Maleachi« sagte Tees und
vertiefte sich von neuem in seine doppelte Buchführung Das dauerte Klaus zu
lange er trat näher und sah ihm über die Schulter Plötzlich rief er »Hier
steiht dat jo doch Tees kiek hier Klaus Mewes ein Klüfer 98 Mark«
Der Segelmacher erschrak und starrte die drei Reihen an Dann sagte er wie
in Gedanken »Dat is jo all dörstreeken Klaus keen hett dat denn dohn«
»Dat hest du woll sülben mol innen vullen Galopp dohn« lachte Klaus
»betohlt hebb ik gewiss noch ne« Und er zählte das Geld auf »Sühso Tees till
no wat dat ok stimmt«
Der Segelmacher schob es aber von sich und sagte er könne es nicht nehmen
das Geld gehöre ihm nicht
»Kumm Störtebeker«
Klaus Mewes hatte das Lavieren des Alten satt er wollte auch noch nach
Peter Fick hin deshalb verabschiedete er sich kurz und trat aus der Segel und
Teerluft des Bodens in den frischen Westwind hinaus
»Dat is jo een bannigen Quarkbüdel Vadder« sagte Störtebeker als sie
draußen waren Klaus Mewes gab nicht gleich Antwort denn es ging ihm doch etwas
durch den Sinn dann aber sagte er »Jo de hett allerhand Grabben«
Sie gingen westwärts Mit einem Male griff Störtebeker nach seines Vaters
Hand was er sonst nur selten tat
»Vadder «
»Non«
»Och nix Du bliwst doch gewiss ne Vadder«
»Ne mien Jung ik bliew ne« rief Klaus Mewes und suchte seinen Ewer auf
dem Wasser
Tees to Baben der griese Segelmacher sah ihm nach und nachher als die
Gäste ihn verlassen hatten um Abendbrot zu essen nahm er sein Buch nochmals
vor und besah forschend die Striche die über Klaus Mewes und seinen Klüver
gingen Er konnte nicht begreifen wie sie dahin gekommen waren denn er strich
die Reihen nur dann durch wenn der Fischermann bezahlt hatte oder wenn er
geblieben war
Kopfschüttelnd klappte er zuletzt das Buch wieder zu und steckte das Geld
das immer noch auf der Fensterbank lag unter scheuen Seitenblicken ein
Klaus Mewes konnte jetzt sehr gut die Elbe finden nach zwei Wochen lag er
wieder vor dem Ness Stürme hatten ihn einige Tage hinter List festgehalten und
er hatte nur wenig gefangen aber Störtebeker freute sich ging wieder mit nach
Hamburg hinauf und half an Bord wo er nur konnte Sie gingen diesmal mit dem
Ewer zu Markt weil es stark wehte Die deutsche Flagge war gänzlich zerrissen
Klaus kaufte deshalb auf dem Pinnasberg eine neue und setzte sie in den Knopf
Als sie gegen Mittag die Elbe hinunterkreuzten hatten sie zu pulen denn der
Wind war aufgefrischt und die Elbe ging in Hemdsmauen
Bei Teufelsbrücke dwars vom Beek gerieten sie in eine gewaltige Hagelflage
hinein die sich mit wildem Ungestüm auf die Segel warf Aber der Ewer von dem
besten Fischermann gesteuert wehrte sich wie ein Stier und wies dem Wind die
Hörner
Plötzlich rief Kap Horn »U kiek« und sprang nach vorn Da trieb eine
Fischerjolle kieloben Klaus Mewes setzte hastig das Ruder fest und stürzte auch
nach dem Steven »Dor drift een« schrie Kap Horn und wies leewärts »Denn fot
man gau de Boot mit an« schrillte Klaus »Hein inne Wind den Eber«
So schnell es ging warfen sie das Boot vom Deck die Riemen nach und
sprangen über den Setzbord »Hilpt uns hilpt uns« rief es todesängstlich an
Backbord aber der Hagel ließ wenig Sicht zu sie konnten niemanden erblicken
»Liek vörut mütt dat wesen« rief Klaus »roon wat du kannst Kap Horn« Der
Südwester war ihm in den Nacken geweht und die scharfen Körner flogen ihm in
das Gesicht aber er ließ den Riemen nicht los »Holt jo wi kommt Wi kommt«
gröhlte er so laut er konnte
»Hilpt uns«
»Dor drift een Roon an roon an he buddelt weg«
Klaus riss den Riemen ein und sprang über die Duchten nach dem Steven er
beugte sich blitzschnell über den Dollbaum und ergriff den Ertrinkenden bei den
Haaren Und als er ihn hatte ließ er ihn nicht mehr los Kap Horn stand neben
ihm und sie zogen den gänzlich ermatteten Fischer in das Boot Hans Danker war
es der Lüttfischer
»Neem is Trino« fragte Klaus dringend und spähte umher denn er hatte die
Frau in Altona an Bord stehen sehen »Kiek mol to Kap Horn wat se dor drift«
Hans Danker aber ächzte dumpf »De is wegsackt Harrn ji mi ok doch
verdrinken loten« »So un dien Kinner« fragte Klaus er blieb aber noch eine
ganze Zeit auf der Stelle sie ruderten hin und her und riefen und suchten um
die Frau zu finden
Hein Mück zeigte sich als ein umsichtiger Fahrensmann als die beiden
abstiessen warf er sofort Anker ließ die Fock fallen und machte das Ruder los
so dass der Ewer mit den klappernden großen Segeln keinen Schaden nehmen konnte
und die Flage gut überstand Störtebeker stand an den Wanten und starrte nach
dem Boot Als es sichtiger wurde kamen von allen Seiten Jollen und Ewer heran
auch vom Deich segelten Boote herbei Da überließ Klaus Mewes denen das Suchen
nahm den gänzlich gebrochenen Fischer an Bord richtete die gekenterte Jolle mit
der Talje auf und schleppte sie durch Gerd Eitzens Loch nach dem Bollwerk
Von ihm und Kap Horn gestützt wankte der Fischermann seinem Hause zu Der
Deich war schwarz von Menschen und viele Frauen weinten
Die vier Kinder kamen ihnen entgegen Das älteste Mädchen fing laut an zu
weinen als es seinen Vater so ankommen sah und jammerte »Vadder Vadder neem
hest du uns Mudder loten« Da stöhnte Hans Danker furchtbar auf und wollte sich
losreißen um wieder zu Wasser zu gehen aber Klaus Mewes und Kap Horn hielten
ihn fest redeten ihm freundlich zu und brachten ihn mit vieler Mühe ins Haus
hinein wo sie ihn der Obhut der Nachbarn anvertrauten
Störtebeker stand auf dem Deich und sah alles mit an
Der andere Tag war ein Sonntag ein trüber grauer Tag an dem die Sonne
nicht durchkommen konnte Der Wind war still geworden
Da tat sich alles zusammen was von Fischern zu Hause war Sie holten die
Totenangeln vom Strandvogt machten die Leinen klar und segelten mit den Booten
nach dem Fahrwasser hinaus um die ertrunkene Frau zu fischen Die ganze Tide
trieben sie zwischen Teufelsbrücke und Godefroo auf und ab
Klaus Mewes Kap Horn und Störtebeker waren auch mit ihrem Boot dabei Sie
sprachen aber wenig
Als es Flut geworden war und das Fahrwasser sich mit Schiffen füllte
schlichen alle Boote mit müden Segeln nach dem Deich zurück Sie hatten die Tote
nicht gefunden Die Elbe hielt sie fest
Drei Tage später lief der Wind raum das heißt auf Finkenwärder nördlich
Da zog Klaus Mewes getrost seine Segel auf und hievte den Anker um zu fahren
Lustig flatterte die Flagge über der Besansgaffel und über dem Toppsegel drehte
sich der Flögel wie ein bunter Vogel
Gesa stand unter den Linden und winkte mit der Hand
Störtebeker lag noch mit seinem Kahn längsseits des Ewers als wenn er der
Lotse wäre der das Schiff aus dem Hafen zu bringen hätte Als Hein seinen Tamp
loswerfen wollte machte er Lärm und hielt darum an dass sie ihn ein Stück
schleppten Sein Vater bewilligte es Sie warfen ihm ein längeres Tau zu das er
im Stevenring befestigen musste und zogen dann mit ihm los
»So geiht he god Vadder« rief er vergnügt als der Ewer recht an den Wind
kam und gute Fahrt machte und freute sich über den Schaum vor seinem Bug und
über die großen Segel die ihn beschatteten
Bidewind war der Laertes ein besonders schnelles Schiff Er zog mächtig
davon und hatte den Ness bald hinter sich Störtebeker sollte abschwenken und
umkehren er wollte aber noch nicht und weil das Wetter gut war tat sein Vater
ihm den Gefallen und nahm ihn noch weiter mit
Junge was für eine Fahrt Der Kahn lag mit dem Achterdollbaum fast mit dem
Wasser gleich und Störtebeker musste aufmerksam mit dem Riemen steuern damit er
sich trocken hielt
Im Buxtehuder Loch aber ging die Herrlichkeit zu Ende er musste das Tau
losmachen und zurückbleiben
Die Fahrensleute standen auf dem Achterdeck und winkten
»Adjüst Störtebeker«
»Jüst Vadder kumm man bald mit een grote Reis wedder« »Adjüst
Störtebeker« »Jüst Kap Horn lot di de Tied man ne lang duern«
»Adjüst Klaus Störtebeker« »Jüst Hein Klütenbacker pett di man keenen
Nudelkassen innen Foot« »Wauwauwauwau« »Jüst Seemann fall man ne
ober Burd«
Dann rannte ihm der Ewer davon
Er blieb auf der Ducht sitzen und sah ihm nach Wenn sie winkten schwenkte
er seine grüne Wollmütze Erst als die braunen Segel bei Schulau um die Huk
waren griff er zu den Riemen und guckte sich nach Finkenwärder um
Warum hatten sie ihn nicht mit nach See genommen
Fünfzehnter Stremel
Sinne öffnet eure Tore
Grabbe
Die Äquinoktien
Herbsttagundnachtgleiche
Die bösen Tage sind angebrochen Land und See stehen in großer Angst
Ringsum lauern die grauen Stürme die die Natur brechen und die Sonnenkraft
totmachen sollen wie Schwerter an Zwirnsfäden hängen sie an den Wolken jeden
Tag und jede Stunde können sie fallen
Wie im Bann liegt der Deich an stillen Tagen wie im Krampf bebt er bei
unruhigem Wetter In vielen Häusern liegt die Bibel jeden Abend aufgeschlagen
auf dem Tisch Mehr als sonst noch achten die Frauen auf Wind und Wetter und
die Finkenwärder Nachrichten mit der Cuxhavener Meldung über die hinter der
Alten Liebe liegenden Ewer und Kutter reißt eine der andern aus den Händen
Jeder Ankömmling aber wird befragt Weess nix von Jan af oder hest Hinnik ne
sehen oder hett Paul ne bi jo fischt Wie beben sie wenn abends eine schwere
Wolkenwand seewärts auf der Elbe steht oder wenn die Winde im Schornstein
sausen
In dieser Zeit werden keine Hochzeiten gefeiert Es ist eine stille bange
Zeit
Glücklich preist sich die Frau deren Mann seinen Ewer anbinden und auflegen
kann das können und wollen aber nur wenige denn die Zeiten sind schon nicht
mehr danach dass man mit dem Sommerfang auskäme es muss auch winters gefischt
und verdient werden
Ein furchtbarer Ernst umkrallt die Segel die den Stürmen entgegenfahren
Klaus Mewes fischt auf der Doggerbank hundertfünzig Seemeilen hinter
Helgoland auf der Höhe von Hornsriff Mit der abnehmenden Sonnenwärme haben die
Fische die seichten Küsten verlassen und sind nach der Mitte der Nordsee in die
Tiefe geschwommen wo das Wasser wärmer und der Grund stiller ist Wer noch
einen guten Streek tun will der muss Helgoland und Neuwerk weit hinter sich
lassen und sich schutzlos der weiten See anvertrauen Die Schollen müssen aus
den Stürmen herausgeholt werden
Es sind nur die größten Kutter und die stärksten Ewer die diesen Winterfang
betreiben können die andern liegen scharenweise zu Cuxhaven und warten auf den
Hering
Klaus Mewes fischt auf der Doggerbank
Sein Ewer ist gut seine Segel sind stark seine Leute sind erprobt und für
sich selbst kann er auch einstehen so kurrt er getrost zwischen den Engländern
und Holländern und lässt seine deutsche Flagge im Winde wehen Es verschlägt ihm
nichts wenn die See einmal so grob wird dass er reffen muss oder wenn der Wind
es so gut meint dass er das Netz einhieven und treiben lassen muss gefischt wird
doch wieder und wer die Wache hat der singt in jeden Wind hinein denn die
Fröhlichkeit von Klaus Mewes erfüllt das ganze Schiff Nichts fehlt ihnen als
der kleine Klaus Störtebeker von dem sie noch jeden Tag sprechen
Im Süden segeln zwei schwere Finkenwärder Austernkutter als wenn sie binnen
wollen aber Klaus Mewes meint sie tun es weil sie die Reise haben guckt
Heben und Wetterglas an und fischt weiter Gegen Abend kreuzt nur noch ein
holländischer Logger bei ihm aber er ist noch ohne Misstrauen und geht geruhig
zu Koje
In der Nacht ruft Kap Horn der die Wache hat zum Reffen Sie verkleinern
die Segel durch teilweises Zusammenrollen und Festbinden denn es ist stur
geworden dann geht Klaus Mewes aber noch wieder zu Bett um noch einen Stremel
zu schlafen und Hein Mück tut dasselbe denn das Wetterglas ist schon öfters
gefallen und auf Kap Horn den Altbefahrenen können sie sich verlassen wie auf
den Deich bei springender Tide
Nach einer Stunde ruft der Knecht abermals Es ist zu stur geworden und er
muss befürchten dass der jagende Ewer die Kurrleine abreisse Klaus Mewes guckt in
den Wind und ist damit einverstanden dass sie einziehen In schwerer Arbeit
bergen sie die Kurre und die gefangenen Fische dann schickt er die Leute zu
Koje und übernimmt selbst die Wache Im Sturm gehört das Ruder ihm dem
Schiffer
Bis gegen Morgen hielt er den Ewer allein immer scharf am Winde so dass die
Segel eben zwischen Klappern und Vollfallen standen und hatte keine Havarei so
viel Wasser er auch überbekam und so stark der Ewer auch stampfte und
schlingerte Der Wind war Nordwest zum Westen und wehte etwa in Stärke 8 nach
dem alten englischen Admiral Beaufort
Da mit einem Male legte er sich gänzlich ganz still wurde die Luft Mit
schlaffen schlagenden Segeln furchtbar knarrenden Gaffeln und donnernden
Schoten dümpelte der Ewer in der hohen Dünung
Klaus Mewes rief seine Leute denn er traute dieser Stille nicht Sie
machten sich klar zum Sturm der kommen musste denn das Wetterglas fiel rasend
Kurrbaum und Kurre wurden unter Deck verstaut das Boot wurde ausgepackt und mit
doppelten Ketten umwunden damit es nicht über Bord gehe das Bugspriet wurde
eingezogen und Plichten und Luken wurden geschalkt Auch sich selbst machten die
Seefischer sturmbereit dann steckten sie das zweite Reff in die Segel und
dann kam der Sturm wieder diesmal aber von der andern Seite und furchtbarer an
Gewalt Es trommelte und pfiff im Südwesten als wenn ein Heer in der Schlacht
zum Stürmen lärmte der weiße Geifer floss aus dem Maul des Untieres das
brüllend auf sie zukam und sich wütend auf sie warf dass die Masten sich bogen
und Hein Mück laut aufschrie Einen Augenblick schien es als wenn der Ewer dem
ersten grässlichen Anprall nicht standhielte als wenn er umkippte aber es schien
nur so denn Klaus Mewes war auf der Hut und riss ihn auf Wie brauste es in den
Lüften wie erhob sich die See wie tanzte der Ewer Wenn er mit dem Kopf
tauchte stand er mit dem Achtersteven so hoch dass es aussah als überschlüge
er sich und erhob er den Bug hoch aus der See so zeigte er das
tränenüberströmte Gesicht eines Riesen das Wasser rann ihm aus den Klüsenaugen
und über die Backen Wenn nur die Masten nicht über Bord gingen wenn nur die
Luken nicht zerschlagen wurden
Südweststurm
Noch vor Mittag mussten sie das dritte und letzte Reff einstecken denn der
Ewer konnte die Segel nicht mehr tragen Sie standen nun allemann an Deck mit
Tauen festgebunden Klaus Mewes unverzagt am Ruder das er nicht los ließ Als
die Seen immer naseweiser wurden scherte Kap Horn einige starke Taue kreuz und
quer über Deck von Wanten zu Wanten und von der Winsch nach der Besan damit
sie überall einen Halt fänden wenn sie stolpern sollten
Die Flagge war in Fetzen zerrissen Klaus Mewes sah es wohl aber er
tröstete sich dass es in Hamburg ja noch mehr Flaggen zu kaufen gäbe und ließ
sich nicht unruhig machen so wenig wie Seemann der unbekümmert im Nachtaus
ruhte Er hatte schon andre Stürme erlebt und überstanden
Der Wind wurde aber immer wilder und ochsiger die schlimmen Regenflagen
jagten einander und die See kochte immer furchtbarer Der Ewer wollte es auch
mit dem gerefften Grosssegel nicht mehr tun sie mussten es wegnehmen und dafür
das Sturmsegel setzen Als die Sturzseen über den Ewer brachen und alles zu
Wasser machten wurde Hein in die Koje geschickt damit er nicht über Bord
spüle und Klaus Mewes blieb mit Kap Horn allein an Deck Noch war keine Angst
in sein Herz gekommen so toll es es auch im Wirbel ging noch stand er fest so
glatt auch das Deck war und so schwer auch die Wogen über den Setzbord
schlugen Noch immer lachte er des Sturmes und wünschte seinen Jungen herbei
damit er ihm zeigen könne was Klüsen heiße Auch als die Fock knallend aus den
Lieken flog verzog er nicht das Gesicht denn er hatte noch eine Fock Ohne
sich zu besinnen sprang er die Treppe hinunter riss das Segel aus der
Dielenkoje und holte es mit zwei Reffen auf So ging es wieder einige Stunden
gut bis es Abend wurde und die Nacht jählings hereinbrach eine sternenlose
sargdunkle Nacht Da ritt der Sturm mit elf bis zwölf Windstärken sein
schweissbedecktes mit weitgeöffneten Nüstern und fliegender Mähne
einherbrausendes Ross die Nordsee und selbst die Sturmsegel die winzigen
Lappen wollten nicht mehr halten Wenn sie nicht alles Tuch in die Winde
fliegen sehen wollten mussten die Segel gänzlich weggenommen werden
Da wendeten sie das letzte Mittel an das ihnen noch blieb sie machten die
Sturmanker zurecht Backbords schäkelten sie einen unklaren Anker auf dreißig
Faden Kette und steckten sie an siebzig Faden Kurrleine steuerbords taten sie
zwei von den eisernen Kurrenkugeln auf fünfzig Faden Kette Dieses Notgewicht
sollte den Ewer mit dem Kopf am Winde halten und verhüten dass er schlüge und
von den Seen kopfheister geworfen würde Es ging auch alles klar der Ewer lag
gut am Winde Dicht war er auch noch wie die Peilung der Pumpen ergab
So jagte der Sturm sie die ganze Nacht er wirbelte den Ewer vor sich her
wie der Jäger das Wild das er lahmgeschossen hat Die ganze Nacht trieben sie
auf der wilden hungrigen See durchnässt und ermattet aber in eiserner
Wachsamkeit Sie waren allein auf der Doggerbank nirgends war ein Schiff zu
sichten und sie sahen kein anderes Licht als die Strahlen des Elmsfeuers das
in Büscheln auf den Toppen der Masten und an den Blöcken der Gaffeln geisterhaft
glomm bis eine Hagelflage es verlöschte
Gegen Morgen als sie etwas gegessen hatten und der Junge wieder mit an Deck
stand weil es schien als flaute der Sturm ab bekam der Ewer eine schwere
Sturzsee über die wie ein Felsen gegen den Steven schlug und verheerend über
das Deck brandete und schäumte Die Fischer fühlten sich emporgehoben und
verloren den Grund unter den Füßen sie mussten schwimmen und spülten hin und
her dass sie glaubten der Ewer sei schon in die Tiefe gedrückt Es war nichts
mehr zu machen
Klaus Mewes hatte sich gerade wieder aufgerichtet da schrie er gellend
auf denn eine schwere kreissende ungeheure See hing wie ein Berg wie ein
Eisberg steil über ihm und senkte sich ehern »Holt jo fast holt jo fast« rief
er schrill aber der Lärm des Wassers und des Windes drängte ihm die Worte in
den Mund zurück und erstickte sie Dann schleuderte die See ihn wie Gerümpel zur
Seite und warf ihn gegen das Nachtaus dass ihm Hören und Sehen vergehen wollte
Als der Ewer die Sturzsee überstanden hatte und sich wieder mit den kleinen
Dwarsläufern abriss hing Kap Horn mit zerrissenem Ölzeug und blutendem Gesicht
in Lee an den Wanten von Hein Mück war aber nichts mehr zu sehen und mit ihm
war auch das Boot vom Deck verschwunden zerrissen lagen die Ketten auf den
Luken Sie suchten die See mit den Augen ab und warfen den Rettungsring über
Bord aber obgleich es schon einigermaßen hell geworden war konnten sie doch
weder Hein Mück noch das Boot entdecken Nur wilde graue See war ringsum der
Junge war weg
»Dat duert bloß een Ogenblick denn ist ut« sagte Kap Horn tröstend der
nach achtern gekommen war und sich bei seinem Schiffer hingestellt hatte
Klaus Mewes gab keine Antwort er blickte immer noch über die See und suchte
seinen Speisemeister Was sollte er sagen wenn die Mutter angeweint kam und ihn
fragte wo er ihren Jungen gelassen hätte
»Goh man dol Kap Horn hier up Deck ist nix mihr« rief Klaus aber Kap
Horn schüttelte den Kopf und blieb bei ihm Wenn es zum Sterben gehen sollte
und es sah ja so aus wollte er nicht in der verschlossenen Kajüte ersticken
sondern frei in der See ertrinken bis es aber so weit war wollte er bei seinem
Schiffer ausharren
Klaus Mewes gab noch nichts verloren wenn er auch nicht mehr lachte
sondern ein ernstes Gesicht machte Wie ein Wiking trotzte er der See wie ein
Löwe verteidigte er seinen Posten am Ruder wie ein Hagen hielt er aus Er
verband seinem Knecht die blutende Stirn und streichelte Seemann das nasse Fell
er sah von Zeit zu Zeit die Pumpen nach und tat alles was sich noch tun ließ
bei solcher Gelegenheit Er dachte an Hein Mück und dessen arme Mutter an
Störtebeker und an Gesa aber an Bleiben dachte er nicht
Ein englischer Trawler kam in Sicht ein Huller das erste Schiff seit zwei
Tagen Aber der lag beigedreht und hatte genug mit sich selbst zu tun Dennoch
hätte er vielleicht geholfen wenn Klaus Mewes die Notflagge gezeigt hätte aber
Klaus Mewes dachte nicht daran Sich von einem Ingelschmann ins Schlepptau
nehmen lassen Gott schall mi bewohren dachte er und ließ John Bull stiemen
der dann auch wieder aus den Augen kam
Sie trieben ja gut ins Skagerrak hinein Nördlich genug um von Jütland
freizuscheren hatten sie nur mit der norwegischen Küste zu tun und die war
noch weit weg
»Ik gläuf wi kommt dorch« sagte der Knecht Etwas verwundert sah der
Schiffer ihn an »Wat schullen wi ne dörkommen« antwortete er »wi wöt doch ne
blieben«
Und er ging in die Kajüte um etwas zu essen und zu trinken Danach musste
Kap Horn hinunter damit er nicht flau würde
Am späten Nachmittag aber wurde der Wind der zeitweilig etwas schwächer
gewesen war zum Orkan Das Fahrzeug arbeitete gewaltig und steckte mehr unter
als über dem Wasser Von allen Seiten sauste die wilde Dünung über Deck Und
siehe eine Grundsee die der Sturm in der Tiefe aufgerüttelt hatte und die mit
Sand geschwängert und mit Muscheln und Steinen beladen war schoss herauf
richtete sich urgewaltig auf und lief dem Ewer nach der nicht von der Stelle
konnte Bleischwer stürzte sie sich auf das Achterdeck und drückte es nieder
dass der Steven steil aus dem Wasser sprang und die Ketten rissen dann packte
sie den Ewer mit ihren Tigerkrallen an den Seite und warf ihn dermaßen auf das
Wasser dass er nicht wieder aufstehen konnte
Kap Horn kam nicht wieder an die Oberfläche er fühlte dass er den einen Arm
nicht bewegen konnte und sank langsam in die Tiefe Da gab er den Kampf und das
Leben auf der alte Janmaat und legte sich in seines Gottes Hände er hätte
noch mit seinem Schiffer fischen und segeln können hätte bei Hochzeiten am
Deich auf seiner Harmonika spielen und den kleinen Klaus Störtebeker mit zu
einem rechten Fischermann machen können aber wenn es sein musste ging es wohl
auch ohne ihn Er hörte nicht mehr das Sausen des Wassers eine große tiefe
Stille legte sich um ihn ganz in der Weite klangen Glocken
Klaus Mewes war es gelungen die schweren Seestiefel loszuwerden die ihn in
die Tiefe ziehen wollten wie seinen Knecht So tauchte er wieder auf und
versuchte zu schwimmen »Kap Horn neem büst du« schrie er in den Sturm hinein
und rang schwer mit der Dünung die ihn furchtbar hin und her warf Beständig
liefen ihm die Seen über den Kopf so dass er viel bittres Wasser schlucken
musste
Er sah wie der Ewer versank wie die Masten sich noch einmal aufrichteten
und dann untertauchten dass kein Topp und kein Flögel mehr zu sehen waren
Blasen schossen steil aus dem Wasser dann aber strich der Sturm mit unwirscher
Hand über die Stelle hin und machte sie wieder so kraus wie die ganze See war
Klaus Mewes war allein sein Knecht und sein Junge sein Hund und sein Ewer
waren ertrunken er trieb in der wilden Dünung von Skagen nirgends war ein
Schiff nirgends ein Halt Er dachte eine Luke oder ein Brett des
untergegangenen Ewers zu finden und sich daran festzuhalten aber er konnte
nichts sehen
»Geef di geef di Klaus Mees« brüllte die See aber er gab sich nicht mit
aller Kraft hielt er sich oben denn er wollte noch nicht sterben und er konnte
noch nicht sterben Was sollte aus seinem Jungen werden den keiner verstand als
er Wie die Sturzseen über den Ewer hergefallen waren so würden sie am Deich
über ihn herfallen und alles zerstören wollen was er in ihm erbaut hatte die
schöne Furchtlosigkeit die Liebe zur Seefischerei das Vertrauen auf die eigene
Kraft die Freude am Sturm alles würden sie ermorden wollen Ob Störtebeker
schon stark genug war alles zu ertragen Oder ob er wie ein armer Hase den
vielen Hunden erlag ob er den Sommer auf See vergaß und sich zu einem Schneider
oder Schuster machen ließ »Gesa Gesa lot mi den Jungen« rief er in den Sturm
hinein Er sah seine Frau vor sich jung und blühend und dennoch keine
Fischerfrau ewig bange und ewig unruhig Sie hatte nicht viel von ihm gehabt
weil sie nicht mitkonnte Der einsame ringende Schwimmer sah auch seine Schuld
er wusste dass er oft hart mit ihr gewesen war als er mondelang nach der Weser
fuhr und ihr den Jungen abwendig gemacht als er ihre Angst verlacht hatte
aber Reue fühlte er nicht Sie würde weinen aber die Ruhe würde in ihr Herz
kommen und sie würde ihren Mann erkennen lernen Brot hatte sie einen
Zeugladen wie ihn die andern Witfrauen aufmachen mussten um sich zu ernähren
brauchte sie nicht
Klaus Mewes fühlte dass seine Arme ermatteten und dass er es nicht mehr
lange machen konnte Noch einmal ließ er sich von einer Wogenriesin emporheben
und blickte von ihrem Gipfel wie vom Steven seines Ewers über die See die er so
sehr geliebt hatte dann gab er es auf Es passte nicht zu seinem Wesen sich im
letzten Augenblick klein zu machen und mit den Seen um die paar Minuten zu
handeln Er konnte doch sterben
Er schrie nicht auf noch wimmerte er er warf sein Leben auch nicht dem
Schicksal trotzig vor die Füße wie ein Junge Groß und königlich wie er gelebt
hatte starb er als ein tapferer Held der weiß dass er zu seines Gottes Freude
gelebt hat und dass er zu den Helden kommen wird Mit einem Lachen auf den
Lippen versank er denn er sah einen glänzenden neuen Kutter mit leuchtenden
weißen Segeln und bunten Kränzen in den Toppen vor sich der stolz dahinsegelte
und am Ruder stand ein lachender Junggast sein Junge sein Störtebeker
grüßend winkte er mit der Hand fahr glücklich Junge fahr glücklich sieh
zu dass du dein fröhliches Herz behältst fahr glücklich Guten Wind und moi
Fang mien Jung
Dann ging die gewaltige Dünung des Skagerraks über ihn hinweg
Tees der Segelmacher hat es nachher oft genug erzählt wie es an
demselben Tage unsichtbar an dem Segel gerissen hätte bei dem er gerade zu tun
hatte Als er genau zusah war es Klaus Mewes Fock an der unsichtbare Hände
wie in höchster Not zerrten Tees sah eine Weile zu dann fragte er
erschüttert »Brukst du dat Seil Klaus Is de anner Fock di woll tweireten«
und versuchte das Tuch glatt zu ziehen als das aber nicht gehen wollte legte
er die Arbeit hin und ging hinaus Der Wind blies wie nichts Gutes und die
hochflutende Elbe ging wie eine breite See in Schaum und Gischt In Seestiefeln
und Ölzeug den Südwester im Nacken liefen die Seefischer hin und her und
steuerten der gemeinen Not sie zogen die Boote und Jollen auf den Deich damit
sie nicht voll Wasser schlügen sie kämpften sich nach den Ewern und Kuttern
hinaus auf denen niemand an Bord war und steckten mehr Ketten aus damit die
Fahrzeuge nicht vertrieben sie schleppten Sandsäcke herbei und verstopften die
Löcher im Deich damit das Land keine Havarei hätte »Is Klaus Mees bihus«
fragte der Segelmacher »Ne de is buten« erwiderte Jan Lanker der lustige
»Denn weet ik genog« sagte Tees nickend und ging langsam nach seinem Boden
zurück Als er das Segel wieder übers Knie legte lag es ganz still das
Zerren hatte aufgehört »Brukst du dat Seil nu ne mihr Klaus« fragte er leise
und wollte weiternähen aber da brach ihm die Nadel ab Seine Augen weiteten
sich als wenn er etwas sähe dann stand er auf rollte das Segel schweigend
zusammen legte es in die Ecke und ging an Hinnik Külpers Besan
Gesa stand in der Küche hinter der Waschbalje und rubbelte Störtebekers
Kleibüxen die voll Schlick und Schmeer saßen und gar nicht rein zu kriegen
waren Ihr Herz war voll Angst und Sorge und sie horchte bange auf den Sturm
der das Haus vom Deich werfen wollte denn sie wusste nicht ob Klaus einen Hafen
hätte oder ob er draußen sei Wie wehte es
Plötzlich fuhr sie zusammen und drehte sich jäh um denn an der Tür hatte es
gescharrt sie hatte es deutlich gehört Stand der Hund der Seemann draußen
und begehrte Einlass war er davongelaufen und kam Klaus nach lag der Ewer
schon am Bollwerk Hastig trocknete sie die Hände ab um die Tür zu öffnen da
stand ihr das Herz still und ihre Knie bebten denn die Tür war von selbst
aufgegangen und auf der Schwelle stand ihr Mann als wäre er dem Wasser
entstiegen Sein Gesicht war totenweiss sein Haar war wirr und seine Augen
waren müde und glanzlos Niemals hatte Gesa ihn so gesehen In starrer Angst sah
sie ihn an Sie wollte ihm entgegengehen und ihm die Hand geben aber sie
vermochte nicht die Füße voreinander zu setzen sie wollte ihn fragen ob etwas
passiert wäre ob er Havarei gehabt hätte aber ihre Zunge war gelähmt und sie
konnte keinen Laut herausbringen
»Gesa« sagte die furchtbare Gestalt leise und hob die Hand da schrie Gesa
laut auf und sank zu Boden
Störtebeker hatte es hild er war mit den andern Jungen am Westerdeich
zugange mit einem großen Knüppel bewaffnet und schlug die Ratten und Mäuse und
Maulwürfe tot die angeschwommen kamen als das Wasser den niedrigen Katendeich
überflutete und das weite Land des Nessbauern überschwemmte der auf seiner Wurt
wie auf einem Eiland saß und im Kuhstall Fische fangen konnte Diese Rattenjagd
war etwas für Störtebeker dazu hatte er Lust Eifrig lief er am Deich auf und
ab und befreite ihn von den Plagegeistern Junge Junge dat wür wat
Just stand er auf dem Feekstreek und lauerte auf eine Ratte die gleich mit
dem Stubben auf den sie sich geflüchtet hatte zu Wasser musste da rief es mit
einem Male hinter ihm »Höh Störtebeker« und als er sich schnell umdrehte sah
er seinen Vater auf dem Deich stehen und winken »Hödjihöh Vadder« rief er
freudig sah noch einmal nach der Ratte dann aber warf er den Staken hin denn
das Takelzeug ging ihn nun nichts mehr an sein Vater war gekommen
Wo war er geblieben Eben stand er doch noch oben und lachte nun war er
weg Störtebeker lachte und glaubte dass er sich versteckt hätte wie er es
immer machte er sprang den Deich hinan und suchte ihn im Binnendeich hinter den
Eschen und Rosenbüschen aber er konnte ihn nicht wieder ausfindig machen
»Vadder neem büst du« rief er aber er bekam keine Antwort Da nahm er an er
wäre schon nach Hause gegangen und lief in Sprüngen nach dem Ness Er guckte
über das Wasser der Ewer war nicht da aber das hatte nichts zu sagen denn
er konnte ja noch an St Pauli liegen oder sein Vater konnte von Cuxhaven oder
von der Weser mit der Eisenbahn übergereist sein
»Mudder is Vadder ne hier« rief er schon auf der Diele und stürmte suchend
in die Küche überholte hastig die Schlafkammer und suchte die Dönss ab
»Och mien arme Junge woneem schull dien Vadder woll wesen« klagte seine
Mutter und sah tränenüberströmten Gesichts von ihrem Psalmenbuch auf in dem sie
gelesen hatte
»Eben wür he annen Westerdiek« lachte er und stieg auf den Stuhl um aus
dem Fenster in den Hof hinunter zu sehen »Ik will em woll gewohr wardn den
Versteekspeeler den«
Da wurde sie aufmerksam »Keen wür annen Westerdiek« fragte sie tonlos
»Vadder« rief Störtebeker »he stünn boben uppen Diek un lach un wink As
ik to rupleep wür he batz weg«
Da zog sie ihn jäh an sich dass er sich nicht wehren konnte und jammerte
»Vadder is bleben Klaus du hest keen Vadder mihr mien Jung«
Er schüttelte den Kopf »Dat is ne wohr Mudder« sagte er bestimmt »dat
hest du dräumt Vadder kann ne blieben und bliwt ne dat hett he sülben to mi
seggt Vadder kummt jümmer wedder«
Sie weinte nur noch heftiger
»Stopp ik will em woll finnen« rief er und lief wieder in den Wind hinaus
um seinen Vater zu suchen den er doch ganz gewiss auf dem Westerdeich gesehen
hatte Gesa rief ihm nach aber er hörte nicht darauf
Auch die Uhr war stehen geblieben Auf halb fünf stand sie das war die
Todesstunde von Klaus Mewes
Gesa hat die Uhr niemals wieder aufgedreht niemals wieder angestossen Wie
die unsichtbare Hand sie angehalten hat ist sie stehen geblieben
Zufall Gaukelei der Sinne
Alle Seebevölkerung weiß dass die Fahrensleute in der Stunde in der sie auf
See ertrinken mächtig sind an Land in ihrem Hause zu rufen oder zu schreien
zu klopfen oder zu scharren auf dem Nebelhorn zu blasen die Bilder an der Wand
zu Boden zu werfen die Uhr anzuhalten oder in Lebensgestalt zu erscheinen
HF 7 Jan Sloo kam den andern Tag von der Hoof das heißt von Cuxhaven
übergereist wo sein Ewer mit zerrissenen Segeln und gebrochenem Grossmast hinter
der Alten Liebe lag und erzählte dass er ein solches Wetter noch nicht erlebt
hätte auf See wenigstens noch nicht es wäre ganz furchtbar hart gewesen Als
Gesa aber in der Dämmerung zu ihm ins Haus kam mit einem dunkeln Tuch um den
Kopf mit bleichen Backen und verweinten geröteten Augen und ihn nach ihrem
Mann fragte sprach er anders da war es draußen gar nicht so schlimm gewesen
sie hatten nur etwas krauses Wasser gehabt und so was Gutes Ihren Klaus hatte
er zwar nicht gesehen und er hatte auch nichts von ihm gehört aber da war
alles in der Reihe der fischte gewiss mit einem Reff im Segel weiter um erst
die Eiskisten zu füllen und dann gleich eine gute Reise zu machen Da brauchte
sie sich keine Gedanken zu machen der kam wieder so gewiss wie zwei mal zwei
vier waren wenn nicht heute noch dann morgen oder übermorgen Wenn er den Wind
ausgehalten hatte hatte Klaus mit seinem viel größeren Ewer ihn siebenmal
ausgehalten Da konne sie ganz geruhig sein So tröstete der Seefischer sie in
seiner Unbeholfenheit bis sie kopfschüttelnd hinausging denn sie merkte dass
er nicht die Wahrheit sagen wollte Er sah lange Zeit aus dem Fenster auf das
Wasser hinaus dann sagte er langsam zu seiner Frau »Inne Nurd schallt noch
mihr weiht hebben as neem wi wesen sünd un ik gläuf Klaus Mees is inne Nurd
wesen«
Als ein schwarzer Tag mit Kreuzen steht der Tag im Kalender der Wasserkante
denn er hat viel Unglück und Haverei gebracht
Die Eiderdeiche waren an drei Stellen gebrochen weite Strecken der Marsch
standen tief unter Wasser viel Vieh war in den Fluten ertrunken Häuser waren
abgedeckt Scheunen waren umgeweht starke Bäume waren entwurzelt Auf Scharhörn
war eine große englische Bark gestrandet und mit Mann und Maus spurlos
verschwunden beim zweiten Feuerschiff war ein Lotsenschoner umgekippt und
dwars von der Kugelbake guckte der Mast einer gesunkenen Jalk aus dem Wasser
Cuxhaven aber lag bis an den Leuchtturm voll haverierter Schiffen
Von Finkenwärder wurden noch sieben vermisst fünf Kutter und zwei Ewer
darunter Klaus Mewes Tag für Tag lauerten sie am Deich auf sie und sprachen von
nichts anderm als von ihnen alles andere musste zurücktreten bis sie Gewissheit
über das Schicksal der sieben Fahrzeuge der einundzwanzig Menschen hatten Um
den sie sich am wenigsten sorgten das war Klaus Mewes denn ein Mann wie Klaus
Mewes ein Fischermann wie kein zweiter mit dem großen seetüchtigen Ewer unter
den Füßen und guten befahrenen Leuten an Bord der blieb nicht so leicht der
musste ja wiederkommen der hatte schon viele schwere Stürme bestanden und sich
immer oben gehalten Mehr bangten sie um den andern Ewer mit den geflickten
Segeln und um die Kutter mit ihren blutjungen dreisten Schiffern und den wenig
befahrenen butenländischen Leuten die mochten ihre Last gehabt haben nicht
aber Klaus Mewes
Es kam aber anders als sie dachten denn der alte Ewer und die Kutter kamen
nach und nach alle binnen wenn auch kein Fahrzeug ohne Haverei war Nur der
eine Ewer Klaus Mewes wollte sich nicht wieder angeben weder auf der Weser
noch auf der Elbe
Tag um Tag verging und aus Tagen wurde eine Woche wurden Wochen und Klaus
Mewes kam nicht wieder Drei Sonntage tat Bodemann von der Kanzel herab Fürbitte
für ihn und die beiden Leute und er betete stark und ergreifend dass es wie ein
großes Weinen durch die Kirche ging denn der Untergang dieses großen
fröhlichen Seefischers ging ihm sehr nahe Wer mag noch Fischer sein wenn
solche Männer bleiben dachte er
Dann musste die Hoffnung aufgegeben werden Klaus Mewes war verschollen Sie
mussten es endlich glauben dass sie seine Flagge nicht mehr flattern sehen
würden dass er nicht mehr lachenden Gesichts den Deich entlangkommen konnte dass
Kap Horn nicht mehr bei den Hochzeiten aufspielte und dass Hein Mück nicht mehr
mit den Mädchen tanzte Was für ein Mann Klaus Mewes gewesen war merkten die
meisten erst jetzt Gut und fröhlich war er gewesen jedem hatte er ein
freundliches Wort gegönnt auf Fische war es ihm nie angekommen wo er helfen
konnte da hatte er geholfen mit Rat und Tat vielen war er in ihrer harten
Fischerei ein Trost gewesen der junge lustige Fischermann der lachend
gefahren war singend gefischt hatte und jubelnd aufgekommen war Bei ihm an
Bord hatte die Lebensfreude das Wort gehabt er war ein Seefischer aus Lust
gewesen nicht aus Gewohnheit Zwang oder Not wie so manche es waren
Auf dem Ness war es nun wirklich so wie Klaus Mewes damals auf den Watten
gesehen hatte alle Fenster waren dicht verhängt und vor der verschlossenen
Tür auf den Stufen auf der Bank und auf den Kastellen standen der Hahn und die
Hühner und warteten hungrig auf ihr Futter Im Hause war es halb dunkel kein
Sonnenstrahl kam mehr in die Stuben die Klaus Mewes mit seinem Lachen erfüllt
hatte Verhängt waren der Spiegel und das große Bild des Ewers Gesa schlich nur
noch wie ein Gespenst durch die totenstillen Räume Meistens saß sie in der
dämmerigen Küche und starrte vor sich hin oder sie weinte Ihre Tür schloss sie
zu denn sie wollte keinen Menschen sehen Die vielen Frauen die Tag für Tag
kamen nach ihr zu sehen und sie zu trösten denn nun Gesa schwarze Kleider trug
und Witfrau geworden war galt sie für eine Finkenwärderin mussten gewöhnlich
umkehren ohne sie gesehen und ihren Kaffee geschmeckt zu haben Auf dem Deich
ließ sie sich selten sehen denn sie konnte den Anblick des vielen Wassers nicht
mehr ertragen konnte keine Ewer mehr vorbeisegeln sehen ohne dass ihr die Augen
übergingen
Und Klaus Störtebeker Der saß wohl bei ihr in der dunkeln Küche und
weinte mit
Nein das tat er nicht Er weinte nicht denn er glaubte nicht dass sein
Vater untergegangen war dass der Ewer nicht wiederkommen konnte dass er Kap Horn
und Hein Mück und Seemann nicht wiedersehen sollte Sein Vater war nicht weg
der lebte und fischte noch Der kam wieder ganz gewiss kam er wieder die Reise
dauerte diesmal nur etwas länger weil sie so viel vor Wind hinter Wangeroog
liegen mussten aber wieder kam er ganz gewiss er hatte es ja selbst gesagt
Felsenfest war das Vertrauen des Jungen auf dieses Wort seines Vaters und
unerschütterlich war sein Glaube
»Störtebeker dien Vadder is bleben« sagten die andern Jungen zu ihm aber
er schüttelte ruhig den Kopf und antwortete »Wat weet ji dorvan af« »Doch
Vadder hett dat seggt« »Denn segg dien Vadder man dat is ne wohr Vadder
kann ne blieben un is ne bleben Vadder kummt wedder« sagte Störtebeker
bestimmt und ging davon Seine Mutter tröstete er jeden Morgen und jeden Abend
»Schree doch ne Mudder gläuf doch ne wat Vadder weg is de is ne weg de
kummt wedder« aber er erreichte damit nur dass sie noch heftiger weinte
Widerwillig trug er schwarze Strümpfe und ein dunkles Halstuch sein Vater
würde ihn auslachen wenn er kam meinte er missmutig
Jeden Tag der grau aus dem Hamburger Dunst stieg und golden in die Elbe
versank lag er mit seinem Kahn auf dem Wasser Er wriggte weit hinaus bis
hinter Blankenese und wartete und wartete Immer waren seine Augen im Westen
und suchten die Elbe ab suchten den Ewer suchten den Vater Große Dampfer
mahlten an ihm vorbei und die Lotsen drohten ihm mit den Fäusten aus dem
Fahrwasser zu gehen aber er dachte ich habe hier ebensoviel Recht wie ihr und
kümmerte sich nicht darum Die Dünung warf den Kahn wie eine Nussschale auf und
ab Störtebeker ging nicht vom Fleck Wenn ein Ewer oder Kutter aufkam wriggte
er hin und fragte nach seinem Vater
»Hest Vadder ne sehen Jannis«
»Höh Blankneeser hett HF 125 ne bi di fischt«
aber immer bekam er ein Kopfschütteln und ein Nein und den guten Rat nach
Hause zu schippern den er aber nicht befolgte Zuletzt kannten ihn alle »Kiek
dor is wedder Klaus Mees sien lütten Jungen« sagten die Schiffer zu den
Knechten wenn sie den Kahn in Sicht bekamen Bei Wind und Wetter bei Nebel und
Sonnenschein bei Regen und Brise dümpelte und trieb Störtebeker vor Blankenese
und wartete auf seinen Vater Starr blickte er nach Westen wo immer wieder
Segel erschienen wo immer wieder Schiffe auftauchten Einmal musste sein Vater
doch gewiss dabei sein einmal musste er ihn doch hergucken können So viele
Schiffe
»Is keen Breef van Vadder kommen« fragte er abends denn sie konnten ja
auch nach der Weser gesegelt sein wenn es gerade so gepasst hätte
»Junge gläufst du noch jümmer wat Vadder wedderkummt« fragte Gesa
bekümmert
»Ganz gewiss gläuf ik dat Mudder Vadder kummt wedder«
Als er wieder einmal dwars von Blankenese lauerte kam hinter Schulau ein
grüner Ewer in Sicht der ganz so aussah wie der seines Vaters Er dachte er
wäre es und eine große Freude kam über ihn dass ihm die blanken Tränen in die
Augen traten Hastig zog er seinen Draggen auf den er ausgeworfen hatte und
wriggte dem Ewer entgegen so schnell er nur schippern konnte Wenn die Nummer
zu lesen oder der Ewer sonst zu erkennen war wollte er sich barfuß ausziehen
damit sein Vater die alten schwarzen Strümpfe gar nicht erst zu sehen bekam
dann wollte er die Flagge aufsetzen die unter der Achterducht im Dollenkasten
steckte und so lange rufen und winken bis sein Vater ihn gewahr wurde Und
dann wollte er längseit wriggen und überklettern und seinem Vater steuern
helfen wollte Kap Horn Gutentag sagen und Hein Mück ein bisschen ärgern wollte
mit Seemann spielen und nach den Segeln hinaufgucken wie er immer getan hatte
Ach er wollte noch viel mehr und stand in Gedanken schon längst an Bord als
er aber bis Wittenbergen gekommen war sah er einen fremden Ewer vor sich und
kehrte traurig um
Alle Fischerleute Seefischer und Elbfischer haben den Jungen draußen auf
der Elbe gesehen und sind von ihm nach seinem Vater gefragt worden Die Jollen
nahmen ihn oft ins Schlepptau und brachten ihn wieder an den Laden wenn er sich
zu weit hinabgewagt hatte und nicht gegen den Strom oder Wind konnte Alle
ermahnten ihn nicht wieder so weit zu fahren sondern am Bollwerk zu bleiben
sein Vater könne nicht wiederkommen nach dem brauche er nicht mehr zu fragen
oder zu suchen
Aber Störtebeker hörte nicht auf sie und glaubte ihnen nicht mit der
nächsten Tide fuhr er wieder elbabwärts und suchte seinen Vater Oft hungerte
ihn er zitterte vor Frost wenn der Wind wehte oder der Regen ihn bis auf die
Haut durchnässt hatte aber er wriggte immer wieder immer wieder nach Blankenese
hinunter und guckte den Schiffen entgegen Sein Vater kam wieder von dieser
Hoffnung ging er nicht ab und er wollte der erste sein der ihn gewahr wurde
Die Bunge hing zerrissen an den Wicheln und der Aalkorb verrottete im Gras
denn er hatte sich der Fischerei gänzlich begeben Kluss die alte Krähe lag
eines Morgens tot im Kasten sie war verhungert er grub sie im Garten ein und
stellte den Käfig in die Ecke Die Kaninchen verschenkte seine Mutter an andere
Knaben weil er sich nicht mehr darum bekümmerte gleichgültig ließ er es
geschehen denn es war ihm einerlei geworden ob er Viehwerk hatte oder nicht
erst musste sein Vater wieder da sein erst musste der große Ewer wieder über den
Deich schauen Dann kam auch all das andere wieder an die Reihe
In der gewissen Zuversicht diese Tide kommt Vater lief er nach seinem
nordischen Kahn und nahm den Kurs auf Blankenese
Gesa die ein seltener Gast auf dem Deiche geworden war merkte zuerst nichts
von diesen weiten Fahrten sie dachte er wäre am Westerdeich zugange und
achtete nicht sonderlich darauf ob er zu früh oder zu spät oder überhaupt nicht
zum Essen kam denn sie selbst hatte auch keine rechte Tageszeit mehr und ging
wie eine Schlafwandlerin umher wie in tiefen schweren Träumen
Bis Störtebeker eines Abends nicht nach Hause kam weil es nebelig geworden
war und er sich auf der Elbe zwischen Cranz und Wittenbergen verirrt hatte Da
wachte sie auf und rief und suchte sie klopfte den Westerdeich ab und lief
ängstlich über die Weiden Als sie ihn nirgends finden konnte jammerte sie den
Deich entlang Da hörte sie von den Fischern wie ihr Junge seine Tage
verbrachte dass er ständig mit dem Kahn im Fahrwasser zugange war und auf seinen
Vater wartete Sie erschrak sehr und es fiel ihr schwer aufs Herz dass sie sich
in all den Tagen und Wochen nicht um ihn gekümmert hatte Wenn er nun ertrunken
war
Gott im Heben gib ihn mir wieder betete sie ich will ihn dann nicht mehr
aus den Augen lassen
Die Fischer machten ihre Boote klar und gingen in der Nacht zu fünfen auf
die Suche obgleich es so dick geworden war dass sie einen Kompass mitnehmen
mussten wenn sie nicht verbiestern wollten Sie segelten und ruderten hin und
her bliesen auf dem Nebelhorn und riefen über das stille tote Wasser aber es
war nichts zu hören noch zu sehen Sie wollten es schon aufgeben da fand
Karsten Husteen den Kahn vor der Este und brachte den halberstarrten Störtebeker
gegen Mitternacht nach dem Ness Gesa kam gelaufen und wollte ihn auf den Arm
nehmen aber er sprang aus dem Boot machte seinen Kahn an den Wicheln fest und
ging allein nach Hause denn er war doch kein kleines Kind mehr das getragen
werden musse
»Morgen kummt Vadder gewiss« tröstete er seine Mutter als er sich das
klamme Zeug auszog sie aber wusste vor Schmerz und Freude und innerster
Aufregung nicht was sie machen ob sie ihn streicheln oder schlagen sollte
packte ihn ins Bett begrub ihn in Kissen und unter Decken und kochte ihm
Kamillentee obwohl er sagte dass ihm gar nichts fehle
Sie lag die ganze Nacht schlaflos horchte auf seinen Atem und erschrak
wenn er einmal hustete Mehr noch als die Sorge aber waren ihre Gedanken schuld
daran dass sie nicht einschlafen konnte Sie riss sich schwer ab dann aber
erwuchs in der Stille der Nacht etwas in ihrer Seele das ihr als eine heilige
Pflicht als eine Aufgabe von Gott erschien den Jungen vom Wasser abzubringen
zu verhüten dass er mit seinem Kahn ertränke zu verhindern dass er ein
Seefischer würde und zu Schaden und frühem Tode käme wie sein armer Vater dafür
zu sorgen dass er sein Brot in Frieden und auf dem Trockenen verdienen und essen
könnte und nicht auf der wilden See umherzutreiben brauchte Dazu war sie von
der Geest in dieses Fischerhaus gekommen sie erkannte es jetzt um das
Geschlecht der Mewes vor dem Untergange zu bewahren um es wieder landfest und
lebendig zu machen Das hatten die starren Augen ihres Mannes an jenem
schrecklichen Nachmittag von ihr gewollt sie fühlte es und hörte es was sie
hatten sagen wollen ich habe verspielt Gesa nun tu du das deine dass der
Junge es einmal besser habe bewahr ihn vor dem Schicksal seines Vaters lass ihn
nicht nach See Das hatte ihr Mann sagen wollen das war es gewesen »Jo Klaus
dat will ik« flüsterte sie vor sich hin »du schallst dien Rauh hebben« Starr
richtete sie sich iaus den Kissen auf und gelobte es dem Toten und sich Sie
wusste dass es schwer halten würde dass sie streng und hart sein musste denn der
Junge saß voll von diesem Seegift wie sie es nannte und war ein Trotzkopf
sondergleichen aber ihr zähes niedersächsisches Blut übernahm es Sie wollte
sich um ihn bekümmern und mit Ernst und Geduld auf seine Schritte achten um ihn
dem Wasser fernzuhalten und ihn vor dem Geschick seines Vaters zu bewahren Das
war ihre Lebensaufgabe nun Den Vater von der Schiffahrt abzuziehen hatte sie
nicht vermocht aber der Junge der noch so jung war musste noch zu biegen und
zu lenken sein wenn ein fester Wille dahinter stand Sie konnte keinen wieder
nach See segeln sehen sie konnte es nicht
Nun begann ein erbitterter Kampf zwischen Mutter und Kind ein Kampf um die
See Gleich am andern Morgen bekam Störtebeker eine große Strafpredigt bis er
ganz geduckt dasaß und nichts mehr sagte Als seine Mutter dann aber weiterging
und davon sprach dass sein Vater nicht wiederkommen konnte dass er auf dem
Grunde der See lag da richtete er sich wieder auf und sagte das sei nicht
wahr sein Vater sei nicht weg sie wüssten alle nichts davon Sein Vater käme
wieder dabei blieb er und davon ging er nicht ab Der Ewer könne nicht
umkippen und sein Vater könne nicht ertrinken er glaubte es nicht und wenn
sie es auch alle zusammen sagten
Gesa hatte ihm streng untersagt wieder nach dem Fahrwasser zu schippern
aber als er nachher auf dem Deich stand und über das Wasser blickte und so viele
Ewer und Kutter aufkommen sah da dachte er sein Vater müsste gewiss kommen und
er müsste ihm entgegenfahren Und als seine Mutter hinterm Hause war und die
Schweine fütterte da machte er seinen Kahn los und wriggte wieder weg um
seinen Vater zu holen Wenn er den Ewer mitbrächte würde sie sich schon freuen
und nicht mehr schelten mit dem Gedanken tröstete er sich als er die Reihe der
Segel absuchte
Auf der Rückfahrt hatte er wegen des scharfen Ostwindes sehr zu pulen und
kam deshalb erst spät am Abend zurück
»Klaus worüm büst du nu wedder wegschippert« fragte Gesa erregt »wullt du
ober Burd fallen oder schöt de Dampers di inne Grund jogen«
Störtebeker pustete den Kaffee der zu heiß war und biss von seinem
Brotknust ab ohne etwas zu erwidern
»Junge du Eegenbuck Wat büst du förn Jungen Dien Mudder hett di woll gor
nix mihr to seggen« fragte sie bebend
»Du weiß doch ganz god wat ik up Vadder teuft hebb« erwiderte er geruhig
und setzte abweisend hinzu »Nu lot mi doch tofreeden Mudder«
Da konnte Gesa sich nicht mehr halten der Zorn überschrie alles andere in
ihr und sie schlug ihn sehr Er stand still und ließ sich schlagen weder
wehrte er sich noch lief er weg noch schrie er fest biss er die Zähne
aufeinander um keinen Laut von sich zu geben
Den andern Tag holte sie ihn mehr als einmal mit dem Stock vom Bollwerk
zurück so dass er nicht entkommen konnte aber den Morgen darauf flüchtete er
wieder vom Deich und blieb den ganzen Tag auf der Elbe Wie wünschte er seinen
Vater herbei Wenn er doch käme der grüne Ewer Sonst gab es heute abend ja
wieder etwas mit dem Stock Aber sein Vater kam nicht und er musste schließlich
doch zurückwriggen Er hatte den ganzen Tag nichts gegessen nur aus der Elbe
getrunken hatte er und war sehr hungrig Triefend von Regen stand er auf der
Schwelle und guckte seine Mutter an die schon bei der Lampe saß als wenn er
sagen wollte nu hau mi man wedder
Sie ließ ihn nun nicht mehr aus den Augen und hielt ihn auch einige Tage
fest Streng achtete sie darauf dass ihn niemand mehr Störtebeker nannte dass er
wieder Klaus Mewes gerufen wurde sie ging selbst zu dem alten Schulmeister
Möhlmann hinunter damit es den Kindern verboten würde den Jungen Störtebeker
zu nennen aber damit erreichte sie nur das Gegenteil von dem was sie wollte
denn nun riefen die Jungen erst recht Störtebeker
Eines Tages fand sie ihn am Binnendeich sitzen Mit geschlossenen Augen
hockte er auf einem Hummerkasten von Grimsby und stieß mit den Füßen gegen ein
Brett das zwischen den Kurrbäumen steckte so dass es regelmäßig knarrte Sie
trat näher und als sie sein glückliches Gesicht sah fragte sie ihn weich »Wat
schall dat denn Klaus« Er schüttelte erst heftig den Kopf als wenn er nicht
gestört werden wollte dann aber besann er sich und sagte leise »Mok de Ogen ok
mol to Mudder« »Wat schall dat denn Junge« »Moks doch mol to Mudder
och man to« »Ik hebbs jo all to Klaus« »Ganz fast« »Jo ganz fast«
»Denn sünd wi up See Mudder« sagte er verträumt »kannst hürn wat dat
boben unsen Kupp gnarrt Dat deit de Gaffel wenn de Eber oberholt Mudder
Twee Stünnen hebbt wi de Kurr all ut Mudder gliek möt wi intehn denn schallst
mol sehen wat denn een Leben ward wat denn de Meben anflegen kommt Kannst
Seemann dor blangen den Kumpass liggen sehen Dor slöpt he jümmer inne Fohrt
Mudder Kiek dor steiht Kap Horn Pass up gliek holt he sien Harmonika ut de
Koi un speelt een up dat hürt sik up See veel beter an as an Land Mudder
ne Hein Mück schillt Kantüffeln gliek gift brodte Schullen de scheut ober
smecken Kannst sehen Mudder dor achter dat Land dat hoge rode Dat is
Hilchland«
So verlor Störtebeker sich weit in seine Seefahrt und erzählte immerzu Gesa
saß auf dem Kurrbaum der die eingeschnjetzten Zeichen HF 125 trug und hörte
zu während ihre Augen sich verdunkelten »Woneem is Vadder denn« fragte sie
zuletzt erschüttert
»Vadder« rief er verwundert »Vadder De steiht hier jo bi uns ant Rur de
hett jo de Wacht Hür mol wat he lachen kann«
Da wandte sie sich ab und ging ins Haus zurück er aber saß noch lange und
horchte auf das Rauschen der Eschen wie auf Meeresbrausen
Manchmal wachte Gesa nachts auf und hörte ihn im Traum sprechen immer war
er dann auf See bei seinem Vater
Tagsüber aber lag er wieder auf dem Wasser Ungeachtet aller Schelte und
Schläge brach er immer wieder aus sie konnte nichts mit ihm aufstellen Die
Elbfischer denen sie ihre Not geklagt hatte machten Jagd auf ihn wie auf ein
Wild und vertrieben ihn wo sie ihn sahen er ging ihnen aber immer wieder durch
die Maschen Sein Trotz wuchs was Eisen in ihm gewesen war hatte sich zum
Stahl gehärtet und gewisser als zuvor hoffte er auf seines Vaters Wiederkehr
Zuletzt als er sich gar nicht mehr retten konnte als die Hunde von allen
Seiten nach ihm schnappten beschloss er nach der See zu schippern und seinen
Vater vor der Elbe und auf der Weser zu suchen wenn er ihn gefunden hatte
wollte er immer bei ihm an Bord bleiben und gar nicht wieder nach Hause kommen
Er tat nun einige Tage als wenn er die Fahrt aufgegeben hätte so dass Gesa neue
Hoffnung schöpfte heimlich aber rüstete er sich für die Flucht aus Er suchte
sich eine große Kruke her und füllte sie mit Wasser damit er auf der See etwas
zu trinken hätte er packte seinen Aalkorb zurecht damit er sich unterwegs
Fische fangen könnte er zog ein altes Segel vom Boden und legte es
zusammengerollt unter die Ducht damit er nachts unterkriechen und schlafen
könnte Als er soweit fertig war wartete er auf einen günstigen Augenblick und
als seine Mutter die Eier im Schauer zusammensuchte nahm er den Kompass von der
Wand steckte seinen Spartopf in die Tasche und jagte mit seinem Kahn die Elbe
hinunter Zu Blankenese ging er an Land und kaufte sich beim Bäcker zwei große
Brote damit er etwas zu leben hatte dann wriggte er unverzagt weiter der See
entgegen und weil es Ebbe war und er Achterwind hatte kam er schnell vorwärts
bis über die Lühe hinaus Als es Flut wurde und der Abend kam suchte er an der
Nordkante in einem Priel Unterschlupf mitten im Schilf und kroch in das Segel
hinein denn er war fröstelig Schlafen konnte er aber nicht und als Hochwasser
war stand er wieder auf und schipperte emsig weiter Bis Krautsand war er schon
gekommen da ereilte ihn sein Verhängnis als es Tag geworden war entdeckte ihn
ein nachbarlicher Elbfischer der auf seiner Jolle stand und seine Garne wusch
er sprang ins Boot und verfolgte ihn bis er ihn gefangen hatte Störtebeker bat
und biss aber es half ihm nichts der Elbfischer band den Kahn hinter seine
Jolle und brachte ihn den andern Tag als er den Bünn voll hatte nach
Finkenwärder zurück Diesmal ging es nicht so gnädig ab denn der Jäger kam
dazwischen und brauchte den Stock als wenn er einen Jagdhund oder ein Stück
Vieh vor sich hätte Störtebeker schrie doch einmal auf dann aber schwieg er
wieder beharrlich und dachte wenn Vadder man hier wür de wull jo god
Den Tag darauf schloss Gesa ihn ein und ließ den Kahn nach dem andern Ende
des Deiches bringen Und sagte sie hätte ihn einem Fischer verkauft der ihn
mit nach See genommen hätte »Wat kannst du bloß den Kohn verkäupen« rief er
heftig »de hürt mi to un dor hett nüms wat ober to seggen as ik kannst Vadder
frogen« Als er sie aber dann nach dem Fischer fragte gab sie keine klare
Antwort so dass ihm die Sache muffig vorkam er fragte die Jungen und suchte und
spähte so lange bis er sein Schiff entdeckt hatte Ohne jemand zu fragen
machte er es los und brachte es nach dem Ness zurück
Und fing wieder an seinen Vater zu suchen denn sein Vater musste ja
wiederkommen Felsenfest stand seine Hoffnung
War da niemand den diese Treue rührte Wohl nicht denn die Frauen
bestärkten Gesa in ihrer Strenge und die Elbfischer griffen ihn wo sie seiner
habhaft werden konnten Es war ein Jammer wie sie mit dem armen Jungen
umgingen der seinen Vater nicht vergessen konnte
Zuletzt brachte Gesa ihn nach der Geest zu ihren Eltern wo es kein Wasser
und kein Boot gab und hoffte dass er dort auf der Heide seinen Vater und die
See die Schiffahrt und die Fischerei vergessen würde Der alte Heidjer und die
Großmutter freuten sich den Enkel endlich einmal bei sich zu haben tischten
ihm auf und versprachen gut auf ihn zu passen als Gesa sich wieder auf den
Heimweg machte Störtebeker ließ sich das neue Leben und die neue Umgebung auch
einige Tage gefallen er ging mit nach dem Moor er sah die Bienenkörbe nach er
lernte Buchweizen dreschen er trank Ziegenmilch er suchte sich Brombeeren er
kletterte auf die Berge und guckte weit über das Alte Land dann aber fiel ihm
plötzlich ein dass sein Vater aufgekommen sei und auf dem Ness mit dem Ewer läge
und auf ihn warte da sprang er kopflängs von dem Schimmel herab auf dem er
saß und lief in Sprüngen weg ohne Mütze und alles fragte sich durch das Alte
Land nach der Fähre an der Süderelbe ließ sich von Paul Müller übersetzen
raste den Westerdeich entlang und stand an der Huk still denn er konnte keinen
Ewer sehen Erst wollte er wieder nach der Geest zurücklaufen dann aber
getraute er sich doch nach seiner Mutter Haus
Gesa fuhr auf als sie ihn unter den Linden stehen und noch immer nach der
Elbe gucken sah dann aber konnte sie nicht an sich halten und sie schlug ihn
dass er blutete Als nachmittags der alte Heidebauer mit seinem Wagen angefahren
kam erbost über die Flucht und den Trotz des Jungen schlug auch er auf ihn
ein Dann wollte er ihn binden und wieder mitnehmen aber Gesa sagte das hilfe
doch nichts sie wolle ihn hier behalten er solle in den Keller gesperrt
werden und sie wolle den Kahn nun wirklich verkaufen
Schweigend ließ Störtebeker sich nach dem Keller bringen Da saß er im
Gefängnis denn das Fenster war vergittert Er versuchte den Kopf durch die
Eisenstangen zu stecken aber es ging nicht Der Jäger der gerade unter dem
Fenster entlang ging drohte ihm mit dem Flintenkolben und sagte grimmig »Wi
wöt di woll mörr kriegen du Dickkupp«
Als er weg war setzte der Junge sich müde und hungrig auf eine
Kartoffelkiepe und weinte bitterlich denn er wusste sich nicht mehr zu helfen
»Hilp mi doch Vadder« schluchzte er »hilp mi doch Kumm doch wedder«
Aber kein Klaus Mewes stieg aus der See um seinem treuen Jungen
beizustehen ihn aus der Haft zu erlösen und ihn wieder mit an Bord auf den
Ewer und nach See zu nehmen Kein Kap Horn tröstete ihn und kein Seemann kam
ihm die Hände zu lecken
»Hilp mi doch Vadder«
Letzter Stremel
Jahre sind vergangen seitdem Klaus Mewes mit seinem grünen Ewer geblieben ist
Wir kurren in der Gegenwart
Herbst ist es windstarker wolkengewaltiger Herbst der die Blätter von den
Bäumen gerissen und die kleinen Segelschiffe von der See gefegt hat
Hinter der Alten Liebe zu Cuxhaven die nichts mit Liebe zu tun hat sondern
ihren Namen von der »Olive« bekommen hat einem haverierten und abgeschlachteten
Schiff das zuerst den Anleger bildete liegt die Austernflotte und macht sich
zum Auslaufen klar Da liegen die neun Kutter die Dohrmann der große
Austernhändler für den Winterfang angenommen hat
Auf der Besan haben sie seine Charterflagge wehen die hansischen Farben mit
den hamburgischen Türmen die am Finkenwärder Deich die Todesflagge genannt
wird Denn der Austernfang auf hoher See ist die allergefährlichste Fischerei
weil sie in die stürmischen Monate fällt und weil die Austernbänke so weit
draußen liegen inmitten der Nordsee meilenweit von Helgoland Da ist keine
Reede und kein Hafen zu erreichen wenn das Wetterglas fällt alle Stürme müssen
draußen ausgeklüst werden
Nur die neuesten größten und seetüchtigsten Kutter können sich des
Austernkurrens unterfangen Nur die verwegensten und mutigsten Seefischer die
jungen und starken können diese Fischerei betreiben aber auch sie würden sich
nicht dazu hergeben wenn sie nicht verdienen müssten und wenn die Austern nicht
so gut lohnten Die Zeiten sind schwer geworden seitdem die Fischdampfer groß
geworden sind Winter und Sommer muss der Fischermann kurren wenn er noch
bestehen will die Notwendigkeit die eiserne Not steht hinter ihm und jagt ihn
in die Stürme hinein
Ein furchtbarer Ernst webt um die Masten der Fahrzeuge Der Tod steht
aufgerichtet an den Wanten und ist der heimliche Schiffer
Der erste der neun Kutter trägt den Steven am höchsten und ist der stärkste
von ihnen Noch flattern Reste des Taufkranzes am Grosstopp bunte Bänder und
grüne Blätter so neu ist er
Und heißen seine Kameraden Präsident Herwig Landrat Tessmar Farewell
Senator von Melle Süllberg Fairplay und Providentia so heißt er Klaus
Störtebeker
In Goldbuchstaben leuchtet es am Heck
Klaus Störtebeker
Finkenwärder
Und lassen die andern Dohrmanns Flagge im Winde flattern so weht ihm eine
deutsche Flagge von der Besan denn der junge Fischer ist wie sein Vater und
zieht keine fremde Fahne auf Dohrmann muss ihn so fahren lassen
Der schöne schmucke Kutter gehört dem jungen Klaus Mewes Dem jungen Klaus
Mewes
Ja Seele dem jungen Klaus Mewes gehört er dem kleinen Klaus Störtebeker
aus dem sie einen Geestbauer einen Schuster einen Zimmermann und was nicht
alles machen wollten und aus dem doch nur eins werden konnte in dem doch nur
eins steckte ein Seefischer Allen zum Trotz hat er den Weg nach dem Wasser
gefunden und ist ein Fahrensmann geworden wie sein Vater
Der Störtebeker ist schon sein zweites Schiff Mit dem ersten Kutter ist er
bei Texel auf ein treibendes Wrack gestoßen und hat ihn dabei eingebüßt Nun
liegt er mit seinem neuen Fahrzeug zu Cuxhaven und will Austern fischen
Bewundernd bleiben sogar die Seelotsen die doch manches Schiff unter den
Füßen gehabt haben vor dem großen herrlichen Fischerkutter stehen betrachten
die glänzenden Masten das blinkende Deck den ragenden Bug und loben den
Baumeister der ihn zusammengeklopft hat und den Schiffer dem er gehört und
der mit ihm nach See gehen kann
Die Kajüte ist groß und hoch denn der junge Klaus Mewes fährt zu vieren und
ist hochgewachsen
Drei Sprüche zieren sie
Unter der Schifferkoje leuchtet der schöne goldene Spruch aus dem Ewer
Hilpt mi Sünn un Wind
hilpt mi bit Fischen
Ik heet Klaus Mees
un bün van Finkwarder
Unter der Knechtenkoje aber steht einfach und bedeutungsvoll Kap Horn und
die letzte Koje schmückt das trotzige Wort
Finkwarder blifft Finkenwarder
un geiht ne van de See
Da kommt der junge Klaus Mewes
Er kommt vom Kriegshafen herüber von den Torpedobooten her Er hat seinen
Leutnannt besucht Sie waren zusammen in Ostafrika und halten noch jetzt viel
voneinander
»Klaus Mewes wenn ich Sie ansehe ist mir um die Wacht an der See nicht
bange« hat der Seeoffizier zum Abschied gesagt und ernst hinzugefügt »Mehr als
auf die Wacht am Rhein kommt es jetzt auf die Wacht an der See an England ist
Rom und wir sind Kartago goden Wind Klaus Mewes«
Der junge Klaus Mewes geht wie sein Vater ging Er sieht aus wie der
ausgesehen hat es ist als wäre der andre Klaus Mewes wiedergekommen
Anders als dieser hat auch jener nicht gelacht und höher hat auch er nicht
den Kopf getragen wie ein Herzog geht der junge Klaus Mewes in seinem Isländer
und auf seinen Seestiefeln
Und er ist doch ein rechter wohlgemuter unerschrockener Fischermann Nicht
als finsterer Fliegender Holländer geht er einher viel ähnlicher ist er dem
blonden Konradin der tapfer lachend über die Alpen zog nur von seinem Schwert
begleitet und sich sein Königreich erobern wollte
Dass er so lachen kann der junge Klaus Mewes Urgroßvater Großvater und
Vater sind geblieben seine Mutter ist vor Gram gestorben er hat die schweren
Winterstürme vor sich und dennoch lacht er wie die Sonne wenn sie scheint
An Land ist er ein Kind das gern mit Kindern spielt auf See aber ein
verwegener Draufgänger der sich vor keinem Wind verkriecht und lieber ein Segel
in die See gehen lässt als dass er ein Reff einsteckt Die Furcht die schon der
Junge nicht kannte hat auch in der Seele des Mannes keinen Raum
Ein sturer Fischer ist der junge Klaus Mewes er macht die schnellsten und
besten Reisen Das weiß der ganze Deich Und wenn ein Junggast bei ihm als Koch
gefahren hat so nimmt ihn jeder Schiffer gern als Knecht denn die Fahrzeit bei
dem jungen Klaus Mewes ist wie Kriegszeit und wird doppelt gezählt
Und doch ist er ein Fischermann aus Lust wie sein lachender glücklicher
Vater den er in Gedanken immer bei sich stehen hat wenn er steuert Bei ihm an
Bord ist nichts von der Not der Zeit zu spüren die die stolzen Flotten von
Finkenwärder und Blankenese bis auf neunzig Schiffe zerschlagen und zertrümmert
hat er hat Leute genug wie der Magnet das Eisen so zieht er das tüchtige
Jungvolk den Nachwuchs von Finkenwärder der noch Lust zur Seefischerei hat
mit Gewalt an sich
Er brauchte nicht während des Winters zu fischen denn er hat im Sommer Geld
genug verdient dass er geruhig auflegen könnte aber er geht dennoch auf die
Austern los Was ihn treibt ist das was Hagen trieb den Zug ins Heunenland
mitzumachen es ist ihm um die Ehre zu tun Er muss überall der erste sein Er
kann und will sich nicht sagen lassen dass er hinter dem Ofen gesessen hätte
während andre in den Austern gewesen seien
Er weiß dass sie auf ihn sehen wie auf ihren Führer und er ist stolz darauf
und freut sich dessen
Als der Kutter auf der Helling saß machte der junge Klaus Mewes einige
Reisen als Fischdampferkapitän um sein großes Steuermannspatent auch einmal
auszunutzen er fischte im Angesichte von Island im Schein der Mitternachtssonne
und an der Küste von Marokko in der Glut des Samums er sah sich Aberdeen und
Lissabon an als aber sein Kutter zu Wasser gelassen war da bedankte er sich
selbst lachend bei seinem Reeder und zog es vor sein eigenes Schiff zu steuern
und nichts über sich zu haben als seine Segel und seinen Herrgott
Er hat sein schönes Schiff erreicht der junge Klaus Mewes Er springt an
Bord und ruft die Leute auf
Sie wollen fahren
Klappernd steigen die weißen leuchtenden Segel die noch keine Lohe
geschmeckt haben an den Masten auf die Gaffeln knarren und die Schoten
schlagen wie wilde Geister denn es ist noch stur
Der junge Klaus Mewes zieht sein Ölzeug an und setzt den Südwester auf dann
fasst er das Ruder an und lässt die Stroppen losmachen Langsam schwoit der
Kutter die Segel fallen voll und das Fahrzeug setzt sich allmählich in
Bewegung
Hinter der Alten Liebe erst besinnt es sich auf seine Kraft und schießt
mächtig davon um Austern zu kurren Mächtig taucht es in die schwere Dünung
hinein
Am Ruder aber steht der junge Klaus Mewes und freut sich seines Schiffes und
seiner Fahrt
Seefahrt ist not
Auch deine Seefahrt Klaus Mewes
Ende