1911_MeiselHess_Intellektuellen.html




        
                               Grete MeiselHess
                              Die Intellektuellen
                                     Roman
                                  Erstes Kapitel
                                 Die Verwandten
 »Gute Gesellschaft hab ich gesehen man nennt sie die gute
 Wenn sie zum kleinsten Gedicht keine Gelegenheit gibt«
                                                                         Goethe
Frau Professor Diamant saß in ihrem großen Ankleidezimmer vor einem hohen
dreiteiligen Spiegel Sie hatte soeben die Friseurin entlassen In breiten
Wellen war das stumpfblonde Haar um den Kopf gelegt von einem mit Wachsperlen
bestickten schwarzen Sammetband durchschlungen Der Teint der im vollen
Tageslicht einen grauen Ton hatte war jetzt in der Zimmerwärme des feuchten
Septemberabends leicht gerötet Die Augen vom reinen tiefen Blau der
Kornblumen glänzten Sie erhob sich reckte die hohe Gestalt warf den
Frisiermantel ab Die volle Büste lastete auf den weichen Fischbeinstäben des
niedrigen Korsetts das die Hüften schlank und fest zueinanderzog Frau Edda
warf einen Blick auf die Uhr und griff eilig nach dem Kleid das auf einer
Stuhllehne bereit lag einem Gewand von weicher chinesischer Seide mit gewagt
durchbrochenen Spitzenornamenten Sie liebte es nicht in den letzten Stadien
des Ankleidens Bedienung um sich zu haben und vollendete ohne Hilfe die
Toilette
    Ihr Gatte rief aus dem Nebenzimmer »Sie werden gleich da sein«
    Frau Edda hatte die letzten Haken geschlossen und hing den Frisiermantel an
seinen Platz in den Schrank Sie steckte noch vorsichtig ohne die weiße Seide
ihres Kleides zu gefährden ein Paar Leisten in die Strassenschuhe die sie
abgelegt hatte Dann spülte sie nochmals rasch beim Waschtisch mit
vorgestreckten Armen und zurückweichender Gestalt die Hände ab überrieb flink
mit einem Rehleder die Fingernägel  der Teint war fertig  und nahm eine
Stahlschatulle aus dem Wäscheschrank Sie öffnete sie langsam und begann ihre
Ringe anzulegen Ringe von verschiedenen bizarren Formen Ringe in spitzer
Marquisenform andere wieder in denen sich die Edelsteine als Blüten hoch über
den Finger rankten fremdartige orientalische Ringe mit großen dunklen Steinen
und solche mit klaren Solitären Unbedenklich gestattete ihr ihr sicherer
Geschmack diese Bürde an ihren schlanken Fingern Sie wusste dass ihre Hände
davon nicht beschwert erschienen Sie trat noch einmal vor den großen
Ankleidespiegel und betrachtete sich einen langen Augenblick warf dann mit
einer bei ihr häufigen Bewegung des mit ballmässiger Eleganz bekleideten Fußes
die Schleppe zurück und verließ das Zimmer Knisternd in ihrer weißen Seide
eilte sie an die Tür der Küche öffnete sie behutsam lugte hinein und zog sich
eilig wieder zurück Weiter raschelte die Schleppe über den langen Korridor und
verschwand hinter der Portiere des Speisezimmers
    Professor Gustav Diamant hatte in Wien einen guten Namen Als Student war er
aus der mährischen Provinzstadt in der sein Vater das Amt eines Sekretärs der
Kultusgemeinde bekleidete nach Wien gekommen hatte hier mit dem ansehnlichen
Rest seines mütterlichen Erbes seine Studien vollendet sich zum Spezialarzt
ausgebildet eine gute Praxis errungen die Dozentur früh erworben und sich mit
Fräulein Edda Reisenleitner verheiratet Fräulein Reisenleitner entstammte einer
Familie deren Schicksale sich am Fuße des Kahlenberges abspielten solange man
sich ihres Bestehens erinnerte Ein einfacher Töpfer war noch der Urgroßvater
gewesen und in seinem kleinen Kontor draußen in der Vorstadt hatte eine schön
bemalte Tafel mit der folgenden Inschrift gehangen
                                  Töpferlied
Was für schöne bunte Sachen
Kann ich mir aus Tone machen
Wenn ich meine Scheibe dreh
Meiner Hände Werke seh
Kachel Flaschen Krüge Kannen
Tiegel Tassen Bratenpfannen
Kuchenformen Blumentöpfe
Schüssel Teller Suppennäpfe
Sauber ausgemalt glasiert
Und mit Blümelein geziert
Meine Ware sagt der Bauer
Ist von keiner rechten Dauer
Ja der arme Mensch hauptsächlich
Ist vergänglich und gebrechlich
Darum wundere dich nicht
Wenn einmal ein Topf zerbricht
Arm und Beinbruch ist viel schlimmer
Darum denk ich ist doch immer
Besser mancher Topf zerbrochen
Als auch nur ein einziger Knochen
Und darum auch bleibts dabei
Werft und brecht recht viel entzwei
Sein Sohn war Künstler Wohl bediente er Töpferscheibe und Brennofen noch
persönlich aber nur um neuartige Formen und Glasuren zu erfinden Er achtete
die uralte Tradition des Handwerkes und wusste dass die Kunst die Meisterschaft
darin als Boden brauchte Er wollte hinter die Geheimnisse der historischen
Keramik kommen versuchte es größere glasierte Flächen zu beleben und erfand
dabei neue geschmackvolle Farben besonders bevorzugte er die kräftigen und
doch zarten Tönungen der Perser Während er so zwischen alteuropäischer
Handwerkskunst und morgenländischer Farbenkraft eine Einigung suchte schuf er
einen neuen keramischen Stil auf dessen Grundlage später die Moderne weiter
arbeitete Sein Talent vererbte sich nicht Sein Sohn Eddas Vater war weder
Töpfer noch Künstler sondern Kaufmann Er brachte die Firma auf die Höhe der
modernen Ofenfabrikation Diese Reisenleitnersche Ofenfabrik hatte Eddas Bruder
übernommen
    Dr Diamant damals noch Dozent war dem Mädchen als ein interessanterer
Freier erschienen als irgendeiner der Fabrikantensöhne oder Leutnants mit denen
sie auf Bällen tanzte Ihre Schönheit hatte ihn zu einer Werbung verführt die
sich jeder Erwägung entzog Jetzt waren sie seit mehr als fünf Jahren in
kinderloser Ehe zusammen hatten einander gemessen und begrenzt Er war vor
kurzem Professor geworden und hastete von morgens früh bis zum späten Nachmittag
einer großen Praxis nach Seine übrige Zeit verbrachte er zumeist in seinem
Laboratorium an das sich ein ausgedehnter Stall schloss in dem er die Tiere
hielt an denen er fortgesetzt experimentierte Bis spät nachts saß er dann zu
Hause noch an seinem Schreibtisch
    Frau Edda hatte es nicht leicht ihr Leben in bewegtem Gange zu halten wie
sie so sehr gewünscht hätte Sie kämpfte mit ihrem »Laster« wie sie es selbst
nannte  mit ihrer Trägheit  die vielleicht nichts anderes war als große
Erschöpfbarkeit wie sie in alten Familien zu spuken pflegt Frau Edda die so
gern auf das Waffengeklirre horchte das »draußen« die Geister aneinander
geraten ließ die mit Neugier alle Nachrichten verfolgte die von überwundenen
Widerständen berichteten  Frau Edda konnte sich aus der Gefangenschaft ihrer
Zimmer nicht frei machen »Der Tag zerrinnt mir unter den Fingern« klagte sie
wenn man ihr vorhielt dass sie ihr Talent nicht pflege Denn Frau Edda hatte ein
Talent vielleicht war es der Großvater der ihr das seine in veränderter Form
vererbt hatte Auf der Marmorplatte und in der Lade ihres breiten
Toilettetisches lagen zwischen Elfenbeinbürsten Kristallflacons feinen
Stahlscheren Nägelfeilen silbernen Schalen  verstreute einzelne Blätter Da
sah man mit wenigen kecken Strichen Motive der weiblichen Kleidung zu neuen
Kombinationen vereint Fast immer wenn Edda ihre Entwürfe Modejournalen zur
Verfügung stellte hatten die Redaktionen danach gegriffen ja man hatte
regelmäßige Beiträge von ihr erbeten Aber Frau Edda musste ablehnen denn sie
konnte wie sie es nannte nur »unfreiwillig« arbeiten Ihre Inspirationen kamen
»in Anfällen« Plötzlich wo immer es war zumeist während einer Stadtfahrt im
Wagen oder bei der Lektüre eines anregenden Buches geschah es dass wie sie es
nannte »eine Klappe im Gehirn sich öffnete«  und dann fiel prompt ein neues
Trachtenmotiv heraus
    Während der Professor sich morgens früh erhob sobald der gedämpfte Wecker
seiner Taschenuhr sein leises Surren hören ließ und das Morgenlicht durch den
absichtlich freigelassenen kleinen Spalt zwischen Fensterbrett und Jalousie
fiel sich hastig ankleidete stehend eine Tasse Tee trank und seiner Klinik
zueilte lag Frau Edda in den Banden eines Schlafes die ihr so unzerreissbar
erschienen dass der Besuch des Kaisers von China sie nicht veranlasst hätte sie
energisch abzuschütteln Erst wenn diese Bande »von selbst fielen« wendete
sich ihr schlaftrunkenes Gehirn der Tatsache zu dass ein Stück Leben heute
abzuwickeln sei Sie trank dann langsam im Bett ihren Kakao knabberte Zwieback
dazu durchblätterte die Zeitungen und Modejournale und las ihre Post die nicht
unbeträchtlich war da sie gern Korrespondenz pflegte Langsam und schwer
ordnete sie im Gehirn den Inhalt dieser Briefe und Zeitungen die sie beinahe
belastend anregten Ehe sie nicht genau wusste wie und wo dieses neue Material
unterzubringen sei und wie sie dazu Stellung zu nehmen hätte fühlte sie sich
nicht »frei« genug aufzustehen Sie badete umständlich pflegte die etwas
schadhaften Zähne mit mehreren Wässern und Pasten gewann manchmal ein paar
Minuten für den Versuch einiger Freiübungen überließ sich eine halbe Stunde der
Friseurin und nur eineinhalb bis zwei Stunden verbrachte sie auf diese Art bei
der Morgentoilette  für eine Dame gewiss nicht zuviel Wenn sie fertig war
machte sie »Ordnung« Sie konnte sich wie sie behauptete nicht ruhig
hinsetzen wenn nicht alles genau auf seinem Platze lag und so fand sie sich in
einem ewigen Turnus durch die weitläufige Wohnung Sie ging den Dienstboten
nach bemerkte dass die Stühle nicht so standen wie sie stehen mussten dass eine
Decke schief lag dass etwas Staub zwischen zwei Nippes liegen geblieben war Der
Professor hatte diese »Ordnungssucht« wie er es nannte kaltblütig in die
Patologie verwiesen Auch Frau Edda gab diese Tätigkeit nicht für
hausfraulichen Antrieb aus In die Küche wagte sie sich kaum dort waltete die
Perfekte und dort wurde jene Arbeit gemacht vor der Frau Edda Angst hatte
richtige beklemmende Angst In verwirrendem Vielerlei lagen da die zahllosen
Ingredienzien aus denen sich jede einzelne Mahlzeit zusammensetzt Es roch nach
Fetten nach blutigem Fleisch es prasselte schmorte dampfte und mit ihren
langschleppenden lichten Hauskleidern wusste sie gar nicht wie sie sich auf den
Fliesen der Küche und zwischen den beladenen Tischen bewegen sollte wenn eine
neue Köchin sie durchaus einmal hier »brauchte« Nach dem Mittagessen wenn der
Professor in seinem Ordinationszimmer verschwand lag Edda im Schaukelstuhl und
rauchte langsam ohne Eile mit dem Behagen der milden Nervenbetäubung aber mit
wachem bösen Gewissen eine zwei und drei Zigaretten stand auf mit schwerem
Kopf hatte »Luftunger« klingelte dem Stubenmädchen das um diese Zeit der
Ordinationsstunde alle Hände voll zu tun hatte und befahl ihre Garderobe zum
Ausgehen bereit zu legen Sorgfältig legte sie Stück für Stück an Sie
bevorzugte die reiche französische Mode vor der englischen schweres Material
auch zu einfachen Gelegenheiten besonders liebte sie kostbare immer etwas
bizarre Mäntel und Hüte von unwahrscheinlichen Dimensionen die ihr schönes
Gesicht weitausgreifend umrahmten und die hohe Gestalt mit fürstlichem Pomp
stilisierten
    Diese Erscheinung passte weder auf die Trottoire der grossstädtischen Straßen
unter eine Menge geschäftlich getriebener Menschen noch in das Gedränge der
öffentlichen Verkehrsmittel zumeist winkte sie dann auch einem der Fiaker vor
der Türe die die Frau Professor schon kannten und sie mit lautem »Küss die Hand
Gnädige  fahr mr Euer Gnaden« umdrängten sowie sie aus dem Hause trat Und
Frau Edda fuhr dahin Einkäufe oder Besuche zu machen oder in einem Café mit
Freunden zu plaudern am liebsten mit literarischen Freunden Zumeist begleitete
sie eine Kousine ihres Mannes Kati Diamant ein nicht mehr ganz junges
Mädchen das mit Schwärmerei an Edda hing überhaupt verkehrte Edda lieber mit
der Familie ihres Mannes als mit ihrer eigenen sie liebte die besondere
Färbung der jüdischen Denkweise welche Juden untereinander oft abstösst Die
scharf angreifende geistige Art ihres Mannes war das Lebendige das sie immer
noch mit ihm verband  nachdem er sie in eine gefährliche Spannung gebracht
hatte Lange nachdem sie Frau geworden hatte sie nicht verstanden woher ihr
gegen den Mann den sie frei gewählt hatte wie er sie oftmals dieses grollende
Gefühl kam dieser sprungbereite Hass der sich in tausend kleinen Szenen entlud
 da es zur großen Aussprache zwischen ihnen niemals kam  der hundert
eingebildete und konstruierte Vorwände heftiger Entladungen erfand   bis der
wahre Grund ihrer geheimen Feindschaft ihrem bohrenden Spähen ihrer
wachgehetzten Weibheit klargeworden war die Versprechungen ihres Körpers
schienen für diesen Mann erfüllt Bald wusste sie auch dass nicht sie seine große
Leidenschaft war Er war Forscher Seine Untersuchungen füllten ihn mit
unteilbarem Interesse War er in seinen Experimenten vergraben so schien ihm
sein Haus sein Vermögen seine Frau ja selbst sein Leben gering Die
gefährlichsten bakteriologischen Untersuchungen beschäftigten ihn fortgesetzt
Edda hatte ein Grauen vor seiner Tierstation Aber hier war die Grenze ihrer
Macht
    Seine drängende Werbung war ihr eine Verheißung gewesen Wo blieb die
Erfüllung
    Während am Anfang ihrer Ehe etwas wie eine frohe Erwartung sie morgens
aufgetrieben hatte nahm ihre Trägheit die ihre Tage tötete jetzt mehr und
mehr zu Sie war müde apatisch nur »aufgepulvert« in den Stunden im Kaféhaus
oder in abendlicher Geselligkeit Die »Klappe im Gehirn« öffnete sich manchmal
aber diesem Geschehen auf die Spur zu kommen die Mechanik dieser Tätigkeit
beherrschen zu lernen versuchte sie nicht Immer seltener auch nahm sie sich
die Mühe ihre Ausgaben zu berechnen Sie nahm sein Geld mit vollen Händen sie
forderte immer mehr und er erfüllte fast demütig jeden ihrer Wünsche
Diamants erwarteten heute abend Verwandte zu Besuch Als erste kam die gewohnte
Begleitung Eddas Kati war offenbar schlecht gelaunt Mürrisch warf sie den
breiten geflügelten Hut aufs Klavier die Handschuhe dazu
    »Warum hast du denn nicht draußen abgelegt Kati« fragte Edda Sie hatte
einen kleinen Sprachfehler stieß ein ganz klein wenig bei den SLauten mit
der Zunge an die etwas zugespitzten kurzen Vorderzähne deren Goldplomben
zwischen den Lippen glänzten aber ihre Sprache bekam dadurch etwas von jener
»Wiener Gemütlichkeit« deren Dialekt auch den pompös entfremdenden Eindruck
ihrer Erscheinung aufhob »Erst wann ich den Mund aufmach trauen sich die
Leut an mich heran« pflegte sie zu sagen
    Das große überschlanke dunkle Mädchen stand missmutig in der Tür zwischen
Salon und Speisezimmer und betrachtete den gedeckten Tisch Ihr von schwarzem
Kraushaar umrahmtes beinahe braunes Gesicht hob sich in scharfem Kontrast aus
dem Schneeweiss des steifleinen Herrenkragens der die dunkelblaue seidene
Hemdbluse abschloss Unter dem knappen fussfreien und festgegürteten blauen
Tuchrock zeichnete sich die schmale Linie der Hüften nach Knabenart
    »Natürlich  das echte Damastene  Silber aus der großen Kassette  die
Teller vom 24persönigen Service  wann dir einer zerhaut wird was dann«
    »Geht dich einen Schmarrn an liebe Kati  einen  großen  Schmarrn«
    »Edl« Sie warf sich ihr an den Hals versteckte ihr Gesicht in der weißen
Seide der der Duft javanischen Puders eines fremdartigen Parfüms und der
gepflegten Haut entströmte Diese Duftwelle kam wie eine täuschende Beruhigung
über das Mädchen
    »Edl sei nicht bös Aber mir is so  so «
    »Das weiß ich«
    Kati warf sich in einen breiten englischen Klubfauteuil von rotem Leder
    »Meiner Seel ich weiß nimmer was ich anfangen soll Aus der Haut fahren
möcht ich wann ich wüsst dass ich an andere find die mir gut passt«
    »Ist es das Bureau«
    »Keine Idee  ich vergiss wenigstens die paar Stunden auf mich«
    »Und der Lohninger«
    Kati verzog das Gesicht »Vom Heiraten redet er nix«
    »Dann schlag dir ihn ausn Kopf«
    »Ja aber  an wen soll man eigentlich denken«
    »Schau Kati nimm dich zusamm Denk überhaupt nicht immer daran dass dir
ein Mann fehlt«
    »Du hast leicht reden«
    Ein spöttisches Lächeln zuckte in schneller Heimlichkeit in den
Mundwinkeln Eddas auf und verschwand sofort »Schau die Olga an« sagte sie
    »Ja  hast es denn schriftlich was in der steckt Glaubst  damit dass
sie in Versammlungen Reden schwingt  ist die erledigt«
    »Nein  die ist überhaupt nicht so leicht erledigt schwerer als du und
ich«
    »Sie soll schon mal verlobt gewesen sein mit einem Leutnant dort in
Schlesien«
    »Ich hab was läuten hören«
    »Der alte Diamant wird überschätzt Wahrscheinlich hat der Herr Leutnant
mehr erwartet und wie es zum Rechnen kommen is wird er zum Rückzug geblasen
haben«
    Edda zuckte die Achseln »Nichts Gewisses weiß man nicht dh ich weiß
nichts und der Gustav auch nicht Meine Schwägerin Geneviève  die wirds
wissen«
    »Komisch dass die sich angefreundet haben diese zwei Mädchen aus der
Fremde«
    »Die Geneviève  die Eva  ist prachtvoll  du kannst sagen was du
willst«
    »Ich sag ja nix Ich weiß eh dass sie viel zu schad ist für deinen Herrn
Bruder«
    »Aber mich interessiert die Olga doch viel mehr«
    »Geht sie richtig fort von Wien«
    »Ich denke sicher Der Stanislaus nimmt sie mit nach Berlin Ich glaube
sogar sie werden heute das letztemal hier sein«
    »Also darum das gute Silber usw usw«
    »Und das ärgert dich«
    »No Gott ärgern Ich find du machst mit denen zu viel Geschichten«
    »Hat dir der Vortrag vom Stan nicht gefallen«
    »O ja  das schon« Nachdenklich rekapitulierte sie Probleme der Moderne
 »stellenweis war mirs zu hoch Weißt es ist ein Wunder  so a Jüngl aus
Polen«
    Edda lehnte sich im Schaukelstuhl zurück und streckte die Beine auf ein
maurisch geformtes Taburett
    »Ihr Juden seids unverbesserlich«
    Kati dehnte den mageren langgliedrigen Leib stand auf und ging der Wand
zu an der eine Tapetentür zu sehen war »Er arbeitet noch«
    Edda verneinte
    »Zieht er sich an«
    »Kannst hineingehen er ist schon fertig«
    Kati klopfte kurz und leise drückte die Türschnalle vorsichtig nieder und
ging mit elastischen Katzentritten in die halbdunkle Studierstube ihres Kousins
des Professors
    Edda streckte sich noch bequemer aus Drinnen hörte sie die Stimme ihres
Mannes und Katis deren Kopf gleich wieder in der Tapetentür erschien »Wo ist
die herbstlaubfarbene Krawatte«
    »Die liegt in seinem Kasten links unter den Handschuhen«
    Es klingelte Edda stand auf Die Portiere die vom Korridor zum
Speisezimmer führte wurde zurückgeschoben und die erwarteten Gäste traten
unangemeldet ein Man begrüßte einander verwandtschaftlich Edda drehte alle
elektrischen Flammen auf
Die Geschwister sahen einander flüchtig betrachtet wenig ähnlich Stanislaus
in seinem festverknöpften vielgetragenen schon etwas glänzenden Rock von
dunkelgestreiftem dünnen Tuch mit schlechter vorgebeugter Haltung breitem
gewölbten Rücken wirkte engbrüstig Die Beine schienen zu schwach für den
massigen Rumpf Der große Kopf hing der Brust zu die kurzsichtigen Augen von
unausgesprochener Farbe blickten manchmal besonders wenn er den Kopf neigte
über den schwarzgeränderten Zwicker weg was ihm den Ausdruck einer interessiert
aufhorchenden Eule verlieh In mächtiger Biegung beherrschte die Stirn das
Gesicht Sehr dichtes blauschwarzes an den Spitzen geringeltes Haar bedeckte
den Schädel fiel in einzelnen gebogenen Büscheln über die Schläfen und
ziemlich lang hinter den Ohren herab die es zum Teil wohltätig verdeckte
Wandte er den Kopf so kamen sie in ihrer fledermausartigen Zackung zum
Vorschein Gestreckt und schmal dehnte sich die Nase zum Mund nieder der
zusammengepresst eine dünne gerade Linie zog Der schwarze Schnurrbart hing
schlaff in langen nur wenig aufgebogenen Enden über die Mundwinkel Dieser
Kopf saß auf einem zu kurzen Hals der in einem Umlegekragen steckte den ein
Mäschchen kaum groß genug den Kragenknopf zu decken abschloss
    Diese Erscheinung hatte in Frau Edda bei der ersten Bekanntschaft den Trieb
erweckt physisch zurückzuweichen Aber ein Gefühl das mehr als gewöhnliche
Neugier war  der Hunger ihrer gierigen Intelligenz  trieb sie mit starkem
Interesse diesen Verwandten ihres Mannes zu
    Olga kannte sie seit Beginn ihrer Ehe Gerade damals war die nun
Sechsundzwanzigjährige zu dauerndem Aufenthalt nach Wien gekommen Katis
Eltern ihre nächsten Verwandten hatten ihr ein Heim angeboten Aber der alte
Diamant der seine Tochter fortgeschickt hatte während sein Sohn ihn gegen
seinen Willen verließ sorgte so weit für sie dass sie vor allem ihrem Bedürfnis
nach Unabhängigkeit folgen konnte
    Sie besuchte die Universität als Hospitantin hörte nationalökonomische und
philosophische Kollegien mit Regelmäßigkeit An den Veranstaltungen der
Frauenbewegung nahm sie ständig teil Bald trat sie aus der Rolle der Zuhörerin
heraus griff in die Diskussion ein und lenkte die Debatte zumeist in ein
Fahrwasser das den Strebungen der Wiener Frauenbewegung die sich auf
politische und wirtschaftliche Erweiterungen des weiblichen Wirkungskreises
beschränken unwillkommen war Sie bekämpfte die Tendenzen die einer Isolierung
der Geschlechter zuzuführen schienen und sah im Kampf um Brotberufe wohl eine
notwendige Etappe aber nicht die letzten Ziele der Bewegung Eine eigentliche
berufliche Betätigung vermochte sie in Wien trotz verschiedener Versuche nicht
zu finden
    Auf dem gedrungenen mittelgrossen Körper des Mädchens saß ein Kopf mit
langem Gesichtsoval herben fast eckigen Zügen und einer stark gebogenen
vorspringenden Nase Ein rostroter Haarbusch überflammte die ganze Erscheinung
Die Augen waren blank und schwarz mit länglichen Pupillen und schienen von den
dünnen rötlichen Brauen wie mit eilig schrägem Zug skizzenhaft überstrichen
Der Teint war etwas sommersprossig Der Mund zeigte dieselbe dünne gerade
Linie wie bei Stanislaus Hier glichen sich die Geschwister
    Und als sie mit Edda lächelnd plauderten kam mit diesem Lächeln das die
blanken Zahnreihen freilegte die Gesichter belichtete ihre Ähnlichkeit zutage
    Olga trug ein dunkelbraunes Kleid von billigem Wollstoff Der Rock bedeckte
die Bluse nicht fest genug so dass das auf die Bluse genähte Taillenband bei
manchen Bewegungen zum Vorschein kam Es war ihr alter Schmerz dass sie es
durchaus nicht vermochte ihrer Figur jene glatten Flächen zu geben auf welchen
die Frauenkleider unverrückbar drapiert erscheinen Aber sie verschmähte jede
Schnürung und konnte sich darum mit der auf diese Schnürung berechneten Kleidung
nicht zurechtfinden
    Durch das große englisch möblierte Speisezimmer dessen Wände
ausschließlich von Aquarellen bedeckt waren ging Frau Edda im Elfenbeinschein
ihres weissseidenen schleppenden Kleides mit ihren funkelnden Händen die sich
blütenzart in dem bis zum Ellbogen entblößten Arm fortsetzten hoch und licht
zwischen den beiden Geschwistern dem Salon zu
    Olga und Stanislaus erzählten von ihrem Besuche in der Heimat Einmal im
Jahre wünschte der Vater die Tochter zu sehen und duldete es dass Stanislaus
mitkam
    »Es ist immer dieselbe alte traurige und beklemmende Geschichte« sagte
Stanislaus und senkte den Kopf Er sprach ein reines scharf vokalisiertes
Deutsch Olga warf trotzig die Lippen hoch und die Falte zwischen ihren
Augenbrauen vertiefte sich
    »Er sollte stolz sein auf euch« sagte Edda
    Olga machte ein finsteres Gesicht »Ein Mädel das sich nicht verheiratet
immer nur Geld braucht sich mit lauter Dingen befasst die nichts einbringen« 
sie lachte rau
    Dennoch gab der Alte dieser Tochter den Lebensunterhalt Mit ihrem
einundzwanzigsten Jahr war eine Versicherungspolice für sie fällig geworden Die
Zinsen dieses Vermögens gab er ihr und sie reichten aus unter Verhältnissen
bescheidenster Art auf einer möblierten Stube zu leben
    Zu seinem Sohne Stanislaus aber hatte er gesagt »Für dich hab ich das
Geschäft geführt Etwas Fertiges haben  hast du sollen Weggerannt bist du  ä
Tagedieb geworden   Das Geschäft lasst du mir alten Mann am Hals  zugrunde
gehen wirds und solls Verdien dir dein Brot wie du willst  du bist ä
Mann  dir geb ich ka Kreuzer«
    Im Osten von ÖsterreichischSchlesien unweit der preußischen und russischen
Grenze waren die beiden zuhause Dort stand auf dem großen gepflasterten
Ringplatz das alte schmutziggraue Haus ihres Vaters mit einer Wohnung von
großen dunklen Zimmern im Stockwerk und einem Kolonialwarengeschäft im
Erdgeschoss Dieser Laden war aber nur ein Teil des Geschäftes des alten Moses
Diamant Er lieferte Lebensmittel aller Art waggonweise nach Deutschland Das
Geschäft war wie er behauptete  »ä Goldgrub« Nur eine junge tüchtige Kraft
fehlte Ein Schwiegersohn der »nicht ä Paar Hosen« hätte wäre dem alten
Händler willkommen gewesen aber statt dessen   ä Geschicht mit ä Leutnant
Auch gut   bis  ja bis    Und der Sohn Der Sohn  ausgerechnet 
studieren hat er wollen Der Alte widersetzte sich zwang den Jungen ins
Geschäft
    Lange Jahre hatte er ausgehalten Hatte abgewogen was jeder begehrte die
Bücher geführt Geschäfte abgeschlossen Aber punkt sechs Uhr hatte er abends
Schluss gemacht zum größten Verdruss des Vaters hatte sich eingesperrt in sein
Zimmer und seine Bücher vorgeholt Eines Tages war er fort und aus Berlin kam
ein Brief dass er nach langen Gewissenskämpfen dableiben wollte
    Er verstand die Wünsche des Vaters er begriff den angstvollen Trieb des
alten Mannes den Kindern das Stück Boden das er mit seiner Lebensarbeit
errafft hatte zu hinterlassen Er aber Stanislaus er zog aus diesem Boden
nicht das was er brauchte
    Berlin hatte ihn hart angefasst  fast so hart wie der Alte zuhause Aber
was er da ausgrub das war Nahrung für ihn gewesen und er wusste dass er in
diesem Boden nicht einsinken würde Der Vater der ein begreifender Kopf war
ergab sich Aber er half dem Sohne nicht »Wenns dir zuviel wird  wenn du
nicht weiter kannst  komm zurück nach Haus Du bist hier immer zuhause merk
dir das  immer kannst du kommen«
    Aber der Sohn kam nicht nur einmal im Jahre als Besuch Bitterkeit gegen
die verschlossene Hand des Vaters und Mitleid mit seinem vereinsamten Alter 
die Mutter war seit langem tot  ballten sich ihm zu schweren Lasten so oft er
»zuhause« war Wochenlang konnte er dann über dem Bild der entfremdeten Heimat
keine Ruhe finden
    Er schilderte Edda diese Stimmung die sie Olga und ihn diesmal wie
immer da oben erwartet hatte Und während er sprach empfand er die geheime
Erleichterung des Entronnenen Das üppige vornehme Zimmer der milde Glanz des
elektrischen Lichtes die vertraut verwandtschaftliche Nähe dieser schönen
fremdrassigen liebenswürdigen Frau die eine absichtsvolle Neigung mit
seinesgleichen verbündet hatte das alles glitt beruhigend in ihn Trotzdem er
als Schriftsteller in Berlin seinen umgrenzten aber geachteten Platz erworben
hatte war er auf Dürftigkeit und Einsamkeit angewiesen und erst hier im Salon
seiner schönen Verwandten überkam ihn ein Gefühl dass es die Schicht der
Erhobenen war der er zugehörte und von der ihn jene andere Welt der er
entronnen war unweigerlich getrennt hätte
    »Wo ist Gustav« fragte Olga
    »Er muss jeden Augenblick kommen ich glaube er zieht sich an und Kati
leistet ihm Kammerdienerdienste«
    Man hörte hinter der Tapetentür Schritte und gleich darauf trat der
Professor ein hinter ihm Kati
    Er lächelte über das ganze blaurasierte Gesicht das einen Ausdruck trug
der landläufig mit »gescheit« bezeichnet wird Die gelenkige kaum mittelgrosse
Gestalt  er war bedeutend kleiner als Frau Edda  steckte in einem Gehrock von
elegantestem Schnitt Er bewegte sich eilig grazil geschickt und lebhaft Das
schwarze kurzgestutzte an der Seite gescheitelte Haar war an den Schläfen
stark ergraut Die Augen blitzten durch den Zwicker
    »Dass man die hoffnungsvollen Geschwister einmal zusammen da hat ist ein
besonderes Vergnügen« Er sprach ein wenig mit singendem Tonfall und näselnder
Pressung der Vokale die die böhmische Umgebung seiner Kindheit verriet Seine
Begrüßung galt nachdem er Olga die Hand geschüttelt hatte besonders seinem
Vetter Stanislaus
    »Die Reise nach Hause machst du jedes Jahr aber warum so selten in Wien«
Er nahm im Stehen von dem maurischen Rauchtaburett eine Zigarette steckte sie
zwischen die Lippen und wollte sie anzünden
    Edda beugte sich zu ihm hinunter und nahm die Zigarette aus seinem Mund
»Wir essen gleich«
    Er widersprach nicht
    »Gott wie besorgt« spottete Kati
    Edda zuckte die Achseln »Mehr brauchen wir nicht als dass auch er sich noch
die Nerven ruinniert«
    Der Professor war mit Stanislaus in ein lebhaftes Gespräch geraten
    »Bei deinem Vortrage hatte ich das Gefühl« sagte er und ging die Hände in
den Hosentaschen auf und ab  »dass das Beste daran verloren ging Diese
feingliedrige Ausarbeitung kam vom Rednerpult aus nicht zur Wirkung Du bist von
dem Blatt nicht losgekommen und man hätte es lieber selbst gelesen«
    Stanislaus lächelte neigte den Kopf und blickte schräg über die schwarzen
Ränder seines Zwickers
    »Stan ist absolut kein Redner« sagte Olga Ihre volle Bruststimme ihre
sichere Gliederung der Sprache verrieten dass sie die Eigenschaft die sie dem
Bruder absprach selbst besaß »Stan ist ein Schriftsteller« sagte sie bestimmt
    »Mich hat das gar nicht gestört dass er las und nicht sprach« sagte Edda
»Ich muss sagen ich hab die Ohren gspitzt und bin neugierig geworden auf das
Buch Wann erscheint es«
    »Unbestimmt« sagte Stanislaus »Es sind zwei drei Hauptgedanken des Buches
in dem Vortrag verarbeitet Das Material ist groß wächst unter den Händen immer
mehr an«
    »Ha  weißt du wie du mir vorgekommen bist Stanislaus« sagte der
Professor munter  »wie  wie so ein verkehrter Mephisto«
    Stan ließ seine Zähne blitzen und fand ein gutes Lachen »Ist das so zu
verstehen wie euer Kaffee verkehrt«
    »Ja ja so ähnlich Der richtige Mephisto wartet darauf dass Faust  sinkt
dass er ein Philister wird dass er zufrieden wird«
    »Und dann ist er verloren und der Teufel holt ihn« vollendete Stanislaus
»aber ich«
    »Du stehst neben der Moderne wie Mephisto neben Faust  Mephisto als
Kritiker genommen«
    »Vor allem als Kritiker  sehr wahr«
    »Und wartest auf den Moment wo dein Faust deine Moderne die sich erproben
soll  nicht sinkt nicht zur Hölle reif wird sondern umgekehrt«
    »Es ist etwas Wahres daran« sagte Stanislaus mit nachdenklichem Ton »man
wartet darauf dass man endlich sagen kann da ist etwas Positives etwas was wir
 gut verpackt  weiter geben« Er wiegte den Kopf
    »Schade dass das alles so schnell vorüberzog« sagte der Professor »warte
wie war es doch  das Bild Du zeigtest uns nackt« seine Stimme wurde dunkler
von ironischem Patos  »am Meeresufer  alle Schiffe verbrannt   in Kampf
mit Wind und Wetter  und fern von jeder neuen Heimstätte«
    »Und sie sahen dass sie nackend waren und schämten sich« kam es aus Katis
Ecke und die anderen lachten
    Edda hatte inzwischen dem Stubenmädchen geklingelt und war ins Speisezimmer
gegangen »Ich bitte zu Tisch« rief sie in den Salon hinein
    »Warten wir nicht noch auf Vinzenz und Geneviève«
    »Sie werden kaum kommen Geneviève hat mir geschrieben dass die Kleine
wieder krank ist«
    »Es ist schade« sagte der Professor »du kennst meine Schwägerin noch
nicht Stanislaus die Frau des Bruders meiner Frau  Geneviève zu deutsch
genannt Eva geborene Nestor verehelichte Reisenleitner«
    »Olga hat mir immer viel von ihr geschrieben«
    Man ging ins Speisezimmer und setzte sich zu Tisch
    »Seit Eva da ist vernachlässigt mich Olga« sagte Edda »Man soll seine
Freunde nicht zusammenführen«
    Kati klapperte mit dem Besteck »Wird schwer gehen«
    Olga lächelte und ihr herbes Gesicht schien licht »Das ist ein großes
Geheimnis diese Vertrauteit zwischen Menschen Komisch ist das Zwei zum
Beispiel kämpfen zusammen für eine gemeinsame Sache «
    »Schulter an Schulter wie es in der Frauenbewegung so schön heißt« warf
der Professor sarkastisch ein
    »und bleiben sich fremd« Sie sprach das R mit slawischer Härte »Und andere
wieder die scheinbar gar nichts miteinander zu schaffen haben sind vertraut
beim ersten Blick Wer kann wissen warum das so ist«
    Edda seufzte
    »Eva ist ein sonderbarer Mensch« sagte der Professor
    »In welchem Sinne« fragte Stanislaus
    »Es fehlt ihr soviel ich beobachtet habe  etwas  das an uns allen
deutlich ist«
    Stanislaus horchte interessiert »Und was ist das für ein gemeinsames
Merkmal«
    Der Professor zögerte und krauste die Stirn »Es ist der Riss der Bruch der
irgendwo im innersten Gefaser von jedem von uns drin ist« sagte er und sein
Gesicht hatte einen verbissenen Zug »Zeig mir« fuhr er zu Stanislaus
gewendet fort »einen modernen Schicksalsträger  mit normalen Instinkten 
und mit vernünftigem Selbsterhaltungstrieb Zeig mir mit einem Wort  von den
genialen Praktikern abgesehen  einen modernen Gedankenheros  der dabei kein
Narr ist der sich nicht versteigt auf irgendeine Martinswand der Spekulation 
von der ihn kein Gott herunterholt« Er machte eine Pause und drehte
nachdenklich ein Brotkrümelchen zwischen den Fingern »Des Menschen Schicksal«
fuhr er fort und bewegte dozierend die Hand »ist sein Leib Nun ist aber unsere
Intellektskultur sozusagen noch nicht leiblich genug geworden  noch nicht
somatisch wie wir Ärzte sagen  unser Wille aber noch nicht unser Organismus
ist intellektuell Und darum machen wir zumeist Dummheiten wo wir glauben
besondere Taten zu vollbringen«
    »Ist denn der Wille ein vom übrigen Organismus loslösbares Etwas« fragte
Olga
    »Das beweist die Hypnose« sagte der Professor und nahm von der Hors
doeuvrePlatte die ihm gereicht wurde »Diese schöne schlafwandlerische
Sicherheit des Trieb und Instinktmenschen ist für uns verloren« Er trank ein
Glas Rotwein durstig mit einem Zuge aus »Gerade dein Vortrag Stan hat das
recht deutlich gezeigt Die Zeiten aber wo der intellektuelle Wille so geübt
ist dass er den Menschen zu derselben fast automatischen Reaktion führt wie das
der gesunde Instinkt der Trieb besorgt  so dass auch der komplizierte Mensch
ein Ganzes und Deutliches wird  die sind noch nicht da« Er sprach jetzt wie
er es täglich vor seinem Hörerauditorium gewohnt war »In diesem Sinne können
wir uns als  als Zwischenstufen bezeichnen   oder als  schlotternde
Lemuren« er zog die Vokale sarkastisch in die Länge   »aus Bändern Sehnen
und Gebein geflickte Halbnaturen«
    Alle hatten aufmerksam zugehört Frau Eddas Kornblumaugen waren dunkler und
tiefer geworden
    Das Stubenmädchen kam räumte die Teller ab und legte neue an deren Plätze
    Kati sagte »Darf ich im Konversationslexikon nachsehen was Lemuren sind«
    Der gespannte Ernst der Stimmung löste sich Unter allgemeinem Lachen wurde
die Zustimmung erteilt Kati sprang auf lief durch den Salon und von da in des
Professors Studierzimmer Man sah durch die offene Tapetentür das elektrische
Licht drin aufflammen hörte wie sie den schweren Wälzer von der Etagere rückte
und darin blätterte
    »Die  Lemuren  sind  geschwänzte Halbaffen« rief sie heraus
    »Aber auch noch etwas anderes« schrie der Professor zurück
    Katis Stimme ertönte weiter »Sie haben Greifhände nach Art der Affen  
sie sind Baumtiere mit nächtlichen Gewohnheiten   nach Sonnenuntergang
pflegen sie in größerer Gesellschaft den Urwald zu durchstreifen   unter
bedeutendem Geschrei   Zähmung gelingt leicht  haben einen schwächlichen
Körper mit dichtem Haarkleid   vordere Gliedmaßen kürzer als die hinteren 
 Grosshirn ohne Windung   Blinddarm vorhanden«
    »Esel der du bist« schrie der Professor »schlag bei Laren nach bei
Lares«
    Nun ertönte die Stimme aus der Studierstube
    »Nächtlich umherschweifende Seelen der Verstorbenen«
    Der Professor rief »Nun sieh noch bei Lemuria«
    »Versunkener Kontinent ehemals von Halbaffen bewohnt wird auch als die
wahrscheinliche Wiege des Menschengeschlechtes betrachtet«
    »Genug genug« rief der Professor »es stimmt Goethe hat für seine Zwecke
das Wort und den Begriff gebildet Und in unserem Fall stimmts  sowohl im
Goeteschen wie im zoologischen Sinne«
    Kati wollte ihren Vortrag noch ausdehnen aber der Rest ging in Gelächter
unter und sie wurde energisch zurückgerufen
    »Das Roastbeef wartet« rief Edda
    Das Licht in der Studierstube wurde abgedreht und das braune magere
Mädchen kam hereingewirbelt
    Der Professor nahm die Unterhaltung in dozierendem Ton wieder auf
    »Was heißt das Wort Es irrt der Mensch solang er strebt  Es heißt dass
der strebende Wille  der der noch bewusst arbeitet  der noch nicht Instinkt
geworden ist  unsere größte Gefahr ist Wir leisten mit ihm Übermenschliches
aber zumeist Falsches«
    »Also Streben Schaffen Werden Wachsen  ohne es zu wollen« forschte
Stanislaus
    »Cest ça  Das wäre der ganze Kerl  der von morgen Wir Heutigen ziehen
uns am Schopfe zu unseren Jdealen von uns selbst«
    »Dann wäre man ja sehr gut daran wenn man keine Ideale von sich selbst
hat« warf Frau Edda ein
    »Frauen wissen im allgemeinen nichts von solchem Wollen« erwiderte der
Professor »Sie haben keine Stellung zur Moral« fuhr er ruhig fort
    »Die alten Phrasen« sagte Edda und es klang beinahe verächtlich
    Olga hob den Kopf »Ich weiß aber von solchem Wollen und andere Frauen
auch«
    »Das war das Schlimmste was euch passieren konnte« sagte der Professor und
schälte gleichmütig seine Birne
    Edda beugte sich über den Tisch zu Olga hinüber
    »Lass dir nichts vormachen hörst du Zieh  zieh dich selbst am Schopf 
ja  gerade das«
    Olga wollte weitere Auslassungen über das Thema vermeiden Sie wusste dass
der Professor die Aktivität der Frauen bespöttelte dass aber Frau Edda
leidenschaftlich und heftig zu werden pflegte wenn er das tat Sie die ein
Leben ähnlich dem einer Haremsdame führte war mit ihrer Sympatie und mit
einer Art von persönlich resignierter Sehnsucht auf der Seite jener Frauen die
das Steuer ihres Schicksals selbst zu lenken suchten
    Und als wollte auch Edda das Thema abschneiden erhob sie sich läutete dem
Mädchen und gab Befehl den Kaffee zu servieren Mit der gewohnten
Beinschwenkung warf sie die Schleppe zurück und ging voran dem Salon zu
    »Nun werde ich euch in mein neuestes Laster einweihen« sagte sie wieder
ruhig und lächelnd und griff nach der Zigarettendose
    »Welcher Laster beschuldigen  beschuldigst du dich« fragte Stanislaus
    Das »du« der schönen Kousine gegenüber die er nur bei seinen seltenen
Besuchen in Wien gesehen hatte fiel ihm schwer
    »Zweier der Trägheit und  nun wie nennt man das  wenn jemand sehr gern
gut isst gut trinkt gut liegt    Ich glaube das ist etwas was unter den
sieben Todsünden aufgezählt wird«
    dabei nahm sie Besitz vom Schaukelstuhl und wiegte sich darin
    »Das nennt man Völlerei« sagte der Professor
    »Ja  Ich werde gleich eine neue Probe davon geben«
    Sie nahm vom Rauchtisch einen kristallenen Parfümflakon der neben dem
Aschenbecher stand schraubte den silbernen Verschluss ab und träufelte behutsam
einen einzigen Tropfen auf eine Zigarette Das Licht fiel auf ihre Hände und
brach sich in den Edelsteinen der Ringe
    »Ambre Royal mit türkischem Tabak  damit kann man stundenlang glücklich
sein«
    Sie parfümierte mehrere Zigaretten reichte sie herum und bald war das
Zimmer von wohlriechendem Dampf erfüllt
    Kati griff nach dem Flakon und betrachtete während sie den Rauch durch die
Nase blies die Etikette
    »Echtes Ambra  mindestens 18 Gulden die Flasche  Gustav du musst sie
unter Kuratel geben«
    »Jch überlasse alle notwendigen Arrangements meinen Gläubigern« sagte der
Professor mit gleichmütiger Stimme Er hatte die Augen zusammengekniffen und sog
in langen Zügen an der parfümierten Zigarette
    »Ich muss doch die Bazillen ausräuchern die er in Bouillon züchtet und
eventuell noch nach Hause bringt« meinte Edda
    Ihre frühere Bemerkung über das was sie ihre Laster nannte hatte
Stanislaus zu denken gegeben Er wollte gern erfahren ob denn hinter dieser
Bemerkung ein Ernst zu suchen sei und er fragte sie
    »Was nennst du deine Trägheit liebe Edda«
    »Nun denke dir ich bin so faul Ich tue nichts den ganzen Tag als mich an
und ausziehen und abends mit Leuten plaudern Ich komme zu nichts anderem«
    »Man kann auch den Müßiggang wohl ausfüllen« sagte Stanislaus  »o ich
kenne das  Stundenlang gehe ich oft spazieren und denke an nichts Wenn man
nur ein gutes Gewissen dabei hat«
    »Er arbeitet aber wie ein Kuli« warf Olga ein
    »Das ist es ja gerade« sagte Edda klagend  »ich habe kein gutes Gewissen
 ich leide unter diesem Leben und kanns doch nicht ändern  Immer ists
gleich Abend ehe ich mich recht umschau besonders jetzt wo der Tag so kurz
wird   dabei scheint das Leben mit diesen Tagen die einander so schnell
verschlingen nicht etwa langsam zu vergehen  nein  im Gegenteil«  sie
zögerte nachdenklich  »wie ein rasender Galopp zur Grube ists  sinnlos
sinnlos«
    Der Professor sagte »Da ist nichts zu wollen das ist der eigentliche Sinn
unserer Mobilität gegen die Verwesung kämpfen  und dabei der Grube zureiten 
 Wir kämpfen ununterbrochen gegen die Verwesung Jawohl hier ist das Um und
Auf unserer Tätigkeit Jeden Tag ziehen wir los gegen den Staub unaufhörlich
wirbeln wir ihn auf verjagen ihn  und schon setzt er sich wieder fest Sieh
da« er fuhr mit der Hand über die Lehne des roten Lederfauteuils und wies
wirklich etwas Staub am Finger vor  wofür ihn Frau Edda mit einem
missbilligenden Blick bedachte
    »Dieses tägliche Sichvom SchmutzeReinigen diese immer von neuem
notwendige Aufmachung und Abrüstung dieser endlose Turnus mit seinem An und
Auskleiden  dann diese beständig wirkende Verwesungschemie in unserem
internsten Gedärm und unser Bemühen uns von ihren Produkten zu befreien  was
ist das anderes als ein ununterbrochener Kampf gegen das staubige Ende Müde
natürlich werden wir davon  müssen wir werden  verbraucht und müde aber
dazu sind wir da«
    Er schwieg und Edda nahm wieder das Wort
    »Und komisch je leerer die Tage sind desto deutlicher fühlen wir 
Galopp Galopp« Sie machte eine Pause »Aber ich glaube nicht«  sie
schüttelte lebhaft den Kopf  »dass die die sich ordentlich rühren und den Tag
mit ihrer Mühsal füllen  dass die auch das Gefühl haben dem Grabe zuzureiten
Da drüben« fuhr sie fort und deutete zum Fenster hinaus »visàvis von uns 
wird jetzt gebaut Zwanzig dreißig Maurer und Handlanger und eine Menge Weiber
tummeln sich da Vom frühen Morgen geht das Da rennen sie durcheinander auf dem
Gerüst  ich sehs vom Bett aus   Und Licht und Luft und Sonne haben sie in
abondance Gott wie müssen die diese letzten schönen Spätsommertage genossen
haben Sie bücken und strecken sich unaufhörlich und reichen die schweren Eimer
hoch«  sie machte die Bewegung nach  »tragen Bretter und Ziegel auf den
Schultern und volle Mörteleimer auf dem Kopf rühren alle Muskeln und Glieder 
und das alles in voller Sonne und freier Luft« Sehnsüchtig warf sie den Kopf in
den Nacken »Wer so leben könnte Da müssten alle Schmerzen im Kreuz vergehen«
sie stemmte die verschränkten Arme gegen den Rücken  »und aller Druck im Kopf
und all die Schwere im Leib und alles alles was einem das Leben so sauer
macht«
    Sie schwieg
    Stanislaus hatte mit schmerzlichem Gefühl der seltsamen Beichte gelauscht
Unwillkürlich fiel ihm jenes Wort des Artistoteles ein welches die Passivität
 die Trägheit die Schwere  als das Böse im Menschen bezeichnet und  als
vom Göttlichen kommend und zum Göttlichen gehend  nur die tätige Vernunft
    »Und lässt sich denn gegen diese  diese  Müdigkeit gar nichts machen«
fragte er
    Edda zuckte mutlos die Achseln
    »Mangel an Hämoglobin und eine Gebärmuttersenkung« murmelte der Professor
    Langsam im Vortragston fuhr er fort »Die Seele ist wie der Schiffer der
im Kahn der durch das Weltmeer zieht am Steuer sitzt Das Schiff selbst aber«
breit und gewichtig dozierte er  »ist der Körper Und darum kommt es auf den
so sehr an denn was nützt alle Fähigkeit des Steuermannes wenn das Schiff in
dem er sitzt nichts taugt«  
    »Ich kämpfe auch mit meiner Gesundheit« meinte Stanislaus »ich glaube ich
könnte mehr leisten wenn ich in besserer Verfassung wäre«
    »Dein großer Vetter Gustav« sagte der Professor »ist bereit dich
aufzuklären  auf welchem Wege du am kürzesten dahin gelangst  wohin wir alle
kommen«
    »Ich danke« antwortete Stanislaus »ich brauche das nicht zu wissen
vielleicht gehe ich dann zufällig den längeren Weg«
    »Er ist ein Barbar in dieser Hinsicht« sagte Olga »eines Tages wird er
stecken bleiben«
    »Aha der Wille mit der Peitsche« Der Professor schüttelte den Kopf »Na 
das eine weiß ich sollte ich mich je an meinen Wurzeln krank fühlen  lange
Fisematenten gäbe es dann nicht Als Spezialist für Interna muss ich bekennen 
dass das verlässlichste Mittel gegen eine Menge jener Leiden um derentwillen man
zu uns kommt noch immer eine Browningpistole ist   Das hilft auch gegen
andere Unannehmlichkeiten« Er verzog die Lippen und um die äußeren Augenwinkel
legte sich die Haut in dichte Fältchen
    
    Edda trommelte unruhig mit den Fingern auf die Tischplatte
    »Gerade der Schriftsteller darf kein Barbar gegen sich selbst sein« fuhr
der Professor fort »Er darf nie vergessen sein Werkzeug zu pflegen Das
Werkzeug seines Schaffens aber ist er selbst Er ist sich selbst gleichzeitig
Instrument und Material Er muss sich die Bedingungen schaffen unter denen er
sich selbst am besten  fühlt« Er machte mit der Hand eine Bewegung als wolle
er die Luft greifen »Das ist mit eine Seite des Talentes« In jähem Übergang
fragte er dann Stanislaus »Wie lebst du eigentlich in Berlin«
    »Mehr schlecht als recht« bekannte Stanislaus »ich schreibe Artikel
trachte sie unterzubringen und bereite dabei ein Buch vor«
    »Bei jener Art von Schriftstellerei die du betreibst muss es nicht leicht
sein für Absatz zu sorgen«
    »Es ist jedesmal ein neuer Kampf immer als trete man das erstemal in die
Schranken«
    »Und lebst du von diesen Honoraren«
    »Ich habe zum Glück noch eine Art von Nebenbeschäftigung gefunden Ich lese
einem gelähmten alten Herrn mehrmals der Woche aus philosophischen Schriften
vor«
    »Und bekommst«
    »Drei Mark für den Vormittag«
    Frau Edda machte große erschreckte Augen
    »Es ist wenig aber es macht etwas aus das merke ich wenn mein Herr einmal
nicht da ist Manchmal nimmt er mich auch auf Reisen mit Auf diese Art habe ich
Italien und die Schweiz gesehen Aber diese Beschäftigung nimmt mir zuviel Zeit
fort ich würde sie gern aufgeben«
    Der Professor sagte »Und gedenkst du  immer so zu leben«
    In das Gesicht des jungen Mannes stieg ein finsterer Ernst Die Augenbrauen
rückten drohend zusammen die Lippen pressten sich aufeinander
    »Nein« antwortete er
    »Sondern«
    »Ich gedenke zu erben«
    Das dunkle Wort lastete Olga blickte kummervoll auf den Bruder
    »Der Schriftsteller muss sich menagieren« sagte der Professor »Er darf sich
nicht ganz ausgeben  braucht Reserven Denn was heißt schriftstellern« Er gab
sich selbst die Antwort »Es heißt nichts anderes als Überschüsse ablagern Da
darf man nicht verschwenden  hm ja  denn zuzeiten verbraucht man sein bisschen
Kraft zum Leben  und Schreiben wäre dann jämmerlich« Er beugte sich vor
wippte die Asche von der Zigarette direkt auf den Teppich und lehnte sich die
Beine übereinanderschlagend tief in den Fauteuil zurück dass die braunen
Hirschledergamaschen die den Lackstiefel deckten mit allen Knöpfen sichtbar
wurden
    »Dein Wort von vorhin lässt sich hier anwenden« sagte Stanislaus »Wir sind
Zwischenstufen  auch im ökonomischen Sinne  mit unseren Einkünften die oft
genug hinter denen des Proletariats zurückbleiben und mit unseren Bedürfnissen
die wir vom Bürgertum mit dem wir sonst überquer sind übernommen haben
Zwischen den Klassen stehen wir  und gepresst von beiden Seiten«
    »Und nirgends fühle ich mich gepresster« sagte Olga mit gedrückter Stimme
»als gerade hier«
    »In Berlin ist das besser« meinte Stanislaus »das wirst du bald merken«
    »Wieso soll das in Berlin anders sein« fragte Edda in zweifelndem Ton
    Stanislaus dachte nach und sagte dann entschieden »Hier in Wien kann das
was  wir sind keinerlei deutliche Gestalt annehmen Eingekeilt sind  wir 
hier unrettbar eingekeilt in die Bourgeoisie Berlin aber« fuhr er lebhaft
fort »Berlin gibt unsereinem Zugehörigkeit  und doch auch wieder Isolierung
die frei aufatmen lässt  und darum mit der Zeit  Gestalt«
    Edda zuckte die Achseln »Das kann ich mir nicht denken  Wann gehst du
nach Berlin« wandte sie sich dann an Olga »Fährst du zusammen mit Stanislaus«
    »Stanislaus reist früher Ich bleibe noch einige Tage zum nächsten Ersten
habe ich mein Zimmer gekündigt«
    »Der deutschschreibende Schriftsteller« sagte der Professor nachdenklich
»hat ohne Zweifel von Berlin aus mehr Aktionsfläche und darum mehr Resonanz
Hier Wo ist hier das Publikum mit dem er sich auseinandersetzen soll Was soll
er von Bosniaken Kroaten Slovenen Magyaren Italienern für sich erwarten Nur
das weite einsprachige Hinterland macht aus der Hauptstadt die Weltstadt und
dieses Weltstadtgefühl gibt Perspektive«
    »Der Schriftsteller kann von überall sprechen« meinte Edda »die Gedanken
müssen über fremde Sprachen Brücken bauen«
    »Es ist nicht die Sprache allein  nicht jene Sprache die man nach der
Grammatik erlernt die Gemeinschaft ergibt«  meinte Stanislaus »es gibt eine
deutlichere Zugehörigkeit« Nachdenklich senkte er den Kopf und blickte schräg
über den Zwicker »Gruppen von Menschen die nach ähnlichen Zielen ringen
müssen die Möglichkeit haben sich nach ihrer besonderen Art zu gestalten«
    »So eine Gruppe ist nicht selten eine Hydra« sagte der Professor  »eine
Hydra oder ein Polyp Köpfe und Glieder spriessen und schwinden« Er sprang auf
warf den Zigarettenstummel in die Aschenschale und machte ein paar Schritte
durch den Salon »Wieder dieses Ringgefühl um den Kopf« sagte er verdrießlich
    »Du hast zuviel geraucht Gustav«  Frau Edda sah ihn vorwurfsvoll an 
»eine Zigarette habe ich dir fortgenommen und drei andere hast du nacheinander
verpafft«
    »Ich hatte heute keine rechte Bewegung« sagte der Professor und streckte
ein paarmal die Arme aus »Kati« rief er dann dem Mädchen zu das schweigend
in einer Ecke gesessen hatte »Kati hörst du  wir machen nachher den
gewohnten Gang«
    Kati nickte
    Stanislaus fühlte plötzlich dass er sich dem persönlichen Leben seiner
Verwandten gegenüber in einer Reserve gehalten hatte die missverständlich wirken
konnte Er begann mit dem Professor über dessen schnelle Karriere zu sprechen
Er hatte von Geldsorgen gehört die ihn früher gedrückt hatten  einmal hatte
auch sein Vater dem Neffen in Wien ausgeholfen Die große Praxis des Professors
musste ihn ohne Zweifel von seinen Sorgen befreit haben
    Ein bekümmerter Zug lagerte um den Mund des Professors »Wir brauchen noch
immer mehr als ich verdiene  mehr als wir haben  samt Eddas Zinsen Nicht
einmal die Rente für eine anständige Lebensversicherung fällt ab«
    Edda seufzte unmutig »Eine anständige Versicherung  ich danke was die
kostet und eine lumpige hat keinen Wert«
    »Aber liebes Kind« entgegnete der Professor  »du willst doch  dann 
wenn ich mich mal zurückziehe oder wenn mir was geschieht  weiter leben
nicht Und sogar ähnlich wie jetzt  wie Ich habe dir das doch schon oft
erklärt« Eine leichte Erregung war in seiner Stimme
    »Wenn man es aber nicht entbehren kann« seufzte sie    »Und wie denn
wenn du mal längere Zeit krank bist und nichts verdienst  woher dann die Quote
aufbringen«
    »Das wäre schlimm« erwiderte er und seine Stirn zog sich in Falten
»Krankheit ist in meinem Budget nicht vorgesehen« Er schien sorgenvoll zu
grübeln »Na  vor dem Schlimmsten schützt dich ja dein Vermögen«
    Es war spät geworden die Geschwister wollten sich verabschieden Der
Professor hielt sie zurück sie sollten vorher noch seinen »Gang« mit Kati
ansehen
    Zu diesem Zwecke begab man sich in das breite Vorzimmer das mit dicken
Veloursläufern belegt war Edda und die Geschwister setzten sich auf die runden
Hocker die hier an den Wänden standen
    Der Professor warf den Rock und die Manschetten ab Kati löste den leinenen
Stehkragen von der Seidenbluse knöpfte die Ärmel am Handgelenk auf und rollte
sie hoch über die Ellbogen Dann stellten sie sich fest einander gegenüber
Einen Moment standen sie mit gestreckten Köpfen  dann fiel sie mit einem
sehnigen Sprung über ihn her Sie umklammerte seinen Hals und suchte ihn
niederzuziehen Er parierte den Kopfgriff und stemmte den Ellbogen gegen ihr
Kinn dabei griff sie ihm unter die Arme presste seinen Leib und versuchte ihn
hoch zu heben Er drückte gegen ihre Brust dass ihre Arme von ihm abglitten und
die krausen Stirnhaare den Kopf umflogen Aber sie schnellte wieder vor Da
fasste er sie plötzlich am rechten Handgelenk drehte sich jählings um zog ihren
Arm über seine Schulter ließ sich auf die Knie fallen und warf sie zur Erde
Sie versuchte sich zu erheben es gelang ihr nicht Im nächsten Augenblick
lagen sie verknäult auf dem Boden Seine Muskeln spannten sich stählern sie
wieder ringelte sich zwischen seinen Armen durch und schnellte halb auf wenn er
sie vollends niederdrücken wollte
    Da läutete es an der Korridortür Der Professor und Kati ließ voneinander
ab und sprangen auf Das Stubenmädchen kam aus der Küche und eilte zur
Wohnungstür
    »Sehen Sie erst nach wer es ist« rief ihr Edda zu Nach der »Sperre« war
ein Besuch etwas Ungewohntes Das Mädchen hatte durchs Guckloch geblickt und
teilte flüsternd mit es sei der Herr Reisenleitner
    »Aufmachen« rief Edda
    Ihr Bruder trat ein
    »Servus Kinder« begrüßte er Schwester und Schwager Er schüttelte ihnen
die Hand und begrüßte die anderen mit leichter Verbeugung
    Der Professor und Kati standen schwitzend und schnaubend sie streifte ihre
Ärmel herunter und er schlüpfte in seinen Rock »Mein Schwager Reisenleitner 
mein Cousin Stanislaus Diamant« stellte der Professor vor
    »Aha  der Herr Bruder aus Schlesien  sehr angenehm«
    »Aus Berlin« verbesserte der Professor und dehnte das i
    »No  erlaub du mir  wie kannst du so was sagen Wann ich mich morgen in 
sagen wir  in New York ansiedeln tu bin ich deswegen doch a Weaner«
    »Sehr richtig« sagte Stanislaus senkte den Kopf auf die Seite lugte
schräg über den Zwicker und zeigte seine Zähne
    »Was machts ihr denn da alle im Vorzimmer  aha  the usual match« Er
kannte das »Wer hat gwonnen Niemand Unterbrochen Schad«
    Vinzenz Reisenleitner war ein elegant gekleideter Herr vollblütig groß
kräftig mit braunem Haar aufgezwirbeltem Schnurrbart und hellblauen Augen
Sein von der scharfen Herbstluft angeblasenes Gesicht schien von Gesundheit zu
glühen Er trug einen braunen Ulster von weitestem Sackschnitt der ihm nicht
ganz bis an die Knie reichte einen sehr hohen Stehumlegekragen die modernste
Krawatte von zartem Hellgrün und steifen schwarzen Hut
    »Alsdann  wissts ihr warum dass ich da bin«
    Edda lud ihn ein ins Zimmer zu kommen
    »Ja aber nicht lang  ich muss gleich wieder weg  ich hab versprochen
ich bring euch mit«
    »Wohin denn«
    Er nannte ein bekanntes Nachtlokal einen Champagnerkeller »Zum
Nachtfalter«
    »Was ist denn dort los«
    »Los is nix«
    »Also«
    »Beim Nachtmahl im Imperial habe ich deinen Famulus getroffen den Herrn
Pankraz«
    »Seit wann speist denn der im Imperial« mischte sich Frau Edda ein »So
eine Frechheit«
    »Kannst beruhigt sein auf seine Kosten tut er das nicht der klebt schon
die ganze Zeit an dem amerikanischen Doktor« Er wandte sich zum Schwager »Du
hast ihn abgetreten an den  hat er gsagt  so lang dass der da is«
    »Der Dr Macpherson nimmt mit ihm die Kollegien durch« erklärte der
Professor »und noch andere Sachen die man in Wien durchnimmt«
    »Mit dem war er da Und die zwei gehen heut noch zum Nachtfalter  Da
habens mich heraufgeschickt ich soll euch hinschleppen«
    Der Professor sah seine Frau fragend an er überließ ihr die Entscheidung
Er für seine Person war zeitweiligen Exzessen nicht abgeneigt
    »Ich müsst mich erst anziehen« sagte Edda zögernd schien aber doch den
Plan zu erwägen »Wo ist denn die Eva« fragte sie
    »Die sitzt natürlich bei der Kleinen« antwortete Reisenleitner mit einer
Handbewegung und einem Achselzucken die Resignation ausdrücken sollten
    »Deine Frau kommt zu wenig heraus« sagte der Professor in etwas tadelndem
Tone
    Vinzenz antwortete ärgerlich »Erschtens « er hielt ihm den Daumen vor die
Augen  »weißt du nicht was ein kleines Kind ist«  er selbst schien von
diesem Wissen sehr durchdrungen »und zweitens ist die Eva wirklich eine
Hauskatz Dass ich mich deswegen einmauern tu  fallt mir net ein wann sie so
fad is    In der Beziehung  eine echte Teutsche  obwohl sie flotteres Blut
von ihrer französischen Mutter her haben müsst«
    Vinzenz Reisenleitner der die Fabrik seines Vaters übernommen hatte liebte
jene Art von Vergnügungen die man in Wien »a Hetz« nennt über alles Besonders
ergeben war er dem Sport Er verbrachte so ziemlich alle Sonntage und die
zahlreichen katholischen Feiertage die den Gang des österreichischen
Geschäftslebens so fleißig hemmen auf dem Semmering oder im Wiener Wald und war
mit seinem Automobil auch mitten im Arbeitsjahr viel unterwegs
    »Alsdann gehts ihr oder gehts ihr nicht  Du ich sag dir« wandte er
sich zu seiner Schwester  »der Mister Macpherson ist verliebt in dich«
    Man war in den Salon zurückgekehrt und Vinzenz saß im Überrock den Hut in
der Hand auf einer Fauteuillehne
    »Wieso was hat er wieder gesagt« fragte Edda neugierig und belebt
    »Alsdann er hat gsagt  your sister Mrs Diamond  sprich Deiämönd«
markierte er  »is the most elegant type of woman I ever saw« Er sprach die
englischen Worte sehr gut korrekter als die deutschen Englisch war immer sein
»Talent« gewesen  und Amerika sein erklärtes Ideal
    Edda lächelte geschmeichelt tat aber spöttisch »Glasige Augen hat er
Schaut aus wie a Karpfen«
    »Ein Verehrer meiner Frau  da müssen wir hingehen« sagte der Professor
mit zufriedener Stimme die Hände in der Tasche Er besaß keine Spur von
Eifersucht »Gänzlich unbekannter Affekt« hatte er oft versichert Und mit
jener Freimütigkeit die die innersten Seelenzustände preisgibt und die in jener
Schicht der »Intellektuellen« so weit geht dass sie oft mit Schamlosigkeit
verwechselt werden könnte  mit jener Freimütigkeit die sich unbedingt zu
ihrem Empfinden bekennt hatte er im Freundeskreis einmal gesagt Wenn seine
Frau einen Geliebten hätte er würde ihr dieses Erlebnis von Herzen gönnen eine
solche Tatsache würde zwischen ihm und ihr nichts ändern
    Frau Edda aber sagte im Kreise ihrer Freundinnen von ihrem Manne »Er ist
ein schrecklicher Mensch in vielen Sachen  aber  Hörner aufsetzen  Da
müsst einer schon aufm Kopf Csardas tanzen«
    In Wahrheit hatte sie ein wählender Trieb zu ihrem Mann gezogen mit dem sie
auch heute noch nicht fertig war  trotz allem Seine »Schnuppigkeit« wie sie
es nannte sein auf die Forschung festgelegtes Interesse das alles reizte sie
zuzeiten in bösem Sinne  und verkettete sie doch auch wieder mit ihm weil
etwas in ihrem eigenen Wesen diese Art im stillen bewunderte In hohem Grade
gefallsüchtig war sie dabei doch unsinnlich  frigid hatte der Professor
konstatiert  und es war ihr noch niemand »gefährlich« geworden Ihres Mannes
Vernachlässigung verletzte und verärgerte nur ihre weibliche Eitelkeit nicht
aber ein sinnliches Bedürfnis in ihr Er selbst wieder fand die kühle Distanz
in die er zu seiner Frau geraten war  nachdem er ihren Besitz mit
unbesieglicher Begierde erstrebt hatte  einerseits in der Gewöhnung der Ehe
und andererseits in der Natur eines angestrengt geistig und physisch arbeitenden
Mannes begründet »Ich begreife« sagte er »dass eine Frau vielleicht mehr
braucht als ein scharf arbeitender Mann ihr bieten kann  aber  enfin  da
müsste man Liebhaber züchten als soziale Klasse die die Weibchen unterhalten
während die Männer arbeiten«
    Er trieb jetzt seine Frau an in den Keller zum »Nachtfalter« zu kommen
»Zieh dich an  wir gehen hin Einmal in der Zeit muss der Mensch drahn«  Den
ganzen Monat hatte er jeden Abend bis tief in die Nacht hinein an einer
Darstellung der klinischen Frühdiagnose des Krebses gearbeitet
    Edda zog sich mit Kati ins Ankleidezimmer zurück Stanislaus und Olga
wollten sich verabschieden aber der Professor beredete sie lebhaft
mitzukommen
    »Übermorgen ist wahrscheinlich Stans letzter Tag hier  und ich habe auch
noch eine Menge zu tun vor der Abreise« wendete Olga ein Herrn Reisenleitners
Gesellschaft war ihr wenig sympathisch so stark auch die Hinneigung war die
sie mit seiner Frau verband
    Der Professor kannte die mühsam unterdrückte Abneigung seines Schwagers
gegen alles was das Judentum deutlich repräsentierte Es amüsierte ihn  ihm
gerade zum Trotz  den so sehr »rassigen« Stanislaus und die rote Olga
mitzunehmen Er hatte nicht vergessen wie Eddas Bruder sich damals gegen die
Verheiratung der Schwester gesträubt hatte und wie nur die Tatsache dass der
neue Schwager Eddas Geld mit Seelenruhe in der Fabrik ließ und es ihm zur
Verfügung stellte ihn umgestimmt hatte Ein anderer Gatte ein Offizier oder
ein Industrieller wie er ihn für sie am liebsten gewünscht hätte würde ihm ihr
Geld nicht überlassen haben Kaum war die Verbindung vollzogen so war Herr
Reisenleitner auch schon stolz auf den großen Namen des Schwagers überall
prahlte er damit dass seine Schwester den berühmten Dozenten »bekommen« habe
    »Er is zwar a Jud  no ja Schattenseiten hat alles  aber wenn man der
Dozent Diamant is kann man sich das erlauben passens auf  der wird auf ja
und na Professor  trotz der Strömung« Er sprach dieses eine Wort respektvoll
in reinem Hochdeutsch mit zugespitzten Lippen aus  Und er hatte recht
behalten Trotz der »Strömung« war Diamant dessen Kollegien eine internationale
Hörerschaft nach Wien zogen in jungen Jahren zur Professur gelangt 
    Edda kam bald wieder Sie trug ein graues langschleppendes Kleid von zartem
Gewebe unter dem es schwer und starr rauschte Auf die hochgeschlossene Taille
war in Silberstickerei ein Blumenornament appliziert das sich um die Büste
schlang und sich flimmernd von dem wolkengrauen Grunde abhob Ein Hut in der
Form einer riesigen Altwiener Kapotte aus rosa Filz mit nickenden rosa
Straussfedern umschloss das runde Gesicht mit den blauen Blumenaugen Ein
weißer burnusartiger Mantel war um die Schultern geworfen
    Die Weigerung der Geschwister mitzukommen wurde vom Professor mit guter
Laune abgewiesen »Ihr müsst mit« entschied er
    Die Gesellschaft ging im Licht einer Lampe die das Mädchen trug die Treppe
hinab Der Hausmeister wurde herausgeklingelt und erschien schlaftrunken ein
Stearinlicht in der Hand mit den Pantoffeln schleifend im Nachtemd mit
halbzugeknöpfter Hose Er öffnete das Haustor und kassierte von jedem der Herren
einen Obulus Die breite Straße war fast leer und schwach beleuchtet Das Wetter
war nebelig frostig Man fuhr in zwei Fiakern dem Lokal zu
    Die Nähe der schönen Frau erfüllte Stanislaus und belebte sein schweres
Temperament Wie eine Königin erschien sie ihm in ihrer Schönheit und dass sie
sich vor kurzem selbst als die Sklavin unterjochender Schwere bekannt hatte war
ihm ein merkwürdiger und schwermütiger Kontrast
    Man betrat das Lokal Edda ging voran Die starre graue Seide des
Unterkleides krachte und raschelte der Kopf mit dem noch erhöhenden
Federnschmuck war stolz zurückgelehnt die Augen glitten über den dichtgefüllten
Saal alle an sie herandrängenden Blicke hochmütig übersehend So ging sie der
blendenden Wirkung sicher
    Es war ein niedriger Saal die Kellerwände waren mit Fayencefliesen
verkleidet In dichten Reihen standen die Tische Ein paar Winkel waren mit
roten Sammetvorhängen logenartig abgeteilt Die Atmosphäre war dumpfig voll von
Tabakrauch schlecht ventiliert Ein berühmtes Nachtlokal vom »echten alten
Schlag« wie Herr Reisenleitner erklärte Eine bescheidene Kapelle  ein paar
Violinen ein Klavier ein Cello  machte auf einer kleinen Galerie Musik
    Edda führte mitten durch das Lokal zwischen den Tischen durch Fast alle
Gäste setzten das Glas hin und dirigierten die Köpfe auf die überragende
Erscheinung Bewundernde Worte raschelten ihr zu Neben ihr ging Olga in ihrem
braunen Wollkleid den glatten braunen Filzhut in die Stirn gedrückt Die
anderen folgten
    »Da sind sie schon« rief Reisenleitner und steuerte einer der roten
Sammetlogen zu Der halbgeraffte Vorhang ließ das Innere frei Man sah zwei
Herren die sich eilig erhoben als die Gesellschaft herankam
    Pankratius Kaff den Frau Edda gern Kaffer nannte im braunen Sammetrock
mit wehendem Schlips wiegte den haarumwallten Kopf zog dabei das Gestrüpp
seines Vollbartes durch die hohle Hand und murmelte mit tief unter den Kehlkopf
gedrückten Tönen seine »Befriedigung« dass die »hohe Frau samt Gefolge«
erschienen sei
    »Seid auch Ihr gegrüßt nussbraunes Mädchen« wandte er sich an Kati die
ihn mürrisch überging Jeden der Ankömmlinge adressierte Pankratius auf diese
seine Art welche wie er wiederholt auseinandergesetzt hatte nicht der
»flüchtigen Daseinsform« sondern der »Idee« gelte die sich in der betreffenden
Person »emaniert« habe
    Mit korrekten halben Sätzen erledigte der Amerikaner die Begrüssungsphrasen
»Glad to see you« und ein mäßig kräftiger Händedruck mit den Bekannten 
Namensgemurmel gegenüber dem Vetter Stanislaus von dessen Anwesenheit Mr
Daniel Horatio Macpherson fürder keine Notiz mehr nahm
    Er überragte selbst Frau Edda um die ganze Höhe seines Kopfes der mit
seinem schmalen langgezogenen Gesicht an eine Pferdephysiognomie gemahnen
konnte Das rötliche Haar das glatt und gesalbt niedergelegt war lichtete sich
in der Mitte zu einem breiten Scheitel der sich am Wirbel zu einer runden
blanken Fläche verbreiterte Sein glattrasiertes rosiges Gesicht war gut mit
Cream gepflegt die wasserblauen runden Augen schienen wenig bewegt fast
starr und waren die Ursache dass ihn Frau Edda einen »Karpfen« genannt hatte
Sein Alter war schwer zu bestimmen Man hätte ihn für einen ganz jungen Mann
halten können wären nicht die Furchen gewesen die sich von der Nase zu den
Mundwinkeln zogen und sich tief in die Wangen gruben Lang und knochig waren
Arme und Beine tadellos die hochgewölbten kunstvoll gepflegten Nägel der
eleganten warmen und langen Hand Ein süsslichherber Duft derselbe den Frau
Edda kräftiger anwendete  Ambre royal  entströmte wie in vereinzelten
Wellen dem dicken Homespun seines karierten Anzugs dessen Muster auf
dunkelgrünem Grunde verwandte gedämpfte Farben verband der Rand eines
blütenweissen Taschentuches von zartestem Linnon blickte diskret aus der linken
Brusttasche
    Mr Macpherson machte den Eindruck eines Mannes dessen körperliche Kultur
nichts zu wünschen übrig lässt Eine Atmosphäre erfrischender Sauberkeit umwehte
ihn erweckte suggestive Vorstellungen  von einem vollkommen eingerichteten
Badezimmer von eisernen Hanteln die morgens nachlässig vom Boden aufgegriffen
und ein paarmal balanciert wurden von festzupackenden Männerhänden die den
wagerecht ausgestreckten hageren Körper massierend durchkneteten und von einem
netten GibsonGirl das als Manikure dem Gentleman gegenübersass
    Macpherson war ein Hörer des Professors Bei seiner jährlichen Automobiltour
durch Europa hatte er beschlossen ein paar Wochen Wien einzulegen um im
Sommersemester die Kurs des Professors zu hören Nachdem er in den Ferien im
Zickzack durch Europa gefahren war kam er unerwartet wieder  um noch weitere
Kurse zu hören Seine ärztliche Praxis in New York hatte er einem Vertreter
übergeben und sich eines nervösen Leidens wegen einen besonders langen Urlaub
erteilt Als Sohn des Besitzers einer riesigen Viehplantage in Südamerika hätte
er die ärztliche Praxis überhaupt nicht nötig gehabt aber als echter Yankee
verschmähte er ein Leben ohne ehrgeizige Ziele Die Plantage war noch bei
Lebzeiten seines Vaters einem englischen Konsortium unter fabelhaften
Bedingungen verpachtet worden So konnte Daniel Horatio Medizin studieren was
er nie getan hätte wenn das Geschäft  business  seine persönliche Kraft
erfordert hätte aber dieser enorme Viehbestand auf den weiten brasilianischen
Prärien bedurfte keiner Personalleistung seiner Nutzniesser um sich unaufhörlich
in sich selbst zu vermehren
    In Daniel Horatio Macpherson wohnten zwei Seelen Die eine hieß business und
war mit der geschickten Ausnutzung finanzieller Konjunkturen so wohl vertraut
als mit dem Bemühen sich als Arzt Erfolge und gesellschaftlichen Rang zu
sichern Die zweite hieß  romance und war sentimental mit schwermütigem
Einschlag Ihr liebstes erreichtes Ziel war Venedig Für Macpherson hatte die
Welt nur drei Städte New York Paris  als Faubourg davon ließ er die Riviera
gelten  und Venice Alljährlich einmal hielt sein Auto in Mestre  der letzten
mit dem Kar befahrbaren Station vor Venedig Billie der schwarze Chauffeur
bekam Urlaub bis auf Widerruf und Daniel Horatio bezog für eine Woche ein paar
Zimmer in dem einzigen Hotel am großen Kanal in dem es für ihn ein
befriedigendes Lunch gab  dem wunderbaren goldbraun getönten zum Hotel
adaptierten Palazzo gegenüber vom San Giorgio Maggiore dem Hotel der Könige
und Millionäre Die tiefen venezianischen Nächte verbrachte er in der Gondel
in Gesellschaft einer Freundin natürlich  for in Venice you musst be wit a
lady  den Geruch des Wassers begierig atmend aufgelöst in Stille So glitten
sie durch den großen Kanal vorbei an den fahlen Marmorpalästen zu deren Füßen
eiserne Kandelaber mattleuchtende Lampen auf ihren gestreckten Armen trugen Nur
die sehnsüchtig geschwellten Stimmen aus dem Boote der Sänger das umsäumt von
roten Lampions die Gondeln der Gäste verfolgte zerteilten manchmal das
Schweigen und ließ die lebensdurstigen Melodien des Matchich oder der
Karmagnole über das Wasser rollen Zum Schluss bog die Gondel in der Daniel
Horatio   oft den ganzen Abend ohne ein Wort zu sprechen  lang ausgestreckt
an der Schulter einer Frau lag in den Kanale Piccolo und glitt geisterhaft über
der schwarzen engen Wasserstrasse unter den gewölbten Brücken zwischen
finsteren Palästen dahin Nur das Plätschern des eintauchenden Ruders
unterbrach dann diese tiefe Stille und in der Dunkelheit sah man nichts als
die im Licht der Gondellaterne erkennbare Gestalt des Gondoliere wie sie sich
rhytmisch aufrichtete und niederbeugte und an der Spitze der Gondel scheinbar
schwebte In später Stunde bogen sie dann wieder in den großen Kanal ein und
legten an der glänzend erleuchteten Steintreppe des königlichen Hotels an
    In dieser zweiten romantischen Seele spielte das Weib eine Rolle die in
das Gebiet der anderen Zone der des YankeeEhrgeizes hinübergriff Aber das
Weib wie es Daniel Horatio als kostbarstes Inventarstück seines Besitzes
erträumte  dieses Weib wohnte in seiner Vorstellung hoch über jener Welt aus
der man gefällige Reisefreundinnen für eine Saison bezog eine glänzende Herrin
 a real lady  war das Ziel seiner Sehnsucht
    Diese beiden Seelen lagen auf allen übrigen Gebieten in Fehde miteinander
»when business goes in romance goes out« pflegte er zu sagen Aber es gab
einen Punkt auf dem sich die beiden Seelen Daniel Horatios mit einem nüchternen
und sich menschlich bescheidenden Ultimatum versöhnten denn die
Selbsterkenntnis seiner stillsten Stunden die Bilanz seiner ehrlichsten
Abrechnung mit sich selbst die unbestochene letzte Wertung die er sich
zuerkannte und die ihn den Kopf sicher und doch wieder bescheiden tragen ließ 
die formulierte sich in den Worten mit denen er Frauen über sich zu orientieren
pflegte Diese Worte lauteten »I am a gentleman and I am clean« Es war das
Engste und Letzte was er über sich auszusagen wusste  mit dieser Legitimation
warb er um Vertrauen und schränkte dabei vorsichtig illusionistische
Voraussetzungen ein
    Dieser Mann der ein Gentleman war und rein  ich sterbe als Soldat und brav
 huldigte Frau Edda in respektvoll distanzierter Art mit hoffnungsloser
Bewunderung Hier war ihm sein Ideal leibhaftig vor Augen getreten  und es war
unerreichbar wie Ideale zumeist es sind
    Man verteilte sich so gut es der knappe Raum der Nische gestattete um den
Tisch und der Professor und Mr Macpherson machten ihre Bestellungen sie
einigten sich auf eine englische Marke
    Pankratius Kaff der auf den belebenden Stoff nicht erst zu warten brauchte
sein Glas schon fleißig gefüllt und geleert hatte begann sein »sokratisches
Spiel« wie er es nannte das für ihn darin bestand andere bei »der Idee ihrer
selbst« anzugreifen zu Bekenntnissen zu reizen sie herauszufordern und dabei
Stücke die er augenblicklich auf seinem geistigen Repertoire hatte geschickt
auf die Gesprächswalze zu winden Er nannte Olga und Stanislaus zwei Typen die
er mit Apollo und Diana des Lucas Cranach verglich und hatte als die erwartete
Befremdung über diesen Vergleich eintrat  den man für geschmacklos grobkörnige
Ironie hielt  Gelegenheit seine Auffassung dieses Bildes auseinander zu
setzen Er wollte in den beiden Gestalten des Meisters die Verkörperung
voraussetzungsloser Intellektualität erkannt haben Er schilderte die strengen
ganz auf Erkenntnis gerichteten Gesichter die unpersönliche Haltung der
geschwisterlichen Gotteiten wie sie Cranach gemalt und es gelang ihm diese
neue und nicht uninteressante Auffassung auch auf die Zuhörer zu übertragen und
seinen Vergleich zu rechtfertigen
    Pankratius war ein bemoostes Haupt aber doch nicht ein für alle Zeiten
verlorener Sohn der Fakultät der er »hauptberuflich« angehörte Vielmehr war er
entschlossen eines Tages auch sein letztes medizinisches Rigorosum zu machen
und eine Praxis in einem ihm zusagenden Spezialfach zu eröffnen er glaubte
auch dieses Fach schon gefunden zu haben Der Grund warum zwischen den
einzelnen Etappen seines Rittes zu einem akademischen Ziel und einer
bürgerlichen Existenz sich weite Landstrecken auszudehnen schienen lag in der
»Fülle blühender Interessen« die ihn auf diesem Wege aufhielten Er war auch
tatsächlich kein echter Müßiggänger Zumeist waren es die schwebenden Gärten der
spekulativen Philosophie in denen er sich lustwandelnd verloren hatte dann
wieder war es eine stramme Wanderung durch das Ackerland der Nationalökonomie
oder ein Wolkenflug durch die Künste gewesen die ihn vom vorgeschriebenen Wege
abgelenkt hatten Aber immer wieder kam er in gemächlichem Tempo zu diesem
Wege zurück und bestieg den geduldig da wartenden »Klepper der Karrière«
    Die Gunst des Professors ermöglichte ihm diese Reisen Er war sein
Landsmann und sie hatten in ihrer mährischen Heimat zusammen die Bänke des
Gymnasiums gedrückt Edda die den »Kaffer« verachtete  sie schätzte den Mann
der dem Tag mit jener Kraft die sie selbst nicht aufzubringen vermochte
Ergebnisse abzwang trotz ihres zeitweiligen Grolles gegen Bazillenkulturen 
hatte ihrem Mann vorgeworfen dass er den Kaffer »korrumpiere« indem er ihm ein
sicheres Brot gab Der Professor aber war gewöhnt an ihn Seine
»Paradoxendrescherei« wie Edda seine geistigen Kundgebungen nannte störte ihn
nicht entsprach vielmehr einer gewissen Neigung seiner eigenen Natur und er
konnte ihn gut brauchen Er gab ihm als seinem Sekretär ein festes Gehalt zog
ihn bei Operationen zur Assistenz heran wofür er ihn besonders honorierte und
schob ihn zeitweilig ausländischen Hörern zu denen Pankratius teils als
Dolmetsch der Kollegien teils als Führer durch Wien diente Und da diese
fremden Hörer wie Macpherson zumeist mit etwas Deutsch ausgerüstet waren
vermochten sie die willkürlichen Konstruktionen die sich Pankratius in schöner
Unbekümmerteit in fremden Sprachen leistete als Krücken zu brauchen
    Während sich Macpherson mit Edda und Vinzenz Reisenleitner beschäftigte
kehrte Pankratius sein Interesse vorerst den Geschwistern zu
    »Sie gehen ohne Zweifel nach Berlin befreite Dame« wandte er sich an Olga
 »um der Einsamkeit näher zu kommen  ist es so«
    »Verschonen Sie uns mit verdrehten Reden« rief Edda unwillig aus ihrer Ecke
herüber
    »Wieso finden Sie diese Rede verdreht o Meisterin« gab er zurück »Es ist
eine empirisch erprobte Tatsache«  es klang gut vorbereitet  »dass innere
Einsamkeit heute nicht mehr in äußerer gedeiht Vergraben Sie sich allein in ein
einsames Nest zum Zwecke innerer Verdichtung  und Sie werden alsobald von den
unruhigsten Stimmungen heimgesucht werden die den geplanten Zweck durchkreuzen
 Der moderne Prophet«  er drückte die Töne tief in den Schlund rieb die
Hände ineinander und neigte den Kopf von einer Schulter zur anderen  »der
moderne Prophet geht in die Wüste der Weltstadt Hier kann er Einsamkeit
erlebenen wie sie ihn in der Sahara nicht erwarten  hier kann er Stimmen
hören und Gesichte schauen «
    Er fühlte sich rehabilitiert und ohne die Stimmung auszunützen wandte er
sein dickes rotes Gesicht freundlich zu Frau Edda hin und fuhr gemächlich
erzählend fort
    »Ich war einmal im Mai am Lago Maggiore mit einem großen Koffer voll von
Büchern und Skripten  im Mai verstehen Sie Ich hatte es raffiniert so
eingerichtet Nachdem ich drei Tage lang in dem einsamen glühend heißen Nest
mit Schlafsucht und Verzweiflung gekämpft hatte fing ich am dritten Tag an
laute Selbstgespräche zu halten am vierten Tag saß ich nachts zehn Uhr in der
Eisenbahn am fünften hatte ich einen Aufenthalt von eins bis vier Uhr morgens
in Feldkirch am sechsten telegraphierte ich meiner Wiener Zimmerfrau von
Innsbruck Locarno grassiert Typhus Ankunft heute abend Der Bücherkoffer
kostete «
    »Diesen Streich kennen wir du brauchst damit nicht zu glänzen« schnitt ihm
der Professor das Wort ab
    »Es ist nur weil ich sagen will  in der Weltstadt wäre ich ohne Zweifel
damals zur Verdichtung gelangt  während mich dort die Stimmen hetzten «
    Der Champagner war indessen gekommen und perlte in den Gläsern Edda
bestellte für sich gesalzene Mandeln Reisenleitner ein Giardinetto der
Professor Frankfurter Würsteln Kati naschte von den petits fours die auf dem
Tisch standen
    »Gehen Sie nach Berlin um ihre Volubilität zu systematisieren« forschte
Pankrazius weiter
    »Ich hoffe in Berlin einen Beruf zu finden« entgegnete sie
    »Beruf  o weh« sagte Pankrazius kläglich »Eine Massenpsychose hat da die
Frauen überwältigt Sie die Symbole von Gottnatur  vergemeinern sich im
groben Tagwerk«
    »Symbole von Gottnatur  was ist das schon wieder für ein geschwollenes
Gerede« sagte Frau Edda
    »Bitte sehr dieses Wort ist nicht mein Eigen und Sie werden nicht leugnen
dass das Weib «
    »Ich leugne« der stille Stanislaus hatte das Wort  »ich leugne dass
irgendeine Frau ihr Leben lang als Symbol herumlaufen kann  als Symbol morgens
aufstehen und abends sich niederlegen als Symbol all die Plackerei erledigen
die der Tag für sie wie für den Mann bringt« Er bewegte im Sprechen den Kopf
so hastig dass die schwarzen Ringel die Stirne schlugen
    Das Gespräch hatte eine gereizte Wendung genommen
    Edda rief dem Pankrazius erbittert und höhnisch zu  und ihr kleiner
Sprachfehler wurde bei diesem schnellen Heraussprudeln der Worte besonders
deutlich »Glauben Sie nicht dass eine Frau lieber in einem Beruf rackert  als
dass sie drauf warten muss bis irgendeiner  Sie zum Beispiel  ihr Schicksal in
Schlepptau nimmt«
    Die Stimmen schwirrten erregt durcheinander
    Mr Macpherson wunderte sich dass die Deutschen beim Wein besonders aber
wenn sie gebildete Reden führten  intellectual speeches  immer gleich
schrien Überhaupt fand er diese Art von Konversation schauderhaft Sein
angelsächsisches Kulturgefühl lehnte sich gegen andere als konventionelle
Gespräche auf Die höflichen Formeln hinter denen in guter Gesellschaft die
Gesinnungen verborgen blieben empfand er als Schutzwehr der innersten
Persönlichkeit Dieses gegenseitige Hineingreifen in die geistige Sphäre der
andern wie er es hier in diesen Kreisen fand schien ihm barbarisch und dazu
völlig unfruchtbar Aber wie es schien ging es hier nicht anders »Tei always
put teir hands into the most interior sphere of each oter« hatte er gleich zu
Anfang seines Wiener Aufenthaltes herausgefunden Frau Edda bedauerte er Sie
schien ihm mit Entartung bedroht durch ihr Milieu
    Pankrazius hatte die Verachtung die ihm aus Eddas Rede entgegenschlug
schweigend mit einem etwas starren Lächeln um den Mund hingenommen Er wusste
wie er diesen Angriff zu parieren habe Langsam und gewichtig fragte er sie
»Würden auch Sie Frau Edda lieber in einem Beruf rackern  arbeiten  als 
als ihr Schicksal  in Schlepptau nehmen lassen«
    Sie fuhr zusammen und sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an Es war etwas
wie Entsetzen in dem schönen Gesicht Sie schüttelte den Kopf dass die
Straussfedern nickten »Ich  Arbeiten   Nein  nein  Ich nicht  Aber
die andern die  die es können  die tun recht«
    Pankrazius lehnte sich mit spöttischem Gesicht zurück »Das nenne ich einen
selbstlosen Eifer das Recht auf Arbeit  für andere« Er trank sein Glas aus
und qualmte beruhigt aus seiner Zigarre
    Edda neigte gedemütigt den Kopf und es zuckte in ihren Zügen
    Mr Macpherson war plötzlich von dem Gespräch gefesselt worden und konnte
nun selbst nicht widerstehen sich dieser »most interior sphere« eines Menschen
zu nähern
    »Why so Mrs Diamond« fragte er in seiner gedämpften Art und beugte sich
zu ihr»Sie hassen die Arbeit«
    Edda hob den Kopf und sah schmerzlich grübelnd vor sich hin Wie für sich
selbst flüsterte sie »Ich hasse sie nicht  ich fürchte sie«
    Der Professor hatte ruhig seine Frankfurter Würsteln gegessen und sein Glas
geleert Jetzt scharrte er mit dem letzten Zipfel des Würstels den Rest von
geriebenem Kren zusammen der noch auf dem Teller lag und sagte mit seiner
gequetschten kühlen Stimme und seiner leicht böhmelnden Aussprache
    »Das ist doch klar  für dich gibt es nur die Ehe«
    Eddas Kopf schnellte wieder auf die Straussfedern tanzten »Nie nie« rief
sie ihrem Mann über den Tisch zu
    »What does tat mean« fragte Daniel Horatio mit verhaltenem Atem
    »Krächzt der Rabe  nevermore« deklamierte Pankrazius
    »Nie mehr würde ich heiraten  wenn ich noch mal in die Lage käme  nie«
    »Da hörts ihrs« sagte der Professor mit munterer Stimme und guter
Haltung  »die richtigen Männerhasserinnen sind gar nicht unter den
Emanzipierten Olga ist gewiss nicht so männerfeindlich wie du«
    »Vielleicht nur ehefeindlich« sagte sie
    »Sie würden mit keinem Mann mehr leben wollen« fragte sie der Amerikaner
leise in seiner Sprache
    
    »Wahrscheinlich doch  aber ich würde nicht mehr heiraten«
    »In gar keinem Fall«
    »Doch  in einem Fall wenn  wenn er  nicht drauf einginge  anders
zusammen zu leben  und ich sonst  arbeiten müsste   Aber darauf wird jeder
eingehen« und wieder glitt ein fast verächtliches Lächeln über ihre Lippen
    Der Professor klopfte an sein Glas Alle warteten neugierig
    »Ich trinke auf das Wohl meiner lieben Kousine« begann er ohne
aufzustehen »Das bist nicht du« brummte er Kati zu die vergnügt aus ihrer
champagnerseligen Versunkenheit aufgeschnellt war  Das ist meine liebe
Kousine Olga Diamant die uns ein guter Kamerad war Nun geht sie weg  sie
will uns verlassen  er schien nachzudenken wie er den Toast vollenden sollte
und plötzlich verzog er die schmalen Lippen zu einem schadenfrohen Lächeln und
zwinkerte seitlich nach seinem Schwager Vincenz hin der beide Backen voll
Krachmandeln und Rosinen hatte  »und so gebe ich ihr denn ein erprobtes altes
Sprichwort unserer Väter mit auf den Weg das da heißt  auf deutsch Wechsele
den Ort und du wechselst das Glück Prosit«
    Die Gläser klangen aneinander Der Amerikaner der den Toast nicht ganz
verstanden hatte wollte von Vincenz eine genaue Erklärung haben aber der
zuckte die Achseln war reichlich mit seinem Giardinetto beschäftigt und machte
die Gesellschaft auf einen Scherz mit einer Orange aufmerksam Die lag auf einem
mit einer Serviette bedeckten Glas Augen Nase und Mund waren in die Schale
eingeschnitten Im Spalt der den Mund vorstellte stak ein Zahnstecher er zog
abwechselnd an beiden Seiten der Serviette und der Orangenkopf mit der
Zahnstecherzigarre im Mund reckte sich und wackelte hin und her   
    Während Vincenz dann dem Amerikaner die besten »Fressquellen« wie er es
nannte aufzählte  er bezeichnete an den Fingern die einzelnen Firmen und
nannte ihre Artikel  the best fruits  first rang cakes  cognac and wine  
 während Pankrazius sich halb betrunken zu Kati beugte und ihr klar machte
ihr hoffnungsloser Fall würde damit enden dass sie ihn heirate und sie ihn
zischend beschimpfte  während Frau Edda sich müde zurücklehnte und der
Professor den Zahlkellner heranwinkte  während Stanislaus und Olga flüsternd
über die Einteilung des morgigen Tages berieten   stand vorn auf der Galerie
auf der die Musiker eine große Ruhepause machten  ein blasser hochgewachsener
Mensch mit flackernden blauen Augen borstigem blonden Haar und Spitzbart im
Frack  und starrte die Gesellschaft in der Loge an Plötzlich zog er ein
Notizbuch hervor riss ein Blatt heraus und suchte in seinen Taschen nach einem
Bleistift
    In diesem Augenblick glitten Stanislaus Blicke über die Galerie hin und
blieben fest und wie erschreckt an der Gestalt des Mannes hängen Er wandte sich
zu Olga schien ihr etwas sagen zu wollen  besann sich aber anders und
schwieg
    Der Mann oben hatte einen Bleistift aus der Tasche hervorgeholt und trat von
der Brüstung zurück  Wenige Minuten später ließ der Zahlkellner der auf den
Wink des Professors endlich herbeikam und sich fest zwischen seinen und Olgas
Stuhl klemmte  indem er dem Professor zugewandt seinen Arm einen Moment
hinter seinen Rücken schob ein Papierröllchen in Olgas Schoss fallen
    Nur einer hatte es bemerkt Stanislaus
    Verwundert starrte Olga auf das Papier Es war mit den Fingern symmetrisch
aneinander gedrückt so dass es von selbst zusammenhielt Schon wollte sie die
Rolle dem Kellner zurückreichen als Stanislaus ihr zuflüsterte »Schweig 
nimm es«
    Unter der Tischplatte strich sie das Papier glatt Die Geschwister
überflogen die wenigen Bleistiftzeilen die es enthielt und Olga wurde bleich
In ihr Gesicht unter dem flammenden Haarbusch kam ein finsterer Zug und einen
Augenblick erschien es wie eine düstere Maske Um ihren Mund lagerte sich ein
Ausdruck als ob etwas Bitteres Übles auf ihrer Zunge zerfliesse und zu
verschlucken sei
    Stanislaus sah sie fragend an sie schüttelte kaum merklich den Kopf das
Papier glitt in ihre Tasche der rote Haarbusch senkte sich tief sie stützte
den Kopf auf und verbarg ihr Gesicht so gut es ging hinter dem Arm
    »Meine reizsame Dame« hörte man den Pankrazius mit gedämpftem Bierbass in
den zottigen Bart brummen  »es wird Ihnen wenig nützen Sie sind derzeit
verliebt in Ihren Chef der Sie nicht heiraten wird und für den Sie aus zu
anständiger Familie sind um mit Ihnen ein Verhältnis anzufangen wie Sie
wünschen würden  Ähnliches haben Sie schon öfter erlebt   wenn Sie noch ein
paar Jahre Ihre primeurs vergeblich offeriert haben werden«  hasserfüllt sah
ihn Kati an  »so werden Sie mich akzeptieren«
    »Kaffer« murmelte Kati  was den Pankratius nicht zu entrüsten schien
denn er überging ihren Ausruf und fuhr fort ihr »Karma zu deuten«
    Vincenz Reisenleitner begann sehr fidel zu werden Er war bei »seinem Wean«
angelangt die Madeln der Heurige  der Fiaker    er bereicherte das
bekannte Repertoire nicht  und die Operette  die Weaner Operette  Herr
Gott
    Die Kapelle oben hatte wieder zu spielen begonnen Man bekam die dem Ohr wie
im voraus fälligen Rhytmen des »beliebtesten Schlagers« einer neuen Operette
die schon ihr zweihundertstes Jubiläum erlebt hatte zu hören Vincenz sang mit
»Kitzi Kitzi Katzi
Komm mein süßes Schatzi«   
»Mei Wean  mei Wean« lallte er breitete die Arme aus und schnalzte mit
Daumen und Mittelfinger Seine Wangen hingen schon schlaff und die Augen
bekamen jene verglasende Schicht der Trunkenheit »s gibt nur a Kaiserstadt«
beteuerte er  »und  und«  er hob den Kopf und nickte dem Amerikaner mit
starrem Blick zu  »New York   Mr Macpherson  New York  is allright «
    Die Gäste des Lokals stampften den Musikern Beifall Ein schwammigdicker
bleicher junger Herr im schwarzen Abendanzug Brillantringe an den fetten
Fingern der mit drei »Freundinnen« an einem Tisch saß und die Beine weit von
sich streckte brüllte auf die Galerie hinauf »Dr Isidor« Und als im
Marschtempo die gewünschte Nummer ertönte gröhlte der Dicke mit und die
meisten der Gäste stimmten in den Refrain ein
»Der Isidor der Isidor das is a feiner Mann
Vom Kopf bis zu die Fiess
Wie Weinbeerstrudel siess «
Dann ging die Melodie des Potpourris in sentimentale Rhytmen über und Vincenz
sang mit begeistert und bis zu Tränen gerührt
»Du guater Himmelvater   
i brauch ka Paradiiies   
i bleib viel lieber dader   
wo der siebente Himmel iiis«   
»Ich werde fort sein« dachte Olga  »bald«
    »Wenn ich nur erst in meiner Berliner Bude bin« dachte Stanislaus  »noch
vier große Kapitel habe ich«   
    »Ill never get her« seufzte die romantische Seele Daniel Horatios in
tiefster Heimlichkeit 
    »Champagner is gut  die Schulden holt der Teufel«  so sprach die
verschwiegenste Stimme des Professors
    Edda dachte »Wäre ich ausgezogen  das Korsett los«
    »Großer himmlischer Vatter  heut allein  und morgen wieder  ich geh
auf die Strass  meinerseel    aber den Kaffer  na  und wann ich mit ihm
allein auf der Welt wär« Das war Kati
    Pankratius »Sie hat zehntausend Gulden  das genügt fürs erste  einen
feinen Katzenleib  und kriegt keinen anderen Ich werde mich etablieren 
Institut für elektrische Terapie«
    Vincenz dachte »Amerika  Amerika« und er lachte plötzlich laut auf und
schlug mit der Hand auf die Tischplatte mitten hinein in die leeren Schalen der
Krachmandeln
    Des Pankratius Stimme ergoss sich plötzlich in ihrem tiefsten Brummbass in
einen Vortrag der im Ton des Ausrufers einer Jahrmarktsbude gehalten wurde
    »Meine Herrschaften« Er klopfte an sein Glas »Wir leben in einem Zeitalter
der Surrogate Für alles Mögliche wird ein Ersatz gefunden Und zwar scheint
dieser Ersatz« er wiegte nachdenklich den Kopf »beliebter und gesünder zu
sein als das was er ersetzt« Er sah sich um als forderte er die Anwesenden
auf ihm beizustimmen »KaffeeErsatz TeeErsatz Leinen und FettErsatz usw
usw Der Ersatz ist beliebt denn er eliminiert die Schäden jenes Stoffes
den er ersetzt und bietet nur seine angenehmen Wirkungen Er ist eine bewusste
Auslese des Heilsamen« Er schien einen sorgfältig ausgearbeiteten Prospekt
aufzusagen »Sport Ersatz für körperliche Arbeit die viel Unangenehmes
Gefährliches mit sich bringt Der Sport verdichtet ihr Nützliches und
Angenehmes« Er machte eine kurze Pause »So gibt es nun auch  passen Sie auf
meine Herrschaften  einen Ersatz für Liebe  Ja meine Herrschaften staunen
Sie  einen Ersatz für Liebe sage ich Dieselbe beruhigende Wirkung die von
der befriedigten Liebe ausgeht meine Herrschaften  dieselbe Stärkung des
IchBewusstseins und des Gefühles der körperlichen und seelischen Macht  diese
Festigung der Elastizität des Herzens  das dadurch in die Lage gesetzt wird
Gehirn und Extremitäten ausgiebiger mit Blut zu versorgen  alles dies meine
Herrschaften  bietet der Wechselstrom oder der faradische Strom  gleich der
Liebe nur dass er«  ein pfiffiger Zug kam in sein Gesicht  »ihre
Gefahren Wirren und Krisen nicht im Gefolge hat Sollte nicht meine
Herrschaften die Elektrizität das jüngste und wunderbarste Adoptivkind der
Medizin  sollte nicht die Elektrizität«  er sank auf ein langsameres Tempo
und schob jedes Wort gewichtig vor  »eine andere Form der Lebenskraft sein 
da sie uns zur Seele verhilft«    Er war zu Ende und drehte den zottigen
Kopf von einem zum andern
    »Halbaff    Lemur« schrie ihm Kati zu
    »Von wannen kommt Euch solche Wissenschaft reizsame Dame Aber Ihr irrt
Das physiologische Institut dieser Stadt wird Euch über diesen Irrtum eines
Tages belehren denn ich habe ihm mein Gehirn vermacht Über den Typus der
lemurischen Primaten dürfte es hinaus sein«
    Das Lokal dröhnte
»Drahn mr um und drahn mr auf
Was liegt denn draan   
Weil man auf dr Wöllt das Gölld
Nicht fressen kaaan   «
Es war die letzte Nummer der Kapelle
Auf der Straße vor dem Lokal das sich auf einem großen Marktplatz Wiens befand
wartete der hochgewachsene Mensch mit den flackernden Augen der auf der
Galerie der Musiker nach der Loge gestarrt und in seinen Taschen nach Papier und
Bleistift gesucht hatte Er trug einen schäbigen Überrock einen zerdrückten
Filzhut und hielt in der Hand einen Violinekasten
    Es war um die Zeit da die Marktweiber ihre Körbe auszupacken beginnen Es
wimmelte von vermummten Gestalten die da zwischen Nacht und Tag
durcheinanderschoben In der Mitte des Platzes stand noch verhüllt vom
Morgengrauen das RadetzkyMonument wie ein gespenstiger mit grauen Schleiern
verhängter Koloss
    Der Professor seine Frau und Kati bestiegen einen Wagen Edda beugte sich
noch einmal heraus und deutete auf das Gewimmel der Marktweiber deren
umfängliche in dicke Jacken und Tücher gewickelte Gestalten sich in der langsam
vordrängenden Helle des Morgens voneinander abzuheben begannen »Lauter Symbole
von Gottnatur«   Sie rollten fort
    Mr Macpherson bog mit Pankratius und Vincenz links in die innere Stadt ein
    Olga und Stanislaus gingen durch das Gedränge des Platzes zwischen den
Standkörben den bepackten Wagen und dem Gewimmel der Gestalten bis hinüber auf
das jenseitige Trottoir Der hochgewachsene Mensch folgte ihnen mit schweren
wiegenden Schritten
    »Fräulein Diamant« 
    Stanislaus wandte sich »Treten Sie näher Herr Koszinsky«
    »Wie geht es Ihnen« sagte Olga und reichte ihm die Hand und ihr Gesicht
schien im fahlen Morgenlicht von unsäglicher Traurigkeit
    »Mache Kapelle mit« kam es verbissen zurück »Ja  Sie waren vorsichtig
Abwärts  geht unser Weg«
    »Kasimir Koszinsky« sagte sie mit einem Ton so voll tiefen Grames dass es
sein Herz überschauerte  »ich war nicht stark genug  Ihnen zu helfen«
    »Wer  wer soll es auch tun« kam es zwischen seinen zusammengepressten
Zähnen hervor
    »Sie selbst«
    Er schüttelte den Kopf wie ein hoffnungslos Überzeugter
    Sie schwiegen alle drei und standen noch immer auf dem Trottoir seitab vom
Marktgewimmel Scharf wehte der frühe Tag über sie hin
    »Ich bin schon einige Zeit lang hier  aber ich habe Sie nie gesehen«
sagte er  »leben Sie hier«
    »Bis jetzt aber ich übersiedele diese Woche nach Berlin«
    »Nach Berlin  so Und der Vater«
    »Alt  allein«
    »Er hat keinen Schwiegersohn für sein Geschäft bekommen« kam es heraus
    »Weder einen fürs Geschäft  noch sonst einen Leben Sie wohl«
    »Olga«
    »Leben Sie wohl Koszinsky «
    Stanislaus zog sie fort Sie verschwanden in der nächsten Strassenbiegung
    Das Firmament wurde lichter ein Windstoß trieb die Wolken vor sich her dass
sie gejagt über den Himmel flohen Ein klarer sonnengoldener Herbsttag brach
an
 
                                Zweites Kapitel
                                  Zwei Frauen
 »Frauen Richtet nur nie des Mannes einzelne Taten
 Aber über den Mann sprechet das richtende Wort«
                                                                       Schiller
Mit einem zur Eile drängenden Gefühl beschleunigte Olga ihre
Reisevorbereitungen Erst als sie ihre Koffer die bis auf geringes Handgepäck
ihre gesamte nur zu bewegliche Habe bargen fortgeschickt hatte wurde ihr
freier zumute
    Sie wunderte sich selbst dass sie nichts mit dieser Stadt verband  dass sie
hier fast so fremd geblieben war wie »daheim« in dem schlesischen
Winkelstädtchen War es die Wurzellosigkeit ihrer Rasse deren Träger sich
Kulturen zueigen gemacht hatten die nicht ihrem Blute entstammten  war es die
besondere Atmosphäre gerade dieser Stadt die die Konturen der Dinge weichlich
ineinander wob wie die Formationen der umliegenden Hügellandschaft  Olga
hatte in den Jahren ihres hiesigen Aufenthaltes keinen Kreis gefunden mit dem
sie echte und notwendige Vertraulichkeit verband Nur einer einzigen Person war
sie näher gekommen Gerade heute am Tage nach der »Abschiedsfeier« die sie mit
ihren Freunden im Champagnerkeller abgehalten hatte fühlte sie wie wenig
lebendig die Beziehungen waren die sie mit ihnen einten Und doch war sie
diesen Verwandten gut Aber es war nicht der starkfliessende Strom verwandter
Willenskräfte  es war nur wie eine wachsame Teilnahme an dem noch nicht
erfüllten Maß ihres Geschickes die sie mit ihnen und wohl auch jene mit ihr
verband
    Gerade die Öde mit der der heutige Tag sie umgab mit der er sie wie durch
einen luftleeren Raum fernhielt vom lebendigen Anteil an ihm war mehr als ein
gewöhnlicher Katzenjammer nach einer durchwachten Nacht Es war das deutliche
Bewusstsein des inneren Versagens das uns dort wo wir gütige Gefühle zu
schulden glauben peinvoll bedrückt Der Augenblick in dem das Gefühl eines
Abschlusses erschreckend deutlich wird war gekommen Hier war eine Epoche
deren verschiedene Etappen dem Gedächtnis scharf umzeichnet entsprangen
deutlich beendet Ihr war als wäre der Additionsstrich unter die einzelnen
Posten zu machen und es verbliebe nur noch die Summe zu ziehen
    An solchen Tagen wie dieser  sie waren in der letzten Zeit immer häufiger
gewesen  richtete sich ihre Aufgabe riesengross und wie unerklimmbar vor ihr
auf
    Ihre Aufgabe Wusste sie sie denn
    Ohne ein deutliches Lebens oder gar Berufsprogramm zu haben fühlte sie
doch dass es irgendwo in der Zeit ein Feld gab auf dem sie und gerade sie ihre
Kräfte auszubreiten hätte Wie dunkle durch Jahrhunderte vorbereitete
Erfahrungen drängten Erkenntnisse durch sie ans Licht  wollten durch sie
Gestalt bekommen
    Olga war in der verflossenen Nacht durch jene unerwartete und
aussergewöhnliche Begegnung an das schmerzlichste Erlebnis ihrer Jugend erinnert
worden Diese »Jugend« schien für sie selbst hinter ihr zu liegen und was das
Seltsame war sie beklagte das nicht Denn ihr war als hätte sie sich all ihre
»Jugend« hindurch gegen niederziehende schwerlastende Mächte zur Wehr gesetzt
als hätte sie ihre ganze junge Kraft gegen den Druck eines dunklen Schicksals
stemmen müssen bis es endlich endlich ein wenig lichter und freier um sie
geworden war Aber an solchen Tagen wie dieser  den sie bis zum späten
Nachmittag in ihrem Zimmer verbrachte abwechselnd mit der Ordnung ihrer letzten
Gepäckstücke beschäftigt dann wieder auf das harte steiflehnige Sofa
ausgestreckt und von trübem Erinnern schattenhaft umwebt  an solchen Tagen
rückten Bilder aus ihrer Jugend dicht an ihre Seele Sie sah sich wieder in dem
grauen alten Haus mit den steinernen Treppen den fleckigen Wänden und den
tiefen düsteren Zimmern in die die Sonne nie recht hineinfiel deren Fenster
nach Norden auf den Ringplatz hinaus und auf den schmutzigen Hof gerichtet
waren der vier Hausmauern mit Mühe auseinander zu zwängen schien Und dieses
Haus stand in einer Provinzstadt die der Himmel niemals blau und fröhlich
belichtete in der die Luft zumeist feucht und scharf in die Kehle kroch wenn
man auf die Straße trat  auf diese meist ungepflasterten Wege wo der Fuß im
nassen Kot einsank Dieses Städtchen mit seinen kurzen dampfend heißen
Sommern seinem langen nasskalten stürmischen Herbst und den eisigen dunklen
Wintertagen war ihre Heimat Hohe Schlote mit langen im Sturm zur Seite
gebogenen Fahnen von schwarzem Qualm stiegen ringsherum auf Kohle und Eisenerz
wurden da zutage gebracht und in den Hütten schlackenfrei gemacht schwarz
berusste zerlumpte Gestalten die beim Ertönen des schrillen Signals der
Arbeitspause aus den Toren der Industriewerke herausströmten überfüllten die
Stadt außer der zumeist slawischen Arbeiterbevölkerung waren die Juden da Es
schien als wären es zwei verschiedene Stämme der Rasse die hier vertreten
waren Neben den langen hageren Gestalten mit schwarzen Ohrlöckchen und
gebogenen Rücken scharfen Hakennasen und vorspringendem Kinn steckten auch
sehr blonde sehr blauäugige Leute im Kaftan bei denen nur der
charakteristische Gesichtsausdruck ihr bewegliches Mienen und Händespiel die
immer wiederkehrenden Vorstellungen ihrer Schicht verrieten und die
Verwandtschaft mit ihren dunkelhaarigen Brüdern zum Ausdruck brachten Die Juden
hielten den Handel besonders den Pferdehandel der hier betrieben wurde in den
Händen und dann die Schänken Und diese Branntweinschänken waren jeden Abend
überfüllt und der grellbeleuchtete Ringplatz und die große »Breslauerstrasse«
hatten ihren Korso von betrunkenen Arbeitern die von früh gealterten Weibern
mit verzehrten Elendsgesichtern in ihre Behausung gezogen wurden Zwischen
dieser Masse von Juden und Arbeitern verschwanden fast die anderen Einwohner
dieser Stadt
    Es waren da noch ein paar alte polnische Familien und einige
Verwaltungsbeamte auch ein Bataillon Infanterie lag da dessen Offiziere ihr
Dasein hier als Verbannung trugen Als Abwechselung gab es im Frühling große
Pferdemärkte Dann waren alle Quartiere voll besetzt und die große Wiese vor
der Stadt die im Winter als Eisbahn diente sowie der Ringplatz selbst waren
dann voll von langmähnigen zu Koppeln zusammengeschirrten Rossen deren
Gestampfe und Gewieher die Luft erfüllte
    Olgas Vater gehörte immerhin zu den Honoratioren der Stadt Er hatte die
Fremde kennen gelernt hatte in Deutschland »konditioniert« lange in Breslau
gearbeitet bis er das Geschäft das samt dem Haus seit mehreren Generationen
seiner Familie gehörte übernahm Den Jargon seiner Heimat hatte er auch in der
Fremde nicht verloren wohl aber die zelotische Gesinnung die er vielleicht nie
stark besessen hatte Er lebte zwar »rituell« aber ohne die fanatische
Anteilnahme an den »Bräuchen« die noch seine Eltern mit eiserner Strenge
befolgt hatten Er trug den Kaftan aus Bequemlichkeit im Geschäft legte aber
den »europäischen« schwarzen Rock an wenn er beim »Doktor« oder beim »KK
Stationsvorstand« zur Tarokpartie eingeladen war Er galt als ein Mensch mit
dem sich ein vernünftiges Wort reden ließ und war besonders dafür bekannt
geleistete Dienste munifizent zu entlohnen Seine Kinder ließ der alte Diamant
die besten Schulen besuchen die hier zur Verfügung standen Stanislaus
absolvierte das Realgymnasium und dann einen Handelskursus Zum Militär kam er
nicht und so nahm ihn der Alte dann gleich ins Geschäft Seine Flucht nach
Berlin beschloss seine geschäftliche Tätigkeit Erst hatte der Alte gehofft er
werde dort von der Entbehrung gezwungen einen kaufmännischen Posten annehmen
und dann eines Tages wiederkommen um sein eigener Herr zu sein Aber als der
Sohn durchaus vom »Kommerziellen« nichts hören wollte sich in eine armselige
Stube einsperrte und da mit erstaunlicher Beharrlichkeit Bogen um Bogen
beschrieb  Tagesfragen mit besonderer Betrachtung ihres ursächlichen Wesens
für die Zeitungen bearbeitete dann sich weiter wagte und Probleme von längerer
Dauer und weiterem Interesse auf seine Art die den Gegenstand geduldig und
scharf bis an seine Wurzeln blosslegte zum Stoffe nahm  dann nach Hause
meldete er wolle Schriftsteller werden vielmehr bleiben und hoffe von dieser
Tätigkeit leben zu können  da war es dem alten Händler klar geworden dass
dieser Sohn den stabilen Grund und Boden der für ihn bereit lag nicht zu
schätzen wusste und ihn preisgab
    Am meisten wunderte es ihn dass Stanislaus für seine »Schreibereien« Geld
bekam »Wer gibt für solche Sachen ä Kreuzer« fragte er sich kopfschüttelnd
wenn er die Zeitungsblätter in denen die Artikel des Sohnes erschienen und die
er sich immerhin erbat in Händen hielt   
    Was ihm blieb  war die Tochter
    Wenn Olga an ihre »Jugend« dachte dann graute ihr besonders vor einer
Erinnerung die fiel in jene Jahre die man als die holdesten blühendsten eines
Mädchens zu bezeichnen pflegt Mit 15 Jahren war sie zuerst vor ihrem
Spiegelbild stutzig geworden  Unter den kurzen Backfischkleidern sahen die
Füße in plumpen Stiefeln lang hervor Die Gestalt schien eckig und stämmig
nichts saß wie es sitzen sollte Die Blutarmut machte das Gesicht blass den
Teint unrein häufig von leichten Ausschlägen bedeckt dazu sommersprossig wie
bei Rotaarigen gewöhnlich Eine fast immer gedrückte Stimmung presste die Züge
nieder senkte die Mundwinkel ließ die Muskeln schlaff hängen und legte um die
Augen etwas Trostloses
    Mit Grauen gedachte sie immer wieder dieser besonderen Hässlichkeit ihrer
ersten Jugend
    Später als ihr Temperament welches unter einem fast grüblerischen Verstand
seine lebendige wenn auch verdeckte Strömung hatte manchmal diese Oberschicht
sprengte  da hatte es auch dieses Dunkle Schwere welches auf ihrem Körper
lag mitgerissen und fortgeschwemmt Sie erinnerte sich wie ein zufälliger
Blick in den Spiegel ihr manchmal ein beinahe fremdes Geschöpf zeigte das etwas
Strahlendes im Gesicht hatte  ein Geschöpf von dem sie verwundert und
frohlockend fragte  »das bist du«
    Aber damals in ihren ersten »Blütejahren« in dem düstern Haus  da hatte
sie sich mehr als einmal weinend und verzagend mit dem Bibelwort auf den
Lippen gefunden »Dein Leib ist der Tempel Gottes« Und ihr schien es als wäre
es der Verzicht des Lebens den sie annahm wenn sie es duldete dass ihr Leib
diesen Worten Hohn sprach wenn sie diesen Körper nicht zwang schöner zu
werden So sann sie denn oft über die Möglichkeiten günstiger Kleidung die ihr
aber durch ihr geringes Taschengeld und ihren wenig geübten Geschmack ziemlich
unerreichbar blieben Auch vermochte sie keinerlei beengenden Zwang an ihrem
Körper zu dulden und die charakterlose mitteleuropäische Frauentracht der
bürgerlichen Kreise Rock Bluse und Gürtel passte sich ihren widerspenstigen
Körperformen wenig günstig an
    Als sie achtzehn und neunzehn wurde tauchten die ersten Freier auf
Kaufleute die in die »Branche« und noch lieber in das gute Geschäft
»einheiraten« wollten Sie kamen gewöhnlich Freitag abends aus irgendeiner
österreichischen Provinzstadt zumeist aus Schlesien selbst wurden am Feiertag
 Samstag  im Hause Diamant splendid bewirtet und fuhren Sonntag früh wieder
ab Das Urteil das sie über die Tochter des Hauses fast einstimmig abgaben
lautete ungefähr dahin  das sei eine »miese Mad«  dabei arrogant  »tut sich
was«  und was das Schlimmste sei  »überbildet« Keine drei Worte hätte sie
geredet und gehört hätten sie im Ort dass sie sich mit lauter »Lesereien« den
»Kopp einnehme« anstatt sich um die Küche zu bekümmern und ins Geschäft zu
gehen So mancher äußerte trotz dieses Eindrucks und dieser wenig empfehlenden
Nachrede den Mut »sich das Mädel zu erziehen«
    Aber die Abwehr der Tochter war unbeeinflussbar und der Alte zwang sie zu
nichts außer zu ihrer Anwesenheit an dem Tage der »Beschau« Ihrer
flehentlichen Bitte sie für einige Zeit fort zu lassen nach Wien oder nach
Berlin widersetzte er sich mit der Begründung sie hätte dort »nix zu suchen«
Sie bat ein Lehrerinnenexamen machen zu dürfen er schlug es rundweg ab das
seien »Flausen« die seine Tochter »nicht nötig hätte«
    So verstrichen ihre Jahre  ohne eine Ahnung welche Richtung ihr Wille
nehmen sollte da ihre ganze Umgebung allen seinen Regungen feindlich war  bis
eines Tages das Schicksal bei ihr deutlich anklopfte
    Sie war eine hervorragende Eisläuferin und verbrachte im Winter ihre besten
Stunden auf dem großen Eisplatz der draußen vor der Stadt lag Sie besuchte
auch die meisten Feste die auf dem Eis veranstaltet wurden  und an denen die
höheren Schichten der Juden die Beamten die Familien der polnischen
Industriellen und die Offiziere die hier in Garnison lagen teilnahmen
    Bei einem Maskenfest auf dem Eis erschien sie als Teufelin in schwarzrotem
Sammetkostüm die rostroten Haare gelöst über dem Rücken auf dem Kopf ein
schwarzes Sammetkäppchen mit zwei festen kleinen Holzhörnern dicht verlarvt
An diesem Abend machte sie die Bekanntschaft eines jungen Offiziers der
ebenfalls einer der besten Läufer war und mit ihr die schwierigsten Figuren
lief Er war in Uniform nicht verkleidet Sie war schon öfters mit Offizieren
gelaufen war aber über die flüchtigsten und leersten Reden mit ihnen nicht
hinausgekommen Anders diesmal Der hochgewachsene Offizier mit den feinen
Profillinien dem blonden Schnurrbart der hohen ein wenig zurückweichenden
Stirn und dem etwas nervös schweifenden Blick der blauen Augen war nicht nur
ein glänzender Eisläufer Leutnant Koszinsky unterhielt sich mit ihr über Dinge
die seinen Kameraden sonst fernlagen Sein heißes Interesse an Fragen der Kunst
der Literatur der Philosophie der Musik begegnete hier endlich dem ersehnten
Echo Er hatte von dem Mädchen gehört und ihre Bekanntschaft gesucht Trotz der
Maske hatte er sie bald herausgefunden  er kannte sie vom Sehen  und die
Freiheit des Festes gestattete ihm die schnellste Annäherung
    Kasimir Koszinsky war Pole gehörte einer ganz verarmten Familie an und war
als Knabe der Erziehung der Kadettenschule übergeben worden und so dem Militär
»verfallen« wie er es nannte Er betrachtete das als ein Unglück Er hielt sich
für einen geborenen Künstler und hätte sich der Philosophie und der Musik
ergeben wäre sein Weg frei gewesen So aber blieb ihm nichts übrig als die für
ihn bedeutende Mühsal des militärischen Berufes weiter zu schleppen
    Es dauerte immerhin Wochen bevor diese beiden jungen Leute aus dem Bereiche
gespanntester schöngeistiger Interessen in jenes andere der persönlichen
Wünsche zusammen eintraten Es war fast immer zuviel zwischen ihnen zu
erledigen In den kurzen Stunden in denen sie einander sahen überstürzten sie
sich um von dem neuesten Buch von irgendeinem bedeutenden allgemeinen
Ereignis »aus Europa« zu sprechen und hitzig ihre Meinungen gegeneinander zu
führen Seine Auffassung der Dinge hatte zumeist etwas Verschlungenes wogegen
sich ihre direkt auf den Kern der Sache zusteuernde Art nicht selten heftig
auflehnte So kam es dass sie sich erst nach Wochen mit entscheidenden Wünschen
die eine gemeinsame Zukunft suchten gegenüber standen
    Diese Wünsche fanden weniger Gegnerschaft als sie befürchtet hatten Der
Vater Diamant erklärte sich bereit die Kaution zu erlegen falls seine Tochter
sich nicht »schmarren« zu lassen brauchte Die Heirat eines Offiziers mit einer
ungetauften Jüdin  in Österreich häufig genug  ließ sich wohl machen Und
dann war Kasimir auch bereit wenn es sein müsste den bunten Rock auszuziehen
    Der Alte runzelte die Stirn Wovon gedachte er zu leben Dass er in sein
Geschäft nicht eintreten würde war ihm genügend klar
    Dann zog der alte Diamant den »europäischen« Rock an und ging aus
»Referenzen« einzuholen über den Leutnant Kasimir Koszinsky Und damit erst trat
die Angelegenheit in ein unerwartetes Stadium Denn der Alte hörte Dinge die
selbst in jenem Winkel der Monarchie wo die triste Situation die größte
Duldsamkeit beim Militär mit sich bringt  die Grenze des »Möglichen«
überschritten
    Koszinsky hatte den Ruf eines skrupellosen Verschwenders eines
genusssüchtigen Menschen der durch immer neue Exzesse seine Situation unhaltbar
gemacht hatte Der Major versicherte dem alten Juden dessen Besuch er
huldvollst angenommen hatte Koszinsky werde demnächst seine Charge »springen«
lassen müssen Eine nicht ganz aufgeklärte Affäre rückte diese Katastrophe nah
Koszinsky hatte mit unbegreiflicher Leichtfertigkeit Wechselschulden auf
Beträge die er niemals aufbringen konnte aufgenommen Die ziemlich
beträchtlichen Summen hatte er wie ermittelt in wüstester Gesellschaft in
Krakau verlumpt Man erzählte von ein paar Variétédamen und deren männlichem
Anhang die Koszinsky nächtelang traktiert haben sollte bis der letzte Gulden
fort war Er habe wahrscheinlich auf einen reichen Schwiegervater gehofft  den
er ja nun auch gefunden hätte wie der Major halb bedauernd halb ironisch
hinzufügte
    Aber das Schlimmste war damit noch nicht gesagt Diese Wechsel sollten in
einigen Tagen protestiert werden Koszinsky hatte gehetzt von seinen
Gläubigern seine Zuflucht zu einem Kameraden genommen zu einem Leutnant Karl
Stiller der kürzlich etwas Vermögen geerbt hatte und gerade seinen Abschied
nehmen wollte Stiller mit dem ihn eine nähere Kameradschaft verband hatte
sich mit Koszinsky in der Abneigung gegen den militärischen Beruf gefunden er
wollte den Sprung aus der Bahn wagen Er arbeitete seit langem heimlich
politische Artikel für ein Blättchen seiner Heimat einer kleinen deutschen
Stadt in Südungarn Von dort winkte nun ein festes Amt beim Blättchen und
Stiller wollte die Kette zerbrechen Zum Unterschied von dem vielseitig
zerstiebenden Koszinsky war Stiller schwer zäh bäurisch beharrlich und vor
allem emsig auch in seinen literarischen Versuchen dabei war er eigentlich
»ärarisch« gesinnt behütete seine Ideale vom frischfröhlichen Krieg trotz
seiner persönlichen Abneigung beim Militär zu bleiben Koszinsky hatte ihn Olga
als einen braven Kerl aber »mit einem flachen Unterbewusstsein« geschildert Er
war ein Mensch dem eine tiefe Furche zwischen den Augenbrauen einen besonders
düsteren Gesichtsausdruck gab und der mit redlichen aber gequälten Blicken
dreinsah Koszinsky hatte ihn seine bewegliche Geistigkeit reichlich spüren
lassen Er verhöhnte seine »journalistischen Missetaten«  er selbst hielte
sich von solchen Sünden wohlweislich fern  er verspottete Stillers primitive
Ideale die in einer Gemeinschaft mit Weib und Kind in einer Wohnung von Stube
und Küche  bei sonstiger Unabhängigkeit  gipfelten So hatte aus der
ehemaligen Freundschaft der beiden Ausnahmsoffiziere manchmal der Hass
herausgeschlagen  bis Stiller das kleine Kapital erbte welches seinen
sehnsüchtigen Wünschen nach Freiheit die Wege ebnete
    Kurz darauf als die schon einmal prolongierten Wechsel Koszinskys sich dem
Fälligkeitstermin näherten nicht mehr erneuert werden konnten und er sich von
seinen Gläubigern bedrängt sah hatte er Stiller der wie er sich ausdrückte
nun »gefasst« habe bestürmt er möge in dieser äußersten Not für ihn
einspringen
    Stiller schlug dieses Ansuchen glattweg ab Kurz und finster erklärte er
dass er nicht so töricht sein werde die geringen Hilfsmittel die ihm das
Schicksal zugebilligt habe zu so unwürdigem Zweck  einen Entgleisten noch
weiter in einer ihm nicht gebührenden Situation zu halten  zu vergeuden
    Wenige Tage später ereignete sich ein böser Zwischenfall aus der
verschlossenen Tischlade Stillers waren einige Wertpapiere verschwunden
    Diese Affäre war nun gerade in jenes Stadium getreten in welchem sich eine
Reihe von Verdachtsmomenten so zusammenschloss dass Koszinsky als der Dieb
angesehen wurde 
    Ohne einen bestimmten Beweis zu haben beschuldigte Stiller fest und
finster unter vier Augen den Kameraden der Tat Koszinsky fuhr auf  griff an
den Säbel  ließ ihn aber stecken  und gab seiner Empörung über diese
Beschuldigung in einer Flut von Beschimpfungen Ausdruck
    Stiller ließ sich ruhig von ihm Idiot und Schmutzian nennen und sich sein
»primitives Gehirn« von ihm vorwerfen Er entgegnete dem Tobenden nur  ob er
denn noch niemals von einer anderen Art von Idiotie als der gewöhnlich so
genannten gehört habe Und er nahm ein Lehrbuch der Patologie vom Regal und
schlug einen Abschnitt auf »Über moralische Idiotie  auch Moral Insanity
genannt«
    Wieso es ihm denn beliebe ihn in diese Kategorie einzurangieren höhnte
Koszinsky Worauf ihm Stiller trocken erklärte in diese Kategorie gehörte jene
Sorte von Übeltätern die ohne besondere Not und ohne Bedacht der Folgen mit
Vorliebe solche verfemte und schädliche Handlungen begingen die unweigerlich
für sie selbst die schlimmsten Folgen haben müssten Trotz der absoluten
Sicherheit der Enthüllung und der Strafe ihres Tuns setzten sie irgendeinen
gierigen unerlaubten Wunsch der sich immer fester und zwingender in sie
einbohre in Tat um Gewöhnlich ohne jede Rückzugsmöglichkeit den Folgen
gegenüber An den Augenblick des Sturzes dächten sie kaum bevor er da sei
drückten sozusagen ein inneres Auge zu und scheuchten die Gedanken von diesem
sicher daher kommenden Ereignis fort Auch fehlte ihnen das Gefühl der
Auflehnung gegen das Böse Ob das nicht mit Recht als eine Art Idiotie
betrachtet werde
    Koszinsky hatte ausgerast Stöhnend warf er Arme und Kopf über die
Tischplatte
    Ob Stiller denn bedacht habe wie seine  Koszinskys  Zukunft sich nun
gestalten solle
    Das habe er wohl entgegnete der Er würde es nur für ein Übel halten wenn
Koszinsky durch Hilfe von außen noch länger beim Militär über Wasser gehalten
würde Nur das was er seinen »Sturz« nenne könne ihn retten Hinaus in den
Dienst des gemeinen Lebens  das sei sein Weg
    »Und Olga« kam es ächzend zwischen Koszinskys Händen hervor in denen er
den Kopf vergraben hatte Stillers Gesicht wurde noch einen Schein dunkler und
ernster Die Furche zwischen seinen Brauen die ihm einen so finsteren Ausdruck
gab vertiefte sich
    »Frage sie« gab er zur Antwort »Sage ihr die Wahrheit von dir  die ganze
Wahrheit« Er bohrte seinen finsteren Blick scharf in das flackernde Auge des
anderen der die Hände sinken gelassen hatte und zu ihm aufhorchte »Sage ihr
alles  und frage sie ob sie trotzdem den Mut hat mit dir zu gehen«
    Der Trotz rührte sich wieder in Koszinskys Brust Wenn sie sein war  ihm
bestimmt  zu ihm gehörig  würde sie ihn trotz alledem nicht lassen
Gebeugt als wäre ihm eine schwere Last auf den Rücken geladen worden kam der
alte Diamant nach Hause Vielleicht zum erstenmal geschah es ihm dass er sich
seinen Kindern gegenüber als besiegt fühlte Er wusste  sie gingen ihre Wege
ohne ihn über ihn und er hatte keine Macht in ihre Schicksale einzugreifen
Auf dem Heimweg war es ihm zur Sicherheit geworden dass Olga von Koszinsky nicht
lassen werde So würde er denn sie und den Lumpen zu halten haben bis  ja bis
 sie alle untergingen Verloren waren sie alle
    Er kam nach Hause
    Die alte Salke die Wirtschafterin die die Kinderfrau gewesen war kam ihm
entgegen »Gott der Gerechte  gnädiger Herrleben  wie sehen Se aus«
    Er ließ Olga in sein Kontor rufen Ruhig mit tonloser Stimme berichtete er
ihr was er über ihren Freier erfahren hatte Er ereiferte sich nicht er
verlangte nichts von ihr er befahl nicht  er berichtete Während sie dem
Vater zuhörte schien es ihr als ob seine Gestalt sich vor ihren Augen dehne
wie ein riesenhafter dunkler Fleck Sie sah plötzlich nichts mehr  sie hörte
nur seine Stimme in dieses tiefe tiefe Dunkel hinein   
    Er war lange fertig mit seinem Bericht den er in kurzen dürftigen Worten
gegeben hatte Er hatte Koszinskys Treiben nicht schwärzer gemalt kein
kommentierendes Wort dem nackten Tatsachenmaterial hinzugefügt
    Mit zitternder Hand strich er sich durch den grauen wirren Bart Er saß
wie gewöhnlich im schwarzledernen Lehnstuhl am Fenster vor seinem Schreibpult
In der Dämmerung schien sein Gesicht grau Knochig sprang die Nase aus diesem
scharfen Profil Olga sah ihm ähnlich  die Nase und die blanken schwarzen
Augen hatte sie von ihm Zum erstenmal sah sie wie alt der Vater wurde  wie
gebeugt wie müde sein Rücken schien wie gramvoll gefurcht sein Gesicht war
Zum erstenmal erinnerte sie sich dass er morgens um sieben Uhr schon bei diesem
Pult zu sitzen pflegte und abends um elf noch immer Und auf dieses Greises
Schultern lag ihre Existenz  ihre Kraft und Jugend zehrte von dem was er
erarbeitet hatte und noch weiter für sie erwarb
    »Nu mei Kind« fragte der Alte mit müder leiser Stimme Seine Ruhe
erschütterte sie Sie hatte als er begann von Koszinskys Treiben zu berichten
erwartet er werde drohen befehlen fluchen wenn sie nicht von ihm ließe  Er
aber fragte sie mit der Ruhe der Hoffnungslosigkeit was sie zu tun gedenke Ob
sie den Menschen sehr liebe fragte er mit zitternder Stimme und sie sah die
tiefe Angst in seinem Blick
    Und sie hörte  zu ihrem Erstaunen  ihre eigne Stimme  die da antwortete
  sie glaube nicht den Menschen der ihr da geschildert wurde zu lieben
Aber sie wolle noch einmal mit Koszinsky sprechen  um zu sehen ob das alles
auch wirklich so sei
    Der Alte versuchte sie zu hindern »Mei Kind  da is ka Broche Segen
dabei« Da erwachte gleich ihr Trotz und rief ihr Herz auf Sie wolle und müsse
von ihm selbst erfahren ob das alles wahr sei  vielleicht war er nur durch
Unglück gesunken  würde sich erheben  wenn sie ihm beistünde Sie begann
sich zu ereifern als ob sie gegen den Vater zu kämpfen hätte wie gewöhnlich 
brach aber plötzlich ab  als sie bemerkte dass er in sich zusammengesunken war
und keine Worte gegen sie vorbereitete
    Schweigend saßen sie eine Weile in der Dämmerung   bis der Vater mit der
Hand winkte Da verließ sie leise das Zimmer
In der Nacht die diesem Gespräch folgte versank für Olga diese neue
Vertraulichkeit die in ihr Leben gekommen war Der Mann mit dem sie so
leichtfüssig dahingeflogen wurde ihr durch dieses unerwartete Dunkle das von
ihm kam fremd  so fremd wie die Bewerber die in das Geschäft hineinheiraten
wollten  Einsam war sie wie nur jemals früher In die warme Nähe ihres
Herzens konnte dieses Dunkle niemals dringen Und doch war es vielleicht gerade
jenes heimlich in ihm Wirksame gewesen  jener Trieb der zur Hemmung und
Störung aller lebenerhaltenden Impulse führte  der sein Wesen so vielfältig
gegliedert hatte dass es sie anzog und bannte  Nein sie hatte die Liebe nicht
erfahren schauernd empfand ihr junges Herz diese Erkenntnis in der Einsamkeit
und Finsternis dieser Nacht Aber es war wie eine Hoffnung in ihr  als müsste
sich jene Vertraulichkeit wieder einstellen wenn sie Koszinsky erst wiedersah
Vielleicht kam dann irgendein Begreifen über sie  ein Begreifen dessen was
ihr jetzt so drohend fremd erschien dass es sie schauern machte
    Als sie ihn dann am andern Tag traf in einem Wirtshaus der Umgebung wo
sie um allein zu sein in einem schlecht gelüfteten ungeheizten leeren
Tanzsaal saßen  da wuchs ihre Kenntnis von ihm bis zur Hellsichtigkeit Mit
vielen sich überstürzenden Worten bestätigte Koszinsky dass diese
»Wechselaffäre« über ihm schwebe  berührte auch die »absurden
Beschuldigungen« die gegen ihn laut geworden waren und für die er blutige
Rechenschaft fordern werde aber er zweifle nicht dass sie trotz allem was über
ihn hereinbrach treu zu ihm stehe Ja er begrüsse diese Katastrophe als eine
Art Feuerprobe für ihre Liebe
    Als er diese Worte sagte durchschoss sie jäh grell und vernichtend der
Gedanke Ich weiß genug Sie lehnte sich in ihre Sofaecke zurück und sah starr
auf diese feinen Profillinien Die etwas zurückweichende Stirn verbarg sich
unter der Kappe die er nicht abgenommen und tief ins Gesicht gedrückt hatte er
hatte auch die schwarze Offizierspelerine nicht abgelegt wie auch sie in Hut
und Jacke blieb 
    Er sprach und erklärte Sie müsse begreifen wenn er sie gehabt hätte wäre
nichts von all den Lumpereien geschehen so aber musste er sich in die Öde des
Soldatenlebens ein wenig Farbe und Freude hineintragen 
    »Farbe und Freude« ging es zackig durch ihren Kopf und sie starrte
unverwandt auf das bekannte Profil
    So sei es zu diesen leichtsinnigen Streichen  die Schulden betreffend 
gekommen Im übrigen läge ihm nicht so viel daran seine Charge springen zu
lassen Freilich in Ehren müsste es geschehen schon um ihretwillen Darum werde
wohl ihr Vater helfend eingreifen müssen quittieren müsste er dann doch da der
Karren schon zu tief verfahren war Aber   er hätte einen Plan irgendwohin
wollten sie zusammen gehen wo man in all diese unreinlichen Beziehungen 
dabei warf er verächtlich den Kopf zur Seite  nicht verwickelt werden könnte
    In diesem Augenblick schoss wieder ein einziges Wort durch ihr Hirn und
brannte darin auf nie
    Er fuhr fort seine Vorfahren wären Grundbesitzer gewesen  wenn ihnen der
Alte nun ein Stück Geld gäbe  so  so   kurz gesagt  er hätte die Idee
sich auf einer der kanarischen Inseln die ein paradiesisches Klima hätten und
wenig besiedelt seien niederzulassen Dort könnten sie eine kleine Farm
betreiben   Und er malte  so wie er da saß verfolgt in seinen Mantel
gehüllt in dem dunstigen leeren Tanzsaal eines Dorfwirtshauses  während
draußen die nasskalte Nacht des schlesischen Winters lag  er malte ein
paradiesisches Bild von einer Insel mit ewigem Frühling umgürtet vom blauen
schimmernden Meer  auf der in einer stattlichen Ansiedelung sie und er als
wohlbegüterte Farmer saßen
    In ihr aber wuchs das Eine das Deutliche nie nie Nicht eines seiner
Worte führte sie irre Immer genauer wusste sie was auch Stiller wusste  dass
das Leben diesen da erst noch tiefer drücken müsste bevor er nüchtern würde Mit
starken harten Worten sagte sie sich los von ihm
    Es kam ihm unerwartet  und er begann sie zu schmähen Sie stand auf und
ging durch den langen Saal der Türe zu Er rief ihr immer wildere Worte nach
Plötzlich schwieg er
    War es eine Ahnung die ihren Kopf noch einmal zu ihm zurückwandte   
    Im trüben Schein der Lampe und durch den wolkigen rötlichen Dunst der sich
vor ihre Augen legte  sah sie  dass er seinen Revolver mit gestrecktem Arm
nach ihr hinhielt Da durchzuckte es sie mit plötzlicher Klarheit sie wusste
dass ihre Hände die Türschnalle nicht berühren durften  Sie wandte sich ihm
vollends zu und lehnte sich scheinbar ruhig  während sie das Pochen ihres
Blutes hörte  mit gewölbtem Kreuz und vorgedrängter Brust an die Tür  hob
langsam die Arme zu beiden Seiten und hielt sie wagerecht von sich  So schien
sie ihrem Schicksal die Brust zu bieten
    Da zerteilte sich der blutige Nebel vor Kasimirs Augen und er ließ den
Revolver sinken   
Olgas Vater der im Hause und seinen Kindern gegenüber karg zu sein pflegte war
in geschäftlichen Angelegenheiten und bei entscheidenden Transaktionen
verschwenderisch Seine Angestellten kannten diese Munifizenz die sich ganz
unerwartet dann zu verbreiten pflegte wenn es galt rasch »abzuschneiden«
irgendeine kritische Situation schnell zu erledigen  und nützten sie tüchtig
aus konstruierten nicht selten Krisen und Schwierigkeiten bei deren
Abwickelung dann ein Stück Geld in ihre Taschen floss Der alte Händler war für
einen Kaufmann beinah zu schnell zu large mit dem Gelde Er gab Reisenden
leichterzig Vorschüsse zahlte an Agenten Provisionen für Aufträge die sich
oft als faul erwiesen gliederte seinem Geschäft manches Nebenunternehmen an
das es schwächte anstatt es zu fördern und übte vor allem seinen
Angestellten gegenüber nicht genügend scharfe Kontrolle aus Furcht Personen
die er für unentbehrlich hielt vor den Kopf zu stoßen und zu verlieren Als
rechnerische Kraft hatte Stanislaus Disziplin in das Geschäft gebracht und als
er aussprang verbreitete sich der Mangel einer strammen Geldgebarung immer mehr
in dem sonst so guten Unternehmen »Ich bin ka Matematiker« pflegte der Alte
zu sagen wenn er bedrückt und hilflos vor gesunkenen Bilanzen stand die
nach einem regen Jahresumsatz schwer erklärlich schienen Und in die
Bitterkeit mit der ihn dieser Rückgang erfüllte mischte sich ein Gefühl wie
Rache gegen den Sohn »Warum is er gegangen  Ich plag mich  und fremde
Leit tragen mich weg«
    Die Angelegenheit zwischen seiner Tochter und dem Leutnant betrachtete er
als »Transaktion« die schnell »abgeschnitten« werden müsste und bei der man aufs
Geld nicht sehen dürfte
    Nachdem er das schriftliche Ehrenwort Koszinskys  dass er Olga frei gebe
und nichts mehr unternehmen werde die alten Beziehungen wieder herzustellen 
in Händen hatte bezahlte er seine Wechselverbindlichkeiten  und legte noch ein
Stück Geld mit welchem die geheimnisvoll verschwundenen Wertpapiere Stillers
»auf alle Fälle« ersetzt werden sollten dazu 
    Seiner Tochter aber bewilligte er den Aufenthalt in Wien  teils aus
Dankbarkeit dass sie ihn vor dem gefürchteten Unheil bewahrt hatte teils weil
er jetzt selbst wünschte sie solle sich »verändern« damit sie über das
Vorgefallene leichter hinweg käme
    Koszinsky musste quittieren und verschwand irgendwo in Österreichs bunter
Provinz
    So beantwortete das Schicksal Olgas ersten Anruf nach dem ihr gebührenden
Frauenlos Der Wunsch der aus dieser Seele herausgebrochen und aufgeflogen war
nach der großen hellen Sonne des Glücks brach misshandelt und flügellahm am
Wege zusammen
Olga hatte keinen Beruf eine Wirksamkeit im Sinne der großen Bewegung ihrer
Zeit welche die Frau auf Selbständigkeit verwies war ihr verlegt worden sie
hatte diesen Weg versäumt Als sie nach Wien kam hatte sie keine Lust mehr
jetzt noch eine Lehrerinnenprüfung anzustreben all die Schulen durchzumachen
die dazu nötig waren eine Menge von Lehrstoff der ihr gleichgültig und
langweilig war in sich aufzuspeichern Die Jahre in denen man gern lernt 
büffelt  waren eben vorbei Sie konnte nichts anderes tun als hinhorchen 
und von der Fülle dessen was sie über die zusammenwirkenden Kräfte des Lebens
erfuhr das herausgreifen was den lebendigen Fragen in ihr selbst entgegenkam
Sie suchte Anknüpfung an die Zeit Aufschluss über Triebkräfte die die
Strebungen ihrer Epoche bewegten und das neue Werden entstehen ließ
    Fast drückend lag die Freiheit vor ihr Ob sie der ungelösten Kräfte ihrer
Seele jemals habhaft werden und wohin sie sie führen würden  sie wusste es
nicht Sie schien sich eingeklemmt zwischen zwei Kulturen  dem gewöhnlichen
Schicksal anspruchsloser Gatten und Mutterschaft ebenso verloren wie dem der
neuen in sich selbst wurzelnden Weiblichkeit
    Aber sie ahnte wohl in guten Stunden dass es ein Maß innerer Sicherheit gab
welches das Merkmal hoher und freier Menschlichkeit und das Ziel alles
befreienden Strebens war Mit dieser Sicherheit in sich blieb man Herr in jeder
Situation besiegte man jede scheinbare Erniedrigung Es konnte kein Missbehagen
geben keine Angst vor dem Dunkel keinen Ekel vor dem ewig Unzulänglichen
keine Verlassenheit im unendlichen All  wenn diese innere Helle erst
erstrahlte Und glühte nicht der Funke aus dem diese Flamme  dieses
organische Verstehen des Lebens  herausschlagen konnte zu Zeiten auch in ihr
    In Wien war sie einer Frau begegnet die von diesem Licht das sie die
Beladene so sehnsüchtig suchte erfüllt schien Frei ging sie die bewusst
Geborene  keine Situation kein Milieu schien diese starke Sicherheit brechen
dieses innere Leuchten verschütten zu können Und wie das Erhabene gewöhnlich
neben Lächerlichkeit und Unwürdigkeit gestellt ist so war es auch hier Diese
Frau die Olga als eine Ganze unter Zerrissenen als eine naturhaft Starke unter
Verbogenen und Beschädigten erschien  war die Frau eines Menschen von
unverkennbar geringer Art des Vincenz Reisenleitner
    Niemals war Olga bei Geneviève gewesen ohne gekräftigt gesammelt stärker
und sicherer von ihr zu gehen Sie war eine von jenen die die Beladenen
erleichtern die Bedrückten erheben ohne ihnen bestimmte Tröstungen oder gar
Satzungen auf den Weg zu geben  einfach durch den Anblick den sie selbst
bieten
    Ihre Ehe mit Reisenleitner war das Produkt einer für ihr Wesen sehr
bedeutsamen Absichtslosigkeit mit der sie sich ihrem innersten Glauben gemäß
den Fügungen und Schiebungen des Schicksals überließ ohne mit gefährlichem
Willensaufwand dem rollenden Rad in die Speichen zu fallen
    Sie hatte Vincenz Reisenleitner in ihrer Heimat in Stuttgart kennen
gelernt wo ihr Vater ein höheres juridisches Amt bekleidete Die Mutter
entstammte einer alten normannischen Adelsfamilie die emigriert in der
Schweiz lebte In Genf lernte die junge schöne Tochter dieser Familie den
deutschen Regierungsrat Nestor kennen der sie bald als seine Frau ins
Schwäbische verpflanzte Ihr Kind nannten die Eltern in froher Erinnerung an
den Ort ihres Sichfindens Geneviève im täglichen Umgang blieb nur des stolzen
Namens Endsilbe bestehen und ève wurde bald zur deutschen Eva So wuchs sie auf
Eva Nestor ein Schwabenmädel mit normannischem Blut in den Adern  »eine
köstliche Legierung« wie der Vater stolz zu sagen pflegte
    Kurz nachdem er gestorben war und die Witwe und Eva mit einer für ihre
bisherigen Lebensgewohnheiten geringen Pension zurückließ geschah es dass Eva
die Bekanntschaft des Wiener Fabrikanten Reisenleitner machte der hierher
gekommen war um sein bei einer Stuttgarter Fabrik bestelltes Automobil
abzuholen Reisenleitner verliebte sich stürmisch in das »riesig interessante
Mädel« und seine Werbung befreite sie von ungewissem Los
    Es wäre ihr wie eine Vermessenheit erschienen diese Werbung nicht
anzunehmen Erwartungsvoll stand sie vor jeder entscheidenden Veränderung ihres
Schicksals und darum nahm sie auch diese  aufhorchend  hin Ihr Herz hatte
noch nie seine strenge Gebundenheit erschüttert gefühlt nichts hinderte sie
dem fremden Mann zu folgen und darum erschien es ihr als ob es sein sollte
sein dürfte Was kommen mochte  es ließ sich nicht ergrübeln  sie würde es
erfahren Und erfahren hieß  leben
Zwischen Olga und Eva die sich bei den gemeinsamen Verwandten Professor
Diamant und Frau Edda bald begegneten hatte sich ein Verhältnis angesponnen
das eine behütende Reserve nie verlor und doch an unausgesprochenem aber
deutlich empfindbarem Interesse stetig zunahm Es war die Zuneigung zweier
Naturen die die Bestimmung zu wachsen aneinander ahnen und dabei von Freude
erfüllt sind über diese Entdeckung Das Verhältnis behielt alle Formen der
Zurückhaltung war seinem Wesen nach aber vertraut
    Olga kam nicht oft hinaus in die KottageVilla die sich Vincenz
eingerichtet hatte  aber immer wurde ihr froh zumute wenn das eiserne
Vorgartentürchen auf ihren Klingeldruck aufsprang und sie über den
kiesbestreuten Gartenweg dem Hause zuging während ihr Eva schon vom Fenster
zuwinkte oder ihr entgegenkam aufrecht und zierlich mit ihrem leichten
sichern Gang eines Bachstelzchens
    Evas Ehe bestand in äußerer Ordnung aber Olga merkte bald dass es hier so
war wie bei einer elektrischen Anlage in der der Strom fehlt  tot
ausgebrannt durch irgendeinen schlimmen Kurzschluss vernichtet  ein
komplizierter Apparat ohne die treibende Kraft um deretwillen er errichtet
wurde
    Was vorgegangen war  ob eine wachsende Entfremdung oder eine plötzliche
Katastrophe hier ein Ende gemacht hatte  das wusste sie nicht und fragte nicht
danach weil ihr war als müsste Eva eines Tages selbst ihr diesen Einblick
geben wenn sie sie wissen lassen wollte wo ihr Lebensschiff fest lag  oder
wohin es steuerte Ein kleines Mädchen Evas Abbild war das Licht in diesem
Hause Eva ging nur selten in die Stadt Dafür war sie mit dem Kind viel im
Freien draußen in den Feldern die sich als riesige Karos auf den Hügeln des
Wiener Waldes in einer weit übersehbaren an Höhen und Mulden wechselvollen
Landschaft ausstreckten Seit längerer Zeit trieb Eva Sprachstudien die sie
durch Prüfungen abschließen wollte  eine »Marott« wie Vincenz sagte die
seinen Kredit schädigen könne denn am Ende würde man noch glauben seine Frau
»habe das nötig«
    Der letzte Besuch den Olga in Wien zu machen hatte galt der Frau die sie
hier am liebsten sah Und so fuhr sie denn zum letztenmal hinauf in das
hochgelegene Kottageviertel Die Luft war hier frei und frisch und Olga atmete
immer wohlig auf wenn sie aus den »Niederungen« wie sie es nannte hierher
kam Die Blätter der Bäume waren nun schon fast gelb und das dürre Laub
bedeckte die Erde und raschelte unter den Tritten Aus den Gärten in deren
Tiefe man hie und da durch ein Gitter einen Blick werfen konnte strömte der
feuchte süssliche Duft herbstlichen Welkens und Olga atmete ihn tief ein Sie
machte absichtlich einen kleinen Umweg überstieg den Hügel des
Türkenschanzparkes und kam bei dem Tor das der Ackerbauhochschule gegenüber
liegt wieder herunter Um den stolzen Palast dehnte sich freies Ackerland nur
ein paar vereinzelte Villen standen da zumeist ganz neu im modernen
Landhausstil An solch einem Häuschen machte sie Halt Das große
schmiedeeiserne Gartentor das sich nur öffnete um das Automobil aus der Garage
oder dahin zurück zu lassen war verschlossen und sie klingelte an dem kleinen
Nebenpförtchen Als sie den Garten durchschritten hatte und auf dem Podest unter
dem Vordach stand öffnete Eva  bevor sie noch geklopft hatte  selbst die
Entreetür der Wohnung
    Sie war nicht was man im landläufigen Sinn eine Schönheit nennt  sie war
weit mehr Auf dem zarten in seinen Massen vollkommenen Körper saß ein Kopf den
die Bildhauer »durcharbeitet« zu nennen pflegen Im Gegensatz zu der
Verschwommenheit der Züge die man sonst nicht selten bei hübschen Frauen
findet waren die Linien dieses Gesichtes deutlich festgelegt Ein
unverkennbarer Ernst lag auf diesem Gesicht und kontrastierte seltsam mit der
roten Blüte ihres Mundes der sehr klein war dessen Oberlippe fast herzförmig
schien und einen tiefen Schatten eine Art Furche in ihrer Mitte barg In
diese kleine Grube inmitten der geschweiften Oberlippe  »in der der Amor
nistet« wie Herr Reisenleitner festgestellt hatte  hatte er sich seinerzeit
verliebt  Sie sah zugleich ernst und klug und dabei pikant und sonnig aus
mit ihren flimmernden braunen Augen und dem hellbraunen Haar mit seinen
goldenen Reflexen das sich in zarten Löckchen an diese gerade hohe Stirn
schloss und am Wirbel in einen bescheidenen Knoten geschlungen war Was ihr den
Ausdruck besonderer Frische gab das war das Aufwärtsstreben aller Linien der
unteren Gesichtspartie Die Mundwinkel und die Wangenmuskulatur schienen leicht
gehoben als ob sie die Schläfen und die Augenwinkel suchten die sich ihnen
zusenkten während sich die Nase die mit der Stirn mehr als zwei Drittel des
Gesichtes in Anspruch nahm  fein und steil abwärts streckte Von ihrem Ende
bis zu dem kräftig umrissenen Kinn konnte man eine gerade Linie ziehen die der
zurücktretende Kiefer trotz der Üppigkeit jener herzförmigen Oberlippe auch
nicht annähernd berührte 
    Das Beisammensein der beiden Frauen war heute von besonderer Wärme getragen
 Olgas Scheiden half ihnen ihre bisher fast uneingestandene fein verdeckte
Gefährtenschaft zu klarerem Gefühl zu bringen Als sie im dämmerigen traulichen
Zimmer beim Tee saßen erzählte Eva dass sie nun nach nur einjähriger
Vorbereitung eine Staatsprüfung als französische Lehrerin abgelegt habe Da
französisch ihre eigentliche Muttersprache war  zumindest die viel gehörte
Sprache der Mutter  so hatte die kurze Vorbereitung genügt Von jetzt ab würde
sie sich eifrig mit der Pflege skandinavischer Sprachen befassen
    Olga ahnte dass dieses systematische Vorgehen einen Zweck haben müsste und
sie fragte danach
    Eva sah mit ihren braunen Augen ernst vor sich hin und die Goldpünktchen
hörten auf darin zu tanzen
    »Es ist möglich dass ich einmal mich und mein Kind erhalten muss«
    Das Wort das an das Geheimnis ihrer Ehe rührte war gefallen Olga fragte
nicht weiter sie wusste die Stunde in der die Freundin sprechen wollte war
da Und mit ihrer dunkel gefärbten unsagbar wohllautenden Stimme von der
einmal Professor Diamant gesagt hatte wenn Mutter Natur sprechen könnte so
würde sie so sprechen  berichtete Eva wo und wie ihr Schifflein festlag wie
gefährlich es aufgefahren war
    Diese Ehe war bereut worden und nicht nur auf einer Seite Eva hatte sich
ihrem Mann gegenüber bald vor einer Leere gefunden die sie nicht unbedingt
erwartet hatte sie hatte vermutet dass weil die Bahnen in denen sich das
geistige Leben ihres Mannes bewegte einfache waren  dass die Fähigkeiten
geheimer Gefühlskräfte bei ihm desto stärker sein müssten Vincenz aber hatte die
Rolle verborgener Herzensbiederkeit in welcher er zuerst werbend vor ihr
aufgetreten war nicht lange gespielt Das ihm nicht ganz verständliche Wesen
seiner Frau war ihm bald nicht mehr »riesig interessant« sondern eher unbequem
Nach und nach konnte er seine Reue über die unüberlegte »Liebesheirat« die er
als Geschäftsmann sich »nicht hätte leisten dürfen« schlecht verhehlen Er
klagte über den Mangel einer soliden metallenen Basis an dem diese Heirat
litte und machte sich Vorwürfe die »nie wiederkehrende Gelegenheit« sich eine
solche gut gemünzte Fundierung zu verschaffen verpasst zu haben  »No ja 
wann der Amor schießt rutscht der Verstand in die entern Gründ« erklärte er
sich selbst seine Verirrung dabei verfügte er über ein gutes gesundes
Geschäft das ihm eine sehr auskömmliche Familienexistenz bot war auch
geschäftlich nicht unfähig  hatte aber Luxusbedürfnisse die seine Einnahmen
überstiegen
    Eva sah ihre Ehe mit nüchternen Augen  und kam mit sich ins Reine Ihr
Schicksal so fühlte sie ruhte in ihr selbst In ihren Wirkungskreis sollte ja
auch bald eine Aufgabe gestellt werden die wohl der triebhaft geheime Zweck
dieser scheinbar sinnlosen Verbindung war In ihrem Schoss regte sich junges
Leben und fromm erwartete sie die Frucht für deren Entstehen ihre Ernte an
persönlichem Glück von Mächten die in ihrem eigenen Willen wirkten  geopfert
worden war
    Auch Vincenz war von dieser Hoffnung merkwürdig befeuert Seine Freude als
sie ihm die Erwartung mitteilte überraschte sie Staunend beachtete sie die
Lehre die ihr das Leben gab indem es ihr einen scheinbar »einfachen« Charakter
in unerwarteter Vielspältigkeit zeigte Aber die Lehre war noch nicht deutlich
genug sie sollte noch mehr erfahren
    Seit Vincenz wusste dass sie guter Hoffnung war sprach er nur noch von
seinem »Sohn« In Gesellschaft im Geschäft überall erzählte er mit
familienväterlichem Schmunzeln dass »a Bua« auf dem Weg sei Sie fand diese
vorzeitige Verkündigung ihres Zustandes wenig geschmackvoll  die sichere
Erwartung des »Buam« aber stellte sich beinah als eine Art fixer Idee dar Auch
lag kein besonderer Grund vor warum ein Sohn für Vincenz Reisenleitner so
dringend erwünscht sein sollte war doch kein noch so bescheidenes Trönchen
dessen Erbfolge durch das salische Gesetz für Frauen gesperrt gewesen wäre 
noch auch ein Majorat zu vergeben das Geschäft sei auch eine Art von Majorat
erklärte Vincenz Da er aber die Grundlage dieses ererbten Besitzes durchaus
nicht befestigte eher durch seine Passionen unterwühlte erschien diese Sorge
um den Erben wenig natürlich
    Vincenz aber tummelte sich nach wie vor in der Idee dass ihm ein »strammer
Stammhalter« geboren werden sollte Er hatte sich in diese feudale Pose förmlich
verrannt Mit derselben zähen Hartnäckigkeit mit der er sich bei einem
Automobilrennen oder bei einer Golfpartie ganz in die Situation versenkte
nichts sah und hörte als was mit dem Match zusammenhing  mit diesem
unzugänglichen Furor des Sportsmannes gemischt mit der Sucht den »Träger eines
alten Namens« zu spielen der einen »Erben« dringend brauchte  verrannte er
sich in die neue Idee von »seinem Sohn« als ob die Tragik des Gedankens der
letzte Reisenleitner zu sein seit jeher seine Hauptsorge gewesen wäre
    Die Stunde in der dieser Traum Wirklichkeit werden sollte kam Evas
Entbindung ging schwerer vor sich als man erwartet hatte Eine halbe Nacht und
einen ganzen Tag schon hatte sich ihr Körper im Krampfe des Gebärens gezerrt und
gekrümmt Röchelnd lag sie auf ihrem Schmerzensbett bis wieder eine neue Wehe
ihr gellende Schreie erpresste und sie glauben machte das Ende sei da Und noch
immer war die Frucht die in diesem gemarterten aufgetriebenen Leibe atmete
sich bewegte lebte  nicht abgelöst vom Stamm
    Halb sinnlos vor Pein hörte sie doch wie man von der Notwendigkeit eines
Einschnittes sprach und wie die Ärzte zur Narkose rüsteten Sie vernahm ihr
Geflüster hörte wie der Hofrat  der große Accoucheur der die Prinzessinnen
des kaiserlichen Erzhauses entband  mit seinem Assistenten und ihrem Schwager
Diamant beratschlagte ob Äterrausch oder Chloroformnarkose hier vorzuziehen
sei Und während wieder jene Schmerzen die ihr das Hirn zu zersprengen drohten
in breiten Wellen anfluteten und ihr Bewusstsein übergossen sah sie noch die
Geburtshelferin mit dem intelligenten kurz geschorenen Kopf und die
Pflegeschwester  beide gleich den Ärzten in weißen Leinenkitteln  durchs
Zimmer eilen Und sie sah nun auch wie durch blutige Schleier einen Augenblick
lang die Gestalt ihres Mannes  gerade ihrem Bett gegenüber an der Tür die ins
Nebenzimmer führte  sah wie er die schwarze Sammetportiere hob und gleich
wieder verschwand Und sie hörte nun auch seine Stimme in dem Geflüster der
Männer  hörte wie die Worte fielen    »Kind oder Mutter«       und
diese Worte streckten und vereisten ihr die Glieder und unter den Stimmen war
eine  die die sie am besten kannte  und die zischte Worte heraus die sich
in Schlangen wandelten in hässliche geringelte Tiere die über den Fußboden zu
ihrem Bett krochen  »das Kind  den Sohn    den Sohn«   sagten diese
Worte  und es waren abscheuliche züngelnde feuchtglatte Schlangen die nach
der Bettdecke hinaufzischten  Und plötzlich schien es ihr als ob die Stimme
des Hofrats sich aus dem Geflüster erhöbe sich furchtbar und dröhnend darüber
ergoss und die Schlangen die aus jener andern Stimme gekrochen waren mit
Abscheu zertrat
    Dann kamen Schritte an ihr Bett  ein süsslicher Duft überströmte sie und
guter rosiger Friede senkte sich langsam auf sie nieder   
    Als sie erwachte war das neue Leben aus ihr herausgerettet Und trotz der
schweren Übelkeiten trotz der tötlichen Mattigkeit fühlte sie doch wie leise
und stetig die Kräfte zu ihr zurück rannen  Die Frau im weißen Kittel mit
dem kurz geschnittenen Haar und dem klugen Gesicht beugte sich über sie »Ein
Mädchen  und es lebt«
    Da kam die Erinnerung an jene Stimme  »der Sohn   der Sohn«    Hatte
sie jene Worte geträumt  hatte sie sie wirklich gehört
    Und ein Glücksgefühl schoss heiß in ihr auf  dass es ein Mädchen war  ihr
Kind ihres allein
    Und da war der Hofrat mit dem grauen Bart und sah munter durch die
Brillengläser und neben ihm stand der Schwager Professor Diamant mit einem
guten guten Grinsen in seinem sonst so maliziösen Gesicht  und sie hörte
seine etwas gequetschte böhmelnde Stimme ganz glücklich sagen »No allsso 
fein heraus hamm mr ssi«
    Ihren Mann aber sah sie nicht und begehrte nicht ihn zu sehen   
      Das hatte Eva erlebt und sie erzählte es der Freundin in jener
Abschiedsstunde Es war dunkel geworden und sie hatte das Licht nicht
aufgedreht Nun erhob sie sich und ließ ein paar matte elektrische Lampen
aufleuchten
    Ohne Patos mit den einfachsten Worten hatte sie erzählt und ihr
schlichtes Vertrauen hatte diese Stunde mit wunderbarem Leben erfüllt
    Olga durfte nun fragen und sie tat es
    »Warum sind Sie« sagte sie  »nach alldem noch bei Ihrem Mann Würde er
Ihnen das Kind verweigern wenn Sie von ihm gehen würden«
    »Ich glaube nicht« antwortete Eva und stellte eine Schale mit Früchten auf
das runde Tischchen vor dem Eckdiwan auf dem sie saßen »Er hat zu der Kleinen
so gut wie keine Beziehungen wenn er sie auch ab und zu mal auf seine Knie
setzt  besonders wenn Gäste dabei sind« Ein leichtes Lächeln milderte die
Schärfe ihrer Bemerkung Und dieses Lächeln schien hinein zu leuchten in die
versteckten Tiefen jener fremden Natur von der sie sprach und Olga überkam das
Gefühl dass etwas in dieser Frau lebte das sie befähigte die dunklen und
treibenden Mächte in anderer Menschen Seelen zu erkennen  ahnte dass sie in
jenen »Abgrund« in dem die Wahrheit wohnt unerschrockener und klarer
hineinblickte als viele andere
    »Nein  es ist nicht weil ich fürchte dass er mir das Kind nehmen würde
Es ist etwas anderes was mich hier festhält etwas viel näher liegendes das
Ihnen aber vielleicht«  wieder lichtete ein Lächeln ihr Gesicht und diesmal
war eine Spur von Schalkhaftigkeit darin  »sehr befremdlich erscheinen wird«
    Olga horchte gespannt
    »Ich habe geheiratet« sagte Eva  »weil ich eine günstige Veränderung
meiner Lage darin sah und ich werde nicht eher die Ehe lösen als bis ich
zumindest die Gewissheit habe nicht in eine schlimmere schwerer erträgliche
Lage zu kommen als die es ist in der ich bin Das ist alles«
    In Olgas Gesicht malte sich eine nicht zu verbergende Verblüffung
    »Ich dachte mir dass es Sie überraschen würde diese einfache Tatsache so
unverkleidet aussprechen zu hören«
    »Ich verstehe Sie wahrscheinlich nicht ganz« sagte Olga »Wie  wie  kann
das gemeint sein«
    Eva sah lächelnd und ruhig vor sich hin »Sehen Sie« sagte sie »es ist so
bezeichnend dass Sie als eine rein empfindende Frau verwundert sind über
dieses Bekenntnis Es ist bezeichnend sage ich denn es gibt jetzt so viele
Menschen wie mir scheint  denen  wie soll ich es nennen  bei der Vertiefung
ihres geistigen und moralischen Lebens das abhanden gekommen ist was nun einmal
die Voraussetzung eines geistigen und nicht geistigen Lebens überhaupt ist 
nämlich « sie stockte schien nach dem richtigen Wort zu suchen  »nämlich der
 Instinkt  gewisse Taten die einen ins Verderben stürzen  bleiben zu
lassen«  und ruhig fügte sie hinzu »also wohl einfach eine Art von deutlichem
Selbsterhaltungstrieb«
    Olga horchte verwundert belebt
    »Ich weiß nicht« fuhr Eva fort  »ob Sie dieses Gefühl kennen  dieses
Gefühl  dass man gewisse entscheidende schicksalsschwere Dinge erst dann tun
darf wenn ihre Notwendigkeit so deutlich geworden ist dass man sich wahrhaftig
geschoben fühlt indem man sie tut  dass es so geschieht  nun so  als ob man
überhaupt nichts zu wollen hätte dabei«   Nachdenklich sah sie vor sich hin
»Ich selbst habe immer nur getan  was ich auf diese Art tun musste«
    »Und so lange«
    »So lange Sie meinen  was zwischen diesen Taten geschieht Man lebt  man
wartet Und die größte Versuchung des Lebens scheint mir dass es Situationen um
uns aufstellt die uns dieses Warten lehren sollen  dass es eine Art von
passiver Energie von uns verlangt die vielleicht schwerer ist als die aktive
der Tat«
    Schritte wurden laut Eva hingegeben an das was aus ihr sprach überhörte
sie aber Olga sah durch die halb zurückgezogene Portière ihren Bruder der sie
abholen sollte im Nebenzimmer eintreten Sie wollte das Gespräch nicht
unterbrechen lassen und winkte ihm zu drin zu bleiben dabei hatte sie das
Gefühl dass die Freundin nicht zürnen würde wenn er mit anhörte was sie
berichtete
    In Evas Gesicht war während des Sprechens eine zarte Röte gestiegen ihre
Augen strahlten in weichem Glanz und sie sprach weiter so ernst als hätte sie
ein Glaubensbekenntnis abzulegen
    »Sehen Sie  dieses Gefühl das mich von einem Tun zu dem mich vielleicht
starke Neigungen drängen oftmals abhält habe ich so deutlich dass ich es in
Worten benennen könnte«
    »Und diese Worte wären«
    Sie hob lebhaft den Kopf Ich möchte sagen »Wenn  wenn dir zum Zögern
zumute ist  nun  so zögere«    Sie lachte »Eine tiefe Weisheit wie
aber diese Sentenz ist doch nicht so banal wie sie klingt«
    »Nein« sagte Olga »das ist sie nicht denn diese Sentenz ist vernünftig
und das Vernünftige ist nicht banal«
    Eva sprach stark und ruhig weiter »In jede sogenannte kritische Situation
kommt früher oder später eine entscheidende Änderung sie kommt von innen oder
von außen von den Beteiligten selbst oder von s Dritter aber sie kommt
Und wenn sie kommt  dann heißt es  hinhören hinsehen und dann darf man 
tun und dann  dann ist auf einmal alles was verworren und schwer zu lösen
schien  unendlich einfach Man braucht dann nur nach dem Nächstliegenden zu
greifen um dort wo man früher nicht eine Handhabe seines Willens sah hundert
zu finden« Und als müsste sie von diesen Erörterungen die von der Geschichte
ihres Schicksals scheinbar abzweigten wieder auf diese Geschichte selbst
zurückkommen fuhr sie fort
    »Wenn ich aus meiner Ehe  die freilich keine wahre Gemeinschaft aber
immerhin ein erträgliches Los bietet fortgestürmt wäre hinaus in das Schicksal
einer zum Kampf nicht genügend gerüsteten »ausgesprungenen« Frau die sich und
ein Kind ernähren soll  so wäre mein und des Kindes Schicksal kaum ein
Ungewisses zu nennen es gehört nicht viel Vorstellungskraft dazu sich diesen
Weg auszumalen« Schatten senkten sich über ihr Gesicht hoben und zerteilten
sich wieder »So tue ich  was ich tun kann und wohl auch tun soll  das was
man um es recht profan auszudrücken und keine schöneren Worte für mein Tun zu
gebrauchen als ihm gebühren profiter de la situation nennt Ich benütze diese
geschützte Lage um mir Kenntnisse anzueignen die mir eines Tages wenn  wenn
alles so deutlich geworden ist dass das was jetzt noch einer Herausforderung
des Schicksals gleichkäme dann einfache Selbstverständlichkeit wird  weiter
helfen sollen heute«  sie schwieg und blickte nachdenklich vor sich hin 
»heute sehe ich den Weg noch nicht deutlich genug aber ich glaube« fügte sie
leise hinzu  »ich werde bald sicherer sein«
    Olga saß wortlos Schlicht alltäglich ja verdächtig war was sie gehört
hatte Warum überwältigte sie diese einfache Geschichte als wäre sie 
angewandt an dem Schicksal dieses Menschen  der vollkommenste Ausdruck
wunderbarer Wegsicherheit 
    Die Portière des Nebenzimmers wurde zurückgeschoben Stanislaus trat ein
    »Ich darf nicht länger hier Zeuge von Gesprächen sein« sagte er während er
die Frauen begrüßte  »die nicht für mich bestimmt sind und die ich aus
Furcht sie zu unterbrechen dennoch zum Teil gehört habe«
    »Mein Bruder« sagte Olga
    »Wir beide kennen uns schon wohl aus Olgas Erzählungen und darum hat mich
hier kein Fremder belauscht«
    Stanislaus fiel es schwer die richtige Antwort zu finden  die besagen
sollte wie sehr er sie belauscht hatte Und so sagte er nur leise 
schüchtern von einem Gefühl der Verehrung durchbebt »Was ich belauscht habe
wird in meiner Erinnerung bleiben«
    Man hörte die Klingel der Gartentür das elektrische Licht glühte draußen
über dem Kiesweg auf und die drei sahen durchs Fenster Evas kleine Tochter mit
ihrer Bonne In ihrem weißen Mäntelchen kam sie durch den Garten dem Hause zu
Sie hatte denselben Gang wie die Mutter diese eilige und doch zierliche Art
die Füße zu setzen hielt sich sehr aufrecht und in der Mitte des Weges Gleich
darauf war sie im Zimmer und brachte einen frischen Luftstrom mit herein Sie
glich der Mutter in ungewöhnlicher Vollkommenheit nur war das Haar des Kindes
noch lichter und goldener das Auge schien dunkler und größer und das
Gesichtchen rosiger Vollkommen unbefangen begrüßte sie nachdem sie die Mutter
umarmt hatte die Gäste und ging gleich wieder der Türe zu sie müsse »auf ihr
Zimmer« ihre Kleider abzulegen sie wollte nur erst »Mama sehen«
    Und Stanislaus der Lauscher dachte wie kann es etwas Falsches sein was
sie  die Mutter  getan hat War diese ungleichwertige Vermischung nicht zu
ihrer Zeit gerechtfertigt da sie so herrliches Leben fortsetzte Wissen wir
denn  so dachte er  warum wir so gehorsam in die Falle gehen die uns das
Schicksal in Form einer unausweichlich erscheinenden Verbindung stellt Um wie
vielfacher »zureichender Gründe« willen kann dies nicht geschehen Und wäre
einer dieser Gründe der ein neues Leben das ohne diese Verbindung niemals
würde heil und schön ins Licht zu rufen so wäre das genug uns Ergebenheit zu
lehren
    Ihm war das Kind die wunderbare Erhöhung die über das eigene arme Ich
der Vollkommenheit näher rückt  und sein Begehren ein Kind lieben zu dürfen
war so stark dass er oftmals glaubte ohne diese Liebe nicht leben zu können
Und gerade über dieses Begehren hatte er strenges Gericht gehalten  und sein
Urteil selbst gesprochen
    Die Erkenntnis die ihm Vernunft und Gewissen mit unbarmherziger
Nüchternheit diktierten sprach zu ihm  dass er selbst verzichten müsste die
ewige Substanz des Lebens weiter zu bauen Er durfte nicht aus dem Schoss eines
geliebten Weibes einen Menschen erwachsen lassen der die Lasten seiner eigenen
beladenen Körperlichkeit mitbekam er war streng und unerbittlich in diesem
Punkt Sollte er in edles Ackerland kümmerlichen Samen streuen
    Gerade er träumte  zart heiß und in gebändigter Begier  von einer jener
heilen arttüchtigen Frauen die ihr Geschlecht stolz verpflanzen und in seinen
einsamen Träumen sank er vor dieser unbekannten Gestalt als vor dem
hochgelobten Bildnis der Anbetung in die Knie Er träumte  ohne zu begehren
Es wäre ihm auch ein müssiges Begehren erschienen denn würde je ein Weib das er
lieben könnte  ihn lieben Aber er verehrte Er erglühte in Ehrfurcht wenn ihm
ein Weib »bestimmt zur Hochzucht« wie er es nannte begegnete und er erkannte
solche Art scharf und schnell
    Wunderbar war die kurze Zeit gewesen die er hier im Nebenzimmer verbracht
hatte während diese Frauenstimme voll und dunkel wie gedämpfter Glockenklang
zu ihm geklungen war Und was sie sprach  es schien ihm wie die Weisheit der
Fruchtbaren der auf Erhaltung Bedachten Ihr starkes Herz hatte er hören
dürfen und wie die grünen Pflanzenblätter der Sonne zuwachsen sich ihr
zubiegen und dehnen so hatte er heile Instinkte dem Lichte arterhaltender
Vernunft sich zuwenden sehen jener tiefsten Vernunft der Natur die ohne
zweckhaft zu sein mit unberechenbarem Drang den Weg der Erhaltung der
tauglichen Arten sucht Sonne Regen und Wind zu ihnen dringen lässt und in
geheimnisvoller Chemie das Böse und das Gute tief im Kelch dieser Wesen
verarbeitet zu keinem andern »Zweck« als um neue Nahrung neues Wachstum für
sie daraus zu gewinnen
    Eine tiefere Logik als die durch Ideenreihen zu beweisende ein unbewusstes
aber instinktstarkes Vertrauen in den logischen Sinn des eigenen Seins war ihm
aus diesen Frauenworten gekommen  und so unvollkommen der Teil des
Gesprochenen gewesen den er belauschen durfte so vollkommen klar war ihm der
Zusammenhang dessen was er hörte mit dem was ihm seine Schwester berichtet
hatte und ließ ihn die scharf umrissenen Linien eines Schicksals und einer
Persönlichkeit erkennen
    Die Geschwister blieben nicht mehr lange Evas Gatte wurde zum Abend zuhause
erwartet und keiner von den dreien empfand den Wunsch ihr Beisammensein in
seiner Gegenwart fortzusetzen So schieden sie
    Schweigend gingen die Beiden durch die Anlagen des Villenviertels das in
tiefer Abendstille die nur selten vom Rollen eines vereinzelten Wagens
unterbrochen wurde dalag Ihr Sinn war erfüllt von dem Bilde der Frau der sie
heute nahe gekommen waren um vielleicht für immer von ihr zu scheiden
    Und Stanislaus schien es als ob diese Frau ihre große Prüfung schon
bestanden hätte und als ob ihr das ausgleichende Schicksal nun die Erfüllung
schulde  die Erfüllung ihrer persönlichen noch verdeckten Bestimmung Denn
musste nicht solcher Art wie dieser Verstärkung werden Hatte sie nicht die
verschleierte Versuchung mit ahnendem Auge erkannt und überwunden War sie
nicht indem sie unanfechtbar von triebhaftem Drang und nüchtern bedacht
äußerlich in der Falle einer misslichen Situation verblieb an der wahren Falle
vorbeigegangen  jener die ihrer letzten zweckhaften Bestimmung vielleicht
gesetzt war Und diese Bestimmung sie konnte bei ihr wie bei jedem andern der
da auf dem Weltplan seine Rolle bekam keine von außen gesetzte sein  es war
nichts als die letzte unerbittlich logische Folge der Wirkung der gestalteten
Substanz gemäß jener Gesetze die ihr jeweilig eigneten
    Tief in solche Gedanken verloren ging Stanislaus wortlos neben der
Schwester des Weges und ihr Herz war ähnlich erfüllt wie das seine und sandte
stumme Fragen in das Dunkel das über jener Frau  wie über ihnen selbst lag
 
                                Drittes Kapitel
                                     Berlin
                                     Motto
 »Freiheit ist eine kräftigere Herzstärkung als Tokayer«
                                                                   Schopenhauer
Immer wenn Olga nach Berlin gekommen war so war ihr wenn der Bahnzug die
äußersten westlichen Vororte durcheilte freier zumute geworden Mit fröhlichen
Augen hatte sie aus dem Fenster des Koupés die Villenkolonien die zur Weltstadt
gehören begrüßt und auch diesmal war dieses bekannte Wohlgefühl in ihr
aufgestiegen als die Perrontafel mit der Aufschrift »GroßLichterfelde« mit
Eilzugsgeschwindigkeit am Koupéfenster vorüberraste und sie im funkelnden
Vormittagslicht jener sonnigen Oktobertage an denen das Berliner Klima so reich
ist draußen die Villen die Gärten die freien Felder des Vorortes und die
dunkle Linie des Grunewaldes vorüberfliegen sah
    »Wechsle den Ort und du wechselst das Glück« hatte Cousin Diamant
getoastet Und wahrhaftig sie konnte es brauchen Gespannt gequält oft voll
mühsam unterdrückter Ungeduld so war ihr in letzter Zeit immer öfter zumute
gewesen Und sie hatte oft das Gefühl gehabt als müsse sie irgend etwas
zerschlagen etwas das sie von ihrem Schicksal fern hielt das ihr verwehrte
sich frei den Dingen zuzuwenden mit dem Willen das Gute in ihnen aufzufinden
Und sie wusste nicht was es war Der Gedanke ihre gebundenen Willensgeister in
eine Stätte zu verpflanzen wo sie sich freier tummeln wo sie in irgendeiner
Weise ihrer Wirkung zuwachsen konnten war immer stärker in ihr geworden So
hatte sie sich für Berlin entschlossen Eigentlich programmlos kam sie in die
Weltstadt die ihr wie ein wunderbar weites Asyl für die »Obdachlosen« erschien
 für die die nicht in irgendeiner Tradition wurzelten die keinem geliebten
Boden verpflichtet waren die keine andere Nationalität verkörperten als die
des Weltbürgers deutscher Sprache und nichts wollten als sich tummeln und ihre
Kräfte regen Bedrängt von Verwandtenfürsorge beengt von schematischen
Konventionen begrenzt und beobachtet misstrauisch belächelt zu Verformungen
gezwungen die sie belästigten  so hatte sie in Wien gelebt und darum hatte
die Luft dieser als so anmutig und gemütlich geltenden Stadt sie bedrückt und
immer hatte sie gedacht da draußen im Reiche in dieser großen Hauptstadt da
sind die Wege weiter Da finden sich Wäge und Prägestätten für Willenskräfte
und da kann man besser  untergehen weniger begafft wenn es zum Bestehen nicht
reicht Mit derselben Gleichgültigkeit mit der diese weite Stadt deinen
Untergang duldet lässt sie dir auch alle ihre Wege offen die zu deinem Ziele
führen Rühre dich werde oder vergehe so spricht diese Stadt Nicht wie jene
andere die sie verlassen hatte die da sprach  friste dich 
    Es war ihr geglückt für einige österreichische Blätter zu zeitweiliger
Berichterstattung über die deutsche Frauenbewegung wenn auch auf unverbindliche
Art aufgefordert zu werden Sie sollte Versammlungen und Kongresse besuchen und
darüber referieren So unverbindlich dieses Engagement auch war  es war doch
ein kleiner Verbindungsweg der aus der Isolierung hinüberleitete in die Fülle
des Zusammenklangs sozialer Kräfte und sie gerade hineinführte in die Sphäre
mit der sie sich durch Strömungen bedeutender Art verbunden fühlte So war ihr
Programm dieses äußerlich die Wege zu suchen die für diese Bewegung die
wichtigsten Bahnen bedeuteten genaue Kennerschaft auf diesem Gebiet zu erwerben
und so neben äußerer Tätigkeit mehr und mehr auch zu innerer Deutlichkeit über
ihre eigene Stellung zu diesem Phänomen zu gelangen über die Gründe ihrer
Auflehnung gegen so manches Dogma jener neuen Anschauung welche mit der Frau
als einem selbstverantwortlichen und selbsttätigen Wesen rechnete und über ihre
Ahnungen die sie manchmal mehr beunruhigten als befreiten Der Schwerpunkt der
ganzen Frage schien ihr nicht im Brotkampf zu liegen  wenn auch dieser Kampf
unvermeidlich war Es schien ihr vielmehr als bedürfte es einer sozialen
Gestaltung die vor allem mit dem Muttertum rechnete  freilich noch in einem
anderen Sinn als dies bisher geschehen war wonach die hohe wirtschaftliche
Belastung des Mannes vorausgesetzt und damit die Frau zur Unfreien und Werbenden
gemacht wurde Der Kern der ganzen Frage lag für sie in dem noch ungelösten
Problem einer Vereinigung des der Frau insbesondere der Mutter notwendigen
Schutzes mit der ihr ebenso notwendigen Freiheit der Selbstbestimmung In dieser
Syntese sah sie die wichtigste Aufgabe der Bewegung Zag lagen diese Gedanken
in ihr warteten auf das entscheidend Gestaltende das ihnen Wachstum und
Deutlichkeit bringen sollte
    Und dann war noch manches in ihr das sie selbst betraf so manche Unruhe
von der sie sich hier frei machen wollte mit all der Kraft mit der sie das
Schicksal bedacht hatte Da war die Angst vor der Armut die sie sich selbst
kaum eingestand die Angst vor irgendeinem obskuren Schicksal das den Willen
kleinlich in eine Ecke drückte Da war die Sehnsucht irgend einmal festen Grund
unter die Füße zu bekommen irgendeinen Platz im Leben deutlich zu besetzen
irgendwo Zugehörigkeit zu erwerben Besitzrechte Pflichten Sonderbar erschien
es ihr manchmal dass sie mit ihrem persönlichen Schicksal so vollkommen in der
Luft hing dass es sich ihr noch in keiner Weise geoffenbart hatte Ihre äußere
Existenz lastete auf den Schultern eines Greises aber sie trug nicht die
finstere Sicherheit des Bruders in sich die düstere Überzeugung  zu erben Sie
war länger zu Hause geblieben als er und teilte seinen Optimismus über die Lage
des Vaters nicht Auch die für ihre Grossjährigkeit versicherte Summe deren
Zinsen ihr der Vater auszahlte hatte er ihr nicht ausgeliefert sie wagte
nicht danach zu fragen aber sie fürchtete dass auch dieser kleine Betrag in
seinem Geschäft angelegt war Sie wusste dass der alte Mann weniger und weniger
seinen Besitz mit der starken Hand zusammenzuhalten vermochte die notwendig
war ihn vor Räubern zu schützen Und so war immer die Bangigkeit in ihr
vielleicht auch das Wenige zu verlieren das sie bis jetzt hatte ohne irgendwie
zur Selbsterhaltung gerüstet zu sein  in die typische Elendsituation der
»allgemein gebildeten« Frau gestürzt zu werden die dann eine Stelle sucht als
Gesellschafterin »oder« Erzieherin »oder« Kontoristin »oder« Reisebegleiterin
die bettelnd vor den Wohnungen der Stabilen Gesicherten steht um ihnen
irgendwelche sehr ersetzbare und wenig notwendige Dienste zu leisten Lähmende
Furcht überkam sie wenn sie an solche Möglichkeiten dachte Ach  nur so viel
erringen mit freier Arbeit um in einem Stübchen bescheidenster Art sich täglich
einmal satt zu essen  aber frei bleiben reinlich für sich ohne auf das
Sklavenbrot in fremden Familien angewiesen zu sein oder in der Tretmühle eines
Geschäftshauses verbraucht zu werden
    Neben dieser Angst vor der Armut überwallte sie so manches Mal ein heißer
Gram über ihr erdrücktes Frauenschicksal dieses eisige Nichts das ihre Wünsche
schwer umschloss dass sie hart und starr eingekapselt blieben wie feste grüne
unerschlossene Knospen denen kein Sonnenstrahl dazu verhilft sich zu öffnen
und zu blühen Manchmal tauchten ihr Zusammenhänge auf die ihr plötzlich die
Gründe dieser seltsamen Lage deutlich erscheinen ließ und die merkwürdig mit
jenen Ahnungen zusammentrafen die ihr unabhängig von ihrem persönlichen
Erleben die tiefsten Motive der Frauenbewegung erhellten Aber sie fürchtete
sich über ihr persönliches Schicksal zu grübeln Noch war sie stark genug
diese dunkeläugigen düster umwallten Fragen fortzudrängen wenn sie sich wie
Phantome an sie herandrängten Noch war sie stark genug zu sagen rege dich
rühre die Hände greife nach dem Nächsten wenn diese Dämonen dich bedrängen
Und sie schob sie immer wieder von sich mit starker Hand in der der Wille noch
wirkte
Eine Menge peinlicher Beschwerden erwarteten sie bei den ersten Versuchen ihrer
Niederlassung Mit ihren knappen Mitteln konnte sie nur schwer ein besseres
Mietszimmer finden und in der Berliner »möblierten Wirtin« lernte sie eine
Spezies kennen die sie bald fürchtete Da wurde jeder Handgriff jede Kanne
heißen Wassers jede abgespülte Teetasse separat auf Rechnung gesetzt Dann
musste sie Tag für Tag ausgehen und in den Restaurationen nach billigen Menus
suchen die noch immer für sie viel zu teuer waren Auch Stanislaus hatte erst
nach längerem Aufenthalt in Berlin eine Stube gefunden deren Wirtin ihm ein
geniessbares Essen zu einem erschwinglichen Preise bot Bei dieser Frau konnte
Olga nicht mehr unterkommen auch liebte sie die Gegend nicht das weite
Strassenmeer von Charlottenburg mit seinen langen und breiten Strassenzügen und
den riesigen Plätzen bei deren Überquerung man müde wurde Viel besser gefiel
es ihr in den westlichen Villenvororten und sie beschloss so bald als möglich
in eines jener landhausartigen Mietshäuser zu ziehen die mit ihren einfachen
Fassaden und der raumgebenden offenen Bauweise welche zwischen Haus und Haus
Gartenflächen legt so anziehend wirkten Freilich war sie wenn sie da
hinauszog dem Tiergarten entrückt in dessen Nähe sie vorderhand wohnte Alle
ihre Wege »nach der Stadt« wie sie nach Wiener Art immer noch die Hauptstrassen
Berlins nannte nahm sie zu Fuß durch den Tiergarten und dieser große
wunderbare Park der da mitten im Herzen der Weltstadt wie eine grüne Zuflucht
liegt entzückte sie wie niemals eine Wiener Parkanlage Sie liebte diesen
reichen wechselvollen Baumbestand diese gebogenen Fusswege diese zahlreichen
Wasserflächen die die Luft so zart so durchsichtig und frisch erhielten ja
sie liebte vor allem diese Luft dieses Klima von Berlin und besonders die
Atmosphäre des Tiergartens Und dass er so mitten drin in der Stadt lag schien
ihr das Schönste Denn was hat man von einem Park dachte sie zu dem man erst
eine lange Reise unternehmen muss
    Trotz ihres Alleinseins in ihren ersten Berliner Wochen fühlte sie sich doch
nicht einsam Auch den Bruder der mit der Fertigstellung seines Buches
beschäftigt war sah sie nur selten Sie hatten verabredet dass sie vorderhand
voneinander nicht mehr Notiz nehmen wollten als gute Bekannte die zufällig in
derselben Stadt sind dass keiner dem anderen durch seine Anwesenheit
Verpflichtungen auferlegen sollte Und er hatte ihr erklärt dass es mit der Zeit
hier in Berlin ein ganz anderes Ding sei als in Wien Die Menschen verteidigten
hier ihre Zeit viel schärfer Durch die großen Entfernungen sei die Zeit hier
ein kostbares Gut auf das man sehr gut achten müsse damit es einem nicht unter
den Fingern zerränne Die Leute die hier arbeiten wollten hatte er gesagt die
säßen nicht täglich nachmittags im Kaffeehaus und machten einander nicht
wöchentlich ein paarmal Besuche »Mitten im Gewimmel verkapselt sich jeder der
etwas leisten will in eine viel dichtere Einsamkeit als du es von Wien aus
gewohnt bist«  Und in diesen ersten Wochen dachte sie manchmal an den
patetischen Pankratius wie er mit seinem tiefen Bass weintrunken verkündet
hatte »Der moderne Prophet geht in die Wüste der Weltstadt«
    Und so lernte sie es allein zu sein und auch Mussestunden allein zu
genießen Neugierig durchstreifte sie manchmal die Straßen und immer hatte sie
das fröhliche Gefühl allein allein  keine Seele erwartet dich niemand
kritisiert deine Kleidung findet dich zu wenig modern kostümiert zu wenig
»adrett« zu bequem Du hast hier keine überflüssige zeit und geldraubende
steeplechase eines konventionellen Geschmackes mitzumachen kannst hier
umherlaufen wie du bist und als was du bist Und sie summte so manches Mal
mitten im Getriebe der Straße ein altes Kouplet vor sich hin dass sie draußen
in Grinzing von Volkssängern gehört hatte
»Und sollte auch mein Hemd
Durch tausend Löcher schimmern
So hat sich doch kein Mensch  kein
Mensch darum zu kümmern
Und sollte ich dereinst
Auch in der Hölle wimmern
So hat sich doch kein Mensch  kein
Mensch darum zu kümmern«   
Wenn sie ordentlich gebummelt und sich ganz berauscht hatte an diesem Gefühl der
Geborgenheit das ihr die Fremde der Weltstadt gab dann landete sie gern im
»Erfrischungsraum« eines großen Warenhauses vergönnte sich da Kaffee und Kuchen
und setzte sich dann ins Lesezimmer des Hauses Eine Menge Zeitungen standen da
zur Verfügung Am liebsten saß sie am Fenster  an einem jener hohen Fenster
die von außen wie ohne Brüstung scheinen durchgehend aus Spiegelscheiben
bestehen über alle Stockwerke hinweg nur durch die Zwischendecken getrennt sind
und wie Schaufenster wirken Dort saß sie hoch oben im dritten Stock bequem in
einen großen Klubfauteuil gedrückt und blickte hinunter in die jetzt schon
zeitig beleuchtete Straße in der das Leben auseinanderfloss und sich doch wieder
verknüpfte mit scheinbar nie stillstehender Hast und doch ohne Gedränge doch
geordnet als wäre hier alles auf Geleise geleitet auf denen es seiner
Bestimmung und seinem Ziele zurollte Diese große elegante Korsostrasse des
Westens gefiel ihr gut wie sie von modernen Mietspalästen flankiert breite
Trottoire bot  Bürgersteige hieß es hier  neben denen blanke Asphaltstriche
liefen auf denen sich der Wagenverkehr mit gedämpftem Geräusch abwickelte die
wieder von je einem Geleise für die elektrische Bahn begrenzt waren und ganz in
ihrer Mitte wurde die Straße zur Doppelallee die auf der einen Hälfte ein
breiter Fußpfad auf der andern ein Reitweg war Ein Ziergitter von Weinranken
und roten Geranien umschlungen wie man sie hier auch im Herbst noch als
hängende Riesenbuketts auf den Balkonen sah zog sich in geschmeidiger Linie
zwischen den Bäumen Tunnelartige Höhlen aus denen die Hoch und
Untergrundbahn die streckenweise unter der Erde blieb aus der Tiefe heraufkam
durchbohrten das Niveau der Straße Wie herausgeschleudert aus der Versenkung
schoss sie auf ihre Brücke hoch in die Luft während ihr eine andere entgegenkam
von der Höhe heruntersauste und unter dem Pflaster verschwand
Von Stanislaus kam eine gute Nachricht Sein Buch war vollendet und er bat die
Schwester jetzt über ihn zu verfügen Er hatte sie solange er in diese Arbeit
versponnen war auf sich selbst verwiesen Nun war das Werk vollbracht er war
erleichtert und lobte im Stillen ihre brave Zurückhaltung Er bat sie nun ihn
bald aufzusuchen Sie war froh sich ihm anschließen zu dürfen und froh vor
allen Dingen zu hören dass die große Arbeit vollendet war
    Stans Stübchen trug nicht mehr so sehr den Stempel des Provisorischen Man
sah dass er hier schon längere Zeit wohnte Eine große Büste Schopenhauers und
jenes Bildnis des schon mit Wahnsinn geschlagenen Nietzsche mit dem
erschütternden gebrochenen Blick nahmen dem Zimmer seinen Charakter als
möbliertes Wechselquartier Neben dem Nietzsche hing freilich ein gewöhnlicher
Druck der »Die Jagd nach dem Glück« darstellte
    »Warum hast du das dagelassen« fragte Olga
    Stan lächelte »Ich habe eine Vorliebe für primitive Genrebilder die in
populärem Geschmack typische Vorstellungen veranschaulichen« So standen sie
beide vor dem Bild und besahen es gedankenvoll
    »Es hätte wohl auch Überritten heißen können« meinte Olga
    Das Ross dass das Glück trug und mit wehender Mähne und irrsinnigen Augen
dahinraste ließ Menschenleiber hinter sich und unter sich liegen und mit den
Hufen seiner Vorderbeine berührte es fast den stolzen Körper einer Frau die
niedergestreckt aber noch mit begierig erhobenem Arm auf dem Boden lag
    Stanislaus führte sie zu seinem Schreibtisch einem bequemen Möbel das
einen beträchtlichen Teil des kleinen Zimmers in Anspruch nahm und zeigte ihr
freudig die ordentlich aufgeräumte Platte
    »Da war bis vor wenigen Tagen ein Wirrwarr von Papieren und Büchern an
denen nicht gerührt werden durfte Aber jetzt habe ich endlich  buchstäblich 
tabula rasa gemacht Heute habe ich geräumt« sagte er »und den Tisch
abgestäubt Das ist die Ernte« und er wies auf einen großen sauber
aufgeschichteten Manuskriptstoss eine Maschinenabschrift seines Werkes »Und
hier« er deutete auf einen zusammengescharrten Haufen beschriebener und
durchgerissener Zettel »ist der Abfall Weißt du was eine der  reinsten
Freuden des Schriftstellers ist Das Zerreissen und Wegwerfen dieser Zettel Es
ist wie wenn man ein Gerüst einreissen darf weil endlich der Bau fertig ist
Das hier«  er deutete auf den Papierkorb  »ist mein bester Freund« Und er
nahm den großen Stoß zerrissener Zettel und stopfte ihn mit vergnügtem Lächeln
seinem Freunde in den Schlund »Ich habe die gute Idee gehabt« erzählte er
»mich auch in letzter Zeit von meinem Herrn im Grunewald zu dem ich sonst fast
täglich gehe um ihm vorzulesen zu beurlauben Und in den vierzehn Tagen die
er mir als Pause bewilligt hat konnte ich meinen Gedanken freie Audienz geben
 eine feine Sache das«
    »Hast du denn schon einen Verlag für das Buch« fragte Olga
    »Ich habe beinahe abgeschlossen« erwiderte er
    Sie setzten sich auf das ripsbezogene grüne Familiensofa hinter den runden
Tisch und er erzählte von den Verlagsverbindungen die er angeknüpft hatte Ein
polemischessayistisches Buch wie das seine war kein so beliebter
Verlagsartikel wie ein guter Roman Und nun dieses Buch das alle Torheiten
alle Verirrungen der Moderne registrierte  und das doch an ihre Zukunft
glaubte aus dem neben einer Kritik die die Stoffe fast mit chemischer
Präzision auseinander löste doch eine große Liebe sprach eine Liebe zu diesen
Ringenden die an ihrer Übergangsmission litten  dieses Buch hatte es nicht
leicht
    Nun wusste er es in den Händen eines vornehmen Verlages und sollte eine für
seine Verhältnisse ansehnliche Summe als à KontoZahlung für die erste Auflage
vorausbekommen Diese klingende Anerkennung trug auch dazu bei den sonst so
stillen Menschen in fröhliche Laune zu bringen
    Sie sprachen von den verschiedenen materiellen Aussichten der
Schriftsteller
    Stanislaus meinte »Da kann man schön saubere Kategorien machen Es gibt
Schriftsteller die enorm verdienen Dann gibt es solche  die verdienen dann
solche die etwas verdienen  und zu denen gehöre ich  dann kommt eine
Kategorie von denen die wenig verdienen«
    »Das ist also die letzte Schicht« meinte Olga
    »O nein« entgegnete Stanislaus »jetzt kommt Abschnitt zwei da sind
erstens die die nichts verdienen aber auch nichts bezahlen Dann zweitens die
die viel bezahlen dafür dass ihre Werke gedruckt werden und drittens endlich
jene die trotzdem sie bezahlen möchten dennoch abgewiesen werden«
    »Das ist ja eine prachtvolle Einteilung Aber wie willst du alle diese Leute
nach ihrer inneren Bedeutung kategorisieren«
    »Wenn wir jetzt öfters ausgehen mal abends ins Café wo ich Bekannte
treffe da wirst du sie alle finden  solche die etwas zu sagen haben was die
anderen angeht was vielleicht die Zukunft angeht andere die nur dem Tag
geben was des Tages ist und wieder andere die sich überhaupt nicht mitteilen
die nur für sich schreiben unbekümmert um alles was in der Zeit kämpfend
aneinander klirrt die nichts brauchen von dieser Zeit von ihr nicht belehrt
werden ihr nichts zu geben haben und im Stübchen Blatt um Blatt füllen mit
Eingebungen für welche sie selbst nicht das Interesse der Zeit anwerben
zumindest nicht nach einigen erfolglosen Versuchen«
    »Und du«
    »Ich Ich sehe mit sehr viel Interesse auf das Bild um uns wie es sich
durcheinanderschiebt verdichtet ergänzt auflöst oder erneut Und ich habe
Beziehungen zu diesem bewegten Bilde«
    Er bereitete den Tee holte Tassen aus der Kommode Olga deckte den Tisch
und so saßen sie wie gute Freunde und echte Lebenskameraden die es wohl
miteinander meinen ihre Pläne voreinander entwickeln zusammen
    »Übrigens habe ich bei dem Verlag einen Menschen kennen gelernt der mich
sehr interessiert und mit dem ich nun öfters zusammenkommen werde Er hat hier
Brot gefunden  es ging ihm früher schlecht  sehr schlecht« Sein Gesicht
verdüsterte sich »Trotzdem wir eigentlich auf zwei ganz verschiedenen Lagern
stehen hat er sich sehr an mich angeschlossen Seit ich mit dem Buch fertig
bin kommt er fast täglich abends mich zum Spazierengehen abzuholen«
    »Und ist dir das recht«
    »Nun ich kann viel allein sein ich brauche die tägliche Aussprache
weniger als dieser Mann«
    »Und warum braucht er sie«
    Stanislaus lachte »Wenn du ihn erst kennen wirst wirst du das nicht mehr
fragen« Und er berichtete ihr was er von Werner Hoffmann wusste Trotz der
kurzen Bekanntschaft hatte der ihm nicht nur seine äußeren Lebensschicksale
erzählt sondern ihm mit leidenschaftlicher Eindringlichkeit in die Konflikte
seiner Seele Einblick gegeben Ein besonderer Kampf war es der seine Kräfte vor
allem beanspruchte Eine scharf ausgeprägte Doppelseitigkeit der Instinkte
erschwerte ihm die planvolle Gestaltung seiner Gaben und den Ausbau seines
Lebens Er der jede Beschränkung des Einzelichs zum Wohl der Gesamtheit
abwies der am liebsten sagte »was habe ich mit der Gesellschaft zu tun« hätte
persönlich jene Einrichtungen die sich aus sozialisierenden Strebungen ergeben
am nötigsten gebraucht Stipendien und volkstümliche Sanatorien hatten ihm
wiederholt weiter geholfen wenn er wundgeschlagen im Getümmel
zusammengesunken war Aber er erkannte nicht die Zusammenhänge
gesellschaftlicher Vorkehrungen mit den Prinzipien der Behütung der
Persönlichkeit Er nannte sich einen Ichlichen der »sein Sach auf nichts
gestellt« habe  ohne zu wissen wie sehr er selbst auf dem Boden stand der
allen gehörte In sozialer Reformarbeit sah er nur eine Verflachung des Daseins
ohne die Ahnung dass die Gesellschaft diese Organisationen erschuf  um dem
Einzelnen Luft zu machen Widerspruchsvoll wie in allem hielt er sich für
einen »Einsamen«  und entbehrte doch schwerer als sonst jemand wenn er auch
nur einige Zeit lang ohne den Anschluss an ähnliche blieb Zweiseitig war er auch
in seinen Begierden Ein fast fanatischer Trieb führte ihn zeitweilig zu
scharfer Selbstzucht und Busse  »zur Übung wider sich« wie er es nannte  zur
Askese er züchtigte sich dann mit diesem Trieb wie der Mönch mit der
siebenfachen Knute Dann wieder stieg die Verachtung vor solchem »Unterliegen«
in ihm auf und nur der »Herr« schien ihm der Berechtigte dieser Erde  nur
der der kaltblütig den Genuss als sein Erbe kassierte So lockte ihn die
Verführung von ihren beiden entferntesten Polen ließ ihn unendliche Strecken
immer wieder neu durchmessen und narrte ihn mit zwiespältigen Süchten  In
diesem Sinn hatte er auch das Weib erlebt bald suchte er den »Dämon« der durch
Wollust vernichten und erlösen sollte  bald sah er sein Ideal in der »Witwe«
im Sinne des Tertullian  »durch Glauben schön durch Armut ausgesteuert durch
Alter besiegelt«  weise streng und »fromm« im unerbittlichen Lebensernst So
schwankte er zwischen den Idealen von äußerster Freiheit und strengster
Überwindung und hatte in keinem Zustand ein gutes Gewissen
    So erzählte Stanislaus seiner Schwester Es war dunkler geworden die
Wirtin ein alleinstehendes altes Fräulein hatte die Lampe auf den Tisch
gestellt und die »Schwester« verstohlen von der Seite betrachtet Hätte sie
ihren Mieter nicht als den solidesten möblierten Herrn gekannt der jemals ihre
gute Stube bewohnt hatte  sie wäre misstrauisch geworden
    Olga hatte der Schilderung ihres Bruders mit großen Augen gehorcht
    »Und sein Beruf«
    »Seine Stelle als Lektor gibt ihm wenig Befriedigung«
    »Warum bleibt er dann dort«
    »Er war dem Verhungern nahe als er endlich diese Stelle bekam«
    »Und was ist er  eigentlich«
    »Er unterbrach sein Studium der Philosophie als sein Vater starb und ihn
arm zurückließ er begann dann zu schreiben aber trotzdem er sogar Beachtung
fand  als einer der das Wort eng und tief fasste  fristete er sich damit nur
eine Zeitlang eines Tages konnte er nicht weiter  erschöpft mit überhetztem
Gehirn brach er zusammen«
    Erregt ging Stanislaus in der Stube auf und ab »Wer hilft einem
verhungerten Schriftsteller Der Lohnarbeiter ist organisiert hat Kranken und
Streikkassen klebt Marken für Alter und Invalidität aber unsereins kann an
Hungertyphus zugrunde gehen wenn der Betrieb mal stockt«
    »Ich möchte ihn kennen lernen« sagte Olga
    »Er geht jetzt nur selten unter neue Menschen Wie er sagt fühlt er sich
momentan zu geschwächt um sich an andern zu behaupten«
    »Und er schreibt nicht mehr«
    »Soviel ich weiß  kann er es nicht mehr«
    »Kann er es nicht da er es früher konnte« Sie sah den Bruder fragend an 
»Wie ist das zu verstehen Hat er keine Ideen keine Stoffe mehr«
    »Im Gegenteil« Stanislaus schwieg als suche er für das was er berichten
wollte die eindringlichste Erklärung Nachdenklich fuhr er dann fort »Im
Gegenteil eigentlich ist Hoffmann zum Schriftsteller berufen fast täglich
kommt er mit neuen Plänen und zahllose Stoffe drängen sich im Vorbezirk seiner
Phantasie«
    »Aber«
    »Aber  da ist irgendwo ein Hindernis Denn diesem Gedränge steht  wie soll
ich sagen  eine Art von unnachgiebiger Hemmung gegenüber ein unbesiegliches
Unvermögen sich dem Stoff auch nur zu nähern Er müsste wenn er seiner
Tintenscheu überhaupt Herr würde unbedingt immer beginnen Zögernd ergreife ich
die Feder«
    »Und was geschieht mit diesen zurückgedrängten Ideen Verpufft das alles in
nichts«
    »Nicht ganz Manchmal kommt es unter der Einwirkung von starkem Kaffee
Nikotin Menschen und Zigarrendampf und einer auf die Nerven tastenden
Geselligkeit zur Entladung Im Kaféhaus turnen dann die Energien und dem
Expansionsdrang des geistigen Gewebes wird da genügt   Ein solcher Exzess
vereinzelt wäre noch nicht schlimm geschieht das aber regelmäßig so treten
bald alle Merkmale einer schlecht funktionierenden Phantasie auf  die entweder
leer ist oder so überfüllt dass sich ihr Inhalt verknäuelt«
    »Du sagtest da vorhin etwas von Tintenscheu  wie meinst du das«
    »Nun zuzeiten laufen die Gedanken  wenn man es unternimmt sie bis zur
Spitze der Feder zu treiben  auseinander wie eine Schar Gänse in die ein
Hund hineinspringt  der Tintentegel wirkt dann so unheimlich wie ein
Instrument der schwarzen Magie ein Zustand den jeder Schriftsteller kennt
 nur darf er wie gesagt nicht chronisch werden und der Bann dieser Magie muss
sich rechtzeitig sprengen lassen«
    Olga dachte dass sie diese Angst vor der Tinte  was sie selbst betraf 
recht gut begreifen könnte hatte sie doch immer ein Widerstreben dagegen auch
nur die Hauptgedanken eines Vortrags aufs Papier zu bringen Ihr Mittel war das
gesprochene Wort aber bei einem der schreiben wollte und sollte musste das
doch anders sein
    »Vielleicht fehlt es deinem Freund vorübergehend an Stimmung« meinte sie
    Stanislaus lächelte »Um sich selbst ganz zu besitzen  also zur
produktiven Arbeit  braucht man nicht so sehr eine besondere positive
Stimmung«
    »Was sonst«
    »Ein gewisses Maß von Freiheit und dies fehlt ihm«
    »Du meinst Freiheit von  Bedrängnissen Seelischen moralischen und
vielleicht auch ökonomischen Bedrängnissen«
    Zögern sagte er »Ja  ein gewisses Maß von innerer Freiheit braucht man«
Und leise dumpf fügte er hinzu »Vielleicht auch von sinnlichen
Bedrängnissen« Er schwieg blickte nieder und die Hand schob unruhig den
Teelöffel am Tischtuch hin und her dass er leise gegen die Tasse klirrte
    Es läutete Draußen wurde die Korridortür geöffnet und gleich darauf
klopfte es an die Tür von Stanislaus Zimmer
    Einen breitkrämpigen Filzhut tief in die Stirn gedrückt in eine
Lodenpelerine gehüllt so trat der von dem die Rede gewesen ein Er war nur
wenig über Mittelgrösse und von gedrungenem Wuchs das Gesicht war bleich
länglich bartlos und große dunkle beinah kindliche Augen blickten sanft und
traurig unter dem weißen Bogen der Stirn Die Mundwinkel hingen ein wenig müde
herunter und die breite Unterlippe schien beim Sprechen manchmal zu zittern
    Stanislaus hatte ihm von der Anwesenheit seiner Schwester in Berlin erzählt
aber Hoffmann hatte das nach Art stark mit sich selbst beschäftigter Menschen
überhört Nun begrüßte er sie unfrei und schien von ihrer Anwesenheit beengt
    Stanislaus lenkte das Gespräch sogleich auf ein Gebiet das einen Plan
betraf den er für Hoffmann ausgedacht hatte Da dieser als Lektor eines großen
Verlages Gelegenheit hatte eine Menge literarischer Arbeiten von Interesse und
Wert die aber für die nach festen Plänen begrenzten Ziele des Verlages nicht
geeignet waren kennen zu lernen so hatte ihm Stanislaus geraten aus diesem
Material das ihm da von selbst zufloss solche Arbeiten auszuwählen die sich
unter einem besonderen Gesichtspunkt als einheitliche Serie sammeln ließ und
diese Sammlung systematisch zu ergänzen Er dachte an eine Ausgabe verschiedener
Kulturdokumente die für das Wesen der Epoche bezeichnend waren Diese Serie
sollte etwa unter dem Titel »Stimmen der Zeit« fortlaufend erscheinen und der
Herausgeber würde so Gelegenheit zu einheitlicher redaktioneller Tätigkeit
finden und auch seine Einnahmen wesentlich vermehren
    Hoffmann hatte im Kaféhaus mit Interesse den Plan aufgenommen und darüber
nachzudenken versprochen Mit einer müden Handbewegung lehnte er nun ab »Wozu
noch eine Brockensammlung mehr« meinte er »Den Snobismus zu mehren wird
gerade genug getan Warum auch da mitmachen«   
    »Solche Brocken wie Sie es nennen sind nicht immer das Schlimmste Sie
können solchen die von manchem Strom der durch die Gegenwart drängt erfahren
möchten  ohne Zeit oder Kraft oder Schulung genug zu haben zu allen Quellen
selbst herabzutauchen  helfen ihr Wissen in Parentese zu ergänzen oder
anzuregen und das ist schließlich kein Übel«
    »Eine Wirkung auf das Volk die allein eine solche auszugartige Bearbeitung
des Materials rechtfertigen würde ist durch diese Publikationen nicht gegeben
weil sie nur die Sprache der Informierten sprechen«
    Überrascht blickte Stanislaus über den Tisch in das bleiche nervöse
Gesicht Seit wann wollte Hoffmann etwas für das Volk
    »Ich staune über ihre Verkennung der Wege der Wirkung« sagte er dann
    »Wieso«
    »Nun es gibt doch offenbar zwei solche Wege den direkten kürzeren
jäheren und den andern  dessen Linien sich sozusagen serpentinenartig nach
unten verbreitern und der vielleicht die echtere Destillation verspricht Sie
können direkt zum Volk sprechen in seiner Sprache  können es mit Resultaten
überfallen ihm ausgefüllte Werttabellen in die Hände stecken oder aber  der
andere Weg der serpentinenartige jeder »Informierte« spricht zu der ihm
nächsten Schicht und sobald der Stoff nur die gehörige Beweglichkeit hat 
dringt er weiter tiefer und nähert sich allmählich der tiefsten und breitesten
Schicht des Volksbewusstseins und das was auf diesem Wege endlich da hinunter
gelangt  ist wohl eine Art Auslese in bezug auf Stosskraft und Beweglichkeit
was nicht so weit kam blieb wohl oben  auf den Kehren  liegen«
    Mit Hoffmann horchte auch Olga und in diesem Augenblick wurde ihr klar dass
auch das was sie vielleicht zu sagen haben würde diesen weiteren mühsameren
und gefährlicheren Weg passieren musste
    Hoffmann blickte ernst und seine dunklen tiefen Augen leuchteten in ihrem
sanften Glanz
    »Und doch geht auf dem andern dem jäheren direkteren Wege  nicht nur der
derbere Tritt« sagte er
    »Sondern«
    »Sondern auch die Liebe Die ganz einfache ganz direkte Liebe zu den
Massenhaften  zu denen die da sind  wie immer sie da sind«
    »Und Sie  seit wann wissen Sie von dieser Liebe« fragte Stanislaus
    »Ich weiß von ihr wie von einer unbegreiflichen Erscheinung Kein größeres
Wunder weiß ich als dass es solche Liebe gibt«
    Olga beugte sich vor »Warum  warum ist Ihnen Menschenliebe so
unbegreiflich so wunderbar«
    »Das ist sie« entgegnete er und blickte die Fragende voll an »So sehr ich
begreife dass man die Idee liebt die Idee vom schönen und vollkommenen
Menschen  so rätselhaft erscheint es mir dass es Herzen gibt die warm und
hingebend schlagen für das was da ist wirklich da ist unschön und mangelhaft
da ist  für all das Unzulängliche und Elende Und es gibt solche Herzen 
Christus war  er ist kein Märchen«
    Er schwieg und seine Augen verschleierten sich tief Dann fuhr er fort
»Auch das Unzulängliche lieben  nicht nur sich seiner erbarmen  nein es
lieben  ohne Blindheit  in heller Erkenntnis   das  das ist das
Mysterium«
    »Und wie lässt es sich Ihrer Meinung nach deuten« fragte Olga gespannt
    Hoffmann dachte nach und sagte dann »Christus  oder unsere Vorstellung von
ihm  war vollkommen an Leib und Seele Wäre ich wie er  ich liebte die
Elenden auch Aber da ich das Unzulängliche als mein eigenes Erbe schleppe« 
seine Lippen bebten  »wie kann ich es lieben Beschäftigt beladen bin ich mit
mir« fuhr er fort wie gequält als müsse er sich rechtfertigen »und dem
Grauen der Unendlichkeit steht für mich nur eins gegenüber  dieses Ich bin
Für mich zumindest  bin ich«
    Stanislaus warf ein »Der alte egozentrische Aberglaube richtiger wäre es
wenn Sie weiter gingen und sagen würden ich  oder die Gattung«
    »Oho«
    »Jawohl ich schmälere mich durch jede Abgabe an sie  habe nichts zu
geben«  seine Stimme sank herab  »bin ein armer Teufel«
    »Solch armer Teufel gibt es freilich genug« erwiderte Hoffmann  »und doch
ist Ihr Axiom falsch passt nur für das dürftig Geborene «
    »Das ist durchaus nicht so sicher« wandte Stanislaus ein und blickte
bedächtig über den schwarzumränderten Zwicker hinüber »Hirn und Keimplasma
bauen sich bekanntlich aus denselben Stoffen auf Ein Mehr auf der einen Seite
bedingt darum nicht selten ein Manko auf der andern und so wären es nicht nur
die Dürftigsten die in diesem Sinn wenig Tribut zu zollen haben«
    Olga glaubte etwas Entscheidendes sagen zu müssen aber kaum wollte sie es
aussprechen so verschloss ihr ein scheues Zögern den Mund und so sagte sie nur
»Zumindest für die Frau liegt die Frage so  dass auch die die nicht
überreichlich  Tribut zollen will  doch zur Erfüllung ihres weiblichen
Dienstes gelangen muss denn dieser Dienst ist Notwendigkeit  und nicht nur für
die Gattung  auch für sie selbst«
    Hoffmann hob seinen Blick zu Olga und ließ ihn ohne Scheu auf ihr ruhen
Seine anfängliche Beengteit schien verschwunden  Statt einer Antwort sagte
er »Wie alt sind Sie Fräulein Diamant«
    So unvermittelt kam die Frage dass sie in ihr Blut stürzte es aufjagte und
es hoch in ihr Antlitz trieb »Sechsundzwanzig« der Ton wurde ohne dass sie es
wollte und wusste  bang
    Hoffmann sagte wie zu sich selbst »So so ein Mädchen von
Sechsundzwanzig ich dachte mir solch ein Mädchen anders«
    Olga raffte sich zusammen Trotzig fragte sie »Und wie dachten Sie sich
solch ein altes Mädchen«
    Ernstaft schüttelte Hoffmann den Kopf »Nicht alt o nein das ist eine
falsche Überlieferung aber fertig  im guten oder im schlimmen Sinn Aber Sie
 Sie wollen ja erst beginnen«
    Sie warf den Kopf mit den schweren roten Haarmassen tief atmend zurück
und fühlte plötzlich eine Welle über sich hinfluten die einen Augenblick alles
Schwere von ihrer Seele nahm »So ist es« flüsterte sie »beginnen«
Stanislaus kam von zuhause Es war gegen Abend und die Gaslaternen wurden eben
angezündet Langsam ging er im abendlichen Zwielicht die Kantstrasse hinauf
diese breite und lange Zeile die geradewegs aus dem menschendichten
wegeverknüpfenden Berlin hinauszurennen schien in die weite Mark
    Er ging etwas vornüber gebeugt in schlechter Haltung  und mit schlecher
sorgenvoller Miene Er hatte noch keine neue Arbeit begonnen und ging viel
spazieren Und seit einer Reihe von Abenden immer nach demselben Ziel  Vor
einer eleganten Papierhandlung  nicht mehr weit von der Einmündung der Straße
an jenem Punkt des Westens der »Am Zoo« heißt  stand er still Jeden Abend
stand er lange vor diesem von gelbem Bremerlicht grell beleuchteten
Schaufenster in dem alle Utensilien seines Handwerks zwischen Luxusdingen in
prunkvoller Anordnung ausgestellt waren hier waren hochaufgeschichtete
Briefkartons glänzende kristallene Tintenfässer lederne Schreibmappen mit
blanken oder matten Metallbeschlägen kunstvoll arrangiert Auch heute stand er
vor diesem Schaufenster warf aber so oft er konnte einen Blick durch die hohe
Spiegelscheibe der Ladentür ins Innere des Geschäftes Er sah die große
überschlanke blonde Verkäuferin im schwarzen knappen Kleid mit weißen
Manschetten an den Händen hinter dem Ladentisch stehen sah wie sie lächelnd
einem Herrn ein Päckchen reichte das Geld entgegennahm auf die Taste der
automatischen Kontrollkasse drückte und dem Käufer den kleinen Karton der
Quittung übergab  Mit Augen die ihm brannten sah er über den Kneifer
hinweg auf dieses Ladenfräulein mit den flüchtigen Zügen in dem zu kleinen
Gesicht dem nur die weit gebauschte Haarfrisur normalen Umfang gab
    Der Käufer trat aus der Tür der Laden war von Kunden leer Stanislaus trat
ein
    Fräulein Miezes Gesicht verzog sich und sie erwiderte unfreundlich seinen
ergebenen Gruß Stanislaus lehnte ihr gegenüber am Ladentisch
    »Darf ich Sie heute abend erwarten«
    »Mutter hat jesacht das Spazierenjehn auf der Döberitzer Heerstraße muss n
Ende haben«
    »Ich habe Sie ja oft gebeten mir die Ehre zu schenken und mit mir in ein
Restaurant zu kommen«
    Fräulein Mieze lachte höhnisch »Das wäre noch schöner Ein armes Mädel hat
nischt wie sein Ruf  und der wird nich besser vons Restaurangjehn«
    Er blickte sie wehmütig an
    »Warum sind Sie so scharf Fräulein Mieze Sie wissen doch dass ich nichts
will was Ihnen schaden könnte wir wollten uns doch ein wenig kennen lernen
 nicht«
    »Ich will Ihnen mal was sajen Herr Doktoor«
    »Nur Diamant« warf er ein
    »Wie Sie mir damals die scheenen Rosen schickten und dann selber ankamen und
mich dann abends zum Spazierenjehn holten  da dacht ich mir auch nischt Böses
Ich dachte mir  der Mann hat ernste Absichten«       Sie sah ihn
herausfordernd an und als er schwieg und sie nur traurig anblickte rötete
sich ihr kleines gelbliches Gesicht und die hellen Äuglein blitzten zornig
»Son Rumziehn habe ich nicht nötig verstehen Se«
    »Warum Fräulein Mieze« er suchte schwer nach Worten  »wollen Sie etwas 
das erst langsam  nach und nach  werden kann   übereilen«
    »So Nu wirds Tach Hat der Mensch Tööne Übereilen« Sie ahmte seine
Aussprache nach  »Dass Sies nur wissen  mein Bräutjam is zurückjekommen«
    »Ihr Bräutigam Meinen Sie den jungen Mann aus dem Milchgeschäft von dem
Sie mir erzählten«
    »Jawoll  der bei Bolle war Er is vom Militär zurück und macht sich
selbständig er hat jeerbt«
    Stanislaus streckte ihr mit freundlichem Lächeln die Hand hin »Dann
meinen herzlichsten Glückwunsch Fräulein Mieze Aber ist das ein Grund böse zu
sein«
    Sie nahm seine Hand und hielt sie fest »Ich will Ihnen was sajen ich hätte
Sie  lieber jenommen wie den Aujust« Fragend sah sie ihn an
    Er machte sacht seine Hand los »Ich kann Ihnen das was Sie wünschen 
nicht versprechen«
    »Adschö Adschö Herr Doktoor« kam es zornig vom Ladentisch
    »Adieu Fräulein Mieze« Er ging gesenkten Kopfes hinaus 
    Auch dieser »blonde Traum« wie er sein kleines Erlebnis vor sich selbst
genannt hatte war nun auf grobe Art beendet   
    Seine Wünsche das wusste er fingen an dunkle Wege zu gehen Die geheime
Enthaltsamkeit in der er lebte  derer er sich wie einer Schwäche schämte die
er nur einem Bruder anvertraut haben würde wenn er einen besessen hätte  fing
an ihn als etwas Unerträgliches zu bedrücken  lockte ihn zu verwegenen
Freibeutereien die seiner Art nicht entsprachen In diesem Mann der sich bis
heute des Weibes enthalten hatte weil ihn der Unzucht gegenüber unüberwindliche
Hemmungen schreckten  mangelnde Triebkraft nannte er es bitter vor sich
selbst  glühte die Sehnsucht nach der letzten Erfüllung
    Abends nahm er sein Tagebuch vor Er führte dieses Heft auf unregelmässige
Art schrieb niemals Tatsachen ein sondern zeitweilig die letzten Gefühle und
Bekenntnisse die ihm die Tatsachen vermittelten
    An diesem Abend schrieb er »Mein Schmerz gilt nur unmittelbar der
Verfehlung meines eignen Lebens in Wahrheit ist es der Schmerz des aus der
Reihe Geworfenen Und so suche ich das stärkste Willenserlebnis  das mich über
mich als Einzelheit beruhigen mich von mir selbst als isolierte Form
erlösen und mich mit meiner Person in Reih und Glied stellen würde «
    Er warf die Feder fort verwühlte die Hand in die überfallenden langen
Haarsträhnen und starrte lange grübelnd vor sich hin
 
                                Viertes Kapitel
                                    Menschen
 »Trahit sua quemque voluptas«
                                                                         Virgil
Olga ging durch die Straßen des neuen Westens dem Tiergarten zu und wollte von
da zur Stadt Sie ging zu einer öffentlichen Versammlung eines »Bundes« dem sie
sich angeschlossen hatte Diesem Bunde der auf eine Veränderung der moralischen
Wertungen des Sexuallebens hinarbeitete gehörten Männer und Frauen in fast
gleicher Zahl als Mitglieder und Gäste an  intellektuelle Streiter die die
Frage für deren voraussetzungslose Neudurchforschung sie sich verbündet hatten
als die verhängnisvollste für die Gesellschaft betrachteten Die Gesetze der
geschlechtlichen Sitten aus deren Übung das menschliche Leben sich erneut
unter zwei Hauptgesichtspunkten zu revidieren  das war die Aufgabe die sich
diese Vereinigung gestellt hatte Diese führenden Gesichtspunkte galten dem Wohl
der Generation der Rasse im weiteren  den natürlichen Antrieben des
Individuums im engeren Sinne Und die Fragen die es zu erwägen galt
untersuchten die Bedingungen die der Betätigung des Trieblebens des normalen
Menschen in den Hochjahren seiner Zeugungskraft innerhalb der gegebenen Ordnung
geboten waren  die Schäden und Leiden die sich aus der Missachtung und
Verformung dieser natürlichen Antriebe der normalen Geschlechtsnatur ergaben 
so wie die Ziele denen zuzustreben war um dem einzelnen ein normales Schicksal
zu verbürgen und um der Gesellschaft die Erzeugung eines hochwertigen
Nachwuchses zu sichern
    Alles öffentliche Durchsprechen sozialer Probleme hatte Olga bisher meist
unbefriedigt gelassen sie hatte die letzte rückhaltlose Ehrlichkeit die dem
Menschen zeigt was er wahrhaft ist will und braucht bislang in allen
»Vereinen« vermisst Hier zum erstenmal war sie in einen Kreis getreten der
sich wie es ihr schien um die Erörterung auch dieser innerlichsten
Willensantriebe des Menschen und der Gesellschaft nicht herumdrückte Ärzte
Soziologen Gelehrte Schriftsteller und Dichter Vertreterinnen der
Frauenbewegung und Mitglieder der gesetzgebenden Körperschaften Künstler und
Laien  sie alle waren im »Bunde« vertreten Die Fragen der Ehe der
Prostitution des unfreiwilligen Zölibats der Lage des Kindes besonders des
unehelichen Kindes des Schutzes der Mutterschaft für den der Bund vor allem
eintrat und der ihm die große Bedingung einer planmässigen Züchtung vollwertiger
Lebensmassen bedeutete  das waren die Fragen die hier besprochen wurden die
von hier aus weiter drangen bis sie sich zu sachlich begrenzten Forderungen
verdichteten zu denen Stellung zu nehmen auch die Behörden sich immer öfter
genötigt sahen
    Unablässig hatten sich die Vorstellungsreihen die für Olga die
Frauenbewegung mit der allgemeinen Entwicklung verbanden  gerade zu diesem
Problem gedrängt auch ihr war es als der Mittelpunkt jeder sozialen Reform
erschienen Denn hier handelte es sich um das Werden des Menschen des Trägers
der Weltkultur von dessen Beschaffenheit alles andere abhing Die
Geschlechtssitten der Gesellschaft ließ ihn entstehen darum so war es ihr
immer erschienen hing es gerade von diesen Sitten ab wie die Welt selbst
wurde Als sie von diesem Bunde hörte hatte sie eine große Freude erfüllt Hier
also war eine Gemeinschaft innerhalb welcher sie aussprechen durfte was
anderwärts befremdend und anstößig gewirkt hatte hier wurden diese großen
Fragen als solche anerkannt freimütig erörtert und zu festen Zusammenhängen
verknüpft
    Von Zielfreude erfüllt war sie durch die Straßen des neuen Westens
gegangen vorbei an den Fassaden modernster Mietspaläste die mit ihrem
gedämpften Luxus ihrem wohlabgetönten Putz den Straßen dieses Viertels
stilvolle Einheit gaben Um in den Frieden des Tiergartens einzutreten musste
sie durch das dichteste Verkehrsgewühl am Bahnhof »Zoo« vorbei wo sich oben
auf dem hochgelegenen Bahnsteig Fernzüge mit den Vorortzügen treffen während
unten auf dem Niveau der Straße zahllose elektrische Linien sich kreuzen
Automobile mit sausenden Stößen ihr Benzin in Kraft verwandeln die Berliner
Droschken in ihrem unbeirrbar gemächlichen Hottetrott auf ihre Art mit ihnen
konkurrieren und die Passanten sich auf Strassenübergängen und Bürgersteigen
drängen Die weiten Prachtstrassen die den Berliner »Westen« mit Charlottenburg
und Wilmersdorf verbinden gehen strahlenförmig von hier ab Drüben aber auf
der anderen Seite wo die Gärten den Verkehr in ruhigere Wege leiten glüht mit
farbigen eingelegten Kuppeln bauchigen Türmchen bizarren Schnörkeln Pagoden
fratzenhaften Emblemen und unperspektivischen ägyptischen Fresken  ein Stück
Morgenland in den Gebäuden des Zoologischen Gartens Über diesem bunt
aufeinander getürmten Gemisch steigt schmal und hochgestreckt fast kahl gegen
die orientalische Fülle der romanische Turm der Gedächtniskirche auf und das
goldene Kreuz an seiner Spitze flammte im Schein einer kupferroten Wolke die
auf dem schiefergrauen Himmel erglüht war
    Die herbstliche Abendsonne warf ihre Lichter auf die große ebene Fläche
aufgeworfener Erde die mit Sand vermengt ganz hellbraun erschien und vom
Zoologischen Garten aus den Eingang zum Tiergarten bildet Schon der Weg der
noch an den Toren des Bahnhofs vorbei und eng zwischen Droschkenstandplatz und
dem Endgeleise der elektrischen Bahn hindurch führt ist nicht viel mehr als
ein sandigerdiger Reitweg Er weitet sich zu einer Art Riesenmanège unter
freiem Himmel die sich links tief hinein unter die Unterführungsbogen der
Stadtbahn streckt rechts eine breite Allee zwischen die Bäume des Tiergartens
entsendet Hier wurde geritten und die Fußgänger hatten sich beim Übergang zu
der schmalen dunklen Wasserstrasse des Landwehrkanals zwischen den geschickt
gelenkten gut gepflegten Tieren der Reiter und Reiterinnen durchzuwinden Diese
fröhliche Kavalkaden die da zwischen den schon entblätternden Bäumen
hinsprengten gefielen Olga Voll Erquickung ging sie nun am Wasser entlang
vorbei an der brausenden Schleuse bei der Freiarchenbrücke am Garten und
Lützowufer herunter
    Ihr starkes Naturgefühl antwortete auf die zarten Reize dieser
Parklandschaft und ihre Blicke nahmen alle Bilder mit seltener Eindringlichkeit
auf Sie sah alles die breiten langen meist mit Kohlen beladenen Kähne mit
den kleinen Überbauten am Bug deren winzige gardinenverhängte Fensterchen
verrieten dass die Schiffer hier ihre Wohnstätte hatten die zierlichen Dampfer
mit den buntfarbigen Ringen um den rauchenden Schlot  die einen zwei und mehr
der breiten Kähne durch den Kanal schleppen bis hinaus auf die Wasser der
Spree deren große Biegung der Kanal verbindet Sie sah auf dem Wasser die
buntgezeichneten Enten ihr Spiel treiben und besonders ein Pärchen fiel ihr
auf er herrlich von Gefieder in Farben strahlend saß still und vornehm
unbeweglich auf einem Fleck sie die Entin graubraun wie ein Spatz unterhielt
sich dicht vor seinem Schnabel auf besondere Art immer wieder tauchte sie mit
Kopf Hals und Brust senkrecht ins Wasser und streckte den Rest ihrer
Leiblichkeit das breite Bürzel mit den flossenhaften Pfoten steil in die Höhe
dem Gatten der diesem Spiel mit vollendeter Ruhe zusah dicht unter den
Schnabel So tauchte sie aus und ein wohl einhundertmal  das Ende der
Prozedur war jedenfalls noch nicht gekommen als Olga nachdem sie eine Weile
dieser Gymnastik zugesehen weiter ging Und sie sah die Bäume an diese alten
jetzt farbig belaubten schon entblätternden Eichen Ulmen Buchen Sie stand
still vor dem Stamm eines alten Prachtkerls von Baum und sah zum erstenmal
eine Rinde die fast vollkommen regelmäßige zylindrische Einkerbungen zeigte
genau an ja sie sah die Böschungen des Ufers wie sie niedrig und schräg
zurückweichend bei der Freiarchenbrücke begannen und da noch ganz mit Rasen
bewachsen waren wie sie aber immer höher und steiler wurden der Rasen immer
mehr und mehr zurückwich und die glatte steinerne Kaimauer darunter sichtbar
wurde bis von der Korneliusbrücke an der Kanal nur noch zwischen diesen
schwarzen steinernen Mauern durchfloss in denen ab und zu ein paar Stufen
sichtbar wurden die von dem immer höher ansteigenden Promenadenweg zum Wasser
herunterführten
    Und sie bog ab und ging über die Brücke tiefer hinein in den Tiergarten Am
Neuen See war es an dessen sich immer wieder biegenden Ufern sie jetzt ging
Sie war müde und strebte einer Bank zu Sie wusste dass sie um jene Ecke herum
eine finden würde beschleunigte ihre Schritte wandte sich wie der Weg es
wollte  stand vor der Bank
    Die war besetzt Und der darauf saß den kannte sie
    Er sprang auf und stand vor ihr in seiner ganzen Länge »Sie« Einen
Augenblick war die Erinnerung angstvoller Zeiten schreckhaft in ihr aufgefahren
    »Warum nicht«
    »Was  führte Sie  hierher«
    »Nichts Mich führt seit langem nichts Aber manchmal jagt es mich  von
irgendwoher nach irgendwohin«
    »Und können Sie  so beliebig gehen wohin Sie wollen«
    »Überallhin wo man sich nachts mit der Geige ernähren kann«
    »Noch immer  das«
    »Was sonst«
    Sie gingen nebeneinander her War es die Friedensfülle der Landschaft die
sie so eindringlich aufgenommen hatte und die jetzt diese dunklen
Gefühlswellen die in ihr aufgestiegen waren in sich zusammensinken ließ dass
sie wesenlos zerflossen Er erkundigte sich nach ihrem Leben hier und sie
berichtete Sie sagte ihm sogar wohin sie ging  zu der Versammlung des
»Bundes« und wie einst hörte er ihr mit verstehender Fühlung ihres Wesens zu
Die Erquickung des milden Abends erfüllte beide und es war vielleicht im
gleichen Augenblick dass die beiden Menschen wussten dass hier ein banges Stück
Vergangenheit von einer neuen vernunftstarken Gegenwart hochgehoben
umgewandelt und zu einem brauchbaren Stück Leben verändert worden war
    Als sie sich am Ende des Tiergartens zu Beginn der Bellevuestrasse die an
den modernsten Hotelpalästen vorbei in das Innere des Westens zum Potsdamer
Platz führt trennten waren sie sich klar geworden und hatten es ausgesprochen
dass sie sich wieder sehen würden und dass sie es durften dass das »Alte« nimmer
aufleben würde und konnte  dass aber eine gute Freiheit zwischen ihnen war die
die Fremdheit hob und ihnen gewährte einander sonder Scheu zu berichten durch
welche Tage ihre Wege sie führten
An diesem Abend nahm sie an der Diskussion teil trat zum erstenmal in Berlin
als Rednerin auf Man kannte in der Frauenbewegung ihren Namen Sie griff in
einer Art in die Polemik ein die nicht gewöhnlich war gerade an jenen Stellen
des Referates  das ein holländischer Gelehrter über das Problem des
Neomaltusianismus gehalten hatte  gerade an jenen Stellen welche
mehrdeutiger Auslegung unterlagen setzte sie ein hob das einzig Wesentliche
heraus trassierte mit schnellen kräftigen Zügen die unausgesprochenen
Voraussetzungen und Folgerungen des Vortrages und leitete so aus
materialreicher Fülle zu den reinen Linien der Idee der diese Fülle nur
Gewandung gab Sie sprach  im Gegensatz zu der gewöhnlichen Art der
»Rechtlerinnen«  vollkommen phrasenfrei beinahe nüchtern ihr großes und doch
gedämpftes Organ das glatt schallend mühelos den Saal beherrschte diente ihr
wie ein willfähriges zureichendes nie versagendes Instrument Sie gewann
sowie sie das Podium betrat auch an physischer Persönlichkeit Die Gestalt in
einem dunkelblauen Kleid von modernem Reformschnitt den sie erst in Berlin
genau kennen gelernt hatte schien kräftig und beweglich das Gehäuse des
Kopfes unter dem Minervahelm ihres kupfernen Haares zeichnete sich in
bedeutenden Konturen die dunklen Augen die bei der ersten Anregung des
Sprechens aufleuchteten sich dann mählich tief umflorten bekamen eine Art von
gläubigem Ausdruck
    Am Schluss der Versammlung lernte sie die führenden Personen der Bewegung
kennen neben ihnen auch andere Ein vornehmes Ehepaar fiel ihr auf das mit
drei blühenden schönen Töchtern zwischen 16 und 22 Jahren hier anwesend war
dann eine alte kleine Dame die auf Krücken ging sie erzählte ihr von ihrem
Sohne der mit seiner Frau in einem Dorf in den Appeninen lebt er sei
Schriftsteller Sie die Mutter hatte sich bis zu einer schweren Krankheit die
sie der Bewegungsfreiheit beraubte niemals wesentlich um Fragen der
Allgemeinheit bekümmert sie war früher leidenschaftliche Skatspielerin gewesen
aber als sie nicht mehr ihre gewohnten Wege gehen konnte mehr als ein Jahr
gelähmt ans Zimmer gefesselt war und die früheren Skatgenossen ausblieben da
habe der Sohn der damals noch zu Hause war sie mit Büchern versorgt die ihr
Interesse für diese Fragen so geweckt hatten dass sie nun in ihren alten Tagen
fast einen neuen Lebensinhalt gewonnen hatte der Sohn selbst hatte sich einer
ihm heiligen Dreieinigkeit verschrieben seiner Frau  Italien  und der
Dichtkunst vor allem der Lyrik die er fast ausschließlich pflegte Frau
Ullmann erzählte das alles in ihrer schnellen etwas monotonen Art während sie
schon das schwarze Kapottütchen auf dem spärlichen Scheitel hatte und sich
fest auf ihre Krücken stützte    Eine Dame von bräunlichem Teint
gelbgefärbtem Kraushaar kleiner Gestalt mit Geschmack gekleidet  Fräulein
Gerber  stellte sich Olga als »Kampfgenossin« vor
    An der Plauderstunde im Café die den Abend beschloss nahm noch ein
Reichtagsabgeordneter ein freigesinnter Pastor und der Vortragende selbst
teil  ein seit Jahren in Holland ansässiger Deutscher mit
scharfgeschnittenem grauhaarigem Charakterkopf Nicht mehr mit ins Café
gegangen war die Vorsitzende Diese alte Frau war es deren Erscheinung Olgas
tiefstes Interesse wachgerufen hatte seit sie sie zum ersten Mal in dieser
Vereinigung erblickte Erst heute hatte sie Frau Dr Wallentin persönlich kennen
gelernt Sie mochte von den Siebzig nicht mehr weit sein die zarte fast
mädchenhafte Gestalt war in ein schwarzes Samtkleid gehüllt das in antikem
Schnitt an ihr herabfloss weiße beinahe jugendliche Arme sahen aus den weiten
Ärmeln hervor nur an den Händen sah man das Alter wieder Die grossgeschnittenen
Züge waren von dem erfüllten Blick leuchtender blauer Augen durchstrahlt
silbrigweisses Haar fiel in langen Locken frei auf die Schultern herab Diese
Frau die Vorsitzende des Bundes war die Gattin eines verstorbenen Forschers
Dr Wallentin Weltreisenden und Entdeckers unbekannter Erdstriche gewesen Sie
war die Mutter dreier Söhne von denen nur einer in Berlin war und zeitweilig
mit seiner Frau einer schwedischen Dichterin im Bunde erschien Die beiden
anderen Söhne  der älteste der als Soziologe einen bedeutenden Ruf hatte und
der jüngste  befanden sich wie man hörte auf einer Weltreise deren Zweck
nicht bekannt war Die Gattin des ältesten Sohnes Frau Lucinda Wallentin lebte
in Berlin stand aber den Bestrebungen ihrer Schwiegermutter und ihres Gatten so
fern wie nur irgend denkbar sie führte ein Haus in dem lediglich
formalästetische sowie okkulte und mystische Interessen gepflegt wurden Die
Wallentins galten als reich und Mutter und Söhne verwendeten so hieß es ihre
Mittel vor allem für ihre großen sozialpolitischen Pläne
    Ihre aktive Teilnahme an der Versammlung brachte Olga in Beziehung zu all
diesen verschiedenen Menschen und erweckte ihr Interesse an ihnen in hohem
Grade
    Am Ende der »Tafel« die durch das Aneinanderrücken einiger runder
Kaffeehaustische entstanden war saß zwischen Fräulein Gerber und einer Dame
die eindringlich ja fast aufgeregt auf ihn einsprach der holländische
Professor Obwohl er eine verbindliche Miene beibehielt rückte er doch
unbehaglich auf seinem Platz hin und her und ließ den Blick über die
Tischgesellschaft wandern als erwarte er von da Ablösung von seinem Posten
Denn sowohl Fräulein Gerber die mit süsslichem Lächeln das keinen Moment von
ihren Lippen wich da saß als auch die andere Nachbarin ließ den Gast keinen
Augenblick locker Während aber Fräulein Gerber meist persönliche Bemerkungen
in Form schmeichelhafter Phrasen von sich gab sprach die Dame die sich an der
anderen Seite des Professors niedergelassen hatte über das Thema des Abends mit
dem Rüstzeug einer Ausdrucksweise die einen wissenschaftlichen Anklang hatte
besonders solche Ausdrücke die dem Gebiet der Physiologie entnommen waren
wendete sie häufig an Sie war den meisten der Anwesenden nicht bekannt hatte
sich als Frau Dr Bergmann vorgestellt Offenbar war sie der Vorsitzenden nicht
fremd da ihr Frau Dr Wallentin beim Verlassen des Versammlungslokals
freundlich die Hand gedrückt hatte Sie unterschied sich von den anderen Damen
wesentlich durch ihre Kleidung Denn während die meisten der anwesenden Frauen
im Stil der neuen Frauentracht die von Berlin aus langsam ihren Weg ins Gebiet
der konventionellen Mode nahm gekleidet waren  farbensatte Stoffe trugen von
einem Gürtel unterhalb der Büste gerafft deren Blusenteil häufig mit jenen
neuartigen dichten Handstickereien in farbiger Seide oder in metallischen
Borten bedeckt war die diesen fließenden Gewändern den Eindruck leichter
Konfektion benahmen  trug Frau Dr Bergmann einen schweren grauen Lodenrock
in dem eine gewöhnliche herrenhemdartige gestreifte Bluse steckte dazu einen
steifleinenen Stehkragen und einen schwarzen Ledergürtel Auf dem Kopf um den
das natürlich gekräuselte hellbraune Haar herumstand saß ein grünes
Jägerhütchen dessen kurzflügeliger Federnschmuck hinten hochstand und der noch
jugendlichen Frau mit den nicht unsympatischen Zügen einen Stich ins Komische
gab
    Frau Dr Bergmann hatte sich am Schluss der Versammlung auch Olga vorgestellt
und nickte ihr nun wiederholt mit der Miene einer alten Kameradin die ihrer
Befriedigung mit ihr Ausdruck geben wollte zu Olga saß am anderen Ende des
Tisches mit dem Ehepaar das ihr mit seinen drei schönen lebhaften Töchtern
aufgefallen war  es war die Familie eines Hamburger Grosskaufmanns der sich
ins Privatleben zurückgezogen hatte An derselben Ecke saßen auch das
Reichstagsmitglied und der graubärtige revolutionärgesinnte Pastor Olga
wunderte sich über die vertraulich erscheinende Art mit der ihr Frau Dr
Bergmann zunickte und betrachtete von ferne interessiert ihr Gesicht Aus dem
Oval sprang eine Nase heraus die sich stark zum vorgerückten Kinn herabbog
auffällig war eine kleine Unregelmässigkeit der braunen Augen deren eines ein
wenig höher saß auch etwas kleiner war als das andere Diese Augen verrieten
eine Unruhe die der freundlich lächelnde schmallippige Mund nicht zu
bestätigen geneigt schien Die Muskulatur der einen Gesichtshälfte in der das
größere tiefergelagerte Auge saß war etwas kräftiger entwickelt als die der
anderen Trotz dieses Mangels an Symmetrie war das Gesicht nicht ohne Reiz
    Kurz vor Abgang der letzten Vorortzüge brach die Gesellschaft auf Man sagte
sich draußen vor dem Portal des großen Kafés in dessen Sälen sich die Menschen
noch stauten Adieu Der Potsdamer Platz war überfüllt vom Verkehr ein dünner
linder Regen fiel und der nasse Asphalt glänzte in der Lichtflut
    Olga strebte an der Kreuzung der Königgrätzer Straße mit dem Potsdamer Platz
über den Fahrdamm
    Drüben angelangt bedachte sie sich einen Augenblick ob sie in eine
elektrische Bahn einsteigen sollte Aber nach dem langen Aufenthalt in den
rauchigen Sälen war das Bedürfnis nach frischer Luft zu stark in ihr Sie
beschloss aus dem Trubel heraus in die ruhige Tiergartenstrasse abzubiegen und
zu Fuß zu gehen Sie wohnte in der Nähe des Lützowplatzes den sie durch den
Tiergarten auf gutbeleuchteten Wegen erreichen konnte Während sie durch die
kurze verbindende Bellevuestrasse ging vorbei an den glänzend erleuchteten
Hotelvestibulen schien es ihr als folge ihr jemand mit leichten eiligen
Schritten dicht auf dem Fuß An der Ecke an welcher die Bellevuestrasse in den
Tiergarten einmündet gerade da wo sich vor etwa sechs Stunden Koszinsky von
ihr verabschiedet hatte war es dass sie von hinten ihren Namen rufen hörte
    »Fräulein Diamant« Es war eine Frauenstimme in hohem scharfem Diskant
die sie anrief Die Stimme betonte und verlängerte das i und hackte nach
norddeutscher Art die Vokale ohne verbindenden Hiatus scharf auseinander so
dass es klang »Diiamant«
    Die Angerufene blieb stehen wandte sich um und fand sich Frau Dr Bergmann
gegenüber
    »Ich bitte Sie   mich nicht der Dreistigkeit zu zeihen  aber es drängte
mich Ihnen Aug in Aug gegenüberzustehen auch haben wir denke ich ein gut
Teil Weges gemeinsam«
    »Zeihen   Aug in Aug«   Olga fielen sowohl die Stimme als auch diese
Wendungen auf
    Frau Dr Bergmann trabte nun die Hände in die schrägen tiefen Taschen
ihrer Lodenjoppe versenkt ohne Schirm mit ihren kurzen eiligen Schritten
neben ihr her Olgas Einladung mit unter ihren Schirm zu kommen lehnte sie ab
Sie bediene sich nie eines Schirmes
    »Als ich Sie heute sprechen hörte« begann sie nach kurzer Pause   »da
hatte ich den Eindruck voilà hier steht ein Mensch«
    Olga wusste nichts zu erwidern und Frau Dr Bergmann fuhr fort
    »Und weil ich nach einem Menschen   dürste so sagte ich mir   eh bien
Erika fasse Mut   Und darum bin ich jetzt hier  neben Ihnen« Sie legte
den Kopf auf die Seite und wandte Olga mit eindringlichem Lächeln ihr Gesicht
zu so dass sie im Schein der Gaslaterne das Flackern ihrer Augen sehen konnte
    Ihr Interesse an Frau Dr Bergmann wurde durch deren Bemerkungen nicht
gerade verstärkt Die manirierte Art ihrer Ausdrucksweise empfand sie als
peinliche Reizung ihrer Nerven die sie nach dem lebhaften Abend mit besonderem
Unbehagen erfüllte sie hätte jetzt gerne Ruhe gehabt Aber es wäre ihr ganz
ungehörig erschienen irgendeine Seele die sich um menschlichen Anteil
bittend an sie wandte abzuweisen Und so sagte sie »Es soll mich freuen wenn
ich Ihnen nützen kann«
    »Nützen   o du grundgütiger Gott Ich brauche keinerlei Nutzen von irgend
jemand«
    »Der Verkehr von Menschen der für alle Teile ganz nutzlos bleibt kann wohl
als sinnlos und überflüssig gelten«
    »Da haben Sie recht meine sehr Verehrte« rief Frau Dr Bergmann lebhaft
und es klang aufgeregt bestärkend »Ja ja   selbst eine Beziehung die der
ganzen Welt sinnlos scheint braucht es nicht zu sein wenn   wenn   dieser
heilige Nutzen für die Seele da ist von dem Sie wohl sprechen o davon wüsste
ich viel zu sagen   viel viel«
    Da Olga schwieg fuhr sie fort »Und gerade Ihnen möchte ich das alles
sagen   denn Sie   Sie unter allen werden verstehen was den anderen 
über den kleinen Horizont geht«
    »Ich bin dessen nicht ganz so sicher« meinte Olga als wolle sie sich den
Bekenntnissen die nun offenbar folgen sollten entziehen
    Aber vergebens Frau Dr Bergmann kam jetzt in immer stärkere Erregung sie
schien sich an ihren eigenen Worten zu entzünden  beinahe gewaltsam als wolle
sie sich Gehör und Verständnis erzwingen rüttelte sie an der Zurückhaltung der
anderen      »Das einfache Wesensgeschehen   dass eine Frau einen
Menschen findet   bei dem sie das Gefühl hat   dass er ihr das Paradies
Leben zu erschließen vermag   dass sie zu diesem Manne strebt  ohne Besinnen
  unter vollständiger Preisgabe von allem was sie bisher besaß   dass sie
an die Macht ihres Willens unfehlbar glaubt dass sie ihre Liebe hegen will
solange ein Atemzug in ihr ist   solange noch eine Nervenfaser in ihr vibriert
  dass sie glaubt ja weiß  « hier zuckte ihr Gesicht wie vom Krampfe
verzerrt   »dass er dieser Liebe folgen muss   das  das ist es was die  
Geringen  die Kreaturen des Alltags   nicht begreifen wollen   wofür sie
sie gequält haben mit lächerlichen Fragen  « Und angstvoll drang sie in sie
ein »Aber Sie   Sie begreifen«
    »Es ist nichts Neues und nichts Unbegreifliches dass eine Frau um der Liebe
willen alles preisgibt was sie bisher besaß«
    »Sehen Sie   sehen Sie   ich wusste Sie würden mich verstehen«
frohlockte Erika
    »Aber   Sie sagten da etwas von der Macht des Willens  derer es bedarf
dass der Mann dieser Liebe folge   und das ist mir nicht ganz klar meinte
Olga«
    »Er wird   er wird   er muss ja« stieß die andere hervor
    »Er muss  wie ist das zu verstehen Will er denn nicht dasselbe wie Sie«
Unwillkürlich war sie stehengeblieben Der Regen rauschte auf die Blätter der
Bäume nieder
    Unruhig warf Erika den Kopf zurück »Ach Gott   dass sind diese Fragen
die mir so   so überflüssig erscheinen«
    »Verzeihen Sie  aber wenn Sie selbst sich so weit mitteilen  so sind
solche Fragen wohl unvermeidlich«
    »Vergeben Sie  o vergeben Sie Sie haben ganz recht Ich meinte nur  ein
Weib von Delikatesse bedarf nicht erst der Versicherung eines Mannes   dass 
 er   sie liebe«
    »Nicht in Worten gewiss nicht   aber in Taten«
    »Auch das nicht«
    Olga sah sie erstaunt beinahe erschrocken an
    Geheimnisvoll im Flüsterton fuhr Erika fort »Ein grossgeartetes Weib  
wissen Sie   wird hingehen   wird ihm tief ins Auge blicken   wird
vielleicht   sagen   ich liebe Sie«   die Stimme hob sich wieder zum
schrillsten Diskant   »ich liiiebe Sie   und muss darum meinen Mann und mein
Kind verlassen«
    »Und was ists mit dem Manne dem diese Frau ihre Liebe auf solche Art
bekennt«
    Erika zuckte scheinbar gleichmütig die Achseln aber aus ihrem gehetzten
Blick kroch Qual über ihr ganzes Gesicht »Er mein Gott   er handelt wie ein
Mann seiner Art eben handeln muss er   er  « es schien als grabe sie
angstvoll in sich selbst nach   und dann kam es wieder geheimnisvoll und
überzeugt von ihren Lippen »Er prüft mich«
    »Wodurch«
    »Ja sehen Sie eine andere würde   wankend werden wenn   wenn er   so
tut   als   als ob er nichts von ihr wissen wollte  aber nicht ich«
    »Wenn er was tut«
    »Nun   wenn er sich scheinbar nicht um mich bekümmert «
    »Wie Sie haben Mann und Kind verlassen und er bekümmert sich nicht um
Sie«
    »Offen   darf er es nicht Aber« sie blickte sich scheu um   »Sie
müssen wissen   er verliert mich nicht aus den Augen«
    »Wo und wie verkehren Sie mit diesem Manne«
    »Ich verkehre nicht direkt mit ihm  aber   aber er lässt mich ständig
beobachten« Wieder blickte sie sich um aber weit und breit war niemand zu
sehen   »Oh   das habe ich herausbekommen«
    »Und ihn selbst   wann sehen Sie ihn«
    »Er sieht mich nicht   er begegnet mir nicht  das   das ist ja eben
 die Prüfung«
    Tief betroffen wandte ihr Olga den Blick zu »Worauf bauen Sie« fragte sie
gespannt
    »Auf die Macht meines Willens« sagte Erika mit funkelnden Augen »Oh ich
werde ihn zwingen Unablässig sende ich ihm   Strömungen   meines Willens«
    »Was hat er Ihnen gesagt   damals als Sie Ihre Familie verließen«
beharrte Olga
    »Ach   das kümmert mich nicht« sagte Erika in wegwerfendem Ton aber
ihre Stimme zitterte »Er tat natürlich als wäre er sehr erstaunt über meinen
Entschluss   redete Worte die nichts bedeuteten   ich hätte auf ihn keine
Hoffnungen zu setzen   sagte meinem Mann meine   Ideen   wären ihm
unbegreiflich   und er habe mit alledem  nichts zu schaffen  aber was
kümmert mich das« stieß sie leidenschaftlich hervor Und hartnäckig fuhr sie
fort »Ich weiß ja doch dass das nur Prüfungen sind Habe ich sie alle
bestanden  « ein fanatisch verklärter Schein kam in ihr Gesicht   »dann
wird es angefahren kommen  das Glück«
    Olga hatte begriffen Sie schlug nun die einzige Methode ein diesen
Vorstellungen auf den Grund zu kommen  sie fragte mit ernsthafter
Sachlichkeit
    »Warum glauben Sie das«
    »Weil ich das Glück ersehnte wollte     wie ein Verhungernder die
Nahrung   all die Jahre lang Ich wartete darauf in meiner Ehe   ich rief
es Ich gebar vier Kinder von denen eines lebt   aber ich hungerte und
suchte eines Tages fand ich was ich suchte und sagte mir jetzt ist es Zeit
Um alles zu gewinnen   musste ich alles wagen  alles aufs Spiel setzen«
    »Wollte   ergierte   suchte   wagte « Olga verstand nun ganz Eine
Gewalttat am Schicksal eine Erpressung an der Vorsehung das war es was sich
ihr enthüllte Wie musste die Busse sein die auf diese Tat gesetzt war Und
plötzlich tauchte wie eine Vision das Bild einer anderen Frau vor ihr auf  
die nichts ergierte die nichts tat was das Verderben lockte   die trug und
wartete Eva Nestors Bild stand plötzlich vor ihrem inneren Auge
    Erika fuhr indessen fort von den Prüfungen zu erzählen die ihr auferlegt
seien Der Geliebte   er wäre ihr scheinbar nie näher getreten als ein
gewöhnlicher Bekannter   tat als kümmerte er sich nicht um sie aber sie
wusste  oh sie wusste In harter Mühsal verdiente sie sich seit sie ihren
Mann verlassen als Kontoristin ihr Brot aber davon wolle sie Olga ein andermal
erzählen  Und wenn er ihre Liebe noch hundertmal stärker auf die Probe
stellte  ihr sollte es nur recht sein Oh dass sie leiden durfte um ihrer
Liebe willen   das war ihres Daseins »bittersüsse Wonne«
    Wortlos folgte Olga den exstatischen Ausbrüchen dieser modernen Griseldis
    Sie waren nun an der FriedrichWilhelmStraße angelangt die von der
Tiergartenstrasse zum Lützowplatz hinaufführt Olga blieb einen Augenblick
stehen um auszuruhen Sie sah die nächtlichen Portale der Villen die Gärten
deren gelbes regennasses Blattwerk hinter den eisernen Gartengittern raschelte
sie sah die Biegung der einsamen regenglänzenden Straße über welcher die hohen
Bogenlampen schwebten und das tiefe Dunkel des Tiergartens das wie ein
schwarzer Wall die Straße auf der anderen Seite begrenzte In all seinen
Einzelheiten drang das nächtliche Bild in ihre Seele Schweigen war ringsum Nur
oben vom Lützowplatz drang gedämpftes Wagenrollen bis hierher
    Das Gesicht der Frau Erika Bergmann war bleich und ihre Augen irrten
unstet Das grüne Hütchen hatte sich verschoben und saß ein wenig schief auf der
Seite Schweigend gingen sie bis zum Lützowplatz Als Olga in eine Seitenstrasse
einbog und bald vor dem Hause stand in dem sie wohnte sagte ihr Frau Erika
Bergmann in ihrem hohen scharfen Diskant »Auf Wiiiedersehen«   und mit ihren
kurzen eiligen Schritten trabte sie in Nacht und Regen davon
Eines Tages erhielt Olga einen Brief aus Dresden mit unbekannter Handschrift
Als sie den Umschlag öffnete fielen zwei dichtbeschriebene Bogen heraus Die
Schrift die diese Blätter bedeckte war dick fast ohne Haarstriche die
Buchstaben enganeinander und steil Der Brief war von Werner Hoffmann
Stanislaus hatte ihr kürzlich erzählt dass er in einem Sanatorium in der Nähe
Dresdens sei eine schwere Erschöpfung hatte ihn gezwungen um einen Urlaub
einzukommen Auf Empfehlung eines Arztes war er in der Anstalt unter Bedingungen
aufgenommen worden die ihm den Aufenthalt da ermöglichten
    Der Brief trug keine Überschrift
    »Ich muss sprechen und wissen dass ich gehört werde Darum schreibe ich Wenn
ich alles gesagt haben werde was in dieser Stunde zu sagen ist  dann werde
ich nachdenken ob ich auch adressiere  und ich werde es sehr schnell wissen
Auf die Gefahr hin eine falsche Adresse gewählt zu haben werde ich den Brief
dann absenden
    Das wird kein Liebesbrief dazu ist meine eigene Verwirrung zu groß
Verwirrung im Felde der Voraussetzung  Verwirrung im Gebiete der Objekte So
sieht die Sache erkenntnisteoretisch aus Aber aus dem Mannigfaltigen und
Hemmenden wächst das Einfältige und Eindeutige und treibt und schiebt zur Tat
Es wächst der Wunsch mit ihm nicht  der Mut Natürlich wage ich nichts  was
sich nicht im gegebenen Falle als missverständlicher Unsinn deuten ließe wert
einer freundlichen Ofenflamme überliefert zu werden
    Und doch ist es eine Tat Hervorgelockt aus dem grotesken Gestrüpp der 
Begier ist ein kleines schwaches schlechtes Wort Aber Wunsch nach jenem
Zustand in dem Ich überwunden wird Dass es gelänge  dass es vernichtet würde
Ich ist ein sonderbares Ding immer allein und doch tausendfältig gebunden
    Vielleicht reizt Sie das Problem
    Ein Wort der Erwiderung erbitte ich Denn hat je einer weniger gelogen als
ich Man sage mir ein Wort Und sei es nur  Sei still mein Freund  wenn man
nicht sagen kann
Hier blüht das schwere Schweigen 
Hier findest du was dich dir nimmt
Hier wallt in rotem Purpur
Vergessenheit und blickt dich an
Zerstäubt zu Millionen Kräften
Löst sie dein Schicksal von dir ab
Trägt es dahin von wo es kam  
                                          Natürlich Ihr sehr ergebener Hoffmann
Nachschrift vom Tage
    Frau Baronin v Kellenberg wird Sie aufsuchen sie hat ihre Gedichte unserm
Verlag angeboten Ich sende Ihnen mit gleicher Post das Manuskript Mein Urteil
eine respektable Kraft im Rhythmus der Nüchternheit die letzten Wünsche der
Exstase ausdrücklich zu machen Ihre Meinung bitte«
    Nach zwei Tagen erwiderte Olga
    »Es gibt Briefe denen man es ansieht dass sie erst nach zehnmaligem
Versuche der Abfassung entstanden sind So verräterisch war mir der Ihre 
    Was man sucht glaube ich zu erkennen Man sucht eine brauchbare Form Form
sein heißt Weib sein  zugegeben Aber diese Form erwartet einen bestimmten
Inhalt  der das Gewebe ihrer selbst durchdringe und erfülle ohne dass es
Störung Zerstörung bedeute der also vom selben Stoff sei wie sie nur
fliessender füllender Vergessenheit  lädt mich nicht ein Für mich ist 
Deutlichkeit Nur was deutlich in mir ist gibt mir Fülle Ich will nicht
taumeln  will gehen mit sicheren Schritten und offenen Augen will wissen
Verwirrung im Felde der Voraussetzung ja der Objekte    Das ist als trüge
ein werdender Keim schon sein Todesbewusstsein in sich Und doch  eine Tat
    Aber Sie verdienen Freundesvertrauen Und so hören Sie denn das Bekenntnis
meines frömmsten Glaubens Ich glaube dass es eine Stunde geben kann die das
Ich  dieses tausendfältig gebundene und einsame  aller seiner Bande
entbindet  die es frei macht für immer Das ist die Stunde in der es dem
einzigen Genossen begegnet  dem Zugedachten  und ihn erkennt in voller
Deutlichkeit Aber ich glaube nicht dass zu dieser Stunde und über diese Stunde
ein ebener grader Weg führt  das mit dieser Begegnung und mit dieser
Erkenntnis auch ein Besitz verbunden sein müsse der aus zweien wahrlich eines
macht  Wäre ich teosophisch veranlagt  ich hoffte auf die immer
wiederkehrende Begegnung bis auf höherer Bahn die Wege sich so einen dass es
kein Verlieren mehr gibt
    Aber ich hoffe nicht  in diesem Sinne Nur dass Begegnung möglich sei 
wenn auch ohne Erfüllung  das ist mein Glaube Und ich weiß auch  das andere
 das Allzuirdische dass Hunger und Wegemüdigkeit ihre Rechte verlangen  und
Kompakte schließen heißen
    Dies was ich Ihnen zu sagen habe Ich lese die Gedichte der Baronin
verweile gern auf den Worten solange ich die Blätter vor mir habe
Leben Sie wohl und ruhig
                                                                  Olga Diamant«
Darauf kam noch ein Brief
    »Ich bin froh wenn ich an Sie denke Nicht wie in die rote Glut nicht wie
in ein Chaos zuckender Blitze  nein  wie in ein helles weites edles
Gemach so blicke ich in Ihre Seele Vielleicht werde ich bald schuldig werden
an Ihnen Verlassen Sie mich nicht  wie immer es sein wird zwischen uns Ich
mag Sie nicht verlieren  wie immer es sein mag zwischen uns Sie dürfen mich
nicht verlassen  denn ich bin ein Unglücklicher einer der am Lichte der Sonne
und an den Freuden des Weibes schuldig wird schuldig an seinen Liedern
schuldig an seinen Küssen
    Aber meine Wünsche sagen ja Und meine Wünsche küssen Sie Und bald werde
ich sagen hier bin ich Ich bin nicht die Begegnung  nein Aber ich bin ich
und ich bin hier  werde ich sagen
    Leben Sie mir wohl Liebe Schöne Ich komme bald denn ich sehne mich nach
Ihnen Meine Leiden haben mich demütig gemacht darum küssen meine Wünsche nur
scheu Ihre edlen Hände
                                                                Werner Hoffmann
PS Die Gedichte der Baronin senden Sie wenn Sie damit fertig sind bitte
direkt an den Verlag ich habe die Annahme veranlasst«
So war sie wie es ihr Geschick schien die Freundin der Umhergetriebenen der
Unbehausten derer die wenn auch nur im Schatten eines fremden Daches rasten
möchten War es die Wirkung ihres eigenen Schreitens ihrer gebändigten Kraft
die diese Zusammengebrochenen anzog die die Entgleisten und Ausgesprungenen mit
wärmendem Frieden füllte
    Sie fühlte sich ihnen gegenüber bettelarm Was konnte sie ihnen geben  was
wollten sie von ihr Eine schmerzliche Neigung gemischt mit einem herben
Verzicht verband sie mit diesen Zerstörten Einem Heilen einem Ganzen einem
glücklichen Starken begegnen und sich ihm verbünden dürfen  das war die
Sehnsucht von der ihre stillste Stimme sprach Und dieser Stimme galt ihr
bewusster Verzicht
    Koszinsky besuchte sie Es schien ihr als wäre sie für ihn die
Repräsentantin einer Schicht für die er verloren war zu der durchzudringen es
ihm an genügend unnachgiebigen Antrieben mangelte Während seiner
Zigeunerfahrten waren sie gebrochen worden Mit dem selbständigen Spürsinn des
weiblichen Gemütes fühlte sie das sehr bald deutlich sie fühlte ohne dass er es
aussprach dass er von ihrer Weiblichkeit nichts mehr für sich erwartete noch
begehrte Ihre einstige nahe Begegnung lag zwischen ihnen wie eine Brücke die
um eines lebhaften Gewässers willen geschlagen worden war der Fluss aber war
versiegt seine Quellen waren verschüttet  nur die Brücke war noch da Und sie
führte immerhin über die Niveauhöhe des gemeinen Tages und wölbte sich gangbar
über die trockene Erdfläche die das einstige Flüsslein ihrer Liebe mit
lebendigem Geplätscher erfüllt hatte
    Sie wusste dass die wenigen Stunden die er bei ihr zubrachte für ihn
friedvoll waren und sie gönnte sie ihm Aber nur wenn ihn während dieser Rast
nichts an sein eigenes dunkles Dasein mahnte bewahrte sie für ihn den Frieden
Er kam wie einer der sich von einer ihm nicht zugänglichen Welt erzählen lassen
will  der der beste Hörer und ein kluger Versteher ist ohne von sich selbst
auch nur ein Geringes preiszugeben So war er das gerade Widerspiel zu Hoffmann
der von sich selbst übermächtig erfüllt formende Aufnahme suchte  Wäre ein
anderer vor jeder Berührung seines Schicksals so zurückgewichen wie Koszinsky
es tat  es hätte ihr Misstrauen erregt und sie zu gleicher Verschanzung
gemahnt Hier aber wusste sie dass es das Hoffnungslose war das sich scheu vor
Berührung barg Seine Augen deren Flackern stiller wurde wenn er längere Zeit
bei ihr saß entzündeten sofort wenn sie an das gefährliche Thema seiner
Existenz auch nur rührte ihre unruhig tanzenden Funken Das gefasste Lächeln
verschwand der Mund wurde hilflos und eckig Sie solle ihn nicht verscheuchen
 indem sie ihm »helfen« wolle  um Gottes willen nicht Er sprang auf und
begann in dem kleinen Stübchen dass er mit seinen langen Schritten schnell
durchmass hilflos wie ein gefangenes Tier auf und nieder zu gehen So war es
gewesen als sie ihm einmal mit gutbedachten Worten zuzureden begann dass er
versuchen möge seine musikalische Kaffeehausexistenz durch eine andere
abzulösen
    »Was soll ich Ihnen darauf antworten« fuhr er gequält auf
    »Warum Ihnen das so unmöglich scheint Sie sprechen mehrere Sprachen Sie
könnten eine Stellung suchen wo Sie die verwerten können  vielleicht vorher
noch etwas Kaufmännisches dazu lernen «
    »Buchhaltung Stenographie  wie Ihre famose davongerannte Erika wie«
Sie hatte ihm von ihr erzählt  »Den Kontorstuhl drücken  dass wäre ein Heil
 was«
    Sie schwieg traurig Und sie brachte es fertig ihm unter der schwersten
Bedingung die einem Weibe gestellt ist ihre Güte zu wahren wissend dass sie
sie einem gab über den sie jede Macht verloren zu dem weder Wunsch noch Rat
von ihr einen Weg hatten 
»Meine Liebe und Verehrte Haben Sie die Güte und lassen Sie mich auf
einliegendem Bogen wissen ob ich den morgigen Nachmittag mit Ihnen verleben
kann Es würde mich über die Massen freuen dies im Anschluss an ein
interessantes wenn auch nicht schmerzloses Ergebnis tun zu dürfen Morgen ist
nämlich mein letzter Scheidungstermin Außerdem trifft es sich glücklich dass
ich im Kündigungsmonat bin und gleichzeitig eines rheumatischen Anfalls halber
Krankenurlaub genieße So habe ich sattsam Zeit erstens für meine
Privatangelegenheit und zweitens für Sie meine sehr Verehrte Meine neue
Stellung die ich auf Grund von neunundsechzig beantworteten Annoncen errungen
habe scheint leidlich zu sein Vielleicht ist sie sogar angenehm Nur zu lange
Bureauzeit  von morgens 12 8 bis abends 12 8 in einer Orgelfabrik in
Lichtenberg Kennen Sie es In der Richtung Hoppegarten  Osten Mein
Wohnungsumzug dahin wurde opportun Und so kam es dass ich nicht eher Zeit fand
mich hier bei Ihnen zu präsentieren die Stellungsuche dann der Umzug
dazwischen die Verhandlungen mit Herrn Dr Bergmann belegten mich mit Beschlag
Sogar meine Passion litt unter diesen turbulenten Störungen  missverstehen Sie
mich nicht ma chérie nicht die große Passion jamais de la vie  die kleine
ich meine mein Geklimper Mein Handgelenk war steif vom Schreiben der Offerten
und meine Füße waren wund gelaufen So wurden sogar meine allmittäglichen und
allabendlichen Etüden vernachlässigt Sollte ich Sie morgen gegen 4 Uhr
nachmittags nicht antreffen
    so bin ich
    nach wie vor 
    mit herzlichsten Grüssen von Haus zu Haus
                              Ihre allerergebenste
                                                                 Erika Bergmann
PS Rückporto einliegend 
    Estce que je pourrais venir vous prendre sinon demain   dimanche
prochain Toute à vous
                                                                           EB«
Wenn Koszinsky von Olgas neuer Freundin hörte so murmelte er immer mit
spöttischem Gesicht vor sich hin »Die Äffin halb halb Heldin war« Und indem
er sie auf diese Art boshaft zu einer neuartigen mytologischen Erscheinung
machte traf er beinahe das Richtige
    »Es ist das große lemurische Zwischenreich dem sie angehört« warf Olga
hin in Erinnerung an jenes letzte Gespräch mit dem Wiener Cousin Und da er
eine Erklärung forderte gab sie sie
    »Es fehlt irgendwo  an entscheidender Stelle  ein entscheidendes Etwas
Irgendeine Kraft die zur vollen Bewältigung einer höheren Lebensform unbedingt
nötig ist ist nicht da oder nicht genügend entwickelt darum ein Versagen an
wichtigen Stellen dabei eine absolute Auflehnung gegen primitivere 
gewöhnlichere  Daseinsformen die als überwunden empfunden werden    So
ungefähr verstand mein Cousin Art und Schicksal jener Schicht die er lemurisch
gespenstig halbäffisch nannte«
    »Also eine Rückbildung  bis in die Nähe vom Gorilla«
    »Falsch verstanden Unter den Ganzaffen die noch hinter den Lemuren zu
denken sind meinte er natürlich nicht unsere braven zoologischen Ahnen«
    »Sondern«
    »Sondern die überwundene Bürgerschicht  deren nächste Fortsetzung jene
intellektuell Gesteigerten sind bei denen aber die wichtigsten Impulse die zur
Orientierung der ganzen Art unentbehrlich sind  noch nicht im gleichen Grade
mit gesteigert sind«
    »Und was würde das alles bedeuten Denn kein Sein ist ohne Bedeutung«
    »Vorderhand ein Sichaufbrauchen zwischen zwei Existenzstadien«
    »Und nachher«
    Sie sah gedankenverwoben vor sich Ihre Augen bekamen einen nebligen
Schleier
    »Es muss einen Weg geben aus diesem  Zwischenreich« sagte sie suchend
»einen Weg der wahrhaftig  ja wahrhaftig  hinausführt«
    »Und wohin sollte dieser Weg wohl führen«
    Erstaunt sah sie ihn an »Wohin anders als zum Menschen  Zum gesteigerten
Menschen    Wohin anders«   
    Und der neblige Schleier über ihrem Blick zerteilte sich und ihr Auge
strahlte klar
Erika war als junges Mädchen bei einem älteren Arzt und Witwer als Erzieherin
seiner Kinder im Hause gewesen
    Nach kaum einem Jahr hatte ihr der stattliche Herr der sich den Sechzig
näherte Herz und Namen geboten Stabsarzt Dr Bergmann war eine echt
militärische Erscheinung groß und massig mit vollem fleischigen Gesicht das
die etwas ins Bläuliche spielende Röte des Zechers zeigte weißen
Bartkoteletten schwer und stapfend im Tritt mit einer Atmosphäre um sich die
an einen leichten Dampf und an den Geruch von Juchten erinnerte Überzeugt dass
sie seinen Antrag als unverhofft glückliche Wendung ihres Gouvernantendaseins
betrachte hatte er ihre Antwort kaum abgewartet und sie gleich bei seiner
Werbung kräftig an sich gezogen
    Während der folgenden Monate in denen die junge Frau Stabsarzt ihr Kind
erwartete glaubte auch sie an das unverhoffte Glück Zwar entsprach der
massige ältliche Herr nicht ganz den Träumen die ihr in ihrer Mädchenzeit das
Bild des künftigen Gatten umwoben hatten Dass er um 35 Jahre älter war als sie
beängstigte sie ein wenig Aber sie war schon bange gewesen ihr Frauenschicksal
zu versäumen  Mit all ihrer Begier nach dem »Wunderbaren« erwartete sie nun
das Kind Es kam  und kam zu früh und starb nachdem es wenige Tage in
künstlicher Wärme vom rauen Leben abgesperrt gehalten wurde an den Folgen
eines Luftzuges Eine zweite Schwangerschaft endete mit einer Fehlgeburt eine
dritte brachte ein dürftiges Geschöpfchen das drei Jahre seine Mutter in Atem
hielt bis es seinen Geschwistern folgte Dann kam noch ein viertes Kind ein
kleines Mädchen Es wurde mit Widerwillen empfangen und ausgetragen und in
Erbitterung geboren Aber es fristete sich am Busen einer kernigen Amme weiter
und blieb am Leben ohne dass seine Mutter sich wesentlich um seine Existenz
mühte
    Indessen begehrte der Fünfundsechzigjährige noch immer Zutritt zur Tür
seiner Frau Aber während sie sich seiner greisen Begier überließ arbeitete die
misshandelte schwer vergewaltigte Phantasie mit krankhafter Hartnäckigkeit ein
Bild aus dass der maßlos gereizte Glückshunger gewalttätig ins tatsächliche
Schicksal seiner Trägerin projizierte Zug für Zug erweiterte sie dieses
Tableau schweifte dabei umher glücksbegierig lebenshungrig  und suchte das
Modell für die Hauptgestalt Einen jungen Arzt der auf der Fläche ihres Lebens
irgendwo auftauchte erwählte sie sich endlich Sie stellte ihn an den großen
freien Platz in ihrem Bild  und sich selbst in entsprechender Pose daneben
Ganz im Bann ihrer Manie begann sie jetzt die Aktion Aus der Welt des Wahnes
ging es nun heraus in die der harten Tatsachen  zum gewaltsamsten Zusammenstoß
mit der Wirklichkeit
    Er begann damit dass sie plötzlich jeden Zusammenhang mit der Familie
unerträglich fand Sie sperrte sich stundenlang ein ließ sich ihr Essen auf ihr
Zimmer bringen Die bloße Nähe ihres Mannes verursachte ihr physische Störungen
 sie konnte wie sie sich ausdrückte das Essen das sie in seiner Gegenwart
einnahm nicht mehr verdauen Eines Tages war sie entschlossen Unter Mitnahme
ihrer geringen Ersparnisse verließ sie das Haus Dann trat sie vor den
unfreiwilligen Helden ihrer Träume und sagte ihm unverzagt »Ich liiiebe Sie«
    Dass der Erwählte sich gegen jede Beziehung zu ihr verwahrte störte nicht
den Ablauf ihres Wahns
    Frohlockend erzählte sie Olga an die sie sich mit derselben Energie
anschloss mit der sie ihre Liebe gegen alle Bedenken verteidigte  wie »seine«
Boten und Späher jeden ihrer Schritte bewachten Der Geliebte sorge auch dafür
dass sie ihn nicht vergesse  Wie er denn das mache fragte Olga Nun  sie
wurde ernst und geheimnisvoll  heute sei ihr ein Mann gefolgt der ihm
entschieden ähnlich sah  Was sie denn damit sagen wolle  Nun das sei doch
klar zu durchblicken Er sei reich für Geld sei alles zu haben und so habe er
Sorge getragen einen Detektiv ausfindig zu machen der ihm ähnlich sei  damit
sie sich seiner erinnere wenn sie jenem begegnete  Ein andermal zeigte sie
einen Brief vor den sie an den Geliebten geschrieben und der mit dem Vermerk
»Retour nicht angenommen« an sie zurückgelangte »Sehen Sie« sagte sie
leuchtenden Auges  »das hat er selbst geschrieben  damit ich seine
Handschrift sehen soll «
    Und diese Frau war nicht wahnsinnig wie Olga zuerst glaubte ihr Geist war
 bis auf dises eine geheimnisvolle Gespinst das ihr verfehltes schwer
lädiertes Frauenschicksal in ihrem Hirn erzeugt hatte  nicht umnachtet ihr
Orientierungsvermögen nicht gestört Wunderbar aber war was aus dem
erschütterten Boden dieser Seele aus der undämmbaren Lava ihres Wahnes die
sich aus den Tiefen undurchdringlich und schwarz über sie gebreitet hatte  an
Tatkraft erwuchs Gerade jenes Kampfes in dem sie sich als Heldin bewährte
schien sich Erika am wenigsten bewusst Es war ihr Kampf um Brot von dem sie
Olga zwar mit der gewohnten freundlichen Bereitwilligkeit auf ihr Befragen
berichtete den sie selbst aber nur als nebensächlich  als eine kleine
Schwierigkeit die eben zu bewältigen war  betrachtete
    An jenem Nachmittag zu dem sie sich angesagt hatte  an dem sie vor ihrem
letzten Scheidungstermin kam beide Arme mit Blumen für Olga beladen die die
Freude über ihre »Freiheit« ausdrücken sollten  berichtete sie in bester
Laune und in einer Darstellung die die scharfe Beobachtung nicht verkennen
ließ von den »kleinen Plackereien« mit denen sie zu schaffen hatte seit sie
dem Gehege der versorgten Ehefrau vollkommen ungerüstet entsprungen war
    Ganz unvermittelt begann sie nachdem sie sich an einer Tasse Tee gelabt
hatte von der Anomalie ihrer linken Gesichtshälfte zu sprechen
    »So wurden die Hexen dargestellt« bemerkte sie nicht ohne Stolz  »auch
große Künstlerinnen zeigen zuweilen solche Unregelmässigkeiten  Haben Sie mal
ein Bild der Lagerlöf gesehen Nun da finden Sie das eine Auge in derselben
Art wie bei mir ein wenig höhergestellt« Und dabei lugte sie in den Spiegel
und funkelte ihr eigenes pikantes Hexengesichtchen herausfordernd an »Aber ich
bin auch linkshändig« fuhr sie fort und verrührte mit der Linken den Zucker in
der Teetasse  »wie die meisten künstlerisch begabten Menschen oder doch
solche die  mit künstlerischen Anfechtungen«  sie zögerte und schloss dann
mit munterer Entschiedenheit  »sagen wir belastet sind« »Und Ihre 
Belastung«
    »Ich habe eine unglückliche Liebe zum Klavier  das ist meine kleine
Passion« und sie berichtete dass sie trotz ihres Mangels an Zeit regelmäßig
in den zwei Stunden ihrer Mittagspause und jeden Abend von 9 bis 10 Uhr auf
einem gemieteten Pianino übe
    »Wann treten Sie Ihre neue Stellung an«
    »Zum Ersten natürlich und bis dahin genieße ich meinen Kündigungsurlaub«
    Was denn das für ein Urlaub wäre
    »Das ist eine Freiheit von zwei Stunden täglich die jedem Angestellten im
Kündigungsmonat gewahrt werden muss damit er sich eine neue Stellung suchen
kann Außerdem habe ich mir meine Neuralgie mal ausnahmsweise nicht verkniffen
und habe mich für ein paar Tage krank gemeldet Scheidung und Offertenschreiben
 das nahm viel Zeit weg«
    Und als Olga Näheres über die Art wie sie sich ernähre wissen wollte
erfuhr sie von einer seltsamen Odyssee die wohl geeignet war ihr Schauer
einzuflößen
    Als Gouvernante wie zu ihrer Mädchenzeit mochte sie nicht ihr Brot suchen
Die vollkommene Abhängigkeit im Hause einer fremden Familie wäre ihr jetzt
unerträglich gewesen auch hätte sie in ihrer Lage einer in Scheidung
befindlichen Frau kaum eine solche Stellung gefunden Sie hatte sich also
nachdem sie ihr Haus verließ mit ihren Ersparnissen in eine einfache Pension
eingemietet hier bezog sie das billigste Zimmer  die Mädchenkammer Wenn man
hier auch von dem Brausen der Wasserleitung und anderen unangenehmen Geräuschen
des benachbarten Raumes gestört wurde so konnten einem solche Kleinigkeiten 
wenn man sie für eine große Liebe erlitt  nichts anhaben  Hals über Kopf
stürzte sie sich in einen Kursus für Buchhaltung Stenographie und
Schreibmaschine Daneben trieb sie allein an der Hand kaufmännischer
Sprachbücher französische und englische Handelskorrespondenz Sie hatte
berechnet dass ihre Mittel für ein Vierteljahr reichten Nach sechs Wochen war
der »Handelskursus« beendet und sie ging auf die Stellungssuche Sie schrieb
lief annoncierte Bei einer neugegründeten Zeitung »zur Verbesserung des
Wohnungswesens« fand sie ihre erste Stellung Hier sollte sie die Bücher
einrichten Nachdem sie dies mit Hilfe ihrer jungfräulichen Kenntnisse getan
wurde ihr vom Fünfzehnten zum Ersten gekündigt Mit großer Freundlichkeit
erklärte ihr der Chef ein blutjunges korpulentes Herrchen dass der noch kleine
Betrieb es ihm ermögliche die Bücher nun selbst weiter zu führen Aber er werde
auf sie »zurückkommen« wenn er ihrer bedürfen sollte
    Bei der »Deutschen Stahlzentrale für die gesamte MetallwarenIndustrie« war
ihr nächster Posten In einem kleinen schmalen Zimmerchen eines Hinterhauses
wurde der stolz betitelte Betrieb geführt Die Zentrale der
MetallwarenIndustrie lieferte während ihres Dortseins einige Roststäbe für eine
Gasanstalt Nach kurzer Zeit erklärte der Chef er habe sie unter der stillen
Voraussetzung engagiert dass sie sich mit etwas Betriebskapital beteiligen
werde Heirat nicht ausgeschlossen  Sie ging
    Ein neuer Posten fand sich in einer »Fabrik zur Verwertung von Sägespänen«
Eine neuerfundene Maschine die den märkischen Sand und die Sägespäne zusammen
zu Bausteinen presste sollte hier verwertet und vertrieben werden Die
märkischen Gutsbesitzer sollten die Maschine kaufen weil sie sowohl Sand als
Sägespäne hatten Der Chef hatte Verbindungen in aristokratischen Kreisen
besonders in denen des Landadels Er sah sehr stattlich aus glich einem
Offizier in Zivil war groß und kräftig trug ein feines englisches Bärtchen
einen sorgfältig geglätteten Offizierscheitel eine diskrete Perle in
einfarbiger Krawatte hatte ein schneidig schnarrendes Organ und besaß einen
kapitalen echt russischen Windhund »Barseu«  dessen Leben auf 5000 Mark
versichert war und mit dem er täglich mittags und abends persönlich auf den
belebtesten Korsostrassen des feinen Westens spazieren ging um auf diese Art für
den »Barseu« eine seiner Rasse würdige Gefährtin zu finden  Es waren noble
große Räume in einer Prachtstrasse die er gemietet hatte Das Direktionsbureau
sollte romanisch eingerichtet werden vorderhand war es allerdings noch fast
leer  ein alter Tisch zwei Hocker eine Kiste und eine Matratze für den
»Barseu« bildeten das Inventar  Erikas Kündigung erfolgte hier weil sie
angeblich zu langsam stenographierte und ungenügend die Schreibmaschine
beherrschte Die letzten vierzehn Tage peinigte sie der Chef so erzählte sie
mit Vorsatz Er diktierte viel zu schnell zankte mit ihr wenn sie die Sätze
mit dem richtigen Kasus schrieb während er Akkusativ und Dativ manchmal
verwechselte Zum Schluss kam es zu einer heftigen Szene Als sie einem
galoppierenden Diktat seiner schnarrenden Stimme nicht folgen konnte und er sie
auf der Stelle zu entlassen drohte empfahl sie ihm sich einen
Reichstagsstenographen zu engagieren Der schneidige Chef erklärte ihr wütend
die Geschichte mit ihr sei »mau«  worauf sie ihm erwiderte sein Geschäft sei
mau
    Er wies ihr auf der Stelle die Tür Sie klagte vor dem Kaufmannsgericht um
den Restgehalt und »verglich« sich mit ihm auf zwanzig Mark
    Damit stand sie im Monat Juli auf der Straße Eine neue kaufmännische
Stellung konnte um diese Zeit nicht gefunden werden trotzdem sie täglich im
Zigarrenladen an der Ecke die Zeitung durchsah und Annoncen herausschrieb was
ihr der Besitzer des Ladens gutmütig gestattete Natürlich befragte er sie um
den Zweck dieses Tuns und sie klagte ihm ihr Leid Nachdem sie immer elender
aussah und schließlich auf seine Frage gestand dass sie hungerte bot er ihr
einen Ausweg aus ihrer Lage Seine Familie sei auf dem Lande er sei Strohwitwer
und entbehre »seine Ordnung« besonders aber die gewohnte »Hausmannsküche« Ob
sie denn kochen könnte  Nun wenn man acht Jahre Hausfrau gewesen war so sei
das wohl selbstverständlich  Ob sie täglich zu ihm kommen wolle für ihn und
sich zu kochen Natürlich müsste sie gleichzeitig das Aufräumen der Wohnung
besorgen denn »zwei zu halten« würde nicht lohnen Dafür wolle er ihr die Kost
und drei Mark wöchentlich geben    Als sie das erstemal mit dem Mülleimer in
den Hof ging begegnete ihr die Portierfrau und sah ihr misstrauisch nach Am
anderen Tag als sie früh in den Hausflur des Vorderhauses trat und eben die
Treppen hinaufgehen wollte vertrat ihr die Portierfrau den Weg »Wenn Se hier
oben Aufwartefrau sind denn jehen Se man hintenrum« Und sie ging hintenrum 
  Der neue Herr erzählte ihr während der Mahlzeiten die sie mit ihm zusammen
einnahm vertrauensvoll seine Geschichte Er hätte einmal studieren wollen für
die Gewerbeakademie Leider habe er seine Kariere durch Heirat zerstört Seine
Geliebte eine Blusennäherin sei in andere Umstände gekommen und da habe er
als »Schentelmann« gehandelt als »Kavalier« und sie geheiratet »Ein Kavalier
ist kess« schloss er  Sein Äußeres schilderte Erika als das eines Menschen von
»zwerghaftem Typ« mit OBeinen einer »Stubsnase« in die es hineinregnen konnte
und bürstenartig geschorenem Haar Eines Abends als sie sich nach dem Abendbrot
anschickte nachhause zu gehen und ihm vorher noch das Bett abdeckte begann
er wie sie sich ausdrückte  »sexuelle Gespräche zu führen« Wie eine Frau in
ihren Jahren denn ohne Mann leben könne  was ihn betreffe so leide er unter
der Abwesenheit seiner Frau schon so »dass es nicht mehr schön sei« usw Sie
mit ihrer naiven Art alles buchstäblich und ernst zu nehmen antwortete ihm in
wohlwollend aufklärender Weise »wissenschaftlich« und hielt eine Abhandlung über
die Phänomene geschwächter Willenskraft die dazu angetan wären Libido zu
steigern
    Die Stubsnase blieb verblüfft und behandelte sie aus Verlegenheit grob
    Mitten in diese Situation an der sie täglich immer schwerer schleppte kam
eine Wendung die sie als das »Wunderbare« empfinden musste
    »Zum Ordnen der Bibliothek wird gebildete Dame gesucht« Sie ging an die
Adresse
    Es war ein vornehmes Grundstück im Grunewald das sie betrat In einem
weiten Park in dem ein kleiner See eingeschlossen war auf welchem Schwäne und
wilde Enten schwammen und an dessen Ufern graue und rosenrote Flamingos
spazierten  inmitten eines kleinen Haines herrlicher Kiefer mit pinienartigen
Kronen zwischen denen vereinzelte Buchen rauschten  lag ein schlossartiges
altes Landhaus Hier wohnte die Herrschaft die eine gebildete Dame zum Ordnen
der Bibliothek suchte
    Sie war in ungewöhnlich zeitiger Morgenstunde gekommen um die erste der
Bewerberinnen zu sein Betaut lag der Park und zart und morgenfrisch wölbte
sich der Himmel über dem märkischen Walde Der frische leichte Wind spielte mit
dem Kiefernduft trug ihn bald stärker vorwärts und wehte ihn dann wieder
zurück Auf dem Wasser kräuselten sich kleine silbrige Wellen 
    Während sie in der Halle wartete fürchtete sie schon zu so früher Stunde
nicht angenommen zu werden
    Aber da kam der Diener zurück und forderte sie auf ihm zu folgen Sie wurde
in einen weiten Bibliotekssaal geführt Während sie mit vor Erwartung
gespannten Nerven um sich blickte trat aus der Portiere des Nebenzimmers eine
alte Frau im dunklen Morgenkleid mit geradem strengen Faltenwurf  mit
weißen Locken die silbrig schimmernd bis zur Schulter fielen und leuchtenden
Blauaugen die sie auf Erika ruhen ließ  der unter diesen Blicken leichter
zumute wurde
    Und Frau Dr Wallentin fand Gefallen an Erika und behielt sie zum Ordnen der
Bibliothek 
    Einen ganzen Monat lang durfte sie ihr neues Amt versehen Es galt den
Inhalt der großen Bücherkisten welche die beiden Söhne von Frau Dr Wallentin
nach Hause sandten zu ordnen Weit über Meere und Länder kamen diese Kisten
und sie brachten nicht nur Bücher sondern Aufzeichnungen Aktenmaterial
photographische Aufnahmen Sammlungen aller Art Manfreds Material sammelte
Tatsachen der sozialen Kultur in Indien Japan Amerika Neuseeland  Florian
der Jüngere sandte neue Kundschaft aus den dunklen Gegenden der Erde
berichtete über unzivilisierte und halbzivilisierte Völkerstämme Die beiden
Brüder der älteste und der jüngste waren auf Weltreisen  jeder auf einer
anderen Tour Der eine durchforschte an den Rändern der Erdteile fremde
Kulturen der andere drang mit einer Expedition ins Innere zu Naturvölkern Der
mittlere Sohn Justus war zu Hause als Rechtsanwalt in Berlin tätig und
überwachte mit seiner Mutter und seiner Frau einer schönen Schwedin die
Sendungen Es schien Erika als würde da ein gewaltiges Werk vorbereitet  und
ihre geschickten Hände griffen zu ohne dass sie die Bestimmung ihres Tuns und
jenes dem sie diente überblickte Sie hörte nur dass Manfred der Älteste
bald erwartet wurde
    Als in einem Monat die Arbeit getan war sie nicht mehr allmorgendlich als
Helferin der Familie hinaus nach dem Grunewaldhaus pilgern durfte  da führte
sie ihr Schicksal wieder in die Wüste Wie ein wunderbarer Traum geträumt im
Schatten eines spendenden Baumes von zärtlichen Lüften umweht  so blieb ihr
die Erinnerung an das Eiland der Schönheit auf dem sie auf ihrer Wanderung
hatte rasten dürfen
    Frau Wallentin hatte ihr beim Abschied freundlich über das Haar gestrichen
das so spröd und eigenwillig um die Stirn herumstand Sie kannte ihr Schicksal
 auch hier hatte es sich aus dem gepressten Herzen über die Lippen gedrängt 
und sah ihr ernst und still in das tieferrötende Gesicht   Sie lud sie ein
im Herbst die Versammlungen des »Bundes« zu besuchen und gab ihr die
Eintrittskarte für das nächste Jahr  Ihre Mitilfe am ordnenden Werk entlohnte
sie so reichlich dass Erika ruhig und vorsichtig ihre neue Stellung suchen
konnte
    Zum Unterschied von ihren bisherigen Posten kam sie nun in einem
Riesenbetrieb unter Es war ein Hüttenwerk »Zum Eisenhammer« in dessen Bureau
sie aufgenommen wurde Sie sah sich da einer komplizierten Buchführung gegenüber
und hatte große Mühe sich zwischen Wechselklagen Zollberechnungen und
komplizierten Kalkulationen zurechtzufinden Ein Recambio das ihr präsentiert
wurde machte sie ratlos Seitenlange Zinszahlenauszüge bekam sie von ihrem
unmittelbaren Chef dem Prokuristen durchrissen zurück Dieser Chef behandelte
das ganze Personal mit einer Grausamkeit die Erika »sadistisch« nannte Sie
wendete mit Vorliebe der Patologie entlehnte Ausdrücke an die ihr als
Arztesfrau und als langjähriger Leserin medizinischer Zeitschriften geläufiger
waren als die doppelte Buchführung Dieser sadistische Chef überhetzte das
Personal peinigte es auf jede Art Nach ihrer Beschreibung hatte er ein
mächtiges brutales Gesicht einen Schädel dessen Dimensionen dazu
herausforderten sich über die Grenzverhältnisse von Genie und Wasserkopf zu
unterrichten  und kleine scharfe Augen die sich in die Opfer einbohrten Er
beobachtete die neue Buchhalterin genau Nach einiger Zeit bemerkte sie zu
ihrem Staunen eine Veränderung seines Verhaltens Er sah ihre Fehler beinah
milde nach und half ihr über die Schwierigkeiten durch Belehrung Es traf sich
auch dass er manchmal nach Bureauschluss ein Stück Weges mit ihr zusammenging
    »Ach  hätte ich mich nur in ihn verlieben können« berichtete sie
seufzend »Aber ich kann nicht  kann nicht« Es lag so wenig Entrüstung oder
Widerwillen in diesem Teile ihrer Schilderung der sich mit den Annäherungen des
Prokuristen befasste  dass man an ihrem guten Willen ihn zu lieben und »jenen
anderen zu vergessen« nicht zweifeln konnte In ihrer überstürzten Art verriet
sie mehr als sie wollte »Schließlich  bei einem Ausflug an den Scharmützelsee
 sagte ich Ihnen das  wollte er mich küssen   aber  er roch so wild so
animalisch    oh es war unmöglich    Zudem sah ich plötzlich  im
freien Feld  ein Auto stehen   und da wusste ich gleich  dass ich von da aus
beobachtet wurde«  
    Nach ihrer fluchtartigen Rückkehr vom Scharmützelsee war ihre Stellung im
Bureau des »Eisenhammers« unmöglich geworden Der Prokurist behandelte sie
wieder mit Grausamkeit  was blieb ihr übrig als wieder zahllose Offerten zu
schreiben  jedes handschriftlich sauber und akkurat Endlich kamen zur
näheren Auswahl zwei Stellungen in Betracht Bei einer Versicherungsgesellschaft
sollte sie mit dem Gehalt von 130 Mark pro Monat angestellt werden  als
Agentin Dafür war sie verpflichtet für 13000 Mark monatlich Geschäfte
abzuschließen
    für jedes Tausend das von dieser Summe fehlte sollten zehn Mark abgezogen
werden Dieser Honorarsatz galt aber nur für die Erwerbung von Policen für
direktes Ableben Bei Er und Ableben Lebensfall musste sie um ein Drittel mehr
Geschäfte machen
    Sie wählte die zweite Stelle in einer Orgel und Harmoniumfabrik in
Lichtenberg Beim Engagement sagte ihr der Chef ein kleiner dicker
Ostberliner
    »Det sach ich Ihnen jleich  pünktlich müssen Se sind«
    Erika »Wir leben in einer Großstadt  die Elektrische kann doch mal
überfüllt sein«
    Er »Wenigstens müssen Se Jrund haben« Morgens um halb acht Uhr hatte sie
anzutreten die Orgeln und Harmoniume abzustäuben  dann die Abzahlungskunden
zu besuchen um »Reste anzumahnen« Nachmittags waren die Bücher und die
Kontorarbeiten zu erledigen Sie bekam 120 Mark Gehalt außerdem zahlte der Chef
die Krankenkasse und die Invalidenmarken Um auch die Fahrkarte nach dem
äußersten Osten zu sparen war sie dahin  in den düstersten Proletarierbezirk
Berlins  übersiedelt
    Hier hielt sie jetzt
Die Abende begannen lang und trüb zu werden Olga verbrachte sie zumeist
zuhause in ihrer Mietsstube Sie hatte einen Plan gefasst der einen Versuch
darstellte sich eine Existenz zu schaffen Sie wollte eine Korrespondenz für
die Frauenbewegung herausgeben Hoffmanns Chef war als Verleger für den Plan
gewonnen worden und hatte sich bereit erklärt den Druck zu besorgen Den
Vertrieb sollte sie selbst übernehmen Zu diesem Zweck würde ihr Zimmer nicht
genügen und eine eigene kleine Wohnung notwendig werden Sie suchte schon
fleißig natürlich im Vorort da sie nicht zwischen den vier Mauern eines
Gartenhauses das in Berlin selbst allein in Frage kam leben wollte Im Vorort
konnte sie wohl eine kleine Wohnung mit freierem Ausblick finden
    Der Vater war von dem Plan verständigt worden und sie hatte um eine Summe
gebeten mit der sie die ersten Unkosten und die einfachste Einrichtung der
Wohnung bestreiten konnte Ohne weiteres hatte er das Geld gesandt Es war ein
Geschäft wie jedes andere das sie begann  warum ihr nicht helfen Ja zu
ihrem Erstaunen war er erfreut gewesen von dem Plan denn es hatte ihn gequält
dass das Mädchen ohne verständlichen Zweck fern von zuhause in der fremden
Großstadt saß Nun hatte ihr Dortsein einen Zweck und darum half er ihr ihren
Plan auszuführen
    Sie begann Verbindungen mit Autoren und Redaktionen anzuknüpfen wollte
nicht eher beginnen bevor ein fester Kreis von Mitarbeitern und auch von
»Abnehmern« gewonnen war dabei hieß es erkennen was die Tagespresse brauchte
vielleicht neue Anregungen geben und Bedürfnisse wecken andererseits galt es
die Autoren zu interessieren sie zur Arbeit anzuregen sie auf Probleme der
Frauenkultur wie sie sich in der Zeit meldeten aufmerksam zu machen mit
Geschick die geeigneten Persönlichkeiten heranzuziehen Die Korrespondenz wie
sie ihr vorschwebte sollte nicht wahllos Artikel die der Zufall auf den Tisch
wirbelte aneinanderreihen  sie sollte der Ausdruck einer in sich
geschlossenen Anschauung werden Bei dieser Arbeit half ihr Lore Wigolski Lange
hatte sie eine passende Helferin für die Erledigung der vielen schriftlichen
Arbeiten gesucht Und da sie noch keine eigene Schreibmaschine besaß war es
schwer geworden eine Kraft zu finden die ihr nur stundenweise und doch sicher
zur Verfügung stand so oft sie sie brauchte Sie hatte es mit verschiedenen
kleinen Tippmädchen versucht  aber die pünktliche und sichere Lieferung der
zumeist eiligen Briefe klappte nicht wie sie musste Auf gut Glück war sie
begleitet von Stanislaus auf eine Annonce hin auch zu Frau  oder Fräulein 
Wigolski gegangen In einer kleinen Gartenhauswohnung in Schöneberg vier
Treppen hoch wohnte sie Ein junges eben schulentlassenes Dienstmädchen
öffnete und führte die Besucher gleich in eine große lichte Stube die mit
behaglichem Altväterhausrat ausgestattet war Da standen prächtige alte
Biedermeierkommoden tiefe Fauteuils und ein bequemes Sofa wie es in die »gute
Stube« einer alten Berliner Familie gehörte aber mit braunem Tuch neu bezogen
da war auch ein großer moderner Arbeitstisch von rotgebeiztem Holz fast so
groß wie ein Zeichentisch mit Papieren und Maschinenschriftmanuskripten
bedeckt Daneben war ein kleines Tischchen auf dem auf einem dicken
Schalldämpfer von Kork die Schreibmaschine stand Und da war noch ein
Möbelstück das eigentlich nicht in dieses Zimmer passte
    ein weißes Kinderbett mit einem Bettimmel von hellblauem Tüll stand nahe
einer schmalen Tapetentür in der Ecke Über das ganze behagliche Zimmer waren
Blumen verteilt  auf den Kommoden standen Vasen mit Herbstlaub Astern und
Georginen und grüne Blattpflanzen reckten sich im Erker der Sonne zu
    Eine schlanke Frau in knappem dunklen Tuchkleid trat ein Ihr Kopf
erinnerte Stanislaus an die Modelle moderner Maler große scharfgezeichnete
Züge ein etwas breiter Mund mit zwei prächtigen Zahnreihen lebhafte graue
Augen deren äußere Winkel etwas schräg gestellt waren und einen wendischen
Einschlag im Blute verrieten dem man in alten Berliner Familien oft begegnet
Sie sprach mit kräftiger sicherer Stimme und der reservierte Zug in ihrem
Gesicht verschwand bald Zwischen den beiden Frauen spann fast augenblicklich
über die geschäftlichen Beziehungen die sie anknüpften ein persönliches
Interesse seine Fäden  es war wie eine Ahnung die die kämpfenden Frauen
dieser Zeit oft blitzschnell zu schwesterlichem Erkennen fühlt
    Man einigte sich rasch Lore Wigolski sollte schon am nächsten Tage zum
Diktat kommen Stanislaus und Olga erhoben sich
    Da hörte man Kinderweinen im Nebenzimmer Die Tapetentür wurde geöffnet und
das kleine Dienstmädchen rief herein »Ach bitte  Frolain  kommen Se doch
mal Lörchen is so unnütz«
    Aber da drängte es sich schon durch die Tapetentür  das unnütze Lörchen 
vierjährig mochte es sein  schönwie ein kleiner Cherub mit roten Bäckchen
großen grauen Strahlenaugen und dunkelblonden Locken
    »Mutti  is will mal die Leute sehen«  damit zappelte sie geradewegs auf
die Geschwister zu
    Lore Wigolski lächelte Es war als ob über die herben Züge eines
Kliemtschen Kopfes das uralte das ewige Licht  aus dem Antlitz der
Kindesmutter genommen  gebreitet würde So lächelt  besitzfroh  die Mutter
Madonna divina  die das Pfand empfangen geboren gerettet weiß 
    Freundlich beugte sich Olga zu dem Kind Für Stanislaus aber war die Stube
mit dem Altväterhausrat verwandelt Flammend hatte das Licht hineingeschlagen
und im göttlichen Glanz sah er das Püppchen das Lörchen die Arme breiten sah
er ein Kind auf kleinen Beinchen schwanken hörte er das Stammeln der jungen
Sprache  Er durfte die Verklärung erleben die den Frommen und Gläubigen
wird wenn sie der Mutter mit dem Kinde begegnen  denn er war einer von ihnen
In diesen langen einsamen Herbstabenden die Olga allein verbrachte irrten
ihre Gedanken wandermüde als wollten sie rasten zu den Bildern der Freunde
die vor ihre sehnsüchtig ausblickende Seele traten Aber da war keines dem sie
hätte frohlockend zuwinken mögen Tritt näher  du bist es  ich erkenne dich
    Hoffmann hatte wieder geschrieben und seine nahe Rückkehr angezeigt Als er
eines abends bei ihr eintrat und sie sein Gesicht wiedersah  bleich länglich
bartlos mit dem sanften und doch glühenden Blick der dunklen Augen  schien er
ihr wie ein alter Bekannter Er warf die Lodenpelerine und den Filzhut ab und
berichtete dass er sich erholt hatte weil er sein Gehirn so richtig hatte
ausschlafen lassen Willig hatte er sich in das Räderwerk des Sanatoriums gefügt
und hatte den Tag abschnurren lassen wie das Uhrwerk es wollte Ein immer
gleicher Turnus von physischen Aktionen bestimmt die Muskeln zu üben die Haut
anzuregen die Gewebe zu festigen und das Blut zu erneuen  das waren diese
Wochen für ihn gewesen und sie hatten ihr Werk gut getan So war das Leben eine
Weile überlistet worden man hatte Ohren und Augen verschlossen um nicht zu
merken wie es hinging
    Aber in den kurzen Intervallen des wachen Wissens  war sie dagewesen war
plötzlich und immer wieder vor ihm gestanden Und diese sehnsüchtige Spannung
in die ihn dieses Bild das ihre Züge trug versetzte war immer stärker
geworden Dennoch  er stockte zögerte bangte  senkte den Blick der sie
heischend umfasst hatte
    Sie begriff  und wie Nebelschwaden die immer dichter trüber schwerer
aus abendlichen Auen steigen  so stieg Schwermut aus ihrer Seele und breitete
sich aus Wie waren die Worte seines ersten Briefes gewesen »Verwirrung im
Felde der Voraussetzungen  Verwirrung im Gebiete der Objekte«  Und dann war
das Einfältige und Eindeutige dennoch gekommen die Wünsche die Wünsche 
Scheu nahten sie sich  wie er es verheißen  doch unabweislich in ihrem
Fordern Ja diese scheuen begierlichen Wünsche umrankten sie liebkosend  und
weckten sie stärker als Taten Und auch sie hatte Wünsche  einschläfern was
immer wach lag sich durchdringen lassen mit jenem köstlichen Frieden der halben
Betäubung den ihr einmal als sie schwer krank gelegen das Morphium gebracht
 zum Schweigen bringen alles  was nicht lügen konnte  alle diese
gesprächigen Zellen ihres so wahrhaftigen Leibes  die da riefen »Nein
nein« Diese Rufenden  überschütten  mit einer einzigen schweren roten
Welle  dass sie verstummten  Sie sprach mit ihm ohne den Rhythmus der Stunde
zu beschleunigen und sie fühlte wie sie mit jedem ihrer gedämpften Worte die
Hecke der Wirrnis verdrängte die sie beide schied Und sie fühlte dass sie ihn
in Bande schlug 
    Es war tiefe Nacht geworden Das breite Fenster des Berliner Zimmers war
geöffnet denn der Tag war mild gewesen Ein paar Straßen weiter war eine
Hauptstraße gedämpft durch die Gruppen der Häuser drang ein leises Brausen
durch die stille Nacht  der Atem der nächtlichen Stadt
    Sie traten zum Fenster Vom blauschwarzen mondbeleuchteten Himmel hoben
sich die dunklen Massen der Dächer ab und an einigen Stellen flimmerten die
Schiefer wie die vom Mondlicht übersilberte Fläche eines nächtlichen Sees Man
hörte einen verspäteten Singvogel unten im Garten einen kurzen Ton aus der Kehle
stoßen wie im Schlaf
    Hoffmann sagte »Welch ein seltsames Ding ist es doch  eine Melodie oder
eine Dichtung eine Skulptur oder ein Gemälde zu finden Zu finden jawohl«
wiederholte er »Denn sie sind da diese Harmonien  Im Weltenraum warten sie
unser Im All wartet eine Harmonie  wie die Figur im Block und es heißt
wegsprengen was sie birgt  Dazu bedarf es  bezauberter Hände«  seine
Stimme sank in ein weiches Geflüster  »bezauberter Hände Wie schön ist
diese Nacht meine Liebe Ja  wegbeschwören   was eine Harmonie verbirgt
 das ist es   was auch wir tun müssen  « Sein Arm bebte als er ihn zagend
um ihre Schultern schlang Er begann leise die Melodie der Baccarole aus
»Hoffmanns Erzählungen« zu pfeifen  die in die Nacht hinein schwoll und
wiegend in Dunkel und Schweigen glitt 
Als er sie im Morgengrauen verließ blieb sie in den Kissen wach Ermattende
Schwere lag über ihren Gliedern  Und was sie in die entlegensten Winkel der
Seele gedrängt  es meldete und regte sich und kroch heran Das Bewusstsein das
stark wie das helle Licht des Tages über ihren Weg geleuchtet und ihr
unzweifelhaft gezeigt hatte dass er es nicht war den sie erwarten sollte  sie
hatte es fortgeschoben verschüttet mit ihren und seinen Wünschen  ja vor
allem mit seinen Wünschen die ihre reife Jungfräulichkeit begehrten 
Bedrängt von Scham gestachelt von stolzem Trotz der ein ihr bisher
unbekanntes fast verächtliches Gefühl resignierten Ergebens in ihr schuf
versank sie endlich als der Tag anbrach in unruhigen Halbschlaf Sie hörte im
Traum ein Gefährt rasseln und träumte dass es auf einer breiten einsamen
nächtlichen Straße dahinfuhr und sie dachte  im Traum  es müsse jene
Charette sein die die Verdammten zum Richtort führte Und dieses Rasseln
erschien ihr im Traum in unlöslichem Zusammenhang mit der gespenstigen
Verlassenheit ihres Lebens  
    Sie erwachte am späten Vormittag als ihre Wirtin ihr das Frühstück
brachte Und da lag auf dem Tablett ein Rohrpostbrief Hastig strich sie mit
einem in Wasser getauchten Lappen den Schlaf aus den Augen und las am Bettrand
sitzend Hoffmanns Brief
    Mädchen Du weißt nicht was Du mir gegeben hast Du tatest das Herrliche
ohne darum zu wissen Und auch ich werde eines Tages vielleicht nicht mehr darum
wissen werde es mit Blindheit geschlagen vielleicht vergessen können eines
Tages Aber heute weiß ich  Und so sei es gesagt  wie glitzernd ich bin und
befreit und sprudelnd wie ein Bach der im ersten Frühling durch den Tannenwald
jagt  Seine Wellen überspringen einander und verstäuben Diamantengesprühe in
die selige Luft Mädchen das hast Du mir gegeben Du stolze Spenderin mir dem
Gedemütigten der bislang nur mit verbissenen Zähnen und schamrotem Gesicht im
Schösse der Schande von seiner Mannheit erfuhr  Nun bin ich so ohne Sorge
Warum bist du nicht da dass diese Herrlichkeit über Dich auch käme Und denke
ich an Dich so mahnt es mich an den Duft der schwarzen bergenden
Frühlingserde an das Flüstern der bedächtigen Blätter wenn der Wind über sie
streicht  an das Klirren der weißen Kieselsteine am Grunde des Baches wenn
die frohen stürmenden Wasser sie überfluten  Ach und nie  nie noch war das
alles in mir  wie jetzt    Vergiss es nicht Mädchen was heute in mir ist
 auch wenn ich es vergesse Vergiss es nie  dass heute meine Seele fromm in der
Deinen war 
    Ich küsse Deine Lippen Deine Hände Deine Knie  Werner
 
                                Fünftes Kapitel
                              Versuche und Kämpfe
 »Nur der Irrtum ist das Leben
 Nur die Fülle birgt die Klarheit
 Und im Abgrund wohnt die Wahrheit«
                                                                         Goethe
Werner Hoffmann hatte mehrere Wochen im Sanatorium zugebracht Nach dem
aufreibenden Existenzkampf vieler Jahre waren diese Monate die erste Erholung
gewesen dabei hatte er diese Ruhepause seinen Verhältnissen nicht in einer
Weise abgezwungen die ihren Genuss mit neuer Sorge beladen hätte Er zehrte
nicht von irgendeinem zu diesem Zweck mühsam aufgetriebenen Gelde er bangte
nicht was »dann« werden sollte  wie die meisten seiner Kreise die ohne ein
wirtschaftlich gesichertes Endziel ihres Strebens zu sehen auch zu einer
beruhigten und gesicherten Rast keine Gelegenheit haben Seine Stellung im
Verlag die ihm erst wenig Befriedigung gegeben hatte festigte sich immer
besser und es lockte sein Interesse als Hüter an einem jener Tore zu sitzen
durch welches das was der persönlichsten Erkenntnis des einzelnen geworden in
die Fülle der Gemeinschaft drängte in ihr zur Wirkung zu gelangen Dieser
Gedanke den er in seinem Amt ausgedrückt fand hatte in ihm den ersten Zweifel
erweckt über das Wort das bisher seine trotzige Parole gewesen
    »Was habe ich mit der Gesellschaft zu tun«
    Der Chef seines Verlages hatte ihm bereitwillig den Urlaub zur Herstellung
seiner Gesundheit gewährt Durch Empfehlung war ihm zu sehr ermässigtem Preise
Aufnahme in einer Anstalt geworden in der die jüngste Heilweise der Moderne
die physikalischdiätetische Terapie ihre Wunder tat Müde unfrei beladen war
er hingegangen und unbewusst und ungefühlt ging bei einer höchst einfachen aber
glücklich zusammengestellten Lebensweise bei der besten Ausnutzung von Licht
Luft Wasser Elektrizität und bedächtiger Auswahl der Nahrungsstoffe jene
Erneuerung mit ihm vonstatten die zwar nicht den organischen Defekten wohl
aber den von der steeple chase des modernen Lebens an den Nerven Geschundenen
wieder zur Häufung neuer Energien verhilft und ihre zeittypisch gewordenen
»funktionellen Störungen« behebt
    Er hatte nicht »gedacht« in diesen Wochen hatte mit vollem Willen alles
Grübeln und Sinnieren ausgeschaltet Ja er hatte auch nur wenig gelesen  die
Gedichte der Baronin um ihren Verlagsantrag zu erledigen sonst fast nichts
und geschrieben hatte er eigentlich nur an Olga da fast ohne Willen und
Absicht ihr Bild in dieser Zeit der Ruhe stark und fest umrissen vor seine
Seele getreten war Ja  er sah sie in ihrem reifen reinen Werden sah sie
wie eine Erscheinung die hart an der Grenze der zeitlichen Gegenwart wach und
zielsicher in die Zukunft schritt  eine Wegebahnerin der Kommenden jener
Frauen die mit instinktstarkem Willen ein ganzes Menschtum forderten die nicht
mehr satt wurden in generativer Beschränkung die es aber auch nicht ertragen
mochten aus dem Zauberkreis der Gattung ausgeschlossen zu bleiben So war sie
plötzlich vor ihm gestanden so hatte er sie »gewusst«  erlebt  ohne über sie
viel gedacht zu haben Wie schon manchmal in seinem Leben war hier ein Bild ein
Gefühl ein Gedanke entstanden an dem sein Bewusstsein kein Teil hatte
zumindest nicht das Bewusstsein wie es deutlich der Tag gibt So war über ihn
auch manchmal wie eine wahrhaftige Offenbarung ein Rhythmus ja ein
Gedankenkomplex gekommen war mit erstaunlicher Deutlichkeit plötzlich vor ihm
gestanden aber nur in guten Zeiten in denen seine Kräfte geheimnisvoll sich
erneuten und häuften geschah ihm  wie allen Findern Erfindern Propheten und
Dichtern geschieht Darum auch hatte er erkannt  in jener Nacht die Harmonie 
die geschlossene Einheit ist da  sie wartet im All wegsprengen was sie
birgt das ist es Und in begnadeten Zeiten geschah es dass die chaotischen
Massen die irgendeine geheimnisumwobene Einheit umgaben  die zu finden
vielleicht einem einzigen Gehirn bestimmt war  von selbst auseinander rückten
wie Kulissen die auf den Wink der entscheidenden Hand auseinanderweichen zur
Seite rücken in die Erde versinken als Vorhang in die Höhe gehen  und das
geordnete Bildnis in ihrer Mitte freigeben
    So war ihm in jenen Wochen geschehen  ohne Wissen und Willen Die eine
Erkenntnis die er »erfahren« war Olga Aber da war noch eine andere und sie
überraschte ihn tief als sie plötzlich in unerwarteter Helle vor seinem Auge
stand
    Im Sanatorium selbst hatte er »geschlafen« Aber schon als er im Bahnzug
saß der ihn fortführte war eine wundervolle geistige Lebendigkeit über ihn
gekommen Es war als ob die Energien die die Kur mit Absicht zum Stillstand
verurteilt hatte nun tausendfältig hereinbrächen und nicht versplitternd
auseinanderstrebend  nein sie fügten sich leichthin zusammen tummelten sich
wie feurige Genien die zum Werke strömen Das fruchtbare Land das kluge
Absicht für eine Weile vollkommen brachgelegt hatte begann nun zu treiben die
Aussaat die vordem ermattet in seinem Schoss gelegen keimte in neuer Frische
und trieb ihre Schösslinge  herauf  ans Licht
Mit Stanislaus sprach er sich zuerst über die neugewonnene Erkenntnis aus
    »Sie erinnern sich an unser letztes Gespräch  damals bei Ihnen  als  als
Ihre Schwester hier war Wir sprachen von  Menschenliebe wissen Sie es noch«
    Stanislaus lächelte Er sah friedlich und ruhevoll drein in letzter Zeit
»Was geht nun wieder in jenem Kopf vor« dachte er
    »Gewiss erinnere ich mich Sie vertraten die Ansicht dass man die Menschen
wie sie da sind nicht lieben könne«
    »Nicht in Bausch und Bogen«
    »Haben Sie Ihre Ansicht geändert«
    »Nein« Hoffmann sah ihn ruhig an In seinem Blick brannte wieder jene
sanfte Glut aber die Schatten die sonst sein Gesicht verdeckten waren
verscheucht
     »Nein ich glaube nach wie vor nicht an die Liebe zur Menschheit  wie
sie da ist wie sie kreucht und fleucht Das ist  abgesehen von jenen seltenen
Erbarmern die über die Erde gingen von jenen großen Gnadenherzen  ein
Demagogenbetrug«
    »Wollen Sie leugnen dass diese Masse wie sie da kreucht und fleucht mit
Edelstoffen durchsprengt ist die nur der richtigen Chemie bedürfen um frei zu
werden«
    »O nein das leugne ich nicht Das ists ja eben Der richtige Lösungsprozess
 das ist hier die Aufgabe« Und da er sah dass der andere gespannt horchte
fuhr er mit frohem Feuer im Auge fort »Hören Sie Auf das wertvolle
Individuum kommt es an nicht wahr Darüber sind wir doch einig«
    »Immerhin auch auf die bestmögliche Gestaltung der Masse«
    »Die ist nur möglich  durch ihre Zusammensetzung aus wertvollen und
tauglichen einzelnen Und diese Möglichkeit ist es an die ich glaube die ich
liebe  und der ich dienen möchte«
    »An dieser Möglichkeit arbeitet eine starke Partei«
    »Ist sie auf dem Weg« Gedankenvoll ging er auf und ab »Ich glaube es
nicht Diese Partei identifiziert sich mit der Masse Aber nur Münchhausen kann
sich selbst beim Schopf aus dem Sumpfe ziehen«
    »Sie wollen sagen «
    »Dass das Volk die Masse  wie sie ist  sich unmöglich über sich selbst
erheben kann«
    »Die Masse hat Führer«
    »Ich weiß es Aber ich vermisse unter ihnen ein Element das in voller
Wirksamkeit bei diesem Werk am Platze sein müsste«
    »Und wer sollte das sein«
    »Das sind  wir«
    »Wir«
    »Ja wir  die  Intellektuellen«
    »Und warum halten sie  uns  da für so unentbehrlich«
    »Die Intellektuellen müssen den Sozialismus auf ihre Weise mitgestalten die
zerebrale Klärung wird ihn wuchtiger trassieren als die Tatsachenpropaganda der
Masse«
    »Das Volk vertraut sich  uns  aber nicht an es vertraut sich denen am
liebsten die aus ihm hervorgegangen sind«
    »Zu Unrecht Ein Hirn das sich in schwerer physischer Fron verbraucht das
aus Erbmassen stammt die durch Generationen diese Übertäubung ihres geistigen
Teiles erfahren haben  wie könnte es schöpferisch neue Gestaltung rufen  
wegsprengen was eine Harmonie verbirgt« fügte er wie für sich selbst hinzu
    »Das Volk hat übrigens heute nicht nur Führer die es aus sich selbst
gezeugt hat es hat auch andere in Ihrem Sinne«
    »Ja ich weiß die Akademiker fehlen nicht Aber sie wirken noch nicht ihrer
selbst gemäß  nicht als Intellektuelle stehen sie am Kampfplatz  sie ebnen
sich zum Volk herab« Er ging mit erregten Schritten auf und ab »Stanislaus
ich träume von einer Partei der  der Tauglichsten  der Besten«
    »Und zu diesem Traum brauchen sie « fragend sah ihn Stanislaus an
    »Die Sozialisierung ja gewiss geebnetes Ackerland  als Boden für das
Wachstum des einzelnen Sehen Sie da bin ich Nicht aus Liebe  aus Unliebe
bin ich hierher gekommen Aus Unliebe zum Vorhandenen und  aus heißer Sehnsucht
nach  nach einer höheren Möglichkeit des Menschen« Erregt mit flammendem
Blick feurig tief verwühlt in seiner Erlebnis ging er auf und nieder
    »Ich bin schon lange da« erwiderte Stanislaus bedächtig und wiegte den
Kopf »Und aus sehr naheliegender Einsicht Denn gehören nicht gerade wir zu den
Besitzlosen dabei sind wir nicht eins mit der Armut wie der Proletarier nicht
gestählt durch sie Mit unseren vielverzweigten Bedürfnissen sind wir in eine
Situation gestellt die es uns implicite verwehrt gegen diese fremde und
furchtbare Macht die Armut Front zu machen  robust Gewinn zu suchen Wer
sonst als wir müsste ein heisseres Interesse daran haben auf eine Gestaltung der
menschlichen Gesellschaft hinzuwirken die  Unfallstationen errichtet an allen
Stellen an denen sie gebraucht werden Wer sonst«
    Hoffmann schwieg in Gedanken versunken
    Nach einer Weile sagte er »Ich will versuchen mich anzuschließen  da wo
ich glaube  dass es gut und nötig wäre«
    »Versuchen Sie es« sagte Stanislaus »Ich fürchte nur dass man es  da 
nicht für nötig hält«
    Beide schwiegen Dann fuhr Stanislaus fort »Da ist etwas das ich nicht
genau  wahrnehme nicht ich und nicht Sie Es ist  wie eine verschleierte
Gestalt Ich sehe die Erscheinung aber ich könnte die Formen ihres verhüllten
Leibes nicht mit scharfen wahren Linien umreissen  nicht ich und nicht Sie
Da ist  glaube ich  ein Letztes das fehlt Ihnen und mir fehlt  ein letztes
notwendiges Wissen um dieses Ding«
    Hoffmann blieb still Dann sagte er »Wer weiß denn um dieses Ding Wer kann
diese Gestalt  kennen Ahnung  das ist alles«
    »Ahnung  gewiss Aber Ahnung die am Wege wird genügt nicht  fürchte ich
ist nicht die richtige Weiserin«
    »Sondern«
    »Es gibt ahnend Geborene  Freund und das sind nicht Sie und nicht ich
Deren Ahnung wächst dann mit ihnen auf wird immer leuchtender  und eines
Tages ist sie Wissen geworden Vielleicht lebt auch der der um dieses Ding 
mit dem wir ringen  weiß der dann spielend löst worüber wir grübeln Solche
Gutgeborene sind öfters gekommen«
    »Und zu denen gehören  nicht Sie und nicht ich« wiederholte Hoffmann
Stanislaus frühere Worte und eine leise Bitterkeit zitterte über seine Lippen
    »Wir tun das Unsere auch das ist nötig«
    Es war still und dunkel im Stübchen Stanislaus holte die Lampe von der
Kommode »Seit wann sind Sie zurück«
    Hoffmann hatte seinen Hut ergriffen »Seit zwei Wochen bin ich hier«
    »So lange Ich bildete mir ein Sie würden mich nach Ihrer Rückkehr früher
finden« fügte er gutmütig lächelnd hinzu »Haben Sie Olga gesehen«
    »Ich sehe sie jeden Abend« sagte Hoffmann mit leiser Stimme und blickte zu
Boden
    Stanislaus der eben den Zylinder auf die brennende Lampe presste  wandte
sich jäh und sah ihn an »Sie sehen sie «
    »jeden Abend« sagte Hoffmann und hob den Blick voll zum Gesicht des andern
    Der Lampenschirm von weißem Milchglas schlug klirrend an den Zylinder als
Stanislaus jetzt die Lampe fertig machte
    »Leben Sie wohl Stanislaus«
    »Gehen Sie schon«
    »Ich gehe  sie erwartet mich«
In Olgas möbliertes Zimmer trat die Wirtin ein Es war eine noch junge Frau von
kümmerlichem Aussehen blass mager dürftig die immer mit einem schwer
verärgerten und fast lauernden Gesichtsausdruck umherging Sie besorgte ohne
Dienstmädchen die große Wohnung deren einzelne Zimmer sie bis auf eines in
dem sie mit Mann und Kindern wohnte alle vermietete kochte daneben und gab
ihren Mietern neben dem Frühstück auch einzelne Mahlzeiten Besonders wünschte
sie dass man »das Mittag« bei ihr abonniere Da dieses »Mittag« aber zumeist aus
mehlig wässrigen Büchsengemüsen mit zweifelhaften Fleischbrocken bestand hatte
sich Olga dazu nicht entschließen können Man hörte den ganzen Tag Frau
Schöcherts Stöhnen  schwere Seufzer die an ein Erbrechen gemahnten Sie war
melancholisch veranlagt misstrauisch bis zu Verfolgungsideen und schon einmal in
einer Heilanstalt interniert gewesen Die Familie war erst vor kurzem aus der
Provinz nach Berlin übersiedelt Der Mann war in einem Inseratenbureau
angestellt wo er Adressen schrieb Kuverts zuklebte und Briefe frankierte
Seine Frau hörte es gern wenn sie mit ihrem vollen Titel angesprochen wurde
Frau Expeditor Drei kümmerliche Kinder krochen in der sonnenlosen Hinterstube
in Küche und Korridor auf ihren dünnen Beinchen die an gestreckte
Froschschenkel erinnerten umher und zumeist hörte man ihr Schreien und Weinen
auch pflegten sie der Mutter wenn sie in eines der Zimmer ihrer Mieter trat
nachzudrängeln und schloss sich vor ihnen die Tür so brach draußen ein
ohrenbetäubendes Geschrei aus
    Als Frau Expeditor Schöchert bei Olga eintrat zog sie die Nase kraus »Ich
rieche Spiiiritus« sagte sie und blickte sich misstrauisch um Olga legte eben
die Brennschere mit der sie ein paarmal durch ihr Haar gefahren war das in
weiten und weich sich biegenden Wellen ihr Gesicht umrahmte aus der Hand
    »Ich habe nichts gekocht Frau Schöchert Sie wissen ja dass ich morgens
mein warmes Wasser von Ihnen bekam«
    Frau Schöchert hatte ihr nicht gestattet sich selbst Wasser zu wärmen und
nahm ihr für ein Kännchen heißen Wassers zehn Pfennige ab Tief aufseufzend
stellte sie das Tablett mit dem Frühstück  dünnem Kaffee von graubrauner Farbe
und einer kaum bestrichenen »Schrippe«  auf den Tisch auch Olgas Post lag
darauf
    »Mit dem Spiiiritusbrennen werden Sie mir noch die Politur ruinieren« sagte
sie weinerlich und strich mit den Fingerspitzen untersuchend über die
Tischplatte
    »Das ist unmöglich Frau Schö   Frau Expeditor  sehen Sie die Maschine
steht ja auf dem starken Nickeltablett«
    »Man braucht sich nicht die Haare zu brennen« meinte Frau Schöchert deren
Stirnsträhne in papierne Haarwickel eingerollt um ihren Kopf gepresst waren
    Olga war die Reden der Frau schon so gewöhnt dass sie ihr nicht einmal
antwortete dieses möblierte Elend das sie in der kurzen Zeit ihres Berliner
Aufenthaltes schon in allen möglichen Variationen erfahren hatte dauerte ja
nicht mehr lange Seit sie hier gekündigt hatte war es am schlimmsten geworden
Sie griff nach ihrer Post nahm die Briefe nacheinander zur Hand ohne sie noch
zu öffnen und betrachtete die Poststempel Es war wiederholt vorgekommen dass
ihre Briefe anstatt ihr übergeben zu werden in der Küche liegen geblieben
waren Als sie einmal zu bestimmter Zeit einen Brief erwartet hatte und
nachdem sie den Postboten kommen gehört nach der Küche gegangen war ihn zu
holen hatte ihr Frau Schöchert gesagt die Mieter hätten in ihrer Küche nichts
zu suchen und sie habe zu warten bis sie ihr die Post bringe Auch heute
wieder fand sie zwei Briefe die schon am vorigen Abend angekommen waren Es
waren Nachrichten die ihre Zeitung betrafen auf die sie ungeduldig wartete
Der Unmut stieg in ihr auf Trotz ihres Entschlusses die Frau in der kurzen
Zeit in der sie noch auf eine Gemeinschaft mit ihr angewiesen war durch nichts
zu reizen konnte sie die Beobachtung die sie da wieder machte nicht
unterdrücken
    Sofort stieg der Frau die helle Zornesröte in das verzogene Gesicht »Na nu
wollen Se mir in meinem Hause Vorschriften machen«
    »Meine Post gehört nicht zu Ihrem Hause Entweder Sie weisen den Postboten
direkt zu mir oder wenn Sie meine Briefe übernehmen ist es Ihre Pflicht sie
sofort abzuliefern«
    »Haha Das wäre ja noch schöner Übrigens Ihre Post Da kann sich mancher
was denken wenn ein Fräulein was anständig sein will so viele Briefe auf
einmal bekommt«
    »Frau Schöchert nehmen Sie sich in acht«
    »Und überhaupt Sie haben sich hier als Fräulein angemeldet  in Ihrem
Meldezettel haben Sie geschrieben unverehelicht   und hier  hier   « sie
wies auf einen Brief  »hier steht Frau Olga Diamant    Nu ja in Berlin
kommt eben alles Mögliche vor  auch Falschmeldungen  alle Tage kommt das hier
vor  wo so viel Schwindler sind«
    Die rabiate Dummdreistigkeit der Frau machte es Olga schwer sie nicht
tätlich hinauszubefördern
    »Wie kommt das wie denn« bohrte sie weiter  »nu geben Se doch
gefälligst Auskunft sonst sage ich das augenblicklich meinem Mann«
    »Mein Mann« pflegte sich vor seiner keifenden und stöhnenden Lebenshälfte
in alle Winkel zu verkriechen aber den Mietern gegenüber wurde das
zusammengedrückte Kerlchen als »mein Mann« und damit als autoritative Instanz
dieses Hauses ins Treffen geführt
    Olga hatte die kindliche Idee die Frau belehren zu wollen »Sehen Sie Frau
Schöchert  wenn ich Sie und Ihre Verhältnisse vielleicht nicht genau kennen
würde so könnte ich ja ebenfalls einen Brief an Sie schreiben mit der
Aufschrift Fräulein Schöchert dann würden Sie eben einen solchen Brief
bekommen Wären Sie deswegen eine Schwindlerin«
    »Gelungene Ausrede« war die Antwort und ein verzweifelter Seufzer der aus
der Tiefe des Magens zu kommen schien folgte
    »Übrigens hat das Wort Frau hier auch noch darin seinen Grund dass man
heutzutage auch selbständige Mädchen mit dem Titel Frau anzureden pflegt«
    »Eine schöne Mode wäre mir das Haha Wenn ein Mädel das sich mit allen
möglichen Ker  Herren abgibt noch eine gnädige Frau vorstellen wollte«
    »Frau Schöchert« sagte Olga warnend
    »Und dass ichs Ihnen nur sage« brüllte die Wütende 
    »Ihre Herrenbesuche dulde ich nicht«
    »Ich habe Ihnen beim Mieten dieses Zimmers gesagt dass ich Bekannte
empfange und meine Nachbarin hier das Barfräulein gibt in ihrem Zimmer einem
Mann der gar nicht einmal gemeldet ist  Unterkunft  das wissen Sie sehr
wohl«
    »Das geht Sie einen Dreck an Das ist dem Fräulein ihr Bräutjam Aber Sie 
Sie haben keinen Bräutjam  zu Ihnen laufen alle möglichen Mannsleute  am
hellichten Tag«
    Von dem nächtlichen Besuche Hoffmanns wusste die Wütende nichts sie hatte
nur Koszinsky und Stanislaus kommen sehen  »Und alle möglichen Frauenzimmer
dazu  Wer weiß was da vorgeht  man kennt das schon«
    »Hinaus« Olga wies mit funkelnden Augen auf die Tür und trat dicht vor
die Frau die plötzlich Angst bekam und hinausrannte Gleich darauf hörte man
ihr Gezeter im Nebenzimmer wo es aber bald von einer brutalen Männerstimme
übertönt wurde
    Mit vor Ekel und Erregung zitternden Händen öffnete Olga ihre Post Nein
das wäre so nicht weiter gegangen Aber was lag ihr jetzt daran Die kleine
Wohnung im Vorort war gemietet und am nächsten Ersten zog sie in ihr Heim
    Nachmittags  es war Sonntag  kamen bei den Wirtsleuten Verwandte zu
Besuch Eine jüngere Schwester der Frau die »Lehrdame« bei einer Schneiderin
war und der Bruder des Mannes der eine »Besohlanstalt« besaß ein anderer
Bruder der Frau war »Kammerjäger« das heißt er besaß ein »Institut zur
untrüglichen und radikalen Vertilgung von Schwaben Russen Franzosen Wanzen
Ratten Motten« Die Gevatterschaft rückte mit Kind und Kegel zum Kaffee an
und den ganzen Nachmittag quietschte das Grammophon durch die dünnen Wände
Gemartert musste Olga zu Hause bleiben bis Hoffmann sie abholte dann flohen
sie die gastliche Stätte Er tröstete sie was lag ihnen jetzt an diesen
Widerwärtigkeiten
Wenige Wochen später stand sie in ein Tuch gehüllt auf dem kleinen Balkon
ihrer Wohnung die lag voll nach Süden Die Häuser gegenüber waren durch Gärten
voneinander geschieden Diese Villengärten hatten auch jetzt zum Winter noch
grüne Rasendecken von denen sich der ockergelbe Kies farbenfröhlich abhob
Gegen Westen war die Gegend noch unbebaut und sie konnte weithin über freie
Felder sehen Immer hatte sich wenn sie einem Stückchen freier Natur
gegenüberstand ein Glücksgefühl bei ihr eingestellt Sie bedurfte auch nicht
der großen Effekte Sie hatte wohl die Berge aber noch nicht das Meer gesehen
Schon wenn sie in ihrer Heimat aus dem schmutzigen Städtchen in die dürftige
nähere Umgebung mit ihrem heidenartigen Charakter herausgeeilt war hatte sie
sich freier gefühlt In ihrem Vaterhaus waren nur düstere Räume gewesen und
alle Fenster gingen nach dem Marktplatz mit seinem widerlich belebten Getriebe
und seinen Schmutztümpeln zwischen dem schlechten Pflaster oder aber noch
schlimmer  in einen erbärmlichen Hof mit nassem kotigem Grund der von allen
Seiten von russigen Mauern umragt war Heraus heraus  so hatte alles in ihr
drängend gerufen wenn ihr Blick auf diese Umgebung fiel Und dieser Ruf in ihr
hatte sie gedrängt getrieben  bis sie wirklich heraus war
    Und nun stand sie hier auf dem Balkon ihrer Wohnung und blickte in die
gepflegten zierlichen Bauten die die Weltstadt bis hier heraus schob 
blickte in die freien Felder hinüber Diese letzten Herbsttage waren feucht und
für Berlin ungewöhnlich stürmisch Manchen Augenblick wenn der Wind um sie
herum blies glaubte sie so ähnlich nur noch kräftiger und deutlicher im
Geruch müsse die Luft sein die über die See strich Die See In vier Stunden
konnte man sie von hier erreichen Diese Nähe beglückte sie
    Durch die kahlen Zweige einer Allee die drüben den Weg begrenzte sah sie
die braune Erde sich ins Weite strecken Über die Landschaft spannte sich
flach ein verdunkelter regenschwerer herbstlicher Himmel der nahe dem
Horizont mit einer Geraden abschnitt Von da an schlossen sich zarte hellgelbe
Lichtstreifen an das dunkle Grau der Wolkenballen die in eine breite
gelbleuchtende Fläche die wie geschmolzenes Gold glühte einmündeten
Stellenweise war diese leuchtende Masse zerrissen und flimmernd umrahmt
schimmerten diese Stellen in zartestem Blau Sie atmete die bewegte feuchte
Luft ein und blickte in den Glanz bis der Himmel abendlich erlosch Dann ging
sie in ihre Wohnung die aus zwei Zimmern und Nebenräumen bestand und mit
einfachen hellen Möbeln im modernen Geschmack eingerichtet war Sie
betrachtete alles noch einmal und Dankbarkeit für dies bescheidene Eigentum war
in ihrem Herzen Draußen die blanke Emaillewanne in die das heiße Wasser
sprudelte so oft man den Hahn aufdrehte hatte sie ebenso entzückt wie die
Heizung die ein Handgriff an den weisslackierten Rohren bediente und wie die
elektrischen Flämmchen die sie überall aufblitzen lassen mochte wo es ihr
gefiel beinahe zärtlich streichelten ihre Blicke das Telephon den kleinen
zierlichen Tischapparat  an dessen unsichtbaren Enden die Welt hing 
    Aber nun zur Arbeit Fräulein Wigolski sollte heute Abend kommen Wichtige
Briefe und ein paar kurze Artikel waren zu diktieren Auch diese Arbeit dachte
sie während sie ihre Mappe öffnete danke ich dir Weltstadt du Strenge du
Inspiratorische du dem Suchenden Gnädige ich glaube ich verstehe dich 
Berlin
Zwischen Lore Wigolski und den Geschwistern war bald Freundschaft geschlossen
worden Mit dem ruhigen Freimut der ihr eigen war hatte sie ihnen beiden ihr
Schicksal erzählt  ihre Schicksalslosigkeit wie sie es nannte Denn sie sah
in dem was ihr begegnet war keine Entscheidung Was sie in vollem Bewusstsein
gewagt  es hatte sie aus der Linie der bürgerlichen Sphäre der sie
entstammte herausgeschoben aber es hatte ihrem Leben nicht Ziel und Abschluss 
sei es durch Erfüllung oder durch Entsagung  zu geben vermocht
    Das Verhältnis dem ihr Kind entstammte war nicht einer unbesieglichen
Leidenschaft entsprungen ihrem heiterklaren Wesen lag nichts ferner als sich
in einem »Rausch« zu »vergessen« Die Ruhe mit der sie das ihren Freunden
bekannte war ihnen beiden ein Neues Gerade als sie Lores Geschichte erfuhr
grübelte Olga manchmal bis zur Selbstpeinigung über ihr Verhältnis zu Werner
Hier aber hatte ein Weib die Bestimmung seines fruchtbaren Leibes unter
bedrohlichen Verhältnissen erfüllt ohne im Gleichgewicht ihrer in sich selbst
wurzelnden Natur erschüttert zu werden
    »Ich habe jahrelang niemanden kennen gelernt« erzählte sie den
Geschwistern »Niemanden mit dem auch nur im mindesten eine andere als eine
konventionelle Beziehung möglich gewesen wäre Sollte man das wohl glauben Ist
es nicht die landläufige Meinung aller Leute Liebe ja sogar Ehe sei das
selbstverständliche Geschick das alle hübschen Mädchen erwarte  Und dabei
lebte ich immer in Berlin« Ihr Vater war ein kleiner Kaufmann gewesen nun tot
Die Mutter lebte bei einem älteren Bruder in Königsberg Sie hatte der Tochter
mit einem Teil ihrer Einrichtung ein eigenes Heim gründen helfen  da nun nach
dem »Unglück« an eine normale »Versorgung« nicht zu denken war Das »Unglück«
bestand darin dass dem einsamen Mädchen das schon im Hause der Eltern an der
Schreibmaschine sein Brot verdiente eines Tages ein Mann begegnete der ein
freundliches Gefühl für sie fasste Es war ein Ingenieur deutscher Abkunft der
seit Jahrzehnten in Amerika lebte Zu kurzem Aufenthalt in Deutschland suchte
er eine Privatsekretärin und fand sie in Lore Schon sein Äußeres gewann sie
mehr noch sein fröhliches Wesen Von hohem Wuchs mit dichtem rötlichen
Bartgestrüpp klug klar und ehrlich  so trat er in ihr Leben Dass der Mann
sie begehrte und dass er vor dem Antrieb seiner Gefühle nicht »floh« wie alle
anderen die sie kannte  die wenn nicht alles »stimmte« keinen Glücksversuch
mehr wagten  das hatte Lore die »Glücksjägerin« als die sie sich selbst
wenig schonend bezeichnete mit einer starken neuen Freude erfüllt Mr
Shubert  wie er sich amerikanisiert nannte  war verheiratet Vater dreier
Kinder und lebte in zufriedener Ehe Seine Frau eine Irin war nach seiner
Erzählung eine gute Genossin für ihn Und obwohl Lore wusste dass Mr Shubert
bald zu den Seinen zurückkehren werde und dass er ihr nichts weiter zu bieten
hatte als eine freilich zärtliche Neigung  ein Gefühl das er selbst erotische
Freundschaft nannte  gab sie sich ihm
    Als das Kind geboren wurde war er weit fort Sie waren in Korrespondenz
geblieben in die zuzeiten große Pausen eingestreut waren die aber nicht
abbrach und die freundschaftliche Herzlichkeit nicht verlor Als er von ihrer
Schwangerschaft und dann von der Geburt des Kindes erfuhr war der Ton seiner
Briefe noch wärmer und herzlicher geworden Nun hatte er das bisher als
Geheimnis gehütete deutsche Erlebnis auch seiner Frau anvertraut Trotz des
Schmerzes der über sie wie über jede natürlich empfindende Frau bei dem
Gedanken gekommen war dass er eine andere begehrt  in seiner Art geliebt  und
besessen hatte war diese Ehe nicht erschüttert Denn dieser Mann mit seiner
fröhlichen tüchtigen und starken Art das Leben zu bewältigen der ihr nie eine
Stunde des Unwillens bereitet hatte  dieser Mann das fühlte sie hatte ihr
durch die Hinneigung zu einer anderen Frau nichts genommen Und um eine Geringe
konnte er die immer gewahrte Treue nicht gebrochen haben Ihn hatte Lores Art an
seine Frau gemahnt Und das Mädchen das anfing zu verbittern weil es keinem
begegnete der so aussah wie man sich gemeinhin einen »Mann« vorstellt  sie
hatte dem deutlich frohen Gefühl das sie zu ihm zog mit keiner Faser ihres
bewussten Willens widerstrebt  Er sorgte treulich für das Kind Ein Mehr lehnte
sie ab da sie für sich selbst arbeiten konnte
    Sie erzählte den Geschwistern an einem Abend an dem sie in Olgas Heim
zusammensassen dieses so seltsam scheinende und doch so schlichte Begebnis ihres
Lebens
    »Wie vielfältig ist alles Sollen Wollen und Müssen in Fragen des
Geschlechtsschicksals eines Menschen« sagte Olga »Wie kann man in feste Regeln
zwängen wollen was in unendlichen Formen immer wieder sich offenbart«
    Stanislaus hatte mit glänzenden Augen in tiefem Schweigen auf Lores
Erzählung gehorcht
    »Und nun Sind Sie froh« Er fragte es gespannt mit verhaltenem Atem als
erwarte er eine Entscheidung
    »Sie meinen mit dem Kind Wie sollte ich da nicht froh sein«
    »Das ist gut das ist gut« sagte er freudig und erfasste unwillkürlich ihre
Hand die sie ihm mit freundlichem Blick überließ »Denn es ist wirklich ein
Gutes ein unzweifelhaft Gutes aus Ihrem Erlebnis geworden  da Sie es so ganz
und heil überstanden haben Kennen Sie Ardinghello« fuhr er fort »Das ist eine
kostbare Geschichte von Heinse einem Zeitgenossen Goethes da wird von einer
ähnlichen  Verirrung etwas Rechtes gesagt«
    Er trat ans Bücherbrett fand das Buch und die Stelle die er suchte und
las
    »Und so ward ein süß verlassen Weib glücklich gemacht und es lebt ein
himmlisch Geschöpf auf der Welt mehr aller Augen zu entzücken«
    Er ließ das Buch sinken und sah sie mit freudigen Blicken an Olga nahm das
Buch das ihr der Bruder einmal geschenkt hatte aus seiner Hand blätterte
darin vertiefte sich in einen anderen Satz und las auch den »Ein Weib ist doch
das armseligste Ding auf Erden  Gefesselt auf allen Seiten dürfen wir keinen
freien Schritt tun wo uns der Geist hinleitet  ohne Schmach und Schande«
    Lore blickte ruhig vor sich hin ihre großen grauen Augen leuchteten auf
und sie schüttelte leise den Kopf
    Stanislaus betrachtete sie Er sah wie der lichte Schein sich über die
strengen Züge ihres Gesichts breitete die herben Linien des dunklen Teints
weich erscheinen ließ Er sah wie sich ein Lächeln ihrer Seele offenbarte ohne
eine Bewegung der Lippen  ein Lächeln das auf dem Strahl des Auges
herangeschwebt kam aus der Tiefe
    Olga sagte »Und hat Sie dieses Erlebnis niemals um Ihre Ruhe gebracht«
    Nun ergriff das Lächeln Besitz vom Munde streckte die breitgezeichneten
geraden Lippen und ließ die weißen Zahnreihen fröhlich blinken Sie schüttelte
den Kopf »Um meine Ruhe  so manches Mal Aber es war immer ein gutes
herzliches und glückliches Gefühl dabei« sagte sie einfach mit ihrer starken
Stimme
    »Und Sie haben sich nie  unfrei gefühlt«
    »Liebe  und was ihr verwandt ist  darf nie unfrei machen«
    »Und wenn sie es doch tut«
    »Dann muss man laufen  fortlaufen über alle Berge«
    »Und wenn Sie der Mann im Stich gelassen hätte« »Nun rein äußerlich
sozusagen lokal« sie lachte kräftig  »hat er mich ja im Stich gelassen Und
innerlich «
    »Nun«
    »Innerlich war ich nie verkettet« fügte sie leise bekennend hinzu
    »Er hat aber nie etwas getan  was Sie schwer enttäuschte« fuhr Olga fort
und ein fremder schmerzlicher Zug den Stanislaus mit Bangen betrachtete lag
auf ihrem Gesicht
    Lore schüttelte den Kopf »Alles war klar und kam wie erwartet«
    »Und wenn er Sie getäuscht hätte«
    »Dann hätte ich da ich ja doch das Lörchen davontrug  mich wohl von ihm
aber nicht vom Schicksal betrogen gefühlt«
    »Das Lörchen das liebe Lörchen  Das ist freilich ein reeller Besitz«
sagte Stanislaus »Aber das Kind hat viel verloren durch die Trennung der
Eltern durch die Vaterlosigkeit«
    »Ich weiß nicht ob das so schlimm ist wie es erscheinen könnte Der Vater
hilft mir ja dafür zu sorgen«
    »Doch  doch Es ist nicht gut für das Kind  glauben Sie es mir Und nicht
etwa aus konventionellen Gründen Ein Kind braucht einen Vater  einen ihm
immer nahen dauernden Freund der ihm hilft sich zurecht zu finden in diesem
Wirrwarr«
    »Aber ist denn jeder Vater ein solcher Freund« meinte Olga »ich zweifele
daran«
    »Ich zweifele sicherlich nicht minder« sagte Stanislaus lächelnd »ich sage
nur schlimm ists für jedes Kind das solchen Freund der über seine Jugend
wacht nicht neben der Mutter noch hat  Nicht gerade der Vater muss es sein«
fuhr er nachdenklich fort »Der Erzeuger ist wohl der erste für dieses Amt Aber
ist er nicht zur Stelle«  er blickte grübelnd vor sich hin  »dann kann es
auch ein anderer sein«
    »Welcher andere« meinte Lore seufzend »wird wohl gern und dauernd dieses
Amt übernehmen«
    Gedämpft mit schamhaftem Gesicht erwiderte Stanislaus »Das wird einer
tun  der  der sein Schicksal mit dem der Mutter verbindet«
    »Der Stiefvater also« sagte Lore und sah ihn mit lächelnden Augen voll
an
    »Der Stiefvater  ganz recht« erwiderte Stanislaus über dessen Gesicht
sich Röte verbreitet hatte  brach ab und schien seine Gedanken weiter zu
spinnen
    Die drei schwiegen Nach einer Weile fuhr Stanislaus fort »Es müsste
interessant sein das zu erforschen«
    »Was denn« fragte Olga
    »Das Schicksal der unehelichen Kinder  Hier müsste man nach zwei
Gesichtspunkten untersuchen« fuhr er fort vertieft in sein Thema  als
zeichne er eine Disposition »Man müsste erstens«  er schob den Daumen vor 
»die Entwickelung jener Kinder verfolgen deren Mütter ledig blieben  und
zweitens« der Zeigefinger folgte »die der anderen deren Mütter später noch
zur Ehe gelangten«
    »Du meinst die die schließlich den Vater ihres Kindes heiraten«
    Zögernd und gedehnt kam es heraus »Die meine ich eigentlich nicht  das
heißt auch aber hier liegt nicht das wesentliche Problem«
    »Sondern«
    »Ich meine  mich interessiert eine besondere Gruppe   ich meine die 
eben die Familie  in der der Gatte nicht der Vater des Kindes ist das das
Mädchen schon vor der Ehe besaß  Diese  diese Stiefvaterfamilie die
erscheint mir sehr merkwürdig und sehr beachtenswert«
    »Sieh da  das klingt ja wie ein Plan wie ein neues Buch«
    »Das wäre schon ein Stoff« erwiderte er lächelnd und gedankenvoll vor sich
hinblickend fuhr er fort
    »Einer der einen fein herausbrächte aus der sterilteoretischen Zerfaserung
der Nervenstränge der Moderne  hinein ins Lebendigste  «
Einige Wochen später schrieb Lore an Olga
    »  Wer ist ein Freund Der dem wir die peinlichsten Erfahrungen mitteilen
können ohne die Befürchtung in seinen Augen geringer zu werden oder seine
Schadenfreude zu erregen Darum werde ich mit einer Beichte morgen zu Ihnen
kommen Ich habe eine Menge Komisches und eigentlich Trauriges erlebt  das
durchaus erzählt werden will Also ich komme morgen eine Stunde vor Beginn der
Arbeit um Ihnen Dinge zu berichten  Dinge über die sich ein zartes
Inwendiges sprich Inwenjes um und um wenden könnte
    Um Sie schonend auf das Thema vorzubereiten ich bin und bleibe eine
unverbesserliche Glückssucherin die sich noch die Nase platt schlagen wird
wenn nicht ein glücklicher Zufall verhindert dass sie auf besagte Nase fällt 
das heißt irgendein fester Griff die Herunterrutschende auffängt was nicht
erhofft
                                                                            Ihre
                                                                          Lore«
Sie kam und erzählte
    »Das Alleinsein ist schwer  darüber sind Sie mit mir einer Meinung nicht
wahr«
    »Auch Ihnen« sagte Olga überrascht »Jeder jungen Frau sagt eine es
anders so lügt sie Allgemein wird in diesem Punkte gelogen«
    »Aber Sie sind doch schon  nicht allein gewesen«
    »Kurze Zeit lebte ich so wie ein jugendlicher Mensch dessen Herz und Blut
in normaler Verfassung sind leben soll Zu schnell war ich wieder allein  und
doppelt schwer lagen die Tage und die Nächte auf mir« Sie schwieg und atmete
schwer und das erstemal sah Olga wie in dem stolzen strengen Gesicht die Züge
sich senkten die Schatten sich breiteten wie die Lippen in herber
Verächtlichkeit sich aufwarfen »Mein Leben lang« fuhr sie fort  »habe ich
niemanden kennen gelernt  in dem Sinne wie es ein Mädchen erwartet  wie man
es ein Mädchen als Selbstverständliches erwarten lehrt Torheit überlieferte
Lüge verhängnisvoller Betrug Keiner tritt so vor diese Mädchen wie sie es
erwarten nichts dergleichen Auf der Straße dreht sich ab und zu einer um
folgt einige Schritte murmelt schamlose Worte  Endlich kommt einer  durch
den Beruf Wäre der nicht so hätte der Heiratsvermittler einige zwanglose
Bekanntschaften vermittelt  vorausgesetzt dass er auf dem Folio der Kundschaft
eine Zahl hätte notieren können sonst auch nicht  Also bei mir wars der
Beruf der mir endlich zufällig einen Mann präsentierte und
selbstverständlich scheint mirs dass auch dieser einzige Fall der gegenseitigen
Anziehung nicht glatt lag Selbstverständlich dass der Mann längst vergeben war
so dass er nur durch einen  Seitensprung « ein gewaltsames Lächeln bedrängte
ihren Mund  »für kurze Zeit an meine Seite kam  ein Wunder wars dass alles
schön war und blieb  ein wahres Wunder« Über ihrem gesenkten Kopf der von
den braunblonden Flechten fast gänzlich bedeckt war lagerte tiefe Traurigkeit
    »Ein Wunder  das Ihre vornehme Selbstbescheidung ermöglichte«
    »Aber was nun« stieß Lore heraus
    »Sie haben das Kind«
    »Sagen Sie das im Ernst Sie Soll das als letzte und endgültige
Abschlagszahlung gelten Für mich rangiert dieser Wert auf einem anderen  ganz
anderen  Konto der das andere leere Blatt in der Bilanz nicht füllen kann«
    »Sie sind nicht eine an der das Schicksal vorbeigeht  es wird Ihnen
früher oder später deutlichen und dauernden Besitz geben«
    Lore lachte mit ihrer tiefen Kraftstimme aber es klang rau und unfroh
»Sie zählen also auch zu jenen bequemen Fatumsgläubigen Es wird schon kommen 
natürlich Ohne dass wir den Finger rühren  wird das Wunderbare  welches das
Natürliche in dieser Welt der Unnatur schon geworden ist  das Notwendige  vor
uns treten Haha« sie stieß mit finsterem Gesicht ein Lachen aus  »wers
glaubt wird selig«
    »Nicht ganz ohne dass wir den Finger rühren« sagte Olga mit Bedeutsamkeit
    »Sehen Sie das meine ich auch Ich weiß dass nichts von selbst kommt  und
darum  habe ich mich aufgerafft und  und habe alles  Eklige das dabei ist 
überwunden   und habe  was  getan« Sie betonte und zog das »getan« mit
Selbstironie hinter der schon wieder ihre ursprüngliche kraftvolle Heiterkeit
hervorkam »Ich habs getan« sagte sie nochmals warf sich auf das Sofa und
lachte tief laut aus voller Brust mit einem Gesicht aus dem alle Bitternis
verschwunden war nur noch bedingungsloser Lachreiz machte sich geltend Der
Antrieb die Welt und ihre misslichkomischen Konstellationen mit Humor zu
nehmen der der stärkste ihres Wesens war hatte sich auch jetzt wieder über
ihre Verdüsterung hochgeschwungen »Ich habs getaan« Sie vergrub das lachende
Gesicht in die Kissen
    Olga setzte sich belustigt in den Schreibtischsessel »Erzählen Sie Ihre
Schandtaten ich möchte schon gern etwas davon hören«
    Noch immer lachend übers Sofa geworfen zog Lore einen Brief aus der Tasche
und reichte ihr ihn hin Es war ein Schreibmaschinendurchschlag Olga überflog
ihn
    »Sehr geehrter Herr Ihre Annonce hat mir ich muss es gestehen Eindruck
gemacht Ganz zufällig blieb mein Blick an diesen großen Typen hängen und je
weiter ich las desto mehr interessierte mich der Inhalt« Die Schreiberin
ging dann auf diesen Inhalt  den einer Annonce in welcher sich der Inserent
als ein Herr vorgestellt hatte der von »traditionellen Moralwerten« nichts
wissen wollte  des näheren ein Als Antwort hatte sie ein Billett erhalten
das sie in den Wartesaal des Potsdamer Bahnhofs bestellte Nachdem sie dort
dreiviertel Stunden vergeblich gewartet ohne einen Herrn von der beschriebenen
Signatur eintreten zu sehen  war sie fortgegangen zur nächsten Filiale eines
großen Blattes und hatte da selbst inseriert dass sie die Bekanntschaft eines
gebildeten Mannes suche »Unabhängige junge Dame usw« Hierauf hatte sie mehr
als dreißig Briefe erhalten von denen nur einige zur Auswahl in Betracht kamen
Diese Rendezvous hatte sie absolviert
    So traf sie am ersten Tag einen kleinen kurzbeinigen Herrn der ihr
gleich versicherte er wisse dass der Verkehr mit einer Frau Geld koste darüber
seien die Gelehrten einig auf ein warmes Abendbrot und eine Flasche Wein käme
es ihm auch nicht an »Das was Sie sind« sagte der Kurzbeinige indem er sie
musterte  »suche ich schon  seit Wochen«   Am anderen Tag kam sie mit
einem Herrn in der Uniform eines Freiwilligen in einer kleinen Konditorei
zusammen Sie hatte die Rendezvous so eingeteilt dass sie binnen einer Woche
die »Reflektanten« kennen lernen konnte Beim Zahlen meinte der Freiwillige
ohne besondere Verlegenheit er habe die Börse vergessen und ersuchte sie
»auszulegen« Auch erbat er zum Abschied ihre altmodische goldene Brosche 
als Pfand dass sie wiederkomme wie er scherzhaft meinte Sie stammelte es
handle sich um ein Familienerbstück dessen sie sich nicht entäussern könne und
machte dass sie fortkam   Ein schneidiger junger Arzt war der Dritte Er war
brünett korpulent unternehmend »Sie sind pervers  das kann ich als Arzt auf
den ersten Blick konstatieren« meinte er und zwinkerte sie an darauf folgte
eine Abhandlung die sich der Wiedergabe entzog Er bestellte sie »für
nächstens« in seine Wohnung da er lange »Fisematenten« nicht liebe  Als sie
an jenem Nachmittag wieder zuhause war empfand sie die Einsamkeit wie ein
Glück Dennoch wollte sie noch einmal den Versuch machen und fand sich am
nächsten Tag vor einem Postamt ein wohin sie einen der Unbekannten bestellt
hatte
    Ein großer schlanker feingekleideter junger Herr trat bald aus der Tür
des Amtes und ging auf sie zu Er hatte angenehme ebenmässige Züge »Pardon 
Lagerkarte 32« Und als sie bejahte  »Ich bitte um Entschuldigung aber drin
im Postamt begegneten mir zwei Kameraden die ich leider nicht abwimmeln
konnte« Dann traten sie auch schon aus der Tür und es schien ihr gar nicht so
zufällig dass sie hier waren
    »Welchen Namen bitte«
    »Weissmann« sagte sie
    »Zur Leiden« flüsterte er
    Die beiden Herren traten langsam heran und maßen sie dabei mit langen
Blicken Der eine war ein blonder großer massiger Kerl mit brutalem Gesicht
Der andere  eine Karikatur für den Simplizissimus Schlotterig klappernd mit
dandyhafter Eleganz gekleidet mit verlebtem verfältetem Gesicht das nie jung
gewesen zu sein schien das Monokel ins Auge gekniffen Ein kleines steifes
Hütchen saß ihm auf der Schädelspitze darunter sahen semmelblonde kindlich
weiche Härchen hervor  das einzige Erbteil seiner Rasse das er in seinen
letzten Resten zumindest bewahrt hatte Beide hatten Operngläser umgehängt sie
wurden als Kollegen  Assessoren  vorgestellt
    »Loge im Apolloteater« schnarrte der Klapprige  »gehst du mit«
    Herr zur Leiden meinte er würde kaum mitalten aber vorher könne man noch
in ein Café gehen Sie traten in das Romanische Café und fanden mit Mühe einen
Tisch  Was sie mit den drei Fremden reden sollte wusste Lore nicht Man sprach
über das Café die Bedienung
    Herr zur Leiden steckte den Zucker in die Tasche »Den muss ich meinem Koko
mitbringen« meinte er
    »Haben Sie einen Papagei« fragte Lore der schwül zumute geworden war
hilflos
    »Ich habe einen kleinen Vogel  ist aber kein Papagei«
    Der massige Assessor schlug sich auf die Knie und brach in brüllendes
Gelächter aus  »Nen kleinen Vogel famos Pruh« Er schüttelte sich unter
schnaubendem Gelächter  »Sein kleiner Vogel«  er stieß prustend dem
Klapprigen in die Seite  »is ein möchtjes Biest mein Fräulein«
    Die Redensart seinen Ohren nicht trauen  erlebte Lore in diesem Augenblick
buchstäblich Sie traute nicht  ihren Ohren Sie musste misshört haben Aber da
grölte der Massige noch einmal »Ein möchtjes Biest mein Fräulein «
    Nach diesem letzten Rendezvous gab Lore die Versuche dieser Art auf
In niedergeschlagener Stimmung kam Werner Der frische Zug den er aus dem
Sanatorium mitgebracht war aus seinem Gesicht schon wieder gewichen Um die
Lippen lag Enttäuschung und die Augen hatten den frohen sammetnen Glanz nicht
mehr den sie damals gehabt Sein Gesicht schien wie ausgebleicht
    Er ließ sich schwer auf einen Lehnstuhl fallen
    »Die sauersten Jahre liegen noch vor uns meine Liebe«
    »Wieso« fragte sie
    »Hast du noch Sehnsucht nach einer Zuflucht in einen Glauben Willst du dich
unter das Dach eines Dogmas verkriechen Schlag dir das aus dem Kopf  Aber es
ist schwer denn in diesem Lebensalter will sich der Wahn als müsse man Ziel
und Mündung finden nicht zufrieden geben« Nervös sprang er auf und ging auf
und ab  »Unsinn Täuschung eingeborene Verstellung der inneren Optik
Ziel und uferlos ist alles alles Eine Weltanschauung  haha  das ist die
drolligste Pygmäenerfindung der zweibeinigen Aufrechtgeher Das Weltbild auf
eine Formel bringen wollen Und dieser Wahn wird in die Gehirne gepresst und da
aufgezogen  gezüchtet vererbt  ein Verbrechen«
    Wie der Wahn in die Gehirne der Mädchen das Wunderbare müsse kommen 
dachte Olga
    »Die sauersten Jahre« wiederholte er  »sind die die man durchmachen muss
um diesen eingezüchteten Talmiglauben loszuwerden« Sein Gesicht verfinsterte
sich »Aus dem kommt alle falsche Begeisterung  die man dann tappend
irrlichternd wieder an falsche Adressen richtet«
    Und er erzählte wie er zu dem hervorragendsten Führer der sozialistischen
Partei gekommen war
    »Ich sage dir  ein Mensch ein Mann Eine Ruhe eine Wurzelsicherheit die
 einen  wie mich  erschüttern muss Kein Genie kein Feuergeist ein
nüchterner Rundkopf«  er formte mit hohlen Händen die Konturen  »klar wie
der helle Tag Sein Wesen  nur mit dem griechischen Wort wiederzugeben
Sophrosyne Gestalt gewordene Besonnenheit Der ganze Mann Balance Und der
Mann kennt nur eine Liebe die Proles das Volk die Masse Reagiert auf Leute
wie mich  mit automatischer Ablehnung natürlich Will die Güter der Welt um
sie aufzuteilen wenns sein muss auf die magerste Einheit bringen nicht zwecks
Akkumulation der Kräfte an besonderen Stellen  zu einem neuen Adel der
Persönlichkeit  nein ganz regelrecht wie sich der kleine Moritz den
Sozialismus vorstellt verteilen   weil alle gleich sind«
    »Alle sind ungleich sage ich  das ist das Stupendeste in die Augen
Springendste Unübersehbarste«
    »Was wollen Sie mit dieser Gesinnung bei uns«
    »Gerade deswegen bin ich hier Weil alle ungleich sind müssen
Verfälschungen der Erhebung  durch die Verschiedenheit des ursprünglichen
Standplatzes  ausgeschlossen sein ebenes Terrain für alle  zwecks Erkenntnis
der verschiedenen Höhen«
    »Sehr gut« sagt er und lächelt  wie der Chirurg der im Seziersaal am
zerlegten Gehirn die vermutete kranke Windung findet  »ausgezeichnet und
dann«
    »Dann Dann  nach unverfälschter Erkenntnis verschiedener Höhen 
verschiedene Verteilung der Güter Adelsklassifikation ja nennen Sie es
meinetwegen Kastenbildung bestimmt von der verschiedenen Leistung  aber  auf
nivelliertem Terrain von Haus aus gleiche Chancen für alle  beim Auslaufen
ungleiche Chancen verschiedene Preise  je nach der Tüchtigkeit im Rennen  am
Ziel«
    »Sie kommen mit einem aristokratischen Prinzip und  als Mann von Geist«
sagt er mit dem höflichsten Gesicht
    »Ich komme als natürlicher Verbündeter Wir Intellektuellen sind längst
nicht mehr die Schmarotzer der Theorie wir sind Arbeiter wie die Ihren
Stellen Sie uns auf den Posten  wir gehören zu ihnen Wir sind es wir waren
es  die die Massen ursprünglich beunruhigten und damit in Bewegung brachten
Unser Gehirn hat die Hände zur Tat gelenkt Die bloße Politik des derben
Trittes wie sie heute geübt wird tut es nicht mehr allein Stellen Sie uns ein
in die Reihen«
    Er antwortet »Der Sozialismus fusst allerdings auf wissenschaftlichen
Theorien indessen  gerade die verschiedenen Theorien haben sich zu Hypotesen
 unsere Feinde sagen Utopien  zurückentwickelt Wahr und unanfechtbar
einleuchtend auch für unsere Gegner ist nur eines«  sein Gesicht wird eisern 
»die Politik des derben Trittes«   jetzt lächelt er wieder mit dieser
verfluchten Höflichkeit  »die wir machen und die Ihnen missfällt« Hoffman
schwieg
    »Und somit« sagte Olga
    »Somit  gezählt gewogen und zu leicht befunden das ist alles«
Versuche und Kämpfe überall Es war als stünden alle die Ihren jenseits der
Zone der Beruhigten und Gesicherten Der Briefwechsel mit den Wiener Freunden
der in den ersten Berliner Wochen da sie zu tun hatte sich hier einzufinden
gestockt hatte war wieder aufgenommen worden Auch von da kamen Nachrichten der
Unruhe Professor Diamant war mit seiner großen Arbeit über Krebsforschung
hervorgetreten Nach der ersten Pause der Verblüffung die seine durchaus neue
Methode der Diagnose die fast einer Entdeckung glich erzeugt hatte brach der
Sturm der Gegner los Seine Methode bezog sich auf die frühzeitige Erkennung
innerer Krebsleiden mittels gewisser Reaktionen Ja seine Diagnose ging noch
weiter als über die bloße Feststellung des schrecklichen Leidens im
Anfangsstadium Sie unterschied zwischen heilbarem und unheilbarem Karzinom gab
eine kombinierte neue Behandlungsmetode durch Lichtbogenoperation Fulguration
und Radium für die heilbaren Krankheitsformen  und wollte auch die unheilbare
in ihren ersten Anfängen erkennen Den heftigsten Kampf aber rief seine Theorie
von der Übertragbarkeit des Krebses durch Infektion hervor
    Edda schrieb noch mehr Sie sprach von ihrem Bruder Vinzenz dessen
geschäftliche Transaktionen sie und Eva sorgenvoll machten Eva selbst aber
deutete kommende Änderungen an und meinte es sei nicht unmöglich dass sie sie
bald in Berlin sehen würde
Hoffmanns starke und friedensfrohe Stimmung mit der er sie werbend umschlossen
hatte wich mehr und mehr einer wachsenden Verdüsterung Eines Abends bekam sie
einen Brief von ihm Er schrieb von der Baronin deren Gedichte sein Verlag
brachte »Diese Frau  der Edeltypus der Kaukasierin  verbindet die pompöse
Wucht der Sphinx mit der strahlenden Kraft eines befeuerten Ingeniums Freilich
glüht dieses Feuer in tiefster Seelenstille denn da sprüht und knattert nichts
 Ihren Mann kenne ich nicht wohl aber einen Verwandten mit dem sie meist
zusammen ist ein Diplomat und Philosoph Ich wünsche sehr Dich den beiden
näher zu bringen Sie haben die Leere die schon wieder ihre Fänge um mich
wirft verscheucht«
    Wie der Alp einer überschweren Last senkte es sich auf Olgas Seele als ob
sie über ihre Tragefähigkeit beladen einen Berg überklimmen sollte so schien
sie sich Glückshungrig hatte sie den gefährlichen Einsatz gewagt gefährlich 
weil sie sich gab mit ihrer Weiblichkeit nun wuchs in ihr das Bangen
    Der Brief bat sie an einem bestimmten Tag im Café zu sein um die Baronin
und ihren Verwandten kennen zu lernen
Das Café in das sie Werner Hoffmann bestellt hatte war ein Sammelpunkt nicht
nur der Literaten und gewisser Erscheinungen der Bohème sondern auch der
Zugehörigen anderer intellektueller Zonen  junger Rechtsanwälte und Ärzte die
meist Publizisten »dazu« waren akkreditierter Pressevertreter erfolgreicher
und erfolgloser Teaterdichter studierender Japaner die weiter drin in
Charlottenburg siedelten und da im Gebiet dieses Strassensternes einige
exotische Gesandtschaften lagen fand man hier auch junge Diplomaten zumeist
romanischer Nationen Hispanier Argentinier Chilenen Am Nachmittag war das
Bild hier belebt von den beweglichen Gesichtern dieser verschiedenen geistig
»Hauptberuflichen« Gegen acht Uhr abends änderte sich die Szenerie die
»Intellektuellen« gingen und die begüterte Bourgeoisie von »Berlin WW« kam
hier herein zum »warmen Abendbrot« die Herren  stämmige Geschäftsleute die
Damen  zu sehr nach den allerneuesten Moden kostümiert um elegant zu sein wie
wandelnde Schaufensterpuppen der Warenhäuser anzusehen  mit reichbelockten
Frisuren riesigen beladenen Hüten enggearbeiteten Kleidern auf verschnürten
Formen mit ihren sämtlichen Schmuckstücken von nachweislich legitimer
Herkunft bedeckt Gegen zehn Uhr saßen jene noch hier  und die »anderen«
kamen zurück von den »Stullen« die sie zwischendurch an minder kostspieligen
Stellen genommen  sie kehrten wieder zum Café zu einem Gläschen Curaçao oder
zum halben Eis Und unter die Tiergärtnerinnen und die Zoopuppen mengten sich
nun äterische Gestalten die mit tiefen tiefen Blicken zwischen den zwei
Zopfschnecken die die Ohren aus der Welt schaffen sollten hervorsahn Da kam
weiß geschminkt die dämonische »Aspasia« von der es hieß sie sei »erotisch
unempfindlich« aber sie inspiriere die sie umgebenden Künstler trotzdem oder
gerade deswegen Mit ihr schritt ein von wildem Locken und Bartgestrüpp
umwallter Feind des Staatsgedankens und zwei Dichter aus der Schule der
»Teuflischen« der eine von satanischer Hagerkeit der andere kompromittierend
dick und gemütlich Kurz geschorene reizende blonde Schwedenmädchen die in
Berlin studierten flatterten auf und hüllten sich mit Kolleginnen aus dem
Zarenreich und deren Genossen in dichte Dampfwolken Backenbärtige gelbliche
Tartarengesichter mit dem finsteren Blick der russischen Intelliguenza waren da
zu sehen und ein wenig weiter von ihnen am gemeinsamen langen Tisch  mit
lauernd beobachtenden Forscherblicken den Mund zu süsslich feindseligem Lächeln
verzogen  die asiatischen Mongolen denen die Zoopuppen ungenierte Blicke
zuwarfen Die äterischen Mädchen in phantastischen Hängern studierten die
Kunstzeitschriften von denen sie ab und zu wie entgeistert emporblickten und
nur wenn ein Dichter oder Denker an ihren Tisch trat hoben sie die Lider und
schienen sich mit tiefem tiefem Blick in dieser Welt zurecht zu finden Auch
ein paar energisch dreinblickende Frauen die weder zu den Äterischen noch zu
den Zoopuppen gehörten saßen da sprachen von Versammlungen und verlangten
weniger die Kunstblätter als die literarischen und politischen Monatsschriften
    Olga die selten hierher kam hatte in einer Ecke Platz gefunden und wartete
auf Hoffmann und die von ihm Angekündigten auch Stanislaus sollte kommen Sie
trug ihr neues blaues Tuchkleid dessen rechteckiger Halsausschnitt mit einer
bunten türkischen Borte abschloss und inmitten der breiten kupfrig
schimmernden Wellen ihres Haares ein rundes Astrachankäppchen das sie seit
Jahren besaß  Sie ließ die Blicke wandern und sah sich die Leute an
    Nahe der Kasse am »Privattisch« saß der Kafetier ein Mann dessen Kopf an
den eines Spanferkels erinnerte und der wann immer man in das Café kam sei es
am frühen Vormittag mittags oder spät nachts zur Stelle war Man sah es ihm
an wie sein Beruf ihm schmeckte wie er sich in Gewissensruhe sonnte weil im
Café zu sitzen für ihn im »Geschäft« sein hieß  Nicht weit davon saß ein
schwarzhaariger Literat mit großem bleichem Gesicht er hatte hier »warm
gegessen« und schwelgte wie nur je einer am Zahltag Von weitem sah seine Stirn
hoch und blank aus aber es war nur der ungewöhnlich weit hinten beginnende
Ansatz der Haare die in Büschen bis zu den Schultern hingen der ihr
Dimensionen gab Die leere Schnitzelplatte stand noch vor ihm und schon war er
dabei den Kaffee mit reichlichen Mengen Kuchens sich schmecken zu lassen Er aß
mit Wohlbehagen wie einer der auf solche Tafelei im Geiste vorbereitet war er
hatte erst kürzlich eine Abfindungssumme von einem Verleger erhalten dafür dass
er von dem Vertrag über die Drucklegung seines philosophischlyrischen Werkes
»An die Ewigkeit« zurücktrat 
    Im goldstrahlenden Licht das den weissgetäfelten mit roten Plüschbänken
möblierten vielfach abgeteilten Saal erfüllte erschienen Olga plötzlich alle
diese bewegten Figuren silhouettenhaft wie skizzierte und nicht ausgezeichnete
»interessante« Schattenrisse aber nirgends nirgends  ein wirkliches Porträt
nirgends ein durcharbeiteter Kopf mit großen deutlichen Linien ein echtes
Antlitz 
    Plötzlich blieb ihr Blick hängen wem gehörte nur dieses braune
schwarzbärtige Gesicht mit den eckigen fast verzerrt erscheinenden Zügen die
an primitive Holzschnitzerei erinnerten Halt  diesen selben Vergleich hatte
sie schon einmal gemacht als sie bei einem Sommeraufentalt bei Verwandten in
Böhmen an allen Kreuzwegen des Dorfes den Statuen des örtlichen Schutzpatrons
des heiligen Nepomuk begegnete Der holzgeschnjetzte Märtyrer mit dem in
frommem Leiden verzogenen viereckigen Gesicht hatte sie an jemanden erinnert
 dem sie einstmals  flüchtig   begegnet war   damals zuhause als sie
Koszinsky fand und verlor Es war Koszinskys ehemaliger Kamerad Karl Stiller
der hier saß Seine magere starkknochige Gestalt stak in einem vertragenen
buntkarierten Anzug er hatte eine Zeitung in der Hand und sah über das Blatt
weg starr und müd ins Leere Unwillkürlich blieb Olgas Blick fest an seinem
Gesicht hängen nach einer Weile drehte er den Kopf und sah nun plötzlich auch
sie Seine Stirn zog sich gleich in grüblerische Falten und erschien unter der
starren schwarzen Haarbürste finster wie ein Wald über den sich abendliche
Gewitterwolken sammeln Sekundenlang sahen sie einander an dann wandte sie den
Kopf und überließ es ihm sich zu erinnern Er grübelte wo hatte er dieses
stark ausgeprägte Mädchengesicht mit den Haaren die den Kopf umbogen wie
geschmiedetes Kupfer dieser gebogenen Nase die doch in diesem Gesicht nicht
störte und den klugen schwarzen Augen schon gesehen Und er erinnerte sich
dunkel diese selben Augen auch schon wie hinter Schleiern die sich über ihnen
verwebten erblickt zu haben  Auf einmal fuhr die Erinnerung durch ihn wie
ein Riss Die Augenbrauen wurden hoch zur Stirn gezogen die verkniffenen Lippen
lösten sich ein gutes Lächeln kroch aus den bartumwallten Mundwinkeln und
verscheuchte für einen Moment die Düsterheit der Stirne
    Entschlossen ging er an sie heran
    »Freiln Diamant«
    »Herr Leutnant Stiller«
    »Ich bin doch ka Preuss Freiln dass ich mir den ehemaligen Titel in Zivil
konservier Wir DeutschMagyaren kokettieren nicht mit sowas  aber was
machens hier« Er schüttelte ihr kräftig die Hand und setzte sich auf ihre
Aufforderung zu ihr
    Sie berichtete ungefähr was sie hier trieb
    »Und Koszinsky« fragte er geradezu obwohl er die Lösung der Beziehung noch
mit erlebt hatte »Verfluchte Gschicht war das damals«
    »Er ist auch in Berlin«
    Er dachte nicht anders als dass sie wieder zusammen waren »So Habens sich
also ausgsöhnt«
    Nun berichtete sie wie und wo sie Koszinsky in Wien und dann wieder hier
begegnet war und wie sie miteinander standen
    »Armer Teufel armer Teufel« murmelte er »Im Grund ein Kerl dem man die
eine Dummheit nicht ankreiden dürft auch nicht in Gedanken  Wie kann es
sein« fuhr er fort  »dass sich in Ihrem Herzen so  so gar nichts mehr regt für
ihn« Und als sie schwieg und nur mit wehmütigem Lächeln die Achseln hob
begann er wie in Erinnerung verloren mit hellem gutem Gesicht zu erzählen 
von damals Er schilderte wie Koszinsky im Rausch der ersten Leidenschaft
fiebernd vor Erwartung nach ihren Briefen immer aufs Postamt gestürmt war
Manchmal hatte er ihm auch gezeigt was er ihr schrieb »Bitt Sie  er war
schon so ein Mensch und hat nix Böses dabei gsehen « Stiller sprach noch
immer im österreichischen Dialekt mit der speziellen slawisierten Rauheit der
Provinzoffiziere der Monarchie
    Ich erinner mich noch wie er einmal statt der Überschrift nur ein Motto
oben gschrieben hat  aus  aus dem Westöstlichen Divan war es wie mir
scheint »Sieh da war «  er zog die Worte ehrfürchtig auseinander  »meine
Chiffre leis gezogen  komisch komisch« schloss er nachdenklich  »wie so
einem Menschen wie er  so was hat passieren können«
    »Ich glaube« meinte sie »es gibt in den Seelen der meisten von uns
Heutigen  mancherlei Bewegung gegeneinander  Strömungen vom und zum Ufer«
    »Kann sein  kann sein Dem Koszinsky fehlt vor allem  das Weib wissens
 so eine ganz eine einfache schlichte Häuslichkeit mit Frau und Kindern 
ohne die ein Mann wie unsereiner nicht sein soll wenn er sich nicht ruinieren
will in Mark und Gehirn«
    »Und Sie« sagte sie lächelnd
    »Ich hab ein Weib  natürlich« sagte er »Is ein armes Madel das an mir
hängt und ich an ihr Nächstens lass ich mich mit ihr trauen  wegen die Kinder
wissens Is schon a jahrelange Gschicht Wir haben drei Kinder Zwei sind bei
die Eltern untergebracht zuhaus in Ungarn und das dritte«  die Stirn verzog
sich sorgenvoll  »is vor a paar Tagen angekommen«
    »Hier«
    »Ja es is ein Elend   Wann sie gesund is die Meine schneidert sie
jetzt soll ich uns alle ernähren  furchtbare Gschicht is das« Er ballte
unwillkürlich die Fäuste unter der Tischplatte
    »Sie hatten dort eine Stellung bei einer deutschen Redaktion  zuhause«
    »Bitt Sie wie kann sich da eine deutsche literarische Zeitschrift halten
Die kleine deutsche Insel da unten  die Sachsen in Siebenbürgen und die
Schwaben im Banat  das is alles Die sogenannten Deutschen da oben  Budapest
Raab Pressburg  die Gsellschaft zählt bei so was wie das um was wir kämpfen
nicht mit Denn erschtens sinds verjudet pardon und zweitens spielens die
Magyarenpatrioten da heißt einer zum Beispiel Salomon Bauchspeck und
magyarisiert sich auf Andrassy oder Hunyady oder sonst auf den Namen irgendeines
alten Fürsten oder Grafengeschlechtes  Den Idealismus da unten im Rassenkampf
haben nur wir dort in der südöstlichen Ecke« Er machte eine Pause und starrte
finster vor sich hin »Das Blattl« fuhr er fort »is bald eingegangen und so
bin ich nach Berlin Leb hier als freier Schriftsteller«  er verzog die
Lippen fletschend  »saubere Freiheit das Herumhausieren mit Artikeln  und
davon soll man Weib und Kinder und sich selbst ernähren Nun ein Glück is
zweierlei erschtens dass ich meine Spezialität hab  die Geschichte der
Deutschen in Ungarn  das interessiert hier gibt noch viel unbekannten Stoff
und findet Abnehmer wissens und zweitens « und jetzt hob er unwillkürlich
die geballten Fäuste aus ihrem Versteck unter der Tischplatte und hielt sie in
Kopfeshöhe hoch  »meine zwei Arbeiterhänd Sehens  was ich mir mitm Kopf
nicht drspekulier und mitm Hintern  pardon  beim Schreibtisch nicht dr 
sitz das schaffen meine Pratzen  meine echten deutschen Faust Die können
arbeiten und zugreifen  wos a Brot gibt« Er ließ die Arme langsam sinken 
»Sehens wenn die Not da in der Wohnung von Küche und Kammer im Quergebäude
groß wird  sehr groß  wie jetzt wo a Kind nach Milch schreit und a arms
Weib daliegt und sich nicht rühren kann  sehens da geht man halt taglöhnern
 wos was gibt« Es war trotzig gesagt fast prahlerisch herausgestossen aber
der Kopf hatte sich unwillkürlich gesenkt die Lider beschatteten die ehrlichen
Augen die eben noch wild dreingeblickt hatten und es schien als verbreite
sich über das braune Gesicht langsam steigend eine Blutwelle  »Aber
glaubens nicht dass meine Arbeit  die eigentliche  deswegen zurückbleibt im
Gegenteil wenn ich auf solche Art hab schuften müssen  sag ich mir 
justament weiter  durch musst und wirst   Ich schreib jetzt ein Drama 
wissens so was Urdeutsches«
    »Ein historischer Stoff«
    »Den hab ich auch angefangen  habn aber inzwischen weggelegt Er is aus
der Geschichte der Sachsen  und bei historischen Sachen is der Erfolg riskiert
wissens der Aufführungs und der Gelderfolg und den brauch ich Nein  ich
mach jetzt was anderes was Aktuelles Ihnen kann ichs ja sagen  Sie werden
mirs nicht stehlen  also hörens ein urdeutsches Stück aus der Gegenwart
Ein neuer nationaler Held « er machte eine geheimnisvolle Miene  »denkens
es wär der Graf Zeppelin  steht im Mittelpunkt In einem echt deutschen
Stück« fuhr er lebhaft fort »darf aber neben dem heroischen auch das komische
Motiv nicht fehlen wissens Nehmens an  dazu lang ich mir den Zeitgenossen
vom Grafen  den Schuster Voigt genannt Hauptmann von Köpenick fein was
Natürlich werden die zwei Helden in einen Zusammenhang gebracht  dazu hat man
ja seine Phantasie Und da gibts Episoden  urdeutsch sag ich Ihnen Erinnern
Sie sich an den Meister Hilbrecht der den Sträfling bei sich aufgenommen hat 
den echten deutschen Meister Hilf  recht der so recht und ganz half  bis
die Polizei kam und das Wild weiter jagte« Er war ganz heiß und froh geworden
bei seiner Schilderung »Und über all dem  der Adler  der greise Graf  Er
flog  flog über Luzern  mit Adlern um die Wette«  zitierte er ein Gedicht
aus der »Jugend«  »er flog über die Berge der Schweiz ein Augenblick wert
miterlebt und« fuhr er pathetisch fort »auf der Schaubühne dem deutschen Volke
erhalten zu werden« Er war ganz verklärt  »Wär was für unseren Schiller
gewesen aber so was interessiert natürlich die richtigen modernen Literaten
nicht«  schloss er mit gereizter Betonung
    In seiner Kraft die manchmal von naiver Roheit nicht fern schien mit
seinem dampfenden Schnauben seinem Lebens und Siegeswillen schien er ihr wie
ein echter Nachkomme jener Berserker die sich durch die deutschen Urwälder Wege
gehauen und dem Feind nackt und mit wildem Geheul entgegengestürmt waren 
    Ein langer hagerer Herr mit schmalem gelblichem Gesicht und schwarzem
Knebelbart dessen Kopf an die Männerporträts des Velasquez erinnern konnte
drängte sich zwischen den Tischen durch sah dabei Olga und grüßte sie zögernd
blieb er stehen und kam dann auf ihren freundlichen Gegengruss heran
    »Stiller«
    »Doktor Emmerich«
    Es war einer der Ärzte aus dem Sanatorium in dem sich Hoffmann aufgehalten
hatte Er war mit ihm gleichzeitig abgereist da er von seiner Stellung
zurücktrat und sich selbständig niederlassen wollte Olga hatte ihn einmal bei
Werner angetroffen Beide hatten erraten dass er ihre Beziehung erkannte ohne
dass sie sich dadurch beunruhigt fühlten
    Olga interessierte ihn und so wollte er nicht vorbeigehen ohne sie zu
begrüßen
    »Und unser Freund Kommt er nicht auch Ich sehe ihn öfters hier«
    »Doch ich erwarte ihn hier Wollen Sie Platz nehmen« Und sie bog einen der
Stühle die sie umgelehnt hatte um sie zu reservieren zurück
    »Wenn Sie gestatten bleibe ich gern einen Augenblick«
    Misstrauisch blickte Stiller nach dem neuen Tischgenossen und seine Stirn
war wieder gefältet und finster
    Doktor Emmerich war ein Apostel der lichten Lebensauffassung Einer der die
Menschen wie er sagte liebte der alle moralischen Mängel als Entartung und
Entartung als Krankheit erklärte »Der ganz gesunde Mensch ist gut und heiter«
 das war sein Glaube aber freilich wo gab es solche ganz Gesunde Auf Olgas
Frage nach seinen nächsten Plänen von denen er bei Werner in ihrer Gegenwart
gesprochen erwiderte er es schreite alles zur Zufriedenheit und programmässig
fort Ein passendes Haus für sein neu zu gründendes Sanatorium habe er bereits
gefunden  im Süden in herrlicher Lage ganz wie er sichs gewünscht  in
einer Gegend in welcher sich auch schon Menschen von besonderer Art angesiedelt
hatten in Askona bei Locarno am Lago Maggiore Schon nächster Tage reise er
dahin ab
    Er erzählte von der Kolonie der Weltflüchtigen die da in den Bergen
verstreut ihre Hütten gebaut hatten Sie alle hatten sich von den
Überlieferungen der Kultur losgesagt Sie lebten dort als eine besondere Sekte
den Dorfbewohnern bekannt unter dem Namen »Vegetarii«  fast ohne Geld im
Tauschverkehr mit den Einwohnern des Dorfes denen sie ihre selbstgezogenen
Früchte brachten wenn sie von ihnen etwas brauchten In ihren Hütten und Gärten
gingen sie meist nackt Es gab Leute unter ihnen die früher mitten am
Kampfplatz der Intellekte gestanden  und sich dann weiter und weiter
zurückgezogen hatten scheu und beängstigt zurückweichend vor diesem Getümmel
in dem die Gedanken nicht leicht beieinander wohnten sondern sich fast so hart
stießen wie die Sachen  Die meisten waren jetzt religiösen Problemen
ergeben
    Olga schüttelte den Kopf
    »Diese Menschen leben doch zumeist von Renten die ihnen solche die sich
vom Kampfplatz nicht drückten  übersenden Heißt das nicht sichs recht
bequem machen Ihr Tauschverkehr den Sie da schildern ist meines Erachtens
eine Torheit Frau Gräser bringt wie Sie erzählen dem Zahnarzt Äpfel oder
singt ein Lied als Gegengabe wenn sie einen Zahn gezogen haben will wenn der
Zahnarzt darauf eingeht ist das seine persönliche Kulanz Logisch und
berechtigt ist der Vorgang nicht  denn wie wenn der Zahnarzt keinen Bedarf an
Äpfeln oder an Liedern hat Wie kann man leugnen wollen dass das Geld diese
universelle Einheit durch die alle materiellen Werte ausdrückbar sind das
logischste Medium beim Austausch der Güter ist   Oder wenn diese Menschen da
unten alles was sie brauchen selbst verfertigen  welches Dilettieren in
allem Handwerk welche Vergeudung an Kraft und welcher Missbrauch des Materials«
    Doktor Emmerich erklärte »Der Glaube  oder der Wahn  der zu solcher
Sektenbildung führt  liegt vielen Gemütern gänzlich fern aber nur mit dem
Gemüte lässt er sich begreifen  Glauben Sie aber ja nicht dass ich etwa im
Geiste jener Sekte dort hausen werde« fuhr er lächelnd fort   »Das Plätzchen
ist wundervoll gewählt Mit den Leutchen da werde ich mich wohl anfreunden  wie
sollten gerade sie den Arzt und Psychologen nicht interessieren  im übrigen
aber will ich solche Menschen heranziehen die sich in einem köstlichen Klima
in einer gutgeführten Anstalt physisch und seelisch erholen wollen und
besonders zu dieser seelischen Erholung ihnen zu verhelfen  soll mir am
meisten am Herzen liegen«
    »Aha  eine Terapie deren Kurmittel nicht nur Diät Wasser Luft Sonne
farbige Bestrahlung faradische und andere Ströme sondern auch seelische
Kräftigung umfassen soll umfasst Ihr Heilprogramm« bemerkte Stiller mit
gallbitterem Gesicht
    »Ganz genau das ist es« meinte Doktor Emmerich ruhig »Die Zukunft des
Arztes« fuhr er fort »begreift auch diese Mission«
    »Der Arzt als Heiland« knurrte Stiller ironisch
    »Nicht gerade als Heiland aber sagen wir als der moderne Stellvertreter
des Priesters den die heutige Menschheit sehr notwendig hat  den
Stellvertreter nämlich nicht den Beamten des Klerus«
    »Also wieder ein neuer Weg zum Heil« meinte Stiller »Hirsebrei
Obstbaumzucht Atmungsgymnastik mystische Übungen und Nacktkultur  das alles
tuts nicht mehr es muss auch der ärztliche SeelSorger über all dem wachen«
    »Nacktkultur ist durchaus nichts Lächerliches Nackt laufen in freier Luft
nackt baden turnen und tanzen würde bald aus unserem Volk etwas anderes machen
als es zum großen Teil heute ist lächerlich wird die Sache erst wenn nackte
Menschen auf Möbeln in Salons sitzen und da Tee trinken und ästhetische
Gespräche führen«
    Stiller beachtete diese Erklärung nicht die erste Mitteilung Doktor
Emmerichs hielt ihn in Atem »Nach welchen Gesichtspunkten Herr Doktor
Emmerich wollen Sie für seelische Kräftigung Honorar nehmen«
    Doktor Emmerich hatte keinen Augenblick sein heiteres Lächeln verloren Er
erwiderte »Vor allem will ich ein materiell sehr leistungsfähiges Publikum da
hinunterziehen Als langjähriger Arzt in einem großen Sanatorium habe ich
Fühlung mit dieser Klientel«
    Stillers braunes Gesicht war gefältet wie ein entrollter Fächer und ganz
von drohenden Schatten bedeckt »So so« knurrte er
    »Ja dieses Publikum wird dann da unten in Atem gehalten Sie zählten ja
vorhin schon die Metoden auf elektrische Ströme Wasser und Sonnenbäder und
was sonst noch drum und dran hängt Besonders mit den billigen Kurmitteln des
Wassers der Sonne und einer entwöhnenden Diät rechne ich Eine heilsame
Frugalität der Ernährung ist aber den Patienten nur dann vertrauenswürdig wenn
man die höchsten Preise dafür nimmt«
    »Wunderbares Prinzip« kam es pfauchend zwischen Stillers Zähnen hervor
    »Das Haus wird natürlich sehr gut ausgestattet modernes Inventar gute
hygienische Betten WC  das fehlt da unten Und wenn mir das glückt wie ich
es meine« fuhr Doktor Emmerich fort und seine bebrillten Augen wurden licht 
»dann kann ich  sozusagen  die leitende Idee meines Lebens endlich ausführen«
    »Und die ist« fragte Olga
    »Sehen Sie dann  dann schaffe ich da unten nach und nach eine Einrichtung
die uns fehlt  eine sehr notwendige Einrichtung eine Erholungsstätte großen
und vornehmen Stils für geistig Arbeitende  die kein Geld für Erholungsreisen
übrig haben und die das völlige Ausspannen bei sehr gutem und sorglosem Leben
notwendiger brauchen wie alle anderen Denn hier in ihnen sind die Kapitalien
der Zukunft das Material aus dem sie gebaut wird sind aber diese Menschen
selbst Sie haben nicht ihr Arbeitsmaterial neben sich wie Tischler und
Schuster  in sich haben sie es sie selbst sind es ihr eigener Leib ist die
Möglichkeit ihres Wirkens aus sich selbst heraus holen sie alles Diese
Menschen leben gehetzter und aufreibender wie alle anderen ihre Existenz
bedingt ein ewiges Hasard wie die des Spielers nur dass sie positive Leistungen
daneben noch erübrigen müssen Er  übrigen« demonstrierte er  »das heißt 
ein Mehr ein Übriges muss da sein ein Übriges an Kraft Darum bedürfen sie 
gerade sie  aller Akkumulatoren der Kraft der Schonung der Pflege der Ruhe
und  ja und« mit verbindlichem Lächeln wandte er sich zu Stiller  »und der
günstigen seelischen Beeinflussung«
    »Das also wollen Sie« kam es nach kurzem Schweigen aus Stillers Munde
und sein Gesicht war glatt und licht wie ein Sommertag
    »Ich habe mir die Sache gut ausgerechnet« sagte Doktor Emmerich »Ein
reicher Patient  das gibt bei Weglegung der nötigen Reserven für das Haus 
zwei vielleicht auch drei Plätze für meine anderen Invaliden Das Unternehmen
ist zwar mein privater Besitz soll aber verwaltet werden als ob es einer
Genossenschaft diente alles was erübrigt wird kommt dem Hause selbst und dem
einen Teil der Insassen wieder zugute«
    Olga hatte fast vergessen wo sie war  einen Augenblick war ihr als ob
das Dunkelblau des italienischen Sees das strahlende Licht jener Landschaft vor
ihre Seele getreten wäre
    »Diese Stürmenden  wollen Sie einfrieden« sagte sie »diesen ewig
Unsicheren  eine Spanne Sicherheit gewähren Aber glauben Sie dass die wirklich
 Tüchtigen die Echten und Starken die mit dem großen Können und Wollen 
solche Hilfe auch brauchen«
    »Blicken Sie um sich« sagte Emmerich und senkte unwillkürlich die Stimme
»Nicht gerade hier« fügte er lächelnd hinzu da sie die Augen über das Lokal
schweifen ließ »blicken Sie im Leben in Ihren Kreisen um Sich Sie werden
echtes Können und manches edle Wollen sehen Aber Sie werden auch sehen dass
dieser Wille fast überall gegen Nervenohnmacht kämpft und sich dabei
versplittert und verstäubt wie Wellen die auf Felsen schlagen Daher sind
unter diesen geistig Ringenden jene so selten die  wie soll ich es richtig
sagen  großen Lebenszuständen gewachsen sind der Liebe dem sozialen Kampf
dem Erwerbsleben mit seinem brutalen Gedränge der Anpassung an das Milieu und
den Krisen der eigenen Brust in Sachen der Kunst der Weltanschauung des
inneren Dogmas und der Bedrängung durch eigene Triebe Darum sehen Sie die einen
zu Sklaven ihrer Begierden werden  andere wieder die ihre Triebschwäche
lähmt«
    Er unterbrach sich Olga grüßte nach der Tür hin durch deren Rondell eben
Stanislaus eingetreten war »Der schöne Mensch« fuhr Doktor Emmerich fort
»wird immer seltener das ist der der Gefühlsströme zwischen sich und andere zu
leiten vermag der die Freude in der Welt mehrt Denn aus der Freude kommt die
Kraft und die Tat über sich selbst hinaus « «
    Er machte eine Pause und nickte wie für sich selbst »Darum will ich 
helfen soweit ich kann«
    Stanislaus war herangekommen Der Begrüßung folgte der Aufbruch Stillers
    »Ich muss nach Hause schauen« sagte er  »aber ich komm dann wieder und
find Sie dann gewiss noch hier« fügte er zu Olga gewendet hinzu »Ihnen dank
ich  dank ich Herr Doktor  für das was ich von Ihnen hab hören dürfen«
    Er ging Olga erzählte Stanislaus der sich seiner nicht gleich erinnerte
wer er war und berichtete den beiden Männern von seinem Leben
    »Einer von meinen künftigen Gästen  von denen die ich vorzumerken habe«
meinte Emmerich
    »Ich fürchte Ihre Liste wird lang werden« antwortete Olga
    »Ihren Namen lese ich jetzt oft« sagte Doktor Emmerich zu Stanislaus
gewandt
    »Im Zusammenhang mit der alten Sache Mich interessiert die aber momentan
nicht mehr Mein Herz gehört  der neuen«
    »Schriftsteller sind immer um eine Nasenlänge über sich selbst hinaus«
sagte Doktor Emmerich
    Man sprach von Werner Hoffmann »Kennen Sie ihn« sagte Stanislaus mit
eindringlicher Betonung
    »Ich glaube« erwiderte Emmerich und zog sein schwarzes Knebelbärtchen
nachdenklich durch die Hand  »ein möglicher Christus Kompromisslos wie Ibsens
Brand Eigentlich ein Mystiker  der nicht weiß dass er es ist sehr zum Heil
seiner suchenden Seele Ein Mensch mit heftigen Tatinstinkten denen sich
tausend ererbte Hemmungen entgegenstellen die ihn hindern sich selbst auf die
Spur zu kommen der sich suchen wird sein Leben lang einer dem jeder Irrtum
zur Sünde wird ein Beladener«
    Die Geschwister horchten Das Gesumme des überfüllten Saales umgab sie ohne
dass sie es hörten Sie sahen auch nicht mehr die Einzelnen nur noch die Fülle
der bewegten Figuren die sich im bläulichen Zigarrendampf und im gelben
Kunstlicht bewegten schob sich vor ihren Blicken wie im Spiegel hin Die
gelben Gardinen des einen Fensters waren noch nicht vorgezogen Draußen
schimmerte die tiefe Nacht blau zwischen den fahlen Lichtkreisen der
Gaslaternen dicht und blendend fiel der Schnee legte sich an die großen
Spiegelscheiben bildete da kristallene Sterne und schimmernde Ballen
    Plötzlich sahen sie Werner in Begleitung zweier Fremder über die Straße
kommen Werner wie immer in der Lodenpelerine den weiten Schlapphut tief in
die Stirn gedrückt Gleich darauf waren sie eingetreten und bei ihnen
    »Herr von Bredow  Baronin Kellenberg« sagte Werner nachdem er die
Geschwister und Doktor Emmerich vorgestellt hatte
    Die hohe Gestalt der Dame war ihnen schon draußen aufgefallen Nun da sie
ihren Pelzmantel ablegte und in ihrem breiten Federnhut und im tiefschwarzen
fließenden Sammetkleid vor dem Tisch stand erschrak Olga beinahe über ihre
Schönheit Auf der hohen üppigen von keinem Mieder verschnürten Gestalt saß
ein Kopf mit vollendet ebenmässigen ruhigen grossgezeichneten Zügen »Der
Edeltyp der Kaukasierin« so hatte Werner sie geschildert und Olga hatte sich
dabei nichts denken können Nun als sie dieses Gesicht sah wusste sie was er
meinte Das war das Antlitz der Europäerin wie sie ursprünglich gewesen bevor
sie durch gefährliche Kreuzungen das ruhige große Ebenmass der Züge verlor und
soubrettenhaft verniedlicht wo nicht verhässlicht wurde Kühle blaue Augen
beherrschten das Gesicht dessen Teint etwas blass war ohne dass die zarte
Frische des Fleisches davon beeinträchtigt wurde Die Augenbrauen waren
hellbraun wie das Haar und lagen als vollendet geschwungene Bogen über den
Augen ja sie schienen etwas hochgezogen was dem Gesicht den Ausdruck des
Staunens fast der Einfalt gab  eine Einfalt an welche Olga nicht glaubte
und deren Schein ihr nur durch diese Bogen der Brauen erzeugt schien In diesen
Augen aber war noch etwas anderes ein unaufhörliches Irisieren das zu der
sonstigen Ruhe des Antlitzes nicht passte und wie künstlich ins Auge gebannt
wirkte
    Stanislaus war beim Anblick der Baronin das Wort von der ochsenäugigen Hera
in Erinnerung gekommen  ganz in jenem ehrfürchtigen mytologischen Sinn der
das große Auge der Göttin durch den Vergleich nicht erniedrigen nur
charakterisieren wollte Er dachte an die Antiken die er in Rom gesehen an
Kameen in die die mächtigen Züge der Hera eingeschnitten waren aber als er das
Profil der Baronin sah kamen ihm die geheimnisvollen geradlinigen Züge in den
Sinn die man an uralten ägyptischen Torsen fand diese Profile die
tausendjährig und ewig jung  unbeweglich und doch faszinierend erschienen
    Herr von Bredow war so groß wie die Baronin Sein Kopf sah eckig und fest
aus Die zierlichen Ohren deren Knorpelgewinde besonders fein und verschlungen
war saßen tief dicht über dem Winkel der Kiefer die Augen von klarem Grau
lagen unter einer Spur hellblonder Brauen Der Blick war durchdringend Die
kurzverschnittene Schnurrbartbürste sträubte sich steif und borstig das
gewaltige Gebiss war etwas vorgeschoben und ungleichmässig Als er den Hut abnahm
sah man einen fast kahlen Schädel von ungeheueren Dimensionen Steil wie ein
Dachgiebel stieg die Stirn auf die tiefsitzenden Ohren ließ sie seitlich
besehen von mächtiger Weite und Breite erscheinen  von vorn betrachtet
schwang sie sich in überraschend reiner Linie wie ein romanischer Bogen Ohne
Hut sah er ganz verändert aus Olga dachte wie eine Taschenuhr wenn der
goldumränderte Glasdeckel aufspringt und das Zifferblatt in seiner Kahlheit und
Weite sich präsentiert
    Die Baronin sprach wenig aber mit großer Verbindlichkeit Sie begleitete
ihre Worte mit einem anmutvollen Lächeln und dem Irisieren ihrer Augen Werner
Hoffmann Herr von Bredow und Dr Emmerich bestimmten die Konversation in die
Stanislaus und Olga ab und zu eingriffen
    Herr von Bredow der in diplomatischen Diensten war sollte in den nächsten
Tagen als Gesandtschaftssekretär nach Genua abreisen
    »Habe mir eben Reiselektüre besorgt« sagte er und zog ein Heft aus der
Tasche
    Voll Interesse streckte Werner die Hand danach aus Es war eine spanische
Grammatik
    »Gibt es eine bessere Gelegenheit sich Verben einzupauken als während
einer Bahnfahrt«
    Mit bewunderndem Blick gab ihm Werner das Heft zurück Herr von Bredow ließ
sich gleich darauf vom Kellner das Kursbuch geben und sah die Züge nach
Stanislaus bot ihm einen Bleistift und riss ein Blatt aus seinem Notizbuch
    »Danke ich notiere mir nichts« meinte Herr von Bredow
    Stanislaus fragte ob dies aus prinzipiellen Gründen unterbliebe
    »Allerdings« erwiderte Herr von Bredow »Die Sinne müssen wach und scharf
bleiben  man darf sie nicht einschläfern darum auch nicht das Gedächtnis
durch Notizen erleichtern Ich weiß meine Züge« fügte er lächelnd hinzu 
»Übrigens habe ich keinerlei Grundsätze über das Positive  über das was zu
tun ist ich übe mich nur  soweit ich kann  im Unterlassen des
Überflüssigen«
    »Wenn ich nicht irre  so haben wir es hier mit einer vorsätzlichen
Selbstverordnung zu tun« meinte Dr Emmerich forschend
    »Sehr richtig« gab Herr von Bredow zurück »Wenn man ein Mensch ist der
seiner Natur nach am liebsten Tat auf Tat setzen möchte  vielleicht Untat auf
Untat«  ein heiseres Lachen klang auf  »so muss man sein bisschen Moral dahin
kommandieren  das Seinlassen zu lernen  Kontra dem Impuls  das ist wohl
die einzige Erziehung von Menschen mit überschüssigem Aktivitätstrieb«
    »In welcher Schule wenn ich so fragen darf« forschte Dr Emmerich weiter
 »haben Sie dies gelernt«
    »Dieses Axiom ist durch eigene Erfahrung erworben Die Lehren asiatischer
Lebensweisheit denen ich später begegnet bin haben mich dann in dieser Meinung
bestärkt Dem Bushido der Japaner den Schriften des neueren Buddhismus danke
ich so manches freilich bin ich nur ein zerebraler Jünger dieser Schule  denn
aus seiner eigenen Haut kann man leider doch nicht heraus   Alle diese Lehren
der Lebenskunst« fuhr er fort da niemand sprach »wie sie die moderne
asiatische Philosophie lehrt laufen darauf hinaus besser zu leben nicht etwa
edler nein  besser Das alles ist klarste Weisheit der Selbsterhaltung«
    »Warum sollte ein Mensch der immer kontra seinem eigentlichen Wollen
handelt so viel besser daran sein als andere« meinte Werner
    Herr von Bredow sah ihn mit seinem durchdringenden Zentralblick an »Weil es
einem Menschen von direktem Wollen der die Verhältnisse aller Dinge schändlich
missachtet und immer mit dem Kopf durch die Wand rennt  schlimm ergeht Dieser
aufs Positive gerichtete Wille wird gestraft und seine Strafe besteht zumeist
darin« fügte er leise fast geheimnisvoll hinzu »dass alle seine Wünsche in
Erfüllung gehen  dass er wirklich alles durchsetzt  Wünsche sind wie
Sklaven die sich abarbeiten  bis alles vollbracht ist Etwas Schlimmeres aber
kann einem nicht passieren«
    Herr von Bredow stützte seinen mächtigen Kopf in die Hand und sah mit seinen
klaren grauen Augen vor sich hin »Dieser gierige europäischamerikanische
Willenstrieb ist der Grund warum uns die Orientalen gering schätzen ihre
durchaus nüchterne Moral verlangt vor allem innere Abrüstung Wir  sind dazu
zu aggressiv zu diesseitig zu selbstgefällig und vor allem zu hungrig Darum
erscheinen wir den Völkern des Ostens zerrissen verschwommen  und immer
getäuscht«
    Werner horchte hingegeben »Ich wusste nicht dass die buddhistische Lehre im
Grunde auf Vernunftsschlüsse hinzielt« sagte er
    »Die vollkommene Reinigung von sentimentalen Motiven hat die modernisierte
Schule des Buddhismus erbracht Es ist ein nüchterner Kodex edler Lebensführung
den sie umschließt Milde Verstand und Wissen logische Ergebung sind ihre
Ziele Untätigkeit bringt sie nur im Sinne einer Loslösung vom Gemenge
weltlichen Getümmels mit sich  dafür rastlose innere Mission an sich selbst
Das ist ihr Sinn Und ihr letzter Schluss das Seelenheil  erreichbar hienieden
 durch Verstand und Maß Keine geheimnisvollen Riten keine mystische sondern
eine vernünftige Ergebungsteorie keine Gottgläubigkeit und auch keine
Spekulation auf Nirwana mehr Eine hochherzige von Aberglauben gereinigte
vorwiegend intellektuelle Lehre«
    »Geben Sie mir mehr  noch mehr davon« stieß Hoffmann hervor und sein
Auge hing wie der Blick eines Verdurstenden an der labenden Frucht am Mund der
Erzählers
    Mit ernster Freundlichkeit erwiderte Herr von Bredow »Sie haben mich
danach schon so oft gefragt mein Freund und ich konnte Ihnen immer nur
Stückwerk geben Aber es existiert jetzt eine von der buddhistischen
Gesellschaft Grossbritanniens und Irlands ins Leben gerufene Aktion die die
Verbreitung des modernen Buddhismus bezweckt Einzelne von ihr entsandte
Propagandisten sollen auch schon auf dem Kontinent sein Ich werde mich
erkundigen wo sie zu finden sind und es Sie wissen lassen Sie können dann dort
direkten Anschluss suchen«
    Hoffmann versank in tiefes Sinnen 
    Olga wandte sich an die Baronin »Ich habe Ihre Verse im Manuskript lesen
dürfen Ich glaube Sie sind stark in der Anschauung und ruhig und klar im Wort
 trotz der leidenschaftlichen Gefühle die Sie ausdrücken«
    Die Baronin neigte dankend den Kopf Die großen Pupillen mit der
flimmernden Iris begegneten einen Augenblick den dunklen und doch so klar
durchleuchteten Augen des Mädchens
    Herr von Bredow sprach mit Stanislaus über das Problem der
Stiefvaterfamilie das ihn beschäftigte Er riet ihm eine Reise durch
Deutschland und empfahl genaue statistische Untersuchungen
    Olga sah wie Stiller wieder eintrat Er nickte ihr zu legte seinen
Sommerüberzieher und das steife schäbige Hütchen ab und nahm in einer
entfernten Ecke Platz wo er einen Berg von Zeitungen vor sich auftürmte
    Als die Baronin und Herr von Bredow aufbrachen lud die Baronin die
Geschwister Dr Emmerich und Werner Hoffmann ein sie zu besuchen »Sie sind
uns ja kein Fremder mehr« sagte sie zu Werner
    Werners Blicke umglitten scheu die Hoheit ihrer Gestalt Er neigte den Kopf
wie in Ergebung als leiste er einer höheren Macht gegenüber keinen Widerstand
mehr  Dann ging er an den Kleiderständer und holte den Pelzmantel der
Baronin
    Olgas Blick folgte ihm Plötzlich überkam sie ein Gefühl wie einen
Menschen den im Meer eine hohe Welle erfasst die er herankommen sieht bis
sie ihm den Atem und die Besinnung nimmt während sie ihn brausend überflutet
sie glaubte eine Sekunde lang gesehen zu haben als streiche Werners Hand 
heimlich und zitternd  über das schimmernde schwarze Sealfell des Pelzes den
er dann langsam vom Haken hob 
    Als sie gegangen waren sprach man von der Ehe der Baronin
    »Sie war die Tochter einer verarmten Offiziersfamilie« berichtete Werner
»und ernährte sich durch Bureauarbeit Die Entbehrung zwang sie auch im
Kabarett aufzutreten wo sie ihre Gedichte vorlas Hier sah sie Baron von
Kellenberg  Sie leben nicht gut zusammen« fügte er kurz hinzu
    »Woraus schließen Sie das« fragte Stanislaus
    »Sie sagte mir einmal« entgegnete Werner nachdenklich »sie wäre oft böse
und gereizt gegen ihren Mann und darum«  es kam fast drohend über seine Lippen
 »möchte sie ihn lieber verlassen«
    »Weil sie böse gegen ihn ist möchte sie ihn verlassen« fragte Stanislaus
    »Leuchtet Ihnen das nicht ein« antwortete Werner ungewöhnlich schroff
»Menschen die unser Wesen reizen passen nicht für uns«
    Niemand hatte etwas zu sagen Nach einer beklommenen Pause fragte Werner
nach Olgas Zeitung ob denn gute Beiträge zu beschaffen seien  Sie nannte
einige Namen
    »Zuviel vom Frauenklub« meinte er stirnrunzelnd
    »Welchen Frauenklub meinen Sie«
    »En bloc gesprochen   Sie müssen vor allem trachten  moralische
Probleme zu erörtern aber freilich hier versagen die Frauen«
    Ein kalter Glanz kam in ihre Augen Der Kopf der trübe und schwer gesenkt
gewesen hob sich
    »Dann müssen Sie noch weiter gehen« sagte sie mit bebender Stimme  »und
behaupten dass Frauen auch niemals im Sinn einer tieferen Moral zu verfügen
wissen«
    »Wie  persönlich« Er hob wie abwehrend die Hand
    »Um Phrasen so allgemeiner Art ins rechte Licht zu setzen ist das
notwendig« Sie rang sich die Worte ab
    »Falsch  falsch« sagte er und machte wieder die abwehrende Geste
    Ein Schauer überlief sie Von der fröstelnden Haut drang diese Kälte in ihr
Innerstes »Wie spät ists« sagte sie müd
    Es war über Mitternacht
    Drüben sah sie Stiller aufstehen und sich ankleiden Da er zögernd zu ihr
hinblickte verließ sie ihren Platz und ging zu ihm hinüber
    »Auf Wiederschaun Freiln Ich geh jetzt ein paar Stunden schlafen«
    »Für mich wirds auch Zeit« sagte sie »Aber warum nur ein paar Stunden
Sind Sie ein Vormittagsarbeiter Da dürften Sie nicht so spät im Café sitzen«
    »Bewahre« sagte er »ich schlaf wie a Ratz wann ich kann Aber morgen
früh«  er blickte hinaus in das Schneegestöber  »morgen früh heißts am
Platz sein« Und mit gedämpfter Stimme fügte er da er ihren fragenden Blick
sah hinzu »Jawohl so is es Da tritt man im Morgengrauen beim Magistrat von
Charlottenburg an und lasst sich Schaufel und Besen geben«
    Sie starrte ihn an 
    »Ja ja« sagte er hielt ihren Blick standhaft aus und nickte  »das ist
der gute liebe Schnee  der gibt Brot« Und er drückte ihr die Hand und ging
dem Ausgang zu An der Tür wandte er sich noch einmal um als hätte er etwas
vergessen und kam zurück Sie stand noch immer regungslos an seinem Tisch
»Richtig Wanns den Koszinsky sehen Freiln  sagens ihm ich bitt Sie er
soll nicht bös an mich denken Ich bitt Sie  sagens ihms«
    »Ich habe ihn lange nicht gesehen Seine Konzerttruppe gastiert irgendwo in
der Provinz«
    »Also wanns ihn sehen  ich bitt Sie« Und er drückte ihr noch einmal
die Hand schlug den Mantelkragen hoch und stapfte hinaus in die Winternacht
    Olga ging zurück zu ihrem Tisch Sie setzte sich nicht mehr Sie nahm ihre
schwarze Jacke von schwerem Tuch die für den strengeren österreichischen
Winter passte vom Haken und legte sie mechanisch über einen Stuhl Einen weißen
Seidenschal steckte sie über den Ausschnitt ihres Kleides fest und schlüpfte
dann in die Jacke die der Kellner bereit hielt Man brach auf
    Stanislaus der sich an dem letzten Gespräch zwischen Werner und Olga nicht
mehr beteiligt hatte verabschiedete sich hastig Doktor Emmerich und Werner
boten ihr ihre Begleitung an sie aber dankte und meinte sie ginge gut und gern
allein das kleine Stück Weges zur Hochbahn die sie dann zum Vorortbahnhof
bringe
    Sie eilte davon  Sie versuchte ihren schweren Atem niederzuhalten 
Licht silberig friedlich fielen die Flocken legten sich auf ihre Kleider auf
ihr Haar auf die Brauen und Wimpern ihrer Augen und sie fühlte wie sie da
zerflossen und kühl ihre brennenden Lider deckten Und auf einmal kam es heiß
und salzig aus der Tiefe ihres verwundeten Herzens und schoss ihr aus den Augen
 strömte unaufhaltsam   Schwer hoben sich die schneebedeckten Füße und
setzten sich in einförmigem Marsche voreinander Sie ging am Hochbahnhof
vorüber weiter und weiter planlos durch die nächtlichen einsamen Straßen Und
laut aufstöhnend barg sie manchmal ihr heiß überflutetes Gesicht in dem
Astrachan ihres alten kleinen Kindermuffes 
 
                                Sechstes Kapitel
                                   Finsternis
 »So du hundert Meter gehest ohne Liebe
 gehst du in deinem eignen Sterbehemd
 zu deinem eignen Begräbnis«
                                                                   Walt Whitman
Die indischen Puris haben nur ein Wort für gestern heute und morgen Und so wie
dem wunschlos Weisen die Zeit nur ein ungegliedertes Einziges ist das zu
überwinden er eingesetzt wurde  so dem dem das Leid die wechselnde Gestalt
der Stunden und Tage verwischt Nichts geschieht in solchen Tagen auch dann
nicht wenn sie ihre Forderungen mit fest gegen die Erde gestemmten Beinen uns
in den Weg stellen nichts geschieht für unser Bewusstsein  als dass wir älter
werden und täglich dem Dunkel näher kommen Wozu die Pein denkt dann das
leidende Herz wozu die Freude wozu die Tat da dieses Dunkle dich bald
verschlingt wie alle alle 
    Die Mächte der Finsternis griffen nach dem getäuschten einsamen Mädchen
Sie umklammerten sie mit bohrenden Fingern und erschütterten sie bis zu den
Wurzeln aus denen die starke und edle Fügung ihres Wesens erwachsen war Die
gleichende Kraft ihrer Seele das Schwergewicht das die Natur ihr vor vielen
anderen gegeben das die Gaben ihres Herzens und ihrer Vernunft niemals
verflattern ließ sondern immer stärker und dauernder das Passende
zusammengefügt das triebhaft Wuchernde ausgeschieden hatte  diese gleichende
schwerende Kraft war aufgehoben die strengen Bande ihres Seins gelockert und
gelöst und ihre Seele preisgegeben dem »dunkelnächtigen Getier«  den Dämonen
die sie immer enger umzingelten
    Da waren sie alle die dunklen Gesellen und stritten um die Herrschaft auf
der neu erstürmten Feste Da war der Zweifel  an sich selbst und an denen auf
die man vertraut da war das Übelwollen und sein stärkerer Bruder der Groll da
war die beleidigte Liebe mit dem finster verzerrten Gesicht das sie ihrem
Todfeinde dem Hass so erschreckend ähnlich machte da war die Busse und
Selbsterniedrigung der giftrot schillernde Hohn und die Furcht die gespenstig
fahle Und sie lagerten sich um ihr Herz und drängten hinein  bis der Dämon
mit dem Medusenantlitz der Liebeshass triumphierend als der Mächtigste darin
saß 
    Und er zog die Gedanken aus ihrem hellen Reich hinab in das nächtliche
Herz spannte sie in seinen Dienst ließ sie unendliche Lasten immer aufs neue
wälzen und heben und peitschte sie wirbelnd im Kreise bis sie der Wirrnis so
nahe waren dass keiner mehr von sich und vom anderen wusste   
Werner hatte sich seit jenem Abend nicht wieder blicken lassen und sie wusste
dass er eine andere liebte und dass sie ihn verloren hatte Zuzeiten wenn die
Besonnenheit sich über den Aufruhr ihres Herzens schwang fragte sie sich warum
sie darüber verbittert und verzweifelt war warum der Groll in ihr wühlte Aber
wie sehr sie sich auch selbst zusprach wie einer fremden zweiten Person die
sie von der Notwendigkeit dieses Geschehens zu überzeugen hatte  es nützte
nichts Die Stunden wo sie fahlen Gesichtes zusammengekauert frierend trotz
voller Heizung und warmer Tücher in einer Ecke saß und die bösen Gefühle in ihr
hin und her strömten vom Gehirn zum Herzen und wieder dahin zurück  häuften
sich mehr und mehr Sie saß da eine Beute trostloser Gedanken verwühlt in
bohrendes Grübeln und hielt im Geiste jene furchtbarste Zwiesprache die der
machtlos Verirrte mit seinem entdoppelten zerspaltenen Selbst führt
    Verklagte sie mit dem einen Ich den Mann bezichtete ihn elender
Gefühlsschwäche des Unvermögens zur Gestaltung und Festigung eines guten
Empfindens der Beeinflussbarkeit von jedem neuen Reiz der sein Hirn traf der
Beirrbarkeit der Anschauung der Direktionslosigkeit des Mangels an seelischem
Orientierungsvermögen an wegeweisenden heilen Instinkten der Triebschwäche
die das Begehren missleitet und hemmt kurz des Mangels an starker
Menschlichkeit an ungebrochener Männlichkeit  so ging sie mit sich selbst
nicht schonungsvoller um Sie nannte sich eine Stümperin die plump geradeaus
ging die zu schwer und zu ahnungslos war aus den gewundenen Wegen des
Irrgartens der Liebe herauszufinden ins beglückende Freie  dahin wo es keinen
Zweifel mehr gab kein quälendes Suchen nacheinander  wo die Sonne der vollen
Gewissheit schien der ruhenden Zuversicht der Geborgenheit Dort war die
Heimat der das Weib zustrebte  von allem Anfang an bis zu allem Ende 
mochte sich seine Stellung zur Welt durch die Jahrtausende immer wieder
verändern mochte es Sklavin oder Herrin sein als Traumwesen dämmern oder
wachsamen Auges am Strome stehen mochte es pflanzenhaft verwurzelt in seinen
Trieben weben oder frei sich sein Teil nehmen am Rechte der Selbstbewegung 
dort unter jener Sonne friedvoll erfüllter Gefährtenschaft war immer seine
Heimat dorthin durch alles hindurch führte sein Weg
    Mit halben Gefühlen bedrückt von Zweifeln hatte sie dieses Verhältnis
begonnen Sie war hineingeraten fast gegen ihren Willen und Vorsatz Aber dann
hatte es sie immer fester gefasst  es war ihr gegangen wie den Frauen zumeist
so dass sie erst »über der Situation« gestanden dann mehr und mehr in sie
hineingeraten und sich schließlich von ihr überwältigen lassen Die »Situation«
ist die Liebe 
    Vielleicht so grübelte sie hatte sie zu viel verlangt  und darum nichts
erlangt Vielleicht auf falsche Art gegeben  so gegeben dass sich darin
zeigte dass sie selbst etwas wollte und brauchte Hatte gegeben hingegeben wie
ein Mensch der in Abhängigkeit geraten ist  anstatt stolz zu spenden
    Zum erstenmal zeigte sich ihr wie unter vergrössernder Linse das was sie
bisher für ein Einziges und Einheitliches gehalten als hundertfältig
zusammengesetzt und gegliedert Das eigene leidvolle Erlebnis hatte ihr das
Auge geschärft für diese geheimnisvollen vielfältigen Windungen die den Boden
der Menschenseele durchziehn und im Liebeskampf bestimmend wirken Schonungslos
fragte sie sich was sie denn mit bangen Ahnungen von Anfang an dazu
getrieben sich in die Gefahr zu stürzen Ja es war mehr als Ahnung es war zu
Anfang manchmal ein erschreckend klares Wissen gewesen  dass dieses Erlebnis
ein Abbiegen von ihrem Wege sei freilich der Weg war versandet und einsam und
um die Biegung herum lockte das ewige Grün   
    Und der Groll ihrer bittersten Stunden wechselte mit der wehen Sensucht ihn
wiederzusehen Zärtlichkeit hatte sie gelabt  nun dürstete sie
    Durfte sie ihn beschuldigen sie verraten zu haben Sie gab sich die
Antwort Verrat kann nur begangen werden an dem der alles gab Sie ja sie
hatte gegeben  aber nicht alles was sie zu geben hatte Niemals hatte sie ihr
Wesen sich auflösen gefühlt in Werners Nähe und sie wusste dass das große
Fühlen dieses bis an die Wurzeln Erschütternde nie über sie gekommen war 
nie dieses Erbeben das die restlose Wonne begleitet und das der Jubel des
Herzens übertönt  er ists er ists
    Und so hielt sie zwischen Groll und Weh und Sehnsucht  Abrechnung mit sich
selbst Sie beschuldigte sich des verirrten selbstsüchtigen Wollens an dessen
Unreinheit Verschwommenheit und Schwächlichkeit sie nun scheiterte Gerecht und
billig war was ihr geschah  so sagte sie sich während sie tatenlos in ihrer
Ecke zusammengesunken saß und fror und grübelte und die Gespräche hinter ihrer
Stirn sich endlos spannen Sie sah ihr blasses wie erloschenes verweintes
Gesicht im Spiegel und fand es hässlich Sie litt unter der zunehmenden Kürze der
Tage dem Mangel an Sonne Unmöglich schien es ihr ihre berufliche Arbeit zu
leisten und wie sie es bisher getan ihre kleine Wohnung in Ordnung zu halten
auch zum Mittagessen auszugehen war ihr unerträglich Sie ertappte sich auf
leisem Gemurmel »der Intellekt ist ein Stück weiter als der Wille  als die
moralische Kraft  das ists    darum ist alles verzerrt «
    So suchte sie einen geistigen Schlüssel zu ihrem Erlebnis weil sie nicht
vermochte es rein als Erfahrung zu bewältigen  wie der Organismus der
Einfachen für den es geheißen hätte darüber hinweg  oder daran zugrunde
    Mit stachelnder Selbstverhöhnung rief sie sich die Hindernisse in
Erinnerung die sie bisher überklommen hatte  um ihren Weg zu gehen wie sie
geglaubt Sich allen hemmenden Anklammerungen entziehen sich herauswinden aus
allem was einen lahm legen wollte  das war unbewusst vielleicht der Antrieb
ihres Tuns gewesen Nun wurde sie selbst auf diese Art erledigt Sie hatte sich
hartnäckig und energisch aus ihrer heimatlichen Umgebung losgemacht Das Bild
des einsamen Greises der ihr Vater war stieg vor ihr auf und erfüllte ihr
geschwächtes Gewissen mit Bangen Und der drohende Schatten war nicht allein 
die Erinnerung an Koszinsky kam dicht hinter ihm vor ihre erschreckte Seele 
Der hatte sich an sie klammern wollen dass sie ihm helfen möge  aber sie  sie
hatte ihn fortgeschoben  er taugte ihr nicht auf ihrem Wege Nun war er ein
Lebendigtoter
    Immer dichter drängten sich die Halluzinationen der Gewissensangst
Vergebens rief die Stimme ihrer Vernunft in das chaotische Wogen ab und zu ihr
bannendes Wort »Du hast getan wie du musstest und solltest« Vergebens  denn
das auf den Tod verwundete Geschlecht hatte die Seele zum Tummelplatz gemacht
für die Fiebervisionen der Busse
    Und sprach die Stimme »Wer sonst hätte dir am Wege helfen sollen wenn
nicht du selbst Nur indem du dich hieltest gegen alles und alle konntest du
weiter  in die Nähe deiner wahren Pflichten«  so stöhnte sie sich die
Antwort zu »Aber dann habe auch die Kraft die Folgen zu tragen  ohne Reue«
    »Feige wärest du gewesen« sagte die verteidigende Stimme »wärest du vor
dem Erlebnis das deiner reifen Weiblichkeit gebührte gewaltsam geflohen«
    »Feige bist du« erhob sich die zornige Antwort  »weil du nun zu Tode
geschwächt zerbröckelt gedemütigt bist  wo du ruhiger und stärker weiter
müsstest«
    Bis in die Nächte hinein drängten sich die schreckhaften Bilder Ihre Träume
bekamen eine Lebendigkeit vor der ihr graute Sie sah sich auf einer
Wanderschaft im Wiener Wald Hochsommer wars und der dichte Laubwald stand in
bleierner Schwüle Sie suchte ein entlegenes Dorf und war vom Wege abgekommen
Das charakteristische Scenarium der Wiener Waldlandschaft entrollte sich hier
zu ihrem Entsetzen Immer neue Talmulden und Hügelketten breiteten sich vor ihr
aus so oft sie stöhnend eine Höhe überklommen hatte Immer dichter verschlangen
sich die belaubten sich hoch oben bogenförmig ineinander verflechtenden Äste
niedriges Gestrüpp hemmte den Weg und schlug ihr ins Gesicht Wie eine ferne
Vision stieg in diesem von Hitze dampfenden Laubwald  die Vedute der märkischen
Landschaft die sie liebte vor ihr auf Während sie sich keuchend weiter
rang vom glühend heißen Sirokko umstrichen und fühlte wie der Schweiß auf
ihrem ganzen Körper immer stärker ausbrach  dachte sie an die weiten Seen in
deren dunklem Glanz milde das Sonnenlicht spielte dachte an die Erquickung
dieser durchfeuchteten Luft im märkischen Kiefernwalde  Sie dachte an das
Haus der alten Frau Wallentin die sie manchmal besucht hatte an dieses Haus im
Park mit den pinienartigen Kiefern  wie an ein ewig verlorenes Bild Aber sie
musste weiter durch eine von Hitze verbrannte Hecke hindurch die sich ihr immer
enger an den Leib drängte und ihr Kleid in Stücke riss  Schweissgebadet und
zitternd erwachte sie
    Bei Tage quälten sie böse Erinnerungen Es kam ihr ins Gedächtnis wie sie
einmal in einer Wiener Vorstadt in einem bescheidenen Schusterladen ein Paar
schöne gute Schuhe gekauft hatte Sie kaufte sonst nur in großen Geschäften
aber der billige Preis und die schöne Form der Schuhe lockten sie Sie trat ein
ließ sich ihre Schuhe vom Schuster einem alten Mann mit sanftem Gesicht
aufschnüren Seine Augen hatten erfreut aufgeleuchtet als die Kundin den Laden
betrat Während er ihr die neuen Schuhe probierte wurde ihr klar dass sie so
viel wie die Schuhe kosteten jetzt gerade doch nicht ausgeben durfte Sie
begann etwas vom Preis herunterzuhandeln Es glückte ihr Sie erhielt die
Schuhe Aber als sie ihm das Paket abnahm sah sie dass der alte Mann enttäuscht
und niedergeschlagen aussah 
    Ohne jeden bewussten Zusammenhang erinnerte sie sich eines Bahnhofsgedränges
in das sie einmal geraten war  und wie sie dabei zum Waggon drängend wie die
anderen einem Buckligen der neben ihr stand unbewusst die Ellbogen so fest an
die verwachsene Brust gebohrt dass jener laut aufgeschrieen hatte und ihr
klagend mit weinerlicher Stimme zurief er sei eben erst von einer schweren
Krankheit aufgestanden  Warum quälten sie diese Bilder der Busse  
Schwer und beladen ging sie über die Straße Sie schlich gebeugt in ihrer
alten schwarzen Jacke dicht an den Gittern der Vorgärten entlang Manchmal
blieb sie stehen atmete erschöpft sie ging als zöge sie die Schwere der Erde
nieder Sie fuhr in die Stadt um da Besorgungen zu erledigen Als eine Wüste an
Verlassenheit erschien ihr auf einmal das große Berlin dessen Gleichgültigkeit
sie zuerst so deckend und schirmend empfunden Und was ihr an den Menschen mit
denen sie hier zu tun hatte früher als beruhigende Sachlichkeit wohlgetan
empfand sie jetzt als Mangel an Wärme und an lebhaftem Gefühl Und diese
Restaurants  wie hatten sie ihr nur anfangs gefallen können Sie wich den
weiten Speisesälen mit den Plüschmöbeln aus und trat gegen Nachmittag als es
schon zu dämmern begann in das kleine schlecht ventilierte Lokal eines
vegetarischen Speisehauses das in einer breiten vom Verkehr überfüllten
Geschäftsstrasse des alten Westens lag Die Luft war hier muffig und dumpf und
es roch nach fetten Gemüsen Außer ihr waren nur noch wenige Leute hier einsam
an ihren Tischen wie sie Ein altes verwelktes Mädchen saß da das schäbige
Hütchen nach Männerart tief in die Stirn gedrückt auf der kein Löckchen sich
kräuselte  wohl eine Lehrerin da sie einen Stoß Hefte neben sich hatte dann
eine alte Dame in Schwarz die ganz vertieft war in die Lektüre eines
teosophischen Blättchens das hier aushing und ein dürftig gekleideter junger
Mensch anscheinend ein Student der eine Portion Gemüse mit Heisshunger
verschlang und einen ganzen Korb voll Brot dazu aß
    Die Lampe wurde schon angesteckt als sie ihr Gericht erhielt Sie aß und
griff dann müde nach einer Zeitung die neben ihr auf dem Stuhle lag Das
Feuilleton feierte einen Gedenktag der dem amerikanischen Apostel dem Dichter
Walt Whitman galt Sie las worüber er geschrieben und sie fand auch den Satz
»So du hundert Meter gehest ohne Liebe gehst du in deinem eigenen Sterbehemd
zu deinem eigenen Begräbnis«
    Da erschrak sie  und das Blatt entglitt ihren erkalteten Fingern   
Eine Schreckensbotschaft rüttelte sie auf Sie kam aus Wien von Eva Im Hause
von Gustav Diamant dem Professor und Krebsforscher bereitete sich eine
Katastrophe vor Professor Diamant war nicht nur in bezug auf die Frühdiagnose
und die Behandlung des Krebses zu neuen Metoden gelangt sondern er trat auch
als Verfechter der sogenannten parasitären Theorie auf Er behauptete im
Widerspruch zu der großen Mehrheit seiner Kollegen dass das Karzinom durch einen
Parasiten hervorgebracht werde Seit Jahren machte er Tierexperimente Es war
ihm gelungen Krebsgeschwülste von einem Tier auf das andere besonders bei
Mäusen zu übertragen Die meisten Forscher betrachteten aber auch diesen
Vorgang nicht als Infektion sondern als Fortzüchtung Transplantation Das
schlimmste aber war nicht die wissenschaftliche Ablehnung seiner Hypothese 
sondern die furchtbare Tatsache dass er Gustav sich selbst krank fühlte  
und den Verdacht eines Krebsleidens an sich selbst ausgesprochen hatte »Er
behauptet« schrieb Eva »mit hoher Wahrscheinlichkeit annehmen zu müssen dass
schmerzhafte Druckzustände im Kopf Symptome des schrecklichen Leidens wären und
sieht in sich selbst ein Opfer seiner Untersuchungen und einen Beweis für seine
Theorie Er nimmt mit Bestimmtheit an sich die Krankheit durch Infektion
zugezogen zu haben« Und sie schilderte die ergreifende Tragik seiner Haltung
berichtete wie der Mann der sich für todgeweiht hielt sein Schicksal heroisch
trug in der Hoffnung dass sein eigener »Fall« wie er es kaltblütig nannte das
entscheidende Licht in die noch ungelöste Frage bringen und die Wissenschaft
überzeugen werde »Ich habe den Eindruck« schrieb Eva  »dass Gustav unter dem
Bann eines Gedankens der sich seiner mehr und mehr bemächtigt sich zu einer
furchtbaren Opferung vorbereitet Er meint  es überlief mich kalt als er
davon sprach  dass gerade in dem Stadium in dem die Krankheit seiner Diagnose
nach sich bei ihm befindet  die mikroskopische Untersuchung von
Geschwulstteilen die volle Klarheit geben müsse Er bedauerte« schrieb sie 
»in seiner gewohnten kühlen trockenen Art dass der Sitz des Leidens nicht in
der Bauchhöhle oder in der Niere sei  denn diese könne man freilegen und den
Patienten dennoch retten  sondern im Gehirn «
    Ein Schauer kroch unter Olgas Haar und hob es hoch Sie stürzte ans
Telephon sie wollte Stanislaus rufen Aber wie sollte sie das da er
telephonisch nicht erreichbar war Sofort musste es geschehen denn einer von
ihnen musste nach Wien Sie entschloss sich Werner anzurufen Sie vergaß es in
diesem Augenblick vergaß es vollständig wie sie zu ihm stand Jetzt war er ihr
nur der nächste der Stanislaus in dessen Nähe er wohnte schnell holen konnte
    Sie rief ihn an in seinem Verlagsbureau Als er ihre Stimme erkannte und
sie sich nannte antwortete er mit fremdem eisigem Ton durch den Furcht und
Abwehr durchklangen Aber als er ihre Gleichgültigkeit für ihn selbst aus dem
Gespräch erfuhr  in dem sie ihm kurz mitteilte was man ihr aus Wien
geschrieben und ihn bat Stanislaus sofort aufzusuchen und zu ihr zu senden 
da wurde seine Stimme voll und warm und er sprach zu ihr mit innerster
Teilnahme wie einer der ihr ein Freund war
    In einer Viertelstunde rief er sie an Er berichtete er sei soeben in
Stanislaus Wohnung gewesen aber er habe ihn nicht gefunden Die Wirtin hatte
ihm gesagt Stanislaus hätte vor etwa einer halben Stunde ein Telegramm erhalten
und sei fortgestürzt zu seiner Schwester Ob er selbst nicht kommen solle
    Sie wusste genug Sie bat ihn nicht zu kommen Kaum hatte sie den Hörer
angehängt als es klingelte Stanislaus trat ein mit verstörtem Gesicht das
zerknitterte Telegramm in der Hand
    gustav hat sich erschossen steht mir bei edda
In jenen schweren schmerzlichen Tagen die nun folgten erblasste ihr eigenes
Weh Das was sie erlebt  es hatte ja nicht die letzte die hoffnungslose
Nacht über sie gesenkt die dort über einen gekommen war Das Grauen vor dem
Selbstmord griff an ihr Herz  und alles in ihr lehnte sich auf gegen diese
Tat die die letzten Ziele selbst setzte die das dunkle Tor das zu seiner Zeit
sich dem Wanderer ladend erschliesst gewaltsam aufstiess  Nur einen Grund gab
es für solches Tun hoffnungsloses Siechtum Aber war das wirklich Diamants
Schicksal gewesen Hatte er selbst sich für unheilbar gehalten oder  sie
wagte nicht es auszudenken  hatte er an mögliche Heilung geglaubt er der so
manchen von demselben Leiden geheilt  und trotzdem die Tat getan   die
Geschwulst in seinem Gehirn darzubieten  als Triumph für seine Theorie
Aber über dieser vernichtenden Frage lagerte das Schweigen Ob er sich für
heilbar oder unheilbar gehalten verlautete nie Er hatte keine Zeile darüber
hinterlassen kein Wort mit jemandem darüber gesprochen Hier war sein
Geheimnis
    Stanislaus war nach Wien gereist Olga kam nicht mit denn sie fühlte sich
jetzt arm an Kraft sie hatte nichts zu geben Bangen Gemüts erwartete sie seine
Rückkehr  Sie war ruhiger geworden in diesen Tagen Ihr eigenes Leid hob nicht
mehr so sehr seine düstere Gestalt vom hellen Tage ab  denn noch Dunkleres
hatte sich darum gelagert
    Und sie glaubte überwunden zu haben
    Aber als eines morgens Werner sie zum Telephon rief und sie drängend um eine
Unterredung bat  da merkte sie dass die dumpfe Stille die sich über den
Aufruhr gelegt noch nicht dicht und tief genug war Sie fühlte als sie seine
bittende und warme Stimme hörte wie erst ein erstarrender und dann ein
glühender Hauch ihren Körper überflog wie das Herz stillstand und der Puls
sank wie das Blut dumpf aufrauschend an ihre Stirne schlug Das »Du« mit dem
er sie ansprach beleidigte sie und sie hätte es am liebsten zornig
zurückgewiesen Und während sie seine Bitte ablehnte fühlte sie dass sie log 
dass sie selbst ihn sehen und sprechen wollte
    Da sie sich nicht nachgab so schrieb er ihr
    »In einer großen Not nach Ausdruck hat der Mensch die Sprache erfunden
Entsetzen fasst einem manchesmal darüber wie hilf und machtlos dieses Symbol
ist Wie alle Worte und Begriffe versagen um Gefühle zu klären und wie wie wir
sehen keinerlei Klärung Aufklärung Erklärung durch Worte etwas erzielt  die
nicht durch übereinstimmende Gefühle gegeben ist Fast könnte es scheinen als
vermöchte dieses Symbol die Sprache nichts als vorhandene Ahnung zu klären
Gleiches Gleichem zu nähern Ungleiches noch weiter zu trennen  Und doch muss
man trachten voneinander zu erfahren  was es auch sei Erfahren  das ist das
höchste erreichbare Ziel damit sich finde und stärke was seiner Wesenheit nach
zusammengehört
    Unser wesentlich Letztes Olga gehört zusammen Fürchte nicht dass ich zur
Umkehr locke dass ich zurückbiegen will was auseinander kam Ich würde Dich
nicht kennen wenn ich solches versuchte oder ich würde Dich wissentlich
betrügen Nein ich sage Dir wie ich in jenem ersten Briefe sagte dies wird
kein Liebesbrief Aber schrieb ich Dir damals nicht auch  verlasse mich nicht
was immer geschehen mag auch dann nicht wenn ich eines Tages schuldig werde an
Dir   
    Und so komme ich jetzt ein Schuldiger und doch noch Fordernder  von dem
zu holen was ich Dich bat mir ewig zu wahren Keine und keinen wüsste ich dem
ich dieses Unversiegliche so vertrauen wollte wie Dir Nun da wir geschieden
sind nun weiß ich genau was das Unvergängliche ist zwischen uns Und ich kann
nicht eher ruhig werden bevor nicht auch Du friedlichen Herzens bist und
erkennst dass unser vermeintliches Irren doch eine volle Frucht trug  dass uns
also doch eine uns verborgene Wahrheit führte Denn die Früchte des Irrtums sind
leer und taub Das aber was wir nun heimsen sollen ist echte und edle Nahrung
Lass mich kommen damit ich nicht Worte hier aufbauen muss damit wir uns
verstehen durch unsere Nähe  nun da wir aus einer Gasse die nicht ins Freie
führte zurückgefunden haben auf den Weg«
    Sie lachte schmerzlich auf da sie gelesen hatte und sie konnte nicht
verhindern dass die Tränen wieder heiß aus ihren Augen stürzten  Er hatte ihr
reifes Weibtum begehrt  und hatte es erhalten Nun wollte er  wie sagte man
doch  ihre »Freundschaft«
    Noch einen Tag lang bäumte sich ihr beleidigtes Geschlecht Dann war sie
ergeben Mochte denn auch dies noch getan werden
So saßen sie sich denn gegenüber und sie sah wie schwer er nach Worten suchte
Er war bleicher und schmäler geworden der sanfte Glanz war nicht mehr in seinen
Augen aber in der Tiefe seines Blickes brannte eine Flamme die sie bisher
nicht gekannt
    Er sagte ihr dass ihm sein Gewissen ihr gegenüber keine Ruhe ließe
    Sie hatte sich vorgenommen sich in strenger Zucht zu halten ihm weder
beleidigt noch gebrochen weder scharf und bitter noch etwa klagend zu
begegnen Mit starkem Geiste musste hier gelöst und gehoben werden
    Und so fragte sie warum er denn ein böses Gewissen habe Was geschehen sei
war notwendig und darum gut
    Er lächelte wehmütig »Weißt du nicht dass ich zu denen gehöre die auch
wenn sie das Richtige und Notwendige tun  oder erleiden  nicht ruhig sind
Immer quält sie der Gedanke vielleicht hätte es doch auch anders getan  oder
erlitten  werden müssen«
    »Es ist gefährlich und unfruchtbar seinem Ich auf diese Art nachzuspüren
Was geschieht ist darin beschlossen Wir entrinnen uns selbst doch nicht«
    »Aber man weiß so wenig von diesem Ich in dem alles beschlossen ist wie du
mit Wahrheit sagst Und das ist das Schaurige daran Denn was ich von mir weiß
das bin nicht Ich  mein Ich jenes das mein Schicksal macht«  ein hilfloses
Lächeln glitt über sein Gesicht  »ist dort wohin ich nicht ausblicken kann
Und diese vergebliche Suche ists an der man sich verbraucht«
    Er atmete tief und sein Kopf sank In diesem Augenblick empfand sie dass er
weinte wenn auch keine Träne in sein Auge kam Sie wusste nun dass er in
schweren Banden war
    »Erzähle« sagte sie
    Und er erzählte Es kam aus ihm heraus ohne jeden Rückhalt Er sprach vom
Tode seiner Liebe zu ihr als spräche er zu einer dritten Person die das alles
nicht betraf Mit jener naiven Grausamkeit dessen der übervoll ist von sich und
seinem beständigen Kampf berichtete klagte er  warb er um Trost
    Draußen lagerte sich die Nacht in die Nebel Wie eine Decke fiel der Schnee
über sie weich dicht und feucht Die Finsternis drang immer tiefer in den
Raum in dem die beiden saßen und verhüllte ihnen ihre Gestalten Olga
entzündete ein Lämpchen auf dem Schreibtisch das sein Licht unter grünem Schirm
sammelte und es schwach in jene Ecke entließ
    Er sprach von der plötzlichen Wandlung seines Herzens Eines Morgens wachte
er auf  und liebte nicht mehr Es war »abgerissen«  so nannte er es Er
begriff nicht warum und litt darunter Dieses Magische kam über ihn und alles
war aus Da trat in dieser Dämmerung seiner Seele strahlend hell jene andere
Frau Und er sprach von seiner Leidenschaft  er schilderte wie sie jedes
andere Gefühl in ihm übertäubte Nur der Gedanke wuchs und wuchs in ihm diese
Liebe zu erfüllen Er berichtete auch von seiner Hoffnung Er glaubte dass er
nicht unerwidert liebe
    Scharf und grell wie eine moderne Lichtmaschine die Überhelle verbreitet
so leuchtete er hinein in das Chaos seiner Gefühle Ein einziges Mal unterbrach
ihn Olga Sie fragte ihn ob er seiner Gefühle diesmal denn so sicher sei ob er
nicht glaube sich zu täuschen Da sagte er ihr  er hätte nur einen Wunsch
sich zu binden mit allen Fesseln Er wollte kein »Freier« mehr sein Er
wünschte dass sein Wille ewig so gebunden bliebe wie jetzt
    Sie fragte ihn ob er dann an Ehe dächte und er sagte dass es seiner
Wünsche höchstes Ziel wäre die geliebte Frau frei zu wissen von den sie jetzt
fesselnden Banden und sich ihr zu verschreiben auf Leben und Tod Da rüttelte
der Gram an ihrem Herzen und ließ sie erschauern und Scham überflammte sie
weil er solches von ihr niemals begehrt hatte
    Und dann sprach er davon dass die Frauen die Grösseren und Stärkeren wären
Und als sie wehmütig den Kopf schüttelte da fasste er ihre Hand und sah ihr ins
Auge »Nie bist du mir so groß erschienen  nie so weit die Grenzen deiner
Persönlichkeit  als eben jetzt  heute«   Und er fuhr fort »Glaube mir
wenn ich dir sage dass wir zusammen bleiben müssen  auch weiterhin«
    Sie senkte den Kopf »Und wenn es keine Freude für mich ist«
    »Du kannst es jetzt noch nicht als Freude empfinden aber ich glaube dass es
gar nicht von deinem freien Willen abhängt ob wir verbunden bleiben oder nicht
Für Menschen unserer Art ist es bezeichnend  dass sie immer wieder
zusammentreffen Die Leidenschaft kann da eine kurze Unterbrechung bringen Dann
zieht sich der betroffene Teil für eine Weile schmerzlich zurück  Aber der
Kreis der Menschen unserer Art verbindet schließt sich immer wieder  trotz
aller Kreuz und Quersprünge darin Glaube mir das«
    Einen Augenblick meinte sie den Boden unter den Füßen zu verlieren Sie hob
die Hand an die Augen und über ihre Lippen stahl sich flüsternd das Wort
»Einsam einsam« Und dieses Wort durchflog die Wälle seiner Selbstsucht und
schlug da eine schwere Bresche
    Scheu erfasste er ihre Hand »Das ist jetzt dein Los  Gehe nur weiter 
immer weiter«
In der Nacht die diesem Gespräch folgte kam das Bewusstsein ihrer Verlassenheit
wieder aus der Tiefe herauf Riesenhaft schwer kalt und hart wie Erz fahl wie
der Tod  so stand es über ihr Jammer durchfrass ihr Inneres und eine
schwählende Begier kam über sie  eine Begier hinaus auf die Gasse zu laufen
und sich dem ersten Besten in die Arme zu werfen Plötzlich hatte sie die Vision
der nächtlichen Friedrichstrasse  sie sah sie wie sie den Tag vortäuschte mit
ihrem Menschengewühl im Lichte der Bogenlampen Und diese Vision genügte um
sie vor Ekel frieren und zittern zu machen Aber  verzehrend versengend  
jagte es sie aus dem Bett
    Mitten im Zimmer stand sie Im großen Spiegel sah sie sich selbst im
Mondlicht irrend als weißen gespenstigen Schatten Das Bett in der Ecke
leuchtete herüber die Decke hatte sie mit zu Boden gerissen als sie
heraussprang und so sah sie das weiße Laken fest ausgespannt und es schien ihr
starr wie ein Bahrtuch und das ganze Lager wie ein Totenbett Endlich legte sie
sich auf den Divan nieder noch grübelnd verfiel sie in Halbschlaf Sie sah
sich auf der Erde kauern vor einer schwarzen verhüllten Gestalt und jeden
Augenblick erwartete sie getreten zu werden Und sie spürte die Furcht und die
Erniedrigung im Traum  Wie gelähmt vermochte sie am anderen Morgen nicht den
Tag zu beginnen und suchte ihr Bett auf
    Nein sie hatte sich getäuscht sie kam darüber nicht weg Verlassen und
einsam  für ewig  Und sie war keine von den Frauen die mit trockenen
Lippen still und allein durchs Leben gingen und irgendeiner fremden Sache
fleißig und nüchtern dienten mit kühlem Kopf und selbstlos resigniertem Gemüt
Nein so war sie nicht Sie  sie war eine Fordernde eine Begehrende und
gerade darum war sie gezüchtigt worden  Sie lehnte sich auf sie stöhnte
unter ihrem Geschick Geistig lösen und heben  das hatte sie noch gestern
gewollt Und heute da sie sich hier bei hellem Tag ohne krank zu sein ohne
Schlaf zu suchen auf ihrem Lager hin und her warf  wie stand es heute mit
ihrer Macht geistig zu lösen und zu heben Überrädert war sie Wie konnte sie
je wieder aufstehen heil mit gesunden regen Gliedern
    Und dabei war sie sich doch klar geworden dass Werner für sie nicht der war
der die letzten Bande ihres Wesens gelöst hatte Er war es nicht  und doch
verzweifelte sie da sie ihn verlor  denn die Verlassenheit öffnete sich vor
ihr wie ein dunkler Abgrund gespenstisch und unentrinnbar wie das Grab   
    Am selben Tag kam Stanislaus zurück Er war erstaunt und besorgt als sie
ihm erst nach zweimaligem Läuten in eine Decke gewickelt mit hängendem Haar
öffnete und als er sah dass sie aus dem Bett kam
    »Es ist nichts« sagte sie und kleidete sich hastig an während er in ihrem
Arbeitszimmer wartete Auch der staubbedeckte Schreibtisch mit den unberührten
Papieren den uneröffneten dicken Manuskriptbriefen den ungelesen aufgehäuften
Zeitschriften sagte ihm mehr als genug Er beschloss diesmal nicht
zurückzuweichen und mutig an die Wunde zu rühren
    Sie kam herein und ungeduldig und angstvoll fragte sie ihn wie die Dinge
in Wien ständen
    Er berichtete dass gestern Gustavs Begräbnis war
    Und er erzählte von der Panik die er da angetroffen hatte Mit dem Tode
Gustavs war Eddas ganze Existenz zusammengestürzt
    »Vermögen hat der Professor wie du weißt nie gehabt Was er verdiente 
und darüber hinaus  wurde verbraucht Versichert war er nicht Die einzige
Geldquelle war seine tägliche Arbeit Alles was die Ordination die Visiten
die Kollegien und die glänzend bezahlten Operationen einbrachten  das alles
musste hineingeschüttet werden in den Rachen der alles verschlang den
Hausbrauch«
    »Aber Eddas Vermögen«
    »Ja  hier liegt der Hase im Pfeffer Damit hat der arme Gustav auch
gerechnet In seinem Testament bittet er sie um Verzeihung dass er ihr den
Ernährer nehme  er empfiehlt ihr von den Zinsen ihres bei ihrem Bruder
angelegten Vermögens bescheiden zu leben  bis sie in anderer besserer Obhut
sei als die seine war«
    »Nun  und«
    »Ja  die Sache liegt so der Bruder Vinzenz scheint bedenklich zu wackeln
Er hat die Zinsen die Edda immer persönlich einkassierte schon in letzter Zeit
sehr unregelmäßig bezahlt Gustav wusste nichts davon Sie verlangte nun jetzt
er solle ihr das Vermögen herauszahlen  und das kann oder will er nicht«
    »Wie soll das nun werden mit ihr«
    »Ich habe ihr geraten vor allem dem Moloch ihres Haushalts keine weiteren
Opfer zu bringen Verkaufen auflösen einschränken«
    »Und dann«
    »Dann  muss sie einen Erwerb suchen Und da für sie Arbeit zu finden in Wien
besonders schwer sein dürfte so soll sie nach Berlin kommen Hier wird sich
schon etwas Passendes für sie bieten«
    »Sie kann zeichnen« sagte Olga bekräftigend  »sehr gut und sehr originell
Moden zeichnen aber « forschend wandte sie sich dem Bruder zu  »du erzählst
mir diese Geldgeschichten die zwar wichtig für Edda sind  indessen«  
    »Ich kann mir wohl denken was du sonst noch erfahren willst was ich da
zu berichten habe  ist so schwer zu fassen dass ich kaum weiß wie ich es
schildern soll«
    Eine Weile blieben sie stumm dann fragte Olga mit leiser Stimme
    »Was sagt man über Gustavs Tod«
    »Das Motiv ist ja allbekannt    aber  du willst wissen  wie nun die
Wissenschaft Stellung nimmt zu  zu seiner Krankheit«
    Sie nickte stumm
    »Man hat ihn seziert« berichtete Stanislaus seine Stimme wurde plötzlich
flüsternd und hob doch jedes Wort scharf heraus
    »Natürlich« sagte sie  »und man hat gefunden dass er recht hatte Man hat
das Karzinom untersucht  vielleicht sogar den Parasiten gefunden«
    Eine lange Pause folgte diesen Fragen 
    »Man hat  sein Gehirn   untersucht«  Stanilaus stockte
    »Nun  und«
    »Und hat gefunden  dass es ein Irrtum war«
    »Ein Irrtum  seine Theorie Nun darüber werden seine Kollegen wohl noch
lange weiter streiten das dachte ich mir Also an seinem eigenen Karzinom war
auch nicht mehr zu erkennen als an anderen Krebsgeschwülsten«
    »Es ist noch anders als du glaubst  aber « er sah sie fest an  »das ist
ein Geheimnis hörst Du«
    »Was für ein Geheimnis was meinst du« fragte sie
    Stanislaus schwieg als sammle er sich für das was er zu berichten
hatte endlich sagte er »Sein Famulus  wie heißt er doch«
    »Du meinst den Pankratius  Pankratius Kaff«
    »Ja den  also der hat mit einem anderen Arzt  einem Freund und Kollegen
von Gustav einem Professor der in dem ganzen Kampf auf Gustavs Seite war 
die Sektion vorgenommen und sie haben gefunden«  seine Stimme formte die
Worte mit spitzer Eindringlichkeit  »sie haben gefunden  dass  dass überhaupt
kein Karzinom und auch kein Tumor da war   «
    In erstarrendem Schweigen saßen beide
    »Wie ist das zu verstehen« sagte sie endlich »Das ist nicht anders zu
verstehen als dass Gustav der doch ein tüchtiger Arzt war der als
hervorragender Diagnostiker sich wiederholt bewährt hat  sich in seinem
eigenen Fall so tief verirrt hat dass man nicht mehr weiß ob man diesen Irrtum
nicht als fixe Idee bezeichnen soll«
    »Kein Karzinom  kein Tumor  überhaupt keine Geschwulst « flüsterte
Olga  »was sonst« »Nichts  nichts  ein etwas blutarmes Gehirn  eine
nicht bedeutende Degeneration des Nervensystems konstitutioneller Art  wie
mir gesagt wurde es hat sich um ein Druckgefühl im Kopf bei ihm gehandelt um
Schwindelzustände und nicht eine Geschwulst war die Ursache  sondern
Nervosität  Erschöpfung hervorgerufen durch Überarbeitung Es soll das
richtige Ringgefühl gewesen sein an dem er litt das manche Neurasteniker auch
um den Leib herum spüren andere wieder im Kopf zu denen gehörte er vier
Wochen völliger Rast und guter Erholung und die Symptome die er  verkannte 
wären fort gewesen«
    In langem Schweigen verblieben beide Nach einer Weile nahm Stanislaus das
Abendblatt vom vergangenen Tag das unberührt auf den anderen Zeitungen lag zur
Hand
    »Im Abendblatt von gestern da muss vom Begräbnis berichtet sein«
    Und kaum hatte er das Blatt entfaltet so fand er die gesuchte Nachricht
unter den Telegrammen
    »Der Selbstmord des verdienstvollen Forschers hat schmerzliches Aufsehen
erregt Am offenen Grabe sprach außer den ersten Kapazitäten der Wiener
Fakultät auch Professor Vacheron vom Institut Pasteur in Paris neben anderen
ausländischen Kollegen des Verstorbenen Unter allgemeiner Spannung « so
lautete das Telegramm des Wiener Korrespondenten »trat dann auch Professor
Petersen vom Krebsinstitut in Kopenhagen an das offene Grab und feierte den zu
früh Verstorbenen als den Begründer der experimentellen Krebsforschung Die
Witwe deren Schönheit viel bemerkt wurde stammt aus hochangesehener Wiener
Fabrikantenfamilie Sie lebte mit dem großen Gelehrten in glücklichster Ehe und
brach unter dem unerwarteten Unglück beinahe zusammen Beileidsdepeschen aus
allen Teilen der zivilisierten Welt trafen im Trauerhause ein Die amerikanische
Kolonie unter der der verstorbene Forscher zahlreiche Schüler besaß hatte eine
Deputation zum Begräbnis entsandt«
    Olga unterbrach sein Vorlesen »War Mr Macpherson auch unter der
amerikanischen Deputation«
    »Du meinst den Amerikaner der damals abends mit im Champagnerkeller war«
    »Ja den langen Amerikaner Mr Macpherson den der Kaff in Wien
herumführte«
    »Von Mr Macpherson war die Rede aber er war nicht beim Begräbnis er ist
längst wieder in Amerika«
    »Sage doch« fuhr Olga nachdenklich fort »wie ist das möglich  dass man
hier den Toten so feiert als Begründer der Krebsforschung  da doch  « sie
stockte
    »Der war er« sagte Stanislaus er hat die hervorragendsten Tierexperimente
gemacht die ganz Neues brachten Hier steht es ja  höre weiter was Professor
Petersen sprach
    »Ihm ist es nach rastloser teoretischhypotetischer Forschung als erstem
gelungen aktiv und passiv Mäuse zu immunisieren und zu heilen und ich habe auf
seiner Klinik auch bei Menschen Erfolge gesehen die  neben manchen Versagern
 nur durch die ungewöhnlich sichere und frühe Diagnose erzielt werden konnten«
    Stanislaus ließ das Blatt sinken
    »Neben manchen Versagern« flüsterte Olga  »Weiß man denn  das Resultat
 der Sektion«
    »Das soll Geheimnis bleiben« erwiderte Stanislaus und sah sie ernstaft an
  
Der Bruder blieb zum Abendessen bei ihr Sie holte aus ihrer kleinen
Speisekammer Wurst Brot und Butter und kochte Tee Er bewunderte wie immer
ihr hübsches Junggesellinnenheim wie er es nannte und ließ ihr trauriges
Kopfschütteln unbeachtet
    »Hast du Frau Lore  ich meine Fräulein Wigolski
     nicht gesehen«
    Sie gab zu in den letzten Tagen nicht gearbeitet zu haben und auch sonst
mit Lore nicht zusammen
    gekommen zu sein
    »An Lore hättest du dich aber halten müssen in dieser Zeit« sagte er »nur
an sie sie wäre dir zur Seite gestanden«
    Als sie sah dass er so unvermittelt an ihr Erlebnis rührte ging sie darauf
ein es so mit ihm zu besprechen als hätte sie sich ihm längst anvertraut
    Er meinte Werners Gefühlsumschwung überrasche ihn nicht er sei einer der
von Weib zu Weib müsse und zwar nach ähnlichen Gesetzen wie jene es waren die
Hegel geformt so dass immer Tese und Antitese aufeinander folgten Nur die
gegensätzlichsten Typen würden ihn anziehen und so würde er zwischen den
Extremen seiner eigenen Begier hin und her schwanken Aber warum sollte sie sich
von dieser wilden Beweglichkeit seiner Natur aus den Angeln heben lassen Warum
die natürliche Schwerkraft ihres eigenen Wesens ins Unrecht setzen
    Seine Ratschläge wiesen sie auf völlige Lösung Neuen Büchern neuen
Menschen neuen Hoffnungen sollte sie sich eröffnen und da der Verkehr mit
einfachen starken und organisch weisen Naturen das Heilsamste in solchen
Kämpfen wie in jeder Lebenslage sei so hätte er gedacht dass sie sich Loren
anvertrauen würde Er wenigstens empfange im Verkehr mit solchen Menschen etwas
wie Ahnungen seiner eigenen Kraft und wie die Hoffnung eines endlichen Einklangs
aller Strömungen des Willens und des Intellektes »Nur ein Mensch der solche
Gefühle in uns löst« sagte er mit Nachdruck »ist unser echter Gesellschafter
Werner aber hat das Gegenteil an dir getan« fuhr er fort »er hat von Anfang an
deine Kräfte nicht nur nicht gelöst sondern im Gegenteil gehemmt ins Stocken
gebracht angezweifelt und damit paralysiert Dieses Panikhafte des
Entwurzelten das sein eigenes Geschick ist hat er auch über dich gebracht«
    Es schien ihr als ob Stanislaus mit diesem Worte eine Schuld auf Werner
wälzen wollte und unabweislich kam das Gefühl über sie ihn vor dem Bruder zu
verteidigen sich selbst zu beschuldigen Und sie breitete die Ergebnisse der
zerfleischenden Selbstverwühlung ihrer letzten Tage vor ihm aus Sie schilderte
wie sie den Boden unter den Füßen verloren und sprach von den Qualen ihrer Tage
und Nächte aber nur um ihre eigene Haltlosigkeit daran zu schildern sie
erzählte von der schwarzen Angst in der sie sich verloren hatte
    Nachdenklich erwiderte er ob sie denn dieses Erlebnis für einen Zufall
halte und ohne ihre Antwort abzuwarten sprach er davon dass auch in diesem
erschütternden Auf und Nieder der menschlichen Gefühle ein periodisches Gesetz
vorwalte »In Abständen deren Spatien seit Urzeiten festgelegt sind  sowie
die Perioden in denen sich Jahr und Tag Werden und Vergehen Blühen und Welken
abspielen  in solchen Spatien deren Höhepunkte miteinander im Zusammenhang
stehen wie die höchsten Flächen kommunizierender Gefäße erneuern sich Hoffnung
und Entsagung Verzweiflung und Lebenskraft Alles kommt und geht in Takt und
Rhythmus und was du für Unordnung und Chaos hältst ist nur der Auftakt zu
neuer Einheitlichkeit Darum wenn wir dieses wissen kann es nicht allzu schwer
sein aus der Verschüttung sich selbst wieder zu erheben« Und nachdenklich
flocht er in seine Rede die ewigen Zeilen »Denn so lang du das nicht hast 
Dieses Stirb und Werde  Bist du nur ein trüber Gast  Auf der dunklen Erde«
    Aufmerksam hingebend hatte sie gehorcht Es schien ihr als hätte sie ihn
niemals besser überblickt als wäre sie bislang vor ihm gestanden wie vor dem
Gestrüpp eines Baumes den man auf seinen Wurzeln stehend nicht in seiner Form
erkennen kann Nun aber hatte sie erhöhten Grund unter den Füßen und sie sah
den Baum ein wenig von der Höhe ein wenig von der Weite sie sah wie rund und
voll seine Krone war wie geschlossen und dennoch frei sein Geäste sie sah das
frische dichte Blattwerk das ihr von unten nur wie Gestrüpp erschienen war
glänzend und wohlgereiht an den Zweigen und sie sah die Knospen die aus dem
Holze hervordrängten und Früchte versprachen
    »Ich glaube ich habe dich verstanden« sagte sie mit leiser aber fester
Stimme »Nur so lange meinst du können wir uns empören uns aufbäumen und
verzweifeln als wir glauben Zufälligem ausgeliefert zu sein von irgendeinem
unberechenbaren feindlichen Willen niedergetreten zu werden Sobald wir aber 
so meinst du doch wohl  die logische Notwendigkeit unseres Erlebens begreifen
dann müssen wir es als ein Verdientes und Gerechtes empfinden« Fragend sah sie
ihn an
    Er nickte ihr zu »So ist es«
    »Aber du hast eines vergessen« sagte sie
    »Und das wäre«
    »Das ist jene Ergebung zu der zu gelangen eines gehört was über aller
Vernunft und aller Logik steht  und« sie zögerte einen Augenblick »was mir
fehlt«
    Er blickte sie fragend an und wartete darauf dass sie ihr Bekenntnis
vollende Sie fuhr fort
    »Ich habe oft darüber nachgedacht was wohl das Wort des Evangeliums
bedeuten mag So dir jemand einen Streich auf die linke Backe gibt reiche ihm
auch die andere dar Und ich weiß dass dieses Wort nur der verstehen kann der
das eine hat was zu jeder Ergebung gehört die Demut  die mir fehlt«
    »Du irrst« fiel er ihr ins Wort »auch der Sinn dieses Spruches ist logisch
erschliessbar und selbst die Gnade der Demut kann über ein Herz kommen das die
Dinge restlos vernünftig anschaut«
    »Und wie willst du diesen Spruch mit Vernunft erschließen«
    Er schob die geleerte Teetasse zurück und sah sie voll an
    »Der logische Sinn ist so augenfällig dass ich darüber staune dass er es für
dich nicht ist Die Mahnung kann natürlich nichts anderes bedeuten  als lass
es nicht als Übel gelten was jener tut  denn« er suchte nach Ausdruck 
»denn  der Augenblick tut das mit ihm  sein unsterblich Teil ist nicht dabei
Dieses Unsterbliche aber« seine Stimme hob sich energisch »dieses sollst du
schauen Und zum Zeichen dass du sein Ewiges nicht vergessen hast  trotzdem er
selbst es verleugnet  so hebe seine eigene Tat auf  und« seine Stimme war
stark und streng geworden »reiche ihm auch die andere Wange dar Damit sprichst
du zum Schicksal wie es ist ist es gut« Überzeugt sah er sie an
    Einen Augenblick hatte Olga die Empfindung als wäre sie bei dieser
seltsamen Zwiesprache mit dem Bruder von unsichtbaren Händen erfasst und
gerüttelt worden Wie gelähmt war das lebendigste Organ ihrer Seele  ihre
Vernunft  in ihr gelegen und in wuchernder Wildnis war das Zaubergeranke der
Triebwelt immer dichter darüber gewachsen Der Bruder aber hatte sie gefasst und
hatte sie gerüttelt  wie man einen Menschen rüttelt der eben ertrinken wollte
und den man aus dem Wasser rettete  Sie hatte zutiefst begriffen was er ihr
in knappen Andeutungen gegeben Sie verstand auf einmal  dass Resignation und
Demut wohl Erscheinungen der Gnade sind aber keiner überirdischen Gnade Sie
verstand dass es Begnadung der höchsten Vernunft war zu sagen wie es ist ist
es gut  Aus der neuen Bewegung die endlich die Erstarrung in ihr gelöst
hatte hob sich mit junger Kraft der Antrieb der einzig das Leben erhält das
Vertrauen zu dem eigenen Schicksal die Überzeugung dass es nach logischen
Gesetzen abgelebt wird dass der Sinn der eigenen Bestimmung sich unweigerlich
erfüllt Sie begriff dass der Kampfplatz auf dem ihre Kräfte sich würden
bewähren müssen nicht draußen sondern drinnen lag Mit blitzartiger Schnelle
dachte sie in diesem Augenblick daran dass es Menschen gab die ihr Schicksal
sofort verstanden die seine Hand sogleich erkannten sowie sie von ihr berührt
wurden Solch eine war Eva Nestor und auch Lore Wigolski Jene waren mit
Widerständen die sich um sie türmten fertig geworden ohne einen Tropfen ihrer
Kraft einzubüssen sie aber hatte sich beim ersten Zusammenstoß beinahe
verblutet  weil sie mit sich noch nicht fertig gewesen wie jene anderen die
in besserem Gleichgewicht geboren waren
    Sie wollte nun noch erfahren ob Stanislaus es verurteilte dass sie sich in
diese Gefahr begeben dass sie mit dem Feuer so gefährlich gespielt hatte trotz
aller warnenden Mahnungen ihrer Seele
    »Mädchen« sagte er »wie sehr hast du die Orientierung verloren Nun siehst
du gar ein Unrecht darin dass du dich in den Frühling hinauswagtest Wie feige
müsste man sein sollte einen die Gefahr schrecken wenn auch nur ein einziger
solcher Frühlingstag winkt Ich war einmal in Dresden« fuhr er fort und
natürlich auch in dem berühmten Zwinger dem großen Barockpalast Die weiten
wundervollen Gärten standen gerade in voller Blüte und man bekam da hübsche
Ansichtskarten die den »Zwinger im Frühling« darstellten Später habe ich oft
an diese Worte denken müssen nur dass ich sie verkehrte  auf den Kopf stellte
denn überall wo ich um mich blickte sah ich wie die Blüte gehemmt wie die
frohen Triebe der Jugend gefesselt waren überall sah ich  den Frühling im
Zwinger Wohl dir dass du einen einzigen Frühling diesem Zwinger entronnen bist
    »Wenn du so denkst dann musst du auch meinen Gram begreifen darüber  dass
ich diesen Frühling verloren  verloren  vielleicht verscherzt habe«
    »Dieser Ausspruch lässt erkennen dass du noch immer glaubst dass es irgendwie
in deiner Macht gelegen hätte das Verhältnis zu erhalten und zu einem
glücklichen Ende zu führen Das ist aber falsch durchaus falsch denn so wenig
praktische Erfahrung ich auch habe« er lächelte während sich sein Gesicht mit
dunkler Röte überzog  »so bestimmt kann ich dich versichern dass man sich die
Liebe von niemandem erobern oder verscherzen kann Denn die Zellen lieben sich
und nicht die Willen die Zellen ziehen sich an oder stoßen sich ab   Auch
ist zwischen zweien immer ein bestimmter Vorrat zu verbrauchen Du kannst ihn
nicht erneuern um länger zu fesseln und du kannst keine Bande lösen solange
dieses Quantum nicht verbraucht ist  Warum aber sollst du« fuhr er lebhaft
fort »an solchen Erfahrungen verlieren anstatt zu gewinnen einschrumpfen
anstatt zu wachsen Warum dich verbittern und verringern lassen«
    
    »Weil sich nicht leugnen lässt dass bei solchen Erfahrungen sie mögen nun
erlaubt sein im höheren Sinne oder nicht und sie mögen so logisch und
notwendig sein wie sie wollen  Verschiedenes angeflogen kommt was beschmutzt
und erniedrigt«
    »So Du magst recht haben Aber dann musst du dich erst recht rühren musst
dich fleißig um deine eigene Achse drehen darfst das was dir angeflogen kam
nicht auf dir fest und starr werden lassen Du willst doch leben bleiben oder
nicht«
    Da rüttelte er schon wieder sie fühlte wie es ihr durch und durch ging
    »Ja ich will leben« rief sie mit leidenschaftlicher Inbrunst
    »Nun wenn man überhaupt leben bleiben will dann muss man sich auch rühren
Sich benehmen wie eine Leiche und doch leben bleiben wollen doch  wie soll ich
sagen  weiter konsumieren  das geht nicht an das erscheint mir geradezu
inkorrekt«
    Da lachte sie und sie hörte dieses Lachen und sie fühlte es auch Sie
fühlte wie diese Welle von Fröhlichkeit plötzlich aus ihrer Seele herausschoss
wie ein starker Sprudel Schlacken und Steine mitreissend und herausschleudernd
    Er sprach weiter »Wenn du in diesen Tagen so verstimmt warst so war es 
weil dich der Mut verließ Es gibt keinen andern Grund für uns Menschen
zusammenzubrechen Jede Art von Trauer von Angst ja selbst von physischer
Schwäche die zum Zusammenbruch führt ist Mutlosigkeit Mutlosigkeit des
Körpers oder der Seele und nicht an Todesangst leiden wir so sehr wie an dieser
bleichen Furcht vor dem Leben Diese Angst aber ist der Todfeind des Menschen
Da kenne ich ein tiefes Wort von Maxim Gorki Sobald die Menschen sich fürchten
verfaulen sie wie die Birken im Sumpf  Darum heißt es gerade im kritischen
Moment gerade wenn es schief geht  sich doppelt zusammenraffen und so
handeln als ob wir sehr mutig wären Die Menschen stürzen und verfaulen am
ersten wenn sie sich nach einer Katastrophe verkriechen sich seelisch
verlumpen« Ernstaft sah er sie an »Man muss sich erziehen so zu handeln 
als ob alles glatt gegangen wäre Das ist eine Suggestion die man dem Schicksal
gibt  und das Schicksal ist suggestibler als wir glauben« Er ging auf und ab
und fuhr nachdenklich fort
    »Du leidest jetzt Das ist nur richtig und begreiflich Warum aber dich
unter deinem Leid verkriechen Dieses Leid ist eine Frucht die du ernten
musstest  das ist immer noch besser« fügte er leiser hinzu »als wenn auf
deinem Acker überhaupt nicht gesät worden wäre«
    Er zog aus der Tasche seines Rockes ein Heft der »Jugend« und warf es auf
den Tisch
    »Da  das war heute nacht im Bahnzug meine Lektüre und da ist etwas
drin was für dich passt Hör gut zu« Und er las ihr vor
                                  »Die Zeche«1
Und hast dus verschuldet dass Reue dich zwickt 
Nur nicht um die Zeche herumgedrückt
Und krallt dir Vergeltung durch Panzer und Hemd
Eine Bärenbrust büssend entgegengestemmt
Sei lederzäh keine wimmernde Puppe
Ei wer sie verzehrte berappt auch die Suppe
Wie den Kellnern nach eingenommenen Mahlen
Ruf ehrlich dem Schicksal »Bitte Zahlen«
So sprach Stanislaus an diesem Abend zu seiner Schwester und noch als er ging
mahnte er sie eindringlich »Also vergiss nicht  sei lederzäh keine wimmernde
Puppe Eine Bärenbrust  du weißt schon«
    Er ging und nahm die Gespenster mit ihr Heim war frei Sie irrte nicht mehr
darin wie eine hilflose Gefangene Die Dämonen waren wie ausgeräuchert Was für
Kräfte waren es doch die das Gift aus ihr herausgeholt hatten Die Welt war ihr
in Finsternis gehüllt gewesen wie in einen undurchdringlichen schwarzen
Mantel Nun aber schien es ihr als wäre der Mantel abgeglitten
    Ruhig und friedlich ging sie zu Bett Zum erstenmal dachte sie wieder an
ihre Freunde Sie wollte Lore bald wiedersehen Plötzlich fiel ihr ein dass sie
von Erika wochenlang nichts gehört hatte Sie hatte sich auch nicht um sie
bekümmert Wie wenn sie ihr helfen könnte wie heute der Bruder ihr geholfen
Freilich hatte die dort dem Schicksal noch mehr zu bezahlen als sie  mehr
vielleicht als sie besaß  war überverschuldet vielleicht bankerott Und an
den anderen dachte sie dessen Zeche auch nicht im reinen war Weder Erika noch
Koszinsky wussten von ihrer neuen Wohnung Koszinsky war verreist auf der
Tournee mit seiner Kapelle aber Erika hätte sie nicht ganz vergessen dürfen
auch wenn sie sich selbst nicht meldete Sie beschloss ihr am nächsten Tag zu
schreiben
    Der nächste Tag kam Olga hatte nach langer Zeit tief und traumlos
geschlafen Sie erhob sich und fühlte ihre Kraft und fühlte dass sie des Lebens
froh war Sie ordnete ihre Wohnung und wirbelte all den Staub auf den sie in
den letzten Tagen hatte liegen lassen Dann setzte sie sich an ihren
Arbeitstisch und öffnete die angesammelte Post Sie beschloss Lore noch für den
heutigen Tag zu sich zu rufen Auch erinnerte sie sich dass sie den Brief an
Erika sofort schreiben müsste Da klingelte es es war der Telegraphenbote Von
Edda dachte sie und riss das Telegramm eilig auf Sie erschrak als sie das
Bild der geschriebenen Worte erfasst hatte sie erschrak tief Das Telegramm war
von der alten Wirtschafterin des Vaters Es meldete seine schwere Erkrankung und
forderte sie auf nach Hause zu kommen
    Dorthin also sollte sie jetzt Ihre erste Verwirrung klärte sich schnell
Sie erkannte dass es notwendig war dass sie zu dem Vater reiste wenn er
schwerkrank sie rief Diese verlassene Heimat dieser Greis das war mit ihr
verbunden das ging sie an Alles in ihr drängte zu schneller Erfüllung ihrer
Pflicht Ihr bangte vor Taten oder Unterlassungen die die Reue mit sich
führten Sie begann sofort zu packen Einen Augenblick dachte sie daran ihr
ganzes Arbeitsmaterial mitzunehmen gab aber diesen Gedanken schnell auf und
beschloss für die Zeit ihrer Abwesenheit die Redaktion ihrer Zeitung in Lores
Hände zu legen
    Nachdem sie eingepackt hatte fuhr sie zu Stanislaus um ihm die neue trübe
Nachricht zu bringen und das Nötige mit ihm zu besprechen
Zu eben dieser Zeit da Olga daran dachte sich nach Erika umzusehen suchten
auch die Gedanken Erikas wieder den Weg zu ihr Es waren keine besonderen
Gründe die Menschen die einander nahegekommen waren hier wochenlang trennten
 es war Berlin Wer in dieser riesigen Maschinerie seinen Platz hatte mit dem
machte der Apparat seine Bewegungen und in seinen weitausgreifenden Umdrehungen
enfernten sich jene Teile die sich eben noch berührt hatten nicht selten weit
voneinander In Berlin hatte jeder einen ausgefüllten Tag selbst Müssiggängern
wäre hier die Zeit nicht immer reichlich geworden Dazu taten schon die großen
Entfernungen das Ihre Wer nun aber hier einem Erwerb nachging wer irgendwie in
der Kette eingeschaltet war der konnte nur nach genauer Berechnung zu
Begegnungen gelangen
    Erika saß fest in dem Räderwerk und ihre Tage vergingen wie Umdrehungen
von denen eine der anderen gleicht »Mahle Mühle mahle« Aber während sie mit
der äußersten Schicht ihres Wesens das Gewinde dessen Bedienung ihr zufiel um
Brot zu erlangen regelmäßig und sorgfältig abhaspelte wuchs in ihrem Innern
alles weiter was sie dahin verpflanzt hatte Hier war üppiger Boden für wilde
Schösslinge die wurzellos aufsprossten keimlos und unfruchtbar groteskes
gezacktes Gewächse jenen Kakteen zu vergleichen die nur mit dem Blattstiel in
der Erde stecken und blinde Triebe hervorbringen und wuchernde Säfte
    Sie plante Veränderungen in ihrer neuen Stellung fand sie keine Ruhe Sie
hörte auch nicht auf die Annoncen in den Zeitungen zu verfolgen und schrieb ihr
regelmässiges Quantum von Offerten Schon war sie auf dem Sprunge mit einem
Ingenieur der eine »Hausdame« suchte in die Tropen zu gehen wo er ein
Flussgebiet regulieren und Brücken bauen sollte Erika verfolgte solche
Möglichkeiten fast bis zum letzten Abschluss um sich dann scheinbar ganz
plötzlich zu besinnen dass sie hier ihre »Hoffnung« festhielt dass hier ihr
»Glück« wohnte    Mit einem Teil ihres Wesens wagte sie die verschiedensten
Versuche Betäubung zu finden wenn sich der Hunger meldete der echteste
Hunger der nicht zu verleugnende  der Hunger des jungen Weibes
    Dann folgte sie diesem Betäubungstrieb mit demselben automatischen Eifer
mit dem sie ihre Offerten schrieb und auf ewiger Stellensuche war Sie machte
Sonntags einsame Ausflüge in die Umgebung Berlins kehrte dann nicht selten in
irgendeinem ländlichen Wirtshaus ein aus dem Musik herausklang und saß da ein
weiblicher Sonderling trank ein Gläschen Bier und mengte sich schließlich unter
die Tanzenden In ihrem Lodenrock und ihrer leinenen Hemdbluse das Jägerhütchen
auf dem Kopf so drehte sie sich unter den Bauern Sie tanzte mit allen
Burschen die sie neugierig aufforderten und bemühte sich an jedem etwas
Besonderes zu sehen Sie vergaß aber nie wann der letzte Zug oder das letzte
Schiff ging die sie wieder nach Berlin zurückbrachten und enteilte
geheimnisvoll wie Aschenbrödel
    Dann gab es Sonntage wo sie keine Ausflüge machte sie hatte noch eine
andere Zufluchtsstätte in letzter Zeit gefunden Sie ging zu den Versammlungen
der Heilsarmee Ernstaft hörte sie dem Vortrag zu Und mit einer Inbrunst die
sich von der ihrer Umgebung wenig unterschied sang sie im Chorus mit
»Und nach vollbrachtem Kampfe
Tragen wir die Kron
Im neuen Jerusalem
Mit unserem treuen Jesus
Mit unserem Gottessohn
Im neuen Jerusalem«
Und sie hatte sich sogar eine Brosche mit dem Bildnis des himmlischen Bräutigams
angeschafft   
    Aber diese Mittel versagten Die Stunden wo die bleiche Verzweiflung sie
umklammerte wurden immer häufiger »Ich bin krank« dachte sie dann »ich muss
zum Arzte gehen«
    Eines Tages führte sie diesen Vorsatz aus Sie hatte manches von einem
besonderen Verfahren gelesen durch welches kranke Seelen geheilt wankende ins
Gleichgewicht gebracht werden sollten Und es war eine Art von Neugierde die
sie immer heftiger trieb sich diesem psychoanalytischen Verfahren zu
unterwerfen Wenn es wirklich wahr war dass Unbewusstes Unterbewusstes auf diese
Art ans Licht gehoben würde dann würde sie ja erfahren was auf dem tiefen
dunklen Grunde lag dessen Strömungen sie trieben  Sie ging zu einem berühmten
Psychiater
    Durch eine lange Flucht von Räumen die in ihrer ausstellungsmässigen Eleganz
einen fast unbewohnten Eindruck machten wurde sie von einem ältlichen hageren
Fräulein in schwarzseidenem Kleid bis an die Tür des Ordinationszimmers geführt
»Herein« rief eine scharfe helle Männerstimme auf ihr zaghaftes Klopfen
    Der Doktor saß an seinem Schreibtisch Er funkelte sie mit seinen bebrillten
Augen an und strich ein paarmal mit gefälteter Stirn durch den grauen
Knebelbart ehe er sie Platz nehmen hieß Dann machte er eine ermutigende
Handbewegung und forderte sie auf alles zu erzählen was sie auf der Seele
habe
    Eine Erleichterung kam über sie dass sie endlich einmal wieder sprechen
durfte Sie mischte mit einem beinahe freudigen Gefühl die mannigfaltigen
Farben die sie für ihr Gemälde auf der Palette hatte Der Doktor hörte genau
zu
    »Sie haben«  sagte er als sie mit hastigen beteuernden Worten geendet
hatte  »Sie haben  peinliche geschlechtliche Erlebnisse verdrängt ohne sie
restlos bewältigt zu haben« Er machte eine Pause Sie hing atemlos an seinem
Mund »Sie haben sozusagen  die inneren Augen über diesen Erlebnissen
zugedrückt  nicht wahr«
    Sie senkte den Kopf
    »Es gilt  Ihnen die Augen zu öffnen  und das verdrängte Erlebnis in
seiner wahren Gestalt ans Bewusstsein zu rufen Da Sie gewisse Eindrücke nicht
auf gründliche Art abreagieren konnten« fuhr er nun geläufig fort  »setzten
sich diese in Vorstellungen um die der Wirklichkeit nicht entsprachen« Er
begann sie nach einer besonderen Technik auszufragen über wichtige und
unwichtige Ereignisse kreuz und quer er zog in seine Fragen die Träume mit
hinein und notierte sorgfältig was sie ihm berichtete
    »Die Zwangsneurose an der Sie leiden hängt nicht selten auch mit
Verlagerungen der geschlechtserregbaren Körperzonen zusammen« sagte er und
untersuchte sie auch nach Art des Frauenarztes
    »So weit ist alles in Ordnung« konstatierte er ich werde Sie also nur
psychoanalytisch zu behandeln haben Der Symptomkomplex ist deutlich aber die
hysterische Affektpsychose ist heilbar Er betonte das Wort »Ich werde Ihnen
ein paar Suggestionen geben«
    Er ließ sie dann in einem tiefen Fauteuil Platz nehmen umklammerte ihre
Arme und drückte sie fest an die Lehne des Sessels
    »Sie sind ganz ruhig Sie werden müde werden Sie werden schlafen wollen«
    dabei begann er mit leisen weichen Griffen über ihre Stirn zu streichen
    »Ihre Glieder werden schwer  Sie sind müde  Sie schlafen schon   Sie
werden die Augen nicht wieder öffnen bevor ich es nicht befehle Sie werden gut
aufhorchen jetzt«
    Seine Stimme stieg an wurde noch heller und stärker
    »Sie sind im Grunde ganz gesund  Sie haben nur durch Verschweigung und
durch Verheimlichung Ihrer Unlustgefühle in der Ehe sich in einen krankhaften
Zustand gebracht  verstehen Sie Ihre Psyche neigt zu Verheimlichungen vor
sich selbst zu Täuschungen die Sie sich selbst vorspiegeln«
    Gedämpfter milder fuhr er fort »Sie haben die Neigung sich interessant zu
machen und es wird Ihnen immer schwer objektiv die Wahrheit zu sagen  aber
Ihr Charakter Ihre Intelligenz sind intakt« er sprach wieder scharf und
überzeugt  »darum werden Sie den Wahn aufheben«
    Und nun begann er mit eindringlichen Worten die ganze aus der Luft
gegriffene Phantasterei ihrer sogenannten großen Liebe ihr klar zu machen Dann
machte er eine lange Pause
    »Schlafen  schlafen Sie« sagte er leise und strich unaufhörlich über ihre
Stirn
    Unendlich wohl taten ihr diese weichen Striche und diese Stimme die erst so
energisch hell gesprochen und die sich dann in weichem Geflüster verlor 
    »Sie sind jetzt wach  obwohl Sie schlafen Sie sind jetzt wahr obwohl Sie
schweigen« raunte die Stimme »Die Lüge an der Sie sich selbst berauscht
haben ist fort  Sie wissen jetzt ganz gut« die Stimme stieg an wurde
kräftig befehlend »dass Sie zu dem betreffenden Herrn in Wahrheit gar keine
Beziehungen haben  gar  keine  Beziehungen  Sie öffnen die Augen«
    Er strich ihr fest über die geschlossenen Lider »Sie erwachen  Sie stehen
auf«
    Die Sitzung war beendet der Arzt entließ sie Sie sollte widerkommen wenn
sie ihn brauchte
    Es war ihr leicht und frei zumute als sie hinaustrat    Dieses Gefühl
der Leichtigkeit blieb ihr noch einige Tage Sorgsam bewahrte sie alles im
Gedächtnis was der Arzt gesagt hatte Es war also ein Wahn ein Selbstbetrug
eine Phantasterei gewesen das Ganze das sagte sie sich nun stündlich vor
    Aber während ihr Verstand immer wieder den Inhalt dieser Vorstellungen
betrachtete wuchs aus jenem dunklen Grunde mit dessen Strömungen sie verbunden
war ein Schwarzes und Namenloses Die Kur war glänzend geglückt der große
Psychiater hatte den Wahn verdrängt was zurückblieb war  die Wahrheit
    Und sie sah nun die Wahrheit Sie sah wo sie stand sie sah die Sackgasse
in die ihr Leben eingelaufen war Wie hohe graue Mauern umstarrte sie die
Hoffnungslosigkeit Großer Gott wohin war sie geraten Wo war ein Ausgang
Nirgends nirgends denn ein Zurück gab es nicht auch graute ihr jetzt noch
deutlicher wie bisher vor ihrer früheren Heimat aus der sie entlaufen war
Warum o Allmächtiger hatte sie sich dort zugrunde richten lassen warum musste
erst diese wahnwitzige Ausgeburt ihrer kranken Seele kommen um sie von da
herauszuführen  als es viel zu spät war Mit Schrecken und Grauen trat sie
jetzt die täglichen Sklavendienste an zu denen sie verurteilt war An die
Galeere geschmiedet hoffnungslos auf ewig Es gab kein Wunderbares an dessen
Phantom sie sich wie früher bis zu wilden Rauschzuständen betäuben konnte Es
gab nichts als die Öde für sie für immer und ewig Ja der Wahn war
»verdrängt«  sie sah klar
An einem schönen Sonntagnachmittag machte sie sich auf Olga aufzusuchen Es war
ihre letzte Zuflucht Sie fuhr aus dem Osten der am Sonntag seine Stimme nicht
hatte die Stimme der Arbeit aus diesem Osten mit seinen grauen
Proletarierhäusern zwischen denen sie nun seit Monaten lebte mit seinen
Butterläden und Destillen mit seinen breiten staubigen Alleen mit seinen
Fabrikschloten und eisernen Krähnen fuhr sie hinüber in das schönere Berlin
Als sie von der Höhe der Stadtbahn die grüne Quadriga des Brandenburger Tores
und die goldleuchtende Statue der Göttin hoch oben auf dem Siegesdenkmal sah
die ihren Kranz triumphierend zum Himmel schwingt da schien es ihr als käme
sie aus einer Verbannung ein fremder Gast Es dämmerte schon als sie am
Bahnhof Tiergarten ausstieg Sie wollte nach langer Zeit wieder einmal zu Fuß
durch den Tiergarten gehen bis hinüber zum Gartenufer Sie dachte immer noch
Olga wohnte in der stillen Seitenstrasse in der Nähe des Lützowplatzes
    Es war ein klarer milder Wintertag ohne Schnee die Luft hatte etwas
Erquickendes in ihrer reinen Frische Sie kam zum Landwehrkanal auf dem die
kleinen Dampfer mit der Schlepperflotille lagen und blieb einen Augenblick auf
der Brücke stehen und sah in das Wasser das unter der Freiarchenbrücke tobend
aus der Schleuse strömt Plötzlich dachte sie dass alle Not ein Ende hätte 
wenn  wenn sie es nur wagte es brauchte ja nur einen einzigen kleinen
Schwung Sie erschrak vor der Gefahr dieses Gedankens und eilte hastig fort
Aber ihr Gehirn arbeitete weiter   Ich werde einen Zettel hinterlassen wenn
ich Olga nicht finde und darauf werde ich schreiben »Ich konnte nicht anders«
Sie wiederholt immerwährend diese patetische Formel »Ich konnte nicht anders
 ich konnte nicht anders  wenn ich Olga nicht finde   «
    Aber warum sollte sie sie denn nicht finden Da war sie schon in der Straße
in der sie wohnte Das Treppenhaus war schon erleuchtet aber die Fenster von
Olgas Zimmer waren dunkel »Finsternis« dachte sie und es wallte wieder
schwarz in ihr auf und ihr war als sei sie nun an der Grenze ihres Lebens
Aber hinauf hinauf
    Während sie dem Haustor zuschritt folgte ihr jemand dicht auf den Fersen
Und diesmal war es keine Wahnvorstellung sondern Wirklichkeit Beim Haustor
bemerkte sie ihn Und gleich zuckte die alte Idee in ihr auf »Er lässt mich
beobachten« Wieder vermengten sich Wahn und Klarheit Sie ging weiter stieg
langsam die Treppen hinauf Der ihr auf den Fersen folgte blieb unten im
Hausflur stehen
    Er war aus einer Nebenstrasse auf den Lützowplatz getreten als er auf dem
breiten Weg der quer über den Platz führt Erika vor sich gehen sah Er
erkannte sie sogleich nach der Schilderung an ihrer Lodenjoppe ihrem
Jägerhütchen Ihre Bewegungen erschienen ihm charakteristisch es war etwas
Hastendes und doch Tapferes darin Da wandelte sie  die Äffin halb halb
Heldin war und hatte denselben Weg wie er Koszinsky war von seiner Tournee
zurückgekehrt und diese Stunde führte ihn wie Erika zu Olga So musste er ihr
auf dem Fuße folgen bis sie in das Haustor eintrat unwillkürlich blieb er
unten stehen er erwog ob er hinaufgehen sollte trotzdem jene da war Da hörte
er wie sie oben läutete Er hörte die Stimme der Wirtin die ihr an der Tür
mitteilte dass Fräulein Diamant längst nicht mehr hier wohne und die die neue
Adresse nannte draußen im Vorort in Friedenau
    Und da kam sie auch schon über die Treppe zurück langsam und schwer ging
sie im Schatten des Treppenhauses verborgen sah er im Licht der elektrischen
Lampen voll ihr Gesicht und er erschrak über das was darin eingezeichnet war
Sie trat aus dem Hause und er folgte ihr Folgte ihr quer über den
Lützowplatz über den breiten Weg Nun trat sie in die dunkle Allee längs des
Kanals Sie bog ab nach links ging mit immer schnelleren Schritten bis
hinunter zur Freiarchenbrücke  dort stand sie zögernd still Dann ging sie auf
die Brücke In der Mitte blieb sie stehen und beugte sich über die Brüstung Und
auch er stand wie gefesselt verborgen in der Dunkelheit Nachdem sie eine
Weile bewegungslos gestanden und ins Wasser gestarrt ging sie weiter  bog nun
auf der anderen Seite des Ufers nach rechts hinauf Ihr Gang wurde leichter sie
hastete vorwärts Jetzt ging sie so schnell dass er Mühe hatte ihr zu folgen
sie lief ja beinahe hier in der Finsternis Längst waren sie an jenen Stellen
des Kanals vorbei wo die Böschung weich und niedrig mit Rasen bewachsen
abfällt hier war schon der steinerne Quai von dem in bestimmten Entfernungen
Treppen zum Wasser hinunterführen
    Und da  auf einmal  da setzte sie über das niedrige Gitter und lief flugs
auf die Treppe zu Ehe er recht begriff ob er auch richtig gesehen war sie
unten Er sah im Schein der Laterne die erhobenen Arme er hörte den
klatschenden Aufschlag mit dem der Körper ins Wasser fiel Da war auch schon
sein Mantel zur Erde geworfen er folgte ihr  aber nicht auf dem Wege über die
Treppen er lief direkt über die glatte steinerne gewölbte Böschung lief mit
den großen Sprüngen des Militärs und sprang mit gestreckten Armen ihr nach
Und kaum schlug er ins Wasser so sah er auch schon dicht neben sich ihren
Kopf auftauchen vollbelichtet vom Schein der Laterne  sah das Gesicht 
unkenntlich geworden vom Krampf der Todesangst Sie war ein einziges Mal erst
untergetaucht als er sie erfasste In der Sekunde da sie unter Wasser gewesen
und dann wieder an die Oberfläche gekommen war hatte sie den Himmel gesehen mit
den schimmernden Sternen    leben leben Da erfasste sie eine Hand War das
die Rettung    Sie umklammerte seinen Hals sie umschlang ihn mit den
Beinen und er fühlte wie sie beide untergehen mussten auf diese Art Er rief
ihr zu sich ruhig aufs Wasser zu legen und sich ihm zu überlassen aber sie
umstrickte ihn nur um so wilder Schon erwog er ob er nicht zu dem letzten
verzweifelten Mittel das die Rettung möglich machte greifen und ihr jenen
Schlag auf den Kopf geben sollte der Ertrinkende in Betäubung versetzt und es
dem Schwimmer dann möglich macht sie herauszuziehen Aber es kam nicht so weit
Plötzlich lockerten sich ihre ihn fest umschnürenden Glieder Sie war bewusstlos
geworden Da kam es über ihn wie Glück  nun konnte es gelingen Neue Kräfte
strömten ihm in die Glieder stählten und streckten sie Er machte kräftige
Tempi mit den Beinen und dem einen Arm fasste sie mit der anderen Hand im
Genick an den Kleidern und schleifte sie behutsam übers Wasser Keinen
Augenblick sank ihr Kinn bis in die Flut so fest und stark hielt er sie hoch
    Und sie nahmen alles mit diese dunklen Wasser alle Sünden der
Vergangenheit Der Mensch der da mit zwei Beinen und einem Arm die schwarze
Fläche teilte und mit dem anderen Arm seine Beute hielt dem der Krampf schon
langsam in diesen Arm kroch und der nun glücklich die Stufen wieder erreicht
hatte  für den war dieses nächtliche Bad ein heiliger Zauber wohl heiliger
noch als es die Wasser des Jordans waren wenn sie die Sünden der Getauften mit
sich nahmen und sie fortspülten ins Meer der Vergessenheit   
    Er trug sie über die Stufen hinauf und legte sie bei der Laterne die das
Bild ihres Kampfes beschienen hatte zur Erde
    Sie hatte nicht viel Wasser geschluckt Dennoch reinigte er mit dem vom
Taschentuch umwickelten Finger kräftig den Rachen Dann setzte er sich auf das
niedrige Geländer der Rasenfläche und legte die leichte Gestalt quer über seine
Knie auf den Bauch so dass Kopf und Rumpf nach unten hingen Das Wasser tropfte
ab Er drückte regelmäßig gegen ihren Rücken Nachdem er dies rhytmisch einige
Minuten lang getan hatte legte er sie auf die Erde nieder holte den Mantel
der ein Stück weiter unten so da lag wie er ihn abgeworfen hatte schob ihn ihr
als Rolle unter den Kopf Dann führte er ihre Arme langsam nach oben  führte
sie wieder zurück und drückte sie kräftig aber schonend gegen den Brustkorb
Zischend hörte er die Luft in die Lungen einströmen
    Als er diese Bewegungen etwa dreissigmal ausgeführt hatte begann sie zu
atmen und schlug die Augen auf
    Nun zog er den Mantel vorsichtig unter ihrem Kopf weg und hüllte sie hinein
Dann hob er die leichte Gestalt ohne Mühe auf seine Arme Während er mit ihr
weiterging fielen ihr die Augen wieder zu und er fühlte wie sie zitterte
    Niemand war in der ganzen Zeit durch die nächtliche Allee gekommen Der
Himmel schien glänzend wie schwärzlichviolettes Glas und wölbte sich über den
Bäumen Der abnehmende Mond lag als blanke Sichel schräg zwischen unzähligen
Sternen
    Die nächste Brücke führte hinüber auf den Lützowplatz Dort standen
Automobile Er blieb diesseits im Dunkel und pfiff Sofort kam eine
Autodroschke heran Er stieg ein und bettete sie bequem Keinen Augenblick
dachte er daran irgend jemand zu alarmieren Er brachte sie zu sich auf seine
Stube entkleidete sie vorsichtig und hüllte sie in einen Bademantel dann trug
er sie in sein Bett rieb ihre eisigkalten Glieder bis sie warm wurden aber er
duldete nicht dass sie sprach In nassen Kleidern wie er war nur mit dem
trockenen Mantel darüber entzündete er einen Spirituskocher auf dem Tisch und
kochte Punsch sorgfältig hielt er die Tasse an ihre Lippen und ließ sie in
kleinen Schlucken davon trinken Dann hieß er sie schlafen Erst als er ihre
tiefen Atemzüge hörte und ihre Stirn feucht wurde von Schweiß während die
Wangen sich röteten zog er sich um Dann trank er ein Glas Punsch und legte
sich in warmen trockenen Kleidern auf das schmale Sofa zum Schlafen nieder  

 
                               Siebentes Kapitel
                                  Erfüllungen
 »Zwei Schwingen führt ja stets die Zeit
 Sie nimmt mit einer gibt mit einer
 Ist heute dein Besitz auch kleiner 
 Zwei Schwingen führt ja stets die Zeit«
                                                                           Halm
Olga reiste in dem schlesischen Winter an das Krankenlager ihres Vaters Lang
und ermüdend war die Nachtfahrt in der dritten Klasse Während der kleinen
Strecke von der österreichischen Grenze an war die Reise am unerträglichsten
Seit sie in Deutschland lebte hatte sie vergessen dass es solche Eisenbahnwagen
gab In dem schlechtgeheizten übelriechenden engen und dunstigen Koupé war sie
erst mit einer Schar slovakischer Bauern zusammengepresst An einer
Umsteigestelle wurde das Koupé leer Sie fand aber auch dann keine Ruhe da ein
unaufhörliches Getöse von aneinander klirrenden Metallteilen den Raum erfüllte
In ihrer Verzweiflung rief sie den Schaffner und bat ihn zu untersuchen woher
dieser wahnwitzige Lärm käme Der Mann kroch unter die Bänke und probierte an
verschiedenen Schrauben herum dann erklärte er ihr dass eiserne Bestandteile
des Wagens welche durch Schrauben gehalten würden lose seien und bei jeder
Umdrehung der Räder donnernd an die Schienen schlügen
    Im Morgengrauen kam sie an Die lehmigen ungepflasterten Straßen waren von
dicken Kotwällen verbarrikadiert Die von Kohlenstaub und Fabrikrauch verdorbene
Luft kroch ihr bei jedem Atemzug beissend in die Kehle Ihre kleine verschabte
Reisetasche in der Hand eilte sie mit angstvoll klopfendem Herzen zu Fuß ihrem
Vaterhause zu das ihr noch finsterer als sonst seine trübe Front wies Die alte
Salke wusste dass sie mit dem Frühzug kommen würde und presste wartend den Kopf
an die Fensterscheibe Olga erkannte trotz des Zwielichtes unter dem wollenen
Kopftuch das gespenstig verschrumpfte Gesicht der Alten Sie winkte hinauf und
gleich antwortete ihr ein deutliches Nicken Bald hörte sie die schweren
schleifenden Schritte der Schlüssel wurde knarrend herumgedreht und das Tor
wich zurück in den finsteren Flur
    »Olgaleben«    Die knochige Hand tastete nach der ihren »Gelöbt is Gott
 Se sind daham«    Und dann stiegen sie zum Krankenzimmer des Vaters
hinauf
    Sie erkannte nicht gleich ob er lag oder saß Er war in einen tiefen
Fauteuil gebettet Eine Menge Kissen stützten den Rücken die Beine lagen in
der Höhe des Sessels ausgestreckt auf hoch aufgetürmten Matratzen Seit das
Wasser in ihnen war konnte er sie nicht mehr hängen lassen und hielt es auch
liegend im Bett nicht aus Seine ehemals so lange Gestalt schien
zusammengeschrumpft der Rest seines grauen Haares war schneeweiß geworden und
hing lang und wirr unter dem schwarzen Sametkäppchen hervor die wie mit einem
grauen Hauch überdeckten Augen flackerten hilflos und alle Züge des Gesichtes
verliefen spitz in tiefen Furchen
    »Gut du kommst« sagte er mit fremder hohler Stimme
    Er fasste krampfhaft ihre Hand und ließ sie eine ganze Weile nicht wieder
los
    »Ich hätt ka Ruh gehabt mei Kind« flüsterte die hohle Stimme  »wenn
du nicht gekommen wärst«
    Sie versicherte ihm während sie sein abgezehrtes Gesicht küsste und die
Tränen herunterwürgte dass sie schon längst gekommen wäre wenn er sie nur hatte
früher rufen lassen Sie erzählte auch dass Stanislaus in wenigen Tagen
nachkäme Der Alte nickte nur apatisch mit dem Kopf 
    Olga sah sogleich dass die mühevolle Pflege des Schwerkranken von ihr und
der alten Salke allein nicht geleistet werden könnte So besorgte sie einen
Wärter Der war nun Tag und Nacht um den Kranken gab bei jedem Besuch des
Arztes seine Meinung ab und hörte nicht auf täglich den immer näher rückenden
Termin des Endes zu prophezeien Die alte Salke bemerkte auch dass er sich
Kleinigkeiten aus dem Besitze des Kranken nach und nach aneignete und erzählte
es Olga klagend Auf die Wäsche des Kranken schien er es abgesehen zu haben die
Taschentücher wurden immer weniger Auch die Tabakpfeifen die auf einem Brett
aneinandergereiht waren verschwanden nach und nach und eines Tages war sogar
das Gebiss des alten Mannes dass er sich manchmal noch einsetzen ließ nicht zu
finden Dieser schwarzhaarige Wärter mit dem gleichzeitig schlauen und
verdrossenen Gesichtsausdruck mit der kolossalen Hakennase unter den
dichtbebuschten Augen erinnerte an eine unheimliche Dohle die hier auf die
letzte Beute lauerte
    »Weggetragen haben se euch alles  grad wie der do   « sagte die alte
Salke mit wiegendem Kopf und blickte Olga vorwurfsvoll an Dann hob sie die
Achseln spreizte die Finger mit dem Ausdruck von Hilflosigkeit und wiederholte
nachdrücklich »Weggetragen  alles «
    Schwer und bang waren besonders die Nächte Der Kranke kam fast nicht mehr
zu Ruhe Unablässig verlangte er seine Lage zu verändern musste immer wieder vom
Bett in den Lehnstuhl und von da wieder zurück getragen werden Die Tochter
stand am Fussende des Bettes Ab und zu sah er sie mit starren umflorten Augen
an und sagte dann erkennend »Mei Kind « Im übrigen fragte er nach nichts
was ihn sonst interessiert hatte Mit keinem Wort fragte er nach dem Leben der
Kinder während der letzten Zeit
    So ist es wenn es zur letzten dunklen Reise geht dachte Olga  da hat
kein anderer Gedanke mehr Platz
    Der alte Mann starb schwer Angstvoll wehrte er sich gegen den Tod In den
letzten Nächten stieß er immer wieder einen Klagelaut hervor »o je o je« 
dessen dumpfe Monotonie Olga mit Grauen erfüllte Einmal erfasste er ihre Hand
und sagte »Verzeih mir« Es überlief sie kalt was hatte sie ihm denn zu
verzeihen Sie küsste die fahle Stirn auf der die Schweißtropfen perlten und
deren eisige Kälte sie mit ihren Lippen fühlte »O je o je« sagte der Kranke
Es war keine Auflehnung mehr in diesem Klagelaut er klang so abgewandt von
allem so wissend hoffnungslos so sterbensbang  Als der Morgen dieses Tages
graute floh sie aus dem Krankenzimmer Sie lief durch das Städtchen bis hinaus
auf die öde Heide und dann im selben Tempo wieder zurück An diesem Morgen kam
Stanislaus an Der Vater erkannte ihn nicht mehr Er lebte noch einen Tag und
noch einen Teil der Nacht Die Kinder wichen nicht von seinem Lager Um jene
Stunde da Tag und Nacht miteinander ringen führte seine Seele den letzten
Kampf Im Morgengrauen sahen sie dass eine völlige Veränderung der Gesichtszüge
des Kranken eintrat Die Augen schienen aus ihren Höhlen zu quellen der
Unterkiefer sank herab das Atmen wurde röchelnd es klang als ob zwischen zwei
Mühlsteinen etwas Sprödes zermahlen würde Der übermüdete Wärter lag und
schlief die alte Salke saß zusammengebrochen in einer Ecke und die Tränen
strömten endlos aus ihren halbblinden Augen Endlich stieß der Kranke einen
tiefen Seufzer aus hob noch einmal mit letzter krampfhafter Anstrengung den
Unterkiefer formte die Lippen über die ein letzter Laut kam  ein hohles O
und der Ansatz des Wortes »je«  dann streckten sich seine Glieder der Atem
wurde schwächer die Augen drehten sich in den Höhlen  der Kiefer fiel herab
Aus dem unerwartet schneidenden Weh das durch das Sterben des Vaters über die
Geschwister gekommen war rüttelte sie die Notwendigkeit eine Menge von
Entschließungen zu treffen Sie verkauften den ganzen Besitz dem Prokuristen
der das Geschäft in letzter Zeit allein geführt hatte Von dem ehemals großen
Vermögen war nur noch ein Rest vorhanden der unbegreiflich gering schien
Stanislaus versuchte es aus den Büchern über das Zusammenschmelzen des
Vermögens Aufschluss zu erlangen aber was in den Büchern stand das stimmte Er
begriff dass der Verlust in jenen Posten steckte die hinter den Büchern
geblieben waren Diese Unterschlagungen waren in so vorsichtigen Tritten
ausgeführt dass sie keine Spuren hinterliessen auf denen man ihnen hätte
nachgehen können Und auch von diesem Vermögensrest der als Buchwert vorhanden
war mussten sie sich beim Verkauf noch große Abzüge gefallen lassen Der Vater
hatte ein Testament hinterlassen des Inhalts dass bei der Realisierung des
Vermögens Olga bis zur Höhe ihrer Versicherungssumme die Erbin sei Der Rest
sollte zwischen ihr und dem Bruder geteilt werden Diese Summe kam immerhin bei
der Erbschaft heraus Was darüber hinaus jedem als Anteil zufiel war nicht viel
mehr als Stanislaus für sein Buch eingenommen hatte und so sah er dass er mit
seiner Arbeit doch auf einem festeren Grunde stand als mit der ehemals
ausgesprochenen Absicht  zu erben
    Nachdem die peinlichen Verhandlungen des Geschäfts und Hausverkaufes
überstanden waren und hier alles aufgelöst war was sie jemals mit diesem
Städtchen verband nachdem sie auch noch die alte Salke bei einer ihrer Nichten
untergebracht und ihr für den Rest ihres Lebens eine bescheidene Leibrente
gesichert hatten zogen sie wieder fort  und die letzte Spur des Nestes dem
sie entstammten war nun für sie verweht
    Olga fuhr nach Berlin zurück Stanislaus beschloss eine Reise durch
Deutschland zu machen um in verschiedenen größeren Städten wie auch auf dem
flachen Lande statistisches Material über die Lebensund Sterbeverhältnisse der
unehelichen Kinder zu sammeln und besonders unter den verschiedenen Gruppen der
Unehelichen zu unterscheiden Vor allem war es die soziale Gruppe der
Stiefvaterfamilie deren Struktur er untersuchen wollte
Viel Arbeit erwartete sie in Berlin Ruhiger sicherer stärker als früher nahm
sie sie auf Sie wusste nun dass sie hier zuhause war Zum erstenmal hatte sie
das Gefühl einer klaren Lebenslage
    Bald nach ihrer Rückkehr erhielt sie einen unerwarteten Besuch Koszinsky
und Erika standen zusammen an ihrer Tür und sie hörte was sich zwischen ihnen
begeben hatte Sie sah in Erikas freudestrahlende Augen  und erkannte dass das
Wunderbare dicht neben der Finsternis seinen Platz hat Seit jener Nacht da
Erika in dem schwarzen Wasser des Landwehrkanals den Tod gesucht und auf so
wunderbare Art zu neuem Leben bestimmt wurde waren der Retter und das gerettete
Geschöpf verbunden geblieben Es wäre ihm unsinnig erschienen sie wieder aus
den Augen zu verlieren Er betrachtete sie wie ein ihm anvertrautes Gut wie ein
letztes Pfand des Schicksals mit dem es ihn noch einmal erproben wollte in
seinem schon wie erstorbenen Willen war eine neue Saat aufgegangen  ihm war
als verpflichtete ihn dieses Vertrauen des Schicksals fest auf sich selbst Sie
wieder fühlte wie ihr geknebelter mit den Füßen getretener Liebeswille befreit
war Nun endlich hatte er ein Objekt das kein Phantom war und sich ihr nicht
entzog Sie ging seit jener Nacht wie eine Verklärte Der Wahn den ihr schon
der Psychiater ausgetrieben hatte nun den letzten Boden verloren und die
schwarzen Wasser des Landwehrkanals hatten nicht nur ihn sondern auch sie
gereinigt Da sie dem Tode so nahe gewesen genoss sie nun das neugeschenkte
Leben mit jedem Atemzug Sie betrachtete sich als sein Geschöpf als ihm
gehörig in jedem Sinn Er hatte nach kurzem leisen Sträuben  nach dem
schwachen Versuch männlicher Defensive  nach und nach jeden »Widerstand«
aufgegeben Dieses Geschöpf das er sich da aus dem Wasser gezogen das sich nun
in seinem Leben fest einnistete und den leeren Platz in seinem Schicksal keck
besetzte dieses Geschöpf war ihm offenbar bestimmt Mehr und mehr schien es
ihm als ob sie ihm auf rätselhafte Weise teuer geworden wäre Immer wieder
tauchte die Erinnerung an das Köpfchen mit dem verzweifelten Ausdruck der
Ertrinkenden das sich damals aus der dunklen Wasserfläche hob vor ihm auf und
um nichts in der Welt hätte er diesen Ausdruck je wieder an ihr sehen mögen
Wenn sie nur durch ihn und bei ihm glücklich sein konnte  wie sie nicht
aufhörte zu beteuern  so mochte es denn so sein Und er ertappte sich darauf
wie er manchmal wenn er spät nachts allein von seiner musikalischen
Kaffeehaustätigkeit nach Hause kehrte und an sie  die ihm zugeworfen worden
durch rätselhafte Fügung  dachte wie er dann jene Worte vor sich hinsummte
die seine erste Sehnsucht begleitet hatten    »Sieh da war  meine Chiffre
leis gezogen«
    Mit dieser Kaffeehaustätigkeit waren Erika und Olga gleichermassen
unzufrieden Eifrig beratschlagten sie zusammen wie man den Mann aus dieser
Lebenslage in eine andere bringen könnte Olga berichtete dass sie das schon
vergeblich versucht hatte Sie sagte ihre Meinung ginge dahin dass Koszinsky
mit seinen großen Sprachkenntnissen sich durch kaufmännische Tätigkeit ganz gut
nach und nach eine Stellung im Leben schaffen könnte Aber es sei vergebene
Liebesmüh ihm in dieser Hinsicht zuzureden denn er wolle davon nichts wissen
    Der Gedanke an eine kaufmännische Tätigkeit Koszinskys schlug sofort bei
Erika ein
    »Und was wetten Sie meine Liebe dass ich ihn dazu bringe« rief sie und war
gleich Feuer und Flamme für diese Idee
    Sie gab nicht nach sie belagerte und bedrängte ihn sie verfolgte ihn mit
Annoncen die sie aus Zeitungen herausschnitt und die er schließlich von ihr
gedrängt durch Offerten beantwortete Sie blieb bei ihm wenn er sie schrieb
und ließ nichts passieren was nicht »tadellos korrekt« war Der Erfolg blieb
nicht aus Eine große Zuckerfabrik die nach dem Auslande exportierte und einen
Korrespondenten fremder Sprachen brauchte stellte ihn in ihre Dienste Erika
jubelte das hatte sie erreicht
    Und so taten diese beiden diese Törichten diese Verirrten diese beiden
Sündhaften und Entgleisten  so taten sie aneinander was keiner der Gerechten
und Klugen an einem von ihnen vermocht hatte   
    Da war noch ein anderer Gast der sich meldete Werner kam zu Olga als
einer der ihrer bedurfte Sie erschrak als sie ihn wiedersah es schien als
wäre jeder verbindende Strang zwischen seinen vielfachen Willensstrebungen
durchschnitten Er kam zu ihr wie ein Flüchtiger
    In langer wirrer Rede erzählte er ihr wieder von seiner Leidenschaft Aber
er hatte nicht mehr als einziges Willensziel den Wunsch verkettet zu bleiben
Die Gunst der schönen Frau hatte ihm nicht die erhoffte Seligkeit gebracht denn
da war etwas  Dunkles  Ungreifbares Sie die er besaß schien ihm immer
wieder in neue rätselhafte Fernen zu entgleiten Oft während er durchglüht
fiebernd aufgelöst in seiner Leidenschaft zu ihren Füßen sank begegnete er
wenn er die Stirn aus den Falten ihres Kleides hob einem eisigen in die Ferne
gerichteten Blick der über ihn hinweg sah weit hinweg    dabei drängte sie
ihn zu einer entscheidenden Aussprache mit ihrem Gatten Er schreckte davor
zurück weil er wusste dass wenn der Ehebruch zwischen ihnen beiden zugegeben
würde und als Grund der Scheidung festgestellt war sie keine Ehe miteinander
schließen konnten
    »Ich wünsche auch gar nicht dass der Ehebruch zugegeben wird« sagte sie
und in ihren irisierenden Augen tanzten geheimnisvolle Fünkchen »Nein ich
wünsche nur einen endgültigen Abschluss dieser Ehe Man kann ja die Eifersucht
des Barons heraufbeschwören dann wird er selbst die Scheidung wollen Bei der
Scheidungsverhandlung kann man ja den Ehebruch immer noch in Abrede stellen«
    »Meineid« flüsterte er und sah sie starren Blickes an Sie lächelte nur
hob gleichmütig ihre tief abfallenden romanischen Schultern und strich ihm mit
den langen weißen Händen übers Haar
    »Eines Tages wird er dich bei mir attrappieren mein Guter  und dann muss
die Situation noch anders gelöst werden«
    Mehr und mehr empfand Werner den Unsegen dieser Leidenschaft aber er fühlte
sich gebannt und seine Fluchtversuche endeten kläglich
    Da kam Olga zurück nach Berlin Als er ihr wieder gegenüber saß in ihr
tiefes Auge blickte ihre reife Seele wieder fühlte da war ihm zumute wie
jenem Peer Gynt der sein Kaiserreich das er verlassen hat zu spät erkennt
    Er kam wieder öfter und öfter Der Winter ging zu Ende da stürzte er eines
Abends zu ihr wie ein Verzweifelter der den letzten Versuch der Befreiung
macht Er erzählte ihr dass er manchmal das Gefühl habe in die Fänge eines
abenteuerlichen Fabelwesens geraten zu sein das mit ihm ein behexendes Spiel
trieb Er dächte schon an Opium oder an Haschisch denn so ginge das nicht
länger Nur eine Rettung gäbe es für ihn dass sie ihn wieder aufnähme Und nicht
nur als Freundin als teilnehmender Mensch  nein  wieder ganz an ihr Herz 
an ihr reines großes Frauenherz
    »Nur du bist meine Zuversicht« sagte er mit beschwörender Stimme
    Da war sie wieder in dem gefährlichen Wirbel da rauschte und brauste es um
sie herum und sie fühlte wie es zur Tiefe zog 
    Sie beschloss jede Entscheidung abzulehnen und ihn mit ihrer ganzen Kraft
dazu zu bringen diese Verbindung zu lösen ohne sich wieder in neue Gefahren zu
stürzen denn eine Gefahr war für ihn das wusste sie nun jede Hingabe an ein
anderes menschliches Ich
    Dieser da hätte allein sein müssen
    Sie saßen zusammen in ihrem Zimmer nebenan stand die Balkontür offen Es
war einer jener ersten verfrühten Vorfrühlingstage im Februar denen oft noch
Schnee und Regen folgt Plötzlich gegen zehn Uhr abends hörten sie beide
unten vor dem Hause  Werners Namen rufen Eine Frauenstimme rief gedämpft und
doch deutlich zu den erleuchteten Fenstern hinauf »Werner« Und dann klang es
noch einmal stärker »Werner« Er erschrak und wurde totenbleich Olga trat
hinaus auf den Balkon der im Dunkel lag Unten in der einsamen fast ländlich
stillen Straße sah sie im Schein der Strassenlaterne die Baronin stehen Sie
trug einen langen Mantel von weich fliessendem schwarzen Samet Der weiße
Hermelin des Kragens und der breiten Armstulpen leuchtete Der Kopf war in einen
schwarzen Schleier gehüllt und ihr blasses großes Heraantlitz schimmerte
marmorweiss daraus hervor Hoch aufgerichteten Hauptes in befehlender Haltung
stand sie unter der Laterne und rief immer wieder zu den erleuchteten Fenstern
hinauf  »Werner Werner«
    Gebannt stand Olga auf dem finsteren Balkon und starrte hinunter Dann hörte
sie wie unten das Haustor aufgeschlossen wurde Die Männergestalt die
heraustrat blieb im Dunkel stehen Die Baronin wandte langsam den Kopf und
streckte den Arm aus Olga sah wie der Mann danach griff und sie an sich riss
dann verschwanden sie beide im Dunkel
    Und sie kehrte vom Balkon in ihr leeres Zimmer zurück   
Frau Edda in Wien rüstete zum Abbruch Als sie die Katastrophe die so
plötzlich über sie gekommen war begreifen lernte  da fasste sie einen
Entschluss sie wollte vergessen Nicht das Gehirn nicht die wache Vernunft
konnten solch letztes Vergessen üben aber in der abgründigsten Tiefe der Seele
sollte versenkt und begraben sein was ihr Leben zerstören musste wenn es
gespenstig durch ihr Erinnern wandelte  Sich zusammenraffen frei von
lähmendem Gedenken  das war das einzige was sie tun durfte wollte sie nicht
zugrunde gehen
    Ihre Lage war schlimmer als sie im ersten Augenblick ausgesehen hatte Ihr
letzter Rückhalt war ihr Vermögen welches in der Fabrik ihres Bruders Vinzenz
angelegt war Vinzenz aber machte kein Hehl daraus dass er in kritischer Lage
sei Eines Tages fuhr er »zur Auffrischung seiner Nerven« wieder einmal mit
seinem Automobil davon Er wollte in zwei bis drei Tagen zurück sein er kam
nicht wieder Dafür an seiner Statt nach einigen Wochen ein Brief aus Amerika
 wohin er sich »zurückgezogen« hatte Fabrik und Villa wurden versteigert und
der Konkurs über sein Vermögen verhängt Eddas Geld war fort wie das vieler
anderer Reisenleitners Frau Eva ging fürs erste mit ihrer kleinen Tochter zu
ihrer Mutter die wieder in Genf lebte Edda sah nun keinen anderen Ausweg als
den zu dem ihr Stanislaus geraten hatte
    Sie verkaufte ihre Möbel und den größten Teil ihres Schmuckes Die Summe
die sie dadurch in die Hände bekam war ihr einziger und letzter Besitz Dann
bereitete sie sich vor nach Berlin zu fahren um da »einen Beruf zu suchen«
wie sie ihren Bekannten erzählte während sie hilflos und ungläubig den schönen
Kopf schüttelte
    Pankratius riet ab es sei ein hoffnungsloses Experiment Sie solle hier
abwarten bei ihm und Kati bis sich ihr Schicksal  woran er nicht zweifle 
wieder günstig wende
    Er hatte sich mit Kati verlobt trotz ihres anfänglichen Sträubens war sie
ihm nach und nach sanfter entgegengekommen Sie war ihrer aufgedrungenen
Mädchenschaft herzlich müde  »Mein ganzes Leben lang hab i mi gforchten
dass i den da krieg  und jetzt sag i richtig  von selber  ja«
    »Par dépit« dachte Edda  »so geht es« Sie hätte es als Demütigung
empfunden die Gastfreundschaft des Pankratius mit dem sie immer auf Kriegsfuss
gestanden anzunehmen und blieb bei ihrem Berliner Plan
    Kurz bevor sie reiste erhielt sie einen Brief aus Amerika der war nicht
wie sie zuerst dachte von ihrem Bruder  es war Mr Daniel Horatio Macpherson
der ihr schrieb Vincenz hatte ihn aufgesucht und er versprach für ihn zu tun
was in seiner Macht lag vor allem aber  der Brief wand sich nicht eben
geschickt um das was er im Grunde sagen wollte herum  vor allem aber legte
er sich ihr zu Füßen Wann und wo immer sie über ihn verfügen wollte  er wäre
bereit Nachdenklich hatte Edda gelesen Sie rümpfte die Nase und schüttelte den
Kopf Ihre im Grunde durchaus unsinnliche Natur deren Neigungen in bloßer
Gefallsucht gipfelten  die vielleicht auch noch durch ihr dürftiges Eheleben
stumpfer geworden war  sträubte sich gegen die Wünsche des Amerikaners
    Und so kam auch sie nach Berlin Olga hatte sie gebeten bei ihr zu wohnen
aber nachdem sie ihr kleines Logis besehen hatte lehnte sie ab weil da doch
kein Platz war Man mietete sie auf einem möblierten Zimmer ein Jetzt hieß es
Brot für Edda zu finden Die Geschwister gingen systematisch ans Werk Man
sandte ein gutverfasstes Rundschreiben an alle Redaktionen welche Modeberichte
und Modebilder brachten legte einige frühere Veröffentlichungen von Eddas
Entwürfen bei und betonte diskret die Tatsache dass es sich um die Witwe des
jüngst verstorbenen großen Gelehrten handle Neben mancher Ablehnung  weil der
Posten schon besetzt sei  kam auch hier und da eine halbe Zusage Die Dame
wurde gebeten sich um eine bestimmte Stunde in der Redaktion einzufinden Da
diese Stunde gewöhnlich am Vormittag lag so war das Problem für Edda nicht
leicht zu lösen Sie lag in dem schlechten Bett der Berliner möblierten Stube 
oh wie bereute sie nicht wenigstens ihr Bett aus dem Schiffbruch gerettet zu
haben  sie lag da und die Sonne funkelte durch die Jalousienstäbe ihre
Strahlen brachen sich im Messingleuchter auf dem Nachttischchen aber Frau Edda
umklammerte halb schlafend ihre kleine Uhr öffnete ab und zu die wie
zugeklebten Augenlider und warf einen Blick auf das Zifferblatt in ihrer
krampfhaft geballten Hand Endlich entwand sie sich matt und gequält dem Bett
Das tägliche Bad die Übungen das alles musste entfallen In dieser »Hetzjagd«
war dazu keine Zeit Sie sollte sich selbst frisieren und es fiel ihr schwer
und machte sie nervös Trotzdem warf sie wenn sie mit der Toilette fertig war
einen befriedigten Blick in den Spiegel denn die schleppenden schwarzen
Kleider und der wallende Witwenschleier ließ sie noch schöner erscheinen
    Ratlos mit einem Gefühl des Unbehagens und der Ablehnung stand sie vor dem
Phänomen Berlin Diese grässlichen Entfernungen dieser beängstigende Verkehr
diese nach ihren Begriffen geschmacklos gekleideten Frauen und vor allem die
Hast mit der hier jeder seinen Geschäften nachjagte  das alles flößte ihr
Widerwillen ein Ach wie sehnte sie sich nach Wien Nach dieser eleganten
Residenz die Großstadt war und in der doch alles im behaglichen Tempo der
Kleinstadt vor sich ging Nach diesem Wien wo man sich kannte wo man sich zu
bestimmter Stunde mit Sicherheit im Café traf wo die Bezirke in denen man »zu
tun hatte« so hübsch eng arrondiert waren dass man sie bequem erreichte  nach
Wien wo sie ihren Fiaker und ihr elegantes Heim besessen hatte Es war ihr ganz
schrecklich sich durch das Gedränge der Berliner Hauptverkehrsstrassen zu Fuß
durchzuwinden oder gar die gefährliche Jagd auf einen Omnibus zu machen auf
den sie so schlecht hinaufspringen konnte weil der Zugang nicht wie sie es von
Wien gewohnt seitlich sondern hinten war Wie schwer war es die nötige
Beweglichkeit aufzubringen um hier die Verkehrsmittel richtig zu benutzen  wo
sie doch ihre lange Schleppe zu halten dabei ihre Pakete selbst zu tragen
hatte Sogar das Telephon war ihr hier wo sie auf die öffentlichen
Sprechstellen angewiesen war ein Greuel Sie fand sich in der Zelle beengt
wusste nicht wohin sie den Schirm das Täschchen die Pakete legen und wie sie
es vermeiden sollte mit dem riesigen Hut den sie auch in der Trauer trug an
allen Seiten anzustossen Es kamen ihr Tränen in die Augen wenn sie sich
erinnerte wie sie zuhause telephoniert hatte  an dem kleinen maurischen
Taburett auf dem der Tischapparat stand behaglich im Schaukelstuhl
zurückgelehnt oder im Bett wohin ihr das Mädchen den Apparat mit der
entsprechend langen Schnur bringen musste Oh wie sie die Armut hasste und
fürchtete Nein Armut und Frau Edda  das waren zwei Dinge die nur das
grausamste Schicksal zusammengepresst hatte Sie lehnte sich gegen diese neue
harte Armut mit der ganzen Revolution der Dame auf  der Dame wie sie als
höchstes Zuchtprodukt europäischer Höflichkeit geworden war Ihre tausend
wirklichen Bedürfnisse ihre physische Konstitution ihre Rasse ihr
persönlicher Habitus konnten sich mit den Forderungen der Entbehrung und der
Beschränkung nicht abfinden Wenn sie sich auch da sie ihre Lage ja genau
überblickte so weit einschränkte als sie nur irgend konnte so blieben doch
eine Menge Bedürfnisse denen sie wie sie glaubte überhaupt nicht ausweichen
konnte so zum Beispiel ihr ständiger Verbrauch an Toiletteartikeln welcher
regelmäßige Einkäufe in der Drogerie mit sich brachte Auch konnte sie doch
nicht anders  wenn sie sich so elend fühlte dass sie nicht mehr weiter konnte
 als eine Droschke heranrufen oder ab und zu in ein Café gehen Das »deutsche
Essen« hatte sie anfangs mit Ausrufen des Widerwillens als minderwertig
geschmack und reizlos abgelehnt Sie behauptete hier zum Hungern verurteilt zu
sein Nach und nach aber lernte sie die großen Restaurants kennen die
»Fresstempel« wie sie sie nannte Sie sah da zu ihrem Staunen eine Auswahl an
Gerichten geboten von der man in einem Wiener Restaurant keine Ahnung hatte
Sie wunderte sich über die kleinen Preise mit denen diese Gerichte angeboten
waren Es wurde für sie eine Art von heimlichem Vergnügen die Mahlzeiten die
sie ursprünglich bei ihrer Zimmerwirtin abonnieren wollte in jenen Restaurants
zu nehmen Wenn sie durch das Vestibül eines solchen »Tempels« rauschte kam das
Behagen der früheren Wohllebigkeit über sie Sie bestellte auserlesene feine
kleine Gerichte  es war ja alles so billig Dann staunte sie wenn die
Rechnung immerhin sechs bis sieben Mark betrug
    Mit ihrer Suche nach einer Existenz hatte sie bis jetzt noch keinen Erfolg
gehabt
    Der Frühling sollte bald kommen Edda war gewohnt ihn im Süden zu erwarten
Sie war schon als Mädchen mit ihrer Mutter regelmäßig gereist Sie hatte
Italien Dalmatien die französische und die österreichische Riviera kennen
gelernt Ja einmal hatte sie eine Seereise gemacht die sie bis nach
Konstantinopel führte und hatte da mit den türkischen Frauen zusammen gebadet
Sie hatte erfahren dass nichts ihrem geschwächten Körper so wohl tat wie das
Klima dieser südlichen Striche und vor allem die milden Bäder jener Meere Und
während sie jetzt den Vorfrühling in Berlin verbringen musste in der Hetzjagd
nach Arbeit im Gedränge der Armut dachte sie mit fast krankhafter Sehnsucht
an die flimmernde Luft von Fiesole und Kapri an die linden Wellen im Bosporus
und im Seebad von Rimini    Und trotzdem sie nicht die geringste Möglichkeit
hatte zu reisen ließ sie sich von vielen Pensionen und Badeorten des Südens
die nun täglich in den großen Tagesblättern ihre Annoncen erscheinen ließ
Prospekte kommen Gierig las sie diese verlockenden Schilderungen und stapelte
alle diese Drucksachen sorgfältig auf als dächte sie sie vielleicht doch noch
gebrauchen zu können
    Sie klagte Olga und Stanislaus ihr Leid und die beiden seufzten darüber
Aber was sollten sie ihr raten Olga versuchte wenigstens ihre Antipathie gegen
Berlin zu verscheuchen indem sie sich Mühe gab sie Berlin verstehen zu lehren
Sie führte sie in die Umgebung hinaus an die Seen in die frühlingshaften
Wälder Sie besuchte mit ihr Versammlungen und Veranstaltungen in denen um neue
Kulturforderungen leidenschaftlich gerungen wurde Sie machte sie an einem
Abend in der Dämmerung auf den einzigen Stimmungszauber aufmerksam der über
einem der stärksten Verkehrspunkte der Stadt lag sie zeigte ihr den Potsdamer
und Leipziger Platz zur Zeit da die ersten Lichter entzündet wurden mit seinen
in weiter Runde aufgebauten Palästen  wies sie hin auf jene kolossalen mit
Ornamenten stilisierten Pfeilerfassaden des Domes einer modernen Gottheit den
Messel dahin gestellt hatte  sie deutete hinüber auf das massige Gebäude des
Potsdamer Bahnhofes mit seiner Flankierung der Vorort Ring und Wannseebahn
ließ sie die lange Kette von Gartenorten ahnen die sich von hier aus nach
Südwesten zogen und dem Grossberliner ermöglichten draußen im Freien und doch
auf der Höhe der Wohnungskultur sein Heim zu besitzen Sie zeigte ihr das
vergessene Stück Romantik das da mitten im Getöse des Potsdamer Platzes lag
jene Mauern hinter denen der flüchtige Passant sicherlich nicht das vermutete
was sie bargen  den alten Dreifaltigkeitskirchhof dieses verschonte
Kirchengelände das sich gegen profane Bebauung noch siegreich gewehrt hatte
    In Edda aber drangen diese Reize nicht ein Nur in einem Punkte
interessierte sie Berlin als Hochburg der Frauenbewegung Ihre Bewunderung
hatten jene Frauen die um Unabhängigkeit kämpften Und dieser Kampf erregte ihr
zugleich auch Schauer Arbeiten  das wollten diese alle Sie begriff die
Motive vollkommen War man stark genug für den Kampf da draußen  dann freilich
brauchte man nicht irgendeinem Daniel Horatio gefällig zu sein 
    Aber mit der großen Ehrlichkeit ihrer Natur gestand sie sich dass es für sie
nur einen Beruf gab eben den  gefällig zu sein den Glanz ihrer Reize
verschwenderisch leuchten zu lassen und dafür entgegenzunehmen was sie so
reichlich an irdischen Gütern brauchte Erst Berlin hatte ihr die Augen
geöffnet was es für sie bedeutete von der Teilnahme am Getümmel der Straße
befreit zu sein Immer würde es Frauen geben  so sagte sie sich wenn sie
nachdenklich von einer Versammlung jener anders Gearteten nachhause kam 
immer würde es Frauen geben wie sie beladen mit allen Schwächen und gerüstet
mit allen Reizen des Geschlechtes weder fähig noch geeignet in robuster Arbeit
verbraucht zu werden sondern dazu da  pour faire plaisir aux hommes wie der
Franzose es artig nannte  Schon wenn sie in einer Droschke rollte deren vier
Räder sie über das Niveau der Straße hoben und sie durch das Chaos sicher zu
ihrem Ziel dirigierten  schon dann empfand fand sie diese starke
Erleichterung nicht mitten drinnen zu sein  im Fußvolk Und nach und nach je
mehr sie litt  schien ihr kein Preis zu hoch diesen Zustand zu erkaufen  

    Eines Tages hatte sie sich wieder in einem Verlag vorzustellen In der
Gegend des Alexanderplatzes lag das Bureau
    Es wurde ihr übel und schwindelig zumute als sie durch das Volksgedränge
dieses Riesenplatzes durchsteuerte Das brauste und wogte um das kupferne Koloss
der »Berolina« herum  vor den breiten Fronten des Polizeipräsidiums und eines
populären Kaufhauses  und war doch die Öde selbst Endlich war sie bei der
großen Querstrasse die sie suchte Erst weit unten fand sie die Nummer
Erschöpft ging sie die dunkle Treppe eines alten Hauses hinauf und stand bald im
Bureau
    Ob der Herr zu dem sie geführt worden war der Chef oder nur ein
Stellvertreter des Chefs war wusste sie nicht Es war ein Herr in dunklem
Salonrock mit langem braunen Vollbart und etwas bleichem gedunsenen Gesicht
Er schielte ein wenig und seine Blicke bohrten sich mit gekreuzten Strahlen
auf ihre Erscheinung Er bot ihr einen Stuhl an sie dankte blieb stehen und
reichte ihm eine Mappe die ihre Modezeichnungen enthielt während er darin
blätterte durchrieselte sie Entsetzen die Hände die in ihrer Mappe
blätterten waren Missgeburten Die linke Hand hatte vier Finger von abnormer
Länge und Dicke krallenartig gekrümmt und einen verstümmelten Daumen von den
Fingern der rechten Hand waren die mittelsten kürzer als die äußeren und sie
lag auf dem Papier der Mappe wie ein groteskes Gewächs aus dem Meeresgrund Und
was das Schrecklichste war  diese beiden entsetzlichen Hände waren überladen
mit Ringen Da war ein großer Siegelring ein goldener Trauring ein
Doppelreifen mit Brillanten besetzt und noch andere Ein krampfhaftes Gelächter
wollte aus ihrer Kehle heraus wenn sie sich erinnerte dass auch sie einst viele
Ringe anzustecken geliebt hatte
    Der Herr hob den schwammigen Kopf mit dem wallenden Bart von der Mappe
und wieder zuckten die schielenden Blicke an ihr herum
    »Sie sind die Witwe des Professors Diamant«
    Sie neigte den Kopf
    Ohne die Blicke von ihr zu lassen deutete er auf die Mappe »Es sind da
sehr talentvolle Sachen darunter  Ihrer Anstellung wird nichts im Wege stehen
gnädige Frau Welches Honorar beanspruchen Sie« dabei saß er noch immer in
seinem Sessel während sie in ihrer ganzen Höhe blendend schön in der dunklen
Umrahmung ihrer Trauerkleider vor ihm stand Sie sagte sie wüsste nicht
welches Honorar angemessen sei er möchte das doch selbst bestimmen
    Der Herr erhob sich und reichte ihr die zugeklappte Mappe »Ich werde Ihnen
die Honorarvorschläge und die Arbeitsbedingungen die Bureaustunden usw in
einem Briefe mitteilen lassen Immerhin«  seine etwas krächzende Stimme wurde
glatter  »hängt das doch auch sehr von Ihnen ab« Er trat noch einen Schritt
näher auf sie zu  es wurde ihr bang und unheimlich zumute Das düstere
Berliner Zimmer war von einer einzigen Auerlampe erhellt die an einem Wandarm
über dem Schreibtisch hing und von einem grünen Papierschirm bedeckt war Das
Licht sammelte sich auf der Platte des Schreibtisches und hatte da die
grässlichen Hände beleuchtet »Es hängt von Ihnen ab« sagte der Herr  trat
noch näher auf die langsam Zurückweichende zu und da  da ereignete sich das
Entsetzliche er hob die Hand  eine dieser beiden Missgeburten  er hob sie
bis zur Höhe ihres Antlitzes  und fuhr ihr damit ins Gesicht Ehe sie es
verhindern konnte war die Hand die grässliche streichelnd an ihrer Wange
herabgeglitten und sie hörte die krächzende Stimme »Es hängt von Ihnen ab« 
 
    Sie floh die Treppe hinunter warf sich in das nächste Automobil das ihr
begegnete und raste ihrer Wohnung zu Dort stürzte sie zum Waschtisch und rieb
mit aller Kraft ihr Gesicht ab während die Tränen ohnmächtigen Zornes aus ihren
Augen schossen  
    Einige Tage später kam ein Brief  aus Amerika Ein kindischer und
unbeholfener Brief ein Brief der davon sprach dass unten an der Côte dAzur
nahe von Beaulieu eine Villa stehe eine zumeist vereinsamte aber ganz
reizende und komplett möblierte Villa und dass der Schreiber des Briefes der
Glücklichste wäre diese Villa dazu verwenden zu dürfen ihr  Mrs Diamond 
einen bescheidenen Frühlingsaufentalt zu bieten Würde sie es dann gestatten
und hätte sie nichts dagegen so würde er  Daniel Horatio  sich irgendwo in
der Nähe niederlassen und ebenfalls die Reize des südlichen Frühlings genießen
Wenn sie ihn Ärmsten nicht vergessen habe  »if you have not forgotten poor
me«  dann möge sie ihm doch ein Kabeltelegramm senden  ein Ja oder ein Nein
Sei es ein Ja  »which would bring the happiest hour of my life«  so würde
sie umgehend weitere telegraphische Nachrichten von ihm erhalten  
    Bald darauf gab es in New York einen Glücklichen 
    Frau Edda aber erhielt die angekündigte telegraphische Nachricht und zehn
Tage später ein Reisebillett von Kook für den Luxuszug BerlinGenua
Gleichzeitig überbrachte der Bote einer deutschen Grossbank ein großes
versiegeltes Leinenkuvert an dessen Kopf eine vierstellige Zahl prangte  die
nötigen Mittel für die Vorbereitungen zur Reise
    Und so sagte sie dem grausamen Berlin und den Verwandten ihres verstorbenen
Mannes Lebewohl Sie besorgte noch schnell die wichtigsten Einkäufe  neue
helle Kleider die die Witwentracht ablösen sollten  und Mantel und Mütze fürs
Automobil 
    Sie fuhr über München und die Nacht im Schlafwagen des Luxuszuges war die
erste in der sie wieder fest und glücklich schlief Am anderen Tag sauste sie
über den Brenner hinunter zur italienischen Grenze und blickte befriedigt
hinaus auf die Berge Tirols die stellenweise noch von Schnee bedeckt waren
über denen sich aber ein klarer verheissender Himmel spannte Dann kam die große
Grenze zwischen Winter und Frühling der lange Tunnel vor Genua Und als aus der
runden Höhle des Berges der Luxuszug herausschoss da war er auch schon
mittendrin im goldensten Glanze Strahlendes Wetter erwartete sie in Genua Ein
kleines Appartement bestehend aus zwei Zimmern mit Bad war im Palastotel für
sie reserviert Die wenigen Tage bevor das Schiff aus New York kam verbrachte
sie mit Einkäufen und mit Ausflügen in die Umgebung Ganz glückselig genoss sie
alles was sie so schmerzlich entbehrt hatte In großen Garben kaufte sie Blumen
ein Magnolien Gardenien und Rosen und füllte damit alle Vasen ihrer Zimmer
Die Zeit wurde ihr gar nicht lang während sie in alten Palästen herumstrich
oder in der eleganten Viktoria des Hotels hinausfuhr nach Pegli oder nach Nervi
    Als das Schiff ankam wartete sie an der Landungsbrücke Sie erkannte
sofort als der Ozeandampfer mit auslaufenden Turbinen in den Hafen einfuhr
die hagere Gestalt die an Größe selbst die ihre überragte mit dem
langgezogenen schmalen Kopf Er lehnte an der Reling des Promenadendecks Unter
seiner Reisemütze zeigten sich die rötlichen Haare und sein fast geschabt
rasiertes schmales Gesicht mit den wasserblauen runden Augen schien ihr wie
eine gute Erinnerung die heute zu den ihr am meisten vertrauten gehörte
    Mit Mister Macpherson wurde auch the Kar und dessen Bedienung ausgeschifft
Mit breitem Grinsen das über seinem schwarzen Gesicht aufging wie der Mond
über der dunklen Erde verneigte sich Billie vor der neuen Herrin  
    Sie fuhren sofort von Genua weiter Und als der Kraftwagen auf die Höhe der
schönsten Straße der Welt  der Korniche  hinaufgesaust war als sie unten
glatt und weit in goldfunkelnder Bläue das Mittelmeer liegen sahen während
über ihnen die breiten Wipfel der Pinien rauschten  da kam eine so helle
Freude über Frau Edda dass sie sich unwillkürlich dankbar und glücklich in den
auf der Lehne ihres Sitzes breitliegenden langen und knochigen Arm
hineinbettete Köstlich empfand sie den scharfen Anhauch der Luft die sie
sausend durchschnitten Ihr Gesicht glühte und eine wohlige Müdigkeit kam über
sie Daniel Horatio nahm mit der Linken aus der Tasche seines Mantels eine
Automobilbrille schob sie ihr geschickt auf die Nase und wagte es dabei die
Hand jenes Armes in dem sie ruhte sanft gegen ihre Schulter zu drücken
»Sleep dear  you will be tired« Um sie vor dem scharfen Luftzug zu schützen
hob er die Hand dann von ihrer Schulter und hielt sie dicht vor ihre Wange Und
während sie ihr Gesicht mit Behagen an das weiche Wildleder seines Handschuhes
schmiegte verfiel sie tatsächlich in leichten Schlummer und hörte noch im
Halbschlaf die Worte die Daniel Horatio indem er sein Gesicht zu dem ihren
neigte zärtlich in ihr Ohr flüsterte  »I am a gentleman and I am clean«
 
                                 Achtes Kapitel
                                  Begegnungen
 »Wie konnt ich ahnen
 Dass seine Bahnen
 Sich einen sollten
 meinen Wegen«
                                                                        Rückert
Mit einer großen Aktenmappe unter dem Arm ging Stanislaus eines abends nach
Schöneberg Er hatte nun das Material für seine Untersuchung über die
Stiefvaterfamilie beisammen Nun ging er mit einem großen Stoß Notizen die er
nach seiner neuen Gewohnheit verarbeiten wollte indem er daraus einen ersten
zusammenhängenden Entwurf diktierte Und zu wem anders hätte er gehen sollen
wenn er diktieren wollte  als zu Lore Wigolski
    Ein Lächeln ging licht über ihrem Gesicht auf als sie ihm die Tür öffnete
Er fragte gleich nach Lörchen Aber die war mit ihrer Duenna auf Reisen zu
Besuch bei der Großmutter in Königsberg Lore war allein zu Hause
    »Wollen Sie nicht erst ein wenig von Ihrer Arbeit erzählen bevor Sie Wort
für Wort diktieren« fragte sie Das frohe Lächeln hielt noch immer ihre Lippen
geöffnet
    »Gerne gerne« sagte er presste seine Aktenmappe gegen die Brust und dachte
nach
    Es war gegen Abend und sie zündete die Petroleumlampe an die verhängt von
einem gelben Schirm mildes gedämpftes Licht verbreitete
    »Ich habe drei Gruppen von unehelichen Kindern gefunden  verstehen Sie
Da sind erstens solche die bei Verwandten der Mutter etwa in der Familie der
Grosseltern untergebracht werden die Sterblichkeit  und diese war der Maßstab
meiner Untersuchung  ist hier nicht viel anders wie bei den ehelichen
Kindern«
    Sie saß lächelnd horchend und nickte leise
    »Dann sind solche die zu fremden Familien in Pflege kommen  und diese«
er zog die Stirn in Falten »diese haben eine doppelt so große Sterblichkeit«
    »Gibt es noch unglücklichere Würmer« fragte Lore
    Er sah sie ernstaft an »Ja Frau Lore es gibt Kinder die noch schlimmer
daran sind als solche die zu fremden Familien in Pflege kommen«
    »Das sind wohl die die in Findel und Waisenhäusern untergebracht werden«
    Er schüttelte den Kopf »O nein die sind verhältnismäßig sogar sehr gut
dran Wissen Sie  welche Kinder das schlimmste Loos haben« Und zaghaft als
habe er Angst sie zu verwunden  brachte er es heraus »Das sind die Kinder 
die allein unter der Fürsorge der Mutter aufwachsen  aus ihren Reihen kommt
das große Heer der ungelernten Arbeiter und der Kriminellen  sie weisen die
größte Sterblichkeit und die geringste Militärtauglichkeit auf«
    »Wie kommt das« fragte Lore und ihr Gesicht hatte einen bestürzten
Ausdruck
    »Das kommt daher« sagte er erklärend »dass es eine zu große Aufgabe für die
Mutter ist das Kind ohne jede Hilfe durchzubringen Wenn sie fort muss um zu
erwerben so bleibt das Kind natürlich allein  außerdem ist es doch natürlich
 dass  hm hm« er hüstelte verlegen  »dass der Vater des Kindes  im Leben
einer vereinsamten Frau  nicht der letzte  Geliebte bleibt  da kommt sie
denn ehe sie sichs versieht  von einer Hand in die andere  und wenn sie
nun auch wirtschaftlich keinen Boden unter den Füßen hat  so lässt es sich
denken dass sie nicht selten in immer tiefere Lebenslagen gedrückt wird«
    Lores Gesicht glühte dunkler Purpur war ihr bis unter die Haare gestiegen
Sie atmete schwer Endlich sagte sie leise flüsternd  »Das ist dann freilich
schlimm für die armen Kinder«
    »In der Tat« sagte Stanislaus »ich habe hier eine umfangreiche Statistik
gemacht«   er zog einen Stoß Blätter aus der Aktenmappe suchte darin und
legte ein mit Ziffern beschriebens Blatt heraus »Sehen Sie ich habe hier
statistische Aufzeichnungen die noch mehrere Gruppen umfassen als die
hauptsächlichsten die ich Ihnen eben aufgezählt habe  hier haben Sie zum
Beispiel« er deutete auf eine Ziffer »die Gruppe der Kinder deren Mutter
stirbt Das sind Vollwaisen Sehen Sie hier deren Sterblichkeitsziffer«  er
fuhr mit dem Finger über das Papier  »und hier jene andere  die der Kinder
welche allein der Mutter überlassen bleiben Sie sehen Die Vollwaisen haben
eine geringere Sterblichkeit  als die der Mutter allein überlassenen Kinder«
    Sie blickte schweigend auf die Ziffern »Das ist schwer begreiflich« sagte
sie dann »Die Mutter gilt doch als die beste Pflegerin des Kindes sie soll es
doch auch nähren«
    »Ja  wenn sie ihr Kind nährt und pflegt ist das freilich das Beste Mutter
und Kind sollen zusammen bleiben  natürlich  das ist das große Gebot aber 
es muss außerdem noch einer da sein der das Futter heranbringt für beide 
Freilich« fügte er dann nachdenklich hinzu »steht es nicht für alle Zeiten
fest dass das gerade der Vater tut  Es könnte wohl so kommen dass die
Gesellschaft ihren großen Vorteil darin sieht sich dieses kostbare Material zu
retten und der Mutter mit dem Kinde direkt beizuspringen  Aber die Mutter
allein  die Schwangere die kürzlich Entbundene die Nährende die oft zu
keinem Beruf Vorgebildete  die kann nur in seltenen Fällen für alles das
aufkommen was einem Kinde gebührt damit es heil in die Höhe wachse« Und mit
sachlich ruhiger Stimme fuhr er fort »Infolge unserer guten Waisenpflege ist
für die ganz verwaisten Kinder tatsächlich besser gesorgt als für die meisten
von denen die eine verlassene Mutter hilflos durchs Leben schleppt«
    Sie blickte traurig hob dann langsam den Kopf und sah ihn voll an »Da ist
wohl mein armes Lörchen auch sehr schlimm dran«
    Er stutzte erschrocken dann schüttelte er hastig den Kopf »Aber Frau Lore
 wie können Sie das alles  so persönlich nehmen Bei Ihnen liegt doch die
Sache ganz anders Hier« er deutete auf die Akten  »hier diese Untersuchungen
die sind an der Masse der Halt und Hilflosen gemacht  Sie Sie stehen doch
ruhig und sicher Ihrem Lörchen wird ein Heim und ein Halt nicht fehlen 
freilich« fügte er zaghaft hinzu  »der Vater fehlt auch ihm und das ist
immerhin schlimm für ein Kind aber das kann ja auch sein wenn die Mutter
verwitwet«
    Lore fuhr sich mit der Hand über die Stirn » Sehen Sie ich habe mir gerade
im Gegenteil gedacht die Kinder die außerhalb jener  anerkannten Ehe geboren
werden welche doch oft aus allen möglichen Gründen die mit  mit der freien
Wahl zweier Menschen nichts zu schaffen haben  geschlossen wird  sehen Sie
 ich dachte mir diese Ausserehelichen die so der freien Wahl ihr Leben
verdanken  gerade das ist eine besondere  wie soll ich sagen  eine
besondere «
    »Auslese« fiel er ihr ins Wort  »das ist es auch Die Unehelichen sind oft
biologisch das wertvollste Material und dass sie in so hohem Prozentsatz
zugrunde gehen ist meist nur die Schuld der Verhältnisse in die sie nach ihrer
Geburt gestoßen werden   Wissen Sie aber Frau Lore« fuhr er lebhaft fort 
»welches die wirkliche Elite unter den Unehelichen und unter den Geborenen
überhaupt ist«
    »Nun« fragte sie gespannt
    »Das sind die Kinder  die trotzdem sie unehelich geboren werden  doch
noch in einer Familie aufwachsen in einer Familie von Vater und Mutter  
nämlich  in der Stiefvaterfamilie«
    »So« sagte sie und horchte hoch auf
    »Ja« fuhr er fort »wenn die Mutter später einen anderen Mann heiratet
dann ist das Kind zumeist geborgen Hier liegen tatsächlich« er fuhr mit den
Fingern über seine Statistik »die günstigsten Verhältnisse« Er blickte in
seine Akten »Was Berufsausbildung und Militärtauglichkeit betrifft so kommt
diese Gruppe den Ehelichen am nächsten«
    »Aber warum sagen Sie« meinte Lore nachdenklich  »dass diese Kinder
zumeist auch eine biologische Elite darstellen«
    Er lächelte  »Liebe Frau Lore  denken Sie doch mal  was für ein
Prachtweib muss so eine Frau sein die  die  trotzdem sie nach unseren
heutigen verschrobenen Moralbegriffen eine  Gefallene ist«  er sagte es
lachend und ohne Scheu  »die also trotzdem sie eine  solche  Gefallene
ist«  nun lachten beide  »doch noch geliebt und geheiratet wird«
    »Eine große Ehre« sagte sie noch immer lachend  »und welche eine
Hoffnung für so eine arme Gefallene« Das Lachen verschwand nicht von ihrer
beider Gesichtern
    Er fuhr fort »Und selbstredend hat so eine Prachtfrau wieder ein
Prachtkind  es ist da also eine Art Auslese  sozusagen automatisch wirksam«
    »Und es entsteht nicht selten eine Prachtfamilie auf diese Art nicht wahr«
    »Na« meinte er mit verlegenem Gesicht und griff nachdenklich an sein
Ohrläppchen »manchmal kann sich der Herr  Stiefvater  was biologische Pracht
anbelangt nicht gerade als Mehrer der Familienschönheit betrachten   aber 
das ist ja auch gar nicht seine Aufgabe«
    »Und was ist seine Aufgabe« forschte Lore »Oh  das ist eine feine Sache«
Er stützte den Kopf in die Hand und blickte ein wenig über die Ränder des
Zwickers »Bedenken Sie wie viel mehr dieser  Wahlvater  für die Mutter
zumeist empfindet als der wirkliche Vater des Kindes Ich habe hier auch
Material gesammelt« er drückte mit der Hand gegen die Akten  »darüber wie
die Ehen mit dem sogenannten Schwängerer ausgehen  der irgendwie gezwungen
oder beeinflusst wird das schwangere Mädchen zu heiraten Zumeist tut er das um
die Alimentation zu ersparen Diese erzwungenen Ehen« fuhr er ernstaft fort 
»werden zumeist sehr unglücklich Das Kind wird da sehr oft als Last empfunden
man hasst es als die unglückliche Ursache der ganzen erzwungenen Situation
Ganz anders aber liegt die Sache in den Ehen mit dem  Wahlvater dem
Stiefvater Er ist der Mutter mit dem Kinde begegnet « seine Stimme wurde tief
und war von einem fremden Ton den sie noch nie an ihm gehört durchbebt  »und
hat beide  frei gewählt Er liebt nicht nur die Mutter  nein er liebt auch
das Kind«
    Mild und lösend drangen diese Worte in sie Ihr war auf einmal  als wäre
sie nicht mehr allein nicht mehr suchend nicht mehr zu neuer abenteuerlicher
Fahndung genötigt Und das Gefühl wurde in ihr stark hier ist Schutz  guter
guter Schutz Sie schloss die Augen und ihr war als hätte sie eine Vision sie
sah sich im Gedränge  geschoben gestoßen hastend suchend  und da kam
einer  ein einziger unter allen  und bot ihr seinen Arm Sie sah den tiefen
Ernst auf seinem Gesicht sie fühlte wie er ihren Arm leise gegen seine Brust
drückte und auf einmal wusste sie dass er ihr diesen Arm nicht nur geliehen
sondern gegeben hatte Sie schlug die Augen auf und sah im Schein der Lampe
voll in sein Gesicht Sie sah wie seine Augen auf ihrem Antlitz ruhten und sie
sah wie sein Gesicht durchleuchtet war von Liebe Oft hatte sie in letzter
Zeit vergeblich versucht sich an sein Gesicht genau zu erinnern nun war es
ihr als ob sie ihn  erkannte Einen Augenblick schien es ihr als wäre sie ihm
schon einst  irgendwo  irgendwann einmal begegnet  als hätte sie das alles
schon erlebt  was sie eben jetzt erlebte  und sie hätten sich jetzt  nach
langer langer Trennung  wiedergefunden und hätten sich in vielen
Verhüllungen entdeckt  erkannt Sie sah die mächtige Biegung der Stirn sah
wie edel und steil die Nase sich zum Munde streckte sah wie verschönt das
Gesicht von dem großen Gefühle war das es durchleuchtete wie eine Flamme ein
transparentes Gehäuse durchschimmert  und sie erkannte ihn 
Als er diesmal von Schöneberg nach Hause ging hatte er nichts diktiert aber
sie hatten ernstaft beschlossen das am nächsten Tag nachzuholen heute 
hatten sie Besseres zu schaffen gehabt 
    Mit glücklichem Gesicht ging er durch die nächtlichen Straßen Eine Melodie
summte ihm durch den Kopf und er suchte Worte als Text »Wenn ich bei meiner
Christel bin« so hatte Goethe gesungen  wie wird mir da so froh zu Sinn
    Erlöst fühlte er sich  erlöst von dem Druck der auf seiner Mannheit
gelastet hatte Dass ihm dieses je beschieden sein konnte  nie hatte er es
gedacht Und dass er nicht nur eine Frau bekam eine Frau von edler Art  nein
auch eine Frau die einen solchen Schatz eine solche Mitgift ihr eigen nannte
ein wirkliches lebendiges fix und fertiges wohlgeratenes Kind Oh was
bedeutete dieser Schatz diese Mitgift gerade für ihn Er hatte es ihr schon
heute gesagt  ernst  Aug in Aug  nach der ersten großen seligen Freude
nachdem er das Wunderbare das unsagbar Herrliche erlebt hatte  Er hatte ihr
gesagt »Wir werden kein Kind haben  denn ich habe nichts zu vererben« Da
hatte sie mit ihrem kräftigen frohen Lachen geantwortet und hatte gesagt »Wir
haben ja ein Kind«
    »Ein richtiges lebendiges Kind« flüsterte er jetzt vor sich hin »
Lörchen Wigolski«  so konnte sie nicht auf die Dauer heißen das tat nicht
gut »Lörchen Schubert«  ein Lächeln glitt über sein Gesicht  »Gott sei
Dank ausgeschlossen aber Lörchen Diamant  das mochte taugen«   
    An diesem Abend saß er wieder vor seinem Tagebuch Er schlug das Heft auf 
und kaute an der Feder Sein Gesicht von dem das Lächeln nicht wich hatte
einen verlegenen Zug Hin und her drehte er den Federstiel in den Händen 
wahrhaftig er schämte sich vor dem Buch  er wusste nicht wie er es  gestehen
sollte Aber ein Vers wollte ihm nicht aus dem Sinn er flüsterte ihn immer
wieder vor sich hin »Durchsüsset und geblumet « Dann ging er zum Bücherregal
um den Vers auch wörtlich zu finden Freund Walter von der Vogelweide der
wusste doch wie man  solche Dinge   sagte Er legte das Buch vor sich hin und
schrieb
    »Durchsüsset und geblumet sind die reinen Frauen« Hier stock ich schon  
sollte er nicht besser schreiben die neuen Frauen   Pfui Pharisäer Nun
gerade
    »Durchsüsset und geblumet sind die reinen Frauen«  die Feder kratzte
eifrig und Blicke ins Büchlein wurden geworfen  »So Wonnigliches gab es
niemals anzuschauen«  sein selig verklärtes Gesicht beugte sich fast zärtlich
zu dem Papier  und weiter kritzelte die Feder  »In Lüften noch auf Erden 
noch in allen grünen Auen«
Während nun hier ein Schicksal in freundliche Bahnen bog wurde ein anderes an
gefährliche Klippen gedrängt
    Eines Tages kam Werner zu Olga  bleich verstört zerrüttet
    »Es ist geschehen« sagte er dumpf und presste hilfesuchend ihre Hände
    »Was ist geschehen« fragte sie von banger Ahnung erfüllt
    Stammelnd berichtete er  Der Gatte der Baronin habe das Verhältnis
entdeckt
    »Wie konnte das sein  und was soll nun werden«
    »Wie es sein konnte das weiß ich nicht Es war gestern in meiner Wohnung
Sie sagte  wir wären in voller Sicherheit Plötzlich  spät abends wird an
der Glocke gerissen  gegen die Tür geschlagen  Wir schaffen kaum die
nötigste  Ordnung  als er auch schon an der Tür des Zimmers steht und Einlass
erzwingt«
    »Und nun«
    »Er hat mich gefordert  morgen früh «
    »Du sollst «
    Er lachte krampfhaft auf und fuhr sich mit der Hand in die Haare »Ja ja 
bei der Tragödie darf das Satyrspiel nicht fehlen Ich soll mich mit ihm
schießen  jawohl«
    »Willst du das wirklich«
    »Was bleibt mir andres übrig« Und finster fügte er hinzu »Mir kann es
recht sein«
    »Werner« sagte sie angstvoll  »du hast doch nicht die Absicht  den Mann
der Baronin wie  wie einen Feind  aus der Welt zu schaffen«
    Starren Blickes sah er sie an Dann schüttelte er den Kopf und sagte mit
fester Stimme  »Nein ich habe nicht die Absicht kann sie auch nicht haben
denn ich weiß nur schlecht Bescheid mit der Pistole«
    »Und er« flüsterte sie »wird er   «
    »Das bleibt ihm überlassen« sagte er fest
    Dunkel  wie ein schon vergessener Traum  stieg die Erinnerung in ihr auf
wie auch sie einmal einer Pistole mutig die Brust geboten 
    Am nächsten Tag um die Mittagsstunde als sie schon lange angstvoll
wartete stand er an ihrer Tür Er war heil und unversehrt Aber sein Gesicht
schien blutlos und sein Auge flackerte irr
    »Werner« flüsterte sie »ist es vorbei«
    »Es ist vorbei« sagte er mit fremder heiserer Stimme »Es ist alles
vorbei«
    Und dann erfuhr sie was geschehen war  Werner hatte in die Luft schießen
wollen  Aber als der Pulverdampf sich zerteilte da sah er drüben den
Gegner zurückgesunken in den Armen seiner Zeugen
    »Ich habe ihn getötet« flüsterte er Und dann erzählte er noch mehr Wie
ein Gezeichneter war er durch die Straßen getaumelt  hin zu ihr der
Geliebten Er traf sie und sagte ihr was geschehen war  sagte ihr  dass sie
nun frei war  wie sie es gewollt Da war in ihren großen Sphinxaugen ein
Feuer entbrannt
    War es ihr Wille gewesen  der in ihm gewirkt  gegen den seinen  oder
war es doch auch sein Wille gewesen  verborgen dem wachen Sinn und nur wirkend
in jener dunkelsten Tiefe in die kein Auge blickt
    »Geh jetzt« hatte sie ihn gebeten »und komm wieder  in zwei Stunden nach
meiner Wohnung«
    Zwei Stunden war er in den Straßen umhergeeilt  und dann in das Haus
gegangen  in dem der Tote schon lag Als er sich scheu der Tür näherte da
hatte ihm bevor er noch die Klingel berührte die Jungfer der Baronin geöffnet
und ihm einen Brief hinausgereicht  Er öffnete die zur Faust geballte Hand
Hier  hier  war der Brief
    Sie strich die zerdrückte Papierkugel glatt und las »Die Tat ist geschehen
die geschehen musste und doch nicht geschehen durfte Ich eile zu dem  der
solche Taten nicht setzt  und den ich liebe«
    Sie begriff nicht Stumm hielt sie das rätselhafte Papier in der Hand Da
brach es aus ihm heraus »Oh verstehst du nicht  verstehst du nicht Ich 
ich musste die Tat begehen    damit sie frei wurde  für einen anderen«
    »Aber du wolltest ihn doch nicht töten« sagte Olga
    »Nein ich wollte es nicht  ich weiß nicht  ich glaube ich wollte es
nicht  Aber hätte ich ihn nicht getötet so wäre ich doch derjenige gewesen 
durch den ihre Ehe gelöst wurde  und der Name des  anderen  wäre frei
geblieben Kein Gesetzesparagraph hätte verhindert dass eine neue Ehe  dort 
geschlossen wurde Keine Schmach hätte diese neue Ehe befleckt und keine Bürde
wäre auf sie geladen worden«
    Wie ein schwerer wallender Vorhang  so rauschte das Geheimnis zurück Sie
begriffen beide Sie wussten alles  auch wer jener andere war Sein Bild stand
in diesem Augenblick vor ihrer beider Seelen Sie sahen ihn wie sie ihn damals
gesehen  an jenem Abend da er mit der Baronin und mit ihnen zusammen war Wie
wenn auf eine dunkle Bühne plötzlich auf eine einzige Stelle volles Licht
fällt und eine Gestalt beleuchtet die hier im Dunkel gestanden und nun allen
sichtbar wird  so sah ihn Olga Sie erinnerte sich an den fast kahlen Schädel
von ungeheueren Dimensionen an jene Stirn die steil wie ein Dachgiebel
aufstieg und sich schwang wie ein romanischer Bogen Sie erinnerte sich an den
durchdringenden Blick  und an die Worte die jener Mann über das Wollen
gesprochen und über die Wünsche die sich abarbeiten für dieses gefährliche
Wollen wie die Sklaven Sie erinnerte sich was er über die Orientalen gesagt
 über ihre nüchterne und entsühnende Moral der inneren Abrüstung
    Und sie wusste dass sich ihre und Werners Gedanken an diesem Bilde das
plötzlich im vollen Licht inmitten der dunklen Szene stand begegneten 
    Sie war es die aus dem betäubungsähnlichen Zustand zuerst erwachte Sie
raffte sich auf
    »Jetzt gilt es zu retten  was noch zu retten ist«
    »Und was sollte das sein was hier noch zu retten wäre« fragte er mit
verzerrtem Lächeln
    »Das bist du« sagte sie »Du musst fort und sogleich«
    »Fort warum« Langsam nur drang durch die Nebel die Vorstellung zu ihm die
sie ihm klar machte dass er verfolgt würde  wegen Totschlags im Duell  und
dass er darum fort müsste heute noch sofort
    Er weigerte sich vor den Folgen der Tat zu fliehen
    »Willst und kannst du denn bleiben  jetzt  hier  wo du solches erlebt
hast«
    Die Scham des Missbrauchten stieg ihm glühend zu Gesicht »Fort fort«
dachte nun auch er Aber wohin Nach der Schweiz nach Italien Amerika Und
ohne Mittel
    Sie grübelten beide Plötzlich durchschoss sie ein Gedanke »Ich weiß wohin
du gehst« Und entschlossen teilte sie ihm ihren Plan mit Er sollte zu Doktor
Emmerich nach Ascona Dort war er geborgen und konnte abwarten bis er sich
selbst wieder helfen konnte Doktor Emmerich würde ihn aufnehmen
    Er ließ alles geschehen wie sie wollte Er blieb in ihrer Wohnung während
sie hastig den Hut aufsetzte und forteilte zu der Bank bei der sie ihr Depot
hatte Sie hob einen Betrag ab Die Filiale bei welcher ihr Depot lag war in
einem großen Kaufhaus Gerade gegenüber den Schaltern der Bank waren jene des
Reisebureaus Hier erfuhr sie wann der nächste Zug ging der nach der Schweiz
Anschluss hatte Dann nahm sie ein geschlossenes Automobil fuhr zu ihrer Wohnung
zurück und hieß den Chauffeur warten In wenigen Minuten kam sie mit Werner
wieder Er hatte seinen breiten Filzhut tief in die Stirn gedrückt Sie fuhren
direkt zur Bahn Ohne Gepäck reiste er ab
Noch lag der Schreck über dieses gewaltsame Ereignis in Olgas Seele Aber sie
hatte keine Zeit sich ihren bangen Gefühlen hinzugeben Die Arbeit an ihrer
Korrespondenz häufte sich immer mehr und Lore musste jetzt täglich kommen ihr
zu helfen Und Lores Augen wurden immer froher und ihr tiefes Lachen immer
herzlicher Stanislaus kam mit merkwürdiger Zufälligkeit immer gerade dann
wenn Lore gehen sollte  die er dann natürlich begleitete  Der Bruder
erschien ihr plötzlich sonderbar jung und lebhaft elastisch und verschönt
Seine Kleidung wurde sorgfältig beinahe elegant er hatte sich einen neuen
dunkelblauen Anzug bei einem teueren Schneider machen lassen
    »Ist er auch richtig  sitzt er gut« fragte er die Schwester als er sich
darin präsentierte
    »Aber sehr« sagte sie und wunderte sich nicht wenig »Warum denn nicht
schwarz jetzt in der Trauer«
    »Dafür genügt die Florbinde um den Arm« meinte er  »übrigens habe ich mir
außerdem  auch noch einen schwarzen Anzug bestellt Smoking«
    Bald wusste sie wie es mit beiden stand
    »Nur noch ein wenig sicherer stehen« sagte Stan  »soweit wir Freien es
überhaupt können nur noch mehr Überblick über die Einnahmen  geregelte
Mitarbeit da und dort  Vollendung des Buches  ein neues Auflagenhonorar dann
sei es gewagt« Und er arbeitete mit »Dampfkraft« wie Lore erzählte und stieß
die Kapitel seines neuen Buches eines nach dem anderen heraus
    Nachdem Olga so viel über die Lage der Unehelichen zu hören bekam fiel ihr
ein dass das Thema sich vorzüglich für einen Vortrag im »Bunde« eigne
Stanislaus war einverstanden und bat sie sich für ihn mit Frau Dr Wallentin in
Verbindung zu setzen Er hatte solange er arbeitete keine Zeit irgendwelche
»Schritte zu unternehmen«  außer die täglichen Schritte nach Schöneberg
    »Wie ein Kokon muss man sich einspinnen« sagte er  »will man ein Buch
herausbringen« Und er spann sich ein und es gab jemanden  in Schöneberg  der
ihm dabei half
    Olga schrieb an Frau Dr Wallentin und erhielt bald Antwort
    »Sehr liebes Fräulein Diamant ich möchte über die Arbeit Ihres Bruders die
mich in hohem Grade interessiert recht ausführlich mit Ihnen sprechen und vor
allem möchte ich Sie endlich einmal wiedersehen Es ist schon eine kleine
Ewigkeit her seit wir uns zuletzt begegnet sind Vielleicht kommen Sie beide
eines Nachmittags zu mir heraus in den Grunewald«
    Und da Stanislaus noch immer keine »Schritte unternahm« so ging sie allein
    Es war richtiger Frühling geworden auch in Berlin Der Park um die Villa
blühte  Der See funkelte in goldenen Reflexen als hielte er alle Strahlen
der Sonne gefangen
    Olga saß mit Frau Wallentin auf der Terrasse unter dem Dach der Markise am
runden Teetisch und sie blickten in die wiegenden Wipfel der Kiefern und in das
zarte Laub der Buchen
    »Ich habe mich in letzter Zeit dem Bunde wenig widmen können« sagte die
alte Frau Sie schenkte selbst den Tee ein Wie liebte Olga diese edlen
durchstrahlten Hände wie dankte sie im Herzen dieser alten Frau dafür dass sie
ihr und allen die sie kannten ein wunderbares Märchen kündete  dass sie ihnen
allen zeigte wie schön das Alter sein kann Selten nur war sie herausgekommen
trotzdem sie wusste dass sie kommen durfte Zuviel der Störung und der Verstörung
hatte sie erlebt in all der Zeit und schamhaft hatte sie sich dann vor dieser
Lichten verborgen
    Jetzt wo sie wieder bei ihr saß dachte sie dass man immer nur zu den
Menschen gehen sollte in deren Nähe man selbst schöner würde  ruhiger und
reiner in der Linie Hier schien es ihr als ob ihre Seele mit gebändigtem
Feuer wie ein Vogel der sich sicher in reinen Lüften wiegt frei und leicht
ihres Weges flöge  Und so wie es Menschen gab  so dachte sie  die alle
Schichten eines anderen Seins in wilde Wirbel brachten bis es Aufruhr und Lava
gab  so andere die die Elemente sänftigten die Dämonen bannten  in deren
milder Sphäre Vollbringen wohnte Und Goethes erhabendemütiges Danklied kam ihr
in den Sinn » Spähtest  wo die reinste Nerve klingt«
    Sie hatte Frau Wallentin nicht gesehen seit sie nach Hause gereist war und
auch vorher während der Bitternisse die sie erlebt  nur selten Sie erzählte
ihr dass der Vater nun tot war
    »Und nun bleiben Sie hier  bei uns Denn wir brauchen Sie« und mit innigem
Lächeln nickte sie ihr zu
    Olga berichtete von Stanislaus und seinem neuen Buch Frau Wallentin riet
den Vortrag bis zum Herbst zu verschieben Denn da er das Buch noch nicht
abgeschlossen habe so würde es zu spät in der Jahreszeit werden um mit einem
Vortrag herauszutreten Aber sie wollte erfahren was er gesammelt hatte und
Olga musste ihr versprechen dem Bruder zuzureden dass er sie bald aufsuchen
möge
    Dann erzählte Olga von Erika  der einstigen Helferin beim Ordnen der
Bibliothek Stumm und bang horchte die alte Frau als sie von jenem Abend
sprach an dem Erika sterben wollte und ein großes Leuchten brach aus ihren
Augen als sie hörte was dann geschehen war
    »Die Welt ist voll von Wundern« sagte sie leise  »ihr Glücklichen  ihr
Jungen vergesst das nie« Ein wehmütiges Lächeln umschattete ihren Mund
    In Olga stieg die Sorge auf ob die alte Frau sich gesund fühle und sie
fragte warum sie sich dem Bunde weniger gewidmet habe »Es ist doch nicht 
weil Sie behindert waren«
    »Ich war behindert  aber durch etwas sehr Glückliches« sagte Frau
Wallentin Ihre blauen tiefen Lichtaugen strahlten auf »Mein Sohn Manfred ist
endlich gekommen«
    Und sie erzählte ihr von ihm
    Sie berichtete  nicht als ob sie die Mutter wäre Sie sprach mit der
glücklichen Begeisterung mit der ein junges Mädchen von dem Manne spricht der
seine Träume verwirklicht Sie erzählte  dass er ein Mensch war der nach einem
vorgefassten festen Plan systematisch ein Lebenswerk baute Er hatte ein
Programm von Taten für deren Beendigung ein Menschenleben nicht ausreichte
    »Aber was tut dies« warf sie mit frohem Lächeln ein  Sind wir denn nicht
da um unsere Taten an andere weiter zu geben Und nun gar er Sobald seine
Pläne selbständig laufen wie er es nennt dann überlässt er sie ihrem Schicksal
und nimmt das nächste Werk in Angriff
    Manfred hatte erst Medizin und dann Nationalökonomie und Philosophie
studiert »Und doch ist er kein Gelehrter  wie Erasmus von Rotterdam«
berichtete die Mutter lächelnd Und ernst fügte sie hinzu »Er ist ein
Organisator  Ihn beschäftigte alles was die Welt vollkommener macht Zehn
Jahre hat er damit zugebracht die Erde zu bereisen Und während er wanderte und
das Leben der Völker durchforschte  ging er zu den Einzelnen  zu den Großen
zu denen die die Welt vorwärtsrücken Diese Grössten  ob sie Einsame waren oder
Gefeierte  die hat er in aller Herren Länder aufgesucht  und hat sie
verknüpft  zu einheitlicher Tat«
    Es war eine Organisation gewaltiger Namen eine Organisation der bewegenden
geistigen Kräfte dieser Welt die er in aller Stille geschaffen hatte Eine
Zentralstelle zur Durchforschung der Probleme der Entwickelung sollte gegründet
werden Jetzt erst nach zehnjähriger Vorbereitung ausgerüstet mit diesem Stabe
glänzender Namen die allein jene Autorität erringen konnten die notwendig war
um der Organisation zur Macht zu verhelfen  sollte das Zentralkomitee
öffentlich begründet werden Und Frau Wallentin erzählte dass das Unternehmen
eingeteilt war in die verschiedensten Kulturkreise mit einzelnen stofflich
verschiedenen Arbeitsbezirken Die bewegenden Probleme der Welt galt es nach
dem Standpunkt internationaler Kenntnis zu sichten Auf dem Gebiete der
sozialen Gestaltung der Organisation der Völker der Verbindung der Intellekte
der Revision der moralischen Gesetze auf denen die Menschheit fussen konnte
galt es zu wirken Und im Mittelpunkt der ganzen globisschen Zentralisation
stand ein Komitee zur Erforschung der Gesetze der Deszendenz und der Variation
 eine wissenschaftliche Kommission die die sozialen und die biologischen
Gesetze untersuchte durch welche die Erzeugung hochwertiger Menschen gesichert
schien Von diesem Zentralgedanken ausgehend hatte auch die Mutter jenen Bund
begründet Der Grundgedanke der sie und die Söhne leitete war der dass alle
Kulturtaten unendliche Zersplitterung der Kräfte solange mit sich bringen
müssten  solange nicht der Mensch selbst auf der Höhe der Art stand Aus dem
Bereiche des Zufälligen des oftmals Schädlichen und die Entwickelung der Art
Hemmenden  sollte die Zeugung des Menschen zu einer Tat werden aus der immer
wieder nur höheres Leben entstehen konnte Die Gesetze der Hygiene mussten zu
diesem Zweck ebenso revidiert werden wie die der sozialen Bedingungen
innerhalb welcher Menschen aufwuchsen Die Abschaffung schädlicher
Fortpflanzungssitten und die Festigung der Rechte die eine gesunde Selektion
verbürgten standen an erster Stelle des Arbeitsprogramms
    Und die Mutter sprach auch von den Ahnen ihres Sohnes Zwei Varianten waren
es die in dieser Familie immer wiederkehrten die Bedenklichsten und die
Waghalsigsten Gelehrte und Revolutionäre wurden in dieser Familie immer wieder
geboren Manchmal auch schlossen sich diese Strebungen in einer Gestalt
zusammen und es entstand einer der sich auflehnte und dennoch bedenkend seine
Taten formte den das Feuer der eigenen Seele nicht über die wahre Natur der
Dinge hinwegtäuschen konnte der sie ansah mit der nüchternen Ruhe des Forschers
und sich doch nicht beruhigte darüber dass sie so waren wie sie waren 
sondern  in Ahnung ihrer höheren Formen  weiter und immer weiter ging 
    Olga hatte gehorcht sie hatte alles umschlossen alles geborgen Die Stunde
war glücklich Nicht immer war die Seele so weit so frei so hingegeben  dass
sie horchen konnte wie heute an diesem goldenen Tag
    »Da kommt Manfred« sagte die alte Frau Die Gittertür zum Park war geöffnet
worden er kam über den Weg dem Hause zu
    »Ein hoher Mann« dachte Olga Er grüßte hinauf Sie sah dass sein blondes
Haar schon silbern schimmerte Sie sah als er näher kam dass er die blauen
tiefen Lichtaugen der Mutter hatte Dann verschwand er im Haus und stand bald
darauf bei ihnen auf der Terrasse
    »Ein hoher Mann« dachte sie  Seine Augen  wie liegen sie sehend auf den
Dingen  auf den Bildern dieser schönen rätselvollen Welt    Und wie
gläubig sind seine Augen  als ahnten sie die letzten Dinge  die letzten 
leuchtenden Dinge   die diese rätselvolle Welt durchstrahlen 
    Die Stunde war glücklich golden war der Tag Die Seele so weit so frei so
hingegeben  als flöge sie in gebändigtem Feuer frei durch den unendlichen
Raum  als wiege sie sich wie der sichere Vogel im goldenen goldenen
Himmelsblau 
    Sie blieben zu Dritt Sie sprachen Sie sah seinen Mund von keinem Bart
verborgen sie sah diese reinen Linien um den Mund Wie klar wie licht war es
um diesen Mund  Die Stunde war glücklich  sie verstand sie verstand Sie
erkannte Das vollendete Ebenmass die ausgewogene Kraft nichts schwankte
nichts taumelte Sie verstand diesen Blick  diesen Ruf im Auge  der die
Gedanken der anderen beschwingte  Das war ein gütiges Rufen und ein mildes
Horchen im Auge  Wie hob es die arme erdenschwere Seele  machte sie mutig
wissend um sich selbst mutig und frei  frei dass sie sich wiegte  wie der
Vogel im goldenen Äther Es war ein glücklicher Tag   
Stanislaus erfuhr von ihr wem sie begegnet war und ihre Schilderung machte ihn
hochaufhorchen Wenige Tage später erhielt sie eine Nachricht von Frau
Wallentin die für Stanislaus von großer Bedeutung war Frau Wallentin teilte
ihr mit dass Manfred seinem Unternehmen ein publizistisches Organ angliedern
müsse und dass er ihrem Bruder den Vorschlag machen wollte in diese Redaktion
einzutreten Nun setzte sich Stanislaus mit Dr Wallentin in Verbindung und
besuchte ihn bald darauf
    Er hatte ihr versprochen sie gleich nach seiner Rückkehr aus dem Grunewald
noch am selben Abend aufzusuchen Sie saß in ihrer Wohnung und wartete Was
würde er sagen Ob er so dachte wie sie ob er erkannte wie sie  dass hier
einer war wie sie noch keinem begegnet waren Manfreds Bild stand vor ihrer
Seele  die hohe Erscheinung  das blondsilberne Haar  dieses Leuchten um den
Mund  sie presste die Hand auf ihr Herz Dieses Bild wich nicht aus ihrem
Erinnern immer wieder sah sie ihn und hörte im Geist wie er mit seiner Mutter
und mit ihr gesprochen  deutlich stand sein Wesen vor ihr in seiner klaren
Ruhe mit seiner menschlich gütigen Verbindlichkeit die sich mit dem edlen
Stolz seiner Haltung so seltsam einte Wie eine sanfte Glut strömte es ihr aus
dieser Vision entgegen als hätte das innere Feuer das von ihm ausstrahlte sie
ergriffen Und je mehr sie sich in dieses Erinnern verlor desto mehr empfand
sie eine fremde süße Auflösung die sie bis heute nicht gekannt  eine junge
und jubelnde Sehnsucht 
    Stanislaus kam Sie sah an seinen glänzenden Augen dass er Gutes erlebt
hatte Er erzählte ihr freudig dass Dr Wallentin ihn als Redakteur für das neue
Blatt das in Form einer Monatschrift erscheinen sollte verpflichtet habe Es
war ein Triumph für sie dass der Bruder auf dieser für ihn so unverhofft
glücklichen Tatsache nicht lange verweilte und von dem Manne sprach  von dem
er erfüllt war wie sie
    »In ihm« sagte er »sehe ich zum erstenmal den vollkommenen Weltmann 
natürlich nicht im Sinne jenes Salonwortes das heute jeder Geck für sich in
Anspruch nimmt Nein er ist«  vertieft ging er im Zimmer auf und ab  »er
ist der Mann der großen weiten Welt«     Er ging mit gesenktem Kopf die
Hände in der Tasche mit eiligen Schritten durch das Stübchen als rekonstruiere
seine Phantasie das Bild das sie empfangen »Einen solchen Mann« sagte er
»muss man vor allem an seinem Werke sehen Er ist einer der Helden die man bei
ihrer Arbeit aufsuchen muss« Er blieb stehen und hob den Kopf
    »Ich habe mit ihm mehr als zwei Stunden über sein Werk gesprochen Er setzte
mir auseinander in welchem Sinne er das Blatt leiten will Die Dinge sollen
untersucht werden  auf ihre Natur hin  verstehst du wohl« Er sah die
Schwester fragend an und fuhr eindringlich fort Das heißt wir wollen in diesem
Blatt nicht uns selbst und unsere Nuancen entfalten  die Objekte sollen darin
ausgebreitet werden treulich und ihrer Natur gemäß Und es soll untersucht
werden wohin wir auf Grund der vorhandenen Tatsachen zu steuern haben Die
Mitarbeiter gehören allen Kulturländern an Persönlichkeiten  aus aller Welt
 bilden den Ausschuss dieser internationalen Liga Es sind Staatsmänner und
Schriftsteller Naturforscher Soziologen Philosophen und außer den
europäischen Staaten sind Indien China Japan Amerika Neuseeland vertreten
    Olga fragte auf welche Art diese Liga in der Öffentlichkeit auftreten
wolle
    Zuerst werden eine Reihe von Vorträgen und internationalen Kongressen
veranstaltet Die Gesellschaft tritt in Aktion mit der ausgesprochenen Absicht
alle Ziele zu verfolgen welche zur Hervorbringung eines menschlichen
Leistungsadels führen Man geht politisch vor wenn man durch große Kongresse
die öffentliche Meinung beeinflusst hat so tritt man an die Körperschaften
solcher Staaten heran die für kulturelle Reformen in Frage kommen Man gründet
überall Zentralstellen zur Verständigung der Kulturvölker zum Zwecke
gemeinsamen Vorgehens anstatt der groben Partei und Nationalpolitik die heute
zumeist getrieben wird will man den Gedanken einer intellektuellen Weltpolitik
durchzusetzen suchen Die Staatsgewalt soll diesem Gedanken erobert werden
Darum musste diese erlesene Schar verbündet zusammentreten  Und er nannte ihr
die Namen der großen Dichter und Künstler der großen Staatsmänner der Forscher
 
    »Übrigens hat Dr Wallentin noch einen jüngeren Bruder der Antropologe ist
und gleichzeitig auf anderen Wegen eine Weltreise machte aber zu demselben
Zweck Während Wallentin der ältere soziale Tatsachen sammelte und gruppierte
hat der jüngere Wallentin das Problem von der etnischen Seite untersucht Die
Lebensverhältnisse auch noch unbekannter Völker soll er untersuchen  auch das
wird zu dem Werke gebraucht« Er schwieg eine Weile in Gedanken tief
versponnen dann fuhr er fort »Dieses Werk zu erdenken ist allein schon ein
Wunder Scharf umgrenzt steht das Ziel da « er sprach wie für sich selbst und
blickte ins Weite als sähe er eine noch ferne Gestalt  »das Ziel welches
heißt  die Welt politisieren in dem Sinne dass menschlicher Adel erwachsen
kann  Mehr schöne Menschen  das ist die Forderung an deren Nichterfüllung
die Welt krankt Von hier aus muss das Werk der Reformation einsetzen«
    Wie In Olga drängte eine Erinnerung ans Licht und sie sprach sie aus War
das nicht derselbe Gedanke der einstmals Werner zum Sozialismus geführt hatte
Ersehnte nicht auch er eine Gestaltung der Dinge die indem sie das Terrain für
alle ausglich  scheinbar nivellierte  gerade dadurch eine individuelle
Wertung ermöglichte indem die Besten und Tauglichsten erst auf diesem
nivellierten Boden in ihren verschiedenen Höhen erkennbar wurden Die
Bedingungen unter denen ein generativer Adel der Menschheit sich bilden konnte
systematisch schaffen zu helfen  war das nicht auch sein Gedanke gewesen
    Und auch Stanislaus entsann sich ja es war ein Gedanke der in der Zeit
lag auf verschiedenen Wegen drängte man dahin  den Menschen zu heben  seine
Person selbst  vom Keim an Er erinnerte sich wie sie sich beide suchend
tastend um das Problem gemüht hatten das ihnen erschienen war wie ein
verschleiertes Bildnis und wie er Stanislaus zu Werner gesagt hatte »Nicht
ich und nicht Sie können die Gestalt dieser verhüllten Erscheinung erkennen 
da ist  ein letztes das fehlt  Ihnen und mir fehlt  ein letztes Ahnen
 ein Wissen um dieses Ding« Und wie sie vom ahnend Geborenen gesprochen 
auch daran erinnerte er sich  der allein löste worüber sie grübelten
    Und beide Olga und Stanislaus sprachen es fast im gleichen Augenblick aus
 dass Werner hierher gehört hätte  hierher als Schüler hierher zu Manfreds
Werk Werner  wo war er Gelandet  gestrandet
    Aber sie wollte noch mehr hören von dem was Stanislaus heute erfahren
hatte Und er erzählte von der imposanten Kleinarbeit die als Mittel zum großen
Zweck hier im Gange war »Durchforschen und erfahren sichten gruppieren
registrieren  die Dinge ansehen rein auf ihr Wesen hin mit Zurücksetzung
aller subjektiven Färbung Eine systematische Riesenuntersuchung der Tatsachen
und dann die Gruppierung dieser Tatsachen die Schichtung  immer höher und
höher«  er machte mit der Hand ansteigende Bewegungen  »wie eine Pyramide
sich verjüngend  bis hinauf zur Spitze der Forderung des positiven
Programms«
    Er konnte kein Ende finden  und sie horchte
    »dabei ist diesem Manne alles Schwelgen im Unklaren alles romantische
Träumen zuwider«
    »Diese Abneigung soll ja auch seine Ehe geschieden haben« sagte Olga
    »Seine Ehe«
    »Ja er ist verheiratet und jetzt als er zurückkam hat man sich
beiderseits zur Scheidung entschlossen« Sie erzählte was sie im Bunde von der
Gattin Dr Wallentins gehört hatte Wie hieß sie doch  Frau Lucinda Wallentin
    Stanislaus fuhr fort »In dieser romantischen Selbstbenebelung der
Menschheit sieht Dr Wallentin das Hauptindernis ihres Fortschreitens Dieser
dämmernde Selbstbetrug in dem sich ganze Zeiten gefallen die sich in
verschleierter Unklarheit über das Wesen der Tatsachen hinwegtäuschen wollen
ist für ihn der Wegebahner der furchtbaren Machterrschaft des Unsinns Seiner
Meinung nach ist dies der Grund warum die Menschheit als großes Ganzes noch
immer dumpf ist dumpf und verschlafen  und warum es nur wenige gibt die die
Wege erkennen die sie gehen muss Freilich um diese dämmerigen Schleier
entbehren zu können bedarf es der Gehirne die in gutem Zustand geboren sind
 Durch diese Riesenuntersuchungen die fortlaufend und systematisch über alle
Tatsachen der Entwickelung geführt werden sollen soll die intellektuelle
Weltanschauung aus der Zone der grünen Theorien herausgelöst und praktisch
vollstreckbar werden« Und begeistert fuhr er fort »Mit diesem Manne zu
sprechen  welch ein Glück Es war einer der seltenen Fälle dass zwei Menschen
ohne jede Unterstreichung ja ohne jeden Nachdruck fast ohne Kommentierung
sich aussprechen und verständigen konnten« Er blieb vor der Schwester stehen
    »Im übrigen ist Dr Wallentin selbst kein Agitator Denn Agitation ist nicht
zu denken ohne dass die persönliche Ansicht die besprochenen Fragen tendenziös
färbt  und ohne dass man das vorhandene Publikum auf irgendeine Weise zu Taten
drängt deren Notwendigkeit zu begreifen es meist noch nicht Zeit gehabt hat 
Das ist nicht seine Sache Er sammelt ruhig sein Riesenmaterial und spannt das
Netz seiner Erkenntnis weiter Diese anschauliche Ausbreitung überhebt der
Agitation  Sie wirkt von selbst wirkt durch ihr tatsächliches Material und
wirkt um so stärker je weniger demagogisch sie auftritt  Sie wendet sich
nicht an das momentan und zufällig vorhandene Publikum  sondern an jenes  das
später  und nicht zufällig  vorhanden sein wird  Welch eine Tat« fuhr er
fort »welch ein Wunder des Willens  des geschulten Willens der« 
nachdenklich suchte er im Gedächtnis  »der die Aufträge der Intelligenz auch
zu erfüllen vermag  wie es bei Feuchtersleben heißt«   
    Das Erlebnis dieser letzten Tage war so groß für Olga dass ihr die Welt
darin versank Es war ihr endlich ein Mensch begegnet   dem nichts mehr
»fehlte« um ein Mensch zu heißen  Hier also war die Grenze des
Zwischenreichs  nach oben  überschritten  Hier waren keine
Absonderlichkeiten hier waren die urtümlichen Eigenschaften hoher Menschenart
voll entwickelt durchbildet und funktionsfähig Hier waren Instinkte die zur
Erhaltung des Lebens strebten und ein Heroentum das sich über die staubige
Erde schwang vereint Plötzlich erinnerte sie sich der Worte die ihr Cousin
Professor Diamant bei jenem letzten Mahle in Wien gebraucht hatte »Zeig mir
einen modernen Gedankenheros« so ungefähr hatte er wohl gesagt  »der sich
nicht versteigt auf irgendeiner Martinswand  von der ihn kein Gott
herunterholt« Gerade diese Gegenwart in der sie lebte war überfüllt von
solchen die tollkühn ins felsig Zerklüftete kletterten  ohne die Führung
wegeweisender Instinkte die dann hilflos irgendeinen spitzen Grat umklammerten
 nicht weiter konnten  stürzten  spurlos verschwanden Hier aber war einer
der sich ins Unwegsame gewagt hatte und sich doch nicht  verstieg
Nach einigen Wochen während welcher Stanislaus der sein Buch beendet hatte
mit Dr Wallentin das Bureau der Redaktion organisierte und auch Olga öfters
hinausgekommen war zu ihrer alten Freundin  während das Bild ihrer erfüllten
Sehnsucht sich immer stärker in ihrem Herzen festigte kam die erste Nachricht
von Werner seltsam mutete an wovon er berichtete
    Kurz nachdem er nach Askona gekommen war wo er im Hause Dr Emmerichs alles
fand um die betäubten Kräfte seiner Seele wieder zu beleben hatte er eine
Nachricht erhalten  von einem von dem er sie am wenigsten erwartete Herr von
Bredow hatte ihm geschrieben Auf Umwegen da er seine direkte Adresse der
Berliner Post nicht angab erreichte ihn der Brief Bredow schrieb ihm  er
habe teils aus den verdeckten Reden der Baronin teils durch direkte
Nachforschungen erfahren was sich zwischen ihm und jener Frau begeben in
welcher Weise die Baronin über Werner einen Weg gesucht hätte der zu einem mit
Bredow vereinten Leben führen sollte Er habe sie geliebt aber niemals daran
gedacht sie aus ihrer Ehe an sich zu reißen Da sie nun kam und frei war so
hätte er freilich geglaubt am Ziel seiner Wünsche zu stehen bis  bis er
erfuhr mit welchen Mitteln dieser Weg geebnet worden sei Als er endlich die
volle Wahrheit nach langem Forschen herausgefunden da hatte die Vereinigung
mit jener Frau aufgehört für ihn ein Glück zu bedeuten Er habe sobald er
alles gewusst nicht anders gekonnt als sich von ihr zu trennen und es sei für
ihn ein moralisches Müssen Werner dies mitzuteilen Gleichzeitig gab ihm Herr
von Bredow noch eine andere bedeutsame Nachricht »Sie haben mir seinerzeit« so
schrieb er ihm  »von Ihrer Sehnsucht nach einem gedanklichreligiösen Ziel
gesprochen nach einer Art philosophisch vernünftiger Andachtslehre Ihre
Sehnsucht nach Gott kann keine der europäischen Kirchen  die mit einem
persönlichen Gotte rechnen  Ihre Sehnsucht nach einem moralischen Dogma in
dem alles beschlossen ruht und aus welchem heraus die Lösungen menschlicher
Wirrnisse erwachsen konnte auch keine der modernen reformatorischsozialen
Bewegungen stillen Und waren Sie schon damals eines solchen Glaubenszieles
bedürftig so wird es heute wo Sie schwere Verwundung erlitten haben ein noch
stärkeres Bedürfnis für Sie sein im Schoss einer Lehre die hohe
Vernunftausblicke mit religiöser Sammlung eint Frieden zu finden Das
philosophische Kloster ist übrigens nicht nur Ihrer Sehnsucht ein Ziel sondern
es ist eine Art Zeitbedürfnis für alle die die mit den Riten der bestehenden
Kirchen nichts mehr zu schaffen haben und dennoch nach einer Stätte suchen wie
sie bisher nur die Klöster boten Für alle die muss ein neues Klosterleben
geschaffen werden das als Zuflucht als Stätte der Andacht für sie bereit
steht  in welchem die leidende Seele Genesung und Frieden findet sich aus dem
Getümmel des weltlichen Kampfes zurückziehen kann und doch keinerlei Dogmen die
gegen die klare Vernunft verstoßen sich verschreiben muss Hoch ist der Wert der
Andacht Das Gebet ist eine Sammlung der innersten Kräfte eine Dämpfung
gefährlicher Wünsche  denn nur der erlaubte Wunsch wagt es Gebet zu werden
Sie fragten mich damals als wir uns in Berlin begegneten wie und wo Sie an die
europäische Sekte des Neubuddhismus von welcher ich Ihnen berichtete Anschluss
finden könnten Ich wusste Ihnen damals nichts Genaues zu sagen Heute da wir
uns wieder begegnen   kann ich Ihnen die gewünschte Mitteilung geben Drei
Deutsche die in Indien das gelbe Kleid der Buddhistenmönche nahmen haben in
der Nähe von Lugano das erste europäische Buddhistenkloster gegründet Suchen
Sie diese Männer auf es wird Ihnen nicht schwer fallen sich ihnen
anzuschließen  denn die Fäden Ihres Schicksals laufen wenn mich nicht alles
trügt gerade dahin « Der Luganer See war in der nächsten Nähe von Werners
jetzigem Aufenthaltsort Ascona am Lago Maggiore und er hatte nicht gezögert
die Besiedelung bald aufzusuchen Von den strahlenden Gestaden des Sees ein
wenig entfernt verborgen im Gebirge standen einige Blockhütten  die erste
Niederlassung des indoeuropäischen Ordens Die gewünschte Aufnahme war ihm
bewilligt worden  in wenigen Tagen wollte er ganz dahin übersiedeln
    »Wie bedeutsam ist es doch« schrieb er »dass gerade die Hand jenes Mannes
die unsichtbar und ohne ihren Willen beteiligt war mich in den Abgrund zu
stoßen dass gerade jene Hand mir den Weg weisen muss zu neuem Leben« Dann
berichtete er über die Hauptgedanken der Lehre wie sie ihm in Novaggio bei
Lugano von den deutschen Buddhisten erläutert worden war Vor allem erkenne
diese Lehre keinen persönlichen Gott an Es wäre kaum irgendein Grund sie
überhaupt als Religion zu bezeichnen sondern es gebührte ihr der Name einer
rein philosophischen Weltanschauung wäre nicht der Umstand dass der Geist der
in diese Lehre hinabtaucht geläutert und erhoben von religiöser Andacht dem
Dasein gegenüber erfüllt sich aus ihr erhebt Die drei deutschen Mönche sind
Kolonisten eines Vereins der seinen Sitz in London hat und sich »Te followers
of the Buddha« benennt Kein geheimnisvolles Ritual sei vorgeschrieben die
Erörterung philosophischer Fragen und die moralische Selbsterziehung seien die
wichtigsten Prinzipien des Vereins Dieser modernistische Buddhismus trage einen
wissenschaftlichrationalistischen Zug den eine starke sozialistische
Unterströmung begleite Die Übersetzung alter orientalischer Texte sowie
religiösphilosophischer Vorträge und gewisse Übungen der Versenkung der Seele
in sich selbst gehörten mit zu der Beschäftigung der Kolonisten Der zentrale
Glaube nach welchem die Lebensführung gerichtet werde sei die altarische
Lehre dass das Seelenheil nur durch die höchste Entwickelung des Verstandes zu
erreichen sei dass nur die Unwissenheit von der richtigen Vorstellung der Dinge
trenne und jene Disharmonien erschaffe an denen sich die Menschheit verblute
Diese Erziehung des Geistes sei die eigentliche Tugend die hier gepflegt werde
ein Leben in Zurückgezogenheit in andächtiger Vertiefung in die höchsten
Gedanken  das sei der Weg zu diesem Ziel Die wahren Strebungen dieser Lehre
seien also gerade entgegengesetzt jener gewöhnlichen europäischen Auffassung
die da behauptet der Buddhismus erstrebe den geistigen Tod Schon der
beständige Kampf die moralischen Grundprobleme der Welt zu vertiefen erfordere
unausgesetzte Übung der Vernunft die von jenem Zustande seelischen Verdämmerns
den man hinter dem Buddhismus vermute am sichersten bewahre Der NeuBuddhismus
kenne auch kein Nirwâna wie es die Europäer verstehen die stille Andacht
welcher die Seele sich ergibt bringe sie allerdings einem Zustand näher der
die Bilder der Welt und ihre lauten Kämpfe zurückweichen lasse »Geh an der
Welt vorbei  es ist nichts« Über dieses Nichts als endliches Ziel
schwankten die Meinungen der verschiedenen Sekten Jedenfalls sei der Begriff
ein so transzendenter dass er das Streben der Jünger nach Vervollkommnung nicht
beeinflusse
    Ursprünglich sei ein einziger deutscher Mönch an das Ufer des Luganer Sees
gekommen Eine kleine Blockhütte war für ihn errichtet worden dann aber hatte
er zwei seiner Schüler deutscher Abstammung zu sich kommen lassen und nun
wurden noch einige Holländer und Engländer erwartet Die Blockhütten würden denn
auch vermehrt So scheine sich diese Niederlassung in Mitteleuropa zu festigen
und zu verbreitern Er selbst sei bereit in diese Gemeinde als Kolonist
einzutreten Kein Gelübde werde ihn binden Wohl werde von ihm erwartet dass er
sich zum Buddhismus ausdrücklich bekenne aber erst nach einer vorbereitenden
Zeitspanne die er als Schüler in der Gemeinde verbringe Um die mönchischen
Grade zu erringen müsste er später nach Indien gehen und dort in alten
Klöstern den Buddhismus an seinen Quellen studieren aber so weit sei es noch
lange nicht immerhin  so schrieb er  fühle er sich heute freier als er
jemals war Beruhigung habe sich über ihn gebreitet Seit der Zeit da er den
Brief des Herrn von Bredow erhalten habe die böse und giftige Wunde aufgehört
zu schwären  er fühle wie sie sich schließe  Und dass ihm hier in der
Sonne des Südens eine solche Zuflucht beschieden sei in der sein bestes Teil
sich weiter zu entwickeln vermöge und Friede und tiefste Stille fern vom Getöse
der Städte fern vom Kampfplatz sozialen Ringens ihn erwarte das sei für seine
Seele heute ein überaus glückliches Wissen Ob es wohl immer so sein würde Ob
er vom Schüler zum Jünger und vom Jünger zum Mönch weiter steigen würde  er
wisse es heute noch nicht 
    Als sie den Brief gelesen hatte blieb sie lange in Gedanken versunken Dann
schüttelte sie den Kopf Dass ihm diese Zuflucht diese Weltflucht jetzt
erwünscht war begriff sie wohl Aber ihr war als dürfte gerade er dem
Kampfplatz nicht für immer entweichen Und es war ein tröstlicher Gedanke für
sie  dass zum mönchischen Grad noch ein weiter Weg war  und dass sie wusste
dass Werners Seele ein neues Kleid nicht allzu lange trug 
    Dann beantwortete sie seinen Brief Auch sie hatte eine Begegnung zu melden
 und wem hätte sie sie freier bekennen dürfen als gerade ihm Mit dem durch
den erhobenen Zustand geschärften Blick ihrer Erkenntnis schilderte sie die
teure Gestalt
    »Weißt Du noch wie ich Dir in jenem ersten Brief das Bekenntnis meines
frömmsten Glaubens schrieb Ich ahnte dass es ein Begegnen gibt welches das
Ich das tausendfältig gebundene aller seiner Bande entbindet weil es den
einzigen Genossen sah  Diese Begegnung war nun in meinem Leben  Und die
stillste Ahnung der Seele  vom Bild des Einzigen der für sie die Höhe des
Geschlechtes bedeutet  sie ist erfüllt Ich schrieb Dir damals dass kein
Besitz ja kein Begehren diese Begegnung begleiten müsse Heute Denke ich an
ihn so kommt es aus meinem Herzen wie ein unaufhaltsames süßes Verströmen 
Ich schließe die Augen und sein Bild steht vor mir Und sehe ich im Geist sein
schimmerndes Haar die lichte Klarheit die um seine Lippen lagert die tiefe
Bläue seines Auges  vernehme ich mit geschärften Sinnen die gütigen Rufe
seiner Blicke so scheint es mir als wäre ich fern von allem Wünschen und nur
ein Glück das ich bestaune ist dann in mir meine Wege führten mich in den
Kreis seiner Bahn  Wohl frage ich mich wie Du wird es immer so sein Wird
die Seele von dem Erlebten dauernd erhoben bleiben Oder wird sie wieder dem
Dunkel verfallen  dem dunklen Zwange der Leidenschaft Wer kann darüber
grübeln«   
    Sie schloss den Brief Sie schauerte eine Seligkeit die ihr unendlich
schien ergoss sich in ihr Herz wie Ewigkeitsahnen überkam es sie 
 
                                Neuntes Kapitel
                               Der Kreis Lucinda
                                Ein Intermezzo
 »Herbei Herbei Herein herein
 Ihr schlotternden Lemuren 
 Aus Bändern Sehnen und Gebein
 Geflickte Halbnaturen«
                                                                         Goethe
In Dr Wallentins Organisation bildete sich ein Arbeitsausschuss dem auch die
Geschwister angehörten So kamen sie viel hinaus in die Villa im Grunewald und
lernten nach und nach auch die andern Mitglieder der Familie kennen Eine
fröhlichfreundschaftliche Beziehung entspann sich zwischen Olga und Manfreds
jüngerem Bruder  dem mittleren der drei Dr Justus Wallentin Justus und
seine schöne Frau Inge Brénhoff fanden Gefallen an ihrer klaren Art an der
Logik ihres Wesens die unbestechlich ihre Wege ging was immer sich auch auf
ihnen verwirrend aufpflanzen mochte Justus war Rechtsanwalt und Helfer seines
Bruders In seinen scharfen klugen Augen glänzte das Weiße wie blankes
Porzellan darüber zog sich die Stirn mit immer gespanntem interessiertem
Ausdruck Inge seine Frau eine Dichterin des jungen Schwedens war eine große
schlanke Blondine mit hellen Augen die mutig in die Welt strahlten Sie galt in
Schweden als die Vertreterin der radikalen Bewegung im Frauenlager und als die
erklärte Bekämpferin der erotischen Doppelmoral Durch ihr Wirken war sie
gleich den Geschwistern mit der alten Frau Wallentin in Berührung gekommen Der
»Bund« hatte sie seinerzeit zu einem Vortrag nach Berlin geladen und bei diesem
Berliner Aufenthalt hatten sich Justus und das schöne Mädchen gefunden
    Eines Tages war Olga wieder bei Manfred Wallentin Sie hatten in längerer
Aussprache festgelegt in welchem Umfange und in welcher Weise das Material das
die Bewegung der Frauen betraf in dem neuen Blatt vertreten sein sollte
    Manfred deutete auf einen großen Stoß von Zeitungsausschnitten
    »Es ist unmöglich mit alledem fertig zu werden Das alles geht uns an
müsste geordnet und bearbeitet sein« Dieses Ausschnittmaterial war zudem aus
Zeitungen verschiedener Sprachen Manfred hatte schon öfter erwähnt dass er eine
weibliche Kraft die dem Bureau ganz zur Verfügung stände für diese und
ähnliche Arbeiten aufnehmen möchte so groß die Verlockung für Olga war sich
ihm zu jeder Hilfe bei seinem Werk anzubieten so konnte und wollte sie doch
nicht ihre Korrespondenz im Stich lassen auch war sie nicht sprachkundig genug
um diesen Platz vollkommen auszufüllen Inge die Schwägerin half fleißig aber
sie war nebstdem Gattin Hausfrau im entfernten Berlin und vor allem
Schriftstellerin die den größten Teil ihrer Zeit über ihrem eignen Werk
verbrachte Da war Olga ein Gedanke gekommen hier war ein Platz für Eva  Eva
Nestor Seit sie in Genf lebte hatten sie schon mehrere Briefe gewechselt und
erst vor kurzem hatte Eva sie gebeten für sie eine Annonce aufzugeben durch
die sie in Berlin eine passende Stellung suchen wollte von der sie mit ihrem
Kinde leben konnte Olga hatte dies noch nicht getan weil sie noch nicht ganz
klar wusste was sie eigentlich für Eva suchen sollte Hier war ein Platz für
sie Heute hatte sie Manfred diesen Plan mitgeteilt hatte ihm Eva geschildert
Erfreut bat er sie ihr gleich zu schreiben Da sie ihm Evas Lage nicht
vorentielt setzte er auch gleich die Höhe des Gehaltes fest Sorglos konnte
nun Eva mit ihrer Kleinen leben und sie würde diesen Platz vortrefflich
ausfüllen  das wusste Olga
    Eine leise Wehmut beschlich ihr Herz als sie in Manfreds Arbeitszimmer über
diesem Plan einig wurden Nun würde also nicht mehr sie nun würde eine andere 
Eva  hier an diesem Tisch sitzen der schräg gegenüber von Manfreds
Schreibtisch stand nun würden die Blicke einer anderen auf seinem Gesichte
ruhen Während sie so dachte trug Manfred einige Notizen in ein Heft ein und
ihre heimlichen Blicke konnten sich nicht losreißen von dem Glanz seines Haares
der da über der dunklen Platte des Schreibtisches lag Sie sah sein
halbbelichtetes geneigtes Gesicht die Augen blieben unter den gesenkten
Lidern und klopfenden Herzens wartete sie darauf dass er den Kopf heben und
seinen Blick dessen tiefes Strahlen sie immer wieder erschütterte ihr zuwenden
würde Eine andere sollte hier sitzen  war es nicht gut so Sie fühlte dass
sie sich nicht ruhig an die Arbeit verlieren konnte  hier in seiner Nähe
    Als sie Manfreds Arbeitszimmer verließ ging sie hinüber in den Salon der
alten Frau Frau Wallentin erwartete sie wie immer am Teetisch Justus war da
und Inge und auch Stanislaus wartete hier auf eine Unterredung mit Manfred
    Es war da noch eine Dame die sie bisher nicht hier gesehen hatte Diese
Dame wurde als Frau Wallentin vorgestellt Es war eine große schlanke
Erscheinung mit blassem ovalem Gesicht das einen gespannten matten Ausdruck
hatte der an übernächtliche Ermüdung erinnerte Ein irritierter beinahe
gekränkter Zug lag um den Mund Das Gesicht mochte einst reizvoll gewesen sein
besonders rein war die Profillinie Sie war schwarz gekleidet das Kleid zeigte
einen streng stilisierten Schnitt die Ärmel flatterten weit fast flügelartig
Auf dem Kopfe trug sie eine runde schwarze Kappe auf der zwei Rabenflügel
weit auseinandergefaltet flach auflagen
    Während Olga zum Büffett ging um von da eine Teetasse für sich zu holen
folgte ihr Justus und flüsterte ihr zu »Lucinda«
    Frau Lucinda Wallentin verabschiedete sich bald Bevor sie ging lud sie die
Geschwister dringend ein sie zu besuchen »Jeden Donnerstag Abend« sagte sie
mit ihrer flüsternden Stimme die sich nie zu voller Kraft erhob
    Als sie gegangen war sagte die alte Frau »Das ist die Gattin meines Sohnes
Manfred  vielmehr die einstige Gattin denn sie sind jetzt geschieden«
    »Sie müssen wissen« fügte Justus hinzu »dass diese Scheidung nichts anderes
bedeutet als eine Formalität denn die beiden waren schon bevor Manfred noch
auf Reisen ging auseinander Lucinda legt aber großen Wert darauf den Verkehr
mit der Familie aufrecht zu erhalten  sie hat auch eine Anhänglichkeit an
meine Mutter die von ihrer Entfremdung mit Manfred unberührt blieb«
    »Arme Frau« dachte Olga »Sie hat diesen Mann besessen und hat ihn wieder
verloren«
    Sie erfuhr an demselben Abend woran diese Ehe gescheitert war Als sich
Manfred und Lucinda kennen lernten  im Hörsaal für Philosophie  waren sie so
nahe aneinander als junge Menschen die ihre wahre Gravitation noch nicht
wissen und die eine Neigung zueinander fassen es sein können Dann waren sie
allmählich gewachsen  und jeder in einer anderen Richtung Zusammen gedachten
sie in ihren Studien weiter zu gehen und rückten nur immer ferner voneinander
ab Beide glaubten an einen sinnvollen Weltplan nur hieß er für Lucinda
»Bestimmung Fatum«  für Manfred »Notwendigkeit« wo sie Zwecke sah erkannte
er Ursachen Und in aller Zwecklosigkeit sah er dennoch ein Erhabenes weil in
seinen Folgen Berechenbares Diese seine Überzeugung von der Zwecklosigkeit
aber strengen Folgerichtigkeit allen Geschehens von dem Fehlen eines
absichtsvollen Weltgeistes  ließ sie schauern und fliehen Ihm bedeutete der
Naturgeist  Gott erhaben in seiner Kälte und Absichtslosigkeit in seiner
ehernen Folgerichtigkeit die denen die ein Vertrauen zur Logik der Tatsachen
gewannen ein sicheres Weltund Lebensgefühl übermittelte sie konnte nicht
bestehen ohne an Determinationen zu glauben die apriorisch die Erscheinungen
schoben
    So erzählte die alte Frau Wallentin von den Kämpfen die Manfreds und
Lucindas Jugend erfüllt hatten Mehr und mehr hatte sich ihrer beider Wahl als
ein Irrtum enthüllt Dazu kam noch eines Lucindas Unvermögen zur Produktion der
stärksten weiblichen Gefühle Frauenliebe war ihr fremd Nur in eine geistige
von den Nerven abgestimmte Beziehung konnte sie überhaupt zu Menschen geraten
aber Affekte der Leidenschaft des Gemütes oder der Sinnlichkeit vermochte sie
in sich nicht zu erzeugen  eine Erscheinung die indirekt auf eine Verbildung
des sympatischen Nervensystems zurückgeführt wurde Dazu kam noch ihre
Vorliebe zu solchen die gleich ihr an einem Defekte litten der sich in einer
Verbildung des geistigen und seelischen Lebens kund gab die ein Manko oder eine
Wucherung in ihrem innersten Nerven und Seelenleben bargen
    Als Olga dies hörte war sie verblüfft dieser Zustand bedeutete ja eine
Reinkultur dessen was ihr Cousin Diamant  in freier Bildung des Begriffes 
als   lemurisch bezeichnet hatte
    Sie müsste Lucindas Einladung annehmen meinte Justus in ihrem Salon würde
sie erst sehen  wie notwendig Manfreds Werk sei  wie notwendig es ist die
Gesetze festzulegen die die Entstehung von mehr normalen tauglichganzen
Menschen gewährleisten
    »Die Überladung der Gesellschaft mit Minderwertigen Lächerlichen in ihren
vitalsten Instinkten Zerbrochenen  dort im Salon Lucinda finden Sie sie aufs
lebendigste veranschaulicht« So lockte sie Justus »Freilich ist dort nur eine
gewisse Auslese jener Minderwertigen und Verbogenen zu finden  nämlich die
intellektuelle Auslese Die brutalen gefährlichen Entartungen  Verbrecher und
Ganznarren  finden Sie natürlich dort nicht nur jene die in ihrem
Instinktleben lädiert dabei dennoch  zu denen gehören deren Leben unter dem
Zeichen irgendeiner geistigen Strebung steht Kommen Sie doch am Donnerstag ich
führe Sie dahin  Sie werden Wunder sehen Wir bleiben nicht lange  ist auch
nicht nötig Ich führe Sie im Flug durch den Salon Lucinda  erkläre Ihnen
alles und alle denn ich kenne sie ich führe Sie  wie Mephisto den Faust
durch die Walpurgisnacht«
    Bis spät nachts dachte Olga über diese Einladung nach Schon im Bette
liegend wollte ihr das Bild Lucindas und ihres mutmasslichen Kreises nicht aus
dem Sinn  »Warum nicht hingehen« dachte sie  »auf nach Lemuria«   
    Es war ein Donnerstag und sie standen vor dem Eingang eines eleganten
Mietshauses am Kurfürstendamm wo Lucinda wohnte Sie erwarteten Justus
Stanislaus hatte seine Braut mitgebracht worum er gleich bei der Einladung
gebeten worden Da kam auch Justus mit Inge die schon von fern ihnen zulachte
    Während sie über die breite Treppe des Vorderhauses hinaufgingen fragte
Justus »Sie haben gewiss von den Polizeihunden gehört nicht wahr« Und als man
bejahte fuhr er fort Natürlich  die Welt ist jetzt voll von deren Ruhm Von
diesen genialen Züchtungsprodukten biologisch hochwertiger Paarungen habe ich
unter der Bezeichnung reden hören »Hunde von Blut und Passion«
    Man war zwei Treppen hoch gestiegen und stand still um Atem zu schöpfen
    »Und diese Bezeichnung trifft den Nagel auf den Kopf Sie werden gehört
haben wie diese Tiere von Blut und Passion selbst dann wenn Schüsse und
Keulenhiebe sie bedrohen nicht abzuschrecken sind von den Taten zu denen ihre
genialen Instinkte ihre hochentwickelten Sinne sie führen«
    Man stand oben im Flur der dritten Etage
    »Und wissen Sie warum ich Ihnen das sage Weil Sie jetzt das gerade
Widerspiel davon sehen werden Sie werden hier Wesen sehen  scheinbar ohne
Blut ohne Passion ohne echten Affekt und erschreckbar selbst durch jeden
Alarmschuss den das Leben abgibt«
    Er hatte inzwischen geklingelt und ein Diener öffnete Man legte in der
Garderobe ab Trotz der vorgerückten Jahreszeit schien der Jour Lucindas sehr
gut besucht denn die Garderobe war voll von Hüten Schirmen Stöcken leichten
sommerlichen Umhüllen
    Sie traten in einen großen Salon der eine Art von Ateliereinrichtung hatte
Verschiedene antike Stücke waren da zusammengestellt verschleierte Ampeln
beleuchteten die Szenerie Auf einem Sockel in der Mitte des Saales tronte
ein indisches Götzenbild von grotesker Scheusslichkeit mit glühenden
Smaragdaugen An einer Wand hing allein für sich ein riesiges Pentagramm aus
schwarzem Tuch geschnitten Der Diener ging herum und reichte auf einem Tablett
Gläser die mit einer grünlichen Flüssigkeit in der ein Strohhalm steckte
gefüllt waren »Man trinkt hier Absint« flüsterte Justus
    Lucinda stand in einer fernen Ecke des Salons und nickte den Eintretenden
flüchtig zu
    »Es darf Sie nicht wundern wenn sie Ihnen nicht entgegenkommt das tut man
hier nicht Jeder bleibt sich selbst überlassen und es ist seine Sache
Anschluss zu finden oder auch nicht es bilden sich hier zumeist Kreise in die
Aufnahme zu finden man versuchen kann jeder kann das halten wie er will in
dieser Beziehung ist man hier gänzlich ungeniert«
    Lucinda war diesmal in einem weißen Gewand von mönchischem Schnitt das mit
einem schwarzen Strick gegürtet war Das Haar hing in zwei Zöpfen die seitlich
über den Ohren geflochten waren vorn über die Schultern herunter Um die Stirn
war eine schwarze Binde gelegt und fest um den Kopf gespannt Ein großer
dunkler Edelstein von tropfenförmiger Gestalt  es mochte eine schwarze
Granate sein  war an die Binde genäht und hing auf der Stirn bis zur
Nasenwurzel herab
    An den ersten Salon schloss sich noch eine Flucht von Zimmern die alle
ähnlich möbliert waren nirgends sah man ein modernes Möbelstück Alte zum Teil
sehr kostbare Stücke aus vergangenen Epochen füllten die Räume Das letzte
Zimmer hatte keine Einrichtung Die Wände waren mit schwarzem Samt der Boden
mit einem weichen schwarzen Veloursteppich bespannt Die Decke schien in
Flammen zu stehen sie war mit einem blutroten schleierartigen Gewebe verhängt
hinter dem rote Lichter magisch glühten Einige Gestalten in wallenden
Gewändern hielten sich da an den Händen und bildeten einen Kreis in dessen
Mitte eine in rote Schleier gehüllte Frau einen phantastischen Tanz vollführte
 Im übrigen saßen und standen die Gäste in Gruppen herum
    Seltsam unwirklich schien Olga das Ganze  es sah dem Lebendigen ähnlich
 aber so wie etwa die Vorgänge die sich auf der Leinwand des Kinematographen
abspielen 
    Die Neuangekommenen gingen zwanglos durch die Zimmer »Sehen Sie dort unter
der großen Palme umgeben von Freunden jenen dicken blassen Herrn mit dem
langen wirren Haar im Frack Es ist  der Dichter des Schreckens und  des
guten Tons«
    »Wie ist das zu verstehen«
    »Er schildert Visionen in denen grauenhafte Vorgänge der menschlichen
Seele durch absonderliche Vorkommnisse gespenstiger Art dargestellt sind
daneben verherrlicht er in langen philosophischen Artikeln gewisse
Gepflogenheiten des guten Tons der Konvention Zum Beispiel hat er neulich ein
langes Feuilleton über die Sitten geschrieben die den Frack und die Schleppe
als Gesellschaftstoilette vorschrieben   sein Kreis fusst auf der Überzeugung
dass es vor allem die Reize der verschiedenen Torturen sind aus welchen die
höchsten menschlichen Offenbarungen kommen Man bedauert in diesem Kreis die
Abschaffung der wirklichen Tortur und macht flagellantische Übungen böse
Lästerzungen haben dafür einen anderen Namen  Diese Gesellschaft bildet einen
geschlossenen Zirkel der sich die Gestrengen nennt Dann gibt es noch eine
andere Sekte deren Mitglieder diesen Salon besuchen Sie nennen sich die
Gläubigen und sitzen dort auf jenem Divan  dicht unter dem Pentagramm« Eine
Schar weiß gekleideter Männer und Frauen lagerte hier auf Schemeln Matten und
Kissen
    »Es ist eine Sekte die sich zur Wiederbelebung mystisch religiöser
Ritualien zusammengefunden hat Wohl gemerkt es handelt sich nicht etwa um alte
religiöse Ideen  sondern um religiöse Gebräuche  die hier in geheimnisvollen
Sitzungen geübt werden sie machen  bei Musik  gymnastischreligiöse Übungen
ihr Programm ist die Wiederbelebung jener Kulte die von Körperverrenkungen
begleitet sind«
    Im nächsten Salon saß in der Mitte des Zimmers ein junger Herr Er trug
einen Samtrock eine kostbare Brokatweste und gestreifte Hosen ein Backenbart
umrahmte sein gerötetes Gesicht Der Herr hatte drei Tischchen vor und neben
sich Auf dem mittleren lag ein Prachtband aus dem er Gedichte vorlas Auf dem
Tischchen links stand ein Glas Absint und ein Armleuchter mit sieben brennenden
Wachslichtern auf dem Tischchen das er zur rechten Seite hatte lagen noch
mehr Prachtbände aufgestapelt
    »Dieser Herr liest hier seine Gedichte im Manuskript« erklärte Justus
    »Im Manuskript  Das sind ja dicke Bände«
    »Ja diese Gedichte gelangten nicht zum Druck  die Zeit ist nicht reif
dafür Das Innere der Prachtbände sind weiße Blätter auf denen die Gedichte
eigenhändig vom Verfasser niedergeschrieben sind«
    Die Gesellschaft setzte sich in die Nähe des Dichters und hörte dem Vortrag
zu Die alltäglichsten Worte waren da seltsam verbogen Hatte die eine Zeile
eine lange Reihe von Versfüssen so war die nächste nur von einem Ausruf
gebildet Zwischendurch gab der Dichter Kommentare »Der Reim ist wie Sie
wissen eine gemeine  oh eine gemeine Sache darum wird der Dichter ihm aus
Leibeskräften ausweichen « Nicht weit von dem Dichter saß eine schöne junge
Frau die ihm mit großen hingegebenen Augen lauschte
    »Viktoria« sagte der Dichter und räusperte sich »ein Glas Tee«
    Die schöne junge Frau stand eilends auf winkte dem Diener und brachte das
Gewünschte
    »Das ist seine Frau« erklärte Justus
    »Wie ist es möglich« sagte Olga »dass dieses herrliche Geschöpf so 
hingegeben lauscht«
    »Das hat einen geheimnisvollen Grund« sagte Justus
    »Wollen Sie uns den nicht anvertrauen«
    Justus neigte sich vor und flüsterte hinter der verhaltenen Hand »Sie ist
dumm«
    In einer andern Gruppe saßen junge Damen mit glatt gescheitelten Haaren die
über den Ohren in riesigen Schnecken lagen mit weit aufgerissenen extatisch
funkelnden Augen von dürftigem fast schwindsüchtigem körperlichen Habitus
Zwischen ihnen ein junger Mann der ein Buch vor sich liegen hatte das er Seite
für Seite mit ihnen durchging Die Damen machten sich Notizen »Kiebitze der
Literatur« erklärte Justus »Selbst steril verfolgen sie bis in die kleinste
Zuckung das Schaffen der anderen«
    Einsam in einer Ecke saß eine lange hagere düster drapierte Gestalt Erst
bei näherem Hinblicken merkte man dass es eine Dame war Ein riesiger schwarzer
Kater saß auf ihrem Schoss und sie streichelte ihn während sie vor sich
hinstarrte
    »Eine archaistische Malerin« erklärte Justus »Sie haust allein in einer
Villa mit allerlei abenteuerlichem Getier Katern Uhus Affen man spricht
sogar von Schlangen Sie hat einen Kreis von Anhängern die sich zur Bekämpfung
der konstruktiven Perspektive in der Malerei und zur gesellschaftlichen
Rehabilitierung der Perversionen zusammengetan haben  sie stellen eine
Sezession aus dem Zirkel der Gestrengen dar«
    Man ging weiter in das nächste Zimmer »Dort drüben« Justus deutete in
eine Ecke in der eine Gruppe von Divans stand auf denen Gestalten lagerten 
»sehen Sie in jener üppigen Blondine im weißen griechischen Kleid eine Dame
deren Ehrgeiz es ist  Hetäre zu sein Sie wird von der jüngeren Literatur
adoriert Sie akzeptiert aber nur Liebhaber die unter unmissverständlichem
Panier ihr nahen Die Herren die um sie herumliegen sind augenblicklich ihre
Günstlinge Es sind dies ein Anarchist jener Herr mit dem wirren Bart der die
Hand als Faust geballt in der Hosentasche hält ein Nazarener der junge Mann
mit den dünnen braunen Locken und dem verklärten Blick ein Wanderdichter
jener stattliche stramme Bursche der keine Einkünfte hat weil er nichts tut
als seine Gedichte abzufassen und der daher als Logierbesuch bei seinen
verschiedenen Bekannten lebt was ihm den Namen Wanderdichter eintrug und
schließlich ist da noch ein vierter Freund jener göttlichen Aspasia «
    »Und wer ist dieser Herr Er gleicht nicht den anderen Freunden der Dame«
    »Aber er ist ihre Voraussetzung es ist ein wohlsituierter Weinhändler aus
dem Osten«
    Ein einsamer junger Mann vergnügte sich in einer Ecke damit buntfarbige
Glaskugeln in die Luft zu werfen »Dieser Mann hat eine interessante
Geschichte« erzählte Justus »Hören Sie Er ist der Sohn eines vielfachen
Millionärs und er ist an einem sonderbaren Leiden erkrankt Es überkam ihn ein
Zustand völliger Wunschlosigkeit  es gab nichts mehr in der Welt was diesem
jungen Mann noch wünschenswert schien Darüber verfiel er in schwere
Melancholie Zeitweise hat er die Vorstellung als wäre er in einen luftleeren
Raum gebannt und muss dann eine Heilstätte aufsuchen nach einigen Wochen wird er
dann immer wieder auf seinen Wunsch entlassen da er ja nicht gemeingefährlich
ist  Das Spiel mit gläsernen Kugeln  diese Illusion des Farbigen und
Glänzenden   ist das einzige was ihm blieb«
    In diesem Augenblick rauschte eine hohe Frauengestalt durch den Saal in
schwarzen schleppenden Gewändern
    Olga erschrak das war  das war ja die Baronin 
    »Diese Dame ist zum Kabarett zurückgekehrt  ihr Gatte ein ältlicher
Aristokrat wurde kürzlich im Duell erschossen Seitdem tritt sie wie früher
als Diseuse im Kabarett die Unterwelt auf «
    Bei einem Kreise in dem es laut und gesprächig zuging saß etwas abseits
ein jüngerer Herr der eine große Schale mit Nüssen vor sich hatte die er
schweigend knackte und verzehrte Ein großer Stoß von Nussschalen häufte sich vor
ihm auf einem Tisch
    »Dieser Herr wird der tiefe Schweiger genannt Er mischt sich fleißig in
Gesellschaft gibt aber nirgends seine Meinung ab Das hat ihm den Ruf großer
Weisheit eingetragen Im übrigen geht von ihm die Märe dass er ein kolossales
Werk  zwar nicht schreibt aber  denkt die Metaphysik der Ellipse die
letzten Lebensrätsel sollen in dem was er darüber  denkt gelöst sein  Im
Gegensatz zu ihm sehen Sie dort diesen jungen Mann der begeistert von seiner
Arbeit erzählt Er hat kürzlich ein dickes Buch veröffentlicht in dem er ein
durchaus neues philosophisches System darstellt Das Buch ist mit den
merkwürdigsten Zeichnungen die der Laie überhaupt nicht versteht
ausgestattet«
    
    »Und was ist das für ein System« »Dieser Mann hat eine merkwürdige Dreiheit
im Weltall beobachtet die sich schon in der Gestalt des Menschen ausdrückt Er
sieht drei Symbole am Körper des Menschen Antlitz Herz und Hinterteil Im
Gesichte sieht er die Reflexionsfläche im Herzen die große Leitungszentrale und
in jenem anderen Körperteil die magische Sammelstelle der Schwerkraft Von
überall her strömen ihm Beweise die diese Offenbarung bestätigen Er hat dieses
System durchaus komplett aufgebaut Nachdem er nun das philosophische Werk
veröffentlicht hat schreibt er noch an einem dreiteiligen Roman in dem diese
Idee in menschlichen Schicksalen symbolisiert werden soll«   
    Man ging weiter »Sehen Sie dort jenes hagere Paar« fuhr Justus fort 
»Mann und Weib Diese beiden Leute haben sich in einem Sanatorium für
Magenkranke kennen gelernt Sie sind philosophische Prediger und sie predigen
Brechung des Willens  Befreiung vom Triebleben «
    »Wo haben sie sich kennen gelernt« fragte Stanislaus der nicht genau
verstanden hatte
    »In einem Sanatorium für Magenkranke Sie leiden beide an schweren
Verdauungsstörungen« Man ging weiter
    »Diese zwei langen schlanken Burschen da drüben sind Zwillinge ein
Malerpaar gänzlich arme Jungens Sie konnten ihre Studien nur fortsetzen und
Maler werden weil sie in bürgerlichen Kreisen eine ganz seltene
Gastfreundschaft genossen eine ganze Schar von Leuten sorgte für sie und hielt
sie über Wasser«
    »Wieso erfreuten sie sich solcher Beliebteit«
    Diese beiden Brüder sind Mystiker Will man sich auf billige Art mit dem
Sirius in Verbindung setzen  so verhelfen sie einem dazu Das Bürgertum das
es liebt ab und zu in höhere Sphären gehoben zu werden ohne doch zu
aufreizenden Konflikten oder zu schwerem Kopfzerbrechen genötigt zu sein 
schätzt die Richtung in der sich diese beiden bewegen über alles
    »Jene hübsche junge Dame dort« er deutete weiter »hat erst kürzlich ein
schweres Unglück zu verwinden gehabt  und sucht hier Trost«
    »Was ist ihr zugestoßen«
    »Ihr Geliebter hat sie verlassen«
    »Und warum das«
    »Er entdeckte bei ihr einen Pickel auf der linken Lende es war im
Frühling«
    »Dieser Pickel war wohl das Anzeichen einer bösen Krankheit«
    »I bewahre ein ganz harmloser Pickel wie man sie im Frühling dutzendweise
hat aber ihr Geliebter war eine so feinfühlige Natur dass er über diesen Pickel
nicht hinweg kam er verließ sie«
    Sie waren beim Tanzsaal angelangt Einsam drehte sich darin ein Fräulein
das aussah wie die Verkörperung des letzten Erschöpfungsseufzers einer zum Ende
ihrer Kraft gelangten Epoche Ein junger Mann mit finsterem Gesichtsausdruck sah
ihr zu
    »Sind Sie zufrieden Gregers« flötete die tanzende Dame
    »Nicht intensiv genug« antwortete der Finstere der in vernachlässigter
Kleidung mit langen Haaren und wirrem Bart dastand
    »Er nennt sich Gregers obwohl er Grünemann heißt Sein Ehrgeiz aber ist 
ein anderer Gregers Werle zu sein und überall auseinander zu sprengen was
Menschen verbunden hält Der Dreizehnte bei Tisch zu sein das befrachtet er als
seine Mission Situationen in denen es nichts zu sprengen gibt erscheinen ihm
höchst banal«
    Eine Dame trat an den Flügel Sie sang mit voller tiefer gut geschulter
Stimme aber es war schauerlich sie anzusehen denn ihr Kopf glich einem
Totenschädel über den nur die Haut gespannt war Herrlich war ihr Gesang 
aber ihr weit geöffneter Mund aus dem die Töne drangen bot einen
erschreckenden Anblick
    »Was bedeutet das alles« fragte Olga
    »Wir haben heute den dreizehnten Mai« erklärte Justus mit einer Stimme
die plötzlich prophetisch erhoben klang  »das ist jener Tag den die Römer
feierten um die Seelen jener wesenlosen Geister die als Gespenster umherirrten
und die Lebenden beunruhigten  zu beschwören  es ist heute das Fest der
Lemuren «
    Olga war es als sei jede Kraft in ihr vernichtet als wäre jede Energie
verzehrt  als hätte diese Atmosphäre sie in sich aufgesogen  Der
Angstschweiß stand ihr auf der Stirn »Was bedeutet das« fragte sie nochmals
Wieder erhob sich die Stimme des Justus zur Deutung aber die Sängerin mit dem
Totenkopf sang immer lauter immer stärker    bis Olga erwachte
    Sie rieb sich die Augen sprang aus ihrem Bett eilig zog sie die Jalousien
hoch Draußen strahlte die Maiensonne und ihr Gold floss in breiten Strömen in
den jungen Morgen 
 
                                Zehntes Kapitel
                                   Prüfungen
 »Sinke nicht  und wenn der ganze Orkus auf dich drückte«
                                                                         Kleist
Olga hatte sich beeilt Eva die gute Mitteilung zu machen Sie schrieb ihr von
der Stellung die sich ganz ohne Mühe für sie gefunden hatte Eva brach sogleich
ihren Aufenthalt in Genf ab und eilte mit kurzem Aufenthalt in Stuttgart ihrer
Vaterstadt nach Berlin In Stuttgart brachte sie bei nahen Verwandten vorläufig
ihre kleine Tochter unter die sie holen wollte wenn sie in Berlin erst sesshaft
war
    Sie war dieselbe Die Grazie ihres Wesens strahlte unverändert aus jeder
ihrer Gesten  die heitere Freiheit ihres Gemütes aus all ihren Worten Von
ihrer Ehe und deren jähem Abschluss sprach sie mit der überzeugten Beruhigung
eines Menschen der eine lösende Katastrophe erwartet hat ohne sie zu
beschleunigen und der erleichtert aufatmet als sie endlich eintrifft
    »Wissen Sie noch wie wir davon sprachen dass man bei solchen entscheidenden
Lösungen etwas  wie eine unzweideutige Erlaubnis abwarten müsse bevor man sie
unternähme« fragte sie und wandte ihr ruhig heiteres Antlitz der Freundin zu
»Zu groß wären sonst die Selbstvorwürfe Nur was man tun muss  darf man tun 
Da haben Sie wieder meine große Weisheit« Und sie erhob sich und die schlanken
zierlichen Glieder schienen sich zu strecken  wie erlöst
    Es war der Tag an dem die erste Sitzung der redaktionellen Kommission
stattfand Man sollte im reservierten Klubzimmer eines Kafés zusammenkommen
Olga ging nicht mit Eva zusammen  denn sie hatte eine Karte erhalten auf
welcher Dr Wallentin sie bat eine Stunde vor Beginn der Sitzung ihn in jenem
Café zu treffen nicht im reservierten Klublokal sondern vorn im allgemeinen
Saal des Kafés Sie ging also früher fort und Eva die vorläufig bei ihr
wohnte sollte zur Stunde der Sitzung nachkommen und auf diese Art gleich in ihr
neues Amt eingeführt werden
    Diese Karte war schon am Morgen gekommen und hatte ein brausendes Frohgefühl
in die Seele des Mädchens ergossen Ihr war als ob ihr Blut mit wunderbarer
Leichtigkeit durch ihre Adern perlte  Länger als sonst dauerte es bevor sie
sich nachmittags zum Ausgehen fertig machte Sie hatte sich für die Zeit der
Trauer zwei schwarze Kleider machen lassen und nun zog sie das schönere
bedächtig an Die weiche Seide von mattem glanzlosen Schwarz schmiegte sich
in fließenden Falten die schleppend zur Erde fielen an ihren Leib Aus dem
viereckigen Ausschnitt hob sich der schlanke sehnige edel geschwungene Hals
vom leuchtenden Weiß der Rotaarigen Das Gesicht war in letzter Zeit voller
geworden die scharf geschwungene Nase war nun entsprechend umrahmt und der
Kopf schien gerade durch sie von unverkennbarer Bedeutung Die schwarzen Augen
glänzten als wäre frischer Tau auf sie gefallen Das Haar trug sie schon
längere Zeit nicht mehr schlicht geknotet sondern in breiten Flechten unter
denen hervor sich schimmernde Wellen um das Gesicht drängten Wenn ihr dieses
Spiegelbild jetzt zulachte so konnte es an jenes andere ihrer frühen Jugend nur
gemahnen wie an eine dürftige Skizze ihres eigenen Wesens die nun endlich
Bildnis geworden reif in Form und Farbe durchleuchtet vom Glanze frauenhafter
Blüte
    Sie kam noch vor der festgesetzten Zeit Aber das schadete nichts sie
konnte ja warten Sie setzte sich in eine Ecke des kleinen Saales nahm
Zeitungen zur Hand und behielt dabei die Tür fest im Auge Warum warum hatte er
sie hierher gebeten Sie allein bevor man sich mit den anderen traf Durch jene
Tür würde er nun gleich eintreten Ihre Nerven spannten sich in Erwartung ihre
geschärften Blicke würden seinen Schatten erkannt haben wenn er an den hellen
Gardinen die die Spiegelscheiben verhüllten vorübergeeilt wäre Das Rondell
drehte sich fast unaufhörlich Leute traten ein  Leute  Nie war es ihr so
klar geworden wie übervoll die Welt von hässlichen und dürftigen Menschen war
als heute wo sie in dem Dreieck des Rondells die eine Gestalt sehen sollte 
die keiner zu vergleichen war Da kam ein Herr der hatte freundliche und kluge
Augen von ähnlichem Blau wie er aber die Lippen des Mundes waren wulstig
aufgeworfen und von den gewöhnlichsten Trieben geformt Da kam ein anderer 
die Konturen seines vollen grauen Haares unter dem weiten Filzhut erinnerten
einen schattenhaften Augenblick lang an jenen anderen Kopf  aber wie hätte
der auf solcher Gestalt wohl sitzen können Es kamen Leute  kurze und lange
dünne und dicke blonde schwarze und graue aber keiner keiner von seiner
Art Es schien ihr als gehöre er einem Geschlecht an das die Merkmale des
lichten Rassenideals mit reinster Vergeistigung gepaart hatte und nun wie eine
fremde Art herausleuchtet aus der Menge Und eine bedrückende Angst senkte sich
plötzlich auf sie  wie würde sie die Hässlichkeit die Dürftigkeit dieser Welt
ertragen wenn  wenn jenes Bild  ihr wieder daraus entschwand Ein namenloses
Bangen erfasste sie und machte sie schwindeln Jenes Bild aber  sie hatte es
gesehen War denn das nicht schon ein Wunderbares   war denn das nicht eine
seltene Erfüllung Musste man nicht am Leben irre werden wenn man dem Bildnis
seiner Sehnsucht in eben diesem Leben niemals begegnete Wenn es aber geschah 
wenn diese wunderbare Bestätigung einem wurde  musste dann nicht der Glaube
kommen der große Glaube an die Idee der Möglichkeit höchster Vervollkommnung
Und hatte man erst diesen Glauben  war man denn da nicht frei geworden 
losgelöst vom zufälligen Spiele des Schicksals das einem in diesem einen
kleinen Leben herumwirbeln mochte auf krause und scheinbar sinnlose Art Nur der
bestätigte Glaube an das Idol der eigenen transzendenten Sehnsucht  nur der
war der sichere Wegweiser im Labyrinth
    Sie hatte die Blicke von der Tür gewendet und sie auf eine illustrierte
Zeitung gesenkt die sie in Händen hielt Plötzlich fiel ein Schatten auf das
Blatt  wie ein glückliches Erschrecken ging es durch ihr Wesen wie ein Riss
vom Herzen in die Glieder  Manfred stand an ihrem Tisch Sein Gesicht lachte
ihr zu und während er seinen Mantel ablegte und dem wartenden Kellner übergab
entschuldigte er sich für die kleine Verspätung
    Er hatte sie hierher gerufen um mit ihr einen Plan zu besprechen der schon
geklärt sein sollte wenn die Sitzung zusammentraf er wünschte möglichst bald
in dem neuen Blatt einen Artikel von ihr zu bringen betitelt »Die Freiheit der
Frau«
    Sie horchte und wurde nachdenklich Dieses Thema   war sie wohl diesem
Thema gewachsen Sie bat ihn ihr das Thema deutlicher zu machen
    »Die Freiheit die ich meine   Sie können sich denken dass es nicht etwa
die Freiheit ist mit der man auf Frauenversammlungen irgendein politisches
Recht im Schweiße seines Angesichtes erkämpft  obwohl die Erkämpfung solcher
Rechte auch zur Sache gehört Aber die Freiheit die ich meine« er stockte und
sein vollkommen geformtes Antlitz dem ihren so nahe blieb ihr einen Augenblick
nachdenklich zugewendet  »die ist eine die alle jene Kämpfe um positive
materielle Güter erst sinnvoll machen soll« Und ernst und aufmunternd forderte
er sie auf »Umgrenzen Sie mir das Problem«
    Er neigte ihr den Kopf zu und die Lichtströme seiner Augen nahmen
ungehindert den Weg in die ihren Er fuhr fort »Gestalten Sie das Problem der 
fast möchte ich sagen der esoterischen Frauenbewegung wenn das Wort esoterisch
nicht gerade für mich« er seufzte  »einen unerquicklich mystagogischen und
anrüchigen Klang hätte Aber abgesehen von dieser suggestiven Färbung die das
Wort gerade für mich hat  hat es hier Geltung Jawohl  umgrenzen Sie mir das
Problem der esoterischen Freiheitsregung der neuen Frau«
    »Und warum  ich«
    »Sie  nur Sie Denn wer sonst Da wäre noch meine Mutter aber sie kann
diesen Gedanken nicht mehr das Blut der Jugend geben Neben ihr sind nur Sie 
die einzige   die davon etwas weiß die einzige die darüber etwas sagen
kann«
    Sie lächelte »Sagen kann das vielleicht aber schreiben ich« Und fast
schamhaft wiederholte sie »Sagen könnte ich es vielleicht«
    Er lachte  ein herzliches vollkommenes von keinem verdeckten Geheimnis
verfärbtes Lachen »Nun dann sagen Sie es  und dann  dann können wir ja
stenographieren«
    So gingen sie in die Heiterkeit ein Aber im Ernst sagte sie dann wieder
»Ich darf das heute noch nicht versprechen  denn ich weiß nicht« ihre Augen
bekamen plötzlich wieder jenen Schleier der sich manchmal wenn sie die Fährte
ihrer Gedanken suchend verfolgte über sie senkte  »ich weiß nicht  ob ich
selbst in dieser Freiheit bin  Erst  wenn ich das deutlich fühle  dann
erst werde ich Worte finden dafür«
    Also darum hatte er sie gerufen Auch er glaubte dass dies der wahre Grund
gewesen warum er sie hier eine Stunde vor der Begegnung mit den anderen sehen
wollte War es aber auch der einzige Grund War es nicht vielleicht auch weil
er sich freute sie zu sehen weil es ihn lockte dieses Mädchen näher zu
kennen Er wusste schon viel von ihr mit seinem erkennenden Auge seiner inneren
Erfahrung die die Seele der Organismen ahnte  verstand und ahnte er auch sie
Er erkannte sie ist durch Kampf geworden  so wie sie ist Gekämpft hat sie
auf allen Linien ihres Lebens Und es war edle Art die solche Kämpfe  so
bestand Wäre sie ihm doch vor Jahren begegnet Da hätte dem Kampf seine ganze
Seele gehört Heute  heute hatte seine Seele ein anderes Ziel heute da die
Stürme hinter ihm lagen Seit seine Scheidung von Lucinda ausgesprochen war
seit er diese unerträglich zweideutige Atmosphäre aus seinem Leben gebannt
hatte da war es wie eine letzte Griechensehnsucht in ihm  nach der heiteren
Vollendung des harmonisch Geborenen Dies hier was er vor sich sah  war
vielleicht ein Größeres Auf einen anderen  einen jüngeren vielleicht  und
doch ihm ähnlichen  musste jenes Mädchen wie eine lebendige und feurige Lehre
wirken eine große und seltsame Belehrung vom Werden dieser neuen noch
geheimnisvollen Weiblichkeit die da in die Zeit hineinwuchs  Und plötzlich
dachte er an seinen Bruder Florian  den jüngsten  Er aber Es lag wohl
an ihm Vielleicht konnte seine Sehnsucht überhaupt nicht mehr jung und
leidenschaftlich emporschlagen So stark so jung wie sie es einzig musste
sollte er sich die letzte Sehnsucht erfüllen dürfen  seine Art zu bewahren im
Schoße eines Weibes 
    Zu schnell verflog diese Stunde Er sprach mit ihr über die große Aufgabe
die er sich und anderen gestellt hatte Die Macht des Unsinns der sieghaft noch
immer seine Herrschaft übte zu brechen oder doch zu schwächen Dazu bedarf es
eines Hochdrucks von Intelligenz Und da der Grad der intellektuellen Potenz
sowohl im Komplex des Individuums als in dem der Art beschlossen lag hieß es
die Vorgänge des körperlichen Lebens ganz ebenso ergründen wie jene des
sozialen und des immateriellen Gefüges der Welt Nun da der Stab der Helfer
gebildet war nun schien das Werk keine Utopie mehr 
    Die Uhr war acht Manfred grüßte zur Tür Einer der Herren die zur Sitzung
kamen war eingetreten Man erhob sich und ging hinauf in das reservierte
Klubzimmer Im Verlauf einer Viertelstunde waren die Erwarteten fast vollzählig
zur Stelle
    Da war ein Gelehrter ein älterer Mann der ein großes Werk über soziale
Ökonomie geschrieben hatte dann ein Physiologe der für die Regeneration der
Menschen durch Verbreitung einer Ernährungswissenschaft auf chemischer Grundlage
kämpfte  Justus war gekommen und Stanislaus Nachdem der Arzt und der
Nationalökonom ihr Programm entwickelten ging man zur Abteilung für Technik
über Hier war alles schon beschlossen Ein junger Mann mit großem kahlen Kopf
und heiterem Gesicht sehr hellblond stellte den Antrag eine Rubrik des
Blattes zu bennenen »Register des Unsinns« Hier sollte jeder Unsinn der die
soziale generative moralische und ästhetische Entwicklung der Menschheit
bedrohte gleich in seinen ersten Äußerungen eingefangen und gespiesst werden
Die barbarischen Atavismen der Zeit  hier wollte man sie ins Netz kriegen und
entsprechend präpariert zur Schau stellen
    Stanislaus übernahm die Redaktion des Blattes und sollte später als
Herausgeber zeichnen Es war beinahe ein zu großes Amt das auf ihn gelegt
wurde wenn er daneben auch noch weiter produktiv bleiben wollte Hier wäre ein
Platz für Werner gewesen dachte er für Werner der ein scharfer Leser war
Aber der saß nun im gelben Kleid und grübelte über den Rätseln des Daseins 
Besondere Beachtung sollte neben allen anderen Künsten der Schauspielkunst
geschenkt werden Und neben deren Kritik sollten von Zeit zu Zeit Aufsätze über
das Wesen dieser Kunst von einem der ihrigen veröffentlicht werden Auch er war
da ein so vollkommener Schauspieler dass er nichts mehr Teatralisches in
seinem Wesen hatte dieser schlanke kaum über Mittelgrösse ragende Körper der
wie ein dämonisches Instrument des Geistes schien  wie der wahre Mittler
zwischen Geist und Erscheinung  hatte die freie Gebärde des vollkommen
vergeistigten Instinktes Dieser Mann den die Gegenwart als den größten seiner
Zunft pries und der die beherrschte Haltung des immer Gefeierten hatte war in
enger Fühlung mit Manfreds Lebensplan Manfred erklärte warum die
Schauspielkunst hier besonders beobachtet werden sollte »Diese Kunst
veranschaulicht den äußeren Adel der menschlichen Erscheinung  die höchste
Möglichkeit der menschlichen Gestalt  und die reine Idee aller Affekte«
Vergleichende Sprachforschung sollte gepflegt werden und vor allem
vergleichende Völkerkunde Hier fehlte noch Florian Seine Rückkehr wurde
erwartet Aber nicht nur der Etnologe der Gesellschaft sollte Florian sein 
nein er würde in diesem Blatt die Stimme der Zukunft die Stimme der
Forderungen die Stimme kosmopolitischer Wünsche laut werden lassen Denn dieses
war die wahrhafte Stimme jenes jüngsten Bruders Florian An dieser Stelle
sollte sie  neben seinen Erfahrungen  hörbar werden
    Olga erinnerte sich was ihr die Mutter der Wallentins von Florian erzählt
hatte Er hatte nicht aus eigenem Antrieb daran gedacht Antropologe zu werden
Mit revolutionärem Ansturm war er nach vollendeten Studien ein Jugendlicher zu
des Bruders reifem Werk gestürmt Der aber hatte ihm geboten erst das Auge zu
schärfen für die Dinge die sind bevor er an die Propaganda der Dinge die
werden sollten denken dürfe »Das Auge schulen  es ruhen ruhen lassen  die
Erscheinung ergründen die da ist« Und darum hatte er ihn dahin gesandt wo es
zu schauen gab wo alles was er sah mit ursprünglichem Blicke gefasst und
gewertet werden musste
    Zum Schluße wies Manfred auch Olga ihren Platz an Frau Wallentin und sie
sollten über jene Fragen berichten die große Schichten der Frauen bewegend
hoben Besonders sollte diese Frauenfrage unter dem Gesichtspunkt der
Weibesfrage und ihres Zentralsten des Mutterproblems erörtert werden
    Für die Strebungen der Frauenbewegung trat Manfred nur bedingungsweise ein
er wünschte die wirtschaftliche Selbständigkeit der Frau  aber  ergänzt durch
Frauenschonung und Frauenschutz zur Zeit der Belastung durch die Vorgänge der
Fortpflanzung Ja er verlangte die gesellschaftliche Sicherung der Frau als
Pflegerin und Erzieherin der Generation Natürlich sollte die Frau ihr Leben
nicht etwa nur auf ihren Gattungszweck einstellen  da das höchste Gut der
organischen Welt das Gehirn auch bei ihr entwicklungsfähig und vielfach
hochentwickelt war Nur vor der Schädigung durch grobe Brotfrohn wollte er sie
behütet wissen Die Frauenarbeit in ihrer heutigen Form die besonders die
Kräfte der Proletarierfrau zerrieb betrachtete er wie ein gefährliches
Medikament das man einem kranken Gesellschaftskörper zuführt weil man die
eigentliche Methode seiner Heilung noch nicht weiß Diese Methode aber würde
dahin streben  dass das echteste Recht des Weibes das Recht auf Mutterschaft
jedem dazu tauglichen Weibe gesichert würde Dann erst wird die Frau nur zu
jenen Berufen streben die ihre Lebenskraft und ihre Lebensfreude erhöhen
anstatt sie zu zermürben
    Olga erwiderte »Das war von jeher wenn auch unbewusst die geheimste
Strömung der Bewegung Um bewusst zu werden musste sich die Bewegung im Kreise
drehen sie ging aus  von der Stellung der Frau als Weib gelangte zu ihrer
Situation als Erwerbende und geistig und wirtschaftlich Selbständige und kehrte
zurück  zum Mutterproblem«
    Nun war noch über die Technik der Redaktion zu sprechen Hier hätte man die
neue Helferin gebraucht Wo war sie Olga machte sich Vorwürfe in der frohen
Hast mit der sie vom Hause weggeeilt war Eva nicht deutlich genug über den Weg
zum Vorort hierher unterrichtet zu haben Nun hatte sie sich verspätet weil sie
den Weg nicht kannte und würde wohl kaum noch kommen Ihr Blick glitt über die
Runde von Männern unter denen sie die einzige Frau war Sie saß Manfred
gegenüber Plötzlich zum erstenmal überkam sie der Gedanke Warum  warum ist
er allein Seine Verbindung mit Lucinda war längst ein leerer Schein gewesen
Warum fehlte diesem Mann bis heute die Gefährtin Auf seinen weiten Reisen in
allen Zonen der Kultur hätte er sie da nicht finden müssen Ihre Gedanken waren
plötzlich versponnen in diese Frage Die eigentliche Sitzung war beendet aber
man blieb noch zusammen Sie grübelte  Warum war er  allein Aber freilich
wo war die Gefährtin für ihn Diesen Mann konnte zum zweitenmal kein Missgriff
beirren Wo war die Ergänzung für ihn  wo eine Weiblichkeit rhytmisch in
Blut und Geist wie sie allein neben ihm zu denken war
    Es klopfte Ein bescheidenes aber doch ein deutliches Klopfen war es
Manfred ging zur Tür und öffnete
    Eva Nestor stand vor ihm und Olga sah sie  sah sie mit großen
erstaunten mit wissenden Augen  als hätte sie sie das erstemal gesehen  sah
sie neben jenem Manne der für sie der vollkommenste des Geschlechtes war 
Der Sommer war vergangen für Olga  überwunden Stanislaus und Lore hatten
kürzlich geheiratet und Stanislaus verwurzelte sich tief in sein Gatten und
Vaterglück Jetzt rüsteten auch noch zwei andere zu dauernder Bindung Koszinsky
sollte für seine Firma nach Buenos Aires gehen um eine deutsche Filiale des
Geschäftes da zu leiten Er nahm Erika mit Und da sie drüben keinen Anstoß
erregen wollten so gingen sie vorher brav zum Standesamt Olga Stanislaus
und seine Frau wohnten der Zeremonie bei Nachher ging man zu fünft in ein
kleines Restaurant zum gemeinschaftlichen Mittagessen
    Erika strahlte vor Glück In ihrem neuen grauen Kleid sah sie wirklich wie
eine Jungvermählte aus Es war als ob alles was vordem ihr Leben bedrängt
hatte in dem schwarzen Wasser des Kanals geblieben wäre Aus Koszinskys Gesicht
war der unstäte Zug gewichen Seine Miene war ernst zufrieden und um seinen
Mund verborgen in dem blonden Spitzbart lagerte ein Zug von heimlicher
Heiterkeit den er früher niemals gehabt
    Erika war entzückt von der neuen überseeischen Aussicht
    »Nach Buenos Aires  denken Sie nur in dies herrliche Klima diese fremden
interessanten Verhältnisse« Sie schwärmte begeistert
    »Erinnern Sie sich Koszinsky«  sagte Olga  »wie es einstmals ein  Traum
von Ihnen war sich irgendwo auf einer grünen Insel im blauen Meer
niederzulassen  irgendwo fern von Europa  und dort als Farmer zu leben«
    Woher nahm sie den Mut ihn an jene Stunde zu mahnen Die Gegenwart war es
die ihr diesen Mut gegeben Ungescheut durfte sie jetzt heute auch dieses Bild
heraufbeschwören War denn das nicht wirklich sein Schicksal gewesen War er
nicht erst hinausgeschleudert worden ins Uferlose und hatte sich dann doch auf
einem Stückchen grünenden Landes gerettet
    Koszinsky nickte mit rückschauendem Erinnern 
    »Das schönste ist doch  dass Kasimir«  Erika behandelte den Namen als ihr
unzweifelhaftes Eigentum  »in ganz selbständiger Stellung da hinüber kommt Er
soll ja nicht nur die Filiale leiten sondern den Austausch der Produkte
vermitteln  sein Chef will seiner Fabrik ein Ex und Importgeschäft anschließen
und lässt ihm freie Hand Und denken Sie« fuhr sie eifrig fort »wie man dabei
den deutschen Interessen dient«
    Koszinsky dämpfte ihre kühnen Hoffnungen »Wenn es mir nun nicht gelingt
Erika« Und ernstaft setzte er hinzu »Dann bleibt mir nichts anderes übrig
als zu den Siouxindianern überzugehen um mich im blutigen Krieg gegen die
Bleichgesichter auszuzeichnen Es ist nicht unmöglich dass ich es vom
gewöhnlichen Krieger dann bis zum Häuptling bringe und etwa als große Wolke viel
von mir reden mache Auf diese Art wirst du dann doch noch die Frau eines
angesehenen Mannes«
    »Sehen Sie so spottet er immer Aberich mache mir nichts daraus und es ist
doch gut dass er auf dem  Wege ist Und sicher ist es auch kein Unsinn dass er
sich als Kaufmann da drüben auch noch spezifisch deutsche Verdienste erwerben
kann« sie blieb dabei  »die auf solchen Plätzen auch anerkannt werden« Mit
dieser immer gleichen Beharrlichkeit ihres Wesens mit der sie jetzt diese
neueste Idee verfolgte hatte sie den Mann auf die Linie einer bürgerlichen
Existenz gebracht
    »Sie sieht sich im Geist schon als Frau Generalkonsul« erklärte Koszinsky
  
    So schloss sich überall zusammen was sich im Leben ergänzen vielleicht
vollenden konnte Nur sie sie allein stand außerhalb all dieser Ringe So hatte
auch das Schicksal  wenn man jene geheimnisvolle Schiebung einer höchsten
Logik die die Dinge in sich tragen und die in ihren Geschicken fortwirkt so
nennen wollte  jene bedeutsame Konfrontation herbeigeführt  zwischen Manfred
und Eva Mit erkennenden Augen mit der sich selbst hochhaltenden Art der
seltenen Persönlichkeit so waren sie einander damals gegenübergestanden Welch
Rätselvolles lag doch in solcher Begegnung Zwei kreuzen ihre Wege zur
bestimmten Sekunde und diese wird ihr Schicksal Sie kann aber auch das
Schicksal eines Dritten werden  des Ausgeschlossenen  Olga wusste dass da
sie diesem Mann begegnet war  kein Mensch von anderer Art als von seiner
jemals die Einsamkeit von ihr nehmen konnte  Und da dieser Eine die Genossin
gefunden die nicht sie war so betrachtete sie ihr Urteil als gesprochen Seine
schnelle Entscheidung für Eva die Olga in der Minute ihrer ersten Begegnung
erkannt hatte  sie war den Instinkten höchsten Lebenstriebes entsprungen Denn
unter allen Frauen wahrlich war diese eine die er spät gefunden die einzige
die das angestammte Seine vollenden erhöhen konnte Im Sturm einer Minute
hatten sie einander erkannt  diese beiden von der Natur so wohl Erdachten
    Einmal bald nach dieser Begegnung da hatte Manfred ihr  Olga  sein Herz
ausgeschüttet hatte ihr bekannt wie er Eva sah »Ich hörte einmal eine tiefe
Deutung der Gestalten der Sixtinischen Kapelle In den Figuren unterhalb der
Bilder der Schöpfungsgeschichte  in den Dreiecken zwischen den einzelnen
Tableaus  waren Sie schon in Rom Nein das müssen Sie nachholen   in jenen
vermittelnden Figuren sah der Kritiker die Freudigkeit der Götter die Weisheit
der Propheten die Tiefe der Sybillen und die Liebe der Mütter gestaltet Und
sie Eva  hat sie nicht die Freudigkeit der Göttin die Tiefe der Sibylle und
das Herz einer Frau«
    Aber sie war nicht nur freudig tief und liebreich sondern die hohe
Vernunft die all ihr Leben sie getragen führte sie auch hier Als er sich ihr
mit junger Sehnsucht näherte vergaß sie doch nicht was ihr fast erratendes
Wissen um die Dinge ihr mitgeteilt hatte  dass dieses Mannes Erlebnis mit dem
Weibe sich unterordnen müsse seinem Erleben am Werke Und sie wusste dass sie nur
dann sein werden und sein bleiben dürfte wenn seine Bestimmung zum Werke
darunter nicht litt 
    Unter all den Halben Geborstenen Geschwächten die ihm im Leben begegnet
waren faszinierte ihn diese einzige durch die hohe Vernunft die aus ihrem
Wesen strahlte Wie waren hier selbst jene Triebe deren Wesen Begierde ist
geedelt und hochgezogen wie war sie doch so »berechnend« im sibyllinischen
Sinn Glücklich ergab sie sich seinem und ihrem Begehren  sah sie doch darin
ihre endliche Bestimmung Aber über allen Leidenschaften die ihrer
starkströmigen Natur fröhlich entsprangen stand wachsam eine erhabene
Besonnenheit die das Leben beschützt und mehrt 
    Von diesem Schauspiel das sich vor Olgas Augen abspielte drohte ihr der
Fall In tiefem Bangen sah sie sich vor ein Schicksal gestellt das ihren Willen
überwuchs und das Dogma dieses Willens  den Pfeiler an den sie sich
lebendig rankend immer gehalten  zum Sturze brachte Dieser Grundpfeiler
ihres Willens war der Antrieb  zu wachsen bis an die letzten Grenzen des
Masses das die Natur ihr zugebilligt Darum durfte sie  so hatte sie in Zeiten
schwerster Not erkannt  nicht sinken durch dunkle Erlebnisse »Sinke nicht 
und wenn der ganze Orkus auf dich drückte« Dieses Wort der Amazone Pentesilea
war auch das ihre Und  horch  war hier nicht die wahre Prüfung der Frau 
jener Frau die der Zukunft gehörte  war dies nicht die wahre Freiheit der
Frau  dass sie eine Ungebrochene bleiben musste und eine Wachsende so schwer
und dunkel auch ihr Weibesschicksal sich über ihr zusammenballte Ach wie war
sie dieser Freiheit doch so fern In schmerzlichem Erleben glitten die Kräfte
Aber sie eilte ihnen nach raffte sie zusammen brauchte sie denn nicht ihre
ganze Seelenmacht da doch an jedem Wegende ein Schicksal von ihr besiegt sein
wollte
    Sie rang mit sich  diese beiden ihr teueren Menschen  beide lieben zu
können Aber es schien als wäre die Stunde wo solches Lieben freien Herzens
möglich war noch nicht gekommen Der Ertrag ihres heldenmütigen Versuches aber
war dass sie wenn auch nicht die Vereinigung der beiden so doch jeden
einzelnen weiter liebte sie beide weiter sah im Licht ihrer besonderen Art 
  »Liebe darf niemals unfrei machen« so hatte einst Lore die ja auch zu
jenen gehörte die ihre Füße sicher setzen gesagt Sie lächelte schmerzlich
wenn sie dieses Wort überdachte Jene höchste Weiblichkeit die ein Dichter der
Zeit auf den Mars verlegt hatte jene Numenfrauen  die vielleicht konnten dies
Wort zur Wahrheit führen Sie aber fühlte sich als Übergangene  dies war ihr
wiederkehrendes Los auf totem Gleise fuhr ihr Leben dahin und ihr war als
müsse sie dieses Todesbewusstsein erdrücken
    In dieser Zeit hatte sie eine dichterische Offenbarung Da das gesprochene
Wort und nicht die Feder ihr Instrument war blieb diese Offenbarung als reines
Erlebnis in ihr Es war dieses Sie erlebte neu die tiefe Idee die sich an der
Myte von Königin Dido erhalten hat   
       Unter die geringe Art der Phönizier die am nordafrikanischen Strande
siedelt tritt der Held  eine Gestalt des Lichtes der Sohn aus edlem Stamme
 Aeneas Die Königin  Dido die Städtegründerin die Selbsteigene  die
Emanzipierte  wird von der Liebe getroffen Dass sie es bis heute nicht war 
es hatte seinen Grund darin dass sie edler Mannheit nicht begegnete In Didos
Seele wohnt der Frohsinn die Tapferkeit die Tatkraft und wie eine rote
blätterreiche tief in ihren Kelch hinein verdunkelte Rose ist ihr Herz Nicht
umsonst heißt sie die »vollherzige Dido« Sie reitet mit Aeneas zur Jagd sie
gibt sich ihm hin  oh die Welt ist ein Strahlenmeer geworden für die Königin
Dido »Brennend vor Liebe durchschweift sie  die Stadt« Und nun erlebt sie 
die Königin das schwärzeste Weibeslos Der Held verlässt sie  überlässt sie
denen die um sie sind  den Geringen Über die zur Tat geborene selbsteigene
Dido kommt das Leid das zermalmende Das Leben bedroht sie mit der Schmach der
Lächerlichkeit Ein nomadischer König Jarbas strebt nach ihrer Hand Der
Geringe den sie verschmäht soll sich wieder in ihren Umkreis wagen dürfen da
sie dem Hohen so nahe so nahe war  Unter der Sonne Afrikas friert die Königin
Dido eisige Verzweiflung durchdringt sie immer tiefer
    »Wäre zum wenigsten mir ein Denkmal unserer Liebe Ehe du fliehest gewährt
und spielte ein kleiner Aeneas Mir im Palaste herum der dir doch gliche von
Antlitz Ach nicht schien ich mir ganz die Gefangene oder die Witwe«
    Aber ohne ein Pfand ihrer Liebe ihr zu lassen ist der Held enteilt  für
immer Nur weil sie so friert weil sie sich langsam zu Tode friert kann es
geschehen dass sie den Scheiterhaufen für sich errichten lässt Dido die Königin
 die Städtegründerin die herrlich Selbsteigene  die ein zu Tode frierendes
Weib ward da der Held sie verließ 
    Olgas Traumleben hatte alle ihre Schicksale begleitet Was dunkel oft in
ihrer Seele noch war  der Traum erschloss es zu letzter Klarheit So träumte sie
auch jetzt Dido stand auf dem Scheiterhaufen den sie zu magischem Gebrauch
errichten ließ Und sie  sie selbst war die brennende Königin Kaum fassten die
Flammen ihre Kleider so entfloh sie Sie sah sich im Traum flammenlohend über
einen Hügel laufen immer näher kam sie der Klippe am Gipfel und von da
erblickte sie das Meer das rettende Meer in das sie sich stürzte Nicht dass
sie ertrinken musste dachte sie  nein nur dass die Glut gelöscht wurde das
war es was sie wusste als sie jenen Sprung tat im Traume   
    Sie erwachte mitten in der Nacht allein mit ihrer Herzensnot Draußen
spannte sich ein sternenklarer Sommernachtshimmel Sie blickte von ihrem Bett
aus in das blaue Feuer der Venus nicht ihr nicht ihr schien dieser Stern  

    Eva die jetzt mit ihrem Töchterchen nahe dem Grunewald wohnte besuchte
sie Wie immer so wirkte die Heilsamkeit ihres Wesens auch heute Sie hob ihren
Mut ihren Glauben an ein logisches Geschick das auch ihr bestimmt sei Sie
sänftigte den Aufruhr und als sie sie friedlicher wusste umschlang sie sie und
wagte es zu gestehen was Olga doch bald erfahren musste dass sie von Manfreds
Liebe ein Pfand trug
»Sinke nicht  und wenn der ganze Orkus auf dich drückte«  das sprach die
irrende einsame Stimme Stirb du begehrendes Ich stirb und werde  ein
anderes Auf du entbehrende Seele  auf zur heldischen Tat zur Tat der Freude
darüber dass die Art die du als die höchste kennst unter dem Herzen einer Frau
geborgen liegt Auf zur Freiheit du Ringende zur höchsten Freiheit Stirb und
werde   
    Hier war eine glückliche Mutter Eva Aber auch eine verlassene Mutter  die
vom Elend spricht welch ein Hohn welch eine Lüge War nicht jede Verlassene
eine kaiserlich Besitzende die vom Geliebten das Kind empfangen Verlassen 
das war nur jene die so stand  wie sie stand Und wusste sie denn wohin sie
noch musste Auf welche fremde öde Straßen mochte sie ihr Weg noch führen  
ehe sie an einem Punkt der fern in der Ewigkeit lag  den Geliebten wiedersah
    Wie Verirrten sich ihre Träume War die Seele so geschwächt dass sie sich
dennoch an das Märchen klammerte an das Märchen vom ewigen Begegnen vom ewigen
Wiedersehen bis es im Stadium der Vollendung Vereinigung wurde
    Sie wollte fort Stanislaus und Lore hatten ihr zugesprochen eine
Italienreise zu machen Auch Manfred hatte ja gesagt dass sie dieses nachholen
müsste Ihre Korrespondenz warf ihren Lebensunterhalt ab sie konnte wohl ihr
kleines Vermögen jetzt angreifen und das Blatt mit Lores Hilfe eine Zeitlang
auch von ferne leiten Fluchtgedanken trieben sie nach Italien aber es war
keine Lust und keine Sehnsucht dabei Auch fürchtete sie sich im geheimen vor
dieser geplanten Reise Die Worte des Antonius die er zu Tasso spricht kamen
ihr in den Sinn »Schmerz Verwirrung Trübsinn harrt in Rom auf dich «
Sollte sie fort War es geboten war es erlaubt War es Feigheit dass sie
fliehen wollte oder war es Feigheit dass sie blieb  weil sie nicht fort
wollte ohne  ihn  noch einmal gesehen zu haben
    Sie konnte ihn jetzt nicht sehen Manfred war auf einer Reise nach London
Dorthin hatte er einen internationalen Kongress einberufen Abend und
morgenländische Gelehrte vorwiegend Physiologen und Staatsmänner sollten auf
diesem Kongress über jene Probleme beraten welche eine internationale
Intellektspolitik forderten und deren Verwirklichung durch die Verschiedenheit
der Rassen verhindert war ohne die überragende biologische Position der weißen
Rasse durch Mischung zu gefährden musste doch eine verbindende Brücke über diese
verschiedenen Völker geschlagen werden
    Sollte sie fort Trübsinn harrt in Rom auf dich  War es Feigheit wenn
sie reiste Mut wenn sie blieb  oder umgekehrt Sie war beirrt und sah den
Weg nicht klar
   Im Unwetter eilt Olga über die Straßen Große Wassermengen bedecken die
Wege Der Regen strömt im Wolkenbruch Die Blitze diese flinken funkelnden
zornigen Gesellen stürmen im Zickzack über das Firmament Jeder tritt
angekündigt von einem Donnerschlag einen Augenblick lang zackig und glühend
in Erscheinung und verschwindet wieder als stürme er durch den Weltenraum
    Diese Regenmassen der letzten Tage hatten einen Damm unterwaschen  einen
Damm auf dem ein Eisenbahnzug  von Vlissingen nach Berlin fuhr Der Damm war
zusammengebrochen und jener Zug entgleist  Sie jagt über die Wege sie watet
durch das Wasser Die tiefer gelegenen Plätze in Friedenau sind überschwemmt
Sie wird nass bis zu den Knieen hinauf sie schürzt das Kleid so hoch sie kann
und watet weiter um nur den Bahnhof zu erreichen Endlich ist sie im Zug Am
Bahnhof Grunewald angelangt sieht sie sich vergebens nach einem Wagen um Es
ist keiner da Im Unwetter verfolgt sie die Spuren des verwüsteten Weges durch
den Wald Und dann dann steht sie endlich am Hause In ihren nassen triefenden
Kleidern eilt sie hinauf Frau Wallentin kommt ihr entgegen  gebeugt  eine
alte alte Frau Sie zieht sie in die Arme und das Mädchen lässt hier ihre
Tränen fließen Dann nimmt sie die Mutter an der Hand und führt sie hin bis an
die Tür jenes Zimmers  in dem Manfred den Tod erwartet 
    Der Zug der einige Teilnehmer des Kongresses von Vlissingen nach Berlin
bringen sollte war entgleist Als man Manfred nach Hause brachte war er ein
verlorener Mann Äusserlich unverwundet hatte er innere tödliche Verletzungen
davongetragen »Hoffnungslos« sagten die Ärzte
    Die Mutter hat leise die Tür geöffnet aber Olga tritt nicht ein Sie bleibt
im Nebenzimmer hinter der Portiere die sie behutsam beiseite schiebt Sie will
sich nicht an sein Lager drängen dort ist nicht ihr Platz An seinem Bett sitzt
Eva Sie will nur noch einmal die geliebten Züge schauen Und zum zweitenmal
sieht sie einen Menschen sterben Sie sieht wie er die Augen aufschlägt und wie
ein letzter goldener Strahl daraus zu Eva gleitet Sie sieht wie Eva sich über
ihn beugt wie er seine Hände hebt  wie sie auf ihrem Leibe ruhen 
    So steht sie an der Tür so blickt sie zum letztenmal in das Antlitz 
über das sich die Schatten lagern die bald für immer bedecken was sie geliebt
  
Manfreds sterbliche Reste wurden in das Krematorium von Gota überführt und dort
verbrannt Dann wurde die Urne mit seiner Asche provisorisch beigesetzt 
verwahrt Die endgültige Bestattung sollte von einer besonderen Manifestation
der Kulturwelt begleitet sein Noch waren die Teilnehmer des Kongresses den
Manfred einberufen in Europa als die Kunde von seinem plötzlichen Tode bekannt
wurde Sofort bildete sich ein Komitee welches sich die Aufgabe stellte die
Mitglieder des Kongresses in möglichst großer Zahl zu Manfreds Begräbnis zu
führen
    Und sie kamen Sie strömten herbei  hunderte von Menschen die an den
Spitzen der geistigen Entwicklung der Welt standen Hunderte von Trägern
internationaler Kulturgedanken kamen seine Asche zu bestatten Es war ein Zug
wie man ihn noch nie gesehen  ein Zug von Menschen deren Haltung und Antlitz
der Geist die entscheidende Form gegeben deren Stirne vom Werke leuchteten Ein
Teil des großen Parkes war von einem Gitter umfriedet und bestimmt worden die
Urne zu bergen Ohne jede religiöse Zeremonie bewegte sich der Zug vom Hause bis
zu jenem Teil des Parkes
    Das Unwetter hatte ausgerast und einer jener goldenen Oktobertage
überleuchtete Himmel und Erde Unter einer breitkronigen Rotbuche war ein
überwölbter Sockel von weißem Marmor errichtet worden einer Art von
steinernem Schrank in dem die Asche in einer antiken Urne die Manfred selbst
von einer Weltreise mitgebracht und deren schwärzliche Bronze die Jahrtausende
patiniert hatten beigesetzt wurde Es war dies in jenem Teil des Parkes der an
herrlichen Gewächsen am reichsten war In edler Anlage schloss sich hier dichtes
Baumwerk zusammen Kiefern Taxus Lebensbäume und Zypressen Kirschlorbeer und
Rhododendron rankten sich in geschützten Lagen Neben jungen Blautannen glühten
die granatroten Beeren des Ilex Moos bedeckte die Erde und den Ansatz der
Bäume und hohe Farne schmiegten wie tröstend ihre zärtlichen Spitzen an das
marmorne Gehäuse das in tiefer Nische die Urne barg Hier rankte echter Wein
von dichten Büscheln roter Kletterrosen durchglüht Bunte Nesseln leuchteten
neben den Farnen und eilten von hier den Sträuchern zu Weiße Palmlilien hoben
sich in schlanker Schwermut aus dem dichten Dunkel des Gartens und auf
kletterndem Gesträuch wiegten die Passionsblumen ihre rosa lila und weißen
Köpfe mit ihren sechsund achtblättrigen Blüten schimmernd wie entflohene
Sterne
    Ein großer Dichter trat vor Sein bartloses feierliches Antlitz mit der
gewaltigen Stirn erinnerte an das Haupt eines jungen geistlichen Sehers dem
in der Stille seiner Zelle Offenbarung wurde Mit schöpferischen Worten zauberte
er das Bildnis des Toten herauf Er sprach von den erschliessenden Augen die
liebreich auf den Dingen geruht Er stellte sein festliches Wesen vor die Seele
der Trauernden In dem jähen Tode des Freundes sah er ein Symbol wie es das
Schicksal nicht sinnfälliger erdenken konnte ein Symbol für den tollen Zufall
der Vernichtung der das Hohe auf dem Wege zur Vollendung immer wieder
zerschmettert »Der Neid der Götter schlug hier wieder einen nieder der die
Menschheit in ihre Nähe zu rücken sich vermass Ein Ritter der den leuchtenden
Degen schwang ward hier niedergestreckt Er starb in der letzten Stunde vor der
wohlbereiteten Tat nachdem er den Ertrag seines Lebens in von ihm gewählte und
geeinte Hände gelegt Von hier aus wird das verwahrte Pfund erwachsen bis es
jene Gestalt erreicht die die Sehnsucht des Toten war die ihm vorgeschwebt
deren Bild ihn auf langer Wanderschaft geführt  Wie eine sagenhaft
ritterliche Gestalt so wird uns im trüben Tag irdischen Wirkens sein Bild
umschweben « Als die letzten Worte verhallten fluteten aus der Verborgenheit
des Parkes die erhabenen Klänge des Trauermarsches der Siegfrieds Tod
begleitet Und die Töne folgten dem Zug als er sich langsam in Bewegung setzte
und dem Hause zuging   
    Einsam in der strahlenden Herbstsonne blieb die Urne in ihrem steinernen
Gehäuse und die Buche ließ das Blut ihrer Blätter über dem weißen Marmor
rauschen Zärtlich schmiegten die Farne ihre gefiederten Spitzen an den
leuchtenden kalten Stein der frische Herbstwind strich durch die bunten
Nesseln und fuhr flüsternd weiter bis er die Sterne der Passionsblumen wiegte
und dann aufstieg in die Kronen der Bäume denen er raunend erzählte was sich
unten an dem einsamen Stein begeben 
Tage verstrichen Tage in denen die Seele sich tief und willig ihrem Weh
verkettet  Da kam ein Brief von Werner
    Er erzählte von seinem Leben in der Blockhütte  Zwei Stunden täglich
arbeitete er auf dem Acker und Gartenland das die Hütten einte und dessen
Ertrag die Ansiedler zum größten Teil nährte Reichte die Ernte nicht aus so
half der europäische Verein denn Bettelmönchtum lag nicht im Sinne
neubuddhistischer Reform Vor der Aufnahme hatte er ein tiefschürfendes
philosophisches Verhör zu bestehen gehabt Wie er jetzt erfuhr hatte ein
besonderes Schreiben des Herrn von Bredow seine Aufnahme begünstigt Die ganze
übrige Zeit  außer jener zweistündigen Gartenarbeit  gehörte den Jüngern zur
Versenkung und zum Gespräche über die tiefsten Fragen So hatte er den Sommer
verbracht und geistliche Stille hatte sich über seine Seele gebreitet Manchmal
freilich geschah es dass es wie ein Aufschrecken wie eine plötzliche Unruhe
immer noch über ihn kam er glaubte dann hinhorchen zu müssen  hin nach der
Welt des Kampfes in der die Musse nur in spärlichen Mengen gewährt ist und in
der die höchsten Preise andere sind als die die ihm jetzt beschieden sein
mochten  Dann fragte er sich wohl ob nicht seinem scheinbar so einfachen
Leben doch ein Gedanke von Künstlichkeit ja von Gewaltsamkeit zugrunde lag 
ob nicht dieses absichtsvolle Vermeiden aller Möglichkeiten des Glückes 
dieses ängstliche Erdrücken aller Wunschkeime   eine Gewalttat war die dem
Gang des Lebens in die Zügel fiel Gewiss das Ziel war ein hohes Ruhe des
Herzens ohne die Mitwirkung anderer zu erobern so wurde man frei 
    Hier sank der Brief aus Olgas Händen Ein Gedanke durcheilte sie ließ sie
den Kopf starr aufrichten als lausche sie einer verborgenen Stimme  Wie War
denn nicht gerade das auch die Freiheit um die sie rang  hier mitten am
Kampfplatz »Ruhe des Herzens ohne die Mitwirkung anderer zu erobern«  war das
nicht auch gerade die neue Aufgabe der Frau Jahrtausendelang hatte die Frau nur
dann im Frieden geruht wenn ihr das Schicksal zuteil wurde ihr Leben mit
anderem Leben aufs engste zu verknüpfen Ausserhalb dieser Ruhe war für sie 
Vogelfreiheit gewesen Verfolgung Rastlosigkeit und Gram Aber die neue Frau 
die auf ihr Selbst verwiesene  die hatte eine neue Ruhe zu erobern deren
Seele musste es lernen stille und friedlich zu sein regsam und frei zu bleiben
 auch ohne die Mitwirkung anderer 
    Werner sprach auch über das Geheimnis das ihm ihr letzter Brief vertraut
hatte Es schien dass die Gestalt Manfreds  das Schriftbild des teuren Namens
grub sich brennend in ihr mühsam bezwungenes Herz  stark vor sein inneres Auge
getreten war  »Ein vollkommener Mensch ist der«  so schrieb er  »dessen
Erscheinungsform dem Urbild seiner Idee am nächsten kommt Denn die Urbilder
allein sind die letzten Wesenheiten der Dinge Die Vielen und Meisten in sich
selbst Zerstückelten in sich selbst Vielfachen entfernen sich mehr und mehr
von ihrem eigenen Urbild von dem letzten Gedanken der ihrer Erscheinung
zugrunde liegt selten taucht Einer empor der den Sinn seines Wesens erfüllt
Ist Dir das unsagbare Glück begegnet die Gestalt Deiner Sehnsucht leibhaftig zu
sehen Deinen Weg mit dem jener Erscheinung zu kreuzen so vergiss niemals dieses
wunderbare Geschehen immer nur als Glück zu werten Einerlei ob der Besitz der
geliebten Person damit verbunden ist oder nicht Öffne diesem einzigen Gedanken
Dein Herz und alles triebhaft Undeutliche wird friedlich und deutlich werden
und alle verstreuten und spukenden Kräfte werden das Zentrum suchen Du wirst
Dich dann stark fühlen  Du wirst Dich fühlen Du bist dann Es ist Dir als
müsstest Du Dich einer Führung überlassen die als höhere empfunden wird Du bist
scheinbar unbeteiligt mit dem Willen das heißt Du spürst ihn nicht Du
gelangst in einen wahrhaft seligen Zustand  wenn selig als das Wort gefasst
wird das von Seele stammt  Nur jene Reinigung des Herzens lässt Dir das
geliebte Bildnis so hell erstrahlen dass es Dein bleibt auf allen Wegen 
    Gedanken der innigsten Versöhnung mit dem Leben sind in diesen Zeiten die
ich hier verbringe über mich gekommen Ich sehe einen beruhigenden Sinn in
allem mir früher so sinnlos scheinenden Walten und einzig der Glaube an diese
kristallene Vernunft die auf dem Grunde der Dinge wirkt  einzig dieser
Gedanke lässt mich das Leben ertragen  ja lieben Es ist die Flucht vor den
Irreführungen des Treibens der Welt die diese beglückende Hellsichtigkeit in
mancher Stunde im Gemüt entstehen lässt  ich weiß es Aber manchmal überkommt
mich dennoch  ich nach sagte es Dir schon  etwas wie bange Sehnsucht nach
jenem verwirrenden Brausen  nach der dumpfen Musik des tätigen Lebens Fast
sehne ich mich dann den geraden und glatten Weg den ich nun wandle wieder zu
verlassen und an jenen vielfach verkreuzten Pfaden  von neuem  irrend  die
Richtung zu suchen Stimmen erheben sich Stimmen der Verführung Stimmen die
zur Unrast der Welt hinlocken und zu wagemütiger Beteiligung an den Gefechten
des Tages Dann sage ich mir wohl ist das eine Antwort die ich hier erhielt 
oder ist es nicht eine neue Frage jener ewigen Sphinx Weißt Du was die
Koralle im Meer bedeutet Darwin erzählt dass jene Korallenriffe die letzten
Anstrengungen untersinkender Kontinente sind  ihre Häupter über Wasser zu
halten Und ich Habe ich nicht das Atmende und Lebende und Zuckende meiner
Seele zu rosiger Versteinerung gerüstet Eine letzte Anstrengung untersinkender
Kontinente Die Sphinx blickt mich an mit toten steinernen Augen «
    Und Olga dachte Weit  weit ist der Weg nach Indien Die gelbe mönchische
Toga die er jetzt nur geliehen  sie zu erwerben wird ihn einer hindern sein
Genius  sein Dämon Wer wollte das entscheiden   
 
                                 Elftes Kapitel
                                    Sammlung
 »Wer frei von hinnen geht
 Der ists in Ewigkeit«
                                                                        Rückert
Die goldenen Oktobertage waren vorüber Der November war da und dicht lagen die
milchweissen Nebel vor den Fenstern und machten sie undurchsichtig Für kurze
Minuten nur hob und verteilte sich diese brauende Nebelmasse Und wenn Olga
jetzt an Italien dachte so wuchs ihr die Sehnsucht danach die Sehnsucht und
der Mut Jetzt band sie hier nichts mehr  jetzt war sie frei Wohl war diese
Freiheit noch nicht jene fröhliche jene warme die neue Gestaltung ruft Es war
eine Freiheit die sich manchmal wie Eis um das Herz legte  niemandem gehörig
von niemand gefesselt und durch keinerlei menschliche Bande mit einem bestimmten
Orte verknüpft  so mochte sie gehen oder bleiben  so war sie frei Das war
freilich noch nicht jene Freiheit  von der er gesprochen Mit wehmütiger
Inbrunst barg sie das Bild dessen Glanz auf ihr Leben gefallen war tief in
ihrem Herzen Sie verschloss es da so fest wie jene uralte bronzene Urne
verschlossen war Leuchtend und unnahbar baute sie in ihrem Herzen weiß und
steinern ein Grabmal um diesen teuren Überrest ihres Glückes und ihr rotes
Blut rauschte darüber  wie das Laub einer einsamen Buche 
    Wenn sie jetzt an Rom dachte so war es nicht mehr mit den Worten aus dem
Tasso »Schmerz Verwirrung Trübsinn harrt in Rom auf dich« So hatte sie nur
denken können solange es hier Stunden gegeben auf denen das Licht ihrer Liebe
lag Jetzt Wo konnte sie einsamer sein wo konnte die Trübsal sie schneller
erreichen als hier Sie dachte jetzt mit anderen Worten Goethes »Trübe der
Himmel und schwer auf meine Scheitel sich senkte  farb und gestaltlos die
Welt um den Ermatteten lag « Und eine unüberwindliche Sehnsucht nach dem
»Glanz des helleren Äters« wurde immer stärker in ihr
    Stanislaus riet dringend zur Reise Er ahnte was sie hier gelitten und er
wusste dass ihre empfängliche Seele jetzt Sonne und wieder Sonne brauchte um
aufzuleben und da es nicht die Sonne eines glücklichen Schicksals sein konnte
so mochte es der Glanz der südlichen Landschaft sein von dem er für sie
Erweckung zu neuem starkem Lebenskampf erwartete Sie sollte sich um die
Führung ihrer Korrespondenz keine Sorgen machen Lore war gut informiert würde
ihr die wichtigsten Einläufe nachsenden und den Vertrieb geschickt besorgen Sie
sollte nicht zögern und reisen nicht für wenige Wochen nein dem ganzen
deutschen Winter sollte sie entfliehen und erst im Frühling oder im Sommer mit
neuen Kräften wiederkehren Olga meinte es sei nur selbstverständlich dass
Lore unter solchen Verhältnissen Mitbesitzerin der Korrespondenz würde
Stanislaus schob jede endgültige Regelung dieser Frage hinaus nach ihrer
Rückkehr würde sich das finden
    Der Plan der Reise gewann immer festere Gestalt Wenn Olga zu ihren Wegen
nach der Stadt meist nur die Mittagsstunden benutzen konnte nach Hause kam mit
kalten nassen Füßen und bald nach dem Mittagessen die Lampe anzünden musste da
schoben sich ihr zauberhafte Szenerien wie Luftspiegelungen vor die Seele Da
war das Meer das sie nie gesehen  tiefblau funkelnd mit zart bewegten
Hügeln aus deren geborstenem Kamm es weisslich schäumte  mit Dampfern und
Seglern auf dem Rücken und Vogelscharen über sich deren geschlossenen Flug sie
wie eine dunkle sich bewegende Linie zu sehen glaubte Sie sah eine Küste mit
hellen flachgedeckten Häusern frohlockend im Sonnenlicht Die schlanken Kegel
der Zypressen und die raumheischenden Kronen der Pinien die nachbarliche
Verschlingung nicht dulden hoben sich vom Horizont Sie sah Oliven und Reben
flinkfüssig über wellige Hänge klettern und über allem zitternd und schwingend
das weiße durchsichtige Licht des Südens
    Und dabei saß sie in einer Berliner Vorortsstube bei der Lampe oder eilte
in Nässe und Kälte mit schweren Kleidern durch die Straßen Und sie blickte
auf einen kleinen Sonnenfleck der manchmal längere Zeit auf dem Boden der
Loggia blieb und ihre Phantasie weitete ihn und spannte ihn über das Firmament
Die Sonne die Sonne  das war jetzt für sie das gelobte Land War es Manfreds
Tod oder waren es die Worte aus Werners Brief die ihre Seele gereinigt hatten
von jenem »dunklen Zwang« die sie hochgehoben hatten über das wühlende Leid
welches vordem ihren Lebenswillen zu begraben drohte Über dem Leid das sie
jetzt empfand lag ein Hauch von Frieden  Wehmut war gekommen und hatte
Erbitterung Auflehnung und den finsteren Gram verdrängt Nur für Stunden kam
noch diese Bitterkeit über sie die einem Schicksal galt das sich durch keinen
Besitz gefestigt fühlte Sie ging nun diesen Winter nach Italien  wie sie im
vorigen nach Schlesien gereist war Ob ihr Weg sie in Schnee und Winter oder zum
Lichte des Südens führte  wen ging es an wer fragte danach Verlassen damals
vereinsamt heute und niemand gehörig heute wie damals Aber mit wiederkehrender
Kraft schwang sie sich mutig über solche Stimmungen die sie verdüsterten Sie
bemühte sich die Wohnung zu vermieten und nach kurzer Zeit gelang es ihr Nun
hieß es die Möbel in Aufbewahrung geben Ein Teil kam zu Stanislaus und Lore
der Rest für den dort kein Platz war zum Spediteur Es war eine lästige Arbeit
für sie all ihre Habe vom kleinsten bis zum größten Gegenstand durch ihre
Finger gehen zu lassen und bei jedem Stück zu überlegen wohin damit  was
brauche ich davon was kann ich entbehren wohin lege ich dies und wohin jenes
damit ich es auch seinerzeit wiederfinde Ihre überflüssige Garderobe verpackte
sie in Koffer und als sie nach einiger Zeit merkte dass sie doch noch manches
Stück daraus brauchte da lagerten die Koffer schon im Keller des Spediteurs
und sie musste hinuntersteigen und allein in dem weiten dunklen Keller in ihren
Koffern nach den gewünschten Sachen suchen und weil ihre Seele noch wund und
empfindlich war so prägten sich solche Szenen der Düsterheit die Zeugnis
ablegten von zerrissenem Besitz von Mühsal und Einsamkeit schmerzlich in sie
ein
    Aber trotz aller Bedenken und Beschwerden sollte die Reise angetreten
werden  denn sie schien »erlaubt«  in dem Sinne wie Eva das Wort verstand
ja sie erschien geboten
    Sollte sie über Genua Mailand oder Verona fahren die Strecke über den
Simplon den Gottardt oder den Brenner wählen Fuhr sie über den Gottardt so
war sie den italienischen Seen nicht fern Sollte sie Werner aufsuchen Auch
diese Frage tauchte auf aber sie verneinte sie schnell Der musste noch lange
sich selbst allein überlassen bleiben und ihr Erscheinen wäre ein heftiger
Eingriff in den geschlossenen Zustand seines jetzigen Daseins gewesen Wäre Edda
noch in Genua gewesen oder selbst an der azurischen Küste so würde sie den Weg
über Genua gewählt haben um sie hier zu treffen Aber Edda lebte in Paris wo
Mr Macpherson sie im Frühling abzuholen pflegte um dann bis zum Herbst mit ihr
im Kar durch Europa zu reisen In seine Heimat war sie ihm nicht gefolgt denn
es hätte weder seinen noch ihren Wünschen entsprochen in Heimlichkeit neben der
gesellschaftlichen Sphäre in der er zuhause war sich zu verbergen  So traf
sie ihn nur wenn er in Europa war und lebte in der übrigen Zeit in Paris im
Rahmen der Gesellschaft die der Witwe des berühmten Gelehrten Tür und Tor
geöffnet hatte Ihre sehr diskret gepflegten Beziehungen zu dem amerikanischen
Millionär von denen man munkelte begegneten hier gefälliger Nachsicht und
vollem Begreifen Man fand sie »belle à miracle« und das vornehme kleine
Hotel das sie mit ihrer Dienerschaft bewohnte wurde von den Angehörigen der
besten Kreise in die sie die Familien hervorragender Ärzte eingeführt hatten
gern besucht So war auch dieses Leben  nach zwei Seiten hin  befriedigend
geordnet 
    Eva wohnte nun nicht mehr in der Nähe des Grunewalds sondern war mit ihrem
Töchterchen ganz ins Haus von Frau Wallentin übersiedelt deren letztes Sehnen
an der Heimkehr ihres Sohnes Florian und dem werdenden Leben hing das Eva unter
dem Herzen trug
    Als Olga abreiste war ihr Zustand schon weit vorgeschritten und das Bildnis
der hoffenden Frau die auf dem Bahnsteig stand und so lange mit dem Tuche
winkte als der Zug zu sehen war war das letzte das Olga aus jener Stadt die
ihr fast eine Heimat geworden mitnahm
Noch in München wo scharfe Herbststürme wehten und der Regen täglich ein
paarmal den Menschen auf die Köpfe fiel wollte die Schwermut nicht von ihr
weichen Aber als sie sich am ersten Morgen in Florenz die Augen rieb  das
Licht in klarer Stärke durch die Fenster hereinbrach und über dem lauten
bunten Strassenleben die Sonne so festlich glänzte als hätte sie sich zu ihrem
besonderen Willkomm gerüstet da fiel mit einem Schlage alles was ihr Wesen
bedrückt und niedergeschwert hatte von ihr ab Die Reaktion ihrer Natur auf die
Atmosphäre des Südens auf dieses Klima diese Luft dieses Licht diese starken
Farben und scharf umrissenen Formen war eine vehemente
    Stufenweise begann sie sich in den großen Kunstepochen deren Monumente
Florenz umschloss zurechtzufinden Sie begann mit Giotto stieg weiter hinauf zu
den Entzückungen des Fra Angelico schwang sich in die reineren Höhen des
Ghirlandajo von Bruneleschi kam sie zu Michelozzo und von da erst näherte sie
sich zagend den Höhen Michelangelos Hier in Florenz sah sie zum erstenmal die
Entwürfe zur Sixtinischen Kapelle und ihr Herz klopfte höher wenn sie an Rom
dachte Aber mehr noch als die Schätze der Museen und die Wucht der Paläste gab
ihr die Umgebung Dieser Kranz von Bergen dicht mit kleinen Dörfern und Villen
besäet überragt vom alten Fiesole von Obst Oliven und Reben beladen die
jetzt in herbstlicher Glut standen von Zypressen und Pinien gekrönt  dieser
Kranz der sich da um die Stadt herumschloss übertraf all ihr Erwarten Als sie
hoch oben in Fiesole auf dem uralten Platze stand auf dem das Etruskische
Museum steht vor sich die große Treppe sah über welche gerade ein
Kapuzinermönch hinunterging als sie diese weite Hügellandschaft in deren Mulden
Florenz liegt überblickte da schien sie sich selbst wie von einem Alpdruck
erlöst Sie war den ganzen Nachmittag in den etruskischen und römischen Ruinen
und in dem kleinen antiken Museum da oben herumgestiegen und der Sinn der sie
befähigte diese alten Schätze zu betrachten war ihr ein durchaus neuer
Niemals hatte sie gedacht dass man einen versteckten Sinn für Archäologie
urplötzlich in sich entdecken könnte Vielleicht war es nur ein hohes
körperliches Wohlbefinden das sie befähigte ihre Augen auf den Dingen ruhen zu
lassen und liebevoll ihren Formen nachzugehen Manchmal war ihr als sähe sie
das helle Antlitz Manfreds welches sie mahnte betrachte  betrachte liebevoll
die Erscheinung  Wenn sie nun an ihn dachte  wie er gelebt und wie er
gestorben  dann war es ihr als ob auch über diesem jähen Verschwinden eine
geheimnisvolle Logik des Schicksals läge  Denn von dem bestehenden Heute zum
kommenden Morgen zu seiner Zeit war  so schien es ihr  ein zu weiter Weg um
ohne Stufen genommen zu werden Zwischen der Gegenwart und zwischen dem neuen
Tag den er sah mussten Übergänge liegen damit sein Werk zu reiner Wirkung
gelange
    Und seine Erscheinung war aufgeleuchtet und verschwunden wie die Fata
Morgana eines möglichen Zieles zu dem der Weg noch weit war 
Sie hatte das Weihnachtsfest in Rom verlebt Die Regenzeit verbrachte sie mit
der Besichtigung der Sammlungen der Raffaelischen Loggien und Stanzen und 
immer wieder  der Sixtinischen Kapelle Träumend stand sie vor der Weisheit der
Sibyllen oder betrachtete mit dem Spiegel über dem Kopf die Anmut Evas die
Gottvater mit gnädiger Erlöserhand aus der Rippe des schlafenden Adam
herauswinkt Und Adam selbst  wie liegt er leblos auf der Böschung der runden
Welt ein armer Koloss bevor ihn nicht der ausgestreckte Finger des
heranschwebenden Herrn berührt und er noch verfangen im Schlafe des Unbewussten
langsam zur Welt erwacht
    Einmal als sie hier stand und wanderte wurde gerade ein Trupp Engländer
hereingeführt Noch bevor das Pfefferminzplätzchen das sie zur Erfrischung
genommen hatte auf ihrer Zunge zerschmolz gingen sie mit dem Urteil »a nice
place« und unter Mitnahme einiger Steinchen aus dem »Müsaik« die sie von dem
Fußboden der gerade restauriert wurde emsig auflasen wieder dem Ausgang zu
 Zu längerem Aufenthalt hatte sie sich in einer Pension eingemietet Wäre sie
nicht ganz allein hier gewesen so hätte nichts sie vermocht sich täglich
mehrmals mit dieser fremden Schar zu Tisch zu setzen Hier in dieser göttlichen
Stadt  hier hätte man mit einem Gefährten wandern müssen  Wie hätte man dann
in den kleinen Trattorien draußen vor den Toren festlich speisen können Ein
Greuel waren ihr diese von maskenhaftem Lächeln begleiteten Gespräche die an
der Table dhôte geführt wurden und allesamt zu dem einen Zweck verschworen
schienen nichts zu sagen Ihre Nachbarin bei Tisch eine ältere Tochter
Albions fragte als sie hörte sie sei Österreicherin nach der Affäre Vecsera
 »oh  she was a girl witout principles« Nach und nach erschien sich
diese Intellektuelle geistig wie ein Fisch auf trockenem Sande und sehnte sich
manchmal nicht wenig nur eine Stunde mit einem Menschen so reden zu können wie
sie es gewohnt war hier in der Ferne erst erhielt die deutsche Metropole die
Hochburg geistigen Ringens für sie die rechte Perspektive
    Freilich  im Sonnenglanz auf dem Forum umherzuwandern und da mit dem »neu
entdeckten Sinn« das alte Rom im Geist aufzubauen das war freilich auch ein
ganz besonderes Glück Sie durchquerte die weiten Stätten mit den erhabenen
Trümmern Von hoch oben  durch den Titusbogen  waren die Sieger eingefahren
Stehend lenkten sie das Gespann über die alte heilige Straße Das Haus der
Vestalinnen klosterhaft abgeschlossen ragt noch als große runde
Backsteinruine Die Marmorblöcke weiter oben  Trümmer des Augustustempels
Links haftet das Auge an den acht Säulen des Saturntempels alle ähnlich
verfallen als hätten sie am selben Tage zu bersten begonnen Von ihren plumpen
jonischen Kapitalen flüchtet der Blick auf das edle korintische Gebälke der
drei verschwisterten Säulen die vom Tempel des Kastor und Pollux geblieben
sind Mächtige Tuffquadern liegen unter einem Bretterdach geborgen wie Blöcke
mit denen Riesen gespielt  Reste des Altares des Vulkanus und im Komitium der
alten republikanischen Gerichtshalle sind noch die Bogenfenster zugemauert
erhalten Noch leuchtet auch der köstliche Marmorboden der Basilica Aemilia
Schmale Durchgänge und Pfade führen durch alle diese Trümmer immer wieder zur
Via Sacra 
    Hier ging sie Stunden und Stunden Sie lehnte sich an die Rostra die
Rednerbühne welche Cäsar errichten wollte und die Augustus ausgeführt Hier
stand sie nahm mit den Augen das im Lichte strahlende Bild diesen ungeheuren
Platz voll von Ruinen zwischen denen sich ihr immer geübterer Blick immer
besser zurechtfand Nicht selten dachte sie dann auch an das was sie zu sagen
hatte später sagen würde  zuhause Und an die Brüstung der Rostra gelehnt
formte die Rednerin der jungen Zeit manchmal halblaut ihre Gedanken  über die
mögliche Freiheit des weiblichen Schicksals   
    Sie war erfreut als sie endlich einen längeren Brief von Stanislaus
erhielt Bisher hatten sich seine Nachrichten auf kurze Mitteilungen beschränkt
Das Erscheinen seines Buches über die Stiefvaterfamilie und der neuen von
Manfred gegründeten Zeitschrift deren Chefredakteur er war hatten ihn voll in
Anspruch genommen Der freundliche Hafen in den sein Schicksal eingelaufen war
bot aber wohl eine gute Stätte für ihn denn schon bereitete er wieder ein neues
Werk vor
    Er berichtete dass sein erstes Buch über die Probleme der Moderne bald in
neuer Auflage erscheinen sollte und dass er eben dabei war diese Neuauflage zu
bearbeiten »Es muss eine verbesserte Ausgabe werden« schrieb er denn wo er in
der ersten Bearbeitung angegriffen hatte musste er erklären und ergänzen Man
hatte sein Buch als eine Absage an die Moderne aufgefasst Dieser Meinung musste
er entgegentreten Klarer als früher erkannte er die tiefsten Werte jener neuen
Epoche Hinter der angeblichen Ziellosigkeit die panikartig heute diese
Streiter durcheinandertrieb erkannte er doch ein starkes Zielwandern eine
unaufhaltsame Bewegung die den Weg zur Höhe suchte »Wo wäre eine Epoche« so
schrieb er  »in der eine ganze große Schicht so sehr gegen sich selbst rang
wie unsere Schicht  in unserer Gegenwart Diese Halbnaturen« so schrieb er
»sind heute so zahlreich weil in einer Generation Erfüllung nicht möglich ist
Aber Bewegung ist da die vorwärts schiebt verdrängt und ausliest Und wenn man
genau hinsieht und hinhorcht so merkt man ordentlich wie es in den Gelenken
dieses großen Lebewesens  welches eine Generation einer bestimmten
Kulturschichte respräsentiert  kracht wie es sich dehnt wie es wächst  Es
bleibt noch das schwerste Bedenken dass die Intellektualität auf Kosten der
Instinktkraft steigt Das wäre freilich schlimm Denn kein Homunkulus und sei
er noch so kunstvoll gegliedert ersetzt die Weisheit von Fleisch und Blut Aber
ich  glaube  kann ich nur sagen denn zum Wissen dieses Dinges ist noch weit
 ich glaube und ahne dass auch dies nur ein Übergangsstadium eine aufhaltende
Biegung des Weges ist und dass der vollkommene Intellekt überhaupt nur durch das
Medium hochentwickelter Instinktkraft wird Darum Züchtung und Förderung dieser
Kraft   doch hier beginnt ein neues Lied  Manfreds große Lehre«    Dann
sprach er von seinem neuen Buche Diesmal waren es Gestalten die ihm
vorschwebten und ihre lebendigen Schicksale von ihm verlangten »Als Träger der
Handlung sehe ich Einen aus der jungen Generation hochassimilierter
weltbürgerlich freier Juden Ich sehe ihn als eminenten Vertreter
intellektuellen Ringens Sein Herz birgt noch die alte Inbrunst vom Sinai 
seine Seele liebt vielleicht die Gesänge zu denen an den Wassern des Euphrat
die Harfen tönten  von Tränen betaut  aber seine Vernunft klettert kühn auf
die Gipfel westlicher Kultur bis zu Darwin Nietzsche und Kant«
    So schrieb er glühend von Plänen Und dieser Ausdruck geistigen Ringens 
er war einzig auch ihre Sprache und lockte ihre Sehnsucht wieder dort zu
stehen wo der berauschende Kampf mit den eigenen Kräften ihrer wartete Dort
war die Sphäre in der sie wurzelte  nur dort Die Skrupel die die geistig
Arbeitenden fast nie verlassen wenn sie auf dem Wege sind auszuruhen zu
genießen meldeten sich aber sie war klug genug um zu wissen dass ihre
Energie die über ihre Kraft von den Vorgängen der letzten Zeit beladen gewesen
erst noch schlafen musste ruhig liegen wachsen sich im Schlafe erneuern und
vor allem  reifen ohne aktives Tun wie die Frucht am Baum reift während sie
sich der Sonne überlässt Auch sie musste sich noch hier der Sonne des Südens
überlassen bevor sie eine stärkere heimwärtszog
Es ging schon zum Frühling zu als sie wirklich das blaue Meer sah Auf der
Felseninsel öffneten sich schon die Knospen der Kakteen und Agaven die aus dem
Gestein wuchsen Limonen und Orangenbäume standen im neuen Grün und rüsteten
für die Blüte die Pinien hatten zarte helle Spitzen Hier auf Kapri wollte sie
noch längere Zeit bleiben
    Am liebsten stieg sie vom hochgelegenen Ort hinunter kletterte gewandt über
den Rücken der Berge bis ganz dicht ans Meer heran
    Und hier sah sie eines mittags während sie sich sonnte einen jungen Mann
dessen Gesicht eine Ähnlichkeit mit irgend jemand hatte den sie kannte ohne
dass sie sich besinnen konnte wer es war Dieses ovale gebräunte Gesicht mit
dem schwarzen Spitzbart und den sanften mandelförmigen dunklen Augen
erinnerte sie an    Sie suchte in ihrem Gedächtnis Und plötzlich wusste sie
es an die alte Frau Ullmann die auf Krücken ging und die sie im Bunde
getroffen Der junge Mann ging aber wenige Tage später traf sie ihn wieder 
an der Seite einer zierlichen kleinen Frau mit runden geröteten Wangen und
einem Paar Augen die ordentlich wild funkelten ohne den friedlichen Ausdruck
den das Gesicht sonst trug zu gefährden Wenige Tage später erhielt sie ein
Kärtchen »Gnädiges Fräulein Ich habe erfahren dass Sie hier sind Verzeihen
Sie uns meiner Frau und mir die Kühnheit der Annäherung Aber wir kennen seit
langem Ihren Namen und würden es zu schätzen wissen Sie begrüßen zu dürfen
Bruno Ullmann«
    Zwischen Olga und diesem jungen Paar entspann sich nun ein reger Verkehr
Das also war der einzige Sohn Frau Ullmanns von dem jene ihr erzählt hatte
Bald erfuhr sie die Geschichte dieses Paares und wurde Zeugin ihrer Lebensweise
Sie hatten lange in einem Dorf in den Apeninnen gelebt  aus dem einfachen
Grunde weil sie nur ein Einkommen besaßen von dem anderwärts kaum ein Mensch
wenn auch auf die bescheidenste Art leben konnte Erst in letzter Zeit hatte
die Mutter ihr Vermögen besser angelegt und konnte dem Sohn eine größere Rente
gewähren Nun lebten sie auf Kapri unten an der Marina piccola in einem
Häuschen dicht am Meer Sie hatten da eine winzige Wohnung gemietet und mit dem
allernotwendigsten Hausrat ausgestattet Seltsam erschien es Olga dass dieser
junge Mann sich von der Heimat fernhielt ohne den Versuch zu machen einen
Erwerb zu finden Aber als sie das Paar längere Zeit beobachtet hatte wusste
sie dass er zu jenen gehörte an welche normale Forderungen zu stellen anormal
wäre Stundenlang lag Bruno am Balkon im Streckstuhl oder er lagerte zwischen
den Klippen Langweile kannte er nicht Seine Seele war friedlich Ab und zu
schrieb er ein Gedicht nieder mit dem er keinerlei Absichten hatte wie sie
Schriftsteller sonst zu haben pflegen Und dann war er ein Freund der Vögel Sie
hatten einige Käfige voll dieser bunten Sänger die Bruno zum Teil vor den
Kapresen gerettet hatte wenn im Netz das die Insel umspannte die Wachteln
schluchzten oder gar die Höheren aus dem geflügelten Reich Lerche und
Nachtigall ihre klagenden Stimmen hören ließ so war er eifrig dabei sie zu
befreien sie für einige Tage in sein Vogelhaus zu bringen und sie dann
auffliegen zu lassen wie weiland Lionardo da Vinci 
    Seine Frau Susanne war vor allem Hausfrau Sie räumte kochte und schaffte
den ganzen Tag In der kleinen Wohnung herrschte eine Ordnung die in Wahrheit
das gewöhnliche Beiwort »peinlich« verdiente Wenn sich ein Gegenstand im
Gebrauch auch nur im mindesten verschob gleich musste er wieder in die
einmalfestgesetzte Lage gebracht werden Diese peinliche Hausfrau hatte
Schicksale hinter sich die nichts weniger als geeignet schienen sie zu dem zu
machen was sie war Als Kind schon wurde sie in die Tiefe gestoßen Aus
ursprünglich wohlhabend bürgerlicher Familie war sie durch den Tod der Eltern
früh verwaist Eine Tante in Amerika hatte sie zu sich genommen Dort wo die
Kinderarbeit erlaubt ist hatten die kleinen Finger der kaum Zwölfjährigen in
einer Zündhölzerfabrik ihr Brot verdient Aber das kleine Geschöpf dachte nicht
daran sich hier zufrieden zu geben Sie hatte Talent für Gesang und Tanz und
arbeitete sich aus der Fabrik zum Variété hinauf Hier hatte sie einmal eine
mimische Szene in der eine so starke dramatische Begabung sich ausdrückte dass
ein einflussreicher Teatermann der zugegen war sie von da fortnahm und sie für
die Bühne ausbilden ließ Susanne war ein überwacher Intellekt ein
ungebärdiges unbeeinflussbares Temperament und zum übrigen von einer Art
Exakteitswahn beschwert Mit all diesen Eigenschaften zusammen vermochte sie
sich am Theater nicht zu halten In schweren Zeiten da sie ohne Brot war
geriet sie auf dunkle Wege schließlich in die Hände eines Mädchenhändlers der
sie in ein Haus nach Tunis brachte Von hier entfloh sie auf einem europäischen
Schiff dessen Kapitän sie sich zu Füßen geworfen hatte Bruno hatte sie in
Berlin kennen gelernt Dort war sie im Geschäft eines Tapazierers und
Dekorateurs untergekommen Mit augenblicklichem Entschluss hatte er in ihr seine
Herrin und darum seine Gefährtin erkannt und gefunden Und wirklich war diese
Ehe eine selten glückliche Es fehlte ihr nur eines um vielleicht ganz eine Ehe
zu heißen  die Reibung der Persönlichkeiten aneinander die die beste Schule
des Lebens ist für die  die sie bestehen Diese beiden Leutchen tolerierten
gegenseitig alle ihre Sonderlingsgewohnheiten Susanne hatte niemals auch in
der tiefsten Tiefe in die sie das Schicksal gestoßen ihre kompromisslose
Herrschsucht eingebüßt die sich mit vollkommener Güte in ihr einte Sie hatte
auch nie ihre exakte Hausfrauennatur verleugnen können Nie die Umständlichkeit
mit welcher sie von kleinen Dingen sich große Wege versperren ließ Hier als
unbedingte Herrscherin eines Mannes dessen Leben sie mit seinen Neigungen
rechnend leitete als absolute Regentin einer winzigen Häuslichkeit war sie an
ihrem Platz Zwischen all den vielen kleinen Obliegenheiten mit denen sie ihr
Leben belud verfolgte sie zeitweilig auch Pläne größerer Art so war sie jetzt
entschlossen den Haushalt auf Kapri bald aufzugeben und nach Berlin
zurückzukehren Hier wollte sie sich in der Kunstfertigkeit der Dekorateurin
weiter bilden und mit der ihr eigenen Geschicklichkeit im Arrangieren von
Stoffmassen Brot für sich und Bruno schaffen
    Da waren sie wieder denen Olga entflohen zu sein glaubte  jene die
innerhalb der Zone der bürgerlichen Welt doch ihre eigenen Wege liefen 
manchmal krumme und absonderliche Wege  die nicht mitten durchs Leben durch
sondern neben dem Leben lagen  Und doch  sie waren ihr verwandter als
andere und sie hatte sie auf ihrer Wanderschaft schon ehrlich entbehrt
    Die Ostertage waren vorbei Olga genoss noch im April die phantastische
Pracht der Rosenblüte die in riesigen leuchtenden Büschen stand Duftströme
überfluteten Kampanien Über den Mauern der Gärten zwischen denen sich die
engen krummen Gässchen durchwinden reckten und rankten sich Wein und Lorbeer
Kaktus und Myrte Der Himmel hing hoch und war nächtlich besternt dass er
erschien wie ein schimmerndes Riesennetz auf dunklem Grunde
    Da kam ein Brief von Frau Wallentin Ob sie denn nicht bald wiederkäme Und
Eva habe einen Sohn geboren ein schönes starkes Kind und beide wären wohl
    Und da war auch in ihr in Olga etwas das geboren werden wollte  aber
nicht in diesem Blütenlande eine andere Wiege brauchte das Jener Gedanke den
Manfred in sie versenkt hatte  war langsam keimend in ihr gewachsen  und
wollte zutage treten
    So entsagte sie dem südlichen Frühling der ihre Seele in Träumereien hielt
und rüstete zur Heimkehr
Wie Bangigkeit kam es über sie als sie in München wieder auf deutscher Erde
stand War sie auch stark genug  zurückzukehren Ihr war als brauchte sie
noch einige Tage einsamer Sammlung
    Sie fuhr über Thüringen und unterbrach hier ihre Reise Sie wanderte von der
Bahnstation auf der sie ausgestiegen war bis zu dem Städtchen in dem sie
nächtigen wollte über ein weites Hügelland mit flachen Mulden Schonungen
Wiesen und Wäldern wanderte sie Gold und Sonne in frischer Waldluft war
alles Die Zweige der Birken schienen in der feuchten Luft rötlichviolett und
hoben sich von dem herben Grün der Tannen Zeitweilig schwieg der Tannenduft
und der der Kräuter wurde stark So wanderte sie einen halben Tag
    Sie begegnete einer Schule einer Kinderschar die von ihren Lehrern
hinausgeführt wurde Und die Kinder sangen das erwartende Lied
»Lasst uns singen
Lasst uns springen
Frühling  Frühling  wird es nun bald«
Am Abend in ihrem Zimmer trat sie ans offene Fenster Mild und duftschwer
strömte ihr die Luft entgegen Sie blickte hinaus in die Tannen die das Haus im
Halbkreis umgaben Am Nachmittag waren die Stämme und die Kronen in eins
geschlossen gewesen Abends aber waren die Stämme wie verschwunden und nur die
Wipfel rotgolden überstrahlt dass alle Zweige sich gesondert in die Stille
streckten Jetzt in der Nacht erschienen die Tannen die das Haus in
entferntem Bogen umgaben wie ein dunkler hoher Wall aus dem sich nur der
Zackenrand ihrer Spitzen heraushob Vom Fenster aus blickte sie auf eine kleine
Wiese die von den Tannen umgeben war Links drüben war eine Fahrstrasse auf
deren anderer Seite ein weiter Bergrücken anstieg ein sanfter Hang über den
das Städtchen hinaufkroch da lehnten sie dicht aneinander die spitzgiebeligen
Thüringer Häuschen kletterten aus ihrer Mulde heraus beengt als suchten sie
sich übereinander herauszudrängen bis sie in immer schmäleren Reihen immer
vereinzelter an dem Berghang den Atem verloren und stillehielten über ihnen
aber stieg wie eine hochgewölbte Riesenbrust die Wiese auf die sich auf der
Höhe in den Tannen verlor
    Und während sie so am Fenster lehnte hinaushorchend in den nächtlichen
Wald eins mit ihrer Einsamkeit da kam es wie Wehmut über sie  Wehmut aus dem
weiten All War denn Leid das ewige Erbe der Welt Und ihre innerste Stimme
wurde laut und rief ihr die Antwort zu Die Freude ist die Seele der Welt
Dieses Leid überwinden überwachsen  das ist die Aufgabe der ringenden
Kreatur Wann wird sie gelöst sein diese Aufgabe
    Horch  das war Gesang Das scholl aus der Weite gedämpft verschleiert
kam näher und näher wurde lauter und heller Und da  drüben auf der
Fahrstrasse  da schob sich ein Trupp kleiner Leutchen durch die Dunkelheit und
an den Stöckchen die die Kinder hoch hielten hingen bunte Papierlampions Die
Kinder waren es die Schulkinder die nach Hause zurückkehrten Und sie sangen
das Lied  das Lied der Jugend  der wachsenden Zukunft  »Frühling 
Frühling  wird es nun bald «
Wie war sie froh ihr Inkognito los zu sein nicht mehr wie unter fremdem
Namen als Pensionsgast an langen Tischen zu sitzen leere Gespräche höflich
anhören und die eigenen Gedanken verbergen zu müssen Als sie Berlin wieder
betrat  da staunte sie das war ja etwas wie Heimatsgefühl das sie hier
empfand Nie vorher hatte sie gedacht dass es irgend wo ein »Zuhause« für sie
gab Sie wohnte zuerst bei Stanislaus und Lore Erst später wollte sie wieder
eine eigene Wohnung nehmen ihre sieben Sachen zusammensuchen und wieder
aufstellen Sie fand Stanislaus in gefesteter Stimmung in zärtlicher und
heiterer Vereinigung mit seiner Frau und  wie er sagte  »dick befreundet«
mit Lörchen Lore hatte wie früher ihr gutes kräftiges Lachen Der Glanz ihrer
grauen Augen war noch heller geworden wie ihr ganzes brünettes Gesicht Sie
war üppiger und frauenhaft ruhig Sie ging wie vorher ihrem Beruf nach und
die Sorge für das Familieneinkommen verteilte sich auf sie beide Zufrieden
waren diese beiden dass sie zusammensassen fest verbunden und verbündet dass sie
sich verständigten in gemeinsamer Sprache und dass sie in diesen lieben
heimischen Winkel alles hineintragen konnten was sich von außen zu ihnen
drängte was sie empfingen und sammelten wie die Fischer die ihre Netze ins
Meer werfen
    Und dann gab es ein Wiedersehen draußen im Grunewald Mit großer Sehnsucht
strebte Olga ihrer alten und ihrer jungen Freundin zu
    Sie war noch immer schön und licht die alte Frau nur in ihren Augen lag
gebannt ein Leid  dem sie nicht vergönnte überzuströmen  denn Florian
sollte heimkehren Sie dachte jetzt viel an das Dunkle  Olga fand sie bei
der Lektüre eines teosophischen Werkes
    »Es ist gut gemeint« sagte die alte Frau und deutete auf das Buch  »es
ist wunderbar erfunden das Leben eine Sparkasse deren Einlage man bei der 
Wiederkehr als Kapital vorfindet und behebt  Ausgestattet mit dem früher
erreichten Entwicklungsgrad tritt man ein neues Leben an  Die Vergangenheit
die man im Verlaufe seiner früheren Lebensläufe erwarb  entscheidet über die
Qualifikation der Materie die gegenwärtig der Träger des Ich ist  Sehr gut
gemeint  sehr wunderbar ausgedacht Wer nur daran glauben könnte Schade
schade  ich kann es nicht«
    So war nicht einmal ihre heiße und bange Liebe zum Leben imstande diese
greise Denkerin zu dem Selbstbetrug zu verführen dem sich so mancher junge
Geist als einer genehmen Benebelung wollüstig ergibt
    Und da war noch eine Begrüßung Im Hause Frau Wallentins wohnte Eva mit
ihrer Tochter  und mit ihrem jüngst geborenen Sohn Ein schönes Kind das aus
blauen Augen lachte 
    »Der kleine Aeneas« schoss es Olga durch den Sinn als sie Manfreds Sohn
sah Eva hob das Kind aus der Wiege und reichte es ihr Und da  da  als sie
den kleinen Manfred in den Armen hielt  da überstürzte sie eine heiße Freude
die sie nie für möglich gehalten die Freude dass dieses Kind geboren war Sie
dachte an die einsame Urne im weißen Stein und Inbrunst kam in ihr Herz dass
dieses warme Leben gerettet war aus dem Dunkel Geborgen war es das kostbare
Erbe Sie presste ihre Lippen auf die kühlen zarten Wangen des Kindes die sich
anfühlten wie das Fleisch einer jungen Frucht Zärtlich atmete sie den warmen
Duft ein der diesem kleinen Körper entströmte
    Und nun wusste sie auch dass sie selbst genesen war dass sie frei war 
endlich frei
 
                                    Fußnoten
1 E R Gehre