1902_Suttner_MariasKinder.html




        
                               Berta von Suttner
                                Martas Kinder
                                 Fortsetzung zu
                              »Die Waffen nieder«
                                        I
»Es lebe die Zukunft«
    Mit diesen Worten schloss Graf Rudolf Dotzky seine Tafelrede »Und aus diesem
Glase« fügte er hinzu indem er den Champagnerkelch an die Wand warf dass er
klirrend zerschellte »darf kein anderer Trunk mehr gemacht werden und heute
zu meines Erstgeborenen Tauffest soll auch kein anderer Toast mehr gesprochen
werden als dieser Es lebe die Zukunft Nicht unserer Vätersväter  wie die alte
Phrase lautet  wollen wir trachten uns würdig zu zeigen sondern unserer
Enkelsöhne  Mutter« unterbrach er sich  »was ist Dir  Du weinst  Was
siehst Du dort«
    Baronin Marta Tilling hatte ihre großen schwarzen Augen die so seltsam von
dem weißen Haare abstachen und aus welchen ihr jetzt zwei große Tränen über
die Wangen rannen starr nach dem Garten gerichtet der vor der offenen
Terrassentür lag
    Was sie dort sah war ein Halluzinationsbild das oft in ihren Träumen
auftauchte ein alter Mann  ihr Mann der im Abendsonnenschein mit einer
Gartenscheere Rosenbäumchen stutzt
    Sie hatten einst die glücklichen jungen Eheleute von ihrer fernen Zukunft
gesprochen »Weißt Du Marta wenn ich einmal über die Siebzig bin und für das
Weltgetriebe nicht mehr tauge da werde ich mich meiner Liebe zu den Blumen
hingeben und Gärtnerei betreiben«  »O ich sehe Dich vor mir ein Hauskäppchen
 nicht etwa von mir gehäkelt derlei grauenvolle Arbeiten mache ich nie  ein
Hauskäppchen auf den Silberlocken in der Hand eine Gartenscheere mit der Du
die welken Blüten von den Rosenstämmen trennst«  »Ja  und Du sitzest auf der
Gartenbank  ein duftiges Spitzentuch auf Deinem ebenfalls schon gebleichten
Haar geschmackvoll gesteckt  denn kokett wirst Du immer bleiben  in der Hand
 also keine Häkelei sondern das noch geschlossene Buch aus dem Du mir später
vorlesen wirst und lächelnd siehst Du meiner Arbeit zu  Wir werden ein
glückliches altes Paar sein Marta«
    Diese Vorstellung hatte sich ihr so eingeprägt dass sie sich in ihren
Träumen wie ein Erlebnis zu wiederholen pflegte Achtzehn Jahre schon war sie
verwitwet und immer noch wenn sie von ihrem verlorenen Friedrich träumte sah
sie ihn lebend vor sich meist so wie er in der Brautzeit gewesen und manchmal
auch in jene Gestalt die nur in beider Phantasie entstanden war
    An diesem Tage beim Tauffest ihres Enkelkindes als Rudolf in seinem
Trinkspruch gesagt »Ja Mutter dieses Glas bringe ich dem Andenken Deines ewig
Geliebten und ewig Betrauerten dem auch ich alles verdanke was ich denke und
was ich bin«  da war ihr furchtbar weh ums Herz geworden Sie saß der offenen
Fenstertür gegenüber Die Strahlen der untergehenden Sonne umwoben einen
Rosenstrauch mit zittergoldigem Dunst und davon sich abhebend  ihr Traumbild
sie sieht die Gartenscheere flimmern das weiße Haupthaar glänzen  »Nicht
wahr« lächelte er zu ihr herüber »wir sind ein glückliches altes Paar«
    Durch Rudolfs Frage aufgeschreckt trocknete sie rasch ihre Augen und erhob
sich
    Sie nahm den Arm ihres Nachbars zur Rechten  Ritter von Wegemann Minister
a D im Hause unter dem Spitznamen »Minister Allerdings«  oder eines
neuerlich angenommenen Gewohnheitswortes wegen  »Minister Andrerseits« bekannt
    Man begab sich in den anstoßenden Salon Es war nur eine kleine
Tischgesellschaft gewesen Außer den schon Genannten Rudolfs Halbschwester
Sylvia  der Mutter lebendes Jugendbild Gräfin Lori Griesbach Rudolfs
Schwiegermutter Doktor Bresser der langjährige Freund des Hauses und sein Sohn
Hugo Bresser Graf Anton Delnitzky der junge Pate des Täuflings Oberst Baron
Schrauffer ein alter Anbeter Gräfin Loris und der Ortspfarrer Pater Protus
    Sylvia schänkte den schwarzen Kaffee in die Schalen und reichte diese den
Gästen
    Jede Bewegung der schlanken geschmeidigen Gestalt atmete Anmut auf dem
rosigen Gesichtchen lag ein Schein von gehobener Glückstimmung
    Marta und Lori nahmen auf einem kleinen Eckdivan Platz während die Herren
in der Nähe Sylvias blieben
    »Also wirklich« sagte Gräfin Griesbach »der Toni Delnitzky hat sich
erklärt Da gratuliere ich  Und darf man schon laut  «
    »Nein nein ich bitte Dich  Sylvia hat mir die Sache auf dem Wege von
der Kirche mitgeteilt  erst morgen wird er bei mir um ihre Hand anhalten Erst
dann bis ich ja gesagt habe kann die Verlobung verkündet werden  wenn ich ja
sage «
    »Du wirst doch nichts einzuwenden haben Einer der größten Epouseure
Österreichs Dass er ein leichter Vogel war  je nun das sind sie mehr oder
weniger alle  solche junge Leute wie Rudolf findet man nicht wieder«
    »Und wenn ich auch einzuwenden hätte  ich glaube wirklich dass der beiden
Charaktere nicht zueinander passen  aber Sylvia ist kein Kind mehr «
    »Du kommst mir sehr unschlüssig vor zuerst wenn ich ja sage und dann wenn
ich auch Einwendungen machen wollte so nützt es nichts«
    »In der Tat  es nützt nichts Schau nur wie glückstrahlend sie aussieht
und mit welchem Eifer Delnitzky jetzt in sie hineinredet «
    Lori seufzte »Es ist doch eine schöne Sache um die Jugend «
    »Du kommst mir eigentlich auch noch jung vor Lori «
    »Vorgestern war mein achtundvierzigster Geburtstag «
    »Du hast Dich körperlich nicht viel und seelisch gar nicht verändert seit
den letzten zwanzig Jahren  Du bist noch immer so schlank so blond so
lebhaft so seicht setzte sie im Geist hinzu und so  verzeih  so
gefallsüchtig wie immer  Diese prachtvolle granatrote Toilette  dazu die
Blicke die Du unserem Minister Adrerseits zugeworfen hast  was wird Schrauffer
dazu sagen«
    »Und Du in Deinem ewigen Schwarz und ewigen Ernst  Du gibst Dir ein viel
älteres air als Dir zukommt«
    »Ach mein Schatz wenn man solchen Schmerz erfahren hat wie ich  so
unsägliches Unglück nach so unsäglichem Glück dann dürfte man schon ganz
gebrochen sein  Ich bin es nicht weil ich meine Kinder habe «
    Der Minister näherte sich den Damen und ließ sich in einem Fauteuil an der
Seite Gräfin Loris nieder
    »Ich habe eben mit dem Grafen Rudolf disputiert meine Damen und rufe Sie
zu Richterinnen an Der Ton den er in seinem Trinkspruch angeschlagen wollte
mir nicht gefallen  ein Ausfall gegen die Väter und Vätersväter Allerdings
wenn man gerade ein Wickelkind feiert so liegt der Gedanke an Enkelssöhne näher
 andrerseits soll man nicht vergessen dass es nur einen Boden gibt für
erspriessliches Gedeihen namentlich für Unsereins  den Boden der Tradition
Was sagen Sie Gräfin«
    Lori war weit davon entfernt über diese Frage irgend eine Meinung zu hegen
aber da sie doch etwas antworten musste so sagte sie
    »Sie haben ganz recht ganz recht« Das ist eine Meinungsäusserung welche
denjenigen dem sie gilt gewöhnlich als sehr vernünftig berührt
    »Ich muss meinem Sohne recht geben« widersprach Marta »Es ist besser
denen zu Dank zu handeln die nach uns kommen als jenen die vor uns waren
Straßen pflegen ist ganz schön  Bahn brechen ist schöner«
    Die Neuverlobten konnten jetzt einige unbelauschte Worte tauschen
    »Morgen werde ich also mit Ihrer Mutter sprechen Sylvia  ich fürchte
mich ein wenig «
    »Sie glauben doch nicht dass Mama «
    »Nein abweisen wird sie mich nicht  das fürchte ich nicht sondern die
Feierlichkeit davon  die Ungewohnheit «
    Sylvia lachte »Hoffentlich ists ungewohnt Wer soll denn Übung darin
erlangen um Hände anzuhalten Übrigens auch mir ist entsetzlich ungewohnt zu
Mute  ich begreife gar nicht dass ich mit einem kurzen ja mein ganzes Leben
verpfändet habe  war ich nicht voreilig Ich kenne Sie eigentlich so wenig
und Sie   kennen mich vielleicht gar nicht «
    »Und ob ich Sie kenne das natürlichste heiterste anmutigste Geschöpf «
    »Kurz das Muster eines wohlerzogenen Komtessels wie Ein anderes Bild
hatte ich ja auch nicht Gelegenheit hervorzukehren in den fünf oder sechs
Kotillons die wir miteinander getanzt haben Es steckt aber wirklich doch noch
manches andere in mir von dem Sie vermutlich nichts ahnen«
    »Zum Beispiel«
    »Ungeheure Ansprüche an das Leben und an die Menschen  und besonders an den
Menschen der mein Leben ausfüllen soll «
    »Muss er ein halber Gott sein«
    »Nein aber ein ganzer Mensch So wie dieser da« fügte sie hinzu auf den
Bruder deutend
    Rudolf trat heran »Warum wird hier mit Fingern auf mich gezeigt«
    »Als Muster der Vollkommenheit wirst Du gepriesen« antwortete Delnitzky
»Du entsprichst dem Ideal das sich Deine Schwester von einem  wie sagte sie
doch  ganzen Menschen macht«
    Seufzend schüttelte Rudolf den Kopf
    »Da muss ich das Leitmotiv meines Toasts wiederholen  es lebe die Zukunft 
die wird ganze Menschen haben  heute findet man nur viertel achtel
hundertstel «
    »Nicht einmal halbe gibst Du zu«
    »O Halbheit in anderem Sinne auf die stößt man nur zu oft Ernstlich Du
hast eine zu gute Meinung von mir Sylvia Du weißt doch dass ich eine Aufgabe
habe und weißt wie wenig ich noch die Kraft fand sie zu erfüllen Du weißt «
    »Nicht die Kraft« unterbrach Sylvia »die Möglichkeit hat Dir gefehlt«
    »Auch die Hoffentlich wird es größere weitere Möglichkeiten geben wenn
mein Friedrich erwachsen ist Sein Feld wird das zwanzigste Jahrhundert sein
und von dem erwarte ich die Erfüllung großer Dinge«
    »Du bist heute ganz Zukunft Rudi« sagte Delnitzky »da folge ich Dir
nicht denn die Gegenwart ist mir viel zu schön«
    Sylvia warf ihm einen Blick zu mit dem sie ihm das Weiterreden verwehrte
Offenbar war es ihr unerwünscht dass Rudolf in diesem Augenblick erfahre was
Delnitzkys Gegenwart so sehr verschönte
    In einer andern Ecke standen der Oberst von Schrauffer Doktor Bresser und
der Pfarrer im Gespräch
    »Ein hübscher Junge Ihr Sohn Herr Doktor« sagte der Pfarrer »dem wäre
die Uniform gutgestanden  warum haben Sie ihn nicht zum Militär gegeben«
    Pater Protus war eine Zeitlang Feldkaplan gewesen und hatte sich eine große
Vorliebe für die Angehörigen des Militärs bewahrt Die Erinnerung an die in
Gesellschaft fröhlicher Offiziere zugebrachten Stunden gehörte zu seinen
liebsten Erinnerungen Zweiunddreissig Jahre alt aufgeweckten Geistes lern und
lebenslustig war er von jeglichem Sektengeist von jeglicher muckerischer
Strenge weit entfernt Als Gesellschafter war er allgemein beliebt Er wusste
ebensowohl auf Scherze einzugehen als an wissenschaftlichen Diskussionen
teilzunehmen Natürlich hatten seine Freunde den Takt dem Priester gegenüber
bei Scherzen keinen zu frivolen bei Diskussionen keinen glaubensverletzenden
Ton anzuschlagen Ebenso zurückhaltend war Pater Protus im gesellschaftlichen
Verkehr schlug er niemals einen lehrhaften bekehrenden Ton an Ob er nicht auch
selber in seinem Innern mit manchen Dogmen gebrochen das konnte aus seinen
Äußerungen niemals hervorgehen doch lag in seiner Art mit notorisch
freidenkenden Menschen ein Zug stillschweigender Achtung
    »Ein hübscher Junge Ihr Sohn« sagte er zu Doktor Bresser »dem wäre die
Uniform schön gestanden warum haben Sie ihn nicht zum Militär gegeben«
    »Gegeben Ich Er hat sich seinen Beruf selber gewählt Er ist
Schriftsteller«
    »Soo« machte der Oberst »Ist denn das überhaupt ein Beruf«
    »Ich sollte meinen einer der allerschönsten« bemerkte Pater Protus
    »Und ich denke Schriftstellerei kann man doch nur so nebenbei betreiben es
ist ja doch keine Karriere  mit regelmässigem Vorrücken mit gesichertem
Erwerb«
    »Das freilich nicht Aber da mein Sohn von seiner Mutter ein genügendes
selbständiges Vermögen geerbt hat «
    »Ich verstehe« unterbrach der Oberst »so privatisiert er«
    »Im Gegenteil  er hat sich die breiteste Öffentlichkeit als Lebensweg
gewählt er ist Schriftsteller und Journalist«
    »Journalist  Also der Beruf der Leute  ich glaube Bismarck hat ihn so
genannt  die ihren Beruf verfehlt haben«
    »Ich finde den Journalismus einen sehr schönen Beruf« fiel der Pfarrer
lebhaft ein »Ein lieber sehr geschätzter Freund von mir schreibt die Kunst
und Musikreferate für die Neue freie Presse «
    »Es nimmt mich Wunder dass ein geistlicher Herr das bekannte Judenblatt «
    »Oh ich stehe nicht auf dem antisemitischen Standpunkt Herr Oberst Und
für welche Zeitung arbeitet Ihr Sohn Doktor Bresser«
    »Für zehn verschiedene Doch vom künftigen Oktober ab wird er eine Stelle
als ständiger Redakteur eines neu gegründeten politischen Blattes antreten«
    »Hoffentlich ein gutgesinntes  Einerlei als Leutnant  jetzt könnte er
auch schon Oberleutnant sein  wäre mir Ihr Sohn doch lieber wie als 
verzeihen Sie  als Federfuchser Hätten Sie ihn rechtzeitig in eine
Militärakademie gesteckt  Aber Sie sind ja ein alter Freund der Baronin
Tilling  folglich ein geschworener Militärfeind «
    »Militarismusfeind« verbesserte Bresser
    »Das bleibt sich gleich Wenn einer eine Sache nicht mag so fügt er ihrem
Namen ein gehässiges ismus an Nicht wahr Herr Pfarrer die Feinde der Kirche
sagen auch beileibe nicht dass sie etwas gegen die Religion oder gegen die
Kleriker haben  nur dem Klerikalismus sind sie feind «
    »Ich fühle da doch den Unterschied« erwiderte Pater Protus Dann an Doktor
Bresser gewendet
    »Ihr Sohn kommt mir heute sehr schweigsam und melancholisch vor Ist er oft
so«
    »Er ist gewöhnlich ernst doch ist mir es auch aufgefallen dass er heute
etwas verstimmt scheint«
    Der junge Mann von dem die Rede war saß an einem Tisch und blätterte in
illustrierten Zeitschriften Aber sein Blick haftete nur zerstreut auf den
Bildern immer wieder irrte er in die Richtung wo Sylvia und Denitzky
nebeneinander standen
    Seit Jahren schon trug Hugo Bresser eine schwärmerische Neigung für Sylvia
im Herzen In bewusster Hoffnungslosigkeit zwar denn er masste sich nicht an der
gefeierten reichen Aristokratin als Freier sich zu nahen Was ihm aber heute in
Gebaren und Mienenspiel an dem Paare aufgefallen hatte seine Eifersucht
entfacht
    Selber auf ein Glück verzichten ist schon schwer genug  aber einen andern
in dessen Besitz zu sehen ist unerträglich  Wenn ich recht erraten sagte er
sich  so werde ich dieses Haus meiden  ich könnte da nicht zusehen Und dabei
er ist ihrer nicht wert  Nur dem Besten Gescheitesten Edelsten wäre sie zu
gönnen  aber dieser Dutzendmensch  Ist es nicht schon bedauerlich genug
dass der herrliche Rudolf sich ein DutzendKomtesschen nahm 
    Indessen waren die beiden Grossmütter in das Schlafzimmer der jungen Frau
gegangen ihr einen Besuch abzustatten
    Beatrix Dotzky in schleifen und spitzengeschmücktes Nachtgewand gehüllt
lag in ihrem Bette und hielt den kleinen Fritz im Arm Kammerfrau und Wärterin
standen daneben
    Gräfin Lori eilte auf ihre Tochter zu
    »Also Trixi  wie gehts Gib mir das Wurm ein bissel her  So ein lieber
Schneck Die ganze Mama  und Du siehst mir ähnlich folglich die ganze Grossmama
 ich kann zwar nicht behaupten dass mich dieser Titel entzückt «
    »Er will Dir auch gar nicht passen liebste Mama «
    »Aber mir passt er doch Beatrix nicht wahr« sagte Marta »Gib mir den
Kleinen Lori«
    Gräfin Griesbach ließ sich nicht bitten und legte das Kind auf Martas Arme
    »Und jetzt lass Dir erzählen « Sie setzten sich an das Fussende des Bettes
und in übersprudelndem Redefluss berichtete sie wie die Taufe in der Kirche vor
sich gegangen was der Pfarrer gesprochen und wie der Kleine geschrien und was
für Toaste bei Tische ausgebracht wurden Oberst von Schrauffen hatte so
herrlich von den künftigen Grosstaten gesprochen die der kleine Fritz bestimmt
war im Dienste des Vaterlandes auszuführen wenn er wie sein Großvater und wie
sein Urgroßvater Altaus des Kaisers Rock trüge Von da sprang Loris Rede ohne
Übergang auf die Genesis ihres granatroten Damastkleides »bei der Spitzer weißt
Du  die arbeitet doch am chiksten «  auf verschiedene Sorten von
»Milchkasch« mit denen man am besten kleine Kinder aufpäppelt auf die Misere
die man später mit den Bonnen hat und auf Verhaltungsmassregeln für die junge
Mutter »In sechs Wochen« so schloss sie »musst Du ja musst Du nach Mariazell
um der Muttergottes für die Geburt des Knaben zu danken ich bin so froh dass es
ein Bub ist  wegen dem Majorat Ich bin schon vor Deiner Geburt nach Mariazell
 nein Mariataferl wars  gewallfahrtet und wie Du siehst hat es Dir Glück
gebracht  «
    Marta saß schweigend am andern Bettrand und blickte nachdenklich auf das
Kind das sie im Schoße hielt Gedanken Gefühle Bilder durchwogten ihre Seele
 nicht klar nicht abgesondert sondern ineinander fliessend in ihrer
Vermengung eine Wehmutsstimmung ergebend
    Der Sohn ihres Sohnes  vielleicht würde auch der wieder Söhne zeugen 
und so geht das Leben um alles Sterben unbekümmert aus entlegenster
Vergangenheit in entlegenste Zukunft hinüber  dazwischen immer wieder Leid
Kampf Alter Tod  und was am Ziele Was am Wege Wohl auch mitunter Freude
Liebe Begeisterungsschwung das ist ja an sich schon erfüllter Zweck Das Ziel
kann doch nur sein mehr Freude mehr Liebe höherer Schwung  O du kleines
hilfloses Geschöpfchen was wird aus Dir werden  wenn Du überhaupt erhalten
bleibst Wie viel Schmerz wirst Du erdulden wie viel Schmerz bereiten Sicher
ist Dir nur Eines früher oder später das Todsein  die ewige Abwesenheit  O
mein Verlorener 
    Und wieder erstand das Bild Tillings vor ihrem inneren Auge Aber nicht in
jener im Traum entstandenen altersmüden Gestalt sondern wie er in seiner
Vollkraft gewesen an dem Tage da er unter den Kugeln des ExekutionsPelatons
zusammenfiel
 
                                       II
Rudolf Graf Dotzky geboren 1859 wenige Monate vor Ausbruch des
italienischösterreichischen Krieges in dem sein Vater den Tod fand zählte
jetzt dreißig Jahre Besitzer des ausgedehnten Dotzkyschen Majorats hatte er
keinen andern praktischen Beruf als die Bewirtschaftung seiner Güter Daneben
hatte er sich aber noch einen idealen Beruf erwählt dem sein Lernen Denken und
Streben galt nämlich die Aufgabe zu erfüllen welche Friedrich Tillings
Vermächtnis war die Bekämpfung der Kriegsinstitution Die eigentliche Erbin
dieses Vermächtnisses war freilich Tillings Witwe doch freiwillig hatte sich
Rudolf zum Mitarbeiter seiner Mutter herangebildet Das zu Friedrichs Lebzeiten
angelegte »Protokoll«  ein Einschreibebuch in das die Fortschritte der
Friedensidee und Bewegung eingetragen waren wurde zuerst von Marta dann von
Rudolf weitergeführt Die von dem Elternpaar zusammengetragene Bücherei natur
und sozialwissenschaftlicher Werke fand in ihm einen eifrigen Studenten und
Mehrer
    Allerdings musste daneben das obligate Studium der offiziellen
Schulgegenstände absolviert werden auch das Freiwilligenjahr hatte er ausdienen
müssen Dann kam die Erbschaft des Dotzkyschen Majorats wodurch dem jungen Mann
die Notwendigkeit erwuchs  wollte er anders den Pflichten des Grossgrundbesitzes
gerecht werden  ernstliche Landwirtschaftsstudien zu betreiben  all das ergab
eine bedeutende Ablenkung von jenem idealen Beruf
    Auch kam eine Zeit da er durch den Umgang mit seinen Alters und
Standesgenossen in einen Wirbel von weltlichen und sportlichen Vergnügungen
gerissen wurde wobei die Beschäftigung mit seiner Lebensaufgabe stark zur Seite
geschoben ward Sogar die Gesinnungen die dieser Aufgabe als Grundlage dienten
waren durch den Einfluss der ganz entgegengesetzten feudalen chauvinistischen
und reaktionären Ansichten die in seiner Umgebung herrschten momentan ins
Schwanken geraten und hätten Gefahr gelaufen ganz unterzugehen wären sie nicht
schon so tief in seiner Seele geankert gewesen und wenn der niemals ganz
aufgegebene innige Verkehr mit der Mutter ihm nicht immer wieder die Ideale
aufgefrischt hätte für die er wirken wollte  später später bis er zu Ruhe
käme
    Und er kam bald zu Ruhe Das schale Leben der »goldenen Jugend« mit dem
ewigen Trinkgelagen und ewigen »kleinen Jeux« mit den abwechslungslosen Jagd
Rennstall und Koulissengesprächen ekelte ihn bald an Es zog ihn zurück zu
seinen Büchern und zu seinen gutsherrlichen Pflichten Schon im Alter von
vierundzwanzig Jahren hatte er sich von dem Treiben seiner Genossen losgerissen
Er zog sich auf Brunnhof  die größte und schönste seiner Domänen  zurück und
lud seine Mutter und Schwester ein bei ihm zu wohnen
    Hier widmete er sich wieder mit verdoppeltem Eifer seinen beiden Berufen 
dem einen mit ausübender dem anderen mit vorbereitender Arbeit Er unterbrach
dieses einsame Landleben nur durch einige Reisen nach Paris London und Italien
Denn er sah wohl ein dass man ein Stück Welt gesehen haben müsse wenn man einst
öffentlich wirken wollte
    Das Gebiet seiner Aufgabe hatte sich ihm unversehens stark erweitert
Ursprünglich war es nur die eine  von Tilling überkommene Idee  Bekämpfung der
Kriegsinstitution  die ihm als Ziel vorgeschwebt aber allmählich kam er zur
Überzeugung dass jeder Zustand jede Einrichtung mit allen anderen Zuständen und
Einrichtungen in vielfacher Wurzelverschlingung verbunden ist und da begann er
sich in andere Probleme zu vertiefen und andere Bewegungen zu verfolgen überall
lauschte er hin wo ein neuer Geist die alten Formen sprengen wollte Je weiter
er vorwärts drang desto zahlreicher eröffneten sich ihm immer wieder neue
Forschungsfelder Die Fülle der auf ihn einstürmenden Gedanken und erwachenden
Erkenntnisse hinderte ihn daran sich auf irgend eine bestimmte Aktion zu
konzentrieren Erst musste er lernen und noch lernen erst musste sein gährender
Geist Klärung gewinnen ehe er daran gehen konnte tätig in das Räderwerk des
öffentlichen Lebens einzugreifen »Später später« rief er sich zu und hatte
vorläufig darauf verzichtet sich politisch oder publizistisch zu betätigen Er
bewarb sich nicht um den Reichsratssitz zu dem ihn sein Grossgrundbesitz
berechtigt hätte er schloss sich keinem Vereine an und veröffentlichte keine
Aufsätze er begnügte sich mit Studieren und Denken mit Schauen und Beobachten
Dass er öffentlich werde wirken müssen um die in Tillings Vermächtnis entaltene
Aufgabe zu erfüllen das war ihm klar  aber später später
    Als er achtundzwanzig Jahre alt war entschloss er sich zu heiraten Der
Besitzer des Majorats und zugleich letzter männlicher Spross des Hauses Dotzky
war einfach verpflichtet für Vermögens und Namenserhaltung zu sorgen und sich
eine ebenbürtige Gattin zu wählen
    Von Kindheit auf hatte er  halb im Scherz halb im Ernst  um sich
wiederholen gehört dass die einzige Tochter der Gräfin Griesbach die kleine
Beatrix seine Frau werden solle Die Mütter waren Jugendfreundinnen die Kinder
Spielgenossen und der Gedanke dass sie einst ein Paar werden sollten wuchs
sowohl bei Rudolf wie bei Beatrix als etwas selbstverständliches einfaches gar
nicht tiefbewegendes noch hochbeglückendes aber immerhin als etwas ganz
erfreuliches heran
    Ohne langes Hofmachen seinerseits ohne langes Überlegen ihrerseits ohne
Überraschung für die Familien und Freunde wurde Rudolfs Werbung vorgebracht und
angenommen und sechs Wochen später die Trauung vollzogen Beatrix war eine
anmutige und elegante Erscheinung in geistiger Beziehung war sie nicht viel
über das Niveau ihrer Mutter herausgewachsen aber Rudolf hatte gar nicht den
Versuch gemacht sie zur Teilnahme an seinen geistigen Interessen heranzuziehen
 hierin war und blieb seine Vertraute die Mutter Bei seiner kleinen Frau
wollte er nicht Anregung zu seinen Arbeiten sondern Erholung finden Ausruhen
wollte er bei ihr und sich aufheitern lassen Sie besaß ein fröhliches
Temperament und fühlte sich durch die glänzende Lebensstellung die ihr der
liebenswürdige und hübsche Gatte bot vollständig glücklich  da konnte sie wohl
durch sonnige Laune und ungeheuchelte Zärtlichkeit die gewünschte Aufheiterung
leisten Für das geistige Ausruhen bürgte ihr gänzliches Unverständnis mit ihr
gab es kein weiteres Ausspinnen der Gedanken kein Erwägen der Pläne  mit einem
Wort keinerlei weiteres Kopfzerbrechen in ihrer Gesellschaft musste man die
geistige Arbeit ruhen lassen
    Marta hatte sich dieser Eheschliessung nicht widersetzt Sie hatte die
Empfindung dass Rudolfs Lebensaufgabe und Lebensinhalt außerhalb der häuslichen
Verhältnisse lag etwa wie bei einem von seiner Berufspflicht ganz erfüllten
Priester Rudolfs Schicksal hing nicht an der Gemeinschaft mit einem geliebten
Weibe  es hatte ein weiteres Feld Auf diesem Felde war die Mutter seine
Vertraute und Beraterin vielleicht wäre es dieser sogar schmerzlich gewesen
eine solche Rolle einer anderen überlassen zu sollen Der große Liebreiz der
jungen Gräfin Dotzky verbunden mit ihrem kindlichen Frohsinn ließ über ihren
Mangel an Geist über die Seichtigkeit ihres Charakters hinwegsehen Viele
nannten sie entzückend und Rudolf hatte sie von Herzen lieb
    So fühlte sich Marta über ihres Sohnes Eheleben ganz beruhigt und
zufriedengestellt Anders urteilte sie über die bevorstehende Heirat der
Tochter Da war ihr unsäglich bang Für Sylvia hatte sie stets den Traum
genährt dass ihr in einer harmonischen Ehe ein Glück beschieden sein möge wie
sie selber es an der Seite Tillings gefunden Und dafür bot ihr das Wesen des
jungen Delnitzky keine Bürgschaft
Es war am Abend des Tauffestes Sylvia saß beim Fenster in ihrem Zimmer Die
Dunkelheit war schon hereingebrochen Das Fenster stand offen und die laue
Sommernachtluft düftebeladen strömte herein Hinter den Baumwipfeln stieg eine
glutrote unnatürlich groß scheinende Mondscheibe empor Von ferneher leiser
Unkensang und aus nahem Gebüsch die Triller einer Nachtigall
    Sylvias Kopf war an die Fauteuillehne zurückgeworfen und ihre beiden Hände
hingen über die Armlehnen hinab Ihr Atem ging hörbar und kurz durch die
halbgeöffneten Lippen sie selber fühlte das Schlagen ihres Herzens
    Verliebt  Die Wonne dieses Bewusstseins war nicht nur eine seelisch
sondern zugleich physisch empfundene Wonne Eine süße Wärme eine
seligkeitsahnende Beklemmung in der Brust eine wogende Betäubung im Kopf
    Beim Abschied  sie standen von den anderen ungesehen in einer Nische der
finsteren Ausgangshalle  hatte Delnitzky sie auf den Mund geküsst Der erste
Liebeskuss in ihrem Leben Jetzt saß sie da und suchte sich dieses Erlebnis
dieses Ereignis wieder zu vergegenwärtigen Sie war erschüttert bereichert 
verändert mit einem Wort nicht mehr dieselbe Sylvia die sie vor einigen
Stunden gewesen
    Die Tür ging auf
    »Im Finsteren mein Kind« Und Marta drückte an den elektrischen Knopf Ein
mattes rosa Licht fiel nun durch die gläserne Deckenampel in den Raum und zeigte
die weiß lackierten Möbel die blumengemusterten Stoffe und Tapeten des
frischen einfachen Mädchenzimmers
    Sylvia sprang auf
    »Habe ich Dich erschreckt«
    »O nein Mama  Gut dass Du kommst  ich wäre ohnehin später zu Dir
hinüber  Bitte setz Dich hierher auf das Sofa  und lass mich  so auf
diesen Schemel « Und Sylvia ließ sich zu ihrer Mutter Füßen nieder und legte
den Kopf auf deren Schoss
    Marta strich liebkosend über des jungen Mädchens Scheitel
    »Das ist ja unsere MärchenerzählStellung« sagte sie lächelnd »nur sind
die Rollen getauscht jetzt musst Du mir erzählen Wie ist das gekommen 
Morgen will Delnitzky um Deine Hand bei mir anhalten  Werde ich  werden wir
ja sagen Bist Du mit Dir im Reinen«
    »Glücklich bin ich glücklich «
    »Die Frage ist ob Du glücklich wirst  Auf die Dauer meine ich  für
ein Leben  Passt Ihr auch für einander  Kennst Du ihn als einen Mann zu
dem Du vertrauensvoll aufblicken kannst von dessen Verstand dessen Güte
dessen Übereinstimmung mit Deinem Wesen Du überzeugt bist «
    »Das sagte ich ihm vor ein paar Stunden selber Wir kennen uns nicht So wie
Du Mama empfand auch ich halbe Zweifel  aber jetzt ist das verscheucht 
Liebe kann nicht so täuschen  und ist Liebe nicht schon an und für sich Gewähr
für Glück Ob fürs ganze Leben  wer wird gleich so viel verlangen Ist es
nicht schon Erfüllung genug dass man diese goldene Frucht  das Glück 
überhaupt pflücken und die Seele damit laben darf  Erinnerst Du Dich Mama 
Du hast mir nicht nur Märchen Du hast mir auch Geschichten aus Deinem Leben
erzählt  erinnerst Du Dich wie Du Deine Ehe mit Rudolfs Vater eingegangen Ein
Kotillon auf einem Kasinoball  und sein und Dein Schicksal war besiegelt Warst
Du nicht glücklich mit ihm  Freilich auch nicht fürs Leben  denn nach einem
kurzen Jahr ist er Dir entrissen worden  aber war dieses Jahr nicht schön«
    »Mein Kind das ist etwas anderes  ich war damals so jung so
unausgewachsen an Vernunft und Charakter  während Du Sylvia «
    »Ich bin doch auch jung «
    »Doch schon zweiundzwanzig  Ich war damals siebzehn Jahre alt Aber nicht
die Jahre machen es  Du bist ein ernstes Mädchen ein selbständig denkendes
Weib  Du stellst große Ansprüche an die Menschen «
    »Ja dasselbe habe ich heute meinem Bräutigam gesagt  dieselben Zweifel
ausgedrückt «
    »Siehst Du«
    »Ausgedrückt habe ich sie aber ich empfinde sie nicht  wenigstens jetzt
nicht Das Glück das mich erfüllt ist stärker als alles  alles andere  ich
begreife es ja nicht «
    »Du hast schon so viele Körbe gegeben und unter Deinen abgewiesenen Freiern
waren solche die ich höher einschätze als Delnitzky Du aber konntest nicht
genug zu erwägen zu tadeln finden Der war nicht genug universell gebildet der
nicht hochherzig genug  dem mangelte es an funkelndem Geist dem an edler Milde
 kurz man hätte glauben sollen Du wolltest Deine Zukunft nur einem Ideal von
Vollkommenheit anvertrauen und jetzt «
    »Und jetzt habe ich das Gefühl dass es auf der ganzen Welt keinen anderen
Menschen gibt dem ich angehören könnte als Delnitzky Märchen sollte ich Dir
erzählen Mama Da hast Du eins Ein lichtes Wunder ganz losgelöst von allem
vernünftigen Warum und Wozu Es hat keine Erklärung und braucht keine Ich bin
so glücklich und mir ist als wäre alles verzaubert und ich selber bin eine
andere als die ich war Was ich früher gedacht überlegt erwogen  das ist
alles zerflattert zerstoben etwas Neues umgibt durchdringt mich hebt mich
empor «
    »Kind Kind  Du sprichst wie im Rausch «
    »Ja Mama Aber nicht der Champagner ist mir zu Kopf gestiegen  ich weiß
jetzt was das Wort Glücksrausch bedeutet«
    »Du bist mir aber noch die Erzählung schuldig Wie ist es gekommen«
    »Auf dem Wege von der Kirche hat er sich erklärt«
    »Nein  ich frage wie ist es gekommen dass er Dein Herz erobert
Allmählich Plötzlich  Welche besondere Eigenschaft hast Du an ihm entdeckt«
    »Eine besondere Eigenschaft Irgend eine wahrgenommene Tugend die mich zu
dem überlegten Entschluss veranlasst hätte Dieser Mensch ist liebenswert  ich
will ihn lieben So etwas ist nicht geschehen Zwar hatte ich das stets so
erwartet Da bisher alle meine Bekannten und alle meine eifrigsten Kourmacher
mich kalt gelassen sagte ich mir es hat eben noch keiner so liebenswerte
Eigenschaften gezeigt wie ich sie von meinem künftigen Gatten fordere wenn
sich einer so offenbaren wird wie mein Ideal beschaffen ist dann werde ich ihm
meine Liebe schenken Als ob ein solches Geschenk ein willkürlicher Akt wäre
 Jetzt habe ich erfahren dass Liebe von jeglicher Willenslenkung unabhängig
ist  ebenso gut könnte man aus freiem Entschluss ein Nervenfieber bekommen wie
«
    »Wie ein Liebesfieber Als eine Krankheit betrachtet meine Sylvia ihr
schicksalsentscheidendes Gefühl«
    
    »Als eine süße betäubende gefährliche Krankheit «
    »Warum gefährlich«
    »Weil ich sterben müsste wenn etwa jetzt ein Hindernis «
    »Oh man stirbt nicht so leicht an Schicksalsschlägen und an Seelenschmerz 
davon bin ich ein Beispiel Doch jetzt will ich Dich allein lassen mein
geliebtes Kind  geh zur Ruhe  ein tüchtiger langer fester Jugendschlaf
wird Dich erfrischen und beruhigen  Du bist jetzt so erregt  ich will Dich
gar nicht mit weiteren Ausforschungen plagen Morgen früh wirst Du mir besser
erzählen können was ich noch wissen will Gute Nacht mein Kind«
    Marta beugte sich über ihre Tochter und strich ihr mit der einen Hand
zärtlich über das Haar während Sylvia die andere an ihre Lippen zog
    »Gute Nacht Mutter Freundin  einzige gute liebste Mama ich bin so
glücklich «
Nachdem sie allein geblieben ging Sylvia wieder zum offenen Fenster und an die
Fensterwand gelehnt den Kopf auf den zurückgelegten Arm gestützt schaute sie
zum Nachthimmel auf Jetzt stand der Mond schon hoch am Firmament und goss ein
sanftes blauweisses Licht auf die Büsche und auf die Kieswege des Gartens Die
leise bewegte Luft war von Rosen und Jasmindüften durchweht
    Diese Nachtluft und diese Düfte wie oft hatte Sylvia deren Zauber
empfunden doch während solcher Zauber sonst eine Verheißung war  heute war er
Erfüllung Ja das Leben ist schön  ja der Lenz mit seinen Blütenschätzen
mit dem geheimnisvollen Glanz seiner Mondnächte ist Verkünder und ist Spender
liebeatmender Entzückung 
    »Wie es gekommen« Das zog jetzt an Sylvias Geist vorüber
    Vor vierzehn Tagen im Prater  damals blühte noch der Flieder und es war
auch so eine laue helle Frühlingsnacht gewesen  da war im SacherSaale ein
»JungeHerrenBall« veranstaltet worden Von allen jungen Herren der
Gesellschaft galt Delnitzky als der hübscheste und eleganteste Wenigstens zehn
Komtessen schwärmten für ihn und fast alle Mütter wünschten im stillen dass ihre
Töchter ihn erobern mögen  denn er war eine der ersten »Partien« des Landes
    Auf den drei oder vier vorhergehenden Bällen die Sylvia mitgemacht hatte
der junge Mann besonders auffallend ihr gehuldigt wodurch sie sich  nicht ohne
eine gewisse Genugtuung  als der Gegenstand vielseitigen Neides fühlte Dann
aber in einer Soiree bei der französischen Gesandtschaft  am Vorabend jenes
Praterballes  hatte er sich von Sylvia ganz fern gehalten und in ziemlich
ostentativer Weise der jungen Gattin eines alten Diplomaten den Hof gemacht
Eine gemischte Empfindung von Kränkung und Ärger klärte Sylvia darüber auf dass
ihr Delnitzky nicht gleichgültig war
    Am liebsten hätte sie auf den »JungeHerrenBall«  den letzten der Saison 
verzichtet Delnitzky unter solchen Umständen wiederzusehen würde ihr nur Qual
bereiten Es kam aber anders Gleich bei ihrem Eintritt in den Saal eilte der
junge Mann auf sie zu und bat um den Kotillon
    Einen Augenblick war sie versucht zu erwidern dass sie vergeben sei aber
ehe sie noch darüber entschied hatte sie schon unwillkürlich ja gesagt
    Jene junge Frau war auch anwesend doch wechselte Delnitzky diesmal keine
zehn Worte mit ihr Während einer Tanzpause kam eine ihrer Freundinnen auf
Sylvia zu und hängte sich in sie ein
    »Komm lass uns ein wenig auf und ab gehen  ich habe Dir etwas zu erzählen
«
    »Das wäre«
    »Ich bin vorhin von einem Verliebten zur Vertrauten erkoren worden Zwar
kein gar lustiges Amt  man ist in solchen Angelegenheiten lieber der Gegenstand
 aber da es sich um Dich handelt  von der man weiß dass Du meine liebste
Freundin bist  kurz ich bin nicht neidisch Hast Du gesehen mit wem ich die
letzte Quadrille getanzt «
    »Ja mit Delnitzky  und ich sah ihn eifrig mit Dir sprechen «
    »Was er mir so eifrig sagte war dass er sterblich in Dich verliebt ist dass
er Dich aber für kalt und ablehnend hält Gestern habe er  in seiner
Verzweiflung  versucht einer anderen den Hof zu machen  er hatte sich
vorgenommen Dich zu meiden  doch heute war dieses Vorhaben wieder umgestossen
er hielte es nicht aus  Und er bat mich Dich auszuforschen  klug und
unmerklich auszuforschen ob er hoffen dürfte Ich entledige mich dieses
Auftrags  freilich nicht gar klug und unmerklich  wozu auch Du wirst auf
jeden Fall aufrichtig mit mir sein Nun«
    Sylvia zögerte mit der Antwort Da fiel das Orchester mit einer rauschenden
Walzermelodie ein und mehrere junge Leute traten mit auffordernder Verbeugung
vor beide Mädchen hin
    »Freut euch des Lebens« hieß der Walzer  und wahrlich diesem von Meister
Strauss in Dreivierteltakt erlassenen Gebot gehorchte Sylvia aus vollem Herzen
als sie sich nun von ihrem Tänzer durch den Saal wirbeln ließ
    Der Kotillon die Krönung der schönen Ballnacht brachte zwar keine
förmliche Erklärung aber ein durch Blick und Tonfall sich unzähligemal
wiederholendes Bewerben und Gewähren Auf einen Heiratsantrag hätte Sylvia sich
Bedenkzeit erbeten denn sie war durchaus nicht entschlossen Delnitzkys Frau zu
werden  dazu musste sie ihn doch erst besser kennen lernen  aber auf die
stummen lieberglühten Blicke gaben ihre Augen ohne dass sie es hindern konnte
zärtliche Antwort und seine leidenschaftszitternde Stimme auch indem er die
gleichgültigsten Dinge redete weckte ein Echo in ihrer befangenen Gegenrede
    Nach dem Kotillon das Souper an seiner Seite  und dann der Aufbruch in den
dämmernden Frühlingsmorgen hinaus er war es der sie in ihren Mantel hüllte
der ihr das Spitzentuch um den Kopf wand der sie zum Wagen führte und ihr
einsteigen half  mit langem bebendem Händedruck
    An all das dachte Sylvia zurück Jetzt war alles besiegelt er hatte ihre
Hand begehrt und sie hatte ja gesagt er hatte sie geküsst und sie hatte seinen
Kuss erwidert 
    Und so war es denn Sylvia ergangen wie dem ersten besten »Komtessel«
dessen ganzer geistiger Horizont von den Begriffen Ball Kourmacher »Passion«
»glänzende Partie« umgrenzt ist Und doch wie ganz anders war sie geartet Ihre
Interessen umfassten eine ganze Welt von Ideen Kenntnissen und Zeitfragen an
den Bestrebungen und Plänen ihrer Mutter und ihres Bruders hatte sie stets
ernsten Anteil genommen Obwohl von diesen beiden nicht zur tätigen Mitarbeit
herangezogen war ihr doch Einblick in deren Denken und Fühlen gegeben und auch
sie war ein ernstes von hohen Idealen erfülltes Menschenkind geworden Und wenn
sie von ihrer Zukunft träumte so pflegte sie sich an der Seite irgend eines
bedeutenden Mannes  Gelehrter oder Staatsmann  zu sehen der seiner Zeit
seinen Stempel aufdrücken würde und der befähigt wäre diesen Stempel so zu
formen dass den Zeitgenossen wieder um eine Stufe herauf verholfen würde auf
der Skala der Veredlung und Beglückung
Und jetzt Jetzt war sie bereit und entschlossen ihr Leben mit einem Mann zu
teilen von dessen Charakter sie eigentlich nichts gar nichts wusste von dem
ihr keinerlei Bürgschaft geboten war dass er ihre Träume erfüllen dass ihm
jemals eine hervorragende und einflussübende Rolle zufallen würde dass er
überhaupt ein  Edelmensch sei Dieses von Tilling geprägte Wort war im Hause
geläufig geblieben Und an ihrem Bruder besaß Sylvia das Urbild aller
Eigenschaften die zu jenem Titel berechtigen von Toni Delnitzkys Eigenschaften
kannte sie eigentlich nur die dass er ihr Herz in seliger Unruhe pochen gemacht
dass er rasend verliebt schien und dass er der eine Mann der einzige auf Erden
war nach dessen Kuss ihre Lippen sich sehnten Sie war aber nicht verblendet
sie dichtete ihm nicht alle Tugenden an wie das naiv Verliebten sonst Brauch
ist Sie gab sich Rechenschaft darüber dass sie dem Bann einer Leidenschaft
verfallen war Es war aber ein so starker und so süßer Bann dass sie gar nicht
versuchen wollte dagegen anzukämpfen Wozu auch Es band sie keine andere
Pflicht sie brach niemandem die Treue  sie setzte nur eines aufs Spiel ihr
eigenes Glück Das Glück späterer Jahre Nun diesen Einsatz konnte sie wagen
war ihr das Glück der gegenwärtigen Stunde und der nächsten Zukunft sicher und
fühlte sie doch dass sie höchstes Glück gewährte dass sie dem geliebten Freier
mit ihrem »Ja« eine beseligende Gabe gereicht während ihr »Nein« ihm schier
unerträgliches Leid zugefügt hätte Sie empfand dass sie durch diese Verlobung
aus der Alltäglichkeit in ein ungeahntes Fest  in eine LebensSonntagsstimmung
gehoben war aus der sie nicht willkürlich sich herausreissen konnte ehe die
Festnummern absolviert waren die auf dem rosa Programm prangten 
    Lange noch stand Sylvia am offenen Fenster und sog die balsamische Nachtluft
ein Jeder Atemzug Freude jeder Pulsschlag Lebensgenuss
 
                                      III
Marta hatte ihren Sohn bitten lassen auf ihr Zimmer zu kommen sie habe mit
ihm zu sprechen
    Rudolf folgte dem abgesandten Diener auf dem Fuße
    »Was steht zu Befehl Mutter«
    Baronin Tilling saß in einem an ihr Schreibzimmer anstoßenden runden Erker
Der kleine Raum enthielt nur ein Miniatursofa an der linken Wand und einen
niederen Schrank an der rechten In der Mitte dem Eingang gegenüber Martas
Fauteuil davor ein drehbarer Lesetisch und rechts daneben ein zweites
Tischchen Auf diesem die Tageszeitungen ein Arbeitskorb Fächer Flacon
Blumenvase und ein Photographierahmen mit Tillings verblasstem Bild An den
Wänden hingen noch mehrere Bilder des verlorenen Gatten in verschiedenen
Aufnahmen und Größen Darunter auch ein gemaltes lebensgrosses Kniestück von der
Hand eines berühmten französischen Künstlers Dieses Porträt war aber
unvollendet Begonnen im Sommer 1870 einige Wochen vor Ausbruch des Krieges
konnte es nicht ausgeführt werden weil sich der Maler zu den Fahnen stellen
musste Dennoch so wie es war zeigte es schon die sprechendste Ähnlichkeit
    Der niedere Schrank kunstvoll aus Ebenholz geschnitzt und mit Elfenbein
eingelegt war mit Andenken an Tilling bedeckt und angefüllt Da standen zwei
Kassetten aus oxidiertem Silber mit den gravierten Jahreszahlen 1864 und 1866
Es waren die Briefe welche Tilling von den dänischen und den böhmischen
Schlachtfeldern an seine Frau geschrieben und in einem kleinen goldenen
Kästchen lag der erste Brief den sie überhaupt von ihm bekommen  geschrieben
am Sterbelager seiner Mutter In dem Schranke waren auch die blauen Hefte
aufbewahrt das sogenannte »Protokoll« worin die Gatten im Verein die Chronik
der Friedensidee eingetragen hatten
    In diesem Winkelchen hielt sich Marta täglich mehrere Stunden auf hier las
sie ihre Bücher und Zeitungen oder zog die Fäden einer Stickerei dabei an den
Verlorenen denkend
    Mit den Worten »Was steht zu Befehl« küsste Rudolf seiner Mutter die Hand
Dann setzte er sich auf das kleine Sofa
    Wohlgefällig blickte Marta auf ihren Sohn  ein Bild männlicher
Jugendfrische und Vornehmheit Er trug einen lichten sommerlichen Morgenanzug
der seine sonngebräunte Hautfarbe noch dunkler erscheinen ließ Tiefschwarz das
kurzgeschorene in drei Zacken in die Stirn gepflanzte Haar schwarz der schmale
Schnurrbart der den schöngezeichneten Mund frei lässt schwarz auch und leicht
gekräuselt der spanisch zugestutzte Kinnbart Nur die dicht bewimperten Augen
unter den dunklen Brauen sind blau Edelgeformt das Profil die Gestalt
geschmeidig und schlank und beinahe sechs Fuß hoch aristokratische Hände und
Füße  Mit Recht galt Rudolf Dotzky als einer der hübschesten Männer des an
schönen Männererscheinungen nicht armen österreichischen Hochadels So ungefähr
hatte auch der junge Husar ausgesehen der das Herz der siebzehnjährigen Marta
Altaus im Fluge erobert hatte Die Züge waren jedenfalls ähnlich jedoch viel
durchgeistigter Und in Sprache und Tonfall hatte Rudolf vieles von seinem
Stiefvater angenommen so waren ihm manche seiner Bewegungen seine Art zu
lachen und ein paar norddeutsch anklingende Redewendungen hängen geblieben
    »Ich wollte mit Dir über zwei wichtige Dinge sprechen Rudolf«
    »Auch ich will Dir eine Mitteilung machen Doch nachher  Zuerst Du «
    »Also erstens Delnitzky hat um Sylvias Hand angehalten«
    »Habe mirs gedacht«
    »Sie liebt ihn und ist entschlossen ihn zu nehmen Zwar habe ich mir meinen
künftigen Schwiegersohn anders geträumt  was ist Deine Ansicht«
    »Mein Gott ich kenne den Toni nur wenig  Ich könnte nichts Übles von ihm
sagen habe auch nie Übles über ihn gehört  Und wenn sie ihn gern hat «
    »Ich halte ihn für oberflächlich für unfähig auf die Ideen und Gesinnungen
einzugehen die meine Kinder hegen«
    »Vielleicht wird Sylvia ihn beeinflussen «
    »Das dacht ich im ersten Augenblick auch  Dass sie für einander
schwärmten bemerkte ich schon lang  besonders seit jenem JungenHerrenBall
 Und Delnitzky ist ja ein lieber guter Mensch ein Gentleman  Aber
seit die Entscheidung gefallen steigen mir die Zweifel auf  Meines
unvergleichlichen Friedrich Kind  das gönne ich keinem der nicht so ist wie
er gewesen  Aber gibt es einen solchen  Und verlieren werden wir sie
«
    »Ich glaube nicht dass unsere Sylvia sich uns entfremden wird Wir drei sind
mit zu vielen Herzensund Geistesfasern mit einander verwachsen als dass uns
etwas auseinander reißen könnte Auch die Ehe nicht  Sieh mich zum Beispiel
«
    »Ja Du mein Rudolf  Reden wir jetzt von Dir Das ist der zweite
Gegenstand den ich auf dem Herzen hatte Du hast gestern beim Tauffest Worte
gesprochen die tiefen Eindruck auf mich gemacht haben  die klangen wie eine
geliebte längstverstummte Stimme «
    »Und darum brachst Du in Tränen aus  Was sagte ich Ich erinnere mich
nicht «
    »Desto genauer erinnere ich mich  jedes Wort hat sich mir eingeprägt  So
lange wir uns an die Vergangenheit klammern werden wir Wilde bleiben  sagtest
Du  Aber schon stehen wir an der Pforte einer neuen Zeit  die Blicke sind nach
vorwärts gerichtet alles drängt mächtig zu anderer zu höherer Gestaltung 
schon dämmert die Erkenntnis dass die Gerechtigkeit als Grundlage alles sozialen
Lebens dienen soll und aus dieser Erkenntnis wird die Menschlichkeit erblühen 
die Edelmenschlichkeit  Aber Rudolf die Zukunft wird nur eine andere wenn
die Gegenwart zu vorbereitender Handlung ausgenützt wird Willst Du nicht
handeln«
    »Ja ich will Das war es eben was ich Dir mitzuteilen hatte Was ich vor
mir sehe ist dies ein Sitz im Abgeordnetenhause Die Schaffung  vielleicht
die Führerschaft einer neuen Partei Daneben publizistische Tätigkeit  In
Bressers Blatt wird mir allwöchentlich eine Spalte offen stehen «
    »Und da wirst Du die Friedens und Abrüstungsidee vertreten Wie mich das
beglückt Du weißt ja dass sich eine interparlamentarische Union gebildet hat 
da könntest Du im österreichischen Parlament auch eine Gruppe zu bilden trachten
«
    »Ich habe ein umfassenderes Programm im Sinn Damit eine große Wandlung
angebahnt werden könne müssen zehn andere große Wandlungen gleichzeitig
angestrebt werden«
    Marta schüttelte den Kopf
    »Gewiss« sagte sie »jede Wandlung ist von anderen bedingt und zieht andere
mit sich  ob aber ein Mensch zugleich nach allen verzweigten Richtungen streben
soll Wo bleibt da die Arbeitsteilung«
    »Es gibt Dinge die sich nicht teilen lassen die ein großes Ganzes sind 
zB eine Weltanschauung Je mehr ich mich umsehe im ganzen öffentlichen Leben
je deutlicher erkenne ich dass das was not tut eben dies ist eine neue
Weltanschauung  eine neue Orientierung Nicht Schrauben und Masten sind an dem
Schiffe zu ändern auf dass es besser segele  der Kurs muss ein anderer werden
Denn in seiner jetzigen Richtung gleitet es nach einem Maelstrom der es in die
Tiefe ziehen wird «
    »Und Du allein mein Sohn willst der Lotse sein der solche Kurswendung
erreicht Dein Ehrgeiz ist hoch«
    »Ehrgeiz«  Rudolf machte eine wegwerfende Handbewegung  »Nein den hab
ich nicht Ich weiß ganz gut dass das was man unter Ehren und Würden versteht
nicht auf Pfaden zu holen ist die man erst aushauen muss «
    »Und aus welchem Anlass hast Du Dich gerade jetzt zum Handeln entschlossen«
    »Mein dreissigstes Jahr ist vollendet  die Lehrlingszeit ist vorüber  und
dann vielleicht auch die gestrige Feier  Als ich es aussprach dass wir uns
der Söhne und Enkel würdig zeigen müssen da mahnte mich das Gewissen dass ich
selber noch nichts dazu getan Wie soll ich hoffen dass mein Sohn einst meine
Arbeit fortsetzt wenn ich die Aufgabe nicht erfüllt hätte die ich von meinem
Vater übernommen «
    »Von Deinem Vater «
    »Ach verzeih  meinen wirklichen Vater habe ich ja nicht gekannt und in
meinem Herzen habe ich stets diesen«  er zeigte auf das Bild an der Wand  »so
genannt«
    »Das hat er auch verdient «
    »Und billigst Du meinen Entschluss«
    »Ich sagte schon er beglückt mich Nur das eine fürchte ich  dass Du ein
zu weites Feld bebauen willst und dadurch vielleicht gerade die Pflanze
vernachlässigen wirst deren Pflege er« mit einem Blick auf das Bild  »uns
hinterlassen hat Ich meine jene ganz bestimmte umgrenzte Bewegung  «
    »Ich weiß was Du meinst Schiedsgericht  Weltfrieden   und das nennst Du
umgrenzt Es bedeutet nichts geringeres als die Umwälzung aller landläufigen
Erziehung Politik Moral Gesellschaftsordnung   kurz eine ganze Revolution
Und bemerkst Du nicht dass wir in einer Zeit leben in welcher auch wirklich auf
allen Gebieten revolutioniert wird Seit zehn Jahren etwa ist in Deutschland
eine Revolution der Literatur ausgebrochen die bildende Kunst nennt ihren
Aufstand Sezession die Frauen heißen den ihrigen Emanzipation und die
Proletarier  Sozialdemokratie und so nach allen Seiten  «
    »Nicht jeder der eine neue Zeit ersehnt braucht aber auf allen Seiten
mitzuarbeiten Jeder hilft dem andern am besten wenn er die eigene Aufgabe gut
erfüllt«
    »Du Mutter interessierst Dich eben nur für die eine Frage  und nicht für
den Umschwung in Literatur und Kunst  nicht für die Frauen noch
Arbeiterbewegung«
    »Interessieren Doch Wer am Wandel der Zeit Anteil nimmt der horcht und
blickt überall mit Spannung hin  aber kämpfen und wirken das möchte ich nur
in einer Richtung  und wie Du weißt so weit meine Kräfte reichen habe ichs
ja durch die Niederschrift meiner Lebensgeschichte auch versucht  In anderer
Richtung fehlt mir das Verständnis  die Auffassungskraft So gestehe ich Dir
dass mich die neue Kunst vielfach abschreckt  dass ich noch an allem hänge was
ich in meiner Jugend als schön bewunderte und als gut kennen gelernt  Ich
habe nicht versucht aus Sylvia eine neue Frau zu machen ich bin zu alt um zu
«
    »Vielleicht ist das der Unterschied zwischen uns« unterbrach Rudolf »Ich
bin jung  Ich bin aufgewachsen in der gährenden Atmosphäre in dem Sturm der
Moderne  Freilich wehte mich dieser Sturm zumeist nur aus Büchern und
Zeitungen an  denn die Menschen mit denen wir verkehren die leben noch so
sehr in den alten Anschauungen und Gewohnheiten die wissen gar nicht dass die
Welt sich bewegt Höchstens fühlen sie dass ein miserabler Plebs an der schönen
alten Ordnung zerren will  und das wehren sie verächtlich ab Bis auf den alten
Grafen Kolnos kenne ich aus unseren Kreisen gar keinen Menschen mit modernen
Ideen Es gibt deren gewiss ein paar Dutzend aber ich kenne sie eben nicht«
    »Von Kolnos habe ich heute einen lieben Brief bekommen« sagte Marta »Der
ist wirklich ein merkwürdiger und herrlicher Typus Aber nicht was ich unter
modern verstehe nichts von Dekadententum nichts von raffiniertem
Übermenschentum nichts von tempelschänderischen Gelüsten«
    »Du musst nicht gerade die krankhaften Erscheinungen des modernen Geistes ins
Auge fassen Mutter «
    »Freilich Du hast recht die meisten Missverständnisse kommen auch daher
jedes Ding hat so verschiedene Aspekte  und zwei Menschen die im Grunde
eigentlich gleicher Meinung wären streiten über eine Sache für die sie nur
einen Namen haben die sie aber von zwei ganz verschiedenen Seiten betrachten
 Wovon sprachen wir eigentlich«
    »Von Kolnos «
    »Ja richtig  Wo habe ich seinen Brief  Ah da  er hat mir sein
neuestes Gedicht geschickt  da lies er kennt meine schwache Seite wie Du
siehst sein Lied ist gegen die Kanonen gerichtet«
    Rudolf nahm das Blatt und überflog es Das dreizehn Strophen umfassende
Gedicht betitelt »Nach Xtausend Jahren« schildert eine Szene der fernen
Zukunft da man in dem vergletschert gewesenen Europa alte Funde ausgräbt und
darüber Forschungen anstellt um den Lauf der Kulturentwicklung zu erkunden
Gelehrte schreiben dicke Bücher
Und streiten sich wie heute auch
Um Wert und Schönheit der Antike
Und ihrer Werke Nutzgebrauch
Nun findet man ein rätselhaftes Instrument über dessen Bestimmung man sich die
weisen Köpfe zerbricht Es ist ein dickes Metallrohr Sollte es eine
Riesenorgelpfeife ein prähistorisches Flötenstück oder ein Trinkhorn für
Giganten gewesen sein Oder ein mystisches Symbol  sogar in finsteren Zeiten
der Gläubigen Götze Endlich ward ein Stein entziffert worin die Erklärung
eingegraben war Darauf wäre man freilich von selber nie gekommen man brauchte
das Rohr zum Massenmorde euphemistisch Krieg genannt
Und weil der Totschlag gut kanonisch
Das Mittel heiligte den Zweck
So nannte man das Ding Kanone
Und blies damit die Gegner weg
Robert gab das Blatt zurück
    »Nun ich sags ja ein moderner Mensch dieser hohe Sechziger Denn sein
Blick ist nach der Zukunft gerichtet Er weiß dass wir in Wandlung begriffen
sind Er schaut erkennend und sehnend nach vorwärts während meine verehrten
Genossen wenn sie schon Ideale haben sie immer nur in der Vergangenheit sehen
Die meisten sehen überhaupt nicht weiter als ihre Nase«
    »dabei sind aber diese Menschen ihrer Anlage nach vielleicht gerade so
gescheit wie Du mein Lieber Es kommt nur darauf an auf welche Gedankenpfade
auf welche Kenntnisfelder man zufällig geraten ist Erziehung ist alles Und
nicht nur Kindererziehung  auch die der Erwachsenen Tilling hat erst mit
vierzig Jahren über gewisse Dinge nachzudenken begonnen  über die ihm dann so
weite Horizonte aufgegangen sind«
    »Du denkst doch immer und immer wieder an ihn« sagte Rudolf in leisem
ehrerbietigem Ton
    Marta hob den Blick zum Himmel
    »Immer Ich bin stolz darauf an mir erfahren zu haben dass es eine Liebe
gibt die stärker ist als der Tod«
 
                                       IV
Ein heißer AugustNachmittag Die Hitze hindert aber die Bewohner von Brunnhof
nicht sich am Tennisspiel zu ergötzen
    Der Spielplatz liegt in einem um diese Stunde von der Sonne unbeschienenen
Teil des Parkes Von hier ist die Rückseite des Schlosses in Sicht mit seinen
in das Parterre führenden Terrassen In der Mitte ein großes Wasserbecken aus
welchem ein Springbrunnen steigt Rings in künstlerischer Anordnung
farbenprächtige Teppichbeete Eben war ein Gärtnergehilfe beschäftigt den
Wasserschlauch auf diese Beete zu richten die unter dem belebenden Strahl
verstärkte Düfte aussandten die von der schwülen Luft bis zum Tennisplatz
getragen wurden Unter den gemischten Wohlgerüchen herrschte der etwas
betäubende Hauch einiger in der Nähe blühender Vanillensträucher vor Ein
eigentümliches Licht lag auf dem Grün des Rasens und der Bäume Jene lackierte
teatereffektmässige Färbung die den Leuten den Ausruf abzuringen pflegt »Seht
doch  die sonderbare Beleuchtung «
    Es war zufällig dieselbe Gesellschaft die beim Tauffest versammelt gewesen
noch vermehrt durch die Gegenwart der jungen Schlossherrin die jetzt schon
vollkommen hergestellt war und auch schon die von ihrer Mutter ihr so dringend
empfohlene Wallfahrt nach Mariazell hinter sich hatte
    Man saß da zur Seite des Tennisplatzes auf einer Reihe von Bänken und sah
den vier Spielenden zu Sylvia und ihr Bräutigam Rudolf und der junge Bresser
    Dieser war seinem Vorsatz das Haus zu meiden falls Sylvia sich verlobte
untreu geworden Die Gewohnheit mit der Familie zu verkehren deren ältester
Freund sein Vater war war ihm zu teuer geworden Der Umgang mit Baronin
Tilling die kameradschaftlichen Plauderstunden mit Rudolf Dotzky und wenigstens
der Anblick der still angebeteten Sylvia darauf konnte er doch nicht auf die
Länge verzichten Die blöde Eifersucht musste niedergekämpft werden Hatte er
doch niemals gehofft das Mädchen zu erringen so musste er sich darein finden
sie an der Seite eines anderen zu sehen Dass dieser andere kein Idealmensch war
bot ihm eigentlich eine kleine Genugtuung die er sich zwar nicht eingestand
die er aber darum nicht weniger empfand Da ihm selber Delnitzky nicht
liebenswert erschien so gab er sich der Idee hin dass Sylvia eine
Vernunfteirat einging an der ihr Herz nur wenig beteiligt war Mit dieser
Vorstellung hatte er wenigstens die eine Hälfte seiner eifersüchtigen Gefühle
verscheucht
    »Game  play  out« Die Worte drangen vom Spielplatz herüber aber in
ruhigem Tone die Bälle flogen hin und her oder stießen an das Netz und fielen
oft zu Boden alles dies lautlos außer wenn der Ball ungeschickterweise mit dem
Rand der Rakete aufgefangen wurde dann rief gewöhnlich von den Zuschauern
einer »Holz  Holz« Die Bewegungen der Spielenden hatten keinerlei Heftigkeit
kein Laufen oder Springen vielmehr  besonders bei den Herren  eine behäbige
sich wiegende Nachlässigkeit
    Marta die etwas abseits von den anderen saß hielt ein Zeitungsblatt in
Händen sie las aber nicht sondern verfolgte mit den Blicken die anmutigen
Gestalten ihrer Kinder
    Mit Sylvias Verlobung hatte sie sich nunmehr ausgesöhnt Täglich wiederholte
ihr das junge Mädchen dass sie sich vollkommen glücklich fühle Mitunter stiegen
ihr zwar dennoch Zweifel auf vieles in ihres künftigen Schwiegersohnes Wesen
und Äußerungen wirkte auf ihre Nerven  wie etwa das Ausgleiten einer
Messerschneide auf einem Porzellanteller oder das Kratzen spitzer Fingernägel
an einer Seidentapete aber solche Regungen verjagte sie rasch
    Beatrix und ihre Mutter saßen nebeneinander in eifriges
KleinkinderGespräch vertieft Die Existenz des neuen Insassen und Erben von
Brunnhof war für seine junge Mutter die wunderbarste  und für seine Großmutter
die wichtigste Erscheinung der Umwelt
    Die vier Herren Oberst von Schrauffen Minister »Allerdings« Pater Protus
und Doktor Bresser unterhielten sich untereinander
    »Von dem Spiel verstehe ich nichts« sagte der Pfarrer »Es sieht gar nicht
lebhaft aus  sehen Sie nur wie wenig heftig die Bewegungen sind kein Laufen
kein Springen  im Gegenteil  besonders die Herren  so was Behäbiges
Wiegendes Nachlässiges Aber ämüsieren müssen sich die Herrschaften doch dabei
sonst würden sies nicht so hartnäckig betreiben  wo jetzt das Tennis einreisst
da wird täglich zur Rakete gegriffen als ob damit eine wichtige Pflicht abzutun
wäre Mir ist leid um die gemütlichen Kegelpartien die nun überall abkommen«
    »So ist die Welt hochwürdiger Herr  alles alte wird von neuem verdrängt«
    Der Pfarrer schüttelte den Kopf »Nur unter neuerungssüchtigen Menschen
Herr Doktor  sehen Sie sich einmal die Natur an immer wieder die gleichen
Bäume dieselben Berge «
    »O nein nicht dieselben« rief der Doktor »Die Veränderungen in der Natur
gehen nur langsam vor sich  sodass man sie nicht wahrnimmt aber meinen Sie
nicht dass seit der Tertiärzeit die hiesige Gegend viel größere Wandlungen
durchgemacht hat als die von der Kegelbahn zum Tennisplatz«
    »Allerdings« bestätigte der Minister »Die größten und häufigsten
Wandlungen sind aber schon in unserer Politik zu konstatieren Da lässt sich
schon gar nicht trotz der nimmer nachlassenden Anstrengungen der Konservativen
die geringste Stabilität erzielen  Ad vocem Politik wissen die Herren dass
unser Rudolf sich um ein Mandat im Abgeordnetenhause bewirbt«
    »Ich weiß es« sagte Doktor Bresser »Die Baronin Tilling ist entzückt
darüber«
    »Einerseits begreife ich das« versetzte der Minister »Mütter freuen sich
immer wenn sich ihre Söhne im öffentlichen Leben hervortun wollen 
andererseits bringt die AbgeordnetenLaufbahn viel Verdruss und Schwierigkeiten«
    Der Oberst zuckte die Achseln »Ach was Schwierigkeiten Mit Rudolfs Namen
und Verbindungen  Da wirds ihm nicht fehlen zu irgend einem angesehenen
Posten zu gelangen  zuerst ein paar Jahre im Parlament  dann irgend ein
Portefeuille «
    »Ich kann mir nicht recht vorstellen« sagte Pater Protus »welche Rolle
Graf Rudolf in der Politik spielen wird Seinem Range nach müsste er sich der
konservativen Partei anschließen «
    »Allerdings« nickte der Minister
    » Wie ich ihn aber kenne neigt er zu den Liberalen um nicht zu sagen 
Radikalen«
    »Jedenfalls ist seine Gesinnung nicht ganz geheuer« sagte der Oberst »ich
kann die antimilitärische Rede nicht verschmerzen die er beim Tauffest seines
Erben gehalten hat wobei Sie Herr Doktor ihn noch unterstützten  wenn ich
mich recht erinnere so haben Sie für Verweigerung der Heereskosten plaidiert
Wenn Rudolf in dieser Richtung auftreten sollte «
    Der Minister machte eine beschwichtigende Handbewegung
    »Seien Sie ruhig  wem Gott das Amt gibt  gibt er auch den Verstand Das
heißt mit anderen Worten wenn man in eine gewisse Stellung gelangt  und in
gewisse Kreise so wird man von den Obliegenheiten dieser Stellung und dem Geist
dieser Kreise unwillkürlich so durchdrungen dass die alten Ideen und Neigungen
wie Nebel zerrinnen und man tut und wirkt was der neue Posten erheischt«
    »Es sei denn« entgegnete Bresser »dass man eine so starke Persönlichkeit
ist dass die Umgebung gezwungen wird sich ihr anzupassen und nicht umgekehrt «
    Die Spieler hatten ihre Partie beendet Rudolf trat auf die Gruppe zu
    »Wovon sprechen Sie so emsig meine Herren«
    »Von Ihnen und Ihrer ReichsratsKandidatur «
    »Da haben Sie wohl nicht viel Gutes gesagt denn  mit Ausnahme Doktor
Bressers vielleicht  stehen Sie alle auf ganz anderem politischen Standpunkt
als ich «
    »Die Nüancen mögen allerdings verschieden sein« sagte der Minister »aber
in der Grundfarbe da sind doch ziemlich alle anständigen Leute übereinstimmend
verfassungstreu kaisertreu vaterlandstreu «
    »Treu treu « wiederholte Rudolf kopfschüttelnd »Diese schöne
Eigenschaft ist wohl dem Bestehenden gegenüber  wofern es gut ist  sehr
angebracht Was soll aber derjenige sein der dem Werdenden dienen will«
    Besser antwortete
    »Der muss kühn sein«
    »Ja« sagte Rudolf »und doch auch treu Sich selber treu«
    Sylvia und Delnitzky gingen nebeneinander in einer der Parkalleen auf und
nieder den anderen in Sicht aber außer Gehörweite
    In den sechs Wochen die seit der Verlobung verstrichen waren hatte das
junge Mädchen sehr verschiedene Stimmungen durchgemacht Der taumelnde
Glücksrausch jenes Abends an dem sie den ersten Kuss und ihr Jawort gegeben
hatte sich nicht wiederholt  nur erinnern konnte sie sich an das was sie
damals empfunden ohne es jedoch wieder zu empfinden Es kann eben keine zwei
ersten Küsse geben und keine zwei Augenblicke in welchen man einen bestimmten
lebensentscheidenden Entschluss fasst Es war ihr sogar manchmal geschehen dass
ihr Liebensgefühl erlahmte Auch ihr war wie ihrer Mutter manches was
Delnitzky sagte oder wie er es sagte an die Nerven gegangen Aber das dauerte
nicht länger als eine Minute die nächste Minute brachte ihr wieder das
Bewusstsein dass sie eine liebende glückliche Braut sei
    Einige Schritte waren sie schweigend einhergegangen Delnitzky sprach
zuerst
    »Wie schön wie schön Du bist« Das »Du« war nur dem Teteatete
vorbehalten Unter Leuten sagten sich die Verlobten »Sie« Und gerade das machte
aus dem Du eine Art Liebkosung »So gefällst Du mir noch viel besser als im
Sommerkleid  und beim Ballspiel finde ich Dich noch graziöser als beim Tanzen«
    In ihrem fussfreien weißen Piquékleidchen mit Ledergürtel um die
geschmeidige nicht zu dünne Taille mit den absatzlosen gelben Schuhen an den
schmalen Füßen mit dem einfachen Matrosenhut auf dem kastanienbraunen Haar das
in einer festen Flechte auf den Hinterkopf gesteckt war und auf welches die
Sonne bronzefarbene Lichter setzte  bot Sylvia in der Tat ein frisches
liebreizendes Bild Das jugendliche Gesichtchen mit dem feinen Profil war wie in
Glanz getaucht rosige Glut auf den Wangen dunkelrote Glut auf den Lippen
schwarzes Funkeln in den Augen weissblitzendes Lächeln wohl konnte der
beglückte Bräutigam in den Ruf ausbrechen »Wie schön Du bist«
    »Findest Du Und ist Dir mein Hübschsein das Liebste an mir«
    »Alles ist mir lieb an Dir  Bist ein Kreuzmädel  voll Rasse  ohne
Faxen «
    Über Sylvias Gesicht huschte eine Wolke Das war wieder eine jener
Äußerungen die sie ärgerlich berührten Sie blieb stumm Delnitzky fuhr fort
    »Mir ist nichts zuwidrer als affektierte oder kokette Manieren oder gar
BlaustrumpfFexereien Du bist einfach natürlich  zwar auch mörderisch
gscheit  kehrst es aber nicht protzig heraus  Vor Deinem Gscheitsein habe
ich mich anfänglich ein bissel gfürchtet  Du hast so den Ruf dass Du
allerlei ernste Sachen studierst und mit Deiner Mama und dem Rudi stundenlang
gelehrte Bücher liest Aber s war nicht so schlimm  ich hab Dich nie was
Pedantisches reden ghört«
    »Bis jetzt mein lieber Toni haben wir eigentlich nur im Ballsaal verkehrt
da konnte ich natürlich keine pedantischen Unterhaltungen einleiten  und seit
wir verlobt sind sprechen wir fast immer von unserer Liebe  auch dieses Thema
lässt nichts pedantisches zu  Aber Du musst Dich doch darauf gefasst machen dass
ich in der Tat darauf rechne wenn wir einmal verheiratet sind «
    »Über Schoppenhauer und Nietzsche oder gar über die Geschichte der Konzilien
mit mir zu konversieren Da danke ich «
    »Die beiden Denker die Du meinst so tief und wunderbar ihre Sprache ist
gehören nicht zu meinen Lieblingen «
    »Hast Du sie denn überhaupt gelesen«
    »Du etwa nicht«  Anton verneinte mit dem Kopfe  »und was die Konzilien
betrifft so habe ich von deren Geschichte nicht viel gehört «
    »Ich schon Du weißt ich war zwei Jahre in Kalksburg bei die Jesuiten «
    »Bei den Jesuiten«
    Toni zuckte ungeduldig mit den Achseln »No ja pardon bei den Jesuiten 
und da wird alles was Kirchengeschichte ist gar genau studiert Länger als
zwei Jahr hab ichs übrigens dort nicht ausgehalten  aus mir wär doch nie der
richtige Jesuitenzögling geworden«
    »Gottlob Was ich aber sagen wollte ich rechne darauf dass wir in inniger
geistiger Gemeinschaft sein werden  dass wir miteinander über alles reden was
wir bewundern  was wir bestaunen von den Mysterien die «
    »Ich staune über das Mysterium Deiner Schönheit « «
    Jetzt zuckte sie mit den Achseln »Schon wieder«
    »Bist Du bös wenn ich Dich bewundere  wenn ich verrückt werde durch Deinen
Reiz«
    Nein darüber war sie nicht böse aber dass er nichts anderes zu sagen wusste
das begann ihr ein gewisses Grauen einzuflößen
    Er drückte ihren Arm fest an sich und beugte sich zu ihr nieder indem er
seine brennenden Augen tief in die ihrigen senkte  eine Art zu blicken die sie
mit süßem Schauer durchrieselte In der Tat was in der Welt konnte neben
solchem Mysterium noch bestehen 
    Sie schwiegen nun beide In der schwülen Luft erhob sich ein leiser
Regengeruch Die »sonderbare« Beleuchtung wurde immer unnatürlicher nicht wie
Gras lag es auf den Rasenflächen sondern wie grünes Metall Ein fernes
Donnergrollen wurde vernehmbar
    »Kinder Kinder« riefen die anderen »es kommt ein Gewitter  gehen wir
hinein «
    Wenn etwas Sylvias Empfindung  halb Lust halb Bangen  noch erhöhen
konnte so war es die Aussicht dass jetzt ein tüchtiges Unwetter losbrechen
werde prasselnder Regen grelle Blitze Donnerschläge danach sehnte  und
darauf fürchtete sie sich Und richtig kaum verstrichen noch einige
erwartungsvolle Minuten so fing ein pfeifender Wind an die Baumäste zu biegen
und Wirbel von Staub und Blättern durch die Luft zu jagen dicke warme Tropfen
fielen herab die gelbgrüne Beleuchtung wich einer plötzlich heranbrechenden
Dunkelheit schwarze Wolkenmassen wälzten sich heran und hingen tief zur Erde
herab Ein blendender Blitz zeichnete eine feurige Zackenlinie vom Zenit bis
zum Boden und gleich darauf knatterte eine heftige Donnersalve  es musste in der
Nähe eingeschlagen haben
    Die ganze Gesellschaft stürzte so schnell sie konnte dem Schloss zu Die
Verlobten waren etwas weiter entfernt und sie mussten ihre Schritte noch mehr
beschleunigen wollten sie rechtzeitig unter Dach kommen Hugo Bresser einen
Schirm in der Hand eilte ihnen entgegen
    Jetzt kam ein förmlicher Wolkenbruch herabgeschüttet Da begann Sylvia zu
laufen als sie nur mehr einen Schritt von Hugo entfernt war stolperte sie über
einen Stein und fiel Der junge Mann fing sie noch rechtzeitig in seinen Armen
auf
    Er umschlang sie fest Mitten in dieser elektrizitätsgeladenen Atmosphäre
in diesem Sturm der losgelassenen Elemente pochte es auch wild in seinen Adern
Und seine langverhaltene Leidenschaft entlud sich in diesem einen Augenblick da
der Zufall ihm das angebetete Mädchen in die Arme warf und  er konnte nicht
anders  er drückte sie ans Herz dabei lag in seinem ganzen Gesichtsausdruck
das deutlichste Geständnis glühender Liebe
    Auch Sylvia war unter dem Bann der stürmischen Minute diese plötzlich
geoffenbarte Leidenschaft glich ja auch einem Blitzstrahl  Sie empfand keinen
Groll was sie empfand war vielmehr der Rückschlag desselben elektrischen
Stromes der das Herz durchzuckte an dem sie lag
    Nur drei Sekunden lang Schon war Delnitzky herbeigesprungen und befreite
sie Er hatte von dem Vorfall weiter nichts gesehen als das Ausgleiten ihres
Fußes und die zufällig gebotene Hilfe
    »Sie haben sich doch nicht weh getan« fragte er besorgt
    Sylvia atmete schwer und tief auf
    »Nein nein  nichts nichts« stammelte sie und schloss die Augen
 
                                       V
An diesem Abend blieb Sylvia nicht im Salon
    Gleich nach dem Diner bei dem sie die Schüsseln beinahe unberührt
vorübergehen ließ zog sie sich heftigen Kopfschmerz vorschützend auf ihr
Zimmer zurück
    Sie wollte beichten Zuerst ihr Gewissen erforschen und dann Beichte ablegen
 sich selber Und sich wahrscheinlich eine Busse diktieren  denn die Sünde die
sie in der bevorstehenden Gewissenserforschung zu finden fürchtete verdiente
nicht  ohneweiteres  die eigene Absolution
    Bei Tische hatte die Unterhaltung einmal einen höheren Ton angeschlagen als
gewöhnlich Rudolf und Hugo die einander gegenüber saßen waren in ein
Wortgefecht geraten das bald so lebhaft wurde dass alle anderen Gespräche
verstummten und die ganze Gesellschaft den beiden jungen Männern lauschte
    »  Und ich sage lieber Bresser das höchste ist die Tat«
    »Ich bleibe dabei Graf Rudi als Höchstes tront der Gedanke schon
deshalb weil er einsam sein kann  in Gletscherhöhen schweben Ich weiß in der
Geschichte keine sogenannte Tat durch die die Menschheit bereichert und geadelt
worden wäre  das ist immer nur das Werk großer Gedanken gewesen«
    »Die erste Stufe kann doch nicht höher stehen als die nächste Zuerst denkt
 dann handelt man Das Wort muss Fleisch werden die Idee muss eine Form
beseelen Das Gedachte muss sich bejahen durchsetzen muss geschehen muss  mit
einem Wort  getan werden entschlossen kräftig wuchtig getan«
    »Diese Worte passen auf Faustschläge auf Gewaltakte überhaupt Es wundert
mich dass gerade Sie der Friedensanwalt so sprechen«
    »Eben weil ich Anwalt einer Idee bin lechze ich danach dass sie sich in
Taten umsetze in Institutionen verkörpere«
    »Das geschieht von selber wenn die Idee erst mächtig genug geworden Eine
Institution ist nicht lebensfähig wenn sie vorzeitig erzwungen wird  Was
verstehen Sie übrigens unter Institutionen Gesetze Verfassungen Politische
Formen Anstalten und Körperschaften Wie ist das alles so nebensächlich so
unwichtig gegen das Reich des Geistes  des täglich wachsenden immer lichtere
Höhen erklimmenden Menschengeistes «
    »In wie wenig Köpfen« 
    »Die vielen folgen langsam nach«
    »Die folgen nur dem sichtbar  also dem tatgewordenen Gedanken «
    »Übrigens  noch wertvoller als Handeln und als Denken ist das Gefühl
Gefühl ist der Gipfelpunkt des Lebens  Ist auch der Regulator all der
sogenannten Institutionen Das Gefühl nicht das besonnene Urteil der Massen
kann als Gradmesser der Kultur gelten Nur im Bereiche des Gefühls entfalten
sich die reichsten Blüten der Seele das Mitleid die Begeisterung die Andacht
und die Krone alles Seins  die Liebe Aus dem Gefühle strömt die Schöpferkraft
des Künstlers und flammt die Lust des Kunstgeniessens  Auch des Naturgenusses
nicht was wir an der Rose riechen ist was uns entzückt sondern was wir beim
Einatmen ihres Duftes mit allerlei verketteten Vorstellungen und Erinnerungen
fühlen was wir an Akkorden und Tonfolgen hören ist Lärm erst was wir daraus
fühlen ist Musik  «
    »Was der für geschwollenes Zeug redet« flüsterte Delnitzky seiner Braut zu
»Pass nicht auf reden wir lieber von «
    Sylvia machte eine abwehrende Handbewegung kehrte sich noch mehr von ihrem
Nachbar weg und blickte mit gespannter Miene auf den Sprecher Dieser fuhr fort
    »Durch das Gefühlte  Inspiration Ahnung Leidenschaft  wächst man über
sich selbst hinaus Augenblicke in denen der Mensch zum Gotte wird  es sind
nur Augenblicke nicht Tage nicht einmal Stunden  sind Augenblicke
überströmenden Gefühls   Der Dichter der Seher der Liebende weiß was
solche Augenblicke sind  Wer sie erlebt hat ist geweiht  der gäbe die
Erinnerung daran nicht um schwere Schätze her  Einer solchen Erinnerung «
Hugo nahm sein Glas zur Hand und stand auf  »ich besitze sie erst seit heute 
trinke ich nun zu und wer einen Augenblick erlebt hat der ihn über alles
Irdische erhoben stoße mit mir an«
    »Mit anderen Worten« sagte Oberst von Schrauffen der neben Hugo saß und
Bescheid tat »unsere schönen Erinnerungen hoch«
    Damit war der etwas überspannte Ausfall des jungen Schriftstellers auf ein
allgemein verständliches Niveau gebracht und die Gläser klirrten »Unsere
Erinnerungen hoch« hieß es um die ganze Tafelrunde
    Delnitzky fand ein für einen Bräutigam glückliches Wort
    »Höher noch unsere schönen Erwartungen«
    Sylvia hatte Hugo zugetrunken  auf den Toast Antons gab sie nicht Bescheid
    Als sie in den Salon gingen fragte Delnitzky seine Braut die er am Arm
führte
    »Warum hast Du vorhin nicht mit mir angestossen«
    »Lass mich« antwortete Sylvia in nervösem Tone  »ich habe Kopfweh«
    Und dieses Kopfweh ward ihr zum Vorwand sich ohne Verzug zurückzuziehen
In ihrem Zimmer angelangt war ihr erstes die Fenster aufzureissen
Vorsichtshalber war von der Dienerschaft als das Gewitter losging alles
verschlossen worden aber jetzt war das Unwetter vorbei und Sylvia lechzte nach
Luft Die Sonne war schon untergegangen aber noch war es Tag Abgekühlt
regenfeucht schwer duftend strömte die Luft herein Von den Bäumen und Büschen
tropfte es noch herab am Horizont bald hier bald dort flammte es
wetterleuchtend auf  ein förmliches Lichtgeknatter 
    Sylvia ließ sich ein paar Minuten von den fächelnden Lüften die heiße Stirne
kühlen dann ging sie zur Tür und schob den Riegel vor Es wäre ihr unangenehm
gewesen wenn jetzt ihre Mutter hereingekommen wäre Wollte sie vielleicht
nachsehen und fände die Tür verschlossen so werde sie in der Idee Sylvia
schlafe wieder fortgehen
    Das junge Mädchen warf sich in die Chaiselongue und schloss die Augen Also
jetzt die Beichte  
     Ich bin schuldig  Flatterhaft  und   wie soll ichs nur nennen
wie einfach beim Namen im Beichtstuhl lügt man nicht  beschönigt man nicht 
sinnlich bin ich Meine Liebe zu Toni die ja erst unter seinem ersten Kuss so
mächtig aufgeflammt  ist es überhaupt Liebe Eigentlich nein da er mir jetzt
so oft missfällt  da so vieles was er mir sagt mich wie mit einem kalten
Wasserstrahl berührt  Und dasselbe was ich  bei jenem ersten Kuss  in Tonis
Armen empfand es hat mich heute  und noch viel heftiger  durchzuckt als Hugo
Bresser   Hugo liebt mich  das habe ich deutlich gefühlt  Er hat es ja
auch gesagt der Augenblick der ihn zum Gott gemacht  den hat er erst heute
erlebt  Das war der Augenblick in dem er mich  die nicht Widerstrebende 
ans Herz gedrückt  Ich habe ihm zugetrunken  sagte ich damit nicht »Ich
verstehe Dich« Was wird er jetzt hoffen dürfen und was werde ich fürchten
müssen 
    Es wurde an der Türklinke gerüttelt
    »Ich bins mein Kind  Hast Du Dich niedergelegt«
    Sylvia schwankte Sollte sie der Mutter öffnen Sollte sie dieser bewährten
Freundin gestehen was in ihrem Innern vorging Ach wusste sie es denn selber
 Nein  zuvor musste sie mit sich ins Klare kommen
    Sie gab keine Antwort und Marta entfernte sich wieder
    Jetzt schloss Sylvia das Fenster ließ die Vorhänge herab und machte Licht
Sie setzte sich an ihren Schreibtisch und nahm die darauf stehende Photographie
Delnitzkys in die Hand
    Lange betrachtete sie das Bild dabei stiegen ihr Erinnerungen an die
zärtlichkeits und glücksvollen Gefühle auf die sie noch vor Kurzem bei Anblick
dieser Züge erfüllten  das ist doch Liebe  
    Gleich darauf aber regte sich der Zweifel
     Ist denn aber auch eine solche Liebe wie ich sie jetzt durchschaut
habe meiner wert  und ist nicht sogar diese im Schwinden begriffen da ein
anderer imstande war einen Augenblick in mir gleiche Regungen zu wecken 
Und da ich erkannte wie dieser andere in seinem Denken und Fühlen über den
Verlobten hinausragte Welcher Schwung in Hugo Bressers Worten und Toni nannte
das »geschwollenes Zeug« Nun ja im Grunde  es klang etwas exaltiert  und
wer weiß ob es aufrichtig war  ob es nicht galt mich zu faszinieren  eine
Art gesprochene Fortsetzung der kühnen Umarmung im Garten  Vielleicht war
auch nur das Gewitter daran schuld dass ich in jenem Augenblick wie unter einem
elektrischen Schlag erbebte  ich liebe ja diesen Herrn Bresser nicht  mein
Herz hab ich dem Toni geschenkt  Mein Herz Oder ists   Gleichviel ich
bin ja wie jedes junge Menschenkind ein Ding von Seele und Leib  mit warmem
Blut  Aber die Ehe  mein Gott die Ehe  dieses lebenslängliche Einssein
 wenn da die Seele zu kurz kommt  Und da hilft kein Leugnen in der
letzten Zeit haben hundert Dinge die ich an Toni entdeckt oder die ich an ihm
vermisst habe meine Liebe momentan wie ausgelöscht  freilich entbrannte sie
dann von neuem  Wenn aber die Augenblicke des Verlöschens immer häufiger und
immer länger werden  Noch wäre es Zeit zurückzutreten   
    Jetzt malte sie sich diese Alternative aus die abgebrochene Verlobung War
das nicht Pflicht wenn auch schmerzliche Pflicht  denn der Gedanke tat ihr weh
 Doch war sie es nicht ihrer und auch seiner Zukunft schuldig einen Bund zu
lösen der  wie es sich nun zeigte  nicht auf zweifel und reueloser Gesinnung
ruhte 
    Mit raschem Entschluss öffnete sie ihre Mappe um einen Abschiedsbrief zu
schreiben
    In der Mappe lag ein Zettelchen das einst zwischen die Blumen des ersten
Brautbuketts gesteckt war das sie von Delnitzky bekommen
    An das Zettelchen hatte sie nicht mehr gedacht und sie schob es jetzt
beiseite um einen Briefbogen hinzulegen dabei streifte ihr Blick den Inhalt 
den hatte sie auch vergessen gehabt
    »Mein Glück über das erhaltene Ja ist so groß dass es kein Maß dafür gibt
Nur etwas hätte noch größer sein können meine Verzweiflung wenn es nein
geheißen hätte«
    Die Worte drangen in Sylvias Innere wie ein flehender Schrei Um
Gotteswillen lass von Deiner Absicht ab  stürze mich nicht in Verzweiflung
    Sie malte sich nun den Schmerz aus den sie daran war dem geliebten  ja
dennoch geliebten  Manne zuzufügen Daran knüpfte sich noch eine ganze Kette
anderer peinlicher Vorstellungen das ärgerniserregende Aufsehen das eine
zurückgehende Verlobung erregen würde die Kränkung ihrer Mutter der Tadel
Rudolfs die Vorwürfe der anderen und  was schlimmer war als alles übrige  der
Triumph Hugo Bressers der mit diesem ihrem Entschluss Auslegungen und Hoffnungen
verbinden könnte die ganz falsch wären Ganz falsch Ob sie nun mit dem
Bräutigam brechen würde oder nicht ihrer Würde war sie es schuldig den jungen
Schriftsteller fernzuhalten
    Sie war wieder ganz schwankend geworden
    Zur Probe nur wollte sie den Brief aufsetzen  unter dem Vorbehalt ihn
nicht abzuschicken
    Sie tauchte die Feder ein dabei sah sie den Diamantring an ihrem Finger
blitzen der das erste Geschenk ihres Bräutigams gewesen Wie hatte damals das
hübsche Kleinod sie gefreut  durch seine geheimnis und weihevolle Bedeutung
gefreut der Verlobungsring das Pfand des gegebenen für das Leben bindenden
Wortes  Leise bewegte sie die Hand hin und her um die Steine funkeln zu
machen
    Und ist ein Wortbruch nicht auch eine hässliche Handlung Wahrlich sie wusste
nicht wo ihre Pflicht lag 
    Immerhin der Brief konnte ja für alle Fälle geschrieben werden Sie tauchte
die wieder trocken gewordene Feder ein zweites Mal in die violette Tinte
    »Mein lieber Graf Delnitzky  «
    Sonderbar wie ihre Hand zitterte  das war ja gar nicht ihre Schrift 
    »Verzeihen Sie den Entschluss zu dem mich reifliche Überlegung brachte 
weder ich noch Sie könnten glücklich werden «
    Sie strich die ganzen Zeilen wieder durch Wie war das matt ausgedrückt 
Einem Menschen einen Dolch ins Herz stoßen und höflichst um Entschuldigung
bitten für diesen reiflich überlegten Entschluss  So geht es nicht  es
geht überhaupt nicht
    Sie sprang von ihrem Sitze beim Schreibtisch auf und lief zum Bett an
dessen Rand sie sich auf die Knie warf das Gesicht in die Decken vergrabend
Beten wollte sie und  weinen
    Sie stöhnte laut auf »Toni Toni lieb ich Dich denn nicht mehr Und doch
ich kann  ich kann Dir nicht Lebewohl sagen Beides ist so schrecklich traurig
der Verlust meines Glücksgefühls meines Liebesrausches oder  der Abschied von
Dir«
    Ihre schmerzliche Erregung löste sich in Tränen Fast eine Stunde lang blieb
sie auf den Knien liegen und schluchzte  zuerst heftig dann immer leiser
    Eine große Müdigkeit überkam sie und die vom Weinen brennenden Augen fielen
ihr schlaftrunken zu dabei durchrieselte ihre Glieder ein eigenes erschlafftes
Wohlgefühl Sie raffte sich auf und machte ihre Nachttoilette voll Sehnsucht
nach der vollen Ruhe des Bettes Sie wollte nichts mehr denken  nur schlafen
    Das Gefühl des Unglücklichseins hatte sie verlassen  Ein warmer linder
Strom von Zärtlichkeit stieg ihr vom Herzen auf zugleich mit Tonis Bild Warum
hatte sie ihn denn wie einen Toten beweint  er lebte ja und auch ihre Liebe
atmete noch  Und das Leben überhaupt das große reiche hat ja so viel
Schönes zu bieten so viel Süßes  unter anderm den Schlaf  wie köstlich
würde es jetzt sein das Bewusstsein zu verlieren und in tiefen tiefen Schlummer
zu versinken  Sie schlüpfte zwischen die kühlen Linnen löschte die Kerze
aus vergrub den Kopf in die Kissen und mit einem gemurmelten »Gute Nacht Toni«
schlief sie in wenigen Minuten ein
 
                                       VI
»Ists wahr Rudi  Du willst kandidieren Wie freu ich mich«
    Rudolf blickte überrascht von seiner Zeitung zur Sprecherin auf
    »Woher weißt Du und warum freust Du Dich«
    Beatrix die mit ihrem Frühstück noch nicht fertig war und sich eben eine
Buttersemmel strich machte eine ärgerliche Kopfbewegung
    »Woher ichs weiß Von fremden Leuten  denn Du hast mich nicht wert
gefunden mir etwas so wichtiges mitzuteilen Und ich freu mich wegen der Ehre
 in der Politik lässt sich ja zu hohen Stellungen gelangen  Vielleicht wirst
Du Minister «
    »Das wäre mir nicht unlieb denn in solcher Stellung könnte ich Einfluss
üben nach der Richtung die ich träume  Aber der Weg vom Abgeordneten zum
Minister ist ein gar weiter Und dass ich Dir nichts mitgeteilt Mein Gott
Trixi Du interessierst Dich doch nicht für Politik«
    »Nein Gott sei Dank ich interessiere mich garnicht dafür  das heißt wenn
Du einmal dabei bist da wirds mich schon unterhalten«
    »Unterhalten«
    »Na ja wenns heißen wird der Abgeordnete Graf Dotzky hat eine große Rede
gehalten über  von was redet man da  über Salzsteuer oder über neue
Gewehre  das wird doch spassig sein«
    »Spassig«
    »Natürlich wirst Du unter die Konservativen gehen «
    »Wie Du kennst Dich in den Parteibildungen aus«
    »Das hat Mama gesagt und Herr von Wegemann «
    Rudolf lächelte »Der allerdings  diesmal ist es aber andrerseits«
    Beatrix fuhr fort »Leute von unserem Rang  scheints  gehören immer zu
den Konservativen  überhaupt alle anständigen Leute«
    »Ich staune «
    »Du wirst mir doch einen guten Platz auf der Galerie verschaffen wenn Du
Deine erste Rede hältst  das wird mir lieber sein als ein Theater«
    »Ich bin noch nicht gewählt«
    »Als Grossgrundbesitzer  auch das weiß ich durch Herrn von Wegemann  bist
Du ja berechtigt «
    »Ja wenn ich einer ihrer Parteien mich anschliesse was ich nicht tun will
Ich beabsichtige   aber das verstehst Du wieder nicht über meine Gesinnungen
und Pläne wird Dich Minister Allerdings nicht unterrichtet haben denn die
liegen außerhalb der Sphäre seines politischen Denkens Ich habe ihm einmal ein
paar Andeutungen gemacht da schaute er mich aber so verständnislos an als
hätte ich japanisch gesprochen Wenn ich Dir nun erklären wollte «
    »Nein das brauchst Du nicht  mir ist auch alles japanisch was in den
hohen Häusern verhandelt wird Lese niemals diese Rubrik in den Zeitungen 
das ist nichts für uns Frauen Wenn man nicht lateinisch und griechisch gelernt
hat  das bildet ja den Verstand und auch das können ja nur die Männer  Und
überhaupt alles Politische es ist so fad  Vielleicht nicht für die Männer
aber die haben einen ganz andern Geist  «
    »Du würdest in der Frauenfrage nicht auf s Deiner
Geschlechtsgenossinnen stehen wie ich sehe«
    »Von Emanzipation  ausgenommen das Zigarettenrauchen  will ich nichts
wissen  Würdest Du Dir eine emanzipierte Frau wünschen«
    »Was Du Dir darunter vorstellst  allerdings nicht Überhaupt wünsche ich
mir ja keine andere Frau  Du bist ein lieber Schatz  Und ich bitte Dich 
bleib Deiner Abneigung gegen Politik treu auch für den Fall dass ich mich
hineinstürzen müsste Versuche dann nicht mir eine bestimmte Richtung zu
suggerieren wie vorhin mit dem Konservativsein der anständigen Leute  Was
macht unser Fritzi Hat ihn das Mädchen in den Garten getragen«
    »Ja unter die Linde  komm gehen wir hin« Und sie stand auf
    »Geh Du  ich habe zu arbeiten«
    »Aha da sieht man schon den Staatsmann« sagte Beatrix lachend Sie ging
hinter Rudolfs Stuhl legte ihm den Arm um den Hals und küsste ihn auf die Stirn
»Er muss arbeiten  Österreichs Geschicke lenken und vernachlässigt Weib und Kind
 adieu denn zerbrich Dir nicht den geliebten Schädel  Gib mir ein Busserl«
    Er legte die Zeitung aus der Hand und zog seine Frau zu sich herab
    »Noch zwei Trixi  auf jedes Deiner Wangengrübchen  Adieu  ich lasse
unsern Kronprinzen grüßen«
    »Für den werd ich ein neues Wiegenlied dichten
Schlaf Kindchen schlaf
Dein Vater ist ein Graf«
»Das ist nicht sehr neu «
    »Warte nur
Schlaf Du kleiner Arier
Dein Vater ist ein Parlamentarier«
Leichten Schrittes eilte sie durch die offene Fenstertür in den Garten hinaus
dabei flatterte das weiße Spitzengewoge ihres Schlafrocks und die Strahlen der
Morgensonne verfingen sich goldig in ihr flockiges Blondhaar
    Mit lächelndem Wohlgefallen blickte ihr Rudolf nach
    »Vögelchen liebes  Kolibri  süßer  und von einem Kolibri verlangt
man doch kein Adlerhirn «
    Dann stand er auf und begab sich in den ersten Stock in sein Arbeitszimmer
    Dieser Raum war im Hause unter dem Namen »der Harlekinsaal« bekannt Wie das
zweifarbig geteilte Kleid der Komödienfigur war das Arbeitszimmer des
Schlossherrn in zwei abstechende symmetrische Hälften geteilt An jedem Ende in
tiefer Nische breite Doppelfenster durch die das Grün der Bäume sichtbar ist
Sowohl am rechten wie am linken Ende ein großer Schreibtisch so gestellt dass
das Licht nicht gegen die Hand falle Dort wie da Bücherschränke dort wie da
Wandschmuck Aber die eine Hälfte in lichtem die andere in dunklem Holz Die
eine Hälfte eine Kanzlei die andere was in englischen Landhäusern »studio«
heißt
    Die Zweiteilung von Rudolfs Berufsleben spiegelte sich in dieser Anordnung
Hier die Wirtschaftsbücher und Katastralmappen die Geschäftsbriefe
Steuerbogen landwirtschaftliche Zeitungen Prospekte von Maschinenfabriken und
Samenhandlungen VersicherungsPolizen Muster von Holz und Steingattungen
eine ganze Bücherei von Fachwerken über Feld und Gartenbau über Obstzucht und
Viehzucht über Milchwirtschaft und Waldkultur An den Wänden Hirsch und
Rehgeweihe photographische Ansichten der zu der Domäne gehörigen Meierhöfe
Pferdebilder und dergleichen mehr Dort der Arbeitstisch bedeckt mit Monats
und Wochenschriften sozialpolitischen Inhalts unter Briefbeschwerern die zu
erledigenden Briefe von berühmten Gelehrten und Schriftstellern mit welchen
Rudolf in regelmässiger Korrespondenz stand Ein Paket Bücher  eben heute vom
Wiener Buchhändler »zur Ansicht« übersandt immer die hervorragendsten
Neuerscheinungen der wissenschaftlichen Literatur Diesmal der letzte
Nietzsche Götterdämmerung Looking backward von Bellamy Herbert Spencer
Grundlage der Etik Karus Sterne Alte und neue Weltanschauung Karneri
Entwicklung zur Glückseligkeit Im Bücherschranke die Werke von Marx Lassalle
Engel Henry George Auguste Komte Litré Ernst Haeckel Stuart Mill Huxlei
Buckle Strauss Virchow Bertelot Alfred Fouillée Guyeau ua In einem
offenen Bücherregale neben dem Schreibtisch eine Reihe von Nachschlagewerken
Lexika und Wörterbücher in einem andern eine Sammlung von Lieblingsdichtern
Goethe Byron Viktor Hugo Anastasius Grün Shellei Platen Musset
Longfellow und auch von den damals jüngsten Liliencron Henckell Hart
Daneben Prosadichtungen wie Tolstois Krieg und Frieden wie Zolas Germinal Als
Wandschmuck Sternkarten und Photographien berühmter Gemälde lebender Künstler
Gabriel Max Böcklin Klinger Piglheim Wereschagin Auch einige Porträts
Darwin Ibsen Richard Wagner
    Rudolf hatte sein Arbeitszimmer in der Absicht aufgesucht ein Programm für
seine Kandidatur aufzusetzen Da er sich auf keine der bestehenden Parteien
einschwören wollte so musste er darauf verzichten sich einfach einer der
Gruppen des Grossgrundbesitzes anzuschließen er beabsichtigte sich in Wien
wählen zu lassen auf Grund seiner eigenen politischen Ideale
    Darüber wollte er nun ein Programm entwerfen Noch kein definitives für
Druck und Verteilung bestimmtes sondern zunächst für sich selber Mit sich
musste er erst einig werden in welche Form die ihm vorschwebenden Ziele
einzukleiden seien Ein tüchtiges ernstes Stück Arbeit
    Ehe er sich zum Schreibtisch setzte trat er ans Fenster Von hier aus sah
er ein hübsches Bild
    Im Schatten der alten Linde unter der Hut eines Mädchens in russischem
Bauernkostüm die rosa Wiege seines Sohnes und eben aus einer Nebenallee
herbeieilend in ihrem flatternden weißen Kleide Beatrix Nun war sie zur
Stelle und beugte sich über das Wägelchen Rudolf blieb beim Fenster stehen und
schaute der kleinen Familienszene zu Am liebsten wäre er hinuntergegangen um
sie durch seine Gegenwart zu vervollständigen Aber er war ja da um zu
arbeiten
    Zögernd verließ er die Fensternische und sein Blick fiel  am anderen Ende
des »Harlekinzimmers«  auf den Arbeitstisch des Landwirts worauf ein Paket
lag das er nicht kannte  da musste er doch nachsehen vielleicht etwas
Dringendes
    Er ging hin nahm das Päckchen zur Hand  es war inzwischen von der Post
gekommen  entfernte die Hülle und fand  was er bestellt hatte  einige kleine
Modelle von Dresch und Säemaschinen Die Dingerchen interessierten ihn lebhaft
Schon wollte er die Klingel ziehen um den Verwalter rufen zu lassen doch
rechtzeitig besann er sich dass es jetzt anderes zu tun gab Nichts Geringeres
als ein Programm aufzusetzen das den Ausgangspunkt seiner öffentlichen Laufbahn
bilden sollte
    Nachdenklich schritt er zum Schreibtisch des »studio« zurück Zum erstenmal
stieg ihm ein Gedanke auf der in der Folge sich oft einstellen sollte »Man
kann nicht zween Herren dienen« Und gar dreien die Familie die Landwirtschaft
und ein Apostolat Dazu noch alles was mit seiner Lebensstellung zusammenhing
der Umgang mit den Standesgenossen und die daraus erwachsenden geselligen
Pflichten die Nachbarschaften mit ihren Besuchen ihren Jagden die Jagden auf
der eigenen Domäne bei welchem Anlass Brunnhof sich mit Gästen füllte und wobei
die Tage und Abende nur mit Sport und Billard und Kartenspiel gefüllt waren
ein Gesellschaftskreis dessen Interessen und Begriffe von den Interessen und
Begriffen die seine Lebensaufgabe abgaben durch einen Abgrund getrennt waren
    Doch den Gedanken »man kann nicht zween Herren dienen« suchte Rudolf
abzuschütteln man hat eben einen ganzen Kreis von Pflichten und muss allen
gerecht werden können  alles zu seiner Zeit  und das Leben will auch
genossen sein  ich werde doch den Freuden die mir von meinem häuslichen und
geselligen Leben geboten werden nicht allen entsagen sollen  und auch die
den nächsten Kreisen schuldigen Rücksichten darf man doch nicht außer acht
lassen wenn man in der Öffentlichkeit wirken wollte Man muss nur in den
Stunden die man einer gewissen Sache widmen wolle auch ganz bei der Sache sein
 An die Arbeit
    Er legte ein weißes Blatt vor sich hin und nahm die Bleifeder zur Hand Die
Stirn in die linke Hand gestützt blieb er lange in Nachdenken versunken
Mechanisch führte die rechte Hand Arabesken auf dem oberen Rand des
unbeschriebenen Blattes aus Seine Gedanken zogen weite Kreise Den ganzen
Komplex seiner Einsichten Schlüsse Sehnsuchten umfassten sie Den Untergrund
bildete das Bewusstsein im Besitz einiger großer im politischen Leben und in
sozialen Einrichtungen noch ganz neuer Wahrheiten zu sein Die mussten deutlich
herausgekehrt die mussten formuliert werden Damit teoretische Wahrheiten sich
in politische Institutionen in soziale Sitten umwandeln dazu müssen sie in die
Köpfe der Leiter und der Massen dringen Zu der Ausführung weittragender Ideen
ist dem einzelnen Abgeordneten freilich keine Macht gegeben  Werkstätte ist
das Parlament ja nicht aber eine Tribüne ist es Der Predigt in einer Kirche
lauscht nur eine kleine Gemeinde die Parlamentsrede von allen Blättern
wiedergegeben dringt ins ganze Land und über die Grenzen hinaus
    Und nun begann er zu schreiben Einzelne Hauptworte durch Punkte getrennt
Gewissermassen Leitmotive Absteckpfähle
    Gemeinwohl Gerechtigkeit Versöhnung Und noch eine ganze Reihe so fort
Als er die Liste überlas fiel ihm auf dass diese Worte die bei der
Niederschrift mit ganzen Begriffsketten und Bilderreihen seine Seele erfüllt
hatten voll Größe und voll Verheißung   dass diese Worte abgegriffene Münzen
schlimmer noch falschen Spielmarken glichen denn seit Jahren und Jahren und
immer wieder bei jeder neuen Programmrede in jedem Wahlaufruf wurden solche
und ähnliche Worte vorgebracht  wie sollte da mit das Neue und Erhabene das
ihm vorgeschwebt hatte würdig ausgedrückt werden Goldechtes Gold wars was er
seinen Mitmenschen hätte bringen wollen wenn er ihnen aber auch nur diese
alten verbogenen Messingmarken brachte wie sollten sie Vertrauen fühlen  wie
den verheissenen Schatz erkennen Freilich  Gerechtigkeit Versöhnung und
Gemeinwohl besseres könnte ja ein Volksvertreter nicht versprechen das
traurige ist nur dass es noch von allen jenen versprochen worden die das
Gegenteil verfolgen die statt der Gerechtigkeit  der Gewalt Vorschub leisten
die statt Versöhnung  Verhetzung betreiben die das Wohl der Parteifraktion
über alles andere stellen Für die meisten bedeutet Politik eben gar nichts als
Kampf der Klasseninteressen Oder auch ein Sprungbrett für persönlichen Ehrgeiz
ein günstiger Posten zur Erlangung eigenen Vorteils Und die ausgegebene Parole
heißt immer »Gerechtigkeit Gemeinwohl«
    Rudolf suchte nach einem andern Wort Was not tut ist nicht das Herzählen
der in allen Morallehren allen Katechismen allen Festansprachen wimmelnden
Tugendnamen was not tut ist  jetzt hatte er das Wort Verwirklichung
    Er tat einen tiefen Atemzug Wie eine Welle der Energie und des Tatendranges
hatte es ihm durch die Brust geflutet Er sprang auf und ging im Saale auf und
nieder Jetzt hatte sein Gedankengang eine andere Richtung Tun tun Was kann
ein einzelner Abgeordneter denn tun in seiner engen Machtsphäre Er kann
fordern Die Versprechungen und Phrasen die aus allen Regierungsprogrammen und
in den Tronreden ebenso tugendhaft und ebenso  leer wimmeln wie in den
Kandidatenreden die kann man festhalten  auf ihre Verwirklichung kann man
bestehen
    Beim Wort nehmen  das wars All das schal und hohl gewordene Geklingel der
großen Worte wie müsste das zu herrlich brausender Harmonie anschwellen wenn
man den Sinn herauslöste und den Sinn zwänge Tat zu werden Ein sekundenkurzes
Leuchten fuhr durch Rudolfs Seele Wie eine bei Nacht durch einen Blitz erhellte
Landschaft so deutlich aber auch so flüchtig erschien ihm eine ganze Reihe von
lebendig gewordenen Worten Wohlstand Freiheit Frieden Recht  diese vier
ineinander geschmolzen als der herrliche Begriff »Glück« Nicht nur allen
versprochener sondern für alle erreichter Wohlstand wahre Freiheit
herrschendes Recht gesicherter Frieden
    Dann ward es wieder finster Aber er hatte dabei das Bewusstsein dass er
später das Licht wieder herbeischaffen könne nur ein Sichsammeln ein kurzes
Anstrengen und der blendende Ideenschatz wäre wieder da um sich heben zu
lassen  Perle für Perle Diamant für Diamant   Also an die Arbeit sofort
    »Herr Graf  ein Telegramm«
    Rudolf war über die Störung ungehalten Aber natürlich mit einer Depesche
durfte der Diener jederzeit in das Heiligtum des Arbeitszimmers einbrechen es
konnte ja etwas Unaufschiebbares sein
    Diesmal war es die Nachricht dass am folgenden Tage Brunnhof Einquartierung
bekommen sollte Die diesjährigen Manöver fanden auf wenige Meilen Entfernung
statt Der Quartiermeister würde in zwei oder drei Stunden der Depesche
nachfolgen Angesagt waren für das Schloss ein General ein Oberst und mehrere
Offiziere
    Da mussten sogleich Vorbereitungen getroffen Befehle erteilt werden Mit dem
Programmschreiben war es vorläufig vorbei Und nicht nur mit diesem sondern mit
der ganzen Stimmung Als Endaufgabe die Herbeiführung von Zuständen in welchen
die Völker befreit sein sollten von Militärlasten und Kriegsgefahren  und als
nächstliegende Aufgabe die reichliche herzliche fröhliche Bewirtung von
Militärs die eben von der Kriegsprobe kamen  Man kann nicht zweien Herren
dienen 
 
                                      VII
Hugo Bressers Leidenschaft war durch die Zwischenfälle jenes Gewittertages zu
höchster Glut entfacht Zuerst der seligschwüle Augenblick da er Sylvia im Arm
gehalten dann die Exaltation in die er sich bei Tische durch die eigenen Worte
hineingeredet wobei er sah wie des geliebten Mädchens Blick an seinen Lippen
hing dann ihre Gebärde als sie ihm zutrank zuletzt ihre Flucht aus dem Salon
 ihm war als sei jetzt zwischen ihnen beiden ein Einverständnis Heiss und
heftig empfand er dass etwas Neues in sein und in ihr Leben getreten war Sie
liebten sich  sie mussten einander angehören trotz aller Hindernisse  die
Verlobung würde sie rückgängig machen  
    Bresser hatte am folgenden Morgen schon um acht Uhr von Brunnhof wegfahren
müssen weil er in Wien zu Mittag einer Konferenz jener Unternehmer beizuwohnen
hatte die das neue Blatt gründeten dessen Feuilletonredaktion ihm zufallen
sollte
    Natürlich hatte er zu so früher Morgenstunde keine der Damen des Hauses mehr
sehen können aber für Sylvia hatte er eine stumme Botschaft hinterlassen in
Form eines Sträusschens das er selbst im Garten gepflückt und gebunden und das
er Sylvias Kammermädchen mit dem Auftrag übergeben es auf ihrer Herrin
Toilettetisch zu legen Es war ein  im Grunde nicht gar geschmackvoll
zusammengestelltes  Sträusschen nur aus roten Blüten bestehend Eine Rose ein
paar Fuchsien drei Mohnblumen und herum ein Doldenring von »brennender Liebe«
Sie würde schon verstehen was er damit sagen wollte
    Er bestieg ein leeres Koupé Seine Gedanken flogen von den gestrigen
Ereignissen zu der bevorstehenden Konferenz und schnell wieder zu dem Bilde
Sylvias zurück Die GründungsAngelegenheit interessierte ihn nun doppelt da es
ihm sehr erwünscht kam gerade jetzt festen Fuß in der Journalistik und in der
Schriftstellerlaufbahn fassen zu können Liebe feuert den Ehrgeiz an Er wollte
Großes erreichen mit seiner Feder Großes als Dichter vielleicht noch Größeres
als Publizist Einen neuen höher gestimmten Ton in die Tagespresse einführen
für die Ziele sozialer Entwicklung wirken dem idealen Streben Rudolfs  ihres
Bruders  die Stütze der Öffentlichkeit leihen ihm helfen indem er die
Gedanken die Rudolf im Parlament verträte in dem neuen Blatt entwickeln
wollte Denn neben der alleinigen Leitung des Feuilletons sollte ihm auch eine
Spalte im politischen Teile zur Verfügung stehen Das war ein Kampffeld auf dem
bedeutende Siege zu holen waren Und er wollte siegen Er wollte dass sie auf
ihn stolz sein könne Wer weiß auch die Bühne konnte er erobern Ein ganzer
Schwarm ungeborener Dramenstoffe schien in seinem erregten Hirn zu wirbeln 
nebst Ruhm würde er auch ein Vermögen sich erschreiben Schwert und Szepter und
Zauberstab sollte ihm seine Feder sein 
    Auf einer Zwischenstation stieg ein alter Herr ein  zufällig ein Bekannter
ein Berufsgenosse seines Vaters
    Es wäre Hugo viel lieber gewesen allein zu bleiben Er fühlte sich gestört
wie jemand den man beim Schatzzählen unterbrochen hat
    »Ah guten Tag Bresser  das ist ja ein sehr angenehmes Zusammentreffen
Sie sehen prächtig aus  und so strahlend«
    Der Ausruf war gerechtfertigt Aus den Augen des jungen Mannes blitzte
solches Feuer ein so sieghafter Ausdruck belebte seine Züge dass es auffallen
musste
    »Kommen Sie von einer Kaltwasserkur oder fahren Sie nach Wien einen
Haupttreffer zu beheben« fragte der andere lachend »Sie sehen mir nach beidem
aus«
    Nun war es mit dem schönen Sinnen und Träumen vorbei Hugo musste sich für
den Rest der Fahrt in ein banales Gespräch einlassen
    In Wien angelangt begab er sich in ein Café wo er frühstückte und die
Zeitungen las Nicht nach den Nachrichten als solchen suchte er in den Blättern
sondern er musterte die Anordnung kritisierte den Stil und die Tendenz der
Kommentare und verglich damit im Geist das Idealblatt welches an diesem Tage
ins Leben treten sollte
    Und wenn er durch die breite Fensterscheibe neben der er saß auf die
Straße blickte wo so manche hübsche junge Frauengestalten vorübereilten 
Verkäuferinnen die nach ihren Geschäften gingen  da betrachtete er auch diese
nicht wie sonst um ihrer selbst willen sondern verglich sie mit dem idealen
Mädchen das er zwar schon lange im Herzen trug das ihm aber seit gestern zum
einzigen Weib auf Erden geworden war
    Als er in das Sitzungslokal  im Bureau eines großen Bankhauses  kam waren
schon einige der Herren anwesend Nach weiteren zehn Minuten war man vollzählig
der Besitzer des Bankgeschäftes und neben ihm drei andere Finanzgrössen zwei
Advokaten mehrere Reichsrats Abgeordnete darunter ein Minister a D ein
einstiger Zeitungsherausgeber und eine Anzahl junger Schriftsteller In der
Reihe der letzteren galt Bresser als einer der Hauptträger des neuen
Unternehmens ihm hatte man bei den Vorbesprechungen die meisten Anregungen zu
danken gehabt und von ihm waren die Prospekte aufgesetzt worden die man zur
Anwerbung von Mitgliedern für das Gründungskomitee versendet hatte
    Von einigen der Grundsätze und Programmpunkte die in jenem Prospekt
enthalten waren war man im Verlaufe der Sitzungen schon abgekommen und manches
Neue hatte sich eingeschoben Heute galt es zu endgültigen Entschlüssen zu
gelangen und über die Finanzierung ins Reine zu kommen Von verschiedenen Seiten
waren Beteiligungsbeträge gezeichnet worden aber die anwesenden Kapitalisten
waren erst diejenigen die den Ausschlag zu geben hatten denn das von den
anderen Gezeichnete hätte nicht zum zehnten Teile genügt das Unternehmen
lebenskräftig zu gestalten Ein Jahr oder besser noch zwei Jahre musste man
arbeiten können ohne auf Gewinn zu rechnen vielmehr musste man gefasst sein im
Anfang größere Beträge zuzusetzen das Blatt musste eine Zeitlang in Massen
gratis versendet und in allen Kafés aufgelegt werden damit das Publikum sich an
dessen Physiognomie gewöhne Eine Zeit der Aussaat hatte vorauszugehen  dann
erst konnte man auf eine Ernte zählen Die größten Autornamen sollten für die
literarischen Beiträge gesichert werden indem man höhere Honorare bewilligte
als jede andere Zeitung Auch im politischen Teile sollten unterzeichnete
Artikel von hervorragenden Publizisten des In und Auslandes erscheinen der
Nachrichtendienst sollte durch OriginalDepeschen und OriginalKorrespondenzen
aus allen Hauptstädten versehen werden  und alles das erforderte große Summen
Wenn man aber erst das reichhaltigste bestinformierte literarisch vornehmste
unabhängigste  kurz das führende Blatt geworden dann hätte man nicht nur eine
hohe kulturelle Tat vollbracht indem man das Niveau der Tagespresse gehoben
dann hätte man nicht nur veredelnden Einfluss auf den Geist der Bevölkerung und
vielleicht auch wohltätigen Einfluss auf den Gang der inner und ausserpolitischen
Ereignisse gewonnen  auch in finanzieller Hinsicht würde man reichlichen Gewinn
erzielen Schon bei einer Anzahl von dreissigtausend Abonnenten würde das
angewandte Kapital sich verzinsen und hielte man nur zwei Jahre aus so musste
die Zahl der Abonnenten und Käufer eine weit bedeutendere Höhe erreichen
    Das waren so die Ideen gewesen auf welchen sich der große Zeitungsplan
aufgebaut hatte
    Und nun sollte die entscheidende Sitzung beginnen Bresser fühlte sich in
gehobener Stimmung Hier eröffnete sich ihm ein reiches Wirkungsfeld Die roten
Blumen die Sylvia um diese Stunde schon gefunden haben musste waren in seinem
Bewusstsein mitgegenwärtig Und selbst wenn sie Gräfin Delnitzky wurde  ihr
Herz konnte in einigen Jahren doch dem erfolgreichen Dichter sich zuwenden 
    Aber jetzt war überhaupt nicht der Augenblick an Liebe zu denken Dieser
Augenblick gehörte der praktischen Arbeit dem Lebensberuf Es war ein
bedeutender zukunftsentscheidender Wendepunkt
    Als Vorsitzender fungierte der Besitzer des Bureaus Er eröffnete die
Sitzung indem er die Fondsbeschaffungsfrage zur Diskussion stellte und daran
die Mitteilung knüpfte dass er von zwei Kapitalisten deren Beteiligung schon in
sichere Aussicht genommen war am selben Morgen Briefe erhalten hatte worin
unter verschiedenen Vorwänden das gegebene Versprechen wieder zurückgenommen
wurde »Was mich betrifft« fügte er hinzu »so bleibe ich natürlich im Wort
Hunderttausend Gulden will ich dem Unternehmen zuwenden nur muss ich noch eine
Bedingung stellen die übrigens weiter keine Schwierigkeit machen und die wir
erst beim nächsten Punkt der Tagesordnung  Programm  erörtern wollen Das Wort
hat nun Herr Baron Glasschild«
    Der Genannte ein behäbiger Fünfziger mit ausgeprägt orientalischen Zügen
räusperte sich klemmte seinen Zwicker auf die Nase und sagte
    »Was ich zu bemerken hätte bezieht sich ebenfalls auf den Programmpunkt
Aber ich will es lieber gleich jetzt vorbringen denn es ist mir sehr wichtig
Nämlich das in dem Prospekt den ich erst heute genau gelesen habe finde ich
etwas was durchaus hinaus muss « Er nahm eines der auf dem Tische liegenden
Exemplare zur Hand  »hier stehts Bekämpfung des Antisemitismus«
    Die anderen blickten erstaunt auf Der Baron selber ein Jude konnte doch
gegen diesen Programmpunkt nicht eingenommen sein Dieser aber fuhr fort
    »Wissen Sie meine Herren man bekämpft doch nur etwas was man ernst nimmt
 etwas was bedrohlich sein kann Aber der Antisemi  semitismus mir ist das
bloße Wort schon verhasst man sollte ihm gar nicht die Ehre erweisen es
auszusprechen das ist ja eine schon absterbende Verirrung die aus Deutschland
hereinkam eine Erfindung des Pastor Stöcker die aber hier keine Wurzel fassen
wird  dazu ist der Wiener zu gemütlich und zu  fidel dem passen solche
düstere Verfolgungslehren nicht  auch zu passiv zu bequem Glauben Sie mir 
ich kenne unsere Bevölkerung von den hohen Klassen rede ich gar nicht  ich
verkehre doch mit der höchsten Aristokratie  na und die kleinen Bürger
denen fällt so was gar nicht ein Da sind nur so ein paar Hetzer die man am
besten durch Totschweigen unschädlich macht  Kurz ich erkläre wenn sich
das Blatt mit dieser Frage überhaupt befassen das dumme Zeug nur erwähnen
wollte so ziehe ich meine Mitwirkung zurück Hat sich was Antisemitismus 
Unsinn weiter nichts  und soll auch als Unsinn behandelt dh also in einer
ernsten Publikation gar nicht behandelt werden Dixi«
    Bresser erbat sich das Wort
    »Da ich der Urheber jenes Programmpunktes bin so muss ich doch zu seiner
Verteidigung und Begründung einige Argumente vorbringen«
    »Bringen Sie vor was Sie wollen« unterbrach der Baron »ich gehe von
meinem Entschluss nicht ab Ein Blatt das ostentativ erklärt eine solche dumme
Frage erörtern zu wollen subventioniere ich nicht  ich nicht«
    Der Vorsitzende fiel ein »Diese Kontroverse kann leicht behoben werden«
sagte er »Ich bin ganz einverstanden dass das Wort Antisemitismus in unserem
Prospekt gestrichen werde Gegen die Formel Bekämpfung aller rückschrittlichen
Gesinnungen haben Sie doch nichts einzuwenden Herr Baron«
    »Nein«
    »Nun damit ist auch Ihnen Satisfaktion gegeben Herr Bresser denn unter
diesen Sammelnamen muss ja die mittelalterliche Bewegung auch fallen die Sie
bekämpfen wollen und die wenn sie fortfahren sollte um sich zu greifen
natürlich in einer Tageszeitung auch besprochen werden müsste«
    »Ich bins zufrieden« sagte Bresser
    »Ich aber nicht« versetzte Glasschild »Je mehr die anderen den Unfug
auffallend machen wollen desto konsequenter müssen wir ihn totschweigen
Übrigens in ein paar Monaten redet so niemand mehr davon«
    Einer der Reichsräte erbat sich das Wort
    »Da wir schon von den Bedenken sprechen die das Programm unserer geplanten
Zeitung erweckt so kann ich nicht verhehlen dass mir daran der Mangel einer
strammen Parteiansicht sehr unangenehm auffällt Wir sind einig geworden dass
wir auf Regierungssubvention verzichten Gut Wir werden auch keine Direktive
von oben annehmen wie wir uns zu dieser oder jener politischen Frage zu äußern
haben Auch gut Dafür aber müssen wir uns selber eine Direktive geben  einen
festen Weg vorzeichnen  sonst gleiten wir unversehens ins reaktionäre oder ins
revolutionäre Lager Hauptsache ist doch dem liberalen Prinzip zum Sieg zu
verhelfen nicht wahr Also ist es doch geboten dass wir in unsern Leitartikeln
die Grundsätze und die Taktik der liberalen Partei zielbewusst vertreten«
    »Die Taktik dieser Partei ist mit ihren Grundsätzen oft in direktem
Widerspruch« warf Bresser ein
    »Das beruht dann auf kluger Erwägung der gegebenen Umstände«
    »Opportunismus« murmelte Bresser
    »Nennen Sie es Opportunismus wenn Sie wollen Man muss ja doch mit den
realen Verhältnissen rechnen Man kann wenn man um seine Prinzipien desto
besser durchzusetzen regierungsfähig werden will nicht in allem Opposition
machen man muss gewisse Forderungen der Regierung  zB in der Militärfrage 
opfermutig bewilligen schon um sich loyal zu zeigen um keinen Zweifel an
seinem Patriotismus aufkommen zu lassen Kurz man muss um nicht irre zu gehen
um das segensreiche Wirken unserer Partei zu unterstützen fest und unentwegt zu
ihr halten«
    »Dazu hätte man nicht erst eine neue Zeitung zu gründen gebraucht« bemerkte
einer der Journalisten »Wir besitzen ja in Wien ein Weltblatt das mit Ihrer
Partei durch dick und dünn geht«
    Bresser öffnete und schloss mehrere Male hintereinander die Lippen  aber er
sagte nichts Ein zorniges Gefühl stieg ihm in die Kehle  ein Gefühl das einen
trockenen und bitteren Geschmack hatte  Macht haben und allein sein das ist
das einzige um Großes Neues durchzusetzen  sagte er sich im Geiste  statt
all dieser Finanzprotzen Politikaster und Federfuchser er allein mit ein paar
Millionen in der Hand dann flöge das Blatt genau im Geist seines Prospektes
beschaffen schon in vierzehn Tagen in alle Welt Die kongenialen Kräfte kämen
dam schon von selber herbei Aber hier  das sah er jetzt kommen würde das
Unternehmen an den gegensätzlichen Willensrichtungen scheitern oder in irgend
ein altes Geleise hineingleiten Schritte zu machen zu diesem Beschluss raffen
sich beratende Körperschaften schon auf aber nur schön vorsichtshalber auf 
ausgetretenem Wege Einen neuen Weg vorzuschlagen das wagt immer nur der
einzelne
    Nach langer Debatte an der sich Bresser nicht mehr beteiligte wurde ein
Vorschlag eingebracht und angenommen dahin gehend dass aus der Mitte der
Teilnehmer eine engere Kommission gewählt werde bestehend aus zwei
Kapitalisten zwei Reichsratsabgeordneten und zwei Schriftstellern welche über
die Redaktion über die Annahme und Ablehnung von Artikeln als oberstes
Zensuramt und als entscheidende Instanz eingesetzt würde
    Diese Wahl wurde auf die nächste Sitzung anberaumt denn es war mittlerweile
Essenszeit geworden und der Hunger ist stärker als die Liebe  namentlich als
die Liebe zu einem geistanstrengenden Unternehmen
    »Ich bin dabei« sagte der Vorsitzende »konstituieren wir unser
Zensurkomitee das nächstemal und dann soll auch die finanzielle Frage endgültig
gelöst werden Und somit «
    »Vor Schluss der Sitzung bitte ich noch ums Wort« unterbrach Bresser mit
erregter Stimme
    Einige der Herren die schon im Aufstehen begriffen setzten sich wieder
    »Also bitte Herr Bresser« sagte der Vorsitzende
    »Ich wollte einfach meinen Austritt anmelden Der Verlauf den die heutigen
Verhandlungen genommen haben zeigt mir deutlich dass unser ursprünglicher Plan
ganz fallen gelassen wird Was an dessen Stelle getreten macht es mir
unmöglich mitzuhalten Der Verlust wird für die anderen kein großer sein  ich
habe ja kein Kapital und auch keinen berühmten Namen einzusetzen  Nur
Arbeitslust hätte ich mitgebracht und Begeisterung für gewisse Ideen Die
Arbeitslust ist verschwunden denn gerade die Ideen die in meinen Augen den
Sinn und den Zweck des neuen Blattes abgaben würden der neubeschlossenen Zensur
zum Opfer fallen Der Begriff Zensur an sich stößt schon alles um was ich von
diesem Blatt geträumt hatte Wir sollen für die Freiheit wirken und selber nicht
frei sein Nun  heute besitze ich noch meine volle Freiheit ich benutze sie
um  ich wiederhole es  mich von dem Unternehmen zurückzuziehen«
    Sprachs empfahl sich und ging
 
                                      VIII
Die Kapelle im Schloss Brunnhof war reich mit Grün Blumen geschmückt Die
Glashäuser waren geplündert worden und hatten alle ihre Oleander und Orangen
und Palmenbäume in Kübeln hergeben müssen um den Hauptaltar zu umrahmen Und an
die hohen Wachskerzen die in den silbernen Kirchenleuchtern brannten waren
weiße Schleifen Rosen und Kamelien befestigt Die Rosen mit welchen man auch
in reicher Fülle die Altarstufen bestreute waren aus Wiener Blumenhandlungen
geschickt denn in Brunnhof  man schrieb den 12 November  blühten keine mehr
Vom Eingang der Kapelle bis zu den Betschemeln des Brautpaares lief ein roter
Plüschteppich und auch die ersten Reihen der Kirchenbänke waren mit rotem Stoffe
ausgeschlagen
    Schon füllten sich die hinteren Bänke mit den Dorfbewohnern  in der
nächsten Viertelstunde mussten die Herrschaften kommen Die festgesetzte Stunde 
elf Uhr  schlug eben von der Schlossuhr herab In der Sakristei warteten in
vollem Ornat der Prälat des benachbarten Stiftes der unter der Assistenz des
Pater Protus und dessen Kooperators die Trauung vollziehen sollte Auf dem Chore
saßen und standen die Musiker und Sänger bereit  tüchtige Kräfte aus Wien
    Unterdessen hatten in einem Saale des Schlosses die Hochzeitsgäste sich
versammelt Es fehlten nur noch die Braut und ihre Mutter
    Die ganze Gutsnachbarschaft war eingeladen worden und außerdem noch
Verwandte aus Wien und von weiterher  im ganzen etwa sechzig bis siebzig
Personen Ein Schwarm junger Komtessen Sylvias Ballgenossinnen der verflossenen
Wintersaisons unter ihnen die vier Brautjungfern in gleichen rosa Kleidern 
die Damen alle in lichten Toiletten zwar hoch und mit geschlossenen Hütchen
aber dennoch mit Schleppe und Schmuck die Herren in Galauniform oder Frack die
meisten mit Ordenskettchen im Knopfloch Man stand in Gruppen umher und
lebhaftes Stimmengewirr füllte den Raum
    In einem Nebensaale zu dem die Türen offen standen waren die
Brautgeschenke ausgestellt zwei lange Tische voll Schmuckkapseln silberne
Toilette Tisch und Teegarnituren Vasen Fächer Spitzen Lampen
Gürtelschnallen und Sonnenschirmgriffe aus Gold und Edelsteinen und sonstigen
Kostbarkeiten Alles das hatte die Gesellschaft schon vor einer Stunde
bewundert jetzt standen vor der gehäuften Pracht nur noch zwei der jungen
Mädchen und ein stiller Neid gemildert durch die Hoffnung dass die Zukunft
ihnen ähnliches bescheren werde erfüllte ihre eitlen Seelchen  ach solche
schöne Dinge besitzen solche Brillantsterne im Haar solche Perlenschnüre um
den Hals  aus solchen Kannen den Tee eingiessen im eigenen Salon vor solchen
Spiegeln sich frisieren lassen »Frau« genannt werden Pferd und Wagen besitzen
Loge in Oper und Burg und  nebstbei  auch noch einen verliebten Mann so
wundervolle Dinge gibt es auf der Welt und gerade so wie sie heute der Sylvia
zugefallen werden sie nächstens auch ihnen zuteil Das ist ja Tribut den das
Schicksal allen Töchtern der »Gesellschaft« sozusagen schuldet 
    Die Gespräche der Herren im Saale drehten sich fast ausschließlich um die
Jagd Es war ja eben die Jahreszeit da man von einem Schloss zum anderen fuhr
um Hasen Rehe und Fasane zu erlegen und einer erzählte dem andern oder
fragte bei wem gestern gejagt worden und bei wem morgen gejagt werde und
wieviel man dort geschossen habe und wieviel da Einige waren so glücklich von
kaiserlichen und erzherzoglichen Jagden erzählen zu können an denen sie
teilgenommen hatten oder die ihnen bevorstanden Rudolf der Hausherr brachte
Einladungen zu den Brunnhofer Jagden vor die vom 21 bis 23 November
stattfinden sollten Auch in die Unterhaltung der Damen mischte sich häufig das
Wort »Jagd« Wenn auch nur wenige unter ihnen waren die sich aktiv mit dem
Gewehr auf der Schulter an dem Sport beteiligten so gehörte doch die ganze
Sache um diese Herbstzeit so sehr zur Lebensausfüllung ihrer Kreise dass sich
ihre Gedanken und Gespräche damit beschäftigen mussten All den Hausfrauen denen
das Empfangen und Bewirten der Gäste obliegt ist das Thema beinahe ebenso
wichtig wie für die Jagdherren »Wieviel ist geschossen worden« das ist die
erste Frage welche die gastliche Wirtin an die heimgekehrten vor dem Diner im
Salon versammelten Jäger richtet worauf dann jeder einzelne noch mit
lebhaftestem Interesse um die Zahl seiner Beutestücke befragt wird »Wieviel
haben Sie geschossen Und wieviel Sie« Den Franzosen und den Engländer frägt
man »Wieviel Stück haben Sie getötet« Der letztere fügt der genannten Zahl
höflich hinzu »Oh it was exzellent sport«
    Sport Also nur Vergnügen Mit nichten Das Ding wird als eine Art
Berufspflicht aufgefasst als etwas das man  dem gegenseitigen Rang und
Reichtum angemessen  sich und seinen Standesgenossen schuldig ist »Der erste
Bock« das ist nicht nur ein Jubelbewusstsein für das junge Gräflein  auch seine
Mutter erzählt ihren Freundinnen mit Stolz dass der Gusti oder der Fredi neulich
seinen ersten Bock geschossen Wenn das in Martas Gegenwart geschah so blieb
sie stumm »Das arme Reh« war was sie dabei dachte und auch ein wenig »Der
arme Bub« denn wenn das als freudvolles Ehrgeizziel gelten soll die
Vernichtung eines unschuldigen Lebens 
Alle Gespräche sind plötzlich verstummt Sylvia tritt über die Schwelle in einer
weißen Glorie von Atlas Tüll und Myrtenblüten Zwei kleine Knaben  in
Pagenkostüm  tragen ihre Schleppe
    Zugleich war auch Baronin Tilling erschienen Diesmal hatte sie doch die
gewohnte tiefe Trauer abgelegt und war in lichtes Grau gekleidet Beide Frauen
waren blass und hatten gerötete Augen Die anderen fanden das natürlich der
Abschied und die Feierlichkeit der Lebenswende  das ist ja Grund genug zum
Tränenvergiessen Sie hatten aber nicht nur aus diesem Grund geweint  Mutter und
Tochter Ein banges Weh hatte sie beide erfasst ein Gefühl beinahe wie Furcht
und Reue
    Jetzt aber stürzten die vier Kranzeljungfern auf die Braut zu und umarmten
sie stürmisch von allen Seiten Händedrücke Küsse Gratulationen Verbeugungen
 Sylvias Bangen wich dem wiedererwachenden Bewusstsein dass sie der
vielbeneidete vielbewunderte Mittelpunkt dieser glänzenden wichtigen Feier
war Und auch von ihrer verliebten Leidenschaft strömte wieder eine beglückende
Welle von ihrem Herzen empor als sie nun ihrem schmucken Bräutigam der auf sie
zueilte in die freudestrahlenden Augen sah
    Noch ein paar Minuten der Begrüßungen und der Gespräche dann begann unter
Rudolfs Anordnung der Zug sich zu bilden
    Der Weg aus den Salons zur Schlosskirche  wenn man nicht ins Oratorium
sondern in das Schiff gelangen wollte  führte über zwei Treppen und einen
langen Korridor Dieser ganze Weg war teppichbelegt und mit Reisig und Blumen
bestreut Davon stieg ein Duft auf der an Fronleichnamsprozessionen mahnte
Glocken und Orgelklänge drangen auch schon aus dem Kirchlein herüber Am Arm
des Brautführers  ein junger Vetter Graf Altaus  schritt Sylvia langsam
dahin hinter ihr die schlepptragenden kleinen Pagen es war ihr dabei zu Mute
halb als ob sie träume halb als ginge sie über eine Teaterbühne und nicht
als wäre das alles wirkliches Erlebnis
    Und als sie die Kapelle betrat und die unzähligen brennenden Kerzen sah die
zwischen den Blattpflanzen auf und rings um den Altar flimmerten da empfand sie
etwas von dem Eindruck den man beim Betreten eines Zimmers hat in dem ein
angezündeter Christbaum strahlt Bescherungen und Überraschungen sollte es ja da
auch geben ein funkelnagelneuer Frauentitel ganze Schachteln voll
interessanter Pflichten  und auch Süßigkeiten sonst verbotene  in Fülle
    Diese Christbaumstimmung machte schnell einer anderen Platz als sie jetzt
auf den Betschemel niederkniete   Toni Delnitzky an ihrer Seite Die Priester
kamen aus der Seitentür und stellten sich an den Altar vom knapp vor dem
Brautpaar geschwungenen Weihrauchfass qualmte der intensivste Kirchenduft empor
und mahnte Sylvia an Begräbnisfeiern  begraben für ewig war ja auch die
Mädchenzeit war die Freiheit war die Möglichkeit das wunderbar volle Glück
zweifelloser Liebe zu finden  der Mann da neben ihr war ihr nicht Hort und
Zuflucht  erst gestern während des Polterabends hatte er Dinge gesagt die
ihr furchtbar missfallen hatten  momentan hätte sie ihn beinahe hassen können
 zum Glück war nach solchen flüchtigen Regungen die verliebte Regung wieder
desto wärmer aufgetaucht aber das volle Vertrauen das fehlte das selige
schutzessichere Sichschmiegen und Sichkauern das konnte sie an dieser Brust 
da neben sich  nicht finden
    Das Kirchlein war dicht gefüllt Oben seitlich vom Altar und in den vorderen
Bänken die Verwandten und die Gäste in ihren glänzenden Uniformen und Toiletten
hinten die Beamtenschaft und die Dorfbewohner im Sonntagsstaat  gehobene
Feststimmung auf allen Mienen Auf Martas Gesicht jedoch lag es wie Schmerz und
Trauer Das war man aber  bei feierlichen Anlässen  an ihr gewohnt Wenn sie
bewegt war pilgerten ihre Gedanken stets zu ihrem geliebten Toten  das wusste
man und ehrte man
    Die Traurede begann Hätte Pater Protus sie gesprochen so hätte er
herzlichere und bewegendere Töne anzuschlagen gewusst Der fremde sehr klerikale
Prälat hielt eine Predigt die eher pro domo als für das junge Paar gehalten
schien Das heilige Sakrament der Ehe so führte er aus ist von Gott
eingesetzt denn es ist dem Bunde Christi mit seiner katholischen Kirche
nachgebildet Der Zweck der Ehe bestehe darin dass sich die Eheleute gegenseitig
im Glauben stärken und in der Ausübung ihrer religiösen Pflichten zu
unterstützen haben und dass sie eine Familie gründen die in echtem Glauben
auferzogen das Reich der Kirche immer mehr verbreite Das Glück der Ehe ist nur
zu erreichen wenn beide Gatten eifrig beten und die Kirchengebote erfüllen das
Unglück so vieler Ehen rührt von dem leider so stark zunehmenden
Indifferentismus her Die Prüfungen und Krankheiten und Unglücksfälle die
keinem Menschenschicksal erspart bleiben sind teils Strafen für Mangel an
echter Religiosität teils liebend auferlegte Prüfungen aus denen man wenn man
gläubig und fromm ist geläutert hervorgeht und dann zu einem gottgefälligen
Tode gelangt nach welchem die treuen Ehegatten im Himmel wieder zu ewiger
Seligkeit vereint werden
    Was in dieser Traurede gesprochen wurde darauf achtete übrigens die
anwesende Gemeinde weniger als dass eine solche gehalten ward und dass die darin
entaltenen Worte zu der Zeremonie gehörten kraft welcher diese beiden jungen
Menschenkinder zu unlöslicher Lebensgemeinschaft verbunden werden  dass sie
einander Liebe und Treue schwören und sich nie verlassen sollen  nicht in
Krankheit nicht in Armut  bis der Tod sie trennt Das ists  einerlei wohin
die begleitende Beredsamkeit sich versteigt  was das Priesterwort besiegelt
    Auch der Ringwechsel sowie das dazu gesprochene »Ja« war so ein
zauberkräftiges Verfahren wodurch zwei vor einer Minute noch freie Menschen
aneinander gekettet waren wodurch der eine Teil sogar den bislang getragenen
Namen verloren und einen neuen erworben hat
    Sylvia empfand diese Wandlung die doch eigentlich nur eine ideelle ist als
wäre sie mechanisch vollzogen wie ein Ruck überkam es sie als sie das »Ja«
gesprochen und den Ring am Finger fühlte jetzt bin ich Sylvia Delnitzky
    Vom Chor herab ertönte feierlicher andachtsvoller Gesang Die lateinischen
Worte verstand man nicht aber aus der süßen Melodie klang wie eine fromme Bitte
um Segen für das junge Paar Eine gerührte Stimmung bemächtigte sich aller Als
die Sänger geendet hatten ward der pro domoDienst wieder aufgenommen indem
ein Credo drei Vaterunser und drei Ave Maria laut hergesagt wurden
    Während des Ringwechsels waren draußen Böllerschüsse gefallen und auch
jetzt nach beendeter Zeremonie während alle Familienglieder sich um die
Neuvermählten drängten sie zu küssen ließ die Burschen im Dorfe die
Freudenschüsse knattern
    Nachdem das junge Paar und die Trauzeugen ihre Namen in das Kirchenregister
eingetragen war die ganze Handlung beendet Von neuem formte sich der Zug doch
jetzt in anderer Ordnung Sylvia voran am Arme des  Gatten
    Es folgte nun  alle Festlichkeiten gipfeln ja im Essen und Trinken und
Trinksprüchen  das Hochzeitsfrühstück an der mit weißen Blüten überstreuten
Tafel
    Den ersten Toast brachte der Prälat aus  auf die Neuvermählten natürlich
Ein Blumensträusschen hatte er für sie gewunden Darin war weißer Flieder als
Sinnbild der Unschuld der holden Braut eine blaue Kornblume  die Farbe der
ehelichen Treue  eine rote Rose das Bild der Liebe und das Ganze
zusammengehalten  damit die höchste Weihe nicht fehle  durch einen Dorn aus
des Heilands Dornenkrone Und indem er ihnen diesen Strauss auf den Lebensweg
mitgebe  der aber kein Dornen sondern ein Rosenpfad sein möge  bringe er ein
Hoch aus auf Graf Anton und Gräfin Sylvia Delnitzky
    Alle rufen »hoch« und stehen auf um mit den beiden anzustossen Gar manche
sind darunter die vor mehr oder weniger Jahren das Gleiche durchgemacht auf
deren Glück ebenso stürmische »Hoch« ausgebracht wurden und die doch nichts
weniger als glücklich geworden Sylvia ist von der durchgemachten Erregung von
dem Lärm wie halb betäubt das Wort Glück  von allen Seiten schlägt es an ihr
Ohr  Aber ist diese Müdigkeit diese Abspannung diese zugleich glühende
Neugier und fröstelnde Furcht vor dem so nahe bevorstehenden »Endlich allein«
dieses Bangen vor der lebenslänglichen Zukunft an der Seite eines  Fremden
dieser Abschied von dem teuren Mädchenheim von den Ihren  ist denn das
»Glück«
    Sie denkt auch mehr als sie daran denken sollte an einen Brief den sie
vor einigen Tagen von Hugo Bresser erhalten Einen Brief den sie oft
durchgelesen und den sie an diesem Morgen verbrannt hatte 
    Nach zwei Stunden war das Mahl zu Ende und eine weitere Stunde später
bestieg das junge Paar den Wagen der es zur Eisenbahnstation brachte Ein
kalter Novembernebel rieselte herab doch die Hochzeitsreise ging ja in das Land
der Sonne  an die Riviera
 
                                       IX
Kurz nach der Abfahrt der Neuvermählten hatte sich Baronin Tilling in ihre
Zimmer zurückgezogen Sie war nicht in der Laune mit fremden Leuten
liebenswürdig zu sein Diese Aufgabe mussten Rudolf und Beatrix absolvieren sie
sehnte sich nach Ruhe und Einsamkeit
    Gegen Abend aber sehnte sie sich nach Mitteilung und da ließ sie ihren Sohn
bitten er möge zu ihr kommen Bereitwillig willfahrte Rudolf diesem Wunsch
Hätte er nicht gefürchtet seine Mutter zu stören so wäre er von selber zu ihr
gekommen denn auch er hatte Unausgesprochenes auf dem Herzen Dinge über die er
sich mit niemand anderem als mit ihr aussprechen konnte
    Marta die ihre prunkvolle BrautmutterToilette gegen einen bequemen
Schlafrock aus schwarzem Samt vertauscht hatte lag auf einem in die Nähe des
knisternden Ofenfeuers gerückten Ruhebett eine unter großem Spitzenschirm
brennende Lampe verbreitete ein gedämpftes Licht in dem wohligen mit Blumenduft
erfüllten Raum Der Duft kam von den Orangeblüten des Brautbuketts das Sylvia
hier hatte liegen lassen als sie von der Mutter Abschied nahm
    »Hier bin ich« sagte Rudolf eintretend »Wünschest Du etwas von mir
Mutter«
    »Nur Deine Gesellschaft liebes Kind  Mir war so bang  Komm setz
Dich daher  Hab ich Dich durch mein Rufenlassen gestört  Du spieltest
vielleicht Karten unten mit den Gästen Ich will Dich ja nicht lang aufhalten
«
    »O ich habe keinerlei Sehnsucht wieder hinunter zu gehen Der Pfarrer hat
meinen Platz am Taroktisch übernommen und Du hast mir den größten Gefallen
erwiesen indem Du mich rufen ließest  Sind das alle Depeschen« Rudolf
zeigte auf einen Haufen Telegramme der auf dem Tischchen lag
    »Ja ich habe vorhin alle die Glückwünsche durchgelesen  über zweihundert
 fast überall dieselben Worte Von hoch und nieder  von ihren einstigen
Bonnen und von Erzherzögen demütig die einen herablassend die anderen  alle
wünschen Sylvia Glück  Und weißt Du Rudolf was ich fürchte  Sie wird
nicht glücklich werden Das habe ich heute wieder mit erschreckender
Deutlichkeit empfunden Und ich fühle mich so schuldig dabei so schuldig «
    Ihre Stimme zitterte Rudolf legte beschwichtigend die Hand auf ihren Arm
    »Mache Dir keine Vorwürfe Mutter  Die Zeiten sind nicht mehr da Eltern
über das Schicksal der Kinder verfügten Sylvia hat frei gewählt  und
schließlich der Toni ist nicht schlimmer als ein Dutzend andere «
    »Unsere Sylvia  meines Friedrichs Sylvia  durfte aber keinem
Dutzendmenschen gegeben werden  Überhaupt seit einiger Zeit ist mir als
täte ich dem Andenken meines Toten gegenüber nicht mehr meine ganze
Schuldigkeit Als ich an meiner Lebensgeschichte schrieb da hatte ich das
Bewusstsein eine Aufgabe zu erfüllen  jetzt seitdem diese Arbeit vollendet
ist ist mir als müsst ich anderes wirken tun vollbringen und ich tue ja
nichts «
    Rudolf sprang erregt auf und ging einige Schritte auf und nieder Dann blieb
er vor seiner Mutter stehen
    »Ich tue nichts Und das lastet auf Deinem Gewissen wie auf dem meinen Du
hast mich ja dazu aufgezogen den Kampf fortzusetzen den Tilling begonnen
hatte und was habe ich bis jetzt geleistet Immer nur verschoben und verschoben
 immer nur geplant und geplant  Aber getan Nichts«
    »Nun wenn Du im Parlament «
    »Ja das ist auch so einer meiner Pläne meiner hinausgeschobenen
Arbeitsvorsätze Aber ich fange an zu fürchten dass es damit auch nichts werden
wird  Es fällt ja immer alles ins Wasser  wie zum Beispiel auch die
Bressersche Zeitung  Das sollte mein Organ werden darin hätte ich ausgeführt
und beleuchtet was im Parlament nur angedeutet werden konnte Wer weiß aber ob
ich überhaupt ins Parlament komme Ich werde hin und hergezerrt ich möge mich
dieser oder jener Partei anschließen und wenn ich dann sage was ich eigentlich
will  Dinge die außerhalb der bestehenden Programme liegen  so finde ich
kein Verständnis so glauben die Leute  ich sehe es ihnen an  ich hätte einen
Sporn Am allerwenigsten verstehen mich die Wähler Du wirst sehen ich werde
gar nicht gewählt Mein Gegenkandidat der tritt so schön vertrauenerregend in
die gewohnten Phrasengeleise der verspricht so bieder alle kleinen
Lokalinteressen zu vertreten während ich von Allgemeinheitsinteressen fasele
 Gibts denn eine Allgemeinheit in der Politik Glauben denn die Leute nicht
immer dass eine Partei die andere niederringen muss dass es dem A nur gut gehen
kann wenn der B überlistet und der C zermalmt wird Du wirst sehen mein
Gegenkandidat wird zehnmal mehr Stimmen erlangen als ich Und das wird mich
nicht einmal kränken können denn in jeder Ansammlung von Köpfen gibt es doch
zehnmal mehr dumme als kluge  Hat man als Grundlage von Gesetzgebung und
Regierung etwas blöderes geradezu schädlicheres finden können als das
Entscheidungsrecht der Mehrheit«
    »Das Instrument mag schlecht sein Rudolf Aber wenn kein anderes da ist
worauf willst Du Deine Melodie spielen«
    »Meine Melodie Wenn nur die auch schon klar und voll und alles andere
übertönend mir in der Seele klingen wollte «
    »Das tut sie ja Wenn ich an die begeisterten Worte denke die Du bei
Fritzis Taufe sprachst  das war echter Klang «
    »O ja einzelne große Glockentöne die ich selber höre wie sie mir aus
Herzensgrund und Seelentiefe schallen  dann aber kommt wieder der Lärm der
Welt hinzu der sie verschlingt  das Gegacker der Alltäglichkeit das Gekläffe
der Gemeinheit «
    »In solchem Zorne liebe ich Dich  solche Selbstanklage bürgt mir für Dein
echtes Wollen«
    »Du bist zu nachsichtig mit mir Mutter Ich würde Deinen Tadel Deine
Vorwürfe verdienen Was hab ich bis jetzt erreicht Was habe ich nur versucht
in jener großen Sache die Friedrich Tillings Vermächtnis war Heute hat es mich
wie Reue erfasst «
    »Wir begegnen uns mein Kind auch ich habe die Empfindung mich an
Friedrich versündigt zu haben«
    »Du wieso Was kannst Du in der Sache noch tun«
    »Nicht in der Friedenssache meine ich Ich meine  es ist mir schwer zu
erklären  Du hast doch meine Lebensgeschichte gelesen Du musst darin den
Abglanz eines Dings gefunden haben das in der Welt gar so selten anzutreffen
ist das vollständige eheliche Liebesglück «
    »Ja das habe ich in Deinem Buch gefunden Auch habe ichs ja selber  als
Kind  gesehen wie ihr beiden glücklich wart  und wie lieb ihr euch hattet
Ich bin aber auch Zeuge wie Deine Liebe und Treue übers Grab hinaus bis heute
jenem Andenken geweiht geblieben   was kannst Du da für Reue fühlen«
    »Dass ich  die ich doch durch ihn die ganze Fülle die ganze Heiligkeit
ehelicher Liebe kennen gelernt einer Liebe die auf voller
Seelenübereinstimmung gegründet war dass ich seine Sylvia nicht auch einem
solchen Glücke zugeführt habe  dass ich sie nicht dazu erzogen habe nur dann
ihre Hand zu vergeben wenn sie zugleich auch unumschränktes Vertrauen
tiefbegründete Achtung schenken konnte  ich habe nicht meine Schuldigkeit
getan Rudolf  Ja die Pläne die mein Friedrich für das Wohl der Welt
gehegt seine Gedanken und Spekulationen die habe ich gehütet und der
Öffentlichkeit übermittelt  aber sein persönliches Werk das er durch sein
Herz geleistet hat das tatsächliche häusliche Glück das er geschaffen auch
das hätte ich als ein Vermächtnis hüten müssen und auf sein Kind übertragen Die
Lehren die er gepredigt die habe ich weiter gegeben aber die Lehren die er
gelebt die sind verschollen durch meine Schuld  meine Schuld  meine Schuld
«
    Marta wiederholte dieses Wort indem sie die Hände vors Gesicht schlug und
in Weinen ausbrach
    Rudolf beugte sich liebevoll über sie
    »Nicht  nicht Mutter Du bist nur so angegriffen  das sind die Nerven
Es ist ja natürlich die Trennung von unserer Sylvia  der entscheidende Schritt
 Aber der Toni ist ja kein böser Mensch  wer sagt Dir dass sie nicht
glücklich wird «
    Marta trocknete sich die Tränen ab »Ihre eigene Ahnung sagt es ihr Wenn
Du sie heute gesehen hättest wie sie  knapp vor dem Kirchgang  mir weinend in
die Arme fiel  «
    »Nun ja  das Abschiedsweh«
    »Nein  nicht Schmerz um das was sie verließ  es war Furcht vor dem dem
sie entgegenging Nein Rudolf sprich mich nicht frei Wenn man gefehlt hat so
ist noch das beste was man haben kann  die Reue«
    »Das finde ich nicht besonders wenn sich nichts mehr ändern lässt Nur die
Reue ist furchtbar die neue Vorsätze neue Taten nach sich zieht Drum lass uns
auf meine Selbstanklage zurückkommen Ich kann ja gut machen was ich gefehlt
habe  Und ich will es Ich werde  die sind lustig da unten«  unterbrach er
sich Das Zimmer war über dem Salon gelegen und die Weisen eines Straussschen
Walzers tönten jetzt herauf
    Marta zuckte die Achseln »Lass sie  warum sollten sie nicht
Hochzeitsstimmung  die jungen Leute tanzen Unter anderem sag mir warum
ist denn der junge Bresser nicht gekommen«
    »Ich weiß es zufällig Weil er Sylvia liebte «
    »Was sagst Du da« rief Marta auffahrend
    »Du brauchst nicht zu erschrecken Meine hübsche Schwester hat gar vielen
Leuten den Kopf verdreht  Hugo ist ein vernünftiger Bursch  er hat sich nie
Hoffnungen gemacht  Jetzt ist er abgereist «
    »Ob der sie nicht vielleicht glücklicher gemacht hätte« sagte Marta
nachdenklich »Als Mensch steht er jedenfalls höher als Delnitzky  Aber diese
blöden Standesvorurteile  ich nenne sie blöde und habe sie doch selber 
ich glaube nämlich dass das Verpflanzen aus einem gewohnten Kreis in einen
anderen  niedrigeren  großes Missbehagen verursacht  Wenn man heiratet
heiratet man ja sozusagen die Familie die Freunde des Gatten mit und muss den
eigenen entsagen  das ist hart«
    »Der Vereinigung mit der geliebten Person zu entsagen mag noch härter
sein« bemerkte Rudolf
    »Gewiss  hätte Sylvia eine tiefe Neigung zu Bresser gehabt  so hätte ich
mich nicht widersetzt Auch zur Heirat mit Delnitzky habe ich nur ja gesagt
weil sie erklärte so rasend in ihn verliebt zu sein«
    »Hoffen wir dass sie es bleibt«
    »Ach ich glaube sie ists schon heute nicht «
    Rudolf ergriff Martas Hand
    »Hör mich an Mutter wenn Dir Deine Tochter Sorge macht so sollst Du
wenigstens durch Deinen Sohn Genugtuung erleben Ich will nun unsere Sache
energisch anpacken Nicht von Wahlergebnissen und sonstigen Zufällen soll das
abhängen  Ich muss mich auf mich selber stellen Ich muss mich offen auflehnen
 auch gegen meine nächste Umgebung  das ganze Milieu in dem ich lebe die
ganze Gesellschaft in der wir verkehren ist auf dem Dinge aufgebaut das ich
bekämpfen soll  auf dem Gewaltsystem Damit meine ich nicht nur den
Militarismus gegen den Tillings Bestrebungen besonders gerichtet waren  damit
meine ich die Gewalt in allen ihren Formen Das Recht wird vergewaltigt die
Vernunft wird vergewaltigt «
    Marta schaute überrascht auf »So leidenschaftlich kannte ich Dich
garnicht«
    »Wenn Du an mir Leidenschaft auflodern siehst Mutter so versuche nicht
sie zu dämpfen Ich war eben bis jetzt viel zu kalt und ruhig Man muss heftig
fühlen und heftig wollen  dann erst tut man etwas Vielleicht scheitert man 
das hängt von äußern Umständen ab  vielleicht erstürmt man keinen der festen
Plätze gegen die man anrennt  aber wenigstens ist man Sturm gelaufen und
weist für Nachstürmende den Wea«
    »Was willst Du also tun«
    »Vor allem werde ich mich mit jenen Männern in Verbindung setzen die an der
Spitze der Schiedsgerichtsbewegung stehen mit dem Engländer dessen Brief Du in
Dein Buch eingetragen «
    »Hodgson Pratt«
    »Ja Dann in Paris mit Fréderic Passy Jules Simon  In Russland  da
werde ich an Tolstoi schreiben  Wer Krieg und Frieden verfasst hat der ist
mit ganzer Seele ein Feind der Gewalt«
    »Und mit wem wirst Du bei uns «
    »Da will ich selber die Fahne aufpflanzen  die weiße Fahne Hole wieder
Deine roten Hefte hervor  ich will Dir so gut ich kann neues einzutragen
geben«
 
                                       X
Im Frühjahr 1892 Hugo Bresser war seit seiner plötzlichen Abreise in seine
Heimat nicht zurückgekehrt Einige Tage vor Sylvias Hochzeit war er nach Berlin
gereist und dort hatte er sich ganz niedergelassen In dem Brief den er damals
an Sylvia geschrieben und den sie an ihrem Hochzeitsmorgen verbrannte war in
glühenden Worten in Versen und in Prosa seine ganze Leidenschaft niedergelegt
gewesen Wie er sie jahrelang hoffnungslos geliebt wie erst in den letzten
Tagen  trotz ihrer Verlobung  in jener Gewitterstunde eine Hoffnung in ihm
erwacht war  Sie musste die Verlobung rückgängig machen hatte er der
Wahnwitzige vermeint  es war Täuschung Und so gehe er in freiwillige
Verbannung  es sei ihm unmöglich in dem Lande zu bleiben wo sie an der Seite
eines anderen lebte Möge sie glücklich werden  ebenso glücklich als er tief
unglücklich ist Nicht so unglücklich dass er sterben müsse  nein er wolle
leben und streben in heißem Ehrgeiz um einst den Beweis zu erbringen dass es
kein Unwürdiger war dessen Liebe sich bis zu ihr erhoben hatte und der ein paar
Stunden lang von dem Wahn beseligt gewesen ihr Herz zu besitzen
    Jetzt nach zweieinhalb Jahren hielt Sylvia wieder einen Brief Bressers in
der Hand Es waren nur wenige Zeilen worin er anfragte ob es ihm gestattet
sei während seines bevorstehenden kurzen Aufenthaltes in Wien der Frau Gräfin
seine Aufwartung zu machen
    Sylvia saß mit ihrem Manne beim Frühstück als dieser Brief ankam Das junge
Paar bewohnte den ersten Stock eines Ringstrassenpalais Auf Delnitzkys Wunsch
war man schon seit Oktober vom Lande nach Wien übersiedelt Es war in ihm eine
große Leidenschaft für die Oper erwacht Zwei oder dreimal in der Woche nahm er
seinen ständigen Sitz in der zweiten Parkettreihe ein
    Viele Leute bemerkten dass Graf Delnitzky gerade an jenen Tagen unfehlbar in
der Oper erschien an welchen eine gewisse wegen ihrer Schönheit und ihres
Talentes vielgefeierte Primadonna beschäftigt war
    Sylvia bemerkte das nicht  oder beachtete es nicht In dieser kurzen Frist
von zweieinhalb Jahren war ihre Liebe zu Delnitzky vollständig erloschen Den
ersten Schaden hatte diese Liebe schon auf der Hochzeitsreise erlitten durch
die jedes Hauches von Poesie jedes Zartsinns entbehrende Art in der der junge
Ehemann seine Gattenrechte zur Geltung brachte Er war leidenschaftlich in ihre
Schönheit verliebt aber diese Leidenschaft äußerte sich durch eine an
Brutalität grenzende Heftigkeit Das Feuer das  durch mädchenhafte Scheu und
keuschen Stolz gedämpft  in Sylvias jungen Sinnen geglüht war durch solch
raue Art vollends erstickt Nicht die Schauer der Wonne hatte er zu wecken
gewusst sondern eher den Schauer des Ekels eingeflößt und ihr abwehrendes im
günstigsten Falle duldendes Verhalten unter den Ausbrüchen seiner erotischen
Gewalttätigkeiten weckte in ihm das zornige Urteil »O das zimperliche kalte
temperamentlose Geschöpf«
    Nachdem der Gatte den physischen Zauber verscheucht hatte in dessen Bann
sich Sylvia zum Bräutigam hingezogen gefühlt schwand auch bald alle seelische
Liebesempfindung denn ernüchtert gewahrte sie nun in voller Deutlichkeit die
Mängel seines Wesens was ihr früher nur für kurze Augenblicke an die Nerven
gegangen das wurde ihr allmählich beständig widerwärtig Und da sie diese
Empfindungen nicht zu verbergen wusste da sie Freundlichkeit nicht heucheln
konnte wenn sie sich geärgert und abgestoßen fühlte so erweckte ihr Benehmen
bei Delnitzky das weitere zornige Urteil »O das launenhafte mürrische
zuwidre Ding«
    Zu einer Aussprache der stillen Beschwerden zu gegenseitigen Vorwürfen kam
es nicht Es stellte sich nur eine wachsende Gleichgültigkeit ein Der Verkehr
wurde immer matter und kühler die Gespräche immer kürzer und sachlicher  ein
paar Zärtlichkeitsausdrücke und Kosenamen die noch aus der Brautzeit stammten
wurden immer seltener angewendet bis sie ganz ausstarben und jeder Tag statt
die beiden immer näher und immer näher zu bringen  wie dies in Tillings und
Martas liebesgebenedeiter Ehe gewesen  jeder Tag brachte ein größeres Stück
der Entfernung der Entfremdung zwischen sie
    Im ersten Jahr war ihnen ein Kind geboren worden Aber auch die
Mutterfreuden blieben der jungen Frau versagt Unter furchtbaren Schmerzen und
Lebensgefahr hatte sie das Kind zur Welt gebracht und vier Monate später musste
sie es in qualvollen Konvulsionen sterben sehen
    Sie wünschte sich kein zweites Einsam fühlte sie sich nicht Ihr Herz war
mit der Liebe zur Mutter und zu Rudolf gerade so ausgefüllt wie zu ihrer
Mädchenzeit  eher noch mehr Ihre Anteilnahme an den Bestrebungen und Ideen des
Bruders war noch gewachsen auch der Mutter hatte sie sich inniger angeschlossen
als je Aus ihren ehelichen Enttäuschungen machte sie dieser ihrer besten
Freundin gegenüber kein Geheimnis aber sie teilte sich mit ohne dabei in
Klagen auszubrechen Glücklich war sie freilich nicht  aber auch nicht
unglücklich Das große Los hatte sie nicht gezogen in der Heiratslotterie  aber
die Niete machte sie nicht zur Bettlerin Die Selbstvorwürfe mit welchen Marta
sich quälte suchte sie zu verscheuchen sie lud alle Schuld auf sich auf ihre
eigensinnige Verblendung  nichts nicht einmal die mütterliche Autorität hatte
sie von ihrem durch närrische Verliebteit befestigten Entschluss abbringen
können  und dafür war sie jetzt gestraft Aber was weiter Gibt es nicht
Tausende von Frauen die früher oder später mit ihren Männern auch in solches
Stadium gegenseitiger Gleichgültigkeit geraten Und unzählige Mädchen die gar
nicht heiraten und dabei doch Genuss am Leben finden Übrigens  so
philosophierte sie weiter  ist denn auch Genuss und ungetrübtes Glück etwas
worauf jeder berechtigten Anspruch erheben dürfe Warum sollte gerade ihr ein
Paradies erschlossen werden wo so viele auf Erden ein Fegefeuer gar manche
sogar eine Hölle finden Man muss sich bescheiden mit dem was man hat und
wahrlich sie hatte gar viel eine herrliche Mutter einen teuren Bruder
geistige Mitwirkung an den Lebensaufgaben dieser beiden  dazu Gesundheit
Reichtum Rang  »Nein nein Mutter bedauere mich nicht« So wusste sie Marta
stets zu trösten wenn diese über die zu rasche Einwilligung in die Heirat ihrer
Tochter in Selbstanklagen ausbrach
Als Sylvia die Schriftzüge auf der Adresse des Berliner Briefes erkannte
erblasste sie
»Von wem denn« fragte Anton über seine Zeitung hinüber Er las den Sportbericht
im »Neuen Wiener Tagblatt«
    »Von Hugo Bresser  er will auf kurze Zeit hierherkommen  Das wird
seinen Vater freuen «
    »Du sag mir ist euer Hausfreund der alte Bresser nicht etwa ein
getaufter Jud«
    »Mag sein  ich weiß nicht«
    »Also vielleicht gar ungetauft«
    »Das sicher nicht  aber warum fragst Du Was wäre denn weiter«
    »O ich mag die Juden nicht  es wird auch von Tag zu Tag mehr mal porté mit
Juden zu verkehren«
    »Das auch noch« seufzte Sylvia im Innern Es war ihr nichts widerwärtiger
als der in der Gesellschaft und in der Wiener Kleinbürgerschaft überhandnehmende
Antisemitismus Laut sagte sie nur
    »Pater Protus denkt da viel weiterziger«
    »Ach der Der ist auch so ein Liberaler  Na ja ich bin ja auch kein
bigotter Duckmäuser  aber wenn ich schon Priester wäre so würde ich auch zu
den klerikalen Ansichten halten und mich nach meinen Vorgesetzten richten Im
übrigen ist mir das alles egal  Wird der junge Bresser jetzt im Lande bleiben
und sich redlich nähren«
    »Ich sagte Dir  er kommt nur auf kurze Zeit«  sie schob den Brief hinüber
»Lies selber«
    Anton machte eine abwehrende Bewegung »Es interessiert mich nicht  der
ganze Mensch interessiert mich nicht mit seinem sogenannten schriftstellerischen
Beruf von dem sein Vater immer so langes und breites erzählt«
    In der Tat im Hause Tilling war man über die Schicksale des jungen Bresser
durch die Mitteilungen des Doktors stets auf dem Laufenden geblieben Man hatte
erfahren dass sich Hugo in Berlin in die Schriftstellerkreise eingeführt hatte
dass er rastlos produzierte und sowohl mit einem Roman der in einer angesehenen
Rundschau erschienen war als mit einem Drama das eben die Runde über sämtliche
deutsche Bühnen machte große Erfolge errungen hatte
    »Übrigens wenn er kommt« sagte Delnitzky aufstehend »lad ihn zum Essen
ein  Ich geh jetzt «
    Sylvia fragte nicht »wohin«  sie nickte einfach »Adieu«
    Allein geblieben las sie noch ein paarmal die wenigen Zeilen durch Die
Physiognomie der Schrift war es was sie daran fesselte  denn sie brachte ihr
deutlich jenen verbrannten Brief und die  nicht unangenehme  Sensation ins
Gedächtnis welche ihr damals der Brief verursacht hatte Eigentlich war es eine
Kühnheit von dem Bresser sich jetzt bei ihr anzumelden als wäre nichts
geschehen  Sollte sie ihn empfangen   Warum nicht Die Schwärmerei von
damals war ja sicherlich vergessen Sie hatte selbst erfahren wie die Zeit 
eigentlich kurze Zeit  gar tiefe Wandlungen in verliebte Gefühle bringen kann
Und nun gar bei einem jungen Mann  einem gefeierten Autor  der hatte in
Berlin sicher mehr als ein Liebesverhältnis angeknüpft und dachte garnicht mehr
an jene wesenlose Episode  Empfinge sie ihn nicht  den Sohn des alten
Hausfreundes  so wäre das auffallend Und er selber könnte sichs auslegen als
fürchte sie sich vor ihm  und wahrlich das lag ihr fern
    So ging sie an ihren Schreibtisch und antwortete Es werde sie und ihren
Mann sehr freuen Herrn Bresser wiederzusehen und von seinen Erfolgen berichten
zu hören Er möge damit man gemütlicher plaudern könne zur Speisestunde sechs
Uhr kommen und zwar am nächsten Donnerstag da erwarte sie auch ihren Bruder
der sich gewiss ebenso freuen würde ihn zu treffen
    Und am nächsten Donnerstag zehn Minuten vor der angegebenen Stunde fand
sich Hugo Bresser in der Delnitzkyschen Wohnung ein Das Herz klopfte ihm als
er das Vorzimmer betrat Ein Diener nahm ihm den Überrock ab Vor dem Spiegel
zupfte er die weiße Krawatte zurecht und überzeugte sich dass die Gardeniablüte
im Knopfloch seines Fracks gut befestigt war
    Der Diener ging voran und führte den Gast durch zwei große nur schwach
erleuchtete Salons in einen dritten kleinen wo die Hausfrau saß  allein
    Sylvia in einfacher heller SeidengazeToilette kam Hugo ein paar Schritte
entgegen und reichte ihm die Hand die er ehrerbietig küsste
    »Herzlich willkommen Herr Bresser Wie Sie sich aber verändert haben 
Vorteilhaft verändert« fügte sie lächelnd hinzu
    Sie sagte die Wahrheit Hugo der jetzt einen spitzgestutzten Bart und in
der Mitte gescheiteltes Haar trug hatte ein verändertes und vorteilhafteres
Aussehen  Auch in seinem Gesichtsausdruck in der eleganten Sicherheit seines
Auftretens war etwas Neues etwas das er den Erfolgen zu danken hatte durch
die er zu einem gefeierten Liebling der Berliner Gesellschaft geworden war und
durch die er an Selbstbewusstsein gewonnen hatte
    Sylvias äußere Erscheinung war unverändert Auf den ersten Blick und nach
den ersten getauschten Worten fand Hugo jenes gewisse Etwas in ihren Zügen
wieder das er daran geliebt hatte  ein eigener Zauber der wenn sie sprach
und lächelte um ihre die kleinen perlenweissen Zähne aufdeckenden Lippen
huschte
    Die innere Bewegung dieses Wiedersehens verdeckten beide durch ein beinahe
überhastetes Fragen und Antworten über die banalsten Gegenstände »Wann sind Sie
angekommen  Wie lange bleiben Sie  Wie gefällt es Ihnen in Berlin« Und
seinerseits »Wie geht es dem Grafen Delnitzky wie der verehrten Baronin
Tilling  Hatte die Frau Gräfin einen angenehmen Aufenthalt an der Riviera
gehabt und hat sie wieder eine Reise vor« Dann lenkte Sylvia das Gespräch auf
Hugos literarische Erfolge und dadurch ward es auf ein weniger flaches Gebiet
gebracht und auf einen persönlichen Ton gestimmt
    »Sie sind nun ein anerkannter  man darf schon sagen ein berühmter Dichter
geworden Herr Bresser Das muss doch ein stolzes angenehmes Gefühl sein«
    »Das Angenehmste beim Dichten liegt nicht in der Anerkennung sondern in der
Arbeit Das Schaffen ist eine Befreiung  eine Besitzergreifung von erträumten
Schätzen Alles was einem das Leben und die Welt auch bringen mag an
Enttäuschung an Schmerz an Zorn  das braucht einen nicht im Innern zu
erdrücken und zu ersticken  das packt man gibt ihm eine Form und umkleidet
es mit seiner ganzen ausgedrückten Leidenschaft  da steht es denn da zuckend
lodernd weinend  aber man ist es los Und auch die Freuden die Seligkeiten
die stolzen Siege die einem das Leben nicht bietet  auch die reißt man aus dem
Reich der Phantasie herunter und stellt sie vor sich hin in den Prunk der
Sprache gekleidet  und sie gehören einem  man ist ja ihr Schöpfer«
    »Wie begeistert Sie von der Dichtkunst sprechen«
    »Ich nehme meinen Beruf ernst Gräfin ich gehe in ihm auf Seit jeher Sie
wissen es ja habe ich darauf gerechnet mit der Feder zu wirken Die
Journalistik war das Feld auf dem ich kämpfen wollte «
    »Ja ich erinnere mich  jene Zeitung in der auch Rudolf eine Stütze seiner
parlamentarischen Aktion finden sollte «
    »Die ist ins Wasser gefallen «
    »Wie Rudolfs parlamentarische Laufbahn« schaltete Sylvia ein
    »Ich weiß  für mich wars gut Vielleicht auch für ihn  Ich wurde in
ein anderes Gebiet der schriftstellerischen Arbeit gedrängt und habe darin die
unerwartetsten Erfolge erzielt«
    »Gesegnet sei also jenes gescheiterte Journal«
    »Nicht dieses Scheitern allein hat mich von der Journalistik zur Dichtkunst
gebracht Es war ein Erlebnis das meine Seele aufgewühlt hatte  ein Sturm von
Gefühlen den ich nicht in Leitartikeln und Feuilletons hätte austoben lassen
können«
    »Sondern in Romanen und Dramen Ich muss zu meiner Schande gestehen dass ich
Ihre Werke noch nicht kenne  haben Sie denn dazu Ihre eigenen Erlebnisse als
Stoff verwertet«
    »Nein Nur die tobenden Gedanken und Gefühle die durch meine Erlebnisse
erweckt wurden habe ich in meine Versuche gelegt Ich sage Versuche wo Sie
Werke sagen Gräfin  denn obwohl ich ja als Anfänger Glück gehabt so weiß ich
doch am besten dass mein bisher Geleistetes nur schwache Versuche sind  Mein
Werk mein Kunstwerk  das werde ich erst schreiben Nennen Sie das nicht
unbescheiden nicht Vermessenheit Ich glaube es kann gar keinen
rechtschaffenen Künstler geben der nicht in sich ein ganzes Chaos von
brodelnden Stoffen und Kräften fühlte das danach strebt eine Welt zu werden
«
    »Bitt um Verzeihung  hab ich mich verspätet« Es war Delnitzky der
hereingetreten »Grüß Sie Gott Bresser  na ich gratuliere  Sie sind ja ein
Tausendsassa geworden  das muss hübsche Tantiemen absetzen Ihr Teaterstück
was Du« wandte er sich zu seiner Frau »ich soll Dir sagen der Rudi kann heut
nicht kommen  die Beatrix ist krank«
    »Ach die Arme schon wieder Und meine Kousine hat auch abgesagt so werden
wir allein essen «
    »Das wird ja recht gemütlich so« sagte Delnitzky »nur lass schnell
anrichten  ich geh heut in die Oper und von Karmen hör ich gern den ersten
Akt«
    Während des kleinen Diners beschränkte sich die Unterhaltung auf
Reminiszenzen aus der Zeit welche Hugos Abreise und Sylvias Heirat
vorangegangen war Man sprach von den TennisPartien in Brunnhof von Pater
Protus von der Taufe des kleinen Fritz und ähnlichen Dingen Von sich und
seinen Arbeiten erzählte Hugo nichts er wich sogar einigen darauf bezüglichen
Fragen Delnitzkys aus Wohl mochte er fühlen dass er von dieser Seite kein
Verständnis für sein Streben fände
    Als man von Tische aufstand sah Delnitzky auf die Uhr »Gleich sieben  ich
bitte um Verzeihung  auf den Kaffee will ich verzichten sonst komm ich
wirklich zu spät  Ich lasse die Herrschaften ja beide in guter Gesellschaft
 Jugendfreunde  Also ich empfehl mich  hat mich sehr gefreut  Sie
bleiben doch noch eine Zeit in Wien  Schön  also auf Wiedersehen Adieu«
Und fort war er
    Sylvia ging mit Hugo in den Salon zurück
    »Störe ich nicht Gräfin Sie wollten vielleicht auch ins Theater «
    »Nein nein ich bleibe zu Hause  ich muss sogar  meine Freunde wissen dass
ich an Donnerstagabenden zu treffen bin«
    Sie schenkte den schwarzen Kaffee ein und reichte ihm eine Schale Zugleich
deutete sie auf einen mit Zigaretten gefüllten Becher »Wenn Sie rauchen wollen
 es ist erlaubt«
    Das Teteatete hatte etwas Schwüles Beengendes für sie Sie fürchtete
Hugo könnte von seinem Briefe sprechen den sie an ihrem Hochzeitstag verbrannt
Sie empfand etwas von Beschämung denn der junge Mann musste durchschaut haben
dass ihr eheliches Verhältnis nicht war was es sein sollte
    In Bresser loderte die alte Leidenschaft wieder hell auf In den Schatten
gestellt war das Bild einer jungen Berliner Schauspielerin die seine Geliebte
war es war ihm als hätte er nie an eine andere gedacht  als wäre Sylvia
wieder das einzige Weib das die Welt für ihn enthielt
    Aber er wagte es nicht sich zu verraten Er versuchte die Unterhaltung in
demselben banalen Ton fortzusetzen wie sie bei Tisch geführt worden war Sylvia
ging darauf ein doch es verletzte sie dass Bresser nicht wie er es vor
Delnitzkys Ankunft getan sein Gespräch jetzt wieder auf einen höheren Ton
stimmte Sollte er glauben dass sie nicht auf seinem geistigen Niveau sei dass
sie sich nur behaglich fühle in den schalen Alltäglichkeiten welche den Stoff
zu Delnitzkys Unterhaltung abgegeben hatten So sollte ein Dichter  und ein
Mann der sie einst geliebt hatte nicht von ihr denken Und als er wieder
irgend eine nichtssagende Bemerkung vorbrachte  ein Vergleich zwischen den
Bauten von Wien und Berlin zwischen den Kältegraden von dort und hier  da
machte sie eine ungeduldige Bewegung und sagte
    »Ach das interessiert mich nicht  reden Sie doch nicht so mit mir 
Wie sagte doch Toni Wir seien ein paar Jugendfreunde  Freunde haben sich
doch Besseres mitzuteilen als architektonische und meteorologische
Beobachtungen«
    »Wir waren aber nicht Jugendfreunde Frau Gräfin Zwischen uns beiden gähnte
ein gesellschaftlicher Abgrund  ich blickte zu Ihnen auf wie zu einem Stern 
Nur einmal  ein paar Stunden ein paar Tage vergaß ich diese Entfernung  aber
davon soll und darf ich doch nicht reden«
    »Nein davon nicht«
    Sie schwiegen eine Weile  eigentlich hatten sie beide doch davon geredet
    »Lassen Sie uns auf Ihre literarische Laufbahn zurückkommen  das fesselt
mich wirklich lebhaft Ich sehe dass Sie eine Lebensaufgabe haben dass Sie
großen Zeiten zustreben  wie mein Bruder Wie schade dass er nicht gekommen
ist Sie hätten miteinander vielleicht wieder jenen Streit aufgenommen  über
den Vorrang des Gedankens oder der Tat «
    »Wie Sie erinnern sich noch Wie Sie sehen bin ich meiner Ansicht treu
geblieben  ich habe mich einzig in den Dienst des Gedankens gestellt Und da
nicht einmal des grübelnden oder auf irgend welche praktische Ziele
gerichteten sondern des frei über allen Wolken schwebenden Gedankens Rudolf
hat wohl noch immer politische und weltverbessernde Pläne Ach ich fürchte
verbessern lässt sich nicht viel an unserem kleinen Stückchen Umwelt  Ich
wenigstens könnte es nicht  höchstens ein klein wenig verschönern sei es durch
ein bisschen Kunst oder ein bisschen  Liebe«
    Das Wort Liebe in der Betonung in der Hugo es gesprochen verursachte der
jungen Frau eine Sekunde der Beklemmung Sie wusste selbst nicht was diese
Beklemmung eigentlich war  Sehnsucht Eifersucht Sie holte einen tiefen
Atemzug
    »Was schreiben Sie jetzt« fragte sie
    Er hatte nicht Zeit zu antworten Der Bediente meldete Besuch Bald war der
Salon mit einem Dutzend Leute gefüllt und Bresser empfahl sich von der Hausfrau
    »Wann sieht man Sie wieder« fragte sie ihm die Hand zum Kusse reichend
    »Sobald Sie befehlen«
 
                                       XI
Rudolf Dotzky war bei den Reichsratswahlen durchgefallen Er hatte es
verschmäht sich vom Grossgrundbesitz aufstellen zu lassen weil er sich da einer
der bestehenden Parteien hätte anschließen müssen und hatte sich um ein Mandat
in Wien beworben In den Wahlversammlungen hatte er sein Programm mit beredten
Worten entwickelt und viel Beifall gefunden  die Stimmenmehrheit fand er aber
nicht
    Sein Gegenkandidat hatte ein so bewährtes altes Programm entworfen mit
allen üblichen Versprechungen gespickt dass ihm die Stimmen nur so zuflogen
Alles geht ja  das ist naturgesetzmässig  auf der Bahn des geringsten
Widerstandes  also auf der gewohnheitsgeglätteten Bahn Die neuen noch nie
gehörten Ideen die Rudolf vorgebracht hatte blieben teils unverstanden teils
flössten sie Bangen ein
    Namentlich von seinen Standesgenossen musste er Vorwürfe hören Die älteren
Herren gaben ihm wohlmeinende Belehrungen Sie waren ja erfahrene Politiker 
»Realpolitiker« sie wussten also genau Bescheid und versuchten eindringlich ihn
von seinen unpraktischen Anschauungen abzubringen An und für sich mag ja dies
und jenes richtig sein  gaben sie zu  einiges sogar unanfechtbar dennoch
dürfe man es nicht vorbringen weil es an gewissen Stellen verstimmen könnte 
und vor allem gälte es die eigene Partei regierungsfähig zu machen  nur dann
sei überhaupt etwas zuerreichen Daher ist Unterwerfung unter das
Parteiinteresse das wichtigste politische Prinzip nachgeben auf gewissen
Gebieten damit auf der anderen Seite auch nachgegeben werde 
    »Kurz« unterbrach Rudolf solche Weisheitslehren »der Kultus des heiligen
Kompromiss  nein ich danke«
    Dem meisten Widerstand begegnete Rudolf von einer Seite von der er ihn am
wenigsten erwartet hätte  bei seiner Frau und deren Mutter Kein direkter
Widerstand gegen seine Prinzipien denn von diesen verstanden sie nichts und er
hatte sie ihnen auch nicht mitgeteilt sondern indirekt durch das Hervorkehren
ihrer Auffassung des ganzen parlamentarischen Berufs in welchem sie nichts
sahen als den Hebel zur Erlangung eigener Vorteile Als die eigentliche
Aufgabe als die unabweisbare Pflicht eines Abgeordneten betrachteten sie das
Bestreben durch die politische Tätigkeit Karriere zu machen Also natürlich
alles tun und reden was den jeweiligen Ministern und noch mehr was
allerhöchsten Orts gefallen muss »Darum nicht wahr Rudi nur immer eintreten
für Thron Altar und Armee  unser Hof ist ja sehr fromm  Und 
friedliebend ist der Kaiser ja auch  aber er liebt seine Armee und tut so viel
für sie  was Friedrich Tilling wollte ist ja recht schön aber nur darf man
das Militär nicht angreifen  je stärker das Heer ist und je besser gerüstet
desto weniger werden die anderen sich trauen Krieg anzufangen  was würde
auch aus allen Söhnen des Adels werden wenn man weniger Offiziere brauchte 
Und dann es ist gar nicht anständig nicht patriotisch wenn man gegen den
Militarismus loszieht  das tun ja die sogenannten Roten die alle Ordnung
untergraben wollen «
    Rudolf wehrte derlei Einmengungen zwar ungeduldig ab aber in einer Form
oder der anderen schwirrten sie immer wieder um seine Ohren Es war ihm daher
beinahe wie eine Erleichterung als er nicht gewählt wurde denn zu dem Kampf
der im Reichsrat aufzunehmen war hätte sich noch der Kampf mit den Seinen
gesellt Er wäre zwar nicht zurückgeschreckt vor diesem Kampf und war
entschlossen bei nächster Gelegenheit wieder auf den Plan zu treten
    Den vor längerer Zeit seiner Mutter mitgeteilten Plan mit den Führern der
Friedenssache in brieflichen und persönlichen Verkehr zu treten hatte er
ausgeführt Er schrieb an Hodgson Pratt und Randal Cremer nach London an
Frèdéric Passy und Simon nach Paris an Franz Wirt nach Frankfurt a M an
Virchow nach Berlin an Professor Graf Kamarowsky nach Moskau an Teodoro Moneta
nach Mailand an Ruggiero Bonghi und Beniamino Pandolfi nach Rom an Frederic
Bajer nach Kopenhagen an General Türr nach Budapest von diesen erfuhr er
genau wie die »Bewegung« für Frieden und Schiedsgerichte in den verschiedenen
europäischen Ländern stand und in das bekannte Protokoll gab es wieder viel
einzutragen Hätte Rudolf dem Parlamente angehört so würde er versucht haben
sich an die Spitze einer österreichischen Gruppe der Interparlamentarischen
Union zu stellen Eine solche entstand anlässlich der im November 1891 in Rom
tagenden interparlamentarischen Konferenz und zur Anregung dieser Bildung hatte
er redlich beigetragen
    Im übrigen war und blieb er ein Feind des Vereinswesens Marta hatte ihm
nahegelegt dass für ihn die beste Art Tillings Ideen zu verwirklichen darin
bestände die internationale Bewegung mit deren Trägern er ja so eifrig
korrespondierte nach Österreich zu verpflanzen indem er auch in Wien einen
Verein ins Leben riefe dessen Mitglieder dann an den alljährlichen Kongressen
teilnehmen würden Aber dazu konnte er sich nicht entschließen Er war nicht
was so viele Menschen nach mehrjähriger Erfahrung werden  vereins müde denn er
hatte darin keine Erfahrungen  sondern er war vereins scheu Konkrete Dinge
wie beim Roten Kreuz Rettungsgesellschaft Tierschutz und dergleichen  die
konnten wohl durch Organisation erspriesslich betrieben werden abstrakte Ideen
sittliche Ideale philosophische Wahrheiten nein diesen half es nichts sie in
ein Bureau mit Funktionären und Sitzungen mit Protokollen oder in Kongresse mit
Resolutionen zu zwingen die mussten um die öffentlichen Institutionen
umzuwandeln ihren Weg ins Haus in die Schule in die Köpfe der geistigen
Führer und der Staatslenker finden »Eine Weltanschauung« pflegte er zu sagen
»lässt sich nicht organisieren zur Heranziehung einer Gemeinde gehören nicht
Vorsitzende Schriftführer und Kassenwarte sondern Apostel«
    »Und willst Du nicht Apostel werden« hatte ihn Marta gefragt
    »Wollen  hängt das vom Wollen ab« fragte er zurück »Ebensogut könnte man
sich vornehmen ein Genie zu werden Wie hoch die Kraft sein wird die man in
den Dienst einer Sache stellt das kann man nicht bestimmen nur das eine kann
man sich vornehmen treu zu dienen  mit der ganzen Kraft die man überhaupt
hat«
    Da ihm die Tribüne des Abgeordnetenhauses verschlossen geblieben blickte
Rudolf nach einer andern Stelle aus von wo er die Fülle seiner Gedanken und
Pläne verkünden konnte das Nächstliegende war Zeitungsartikel zu schreiben Er
versuchte es Die Anschauungen und Grundsätze die vor seinen Wählern keine
Gnade gefunden die brachte er nun in Form von Essays zu Papier Doch fand er
damit ebensowenig Gnade bei den großen politischen Blättern Da herrschte ja die
gleiche Parteienge die er in den lebendigen politischen Kreisen gefunden ins
Papierne übertragen Was außerhalb der gewohnten Schlagworte der gewohnten
Phrasengeleise lag das wollten die Blätter nicht aufnehmen Indessen das
»Aktuelle« ist immer zeitungsspaltenfähig und so geschah es als im Herbst 1891
die Telegraphenagenturen meldeten in Rom werde unter Beteiligung offizieller
Kreise ein Friedenskongress und eine interparlamentarische Konferenz abgehalten 
so geschah es dass man in den Redaktionen doch auf jene Frage hinhorchte und
ein großes Wiener Blatt veröffentlichte einen von Rudolf Dotzky eingesandten
Aufsatz in welchem er ungefähr folgendes ausführte
    »Millionenheere in zwei Lager geteilt waffenklirrend stehen bereit nur
    eines Winkes gewärtig  aufeinander loszustürzen In der gegenseitig
    zitternden Angst vor der unermesslichen Furchtbarkeit des drohenden Ausbruchs
    liegt einigermaßen Gewähr für dessen Verzögerung
    Hinausschieben ist jedoch nicht Aufheben
    Die sogegannten Segnungen des Friedens als wäre der bewaffnete Friede nicht
    selber ein Fluch die werden uns immer nur von Jahr zu Jahr garantiert
    immer nur als hoffentlich noch einige Zeit anhaltend hingestellt Von der
    Abschaffung des Krieges von gänzlicher Aufhebung des internationalen
    Gewaltprinzips durch Einsetzung zwischenstaatlicher Justiz davon wollen
    die zur Aufrechterhaltung des Friedens waffenbrüderlich verbundenen Gewalten
    nichts wissen Der Krieg ist ihnen heilig unausrottbar und man darf ihn
    nicht wegdenken wollen er ist ihnen auch  angesichts der Dimensionen die
    er unter den gegenwärtigen Bedingungen annehmen müsste  furchtbar vor dem
    eigenen Gewissen unverantwortlich also darf man ihn nicht anfangen
    Was ist das aber für ein unnatürliches Ding das nicht aufhören kann und
    nicht anfangen soll das nicht weggewünscht und nicht herbeigeführt nicht
    verneint und nicht bejaht werden darf Ein ewiges Vorbereiten auf das was
    durch die Vorbereitung vermieden werden soll  ein Vermeiden dessen was
    durch die Vermeidung vorbereitet wird
    Dieses Widerspruchsmonstrum erklärt sich so
    Jenes Gebilde aus historischer Vergangenheit das man noch aufrecht erhalten
    will  die gebietverschiebende machtvergrössernde nur einen geringen
    Bruchteil der Bevölkerung in Anspruch nehmende frische und fröhliche
    Kriegführung die ist inzwischen im Entwicklungsgange der Kultur zur
    moralischen und physischen Unmöglichkeit geworden
    Moralisch unmöglich weil die Menschen von ihrer Wildheit und
    Lebensverachtung verloren haben daher nicht mehr fröhlich an das
    TotschlageWerk gehen können die Blutarbeit ist mir verhasst schreibt
    Friedrich III in seinem Tagebuch  physisch unmöglich weil die während
    der letzten zwanzig Jahre angewachsene Zerstörungstechnik einen Grad
    erreicht hat der den nächsten Feldzug zwischen den großen Militärstaaten zu
    etwas gestalten würde das etwas ganz neues anderes wäre etwas das sich
    mit dem Wesen und den Zwecken des landläufigen Begriffes Krieg nicht mehr
    decken würde
    Ein Beispiel wollte man durch lange Stunden ein Bad vorbereiten das Wasser
    heizen heizen bis es siedet und überwallt  wäre dann dasjenige was einen
    träfe der endlich doch in die Wanne stiege  oder vielmehr hineinfiele 
    noch ein Bad zu nennen
    Noch ein paar Jahre solchen aufrechterhaltenden Friedens solcher
    Heeresmehrungen solcher MordmaschinenErfindungen  elektrische
    Sprengminen ekrasitgeladene Lufttorpedos  und kurz nach der
    Kriegserklärung sind sämtliche Kriegführende   verbrüht
    Jeden Augenblick kann die Explosion kommen Diejenigen welche die Lunte in
    Händen haben geben zum Glück acht Sie wissen dass bei solchem
    Pulvervorrat die Folgen schrecklich wären wenn sie unvorsichtiger oder
    gar freventlicherweise den Funken hineinwürfen Um also diese wohltätige
    Vorsicht zu steigern wird der Pulvervorrat immer vergrößert Wäre es nicht
    einfacher freiwillig und übereinkommend die Lunte wegzutun mit anderen
    Worten abzurüsten Den internationalen Rechtszustand einzusetzen die
    getrennten Gruppen  die einander stets zuschwören dass sie wenn von der
    andern Gruppe angegriffen Schulter an Schulter kämpfen wollen  zu einer
    Gruppe zu verschmelzen den Bund der zivilisierten Staaten Europas zu
    gründen«
Diese zwei Postulate Einsetzung internationaler Friedensjustiz und europäischer
Staatenbund  die bildeten in Rudolfs Sinn das ganze klare einfache Ziel des
von Friedrich Tilling aufgestellten Ideals Das dritte Postulat  die Abrüstung
 müsste sich als die mechanische Folge der beiden anderen einstellen So wie das
Rüsten die Geste der Kriegswollenden und Kriegsfürchtenden ist die einander
feindlich und misstrauisch gegenüber stehen so wäre bei verbündeten Mächten die
für etwaige Streitfälle ein Schiedstribunal bereit hätten die natürliche Geste
das Abrüsten
    Jenen Artikel hatte er unterzeichnet und die Folge war dass ihm aus den
verschiedenen Schichten der Bevölkerung zahlreiche zustimmende Briefe zuflogen
Eine zweite Wirkung aber war dass man ihn in seinem Kreise als »Exaltierten
Menschen« klassierte Manche seiner Freunde fanden diese Exaltation schädlich
und gefährlich Einigen flößte es geradezu Abscheu ein dass ein Aristokrat ein
Offizierssohn Ideen Ausdruck gab die so bedenklich an die Deklamationen der
militärfeindlichen »Sozis« anklangen und an der bestehenden Ordnung der Dinge
rüttelten dabei solch unpraktisches unausführbares Zeug  »Utopie« sagten die
Höflichen Das Wort eignet sich so hübsch zum Wegfegen unbequemer Pläne Es gibt
zu dass die Sache ja ganz schön und wünschenswert wäre  etwa wie die
Überwindung des Todes  aber eben einfach unmöglich Dass alle Errungenschaften
von heute  alle die technischen und sozialen  Eisenbahnen und Aufhebung der
Sklaverei  meist als Utopie gegolten haben dass daher dieses Wort die ganze
Kulturgeschichte als eine ununterbrochene Kette beschämter Kleingläubigkeit
durchzieht  dessen erinnern sich die neuen UtopieRufer nimmer
 
                                      XII
Von Rudolfs Standesgenossen war Graf Kolnos der einzige bei dem er Verständnis
und aufmunternde Sympatie fand Der alte Herr hatte eine Dichternatur und
Dichter sind immer einigermaßen Seher Ihr Blick holt aus der entrücktesten
Vergangenheit romantische Züge hervor oder reicht furchtlos bis in jene
Zukunftsfernen die ihr Schönheitsideal erfüllen werden zur opportunistischen
Anpassung an den GegenwartsAlltag haben Dichter kein Geschick An dem Tage
nachdem jener Artikel erschienen war suchte Rudolf seinen Freund Kolnos auf
    Die Räume die der kunstsinnige Edelmann in einem Hause am Kolowratring
bewohnte waren selber ein Poem Eine Flucht von mehreren Zimmern hoch und
geräumig wie Säle waren mit gesammelten Kunstschätzen angefüllt
Meistergemälde Statuetten antike Möbel kostbare Stoffe Teppiche und Felle
Prunkgefässe und Waffen hunderterlei Dinge aus Porzellan und Edelmetall aus
Elfenbein und Bronze Preziosen und Juwelen in Email und funkelnden Steinen
mittelalterliche Manuskripte mit gemalten Initialen  daneben die noch
unaufgeschnittenen Bücherneuheiten von heute Das alles aber nicht etwa
museummässig in Vitrinen oder in Reih und Glied aufgestellt sondern in
zwangloser Verteilung als Zier und Nutzgebrauch in wohnlichem Heime
    Graf Kolnos kam seinem Besucher mit ausgestreckter Hand entgegen
    »Grüß Gott Rudolf  Schön dass Du wieder einmal zu mir kommst«
    Trotz des großen Altersunterschiedes sagten sich die beiden Männer »Du«
    In seiner äußeren Erscheinung gehörte Kolnos demselben Typus an wie Dotzky
Die gleiche hohe schmiegsame Gestalt das gleiche edelgeschnittene Profil und
sogar der gleiche spanisch gestutzte Bart mit dem Unterschiede dass der eine
schwarz der andere schneeweiß war
    »Gut dass ich Dich allein finde« sagte Rudolf »ich will Dir wieder einmal
mein Herz ausschütten und Dich um Rat fragen«
    »Ganz zu Diensten mein Junge Komm setzen wir uns  Hier in meinem
kleinen Arbeitserker  da ists am gemütlichsten  Also meinen Rat willst Du
um ihn wieder nicht zu befolgen  Oh protestiere nicht Du wirst Dich doch
erinnern dass ich Dir das Kandidieren um das Reichsratsmandat abgeredet hatte 
und wer ging dennoch hin um das zweifelhafte Privilegium werben im Chor ja
oder nein sagen zu dürfen so wie man eben vom Parteischlüssel aufgezogen worden
 Dein guter Genius hat Dich davor gerettet « «
    »Verzeih  ich hätte mich nicht als Spieldose aufziehen lassen  mein
eigenes Lied hätte ich vorgebracht Daraus ist vorläufig nichts geworden Und so
habe ich ein anderes Mittel versucht gehört zu werden «
    »Ja durch die Zeitung  ich habe Deinen Artikel vom vorigen Sonntag
gelesen Was Du sagst ist ja alles wahr aber «
    »Wenn etwas wahr ist dann solls gesagt werden  dann gilt kein aber «
    »Das gebe ich zu Mein aber war nicht gegen Dich gerichtet sondern gegen
die Mitwelt die will keine Wahrheit hören die sie aus ihrer Bequemlichkeit
reißt«
    »Die immer schwerer werdenden Rüstungslasten die ewige Unsicherheit der
allgemeine Dienstzwang der als Damoklesschwert drohende Weltkrieg  das nennst
Du bequem«
    »Bequem ist alles Altgewohnte  denn man ist darin eingerichtet man hat
seine Interessen daran geknüpft  In unserer auf die Kriegsidee aufgebauten
Ordnung ist der Friedensprediger der schlimmste Störenfried Aber  schon wieder
sag ich aber  Du hast recht getan Dein Artikel freute mich Und je mehr die
anderen darüber raisonnierten desto mehr freute er mich Wenn Du meinen Rat
hören willst verharre verharre auf diesem Pfad Das Verharren ist wohl immer
das schwierigste  doch ich mute Dir diese Kraft zu«
    »Danke Die Standhaftigkeit wird mir allerdings nicht leicht gemacht
Darüber wollte ich Dir klagen«
    »Wer oder was entmutigt Dich  die Zweifler«
    »Die fremden Zweifel nicht  ein eigener«
    »Wie  Du glaubst nicht fest an das was Du sagst«
    »Doch Meine Überzeugung ist eben so tief wie klar Ich zweifle nur an der
Möglichkeit die Massen aus ihrer Apathie zu wecken Diese Massen sehe ich vor
mir liegen wie ein Felsgebirge In der Hand halte ich eine Lanzette  und damit
sollten nun die Felsen von der Stelle gerückt werden Und selbst wenn ich statt
einer Lanzette die Lunte zu einer Mine in Händen hätte  an welcher Stelle des
Felsens sollte man ihn sprengen Ohne Bild wo soll man anfangen um Vorurteile
wegzuwälzen  sie sind ja alle so eng miteinander verwachsen Und wo soll man
anfangen um das Unglück der Welt zu verscheuchen Dieses Unglück heißt ja nicht
nur Krieg  es heißt das Elend es heißt Geistesnacht Herzensroheit
Lasterhaftigkeit  diese drei verteilt in allen Klassen  daher auch vom
Klassenkampf keine Erlösung zu hoffen ist Ich meine dass «
    Rudolf wurde unterbrochen Der Diener meldete neuen Besuch
    »Herr Hofrat Doktor Bland«
    »Ich lasse bitten«
    Kolnos stand auf um den Eintretenden  ein behäbiger sehr ernst blickender
Fünfziger  mit freundlichem Händedruck zu empfangen Dann stellte er vor
»Reichsratsabgeordneter Doktor Bland  Graf Dotzky Die Herren sind ja Kollegen
 das heißt nicht Kollegen sondern etwas mehr noch Gesinnungsgenossen«
Kolnos erläuterte diese Bezeichnung indem er darauf hinwies dass Doktor Bland 
eine der »Säulen« der liberalen Partei  sich der im österreichischen Parlament
neugebildeten »Gruppe für Frieden und Schiedsgericht« angeschlossen habe und als
einer ihrer Delegierten zur bevorstehenden Konferenz nach Rom reisen werde »und
in Graf Dotzky« fügte er hinzu »sehen Sie den Verfasser des
antimilitaristischen Artikels der «
    »Ah« unterbrach der Hofrat »sind Sie derselbe Graf Dotzky der bei den
Wahlen «
    »Durchgefallen ist Ja der bin ich Herr Doktor habe daher leider keinen
Anspruch auf den Titel Kollege desto mehr interessiert mich die
Gesinnungsgenossenschaft  Sie beabsichtigen also bei der Konferenz den
Militarismus zu bekämpfen«
    Die drei saßen nun wieder im Erker und Kolnos deutete einladend auf ein
nebenstehendes Rauchtischchen Bland nahm mit dankender Verbeugung eine
Zigarette und steckte sie an dabei schaute er durch die Gläser seiner
goldumrandeten Brille mit intensiver Aufmerksamkeit auf Rudolf und seine ohnehin
ernste Miene nahm einen noch strengeren und wichtigeren Ausdruck an
    »Hm  also jenen Artikel haben Sie geschrieben  ich habe ihn nicht
mehr recht im Gedächtnis  doch Ihre Fragestellung von vorhin zeigt mir dass
Sie meine bevorstehende Reise nach Rom etwas irrig auffassen Gegen den
Militarismus sagten Sie  Nein das nicht «
    »Warum in aller Welt wollen Sie dann an der Konferenz teilnehmen«
    »Mein Gott  wenn ich ganz aufrichtig sein soll ich hatte schon lange den
Wunsch Rom zu sehen  meine Frau auch  die Konferenz wird ja auch ganz
interessant sein  Und für den Frieden kann man immer eintreten  freilich
unter dem Vorbehalt dass man an der Wehrhaftigkeit des Vaterlandes festhält 
Natürlich ist ja von ewigem Frieden und derlei Unsinn für einen ernsten
Politiker nicht die Rede «
    »Was in aller Welt möchte nun auch ich fragen« fiel Kolnos ein »tun Sie
dann auf einer Friedenskonferenz«
    »O man kann da sehr nützlich sein   besonders muss man darauf achten dass
wenn etwa gefährliche Fragen wie die elsasslotringische oder irredentistische
aufgeworfen werden man den etwaigen Ausfällen der politischen Heisssporne
rechtzeitig einen Dämpfer aufsetzt An dem status quo des TerritotalBesitzes
der Staaten darf nichts geändert werden Wer für die Erhaltung des Friedens ist
 und das ist ja schließlich fast jeder vernünftige Mensch im allgemeinen und
unsere Partei im besonderen  der muss wachen dass an dem Besitzstand der Staaten
nicht gerüttelt werde der muss darauf hinwirken dass sich die Nationen jeder
Eroberungspolitik enthalten und nur darauf sich beschränken so stark zu sein
um die Agression der anderen siegreich abwehren zu können Wäre der Dreibund «
    »Welche anderen« unterbrach Kolnos »Wenn sich die Nationen der
Eroberungspolitik enthalten welcher Angriff ist dann abzuwehren«
    Aber Bland beachtete den Einwand nicht und beschloss den angefangenen Satz
    »Wäre der Dreibund nicht so stark so würden die Franzosen gleich Krieg
anfangen und gegen kosakische Einfallsgelüste muss man auch sein Pulver trocken
halten«
    »Und mit diesen Ansichten«  rief Rudolf  »sind Sie Mitglied der
interparlamentarischen Union für Frieden und Abrüstung«
    »Für Frieden und Schiedsgericht  nicht Abrüstung Das Wort Abrüstung dürfen
wir gar nicht in den Mund nehmen Es ist unpatriotisch unloyal und
unvernünftig«
    »Erlauben Sie« mischte sich Kolnos ein »wenn Schiedsgerichtsverträge
abgeschlossen werden wozu braucht man dann die übertriebenen Rüstungen Sind
diese nicht eher unvernünftig und vertragen die sich mit den sogenannten
liberalen Ideen«
    Bland war um Antwort nicht verlegen
    »Einmal liegen die Schiedsgerichte noch in weiter Ferne  würden doch auch
nur für Fälle in Anwendung kommen bei welchen die Ehre und die Lebensinteressen
der Staaten nicht tangiert werden  und was die übertriebenen Rüstungen
betrifft ja da haben Sie vollkommen recht meine Herren die ruinieren die
Nationen  gegen die muss man sich verwahren Da sind wir Liberalen immer auf
Posten die bekämpfen wir standhaft Wir verlangen Rechenschaft für jede
Verwendung und streichen ab so viel als tunlich um die Finanzkräfte zu schonen
Und alljährlich bei der Budgetdebatte erhebt einer von uns die Stimme um das
ungesunde Wachstum des Militarismus zu verdammen Das Wort Militarismus ist ja
eben  im Gegensatz zu Militär  die Bezeichnung eines Auswuchses eines
ungebührlichen Übergewichts  gerade so wie Klerikalismus im Verhältnis zu
Kirche oder Religion So bekämpft unsere Partei auch den Klerikalismus  nicht
aber die Kirche und die Religion Diese muss dem Volke erhalten werden ebenso
wie das Militär dem Staat erhalten bleiben muss«
    Kolnos unterdrückte die Bemerkung »besonders wenn man einen Sohn in der
WienerNeustädter und den anderen in der Weisskirchener Militärschule hat« Diese
Ideenverbindung äußerte sich nur in der Frage
    »Wie gehts Ihren beiden Buben Herr Hofrat«
    »Ich danke  es geht ihnen gut Die Bengel freuen sich allerdings schon
riesig auf ihr PorteEpée  die wollten von Antimilitarismus nichts hören Der
älteste wird schon künftigen Sommer ausgemustert  das wird ein Stolz sein
namentlich für seine Mama«
    Rudolf stand auf
    »Lieber Freund« sagte er zum Hausherrn »ich muss jetzt leider mich
empfehlen«
    Aber Kolnos ließ den jungen Mann nicht fort Und nachdem man noch eine
weitere Viertelstunde über verschiedene Dinge gesprochen wobei Rudolf äußerst
zurückhaltend und wortkarg blieb was es der Hofrat der sich zum Gehen erhob
und Kolnos versuchte nicht ihn zurückzuhalten
    Und nachdem er draußen war
    »Ich habe Dir angesehen mein lieber Rudolf dass Du Dich geärgert hast
Warum widersprachst Du nicht«
    »Eben deshalb Nichts schnürt mir so die Kehle zu wie Ärger Außerdem hätte
ich etwas sagen können was den Mann von seinen eingefleischten Ansichten
abgebracht hätte Vor einem großen Auditorium oder im Abgeordnetenhause würde
ich ihm vielleicht entgegnet haben dem Auditorium zulieb oder zum Fenster
hinaus  aber hier  wozu Er würde es mir dennoch nicht glauben dass er ein
ganz gewöhnliches Muster der fortschrittslähmenden Sorte des
FortschrittsPhilisters darstellt  den Typus des freiheitsverleugnenden
LiberalKompromisslers Mir graut davor  da lobe ich mir die konsequent
Konservativen die resolut Retrograden  die marschieren doch wenigstens in der
Richtung wo ihr verkündetes Ziel liegt Aber diese Sorte die trompetet hinaus
dass sie links stürmen dabei schielen sie nach rechts und rühren sich nicht vom
Fleck halten noch die wirklich Linkswollenden am Rockschössel zurück  und wie
weise sie sich dabei vorkommen diese Freiheitshelden die sich so schön unter
alle vorhandenen Fesseln und Joche zu ducken wissen  Sie nehmen die Feile
wohl zur Hand sie gebrauchen sie aber nicht der sägende Lärm könnte
allerhöchste Gehörnerven verletzen und einstweilen  unter den gegebenen
Umständen  sind die Fesseln und Joche ganz nützliche Instrumente  vielleicht
ein ganz klein wenig lockerer  aber vorläufig müssen sie dem Volk noch erhalten
bleiben«
    Kolnos lachte »Wie Du Dich ereiferst  Ich will ja die Bland und
Konsorten nicht in Schutz nehmen aber gibst Du nicht zu dass man auch wenn man
aufrichtig vorwärts will doch etwas langsam gehen soll Evolution  das lehrt
uns die Natur  ist ein gar langsamer Prozess  «
    »Als ob wir das nicht wüssten Wir wissen aber auch dass das winzige
VonderStellerücken des Ganzen das Resultat der größten Eile und größten
Kraftanspannung der einzelnen Teilchen ist  Übrigens ich kann mich all den
Anpassern nicht anpassen  ich werde mit den Leuten brechen offen brechen
müssen«
 
                                      XIII
                             Aus Martas Tagebuch
                                                                  Im Janur 1892
»Wenn die Sonne untergegangen ist so ist die Geschichte des Tages vorbei« Mit
diesen Worten begründete ich Rudolf gegenüber meinen Entschluss nicht weiter an
meiner Lebensgeschichte zu schreiben
    Dennoch habe ich mir neuerdings ein Heft hergenommen um Eintragungen zu
machen Nicht mein Schicksal soll ja den Mittelpunkt dafür abgeben sondern das
Schicksal und  soweit ich Einblick darein habe  das Seelenleben meiner Kinder
Meine Kinder sind nicht glücklich fürchte ich Als ich mein Buch abschloss da
war so eine Lebenswende eingetreten die  in Romanen und auf der Bühne  wie
der Ausgangspunkt einer ungetrübten gesegneten Existenz erscheinen glänzende
Verhältnisse Geburt eines Erben Verlobung Ich ließ mich selber davon täuschen
und nannte das gesicherte Glück meiner Kinder das Licht das meinen Lebensabend
verklären sollte
    Ach um meinen Abend handelt es sich ja nicht Ich beklage nur dass ihr
Mittag nicht so wolkenlos schön ist wie ich ihn damals kommen sah
    Meine arme Sylvia  ihr Mann betrügt sie  das weiß die ganze Stadt Er
hat seiner Geliebten ein kleines Gut gekauft Er versucht garnicht seine
Abwesenheiten zu maskieren Und Sylvia zeigt nicht die geringste Eifersucht 
ein Zeichen dass ihr Delnitzky ganz gleichgültig vielleicht sogar verhasst ist
Also einsam einsam Sie hat sich mir nicht anvertraut weil sie mir nicht weh
tun will Glaubt sie denn dass ich nicht sehe wie freudlos sie ist
    Und nun Rudolf  der trägt noch größere Sorgenlast Er hat  »der
unglückselige Atlas«  die Sorgen der Welt auf sich genommen Alles was in
unserer Gegenwart an Traurigem enthalten ist das schmerzt  an Schlechtem das
empört  an Dummem das erzürnt ihn an Gemeinem das flösst ihm Ekel ein »So
gib doch in die andere Wagschale« sagte ich erst gestern zu ihm »all das
Lichte Schöne Gute das auch vorhanden ist und das in immer steigendem Masse
sich entfaltet Die Zukunft gehört der Güte pflegte Tilling zu sagen  und Du
hilfst ja mit diese Zukunft herbeizuführen  ist Dir das nicht erhebende
Genugtuung« Er schüttelte den Kopf »Bis jetzt habe ich gar nichts geleistet 
ich komme aus der Phase des Vorbereitens zum Handeln ja garnicht heraus  ein
Schnitter der immer nur die Sense schleift ein Zeichner der nicht aufhört
Bleistifte zu spitzen «
    Er übertreibt er hat schon gehandelt Nur sind seine Handlungen an
äußerlichen Hindernissen am passiven und aktiven Widerstand der anderen
abgeprallt Da war seine Kandidatur  sie wählten ihn nicht Da war seine
Reise nach Berlin seine Unterredung mit Bismarck  der eiserne Kanzler hat
ihn abgewiesen wie er den Abgeordneten Bühler und wie er den Prinzen von
Oldenburg abgewiesen hatte »An Abrüstung dürfe man nicht denken am
allerwenigsten in Deutschland das gegen zwei Fronten en vedette zu bleiben
hobe«
    Ich habe indessen meinem »Protokoll« doch wieder hoffnungsvolle Absätze
hinzugefügt Ach dass Friedrich das alles nicht erleben konnte Sicher hätte er
sich den Friedensvereinen und Kongressen angeschlossen Das will nun Rudolf
nicht tun Ich bleibe aber durch meine Korrespondenz mit den Gleichgesinnten
aller Länder stets in Berührung mit den militanten Trägern der Friedensidee und
mein Protokoll spiegelt die Phasen der fortschreitenden von der Mitwelt so sehr
verlachten oder ignorierten Bewegung wieder
    Und da sehe ich wie der Gedanke dass das Gewaltsystem dem Rechtssystem
weichen müsse wächst und wächst und in immer höhere Kreise dringt »Die Wogen
müssen so hoch gehen« sagte neulich Björnstjerne Björnson in einer Versammlung
im Freien vor einer Zuhörerschaft von zehntausend Menschen »die Wogen des
Friedensgedankens müssen so hoch gehen dass sie bis in die ersten Stockwerke
spritzen«
    Ob sie bis zu einem Tronsaal dringen Die Leute behaupten das sei
unmöglich denn die Throne ruhen auf der bewaffneten Macht Aber was »behaupten
die Leute« nicht alles
    Zu den neuesten Eintragungen meines Protokolls gehören die Versammlungen in
Rom die interparlamentarische Konferenz mit bewundernswerter Energie
vorbereitet vom Kammermitglied B Pandolfi und der dritte Weltfriedenskongress
Offizieller Empfang auf dem Kapitol Die beiden Körperschaften haben
beschlossen je ein Zentralbureau in Bern zu errichten Der Gedanke nimmt immer
mehr Gestalt an seine Vertreter organisieren sich Das Umherflatternde ballt
sich zusammen und verdichtet sich So entstehen Planeten und ebenso 
Institutionen
    Kolnos dem ich neulich mein Protokoll zeigte sagte »Sie tragen da
zusammen meine liebe optimistische Freundin alles was in der Welt zu gunsten
Ihrer Lieblingsidee geschieht und lassen unverzeichnet was zu deren Nachteil
vorgeht Ihre Sammlung umfasst ein Zehntausendstel dessen was tatsächlich
gedacht gesprochen und getan wird Die übrigen 999 Tausendstel von denen sagt
Ihr Protokoll nichts  und die geben den Ausschlag«
    »Ja heute  aber später  Millionen Schneeflocken begraben das erste
Veilchen im März  wer gibt den Ausschlag Fragen Sie den Lenz  das
Veilchen«
    »Optimistin«
    »Mit diesem Namen beleidigen Sie mich nicht«
    »Das war auch nicht meine Absicht«
    »Sie treffen mich aber auch nicht Das Wort will sagen dass man nur das Gute
sieht und für alles bestehende Böse blind ist Ich sehe beides  Ormuzd und
Ahriman Der Kampf der beiden dauert ja fort In diesem Büchelchen sind aber nur
die OrmuzdSiege notiert  und da nur auf einem Felde  er siegt ja noch auf
so vielen anderen Zum Beispiel hat er die Höhlenmenschen abgeschafft und an
deren Stelle Kolnosse gesetzt«
    »Ein magerer Gewinn« gab mein Freund zur scherzenden Antwort
Seit jeher haben Bücher in meinem Leben die Rolle von Ereignissen gespielt Wie
haben in meiner Jugend Darwin und Buckle auf mich gewirkt und vor kurzem noch
Tolstoi mit seinem »Das Reich Gottes ist in Euch« Weil ja solche Bücher mir als
etwas noch ganz anderes sich offenbaren denn als wissenschaftliche und
literarische Erscheinungen Fackeln sind sie mir ganze dunkle Gebiete
plötzlich erhellende Fackeln Und die sie schwingen ganze Menschen mit ganz
lichterfüllten Seelen 
    Vor einiger Zeit fiel mir eine Schrift in die Hand die mir Ereignis  ein
frohes Ereignis ward Nicht so sehr was der Verfasser darin schrieb hat mich
erschüttert als dass er es schrieb dass einer den edlen Mut hatte  möge es ihm
auch seine Stellung kosten  das hinauszurufen was seinen nach Wahrheit
dürstenden Geist erfüllt Nur ein dünnes Heftchen »Ernste Gedanken« von Moritz
von Egidy Das Aufsehen war groß Egidy Oberstleutnant bei den Husaren im
preußischen Dienst hat seinen Abschied erhalten Und nun  wird er die Kraft
dazu haben  will er sich ganz der Aufgabe widmen das auszubauen  in sich
selber und für die Mitwelt was er als Heilslehre in die Worte zusammenfasst
»Religion nicht mehr neben dem Leben  unser Leben selbst Religion« In rascher
Folge kam nun eine Schrift nach der andern Er zieht immer mehr die Konsequenzen
seiner ersten Ideen der Horizont der Gedanken weitet sich das »Ernste Wollen«
ward immer inbrünstiger Es ist eine Lust dass solche Menschen leben Jubeln
wollte ich dass  
    Lust Jubel habe ich die Beraubte diese Worte niedergeschrieben Gibt es
denn noch für mich die Möglichkeit zu frohlocken Drängt sich nicht gleich zu
jeder freudigen Regung der trübe dämpfende Gedanke Er ist nicht mehr da die
Freude zu teilen  Möge die Welt auch noch so herrlich sich gestalten mögen
Schätze und Wonnen wie aus Füllhörnern über sie sich ergießen die schwarze
Leere in die mein Liebstes versunken für mich bleibt sie leer und schwarz 
ein Abgrund ohne Boden Wie man einen Stein in die Tiefe wirft um zu lauschen
wann er auf den Boden fällt so lasse ich manchmal meine Empfindungen  Kummer
und Freude  in jenen Grabesabgrund fallen und horche hin  »Friedrich  was
sagst Du zu diesem Egidy«  Nichts Stumm  auf ewig
»Liebe Marta« sagte mir neulich eine alte Kousine »ich begreife Dich nicht
 immer finde ich Dich in Zeitschriften und Bücher vertieft und alles Neue
was in der Welt auftaucht Dichtungen Erfindungen Bewegungen  das greifst Du
auf und erwärmst Dich dafür auch wenn es noch so illusorisch ist  dabei
behauptest Du doch Du hättest mit dem Leben abgeschlossen Woher dieser
Widerspruch In unserem Alter hat man ja auch mit dem Leben abgeschlossen
selbst wenn man keinen solchen Trauerfall erlebt hat wie Du Da hat man doch nur
mehr ein Interesse das Schicksal seiner Kinder und Enkel«
    Meine gute Kousine ist siebzig Jahre alt und ich höre es gar nicht gern
wenn sie mir der um ungefähr zwanzig Jahre jüngeren sagt »in unserem Alter«
Zudem kümmert sie sich  nebst ihren Kindern und Enkeln  noch gar lebhaft um
gar mancherlei Dinge als da sind Bekehrung kleiner Neger und Chinesen die
Wunder von Lourdes die Wiederherstellung der weltlichen Macht des Papstes und
dergleichen mehr Darauf wies ich in meiner Entgegnung hin
    »Ja« sagte sie »die Relichion unsere besonders Frommen sprechen das Wort
so aus das ist etwas anderes«
    »Meinst Du Ich meine es ist dasselbe  es ist nämlich der Drang für
etwas Größeres Höheres zu fühlen und zu wirken als für die nächstliegenden
eigenen oder der eigenen Kinder Interessen«
    »Aber liebes Kind à la bonne heure das höre ich lieber als in unserem
Alter wie kannst Du nur vergleichen  der eitle irdische Tand und die ewige
Seligkeit«
    Ich sprach von etwas anderem Gerade so wie ich es in meiner Jugend mit
Tante Marie zu tun pflegte wenn sie das Thema »Bestimmung« zu variieren begann
Die Kousine hätte mich doch nicht verstanden wenn ich ihr hätte auseinander
setzen wollen dass es das gleiche Streben nach Seligkeit nach Erlösung nach
dem »Heil« ist was diejenigen erfüllt die für Ideen Erfindungen Bewegungen
sich erwärmen von denen sie das Paradies schon diesseits erhoffen oder doch
wenigstens die Überwindung des Jammers der  auch schon hienieden  eine Hölle
schafft Das ist doch nicht minder »Relichion«
    Ach dass ein und dasselbe Wort oft so verschiedene Dinge bedeutet Das macht
die Verständigung so schwer das ist daran schuld dass einer dem anderen so oft
unrecht tut Religion heißt auch das inbrünstig die Verpflichtung fühlen für
das Gute das Rechtschaffene das Heilige einzustehen Sich mit der Seele
anklammern an alles was von ewiger Schönheit von lichter Klarheit von
ehrfurchtgebietender Größe erfüllt ist Und das Gegenteil von alledem das
Hässliche Finstere Niedrige  vor allem das Grausame  bekämpfen wo nur immer
möglich Wenn man noch dazu durch Wort und Eid gebunden ist habe ich nicht
geschworen Friedrichs Aufgabe zu übernehmen da hat man doppelt religiös zu
sein gerade so wie ein vom Klostergelübde gebundener Gläubiger doppelt fromm
sein muss Und so verfolge ich alle Phasen der Friedensbewegung und bleibe  mit
Rudolf und durch Rudolf mit allen Bekämpfern des Krieges in steter Berührung
das ist meine Betschwesterschaft
Die Post brachte mir heute diesen Brief
                                                             »Berlin 12 1 92
Ihr Name wird unter den Vertretern einer Bewegung genannt die die Menschheit
nach oben das Christentum seiner Erfüllung entgegenführen soll
    Ich halte es für meine Pflicht mich Ihnen respektvoll zu nahen und Sie zu
bitten mich als einen derer anzusehen die mit ganzer Kraft für die höchsten
Bestrebungen eintreten Jede Faser meines Daseins gehört dem Aufbau eines
Reiches Gottes auf Erden gehört dem Werden des Christentums Es begreift dies
alle Bestrebungen guter Menschen
    Ich bin durchglüht von Idealismus bin aber kein Phantast  Sie haben es mit
einem Menschen zu tun Unerschrocken aber auch unbeirrt werde ich die Wege
weitergehen die mir vorgezeichnet sind Je umfassender unser Vorgehen ist
desto wirksamer je entschlossener desto heilbringender je gleichzeitiger auf
der ganzen Linie desto durchgreifender der Erfolg
    Jetzt also muss etwas werden Ich lebe der festen Überzeugung das Wort
Glaube wäre mir nicht genug hierfür dass wir vor dem Tore stehen das uns
ebensowohl davon trennt wie uns einführt in das Zeitalter der Vervollkommnung
Die Klinke mit kraftvoller Hand zu ergreifen scheint mir die Berufung aller
derer denen Gott die Fähigkeit dazu gab
                                              M v Egidy Oberstleutnant a D«
Diese unerwartete Botschaft erschütterte mich freudig Ja es will und es wird
etwas werden Nur kräftig an jener Klinke gerüttelt und das Tor geht auf
 
                                      XIV
Zwei Tage nach dem kleinen Diner traf Sylvia wieder mit Hugo Bresser zusammen
Diesmal in Martas kleinem Empfangssalon
    Als sie eintrat in der Absicht wie sie es oft tat ein Vormittagsstündchen
mit ihrer Mutter zu verplaudern fand sie diese in Gesellschaft Rudolfs und
Hugos Letzterer sprang auf um sich vor der Eingetretenen zu verneigen Es lag
Verwirrung in seiner allzu raschen Gebärde in seinem blass und rot werdenden
Gesicht Oder schien es Sylvia nur so  und vielleicht nur darum weil sie
selber etwas wie Verwirrung empfand Keine unangenehme  im Gegenteil 
    Sie umarmte ihre Mutter schüttelte den beiden jungen Männern die Hand und
setzte sich Bresser wollte sich nun empfehlen
    »Nein nein warum nicht gar mein Lieber« widersetzte sich Baronin
Tilling »bleiben Sie doch Wir drei sind oft genug miteinander allein  und
Sylvia wird gewiss auch gern in unser Gespräch eingreifen gerade da wo wir es
unterbrochen haben«
    »So Wovon spracht Ihr denn«
    Hugo indem er sich auf seinen früheren Platz wieder niederließ antwortete
    »Wir sprachen vom Dichterhandwerk Die Herrschaften   wie das so üblich
wenn zB der Kaiser auf dem Industriellenball Cercle hält  haben leutselig die
Unterhaltung auf mein Fach hinübergelenkt«
    »Das ist eine falsche Darstellung Bresser« rief Marta »Rudolf sprach ein
Langes und Breites über die Weltlage über den Drang den er empfindet da
handelnd einzugreifen und Sie waren es der dagegen die Behauptung aufstellte
dass man die Welt nicht umformen könne bis sie nicht umgedichtet sei und damit
war das Gespräch bei der Dichtkunst angelangt«
    »Das ist ja im Grunde dasselbe Thema« bemerkte Sylvia »das von denselben
Streitern an jenem Gewittertage «
    Sie stockte errötend Hätte sie von dem Tag reden sollen und zeigen dass sie
sich so genau erinnerte an alles was damals getan und gesagt worden Hätte sie
sich dem Dankesblicke aussetzen sollen der sie jetzt aus Hugos Augen traf Sie
zog ihre Hand aus dem Muff und atmete an dem halbwelken Veilchensträusschen das
darin verborgen gewesen
    Jetzt nahm Rudolf das Wort
    »Ich erwiderte dass die Kunst keine KulturUmwälzungen hervorbringen kann
Eine Gegend wird verwandelt durch vulkanische Erschütterungen durch
hereinbrechende Fluten  aber nicht durch Blumenzucht«
    »Blumenzucht« rief Bresser »Als ob die Kunst ein so harmlosheiteres Spiel
wäre  als ob nicht auch sie mitunter so glühend wie Lava aus den Tiefen der
Menschenseele strömte «
    Lachend fiel Baronin Tilling ein »Sie sind doch nicht exaltiert  Wenn
ich denke was für ein natürlicher nüchterner beinahe trockener Mann mein
alter Freund Ihr Vater ist«  Absichtlich goss sie diesen kleinen Wasserstrahl
auf Hugos feurige Art Sie hatte beobachtet wie bewegt ihre Tochter ihn
angeblickt und erinnerte sich der Mitteilung die ihr Rudolf an Sylvias
Hochzeitstag gemacht Hugo sei abgereist weil er Sylvia liebte
    »Sie finden mich überspannt gnädigste Baronin Darf man denn bei meinem
Berufe ganz nüchtern sein Mein Vater ist Arzt und ich bin   dass es doch für
unseren Kunstzweig keinen bescheidenern Namen gibt Es kann einer ohne Anmassung
von sich sagen ich bin Bildhauer bin Musiker  aber ich bin Dichter klingt
so eingebildet  denn das Wort bedeutet nicht allein die Ausübung es drückt
schon die sieghafte Bewältigung dieser Kunstgattung aus  und weil ich davon
so weit ach so weit bin darf ich mich wohl nicht Dichter nennen  sagen wir
Wortziselierer Traumbändiger  «
    »Bändiger ist auch ein siegreicher Begriff« sagte Sylvia
    »So nehme ich auch diese Bezeichnung zurück Es ist ja richtig die Träume
unterwerfen eher mich als ich sie  Bilder Gestalten drängen sich mir auf 
sie rufen nach Ausdruck  sie lassen mich nicht ehe ich sie aufs Papier gebannt
«
    »Und so sind Sie denn daran die Welt umzudichten«
    »Absichtlich Planmässig Nein Der Genius der Kultur baut die Welt von
selber um  er zwingt nur die Künstler ein paar Bausteine zuzutragen ohne dass
sie es wissen«
    »Von selber geschieht gar nichts« warf Rudolf ein
    »Als ich noch Publizist war und plante eine große Zeitung zu redigieren da
hatte ich auch so etwas im Sinne wie Sie Graf Dotzky auf die Welt
reformierend einzuwirken Das ist mir seit ich mich der Dichtkunst der lyrisch
und dramatisch schaffenden hingegeben habe ganz verloren gegangen Vielleicht
auch deshalb weil ich das leidige Zeitungslesen aufgegeben habe mich um die
Tagesereignisse gar nicht kümmere und mich in die Dichterwerke der alten und
neuen Zeit vertiefte Da hat sich eine ganze Phantasiewelt um mich aufgebaut
bevölkert von tausend Gestalten Götter Helden Könige Feen Heilige 
Gestalten die den Köpfen von Homer Dante Shakespeare Korneille Goethe
entstiegen sind Von den neueren und neuesten gar nicht zu reden  und ich habe
alle Modernen gelesen auch die Russen und Skandinaven Und da sind es nicht
allein die erdichteten Geschöpfe die mich gefangen nehmen  da ist es auch die
technische Seite der Dichtung  der Stil die Musik der Sprache das
Virtuosentum auf dem Instrument des Worts  das ists was mich entzückt und
was mir anzueignen mich als leidenschaftlicher Kunstehrgeiz erfüllt Schönheit
Schönheit die erscheint mir als die höchste Offenbarung unseres Genius  und
was man der Schönheit abzuringen vermag das bereichert das veredelt uns selber
und unser ganzes Geschlecht  Auf diese Art kann auch der einzelne Künstler
wenn er nur seine liebende Kraft anstrengt wirklich den Schatz der Kultur
vermehren wirklich das eigene Gehirn und die Gehirne der Mitwelt feiner modeln
und so an dem Entwicklungswerk des Menschengeistes helfend mitschaffen  besser
als durch alle politischen und ökonomischen und sozialen Spekulationen und
Maßregeln Es ist nicht zu sagen welche Gleichgültigkeit um nicht zu sagen
Verachtung mich über all das kleinliche Getriebe erfasst hat  man sehe doch 
in dem sogenannten öffentlichen Leben  die Enge der Interessen die Flachheit
ihrer Vertretung die Hässlichkeit und Gemeinheit der Kampfweise Ästetisch  in
der Politik  wirken höchstens die Gewaltmenschen daher der Kultus für einen
Napoleon oder einen Bismarck  «
    Rudolf schlug sich auf die Stirn
    »Sie haben mir da einen neuen Horizont eröffnet Bresser  Politiker und
Künstler geringschätzen sich gegenseitig Sie verstehen einander nicht Ihre
Gebiete sind zu getrennt Ich sehe aber dass sie sich verschmelzen sollten als
oberstes Prinzip hat  nicht nur in den Künsten  hat auch in der Lebenskunst
in der Regierungskunst die Schönheit erkannt zu werden Und was die Lenker der
Völkergeschicke leiten sollte das müsste auch Begeisterung  nicht Berechnung
sein«
    Marta warf ihrem Sohn einen dankbaren Blick zu
    Jetzt wurde neuer Besuch gemeldet
    Es war Graf Kolnos Nachdem er alle begrüßt und sich gesetzt
    »Ich bin gekommen um  nein noch nicht um Abschied zu nehmen aber um
mein baldiges Verschwinden anzukündigen Mich packt wieder einmal meine
Reisewut«
    »O weh« rief Marta »da bleiben Sie uns wieder auf ein zwei Jahre
verschollen  Sie sind ein so unmässiger Reisender  und ich entbehre Sie schwer
so lange  Wohin diesmal«
    »Diesmal nach Indien  dort war ich noch nicht Vielleicht auch einen
Abstecher nach Japan«
    Sylvia lachte »Abstecher ist gut«
    »Willst Du mitkommen« wandte er sich an Rudolf Dieser schüttelte den Kopf
»Doch warum frage ich Wenn man Weib und Kind hat und Mutter und Schwester so
hat man nicht diese exotischen Gelüste nicht die Fernensehnsucht die mich
Einsamen alle paar Jahre packt sogar noch jetzt in meinen alten Tagen Wenn ich
so recht müde geworden bin von dem hiesigen Einerlei von dem TritschTratsch
der Gesellschaft und dem QuitschQuatsch der Politik da muss ich mich erfrischen
in ganz fremder Landschaft unter Menschen die nichts von uns wissen wie ich
nichts von ihnen weiß Da lese ich keine europäische Zeitung da gebe ich
niemand meine Adresse damit man mir von zu Hause ja nicht schreiben könne was
es Neues gibt«
    Kolnos blieb nur kurz Er versprach am selben Abend zu Marta in
Teteatete speisen zu kommen
    »Ich muss Sie vor Ihrer Europaflucht noch tüchtig genießen« hatte sie ihm
gesagt »Sie gehören zu den wenigen Menschen deren Existenz mir eine Wohltat
ist  Ihnen kann ich immer alles sagen was ich auf der Seele habe«
    Kaum war Kolnos gegangen als wieder neuer Besuch eintrat  ein Besuch der
gleich fünf Mann hoch war Exzellenz Gräfin Ranegg mit vier Töchtern
    Diese Gelegenheit benützte Bresser um sich neuerdings zu empfehlen und
Marta hielt ihn nicht mehr zurück
    Raneggs gehörten zu den nächsten Gutsnachvaren von Brunnhof und die Familien
verkehrten sehr lebhaft miteinander Zur Zeit als Sylvia ihre Hochzeit feierte
war Gräfin Ranegg mit ihren Töchtern auf einer Italienreise begriffen gewesen
sonst hätten die vier schönen Schwestern sicherlich als Brautjungfern fungiert
Diese Mädchen nebeneinander zu sehen war wirklich ein ästetischer Genuss Alle
vier von hohem schlankem Wuchs von vornehmer und dabei natürlichster Anmut im
ganzen Wesen Die älteste Kajetane dreiundzwanzigjährig hatte
feingeschnittene regelmäßige Züge dunkles Haar und schwarze Augen die zweite
Christine um drei Jahre jünger war kastanienbraun mit lebhaftschalkhafter
Kaprizenphysiognomie und die beiden jüngsten die achtzehnjährigen Zwillinge
Ella und Bella einander zum Verwechseln ähnlich  waren hellblond mit sanften
Blauaugen und Madonnengesichtchen Die Zwillinge waren immer gleich gekleidet
die zwei älteren verschiedenartig alle vier mit höchster Einfachheit
    Das in hohem gesellschaftlichem Ansehen stehende Paar Ranegg  er bekleidete
eine der ersten Hofchargen sie war eine geborene Fürstin  besaß außer diesen
reizenden Töchtern noch zwei wohlgeratene Söhne beide im Militärdienst Der
ältere noch nicht ganz dreißig und schon Ulanenrittmeister der andere im
vergangenen Sommer ausgemustert Leutnant bei den Dragonern
    In Wien sahen sich die beiden Frauen  Marta und Gräfin Ranegg  eigentlich
nur selten denn während die erste sehr zurückgezogen lebte machte die andere
ihren Töchtern zuliebe alle Unterhaltungen der großen Welt mit Hof und
Kammerbälle adelige Picknicks erzherzogliche und aristokratische »on dansera«
Amateurteater und Wohltätigkeitsbazare  desto öfter sah man sich auf dem
Lande Für Marta war es immer eine Herzensfreude mit dieser Familie
zusammenzukommen besonders in deren eigenem Heim
    Das Leben dort bot nach jeder Richtung das Muster glücklichen und
harmonischen Menschenloses Genügender Reichtum glänzende soziale Stellung
gegenseitige Anhänglichkeit ein heiteres Dahinfliessen der Tage in regelmäßigen
Beschäftigungen musizieren lesen sticken malen reiten gemeinsame
Spaziergänge und Spiele Die Mädchen so jung sie waren zogen dieses Landleben
dem Wiener Aufenthalt vor Das Mitmachen der Wintervergnügungen war für die
Schwestern Ranegg mehr die Erfüllung einer Standespflicht als wirkliches
Vergnügen Im Mai wenn die weltliche Nachsaison ihre höchsten Wogen schlug
waren sie schon immer voll Ungeduld Wien zu verlassen um in ihr geliebtes
Raneggsburg zurückzukehren das sie im Schmuck des Flieders und der blühenden
Kastanien besonders anzog Und wenn es Winter wurde schoben sie die
Übersiedlung nach Wien so weit als möglich hinaus Sie liebten es auf dem
zugefrorenen Schlossteich Eis zu laufen und die langen Abende um den
Familientisch zu verplaudern jede mit einer Handarbeit beschäftigt Vor
Weihnachten wollten sie um keinen Preis fort das Fest musste in Raneggsburg
gefeiert werden mit dem großen Christbaum im Billardsaal mit Bescherung für
die Dorfkinder und Beschenkung aller Dorfarmen mit selbstgestrickten warmen
Unterkleidern und Tüchern
    Marta unterhielt sich sehr gern mit Gräfin Ranegg deren Altersgenossin sie
war Zwar hatten sich die beiden in ihrer Jugend nur sehr flüchtig beinahe gar
nicht gekannt  erst durch die Nachbarschaft zwischen Brunnhof und Raneggsburg
waren sie einander seit einigen Jahren so nahe gekommen  dennoch sprachen sie
mit Vorliebe von alten Zeiten miteinander von den Begebnissen Sitten und
Anschauungen die in der Welt herrschten als sie jung waren Gräfin Ranegg war
in ihren Gesinnungen viel konservativer als Marta wenn gleich sie viel
liberaler dachte als die Mehrzahl ihrer beiderseitigen Standesgenossinnen Auf
halbem Wege kamen sie sich entgegen die etwas kühnen Ideen Martas berührten
die andere sympathisch und das völlige Gleichgewicht des gediegenen
toleranten vornehmen Wesens der Gräfin Ranegg übte trotz der
Grundverschiedenheit der Ansichten auf Marta einen eigenen Reiz es lag etwas
so Beruhigendes und Harmonisches darin  wie in allem was aus einem Gusse und
dabei aus edlem Stoffe ist
    Mit aufrichtiger Freude ging Marta der Eintretenden entgegen
    »Ah sieht man Euch endlich wieder ihr mondänen Geschöpfe«
    Die vier Mädchen küssten Marta die Hand
    »Ja mondaines sind wir« seufzte Gräfin Ranegg »gestern Ball bei
Pallavicini heute bei Erzherzog Ludwig Viktor morgen im Ministerium des Äußeren
 Es ist eine wahre corvée«
    »Nun nun es macht Euch doch Vergnügen« sagte Marta »das heißt den
Kindern  das Los der Mütter ist auf Bällen freilich kein beneidenswertes«
    Die Mädchen waren mit Sylvia und Rudolf in eine andere Ecke des Zimmers
gegangen wo sie sich laut und eifrig unterhielten sodass die beiden älteren
Damen miteinander sprechen konnten ohne von den anderen gehört zu werden
    »Ich kann Dich versichern« sagte Gräfin Ranegg »nicht nur für Mütter auch
für die Töchter ist jetzt in unserer Welt nicht viel Vergnügen zu finden «
    »Ja« bestätigte Marta »das habe ich an Sylvia auch erfahren  die
moderne junge Herrenwelt ist gar so ich weiß nicht wie ich sagen soll «
    »Sag ihr eigenes Lieblingswort fad Erinnerst Du Dich zu unserer Zeit
welch ein Unterschied  wie wurde da den jungen Mädchen der Hof gemacht was
doch  seien wir aufrichtig was doch die Würze der weltlichen Vergnügungen ist
Geflirtet muss werden oder wie man früher sagte Passionen müssen entbrennen 
Das hat alles aufgehört Unsere jungen Männer verlieben sich nicht mehr 
wenigstens nicht in unsere Mädchen«
    »Nein in Bühnenprinzessinnen« schaltete Marta ein
    Gräfin Ranegg fuhr fort »Und zum Tanzen  da muss man die jungen Leute
ordentlich zwingen dabei sind die meisten deren man doch habhaft wird so
uninteressant so langweilig so gar nicht bei der Sache  Sie tanzen ein paar
Touren weil es sein muss oder tanzen auch nicht Und zu den Soiréen sind sie
einfach gar nicht zu haben Wieviel solche haben wir schon mitgemacht wo wir
fast nur Frauen waren  ein paar alte Diplomaten und Generäle ausgenommen Auf
den Bällen gibt es zwar männliche Jugend aber die wird hinkommandiert  die
Mehrzahl der Tänzer besteht aus den ganz Jungen Gymnasiasten Teresianisten
Väter Mütter Töchter und Flaumbärte das ist das Kontingent unserer Ballsäle
Auch junge Frauen sieht man da wenig  die haben ihre Diners und Spielpartien 
dort verkehren auch unsere Herren lieber  «
    »Vielleicht wird die Sitte des Tanzens ganz aussterben« sagte Marta »Es
ist schon einmal so  die Welt verändert sich«
    »Leider«
    »Ich sage nicht leider Platz dem Neuen  Und so langweiligen sich Deine
Töchter«
    »Langweilen O nein  hörst Du wie sie dort mit Deinen Kindern lachen 
sie sind Gott sei Dank stets so guter Laune«
    »Wie geht es Deiner Mutter«
    »Danke  nicht gar gut Sie spürt ihre fünfundachtzig Jahre  Wir sind
sehr viel bei ihr  jeden Abend bringt eine oder die andere von den Mädchen
bei ihr zu  und oft streiten sie welche von ihnen den Vorzug haben kann statt
auf den Ball zur Großmutter zu gehen Jetzt aber«  Gräfin Ranegg stand auf 
»müssen wir wieder fort  Kinder kommt«
    »Das war ein kurzer Besuch«
    »Wir haben noch ungefähr siebzehn Visiten zu machen  Wenn das keine corvée
ist Nächstens will ich übrigens auf einen ganzen Nachmittag zu Dir kommen  auf
einen ordentlichen Plausch«
    »Tu das Wir hätten uns so viel zu erzählen«
    Nachdem sich die Tür hinter den Besucherinnen geschlossen hatte
    »Diese Familie ist mein Kreuz« rief Rudolf »Ein wahrer Jammer«
    »Aber aber« machte Marta vorwurfsvoll »wie kannst Du so etwas sagen Ich
kenne keine lieberen achtungswerteren Menschen«
    »Das ist ja eben der Jammer  Soll ich Dir das erklären«
    »Ja da wäre ich neugierig«
    »Nun denn Ich erinnere mich einmal dem Gärtner den Befehl erteilt zu
haben einen gewissen Baum umzuschlagen dessen Stamm hohl war Beim nächsten
Sturm konnte er umfallen und dabei vielleicht Schaden anrichten also war es
besser ihn gleich zu fallen Und während ich das Todesurteil sprach blickte
ich in die Krone hinauf und sah da ein Vogelnest aus dem die Jungen die Hälse
streckten und das die Alten umkreisten Lassen wirs  sagte ich zum Gärtner 
vielleicht hält der Baum noch den ganzen Sommer aus  Verstehst Du was ich
meine So stehen wir sogenannten Reformatoren auch vor morschen
Gesellschaftsordnungen und meinen es müsste da die Axt angelegt werden in dem
Laubwerk aber das den hohlen Stamm krönt da haben sich die lieben glücklichen
Vöglein ihre Nester gebaut Ihre ganze Existenz ist an die Existenz des Baumes
gebunden  was liegt ihnen an der innern Fäulnis des Holzes solange die
Blätterfülle ihres Astes grünt Hier wohnen sie und singen sie und ziehen ihre
Kleinen groß Und siehst Du  denselben Eindruck macht mir das Bild einer
Familie wie die Raneggs  ihr ganzes Glück ihre ganze Würde ruht auf den
Einrichtungen «
    »Ich verstehe« ergänzte Marta »auf den Einrichtungen die innen morsch
sind und gegen die Du ankämpfen willst «
    »Ja  und so ist mir dieses Ankämpfen erschwert Wären schon alle Äste dürr
wäre statt der lieblichen Singvögel nur mehr ekles Gewürm auf dem Baum da
brauchte man nicht zu zögern mit dem Fällen  wäre die Aristokratie durchaus
verderbt und wären die Soldaten wilde Räuberseelen wie viel leichter wäre es
da die Adelsprivilegien und den Militarismus abschaffen zu wollen  Aber wenn
man solche Familien sieht wie diese deren ganzer Sinn auf den alten Traditionen
ruht  wie das Vogelnest auf dem Ast  deren Söhne mit Stolz und Freuden
dienen deren Töchter auch wieder bestimmt sind auf dem Nebenast zu nisten 
und dabei so holde so makellose Geschöpfe sind wie zB diese RaneggMädchen
ich gestehe wäre ich frei die Kajetane könnte es mir antun  da vergeht
einem die Lust zerstörend  oder auch nur störend dreinzufahren und «
    »Und«  fiel Sylvia ein  »man sagt dann dem Gärtner Lassen wirs noch
Besonders« fügte sie hinzu »wenn man wie wir eigentlich zur selben
Vogelgattung gehört«
 
                                       XV
An diesem Abend ging Sylvia in die Oper Auf dem Zettel stand »Der Phrophet« und
darin war Antons Flamme nicht beschäftigt Sylvia pflegte nur die Opern zu
besuchen in denen jene nicht sang
    Sie war allein in ihrer Loge ihr Mann hatte sie nur hergeleitet dann aber
eine wichtige Sitzung vorschiebend das Theater wieder verlassen für ihn gab es
nichts Langweiligeres als musikalische Aufführungen die nicht durch die
Gegenwart seiner Schönen belebt waren
    Sylvia gab sich dem Genuße des von Bühne und Orchester strömenden Wohllauts
hin Ein schwermütiger Genuss denn sie fühlte sich zugleich unglücklich 
einfach unglücklich »Nur wer die Sehnsucht kennt weiß was ich leide« das war
der Grundton ihrer Stimmung
    Sehnsucht  wonach Nach einem großen Erlebnis nach   sie wusste es selber
nicht aber ihre Existenz war so furchtbar öde  Für immer gebunden an einen
nicht mehr geliebten Mann der sie noch dazu in stadtbekannter Weise betrog 
Warum war es ihr nicht beschieden gewesen einen Gatten zu finden mit so weitem
geistigen Horizont mit so tiefem Gemüt wie zB ihr Bruder  oder begabt mit
einer schöpferischen Feuerseele wie  ach nein es ist besser an Hugo nicht zu
denken Der Mann könnte ihr gefährlich werden  Das fehlte noch dass sie sich
verliebte 
    Der Vorhang war über dem ersten Akt gefallen Der Saal erhellte sich Nach
einer Weile ging die Logentür auf es war Bresser
    An einer heißen Beklemmung die ihr Atem und Stimme raubte sodass sie die
Begrüßung ihres Besuchers nur mit einer stummen Gebärde erwidern konnte wurde
Sylvia gewahr dass die vorhin in Gedanken aufgetauchte Gefahr dass sie sich
verlieben könnte schon näher war als sie geglaubt
    Mit der Fächerspitze deutete sie auf einen Sessel Dankend machte Hugo von
der so erteilten Erlaubnis Gebrauch
    Dass er seinen Blick mit Bewunderung auf sie heftete bemerkte sie wohl und
sie hatte das für jedes junge Weib  angenehm anregende Bewusstsein gerade
besonders vorteilhaft auszusehen  en beauté zu sein wie die bezeichnende
Redensart lautet Sie fühlte ihre Wangen glühen und wusste dass sie hier im
Rahmen der Loge in ihrem halbausgeschnittenen schwarzen Samtkleid und mit den
blitzenden Diamantsternen im gewellten Haar ein hübsches Bild abgeben musste
    »Es wundert mich« sagte sie »dass Sie nicht vorgezogen haben ins
Burgteater zu gehen«
    »Weil ich selber Dramen schreibe meinen Sie Um zu lernen«
    »Um sich Begeisterung Eingebung für Ihre Kunst zu holen«
    »Wenn ich das tun will so gehe ich in die Oper  Musik zaubert mir zehnmal
mehr dichterische Stimmung herbei als ein Schauspiel Übrigens bin ich heute
hierher gekommen weil ich wusste dass ich Sie da sehen würde  Von weitem
sehen denn ich glaubte Ihre Loge würde so gefüllt sein dass ich mich nicht
hätte eindrängen wollen  Sie waren aber allein «
    »Ja  sehr« antwortete Sylvia mit einem unwillkürlichen Seufzer
    »Sehr allein« wiederholte Hugo »Die beiden Worte führt der Sprachgebrauch
sonst nicht zusammen  ebenso wenig wie sehr tot Und doch  es ist so richtig 
im Alleinsein gibt es Steigerungen Nicht in der Einsamkeit  mitten in der
Menge ist man oft am alleinsten Und das Gegenteil von Alleinsein ist  Zweisein
«
    »Vorausgesetzt dass die zwei  eins sind«
    »Das habe ich sagen wollen« Eine Pause
    Dann sprach Sylvia wieder
    »Ich möchte Sie eines fragen lieber Bresser Sind Sie glücklich Freuen Sie
Ihre Erfolge Und haben Sie in Berlin solche  Zweisamkeit gefunden«
    »Das war nicht eine Frage das sind drei Fragen Frau Gräfin Glücklich
Nein ich fühle mich nicht glücklich Erfolge Mein Gott es gibt in meinem
Beruf keine Erfolge auf denen man sich gewissermaßen freudig und ruhig ausatmen
könnte  Es ist wie wenn man auf einer steilen Leiter hinaufklimmt man freut
sich nicht der erreichten Staffel sondern strebt ängstlich nach der nächsten
von der man ja wieder ganz herabkollern kann Und die dritte Frage «
    »Die nehme ich zurück  sie war indiskret«
    »Das nicht aber für Sie ohne Interesse Ich verantworte sie dennoch mein
Herz ist nicht in Berlin«
    Wieder öffnet sich die Logentür  Minister von Wegemann
    Nachdem er ein paar Worte mit Sylvia getauscht begrüßt er sehr herablassend
den jungen Bresser
    »Sieht man Sie wieder einmal zu Hause Das ist schön  Jetzt bleiben Sie
doch da  ein guter Österreicher kann sich doch nicht immer in Preußen
herumtreiben«
    »Ich bin nur auf kurze Zeit hierher gekommen Exzellenz«
    »Deutschland und Österreich sind doch alliiert« fiel Sylvia ein  »warum
sprechen Sie das Wort Preußen so gehässig aus«
    »Allerdings  verbündet sind wir andrerseits habe ich sechsundsechzig
niemals ganz verwunden und abgesehen von allen politischen Erwägungen denen
ich ja jetzt fernstehe ist es mein Privatgefühl dass man sich nirgends so wohl
fühlen kann wie in unserem alten Wien und dass ein Mensch der nicht im Ausland
leben muss zu Hause bleiben sollte  Wie gehts dem Toni ist er nicht da«
    »Danke es geht ihm gut Er ist in einer Sitzung «
    »Ah Und was macht Rudolf Sagen Sie mir Sylvia« fügte er leiser hinzu
»könnten Sie nicht ein bisschen ihren schwesterlichen Einfluss geltend machen und
ihm seine Schrullen ausreden  Ich meine es ja gut  er fängt an bei
vielen Anstoß zu erregen  er kann sich noch ganz unmöglich machen «
    »Womit  was meinen Sie«
    »Mit seinen verschrobenen Ideen  Neulich im Kasino wir waren da lauter
Staatsmänner und Militärs machte er einen Ausfall gegen die ganze
Gesellschaftsordnung als ob er ein roter Sozi wär  das verstehen Sie nicht
 ich war wie auf Nadeln  geben Sie ihm einen Wink« Dann wandte er sich
wieder laut zu Bresser
    »Sie haben ja ein Stück geschrieben das in Berlin aufgeführt worden ist 
hat mir neulich Ihr Vater erzählt Hoffentlich nicht im neuen naturalistischen
Genre was  wie ein gewisser Hauptmann «
    »Hm« machte Bresser »der gewisse Hauptmann hat das Zeug einer unsrer
großen Dichter zu werden  ich masse mir nicht an ihm gleichzukommen«
    »Trachten Sie unserem Grillparzer gleichzukommen«
    »Auch das masse ich mir nicht an  ich versuche überhaupt nicht irgend
jemand nachzuahmen Mein Glas ist klein aber ich trinke aus meinem Glase sage
ich mit Alfred de Musset«
    Als der Vorhang wieder aufgezogen wurde entfernte sich Herr von Wegemann
Hugo durch ein Zeichen Sylvias aufgemuntert blieb zurück
    Sie wandten nun schweigsam ihre Blicke der Bühne zu In schwellenden Wogen
flutete die Musik durch den Saal Was der abwechselnd süße und heroische Gesang
was die Harfenklänge und die rauschenden Akkorde des Orchesters ausdrückten das
empfanden die beiden jungen Menschenkinder als die Offenbarung dessen was sie
einander zu sagen hätten  wie eine Art melodische Gedankenkommunion
    Beim folgenden Zwischenakt kamen wieder einige Besucher in die Loge und
diesmal räumte ihnen Hugo den Platz
    Als er sich von Sylvia empfahl frug er ob sie gestatte dass er morgen
seinen Abschiedsbesuch mache da er am übernächsten Tag nach Berlin zurückreisen
werde
    Diese Nachricht versetzte ihr einen leisen Schlag  die Anwesenheit des
jungen Dichters in Wien hatte ihr eine Erhöhung des Lebensinteresses bedeutet
    »Wie so bald schon« rief sie ihm die Hand schüttelnd »Also morgen Um
halb fünf« fügte sie leiser hinzu  die anderen brauchten es nicht zu hören
Am folgenden Tag zur bezeichneten Stunde fand Hugo die junge Frau allein
    Als er ihren kleinen Salon betrat erhob sie sich vom Klavier auf dessen
Pult die Partitur des »Propheten« aufgeschlagen war
    Sie begrüßte ihn mit erzwungen ruhiger Freundlichkeit Und nachdem sie sich
gesetzt hatten
    »Also wirklich  Sie wollen sich verabschieden  Der Entschluss zu dieser
Rückreise scheint Ihnen plötzlich erst gestern abend gekommen zu sein«
    »Ja Gräfin gestern abend« Eine Pause
    »Ihrem Vater wird es leid tun«
    »Meinem Vater tut es sehr leid«
    Nach einer abermaligen Pause sagte Sylvia
    »Mir auch  Sie stellen doch ein Stück meiner ersten Erinnerungen dar 
als Kinder haben wir oft miteinander gespielt und jetzt  ich gestehe ich habe
mich sehr gefreut Sie wiederzusehen  und so  gewachsen zu sehen Was Sie
alles von Ihren dichterischen Versuchen und Erfolgen erzählen interessiert mich
 Der Einblick in einen Künstlergeist  kurz es tut mir sehr leid dass Sie
abreisen «
    »Wenn Sie es befehlen so bleibe ich«
    »Ah ich habe nichts über Sie zu befehlen« antwortete sie rasch
    Sie war über diese Wendung erschrocken Vielleicht wäre es besser wenn er
abreiste  sie erriet dass sein Motiv dazu dieselbe Gefahr sei die auch ihr
vorgeschwebt
    »Sie haben alles über mich zu befehlen  Wenn ich Ihnen aber einen Einblick
 nicht in einen Künstlergeist sondern in ein armes Menschenherz gäbe Sie
würden mir vielleicht gebieten nicht nur dass ich jetzt abreise sondern dass ich
überhaupt nie wieder komme Sie durchblicken was ich sagen will  ich sage es
aber nicht weil das eine Vermessenheit wäre zu der ich nicht berechtigt bin
«
    Sylvia schüttelte unwillig den Kopf
    »Sie haben es doch gesagt  Reden wir vernünftig Herr Bresser Dass Sie
einmal in mich verbrannt gewesen das weiß ich ja aus einem närrischen Brief
den ich an meinem Hochzeitsmorgen erhielt Darüber sind nun bald drei Jahre
vergangen  Sie sind in ein ganz neues Leben getreten haben die alte
Schwärmerei wenn nicht vergessen so verwunden  das Kopfschütteln gilt nicht
Ihre Arbeit und  was weiß ich ich frage nicht danach  vielleicht auch neue
Herzensbande füllen Ihre jetzige Existenz aus also tun wir ich bitte als wäre
niemals jener Brief geschrieben niemals Ihre Andeutung von vorhin gemacht
worden  ausgelöscht das Ganze ausgelöscht  und um mit dem Thema ein für
allemal fertig zu werden erkläre ich nun mit aller Entschiedenheit dass Sie
nichts nichts nichts von mir zu hoffen haben  außer den freundschaftlichen
Verkehr einstiger Jugendgenossenschaft den in alter Herzlichkeit Also reisen
Sie nach Berlin wenn Ihre Geschäfte oder Ihre Neigung Sie dahin rufen  aber
nur keine Flucht ich bitte  das würde mich beleidigen So das war das
letzte Wort über diesen Zwischenfall  ich werde ihn nie wieder erwähnen  auch
Ihnen verbiete ich jemals darauf zurückzukommen Und jetzt erzählen Sie mir von
Ihrer neuesten Arbeit«
    Sie hatte sehr schnell gesprochen über und über rot dabei
    Hugo hatte nicht versucht sie zu unterbrechen Ihre Worte  sie sprach ja
von seiner Liebe  bewegten ihn wonnig betäubten ihn  fast wie eine
Liebkosung
    Die Dämmerung war hereingebrochen Ein Diener brachte die Lampen und schürte
das Kaminfeuer Dann entfernte er sich wieder Das Lampenlicht war von großen
roten Schirmen gedämpft und auch aus dem Kamin flackerte roter Schein über den
Teppich  eine unsäglich trauliche Stimmung war in dem prunkvollen kleinen
Gemach verbreitet
    Bresser stand auf und lehnte sich an den Kaminsims dadurch war er der
jungen Frau etwas näher gekommen
    »Ich werde Ihnen gehorchen Gräfin Sylvia in allen Stücken« sagte er in
sanftem zärtlichem Ton
    »Das ist recht«
    »Einstweilen bleibe ich noch in Wien Ich kann hier die Arbeit die ich
begonnen habe und um die Sie mich fragen mit mehr Musse vollenden als in Berlin
wo meine vielen Kollegen mir keine Ruhe lassen«
    »Was ist diese Arbeit«
    »Ein Märchendrama in Versen Der erste Akt ist fertig  ich werde Ihnen ihn
vorlesen  und Sie sagen mir ob ich den richtigen Ton getroffen«
    »Haben Sie das Manuskript bei sich«
    »Nein ich bringe es das nächste Mal wenn Sie erlauben«
    »Gut  morgen«
    »Gut morgen wie mir das freundlich klingt  nachdem ich mich schon dazu
verurteilt hatte morgen über alle Berge zu sein Als ein Begnadigter fühle ich
mich«
Und am folgenden Tage kam er Um dieselbe Dämmerstunde wie gestern
    Doch diesmal waren die Lampen schon angezündet und Sylvia war nicht allein
Baronin Tilling saß bei ihr
    Als Sylvia den jungen Mann eintreten sah stockte ihr der Atem und sie
fühlte wie ihr das Blut in die Wangen schoss Sie war froh nicht allein zu
sein nur war ihr der forschende Blick etwas peinlich den ihre Mutter welche
das plötzliche Farbenwechseln vielleicht bemerkt hatte nun auf sie heftete
    »Guten Abend Herr Bresser« sagte sie etwas unsicher »Haben Sie Ihr
Manuskript mitgebracht« Sie deutete auf eine Rolle die er in der Hand hielt
    »Ja das ist es« Er legte die Rolle auf einen Tisch »Ich lasse es hier 
zur gelegentlichen Durchsicht« Dann näherte er sich der Baronin Tilling und
küsste ihr ehrerbietig die Hand
    »Ihr neuestes Werk« fragte diese
    Sylvia aber nahm das Manuskript und wollte es ihm zurückgeben
    »So haben wir nicht gewettet Sie versprachen mir vorzulesen«
    »Ich weiß nicht ob die Baronin «
    »O ich würde unendlich gern etwas von Ihnen hören  wenn Sie meiner Tochter
versprochen haben eine Ihrer Dichtungen vorzulesen dann lassen Sie mich an dem
Genuße teilnehmen «
    So aber hatte er nicht gewettet Allein mit der angebeteten Frau ihr mit
seinen Versen seine Seele ausschütten  das hatte er von der verheissenen
Stunde erhofft »Two is company tree is none«  die Richtigkeit dieses
englischen Sprichworts schien ihm wieder einmal bewährt Sich jetzt hinsetzen
und den beiden Damen seinen neuesten dramatischen Versuch vortragen wie um die
eigene Eitelkeit zu befriedigen oder als ob er sich Kritik und Rat holen
wollte  nein das verhielte sich zu der geträumten innigen Geisteskommunion
wie ein Drehorgelstück zu Sphärenmusik  
    »Ich bin ein schlechter Vorleser« sagte er »Die Gräfin wird wenn sie
einmal Zeit hat in dem Fragment blättern«
    »Nur ein Fragment« fragte Marta
    »Ja der erste Akt eines Dramas Mehr habe ich nicht fertig«
    »Aber doch den Plan der nächsten Akte«
    »Der ist noch schwankend«
    Sylvia nahm die Papierrolle
    »Wenn Sie nicht vorlesen wollen so werde ich es tun«
    Sie setzte sich zurecht und schlug das Manuskript auf
    Wieder durchzuckte der Anblick von Hugos Schrift sie mit der Erinnerung an
den heißen Liebesbrief den er ihr damals geschrieben  Und tot war ja diese
Liebe nicht  das wusste sie  nur zu ewiger Stummheit verdammt Und doch wieder
nicht einem Dichter kann der Mund nimmer verschlossen werden Was er einer in
direkter Anrede nicht sagen durfte das konnte er ja  allen vernehmlich und nur
einer verständlich  in seinem Gesange aussprechen Ihr war als müsste sie nun
in dem aufgeschlagenen Hefte gar manche Stelle finden die an sie gerichtet war
die ihr Leidenschaftliches und Süßes ins Ohr flüstern würde 
    »Gut« sagte Hugo »lesen Sie Gräfin Meine Verse von Ihnen zu hören wird
mich ganz eigentümlich berühren und  belehren ich werde besser beurteilen
können als wenn ich selber lese wie die Verse klingen  Wenn es Sie also
nicht langweilt Frau Baronin  «
    »Mich« rief Marta lebhaft  »ganz im Gegenteil ich bin sehr gespannt 
lies mein Kind«
    Sylvia rückte näher zur Lampe und begann zu lesen Hugo lehnte sich in
seinem Fauteuil so zurück dass sein Kopf im Schatten des Lampenschirmes
verborgen war sein Blick hing an Sylvias Zügen deren Spiel bewegt und
ausdrucksvoll den ebenso bewegten und ausdrucksvollen Stimmfall begleitete Das
melodische Organ war bei manchen Stellen weich und zitternd und erhob sich bei
anderen zu feuriger Kraft aber beides geschah  nicht in deklamatorischer
Absicht sondern in unwillkürlicher deutlich verhaltener Ergriffenheit
    Mit großem Interesse lauschte Marta dem Inhalt des Stückes mit noch
größerem beobachtete sie ihre Tochter
    An sie gerichtete Worte wie sie erwartet hatte konnte Sylvia in den
vorliegenden Versen nicht finden denn von Liebe und Liebessachen war nicht die
Rede aber eine Sprache von solchem Schwung und solcher Schönheit fand sie
darin wie sie es nicht erwartet hatte
    Kräftig und klirrend wie Trompetenschall dann wieder sanft und einlullend
wie das Plätschern einer mondbeschienenen Fontäne von wilder Fröhlichkeit wie
Mänadentanz und banger Schwermut wie Grabesläuten so wechselten die Rhytmen
so reihten sich die Strophen in überraschend neuen Wortverschlingungen
aneinander  im Schmucke ebenso neuer Bilder von tiefglühenden Farben oder
mattschimmerndem Glanz Und diese ganze Ausdruckspracht als Gewandung erhabener
und lieblicher Gedanken kühnsten Phantasiefluges und leidenschaftlich
pulsierender Gefühlskraft Die Leserin überkam eine genussvolle Bewunderung wie
nur vollendete Kunstwerke sie einzuflößen pflegen von der Begeisterung die in
diesen Versen vibrierte strömte Mitbegeisterung in ihre Seele über  sie war
gehoben und beglückt Als sie das letzte Wort gelesen und die Hand die das Heft
hielt sinken ließ holte sie einen tiefen zitternden Atemzug sie liebte einen
Dichter  einen großen Dichter
    Auch Marta war hingerissen
    »Wundervoll« rief sie »Sie haben eine große Zukunft vor sich Bresser
Und Sylvia ich muss sagen  Du trägst sehr schön vor«
    Die beiden anderen blieben stumm Nach einer Weile ergriff Marta von neuem
das Wort um von der Handlung des eben gelesenen Dramenfragments zu sprechen und
zu fragen wie dieselbe sich weiter entwickeln werde
    »Einen ursprünglichen Plan habe ich verworfen während dieser Akt entstand 
also kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen wie ich die Handlung weiterführe
Eine ganz neue Wendung hat sich mir  durch die zufällige Eingebung einer
einzigen Reimzeile  aufgedrängt  und das muss nun erst reifen ehe ich
überhaupt an dem Stücke weiterarbeiten kann«
    »Das also sind die geheimen Vorgänge des Schaffens« sagte Marta
nachdenklich
    »Ich denke« erwiderte Bresser »dass diese Vorgänge bei jedem Künstler
andere sind«
    Sylvia schwieg noch immer Sie war wie in einen Traumzustand versetzt aus
dem sie sich nicht durch den Klang der eigenen Stimme reißen wollte Warm und
beseligend  wenn auch zugleich beängstigend  strömte ihr vom Herzen das
Bewusstsein auf dass da ein Mensch vor ihr war dessen Scheitel mit der höchsten
irdischen Krone  mit der des Genius  geschmückt war und von diesem Menschen
wurde sie geliebt  ihn wiederzulieben war süssester Zwang Die Dichtung war
ihr zu Kopf gestiegen ihre Seele taumelte in Bewunderungsrausch
    Unerwartet trat Delnitzky herein Damit war der Bann gelöst Wie aus einem
Traum erwachend fuhr Sylvia empor es war als hätte ein kalter Luftstrom ihre
Schläfe berührt und den Rausch verscheucht
    »Grüß Euch Gott alle miteinander  Küss die Hand Mama  ah Herr Bresser
 freut mich  noch immer in Wien Ich hab geglaubt Sie sind schon nach
Ihrem geliebten Preußen abgedampft  Du Sylvia ich wollte Dir sagen ich
hab heute zwei Freunde zum Essen eingeladen  den Felsegg und den Milovetz«
    »Gut« sagte sie
    Er warf sich in einen Fauteui
    »Bei was habe ich die Herrschaften gestört«
    »Sylvia las uns aus einem Drama vor  von Herrn Bresser«
    »So Da hab ich was versäumt  Na wir werden ja Ihre Stücke vielleicht
einmal in der Burg sehen was Das ist mir lieber als vorlesen hören  Dazu
hab ich gar kein Talent oder keine Geduld«
    Hugo empfahl sich bald Als er sich verabschiedend Sylvias Hand küsste
sagte er
    »Sie haben nicht ein Wort des Urteils geäußert Gräfin  soll ich das als
stummen Tadel auffassen«
    Mit festem Händedruck und einem geraden Blick in seine Augen antwortete sie
    »Sie wissen das Gegenteil«
    Ja er wusste es Ein magnetischer Rapport hatte während des Lesens sich
zwischen Autor und Leserin hergestellt Deutlich hatte er empfunden dass sie auf
den Flügeln seines Gesanges in die gleiche Begeisterungshöhe gehoben worden die
er in den Stunden der Arbeit erklommen hatte Eine Kommunion auf dem Gipfel des
Parnasses  ein gleichzeitiges Eintauchen der brennenden Lippen in das kühle
Geriesel des kastalischen Quells 
    Solche etwas überspannte Ideen erfüllten und begleiteten ihn als er nun
Sylvias Hand verlassend in raschen Schritten seiner Wohnung zueilte Er hatte
die Absicht den Drang das Bedürfnis  heute noch den ganzen Abend  zu
schreiben Den zweiten Akt beginnen unter dem Eindruck den ihm die Lektüre 
aus solchem Mund in solchem Ton  die Lektüre des ersten gemacht Anderes noch
wollte er schreiben ein Gedicht an  sie Seine Liebe war  im Bewusstsein
erreichter Gegenliebe  zu höchster Glut angefacht und da dies unter dem Bann
der Dichtung so gekommen so wollte so musste er nun in glühenden Versen seinem
Gefühle Luft machen Sie besingen  er lechzte danach als wäre es eine Art sie
zu liebkosen sie zu schmücken  statt mit Küssen und Perlen  mit Rhytmen und
Reimen
Baronin Tilling war bei Delnitzkys zu Tisch geblieben Bald nach dem Essen
entfernten sich Toni und dessen Freunde um in den Klub zu gehen und Mutter und
Tochter blieben allein
    Sylvia war die ganze Zeit zerstreut und schweigsam gewesen Auch jetzt wenn
Marta etwas fragte oder bemerkte antwortete sie erst wenn die Frage oder
Bemerkung wiederholt worden war und da nur ganz kurz und nicht recht zur Sache
    »Komm mein Kind  mach es wie in Deinen Mädchenjahren  nimm Dir einen
Schemel und setz Dich her zu meinen Füßen «
    »Ach Mutter die Mädchenjahre sind entflohen «
    »Und ebenso Dein Vertrauen zu mir «
    »Wie meinst Du «
    »Ich meine dass Du mir verschweigst was Dich drückt und was Dich bewegt Das
war einmal anders  Du pflegtest mir alles zu sagen  wie Deiner besten
Freundin Jetzt freilich könnte Dein Mann mich verdrängt haben er könnte nun
Dein Vertrauter und Berater sein  dann würde ich mich gern zurückziehen aber
das ist leider Gottes  nicht der Fall«
    »Nein es ist nicht der Fall« murmelte Sylvia bitter
    
    »Siehst Du  und das sagst Du mir erst heute «
    »Da Du es durchschaut hast «
    »Ich durchschaue noch mehr  Sylvia komm tu mir den Gefallen setze
Dich  da und lege Deinen Kopf auf meinen Schoss und sei aufrichtig ganz
aufrichtig  ich bitte bitte Dich«
    Etwas widerwillig aber doch unwiderstehlich angezogen gehorchte die junge
Frau
    »Hier bin ich also  das alte Plätzchen  Erinnerst Du Dich  zum
letzten Male saß ich so  am Tage da ich mich heimlich verlobt hatte «
    »Ja ich erinnere mich  Du legtest mir damals eine Art Beichte ab«
    »Ja Beichte Meine Liebe war nicht sündenfrei «
    »Das ist sie auch heute nicht Sylvia «
    »Ich liebe ihn ja nicht mehr dem Himmel seis geklagt Nun weißt Du es 
ich dachte Du müsstest es schon längst wissen doch Dir und mir habe ich das
Peinliche ersparen wollen das in solcher Aussprache liegt«
    »Ich hatte Dich damals gewarnt  Du wolltest nicht auf mich hören  warst
leidenschaftsbetört eine verliebte Natur nennt man das  une grande amoureuse 
wies in den französischen Romanen heißt Aber ich wiederhole es Deine Liebe
ist nicht sündenfrei «
    »Und ich wiederhole sie ist ja erloschen«
    »Für Toni ja  und das verstehe ich Doch «
    Sylvia zuckte lebhaft zusammen unter der Hand die auf ihrem Scheitel lag
    »Also auch das hast Du erraten« sagte sie bebend
    »Auch das  Ich beschwöre Dich mein Kind empfange diesen jungen Mann
nicht mehr  Du bist Friedrichs Tochter  nicht anders als in Reinheit
darfst Du durchs Leben gehen«
    Eine leise Revolte stieg im Innern des jungen Weibes auf war sie nicht vor
allem sie selbst  und erst in zweiter Linie die Tochter von diesem oder jenem
Aber auch sie selbst  wenn sie gleich in Bewunderung zu dem jungen Dichter
erglühte  hatte sie denn je daran gedacht ihrer Reinheit etwas zu vergeben
Bresser zum Geliebten  Der Gedanke stieg ihr da zum ersten Male auf als etwas
heiß Verwirrendes Beschämendes  etwas das zu verjagen war das man nicht
ausdenken durfte  
    Marta sprach weiter
    »Dein Vater ist tot  aber sein Werk lebt fort wir drei Rudolf Du und ich
sind dessen Erben und Hüter Kein Schatten darf auf die Ehre unseres Namens
fallen denn solcher Schatten würde auch unsere Sache verdunkeln Aber nicht der
Sache  auch Deiner selbst willen Sylvia beschwöre ich Dich geh in Reinheit
durchs Leben«
    »Das will ich ja« antwortete Sylvia mit erhobenem Haupt
 
                                      XVI
                             Marta an Graf Kolnos
                                                     »Brunnhof Mitte Juni 1893
    Lieber Freund
        Zufällig habe ich Ihren jetzigen Aufenthalt und Ihre Adresse erfahren
        Sie sind schon auf dem Rückweg und kommen wohl bald hier an Nach andert
        halbjähriger Abwesenheit
        Sie wissen nicht was inzwischen geschehen In meinem Hause hat sich
        Trauriges  furchtbar Trauriges zugetragen Und Sie sollen es zuerst
        durch mich erfahren  daher schreibe ich Ihnen Sie sind mein Freund und
        Rudolfs Freund  Ihrer Teilnahme bin ich sicher
        Der Tod ist bei uns eingebrochen Zweimal Zuerst mein Enkelkind 
        Friedrich Zwei Tage nur war der arme Kleine krank Ein harter Schlag
        für uns alle Was mit solchen Kindern stirbt ist nicht nur das
        gegenwärtige liebe herzige Wesen selber  es sind die ganzen Träume die
        man für die Zukunft geträumt  Der Erbe des Dotzkyschen Majorats der
        Nachfolger meines Sohnes wäre er nicht auch geistig sein Nachfolger
        geworden und hätte das Werk weitergeführt das Rudolfs Lebensaufgabe
        ist Und alles das durch ein paar Konvulsionen des kleinen Körperchens
        aus der Zukunft weggewischt
        Rudolf war sehr unglücklich Beatrix die eben einer zweiten Niederkunft
        entgegensah war ganz verzweifelt Und jetzt kam der zweite Schlag Eine
        Fehlgeburt und  auch Beatrix ist tot
        Sie können sich meines Sohnes Schmerz wohl vorstellen Er hatte sein
        Weibchen unendlich lieb  sie war auch ein gutes liebes hübsches
        Geschöpf  er beweint sie innig Diese beiden so kurz auf einander
        folgenden Verluste haben ihn ganz schwermütig gemacht
        Er wird sich wieder aufraffen Sein Alles war ihm Beatrix nicht Er ist
        jung ich sehe die Zeit kommen da er sich eine neue Häuslichkeit
        gründen wird Aber als ich ihm neulich so etwas sagte wehrte er heftig
        ab
        So nun wissen Sie mein alter Freund dass Sie in uns ein paar recht
        gedrückte traurige Leute wiederfinden Mein holdes Enkelkind dass den
        so teueren Namen Friedrich trug  war mir gar fest ans Herz gewachsen
         Der Tod der Tod  wie wandelt der doch so grausam unter uns herum
        und knickt die Blüten unseres Glücks  Was mir unter seiner Sense
        gefallen  ich denke immer noch an 1871  das hat mich eigentlich gegen
        seine Hiebe abgehärtet Damals war es nicht einmal sein Hieb nicht er
        hat ausgeholt  menschliche Barbarei hat ihm die Sense geführt Ist ja
        ein viel zu schwaches leistungsunfähiges Instrument diese Sense 
        einfach nur für Handarbeit zu brauchen  das menschliche Ingenium hilft
        da auch mit bei Krupp und Konsorten fabrizierten Mähmaschinen O über
        die bodenlos wilde Unvernunft Krieg genannt  die muss niedergekämpft
        werden  Wieder zu meiner fixen Idee abgeschweift Das sind Sie ja an
        mir gewohnt teurer Freund In den feierlichen Stunden der großen Freude
        und besonders der großen Leiden flüchtet jede Seele zu dem was ihr als
        Höchstes gilt
        Sie werden bei Ihrer Rückkunft Rudolf nicht antreffen Er ist auf einer
        vom Arzt verordneten Reise  zur Zerstreuung zur Ablenkung sagte
        Doktor Bresser  ach ich fürchte er hat seinen Kummer als
        Reisegefährten mitgenommen Sylvia finden Sie noch in Wien Auch Sylvia
        macht mir Sorge  das erzähle ich Ihnen mündlich Ich bin allein in
        Brunnhof Vielleicht besuchen Sie mich«
Auf der in einen Garten umgewandelten Terrasse eines Berner Hotels saß Rudolf
Dotzky und blickte nachdenklich auf das von der Abendsonne überstrahlte
Alpenpanorama
    Um ihn herum war reges Leben Zahlreiche Hotelgäste saßen um kleine Tische
andere gingen plaudernd auf und nieder oder lehnten an der Balustrade  eine
bunte Gesellschaft aus aller Herren Länder
    Rudolf der seit einer Woche hier weilte hatte mit niemand Bekanntschaft
angeknüpft Er war auf Reisen gegangen um eine Zeitlang einsam zu sein und
einsam war er auch geblieben Er hatte nun eine nach der andern fast alle
Städte der Schweiz besucht und Bern sollte die letzte Etappe vor seiner
Heimfahrt sein
    Angeblich war der Zweck seiner Reise Zerstreuung gewesen aber was er
gefunden hatte war vielmehr das Gegenteil  war Sammlung Ein Gedanke der ihm
den Kopf durchkreuzt an dem Tage da er die Gruft verließ in die man die Särge
seiner Frau und seines Sohnes versenkt hatte  dieser Gedanke hatte ihn während
seiner Reise nicht mehr losgelassen und war allmählich zum Entschluss gereift
dem Majorat entsagen
    Frei sein ganz frei sein nicht mehr zweien Herren dienen müssen oder gar
dreien Familie Ranggenossen und Menschheit Nein fortan nur mehr den einen
Dienst den Menschheitsdienst Frei für die Zukunft und frei von den Fesseln
der Veraanaenheit
    Frei  Als ob bei der bestehenden Ordnung irgend ein Mann sich frei
nennen dürfte Mit dem Worte wird lächerlich grossgetan Rudolf wusste ganz gut
welche Fesseln ihn noch banden und die abzustreifen es überhaupt keine
Möglichkeit gab Er war ja  wie jeder gesunde Bürger im Militärstaat  Soldat
Zwar nur achtundzwanzig Tage im Jahre aber immerhin  Soldat Und im Kriegsfall
jederzeit verpflichtet einzurücken »Verpflichtet« ist da auch nicht der ganz
passende Ausdruck  unter Pflichterfüllung denkt man sich eine als recht
erkannte freiwillig ausgeübte Tat »Gezwungen« wäre das richtige Wort Man hat
ja keine Wahl  man muss Und mag man den Militärdienst aus was immer für Gründen
hassen  man muss ihn verrichten Auf Verweigerung steht Gefängnis und Tod Und
da wagt man von mehr oder minder ausgedehnten Freiheiten zu reden
Leibeigenschaft und Sklaverei das war einstens das Los eines Teils der
Bevölkerungen heute in den Ländern der allgemeinen Wehrpflicht ist es das Los
aller
    Aber was von Fesseln abzustreifen möglich war das wollte er tun Dem
Majorat entsagen Mit einem Ruck wäre da die ganze Last der Verwaltungs und
Repräsentations und sonstiger Pflichten abgewälzt die ihm seine bisherige
Stellung auferlegt und ihn gehindert hatten sich ganz seiner großen
Lebensaufgabe hinzugeben  der Aufgabe nämlich ein Lehrer ein Kämpfer ein
Apostel zu sein Mit Schrift und Wort wollte er seinen Mitmenschen das neue
Gesellschaftsideal vor die Seele führen Das was er schon verstand wollte er
den anderen verständlich machen und zu dem was ihm und den anderen noch zu
erforschen blieb wenigstens den Weg weisen Man kann nicht gleich gefunden
haben  erst muss man überhaupt suchen lernen
    Dem Majorat entsagen  es war kein kleiner Entschluss Aber er empfand ihn
nicht als etwas Schweres  eher als etwas Erleichterndes Als abgeworfenen
Ballast zum Höherfliegen »Unser ganzes Kunststück besteht darin« sagte Goethe
»dass wir unsere bornierte Existenz aufgeben um in erhöhter Weise zu
existieren«
    Es blieb ihm übrigens genug Vermögen um sorgenlos leben und bequem reisen
zu können Die großen Einkünfte die das Dotzkysche Majorat abwarfen die gingen
ohnehin für die mit dem Besitz verbundenen Verwaltungs und
Repräsentationskosten auf Der Dienertross die gefüllten Pferdeställe die zur
Institution gewordenen gastlichen Veranstaltungen usw Der Reichtum dem er
entsagte hätte doch niemals zur Förderung seiner Zwecke dienen können im
Gegenteil ihn nur physisch und moralisch an deren Erreichung gehindert
Physisch indem er seine Zeit und Kraft in Anspruch nahm moralisch indem es
unmöglich ist sich für soziale Umwälzungen für Abschaffung mittelalterlicher
Zustände einzusetzen wenn man seine eigene Existenz auf eine so feudale
Einrichtung aufbaut wie der Fideikommissbesitz
    Hätte Rudolf das gleich große Vermögen als frei verfügbares Privateigentum
besessen dann würde er nicht darauf verzichtet haben denn dann hätte er es in
einer zu seinen Plänen und Anschauungen passenden Art verwenden können zB
Gründung von Volksbiblioteken von einem großen Blatte und ähnlichen Dingen
Aber ein Vermögen das unverkürzt und unversehrt für den nächsten Anwärter
erhalten bleiben musste  das konnte ihn in seinem Wirken nicht fördern  nur
hemmen
    Dass der geplante Schritt in seinen Kreisen Ärgernis geben und bei allen
Standesgenossen  mit Ausnahme des begünstigten Vetters  Tadel erfahren würde
darauf war er wohl gefasst Die Bemerkungen konnte er schon hören die darüber
fallen würden »Immer ein überspannter Kopf gewesen dieser Dotzky  Mir war
er immer unheimlich  Im Grunde ist es nicht nur zu dumm  es ist ein Verrat
an seinen Standespflichten  Statt den Platz auszufüllen auf den ihn sein
Geschick gestellt hat in die Welt hinauslaufen und revolutionäre Doktrinen
predigen wie der erste beste Demagogenführer  eine wahre Schande« und was die
Variationen des alten »Kreuziget ihn« mehr sind
    Übrigens Revolution zu predigen war gar nicht seine Absicht Man würde es
nur so deuten  auf falsche Deutungen allenthalben war er überhaupt gefasst Die
einzige Person bei welcher er überzeugt war volles Verständnis und Beifall zu
finden war seine Mutter Nächster Tage wollte er ihr schreiben
    Seinen Aufenthalt in der Schweiz beabsichtigte er noch zwei oder drei Monate
auszudehnen Hier konnte er in aller Ruhe und Abgeschiedenheit die Arbeit
vollenden die er  wie es Egidy  mit seinen »Ernsten Gedanken« getan  in die
Welt schicken wollte ehe er mit dem gesprochenen Wort mit eigener Person
hinausginge das Geschriebene zu vertreten und zu verbreiten
    Ehrgeiz war es nicht was ihn trieb  Frömmigkeit war es Das Bewusstsein
eine höchste Pflicht erfüllen zu müssen durch deren Erfüllung man sich selber
heiligt und anderen zum Heile verhilft das ist es was alle tieffrommen Seelen
erfüllt was zum Beispiel einen Franz von Assisi bewegte aus einem reichen
Lebemann zum Asketen zu werden Solche Vokationen sind nicht immer natürliche
Anlage sie erwachen oft  wie dies ja auch beim Stifter des Franziskanerordens
zutraf  nach einem in ganz anderer Richtung geführten Lebenswandel Rudolf
hatte zwar seit seiner Kindheit die Idee in sich getragen dass er die von seinem
Stiefvater hinterlassene Aufgabe einst werde übernehmen müssen aber ganz
durchdrungen davon war er lange nicht gewesen Er sah die Ausführung immer nur
wie eine Zukunftssache vor sich während die Gegenwart ihm mit hundert anderen
Interessen ausgefüllt war Erst nach und nach infolge gewisser Studien und
durch die Berührung mit gewissen von Aposteltum durchglühten Zeitgenossen
erfasste auch ihn ein immer heftiger werdender Drang sich dem ganz hinzugeben
was ihm zur Religion geworden hinauszugehen und zu predigen was sein Glaube
war und zu bekämpfen was ihm als verdammenswerte Ketzerei erschien
Andachtsvoll hingebend voll begeisterter Liebe voll Ehrfurcht für das
Göttliche das ihm vorschwebte voll Abscheu gegen das Böse Gemeine und
Jammervolle das die Umwelt ihm noch an allen Ecken und Enden zeigte das war
nunmehr die Verfassung seiner Seele  dieselbe Verfassung also die man  wenn
auch mit Bezug auf eine andre Glaubenswelt  mit dem Ausdruck Frömmigkeit zu
bezeichnen pflegt Dieselbe Frömmigkeit die auch Martas Seele durchglühte
In tiefes Rachdenken versunken saß er da Doch war es kein Denken in klaren
Worten oder deutlichen Bildern sondern mehr in Empfindungen Nicht verkettete
Ideen sondern verkettete Gefühle aneinander gereihte ineinander verschlungene
Bewusstseinsphasen
    Eben war die Table dhote an der er niemals teilnahm zu Ende und ein
Trupp von Hotelgästen kam aus dem auf die Terrasse mündenden Speisesaal
herausgeflutet Die meisten ließ sich in einer  dem Platze wo Rudolf saß
gegenüberliegenden glasbedeckten Veranda nieder und ließ sich da den schwarzen
Kaffee und Liköre bringen Eine große amerikanische Gesellschaft war darunter
meist junge Leute beiderlei Geschlechts und unter diesen ging es ziemlich
lustig und lärmend zu Aus der offenen Tür des Salons drang glänzendes
Klavierspiel herüber  offenbar war es ein Künstler der sich ans Instrument
gesetzt Alles das unterbrach Rudolfs Meditationen riss ihn aus seiner
Vorstellungswelt heraus Hier war ein Stückchen wirkliche Welt ein Stückchen
lebendige Gegenwart im Gegensatz zu seinen Zukunftsträumen das heißt zu seinen
Kampfplänen um eine bessere Zukunft Die Leute da schienen die gegenwärtige
Stunde gut zu finden und kein besseres morgen zu ersehnen   Waren sie nicht
vielleicht die Klügeren Ihrer war die Wirklichkeit in dieser fanden sie sich
zurecht in ihr hatten sie sichs wohlig und bequem gemacht  Alle Pläne und
Kämpfe der Unzufriedenen gehen doch nur dahin eine Zukunft zu schaffen in der
Leute leben werden  andere Leute als die welche heute die Erde bevölkern  und
für die jene ferne Zeit wieder eine Gegenwart  sein wird in der sie es sich
bequem machen sollen  
    Rudolf stand auf Der Platz war ihm zu lärmend und zu belebt geworden er
wollte seine Gedanken in der Einsamkeit weiter denken Wenn sein Sinn nach dem
großen Ziele »für die Menschheit wirken« gerichtet war so störte ihn nichts so
sehr darin als der Anblick vieler Menschen Nur in wenigen Exemplaren oder in
der Abstraktion vermochte er die Menschheit zu lieben wo er eine Menge
versammelt sah fühlte er sich durch vieles angewidert und abgestoßen die
Mehrzahl der hässlichen Gesichter der unebenmässigen Gestalten die kreischenden
Stimmen die kleinliche Geschäftigkeit die blöde Unbekümmerteit die schale
Geschwätzigkeit  verdiente es diese Menge dass man ihretwegen sich sorgte und
sich opferte  Aber es genügte ihm von den Leuten wegzuschauen um wieder in
der Vorstellung den Gesamtbegriff Menschheit und die Bilder einzelner herrlicher
Menschenkinder wachzurufen und damit zugleich den Wunsch die Massen von
Unglück und Elend befreit zu sehen und den einzelnen  auch sich selber  ein
immer höher und schöner entfaltetes Leben zu erobern
    »Graf Dotzky« rief plötzlich eine bekannte Frauenstimme
    Rudolf blickte auf Gräfin Ranegg und ihre Tochter Kajetane standen vor ihm
    »Oh  meine Damen welche Überraschung« rief er Alle abstrakten Gedanken
und Bilder waren verflogen die wirkliche Welt seine Welt war mit einem Male
wieder vor ihm aufgetaucht
    »Ich bin nicht überrascht Sie hier zu treffen« sagte die Gräfin »Durch
Ihre Mutter wusste ich dass Sie in Bern sind«
    »Und Sie« 
    »Wir machen eine kleine Tournee durch die Schweiz  heute früh sind wir
hier angekommen und wollen heute wieder weiter fahren Sie bleiben wohl noch
längere Zeit fort von zu Hause  Sie haben ja recht  ach es war so
schrecklich «
    Gräfin Ranegg hatte Dotzky seit seinem Verluste nicht gesehen und sie legte
jetzt in ihren Ton das ganze scheue Beileidsgefühl das einen überkommt wenn
man Menschen begegnet die man zuletzt glücklich gesehen und die seither von
einem schweren Schlag betroffen worden
    Kajetane die stumm blieb drückte das gleiche Gefühl in Blick und Miene
aus Ihre schönen schwarzen Augen waren voll und traurig auf Dotzky gerichtet 
so traurig dass es beinahe wie zärtlich war Der junge Mann empfand diesen
Blick als wäre er ein mildes Streicheln Er hatte Kajetane immer nur heiter
gesehen voll des harmlosesten jugendlichen Frohsinns  und dieser völlig neue
Hauch des Schmerzes auf ihren Zügen ließ sie ihm noch schöner erscheinen als
sonst
    Ihre letzten Worte hatte Gräfin Ranegg mit einem Händedruck begleitet und
darauf reichte auch Kajetane die Hand hin um mit dieser Gebärde und innigem
Druck zu bekräftigen was ihre Augen sprachen
    Rudolf war sich bewusst dass die beiden Frauen sein Unglück für größer
hielten als er es empfand sie glaubten wohl dass er verloren hatte was sein
Höchstes und Einzigstes war dass jetzt kein anderer Gedanke ihn erfüllte als
der an seine Beraubung
    Die drei ließ sich nun an dem Tischchen nieder an dem Rudolf vorhin
gesessen hatte Gräfin Ranegg sprach in teilnahmsvollem Tone weiter über das
Ereignis über den Schrecken den ihr die Nachricht verursacht und fragte um
Einzelheiten Da sie aber bemerkte dass Rudolf nur einsilbig und widerstrebend
Antwort gab so wendete sie das Gespräch auf andere Dinge und erzählte von sich
und den Ihren
    Schloss Ranegg war augenblicklich verwaist Christine die inzwischen
geheiratet hatte war mit ihrem Mann einem Gesandtschaftsattaché gegenwärtig
in Konstantinopel die Zwillinge Ella und Bella waren auf Besuch bei einer
Tante in Böhmen Ranegg begleitete den Kaiser auf einem Jagdausflug nach Tirol
die beiden Söhne waren in Wien Der jüngere besuchte da die Kriegsschule  auch
ihm stand eine rasche glänzende Karriere bevor Der ältere hatte sich verlobt
mit der Tochter eines ungarischen Magnaten  »ein wunderschönes Mädel  und
eine Herrschaft von fünftausend Joch als Mitgift  das verdirbt nichts  aber
er wird weiter dienen  der Erzherzog  Sie wissen ja er ist der Adjutant des
Erzherzogs Wilhelm und sein großer Liebling  der würde es ihm sehr übel nehmen
wenn er quittierte das wollte er auch gar nicht er ist ja mit Leib und Seele
Soldat«
    »Eine glückliche Familie« sagte Dotzky
    »Eigentlich ja das sind wir« gab Gräfin Ranegg zu »Und umsomehr tut es
mir leid lieber Dotzky dass Sie das Schicksal so grausam heimgesucht hat 
Aber es hat doch jeder seine Sorgen« fügte sie in weinerlichem Tone hinzu »So
macht mir das Leiden meiner armen Mutter viel Kummer  und mein Schwager
Hallstein muss jetzt operiert werden  und so verschiedenes andere « Es war
als wollte sie seinen Neid dämpfen
    Rudolf war aber nicht neidig Er konnte sich gar nicht mehr in die Lage
jener hineindenken deren Freuden und Leiden ganz auf die eigenen und
nächstliegenden Schicksale und Verhältnisse beschränkt waren die nichts wussten
von der großen Unruhe der großen Sehnsucht den großen Kämpfen die eine mit
den Lebensrätseln und sozialen Rätseln ringende Seele bewegen  Noch am selben
Abend reisten die beiden Damen weiter und Dotzky brachte sie zur Bahn Kajetane
war die ganze Zeit sehr schweigsam gewesen Aber wenn sie ein paar Worte gesagt
so hatte in ihrer Stimme stets verhaltenes Mitgefühl gebebt Als Mutter und
Tochter vom Waggon aus dem Grafen Dotzky der grüßend vor dessen Fenstern stand
Abschied gewinkt und der Zug sich in Bewegung setzte da sank Kajetane in die
Kissen zurück und brach in Tränen aus
    Die Gräfin sah sie überrascht an
    »Was hast Du Kaji Ich glaube gar der junge Witwer hat es Dir angetan «
 
                                      XVII
Drei Monate später kehrte Rudolf von seiner Reise heim
    Diese drei Monate hatte er in einem einsamen Häuschen zugebracht das von
grünen Weidetriften umgeben mitten in den Bergen verborgen lag Dorthin war er
dem Anblick von Menschen und dem Umgang mit ihnen entflohen Und dort hatte er
jene Schrift beendet die sein Glaubensbekenntnis und sein Tatenprogramm
enthielt Das wollte er in die Welt vorausschicken und dann mit dem gesprochenen
Worte weiter ausführen und verbreiten
    Er fühlte sich im Besitze einer Heilslehre und daher als verpflichtet sie
zu verkünden Die ganze Lehre fasste er in ein Motto »Miteinander statt
gegeneinander« Die Geschichte der Zivilisation wie er sie auffasste war ja nur
die Geschichte der wachsenden Gemeinsamkeit  zugleich die Geschichte der
überwundenen Brutalität
    Wieviel unüberwundene Brutalität heute noch vorherrscht das gab den Stoff
zum längsten Kapitel des Schriftchens ab Und in welcher Weise sie überwunden
werden kann das suchte ein anderes Kapitel zu verkünden durch den Tatenmut der
Guten den Wahrheitsmut der Wissenden Ganz gut ist zwar noch keiner   alles
weiß noch keiner aber das was die Vorgeschrittenen an Edelsinn und Vernunft
besitzen das müssen sie hervorkehren  im Kampf gegen alles Unedle das ihnen
begegnet und sei es in den mächtigsten Sphären vertreten  gegen alles Dumme
und sei es hinter den gelehrtesten und heiligsten Masken verborgen
    Dass der Gang der Zivilisation nur von elementaren nur von wirtschaftlichen
und technischen Faktoren bestimmt werde unabhängig von dem Wollen und Wirken
einzelner Menschen  das bestritt er Ideen und Taten sind eben mit Elemente der
Kultur sind  nicht die einzigen sind aber auch die treibenden Kräfte Gewiss
Entdeckungen und Erfindungen verwandeln das Getriebe der Welt aber das
Auftreten mächtiger Charaktere  im Guten und im Bösen  bestimmt es nicht
minder
    Und vor allem die Summe der Einsicht die aus der Summe der Kenntnisse
resultiert regelt die Einrichtungen und Sitten der menschlichen Gesellschaft
wer also irgend eine klare Einsicht gewonnen  über manche kommt es ja wie eine
Erleuchtung  der soll es hinaustragen damit jene Summe sich mehre Rudolfs
klare Einsicht war die Das Elend  in seinen verschiedenen Formen  kann aus
der Welt geschafft werden und muss daher aus der Welt geschafft werden Die
Erlangung der Seligkeit für jeden das haben auch die Religionen so hingestellt
ist eines jeden Pflicht Aber wie Kraft welcher Gebote und auf Grund welcher
Glaubenssätze Das hat  wenn es um das irdische Heil sich handelt  die
Gesellschaftswissenschaft zu erforschen und zu lehren Einige der Gebote sind
längst  auch von den alten Religionsstiftern  schon gefunden Die goldene
Regel zum Beispiel Was Du nicht willst dass Dir geschehe das tue auch einem
anderen nicht Du sollst nicht töten nicht stehlen nicht falsches Zeugnis
geben Was aber die neue Einsicht und die neue Pflicht ist das ist dass diese
Regeln ebenso für das politische und internationale Leben zu gelten haben wie
für die Lebensführung des einzelnen
    Und welche Dogmen Das wichtigste Dogma des sozialen Glaubens ist die
Evolution Wenn man glaubt  nein wenn man weiß die kontrollierbaren
Offenbarungen der Wissenschaft erzeugen »wissen« nicht »glauben« dass die Welt
und alles was in ihr sich entwickelt  trotz Entartung und Vernichtung der
Einzelorganismen  zu immer höheren feineren und vielfältigeren Formen sich
entfaltet so wird man diese ewigen Hemmungen und Bekämpfungen aufgeben mit
denen man jetzt jedes sich entfalten wollende Neue statt zur Quelle der Freude
und des Gewinns zur Quelle des Leidens der Unterdrückung und der Verfolgung
macht Die Entwicklungsgesetze erkennen und danach die Gesellschaftsordnung und
das sittliche Verhalten regeln  das ist der Weg zum Heil
Rudolf hatte während seiner Abwesenheit fast täglich an seine Mutter geschrieben
und ihr von allen seinen Arbeiten und Plänen Mitteilung gemacht Die Nachricht
dass er auf das Majorat verzichten wolle versetzte ihr einen gelinden Schlag
Welche Mutter wird leichten Herzens erfahren dass ihr einziger Sohn sich des
Glanzes und des Reichtums begeben will der sein Besitz ist Marta hatte der
stillen Hoffnung Raum gegeben dass Rudolf nach Verlauf einiger Zeit den Verlust
verwinden werde den er durch den Tod der Seinen erlitten hatte und sich wieder
verheiraten würde  und vielleicht mit einer Frau die ihm geistig ebenbürtiger
wäre als es die arme Beatrix gewesen  Sein Entschluss aber deutete darauf
hin dass er nicht daran dachte sich jemals wieder einen Herd zu gründen
sondern dass er sich von allen Fesseln  also auch von Familienfesseln 
freimachen wollte um sich ganz seinem Apostolate hinzugeben
    Die Größe dieser Opfertat erfüllte sie nun auch mit stolzer Bewunderung Ihr
Rudolf war es der so hingebungs und entsagungsvoll handeln wollte im Dienste
dessen was ihr Friedrich erstrebt und was sein Beispiel und sein Andenken in
des Knaben Seele gepflanzt hatte 
    Noch vor Rudolfs Rückkunft verließ sie Brunnhof um ihren ständigen Wohnsitz
auf ihrer ererbten Besitzung Grumitz in Mähren zu nehmen Dorthin überführte
sie alle die teuren Andenken an ihren Toten  Bilder Bücher Möbel  mit denen
sie sich stets umgab
    In einer Richtung war es ihr sogar lieb von Brunnhof wegzugehen Der Ort
erinnerte zu sehr an den zuletzt durchlebten Kummer an das Sterben der armen
jungen Frau und ihres lieben kleinen Enkelsohnes Sie hatte den Knaben so
zärtlich in ihr Herz geschlossen so schöne Zukunftshoffnungen auf sein Haupt
gesetzt Er der im zwanzigsten Jahrhundert jung sein und in voller Kraft in
neueren besseren Zeiten leben würde  der Erbe von Friedrichs und Rudolfs Ideen
 er würde deren Sieg wohl sehen er würde vollenden was sein Vater begonnen
Diese Träume waren verweht zerstoben  Jeder Platz im Garten wo der Kleine
gespielt hatte jedes Zimmer im Hause wo sein helles Stimmchen schallte das
ganze Brunnhof dessen einstiger Herr er geworden wäre war ihr der
schmerzlichen Erinnerungen voll und sie verließ es nicht ungern
Graf Max Dotzky Rudolfs Vetter und nächster Anwarter auf das Fideikommiss
diente beim Handelsministerium Ganz vermögenslos war er darauf angewiesen von
seinem Gehalt zu leben und nur durch peinlichste Sparsamkeit gelang es ihm
sich von Schulden frei zu halten Seinen Amtspflichten kam er mit größtem Eifer
nach denn es war sein Ehrgeiz in der Laufbahn rasch vorzurücken um nach
einigen Jahren einen Rang zu erreichen dessen Bezüge es ihm ermöglichen würden
das Mädchen heimzuführen das er schon seit Jahren liebte Ihrerseits war
Elsbeth von Rels Tochter des verwitweten Feldzeugmeisters Baron Rels fest
entschlossen und wenn es auch zehn Jahre dauern sollte darauf zu warten dass
Max zum Sektionschef oder doch zum Hofrat avanciere um dann seine Frau zu
werden Unter den jetzigen Umständen war auf die väterliche Einwilligung nicht
zu hoffen und die jungen Leute sahen selber ein dass es unmöglich war sich
einen Herd zu gründen
    Diesem Vetter galt Rudolfs erster Besuch nach seiner Rückkehr in die Heimat
Er suchte ihn in seinem Bureau im Handelsministerium auf Die beiden jungen
Männer kannten sich nur wenig sie waren höchstens ein halb Dutzendmal flüchtig
zusammengekommen daher war Max sehr erstaunt als ihm der Amtsdiener den Besuch
des Majoratsherrn meldete
    Max war allein im Bureau Er hatte sich eben müde gearbeitet an der
Durchsicht eines besonders langweiligen Aktenstosses Aus besonderem Pflichteifer
hatte er dies Jahr auf seinen Sommerurlaub verzichtet und die Hitze der
Stadtluft drückte ihn nieder Die Arbeit ging nur mühselig vom Fleck Er war in
trüber physisch und moralisch unbehaglicher Stimmung
    Beim Eintritt seines Vetters ging er diesem einige Schritte entgegen
    »Was verschafft mir die Ehre Deines Besuchs« fragte er Rudolf die Hand
reichend
    Im selben Alter wie Rudolf sah er jedoch viel älter aus einige weiße Haare
zeigten sich schon im blonden Spitzbart und an den Schläfen Die Gesichtszüge
trotz der augenblicklichen Misslaune spiegelten große Gutmütigkeit  im ganzen
eine sympatische Erscheinung
    »Eine wichtige Angelegenheit mein Lieber« antwortete Rudolf
    »Bitte bitte  steh zu Diensten  willst Du Dich setzen«
    Er selber ließ sich wieder vor seinem Schreibtisch nieder und schob den
Aktenstoss beiseite
    »Ich bin ganz Ohr«
    Dadurch dass Rudolf seinen Sohn verloren hatte war nun wieder Max der
nächste Anwärter auf das Majorat  doch diese Tatsache hatte keinen besonderen
Wert denn einmal war ja Rudolf nicht älter zweitens war es nur
allzuwahrscheinlich dass er wieder heiraten und noch Söhne bekommen würde
Immerhin eine missliche Einrichtung diese Majorate denn nicht immer kann ein
Anwärter beim Anblick des Besitzers den Gedanken abwehren Wenn Du plötzlich
stürbest so wäre ich ein reicher Mann  Nein an das hatte Max nicht gedacht
aber doch  nicht ohne leises Neidgefühl  an Brunnhof und die sonstigen
Reichtümer die der andere sein eigen nannte während er  
    Rudolf hatte sich in einen seitlich vom Schreibtisch stehenden Lehnstuhl
bequem zurückgelehnt und ein eigentümliches Lächeln zitterte um seinen Mund
    »Ich will vom Majorat mit Dir reden« begann er als hätte er des Vetters
Gedanken erraten
    »So Und was denn« Max dachte es handle sich um irgend eine
Geschäftstransaktion bei der die Einwilligung des Anwärters erforderlich wäre
    »Du weißt doch woraus es besteht Die Herrschaft Brunnhof in
Niederösterreich die Herrschaft Nagykyral in Ungarn das Palais in der
Wallnerstrasse die Sammlungen der Familienschmuck  kurz das Ganze hat einen
Wert von  nun Du wirst es wohl wissen «
    »Ja und daneben besitzest Du bedeutendes Privatvermögen und wirst noch ein
reichliches Erbe von Deiner Mutter erhalten  Du stehst pekuniär nicht
schlecht«
    »Nein Und Du«
    »Ich Ich besitze meinen Gehalt und  als Erbschaft von meinem Vater  ein
paar tausend Gulden Schulden die ich mich verpflichtet habe nach und nach
abzuzahlen«
    »Das ist schön von Dir Wie steht es mit Deiner Heiratsabsicht«
    »Die kann noch zehn Jahre auf Erfüllung warten«
    »Das ist lang  Fräulein v Rels die jetzt schon achtundzwanzig Jahre alt
sein mag wird dann etwas verblüht sein «
    »Mein lieber Rudolf Du hast mich noch niemals aufgesucht  und wenn Du es
nur tust um mir so unangenehme Dinge zu sagen  um zu protzen wie reich Du
bist und mich zu verhöhnen wie arm ich bin so ist das doch «
    »Verzeih Protzerei und Hohn sind nicht meine Motive  aber den Kontrast
rücke ich absichtlich ins Licht  es macht mir Freude «
    »Danke schönstens« murmelte Max
    »Und wird Dir noch eine größere machen Hör mich an  ich werde Dir etwas
Merkwürdiges sagen  Ich will «
    Er hielt inne Auf den Augenblick der jetzt kommen sollte hatte er sich
schon lange gefreut
    »Also Was willst Du«
    »Ich will auf das Majorat verzichten und Du trittst an meine Stelle«
    Max Dotzky sprang auf und griff mit beiden Händen an seinen Kopf
    »Bin ich verrückt  oder bist Dus«
    »Bitt Dich setz Dich nur wieder nieder Ich bin bei Vernunft und spreche
im Ernst Und ich genieße die Situation  Ich weiß dass ich Dich unbändig
glücklich mache Das ist zwar auch nicht das Motiv meiner Tat  das liegt
tiefer ich tus nicht Dir sondern mir selber  meinem Lebenszweck zu liebe
aber an Deinem Glück werde ich mich doch ergötzen Es ist ein gar seltenes und
so grossartiges Schauspiel ein Mensch in wahnsinniger Freude  Deine erste Idee
war ja dass Du verrückt geworden  und doppelt angenehm ist dieses Schauspiel
wenn man dessen Urheber ist  Zu Deiner Hochzeit lade ich mich als Trauzeuge
ein  natürlich heiratest Du noch in diesem Jahr und ziehst gleich in Brunnhof
ein  Du bist ja ganz starr und sprichst nichts«
    Max der sich wieder auf seinen Sessel geworfen hatte saß bewegungslos da
    »Und was mich auch befriedigt« fuhr Rudolf fort »ist das Bewusstsein dass
Du ein braver ehrenwerter Mensch bist und dass Du dem Hause Dotzky als dessen
Oberhaupt Ehre machen wirst Wenn Du und Elsbeth Rels in Brunnhof regieret so
werde ich wissen dass mein einstiger Besitz in gute Hände gelangt ist«
    Max war es zumute als hätte er einen Schlag vor die Stirn bekommen Die
Gedanken wirbelten ihm im Kopf herum und so sehr er sich mühte fassen konnte
er das Gehörte  Unerhörte  nicht Es musste ja wenn es wahr war und wenn er
es erst ganz gefasst hatte ihn ganz unsäglich glücklich machen das wusste er 
aber das Glücksgefühl selber konnte nicht das Gefühl des unbändigen mit
Zweifeln gemischten Staunens verdrängen das ihn erfüllte Endlich fand er
Worte
    »Rudi  Wundermensch  reiss mich aus diesem Traum  schwöre dass es
Wirklichkeit ist  oder gestehe dass es ein Spaß war ein verzweifelt schlechter
Spaß «
    »Du hast recht der Witz wäre matt Es ist keiner  es ist die volle
Wahrheit  hier mein Handschlag darauf Noch einige Formalitäten und der Herr
des Dotzkyschen Fideikommiss bist Du«
    »Mein Gott mein Gott mein Gott« rief der andere Dann vergrub er sein
Gesicht in beide Hände und atmete heftig Rudolf betrachtete ihn schweigend und
weidete sich an der Tiefe seiner Ergriffenheit Das war also ein von Freude
überwältigter Mensch  Dem Spender dieser Freude wars ein genussreicher
Augenblick es gewährte ihm  wie ja alles Große Volle Übergewöhnliche zu
erwecken pflegt  ein ästetisches Entzücken
 
                                     XVIII
Die gerichtlichen und geschäftlichen Transaktionen der Besitzesübertragung waren
erledigt
    Zur feierlichen Übergabe veranstaltete Rudolf ein kleines Fest in Brunnhof
welches zugleich ein Abschiedsfest sein sollte bei dem er seine Familie und
Freunde zum letzten Male auf dem alten Herrensitze um sich versammelte
    Die Tafel war im großen Speisesaal gedeckt Der Späterbsttag hatte
empfindliche Kälte gebracht und im Monumentalkamin brannten ganze Stämme
knisternden Fichtenholzes Vom Kronleuchter flutete das Licht von achtundvierzig
Wachskerzen herab und noch sechs silberne Kandelaber auch Stücke des zum
Majorat gehörigen Familiensilbers die zwischen den Aufsätzen auf der Tafel
standen und zahlreiche Lampen auf den Pfeilertischen vervollständigten die
Beleuchtung Kostbare alte Gobelins an den Wänden kunstvoll geschnitzte
Eichenholzmöbel in gotischer Form der Tafeldienst besorgt von einem
Haushofmeister in Frack und weißer Krawatte zwei Büchsenspannern mit silbernen
Epauletten und Bandelieren und vier Lakaien in Galalivreen in Schuhen und
Strümpfen Auf die Menükarten gemalt auf die Porzellanteller eingebrannt in
die Bestecke und Gläser graviert in den Damast des Tischzeugs gewebt überall
das Dotzkysche Wappen in gespaltenem Felde drei schräglinke blaue Sterne und
hinten ein zugekehrter silberner Schlüssel Auf dem gekrönten Helme mit rechts
rotsilberner und links blaugoldener Decke zwei aufwärts geschrägte silberne
Schlüssel vor einem rot mit Pfauenfedern besteckten Spikel zwischen offenem
vorn silbernen und hinten roten Fluge  kurz der ganze Aufwand von Pracht und
Prunk und Eitelkeit der in den Schlössern reicher und alter Adelsfamilien zu
herrschen pflegt
    Mehr als vierzig Personen im Abendanzug saßen um den Tisch Marta hatte
den Sitz der Hausfrau Rudolf den des Hausherrn inne Rechts von Baronin Tilling
saß Max Dotzky und zur Rechten Rudolfs  Fräulein Elsbeth von Rels Den
Feldzeugmeister von Rels hatte Marta an ihre linke Seite gesetzt und seine
andere Nachbarin war Sylvia Delnitzky Die Familie Ranegg war mit Ausnahme der
in Konstantinopel weilenden Tochter Christine vollzählig erschienen Von alten
Freunden des Hauses waren außerdem anwesend Minister Wegemann Graf Kolnos
Oberst von Schrauffen der alte Bresser und Pater Protus
    Das Diner  in acht Gängen  war zu Ende man knabberte nur noch an den
Süßigkeiten des Nachtischs Auf ein Zeichen des Herrn füllten die Diener noch
einmal die Champagnerkelche und verließen dann alle den Saal Rudolf klopfte mit
dem Messer an sein Glas und die lebhaften laut durcheinander summenden
Tischgespräche verstummten mit einem Schlage
    Ohne aufzustehen aber mit erhobener deutlich vernehmbarer Stimme begann
Rudolf zu reden
    »Meine lieben Freunde und verehrten Gäste Sie alle wissen dass unser
heutiges Beisammensein einem ganz besonderen Anlass gilt  einem ungewöhnlichen
Anlass Manche hier sind genau unterrichtet um was es sich handelt  den anderen
wird es eine Überraschung sein
    Ehe ich die Sache verkünde möchte ich einen kurzen Rückblick in die
Vergangenheit werfen  vielleicht findet sich da teilweise eine Erklärung für
das was Sie nun hören sollen  Ich erinnere mich  und mehrere unter Ihnen
werden sich auch erinnern  an ein Festmahl das uns um diese selbe Tafel
versammelt hat  zur Taufe meines armen kleinen Fritz «
    Rudolf hielt einen Augenblick bewegt inne und auch durch den Kreis seiner
Hörer ging eine Bewegung ein leises Beileidsgemurmel
    Er holte tief Atem und fuhr fort »Es lebe die Zukunft toastierten wir
damals Die Zukunft aber die mein Sohn verkörpern sollte die ist ins Grab
gesunken  Es war ein großer Schmerz so groß dass ihn meine Beatrix nicht
überleben konnte  Mein ganzer häuslicher Herd ist eingestürzt« Das
teilnahmsvolle Gemurmel wiederholte sich  einige unter den Frauen führten ihr
Taschentuch an die Augen »Doch als ich damals auf die Zukunft trank hatte ich
nicht die Zukunft meines Hauses  ich hatte die Zukunft unseres ganzen
Geschlechts  des Menschengeschlechts im Sinn an der wir alle bewusst oder
unbewusst mitarbeiten  an der ich bewusst und in bestimmter Absicht mitarbeiten
will Und dazu will ich ganz ungebunden sein  Ohne weitere Umschweife ich
habe auf das Dotzkysche Majorat verzichtet und dessen nächsten Anwärter meinen
Vetter Maximilian in meine Rechte eingesetzt«
    Ein noch lauteres Murmeln  diesmal staunenausdrückendes  erhob sich
verstummte aber sogleich wieder als Rudolf aufstand und sein Glas erhebend
weiter sprach
    »Ich bitte Sie also in Graf Maximilian Oskar Dotzky von Donaschits Herrn
auf Brunnhof und Nagykyral meinen Nachfolger zu sehen und auf sein Wohl sowie«
 er verneigte sich zu seiner Nachbarin zur Rechten  »auf das Wohl seiner
Braut Fräulein Elsbeth von Rels mit mir anzustossen«
    Laute Ausrufe folgten Alle waren aufgestanden man stieß mit den
Brautleuten an und wünschte ihnen Glück Auch mit Rudolf wurde angestossen dabei
veränderten sich aber die gratulierenden Mienen in halbwegs kondolierende
    Rudolf war der erste der sich wieder auf seinen Sessel niederließ und
abermals gab er das Zeichen dass er sprechen wollte Da setzten sich auch die
anderen und allgemeines Schweigen war bald hergestellt
    »Ich will keinen neuen Toast ausbringen meine Freunde keine Tischrede
halten aber sagen will ich Ihnen was meine Abdankung bedeutet und bezweckt 
Haben Sie etwas Geduld mit mir Vorträge zu halten gehört zu meinem
Zukunftsprogramm und dies soll mein Jungfernvortrag sein 
    Versteht sich wenn ich einmal auf ein Podium trete und vor versammeltem
Volke spreche dann werde ich nicht dasselbe Thema wählen das ich nun vor Ihnen
erörtern will  das Thema meiner Abtrünnigkeit Gerade diesem Kreise hier 
Verwandte Jugendfreunde Standesgenossen  glaube ich solche Erörterungen
schuldig zu sein  Der Mensch ist verrückt  so wird wohl das erste
zusammenfassende Urteil sein welches von einem Teil der hier Anwesenden und
von den meisten der nicht anwesenden Angehörigen unserer Gesellschaftskreise
über meinen Entschluss gefällt werden wird  das weiß ich Nun so will ich Ihnen
wenigstens gesagt haben worin die Methode besteht die in meinem Wahnsinn
steckt«
    Nach kurzer Sammlung fuhr er fort
    »Zwei Kräfte sind es die den Gang der menschlichen Kultur bewegen und
regeln die vorwärtstreibende und die hemmende Kraft  der Fortschrittsdrang und
der Erhaltungstrieb In der Politik haben diese beiden die Namen Liberalismus
und Konservatismus angenommen  aber damit ist nur eine ganz enge Sphäre
bezeichnet in der diese Kräfte sich betätigen deren Spiel die ganze Welt 
Natur und Geist  von allem Anfang an geformt hat und in aller Zukunft weiter
formen wird
    So stark und so bewusst wie in unserer Gegenwart sind  so scheint es mir 
diese Gegensätze noch nie hervorgetreten und da heißt es Farbe bekennen Man
kann ja auch ganz abseits stehen bleiben sich nicht kümmern um das was
vorgeht und nur seinen eigenen engsten Interessen leben  das tun auch gar
viele Aber diese Vielen  ohne es zu wissen  helfen doch der einen der
streitenden Kräfte eines der wirksamsten Elemente des Beharrungsvermögens ist
ja die Trägheit«
    Mit dem niemals täuschenden Instinkt der dem Redner zum Bewusstsein bringt
was die Zuhörerschaft empfindet wurde Rudolf gewahr dass ein leiser Hauch von
Gelangweiltsein von missmutigem Unverständnis über die Tischgesellschaft wehte
Dass aber einige da waren darunter seine Mutter die ihn ganz verstanden und mit
Spannung an seinen Lippen hingen das wusste er auch und für diese sprach er
unbeirrt weiter
    »Ich bin nicht abseits gestanden Ich habe hineingelauscht in den Kampflärm
und wurde von dem Drang erfasst mich mitkämpfend zu beteiligen Mein Stand
meine Stellung meine persönlichen Vorteile und Interessen würden erfordern dass
ich mich auf s derjenigen stelle die das Bestehende verteidigen Doch das
kann ich nicht mein Gefühl meine Einsicht und mit einem Blick auf seine
Mutter eine als Erbe übernommene Mission treiben mich in das andere Lager Um
also ehrlich und frei zu sein bleibt mir nichts übrig als meine Stellung und
mein Interesse aufzugeben  und das habe ich getan Zu den Dingen der alten
Ordnung die ich perhorresziere gehört zum Beispiel auch die Einrichtung der
Majorate  es ist daher ein gerechtfertigter mehr noch ein gebotener Schritt
dass ich dem Majorat entsage  und das habe ich getan«
    »Bravo« rief Max Und Feldzeugmeister von Relz sekundierte Dieser Zug von
Rudolfs Verrückteit war seinem Besitznachfolger und dem Vater der künftigen
Herrin von Brunnhof jedenfalls sympathisch Auch Elsbeth hätte gern in den
Beifall eingestimmt doch war sie zu schüchtern dazu Sie schwamm in traumhafter
Glücksstimmung  war es doch wie ein Traum dass ihr nun plötzlich alles
zugefallen der Geliebte die wunderbare Herrschaft der umgebende Luxus  sie
hätte vor Rudolf niederknien mögen um ihm zu danken Ein Narr das ist zuviel
gesagt  ein Schwärmer ein edler Schwärmer  und Gott sei Dank dass er nicht
vernünftiger war 
    »Ihr Bravo Exzellenz« wandte sich Rudolf an Herrn von Rels »werden Sie
vielleicht zurückziehen wenn ich sage dass zu denselben von mir
perhorreszierten Dingen auch  nein nicht auch obenan der Militarismus gehört
Und nicht nur wie das unsere matten Liberalen hervorkehren die Auswüchse und
Übertreibungen des militaristischen Systems sondern das organisierte
Totschlagen als Rechtsmittel überhaupt Das will ich fortan in aller Offenheit
hinaussagen ohne Umschweife  auch einem Feldzeugmeister ins Gesicht Nur der
ist frei der das sagt was er denkt Mit der Abdankungsurkunde habe ich mir ein
Stück Freiheit erkauft Ich benutze sie«
    »Bravo« riefen Kolnos und Bresser
    Herr von Rels sprang auf »Verzeihen Sie « begann er mit erregter Stimme
    Aber die andern riefen »Nicht unterbrechen« und der General ließ sich
wieder auf seinen Sessel nieder
    »Verzeihen Sie mir Exzellenz« sagte Rudolf »ich habe Sie nicht verletzen
wollen Was man gegen eine Institution spricht ist nicht persönlich gegen ihre
Vertreter gemünzt Vergessen Sie nicht dass alles was ich gegen den Krieg
vorbringen oder wirken kann im Geist eines Vermächtnisses geschieht das mir
von einem tapferen Soldaten  von Friedrich Tilling  zugefallen Was ich getan
habe beweist genügend wie ernst ich meine Aufgabe meine bevorstehenden Kämpfe
auffasse Im Kampfe darf man vor der Notwendigkeit nicht zurückschrecken auf
den Gegner loszuschlagen Meine Waffe ist ja nur das gesprochene und
geschriebene Wort  die will ich gradaus und ehrlich gebrauchen das heißt immer
nur das sagen was ich für wahr halte  das aber ohne Rücksicht ohne Schonung
Dass man wenn man mit seiner Meinung zurückhält die anderen schonen wolle  das
ist gewöhnlich nur Vorwand sich selber will man vor Unannehmlichkeiten hüten
sich schont man dabei man mag den anderen nicht erzürnen nicht um ihm den Zorn
zu ersparen sondern um sich diesem Zorn nicht auszusetzen Feigheit ists mit
einem Wort Eine Feigheit die ich an mir selber erfahren als ich ein
Fortschrittsanwalt zugleich aber kluger Gutsbesitzer taktvoller Hausherr und
liebenswürdiger Vetter sein wollte Jetzt will ich nichts anderes sein als ein
am Entwicklungsgang der Menschheit bewusst und furchtlos mitarbeitender
Mitmensch
    In solcher Mitarbeit glauben Sie mir liegt erhebender Genuss Vor allem das
Bewusstsein einer erfüllten Pflicht Nicht allen offenbart sich diese Pflicht
aber die welche Einsicht genommen haben in den Kampf der Zeiten und die die
drohenden Gefahren und winkenden Rettungen sehen die können nicht anders  die
müssen mittun Rettenwollen ist ein natürlicher  ein dem Gesellschaftstrieb
anhaftender Instinkt
    Was ich sehe ist dies
    Es sind Zaubermächte am Werk die menschliche Gesellschaft so zu verändern
dass die Kultur von morgen sich zu der Kultur von gestern verhalten wird wie der
Schmetterling zur Raupe  Die Raupe hat sich schon eingepuppt  die Kultur von
heute ist die Chrysalide«
    »Bravo« sagte jemand aus der Gesellschaft der das Wort Chrysalide poetisch
fand und daher ein Beifallszeichen für angebracht hielt
    »Die Zaubermächte die ich meine« sprach Rudolf weiter »heißen Technik und
Wissenschaft Soviel könnende und soviel wissende Wesen wie die Menschen zu
werden jetzt im Begriffe stehen müssen auch vernünftige Wesen mit vernünftigen
Einrichtungen werden Das ist der Zwang des Anpassungsgesetzes Dass aber unsere
Lebensführung und unsere aus unwissenden Zeiten überkommenen Einrichtungen
vernünftig seien wird man doch nicht behaupten wollen Um nur das eine
hervorzuheben das Unvernünftigste von allem neun zehntel aller Hilfsquellen
darauf zu verwenden einander besser totschlagen zu können  Sich die Heimat
Erde in Beutestücke einzuteilen um die man sich gegenseitig zerfleischt statt
sie in gegenseitiger Hilfeleistung in ein Eden umzuwandeln  Wie murmelten Sie
in den Bart Freund Wegemann  Sozialistenphrasen Mein Gott oft gesagte
Wahrheiten  und solche auf die sich eine nach Verbreitung strebende Partei
aufbaut werden immer zu Phrasen  ich will hier aber nicht in
sozialdemokratischem Parteigeist sondern im weitern Sinn  in sozialem Geist
gesprochen haben Dass die soziale Frage in gewaltiger Bedeutung unsere Gegenwart
erfüllt und nach Lösung drängt  das kann doch niemand leugnen Das Arbeitervolk
ist es müde zu leiden und unter uns gibt es solche die müde sind es leiden
zu sehen Ich für mein Teil kann nicht länger müßig zusehen bei all den
unnützen Schmerzen Lasten und Gefahren unter denen meine Mitgeschöpfe stöhnen
Tat twam asi «
    Das indische »das bist Du« veranlasste den poetischen Beifallsspender zu
einem neuerlichen »Bravo«
    »Ein großes Erlösungswerk bereitet sich vor  davon wissen gar viele
Zeitgenossen  und wohl auch viele meiner lieben Tischgenossen  nichts Was sie
allenfalls davon vernehmen klingt ihnen wie das ferne Rauschen einer drohenden
Sturmflut und sie rufen nach Deichen und Dämmen Wir aber die wenigen die
hingehorcht haben wir hören das Rauschen einer neuen Zeit der gewaltlosen Zeit
der elendbefreiten Zeit Wenn wir sie auch nicht erleben  übrigens wer weiß
 ihr Kommen beschleunigt zu haben das soll unsere höchste Genugtuung sein Das
habe ich mir zur Aufgabe erkoren Nennen Sie solches Beginnen nicht vermessen
und nennen Sie es nicht unnütz Beugen Sie sich nicht jener bequemen Ansicht
dass sich die Kulturwandlungen von selber vollziehen Das ist falsch  nichts
geschieht von selbst Es fällt doch niemanden ein zu behaupten dass sich alle
technischen Fortschritte und Erfindungen von selber eingestellt hätten 
unabhängig vom Studium und der Arbeit der Techniker und Erfinder Dass studiert
und dass gearbeitet wird mag auf einen Zwang der in den Naturvorgängen liegt
zurückgeführt werden das will aber nicht besagen dass die Kulturarbeit von
selbst entsteht Sie entsteht durch den Willen der Kulturarbeiter  Diese
Willenskraft mag man auch eine Naturkraft nennen  aber dieser persönliche Wille
wird zum Motor der Entwicklung Auch unter den Entwicklungsfeinden gibt es
energisch Wollende und es gelingt ihnen gar wohl den Gang der Kultur zu hemmen
sogar momentan zurückzuschleudern  ihn aber gänzlich aufzuhalten das gelingt
ihnen nicht denn dass dieser  wenn auch in der Spirallinie  unaufhörlich
vorwärts und aufwärts führt das ist Naturgesetz Dies ist mein zuversichtlicher
Glaube Ein heißer Glaube der mich oft mit einem Glücksgefühl durchströmt
mitten unter den Zorngefühlen die mir die herrschenden Verkehrteiten
einflößen Wenn ich auch weiß dass Zorn eine unwissenschaftliche Regung ist 
ärgert sich der Zoologe über Tigerbosheit und Schlangengift  so ist er doch
auch eine nützliche Regung denn er rüttelt zur Abwehr auf  Ohne Leidenschaft
wird nichts Kräftiges vollbracht
    Das ists auch was ich Ihnen sagen wollte  mein Tun ist durch eine in
tiefster Seele lodernde Leidenschaft bestimmt  Ob ich Kräftiges vollbringen
werde das ist dahingestellt aber was ich an Kraft besitze das ist nun in
meinem Wollen konzentriert«
    Er hielt einen Augenblick inne Wieder empfand er es deutlich dass die
Zuhörerschaft  mit Ausnahme der wenigen  ihm nicht gefolgt war
    Und er gewahrte auch dass ihm die Worte nicht zu Gebote standen mit denen
er gern die Fülle der ihn bewegenden leidenschaftlichen Gefühle und Gedanken
ausgedrückt hätte Das wäre ihm wohl nur möglich gewesen wenn von seinem Feuer
etwas auf die Widerstrebenden sich übertragen hätte und aus ihrer Mitte dann ein
Funke der Begeisterung herübergesprungen wäre  Er hatte die Vision eines
großen Saales gefüllt mit Männern und Frauen aus dem Volke Leute die in ihren
gramgedrückten Verhältnissen mit Sehnsucht nach Verheißungen besserer Zeiten
aufhorchten wie würde der Dank und die Hoffnung solcher Lauscher ihn gleichsam
tragen emporheben  aber diese hier  auf der Höhe der Gesellschaft
geborenen alle Vorteile des Bestehenden geniessenden  die mussten wohl jeden
Gedanken an eine Änderung als ruhegefährdend und glücksbedrohend empfinden 
wenn sie überhaupt zuhörten wenn das Gesagte nicht vollkommen abprallte an
ihrem Unverständnis und ihrer Kälte
    Er ward sich bewusst dass er nicht weiter reden sollte noch konnte und
suchte nach einem Schluss
    »Meine Freunde  Ihnen das Ziel meines Wollens ganz klar zu legen oder gar
meine Überzeugung auf Sie übertragen zu wollen  das konnte nicht der Zweck
meiner Rede sein die ohnehin schon zu lang geworden ist ihr kurzer Sinn ist
der hier stehe ich weil ich nicht anders kann Und damit ist die Tafel
aufgehoben  in Brunnhof die letzte Tafel deren Wirt ich gewesen bin« Er stand
auf und erhob sein Glas »Doch  damit wir mit einem Hoch abschließen können
trinke ich Dir noch einmal zu lieber Mar  Dotzky est mort vive Dotzky«
    Die anderen waren froh die etwas gelangweilte und mitunter peinliche
Stimmung mit neuem Gläseranstossen und Hochrufen verscheuchen zu können
    Dann begab man sich in den anstoßenden Empfangssaal In den Gruppen die
sich bildeten wurde natürlich von dem Ereignis des Tages gesprochen Das Urteil
über Rudolf lautete zwar nicht wie er selber vorausgesagt auf »Verrückteit« 
aber die ganze Skala von Worten die den selben Sinn umkleiden hielt dabei her
Überspannt  Träumer  Irregeleitet  Phantast  hm ein Original
 
                                      XIX
Rudolf stahl sich hinaus Er war nicht aufgelegt in Privatgesprächen den
Gegenstand weiter auszuführen über den er soeben eine Rede gehalten Und ein
eigentümliches Trauergefühl hatte sich seiner bemächtigt  etwas wie
Abschiedsweh das ihn drängte sich von der heiteren Gesellschaft zu entfernen
und in einem einsamen Winkel seinen Gedanken nachzuhängen
    Er suchte sein einstiges Arbeitszimmer  das Har lekinzimmer  auf Es war
schon halb ausgeräumt die ihm persönlich gehörenden Bücher und Bilder in
herumstehenden Kisten verpackt Der Raum war durch eine Ampel von mattem Glas
nur schwach beleuchtet Dagegen sah man durch das unverhüllte breite Fenster
hellen Mondenschein Rudolf trat hin und lehnte die Stirn an die Scheibe Wie
zauberhaft lag da der Park seines schönen Brunnhof  Nein nicht mehr sein
Brunnhof  Das war ja der Gedanke den er ausspinnen wollte das war das
wehmütige Bewusstsein das ihn beschlichen hatte vorbei
    Zwischen seinem alten Leben und dem dem er jetzt entgegenging war nunmehr
wie ein eiserner Vorhang herabgerollt Und ein Abgrund war gegraben zwischen
ihm und den meisten Menschen mit denen er durch verwandtschaftliche und
gesellschaftliche Bande verbunden gewesen Vorbei die kameradschaftliche
Gemeinschaft mit seinen Standesgenossen vorbei die huldreiche
Freundschaftlichkeit der Spitzen des Landes vorbei die ehrerbietige Hingebung
seiner zahlreichen Beamten und Dienerschaft vorbei diese ganze Machtstellung
die aus dem Chef eines adeligen Majorats einen kleinen Potentaten macht  dem
allen ein ewiges vale  
    Aber auch intimeres Abschiedsleid erfasste ihn In diesen Mauern die er nun
verließ hatte sein häuslicher Herd gestanden Auf dem Plätzchen da unten im
Park unter der großen Linde wie oft hatte er  das Bild trat ihm lebhaft vors
innere Auge  wie oft hatte er da die Wiege seines Söhnchens gesehen und darüber
gebeugt die holdselige Gestalt der jungen Mutter
    Diesen Besitz freilich dem hatte er nicht selber entsagt den hatte ihn der
Räuber Tod entrissen  aber es wäre ihm ja so leicht möglich gewesen sich auf
demselben Grund einen neuen Herd zu bauen dem Hause eine neue Herrin zu geben 
dem Stammsitz einen neuen Erben Diese Möglichkeit war durch seinen Verzicht nun
abgeschnitten
    Ein schwerer Seufzer hob seine Brust So deutlich so fest umrissen so
wirklich waren die Dinge denen er entsagte und so unsicher so nebelhaft die
Ziele denen er entgegenstrebte Nein nicht die Ziele  die leuchteten ihm klar
in Leitsternlicht aber die dahin führenden Wege die waren das unsichere
    Eine Hand legte sich sanft auf seine Schulter Er wandte sich um
    »Du Mutter«
    »Ich dachte wohl dass ich Dich hier finden würde mein Rudolf Aber ich
störe Dich vielleicht«
    »Ach nein  Dich gerade Dich jetzt hier zu haben tut mir wohl Denn Du
bist die Einzige die mich ganz verstehen kann  auch in Anwandlungen der
Verzagteit  verstehen und aufrichten«
    »Bist Du verzagt weil die da unten Dich nicht verstanden haben Wenn sie
Dich verständen wäre es da überhaupt nötig als Lehrer und Kämpfer
hinauszuziehen«
    »Hinaus hinaus ins Dunkle ins Kalte «
    »Um in das Dunkel Licht zu tragen  Aber kalt  ja da hast Du wohl recht
 unter den Fremden unter den Massen weht es einen eisig an  und nur eines
kann Wärme und Kraft geben  «
    »Was ist das eine« fragte Rudolf da Marta inne hielt
    »Man muss das Herz voll Liebe haben «
    »Für die Fremden Für die eisigen Massen«
    »Nein für ein nahestehendes ebenso warm liebendes als geliebtes Wesen«
    »Das besitze ich an Dir Mutter«
    »So meine ichs nicht Es muss die andere die zärtlich glühende Liebe sein
Die gibt auch Kraft  Das unendliche Glück das dieses Gefühl im Besitz die
unendliche Trauer die es im Verlust einflößt die lassen einen erkennen dass
alles alles daran gesetzt werden muss den Hass aus der Welt zu schaffen Glaube
mir Friedrich und ich haben nur darum so heftig den Drang empfunden für die
Erlösung der Mitmenschen von der Geissel des Hasses zu wirken weil wir einander
so übereinstimmend lieb hatten Du hast Weib und Kind verloren  bist gar so
einsam mein armer Rudolf  Und selbst in der Ehe bist Du einsam gewesen 
Ich weiß ja dass Beatrix nicht das Wesen war das Deine Seele ganz ausfüllen
konnte Wie wünschte ich Dir dass «
    »Nein« unterbrach er »ich will nicht wieder heiraten Ich will frei sein
ganz fessellos «
    »Um Dich in den Sturm hinauszustürzen Wieviel besser kann man das wenn man
weiß dass man jeden Augenblick in den Hafen zurückkommen kann Ja Hort und
Schutz und Panzer  alles das ist die Liebe  die beglückte und die trauernde
Noch jetzt ist mir der reichste Besitz die Erinnerung an meinen Toten Dir
Rudolf ist das Leben noch solchen Reichtum schuldig  eine Gefährtin würdest
Du brauchen  eine mitstrebende dabei angebetete «
    »Ich denke nicht an mich  Und gerade jetzt was mich erfüllt ist
Verzicht und Entsagungsweh  von Zukunfts und Glückshoffnungen weiß ich nichts
Die Liebe wie Du sie besessen hast und für mich träumst was ist das für eine
seltene Zufallsgabe Ich gehe nicht aus solche Wunderblumen zu suchen für
mich Ich gehe aus Pflichten zu erfüllen  für andere Und traurig bin ich «
    »Ja das höre ich an Deinem Ton Mir ists auch zum Weinen«
    »Also weine Mutter das erleichtert  «
    Beide verfielen in wehmütiges Schweigen
    Der Mond verfinsterte sich Schwarze Wolken zogen über seine Scheibe und es
erhob sich ein klagender Wind der durch die Rauchfänge pfiff
    Marta schüttelte sich fröstelnd »Komm« sagte sie »lass uns zu den anderen
zurückgehen Harre bei Deinen Gästen aus  das letztemal«
    Rudolf erfüllte den Wunsch seiner Mutter er begab sich in den Salon zurück
Man saß und stand in lebhaft sprechenden Gruppen umher Bei seinem Nahen
verstummten die meisten Unterhaltungen er hatte den Eindruck als wäre eben von
ihm die Rede gewesen
    In einer Ecke sah er Minister »Allerdings« Pater Protus und Oberst von
Schrauffen bei einander stehen Auf diese Gruppe ging er zu
    »Hier sind ja drei meiner nächsten Freunde versammelt  tres faciunt
consilium  gern wollte ich hören was Ihr gesagt habt«
    »Ich sagte« antwortete der Minister »dass ich den Eisstoss schon lange
kommen gesehen  Dein Benehmen und Deine Äußerungen in der letzten Zeit ließ
alles Extravagante vorausahnen So toll habe ich es allerdings nicht erwartet 
seinen Besitz herschenken«
    »Und Sie Herr Oberst«
    »Na nachdem Sie mich so grad herausfragen und Exzellenz Wegemann sich auch
kein Blatt vorm Mund genommen hat so rede ich auch grad heraus Mir kommt die
Gschicht nicht nur stark verruckt sondern sogar ein bissl straffällig vor
Wollens unter die roten Sozialisten gehen Habens ganz vergessen dass Sie ein
Kavalier  und dass Sie Reserveoffizier sind«
    »In der Tat mon Kolonel in diesem Falle habe ich mich nur meines
Menschtums erinnert Und Sie mein lieber Pater Protus  werden Sie mich auch
exkommunizieren Wie ich Sie kenne fürchte ich das nicht von Ihnen«
    Der junge Pater blickte Rudolf ernst und mild ins Gesicht
    »Sie haben recht Herr Graf  mir liegt jedes Anatema fern  Nicht einmal
richten und urteilen möchte ich da wo ich nicht ganz verstehe Ihre Absichten 
Ihre Gedankenkreise sind mir nicht ganz klar aber so wie ich Sie kenne weiß
ich dass Sie Gutes wollen  Mir tut es nur in der Seele weh einen solchen
Patron zu verlieren Ach hätte die arme Frau Gräfin und hätte das arme Bubi
gelebt  Sie würden uns dann nicht verlassen haben«
    Rudolf schob seinen Arm unter den des Paters und zog diesen ein paar
Schritte weiter
    »Kommen Sie mein lieber Herr Pfarrer ich möchte ein paar Worte mit Ihnen
allein reden Setzen wir uns hier in diesen Winkel da hört und stört uns
niemand Den beiden anderen habe ich nicht weiter Rede stehen wollen Ich habe
mich von ihnen getrennt  abgrundweit da gibts kein Verständigen mehr und was
jene von mir denken muss mir gleichgültig sein Ihnen gegenüber Pater Protus
habe ich das Bedürfnis mir noch ein bisschen das Herz auszuschütten«
    »Das klingt ja wie die Einleitung zu einer Beichte«
    »Ich habe bei Ihnen nie gebeichtet  und überhaupt wie Sie wissen mich
den kirchlichen Zeremonien ferngehalten «
    »Sie  Herr Graf  wie gar viele  glauben ohne auszuüben «
    »Nein  Sie sollen keine falsche Meinung von mir haben Ich glaube nicht 
und meinte dass Sie das wussten «
    »Ich vermutete es wohl aber «
    »Ach seien wir in dieser letzten Stunde ganz aufrichtig   Wir haben
uns gegenseitig immer geachtet und gegenseitig hinter dem was wir verschwiegen
einander auf den Grund der Seele geblickt nicht wahr Ich weiß was Sie Ihrem
Beruf schuldig sind und schätze den Takt sehr mit dem Sie es verstanden ein so
pflichttreuer Landpfarrer und ein Mensch von modernem Geist und Wissen zu sein«
    »Und Sie Herr Graf vereinten taktvoll den kritischen Skeptiker mit dem
adeligen Kirchenpatron«
    »Ich aber Pater Protus habe dem Dualismus entsagt Mit den anderen
Majoratsprärogativen habe ich auch das Patronat niedergelegt  und so kann ich
mich ganz frei geben Takt  das ist so ein Ding das diejenigen brauchen die
einen Widerspruch verbergen den sie in sich tragen oder durch den sie sich
lavierend durcharbeiten wollen  ich habe diese Notwendigkeit abgeschüttelt 
und darum sage ich Ihnen jetzt ganz offen der Kampf zu dem ich mich rüste 
der Befreiungskampf gegen alles was die Menschheit in Fesseln auch in geistige
Fesseln schlägt  der wendet sich natürlich auch gegen «
    »Also ist es doch richtig« unterbrach der Pfarrer »dass die sogenannten
Friedensfreunde  denn dazu gehören Sie ja  Feinde der Religion sind«
    »Es ist nicht richtig Gewiss gibt es unter den Kriegsfeinden viele
Freidenker  aber auch viele Gläubige Und in dem Kampfe gegen den Krieg
betätigen die Freidenker doch ihre Gesinnung nicht  sie trachten vielmehr in
der Kirche eine Verbündete zu finden denn sie wissen welche Macht ihr
innewohnt und wissen wie sehr die Religionsgebote mit den Friedensgeboten
übereinstimmen Eben weil die organisierten Verfechter der Friedensidee sich der
Bekämpfung einzelner Richtungen und Einrichtungen  die ich bekämpfen wollte 
enthalten unterlasse ich es mich ihren Vereinen und Kongressen anzuschließen
Ich will nach jeder Richtung hin die neue Weltanschauung vertreten  eine
Weltanschauung die meiner Überzeugung nach bestimmt ist wie eine neue Religion
das Wort heißt ja Band die kommenden Geschlechter zu verbinden «
    »Freilich« unterbrach Pater Protus mit leiser Bitterkeit im Tone »mit
solchem neuen Glauben muss man dem alten gegenüber als Feind auftreten  nicht
als Patron«
    »Feind Im Sinne von Hass und gewalttätigem Verfolgungs und
Vernichtungseifer  nein Loyaler Gegner  ja Ach Pater Protus Pater Protus
 was sind das doch noch für unklare traurige Zustände in der Welt  wie
schmerzlich stoßen die Gedanken die Pflichten die Leidenschaften aneinander
dabei sehe ich so deutlich wo das Heil liegt  einfach darin gut sein und
wahr sein  in jeder Lage unter allen Umständen niemals Böses zufügen niemals
behaupten was falsch ist  Welche von den bestehenden Institutionen im Staate
verstösst nicht gegen diese zwei Dinge  Güte und Wahrheit«
    »Was ist Wahrheit Das hat schon Pontius Pilatus gefragt Herr Graf«
    »Was Lüge ist musste er jedenfalls wissen denn als er sagte ich wasche
meine Hände in Unschuld da hat er gelogen  er wusch sie in Blut Was Güte ist
braucht keiner zu fragen das fühlt jeder  auch der Harte indem er sie
verlacht  Aber lieber Herr Pfarrer ich habe ja nicht mit Ihnen
philosophieren wollen  nur Lebewohl wollte ich Ihnen sagen dabei herzhaft Ihre
Hand drücken und  ohne die Punkte auf die i zu setzen  Aug in Auge Sie
versichern dass ich Sie verstehe und Sie schätze und mich von Ihnen verstanden
weiß Auch meinen weiteren Kurs werden Sie nicht verdammen selbst wenn ich das
nicht mehr bin was wir vorhin taktvoll nannten«
    Pater Protus drückte fest die dargereichte Hand und blickte dem anderen ins
Auge »Ja wir verstehen uns«
    Rudolf sah nun dass Gräfin Ranegg und ihre Tochter Kajetane im Begriffe
waren sich von seiner Mutter zu verabschieden
    Er eilte auf die Gruppe zu denn es drängte ihn mit diesen lieben
Nachbarinnen noch ein paar Worte zu tauschen
    »Wie Sie wollen schon fort  Nein so lasse ich Sie nicht  ich muss
Ihnen noch sagen dass zu den Dingen die ich durch den Verlust von Brunnhof am
schmerzlichsten vermissen werde die Nachbarschaft der Raneggsburg gehört«
    »Sie gehen ja nicht aus der Welt lieber Graf Rudi« sagte die Gräfin
freundlich »Den Weg nach unserem Hause  hier und in Wien  werden Sie
hoffentlich immer noch finden Und recht oft«
    »Danke Gräfin Aus dieser liebenswürdigen Aufforderung sehe ich dass Sie in
mir nicht  wie so viele hier  einen gefährlichen Narren sehen«
    Kajetane fiel lebhaft ein
    »Sprechen Sie nicht so  Sie sind ein «
    Hier blieb sie stecken Rudolf schaute sie überrascht an Ihre Wangen
glühten und ihre großen schwarzen Augen blickten ihn eigentümlich an
    Gräfin Ranegg ließ sich nicht mehr zurückhalten Sie verließ den Saal an
ihrer Seite Marta die ihr das Geleite gab Rudolf bot Kajetane den Arm und die
beiden folgten in einiger Entfernung den vorangehenden Müttern Der Weg zum
Schlosshof wo der Wagen stand führte über mehrere lange Korridore die Treppe
hinab durch eine lange Halle man hatte Zeit zu einem Gespräch
    »Was wollten Sie vorhin sagen Gräfin Kajetane« fragte Rudolf »Sie sind
ein  begannen Sie und brachen ab Was bin ich«
    »Ein ungewöhnlicher Mensch«
    »Das ist sehr milde ausgedrückt«
    »Sie glauben doch nicht dass ich mir eine Verurteilung erlaube «
    »Doch wäre eine solche  von Ihrem Standpunkt  nur zu natürlich Ich bin
ein aus der Art Geschlagener während Sie ein Muster  ein Prachtexemplar der
Art sind aus der ich geschlagen bin Sie müssen mich daher verurteilen«
    »Ich tue es nicht Zwar verstehe ich Sie nicht ganz aber ich weiß ich
fühle dass Sie Großes und Edles bezwecken «
    »Und glauben Sie dass ich es erreiche«
    »Auch das kann ich nicht wissen Ich habe ja in das alles keinen Einblick 
bin ganz unwissend Was Sie getan haben hat großen Eindruck auf mich gemacht 
dennoch wenn ich mir Ihre Worte zurückrufen will so geht es nicht Ich weiß
nicht mehr was Sie gesprochen haben  ich gäbe was drum wenn ichs noch einmal
hören oder lesen könnte  ich glaube ich könnte da etwas lernen etwas ganz
Neues «
    »Flösst Ihnen das Neue keine Furcht ein Gräfin Kajetane Ihre ganze
Erziehung fusst auf dem Alten Ihr ganzes schönes harmonisches Leben ruht
darauf«
    Sie schüttelte den Kopf aber blieb die Antwort schuldig Sie war zu
zurückhaltend um über sich zu sprechen um sich gegen die Meinung zu
verteidigen dass sie nur am Alten hing während doch ihr junger offener Sinn
sich den Ahnungen und Verheißungen nicht verschlossen hatte mit denen die nach
Neugestaltung auf allen Gebieten ringende Gegenwart erfüllt ist Und der Mann an
ihrer Seite hatte den Mut dieser Neugestaltung Phrophet und Mitschöpfer zu
sein opferte dafür Stellung und Reichtum  wahrlich »ein ungewöhnlicher
Mensch« Wie bemerkte er vorhin »Das war milde ausgedrückt«  nein schwach
ausgedrückt wars  sie hätte sagen mögen  aber auch dazu war sie zu
zurückhaltend  »ein herrlicher Mensch«
    Nun gingen sie schweigend bis hinunter Aber Rudolf fühlte dass dieses
Mädchen  eines jener Vögelchen die auf den zum Falle bestimmten Bäumen
nisteten  dass dieses Mädchen für ihn und für sein Tun voll Sympatie war
Unwillkürlich drückte er leise ihren Arm an sich
 
                                       XX
Der zwischen Hugo Bresser und Sylvia schwebende Liebesroman der an jenem Abend
da sie sein Drama vorgelesen für beide in ein die Herzen tief bewegendes
Stadium getreten war war seither zu keinem Abschluss gelangt  weder Bruch noch
Vereinigung  auch nicht einmal zum Geständnis
    Über ihn war mit der gesteigerten Anbetung Schüchternheit und Scheu gekommen
 er fürchtete sie zu erzürnen und zu verlieren wenn er spräche Und dadurch
dass er sie zum Gegenstand seiner dichterischen Huldigung machte war sie ihm in
eine Art Wolkenferne gerückt  in Wolken die zwar seinem eigenen
Weihrauchkessel entstiegen die sie aber in Unnahbarkeit hüllten
    Die ihr gewidmeten und sie besingenden Gedichte gab er ihr nicht zu lesen
Die sollten zu einem ganzen Bande anwachsen und erst wenn er unbestrittenen
Ruhm erreicht hätte sollten sie so überreicht werden Nur Großes durfte er ihr
schenken nichts Geringeres als für ihren Namen die Unsterblichkeit
    Und sie Sie kam ihm nicht entgegen »Geh in Reinheit durchs Leben« Dieses
Wort ihrer Mutter hatte sich ihr im Gedächtnis festgesetzt wie dies manchmal
bei Melodien geschieht die man nicht los wird die im Ohre nachklingen man mag
wollen oder nicht Auch die Antwort die sie darauf gegeben blieb so haften
»Das will ich ja« Es war dies ein nicht allein der Mutter sondern auch sich
selber gegebenes Versprechen
    Das Bewusstsein den jungen Dichter zu lieben erfüllte sie mit einem so
intensiv beseligenden Gefühl dass sie es wunschlos genoss Es war eine ganz aus
Bewunderung und Zärtlichkeit zusammengesetzte Empfindung  von keinem Schatten
sinnlichen Verlangens gestreift Es war die zweite Liebe in ihrem Leben Welcher
Unterschied mit der ersten Errötend dachte sie jetzt an den leidenschaftlichen
Taumel zurück der sie zur Zeit ihrer Verlobung erfasst hatte Wie sie damals
erglüht für einen Menschen von dem sie nicht eine wahrhaft liebenswerte
seelische Eigenschaft kannte  während jetzt die Seele allein die große lichte
Seele eines Künstlers eines gottbegnadeten Genius es ihr angetan Die
Ernüchterung welche durch Tonis brutale Art zu lieben so jäh und schmerzlich
auf ihren Rausch gefolgt war hatte ihr die sinnliche Seite der Liebe verekelt
und der völlige Mangel an Idealität den ihr Gatte im ehelichen Verkehr gezeigt
machte ihr nun die bloß ideale Ekstase ihrer neuen Liebe doppelt wert
    Dass echte Liebe schließlich nach beiden Seiten hin nach Vollendung und
Erfüllung drängt das wusste sie nicht Sie war so sehr die Natur sie zur »
grande amoureuse« geschaffen in Liebesdingen nicht erfahren So ließ sie
sorglos und still beglückt es sich genügen dass eine reine von keinem
Leidenschaftssturm gepeitschte ruhige Flamme ihr Herz durchwärmte Nicht nur im
bildlichen Sinne fühlte sie diese Wärme sondern fast wie etwas Greifbares
physisch Vorhandenes Es stieg in ihrer Brust auf  beim Erwachen beim
Einschlafen oft unter Tags wenn sie an etwas ganz anderes dachte Wie ein
plötzlicher heißer Strom der vom Herzen zur Kehle flutete den Atem beklemmend
 in unnennbarer Süße  Nicht Verlangen war das sondern Besitzesfreude Als
einen reichen lebenserhöhenden sie mit Stolz erfüllenden Besitz empfand sie in
solchen Augenblicken dass sie liebte  einen herrlichen Menschen liebte von dem
auch sie  seit langem schon  geliebt war Und wenn sie so an ihn dachte da
erschien vor ihrem Innern weder sein Gesicht noch seine Gestalt sondern nur das
abstrakte Bild seines hochfliegenden Geistes seiner schönheitsgewaltigen Kunst
Gegen eine solche Liebe durch die sie sich nur gehoben und geadelt fühlte
brauchte sie doch nicht anzukämpfen 
    Sie hatte sich alle seine Werke kommen lassen und genoss jede gelungene
Stelle darin wie ein Durstender eine saftige Frucht genießt Der Wohllaut der
Verse die sie sich laut vorsagte und die sie bald auswendig kannte wiegte sie
ein wie Musik jeder neue schöne Gedanke war ein Rechtstitel mehr auf ihre
stolze Liebe Nicht nur in Reinheit  nein in Größe konnte man da durchs Leben
gehen
    Äußere Umstände traten hinzu um die Gefahr hintanzuhalten dass die so
himmelhoch gespannte  im eigentlichen Sinne des Wortes überspannte Leidenschaft
der Liebenden in eine irdische umschlage Fast nie trafen sie sich allein
Notwendige Reisen  Sylvia zu ihrer erkrankten Schwiegermutter Hugo zur Probe
seiner Schauspiele nach deutschen Städten  und andere Zufälle mehr brachten
lange Trennungen und so kam es dass jetzt nach so langer Zeit der Roman noch
schwebte  ohne Bruch und ohne Vereinigung
    Das Verhältnis Delnitzkys mit der schönen Sängerin dauerte fort Es war ihm
zur Lebensgewohnheit geworden Da er weder vor der Welt und seinen Verwandten
noch auch vor seiner Frau  von der er wusste dass sie davon unterrichtet war 
diese Liaison zu verbergen suchte und da die anderen die Sache schweigend wie
etwas Selbstverständliches hinnahmen so war ihm allmählich zu Mute geworden
als lebte er da in einer Art zweiter konzessionierter Ehe und dass er wenigstens
darin als treu und standhaft sich erwies das rechnete er sich selber zum
Verdienste an
    Zudem hatte ihm die Geliebte einen Sohn geschenkt und er liebte das kleine
Bürschchen  mit ihm zu spielen war ihm eine wahre Lust Der Gedanke an eine
Scheidung von Sylvia war ihm wohl manchmal aufgestiegen  da konnte er die
andere heiraten und dem kleinen Toni seinen Namen geben Was diesen Gedanken
aber nicht recht aufkommen ließ war die Vorstellung der für einen
österreichischen Aristokraten recht unerquicklichen und umständlichen zu einer
Scheidung erforderlichen Formalitäten Religionswechsel Naturalisierung in
Ungarn und vor allem der »Eklat« Dieser Begriff hatte für ihn etwas besonders
Abschreckendes So flößte ihm das was sein Schwager Dotzky getan das Aufgeben
seiner Stellung um unter die Sozis zu gehen  wie er Rudolfs Handlung
bezeichnete  einen an Verachtung grenzenden Widerwillen ein Natürlich wurde er
im Klub und wo er sonst hinkam mit allerlei Fragen oder Kritiken über Rudolfs
Vorgehen behelligt Er sollte den Leuten erklären wie und warum sein Schwager
so Unerhörtes angestellt und was er noch Unerhörteres vorhatte Aber er ward des
Auskunftgebens bald müde und sagte nur mehr mit ärgerlichem Achselzucken »Ach
bitt Euch lasst mich mit dem Querkopf in Ruhe  mich gehen seine
Extravaganzen nichts an«  Er versuchte auch seiner Frau den Umgang mit Rudolf
zu verbieten Diesen Versuch wies Sylvia jedoch mit aller Entschiedenheit
zurück Die Zuneigung und Hochschätzung die sie seit frühester Kindheit für
ihren Stiefbruder hegte war durch seine so ungewöhnliche Tat noch um vieles
gestiegen Sie blickte zu ihm auf voll Stolz auf das was er getan und voll
Vertrauen in das was er sich zu tun vorgesetzt
    Von der Gesellschaft hatte sich Sylvia allmählich zurückgezogen Das
Bewusstsein war ihr peinlich dass sie von ihren Bekannten als die verlassene und
betrogene Frau bedauert wurde Solche die wussten dass sie eigentlich nicht
betrogen war da sie die Untreue ihres Mannes kannte die verurteilten sie mit
Strenge »Das ist unmoralisch von einer Frau sich solches gefallen zu lassen
herzlose Gleichgültigkeit verächtliche Schwäche« Wie oft hatten vermeintliche
gute Freundinnen mit allerlei vorsichtigen Redewendungen ihr zu hinterbringen
gesucht dass es heiße  dass man munkle  sie möge doch auf ihrer Hut sein
 Und wenn sie auf solche Insinuationen achselzuckend mit einem »Ich weiß ja
alles« antwortete dann brach die Entrüstung los »Wie Du weißt  und duldest
es  vergisst Du was Du Deiner Würde schuldig bist Deine Rechte als Gattin
musst Du wahren« Manche sagten auch sie solle sich einfach rächen  gleiches
mit gleichem  Das am allerwenigsten In Reinheit wollte sie durchs Leben
gehen
    Länger als ein Jahr war es nun dass sie Hugo Bresser nicht gesehen Häufig
jedoch erhielt sie von ihm Briefe und wenn auch seltener sie schrieb auch ihm
Es waren keine Liebesbriefe aber zwischen den Zeilen pochte hörbar für den
Empfangenden das Herz des Schreibenden Der einzige Gegenstand der
Korrespondenz war die Literatur Er schrieb von seinen Entwürfen und Erfolgen
er übersandte ihr Proben der Sachen die er eben auf der Werkstatt hatte er
schickte ihr aber auch Bücher anderer Verfasser die Eindruck auf ihn gemacht
und dissertierte über deren Inhalt Sylvia gab ihr Urteil ab nicht im Tone der
Kritik sondern einfach indem sie sagte was sie bei dieser oder jener Stelle
empfunden
    Seitdem sie einem Dichter ihr Herz geschenkt war ihr die Beschäftigung mit
Dichterwerken zu einem genussreichen lebenausfüllenden Studium geworden In
einem schönen Gedichte  ob es nun von Hugo war oder nur von ihm angepriesen 
konnte sie schwelgen wie ein musikliebender Mensch in Melodien schwelgt Zu
eigenem Schaffen brachte sie es nicht hätte es auch gar nicht gewollt Das
Vertiefen in die Werke der anderen gab ihr volle Befriedigung
    Erst durch die Liebe war diese Passion in ihr geweckt worden Das gehobene
und geradezu wonnige Entzücken mit welchem sie an jenem Abend Hugos Dichtung
vorgelesen hatte in ihr die Leidenschaft für alle Poesie angefacht und von da
an versenkte sie sich mit Inbrunst in die Werke aller toten und lebenden Meister
des gebundenen Worts Und ihr Dichter hielt  in ihren Augen  neben den
berühmtesten Literaturhelden Stand Dass auch er die höchste Stufe seiner Kunst
erreichen werde war für sie nicht zweifelhaft Und sie blickte mit einer Art
Ehrerbietung zu ihm auf Dass sie die große Dame er ein eigentlich noch
unbekannter Literat und gesellschaftlich unbedeutender Mensch war kam ihr gar
nicht zum Bewusstsein  er war der Gottbegnadete der Anwärter auf die
Strahlenkrone des Ruhms  sie eine einfache unbedeutende Frau
Einige Tage nach dem Abschiedsdiner in Brunnhof erhielt Sylvia von Hugo einen
Brief worin er seine Ankunft in Wien für den nächsten Tag ansagte
    Es versetzte ihr einen freudigen und zugleich bangen Schreck Die lange
briefliche Gemeinschaft war ihr zu teurer Gewohnheit geworden dass sie beinahe
fürchtete die persönliche Berührung könnte irgend eine Störung einen Misston
hineinbringen
    Dennoch gewann die Empfindung die Oberhand dass der morgige Tag mit diesem
Wiedersehen ihr ein hohes Fest verhieß Sie teilte es sich so ein dass sie um
die Stunde für die er sich angesagt allein zu Hause war
    Es war Nachmittag vier Uhr Draußen schien eine helle und warme Herbstsonne
Dennoch brannte im Kamin ein lustig prasselndes kleines Feuer Und auf einem
Seitentische über blauen Spiritusflämmchen brodelte in silbernem Kessel das
Teewasser Von der Straße her gedämpfter Wagenlärm Magnolienduft vom
Blumentisch Vor diesem steht Sylvia und pflückt eine Blüte ab die sie an ihre
Taille steckt Sie trägt ein Strassenkleid aus schwarzem Samt  eben war sie von
einer Ausfahrt heimgekommen  auf ihren Wangen lag frisches Rot und die Augen
funkelten
    In einer halben Stunde sollte er kommen doch schon jetzt ertönte die
Klingel
    Ein Besuch Nun die Losung war gegeben niemand anderer sollte vorgelassen
werden als Bresser  und Anton war von Wien abwesend
    Die Tür ging auf und der Diener überreichte auf silberner Platte ein
Telegramm
    Jedenfalls eine Absage von Bresser  An der bitteren schmerzlichen
Enttäuschung die ihr dieser Gedanke verursachte erkannte sie erst wie sehr
sie sich auf den bevorstehenden Besuch gefreut
    Die Depesche war aber nicht von Bresser und betraf etwas ganz
Gleichgültiges Jetzt freute sie sich doppelt und mit vollem Bewusstsein Die
Furcht dass das Wiedersehen irgend einen Misston bringen könne war nun verflogen
 vielmehr eine Erfüllung sollte es werden ein Löschen des brennenden Durstes
ihrer Seele
    Sie ging ans Klavier und spielte leise die Sonnenaufgangshymne aus dem
Propheten Diese Melodie war ihr seit jenem Teaterabend die Zauberformel
geblieben mit der sie sich jederzeit die Gegenwart ihres Dichters herbei
beschwören konnte als atmete sie seine Nähe
    Vom Klavier ging sie in ihre gewohnte Ecke wo neben der Chaiselongue ein
drehbares Lesetischchen stand Sie setzte sich und nahm ein Buch zur Hand Der
Band »Gedichte von Hugo Bresser« öffnete sich von selber auf der Seite die sie
gewollt Auch da fand sie eine Beschwörungsformel  eine gewisse Strophe voll
Wohllaut und voll Schwung
    Aber sie legte das Buch wieder weg Sie durfte doch nicht bei dieser Lektüre
sich finden lassen  das hätte wie eine plumpe Absichtlichkeit geschienen Sie
ließ die Hände herabfallen und schloss die Augen Nicht spielen nicht lesen
wollte sie  nur so dasitzen das holde Bangen der Erwartung geniessend dem
eigenen Herzen lauschend wenn manchmal ein beschleunigter Schlag ihr bis in die
Kehle drang  wie süß das war 
    Noch war die halbe Stunde nicht verflossen  und wieder ertönte die Klingel
    Sylvia sprang auf sie fühlte dass sie erbleichte
    Bresser trat über die Schwelle und verneigte sich ehrerbietig sie blieb 
eine Weile regungslos  auf ihrem Platz stehen
    Durch den zeremoniellen Gruß und den Ton seiner Stimme »Gnädigste Gräfin«
kam sie zur Besinnung und  ganz Weltdame die einen willkommenen fremden Gast
empfängt  ging sie ihm ein paar Schritte entgegen und reichte ihm die Hand zum
Kusse
    »Wie ich mich freue Sie wieder zu sehen Herr Bresser  werden Sie nun eine
Zeitlang in Wien bleiben Bitte setzen Sie sich « und sie selber ließ sich
auf ihren gewohnten Platz neben dem Lesetischchen nieder  »Sehen Sie« 
lächelnd  »ich habe hier Ihren Gedichtenband  aber Sie dürfen nicht glauben
dass ich ihn nur im Hinblick auf Ihr Kommen hierher gelegt ich «
    Sie stockte Denn Bresser ging weder auf ihren förmlichen noch auf den
scherzenden Ton ein er blieb stumm und auch den angebotenen Sitz hatte er nicht
angenommen sein Gesicht zeigte tiefe Bewegung die Augen hielt er mit
zärtlichem Vorwurf auf sie geheftet  sie fühlte dass er von ihrem Empfang
enttäuscht war
    Das war er im Anfang auch gewesen aber wie sie jetzt so stockte wie unter
seinem Blicke auch in ihren Augen es zärtlich zu schimmern begann da verstand
er dass diese angenommene Gleichgültigkeit nur ein Schleier  ein für ihn jetzt
durchsichtiger Schleier war den sie über den sonst zu grellen Glanz ihrer
gegenseitigen Wiedersehensfreude geworfen hatte Eigentlich nach all den
getauschten Gedanken und getauschten Empfindungen nach der Sehnsucht die sich
in dem verflossenen Jahr von einem zum andern gesponnen hätten sie ja einfach
sich in die Arme sinken müssen  o Du Du  seh ich Dich endlich  Da dies
aber nicht sein konnte so war diese Art wohl die beste gewesen sie wussten ja
doch beide was unter dem Schleier verborgen war
    So wollte er denn ihrem unausgesprochenen Befehl gehorchen und indem er
sich setzte sagte er einen unbefangenen Ton erzwingend
    »Ob ich längere Zeit in Wien bleibe Gräfin Das hängt von Umständen ab Der
Direktor des Burgteaters dem ich mein Drama eingereicht hat mich zu einer
Unterredung bestellt Vielleicht handelt es sich um Änderungen  angenommen ist
das Stück  vielleicht auch schon um den Beginn der Proben da müsste ich
allerdings hier bleiben«
    »Was  ein Stück an der Burg  und davon hatten Sie mir nichts geschrieben«
    »Ich wollte es nicht früher sagen als bis die Annahme sicher war«
    »Und welches Ihrer Stücke«
    »Mein letztes noch nirgends aufgeführtes  von dem Sie den ersten Akt uns
vorgelesen haben «
    »Ah  Der tote Stern  Den haben Sie zu Ende geführt  und mir in Ihren
Briefen kein Wort «
    »Meine Ambition war dass Sie die folgenden Akte nicht im Manuskript sondern
von der Bühne aus beurteilen sollen«
    »Ich werde furchtbar zittern bei der Première«
    »Zittern Für mich«
    »Für Sie für das Stück für mich  ich könnte es nicht vertragen wenn das
Publikum keinen Beifall zeigte «
    »Wenn das Stück durchfiele meinen Sie  Wer weiß ob es vor Ihnen Gnade
findet Vielleicht müsste Ihnen dessen Fiasko gerechtfertigt erscheinen«
    »Werde ich denn überhaupt urteilen können wenn ich zittere Nur wenn Sie
mir das Ganze zu lesen gäben könnte ich mir klar werden ob ichs schön finde
oder nicht Erzählen Sie mir doch wenigstens wie Sie die Handlung weitergeführt
haben «
    »Nichts erzähle ich Gräfin Sylvia Ich habe mich zu lange darauf gefreut
Ihnen meine Dichtung in fertiger Gestalt und lebendig und neu vor die Augen zu
führen Ihnen ganz allein wird es vorgespielt werden  das übrige Publikum wird
für mich gar nicht anwesend sein«
    Sie sprachen dann von dem großen Ereignis in Sylvias Familie Rudolfs
Verzicht auf das Majorat Es tat Sylvia wohl zu hören wie groß Hugo die Sache
auffasste mit welchem weiten Blick er die von ihrem Bruder gewählten Wege und
Ziele umspann
    »Mich nennen Sie Dichter Gräfin« sagte er »Nun ja mit geschriebenen
Bildern und Worten dichte ich aber Rudolf tut es mit Handlungen mit kühnen
begeisterungsglühenden Taten  was er unternommen hat kann zum hinreissendsten
Poem werden«
    So sprachen sie lange über allerlei Dinge Aber etwas Unausgesprochenes lag
zwischen ihnen etwas woran beide dachten und wovon jedes wusste dass es in den
Gedanken des anderen obenauf war Es zitterte in ihren Stimmen es blitzte in
ihren Augen auf es tönte in ihrem Schweigen nach wenn manchmal die
Unterhaltung stockte
    In einer solchen Pause geschah es dass ihre Blicke sich begegneten und wie
liebkosend aneinander hängen blieben Er war glücklich sie so schön zu sehen 
und auch sie empfand es wie eine Freude dass seine Erscheinung so harmonisch zu
seiner Künstlerseele passte edle Züge leuchtendes Auge und dabei in Art und
Ton in Kleidung und Bewegung  tadelloser Weltmann Diesen Menschen zu lieben
war man wahrlich entschuldbar  sie war stolz auf ihn  und fast stolz auf
sich dass ihr Herz sich einem so Würdigen geschenkt
    Nach einer kleinen Stunde die ihnen verflogen war wie fünf Minuten musste
er gehen  der Direktor erwartete ihn
    »Wann darf ich wiederkommen«
    »Morgen um dieselbe Stunde«
    Der Abschiedsgruss war ein langer fester Stumm sagten sie einander durch
diese warmen bebenden Hände
    Herrliche auf Wiedersehen  Auf Wiedersehen Lieber
 
                                      XXI
Rudolfs Schrift war erschienen  eine Anklageschrift der Titel lautete »das
Verbrechen der Kulturmenschheit« Zugleich gab er eine zweite  eine
Verheissungsschrift heraus »Das Glücksfüllhorn der menschlichen Kultur«
    In der ersten war die ganze Schale seines Zornes auf die Heuchelei den
Blödsinn und die Grausamkeiten ausgegossen die den herrschenden sogenannten
Kulturzuständen zugrunde liegen In der zweiten ließ er seiner Begeisterung und
seiner Einbildungskraft freien Lauf um zu schildern wie das Erdenleben sich
gestalten müsste wenn neben den märchenhaften Errungenschaften der technischen
Kultur auch die etische zur Geltung käme das heißt wenn Wahrhaftigkeit
Vernunft und Güte alle gesellschaftlichen Verhältnisse regelten Absichtlich
hatte er diese beiden Aspekte wie er die Welt sah  und wie er sie sehen wollte
nicht in eine Arbeit verschmolzen sondern getrennt um Zorn und Verheißung mit
gleichem Feuer vertragen zu können  nicht das eine durch das andere gedämpft
    Das nächste Ergebnis dieser Veröffentlichung war  dass die Broschüren so gut
wie gar nicht gelesen wurden Sowohl die Anklage blieb ungehört als auch die
frohe Botschaft Zwar brachten einige Blätter Notizen aus Bekanntenkreisen
erhielt er einige anerkennende  auch zwei oder drei tadelnde von anonymen
Schreibern sogar einige grobe Briefe  aber eine Revolution machten die
Schriften nicht nicht einmal Lärm Es war da wieder einmal ein Fingerhut voll
Pulver zum Sprengen einer Gebirgskette angewendet worden
    Aber gleichviel Eine kleine Schrift von unberühmter Feder kann die Welt
nicht aufstören Ihr Zweck war auch ein anderer Rudolf hatte sich sozusagen das
Programm vom Herzen geschrieben das er seinem Apostolat zugrunde legen wollte
Er wusste ja dass das was er unternahm eine langjährige Kampagne werden musste
um irgendwie durchzudringen  und vorläufig war in den beiden Schriften zu
dieser Kampagne der Plan abgesteckt Er hatte hineingelegt was ihm in manchen
Nachtstunden überkam wenn er zwischen Wachen und Träumen lag und an sein
Lebenswerk dachte  nämlich tiefgeekelte Entrüstung über obwaltende
Schildbürgereien Bosheiten und Gemeinheiten und dann wieder frohlockendes
Erfassen der Glücksmöglichkeiten einer schöneren Zukunft und der schon
vorhandenen Ansätze dazu Er musste sich aber selber sagen dass seine
Ausführungen wie sie da auf dem Papiere standen nur ein ganz matter Abklatsch
jener nächtlich heftigen Gefühlsanwandlungen und grellen Gedankenblitze war das
kam daher  sagte er sich zum Schreiben hat man nur Worte  festgeprägte an
alte Erkenntnisse geknüpfte Worte die Gedanken hingegen vom Gefühle
sekundiert operieren mit Ahnen und Sehnen mit inbrünstiger Neuerkenntnis von
Dingen für die im bestehenden Wortschatz der Ausdruck noch nicht geprägt ist
»Wenn ich denke« so erklärte er einmal im Gespräch mit Kolnos diesen Kontrast
»so bewegt sich mein Geist mit Schwingen und wenn ich schreibe  in Galoschen«
    Unter den Briefen die ihm infolge seiner Publikation zugekommen waren fiel
ihm einer auf in verstellter Frauenhand und ohne Unterschrift Es waren nur
wenige Zeilen
    »Die Lektüre Ihrer beiden Schriften  die Titel sind mir zu lang ich nenne
sie die Hölle und das Paradies  haben mich tief ergriffen und ich muss es Ihnen
sagen Wenn Sie auch nicht wissen wer es sagt  ich glaube es wird Ihnen
immerhin lieb sein zu erfahren dass Ihre Worte eine Schwesterseele  die
empfängliche Seele eines jungen Weibes  in gehobenste Mitschwingung versetzt
haben
    Übrigens nicht um Ihnen angenehm zu sein schreibe ich dieses sondern um
meine eigene Sehnsucht zu befriedigen die Sehnsucht Ihnen zu sagen dass mein
Herz in hingebender Bewunderung für Sie schlägt Das niedergeschrieben zu haben
und mir vorzustellen dass Sie es lesen werden das tut diesem Herzen wohl«
    Rudolf war nicht unempfänglich für den warmen Ton der aus dem anonymen
Briefchen sprach Aber nachdem er es beiseite geschoben und die anderen mit
gleicher Post angelangten Zuschriften las dachte er nicht mehr daran
    Was ihm mehr zu denken gab war ein amtliches Schreiben aus dem
Kriegsministerium das ihn für den nächsten Vormittag zehn Uhr in die Kanzlei
des Ministers beschied
    Er ahnte wohl was da kommen würde Der Gang war ihm ein unangenehmer aber
er musste getan werden Am folgenden Tag fand er sich pünktlich zur bestimmten
Stunde am bestimmten Orte ein
    Der Kriegsminister war ein Vetter vierten Grades seines verstorbenen Vaters
und oft war er mit ihm in befreundeten Häusern zusammengekommen hatte ihm auch
einmal als Jagdgast in Brunnhof empfangen Aber diesmal sollte er dem Gestrengen
nicht in verwandtschaftlichem noch in gesellschaftlichem sondern in
dienstlichem Verhältnis gegenüber treten in seiner Eigenschaft als Oberleutnant
der Reserve
    Der Minister war allein in seinem Kabinett als Rudolf von einem
Ordonnanzoffizier gemeldet dasselbe betrat
    Der alte Herr dessen Physiognomie immer eine martialische war nahm einen
ganz besonders strengen Ausdruck an und mit schnarrender Stimme sagte er
    »Ah  Herr Oberleutnant Dotzky  kommen Sie nur her«
    Rudolf der in einiger Entfernung salutierend stehen geblieben war trat
näher Die Ansprache bedeutete nichts gutes Ausserdienstlich waren die beiden
Männer auf dem Duzfusse Das unfreundliche »Sie« kehrte den Vorgesetzten heraus
»Sagen Sie«  er nahm von seinem Arbeitstisch zwei gelbe  Rudolf gar
wohlbekannte Hefte und hielt sie eins in jeder zitternden Hand  in die Höhe 
»haben Sie diese beiden Wische geschrieben«
    »Ja Exzellenz Ich habe die Schriften ja auch gezeichnet«
    »Aber Sie Unglücksmensch  wissen Sie was nun geschehen muss«
    »Ich kann es mir ungefähr vorstellen Ich werde aus dem Armeeverband
scheiden müssen«
    »Und eine solche Schand  die wollens so gleichmütig hinnehmen«
    »Ich habe mir das Recht zu sagen was ich will schon sehr hoch bezahlt
indem ich auf das Majorat verzichtet  da kommt es auf einen Verzicht mehr oder
weniger nicht an Als Schande empfinde ich die Freiheit nicht Ich werde eines
Ranges für verlustig erklärt der mich zwingen soll Dinge mit anzusehen die
ich verurteile Diese Verlusterklärung ist berechtigt aber sie beschämt mich
nicht Wäre es möglich einfach seinen Austritt aus der Reserve anzumelden so
hätte ich es getan da das aber nicht angeht so «
    »Aber Dotzky  bist Du denn ganz verrückt« unterbrach der Minister in das
verwandtschaftliche Du zurückfallend  »ist die Geschichte mit dem Majorat
wirklich wahr Ich habs nicht glauben wollen«
    »Ja ich will ungebunden sein«
    »Das ist ja niemand auf der Welt  Jeden binden Pflichten  von unserem
allerhöchsten Kriegsherrn angefangen an dessen Pflichttreue jeder sich ein
Beispiel nehmen kann«
    »Gewiss Aber auch ich habe nur aus Pflichtbewusstsein gehandelt«
    »Und was in aller Welt willst Du denn mit solchen revolutionären Schriften
erreichen Ich habe meinen Augen nicht getraut wie ichs durchgeblättert hab«
    »Ich bin nicht revolutionär Ich sage was schlecht ist in unserer Gegenwart
und was gut werden könnte in der Zukunft Ich sage aber nicht dass der Weg vom
schlechten Alten zum guten Neuen über die Revolution führt Von Gewalt will ich
nichts wissen weder von oben noch von unten Nicht eine Zeile wird in diesen
Schriften zu finden sein die zu irgend einer Gewalttätigkeit aufreizen will«
    »Und ich sage Dir es ist nicht eine Zeile darin vom Titel angefangen die
nicht Auflehnung bedeutet Verbrechen der Kulturmenschheit Mein Amt ist auch
ein Stück unserer Kultureinrichtungen  Bin ich ein Verbrecher  Kurz Sie
haben sich unmöglich gemacht  Ich hätte Sie für gescheiter gehalten Wissen
Sie denn nicht dass ein Soldat nicht offene Kritik üben darf an Dingen wie die
Gesellschaftsordnung oder gar am Militär selber«
    »Wer darf also Kritik üben  da bei der allgemeinen Wehrpflicht jeder Mann
Soldat sein muss  nur Frauen Kinder Greise und Krüppel Und da faselt man von
Freiheit «
    »Du hast furchtbar vertrakte Ideen Aber schließlich  ich will die Sache zu
applanieren trachten Es hängt ja in letzter Instanz doch von mir ab Wenn Du
wirklich nachweisen kannst dass Du nichts direkt Beleidigendes und nichts zur
Auflehnung Ermunterndes gesagt und gemeint hast und auch in Zukunft «
    »Auch in Zukunft werde ich nie zur Gewalt aufmuntern oder zum Hasse
aufhetzen Diese beiden Dinge sind ja eben das was ich bekämpfe«
    »Halte Dich in Zukunft lieber ganz still «
    »Wenn das die Bedingung Ihrer Nachsicht sein soll Exzellenz dann möchte
ich schon bitten es bei der Strenge bewenden zu lassen  denn zum Schweigen
kann ich mich nicht verpflichten«
    »Na wir werden ja sehen wie Du Dich weiter aufführst Einstweilen
betrachten Sie sich als gewarnt Herr Oberleutnant Graf Dotzky«
    Und damit war Rudolf entlassen
    Er verließ das Kabinett des Ministers in trüber Stimmung  Es war ihm als
fühlte er Kugeln an den Füßen und Handschellen an den Händen Das ganze
Kriegsgebäude das er nun durchschritt mit seinen schmucklosen Sälen seinen
weiten Gängen seinen Treppen über die uniformierte Menschen auf und nieder
eilten machte ihm den Eindruck eines Gefängnisses Und vor dem Tor die
schwarzgelbe Barriere die Schilderhäuschen der Trupp von Soldaten die neben
dem Tor auf der Bank saßen  das alles was er doch so oft gesehen erschien ihm
heut in ganz neuem Licht  wie eine Mahnung dass das Bestehende feststeht dass
es voll organischen Lebens ist und dass die Versuche es umzustossen daran
zerstieben müssen wie der Schaum einer kleinen Welle am Meeresfelsen
    Und als er nun ganz herausgegangen und den Platz »am Hof« vor sich sah
erschien ihm auch diese altbekannte Szenerie in einem ganz besonderen Licht Es
hatte die ganze Nacht geregnet das Pflaster glänzte im schwarzen Nass und es
regnete noch immer zugleich brach aber ein Sonnenstrahl aus den Wolken und
spielte um das Haupt des RadetzkyDenkmals Der alte Feldmarschall sitzt zu
Pferde dem Kriegsgebäude kehrt er den Rücken und mit der ausgestreckten Hand
scheint er die zahlreichen Hökerinnen zu segnen die auf diesem Platze
allmorgendlich Gemüse verkaufen Auf der andern Seite des Platzes dem
Kriegsgebäude gegenüber steht das Palais der Nunziatur  auch so ein ragender
Fels an dem so manche Wellchen zerschellen  Es war ein lärmendes Gewimmel
vor allen Ständen die feilschenden Köchinnen mit ihren Einkaufskörben auf dem
Strassenpflaster das Gerassel der Fiaker Einspänner Omnibusse Frachtenwagen
und auch  von allen Gefährten das jammervollste  ein Kälberwagen hin und
hereilende geschäftige Leute die mit ihren Regenschirmen aneinander stießen 
das Ganze ging Rudolf furchtbar an die ohnehin gespannten Nerven Es überkam ihn
jenes müde und traurige Gefühl das sich in dem Stossseufzer Luft machte Ach
tot sein  Und da fielen ihm seine Toten ein Die liebliche Beatrix mitten
aus der Jugendfülle und von des Lebens Höhen in die finstere Gruft geschleudert
 und sein armer kleiner Fritz Was gäbe er darum wenn er die beiden noch
besäße  unvergossene Tränen schnürten ihm die Kehle zu
    Als er aber wieder in seine Wohnung gekommen und an den Schreibtisch trat
auf dem die unterdessen eingelaufenen Briefe und Blätter und seine angefangenen
Arbeiten lagen da ward diese Anwandlung mutlosen Trübsinns bald verscheucht
Die Sorgen die sein eigenes Los betrafen mussten verschwinden angesichts der
großen Sache der sein Leben nun ganz geweiht war Die Briefe die mit der
letzten Post gekommen waren trugen viel dazu bei die niedergeschlagenen
Gefühle zu bannen die ihn beim Verlassen des Kriegsministeriums übermannt
hatten Dort war er in der so starr und unumstösslich scheinenden alten Welt
gewesen wo alles wie in enge Eisenreifen eingeklemmt ist und die Briefe hier
brachten Kunde der verheissungsreichen sich dehnenden werdenden Welt Signale
von Mitkämpfenden Mitoffenden Mitwissenden Es war ihm als riefen alle diese
ihm zu Nur Mut nur Ausdauer  wir sehen schon die gelobte Stadt wir rütteln
an ihren Toren  hilf mit
 
                                      XXII
Am nächsten Tag  wie es ihm gestattet worden  und an den nächstnächsten kam
Bresser wieder
    Fast niemals traf er Sylvia allein aber wenn auch ein Dutzend Menschen
trennend zwischen ihnen war die beiden Liebenden wussten sich zu finden durch
beziehungsvolle Worte durch stumme Blicke oder auch durch den Kontakt
gleichgestimmter Gedanken und gleichschwingender Wünsche Im Teteatete waren
sie einander eher ferner denn da überkam sie beide eine eigene Schüchternheit
und Angst Und diese Angst zu vertreiben sprachen sie mit erzwungener Kälte von
gleichgültigen Dingen  so wie gespensterfürchtende Kinder im Finsteren laut zu
singen beginnen
    Hugo wusste sich geliebt Dieses Bewusstsein erfüllte ihn mit so
überwältigendem Glück dass er nicht wagen wollte die angebetete Frau durch
ungestümes Werben zu erschrecken Die Leidenschaft für Sylvia füllte ihm auch
nicht  eben jetzt  die ganze Seele aus Die Proben seines Stückes nahmen ihren
Fortgang dadurch war er in fieberhafte Aufregung versetzt Vom Schicksal gerade
dieser Dichtung in die er sein Bestes gelegt hing so furchtbar viel für ihn
ab Neben der Frage des Erfolges oder Misserfolges an einer so entscheidenden
Stätte wie das Wiener Burgteater stand noch mehr auf dem Spiele sein ganzes
Selbstvertrauen denn würde diese Arbeit durchfallen so musste er an seinem
Talent verzweifeln und umgekehrt gefiel sie so wäre ihm in seiner Kunst der
weitere Siegesaufstieg sicher Und die aufregendste Alternative von allen vor
ihr vor Sylvia als gefeierter Dichter oder als durchgefallener Autor
dazustehen  sie zu glühender Bewunderung hinzureissen oder zu mitleidiger
Enttäuschung stimmen  Er wohnte sämtlichen Proben bei und übte strengste
Selbstkritik Vieles erschien ihm matt und farblos und im Lauf der Proben nahm
er verschiedene Striche und Änderungen vor Bei Tag und Nacht feilte er noch in
Gedanken an dem Werk
    Sylvia indessen die keine solche Ablenkung hatte war mit ihrer Seele im
Banne ihrer neuen täglich wachsenden Leidenschaft Sie wehrte sich umso weniger
gegen deren berauschende Macht als Hugos ehrfurchtsvolle Zurückhaltung sie in
Sicherheit wiegte »In Reinheit durchs Leben gehen«  diesem Vorsatz durfte sie
nicht untreu werden aber da war keine Gefahr ihr Dichter selber das war ja
ersichtlich mischte kein profanes Begehren in seine Herzenshuldigung  auch er
liebte »in Reinheit«
    »Sylvia ich möchte ein ernstes Wort mit Dir reden«  damit trat eines
schönen Tages Delnitzky in das Zimmer seiner Frau die eben beschäftigt war in
einem Bande Bresserscher Gedichte zu lesen
    Sie blickte überrascht auf Der Umgang der beiden Gatten war seit letzter
Zeit ein ganz förmlicher geworden nur in Anwesenheit anderer sprachen sie mit
einander unter vier Augen hatten sie sich nichts zu sagen am allerwenigsten
»ernste Worte«
    Sie legte das Buch aus der Hand »Was gibts«
    Anton setzte sich neben den Tisch an der Seite ihrer Chaiselongue und
schaute das weggelegte Buch an
    »Aha das stimmt« brummte er
    »Was stimmt«
    »Diese Lektüre  mit den Dummheiten die Du machst«
    »Ich verstehe nicht«
    »Du lässt Dir von diesem Skribifax die Kour machen  die ganze Stadt spricht
schon davon und wie steh ich da«
    »Wie Du dastehst  verzeih das weiß längst die ganze Stadt vor der ist es
kein Geheimnis dass Du «
    Er ließ sie nicht ausreden
    »Das ist was anderes  wenn über mich getratscht wird so hat das weiter
keine Bedeutung  ich bin ein Mann Aber ich kann nicht dulden dass meine Frau
Anlass zu übler Nachrede gibt und ich verbiete einfach «
    Jetzt sprang Sylvia auf
    »Du mir Dazu hast Du das Recht verwirkt Ich habe mir nichts vorzuwerfen
und ich lasse mir nichts verbieten«
    »Na na echauffier Dich nicht so Dass Du Dir nichts vorzuwerfen hast
glaube ich ja  ich kenn Dich als viel zu wohlerzogen als dass Du  und
besonders mit so jemand  Dir was vergeben würdest Aber Du kompromittierst Dich
 und damit auch mich  Ein guter Freund hat mirs gesteckt  und ich denke
es genügt wenn ich Dich aufmerksam mache dass die Leute reden  da wirst Du
von selber der Sach ein End machen und mir dankbar sein dass ich Dich
rechtzeitig gewarnt hab  denn was kann einer Frau teurer sein als ihr guter
Name Schon Skandal genug in der Familie dass der Rudi solche Narrheiten macht
und ganz vergisst was er seinem Rang schuldig ist«
    »Kein Wort mehr über meinen Bruder« rief Sylvia zornig
    »Wenn ich auch nichts reden würde die übrige Welt nimmt sich kein Blatt vor
den Mund Man bedauert die arme Baronin Tilling dass ihr Sohn ihr so wenig Ehre
macht  so soll doch wenigstens die Tochter  Kurz«  er stand nun auch auf 
»Du verstehst mich schon  das Ganze ist ohnehin peinlich reden wir nicht mehr
davon  Verbiete dem preußischen Zigeuner das Haus  das ist ja ganz einfach«
    Bleich und zitternd stand Sylvia da Sie rang nach Worten fand aber keine
    Er nahm einen gemütlichen Ton an »Brauchst Dich nicht weiter zu alterieren
 die ganze Gschicht kann dann vergessen sein«  und er schritt der Tür zu
    Sie blickte ihm nach noch immer stumm Die Klinke in der Hand drehte er
den Kopf zurück
    »Also ausgemacht  Keine Antwort Mir auch recht«
    »So da kommt ohnehin die Mama  küss die Hand Mama kommst gerade recht 
Die Sylvia ist ein bissel aufgeregt weil ich ihr einen guten Rat gegeben hab
 sie solls Dir erzählen  Wie ich Dich kenne wirst Du mir recht geben 
ich lass Euch allein Adieu«
    Marta erschrak über den Gesichtsausdruck ihrer Tochter Es lag etwas darin
was sie vorher niemals an ihr gesehen die Augen sprühten unheimlich und die
Lippen bebten wie in verhaltenem Zorn Sie blieb regungslos Marta ging auf sie
zu und legte ihr die Hand auf die Achsel
    »Was ist denn geschehen Habt Ihr einen Auftritt gehabt Wegen Fräulein
Irma«
    »Nein wegen Hugo Bresser«
    »Ah so«  sagte Marta gedehnt Sie ging hin und setzte sich »Und Toni
sagte ich würde ihm recht geben  ich gestehe Sylvia dass ich heute auch die
Absicht hatte mit Dir über denselben Gegenstand zu reden«
    Sylvias Atem ging noch immer kurz Das Zittern ihrer Lippen hatte nicht
aufgehört Jetzt ließ auch sie sich in einen Fauteuil sinken der Mutter
gegenüber
    »Lass hören« sagte sie
    »Ich möchte vorher wissen was zwischen Dir und Deinem Mann vorgefallen 
und aus welchem Anlass  Du hast Dir doch nichts zu schulden kommen lassen 
Warum bist Du so verstört«
    »Weil ich empört bin empört Dieser Mensch der mich seit Jahr und Tag
betrügt  nein nicht einmal betrügt sondern mir ins Gesicht die Treue bricht 
der wagt es mir Befehle zu erteilen auf dass ich mich und ihn nicht
kompromittiere  seine Ehre hängt also nicht von ihm ab sondern von dem was
ich tue oder lasse «
    »Das ist schon einmal so liebes Kind  die Untugend eines Gatten gibt der
Frau kein Recht ihren eigenen Ruf aufs Spiel zu setzen  Wenn es in der Welt
hieße dass dieser junge Bresser «
    »In der Welt in der Welt  das ist doch nicht das höchste diese Welt
in der es heißt  diese blöde widerspruchsvolle ungerechte Welt in deren
Vorurteilsnetzen auch meine sonst so gedankenkühne Mutter gefangen ist  «
    »Aber Sylvia«
    »Ja ja  den Militarismus so das worauf unsere ganzen Staaten ruhen das
was unserer Fürsten Lieblingsbesitz und unserer Adelsfamilien Existenzgrundlage
ist das möchtest Du nur so wegblasen  Die himmelschreiende Ungerechtigkeit
aber in der Gesellschaft mit Bezug auf die Pflichten von Mann und Frau die
siehst Du nicht  da soll man sich fügen da sagst Du es ist schon einmal so
 Der Mann mag Liebschaften haben soviel er will  ohne auch nur den Schein
zu wahren die Frau aber soll alles dulden muss ihr Herz und ihre Sinne
ersticken ihrem Glück entsagen  nur damit die famose Welt nicht tuschelt 
eine Welt noch dazu die ihre Gesetze nicht einmal einhält sondern täglich im
Geheimen übertritt  geheim muss es nur sein  Nein Mutter siehst Du nicht
ein dass da ein Unrecht eine Knechtschaft herrscht die mit den andern Formen
von Sklaverei und Unglück sich messen kann gegen die Du Dich auflehnst wie es
mein Vater getan und wie Rudolf es tut«
    Marta war betroffen In dieser Richtung hatte sie in der Tat niemals einem
auflehnenden Gedanken Raum gegeben Sie antwortete nichts
    Da sie ihrer Entrüstung Luft gemacht fühlte sich Sylvia wieder ruhiger Sie
stand auf und ging zu ihrer Mutter hin
    »Im übrigen Mama« sagte sie indem sie den Arm um Martas Schulter legte
»sei mir nicht böse und sei nicht besorgt Ich habe mir wirklich nichts
vorzuwerfen  aber von Anton lasse ich mir nichts befehlen«
    »Und von mir nichts predigen«
    »Auch das nicht liebste Mutter Ich kann und will allein fertig werden mit
meinem Herzen und meinen Pflichten«
    »So gibst Du zu dass Du Pflichten hast«
    »Die hat jeder  es kommt nur darauf an gegen wen «
    »Du meinst gegen sich selber«
    »Reden wir jetzt von anderen Dingen bitte Was hörst Du von Rudolf«
    Marta blieb nicht lange Die Erregung und die Worte ihrer Tochter hatten
sie erschüttert Über die Sache weiter zu reden nachdem Sylvia erklärt hatte
sie wolle allein mit sich fertig werden ging nicht gut an und von anderen
Dingen zu sprechen war sie nicht aufgelegt Also brach sie ihren Besuch
vorzeitig ab
    Kaum war sie einige Minuten fort als der Diener meldete
    »Herr Bresser«
    Sylvia musste einen Aufschrei unterdrücken Eine warme Woge schwellte ihr das
Herz Nach dem Vorgefallenen hätte ihr keine Nähe zugleich verwirrender und
teurer sein können als die Nähe des jungen Dichters  Nach drei Seiten
Bretterwände mit Nägeln und Mauern mit Glasscherben und nur eine Seite frei wo
ein lichtübergossener Pfad hinausführte aus all dem Dunkel und auf diesem Pfad 
bereit ihr das Geleit zu geben Hugo Bresser So empfand sie in dieser Minute
    Hätte er seine Arme geöffnet  sie wäre hineingesunken und hätte dabei nicht
den geringsten Skrupel gehegt dass dies etwa nicht in Reinheit geschehen
    Er aber förmlich wie immer verbeugte sich und die kleine zitternde Hand
führte er respektvoll an seine Lippen Er bemerkte ihre Blässe und ihren
ungewohnten Ausdruck
    »Sind Sie nicht ganz wohl Gräfin«
    »O ja ganz wohl Setzen Sie sich bitte«
    Er gehorchte »Ich täusche mich nicht Gräfin Sylvia Sie sind in einer
aussergewöhnlichen Gemütsverfassung  doch ich habe keinen Anspruch auf Ihr
Vertrauen«
    Sie antwortete nichts Nach einer Weile sagte er leise
    »Sie sind nicht glücklich «
    Und sie noch leiser »Nein nein nein  glücklich bin ich nicht«
    »Sylvia«
    Zum ersten Male nannte er sie so Sie schauerte doch sie rügte es nicht
Sie hob nur die Augen und schaute ihn tief und rätselhaft an
    Unter diesem Blicke erschauerte nun er und das lang zurückgehaltene
Geständnis drängte sich hervor
    »Sie wissen doch nicht wahr Sie wissen es dass «
    Sylvia erriet an seinem Gesichtsausdruck an dem Ton seiner Stimme was
jetzt kommen sollte und sie unterbrach ihn mit einer heftig abwehrenden
Handbewegung
    »Ich weiß ich weiß  ich wills aber nicht hören  nicht heute«
    »Wenn Sie es nur wissen das genügt mir  heute«
    Die junge Frau stand auf und ging ans andere Ende des Zimmers bis ans
Fenster und lehnte die Stirn an die Scheiben Eine schwüle Unruhe war über sie
gekommen Dazu eine Mischung von zwei ganz heterogenen Gefühlen die
nebeneinander ihr Sein durchdrangen obschon sie sich gegenseitig aufheben
sollten  so unglücklich und so selig 
    Aber der gefährliche Auftritt sollte nicht verlängert werden wieder trat
der Diener ein Besuch anzumelden  die Schwestern Ranegg
    Hugo nahm seinen Hut und ging  nicht heute war sein Tag Nicht heute aber
  er war nicht die Beute doppelter Gefühle  er war nur selig
 
                                     XXIII
                             Aus Martas Tagebuch
Ich habe mir jetzt wieder angewöhnt  wie ich es in meiner Jugendzeit getan 
Tagebuch zu schreiben Nicht regelmäßig nur wenn etwas mir die Seele bedrückt
hatte ich so Zwiegespräch mit mir selber
    Ach wo sind die Zeiten da ich Einen hatte dem ich alles alles sagen
konnte dem alles zu sagen mir Lust und Bedürfnis war Was ich erlebte ward mir
erst zum Erlebnis wenn ich es mit ihm geteilt hatte Jede Freude jede Sorge
jeder Zweifel jede Hoffnung jedes Urteil kam mir erst ganz zum Bewusstsein
wenn ich darüber mit ihm gesprochen und seine Meinung darüber erfahren hatte
Mein erster Gedanke war stets was wird Friedrich dazu sagen Ich kannte ihn so
gut dass ich in den meisten Fällen wohl wusste was er sagen würde  aber ich
sehnte mich danach es zu hören  und dann erst war mein Erlebnis meine
Stimmung mein Urteil sanktioniert Jetzt hab ich niemand dem ich mich so ganz
vertrauen kann  als höchstens mich selber Was ich empfinde kommt ja doch auch
dem am nächsten was er empfunden hätte  waren wir ja so sehr eins geworden So
beschwöre ich mir seinen Geist herbei wenn ich diese Blätter fülle 
    Unsere Sylvia macht mir Kummer Ich sehe sie auf einem gleitenden  in einen
Abgrund gleitenden Pfad Und Schwindel  dh Liebesleidenschaft  hat sie
erfasst Mein Gott ich kenne das nicht  ich habe wohl auch geliebt aber so
ruhig so innig so  gesetzlich nur den eigenen Gatten niemals einen anderen
was weiß ich also von den tollen betäubenden Gluten verbotener Liebe Ich kann
nicht urteilen darf also auch nicht richten  Und das Predigen das ich
neulich versuchen wollte das misslang gar kläglich Sie lehnte sich auf dabei
warf sie mir vor dass ich ja auch eine Auflehnerin sei und ihr Vater ein
Revolutionär gewesen Ich frage mich sind nicht alle Stufen der Befreiung von
Jammer Qual und Fesselung durch Auflehnung erreicht worden Die ersten Empörer
sind freilich oft die Märtyrer ihrer Kühnheit aber sie sind es die den
Nachkommenden ein Stück  ein dann unbestrittenes Stück Freiheit errungen haben
Mir ist als hätte Sylvia vor mir einen Vorhang aufgehoben hinter dem bislang
ein ganzes Stück Welt für mich verborgen lag eine Kette von Dingen über die
ich eigentlich nie recht nachgedacht 
    Neulich hatte ich eine kleine Diskussion mit meiner Freundin Ranegg »Na ja
Du« sagte sie »Du denkst da ganz anders Du bist eben eine moderne Frau«
    Großer Gott  wie wenig trifft diese Bezeichnung zu Das fühle ich jetzt
ganz deutlich Rokoko bin ich zwar nicht auch der MetternichÄra bin ich
entwachsen und unter unseren reaktionären kirchen und militärfrommen Kreisen
gebe ich die neuerungskühnste Aufwieglerin ab  aber der wirklichen Modernität
gegenüber stehe ich da kopfschüttelnd auffassungslos Ästeten Dekadenten 
Übermensch  the new woman  Ich sehe wohl dass eine ganz neue Geschmacksflora
in der sich auch eine absonderliche Typenfauna zu regen beginnt um mich her
aufspriesst  eine Kunst neuer Stil neue Sensationen  aber verstehen mich
damit identifizieren das will nicht gehen Wenigstens nicht so schnell Ich
versuche es ja denn mein Entwicklungsglaube schützt mich vor dem bei alten
Leuten gebräuchlichen Widerstand gegen das Neue dass aber alles Neue auch das
Bessere sein müsse  wie so viele junge Leute meinen  vor diesem Glauben
schützt mich die Erkenntnis dass so manches was da auftaucht nur vergängliche
Mode oder krankhafte Entartung ist Oder auch eine Übergangsform aus der  
    So weit hatte Marta geschrieben als sie mit der Meldung unterbrochen
wurde Graf Delnitzky frage ob die Frau Baronin ihn empfangen könne
    Marta bejahte unangenehm überrascht Toni hatte nicht die Gewohnheit
seiner Schwiegermutter ohne Anlass Besuche zu machen und unter den obwaltenden
Umständen war der Anlass vermutlich ein unerfreulicher
    Und richtig »Ich bin gekommen« sagte er nach der ersten Begrüßung und
nachdem er sich gesetzt »um in einer recht peinlichen Angelegenheit « Er
stockte Marta kam ihm nicht zu Hilfe Sie blickte nur fragend auf »Sylvia
wird Dir ja neulich gesagt haben« hub er wieder an »was es zwischen uns für
eine Auseinandersetzung gegeben  Ich möchte wissen was sie Dir erzählt hat
und was Du ausgerichtet hast  Du bist doch gewiss auch dafür dass dieser Sache
mit dem Herrn Teaterdichter ein Ende gemacht werden soll «
    »Welcher Sache«
    »Ach tu doch nicht so  Weißt Du denn nicht dass die Leute schon reden
«
    »Die Leute reden mancherlei Auch über Dich«
    »Das hat mir Sylvia auch geantwortet  als ob es dasselbe wäre was man von
einem Mann erzählt oder von einer Frau Das ist doch ein gewaltiger Unterschied
«
    »Die Ungerechtigkeit dieses Unterschieds fängt mir zu dämmern an«
    »Es ist schon so«
    »Ja mit diesem Satz glaubt man allen Widerspruch abzuschneiden  ich hab
ihn auch angewendet Aber man sollte eher sagen es ist noch so Doch es wird
nicht so bleiben Der Anspruch der Frau auf die Treue ihres Gatten wird «
    »Was« unterbrach Delnitzky »auch Du  Du nimmst Dich um die Ansprüche der
Frauen an  Bist Du unter die Frauenrechtlerinnen gegangen Von der Seite kenne
ich Dich gar nicht  Hast Dich Gott sei Dank dieser sogenannten Bewegung
immer ferngehalten«
    »Weil man nicht überall mittun und mitsprechen kann Du weißt dass eine
andere sogenannte Bewegung mir Herz und Sinn ausfüllt«
    »Na ja die ist aber  weil ganz aussichtslos  auch harmlos während die
verflixte Frauenfrage schon ganz bedenkliche Dimensionen annimmt  neulich haben
sie sogar schon einen weiblichen Doktor promoviert Aber das hat ja im Grunde
nichts damit zu tun was ich mit Dir besprechen wollte Mama«
    »Und was war das«
    »Einfach dies Du musst mir helfen den Bresser aus Sylvias Nähe zu
verbannen« Marta machte eine Bewegung »Du brauchst nicht zu erschrecken«
fuhr er fort »ich glaube ja gar nicht dass sie in den Menschen verliebt ist
aber er schwärmt für sie und wie gesagt die Leute munkeln  und das kann ich
nicht zugeben«
    »Und wie wenn sie ihn liebte«
    »Aber Mama  um Gotteswillen «
    »Hast Du ihr denn geboten was eines jungen Weibes Anspruch an das Leben
ist  Hast Du ihr Liebe gegeben Und Treue gewahrt  Toni ich habe nie über
diese Dinge mit Dir gesprochen weil ich finde dass eine Schwiegermutter sich
solcher Einmengung enthalten soll aber heute warst Du es der den Gegenstand 
Euer eheliches Verhältnis  zur Sprache gebracht hat und da kann ich mich nicht
enthalten Dir zu sagen wenn dieses Verhältnis zerstört und bedroht ist so
liegt die Schuld an Dir«
    Delnitzky sprang auf »Ich sehe schon an Dir habe ich keine Stütze  Ich
werd mit dem sauberen Herrn allein fertig werden müssen Es wird mir doch nicht
schwer fallen ihn beim Rockkragen zur Tür hinauszuexpedieren«
    »Mässige Dich doch Gerade auf diese Weise würdest Du den Eklat herbeiführen
den Du zu fürchten scheinst«
    »Was soll ich also tun Zuschauen wie meine Frau einen Liebhaber «
    »Schweig So zu sprechen hast Du kein Recht Für Sylvias Reinheit stehe ich
ein Aber sie sollte nicht länger zuschauen dass Du Deine Geliebte diese «
    »Willst Du etwas Beleidigendes sagen« unterbrach Delnitzky »vielleicht
weil sie beim Theater ist«
    »O nein aber weil sie das Eigentum einer anderen entwendet hat«
    »Damit meinst Du mich Glaub mir auf dieses Eigentum hat Deine Tochter nie
viel Wert gelegt Du weißt gar nicht wie kalt und abstoßend sie mit mir war 
gleich nach unserer Hochzeitsreise Wir passen nicht zusammen«
    »So geht denn auseinander «
    »Scheidung Wir leben in einem katholischen Land  Freilich man könnte
ungarischer Staatsbürger werden «
    »Die Idee scheint Dir nicht zu missfallen«
    »Ach Gott es sind da tausend Schwierigkeiten und ich hasse Schwierigkeiten
 Du willst also nichts tun um Sylvia auf den Pfad der Pflicht zu lenken«
    »Auf den von Dir verlassenen Ich will überhaupt nichts tun Anton  weder
für noch gegen Dich Wenn Sylvia meinen Rat erbittet so werde ich ihn erteilen
und sicher in der Richtung in der ich ihre Ruhe und ihre Ehre gesichert sähe
 aber ungebeten werde ich mich nicht als Sittenpredigerin aufdrängen Sie ist
der mütterlichen Autorität entwachsen Ich bin ihre Freundin  mehr nicht«
    »Meine Freundin bist Du nicht «
    »In aller Aufrichtigkeit nein Du hast mein Kind nicht glücklich gemacht
 Du betrügst sie vor aller Welt  wie soll sie Dir da liebevoll zugetan
sein«
    »Es ist ja auch nicht nötig dass Du meinetwegen einschreitest sondern ihr
zu nutz und frommen Wenn sie sich kompromittiert so wird es ihr Schaden  und
wenn sie sich vergeht ihr Unglück sein Denn ich lasse mir nichts gefallen
Mein Name darf nicht in den Schlamm gezerrt werden«
    Er war dunkelrot im Gesicht und die Stirnadern waren angeschwollen Marta
empfand etwas wie Furcht dieser Mann wäre imstande ihrer Sylvia ein Leid
zuzufügen Die vorhin angeregte Idee einer Scheidung nahm die Form eines
Wunsches an Freilich kein schönes Los eine geschiedene Frau zu sein Aber
wenn es gilt einer Gefahr zu entrinnen so kann man nicht erst fragen ob der
Fluchtpfad in eine liebliche Gegend mündet
    »Ich hätte mir den Besuch bei Dir ersparen können« fuhr Delnitzky im selben
zornigen Tone fort »Auf den Einfluss den Du auf Deine Kinder übst brauchst Du
Dir wirklich nicht viel einzubilden Über den Rudi und sein Gebaren wird ja
genug gespottet und geschimpft Dass es geheißen hat er würde aus der Reserve
fortgejagt hast Du wohl erfahren«
    Marta warf den Kopf zurück »Du versuchst mir weh zu tun Was zwischen
Rudolf und dem Kriegsminister vorgefallen weiß ich  ich besitze meines Sohnes
volles Vertrauen und ich vertraue auch ihm Was er tun wird wird recht getan
sein Das Gebiet seiner Pflichten liegt höher als Du weißt«
    »Verrückt ist er einfach  und Ihr alle miteinander«
    Sie stand auf »Anton ich ersuche Dich mich zu verlassen Du hast kein
Recht in meinem Hause mich und meine Kinder zu insultieren« Sie sagte es mit
ruhiger und gar nicht erhobener Stimme doch war sie kreidebleich geworden
    »Oh ich gehe ja ohnehin« antwortete der Schwiegersohn
    Und ohne zu grüßen eilte er zur Türe hinaus und schlug diese heftig hinter
sich zu
 
                                      XXIV
Sylvia saß in einer Parkettloge des Burgteaters  allein Sie hielt den Zettel
in der Hand
                                Zum ersten Male
                                Der tote Stern
                  Märchenspiel in 4 Aufzügen von Hugo Bresser
Am selben Morgen hatte sie eine Sendung des Dichters aus Dresden erhalten wohin
er sich begeben hatte um der Generalprobe seines Stückes beizuwohnen das dort
gleichzeitig mit Wien aufgeführt werden sollte Doch war ihm die
BurgteaterPremière die wichtigere und mit dem Sechsuhrzuge wollte er heute
hier eintreffen
    In jener Sendung war die Sammlung der Gedichte »An sie« enthalten »Ich
wollte Ihnen diese Lieder erst schicken« schrieb er dazu »bis ich zu Weltruhm
gelangt wäre damit die Huldigung Ihrer würdiger sei Doch nein  so lange will
ich nicht warten  wer weiß ob ich je zu Weltruhm gelange  Und nicht die
Außenwelt  Sie habe ich mir zum Richter eingesetzt Was ich in den Augen jener
bin die ich besinge  das entscheidet Und diese könnte mich nicht ganz
beurteilen wenn sie von meinen Dichtungen nicht kennte was meiner innersten
Seele entrungen was mit meinem Herzblut geschrieben ist  was ich schreiben
musste«
    Mehrere Stunden des Tags hatte Sylvia mit lesen und wieder lesen der zwanzig
Gedichte zugebracht und sie stand von dieser Lektüre auf so leidenschaftlich
aufgewühlt und süß erschöpft als wäre diese Stunden über der Dichter selber zu
ihren Füßen gelegen So geliebt zu sein so anbetungsvoll so schmerzlich so
zärtlich und heiß  das hätte sie sich niemals träumen lassen
    Das Theater war noch leer  es fehlten beinahe zwanzig Minuten bis zur
angesetzten Anfangszeit Sylvia hätte um alles in der Welt nicht das erste
Aufziehen des Vorhangs das erste Stimmen der Orchesterinstrumente versäumen
wollen Dass dieser Teaterabend zu den wichtigsten angst und doch zugleich
genussreichsten ihres Lebens gehören würde fühlte sie und so wollte sie ihn
ganz und gar ausnützen auch die Vorstimmung kosten  auf dem Kampfplatze
selber Nie noch im Leben  selbst an ihrem Hochzeitstage nicht  war sie so
erregt gewesen wie an diesem Abend So muss einst den Rittersfrauen zu Mute
gewesen sein die von ihrer Galerie auf den Tournierplatz herabsahn wo der von
ihnen still und heiß Geliebte entweder siegen oder in den Staub fallen sollte

    Ein Viertel vor sieben Das Publikum fängt an die letzten Parkettreihen und
die höchste Galerie zu füllen Noch ein paar Minuten und die Musikanten kommen
zum Orchestertürchen herein und setzen sich an ihre Pulte Die Logen sind noch
leer Sylvia späht nach der Direktionsloge  wo mag Hugo sein Man sieht ihn
nicht  vermutlich hinter dem Vorhang  wenn es ihm nur einfiele jetzt auf
einen Augenblick zu ihr zu kommen  mit einem Händedruck hätte sie ihm Mut
machen wollen und selber ermutigt werden  sie hatte vielleicht größere Angst
als er 
    Fünf Minuten vor sieben Jetzt füllt sich das Parkett auch in den ersten
Reihen und in den Logen beginnt es sich zu regen Die Galerien sind bis auf den
letzten Platz gefüllt und im Stehparterre sind die Zuschauer dicht gedrängt
    Punkt sieben Der Kapellmeister gibt das Zeichen und das Orchester setzt
ein Zwei Erzherzöge nehmen am Rand der Inkognitologe Platz und in der
Kammerherrenloge zeigen sich ein halb Dutzend uniformierte Herren und Hofdamen
    Erwartungsvolle Spannung scheint über dem ganzen Haus zu schweben 
Premièrenstimmung Der Vorhang rollt auf Sylvias Herz pocht und sie atmet
schwer Den ersten Akt kennt sie ja hat sie ihn doch selber vorgelesen sie
weiß noch wie entzückt sie von der Schönheit der Sprache gewesen  aber würde
das hier auf der Bühne so zur Geltung kommen
    Von der ersten Szene durch drei oder vier Minuten verstand sie kein Wort
War es weil ihr das Blut im Kopfe tobte oder weil man immer erst eine Zeitlang
an die Stimmen die von der Bühne dringen sich gewöhnen muss bis man die Worte
auffasst und bis man sich überhaupt den Vorgängen dort gefangen gibt Und die
Leute da herum die gleichgültigen Leute und die nörgelnden Rezensenten diese
ganze einem Neuling gegenüber instinktiv widerstrebende Menge  wann wird es
dem Dichter gelingen die mitzureissen wenn sogar sie seine glühendste
Bewunderin noch dasaß verständnislos unaufgetaut 
    Aber es währte nicht lange und die Reden und Gegenreden der Schauspieler
drangen deutlich und lebendig ins Haus Sylvia erkannte einige der Verse die
ihr bei jener ersten Lektüre aufgefallen waren und sie hatte die Genugtuung
dass Stellen deren Schönheit sie frappierte auch vom Publikum aufgefasst zu
werden schienen Nicht etwa durch laute Bravos bekundete sich das denn damit
halten die kritischen Zuschauer in den Eingangsszenen einer Erstaufführung
zurück es ist nur wie ein kaum hörbares Aufseufzen  vielleicht ist es nicht
einmal ein Laut sondern nur ein Zucken jenes elektrischen Rapports der eine
versammelte Menge den gleichzeitig erweckten Beifall empfinden lässt
    Mit beruhigtem immer sicherer werdenden Genuss gibt sich Sylvia jetzt dem
Bühnenspiel gefangen Zu der Süßigkeit der Versmelodien zu der Pracht der
hinwogenden Rede die sie schon beim Lesen so entzückt hatte war nun auch der
Zauber dargestellten Lebens hinzugekommen Die Träger der Hauptrollen Fritz
Krastel und Stella Hohenfels  waren die verkörperte Poesie Das eigentümliche
Silbergeriesel des Hohenfelsschen unvergleichlichen Organs verlieh den Versen
neben ihrem gedanklichen Wert noch den sinnlichen Reiz des Klanges Und dazu
was es zu schauen gab Das Stück war ein Märchenspiel also waren der Phantasie
des Dichters keine Grenzen gesetzt In verschwenderischer Üppigkeit boten die
vorgeführten Bilder was ein Maler nur erträumen kann  an Farbenglut und
Formenpracht Nach der ersten Verwandlung war der Schauplatz ein Zaubergarten
Eine Fee eine wirkliche Fee hatte der Regie geholfen ein Bild zu schaffen das
für das Auge ein Rausch war  die Fee Elektrizität Mit ihren unwahrscheinlichen
Leuchteffekten ihren violetten blauen und rosa Feuern mit ihren
Silberlichtern und Goldgluten und Lavaflammen tauchte sie die Gestalten und
Dekorationen in immer neue und magische Glanzwogen eine Flora wie sie noch
kein irdisches Auge gesehen wucherte in diesem »Garten des Glücks« in dessen
Hintergrund ein diamantener Tempel ragte Die Lust des Schauens beeinträchtigte
aber nicht die Lust des Hörens denn die Dichtung erlahmte keinen Augenblick
Auch da glitzerte es von Witz und strahlte in Patos Als der Vorhang fiel
brach das Haus in lauten Beifall aus
    »Bresser Bresser« rief man von mehreren Seiten Aber Bresser erschien
nicht In seinem Namen dankte der Regisseur
    Sollte er den Zug versäumt haben oder verschmähte er es sich zu zeigen
Sylvia empfand es als eine Erleichterung dass er dem Hervorruf nicht gefolgt
war Die Schöpfung war dem Publikum preisgegeben zu Beifall oder Tadel  nicht
der Schöpfer Nur sein Geist schwebt über dem Werke nicht seine Person hat sich
davor zu stellen Wie kommt er dazu sich vor jenen zu verbeugen die er
beschenkt hat warum soll er dafür danken dass sie ihm dankbar sind
    Aus diesen Gedanken wurde Sylvia durch Hugos Vater gerissen der in die Loge
trat Sie reichte ihm die Hand
    »Ich wünsche Ihnen Glück« sagte sie  »es ist ein Erfolg«
    »Das kann man noch nicht wissen« antwortete der alte Herr »Der erste Akt
ist gut  aber ein Erfolg entscheidet sich erst am Schluss  Warum ist die
Baronin Tilling nicht gekommen«
    »Mama ist unwohl  sonst wäre sie schon hier  sie hatte sich schon
lebhaft auf diese Vorstellung gefreut«
    »Und Ihr Gatte«
    »Ist heute in der Oper«
    »Ah  ja« Ein Ausdruck des Ärgers huschte über Doktor Bressers Gesicht
    »Ihr Sohn sollte heute aus Dresden zurückkommen und nun «
    »Er ist zurückgekommen und er ist im Theater  ganz im Hintergrund der
Direktionsloge verborgen Er will sich nicht zeigen«
    Die Direktionsloge lag der ihrigen schräg gegenüber also konnte er sie
sehen  der Gedanke berührte sie angenehm Und dass er wie sie es vorausgesetzt
es vorzog sich dem Applaus zu entziehen  in Bescheidenheit und zugleich in
Stolz  das war ihr auch eine Genugtuung
    »Sie müssen doch große Freude an Ihrem Sohn haben Doktor Bresser«
    »Mein Gott wenn ich ihn glücklich wüsste  aber das Dichterhandwerk
scheint ihn stark herzunehmen  er ist oft von einer Schwermut  als ob die
Liebe zu den Musen eine unglückliche Liebe wäre«
    Sylvia wusste wohl wer seinen Liebesgram verschuldete Jene Schwermut war in
einige der zwanzig Sonette gelegt die sie heute zum erstenmal gelesen von
denen sie aber schon manche Strophe auswendig wusste
    Zum zweiten Male hebt sich der Vorhang Jetzt war Sylvia gespannter wie
zuvor denn was nun folgen sollte war ihr neu Immer hatte Bresser sich
geweigert ihr mitzuteilen was die übrigen Akte enthielten und zwar aus dem
Grunde damit sie einst ganz unbefangen beurteilen könne wie die Dichtung von
der Bühne herab wirke Sie hatte das Gefühl als sollte nun das Stück ihr allein
vorgespielt werden die anderen waren nur so nebenher zugelassen  als Richterin
war nur sie berufen Ob ihr »der tote Stern« gefallen werde ob sie gespannt
gerührt erhoben befriedigt sein würde das war die Frage die den in der Loge
drüben verborgenen Verfasser ganz erfüllte  das wusste sie
    Der zweite Akt spielte im »Garten des Schmerzes« So hell und lieblich die
Bilder des ersten Aufzugs gewesen so düster und erschütternd waren die
Vorgänge die sich jetzt abspielten Die Sprache hielt sich auf gleicher Höhe
und in dramatischer Steigerung bewegte sich die Handlung weiter Als der Vorhang
zum zweitenmal fiel erhob sich wieder lauter langanhaltender Beifall Hätte
sich aber auch keine Hand im Saale gerührt Sylvia hätte doch gewusst dass dieser
zweite Akt vollendet schön war Dass aber die Bewunderung der Menge dem geliebten
Manne zuflog erfüllte sie mit stolzem Hochgefühl Ja sie war stolz auf ihn und
 wenn sie an die Widmung seiner zwanzig Lieder dachte  stolz auf sich Ein
bisher ganz unbekanntes Glücksgefühl durchströmte sie Der Teatersaal war wie
in einen Festsaal verwandelt und sie fühlte sich als des Festes heimliche
Königin
    Sie blickte im Hause umher Nur wenige ihrer Bekannten waren da Noch waren
viele Mitglieder des Hochadels auf ihren Besitzungen  man schrieb Dezember 
und das Interesse für literarische Ereignisse ist in diesen Kreisen überhaupt
kein so reges als dass man vom Lande herfahren würde um der Aufführung eines
neuen Stückes von einem neuen Autor noch dazu beizuwohnen Ja wenn es »
teâtre paré« gewesen wäre zu Ehren irgend einer fremden Fürstlichkeit  das
wäre etwas anderes Dazu kommt man schon hergereist es ist aber auch gar zu
schön die vielen Uniformen im Parkett die Toiletten und der Schmuck in den
Logen und dann am folgenden Tag in allen Blättern die Liste der Anwesenden bei
der kein glänzender Name keine offizielle Persönlichkeit fehlt Da soll man
doch dabei gewesen sein aber so ein modernes Teaterstück da muss man erst
abwarten was die Bekannten dazu sagen und ob man überhaupt die Komtessen
hineinführen kann 
    Sylvia richtete ihr Glas von Loge zu Loge Endlich traf sie auf ein paar
bekannte Gesichter Gräfin Ranegg mit ihren Töchtern Kajetane und Christine und
bei ihnen  Kolnos Dieser schaute eben herüber und erkannte sie Er stand auf
und verabschiedete sich  offenbar wollte er zu ihr kommen Eine Minute später
trat er auch schon in ihre Loge ein
    »Ganz allein Gräfin Sylvia Und Ihre Mutter«
    »Sie ist nicht ganz wohl«
    »Doch nichts Bedeutendes«
    »Nein eine leichte Erkältung Was sagen Sie Graf Kolnos ists nicht
wunderschön«
    »Ja  er lässt sich sehr gut an Wer hätte das hinter dem kleinen Bresser
gesucht  Ich sehe ihn nämlich immer noch als kleinen Buben vor mir«
    »Was sagen die anderen Wie urteilt die Ranegg«
    »Sie hat nichts über das Stück gesprochen«
    »Aber Sie haben doch schon Urteile aufgefangen Der Beifall ist ja groß 
sind die Leute nicht entzückt«
    »Sind Sie es liebe Sylvia«
    »Ja«
    »Für die anderen ist der Ausdruck zu stark Entzückt über eine Dichtung 
das kommt bei uns nicht vor Man schwärmt für einzelne Künstler in gewissen
Rollen  das Stück ist Nebensache Bewunderung kehrt man höchstens für die
Klassiker hervor da ist man auf sicherem Boden  den neuen noch lebenden
Autoren gegenüber ist man voller Misstrauen«
    »Gehören Sie auch zu diesen man«
    »Einigermassen Ich begeistere mich auch nicht so leicht ich müsste das Werk
erst lesen  es sind so viele äußere Effekte darin welche blenden  beinah
wie in einem Ballett«
    »Und ist es nicht auch dichterische Kunst wenn man mit Bildern mit aus
höchstem Phantasiereichtum geschöpften Bildern die Zuschauer in bezauberte
Stimmung versetzt «
    »Eigentlich ja  aber warten wir erst das Ende ab«
    »Das Ende wird ebenso schön wie der Anfang  das fühle ich zuversichtlich 
Hugo Bresser ist ein großer Dichter «
    »Sylvia wissen Sie dass die Leute sagen dass Hugo Bresser Ihnen nicht
gleichgültig ist  Oh erröten Sie nicht und entrüsten Sie sich nicht  ich bin
der Letzte der daran Anstoß nähme wenn es wahr wäre Nur finde ich dass es die
Leute nichts angeht dass sies nicht zu merken brauchten «
    »Noch nie war mir dieser Sammelbegriff gleichgültiger als heute«
    »Welcher Sammelbegriff«
    »Das was Sie Leute nannten  Leute die so freundlich sind mir ins Herz
schauen zu wollen«
    »Mein Gott  man muss doch etwas zu reden haben Besonders so lang etwas nur
vermutet nur gewittert wird  ists interessant weiß man es einmal so
schweigt man einverständlich dazu Dass die Gräfin X ein Verhältnis mit dem
Opernkapellmeister hat dass Fürst Ypsilon schon seit Jahren der begünstigte
Hausfreund der Baronin Z ist das sind alles so landläufige Kenntnisse über
die man kein Wort mehr verliert höchstens konstatiert man es  aber nicht in
medisantem Ton  nur um zu zeigen dass man auf dem Laufenden ist  Jetzt
verlasse ich Sie liebe Sylvia der dritte Akt beginnt«
    Mit dem Aufrollen des Vorhangs war Sylvia wieder in die Zauberwelt versetzt
 ein befreiender Gegensatz zu dem Stückchen wirklicher Welt das sich in
Kolnos satyrischem Berichte gespiegelt hatte
    Der dritte und letzte Akt überflügelten noch die zwei ersten an dramatischen
Effekten und an poetischer Kraft Zum Schluss erhob sich ein wahrer
Beifallssturm Es war ein ganzer ein großer Erfolg
    Sylvia ließ sich im Logensalon auf das kleine Sofa fallen und mit
geschlossenen Augen und zurückgelehntem Kopfe saß sie da Sie fühlte sich so
erschüttert so berauscht dass sie um alles in der Welt jetzt nicht da
hinausgehen wollte in das Gedränge der Korridore und Treppen wo sie riskierte
von Bekannten angesprochen zu werden die als wäre nichts geschehen sie mit
einem nüchternen »Guten Abend« angesprochen hätten und dazu »Wie hat es Ihnen
gefallen  es war ja ganz hübsch«
    Sie wollte abwarten dass sich das Publikum ganz verzogen hatte Wie sie so
dalag rief sie sich die Bilder zurück die an ihren geblendeten Augen
vorübergezogen waren und schwelgte in den neuen Sensationen unter denen sie
erbebte und erglühte »Grande amoureuse«  wie einmal ihre Mutter sie genannt 
ja als das fühlte sie sich jetzt Eine große Liebende  das heißt dass die
Leidenschaft die sich ihrer bemächtigt hatte sie nicht schwach sondern stark
machte dass das Glück das zu nehmen und geben in ihrer Macht stand  ein
überwältigendes erhebendes  mit einem Wort voll Größe war
    Ihr Bedienter wartete wie ihm befohlen worden geduldig vor der Tür aber
jetzt trat die Logenschliesserin herein
    »Ich bitt Euer Gnaden  es wird schon ausgelöscht«
    Sylvia erhob sich und trat vor den Spiegel um sich das Spitzentuch um den
Kopf zu schlingen Ihr eigener Anblick in dem zurückgestrahlten Bild war ihr
fremd es lag etwas Verklärtes darin ein süßzärtlicher Zug um den Mund der
dunkler glühte als je und es durchzuckte sie eine zwar schon öfter aber nie
so intensiv empfundene Freude  die Freude schön zu sein
    Sie trat hinaus Der Bediente legte ihr den mit Hermelin gefütterten
Teatermantel um die Schultern Langsamen Schrittes  sie fühlte sich so eigens
abgeschlagen   ging sie durch die Gänge und die Treppe hinab in der Tat als
letzte  es war schon alles leer
    Nur an dem Pfeiler neben der untersten Stufe lehnte noch ein Mann
    Als sie herankam riss er den Hut vom Kopf und trat ihr entgegen Hugo
Bresser
    »Also endlich also doch« rief er
    Sie hängte sich schweigend in ihn ein und ließ sich zum Ausgang führen Hier
standen sie nun Arm in Arm während der Diener den Wagen holte
    »Nun« fragte er »Ihr Urteil  Ich will Ihr Urteil hören«
    Ihre Hand drückte schwerer auf seinem Arm
    »Herrlich«
    »Das beglückt mich  Aber noch einen anderen Urteilsspruch erbitte ich mir
 nicht über das Stück sondern über mich  über Tod und Leben für mich 
die zwanzig Lieder «
    Wieder ein Druck der weissbehandschuhten Hand auf dem schwarzen Ärmel und in
innigstem Tone
    »Mein Dichter«
    Der Diener kam zurück »So gräfliche Gnaden der Wagen«
    Hugo half der geliebten Frau beim Einsteigen
    »Darf ich eine Strecke mitfahren«
    Eine Sekunde zögerte Sylvia dann aber mit Entschiedenheit
    »Nein«
    »Und wann erlauben Sie dass ich morgen «
    »Warten Sie eine Zeile von mir ab Gute gute Nacht«
 
                                      XXV
In derselben Woche hatte es noch eine Sensationspremière in Wien gegeben
Rudolfs erster öffentlicher Vortrag
    Es war im großen Musikvereinssaal und an einem Sonntag Nachmittag damit 
bei freiem Eintritt  recht viele Leute aus den arbeitenden Klassen kommen
könnten Für vorherige Bekanntmachung durch die Zeitungen und durch
Anschlagzettel war gesorgt worden und so geschah es dass der weite Raum sich
noch als zu klein erwies Einige vordere Reihen waren für die persönlichen
Bekannten Dotzkys die ihn hören wollten reserviert das übrige Publikum war
aus allen Schichten der Gesellschaft zusammengesetzt
    Als die Türen geöffnet wurden gab es ein Drängen und Hasten und bald war
der Saal bis an die Decke gefüllt Viele mussten umkehren ohne Einlass zu finden
    Rudolf stand vor der ersten Sitzreihe mit seiner Mutter und Grafen Kolnos
im Gespräch Das Schwirren und Sausen welches das Drängen und Niedersetzen all
dieser Leute verursachte machte ihm keinen anderen Eindruck als ob er von
einer Strandterrasse aus das Branden des Meeres gehört hätte Ein fremdes
fernes Element diese Menschenmenge weiter nichts
    Was er sprechen wollte das galt ja nicht diesem zufällig hier versammelten
Publikum das galt der Mitwelt der Öffentlichkeit überhaupt Eine Handvoll
Samenkörner wollte er ausstreuen hier und anderswo heute und morgen wieder
allmählich würde doch an einer Stelle oder der anderen die Ideensaat
aufspriessen in einzelne Seelen würde wohl dringen was die seinige erfüllte
und Nachfolger und Mitarbeiter würden ihm erstehen vielleicht auch solche die
ihn weit überflügelten  desto besser Von persönlicher Beifallssucht war in dem
heiligen Feuer das ihn durchglühte auch nicht ein Funke enthalten
    Eine Zuhörerschaft die einen Redner beklatscht und ihm zujubelt die hatte
er in diesem selben Saale vor einigen Wochen gesehen als anlässlich eines
Katolikentages ein antisemitischer Volksmann eine mit ordinären Witzen gewürzte
Hassrede gegen »Judenliberale und Freimaurer« gegen »Aufkläricht und
Wissenschaftsdünkel« losgelassen Und es war ein gar vornehmes Publikum gewesen
Bischöfe und Minister Generäle und Aristokraten Damen aus hohen und höchsten
Kreisen und daneben in vielen Exemplaren auch »der kleine Mann« dem stets
geholfen werden soll Noch größeren Jubel aber hatte er diesen Saal durchbrausen
gehört wenn auf dem Podium ein geschickter Geiger stand oder eine hübsche Diva
schalkhafte Lieder zum besten gab nein um Applaus buhlte Rudolf wahrlich
nicht Weder als Volksgunstsänger noch als Redekünstler trat er auf kein
rhetorisches Virtuosenstücklein hatte er zu bieten  nur etwas zu sagen hatte
er
    Alle Plätze waren besetzt die anberaumte Stunde war überschritten  es war
Zeit zum Anfangen
    Rudolf stieg auf das Podium das Summen der im Saal geführten Gespräche
verstummte erwartungsvolles Schweigen stellte sich ein
    »Ich habe Herzklopfen« flüsterte Marta dem nebensitzenden Kolnos zu
    Sie war nicht die einzige In einer der letzten Reihen  sie war vom Hause
entschlüpft und mit einer Freundin hierher gekommen  saß Kajetane Ranegg und
ihr Herz und alle ihre Pulse pochten so heftig dass ihr beinahe die Besinnung
verging
    Dotzky selber zitterte nicht Es war ja nicht das erstemal dass er zu einer
versammelten Menge sprechen sollte Während seiner gescheiterten Wahlkampagne
hatte er es häufig getan und dabei seine Fähigkeit erprobt Stimme und Rede zu
beherrschen Hier war es freilich etwas anderes aber etwas das ihm ein
erhöhtes Gefühl überlegener Sicherheit gab nicht um etwas von den Versammelten
zu erreichen stand er da sondern um ihnen etwas zu geben
    Er trat an das Pult das vorn am Podium stand und stellte sich seitwärts
dazu mit den Ellenbogen sich daran lehnend Es lag keinerlei Manuskript auf dem
Pult und er hielt auch keines in der Hand  er wollte frei sprechen
    Mit lauter fester Stimme hub er an
    »Ihr Unzufriedenen Vorerst nur an diese an die Unzufriedenen hier im Saale
wende ich mich  Ihnen hab ich eine Botschaft zu verkünden es wird besser
werden  Vielleicht bald vielleicht noch lange nicht  das hängt von der Zahl
und der Arbeit der Unzufriedenen ab
    Aber unter denjenigen hier die diese Ansprache auf sich beziehen können
muss ich  sollen meine Worte nicht an eine falsche Adresse gehen  genauer
sichten welche Gattung Unzufriedener ich meine Jene sicher nicht die damit
unzufrieden sind dass man allenthalben beginnt an alten Zuständen zu rütteln
auch jene nicht die ihrer Unzufriedenheit durch Schimpf und Gehässigkeit Luft
machen wollen  eine Methode die von der Hetzrede bis zur geschleuderten Bombe
reicht  und ebensowenig jene die mit ihrer eigenen zufälligen Privatlage
unzufrieden sind und nun wünschen dass bloß diese  im Rahmen der bestehenden
Verhältnisse so viel auch andere davon bedrückt werden  sich zum Besseren
gestalte Nein weder zu den Quietisten  im Sinne von quieta non movere  noch
zu den Anarchisten der Tat noch zu den einfachen Egoisten rede ich sondern zu
denen die ein heiliger Unmut erfüllt gegen das Unglück aller Bedrängten und
Bedrückten  und ein heiliger Wagemut dazu das Unglück wegschaffen zu wollen 
für sich und für andere
    Doch einzig mit Mitteln die eben so rein seien wie der Zweck
    Nun will ich die Dinge herzählen mit denen wir unzufrieden sind und sein
müssen wenn anders es wirklich besser werden soll«
    Er machte eine kleine Pause und veränderte seine Stellung Dann begann er
mit gleichfalls verändertem Ton die angesagte Herzählung
    Eins nach dem andern ließ er die Zustände und Einrichtungen Revue passieren
die das Ungemach und die Qualen des gegenwärtigen Gesellschaftslebens
verschulden An jede einzelne seiner Anklagen  denn indem er die Zustände
nannte klagte er sie an  knüpfte er eine Schilderung beinahe eine Erzählung
Es war wie eine Reihe vorgeführter Bilder fertig und lebensvoll Arbeiterelend
Frauenerniedrigung Soldatenmisshandlung Konfessions und Rassenhader das
Schicksal der Arbeitslosen und was sonst der beklagenswerten Erscheinungen in
der herrschenden Gesellschaftsordnung mehr sind
    »Eine Gesellschaftsordnung die auf Privilegien aufgebaut auf Gewalt
gestützt und von Ungerechtigkeit und Unwissenheit durchseucht ist Eine
Gesellschaftsordnung die zwar alle Tugenden und Gebote kennt und verkündet
deren Herrschaft und Befolgung allgemeines Glück verbreiten würden  nämlich die
Tugenden Milde Großmut Nächstenliebe  Feindes liebe sogar die Gebote töte
nicht lüge nicht neide nicht die aber alle diese schönen Dinge in die
Moralhandbücher in die Religionsstunden eigentlich ins Jenseits verbannt im
öffentlichen Leben aber ohne Geltung lässt und in ihren staatlichen Institutionen
geradezu ins Gegenteil verkehrt«
    Etwas wie ein eisiger Hauch wehte den Redner an Hatte er leises Murren oder
das Räuspern des Polizeiorgans gehört oder war es nur jener geheimnisvolle
Rapport der zwischen einem Vortragenden und der ihm lauschenden Menge sich
einstellt  Kurz er wurde plötzlich gewahr dass ein Teil der Zuhörerschaft
tadelnden Widerspruch wenn auch nicht äußerte so doch empfand
    Wenn er jetzt zurückwich war er verloren Ein feindseliges Publikum das
kann nicht besänftigt das muss gebändigt werden Er trat einen Schritt vor mit
verschränkten Armen mit zurückgeworfenem Kopf
    »Und jetzt ein Wort an die Zufriedenen hier im Saale Ihnen habe ich nicht
zu Dank gesprochen Die Anklagen gegen Bestehendes klingen in Ihren Ohren wie
Aufreizung zum Umsturz  und dabei könnte stürzen was Ihre Zufriedenheit
bedingt Stellung Reichtum Karriere  darum Handschellen und Knebel her für
den aufwiegelnden Störenfried
    Zufriedene meine Brüder  wir sind ja alle Brüder  Sie vergessen dass Sie
den Störenfrieden vergangener Tage alles danken worauf Ihr heutiges Behagen
Ihre gegenwärtige Sicherheit und Freiheit  so viel oder meines Erachtens so
wenig Sie davon haben  mit einem Wort Ihre ganze Kultur ruht Hätten alte
Zustände niemals ihre Ankläger neue niemals ihre Verteidiger gefunden so wäre
dieses ganze Publikum heute vielleicht bei einem auto da fé versammelt oder
wenn man noch weiter zurückgreift hauste es knochennagend in dunklen Höhlen 
Nur scheinbar ist der Verlust wenn eine gewohnte liebgewordene alte Ordnung
einer moderneren Platz macht so haben die Ritter ihre Burgen aufgeben müssen
auf Knappen und Wassergräben verzichten  doch welcher von ihren Nachkommen lebt
jetzt nicht sicherer und besser in den unverteidigten Landhäusern Welcher kann
nicht bequemer die gebrauchten Waren sich verschaffen wenn er sie in den
Stadtläden einkauft als wenn er sie durch Überfall fahrender Kaufleute sich
erbeuten müsste Es kann kein Übel oder Leiden geben  wenn solches Übel und
Leiden der einen den anderen auch Vorteil und Gewinn bringt  dessen
Fortschaffung nicht den anderen noch größeren Gewinn zuführte als sein Bestehen
ihnen gewährte
    Darum nur niemals erlahmen in der Bekämpfung einer als Übel erkannten
Einrichtung Niemals zurückweichen aus Rücksicht für ihre Träger und Diener
nicht die Sklaverei bestehen lassen wegen des Profits der Sklavenhändler oder
die Folter beibehalten wegen des Erwerbs der Folterknechte Rücksichtslosigkeit
Die gehört zu jeder Rettungsarbeit Ertrinkende darf man bei den Haaren aus dem
Wasser ziehen aus brennenden Häusern mag man die Leute unsanft in die
Rettungsschläuche stoßen und aus sozialen Übelständen soll man die verblendet
Zufriedenen durch raue Wahrworte zu befreien trachten Befreien erlösen das
sind nicht Aufgaben die man erfüllt indem man aus Füllhörnern Blumen schüttet
sondern«  der Sprecher trat noch einen Schritt vor und sprach mit lauterer
Stimme  »sondern indem man mit wuchtigen Hieben Ketten sprengt mit kühn
geschwungenem Speer Drachen fällt oder mit zornig geschwungener Peitsche einen
Tempel reinfegt«
    Lautes Händeklatschen Da erschrak Rudolf und er fühlte sich erröten Dieser
Beifall erschien als Quittung für einen plumpen Teatereffekt Von Hieben
Drachen und Peitschen hatte er gesprochen dabei hatte seine Stimme gedröhnt
und das Publikum dankte ihm dafür wie einem debütierenden Tenoristen für ein
gut geschmettertes hohes C
    Es hätte nur noch gefehlt dass er sich höflichst verbeugte Das tat er
nicht Er blieb mit verfinsterter Miene eine Weile regungslos dann hub er
wieder an indem er wie ruheheischend die Hand vorstreckte
    »Es scheint mir dass ich missverstanden wurde Axt und Speer und Peitsche
die mir einen Applaus eingetragen als hätte ich diese Kraftwerkzeuge
virtuosenhaft durch die Luft sausen lassen die waren nur bildlich gemeint Ich
stehe hier um gegen die rohe Gewalt zu sprechen aber für das Wort selber
diese Waffe des Gefühls und der Idee wollte ich das Recht vindizieren scharf
und wuchtig zu sein  und kräftig und unerschrocken gebraucht zu werden wie
einst Axt und Speer und Peitsche gebraucht worden sind Die Dinge die ich
bewältigt sehen wollte waren da auch nur in bildlichem Sinne gedacht Die
Ketten sind nicht aus Eisen die Drachen haben keine Schuppen und nicht auf
steinernen Säulen ruhen die Tempel die ich meine Ich muss deutlicher werden «
    Und nun ging er daran in ruhigem Tone zu erläutern was in seinen Augen die
Ketten und Fesseln seien mit welchen wir alle gebunden sind und wie sie
abzuschütteln wären was er sich unter dem hehren Tempel denkt den die Händler
entweihen und wie man diese zu verjagen hätte und schließlich wie der Drache
heißt der in der Mitwelt so verheerend haust und woraus die SanktGeorgsTat
bestehen soll durch die das Ungetüm zu erlegen sei
    »Jeder Mann wird als Sklave geboren Er muss dienen ob er will oder nicht
er muss ein vorgeschriebenes Lernpensum durchmachen soll er nicht drei sondern
nur ein Jahr dem Militärzwang unterliegen  und während er dieses Mussjahr dient
heißt er euphemistisch Freiwilliger Von Freiwilligkeit und Selbstbestimmung
sieht man im ganzen Gesellschaftsgetriebe nur wenig Die Leibeigenschaft ist
zwar aufgehoben  aber ist man nicht an die Scholle geklebt wenn man nicht nach
beliebigem Ziel und auf beliebige Zeit verreisen kann ohne Deserteur zu heißen
und ist man etwa bewegungsfrei wenn man die Galeerenkugel der Armut schleppt
Wie all diese Ketten zu sprengen seien Durch die Lösung der sozialen Frage Dass
er diese Lösung hierher mitgebracht habe in eine fertige Formel gedrängt so
viel törichte Vermessenheit würde man ihm hoffentlich nicht zumuten er habe nur
diese Mahnung zu geben die soziale Frage muss unablässig ehrlich
wissenschaftlich studiert Experimente müssen gewagt werden so lange bis man
die Lösung gefunden hat  der hehre Tempel das ist die Natur das ist das Leben
selber Beide so voll der Pracht und der Wunder der Mysterien und der Schätze
Das Leben mit seiner angeborenen Lust  die Lebensfreude  und das
Allerheiligste dazu  die Liebe Die Natur in ihrer Ewigkeit und Unendlichkeit
in ihrer Allmachtskraft ihren immerwirkenden Gesetzen und stetem
Entfaltungswandel  Und wie wird dieser Tempel  Natur und Leben uns als
Stätte der Andacht und der Seligkeit gegeben  wie wird der geschändet durch den
darin betriebenen Täuschungsschwindel und Lügenschacher Heraus damit Zu dieser
Reinigung braucht man nur das eine Wahrheit und Wahrhaftigkeit Mit anderen
Worten die Offenbarungen der Wissenschaft zum Dogma  das stete Forschen nach
Erkenntnis und deren mutige Verkündigung zum Kultus  und die unschuldigen
Genüsse des Lebens zum Ritus erhoben Genüsse auf die alle den gleichen
Anspruch haben sollen Das haben die Kirchen gar wohl verstanden dass auf ihre
Feste und Feiern auf Gnaden und Verheißungen alle gleich berechtigt sind  auch
die Ärmsten und Niedrigsten  ebenso muss in dem Tempel den ich meine jeder
gleichen Anspruch und Anteil an Lebensfreude haben  auch die Ärmsten und
Niedrigsten Oder vielmehr Ärmste brauchte es nicht mehr zu geben die Erde ist
fruchtbar genug damit keiner darbe  und niedrig darf niemand heißen der nicht
niedrig denkt 
    Und nun der Drache «
    Rudolf machte eine kurze Pause um sich zu sammeln Jetzt wollte er das
vorbringen was ihm am tiefsten im Herzen brannte und von dem er wusste dass es
einer Auffassung entstammt die für neun Zehntel aller Gegenwartsmenschen ganz
ferne lag Ihm erschien als der feindliche Drache was jene als Götzen verehrten
    Marta befiel eine leise Angst Sie sah kommen was ihr Sohn sagen wollte
und sie zitterte dass dies für manchen Anwesenden verletzend ausfallen könnte
In den Parkettreihen sah man zahlreiche Uniformen  und war das Ungeheuer gegen
das der Vortragende jetzt den GeorgsSpeer zucken wollte der Krieg  
    »Ach Kolnos« flüsterte sie ihrem Nachbar zu »mir ist bange«
    »Ich verstehe Sie« gab er zurück »Aber nur unverzagt Marta Tilling 
dort oben steht ein Kämpfer  Er tut und sagt was er muss«
    »Freunde Gegner und Gleichgültige hier im Saale Glückliche und Bedrängte
Männer und Frauen Reiche und Arme Soldaten und Bürger Aristokraten und
Arbeiter  der Drache den ich meine das ist nicht nur mein das ist auch Ihr
ist unser aller heimtückischer Feind Und seine Name ist  Gewalt Aber nicht
als ein zu Bekämpfendes Verheerendes Ungeheuerliches  mit einem Worte nicht
als Drache wird von unserer Gesellschaft die Gewalt erkannt sondern sie gilt
und schaltet als deren legitime hochangesehene Herrscherin Sie betrachtet man
als Grundlage der Ordnung als Schutz vor Gefahren sie ist die Spenderin der
höchsten Ehren die Vollzieherin des Rechts Der Glanz und Stolz der Nationen
beruht auf der gewaltgesicherten Macht Gewalttaten werden Grosstaten genannt
zur Erlangung von Orden und Würden zur Betätigung von Pflichttreue und Mut zur
Verteidigung und Eroberung der höchsten Güter dient als Mittel der Totschlag
    Und dieses System ist so tief gewurzelt in allen unseren Einrichtungen in
der Erziehung im Unbewussten  dass die meisten unter uns im Dienste des Drachen
Gewalt leben und sterben ohne ihn nur einmal in die bluttriefenden Augen
geschaut zu haben
    Die wenigen die das Ungetüm in seiner Entsetzlichkeit erkennen die werden
von tiefem Schauer durchbebt  Schauer und Schmerz Töten töten töten  wenn
man sich in den Sinn dieses Wortes versenkt und dabei die Einbildungskraft die
ja bei abstrahierten Begriffen so selten mittut spielen lässt und sich
vorstellt wie man das Eisen in die Brust des Bruders bohren oder unter seinem
Hieb verbluten soll und wenn man als letzten Schluss der Zivilisation das
Schlachtmesser  ob man es auch hochtrabend Schwert nennt  walten sieht da
wird man von dem St Georgsfeuer erfasst das Scheusal muss überwunden werden«
    Wieder eine Applaussalve
    Kopfschüttelnd fuhr Rudolf fort »Wenn ich im Eifer meines Gefühls mich zu
etwas heftiger Sprache mit gewalttätigen Bildern hinreißen lasse so lohnt mich
Ihr Beifall Aber dass ichs nur gleich sage Zur Überwindung der Gewalt denke
ich mir keinerlei Gewalttaten So lange man glaubt das Böse mit Bösem
vertreiben zu können wird der Gewaltring nicht gebrochen der uns umklammert
hält
    Der Gang der Kultur ist das Zurückweichen der Gewalt vor dem Recht Noch
sind wir auf diesem Wege nicht weit vorgeschritten aber jedenfalls wird die
menschliche Gemeinschaft in dieselbe Richtung weiter sich bewegen bis zum
Eintritt in die gewaltlose Ära in die kriegslose Zeit  wie dies vom
Versöhnungsapostel Egidy  der selber ein tapferer Soldat war  geprägte Wort
lautet Was wir tun können ist die Beschleunigung dieser Entwicklung  aber
jedes brutale Mittel Aufruhr Attentat Verfolgung  verfehlt den Zweck und
verzögert den Gang der Kultur
    Revolution predige ich nicht Ich rufe auch nicht dem Publikum zu Gehet hin
und schaffet dieses oder jenes ab denn ich weiß dass wir nicht direkt aus
diesem Musiksaal herausgehen können ein kleines Häuflein Leute selbst wenn wir
eines Sinnes wären was wir gewiss nicht sind  um heute abend noch oder morgen
früh die gleichgültige Masse draußen mitzureissen die Gegner zu bekehren und
jahrtausend alte Institutionen umzustossen Ich sage nur dieses den
Unzufriedenen zum Trost den Zufriedenen zur Warnung die Wandlung vollzieht
sich schon«
    Und so wie er vorhin die Zustände aufgezählt die mit ihren Qualen und
Lasten die Gegenwart bedrücken so nannte er jetzt eine nach der anderen die
verschiedenen Bewegungen und Organisationen welche eine glücklichere und
gerechtere Zukunft vorbereiten und neben den sichtbaren Organisationen auch die
unsichtbaren Stimmungen im Zeitgeist durch die ein höheres Menschentum und
damit auch eine höhere soziale Ordnung sich ankündigt
    »Noch etwas zum Schluss Ich habe von Eintracht Wohlstand Friede Freiheit
gesprochen und gezeigt wie viele Keime schon spriessen aus denen der Garten des
kommenden Paradieses hervorblühen wird Und da bin ich mir des Spottes wohl
bewusst der aus gar weisen Hirnen auf mich niederträufeln wird   Oh der
naive Tor wird es heißen  er sieht nicht wie die praktische Welt auf das
Gegeneinander und nicht auf sein empfohlenes Neben und Füreinander eingerichtet
ist er sieht nicht wie die Interessen überall im Kampfe liegen er hört nichts
vom Lärm der Parteizwiste des Klassenhasses der Rassenverfolgungen er weiß
nicht wie die Geister von altem und neuem Aberglauben befangen sind  oh der
blinde taube Träumer«
    »Darauf will ich antworten Alles das sehen und hören wir nur zu deutlich
wir die wir eine schönere Zukunft vorhersagen wir sehen und hören sogar
schärfer als die anderen denn unter der wuchernden alten Riesenvegetation sehen
wir auch die blassgrünen Hälmchen der künftigen Flora durch den wüsten Lärm des
Heute vernehmen wir doch schon den noch fernen Heroldsruf des Morgen 
    Als letztes Wort wiederhole ich also mit tiefster Zuversicht mein erstes es
wird besser
    Aber mitelfen müssen wir dabei«
Der Vortrag war zu Ende Im Saale wurde geklatscht  nicht übermäßig und das
Publikum strömte den Ausgängen zu
    Rudolf stand im Künstlerzimmer wo ihn einige Freunde beglückwünschten Mit
Kopfschütteln wehrte er die Komplimente ab Er fühlte sich unbefriedigt und
abgespannt
 
                                      XXVI
Rudolf war vom Musikvereinssaal direkt nach Hause gefahren ohne auch nur mit
seiner Mutter gesprochen zu haben Er sehnte sich danach allein zu sein und
auszuruhen
    Die Sache hatte ihn heftiger aufgeregt als er sichs vorgestellt Beim
Auftreten war er ganz ruhig gewesen als aber während des Sprechens ihm
zweierlei klar wurde nämlich dass ihm die Macht fehlte alles so zu sagen wie
er wollte und dass was er sagte teils nicht verstanden teils mit zwar
schweigendem aber feindseligem Widerspruch aufgenommen wurde da hatte sich
seiner eine Aufregung bemächtigt die peinlich und bitter war  so bitter dass
ihm davon in der Tat ein bitterer Geschmack im Gaumen blieb
    Im Bette warf er sich hin und her und konnte keinen Schlaf finden Er
versuchte sich zu erinnern was er gesprochen und korrigierte daran herum dies
und jenes hätte er sagen sollen dabei verlor er aber immer wieder den Faden und
musste von vorn anfangen
    Erst gegen Morgen verfiel er in einen fieberhaften Schlummer und als er um
neun Uhr erwachte fühlte er heftigen Kopfschmerz Das gewohnte kalte Bad
erfrischte ihn
    Auf dem Frühstückstisch fand er die Zeitungen Natürlich galt sein erster
Blick den Berichten über den gestrigen Abend Nicht ob Lob oder Tadel darin
enthalten war interessierte ihn sondern ob der Inhalt seiner Rede in einem
guten Auszuge wiedergegeben ob sein Gedankengang wennschon nicht vom Publikum
so doch von den anwesenden Journalisten richtig aufgefasst worden war
    Das war nicht der Fall Einzelne aus dem Zusammenhang gerissene Phrasen
mitunter auch ganz entstellte Zitate und als eigenen Kommentar dazu die unter
herablassendem Lob versteckte Andeutung dass man es mit einem wohlmeinenden
aber die rauen Wirklichkeiten des Lebens ignorierenden Idealisten zu tun habe
In solchen Wendungen hat das Wort Idealismus den Klang von Unvernunft Die
ernsten Praktiker haben nur ein gerührtes Lächeln dafür
    Ein einziges Blatt brachte einen richtigen die wichtigsten Punkte
hervorhebenden Auszug und fügte ein begeistertes »habemus prophetam« hinzu
    Neben den Zeitungen lag auch ein Briefchen in der gewissen verstellten
Handschrift der Unbekannten Es war vom vorigen Abend datiert
    »Ich bin überwältigt Als Sie das Podium betraten war mir als drehe sich
    der Saal um mich herum alle Lichter tanzten  ich war in eine andere Welt
    entrückt Da stand ein Mann der entsagungsund begeisterungsvoll für eine
    edle Sache  die Sache des Menschheitsglücks  seine Person einsetzt  So
    gibt es also doch noch Größe in der Welt  gibt es Menschen die über die
    Massen der Alltagsleute hinausragen  und dabei so viel Kraft und Zauber
    haben Rudolf Dotzky ich danke Ihnen dass Sie mir geoffenbart haben was
    dem Leben Wert und Adel gibt ich danke Ihnen dass Sie sind Rudolf Dotzky«
Das Briefchen war wie seine Vorgänger ohne Unterschrift
    Rudolf war noch kaum mit der eingelangten Post fertig als seine Mutter bei
ihm eintrat Er sprang auf und eilte ihr entgegen
    »Störe ich Dich liebes Kind  Du bist mir gestern entkommen  und ich
muss doch über Deinen Vortrag mit Dir reden«
    »Es ist wahr  ich habe gestern die Flucht ergriffen  ich war so
unzufrieden mit mir und den anderen  bitte setz Dich  Hier die Blätter 
die sind auch nicht zufrieden «
    »Hab ich schon gelesen und mich geärgert Die haben Dich nicht verstanden
«
    »Und Du  welchen Eindruck hattest Du«
    »Lach mich nicht aus Rudolf aber ich war so sehr Mutter des Debutanten 
dh so von Lampenfieber geschüttelt dass ich zu gar keinem ruhigen Urteil kam«
    »Also sogar für Dich war der arme Teufel auf dem Podium  der doch nur im
Dienste einer Sache  Deiner Sache dort oben stand einfach ein  wie soll ich
sagen  ein Konzertredner  Als solcher habe ich allerdings nicht reüssiert
das fühlte ich gleich«
    »Nein  kein Konzertredner  ein Kämpfer stand dort oben So drückte sich
Kolnos aus Der hat Dich verstanden«
    »Ja ja man wird nur immer von solchen richtig aufgefasst die ohnehin
gleicher Meinung sind Aber die anderen hinzureissen  und darauf kommt es doch
an «
    »Hinreissen Ich meine überzeugen darauf käme es an Auch das ist eine
schwere Sache die nicht mit einem Male gelingen kann Es ist schon viel getan
wenn es gelingt Gleichgesinnte in ihrer Gesinnung zu bestärken Darum  weißt
Du  ich hätte lieber gesehen wenn Du Deine Kraft in den Dienst einer
abgegrenzten Bewegung gestellt hättest dieselbe die in meinen roten Heften «
    »Du meinst wenn ich als Mitarbeiter und Redner mich an den
Friedenskongressen beteiligt hätte«
    »Allerdings  da hättest Du Gleichgesinnte bestärken und auch nach außen hin
besser wirken können auf einem bestimmten Gebiet Das Allumfassende verliert
sich ins Weite qui trop embrasse mal étreint Du willst doch als Lehrer
auftreten Also trage den schwachen Schülerköpfen auf einmal doch nur einen
Gegenstand vor versuche nicht  besonders wenn Analphabeten darunter sind sie
in einer Unterrichtsstunde zu Enzyklopädisten zu machen«
    Rudolf wiegte lächelnd den Kopf
    »Deine Kritik liebste Mutter ist noch strenger als die der Herren
Berichterstatter«
    In den nächsten Tagen erhielt Rudolf wieder Briefe von der anonymen
Anbeterin dazu noch andere Epistel verschiedener entzückter Zuhörerinnen die
ihn  ganz wie dies gefeierten Schauspielern und Sängern zu geschehen pflegt 
um Autogramme baten oder gar zum Stelldichein bestellten Ferner Anfragen von
auswärtigen Vereinen ob nicht im Laufe der Wintersaison ein Vortrag zu erlangen
wäre
    Er antwortete bejahend er wollte so oft als möglich sprechen Obwohl ihm
die erste Probe einen so bitteren Nachgeschmack gelassen so sehnte er sich
danach wieder und immer wieder dem lauschenden Volke mitzuteilen was er als
Heilswahrheit empfand und durch unermüdlich wiederholte Predigt dahin zu
wirken dass die Zahl der Einsichtigen sich mehre welche helfen sollten den
Eintritt einer lichteren Ära zu beschleunigen Und wenn es eine Kunst war durch
das gesprochene Wort die Menge zu überzeugen zu trösten aufzurütteln
mitzuziehen nun so würde er durch die beiden unentbehrlichen Gehilfen jeder
Kunst  Fleiß und Übung  vielleicht auch zur Meisterschaft gelangen Dann ein
Herrscher sein um besser dienen zu können Denn einzig um den Dienst der Sache
war ihm zu tun Und um die Erfüllung des eigenen Gewissensgebots Auch eine Art
Kampfgier war in ihm erwacht  ein zorniger Drang aller gleissnerischen
Niedertracht die Maske abzureissen ein Drang der Gesellschaft ins Gesicht zu
sagen wie viel bodenlos Dummes und bodenlos Böses er hinter ihren hochmütigsten
und umschmeicheltesten Leuten und Dingen sah Freilich ist durch Gesetze dafür
gesorgt dass niemand alles sagen kann was er denkt Gegen Verächtlichmachung
sind manche Dinge und Leute geschützt denen es nicht verwehrt ist verächtlich
zu sein und Verächtliches zu tun
    Rudolfs Auftreten als öffentlicher Redner hatte in Wien nicht das Aufsehen
erregt das seine Freunde und er selber davon erwartet hatten Denn abgesehen
von dem was er gesprochen wäre es ja doch jedenfalls als ein
Sensationsereignis zu betrachten gewesen dass ein Mann in seiner Stellung so
auftrat  und man hätte doch  wie es Achtungserfolge gibt  auf einen
Staunenserfolg rechnen können Neunzig Hundertel der Einwohnerschaft hatten das
Ereignis einfach nicht bemerkt und jener Bruchteil der den Vortrag gehört oder
darüber gelesen war davon nicht erschüttert Die Anwesenden erzählten wohl
ihren Bekannten dass sie dabei gewesen was aber der Inhalt des Vortrags war
hätten die wenigsten erzählen können und die begnügten sich ein summarisches
Urteil abzugeben  meist sehr von oben herab
    Zufällig hatte Rudolf Gelegenheit ein Gespräch über seinen Vortrag zu
belauschen Es war in dem von Künstlern und Literaten viel besuchten Kaffeehaus
an der Ecke der Kärtnerstrasse und Wallfischgasse Er war hineingegangen um ein
paar ausländische Blätter zu sehen und setzte sich an ein Fenster Um einem
Nebentisch dem er den Rücken kehrte saßen ein paar junge Schriftsteller die
sich über ihre neuesten ultramodernen Arbeiten unterhielten
    Nach einer Weile aber stockte das Gespräch Da ließ einer ein ungefähr
neunzehnjähriger Jüngling mit einer Froschphysiognomie die Bemerkung fallen
    »Ich war am vorigen Sonntag im Musikvereinssaal «
    »Ach ja  der Dotzky« fiel ein anderer ein »Nun wie wars«
    »Furchtbar vieux jeu alte Leier  Leitartikelstil  Kanzelgeist im
Journalistendeutsch Hervorkehrung überwundener Standpunkte Wichtigtuende
Naivität Segensgesten mit der DonQuixoteLanze die bekannte Idealmeierei
Fortschritt Freiheit Menschenliebe allgemeiner Wohlstand  mit einem Wort
Quatsch Der gute Mann hat keine Ahnung von der Umwertung der Werte er weiß
nichts vom Adel des Herrenmenschen der vor allem dem Gebote folgen muss Werde
hart Der wird kein Überwinder sein Was er eigentlich will weiß ich nicht 
weiß er vermutlich selbst nicht Soviel ist sicher davon weiß er nichts dass
des modernen Menschen einziges Ziel sein soll eine Individualität sein und 
sich ausleben«
    Rudolf zögerte Sollte er sich umwenden und der Tischgesellschaft sich
vorstellen Dem überlegenen Individuum  das sich auslebte  eine kleine
Verlegenheit bereiten und dann seinen Standpunkt behaupten
    Er widerstand der Versuchung und lauschte weiter Man sprach nicht länger
von ihm sondern knüpfte an das Gesagte an um über Nietzsche zu dissertieren
und langte bald wieder bei den eigenen Angelegenheiten an der geplanten
Herausgabe einer »ultravioletten Revue«
    Das interessierte Rudolf weniger Er zahlte und ging Er schlenderte über
die Ringstrasse in Nachdenken versunken Was er da gehört hatte summte ihm im
Kopfe nach Besonders das Wort Überwinder
    Wodurch wird das Überwinden gar so sehr erschwert   Dadurch dass die
Arbeit derer die etwas überwinden wollen lange vor ihrer Vollendung von jenen
unterbrochen wird die ihrerseits die Überwinder zum Gegenstand der Überwindung
machen wollen Da bemühte sich zB eine junge naturalistische Schule den
verlogen gewordenen Idealismus zu verdrängen und noch war sie in voller Gärung
noch hatte sie ihre Meisterwerke nicht hervorgebracht so war schon eine neue
romantische Schule daran den Naturalismus für überwunden zu erklären Das
erste was manche Leute von einer neuen wissenschaftlichen Theorie erfahren
ist dass man sie schon längst widerlegt und abgetan hat Verbreitet wird sie
viel später als abgeurteilt Und nun gar der große Kampf dem Rudolf sich
angeschlossen hatte die Überwindung der jahrtausendalten Institutionen
menschlicher Unfreiheit ein Kampf der kaum erst begonnen hat und zu seiner
Austragung der rastlosen und kraftvollen Anstrengung mehrerer Generationen
bedürfen wird  der soll auch schon als veraltete Philisterei belächelt werden
 Wahrlich Schlagworte wechseln heutzutage schneller als Hutmoden Man darf
sich ja  in der geistigen jeunesse dorée  gar nicht mehr sehen lassen mit
einem vorjährigen Ideal Erst dann lässt sich wieder damit hervortreten wenn es
eine Zeitlang »überwunden« gewesen und die Reihe an die Überwinder kommt
ihrerseits »vieux jeu« zu werden In immer rascherem Tempo spielt sich dieses
Hin und Her ab dieses Altwerden des Neuen und Wiederneuwerden des Alten  mit
Hinzukommen von wirklich noch nie dagewesenen Begriffen und Dingen Man müsste
dabei ganz haltlos schwindlig und rasend werden wenn es nicht ein paar feste
ruhige Punkte gäbe  einiges das unter all diesem Wirbelnden Flüchtigen
Aufblitzenden und Untertauchenden als das Ewigragende erscheint  Zum Beispiel
 Rudolf suchte nach solchen Ewigkeitsbegriffen  zum Beispiel Liebe Güte Er
musste unwillkürlich lächeln Da bin ich ja wieder mitten drin in der  wie sagte
doch der hartgesottene AuslebeJüngling  alten Idealsmeierei
    Ein Vorübereilender stieß an ihn an Da hob er den Kopf und bemerkte dass er
sich vor dem Tor des von der Familie Ranegg bewohnten Hauses befand
    Dem Impulse hier einen Besuch abzustatten folgte er rasch
    »Die Frau Gräfin zu Hause« fragte er den Portier
    »Zu dienen gräfliche Gnaden« antwortete der Mann und gab das
Glockenzeichen
    Oben ließ ihn der Diener ohne vorherige Meldung in den Salon ein Gräfin
Ranegg und ihre Töchter Kajetane und Christine saßen um einen in einer Salonecke
stehenden runden Tisch auf dessen Mitte eine schirmbedeckte Lampe brannte und
der mit Büchern Arbeitskörben und Schreibmaterial bedeckt war
    Als Rudolf eintrat erhoben sich alle drei Stimmen um ihn zu begrüßen es
schien ihm als wäre unter den Ausrufen »Ah Sie  Ah Graf Dotzky  Das ist
schön« auch ein leiser Schrei ausgestoßen worden War denn sein Besuch gar so
überraschend Sonst war er ja ein häufiger Gast in diesem Hause gewesen und
diesen gemütlichen runden Tisch kannte er ganz gut um welchen die Raneggschen
Damen in den Nachmittagsstunden zu sitzen pflegten mit Lektüre Handarbeiten
und Korrespondenz beschäftigt War er denn seit seinem Auftreten ein gar so
exotisches Geschöpf geworden dass sein Erscheinen erschreckte wie das des
steinernen Gastes
    Die Gräfin aber reichte ihm mit sichtlicher Freude die Hand
    »Setzen Sie sich her zu uns Graf Rudi  Es ist wirklich schön von Ihnen
dass Sie bei Ihren neuen großartigen  sie suchte nach einem passenden
Ausdruck fand aber keinen hm Sachen die alten Freunde nicht vergessen«
    »Ach meine großartigen Sachen« antwortete Rudolf lächelnd indem er sich
setzte »werden wohl viele alte Freunde mir entfremden nicht mich ihnen«
    Er blickte Kajetane an und war erstaunt sie so blass zu sehen blass bis in
die Lippen
    »Ich war am Sonntag verhindert Sie anzuhören« sagte die Gräfin  »aber die
Kaji war dort mit den Blaskowitz  sie war ganz entzückt«
    Jetzt war das Gesicht des jungen Mädchens mit Purpur übergossen
    Rudolf schüttelte den Kopf
    »Entzückt Das Wort scheint kaum zu passen Die Frage ist waren Sie
einverstanden«
    Kajetane nickte
    »Ja« sagte sie leise und fügte hinzu »Neue Horizonte haben sich mir
eröffnet  es war schön«
    Rudolf ergriff ihre Hand
    »Danke Gräfin  Das ist das erste Beifallswort das mich erfreut Ja
darum handelt es sich neue Horizonte  die sollen der Gemeinde aufgehen wenn
der Prediger von einem gelobten Lande spricht«
    »Prediger« fiel Christine ein »Hören Sie Graf Rudi so heilig fassen Sie
nicht alle Ihre Zuhörer auf Ich kenne mehrere die nennen Sie Agitator«
    »Beweger Auch kein schlechter Name Ich wollte ich könnte die Menschen
aufrütteln«
    »Nehmen Sie mirs nicht übel« sagte die alte Gräfin »aber vom Rütteln bin
ich keine Freundin«
    »Das weiß ich Exzellenzfrau«
    »Sie wollen sagen dass ich so konservativ bin weil ich die Frau eines
Geheimen Rates bin O nein  sondern überhaupt  es ist doch nicht gemütlich
wenn der Boden auf dem man steht zum Zittern die Säulen an die man sich
lehnt zum Wanken gebracht werden nicht wahr«
    »Wo jetzt der Ring steht da stand noch vor vierzig Jahren die Bastei Hätte
niemand an den Basteimauern rütteln dürfen so wäre hier nicht Ihr schönes Haus
erbaut worden «
    »Ist das aber ein Grund um mir mein Haus gutwillig zerstören zu lassen Das
können Sie doch nicht von mir verlangen«
    »Nein das kann ich nicht verlangen Sehe ich aber wirklich danach aus als
ob das meine Absicht wäre Wie man doch immer die stillen Aufbauer die an
Stelle des Verfallenden neues Material herschaffen wollen mit gewalttätigen
Zerstörern verwechselt Was ich bringen wollte ist ein bisschen Licht ein
bisschen Liebe «
    »Verzeihen Sie lieber Dotzky das sind doch keine neuen Sachen Haben wir
nicht Licht genug in der Offenbarung und Liebe genug in unserer schönen
Religion Wenn die Leute nur wirklich fromm wären aber leider sind sies zu
wenig von Natur und werden dann auch noch irre gemacht von allen den sogenannten
Aufklärern«
    »Womit Sie mich meinen«
    »Ach nur nicht streiten« rief Christine
    Kajetane seufzte Ihr war die Wendung die das Gespräch genommen hatte
offenbar peinlich und darum beeilte sich Rudolf es abzulenken indem er sich um
das Befinden der Söhne Ranegg erkundigte
    »Oh es geht ihnen prächtig  die Kriegsschule glänzend absolviert «
Auf dieses Thema gebracht sprudelte die Rede der Gräfin in vergnügtester Weise
weiter Von den frohen Nachrichten über die militärischen Erfolge ihrer Söhne
ging sie zum Schicksal ihrer verheirateten Tochter über und da gabs auch nur
Erfreuliches zu berichten Familienzuwachs eine Erbschaft interessante Reisen
 kurz ein rosa in rosa gemaltes Bild des Lebens
    Und in dieser Art Leben  so flog der Gedanke durch Rudolfs Sinn  hätte ich
meinen Platz bewahren können Sorgenlosigkeit Familienfreuden genussreiche
Erlebnisse  und statt dessen  
    »Und hören Sie« fuhr die Gräfin fort »ich will Ihnen etwas anvertrauen 
in wenigen Tagen solls ja doch offiziell «
    »Aber Mama« unterbrach Christine
    »Schadt nichts  eine Woche lang wird der Rudi schon schweigen Also meine
Christine hier ist auch glückliche Braut  Otto Weissenberg «
    »Der älteste Sohn des Fürsten Franz Weissenberg  oh ich gratuliere das
ist ja eine der glänzendsten Partien des Landes  und dabei ein lieber hübscher
Mensch  ich freue mich herzlich« Und er schüttelte Christinens Hand »Jetzt
aber ist die Reihe an Ihnen Gräfin Kajetane «
    »Oh an der wäre eigentlich zuerst die Reihe gewesen da sie unsere älteste
ist aber sie ist ein eigensinniges Mädel«
    Kajetane machte eine unwillige Bewegung und stand auf
    Jetzt kamen einige andere Besucher Es waren zumeist Leute die Rudolf
kannte In den allgemeinen Gesprächen die geführt wurden vermieden sie jede
Anspielung auf den stattgehabten Vortrag im Musikvereinssaale Es war wie eine
zarte Rücksicht Von ihren »faux pas« erwähnt man doch den Leuten nichts
Allmählich landete die Unterhaltung wieder bei Jagdangelegenheiten und
Gesellschaftstratsch man versuchte gnädig Rudolf hineinzuziehen als ob man
bei ihm das lebhafteste Interesse für diese salonfähigen Gesprächsstoffe
voraussetzte Wirklich sie bauten ihm goldene Brücken Wenn er nur seinen
»Schritt vom Wege« bereuen wollte und wieder vernünftig werden  sie würden ihn
ja wieder als ganz normal behandeln
    Kajetane hatte sich an das andere Ende des Salons begeben wo das Klavier
stand Sie machte sich dort mit Ordnen der Notenhefte zu schaffen
    Rudolf ging zu ihr hin Er hielt es in der Mitte der anderen nicht länger
aus Ein plötzlicher Entschluss war ihm gekommen in diesem Kreise würde er sich
nicht mehr als Besucher als kameradschaftlicher Standeskollege bewegen Streit
und Kampf aufnehmen Das ja  mit jedem und allerorts  aber höfliche
Gemeinplätze austauschen harmlos konversieren als ob nichts vorgefallen wäre
als ob er sich nicht feierlich von den hier geltenden Anschauungen losgerissen
hätte  sich noch mit einer gewissen Nachsicht patronisieren lassen Nein das
nimmermehr Dies sollte seine letzte Visite im Raneggschen und ähnlichen Salons
sein
    Doch zu Kajetane zog es ihn Der musste er noch einmal die Hand drücken Er
ging zu ihr hin
    »Was suchen Sie in diesen Noten«
    Sie hatte ihn nicht kommen gesehen Jetzt wandte sie sich rasch um wie ein
Schauer oder wie ein elektrischer Schlag durchschüttelte es ihre Gestalt
    »Habe ich Sie erschreckt«
    »Nein ich  ich  oh Graf Rudolf «
    »Was denn Kajetane  was haben Sie Ich wollte Ihnen nur Adieu sagen  ich
gehe«
    »Das begreife ich«
    »Wie meinen Sie«
    »Ich meine dass Sie sich dort unmöglich wohl fühlen können« Und sie deutete
mit dem Kopf nach der Richtung wo die Gesellschaft saß
    »Sie haben recht  ich fühle mich dort nicht wohl Obwohl es ja eigentlich
mein von Geburt auf gewöhntes Milieu ist«
    »Sie aber sind neugeboren  Sie haben sich ein neues Reich erwählt und das
ist nicht von « sie wiederholte die Kopfbewegung wie vorhin  »nicht von dieser
Welt«
    »Sie sind ein merkwürdiges Mädchen Kajetane Sollten Sie auch zu einer
anderen Welt gehören«
    »Gehören noch nicht aber mich dahin sehnen  ja«
    »Seit wann«
    »Seit  seit  Ihrem Abschiedsfest in Brunnhof  und seit Ihren Vorträgen
und Broschüren«
    »Meine Broschüren haben Sie gelesen Da möchte ich doch «
    Das Gespräch wurde durch die Dazwischenkunft Christinens unterbrochen Da
empfahl sich Rudolf von der Hausfrau und den anderen und ging
 
                                     XXVII
Nach dem Burgteaterabend verbrachte Sylvia eine ruhelose aber süß ruhelose
Nacht
    Ihre Liebe hatte sich das fühlte sie zu einer mächtigen Leidenschaft
entfaltet zu etwas gegen das es kein Ankämpfen mehr gab Dem Geliebten hätte
sie vielleicht noch entsagen können  aber ihrer Liebe nicht  ebenso wie man ja
einen Trunk von sich weisen kann nicht aber den Durst Der brennt ob man will
oder nicht
    Schon lange hatte das Delnitzkysche Paar kein gemeinschaftliches
Schlafzimmer mehr Sylvia war also allein Gegen zwei Uhr da sie durchaus
keinen Schlaf finden konnte machte sie Licht Sie warf die Decke von sich und
sprang vom Bette herab Ein langes spitzenbesetztes Nachtgewand fiel ihr bis zu
den Knöcheln und die nackten Füßchen verschwanden in dem flockigen Fell das vor
dem Bette auf dem Teppich lag
    Sie hüllte sich in einen warmen Schlafrock nahm das Licht und ging in das
Nebengemach  ihren kleinen Salon
    Was sie dort suchte war Hugos Photographie die unter anderen Bildern in
einer Schatulle auf dem Tisch lag und das in ihrem Schreibtisch verschlossene
Heft der ihr gewidmeten Gedichte
    Sie nahm beides und ging damit ins Schlafzimmer zurück Hier zündete sie die
Kerzen am Toilettetisch und am Ankleidespiegel an Sie wollte Helle um sich
    Auf dem Toilettetisch erblickte sie die Blumen die sie am Abend an ihrem
Kleiderausschnitt stecken hatte  nunmehr verwelkte aber desto stärker duftende
Tuberosen Sie nahm das Sträusschen auf und sog dessen betäubenden Atem ein  das
brachte ihr die ganze Stimmung des herrlichen Teaterabends zurück
    Dann setzte sie sich auf den Toilettesessel nieder ihrem eigenen
zurückgestrahlten Bilde gegenüber Abwechselnd sah sie auf dieses und auf Hugos
Photographie blätterte in dem teueren Heftchen und küsste die sterbenden
Tuberosen
    Was in den glühenden so oft gelesenen Liedern stand und was sie als ihr
dargebrachte Huldigung hingenommen und als kunstvolle Poesie bewundert hatte 
das verstand sie jetzt alles und glaubte es ihm Was er von seiner Liebe sprach
das war ja auch von dem gleichen Gefühl diktiert unter dessen Bann sie selber
erglühte Ebenso sehnsüchtig musste er ihrer gedenken wie sie seiner ebenso
tief unglücklich würde er sein wie sie es wäre im Falle hoffnungsloser
Trennung ebenso überirdisch selig beide wenn sie einander angehören  Sie
hatte Großes zu vergeben und zu versagen  in ihrer Hand lag das Glück und das
Unglück zweier Menschen Sie malte sich beides aus in wonneschwülen und in
schmerzlichen Bildern Eine Zärtlichkeit überflutete sie wie sie niemals
ähnliches empfunden
    Nachdem sie eine Stunde so gesessen wurden ihre Lider schwer Süße
Schlaflust befiel sie Sie musste sich aufraffen um nicht auf dem Sessel
einzuschlafen Sie stand auf verlöschte die Lichter ließ den Schlafrock fallen
und schlüpfte wieder unter die seidenen Decken
    Hugos Bild und Gedichte sowie das Blumensträusschen hatte sie unter das
Kopfkissen geschoben und es währte kaum fünf Minuten so lag sie in tiefem 
aber nicht traumlosen Schlaf
    Um den StuckPlafond des Schlafzimmers lief eine durch Rosenguirlanden
verbundene Bande schwebender Amoretten Als ob diese Rosen entblättert auf die
Schläferin herabschneiten so lind und so betäubend war der Traum der sie
umfing
    Vom Arm des Geliebten weich umschlungen schaukelt sie in einer Barke auf
saphirblauem See Längs der Ufer Gärten und Terrassen Haine voll rieselnder
Blütendolden Säulen und Statuen weiße Pfauen und funkelnde Paradiesvögel
sprühende Fontänen  das Ganze in magische Farben getaucht bald in Purpur eines
Sonnenuntergangs erglühend bald in violettem Glanz als wäre über See und Land
elektrisches Veilchenlicht ergossen über der Barke ein goldenes Dach und auf
ihrem Boden ein mit sterbenden Tuberosen überstreuter Teppich aus Hermelin
Kühlfächelnde Lüfte und von weitem süße Musikklänge  ein Festesrausch für alle
Sinne aber jedes andere Entzücken überragend das leidenschaftliche Vollglück
ihrer Liebe  
    Vielleicht hatte dieser Traum mit allen seinen Bildern nur eine Sekunde
ausgefüllt aber im Gedächtnis der Erwachenden wars als hätte er stundenlang
gedauert Als sie die Augen öffnete  es war schon Tag  da machte sie die
schnell wieder zu um sich den Traum zurückzurufen und ihn womöglich weiter zu
träumen Das Weiterträumen gelang nicht aber das Zurückversetzen in seine
Stimmung brachte ihr  als wärs ein Erlebnis eine Offenbarung gewesen  ein
neues Bewusstsein eine neue Kenntnis die Kenntnis eines Seligkeitsgrades von
dem sie bisher nicht geahnt hatte dass ihr Lebenstermometer ihn erreichen
könnte
    An diesem Morgen wollte sie nicht mit Anton zusammenkommen Sie ließ sich
die Frühstücksschokolade auf ihr Zimmer bringen ebenso die Zeitungen Sie
verschlang die Berichte über die gestrige Erstaufführung Es waren nur kurze
Notizen in der Theaterund Kunstrubrik  die eigentlichen Besprechungen pflegen
erst in den folgenden Tagen die Feuilletons zu füllen  aber schon heute war in
sämtlichen Blättern der volle Erfolg konstatiert und der Verfasser des toten
Sternes als ein lebendiger am Dichterhimmel glanzvoll aufgehender Stern
begrüßt
    Sylvia labte sich an diesen Kritiken Sie genoss das Lob als wäre es eine
ihrer Liebe erteilte Sanktion
    Und was nun Lange blieb sie in Gedanken vertieft Das Ergebnis ihres
Nachsinnens war dass sie ein Billett an Hugo schrieb des Inhalts
    »Ich wünsche ich befehle dass Sie mir acht Tage fernbleiben Bald erhalten
Sie Aufschluss«
    Dann klingelte sie ihrer Jungfer um sich in Strassentoilette zu werfen ließ
anspannen und fuhr zu ihrer Mutter
    Baronin Tilling welche wegen starker Erkältung das Zimmer hüten musste und
daher gestern verhindert gewesen der Burgteateraufführung beizuwohnen war
eben auch damit beschäftigt in den Blättern die Kritiken zu lesen es
interessierte sie lebhaft zu erfahren ob der Sohn ihres treuen alten
Hausfreundes Erfolg geerntet hatte Sie saß in einem zum knisternden Ofenfeuer
geschobenen Fauteuil ein Tischchen mit den Zeitungen neben sich Ihre Tochter
erblickend rief sie erfreut
    »Ah Du bists Sylvia  das ist schön von Dir  Du kommst nachsehen wies
mir geht Nun wie Du siehst viel besser  ich habe da gerade über Bressers
Stück gelesen  Du warst ja drin  erzähle wie wars Aber was hast Du  Du
siehst so eigentümlich aus so feierlich «
    Sylvia hatte hastig Hut und Mantel abgelegt sie war blass und sichtbar
erregt
    »Was ich habe Das wirst Du gleich erfahren  Und wie das Stück war
Wundervoll Hugo ist ein Genius Ich bete ihn an«
    »Kind was redest Du«
    »Soll man das nicht sagen dürfen  Seiner Mutter nicht Seiner besten
Freundin soll mans verschweigen wenn ein großes Gefühl «
    »Ein verbotenes Gefühl Sylvia«
    »Mutter Mutter ein solches  solches  Polizeiwort von Dir Verbotene
Gefühle kann es doch ebenso wenig  noch weniger geben als verbotene Meinungen
 Nur das Verkünden kann einem untersagt werden von irgend einem Büttel der
offiziellen Ordnung und Moral  aber doch nicht von Marta Tilling«
    »Also sag was Du mir zu sagen hast mein Kind«
    Sylvia schob einen Schemel herbei und ließ sich zu Martas Füßen nieder
    »Ich wills machen wie in alter Zeit «
    Mit dem Rücken an Martas Knie gelehnt das Gesicht dem Zimmer zugekehrt
begann die junge Frau zu reden leise langsam eintönig in längeren und
kürzeren Absätzen
    »Ich bete ihn an  und will die Seine werden«
    Marta unterdrückte einen Ausruf
    »Ich habe mir vorgenommen Dich nicht zu unterbrechen« sagte sie »Sprich
weiter«
    »Anton hat mir die Treue gebrochen ich bin frei  In Reinheit durchs
Leben gehen Das habe ich Dir geschworen  und auch mir selber  und ich will
es halten
    Mit keiner Lüge keiner Falschheit werde ich mein Tun beschmutzen Eine
Larve vors Gesicht halten Nein Wessen hätte ich mich zu schämen Im Gegenteil
stolz bin ich auf meine Liebe und stolz auf die seinige  Sich verstecken
verschleiern Nein Im Gegenteil ein Diadem setze ich mir auf
    O meine hiesige Welt mit der werde ich brechen müssen das weiß ich wohl
Die würde mir mein stolzes Lieben nicht verzeihen Ja wenn ich mich versteckte
wenn ich meinen Mann und sie alle zu betrügen trachtete und sie durchschauten
mich  dann wären sie voll Nachsicht  etwas Geflüster listiges Augenzwinkern
 eine Nummer mehr auf der amüsanten Liste der chronique scandaleuse doch von
der Besuchs und Einladungsliste würden sie mich nicht streichen 
    So aber wenn ich es verschmähen werde zu lügen  werde ich verpönt sein
Sie wissen schon Die Sylvia Dotzky  mit dem jungen Dichter durchgegangen sie
werden es doch durchgegangen nennen sollen in Italien leben  abscheulich
    Warum gerade in Italien Das erzähle ich Dir später  ich habe einen Traum
geträumt  da war unserer Liebe solch ein Schauplatz gegeben voll südlicher
Renaissancepracht  vielleicht finde ich das an irgend einem italienischen See
oder Meeresstrand Und wie er da arbeiten und schaffen wird  in seiner
Seligkeit die Welt bereichern mit den Gaben seines Genius 
    Übrigens zwei Menschen auf dem Gipfel des Glücks ist das nicht auch schon
eine Bereicherung der Welt 
    Ich danke Dir dass Du mich nicht unterbrichst  aber ich kann mir denken
was Du nun einwenden wolltest Wie lange soll der währen dieser
Glücksparoxismus Was dann wenn der Rausch verflogen die Jugend geschwunden
ist  was dann  
    Nun nach einem Dann das hinter dem Ziele meiner und seiner Sehnsucht
liegt nach dem fragen wir wahrlich nicht Sollte das Glück wie ich es mir
denke nur die Dauer eines einzigen Maimondes haben das würde hundert solche
Existenzen aufwiegen wie die denen ich sonst entgegenvegetiere 
    Und dann wer weiß Für das Alter kann uns auch noch ein schöner Frieden
blühen Selbst den Satzungen der Welt können wir ihre Tribute entrichten Ich
kann ja auch Bressers Gattin werden  wie Kosima Bülow die Gattin Wagners
geworden Ich will mich von Toni scheiden lassen Es wird hoffentlich nicht
schwer sein dann kann er seine Geliebte heiraten und seinen Knaben  Du siehst
ich weiß alles  legitimieren
    Gibt er mir meine Freiheit nicht  nun dann nehme ich sie mir  Als mein
Recht Ich lehne mich auf
    Dass eine Frau einem Mann der sie für eine andere verlassen hat für den sie
selber auch keinen Funken Liebe mehr empfindet  ihre ganze Zukunft opfere
dabei ihr Herz ersticken muss dieses abscheuliche Unrecht werde ich nicht
erdulden Ich lehne mich auf
    Damit werde ich nicht nur mir damit werde ich  wie mit jedem Kampf ums
Recht  der abstrakten Gerechtigkeit und meinen Leidensschwestern gedient haben
    Da wird immer so viel gezetert und gejammert über Ketten und Joche und
Hörigkeiten  Die Meinen  Du Mutter an der Spitze mit Deiner Auflehnung
gegen den Krieg und Rudolf mit seinem Feldzug gegen jegliche Gewalt  aber
das Jammern und Zetern hilft nicht abschütteln muss man An der Hörigkeit sind
die Hörigen schuld mit ihrer sträflichen Geduld  Ein gebeugter Nacken ist
das schön Nein  schön ist das zurückgeworfene Haupt das achilleische
Lockenschütteln 
    Mein Gott Mama ich rede etwas überspannt  die Worte kommen mir so 
Seit Monaten und Monaten lese ich Gedichte und gebundene Sprache  und jetzt in
der Erregung verfalle ich in diesen Ton  Und doch was ich vorhabe Du wirst
es gleich hören ist nichts Überspanntes Übereiltes  ist ein überlegter
ruhiger Schritt
    Ich will mit Toni in Ordnung kommen  ihm alles sagen meine Freiheit
zurückverlangen Scheidung anbieten und dann  sollte er sich auch weigern  mir
mein Leben einteilen wie ich muss  ohne Heuchelei So lange ich nicht alles
geordnet und geklärt habe will ich Bresser nicht wiedersehen Es wäre mir 
nach dem gestrigen Abend nach dem heute Nacht geträumten Traum unmöglich  ich
versichere Dir einfach unmöglich  ihm nicht ans Herz zu sinken Und das will
ich nicht solang ichs nicht in Reinheit tue das heißt ohne Hehl wie ohne Reu
    Siehst Du ich bin hierher zu Dir gekommen um meinen Wahrheitsmut auf die
Probe zu stellen um ihn zu festigen  Werde ich imstande sein meiner Mutter
alles zu sagen Das fragte ich mich noch auf der Stiege  Ich habe die Probe
bestanden  und jetzt ist mir leicht und licht ums Herz«
    Sie stand auf und blickte ihrer Mutter ins Gesicht »Nun möchte ich Deine
Antwort hören«
    Marta legte den Kopf an die Fauteuillehne zurück und schloss die Augen
    »Bist Du böse«
    Ein tiefer Seufzer hob Martas Brust
    »Meine armen Kinder « sagte sie leise
    »Warum arm Mutter« Sie kniete wieder neben Marta nieder  »und warum
denkst Du jetzt auch an Rudolf Was hat sein Schicksal mit dem meinigen gemein«
    »Dass Ihr beide gleich zu bedauern seid Beide fühlt Ihr das was in Eurer
Welt Euch umgibt als unerträglich Schranken  Ihr wollt sie einrennen und
stosset Euch blutig daran«
    »Mag sein aber wir bringen sie ins Wanken  desto besser für die die nach
uns kommen Ich frage Dich nochmals bist Du böse«
    Marta verneinte mit stummen Kopfschütteln Sylvia küsste sie
    »Jetzt will ich gehen Mama Morgen komme ich wieder Da wirst Du über alles
nachgedacht haben und mir Antwort geben können Jetzt bist Du zu erschüttert
Leb wohl«
 
                                     XXVIII
                             Aus Martas Tagebuch
Ich werde meinem Kinde behilflich sein  nämlich die Ehescheidungssache zu ebnen
trachten Vielleicht blüht ihr doch noch ein Lebensglück an der Seite des
geliebten Dichters
    Glück Glück  dass wir alle immer nach diesem Phantom haschen dass wir
immer glauben wir hätten ein Anrecht darauf nicht nur für uns selber sondern
auch für alle die uns teuer sind  Für mich habe ich ja schon lange
abgeschlossen  aber in dem Glücke meiner Kinder hätte ich mich noch sonnen
wollen und wie ist das nun anders gekommen Beide in Kampf und Sorgen beide
aus den normalen gesellschaftlich gesicherten Lebenslagen gerissen die ja der
solide Untergrund sind auf den glückliche Existenzen sich aufzubauen pflegen
    Bin ich nicht mit schuld daran Ja  ich habe zum Kampfe aufgestachelt Zu
der Aufgabe Friedrichs Mission fortzuführen habe ich meinen Sohn aufgezogen
Er hat aber den Kampf auf ein Feld hinausgetragen  ein so großes und fernes 
wo ich ihm nicht mehr folgen kann
    Und ebenso Sylvia Ihr trotziges Auflehnen gegen die Urteile der Welt 
wodurch sie zur künftigen Befreiung der Frauen mitgeholfen haben will auch
dahin vermag ich ihr nicht zu folgen Sie mag ja recht haben  Von Rudolf
hätte ich gewünscht dass er unter Beibehaltung seiner Stellung und Gründung
eines neuen häuslichen Herdes sich auf einen Zweig der Kulturarbeit beschränkt
hätte auf die Bekämpfung des Krieges  wie sie in meinem »Protokoll« von Abbé
de Saint Pierre und Leibnitz und Kant und  Tilling bis zu Frédéric Passy und
Egidy reicht Da sich einreihen zu den Kongressen die Kraft seiner
Persönlichkeit mitbringen das Propagandawerk durch seine pekuniären Mittel
unterstützen in hohen politischen und höchsten Machtkreisen bei denen er doch
kraft seiner  nunmehr aufgegebenen  Stellung Zutritt hatte Proselyten zu
machen trachten das wars was ich von ihm erhoffte Aber er ist weit darüber
hinweggeflogen  zu weit beinah ins Uferlose Freilich alle Übel sind mit
einander verschlungen und ein Geist vermag auch die ganze Verkettung zu
übersehen aber positiv helfen wirken vorwärts bringen das kann jeder
einzelne nur auf einzelnem Gebiet So scheint es mir wenigstens
    Verloren sind darum seine Arbeit und sein Streben nicht zur allgemeinen
Einsicht wie der künftige Tempel gebaut sein soll kann er beitragen und
dadurch zur Inangriffnahme seiner Errichtung anfeuern aber des Erfolges wird er
sich nicht freuen können der sich an das tatsächliche Einfügen eines kleinen
Bausteins knüpft 
    Doch zurück zu meiner armen Sylvia Man mag noch so großen Anteil nehmen an
dem Gang der öffentlichen Ereignisse an den Phasen  den auf und
niedersteigenden  der Kultur das Nächstliegende Freude und Sorge Glück und
Unglück im eigenen Hause  das drängt sich doch in den Vordergrund des Denkens
und Handelns Was soll ich nur tun um da helfend einzugreifen Mit Delnitzky
reden Mein letzter Auftritt mit ihm hat zwar eine Schranke zwischen uns
aufgerichtet  aber wenn ich doch ihn zu bewegen trachtete Sylvia
freizugeben Ich wünschte beinah ebenso heftig wie sie selber die Fesseln
dieser unseligen Ehe gelöst zu sehen
    Und mein anderer Wunsch wäre dass Rudolf nicht so herzenseinsam bliebe 
ach meine armen Kinder Egidy hat auch Familienbande  hat eine Häuslichkeit
die ihn tief beglückt Das hinderte ihn nicht der Allgemeinheit eine Kraft zu
weihen die immer noch im Wachsen begriffen ist Ich setze einiges von dem
hierher was er mir erst gestern schrieb Briefe von solchen Menschen gehören
ins Tagebuch denn sie sind Erlebnisse
    »  An Umsturz braucht zunächst gar nicht gedacht zu werden  nur an den
Einsturz den Zusammenbruch einer veralteten Weltanschauung
    Zum Umsturz  dh zum Drunter und Drüber zu einem Schreckenszustand kann
es nur kommen wenn die Vertreter der bisherigen Ordnung in trauriger
Verblendung oder gar aus selbstischen Gründen sich gegen den Zusammenbruch
veralteter Vorstellungen auflehnen sich gegen den Einsturz unhaltbarer
Gestaltungen anstemmen Dass sie den Zusammenbruch hindern können  daran ist ja
natürlich nicht zu denken so wenig sich jemand einbilden darf dass er diesen
Einsturz veranlasst hat
    Die Gemeinsamkeit ist ein lebender Organismus dessen Schäden nur von innen
heraus nur durch ein neues reines warmes Herzblut geheilt werden können
Keine Empfindelei kein Sichverlieren in Betrachtungen kein klingelndes
Wortgetöse SichentschließenWollen Jeder in seiner Weise auch tun Wir wollen
praktische wollen verwirklichungsvolle Tatidealisten sein
    Nicht mit einem Male wird alles anders werden sondern allmählich natürlich
aber das Tempo entscheidet Allmählich sagen alle es kommt nur darauf an ob
langsamer Schritt  eins  nochmal zurück  eins  nochmal zurück  zwei 
Sie kennen doch den Kasernenhof oder natürlicher etwas flotter meinetwegen
auch mal bisschen Geschwindschritt  braucht ja nicht Sturmschritt mit tambours
battants zu sein Und es wird Es muss werden Der Durchbruch der neuen
Weltanschauung wird  nicht ohne Weh und Ach  aber doch als ein natürlicher
Vorgang eine Geburt sich vollziehen
    Sie sprechen von meiner Arbeitskraft verehrte Baronin Nun ja ich habe
Arbeitskraft und Schaffensdrang und wie sehne ich mich danach beides
unmittelbar zur Geltung zu bringen Geredet und geschrieben haben schon viele
wurden sie aber dann vor das Tun gestellt so versagten sie sie schlossen
elende Kompromisse mit der seichten Unabänderlichkeit und anderen
Elendsbegriffen ab Die Ehrlichkeit die Übereinstimmung das
InÜbereinstimmungbringen von Lehre und Leben darum handelt es sich für mich
Und darin weiche ich nicht um eine Nagelbreite von meiner Erkenntnis zurück«
    Wahrlich ich kenne keinen Menschen auf den besser als auf Egidy die Worte
passten
Von Halbheit halte den Pfad rein
Der ganze Mann setzt ganze Tat ein
Und wahre Ehre muss ohne Naht sein
                                                                   Ernst Ziel
Dass solche Menschen leben wie Moritz von Egidy und in die Welt hinaustreten
ihre Lehren zu verkünden das ist doch ein großer Trost Selbst wenn man an die
Macht der Heroen nicht glaubt wenn man meint dass die Kulturentwicklung sich
unabhängig vom Einfluss einzelner vollzieht so kann man diese einzelnen  wenn
nicht als Bildner so doch als Symptome der Kulturwandlung betrachten Von der
langsamen aber stetigen Entfaltung der AntiKriegsbewegung  dieser mein
Lieblingsaspekt jener Wandlung  gibt mir mein »Protokoll« fortgesetzt Kunde
Bei der letzten Konferenz  in Bern  der interparlamentarischen Union sprach
Bundespräsident Schenk die Worte »Es freut mich so viele Volksvertreter zu
sehen die für Friedensjustiz und Abrüstung ihre Stimme erheben noch mehr würde
es mich freuen wenn offizielle Vertreter der Regierungen zu einer Konferenz
über denselben Gegenstand zusammenträten Und eine solche Konferenz wird
kommen«
    Ob sich diese Wahrsagung erfüllen wird Die Idee von einer Umkehr in dem
allgemeinen Rüstungswettlauf ist schon in die Kabinette gedrungen das weiß ich
Lord Salisbury hat vor kurzem ein vertrauliches Dokument vorbereitet in welchem
die jährlichen Kosten des Militärs in Europa detailliert aufgestellt waren Da
zeigte es sich zB dass in den Jahren 1882 bis 1886 die Staaten Frankreich
Deutschland ÖsterreichUngarn Grossbritannien Spanien und Italien zusammen
eine Summe von 974715802 £ einzig für Heereszwecke verausgabt hatten Das
Memorandum war anfänglich ausschließlich für das englische Ministerium bestimmt
aber Lord Salisbury teilte es dem Deutschen Kaiser mit der so frappiert davon
war dass er privatim seine Absicht kundtat eine europäische Konferenz
einzuberufen zwecks Erwägung praktischer Massnahmen den allgemeinen Frieden zu
sichern Daraufhin erhielt die halboffizielle Presse den Befehl die Frage
aufzuwerfen  das Jahr 1890 ich erinnere mich brachte eine förmliche
publizistische Kampagne über diesen Gegenstand Das Projekt wurde in Frankreich
schlecht aufgenommen wo man sich auf ElsassLotringen als auf ein jeden
Abrüstungsgedanken ausschliessendes Hindernis berief Der Deutsche Kaiser ließ
hierauf die Idee fallen Solche Ideen pflegen aber nach einer Zeit wieder
aufgenommen zu werden wenn nicht an derselben Stelle so an einer anderen
Ideen sind  Kraft daher ebenso keimfähig und unvertilgbar wie Stoff
 
                                      XXIX
Als Rudolf an jenem Nachmittag das Raneggsche Haus verließ verfolgte ihn
Kajetanes Bild und Stimme Ihre Worte klangen ihm nach und was er heraushörte
erweckte einen Verdacht in ihm sollte sie etwa die anonyme Briefschreiberin
sein
    Nun ein Grund mehr dieses Haus fortan zu meiden  Noch einmal an diese
Kreise durch neue Bande sich fesseln zu lassen sich abermals mit Leuten von so
verschiedenen Lebensinteressen und Lebensauffassungen verschwägern  nein das
wollte er nicht Kajetane war ein liebes Ding und wie es schien etwas
verbrannt in ihn daher auch das momentane Bewundern seiner Taten und Schriften
wie bald aber würde wenn die erste Schwärmerei abgekühlt wieder das alte
Naturell zum Vorschein kommen und wie würde sie dann versuchen geradeso wie es
Beatrix getan ihn von seinen »Extravaganzen« abzubringen und in den Schoss des
alleinseligmachenden Aristokratismus zurückzuführen
    Und er selber der Kampf den er aufgenommen füllte seine Seele vollständig
aus Füllte sie mit Sorgen Ärger Sehnsucht Hoffen  kurz mit einer großen
Leidenschaft Daneben war nicht Platz für Herzens oder gar
Heiratsangelegenheiten Höchstens  er war ja doch ein junger Mann  später
einmal für kleine galante Zerstreuungen aber auch daran dachte er gegenwärtig
nicht
    Er schlenderte über den Ring dahin Der Abend war schon hereingebrochen In
den Auslagfenstern funkelten die Gas und elektrischen Flammen Kunstandlung
Blumenhandlung Fahrradhandlung Schmuckhandlung  eine neben der anderen zeigte
ihre Reichtümer und ihre Lebensgenusslockungen Vor einem erzherzoglichen Palais
dessen erste Etage in Licht strahlte hielt eine Reihe von Equipagen  offenbar
ein großes Diner  Aus dem Grand Hotel an dem er jetzt vorüberging drang
eine Musikwoge  nun ja zur Table dhote spielte ein Orchester  ein junges
Paar in Reisekostüm kam eben unter dem Tor hervor und schritt  von Portier und
Hoteldirektor begleitet zu einem mit eleganten Koffern und Taschen bepackten
Wagen »Zum Orientexpress  Kutscher  schnell «
    Hier freilich sah die Welt aus wie die beste aller Welten hier hatte man
nach Reformen kein Verlangen  Mit plötzlichem Entschluss winkte Rudolf einem
Fiaker Er wollte ein ganz verschiedenes Stück des hauptstädtischen Lebens
anschauen  lernen beobachten Erfahrung und Anfeuerung suchen zu seiner
Aufgabe
    »Wohin Euer Gnaden« fragte der Kutscher
    »Weit in die Vorstadt hinaus  irgend eine Vorstadt nahe bei der Linie  zu
irgend einem Gasthaus «
    »Was für ein Gasthaus«
    »Wo es gerade Volkssänger oder lieber noch wo es eben eine Versammlung
gibt oder ähnliches «
    »Ich versteh Euer Gnaden zufällig is in Margareten draußen beim
Goldenen Apfel heut Siegesfeier oder so was politisches Is das recht«
    »Ganz recht  fahren wir zum Goldenen Apfel«
    Nach einer Viertelstunde hielt der Wagen vor dem Wirtshaus ein
unansehnliches nur stockhohes Gebäude
    Der Kutscher öffnete den Schlag
    »Hier sein mer Euer Gnaden  da ist der Eingang« Er zeigte auf eine Tür im
beleuchteten Erdgeschoss
    »Gut Warten Sie da«
    Es war ein mit Bierdunst und Zigarrenrauch gefüllter Raum den Rudolf jetzt
betrat ein länglicher niedriger Saal Ungefähr zwanzig besetzte kleine Tische
und im Hintergrund eine lange Tafel um die dichtgedrängt etwa dreißig Männer
saßen Nur einer davon stand mit hochgehobenem Glase »In diesem Sinne « also
der Schluss eines Toastes und die Tafelrunde brachte ein sogenanntes »donnerndes
Hoch« aus
    In der Nähe dieses Ehrentisches war an einem kleinen Tischchen noch ein
Platz frei Hier ließ sich Rudolf nieder und bestellte ein »Krügel« Bier
Erstaunte Blicke  von Gästen und Kellnern  streiften ihn denn seine
Erscheinung passte wenig zu der gewohnten Kundschaft des Lokals Diese bestand 
nicht aus Arbeitern sondern aus allerlei Gewerbtreibenden und »Hausherren« vom
Grund Pfaidler Selcher Fleischer  behäbige Kleinbürger sich selber
ungeheuer wichtig dünkende Wähler
    Es war richtig so wie der Fiaker es gesagt eine politische Siegesfeier Der
Kandidat der anwesenden Stimmenabgeber war gegen einen »liberalen«
Gegenkandidaten mit großer Majorität durchgedrungen Jetzt war der kleine Mann
gerettet und die Korruption überwunden und der Glaube der Väter befestigt und
was die Konsequenzen eines solchen Wahlsieges mehr sind
    Alles dies hörte Rudolf aus den einzelnen Sätzen heraus die aus der
allgemeinen Unterhaltung zu ihm herüberdrangen Das ganze untermengt mit
boshaftgemeinen Brocken und Schmähausrufen wie »Na wir wollens ihnen
zeigen« »Blutaussaugerpack« »Mir sein mir und lassen uns nix gfallen« »Aussa
mit die tiafen Tön«
    An Rudolfs Tischchen saßen zwei junge Männer von widerlichem Aussehen der
eine fahl und mager der andere feist und blaurot im Gesicht gekleidet schienen
sie in »von Herrschaften abgelegte« Anzüge mit verknitterten Hemden und lose
gebundenen schmutzigen Kravatten Die beiden unterhielten sich miteinander aber
nicht über Politik sondern über verschiedene Malis und Resis und Mizzis deren
Feschigkeit und »harbe Reize« sie einander rühmten Sie gehörten aber auch zu
der Gesellschaft der Ehrentafel denn als der vorige Toast beendet war hatten
sie mit ihren Krügeln hinübergewunken »Prosit Spezi«
    Ein großer Ekel schnürte Rudolfs Kehle zu Das also sind die Stoffe aus
denen die Landesgesetzgebung gebraut wird  Leute von solchem Bildungsgrad tief
unter Null  von solcher Gesinnungsroheit  die gehören zum Räderwerk der
Maschine die eines großen Reiches Geschicke webt
    Zu diesem moralischen Ekel gesellte sich der physische Die Burschen pafften
an VirginiaStummeln und spukten alle Augenblicke auf den Fußboden wenn sie
ihre Biergläser zu den Lippen führten sah man wie ungewaschen ihre Hände und
wie niemals geputzt ihre abgebissenen Nägel waren  Glückliche Zustände
menschenwürdiges Dasein für alle  Jawohl das ist das Ziel dazu gehört aber
auch dass würdige Menschen herangezogen werden  moralisch und physisch reine
Menschen Anders ausgedrückt schön hat ein Geschlecht zu sein das glücklich zu
werden verdient  mehr noch um glücklich werden zu können  Aus solchen
Gedanken wurde Rudolf durch ein lautes »Meine Herren« gerissen das der Mann auf
dem Ehrenplatz der Tafel offenbar der Gefeierte des Abends außstieß indem er
mit dem Messer an sein Glas klopfte und sich erhob zum Zeichen dass er reden
wolle
    »Bravo bravo« riefen die andern und verstummten dann mit erwartungsvollen
Mienen
    »Meine Herren oder vielmehr meine Freunde Bravo meine verehrten
Kampfgenossen Ich bin mir bewusst voll und ganz bewusst welche Pflichten mir
mein Sieg den ich Ihnen den ich Ihrer Gesinnungstreue danke  mein Sieg mir
auferlegt und diese Pflichten das gelobe ich  will ich ausführen 
unentwegt voll und ganz Bravo Ohne Furcht und ohne Scheu werde ich die
Mängel aufdecken  und die Hallunken entlarven die  die abscheulichen
Hallunken welche  welche «
    »Na ja nieder mit die Juden« kam einer dem Redner zu Hilfe
    »Ja  ich werde das Mandat unserer christlichen Bevölkerung hoch halten und
zeigen dass die verfolgten zurückgesetzten Christen wieder ihre Rechte geltend
machen  und dass das urgemütliche urehrliche und urlustige Wienertum  das
goldene Wienerherz  kurz unsere alten kaisertreuen gottesfürchtigen und doch
so kreuzfidelen Gesinnungen sich  wie soll ich sagen  von den Einflüssen der 
oder vielmehr den Aufdringlichkeiten einer spekulativen Rasse von Parasiten mit
voller Kraft  das heißt mit kraftvoller Entschiedenheit stets und immer und
überall schützen befreien kurz «
    »Kurz davonjagen die Juden« resümierte wieder die Aushilfsstimme
    »Davonjagen davonjagen« riefen nun alle im Takt und applaudierten
frenetisch
    Da hielt es Rudolf nicht länger aus Er sprang auf und trat an den Tisch
    »Meine Herren«  seine Stimme klang fest  »auch ich bin ein Wiener Wähler
und bin auch schon selber Kandidat gewesen  mein Name ist  doch der Name tut
nichts zur Sache Wollen Sie mir gestatten ein Wort zu sagen«
    »Wer san mer denn« »A schöner Herr«  »Hoffentlich a Spezi«  »No so
reden S« tönte es von verschiedenen Seiten
    »Ich bin kein Spezi wenn Sie darunter einen Gesinnungsgenossen verstehen
Aber da Sie«  er wandte sich an den Gefeierten  »im Abgeordnetenhaus auch
Gegner finden werden so werden Sie es wohl vertragen dass einer Ihnen hier
entgegentrete«
    »Also a Liberaler o je« rief der Angeredete »Aber nur heraus mit der
Sprach« Und er nahm eine parlamentarische Haltung an indem er die Hand in den
Westenausschnitt schob
    »Ein Liberaler« wiederholte Rudolf »Ich weiß nicht recht was Sie unter
dieser Bezeichnung verstehen Einfach als Mensch möchte ich sagen dass es im
tiefsten Grade traurig ist wenn eine Parole des Hasses und der Verfolgung den
Ausgangs und Zielpunkt einer politischen Aktion darstellt «
    »Oho« rief jemand »Se san wohl selber a Jud«
    »Zufällig nicht «
    »Nachher a Judenknecht a bezahlter Da habens hier nix zu schaffen in
einer Gsellschaft von redliche Antisemiten  Schauens dass weiter kommen«
    Rudolf verschränkte die Arme Er war totenbleich aber nicht vor Angst
sondern vor innerer Empörung
    »Gut« sagte er »ich versetze mich einen Augenblick an Ihre Stelle Sie
sind Antisemiten Der Titel ist ja sehr gut getragen Nicht nur unter einfachen
Bürgersleuten wie Sie auch in hohen und höchsten Kreisen ist die Sorte
vertreten und auch Gelehrte und Professoren verteidigen diese Anschauung von
allerlei etnographischen und nationalökonomischen Standpunkten aber Sie Sie
bringen wie ich sehe nur Ihr Temperament mit  nur so ein Stückchen gesunden
Hass und Verachtung  bitte sagen Sie mir also wie wollen Sie Ihr Programm
ausführen Was soll denn mit den Juden geschehen«
    »Was mit ihnen gschehen soll Nach Palästina jagen oder umbringen kann
mans leider nit Aber verhindern kann mans dass Richter oder Lehrer werdn 
nix kaufen soll man in die jüdischen Gschäft  und wenn mögli die Güter von
die Reichen  von die Rotschilds und dergleichen  einziehn Und kann Umgang mit
ihnen haben  auch mit die Getauften nit «
    Ein anderer fiel jetzt ein der Grimmigsten einer
    »Ich möcht schon mittun wenn sich a Jüd taufen lässt  so wie der heilige
Johannes es tan hat  ihn ganz einitauchen  dann aber sein Kopf so lang unterm
Wasser tauchen bis er dersauft« Das hübsche Scherzwort erregte beifälliges
Gelächter
    Rudolf hatte sich dem Festtische mit der Absicht genähert gehabt mit ein
paar aus seiner inneren Bewegung quellenden Worten etwas Aufklärendes über die
Pflichten und Ziele von Volksvertretern zu sagen  zu demonstrieren dass durch
Hass und Verfolgung nichts Erspriessliches geleistet werden könne an Herz und
Vernunft hatte er appellieren wollen und zeigen wie diese beiden wenn in den
Dienst der Mitbürger gestellt diesen zu moralischer und materieller Erhebung
verhelfen können Aber nach dem was er jetzt gehört sah er ein dass eine
solche Sprache hier ebenso wenig verständlich wäre wie etwa eine griechische
Ode vor einem Trupp von Irokesen und er verzichtete auf jeden weiteren Versuch
mit den Anwesenden zu diskutieren Nur nach einem Worte suchte er das seiner
ganzen Entrüstung über den wahrgenommenen barbarischen Tiefstand Luft machte 
aber er fand es nicht
    »No is der Herr jetzt paff Sieht er ein dass man gegen so stramme
Parteileut wie wir nit aufkommen kann  dass wir für unser christliches Volk
einstehen werden gegen alle Juden und Judenliberalen sowie gen alle Freimaurer
und Sozi Unser altes Wien mit sein goldenen Herz mit sein frommen Sinn
darf uns von die Eindringlinge und ihre Knecht nit verschandelt werdn No
sagt der Herr noch immer nix«
    »Ich sage dass ich Sie ebenso tief bedauere als  verachte«
    Und er wollte sich zum Gehen wenden Aber da brach ein Sturm los Alle
sprangen von ihren Sitzen auf Schimpfworte flogen durcheinander worunter der
Ruf »Jud Jud« am häufigsten erscholl weil er in solcher Mitte als die
gehässigste Beschuldigung gemeint ist Einer warf seinen Bierkrug nach Rudolfs
Kopf doch ohne ihn zu treffen Zwei Leute  die Burschen an deren Tisch er
vorhin gesessen  packten ihn an den Schultern und während nunmehr der ganze
Saal in den Schrei »Aussi aussi werfts ihn aussi« ausbrach wurde der
Überwältigte zum Ausgang gedrängt und so unsanft herausbefördert dass er auf das
Pflaster fiel Hinter ihm schlugen die Exzedenten die Tür wieder zu
    Die Straße war leer nur der Fiaker stand da Erschrocken sprang der
Kutscher herbei und half seinem Fahrgast vom Boden auf
    »Jessas Maria und Josef Euer Gnaden habens Ihnen weh tan«
    »Nichts nichts « wehrte Rudolf ab »Fahren wir wieder auf den Ring
zurück« Und er stieg ein Im Wagen bemerkte er dass er an einer Stirnwunde
blutete
    Es war aber nur ein Ritzer Am folgenden Tage spürte er nichts mehr davon
Aber eine andere Wunde hatte ihm der Vorfall geschlagen Eine tiefe Verletzung
seines Glaubens an die Menschheit
 
                                      XXX
Hugo Bresser erwartete mit Ungeduld das versprochene Wort Nach zwei Tagen traf
es ein
    »Ich will Dein sein Aber ohne Falsch und Hehl Erst muss ich mich befreien
Also noch Geduld Ich schreibe wieder Bis dahin ist Dir mein Haus verschlossen
Aber nicht wahr Das Wort genügt  ich wiederhole es so wahr ich weiter leben
will und kann  Dein will ich sein«
    Von diesen Zeilen aufs tiefste erregt setzte sich Hugo sogleich an seinen
Schreibtisch um zu antworten Seine Pulse flogen ein seliger Rausch erfasste
ihn und mit fliegender Feder schrieb er auf die erste Seite vier glühende
Strophen  ein Triumphlied über das Thema »Du willst mein sein« vielleicht das
schönste Lied in dem Zyklus »An sie«  dann fuhr er in Prosa fort
    »Sylvia sag nicht zum Glücke Später Später kann ja eins von uns zweien
gestorben sein  was wäre das für ein Raub Du willst Dich frei machen Bist
Dus denn nicht Spürst Du nicht dass in beglückter Liebe eine solche Kraft
liegt dass sie alle Ketten Skrupel Rücksichten spielend über alle Dächer
schleudert
    Das ist ja wieder ein sklavisches und ängstliches Sichbeugen unter das Joch
des fremden Willens ein Abhängigsein von fremdem Urteil dass Du da erst
Scheidungsurkunden und dergleichen brauchst dass Du erst dem ganzen Kreis von
Tanten und Sippen höfliche Anzeigen machen willst Meine Verehrtesten ich liebe
Hugo Bresser und will die Seine werden
    Wen geht das etwas an Das ist unsere Welt und eine so große so
freudenhelle dass sie für uns das ganze übrige in Nichts und ins Dunkel
verdrängt  Du bist zu stolz um zu lügen Vor allem sollten wir zwei zu stolz
sein unser Glück der kalten Menge blosszulegen  ein Glück das um so süßer
wäre je verschwiegener es bleibt Nicht ängstlich verschwiegen nur sorglos
als wäre die Mitwelt nicht da Die Liebe hat solche Isolierungsgewalt Sie
umgibt das selige Paar mit einem undurchsichtigen Netz  aus Flammen gewoben
Das ist der echte Feuerzauber
    Ich bin von einem Hochmut  Mir ist als trüge die Erde niemand der mir
ebenbürtig ist Der König aller Könige bin ich denn Du willst mein sein 
niemand ist würdig mir die Schuhriemen zu lösen aber vor Dir lieg ich im
Staube  Herrin
    Doch wieder nein nicht Dein Knecht will ich sein sondern Dein Schützer 
Kind Du weißt nicht welche sanfte schmelzende Zärtlichkeit ich Dir bereit
halte ruhen sollst Du an meinem Herzen Dich in meine Arme schmiegen im
Bewusstsein voller Sicherheit und Geborgenseins Du hast ja viel Trübes
durchgemacht  Stunden der Bitterkeit des Ekels des Aufruhrs  Trost brauchst
Du und Rast und Stille Fürchte nicht dass Dein Geliebter Dich in einen ewigen
Wirbelsturm der Leidenschaft mit sich reißen will  ich will Dir Frieden geben
Minuten lodernder Extase  aber auch Stunden heiterer Vernünftigkeit Oder auch
Unvernünftigkeit wir sind gescheit genug jedes für sich um miteinander
kindisch sein zu dürfen Ja fröhlich wollen wir sein  scherzen und lachen
Scherz ist der Page der Königin Freude  und diese ist die Gemahlin des Königs
Glück
    Dann wollen wir auch  in anderen Stunden  ernst sein dem Leben mit seinen
Rätseln tief ins Auge schauen wir wollen  
    Ich breche ab  Ungeduld erfasst mich Diesen Brief trage ich selbst in Dein
Haus um ihn Deinem Mädchen in die Hand zu geben damit er Dir schnell und
sicher zukomme Und Du hab Erbarmen und hab Mut«
    Zur selben Zeit war Sylvia gleichfalls mit Schreiben beschäftigt Es war ein
Brief an ihren Mann
    »Lieber Anton
        Es gibt Dinge die sich leichter schriftlich als mündlich sagen lassen
        Ich wünsche  und wahrscheinlich komme ich dabei Deinem eigenen Wunsch
        entgegen  eine Trennung unserer Ehe
        Du liebst seit mehreren Jahren eine schöne Künstlerin die Dir einen
        Sohn geschenkt hat Du verbringst mehr als die Hälfte Deiner Zeit in
        ihrem Hause  das Du ihr geschenkt hast Du versuchst nicht einmal den
        Schein der Treue gegen mich zu wahren  kurz Du hast tatsächlich unsere
        Ehe schon gelöst
        Ich war allein und dadurch  frei Ich aber blieb allein und hielt
        meinen Part in dem von Dir gebrochenen Vertrage aufrecht Jetzt aber muss
        es anders werden Ich habe mein Herz verschenkt und will meine Freiheit
        vindizieren Betrügen will ich nicht Weder Dich noch die Welt Ich
        bitte Dich also übereinstimmend mit mir Schritte zu einer regelrechten
        Scheidung anzubahnen Von meiner Liebe lasse ich unter keinen Umständen
        Solltest Du in eine Scheidung nicht willigen so würde ich einfach
        abreisen  und nicht allein
        Ich besitze selbständiges Vermögen das weißt Du und kann wo immer
        unabhängig leben
        Die Hauptsache ist jetzt gesagt Das Übrige kann wenn Du einverstanden
        bist mündlich verhandelt oder zwei Rechtsfreunden zur Durchführung
        übergeben werden
        Nicht ganz ohne Wehmut scheide ich von Dir denn ich erinnere mich der
        Zeit da ich glaubte wir beide würden mit und durcheinander glücklich
        werden Es ist anders gekommen Du warst der erste der sein Glück fern
        von unserem Herde gesucht und gefunden  die Reihe ist an mir Nur
        möchte ich «
Bis hierher hatte sie geschrieben als die Jungfer eintrat und ihr Hugos Brief
übergab
    Sylvia erkannte die teuere Schrift aber sie zerriss nicht sofort den
Umschlag Erst wollte sie ihr eigenes Schreiben vollenden und an seine
Bestimmung kommen lassen
    »Warte einen Augenblick« sagte sie und mit vor Erregung zitternder Hand 
der unerbrochene Brief wirkte auf sie wie eine geliebte Nähe  warf sie noch ein
paar Schlusszeilen auf den begonnenen Briefbogen und schob ihn in ein Kuvert
»So das trage hinüber zum Herrn Grafen und übergib es ihm selber«
    »Wissen Frau Gräfin nicht dass der Herr Graf heute früh abgefahren ist Der
Kammerdiener hat ihm seinen Koffer gebracht dann einen Fiaker geholt  und
der Herr Graf ist auf die Südbahn und dem Portier hat er gesagt dass er erst
morgen oder übermorgen zurückkommt  «
    »Ach so  einerlei  leg den Brief auf seinen Schreibtisch«
    Jetzt war sie allein und vertiefte sich in Hugos Zeilen Sie las sie einmal
durch dann ein zweites Mal Satz für Satz  jeden ein paarmal hintereinander
einzelne Worte wiederholte sie laut und lauschte ihrem Klang als wären sie
Musik »Ein Netz  aus Flammen gewoben  Dein Schützer Kind  schmelzende
Zärtlichkeit « Alle Töne die der Briefschreiber angeschlagen  Leidenschaft
Wagemut Ruhesehnsucht glühende Extase und schäumender Frohsinn alles das
vibrierte in ihrer Seele nach und weckte solches Verlangen nach seiner Nähe
dass sie »aus Erbarmen« mit sich selber mehr noch als mit ihm ihn am liebsten
gleich gerufen hätte  Aber sie widerstand der Lockung Rufen würde sie ihn
nicht aber wenn er käme  Bei dem Gedanken fühlte sie eine Beklemmung von
der sie nicht hätte sagen können ob sie Schmerz oder Seligkeit war  
    Gewaltsam raffte sie sich aus dieser Träumerei empor und klingelte ihrer
Jungfer
    »Schnell einen Fiaker« befahl sie Sie hatte den raschen Entschluss gefasst
ihre Mutter aufzusuchen und bei ihr den Tag zu verbringen Sie wollte nicht
allein bleiben  allein mit ihrer gefährlichen Sehnsucht
    Aber Baronin Tilling war nicht zu Hause Auch sie war  so sagte der Diener
 diesen Morgen von Wien weggefahren nach Grumitz in geschäftlicher
Angelegenheit
    Den Wagen hatte Sylvia fortgeschickt also ging sie zu Fuß wieder in die
Richtung des Rings zurück Bei einer Kreuzung musste sie stehen bleiben um ein
paar Wagen vorüberfahren zu lassen und plötzlich hörte sie eine Stimme hinter
sich
    »Sylvia«
    Sie wandte sich um
    »Ach« rief sie  Hugo Bresser stand neben ihr Er war ebenso bewegt wie
sie ebenso blass wie sie Mit weit aufgerissenen Augen einen fast schmerzlichen
Zug um den zitternden Lippen blickten sie einander eine Weile starr an
    Ein eilig Vorübergehender der ein Paket trug stieß unsanft an ihnen an da
kamen sie rasch zur Besinnung und erinnerten sich dass sie auf belebter Straße
waren Sylvia wandte sich zum Gehen und als wäre es selbstverständlich schritt
Hugo neben ihr
    »Sie haben meinen Brief « begann er Das »Du« welches er
niedergeschrieben wollte ihm auf diesem öffentlichen Orte nicht über die Lippen
und auch von dem Briefe zu reden schien ihm gar nicht am Platze und so
vollendete er nicht den begonnenen Satz und fragte etwas anderes
    »Woher kommen Sie«
    Diese Wendung war ihr eine Erleichterung  »Ich komme von der Wohnung
meiner Mutter  sie ist aber heute nach Grumitz gefahren ich habe sie nicht
getroffen Wie sind die weiteren Aufführungen Ihres Stückes ausgefallen«
    »Ich habe ihnen nicht beigewohnt Es ist merkwürdig wie gleichgültig mir
das Stück geworden ist  vielleicht weil ich jetzt mein eigenes Drama erlebe
«
    Sie ging schweigend weiter und er blieb an ihrer Seite Nach einer Weile
sprach er wieder
    »Ich habe heute morgen den Grafen Delnitzky fahren gesehen  mit einem
Koffer auf dem Bock ist er abgereist«
    »Ja auf ein oder zwei Tage«
    »So sind Sie allein«
    Sie verstand den Sinn dieser Frage und antwortete
    »Ich empfange niemand«
    Sie kamen an einen Fiakerstand vorbei
    »Fahr mr Eur Gnaden« fragte einer von den Kutschern Hugo blieb stehen
und blickte Sylvia ins Gesicht
    »Wie wärs wenn wir einen Wagen nähmen und «
    »Wohin«
    »Einerlei  nach Schönbrunn auf den Kahlenberg  es wäre ja doch nach
Eden«
    Sie schüttelte den Kopf und ging weiter Eden war ja auch ihr Ziel Aber in
Italien sollte es sein  und wenn sie sich ganz frei gemacht Seine Worte hatten
eine Vision in ihr erweckt die in Freudenglanz getaucht war Und überhaupt
glücklich  einfach glücklich machte sie seine Nähe
    Nach ein paar Schritten brach Hugo das Schweigen
    »Es hat mir jemand geschrieben Ich will Dein sein«
    Sie machte eine heftige Bewegung mit der Hand die er als Bitte auffasste er
möge nicht hier auf offener Straße an diesem heiligen Geheimnis rühren  und er
begann von anderen Dingen zu reden von einer hämischen Kritik die eine
Wochenschrift über sein Stück gebracht von Rudolf dessen Vortrag er leider
nicht gehört  doch in seiner Stimme lag so innige Wärme als hätte er stets nur
wiederholt ich liebe Dich  ich liebe Dich in Zeit und Ewigkeit In ihr
steigerte sich das Verlangen dieses Wort von seinen Lippen zu hören und es ihm
selber zu sagen und so waren die einsilbigen bedeutungslosen Antworten die
sie ihm gab gleichfalls von verhaltener Zärtlichkeit durchzittert
    Manchmal verstummten sie auch ganz und gingen nur so nebeneinander her
nicht Arm in Arm doch so nah dass ihre Arme sich streiften  Sylvia kam sich
vor wie in eine nie gekannte Lage versetzt Alles was sie umgab war ihr fremd
und eigentümlich als hätte sie ähnliches niemals erlebt  das Geklingel der
Trambahn die Spiegelscheiben der Auslagen die geschäftigen und die
flanierenden Leute  alles war so unwirklich es gehörte nicht zu ihr und sie
gehörte nicht hinein Überhaupt was sie jetzt durchbebte war nur Präludium
Prolog  das eigentliche Stück sollte erst folgen Auch ihr ganzes früheres
Leben war wie ausgelöscht die Gegenwart galt nicht aber das Kommende  Sie
wagte nicht gerade hineinzuschauen in diese Verheißung gerade so wie man
nicht in die Sonne schaut  
    So waren sie vor dem Dotzkyschen Hause angelangt Sie wollte ihm nun die
Hand reichen und Adieu sagen  aber sie war wie gelähmt und tat es nicht Sie
konnte nicht einmal stehen bleiben sondern bewegte sich mechanisch weiter und
trat unters Tor Er desgleichen Da fing ihr Herz wild zu pochen an Sie wollte
gar nicht mehr dass er sie verlasse
    Auf der Treppe bot er ihr den Arm und an der Flurtür zog er die Klingel
Jetzt konnte sie ihn noch immer wegschicken  sie tat es nicht
    Der Diener öffnete Sylvia trat über die Vorzimmerschwelle Hugo
hinterdrein Der Diener nahm seiner Herrin die Jacke und dem Besucher den
Überrock ab und öffnete dann eine Tür Sylvia ging voran ohne sich umzusehen
durchschritt sie die ganze Flucht der Zimmer bis sie in ihrem kleinen Salon
anlangte Sie warf ihren Hut auf ein Möbel und wandte sich um Hugo der ihr in
dieses Heiligtum gefolgt war stand mit dem Rücken an die geschlossene Tür
gelehnt und öffnete die Arme Mit einem halberstickten Schrei sank sie hinein
    »O mein Geliebter Geliebter Geliebter « Ihr gesenkter Kopf war an
seiner Brust geborgen Geborgen das war das rechte Wort für das was sie
empfand das Vollgefühl der Erfüllung
    Er hob ihren Kopf empor und bog ihn zurück um ihr tief in die Augen zu
schauen
    »Mein mein « dann drückte er seinen Mund auf ihre wie küssedurstend
geöffneten Lippen
    So blieben sie zwei selige Minuten umschlungen Dann riss Sylvia sich los und
entfernte sich ein paar Schritte
    Sie ließ sich in eine Sofaecke fallen mit einem tiefen zitternden Seufzer
Er näherte sich
    »Dort« sagte sie und wies nach einem seitlich stehenden etwas entfernten
Fauteuil
    Er gehorchte In dieses Zimmer das wusste er von früher her konnte jeden
Augenblick jemand hereinkommen Nur vorhin als er an den Türflügel gelehnt
gestanden war man vor Überraschung sicher gewesen
    »Ich habe nicht geglaubt« sagte Sylvia »dass ich so lieben kann«
    »Wie ich Dich liebe weiß ich längst  Schon damals  erinnerst Du Dich 
in Brunnhof bei dem plötzlichen Gewitter wie Du mir entgegenliefst und
ausglittest  als ich Dich in meinen Armen auffing schon damals wusste ich für
mich kann es nur einen Himmel auf Erden geben  Dich besitzen«
    »Ja wir werden glücklich sein über alle Begriffe glücklich  Und Du
wirst dabei ein noch größerer Dichter werden als Du schon bist«
    »In dieser Stunde ist mir jeder Ehrgeiz erstorben  höheres kann ich nicht
erreichen als Dich «
    »Nicht erstorben nur betäubt Mir ist auch so zu Mute  wie in einem
Taumel  und doch so ruhig ruhig  Teurer «
    Sie streckte die Hand aus Er rückte mit seinem Fauteuil näher um diese
Hand ergreifen zu können Nun sagten sie sich in geflüsterten Worten  Hand in
Hand und Aug in Auge  die hundert innigen törichten Dinge die wie
gesprochene Liebkosungen sind Und schließlich trotz der gefährlich offenen
Tür fanden sich ihre Lippen wieder in einem langen weltentrückenden Kuss
    So entrückend dass sie nicht hörten wie jene Tür tatsächlich aufging und
jemand bis in die Mitte des Zimmers kam
    Erst ein zornig ausgestossener Fluch schreckte sie auseinander Hugo sprang
auf  ihm gegenüber stand Anton Delnitzky
    Mit dem Ausruf »Elender frecher Schuft« stürzte dieser nun auf Hugo los
und versetzte ihm einen Schlag ins Gesicht
    Sylvia stieß einen Schrei aus und sank zu Boden  besinnungslos
 
                                      XXXI
Während im Delnitzkyschen Hause dieses Drama sich abspielte war Rudolf im
Begriff Wien zu verlassen um einige seiner im Ausland abzuhaltenden Vorträge
zu absolvieren
    Zwar hätte es nicht gedrängt bis zum ersten versprochenen Vortrag dauerte
es noch vierzehn Tage aber der Vorfall im Vorstadtwirtshaus hatte ihm einen
solchen Ekel eingeflößt dass er das sehnsüchtige Verlangen empfand so schnell
als möglich eine andre Luft zu atmen und mit ganz neuen Eindrücken den so
peinlichen Eindruck zu verwischen
    Er hatte solche Eile dass er nicht einmal von Mutter und Schwester sich
verabschieden wollte Nur über eines wollte er sich vor seiner Abreise noch
aussprechen nur eine gewisse Warnung vorzubringen fühlte er sich verpflichtet
    Zu diesem Zweck suchte er Herrn von Wegemann auf und traf ihn glücklich zu
Hause Es war eben dessen Frühstücksstunde
    »Minister Allerdings« lud Rudolf ein mit ihm eine Omelette und ein
Beefsteak zu teilen was dieser bereitwillig annahm weil er wusste dass es sich
bei Tisch und namentlich nach Tisch bei Kaffee und Zigarre am besten plaudern
ließe Er hatte die Absicht sich über die Sache die ihm am Herzen lag
gründlich auszusprechen Zwar war Herr von Wegemann nicht mehr aktiv an der
Politik beteiligt aber er war in stetem Verkehr mit den leitenden Männern und
gehörte mit allen seinen Ansichten und Neigungen der herrschenden Partei an
Dazu war er der intimste Freund desjenigen Staatsmannes der damals den höchsten
Einfluss besaß und der als ein Mann von aufrichtig kirchlicher Gesinnung dabei
von universeller Bildung und lauterstem Charakter bekannt und allgemein  auch
von seinen Gegnern  hochgeachtet war
    Ein gar gemütliches HagestolzenHeim war es in dem Herr von Wegemann
hauste Alles was ihn umgab war gediegen und behaglich Einige große schöne
Frauenporträts an den Wänden ließ annehmen dass der Minister es verstand die
sorgenlose angenehme Gegenwart mit noch angenehmeren Erinnerungen an die
Vergangenheit zu würzen
    Rudolf empfand eine gewisse leise Anwandlung von Neid die ihn in letzter
Zeit öfters überkam wenn er einen Menschen beobachtete der mit sich mit
seiner Existenz seinem Milieu und seiner Zeit in ruhiger völliger
Übereinstimmung stand bei dem das ganze Seelenleben  Denken Wissen Fühlen 
in eine Art System gebracht war das alles so schön geordnet und friedlich dass
man daneben ganz gut auch seine kleinen materiellen Vergnügungen und
Angelegenheiten systematisch betreiben kann einen geregelten Haushalt haben
sein solides Vermögen administrieren von der eigenen Klugheit und Wichtigkeit
durchdrungen sein kurz in der Atmosphäre des engbegrenzten Egoismus sich
wohlfühlen wie der Fisch im Wasser Während Leute die wie er nach allen
Richtungen andre Zustände ersehnen Leute die das Heimweh der Zukunft in sich
tragen sich so heimlos fühlen so losgelöst von den kleinen Interessen der
umgebenden Gegenwart
    Als die beiden Männer nach beendetem Frühstück sich im Rauchzimmer wo
Kaffee und Liköre aufgetragen waren niedergelassen hatten begann Rudolf
    »Und nun zum eigentlichen Zweck meines Besuchs Dass ich mich verabschiede
weil ich heute abend auf längere Zeit Wien verlassen will sagte ich schon was
der Grund ist der mich forttreibt das will ich Ihnen jetzt sagen Ich habe
hier vor kurzem etwas so Revoltierendes erlebt dass ich eine Zeitlang eine andre
Luft atmen muss  Aber Ihnen der Sie dableiben möchte ich etwas ans Herz
legen Auf eine Gefahr möchte ich aufmerksam machen die ich im öffentlichen
Leben aufsteigen sehe«
    »Allerdings  Gefahren sehe ich auch Zum Beispiel die überhandnehmende
Glaubenslosigkeit der wachsende Materialismus  womit natürlich Verrohung Hand
in Hand geht  die Begehrlichkeit der Massen und dergleichen mehr Da gilt es
eben dass die edleren Elemente sich zusammennehmen und alles aufbieten um die
subversiven Kräfte nicht aufkommen zu lassen «
    »Bitte« unterbrach Rudolf »reden wir nicht in vaguen Allgemeinheiten Das
was ich sagen will  die Sache die mir bedrohlich scheint ist etwas ganz
Positives Es will sich hier eine Partei breit machen die sich auf eine einzige
Idee stützt nämlich die Idee einer Rassenverfolgung«
    »Na ja  um auch positiv zu reden  Sie meinen die Antisemiten«
    »Ja Ich weiß dass diese Partei oder vielmehr diese Gesinnung sich
verbreitet und bis in die hohen und höchsten Kreise heraufdringt aber sozusagen
incognito  während die Wortführer die da offen diese Gesinnung als ein
politisches Programm ins Parlament bringen wollen in ihren Reihen so
bildungslose oder sich absichtlich roh gebärdende Individuen haben  Wenn man
das gewähren lässt so werden diese Leute in das parlamentarische und politische
Leben einen so rohen Ton ein so niedriges Geistesniveau einführen dass dabei 
abgesehen von der Verwerflichkeit des Verhetzungsprinzips überhaupt  sämtliche
politische Fragen herabgedrückt werden Wenn ich Ihnen sagen würde was ich
neulich aus dem Munde einiger neugewählter von der Einwohnerschaft bejubelter
Vertreter dieser Partei für Ausdrücke boshaftester beschränktester Gemeinheit
gehört habe  Sie würden schaudern«
    »Ich weiß ich weiß  Sind ja einfache Vorstadtbürger  die reden wie
ihnen der Schnabel gewachsen ist  im Abgeordnetenhaus werden sie schon den
parlamentarischen Ton annehmen müssen  und anderseits muss man bedenken dass
diese Wahlen doch einen Sieg über viel gefährlichere Kandidaten bedeuten Von
den Antisemiten weiß man doch dass sie gläubige Christen sind und dass sie alles
bekämpfen werden was die Ultraliberalen und Sozialisten und dergleichen
unternehmen wollten um an den Säulen von Thron und Altar zu rütteln «
    Rudolf wollte etwas sagen aber mit beschwichtigender Handbewegung fuhr der
Minister fort
    »Mein Gott ich selber habe ja nichts gegen die Juden  bin ja wie Sie
wissen häufiger Gast bei unserer haute finance und kenne einige ganz
ausgezeichnete Leute unter jüdischen Doktoren  aber wie gesagt die
Antisemiten deren Verfolgungsideen man ja durchaus nicht aufkommen zu lassen
braucht  haben ihr Gutes Und wenn man sie unterstützt so geschieht das
durchaus nicht weil man ihre Ziele erreichen oder ihre Mittel anwenden will
sondern weil sie indirekt dazu beitragen andre Gegner fernzuhalten«
    »Sie geben also zu dass jene Partei von oben protegiert wird Gehört etwa
Graf « er nannte Wegemanns Freund den leitenden Staatsmann »zu diesen
Protektoren«
    »Allerdings «
    »Ich kenne ihn doch als einen vornehm denkenden Edelmann als einen milden
Christen der unfähig wäre solche Äußerungen zu indossieren oder solche
Gehässigkeit zu fühlen wie die antisemitischen Wahl und Hetzreden zu schüren
trachten  und doch sollte er es opportun finden diese Partei zu unterstützen«
    »Mein Freund hat ein starkes katolisches Empfinden Erst gestern sprachen
wir über die überhandnehmende religiöse Gleichgültigkeit «
    »Ich bemerke eher dass die klerikalen Einflüsse überhandnehmen«
    »In manchen Kreisen allerdings Anderseits aber «
    »Also wie denkt Ihr Freund über die Sache«
    »Er sagte  ich habe mir seine Worte genau gemerkt  Je mehr ich diese
Fragen erwäge desto fester und klarer wird meine Überzeugung dass sie es ganz
eigentlich sind von deren Wendung die Zukunft der Geschicke Europas abhängt
Die Krisis in der wir leben liegt in dem Kampf der Revolution gegen die
christlichen Ideen auf denen seit mehr als tausend Jahren die staatliche
Ordnung Europas und seine Zivilisation beruht Siegen diese Ideen nicht dann
wird Europa zugrunde gehen und mit ihm die ganze Ordnung der Dinge Dann folgt
ein Chaos das so lange dauern wird bis die christlichen Ideen wieder wie in
den Zeiten Karls des Großen allmählich die Geister gewinnen und wieder eine
neue christliche Ordnung der Staaten und Völker herstellen  was aber weder wir
noch unsere Kinder erleben werden Wollen wir sie vor allen Greueln der Anarchie
und der Christenverfolgung bewahren so müssen wir in Österreich dem Sturm wider
die Kirche Widerstand leisten«
    Rudolf nickte vor sich hin
    »Das stimmt zu meiner Auffassung« sagte er »Man sieht man fühlt dass all
die Dogmen schwanken von denen man glaubt dass sie die Grundlagen der
Zivilisation sind  aber da möchte ich doch zwischen Klammern fragen ob denn
die heutigen Staaten wirklich nach christlichen Grundsätzen verfahren  ich
wollte es wäre so dann fielen dreiviertel meiner Anklagen weg  also um
dieses hohe Gut die Zivilisation zu schützen muss man kämpfen und im Kampf
gilt das Axiom dass jede Waffe gut sei  gerade so wie der jesuitische nicht
christliche Satz allenthalben Geltung behauptet der Zweck heiligt die Mittel
An diesem Satze krankt unser ganzes politisches System Zwecke  über deren
Nützlichkeit man sich täuschen kann Zukunftsgefahren die gar nicht existieren
werden als so groß aufgefasst dass sofort auch die bösesten Mittel geheiligt
erscheinen und man protegiert Roheit Verfolgung und allerlei an sich
Abscheuliches und Niedriges in der Gegenwart welches helfen soll ein
vermeintlich Hohes zu erreichen und vermeintlich entsetzliche
Zukunftskalamitäten abzuwenden Dass aber die geduldete Roheit sicher böse Folgen
nach sich ziehen muss übersieht man  Sehen Sie verehrter Freund das ist das
ganze Geheimnis warum sonst gute wahrhaft tugendhafte Menschen so viel Böses
geschehen lassen  sie glauben dadurch noch Schlimmerem vorzubeugen So haben
sich bisher noch alle historischen Schandtaten durch edle Motive begründen
lassen und sind mitunter auch aus edlen Motiven verübt worden  und die
Geschichte wird auch solange eine Kette von Greueln bleiben solange der
Kulturmensch nicht jene unselige Formel abschwört und nicht erkennt dass für
keinerlei Zwecke ein Mittel angewendet werden darf das weniger heilig weniger
rein ist als der Zweck Wenn Sie Einfluss auf Ihren Freund haben liebster Herr
von Wegemann und den haben Sie ja  ebenso wie auf andere machtaberische
Kreise  dann benutzen sie ihn um zu warnen  darum habe ich Sie bitten
wollen «
    »Nein mein lieber Dotzky ich enthalte mich jeder Einmischung in
öffentliche Angelegenheiten  ich nehme meinen Ruhestand ernst Und außerdem
teile ich da weder Ihre Befürchtungen noch Ihre Auffassungen Sie haben von
staatsmännischer Politik keinen rechten Begriff Da muss man sich wehren so gut
man kann und die Mittel die man anwendet nicht nach ihrem idealen sondern
praktischen Gehalt prüfen Der gute Zweck ist doch die Hauptsache Wenn wir den
monarchischen und den christlichen Gedanken schützen schützen wir da nicht den
Boden auf dem wir stehen und die Luft die wir atmen Die anderen unsere Gegner
die haben wieder ein Interesse daran diese Prinzipien zu unterminieren und tun
es mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln  soll man das geschehen lassen
Sie sind ein ganz vortrefflicher Mensch mein lieber Rudi ein liebenswürdiger
Träumer aber von dem Ernst und den Pflichten des staatsmännischen Berufs haben
Sie keine Ahnung  Idealismus und Ästetik und dergleichen sind ganz schöne
Dinge gehören aber auf ein anderes Feld ins Künstlerhaus in die Pflegestätten
klassischer Studien aber doch nicht in die Volksvertretung und
Ministerkabinette  in diesen muss «
    Rudolf hatte mit wachsender Ungeduld zugehört
    »Verzeihen Sie dass ich widerspreche« unterbrach er jetzt »Meine Meinung
ist die nachdem Volksvertretung und Ministerkabinette die Stätten sind wo dem
Leben der Völker die Richtung gegeben wird so obliegt die Pflege des Ideals
gerade diesen denn dahin strebt doch die Kultur dass die Schönheitsideale und
Sittlichkeitsnormen das Leben durchdringen Wir werden uns gegenseitig nicht
überzeugen sehe ich  es wäre fruchtlos weiter zu disputieren dennoch habe
ich bei dieser Unterhaltung gelernt sie hat mir einen tiefen Eindruck in die
Ursachen der gegenwärtigen Kämpfe und Kampfweisen gewährt «
    »Warum sagen Sie gegenwärtig Es ist ja immer derselbe Kampf mein Lieber
wie er seit Erschaffung der Welt getobt hat und wie er in Ewigkeit weiter toben
wird  der Kampf zwischen Gut und Böse«
    Rudolf schüttelte den Kopf
    »In Ewigkeit Das ist wieder eine Verkennung des Entwicklungsgesetzes
Dieser lange Kampf ist aber nur darum bis heute unentschieden geblieben weil
das Gute noch nicht versucht hat sich durch Gutes durchzusetzen weil immer
noch das Böse als Mittel sanktioniert ward Ein neues ganz neues Licht muss die
Geister erhellen  und das wird kommen Gerade so wie  auf physischem Gebiet 
das elektrische Licht entdeckt wurde wird auf geistigem Gebiet eine neue
Erkenntnis erstrahlen durch die die Macht des sogenannten Bösen  nicht mit
Unrecht Macht der Finsternis genannt  endgültig überwunden wird«
    Wegemann zuckte lächelnd die Achseln
    »Schwärmer«
    »Danke« sagte Rudolf indem er aufstand »Ich nehme diese Bezeichnung als
Ehrentitel an und  nichts für ungut Ich füge nur hinzu dass wenn ich
einigermaßen schwärmerisch von der Größe einer vorhergesehenen Zukunft spreche
ich dabei die kleinen tunlichen praktischen Schrittchen nicht übersehe die
schon heute nach jener Richtung getan werden können und die jeder von uns zu
tun sich bemühen soll Jetzt adieu  und nochmals Dank für die lehrreiche
Unterhaltung«
    Am selben Abend reiste Rudolf von Wien ab Sein Ziel war Venedig Vom
stillen Zauber dieser Stadt dem er sich durch vierzehn Tage hingeben wollte
versprach er sich Linderung für sein durch die letzten Vorgänge verwundetes
Gemüt
 
                                     XXXII
In der Wohnung seines Vaters lag Hugo Bresser Die Kugel die ihn verwundet
hatte war zwar glücklich gefunden und entfernt worden aber noch schwebte der
Patient zwischen Leben und Tod
    Im Krankenzimmer herrschte Halbdunkel die Fenstervorhänge waren zugezogen
denn Hugo vertrug kein Licht es tat ihm weh Am Kopfende des Bettes stand der
alte Vater und an der Seite saßen zwei Frauen Sylvia und Marta
    Nach dem Duell hatte Anton Delnitzky Wien verlassen Seiner Frau ließ er ein
Schreiben zurück worin er ihr die von ihr verlangte Freiheit gab Die
»Scheidung soll vollzogen werden«  schrieb er  »den Grund hast Du dazu
gegeben Deinen Geliebten habe ich natürlich niederschiessen müssen nach dem was
vorgefallen hatte weder er noch ich eine andere Wahl als auf den Kampfplatz zu
gehen Und Du und ich können miteinander nichts mehr zu tun haben wir können
uns gegenseitig auch nicht verzeihen was wir einander angetan Du hast unsere
Ehre tödlich verletzt  und ebenso verletzte ich Deinen Liebhaber Da gibt es
keine Verzeihung  weder für Dich noch für mich Wir sind miteinander fertig«
    Als Sylvia von der Ohnmacht erwachte in die sie bei jenem Auftritt gefallen
war befand sie sich auf ihrem Bette auf das man sie gebracht hatte Sie wusste
nicht wie lange sie bewusstlos gewesen noch was weiter geschehen war
    Dass ein Zweikampf folgen würde wusste sie und ein fürchterlicher Zorn stieg
in ihr auf über die elenden Einrichtungen der menschlichen Gesellschaft die als
Auskunftsmittel für schwierige Lagen den Mord eingesetzt haben Als ob das Töten
irgend etwas gut machen könnte Die beiden Männer würden sich schlagen  das war
klar Ein wildes Verlangen dieses Duell zu verhindern erfüllte sie  doch
wusste sie zugleich dass jeder Versuch scheitern würde Was konnte sie tun Sich
dem Gatten zu Füßen werfen Umsonst Abzubitten hatte sie ihm nichts  und um
das Leben des anderen flehen was halfs Der andere würde ja selber  sie
erinnerte sich des Schlages den er ins Gesicht bekommen  nicht ruhen ehe er
diese Schmach mit Blut gewaschen Als ob vergossenes Blut überhaupt etwas
reinigen etwas Geschehenes ungeschehen machen könnte   o über den geheiligten
Widersinn unter dessen Herrschaft die blöde Welt sich gestellt hat Oder zu
Hugo eilen und ihm sagen Du gehörst mir Du hast kein Recht mehr Dich mir zu
entreißen  fliehen wir 
    Aber kaum zum Bewusstsein zurückgekehrt und diese und ähnliche Gedanken in
ihrem gequälten Hirne wälzend verfiel sie in heftiges Fieber mit Delirium Und
was die nächsten Tage brachten das wusste sie nicht Sie nahm nur dunkel wahr
dass um sie Frauen bemüht waren dass ein Mann ihren Puls fühlte und dass die
Gestalt ihrer Mutter über sie gebeugt war 
    Erst als das Duell schon vorbei war hatte sie sich wieder erholt Jetzt
musste sie alles erfahren Sie forderte es Sie schrie nach Auskunft  es war ihr
Recht  Marta willfahrte ihr
    »Das Duell hat stattgefunden  auf Pistolen  Anton blieb unverletzt und ist
abgereist und Hugo «
    »Ist er tot«
    »Nein Kind nicht tot  aber schwer verwundet«
    Jetzt fand sie keine Ruhe mehr sie musste zu ihm
    »Aber Sylvia  Du zu dem Mann mit dem sich Dein Gatte geschlagen was
würde die Welt «
    »Danach frage ich nicht  Hugo stirbt vielleicht Die Welt  Ihre
Satzungen sind es die Dir Mutter Deinen Abgott getötet haben und die den
Mann der mich betrogen zum Mörder meines Geliebten machten«
    »Dein Geliebter  so war er «
    »Wie soll ich ihn anders nennen  Ich lieb ihn ja Die Welt verachte ich
und verächtlich wäre ich tät ichs nicht  Gehen wir  komm mit Mutter und
gehen wir gleich«
    Jetzt war es am dritten Tag seit dem ersten Krankenbesuch der beiden Frauen
    Hugo lag mit geschlossenen Augen da und atmete schwer
    »Schläft er« fragte Marta im Flüsterton
    Doktor Bresser schüttelte den Kopf
    »Ich glaube nicht«
    Sylvia war blass und verweint Noch hoffte sie auf Rettung aber schon die
Möglichkeit  die sogar eine Wahrscheinlichkeit war  dass er verloren sei und
dazu der Anblick seiner Leiden verursachten ihr so tiefen Schmerz dass seit
drei Tagen und Nächten ihre Tränen fast nie versiegten
    Gestern und vorgestern waren Mutter und Tochter je zwei Vormittags und zwei
Nachmittagsstunden beim Kranken geblieben und am Abend wurde noch um Nachricht
geschickt Augenblickliche Gefahr war noch nicht eingetreten gewesen
    Marta blickte auf die Uhr und stand auf
    »Komm Sylvia jetzt wollen wir gehen«
    Die junge Frau erhob sich auch
    »Sollte ihm schlechter werden so lassen Sie uns rufen« sagte sie zum
Doktor
    Aber als die beiden schon nahe der Tür waren kam ihnen Bresser nach und
sagte bedeutungsvoll
    »Gehen Sie nicht «
    Sylvia erbebte Sie schaute zu Bresser auf eine entsetzte Frage im Blick
    Er verstand diese Frage und antwortete
    »Ich fürchte «
    Sylvia flog wieder an die Seite des Bettes zurück und kniete da nieder
Jetzt weinte sie nicht  der Schreck war zu heftig gewesen
    Hugo lag regungslos der Atem der durch seine halboffenen Lippen drang
hatte einen leise wimmernden Laut
    Baronin Tilling ergriff die Hand ihres alten Freundes
    »Was fürchten Sie  Steht es so schlecht«
    »Es steht schlecht«
    Es gab Marta einen Stich dabei dachte sie weniger an Hugo als an den
Freund Der einzige Sohn  Freude und Stolz seines Alters  eine so
glanzvolle Zukunft vernichtet 
    »Ich habe nicht genügend Vertrauen in meine Kunst  auch nicht in die des
Arztes der ihn jetzt neben mir behandelt  ich habe noch Professor Linden
gerufen« Er wandte sich an die knieende Sylvia »Gräfin Sylvia Doktor Linden
kann jeden Augenblick kommen Wollen Sie vielleicht unterdessen ins Nebenzimmer
«
    Sie hob den Kopf
    »Das hat ja Zeit bis er da ist  und wenn er mich fortschickt«
    »Dann hat er Sie aber schon gesehen«  Sylvia blickte verständnislos 
»Ich meine es könnte dann bekannt werden  Doktor Linden kommt überall herum
 und nach allem was man in der Stadt erzählt «
    »Ist mein Platz nicht hier meinen Sie«
    »Mein Gott die böse Welt «
    Ein Ausdruck tiefster Geringschätzung flog über Sylvias Züge
    »Ich bleibe« Und wieder vergrub sie den Kopf in die Decke am Bettrand
Bresser hatte sie verstanden angesichts von Liebe und Tod  diesen beiden
erhabenen Gewalten  war dem jungen Weibe das was er vorhin die Welt genannt
zu einem Nichts geschrumpft
    Der erwartete berühmte Professor kam Er konnte nur bestätigen was Doktor
Bresser selber gefunden die Gefahr war groß Natürlich hatte er die beiden
Damen erkannt und wohl darüber gestaunt dass diejenige deren Gatte  ihretwegen
 den Rivalen verwundet hatte an diesem Krankenbette weilte aber er ließ davon
nichts merken
    Er verordnete weiter nichts als eine hohe Dosis Chinin zur Niederschlagung
des Fiebers Gelänge es nicht die 40 GradTemperatur herabzudrücken stiege sie
noch über 41 so wäre das das Ende  aber es war ja möglich dass  nun er
wollte am selben Abend noch einmal nachsehen
    Im Vorzimmer ging es lebhaft her Ein Zeitungsreporter reichte dem andern
die Stiegentürklinke Auch andere Leute in Menge kamen Nachricht zu holen über
den Zustand des Dichters Bressers Diener gab Auskunft über das Befinden und den
Zeitungsmenschen teilte er die Bulletins mit welche dann regelmäßig in allen
Morgen und Abendblättern erschienen Die ganze Stadt war voll Teilnahme und
etwas Skandalsucht mischte sich wohl auch dazu man erzählte sich in allerlei
Versionen was die Ursache des Duells gewesen und der abgedroschene Satz »
cherchez la femme« wiederholte sich in allen geistreich sein wollenden
Kommentaren
    Es wurde Abend Eine schirmüberschattete Lampe in einer vom Bett entfernten
Ecke verbreitete nur sehr gedämpftes Licht in dem durch dunkle Tapeten und
Holzverkleidungen ohnehin dunkel erscheinenden Raume Es war sein Studierzimmer
in das der Doktor den verwundeten Sohn hatte betten lassen  das geräumigste
Gemach der Wohnung
    Hugo war eingeschlummert Sylvia saß neben ihm und hielt seine Hand in der
ihren Auf einem Diwan am anderen Ende des Zimmers saßen Doktor Bresser und
Marta nebeneinander in mehr oder minder langen Zwischenräumen leise Worte
tauschend
    »Erinnern Sie sich« sagte Marta nach einer Pause »unserer Fahrt auf dem
Karren von Königinhof nach Horowetz am Tage nach der Schlacht«
    »Ich erinnere mich  An dem Leichenhaufen vorbei von dem die Raben
aufflogen Das war doch noch trauriger«
    »Nur schauriger  und ebenso überflüssig«
    »Ja es ist dieselbe große Sünde Zweikampf oder Hunderttausendkampf 
derselbe Wahn dass man mit Töten etwas erreichen etwas beweisen etwas
gutmachen kann Es ist alles so traurig so traurig «
    »Mein armer Freund « Marta seufzte schmerzlich Es war ihr unendlich weh
zu Mute Dieser sterbende junge Mann das verdorbene Schicksal ihrer Sylvia 
Von Rudolf  der hatte auch gar harte Kämpfe aufgenommen  war sie schon länger
ohne Nachricht Die ganze Zukunft ihrer Kinder an sich dachte sie ja nicht
schien ihr mit einem Male so verrammelt die ganze Welt so verdüstert Bilder
aus der Vergangenheit stiegen vor ihrer Erinnerung auf alle so grausig wie das
welches sie vorhin wachgerufen der vom Leichenhaufen an der zerschossenen
Kirchhofsmauer in den von fahlem Mondlicht erhellten Nachthimmel auffliegende
Rabenschwarm  Sie sah den Novemberregentag auf dem Gräberfeld von Sadowa da
der junge Kaiser in Tränen ausbrach  die schmucklosen Särge sah sie in denen
man im Laufe einer einzigen Woche  der Grumitzer Cholerawoche   ihre drei
blühenden Geschwister hinausgetragen  und das fürchterlichste Bild von allen
zusammenstürzend unter dem Feuer des Exekutionspelotons die geliebte Gestalt
ihres Friedrich  
    Der Kranke erwachte
    »Wasser« bat er leise
    Der alte Doktor stürzte hinzu aber Sylvia hatte schon ein Glas gefüllt und
mit erregungszitternder Hand an Hugos Lippen gesetzt Er trank mühsam aber
gierig Dann sank sein Kopf auf das Kissen zurück er hatte sie wieder nicht
erkannt
    Seit Sylvia hierhergekommen  jetzt war es schon am dritten Tage  hatte er
noch mit keinem Wort und keinem Blick gezeigt dass er wusste wer da neben ihm
war Sie lechzte danach von ihm erkannt zu werden Sie wusste dass ihre Nähe ihn
beglückt hätte es war ihr schrecklich dass er nicht imstande war dieses Glück
 vielleicht das letzte  noch zu fühlen Vergebens hatte sie ihm zugeflüstert
»Hugo Hugo ich bins  sieh mich an  Deine Deine Sylvia« Vergebens ihm ins
Auge geschaut die verzehrendste Leidenschaft die innigste Zärtlichkeit im
eigenen Blick  seine armen fieberbrennenden Augen irrten wie hilfesuchend
umher und nicht ein Schein von Verständnis und Bewusstsein Das war ja gar nicht
Hugo der da lag nicht ihr Dichter von dem sie angebetet wurde das war nur
ein zuckender leidender Körper mit zwar noch nicht entflohener aber abwesender
Seele
    Gegen zehn Uhr kam der Professor wieder Er fand  was auch Doktor Bresser
schon konstatiert hatte  dass das Fieber bedeutend nachgelassen
    »Das ist günstig« setzte er hinzu
    Sylvia erbebte Wie ein seliger Hoffnungsblitz hatte sie dieses Wort
durchfahren
    Beim Fortgehen gab der berühmte Arzt die Möglichkeit zu dass der junge Mann
davonkomme Die folgende Nacht würde er wahrscheinlich ruhig schlafen Da wäre
viel gewonnen Und beim nächsten Erwachen  Hugo war wieder eingeschlummert 
würde er wohl bei Bewusstsein sein
    »Bei Bewusstsein«  auch dieses Wort durchfuhr Sylvia mit sehnsuchtsheisser
Freude  ein Wiedersehen würde das ja sein
    Marta schlug vor dass man nach Hause fahre Sylvia aber weigerte sich
    »Ich weiche nicht mehr von hinnen bis er gerettet ist oder «
    »Tot« brachte sie nicht über die Lippen Um keinen Preis hätte sie den
Augenblick versäumen wollen den der Professor vorher gesagt  den Augenblick
des zurückkehrenden Bewusstseins Wenn er erwachte musste sein erster Blick auf
sie fallen  dann würde es ein glückliches Erwachen sein das wusste sie
    Als Marta sah dass ihre Tochter so fest entschlossen war zu bleiben
verzichtete auch sie auf das Nachhausegehen Doktor Bresser stellte ihr sein
Schlafzimmer zur Verfügung  er selber wollte bei seinem Sohne wachen Auch
Sylvia bot er an ihr in einem Nebenraum ein Bett aufschlagen zu lassen sie
aber erklärte dass sie sich von dem Lehnstuhl an Hugos Seite nicht rühren werde
 sie könne auch da ruhen Marta nahm des Doktors Antrag an und zog sich
zurück
    Zwei Stunden später Hugos Atemzüge gingen regelmäßig und ruhig Bresser lag
angekleidet auf dem Diwan und war eingeschlummert ebenso die Wärterin die in
einem Lehnstuhl neben dem Ofen ruhte Die einzige Wache im Zimmer war Sylvia
die beim Kopfende des Krankenbettes saß und unverwandten Blickes auf den
Daliegenden schaute obwohl die geliebten Züge kaum auszunehmen waren denn die
Lampe am anderen Ende des Zimmers war noch mehr herabgedreht worden und nur ein
ganz schwacher Schein ging davon aus Die Wanduhr tickte hörbar  vor kurzem
hatte sie ein Uhr geschlagen Im Ofen knisterten die brennenden Scheiter Von
der Straße her trotz der geschlossenen Läden dringt von Zeit zu Zeit das
dumpfe Rollen eines vorüberfahrenden Wagens  Leute die von lustigen Festen
heimfuhren vermutlich und die keine Ahnung hatten von dem Bangen hier oben 
ein Bangen das sich vielleicht bald in wilden Schmerz verwandeln konnte Der
Gedanke dass der Geliebte sterben würde drängte sich ihr immer wieder auf
Manchmal quälte sie sich absichtlich damit sich vorzustellen dass er schon tot
sei  ein Faltenwurf der Decke auf seiner Brust warf einen Schatten der bei
einiger Einbildung wie ein Kruzifix aussah 
    So verging noch eine Stunde Die Uhr holte schnarrend aus um Zwei zu
schlagen Zugleich regte sich der Kranke
    Sylvia sprang auf und neigte sich über ihn Seine Augen waren offen Es
durchfuhr sie der gleiche selige Hoffnungsstrahl wie bei Professor Lindens Wort
»bei Bewusstsein« Vielleicht jetzt  vielleicht war er  er selber wieder da 

    »Hugo Hugo kennst Du mich« rief sie leise aber inbrünstig
    Er war in der Tat zum Bewusstsein erwacht In raschen Erinnerungsblitzen
spielte sich in seinem Geiste das Vorgefallene ab das Duell die Verwundung
der Transport hierher die Operation und dann ein leeres Nichts Und jetzt ihr
Gesicht lag im Schatten aber die Stimme hatte er erkannt  jetzt über ihn
gebeugt das Weib seiner Liebe 
    »Sylvia Sylvia Du  So hab ich Dich wieder«
    »Und auf immer  bist gerettet  bist genesen  ein langes Leben liegt
vor Dir vor uns  Nichts soll uns trennen  Wie ist Dir  Wie fühlst Du
Dich«
    »Ich bin glücklich Sylvia o so glückl  «
    Er erhob sich ein wenig fiel aber mit einem durchdringenden
Schmerzensschrei wieder in die Kissen zurück
    Da war auch schon Doktor Bresser an der Seite seines Sohnes und beugte sich
über ihn
    »Er ist zu sich gekommen« sagte Sylvia »er hat mich erkannt Nicht wahr
Hugo  was ist Dir  Hugo so sprich doch «
    Der alte Mann wehrte ihr ab
    »Still er stirbt  «
 
                                     XXXIII
                         Marta Tilling an Graf Kolnos
                                                           Grumitz im Juni 1895
Teuerer Freund
    Innigsten Dank dafür dass Sie mir Ihre baldige Rückkunft anzeigen und die
Adresse ihrer letzten Etappe geben Da kann ich Ihnen wieder wie schon einmal
schreiben was in der langen Zeit Ihrer Abwesenheit in meinen Kreisen
vorgefallen
    Es war ein Drama ein erschütterndes Drama Sie werden ja alles hören wenn
sie zurückkommen aber vielleicht mit Übertreibungen und Entstellungen So
sollen Sie zuerst die ganze Wahrheit von mir erfahren
    Wenige Tage nachdem Ihr  wie nennen Sies doch  Ihr »periodischer
Reiseraptus« Sie gepackt hatte Ziel das Innere Afrikas  hat sich das Drama
abgespielt Vielleicht ist doch durch die Zeitungen die Kunde davon zu Ihnen
gedrungen Aber Sie lesen ja keine Zeitungen in Ihrem Erholungsexil  und so
wissen Sie wohl nichts vom Duell BresserDelnitzky Ja mein Schwiegersohn hat
den jungen Dichter tödlich verwundet Bresser war  nein nicht Sylvias
Geliebter  er war von Sylvia geliebt So sehr geliebt dass sie unbekümmert um
das was die Welt dazu sagen könnte an sein Krankenlager eilte  ich mit ihr 
und dass sie bei ihm blieb  ich mit ihr  bis zu seinem letzten Seufzer
    Was dann folgte war herzzerreissend Mein Gott ich habe ja in meinem
schwergeprüften Leben viele Schauerszenen durchgemacht die der unbarmherzige
Tragödiendichter Tod zu schaffen weiß die Agonien in den böhmischen Lazaretten
die Cholerawoche in Grumitz die Hinrichtung meines Liebsten  zuletzt die
Verluste die meinen Rudolf betroffen  aber ich dachte nicht dass ich noch
einmal einer Sterbestunde beiwohnen sollte die mir eine ganz neue Art des
Schmerzes offenbaren würde Es ist ja nun vorüber Gott sei Dank  also kann
ichs sagen In der Stunde die ihr den Geliebten ihres Herzens entriss ist
meine arme Sylvia in so wahnsinnige Verzweiflung verfallen  dass die anderen es
kurzweg Wahnsinn nannten sie musste in eine Nervenheilanstalt gebracht werden
wo man sie durch sechs Monate unter strengster Bewachung hielt denn sie
versuchte es mehr als einmal zum Fenster hinauszuspringen oder den Kopf an die
Mauer zu schlagen Nicht als bewussten Selbstmordversuch sondern in Anfällen von
Fieberdelirium Nach und nach wich die Umnachtung ihres Geistes und die
Schmerzparoxismen machten einer sanfteren Schwermut Platz stundenlang weinte
sie an meiner Brust  ich besuchte sie natürlich täglich Nach weiteren zwei
Monaten konnte die Anstalt sie als geheilt entlassen und seither lebt sie bei
mir Immer noch tief melancholisch  Aber sie ist ja noch jung ich rechne auf
die Heilkraft der Zeit vielleicht bietet ihr das Schicksal doch noch Trost 
    Die Scheidung ihrer Ehe ist vollzogen Leider in einer Weise als hätte nur
sie alle Schuld Anton hat vor kurzem seine Sängerin zur Gräfin Delnitzky
gemacht Diese hat das Theater verlassen und die beiden leben in dem Landhaus
das Anton ihr schon vor Jahren geschenkt
    Und Rudolf Diese Frage hätten Sie jetzt sicher an mich gestellt wenn ich
Ihnen alles obige mündlich erzählt hätte denn Sie wissen ja dass in meinen
Gedanken und Sorgen stets meine beiden Kinder den gleichen Platz einnehmen Sie
lesen überhaupt in meiner Seele Kolnos und haben mich immer so gut verstanden
 selbst damals als Sie einem kurzen Irrtum sich hingegeben hatten  haben Sie
schnell begriffen warum es nicht sein konnte  doch davon reden wir
eigentlich niemals Verzeihen Sie dass ich da an einer Erinnerung rührte die
ihnen vielleicht peinlich ist  mir gehört sie eben zu den lieben Erinnerungen

    Also Rudolf Er war am Vorabend jenes Duells von Wien abgereist und erfuhr
davon erst nach einigen Tagen durch die Blätter Vom Zustande Sylvias wusste er
nichts Ich wollte ihn nicht benachrichtigen weil ich wusste das er
eingegangene Verpflichtungen erfüllen musste und ich wollte ihm diese Aufgabe
nicht erschweren Aber von anderer Seite erhielt er Mitteilung da löste er
seine Engagements und eilte zu mir Der Mutter und der Schwester in Unglück und
Bedrängnis beizustehen das erkannte er als seine nächste Pflicht  Und
wahrlich seine Nähe hat mir wohlgetan
    Noch ein anderes liebes Wesen hat sich um mich bemüht  so viel Trost und
Aufrichtung als möglich zu bringen getrachtet Kajetane Ranegg So oft ich
allein war kam sie zu mir nur wenn Rudolf mir Gesellschaft leistete ging sie
fort Sogar in auffallender Weise sie mied ihn so gut sie konnte Dass sie ihn
lieb hat weiß ich schon lange  ich habe es Ihnen ja auch gesagt und meinen
Wunsch dazu dass er sie heimführe aber er will von Wiederverheiratung nichts
hören
    Als Sylvia vollständig genesen war übersiedelten wir nach meinem alten
Grumitz dem ich für Brunnhof untreu geworden war Ach wie ist der Ort so
bevölkert von den Gespenstern meiner Jugend  Rudolf brachte mich hierher und
reiste dann wieder ab  er musste das Versäumte nachholen Was er tut und denkt
und plant  das erzähle ich Ihnen mündlich Ich bin ja noch immer mit ganzer
Seele bei den großen Aufgaben die mein Gatte hinterlassen und mein Sohn
übernommen hat So sehr der eigene Kummer  um meine unglückliche Sylvia  mich
auch bedrückt so sehr ich selber leidend war alle diese Sachen haben mein Herz
stark hergenommen Herz nicht im bildlichen Sinne sondern als Organ und meine
Gesundheit ist arg erschüttert  so habe ich doch nie aufgehört für jene Ideale
 die meine Religion sind  zu sinnen und zu sorgen Im Unglück flüchtet ja
jeder zu seiner Religion
    Was soll ich Ihnen noch erzählen Max und Elisabet Dotzky die
seelenvergnügt auf Brunnhof residieren ob Rudolf da nicht übereilt gehandelt
hat  er wollte Ketten abstreifen und doch wie viele schleppt er noch
hinter sich also diese beiden glücklichen Leutchen haben  pour comble  auch
noch einen Tronerben bekommen   Armes kleines Fritzi  es war ein gar so
lieber Bub Auch etwas was ich nie recht verschmerzen kann In der »Kunst
Großmutter zu sein« war ich eine so frohe Künstlerin 
    Von Lori Griesbach höre ich schon lange nichts Sie soll eine große
Betschwester geworden sein tägliche Frühmesse Paramentensticken Sammlung für
Kirchenbaufonds Protektion katholischer Vereine Unterstützung der Missionen
Verkehr mit dem hohen Klerus usw Den Tod ihrer Tochter und ihres Enkels
betrachtet sie  so sagte sie neulich einem gemeinsamen Freunde  als ein
göttliches Strafgericht für die Familie Dotzky weil die Dotzkys nicht von
echter Gläubigkeit durchdrungen sind Nun ja  es war ein harter Schlag für die
Arme Möge auch sie in ihrer Religion Trost und Stütze finden  Vorausgesetzt
dass dieses fromme Gehaben nicht nur das Mitmachen einer eleganten Mode ist denn
es wird ja in unseren Kreisen täglich mehr und mehr als bon ton betrachtet sich
recht kirchlich zu zeigen  nach dem von oben gegebenen Beispiel
    Hier in Grumitz leben wir drei Frauen äußerst still und freuen uns nur der
sommerlichen Natur  »es ist die Zeit der Rosenpracht« Wir drei sagte ich
Kajetane Ranegg ist nämlich mein Gast Ich bin ihr unendlich dankbar dafür denn
ihre Gesellschaft ist für meine traurige Sylvia eine Wohltat ein wahrer Segen
Kajetane ist jung  und obwohl sie auch einen Herzenskummer hat  heiterer
sonniger Gemütsart Das ist ein Umgang der für meine Rekonvaleszentin doch viel
erspriesslicher ist als der einer selber leidenden und wahrlich recht gedrückten
alten Frau
    Nicht dass ich mich gar so alt fühlte  Aber in den Augen junger Leute 
Es muss ein Naturgesetz sein dass der Jugend wieder nur Jugend als vollgültig
erscheint 
    Ob meine Freundin Ranegg damit einverstanden ist dass ihre Tochter hierher
kam und sich der meinen so sehr angeschlossen hat weiß ich nicht Die
Scheidung die Duellaffäre die auf Bressers Tod folgende »Nervenkrankheit«
alles das sind Dinge die einer so korrekten Frau wie Gräfin Ranegg gewiss
Skrupel einflößen dagegen ist diese Frau doch auch wieder viel zu weiterzig
um etwa ihrer Tochter verbieten zu wollen uns beide mit ihrer lieben Nähe zu
trösten Auch mir ist Kajetane eine wahre Aufrichtung Ich liebe sie einfach
Und sie mich  das fühl ich genau Wenn ich auch weiß dass ich ihr nur per
procura teuer bin das tut nichts Im Gegenteil ich bin ihr dankbar für das
was sie für meinen Sohn empfindet Ich kann mit ihr über seine Pläne sprechen 
sie folgt mit liebevollstem Verständnis Von ihm erscheint ihr alles erhaben und
schön Vielleicht würde sie wenn er das Gegenteil von dem verträte was er
vertritt dies ebenso bewundern  ich weiß es nicht aber es tut mir wohl zu
wissen dass für meinen einsamen Rudolf ein so liebendes Herz schlägt  Wer
weiß wenn ihn einst die Einsamkeit die Heimlosigkeit drückt so wird er  
Lachen Sie mich nicht aus Kolnos dass ich mich so als Heiratsstifterin entpuppe
 man kann nicht ungestraft so glücklich in der Ehe gewesen sein wie ich es
war  genug dieser Brief ist ungebührlich lang geworden Auf Wiedersehen  ich
rechne auf Ihren Besuch
 
                                     XXXIV
Rudolf hatte sich von den Erschütterungen wieder erholt die er durch den
unliebsamen Wirtshausabend und wenige Tage darauf durch die unglücklichen
Ereignisse im Hause Delnitzky erlitten hatte Nun war seine Schwester wieder auf
dem Wege der Genesung und manche erhebende Eindrücke und Erfahrungen auf
sozialem Gebiet hatten die deprimierenden Eindrücke jener Wiener Vorstadtepisode
wett gemacht Dass in einer Kampf und Übergangsepoche wie die in der er lebte
zwei Weltanschauungen  mehr noch zwei Weltordnungen miteinander ringen an
manchen Orten und durch einige Zeit die rückständige Sache Siege feiert das
darf einen der auf der andern Seite kämpft nicht entmutigen das darf ihn vor
allem den Blick nicht trüben für die Siegesanzeichen im eigenen Lager Es kommt
nur darauf an wohin man den aufmerksamen Blick wendet Und in letzter Zeit
hatte Rudolf Gelegenheit gesucht und gefunden die lichtvollen Phasen der
sozialen Entwicklung zu beobachten und sich mit den Dingen und Personen zu
beschäftigen die dem Eintritt einer neuen Ära vorarbeiten
    Was auf der anderen Seite noch so stark vorherrscht das Elend in den
unteren Schichten  Unwissenheit und Lasterhaftigkeit  verteilt in allen
Schichten   die aufgestachelten Verfolgungsgelüste der Nationen und Rassen
die Verherrlichung des Gewaltprinzips in den machtabenden Sphären  das alles
übersah er nicht Doch er fühlte darüber hinweg den Hauch des neuen Geistes Des
Geistes der berufen war diese Dinge zu überwinden Sie gelten ja nicht mehr
allgemein als unabänderliche Tatsachen mit denen man sich abfinden muss sondern
als zu lösende Probleme und allenthalben waren Kräfte an der Arbeit die
Lösungen herbeizuführen Bewusste Kräfte neben den unbewussten
    Der alte Jammer war noch lange nicht gebannt aber die Kulturmenschheit hat
ihm sozusagen gekündigt ihm das Dienstverhältnis aufgesagt
    Was Rudolf am meisten anspornte und in gehobene Stimmung versetzte war der
persönliche Verkehr mit Gesinnungsgenossen Darin fand er den positiven Trost
dass eine ganze Phalanx von Geistern demselben Ziele zusteuert das er winken
sah er war also kein vereinzelter Träumer kein allzuverfrühter Herold Schon
lange hatte er mit den Führern der verschiedenen fortschreitenden Ideen in
brieflichem Verkehr gestanden jetzt hatte er sie selber aufgesucht um im
lebendigem Gedanken und Gefühlsaustausch mit ihnen die eigene Zuversicht zu
stärken Er war nach Berlin gefahren um sich Moritz von Egidy vorzustellen und
hatte sich dort nicht nur an den öffentlichen   von einer Zuhörerschaft von
Tausenden bejubelten Vorträgen sondern auch an dem intimen Umgang des
herrlichen Menschen erlabt
    Er eilte dann nach England Das war nicht nur eine Wallfahrt zu Herbert
Spencer dessen Werke die Grundlagen zu seinem eigenen Denken gebildet sondern
dieses freieste Land Europas mit seiner Immunität gegen den festländischen
Militarismus erschien ihm als der eigentliche Hort des Friedensgedankens wie
es ja tatsächlich neben den Vereinigten Staaten Nordamerikas die Wiege des
Friedensgedankens ist Wenn auch dort wie überall eine Jingopartei existierte
und die großen Massen noch nicht von der Idee eines gesicherten Weltfriedens
durchdrungen waren so bot England damals die sonst nirgends existierende
Tatsache dass die Regierung  in der Person ihres zum viertenmal als solchen
fungierenden Premier  das Prinzip des Völkerschiedsgerichts vertrat Dass wenige
Jahre später gerade in diesem Lande der Kriegsgeist am heftigsten aufflackern
die Gladstones Prinzipien gründlich abgeschworen würden  das sah Rudolf
freilich nicht voraus
    Auch zu dem »grand old man« wallfahrtete er Als er ihn besuchte war ein
Freund des Meisters in dessen Arbeitszimmer anwesend Unterhausmitglied Philip
Stanhope  jüngerer Bruder Lord Chersterfields  auch ein Friedenskämpfer und
Mitglied der Interparlamentarischen Union Das Gespräch fiel auf die nächste
Konferenz dieser Union die in diesem Jahre  1894  im Saale der ersten Kammer
der holländischen Generalstaaten zusammen treten sollte
    »Ich habe meinem Freund Stanhope eine Mission für diese Konferenz gegeben«
sagte Gladstone »Schon im Vorjahre« fügte er hinzu »habe ich im Parlament es
ausgesprochen  anlässlich des Antrages Cremers und Sir John Lubbocks einen
ständigen Schiedsgerichtsvertrag mit den Vereinigten Staaten abzuschließen Ich
habe den Antrag unterstützt habe aber hinzugesetzt dass so wertvoll die
abgegebenen Erklärungen zu gunsten der Arbitrage und gegen die übertriebenen
Rüstungen auch seien es noch ein anderes Mittel gibt vorzugehen auf welches
ich einen besonderen Wert lege das ist die Gründung eines Tribunals zu
provozieren  eines ZentralTribunals Europas eines hohen Rats der Mächte Mein
Freund Stanhope wird diese Idee vor der Konferenz weiter ausführen«
    Im folgenden September wohnte Rudolf im Haag dieser Konferenz bei nicht als
Teilnehmer sondern als Zuhörer
    Zu Punkt drei der Tagesordnung »Vorbereitung eines Organisationsplanes
eines internationalen Schiedsgerichtstribunals« führte der Referent Mr
Stanhope Gladstones Worte über das »europäische ZentralTribunal« über den
»hohen Rat der Mächte« an und fuhr fort
    »Unsere Aufgabe ist es nun diese Forderung mutig vor die Regierungen zu
    bringen Alles was bis jetzt an sogenanntem Völkerrechte besteht ist ohne
    eigentliche Grundlage gewesen auf Zufälle auf Präzedenzfälle auf
    Entscheidungen von Fürsten aufgebaut Daher ist das Völkerrecht diejenige
    Wissenschaft welche die wenigsten Fortschritte gemacht  eine
    widerspruchsvolle Anhäufung von vaguen Paperassen Zwei große
    Notwendigkeiten liegen vor den zivilisierten Völkern Ein internationales
    Tribunal und ein Kodex der dem modernen Geist entspricht und sich elastisch
    den neuen Fortschritten fügen könnte Damit wäre der Triumph der Kultur
    erreicht und die verbrecherische Zuflucht zum Massentotschlag abgeschnitten
    Wie die Dinge heute stehen werden in jedem Parlament neue Militärkredite
    gefordert und wir werden von der Presse zur Bewilligung gepeitscht Anders
    wäre es wenn wir antworten könnten Die Gefahren gegen die die verlangten
    Rüstungen uns schützen sollen würden durch das von uns verlangte Tribunal
    beseitigt Darum soll ein Projekt ausgearbeitet werden das wir den
    Regierungen vorlegen könnten«
Mit großer Genugtuung hörte Rudolf diesen Worten zu So war denn die Bewegung
vom Gebiet der Theorie in die Wege der Praxis geleitet Gespannt folgte er der
an Stanhopes Antrag sich knüpfenden Diskussion Vorerst der allen großen
Initiativen gegenüber  wie es scheint  unvermeidliche Hemmversuch »Es sei für
die Mitglieder der Konferenz nötig« sagte ein Opponent »nur greifbare
ausführbare Anträge zum Beschluss zu erheben welche in den verschiedenen
Parlamenten mit einiger Wahrscheinlichkeit der Annahme vorgelegt werden könnten
nun würde aber Herr von Kaprivi sicher nie den Vorschlag eines internationalen
Tribunales in Erwägung ziehen  auch müsse man vermeiden durch derlei Pläne
den Fluch der Lächerlichkeit auf sich zu ziehen die Gegner seien nur allzusehr
geneigt die Konferenzbesucher als Träumer zu verspotten«
    »Ach« bemerkte Rudolf halblaut zu seinem Galerienachbar »Die Rücksicht auf
das Lachen der Toren würde alles Vorschreiten der Weisheit hindern«
    Dem Opponenten wird aber entgegen getreten Houseau de Lehaie spricht für
die Vorlage und sagt dass angesichts so großer Gesinnungen wie die soeben hier
entwickelten angesichts der Begründung einer Sache durch Männer wie Stanhope
und Gladstone das Wort »lächerlich« überhaupt nicht mehr ausgesprochen werden
darf  Lauter Beifall  Noch ein zweiter erhebt sich für den Vorschlag der
ehrwürdige Frederic Passy »Gegen ein anderes vorhin angewendetes Wort will ich
protestieren« sagte er  »das Wort nie Es ist noch gar kein großer
Fortschritt gar nichts neues überhaupt zur Geltung gekommen von dem nicht
anfänglich behauptet worden wäre es könne nie geschehen Dass zB
Parlamentarier aus allen Ländern zusammentreten um über Weltfrieden zu
verhandeln dass sie dies im Sitzungssaale der ersten Kammer eines monarchischen
Staates tun werden  wie viele hätten auf die Frage wann solches sich
zutragen könne nicht geantwortet Nie«
    Den Verlauf dieser Verhandlung hatte Rudolf stenographiert und seiner Mutter
geschickt Er schrieb dazu
    »Hier hast Du etwas für Dein Protokoll Hätte Tilling das erlebt Der Plan
wird ausgearbeitet und an alle Regierungen verschickt werden Nach und nach
inkarniert sich doch das Wort Diesmal stammt es ja von einem Regierungsleiter
Ein Beweis dass auch schon in den Regionen wo man kann der Wille erwacht der
bisher nur in den Regionen wo man wünscht ein dunkles verlachtes Dasein
führte  Freilich gerade jetzt tobt im fernen Osten wieder ein grausamer Krieg
hast Du die haarsträubenden Chroniken aus Port Arthur gelesen  würde Europa
da doch Einhalt gebieten  Aber war es nicht Europa das den Chinesen und den
Japanern das Kriegshandwerk gelehrt und sie mit den modernsten Waffen
ausgerüstet hat Das alte System treibt eben überall noch seine Früchte Doch
das neue bereitet sich unablässig vor  für die Massen unsichtbar für uns
Kundige sichtbar vor«
    Die geplante Vortragsreise die durch das Unglück seiner Schwester die ihn
nach Wien zurückberufen hatte unterblieben war hatte Rudolf später dennoch
ausgeführt Ob er dadurch viele Adepten gemacht war ihm zweifelhaft dass er
sich aber in seinen Ansichten gefestigt und seinen Gedankenhorizont erweitert
hatte dessen war er sich deutlich bewusst
    Neben der lebendigen Anregung die er in der persönlichen Berührung mit den
führenden Geistern unter den Zeitgenossen fand vertiefte er sich auch in deren
Schriften und verfolgte überhaupt alles was von neuen wissenschaftlichen und
dichterischen Erscheinungen die Welt bewegte Dennoch bei all diesem
leidenschaftlichen Interesse an dem Gang der Welt bei dem Eifer mit dem er
selber suchte zur allgemeinen Kulturarbeit sein Scherflein beizutragen erfasste
ihn manchmal ein Gefühl von Einsamkeit und Lebensleere Das waren Anfälle die
zuerst nur selten sich einstellten und schnell verflogen dann aber in immer
kürzeren Zwischenräumen wiederkehrten und immer länger anhielten Es war wenn
es kam eine dumpfe beengte schwermütige Stimmung  etwas aussichts und
hoffnungsloses  ganz und gar heimatloses  Der Anspruch an persönliches Glück
der sich in jedem Geschöpfe regt auch beim entsagungsvollsten Asketen der ja
die ewige Seligkeit erstrebt der machte sich fühlbar durch unbestimmtes
Sehnen durch quälende Selbstvorwürfe Als ob ein zweites Ich in ihm wäre das
dem andern bitter zurief Wag gibst Du alles für die undankbare Mitwelt hin 
wie sorgst Du für die ungeborenen Geschlechter und wie vergissest Du dabei mich
und meine Rechte  bin ich denn der Garniemand
    Am besten wurde Rudolf den inneren Nörgler los wenn er sich unter
Mitstrebende mengte Und so folgte er gern der Einladung der
interparlamentarischen Konferenz beizuwohnen welche im August 1895 in Brüssel
tagte und wo das Projekt das in der vorherigen Konferenz angeregt worden
fertig vorgelegt werden sollte
    Zum ersten Male war in dieser Körperschaft das Königreich Ungarn vertreten
und zwar in glänzendster Weise durch seinen berühmtesten Schriftsteller
Maurus Jokai und seinen größten politischen Redner Graf Albert Apponyi
    Der Entwurf zur Einsetzung und Organisation eines ständigen internationalen
Schiedsgerichtshofes   aufgesetzt vom belgischen Senator Chevalier Descamps 
fand die Genehmigung der Konferenz und dessen Versendung an alle Regierungen
ward beschlossen
    Eben wollte Rudolf dieses Ergebnis das ihm sehr verheissungsvoll schien
seiner Mutter schreiben als er ein Telegramm aus Grumitz erhielt des Inhalts
    »Komme sofort Mutter sehr krank Sylvia«
Mit dem nächsten Zuge fuhr er heimwärts Die Depesche hatte ihm einen
schmerzlichen Schlag versetzt er argwöhnte dass das Wort »sehr krank« nur eine
schonende Vorbereitung auf das schon eingetroffene Schlimmste war
    Wie sehr er an seiner Mutter hing das empfand er jetzt da er sie verloren
wähnte mit doppelter Klarheit Einsam hatte er sich oft gefühlt in letzter
Zeit  Nun begriff er erst dass die wahre Vereinsamung erst dann sein Los
sein würde wenn diese Vertraute mehr noch diese Eingeberin seines Strebens
ihm entrissen wäre
    Wenn er sie nur noch am Leben fände  Wenn er ihr doch noch einmal sagen
könnte wie teuer sie ihm war und ihr zuschwören dass er weiter arbeiten wolle
an Tillings Mission 
    Es war eine traurige bange Reise Manchmal klammerte er sich an den
Gedanken dass sie ja wieder gesund werden und noch lange leben könne dann aber
sah er sie wieder im Sarge liegen in die Gruft versenkt  
Als er in die Endstation einfuhr von wo noch eine halbstündige Wagenfahrt nach
Grumitz lag war seine Bangigkeit aufs höchste gesteigert denn hier musste er
schon erfahren ob die Schlossherrin noch lebte oder nicht
    Er sprang aus dem Waggon  da stand schon ein Grumitzer Diener
    »Wie geht es« fragte er atemlos
    »Besser gräfliche Gnaden besser  Vorgestern wars der Frau Baronin
recht schlecht  aber jetzt sagt der Doktor ists wieder viel besser  bitt
der Wagen ist da«
    Erleichterten Herzens und voll erneuter Hoffnung dass dieser Besserung volle
Genesung folgen werde schwang sich Rudolf auf das bereitstehende
Kutschierwägelchen und nahm selber die Zügel zur Hand
    Es war ein prächtiger Sommermittag warm sonnig und duftig Der Weg führte
an weiten Feldern vorbei durch einen hochstämmigen Wald und hinter diesem kam
das Schloss in Sicht zu dem eine lange Kastanienallee führte
    In der Allee kamen zwei Frauengestalten dem Wagen entgegen Rudolf hielt an
warf die Zügel dem Diener zu und sprang vom Bock  schon von weitem hatte er die
beiden erkannt Sylvia und Kajetane
    Dass letztere in Grumitz sei hatte er nicht gewusst und er empfand es als
eine angenehme Überraschung sie zu sehen
    Sylvia fiel dem Bruder um den Hals
    »Gott sei Dank Rudi  es geht viel viel besser  sie ist wieder auf
Aber vorgestern als ich telegraphierte glaubten wir es sei das Ende  nicht
wahr Kajetane«
    Das junge Mädchen nickte bejahend und reichte nun Rudolf die Hand Es war
eine kühle und bebende Hand
    »Ja« sagte sie »es war eine fürchterliche Stunde«
    Sie gingen nun eilend zum Schloss dabei ließ Rudolf sich erzählen was
vorgefallen Es war ein Herzkrampf gewesen schon der dritte oder vierte seit
ein paar Monaten doch während die früheren ganz leichter Art gewesen hatte
dieser letzte die bedrohliche Form eines Erstickungsanfalles gezeigt
    »Aber was sagt der Doktor«
    »Dass man mit einem Herzübel  bei richtiger Schonung und Behandlung 
achtzig Jahre alt werden kann Das sagte nämlich der Arzt den wir aus Wien
riefen der hiesige der den Anfall gesehen war sehr erschrocken und auf seine
Weisung hin habe ich Dir telegraphiert«
    Sylvia während sie sprach hatte sich in Rudolf eingehängt Jetzt erst
bemerkte er wie elend die junge Frau aussah blass und abgemagert und welch
rührender Schmerzenszug auf ihrem  dabei doch immer  schönen Gesichte lag
    »Bist Du auch krank Sylvia« fragte er teilnahmsvoll
    »Nein nur unglücklich«
    »Kannst Du Dich nicht trösten«
    »Nie«
    Rudolf schwieg Er wollte den banalen Trost nicht vorbringen dass die Zeit
solche Wunden heilt Wer einen teuren Gram nährt empfindet solche Trostversuche
beinah als Beleidigung das wusste er da gab es nichts anderes als in der Tat
die Zeit wirken zu lassen  die große Zerstörerin die ja alles verlöscht  zum
Glück auch das Unglücklichsein
    »Weißt Du« sagte Sylvia nach einer Weile »wer es am besten versteht  ich
will nicht sagen mich zu trösten aber mein Leid zu teilen zu verklaren oder
gar auf Augenblicke vergessen zu machen Hier unsere liebe Kaji «
    Sie waren vor dem Schlosstor angelangt
    »Komm jetzt führe ich Dich zu unserer Mutter  sie erwartet Dich«
 
                                      XXXV
Marta Tilling hatte ihr Ruhebett zur offenen Balkontür schieben lassen und
hier lag sie mit Kissen unter dem Kopf und einer Decke über dem Schoss Von
ihrem letzten Anfalle war ihr eine große Mattigkeit geblieben und trotz der
Sonnenwärme fröstelte es sie
    Rudolf trat herein und eilte auf das Lager zu
    »Mutter Liebste«
    Er hatte sich neben sie gekniet und sie drückte seinen Kopf an ihre Brust
    »Mein Rudolf  wie freu ich mich dass Du da bist  und dass ich  nicht
fort bin«
    »Du wirst bald wieder ganz gesund sein«
    »Möglich  Wollens hoffen  obgleich   nein fürchterlich wäre es mir
gewesen wenn ich so plötzlich ohne Dich noch einmal zu sehen  das war mir
das Schmerzlichste bei meinem Anfall  wie ich glaubte dass es schon aus sei und
Du so weit weg «
    »Jetzt bleibe ich bei Dir bis zu Deiner vollen Genesung «
    »Oder bis zu meinem  nein denken wir nicht daran  ich bin so froh dass
Du gekommen bist Wir werden uns ja so viel zu erzählen haben«
    Als Rudolf einige Stunden später sich in seinem Zimmer umgezogen hatte und
in das Speisezimmer zum Diner hinabging fand er da außer Sylvia und Kajetane
den Grafen Kolnos der seit einigen Wochen Martas Gast in Grumitz war Der
junge Mann empfand eine aufrichtige Freude den älteren Freund hier zu treffen
auch wusste er wie seine Mutter Kolnos schätzte und dass es ihr lieb sein werde
während ihrer Rekonvaleszenz dessen Gesellschaft zu genießen Er war fest
überzeugt dass sie bald wieder hergestellt sein würde Die Angst sie nicht mehr
zu finden war so schmerzlich gewesen dass die darauf folgende Freude eine umso
intensivere war und nun keine neue Angst mehr aufkommen ließ  die Nähe des
schönen Mädchens  der Schreiberin der anonymen Briefe das wusste er längst 
trug auch dazu bei seine Stimmung zu heben und in wirklich froher Laune nahm
er an der kleinen Tafelrunde Platz Vergessen und verscheucht alle seine eigenen
Kampfsorgen  nur ein eigentümliches Gefühl von Herzensbehaglichkeit
    Dieses Grumitzer Speisezimmer wie weckte das auch so freundliche
Kindheitserinnerungen in ihm Es war noch alles so wie vor dreißig Jahren
dieselben Bilder Frucht und Wildstücke  an den Wänden dieselbe große
silberzeuggeschmückte Kredenz aus geschnitztem Eichenholz  diese unheimlichen
Vögel Greif mit den herabhängenden Flügeln und wie zum Schnappen offenen
Schnäbeln die hatten ihm stets einen ganz besonderen Eindruck gemacht  und wie
einem manchmal eine schwache Erinnerung an einen Duft an einen Geschmack
durchzuckt so durchzuckte ihn jetzt eine Mahnung an jene damals so starke
VogelGreifSensation und andere Bilder daneben wenn der kleine Junge zum
Dessert hereingeführt wurde da nahm ihn Großpapa Altaus auf den Schoss und gab
ihm eine Frucht oder ein Bonbon er sah noch den struppigen weißen Schnurrbart
den lose aufgeknöpften blauen Generalsrock 
    Alle diese VergangenheitsErinnerungen erhöhten die Behaglichkeit seiner
Stimmung und in heiterem Tone begann er mit den anderen zu plaudern Aber er
fand keinen Widerhall Auf ihren Gesichtern lag ein düsterer Schatten Sie
antworteten ihm einsilbig und in gedämpftem Ton Von Sylvia wunderte ihn dieses
Gebaren nicht  sie trug ja schwer an ihrer Trauer aber was bedrückte Kolnos
und Kajetane Sollte die Gefahr doch nicht behoben sein  wussten sie etwa von
einer hoffnungslosen Prognose des Arztes
    »Warum seid Ihr so traurig« fragte er »Der Zustand unserer Kranken ist
doch nicht mehr furchterregend«
    Kolnos seufzte »Die unmittelbare Gefahr scheint gehoben« antwortete er
»aber «
    »Aber was«
    »Es war ein fürchterlicher Moment vorgestern  und das kann sich wiederholen
 «
    Jetzt war Rudolfs momentane frohe Laune wieder verflogen Er war sich
neuerdings bewusst dass diesem Hause der Engel des Todes schon gar nahe gewesen
hatte er doch vor wenigen Stunden selber gefürchtet ihn hier zu finden 
    Und mit diesem Stimmungswechsel tauchten jetzt auch andere Erinnerungsbilder
aus seiner Grumitzer Kinderzeit in ihm auf  nichts mehr von Spielen und
Festen sondern jene Sterbewoche des Kriegsjahres 1866 aus der sich eine Kette
von Angst und Schreckensszenen in sein Gedächtnis gegraben hatte 
    Der Rest des Mahles verlief ziemlich schweigsam Gleich nach dem Essen
entfernte sich Sylvia um bei der Mutter nachzusehen
    »Bring uns Nachricht« sagte ihr Rudolf »und frage sie ob jemand von uns
ihr heute noch Gesellschaft leisten soll«
    Nach einer Weile kam eine Kammerjungfer und richtete aus
    »Frau Gräfin Sylvia lässt sagen dass es der Frau Baronin viel besser ist dass
sie aber schon zu Bett gegangen und schlafen will  heute also niemand mehr
sehen will Frau Gräfin Sylvia bleibt bei ihr«
    Das Mädchen wandte sich zum Gehen Kajetane rief ihr nach
    »Sagen Sie der Gräfin Sylvia dass ich sie in der Nachtwache ablösen werde«
    »Sehr wohl Komtess Ich hab so schon wie gestern und vorgestern im
Nebenzimmer für Komtess ein Bett aufgeschlagen«
    »Wie gut Sie mit meiner Mutter sind Kajetane «
    »Weil ich sie liebe«
    Nach diesen Worten wurde das junge Mädchen feuerrot es fiel ihm ein dass
man beim gesprochenen Wort nicht unterscheiden kann ob das »sie« mit kleinem
oder großem Anfangsbuchstaben gedacht sei und rasch verbesserte es sich »Weil
ich die Baronin Tilling liebe«
    Eine Welle von Zärtlichkeit erwärmte Rudolfs Herz Er richtete einen
dankbaren Blick auf sie und drückte ihr stumm die Hand
    Sie entfernte sich bald und die beiden Männer blieben allein »Ein liebes
Geschöpf« sagte Kolnos nachdem sich die Tür hinter Kajetane geschlossen »Ich
weiß welcher Trost ihre Anwesenheit hier im Hause ist  Und sie beweist
Charakterstärke indem sie hier bleibt Täglich erhält sie Briefe von zu Hause
wohin man sie zurückruft die Ihren sind gar nicht damit einverstanden dass sie
so lange fortbleibt und so manches andere  Aber sie lässt sich nicht irre
machen Komm ich schlage vor dass wir unsere Zigarren draußen rauchen es ist
ja ein gar so wundervoller Abend«
    Die Fenstertüren des Speisesaals führten auf eine Terrasse vor welcher das
Blumenparterre des Parkes lag Kolnos und Rudolf traten hinaus und ließ sich
da in zwei Schaukelstühle nieder Die Luft war warm am mondlosen Himmel
wimmelte es von funkelnden Sternen Ein Duft von Violen und Heliotrop strich
von den Beeten herauf Allerlei Nachtgeflüster war vernehmbar raschelndes Laub
das Tropfen einer Fontäne ein ferner Unkenchor und nahes Grillenzirpen
manchmal das Anschlagen eines Hundes vom Dorfe her und aus dem Schloss dessen
Fenster meist offen standen hin und wieder die gedämpften Töne verrichteter
Hausarbeit das Schliessen von Türen Stimmen Schritte
    Aus den Fenstern des oberen Stockes da wo Martas Zimmer lagen drang ein
Schein durch die Jalousien Kolnos schaute hinauf
    »Es ist noch Licht bei ihr« sagte er Dann nach einer Weile »Hier auf der
Terrasse saßen wir  sie und ich  vor einigen Tagen noch beisammen und ich
musste ihr von meiner letzten Reise erzählen Es war vielleicht meine letzte 
ich bin schon zu alt um mich in fremden Zonen herumzutreiben«
    »Wo bist Du diesmal gewesen«
    »Ach lassen wir das  Mich drängt es Dir etwas anderes zu erzählen 
etwas was weiter zurückliegt und was mir in diesen letzten Tagen am Lager
Deiner Mutter das ich für ein Sterbelager hielt wieder vor die Seele getreten
ist so deutlich und lebendig  so «
    »Was war es« fragte Rudolf da Kolnos bewegt inne hielt
    »Die Erinnerung an meine letzte tiefe Leidenschaft Du sollst es wissen
Rudolf  ich habe Marta Tilling aus ganzer Seele geliebt«
    »Du  Meine Mutter« rief der junge Mann erschüttert »Und sie«
    »Sie Ach Du kennst sie ja sie hat dem Toten die Treue gewahrt Ich werde
Dir einmal den Brief lesen lassen worin sie das Angebot meiner Hand
zurückgewiesen hat«
    »Wann war denn das Dass ich niemals eine Ahnung hatte «
    »In der Mitte der siebziger Jahre  sie war damals fünfunddreissig Jahre alt
 in der Vollentfaltung ihrer Schönheit Wir hatten eine Zeitlang korrespondiert
anlässlich einer Gedichtsammlung die ich veröffentlicht hatte und worin sie
einige Strophen gegen den Krieg gefunden Dann besuchte ich sie  die
Innigkeit des Kultus den sie dem verlorenen auf so tragische Weise verlorenen
Gatten weihte hielt mich davor zurück meiner erwachenden Leidenschaft Ausdruck
zu geben Aber wir verstanden uns in vielen Dingen so gut  stundenlang
konnten wir miteinander sprechen über Gott und die Welt Ich fühlte wie in ihr
Herz eine warme Freundschaft für mich einzog und da  nach einem weiteren Jahre
 wagte ich sie zu bitten die Meine zu werden  Ich hätte es nicht tun
sollen  ich hätte verstehen sollen dass ich Unmögliches wollte «
    »Ja  ich kann es mir auch nicht vorstellen dass meine Mutter ihrem  heute
noch  Betrauerten jemals einen Nachfolger hätte geben können«
    »Für mich war ihre Antwort  ihr sanftes wehmütiges aber unverbrüchliches
Nein ein harter Schlag Damals unternahm ich meine erste große überseeische
Reise die mich drei Jahre von Europa fernhielt«
    »Und kamst geheilt zurück Ja Zeit und Abwesenheit sind souveräne Mittel
gegen Liebesschmerz«
    »Nicht immer« versetze Kolnos kopfschüttelnd »Du siehst es an Deiner
Mutter selber Ich habe Linderung gefunden Meine Leidenschaft hat sich in
Freundschaft verwandelt und jetzt  Na jetzt sind wir ja beide alt  und die
Freundschaft ist auf beiden Seiten echt und treu Ich kann Dir nicht sagen wie
ich erschrak als ihr so schlecht war  sie zu verlieren das Unglück wäre «
    »Reden wir nicht davon« unterbrach Rudolf »Ich hoffe fest dass sie wieder
gesund wird«
    Die beiden Männer blieben noch länger als eine Stunde im Gespräch Rudolf
erzählte von seinen jüngsten Unternehmungen und Erfahrungen und daran knüpfend
besprachen sie übereinstimmend des jungen Mannes weitere Aktionspläne
    Es war zehn Uhr und Kolnos zog sich auf sein Zimmer zurück Rudolf blieb
noch eine Weile in Gedanken versunken auf der Terrasse sitzen Dann stieg er
die Treppe zum Garten hinab er wollte noch einen kurzen Rundgang in den
duftenden Laubgängen machen
    Unterdessen war Kajetane Ranegg gleichfalls  von einer anderen Seite  in
den Garten gekommen die herrliche Nacht hatte sie herausgelockt In ihrem
Zimmer war sie von großer Unruhe gequält worden Das Zusammentreffen mit dem so
heftig geliebten Mann hatte sie aufs tiefste erschüttert Wie sie ihn heute
kennen gelernt  als liebevollen um das Leben der Mutter so zärtlich besorgten
Sohn  war er ihr noch teurer geworden Morgen wollte sie abreisen  Sie musste
ihn fliehen wenn sie sich nicht verraten sollte Vielleicht wusste er schon wie
es um sie stand Die anonymen Briefe hatte er wohl durchschaut  und dennoch war
er kalt geblieben sie hatte also nichts zu hoffen und ihr Stolz verbot ihr
sich dem Verdacht auszusetzen dass sie ihn doch zu erobern trachtete  Also
fort von Grumitz
    Dieser Entschluss verursachte ihr Schmerz  aber sie war das ihrer Würde
schuldig  Der Violenduft der schönen Sommernacht erschien ihr wie der
Ausdruck ihres Schmerzes Gerade wie Musik dasselbe zu sagen scheint  nur in
verstärktem Masse  was in der Stimme des bewegten Hörers liegt so sprechen
mitunter auch Düfte nach was die Seele des Atmenden erfüllt Sehnsucht
Zärtlichkeit Trauer
    Um die Biegung eines dunklen Weges stießen die beiden Lustwandelnden
aneinander
    »O Kajetane   noch auf«
    Ihr Herz schlug heftig
    »Ja  ich  ich  es ist eine so schöne Nacht «
    »Wundervoll «
    Er schob ihren Arm unter den seinen als ob es ganz selbstverständlich war
dass sie nun miteinander weiter promenieren sollten Ein Glücksschauer
durchrieselte das junge Mädchen dennoch hielt ihre Wehmut an denn sie wusste ja
doch dass sie hoffnungslos liebte
    Rudolf begann von seiner Mutter zu sprechen Das war doch die Frage die ihn
jetzt am meisten erfüllte würde das Übel überwunden werden oder nicht Und das
Bewusstsein dass das Mädchen an seiner Seite von treuer Anhänglichkeit an die
Kranke beseelt war machte sie ihm lieb und wert  mehr noch als die Kenntnis
ihrer Schwärmerei für ihn Aber auch diese war ihm süß geliebt von ihr  zum
ersten Male seit er Kajetane kannte ergriff ihn dieser Gedanke mit einer
dankbaren weichen Rührung Er drückte ihren Arm an sich und blieb stehen
    »Liebe Kajetane« sagte er innig Es war ihm ganz warm ums Herz
    Aber nein falsche Hoffnungen durfte er ihr nicht machen Gewaltsam riss er
sich aus der zärtlichen Stimmung heraus und wieder weitergehend sagte er in
veränderten Ton
    »Wir müssen jetzt ins Haus zurück  ich will noch einmal oben nachfragen
Und Sie  Bleiben Sie noch draußen«
    Sie ließ seinen Arm los
    »Ja ich bleibe noch  Gute Nacht«
    »Also auf morgen«
    Er schüttelte ihr die Hand und entfernte sich rasch
    Kajetane wandte sich um und verlor sich in die dunklen Laubgänge Der
Violenduft war jetzt noch viel beredter als zuvor Das kurze Erlebnis hatte die
Stärke ihrer Gefühle verdoppelt doppelt verliebt und  im Gegensatz zu der
kurzen Seligkeit die seine plötzliche Wärme erweckt und seine darauf folgende
Kälte so schnell verscheuchte  doppelt unglücklich
    Marta verbrachte eine gute ruhige Nacht Am folgenden Tag fühlte sie sich
so gekräftigt dass sie ausgehen wollte das gab aber der Arzt nicht zu sie
durfte sich nicht anstrengen
    Um zwei Uhr nahm sie am Mittagessen im Speisezimmer teil das Mahl wurde
begangen wie eine Genesungsfeier Kajetane aber fehlte dabei sie war am selben
Mittag nach Raneggburg zu ihren Eltern zurückgekehrt
    Als Rudolf von dieser Abreise erfuhr war er unangenehm betroffen doch die
Freude über die sichtliche Besserung seiner geliebten Kranken ließ die
Missstimmung nicht aufkommen Die Idee nächste Tage in Raneggsburg einen Besuch
abzustatten flog ihm durch den Sinn  Er fragte
    »Warum ist sie so plötzlich abgereist Ist etwas geschehen«
    »Oh ihre Mutter begehrte schon lange nach ihr  sie sollte schon vor
einigen Tagen fort und blieb nur wegen meiner Erkrankung  und da ich jetzt
wieder wohl bin  « sagte Marta laut leise fügte sie aber hinzu »Sie flieht
Dich«
    Im Laufe des Nachmittags besuchte Rudolf seine Mutter auf ihrem Zimmer Sie
war allein
    Wieder lag sie auf der Chaiselongue denn es hatte sie plötzlich eine große
Mattigkeit befallen und ein leiser Schmerz in der Herzgegend hatte sie daran
gemahnt dass der überstandene Anfall sich über kurz oder lang wiederholen
könnte
    »Nun wie gehts« rief Rudolf eintretend in munterem Ton
    »Ach leidlich  Schön dass Du kommst  ich habe Dir viel zu sagen«
    »Strenge Dich nur nicht an mit Reden«
    Er schob einen anderen Sessel herbei und setzte sich seitlich zu Füßen der
Chaiselongue
    »Ich möchte sprechen« begann Marta »von dem was nach meinem Tode «
    »Nein nein das verbitte ich mir« unterbrach Rudolf ungestüm »Du bist
wieder gesund  ans Sterben brauchst Du nicht zu denken  und ich will nichts
davon hören«
    Marta faltete die Hände
    »Sei doch vernünftig« bat sie »Du kannst Dir nicht vorstellen wie quälend
mir jener Moment war den ich für das Ende hielt  weil Du nicht an meiner Seite
warst und ich Dir nicht alles sagen und von Dir nicht hören konnte was wir zwei
uns zum Abschied zu sagen hätten  damit also solche Qual nicht wiederkomme
lasse uns die gegenwärtige Stunde benützen in der Du bei mir bist und in der
ich die Kraft habe zu sprechen Du wirst ja wieder von hier abreisen auch Dir
wird es eine Genugtuung sein  falls mir etwas geschieht  dass wir nicht
auseinander gerissen worden ohne uns gesagt zu haben was zu sagen war Also
reden wir jetzt als wäre es meine letzte Stunde  es ist ja nur eine Fiktion
 der Schmerz fällt weg aber die Feierlichkeit soll bleiben  Wir sind doch
zwei vernünftige Menschen Rudolf  wir wissen dass der Tod wenn er einmal
angeklopft hat bald wirklich zu kommen pflegt  schüttele nicht den Kopf  es
ist so  Und wir wissen auch dass sein Kommen oder Wegbleiben nicht dadurch
bestimmt wird ob man von ihm spricht oder nicht Wir beiden haben schon
schlimmeren Todesfällen ins Gesicht geschaut mein armer Sohn als es der meine
wäre Ich habe meine Laufbahn vollbracht  es ist Abend  ich fürchte mich
nicht vor der Nacht«
    Sie nahm vom nebenstehenden Tischchen ein mit Limonade gefülltes Glas und
tat einen tiefen Zug
    »So sprich Mutter ich höre« sagte Rudolf ehrerbietig
    »Ich bitte Dich  es ist meine letzte höchste Bitte  lass niemals nach in
dem Werk das Du begonnen hast  Wenn Du viele Enttäuschungen erlebst  wenn
Du auch wahrnimmst dass der eingeschlagene Weg nicht der richtige war versuche
einen anderen nur das Ziel verliere nicht aus den Augen  es handelt sich ja um
so Großes so unausdenkbar Großes um nichts Geringeres als das Glück  das
Edelglück  der Welt an Stelle ihres Elends«
    »Ich verstehe Dich« schaltete er ein
    Bei den letzten Worten die sie mit vor innerer Erregung bebender Stimme
gesprochen hatte sie sich ein wenig erhoben Jetzt lehnte sie sich wieder ganz
zurück und fuhr in ruhigerem Tone fort
    »Man sollte meinen wenn man diese Welt verlässt dass es einem gleichgültig
sein müsste wie die Zukunft der künftigen Geschlechter sich entwickelt Das ist
aber nicht der Fall wenigstens nicht bei mir Die Sehnsucht nach besseren
Zeiten für unsere Enkel  wenn ich ja auch keine Enkel habe  brennt mir hier
auf meinem Totenbette «  Rudolf machte eine Bewegung  »es ist ja nur
Fiktion  brennt mir ebenso heiß auf der Seele wie in der Zeit jugendlicher
Lebenskraft da man noch hoffen konnte jene Zukunft selber zu erleben Das muss
ein Naturtrieb sein diese Sorge um ein Jenseits des eigenen Lebens und auf das
Vorhandensein dieses Triebes stütze ich meinen Unsterblichkeitsglauben«
    »Das tun die Gläubigen auch die auf einen Himmel hoffen«
    »Ja die erhoffen aber diesen Himmel für ihr eigenes Ich  außerhalb der
Erde und außerhalb der Menschen Solchen ist gewöhnlich auch die Zukunft der
Gesellschaft ganz gleichgültig und sie arbeiten nichts dafür Ich aber glaube an
ein allgemeines  nicht individuelles  ewiges Leben ein Leben an dem wir alle
gleich teilhaftig sind Stets enthält die Welt ein bewusstes leidendes
geniessendes höherstrebendes Ich  gleichviel ob die einzelnen Erscheinungen
davon hier und dort gestorben oder noch nicht geboren sind  Aber lassen wir
das  um mich Dir verständlich zu machen müsste ich lange sprechen und ich muss
Dir ja anderes sagen«
    »Ich glaube doch zu wissen was Du meinst Zum Beispiel eine große
lodernde Flamme die einzelnen Funken zerstieben andere entzünden sich  es ist
aber dasselbe Feuer und brennt weiter«
    Marta nickte
    »Und soll nicht nur weiter brennen sondern immer lichter und immer heißer
damit jeder einzelne Funke der sich neu entzündet desto fröhlicher sprühen
kann  Und so wird das kommende Jahrhundert die krieglose die elendlose Zeit
bringen und die das herbeiführen helfen erfüllen das Gesetz  die allein
sind auf dem richtigen Wege  mögen sich ihnen tausend Hindernisse
entgegenstemmen mögen sie verkannt verspottet  vernichtet werden ihre Arbeit
baut das Kommende auf Überdauern sie den Ansturm der Gegenkräfte so können sie
ihren Sieg noch sehen Dir Rudolf kann es beschieden sein Du bist noch jung«
    »Ich sehe schon heute Mutter dass jener Bau sich zu erheben beginnt zu dem
ich einzelne  verschwindend kleine  Steinchen trage und so lange ich lebe
tragen werde Lass mich die Feierlichkeit dieser Fiktion dass Du eine Sterbende
seist benützen um den unverbrüchlichen Eid zu leisten dass ich in dem
begonnenen Kampfe niemals erlahmen werde dass keine Lockungen und keine Trübsale
mich vermögen sollen von meiner Aufgabe abzulassen Ich gestehe dass ich
manchmal verzagte  in ähnlichen Augenblicken werde ich an die gegenwärtige
Stunde denken an diese feierliche Erneuerung meines Fahneneides«
    Bei den Worten »dass Du eine Sterbende feist« hatte er sich auf ein Knie
herabgleiten lassen und Martas herabhängende Hand erfasst Zum Schluss drückte er
einen Kuss darauf und setzte sich wieder auf seinen vorigen Platz
    »Danke mein Kind Und noch eins glaube nicht dass ich  eine Art
weiblicher Abraham  meinen Sohn einem fremden Wohl opfern will Ich sehe im
Gegenteil dass Dir die höchste Genugtuung winkt wenn Du Dich dem Geist der
wachsenden Kultur verbündest wenn Du  geschehe was wolle  ausharrst als
Streiter der Güte Die Zukunft gehört der Güte  das Wort stammt von Tilling 
aber damit die Güte zur Eroberin werde zur Welteroberin dazu braucht sie ihre
kraftvollen Helden Mögest Du ein solcher sein dabei aber sollst Du nicht  ich
sagte es schon  hingeopfert werden Die Arbeit am Glück anderer schließt das
eigene Glück nicht aus«
    »Tilling war glücklich« sagte Rudolf nachdenklich
    »Ja  und auch ich Weißt Du Rudolf Du solltest   doch nein ich will
nicht etwa diese Stunde missbrauchen um Dir etwas aufzuzwingen wozu Dein
eigenes Herz Dich nicht drängt  aber wenn Du Dich einmal einsam fühlst 
Oder sag mirs offen hast Du irgend eine Liebe die «
    »Nein ich bin frei  und ich verstehe wo Du hinauswillst  Kajetane 
Was meintest Du  bei Tisch  als Du sagtest sie hätte mich geflohen«
    »Es ist so Sie ahnt dass Du von ihrer Liebe weißt und dabei weiß sie dass
Du nicht an sie denkst  also meidet sie Deine Nähe aus Stolz und aus Furcht 
 Sie liebt und bewundert Dich so sehr dass sie ganz aufgehen würde in Dein Tun
und Streben  davon ist ihr nichts mehr fremd Nicht nur dass sie alles
auswendig weiß was Du geschrieben und gesprochen  alle Berichte über Deine
Vorträge besitzt sie  sie ist auch durch meine Schule gegangen Ich habe sie in
unsere Ideale eingeweiht  Du hast auf der ganzen Welt keine verständnisvollere
und begeistertere Anhängerin als sie Rudolf Doch genug  ich darf in dieser
Stunde nicht einen Druck auf Deine Entschließungen über  wenigstens in dieser
Richtung nicht Da habe ich noch eine andre sterbende Bitte an Dich Nimm Dich
unserer Sylvia an  sei ihr Stütze Sie wird sich erholen  aber jetzt darf man
sie ihrem Grübeln nicht überlassen Nimm Dich ihrer an«
    »Ich verspreche es«
    »So und jetzt«  Marta erhob sich wieder in sitzende Lage  »jetzt kehre
ich wieder zu den Lebenden den vielleicht noch lange Lebenden zurück Die
Fiktion ist vorüber Ich will gesund werden«
    Rudolf umarmte sie
    »Das hoffe ich zuversichtlich Mutter«
Am nächsten Tage als Mutter und Sohn wieder allein waren kamen sie auf die
Gegenstände zurück die gestern in der fiktiven Sterbestunde besprochen worden 
diesmal aber ohne Patos in familiärem Ton
    »Ich fühle mich heute wirklich viel besser« sagte Marta »vielleicht
wirds noch ganz gut«
    »Aber gewiss«
    »Weißt Du obgleich ich das Sterben nicht fürchte das Leben ist mir doch
noch lieb Es ist  abgesehen von seinen Freuden die ja mit seinen Sorgen
abwechseln  an sich doch so interessant Wenigstens fünf Jahre wollte ich noch
leben«
    »Warum gerade fünf«
    »Weil da ein neues Jahrhundert eintritt und die Menschen dann vielleicht «
    »Ach das hoffe ich nicht« unterbrach Rudolf kopfschüttelnd »Die Natur
macht keine Sprünge  die Zivilisation auch nicht Sag mir Mutter um von
näherliegenden Dingen zu reden Du wolltest mir keinen bindenden Wunsch
aussprechen inbezug auf   auf « Er stockte
    »Nun«
    »Auf Kajetane  sag würdest Du es wünschen « «
    »O wie sehr«
    »Warum«
    »Schon damit sich Dein Adel fortpflanzt «
    »Mein Adel Darauf legst Du Wert Nun aber ich dem Majorat entsagt habe «
    »Missversteh mich nicht Nicht an den gräflich Dotzkyschen Adel denke ich 
sondern an Deinen Rang als Edelmensch Auch dieses Wort stammt von Tilling
erinnerst Du Dich  Und so wie Du den Rang von Tilling übernommen so könntest
Du ihn einst einem Sohn übertragen Den Stamm derer fortsetzen die den Mut
haben das Rechte das sie sehen auch zu ergreifen  Du würdest ja Deine Kinder
danach erziehen«
    »Schon wieder denkst Du an ferne Generationen  Einstweilen trachte ich
erziehend auf meine Zeitgenossen zu wirken  die mich hören und die mich lesen
und vor allem auf mich selber Ich fühle dass ich in einemfort mich entwickle
und dass ich noch sehr viel zu lernen und an mir zu formen habe Man muss
beständig auf seine innere Stimme horchen  man muss trachten sein inneres Wesen
von allen äußeren Hindernissen zu befreien «
    »Man darf kein Kompromissmensch sein willst Du sagen«
    Die Unterhaltung wurde durch das Hinzukommen von Kolnos und Sylvia
unterbrochen
    Kolnos überbrachte die eben eingelangten Postsachen und setzte sich damit zu
Marta um ihr wie es in den letzten Wochen zur Gewohnheit geworden aus den
Zeitungen vorzulesen
    Rudolf benützte das um seine Schwester in eine andre Ecke des Zimmers zu
führen
    »Komm Sylvia lass uns ein wenig plaudern wir haben eigentlich garnicht
Gelegenheit gehabt  ich wollte dass Du mir Dein Herz ausschüttest«
    Unterdessen sah Marta ihre Briefe durch Sie gab zwei davon Kolnos
    »Lesen Sie mir das vor es wird Sie interessieren«
    Er las
                                                     »Krasnoje Poljana den  
    Auf die Gefahr hin liebe Baronin Sie zu langweilen indem ich wiederhole
    was ich so oft in meinen Schriften und ich glaube auch Ihnen schon gesagt
    habe kann ich mich nicht enthalten es noch einmal auszusprechen je älter
    ich werde und je mehr ich über die Frage des Krieges nachsinne desto mehr
    bin ich überzeugt dass die einzige Lösung der Frage in der Weigerung der
    Bürger läge Soldaten zu werden So lange jeder Mann im Alter von 20 21
    Jahren seine Religion  nicht nur das Christentum sondern auch das
    mosaische Gebot Du sollst nicht töten  abschwören und versprechen muss alle
    niederzuschiessen die sein Chef ihm befiehlt  auch die Brüder und Eltern 
    solange wird der Krieg dauern und wird immer grausamer werden Auf dass der
    Krieg verschwinde tut nur das eine not Die Wiederherstellung der wahren
    Religion und damit der menschlichen Würde Man muss den Leuten zeigen dass
    sie selber es sind die das Leid des Krieges hervorbringen indem sie den
    Menschen mehr gehorchen als Gott
                                                                   Leo Tolstoi«
»Was sagen Sie dazu« fragte Marta »halten Sie das von Tolstoi angegebene
Mittel wirklich für das einzige«
    »Ich glaube überhaupt nicht an einzige Mittel« antwortete Kolnos »Eine so
tausendfach verschlungene Sache wie eine alte Institution es ist die muss auch
von tausend verschiedenen Seiten angegriffen werden um zu weichen Und dann
wer kann den einzelnen  anderen  zwingen hinzugehen und als Märtyrer zu
sterben  Auch die Sklaverei ist nicht dadurch aufgehoben worden dass die
Sklaven sich widersetzten «
    Darauf las Kolnos den zweiten Brief
                                                            »Aulestad Norwegen
    Sie fragen mich wie ich mir die Zukunft der Friedenssache denke Immer im
    Bilde des Sonnenaufgangs Für uns Nordländer kann der Sonnenaufgang so viel
    mehr bedeuten als für Südländer  bisweilen erwartet und begrüßt wie ein
    Wunder Die Finsternis war so erdrückend lang die Stille unheimlich die
    erste Glut über den Felsenspitzen so trügerisch  Es dauert und dauert und
    wächst aber  keine Sonne Auch wenn der Himmel schon hoffnungsvoll
    erstrahlt  noch immer keine Sonne Und es ist kalt  eigentlich kälter als
    früher denn die Phantasie ist ungeduldig geworden
        Da auf einmal wie ein Blitz mitten in unsere Betrachtung hinein die so
        lange verkündete Majestät selber So stark so bezwingend dass die Augen
        sie nicht ertragen Wir wenden den Blick zur Landschaft die schon lange
        beseelt war ohne dass wir es merkten  in die Luft die schon lange
        erhellt war ohne dass wir es wahrnahmen Alles alles bis hinab in die
        Tiefen und bis hinauf in die Höhen ist besonnt klar vollendet  von
        Wärme erfüllt von Tönen durchzogen 
        So meine ich geschieht es uns Wir merken in unserer Sehnsucht nicht
        was sich vollzieht  wie nahe schon die große Sonne des Weltfriedens
        ist Es kommt etwas das es bringt wie ein Wunder Aber es ist kein
        Wunder wir sehen nur nicht in unserer Ungeduld wie alles dafür
        vorbereitet war
        Ihnen liebe Frau viele Grüße
                                                         Björnstjerne Björnson«
Unterdessen hatte Rudolf seine Schwester neben sich auf ein kleines Sofa setzen
lassen Er schaute sie voll besorgter Teilnahme an Sie war so blass und die
zarten Züge gar so schmal 
    »Nun sag wirst Du mir nicht wieder aufblühen Du bist kaum achtundzwanzig
 was kann Dir das Leben noch alles bieten«
    »Nichts« Und nach einer kleinen Pause »Hast Du den toten Stern gelesen
Rudolf«
    »Ja Aber so denke doch nicht immer an den Verlorenen Ich weiß dass Dich
ein harter Schlag getroffen hat«
    »Ach wäre mein Unglück nur reuelos «
    »Reulos Das bist Du nicht«
    »Das bin ich nicht «
    »Meine arme Schwester also doch«
    »Was doch«
    »Du warst seine  seine Gel «
    Sie unterbrach ihn mit heftiger Gebärde
    »Nein nein  das ists ja eben  das nie genossene das nie geschenkte
Glück Man soll zum Glücke nicht später sagen  später kann eins von uns
gestorben sein  das schrieb er mir in seinem letzten Brief  Und so kam es
auch  später war er gestorben«
    Rudolf drückte ihr mitfühlend die Hand
    »Ach so« 
    Nach einer Weile versetzte er
    »Du darfst Dich Deinem Kummer nicht so standhaft hingeben Sylvia Nimm Du
Dir nicht als Beispiel die unverbrüchliche Totentreue unserer Mutter Du hast
kein gleiches Recht dazu Wenn man jahrelang mit einem geliebten Wesen
verbunden wenn man mit ihm eins gewesen Glück und Unglück geteilt  die
Seelen mit allen Gedanken und Wünschen verflochten dann nur ist das
lebenslängliche Nachtrauern erlaubt Aber Du und Hugo  Glaubst Du wenn er
Dich verloren hätte Dich die er nie besessen  hätte da nicht schon nach
kurzer Zeit eine neue Liebe seinen Dichtersinn erfüllt«
    »Du tust mir weh Rudolf«
    »Verzeih  eine rettende Hand muss manchmal rau zugreifen «
    »Mir geht Kajetane ab  die hatte eine gar zarte Art mit meiner wunden
Seele umzugehen  Dass sie so plötzlich abgereist ist macht mich böse  auf
Dich«
    »Warum auf mich Hab ich Deine Freundin verjagt«
    »O Du weißt ganz gut «
    Ja er wusste Und ein Wunsch dass die Geflohene da wäre erfasste ihn Am
liebsten hätte er zu Sylvia gesagt »Schreib ihr dass sie wiederkomme« Aber er
hielt sich zurück
 
                                     XXXVI
Mitternacht Marta war mehrere Tage so wohl und kräftig gewesen dass sie selber
und auch ihre Umgebung es nicht mehr für nötig befunden dass jemand bei ihr
wache und sie war allein in ihrem Schlafzimmer
    Sie fand aber keinen Schlaf und auch keine Ruhe Eine eigene Beklemmung
schnürte ihr die Kehle zu und eine eigene Bangigkeit beschlich ihr Gemüt Sie
machte Licht und setzte sich im Bette auf Die liegende Stellung hielt sie nicht
aus
    Sollte sie der nebenan schlafenden Jungfer klingeln Nein  wozu  sie
brauchte ja nichts Nur Luft Die konnte sie sich selber verschaffen wenn sie
das Fenster öffnete würde sie zu diesem Zweck die Jungfer rufen so gäbe das
gleich Alarm  es hieße ein neuer Erstickungsanfall und das ganze Haus liefe
zusammen
    Sie schlüpfte in ihre Pantoffel und in einen auf dem Sessel neben dem Bett
liegenden weiten weichen Schlafrock und ging sachten Schrittes zu dem Fenster
dessen Flügel sie aufschlug
    Eine frische nach Sommerregen duftende Luft kam hereingeströmt Man hörte
das Klatschen der dichtfallenden Tropfen auf das Laub und das Rieseln aus einer
Dachrinne Marta atmete in tiefen Zügen die feuchte kühle Luft ein und die
Brustbeklemmung wich die Gemütsbangigkeit aber blieb  verstärkte sich sogar
zur Traurigkeit Die Dunkelheit das eintönige Geplätscher und selbst der starke
Regengeruch hatten etwas so melancholisches  Ach nein die Melancholische war
sie selber  nicht die feuchte Sommernacht  und jetzt wusste sie auch  woher
ihre Augen sich mit Tränen füllten was die Ursache ihres Bangens war der
Gedanke an das Gestorben das Begrabensein 
    Sie machte das Fenster wieder zu nahm das Licht und ging durch die
offenstehende Tür in ihr anstossendes Schreibzimmer da wo alle ihre geliebten
Reliquien waren und wo an allen Ecken und Enden die Andenken und Bilder Tillings
standen und hingen Hier wollte sie nun recht gründlich an den Tod denken  hier
Abschied nehmen von ihren Erinnerungen und Abschied von sich selber
    Sie warf sich in den Lehnstuhl vor dem Schreibtisch und rückte das Licht so
dass sein Schein auf die große gemalte Photographie Tillings fiel die in einem
Rahmen auf dem Tische stand Das liebe Antlitz schien sie anzublicken
    »Mein Friedrich« Langsam und heiß rannen die zwei Tränen die ihr ins Auge
getreten waren über die Wangen herab
    Dann aber weinte sie nicht mehr Nicht um zu trauern hatte sie sich hierher
gesetzt denken wollte sie sich noch einmal vergegenwärtigen was sie in der
fingierten Todesstunde mit ihrem Sohn gesprochen ob sie denn auch alles
Wesentliche gesagt  Nein lange nicht alles Was auch immer im Leben sie
gesprochen oder geschrieben über die große Sache die ihr auf dem Herzen lag
stets war ein Rest geblieben stets war das am heftigsten Empfundene das am
klarsten Erkannte nicht ausgedrückt worden
    Vorhin im Dunkeln als sie im Bette lag und ein krampfhaftes Zusammenziehen
ihres Herzens sie aus halbem Schlafe aufgeweckt da war ihr mit einem einzigen
Gedanken ein volles Verständnis aufgebljetzt für den ganzen Jammer der sich
gegenseitig bedrohenden Menschheit und gleichzeitig für die Erhabenheit des
Ziels solchen Jammer zu verscheuchen für die einfache Erreichbarkeit des Ziels
 so intensiv schmerzlich was den Jammer so freudig hell was die Rettung
betrifft  dass sie wähnte jetzt und jetzt müsse sie auch die Formel finden 
aber während sie danach mit den Gedankenfühlern tastete war der ganze
Bewusstseinszustand entschwunden Jetzt wo sie so dasaß versuchte sie sich ihn
zurückzurufen  vergebens andere Gedanken drängten sich heran Sylvia Kajetane
 und mit aller Gewalt wie immer wenn sie so seelisch erregt war eine Flut
von Erinnerungen an ihren Verlorenen  aneinandergereiht alle die Bilder der an
Glück und Schmerz so reichen Ehezeit  Würde es sich süßer leichter sterben
wenn er noch da wäre Wenn sie in der letzten Stunde den Kopf an seine Brust
lehnen könnte Die arme vor mehr als zwanzig Jahren zerschossene längst
verweste Brust  Jetzt war die Reihe des Verwesens an ihr  zurück ins All
die getrennten Atome Bei dem Gedanken »All«  es ist ja doch nur ein anderes
Wort für Gott  durchrieselte sie ein Andachtsschauer So blieb sie versunken
wenn sie auch um nichts bat  es war ein Beten
    Dann nahm sie Tillings Bild in die Hand Dass sie beide einst so glücklich
gewesen dass sie einander so geliebt das war eine unvertilgbare Wirklichkeit
Unvertilgbar auch die Idee deren Hut er ihr übergeben und die sie nun in die
Hut ihres Sohnes gelegt Wieder strengte sie sich an eine geeignete Wortformel
zu finden in der sich jene Ideen einkapseln ließ wie kostbare Tropfen
Lebenselixiers in ein goldenes Fläschchen 
    Draußen regnete es immer heftiger Es hatte sich nun auch ein Wind erhoben
der den Guss an die Scheiben peitschte und sich pfeifend in die Kamine warf Die
klagenden Töne rissen Marta aus ihrem Sinnen heraus und verstärkten ihr
Bangigkeitsgefühl  Sollte sie doch rufen Ihre Kinder würden ja herbeieilen
sie zu beruhigen zu trösten ihre lieben aber ach  so wenig glücklichen
Kinder  Nein wozu ihren Schlaf stören ihnen überflüssig Angst bereiten
    Die moralische Bangigkeit ging wieder in physische Beklemmung über Ein
heftiger Schmerz in der Herzgegend steigerte sich zu Atemnot und lautes Stöhnen
entrang sich ihrer Brust
    Die Jungfer die durch das Heulen des Windes schon früher erwacht war und
unter der Tür den Lichtschein sah hörte jetzt dieses Stöhnen und eilte ihrer
Herrin zu Hilfe Sie fand sie nach Atem ringend und nun geschah was Marta so
gern vermieden hätte das Haus ward alarmiert
    Der Anfall dauerte aber nicht lange bald lag Marta ganz ruhig atmend und
schmerzbefreit auf ihrem Bett das ihre Kinder und die anderen umstanden
    Der herbeigeholte Arzt des Ortes bat man möge nach dem Wiener Professor
telegraphieren und es wurde ein reitender Bote nach der Station gesprengt
Ebenso hatte Sylvia  einem gegebenen Versprechen gemäß  sofort an Kajetane
eine Depesche geschickt
    Nach einer Stunde schlief Marta ein
    Schlief ein und erwachte nicht wieder Ein Herzschlag hatte ihrem Leben ein
sanftes Ende gemacht
Mit demselben Zuge als der Wiener Arzt war am folgenden Nachmittag Kajetane
Ranegg in Grumitz angekommen Schon auf der Station erfuhren beide dass alles
vorüber sei
    Schluchzend betrat das junge Mädchen das Sterbezimmer und stürzte auf das
Lager der Toten an dessen Seite Rudolf kniete Sylvia saß in einiger
Entfernung das Gesicht in den Händen vergraben
    Rudolf stand auf und trat auf Kajetane zu Ein Strom von Zärtlichkeit
überflutete sein wundes Herz er umschlang ihre Gestalt und weinte an ihrer
Achsel
    »Sie hat Dich unendlich lieb gehabt Kajetane« sagte er
    Dass er mit diesem »Du« und mit dieser Umarmung sich verlobte das fühlte er
Doch er fühlte es wie einen lindernden Trost wie die Erreichung eines Hafens 

    Am nächsten Abend  bei der Toten wachten Sylvia und Kolnos  ging das
Brautpaar in denselben Laubgängen auf und nieder wie neulich am Vorabend von
Kajetanes Abreise
    Wieder dufteten die Violen so stark aber diesmal hauchten sie dem jungen
Mädchen ganz andere Dinge zu als neulich Es mischte sich  was freilich
Halluzination war  der Geruch der Wachskerzen dazu die zu Häupten und zu Füßen
der Aufgebahrten brannten  und so erzählten die Violen von unverhofftem
Liebesglück und von düsterer Totenklage
    So wie damals schob er ihren Arm unter den seinen
    »Wir haben einen Lieblingswunsch der Verlorenen erfüllt Kajetane« sagte
er
    Sie erschrak
    »Wie  Vielleicht nur deshalb  Nur um ihren letzten Willen zu
erfüllen«
    Er schüttelte den Kopf
    »Sie hat nichts befohlen Sie wusste nur was mir frommt Doch eines hat sie
mir auferlegt und habe ich ihr zugeschworen meinem Lebenswerke treu zu bleiben
Bist Du darauf gefasst Kind dass es gilt mir Vertraute Kameradin zu sein«
    »Ja das will ich«
    »Weißt Du dass Du da verzichten musst auf Deine ganze gewohnte Umgebung auf
den Beifall der Deinen auf die Gemeinschaft mit ihnen«
    »Ja das weiß ich«
    »Du wirst mir folgen müssen in andere Länder  und wer weiß nicht nur als
freiwillige Reise  es ist ja alles möglich vielleicht verkennt und verfolgt
man mich und weist mich aus«
    »Alles will ich mit Dir teilen auch die Verbannung auch das Gefängnis 
selbst den Tod«
    Er blieb stehen
    »Vielleicht den Sieg Geliebte« sagte er und drückte sie an sein Herz
                     Harmannsdorf Jänner 1901  März 1902