Paul Scheerbart
Immer mutig
Ich hatte mich verstiegen
Und das kam mir so selbstverständlich vor
So musste es kommen
Jetzt konnte ich nicht mehr weiter rauf gings nicht mehr und runter auch
nicht
Allerdings runter wärs wohl gegangen runterkommen kann man immer
Aber die Sache hatte einen Haken
Neben mir gings hinunter in die Tiefe da hätte ich mich kopfüber
hineinstürzen können doch bei dem Sturz wäre mir wohl der Atem vergangen und
mein Körper wäre wohl zu Brei geworden
Ich befand mich in einem Gebirge das aus hartem Stein bestand
Es tat mir schon leid dass ich so rücksichtslos immer höher gestiegen war
Ich starrte die glatte Felswand vor mir nicht sehr geistreich an in die
grausige Tiefe wagte ich nicht hinabzublicken denn ich glaubte nicht ganz
schwindelfest zu sein
Und siehe da hob sich vor mir in der glatten Felswand eine Platte heraus
und schob sich zur Seite und ich erblickte in der entstandenen Öffnung ein
kleines Nilpferd das kaum halb so groß war als ich selbst
»Na Onkelchen« sagte das Nilpferd »wohin willst Du«
»Ich habe mich verstiegen« erwiderte ich traurig
»Das merktn Pferd« rief da das Nilpferdchen »Tritt nur näher Oder
willst Du abstürzen«
»Nein Nein« sagte ich schnell
Und ich folgte dem kleinen Tier das eine Lampe anzündete und mich durch
einen Felsengang führte Nach ein paar Augenblicken stand ich in einem
sauberen Felsensaal
Oben in den hohen schwarzen Gewölben brannten weiße Ampeln aus Milchglas
Birnenform hatten die Ampeln die Stengel hingen unten als dicke Schnüre
Jetzt erst bemerkte ich dass das kleine Nilpferd das wie ein Mensch auf den
Hinterbeinen ging einen dunkelblauen Flanellrock anhatte der ließ nur den Kopf
und die vier Füße frei
»Nimm Platz« sagte das Nilpferd und es setzte sich auf einen
Schaukelstuhl Ich setzte mich neben dem großen grünen Ofen auf eine Holzbank
Eine dunkelgraue Plüschdecke war über den ganzen Fußboden gespannt
Von Möbeln sah man nicht viel es schien eine Art Empfangsraum zu sein
Es war mir aber außerordentlich gleichgültig wo ich mich befand ich war
müde und abgespannt und durchaus nicht froh über meine Rettung
»Dir ist wohl nicht ganz wohl« sagte das Nilpferdchen nach einer Weile
Und ich erwiderte hastig
»Wenn das nicht stimmt dann weiß ich nicht mehr wie viel drei mal drei
ist«
»Die Antwort« flüsterte mein Retter »ist von einer geradezu seltsamen
Bestimmtheit«
Ich starrte den hohen grünen Ofen an und war stumm wie ein Stockfisch
Wir hörten im Hintergrunde langsam eine große Uhr ticken und rührten uns
nicht
So mochten wir wohl eine gute halbe Stunde gesessen haben als das
Nilpferdchen leise fragte
»Hast Du vielleicht ein Manuskript bei Dir das recht traurig stimmt Du
hast doch sonst immer Manuskripte bei Dir«
Ich drehte den Kopf langsam um sah das Nilpferdchen groß an und sagte
unsicher
»Woher weißt Du denn dass ich sonst immer Manuskripte bei mir habe Ich muss
mich doch wundern«
Da sprang das Nilpferdchen von seinem Schaukelstuhl auf und hopste im
Felsensaal herum und rief laut
»Er muss sich doch wundern Er muss sich doch wundern Dass ein redendes
Nilpferdchen ihn gerettet hat das wundert ihn nicht Aber dass das Tierchen so
viel weiß das wundert ihn«
Und dann sprang das kleine Vieh ganz dicht an meine Seite und sprach im
tiefsten Bass
»Ich freue mich ganz eklig dass Du Dich noch wunderst Leute die sich noch
wundern können sind noch nicht ganz tot Und dass Du noch nicht ganz tot bist
das ist sehr gut Denn wärest Du ganz tot so hätte ichs bedauern müssen
Dich gerettet zu haben Leichen rettet man doch nicht«
Ich blickte dem Nilpferdchen ins Gesicht und wunderte mich jetzt dass es so
gut reden konnte Und ich fragte leise und höflich
»Was soll ich tun«
»Gib mir« antwortete das Tier »eine Geschichte zu lesen die recht traurig
stimmt«
Da suchte ich denn in meinen Taschen und blätterte in allen meinen Sachen
schüttelte oft den Kopf und gab dem freundlichen Nilpferd schließlich eine
Geschichte die mir in diesem Falle zu passen schien
Das kleine Tier setzte sich eine blaue Brille auf ging mit meinen Blättern
wieder zum Schaukelstuhl ließ sich auf diesem vorsichtig nieder und las
Lichtwunder
Nacht Nacht
Lauter dunkle schwarze Räume
Ich schwebe so dahin und weiß nicht wo ich bin aber ich schwebe in der
unendlichen Finsternis ruhig weiter
Da zuckt was in der Ferne auf ein kleines Pünktchen Licht
Und nun weiß ich wo ich mich befinde ich fliege durch jene große
Nachtkugel die weit hinter dem leeren Raume mitten im großen Lichtmeere
schwimmt das in jedem Atome so hell ist wie eine echte Sonne ohne dunklen Kern
Es gibt im Lichtmeere viele hohle Nachtkugeln aber meine Nachtkugel ist
die dunkelste
Und doch es ist nicht Alles so dunkel wies aussieht
Da drüben der Lichtpunkt wird immer größer und jetzt schießen zwei feine
Lichtkegel die so schwanken an mir vorüber
Und in den Lichtkegeln
Lichtwunder
Da fängt es gleich zu leben an Milliarden zierliche Flügelchen glitzern
und flimmern und leben einen kurzen aber seligen Lichttag
Und nach dem schwebe ich wieder in der unendlichen Finsternis
Es dauert aber nicht lange und von neuem schießt aus einem Spalt der
Kugelschale ein linsenförmiger Lichtstreifen breit wie ein Schwert
Und wie vorhin lebt gleich in dem Lichtstrahl was auf eine wilde
Weltenjagd unzählige kleine schillernde Blasen dies Mal sinds lauter Welten
mit edelstem Weltengewürm
So ist das Dasein im großen Reiche der Nacht
Es wird immer wieder hell
Und die Lichtstrahlen erzeugen mit immer wieder frischer Kraft unzählige
Lichtwunder Engel und Sterne Fledermäuse und Paradiesvögel Diamanten und
Weltgestalten in immer neuer Lichtwunderform
Ich weiß unsre Augen könnten das Lichtmeer draußen nicht ertragen wir
würden draußen erblinden daher die schützende Kugelschale
Aber unsre Augen sind nicht schlechte Augen sie sind nur so fein und
empfindlich dass die dämpfende Nacht die feinen empfindlichen Augen immer wieder
stärken muss zum Genuss der ewigen Lichtwunder in der Nachtkugel
Augen die draußen das Lichtmeer ohne Schaden ansehen können sind
schrecklich grob
Das Nilpferdchen hatte beim Lesen auf jeder der beiden dicken Vorderpfoten eine
Pincette Und mit den beiden Pincetten konnte das Tier sehr gewandt meine
Blätter halten und umdrehen
Nach der Lektüre fächelte sich das Tier vom Strande des heiligen Nil mit
meinen Blättern ein wenig Kühlung zu und sagte leise
»Das war so schmerzlich grade nicht denn der Wert der Dunkelheit wird ja
auch gleich im richtigen Lichte gezeigt Hast Du nicht eine längere Sache die
wenigstens schmerzlich endet Mir scheint doch davon nachher«
Ich suchte wieder in meinen Taschen und dann ließ ich das kluge Nilpferd
dies hier lesen
Die wilde Kralle
Ein RaketenScherzo
Ich kletterte immer höher es ging ja so leicht
Die Astknorren waren nicht zu dick und nicht zu dünn grade so recht
Aber die Spitze der Tanne konnt ich nicht erreichen so eifrig ich auch
klettern mochte
Es war doch ein schrecklich hoher Baum
Er war bedeutend höher als ich dachte
Einmal als ich runtersah kam mirs so vor als wäre die Erde unten längst
unsichtbar geworden
So hoch im Weltall zu sein erschien mir da ein stolzes Vergnügen zu sein
Ringsum kein andrer Baum kein Stück Erde kein Stück Wasser nur Himmel
nichts als Himmel mit unzähligen seligen Sternen
Mit stiller Andacht starrte ich in den großen Himmel
Und der Himmel schien mir plötzlich so eng und begrenzt wie eine kleine
Dorfkirche
Da knisterte was unter mir
Ich weiß nicht mehr genau wies war ich sah nur allmählich vor mir an
der sternbestickten Himmelsdecke eine weiß schimmernde Riesenkralle zitternd
emporsteigen
Und die Riesenkralle krallte sich in die sternbestickte Himmelsdecke fest
und riss ein großes unregelmässiges Loch hinein die Eckfetzen flatterten steif
ab als wenn ein starker Wind durch das Loch mich anbliese
Und ich schaute durch die flatternden Eckfetzen in eine andre Welt die
größer ist als unsre kleine Dorfkirchenwelt
Dort hinten weit hinter unserm Fixsternhimmel war der Hintergrund
tiefschwarz und unendlich tief
Und in der Mitte dieser anderen Unendlichkeit stiegen langsam zwei goldene
Riesenraketen empor die aus lauter goldenen Sonnen bestanden sie perlten immer
höher wie langsam aufsteigende Riesenfontänen
Aber die Raketen gehen nicht grad in die Höhe sie biegen sich nach allen
Seiten wie alte Baumstämme die oft vergeblich nach dem Lichte strebten
Und sie werden immer größer
Und sie bekommen wie die Baumstämme Äste
Die rechts sich aufreckende Rakete hat keine Ecken sie biegt sich wie
Schlangenleiber sich biegen Die links sich aufreckende Rakete hat jedoch sehr
viele Ecken und Kanten wie knorrige Eichen
Es sieht anfänglich alles ganz friedlich aus leider darf man keinem
Frieden trauen
Die goldenen Sonnenraketen biegen sich vor und zurück als wenn der
Sturmwind an ihnen rüttle Und bald wird mirs ganz klar Die Raketen stehen
sich gegenseitig im Wege
Ich hatte wohl vorher gedacht dieses Schwanken Drängen Schieben und
Stucksen wäre nur eine Äußerung der Zärtlichkeit Mir fiel jedoch zur richtigen
Zeit ein dass ordentlichen Feindschaften ein zärtliches Vorspiel was ganz
Natürliches ist
Die Atmosphäre scheint mir recht heiß zu werden Die Schlangenrakete dehnt oft
ganz beängstigend ihren gierigen Sonnenleib Und die Eichenrakete schwankt und
zittert wie ein wilder Trotzkopf der gern seine Wutkrone aufsetzt
Die beiden Ungeheuer stehen sich im Wege das ist mir bald völlig klar
Und ich nehme Partei für die goldene Eiche die mir der Schlange an
Schlauheit unterlegen zu sein scheint
Der Schlauheit mag ich stets an den Hals
»Ich schütze die Dummheit«
Also ruf ich laut Und ich erschrecke da mir tausend Echos der Himmel
mag wissen woher antworten höhnend antworten
Hei Jetzt kommen die goldenen Sonnen ordentlich in Bewegung Das Gold glitzert
und zuckt Die Raketen machen Ernst Das ist keine Zärtlichkeit mehr Ich recke
mich auch Meine sehnigen Muskeln schwellen an wie springende Wildbäche im
Frühling
Es zittern die Spitzen der weichen und der knorrigen Äste so stark dass ich
mitzittern muss
Und aus den Spitzen fliegen nun blaue grüne und rote Lichtblasen heraus
die brennen in dunklen Farben und werden immer größer Und aus den Lichtblasen
schießen in die Nacht gelbe und weiße Lichtkegel die wie weite Scheinwerfer
blitzschnell den Himmel durchfliegen von einem Ende zum andern wie rasend
Eine Lichtschlacht
Zwei goldene Milchstrassen liefern sich eine Lichtschlacht eine lautlose
Ich muss mich sehr wundern
»Himmel Wetter« ruf ich wieder ganz laut »ist denn da hinten auch alles
so eng dass nicht mal zwei Sonnenbäumchen Platz haben Sind denn sämtliche
Weltwinkel zu klein«
Über mir hör ich ein heftiges Brummen und seltsam hüstelnd antwortet mir
eine dunkle Bassstimme
»Was weißt Du von Weltwinkeln Tu doch nicht so als ob Du kosmische
Grössenverhältnisse besser ausrechnen könntest als unsereins Die Naseweisheit
steht Dir nicht gut Verkrieche Dich in der alten Weltpauke Da ist noch Platz
für dich«
Ich ducke mich obgleich ich Keinen sehe
Die Raketen kämpfen weiter
Es wird furchtbar lebhaft da hinten
Ich möchte noch mehr sehen das Loch in der Himmelswand erscheint mir zu
klein Doch da kommt auch schon die weiß schimmernde Riesenkralle wieder höher
und macht das Loch größer
Jetzt kann ich bequemer dem Kampfspiele zuschauen Die weißen und gelben
Lichtkegel flirren immer heftiger Die roten grünen und blauen Gasblasen werden
mordsmässig groß und platzen dann wie Alles was zu groß wird Dafür spritzen
die Spitzen der weichen und der knorrigen Äste immer wieder neue Blasen hervor
die auch mit weißen und gelben Lichtkegeln herumflirren
Die Schlangenrakete wird offenbar noch schlauer sie bedrängt die Eiche wie
ein unheimliches Krötenweib
Ich kanns kaum ansehen die Schlange wird mit ihren langen Schläuchen die
ihr immer dicker aus dem Leibe herauswachsen und gar nicht mehr was Astartiges
haben so aufgedunsen so scheusslich groß
Der Hintergrund von dem sich die Raketen abheben ist so bunt wie eine
riesige zitternde Opalfläche die roten blauen und grünen Gaskugeln mit den
gelben und weißen Lichtkegeln flattern umher als wenn sie ein Weltföhn
durchbrause
Da kann ich mich nicht mehr halten
Die Schlangenrakete wird von oben bis unten gemein
Das ist die ewige Niedertracht
Ich möchte der Schlange an den Hals
»Eine Kralle möcht ich haben«
Das schrei ich
Und im selben Augenblick fühl ich dass die wilde Kralle die unsern alten
dösigen Dorfkirchenhimmel aufriß meine wilde Kralle ist
Und mit meiner weiß schimmernden Riesenkralle pack ich durchs Loch mitten
in den Schlangenleib rinn
»Ich will nicht die Schlauheit siegen lassen« brüll ich auf und drück mit
meiner wilden Kralle zu den ganzen Leib der Schlangenrakete entzwei
Doch dabei muss ich »Au« schreien
Ich habe mich verbrannt
Horngeruch widerlicher steigt mir betäubend in die Nase
Ich sehe nichts mehr
Ich reiße die Hand mit der Kralle aus dem Loche raus um mich auf meiner
Tanne festzuhalten
Aber die Hand mit der Kralle tut mir zu weh und ich kann mich mit der
Linken allein nicht halten
Und ich falle mit der Kralle
Mich ergriff eine namenlose Wut
»Die Schlauheit siegt Sie ist zu kaltblütig« schrie ich noch
dabei fiel ich immer tiefer
Ich hielt den Atem an indessen ich fiel trotzdem
Das Horn roch brenzlich
Es war mir auch so als ob der Docht einer alten großen Wachskerze
verglimmte in einer Dorfkirche
Ich fiel der Teufel mochte wissen wohin
Ich glaube ich fiel in die alte Dorfkirche unserer greulich beschränkten
Fixsternwelt zurück
Ich fiel immer tiefer immer tiefer immer tiefer
Und ich wunderte mich dass unsre beschränkte Welt so tief sein konnte
Nach der Lektüre dieser Geschichte sprang das Nilpferd wieder sehr erregt von
seinem Schaukelstuhl auf und stampfte aufrecht auf den Hinterbeinen in der Stube
herum drehte sich öfters auf dem einen Fuße um sich selbst wehte mit den
Blättern durch die Luft stellte sich wieder dicht vor mich hin und hielt mir
mit wunderbarer Geschwindigkeit eine Rede ohne mir einen Einwurf zu gestatten
»Du musst« sagte es »nicht gleich so schlecht gelaunt werden wenn Du Dir
mal die Finger verbrannt hast Sieh nur unsere Pfoten an da sind keine Finger
dran und wir wissen uns doch zu helfen die Pincetten sind noch viel feiner
als die Finger Intelligente Leute müssen sich zu helfen wissen Du darfst Deine
Empfindungen nicht so ernst nehmen Wenn schon unsre Gliedmaßen nicht als
Realitäten von uns genommen werden wollen so dürfen wir doch die Empfindungen
dieser Gliedmaßen erst recht nicht als reale betrachten Der Schmerz wird erst
dadurch für uns zum Schmerze dass wir ihn so nennen Wir können den Schmerz auch
als potenzierte Wollust auffassen Intelligente Leute müssen sich zu helfen
wissen Wenn Dir ein Bein abgehauen wird so bedenke sofort dass Dir dieses
scheinbare Unglück auch eine große Portion sehr angenehmer Augenblicke
verschafft denn man wird Dich verhätscheln dafür Glaube mir es ist nicht
Alles Pech was schwarz aussieht Es tut auch nicht alles weh was sich krümmt
Intelligente Leute müssen sich zu helfen wissen Und ich finde dass Du Dir in
Deinen Geschichten sehr wohl zu helfen weißt denn beim Runterfallen amüsierst
Du dich gleich wieder über die köstliche Tiefe der Dorfkirchenwelt Merkwürdig
ist es nur dass Du Dir in Deinem Leben nicht zu helfen weißt denn Deine Mienen
lassen nicht den geringsten Grad von Heiterkeit erkennen Dir scheint die Grütze
sehr stark verhagelt zu sein«
Ich wollte was erwidern aber das Nilpferd ließ mich nicht zu Worte kommen
es wollte bloß noch ein paar »schmerzliche« Manuskripte lesen es wollte gleich
mehrere haben und ich gab ihm diese drei
Er hatte
Eine Nachtscene
Er hatte sehr viel getrunken das stand fest
Und er hatte sehr lange getrunken so drei bis vier Tage genau wusste
mans nicht
Er hatte sich auch geärgert natürlich
Wer viel und lange trinkt hat sich immer geärgert Das ist nun mal so auf
diesem großen Erdball
Und er hatte natürlich keinen Sechser mehr das sagten Alle die ihn
umstanden Und die mussten es wissen denn sie waren dabeigewesen
Er hatte sich ja in ihrer Gegenwart die Gurgel durchgeschnitten und war
dabei umgefallen obgleich er sich am Laternenpfahl gehalten hatte
Jetzt lag er da in der Gosse
Er hatte endlich genug
Er hatte in seinem ganzen Leben niemals genug gehabt
Blut hatte er noch Das merkten Alle die ihn umstanden und nicht wussten
wie sie ihm helfen sollten Das Blut floss plätschernd in die Gosse Die Laterne
leuchtete und blitzte in dem roten Blut
Warum hatte er sich die Kehle durchgeschnitten
Ja warum hatte er
Er hatte das Leben plötzlich dick bekommen
Sich selbst hatte er niemals dick bekommen wohl aber das Leben
»Er hatte Talent« sagten die Leute
Und bei diesen Worten hatte sich ein Arzt vorgedrängt der hatte natürlich
sein Verbandzeug nicht bei sich
Aber die Umstehenden hatten Taschentücher
Wer hatte nicht Taschentücher
Er hatte Talent
Ja warum hatte er denn Talent
Er hatte einen Vogel
Er hatte mirs ja gesagt
Er hatte nie genug
Jetzt erst hatte er genug mit der durchschnittenen Kehle
Ja die Kehle
Die Kehle hatte schuld an Allem
Die Kehle
Er hatte eine Kehle
Er hatte eine Kehle
Lautlos wälzte sich eine Wolke die Straße entlang und in der Wolke saß ein
Fleischer mit einem ellenlangen Messer
Der Fleischer hatte ein Messer aber keine Kehle dazu
Mein Freund hatte eine Kehle
Er hatte jetzt genug
Aber er hatte trotzdem kein Talent
Ich weiß das ganz genau
Er hatte
Er hatte wieder zu viel getrunken
Er hatte
Der große Kampf
Ein Dualisticum
Langsam fallen glühende Sonnen in die schwarze Nacht und machen Alles hell
Und dann kommt der Erzengel Michael mit seinem langen Schwert Mächtige
Eisenmassen rasseln auf seiner Brust die Beinschienen knacken und die
Armschienen platzen beinah so schwellen dem Erzengel die Muskeln an
Und dann taucht aus dunklen Wolken der Kopf des Drachensatans heraus Aber
dessen Augen sind nicht leuchtend wie die des Michael des Drachensatans Augen
sind so matt
»Ich hau Dich zu Brei« brüllt der Michael
Doch der Satan schüttelt den Kopf und sieht dem Engel traurig ins lachende
Angesicht
»Dein Schwert ist zu kurz« erwidert der müde Satan
Michael funkelt mit den Augen seine Stahlrüstung kreischt und das lange
Schwert blitzt durch die Wolken
Satan zieht den Kopf ein und seine ungeheuere Körpermasse kommt zum
Vorschein Millionen weltendicke Schlangenarme winden sich aus den Wolken
heraus
Michael schlägt zu und haut unzählige Schlangenarme ab aber die
abgeschlagenen Glieder verbinden sich wieder mit dem Drachenrumpf
Und des Erzengels Arm erlahmt
Da kommt des Satans Kopf wieder an die Oberfläche des Rumpfes und grinst den
Engel an wie ein Totenschädel
Der Engel will zuschlagen doch er kann das Schwert nicht mehr heben seine
Arme zittern
Und die Millionen dicker Schlangenarme umhalsen den eisernen Engel so dass
der schier erstickt wird
»Hör auf« schreit der Engel
Der Satan lässt nach die weichen schlaffen dicken Schlangenarme lösen sich
von dem Engel los
Und langsam sinkt der Drachensatan zurück »Nächstens kämpfen wir wieder von
Neuem« flüstert höhnisch der müde Teufel
Der Engel stöhnt und schwebt mit hängendem Kopfe davon nur ganz allmählich
kehrt die Kraft in die zitternden Muskeln zurück
Bunte Wolken nehmen den Engel auf und erfrischen ihn Langsam steigen starke
Marmorsäulen in den Himmel empor Die Säulen steigen immer höher und
verschwinden zwischen den Sternen
Die Kummerlotte
Die Morgensonne glühte in die Resedabüsche die vor Lottens Dachfenster blühten
Und sie saß still vor ihrer Nähmaschine und machte ein trauriges Gesicht
Die Lotte war sonst immer so glücklich gewesen früher als sie so wenig
Geld verdiente und so oft nur Häringe zu Mittag aß
Früher war sie eigentlich stets so recht lustig gewesen so seelenvergnügt
Das war jetzt Alles so anders geworden
Seit drei Tagen war die Lotte die richtige Kummerlotte geworden Wie kam
das
Die Nähmaschine stand seit drei Tagen still
Und das Unglück Wie sahs denn aus Oh es sah merkwürdig gut aus das
Unglück Andere Menschen hätten das Unglück ein großes Glück genannt
Die arme Lotte hatte geerbt zweimal
Zweimal geerbt in drei Tagen
Von einem alten Grossonkel hatte sie zehntausend Taler geerbt und von
einer Kusine dreihundert Taler
Das war das Unglück
So sah Lottens »Unglück« aus
Traurig schaute die Kummerlotte ihre Resedabüsche an ihr traten ganz dicke
Tränen in die Augen
Die Leute im Hause schüttelten den Kopf und meinten bei dem guten Mädchen
seis da oben nicht ganz richtig
»Dumme Trine« riefen die beiden heiratsfähigen Töchter des Hauswirts
»Kummerlotte« riefen die Gassenjungen
Sie aber sagte nichts dazu sie gab keine Erklärung sie seufzte und schloss
sich ein
Da saß sie nun am Fenster in der Morgensonne und grübelte
»Das Geld ist mein Unglück« flüsterte sie immer wieder
»So lange ich kein Geld hatte« meinte sie so recht vergrämt »war ich immer
frisch und jung Doch wie das Geld kam war meine Jugend fort Muss ich da nicht
traurig sein Kann mir das Geld das traurige Gefühl ersticken Ach ja es ist
nicht angenehm wenn man merkt dass man alt geworden ist Es kam so plötzlich
als ich nicht mehr arbeiten brauchte und über alles nachdachte«
Sie nahm ihren Wandspiegel und betrachtete kummervoll ihr Gesicht Alt sah
sie eigentlich noch nicht aus und doch sie fühlte dass sies war
Niemand verstand die Kummerlotte
Sie aber verstand sich
Und abermals sprang das Nilpferdchen auf trampelte wild im schwarzen
Felsensaale herum und hielt dann wieder eine Rede »Onkelchen« sagte es »über
die Vorteile die die Armut bietet ist schon so viel gesagt worden dass es bald
wirklich Not tut die Vorzüge des Reichtums zu verteidigen und ein bisschen in
Schutz zu nehmen die reichen Leute bedauern sich schon ein wenig zu viel so
furchtbar schlimm ist der Reichtum doch auch nicht Wenn die Verherrlichung der
Armut so große Dimensionen annimmt so brauchen wir uns nicht zu wundern wenn
sich schließlich die bedauernswerten Geldbesitzer zusammentun und sich gegen die
protzenhafte Alles unterdrückende Macht der armen Leute empören Das gäbe dann
eine nette Bescherung Das wäre eine schöne Revolution Wer die Verhältnisse in
Europa so gut kennt wie ich wird eine solche Revolution gar nicht für unmöglich
halten Das Ridiküle ist tatsächlich das Modernste Manche Leute denen das
Verschleiern und Umdrehen zur Gewohnheit geworden ist verdrehen die Dinge so
lange bis sie selber verdreht werden Die Reichen sind wirklich auf das Glück
der Armen viel neidischer als man glaubt und demnach ist es wohl geboten den
Kurs der sozialen Poesie wieder etwas zu ändern Doch davon brauchen wir
eigentlich nicht so viel zu reden Wichtiger ist Dein Teufel der
Lebensmüdigkeit der Gurgeln abschneidet und sich selber nichts abschneiden
lässt«
Ich wollte wieder was sagen doch das kleine Tier fuhr eifrig fort
»Bedenke dass die einfache tierische Luft bloß ein einfacher Lebensreizer
ist der nur einfachen Lebewesen zum Weiterleben genügenden Anreiz verschafft
Wer nur ein bisschen höher hinaus will wird durch die einfachen Lebensreizer
wie da sind Schinken Champagner Chansonette Leberwurst und Paprika nicht
am Leben erhalten Der höhere wendet sich an Kunstspässe ernster Güte an
Philosophie und überirdische Herrlichkeit Diese letzteren Dinge ziehen schon
mehr an Indessen Rückfälle in die gewöhnliche Schinkenluft kommen immer
wieder vor Und wenn diese Rückfälle zu oft vorkommen so wird der Weg zum
höheren zu mühsam und das arme Lebewesen steht dann zwischen zwei Bündeln und
verhungert beinahe So ungefähr gelangt die Lebensmüdigkeit in unsre
Erscheinungswelt das Eine genügt nicht und das Andre ist nicht zu erreichen
Ich spreche wie Du merken wirst ganz wie Deinesgleichen nicht wahr Na ja
Nun muss man aber doch wenn man ein bisschen vernünftig ist zugeben dass man
nicht so ohne Weiteres zwei Herren dienen kann Entweder man steigt so gut
man kann über die simplen Luftspässe hinweg in die höheren hinein oder ja
da liegt der Hase im Pfeffer Wenn man mal angefangen hat über das Simple
hinüberzusteigen so wird man im Simplen nie wieder die Befriedigung finden die
Hinz und Kunz darin zu finden vermögen Ja Ja Die Mutter Natur hält es doch
für gut Leute die was werden könnten mit einer kleinen Zwangserziehung zu
beglücken und wenns auch weh tun sollte Was ist also die große Müdigkeit
Sie entsteht wenn man Spiesserglück will und doch zu Sternenglück erzogen
werden soll Es gibt auch höhere Wesen die sich zu Gunsten noch höherer
Lebensreizer auch das Sternenglück abgewöhnen müssen usw immer höher
mit Grazie ad infinitum Rede nicht Onkelchen Denke darüber nach«
Und ich tats
Und dann wollte der Kleine wieder was lesen
Und ich fand gar nichts Rechtes mir genügten meine Sachen plötzlich nicht
mehr was mir sehr schmerzhaft war
Doch schließlich gab ich zögernd wiederum drei Sachen raus
Noahs Glück
»Die Leute denken immer« sagte Noah als er seine Barke vollgepackt hatte »ich
hätte das Reisen so gern Das ist aber gar nicht wahr Es gefällt mir hier
überall nicht und daher reise ich das ist die ganze Geschichte«
Mit diesen Worten stieg Noah in seine Barke
Diesmal wars eine Luftbarke
Und mit der Luftbarke fuhr er rasch in den freien Äther hinaus an Mond und
Sonne vorbei in die große Sternenwelt
Und bald war Noah jenseits von unserm Milchstrassensystem
Er war also schon recht weit gefahren und seine Frau wunderte sich schon
Doch Noah fuhr noch weiter er steuerte auf einen großen Nebelfleck zu der
aus lauter Pilzsternen bestand aus sehr vielen bunten und mannigfaltig
geformten Pilzsternen
Und Noah fuhr mit seiner Barke hinter den Nebelfleck und begann dann
plötzlich ein lustiges Liedchen zu pfeifen
Da kamen Noahs sämtliche Anverwandte aufs Deck hinauf und lachten
»Jetzt sind wir endlich so weit« rief der alte Noah mit seiner hellen
Geisterstimme
Und Noahs Frau fragte ihren Mann
»Na bist Du jetzt glücklich«
»Jawohl« rief der alte Noah »jetzt bin ich vollkommen glücklich Hier
können wir bleiben die Pilzsterne sind undurchsichtig und von dem
Milchstrassensystem in dem sich die alte Erde dreht werden wir nimmermehr was
sehen können«
»Das ist man gut« riefen Alle
Und Noah pries sein Glück
Und Noahs Anverwandte lachten mitsamt seiner Frau
Noah jedoch weinte vor Freude so groß war sein Glück
Und die Pilzsterne blieben undurchsichtig für alle Ewigkeit
Und Noahs Luftbarke blieb fest verankert
Die Bewohner der Luftbarke sahen woanders hin
Und Noah pries sein Glück tagtäglich hundertmal und konnte sich viele
Billionen Jahre gar nicht beruhigen so sehr freute er sich über die totale
Unsichtbarkeit jenes Milchstrassensystems in dem sich jener »Erde« genannte
Stern bewegte
Da kam eines Nachts ein kluger Vogel an der Barke vorbeigeflogen sah den Noah
und sprach redselig
»Noah das ganze Milchstrassensystem von dem Du nichts mehr hören und sehen
willst existiert ja gar nicht mehr Flieg nur um die Ecke Deines Nebelflecks
herum da wirst Du Augen machen «
Noah löste vorsichtig die Anker und fuhr ganz sachte ohne dass die Schläfer
und die Schläferinnen unten in den Kajüten was bemerkten um die Ecke seines
Nebelfleckes rum und fiel vor Schreck rücklings aufs Deck
Ein kolossaler Weltdrache füllte die ganze Gegend und glotzte den Noah mit
Millionen Augen so eklich an dass dem Armen ganz plümerant zu Mute wurde
Doch der Drache sagte nach einer Weile höchst gemütlich
»Lieber Noah ich habe soeben siebenmalsiebenundsiebzig Tausend
Milchstrassensysteme verspeist glaubst Du da dass ich noch Appetit haben
könnte«
Und der Drache lächelte sehr blöde und flog empor und ließ eine weite Leere
hinter sich
»Er hat sich satt gefressen« rief der kluge Vogel
Noah sprang auf drehte rasch seine Barke um und machte dass er weg kam und
befestigte die Anker wieder an den alten Stellen hinter dem Pilzsternnebelfleck
Niemand auf der Barke erfuhr was von Noahs nächtlicher Fahrt um die Ecke
rum
Noah aber pries nicht mehr sein Glück
Es kam dem alten Noah für die Folge sein Leben zeitweise komisch vor so dass
er oftmals lächeln musste
Und er freute sich nun dass Niemand auf der Barke sein Lächeln verstand die
Pilzsterne blieben undurchsichtig
Nebelsterne
Sieben Nebelsterne empfanden den Dunst in dem sie viele Billionen Jahre gelebt
hatten eines Tages als etwas Unerträgliches
Aber der Dunst gehörte zu ihnen er war ein Teil ihres Körpers Der Dunst
war die Haut ihres Körpers Abstreifen konnten sie also ihre Dunstaut nicht so
ohne Weiteres So was können wohl kriechende Schlangen aber nicht die
Nebelsterne
Die anderen Sternwelten in der Umgegend hatten keine Dunstaut Und das
ärgerte die Nebelsterne am allermeisten
Und das Herz der Nebelsterne ward verbittert so dass sie ganz gallig wurden
und tückischen Gedanken Raum gaben
Die Nebelsterne wollten den anderen Sternwelten auch so gern eine unbequeme
Dunstaut anhängen
Und was beschlossen da die Bösen
Sie beschlossen sich so weit aufzublasen dass ihr Dunst ihrer gesamten
Nachbarschaft zur Empfindung gelangen musste
Und die Sieben bliesen sich auf
Und der ganzen Nachbarschaft ward unwohl die anderen Sternwelten die so
lange so klar die Welt durchleuchtet hatten verloren ihren Glanz denn der
Dunst der Nebelsterne umzog Alles wie ein feiner Rauch
Da war den sieben Bösen so recht vergnügt zu Mute jetzt hatten sie nicht
mehr allein unter ihrer Dunstaut zu leiden
Aber die anderen Sternwelten wurden ergrimmt und wollten den Dunst
fortblasen Und bei dem Fortblasen erregten sie sich alle dermaßen dass
allgemach eine kriegerische Stimmung in jener Weltecke die Oberhand gewann
Und bald zogen die einstmals hellen Sterne gegen die Nebelsterne zu Felde
mächtige Weltblöcke flogen wie Kugeln von allen Seiten in die sieben bösen
Nebelsterne hinein dass denen die Eingeweide platzten und das Mark verbrannte
Es war ein schauerlicher Krieg
Was aber war die Folge dieses schauerlichen Sternkrieges
Die Folge war dass sich die Körper der sieben Nebelsterne bloß noch
mächtiger aufbliesen dass ihre ganze Galle überfloss und in die anderen
Sternwelten überging
Und die ganze Wut der sieben Nebelsterne erfüllte bald die ganze große
Weltecke so dass sich die einstmals hellen Sterne schließlich auch gegenseitig
bekämpften wie tolle Hunde Alle schlugen aufeinander los ganz gleich wohin
es traf so dass es brannte an allen Ecken
Es war ein rasender Krieg Aller gegen Alle
Wie sie nun so mitten in ihren kriegerischen Aktionen dahinlebten wie die
Verrückten kam doch einigen älteren Sternen die Besinnung wieder und die
sprachen mit gewaltiger kosmischer Stimme ungefähr so
»Haltet ein Brüder So kann das doch nicht fortgehen Wir gehen ja
schließlich dabei sämtlich zu Grunde Wir müssen Frieden schließen wies auch
sei Den Dunst der Nebelsterne werden wir wohl nicht wieder los Aber wir wollen
doch versuchen auch trotz dieses Dunstes wieder froh zu werden Jedenfalls sind
wir um eine große Weisheit reicher geworden Wenn uns böse Buben angreifen und
belästigen so sollen wir nicht gleich wütend werden Mit der Wut richten wir
doch nichts aus Giftigen Dunst bläst man nicht so leicht fort Man tut besser
sich an den giftigen Dunst zu gewöhnen Hört auf mit dem Herumwerfen der großen
Weltblöcke Wenn Ihr nicht aufhört gehen wir Alle zu Grunde«
Da ging ein leises Murren durch die Weltecke Aber man sah die Nutzlosigkeit
des Kampfes ein und schloss wieder Frieden
Alle Sterne suchten danach ihre Wunden so gut es ging wieder zu heilen
Die Nebelsterne hatten am meisten gelitten Doch auch sie waren mit der
großen Friedenserklärung einverstanden ihre Dunstaut verblieb ja in der ganzen
Weltecke das ließ sich nicht mehr ändern
Indessen die einstmals hellen Sterne gewöhnten sich allmählich an den
giftigen lästigen Dunst und erklärten ihn schließlich für ein höchst
interessantes kosmisches Schleiergebilde
Und so beruhigte man sich nach und nach
Und dann wards wieder still in der Weltecke
Das Leben ist eben in jeder Form erträglich man darf nur nicht ungeduldig
werden
Bloß nicht gleich Krieg führen wenn böse Buben frech werden Die böse
Sieben Ja Ja
Also lieber ein bisschen Dunst ertragen
Das Ertragenkönnen ist viel wertvoller als das Losschlagenkönnen Die Wunden
heilen nicht so schnell Bilde sich bloß Keiner ein dass es ein Vergnügen sein
könnte als interessanter Krüppel zu leben
An giftigen Dunst aber gewöhnt man sich das ist nicht so schlimm
»Brüder« riefen die Sterne »wenn wir weiter nichts zu ertragen brauchen
als das bisschen Dunst so können wir immerhin noch ganz glücklich sein«
Die sieben Nebelsterne ärgerten sich natürlich über die friedliche Gesinnung
ihrer Nachbarschaft nicht wenig jedoch dieses Mal half ihnen der Ärger nicht
viel sie hatten mit dem Zusammenflicken ihrer Glieder für die nächsten Jahre
vollauf zu tun
Bösewichter müssen Beschäftigung haben das ist so furchtbar notwendig
O ja
Diese verfluchten Hallunken
O trag so viel Du tragen kannst
Und sei nie ungemütlich
Groß
Sechstausend Ellen lang und fast ebenso breit ist die große Kröte auf der mein
Palast erbaut wurde
Vor vielen langen Jahren zog ich ein in den Palast
Und die Kröte wandelt nun mit mir durch die große große Welt
Ob die Kröte was von mir weiß
Ach Die Kröte ist so groß
Ich bin grausam klein dagegen
Natürlich ist es eine Schildkröte die Kröte von der ich so viel spreche
Wenn bloß diese Schildkröte ein wenig schneller gehen wollte
Ich möchte so gerne noch heute ans Ende der Welt gelangen ans Ende
Geh schneller liebe Kröte
Ich möchte ja endlich mal die Größe der ganzen Welt begreifen oder
verstehen fassen
Aber wie soll ich das
Ich kann ja doch nicht ans Ende kommen denn es gibt ja kein Ende
Geh schneller liebe Kröte
Sie will natürlich wieder nicht
Was hilft mir da ihre Größe
Alles wird immer größer und es hilft uns Alles nichts
Es nützt auch nichts dass unser Durst immer größer wird
Den Weltrand werden wir niemals an unsere Lippen setzen können
Ich würde auch den Weltrand zerbeissen
Geh schneller liebe Kröte
Nützen zwar tut es nichts aber mir kommt dann wenn Du Dich beeilst
wenigstens die Zeit nicht so maßlos groß vor
Ach du »liebe« Zeit
Kaum hatte das Nilpferd die Lektüre dieser drei Geschichten beendigt als sich
eine Türe knarrend öffnete und ein zweites Nilpferd aufrecht hereinspazierte
Dasjenige welches mich gerettet hatte verließ eilfertig seinen Schaukelstuhl
und sagte während es zögernd auf mich zukam »Die Herren gestatten wohl dass
ich sie einander vorstelle Herr König Ramses aus Ägypten Herr Dichter
Scheerbart aus Europa«
Ich verließ meine Ofenbank verbeugte mich höflich gegen den neuen
Ankömmling und stotterte verlegen »Majestät entschuldigen«
Doch das kleine Nilpferd lachte und sagte
»Lass nur das Ceremoniell So wie wir jetzt aussehen passt es nicht mehr
recht für uns Nenn mich ruhig Du und alter Ramses Das genügt Gerne würde ich
Dir die Hand schütteln aber ich habe ja keine Übrigens nennen sich die
ägyptischen Könige die hier wohnen King da es uns so vielen Spaß macht dass
die Engländer noch immer unser Vaterland regieren Behalte nur Platz und lege
Dir gar keinen Zwang auf«
Da fühlte ich mich aber etwas peinlich berührt denn ich hielt nun meinen
Retter auch für einen ägyptischen King und sprach dem entsprechend
Mein Retter lachte jedoch und sprach
»Ich bin kein King Ich bin der Pyramideninspektor Riboddi« Nun machte ich
denn doch ein sehr erstauntes Gesicht und da lachten die Nilpferdchen mit
ihren breiten Mäulern so laut dass es oben in den Gewölben wie Donnergrollen
erschallte
»Er wundert sich doch noch« rief der Pyramideninspektor dazwischen
Und ich musste dazu ebenfalls lachen so wie die beiden alten Ägypter das
Lachen erschien mir immer die beste Art zu sein um schnell über eine peinliche
Situation hinwegzukommen
Wir setzten uns jetzt alle drei in Schaukelstühle und der König Ramses
sagte gleich ganz offen
»Lieber Scheerbart Ihren Namen habe ich öfters gehört aber gelesen habe
ich noch nicht eine einzige Zeile von Ihnen Würden Sie nicht so freundlich
sein mir etwas zum Lesen zu geben damit ich weiß wie Sie sind Entschuldige
dass ich Dich aus Versehen Sie nannte aber mir ging plötzlich die
Lebensgeschichte eines ägyptischen Priesters durch den Kopf«
Die acht Geschichten die ich dem ersten Nilpferdchen gegeben hatte waren
von diesem bei Seite gelegt und es sagte jetzt lächelnd wobei seine
faustgrossen Vorderzähne leuchteten
»Onkelchen knausere nicht Greif in Deine Taschen und hole aus jeder ein
neues Manuskript hervor ich will auch was Neues haben Aber wähle nicht erst
lange gib was Dir zuerst in die Hand kommt«
Und da bekamen die Herren das Folgende
Platzende Kometen
Was ist das
Es wird immer dunkler und so schwül
Blitze zucken aber es donnert nicht
Jetzt pfeift es oben so gellend wie Lokomotiven die Angst haben vorm
Tunnel
Und nun fliegen Hagelstücke runter große Hagelstücke und kleine
Hagelstücke Sie sind nicht rund sie sind zackig und kantig wie schlecht
gehauener Zucker
Aber Zucker ist das nicht es schmeckt kühl und herzhaft
Und jetzt rauscht es oben in den Wolken
Die Wolken jagen blitzschnell vorbei
Ein Sturm wirbelt durchs Land
Die Bäume brechen ab die Dachziegel fliegen mit Blumentöpfen Menschenhüten
und flatternden Krähen weit weg ins freie Feld
Es hagelt dabei und regnet
Der Regen schmeckt so kühl und herzhaft wie die Hagelstücke
Da steckt was Seltsames drin in diesem Hagel und in diesem Regen
Die Gelehrten fahren mit ihren Galakutschen aufs Rataus und halten dort
lange Reden alle Gelehrten haben Hagelstücke in der Hand einige haben noch
Flaschen mit dem neuen Regenwasser
Die Gelehrten reden ausgezeichnet und währenddem hagelts und regnets
draußen immer stärker
Und der Sturm heult heult
Im Ratause erklären die klugen Gelehrten dass das kein gewöhnlicher Hagel
sei auch kein gewöhnlicher Regen
Und sie kosten alle von den Hagelstücken und trinken das Regenwasser
Und sie sagen da sei ein neuer Stoff drin im Himmel müsse ein Komet
geplatzt sein es müsse ganz bestimmt ein Komet gewesen sein
Kometensalz ist der neue Stoff
Er wirkt nur so komisch
Wer das neue Salz gekostet hat dem zieht so was Weiches durch alle Glieder
und die Gedanken werden so einfach
Das Kometensalz ist verführerisch wie Alkohol
Das Kometensalz brennt aber nicht hinten im Munde und unten im Leibe reizt
nicht auf es macht genügsam still
Die Menschen die das Salz im Magen haben können bald ihre Gedanken nicht
mehr sammeln Es ist den Menschen als ginge Alles fort
Und dann bleiben die Menschen stehen und gehen nicht weiter ihre Glieder
werden steif und hart wie Holz und der erhobene Arm will nicht mehr runter die
Hand die den Hut zum Grüssen zog bleibt mit dem Hute oben in der Luft
Allmählich verhallt der Sturm und das Wetter wird wieder besser
Beim hellen Sonnenschein merkt man aber erst den Umfang der ganzen
Geschichte
Zehn nasse Soldaten auf dem Übungsplatze vor der Kaserne stehen auf einem
Beine kerzengerade doch das andere hochgehobene Bein geht nicht runter Eine
Bäckersfrau stößt dem einen Soldaten in die Seite und alle Zehn fallen um wie
hölzerne Soldaten aus einer Spielschachtel
Die Luft ist wieder still
Und die Menschen lecken an dem Kometensalz das massenhaft die Erde bedeckt
Die Tiere lecken auch an dem Kometensalz
Und dann bleiben die Menschen und die Tiere nach und nach sämtlich auf der
Straße und in den Häusern in seltsamen Stellungen stehen sitzen oder
liegen
Den Hunden bleibt das Maul offen
Die Vögel überschlagen sich in der Luft fallen mit steifen Flügeln auf die
Salzhaufen und rühren sich nicht mehr
Ein Leichenzug steht vor einer Kirche und kann nicht weiter
Die Bäume werden ebenfalls starr Die Trauerbirken und die Trauerweiden
verharren in Windstellung mit weit weggewehten Ästen als wütete noch immer
der große Sturm
Und die Luft ist doch so still
Und die Menschen und Tiere sind auch so still als wüssten sie gar nichts
mehr zu sagen
Ein Schutzmann sitzt auf einer Parkbank unbeweglich mit einem Strolch
zusammen sie sehen sich unablässig an
Ein Regiment dekorierter Nachtwächter befindet sich vor dem Ratause in
konstanter Präsentierstellung
Die Kinder sind in der Schule nicht mehr zu hören so ruhig sind sie
Und im Ratause sitzen die Gelehrten wie Wachspuppen da
Der Bürgermeister der das Salz nicht anrührte schleppt sich müde nach
Hause trinkt im Sorgenstuhl vor seinem Schreibtisch ein Glas Wasser und sieht
am Ofen seine Frau sie ist unbeweglich wie ein abgeschiedener Geist
Der Bürgermeister fasst sich an den Kopf und ruft plötzlich angstvoll
»Franziska Das ist die neue Zeit«
Aber er kann den Mund nicht mehr zumachen das Salz hat auch ihn gepackt
es war im Wasserglase
Das furchtbare Kometensalz ist überall
In der Residenz sitzt der König auf seinem Throne und hält immerfort das
Szepter regiert aber nicht denn alle seine Untertanen sind so steif wie er
selbst
Jedoch keinem der Gelähmten geht das Bewusstsein aus das Gehirn arbeitet
bloß etwas langsamer
Die Augen behalten ihre Kraft
Die Ohren hören es ist nur nicht viel zu hören
Lauter Salzsäulen an allen Ecken und mitten im Wege
Lebende Salzsäulen
Sie sitzen als wenn sie unablässig nachdächten stehen als hätten sie was
vergessen liegen als wären sie dabei was Feines zu dichten und rühren kein
Glied
Die Oberfläche der ganzen Erde ist ganz starr geworden
Und nach sieben Tagen wirds im Himmel abermals finster
Und abermals kommt ein Sturm
Und der Sturm wirbelt die Tiere und Menschen durcheinander wie welke
Blätter
Schornsteinfeger fallen von den Dächern Arbeiter und Soldaten Frauen und
Kinder rollen in den Gassen wie Tonnen herum wobei die Glieder abbrechen ohne
zu bluten
Und dann wirds wieder still
Und allmählich verändert sich Alles
Langsam fallen die Häuser ein
Die Äste der Bäume fallen ab wie Eiszapfen
Säulen platzen Denkmäler und Türme brechen krachend entzwei
Und dann sickert ein dunkler Staub auf die Erde hernieder
Der dunkle Staub bedeckt Alles auch die Wasser und die Meere
Ein andrer Komet muss wohl geplatzt sein
Der bestaubte Erdball dreht sich weiter
Das harte Rot
Ich stehe auf einem schwarzen Berge und ringsum ist Alles schwarz das ganze
Land und das ganze Meer schwarz
Und der Himmel ist gleichfalls schwarz
Und nun gehen überall am Horizonte in gleichen Abständen rote Sonnen auf
dunkelrote Sonnen
Aber das Land bleibt dennoch schwarz das Meer und der Himmel desgleichen
Über mir gehen auch viele rote Sterne auf dunkelrote Sterne
Und die roten Sonnen steigen gleichmäßig höher
Aber nur die Sonnen und Sterne sind rot
Ihr rotes Licht leuchtet nicht es ist nur für sie nicht für uns
Alles was nicht Sonne und nicht Stern ist bleibt schwarz
Es wird niemals anders sein
Freunde
Sie winken und grüßen und lachen mich so lustig an dass ich ganz heiter werde
Sie reichen mir auch die Hände und bewegen so zierlich die weißen Finger
Ich würde wohl mit denen da drüben gut auskommen doch sie sind ja so fern
sie stecken alle in den Wolken und die Wolken sind hoch
Wenns doch regnen möchte
Dann müssen sie ja runterkommen
Es regnet aber nicht
Der Weg zur Schlachtbank
Rede eines Ochsen
»Ich bin ein großes Tier und ein gutes Tier Ich weiß wohin man mich führt Und
ich habe auch nichts dagegen Ich bin der wahre Wohltäter der Menschheit Ihr
gehört mein Herz ihr gehören auch meine Nieren und meine Schinken und meine
Knochen mit dem herrlichen Mark Dass man mich nicht so ehrt wie andere
Wohltäter macht mir nichts aus Auf Dank hab ich nie gerechnet Dass man mich
aber noch schlägt mit dem Ochsenziemer halte ich für gemein Muss ich auch noch
zum Märtyrer werden Wozu«
Als nun die beiden Herren mit Lesen fertig waren ergriff ich zuerst das Wort
da es mich immer ärgert wenn ich in Gegenwart Andrer bloß zuhören soll
»Wenn ich« sagte ich mit scharfer Betonung jeder Silbe zum
Pyramideninspektor »die Erde bloß für eine große Erziehungsanstalt halten soll
so komm ich mir dabei auch nicht sehr geistreich vor«
»Dazu« versetzte der alte Ramses »hast Du auch gar keine Veranlassung«
Ich wollte sofort erwidern wurde aber durch ein merkwürdiges Gebimmel daran
verhindert die Luft in dem schwarzen Felsensaal schien plötzlich zu Musik zu
werden unsichtbare kleine und größere Glocken klangen bimmelnd und brummend
durcheinander höchst melodisch aber höchst merkwürdig
»Das sind unsre unsichtbaren Diener« sagte der Pyramideninspektor
Und dann vernahmen wir eine helle Knabenstimme die laut aus den Gewölben
oben zu uns hinunter rief
»Kommen Sie nur schnell meine Herren Das Abendbrot ist fertig kommen Sie
kommen Sie sonst werden die Kartoffeln kalt«
Danach verstummten die Glocken
Und wir erhoben uns aus unseren Schaukelstühlen
Ich war recht ärgerlich und meinte brummig
»Diese Erinnerung an das Abendbrot macht mich nicht grade sehr heiter denn
schön ist es wohl nicht dass wir unser Leben durch Essen und Trinken erhalten
müssen Und dass Sie meine Herren das auch noch müssen imponiert mir ganz und
gar nicht«
Ramses fragte mich höflich
»Sag mal rauchst du vielleicht gerne«
Ich bejahte die Frage und der Pyramideninspektor meinte drauf ganz trocken
»Dann können wirs ja so einrichten dass Du Deine Mahlzeiten rauchend
einnimmst In diesem Falle müsstest Du aber vorher ein elektrisches Bad nehmen
Zeit wäre noch dazu denn unser Luftknabe behauptet regelmäßig dass das
Abendbrot fertig sei wenns noch zwei Stunden hin sind«
Ich erklärte mich selbstverständlich sehr gerne bereit sofort ein
elektrisches Bad zu nehmen
»Es ist aber recht schmerzhaft« erklärte der alte Ramses
Ich aber war neugierig und versetzte kühl
»Das tut nichts«
Und danach gingen wir durch einen schnurgraden erleuchteten Felsengang in
dessen schwarzen glatten Wänden unsre Gestalten sich deutlich widerspiegelten
zum Badezimmer
Das Badezimmer hatte sehr viele vierkantige Säulen die auch schwarz waren
aber nicht spiegelten Jede Säule war von der nächsten oder der Wand nur zwei
Meter entfernt Sehr viele gelbe und weiße Metallgeräte standen umher deren
Bedeutung ich nicht verstand dieselbe hatte auch kein Interesse für mich
Ich wurde hier dem Oberpriester Lapapi vorgestellt der sich natürlich auch
in der Gestalt eines Nilpferdes zeigte und ebenso wie die beiden andern einen
blauen Flanellrock trug
Die Herren baten mich ihnen während des Bades doch was zu lesen zu geben
Und während ich nun mit einer Kühnheit die mich selber überraschte ins Bad
stieg lasen die drei Herren
Das neue Leben
Architektonische Apokalypse
Langsam dreht sich der alte Erdball um die alte Sonne die nicht mehr glüht und
strahlt wie einst
Dunkelviolett scheint die alte Sonne so dass es nie mehr Tag wird auf
Erden niemals mehr
Stille Nacht ist überall
Es ist sehr sehr still
Der Himmel ist schwarz wie schwarzer Samt
Die Sterne aber funkeln so hell wie sonst wohl noch heller da sie größer
sind
Goldene Sterne sinds
Der Erdball ist ganz weiß ganz mit weißem Schnee umhüllt mit leuchtendem
Schnee
Sternklare Winternacht auf den Höhen und im Tal
Die tote Erde dreht sich immer langsamer
Doch im sammetschwarzen Himmel wirds lebendig
Die großen Erzengel kommen
Mit riesig großen weißen Flügeln flattern sie eiligst herbei Es rauscht
durch den Himmel
Es wird so laut so voll Trubel die Luft als wenn viele Millionen großer
Völkerscharen zu neuem Leben erwachen
Aber es kommen nur die Erzengel Es sind ihrer zwölf Sie sind so
schrecklich groß Sechs umflattern die eine Hälfte der Erdkugel und sechs die
andre so dass man von beiden kaum mehr was sieht
Die Engel beugen langsam Flügel schlagend die Köpfe herunter Ihre Füße
schweben hoch über den beiden Polen der Erde Die zwölf Köpfe bilden bald mit
ihren flatternden blonden Locken um des Erdballs Mitte einen prächtigen
Haarring
Zunächst nimmt jeder Erzengel den großen Dom den er im Arme trug in beide
Hände und setzt ihn auf ein hohes Schneegebirge Danach ziehen alle Zwölf ihre
dicken Pelzhandschuhe aus und greifen geschwinde mit ihren zarten Fingern in
ihren weltmeergrossen Rucksack
Aus ihrem Rucksack holen die Engel viele hundert neue blitzblank glänzende
Paläste hervor Und mit den Palästen schmücken sie den großen Schneeball der
sich Erde nennt dass er bunt wird und mächtig funkelt die Augen der Erzengel
leuchten dabei als wenn sie für artige Kinder Spielzeug auskramten
Nachdem die Rucksäcke geleert sind flattern die Engel wieder empor und
schweben munter plaudernd in mäßiger Entfernung auf und ab in schönen großen
Kreisbogen
Die Erde sieht bunt aus als wäre sie mit den Flügeln der kostbarsten
Schmetterlinge erfrorenen Paradiesvögeln und gleissenden Diamanten bestreut
Und die Paläste werden hell Millionen Lampen werden überall drinnen
angesteckt durch die bunten Glasfenster der hohen Dome und all die vielen
Schlösser strömt gedämpftes Licht tausendfarbig in die violette Schneenacht
hinaus
Die violette Sonne wird noch dunkler Die fernen goldenen Sterne verlieren
auch viel von ihrem Glanz Der sammetschwarze Himmel rahmt die sanft aufglühende
Erde ringsum prächtig ein
Und die großen Glocken der Dome läuten alle
Ein Sehnsuchtsschauer durchrieselt die weiten Schneegefilde durch die
nagende Schwermut des kalten Erdballs ringt sich ein neues Leben durch das
ewige Leben
Die Toten stehen auf
Überall hebt sich die Schneedecke Und all die Menschen die einst auf der
Erde lebten und starben steigen aus ihren Gräbern heraus schütteln sich den
Schnee ab und sehen sich erstaunt an Als sie merken dass sie auferstanden sind
fallen sie sich gegenseitig um den Hals und sind sehr gerührt
Ja Ja Wer hätte nicht gern ein neues Leben begonnen
Die Erde dreht sich schneller
Doch dieser große ernste Augenblick ähnelt einem großen drolligen
Maskenfest denn alle Menschen haben Kleider an die denen gleichen welche sie
zu ihren Lebzeiten am häufigsten trugen Die Bettler gehen neben den Königen
die Priester neben den Kriegern die Handwerker neben den Gelehrten in all den
vielen Trachten all der vielen Zeiten Vom Fellschurz bis zum gebügelten
Oberhemd ist alles da
Die Auferstandenen steigen die goldenen Stufen zu den Schlössern und Domen
empor Es wimmelt man so
Alle Sprachen der Erde wirbeln durcheinander dass es mächtig durch den
ganzen Himmel brummt und die Glocken nicht mehr zu hören sind
Oben aber vor den Türen der Schlösser und Dome stehen viele tausend Engel
die nicht größer als die Menschen sind in zarten hellgrünen hellblauen und
hellroten Gewändern und warten
Feierliche Begrüßung Händedrücken und Wangengestreichel Kopfnicken und
Armgewackel Viel Gelächter Und viel lächelnde Behaglichkeit
Die großen Burgen die aus reinen Riesendiamanten bestehen sprühen ihren
Farbenbrand so festlich in die Dämmerung Und die andern Edelsteine der weiten
Säulenhallen glänzen mit den reinen Riesendiamanten um die Wette Und die
kostbaren Steingewächse die aus den Domen aufstreben sind auch so wunderbar
Die Smaragdkuppeln einzelner Schlösser werden von innen erleuchtet und werfen in
den schwarzen Sanimetimmel weite grüne Lichtkegel die sich langsam bewegen
Die Saphirtürme ragen höher empor als die anderen Türme Und das stille Licht
das überall durch die tausendfarbigen Glasfenster hinausströmt das schimmert so
heiligbunt und verheissungsvoll Ungeheure Palastgebirge sind mit riesigen
Opalbogen umgittert Wenn das Auge von Pol zu Pol schweift so wird es verzückt
bei all der Glanzglut Der Bauzauber ist so gewaltig dass man sich verwundert
fragt wie es kommt dass die auferstandenen Menschen nicht einfach toll werden
Aber so entsetzlich es auch ist so wahr ist es die meisten Menschen denken
bloß an das gute Abendbrot das ihnen nach ihrer Meinung in den Domen und
Palästen von eifrigen Dienern vorgesetzt werden wird
Wie verblüfft sind da die Auferstandenen als sie im Innern all der vielen
Glanzburgen gar kein Abendbrot finden Männlein und Weiblein sehen sich
verwundert um entdecken aber nichts Draußen haben sie schon schmerzlich den
gänzlichen Mangel an Bäumen Früchten und Gemüsen bemerkt und jetzt ist auch
drinnen Alles nur unfruchtbarer Stein Marmor und Rubine Gold und Silber bunte
Lampen und bunte Wände entzückend gegliederte Kuppeln ein bisschen Samt und
Seide mächtige Granatsäulen glitzernde Glasgrotten und ähnliche Sachen gibts
ja in unüberschaubarer Menge doch von Hammelbraten Schneckensalat und
Feuerwein keine Spur
»Engel wo bleibt das Abendbrot«
Also ruft demnach baldigst ziemlich einstimmig das ganze große
Menschengeschlecht
Die Engel öffnen schweigend im Innern der Paläste und Dome kleine
Seitenpforten die bis dahin den Blicken der Menschen entzogen waren Alle
denken natürlich jetzt gibts zu essen zu trinken und zu rauchen Hei Wie
sie sich freuen
Indessen diesmal ist die Enttäuschung noch viel größer
Das »alte« Leben grinst die Menschen an
Es steht eben »Alles« wieder auf
Doch ganz so schlimm wie damals als die Sonne noch hell schien ist das
alte Elend nicht anzuschauen Es ist anders umrahmt Im Palastgeschmack Die
Säle und Zimmer in denen die alte Beschäftigung wieder aufgenommen werden soll
sind mit so viel feinem Prunk umgeben dass die »guten« Menschen doch mit großer
Freude ins alte Fahrwasser hineinspringen wenns auch so unappetitlich ist wie
schmutzige Wäsche
Ja Ja Das alte Leben
Der eine muss wieder seine kranke Frau pflegen die ohn Unterlass stöhnt und
klagt er beginnt den Tanz der Qual mit kalter Ruhe wieder von vorn wie schon
so oft wirklich ein guter Mensch Ein andrer guter Mensch fängt wieder an
große Gesellschaften zu besuchen und klagt dabei wieder über seine nie zu
stillende Sehnsucht nach der ewigen Einsamkeit genau wie einst Ein Dritter
ist wieder mit seinem Ruhme nicht zufrieden er will immer anders berühmt
werden was ihm natürlich nicht gelingt da er selber nicht weiß wie ers haben
möchte Ein Vierter bekämpft mit altem Mute seine riesige Sinnlichkeit und wird
zum ächten Asketenhäuptling lässt wieder seine eiserne Willenskraft bewundern
obgleich er sich in jeder stillen Stunde auslachen muss da ja alle seine Kraft
nur eine naturgemässe Folge von Ausschweifung und Ekel ist Ein Fünfter hofft
immer einen Sack mit Gold zu finden und was findet er Einen Sack mit giftigen
Witzen Ein Sechster muss stets vergeblich »Geld« besorgen dh es gelingt ihm
nie Und ein Siebenter muss zu Allem »Ja« und »Amen« sagen was ihm von je so
schwer fiel Und die Millionen Andern arbeiten und regieren befehlen und
gehorchen auch genau so wie einst Die Maschinen rasseln wieder und die
Denkerköpfe rauchen wieder die Kartoffelfelder tragen wieder ihre mehligen
Früchte die Säufer saufen ganz im alten Stile weiter und die Verbrecher
brechen wieder bei den Leuten die was haben ein
Alles ist wie einst Es spielt sich bloß schön umrahmt in herrlichen
Palästen und Domen ab die so groß sind dass man gar nicht durchsehen kann
Sonst ist kein Unterschied
Die guten Menschen sind natürlich mit Allem zufrieden aber die bösen
Menschen sind natürlich mit nichts zufrieden ihnen genügt nicht die Alles
belebende Sonne der Baukunst sie wollen Abendbrot mit Austern und starkem
Getränk ununterbrochenes Vergnügen mit Tingeltangel und Schlittenfahrt
Die guten Engel wollen die bösen Menschen besänftigen und trösten sagen
freundlich »Kinder Ihr wisst gar nicht was Euch frommt Leid und Freud sind in
jedem Menschenleben ganz gleichmäßig verteilt Diese ist ohne jenes gar nicht
denkbar Seid vernünftig Alle Wünsche sind nicht erfüllbar Ist es nicht genug
dass wir Euch eine angenehme Umgebung geschaffen haben Ihr wollt bloß immer
vergnügt sein und das geht doch nicht«
»Warum nicht« schreien die Bösen
»Weils Euch langweilen würde« antworten die Engel und sie gähnen während
sie an ein ewiges Glück denken
Die Bösen aber lachen so hässlich dass die guten Engel ernstlich böse
werden
»Man sollte Euch eigentlich« fahren sie in schärferem Tone fort »piesacken
mit feurigen Zangen Die Dummheit muss mit Feuer und Schwert ausgerottet
werden Ihr werdets niemals verstehen dass anständig wohnen besser ist als
anständig leben Wie die Pflanzen der Erde hauptsächlich nur von Licht und Luft
lebten so sollt Ihr jetzt auch hauptsächlich von dem leben was Euch umgibt
von dem Licht und von der Luft der göttlichen Baukunst die die wahre Kunst ist
Ist es Euch tatsächlich nicht genug in diesen himmlischen Strahlburgen leben zu
können Wisst Ihr immer noch nicht was es heißt in einer Traumwelt daheim zu
sein Das ist doch die prickelnde Auster der Armut Was sind dagegen alle
Kaninchen des Reichtums Eine große Quarkerei nicht mehr Euer Leben soll nur
ein Akkord in der Sphärenmusik des Alls sein Euer Schmerzenslaut ist also
nicht zu entbehren sonst wird ja die Sphärenmusik so weichlich wie Milchreis
Ihr unglaublichen Nilpferde«
Die Bösen schütteln sich vor Lachen und halten sich den Bauch Die Engel
bleiben aber ganz ernst sie sagen noch traurig »Ihr kommt ja sämtlich nicht zu
kurz Die Qualen des Bettlers werden gleich mit Freuden belohnt von denen die
armen Könige nichts wissen Und zu alledem kommt noch diese prunkvolle Traumwelt
Eurer Wunderpaläste«
»Die macht uns grade erst recht begehrlich Wir wollen keinen Selbstbetrug«
Also schreien wild durcheinander die dummen Bösewichter die immer vergnügt
und selig sein wollen
»Na wenn Euch der Selbstbetrug nicht passt« donnern die Engel los »so
könnt Ihr ja wieder in Eure Gräber zurück Eure kannibalische Dummheit soll uns
das neue Leben das wir Euch in dieser Glanzwelt darboten nicht verleiden«
Und es treten die hellgrünen Engel mit dunkelgrünen Tannenzweigen hervor
und mit den dunkelgrünen Tannenzweigen berühren sie alle Unzufriedenen
Und die Berührten fallen um und sind tot
Rasch werden sie hinausgetragen und wieder im Schnee verscharrt
Jede Spur der Bösen ist bald verweht
Die guten Menschen aber die schon dankbar sind wenn sie bloß in einer
glanzseligen Traumwelt leben können nehmen die Qualen des alten Lebens ruhig
über Alles und wollen nicht mehr
Wie die hellgrünen Engel zurückkommen streicheln sie den guten Menschen
freundlich die klugen Köpfe
Durch die bunten Glasscheiben strahlt das neue Glück in die Schneenacht
hinaus die gar seltsam wird
Die Smaragdkugeln leuchten mit ihren grünen Lichtkegeln durchs schwarze
Weltall
Die Saphirtürme recken sich noch höher wie übermütige Gespenster
Die riesigen Opalgitter schimmern wie Millionen aufgescheuchter
Schmetterlinge
Die vielen kleineren Schlösser sehen auf dem weißen Schneeball der sich
Erde nennt wie Glühwürmchen aus
Und es ist Alles so rührendfeierlich in der ewigen Dämmerstunde dass Jeder
ruhig werden kann
Die Erzengel beugen sich zum zweiten Male zur Erde herab
Die blonden Riesenlocken bilden wie vorhin einen prächtigen Haarring
Die unbeschreiblich großen Engel stecken die festlich erleuchteten Paläste
wieder in ihren Rucksack ziehen ihre Handschuhe an nehmen ihre Dome in den Arm
und flattern davon
Bald dreht sich der ganze Erdball so langsam wie vorhin wie ein großer
Schneeball den Kinder rollen wenn sie einen Schneemann bauen
Die violette Sonne glüht in der Ferne wie eine alte Ampel der das Öl
ausgeht
Die goldenen Sterne funken im tiefschwarzen Sammetimmel wie glückliche
Strahlburgen
Und die Nacht ist so still so grabesstill
Während nun die drei Herren ihre Freude an meiner Apokalypse hatten und die
Anspielung mit dem Abendbrot sehr wohl verstanden empfand ich Höllenqualen
Ich stand in einem viereckigen Loch das über zwei Meter in die Tiefe ging
Und in diesem Loch empfand ich plötzlich von unsichtbaren Händen heftige
Schläge die über meinen ganzen Körper zuckten Ich war ganz nackt und schrie
erbärmlich denn die Massage die mir unsichtbare Hände angedeihen ließ
schien mir alle meine Nerven zu zerreißen ich empfand Schmerzen als würden
mir überall Zähne ausgezogen Aber in den Händen eines Zahnziehers hätte ich
paradiesische Wonnen gespürt dieses elektrische Bad arbeitete vollständig es
war die höhere Hölle ich danke schön die Vergleiche fehlen mir
Indessen genug davon
Als ich wieder aus dem Loche rauskam war mir so unbeschreiblich wohl dass
die Leiden schnell vergessen wurden
Unsichtbare Hände zogen mir wieder die Kleider an und die drei Nilpferdchen
beglückwünschten mich und führten mich in den herrlichen Speisesaal allwo sich
noch vier andere Nilpferdchen einfanden
Es lebten also in diesem Felsenschloss sieben Nilpferdchen
Die mir bereits vorgestellten waren
King Ramses
Pyramideninspektor Riboddi
Oberpriester Lapapi
Und die vier Andern die mir erst im Speisesaal vorgestellt wurden waren
King Amenophis
King Necho
King Tutmosis
General Abdmalik
Wir setzten uns um einen ovalen Tisch auf bequeme lederne Polstersessel mit
hohen Lehnen ich hatte auch solchen Sessel
Aber auf der Tafel die aus einer glatten weißen Steinplatte bestand und
wie schon gesagt oval war konnte ich keine Speisen erblicken auch kein
Tischzeug einfach gar nichts
Ich wunderte mich und sagte dass ich das täte
Und darüber amüsierten sich die sieben Herren
Mir wurde fast unbehaglich zu Mute
»Bitte« sagte King Tutmosis »geben Sie mir ein paar Manuskripte heraus«
King Ramses rief heftig dazwischen
»Nenne den Onkel doch Du mach doch nicht so viel Umstände«
Und nun nannten sie mich alle Du und wollten mich näher kennen lernen
Mir blieb demnach einfach nur übrig dem Verlangen der Herren zu willfahren
Und ich legte auf den blanken weißen Tisch nachfolgende drei Geschichten
die von meinen Nachbarn zur Rechten und Linken mit Begierde ergriffen wurden
Wir maken Allens dot
Klownerie
HoppHoppHopp
Da is er zieht Cylinder verbeugt sich und sagt ernst wie Staatsanwalt
» Dramatûschek«
Der Andre lächelt klopft sich auf dickes Bauch nickt mit kahles Kopp und
sagt schmunzelnd
»Seer erfreut mein Lieber Ick bin der Kapitálski«
Händegeschüttel Schmunzelei zwei Stühle Cylinder vergraben Männer
rauchen jleich Ziehgarn bald serr viel Dampf in Luft
»Ick bin« spricht Dramatûschek »wie Sie woll wissen ein Schenie«
»Weess ick längst« erwidert Kapitálski
»Ick will« fährt Dramatûschek fort »bauen jrosses Theater mit neistes
Brimborium and allerscheenstes Humbug speak Hömmböck Wir maken Allens dot
Jiebst du Kapital Speak Kapitálski«
Jast legt rechtes Bein auf linkes Bein raucht wie Schornstein und kickt
jradaus wie Tatmensch
Kapitálski steckt rechtes Hand in sei Rocktasch zieht aber jleich wieder
Hand raus
Dramatûschek kriegt Kourage redet feste
»Menschjutes Denk an Ick hab jrosses Jedank mit jrosses Mond das schwebt
auf Podium und quiekt Au«
»Jrosses Narr kei Schenie« murmelt Kapitálski Jast seiniges jleich serr
hitzig
Dramatûschek das jrosse Schenie erhebt sich von Stuhl und hält wildes Red
»Du hast kei Ahnung Kapitálski Weißt Du was ick will maken Ick will
maken jrosses Theater serr jrosses und auch serr kleines Da sollen Sterns vons
Himmel auftreten als Aktörs sollen sein tiefsinnik wie altes Sokrates noch
meer tiefsinnik Jrosses Riesendams sollen ooch kommen in schlackerndes Feuer und
buntes Pfaulicht Tanzen sollen Panters und Kameels Oxen und Schenies Janzes
Welt soll werden gekrempelt um Allens maken wir dot Siehste Kapitálski«
»Nix seh ick« schreit der Herr mits Portmonnee
»O du stupides Eichkatz« kreischt nu Dramatûschek »hast Du kei Fantasie
Mal Dir aus ein jrosses Kunst mit Blitz und Donner mit jrosses Krieg mit
herzzerdrücktes Jejammer und bombastisches Seligkeit Wir maken Allens dot«
»Kei Kunst« replizieret Kapitálski »dotmaken kann jedes Mörder Aechtes
Kunst muss maken jutes Appetit aber nich dickes Kopp«
Dramatûschek flennt wie trauriges Mutter und sagt dazu
»Materialiste biste kei Schenie Aber jieb Kapital dann biste
OberSchenie ErzSchenie GoldSchenie GeneralSchenie Jieb Kapital Sei
Freund«
Jutes Mensch janz jerührt umarmt Kapitálski derr steckt wieder Hand in
Hosentasch zieht raus blankes Ding ächtes deutsches Pfennig jiebts an
jutes jerührtes Mensch
Uih
Bumm
Dramatûschek springt hoch in die Höh schreit wie Schwein bei Schlächters
makt immerzu Saltomortals und packt altes dummes Kapitálski an Gurgel dreht
dreht dreht ab das Kopp
Wie Kopp in Dramatûscheks langes schmales Hand steht Kapitálski ohne Blut und
ohne Kopp janz ruhig auf und redet Bauch sagt dunkel
»Kapitálski kann leben ohne Kopp braucht kei Kopp«
Kopplos jeht das harte Mensch in sei Stall
Dramatûschek heult wie Wolf schmeisst KapitálskiKopp mang Publikus dass
alle Mächen quietschen und fällt steif wie trocknes Brett auf sei Nas
Publikums janz dumm
Schenie Dramatûschek weint blutijes Trän Sand wird nass und rot immer
merr nass wird rotes Strom und armes Kerl schwimmt fort auch in sei Stall
Armes Dramatûschek
Armes Kerl
Rotes Strom wird rotes Meer
Armes Publikus
St Georg
LasterScherzo
Der Rotaarige führte mich schweigend zur Stadt hinaus an der Windmühle vorbei
hinteren Kirchhof übers freie Feld
Der Vollmond beleuchtete uns und die Gegend
Der Rotaarige klatschte in die Hände und versank vor mir in die Erde
Ein kalter Wind pfiff mir um die Ohren Ich stopfte mir eine Pfeife steckte
den Tabak an klappte den silbernen Deckel zu und rauchte
Da mir die Gegend gefiel setzte ich mich auf meinen Feldstuhl und blickte
rauchend gradaus so wie mirs der Rotaarige geraten hatte
Und siehe dort wo mein edler Freund der beste Taschenspieler unsrer
Zeit in die Erde gesunken war da stieg jetzt langsam eine breite schwarze
Tonne hervor Die Tonne war gute zwei Meter hoch und wohl anderthalb Meter
breit
In der Tonne klirrte es und klapperte und dann brach oben der Deckel
entzwei und ein eiserner Ritter kletterte wie ein Schornsteinfeger aus der
Tonne raus band sich von der rechten Wade die Stahlschiene ab flickte mit ihr
das Deckelloch und stellte sich aufrecht breitbeinig hin Der Vollmond stand
rechts oben und das Ganze gab ein vortreffliches Bild die Stahlrüstung glänzte
mächtig und das zweischneidige Riesenschwert noch mächtiger
Ich steckte mir eine zweite Pfeife an denn bei Mondschein rauche ich immer
sehr schnell
Der Ritter packt sein Schwert mit beiden Händen fester und fängt zu kämpfen
an Es ist aber weder ein Drache noch sonst was zu sehen Ich denke mir es wird
wohl ein unsichtbarer Feind sein
Und ich habe recht
Der Ritter flucht und brüllt
»Das ist wieder das verfluchte Weib Das Biest sitzt mir auf den Schultern
und drückt drückt immerzu Die Augen werden mir wieder rot Ich sehe wieder
ein zerrissenes Laken und dicke wulstige Schweinsbeine«
Der Ritter kämpft gegen Gebilde die nur er sieht
Und er wehrt sich stochert wütend mit seinem Schwert in die obere Luft
und dann gibts einen mächtigen Krach der Ritter bricht durch und fällt in die
Tonne aus der er kam
Ich rauche ganz gemütlich weiter und sehe mir nun die Tonne näher an aber
sie ist wie alle Tonnen
Der Herr Ritter klettert wieder oben raus macht das Loch im Deckel mit
einem andern Stück seiner Rüstung nochmals ganz und der Kampf geht von neuem
los
Es macht mir großen Spaß zu sehen wie sich der arme Kerl abquält
Er schimpft wieder wie vorhin
»Verfluchtes Weib Saupack Immer dasselbe unflätig lachende Mopsgesicht
Drückt nicht so Wo habt Ihr bloß die Kraft her Ich breche ja wieder durch«
Bumm Das geschieht auch
Dieses nächtliche Kampfspiel im Mondenschein wiederholt sich noch zehn Mal
Der Ritter kämpft ohne Unterlass mit den Gebilden die nur er sieht es sind
augenscheinlich nette Gebilde
Schließlich sieht es so aus als wenn der Kerl ganz und gar verrückt wird
er stöhnt jammert und kreischt
»Mensch« brüllt er schließlich »kannst Du diesen ewigen nutzlosen Kampf so
ruhig mitansehen Mach doch der Sache ein Ende sie ist ja so simpel Meine
ganze Rüstung habe ich schon zum Deckelausflicken aufgebraucht So im Wams kann
ich doch nicht weiterkämpfen Es ist unglaublich aber ich kann mir allein
nicht mehr helfen Das verfluchte Weib drückt mir wieder die Schweinsbeine in
die Augen Das Laken reißt noch weiter Hilfe Hilfe«
Bumm Schrumm Da bricht er abermals durch
Ich höre zu rauchen auf
Wie er nun zum dreizehnten Male raufklettert und nun zum dreizehnten Male
gegen das Weib mit den Schweinsbeinen ankämpfen will mach ich aus meinen
Händen zwei Fäuste und renne gegen die Tonne an dass die gleich umfällt
Der Ritter fliegt im Parabelbogen aufs Feld
Das Schwert fliegt weiter als der Ritter
Ich gehe hin und höre wie er ausruft
»Jetzt hab ich gesiegt«
Ich will den armen Kerl aufheben aber der Körper ist ganz schlaff die
Augen sind verglast der Atem ist weg
Ich schmeisse den toten Körper wieder hin und gehe in tiefen Gedanken durch
die Mondlandschaft nach Hause am Kirchhof vorüber neben der Windmühle in
die Stadt
Ich habe meinen rotaarigen Freund seit der Zeit nicht mehr gesehen Es war
der unheimlichste Mensch der mir je vorgekommen ist
Er konnte oft so drollig sterben dass man sich beinahe totlachen musste
Er hatte sehr viel über das Leben nachgedacht
Der Mönch
Ich war ein Kind und sah ein Bild Und das Bild zeigte mir einen jungen Mönch
der am Fenster saß und malte
Es war Alles unglaublich still und friedlich Draußen schien die Sonne über
weite einsame Felder Und am Fenster saß der Mönch und malte Sein Gesicht sah
so glücklich aus
Da hats mich gepackt
Eine ahnende Empfindung durchschlich mich so sanft wie eine weiche zarte
Hand
Und ich wollte auch so malen wie der Mönch
»Solches Malen muss glücklich machen« dachte ich
Und ich wollte so malen mein ganzes Leben hindurch am stillen
Klosterfenster vor dem die weiten Felder der Erde so einsam daliegen im
Sonnenschein
Während nun die Herren aus dem alten Ägypten meine alten Geschichten lasen
ertönte in der Ferne eine leise feine Geigenmusik und in der Luft über dem
Tische entstanden bläuliche Rauchwolken und aus den Rauchwolken kamen kleine
bunte schimmernde Kugeln und kleine Krystallkörper in verschiedenen Formen
hervor
Und die Kugeln und die Krystallkörper schwebten bald wie Sterne über dem
Tische sie kreisten in feinen Kurven langsam umeinander und feine Luftblasen
schwebten dann schneller durch und diese Blasen hatten Lichtschweife wie die
Kometen
Die Nilpferdchen befestigten Pincetten an ihrer rechten Vorderpfote und
fingen sich einzelne von den schwebenden Sternen steckten sie in den Mund und
verschluckten sie
Das war die Abendmahlzeit meiner Gastgeber und ich glaubte schon ich
sollte teilnehmen an diesem astralen Souper Aber während ich das dachte wurde
mir eine schwarze Zigarre in den Mund geschoben von einer unsichtbaren Hand
Die Zigarre brannte und ich rauchte
Die Rauchwolken meiner Zigarre mischten sich unter die Sterne und ich
fühlte dass mein ganzer Körper immer kräftiger wurde
Und ich rauchte und musste lächeln und ich sagte
»Meine Herren ich sage Ihnen meinen herzlichsten Dank für das elektrische
Bad Ich fühle dass ich Nahrungsstoffe durch diese Zigarre in mich aufnehme Ich
freue mich sehr dass ich mich in einer so einfachen und in keiner Beziehung
lächerlichen Art ernähren kann«
Ich verbeugte mich und die Herren nickten mir mit ihren dicken
Nilpferdköpfen freundlich zu
Der Pyramideninspektor sprach aber
»Lieber Freund Du hast in Deinem neuen Leben das Du uns im Badezimmer zu
lesen gabst das Wörtchen Nilpferd in einer nicht grade respektvollen Form
gebraucht Wie gedenkst Du das wieder gut zu machen«
»Ich bitte sehr um Verzeihung« stammelte ich mühsam
»Ohe« riefen da Alle wie aus einem Munde
»So einfach« versetzte der Oberpriester Lapapi »wirst Du die Sache nicht
gut machen Wir können beim Abendbrot ganz gut lesen Die Verdauungstätigkeit
stört unsre Gehirntätigkeit nicht im mindesten«
Ich verstand lächelte und rief
»Meine Herren Sie sind außerordentlich liebenswürdig«
Und nach ein paar Augenblicken lagen neue Manuskripte auf der glatten
Tischplatte
Ich rauchte und die Herren schluckten ihre kleinen Sterne und lasen meine
Geschichten
Der tote Palast
Ein Architektentraum
Ich wusste wo ich hin wollte
Ich stieg daher unverdrossen die schlecht behauene Felstreppe höher und
war bald da
Und ich stand vor dem markigen Palast den ich mein ganzes Leben hindurch
haben wollte
Aber so deutlich wie damals hab ich ihn nie gesehen
Der Palast sitzt auf der Bergkuppe wie ein zackiger Stachelhelm
Ich bin sehr erstaunt
Aber es ist so still
Ich habe eine so furchtbare Einöde noch niemals empfunden
Und die Rubinsäulen stechen mir ins Auge und die weiten Säle der
Sonnenglut brennen so stark
Das also ist der markige Palast den ich mein ganzes Leben hindurch haben
wollte
Es ist Alles so tot
Und eine Stimme spricht zu mir
»Die Kunst die Du erträumtest ist immer tot Die Paläste haben kein Leben
Bäume leben Tiere leben aber Paläste leben nicht«
»Demnach« versetz ich »will ich das Tote«
»Jawohl« hör ichs rufen aber ich weiß nicht wer das sagt
»Ich wollte die Ruhe den Frieden« schrei ich wild in grausigem Ekel
»Die Ruhe« hör ich nun »wirst Du schon finden sei doch nicht so
gierig«
Und ich wusste was ich wollte ich wollte die Ruhe ohne Luft den Abgang ins
Unendliche
Der tote Palast zitterte zitterte
Heiliger Klimbim
Die Nachtfröste kamen eines Abends auf dem großen Kaninchenhof der tiefen
Entrüstung zusammen
Der Königsbrunnen plätscherte und die Orgelpfeifen lamentierten wie junge
Hunde die ihr Lebtag noch Nichts zu essen bekommen haben In der Gesindestube
aß man trockenes Brot
»Die Erde ist« begann der stärkste Nachtfrost »weich wie ein verfaultes
Nachtemd wir wollen ihr die richtigen Flötentöne schon beibringen Auf«
»Auf« schrien nun auch die andern Nachtfröste
Und der alten Erde ward bald anders
Der grimmige Igel
Weisheitsidyll
»Ja« sprach der Igel zum Maulwurf »diese dummen Menschen bilden sich wirklich
was auf ihr Lachen ein Als wenn das was Besondres wäre«
»Längst überwundener Standpunkt« flüsterte der kluge Maulwurf »das Lachen
haben wir nicht mehr nötig«
Durch den Wald rauschte ein angenehmer Abendwind und der Igel fuhr fort
»Als wenn das Lachen was Besondres wäre Du lieber Himmel Nichts als
Zerstörungslust Nichts als Zerstörungslust«
»Jawohl« flüsterte der kluge Maulwurf »alles Lachen ist ja eigentlich nur
ein Auslachen Und wer was auslacht der möchte das was er auslacht gern
vernichten«
Da ward der Igel grässlich grimmig denn er hasste die Zerstörer »Ich will
den Menschen das Lachen austreiben« schrie er ganz bleich vor Zorn
Und er ging hin und stach einem unschuldigen Arbeitsmann in die Hühneraugen
Der Maulwurf musste lachen
Den Igel aber schlug der Arbeitsmann mit seiner Axt entzwei
»Nichts als Zerstörungslust« flüsterte der Maulwurf
Durch den Wald rauschte ein angenehmer Abendwind
Weltprotz
Alles sah ich
Alles weiß ich
Alles kann ich
Was also soll ich
Sag was Du willst
Ich sage stets
»Ich mag nicht«
Ein stiller Abend
Ich möchte so gerne fort aber ich weiß nicht wohin
Ich möchte weit übers Meer und ferne Länder sehen aber eigentlich liegt
mir auch nichts daran
Der Abend ist sehr still
Ein stiller Abend
Ist das mein stiller Abend
Mir ist so als wollte ich noch einem Menschen herzlich die Hand drücken
aber ich kenne die Menschen nicht mehr und sie kennen mich auch nicht
Die Luft ist milde und weich
Und ich fühle dass ich allein bin
Ich habe mir das Alleinsein immer gewünscht aber es ist mir doch nicht so
recht
Wenn der Abend nicht wäre
Es stirbt was in mir immer wieder stirbt was in mir und das schmerzt so
sehr
Eine Hand Eine Menschenhand Nur noch ein Mal
Ich fürchte nur es ist zu spät
Die Hand die ich suche ist wohl kalt eine Totenhand
Nach diesen Geschichten ergriff wieder der Pyramideninspektor Riboddi der mich
gerettet hatte das Wort
»Gehen wir« sagte er »gleich auf den Kern der ganzen Geschichten los Ich
reizte Dich anfänglich mir etwas Schmerzliches zum Lesen zu geben Und dem
entsprechend ist das Meiste was Du uns bisher gegeben hast wirklich etwas
Schmerzliches Es liegt in allen Deinen Sachen mein liebes Onkelchen eine
kleine Quantität Schwermut Unzufriedenheit mit der Welt und mit dem Leben Und
diese Schwermut und diese Unzufriedenheit wollen wir Dir austreiben denn sie
erscheinen uns für einen Menschen der was von der Welt und vom Leben begreifen
möchte als etwas Unschickliches Nur Leute denen es am nötigen Grips mangelt
können schwermütig und unzufrieden sein«
Ich rauchte schweigend weiter und sagte nichts
Und der King Tutmosis meinte nun
»Liebes Onkelchen Obgleich ich Dich nicht gerettet habe musst Du mir schon
erlauben Dich so zu nennen wies der Inspektor tut«
Ich verbeugte mich höflich aber da riefen alle durcheinander
»Nu rede mal was«
»Was fehlt Dir«
»Wir wollen Dir helfen«
»Los Los Mit Stillschweigen macht man sich hier nicht interessant «
Mit diesen und ähnlichen Worten stürmten sie auf mich ein und ich musste
mich ganz deutlich erklären ausweichen konnte ich nicht obschon ichs am
liebsten getan hätte
»Wie ichs auch drehen mag« sagte ich zögernd »ich komme immer wieder in
eine Gemütsverfassung in der ich der Welt und dem Leben beim besten Willen
keinen Geschmack abgewinnen kann Ich sage nicht mit meinem Weltprotz Ich mag
nicht Ich sage vielmehr ganz deutlich ohne jedes persönliche Ekelgefühl
Mir ist die ganze Geschichte unsympatisch Ich halte mich eben da ich doch
existiere für berechtigt der ganzen Existenzkomödie kritisch
gegenüberzustehen Das einfachpersönliche Unbehagen will ich für überwindlich
wohl auch für protzenhaftblasiert und jedenfalls für unberechtigt halten«
»Halt« rief nun der General Abdmalik »so kommen wir nicht weiter Gib uns
mal zunächst eine größere Anzahl von Geschichten her in denen das persönliche
Stimmungselement mehr im Hintergrunde bleibt«
Das setzte mich nun in große Verlegenheit denn ich wusste nicht recht
welche Geschichten hier am Platze sein könnten Außerdem widerstrebte es mir
in dieser Form Rede und Antwort zu stehen
Aber die Herren denen ich das auseinandersetzte wollten in jedem Falle
sieben Manuskripte haben
Und so suchte ich denn sieben Sachen die mir so beinahe unpersönlich zu
sein schienen zusammen und gab sie heraus
Dann rauchte ich meine nahrhafte Zigarre ruhig weiter und die sieben Herren
aus dem alten Ägypten schluckten ihre kleinen Sterne und lasen dazwischen
meine sieben Sachen die nun hier folgen mögen
Zahlenglück
Eine Seephantasie
Wie das brodelt und wie das zischt und wie das summt und wie das rumort
Und der Vollmond glitzert und blitzt übers weite Meer
Aus dem rauschenden wogenden Meere steigt der Glückskrater heraus das ist
ein imposanter Felsenkomplex der Feuer speit wie ein angestochener Drache
Und dampfen tut der Glückskrater wie ein totgehetztes Rennpferd
Der Vollmond glänzt als wenn er sich aufpusten möchte er bleibt aber wie
er ist voller wird er nicht es ist ihm das ganz unmöglich
Die Dampfwolken des Kraters sind so weiß wie der Kalk an der Wand wie
Gespensterlaken
Und Gespenster stecken auch drin in den weißen Dampfwolken Hexen ganz
verrückte Hexen machen da einen Mordsradau
In den Dampfwolken schimpfen die Hexen was Zeug und Leder hält Und das
Geschimpfe klingt mit dem Rumor im Innern des Kraters trefflich zusammen so
harmonisch wie Dudelsack und Harmonium zusammen klingen
Und die Lawa quillt über den Kraterrand
Aber das Feuer des feuerspeienden Berges ist nicht zu sehen so dick ist
jetzt der weiße Dampfwolkenqualm
Und die Hexen werden ganz rasend vor geifernder Wut denn die heiße Lawa ist
keine gewöhnliche Lawa Zahlenlawa ist diese Lawa sie besteht aus lauter
glühenden giftigen Zahlen die sich drängen und balgen wie Gassenbuben Da
gibts kleine Zahlen und große Zahlen und die bilden immer wieder die schönsten
Rechnungen klappernde Zahlenketten
Und die Zahlen sind lebendig wie krabbelnde Fische die ins Netz gegangen
sind
Die Zahlen sind die Kinder der Hexen
Eine ganz famose Lawa Nette niedliche Kinder sinds das ist wahr
Die Hexen schimpfen was Zeug und Leder hält denn den Kindern sieht man
gleich die saubere Rasse an die machen ihren Müttern alle Ehre Das aber passt
den werten Eltern nicht die Kinder sollen sich nicht gleich verraten
Und die Hexen holen ihre Ruten vor und hauen die glühenden Zahlen um sie
äußerlich hübsch zu machen
Da werden denn bald die Zahlen so herrlich wie die Schmucksachen in den
Schaufenstern der Juwelierläden sie werden zu goldenen Zahlen und zu
Brillantzahlen und zu Emailzahlen und zu feinsten Niellozahlen und als solche
rutschen sie nun langsam den Berg hinunter ins Meer
Und auf der großen Rutschbahn geben die Mütter ihren Kindern die schönsten
Lehren mit auf den Weg
»Ihr müsst immer sehr freundlich tun« kreischen sie wütend »sonst könnt Ihr
ja den Menschen nicht den Kopf verdrehen Ihr müsst den Menschen plausibel
machen dass Ihr ihnen das einzig wahre Glück bringt das große Zahlenglück Ihr
dürft Euer Gift erst dann ausspritzen wenn Ihr Euch an den Menschen festgesogen
habt Und dann müsst Ihr den Menschen den Kopf dick machen mit Eurem Gift dass
die Menschen blind werden für Alles und nur Euch lieben Euch Hexenzahlen Ein
anderes Glück als das Zahlenglück darfs für die Menschen nicht geben Hihihi«
Und die Hexen kichern und die Kinder johlen und sie schimpfen dazu und
wie sie schimpfen da sind alle Fischweiber der ganzen Welt rein gar nichts
dagegen
Und dabei geht die Zahlenlawa gierig hinunter und taucht zischend hinein in
das Wogengewimmel des Meeres
Und das Meer glitzert und funkelt dass der Mond erschrickt und nicht
versteht woher all der Glanz herkommt er der Mond ist doch immer noch
nicht voller geworden
Und die schimmernden PrachtZahlen schwimmen zu den Ländern der Erde und
schwimmen da die Flüsse hinaus mit Lachs und Aal Arm in Arm zu den berühmten
Städten der Menschheit
Und der Glückskrater dampft wie Millionen Fabrikschornsteine und immer mehr
Zahlenlawa strömt hinunter ins Meer dass das vor lauter Glanz brennt
Bald wird die Zahlenlawa das ganze Meer von oben bis unten mit Zahlenglück
erfüllen
Und die Menschen werden sich alle in das ZahlenMeer stürzen
Und das Gelächter im Glückskrater wird ein großes Erdbeben erzeugen
Und die Köpfe der Menschen werden bei dem Zahlenglück so dick werden dass
der alte Vollmond bald neidisch werden dürfte wenn er all die großen
Wasserköpfe sieht
Und der Vollmond wird sich wieder aufpusten wollen und es wird ihm nicht
gelingen denn er kennt ja nicht das menschliche Zahlenglück
Der Revolutionär
Der Gemeindelehrer Lehmann war ein Menschenfreund er beklagte täglich beinahe
stündlich das große Unglück das durch den Krieg in die Welt kam
Und Lehmann beschloss alle Gemeindelehrer zu Gegnern des Krieges zu machen
in einem Rundschreiben das er für sein eigenes Geld drucken ließ bat er alle
seine Kollegen inständigst der ihnen anvertrauten Jugend selbst von den
Kriegstaten der eigenen Nation fürderhin nicht mehr mit Begeisterung sondern
nur noch mit dem Ausdrucke herzlichen Bedauerns zu erzählen
Dieses Rundschreiben kam den Vorgesetzten des Menschenfreundes zu Gesicht
und es entstand im Volksschulratsgebäude eine peinliche Stille die Leiter der
Volksschulangelegenheiten befürchteten sämtlich dass derartig revolutionäre
Rundschreiben auch in den Kreisen die der Regierung nahe stehen gelesen werden
könnten
Und man beschloss im Volksschulratsgebäude gleich ganz energisch vorzugehen
Und der Gemeindelehrer Lehmann ward seines Amtes entsetzt und
Pensionsgelder wurden ihm nicht ausgezahlt
Lehmann war schwächlich gebaut und fand keine andere Stellung es ging ihm
immer schlechter und seine Frau wurde täglich beinahe stündlich immer
erregter
Und Lehmanns Frau stürzte sich eines Nachts zum Fenster hinaus und blieb tot
auf der Straße liegen
Lehmann ging wie ein Träumender mit glasigen Augen umher und konnte gar
nicht mehr ordentlich denken
Auf einem großen Platze der Großstadt mitten unter unsäglich vielen
geschäftig dahineilenden Menschen fing Lehmann der Menschenfreund plötzlich
ganz furchtbar laut an zu lachen
»Nein« rief er dann immer noch lachend »es kommt doch eigentlich auf ein
Menschenleben mehr oder weniger nicht an Der Krieg ist eine ganz vortreffliche
Einrichtung«
Und er ging lächelnd in die Destillation die dicht neben dem Hause lag in
dem sich seine Wohnung befand und in der Destillation lächelte er immerfort
dass es den Gästen des Lokals unangenehm auffiel
Als die Leiche seiner Frau vorbeigetragen wurde lächelte er immer noch
Der Wirt der Destillation forderte den Menschenfreund auf das Lokal zu
verlassen
Der höfliche Eremit
Ein Menuett
»Guten Tag« sagte schmunzelnd der höfliche Eremit Und er schüttelte dabei
seinem Freunde immer wieder höflich die Hand
»Sei mir willkommen« rief begeistert der große Einsiedler Und dabei rückte
er seinen Ledersessel ans Fenster und drückte seinen Freund in den Ledersessel
hinein
»Hier hast Du Zigarren« schrie der allzeit einsame Mann seinem Freunde ins
Ohr Und gleichzeitig zündete er ein Zündloch an das er in brennendem Zustande
dem Freunde zierlich hinhielt
»Wir trinken Grog« kreischte der herrliche Wirt seinem Gaste ins Ohr Und
bald brodelte das kochende Wasser
Und dann wards gemütlich in der Einsiedlerhöhle
Der Herr des Hauses sprang und tanzte vor Vergnügen und erzählte dabei in
einem fort
Ja die Höflichkeit
»Mein guter Freund« brüllte der höfliche Mensch Und dabei nahm er seinen
schönen Revolver von der Wand und schoss einen Spatz der auf dem Fensterbrette
saß mausetot
Der Freund drückte sich
Der höfliche Eremit drückte ihm herzlichst hundertmal die Hand und bat ihn
ja recht bald wiederzukommen
Der Freund drückte sich
Der Spatz aber war tot ganz tot
Parademarsch
Verrückte BeinVision
Und sie schreiten mächtig aus
Die Trompeter die guten Trompeter blasen so hell in den Frühling hinein
Und die Beine der Soldaten heben sich immer wieder zum Himmel auf
Oh es sind so viele Soldaten
Welche Lust muss es sein so viele Soldatenbeine ganz und gar beherrschen zu
können
Und sie schreiten mächtig aus Linkes Bein Rechtes Bein Immer mutig
Immer mutig Linkes Bein Rechtes Bein Auf und ab Auf und ab
Beine Beine echte Beine sind feine Sachen Kannibalischfeine Hoch
das Bein Hoch das Bein Hoch das alte Soldatenbein Höher Noch höher
Immer noch höher bis in den alten blauen Himmel hinein So ist es fein
Ja ja es muss tatsächlich fein sein Herr vom Soldatenbein sein
Beine hoch Alle Beine hoch Hurrah
Der Frühling lacht dazu und die Trompeter blasen immer noch sie blasen
über die grünen Rasen es sind so viele Trompeter
Aber oben über den Wolken liegt der Herr der Soldatenbeine lang ausgestreckt
wie eine lange lange eiserne Maschine und die sieht so greulich schwer aus
beängstigend
Sollte dieser Herr von Eisen diese Maschine diese Beinmaschine die
Absicht haben herunterzufallen Ich danke schön Mein Schädel ist nicht von
Eisen andrer Leute Schädel auch nicht Denen die sehr viel über Alles
nachdenken wird schon ganz brägenklietrig Son geharnischter Riesenritter
wenn der aus den Wolken fällt
Buh Huh Rechtes Bein
Buh Huh Linkes Bein
Aber wie Was ist das Da kommen ja andre Soldaten schwarze ganz schwarze
große Gespenster zwei Meilen große sehr schlanke mit schlackrigen
Gliedern und langen dürren wackligen Knochenbeinen Und die Knochenbeine heben
sich genau so wie Soldatenbeine beim Parademarsch nur noch viel höher viel
viel höher wahrhaftig bis an die Sterne
Und jedes Mal wenn die Gespenster oben mit den kralligen Zehen einen Stern
berühren fällt der runter der Himmel weiß wohin
Und während die Gespenster immerfort in Zickzacklinien durch die andern
Soldaten durchstolzieren werden allmählich alle Sterne vom Himmel
heruntergerissen auch Sonne und Mond so dass es ganz duster wird ringsum
Die Trompeter blasen immer noch in der alten Tonart
Die Soldaten und Gespenster marschieren unentwegt weiter man hörts man
hörts Die Stiebelsohlen klatschen man so Die Gespenster treten ein bisschen
leiser auf
Und jetzt wirds oben über uns plötzlich wieder hell Der Herr der Beine
der mit seiner ungeheuren hochfeudalen Stahlrüstung lang ausgestreckt auf den
Wolken liegt wie eine lange Maschine wird innerlich erleuchtet wie weiß ich
nicht Aber die Stahlgewölbe werden auf Brust und Bauch Ellenbogen Knie und
Schienbein überall hell die Wolken dazwischen ebenfalls
Der Herr der Soldaten und Gespensterbeine diese eiserne Maschine die
augenscheinlich jeden Augenblick aus den Wolken fallen möchte wie ein ehrlicher
Nachtwächter der Herr des Kriegs der schlägt das Visier auf und schaut hinab
grinsend wie ein frecher Gewohnheitsmörder
Das Gesicht oben ist jedoch ganz kreidebleich wie ein Angststück bartlos
natürlich ich mags nicht sehen und drücke meine beiden Fäuste in meine
Augenhöhlen
Indessen jetzt muss ich wieder hören die gleichmäßigen Schritte der
Soldaten und Gespenster dröhnen mir in den Ohren Rechtes Bein Linkes Bein
Weiter Kehrt Weiter Kehrt Feste Feste
Immer mutig Auf und ab Immer mutig Auf und ab Auf und ab
Es ist unheimlich Ich öffne wieder die Augen und und sehe nichts gar
nichts
Alles ist duster und merkwürdig so ölig als wenns Maschinenöl geregnet
hätte
Stiebel knarren trockne Eichen rauschen Flinten knattern in der Ferne Und
oben scheuern sich im Marschtakt eiserne ungeheure Beinschienen
Und nun prasselt wahrhaftig ein veritabler Oelregen auf mein Haupt
hernieder
Das ist mir höchst unangenehm beinah ekelhaft
Alles duster und ölig
Und die Trompeter blasen immerzu ohne Pause
Was ist das Was ist das Alles
Dalldorf und Maison de santé
NeeIh nee
Ich weiß schon bloß Europa und Amerika selbstverständlich
Wat dachten Sie
Die ElfenbeinMaschine wird wieder ordentlich eingeölt Na ja
Alles klar
Hinter den Kulissen alten spanischen Wänden klatscht die Zukunft
fortwährend Bravo Bravo Bravissimo
Meerglück
Eine Groteske
Das alte Meer tobt
Und langsam steigen aus den schäumenden Wogen Geister heraus maßlos
riesige Geister
Mit wildem Trotz kommen sie höher und höher
Ihre Fäuste sind geballt
Sie drohen mit ihren geballten Fäusten
Und plötzlich schlagen sie mit ihren Fäusten aufs tobende Meer dass die
schäumenden Wasser hoch aufspritzen bis an die Sterne
Unergründliche smaragdgrüne Augen starren aus den Geisterköpfen heraus in
die Welt hinein
Verzehrende Wehmut und massloser Zorn kreischt in diesen grünen Augen
Das alte Meer tobt
Und langsam tauchen die Geister des Meeres wieder hinab ins alte kalte
Wogenbett
Gurgelnd schließt sich das Wasser über den haarigen Köpfen in denen die
smaragdgrünen Augen verlöschen
Und wieder tobt das Meer einsam einsam und groß
Die drei Denkmäler
Das Denkmal eines Esels das Denkmal eines Schweines und das Denkmal eines
Fuchses zierten den Platz einer Großstadt
Nachts um die zwölfte Stunde sprachen die Denkmäler miteinander jedes
Denkmal sagte
»Was sich bloß die Menschen dabei gedacht haben als sie Mir eine solche
Ehre zu Teil werden ließ«
Stille Nacht
Der große Lärm ist fort
Totentanz
Zwei Elefantenrüssel winden sich neben mir als suchten sie was einer
rechts und einer links
Nachtglück
Jetzt hat das große Schweigen begonnen das lautlose Schwärmen bricht an mit
düstren Wolken
Totentanz
Die Priester bewegen ihre Arme so wie Elefantenrüssel die heiligen Tiere
schweben empor und sinken zurück kommen näher und wenden den Kopf mühsam nach
rechts und nach links als suchten sie was
Nachtglück
Meine beiden Elefantenrüssel schmiegen sich an mich schlingen sich um
meinen Leib und drücken würgen
Totentanz
Ich schwebe weiter den düstren Wolken zu
In der trüben Dämmerung sind die Priester mit den heiligen Tieren
Jetzt lösen sich meine beiden Elefantenrüssel von meinem Leibe langsam los
Die Priester setzen sich auf die heiligen Tiere und reiten davon in die
Finsternis
Nachtglück
Ich bin allein Alles verschwindet
Die trübe Dämmerung zerfliesst und wird ganz schwarz
Die Welt ist dunkel wie einst
Totenglück
Nun entwickelte sich das folgende Gespräch
King Ramses Wir nehmen zunächst an dass Du allem Irdischen Realitätenwert
nicht beimessen willst bemerken aber dass Du dieses löbliche Wollen sehr
häufig zu vergessen pflegst Und dieser Vergesslichkeit entspringen Deine
traurigen Stimmungen in erster Linie Du brauchst Dich nicht zu genieren auch
die größten der irdischen Philosophen haben an dieser merkwürdigen
Vergesslichkeit gelitten Auch das Meer ist eine reale Sache durchaus nicht
Nichts ist so merkwürdig wie die Vergesslichkeit der Skeptiker Aber so kommt es
dass Deine sieben Geschichten über die ganz gewöhnliche Anschauungsart der Dinge
nicht sehr hoch hinausragen Siehst Du das ein
Ich Ja ich muss das wohl einsehen obwohl ich nicht recht weiß was ich
denn zusammendichten sollte wenn ich die Eindrücke die ich von der Welt
empfangen habe beim Dichten weglassen wollte
King Ramses Das war nicht sehr geistreich erwidert liebes Onkelchen Der
radikale Skepticismus der die Grundlage sämtlicher Philosopheme ist bedeutet
durchaus nicht die große Lehre von der großen Leere der Welt vielmehr das
Gegenteil Wenn die Welt wie sie den menschlichen Sinnesorganen erscheint nur
eine einzige Seite des Daseins der Betrachtung darbietet so wird das Dasein
wohl noch mehr Seiten haben und wir irren wohl nicht wenn wir sagen noch
unendlich viele Seiten Und wenn Du dieses beim Dichten nie vergessen würdest
so würde jede Deiner Dichtungen einen kolossalen Hintergrund bekommen und Du
würdest beispielsweise die scheinbare Tatsache dass sich eine arme Frau zum
Fenster hinausgestürzt hat mit einem Weltenhintergrunde ausstatten der die
scheinbar traurige Tatsache als ein wunderbares rätselhaftes Phänomen
erscheinen lässt in dem auch Strahlen des allmächtigen Weltganzen aufsprühen
die nur dem Dummkopf unsichtbar bleiben
Ich Da muss ich nur fürchten dass diese Anschauungsart die menschliche
Rohheit noch vergrößern könnte Die Realität der Empfindungen kann ich doch
nicht so ohne Weiteres leugnen
King Tutmosis Halt Das geht denn doch zu weit Wenn Du schon die Realität
der sogenannten Gegenstände und Tatsachen leugnest so wird Dir doch nichts
Andres übrig bleiben als auch die Realität Deiner Lust und
Schmerzempfindungen zu leugnen Ich möchte bloß wissen wo bei diesen die
Realität sitzen soll Die sogenannten seelischen Schmerzen erscheinen uns nicht
einmal als direkt aus einer veritablen Ursache entspringende Empfindungen man
schneide die Raisonnements ab oder ändere sie um so ist die Seelenqual nicht
mehr da Und der »physisch« genannte Schmerz wird in den meisten fällen auch
bloß durch Raisonnements dazu Wir können Dir sogar verraten dass alle Schmerzen
nur durch die Raisonnements entstehen und solchen ganz künstlich entstehenden
Empfindungen willst Du Realität beimessen Die Schmerzen bekommen gewöhnlich
erst in der Erinnerung Existenzgewänder
Ich So also wenn mir ein Bein abgehackt wird so ist das gar kein
Schmerz
King Tutmosis Zieh nur die Furcht vorher und die Raisonnements für die
Zukunft nachher von dem Schmerze ab so wird von diesem höchstens ein Etwas
zurückbleiben das Dir notwendiger Weise unangenehm nicht zu sein braucht
Ich Wie steht es nun aber mit den sogenannten moralischen Raisonnements
King Necho Mir erscheint doch dass sich die Behandlung dieser Frage auch
ganz von selbst ergibt Da wir sämtlichen Raisonnements den realen Wert
abstreiten müssen so haben auch die moralischen keinen realen Wert Und hieraus
folgt sehr viel
Ich Das glaube ich schon eine veritable Gemeinheit ist nicht mehr eine
veritable Die Schurken und die Gewissensbisse werden zu Nebelgebilden die man
einfach wegblasen kann
King Necho Und es ist nicht mehr nötig dass Du Dich über einen Parademarsch
allzu sehr entrüstest Ja der ganze Entrüstungszauber nimmt
bedenklichkomische Physiognomieen an wenn man auch die moralischen Qualitäten
der menschlichen Handlungsweise als Gedankenkompositionen hinstellt die nur im
Banne menschlicher Sinnesorgane ein Daseinsrecht haben Und höhere Lebewesen
gar die über Gestirne oder über noch Größeres gebieten nach menschlicher Moral
behandeln zu wollen wirkt einfach komisch
Ich Aber jedenfalls darf man deshalb die Rohheiten nicht für eine göttliche
Sache halten
King Amenophis Wer als Mensch erkannt hat dass er überall von Dingen
umgeben ist die reale Bedeutung nicht haben und wer daher davon überzeugt
ist dass die Welt in Wahrheit unendlich viele Male bedeutender und grandioser
ist als sie menschlichen Augen erscheint der ist gar nicht mehr im Stande
etwas zu begehen was andre Menschen roh nennen könnten Dass eine jede Lehre
auch missverstanden wird ist doch eine natürliche Folge der unendlich großen
Vielseitigkeit aller Dinge Es haben eben unsre gesamten kosmischen
Vorstellungskombinationen gleichfalls keine reale Bedeutung da die Welt noch
immer unendlich viele Male grandioser ist als wir durch Worte anzudeuten
vermögen Und das muss man behalten und darf es nie vergessen dann wird man
nie wieder ein trauriges Gesicht machen das in keinem Falle geistreich
aussieht
Ich Ja ich erkenne sehr gerne an dass die Vergesslichkeit in dieser
Angelegenheit Orgien feiert Ich glaube schon dass hier der Kern aller
Sentimentalitäten steckt Wir müssen viel öfter dran denken dass unser ganzes
Leben wirklich nur ein plastisches Schattenspiel ist
Der Oberpriester Lapapi Und darum müssen wir auch an der Grandiosität der
Welt niemals zweifeln es darf uns nie wieder in den Sinn kommen dass irgend
eine Sache nicht harmonisch in das Weltganze hineinpasst Wir müssen ganz fest
davon überzeugt sein dass die Welt die sich in unendlich vielen
Anschauungsformen allen Lebewesen offenbart so großartig ist dass jeder Zweifel
an dieser Grossartigkeit von selbst verstummen muss Es muss uns einfach wie etwas
Lächerliches vorkommen wenn Jemand sagen möchte dieses ganze Leben ist nicht
einen Dreier wert So was kann nur ein Ungebildeter sagen oder Einer der
wieder mal die wichtigsten Erkenntnisse unsres Lebens »vergessen« hat
Ich Ja ich sehe ein wir sollen zu allen Zeiten vor dem Weltganzen knieen
und anbeten
Der Oberpriester Lapapi Das Knieen und Anbeten ist eine Gewohnheit
einfacher Lebewesen wer weiter in der Erkenntnis gekommen ist bildet sich
nicht mehr ein dass er jemals dem Weltganzen näher sein könnte er glaubt auch
nicht dass das Weltganze ein Wohlgefallen an knieenden Betern haben könnte das
wäre denn doch allzu plumper Antropomorphismus
Ich Aber das Bewusstsein sollen wir haben dass keine Auflehnung dem Ganzen
gegenüber erlaubt ist
General Abdmalik Wir sollen uns bloß gegen die Traurigkeit auflehnen und
auch nie vergessen dass es dem Weltganzen eigentlich sehr gleichgültig ist ob
sich ungebildete Leute gegen das Weltganze auflehnen oder nicht Wenn Jemand mal
auf die Welt schimpft so macht er sich nur lächerlich Und darum soll man den
Leuten die nicht immer mutig sind von Zeit zu Zeit einen derben Puff
versetzen Es eignet sich übrigens auch die Soldateska des Erdballs sehr wohl
dazu die Trauerklöpfe des Erdballs ein wenig durch Püffe aufzumuntern Das soll
man auch nicht vergessen obschon es nicht so leicht zu begreifen ist Die
Soldateska hat eben ebenfalls ihre guten Seiten wie Alles was dazusein
scheint Was der physische Schmerz im Leben des Einzelnen bedeutet das bedeutet
der Krieg im Leben der Völker Schmerzen und Krieg sind dazu da zum Leben zu
reizen
Ich Also man schlägt sich gegenseitig tot um den Beweis zu führen dass
das Leben wirklich lebenswert ist nicht wahr Der Oberpriester Lapapi Höher
stehende Lebewesen brauchen natürlich so plumpe Lebensreizer nicht mehr Aber
ich bitte Dich nicht zu vergessen dass auch der Tod eine reale Bedeutung nicht
hat auch das Sterben ist in unserm Leben ein Ding das was Andres ist als
es zu sein scheint
Der Pyramideninspektor Riboddi Und deshalb sollen wir immer im Geiste
Pyramiden erbauen und in diesen Pyramiden unsre Schmerzen fein einbalsamiert zur
Ruhe bestatten Unsre Schmerzen haben auch ihre guten Seiten wie Alles was
dazusein scheint Schade dass meine Herren Vorredner schon so viel geredet
haben sonst hätte ich auch länger reden können Indessen die kurzen Reden
haben auch ihre guten Seiten wie Alles was dazusein scheint Und deshalb sind
wir auch so froh dass wir dazusein scheinen Denn da Alles seine guten Seiten
hat so können wir keine Ausnahme bilden und haben darum auch unsre guten
Seiten auf die wir uns jetzt legen wollen
Dieses sagt der Inspektor schluckt noch einen kleinen Kometen runter und
pfeift
Und sofort wird Alles ganz dunkel
Unsichtbare Hände heben mich auf tragen mich weit fort und legen mich in
ein großes Bett allwo ich sofort einschlafe
Und während ich schlafe nehmen mir unsichtbare Hände ein Manuskript weg
das ich den Herren aus dem alten Ägypten grade recht feierlich überreichen
wollte
Die Nussbaumtorte
Auf der Pyramide des Cekrops die auch in der Nähe der alten Sphinx zum Himmel
aufragt flüsterten die Gespenster sieben durchsichtige Totengräber legten eine
Mumie auf die zehnte Stufe der Pyramide vorsichtig hin
Der Mond glänzte
Und die sieben Totengräber steckten flüsternd sieben Streichhölzchen an und
erweckten die olle Mumie Nach dieser geheimnisvollen Tat verschwanden die
sieben Totengräber wie Zigarrendampf verschwindet wenn ein großer Wind kommt
Und die Mumie ein alter ägyptischer Priester erhob sich und kletterte
behende auf die Spitze der Pyramide allwo ein europäischer Baumeister mit
untergeschlagenen Beinen wie ein alter Pascha dasaß
Die Herren begrüßten sich mit verschiedenen Verbeugungen aber ohne Worte
Vor dem Baumeister stand eine hohe Nussbaumtorte ein Meisterwerk der
höheren Konditorkunst gearbeitet nach einem alten arabischen Rezept das zur
Zeit des Chalifen Motawakkil berechtigtes Aufsehen hervorrief
Der Priester nahm auf der andern Seite der Nussbaumtorte dem Baumeister
gegenüber Platz holte sein heiliges Steinmesser aus der Gürteltasche und
langte zu
Die Herren aßen zusammen wie alte Bekannte
Der Mond glänzte
Und der Priester sprach während er ein großes Tortenstück kunstgerecht
zerschnitt
»Mit dem ganzen Leben ist nicht viel los darauf kannst Du Dich verlassen
Ich weiß das ganz genau denn ich kenne die Erde bereits seit fünftausend
Jahren Heute feire ich wieder mal meinen Geburtstag Ich sage Dir Alles ist
einfach miserabel Als Geist hat man auch nichts von seinem Leben Ich freue
mich Dich hier angetroffen zu haben aber ich freue mich nur weil ich jetzt
wieder mal die beste Gelegenheit habe einen Menschen von der absoluten
Lächerlichkeit des Daseins überzeugen zu können Nu rede Du sonst komme ich zu
kurz bei der Torte«
Der Baumeister blickte hinab in den Mondenschein der auch die Wüste Sahara
ganz hell machte und sagte nach einer Weile »Meine liebe Mumie Wenn Du schon
ein Wesen bist das menschliche Philosophie im Leibe hat so wird es Dir nicht
gelingen mich von der Lächerlichkeit des Daseins zu überzeugen«
»Köstlich« rief die Mumie »warum denn nicht«
»Weil Dir« versetzte der Baumeister »klar sein muss dass Du weder die Welt
noch das Leben weder das kosmische Dasein noch das menschlichirdische Dasein
durchschauen kannst Und weil sich ein anständiger Mensch der Philosophie im
Leibe hat nicht ein Urteil über Dinge bildet die er nicht durchschauen kann«
Nun wurde die Mumie mächtig wütend und schrie laut in den afrikanischen
Mondenschein hinein
»Mensch aus Europa Was erlaubst Du Dir Ich bin ein alter Priester aus dem
alten Ägypten Nenne mich hinfort nicht mehr Mumie sondern wie sichs gebührt
Ich habe fünf Jahrtausende durchlebt und den größeren Teil dieser Zeit als
Geist durchlebt Da werde ich die Welt und das Leben doch wohl kennen gelernt
haben«
»Mitnichten« erwiderte gelassen der Baumeister »und wenn Du fünf Millionen
Jahre durchlebt hättest Du wärest ebenfalls noch nicht so weit um Welt und
Leben ganz durchschauen zu können Warst Du vielleicht vor zwei Jahrtausenden im
nahen Alexandria«
»Selbstverständlich« brüllte der Priester
»Da hast Du wohl auch« fuhr der Andere fort »die Skeptiker kennen gelernt
die da auseinandersetzten dass wir nur Sinnbilder der Welt diese selbst aber
nicht zu erkennen vermögen«
»Ach darauf willst Du hinaus« rief nun wieder lachend die Mumie »wenn Du
mit so alten philosophischen Scharteken ankommst so wirst Du mich nicht aus dem
Text bringen Wenn wir gar nicht raus können aus unsern Sinnbildern wies die
Skeptiker behaupten so ist ja dieses famose Sinnbilderdasein erst recht ein
Jammerdasein dann können wir doch erst recht kein Loblied auf unser irdisches
Gefängnis singen Diese schwarze Käseglocke unter der wir hier sitzen verdient
es eben nicht dass wir sie Himmel nennen nicht wahr Durch die paar hellen
Löcher die Ihr da oben Sterne nennt kommt nicht allzuviel Licht in unser
Dasein hinein nicht wahr Ja ja es ist kein erhebendes Gefühl in dieser
leeren Käseglocke wie eine Made dazusitzen und nicht weiter zu können
eingeklemmt von den inhaltlosen Bildern unsrer Sinne Nu rede Du sonst komme
ich zu kurz bei der Torte«
Und der alte Priester aß wieder wie ein Scheunendrescher und versuchte
mehrmals zu lächeln was ihm aber bei dem permanenten Gekaue nicht gelang
Der Baumeister klatschte währenddem mehrere Male mit der flachen Rechten auf
die eine Pyramidenseite wie auf einen Pferdeschenkel dass es lustig durch den
Mondschein schallte und sprach dann nachdem er noch ein gutes Stück von seiner
Torte gegessen hatte folgendermaßen
»Vieledler Priester aus dem alten Ägypten Deine Phantasie ist sehr madig
ich danke Aber um in Deinem ägyptischen Bilde vom Himmel zu bleiben frage
ich Dich warum sollen wir denn nicht durch die hellen Löcher da oben durch
können Mit unsern Augen können wir doch die Löcher durchblicken und andre
Welten sehen Genügt das denn nicht Haben wir denn nicht ein paar Augen im
Kopf die überall durchdringen können und überall Alles sehen können Und
trotz unsrer herrlichen Augen nennst Du unsre Welt ein Gefängnis Edler
Priester es steckt wie ich gleich geahnt habe so schrecklich wenig
Philosophie in Deiner trübsinnigen Weltanschauung Ich kriege beinahe die
Schimpfsucht Donnerwetter Mit unsern herrlich leuchtenden Augen kommen wir
eben aus unsrer dunklen Weltglocke raus in Millionen andrer Welträume hinein
in denen Alles anders ist so wie wirs gerade wollen voll lachender
Herrlichkeit und allmächtiger Grandiosität Unsre Augen haben einen Weltenwert
Unser Sinnbilderdasein können wir so reich machen dass uns die ganze
Unendlichkeit dagegen klein erscheinen kann Wir können doch mit unsern Augen
auch wenn sie blind geworden sind zu allen Zeiten Alles sehen was wir wollen
Genügt das denn immer noch nicht Ein Dasein in dem wir schlechterdings Alles
haben was von unsrer Natur empfangen und gehalten werden kann ein solches
Dasein sollen wir miserabel nennen Ein herrlicheres Dasein können wir uns ja
gar nicht denken das gibts ja gar nicht«
Der Baumeister war ganz außer Atem gekommen Eulen flogen fauchend an der
Pyramide vorüber Die Mumie hörte für ein paar Augenblicke mit ihrem Kauen auf
und sagte hüstelnd
»Rotbackige Begeisterungsweisheit Jünglingspoesie Deinen Reden fehlt ja
das Rückgrat Dein Augenamüsement bleibt doch nur eine simple Sinnenlust Wenn
Du mit der Sinnenlust allein zufrieden bist so weiß man ja was man von Dir zu
halten hat Aber bei genügsamen einfachen Gemütsmenschen wirst Du großen
Anklang finden bei denen kannst Du Triumphe feiern« Der alte Priester aß
jetzt langsam weiter und besah den Rest der Nussbaumtorte mit größtem Eifer als
wenn er ihr Rezept ihre Seele entdecken wollte
Da sagte der Baumeister alle zehn Finger krallenartig erhebend
»Ich übersehe das Witzige in Deiner Randglosse denn es war nicht sachlich
und nicht korrekt aber ich verstehe wohl dass Du von den menschlichen Sinnen
nicht viel halten magst Du hast ja eingeschrumpfte Sinne eine
eingeschrumpfte Nase eingeschrumpfte Augen und Ohren entschuldige dass ich
das nicht gleich bemerkte Aber mit Deinen eingeschrumpften Sinnen darfst Du
Dich hier nicht als Weltweiser aufspielen das schickt sich nicht für einen
Geist der Philosophie im Leibe zu haben glaubt« Der Baumeister reinigte sein
silbernes Kuchenmesser während der alte Priester aus dem Ägypterlande den
ganzen Rest der Nussbaumtorte mit beiden Händen ergriff und ganz ungeniert
hineinbiss wie ein wildes Tier
»Aus einer Ärgerstimmung« fuhr der Herr aus Europa während er sein
Kuchenmesser in seinen Überzieher steckte fort »macht man keine
Weltanschauung Es ist doch lächerlich wenn man eine gelegentliche durch
Verdauungsstörung oder sonstwie hervorgerufene Weltverachtung in Permanenz
erklären möchte Man kann ja nicht einmal eine gelegentliche Weltverulkung in
Permanenz erklären«
»Man kann auch« entgegnete die Mumie »eine gelegentliche Weltverhimmelung
nicht in Permanenz erklären das ist ebenfalls lächerlich«
»Aber nicht so dumm wie Deine Trübsinnsphilosophie« gab der Baumeister
zurück
Die Mumie schluckte den letzten Happen von der Torte runter und fragte
höhnisch
»Was sagst Du nun«
Der Baumeister klatschte wieder mit der Rechten auf seine Pyramide und
blickte hinüber zur großen Sphinx die im Mondenschein leuchtete wie ein
Gespenst
Und der Herr aus Europa verglich stillschweigend die alte Sphinx mit der
alten Mumie die vor ihm saß so dass es dieser unangenehm auffiel
»Sage mir doch« sprach nun langsam der alte Priester »warum wir Deine
lächerliche Nussbaumtorte aufgegessen haben Sag mir das und ich gehe Sags mir
doch Du bist ja so furchtbar schlau«
»Das kann ich« versetzte da der Baumeister »erst dann Dir sagen wenn Du
mir gesagt hast warum Du keine weißen Manschetten trägst«
Da schnürte sich die Mumie fester ihre Wickelbänder um erhob sich schrie
laut »Pfui Deiwel« und stürzte sich rücklings die Pyramide runter
Auf jeder Stufe schlug der Mumienkörper kräftig auf was sich so anhörte
als würde ein alter Sack ausgeklopft ein Lumpensack
Viel Staub kam aus dem Sacke raus der Staub war sehr alt
Der heilige Nil glitzerte wie der Gürtel einer alten ägyptischen Prinzessin
so viel Mondenschein kam von oben runter
Der Mond umglänzte auch die Pyramide des Cekrops von allen Seiten denn das
himmlische Licht stand nun oben grad über der Spitze der Pyramide in der
Cekrops oder ein andrer Pharao seinen langen Schlaf schlief
Eulen flogen wieder fauchend an der Pyramide vorüber
Wilde Träume hatten mich geplagt
Ich schwebte immerzu zwischen großen papiernen Hampelmännern herum die
schrien immer während unsichtbare Hände unten an ihren Strippen zogen dass die
papiernen Arme nur so flatterten ja die Hampelmänner die schrien immer
»Wir leben ja gar nicht aller Lebensschmerz ist pure Einbildung der
Schmerz ist Öl«
Und ich sah wie Öl von den Hampelmännern heruntertroff und unten ein
großes Ölmeer erzeugte das plötzlich zu brennen anfing
Und abermals hoben mich unsichtbare Hände auf und schwebten mit mir durch
festlich strahlende Steingewölbe in denen die Wände und Säulen funkelten wie
Brillanten
»Ist dieses Reich nicht herrlich«
Also riefen die Unsichtbaren
Und ich sagte
»Das habe ich mir Alles schon tausendmal in meinen Träumen zusammengedacht«
Nachdem ich dieses gesagt hatte saß ich wieder einem kleinen Nilpferdchen
gegenüber und das meinte lächelnd
»Jetzt träumst Du nicht mehr Ich bin der Oberpriester Lapapi und möchte mit
Dir über Deine Nussbaumtorte reden Wie kommst du nur dazu einem alten
ägyptischen Priester eine so fadenscheinige Weisheit in den Mund zu legen«
Ich war nicht im Stande was Vernünftiges zu erwidern und bat nur höflich
um Entschuldigung
Und da nickte der Oberpriester und offerierte mir eine dunkle Zigarre
»Rauch nur« flüsterte er lächelnd wobei seine großen weißen Zähne mich
anglänzten »zuerst mal Dein Frühstück auf Und dann wollen wir weiterreden«
Ich tat wie er mich geheißen
Die Zigarre brannte gleich ohne Schwefelholz
Und während ich rauchte lief Lapapi im Zimmer herum und meinte hüstelnd
»Hm Hm Wenn ich jetzt was zu lesen hätte«
Nun ich verstand die Anspielung
Und es dauerte nicht lange so hatte der Lapapi was zu lesen
Der alte Mörder
Ein Gemütsmärchen
Epheu rankte sich über das alte Gemäuer der stillen Ruinenwelt
Und es war einmal ein Mörder Der mordete ohn Unterlass So manchem
MenschenDasein machte er ohn Erbarmen ein blutiges Ende Der Mörder mordete
stets mit seinem langen kostbar ciselierten Patriarchendolch
Dunkelgrüne Epheublätter fielen auf den Erdboden
Als nun der Grausame nach harter Tagesarbeit wieder einmal des Abends seine
Stammkneipe betrat brachte ihm der Wirt Wasser zum Abwaschen des vielen
Menschenbluts und Wein zum Ausspülen des Magens Und während der Wirt seinen
Gast eifrig bediente fragte er so nebenbei
»Sagen Sie mal lieber Herr Mörder warum morden Sie stets am Tage In der
Nacht kann man doch viel gemütlicher morden«
Frische hellgrüne Epheublätter schwebten durch die Stube zum Fenster hinaus
Und nach einer langen Weile sprach darauf der alte Gewohnheitsmörder
folgendermaßen
»In meinen Jugendjahren als ich noch ein Mörderjüngling war pflegte ich
nur des Nachts zu morden Da traf es sich mal dass ich einem alten Wuchrer im
Walde auflauerte Die Nacht war dunkel und ich bekam nachher den Jammerkerl zu
packen Ich schlug ihm gleich mit der Faust so feste unter die Nase dass ihm
alles Reden verging Und dann mordete ich so wie ichs gewohnt bin Den
Leichnam schmiss ich mitten auf die Straße denn Totengräber spiele ich nicht
gern die vielen Epheublätter wirken nicht angenehm auf mein Gemüt Was aber
musste ich zwei Tage nach dem Morde hören Ich musste hören dass ich aus Versehen
den ärmsten Mann der ganzen Gegend totgestochen hatte und dass der Wuchrer
entkommen war Das ergriff mich furchtbar und ich habe geweint wie ein kleines
Kind Nein einen armen Mann töten ist ein Verbrechen Einen Wuchrer töten ist
eine gute brave Tat Und so morde ich jetzt nur noch am hellen lichten Tage
Man sieht dabei sofort ob es auch nötig ist solchen Kerl totzustechen Mancher
Lump verdient bloß eine tüchtige Tracht Prügel Ich renke manchmal den Schuften
nur die Arme oder die Beine aus und lass sie dann laufen die also Bestraften
vergessen die Lektion nicht so leicht und bessern sich gemeinhin« Der Wirt
nickte freundlich und die Frau Wirtin brachte dem Herrn Mörder Eisbein mit
Sauerkohl und gutes Lagerbier dazu Dunkle Epheuranken schwankten vor den
Fenstern der Schänke Der Mörder sah die Ranken nicht er trank nach dem
Abendbrot noch eine kleine Weiße mit Kümmel und ging dann hinaus in den
Mondenschein allwo viele schlechte Menschen spazieren gingen den Berg hinauf
bis zur stillen Ruinenwelt wo der dunkle Epheu mächtig wucherte
Aber der Mörder beschmutzte seinen Dolch nicht das nächtliche Morden hatte
er sich ganz abgewöhnt
Das war damals als noch Richter Staatsanwalt Henker und Rechtsanwalt dem
Namen nach unbekannt waren auf Erden die Justizpflege war noch von
patriarchalischer Einfachheit
Heute gibt es solche Leute die mit so viel edlem Anstande wie unser alter
Mörder morden nicht mehr
Grüne Epheublätter fallen auf den Erdboden
Trauermarsch
Langsam schreiten die Gerippe klappern im Takte mit ihren Knochen schreiten
schweigend mit Fackeln in der Knöchelhand durch die Straßen der großen Stadt
Es ist Nacht Alles sehr einsam und von Zeit zu Zeit erschallt wieherndes
Gelächter
Sinds die Gerippe die so scheusslich lachen oder lachen die Menschen
die aus den Fenstern rausgucken und dem Trauermarsch der Knochenleute so blöde
nachstarren
Die Fackeln die brennenden Fackeln stecken sich jetzt die Toten in den
Mund und die ganzen Schädel fangen an zu brennen
Wieder wieherndes Gelächter
Die Toten aber schreiten mit ihren brennenden Hirnschalen ruhig weiter wie
alte Soldaten
Still gehts mit den Fackeln im Munde zur Stadt hinaus
Und dann lacht es wieder so schauerlich
Wer lacht denn bloß
Lach ich selbst
Ich bin ganz ernst wie stets
Ich glaube die große Stadt lacht
Zwei Knaben gingen
Zwei junge Leute gingen über Land
Da kam ein alter Mann des Wegs und stöhnte sehr
Die jungen Leute lachten
Da kam ein eleganter Wagen und der fuhr so schnell dass der alte Mann
nicht ausbiegen konnte und überfahren wurde
Die jungen Leute lachten abermals während sich der alte Mann auf der
Landstraße hin und her wand und erbärmlich schrie
Dies Alles hatte ein Gendarm gesehen er eilte herbei und half dem Alten
wieder auf die Beine
Und die jungen Leute lachten zum dritten Male johlend wie Gassenbuben
Da die beiden jungen Leute ganz gut gekleidet waren fragte der Gendarm
woher sie kämen und wer sie wären
»Wir kommen« sagte der eine »vom Diner und sind moderne Leute«
Da gab der Mann des Gesetzes dem kühnen Redner eine Backpfeife
Doch im selben Augenblicke hatte der moralisch Entrüstete einen Messerstich
im Herzen den hatte ihm der andre junge Mann gegeben
Hiernach liefen die beiden jungen Leute davon
Aufgegriffen sind sie noch nicht obschon Unzählige der Tat verdächtig
erschienen
Die modernen Leute sagen jetzt nicht mehr dass sie die modernen Leute sind
denn sonst machen sie sich gleich verdächtig zum mindesten kriegen sie
Backpfeifen
Es sollen auch schon zwei moderne Leute totgeprügelt sein das ist aber
bloß ein Gerücht
Wahr ist jedoch dass neulich ein Moderner angespuckt wurde
»Dir fehlt was an der Galle« sagte nach der Lektüre der Oberpriester Lapapi
Und ich sagte gar nichts dazu
Er aber fuhr fort
»Es gibt Leute die da glauben dass nur eine bitterernste Weltanschauung
Anspruch auf Bedeutung haben könnte diese Leute merken gar nicht dass sie sich
mit ihrem traurigen Gesicht eigentlich nur blamieren denn das Gesicht des
Trübsinns ist zugleich das Gesicht der Unbildung nur ungebildete Menschen sehen
bitterernst aus Wer ein bisschen weiter sehen kann wer da gewohnt ist mit
weitem Bick in die Welt zu schauen der lässt sich von dem äußeren irdischen
Scheine der Dinge nicht täuschen der weiß dass hinter der uns sichtbaren
Erscheinungswelt noch unendlich viele andere Erscheinungswelten stecken und
dass wir gar kein Recht haben die Welt zu verachten weil uns einzelne
Phänomene die von unsern Sinnen bemerkt werden unverständlich oder abstoßend
vorkommen«
Da horchte ich auf und bemerkte hastig
»Dann wärs aber doch wohl nötig auf diese Phänomene einzeln einzugehen«
»Damit« erwiderte der Priester »bin ich durchaus einverstanden Frage nur
und ich will Dir Antwort geben«
Ich erklärte nun zunächst dass mir die Art der menschlichen KörperErnährung
durchaus nicht imponieren könnte
Und Lapapi antwortete
»Zunächst muss doch wohl zugegeben werden dass das Essen und Trinken den
Menschen durchaus keinen Schmerz bereitet«
»Besonders« warf ich ein »wird den Menschen dann das Essen und Trinken
keinen Schmerz bereiten wenn sie nichts zu essen und zu trinken haben«
»Ganz richtig« versetzte der Oberpriester »aber Du wirst jedenfalls
zugeben dass eine wahrhaft gute Laune durch Hunger und Durst nicht umgebracht
werden kann Zum mindesten wird die Phantasie durch Hunger und Durst aufs
angenehmste gesteigert Und habe die Todesfurcht mal total überwunden so
werden Dir die Schmerzen die Hunger und Durst scheinbar verursachen nicht sehr
wehe tun Du kennst ja wohl jenen pessimistischen Philosophen der das
freiwillige Verhungern für die einzig anständige Selbstmordmanier erklärte Na
ja Indessen kommen wir auf das Essen und Trinken das dazusein scheint
wieder zurück Du willst sagen ich merke das wohl dass es Dir nicht
sympathisch ist wenn man dazu lebende Tiere abtöten muss Ja willst Du noch
was Besseres haben Willst Du gleich Sterne essen wie wirs tun«
»Bitte Bitte« unterbrach ich das kleine Nilpferd heftig »wir wollen doch
ernst bleiben Ich finde Ihre Bemerkungen frivol«
Das Nilpferd machte einen Luftsprung mit doppeltem Saltomortal oben im
Gewölbe wir befanden uns in einem sehr hohen Bibliotekzimmer
»Vergiss nicht« sagte der alte Herr als er wieder vor mir saß »den
Oberpriester Lapapi der hier vor Dir steht immer feste mit Du anzureden Und
gewöhne Dir ein wenig die Feierlichkeit ab die habe ich am Nil vor vier
Jahrtausenden so gründlich kennen gelernt dass ich keinen Geschmack mehr daran
finde«
Ich wollte nun hören was zur Sache gehörte und bat darum
Da ward er aber wütend schmiss drei dicke Folianten auf den Fußboden und
rief
»Sollen wir denn hunderttausendmal erklären dass irdische Visionen keine
Realitäten sind Weißt Du denn dass die Tiere gelebt haben Weißt Du denn dass
die Tiere die Du essen darfst gestorben sind Man kann doch nicht Dinge
verurteilen die uns bloß furchtbar zu sein scheinen Wie oft sollen wir denn
die alte Weisheit wiederholen Es ist geradezu ermüdend und höchst langweilig
immerfort dasselbe vorzukauen Glaubst Du wir seien als Professoren angestellt
Glaubst Du wir hätten wie tellurische Magister die verdammte Pflicht und
Schuldigkeit immer wieder das einmal behandelte Thema nochmals zu behandeln«
Der Oberpriester Lapapi ließ mich plötzlich allein
Und da saß ich nun mit meinen Manuskripten zwischen den Bücherregalen und
bedauerte dass ich nicht vorsichtiger vorgegangen war
Und ich ordnete die Manuskripte die ich noch hatte und wählte drei Stücke
aus die ich bei der nächsten Gelegenheit den Ägyptern überreichen wollte
Der Wurm
Der Wurm in meiner alten Kommode nagt immerzu immerzu Er wird ewig nagen
niemals wird er aufhören zu nagen Und ich muss es immerzu hören immerzu
Ob ich das ewig werde aushalten
Es ist nicht wahrscheinlich
Herbstmorgen
»Ach ja« rief er laut in den Morgenwind und dabei setzte er sich auf eine
Bank Er hatte so viel getrunken dass er jetzt nicht mehr weiter trinken mochte
er hatte die ganze Nacht getrunken
»Die Welt ist ziemlich traurig und ganz bestimmt sehr langweilig Der Sommer
ist jetzt auch kaputt«
Mit diesen Worten begrüßte er die Morgensonne die mit einem alten Leiermann
zusammen um die nächste Straßenecke kam
Die Bank in den Anlagen war kühl der Leiermann kam immer näher und erhielt
von ihm zwei Mark und fünfzig Pfennige Das Geld bestand aus Sechsern und
Groschen Für das Geld sollte der Leiermann eine ganze Stunde ohne Aufhören
spielen
Die Vergnügungen der Wüstlinge sind immer sehr seltsamer Natur
Doch da stieg aus dem Hause das der alten Bank gegenüberstand eine feine
Rauchsäule heraus die ward bald zu dickem Qualm es brannte in dem alten
Hause
Der Leiermann aber musste ruhig weiterspielen
Die Feuerwehr kam Polizisten zu Fuß und zu Pferde eilten nach rechts und
nach links
Der Leiermann spielte weiter
Da wurden die Polizisten natürlich sehr ärgerlich über das unaufhörliche
Spielen
Der Leiermann wird verhaftet und abgeführt
Der Mann der die ganze Nacht immerfort getrunken hatte und jetzt gar nicht
mehr trinken mochte sitzt ruhig wie ein altes Götzenbild auf seiner alten Bank
in den Anlagen und hat gar kein Mitleid mit dem alten Leiermann
Das Feuer im alten Hause wird gelöscht
Die Feuerwehr fährt wieder ab
Die Polizisten verschwinden
Es ist ein stiller Herbstmorgen
»Wozu noch was retten wollen Der Sommer ist doch tot«
Also murmelt der Mann auf der alten Bank
Dann denkt er an die Feuerwehr und bedauert dass er nicht mit den Leuten
die immer noch was für rettungsfähig und rettungswert halten mitgefahren ist
»Armer Leiermann« ruft er mit einem Seufzer steht auf und geht weiter
Menschenliebe
Der Himmel tat sich auf und ein Engel kam vom Himmel herunter zu den Menschen
Der Engel reichte allen Menschen freundlich die Hand und wurde von ihnen
gestreichelt aber mir so viel Zärtlichkeit und Ausdauer dass dem Engel
schließlich alle Glieder weh taten
Da rannte der Engel davon und setzte sich am Ufer eines Flusses auf einen
weiß angestrichenen Stein
Auf diesem Steine dachte der Engel über sein Unglück nach denn ihm taten
die Glieder ganz gehörig weh
Plötzlich aber erinnerte er sich dass er ja noch himmlisches Öl in seinem
Tornister habe holte das Öl hervor und rieb sich alle seine Glieder mit dem
Öle ordentlich ein
Da ward dem Engel wieder wohl und er ging zu den Menschen zurück
Indessen die Menschen fingen abermals an den Engel zu streicheln mit viel
Zärtlichkeit und Ausdauer
Da jedoch die Menschen bemerkten dass sie sich die Hände eklig voll Öl
machten so wurden die leicht erregbaren Menschen ärgerlich und verhauten den
Engel in nicht grade rücksichtsvoller Art
Der Engel rannte abermals davon in einen finsteren Wald hinein Und da den
Engel jetzt wiederum alle Glieder schmerzten gebrauchte er zum zweiten Male
sein himmlisches Öl
Und bei dieser zweiten Einreibung dachte der gute Engel darüber nach was
wohl bei den Menschen leichter zu ertragen sei das Gestreicheltwerden oder das
Verklopptwerden
Zurückgegangen zu den Menschen ist der Engel nicht
Ich mochte wohl mit diesen ausgesuchten drei Geschichten ausgeschlagene drei
Stunden so ruhig dagesessen haben da kam endlich der General Abdmalik in das
Bibliotekzimmer Kaum aber hatte er einen Luftsprung mit Saltomortals wie
Lapapi gemacht so lachte er furchtbar und rannte davon
Ich saß abermals drei ausgeschlagene Stunden mit meinen drei Manuskripten da
und wartete es ließ sich aber kein Nilpferdchen sehen
Da ging ich denn in ein Nebenzimmer und da saßen denn die Herren lange
Pfeife rauchend in bequemen Ledersesseln und lasen in großen Folianten
Mein Erscheinen blieb anfänglich ganz unbeachtet
Ich hustete jedoch und reichte mit einigen Worten der Entschuldigung meine
drei Manuskripte dem König Tutmosis der mir zunächst saß
Dieser König sah bloß in die Manuskripte hinein dann sprang er wütend auf
schmiss seinen Folianten auf den Fußboden und schimpfte sogleich wie ein
Rohrspatz
Glaubst Du denn wir wären toll geworden dass wir ewig und immer alle Tage
und alle Nächte bloß Deine trübsinnigen Geschichten lesen möchten Wir haben was
Besseres zu tun Mit solchem Zeug komm uns nicht wieder«
Und dann warf er auch meine Manuskripte auf die Erde dass sie wie Blätter im
Winde überall herumflogen
Mit Mühe sammelte ich sie und steckte sie ein und wollte mich entfernen
Da stieß mir aber der Inspektor mit seinem rechten Vorderfuss in den Bauch
und sagte
»Gib drei lustige Geschichten für die drei traurigen«
Ich wollte erst nicht aber ich ließ mich doch überreden und gab was man
verlangte bemerkte aber gleich sehr ernst
»Lustigere Geschichten habe ich augenblicklich nicht bei mir Ich bitte
nicht wieder zornig zu werden wenn sie einem der Herren doch noch zu trübsinnig
erscheinen sollten Ich kann nicht lustiger sein als ich bin«
Nun die Herren lasen dann ganz ruhig was ich ihnen gegeben hatte
Die gebratene Ameise
Arbeitsspass
Bei den fleißigen Ameisen herrscht eine sonderbare Sitte Die Ameise die in
acht Tagen am meisten gearbeitet hat wird am neunten Tage feierlich gebraten
und von den Ameisen ihres Stammes gemeinschaftlich verspeist
Die Ameisen glauben dass durch dieses Gericht der Arbeitsgeist der
Fleissigsten auf die Essenden übergehe
Und es ist für eine Ameise eine ganz außerordentliche Ehre feierlich am
neunten Tage gebraten und verspeist zu werden Aber trotzdem ist es einmal
vorgekommen dass eine der fleissigsten Ameisen kurz vorm Gebratenwerden noch
folgende kleine Rede hielt
»Meine lieben Brüder und Schwestern Es ist mir ja ungemein angenehm dass
Ihr mich so ehren wollt Ich muss Euch aber gestehen dass es mir noch angenehmer
sein würde wenn ich nicht die Fleissigste gewesen wäre Man lebt doch nicht
bloß um sich totzuschuften«
»Wozu denn« schrien die Ameisen ihres Stammes und sie schmissen die
große Rednerin schnell in die Bratpfanne sonst hätte dieses dumme Tier noch
mehr geredet
Die Helden
Wahrlich Da saßen die Helden mit ihren blanken Schwertern und mit ihren
glänzenden Augen in ihren prächtigen Mänteln auf den schweren Sesseln
Die Helden sprachen lange kein Wort In dem kleinen dunkelgrauen Zimmer
hörte man nur die große alte Uhr langsam hin und her ticken
»Wir habens vorausgesehen« begann endlich der stille Blonde
»Es musste so kommen« sagte ein Andrer
»Wir haben lange genug geschwiegen« brummte ein Dritter
»Unsre Geduld ist gerissen« rief ein Vierter
»Allzugut ist dumm« flüsterte ein Fünfter
Dann erhoben sie sich von ihren Sitzen und schwuren sich ewige Treue ewige
Treue gegen den alten Feind den Geschäftsmann
Und sie zogen aus mit ihren Mannen und schlugen den Geschäftsmann tot
»Das war keine Heldentat« sagten sie nachher
Und es war doch eine Heldentat sogar ihre größte Heldentat
Schlechtes Publikum
Auf dem braunen Kameel saß ein kleiner Affe
Der Affe hatte ein rotes Röckchen an und blickte neugierig nach tallen
Seiten herum wie das so Affen zu tun pflegen
Aber die beiden Tiere waren auf einer einsamen Landstraße wos keine
Zuschauer gab
Da machten sie denn den Krähen ihre Späße vor
Die Krähen flogen in großen Scharen vorüber und hielten sich nicht auf
Wie sich manche Tiere an die Menschen gewöhnen können
»Schlechtes Publikum« brummte das Kameel
»Das also« sagte nach einer Viertelstunde der Herr Amenophis »soll nun lustig
sein«
Ich sagte leise
»Es fällt mir immer schwerer die Lebenskomödie anzusehen und als solche zu
empfinden Mir wächst die irdische Atmosphäre um es ganz deutlich zu sagen zum
Halse hinaus Ich kann nicht mehr«
Da standen die Nilpferdchen auf stellten ihre Folianten in die Regale
hüpften auf einem Beine und sagten
»Hm Du bist ein interessanter Gast«
»Man gut dass wir Dich am Abhange vom Tode errettet haben«
»Du bist es wert leben zu bleiben«
»Aber so wie Du bist erscheinst Du uns nicht grade sympathisch«
»Möchtest Du nicht doch uns zu gefallen anders werden«
»Wir möchten Dich ja so gerne anders machen«
»Das elektrische Bad scheint nicht viel genützt zu haben Vielleicht bist Du
jetzt ein bisschen anders bloß aus Höflichkeit«
Nach diesen Bemerkungen hüpften sie wieder auf einem Beine und pfiffen dazu
wobei ihr breites Maul spitz wurde und furchtbar komisch aussah
Aber mir machte das alles nicht den geringsten Spaß und ich meinte nur
verdrießlich
»Schneidet mir die Langeweile aus wenn Ihr mich anders haben wollt«
Da sprach der Pyramideninspektor Riboddi ernst
»Wir wollen Dich allein lassen wenn Du Dich in unsrer Gesellschaft
langweilst«
Und sie gingen ohne Gruß davon
Und ich blieb lange Zeit allein
Und ich wollte über das nachdenken was die alten Ägypter gesagt hatten
aber meine Gedanken schweiften ab und fuhren ruhlos umher durch meine Kindheit
und durch die matematische Bedeutung der Kegelschnitte und durch einen stillen
Wald und durch Dinge die mir immer unsympatisch waren durch Geschrei und
Gewimmer Krankenbett und Totenhalle
Meine Traurigkeit nahm immer mehr zu und ich sagte leise
»Es ist doch Alles gar nichts«
Da fiel ein Glas von einem Schranke herunter und zerbrach
Ich sprach dann leise als wären die alten Ägypter noch da
»Das Glas zerbricht so leicht wie wir selber zerbrechen und dann sind
bloß noch Scherben da und die Scherben sind immer ein kläglicher Anblick
Warum zerbrach das Glas Es bleibt überall ein schriller Ton von zerbrochenen
Gläsern zurück und ich finde nicht das mehr in den Scherben was ich einst im
Glase fand Ihr sagt es gäbe ja noch viele Trillionen Gläser Das mag wahr
sein aber ich wollte doch das alte Glas wäre nicht zerbrochen Ihr sagt dass
es nicht ewig bestehen könnte das wäre langweilig wenn man immer dasselbe
Glas vor sich hätte Aber ist es nicht auch langweilig dass man immer wieder
Scherben vor sich hat Es mag durchaus nicht geistreich sein wenn man etwas
beklagt Schon richtig Aber wollen wir denn immer geistreich sein Mir ist es
ganz egal ob mein Gesicht dumm oder klug aussieht Und wenn Alles bloß ein
Schattenspiel ist kann mans sehr geistreich nennen wenn uns die Welt immer
bloß als müssiges Spiel erscheint Gewiss es ist nicht nötig dass Alles immer
ernst aussieht es sieht ja leider das Meiste schon ernst genug aus aber was
habe ich wenn ich das Ernste als Komödie behandle und die Komödie als eine
bitterernste Sache Schließlich ist mir Alles ganz egal Und das macht nicht
heiter Das sind sagt Ihr bloß Übergangsstadien Jawohl es wird ja Alles
wieder anders Auf Regen folgt Sonnenschein Bloß hier bei diesen ägyptischen
Herren gibt es weder Sonnenschein noch Regen die Fenster fehlen ja«
Da ward es plötzlich ganz dunkel in dem Bibliotekzimmer und ich sagte nur
noch
»Das ist wahrscheinlich die ägyptische Finsternis Neugierig bin ich doch
was jetzt kommt«
Und ich sank dabei in die Tiefe
Und es ging immer schneller hinunter
Und plötzlich ward es wieder ganz hell
Und ich war in einem orientalischen Wundergarten in dem die Früchte an den
Bäumen große Edelsteine sind
Ich wurde von unsichtbaren Händen durch den Garten getragen und konnte dabei
die Edelsteine ruhig betrachten
Es waren viele zierliche Pavillons mit glitzernden schlanken Säulen in dem
großen Garten in dem wirkte ein seltsames blaugrünes Licht so duftig wie ein
feiner Nebel von Wohlgerüchen
Und wie ich nun ein paar Topasbirnen genauer ansah bemerkte ich dass sich
kleine gelbe Perlen von den Birnen loslösten und wie Seifenblasen in der Luft
herumschwebten und auch wie Seifenblasen größer wurden Und dann sah ich auf
diesen gelben Blasen unzählige winzig kleine Kerlchen die Kanonen auf kleine
Hügel hinaufschleppten und von dort aus auf die anderen gelben Blasen
losschossen Auf den anderen Blasen krabbelten ebenfalls kleine Kerlchen mit
Kanonen herum Und ich bemerkte bald dass sich die Blasen nach zwei Seiten hin
ordneten und danach flogen die Schüsse immer schneller von Blase zu Blase es
knisterte in der Luft Und bei dem Schießen sah ich wie jede der winzig kleinen
Kugeln entsetzliche Verheerungen unter den kleinen Leuten anrichtete Und es
dauerte nicht lange so zappelten auf den Blasen all die kleinen Wesen mit
zerrissenen Gliedmaßen neben den Kanonen herum und starben wie es schien unter
großen Qualen
Und dann sah es so aus als zögen die Topasbirnen all die gelben Blasen
wieder an und dann verschwanden die Blasen in den Birnen
»Das ist« sagte mir ein Unsichtbarer »Alles nur ein Entwicklungszauber
Dieser Garten ist die Wunderküche der Nilpferde allwo die kleinen Sterne
geschaffen werden die den Nilpferden wie Du weißt zur Nahrung dienen«
Ich wurde weiter getragen und sah an einer dunkelblauen Saphirpflaume ein
anderes Schauspiel
Da kamen kleine Zwerge mit Allongeperrücken heraus umschwebten die Pflaumen
und redeten zu ihr Ich konnte die Worte der winzig kleinen Zwerge deutlich
verstehen
»Liebe Pflaume« sagte der eine Zwerg »es ist außerordentlich überflüssig
dass du so glänzend bist Du musst jenen zarten stumpfen Hauch bekommen der Dir
so gut steht«
Und danach klopften alle Zwerge ihre Perrücken aus sodass ein großer
Puderstaub entstand der der Saphirpflaume jenen zarten Hauch verlieh
Nach diesem Perrückenausgeklopfe steckten die Zwerge alle ihre Finger in den
Mund und wurden nun immer kleiner und nach ein paar Augenblicken unsichtbar
»Entwicklungszauber« sagte mein unsichtbarer Begleiter »nichts als
Entwicklungszauber An allen Früchten gehen solche kleinen Wunder vor Wenn die
nicht vorkämen würden die Nilpferde nichts Ordentliches zu essen haben Alle
diese Steinfrüchte sind uralt und fühlen sich als große Welten sie müssen sehr
viele Verwandlungen durchmachen bis sie essbar sind Hier kannst Du wohl noch
mehr erleben als in den großen Sternen des Himmels«
Ich fühlte dass mir so leicht wurde
Und ich wollte noch mehr von diesen Miniaturwelten sehen und sagte das
Man kam meinem Wunsche gleich entgegen denn aus einem Kirschbaum dessen
Kirschen Rubine waren wirbelten plötzlich große Scharen kleinster Elfen heraus
die Elfen kneteten in ihren Händen kleine rote Tropfen Und unter dem Kneten
entstanden aus diesen roten Tropfen alte Köpfe die ganz rot vor Zorn waren und
niederträchtig schimpften Und die Elfen warfen die Zornköpfe in die Höhe und
stießen mit langen feinen Lanzen in die Köpfe hinein dass die aufbrüllten vor
Schmerz Die Elfen stachen grausam öfters durch die Köpfe durch Und während nun
aus den roten Tropfenköpfen kleine Blutstropfen herunterrieselten sah es
plötzlich so aus als wenn die Köpfe leuchteten Und so wars auch ich blickte
schärfer hin und bemerkte dass die Köpfe jetzt rote Sonnen zu sein schienen
die Augen waren zu Sonnenflecken geworden Und diese Sonnen schwebten empor und
verschwanden oben Die Elfen warfen ihre Lanzen den Sonnen nach klatschten in
die Hände und verschwanden in den Kirschen
»Wie leicht sich hier Alles verändert« sagte ich leise
Und die Stimme neben mir erwiderte ebenso leise
»Wenn Du nun wüsstest dass in jeder Stunde überall immer wieder neue
Veränderungen vorkommen würdest Du nicht sagen müssen dass hinter diesen
Wunderfrüchten unsäglich viele schöne Dinge stecken«
»Das könnt ich« sagte ich still »nicht leugnen«
»Nun musst Du aber« fuhr die Stimme fort »wissen dass alle Dinge die Du
auf Erden siehst ebenfalls solche Wunderfrüchte sind Hinter jeder
Erscheinungswelt steckt eben eine unendliche Reihe andrer Erscheinungswelten«
Ich fühlte nach diesen Worten eine große sehr angenehme Schlaffheit in
allen Gliedern Und es kam mir so vor als verstünde ich die ganze Welt Und ich
begann zu reden wie im Traum Was ich redete erschien mir außerordentlich
scharfsinnig So als wären alle Weltgeheimnisse vor mir aufgelöst so wurde
mir
Und ich sah nicht mehr die kostbaren Früchte des Wundergartens
Ich schwebte zwischen perlgrauen Wolken und redete ohn Unterlass
Aber heute weiß ich leider nicht mehr was ich redete das habe ich total
vergessen
Ich weiß nur noch dass ich damals mitten im Reden einschlief und dann weiter
träumte und mich im Traume auch noch reden hörte sehr weise kam ich mir vor
und ich fühlte mich sehr glücklich
Und das große Glücksgefühl verließ mich lange Zeit nicht ich muss damals
sehr lange geschlafen haben
Mir ist heute noch so als wenn das was ich damals im Schlafe fühlte das
Herrlichste war von Allem was ich je erlebte
Als ich die Nilpferdchen in einem kleinen weißen Sammetzimmer wiedersah in
dem Zimmer war Alles von weißem Samt da fühlte ich noch immer die ganze
Traumseligkeit wie vorhin
Und die alten Ägypter denen ich davon sehr ruhig aber auch sehr heiter
erzählte wollten nun etwas von mir lesen in dem was vom Traumglück gesagt
wird
Ich erinnerte mich dass ich so was bei mir hatte
KattaKottu
Japaneske
»Ja wohl« sagte der Admiral Tiko »man kann auf dieser Erde anfangen was man
will lange freut man sich doch nicht über seine Taten«
Die Sonne ging langsam im Westen unter und der Waldsee des Königs wurde
bunt wie ein Pfau Ein paar Frösche quakten Lebende Libellen flogen überem
Wasser hastig hin und her allmählich den Ufern zu wo die Fliederbüsche dufteten
und die Ameisen fleißig waren
Der Admiral Tiko eine große Persönlichkeit besah seinen köstlichen
Siegelring den er immer am rechten Zeigefinger trug und dachte über das Leben
nach
Der Waldsee wurde nun dunkler aber drüben auf dem hohen Berge funkelte das
Felsenschloss wie eine alte Königskrone Die Frösche quakten lauter Die Libellen
verschwanden Eine schwarze Ameise biss dem großen Admiral in den linken kleinen
Zeh und starb
Der Abendwind zitterte in den Blütenkelchen und wehte ihren Duft vorsichtig
in die Welt hinaus Es bühten in den Gärten des Königs unzählige Blumen
Nelken Tulpen und Narzissen
Tiko blickte zum Felsenschloss empor und seine Gedanken wurden anders
Der König hätte das Felsenschloss gerne dem Admiral geschenkt zum Lohne für
seine Taten Der Tiko liebte das Schloss es war ein feines Kunstwerk und so
still Dort oben konnte man das weite blaue Meer überschauen und Ruhe haben bis
ans Ende seines Lebens wohlige Ruhe
Indessen wollte der Tiko das Geschenk annehmen so sollte er sein Kommando
niederlegen und die Schiffe des Königs fahren lassen ohne mitzufahren
Das gefiel dem großen Manne nicht
Das Schloss funkelte nicht mehr denn die Sterne des Himmels fingen zu
funkeln an Die Farbenpracht der Sonne sank lautlos in die stille Nacht
Drüben am andern Ufer des Waldsees klatschten lange Ruder ins Wasser das
taten die Feuerwerker Es sollte ein großes Feuerwerk abgebrannt werden mit
Platzbomben und Diamantraketen Tikos Gedanken veränderten abermals ihre
Richtung Die Tochter des Königs die witzige Prinzessin KattaKottu feierte
ihren Geburtstag und Tiko sollte sehr bald mit der Prinzessin allein in einem
kleinen Kahn sitzen und rudern So hatte es sich die KattaKottu gewünscht es
erschien ihr so nett sich während des Feuerwerks mit dem Admiral gemütlich zu
unterhalten
Die Frösche quakten und Tiko atmete tief auf Für die berühmten Männer
schwärmte die KattaKottu das war immer so gewesen Tiko besah wieder seinen
Siegelring Der Abendwind säuselte duftig und milde
Die Sterne standen am Himmel und strahlten Die Feuerwerker priesen die
Nacht sie lag so still da wie des Königs Schatzkammer
Der dicke Diener des Admirals meldete die Ankunft der Prinzessin
Tiko ging hin und begrüßte die KattaKottu voll Ehrfurcht und Bewunderung
Die hellblauen Papierlaternen der Hofdamen wackelten die Kavaliere strichen
sich den Schnurrbart und verbeugten sich
Alle waren in hellblauer Seide erschienen nur KattaKottus Kleider waren
schneeweiß und die des Tiko zinnoberrot
Der Admiral stieg mit seiner Prinzessin in den kleinen goldenen Kahn und
die Kavaliere stiegen mit den Hofdamen in die anderen Kähne die in Silber
glänzten
Und dann ruderte man langsam ein paar Ellen weit auf den See hinaus und
plauderte dabei
Tiko sagte befangen
»Der Mond scheint heute nicht«
Da lachte die Prinzessin und meinte dass man auch ohne Mond gut träumen
könne
»Träumen« fragt Tiko
»Nu ja was denn sonst«
Also erwiderte die witzige KattaKottu
Der Admiral sah in seinem zinnoberroten Gewände so drollig aus und die
Prinzessin fand das so nett so traumhaft
»Wenn er bloß nicht so viel schweigen wollte« dachte sie bei sich
Er aber dachte immer nach bevor er sprach so auch jetzt Und er fasste
nach einer Weile seine Gedanken in diese Worte
»Prinzessin Zu träumen pflegt man wenn man nichts zu tun hat Wer sein
Leben mit Taten füllt träumt nicht mehr die Träume drehen dem Tatendurst das
Genick um Der Traum macht träge die Augen sehen nicht mehr klar Und man ist
bald nicht mehr fähig eine Tat zu vollbringen ein müder Mensch Das ist doch
zu beklagen da das Tatglück das größte Glück ist«
»Hm« versetzte die Witzige »das klingt so klug und ist es gar nicht Nein
Wahrhaftig nicht Ihr könnt mirs glauben Ich stelle das Traumglück über Alles
Das Tatglück kann nicht größer sein Muss es also nicht kleiner sein Es muss
doch nicht wahr«
Tiko lächelte überlegen und schüttelte den Kopf
Das gefiel aber der Prinzessin nicht und sie fuhr böse fort
»Admiral Das Leben ist so wie es ist doch nicht schön genug Ist der
Traum daher nicht das schönere Leben Tatglück kann nur im gewöhnlichen Leben
entstehen Traumglück aber entsteht im schöneren Leben Muss also das Traumglück
nicht schöner sein als das Tatglück«
Wiederum musste der Admiral lächeln und er sagte spöttisch
»Das ist nicht wahr Prinzessin Das Tatglück ist doch mächtiger als das
Traumglück Der Traum ist immer bald zu Ende und ich liebe die kurzen Sachen«
»So« rief nun erregt die KattaKottu »es gibt aber auch lange Träume
Neulich hatte ich einen ganz langen Traum Hört zu«
Sie machte eine Pause und hub dann feierlich zu erzählen an
»Die Erde wird ganz dunkel wie schwarze Seide Ich aber mag die Finsternis
nicht Ich zünde also meine kleine rote Lampe an und will fort Und da sehe ich
vor mir eine Treppe die führt in das Erdinnere Ich gehe die Treppe hinunter
und komme in einen schwarzen Saal die Wände sind glatt und spiegeln Und ich
steige noch eine Treppe tiefer und trete in einen noch größeren Saal der auch
schwarz ist wie der vorige aber hier sind die Wände nicht mehr glatt einzelne
Teile sind mit wunderlichen Schnitzereien bedeckt Alles aus schwarzem Stein
aus spiegelglattem Stein Und ich steige noch weitere Treppen hinunter und komme
in die tiefer gelegenen Säle jeder tiefere ist immer größer und reicher mit
Galerieen Kuppeln und herrlichen Grotten Und die Schnitzereien aus Stein
werden immer drolliger und es sind so viele dass man bald nicht mehr die
Empfindung hat von Wänden umgeben zu sein Auch die schwarzen Fussböden sind
voll Schnitzerei die ist natürlich flacher gearbeitet Ich sehe mir Alles an
und ich sehe mir Alles sehr lange und gründlich an Es ist Alles ganz anders als
oben auf der Erde viel kecker So viele Tiere und Blumen dies gar nicht gibt
und nicht bloß Molchdrachen Es ist in tausend Jahren nicht zu beschreiben
so seltsam Ich bin da unten lange sehr lange ganz allein so dass ich mich
schließlich graule Meine kleine rote Lampe leuchtet mir nicht hell genug Aber
kaum wird mir das lästig so springen auch schon sechs schwarze Pudel auf mich
zu Die Pudel haben milchweisse Augen und diese Augen sind so hell dass
plötzlich Alles hell wird Da seh ich denn dass das schwarze Gestein von ganz
feinen haarfeinen türkisblauen Linien durchädert ist Und nun wirds
überall lebendig Gazellen kommen von den Galerieen herunter und rufen
freundlich KattaKottu Sie sprechen aber so oft meinen Namen aus dass ich
erstaunt frage Was wollt Ihr denn von mir Da öffnet sich eine große sehr fein
geschnitzte Pforte und weissgekleidete Priester tragen in einer Sänfte meinen
toten Bruder herbei Ich laufe ihm entgegen und er springt auf und umarmt
mich Und während ich ihn weinend küsse umtanzen uns kleine weiße Elefanten
rot und grün gestreifte Giraffen kleine dunkelviolette Schweine und bunt
karrierte Kameele Ein merkwürdiges Volk Mein Bruder dreht sich mit mir und
wir tanzen wie die Tiere Und dabei verwandelt er sich in einen kleinen Zwerg
und ich werde noch kleiner noch viel kleiner ich werde es ist wirklich
wahr ein Floh Drollig nicht Ja Da sah Alles aus so groß Nicht zu
sagen Ich hüpfte meinem Bruder auf die dicke Nase und er ach er
zerdrückte mich mit seinem Zeigefinger«
»O weh« schrie der gute Tiko
Aber die gute KattaKottu bemerkte lächelnd dass im Traume das
Zerdrücktwerden gar nicht so unangenehm sei Sie plauderte unbeirrt weiter
»Ich träume eigentlich zu allen Zeiten auch mit offenen Augen am hellen
lichten Tage Sehr oft spiele ich mit den Sternen klebe dem Monde lange Ohren
an und knipse der Sonne die Nase ab verspeise ein paar Kometen und reiße die
Milchstrasse entzwei Ach ja mit dem Himmel steh ich überhaupt auf sehr
freundschaftlichem Fuße Und nun soll ich einem berühmten Admiral das Traumglück
noch deutlicher machen Ach du guter Himmel gib mir ein Zeichen dass ich recht
habe Bitte Bitte Lieber Himmel sei so gut«
KattaKottu faltete die Hände und dabei stieg rauchend die erste Rakete zu
den Sternen empor und helle bunte Diamanten fielen aus dem Feuerkopfe der
Rakete langsam hernieder
Tiko sah das Felsenschloss aufleuchten im Diamantenglanz und sagte dann
hastig
»Frauen gegenüber behauptet man immer mehr als man will oft das Gegenteil
von dem was man denkt Die Träume sind allerdings nicht ihrer Kürze wegen zu
verdammen umgekehrt sie leiden fast alle an erschrecklicher Länge Ich
hatte das völlig vergessen Die Träume sind lang und faul sie ähneln der
Schildkröte während die Tat flink ist wie ein feuriger Tiger«
»Admiral« entgegnete die Prinzessin gereizt »Vergleiche sind billig wie
kleine Fische und lange Schildkröten sind mir unbekannt Ich könnte auch sagen
der Traum sei die Blüte des menschlichen Lebens die uns durch ihren Duft und
durch ihre Farbenpracht entzückt während die Tat eine dicke Frucht ist die man
essen kann essen Die Frucht ist nützlich aber sehr plump Die Blüte gibt
uns doch mehr Glück Ach Himmel gib mir ein Zeichen dass ich recht habe«
Tiko lächelt so wie ers oft zu tun pflegt rudert ein wenig weiter in die
Mitte des Sees hinein besieht wieder seinen Siegelring und schildert der
Prinzessin mit gesenktem Blick eine stürmische Meeresnacht redet von
Kommandobrücke und Sturzwelle von Sprachrohr und Tauende von wegfliegenden
Mützen und brechenden Mastbäumen
Wie der Admiral wieder schweigt starrt er der Prinzessin fest ins Auge
aber siehe da wirds plötzlich so furchtbar hell von oben dringt ein
grelles hellgrünes Licht hernieder und im selben Augenblick schlägt dicht vor
dem goldenen Kahn ein grüner Feuerball in die Mitte des Waldsees
Der goldene Kahn kippt um und die Prinzessin wird mit dem Admiral in die
Tiefe gerissen
Tiko hat gleich mit der Linken das Kleid der Prinzessin gepackt Und Beide
werden zusammen von den wilden Wirbeln immer tiefer ins Wasser gezogen so sehr
sich auch der Admiral mit den Beinen dagegen sträubt
Unten fährt er mit dem rechten Arm so tief in den Schlamm dass er gleich
fühlt wie auch seine rechte Wange beschmutzt wird
Indessen tatkräftig wie stets arbeitet er sich bald aus diesem tiefen
Sumpfgebiet raus und schwimmt mit der Prinzessin in der Linken an die Oberfläche
des Sees wo er mit stürmischen Halloh von den Kavalieren und Hofdamen begrüßt
und mit der Prinzessin rasch ans Ufer gebracht wird
Am Ufer wird der Tiko von seinem dicken Diener sofort in ein Zelt getragen
von seinem roten nassen Gewande befreit gewaschen und abgetrocknet Und dann
hilft der Dicke seinem Herrn in die Uniform
Nach zehn Minuten erscheint der Admiral in voller Gala wieder im Freien Die
Hofgesellschaft bereitet dem Retter der Prinzessin eine stürmische Ovation Er
dankt indem er militärisch grüßt Die blauen Ampeln wackeln
Man erzählt dem Gefeierten dass ein hellgrünes Meteor das wie ein dicker
grader Pinselstrich aussah vom blauen Himmel runter schräg in den See fuhr Und
die Wirbel die durch das plötzliche Einschlagen des glühenden Weltkörpers
entstanden rissen die Beiden in die Tiefe sie waren zu zweit in die Mitte des
Sees gerudert Die andern Boote hatten sich vom Ufer nicht entfernt und kamen so
mit dem Schreck davon
Tiko lächelte auch bei diesen Berichten wie sonst besah wieder seinen Ring
und ließ sich zur Prinzessin führen die soeben aus ihrer Ohnmacht erwacht war
Man hatte ihr schon als sich der Admiral ihr ehrfürchtig näherte die ganze
Geschichte erklärt
Die KattaKottu rief ihrem Retter gleich lachend zu
»Ich habe gesiegt Das Meteor war ein Zeichen des Himmels Mein Gebet ward
erhört nicht wahr Jetzt werdet Ihr wohl mein lieber Admiral überzeugt sein
dass das Traumglück höher zu stellen ist als das Tatglück«
»Mitnichten« versetze der schneidige Tiko »der Himmel wollte das Tatglück
preisen Die gnädigste Prinzessin wäre nicht am Leben geblieben wenn ihr nicht
das Tatglück des Admirals Tiko treu zur Seite gestanden hätte«
»Ah« sprach nun die KattaKottu mit verzogener Unterlippe »der Herr
Admiral ist rechtaberisch und will für seine Rettung bedankt sein Ich danke
Ich danke wirklich Jedoch ich muss bei meiner Überzeugung bleiben ohne
Traumglück wird zudem kein Mensch eine große Tat begehen«
Tiko räusperte sich vernehmlich und flüsterte
»Der Mensch wird nichts vollbringen wenn er im Traumglück stecken bleibt
Wer im Sumpfboden des Waldsees stecken bliebe würde auch nichts mehr
vollbringen«
Darauf schrie die KattaKottu dass es dem Tatmenschen in den Ohren gellte
»Und dennoch ist das Traumglück das einzig wahre Glück«
Tiko entgegnete ruhig
»Gnädigste Prinzessin die menschlichen Zungen sind ungleich was der einen
Zunge süß kann der andern bitter schmecken« KattaKottu erwiderte still
»Admiral Ihr habt eine sehr lose Zunge Ich wollte Euch noch von den
Träumen erzählen die uns wie alte Erinnerungen und liebe Tote umranken aber
ich wünsche Euch eine gute Nacht«
Da versetzte Tiko hart und laut
»Der Admiral Tiko wünscht der Prinzessin KattaKottu die beste Besserung«
Er verbeugte sich kurz machte links um Kehrt und ging davon
Vor dem Zelt der Prinzessin trat der König dem tapfern Mann in den Weg
umarmte seinen treuen Diener und frug
»Was willst Du nun haben das Felsenschloss oder das Oberkommando über die
große Flotte die in die Südsee gehen soll«
»Das Oberkommando« lautete die feste Antwort
Der König ein alter Mann mit weißem Vollbart erhob seinen rechten
Zeigefinger und frug leise
»Ist das weise«
»Jawohl« behauptete ohne Besinnen der starke Tiko »Weise handelt man
stets wenn man sich über alle Weisheit lustig macht«
Der alte König streichelte seinem treuen Diener die rechte Wange nickte und
meinte dazu obenhin
»Die KattaKottu wird sich wohl ebenfalls freuen«
Tiko errötete und verbeugte sich ganz tief Und dann verschwand er hinterm
nächsten Gebüsch setzte sich lächelnd auf sein wildes Ross das der dicke Diener
gar nicht mehr halten konnte und sprengte blitzenden Auges dem Hafen zu
Die Sterne funkelten wieder
Im großen Palaste des Königs fiel aus dem linken Auge der Prinzessin
KattaKottu eine dicke Träne auf das Kinn der Kammerzofe
Ich rauchte während die Herren lasen und meine Stimmung wurde beim Rauchen
nur noch weicher so dass ich immer noch zu träumen glaubte
Wir sprachen dann Langes und Breites über die verschiedenen Formen des
Schmerzes und besonders über die Leiden die man seelische zu nennen pflegt
»Nimm Dir« sagte der King Tutmosis »diese Leiden mal weg und dann mach
mal was oder werde mal was Es wird Dir Beides so sauer fallen dass Du geneigt
sein könntest Dir die Leiden künstlich zu erzeugen«
Danach sprachen wir wieder Vieles über das Nichtreale der
Schmerzempfindungen und ich bezweifelte dass viele Menschen diese Weisheit
begreifen könnten
Dem begnete jedoch der König Amenophis in sehr heftigen Worten
»Wenn erst« sagte er lebhaft gestikulierend »der gute Wille da ist die
Völker in dieser Beziehung aufzuklären so wird dieser gute Wille schon seine
guten Früchte zeitigen Aber vorläufig sind allerdings die weisen Herren des
Erdballs eifersüchtig darum bemüht alle Erkenntnisse die ihnen mal in den
Schoss gefallen sind für sich zu behalten und für ihr ganz besonderes Eigentum
zu erklären Es wird aber anders kommen Erkenntnisse sind nicht Dukaten die
man vergraben kann Es ist sehr töricht zu glauben dass die Völker weniger
Begriffsvermögen haben als die Einzelnen Ich der ich ein alter ägyptischer
König bin werde das wohl besser wissen Nichts ist leichter zu begreifen als
die Lehre von der Unrealität der Erscheinungswelt Die Völker der Erde haben
schon hundertmal schwierigere Dinge begriffen Und die Lehre von der Unrealität
der Empfindungswelt ist noch leichter zu begreifen Diese Lehre ist ein
Anästetikum erster Güte Schmerzstiller waren immer sehr beliebt und diese
Lehre vom Wesen dh von der Wesenlosigkeit des Schmerzes wird ebenso beliebt
werden Die Leute werden schon begreifen wenn man ihnen erklärt dass alle ihre
Schmerzen ihr Dasein bloß der Einbildungskraft verdanken und dass diese
Schmerzen nur Entwicklungsphasen markieren die sämtlich Übergangsstadien sind
Jeder Schmerz erhöht die Lebenslust Schmerzen sind Reizmittel und durchaus
notwendig da viele schwächliche Naturen ohne die sogenannten Schmerzen zu
Grunde gehen würden«
Ich kam aus meiner weichen Stimmung durch diese Rede nicht raus und sagte
daher ganz weich
»Ich glaube lieber König dass Du auf dem richtigen Wege bist
Schmerzstiller können nur von kranken Naturen gebraucht werden Und es ist nicht
unmöglich dass die Kranken die Lehre von der Schmerzlosigkeit der Schmerzen
begreifen könnten Wie gerne begreift man das was man sich wünscht Die
Gesunden werden schon weniger leicht von der Existenzlosigkeit des Schmerzes zu
überzeugen sein«
»Hoho« rief da der König Necho »in dieser Beziehung habe ich in Ägypten
Erfahrungen gesammelt Da gabs viele einfache Kraftnaturen die gar nicht
begreifen konnten was Schmerz ist Wenn man an solche Kraftnaturen denkt wird
man viele Grausamkeiten des Altertums nicht mehr mit so entsetzlich empfindsamen
Worten verurteilen Fell und Fell ist ein Unterschied«
Ich fühlte mich so wohl und meine Zigarre schmeckte mir so gut dass ich
sehr geneigt war auch kritiklos zuzustimmen das weiße Sammetzimmer trug wohl
viel zu meinem Oppositionsmangel bei
»Es gibt« sagte ich »Menschen die den Schmerz suchen und die glaub
ich brauchen auch den Schmerz Wer ihn nicht sucht braucht ihn nicht kennt
ihn vielleicht gar nicht Der Schmerz ist wohl bloß ein Kulturprodukt das wilde
Tier fühlt noch nicht so empfindsam«
»Worin« bemerkte der Oberpriester Lapapi »stecken denn die Reize der
Tragödie Doch bloß darin dass man fühlt wie aus den großen Schmerzen die
größten neuesten Freuden erwachsen«
»Und daher« fuhr nun der General Abdmalik fort »ist der große Tragiker
immer ein großer Humorist der nie in Verlegenheit kommt Als Soldat muss ich die
großen lustigen Tragiker bewundern sie haben was Heldenhaftes an sich«
Auf dem »an« lag der Ton und ich musste lachen da ich allmählich dahinter
zu kommen glaubte dass ein tüchtiger Redner eigentlich »der Held an sich«
genannt werden müsste
Und ich sagte was ich dachte
Und die Nilpferdchen lachen unbändig
»Man kann sich und Andern Alles abschwatzen wenn mans nur versteht«
»Einem festen Redner gegenüber hält Keiner Stand nicht einmal der
Zahnschmerz«
»Ein guter Redner erstickt jeden Widerstand im Keime da er Keinen zu Worte
kommen lässt«
»O red so lang Du reden kannst«
So und so ähnlich redeten jetzt die Herren und ich wusste nicht ob sie
damit wieder alles Gesagte auflösen wollten
Ich wollte wieder eine ernste Stimmung haben denn ich fühlte noch immer den
Nachklang aus der Wunderküche
Und ich wollte mir diese schmerzlose Stimmung erhalten Und ich bemerkte
einiges über die Vergänglichkeit derartiger Stimmungen
Die sieben Herren mit den großen breiten Mäulern widersprachen mir und
meinten dass es doch sehr langweilig wäre wenn man ohne Unterbrechung in
derselben rosigen Laune dahinleben müsste
Ich gab den Herren um mich ihnen deutlicher zu machen ein Manuskript das
grade von dieser Vergänglichkeit der großen Seligkeit handelte
Adlerflug
Eine gute Stunde
Endlich hoch genug
Keine Wolke mehr
Aller Nebel ist unten wo die Menschen herumkrabbeln
Hier oben krabbeln sie nicht mehr
Ich denke nicht mehr wie einst auch mein Nest liegt tief unter mir
Ich schwebe wie ein echter Gott ohne Flügelschlag in weiten mächtigen
Kreisen
Und Niemand siehts
Erdrinde vergessen
Überall die Unendlichkeit
Ich fühle das Ganze das endlose Ganze bin nicht mehr ein Stück Erde Ich
bin mehr Alles
Wenn ichs nur halten könnte
King Amenophis der mir sehr heftig vorkam sagte ziemlich gereizt
»Manche scheinbar unauflöslichen Ekelzustände sind bloß dazu da unsern Witz
zu stärken Und auch die menschlichen Rohheiten sind dazu da Die Gemeinheit der
Menschen wirkt doch immer bloß wie ein Narrenspass Wer erlaubt sich denn was
Niederträchtiges gegen seine Mitmenschen Doch gemeinhin nur der der infolge
eines weit vorgeschrittenen Intelligenzmangels sich selber höher schätzt als bei
Andern Und so was erzeugt doch Narrenkomödien Dass Andre darunter leiden liegt
zumeist an diesen Andern Seid nicht so dumm und humorlos wie die Bösewichter
und Ihr werdet sie sämtlich einfach auslachen«
Der Oberpriester Lapapi fügte dem hinzu
»Niemand wird bestreiten dass jeder Gestank eigentlich stets was
Lächerliches hat Es ist gar nicht möglich auf die Gemeinheit des Gestankes zu
schimpfen wer das täte würde zweifellos auch die dicksten Trauerklöpse zum
hellsten Gelächter bringen Und so ist es auch mit Rohheit Gemeinheit und
Grausamkeit In diesen steckt auch immer etwas Lächerliches Dasjenige was wir
so das Schlechte nennen ist doch nur ein Konglomerat von Grotesken Der
Bösewicht der immer gleich Millionen umbringen will ist immer eine lächerliche
Figur wie Jeder der von seiner Wut übermannt wird Der Teufel ist ein
komischer Herr Und es gibt nichts was so komisch wirkt als wenn jemand mal
so recht den Bösewicht spielen möchte Dieses komische Element in all den
Dingen die als verbrecherische Handlungen von den Menschen bestraft werden muss
doch mit den Gemeinheiten und Rohheiten die sich lächerliche Menschen
herausnehmen wieder versöhnen«
Wenn ich nur so bliebe
An der Brust keinen Druck mehr keine Sehnsucht
Nichts stört kein Lüftchen bewegt sich um mich nur ich bewege mich
ganz langsam schwebe schwebe als All
Ich sehe ferne Zeiten dort hinten und da vorn
Unzählige Welten rauschen ihr Glück mir zu
Es gibt nur ein Glück wenn man nicht mehr Stück ist
Aber es hält nicht lange an
Der Atem hälts nicht aus
Sternheere meine Sternheere lacht durch mich länger
Lacht länger
Aber ach Wolken kommen
Langsam gehts wieder hinab
Ich aber wills nie vergessen
Einen Augenblick Allglück und und Alles geht wieder
Ich sagte hiernach dass ich die Lehre von der Unempfindlichkeit der einfachen
Kraftmenschen für sehr gefährlich hielte die Lehre könnte die Verrohung der
Menschen noch weiter steigern was doch nicht sehr wünschenswert wäre
Das führte nun abermals zu einer lebhaften Auseinandersetzung
So redete der Oberpriester weiter und ich erklärte sehr bald dass ich
wirklich geneigt sei Alles was geschieht für herrlich und wunderschön zu
halten die Moralisten erklärte ich dabei auch für komische Figuren und die
Ägypter gaben mir Recht ich aber gab ihnen schließlich meine Mückenphantasie
Der Todesrausch
Eine Mückenphantasie
»Komm an die Lampe« schrie selig die kleine Zippa
Ihre Flügel flatterten und zweihundert Mücken vernahmen den Ruf und folgten
der kleinen Zippa selig ohne Besinnen
Bei der Lampe die von einem grünseidenen Lampenschirm umhüllt war saß ein
alter Mann und aß sein Abendbrot
Da kam die kleine Zippa mit den zweihundert Mücken und der Zippa ward ganz
toll zu Mut
»Sterben Sterben ist doch das Süsseste im Leben Sterben wollen wir jetzt
Sterben«
Und alle Mücken schrien das der Zippa nach
Mit seligem Gelächter flogen sie gegen den heißen Cylinder und bald lagen
alle zappelnd neben dem Abendbrot des alten Mannes
Der wollte die Sterbenden schnell töten damit sie nicht so lange zu leiden
hätten
Aber Zippa rief lachend während sie sich ihre verbrannten Flügel
abscheuerte
»Lass sein Wir sterben ja so gern Das Sterben ist ja so schön«
Und die sämtlichen sterbenden Mücken schrien es wieder der Zippa nach
Und Alles lachte und starb
Der alte Mann aß weiter
Er hatte Hunger
»Wer weiß« sagte Lapapi dazu »ob diese Mücken nicht klüger sind als manche
Menschen Es wäre aber sehr komisch wenn man ihren Todesrausch für eine
Lebensverneinung halten möchte«
»Es ist mir« versetzte ich schnell »sehr bekannt dass man über
Lebensverneinung und Lebensbejahung so lange reden kann bis diese beiden Dinge
wahrhaftig nicht mehr von einander zu unterscheiden sind«
Nach diesen Bemerkungen lachten die kleinen Nilpferdchen wie die Tollen und
stießen mich so lange herum bis mir schließlich Hören und Sehen verging
Und nachdem die alten Herren also ihren Übermut ausgetobt hatten begaben
wir uns alle zusammen wieder in den Speisesaal allwo das Sternepicken von Neuem
begann die Pincetten der Herren funktionierten ausgezeichnet
Ich bedauerte dass ich infolge des elektrischen Bades an diesem Tafelspass
nicht teilnehmen konnte was als ichs sagte abermals große Heiterkeit
erregte
Es wurde beim Essen viel über die menschliche Dummheit geredet und der
heftige König Amenophis der vorhin so lebhaft die Völker für sehr klug gehalten
hatte sagte lachend
»Man mag mich ja für sehr dumm halten dass ich die Völker für sehr klug
halte aber ich habe ja nicht behauptet dass sie gegenwärtig schon alle sehr
klug sind später so meinte ich könnten sies mal werden Und wenn sies
nicht werden so schadet das nicht so viel Denn wärs ein Vergnügen klug zu
sein wenns keine Unklugen gäbe Ich denke natürlich nicht an die Schadenfreude
ich denke Ist nicht das Hauptvergnügen an der Klugheit die Übertragbarkeit
derselben auf andere Leute Und wären alle so klug wie die Klügsten so
könnte man die Klügsten auch die Dümmsten nennen denn es gibt immer noch andre
Lebewesen die klüger sind als die Klügsten Und dies ist nicht das Dümmste
Denn auch unsre Vorstellung von aller Klugheit darf Realitätsbewusstsein nicht
beanspruchen Hinter jedem Klugen steht Einer der noch klüger ist und diese
Reihe geht mit Grazie ad infinitum Eine Steigerung ist überall noch möglich
Die Fülle der neuen Erkenntnisse ist auch so dass sie eine Reihe darstellt die
ebenfalls wie Alles was dazusein scheint mit Grazie ad infinitum geht«
»Und« sagte danach der Inspektor »da wir diese unendlichen Reihen nicht
immerzu ansehen können so ist eine Unterbrechung nötig«
Er pfiff es ward wieder dunkel und unsichtbare Hände legten mich wieder in
ein Bett in dem ich wieder sofort fest einschlief und nicht träumte gar nicht
träumte
Als ich mich dann wachend im Kreise meiner alten Ägypter wiederfand fragten
mich alle Sieben so recht besorgt
»Wie gehts Dir jetzt«
Da musste ich unwillkürlich lächeln griff in meine Brusttasche und legte als
Antwort das folgende kleine Manuskript auf den Tisch
Gerettet
Es lehnen sich unzählige Riesen die gestrandet sind an eine alte zackige ganz
steile Steinwand Die messerscharfen Zacken der Wand schneiden in das Fleisch
der Gestrandeten dass es schmerzt
Aber es heißt stillhalten oder abstürzen
Die wild an die Steinwand anprallenden Meereswogen spritzen den Riesen oft
in die Augen
Es heißt stillhalten
Nachdem die Sieben das gelesen erhoben sie sich ernst von ihren Plätzen und
der König Ramses sprach würdevoll
»Wir gatulieren Dir liebes Onkelchen Es freut uns dass Du endlich auftaust
und anfängst unsre Gesellschaft so zu würdigen wie sies verdient Wir würden
Dir falls wir noch im Besitze einer Hand wären mit ihr die Deinige kräftig
schütteln und dann mit Dir lachen und fröhlich sein nach dem Muster der
biederen und nicht biederen Rauschphilister der Menschheit«
»Jetzt kommt« sagte der Oberpriester Lapapi »der große Rausch«
Der König Amenophis aber bemerkte hierzu gleich wieder sehr heftig
»Wenn ich diese Reden vom Rausch schon höre so wird mir immer gleich so
betrunken zu Mute Meine Herren vergessen wir nie dass auch unser Rausch nur
ein Schattenspiel ist wie unser Kater desgleichen«
Und ich versetzte lustig
»Warum sollen wir grade beim Rausch daran denken dass auch er nichts
Wirkliches ist«
»Weil das den Rausch noch steigert« gab da der alte Tutmosis zur Antwort
Und dann gingen wir zu einer Nische die von einem schwarzseidenen Vorhange
abgeschlossen wurde
Der Inspektor pfiff es erloschen alle Lampen aber die Ägypter zogen den
schwarzseidenen Vorhang langsam zur Seite
Und ich sah draußen den Nachthimmel mit unzähligen funkelnden Sternen
Und der alte Tutmosis sagte mit seiner weichen Stimme ganz leise
»Vergessen wir nie dass auch dieses Weltbild nur ein Bild ist und dass auch
hinter dieser großartigen Weltenpracht noch ein Hintergrund mit unendlich vielen
anderen Erscheinungswelten lebt«
»Lebt« wiederholten die Ägypter
Und ich fühlte dass nichts so herrlich ist wie das Leben wies auch sei
Und die Sterne strahlten
Und wir standen ganz still und sahen hinauf und dachten an das was dahinter
lebt
Als der Vorhang vor den Sternen wieder fiel flammten in dem Saale der hinter
uns war unzählige dunkelgrüne Lampen auf und die machten dass die Wände und
Säulen und besonders die hohen Kuppelgewölbe ganz geisterhaft leuchteten feine
Schattenspiele zuckten durch das Geleuchte und auch die Nilpferdchen neben mir
wirkten in dem grünen Licht wie Schattenspiele aus einer anderen Welt
Lautlos wandelten die ägyptischen Herren auf dem Mosaikfussboden auf und ab
Und dann sprangen sie über einander und dabei sprangen sie immer höher bis
in die hohen Kuppelgewölbe hinein wo die Schattenspiele gleich in noch größere
Bewegung gerieten da sich die Nilpferdchen oben sehr fix in unzähligen
Saltomortals überschlugen
Ich sah mir das ohne Erregung an
Aber plötzlich standen die Herren wie eine Säule vor mir einer auf des
andern Kopf alle sieben über einander was mich an mexikanische und indische
Skulpturen erinnerte
King Ramses stand ganz oben und sprach jetzt mit feierlicher
Vorderpfotenbewegung ohne Pincette
»Jetzt kannst Du lachen liebes Onkelchen Du sollst heiter sein für alle
Ewigkeit Du hast jetzt begriffen was überall dahinter ist wie viel dahinter
ist dass unendlich viele Erscheinungswelten hinter jeder Sinneswahrnehmung den
grandiosen Weltintergrund bilden«
»Ja« rief ich nun freundlich »darüber kann ich aber doch nicht immerzu
lachen und hinter sein das wäre doch langweilig«
»Aha« riefen da die Sieben im Chore
»Deine Bemerkung beweist uns« fuhr der König Ramses fort »dass Du auf dem
rechten Wege bist Du siehst ein dass auch die beste Laune auf die Dauer
unerträglich werden kann Gut mein Sohn Du hast Dich eben auch mit der
schlechten Laune abgefunden und sie als eine Notwendigkeit erkannt Der
grandiose Weltintergrund ist für Dich nicht mehr ein leeres Spukphantom Wenn
ich also sagte Du würdest von jetzt an für alle Ewigkeit ein Lachender sein
so meinte ich das selbstverständlich bloß figürlich und symbolisch Ich wollte
sagen Du wirst nicht mehr das Gleichgewicht verlieren«
Da schrien die Ägypter
»Wir verlierens auch nicht«
Und dabei standen sie auf dem rechten Bein wodurch die Tiersäule fein
gegliedert wurde
Und dann schrien sie
»Wir können auch lachen«
Und dabei standen sie auf dem linken Bein und lachten dass es oben nur so
knarrte
Und dann machten sie zusammen oben sieben mal sieben Saltomortals und
standen danach wieder unten auf dem Mosaikfussboden in einer Reihe
»Ich hätte« sagte der König Ramses »eigentlich in Versen sprechen sollen
aber der Klangzauber der Verssprache ist der Deutlichkeit nicht immer dienlich
Und wir sind nun mal die Apostel der Deutlichkeit«
»Wir wollen« fiel da der Herr Oberpriester Lapapi ein »unserm lieben Gaste
zeigen dass jetzt auch für ihn die große Sonne aufgeht«
Der Inspektor pfiff wieder es ward wieder dunkel und der seidene Vorhang
wurde zum zweiten Male knisternd nach beiden Seiten auseinandergezogen
Und ich sah einen Sonnenaufgang
Über weißen Schneegebirgen flammten himbeerrote Wolken in einen dunkelblauen
Himmel hinauf
Und große goldene Quadrate wurden in den roten Wolken sichtbar und
schaukelten wie Glasscheiben dass es funkelte
Und es rieselten feine Schleiergebilde herunter in denen seltsame Wesen
staken mit braunen Gesichtern Und diese Schleierwesen setzten sich auf die
goldenen Platten
Hiernach sahs so aus als wenn Funken aus den himbeerroten Wolken
heraussprjetzten brandrote Funken die auf die Schneegebirge fielen
Gleichzeitig kamen seltsame Gestalten aus den Schneegebirgen heraus und
auch aus dem blauen Himmel kamen seltsame Gestalten heraus und die vereinigten
sich in den roten Wolken und auf den schaukelnden goldenen Platten
Und Alles wurde immer heftiger bewegt und glühende Strahlen flogen wie
Pfeile durch
dabei kam die Sonne hervor ganz glutrot mit einem Medusenantlitz das
mich ganz starr machte so dass ich nichts Andres mehr sehen konnte als dieses
blutrote Medusenantlitz
Und ich hörte wie der seidene Vorhang von den Ägyptern wieder zugezogen
wurde
Jedoch ich sah das blutrote Antlitz trotzdem
Dieser Medusenkopf war in allen Teilen rot doch zeigten sich verschiedene
Rots das dunkelste in den großen starren Augen
Ich hörte die Ägypter miteinander flüstern und sah das Rot immer noch
Mir war als wenn in weiter Ferne Dinge vor sich gingen die ich beim besten
Willen nicht verstehen konnte und das blieb so wie mir schien eine lange
Zeit
Später fühlte ich dass mich unsichtbare Hände wieder aufhoben und mir übers
Gesicht strichen so dass ich das Rote nicht mehr sah
Das wirkte wie eine Erlösung
Und dabei empfand ich plötzlich einen heftigen Heisshunger
Und der Pyramideninspektor Riboddi sagte neben mir als wenn er meinen
Hunger mitempfände
»Wenn Du gestattest dass ich mir ein Manuskript aus Deiner Tasche nehme so
sollst Du sofort eine Zigarre haben«
Ich war selbstverständlich einverstanden und obschon ich nichts sah
fühlte ich doch gleich Riboddis kalte Pincette in meiner rechten Brusttasche
Und dann rauchte ich und sah die brennende Glut meiner Zigarre
Aber Riboddi hatte was er wollte
Fritz der Schweinejunge
Eine lehrreiche Geschichte
Das hatte man den großen Spöttern immer gesagt Aber sie wollten nicht hören
Sie wollten an die Gefährlichkeit der Dummheit nicht glauben
Die Dummheit wird doch immer noch unterschätzt
Wie gewöhnlich saßen die Spötter auch in der Sylvesternacht in der
Prachtgondel ihres Luftballons Sie waren hoch in den Wolken so recht fidel
denn die Prachtgondel war natürlich fein säuberlich mit dicken Glasscheiben auf
allen Seiten zugeschlossen
Um zwölf Uhr nachts sollte natürlich der Punsch mit den Kalbskotelettes nach
oben geschickt werden
Fritz der Schweinejunge sollte den Korb hinaufschicken
Der Ballon mit der Prachtgondel war mit fünf festen sehr langen Stricken
unten angebunden
Und da es Sylvesternacht war schien es ganz natürlich den Schweinejungen
Fritz mit dem Korbe bei den fünf Stricken allein zu lassen
Es schlug halb zwölf und der Fritz sah dass ihn kein Mensch beaufsichtigte
»Ih« dachte er »wozu sollen die dummen Spötter da oben so viel Punsch
trinken«
Und er nahm eine Flasche aus dem Korbe und trank sie zur Hälfte aus
»Ih« dachte er »die schmeckt ganz gut Die andern Flaschen werden nicht
schlechter schmecken und die Kalbskotelettes«
Er sann ein bisschen nach und machte dann die Stricke vorsichtig los und ließ
den Luftballon davonfahren Den Korb versteckte er hinten im Busch Und dann
rief der dumme Schweinejunge
»Hilfe Hilfe Hilfe«
Und dann kamen die Andern und sahen dass der Luftballon fort war die
Andern waren natürlich nicht ganz nüchtern denn es war ja Sylvesternacht Und
so schöpfte Keiner Verdacht
Und Fritz der Schweinejunge aß nach einer kleinen Stunde gemütlich seine
Kalbskotelettes und trank seinen feinen Punsch dazu
Die großen Spötter fuhren durch Schnee und Regen im Mondenschein durch die
herrliche Sylvesternacht hatten aber nichts zu essen und nichts zu trinken
»Verfluchte Zucht« schrien sie im Chore Aber das half nichts Fritz aß
und trank und lachte die Spötter aus
Ein dummer Schweinejunge ist fast immer zugleich auch ein verfluchter
Schweinehund
Hei Da schaukelten die Spötter hoch in der Luft denn der Luftballon war
mit ihnen durchgegangen Das kam davon Die Spötter wollten dem dummen
Schweinejungen niemals die Ehre antun seine Schweinewege zu verfolgen
Da schaukelten sie jetzt oben in der Luft ohne Speise und ohne Punsch
daran labte sich der unverschämte Fritz
Die Spötter hätten sich gleich um acht Uhr Abends den Punsch und die
Kalbskotelettes hinaufschicken lassen sollen Dann wäre das Unglück nicht
passiert
Man sollte sein Nachtessen nie aus den Augen verlieren denn Schweinejungen
gibts überall
Als ich wieder sehen konnte sah ich dass ich mit den alten Ägyptern in einem
außerordentlich behaglichen Zimmer zusammensass Die Wände des Zimmers bestanden
aus weißem Samt mit goldenem Blattornament das so recht unordentlich
angeordnet zu sein schien
Wir saßen in hellblauen weichen Sammetsesseln und die Tischdecke war
schwarzer Samt mit blutrotem Medusenkopfornament Eine silberne sehr große
flache Aschschale stand auf dem Tisch Die andern Herren pickten wieder
schwebende Sterne die aber diesmal wie Weintrauben zusammenhängend über der
Tafel schwebten
Und mir war so als wenn meine Taschen leichter geworden wären
Ich erinnerte mich dass der Riboddi in meine Tasche gefasst hatte mit
seiner Pincette während ich meiner nicht mächtig war
Ich erklärte etwas heftig dass ich mich beunruhigt fühle Da sagte der King
Amenophis eifrig
»Mit dem Verstande überwindet man keine Gefühle so sagt man und das
stimmt wohl da man gewöhnlich nicht sehr viel Verstand besitzt«
»Ich weiß nicht« entgegnete ich gereizt »was diese Bemerkung hier soll
ich habe das Gefühl dass mir Manuskripte weggekommen sind Und wenn mich nichts
wütend macht dieses macht es«
Mit unerschütterlicher Seelenruhe sagte da der King Tutmosis sanft wie
stets
»Vor die großen Freuden haben die Götter die kleinen gestellt die man
überwinden muss um zu jenen zu gelangen Aus diesem Grunde muss man den
tierischen Amüsements aus dem Wege gehen wenn man die komplizierteren möchte
die nicht bloß mit der Gier nach Existenzverlängerung gebacken sind«
Der König Necho sagte danach während ich meine Tasche nervös von außen
befühlte
»Und vor die großen Schmerzen haben die Götter wiederum die kleinen
Schmerzen gestellt die man nicht überwinden kann wenn man jene flieht Daher
kommt Onkels Taschenärger«
Ich wurde furchtbar wütend doch die Herren lachten gemütlich und pickten in
ihre Traubensterne
Der Oberpriester Lapapi aber brüllte mit furchtbarer Stimme
»Kleine Leute die noch nicht zu leben gelernt haben mögen wohl als
Künstler die einzelne Erscheinung abgesondert wie ein Meerwunder betrachten und
beurteilen die Kunst jedoch die ein bisschen mehr sein will sollte stets den
grandiosen Hintergrund haben«
»Meine Herren« rief ich da erregt »ich möchte bloß wissen wo mehrere von
meinen Manuskripten geblieben sind Sind die auch im Hintergrunde geblieben«
»Nanu« riefen da Alle durcheinander »Sie werden uns doch nicht im
Verdachte haben«
»Ich« erklärte ich »finde unter den Manuskripten die ich Ihnen noch nicht
gezeigt habe keine ernsten Manuskripte die sind fort«
»Das ist ja unglaublich« sagte der General »zeigen Sie mal her was Sie
noch da haben«
Ich dachte natürlich nicht daran ihnen meine übrigen Manuskripte
anzuvertrauen
Und ich gab ärgerlich bloß vier bis fünf Sachen hin Doch kaum hatten die
Herren die Sachen in der Hand so rief der mir sehr verdächtig vorkommende
Pyramideninspektor
»Hier haben wir schon was Ernstes«
»Was haben Sie denn« fragte ich böse
Er lachte sagte dass ich ein sehr vertrauensseliger Onkel sei und las vor
was er für sehr ernst zu halten berechtigt zu sein glaubte
Zwei Weltenschöpfer
Skizze
Sein Auge leuchtet wie tausend lichtsprühende Sonnen Er sitzt auf seinem großen
Weltensessel und träumt
Seine Sterne drehen sich zu seiner Rechten und zu seiner Linken sausen an
seinen Knieen vorüber gehen in Schraubenlinien um seine Finger bleiben still
an seinem weißen Barte hängen wandern langsam in kompliziertesten Kurven in die
große Weite und leuchten alle so still wie Nachtlampen in einer Sommernacht
Und er freut sich über seine stille ruhige Weltenheerde wie ein guter Hirt
Sein helles Auge schweift in die Unendlichkeit
Da ist ihm so als lösten sich dort drüben im dunklen Hintergrunde ein paar
Schleier los es wird dort immer heller Und plötzlich sieht er da hinten weit
hinter seinem Weltenraum den Kopf eines alten Freundes der da drüben auch
SternWelten schuf
Die Weltenschöpfer grüßen sich
Und der alte Freund zieht alle dunklen Schleier fort und zeigt was er in
den vielen Billionen Sternjahren gemacht hat
Aber des Freundes Sternmeere sind nicht so ruhig Da flackerts und flammt
es Die Sterne glühen in tausend Farben und zeigen die tollsten Formen
gleissende rissige Rüsselsterne winden sich zuckend um Diamantgebilde
Feuersäulen drehen sich wie Pfropfenzieher und flattern wie knallende Peitschen
Die beiden Weltenschöpfer sehen sich lange die neuen Welten an Jeder von
ihnen schaut weit vorgebeugt zum Nachbarn hinüber Und während der Ruhige still
seine Gedanken in der Vergangenheit spazieren führt jägt sie der
Leidenschaftliche wild in die fernste Zukunft
Sie fühlen dass sie Beide anders sind doch sie empfinden das nicht als
etwas Störendes
Sie nicken sich lächelnd zu
Die Weltenschöpfer haben alle Nichts gemeinsam Ihre Sterngebilde wissen das
nicht die Geschöpfes eines Schöpfers ähneln sich wie die Kinder eines Vaters
Langsam fallen wieder die dunklen Schleier des Hintergrundes Und die beiden
Weltenschöpfer sind wieder allein ihre Augen blitzen dass ihre Sterne staunend
hineinhorchen in die tiefen Raumgefilde
Die Augen der Weltenschöpfer durchstrahlen ihr Reich sie wissen dass sie
nicht das ganze unendliche Weltenall durchdringen und umspannen können
Auch dieses Wissen stört sie nicht
Unantastbar bleibt ihr seliger ewiger Schöpferrausch
»Das ist ja viel zu einfach« sagte hierzu der heftige King Amenophis und
dabei schlug er mit seinen Vorderpfoten so kräftig auf die schwarze Sammetdecke
die über der Tischplatte lag dass diese in allen Fugen knackte und knisterte
und dass sie silberne Aschschale hoch aufsprang
Ich erklärte dass ich durch eine derartige Tischbearbeitung mein Eigentum
schwerlich wiederbekommen würde
Hatte ich aber geglaubt dass ich durch diese Bemerkung das Gespräch auf
meine verlorengegangenen Manuskripte lenken könnte so hatte ich mich arg
getäuscht
Als wäre gar nichts los hub nun wieder der Tutmosis zu reden an mit
seiner lieblichen sanften Stimme sagte er holdselig lächelnd
»Das Leben des Einzelnen muss wenn er Schöpfer zu sein vorgibt viel inniger
mit seinen Geschöpfen zusammenhängen Das Leben des einzelnen ist so ohne
Weiteres als ein unabhängiges für uns gar nicht vorstellbar Die Welt ist viel
komplizierter und interessanter Man müsste die unendliche Folge der
Erscheinungswelten in allen schaffenden Existenzen als empfindbar und wirksam
hinstellen die unendlichen Reihen die die verschiedenen Erscheinungswelten
darstellen müssen doch im schaffenden Geiste sehr bald als unendliche Reihen
bewusst werden Wenn sie das nicht werden hat man kein Recht von Weltschöpfern
zu reden da es doch wie wir wohl wissen auch schaffende Geister gibt die da
schaffen ohne zu wissen wohin ihr Schaffen führt solche Schöpfer stehen aber
nicht auf einer hohen Stufe auch die Intelligenz der Schöpfer ist nur in einer
unendlichen Reihe für uns zu versinnlichen«
»Es lässt sich« bemerkte dazu der brummige King Necho »eben nicht so ohne
Weiteres sagen dass wir gar nichts von der Welt wissen Da wir unsre
Erscheinungswelt immerhin als eine winzigkleine Teilerscheinung des Alls
betrachten müssen so wissen wir damit wahrlich schon genug Aus dieser
winzigkleinen Erkenntnis von einem Teile geht uns die große Erkenntnis von dem
grandiosen nie zu fassenden Weltenzauber des Ganzen auf Und Leute die von
diesem noch keine Ahnung haben sollten doch das Wort Welt ein wenig
vorsichtiger gebrauchen«
»Ich gebe das« erwiderte ich rasch »durchaus zu und bitte die Herren
höflichst um Entschuldigung Ich werde die unendlichen Reihen die die
Erscheinungsformen darstellen nicht mehr vergessen Aber ich muss doch auch
bemerken dass ich durch diese Erkenntnis wirklich nicht wieder in den Besitz
meiner Manuskripte gelange«
Da gabs aber einen Sturm
»Mit wem reden wir denn«
»Hält hier Jemand in diesem Medusenzimmer seine Manuskripte für
Erscheinungsformen«
»Es scheint hier ein guter Onkel immerfort Kopf und Zeh miteinander zu
verwechseln«
»Lass uns mal erst lesen was wir haben«
Nach solchen und ähnlichen Redensarten bei denen mich Keiner von den alten
Herren eines Blickes würdigte lasen sie das was sie hatten
Die Welt von Eisen
Ein großes Gebrumm
Große Sternvölker brummen plötzlich
Es sind große hohle eiserne Sterne die da so brummen
Eine Schauermär hat die eisernen Sternvölker grimmig gemacht darum brummen
sie
Sie haben gehört es ist kaum zu glauben viele Milliarden großer
Blickmeilen von ihnen entfernt lebe auf einem kleinen Lehmklümpchen ein kleines
Würmchen das jetzt tatsächlich das Weltganze erfasst habe das ganze Weltganze
von oben bis unten und nach allen Seiten
Dies Würmchen auf seinem Lehmklex
Die eisernen Sternvölker brummen fürchterlich dass es kaum anzuhören ist
die Büffelhorn und die Schneckensterne sind ganz besonders laut
Und so weit weg soll das Würmchen sein
Eine Schauermär
Eine Blickmeile ist so weit wie ein Strauss von tausend Muttersonnen für die
scharfsichtigsten Sternaugen sichtbar ist
Und das Würmchen ist viele Milliarden solcher Blickmeilen entfernt
Die eisernen Sternvölker grunzen vor Wut sie haben das Weltganze immer
noch nicht erfasst
Und das Würmchen soll ihnen über sein
Jetzt vernehmen sie die Trichtersterne flüsterns ihnen zu dass das
Würmchen zwei kleine Beinchen haben soll und auch mit schier unendlich großen
Glaslinsen beim besten Willen nicht sichtbar zu machen ist
Wie das die eisernen Sterne hören müssen sie mordsmässig lachen dass der
ganze Himmel dröhnt als führten Billionen Glockensterne Krieg miteinander
Es gehen doch noch lustige Geschichten in den Sternvölkern um
Dieses Würmchen
Dieses unsichtbare zweibeinige Würmchen
Die eisernen Sternvölker brummen bald nicht mehr Späße bebrummt man nicht
Krebsrot
Ein HerrenScherzo
Auf der großen Freitreppe stand einer der besann sich plötzlich auf sich
selbst
Er betrachtete sich und sah dass Alles an ihm krebsrot war
»Bin ich ein gekochter Krebs«
Also kams dem Besonnenen über die schmunzelnden Lippen
»Gut« fuhr er aber fort »dann sollen Alle zu gekochten Krebsen werden«
Und er ging hinauf in sein hohes Haus und wollte alle seine Freunde
verwandeln
Es gelang ihm aber nicht
Der Radaubengel
NihilistenUlk
Eben waren die guten Hofmeister vom Tode auferstanden und wünschten sich
gemütlich guten Morgen da schlug der Blitz in eine gesunde Eiche und der
Donner schüttelte alle Himmel
Das war aber noch gar nichts denn gleichzeitig stieg der nie besiegte
General Hohnke aus seinem Grabe heraus und fing so fürchterlich über die
Bedeutung der Freiheit zu reden an dass die guten Hofmeister schleunigst wieder
in ihr altes Grab krochen
Hohnke jedoch schlug Alles kurz und klein auch die sämtlichen Himmel
»Freiheit« brüllte er kanonenmässig
Dies Gebrüll war aber nicht mehr zu hören denn die Himmel waren mit allem
Zubehör nicht mehr am Leben Hohnke stand im Nichts
Er wunderte sich mächtig half ihm leider nichts
Was weg ist ist weg
Nichts kann so viel zerstören wie das Freiheitsgebrüll sämtliche Himmel
mit allem Zubehör bringt es einfach um
Die Freiheit will eben weiter nichts als Nichts
Hohnke Du kannst mir leid tun Wo bist Du jetzt
Hohnke ist wohl auch nicht mehr am Leben
O Hohnke General Hohnke
Mein Großvater
»Das ist Alles so lächerlich« sagte mein Großvater als er das sah was ich
schrieb
Ich schaute meinen Großvater freundlich an und meinte »Großvater das
verstehst Du nicht«
Großvater schwieg denn er war sehr klug und wusste dass mit mir nicht zu
spassen sei
Schließlich wusste ich nicht was ich mit ihm anfangen sollte
Und da fing ich an mich mit ihm zu prügeln
Er zerbrach mir mein Nasenbein
Diese vier Stücke schienen den alten Herren zu gefallen sie lachten steckten
die Köpfe zusammen und zeigten sich einzelne Stellen
Ich bewunderte wie geschickt sie mit ihren Pincetten umzugehen verstanden
Ich sah mir die Blutmedusen auf der schwarzen Sammetdecke genauer an und
sah dass jede einen ganz anderen Gesichtsausdruck zeigte Und ich verglich diese
vielen Gesichter mit dem Gesichte der großen Sonne die mir die Augen geblendet
hatte Währenddem sagte der King Tutmosis lächelnd
»Unser Scheerbart hat ohne Frage das ernsthafte Bestreben seine verehrte
Nase tiefer in die Weltgeheimnisse zu stecken Er sucht überall nach großen
Hintergründen Das ist schon richtig Aber die Hauptsache verliert er immer aus
den Augen Dass diejenige Erscheinungsform der Welt die uns offenbar wird in
allen ihren Äußerungen unendlich viele Daseinsmasken vornimmt das stimmt schon
Es stimmt auch dass es in unsrer Erscheinungsform der Welt nach allen Richtungen
kein Ende gibt Diese gewiss sehr großartige Tatsache kommt in der Welt von Eisen
gut zum Ausdruck«
»Indessen« fuhr nun der brummige Necho fort »wenn das auch viel ist ists
noch nicht genug Du darfst nie vergessen dass alle Sterne mit ihrer
Unendlichkeit nur eine einzige Erscheinungsform der Welt darstellen und dass
sich an diese eine einzige Erscheinungsform der Welt noch unendlich viele andere
Erscheinungsformen anreihen die uns vorläufig noch nicht fassbar sind Und diese
anderen Erscheinungsformen deren Zahl eben in keiner Unendlichkeit Platz findet
machen uns die Welt eben unendlich viele Male größer als sie uns bisher
erschien So kommt es dass die unendliche Welt die wir zu sehen vermeinen
jetzt nur ein Tropfen in einem unendlich viele Male größeren Meere für uns ist«
Mir wurde schwindlig und ich sagte das
Da aber lachten Alle und der Lapapi sagte freundlich
»Lass nur Das geht vorüber«
Der König Ramses sprach darauf sehr feierlich
»Vergiss nicht was ich Dir jetzt sage Wenn Du in Deinem ganzen Leben nur
dieses Eine von der unendlich großen Anzahl der Erscheinungsformen der Welt
begriffen hättest und wenn Du nie danach vergessen würdest dass hinter jedem
Stück das Deine Sinne wahrnehmen noch unendlich viele andre Dinge
dahinterstecken zu denen Du mit Deinen Sinnen nicht gelangen kannst so
hast Du das Größte erfasst von Allem was Du in Deinem armen Leben erfassen
kannst Dann ist aber Dein Leben nicht mehr arm wies auch sei Und darum
kannst Du wenn Dein Leben zu Ende geht ruhig sagen Ich habe einen Abglanz des
Höchsten empfunden und mehr kann mit meinem armen Sinnen Niemand empfinden Und
dann werden Dir Deine armen Sinne wieder reich erscheinen wenn sie Dich auch
oft scheinbar gequält haben Und Du wirst ruhig sterben können einen seligen
Tod da Du weißt dass Du die ungeheure Alles erdrückende furchtbar erhabene
Gewaltsonne der unendlichen WeltTiefe die in alle Ewigkeiten hinein immerzu
immer noch mehr geben kann angestarrt hast und selig wurdest« Alle
schwiegen
Und ich sah mit brennenden Augen auf die schwarze Sammetdecke auf der die
roten Medusenköpfe zu tanzen schienen
Nach langer Zeit in der wir viel gesprochen hatten baten mich die alten Herren
wieder um ein paar Manuskripte
Ich erklärte ihnen feierlich dass nach meinem Dafürhalten meine Arbeiten für
sie keinen Wert haben könnten
Sie aber sagten dass es sie trotzdem interessiere wieder mal was von mir zu
lesen wenn auch der grandiose Hintergrund nicht da sein sollte
Und so kams denn dass ich wieder was gab allerdings mit einem Gefühl das
vom Stolze weiter entfernt war als der Bauer von der Erkenntnisteorie der
Nilpferde bei denen ich lebte
Sonnenschein
Die alten Bäume waren so hoch
Und der Donner ging ab hinten hinter die Berge
Die Wolken verzogen sich als würden sie zerpflückt von einer großen Hand
Es regnete nicht mehr auch das Blitzen ließ der gute Himmel sein Dafür
flog ein Sonnenstrahl durch die zerpflückten Wolken und andre Sonnenstrahlen
folgten
Da traten die alten Leute aus der Tür und gingen durch den Wald zur Lichtung
der Sonne entgegen
Die Sonne schob ihre blanke Glatze aus einem dicken Wolkenknäuel heraus
und die Sonnenglatze glänzte
Und dann kam die ganze Sonne wieder in den blauen Himmel hinein und
blendete und funkelte auf den nassen Blättern der mächtigen Bäume glizerte
auf der sommerbunten Wiese und machte Alles wieder hell und leuchtend
Die alten Leute standen unter den alten Bäumen da wos rausging aufs Feld
Den alten Leuten schien die Sonne ins Gesicht und sie standen da und hatten
sich an die Hand gefasst und schauten so in die frische Glanzwelt hinein
Sonnenschein
Weisheit aus der Kreidezeit
Es war einmal ein altes Mastodon das lebte in der Kreidezeit Und das Mastodon
das lebte in der Kreidezeit Und das Mastodon war viel klüger als alle andern
Mastodons es sagte immer nur
»Mein Freund wies auch sei und wies auch werden mag sei überzeugt es
ist Alles so gut«
Diese Worte waren außerordentlich trostreich für die ganze Kreidezeit
Das alte Mastodon gefiel den Nilpferden über alle Massen sie beglückwünschten
mich zu diesem Opus in einer Weise die mir heute noch Spaß macht
»Das ist nicht bloß ein Simplicitätsdokument« sagte der Oberpriester
Und der Inspektor meinte freundlich
»Onkelchen damit wäre eigentlich Alles gesagt Nun kommt es bloß darauf an
dass man diese Sache niemals in Zweifel zieht Leicht ist eine Wahrheit
auszusprechen Schwer ist es eine Wahrheit zu behalten da das menschliche
Gedächtnis sehr mangelhaft ist Am schwersten ist es aber einer gewonnenen
Erkenntnis gemäß zu leben«
Der General Abdmalik fügte noch hinzu »Sehr verwerflich ist es wenn Jemand
sagt »Ich sage gar nichts mehr Ein solches Individuum erklärt innerlich alles
Seiende für veritablen Mist Als wenn des Menschen Nase ein Hauptsinn wäre
Onkelchen ich sage Dir der Mist vernichtet die Mystik keineswegs«
Nach diesen Worten gingen plötzlich alle Lampen aus und wir saßen wieder
mal im Dunkeln
Nun hörte ich die Nilpferde mit einander sprechen es klang so als wären
sie weit ab und es hallte dazu Ich konnte zuweilen die einzelnen Stimmen
nicht mehr ordentlich unterscheiden und wusste bald nicht mehr ob da noch die
Nilpferdchen sprachen
Die eine Stimme sagte jedenfalls
»Die Anzahl der komischen Dinge ist so schrecklich groß Auch die Laster
sind so komisch«
Eine andre Stimme sagte
»Der Gram ist auch sehr komisch besonders wenn man ihn täglich umdreht
wie man Brillanten umdreht die doch auch so komisch sind«
Und eine dritte Stimme flüsterte ganz leise
»Der Schmierfink ist komischer als alles Andre Jedes hübsche Bild muss er
beschmieren Und dabei kommt er sich noch so geistreich vor O Du komischer
Schmierfink Du denkst Du bist ein Philosoph und führst doch bloß Komödien
auf«
Ich dachte an meine verlorenen Manuskripte aber ich kam nicht weit mit
diesem meinem Denken
Ich hörte plötzlich dicht an meinem rechten Ohr die brummige Stimme des
Königs Necho
»Ih Du Schlingel« sagte er »kannst Du Dir denn gar nicht Deine
kleinlichirdischen Gedanken abgewöhnen Sei doch froh dass Du Deine traurigen
Geschichten endlich mal verloren hast Glaubst Du es sei so unumgänglich
notwendig gleich Alles zu behalten und Alles auszuführen was angefangen ist O
nein Verschwende auch mal Die Natur verschwendet ebenfalls Also gräme Dich
nicht Du bist doch jetzt von der Traurigkeit befreitdemnach brauchst Du doch
Deine traurigen Manuskripte nicht mehr wiederzufinden Gib mal gleich eine
Geschichte her die so nach Befreiung schmeckt«
Und King Necho stand im nächsten Moment mit einer brennenden Laterne vor
mir
Ich saß in einem großen Keller auf einem Fass suchte musste lächeln und gab
am Ende dem brummigen König was er begehrte
»Famos« rief er und las bei Laternenschein
Die Befreiung
Eine japanische Novellette
MuSchika die Tochter des großen Topffabrikanten saß in ihrem Turmzimmer und
weinte bitterliche Tränen Eingesperrt war das gute Kind Der böse Gouverneur
der Nordprovinz der schlimmste Mädchenräuber seiner Zeit hatte auch die edle
MuSchika in heimtückischer Manier ihren Eltern geraubt Doch da die Geraubte
ihrem Peiniger mit größtem Trotz auseinandergesetzt hatte dass sie niemals sein
Weib werden könne weil sie frei bleiben wolle zeit ihres Lebens so hatte der
böse Gouverneur das Mädchen eingesperrt in seinem hohen Turm den er nur zum
Zwecke der Mädchenzähmung auf dem höchsten Berge der Nordprovinz vor vielen
Jahren erbauen ließ
MuSchika saß und weinte ihre Tränen flossen wie Gebirgsbäche zur
Frühlingszeit Und der herrlichen Aussicht die sich ihr vom Fenster aus darbot
warf sie nicht einen einzigen Blick zu ihre Augen waren auch zu verweint In
jeder Stunde stampfte sie mehrmals mit ihren kleinen Füßen auf den Steinboden
und rief voll stürmischer Leidenschaft
»Frei will ich sein Frei will ich sein Frei Frei«
Diesen stürmischen Redestrom hörte der Sturmgott Lobu der gerade die
Nordprovinz einer eingehenden Untersuchung unterzog Und der Sturmgott Lobu
freute sich über die stürmische Art der MuSchika Und er beschloss das arme
Mädchen zu befreien
Während er sich nun unten vor der eisernen Pforte an die Arbeit machte trat
ihm der junge Maler TaiTai der die Gefangene gleichfalls liebte mit bleichem
Antlitz entgegen und rief »Willst Du die MuSchika befreien Das lass nur
bleiben Ich befreie sie Ich bin TaiTai«
Der Sturmgott gab ihm eine Ohrfeige und rief »Ich bin Lobu«
Und nun fingen sie an sich mächtig zu zanken Jeder wollte vor lauter
Eifersucht die MuSchika ganz allein befreien Und während des Zankes prügelten
sie sich öfters wie das Rivalen zu tun pflegen Dem TaiTai fehlten bald zwei
Backenzähne und dem Lobu blutete die Nase Und dazu schien der Vollmond durch
die ganze Nacht Und durch die ganze Nacht zankten sich und prügelten sich die
Rivalen so dass es zur Befreiung gar nicht kam Während oben MuSchikas Tränen
in Strömen flossen floss unten das Blut ihrer Befreier in Strömen
Und so dämmerte denn allmählich der Morgen und vor dem Turmfenster erschien
die Göttin der Morgenröte die herrliche Ballikâra
In einer goldenen Barke saß die Göttin und kleine Zwerge bekränzten die
Barke mit dunkelroten Rosenketten Der Himmel war oben tiefblau wie ein Meer
Und auch die Ballikâra hörte die wilden Freiheitsreden der MuSchika Schnell
riss sich die Göttin ein paar Rosen aus dem schwarzen Haar und warf sie durch das
Turmfenster der Gefangenen in den Schoss Da sprang das Mädchen erschrocken
empor starrte die herrliche Ballikâra wie ein Wunder an fiel auf ein Knie und
flehte weinend
»O Ballikâra nimm mich mit und führe mich zu meinen Eltern zurück denn ich
will frei sein frei frei frei« Da nahm die Göttin die MuSchika in ihre
goldene Barke und fuhr mit dem verweinten Kinde durch die weißen Morgenwolken zu
dem Hause des großen Topffabrikanten
An der eisernen Pforte des Turmes wischen sich unterdessen die Rivalen die
Blutstropfen aus dem Gesicht und verbinden sich die Handgelenke Und ihrem
Treiben sieht oben aus dem Turmfenster mit glühenden Wutaugen der böse
Gouverneur zu Der Gouverneur hat sich durch eine Hintertür in den Turm
geschlichen und hat sehen wollen ob seine MuSchika noch nicht kirre wurde
»Und nun ist sie fort« schreit er voll Entsetzen in die Morgenluft hinein
Er glaubt die beiden Kerls da unten an der Pforte hätten seine MuSchika
befreit Er geht hinunter und stellt die Leute zur Rede wird aber gleich ganz
eklig angelackt Die beiden Rivalen gehen sofort mit vereinten Kräften auf den
Gouverneur los der starke TaiTai zerbricht ihm die Kinnlade und Lobu stößt
ihm sein Schwert durch den Bauch dass der Bösewicht gleich aufbrüllend den Geist
aufgibt
Hierauf reicht der Sturmgott dem Maler die Hand und sagt bitter
»Junger Mann Während wir hier um MuSchika kämpften ist das lockere
Mädchen mit einem Andern durchgegangen Wir wollen dieses Weib vergessen«
»Das wollen wir« ruft TaiTai hackt dem toten Gouverneur den Kopf ab und
erklärt den Sturmgott für seinen besten Freund Sie schütteln sich lange die
Hände und bald gehen die ehemaligen Rivalen Arm in Arm dem nächsten Wirtshause
zu
Doch die befreite MuSchika erzählt ihrem Vater dem großen Topffabrikanten
wie sie von der herrlichen Ballikâra befreit wurde zeigt jubelnd die
dunkelroten Rosen der Göttin und küsst alle ihre Schwestern und auch ihre Mutter
mit leidenschaftlicher Inbrunst
Der alte Vater lacht und erklärt seiner Tochter mit Feiertagsmiene
»Meine liebe MuSchika Da Du so mutig gewesen bist sollst Du auch frei
blieben zeit Deines Lebens Und kein Freier soll Dir nahen Auch den TaiTai
werfe ich die Treppe runter wenn er kommt«
Aber TaiTai kam nicht und andre Liebhaber kamen ebenfalls nicht MuSchika
blieb frei bis ans Ende ihrer Tage und ward gefeiert von allen Frauen der
Nordprovinz und lebte glücklich ohne Mann frei frei
Wir befanden uns jetzt in großen Kellergewölben die recht dunkel und
geheimnisvoll waren
Ich saß auf einer Tonne aber die Tonne schwamm in einem dunkelgrünen
Wasser das den ganzen Boden bedeckte und recht tief zu sein schien ich nahm
einen schweren Stein der auf meiner Tonne neben mir lag und warf ihn in das
Wasser und horchte und erst nach langer Zeit hörte ich den Stein unten dumpf
aufschlagen Der König Necho hatte währenddem meine Befreiung zu Ende gelesen
er saß auch auf einer Tonne wie ich und leuchte mir nun mit seiner Laterne ins
Angesicht
Da kamen auch die anderen Nilpferde auf Tonnen mit Laternen
herangeschwommen und es wurde heller durch die vielen Laternen Ich wunderte
mich über die Größe dieses Felsenpalastes und sprach auch über die unsichtbaren
Geister durch deren Dienste die Treppen so überflüssig geworden seien Und ich
bedauerte dass die Eindrücke die ein gewöhnlicher Mensch in seinem gewöhnlichen
Erdenleben hat so hart und umständlich sind
»Man muss« erhielt ich zur Antwort »das Eine wie das Andre zu schätzen
wissen überall sind eben die unendlichen Reihen die Situationskomödien sind in
der Welt so mannigfaltig wie alles Andre«
Der Oberpriester Lapapi sprach vom Schattenspiel des irdischen Lebens und
meinte milde »Es ist doch nicht zu tadeln dass gewisse Sinneswelten wie
diejenige die Du auf der Erde kennen gelernt hast so viel scheinbar Konstantes
und Kompaktes haben Dafür hat ja auch der Mensch das Leben im Schlafe Dass sein
Leben im scheinbar wachen Zustande oft so feste eckige Formen empfängt
steigert doch nur die Empfindungsfähigkeit Wie wäre sonst der Begriff der
Vergänglichkeit zu erzeugen Und der gehört doch auch ins große Dasein hinein
Alte Lampen können nicht so ohne weiteres als ewige Existenzdokumente auftreten
alte Manuskripte ebenfalls nicht und alte Menschen erst recht nicht Auch in
diesen Vergänglichkeitskomödien bilden sich überall die schon so oft von uns
erwähnten unendlichen Reihen Sie wirken überall und bewirken dass wir über
die Notwendigkeit oder Überflüssigkeit des scheinbar Daseienden nicht reden und
auch nicht denken können Die unendlichen Reihen des großartigen Spukreiches
das wir für Weltleben halten umketten und umkränzen uns überall Auch die
Dummheit und die Klugheit zeigt überall die unendlichen Reihen es kann Keiner
der Dümmste und auch keiner der Klügste sein drüber und drunter ist immer noch
mehr Und dieser Unendlichkeitszauber der überall Alles beherrscht ist das
Herrlichste von Allem was wir haben«
Er sprach so weiter und mir wurde so betrunken zu Mute die vielen Tonnen
und der flüssige Boden trugen wohl zu meiner Stimmung bei
Wir schwammen jetzt aus einem Gewölbe ins andre um mächtig dicke Säulen
rum Und ich bewunderte die Pilzbildungen in den Gewölben und an den Säulen die
an vielen Stellen weiß wie Schnee und dann wieder dunkelbraun und schwarz waren
auch mal ganz bunt schillerten und zuweilen leuchteten unheimlich wie
dicke Gespensterbeine
Als der Oberpriester Lapapi zu reden aufgehört hatte seine letzten Worte
hatte ich gar nicht mehr begriffen sprach ich von meiner Trunkenheit
Dazu lachten aber die alten Herren und der Ramses rief mir laut lachend zu
»Da siehst Du nun dass es auch unendlich viele Arten von Betrunkenheit gibt
auch in der stecken die unendlichen Reihen«
Ich wollte noch viel darüber sagen den Alkohol für eine Krücke und die
gewöhnlichen menschlichen Rauschzustände für bedauerlich in Folge der
Katerleiden erklären aber man schnitt mir kurz das Wort ab und behauptete dass
auch der Kater seine Glanzseiten habe ich sollte nur mal nachsehen ob ich
nicht eine Geschichte hätte die das beweisen könnte
Ich fand sehr schnell eine solche
Aber ich sollte sie nun vorlesen wurde von unsichtbaren Händen auf ein
großes Fass gestellt und die sieben Herren zogen sich mit ihren sieben Laternen
in die äußersten Winkel zurück
Ich wunderte mich jetzt dass die Tonnen alle so schwammen wie sie auf dem
Erdboden stehen
Und dann las ich
Es war sehr unheimlich
Meine Stimme schallte oben in den Gewölben so laut dass mir sehr bald die
Ohren schmerzten
Aber ich las trotz meiner Ohrenschmerzen mit fester Stimme meine Geschichte
zu Ende
Meine Tinte ist meine Tinte
Ein Klexosophicum
Eine sehr stille Sommernacht
Matte Dämmerung mit traumschweren Gardinen und sanften säuselnden Winden
Ich liege in weichen schneeweißen Betten
Und die Betten sind so schwer
Es plätschert was tropft
Drüben ist es am Schreibtisch
Aber da ist ja so viel Schwarzes auf dem Schreibtisch so viel Schwarzes
Sanft säuselnde Winde draußen
Auf dem Schreibtisch tropft es sollte das meine Tinte sein
Meine Tinte ist meine Tinte
Aber sie ist so lebendig
Sie geht ja aus dem Tintenfasse raus
Und es ist viel Tinte so viel schwarze Tinte
Jetzt ist sie bei mir und beugt sich über mein Bett wie eine kleine
Milchstrasse wie eine kleine schwarze Milchstrasse
Jetzt tropft es wieder und schwarze Tropfen fallen auf meine weißen Betten
Dort in der Ecke über meinem rechten Fuße sitzt ein großer schwarzer Klex
Und der Klex ein ganz runder ist es ist der Stil
Neben dem runden Klexe entsteht nun ein viereckiger Klex der heißt Ziel
Und zwischen den Beiden bewegt sich ein schwarzer Tropfen wie eine
Quecksilberkugel auf einer Menschenhand die Kugel ist das Spiel das große
Spiel
Bin ich in einer Spielschachtel
Woher kenne ich alle die klingenden Namen Sie klingen so gut zusammen wie
die guten Reime in alten Gedichten Am Stil ist das Ziel das Spiel es dreht
sich
Im Stil sitzt das Spiel hinterm Ziel
Hinterm Ziel
Wie stilvoll das Spiel ist
Auf dem Stil liegt der alte Nil ein schwarzer Bindfaden Jetzt weiß ich
der Nil ist der schwarze Faden an dem spielt das Ziel mit dem Kiel und dem
Zuviel das sind neue Klexe vieleckige Klexe mit Raupen
Schwarze Raupen kriechen über den Nil wohl Neger Meine Tinte ist meine
Tinte bei der ist Alles möglich Mein schöner weißer Kopfkissenbezug bekommt
auch was ab meine Betten sehen aus wie weiße Himmel mit schwarzen Sternen
viele Himmel bergige Himmel Schimmel mit Sterngewimmel
Es klingt ja so hübsch ist das Gebimmel von Klexen Glocken sinds
Aber da mittendrin ist ein roter Klex und der nennt sich Ich Das ist
keine Tinte denn ich habe ja rote Tinte gar nicht zu Hause Ich wollte mir
immer rote Tinte anschaffen Aber ich habs vergessen nur die Namen der Klexe
kenne ich sämtlich die kenne ich ja schon seit Olims Zeiten
An der Bettkante im dicken Wassermann wackeln drei Sterne sie heißen Welt
Wild und Wald Die sind auch so mohrenschwarz und bedrängen jetzt das Ich
umkreisen das rote Ich
Ich muss mich doch geschnitten haben denn das rote Ich muss ein Blutstropfen
von mir sein So was kommt wohl mal vor Jetzt geht der Weltklex über mein Ich
hinüber dem schadets aber nicht Die Klexe Lust Last und List kommen meinem
Munde sehr nahe
Gehen die Klexe in meinen Mund Sie kommen mit Kuh Ruh und Schuh auf meinen
Mund los
Brr schmecken die sauer
Sanfte Winde wehen aber die wehen ja die sämtlichen Klexe in meinen Mund
Ich kann meinen Mund nicht schließen
Alle meine Klexsterne kullern hinunter in meinen Magen Wie verschiedenartig
die Klexe schmecken Meine Tinte muss sehr gemischt sein wohl mit den Giften
aller Zeiten
Welt schmeckt nach Salpeter Aber ich weiß nicht wie Salpeter schmeckt
wahrscheinlich wie Bomben Sehr gut
Ich schließe die Augen denn ich kann dieses fortwährende Heranrollen der
schwarzen Sterne nicht vertragen
Das Rollen tönt wie Donnern und bricht plötzlich ab
Es hört Alles auf ich muss schon Alles runter haben
Ein guter Magen ist ein guter Magen
Doch da rollt ja schon wieder was
Die Augen kann ich nicht aufmachen
Ach so
Ich weiß ja
Das ist ja mein rotes Ich das kann ich nicht runterschlucken Das Ich kann
ich nicht verdauen
Sanfte Winde wehen um meine Stirn da wirds aber nass
Ich meine auf meiner Stirn wirds ganz nass
Ist das Angstschweiß
Nein ich fühle jetzt ganz deutlich es sind nur die schwarzen Sterne die
allmählich aus meiner Stirne wieder rausperlen wie Alkohol wenn man ihn
literweise getrunken hat aus der Stirne rausperlt so perlen auch die
schwarzen Sterne aus der Stirne heraus
Die Winde draußen vorm Fenster müssen sehr kühl sein oder sind die Sterne
meiner Stirne so kühl
Sind sie so kühl wie eine Birne
Mein Ich fällt gleich vom Bette runter
Mein Ich fällt und platzt entzwei auf dem Teppich Jetzt ist Alles wieder
gut
Bloß auf dem Teppich wird ein roter Klex sein
Das Schwarze verdunstet
Nachdem ich das gelesen hatte umzuckten mich grüne Blitze und ich hörte einen
furchtbaren Donner
»Erschrick nicht« rief da die Bassstimme des alten Necho »wir klatschen Dir
nur Beifall daher die Blitze«
Ich war ganz verwirrt und musste sehr lachen obschon ich nicht wusste ob das
Hohn oder Huldigung bedeuten sollte »Wenn wir gut gelaunt sind« sagte da der
Oberpriester Lapapi »so kann uns eigentlich die Bedeutung einer Sache ganz
gleichgültig sein Da Du aber augenscheinlich etwas eitel bist so kannst du ja
mal den unsichtbaren Geistern was vorlesen Wir wollen Dich verlassen
verpflichten Dich aber mindestens sieben Sachen hinter einander vorzulesen
Tust Du das nicht so lassen wir Dich hier für alle Ewigkeit allein«
Mir wurde bei diesen Worten so zu Mute wie einem Menschen in der Hand
eines Zahnziehers zu Mute wird Ich rief ängstlich
»Ich will ja gern Alles tun Gebt mir bloß eine Lampe im Dunkeln könnte
mirs schwer fallen was vorzulesen«
»Hast ja« brummte da der Necho »bei Deiner Tinte auch keine von unsern
Lampen gebraucht«
Ich zog meine Papiere aus der Tasche und sah dass die Papiere selber
leuchteten
»Verzeihen Sie meine Herren« rief ich nun lachend »die Unsichtbaren haben
meine Manuskripte leuchtend gemacht Das hatte ich gar nicht bemerkt Das ist ja
riesig schmeichelhaft für mich Verzeihen Sie dass ich all die Wunder immer erst
nachher bemerkte Und verzeihen Sie mir dass ich noch immer nicht für all die
Wunder gedankt habe Aber Worte scheinen mir in allen diesen Fällen nicht zu
genügen Ich werde gleich lesen Selbstverständlich Das tu ich ja so gern
Verzeihen Sie mir alle meine Taktlosigkeiten doch ich bin so berauscht von
all dem Glück«
Da blitzte es abermals grünlich vor meinen Augen zu hören war jedoch
nichts
Die alten Ägypter sah ich nicht mehr
Und das Blitzen hielt an so dass ich dabei lesen konnte »Oho« sagte ich da
zu mir selbst »Du hast Dir vorhin eingebildet Deine Manuskripte hätten
Leuchtkraft das war wohl wieder bloß eine große Einbildung von Dir« Das
Blitzen hielt an und ich las bei dem grünlichen Blitzlicht die sieben folgenden
Geschichten
Wieder donnerte meine Stimme oben in den Gewölben machtvoll und schauerlich
aber meine Ohren hatten sich schon daran gewöhnt
Die siebzehn Spitzen oder
Das Quadrat des Ellipsoids
Ich kutschierte durch die Vergangenheit und traf Napoelon den Ersten Alexander
den Großen und Cäsar von Rom
Sie machten sich nichts aus mir
Das war mir ägerlich
Da ich aber in der Wissenschaft viel weiter bin als diese drei Alten so
holte ich meine siebzehn Ulanen mit ihren siebzehn Lanzen aus meiner
Westentasche hervor und ließ ein Quadrat mit den Lanzen bilden Das sah nun so
aus wie ein Ellipsoid genau so
Ich hatte eben das Quadrat des Ellipsoids ganz ohne Mühe mit Lanzen
erschaffen erschaffen Natürlich
Ich kann eben Alles noch viel mehr als Alles Noch viel mehr
Auch viel weniger
Groß starrten mich die drei Alten an
Ich aber pustete die alten Märchenschweine um
Ich puste diejenigen die mich nicht verstehen immer um
Das Heu roch
Das neue Konzertaus
Im Lande der Heibranen allwo man immer neue Systeme schafft warens die
Musiker müde sich immer nur von einem Dirigenten dirigieren zu lassen sie
wollten deren zwo zu gleicher Zeit gemeinschaftlich an der Arbeit sehen
Und auf einem großen Musikfeste das zu Ehren des dicksten Dichters im
Heibranenlande veranstaltet wurde wurde den Musikern gestattet sich von zwo
Dirigenten zu gleicher Zeit gemeinschaftlich dirigieren zu lassen
Als nun das Spiel begann brach sofort eine Revolution unter dem Publikum
aus denn dem Publikum ward plötzlich klar dass eigentlich überall zwo Leute zu
gleicher Zeit gemeinschaftlich an der Spitze sein müssten sowohl in den Bureaux
wie auf andern Orten allwo Heibranenarbeit verrichtet wird
Und seitdem regierten überall immer zwo Herren zu gleicher Zeit
gemeinschaftlich sowohl in den höchsten wie in den niedrigsten Machtstellen
Die Heibranen nannten das neue System den Neozwoismus
Und sie befanden sich lange Zeit recht wohl bei diesem neuen System
Die Butterblume
Eine große gelbe Butterblume wuchs in den blauen Himmel hinein und leuchtete wie
eine große gelbe Sonne Die gelben Blütenblätter glänzten und kräuselten sich
Und in den Blütenblättern bauten Störche mit langen roten Schnäbeln und langen
roten Beinen ihre Nester Und die Störche flogen täglich mit ihren langen weiß
und schwarz gefärbten Flügeln um die große gelbe Butterblume rum Die
Butterblume wurde nicht welk und die Störche wurden nicht krank
Im blauen Himmel leuchtete die gelbe glänzende Butterblume wie eine große
gelbe Sonne
Die Menschen staunten das Wunder an
Es war aber gar kein Wunder es war nur ein lächerliches Symbol
Das Knäblein
»Ich weiß nichts« sagte das Knäblein in der Badewanne »Das ist auch gar nicht
nötig« bemerkte die weise Mama »Ich will doch aber« rief das Knäblein »ein
großer Mann werden «
»Dann brauchst Du« schrie krächzend das weise Weltweib »erst recht nichts
zu wissen«
»Dolle Welt« murmelte das Knäblein
Mensch und Tier
Mausidyll
Der Kampf war aus
Aber wer gesiegt hatte war nicht offenbar geworden
Der Bär hatte sich gewehrt bis zum letzten Moment und der Indianer der mit
dem Bären rang war fürchterlich zerkratzt worden
Der Indianer war ein großer Krieger und seine Feinde nannten ihn die große
Schlange
Der Kampf war aus
Mensch und Tier waren in der Höhle zusammen zu Boden gestürzt Das Tier lag
unten der Mensch auf dem Tiere Aber Beide waren tot
Da lag sie nun die große Schlange
Tot lag sie da auf der Bärenhaut und kein Mensch kam den großen Krieger
zu bedauern Es hätt ihm das auch nichts genützt Zwei kleine Mäuse krochen aus
der einen Ecke der Höhle hervor und sahen sich die Geschichte an
Da lag nun die große siegreiche Schlange wie ein altes Löschpapier auf der
Bärenhaut ganz still
Tote sind immer ganz still
Die beiden Mäuse zernagten dem Bären das Zahnfleisch das ihnen
außerordentlich gut schmeckte
Der Vollmond schien in die Höhle und beleuchtete das stille Bild In der
Ferne knallte ein Büchsenschuss und das Echo an den Felsen hallte lange den
Knall nach so im Zickzack
Die Mäuse bekamen Durst
KuddelMuddel oder die vielen Rosinen
Sie hatten alle sehr viele Rosinen im Kopfe und so kamen sie in hellen Haufen
auf dem Kapitol der Unternehmungslust zusammen Und auf dem Kapitol zeigten sie
sich gegenseitig ihre vielen Rosinen in denen stak alles das was sie wollten
Sie wollten alle mal ergründen worin der eigentliche Hauptwert des Lebens
und der Kunst zu erblicken sei
Und während sie nun immer heftiger all die vielen Hauptwerte ergründeten
wurden ihre Reden immer verworrener so dass schließlich ein großes
KuddelMuddel entstand nicht bloß in den vielen Hauptwerten und Reden sondern
auch in den vielen Köpfen und Rosinen
Und es ward plötzlich unheimlich still auf dem Kapitol Aber nach einiger
Zeit hörte man in einer Kapitolsecke ein gemütliches Gelächter und es sprach
einer dem nie was klar geworden da er stets die größten Rosinen im Kopfe
gehabt hatte
»Meine Herrschaften Wenn uns auch der Witz ausgeht lachen können wir
trotzdem immer noch Also lachen wir über das entzückende KuddelMuddel dieser
entzückenden Rosinenwelt«
Da mussten sie alle so welterschütternd lachen dass sogar das Kapitol der
Unternehmungslust in seinen Grundvesten erbebte
Zart
Eine ganz kleine feine Spinne die möcht ich lieben Aber sie muss ganz klein
und fein sein
Und sie muss meine Liebe erwidern natürlich
Wenn sie mir nicht gut ist schlag ich sie mit meinem zierlichen Pantoffel
kurz und klein
Aber wenn sie mir gut ist dann wird Alles Alles sein Ich werde mich
mit meiner Spinne in ein ganz zartes venetianisches Zierglas setzen wo außer
uns nichts drin sein darf
Draußen werden die goldig glitzernden Seepferdchen Augen machen
Uih Wird das ein feines Leben sein
Spinnchen komm
Na komm mein kleines feines Spinnchen
Die alte Porzellanuhr auf der Bauchkommode tickt bloß wie gewöhnlich
Erschrick nur nicht
Na komm
Unsere Welt ist leicht
Als das zu Ende war wars im Keller mäuschenstill nur in der Ferne fiel von
Zeit zu Zeit ein kleiner Tropfen ins Wasser dass es plätscherte
Das grüne Blitzlicht blitzte nicht mehr es erfüllte die Kellergewölbe ein
grünlich leuchtender Nebel
»Alle Verächter der Welt hatten von der Welt keine Ahnung obschon sie immer
so taten«
Also sprach hinter mir eine sanfte Stimme und ich glaubte das wäre eine
Geisterstimme
»Der Kombinationen und Permutationen sind überall unendlich viele«
Diesen Satz fügte die Stimme noch hinzu
Ich aber konnte mich nicht bewegen ich empfand nur eine große Starre mir
war auch so als hörte mein Herz zu schlagen auf obwohl meine Augen ganz wach
blieben Und nun wusste ich nicht ob ich träumte oder ob das was ich sah der
sogenannten Wirklichkeit angehörte
Ich sah dass auch das Wasser rings um meine Tonne ganz starr wurde es fror
und bildete sehr bald eine glatte Eisfläche in der sich die Gewölbe entzückend
spiegelten Und dann kamen unzählige meterhohe ganz schlanke Gestalten aus
allen Ecken übers Eis gelaufen sie glitschten oft aus und fielen über einander
aber sie lachten immerzu ihr Leib war kaum so dick wie mein Arm ihre Arme
hatten kaum meine Fingerdicke Diese spindeldürren Gestalten lachten sehr
übermütig und ihre faustgrossen Gesichter waren so lustig dass ich gar nicht
müde ward ihrem Mienenspiele zuzuschauen
Die dünnen Männchen hatten Menschengestalt ihre Glieder staken in eng
anliegendem Handschuhleder von verschossenen Farben
Die Herren erinnerten mich immerfort an alte Handschuhe sie kletterten auf
meine Tonne lachten mich an und visitierten meine Taschen
Und ich konnte mich nicht bewegen
Und einer der Dürrsten fand in meinen Taschen ein Manuskript das er
vorlesen wollte
Während ich nun in meinem Starrkrampf ganz ruhig auf meiner Tonne saß rief
der Dürre mit quiekender Stimme
»Ruhe meine Herren Ich werde Ihnen eine Geschichte unsres guten Onkels
vorlesen Bitte gruppieren Sie sich auf dem Eise in malerischen Stellungen Ich
werde mir erlauben mich auf sechs Herren zu setzen die auf einander stehen«
Im Nu sah ich vor mir sechs Herren über einander wie ein hohes
schwankendes Rohr und auf den Kopf des Obersten setzte sich der Vorleser und
räusperte sich
Währenddem hatten die andern Taumenschen vielverschlungene Rankengruppen auf
dem Eise gebildet und zwischen diesen Gruppen sah ich nun die sieben kleinen
Nilpferde auf Schlittschuhen zierliche Bogen schneiden
Und der Dürre las während die Nilpferdchen oft auch durch die Rankengruppen
ihre zierlichen Bogen schnitten
Leichte Bilder
Die sieben großen Seifenblasen tanzen auf dem Wellensee Und die großen
Seifenblasen stoßen sich nicht trotzdem sie haushoch sind turmhoch
Sie hüpfen die Blasen
Lass die Welten nur fest sein
Lass die Helden nur stark sein
So fein kann doch der Quark sein
Aber der sanfte Abendwind bläst die feinen Blasen entzwei
Und die roten Schiffe kommen mit den roten Segeln die Schiffe schaukeln
auf und ab schaukeln vorüber denn was sollen sie hier
Die Schiffe sind so ernst und lächerlich besonders die roten
Der Flieder duftet in der Nacht
Und kleine Katzen schleichen behutsam
Der Sonnenschein ist ferne
So ferne wie die Sterne
Und die Eisberge kommen
Sie kommen aber nicht näher in der Ferne bleiben sie fürchten sie die
Hitze am Strande des Ulks
Welcher Irrtum Hier ist es gar nicht so heiß die Späße sind nicht hitzig
das sind sie unter keinen Umständen denn sonst wärens ja keine Späße mehr
Die bitteren Schnäpse schmecken gut
Die bitteren Schnäpse schmecken gut
Und die Sorgen kommen als Riesenratten mit klatschenden Schwänzen schwimmen
auf dem Wellensee hüpfen und schaukeln mögen sie weiterhüpfen und
weiterschaukeln
Leb wohl Du Land der stillen Zecher
Füllt mir die letzten Flaschen ein
Ich bin ja doch kein armer Schächer
Ich sitz im Grünen
Jetzt aber jetzt kommt eine wilde Gesellschaft lauter Weltverbesserer
jetzt wirds beinah übermütig
Die Weltverbesserer rennen auf den Strand ganz nackt Sind die mager
Ich strecke ihnen meine Zunge entgegen
Die Kerls wollen die Welt verbessern
Rosen sanfte Rosen
Fallen in die Silberkanne
Rosendüfte sind so schwül
Zerpflücke die sanften Rosen
Die Welt kann ja gar nicht besser werden sie ist ja das Beste von Allem was
wir zum Besten haben können
Die Sonne geht drüben auf es ist wohl eine sechseckige Sonne
Es wird Alles bunt wie Kolibris
Und leichte Gestalten steigen aus dem Wellensee Duftgestalten mit langen
Armen und ächten Kugelbeinen mit Gestalten sind ganz durchsichtig auch die
Kugeln unterm Rumpf wie Tabaksqualm steigen diese guten Geister empor in den
blauen Himmel
Ein wilder Husar
Nimmt das Leben genau
Au Au
Ich liege und sehe den leichten Duftgestalten traurig nach ach am Strande
des Ulks wird man so schwer dass man nicht mehr so leicht aufsteigen kann wie
Tabaksqualm
Aber die sechseckige Sonne steigt alle Morgen auf
Ich beneide die EckenSonne
Neidisch bin ich wie ein Geizhals
Haben möcht ich tausend bunte
Edelsteine
Und ich möchte friedlich schlafen
Rechts und links die bunten Edelsteine
Ich liege und kann nicht auf
Schwefelhölzchen mit rotem Kopf tanzen auf dem Wellensee wie Menschen
wie stockdumme Menschen die Nichts zu tun haben
Die großen Ratten kommen wieder sie fressen die Schwefelhölzchen auf und
platzen entzwei wie Seifenblasen
Es knallte es knallte
Endlich ist der Mops getötet
Und die Wellen sind gerötet
Ärgre Dich tiefernster Tor
Über alle krausen Kringel
Seifenblasen kommen aber nicht noch einmal und sie sind so wichtig am Strande
des Ulks
Bäume wachsen im Wellensee Wunderbäume aber ich seh sie nicht die sind
unten aufm Meeresboden ja warum sind sie unten
Ach ja
Robinson
Ist das Robinson der da vor mir steht
Er ist so alt wackelt mit dem Kopf streicht sich den weißen Schnurrbart
nach unten und deutet mit dem Zeigefinger nach oben
Oben ist der Himmel offen und die hellgrünen Engel die ich so verehre
machen da oben Musik
Die Musik ist so sanft dass ich die Augen schließe um besser hören zu
können
Da sagt Einer zu mir
»Du bist ein alter Faulpelz«
War das Robinson
Es klang doch so sanft
Ich träume und sanfte Krokodile schreien
»Wie schön ist die Welt«
»Wie schön ist die Welt«
Ein nasser Leinwandlappen fällt auf mein Haupt
Nach Beendigung der Vorlesung brüllten alle die dürren Kerle als wenn ihnen die
Haare einzeln ausgerissen würden die Dürren hatten sehr lange blonde Haare
Und ich hörte aus dem Gebrüll heraus dass sie »moderne Zeit« spielen
wollten
Die Nilpferdchen schnitten ruhig ihre zierlichen Bogen auf dem Eise weiter
Aber die Dürren spielten vor mir »moderne Zeit«
Es war ein unbeschreiblicher Spaß
Nicht Alles konnte ich deutlich erkennen Ich sah nur dass die Dürren unten
auf dem Eise immer wieder neue Rankengruppen bildeten und die dann immer wieder
mit Gebrülle umwarfen so dass es viele blutende Nasen gab
Doch die blutigen Nasen störten die Heiterkeit durchaus nicht auch die
Nilpferdchen mit ihrem unermüdlichen Bogenschneiden störten die Heiterkeit
keineswegs
Die Gesichter der Dürren bekamen oft einen Ausdruck der mich an bekannte
Persönlichkeiten erinnerte die vielleicht heute noch auf der Erdrinde eine
Rolle zu spielen sich einbilden
An unglaublichen Hohnspässen fehlte es nicht und es wurde furchtbar viel
geredet und ich habe niemals in so kurzer Zeit so viel dummes Zeug gehört
»Das charakterisiert« sagten die Dürren nach jeder dummen Redewendung
Es hörte sich an als wollte sich Jeder bloß blamieren durch Albernheit
Unwissenheit und Dünkel
»Vortreffliches Bild der modernen Zeit«
Das riefen sie wohl hundert Mal dazwischen
Während es nun so aussah als wenn auf dem Eise ein Heer verrückt gewordener
Akrobaten und Schlangenmenschen sich herumbalgte hörte ich plötzlich wieder die
Stimme des mir schon bekannten Vorlesers
»Meine Herren« rief sie »hier habe ich ein Manuskript das die
Bornierteit der modernen Zeit in klassischer Weise symbolisiert
Es ist der Monolog des verrückten Mastodons«
Die Nilpferdchen standen plötzlich still und waren ganz starr sie staunten
den Vorleser mit offenem Maule an
Ich war empört und rief wütend
»Das ist ja eine längst veraltete Geschichte die zählt nicht mit«
Aber die Dürren bildeten wieder im Nu ein paar Dutzend Leibersäulen und
vereinten sich dann so dass sie zusammen einer ägyptischen Pyramide glichen
Auf diese Pyramide kletterte der Mann mit dem Monologe rauf und las oben
vor mit furchtbar ernstem Tonfall
Monolog des verrückten Mastodons
Zépke Zépke
Mekkimápsi muschibróps
Okosni Mamimûne
Ekakróllu róndima sêka inti windi nakki pakki salône hepperéppe
hepperéppe
Lakku Zakku Wakku Quakku muschibróps
Mamimûne lesebesebimbera roxróx roxróx
Quilliwaûke
Lesebesebimbera surû huhû
Was hierauf folgte weiß ich nicht mehr
Ich weiß nur dass ich später in einem sehr schönen Schlafzimmer aufwachte
Ich lag in einem sauberen Bett und mit taten alle Glieder weh Und eine
ganz alte Dame trat in mein Zimmer und sagte freundlich
»Dir ist wahrscheinlich so zu Mut als wenn Du Kater hättest Nun da passt
ja wohl das Märchen vom blauen Hund in Deine Stimmung hinein Gestattest Du dass
ich die Geschichte den Herren vom Nil bringe«
»Ich gestatte« sagte ich
Und die alte Dame ging mit dem Märchen davon Mir war so wüst im Kopf
Und die Herren vom Nil lasen im Nebenzimmer mein altes Manuskript
Das Märchen vom blauen Hund
Der Ritter Knut Lemcke von Bullerstein hat endlich ausgeschlafen hat gleich
sein Panzerhemd angezogen Stahlhaube auf den Brummschädel gestülpt und sein
Schwert in die Hand genommen
Mit dem rechten Fuß stößt er die Tür zum Altan grimmig auf und saugt die
frische Abendluft in langen Zügen schmunzelnd ein
Da steht er nun auf seinem Altan Die Sonne geht drüben überm
Birkenwäldchen grade unter
»Lange geschlafen« sagt der Knappe und setzt den Morgenimbiss auf den Tisch
Eier Schinken Butter Brot sauren Aal und eine Kanne Moselwein
Der Ritter isst und trinkt und denkt an die wüste Nacht die nun auch hinter
ihm liegt
Die Sonne geht unter der Mond geht auf
Der Knappe bringt ein gebratenes Huhn nebst rotem Wein und verschwindet
wieder lautlos wie ein stiller Schatten
Knut beugt sich über die Brüstung des Altans und schaut in die tiefen
bewaldeten Abgründe er denkt an was vergisst es aber gleich wieder Die Spitzen
der Tannen Fichten Buchen Erlen und Eichen sind tief tief unter Knut Der
Mond bescheint die welligen Waldberge und auch die stramme Burg
Der Ritter beißt ins Huhn und lässt die Wälder das sein wie sie sind Doch
plötzlich hört ers bellen da unten
»Wetter« ruft er »ist das nicht mein toter Hund Der bellte doch grade
so«
Er erhebt sich und brüllt »Hopsmajor« denn so hieß der Hund bei
Lebzeiten
Der Vollmond leuchtet unheimlich hell Hopsmajor bellt die Echos umhallen
Knutens Ohr
Der Hund kriecht langsam an der Burg empor Knut hörts ganz deutlich In
den Hecken raschelts alte Ziegelsteine rollen ins Tal und dazwischen bellt
der dumme Köter
Dem Ritter Lemcke von Bullerstein sträuben sich sämtliche Haare er murmelt
mit großen Augen »O Karoline«
Jetzt ist der Hund dicht unter der Brüstung das Gebell wird schrecklich
laut Lemcke stößt vor Schreck auffahrend mit dem linken Ellenbogen die Kanne
um und der gute Rotwein übersprudelt die Fliesen des Altans
»Knut Knut«
So hört der Ritter rufen unter der Brüstung und »Hopsmajor« stößt er
heiser hervor Und danach sieht der Herr von Bullerstein seines toten Hundes
Antlitz über der Brüstung
»Das Tier hat sich doch stark verändert« denkt sein Herr »denn es ist ganz
blau ganz blau wie Blaubeeren«
»Nu« brüllt der Hund finster »wunderst Du Dich denn gar nicht mich heute
Abend im Mondenschein wiederzusehen«
Hopsmajor eine kräftige Dogge legt die Vorderpfoten auf die Brüstung der
Ritter stottert »Ich ich wun wundre mich nie«
»Denn nich« erwidert lächelnd die blaue Dogge »Weißt Du auch was ich
jetzt vorstelle«
»Nee« versetzt der Lemcke »nee«
Zwei haarfeine Blitze umzucken den Mond wie Eichenäste sehen sie aus
Hopsmajor zieht die Hinterbeine nach und geht auf der Brüstung des Altans
langsam auf und ab Der Ritter reicht dem Tier den Rest des Huhns doch der Hund
winkt mit der linken Vorderpfote ab
»Aber« ruft der gute Knut Hand mit Huhn sinkt in den ritterlichen Schoss
Des Hundes rechtes Hinterbein das auch ganz blau ist wie der ganze Hund
wird dick und dicker und dann immer länger riesiglang bis in den Himmel
reicht es bald hinein bis an die Sterne Die Krallen kratzen an den Sternen
und dann wird das Bein wieder so wies war
»Nu« fragt der Hund »weißt Du nu was ich vorstelle«
»Nee« heißt es wieder
Itzo wird der Kopf des Hopsmajors immer größer und dicker so groß dass der
Ritter gar nicht mehr das ganze Tier sehen kann bloß die große Riesenschnauze
sieht er Nichts als Schnauze Die Schnauze drückt den Herrn Ritter an die
Wand dass der »Au« schreit Und da wird der Hundskopf wieder wie er war
Der Hund fragt abermals »Nu« und abermals heißt es »Nee« Indes alsdann
wird der ganze Rumpf hinter den Vorderpfoten größer und dicker so groß und
dick dass der Leib bald die sämtlichen Täler unterm Altan ausfüllt
»Donnerwetter So blau und so dick«
Also Knut
Der Hund fragt aber zum dritten Male »Nu« und zum dritten Male heißt es
»Nee«
»Ich wills Dir sagen« brüllt nun ärgerlich der blaue Hopsmajor dessen
Kopf lächerlich klein aussieht dem riesigen Sackleibe gegenüber »ich bin das
sag ich Dir unter vier Augen das Symbol des Vornehmen«
»Dacht ich mir scho schon« stottert der Knut »wi willst Du Du mir
wei weiter Nichts mi mitteilen«
Hopsmajor räuspert sich und bemerkt in distinguiertem Tonfall
»Ich werde mich ganz klar aussprechen«
Den Mond umzucken wieder zwei haarfeine Blitze Knut beißt noch mal ins
Huhn ärgert sich dass er nichts zu trinken hat freut sich dass dem Hunde jetzt
die sämtlichen Tannen Eichen Erlen Buchen und Ahorns in den Bauch picken
der Hopsmajor aber beginnt so
»Mein lieber Freund Knut Lemcke von Bullerstein Du bist sonst ein ganz
famoser Kerl dessen vornehme Lebensallüren mir schon während meiner
gewöhnlichen Lebenszeit beträchtliche Genüsse verschafft haben Du bist unter
allen Umständen zu allen Zeiten ein wahrhaft vornehmer Mann den man ohne
Weiteres seines Umganges würdigen darf Nimm zunächst mal eine kleine Prise«
Der blaue Hopsmajor nimmt fix eine Schnupftabaksdose aus seiner rechten
Backentasche und reicht sie seinem früheren Hausherrn Beide schnupfen und
niesen und der Blaue fährt fort
»Nur dann wenn Du angetrunken bist die Bauern sagen Sternhagelduhn dann
bist Du so dass man Dich nicht für vornehm erklären kann Mensch merkst Du
nicht dass diese Angelegenheit höchst peinlich geworden ist Du wirst im
angesoffenen Zustande und in diesem befindest Du Dich doch in jedweder
Gesellschaft teils zu grob und teils zu liebenswürdig Du behältst nicht die
Balance Du drückst die größten Peter der Menschheit die selbstverständlich
Peter niemals heißen in ungebändigter Rührung an Dein edles Ritterherz und
merkst gar nicht dass diesen Petern Deine Rührung höchst lächerlich vorkommt da
sie von der ewigen Sehnsucht der Besoffenheit nicht die blasseste Ahnung haben
Andrerseits aber gehts wieder folgendermaßen Merkst Du dass Du Dich mit Deiner
seelischen Entblössung lächerlich machst so haust Du dem nächsten Besten und
das sind immer noch die Leidlichsten ohne Scham und Mitleid ins lachende
Antlitz Und aus solchen Wutausbrüchen entstehen dann ganz alberne
Mopsgeschichten da Du nachher von Nichts mehr die blasseste Ahnung hast und
oftmals in sehr wenig vornehmer Weise grade diejenigen um Entschuldigung
bittest die Du hättest verhauen sollen Mensch höre Sterne verkratzen mit
der Schnauze Alles bedrängen und Sich recht breit machen darin allein steckt
das wahrhaft vornehme Wesen das zügellose Temperament sollen Andre nicht
sehen
Sauf drum hinfüro ganz allein
Mein lieber Lemcke von Bullerstein«
Und es gibt einen fürchterlichen Knall Knut springt in die Höhe und sieht die
Täler mit blauen Mondnebeln bedeckt
In der Hand hält der Ritter noch immer das Stück Huhn und der Altan
schwimmt Alles Rotwein
»Stimmt« sagt Knut Lemcke von Bullerstein
»Gäste« sagt devot der Knappe der etwas verschlafen aussieht
»Achherrjeh« schreit dazu der arme Knut »o Karoline«
Der Knappe eilt davon der Herr Ritter folgt ihm denn die Gäste warten er
murmelt in seinen krausen Bart
»Sauf drum hinfüro ganz allein
Mein lieber Lemcke von Bullerstein«
Wie der große Knut die Treppen runterstolpert zum Ahnensaal murmelt er noch
»Na nächstens«
Als ich glaubte die Herren vom Nil müssten zu Ende gelesen haben rieb ich mir
die Augen und ja und ich war nicht mehr im Bett ich saß wieder wie sonst
den alten Herren gegenüber
Und der King Tutmosis sprach mit seiner sanften Stimme
»Wir haben Deine leichten Bilder und das Märchen vom blauen Hund gelesen und
freuen uns dass Du jetzt ausgeschlafen hast«
Ich sah die Herren etwas verdutzt an aber sie lächelten und das sah so
verschmitzt aus des breiten Mundes wegen Nun ich war wohl neugierig jedoch
ich vergaß meine Neugierde denn mich bewegte plötzlich eine andere Sache
»Ich möchte« sagte ich »über die Unsichtbaren die uns hier bedienen ein
wenig aufgeklärt werden«
»Du willst also« sagte nun der Oberpriester Lapapi »andre
Erscheinungsformen der Welt kennen lernen«
»Das ist« erwiderte ich »nicht so ganz richtig dass Geister die mit einer
anderen Substanzäusserung zusammenhängen über ihre Sphäre hinausgehen und in die
unsre hineinragen und in dieser sogar tätig sind Diesen Zusammenhang zweier
Sphären möchte ich begreifen lernen Im gewöhnlichen irdischen Leben habe ich
ein derartiges Zusammenklingen zweier Sphären wohl für möglich gehalten aber
es war mir doch im Grunde sehr rätselhaft und unwahrscheinlich In diesem
Felsenpalaste werde ich nun scheinbar eines Besseren belehrt was mir unmöglich
schien ist hier ein Alltägliches Also kurz gesagt ich möchte wissen wie die
Erscheinungsformen der Welt sich zu einander verhalten«
Dazu sagte der Oberpriester Lapapi
»Es wäre doch allzu seltsam wenn die unzähligen Erscheinungsformen der Welt
nicht zu einander Beziehungen haben sollten Die unendliche Zahl der
Kombinationen und Permutationen wird auch in den Beziehungen der
Erscheinungsformen unter einander das herrschende Prinzip sein Also es wird
Wesen die in mehreren Sphären zu gleicher Zeit leben ebenso gut geben wie
Wesen die nur in einer Sphäre leben Es wird auch Wesen geben die sich
Letzteres bloß einbilden dieweil sie die anderen Sphären in denen sie sonst
noch leben für eine kurze Zeit vergessen haben Es gibt auch hier die
unendliche Zahl von Komplikationen die auszudenken uns naturgemäß etwas schwer
fällt Vielleicht denkst Du mal darüber nach vergiss es nur nicht«
Der Pyramideninspektor Riboddi fragte mich hiernach ob ich mich mal ans
Fenster setzen möchte um mir die Gebirge anzusehen
Ich war gerne bereit dazu
Doch der König Ramses wollte nun noch ein paar Manuskripte von mir haben
Das berührte mich plötzlich sehr peinlich und ich sagte schnell
»Es liegt etwas Demütigendes in Ihrem Wunsche Herr Ramses Sie wissen dass
meine Arbeiten Ihnen nichts bieten können Ich vermisse jetzt selber in meinen
Arbeiten den großen Hintergrund und es tut mir daher gar nicht mehr leid dass
sich einzelne meiner Geschichten verloren haben den großen Hintergrund haben
sie ja sämtlich nicht Kurzum ich kann nur sagen dass ich mich eigentlich aller
meiner Geschichten schäme Ich sehe durchaus ein dass nur die Poesie einen Wert
hat die von Leuten hervorgezaubert wird denen die Grandiosität der Welt in
Fleisch und Blut übergegangen ist und die niemals vergessen dass Alles was
wir mit unsern Sinnen wahrnehmen und durch Komposition der Sinneswahrnehmungen
denken können nur einer einzigen Sphäre angehört hinter der unendlich viele
andere Sphären stecken Nur wer das ganz in sich aufgenommen hat kann
Kunstwerke schaffen die der Rede wert sind«
Nach dieser Rede erhob sich der König Ramses und sagte zu den andern
Nilpferden
»Edelste Pferde vom edelsten Nil Hebt mich auf den Tisch denn ich will
eine Rede reden die der Rede wert ist«
Die sechs andern alten Herren taten wie der Ramses bat und er sprach nun
mit beweglichen Gesten während er eine Pincette auf jeder Vorderpfote auf und
zu schnappen ließ auf dem Tisch wie folgt
»Edelster Onkel aus Europa Wenn wir so denken wollten wie Du in Deiner
scheinbar harmlosen Bescheidenheit zu denken beliebst so würden wir 99 der
Welt für überflüssig erklären und mit dem letzten großen Perzent würden wir
auch nicht viel anzufangen wissen Edelster Onkel es ist eben durchaus
verkehrt wenn wir bloß das scheinbar Edelste für wertvoll halten mögen Alles
hat seinen Wert mindestens seinen Übergangswert Das Edelste ist ein solches
nicht wenn es sich nicht aus einer weniger edlen Masse herausheben kann Und
außerdem sind doch die Faktoren der ganzen Wertschätzungsgeschichte nur
Scheinfaktoren nicht wahr Was wir Dir beibringen wollen ist doch
hauptsächlich
Schätzung der ganzen Welt Du sollst Dich daran gewöhnen in Allem etwas
Edles zu sehen Oh wir wissen ja dass du das stets gewollt hast aber vom
Wollen bis zum Können ist noch ein weiter Schritt wohl mehrere weite Wir
wissen andrerseits sehr genau dass Du zuweilen Diesem und Jenem aus moralischen
Gründen ins Gesicht schlagen möchtest Das tut aber doch kein gebildeter Mensch
für den gibts eben keine Schurken Der Gebildete hasst die Dummköpfe in keinem
Falle er weiß dass auch Schurken bloß Schurken sind infolge Mangels an
Verstand Ein wirklich intelligenter Lump wird ein ganz anständiger Kerl sein
da nur ein Schafsgesicht einen nicht ganz sauberen Gedankengang in sich
entstehen lassen kann Und darum entschuldige dass ichs mit der Logik nicht
sehr genau nehme sind wir überzeugt dass an Allen was auszusetzen ist da es
mit der Verstandeskraft der uns bekannten Lebewesen nicht vollendet aussehen
kann Denn wäre der Verstand Aller vollendet so müsste ein Ei dem andern
gleichen was bekanntlich nicht der Fall ist Und darum verlangen wir auch in
den Kunstwerken nicht bloß die edelsten Terrassen und Dächer sondern auch alle
Stufen die hinaufführen Und darum sind uns Deine Manuskripte durchaus
nicht so überflüssig Und Dir soll das Geschreibsel der größten Rhinozerosse
auch nicht so überflüssig erscheinen Und darum wollen wir itzo in erster Linie
wieder was von Dir lesen Hast Du nun wieder Mut Ja Na da siehst Du es«
Ich musste lächeln biss mir auf die Unterlippe gab drei Sachen und ließ mich
auf einen Balkon führen um die weißen Schneekuppen der Berge zu sehen blauen
Himmel Schatten und Sonnenschein
Während ich allein auf dem Balkon saß lasen die Ägypter was ich ihnen
gegeben hatte
Der lachende Wolf
»Guten Morgen« sagte das gutmütige Trampeltier
Der Wolf aber lachte unbändig
»Warum« frug nun ganz ernst das Trampeltier »musst Du so schrecklich
lachen«
Der Wolf lachte noch stärker
Das Trampeltier schüttelte den Kopf und konnte sich die Sache nicht
erklären
»Klär mich auf« rief das Tier schließlich wütend
Der Wolf lachte am stärksten und sprach dann
»Am besten lacht es sich doch wenn man gar keinen Grund zum Lachen hat Das
ist ja das wahre Lachen«
Und der Wolf lachte wie hundert glückliche Goldgräber das ganze Wald und
Wiesenland lachte mit
Das Trampeltier ging verblüfft um die nächste Ecke da schries laut
»Dieser Wolf«
Die Roseninsel
Ein Klexmärchen
Unter einem dunkelblauen Himmel schwamm eine Insel die von oben bis unten mit
Rosen bedeckt war mit weißen gelben und roten
Das war die köstliche Roseninsel
Wege gabs auf der Insel nicht denn es wohnte da Niemand die Rosen blühten
und dufteten überall dass die ganze Insel wie ein schwimmender Rosenstrauss
aussah Aber dieser Strauss war nicht glücklich denn das Meer in dem er
schwamm war pechrabenschwarze Tinte
Und wenns windig wurde spritzte die pechrabenschwarze Tinte hoch auf so
dass die meisten Rosen schwarz gesprenkelt wurden Das machte die Rosen recht
hässlich und die Hässlichkeit machte die eitlen Blumen unglücklich
Es war den Rosen ganz unerträglich dass Niemand nahte um sie zu bewundern
Indessen eines Tages segelte ein buckliger Zwerg auf einem Silberschiff
übers große Meer und kam dabei auch in die Tinte wie schon Manche vor ihm
Während aber die Andern immer möglichst schnell aus der Tinte wieder
rauszukommen strebten und sich für die beklexte Roseninsel durchaus nicht
begeistern konnten fiel es dem buckligen Zwerge gar nicht ein die Tinte für
ein Übel anzusehen ganz im Gegenteil
Der Bucklige wollte nämlich ein Land entdecken das anders ist als alle
andern Länder und von allen Menschen seiner Absonderlichkeit wegen gemieden
wird
Nun solch ein Land war eben die Roseninsel das war die richtige Welt
die er suchte die war ganz anders als die gewöhnliche Menschenwelt
Und die Rosen gefielen dem Buckligen über alle Massen »Schwarzgefleckte
Rosen Wonnige Klexblumen« rief der kleine Mann schwärmerisch aus »kommt an
mein edles Herz Die Welt die mit Tinte befleckt ist die Welt ist allein mein
wahres Heimatland da sieht endlich mal Alles anders aus«
Und die Rosen kicherten
Aber der Bucklige landete bahnte sich ein paar Wege bis in die Mitte der
Insel und baute sich dort mit den Planken seines Silberschiffes einen kleinen
Palast allwo er lebte bis an sein seliges Ende
Die Rosen waren glücklich
Man kann sich eben auch in der Tinte wohl fühlen
Der buckliche Zwerg fühlte sich jedenfalls in der Tinte außerordentlich wohl
nur da war er wirklich auf Rosen gebettet
O du merkwürdige Rosenwelt
O du sonderbare Tinte
O du beneidenswerter Zwerg
Silentium
Sehr merkwürdige Affenpinscher stürmen in die Arena das Publikum staunt die
Pauken donnern und die Fidelbogen flitzen über die süßen Saiten der drolligen
Knackmandel Hinten rauscht ein altes Seidenkleid in den Glühlampen zucken
junge Geisterquallen
Die Affenpinscher aber halten sich den Mund zu und sagen nichts
Was ist passiert
Die Erde hat sich eine Schlafmütze über die Ohren gezogen eine dicke
Schlafmütze
Still Still
Jetzt bloß ruhig sein
Still Still
Während die alten Ägypter drinnen lasen saß ich draußen auf dem Balkon in einem
sehr bequemen Sessel und rauchte meine nahrhafte Zigarre und schaute zuweilen
über die Balkonbrüstung hinunter in die grausigen Abgründe in deren Tiefe
Wälder und Dörfer schimmerten
Und dann sah ich wieder hinüber zu den weißen Schneekuppen der Berge die
unter dem blauen Himmel mächtig leuchteten mächtiger leuchteten als weißes
Papier da der Schnee doch komplizierter ist
Und ich sah Schatten und Sonnenschein und Alles atmete tiefen Frieden
die Berge lagen so ruhig da wie schlafende Kinder Ich dachte an die
Unsichtbaren und freute mich auf all das Leben das ich später noch führen würde
mit andern Geistern zusammen in mehreren Sphären zu gleicher Zeit Und ich
nahm mir vor schon in meinem irdischen Leben so viel wie möglich vom
zukünftigen durch Kombination vorwegzunehmen und zu Poesie zu machen
»Ausschöpfen lässt sich ja« sagte ich zu mir selbst »die große Welt doch
nicht Je mehr man von ihr kennen lernt um so größer wird für uns das was sie
immer noch außerdem hat«
Dann sollte ich noch mehr Geschichten geben
Und ich gab noch vier
Ich lass Dich nicht los
Ein Zerrbild
»Ich will was ich will« schrei ich ihm schrill wie eine LokomotivenPfeife
dicht überem Ohrläppchen ins immer noch nicht ganz taube Ohr
Und da hab ich ihm den Rock zerrissen
Und da hab ich ihm mit dem Zeigefingerknöchel der linken Hand in das
Fleisch gestoßen das ihm überem Herzen sitzt
Und dann hab ich ihm an den Schlund gepackt dass er die Augen verdrehte
wobei ihm der Schlips abfiel
Ich habe seinen dummen Schlips zertrampelt und dann habe ich wild
ausgesehen wie ein Teufel
Und da hat er Angst bekommen und sich nicht länger gewehrt
»Ich lass Dich nicht los«
Diese Worte sagt ich ihm so klar und deutlich dass er vollkommen das
Selbstbewusstsein verlor
Nun geht er ruhig neben mir mein Schatten mein Zerrbild Er sagt auch zu
mir »Ich lass Dich nicht los« Es klingt mir öfters sehr unheimlich ich
möchte eigentlich wieder allein sein
Diese verdammte Gier
Diese verfluchte Sehnsucht
Dieses alberne Herrschenwollen
Alles dieses lässt uns auch nicht los Nichts lässt los Diese Welt ist doch
sehr fest
Tief
Glatt und grau liegt vor mir unter mir das große Wasser das endlos ist wie
der Unsinn
Schönes großes Wasser hast Du mich lieb
Eine merkwürdige Gestalt kommt hinten aus Dir heraus und geht auf Dir wie
ein dicker Rentier aufm Tanzboden geht nach einer Bierreise
»Gestalt die Du da so unheimlich nahst bist Du betrunken Du gleitest ja
immer aus Geh vorsichtiger Langsamer Nicht mit beiden Füßen zugleich Immer
erst den linken und dann den rechten Fuß oder umgekehrt«
Die merkwürdige Gestalt die ganz in einen weißen Mantel gehüllt ist kommt
wirklich näher obgleich sie fortwährend ausglitscht
Es muss ein seltsames Vergnügen sein auf dem großen Wasser das immer grau
ist wie ein alter Sumpf so mit Anstrengung herumzuglitschen
»Mensch« rief ich »wenn Du ein Mensch bist und Deutsch verstehst so sage
mir warum Du da so beängstigend auf dem großen Wasser herumschwankst Betrunken
bist Du nicht sonst lägst Du längst auf der Nase«
»Es ist eben« versetzt der fortwährend ausgleitende junge Mann »so
furchtbar schwierig hier zu gehen«
»Na das merkt ein Pferd« schrei ich ihm zu »warum machst Du Dir denn die
Mühe Warum bist Du nicht zu Hause geblieben«
»Ich will« hüstelt nun der köstliche junge Mann »unter allen Umständen für
tief gehalten werden«
Mir wird ganz eigen zu Mute Ich verstehe dieses Individuum durchaus nicht
Die Quälerei soll für tief gehalten werden Hat man nicht schon genug zu leiden
Soll man sich noch ExtraWunden schlagen Dem Kameel da unten gehts wohl wieder
mal zu gut
»Das Schwierigste ist das Tiefste« flüstert der alberne Geck »mir kann
nichts schwierig genug sein Mir gefällt übrigens der schlüpfrige Pfad ganz
ausgezeichnet«
»Ach so« brüll ich nun »Dir kommts nur auf die Schlüpfrigkeit an
Mensch Du bist wirklich tief«
»Tief Sehr tief« stößt heiser wie stets das Gespenst hervor und
glitscht weiter als ginge es auf einem eingeseiften Walross
Es ist nicht mehr zum Ansehen
Es ist zum Schießen
Gleich muss der dumme Kerl auf der Nase liegen
Das soll alles »tief« sein
Es ist zum Schreien
Schlacht ein Schwein
Schlacht Dein zerbrochenes Nasenbein
Das ist noch tiefer das schmerzhafter ist
Ich steige höher in die hellen Wolken hinein
Das ist wahrscheinlich nicht tief
Aber ich glaube leider nicht daran dass man weiterkommt wenn man
runterkommt
Ich bin wohl zu vernünftig
Ich kanns aber nicht ändern
Ewig ausgleitendes Gespenst Du bist mir schrecklich wie ein Alb auf der
Brust Fall doch
Nackte Kultur
Schwarzer Spaß
Schwipp Da flogen die schwarzen Cylinder die weißen Bäffchen die Trikots und
Chemisettes die Frackschösse und die Ärmelröcke die Strümpfe Krinolinen und
alle die andern Höllenhüllen auf die großen Scheiterhaufen rauf
Die Flammen loderten majestätisch zum afrikanischen Himmel empor und die
schwarzen Herren und Damen aus Afrika umtanzten die lodernden Flammen wie die
Besessenen
Nackt waren die schwarzen Menschen splitternackt Zehn Volksredner aus
Europa hatten es fertig gebracht ganz Afrika zu revolutionieren
»Schwarze Menschen« hatten die Volksredner gesagt »Ihr müsst eine neue
Kultur begründen Lasst Euch von den Europäern nichts weiß machen Die Europäer
sind mit ihrer unnatürlichen Kultur sehr unzufrieden da die vielen
Kleidungsstücke den ganzen Menschen beengen Werdet wieder nackt wie ihr
einstmals wart und Ihr werdet plötzlich an der Spitze einer neuen Kultur
stehen an der Spitze der nackten Kultur der natürlichen Kultur die dem
Menschen gestattet frei zu leben frei von allem Plunder Es lebe hoch der
nackte Mensch mit der splitternackten Kultur Hört Ihr schon was näher kommen
Hört Ihrs noch nicht Es sind die Maler und Bildhauer die da kommen Sie eilen
aus allen Erdteilen herbei und wollen sich bei Euch niederlassen da sie im
nackten Menschen das ächte wahre Kulturideal erblicken Das Fleisch ist der
große Trumpf der Natur die Kulturauster also hoch das schwarze
Menschenfleisch Hoch Hoch«
Und die Schwarzen entkleideten sich allesamt und standen nun da in ihrer
stolzen Nacktheit wie Adam und Eva im Paradiese Die schwarzen Leute umtanzten
mit ihren schwarzen Weibern die Scheiterhaufen auf denen all die lächerlichen
Bekleidungsgegenstände endgiltig verbrannten
Und dann arrangierten die sämtlichen nackten Völker des heißen schwarzen
Erdteils einen grandiosen Küstenreigen mit Pechfackeln Die Kinder trugen die
Pechfackeln
Die Schwarzen fassten sich alle gegenseitig an die Hände und bildeten so eine
mächtige Riesenkette und die Riesenkette hatte die Form einer Landkarte von
Afrika denn diese MenschenKette drückte auf die sämtlichen Meeresküsten des
afrikanischen Kontinents Um die unzähligen Mohrenfüsse plätscherte das
Seewasser Die Kinder mit den Fackeln jauchzten
Also zeigte sich die neue Kulturhorde den zurückgebliebenen Erdteilen in
ihrer stolzen Nacktheit
Die zehn Volksredner aus Europa standen ganz nackt in dem
Äquatorsonnenschein und gratulierten sich händeschüttelnd dem hagersten von
den zehn Volksrednern war allerdings die neue Kultur noch lange nicht nackt
genug und sie beschlossen in Europa hundert Millionen Rasiermesser anfertigen
zu lassen alle Haare sollten rasiert werden sogar die Augenbrauen und die
Wimpern
Die Schwarzen aber tanzten auf den Meeresküsten wie die Besessenen sie
drückten sich dabei immer fester die schwarzen Hände die schwarzen Seelen
dampften
Das war ein Kettentanz Das war ein Befreiungstanz
Das war das erste nackte Kulturfest mit flackernden Pechfackeln und bewegten
Beinen
Alle Mannsleute und auch die Weibsleute waren ganz aus dem Häuschen
Alle Künstler der Erde klatschten Beifall mit ungeheurem Eifer
Durch den kolossalen Schall entstanden viele Gewitter mit Blitz und Donner
Die Rasiermesser kamen langsam näher auf reichbeflaggten
Regierungsdampfern
In Timbuktu sollte den schwarzen Leuten das kunstgerechte gegenseitige
Einseifen beigebracht werden das Rasieren verstanden sie bereits nur mit dem
Einseifen wollte es immer noch nicht so recht gehen
Die Seifensieder freuten sich so wie Künstler und Barbier
Heisse Luft
»Wie wird mir« rief der Stern Klixu
Ihm wurde so merkwürdig Alles dehnte sich in ihm und es ging son großes
Behagen durch seinen Leib
Und die ganze Welt schien ihm immer schöner zu werden so lustig
»Wie wird mir« rief der Stern Klixu
Er war in eine andre Weltgegend gekommen wo die Luft heiß ist
Was doch die Luft macht
Dann war ich wieder mit den Nilpferdchen in einem kolossalen Grottensaal
zusammen
In diesem Grottensaal gabs an den Wänden und Säulen und auf den Terrassen
zwischen den feinsten Tropfsteingebilden unzählige blinkende Wasserfälle die
aber lautlos waren was recht unheimlich doch nicht unangenehm wirkte
Während wir nun langsam an stillen Teichen mit lautlosen Fontänen
vorüberwandelten und ich mich im Stillen über alle diese Wunderwelten mal
ordentlich auswunderte fiel mir plötzlich schwer aufs Herz dass auch diese
herrliche Zeit ein Ende nehmen müsste und dass ich auch den alten Ägyptern bald
fern sein würde
Und mir traten ohne dass ichs wollte ein paar dicke Tränen in die Augen
ich lachte zwar gleich aber die Ägypter merkten doch was los war
Und wir sprachen vom Abschiednehmen
Der General Abdmalik meinte
»Als ich noch in Syrien gegen die Chetiter kämpfte und so manchen guten
Kameraden durch den Tod verlor wurde mir sehr bald klar dass uns der Gestorbene
oft viel näher ist als der Lebende Die Leute die sich bloß mögen solange sie
sich gegenseitig ins Auge sehen können sind sich nicht sehr gut Es gibt
Freundschaften für die es keine Entfernungen gibt und auch keine zeitlichen
Unterschiede Und darum glaube ich dass auch Du lieber Onkel bei uns bleiben
wirst wenn Du fort bist Und darum sei nicht traurig Werde nicht böse Das
Wort Freundschaft genügt natürlich für derartige Zusammenhänge verschiedener
Lebewesen ganz und gar nicht Für die besten Dinge hat eben die menschliche
Sprache Worte noch nicht gefunden«
»Und darum« fiel nun der Pyramideninspektor ein »müssen wir jetzt ganz
besonders lustig sein und uns fest einprägen dass es lichtlose Situationen nicht
gibt Wenn wir auch mal scheiden müssen es ist auch das gut so Manche Wesen
wurden uns erst dadurch zu ganz außerordentlichen Wesen dass wir von ihnen
Abschied nehmen mussten Das wird Dir auch zuweilen so gegangen sein Das spielt
bereits ins Geisterhafte hinein Doch bevor wir Dir mehr von dem ausserräumlichen
Zusammenhange der Kreaturen erzählen musst Du uns etwas Längeres vorlesen
eine Geschichte die uns eine Erinnerung bleibt die uns verbindet mit Dir so
dass wir Dir auch helfen können wenn Du nicht mehr bei uns bist«
Ich strich leise über Riboddis Kopf Funken sprangen in meine Hand und
ich suchte danach in meinen großen Taschen lange Zeit
Und ich fand was ich suchte stieg auf eine Terrasse und las dort
Lika
Eine KünstlerOdyssee
I
Wie lachende Kinder schaukelten die Wellen auf der großen See
Der Himmel war dunkelblau
Das Wasser war dunkelblau
Lika saß in einer feinen weißen Porzellanschale deren Rand so kraus war wie
ein Kragen der Maria Stuart
Die ziemlich flache runde Schale zeigte im Innern krause Linien
mattbraune die sich zierlich verschnörkelten wie altindische Schrift
Und ein orangefarbiger Sonnenschirm schützte die Lika vor den Strahlen der
Sonne
Der Schirmstock stak in der Mitte der Porzellanschale Das orangefarbige
Schirmdach war aus Seide nicht gebogen sondern grad und steif wie ein Schirm
aus dem Lande der Chinesen
Lika wusste nicht recht was sie denken sollte
Jedoch da tauchte plötzlich neben ihr im blauen Meerwasser ein dicker Triton
empor und fragte nachdem er sich das Wasser aus den Augen gewischt hatte
»Nun Lika wohin willst Du«
Lika besann sich auf Worte doch sie merkte dass sie fast alle Worte
vergessen hatte
Nur ein Wort fiel ihr wieder ein das Wort »Heimat«
Und die Lika rief laut
»Du ich möcht in die Heimat«
Der Triton fragte wieder
»Was willst Du denn da«
»Das Glück«
Der Lika war dieses zweite große Wort ganz unwillkürlich in den Mund
gesprungen
Jetzt merkte sie erst was sie gesagt hatte und sie lächelte darüber
Der Triton aber meinte
»Gut so wollen wir die Heimat mit Deinem Glück suchen nicht wahr Lika«
»Ja« sprach sie
Darauf schwamm der Triton die Porzellanschale mit der Lika vor sich
herschiebend gradaus
Die Lika ließ sich das gern gefallen
II
Als sie nun so eine gute Strecke gefahren waren sahen sie einen kleinen Turm am
Horizonte
Die Lika frug
»Was ist denn das da«
Und der Triton sagte Wasser prustend
»Das ist ein Leuchtturm«
Als sie ziemlich nahe daran waren beugte sich ein riesiges Sprachrohr vom
Turme hinunter und die beiden Kinder des Meeres hörten eine laute Stimme die
frug dumpf
»Wer bist Du«
Der Triton versetzte mit schallendem Gelächter »Ich bin doch der Triton
der fidele Triton«
»Wen aber hast Du« kams nun wieder aus dem Sprachrohr »in der
Porzellanschale«
»Das ist doch« gab da der Triton zurück »die kleine Lika die will
wissen wo ihre Heimat ist und ihr Glück«
»Ist das Kind sehr klug«
Also hörten anitzo die Beiden fragen und die Lika gab zur Antwort
»Ich habs gar nicht nötig sehr klug zu sein wenn bloß mein Triton sehr
klug ist«
Langes Schweigen
Dann aber brummte es im Sprachrohr
»Die Lika ist tatsächlich das klügste Kind der Welt Ihr könnt in den Hafen
fahren«
Da klatschte die Lika vernügt in die Hände und tat ganz stolz
Der Triton jedoch brüllte laut
»Blase die Zwerge zusammen Blase Blase«
Und es geschah
Im nächsten Augenblick fingen tausend Blasen auf den Molen und am Ufer zu
blasen an
Das Blasen erschütterte die ganze Luft sodass sich die Lika ihre beiden
kleinen Ohren mit den Zeigefingern zuhalten musste
III
Die Zwerge kamen eiligst herbei
Die Lika fuhr mit ihrem Triton in den Hafen und ward dort von den Zwergen
herzlichst begrüßt sie schwenkten mit ihren riesigen gelben Strohhüten fröhlich
in der Luft herum
Und dann setzte sich der Triton mit seinen Fischbeinen bei der Feuerschänke
auf den Hafenrand
Der fidele Triton trank ein paar Eimer Jammerschnaps und erklärte den Zweck
seines Besuchs er ließ sich dabei gemütlich von den Zwergen das Kreuz reiben
Die Zwerge rauchten fast sämtlich gute Zigarren und sahen in ihren
buntdurchwebten Schlafröcken außerordentlich gutmütig aus obgleich sie sich
eigentlich nicht wenig einbildeten denn sie waren Maler ächte Künstler und
wussten das sehr genau
Wie daher der Triton beim zehnten Eimer fragte »Wo ist das Glück« riefen
alle Zwerge sofort
»Wo man Tag und Nacht Künstler sein kann«
Und als der Triton beim zwölften Eimer fragte »Wo ist die Heimat« riefen
die Zwerge abermals
»Wo man Tag und Nacht Künstler sein kann«
Die Lika unter ihrem orangefarbigen Sonnenschirm kraulte sich hinter den
Ohren kniff dem Triton in die Schuppen des linken Fischbeins und sagte
»Na dann wollen wir nur das Land suchen«
Die Zwerge taten sehr erstaunt und ein Dickkopf meinte
»Lika eigentlich hätte ich Dich für klüger gehalten«
Der Triton lachte Lika verstand das aber nicht
Und so verabschiedeten sich die beiden Kinder des Meeres denn die Lika
hatte es furchtbar eilig
Die Zwerge bedauerten dass der Besuch so kurz bemessen gewesen sei ließ
wieder alle Blasen blasen dass die Molen bebten und dabei fuhr die Lika mit
ihrem Triton am Leuchtturm vorbei wieder ins Meer hinaus allwo es etwas dunkler
wurde
IV
Es ward Nacht Die Sterne gingen auf und der große Mond
Der große Mond beleuchtete das große Meer und die Lika freute sich an dem
blitzenden Wellenglanz
Der Triton lenkte die Porzellanschale allmählich einem andern Lande zu
einem grünen Lichte das nur schwach am Horizonte vorschimmerte kam er langsam
näher
Die Lika machte den Sonnenschirm zu bog den Stock nach vorn so dass die
Spitze sich auf den krausen Rand der Schale legte und schlief ein bisschen ein
Als sie wieder erwachte sah sie vor sich ein großes schwarzes Gebirge
Unten wo der Fels ins Meer stieß war ein großes zackiges Loch das
schimmerte grün da fuhr der Triton mit der Lika durch Und nun schwammen sie
in einem weiten hohen grünen Grottensaal In herrlichen Nischen standen weiße
Gestalten aus Stein
Die Lika sah sich ganz verwundert um
Unten war Alles Wasser doch an den Seiten hinter den Nischen führten weiße
Treppen bis hoch in die grüne Lichtkuppel hinauf Die weißen Gestalten aus Stein
waren von Menschenhand geschaffen die beiden Kinder des Meeres waren bei den
Menschen die kamen jetzt langsam die weißen Treppen hinunter
Die ernsten Bildhauer in ihren weißen Gewändern glichen mit ihren langsamen
Bewegungen bösen Gespenstern
Die Lika hielt den Atem an ihr liefs kalt über den Rücken
Die Bildhauer lauter Menschen kamen langsam immer näher und das arme
Kind in der Porzellanschale fürchtete sich
Der Triton schlug mit der Faust aufs Wasser dass es hoch aufsprjetzte
V
Der fidele Triton taucht unter stößt beim Wiederauftauchen mit dem Kopf unter
die Porzellanschale und hebt sie hoch in die Luft hält aber noch die Hände an
den krausen Rand
Die Bildhauer flüstern was und wenden sich ab ihren Steingestalten zu
Der Triton bringt wieder dieselben Fragen wie bei den Zwergen vor jedoch
die Antwort bleibt aus die Bildhauer hämmern an ihren Steingestalten
Vorsichtig setzt der Triton die Porzellanschale wieder ins Wasser und sagt
ruhig
»Liebe Lika wundre Dich nicht über die Schweigsamkeit dieser Herren Sie
wollen Dir mit ihrem Gehammer bloß dieselbe Antwort geben die Du bei den
Zwergen vernahmst«
Die Lika versetzte kleinlaut
»Ich weiß noch Glück und Heimat ist dort wo man Tag und Nacht Künstler
sein kann Da müssen wir wohl wieder weiter Mir wird hier auch so schwül«
Der Triton lacht dass es im grünen Grottensaal unheimlich schallt und fragt
wild
»Kein Modell gefällig«
»Wir formen« brummt darauf ein alter Bildhauer »jetzt nur noch
Menschenkörper die verkrüppelten Wesen namentlich die knielosen sind nicht
mehr nach unserm Geschmack«
Das nimmt der Triton ganz ruhig hin schwimmt wortlos mit der Lika durch die
nächste Pforte ab in einen roten Grottensaal wo lauter Gruppen mit
Schlangenarmen in den Nischen stehen Es geht noch durch goldene silberne
blaue und anders gefärbte Grottensäle
Überall wilde Steingesellen mit lustigen Köpfen und seltsamen Gliedmaßen
abenteuerlich tolle Märchengeister
Öfters brummt der Fischbeinige
»Krüppel Feine Krüppel«
Die Lika versteht nicht was er damit sagen will
VI
Und dann sind die Beiden wieder in der freien Welt draußen unterm blauen
Himmel
Die Morgensonne lacht und die Lika lacht mit
Auf einem stillen Waldsee sind die Beiden sie freuen sich über die grünen
Bäume über die Wasserrosen und über die weißen Schwäne die würdevoll ihr Haupt
umdrehen um die Lika in ihrer Porzellanschale zu sehen Lika spannt wieder
ihren orangefarbigen Sonnenschirm auf
Am Ufer blühen dicke bunte Blumen wilde Enten fliegen hin und her Hirsche
kommen und trinken Wasser sehen die Lika und laufen fort in die dunklen
Wälder durch die Niemand durchblicken kann
Es ist still es bleibt aber nicht still
Von einem Birkenhügel klingt ein sanftes Saitenspiel hernieder
Und wie sie weiter fahren ertönen in den Wäldern harte Hörner und dröhnende
Pauken ganz in der Nähe hinterm hohen Schiff wird eine Flöte geflötet
Der Triton sagt
»Du das ist ein Dudelsack«
Aber danach hören sie einen glockenhellen Gesang viele Mädchenstimmen
An den Ufern wirds auf allen Seiten immer lauter Geigengesumm und
Trompetengeschnatter Trommelgerassel und Harfengeklimper
Musik überall
Und es klingt so fein zusammen
Die Lika lauscht und lächelt und bewegt im Takte die zarten Finger
Vorsichtiger bewegt der Triton seine glitzernden Fischbeine damit man ja
die Lika Alles hören kann all die vielen Jubelstimmen die dem Morgen »guten
Morgen« sagen
VII
Plötzlich auf allen Bergen ein wüstes Geschrei
Alle Instrumente kreischen durcheinander und es erscheinen die
Bocksbeinigen tolle Weiblein und noch tollere Männlein
Die Musiker sinds
Sie begrüßen den fidelen Triton und die drollige Lika mit graulichem
Gejohle
»Wo ist die Heimat« fragt der Triton
Da wirds mit einem Male wieder still und die Bocksbeinigen singen im
großen Chore
»Ach unsre Heimat ist doch überall
Im blanken Saale und im Stall
Auf freiem Berge und im engen Tal
Im grenzenlosen Weltenall«
Und dann springen die Sänger und Sängerinnen ins Wasser küssen den Triton und
wollen die Lika aus ihrer Schale herausheben aber ach das geht nicht die
Lika ist ja mit ihrer Porzellanschale zusammengewachsen wie die Schnecke mit
ihrem Haus
Großes Entsetzen
Aber die Lika macht wieder ihren Sonnenschirm zu und die Bocksbeinigen
beruhigen sich tragen ihre beiden Gäste so recht behutsam ans Ufer und spielen
dort zum Tanze auf An dem können nun die beiden Kinder des Meeres nicht
teilnehmen Jedoch das stört die Freude nicht
Nach dem Tanze wird Wein getrunken und Rauschmusik gemacht die ganze
Gesellschaft schwimmt in Seligkeit Alle erklären der Lika dass das Glück in der
Kehle und in den Instrumenten sitze ein vernünftiges Wort lässt sich mit diesen
Leuten nicht reden
Der Triton sagte bloß
»Liebe Lika glaube mir auch diese fidele Gesellschaft teilt die Meinung
der Zwerge in jeder Beziehung«
Und die Augen der Lika leuchteten verständnisinnig auf wie zwei neue
Sterne
VIII
Als das Fest zu Ende war erklärte die Lika ihrem Begleiter würdevoll »Mein
Lieber erlaube mal Jetzt will ich endlich ans Ziel kommen Das gesuchte Land
muss denn doch zu finden sein Wenn Du mich nicht bald hinführst so muss ich mir
einen andern Führer suchen So gehts nicht weiter«
»Hm« versetzte der Triton weckte mit einer dreieckigen Trommel ein paar
schlafende Musiker und bat um einen Wagen
Ohne die Andern Musiker in ihren Träumen zu stören sie schliefen sämtlich
kamen die Herren bereitwillig der Bitte nach spannten sechs Hirsche vor ein
Kabriolett und bald gings über Stock und Stein in eine andre Gegend die
Lika kriegte Angst bei der schnellen Fahrt denn sie saß in einer Schale von
allerfeinstem dünnstem Porzellan
Auf einem großen runden mit bunten Fliesen bedeckten Platze blieben die
Hirsche dampfend stehen
Und aus dunklen Wolken kam ein aufgeblasener Luftballon herunter
Die Lika schlug die Hände überem Kopfe zusammen aber die Bocksbeinigen
setzten sie mit ihrer Porzellanschale in die Gondel halfen auch dem Triton
hinein und fort gings hinauf in die dunklen Wolken
Das war eine Fahrt
Die Lika war ganz sprachlos
Der Ballon fuhr durch die Wolken durch und kam in den hellen blauen Himmel
Drei Bucklige kletterten an den Gondelstricken empor und drüben stieg ein
riesiges Purpurgebirge so hoch ins Blaue dass man die roten Spitzen oben nicht
mehr sehen konnte
Aber was Andres sahen die Kinder des Meeres lange Männer mit furchtbar
langen schmalen Flügeln
Die Flügelmänner flogen an den Purpurfelsen herum wie Schwalben vor ihren
Nestern herumfliegen
»Was sind denn das für Kerls« frug die Lika
Und die drei Buckligen riefen oben unterm Luftballon
»Das sind die großen Dichter«
IX
Na die Dichter waren ganz freundliche Herren sie empfingen die schnurrigen
Gäste wie alte Bekannte hoben sie aus der Gondel und brachten sie durch ein
rundes Fenster in ihre Felsenwohnung Der Triton legte sich gleich auf einen
molligen Divan und stopfte sich einen Tschibuk
Die Lika setzte man auf einen fünfeckigen Fenstertisch von wo aus das gute
Kind eine prächtige Aussicht über kunterbunte Wolkenbündel genoss keilförmige
Schatten und Sonnenstrahlen huschten vorüber
»Also jetzt« sprach Lika an ihre Porzellanschale klopfend »soll mir
endlich der richtige Weg zur Heimat mit dem Glück gezeigt werden Bitte
Sprechen Sie meine verehrten Herren«
Die Dichter erkundigten sich tiefernst bei dem Triton nach dem was das
resolute Kind wissen wollte und dann hub der Älteste der Dichter also an
»Für diejenigen Weltbewohner die Laien und keine Künstler sind bedeuten
die Begriffe Heimat und Glück etwas Andres als für uns Künstler Das Laienvolk
verbindet eben mit den einzelnen Worten völlig andre Geschichten Das geht uns
natürlich nichts an Laiensache bleibt Laiensache Wir Künstler aber nennen die
ganze Welt unsre Heimat und finden überall dort unser Glück wo wir nach unserm
Geschmack leben können Das Land das Du suchst brauchst Du also nicht mehr zu
suchen denn Du bist ja schon da Du willst doch Künstlerin werden nicht wahr«
»Ich möchte «erwiderte schüchtern die gute Lika »gern eine Künstlerin
werden«
»Das freut mich« sprach der Dichter »freut mich sehr Ich hätte Dich auch
im andern Falle zum Fenster hinausgeworfen«
»Aber« schrie erschrocken die Lika »meine Porzellanschale wäre dann doch
entzweigegangen«
»Wir Dichter sind« fuhr der alte Herr unbeirrt fort »ebenfalls Künstler
außerdem haben wir noch die Verpflichtung weise Gedanken zum Ausdruck zu
bringen Namentlich kommt es uns zu jegliche Einrichtung der Welt im besten
Lichte zu zeigen und alle Schattenseiten nach Möglichkeit zu erhellen« Der
Triton lachte leise auf seinem molligen Divan und blies wirbelnde Tabakswolken
in das stille hochgelegene Dichterzimmer
X
»Kluge Lika merkst Du nun bald was«
Also der Triton die Lika sagte
»O ja Ich merke dass die ganze Reise eigentlich überflüssig war denn was
ich suchte ist ja da Unsre Heimat ist überall Und das Glück kommt ja beim
Schaffen So klug um das Alles zu begreifen bin ich schon Wo aber lerne ich
das Schaffen«
»Schaf« versetzte beim Flügelputzen ein jüngerer Dichter »ordentliche
Künstler lernen überhaupt nichts von Andern sie probieren einfach und können
dann was«
»Ach so« flüsterte nun die Lika lächelnd »da werde ich Erinnerungen aus
meinem Leben schreiben das kann ich bereits«
Die Dichter verneigten sich respektvoll und begrüßten in dem
Porzellanmädchen die neue Kollegin empfahlen ihr aber zuvörderst ins
Riesenreich zu fahren allwo für Dichterinnen und Erinnerungskunst sehr viel
Platz vorhanden sei
Die Lika sagte nicht »Nein« und so gings schnurstracks ins Riesenreich
Die höflichen Dichter brachten ihre beiden Gäste schleunigst in die
Hinterzimmer und von dort in eine düstere Höhle die nur von Fackeln erleuchtet
wurde Unten plätscherte Wasser da setzte man die Beiden hinein
Und bald schwamm der Triton die Porzellanschale wieder vor sich
herschiebend durch einen matt erleuchteten Höhlenfluss
Das Wasser rauschte sehr es rauschte immer stärker immer schneller schoss
es dahin Bald merkte die Lika dass sie sich in einem reißenden Strome befanden
»Wir sind in der Wasserrutschbahn« brummte der Fischbeinige hob die
Porzellanschale ein bisschen höher und dann gings wie eine Pfeil hinab
rasend rasch wieder hinaus ins Freie
Und durch den spritzenden Wasserschaum sahen sie das Riesenreich
XI
Uih
Das saust und braust und schäumt und sprüht seinen Wasserstaub dass
Regenbogen entstehen hinunter gehts in grader Linie zum dunkelblauen Meere
Und was sieht die Lika
Riesen sieht sie drüben auf den Inseln des Meeres Die Riesenköpfe ragen
hoch in die Wolken und bauen tun die Riesen Paläste bauen sie mit blitzenden
Türmen Erkern und Säulenhallen Alles funkelt und glüht und zuckt und sticht
in lodernd brennenden Farben denn alle Bausteine sind natürlich echte
Edelsteine und Diamanten riesige
Die Lika jauchzt ihre Haare flattern ihre Kleider flattern und das
Wasser stürzt polternd große Wogen rauschend mit dem Triton der die
Porzellanschale geschickt hoch über seinem Haupte hält ins blaue Meer
»Das war eine feine Fahrt« ruft die Lika als sie unten sind Die
Purpurgebirge liegen schon weit hinter ihnen denn die Wasserrutschbahn fährt
schnell dahin wie eine Kanonenkugel
»Willst Du nun« fragt der Triton »auch die Riesen noch einmal fragen wo
Deine Heimat mit Deinem Glücke ist«
»Das ist wohl« erwiderte die Lika »nicht grade nötig denn ich weiß ja
schon dass unsre Heimat und unser Glück bloß dort ist wo wir ungestört Künstler
sein können Hübsch wärs aber doch wenn wir frügen Wie machen wir das«
Likas Führer steuert der nächsten Insel zu wo das ganze Ufer aus hohen
Säulenhallen besteht dort klingelt er an einem dicken Strick und bald
erscheint eine kolossale Riesentrompete in der Luft Wieder werden die alten
Fragen gestellt
»Wo ist unsre Heimat« brüllt der Fidele
»Bauen« tönts aus der Trompete zurück
»Wo ist unser Glück« fragt er dann
Und abermals kommts aus der Trompete heraus
»Bauen«
»Siehst Du« sagt da der kluge Meermann »die Riesen meinen ganz genau
dasselbe wie die Zwerge Jetzt weißt Du doch endlich was Du wissen willst Es
war nicht leicht Dir die Geschichte klar zu machen Deine Heimat hast Du also
gefunden Nun schreibe Deine Erinnerungen damit Du auch glücklich wirst«
»Ich danke Dir« sagte freundlich das gute Porzellangeschöpf »gib mir nur
das nötige Papier und einen Tintenstift Ich will gleich glücklich sein«
Der Triton zieht das Gewünschte aus seinem Rucksack hervor und gibt es hin
Der Himmel ist blau
Das Meer ist blau
Der Triton taucht unter
Die Lika schreibt ihre Erinnerungen unter ihrem orangefarbigen Sonnenschirm
XII
Feierlich türmen die Riesen einen edlen Baustein auf den andern heften die
großen Diamanten ordentlich fest messen und zeichnen und rechnen bauen Palast
an Palast dass alle Inseln im Riesenreich immer herrlicher glänzen und glitzern
wie Kronen wie ewige Kronen
Schiffe kommen und bringen neues Werkzeug unzählige neue Stoffe Silber und
Glas für die Kuppelbauten Gold für die dicken Wetterfahnen
Die weiten Säulenhallen die Terrassen mit ihren spiegelnden Fliesen die
Treppen mit den offenen Pforten fassen die hohen Inseln so ein als wärens
Juwelen Aus den Turmlaternen leuchtets wie aus glücklichen Augen Und alles
scheint weit aufgetan zu sein frei sonnendurstig
Die Lika sitzt in ihrer Schale schaukelt im Meerwasser neben einem großen
siebeneckigen Turm schreibt aber so emsig an ihren Erinnerungen dass sie das
Schaukeln gar nicht bemerkt
Der Triton bringt ihr einen neuen Tintenstift und meint schmunzelnd
»Es ist nur gut dass Du wie alle ächten Künstler von der Luft leben kannst
sonst würdest Du vielleicht nicht ganz so glücklich sein«
»Doch« sagt sie »ganz so glücklich«
»Na Na« tönts zurück
Möwen schweben vorbei weiße
Das Meer ist blau
Der Himmel ist blau
Und die Lika schreibt
Der Triton plätschert im Wasser herum und spielt mit dicken Lachsen
Finis
Hierüber sprachen wir Vieles
Die alten Ägypter setzten mit vielem Eifer ihre Kunstanschauungen
auseinander es würde zu weit führen hier auf diese näher einzugehen es liegt
ja wohl auf der Hand dass sich die Nilpferde auch die Entwicklungsfähigkeit der
irdischen Kunst in unendlichen Reihen dachten und dem konnte ich nur
zustimmen Ein unglaubliches Ereignis schnitt darauf mit einem Male das Gespräch
ab ich sah Millionen weißer Mäuse aus allen Ecken hervorkommen
Und die Zahl der weißen Mäuse vermehrte sich derart dass die Wände Säulen
und Terrassen die alle tropfsteinartig gebildet waren ganz weiß wie Schnee
wurden was sich zwischen den unzähligen lautlosen Wasserfällen und
Springbrunnen höchst seltsam ausnahm Lapapi klopfte mir auf die Schulter und
fragte mich
»Glaubst Du dass Dein Wesen durch Deine äußere Erscheinung wesentlich
markiert ist«
Ich verneinte das lebhaft
»Glaubst Du« fuhr er nun fort »dass Du gleichzeitig noch was Andres sein
kannst Etwas von dem Du augenblicklich nichts weißt«
Ich bejahte das ebenso lebhaft denn die Nilpferde die zugleich alte
Ägypter waren schienen mir allein schon Beweis genug zu sein
Lapapi sagte jedoch triumphierend
»Siehst Du So weit wollten wir Dich haben Wer weiß was wir außer dem was
wir jetzt zu sein scheinen noch außerdem sind Wir sind eben höchst
wahrscheinlich ebenso kompliziert wie die Welt Und diese Erkenntnis unsrer
selbst ist fast ebenso wichtig als die Erkenntnis der Welt Und darum kannst Du
wohl annehmen dass diese weißen Mäuse auch nicht bloß das sind was sie zu sein
scheinen Und darum«
»Und darum« tönte es nun aus tausend Mäusekehlen und ich sah dass jede
Maus auf den Hinterbeinen saß was urpossierlich wirkte
»Und darum« schloss nun Lapapi »gib mir ein paar Deiner Geschichten die
ich den Mäusen vorlesen möchte«
Ich tat natürlich sofort was er wollte
Wir setzten uns auf weiße Pelzsessel die jetzt neben uns standen und
Lapapi las den Mäusen vor während ich in aller Gemütsruhe eine Zigarre rauchte
Flausen
»Lass mich gehen trauriger Mond« rief die schwarze Prinzessin und sie schlug
nach ihm mit ihrem Perlenfächer Der Mond lächelte rieb sich mit seinem linken
kleinen Zeh den rechten Nasenflügel und umarmte die Prinzessin
Der aber ward die Geschichte lästig denn der Mond ein dünnbeiniger
Liebhaber war das lächerrlichste aller Weltgeschöpfe wenn er nicht am Himmel
stand und leuchtete War er oben nicht zu sehen so war er unten und machte
lauter unnütze Flausen und dabei lacht er immer so widerlich obgleich ihm
eigentlich sehr traurig zu sein pflegte
Der Mond blies auf seinem Waldhorn ein altes Lied und schlug dazu den Takt
mit seinem dicken Kopfe indem er mit diesem immer wieder gegen einen alten
Baumstamm stieß natürlich mit dem Hinterkopfe
Der Prinzessin schien das zu dumm sie rannte schleunigst davon Und der
Mond lachte riss sich die Beine mit den Armen aus indem er diese wie Schlangen
um die unteren Gliedmaßen rumschlang biss sich dann die Arme und den Rumpf ab
und schwebte lachend den nächsten Wolken zu
Das Waldhorn blieb im Walde
Die neuen Storchnester
StilScherzo
Es war einmal ein gebildeter Mann dem waren die Storchnester nicht schön
genug
Und er begann neue Storchnester zu konstruieren aus farbigen Hölzern in
allen möglichen Stilarten
Und so setzte er dann in einem schönen Winter die neuen Storchnester auf
seinem Hause und auf denen der Nachbarn an die Stelle der alten Storchnester
Im Frühling aber kamen die Störche und suchten ihre alten Storchnester und
fanden sie nicht Enttäuscht und in verbitterter Stimmung flogen die Störche
weiter
Der gebildete Mann war empört
Und seine Nachbarn waren so wütend dass der Gebildete sofort eine
Erholungsreise antreten musste
Diese ungebildeten Störche
Die wilde Hummel
Eine Fabel
Eine wilde Hummel wurde jeden Tag älter und das gefiel ihr nicht
Sie wollte jeden Tag jünger werden
Als nun der Zaubrer Zappro des Weges kam bat die wilde Hummel diesen
mächtigen Mann um ein Verjüngungskraut
Zappro schmunzelte und gab das was die Hummel von ihm verlangte
Das dumme Tier frass von dem Kraut und wurde nun täglich jünger aber auch
kleiner schließlich so klein wie die Kleinsten und dann allmählich zum
Ei »Ei Ei« schrie da die Wilde »bin ich jetzt eigentlich besser dran«
Zappro lachte und ging weiter
»Man soll eben« murmelte er vergnügt »nicht zu toll nach der Jugend sein
Die gibt uns das ewige Leben ganz bestimmt nicht«
Die vernünftigen Hummeln umsummten Zappros Kopf und wollten sich gar nicht
von ihm trennen ein weiser Mann hat sehr viel Anziehungskraft
Oh wenn ich den Beifall beschreiben könnte der mir nach diesen kleinen
Scherzen von den weißen Mäusen zu Teil ward Sie kicherten und schmunzelten und
klatschten mit ihren Vorderkrallen zusammen dass es sich anhörte als würden
alte Felsen mit Sandpapier abgerieben
»Na Onkelchen« rief mir der König Ramses zu »jetzt hast Du mal einen
Beifall erlebt So was muss man auch mal erleben« Und nachdem ich unendlich
viele Worte des Entzückens von den Mäusen vernommen hatte so dass ich schon
unwillkürlich lachen musste verlangten die Mäuse noch eine Zugabe
Es sollte aber eine menschliche Geschichte sein
Wer würde wohl glauben dass ich mich lange bitten ließ Es fiel mir gar
nicht ein mich lange bitten zu lassen ich holte was vor und bat den Lapapi
zuerst einmal die Geschichte anzusehen
Als das geschehen war fragte ich den Lapapi ob ers nicht für richtig
hielte dass der General Abdmalik die Geschichte vorläse Lapapi schmunzelte gab
dem General die Papierblätter und der General las nun vor nachdem er mir noch
eine paar sonderbare Blicke zugeworfen hatte die ich nicht verstand
General von Bax
Luftspass
»Nicht mit dem rechten Zeh den Mond kitzeln«
Also donnerte der General von Bax beim Betreten des Exerzierplatzes seine
Mannschaften an
»Die Leutnants müssen viel schneidiger an die Luft gesetzt werden« brummte
er dann in seinen Bart dabei setzte er sich auf seinen Luftstuhl
Das LuftRegiment war vollzählig mitten in der Arbeit »Was wollen Sie
mehr« fragte der General seinen alten Freund den persischen Oberstleutnant
Nisaraddi
Der riss die Augen auf und rief
»Teufel Hagel Schinkensemmel«
Die Adjutanten lachten denn der Perser pflegte seit Jahr und Tag die
meisten deutschen Worte an der falschen Stelle zu gebrauchen
General von Bax klatschte in die Hände befahl die Luftballons
runterzuziehen und ließ zunächst mal sein ganzes Regiment in Reih und Glied
antreten
Das Regiment nahm einen ganz gehörigen Platz ein denn die Soldaten des
Herrn von Bax sahen sämtlich dicker aus als der alte Falstaff zehnmal so dick
Die Soldaten sind nicht so dick weil sie so viel zu essen bekommen die
Uniform macht es Eine kugelförmige Korkhülle schützt die Soldaten vor
unliebsamen Zusammenstössen mit dem Erdball es sieht oftmals recht gefährlich
aus wenn ein Soldat bei seinen Übungen oben am Luftballon plötzlich runterfällt
aber Korkmantel und Fallschirm machen das Fallen beinahe zum Vergnügen nur
bei starkem Sturm ist das Fallen gefährlich
Und nach fünfzehn Minuten steht das LuftRegiment in schneidigster
Paradestellung vor seinem General die Luftballons bilden den Hintergrund
Die kugelrunden Korkmäntel sind so dick Über ihnen sind die kleinen
Soldatenköpfe zu sehen Aber über diesen Köpfen ragen die hohen Fallschirme
zusammengeklappt wie riesige Helmspitzen zum Himmel empor Unter den Korkmänteln
sind nur die Soldatenstiefel zu sehen die haben breite dicke Korksohlen
Marschieren tun die Soldaten niemals das überlassen sie den Erdregimentern
Doch mit dem Fallschirm wird exerziert Der verschwindet zuerst blitzschnell im
Korkmantel der Soldatenkopf verschwindet dabei ebenfalls im Korkmantel
Hiernach steigt der Kopf wieder ans Tageslicht und die Füße verschwinden
Sodann erscheint abermals der Fallschirm und spannt sich auf Ein köstliches
Exerzitium
Der persische Oberstleutnant hält sich den Bauch vor Lachen und umarmt den
General von Bax stürmisch wobei dem Perser unzählige funkelnde Tränen über die
braunen Wangen rollen v Bax lächelt wie ein Unsterblicher
Indessen treten die zusammengekoppelten Fesselballons in Aktion Die Ballons
haben das Aussehen großer Lampions von kurzer Säulenform Alle zeigen hellgrüne
und gelbe Querstreifen Im Innern bestehen die Ballons aus vielen separierten
Blasen so dass durch ein paar Kugellöcher nur sehr wenig Gas entweichen kann
Oben im blauen Himmel stehen die hellgrün und gelb gestreiften Ballons
ebenfalls wie Soldaten in Reih und Glied Ein imponierender Anblick
Und dann wird das Regiment an langen Stricken zum Himmel hinaufgezogen
aber nicht bis dicht unter die Ballons so weit nicht Die Soldaten bleiben
zumeist tiefer sie füllen die ganzen Stricke sie hängen wie die
Papierschnitzel am Schwanz eines Papierdrachens
Und oben wird eine Salve abgegeben und nach der Salve rasen die
zusammengekoppelten Ballons über den ganzen Exerzierplatz Und die Soldaten
fliegen dahin wie die Schwalben im Sturm
Danach treten die Wolkenmacher in Aktion und das Regiment wird in dichte
graue Dampfwolken gehüllt Motorwagen ziehen unten das Regiment kreuz und quer
über den ganzen Exerzierplatz und währenddem wird aus den Dampfwolken heraus in
verschiedenen Höhen immerfort geschossen dass es knattert und knallt wie im
veritablen Kriege
Zuletzt zieht das Regiment ganz in Dampfwolken gehüllt mit feierlicher
Luftmusik beim General von Bax vorbei den neuen Kasernen zu wobei Häuser
Straßen und Kirchen kaum ein bemerkenswertes Hindernis bilden so hoch kann das
Regiment steigen
Und die Marschklänge in den Lüften rauschen nieder wie militärische
Sphärenmusik
Ungezählte Volksscharen klatschen Beifall von Bax und Nisaraddi umarmen
sich wieder und fahren in das beste FrühstücksRestaurant umjubelt von
begeisterten Männern Frauen und Kindern
So weit ist nun Alles ganz gut
Indessen jetzt kommt die Katastrophe
Der Schah von Persien erscheint und das Luftregiment soll sich natürlich im
besten Lichte zeigen in verblüffender ParadeAktion
Und während der Parade wirds plötzlich stürmisch Ein Orkan rast übers
Paradefeld Die Motorwagen kippen um Die Stricke reißen unten ab Die
Signalpfeifen kreischen alle auf einmal Und das ganze Regiment verschwindet in
den Orkanwolken auf Nimmerwiedersehen von Bax und Oberstleutnant Nisaraddi
verschwinden ebenfalls denn sie machten die LuftParade unvorsichtiger Weise
oben in der Luft mit
Der Schreck des Volkes der Regierung und des Schahs von Persien spottet
jeglicher Beschreibung ein langes Wehgeschrei zittert über die ganze
Erdoberfläche
Die Freie Volkszeitung schrieb in ihrem Abendblatte das natürlich
pechschwarz umrandet war
»Wir haben ja gleich gesagt dass man mit so gefährlichen militaristischen
Experimenten die dem armen Steuerzahler kaum noch zählbare Millionen kosten
nicht so leichtfertig hätte vorgehen sollen Die Tragfähigkeit der Ballons ist
eine so horrende gewesen dass nicht einmal das stärkste Schnellfeuer auf die
Ballons den Mannschaften etwas nützen konnte die Ballons blieben eben oben und
wurden mit dem ganzen Armeekorps ins Meer geschleudert Der tragische Vorfall
dürfte jedenfalls die Regierung zwingen allen militaristischen Neuerungen eine
erbarmungslose Skepsis gegenüberzustellen Man sieht ja wohin die Phantastik
führt« Der Allgemeine Staatsanzeiger stellte sofort in einem fachmännisch
geschriebenen Artikel fest dass von einem Schnellfeuer auf die Ballons gar nicht
die Rede sein konnte da sich ja die Mannschaften durch Feuern nach oben in
eigene Lebensgefahr gebracht haben würden die Soldaten hätten ja an ihren
Stricken über einander und nicht neben einander gesessen
Die Freie Volkszeitung ignorierte diesen Artikel und schrieb am nächsten
Tage mit noch dickerem Trauerrande
»Der empörende Leichtsinn unsres Generalstabes hat eine Katastrophe möglich
gemacht die in der ganzen Kriegsgeschichte niemals ihresgleichen finden dürfte
Bei dem hohen Seegange ist nicht einmal daran zu denken die Leichen des
verunglückten Regimentes zu bergen Der Schah von Persien wird einen netten
Begriff von unserer Kriegstüchtigkeit empfangen haben Die Katastrophe wird
unvermeidlich eine schwere Erschütterung unsres Staatsorganismus zur Folge
haben Wir stehen nach der Ansicht alter verdienter Generale vor dem Ausbruche
eines großes Krieges Unsre Feinde wissen ganz genau wie viel wir für das
LuftMilitär geopfert haben«
Und der Volkswille schrieb
»Es verlautet dass dem verdienten General von Bax der einen so tragischen
Tod in den Fluten des Oceans fand und dessen Leiche immer noch nicht geborgen
ist ein Denkmal gesetzt werden solle Dieses Denkmal dürfte für die Phantasten
im Generalstabe gleichzeitig ein ganz gehöriger Denkzettel sein«
Und das Publikum flatterte vor Aufregung
Nach drei Tagen aber kehrte der Herr von Bax mit seinem Regiment in die liebe
Heimat zurück denn er wurde rechtzeitig von einigen Kriegsschiffen »gerettet«
Nicht ein einziger Mann hatte sein Leben eingebüßt Nur etwas nass waren alle
geworden Die Korkmäntel hatten das Untersinken der Mannschaften unmöglich
gemacht Und die Ballons waren ebenfalls ganz unbeschädigt geblieben
Natürlich so groß wie am Paradetag das Entsetzen gewesen war so groß war
jetzt der Jubel wohl noch größer
Und von Bax hatte jetzt Oberwasser er konnte plötzlich tun was er wollte
Er war der Herr der Situation
Und die Situation auszunützen das versteht der Herr von Bax meisterhaft
Er setzt sofort eine ganze Reihe phantastischer Neuerungen durch
Zunächst führt er automatische Gummistelzen für seine Mannschaften ein so
dass die nötigenfalls mit einer Schnelligkeit marschieren können die ans
Lokomotivartige grenzt
Alsdann lässt er kolossale Kanonenballons bauen sodass die schwersten
Granaten von oben geschossen viel weiter fliegen als bisher
Durch Verwendung von gefesselten Luftkugeln die aber immer nach der Seite
geschossen werden nach der man hinwill erleichtert er die schwierigen Aufgaben
der Motorwagen die auf unebenem Terrain ihre Not hatten
Aber alles Das ist dem kühnen General noch nicht genug Er setzt auch noch
ein KlownsBataillon durch
Durch die tollsten Kostüme Späße und Grimassen Trapez und
AkrobatenKunststücke soll dieses Bataillon den Feind zum Lachen bringen die
Offiziere dieses polyformierten Bataillons müssen erprobte Humoristen sein
Die Phantasten haben im Generalstabe endgiltig gesiegt die Erdregimenter
werden einfach abgeschafft
Ohne Luftarmee arbeiten wollen erscheint plötzlich Allen als die höhere
Stieselei
Nisaraddi kauft gleich zweihundert Schlangenmenschen für den Schah von
Persien auf denn » der Klown im Dienste des Militarismus« erscheint dem
lachlustigen Perser die beste Erfindung der Neuzeit zu sein
Und die zweite Parade vor dem Schah wird zum größten Triumph für den General
von Bax
Jedesmal wenn das KlownsBataillon in Aktion tritt wälzt sich das gesamte
Publikum am Erdboden in fürchterlichen Lachkrämpfen
Es scheint allen Zuschauern so klar dass gegen die »komischen« Soldaten kein
Feind ankommen kann da selbst vergrämte Indianer in Lachkrämpfe verfallen
müssen und in dem Zustande ohne jede Schwierigkeit wie Seehunde mit Knüppeln
tozuschlagen sind
Keiner sagt Baxen das seien Faxen dazu ist der Luftgeneral viel zu
berühmt
Alle Welt ruft
»Bax Hurrah Bax«
Der aber sagt nur
»Das ist der längst entbehrte Humor im Militarismus« Leider hat der General
in der auf den Paradetag folgenden Nacht sehr bald zu viel Champagner getrunken
und sagt daher schließlich während ihm sein Diener Luft zufächeln muss da
nichts weiter als
»Luft Luft«
Niemals hätte ichs geglaubt dass auch diese Geschichte noch mal so viel Beifall
finden würde die Mäuse tanzten vor Vergnügen und ich hätte mich beinahe
schief gelacht
»Höhere Dammlichkeit« sagte ein jugendlicher Mauskönig »Dein Name ist
Mensch Wie froh sind wir nur dass wir nicht mehr als Menschen auf der Erde
herumzukrabbeln brauchen« Und dann folgte eine Schimpferei die nicht mehr
schön war und die Nilpferde schließlich ärgerte
Lapapi sagte ernst
»Ich finde es nicht richtig dass die Mäuse sich so rücksichtslos über die
Menschen lustig machen die Mäuse sollten bedenken dass ein Lebewesen in
Menschengestalt doch zugegen ist«
Die Mäuse waren augenblicklich still
Ich aber musste so schrecklich lachen dass mir die Luft wegblieb und das
Bewusstsein abhanden kam
Als ich dann aufwachte erblickte ich Dinge die mich in große Verwunderung
versetzten so was hatte ich bei den Ägyptern nicht vermutet
Es war das Furchtbarste was ich jemals sah
Ich glaubte in einem Schlachtause zu sein Immerfort wurden nackte
Menschen hereingeschleppt von dunkelbraunen Kerls die wie Schlächter gekleidet
waren Die brachen den nackten Menschen mit eisernen Stangen die Arme und Beine
entzwei und schlugen ihnen dann mit einem dicken Klumpenbeil ins Gesicht dass
das Blut nach allen Seiten spritzte Danach wurden die Leiber zerschnitten
ausgenommen und in einen großen Kessel geschmissen
Und dieses Treiben ging auch ganz lautlos vor sich
Ich wollte die Augen schließen da der Anblick gradezu entsetzlich wirkte
die Wut der Schlächter steigerte sich fortwährend und immer mehr nackte
Menschen wurden vor meinen Augen verstümmelt und totgeschlagen
Und ich konnte meine Augen nicht zumachen und musste das Entsetzliche ruhig
weiter mit ansehen
Doch auch das ging vorüber
Es gab nach einiger Zeit einen starken Knall und das schauderhafte
Schlachtbild war weg
Wundervolle Düfte strömten in mich ein und in der Luft schwebten zahllose
Frauengestalten in ganz zarten dünnen Gewändern und diese Frauengestalten
zerpflückten blaue rote und gelbe Blumen und warfen die Stücke der
Blütenblätter in Räucherpfannen aus Silber
»Das ist« sagte da Jemand hinter mir »ganz genau dasselbe wie das
Fleischerbild nur eine andre Erscheinungsform Du hast also gar keinen Grund
das Schlächterbild zu verurteilen denn es ist ebensogut bloß eine Chimäre wie
dieses was Du jetzt siehst«
Es gab dann wieder einen starken Knall und ich sah plötzlich die weißen
Mäuse in einem wundervollen Garten auf Steinfliesen Menuett tanzen
»Das ist« sagte dieselbe Stimme von vorhin »auch ganz genau dasselbe wie
das Schlächterbild nur eine andre Erscheinungsform Du bist nämlich wieder in
der Wunderküche allwo die Speisen für die sieben großen Nilpferde hergestellt
werden Diese sogenannten Speisen sind schrecklich kompliziert noch viel
komplizierter als Du ahnst denn was Du sahst war natürlich bloß ein
Gleichnis«
Ich wollte was erwidern doch die Stimme fuhr fort
»Du kannst Dir nicht denken dass der Weltraum wie er Dir zum Bewusstsein
kommt dadurch dass man ihm die größten Dinge zugibt oder abnimmt größer oder
kleiner wird Und so ist es auch mit der Zeit eigentlich können wir uns gar
nicht denken dass sie fortschreitet alles Vergangene ist uns oft scheinbar
eben so nahe wie das Gegenwärtige oder wie das Zukünftige Unbegreiflich
nicht wahrUnd leugnen kannst Du das Dasein dieser unbegreiflichen Dinge
keineswegs nicht wahr Na ja Aber bedenke würdest Du Alles begreifen so
würde die Welt gleich nach dem Begriffensein Dir langweilig vorkommen müssen
Ah Freilich Indessen damit die Welt nicht langweilig wird ist uns allzeit
ein beschränkter Verstand gegeben dessen wir uns nicht zu schämen brauchen
Eigentlich müssten wir uns über unser beschränktes Begriffsvermögen freuen denn
nur mit diesem wird uns die Welt erträglich Und darum sollten wir auch den
größten Fragen vom Weltganzen und vom Weltgeist der ein Allgeist sein will aus
dem Wege gehen Wir können doch nicht darauf rechnen mit einem beschränkten
Begriffsvermögen jemals das Unbeschränkte zu begreifen Und das schadet auch
nichts Wenn wir selber schon in unsäglich vielen Erscheinungsformen auftreten
können so müsste dementsprechend der Allgeist auch eigentlich ein Geist sein
der zu gleicher Zeit noch in unendlich vielen anderen Erscheinungsformen
aufgehen kann Hier hört natürlich unser Verstehen ganz und gar auf und
vernünftige Leute sagen glücklicher Weise Wir können uns nicht einmal einen
unendlichen Raum denken der doch bloß einer Erscheinungsform angehört und
danach noch von einem Allgeist reden wollen geht denn doch nicht an Das ginge
ein bisschen zu weit und dürfte nur den Ungebildeten zu verzeihen sein Seien
wir zufrieden wenn wir von der Grandiosität der Welt und alles Dessen was in
der Welt ist eine Ahnung haben die uns nicht mehr zweifeln lässt an der
Grandiosität des Daseienden «
Nach diesen Worten gabs zum drittenmal einen Knall und ich war im
Dunkeln
Ich war jetzt so an die höchsten Wunderlichkeiten gewöhnt dass ich glaubte
mich könne nichts mehr verblüffen
Doch da sah ich plötzlich einen goldenen Trichter vor mir der leuchtete
Und der Trichter kehrte die große runde Trichteröffnung mir zu und aus dem
Trichter tönte eine Stimme heraus die sprach hastig
»Gleich wirf drei Manuskripte in diesen Trichter Aber schnell sonst reißen
wir Dir den Kopf ab«
Die Stimme kam mir ganz unbekannt vor
Ich warf natürlich drei Manuskripte hinein
Narr Nero
Eine wüste Nacht
»Steh auf Steh auf«
So gellt es mir in den Ohren und ich öffne meine Augen und sehe einen alten
dicken Mann neben meinem Bett auf dem Stuhl sitzen auf dem meine Kleider
liegen Ich werde furchtbar wütend denn ich lasse mir nichts gefallen
besonders nicht von einem alten dicken Mann Der aber sieht meine Wut und
spricht also
»Ich bin der alte Kaiser Nero und als alter Wüterich so ziemlich bekannt
Jetzt muss ich mir als Geist allnächtlich einen Kumpan zum Saufen holen Und
dieser Kumpan muss jedesmal der größte Wüterich seiner Zeit sein Den ich suche
hab ich gefunden Reich mir Deine Hand«
Ich schlage dem Herrn Nero sofort mit der Faust ins Gesicht
Indessen der Schlag geht durch und mein Nero lächelt Er steht auf
reicht mir höflich meine Unterhosen hilft mir beim Anziehen dieser Unterhosen
fällt mir lachend um den Hals und schwebt mit mir durch die Zimmerdecke durch in
die Sternennacht hinauf Unten seh ich viele Laternen und dazwischen eine
Schlägerei »Ich bin immer ein Narr gewesen« raunt mir der Nero ins Ohr »ich
war ebenso wütend mein ganzes Leben hindurch wie die Leute die sich da hauen«
Wir fliegen weiter und sehen unter uns immerfort wütende Menschen die sich
hauen
Viel Blut fließt zerbrochene Glieder bersten Hunde heulen Schädel
knacken und Alles wird plötzlich mit Blut besudelt dass mir übel wird
»Was soll die Narrheit« frage ich wild
»Wie« schreit da der Kaiser lachend »merkst Du jetzt schon dass die Wut
eine Narrheit ist«
Ich sage wütend »Ja«
Er schüttelt mich heftig und fliegt dann mit mir in einen Weinkeller
Wir trinken natürlich und reden über die Welt und über die Seligkeit
Wir trinken bis wir unter den Tisch fallen
Und plötzlich wird der Nero über mir schrecklich groß und er wird immer
größer so groß wie die ganze Welt Und seine Stimme hör ich erschallen wie
Posaunen sie sagt laut und klar
»Ich bin der Kaiser der Welt und alle Menschen sollen so wütend werden wie
ich Doch ich bin auch ein Narr und das sollen die Menschen auch werden Sie
sollen närrisch sein wenn sie wütend sind«
Und der Narr Nero tanzt wie ein Toller und ich muss lachen
Da tanzen wir zusammen
Und all die Leute die sich eben noch geschlagen haben kommen herbei und
müssen auch furchtbar lachen denn wir tanzen mit neronischer närrischer Wut
Und die wütenden Menschen singen dazu
Nero Nero Du bist unser großer Nero
Nero Nero
Und Alle tanzen um auch zu Narren zu werden
Man bringt mich dann ganz sanft zu Bett Narr Nero bringt mich zu Bett
Narr Nero bringt auch die Andern ganz sanft zu Bett
Nero Nero Du bist unser großer Nero
Nero Nero
Das ist das neoneronische Wiegenlied
Die wütenden Narren werden immer sanfter
Schlummer
Der Triumphator
Abdullah rief seinen Leibsklaven herbei und fragte ihn scharf
»Warum erstattest Du mir nicht Bericht über meinen Vetter den
leichtsinnigen Ibrahim«
»Herr« erwiderte der Leibsklave »ihm ist Alles genommen was er besaß Ich
war von seinem Anblicke dermaßen erschüttert dass ich mich erst sammeln musste«
Abdullah schlug mit der Faust auf ein Teebrett das vor ihm auf dem
Divantischchen mit Tassen und Schüsseln bepackt war so dass Tassen und Schüsseln
auf den Teppich flogen
»Mit diesem leichtsinnigen Hund« rief der starke Abdullah » hast Du noch
Mitleid Ich sage Dir mein Vetter Ibrahim verdient kein Mitleid ihm geschieht
ganz recht wenn er als Bettler zu Grunde geht«
Der Leibsklave fiel zu Boden und küsste vor seinem Herrn den Teppich
Der Vetter Ibrahim stand zur selben Zeit auf dem Marktplatz neben den
Bettlern und achtete nicht auf das was um ihn herum vorging
Und nach einer Stunde kam sein Vetter Abdullah hoch zu Ross über den
Marktplatz geritten und schrie dem Ibrahim zornig zu
»Was tust Du hier auf dem Marktplatz Du leichtsinniger Verschwender Ich
habe mein Geld nicht in leichtsinnigen Spekulationen vergeudet Ich habe
gespart und Du bist ein Bettler geworden Nimm hier diesen Beutel da sind
hundert Silberlinge drin Geh und suche durch redliche Arbeit Dein Leben zu
fristen Du Bettler«
Und Abdullah warf dem Ibrahim den Beutel mit den Silberlingen vor die Füße
und ritt stolz dahin über den Markt und dann durch die Palaststrasse zu seinem
Freunde dem reichsten Kaufmann von Bassora
Abdullah lächelte stolz er fühlte sich reich und edel zugleich Ibrahim
lächelte auch er hob den Beutel mit den hundert Silberlingen auf und ging in
die krumme Gasse zu dem alten Weinhändler den er schon so lange kannte
Und Ibrahim hielt sich auch für reich und edel zugleich er nahm es seinem
Vetter gar nicht mehr krumm dass er seinen geschäftlichen Ruin so schlau zu
stande gebracht hatte
»Wahrhaft reiche Menschen sollen nicht stolz sein auf ihren Reichtum«
flüsterte Ibrahim beim dritten Glase Und beim siebenten Glase flüsterte der
lustige Ibrahim
»Wahrhaft edle Menschen sollen auch nicht stolz sein auf ihren Edelmut«
Und beim elften Glase lag Ibrahim unterm Tisch und murmelte
»Ich habs gar nicht nötig zu triumphieren«
Doch Abdullah triumphierte
Der galante Räuber oder
Die angenehme Manier
Ein GartenScherzo
»Halt« rief der Hauptmann
Und dreißig blanke Flinten drehten sich der Gesellschaft zu
Der Herr Graf ließ sein Glas fallen dass es auf seinem Knie zerschellte und
die gelben Stiefel mit Rotwein besprengte
Sechs Damen fielen aufkreischend in Ohnmacht die Kavaliere erbleichten und
griffen nach ihrem Portemonnaie
»Nicht so schnell meine Herren« sprach der Hauptmann »ich verachte Ihr
Geld Sie irren sich in mir Knoppke lege den Herren die Handfesseln an Herr
von Rabenwitz wird sich die Ehre geben die ohnmächtigen Damen mit Arabiens
Wohlgerüchen zu besprengen«
Der Vollmond stieg dunkelrot hinter dem Schwanenteich aus den Fliederbüschen
heraus und die beiden Räuber taten was ihnen ihr Gebieter der sich eine gute
Zigarre anzündete befohlen hatte Als nun die sechs Damen wieder erwachten
verbeugte sich der große Räuberhauptmann artig wie ein Page und sprach sanft wie
eine Taube zur Gräfin
»Meine Gnädigste wir wollen uns die Ehre geben Ihnen eine kleine
Überraschung zu bereiten Als Lohn bitte ich nur mir eine einzige kleine Bitte
zu gewähren Ist sie gewährt«
Die Gräfin neigte höflich bejahend ihr Haupt denn sie war doch neugierig
Und mehrere Räuber verließen die Gesellschaft bestiegen den großen Kahn und
ruderten bis in die Mitte des Schwanenteiches Die Gesellschaft die in einer
wild zerklüfteten Felsengrotte unter schwankenden Lampions saß erholte sich ein
bisschen denn die übrigen Räuber zogen sich mit ihren Flinten hinter die
Rosenbüsche zurück Der Herr Hauptmann nahm auf einem Schaukelstuhle Platz
Lieblich dufteten die Rosen
So sah man denn erwartungsvoll in den Teich der vom roten Monde unheimlich
erleuchtet wurde
Da pufft es plötzlich auf dem Teich und schillernde große Gasblasen grüne
und blaue steigen langsam in den schwarzen Nachthimmel empor
Die runden großen Gasblasen zittern die grünen und blauen Wolkenwirbel im
Innern der Blasen ziehen sich dehnen sich aus zucken und drängen sich zusammen
und dann platzen die feinen Luftballons wie Seifenblasen und dicke
sanfte Perlen fallen wie Schnee aus ihnen heraus langsam in den Teich Der
Hauptmann bietet der Gräfin den Arm und geht mit ihr ein paar Schritte
seitwärts
Der Graf springt auf rüttelt an seinen Handfesseln rollt die Augen und ist
wütend für Sechs
Aber die Gräfin kommt gleich wieder und lächelt sie hat allerdings ihr
Perlenkollier das einen halben Zentner Gold gekostet hat nicht mehr bei sich
Der Graf setzt sich wieder
Und der Hauptmann wendet sich nun an die Damen die schwarzes Haar haben
zwei sinds nur und feierlich spricht er
»Meine gnädigsten Damen auch Ihnen wollen wir eine Überraschung bereiten
Sie werden fühlen dass ich nur ein kleines Andenken möchte und mirs nicht
abschlagen nicht wahr«
Die Damen nicken hastig denn sie sind noch neugieriger als die Gräfin
Und zwei Raketen steigen aus dem Schwanenteich sie teilen sich oben in
sieben Arme aus deren umgebogenen Spitzen dicke rote Tropfen die wie
Blutstropfen aussehen schnell herunterstürzen Die schwarzen Damen erschrecken
Herr von Rabenwitz besprengt sie aber mit duftigen Olivenwasser
Die Schwarzhaarigen ziehen ihre Ringe vom Finger und machen auch die
Ohrringe los geben Alles dem guten Hauptmann der das Empfangene dankend
einsteckt doch gleichzeitig bemerkt dass er auch die im schwarzen Haare
befindlichen Haarnadeln als Andenken haben möchte Er bekommt auch diese
Haarnadeln an denen unzählige Rubine blitzen
»Wollen Sie nicht« fragt der Graf »ein Glas Wein trinken Leider ist meine
Bedienung nicht hier«
Der Hauptmann lächelt zuckt mit den Achseln und sagt leise
»Verliebte trinken nicht Herr Graf Jetzt kommt die Überraschung für die
drei Blonden«
Und da knattern auch schon drei große Sonnen los das funkelt und blitzt
das knistert und knackt das poltert und rumort wie echte Rebellen
Die Sonnen drehen sich und schleudern brennende Diamantengarben nach allen
Seiten
Der Hauptmann erhält derweil von den drei Blonden alle Pretiosen die sie
bei sich haben als Andenken
Und er küsst den Damen sämtlich zärtlichst die Hand und blickt ihnen ernst
und traumsüss ins Auge
Und dann verschwinden die Räuber lassen die kleine Gesellschaft wieder
allein
»Das war ja entzückend brillant« rufen die Kavaliere denn ihnen hatte
man nichts abgenommen
Aber die Damen sind ganz verwirrt
Der Graf ruft polternd »Nun macht uns mal die Fesseln los
Man muss immer nur verliebt tun«
Die Damen werden noch verwirrter tun aber trotz ihrer Verwirrung wie der
Graf gebot
Die Damen sind rot wie Rotwein
Der Vollmond leuchtet Allen hell ins Angesicht
Nachdem ich kurze Zeit gewartet hatte hörte ich abermals den Trichter sprechen
und zwar in kurzen Absätzen die ungefähr diesen Wortlaut hatten
»Die allzu guten Menschen sind ebensolche Narren wie die allzu bösen«
»Manche Leute werden bloß deshalb von andern anmasslich behandelt damit sich
jene das Kopfhängertum abgewöhnen«
»Die Brutalität macht die Brutalisierten immer munter darum schimpfe man
nicht auf die Brutalität«
»Die Komödie des Geldbeutels ist im menschlichen Leben bloß ein
Zwischenaktsscherz«
»Gleichheit ist sehr oft Ungerechtigkeit«
»Die Lichtphantome der Moral sind ebenso kompliziert wie alle andern Dinge
der Welt«
»Es zeugt von wenig Scharfsinn wenn man den Göttern flucht«
»Die Moral der Götter ist immer anders als die Moral der Kreaturen «
Und dann kam Verschiedenes was ich bei den Nilpferdchen schon hundert Mal
gehört hatte
Und dann saß ich wieder dem Lapapi gegenüber in der großen Bibliothek
Er sprach von den geheimnisvollen Kräften die überall die Hauptsache
hervorbrächten
Und im Laufe des Gesprächs kam auch die nachstehende Geschichte zum
Vorschein
Die Güter der Erde
Kraftspass
»Lege Dich hier still hin«
Das klang weich von ihren Lippen
Und sie nahm ihren alten Zauberstaub und berührte mit ihm
meine Stirn die Spitze des Stabes war kalt und prickelnd
Ein langes Summen ging durch die Luft als kämen tausend Bienen an
Und dann ward Alles hellblau vor meinen Augen
Und aus dem Hellblauen schritt in goldener Rüstung ein schlanker Ritter
heraus kam auf mich zu öffnete sein Visir und sprach
»Die Güter der Erde ruhen zu Deinen Füßen Erhebe Dich und streichle was Du
da siehst«
Ich erhob mich und sah dass ich auf einem hohen Felsen gelegen hatte Unter
mir in den Abgründen rings umher krochen wilde Drachen herum
Und ich wollte meine Hand ausstrecken um die Tiere zu streicheln aber das
ging nicht sie waren zu tief unter mir »Warum streichelst Du die guten Tiere
nicht« fragte der Ritter
»Ich kann nicht« gab ich zurück
»So blick mich an« rief der Ritter heftig aus
Durch seine Rüstung quollen seine dunkelblauen Adern durch seine Augen
brannten wie Rubine Und die dunkelblauen Adern wurden immer dicker dass ich
glaubte sie müssten gleich platzen Und die Muskeln des ganzen Körpers zerbogen
die goldene Rüstung dass sie klirrte
Eine krampfhafte Erregung packte mich ich hörte wie meine Zähne
knirschten
»Jetzt blick runter« rief mir der Ritter rau zu
Ich tats und die Drachen waren mir ganz nahe
Ich streichelte sie und Alles erglühte in mir dass ich einen Schrei der
Wonne außstieß
Ich streichelte in den Drachen die Güter der Erde
Die Drachen schlugen mit den langen Schwänzen um sich und waren ganz zahm
Die Geschichte wurde von Herrn Lapapi scharf kritisiert »Man sehe« sagte er
zum Schluss »die Wellen des Meeres an sie sind jeden Tag anders und immer
wieder anders wie die Schachpartieen die auf der Erde gespielt werden auch
immer wieder anders sind Und so sind auch die Güter der Erde immer wieder
anders und wir dürfen nicht denken dass wir mal eines schönen Tages alles Gute
und Schöne gemütlich zu unsern Füßen sehen werden Das wäre ja das Ende vom
Liede Wenn wir auch öfters das Vergnügen haben uns einzubilden dass wir viel
sehr viel erreicht haben Alles werden wir nie haben und es ist gut dass es
so ist Dass wir immer wieder nach einem neuen Ziel jagen das sollte uns doch
beweisen dass die Welt unendlich reich ist Und trotzdem hat es Leute gegeben
die von dieser letzterwähnten Tatsache auf die Armut der Welt schließen wollten
O es gibt so unendlich viele Komödien Demnach immer mutig liebes
Onkelchen«
Und dann sprachen wir vom Abschiednehmen und dabei las der Lapapi dieses
hier
Die Türklinke
»Franz mach die Laden zu« sagte der alte Tischler Dömpke
Und Franz ging heraus und tat das
Der Wind heulte durchs Dorf in der Küche hustete die alte Marie und die
Laden gingen klappernd draußen zu
Franz kam wieder in die warme Stube und sagte »Die Türklink ist draußen
kaputt«
Der alte Tischler brummte was Franz ging wieder fort und legte sich
schlafen
Die alte Marie tat das auch
Und der alte Tischler saß nun wieder ganz allein in der warmen Stube ganz
allein
Der Wind heulte durchs Dorf
Der Tisch stand dicht am Ofen und die Lampe auf dem Tisch brannte trübe
Der Alte hatte in einem Reisebuch gelesen von Afrika wilden Tieren und
vielen vielen Schwarzen die immer grinsten und um ein großes Feuer
herumsprangen dabei hatte er immer an seine Knabenjahre denken müssen als
Knabe wollte er Missionar werden es war aber anders gekommen
Jetzt saß der alte Tischler träumend da nahm die Brille ab und legte sie
aufs Buch dachte an lange vergangene Zeiten und an die Türklinke
Da hörte ers draußen im Flur knarren es flüsterte was und dann ging die
Stubentüre auf
Und herein trat ein Matrose mit einer Handharmonika unterm Arm Der Matrose
setzte sich dem alten Tischler gegenüber auf einen Schemel steckte sich eine
Kalkpfeife an und spielte ein bisschen auf der Handharmonika
Als der Matrose zu spielen aufhörte da ihm die Pfeife ausging frug der
Alte heiser
»Wer bist Du«
Der Matrose lächelte und sprach
»Das musst Du doch wissen Wir kannten uns doch so vor vierzig Jahren
nicht wahr«
Und nun sahen sich die Beiden lange an
Und der alte Dömpke nickte jeder Zug stimmte so sah er der alte Dömpke
vor vierzig Jahren aus
Und ihm wurde so merkwürdig still zu Mute
Er hatte immer gewünscht sich noch einmal so zu sehen wie er einst war
als er noch zu den Jungen gehörte Matrose war er allerdings nie gewesen aber
so wie der da vor ihm so sah er aus mit der Kalkpfeife und der
Handharmonika
»Willst Du« fragte der Alte »etwas trinken«
»Ich habs bei mir« erwiderte der Junge und dabei zog er eine Flasche Rum
aus der Tasche
Sie tranken und dann sprach der junge Matrose mit stiller leiser Stimme
»Ich bin der Mensch der Du einst warst bin der junge Dömpke frisch und
lustig Ich fürchte mich nicht vor dem Tode wie Du Ich habe keine Angst ich
lache rauche trinke und spiele Handharmonika«
Er spielte wieder lustige Lieder doch die klangen dem Alten alle furchtbar
traurig
»Wo wohnst Du« frug der Alte
Der Junge aber lachte und meinte »Was weiß ich wo ich wohne Ich lebe und
frage nicht so viel wie Du Ich trinke«
Und er trank
Und dann spielte er wieder
Und bei dem Spiel wurde dem Alten so traurig dass er weinen musste und
während er weinte wurde ihm schwarz vor den Augen dass er nichts mehr sehen
konnte
Die Musik klang ihm immer ferner Alles wurde schwarz Als am nächsten
Morgen der Franz in die Stube trat mit Licht sah er den Alten noch immer auf
dem Stuhle sitzen Die kleine weiße Katze saß auf dem Tisch
Die Lampe war ausgegangen
Der Franz erschrak und rief die alte Marie
Der alte Dömpke war tot
Und dann saß ich noch ein Mal rauchend mit den sieben alten Herren am großen
ovalen Speisetisch und in der Luft schwebten seltsame Gebilde die von den
Nilpferdchen mit ihren Pincetten geschickt aufgegriffen und verschluckt wurden
Geister waren diese Gebilde ich sah viele elektrische Funken in der Luft
aufsprühen und oft kamen bunte Stichflammen vor und dann glitzerte es wieder
wie bunte Krystalle und dann wards weissgrau wie Seenebel usw
Deutlich sehen wie die Geister gestaltet waren konnte ich keineswegs
aber ich wurde deshalb nicht neugierig wusste ich doch dass meine Sinne sich
mit denen der alten Ägypter nicht vergleichen ließ
Ich sollte das bezweifelte ich nicht bald wieder als gewöhnlicher Mensch
unten auf der Erde herumkrabbeln und das machte mich beinahe traurig
Doch als die alten Herren meine Traurigkeit bemerkten wurden sie ganz
aufgebracht ich schämte mich denn auch und bat um Verzeihung und suchte
lange unter meinen Papieren das was die Herren noch nicht kannten
Und ich fand noch drei Sachen die ich mit der Versicherung auf den Tisch
legte dass es mir nie wieder einfallen würde traurig zu werden
Die Herren lachten dazu und drohten mir mit den Pincetten
»Wehe Dir wenn Du nicht Wort halten solltest« sagte der General Abdmalik
Lachende Giraffen
Ein Schattenspiel
Es ist sehr dunkel und sehr still in der Wüste
Doch das hält nicht lange an
Es knistert plötzlich und hinten wird der Himmel rot dunkelrot weinrot
Durchsichtig ist der weinrote Himmel aber hinter ihm ist nichts zu sehen
gar nichts zu sehen
Dagegen sieht man vor dem weinroten Himmel was von rechts und von links
kommen riesig große schwarze Giraffen heran und schreiten gravitätisch albern
mit dem Kopf nickend der Mitte zu
Und die großen schwarzen Giraffen lachen furchtbar hochmütig denn sie
halten sich für das auserwählte Geschlecht auf Erden ist nicht ihresgleichen
Sie die großen schwarzen Giraffen kommen mit ihren Köpfen dem Himmel am
nächsten Auf Erden kann kein Geschöpf den Kopf höher tragen
Die Giraffen nicken sich albern zu lachen und tun grässlich vornehm Sie
spazieren auf und ab und begrüßen sich immerzu wie Gigerls auf der Promenade
Oh Diese Giraffen Nein
Die Erde ist schwarz die Giraffen sind schwarz und der Himmel ist weinrot
Die Riesenwespen aber die jetzt von oben herunterfliegen sind gelb wie
blühende Butterblumen
Die gelben Riesenwespen stechen den Giraffen in die Nasen die von den
dummen Tieren viel zu hoch getragen werden
Oh Da verändert sich das Promenadenbild
Die Giraffen nicken nicht mehr lassen auch das Lachen sein sie springen
wie Riesenflöhe hoch in die Höhe recken die Hälse wie Elefantenrüssel
hampeln mit den Beinen herum als wenn sie Pyramiden besteigen wollten
schnauben Wut stecken die Köpfe in den Sand wie der Vogel Strauss springen
dann wieder wie Riesenflöhe kurzum sie sind wild verfluchen die Wespen
und recken die Hälse nach allen Seiten Sie krümmen den Hals dass man glauben
könnte sie wollten sich ganz und gar in toll gewordene Schlangenleiber
verwandeln
Die Giraffen verrenken ihre Glieder als wenn sie verrecken möchten
Indessen nur ihr Gelächter verreckt in der Ferne wie ein sterbender Föhn
wie ein sterbender Föhn
Es wird grausig das Schattenspiel
Der weinrote Himmel leuchtet mächtig auf als wollte er sagen
»Es ist leichter seine Nase in ein Weinglas zu stecken als in den
Himmel«
Die Giraffen gehen jammernd und geduckt rechts und links ab
Die heißen Tränen der großen Tiere zischen im Wüstensande wie verprügelte
Klapperschlangen
Zu Hause
»Wächter Wächter«
»Kabinetsrat Weltrat Alter edler Konnofolski«
Also schrien meine beiden Leiblakaien
Ich aber brüllte mit meiner unheimlichen Roststimme
»Konnofolski Wirds bald Mach mal das Tor auf denn Ich bin da Hurrah
Erkennst Du Mich nicht mehr Ich sitze auf Meinem hellgrünen Nashorn und begrüsse
Dich Du Faulpelz Guten Morgen Konnofolski Mach beide Torflügel auf beide
Bewundere Meine weißen Sammetkleider und rufe begeistert Ah Ah Ah«
Und mit meinem beiden Leiblakaien die zu meinen beiden Seiten auf kleinen
zahmen Eisbären ritten und dabei in blutroter Seide staken ritt ich nun durch
das dunkle Tor es hallte an den Wänden
Und dann kam ich auf die dunkelblaue Wiese im gestreckten Galopp hoch zu
Nashorn
Hei Das war ein Empfang
Meine hellblauen Löwen reichten mir prustend die dicken Pfoten Die vielen
Riesen ebenfalls sämtlich Mein Eigentum brüllten einen RiesenChoral Die
weißen Adler umkreisten mein gedankenvolles Haupt und quiekten fortwährend
lustig
»Viktoria Viktoria Viktoria«
Meine guten Freunde sprangen meinem grünen Nashorn übers grüne Nashorn und
jodelten vor Vergnügen es hörte sich einfach scheusslich an oh abscheulich
Und Alles Alles lachte und sah so doll aus dass ich nolens volens
mitlachen musste
Wir machen uns eben immer überall über Alles lustig sehr lustig
Die abenteuerlichsten Fabeltiere und Fabelgötter umringten Mich und beteten
mich an Mich Ihren lächerlichen tranköpfigen Herrn und Meister
Und sie gratulierten Mir denn ich war so glücklich ich war ja endlich
mal wirklich von den Menschen und von der Erde erlöst diesen unglücklichsten
Weltspässen die in jenem Sternenmeer entstanden das der Vater Knulleke regiert
und sein Eigen nennt Heil dem großen Knulleke
Er hat mir auch Mein Heim geschaffen und geschenkt Und das ist mehr wert
als die Menschenerde Ich besitze hier alles Mögliche und Unmögliche Wiesen
Burgen und Paläste Gebirge Meere und Pappelwälder Zigarren Rebhühner
Riesen Götter Könige Billionen Wundertiere und noch viel viel mehr Und bei
mir zu Hause gehts überall höchst lustig zu da gibts keine sentimentalen
Weltverächter die stets Ach und Oh schreien
So was gibts doch bei mir nicht
Ach Oh Ihr gemütvollen Dusselköppe des Erdballs beißt Euch die großen
Zehen ab
»Beisst zu Es lebe Knulleke«
Also schrie ich und alle Götter Tiere und Spassonkels brüllten mir nach
»Es lebe Knulleke«
Mir ist die ganze Welt einfach Wurscht wenn ich zu Hause bin bei Mir zu
Hause
Zu Hause ist es doch immer am besten besonders wenn man nach langen
Irrfahrten wieder mal heimkehrt
Jetzt bleib ich aber vorläufig hier Ich habs ja nicht mehr nötig
rumzubummeln
»Konnofolski bring Mein hellgrünes Nashorn endgiltig in den Stall«
So sprach ich befehlend und stieg die EmailStufen meiner blitzenden
Spottburg hinan
Alles klirrte und klapperte
»Knulleke Hurrah«
Der gute Knulleke der mir dieses drollige Heimatland geschenkt hat soll
hoch leben denn Ich lebe jetzt auch wieder hoch höher und am höchsten
alle Tage und alle Nächte bei Regen und bei Sonnenschein
Raset Riesen
Raset Riesen
Vorhang
Kirowátti
Kirowátti ein mordsmässig großer Nebelfleck mit fünfzig Centralsonnen wusste
nie was er vor langer Weile anfangen sollte Er hatte über alles genugsam
nachgedacht hatte Alles gesehen was in der Welt zu sehen war und hatte das
Denken und Sehen allmählich dick bekommen
»Halt« rief er da eines Abends »ich weiß was ich mache ich male mir eine
Welt aus dies noch nicht gibt das ist ein ausgezeichneter Spaß«
Und er schuf sich ein Traumreich Und von seiner Umgebung merkte er bald
nichts mehr Ein feiner Spaß
Die Herren waren außerordentlich liebenswürdig zu mir und ermahnten mich mein
Versprechen nicht zu vergessen
»Bedenke stets« sagte der King Ramses »dass sich die Welt in unendlich
vielen Erscheinungsformen offenbart«
»Bedenke auch immer« sagte der King Amenophis »dass alle diese
Erscheinungsformen der Welt zu einander in Beziehung treten können und Alles
immer noch reicher machen können immer noch reicher immer noch reicher«
»Bedenke auch« sagte der King Tutmosis »dass jedes Lebewesen ebenso
kompliziert ist wie die Welt«
»Und bedenke ganz besonders« fügte der King Necho hinzu »dass auch die
unendlich vielen Erscheinungsformen des einzelnen Lebewesens unter einander
ebenfalls in Beziehung treten können und dadurch das Leben des Einzelnen auch
immer noch reicher machen können immer noch reicher«
»Überall sind die unendlichen Reihen« sagte der General »Und wer die
Grandiosität der Welt« rief da der Oberpriester »einmal ordentlich begriffen
hat der wird an der grandiosen Vernünftigkeit dieser grandiosen Welt nicht
mehr zweifeln«
»Er wird« sprach leise der Pyramideninspektor »auch in aller Not und im
Angesichte des Todes immer mutig bleiben da er nicht mehr zweifelt an jener
WeltVernünftigkeit die Alles überragt«
Und nach diesen Ermahnungen die ich wohl Wort für Wort behalten habe
kams dass die Herren noch ein Manuskript lasen
Die blaue Blume
Ein Hexenmärchen
Feine weiße lange Finger kamen aus den Wolken raus und bewegten sich wie
gefangene Aale
Sepu die junge Hexe saß in ihrer dunkelgrünen Moosgrotte und ordnete ihre
alten Steinbüchsen in denen die vielen Zauberkräuter staken Die Hexe hörte das
Meer rauschen denn es war ganz in der Nähe und so lebhaft in Bewegung wie die
langen Finger die aus den Wolken herauskamen
Die Sepu ist eine kluge Hexe sie hat nur ein einziges Ziel sie will bloß
die Menschen toll machen weiter will sie nichts
Und es ist so klug Alles in Einem zu sehen
Die Finger in den Wolken werden zu Krallen zu sehnigen Krallen sie
zittern und beben als ströme Lustsucht durch ihre Adern
Die Sepu hat verschiedene blaue Blumen unter ihren Kräutern aber die alten
blauen Blumen sind alle vertrocknet und nicht mehr scharf genug Mit so
trockenem Kraut ist nicht viel auszurichten bei den Menschen schon ganz und
gar nicht denn die haben sich allmählich derart an die verschiedenen Gifte
gewöhnt dass es den Hexen immer schwerer wird zum Ziele zu kommen Die
Krallenfinger werden oben ganz steif
»Es gibt trotzdem noch eine gute blaue Blume« sagt die Hexe zu sich selbst
»und die hat doch immer die Menschen toll gemacht Die blaue Blume reizt die
Phantasie der Menschen so schrecklich auf dass die armen Menschen immer Tolleres
sehen und hören und schließlich glauben sie sähen das Unsichtbare und vernähmen
das Unhörbare das Weltgeheimnis aus dem neuen Reich das was hinter Mond und
Sternen in ganz andren Zaubergrotten tront Mags kosten was es will diese
blaue Blume muss ich finden«
Die Sehnenkraft in den Krallenfingern lässt nach
Die Hexe weiß es ist keine Kleinigkeit die blaue Blume des Jenseits zu
finden Sie ist ganz dünn wie ein Zwirnsfaden und mit dem bloßen Auge nicht zu
entdecken Die seltsame Blume streut kleine scharfe Stachelfädchen um sich Und
wo diese Stachelfädchen sind da ist sie in der Nähe tief im Erdreich
verborgen sie zieht sich tief ins Innre der Erde hinein wenn was naht lässt
kaum ein Loch zurück so schlank ist sie
Die Finger in den Wolken werden schlaff
Oh diese schlanke Wunderblume muss die Sepu haben sie geht gleich suchen
mit nacktem Leibe die Stachelfädchen will sie fühlen wenns auch weh tun
sollte Das Tastgefühl des Leibes wird immer feiner Die Sepu windet sich über
die Dünenhügel und über die Steine am Strande des Meeres wie eine Schlange und
fühlt mit dem ganzen Leibe mit ungeheurer Aufmerksamkeit Die Sepu sucht
lange Zeit
Die Finger in den Wolken sind nicht mehr Krallen sie sind so wie hängende
tastende Fühlhörner Die Finger suchen auch nach einem neuen Kitzel wie die
Sepu
Die Sepu sucht lange Zeit
Plötzlich schreit sie auf ein Stachelfädchen hat ihr das Knie geritzt es
tut weh Blut sickert in den Sand am Meeresstrande
Aber die Sepu wird jetzt das Kraut das den Menschen das Jenseits offenbaren
soll schon finden
In den Wolken sieht die junge Hexe lauter Handteller mit ausgespreizten
langen Fingern
Die Sepu gräbt Sie gräbt immer tiefer und noch tiefer und findet die
blaue Blume
Die blaue Blume ist wie ein Zwirnsfaden Wenn sie sorgsam gestreichelt wird
faltet sie sich langsam auseinander und zeigt Blätter und Blüten aber sie muss
sehr zart gestreichelt werden
Der Himmel ist voller Fäuste
Sepu läuft lachend über den Strand mit der blauen Blume des Jenseits
Sepus Knie blutet noch immer
Die Fäuste in den Wolken tun sich auf und lassen funkelnde Sterne
herunterfallen
Die Sterne haben alle nur denkbaren Farben und Formen Die Sepu siehts und
nickt
Hexengelächter
Händegeklatsch
Und dann kam die Stunde in der ich Abschied nehmen sollte
Der Pyramideninspektor flüsterte mir noch zu
»Was jedem Schaf im Schlaf kommt kann doch nicht so erhebend sein wie
das was Andern in wilder Qual kommt«
»Verachte Nichts« sagte mir noch der Oberpriester »je unwissender und
dümmer Jemand ist um so mehr steht ihm noch bevor«
Und dann standen wir auf
Und alle Nilpferdchen umarmten mich
Da sie halb so groß als ich waren kletterten sie alle zu diesem Zweck auf
den Tisch
Ich musste lächeln aber die Aufmerksamkeit gegen mich war doch sehr fein
Indessen ich weiß heute noch nicht wies kam jedenfalls erinnerte ich
mich plötzlich an eine Geheimtasche in der noch eine Geschichte stak
Kurz und gut ich holte sie vor und die Herren lasen sie ohne vom Tische
runterzuklettern
Die Fabrik lebenslustiger Kreaturen
Kosmische ExistenzKomödie
Nacht wars auf Erden und der Mond schien hell und die gelben Butterblumen
blühten auf der Wiese denn es war sehr warm
Und über die Wiese gingen fünf Damen mit fünf Herren und diese zehn
Personen fanden Europa langweilig zum Sterben
»Es ist überall nichts los« sagten sie melancholisch »man kann hinkommen
wohin man will überall ertönt die alte Leier des vollendeten Stumpfsinns Wer
da wüsste wo was los ist könnte ein Bombengeschäft machen«
Und bei diesen Worten ging die kleinste Gesellschaft storchartig hoch die
Beine aufhebend über die Wiese auf der die gelben Butterblumen im
Mondenscheine blühten so sorglos blühten als wäre wirklich nichts los
Da sprang ein fremder Herr über den nächsten Chausseegraben und rief laut
und kräftig
»Meine Damen und Herren Verzagen Sie nicht ich weiß wo was los ist«
Die Gesellschaft blieb erschrocken stehen und starrte den fremden Herrn wie
ein Weltwunder an
Der Fremde sah sehr elegant aus schwarzer Cylinder gelber langer
Überzieher Prinzenkrawatte Lackstiefel alles höchst elegant Der Herr trug
allerdings bloß einen Lackstiefel der andere Fuß stak nur in einem lilafarbigen
Strumpf Und im Cylinder befand sich vorn ein regelmässiges fünfeckiges Loch das
mit Goldfäden sauber umsäumt war Und auf dem Rücken des Überziehers hatte der
Schneider eine weiße Weste aufgenäht ebenfalls mit Goldfäden
Jedoch sonst war alles tadellos auch der schwarze Spitzbart und die blasse
Gesichtsfarbe
»Wollen die Herrschaften« begann der Fremde »von meinen
Erleichterungspillen kosten und dann die Augen schließen so wird alles mit
größter Schnelligkeit arrangiert werden«
Zögernd entsprach die Gesellschaft den Wünschen des fremden Herrn
Und als die Zehn danach die Augen wieder öffneten hatte der Fremde eine
hohe Leiter in der Hand
Die Leiter war aber so hoch dass sie an den Mond gelehnt werden konnte
Als das nun wirklich geschah rang sich ein Schrei der Bewunderung von den
Lippen der zehn Personen los
Der große Zauberer ergriff nach diesem Schrei einen großen schwarzen Kasten
der neben ihm stand öffnete ihn stellte ihn unten vor der Leiter aufrecht hin
und sagte hastig »Steigen Sie schnell ein meine Herrschaften die Leiter ist
eine Drahtseilbahn und in dem Kasten der Waggoncharakter besitzt haben Sie
sämtlich bequem Platz«
Zögernd entsprach die Gesellschaft auch diesem Wunsche des fremden Herrn
der sich schließlich ebenfalls in den Kasten setzte und dann den Deckel
zumachte
Da wars denn sehr dunkel in dem schwarzen Kasten und es ließ sich ein
feines Summen und Pfeifen vernehmen Und siehe da nach ein paar Augenblicken
sprang der Kastendeckel wieder auf und die Gesellschaft befand sich auf dem
Monde
Und auf dem Monde standen unzählige andere Leitern die zu den nächsten
Fixsternen hinaufführten
»Jetzt« sprach lächelnd der Fremde »können wir hinfahren wohin wir
wollen Kennen Sie schon die Fabrik lebenslustiger Kreaturen Ich sehs Ihnen an
der Nase an dass Sie noch keine Ahnung von der Fabrik haben Wenn Sie dahin
wollen so steigen Sie nochmals in den Kasten«
Die Damen und Herren wollten was sagen doch der Fremde stellte den Kasten
vor die nächste Leiter und bat erst Platz zu nehmen Sodann fuhren sie wie
vorhin im dunklen Kasten höher hinauf in eine ganz entfernte Sternenwelt
hinein die Fahrt dauerte diesmal viel länger auch das Gesumme und Gepfeife
machte sich hier so scharf bemerkbar dass jegliche Unterhaltung unmöglich wurde
Als der Deckel wieder aufsprang sprang der fremde Herr sehr vergnügt
gleichfalls auf und sagte während er den Damen beim Aussteigen behilflich war
»Es freut mich sehr meine Damen dass Sie so herrlich gekleidet sind auch die
Cylinderhüte der Herren bereiten mir eine wahre Herzensfreude Sie befinden sich
hier auf dem Dache der Fabrik lebenslustiger Kreaturen und die Sternenwelt die
Sie von hier aus sehen wird Ihnen wohl ganz neu sein«
Die Damen lächelten seelenvergnügt und sprachen ihren Dank in den
herzlichsten Worten aus die Herren glätteten ihre Cylinderhüte und wussten gar
nicht was sie zu der schnellen Fahrt sagen sollten die Sterne die sie sahen
schienen sich in lebhafter Bewegung zu befinden
»Die Fortschritte der modernen Technik « begann der Herr der eine
goldene Brille trug doch er kam nicht weiter in seiner Rede ein großes Rad
kam auf die Gesellschaft zugelaufen so dass sie erschrocken auseinanderstob
Doch das Rand stand plötzlich still und da sahen alle dass es ein Rad gar
nicht war ein junger Dachdirektor wars als solcher stellte er sich nämlich
vor
Aussehen tat der junge Dachdirektor etwas eigentümlich der Mann hatte nicht
bloß unten zwei Beine er hatte auf jeder Schulter auch noch ein Bein dessen
Fuß sich hoch oben in der Luft zierlich bewegte Mit diesen vier Beinen konnte
der Herr Direktor ganz bequem wie ein Rad laufen der Rumpf dieses Radmannes
nahm nicht viel mehr Raum ein als der Kopf der zwischen den Oberbeinen saß
fest eingeklemmt
Der fremde Herr griff in das fünfeckige Loch seines Cylinders schwenkte
diesen zur Begrüßung in der Luft herum und sprach feierlich
»Herr Dachdirektor diese fünf Damen und diese fünf Herren sind vom Stern
Erde und dürften Ihnen vielleicht Gelegenheit geben Ihre Kunst zu erproben
Wenn ich nicht sehr irre werden diese Herrschaften sehr gerne bereit sein die
höhere Lebenslust kennen zu lernen Es ist wohl nur eine fachmännische Erklärung
dieser kleinen Gesellschaft gegenüber nötig«
Der fremde Herr setzte sich wieder seinen Cylinder auf und drehte sich um
so dass alle die weiße Weste die auf der Rückseite des gelben Überziehers
aufgenäht war sehen konnten Auch der lilafarbige Strumpf wurde im
Sternenlichte deutlich sichtbar
Jetzt kamen über das Dach sehr viele andere Räder herangelaufen und der
Herr mit der goldenen Brille räusperte sich und meinte wohlwollend »Aha Da
sind wohl die Kollegen des Herrn Dachdirektors«
»Welch ein Irrtum« rief stolz der Angeredete »das sind meine Assistenten
die zum Frühstück eilen Ich wollte ebenfalls grade mein Frühstück einnehmen
doch ich bin gerne bereit Ihnen vordem in aller Eile die gewünschte Erklärung
zu geben Hören Sie genau zu denn ich habe nicht viel Zeit zu verlieren Sie
sehen in diesem dunkelgrünen Himmel unzählige Sterne teils in roter teils in
blauer Farbe Und diese Sterne werden wie Sie sich durch Augenschein überzeugen
können immerzu bald größer bald kleiner Da drüben sehen Sie sechs ganz
dicke hellblaue Sonnen die gleich zu Punkten werden müssen Da sind sies
bereits geworden Sehen Sie dass ich Recht hatte Na ja Die Sterne in dieser
Weltgegend haben nämlich ganz besondere Fähigkeiten Das sind eigentlich gar
nicht selbständige Sterne die Sie hier so als Punkte und Scheiben erblicken
von denen bilden immer mehrere zusammen ein selbständiges Wesen Jeder Stern
dieser Weltgegend hat nämlich die Fähigkeit mit Blitzesschnelligkeit einen oder
mehrere Tropfen von sich abzustossen und jeden Tropfen im Handumdrehen eine ganz
beträchtliche Strecke in den Raum hinauszuschiessen ohne sich von diesem
Tropfen der natürlich ganz gewaltige Dimensionen besitzen kann zu trennen
Denken Sie an den Syrup der ErdeWenn Sie von dem was runtertropfen lassen so
bleibt der Tropfen gewöhnlich an einem dünnen Syrupfaden hängen und wird von dem
so hinund hergezogen So auch hier Nur mit dem Unterschiede dass beim Syrup
der Erde manchmal wirklich was abfällt während das bei unsren Sternen nicht
vorkommt Unsre Sterne die so syrupartig einzelne Teile ihres Körpers abstossen
nach allen Richtungen abstossen da die Schwerkraft bei uns durch ganz andre
Kräfte ersetzt ist unsre Sterne tun dieses Abstossen um nicht immer bloß an
einem Punkte leben zu brauchen sie wollen eben an mehreren Punkten der Welt zu
gleicher Zeit leben Verschiedene unsrer Sterne können Tausende von Tropfen
abstossen ohne sich von ihnen zu trennen dh die Sterne können an tausend
Punkten des Weltraumes zu gleicher Zeit sein überall zu gleicher Zeit dort
auftauchen wo was los ist Haben Sie mich verstanden meine Damen und Herren«
Die Damen und Herren nickten gedankenvoll mit den Köpfen sie hatten
wirklich die Geschichte verstanden »Wir haben nun« fuhr der Herr Dachdirektor
fort »die Erlaubnis erhalten unter diesen Dächern kleinere Lebewesen zu
fabrizieren die das im Kleinen sein dürfen was die Sterne im Großen sind Es
ist uns möglich in unseren Laboratorien kleinere Lebewesen in beliebiger
Gestalt herzustellen die mit Hilfe feinster Fühlfäden die nicht viel kürzer
sind als die Fühlfäden der Sterne und für irdische Augen selbstverständlich
niemals sichtbar werden ihre Persönlichkeit an verschiedene Orte zu gleicher
Zeit zu senden vermögen Das ist das höhere Doppelgängertum das bewusste Unsre
Kreaturen führen ein vielfaches Leben das viel lustiger ist als das einfache
Leben das gemeinhin ziemlich langweilig ist wie Sie wohl wissen Daher heißt
unsre Fabrik die Fabrik lebenslustiger Kreaturen Haben Sie mich verstanden«
Abermals bejahten die Damen und Herren
»Dann« fuhr der Direktor zum zweiten Male fort »bin ich bereit Sie zu
lebenslustigen Kreaturen zu machen Sie werden als solche ein hundertfach
interessanteres Leben führen als bisher da Sie infolge der Syrupfühler die Sie
bald haben sollen überall wo was los ist dabei sein dürfen Dann werden Sie
auf die herrlichen Momente des Lebens nicht lange zu warten brauchen Sie
brauchen dann bloß in jenem Turm da drüben den Vergnügungsanzeiger
durchzublättern und alle Vergnügungen die in dieser Gegend zu haben sind
stehen sofort zu Ihrer Verfügung Wir haben in der Tiefe noch einen
Kunstanzeiger und einen Kriegsanzeiger und auch einen Anzeiger für pikante
Verwirrungen und noch ein paar Dutzend andere Anzeiger Ich muss Sie aber
bitten sich umgehend zu entschließen ob Sie sich umwandeln lassen wollen
oder nicht Sie brauchen sich bloß da oben im Retortenpalast einstampfen zu
lassen Die relativ einfache Prozedur kann ohne alle Umstände sofort vor sich
gehen Aber Sie müssen in den nächsten fünfzig Augenblicken schlüssig sein ich
muss zum Frühstück und habe wirklich nicht länger Zeit«
Nach diesen Worten ging der Direktor mit dem fremden Herrn im gelben
Überzieher hinter den nächsten Schornstein nachdem er dem Herrn freundlich mit
der rechten Hand auf die weiße Weste geklopft hatte der Direktor hatte zwei
Hände wie die Leute vom Stern Erde
»Himmel« rief Kamilla Schmidt »die Geschichte ist ja lebensgefährlich
Nicht um Alles in der Welt lasse ich mich einstampfen«
Und die kleine Gesellschaft debattierte fünfzig Augenblicke mit Geschrei und
Händeringen
Als der Direktor zurückkehrte redete der Herr mit der goldenen Brille im
Namen Aller folgendermaßen
»Wir danken Ihnen Herr Dachdirektor für Ihr freundliches Anerbieten von
ganzem Herzen können uns aber leider nicht entschließen unser Jawort
abzugeben Wir wollen doch lieber das einfache Leben behalten es erscheint uns
sicherer wir müssen denn doch befürchten durch das allzu vielfältige Leben
allzu nervös zu werden«
»Hasenfüsse« schrie der Direktor wütend
»Rufen Sie den Hausknecht vom Erfrischungspalast« rief er einem
vorübereilenden Assistenen zu
Und dann jagte der Herr Direktor kopfüber als Rad zum Frühstückspalast
Der fremde Herr mit dem lilafarbigen Strumpf ließ sich nicht blicken
Dafür kam der Hausknecht ein kolossaler Riese mit ungeheurem roten Kopf und
schwarzem Maul und blauen Felsenzähnen an den Dachrand mit dem Kopfe heran und
sagte schnarrend
»Wohin sollen ich denn die kleinen Leute hinpusten so was muss mir doch
gesagt werden«
Und mehrere Assistenten sagten ihm den Stern auf dem die Leute zu Hause
waren und auch die Nummer des Milchstrassensystems
Und da pustete der Hausknecht vom Erfrischungspalast die zehn Leute vom
Sterne Erde vom Dache runter dass ihnen Hören und Sehen verging
Als die fünf Damen und die fünf Herren wieder zum Bewusstsein kamen sahen
sie dass sie auf einer Wiese lagen auf der viele gelbe Butterblumen blühten
die Sonne schien den zehn Personen heiß ins Angesicht
Und da schimpften sie plötzlich wie die Rohrspatzen und warfen sich
gegenseitig vor feige Memmen zu sein Kamilla Schmidt schimpfte am meisten
Nach dem Geschimpfe sprangen sie alle über den Chauseegraben über den der
fremde Herr gesprungen war
Danach haben die alten Herren vom Nil herzlich gelacht
Der General Abdmalik sagte lachend während er wie ein Soldat auf dem Tische
marschierte
»Na die Herrschaften waren nicht immer mutig«
»Nun müssen wir aber« sagte der König Ramses »ein Ende machen«
Und der alte Oberpriester Lapapi sprach das Schlusswort
»Denk immer dass jedes Weltstück ebenso gut ein gordischer Knoten ist wie
die Welt selbst und dass jeder Mensch auch solch ein gordischer Knoten ist«
Nach diesen Worten drückten mir unsichtbare Hände die Augen zu und ich
verfiel in einen langen langen Schlaf in dem ich nichts träumte
Als ich dann aufwachte lag ich neben einem Roggenfeld in dem blaue
Kornblumen und rote Mohnblumen blühten Nicht weitab graste eine hellbraun und
weiß gefleckte Kuh
Der Himmel war dunkelblau
Neben mir saß mein Dackel den ich »schwarzer Deiwel« nannte da er so von
der Dorfjugend geschimpft wurde Ich hatte Hunger griff in meine großen Taschen
und siehe da staken zwischen den Manuskripten bunte seidene Taschentücher
in denen sehr sehr viele Knoten waren
Und ich erinnerte mich an Lapapis Schlusswort nahm meinen schwarzen
Deiwel und band ihm ein blaues Taschentuch um den Hals und ein gelbes sowie
ein rotes um den schwarzen Leib Der schwarze Deiwel war ein gutes Vieh und ließ
sich das gern gefallen
Dann stand ich auf und sah in der Ferne ein Stück vom dunkelblauen Meer
und links davon einen Park
Und dann wusste ich wo ich war
Ich war auf Rügen der Park war der von Juliusruh und rechts drüben lag
Breege wo ich schon seit dem vorigen Jahrhundert wohnte
Ich hatte Hunger und sagte zu meinem Hunde »Weißt Du vielleicht was meine
Frau heute zu Mittag gekocht hat« Der schwarze Hund mit den bunten
Knotentüchern bellte Aber die Antwort verstand ich nicht
Ich ging langsam nach Hause während der Hund über die Felder lief wie
sonst
Schön sah der Deiwel aus
Ich sah zum Himmel auf und da wars mir plötzlich als ginge der Himmel
auseinander
Und ich schaute tief hinein in unglaublich große Wunderwelten dass es mich
durchzuckte und dass ich laut ausrief
»Das ist der niemals erschöpferische Reichtum der Welt«
Doch dann sah Alles wieder im Himmel so aus wie sonst
Es war nur ein Moment
Aber der saß fest in mir
Langsam ging ich weiter nach Hause