1897_Scheerbart_Tarub.html




        
                                Paul Scheerbart
                         Tarub Bagdads berühmte Köchin
                          Ein arabischer KulturRoman
                                  Erstes Kapitel
Helles Gelächter scholl durch ganz Bagdad Der Prinz Ali war aus Ägypten
zurückgekehrt Und er war gekommen hoch zu Ross mit stolzem Gefolge Doch das
Ross auf dem der Prinz saß war ein Schimmel gewesen Und diesen Schimmel hatte
der Prinz grün färben lassen Da musste natürlich ganz Bagdad hell auflachen
Alis grüner Schimmel war ein Ereignis
    Es hatte sich wieder einmal gezeigt wie gut es der Prinz verstand von sich
reden zu machen Kein Mensch wurde klug aus diesem Ali War er durch sein
Selbstbewusstsein wirklich geschmacklos geworden Oder gab er sich nur so
geschmacklos aus Berechnung Wäre der Schimmel nach alter Sitte mit Henna rot
gefärbt gewesen dann würde Niemand gelacht haben  doch grün Nein das ging
überen Spaß
    Man konnte sich ja erklären was sich der Prinz gedacht hatte  er wollte
die neue Farbe der Abbassiden zu höheren Ehren bringen Einst glänzte das Haus
Abbas unter der schwarzen Flagge Diese schwarze Flagge vertauschte man später
mit der grünen Das gefiel nun dem jungen Ali so gut dass er die neue Farbe
seines Hauses überall sehen wollte Und so musste denn schließlich auch der
Schimmel  grün werden
    Unglaublich
    Unzählige Sterne glänzen aus dem tiefblauen Himmel auf Bagdad hinab sie
spiegeln sich in den lauen Fluten des Tigris und an den bunten Kacheln der
Minarette der Palast und Moscheekuppeln werden auch die Glanzlichter der
Sternenwelt glitzernd umhergestrahlt Die Chalifenburg mit ihren prächtigen
Türmen Kiosken und Galerieen hebt sich hoch heraus aus dem Häusergewirr der
großen Stadt aus der ein Nebeldunst  magisch leuchtend  aufsteigt Und am
Tigris entlang leuchten die weißen Mauern der Landhäuser in deren Gärten
schwanken die ruhigen Palmen im Abendwinde 
    Aber aus den Straßen und Gassen der herrlichen Stadt schallt helles
Gelächter zu den ewigen Sternen empor Jetzt endlich in der stillen Nacht kann
ganz Bagdad lachen nach Herzenslust denn der Prinz Ali hört das Lachen nicht
der ruht schon wieder in den weiten kühlen Prunkgemächern der Chalifenburg von
seinen vielen Reisen aus Der Chalif Mutadid hat seinen Sohn wohlwollend
empfangen und die Sklaven eilen in den Palästen auf den Zehen umher um die
Ruhe des gefeierten Prinzen nicht zu stören
    Wie Ali am frühen Morgen auf seinem grünen Schimmel durch das große Tor im
Westen stolz hineinritt in die festlich geschmückte Stadt da mussten seine
Kammerdiener Goldmünzen unter die Menge streuen Dadurch entstand ein wüstes
Geschrei Kein Araber war zu stolz Alle balgten sich um die Goldstücke sodass
es viele blutige Köpfe gab
    Durch die langen breiten Straßen die zur Chalifenburg führen zog der lange
Zug des stattlichen Gefolges auf Pferden und Kamelen unter betäubendem Lärm
dahin Das Volk jubelte wie rasend dem freigebigen Prinzen zu Es wurde beim
Herumschwirren der Goldstücke gejohlt und gelacht  als hätte sich der blaue
Himmel aufgetan wie wenn sich die Huris aus dem Paradiese zur Erde
niederbeugten
    Jetzt ist es Nacht und die Araber freuen sich über das blanke Gold Sie
werfen jetzt die Münzen ebenso verschwenderisch wie die Prinzen auf die Straße
Die guten Araber geben das gute Gold den dicken Weinhändlern guten Freunden und
lustig lachenden Mädchen dabei fällt ihnen aber der grüne Schimmel öfters
wieder ein  und über den freuen sich Alle schließlich noch viel mehr als über
das Gold
    Der Prinz Ali ist ein guter Mensch aber die Bürger Bagdads lachen ihn doch
von ganzem Herzen aus Und wenn er noch viel viel besser wäre sie würden ihn
trotzdem auslachen In dieser Nacht tragen die reichen Jünglinge Bagdads ihre
Säbel an grünen Schärpen um das Volk an Ali zu erinnern Das Volk versteht den
Scherz und lacht darüber immer wieder von Neuem  immer wieder von Neuem
    Ausgelassene Spottlieder wüste Zechgesänge mekkanische und persische
Liebesweisentolle wilde Jubelstürme brausen und wogen durch die Straßen und
Gassen der herrlichen Chalifenstadt In allen Weinkneipen in den Buden in
denen getanzt wird in den Häusern in denen reizende Sängerinnen mit feiner
Kunst zu singen verstehen  überall wird geprasst und gezecht
    Eine sehr lustige Nacht
    Abseits in einem kleinen Gässchen steht vor seiner Haustür ein christlicher
Weinhändler mit einem alten Parsenpriester im Gespräch Sie schütteln sich beide
Hände zum Abschied Doch der Wirt redet noch immer obgleich der Priester Eile
zu haben scheint Der christliche Wirt sagt
    »Bedenkt nur das Eine 892 Jahre man schreibe und sage
achtundertundzweiundneunzig Jahre  die sind nun schon vergangen seit Christus
geboren ward und seine Lehren sind hier noch immer verachtet Man lässt wohl uns
Christen in Ruh lässt uns auch unsern Glauben  aber das beweist doch nur dass
sich diese Araber garnicht um religiöse Dinge kümmern ihnen ist die Religion
überhaupt ganz gleichgültig  selbst ihre eigene In Bagdad gibt es gar keine
Religion mehr«
    Der Christ schüttelt traurig den Kopf
    Der Parse versetzt aber hastig
    »Verzeiht Ihr übertreibt In nächster Woche hol ich Euch ab Die Parsen 
die sollt Ihr kennenlernen  die haben noch Religion«
    Der Parse entfernt sich schnell als wenn er wirklich Eile hat
    Währenddem hört man auch hier wieder heisre Zecherstimmen erschallen Im
Keller des Weinhändlers ruft man laut und herrisch nach dem christlichen Wein
Indes  der Wirt zögert noch auf der andren Seite der Gasse sieht er zwei
bekannte Dichter vorüberwandeln die grüßt er erst noch  recht freundlich Dann
jedoch verschwindet der Christ er darf seine Gäste nicht warten lassen
    Die beiden arabischen Dichter haben den Gruß des Christen garnicht erwidert
Sie sind mit ihren eigenen Gedanken so sehr beschäftigt dass sie den allgemeinen
Jubel nicht mehr mitempfinden
    Suleiman der ältere Dichter träumte so im Gehen er wäre der Chalif Harun
und neben ihm plauderten indische Märchenerzählerinnen von den Tempeln ihrer
Götter am fernen Ganges Der alte Dichter glaubte zu hören wie neben ihm die
nackten Füße der Mädchen sich weich und gelenkig in den feuchten Sand schmiegten
und wie unter den gekrallten kleinen Zehen die Steinchen knirschten Dann dachte
der Alte an die schlanken Tänzerinnen die er gestern abend unter einem jener
rotseidenen Zelte auf dem Karawanenplatze bewundert hatte Die Tänzerinnen sahen
sehr schön und prächtig aus Er aber  ach  er hatte sich unter jenem
rotseidenen Zelte seines alten geflickten Ehrenkleides geschämt  eine sehr
peinliche Erinnerung Dieses Ehrenkleid war ein Geschenk des Chalifen
Motawakkil Doch der lag längst im Grabe Suleiman seufzte nickte mit dem Kopfe
so vor sich hin und murmelte was
    Safur der den Suleiman begleitete hörte das Murmeln und erriet gleich den
Gedankengang des alten Freundes denn sie gingen an einem seltsamen Hause
vorüber Über dessen Eingangspforte befanden sich kleine Fenster mit eisernen
Stäben Hinter den Stäben saßen Schneider bei hellem Lampenlicht und nähten
fleißig Sie nähten unzählige kostbare Gewänder für die Chalifenburg Und diese
kostbaren Gewänder blieben nicht in der Burg sie wanderten als Geschenke als
»Ehrenkleider« aus den großen Palästen hinaus in die weite Welt nach allen
Himmelsrichtungen bis nach Ägypten und Persien bis nach Indien und Afrika ja 
bis nach China und Spanien Der Chalif hatte sehr sehr viel  zu verschenken
    Safur der jüngere Dichter wusste das Alles lächelte und fragte den älteren
Dichter listig
    »Nun Denkst Du an Dein Ehrenkleid«
    Suleiman unter dessen braunem Gesicht ein gut gepflegter weißer Spitzbart
glänzte blickte traurig auf sein Gewand Das war einst gute Seide gewesen 
ledergelb mit großen lilafarbigen persischen Blumen Auf dem Rücken des
Ehrenkleides sah man noch das große Wappen des Chalifen  schwarze schwungvolle
Schriftzüge Die helleren Farben des Kaftans waren nicht mehr ganz reinlich an
vielen Stellen etwas blank und fettig und an den Ärmeln und unter den Knieen
zeigten sich kleine Löcher und große Flicken
    Suleiman gürtete seinen alten lilafarbigen Seidengurt fester um die Lenden
und schaute unter seinem nicht sehr reinen weißen Leinenturban dem jungen Safur
lange nachdenklich ins Gesicht
    Safur ging in Beduinentracht Sein langes hellblau und braun gestreiftes
Gewand das aus dünner Baumwolle bestand hing ihm faltig ins Gesicht Ein alter
Lederriemen schnallte das Tuch um Stirn und Hinterkopf zusammen Die hellblauen
und braunen Streifen des feinen Kleides schlotterten lässig mitgezogen in
unregelmässigen Falten um Körper und Beine herum  was sehr reizvoll aussah  was
Safur wusste
    Die nächste Gasse ist leider sehr schmutzig und die Sandalen der Dichter
werden nass ihre braunen Füße desgleichen Safur flucht hebt sein Kleid
vorsichtig mit den braunen hagren Fingern höher und ärgert sich  über die
Pfützen und über manches Andre
    »Jetzt« ruft er wütend »macht ein grüner Schimmel ein größeres Aufsehen
als die beste Kasside Gute Verse werden heute schon schlechter bezahlt als rote
Pantoffeln die allerdings in den Pfützen Bagdads sehr wertvoll sind «
    Der gutmütige Suleiman hat seine Not mit dem Ärgerlichen versteht es aber 
zu trösten sagt so ganz ruhig
    »Sieh Safur Der Schmutz der Gasse ist noch nicht das Schlimmste auf dieser
schlimmen Welt Was Besondres haben wir ja nicht vor Unsre Sandalen werden
schon wieder trocken werden Nebenbei  wundern muss ich mich denn doch dass Du
Dich gleichzeitig über den geringen Preis ärgerst den man heute für gute Verse
zu erhalten pflegt Warum machst Du nicht ein Lobgedicht auf unsern alten
Geizhals Said ibn Selm Der ist doch für Lobgedichte immer zu haben würde sich
über Safurs Verse sehr freuen und sie sehr gut bezahlen«
    »Das Lobgedicht kannst Du machen« versetzt ingrimmig der jüngere Dichter
    Und Suleiman meint drauf lächelnd »Oh Oh Das will ich mir gesagt sein
lassen Hast Recht Ein alter Dichter braucht auch viel eher einen reichen
Freund als ein junger Mensch wie Du einer bist«
    Die nächste Gasse ist wieder trockner und Safur wird wieder freundlich Er
legt seinen rechten Unterarm auf den linken des alten Suleiman und plaudert 
von Tarub
    Dem Alten wird ein bisschen neidisch zu Mute er spricht bitter »Ja Wer
eine Tarub hat der kann stolz sein Der hats nicht nötig einen Said ibn Selm
zu loben Aber erzähl mir nicht mehr von ihr Erzähl mir lieber was Du jetzt
als Dichter vorhast«
    Der zart empfindende Safur hört auch gleich von der Tarub auf und teilt
seinem alten Freunde  fast zitternd vor Erregung  mit dass er unter die
Beduinen gehen möchte Er habe kürzlich wieder die Antarsage gelesen und sei
ganz toll geworden schwärme nur noch für die blauäugigen Dschinnen jene wilden
schwarzen Wüstengeister die auf feurigen Hengsten nachts durch die Wüste jagen
um die Karawanen zu verfolgen An die Tarub dachte plötzlich der leicht
erregbare Dichter ganz und gar nicht mehr aber vom König Saiduk jenem
Geisterkönig der nur die Dschinnen  niemals einen Menschen sehen durfte
konnte Safur nicht genug erzählen »Mir geht es« fuhr er mit brennenden Augen
fort »fast genauso wie dem König Saiduk Mir ist immer so als müsst ich wie
Saiduk beim Anblick eines Menschen sterben Nur die Dschinnen kann ich ohne
Furcht sehen Die Gespenster sind meine Freunde die erregen mein Blut Oh ich
liebe die Dschinnen und möchte nur Verse machen in denen heiß und toll die
rasenden Wüstengeister herumsprengen auf ihren feurigen Hengsten Meine Verse
müssen so heftig werden dass Jeder der sie hört zittern soll vor Erregung Das
ganze Gespensterreich der Wüste möcht ich nach Bagdad bringen damit Bagdads
faule Dickbäuche mal aufgerüttelt werden Aber wie die Geschichten anfangen und
enden sollen das ist mir leider noch ganz unklar Das ist hässlich Das macht
mich recht besorgt Wer weiß ob ich was fertigbringe Eigentlich bin ich ja
noch niemals zu was gekommen Jeden Tag will ich was Andres denn jeden Tag soll
und muss ich auch was Andres Ich hör jetzt allerdings jeden Abend ein so
seltsames Gesumm als wenn die Dschinnen in der Nähe sind«
    Und er horcht aufmerksam in die Nachtluft hinein in der Käfer zirpen und
Nachtfalter herumflattern Der alte Suleiman wird ganz still er fühlt dass er
dem jüngeren Freunde nicht zu folgen vermag Er lebte zu allen Zeiten in der
Märchenwelt die vor achtzig Jahren unter Haruns Regierung die Dichter
beschäftigte Suleiman liebt das Liebliche er träumt nicht gern von
Gespenstern Märchenprinzen und lustige Zaubrer sind ihm viel angenehmer Die
Wüstengeister sind dem alten Dichter ganz fremde Wesen die er nicht leiden
kann da sie ihn erschrecken Das Jähe Stürmische Gespensterhafte ist nichts
für Suleiman dessen Träume sind still und sanft
    Doch jetzt kommen die Beiden in die breiteren Straßen da ist es lauter Man
hört überall Singen Lachen und Lärmen Lustige Zecher schwanken Arm in Arm wie
vom Winde verwehte Papyrusrollen in Zickzacklinien vorüber
    Vor der großen Moschee prügeln sich ein paar betrunkne Kameltreiber  ihre
Kamele sehen verwundert zu alte Frauen schreien und das Volk das gemächlich
daneben steht lacht
    Safur und Suleiman biegen rechts ab in einen schmalen Gang der Erstere
voran Sie gehen hintereinander schweigend einher an einem niedrigen Bretterzaun
entlang über den sie hinüberblicken können Es liegt ein großer Garten hinter
dem Bretterzaun Neben den mit bunten spiegelglatten Fliesen gepflasterten
Fusswegen des Gartens sind über den Erdboden kurz geschorene Rasen gebettet auf
denen einzeln große rote Tulpen blühen Weiterhin plätschern kleine
Springbrunnen in großen Teichen die vom Sternenlicht durchstrahlt mit ihren
kleinen Wellen glitzern und funkeln wie ein Heer arabischer Krieger mit blanken
Helmen und blitzenden Damascenerklingen
    Lorbeeralleen verdunkeln die weiter hinten gelegenen Parkanlagen Neben den
Teichen ragen hohe Palmen in den Sternenhimmel hinauf Die Dichter gehen noch an
Myrtengebüschen vorbei und gelangen dann durch eine offene Tür in den großen
Park Still wandeln sie hier auf den bunten Fliesen der Fusspfade weiter Safur
denkt an seine Wüstengeister und Suleiman sucht nach einem feinen Ausdruck für
tiefe Gartenstille in den Vers soll sich gleich Erwartungsstimmung mit
hineinweben
    In der Mitte des Parks steht ein leicht gebautes Sommerhaus mit weiten
indischen Galerieen in deren zierlichen Spitzbögen schaukeln sich
PapierAmpeln die ganz mit grellbunten Vögeln bemalt sind Vor der großen
Hallenpforte kauern verdrossen ein paar nubische Sklaven mit krausem Wollhaar
    Der alte Suleiman sagt zu einem der jüngeren Nubier
    »Geh hinein und sage dem dicken Kodama er möchte hinauskommen wir müssten
zur Sternwarte der Mond wär schon aufgegangen und die Mondfinsternis wär auch
bald da Geh schnell« Und der Dichter zeigt dem Nubier den Halbmond der jetzt
über die dunklen Lorbeeralleen im Osten in den Garten schaut Der Sklave rennt
eilig von dannen
    Aus den inneren Gemächern des leicht gebauten Sommerhauses dringen jetzt
reine volle Saitentöne heraus Weiche Frauenstimmen schallen hell und wonnig
dazwischen Die Töne schwellen an und säuseln dann wieder dann hüpfen sie
trällern locken und girren wie Tauben klagen auch sehnenvoll wie verlassene
Geliebte murren und necken reizen und beruhigen 
    Es sind die Sängerinnen der alten Dschellabany Die singen vor den reichen
Jünglingen Bagdads und trinken mit ihnen feurigen Wein Ein wildes indisches
Freudenlied jubelt durch die üppigen Säle
    Die Dichter warten draußen
    Plötzlich wirds still
    Und von zwei Fackelträgern grell beleuchtet schreitet eilig eine stattliche
schöne Negerin durch die mit herrlich durchbrochenen Zierleisten umrahmte
Hallenpforte hindurch Die schwarze Schöne streckt den beiden Dichtern die
vollen schwarzen Arme entgegen Ihre goldenen Armspangen glühen im grellen
Fackelschein Ein Perlendiadem schmückt ihr schwarzes Haar Ihre Brust hebt sich
in raschen Atemzügen unter schneeweissem Linnenzeug
    Die Schwarze bittet die Dichter sehr erregt mit den Armen herumfuchtelnd
ihr zu folgen sie meint Kodama komme ja sofort mit und bis zur Sternwarte seis
doch nicht so weit Sie deutet dabei auf ihren breiten grünen Lendengurt der an
Alis grünen Schimmel gemahnen soll
    Das Grün des seidenen faltigen Gürtels unter dem weißen lockeren Busentuche
hebt sich prächtig von den weiten rotseidenen Beinkleidern ab die unten am
schwarzen Fussknöchel zusammengeschnürt sind sodass die rote Seide in bauschigen
Falten überhängt und fast die Steinfliesen streift
    Jedoch die Dichter wollen nicht mitkommen  Safur sagt »Das kennen wir
schon Wenn wir zu Euch hineingehen so gehen wir nicht sobald wieder hinaus«
    Die stattliche Negerin nestelt verlegen an ihrer dicken Perlenschnur die
ihren starken Nacken umkränzt  muss dann aber mit ihren Fackelträgern ohne die
beiden Dichter  abgehen
    Wieder klingen die Saitentöne und die hellen hallenden Frauenstimmen durch
das Sommerhaus der alten Dschellabany vor deren gastlicher Tür Safur und
Suleiman geduldig warten und den Halbmond betrachten
    Und nach einer guten Weile kommt dann der Kodama Bagdads dickster
Gelehrter auch endlich zum Vorschein Er ruft ärgerlich »Na ein Glas Wein
hättet Ihr doch noch trinken können« Indes die Dichter zeigen lächelnd auf den
Halbmond und erklären dem Kodama dass die Mondfinsternis sehr bald eintreten
müsse
    Die Drei begeben sich daher ohne weiteren Verzug zusammen zur Sternwarte
die einst der gebildete Chalif Mamun für die Astronomen mit großen Kosten
erbauen ließ
    Das weite Himmelszelt mit seinen Sternen funkelt
    Der Halbmond steht drüben im Osten über den Lorbeeralleen
    Der Garten ist still nur die Springbrunnen plätschern
    
    Die roten Tulpen auf den geschorenen Rasen leuchten wie kleine rote Flammen
    Im lauen Nachtwind schaukeln langsam die ruhigen Palmen
    Aus der Ferne ganz leise dringt von den Gartenmauern hernieder der Lärm der
großen Stadt
    Die Drei wandeln schweigend zur Sternwarte
    Bagdads Lachen verhallt
 
                                Zweites Kapitel
Hoch oben auf dem Mittelturm der Sternwarte schaut der Sterndeuter Abu Maschar
durch ein dreieckiges Blechrohr zum schwarzen Saturn
    In seinem weißen Beduinengewande steht Abu Maschar da oben unter den Sternen
wie ein Gespenst Ein pechschwarzer Vollbart wallt ihm bis auf den ledernen
Leibgurt hinab Zur Rechten und zur Linken des Sterndeuters stehen hohe
wunderliche Messgeräte Auf dem alten sehr breiten Holzgeländer sind lange
Papierstreifen  mit Bleistücken beschwert  ausgebreitet Und uralte vergilbte
Bücherrollen liegen am Boden
    Abu Maschar murmelt was in seinen schwarzen Bart er murmelt in einer
unverständlichen Sprache die wohl nur die Bürger AltBabylons verstanden
hätten Er schreibt dabei Zahlen auf einen der langen Papierstreifen und blickt
dann stolz nach allen Seiten umher  in die große funkelnde Sternenwelt In
seinem braunen Antlitz leuchten die großen schwarzen Augen unheimlich auf sie
starren in das tiefe Himmelsblau als wenn sie Geister sähen  Abu Maschar
steht still  gebannt  wie eine Bildsäule
    Die Sternwarte war eigentlich eine Ruine
    Bald nach Mamuns Tode hatten sich Räuber der Sternwarte bemächtigt da nach
Mamuns Tode fast Niemand mehr Geld für die Himmelskunde erübrigen wollte
    Als man nun später dahinterkam dass sich in den fünf Türmen auf denen sonst
nur gelehrte Männer emsig arbeiteten Räuber verborgen hielten ward das
prächtige Bauwerk von den Soldaten eines arabischen Hauptmanns gestürmt Und bei
diesem Sturm stürzten zwei Türme um und begruben viele Räuber und Soldaten unter
ihren Trümmern Auf dem Schutt wächst jetzt Gras mit wilden Blumen
    Die Türme hatten einen Halbkreis gebildet und waren durch vier schwere
Holzbrücken miteinander verbunden
    von diesen überlebten nur zwei den Sturm des Hauptmanns
    Vom Mittelpunkte der durch die fünf Türme gegebenen Kreislinie aus hatte
eine mit Backsteinen erbaute feste Treppe fast bis zur Spitze des Mittelturmes
geführt Diese Treppe war bei dem Kampf mit den Räubern auch über den Haufen
geworfen worden
    Über den Trümmern der Treppe wächst nun gleichfalls Gras
    Nur das oberste Stück der Treppe hängt noch wie ein Widerhaken oben am
Mittelturm auf dem Abu Maschar wie eine Bildsäule dasteht
    Die beiden andern Türme erreichen nicht dieselbe Höhe wie der welcher einst
der mittlere gewesen der diesem zunächst gelegene sieht sogar recht niedrig aus
 dafür geht er allerdings mehr in die Breite befindet sich doch in seiner
Spitze der große Empfangssaal in dem die Astronomen einst von Mamun die
fürstlichen Geschenke empfingen
    Auf dem großen fünfeckigen Altan der vor dem Empfangssaal hoch über den
Palmen in den Garten hinausragt spricht der berühmte Astronom Al Battany mit
Jakuby dem großen Weltreisenden über die Wissenschaft 
    Al Battany hat die Sternwarte wieder bewohnbar gemacht Mit seinen
wissenschaftlichen Instrumenten sitzt er oft im dritten der drei noch übrig
gebliebenen Türme Im Empfangssaal pflegt er seine Freunde zu empfangen die
dort gern aus und eingehen und besonders gern auf dem fünfeckigen Altane
weilen der sich auf der Außenseite des durch die drei Türme beschriebenen
Kreisabschnittes befindet
    Der Empfangssaal mit dem Altan wird von den bedeutendsten Männern Bagdads
besucht Die Freunde des reichen Battany der sich wenn er allein sein will in
sein nicht weitab am Tigris gelegenes Landhaus begibt sind zum größten Teil
nicht sehr wohlhabend  das aber beeinträchtigt ihre Bedeutung nicht im
Geringsten 
    In der Tiefe des Gartens unterm Altan und zwischen den Trümmern reiten zwei
Mongolen mit langen Lanzen auf schäumenden Rossen langsam fast schleichend auf
und ab Die gelben Mongolen mit ihren blanken Helmen wachen in jeder Nacht auf
dass kein Unberufener feindselig nahe Die Mongolen stehen im Solde des reichen
Al Battany der auch ein Dutzend schwarzer Sklaven in den unteren Gelassen der
Türme verteilte Hunde sind aber nicht da
                            
    Tiefernst ist das Gespräch zwischen dem großen Astronomen und dem großen
Weltreisenden der Jakuby heißt Die Beiden ergründen oben auf dem fünfeckigen
Altan die Bedeutung der arabischen Literatur
    Der Battany schließt eine längere Auseinandersetzung über Bagdads
Gelehrtenwelt mit den folgenden heftigen Worten
    »Überhaupt  was weißt Du von unsren wissenschaftlichen Bestrebungen Du
pilgerst durch alle Länder und schreibst Dir alles auf was Du hörst und was Dir
grade zufällig dicht vor die Nase geführt wird Was verstehst Du von Bagdader
Zuständen und Verhältnissen Garnichts  mehr als garnichts denn Du pflegst
alles falsch aufzufassen Der berühmte Geograph Jakuby denkt natürlich garnicht
daran dass er sich jemals irren könnte  ih wo wird er denn Du bist
beneidenswert«
    Und bei diesen Worten hob der Astronom bald den rechten bald den linken
Arm bald beide Arme zugleich höchst malerisch  wenn auch etwas zu schnell  in
die Höhe Malerisch sah das aus weil bei dieser Armbewegung eine dunkelblaue
Sammettoga mit dicker Goldstickerei prächtige weit aufschweifende Falten warf
Der Astronom verehrte sehr die alten Griechen er hatte sich ganz abenteuerliche
Vorstellungen von dem wissenschaftlichen Geist des Aristoteles gebildet sodass
er schließlich nicht umhin konnte eine dunkelblaue Sammettoga mit dicker
Goldstickerei zu tragen Den Aristoteles kannte der Gelehrte natürlich nur vom
Hörensagen  er verstand nicht einmal so viel Syrisch um den alten Griechen in
syrischen Übersetzungen zu lesen  geschweige denn im Urtext 
    Daher durfte man sich auch nicht wundern dass der berühmteste Astronom
Bagdads gleichzeitig eine indische ganz mit Gold überstickte Kappe die so rund
und klein wie ein flacher Suppentopf war auf dem Kopfe trug
    Battanys Kopf  ja  der hatte so was vom Neger und was vom Inder sehr fein
sah er nicht aus aber trotzig straff  die Nase dick und klein die Augen
heftig und nicht groß der Mund voll und die Ohren abstehend  neben der
dicken braunen Nase gingen tiefe Falten zu den Backenknochen hinunter die
dunkelbraune Stirn schien sehr hoch da die indische Kappe fast im Nacken saß
    Viel freundlicher schaute dagegen der Jakuby in die Welt Dessen Gesicht
lächelte unter einem helllila Seidenturban Spitz ragte die braune Nase unter
diesem Turban hervor Ein kleines graues Spitzbärtchen zierte das Kinn Der Bart
auf der Oberlippe und auf den Backen war sorgfältig abrasiert sodass die braune
schon vielfaltige Gesichtshaut zur Geltung gelangte
    Jakuby hatte was Eigenes das durch seinen sauberen schwarzen Seidenkaftan
noch erhöht wurde
    Der kleine zierlich gebaute Gelehrte erwiderte nach sehr langer Pause mit
feiner heller Stimme in jener überlegenen Art die in den Moscheen beim
gelehrten Gespräch üblich zu sein pflegte
    »Oh mein lieber Freund Deinem heftigen persönlichen Angriffe will ich aus
dem Wege gehen Doch hör nur dieses
    Wir Araber haben nun bald die ganze Welt erobert erobert mit der scharfen
Damascenerklinge Jetzt dünkt mich ist es an der Zeit die Welt auch in andrer
Weise zu erobern Nicht dürfen wir mehr mit den Augen der Krieger die Alles nur
besitzen wollen die Welt durchstreifen Wir müssen mit wissensdurstigen Augen
durch die Länder wandeln und Alles kennenlernen  Alles was da kreucht und
fleucht Auch der gelehrte Mann kann erobern  erobern indem er sein Wissen
bereichert Deshalb habe ich mit meinen schwächlichen Gliedern meine großen
Reisen unternommen  einerseits durch Ägypten und Afrika bis nach Spanien
andererseits durch Persien und Indien bis nach China Und Jedermann weiß dass
mein Buch der Länder das ich im vorigen Jahre herausgab wirklich ein Werk
wurde das auch den der niemals über die Mauern Bagdads hinauskam mit allen
Ländern der Erde bekannt machen muss Das Buch der Länder weist ja noch viele
Lücken auf aber es ist doch in diesem Werke eine unvergleichliche Sammlung von
Wissensschätzen angehäuft «
    Nun aber kann sich der heftige Astronom nicht mehr halten er unterbricht
den redseligen Freund mit hoch erhobenen Armen »Sammlung« schreit er »hab
ichs nicht gleich gesagt dass Du keine Ahnung von unsren wissenschaftlichen
Bestrebungen hast Jawohl  sehr richtig Unsre Zeit leistet was in
Sammelwerken Wir sammeln alle unsre Kenntnisse als hätten wir nichts Andres zu
tun Und ein einziges Buch soll immer Alles umfassen  natürlich An
Selbstbewusstsein fehlt es unsern gelehrten Sammlern nicht Wir tun so als
hätten wir garnicht mehr nötig  noch fürderhin zu forschen zu ergründen oder
klarzustellen  ih wo Jeder Gelehrte glaubt wir hätten bereits Alles begriffen
und vollkommen erklärt    und es wäre heute nichts Anderes nötig als Sammeln
 Sammeln  Sammeln«
    »Lass nur den Spott« gibt da Jakuby lächelnd zurück »hör nur dieses Sind
nicht die Geographen und Astronomen die Hauptgelehrten unsrer Zeit Die Einen
erforschen die Erde die Andern den Himmel Ist es nicht so«
    Battany nickt und wird milder
    Jakuby aber fährt jetzt mit stolz erhobener Nase fort
    »So mein Freund Wer hat nun Recht Wenn somit die Geographen und
Astronomen die ganze Welt kennen lernen wollen  müssen sie da nicht sammeln
Müssen sie nicht Müssen wir nicht Sammelwerke schreiben Mein Buch der Länder
nenne ich mit Stolz ein Buch das alles Wissenswerte der Erde zusammenfasst«
    Battany wird unwillig es kommt ihm so vor als sei er plötzlich in die Enge
getrieben Er hustet verlegen stützt sich mit dem rechten Unterarm auf das
Geländer des Altans blickt in den Garten hinunter in dem die Mongolen langsam
herumreiten hustet wieder um den Jakuby am Weitersprechen zu hindern sammelt
sich und sagt dann hastig
    »Nein  so ist es nicht Umgekehrt ist es Weil die Araber eigentlich
überhaupt nur Sammelwerke schreiben deswegen spielen die Geographen und
Astronomen deren Tätigkeit am meisten zum Sammeln verleitet eine so große
Rolle unter uns Aber wir haben noch gar kein Recht zum Sammeln Ans Sammeln
darf man erst denken wenn man eine Unmenge erforscht entdeckt und begriffen
hat Wir haben aber noch lange nicht so viel wissenschaftlich feststehende
Tatsachen erkannt um die jetzt schon sammeln zu können Du fragtest mich vorhin
nach der Mondfinsternis Siehst Du sie schon Sie müsste nach meinen Berechnungen
da sein  und sie ist noch nicht da Ich habe genau gerechnet  und die
Mondfinsternis ist doch nicht da Ich stehe als Astronom immer vor unzähligen
Fragen die ich nicht beantworten kann  und trotzdem soll ich sammeln Was
denn Etwa meine Fragen«
    Und unter den kräftigen Armbewegungen zitterte der ganze Leib des
Astronomen
    Der Halbmond stand unglaublich ruhig da ohne sich zu verfinstern Nur der
große Al Battany verfinsterte sich
    Jakuby allerdings glich eher in seiner Ruhe dem Halbmonde wenn auch sein
spitzes Gesicht durchaus nichts Mondartiges an sich hatte Mit dem Gleichmut
eines unüberwindlichen Siegers bemerkte er mit seiner hellen Fistelstimme so von
oben herab
    »Du magst sagen was Du willst Die Geographen und Astronomen sind dennoch
die größten Gelehrten die man sich denken kann Wir wollen eine ganze Welt
kennenlernen eine ganze Welt wissenschaftlich in uns aufnehmen Wir stehen vor
der größten Aufgabe die man sich denken kann Und wir werden diese Aufgabe
überwältigen  wir haben sie bereits zum größten Teil überwältigt Ich erinnere
Dich nur an mein Buch der Länder «
    »Hör auf« schreit Battany dazwischen »Du bist und bleibst beneidenswert
Aber Du bist auch ein Kind Du weißt garnicht was in der Welt vorgeht Du hast
von der Welt keine Ahnung Du willst eine Welt begreifen Lächerlich Albern
Was man nicht Alles wollen kann Ein Prahlhans bist Du mit Deinem Wollen Du
erinnerst mich an einen Vielfrass den unser Dichter Safur sehr schöne Verse
sprechen ließ Pass mal auf Der Vielfrass sagt als er hungrig zwar doch so
prahlerisch wie ein echter arabischer Gelehrter in eine große Gesellschaft
kommt die mit der Mahlzeit beinahe fertig ist also
Weiß Allah wann Ich mich mal verschnauf
Ich aß heut schon hundert Hammel auf
Verdaute sie gleich im Dauerlauf
Und löschte den Durst mit dem ganzen Nil
Mir stak mang den Zähnen manch Krokodil
Ihr nennt das doch hoffentlich nicht zuviel 
Mehr kann ich trotzdem noch essen«
Und der Astronom steht breitbeinig da und brummt
    Jakuby macht ein verblüfftes Gesicht und versteht nicht was Battany sagen
will Der indessen erklärt gleich indem er fortfährt »Du musst eben nicht
vergessen dass unserm Können denn doch so manche Grenzen gezogen sind Dass wir
uns oft verrechnen  das ist noch nicht das Schlimmste Du willst die ganze Welt
kennenlernen Nun sag aber mal  ganz leise  unter uns Ist Dir das auch von
unserm Chalifen ausdrücklich erlaubt Darfst Du das Wir hier in Bagdad wissen
sehr genau dass der Chalif uns garnicht erlauben will der Wissenschaft so
obzuliegen wie wir möchten denken und schreiben sollen wir eigentlich nicht
Wenn wir aber das nicht mal sollen sind wir dann noch die größten Gelehrten«
    Und nun streiten die Beiden nicht mehr über Sammeln und Forschen  sie
flüstern nur noch ganz leise zischeln sich immer wieder was ins Ohr  was von
der Chalifenburg von der Verfolgung der freien Wissenschaft und ähnlichen halb
heiteren halb traurigen Dingen
    Der Schreiber Osman sitzt währenddem im Empfangssaal auf einem großen
persischen Teppich mit untergeschlagenen Beinen finster brütend wie ein
chinesischer Bonze da Seine dünnen braunen baumwollenen Beinkleider hängen
schlaff um die wulstigen Kniegelenke Wie eine dicke Tonne steht der breite
Fettleib des Schreibers auf dem Teppich Ein ganz kurzes braunes Jäckchen ohne
Ärmel umspannt des Schreibers breite Brust auf der ein schneeweisses Leinenhemd
vorschimmert Die weiten Ärmel des Hemdes sind auch sehr sauber  der weiße
Leinenturban ebenfalls Das glatte braune Gesicht mit den dicken Pustbacken ist
rund und voll Die kleinen Augen starren auf die roten und blauen Muster des
Teppichs der geheimnisvoll wie ein Sterndeuterbuch aussieht und fast den ganzen
Boden bedeckt Osmans Stirn zeigt dicke Falten
    Der Empfangssaal ist eine offene Halle Unter den zackig geschwungenen
Säulenbogen sieht man den dunkelblauen Himmel mit den Sternen Durch die offenen
Säulenbogen geht es zum fünfeckigen Altan hinaus auf dem Battany und Jakuby
eifrig flüstern Ein großer Himmelsglobus aus Kupfer tront vorn an der einen
Seite des Saales Hinten in den beiden Ecknischen der mit roten und silbernen
Querstreifen bemalten Wände brennt in zwei Kohlenbecken duftiges arabisches
Räucherwerk Die leichten wirbelnden Rauchwolken schweben durch das ganze Gemach
in langen bläulichen Fäden dahin Osman sitzt mitten auf dem Teppich mit der
Stirn dem Himmel zu und grübelt 
    Neben dem dicken Schreiber Osman rechts auf einem kleinen fünfeckigen
Ebenholztische dampft heißer chinesischer Tee in feiner Porzellanschale Der
Schreiber Osman ist kein gewöhnlicher Schreiber er lässt seine Gehilfen
schreiben er handelt nur mit den Büchern der großen Gelehrten die ihre
Schriften ihm zur Vervielfältigung und Verbreitung übergeben Der Buchhändler
hat schwere geschäftliche Sorgen er sitzt und rechnet und brütet und nickt
dabei zuweilen mit dem dicken Kopf langsam bedächtig wie ein Bonze beim Chalifen
von Peking
    Bücherrollen liegen auf dem Teppich kreuz und quer Dem Globus gegenüber in
einer Alabasternische funkelt ein kupfernes Waschbecken  fein getriebene
Arbeit das Gestell besteht aus drei schweren reich verzierten Eisenfüssen die
sich unten auf dem schwarzen Fliesenboden schneckenartig umkrümmen 
    Von der zierlichen Decke oben über die sich geometrische Figuren in blauen
und grünen Linien auf goldnem Grunde durcheinander spinnen hängen an eisernen
Ketten bunte maurische Lampen hernieder Sie beleuchten das braune Fettgesicht
des dicken Schreibers und lassen auch eine indische sitzende Götterfigur mitten
im Hintergrunde sichtbar werden Der Götze sitzt aber höher als der Schreiber

    Im Empfangssaal ist es ganz still Nur die glühenden Kohlen knistern ein
bisschen Die duftigen blauen Räucherwolken wirbeln zur zierlichen Decke ziehen
in langen Fäden langsam durch die Säulenbogen in die Mondnacht hinaus
    Zu Osman in die Empfangshalle kommen nun mit dem gelehrten Kodama die beiden
Dichter Suleiman und Safur Kodamas wohltönende Stimme wird von Osman schon von
fern als die Drei noch unten auf der Treppe waren gehört Kodama ist auch ein
Geograph aber er lässt sich nicht gern so nennen weil er nicht gern reisen mag
 er ist zu dick
    Osman blickt die Kommenden traurig an
    Kodama schmunzelt so recht inniglich vergnügt er ist fast ebenso dick wie
der dicke Schreiber
    Osmans Mondgesicht glänzt des Geographen Mondgesicht glänzt auch Dessen
gelbseidener Turban ist sehr schön Ach  Kodamas kurzer schwarzer Sammetrock
ist auch sehr schön und gar seine breiten schwarzseidenen Hosen  die sind die
schönsten Pluderhosen in ganz Bagdad
    »Aber Osman warum bist Du denn so traurig« ruft der Geograph und er
schüttelt sich vor Lachen dass ihm die hellen Tränen über die rasierten braunen
Wangen rollen
    Osman schweigt und seine Miene wird noch kummervoller
    Safur betrachtet das indische Götzenbild Suleiman wärmt sich die Hände vor
dem einen Kohlenbecken Kodama streichelt den runden kupfernen Himmelsglobus und
wendet sich plötzlich ganz ernst zum jungen Safur und sagt sehr wohltönend
»Sieh nur mein Teurer hier kannst Du was lernen So rund wie diese Kugel ist
auch unsre Erde  ja ja Hast Du denn schon meine kleine Schrift über die
Kugelgestalt der Erde zu Ende gelesen Nein Ich kann Dir nur raten  lies was
ich da geschrieben Das könnte Dich auch dichterisch anregen Glaubst Du nicht
dass der Mensch auch so rund wie eine Kugel werden könnte Ich sage Dir möglich
ist das Zum mindesten sollten wir immer bestrebt sein runder zu werden Dürfte
nicht mein Leib noch schöner aussehen wenn er noch runder würde Bist Du auch
rund Nein Warum nicht«
    Safur lacht laut auf und geht hinaus auf den Altan wendet sich aber gleich
zur Linken und schreitet eilig über die Brücke zum Mittelturm seinen Freund Abu
Maschar der noch immer oben auf dem Turme wie eine Bildsäule dasteht will er
besuchen
    Indessen  Kodama setzt sich behaglich neben Osman auf den persischen
Teppich und fragt den traurigen Schreiber
    »Na was hast Du denn«
    Kodama bekommt leider keine Antwort
    Battany und Jakuby treten grade  immer noch flüsternd  mit mürrischen
Gesichtern in den Empfangssaal Sie sehen Bagdads dickste Freunde merkwürdig
steif auf dem Teppich sitzen Suleiman wärmt sich noch immer die Hände an dem
einen Kohlenbecken
    Man begrüßt sich indem man schweigend leicht das Haupt nach vorne beugt
was sehr drollig aussieht 
    Es ist einen Augenblick wieder still
    Dann jedoch knarren die Treppenstufen und herein stürmt wie ein Wilder der
große Philosoph Abu Hischam
    Malerisch schlottert ihm sein alter Kittel um die dürren Beine die
armenische Pelzmütze sitzt ihm schief auf den lockigen braunen Haaren sein
zottiger Bart zittert ihm und die großen braunen Augen rollen ihm im Kopfe
    Abu Hischam haut mit der Faust auf den Globus und stampft mit dem rechten
Fuß auf den Boden
    Kodama springt empor Suleiman Battany und Jakuby kommen erschrocken näher
    »Was ist denn los« schreit der dicke Kodama
    Doch der Philosoph reckt die Faust zum Himmel auf und fragt heiser »Wisst
Ihr noch nichts«
    »Ich weiß Alles« ruft traurig der dicke Schreiber
    Die Andern aber wollen nun wissen was los ist Und Abu Hischam erzählt wirr
und erregt »Was wir immer gefürchtet ist geschehen Der Chalif Mutadid  dieser
Hund  er hats gewagt  er hat ein neues Gesetz erlassen Er hat verboten  man
höre nur  Bücher herauszugeben die einen philosophischen oder politischen
Inhalt haben Das heißt wir dürfen überhaupt keine Bücher mehr herausgeben Ist
das nicht stark Weder Philosophisches noch Politisches soll ins Volk dringen 
das heißt wissenschaftliche Bücher sollen nicht mehr geschrieben werden Was
sagt Ihr nun Er hats gewagt Der Hund Der Hund Dieses verfluchte Aas«
    Und alle Sechs werden fürchterlich wütend  sie schreien gellend
durcheinander
    Battanys Toga fliegt umher wie ein Segel im Sturm Jakuby fuchtelt mit dem
rechten Zeigefinger vor seiner Nase herum Kodama schlägt sich immerfort mit den
Fäusten vor die Brust Suleiman ringt die Hände Osman stöhnt
    Der Philosoph Abu Hischam brüllt wie ein Stier schimpft wie ein
Kameltreiber und hält wie sich der Lärm ein wenig gelegt eine Rede
    »Freunde« ruft er »was ich schon immer empfahl das empfehle ich jetzt
noch einmal  das muss jetzt endlich zur Tat werden Wir müssen einen Geheimbund
gründen und unsre Bücher unter uns herausgeben  nicht fürs Volk Was haben wir
davon wenn unsre Bücher gekauft und gelesen werden von Leuten die uns garnicht
verstehen können Bilden wir lieber endlich eine abgeschlossene gelehrte
Gesellschaft die ihre Bücher nur unter ihre Mitglieder verteilt Wir Gelehrte
schreiben doch nur für die andren Gelehrten  lasst uns drum einen Bund
schließen wie ichs schon öfters empfohlen habe Wir brauchen unsre Bücher
garnicht öffentlich herauszugeben Fürs Volk schreiben wir ja doch nicht Wir
versenden unsre Bücher nur an die einzelnen Mitglieder des zu uns gehörenden
Gelehrtenbundes und pfeifen dann auf die Gesetze des dummen Mutadid der besser
täte wenn er in den Wallgräben Bagdads die Schweine hütete«
    Nach dieser unerwarteten Rede springt auch endlich der Schreiber Osman auf
der bis dahin still auf dem persischen Teppich saß und chinesischen Tee trank
Osman erhob sich furchtbar schnell was so aussah als wenn ein Gummiball einen
Klaps bekommen
    »Ihr habt ja kein Geld« schreit der Schreiber »wollt Ihr Eure Bücher
verschenken«
    Und es entsteht ein neuer Lärm  der ist noch wüster als der erste Jakuby
bemüht sich vergeblich das Gespräch auf die bevorstehende Mondfinsternis die
garnicht erscheinen will zu lenken
    Schließlich reden Alle zugleich sie schreien die Worte mit versengendem
Glutblick einander zu Niemand versteht was sie so heftig sagen 
                            
    Safur aber oben auf dem Mittelturm schwärmt dem großen Sterndeuter Abu
Maschar von Himmelsgeistern und herrlichen Huris von den alten Göttern und von
den alten Gespenstern begeistert etwas vor  er sagt
    »Wenn ich so im tiefen unendlichen Blau die strahlenden Himmelsblüten
schaue dann fühlt sich meine Seele oft so mächtig bewegt und ich träume mir
dann da oben eine Welt zusammen in der Götter hausen übermenschliche Wesen
die noch viel feiner empfinden können als die besten Dichter der Erde Oh Abu
Maschar muss es nicht dort oben in den freien Weltalllüften viel wundervoller
sein als hier bei uns«
    Abu Maschar erwidert mit ganz leiser Stimme
    »Kein Ort der Erde ist wirklich schöner als der andre Wir können überall
glücklich sein Die Zustände sind überall gleich gut und gleich schlecht wie
man gerade sagen will Und in andren Welten kanns eigentlich auch nicht anders
sein Sieh Safur das ist eigentlich das Geheimnis meiner Prophetengabe dass
ich nirgendwo und auch nirgendwann einen besseren Zustand vermute als den
welchen ich grad in den einzelnen Augenblicken meines Lebens empfinde Die
Zukunft ist für uns kein verschlossenes Buch Zu allen Zeiten war es im Grunde
genauso gut und genauso schlecht um die Menschen bestellt als zu unsrer Zeit
hier in Bagdad Dass ich fest daran glaube die Welt wird weder besser noch
schlechter eine wirklich wesentliche Weiterentwicklung der Menschen gibt es
garnicht  dieser Glaube hält mich grade macht mich sicher stolz fest und
bewusst  das macht mich zum Propheten  wie mich die Gelehrten in der Moschee
spöttisch nennen Ja Safur ich bin ein Prophet wenn ich in die Sterne schaue
so sehe ich die Zukunft    unsre Welt ist ebensowenig veränderlich wie der
Sternenhimmel Scheinbar nur bietet sich uns ein ewiger Wechsel dar Die Zukunft
wird ebenso aussehen wie die Gegenwart Dieses Wort vergiss nicht Safur Was ich
sonst noch prophezeie ist im Grunde leerer bedeutungsloser Scherz Die Welt
bleibt  wie sie ist Werde so ruhig wie dieser Sternenhimmel und hoffe nicht
auf andre oder bessere Zeiten«
Ein duftender Blütenwind weht durch Abu Maschars weißes Beduinengewand Safur
schaut mit trunkenen Blicken zum schwarzen Saturn  Der Dichter versteht den
Propheten
    Der Lärm in der Empfangshalle dringt jetzt schwächer zum Mittelturm empor
    Ruhig steht der Halbmond  glänzend  ohne jeden Schatten über der alten
Sternwarte die einst der gebildete Chalif Mamun für seine Himmelsfreunde
erbauen ließ
    Safur und Abu Maschar schauen schweigend in die Sterne die verblassen da
der Mond zu hell ist
    Doch jetzt klopft es leise
    Ein schwarzer Sklave steigt langsam die letzten Stufen der Treppe hinauf und
sagt ganz behutsam um nicht zu stören
    »Der Herr Battany will aufm Boot im Tigris hinund herfahren  lässt bitten
mitzukommen«
    »Eine Kahnfahrt« ruft Safur
    »Was gibt die Veranlassung« fragt Abu Maschar
    »Der Mond scheint dem Herrn Battany zu hell« erwidert ernst der schwarze
Sklave
    Die beiden Freunde schauen sich an und  lächeln Schmunzelnd folgen sie dem
Schwarzen der hurtig die Treppe hinunterstolpert
    Unten zügeln die beiden Mongolen ihre schäumenden Rosse
    Die Sklaven rennen treppauf und treppab
    Alles ist in Bewegung  auf der Sternwarte
    Der Halbmond steht ruhig am Himmel  und glänzt
 
                                Drittes Kapitel
Lange feine Lichtfäden glitzern auf den lustigen kleinen Wellen des Tigris das
Licht von vielen Booten und das Licht von den helleren Sternen spiegelt sich in
der lauen Flut
    Battany steht auf der äußersten Spitze des großen Bretterstegs an dem die
Lustbarken Bagdads zu landen pflegen und starrt hinein in den großen breiten
Strom auf dessen Wellen die langen Lichtfäden glitzern
    Der Astronom atmet tief auf
    Er ist einen Augenblick allein
    Die kleinen Wellen plätschern um den Brettersteg
    Ein kühler Wind weht sacht übers Wasser dahin
    Der Tigris ist groß und breit
    Die Rechte hat Battany fest aufs Herz gepresst Sein Hals reckt sich sehnig
nach vorn Seine Stirn ist von tiefen Falten durchfurcht Und seine Augen
brennen
    Er murmelt
    »Jakuby ist beneidenswert Jakuby ist beneidenswert«
    Dem großen Gelehrten treten Wuttränen ins Auge
    Er stöhnt laut  erschrickt dann und spricht zu sich selbst  leise  mit
knirschenden Zähnen
    »Jetzt werden sie kommen und mich höhnen Der Mond ist hell  er steht
hinter mir  hinter den Bäumen und lacht Bei Allah Ich verstehs nicht Ich
versteh nichts Wir können  garnichts Nur die Esel bilden sich ein was zu
können Wenn ich nur Etwas vollbracht hätte  nur Etwas Aber  mir ward es
versagt Ich habe gearbeitet wie ein Steinträger und nichts dafür errungen 
nichts Ich bin nur einsam geworden Kein Freund tröstet mich  kein Freund Ich
hab allein meine Qual zu tragen  allein«
    Und er stöhnt wieder und atmet hastig  mit der Linken fährt er sich über
die nassen Augen
    Er blickt nach rechts  er wartet auf seine Barke
    Doch die Barke kommt nicht
    »Heute kommt garnichts« murmelt er Zähne knirschend
    Seine schwarzen Sklaven stehen mit Pechfackeln am Strande
    Das Schilf wird grell beleuchtet
    Von der Seite von der Battanys Barke kommen soll kommt nichts Aber auf
der andren Seite werden nun vier grüne Lampen sichtbar  es nahen sehr rasch
vier große Boote auf denen sehr laut gelärmt wird
    Battany horcht und will zum Ufer zurück  er kennt die Stimmen die da in
den vier Booten lärmen
    Die Tofailys nahen
    Doch Battany besinnt sich und bleibt trotzig stehen
    Die Tofailys sind tolles Volk  sie bilden Bagdads berüchtigte Prassergilde
Schlemmer sind die Tofailys Aber sie schlemmen nicht auf eigene Kosten  sie
lassen sich immer einladen Geld besitzen die Tofailys fast niemals  aber
betrunken sind die Tofailys fast immer  auch jetzt
    Battany stampft zornig mit dem Fuß auf dass der Brettersteg poltert und
wackelt denn am Ufer erscheinen grade seine sieben Freunde  Kodama und Abu
Maschar an der Spitze
    Ein Zusammenstoß mit den Tofailys ist unvermeidlich
    Auf dem größten der vier Boote steht der alte bucklige Dichter Al Rumy  der
hat den Al Battany schon gesehen ruft ihm gleich höhnisch zu
    »Mondprophet Die Halbmonde wollen ja nicht so wie Du willst Lass den Glanz
Deiner Goldstücke heller strahlen dann werden die Halbmonde sich eher
verdunkeln lassen Halbmondprophet Du Lichtfeind«
    Da  im Handumdrehen  blitzt Battanys krummer Säbel drohend über seiner
indischen Mütze
    Und  wie natürlich  blitzen auf den Booten der Tofailys sofort ebenfalls
die Säbel
    Der bucklige Al Rumy holt sein grades Schwert langsam und lachend hervor und
deutet mit der Spitze des graden Schwertes tückisch auf den Astronomen
    Die Tofailys sind nur noch wenige Schritte vom Brettersteg entfernt
    Die Zahl der auf den vier Booten aufleuchtenden Klingen ist nicht allzu
groß die meisten Tofailys haben ihre Säbel in den Weinkneipen der Stadt als
Pfand hinterlassen  versetzt  was in Bagdad sehr häufig vorzukommen pflegt
    Indes  Battany ist fast allein
    Die schwarzen Sklaven mit ihren Pechfackeln schreien nur sind nicht sehr
tapfer
    Battanys Freunde sind gleichfalls ihrer Tapferkeit wegen nicht berühmt  nur
Safur läuft auf den Steg zieht seinen langen Dolch und hält diesen wie einen
kleinen Speer wurfbereit
    Der Kampf erscheint unvermeidlich
    Doch da  plötzlich  spritzt das Wasser am Ufer hoch auf Unverständliche
Flüche schallen durch die Luft  und zwei schnaubende schwarze Hengste schäumen
in den Tigris hinein Auf den Hengsten sitzen die beiden Mongolen wild funkeln
ihre Augen Die Spitzen der langen Lanzen blitzen im grellen Fackellicht  ganz
hoch in der Luft
    Und im selben Nu verschwinden die Säbel der Tofailys
    Die betrunkenen Prasser springen danach lachend als wenn garnichts los
wäre aus den Booten raus patschen durchs Wasser zum Ufer  oder klettern auf
den Brettersteg
    Torkelnd und johlend ziehen die Betrunknen die Kähne ans Land
    Die Mongolen senken die Lanzen und sehen zu  reiten dann gemächlich an den
Strand zurück
    Die Tofailys sind nicht Bagdads Dummköpfe  im Gegenteil  Gelehrte und
Dichter sinds zumeist
    Der junge Geograph Hamadany ist zum Beispiel ein sehr gescheiter Mann  und
dennoch hat er wieder viel zuviel getrunken bewusstlos liegt er in dem einen
Kahn sein Kopf hängt laut schnarchend hintenüber Die Schiffer haben große
Mühe die schlaffen Glieder des Trunkenbolds ans Land zu schleppen
    Die Weinschläuche der Tofailys sind fast sämtlich leer Ein paar jüngere
Weinhändler zanken sich deshalb  denn sie wollen voneinander erfahren wer von
ihnen die fernerhin noch für die Gesellschaft nötigen Schläuche beschaffen wird
Ein derartiger Zank dauert immer sehr lange
    Währenddem höhnt ein Krämer den Safur meint so leichthin »Na Freundchen
Hat Dir auch Deine Tarub Bagdads berühmte Köchin wieder ein paar Pasteten in
die Tasche gesteckt Gib mir was ab Ich hab Hunger«
    Safur dreht sich um  nach der andren Seite
    Battanys Barke ist endlich angekommen
    Osman und Kodama sind die Ersten die in den schönen langen Kahn steigen
    Jakuby und Suleiman folgen gleich dem Beispiel der Dicken  sind aber nicht
so sicher wie diese in den Arm und Beinbewegungen
    Abu Hischam und Abu Maschar sprechen so eifrig dass sie erst von Safur zum
Einsteigen aufgefordert werden müssen
    Wie diese letzten Drei im Kahne Platz gefunden überreichen die schwarzen
Sklaven die Fackeln den Ruderern heben den Battany sehr gewandt auch ins Boot
und stoßen das Fahrzeug in den Strom hinein
    Die Tofailys lärmen wieder lauter
    Der Dichter Buchtury rennt jetzt mit einem halben Dutzend verrufener
Tänzerinnen auf den Brettersteg und ruft den Abfahrenden noch einige Bosheiten
nach  die versteht man aber nicht mehr
    Battanys Barke wird sacht in die Mitte des Stroms hineingerudert  dort
stößt heftig der Wind in die Segel
    Und fort gehts stromabwärts
    Die Pechfackeln knistern flammen lodern und werfen lange rote
Farbenbündel die immerfort wackeln ins Wasser
    Die Wellen klingen plätschernd um die Planken der langen Barke  sie
brodeln und murmeln vorn um den weißen Holzschwan der die Spitze des Schiffes
verziert 
    Die eine Pechfackel hängt  vorn an einer Stange befestigt  hoch über dem
langen Schwanenhals ragt aber noch weiter vor als dieser  in den
dunkelblauen Himmel hinein
    Hinter dem Schwan sitzt Abu Maschar in seinem weißen Beduinengewande und
streichelt mit seinen langen braunen Fingern seinen langen schwarzen Bart
    Neben dem Propheten sitzt Safur Der steckt jetzt seine rechte Hand
vorsichtig in die laue Flut und die Wasser wirbeln schäumend um seine braunen
Finger
    Der Dichter fühlt wie der Tigris wohlig um seine Handfläche strudelt
wieder und wieder durch die Finger gleitet und so weich die Gedanken belebt 
auch so voll sich anpackt wie flüssiger Schlamm
    Kitzelnd spülen die Wogen um die Fingerspitzen des Dichters
    Jasminduft weht vom Strande herüber Battany und seine Freunde heben
lächelnd die Nasen höher  Suleiman besonders  der spricht dabei zu Jakuby von
Narzissen und Lilien von Wasserrosen und Riesenveilchen 
    Die Gärten Bagdads liegen an den Ufern des Tigris wie schlafende Jungfrauen
und ihre überreiche Blütenpracht schwellt vollen Wohlgeruch auf den breiten
Strom hinaus 
    Prachtvoll ist die Nacht
    Die Sterne funkeln die Fackeln flackern und die Wellen klingen plätschernd
gegen die Barke an
    Der Astronom ist leider noch immer nicht heiter  in dieser herrlichen
Nacht in der selbst Indiens verwöhnte Götter selig lächeln würden
    Die Stimmung ist auf der Barke ein bisschen gedrückt
    Osman  der Schreiber  ist entschieden der Traurigste
    Kodama unter seinem gelben Turban scheint am lustigsten zu sein
    Von den Fackeln werden grell beleuchtet  die Dichter die Gelehrten und die
Sklaven
    Dem Philosophen Abu Hischam wird die Pelzmütze zu warm er nimmt sie ab
Battany wundert sich darüber    er sieht den Osman unter dem weißen neben
Kodama unter dem gelben Turban Jakuby unter dem lila gefärbten neben Suleiman
unter dem schmutzigen Turban ganz schweigend dasitzen Auch Safur und Abu
Maschar in ihren Beduinengewändern sitzen vorn ganz schweigend da 
    Und der Astronom erinnert sich plötzlich dass er seine Freunde zu einer
»Vergnügungsfahrt« einlud
    Und er flüstert einem älteren Sklaven einen kurzen Befehl zu
    Und gleich darauf packen die gehorsamen Diener geschäftig die Wein und
Esskörbe aus
    Das verbessert die Stimmung
    Der große Goldpokal wird mit Scherbett dem berühmten würzigen Eiswein
gefüllt
    Bald geht der Pokal von Hand zu Hand
    Alle trinken schmunzelnd mit der Zunge schnalzend das eiskalte duftende
Getränk 
    Alsdann werden Datteln und Bananen Feigen und Kirschen Äpfel und Mandeln
Weintrauben Pfirsiche Nüsse Oliven Erdbeeren und kleine ovale Honigkuchen in
fein getriebenen Metallschalen herumgereicht 
    Kodama knackt eine Nuss und fragt den Safur der in der Linken den Pokal und
die Rechte noch immer im Wasser hält »Sage mal lieber Freund Du siehst so
träumerisch mich an  denkst Du an Deine Tarub Wie geht es denn Deiner
berühmten Köchin Wird sie nicht bald wieder eine neue Torte backen  mit
Zucker Citronen und  und frischen Kräutern oder so was weich Zerfliessendes
Hm«
    »Frag sie doch selber« gibt Safur zurück »warum soll ich jetzt an die
Tarub denken Die Nacht ist so prächtig und ich fühle nur wie wohlig sich das
Wasser anfassen lässt Die Empfindungen der Hand scheinen mir augenblicklich noch
viel feinsinniger als dieser Eiswein Trink Du Abu Maschar Und wenn Du mir
einen Apfel schälen wolltest würd ich Dir dankbar sein Hier ist mein Dolch«
    Abu Maschar nickt nimmt den Dolch und schält den Apfel
    Kodama wendet sich an Osman und versucht ihn wieder zu trösten
    Osman lächelt schwach und meint
    »Die Luft ist sehr erquickend Wenn jetzt ein Dichter Obstverse vortrüge
würd ich mich sehr freuen«
    dabei lächelt der Dicke schon ganz behaglich isst eine rote Kirsche nach der
andern  und fühlt sich allmählich immer wohler  vergisst sein Geschäft und
seine Sorgen
    Die Kirschen sind gut
    Safur der sonst für jede Speise für alles Süße und für alles Saure
prickelnde Vierzeiler aus seinem Beduinengewande herauszuschütteln pflegt
schweigt  schweigt hartnäckig
    Suleiman der am Maste sitzt beugt sich daher bedächtig zu den beiden
Dicken hinüber und spricht laut mit emporgezogenen Augenbrauen
    »Ich sah im Traume eine Apfelkrone
    Und die stülpt ich mir behutsam auf den kahlen Kopf
    Doch Osman schenkte stöhnend mir zum Hohne
    Einen Kirschenszepter tragen sollt ich den als Zopf« Alle lachen nun sehr
laut Suleiman muss seine Verse wiederholen Selbst Battany muss lachen
    Nur Osman lacht nicht Der nimmt behutsam seinen weißen reinen Turban ab und
reicht ihn dem alten Dichter der kopfnickend für den neuen seinen alten gibt
    Jetzt wirds gemütlich
    Wieder geht der Goldpokal mit dem köstlichen Scherbett von Hand zu Hand Der
Wind bläst noch kräftiger in die Segel Die Wellen klingen hell plätschernd um
die Planken Die Sterne funkeln Die Barke schaukelt
                            
    Abu Hischam spielte mit seiner Pelzmütze Bald gab er ihr einen Puff mit der
Faust bald streichelte er das schwarze Fell Er knillte die Mütz und presste
sie hielt sie mit zwei Fingern an ein paar Haaren fest und ließ sie baumeln
Dann warf er sie ein wenig empor fing sie geschickt wieder auf schlug sie wie
man ein Kind schlägt versuchte sie auch auszuwringen wies die Wäscherinnen mit
schmutziger Wäsche zu tun pflegen  schließlich fuhr er sich mit der rechten
Hand durch die wüst ins Gesicht hängenden Haare und klopfte gleich darauf dem
Battany aufs Knie Da ihm Jakuby gleichzeitig den Goldpokal reichte so setzte
er rasch seine Pelzmütz wieder auf den Kopf und trank hastig  aber alsdann
sprach er
    »Battany hör mal Du Suleiman pass auch auf Sagt doch Noch einmal Auf
der Sternwarte liesset Ihr mich nicht ordentlich ausreden Warum sollen wir denn
nicht Ist es denn nicht wirklich an der Zeit einen großen Gelehrtenbund zu
gründen Alle Gelehrten müssen wie ichs schon öfters empfahl diesem
Gelehrtenbunde angehören Wir könnten uns vielleicht die aufrichtigen Brüder
nennen  oder  oder  die lauteren Brüder  Wie denkt Ihr darüber Könnten
wir nicht einmal ganz in Ruhe die Sache überlegen Was Ein Gelehrtenbund muss es
sein und alle Gelehrten müssen dem Bunde angehören Niemand darf fehlen Auch
die Tofailys dürfen nicht vernachlässigt werden Werde nicht gleich wütend
Battany Schufte sind es zwar doch trotzdem sind sehr viele feine Köpfe unter
diesen Tofailys Eigentlich müssen wir uns doch auch zu den Tofailys zählen
Gewiss Battany Rede nicht Glaubs mir Boshaft sind ja die Schurken wir sinds
aber auch Du kennst mich ja Battany Du wirst mich nicht missverstehen Was
sagst Du Jakuby«
    Jakuby versetzte mit seiner Fistelstimme
    »Ich bin der Ansicht dass eine so gänzlich abgeschlossene Stellung der
Gelehrtenwelt dieser nicht zum Vorteile gereichen kann«
    »Und ich« warf Battany verächtlich die Mundwinkel runterziehend
dazwischen »habe mich niemals zu den Tofailys gerechnet Ich pflege in andrer
Weise die Genüsse der Erde durchzukosten  niemals in bezechter
Bewusstlosigkeit«
    Weiche feine Saitenklänge dringen aus den Gärten die am Ufer liegen auf
den breiten Tigrisstrom hinaus
    Auch eine Flöte ist zu hören
    Abu Hischam fängt nach kurzer Pause wieder an  heftig  also
    »Aber Prasser sind wir dennoch Jeder prasst nur in seiner eigenen Art Ich
mache mir auch nichts aus feinen Fressereien Was gehts mich an wie eine Torte
schmeckt  ich bin froh wenn ich meinen Hunger stillen kann Doch  genießen
 prassen  will ich auch Ich bin nur derber als Ihr Wenn wir auch nicht so
reich sind wie Du lieber Battany so bist Du doch nicht mehr als wir Du bist
ein Astronom und ich bin ein Philosoph Das heißt wir sind zwei Gelehrte Wir
sind sämtlich Gelehrte«
    »Außer Osman« ruft Safur von der Spitze der Barke nach hinten hinüber
    »Ganz recht Safur« sagt der Philosoph »dass hier Niemand etwas vor dem
Andern voraus hat  das ist also klar«
    »Ja Ja« meint nun Jakuby liebenswürdig »Dein Buch Der Zweifler scheint
mir sogar sehr  höchst bedeutsam zu sein Zwar  ich habe nicht alles
verstanden «
    »Ich auch nicht« schreit lustig Kodama klopft dabei dem noch immer nicht
so recht vergnügten Osman herzhaft auf die Schulter
    Alle müssen lachen
    Abu Hischam spielt wieder mit seiner Pelzmütz und schwenkt sie schließlich
überem Kopf damit die Andern wieder auf ihn aufmerksam werden
    Kodama jedoch reicht dem Philosophen den Goldpokal der Philosoph soll erst
wieder trinken Nach dem Trunk lässt der sich aber nicht mehr behindern er redet
wieder  folgendermaßen
    »Kommen wir also zum Schluss Sagt Seid Ihr jetzt nicht mit mir der
Überzeugung dass wir gezwungen sind uns zusammenzutun Das Verbot des dummen
Chalifen sagt doch genug Die Nacht ist sehr schön Die Möven krächzen Wie
segeln einer großen Zukunft entgegen Der entscheidende Augenblick ist gekommen
Demnach Brüder Hört Wollen wir jetzt nicht gleich unsern Bund den Bund der
lauteren Brüder in aller Form begründen Jetzt gleich muss es geschehen Warum
sollen wirs denn aufschieben«
    »Ihr wollt wohl eine neue Prassergilde schaffen« stößt nun aufgeregt der
dicke Osman hervor
    »Nein wir wollen« entgegnet Abu Hischam klug »der Prassergilde eine
Gelehrtengilde gegenüberstellen Nicht wahr Battany Bist Du nicht auf meiner
Seite wenn wir eine Gelehrtengilde gründen die im vollen bewussten Gegensatz
zur Prassergilde der Tofailys steht«
    »Du willst wohl nur« wirft da höhnisch Kodama ein »dass wir uns aufregen
und demgemäss rascher zechen als sonst Nimm Hier hast Du den Krug Keiner wehrt
Dir heute mehr zu trinken als sonst Ich trink auch immer mehr  immer mehr«
    Abu Hischam lacht und trinkt
    Battany pfeift dazu
    Jakuby räuspert sich  so verständnisinnig
    Osman bricht aber in ein schallendes Hohngelächter aus sodass sich selbst
der gutmütige Suleiman unwillig umwendet
    Eine andere Barke auch von Pechfackeln erleuchtet 
    wird dabei vorübergerudert  stromaufwärts
    Eine tiefe Frauenstimme tönt dunkel und tieftraurig aus dieser Barke hervor
ein südarabisches Totenlied hallt unheimlich übers Wasser hin
    Battany und seine Freunde lauschen
    Abu Maschar dem vorn allmählich zu häufig die Wellen über Bord spritzen
geht jetzt in die Mitte des Kahnes und setzt sich dem Abu Hischam gegenüber
    Kodama gibt einem Sklaven der nicht schnell genug dem Sterndeuter Platz
macht einen sanften Klaps auf den Hinterkopf
    Wie das südarabische Totenlied in der Ferne verhallt ergreift Abu Maschar
der bisher ganz still war etwas feierlich das Wort Er spricht leise fast
flüsternd
    
    »Warum sollen wir eigentlich einen neuen Geheimbund gründen Wir Gelehrten
bilden doch bereits in der Menschenwelt eine so abgeschlossene Gesellschaft dass
wir diese auch schon einen Geheimbund nennen könnten Sind nicht die alten
Gesellschaftsformen so wie sie sind für unser Gesellschaftsbedürfnis vollauf
genug Wer wüst prassen und zechen will kann sich jederzeit unter die Tofailys
begeben Wer feinere Gesellschaftsgenüsse verlangt findet sie bei unsrem
gastfreien Battany auf schaukelnden Barken und auf unsrer Sternwarte Sind nicht
schon in den Verhältnissen in denen wir jetzt grade leben eigentlich sämtliche
Glückserreger die uns in den verschiedenen Augenblicken unsres Lebens
unentbehrlich erscheinen enthalten Was wir bedürfen verlangen und wünschen
das können wir unter den augenblicklich obwaltenden Verhältnissen ebenso leicht
und bequem erreichen wie in den erhofften anderen Zuständen die wir immer erst
schaffen müssen Jedoch  wir haben garnicht nötig etwas Neues zu schaffen
Alles was wir wirklich brauchen ist bereits da Glaubt Ihr die Welt könnte
noch besser werden Glaubt Ihr ein Geheimbund könnte jemals irgend etwas besser
machen Die Welt ist wie sie war  und  wird  so  bleiben Wir haben keine
Ursache die sogenannte Entwicklung der Menschheit irgendwie zu fördern Eine
Entwicklung gibt es ja garnicht Wir werden nicht klüger werden als wir sind
Die Menschen werden nach tausend Jahren grade so klug und grade so dumm sein 
wie wirs heute sind«
    Abu Maschar hielt inne seine Augen glänzten im grellen Fackellicht 
wunderbar schön
    Alle hatten aufmerksam zugehört
    Safur und Suleiman sahen   bewundernd den großen Propheten an den
Dichtern passte die Weisheit des großen Sterndeuters
    Jakuby jedoch und auch Battany sträubten sich gegen diese Weisheit hätten
gerne gleich erwidert  wenn sie nur gewusst hätten  wie  und was
    Osman und Kodama fühlten sich auch nicht angenehm berührt Kodama mochte
nicht allzu viel nachdenken liebte die längeren umständlichen Erörterungen
ganz und gar nicht  liebte die bequeme Kürze den gedrungenen Witz das
abschneidende Schlagwort 
    Und Osman  ja  der wusste nicht recht ob Abu Maschar die richtige
Persönlichkeit sein würde den Abu Hischam mit seinem dummen Gelehrtenbunde
mundtot zu machen Der dicke Schreiber kannte den leicht erregbaren Philosophen
sehr genau  so leicht war der nicht tot zu kriegen
    Und richtig  es dauerte auch garnicht lange und der Philosoph machte durch
deutliche Hand und Armbewegungen der Gesellschaft verständlich dass er bereit
wäre dem Propheten mit kräftiger Lunge Bescheid zu sagen Abu Hischam rief
gellend  zornig mit den Fäusten gen Himmel drohend
    »Prophet Der Unsinn den Du uns da auftischen willst schreit zum Himmel
wie Abels Blut«
    Die Gesellschaft wird erregt
    Die Sklaven blicken scheu zur Seite
    Doch Battany wird plötzlich auch lebhaft
    »Halt« stößt er heftig vor »jetzt haben wir dächt ich für heute genug
reden gehört Sehr schöne Reden warens  sie waren nur leider zu schön So was
strengt an Ich möchte was vorschlagen Wir sind morgen abend bei Said ibn Selm
zum Abendessen geladen Wir könnten also morgen abend weiter reden Überlegen
wir uns bis dahin wie wir dem weisen Abu Maschar am besten antworten könnten
Seid Ihr einverstanden Ja Ich bin müde«
    Lautes »Ja« in den verschiedensten Formen tönt von allen Lippen 
erleichtert fühlen sich Battanys Freunde Nur Abu Hischam murrt ein bisschen
    Doch das geht vorüber
    Die Sklaven verteilen schon die Wolldecken
    Und Alle freuen sich auf den Schlaf
    Die Fackeln werden ins Wasser geworfen
    Die Sterne werden blasser und blasser
    Die Sklaven ziehen die Segel ein
    Der Steuermann dreht um
    Und die langen Riemen heben plätschernd die Barke immer wieder höher
bringen sie langsam stromaufwärts  langsam
    Dicht am Uferschilf rudern die Sklaven
                            
    Auf Battanys Barke ist es mäuschenstill Safur liegt in seiner Wolldecke auf
dem Rücken und betastet mit den Fingern das Holz auf seiner rechten Seite
    Er blickt zu den verblassenden Sternen hinauf und träumt von seiner Tarub
    Das Boot schaukelt so wohlig und die Augenlider fallen auch dem jungen
Dichter zu Er tastet im Traum überall umher Bald befasst er die Sterne bald
die Kochtöpfe Dann träumt er der Chalif hätte ihm befohlen aller Menschen
Nasen zu befühlen Und er atmet sehr schwer denn die Aufgabe dünkt ihn nicht
leicht
    Suleiman denkt an sein stilles Zimmer bei seinem alten Gärtner Dort duften
feine Reseden auf dem Tischchen neben der alten breiten Matratze Und Rosenduft
weht hernieder Und junge Märchenprinzen beugen sich über das Lager des alten
Suleiman  und der Rosenduft entströmt den kostbaren Kleidern der jungen
Prinzen Suleiman sinkt zurück  ihm ist als läge sein Haupt mit seinem reinen
weißen Turban in einem duftigen  Veilchenbeet
    Laut schnarchen jetzt die Schläfer die langsam  behutsam  fast lautlos
nach Hause gerudert werden
    Es wird Tag
    Bagdad  die Stadt  erwacht
    Der glühende Sonnenball taucht im Osten hinter der Stadt brennend empor
    Hellauf glänzt die hohe Chalifenburg im strahlenden Tageslicht
    An den Ufern des Tigris  in den Gärten der  Reichen wirds lebendig
    Hübsche junge Sklavinnen baden hinterm Schilf  kichernd
    Und der Tau blitzt auf allen bunten Blumen im Sonnenschein
    Ein Morgenwind umsäuselt die ruhigen Palmen die Schläfer und die kichernden
Mädchen die im Tigris  baden
 
                                Viertes Kapitel
Und Safur lehnt an Tarubs Küchentür er ruft mit seitwärts geschobenem Kopf
    »Ich stünde nimmer ganz allein
    Wenn ich ewig könnte bei Dir sein«
    Doch die Tarub stemmt die Fäuste in die Seiten und sagt zornig
    »Jetzt kommst Du erst Ist jetzt Morgen Die Sonne geht ja bald wieder
unter Ich lass mir das nicht mehr gefallen«
    »Tarub« erwidert wehmütig der Dichter »sei nicht so böse Battany lud uns
zu einer Kahnfahrt ein Wir sind eben erst zurückgekehrt Ärgre Dich nicht
Nein«
    Tarub  schnell besänftigt  sagt rasch
    »Na ja Ausreden hast Du immer  daran fehlt es Dir nicht«
    Bei diesen Worten hebt sie schon wieder geschäftig einen Kochtopf vom Feuer
runter stellt ihn auf die Platte und holt mit einem Blechlöffel vorsichtig das
Fleisch aus dem Topfe heraus Das Feuer schlägt lodernd in den russigen
Schornstein empor
    In der Küche des reichen Said ibn Selm schaltet die Tarub wie eine Herrin
Sie wird fast rot vor Eifer
    Der Dichter flüstert ihr ins Ohr
    »Ja ja sei nur schön ernst  das steht Dir gut  ich weiß ja«
    Und da lacht Tarub über das ganze Gesicht Safur aber greift nach ihrer
Hand die noch immer den Blechlöffel hält berührt sehr demütig mit den Lippen
die braunen Finger und sieht dann mit hoch emporgezogenen Augenbrauen unter
seinem braun und blau gestreiften Beduinengewande zur lachenden Köchin auf
    Tarub schüttelt vergnügt den Kopf schreit aber plötzlich
    »Nein  wie Du wieder aussiehst«
    Indes das kümmert den Dichter der nie an seiner Schönheit zweifelt sehr
wenig denn er schließt seiner braunen Köchin den Mund mit einem Kuss
    Safur wandelt alsdann in der mit roten Mauersteinen gepflasterten Küche
langsam auf und nieder Er schaut immer wieder Tarubs grünen Wollrock an der
wie ein Sack in steifen Falten den Körper umschließt
    Der grüne Rock hängt an roten Lederriemen die über die Schulter gehen und
hinten sich kreuzen
    Das weiße Leinenhemd das den Oberkörper faltig umschließt sieht auch
sackartig aus Ganz kurz sind die Ärmel des Hemdes das so bläulichweiß
aussieht wie Kuhmilch die verwässert wurde
    Die kräftigen braunen Arme wirtschaften am Herde so eifrig herum dass der
für gewöhnlich nicht sehr lebhafte Dichter ganz überrascht ist durch diese
flinken braunen Arme 
    Die Tarub ist fest gebaut wie aus Erz Ihr schwarzer Zopf fliegt bei jeder
Bewegung bald nach rechts  bald nach links
    Jetzt wendet sie das breite Gesicht zu ihrem Dichter Ihre großen schwarzen
Augen glänzen unter buschigen Brauen Sie zeigt ihm ihre weißen Zähne schüttelt
sich das schwarze strähnige Haar aus der niedrigen Stirn und fragt leise
    »Was ist Dir denn wieder in die Krone gefahren«
    Safur blickt seine Köchin nachdenklich an und sagt ernst
    »Ich habe Hunger Tarub«
    »Pfui« ruft sie da »schämst Du Dich nicht Ein solcher Feinschmecker wie
Du hat Hunger«
    Safur versetzt ernst
    »Ein wahrer Feinschmecker ist niemals satt«
    Tarub ärgert sich über diese Worte sagt schnippisch
    »Warum kamst Du denn nicht früher Jetzt wo ich soviel zu tun habe bist Du
hier Zieh doch den Vorhang fort«
    Safur zieht den safrangelben Vorhang vom breiten Fenster zurück und schaut
in Saids grellbunten Garten hinein
    Die Sonne scheint dem Dichter von links oben ein bisschen auf den Kopf und
auch auf die rechts gelegene weiße Küchenwand an der eine lange Reihe starker
Messer mit prächtigen Griffen glänzend aufbljetzt
    Tarub geht dann mit ihrem Blechlöffel zu dem sinnenden Dichter dreht ihn um
und blickt ihn an steht breitbeinig da und wackelt mit dem ganzen Körper lustig
von rechts nach links und von links nach rechts  wie ein Bär
    Und indem sie die Augenbrauen so hochzieht wie vorhin der Safur fragt sie
schmeichelnd
    »Nu Na Was möchtest Du jetzt wohl essen Nu Na Sag Ja«
    »Alles« ruft da lachend der Dichter
    Drob freut sich die Tarub wackelt wie ein Bär durch die ganze Küche und
spricht darauf sehr ernst indem sie die Hände faltet
    »Oh Oh musst Du aber hungrig sein Setz Dich gleich da drüben auf die
Bastdecke  schnell Ich werde vor Dir auch ein weißes Tuch auf die Erde
breiten Setz Dich«
    Safur setzt sich denn auch mit untergeschlagenen Beinen und zufriedenen
Gesichtszügen auf die Bastdecke Und Tarub breitet das weiße Linnenzeug auf den
roten Ziegeln mit rasch bewegten Händen vor ihm aus
    Danach bringt sie ihm das Essen
    Sie erklärt
    »Hier hast Du hartgesottene Steppeneier mit gelber Sonnentunke Der
Holzteller auf dem die Eier ruhen ist ganz neu und von einem ganz alten
Beduinen am Rande geschnitzt Und hier hast Du auf dunkelblauem Porzellan sauren
Waldsalat  Nachher gibts Bratfisch Willst Du noch die Ölflasche«
    Safur bittet um die braune mit dem langen Halse
    Und auf einem Wandbrett unter alten Kruken und Gläsern Bechern und Näpfen
findet die Tarub nach längerem Suchen auch diese braune Ölflasche mit dem langen
Halse 
    Safur freut sich drüber
    Tarub auch  sie hebt die Lederriemen an denen das grüne Wollkleid hängt
höher Sie spannt die Sehnen des gedrungenen braunen Halses kräftig an stößt
das Kinn und die Unterlippe vor und sieht zu wie ihr Dichter isst Sie hofft
Safur werde ihr so recht was Nettes über die gelbe Sonnentunke sagen Der hört
aber gleich wieder mit dem Essen auf und redet jetzt die Finger der braunen
Rechten groß ausspreizend mit weicher Stimme
    »Ich fühle mich so sehr wohl Ein großes Wohlbehagen empfand ich soeben Ich
empfinde das jetzt noch Kennst Du das auch Es war mir in meinem ganzen Körper
so unbeschreiblich wohlig Es überkam mich so plötzlich eine ganz selige
Stimmung Ich dachte nichts ich fühlte nur Mein ganzer Körper fühlte Nur ein
paar Augenblicke hielt es an Aber es war nicht eine einfache Sinnesempfindung
Ich schmeckte nichts und sah nichts  ich fühlte auch nicht nur in den Fingern 
alles fühlte an mir und in mir Ob eine so allgemeine körperliche
Gesamtempfindung nur eine Magenstimmung ist Ich habe noch garnicht Lust zum
Essen Ich fühle mich so sehr wohl Jetzt merke ich etwas über dem Magen  unter
der Brust «
    Besorgt fragt die Tarub
    »Hast Du Leibschmerzen«
    Safur schüttelt den Kopf und zerteilt wieder mit dem zierlichen kleinen
Spatenmesser die Steppeneier tut Sonnentunke mit einem Porzellanstäbchen hinauf
 und isst wieder  langsam  bedächtig  schmeckend
    Der Dichter will dann Kamelsmilch
    Und in einer feinen Tonschale die mit krausen Blumen bemalt ist reicht
Bagdads berühmte Köchin die Milch ihm hin Und er trinkt in langen Zügen 
schlürfend  mit der Zunge schnalzend  lächelnd
    Die Tarub pökert währenddem mit der Feuerzange in den glühenden Holzkohlen
herum rückt den Dreifuss zurecht setzt eine Bratpfanne hinauf und schmilzt Fett
darin Sie legt sodann einen großen Windfisch ins Fett und brät den Fisch
    »Mir ist behaglich zu Mute« sagt der Dichter
    Er kaut den frischen sauren Waldsalat und dabei schweift sein Blick über
die langen Reihen buntfarbiger irdener Kruken und Krüge die auf den
Wandbrettern stehen und sich prächtig von der weißen Kalkwand abheben Viele
Schüsseln stehen auch ringsum an den Wänden
    Neben der Wassertonne liegt gehacktes Holz und brauner Torf
    Auf einem gebeizten schwarzen Holzgestell tronen feierlich Porzellanschalen
und Tassen  mit Blumen und seltsamen Figuren bemalt Das Porzellan ward aus dem
fernen China auf Dschunken nach Bagdad gebracht An diesem Porzellan bleiben
Safurs Blicke hängen und er meint lachend
    »Du Tarub Jetzt habe ich bald aus allen jenen Schalen und Tassen die dort
auf dem schwarzen Gestell stehen gegessen und getrunken nicht«
    »Ei ja« erwidert das braune Mädchen »aber sage mal
    schmeckt es Dir denn auch Du sagst heute nichts«
    »Wie sollte mir« ruft der oftmals überschwängliche Dichter »das was Du
kochst jemals nicht schmecken Ist doch unmöglich Ich habe ja schon alles
aufgegessen Tarub Niemand kocht wie Du  glaubs mir Gib mir Brot und den
Salzbottel«
    Tarub nickt vergnügt als wär ihr was geschenkt
    Der Windfisch ist gebraten  ganz knusprig Die große Köchin kostet ihn und
sagt »Hm«
    Danach stellt sie Brot Salz und Fisch vor ihren lieben Dichter und sagt
»Nun«
    Er streichelt ihre Hand und will noch eine Citrone  bekommt sie auch
gleich
    Der braun gebratene knusprige Windfisch liegt auf einem silberblanken
Zinnteller
    Tarub kauert sich Safur gegenüber an die Erde betrachtet ihn    freut
sich dass es ihm schmeckt
                            
    »Weißt Du Tarub« hebt nun der Dichter lachend an wie er sich die letzten
Gräten des Windfisches aus den Zähnen zieht »während ich so aß hatte ich einen
prächtigen Traum denn der Windfisch schmeckte vortrefflich
     den lieb ich  besonders gebraten Ich träumte  mir war so als wäre ich
ein Riese und säße vor dem großen Meer  und mir kamen die einzelnen Fischteile
wie wunderliche kleine Inseln vor Verstehst Du nicht Ich glaubte kleine
Inseln zu essen und das Meer brausen zu hören in dem die Windfische
herumspringen«
    »Was Du auch Alles glaubst« ruft da erstaunt die Tarub
    Safur aber fährt fort
    »Man muss noch viel mehr beim Essen denken Ich verstehe nur das Eine nicht
denke Dir nur  der große Weltreisende Jakuby doch sonst ein wirklich
feingebildeter Mann versteht vom Essen nichts  wahrhaftig  nichts
    er hält die Genüsse der Zunge für ganz niedrige  für tierisch«
    Entrüstet ruft die braune Köchin
    »Ist es möglich«
    Der Dichter spricht nun weiter
    »Ich versuchte den großen Gelehrten der doch fast alle Länder der Erde
kennt  China Arabien Spanien Afrika  zu widerlegen Ich sagte warum soll
ich mich für eine köstlich schmeckende Speise nicht ebenso herzlich begeistern
wie für eine neue Stadt oder für ein neues Buch Warum nicht Ich empfinde doch
beim Essen ebenso leicht was wie beim Lesen und Reisen Doch er verstand mich
nicht Und der alte Querkopf Abu Hischam  den Philosophen meine ich  der stand
dem Jakuby noch bei«
    »Weißt Du« erklärt eifrig die Tarub »vom Essen verstehen eigentlich die
meisten Menschen nichts Dieser dicke Vielfrass der Schreiber Osman ich sage
nichts  aber ich habe sehr oft das Gefühl als wärs ihm ganz gleichgültig was
er isst  wenns nur viel ist«
    Safur schiebt die Schuld an dieser Vielesserei den Tofailys in die Schuhe 
diese Schlemmer müssten Alles unmäßig treiben anders wäre ihnen nicht wohl 
    Jetzt plaudern die Beiden erzählen sich was
    Der Tarub fällt dabei was Neues ein
    »Bei Allah« fängt sie erschrocken an »ich vergaß ja  hast Du denn noch
nichts von dem Morde heute Morgen gehört Nein«
    Safur hält diesen Mord nicht für besonders merkwürdig ist der Meinung dass
so was alle Tage in Bagdad vorkommt
    Das bringt aber die Tarub ganz aus der Fassung sie redet ihrem Dichter ins
Gewissen
    »Safur« sagt sie eindringlich mahnend wie eine Mutter »wie kannst Du so
sprechen Es ist doch schrecklich einen Menschen zu morden Über den Tod darfst
Du nicht so leichtfertig denken Sieh diese wüsten Tofailys haben den Mord
begangen  einen alten Wollkrempler haben sie totgestochen Du solltest doch
nicht mehr mit den Tofailys verkehren  sonst stechen sie Dich auch noch tot
Versprichs mir«
    »Hier hast Du meine Hand« ruft feierlich der Dichter aus »ich will mich um
Deinetwillen niemals totstechen lassen«
    Die Tarub springt ärgerlich auf sie ist bös  immer wenn sie ernst wird
ist er spöttisch  so recht nichtswürdig kann er sein
    Safur tröstet seine ärgerliche Köchin in ganz eigener Art sagt
    »Höre liebe Tarub Mord ist Mord  Mord bleibt auch Mord  ob Du darüber
traurig oder vergnügt bist wird aus dem Morde nicht etwas Andres machen 
Tatsachen sind und bleiben unveranderlich Du kannst Dich über alles grämen
über alles kannst Du Dich ärgern  kannst Dich aber auch über alles freuen 
über alles lachen alles verspotten  darfst auch alles beweinen Wie man sich
nach einer Tat  oder einer festen Tatsache gegenüber benimmt das ist grausig
gleichgültig«
    Diese weisheitsvollen Worte versteht die Tarub natürlich nicht  das ist ihr
viel zu schwer
    Sie wird aber immer ruhig wenn sie das Gefühl hat dass er doch eigentlich
schrecklich klug ist  das weiß natürlich der schlaue Dichter
    Er bekommt jetzt Durst und sie  vergisst den Mord  reicht ihm in einer
Muschel knieend ein paar duftende Oliven dar
    Er beißt in eine Olive hinein und umarmt dann seine Tarub küsst ihr die
Stirn und die Augen die Wangen und den Hals die kleinen kalten Ohren und die
heißen Lippen
    Wie er die Tarub loslässt eilt sie an den Pumpenschwengel und pumpt einen
hohen Silberbecher halb voll Wasser gießt Wein aus einer kleinen Kanne hinzu
und reicht es ihrem geliebten Dichter mit der Linken lächelt ihn innig an Der
schwarze Zopf liegt ihr dabei auf der linken Brust
    Safur zieht die gute Tarub zu sich nieder  und sie trinken Beide 
    Jedoch  leichtfertig hat sie ihn genannt Das vergisst er nicht so schnell
er mutzt ihr das auf
    »Leichtfertig« spricht er spitz »leichtfertig hast Du mich genannt Das
bin ich ja noch gar nicht Ich möcht es ganz gern werden Aber
O glaube mir es ist nicht leicht
Das ganze Leben leicht zu nehmen «
Pause 
    Sie trinken
    Die Tarub bewundert des Dichters weiche Stimme die jetzt wieder recht
nachdenklich durch die Küche hallt  folgendermaßen
    »Ja das Leben Ich glaube ich nehme das Leben viel zu ernst Zwar  ich
will nur genießen Doch ich kann nie fein genug genießen Ich möchte den Genuss
so fein machen wie einen Geist  wie ein Frauenhaar Man muss so mit allen
Fingerspitzen genießen  die feinste Reizung der Haut muss empfunden werden In
jedem Augenblicke müsste man anders erregt und bewegt werden  und zwar bewusst
Man muss die Bewegung jedes fallenden Blattes mitfühlen Da ich so viel Neues in
jedem Augenblicke genießen will  so bin ich auch immer wieder ein Andrer Jeden
Tag will ich auch was Andres
Was ich gestern war
Bin ich heute nicht
Jeder neue Morgen
Zeigt ein neu Gesicht«
Wieder Pause
    Die kleine Tarub denkt  er hat ne Andre
    Er muss sie beruhigen
    Er streichelt sie ist sehr zärtlich
    Er flüstert ihr Schmeichelnamen ins Ohr nennt sie »lieber Bär«  »protter
Bär«  »Busselbär« 
    Sie lachen und essen Oliven und trinken Wein aus Bassora dazu  der schmeckt
sehr schön
    »Bär« fragt er »wie lange ist es schon her dass ich zu Dir in die Küche
komme«
    Bär weiß nicht denkt es sei schon schrecklich lange Doch das glaubt er
nicht er meint
    »Nicht doch Mir ist als wenn es erst ganz kurze Zeit wär Oh Der Genuss
der Menschen ist so flüchtig Man genießt eigentlich immer nur den einzelnen
Augenblick Ich glaube ein ständiges unveränderliches Glück gibt es garnicht
Wirklich Wir kennen nur Augenblicksgenüsse Darum darf man sich nicht darauf
beschränken bloß große noch erhabene Gefühle zu suchen und zu pflegen  die
kann man doch nicht immer haben Man muss auch an allem was klein ist sich
ergötzen Sonst wird man sehr oft unbefriedigt und unglücklich sein Da drüben
die blanken Messingkessel und die bunten irdenen Tiegel  die sind mir auch
allmählich lieb und wert geworden Ich suche an jeder Kleinigkeit etwas zu
finden Deshalb esse ich auch so bedächtig  mit Verstand wie Du zu sagen
pflegst Man muss sich an den Augenblicksgenüssen festklammern als wären sie
alles was wir jemals erreichen könnten Die großen erhabenen Stimmungen sind
eigentlich auch nur für den Augenblick da Ja  immer kann man sich nicht für
große Dinge und für große Empfindungen  für das stark und heftig Erregende 
begeistern  oder man lügt sich was vor  oder das Große ist nicht mehr groß«
    »Ich möchte noch viel öfter« bemerkt zaghaft die kleine Tarub »mit Dir
zusammen sein Du musst mir noch Vieles erklären Ich verstehe Dich zuweilen
nicht so rasch Willst Du noch Wein Safur«
    »Gutes Kind« entgegnet er freundlich »ach ja ein wenig«
    Safur sitzt da in seinem braun und blau gestreiften Beduinengewande  wie
ein hockendes Zebra
    Er stützt den Kopf in die Hand Das feine schmale Gesicht mit dem ganz
schmalen feinen Nasenrücken sieht nachdenklich auf die schimmernde große
Muschel in der noch wie eine große grüne Perle eine Olive ruht
    Aus Saids Garten weht ein starker Blumenduft in die Küche Vom Feuer her
riecht man jetzt das kochende Fleisch  ganz schön ist das
    Im russigen Schornstein hängen geräucherte Lammrippen
    Der rote Ziegelboden ist sauber gescheuert Neben dem Herde steht noch der
schmutzige Scheuereimer
    Und die Tarub in ihrem grünen Wollrock wirtschaftet in ihrer Küche so eifrig
herum dass Safur ganz erstaunt ist  der versteht niemals wie man das
Wirtschaften so wichtig nehmen kann
    Wieder bringt sie Wein  aber sie hat ihn diesmal gewürzt mit alten
getrockneten Kräutern die sie aus alten Büchsen und Dosen hervorkramte
    Der Wein duftet nun noch schöner als das Fleisch im Kochtopf  fast schöner
als Saids Blumen
    Safur und Tarub trinken
    Der Wein macht den Dichter ganz tiefsinnig
    »Der Mensch« flüstert er  so als wenn er allein wäre »kann nicht in einem
fort lachen kann auch nicht fortwährend weinen kann nicht immer traurig sein
und auch nicht ewig sich selig fühlen Dieses glaube ich Daher muss man die
einzelnen Augenblicke des Lebens gesondert genießen und vor allem nicht immer
geneigt sein jeden Augenblick zu verlängern Jede Lust währt ihre Zeit  wenn
sie vorbei ist  dann ist sie vorbei Daran muss man sich gewöhnen An jedem Tage
 in jeder Stunde sieht unser Wohlbehagen und unsre Erregung ganz anders aus
Oft ist uns auch die Unruhe und das Unbehagen nötig Die schmerzlichen
Empfindungen sind auch von manchen Genüssen garnicht zu trennen «
    Das alles ist nun nichts für die Tarub  die will ihn daher auf andre
Gedanken bringen er soll nicht soviel denken  sie erzählt ihm
    »Du Dichter Hör bloß Die Abla steht jetzt den ganzen Tag vor ihrem neuen
Spiegel Schrecklich Nicht«
    »Das verleidet ihr« entgegnet der Dichter »den Genuss An einer und
derselben Sache kann man nicht stets das nämliche Wohlgefallen empfinden Der
Genuss lässt sich nicht wie ein Gummiband verlängern Wir müssen immer wieder neue
Reize suchen  sonst stumpfen wir ab Selbst gebratenen Windfisch kann man nicht
alle Tage essen«
    Der Dichter der sich jetzt sehr weise vorkommt erhebt sich bewundert die
Sauberkeit der Küche vergleicht Tarubs Küche mit einigen andren sehr
schmutzigen Küchen und schaut dann nachdenklich in eine tiefe Holzwanne in der
sich ein paar dicke Aale wild herumtummeln sie winden sich durcheinander und
hauen sich mit den Schwanzspitzen 
    Tarub rührt Teig  aus dem dunkle Kronenklösse gemacht werden sollen  hurtig
zurecht Alles geht sehr flink 
    Und beim Teigrühren erzählt die Tarub dass sie des Morgens jene schöne gelbe
Schüssel aus der Safur zum ersten Male in ihrer Küche gegessen  und zwar junge
Hühner in altmekkanischer Brühe  fallen gelassen habe und dass die schöne gelbe
Schüssel zerschlagen sei
    Diese Nachricht stimmt den Dichter sehr sehr traurig er umarmt seinen Bären
und wird ganz gerührt
    Und die Tarub beginnt nun in alten Erinnerungen zu kramen das Kramen mag
sie für ihr Leben gern
    »Safur« hebt sie an »weißt Du auch dass Du mir damals noch die schöne
Zuckerbüchse mit Deinem alten Säbelknauf verbeultest«
    »Ich weiß« sagt der Dichter
    Er berührt gleichzeitig mit den Fingerspitzen ein paar dicke blutige
Rindskeulen die an kräftigen Eisenhaken vor der weißen Kalkwand hängen
    »Oh« fährt aber der Bär fort »weißt Du auch noch wie Du da drüben an der
Wand auf den weißen Mehlsäcken sassest mit den Füßen strampeltest und mir Dein
erstes Gedicht an Deine Tarub vorlasest Weißt Du noch Mir waren gerade die
Speckstücke ins Feuer gefallen«
    »Ich weiß« ruft lachend der Dichter
    Er schiebt einen leeren Weinschlauch mit dem rechten Fuße an die Wand nimmt
das Beil vom Nagel und hackt seiner braunen Köchin ein bisschen Holz klein
    Das Kochgeschirr aus blankem Messing das neben dem Herde hängt blitzt und
funkelt Die grün und blau gesprenkelten Honiggläser glitzern hinter dem
Pumpenschwengel
    Die große Stahlschaufel lehnt am Türpfosten
    Die blau und rot gestickten Leinentücher baumeln  etwas schmutzig sind sie
 über dem Kehrichteimer
    In den Eiseimern taut das Eis
    Es ist so schrecklich ruhig in der großen Küche des reichen Said
    Eier quirlen soll der Dichter schließlich
    Er tut es und denkt daran wie er die kleine Öllampe mit dem langen Docht an
der Schnauze zum ersten Mal in einer dunklen Nacht hier in der Küche brennen sah
 er half da der Tarub noch die vielen Löffel putzen
    Als er mit dem Quirlen fertig ist will er die kleine Öllampe die zwischen
kleinen lila gefärbten Näpfchen steht anstecken
    Aber da kommt er schön an
    »Bist Du verrückt« schreit die Tarub »jetzt am hellen Tage willst Du die
Lamp anstecken Du fängst ja wieder gut an Solche Dummheiten kann ich nicht
leiden«
    »Sei doch nicht gleich so« spricht milde der Dichter dem die rauen Worte
wie Faustschläge vorkamen »diese Heftigkeit ist mir schrecklich  mir wird
gleich ganz heiß wenn Du in so roher grober Weise redest«
    Doch die Tarub geht an den hölzernen Pumpenschwengel und pumpt dass das
Wasser überschäumt und den blank gescheuerten Ziegelboden nass macht  sie
lacht darüber aus vollem Halse ihr Lachen schallt in den Garten hinaus
    »Da hättest Du bald das Wasser in die Milch gesprjetzt  die großen
Milchschalen könnten auch mal bedeckt werden«
    Also der Dichter
    Doch seine dralle Köchin sagt rau
    »Wasch Dir doch die Hände«
    »Nein  sei nicht so rücksichtslos« sagt er
    Doch gleich darauf wäscht er sich wirklich die Hände
    sie waren ja tatsächlich sehr sauber nicht
    Wie die Hände sauber sind ist Safur wieder ruhiger  er lächelt sogar
lächelt über seinen protten Bären der ihn immer wieder verletzt  immer wieder
    Die Erinnerungen an alte Zeiten machen den Dichter wieder friedlich  er
freut sich über die vielen Kiepen mit Pfirsichen Birnen Gurken Waldbeeren und
Kirschen Am Fenster in einer Ecke liegen auch ein paar Dutzend Tauben  in
einer Reihe  ihre toten Köpfchen hängen trübselig auf der Seite
    Tarub geht hinaus sie muss nach der eitlen Abla sehen ob die auch mit ihrer
Zuckerbäckerei fertig wird  Saids Abendessen soll fürstlich werden
    »Sollst doch nicht so die Stirn krausen« ruft sie noch als sie schon
beinahe draußen ist ihrem Dichter freundlich zu
    Der Safur nickt und befühlt mit seinen reinen Händen die fein getriebene
Arbeit des großen kupfernen Eiskübels in dem künstlich Eis erzeugt wird
    Er denkt  spricht dabei zuweilen ganz laut
    »Wie seltsam alle diese Küchengeräte auf mich einwirken Ich erinnere mich
heute fast an meine halbe Vergangenheit Als Tarub Kopfschmerzen hatte und ich
ihr Eisumschläge machte da war sie so dankbar  so weich und zärtlich Dieses
Aufbrausen berührt mich so entsetzlich roh    Aber die Erinnerung verschärft
doch die Genüsse Wenn ich aus einem alten mir vertrauten Kochtopf esse  so
empfinde ich die früher genossenen Speisen noch einmal auf der Zunge  nur so
halb  aber sie würzen doch das neue Gericht Mit solcher Wiederholung eines
Genusses kann man wohl eine sehr verfeinerte verschärfte Empfindung erzielen
 Wenn man nur alle Arten der Genussverschärfung genauer kennen würde
Verschärfen lässt sich ein Genuss aber nicht verlängern  das ist wichtig 
Zum Beispiel eine Liebesstimmung soll man auch nicht länger machen wollen  als
sie ist  sie ist auch kein Gummiband  Jedenfalls ist mir nun das Eine klar
man muss in jedem Augenblick einen neuen Genuss oder einen verschärften Genuss zu
empfinden trachten  man darf nicht kleben bleiben an der einzelnen
Lustempfindung Der verschärfte Genuss ist nur eine besondere Art von den neuen
Genüssen  die Erinnerung spielt hier die Rolle eines feinen Gewürzes   
Und dann darf man nie vergessen dass man einen andauernden Glückszustand nicht
in sich erzeugen kann Man muss immer im Auge behalten dass der einzelne Genuss
nicht allzu lange geniessbar ist  man darf sich daher nicht bloß einer besondren
Gattung von Genüssen zuwenden  man muss alle  alle  alle Genüsse durchkosten
wollen  immer wieder andre  immer wieder neue feine vergeistigte Gefühle  aus
dem trockenen Brot muss man ebensoviel Genusserreger rausziehen können  wie aus
der rasendsten tollsten glühendsten Liebesleidenschaft Das höchste Lebensglück
besteht in dem Leben das da aufweisen kann die größte Zahl von glücklichen
Augenblicken  die man nicht verlängern soll  die man auch nicht verlängern
kann  die man nur zuweilen durch Erinnerungen und lustige Verse verschärfen
darf Verlieben darf man sich nicht in die einzelnen Genüsse  kleben bleiben
darf man nicht an den einzelnen Augenblicken Man muss ohne Schmerz
weiterspringen  wenn die eine Wiese ein bisschen abgegrast ist Nur nicht
traurig werden Mit geballten Fäusten oder anders will ich unermüdlich danach
streben die größte Zahl fein verzückter Augenblicke zu durchkosten Ich will
der glücklichste Mensch sein Nichts soll mir zu klein und nichts zu groß sein
Genießen will ich  genießen«
    Ein durchdringender Blütenwind strömt aus dem Garten kühl in die Küche
    Safur fröstelt Er dreht sich um
    Die Küchentür steht splarweit offen
    Und Tarub Bagdads berühmte Köchin kniet dort auf der Schwelle  faltet die
Hände  tut so als ob sie ihren Dichter anbetet 
 
                                Fünftes Kapitel
Piepsend schießen Schwalben vorüber  vorüber an dem reichen Said ibn Selm der
unter seinem kostbaren Zeltdache steht und eine lange Küchenrechnung liest
    Und er murmelt in seinen rechteckigen Bart
    »Die Gewürze werden zu teuer  viel zu teuer die Tarub verbraucht zu viel 
viel zuviel Alles viel zu teuer  viel zuviel«
    Saids ältester Sklave der Hausmeister wagt es mit dem Kopfe zu schütteln
    Said fragt erstaunt
    »Oh mein Hausmeister warum schüttelst Du mit dem Kopf«
    »Oh Herr« antwortet der alte Sklave treuherzig »die Tarub ist die
sparsamste Köchin die ich jemals sah«
    »Das glaubst Du selbst nicht« ruft zornig der Herr des Hauses  er wendet
sich und geht ab
    Der Hausmeister steht einen Augenblick allein und denkt nach
    Dann klatscht er in die Hände und es erscheinen hübsche junge Knaben mit
Räuchergefässen und kupfernen Waschbecken mit prachtvollen Teppichen und großen
gurkenförmigen Papierampeln die ganz dunkelrot sind
    Unter dem kostbaren Zeltdache das schräg von der Hauswand in den Garten
hinuntergeht  wie ein schlaffes Segeltuch  auf Saids berühmter Estrade  soll
gleich das üppige Abendessen eingenommen werden zu dem Battany und seine
Freunde feierlich geladen wurden
    Die viereckige sehr geräumige Estrade ist vorn offen und führt da in den
Garten  rechts links und hinten wird sie durch Teppiche abgeschlossen die man
zurückziehen oder leicht an die Seite schlagen kann wenn Jemand durch will 
    Die Knaben hängen flink vorn am Zelttuch die Ampeln auf stellen die
Räucher und Waschgeräte in die Ecken breiten die Teppiche die sie
mitbrachten auf den Boden und verschwinden dann wieder  fast geräuschlos
    Der Hausmeister ist abermals allein
    Der Springbrunnen im Garten plätschert sehr laut und sehr lustig
    Es wird allmählich dunkler
    Und wies nun so dämmerig ist schiebt sich vorsichtig rechts durch die
Teppiche ein reizendes weißes Gesicht durch  mit feuerroten Haaren in denen
weiße Rosen stecken  das ist die eitle Abla
    Und links erscheint ein gelbes Gesicht mit großen braunen Augen und
schwarzen Haaren in denen blaue Veilchen stecken  das ist die Sailóndula  ein
Mädchen aus dem fernen Indien
    »St« macht das Mädchen rechts
    »St« macht das Mädchen links
    Und dann kommen sie Beide vor und umarmen den Hausmeister
    Der schaut erstaunt erst die Abla an  die so reizend aussieht in ihren
Beinkleidern aus hellblauer Seide  ihr Oberkörper ist nur mit einem zarten
ganz dünnen weißen Spitzenhemd umhüllt Dann schaut er ebenso erstaunt die
Sailóndula an die einen weingrünen Seidenrock trägt der nur bis zum Knie
reicht Die schlanken Beine des gelben Mädchens sind vom Knie ab unverhüllt
    »Kinder« bemerkt dann bedächtig der Hausmeister »wo habt Ihr denn die
schönen Kleider her«
    »Die hat uns Said« erwidert die weiße Abla »beim Schneider Dschemil
gekauft Weißt Du auch warum« »Ach wie soll ich das wissen« versetzt der
Alte
    Und nun erklären die beiden Mädchen flüsternd und hastig dass sie zu den
Gästen fürchterlich liebenswürdig sein sollen damit die Gäste nicht zuviel
essen 
    Und kichernd erzählen auch die Beiden dass sie einen Plan ausgeheckt haben
sie wollen dem Said dem alten Geizhals beim letzten Gericht einen Schlaftrunk
geben  das heißt der gute Hausmeister soll dem Said den Schlaftrunk geben
Die Mädchen küssen den Alten  und er weiß sich nicht zu helfen  er verspricht
alles zu tun was man von ihm verlangt 
    Jetzt ist es aber ganz dunkel geworden
    Die Knaben stecken die Öllämpchen in den gurkenförmigen roten Ampeln an 
    Wie die brennen  erscheint die Tarub
    Sie hat dunkelrote Rosen im schwarzen Haar der Zopf liegt ihr auf der
Brust Ein gelbseidener Rock umhüllt ihren braunen breiten Körper bis zum Knie
und schwarzseidene Beinkleider umhüllen bauschig ihre dicken Beine
    Die sechs Arme der Mädchen sind ganz unbekleidet doch die sechs Füße
stecken in kleinen roten Lederpantoffeln
    Was jedoch tut die Tarub
    Oh  die schimpft gleich wieder
    Die muss immer schimpfen sonst kann sie nicht leben
    Sie schimpft dass das Räucherwerk noch nicht brennt
    Na  die Knaben beeilen sich Myrrhen Weihrauch Sandarakholz und andre
wohlriechende Stoffe vorsichtig anzuzünden
    Die Rauchwolken wirbeln empor
    Und die Gäste erscheinen
    Es kommen immer zwei zugleich Arm in Arm  aber schweigend
    Abu Maschar kommt mit Abu Hischam
    Battany kommt mit Jakuby
    Osman naht am Arm des Kodama
    Die Mädchen kichern wie diese beiden Dickbäuche feierlich eintreten
    Zuletzt erscheint Safur mit Suleiman
    Der Letztere hält eine Rolle in der Hand
    Die acht Freunde begrüßen die lachenden Mädchen  die Tarub mit ganz
besondrer Hochachtung  die benimmt sich daher auch ganz königlich  die ist so
glücklich und so stolz
    Die acht Freunde warten alsdann
    Said pflegt immer  seine Freunde warten zu lassen Das ist so Sitte in
seinem Hause
    Nach einer guten Weile aber kommt der Hausherr endlich zum Vorschein  er
trägt einen schwarzen Seidenkaftan und einen schwarzen Seidenturban
    Zwei schwarze Knaben fächeln dem Hausherrn mit indischen axtförmigen Fächern
Kühlung zu
    Die Gäste verbeugen sich
    Said lächelt
    Dann treten Alle zur Seite und Suleiman geht dem größten Geizhals von ganz
Bagdad  diesem unglaublichen Said ibn Selm  mit einer Ehrfurcht entgegen mit
der man in Bagdad gewöhnlich nur dem verrückten Chalifen zu nahen pflegt
    Suleiman hebt dabei seine Rolle hoch empor und spricht
»Said ibn Selm wir grüßen
Feierlich Dein festlich Nahn
Said ibn Selm wir lächeln
Selig dass Du endlich kamst
Deine Augen Said grüßen
Alle die Dich heute sahen
Wie zwei stille Märchenblüten
In der Hand des Bräutigams
Immer kann man nicht verliebt sein
Ewig währt kein einzger Wahn
Aber heut muss ich Dich preisen 
So wie Du s noch nie vernahmst
Said milder Freund wir ahnen
Was wir heut von Dir empfahn
Du verbreitest märchentrunken
Ach  die Lust des Bräutigams
Wenn im Abenddunkel träumend
Deinen Garten wir durchschaut
Konnte nichts uns mehr beglücken
Als ein stiller Mondenschein
Said kannst Du darum zürnen
Wenn ich überseltsam kühn
Dich mit Mondenschein vergleiche
Ach  ich bin in Dich verliebt
Said sieh in Deiner Nähe
Müssen wir vor Freude glänzen
Denn wir fühlen vor Dir  horch nur
Einen neuen Mondesglanz
Alle Blumen schließen schamhaft
Ihrer Kelche zarte Ohren
Denn die Winde flüstern lüstern
Ach  von wilden Liebespaaren
Tolles Jauchzen tönt nun selig
Durch des Gartens Blumenpracht 
Das sind lustverzückte Verse 
Die durchsprühn die Mondesnacht 
Und wir stehen träumend stumm
Hörn ein himmlisches Gedicht
                   
Ging der Mond schon auf  Oh nein
Said  wir  gedachten  Dein«
Leise klagend flötet eine Nachtigall in Saids Blumengarten
    Said empfängt gerührt die Rolle in die das Lobgedicht fein säuberlich
hineingeschrieben
    Darauf setzt man sich im Halbkreis auf die Teppiche  der Hausherr in der
Mitte mit dem Gesicht zum dunklen Sternenhimmel vor dem die roten Ampeln
schaukeln
    Links von Said sitzen vier Gäste
    Rechts von Said ebenfalls
    Feine weiße Tücher mit Fransen breiten flink die Knaben
    vor den Gästen aus
    Die Tarub erteilt leise die Befehle
    Alles gehorcht der Tarub
    Zuerst gibts Tigriskrebse in buttergelben Porzellanschüsseln
    Wie die roten Schalen knacken und knistern ertönt im Garten in der Ferne
wunderbare Flötenmusik  denn ein Gastmahl bei Said ist ohne Flötenspieler nicht
denkbar
    Und die Nachtigallen schlagen zuweilen ganz verständig dazwischen
                            
    Der zweite Gang ist saurer Aal in Pantertunke  Al Battanys Leibgericht
    Der Springbrunnen plätschert
    Die Flöten verstummen
    Und die drei Mädchen überreichen jedem Gast einen Becher mit Wein
    Feierlich heben alle die Becher empor und dann wird getrunken
    Alten Wein aus Bassora trinkt man
    Verständnisinnig trinkt man den alten Wein
    Und dann gibts indische Schnecken
    Die Gesichter der Gäste glänzen
    Das Gespräch beginnt
    Battany setzt dem Abu Maschar in wohlgesetzter Rede auseinander dass eine
Fortentwicklung der Welt und der Menschen durchaus nicht zu leugnen sei  das
sähe man schon an der großen Stadt Bagdad die einst ein armseliger Marktflecken
gewesen  das sähe man an den indischen Schnecken die in dieser Zubereitung
sicherlich in früheren Zeiten nicht gegessen worden wären 
    Said lächelt stolz dass son gelehrtes Zeug bei ihm geredet wird  er
versteht natürlich kein einziges Wort von dem ganzen Gespräch an dem sich außer
Abu Maschar und Al Battany auch Abu Hischam und Jakuby beteiligen Man erhitzt
sich beinah  deswegen lässt der Hausherr kälteren Wein bringen
    Und die Flötenspieler flöten immerfort Man isst Antilopenschinken mit
gefrorenem Wurzelsalat  und zwar nicht wenig
    Die Liebenswürdigkeit der drei Mädchen dringt nicht durch
    Als aber Kamelsgehirn gebacken aufgetragen wird auf flachen silbernen
Tellern  da kann sich Safur nicht mehr halten
    »Freunde« ruft er laut »Ihr esst nicht mit der nötigen Andacht Oh dieses
Kamelsgehirn  entzückend  wir müssen auf Tarubs Wohl trinken  auf Tarubs «
    Alle trinken auf ihr Wohl
    Und dann essen Alle Kamelsgehirn und danach  Schildkröten gesotten
    Safur vergeht fast vor Seligkeit Er isst mit so großem Entzücken dass Alle
lachen müssen Seine Augen leuchten wie dicke große Glühwürmer Und der Said
sagt schmunzelnd zum Safur
    »Junger Freund Gib Verse zum Besten«
    Der junge Freund lässt sich diesmal nicht lange bitten spricht mit dem
Messer drohend
»Glaubt mir Den Hund ich töte
Der mir die schöne Kröte
Zu rauben wagen sollte
Der Ampeln dunkle Röte
Durchglühet meine Kröte
Als wenn sie brennen wollte
Weh dem der mir verböte
Die wunderbare Kröte
Zu speisen und zu preisen
O Kröte Schöne Kröte«
Und des Dichters Messer funkelt hell
    Saids Gäste lachen und trinken
    Das Gespräch über die Entwicklungsfähigkeit von Welt und Menschen kommt ganz
ins Stocken Battany kann nur noch dem Abu Hischam versichern dass der Plan
einen geheimen Gelehrtenbund zu gründen durchaus nicht übel sei und später wohl
zur Ausführung kommen könne
    Abu Hischam reibt sich drob vergnügt die Hände
    Jetzt wird aber armenische Rübenpastete aufgetragen  und die macht den
Philosophen noch vergnügter denn die Rübenpastete ist sein Leibgericht
    »Donnerwetter« brüllt er stürmisch »Said Du bist ja fürchterlich
aufmerksam gewesen«
    Den andern Gästen schmeckt allerdings die armenische Rübenpastete ganz und
gar nicht
    Sie verziehen die Gesichter
    Said lächelt
    Erst wie die gebratenen Tauben vom Demawand erscheinen wird die Stimmung
wieder gemütlicher
    Wie die Knöchlein der Tauben knacken und knistern wird dem Safur der schon
sehr viel Wein getrunken so gereizt zu Mute
    Die Flötenspieler flöten wieder
    Und die drei Mädchen sind so aufdringlich
    Allerdings  das rührt die Gäste sehr wenig
    Dem Battany ist die Liebenswürdigkeit der Mädchen sehr unangenehm  er ist
daran gewöhnt dass die Frauen bescheiden in der Ecke stehen und kaum zu atmen
wagen
    Kodama und Osman essen als wenn sie vierzehn Tage gehungert hätten
    Said ärgert sich  ärgert sich dass er den Mädchen ganz zwecklos die neuen
Kleider kaufte
    Safur aber sieht auch mit Unwillen auf die beiden Dicken  sie essen ihm
wieder zu schnell
    »Langsam« fängt er an »essen diejenigen Menschen die das Essen
verstehen«
    Said wirft dem Dichter einen dankbaren Blick zu und der Dichter fährt fort
    »Unbegreiflich erscheint mir doch Manches Wir haben eigentlich sämtlich
hier in Bagdad die beste Gelegenheit unsre Gaumen auszubilden  wer aber bildet
seinen Gaumen wirklich aus Ich glaube  ich tu das nur allein Wer nicht zu
essen versteht versteht auch nicht zu genießen Wir müssen doch wenn wir das
Leben genießen wollen alle unsre Sinne ausbilden  den Geschmackssinn dürfen
wir nicht vernachlässigen Wer sich immer den Magen überlädt  wie Osman und
Kodama  der ist doch eigentlich nur ein ganz gewöhnlicher Tofaily«
    Osman und Kodama grinsen
    Die Andern schweigen und essen bedächtiger
    Said macht ein sehr schlaues Gesicht
    Abu Hischam räuspert sich er will reden
    Die chinesischen Fasanen die ihm die Sailóndula anbietet weist er barsch
zurück und beginnt nun  bedächtiger als sonst
    »Lieber Safur Du wirst uns bei allen Gelegenheiten umständlich
auseinandersetzen wollen dass Du Deine Sinne ständig verfeinerst  so als wenn
darin die einzige Aufgabe Deines Lebens besteht Du denkst eben etwas Feineres
als verfeinerte Sinne gäbs garnicht Es gibt aber doch noch feinere Genüsse die
mit der Verfeinerung der Sinne ganz und garnichts zu tun haben Wenn ich an der
Weiterentwicklung der Welt arbeite oder über die wichtigsten philosophischen
Fragen nachdenke so empfinde ich doch mehr als bei Deiner Fresserei«
    Alles lacht
    Kodama sagt mit wohltönender Stimme während er drohend ein chinesisches
Fasanenbein schwingt
    »Oh Abu Hischam um die Verfeinerung der Sprache wirst Du Dir auch keine
Verdienste erwerben Redet aber nur ruhig weiter es isst sich dabei ganz gut«
    Doch nun reden Alle durcheinander
    Die Süßigkeiten werden herumgereicht
    Abla verteilt ihr Zuckergebäck und eine große ZobaïdaTorte
    Sailóndula bietet ihren mit Mandeln und Bananen gefüllten Kataïf der in
Nussöl schwimmt so zärtlich bittend an dass ihr Niemand einen Korb gibt
    Zwar  Abu Hischam will nur noch altmekkanischen Kirschenpudding essen den
die Knaben auch schon herbeigeschleppt haben
    Abla gibt ihm den Pudding läuft dann aber in den Garten  und singt  sie
singt ihr berühmtes Gazellenlied das sie schon öfters gesungen und das die
Gäste schon kennen
    Safur wendet sich während des Gesanges flüsternd an den Philosophen und
fragt spöttisch
    »Ei Abu Hischam über welche philosophischen Fragen denkst Du denn so
eifrig nach«
    »Aber Safur« erwidert leise der Philosoph »Du musst ja nicht das Eine
vergessen wir leben nur in einer Scheinwelt Du glaubst immer nur dass Du Dich
an die greifbaren Genüsse halten müsstest  und doch  Du musst nicht vergessen
dass ich in Indien war und auch einmal ein Buch Der Zweifler schrieb Es gibt
wirklich noch eine andere Welt als die die wir mit unseren Sinnen begreifen
können«
    Doch was ist das
    Said fallen die Augen zu der Kopf fällt ihm auf die Brust und nun  nein 
hätte ihn nicht der Hausmeister aufgefangen der Herr des Hauses wäre mit der
Nase in den Kirschenpudding gefallen 
    Die Gäste springen erschrocken empor
    Aber die Tarub und die Sailóndula kichern  und tanzen vor Vergnügen
    »Er hat ja ein Schlafpulver bekommen« sagt die Sailóndula »denn wir wollen
mit Euch auf der Sternwarte Wein trinken Beruhigt Euch«
    Battany und seine Freunde müssen nun so laut lachen dass Said den der
Hausmeister vorsichtig auf die Seite legte beinahe wieder aufgewacht wäre 
    Ablas Gazellenlied verhallt  sie eilt auf die Estrade und wird vom dicken
Kodama stürmisch geküsst
    Die Gäste waschen sich alsdann in bester Laune die Hände  und wandeln davon
 zur nahen Sternwarte  die drei Mädchen  und die Sklaven mit den
Weinschläuchen folgen  die Flötenspieler ebenfalls
    Auf der Estrade bleibt nur der schlafende Said  der schnarcht
    Die roten Papierampeln schaukeln ein bisschen
    Der Springbrunnen plätschert
    Die Blumen duften stark
    Das Räucherwerk duftet noch stärker
    Wie verwüstete Dörfer liegen die Überreste der Torte und des Puddings auf
den kostbaren Teppichen umher   
    Die sauberen weißen Tücher mit den Fransen sind zerknillt und
durcheinandergeworfen
    Die Estrade gleicht jetzt einem verlassenen Schlachtfelde
    Der Halbmond steht schief über der Gartenmauer
    Die Sterne sind wieder sehr hell
    Die roten Ampeln verlöschen allmählich
    Die Nachtigallen flöten wunderbar
    Und Said schnarcht 
 
                                Sechstes Kapitel
Die Mongolen reiten langsam um die Sternwarte rum und spitzen die Ohren  sie
hören was
    Sie zügeln ihre schwarzen Rosse und horchen weit über den Kopf der Pferde
gebeugt in das Dunkel hinein
    Dann erkennen sie die Stimmen reiten rasch an den Turm der oben den
Empfangssaal trägt und wecken die Schwarzen
    Nach ein paar Augenblicken sind die zwölf schwarzen Sklaven mit zwölf
Fackeln draußen
    Die Sklaven eilen mit den Fackeln dem Herrn Battany der mit seinen
Freunden den Mädchen den Flötenspielern und Weinschläuchen langsam näher
kommt diensteifrig entgegen
    Die Fackeln erleuchten den Pfad
    Die Mongolen sitzen auf ihren Pferden ganz stramm
                            
    Und bald sind Alle oben im Empfangssaal
    Nur die Mongolen sind unten geblieben
    Der Herr Battany ist guter Dinge und schickt gleich die Flötenspieler in den
dritten Turm in dem er gewöhnlich zu arbeiten pflegt
    Die Sklaven mit den Fackeln werden auf den Galerieen den beiden anderen
Türmen und auf dem Altane verteilt
    Auf dem fünfeckigen Altan leuchten jetzt fünf Fackeln in fünf schwarzen
Fäusten
    Die drei Mädchen schenken den Wein in die großen Becher
    Und Alle trinken die großen Becher in einem Zuge aus
    Und dann küssen die drei Mädchen den Battany und seine sieben Freunde so
stürmisch dass Allen ganz schwindlig wird
    Jetzt wirds sehr laut
    Alles lacht und schreit
    Der Wein berauscht
    Und Abla will singen  doch sie will nur singen auf Abu Maschars hohem Turm
 Abu Maschar soll mitkommen
    Der Prophet geht schließlich lächelnd mit der weißen Abla auf seinen Turm
    Und Abla singt oben den neuesten Gassenhauer  die berühmten
SareppaStrophen die im Jahre 892 nach Christi Geburt in allen Schenken Bagdads
gesungen wurden
    Die Strophen waren von einem unbekannten Sänger der berüchtigten Sareppa
gewidmet
    Die Sareppa ist eine schlitzäugige Mongolin die besser reiten kann als die
Beduinen
    Die Abla singt
»Warum bist Du bös auf mich
Wilder brauner Wüstensohn
Warum bist Du ärgerlich
Ist das meiner Liebe Lohn
Schenk mir Dein Ross 
Und schenke mir Rosen
Liebst mich heute ganz allein 
Morgen muss es anders sein
Komm wieder rein
Ich schenk Dir Wein
Willst Du eifersüchtig sein
Ach Du bist es nicht allein 
Hör doch meine Freunde schrein 
Jeder will mich heut schon frein 
Schenk mir Dein Ross
Komm wieder rein
Willst Du meine Freunde schlagen
Steigst Du noch in meiner Gunst
Musst Dein Leben für mich wagen
Sonst ist Lieben keine Kunst
Schenk mir Dein Ross 
Und schenke mir Rosen
Liebst mich heute ganz allein 
Morgen muss es anders sein«
Alle lauschten  die Strophen klangen weich und voll durch die Nacht
    Die Fackeln flammten unheimlich in den Sternenhimmel hinauf
    Unten flüsterten die Mongolen  oh  die kannten die Sareppa
    Die Abla hatte nicht so gesungen wie man die SareppaStrophen in den
Schenken zu singen pflegt  Manches hatte so schwermütig geklungen
    Im Empfangssaal hätten die Männer beinah das Trinken vergessen 
    Doch die Menschen werden so anders wenn sie beim Trinken sind
    Jakuby wackelt immer mit dem Kopf und mit seinem lila Turban  redet
fortwährend zu Osman von Byzanz und von Damaskus setzt dem dicken Schreiber
auseinander dass er in diesen beiden Städten jede einzelne Sängerin gehört habe
Osman will das garnicht glauben
    Battany ist zur Sailóndula sehr höflich ist entzückt von ihren kleinen
Füßen ihren Veilchen und ihren Augen  nur ihr weingrünes Gewand will ihm nicht
gefallen
    Kodama streichelt der Tarub die braunen Wangen und raubt ihr eine dunkelrote
Rose
    Suleiman sitzt auf dem großen Teppich trinkt und lacht wundert sich dass
die Andern nicht auch sitzen und lachen Die Andern lächeln nur
    Abu Hischam und Safur stehen auf dem fünfeckigen Altan und reden mit einem
fürchterlichen Eifer über die Welt und über den Genuss Die Schwarzen mit den
Fackeln staunen
    Kodama singt
»Schenk mir Dein Ross 
Und schenke mir Rosen«
Und der Dicke trinkt mit der Tarub  er ist schon recht heiter
    Sailóndula schaut zuweilen scheu zu dem indischen Götzenbild hinüber
    In Battanys Arbeitszimmer flöten die Flötenspieler  sie haben auch Wein zu
trinken bekommen
    Abu Hischam sagt
    »Lieber Safur wir täuschen uns ja so oft Wenn wir träumen denken wir doch
immer  wir wachen Müssen wir deswegen nicht auch in unseren wachen
Augenblicken  an unserm Wachsein zweifeln Wenn wir aber erst zweifeln dass
dieser Altan ein Altan ist so wird uns doch der Boden unter den Füßen
fortgezogen  dann schwankt alles  ja Safur dann schwankt Alles«
    Und der Philosoph schwankte wirklich worüber Safur sehr lachen musste
    Sie tranken wieder  Saids Diener schenkten diensteifrig immer von Neuem die
großen Becher voll  der erste Weinschlauch lag schon schlaff hinter dem
kupfernen Himmelsglobus
    Abu Hischam spricht weiter
    »Ja Safur Du hältst Dich für einen großen Schlaukopf Du willst immer mit
Deinen Sinnen genießen  ei wenn Deine Sinne garnicht da sind  was dann Das
Zweifeln musst Du lernen das Zweifeln hast Du noch nicht raus Leben heißt
zweifeln Genießen heißt auch nur zweifeln Immer schwanken muss man Die großen
Weisen schwanken und zweifeln immer Trotzdem kann man ganz vernünftig sein 
man braucht deswegen nicht zum Gewohnheitssäufer zu werden Man kann trotzdem
das Große wollen  die Welt kann noch alle Tage besser werden  für die
Entwicklung der Welt müssen wir sogar kämpfen Das ist ja der Hauptgenuss  wer
an der Verbesserung der Welt arbeitet    der pfeift auf das Fressen und
Saufen  der pfeift«
    Der große Philosoph schwankt und pfeift
    Die Flötenspieler flöten
    Safur legt ernst seine Hand auf Abu Hischams Schulter und redet nun also
    »Du irrst Dich wenn Du glaubst dass ich nur mit meinen fünf Sinnen genießen
will Ich will genießen in allen Formen  in jeder Weise  wie  wo  was  das
ist mir ganz gleich Aber Alles will ich genießen  und daher will ich auch mit
meinen fünf Sinnen genießen Immer will ich genießen  daher will ich auch
genießen wenn ich esse Allerdings  Du sagtest es gäbe noch eine
übersinnliche Welt Ich glaube ja an diese übersinnliche Welt Die soll drum
auch für mich da sein Indessen  nur übersinnlichen Genüssen nachgehen  das
scheint mir sehr unsinnig Das kriegen wir ja garnicht fertig Ich kann doch
nicht immerfort an Wüstengeister denken Allerdings  Du hast Recht Zu große
Bedeutung darf ich den Genüssen der Zunge nicht beimessen«
    Safur denkt nach Abu Hischam trinkt
    Abu Hischam sieht so furchtbar altbacken aus  nüchtern ist er auch nicht
mehr
    Und Ablas Stimme ist nun auf der Galerie nebenbei zu hören sie singt leise
zu Abu Maschar
»Komm wieder rein
Ich schenk Dir Wein«
Das singt sie öfters
    Der Prophet ist gutmütig freundlich zu ihr wie ein milder Vater
    Die Beiden betreten jetzt den Altan
    Safur begrüßt sie sehr freundlich Abu Hischam sehr spöttisch
    Abu Maschar ist milde wie gewöhnlich
    Die Drei trinken zusammen und reden
    Sie reden aber Dinge die so schwer verständlich sind dass sich die weiße
Abla traurig abwendet
    Den Schwarzen macht das Fackelhalten wenig Spaß  die Sache ist auch nicht
grade leicht
    Abla sieht in den Empfangssaal
    Da brennen oben die maurischen Lampen
    Rechts neben dem kupfernen Waschbecken liegen die vollen  links die leeren
Weinschläuche Im Hintergrunde stehen Saids Diener In der Mitte des
Hintergrundes unter der indischen Götzenfigur liegt der alte Dichter Suleiman
und schläft  er ist abgefallen
    Battany wandelt in seiner blauen Sammettoga mit der Sailóndula auf dem
großen Teppich umher  so vertraut und gemütlich
    Ungefähr in der Mitte des Teppichs sitzt Kodama neben einem Weinschlauch 
im Arme des dicken Geographen befindet sich die Tarub die sich von dem Dicken
lachend küssen lässt und ihm fleißig Wein einschenkt
    Die Flötenspieler spielen nicht  man hört nur reden lachen und flüstern
    Die beiden Säulen die zwischen Altan und Empfangssaal die drei Spitzbogen
tragen sind nur dünn und können das Durchsehen nicht hindern 
    Die Abla sieht alles
    Und sie ärgert sich über Kodama und auch über die Tarub singt spöttisch
sehr laut und hell
    »Liebst mich morgen ganz allein 
    Heute muss es anders sein«
    Und das singt sie immer wieder bis das der leichtsinnige Kodama versteht
    Gleichzeitig sieht aber auch der Safur seine Tarub in Kodamas Arm
    Donnerwetter  da wird er wütend
    Der Dicke lässt sich aber nicht leicht aus der Fassung bringen ruft dem
Dichter mit wohltönender Stimme zu
    »Du schlauer Safur  wir sind ja gute Freunde Unter Freunden nimmt man sich
so was doch nicht übel Ich wollte nur die kleine Abla ein bisschen eifersüchtig
machen Sei wieder gut«
    Safur aber knirscht mit den Zähnen dass es Alle hören
    Alle sind jedoch ziemlich berauscht sodass man diesen knirschenden Wutlauten
nicht zu große Bedeutung beimisst
    Nur Battany merkt dass die Lustigkeit der Zecherei gestört werden könnte
und schreit daher mit donnernder befehlender Stimme
    »Sailóndula wird hier auf unsrem Teppich tanzen Kodama steh auf Safur
sei vernünftig Trink Bruder Sailóndula tanz Alle Sklaven sollen mit den
Fackeln in den Saal kommen«
    Die Rede wirkt
    Man holt die Flötenspieler Die zwölf Schwarzen kommen mit den Fackeln in
den Saal
    Kodama und Tarub stehen auf
    Suleiman wird an die Seite gelegt
    Auch Jakuby erscheint jetzt wieder er fällt immer hin und fuchtelt mit dem
Zeigefinger durch die Luft was sich sehr albern ausnimmt
    Der dicke Osman kommt auch mit den Flötenspielern zusammen herein er ist
schrecklich lustig und kneift den Schwarzen in die Backen
    Die Schwarzen grinsen
    Sie sehen drollig aus
    Dann aber bittet der große Al Battany seine Freunde auf den jetzt dunkeln
Altan hinaus  die Tarub und die Abla werden von ihm ganz besonders höflich
gebeten
    Tarub schimpft auf den Safur
    Abla singt dazu
»Eifersüchtig willst Du sein
Ach Du bist es nicht allein«
Safur lacht und küsst die Abla
    Man trinkt wieder  noch hastiger als bisher
    Wenn Sailóndula tanzt  dann hat das was zu bedeuten
    Schade nur dass der Suleiman schläft der sieht so gern tanzen
    Abu Hischam der kaum stehen kann will jetzt wieder lallend vom Bunde der
lauteren Brüder reden man hält ihm aber den Mund zu und bittet ihn sich
hinzusetzen
    Ach  die Menschen werden so anders wenn sie getrunken haben
    Im Empfangssaal tront die indische Götzenfigur  rechts und links neben ihr
stehen die Flötenspieler mit den Flöten
    Die Sailóndula im weingrünen Kleide geht in die Mitte des Teppichs und
blickt noch einmal scheu zum indischen Götzen hinauf
    Vier Schwarze stellen sich an die hintere Seite des Teppichs  vier rechts
und vier links
    Die Fackeln flammen hoch auf
    An der Decke wirbeln die Rauchwolken
    Der indische Götze leuchtet und glänzt
    Auch der kupferne Himmelsglobus wirft das Fackellicht zurück das kupferne
Waschbecken gleichfalls
    Battany sitzt mit Tarub und Abla hinter dem Mittelbogen die Andern sitzen
und stehen hinter und neben dem Astronomen
    Und Sailóndula tanzt
    Die Flötenspieler spielen ein altes indisches Lied  das klingt so weich und
getragen
    Langsam bewegt die Sailóndula die Arme durch die Luft und biegt dabei den
Körper nach allen Seiten
    Ihre gelben Finger recken sich und die Arme drehen sich und die Füße heben
sich dabei  nur wenig  nur so zaghaft
    Die Muskeln der Beine spannen sich und dann dreht sich der ganze Körper der
Tänzerin
    Die gelben Glieder drehen sich und beugen sich und krümmen sich  sie
bewegen sich  wie sich die Weisen der Flöten bewegen  wie sich Bäume bewegen
im Abendwinde  wie sich Schlingpflanzen ranken  wie sich kleine Quellen durch
die Wiesen winden
    Und die Fackeln qualmen dass man das indische Götzenbild kaum mehr sieht
    Man sieht nicht mehr die Decke mit ihren blauen und grünen Mustern auf dem
prächtigen Goldgrunde
    Aber man sieht noch die silbernen und roten Querstreifen auf den Wänden die
blitzen oft auf im Fackelschein
    Die Schwarzen stehen tiefernst mit beiden Fäusten halten sie die Fackeln
ihre orangefarbigen Lendentücher leuchten
    Die zwölf roten Flammen knistern
    Die Flöten ziehen in weichen Tönen durchs Gemach
    Die indische Sailóndula tanzt
    Doch jetzt wollen Alle dass Sailóndula nackt tanze
    Sie besinnt sich
    Und Battany legt sich aufs Bitten
    Abla bittet den Kodama um die roten Rosen die er der Tarub geraubt singt
leise
»Schenk mir Dein Ross 
Und schenke mir Rosen«
Doch dann tanzt Sailóndula nackt ihr weingrünes Gewand fliegt hastig an die
Seite
    Die Flötenspieler spielen ein wildes Jagdlied
    Hei  wie sich die gelben wunderschönen Glieder jetzt bewegen
    Nicht mehr ruhig ist der Tanz
    Ein wildes tolles verzerrtes Springen und Stampfen geht los
    Der Körper des Mädchens zittert
    Sailóndulas Muskeln schwellen an dass sie fast so stark erscheinen wie die
Muskeln der schwarzen Fackelträger
    Aber jetzt  plötzlich  da weiten sich die Augen der nackten Tänzerin
    Sie sieht was  ein alter indischer Tempel steigt vor ihr auf  mit
herrlichen Pforten und reizend durchbrochenen Türmen die wie Filigrangebilde
sich aufrecken  wie Elfenbeinschnitzereien 
    Und neben dem Tempel fließt der heilige Ganges im Fackelschein
    Und ein Jüngling kommt aus dem Tempel raus und starrt die Sailóndula an
    Mit einem gellenden Schrei bricht das Mädchen zusammen
    »Mein Kleid Mein Kleid« ruft es angstvoll
    Battany und seine Freunde eilen auf die gelbe Tänzerin zu sie wissen nicht
was ihr fehlt
    Sie aber reißt sich mit den Nägeln den Busen blutig dass das Blut ihren
gelben Leib hinunterrieselt
    Und dann brechen ihr die Tränen hervor
    »Meine Heimat« schluchzt sie
    Und dann weint die Sailóndula wie ein Kind  wie ein ganz kleines Kind
    Battany gibt ihr Wein
    Doch sie schlägt ihm den Becher aus der Hand
    Sie weint furchtbar und windet sich dann in Krämpfen
 
                               Siebentes Kapitel
»Endlich« schreit Kodama in den frischen Morgenwind hinein »endlich sind wir
die dummen Frauenzimmer wieder los Die Tarub schnauzt die Sailóndula heult
und die Abla will immerfort Rosen haben Freunde wir sind frei  darum wollen
wir jetzt auf dem Karawanenplatz Tee trinken Kommt«
    Und der dicke Geograph geht breitbeinig voran  die beiden Dichter Suleiman
und Safur folgen  der Philosoph Abu Hischam desgleichen
    Diese vier Leute hatten die drei Frauen nach Hause gebracht  mit Mühe  wie
sich ja denken lässt  denn nüchtern war Niemand
    Äusserlich machten jetzt die Vier einen sehr friedlichen Eindruck
    Das war aber alles nur Schein
    Der Wein hatte die Gemüter ganz gehörig aufgeregt
    Gereizt wandte sich Safur an den dicken Kodama und verlangte Aufklärung in
Betreff der Tarub  den Dichter plagte heiße Eifersucht Ein Wort gab das andre
 der sonst so gemütliche Geograph mit den herrlichen seidenen Hosen hatte seine
ganze wohltönende Beredsamkeit aufzubieten um den Dichter davon zu überzeugen
dass eine Umarmung doch nur eine Umarmung und ein Kuss doch nur ein Kuss sein
könnte
    Der gemütliche Dicke trat währenddem in die Bude eines alten Wunderdoktors
und ließ sich in vier zierlichen Näpfchen ein schwarzbraunes dickflüssiges
Getränk verabreichen das Wunder tun sollte gegen den Kater
    Alle tranken das schwarzbraune Zeug und fühlten sich gleich beruhigt  auch
Safur
    Leichtgläubig wie alle Dichter ließ auch dieser leicht sich was einreden
    Das schwergläubige Misstrauen schien dem Safur ohnehin eine recht lästige
Sache
    Die Hitze ist auch schon recht lästig
    Grelles Sonnenlicht flutet durch ganz Bagdad obgleich es noch immer Morgen
ist
    Auf dem Karawanenplatz sieht es sehr bunt aus  der Platz ist so bunt wie
ein Opal
    Die hellen Zelte auf denen die Sonne brennt geben dem großen
Karawanenplatz das Ansehen eines großen Lagers
    Die mächtigen Blätter der Bananen und die riesigen Palmen ragen in den
hellblauen Himmel so beruhigend hinauf  so beruhigend wie das Grün der Oasen
    Links zeigt ein indischer Schlangenbändiger seine Künste
    Suleiman soll bezahlen und tuts
    Suleiman denkt nur an den Schneider Dschemil denn Said hat dem Dichter eine
dicke Goldrolle geschenkt  zum Lohne für das Lobgedicht
    Das Gold hat den Alten schrecklich glücklich gemacht  er benimmt sich
zuweilen ganz närrisch
    Neben ruhenden Kamelen liegen prächtige bunte Teppiche aus Smyrna und
Damaskus
    Gelbe Chinesen stehen feierlich neben grellfarbigen Seidenstoffen
    Braune Araber handeln mit Wollenzeug Baumwolle und Leinen  die Stoffe
zeigen auch alle Farben  rote blaue gelbe braune und andere
    Alte Ägypter verkaufen Rosenöl und Räucherwerk
    Perser mit langen schwarzen Bärten bieten lustigen braunen Mädchen
himmelblauen Türkisenschmuck an 
    Und betrunkne Tofailys kommen jetzt torkelnd und johlend immer näher  sie
sehen Kodama brüllen ihm was zu  und dabei fällt der eine Tofaily wie ein
abgehackter Baum auf die eine Seite mitten in ein großes Lager irdener Töpfe und
Kruken die ein alter Mann aus Kufa neben sich auf der Erde fein säuberlich
aufgestellt
    Mörderliches Geschrei Das Geschirr klirrt und klappert
    Ein frecher nackter Junge reitet auf einem kleinen grauen Elephanten heran 
und das Tier zerschlägt auch noch ein paar Töpfe
    Höllenlärm
    Die Tofailys lachen sind aber in großer Not  die Kaufleute auf dem
Karawanenplatz verstehen im Entzweischlagen keinen Spaß
    Kodama bezahlt schließlich die zerbrochenen Gefäße  widerwillig zwar  doch
mit Anstand
    Die Tofailys sind drob natürlich ganz außer sich vor Vergnügen
    Kodama wird von den Betrunkenen bestürmt  wie von arabischen Kriegern eine
Burg bestürmt wird
    Die Vier sind im Nu umringt
    Und Alle wandeln lachend in die nächste Teebude 
    Schlitzäugige chinesische Mädchen bringen das heiße Getränk in blau bemalten
Porzellanschalen herbei
    »Wie gehts Deinem Bären« fragt man den Safur  höhnisch  denn Safur wird
beneidet Sein Bär Bagdads berühmte Köchin leuchtet sehr hell an dem trüben
Himmel der Bagdads berühmte Männer überwölbt
    Abu Hischam muss gleich wieder vom Bunde der lauteren Brüder sprechen
    Doch es wird heiß
    Auch unter den hellen Leinendächern der Zelte und Marktbuden nimmt die Hitze
ganz beträchtlich zu
    Die Augen kann man garnicht mehr ordentlich offen halten  die Sonne
blendet
    Tiefblau sind die Schatten der Palmen und Bananen Vor den Teezelten liegt
die große Moschee Und rechts von der Moschee ragen die hohen auf einem Hügel
gelegenen Paläste der Chalifenburg mit vielen vielen Türmen und bunten Galerieen
in den glühenden Himmel hinauf
    Träge zieht eine Karawane an den Teetrinkern vorüber Die Kamele nicken
einförmig mit den drolligen Köpfen die Pferde suchen mit der Schnauze den
heißen Erdboden zu erreichen Die Kameltreiber schwitzen und fluchen
    Träge zieht die Karawane vorüber  ein Bild tiefster Erschöpfung  ein Bild
lähmender Schlaffheit
    Das Gespräch unter den Teezelten verstummt  man verabredet noch eine
Zusammenkunft abends auf der Tigristerrasse  und trennt sich
    Abu Hischam Kodama Suleiman und Safur wenden sich nach rechts gehen an
einer großen Bude die ganz mit kleinen indischen Götterfigürchen gefüllt ist
vorüber  in die Stadt
    In den Straßen ist es leer und heiß
    Die blauen Schatten der niedrigen zumeist fensterlosen Hausmauern und die
blauen Schatten der Palmen und Bananen  verkleinern sich  die Sonne steht
schon hoch
    Der dicke Kodama gähnt und will zur Sareppa die Andern wollen mit und man
geht hin
    Der weiße Strassenstaub durchsengt die Sandalen
    Donnerwetter Die Hitze ist stärker als tausend Löwen
    Die Vier nehmen erst noch ein Bad
    Das erfrischt ein bisschen
    Dann gehts zur Sareppa
    Da knallen die Peitschen
    Da fliegen die Speere und die Pfeile
    Da wiehern und stampfen die prächtigsten Hengste  denn die Sareppa handelt
mit Pferden und ihre Hengste sind berühmt
    Auf einem freien Platze der nur von ein paar Palmen beschattet wird jagen
junge nackte Mongolen auf schäumenden Hengsten im Kreise herum Die Mongolen
werfen dabei mit kurzen Lanzen nach einer Holzpuppe die hoch oben unter den
Blättern einer Palme hängt Die Lanzen sausen oft in weitem Bogen fast bis auf
die Straße hinaus dass man sich in Acht nehmen muss
    Die beiden Gelehrten und die beiden Dichter gehen daher schleunigst unter
ein Holzdach unter dem Gras wächst  da grasen die Pferde der Sareppa und 
Beduinen bewundern die Pferde
    Manche Beduinen kaufen sich ein Pferd unter diesem Holzdache  doch die
meisten Beduinen kommen hierher um ihre Pferde zu verkaufen  und dann bettelnd
herumzulungern
    Bagdad diese üppige Stadt bricht manchem Wüstensohn den Hals
    Und Safur spricht mit den Beduinen
    Er spricht von den blauäugigen Dschinnen und will mehr von diesen wilden
Wüstengeistern wissen die nachts auf schwarzen Rossen über den heißen Sand
sprengen und die Menschen  töten wollen
    Die Beduinen erzählen viel von den Dschinnen Und vor Safur der träumend
zuhört erscheint ein wildes Weib mit schwarzem Gesicht und hellblauen Augen
die Haare hängen dem Weibe lang und strähnig an den Schläfen nieder Die Stirn
des schwarzen Weibes zeigt senkrechte dicke Furchen Die Mundwinkel des
bläulichblassen Mundes hängen tief runter  ein dunkler Gespensterkopf vor
einem leuchtenden Nachthimmel
    Safur erschrickt
    Und er liebt das Gesicht
    Aber plötzlich ist es wieder weg Er sieht nur noch die Beduinen vor sich
sieht die Pferde der Sareppa grasen und den alten Suleiman drüben an dem einen
Holzpfahl Kirschen essen
    Safur hört nicht mehr was ihm die Beduinen erzählen Er versucht wieder
das Dschinnengesicht zu sehen  kriegt es aber nicht fertig Ganz verstört kommt
er später zu seinen Freunden zurück und isst schweigend mit ihnen Kirschen
trinkt auch Wein mit ihnen der Kodama ist in bester Laune hat an jeder Hand
ein Mongolenmädchen und erzählt Schnurren dass die Mädchen sich krümmen vor
Lachen
    Die Sareppa badet die ist heute nicht zu sehen
    Die Beduinen werden aber bald aufdringlich die Obstjungens auch sodass man
sich nach einiger Zeit entschließt weiterzuwallen
    Kodama übernimmt die Führung und bringt seine Freunde in ein berüchtigtes
Haus
    Man geht in den großen Badegarten wos sehr laut ist Beduinen und ein paar
reiche Jünglinge aus Bagdads besten Familien zechen dort mit weißen
Armenierinnen
    Das eine Mädchen singt mit gellender Stimme während sie ihren Jüngling an
die Ohren packt
»Willst Du meine Freunde töten
Steigst Du noch in meiner Gunst
Blutig muss Dein Dolch erröten
Sonst ist Lieben eitel Dunst«
Und das Unerwartete geschah
    Blitzschnell zog der Jüngling seinen Dolch und stieß ihn einem jungen
Beduinen bis ans Heft in den Leib
    Aber im nächsten Augenblick hatte der Jüngling einen furchtbaren Säbelhieb
    Der Säbel ging ihm durch die linke Stirnseite durchschnitt das Auge und
blieb im Kopfe stecken
    Lautlos brach der Heissblütige zusammen
    Das dunkelrote Blut zweier Nebenbuhler besudelte den feinen bunten
Fliesenboden
    Entsetzt wandten sich die beiden Gelehrten und die beiden Dichter ab und
schritten eilig an den Rosengebüschen und an den Gummibäumen  an dem reizenden
großen Badeteich in dem Lotosblumen blühten vorbei  hinaus  ins Freie
    Drinnen schrien die Weiber wie die Wahnsinnigen als wenn das berüchtigte
Haus ein Tollhaus geworden wäre
    »Siehst Du« sagte draußen der dicke Geograph zum Safur »da siehst Du
wieder wohin die Leidenschaften führen Hüte Dich vor der Eifersucht«
    Und im Sturmschritt rannte der Dicke seinen drei Freunden voran zur
Tigristerrasse
    In Schweiß gebadet kamen die Vier dort an
    Die Tofailys waren schon da
    Die Sonne ging blutrot unter
    Hastig erzählten die Vier ihr Abenteuer
    Aber die Tofailys rührte das nicht allzu sehr Sie waren ja des Morgens von
einem Leichenschmaus gekommen  von dem Leichenschmaus den die hübsche Witwe
des alten Wollkremplers gegeben den die Tofailys in jener grünen Schimmelnacht
in der Betrunkenheit erstochen haben sollten
    Es ward Nacht
    Man aß und trank
    Abu Hischam sprach wieder vom Bunde der lauteren Brüder
    Und als Alle recht viel getrunken hatten nahm Abu Hischam feierlich alle
Anwesenden in seinen Bund auf
    Suleiman riet vergeblich zur Mäßigung Er erinnerte vergeblich an die
Empfindlichkeit des reichen Battany
    Abu Hischam nahm sämtliche anwesenden Tofailys sehr förmlich in den Bund der
lauteren Brüder auf
    Und darauf trank man  bis Alles betrunken war 
    Die Tofailys lagen schließlich auf der Tigristerrasse umher wie die Scherben
einer zerbrochenen Waschschüssel
    Safur dachte an seine Dschinne und an seine Tarub
    An seine Tarub dacht er mit Ingrimm denn er wusste dass sie ihm wieder
Vorwürfe seiner wüsten Sauferei wegen machen würde
    Der Tigris glitzerte im Mondenschein
    Die lauteren Brüder verstummten und begannen zu schnarchen der Kopf ward
ihnen so schwer wie ein Henkerbeil
    Safur dachte an seine blauäugige schwarze Dschinne
    Jetzt sah er sie wieder hoch oben im Himmel  übermenschlich groß  von
funkelnden Sternen umstrahlt
 
                                 Achtes Kapitel
Und als es abermals Morgen ward schien die Sonne so als wenn garnichts los
wäre
    Jedoch  die lauteren Brüder die allmählich erwachten hatten gleich das
Gefühl dass in ihren Köpfen was los war  oder was losgehen wollte 
    Durch die persischen Eichen die auf der Tigristerrasse mächtig aufwuchsen
wehte ein sanfter Wind der leider garnicht kühl werden wollte
    Safur erwachte unter einem blühenden Oleanderbaum
    Der Dichter Buchtury erwachte neben großen weißen Lilien die das eirunde
rot und weiß gemusterte Fliesengetäfel in der Mitte der Terrasse umzäunten
    Buchtury sah die Lilien den Safur und eine hohe Leiter Er hob diese Leiter
auf stellte sie senkrecht auf das rot und weiß gemusterte Fliesengetäfel und
bat ein paar Freunde die gerade nicht wussten was sie anfangen sollten die
Leiter festzuhalten
    Und dann kletterte der Dichter auf die Leiter rauf sodass sein Kopf die
grünen Blätter einer sehr hochgewachsenen persischen Eiche berührte
    Und in dieser Höhe begann der berühmte Tofaily der nichtswürdige Prasser 
zu krähen
    Mit krächzenden Lauten schrie er drauf in den Morgenwind seine Leib und
Magenverse hinein
    Von seiner Leiter starrte Buchtury auf die Terrasse runter wie ein müdes
Pferd
    Des Dichters Augen waren verglast
    Den Safur sah er ganz blöde an und schrie
»Ihr die Ihr so viel dichtet
Ihr habt die Kunst vernichtet
Die schönste Kunst des Lebens 
Die lerntet Ihr vergebens
Ihr habt ja ganz vergessen
Euch gründlich satt zu essen
Den Magen vollzuschlagen
Ist doch das Hauptbehagen
Das ist die schönste Kunst
Das Andre ist nur Dunst
Beim Hahnenkampf und Hochzeitsschmaus
Bei alten Bettlern seid zu Haus
Wo Kinder geboren Leichen begraben
Ist allzeit auch was zum Essen zu haben
In Keller und Küch beim Würfelspiel
Oh Kinder da gibts zu essen viel
Gut essen Freunde ist immer fein 
Ihr müsstet nur eifrig dahinter sein
lhr schaut viel zuviel nach den Sternen
Ihr müsst erst das Essen erlernen
Salbet den Magen an jedem Morgen 
Lasst Euch die Salbe vom Krämer borgen
Lasst Euch kneten den vollen Leib 
Lustig ist dieser Zeitvertreib
Vergesst nicht täglich öfters zu baden
Oh  baden  baden  nie kann das schaden
Tut überall nur als wärt Ihr zu Haus
Seid auch nicht ärgerlich lacht man Euch aus
Schlägt man die Tür Euch zu vor der Nas 
Tut so als wärs ein lustiger Spaß
Klettert durch den Schornstein herein
Mutig muss der Hungrige sein
Ich hab oft schon Prügel empfangen 
Oft mit dicken eisernen Stangen
Das war mir alles ein lustiger Spaß 
Wenn nur erst da war ein leckerer Frass
Dann gabs nicht mehr Geschwätz und Getu 
Sofort war fort die freundliche Ruh
Mit den Fäusten packt ich die Keulen an 
Mit zween Fingern hab ich das nie getan
Wie kleine Mädchen zierlich zu speisen 
Das überließ ich schwächlichen Greisen
Den Nachbarn hab ich nie angeschaut
Beim Essen sprach ich nicht einen Laut
Wie gerne mocht ich riechen
Gebratne Federviehchen
Einst konnt ich wie ein Löwe fressen 
Doch die Zeit hab ich längst vergessen
Täglich aß ich ein Rind und zehn Tauben 
Heute will mir das Keiner mehr glauben
Ich könnt so Manches noch sagen
Von meinem Magenbehagen
Bei Allah Wie wetzt ich die stahlharten Zähne
So wie in der Wüste die böse Hyäne 
Ich leckte kaute kratzte frass 
Ganz unbezahlbar war der Spaß
Nun leider wollen die Glieder nicht mehr 
Sie sind zu trocken sie sind auch zu schwer
Doch was fletscht Ihr mit Eurem Nilpferdgebiss
Die Geduld mir bei Eurem Anstande riss
Was Faul alt und gebrechlich tut Ihr
Was Mit knurrendem Magen ruht Ihr
Auf In die Welt Den Würsten entgegen
Kinder Hier habt Ihr gleich meinen Segen«
Und Buchtury steht hoch oben auf der Leiter unter der persischen Eiche mit hoch
erhobenen Armen wie ein Schornsteinfeger da
    Indessen  der junge Safur wird jetzt sehr ärgerlich Er ist ja der größte
Feind der Vielesserei
    Buchtury wollte den Safur nur höhnen
    Dieser ruft daher sämtliche Tofailys zusammen und setzt ihnen auseinander
dass das Sattsein durchaus nicht anständig sei
    Diese Rede wurde mit sehr drolligem Beifall aufgenommen das ja die Tofailys
gewöhnlich garnicht zum Sattessen hatten
    Daran hatte der kluge Safur garnicht gedacht
    Die Tofailys aber verlangten nun von Safur einige Leckereien sie hielten es
nach der Rede über die Unanständigkeit des satten Magens für notwendig sich in
der Enthaltsamkeit zu üben
    Und dem armen Safur half nichts  er musste ein Frühstück besorgen
    Da er kein Geld besaß musste er mit schwerem Herzen seinen Dolch versetzen
    Suleiman und Kodama hatten sich fortgestohlen
    Abu Hischam besaß nie was
    Die Tofailys ließ sich demnach auf Safurs Kosten ein herrliches Frühstück
geben  frische Fische aus dem Tigris
    Safur sprach mit sehr saurer Miene über die Vorzüge dieser frischen Fische
und bestellte noch da er ja den Dolch doch nicht mehr retten konnte einen
dicken Schlauch mit Wein
    Demzufolge war die Gesellschaft sehr bald wieder betrunken   
    Der Tigris plätscherte unten am Ufer spöttisch lächelnd vorbei umspülte die
Rosengebüsche die Granatbäume ein paar stille Palmen und die persischen Eichen
 floss dann nach Bassora und dann ins große Meer
    Safur Abu Hischam und die Tofailys tranken unheimlich
    Und ein toller ausgelassener Geist kam in die Gesellschaft
    Der jüdische Weinwirt schüttelte bedenklich das lockige Haupt
    Buchtury fiel über die Lilien den Abhang hinunter  in den Tigris
    Der jüdische Weinwirt rettete den Betrunkenen was nicht ganz gefahrlos
erschien
    Nach diesem Unfall brachen die Zecher auf und wohnten in der Nähe der
Terrasse in der Sattelgasse einem Hahnenkampfe bei
    Safurn kam als er die wütenden Hähne mit ihren scharfen Sporen aufeinander
loshacken sah  eine grässliche Erinnerung
    Er dachte plötzlich an seine Tarub    beim Barte des Propheten  die
Erinnerung war peinlich
    Tarub pflegte wenn Safur betrunken ohne Dolch nach Hause kam ebenfalls wie
ein Hahn auf den betrunkenen Dichter loszuhacken
    Safur ward daher ingrimmig und rannte davon
    Aber er ging noch nicht zur Tarub zurück
    Er trank sich erst in einigen Weinkellern  Mut
    Und dann ging er in die Moschee und zankte sich mit einigen Koranstudenten
    Und dann ging er zu den Sängerinnen der alten Dschellabany und klagte den
Mädchen sein Leid
    Er ließ sich ruhig auslachen lachte sich selber aus  wurde jedoch immer
betrunkner und immer gereizter
    Er fluchte auf die Tarub als wenn sie an seinem Rausch die Schuld trüge
    Wies Nacht geworden und die Sterne funkelten stand der Dichter vor Saids
Gartenmauer und wusste nicht wie er da hingekommen Er knirschte fürchterlich
mit den Zähnen
    Der sonst so kluge Dichter konnte sich nicht gerade halten  schwankte wie
ein Rohr im Winde
    Schlotternd hing dem Wüstlinge das braun und blau gestreifte Beduinengewand
um die Glieder rum
    Und die Welt war so schrecklich heiß
    Und Safurs Kopf war so schwer wie Blei
    Und des Dichters Herz klopfte wie ein Schmiedehammer
    Und des Dichters Hände zitterten wie die Blätter der Pappeln wenn der Wind
hindurchfährt
    Ach  schließlich kletterte Safur über die Gartenmauer fiel in eine
Dornenhecke zertrampelte ein Tulpenbeet stieß sich den Kopf an einem
Birnenbaum und stieg darauf etwas blutend und voll Schmutz durch das
Küchenfenster in Tarubs Küche
    Tarub sieht ihn erschrickt wird aber gleich furchtbar wütend und wirft
ihrem Geliebten einen braunen Milchtopf mit Milch an den Kopf dass dem armen
Dichter die weiße Milch übers braune Gesicht rinnt
    Dann schreit die Tarub wie eine Verrückte und haut ihrem Geliebten mit einem
Schrubber auf den Kopf
    Safurn wird die Sache zu toll Er packt seine berühmte Köchin an die Gurgel
    Aber ach  in dieser wüsten Nacht ist er schwächer als seine berühmte
Köchin
    Sie verprügelt ihren Geliebten und wirft ihn durchs Fenster in den Garten
    Töpfe Flaschen Kruken Holzstücke Gläser Eimer voll Wasser  und alte
Fleischstücke  greulich  alles dieses fliegt dem fein gebildeten
Feinschmecker dem großen Dichter  an den Schädel
    Und der betrunkene Dichter flieht
    Und die Tarub Bagdads berühmte Köchin wütet in ihrer Küche wie eine toll
gewordne Dschinne auf dem Demawand
    Niemand wagt es mehr in Tarubs Küche zu steigen  in dieser Nacht ist es
ganz unheimlich in Saids Hause
    Die Tarub wütet und schlägt manchen schönen Topf kurz und klein
    Der Dichter flieht  aus dem Garten raus  weit fort  er flucht jetzt auf
die Tarub  wie ein Kameltreiber
    Hässliche Schimpfworte schreit er in die Nacht hinaus und knirscht dazu mit
den Zähnen
    In der Ferne blitzt es  greulich grell
    Unheimlich ist diese Nacht
 
                                Neuntes Kapitel
Wie nun wiederum der Morgen graute stand der Dichter Safur am Tigris und
starrte nach Osten
    Berauscht sah der Dichter Safur nicht aus  aber  ein wenig verwüstet und
ein wenig verkommen das dünne Gewand war seltsamerweise nicht zerrissen  ganz
wars geblieben  indessen  schrecklich schmutzig wars geworden  Blut Wein
Milch Staub Blumensaft und Strassenpfützen hatten die braun und blau gestreifte
Baumwolle höchst unregelmäßig gemustert
    Und Safur starrt  halb blöde halb verträumt  nach Osten Da wirds über
den breiten spiegelhellen Wassern des Tigris immer bunter
    Die Sonne geht auf
    Langsam hebt sich die brennendrote Scheibe aus den Fluten des Tigris raus
    Und der Tigris glänzt jetzt auch brennendrot
    Safur starrt in die heiße Farbenpracht und sieht plötzlich über der roten
Sonne in den glühenden Wolken ein schwarzes Gesicht  das schwarze
Dschinnengesicht das er bei der Sareppa sah als ihm dort die Beduinen von den
Schrecken der Wüste berichteten 
    Purpurne und goldene Wolken umrahmen wunderlich das schwarze Gesicht das
nun die großen blauen Augen weit aufreisst
    Der Blick der Dschinne ist furchtbar
    Safur taumelt zurück
    dabei bemerkt er aber dass rechts von der Sonne noch zwei Dschinnengesichter
vorkommen und links von der Sonne gleichfalls
    Die neuen Gesichter sind etwas zur Seite gelehnt dass alle fünf Gesichter
wie ein Kranz die Sonne einschliessen
    Und die Gesichter sehen ganz gleich aus
    Ihre blassbläulichen schmalen Lippen öffnen sich ein wenig und zeigen weiße
fest zusammengepresste kleine Zähne
    Safur traut kaum seinen Augen blickt in den höher gelegenen Himmel hinauf 
    Doch da beginnt er zu zittern dort höher oben zeigt sich ein zweiter
Gesichterkranz die Gesichter sind nur viel größer und viel schrecklicher
    Und über dem zweiten zeigt sich ein dritter Gesichterkranz  der ist noch
größer  fast noch einmal so groß
    Der ganze Himmel füllt sich mit schwarzen Dschinnengesichtern die langsam
aus dem dunklen Himmelsblau herauskommen und auf den Safur zuzustreben scheinen
    Ganz oben am Himmel sind die Gesichter riesengross  die schwarzen Haare
flattern wild um die schwarzen Ohren und um die schwarzen Stirnen    doch so
wie die Haare an dem einen Gesichte flattern  genauso flattern sie auch an dem
andern
    Und den Dichter packt die Angst Ihm schlottern die Kniee Er sieht
plötzlich nichts mehr Ihm wird schwindlig und er bricht bewusstlos zusammen
    Nach einer Weile hört er dann ein gellendes Pfeifen als wenn ein schneller
Wind vorübersause Gleichzeitig wird vor seinen Augen alles rot 
    Der Dichter will die Augen öffnen kanns aber nicht  er glaubt er sei
blind geworden
    Er ringt die Hände und schreit
    Dadurch kommt er wieder zu sich seine Augen öffnen sich und  Bagdad mit
dem Tigris liegt vor ihm Drüben am Ufer erhebt sich der Garten des reichen
Battany
    Safur befindet sich auf einer Anhöhe und kann weit herumblicken
    Der Himmel ist tiefblau
    Die schwarzen Gesichter sind fort
    Safur aber hat die Gesichter nicht vergessen er springt auf blickt sich
scheu um und rennt wie ein Rasender nach Battanys Landhaus
    Er klopft dort heftig an die kleine Gartentür  und die wird auch gleich
geöffnet  der Hausmeister öffnet selbst  kriegt jedoch beim Anblick des
Dichters ein so erschrockenes Gesicht dass das seine dem der großen Dschinne
nicht unähnlich sieht
    Der Hausmeister hört garnicht mehr was der Dichter sagt lässt ihn hinein
und geht mit großen Schritten davon  zu seinem Herrn
    Battany steht in seinem  Harem  und  grübelt
    Seine Frauen liegen in prächtigen bunten Seidengewändern auf den Teppichen
und langweilen sich
    Eine Perserin spielt eintönig auf einem langen Saiteninstrument das mit
blitzenden Diamanten verziert ist
    Eine kleine Ägypterin schlägt dazu ein paar glockenförmige Cymbeln von Zeit
zu Zeit leise aneinander
    Grün schillernde Fliegen summen durch das große Gemach
    Die Frauen wehren mit ihren Fächern die Fliegen von sich ab
    In großen kupfernen Eiskübeln taut laut tropfend das Eis
    Oben an den bunt bemalten Holzwänden bewegen sich leise kleine
Sonnenlichter die durch die großen zierlich geschnitzten Windlöcher sich
hineinstehlen in den großen stillen Harem des reichen Al Battany dessen Frauen
sich immer langweilen
    Der Harem ist ganz mit großen Granatbäumen umgeben damits nicht zu heiß
wird in den üppigen Gemächern
    Und der Hausmeister kommt an
    Er stürzt seinem Herrn zu Füßen
    Die Frauen richten sich auf
    Der Hausmeister sagt ängstlich
    »O Herr der Dichter Safur ist da Aber ich glaube er ist wahnsinnig
geworden«
    Die Frauen schreien
    Battany lässt sich in seiner Sänfte in den Garten tragen
    Zwei schwarze Sklaven halten von hinten hoch über Battanys indischer
Goldmütze einen großen roten Sonnenschirm
    Sehr langsam wird Battany getragen
    In seinem Landhause geht alles langsam zu laufen darf dort Niemand  auch
die Sklaven dürfen nicht laufen
    In seinem kleinen leicht gebauten Bücherkioske will der Astronom den
Dichter empfangen
    Safur kommt rasch durch die Olivenallee näher
    Der Bücherkiosk liegt da so ruhig wie eine Krone auf einer kostbaren
Stickerei
    Die kostbare Stickerei besteht hier aus ganz kurz geschornen grünen Rasen
die von bunten Schnörkeln zierlich durchzogen sind
    Die Schnörkel  teilweise indische Buchstaben  werden von kleinen Tulpen
gebildet
    Es wurden aber nur drei verschieden gefärbte Tulpenarten verwandt
    Die einen sind rotlila die andern weissgelb und die dritten graublau
    Diese drei Farben heben sich wunderbar vom dunklen Rasengrün ab
    Und da wo auf dem Grünen keine Tulpen wachsen  da sitzen rote blau und
grün gelb und schwarz weiß und grau gefleckte Papageien fürchterlich steif auf
glatt geschnittenen dünnen Holzästen die alle mit weißem Silber beschlagen
sind
    Die bunten Papageien machen einen  so gelehrten Eindruck  scheinen alle
sehr belesen  sehr belesen  denn sie sind ja vor dem Bücherkioske angekettet
    Sehr saubre orange farbige nicht gemusterte Fliesenwege durchziehen in
weichen Linien die kurz geschorenen Rasen auf denen die Tulpen blühen und die
Papageien angekettet sind
    Riesige Bananen umschließen im genau abgezirkelten Kreise das glatte
peinlich saubre Gartenkunststück
    Und hierhin stürmt mit raschen Schritten der wilde Dichter Safur
    Oh Oh Wie Battany zusammenschrickt
    Der riecht gleich was los ist
    Säuferwahnsinn hat den Dichter gepackt  Säuferwahnsinn
    Die Sklaven müssen sich entfernen
    Battany und Safur wandeln zusammen über die orange farbigen nicht
gemusterten Fliesenwege  doch nur dort wo das weit ausladende Dach des
Bücherkioskes noch Schatten spendet Safur erzählt wütend von der Tarub und von
der Dschinne  wild durcheinander
    Battany hört nur dass Safur Tag und Nacht und wieder Tag und Nacht und
wieder Tag und Nacht getrunken und sich schließlich mit seiner Tarub erzürnte
    Der reiche Astronom ist daher auch sehr erzürnt wirft dem leichtsinnigen
Dichter seinen höchst liederlichen Lebenswandel vor und sagt ihm am Ende
    »Mein lieber Safur Mit Dir ist wirklich nichts mehr anzufangen Du kannst
das Trinken nicht mehr lassen Du wirst noch ganz und gar verkommen Ich
verstehe Dich nicht Du kannst nie aufhören Du bist eben ein Gewohnheitssäufer
geworden Kannst Du Dich denn nicht daran gewöhnen mit den Andern nach Hause zu
gehen Musst Du immer so lange trinken bis Du im Rinnstein liegst Du hast das
doch garnicht nötig«
    Dem Safur brummt der Kopf ihm zittern die Glieder Battanys laute Stimme
ist ihm schrecklich 
    Kleinlaut versetzt der Dichter
    »Sieh mal Battany Du hast nicht das durchzumachen was ich durchzumachen
habe Glaubst Du es sei so leicht mit einem Weibe auszukommen von dem man
abhängt Du weißt  wenn ich die Tarub nicht hätte  könnt ich nicht mehr leben
Zum Betteln bin ich zu stolz Aber wenn ichs recht bedenke müsst ich auch zu
stolz sein bei dieser Tarub zu leben Ich kann mit der Tarub nur dann weiter
leben wenn ich ihr Herr bin und sie meine Sklavin ist Kannst Du nicht
Battany diesem Said die Tarub abkaufen    und  und mir schenken Tus doch
Sei mein Freund«
    Battany lächelt verächtlich
    Er setzt dem Safur dann ohne auf seinen Vorschlag einzugehen auseinander
dass er des Abends eine große Tigrisfahrt unternehmen möchte Der Said die Abla
und die Sailóndula und auch die Tarub sollen mitkommen
    Battany will zwischen Safur und Tarub vermitteln
    Dem Safur schmerzt der Kopf
    Ihm ist alles recht
    Innerlich ist ihm ganz klar warum er trank
    Dass er von der Tarub so ganz und gar abhängt  das hat ihn nach seiner
Meinung zum Säufer gemacht
    Also denkt der Dichter gewöhnlich wenn er seinen Dolch versetzt und viel
zuviel getrunken hat
    Er pflegt dann auch seinen Freunden vorzuwerfen dass sie sein Verhältnis zur
Tarub nur deshalb für ganz gut hielten damit er nicht seinen lieben Freunden
zur Last zu fallen brauche
    Diese Vorwürfe spricht der Dichter der immer sehr vorsichtig ist natürlich
nicht laut aus
                            
    Und Safur soll baden
    Er tuts  in Battanys wunderbarem Teiche der in einem kleinen Talkessel
liegt
    In dem Teiche blühen blaue Lotosblumen
    Die großen Lotosblätter schwimmen auf dem Teiche wie riesige Topfdeckel
    Die Sklaven reinigen des Dichters Kleid
    Und nach dem Bade wird der Dichter von den Sklaven mit wohlriechenden Ölen
gesalbt
    Die Baumwolle reinigen die Sklaven mit wohlriechender Seife
    Safurn wird ein bisschen besser
    Er bekommt auch was zu essen
    Und dann steigt er in eine Sänfte und wird sanft mit Battany aus dem Garten
raus  zum Said und zu seiner Tarub getragen
    Unter den beiden roten Sonnenschirmen die groß rund und steif sind wird
die Haut der beiden Männer auf den Sänften auch ganz rot
                            
    In Battanys Harem wirds wieder lebhafter der Hausmeister muss erzählen  von
Safur und von der alten Dschellabany
    Die Frauen sind schrecklich neugierig
    Und dann baden die Frauen in demselben Teiche in dem Safur badete  wo die
blauen Lotosblumen blühen und die großen Lotosblätter herumschwimmen
    Die Frauen baden unter hellgelben und hellblauen seidenen Sonnenschirmen 
die Schirme sind riesig groß
    Und die nasse Haut der gelben Inderinnen spiegelt das Grün der Lotosblätter
und auch die blauen und gelben Töne der Sonnenschirme dass die Haut so bunt
schillert  wie entzückende Perlmutterschalen
    Wunderbarer noch spielen die verschiedenen Lichtfarben auf den Leibern der
weißen Armenierinnen
    Und die Leiber der schwarzen Frauen werden ebenfalls ganz bunt
    Doch  Battanys üppige Haremsfrauen langweilen sich auch im Bade  sie sehen
die Farbenpracht der Lichtspiele nicht auf ihrer schön gepflegten Haut
    Und wie die nassen Glieder der Frauen müde unter den blauen und gelben
Sonnenschirmen am Ufer liegen  im Grase  da spielen die Lichtfarben noch viel
großartiger auf den prächtigen üppigen Leibern die sich räkeln mit Arm und Bein
   dadurch werden die Glieder noch immer reizvoller  unbeschreiblich
 
                                Zehntes Kapitel
Der Wind bläst in die Segel und die Barken schießen stromauf
    Die Wellen schaukeln
    Es ist angenehm kühl auf dem Tigris
    Es ist Nacht
    Der Mond steht fast voll hoch am Himmel
    Suleiman hat ein Märchen erzählt
    Nun soll Safur eine wahre Geschichte erzählen
    Sie sitzen in Saids großer Barke  hinten  hinter dem großen Segel
    Battany und seine sieben Freunde sinds die in Saids großer Barke sitzen
    Said mit seinen drei Köchinnen ist auch in der Barke
    Die Tarub zerschneidet vorne eine große Nusstorte und kümmert sich nicht um
die Gesellschaft
    Und Safur der sehr ernst dreinschaut erzählt
    »Ein junger Beduine saß bei der alten Dschellabany und trank mit ihren
hübschen Sängerinnen  Wein Das Trinken war sehr gemütlich denn die Sonne
stand noch sehr hoch    Die Mädchen sind ein bisschen faul und der Beduine
spasst nicht mehr mit ihnen sondern erzählt ihnen was von seiner Geliebten die
ihm alle Tage zu essen und zu trinken gibt Die Mädchen lachen und schauen sich
den Beduinen sehr genau an Der aber erzählt weiter dass er seinen schönen Dolch
versetzt und nun große Furcht vor seiner Geliebten habe Da müssen die Mädchen
noch mehr lachen  und sie trinken als wenns garnichts kostet Mit leeren
Taschen geht daher später im Sternenschein der junge Beduine von dannen  nicht
grade  das kann er nicht  aber schwankend und mit schlotternden Gliedern Er
klettert über einen Zaun in einen Garten Die Blumen duften da paradiesisch 
und goldene Äpfel fallen dem Beduinen auf die Nase Der Himmel wird ganz
dunkelblau Ein paar Sterne fallen aus dem dunkelblauen Himmel  auch herunter
in den Garten in dem die Blumen leuchten und duften wie im Paradies Der
Beduine schwankt weiter und will sich in ein Fenster schwingen hinter dem seine
Geliebte wohnt Ein Duft von gebratenen  Hasen weht ihm aus dem Fenster
entgegen Doch plötzlich fühlt er was Nasses auf seinem Kopf und sieht nichts
mehr Ein großer Eimer ist ihm überen Kopf gestülpt und frische Kuhmilch rieselt
ihm über seinen ganzen Leibfrische Kuhmilch«
    Safur lacht und die Andern lachen auch
    Dann fährt er fort
    »Kaum hat der Beduine den Eimer vom Kopf gerissen so klatscht ihm eine
dicke Rindskeule an die rechte Wange Der Beduine wird wütend springt ins
Fenster hinein und packt  packt seine Geliebte Die reißt sich aber los und
schlägt ihm mit einem Stück Holz überen Kopf Der Beduine wird immer wütender
Doch seine Geliebte schlägt ihm mit einem Wasserkrug um die Ohren dass der Krug
in tausend Stücke zerbricht Dann wirft sie nach ihm mit Eisstücken und
gläsernen Flaschen mit Schutt und Müll mit Fischköpfen und faulem Obst mit
Bratpfannen und schmutzigen Lappen  dass der arme Beduine zurücktaumelt zum
Fenster Wie er aber am Fenster ist hat sie ihn rasch an den Beinen gepackt und
ihn kopfüber in den Garten geworfen «
    Jetzt kommt Safur nicht weiter denn Alles lacht dass die Barke bedenklich
ins Schaukeln gerät
    Safur lacht jetzt aber nicht
    Die Tarub bringt die Nusstorte und wird mit einem Höllenlärm empfangen
    Der Scherbettbecher geht wieder von Hand zu Hand
    Es wird fast wüst
    Die Mädchen werden gekniffen und geküsst
    Safur kümmert sich aber nicht um den Lärm
    Er blickt hinaus in den Urwald am Ufer und beachtet nicht dass man seine
gute Laune preist und ihn einen echten Dichter nennt der das Leben von der
lustigen Seite zu fassen vermag
    Safur blickt in die Waldespracht die sich am Ufer hinzieht im vollen
Mondenschein
    Die blauen großen Lotosblumen leuchten am Ufer  wie Dschinnenaugen
    Und der Dichter muss wieder an seine Dschinne denken und an die
Wüstengeister
    Und er leidet  leidet wie ein Beduine leidet der in der Wüste verdursten
muss
    Aus dem Waldesdickicht am Ufer tönt zuweilen das Geheul wilder Tiere heraus
Die fliehen aber denn neben und hinter der großen Barke segeln drei kleinere
die dem Battany gehören
    In diesen kleineren Barken sitzen Battanys Bogenschützen die die wilden
Tiere mit giftigen Pfeilen verscheuchen
    Safur sieht wieder vor sich das Dschinnengesicht  das er bei der Sareppa
sah
    Diesmal sieht er das Gesicht im Wasser neben weißen Wasserrosen  das
Gesicht scheint im Wasser unterzugehen sieht so qualvoll aus
    Und Safur liebt dieses Gesicht
    Und er seufzt dass es kein lebendes Wesen ist dass es kein Weib ist
    Der Leidende sehnt sich nach der Leidenden
    Und er liebt seine Dschinne und vergisst alles  was um ihn vorgeht
    Da stößt ihm die Tarub derb in die Seite
    Und er schrickt zusammen
    Die blauen Blumen am Ufer leuchten unter den großen Bananen  unter den
dicken Stämmen der hohen Sagopalmen  wie die blauen Dschinnenaugen der Wüste
                            
    Battany flüstert mit Abu Hischam
    Und wie der Mond in voller Pracht erglänzt landet man am Ufer
    Man will das Grab des Abu Nuwâs besuchen  jenes großen Dichters der noch
zu Haruns Zeiten lebte und blutarm starb wie ein Lump  und der dann sehr
berühmt wurde sodass seine Verse bald in Jedermanns Munde waren
    Das Grab des Abu Nuwâs ist ganz mit gelben Rosen bedeckt  ganz mit gelben
Rosen
    Gelb ist die Farbe des Königs  in Persien und in andern Ländern die von
Bagdad nicht weitab liegen
    »Abu Nuwâs« murmeln jetzt die Männer die des großen Dichters Grab
besuchen
    »Abu Nuwâs« murmeln auch die drei Frauen
    Die Pechfackeln der schwarzen Sklaven knistern und flammen hoch auf
    Die Gesellschaft ist plötzlich ganz ernst und ganz still geworden
    Suleiman liest mit leiser Stimme die Grabschrift die auf einem kleinen
Alabasterblock mitten unter den gelben Rosen in zierlichen Schriftzügen zu lesen
ist
    Abu Nuwâs hat sich die Grabschrift die Suleiman leise liest selbst
gedichtet
»Leb doch wies Dir grade passt
Machst Dich nur dadurch verhasst
Hast Du alles mal verprasst
Kannst Du wirklich nichts mehr erben 
Darfst Du doch noch friedlich sterben
Stirb nur Selbst die Dichter sterben«
Kodama räuspert sich und will was sagen Battany kommt ihm aber zuvor
    Battany sagt zum Safur der wieder sehr ernst dreinschaut
    »Lieber Freund kannst Du uns nicht auch ein paar Verse zu hören geben Du
bist heute so ernst  lass Dich nicht lange bitten«
    Safur nickt und spricht nach einer Weile in der nur die Fackeln knisterten
»Du ruhst nun unter Rosen aus 
Oh der Tod hat Dich befreit
Und milder wird mein Schmerz um Dich
Da ich weiß Du fühlst kein Leid«
Und Safur empfindet eine so gequälte Stimmung
    Ihm ist als täten ihm die Fingerspitzen weh Sein ganzer Körper empfindet
so fein dass er jeden Luftzug zu spüren glaubt
    Er hört den Tigris leise rauschen
    Und er hört in der Ferne wilde Tiere heulen
    Und er sehnt sich nach einem Wesen dem er mitteilen kann wie er eigentlich
immer leidet  etwas Unerklärliches leidet das die andern Menschen nicht
kennen
    Ihm ist oft so als sehne er sich nach einem Weibe das er lieben kann
    Aber er weiß dass es solches Weib nicht gibt Bei diesen Gedanken sieht er
drüben neben Said seine Tarub stehen  drollig ernst  Und Safur muss lächeln
Doch Battany spricht jetzt  auch sehr ernst
    »Freunde Ihr wisst der große Philosoph Abu Hischam der unter uns weilt
wollte einen Gelehrtenbund gründen Ich glaube dieser Augenblick am Grabe des
größten arabischen Dichters ist so schön und feierlich dass wir dem Abu Hischam
der ein kluger tatkräftiger Mann ist wohl eine Freude bereiten wenn wir uns
hier am Grabe die Hand reichen und die Gesellschaft die wir bilden die
Gesellschaft der lauteren Brüder nennen Ich hoffe unser Kreis wird bald größer
werden«
    Und Alle reichten sich die Hände sodass sie einen Ring um das Grab bildeten
    Sehr drollig sahs zwar aus dass auch die drei Frauen und der dumme Said im
Ringe waren
    Doch die Gesellschaft machte trotzdem einen sehr feierlichen Eindruck
    Den Mond umkränzten rötliche Wolken  In der Ferne am andern Ufer zuckte ein
bläuliches Licht auf  es blitzte 
    Die Fackeln knisterten und flackerten hell
    Als sich die Hände der lauteren Brüder voneinander lösten warf Abu Hischam
seine armenische Pelzmütze hoch in die Luft worüber Alle lachten
 
                                 Elftes Kapitel
Am nächsten Morgen segelten die Barken des Battany und des Said weiter stromauf
 zu den Eremiten
    Man wollte auf Abu Hischams Wunsch zunächst den Eremiten die große Kunde vom
Bunde der lauteren Brüder überbringen
    Abu Hischam schwamm in Seligkeit
    Sein Herzenswunsch war erfüllt
    Das Frühstück mundete den lauteren Brüdern sehr  sehr gut
    Es gab Fleischpasteten und kalten Bratfisch Pfirsiche Oliven und
Weintrauben afrikanische Schotentorte und Marzipan
    Und man trank roten KufaWein
    Beim Wein erhitzen sich die Gemüter
    Die lauteren Brüder waren nahe daran sich zu zanken  zankten sich
wirklich
    Sie zankten sich über ein paar Verse des Abu Nuwâs was in der guten
Gesellschaft Bagdads zu jenen Zeiten durchaus nicht selten vorzukommen pflegte
    Die Verse des Abu Nuwâs die den Zankapfel bildeten lauteten
»Ich sagte einst zu einer kleinen Süssen
In deren Hand ein Bündel von Narzissen
Von Dir zu scheiden ist das Schändlichste der Welt
Und sie Viel schändlicher zu lieben ohne Geld«
Die Stimmung ward sehr übermütig  derbsinnlich  zotig  nicht grade sehr zart
 im Gegenteil
    Es hagelten die bösen Witze so dicht wie die Pfeile in einer Schlacht gegen
die Christenhunde und die anderen Ungläubigen
    Die drei Weiber taten zuweilen so als hielten sie sich die Ohren zu
    Die Tarub bekam am meisten zu hören
    Safur musste seinen ganzen Witz zusammennehmen um sie zu schützen
    Die beiden Dicken  Kodama und Osman  lachten dass ihnen die dicken
Schweißtropfen über die dicken braunen Pustbacken rollten die immer glänzender
zu werden schienen
    Der alte Jakuby unter seinem helllila Turban kicherte wie ein verschämtes
Mädchen
    Battanys Unterlippe wurde sehr dick
    Said tat immer so als verstände er alles  was einen sehr drolligen
Eindruck machte wenn die Witze sich gegen ihn selber richteten
    Ich will dieses Morgengespräch nicht näher beleuchten
    Die Sonne stand sehr hoch
    Der Prophet Abu Maschar achtete nicht auf das Gelächter der Andern er hörte
sich mit dem alten Suleiman  mehr vorn in der Barke  die begeisterten
Erörterungen des Abu Hischam an der wie gewöhnlich nicht müde wurde über die
Ziele und Pläne des großen Geheimbundes zu reden
    Immer wieder klangen von des Philosophen Lippen die beiden Worte
»Lautere Brüder«
»Lautere Brüder«
Währenddem sang die weiße Abla die sich mit einem großen weißen Federfächer
sorgsam vor den Strahlen der Sonne schützte eine südarabische Volksweise die
so recht in die angeheiterte Laune der »lauteren« Brüder hineinpasste
    Abla sang mit heißer hoher Stimme
»Wenn Du mich nicht mehr lieben willst
So geh ich zum Kuppelweibe
Wenn Du mich nicht mehr lieben willst
So will ich Dich vergessen 
In wilder toller Brunst 
Bei Wein und Saitenkunst 
Da lieb ich was ich finde 
Verschwinde nur Verschwinde 
Wenn Du mich nicht mehr lieben willst«
Und diese Verse hörten am Ufer auch ein paar Eremiten die nur in die Einsamkeit
gezogen waren um ihre Sinnlichkeit zu töten
    Die lauteren Brüder landeten dann wieder um den Eremiten »guten Tag« zu
sagen
    Abu Hischam erzählte den Eremiten vom Bunde denn die Eremiten waren fast
sämtlich große Gelehrte
    Die alten gelehrten Einsiedler machten sehr große Augen als sie die neue
Kunde vernahmen
    Die Gesellschaft wurde gleich größer
    Und unter Battanys großen Zelten gings wieder mal sehr hoch her
    Als die Einsiedler die nicht weitab wohnten in ihren ärmlichen schmutzigen
Hütten den Lärm vernahmen kamen sie gleich näher  und waren bei den lauteren
Brüdern ganz guter Dinge
    Sie ließ sich gern in die neue Gesellschaft aufnehmen
    Äusserlich sagten die Eremiten immer sehr gern »Ja«
    Was sie innerlich dachten pflegten sie für sich zu behalten
    Wenns nichts kostete waren sie stets ohne Umstände für alles Mögliche zu
haben
    Das wusste Abu Hischam  daher hatte dieser kluge Philosoph auch gleich zu
den Eremiten gewollt    er verstärkte durch die Eremiten seine Stellung
    Es musste natürlich in der Absicht des schlauen Bundgründers liegen die
Machtstellung des Battany nach Möglichkeit zu beschränken
    Übrigens  Osmans Widerstand war sehr bald gebrochen der Buchhändler wurde
der Geschäftsführer der Gesellschaft  und machte schließlich ein ganz
vergnügtes Gesicht  zu verlieren war ja bei dieser gelehrten Gesellschaft
eigentlich garnichts
    Ja  Osman und Abu Hischam lagen sich sogar sehr bald brüderlich in den
Armen und schwuren sich ewige Treue
    Abu Hischam hatte allen Grund mehr zu trinken als je  was er denn auch
sehr gründlich besorgte
    Als der Vollmond über dem Tigris aufging lag der große Philosoph Abu
Hischam der große Gründer des Bundes der lauteren Brüder  wie ein Brett im
Grase  und trank nicht mehr  da er fest  sehr fest  schlief
    Safur aber schlief nicht  der plauderte mit den Eremiten über die Freuden
des einsamen Lebens  und ihn überkams
    Er wollte auch Eremit werden  er beneidete bereits seine neuen Freunde
    Als er hörte wie einfach die Mahlzeiten der Eremiten gewöhnlich zu sein
pflegten verzogen sich allerdings seine Gesichtszüge und bekamen einen
verdrossenen Ausdruck
    Nein  so weit war Safur noch nicht dass er um des einsamen Lebens willen
auf ein verständiges Essen und Trinken hätte verzichten wollen  aber vielleicht
ließ sich Beides vereinen
    Und über dieses »Vereinen« dachte Safur sehr angestrengt nach
    So schmutzig und zerrissen  wie die anderen Eremiten  wollte Safur auch
nicht herumgehen
    So weit war er noch nicht dass er sich um des einsamen Lebens willen im
Schmutz und Unrat hätte herumsielen wollen
    Auch der Gedanke an das viele Ungeziefer der alten Einsiedler ward dem im
Äußeren sehr peinlichen Dichter  ein bisschen ekelhaft  eigentlich grässlich
    Nein  Ungeziefer mochte er nicht
    Da stieß ihm wieder die Tarub in die Seite  nicht derb  aber vernehmlich
    Sie wollte ihn sprechen  allein
    Und er entschuldigte sich bei den Einsiedlern empfahl ihnen sich neuen
KufaWein zu holen  und  und folgte der Tarub  recht unlustig
    Hinter blühendem Oleander ward die Tarub zu ihrem Dichter zärtlich
    Der benahm sich jedoch anders als sonst  ganz anders
    
    Und  und  wies immer zu sein pflegt  die Sprödigkeit reizte nur  stieß
durchaus nicht ab
    Bagdads berühmte Köchin bat ihren berühmten Dichter fussfällig um Verzeihung
 sie flehte ihn an  weinte dabei
    Was die Tarub nie getan  das tat sie jetzt  sie bettelte um seine Liebe 
und erzwang sie sich schließlich  nicht grade gewaltsam  aber so ähnlich
    Safurn überliefs wie kaltes Wasser
    Er musste an Saids Mehlsäcke denken die einst in Tarubs Küche einen so
drolligen Reiz in ihm erweckt 
    Der Vollmond schien seiner Tarub hell ins Gesicht
    Die Oleanderbäume dufteten
    Man hörte dann Stimmen in der Nähe
    Und die Tarub eilte hurtig davon
    Und dem Safur war so zu Mute  wie einem Weibe zu Mute ist dem ein Fremder
Gewalt antat
                            
    Safur lag unter den Oleanderbäumen starrte in den Vollmond und träumte 
von tiefer Einsamkeit  von einem Weibe das nirgendwo lebt das er sich nur
denkt  von einer andern Welt in ders andre Frauen gibt als hier auf der Erde
    Safur will auch einsam leben  ganz einsam  ganz allein  er will auf alles
verzichten und nur allein sein  alle seine Freunde kränken ihn nur er ist es
müde mit ihnen zu spassen  er will sie nicht mehr sehen
    Und er ringt die Hände und stöhnt
    Er möcht am liebsten gleich hier bleiben  in der Einsiedlerwelt 
    Da raschelt was neben ihm
    Safur fährt auf und sieht eine große  Schlange
    Die Augen der Schlange leuchten wie zwei Rubine
    Der Leib der Schlange glitzert klebrig
    Safur sieht  es ist eine giftige Schlange  und er springt an die Seite
sieht im nächsten Augenblicke rechts neben den Oleanderbäumen in der Tiefe den
Tigris  und springt runter in die Flut 
                            
    Safur ist gerettet  er schwimmt langsam und sicher dorthin wo die Barken
liegen und die Lagerfeuer vor den Zelten brennen
    Die Flammen der Lagerfeuer qualmen mächtige Rauchwolken in den Abendhimmel
hinein
    Die glühenden Augen der Schlange starren aber unverwandt in die große gelbe
Mondscheibe
    Die Schlange richtet ihren Oberkörper hoch auf und starrt mit ihren
glühenden Rubinaugen in den Mond  als wolle sie den vergiften
 
                                Zwölftes Kapitel
Und nach vier Wochen stand der Vollmond über dem Mondtempel zu Hauran
    Und im Mondtempel weilten Abu Maschar und Safur Abu Hischam und Battany
Suleiman und Jakuby
    Die anderen lauteren Brüder waren auf Saids Barke mit den drei Frauen nach
Bagdad zurückgekehrt
    Den beiden Dicken Kodama und Osman war die Reise nach Hauran zu
beschwerlich gewesen
    Auch mochten sie einem »Fastenfest« nicht beiwohnen  ein Fest ohne Essen
nannten sie nicht ein Fest
    Ein »Fastenfest« ward aber trotzdem in Hauran gefeiert
                            
    Der Mondtempel ist ein Tempel der Ssabier
    Die Ssabier sind nach der Meinung des Volkes Götzenanbeter  Heiden
    Doch die Meinungen des Volkes sind ja niemals massgebend
    Die Ssabier sind mehr als sie scheinen
    Ihre Religion ist ein Abglanz altbabylonischer und altassyrischer Kulte
    Der Mondtempel zu Hauran ist Jahrtausende alt  eine alte träumende Ruine
die wie eine sterbende Greisin von alter alter Zeit erzählt  und Wunderdinge
weiß
    Der Mondtempel wird hell vom Vollmond erleuchtet
    Und in das Mondlicht flammen aus eisernen Schalen mächtig lodernde
Opferfeuer hinauf
    Wohlriechendes Holz  zumeist Sandarakholz  wird in den eisernen Schalen
verbrannt sodass der ganze Tempel und die ganze Umgegend des Tempels wundersam
duftet  wie die Nähe eines Gottes
    Man fastet drei Tage und drei Nächte
    Zu bestimmten Stunden erklingt an den Mauern und auf den Terrassen des
einsam und hoch gelegenen Tempels Musik  von Cymbeln Flöten und
Saiteninstrumenten
    Abu Maschar hat die lauteren Brüder hierher geführt er spricht jetzt mit
einem großen Priester dessen langer schwarzer Bart nach assyrischer Sitte
sorgsam gekräuselt ist sodass es aussieht als bestände er aus lauter kleinen
runden Löckchen
    Der lange weiße Kaftan ist mit goldenen Sternen übersät die mit Goldfäden
hineingestickt sind
    Über dem dunkelbraunen Gesicht des Priesters erhebt sich ein mächtiger
hellblauer Seidenturban mit sieben silbernen Vollmonden vorn über der Stirn Die
mit Silberfäden gestickten Monde sind von verschiedener Größe
    Nur Männer Jünglinge und Knaben weilen im Tempel  ein Weib darf den Tempel
nicht betreten
    Und ein eintöniger Gesang tönt durch die Mondnacht
    Die Gläubigen sitzen oder stehen  einzeln  nicht in Gruppen  sie dürfen
nicht miteinander sprechen  nur mit den sieben großen Priestern dürfen sie
sprechen
    Die sieben großen Priester sehen sich im Äußeren fast gleich  tragen
sämtlich den assyrischen Bart den Sternenkaftan und den hellblauen Mondturban
    Jakuby macht sich fortwährend Notizen
    Suleiman und Battany hocken in einer großen Grotte die der Mond nur zur
Hälfte erleuchtet
    Abu Hischam wandelt vor der großen Tempelpforte auf dem großen Opferplatze
unruhig umher und erzählt jetzt dem einen der großen Priester von dem
Geheimbunde der lauteren Brüder
    Der Priester hört ernst zu und sagt dann mit großen Augen
    »Euren Bund nennt Ihr einen Geheimbund Und Ihr sprecht doch zu allen
Menschen von diesem Geheimbund Ihr wisst ja noch garnicht was ein Geheimbund
ist«
    Unwillig wendet sich der Priester ab
    Abu Hischam sieht ihm verblüfft nach
    Der Gesang verhallt es wird ganz still  nur die Opferfeuer knistern
    Unheimlich still ist es
    Auf einer der höchsten Terrassen die den großen Mondtempel umkränzen neben
einem uralten Götzenbilde spricht der allgewaltige Oberpriester Tschirsabâl mit
dem Dichter Safur
    In der Tiefe an der Umfassungsmauer entlang zieht langsam eine feierliche
Prozession vorüber der ein offener leerer Sarg vorangetragen wird
    Fackeln beleuchten die Prozession und Tempeldiener schwingen die alten
Räuchergefässe an langen Stangen
    An vielen alten Götzenbildern zieht die Prozession vorüber  die alten
starren Steingesichter der Götzen scheinen sich zu beleben wenn der leere Sarg
langsam vorüberzieht
    Und Safur schaut von der Tempelterrasse in die mondbeglänzte arabische
Wüste in der die wilden Dschinnen hausen
    Tschirsabâl ein Riese der fast zwei Köpfe größer ist als der durchaus
nicht kleine Dichter sagt zu diesem während er mit seiner mächtigen breiten
Brust tief aufatmet
    »Atmest Du noch immer die schwüle Pestluft der Sinnlichkeit Woran dachtest
Du«
    Safur erschrickt besinnt sich einen Augenblick und spricht dann hastig
    »Nein  nein  ich glaube  ich atme nicht mehr die schwüle Pestluft der
Sinnlichkeit Ich sehnte mich nur Ich sehnte mich allerdings  nach einem
Weibe Aber diese Sehnsucht hatte nach meiner Meinung nichts mit Sinnlichkeit zu
tun  wirklich nichts Denn versteh mich nur das Weib nach dem ich mich
sehne lebt noch nicht ist noch nicht geboren wird wahrscheinlich nie geboren
werden Sieh ich sah so lange da in die Wüste hinein und glaubte zuletzt eine
wilde Dschinne zu sehen mit schwarzem Gesicht und blauen Augen Ich bilde mir
jetzt fast schon ein dass diese Dschinne wirklich irgendwo lebt  und ich liebe
diese Dschinne  lieben will ich nicht sagen  das Wort lieben ist zu oft
missbraucht  es sagt mir zu wenig  doch Du verstehst mich ja  atme ich
Pestluft«
    Tschirsabâl schüttelt den Kopf und erwidert sanft
    »Nur die gewöhnliche Sinnlichkeit der tierisch lebenden Menschen erzeugt
Pestluft Wir müssen anders als die Tiere leben Nicht ein Weib darf das Ziel
unsrer Sehnsucht sein Die Gottheit müssen wir lieben«
    »Die Gottheit« fragt Safur
    »Ja  den einzigen großen wahren Gott« versetzt der Priester »den müssen
wir lieben Die Götter und Götzen der Erde sind nur die Vermittler zwischen dem
Menschen und dem Einzigen dessen Namen wir nicht unnütz aussprechen sollen
Aber « und hier wird die Stimme des Priesters etwas heiser »wir sollen den
großen Gott der die ganze Welt umschließt wirklich lieben  mit allen Nerven
und mit allen Muskeln die wir haben Und wisse    der Allgott offenbart sich
in unsrem besten Freunde  und  ja  im Freunde  sollen  wir  den  Gott 
lieben  noch mehr  anders als menschlich lieben Ja  Du hast Recht  das Wort
lieben genügt nicht wenn wir die wahre große Leidenschaft bezeichnen wollen in
der Alles untergeht die Alles verschlingt  die nur die ewige Vereinigung mit
dem Geliebten will  die daher auch nur ihre ganze Befriedigung  im Tode  im
Letzten  finden kann Die großen Priester der Erde dürfen nicht lieben wie die
gewöhnlichen Menschen sie dürfen nur den großen Gott lieben  und ihn sollen
sie lieben im besten Freunde Safur versteh mich Vielleicht hörst Du meine
Worte nicht noch einmal Vielleicht sterbe ich in der nächsten Stunde und
Niemand sagt Dir mehr was es heißt  Sehnsucht nach der ewigen Vereinigung mit
dem großen Gott haben und sterben  sterben wollen  sterben müssen weil man
nur lebt um sich ganz auflösen zu können in dem den man mehr liebt als Alles
Denk nach ob Du nicht auch so sterben willst Denk nach Safur Nur im Tode
wirst Du selig werden Nur der Sterbende hat Alles  und mehr als Alles«
    Und der gewaltige Riese zittert am ganzen Körper seine Augen glühen sein
Atem keucht wie der Atem eines blutdürstigen Tieres das sein Opfer sieht 
    Tschirsabâl stürmt mit großen Schritten davon und verschwindet in einem
dunklen Gange
    Safur bleibt fast starr zurück
                            
    In der Tiefe des Tempels  ganz tief  tief unter den Grabkammern  da
befindet sich ein stiller Saal  der Opfersaal
    Da ist es sehr kalt
    Den Boden bedecken feine Alabasterplatten in die viele alte Zeichen und
Figuren hineingegraben sind Einzelne Stellen des Alabasterbodens in den Ecken
des Saales sind mit Keilschrift bedeckt
    Und die Wände des Opfersaales bestehen aus blauem Lapis lazuli
    Auch die Wände sind mit alten Bildern und mit Buchstaben bedeckt  die
letzteren sind schweres Gold
    Die Decke ist ganz von Silber
    Ganz mit Silber beschlagen sind auch die großen breiten Tragbalken der
Decke
    Das Silber ist aber nicht blank an manchen Stellen ist es sogar ganz
schwarz
    Sehr kalt und sehr leer sieht der Saal aus
    Und schrecklich still ist es da unten
    Und da unten kommen jetzt die sieben großen Priester zusammen
    Die blauen Turbane werfen die Priester hastig in die eine Ecke des
viereckigen Saals
    Das Haar der Priester ist auch nach assyrischer Sitte gekräuselt  nicht
kurz geschoren  wie das Haupthaar der Araber in Bagdad 
    Dann aber betreten den Saal sieben Knaben  mit langen nicht gekräuselten
Locken  und in gelben Seidengewändern
    Die Knaben sind groß und schlank
    Ihre Haltung ist schlaff
    Ihre schwarzen großen Augen glühen aber als wenn sie Entsetzliches sähen
    Ihr Gesicht sieht so wächsern aus als hätten sie schon lange nicht mehr das
Tageslicht erblickt
    Der Opfersaal wird nur spärlich von kleinen grünen Flämmchen erleuchtet die
an den Wänden in kleinen Ölschalen brennen
    Das grüne Licht macht den Saal noch unheimlicher
    Den Knaben sträuben sich zuweilen die Haare
    In der Mitte des Saales steht auf einem eisernen Gestell eine längliche mit
himmelblauen Türkisen verzierte Wanne in der auch ein sehr großer Mensch
vollauf Platz haben würde
    In der Wanne ruhen vierzehn große Perlen die sich in der Form ganz gleichen
 nur in der Farbe verschieden sind
    Die eine Perle ist schwarz
    Das ist die Todesperle
    Die vierzehn im Opfersaal versammelten Menschen treten an die Wanne und
greifen langsam gleichzeitig hinein und nehmen behutsam ohne hinzusehen eine
Perle heraus
    Dann heben sie die Perle empor
    Die schwarze Perle ist in den Fingern des größten Knaben der viel schöner
aussieht als die andern
    Ein grässlicher Schrei schallt durch den stillen Raum
    Tschirsabâl schrie    der Knabe den er am meisten liebt der sein bester
Freund ist der Knabe hat die Todesperle in den Fingern  der muss sterben
    Und der Oberpriester heult  wie ein wildes Tier
    Die andern Priester zittern
    Die Knaben weinen leise ihre Augen werden noch größer
    Die sieben großen Priester des Mondtempels zu Hauran haben sich nach uralter
Sitte einen furchtbaren Schwur geleistet  sie wollen sterben wenn sie die
schwarze Todesperle in die Finger genommen haben
    Und die sieben Knaben die zum Teil schon älter sind haben denselben Schwur
geleistet wie die Priester
    Doch die Knaben dürfen wenn sie den Schwur geleistet nie wieder mit andern
Menschen zusammenkommen Nur mit den sieben großen Priestern dürfen sie
zusammenkommen
    Das Menschenopfer ist ein alter heiliger Brauch Der Vierzehnte wird immer
geopfert
    Außer denen die den Schwur leisteten weiß kaum ein einziger Mensch dass im
Tempel zu Hauran Menschen geopfert werden Mit größter Vorsicht wird jeder
Neugewählte eingeweiht Nur diejenigen die den Tod ernstaft suchen werden
gewählt
    Die Priester wissen dass die Macht der Ssabier gebrochen ist und sind darum
schon stets bereit sich opfern zu lassen
    Ja  die vierzehn Menschen die da unten im Opfersaal versammelt sind haben
sämtlich eine wahnsinnige Lust am Opfer  sie sehnen sich nach dem Tode   
aus übergrosser Liebessehnsucht ward die Todessehnsucht geboren
    Die furchtbarsten Lustgefühle durchrasen jetzt  diese vierzehn Menschen da
unten die im besten Freunde den Gott sehen und mit ihm zusammen in den Tod
gehen wollen
    Doch es bereitet ihnen eine grausame grässliche Wollust dass sie nicht zu
gleicher Zeit sterben dass sie nacheinander sterben und über jeden gestorbenen
Freund mit wahnsinnigen Qualen  herfallen  wie die Hyänen über die Leichen
herfallen
    Die feinsten gebildetsten Menschen sind die Priester sie fühlen die
feinsten Dinge  sie wissen so Vieles das Niemand je geahnt
    Und die Knaben sind womöglich noch feiner
    Aber diese feinen Nerven sind ein Fluch für die feinen gebildeten Menschen
Sie »leiden«  durch diese feinen Nerven  und müssen sich daher immer nach dem
Tode sehnen im Tode den Erlöser sehen  müssen sich noch mehr quälen  das
Grässlichste und Entsetzlichste ist für die feinen Nerven eine Art Beruhigung
Der ungeheuer große Schmerz soll die kleinen Schmerzen vernichten
    Die Vierzehn wollen immer ihren besten Freund töten weil sie ihn lieben
Und sie wollen sich auch von ihrem besten Freunde töten lassen aus Liebe Das
ist verrückte Liebe  ein großartiger Wahnsinn
                            
    Eines hätte die Armen von der Todessehnsucht erlöst  ein unaufhörliches
großes Kunstschaffen das immer wieder auf Riesenwerke sinnt
    Doch das lag ihnen natürlich meilenfern
    Und so schlachteten sie sich gegenseitig ab
    Und  ja  wer beschreibt was da unten im Opfersaal vorgeht
    Mit wahnsinniger Verzückung lässt sich der dem Tode verfallene Knabe die
Adern öffnen und die Andern füllen ihre goldenen Becher mit dem Blut des Knaben
und trinken das Blut
    Und dann küssen Alle den blutenden Knaben  mit einer wahnsinnigen Gier dass
dem Knaben der Atem ausgeht  dass der Knabe erstickt wird
    Und dann stößt der Riese Tschirsabâl seinem besten Freunde das heilige
Steinmesser in die Brust und kreischt kreischt  grässlich ist das Gekreisch
    Und dann legen sie den Toten in die Wanne machen ein Feuer unter der Wanne
und schneiden aus dem Körper des Knaben große Fleischstücke mit ihren heiligen
Messern heraus  und dann verschlingen sie die Fleischstücke  mit wahnsinniger
Verzückung
    Sie glauben sie nähmen die Gottheit in sich auf
                            
    Und nach dem Mahl schleichen Alle davon und ihre Augen strahlen Fieberglut
aus
    Wenn sich die Priester dem Volke wieder zeigen  dann erschrickt das Volk 
es weiß sich die furchtbaren Gesichter der großen Priester nicht zu erklären
                            
    Auf der Terrasse und in den Grotten des Tempels verteilen jetzt Tempeldiener
Brot und roten Wein
    Das Brot hat die Form eines Menschenkindes
                            
    Tschirsabâl erscheint wieder oben auf der Terrasse auf der Safur weilt
Safur empfängt eben den Wein und das Brot  trinkt  trinkt  isst  isst  und
sieht dann den Priester
    Der Dichter sieht das entsetzte Gesicht des Riesen denkt aber gleich dass
er ihn froh begrüßen muss  der Priester lebt ja noch
    Und Safur will stürmisch den Priester umarmen schreit laut und lachend
    »Nun wollen wir leben leben«
    Doch der Riese taumelt zurück und ruft dem lebenslustigen Dichter mit
furchtbarer Stimme ein einziges Wort zu  »Esel« heißt das einzige Wort
    Und dann verschwindet Tschirsabâl hinter dem nächsten Gebüsch  er starrt
entsetzt in den Mond und flüstert
    »Mond sei mein bester Freund Menschen find ich nicht mehr Töte mich Töte
mich Ich halts nicht mehr aus«
    Und er schlägt lang hin
    Und der blaue Turban fällt in ein Myrtengebüsch
 
                              Dreizehntes Kapitel
Indes  als nun abermals vier Wochen ins Land gegangen sind spielt sich wieder
in Tarubs Küche was ab
    Die Tarub steht vor dem Herde und starrt ins Feuer  ihr braunes Gesicht ist
ganz rot  und ihre schwarzen Augen flackern noch heftiger als die Flammen des
Herdfeuers
    Der berühmten Köchin rollen über die geröteten Wangen ein paar große dicke
Tränen
    Die harte Tarub ist jetzt ganz weich
    Safur blieb acht volle Wochen fort 
    Das war eine lange lange Zeit
    Jetzt aber soll Safur wiederkommen  er hats geschrieben  noch heute kommt
er
    Bei Allah  die Tarub freut sich
    Sie löst sich vor Rührung fast auf
    Sie wäscht sich schon zum fünften Mal Hände und Gesicht obwohl sie
eigentlich den ganzen Tag nichts tat
    Und sie trocknet sich ab mit einem Handtuch in das sie einst ein paar Verse
hineinstickte  Verse die ihr lieber Safur ganz besonders für sie gedichtet
hatte
    Auf dem Handtuch steht
»So hell und rein wie Gold und Wein
So ganz voll Glanz
Muss Küche Herd und alles sein«
Die Tarub liest das wieder  sehr andächtig blickt dann in der Küche rum und
sieht ob alles in Ordnung
    Sie schmunzelt  alles ist gut
    In den Kruken und Töpfen stecken duftende dunkelrote Rosen
    An die hundert dunkelrote Rosen hat die Tarub in ihrer Küche verteilt
    Die Messingkessel funkeln
    Der rote Ziegelboden blitzt beinah  so sauber ist er gescheuert
    In den kupfernen Eiskübeln taut das Eis  tropfend
    Der Pumpenschwengel ist mit frischem Lorbeer bekränzt
    Und es will Abend werden
    Tarub dreht sich langsam um und sieht  ihren Dichter endlich wieder
    Stürmisch fällt sie ihm um den Hals  und weint
    Sie weinen Beide zusammen
    Zwischen den Beiden scheint wieder alles  so gut zu sein  so gut
    Jetzt merkt ihnen Keiner an dass sie sich mal zankten  dass sie ihn mal
kränkte mit Milch und er mal ihre Liebe verschmähen wollte
    Dichter und Köchin sind wieder ganz ein Herz und eine Seele   
    Wies dunkel geworden zündet die Tarub acht kleine Öllämpchen an  zur
Erinnerung an die acht Wochen der Trennung
    Na  Safur ist auch gerührt 
    Sie essen Beide
    Sie trinken Beide
    Wies ihnen schmeckt  nein  das ist kaum zu sagen  fast zu schön
    Beide wieder  ein Herz und eine Seele
    Nun gehts ans Erzählen
    Er erzählt ihr Alles
    Und er schildert ihr das Fastenfest
    Die Tarub schauert zusammen  was Fürchterlicheres als »hungern« kennt sie
nicht
    Wie Jemand freiwillig hungern kann vermag sie nicht zu verstehen
    Und als nun Safur von dem großen Oberpriester Tschirsabâl erzählt wird sein
Ton immer heftiger
    »Denk Dir Tarub« ruft er zornbebend »weißt Du wie mich der Esel nannte«
    »Nein ich weiß nicht« erwidert die Tarub
    Doch gleich darauf schreit der Dichter
    »Esel hat er mich genannt  Esel«
    Die Erregung der Beiden ist anitzo nicht von Pappe
    Safur vermag sich garnicht über den frechen Kerl zu beruhigen der es wagte
den feinsten Kopf von ganz Bagdad den geistreichsten Dichter der Araber einen
Esel zu schelten
    »Hätt ich nur meinen alten Dolch gehabt« sagt leiser der kluge Safur »ich
hätte ihm schon bewiesen wie man in Bagdad frechen Hunden zu begegnen weiß
Aber der Kerl war ja zwei Köpfe größer als ich Mit bloßen Händen konnt ich doch
nichts gegen ihn machen«
    »Siehst Du« versetzt da so recht ernst die Tarub »warum trinkst Du immer
soviel hättest Du nicht soviel getrunken so hättest Du damals nicht den Dolch
versetzt und hättest Dir das von diesem alten Priester nicht gefallen lassen
brauchen«
    Diese Bemerkung beruhigt den Safur grade nicht  Ermahnungen sind ihm sehr
sehr lästig
    Er zieht daher verächtlich lächelnd seinen neuen Dolch hervor der noch
schöner und noch länger ist als der alte
    Den neuen Dolch hat ihm der Battany geschenkt
    Safur schimpft dann auf die Priester im Allgemeinen während die Tarub den
Dolch bewundert
    Er nennt das Fastenfest einen lächerlichen Schwindel eine große Albernheit
eine Narretei hinter der nichts  garnichts dahinter sei
    Er ist wütend über das Wichtigtun der ssabisschen Priester  über ihre
albernen Geheimnisse in denen alles was unklar und verschwommen ist eine
Heimstätte fand
    Dem aufgeklärten Bagdader Dichter ist die Religion eigentlich in jeder Form
verhasst
    Er hat eine Abneigung gegen alles Halbverstandene und Verschwommene im
Gefühlsleben
    Er will das Gefühlsleben immer ganz klar durchschauen  jede Schwelgerei im
Unklaren ist ihm unangenehm
    Er lehnt sich in längeren Reden gegen die Unklarheit und gegen das
Verwaschene auf  sodass der Tarub die natürlich nichts von alledem versteht
die Geschichte schon langweilig zu werden beginnt  was sie ihm denn auch gleich
ein bisschen zu verstehen gibt
    Na  das gefällt ihm wieder nicht  nein  das verwundet ihn sogar  er ist
verletzt und verstummt 
    Eine ganze Masse von Empfindungen stürmt auf ihn ein  sodass er garnicht
weiß was alles erregend auf ihn einwirkt
    Er hat eine aus sehr vielen Empfindungen zusammengesetzte Stimmung die er
nicht klar durchschauen kann
    Dass er trotz seiner langen Rede über das Ungebildete im Unklaren wieder mal
selber nicht klar sehen kann und sich demnach auch ungebildet vorkommt  das
ärgert ihn noch mehr
    Er merkt dass er sich mit der Verdammung der verschwommenen und verwaschenen
Empfindungen eigentlich selber ins Fleisch schnitt
    »Eigentlich« sagt er daher still zu sich »ist es ein bisschen unsinnig die
Empfindungen die wir nicht gleich ganz scharf zu durchschauen und zu
zergliedern vermögen zu verdammen Bei den Priestern zu Hauran spielen
sicherlich sehr viele geschlechtliche Geschichten mit ohne dass sich die
Andächtigen bewusst werden dass sie in ihrem andächtigen Getue hauptsächlich
wieder vom Geschlechtstriebe bewegt werden dessen unerbittliches protzenhaftes
Sichbreitmachen sie grade vernichten wollen Aber  so unklar die Empfindungen
der Andächtigen auch sein mögen  die Empfindungen sind doch sehr stark Ja 
ich muss sogar zugeben dass alle klar zu zergliedernden Stimmungen nie eine so
große Kraft besitzen  fast gar keine Kraft dagegen besitzen Die kräftig auf
uns einwirkenden die überwältigenden Empfindungen sind niemals klar zu
durchschauen Die Verdammung des Unklaren schließt auch eine Verdammung der
großen mächtigen Stimmungen in sich    Und das geht denn doch nicht   
Das Große darf man nicht verdammen Ob das Große durch Mitwirkung
geschlechtlicher oder halbkranker Geschichten entsteht   oder nur durch große
edel genannte Geschichten entsteht  das ist ja ganz gleich«
    »Was ist gleich« fragt nun gereizt die Tarub die nur Safurs letzte fünf
Worte vernommen da der Dichter das übrige nicht laut ausgesprochen hatte
    Und ihre Frage bringt ihn aus dem Text
    Zum dritten Mal wirkt die Tarub unangenehm auf ihn  an einem Abend dreimal
unangenehm  das ist unerhört
    Und er schaut sein Weib an  nicht freundlich aber doch forschend 
aufmerksam
    So gern möcht er wissen was ihm eigentlich an seiner Köchin so unangenehm
ist wieder ne unklare Sache
    Doch bald nickt er mit dem Kopfe
    Er weiß Ihr fehlt die geistige Regsamkeit die Fähigkeit etwas Geistiges
Gedankliches zu verstehen  ihr fehlt was nach seiner Meinung allen Weibern
fehlt
    Der Geist fehlt seiner Tarub  darum ist sie ihm unangenehm
    Darum kann er sie nicht lieben wie er sie lieben möchte
    Er empfindet plötzlich ganz klar dass er ein Weib überhaupt nicht lieben
könnte
    Die Weiber reizen ihn nur zum Lachen oder zur Wollust  zur Liebe nie
    Das ist grade keine sehr erquickende Erkenntnis
    Er denkt wieder an die Dschinne die ihm an jenem Morgen über der
Morgensonne erschien
    Und er sehnt sich nach Liebe
    Und nun wird die Tarub noch wieder zärtlich
    Manche Augenblicke der Lust sind doch sehr merkwürdig  sehr merkwürdig
    Safur kommt sich später noch unklarer vor  muss erst weinen über sich und
dann wieder lachen
    Die Tarub merkt von seinen Gemütsbewegungen nichts  glaubt ihm sei nicht
wohl
    Er aber  er  der große Dichter  ihm fällt plötzlich ein dass er ja noch
in Tarubs Küche weilt in der dunkelrote Rosen duften und acht Öllämpchen
brennen
    Und in der Küche gibts ja noch so viel zu essen
    Und drum will er wieder essen 
    Drob freut sich Bagdads berühmte Köchin  sie gibt ihm eine große Aalpastete
und Wein aus Bassora
    Er isst und trinkt
    Er zerschneidet die Pastete mit dem Dolch steckt die Dolchspitze immer in
ein kleines Stück und führts so zierlich zum Munde
    Die Tarub sieht ihm freundlich zu
    Er denkt an die großen unklaren Stimmungen die so eng verbunden sind mit
Leid und Liebe  mit allen möglichen ewigen Qualen  mit den Qualen der
Empfindlichkeit
    Aber die Empfindlichkeit kommt vom vielen Empfindenwollen
    Safur denkt an alles dieses  und kaut
    Und beim Kauen werden ihm seine Gedanken verworren
    Er will schließlich seine Gedanken los sein
    Er trinkt und kaut  kaut Aalpastete  kaut  kaut
 
                              Vierzehntes Kapitel
Die Sterne verblassen
    Es wird Morgen
    Die lauteren Brüder schlafen und träumen
    Aber sie sind nicht zu Hause oder  wo sie sonst des Nachts zu sein pflegen
    In Saids Garten liegen die lauteren Brüder
    Da schlafen sie  da träumen sie
    Denn Said will ein Morgenfest geben
    Und ein Morgenfest beginnt in Bagdad immer mit Schlaf und Traum
    Die Gäste kommen nachts in das Haus des Gastgebers legen sich schweigend
auf breite Sänften schlafen da schnell ein  und werden dann behutsam in den
Garten hinausgetragen  wo sie bis zum Aufgang der Sonne weiterschlafen
    Nachts werden sehr viel Umstände gemacht
    Die Sklaven schleichen mit kleinen Lämpchen im Garten herum und passen auf
dass die Schläfer nicht  von Schlangen Fröschen Kröten Regenwürmern und
andrem menschenfeindlichem Gewürm belästigt werden
    Selbstverständlich wird in solcher Nacht auch sehr viel Räucherwerk
verbrannt
    Der Araber hat eine sehr fein gebildete Nase 
    Und wenn schlafende Araber was Feines riechen kriegen sie feine Träume
    Battany mit seinen sieben Freunden Said selbst und der junge als Trunken 
und Witzbold berühmt gewordene Geograph Hamadany  das sind die lauteren Brüder
die nun in Saids Garten träumen  man will die glückliche Rückkunft derer die
den Mondtempel zu Hauran besuchten feiern
    Kodama und Osman haben deshalb ein halbes Schock berüchtigter Sängerinnen
mitgebracht  natürlich ohne dem geizigen Said was davon zu sagen
    Die Sonne geht wieder überem Tigris auf  sehr dunkelrot  mit vielen
dunkelroten Wolken 
    Sie ist aber kaum mit dem vierten Teil ihrer Scheibe sichtbar geworden so
erhebt sich in Saids Garten ein ohrzerreissender Gesang  die Sängerinnen tun
ihre Schuldigkeit
    Ein keusches Lied singen sie freilich nicht  was sie singen wird für
gewöhnlich nur in den schmutzigsten Gassen von AltBagdad gesungen  in jenen
Gassen in denen man mehr seine Börse als sein Herz in Acht nehmen muss   
    Doch Osman und Kodama lachen aus vollem Halse  als sie das  Lied hören
    Nicht so lustig wie die Dicken erwachen die Andern
    Namentlich Said  der weiß vor Schreck nicht was er sagen soll
    Die Andern wissen zuerst nicht wo sie sind  sie schaun sich ängstlich um
    Wie sie ganz wach sind verstehen sie bald ihre Lage
    Battany findet zuerst die Sprache wieder  er verwünscht das Geheul der
Weiber  in den kräftigsten Ausdrücken
    Die Dicken lachen aber
    Safur hat Magenschmerzen und ist daher auch sehr ärgerlich  außerdem ist er
noch müde
    Die Andern haben eigentlich auch noch nicht ordentlich ausgeschlafen
    Das Morgenfest fängt schön an
    Auch in Bagdad ist es nicht allemal ein Vergnügen ein üppiges Fest
mitzumachen
    Dem Said bereitet der Gesang das allergrösste Missbehagen  er weiß die
dreißig Sängerinnen werden ihn mehrere Weinschläuche kosten    und er hoffte
diesmal grade so recht billig wegzukommen
    Said verzweifelt
    Er weiß sich nicht zu helfen
    Es mag kommen wies will  er muss immer mehr zahlen als er wollte
    Die Unverschämtheit der beiden Dicken grenzt in seinen Augen ans
Grenzenlose
    Said beneidet seine Gäste die alles umsonst haben während er für das
kleinste Vergnügen immer gleich ein Vermögen opfern muss
    Saids Gäste waschen sich mit Saids kostbarsten Seifen und salben Haupt und
Brust mit Saids kostbarsten Ölen
    Und dann werden die Weinbecher bis zum Rande mit Wein gefüllt  und jeder
Gast gießt seinen ganzen vollen Becher in den Garten  begrüßt dabei die Sonne
und spricht ein paar persische Worte die er selber nicht versteht 
    Das ist das Sonnenopfer
    Den Said wurmt das  aber es ist nun mal Sitte  und Sitte bleibt Sitte
    Die Perser haben in Bagdad noch immer sehr viel zu sagen
    Ja  die reichen Leute  die verstehens  sich zu ärgern  die armen Hunde
ärgern sich nicht halb soviel wie die reichen  Gastgeber
    Doch die Sonne  bei Allah  die ist so herrlich  so göttlich  so groß 
dass der Ärger der lauteren Brüder bald verdunstet wie der Nebel auf den Blumen
und auf den Blättern der Bäume auf den Rasen und auf dem bunten Fliesengetäfel
der Fusswege 
    Wie die Mädchen verstummen wird in goldenen Gefässen seltenes kostbares
Zuckergebäck herumgereicht
    Und darauf gibts Fleisch in würfelförmig geschnittenen Stücken  teils
gebraten  teils gekocht  Hammel Rind und Hühner  aber viele viele Pfunde
    Man isst mit dem Dolch
    Und man trinkt dazu den Wein in großen Zügen  ein Morgenfest soll immer in
großen Zügen gefeiert werden
    Aber  die Stimmung lässt sich denn doch nicht zwingen
    Wohl verdunstete der Ärger der Meisten doch die gute Laune kam darum noch
nicht auf
    Die Sonne der Heiterkeit wollte nicht aufgehen  wollte nicht
    Das hatte so seine Gründe
    Da war zuerst das schiefe Gesicht der beiden Reichen  des Battany und des
Said ibn Selm  deren Gesicht wirkte ansteckend
    Als reiche Leute dachten Beide wie alle reichen Leute  die da meinen sie
müssten überall genießen und schwelgen weil sie doch was »besitzen«    als
wenn der Besitz ein unbeschränktes »Recht« auf den Genuss gäbe 
    Fühlten sich die Beiden als Gastgeber  und als solche fühlten sie sich
eigentlich stets  so glaubten sie sie müssten noch viel mehr genießen können 
viel mehr als ihre Gäste  die waren doch nur ihretwegen da
    Die guten reichen Leute taten so als müsste ihre Gutmütigkeit ihre
Genussfähigkeit erhöhen  was doch reiner Unsinn ist da bekanntlich nur große
Bildung genussfähig macht
    So  oder so ähnlich dachte Safur als er grade mit den beiden reichen
Leuten vernünftig reden wollte
    Am Reden ward er leider durch seine Magenschmerzen verhindert  er hatte
doch in der Nacht allzu viel Aalpastete gegessen
    Das Fastenfest mochte auch Schuld an den Magenschmerzen haben
    Ja  das Fastenfest
    Jakuby konnte sich über den Muiullempel zu Hauran garnicht beruhigen  er
erzählte den beiden Dicken von den Priestern und den Götzen so viel dass bald
Alle dem alten Geographen zuhörten  auch die dreißig Sängerinnen und Saids drei
Köchinnen  der junge Hamadany ebenfalls da er noch nüchtern war
    Jakuby schilderte besonders eingehend die Selbstgeisselung einiger Jünglinge
die sich mit schweren Ketten den Rücken zerschlugen und sich mit Steinmessern
grässlich verwundeten und so fürchterlich schrien und sich die fürchterlichsten
Brandwunden beibrachten Der eine Jüngling hielt sich als er auf einem Fuße
stand die brennende Fackel unter der Sohle des andern Fußes 
    Die dreiunddreissig Frauen kreischten bei diesen Erzählungen so entsetzlich
dass mans geradezu als Erholung empfand wie sie wieder ein paar abgedroschene
Lieder sangen
    Osman und Kodama freuten sich auch jetzt wieder  sie waren in so gereizter
Stimmung dass ihnen der Ärger der Andern das einzige Vergnügen zu bereiten
schien
    Ganz Bagdad schien sich in gereizter Stimmung zu befinden
    Es lag so was vom wilden Tier in der Luft  so was Grausames
    In den acht Wochen in denen Battany mit Safur Suleiman Abu Hischam Abu
Maschar und Jakuby nach Hauran reiste  hoch zu Kamel mit seinen Mongolen und
seinen Schwarzen  in diesen acht Wochen hatte sich manches Unangenehme in
Bagdad begeben
    In der Chalifenburg hatte man sich mit dem Bunde der lauteren Brüder in sehr
gereizter Stimmung beschäftigt
    Der Chalif tobte wie ein toller Hund als er von dem Geheimbunde hörte
    Ach  mit dem Chalifen Mutadid wars schon damals nicht ganz richtig er litt
am Verfolgungswahn  in der Nacht erschien ihm immer ein weissgekleideter Geist
mit einem langen weißen Bart und einem langen weißen Dolch
    Wenn der Geist dem Chalifen erschien  dann konnten sich seine Diener die
Hände schütteln  einem von ihnen gings dann an den Kragen
    Der Chalif verstand keinen Spaß  er ließ gleich den Henker holen  seinen
dicken Henker der immer stolz in roter Seide durch die Paläste der Chalifenburg
wandelte und mit rollenden Augen um sich schaute
    Der Chalif sagte in letzter Zeit nicht mehr warum er Jemanden köpfen ließ
    Er ließ nur seine sämtlichen Hofleute zusammentreten deutete mit dem linken
kleinen Finger auf den dessen Haupt ihm am besten gefiel  und danach konnten
die Andern abtreten
    Die Henkersknechte banden den Auserwählten mit festen Stricken drückten ihn
auf einem Lederkissen auf die Kniee der dicke Henker in der roten Seide holte
weit mit seinem krummen Säbel aus  und ein blutiger Kopf rollte über den
Teppich 
    Nach diesem Schauspiel ging der Chalif ganz beruhigt wieder schlafen
    Aber diese nächtlichen geheimen Schauspiele bei denen eigentlich nur der
verrückte Chalif unbeteiligter Zuschauer war wirkten doch auf die Hofbeamten
sehr aufregend
    Und die Aufregung der Hofleute übertrug sich bald auf die ganze Stadt
    Man veranlasste den Chalifen alle möglichen neuen Gesetze zu erlassen um
seine Aufmerksamkeit von seiner nächsten Umgebung abzulenken
    Es konnte ja wirklich garnicht mehr ein Vergnügen genannt werden ein Diener
am Hofe des allmächtigen Chalifen Mutadid zu sein
    Bagdads Chalifenburg war damals die gefährlichste Gegend von ganz Bagdad
    Wohl dem der da nichts zu tun hatte
    Diese Zustände in der Chalifenburg und ihr Einfluss auf den Bund der lauteren
Brüder bildeten den Mittelpunkt des Gesprächs in Saids Garten
    Man trank langsamer
    Die Sängerinnen und Köchinnen wurden vernachlässigt und dadurch auch
gereizt
    Safur der sonst so vorzüglich zu vergessen versteht kann heute seine
Magenschmerzen nicht vergessen
    Said vergisst den Dicken die Sängerinnen nicht die obendrein noch sehr
anmasslich tun und die ganze Gesellschaft wahrlich nicht für die geistige Krone
Bagdads halten
    Der junge Hamadany erzählt nun noch von dem schlechten Eindruck den die
lauteren Brüder auf die Tofailys machen
    Und das schlägt dem Fass den Boden aus
    Abu Hischam kriegt einen Hustenanfall  so laut hat er gleich auf die
Tofailys geschimpft
                            
    Das ist ein so recht missglücktes Fest
    Stimmung kommt überhaupt nicht mehr auf
    Und doch duften die Rosen so wunderbar
    Und die Riesenveilchen duften noch mehr
    Und der Wein ist so vortrefflich
    Das hilft aber alles nichts
    Der Chalif wird immer verrückter
    Und selbst den Reichsten kann es schlimm ergehen
    Mutadids Henker spasst nicht
    Die lauteren Brüder werden betrunken sie küssen die Sängerinnen und machen
dadurch die drei Köchinnen eifersüchtig
    Was ist der Schluss
    Die Weiber fangen an sich zu prügeln
    Man kann sie kaum trennen
    Die Sklaven müssen die Sängerinnen mit Gewalt zurücktreiben
    Die drei Köchinnen sind in größter Gefahr gewesen
    Die Sailóndula hat eine breite Kratzwunde über der Stirn
    Der Abla hat man das hellblaue Beinkleid ganz mit Wein begossen
    Und der Tarub blutet der ganze Kopf
    Das ist ein sehr erquickendes Morgenfest
    Die beiden Dicken können lachen
    Alle haben sich gründlich geärgert
    In den grellsten Misstönen schließt das Fest
    Man geht in der denkbar schlechtesten Stimmung auseinander
 
                              Fünfzehntes Kapitel
Nach einigen Tagen ist wieder alles anders
    Plötzlich ist wieder zu viel Stimmung in der Gesellschaft der lauteren
Brüder
    Die meisten Brüder wollen Bagdad verlassen  da man sich in der Nähe der
Chalifenburg nicht mehr sicher fühlt
    Es liegt auf einmal sehr viel Reisefieber in der Luft
    Auf dem Karawanenplatz geht es ungemein lebhaft zu
    Dort ist jetzt der eigentliche Mittelpunkt von Bagdad
    Vor Osmans Bücherbuden die sich auf der nördlichen Seite des
Karawanenplatzes befinden stehen fast immer Neugierige die was von den Büchern
der lauteren Brüder sehen  und auch kaufen möchten
    Osman macht vortreffliche Geschäfte
    Kodamas Buch »Über die Kugelgestalt der Erde« wird sehr viel gekauft
    Auch Abu Hischams »Zweifler« findet einige Käufer Jakubys »Buch der Länder«
findet viele Leser wird aber seltener gekauft das zu umfangreich und demnach
zu teuer ist
    Die Gebildeten Bagdads  namentlich die Koranstudenten   sprechen mit
großer Hochachtung von dem Bunde der lauteren Brüder obschon die Tofailys ihr
Mögliches tun dem Bunde zu schaden
    Der nichtswürdige AI Rumy hat bereits eine Schmähschrift über die lauteren
Brüder geschrieben in der diesen die ekelhaftesten Geschichten nachgeredet
werden
    In einzelnen Weinkneipen in denen die Tofailys das große Wort führen
erregte die Schmähschrift großes Aufsehen
    Gerüchte über eine bevorstehende Verfolgung der Brüder trugen aber dazu bei
dass man von dem neuen Gelehrtenbunde mit viel mehr Achtung sprach als den
Tofailys lieb sein konnte die natürlich nur giftig waren weil sie nicht an der
Spitze des Unternehmens standen
    Buchtury hatte daher auch den Versuch gemacht einen »Bund der treuen
Männer« zu gründen Doch von diesem Bunde hörte nach seiner Gründung kein Mensch
wieder was
    Osman zeigte ein sehr vergnügtes Gesicht Alles ging ihm nach Wunsch
    Er stand sehr bald an der Spitze des Bundes der lauteren Brüder und das kam
vornehmlich seinem dicken Freunde Kodama zu Gute der täglich berühmter wurde
und eine große Gespreizteit in seinem Wesen zur Schau trug
    Osman wohnte in der Nähe der Chalifenburg in einem alten sehr gut
eingerichteten Hause
    An einem sehr heißen Morgen steht der dicke Schreiber zu Hause zwischen
Kisten und Kasten die mit allerhand Arten Papier gefüllt sind und spricht
lebhaft mit zwei Chinesen
    Die Chinesen in fein mit Blumen gemusterten braunroten Seidengewändern
zeigen dem Schreiber neues chinesisches Papier und erläutern die Vorzüge
desselben
    Osman ist entzückt er wird immer erregter und setzt dabei den Chinesen
auseinander wie wichtig für den gesamten Buchhandel die Herstellung eines
billigeren Papiers sei  er brauche zu viel Papier
    Man plaudert auch über die Vorzüge und Mängel der »Rollenform« in der die
Bücher herausgegeben werden
    Der eine Chinese ist der Meinung dass man die langen Papierstreifen auch
kneifen und in eine »Lattenform« bringen könnte  diese Bücher in »Lattenform«
würden sogar handlicher sein
    Und dann zeigen die Chinesen dem arabischen Schreiber ein paar bunte
Zeichnungen die sie aus ihrer Heimat mitbrachten  Drachen Tempel krause
Wolken und viele Krieger mit großen Schwertern und buschigen Augenbrauen
    Die beiden chinesischen Kaufleute wirken in ihren ruhigen bedächtigen
Bewegungen so angenehm auf den dicken bequemen Osman dass der die chinesischen
Zeichnungen für drei recht schwere Goldstücke ankauft
    Außerdem erklärt er den fremden Herren mit den schief geschlitzten Augen
dass er sie gerne öfters sprechen würde lädt sie ein erzählt vom Bunde der
lauteren Brüder vom Chalifen und von den »dünneren« Papierarten  von diesen
letzteren bestellt er gleich eine ganze große Kiste denn er weiß dass die
Chinesen die auf Dschunken nach Bagdad kommen viel billiger das Papier liefern
können als die Perser die das Papier auf dem Landwege über Indien beziehen
    Osman bemerkt garnicht dass die Chinesen Eile zu haben scheinen er erzählt
ihnen noch so viel von den neuen Lederkapseln in denen die besten seiner Bücher
aufbewahrt werden zeigt ihnen noch so viele neue Bücher über Sternkunde über
Alaun Vitriol Salmiak und andre Stoffe dass den gelben Herren ganz schwindlig
wird
    Mit größter Hochachtung vor der Bildung der Araber entfernen sich die beiden
Herren mit den schief geschlitzten Augen  höflich sagen sie noch dem überaus
liebenswürdigen Schreiber dass sie beim Chalifen von Peking nie so huldvoll
aufgenommen seien wie beim größten Schreiber von Bagdad
    Wie die gelben Chinesen weg sind fängt der dicke Osman an ganz ernstaft
über die Zukunft des Papiers nachzudenken
    Währenddem schreiben im großen Schreibersaale Osmans Schreiber mit
verdoppelter Sorgfalt  denn Jakuby Kodama und Safur sehen ihnen zu
    Weit über dreißig Schreiber beschäftigt der dicke Osman
    Sie schreiben mit langen feinen Haarpinseln auf vortrefflichem
Baumwollpapier
    Sie tauchen die Pinsel immer sehr vorsichtig in kleine weiße Kruken in
denen sich dünnflüssige chinesische Tusche befindet
    Osmans Bücher sind sämtlich mit köstlicher Sorgfalt geschrieben
    Die Buchstaben verbinden sich in geschmackvollster Art  mit feinen
Schnörkeln
    Die Schreiber sind die reinen Künstler  sie malen mehr als sie schreiben
    Das wissen sie sie sind drum auch ganz gehörig stolz und sehr sauber
gekleidet  fast so sauber wie Osman der in seinen braunen baumwollenen
Beinkleidern und mit seinem braunen baumwollenen Jäckchen und mit seinem weißen
Leinenzeuge auf der Brust und auf dem Kopf so fein wirkt wie ein schön
geschriebenes Buch 
    In Osmans Hause herrscht musterhafte Sauberkeit auf keinem der vielen
Bücher ist ein Stäubchen zu sehen
    Und Niemand staunt über diese musterhafte Reinlichkeit so wie Safur  der
ist nahe daran im Reinemachen den Zweck des ganzen Lebens zu sehen
    Safurs Stimmung wird bei Osman immer saubrer
    Kodama sieht unter seinem gelben Turban aufmerksam einem jüngeren Schreiber
auf die Finger
    Jakuby hat seinen lila farbigen Turban abgenommen und streichelt seinen
glatt rasierten braunen Schädel mit der linken Hand  der Schädel sieht auch
riesig sauber aus
    Im Schreibersaal ist es sehr ruhig
    Lauter gehts im Hofraum zu der auf allen vier Seiten von verdeckten
Wandelgängen eingerahmt wird die auf der Mauerseite in hohen Spinden unzählig
viele Bücherrollen zeigen Die Spinde sind in verschieden große Fächer geteilt
    Nach dem Hofraum zu dessen Boden ganz mit bunten Fliesen bedeckt ist  in
deren Mitte ein kleiner Springbrunnen plätschert  sind die Wandelgänge offen
    Ein paar leichte geschnitzte Holzsäulen dienen den Dächern als Stütze Neben
der einen Holzsäule an ders schattig ist auf einem Teppich sitzt Abu Hischam
und spielt wieder mit seiner armenischen Pelzmütze
    Der junge Geograph Hamadany und der junge Geschichtsschreiber Abu Hanifa 
Beide mit weißen Turbanen auf dem Kopf  und mit schwarzseidenen Kaftanen
bekleidet  sitzen dem Philosophen gegenüber
    Der junge Abu Hanifa hat »Die Geschichte des Chalifen Motawakkil« von
Baladory der vor einigen Wochen starb auf dem Schoße und verbreitet sich
eingehend über die Vorzüge des alten Baladory der als Historiker jedenfalls die
erste Stelle in Bagdad einnahm
    Aus Abu Hanifas wohlgesetzter Rede geht deutlich hervor dass er jetzt der
erste Historiker Bagdads werden möchte  er will auch über die Chalifen
schreiben  aber über alle  und dabei durchblicken lassen dass eigentlich alle
Abbassiden  mit Ausnahme Mamuns  nicht ganz bei Verstande waren sodass man
sich über den blödsinnigen Mutadid garnicht zu wundern brauche
    Die Rede findet bei Abu Hischam sehr viel Anklang er unterbricht sie mit
den derbsten Witzen  der Chalif hätte den Philosophen sofort köpfen lassen
wenn er ihn hätte reden hören
    Doch Hamadany setzt dann etwas auseinander das dem Philosophen mit der
Pelzmütze weniger behagt
    Hamadany hat ein Buch von Abu Hodail Hallâf auf dem Schoss und beweist dem
Abu Hischam indem er verschiedene Stellen wörtlich vorliest dass Abu Hodail
Hallâf vor fünfzig oder sechzig Jahren bereits alles das geschrieben hat was
Abu Hischam in seinem Buch »Der Zweifler« vor drei oder vier Jahren schrieb
    Der Philosoph wird daher sehr wütend
    Aber Hamadany ist unerbittlich in seiner Beweisführung
    Die Unterhaltung wird natürlich sehr laut geführt
    Hamadany lässt es an boshaften Bemerkungen nicht fehlen weist auch auf den
Titel hin den Abu Hodail Hallâf für seine Arbeit wählte  die nannte nämlich
der alte Schriftsteller »Der Zweifel«  die merkwürdige Verwandtschaft mit dem
Titel den Abu Hischam für seine Arbeit wählte der dieselbe »Der Zweifler«
nannte reizt den jungen Hamadany zu nichtswürdigen Betrachtungen über die
natürlich Abu Hischam fast aus der Haut fahren will
    Indes  gefolgt von Said und Suleiman betreten nun Abu Maschar und Al
Battany den Hof Der Letztere sagt sehr laut sodass Abu Hischam und Hamadany ihr
unerquickliches Gespräch gleich abbrechen
    »Lieber Abu Maschar Du scheinst die Verhältnisse in der Chalifenburg
durchaus nicht zu kennen Wir werden tatsächlich verfolgt und sind nicht unsres
Lebens sicher Du kennst doch meinen Freund den allmächtigen Ssabier Tabit ibn
Quorrah der in der Chalifenburg mehr zu sagen hat als der Vezier  und weißt
Du was mir Tabit schreibt  da lies Er schreibt er könne uns nicht mehr
schützen und bäte uns in drei Tagen Bagdad zu verlassen und nicht vor
Jahresfrist wiederzukommen«
    Abu Maschar liest und schüttelt den Kopf und meint ganz ruhig
    »Ein Ort ist genauso sicher wie der andre Ich bleib hier Mir wird Niemand
was tun«
    Battany zuckt die Achseln
    Auch Kodama Jakuby Safur und Osman sind auf den Hof gekommen
    Alle lesen den Brief des allmächtigen Tabit ibn Quorrah
    Und Alle kriegen nun das Reisefieber in heftigster Form
    Nur Osman will dableiben er hält sein Leben nicht für gefährdet da er zu
viel einflussreiche Freunde in der Chalifenburg zu haben glaubt
    Said und Suleiman wollen auch in Bagdad bleiben  der Erstere weil er seine
Güter nicht im Stich lassen möchte  der Letztere weil er unter allen Umständen
auf Saids Kosten leben möchte
    Abu Maschar bleibt natürlich aus reiner Halsstarrigkeit er sagt
    »Ich kann ebenso leicht auf der Reise getötet werden wie in Bagdad Wir
können überall sterben Dem Tode werden wir doch nicht fortlaufen können Und
einmal müssen wir doch Alle sterben Die Furcht vor dem Tode ist lächerlich«
    »Und Du ebenfalls« brüllt ihm Battany zu der schon gereizt wird wenn er
den Propheten bloß ein Wort sagen hört
    Der Prophet schweigt nun
    Die Andern aber die Bagdad verlassen wollen entwickeln ihre Reisepläne 
ihnen kommt der Brief des Tabit ibn Quorrah im Grunde genommen garnicht
ungelegen  der Brief ist ihnen eigentlich höchst angenehm
    Das Reisefieber liegt ja grade in der Luft 
    Es ist auch wieder mal eine entsetzliche Seuche im westlichen Stadtviertel
wo die armen Leute wohnen ausgebrochen 
    Battany will nach Indien
    Abu Hischam gedenkt nach Persien zu wandern
    Safur sehnt sich plötzlich nach Ägypten
    Hamadany wäre gern in Byzanz
    Kodama wählt die bequeme Karawanenstrasse nach Mekka und beabsichtigt dort
längere Zeit zu bleiben
    Jakuby geht nach Nordafrika
    Abu Hanifa möchte nach Südarabien
    Alle wollen in der Welt vom Bunde der lauteren Brüder erzählen  der Bund
soll ein Weltbund werden
    Osman streckt dem Safur und dem Abu Hischam bereitwillig Geld vor
    Eine prächtige Zukunft leuchtet vor Aller Augen auf Safur ist froh für
einige Monate von der Tarub befreit zu sein
    Das Reisefieber lässt die lauteren Brüder nicht mehr los
    Jetzt gehts in die große Welt  in die große Welt  man weiß sich vor
Seligkeit garnicht zu lassen
 
                              Sechzehntes Kapitel
Die indischen Teppiche sind so weich  der Fuß versinkt darin wie in einer
grünen Wiese
    Und Al Battanys Fuß versinkt auch in diesen indischen Teppichen
    Diese Teppiche ruhen aber in dem Palaste eines indischen Nabobs der in der
Nähe von Benares wohnt
    Schon achtmal hat sich der Mond gerundet  und achtmal ward er wieder
verdunkelt  seit die lauteren Brüder Bagdad verließen
    Die Christen schreiben bereits das Jahr 894
    Die Zeit eilt
    Der Astronom Al Battany ist ganz betäubt von den gewaltigen Eindrücken
seiner Reise
    Ihm ist zu Mut als hätt er zum ersten Mal das Hochgebirge  oder als hätt
er zum ersten Mal das ewige unermessliche Meer geschaut
    Indien ist viel reicher größer und tiefer  als er je gedacht
    Ihn erdrückt fast der Reichtum der ihn umgibt Und er fühlt es jetzt erst 
wieviel die Araber den Indern verdanken    Bagdad wäre ohne Indien nur ein
ganz gewöhnliches Wüstendorf Der Astronom vergisst beinahe vollständig das was
die Araber von den andern auch höher entwickelten Völkern haben
    Indien wird dem Al Battany zum Paradies
    Und der Blick des Gelehrten wird immer stolzer  ihm ward so viel Ehre
zuteil
    Indische Gelehrte und indische Fürsten haben den großen Astronomen mit einer
Ehrfurcht begrüßt als wenn er als Feldherr Alle besiegt hätte  nicht als käme
er als einfacher Mann zum heiligen Ganges
    Battany wäre noch viel glücklicher gewesen wenn er das schäumende Wasser
seiner Eitelkeit mehr eingedämmt hätte 
    Aber  er hatte auch zu viel Triumphe gefeiert
    Eine Gesandtschaft aus Peking war sogar gekommen um Bagdads größten
Gelehrten zu begrüßen  vor dem hatte sich ein Dutzend vornehmster Chinesen so
schrecklich tief verbeugt
    Die Chinesen teilten dem Battany mit dass bereits der Chalif von Peking vom
Bunde der lauteren Brüder gehört habe und dass Er  der Sohn der Sonne  der
gelehrten Gesellschaft die herzlichsten Glückwünsche übersende
    Und die chinesische Gesandtschaft überreichte dem Araber eine mit
Edelsteinen besetzte Kassette in der sich viele kleine Kunstwerke aus
Elfenbein Ebenholz und Perlmutter befanden
    Und die Glückwünsche des Chalifen von Peking hatte Battany sofort mit den
Brieftauben die ihm Osman übergeben nach Bagdad gesandt Osman konnte
gleichfalls sehr vergnügt sein
    Und wie sich Battany ein wenig heimisch fühlt speist er zur Nacht bei
seinem fürstlichen Freunde mit dreihundert andren Gästen in einem riesengrossen
Saale
    Die andren Gäste sind Araber aus Benares Brahminen und indische Gelehrte
    Ein paar tausend Sklaven bedienen
    Die Zahl der Gerichte ist nicht zu zählen
    Battany ist nun ganz und gar geblendet durch diese fürstliche Pracht
    Er denkt an Saids Abendgesellschaften und muss lächeln
    Nach dem Mahle geht man hinaus auf die hoch gelegene Parkterrasse
    Und dort bietet sich den Gästen ein wirklich berückender Anblick dar der
jedes Auge berauschen muss
    Der große Park ist erleuchtet  aber wie
    Tausend und aber tausend bunte Papierampeln glühen und brennen zwischen den
Blumen  durch das Grün der Bäume
    Wie Diamanten glühen und brennen die Ampeln  wie Rubine Saphire Smaragde
    Der Nabob gibt ein großes Garten und Lampenfest Blumenmädchen  ganz mit
bunten Blütenketten umhüllt  wandeln langsam hintereinander mit knisternden
Pechfackeln in wohl berechneten Kurven über den Kies der Gartenwege
    Und im Hintergrunde flackern riesige Flammen empor  rote und grüne 
bengalische Flammen
    Und neben den Springbrunnen puffen von Zeit zu Zeit mächtige Pulverhaufen in
die Luft  die Pulverflammen schlagen blitzschnell  unheimlich  wie
Geisterfäuste  in den dunklen Sternenhimmel hinein
    Der Mond steht über den Kuppeln und Türmen von Benares wie eine große
Riesenkirsche
    Der funkelnde Glanz der Sterne wird fast verdunkelt von der indischen 
Lichtkunst
    Battany und die arabischen Hauptleute sind nun tatsächlich geblendet
    Ein indischer Nabob ist doch zu reich  er kann mehr bieten als Bagdads
Chalifenburg
    Ein junger indischer Gelehrter wendet sich jetzt lächelnd an den gefeierten
arabischen Gelehrten
    Verschmjetzt sieht der gelbe Inder in Battanys braunes Gesicht dreht immer
seinen langen schwarzen Schnurrbart und erklärt umständlich dass ihm die
Bedeutung der ganzen Astronomie sehr unverständlich sei  »denn«  so sagt er
zum Schluss  »wir sehen die Sterne doch nur mit unsrem Auge und mit den Fingern
können wir sie nicht greifen Was wir aber nur mit unsrem Auge sehen das ist
zunächst nur wirklich für unser Auge da  obs außerhalb unsres Auges was
Daseiendes ist können wir gar nicht wissen Dass die Sterne da oben große Welten
sein sollen vermag ich daher nicht zu glauben  ich glaube  da oben gibt ein
junger Gott seinen Freunden ein Lampenfest  das Fest wird bald zu Ende sein 
denn einzelne Sterne verlöschen bereits Bedenke nur Für einen jungen Gott sind
hunderttausend irdische Nächte  eine einzige himmlische Nacht Die Wandelsterne
sind Blumenmädchen mit Fackeln «
    Der Inder blickt den Battany forschend an  der aber steht so steif da dass
der Araber einem fast leid tun könnte  er hat ja nichts verstanden
    Schnurrbartdrehend wendet sich der indische Gelehrte schließlich ab  ärgert
sich natürlich nicht wenig dass er seinen Witz vor einem dummen eingebildeten
Araber verschwendete
    Hierauf spricht ein alter Brahmine mit dem Astronomen    Der nimmt sich
jetzt furchtbar zusammen er will nicht wieder nachher  vergeblich nach Worten
suchen
    Eine wunderbare Musik tönt aus dem erleuchteten Garten in die Sternennacht
empor
    Der Brahmine spricht von den Ssabiern das bekannt geworden dass Battany
auch ein Ssabier ist  was sein Ansehen sehr erhöht
    Und der Araber kann antworten  er erzählt von Hauran  von Tabit ibn
Quorrah und von Tschirsabâl
    Auch andre Brahminen hören zu und sprechen mit
    Man redet bald über die Religion im Allgemeinen
    Die in arabischer Sprache geführte Unterhaltung wird sehr lebhaft
    Ein sehr alter Brahmine dessen weißer Bart fast bis zur Erde reicht ist
der Meinung dass die Lehre Mohammeds den großen Religionen nicht beizuzählen
sei da diese Lehre die Aufklärung und die Freigeisterei in gefährlicher Weise
fördere  Mohammed habe nur eine Ketzerreligion geschaffen  ihre einfachen
viel zu verständigen Formen seien nicht fürs Volk  das Volk wisse nur mit
»vielen« Göttern und mit einem umständlichen Kulte was anzufangen
    Battany staunt und muss dem zustimmen  erklärt dabei dass man sich in Bagdad
um Mohammeds Lehre selbstverständlich sehr wenig kümmere
    »Das weiß ich« erwidert drauf der alte Priester »ich habe die Erfolge und
Misserfolge der verschiedenen Religionen durch ein langes Leben mit sehr
aufmerksamem Auge verfolgt Die Lehre Christi hat schon viel mehr für sich als
die Lehre Mohammeds Die christlichen Priester haben eben viel mehr gelernt und
viel mehr den älteren Religionen entnommen  die christlichen Priester haben
nicht den großen Allgott in die Mitte ihrer Lehren gestellt  sie haben auch den
Nebengöttern und den tieferen Gedanken der älteren Religionen eine Bedeutung
eingeräumt Natürlich   verstanden hat ja kein einziger Christ  die älteren
Religionen    doch merks nur  das schadet nicht allzuviel  die neuen
Religionen entstehen immer nur dadurch dass einzelne Menschen die das religiöse
Feuer in den Adern haben die älteren Religionen missverstehen Nur das
rücksichtslose Nichtverstehenwollen oder das harmlosere Nichtverstehenkönnen 
verwerflich Missverständnisse aber  die schaden ist nicht so sehr Religionen
sind ja nicht dazu da von den Menschen verstanden zu werden  Und der Erfolg
 Oh glaube mir Das Klarverständliche und das Vernünftige  das hat immer nur
einen sehr geringen Erfolg Man darf doch nicht vergessen dass die Menschen viel
viel häufiger unvernünftig und unverständig denken  als vernünftig und
verständig Das Vernünftige ist den Menschen garnicht das Natürliche  das
Unvernünftige viel mehr Warum hat Mani nicht denselben Erfolg wie Christus 
warum hat Mazdak nicht denselben Erfolg wie Christus gehabt Ich glaube  nur
weil die Jünger dieser Beiden zu gebildet waren  Christi Jünger hatten ihren
Meister viel mehr missverstanden sie waren keine klaren Köpfe weil sie soviel
religiöses Feuer in sich hatten Dieses allein hat ihnen aber nicht den Erfolg
verschafft  sondern ihre Fähigkeit alles so misszuverstehen und so unklar zu
sagen dass es dem Fassungsvermögen des gemeinen Volkes nicht fremd erschien 
das hat den Jüngern Christi den Erfolg verschafft Ja  ja  ich weiß das
alles«
    Der Inder streichelt zärtlich seinen langen weißen fast die Erde
berührenden Bart und lächelt  lächelt  wie ein Greis lächelt
    Al Battany will nun wissen was die Religion eigentlich will Der Alte wird
ernst und spricht weiter  wie für sich  so dumpf und so verächtlich
    »Aufklärung willst Du Aufklärung Ein echter Schüler Mohammeds bist Du Ein
Mann der aufgeklärten Wissenschaft  ein Feind der Religion Kennst Du Buddha 
nein Du kennst ihn nicht Er war auch ein Ketzer  aber nicht ein so schlimmer
Ketzer wie Du Ich wundre mich dass Du Dich Ssabier nennst Die ssabisschen
Priester haben Dir wohl nur den Eintritt in ihren ersten Vorhof gestattet  wo
das Volk verweilen muss Hör doch Battany Das Denken führt doch nie zur vollen
Klarheit  führt doch überhaupt nie zur Klarheit    wenn Du gründlich denkst
wird Dir das Klarste unklar werden Du aber denkst nicht gründlich Das Denken
führt nicht zur Klarheit  das war nie so Aufs Verstandenwerden müssen daher
die weisen Priester verzichten  selbstverständlich Man kann doch höchstens nur
 missverstanden werden Mit dem Missverstandensein muss man zufrieden sein Ja 
ja  ich weiß das alles«
    Der Brahmine murmelt danach unverständliches Zeug und geht fort  die Inder
machen ihm Platz und verbeugen sich vor dem Greise  sehr tief verbeugen sie
sich
    Battany wird unwillig und will nun von einem Andern wissen was die Religion
eigentlich will
    Wie da die Inder überlegen lächeln
    Doch ein sehr fein gekleideter Inder der dem Gespräch bisher schweigend
zugehört antwortet dem Battany folgendermaßen
    »Gelehrter Freund Ich verstehe Deine Neugierde Lass mich Dir antworten Du
wirst mich ja ebenfalls nur missverstehen  doch vielleicht sag ich Dir was Dir
näher kommt Ich bin kein Priester und denke daher anders Bist Du nicht der
Meinung dass die gebildetsten Menschen der Erde grade infolge ihrer Bildung
schließlich eine übergrosse Empfindlichkeit in sich zur Ausbildung kommen lassen
Oh ja  ja Und wenn sich diese Empfindlichkeit steigert wird sie zur größten
Qual  erzeugt einen Zustand der immer unerträglicher wird und zuletzt nach
entsetzlichen Beängstigungen grauenhaften Träumen und wilden Wutausbrüchen 
einen Abscheu vor dem Leben gebiert Oh ja  ja Um die Empfindlichkeit und die
darauf folgenden Qualen zu vernichten  dazu sind die Religionen da  das wollen
die Religionen den Gebildeten sein  wir haben sie drum auch nötig Dem Volke
soll aber die Religion nur ein Mittel sein das von ganz gemeinen Leiden erlöst
 die Religion fürs Volk kann daher aussehen wie sie will  sie darf sich nur
nicht so trocken wie die Lehre Mohammeds geben Jedes Mittel zur Vernichtung der
durch die verfeinerte Bildung erzeugten Seelenqual  gehört ins Gebiet der
Religion Ob man betet oder dichtet ob man Tempel baut oder Bilder meisselt 
das ist im Grunde ziemlich gleich  doch  es ist schlimm  Du verstehst mich
wohl auch nicht  nein«
    Battany schüttelt betrübt den Kopf
    Er  der große Astronom  steht plötzlich vor so vielen neuen Rätseln und
Fragen dass er fast heftig werden möchte
    Als wenns nicht am Sternenhimmel genug der Rätsel gäbe
    Er sagt daher sehr kurz dass er durchaus nicht geneigt sei alle Rätsel der
Erde aufzulösen  er klammre sich zunächst nur an die für ihn begreifbaren Dinge
 die ferner liegende »größere« Rätselwelt müsse für ihn noch unsichtbar
bleiben  er wolle sich nicht verwirren lassen
    Währenddem tanzen aber dicht unter der Terrasse hundert der schönsten
Bajaderen den langsam bewegten Schneckentanz
    Die Bajaderen sind ganz nackt
    Ihre gelben wunderbar schlanken Glieder biegen sich in entzückenden Kurven
roter Fackelschein macht sie bunt
    Die Blumenmädchen stehen mit ihren Fackeln im Kreise rum und beleuchten den
Tanz
    Battany ist ganz starr
    Der Tanz ist berauschend
    Wein wird herumgereicht
    Ein Sufy setzt dem arabischen Astronomen auseinander wie viele Millionen
von Käfern und Schmetterlingen bei solchem Lampenfest einen qualvollen Tod
finden  wie viele kleine feine Flügel dabei verbrannt werden
    »Ein ewiges Sterben« meint der Sufy »geht durch die Natur Der Tod ist
überall da Und man wird nur geboren um qualvoll leidend den Tod zu finden 
man stirbt eigentlich vom ersten Augenblick seiner Geburt an Deshalb sollen wir
keine Kinder zeugen die Frauen nie berühren Das Heiligste was wir tun können
ist das was die Menschen dies nicht kennen das Unnatürliche nennen  während
dieses Unnatürliche doch grade den feiner entwickelten Menschen als Pflicht von
der leidenden Natur auferlegt wird Hier hast Du den Kernpunkt aller Religionen
Erinnre Dich nur an die Ssabier«
    Battany hört nicht hin
    Er ist berauscht von den Bajaderen die verwirren ihn
    Und in ganz außerordentlicher Erregung wandelt er nachdem der Tanz vorüber
mit den andern Gästen des indischen Nabobs zu dem Schauspielhause in dem ein
Schauspiel von dem fein gekleideten Inder aufgeführt wird der so fein von der
Empfindlichkeit und der Qual aller Gebildeten zu sprechen wusste  und den
Battany auch nicht verstand 
    Den Gästen wird mit Riesenfächern kühle Luft zugewedelt
    Ein Festzug bewegt sich zum Schauspielhause hin  prächtige dicke Elephanten
schreiten würdevoll voran
    Und die goldenen und silbernen Gewänder der Inder glitzern im Fackelschein
    Die Waffen der Araber glitzern ebenfalls
    Ein fürstlicher Kleiderprunk macht sich protzig breit
    Die Blumenmädchen leuchten mit ihren Fackeln
    Die Sängerinnen singen
    Der Vollmond steht am Himmel in trüben Dunstwolken dicht über Benares in
dem die Pest wütet der stündlich Hunderte von Menschen zum Opfer fallen
    Der heilige Ganges fließt langsam und träge auch an den Gärten des großen
Nabobs vorbei in dessen Reich die Pest nicht eindringt
                            
    Kodama jedoch  der sitzt in Mekka und freut sich anders seines Lebens als
der Battany
    Kodama isst Mekkas beste Rindskeulen auf und trinkt roten Wein dazu 
eimerweise
    Dem dicken Geographen ist in Mekka so recht behaglich zu Mute In jedem
Weinkeller ist der Dicke Stammgast
    Und es gibt sehr viele Weinkeller in Mekka
    Die christlichen und jüdischen Weinwirte sprechen von Kodama mit einer
Hochachtung  fast mit derselben mit der Battany vom griechischen Dionysos
spricht
    Der gemütliche Dicke geht auch gern auf Abenteuer aus  denn den ganzen Tag
und die ganze Nacht nichts Anderes tun als Trinken Schlafen und Essen  das
geht ja nicht
    Und wenn der große Herr aus Bagdad mit den schönen schwarzen Pluderhosen
mit dem kurzen Sammetrock und dem gelben Turban  mit seinem ganzen schweren
Leibe und mit dem glänzenden braunen Mondgesicht auf Abenteuer ausgehen will so
wendet er sich zunächst in die große Moschee in der einst der Prophet so gern
zu weilen beliebte
    In der Moschee befinden sich nämlich stets einige hübsche Mädchen die vor
Liebesgram vergehen möchten Diese Mädchen liebt der dicke Kodama
    Er mag sie nämlich so gern trösten
    Um das zu können nimmt er sie mit in den tiefen Weinkeller der nicht
allzuweit ab von der Kaaba liegt
    Und beim Weine müssen ihm die Mädchen alle ihre Liebesgeschichten erzählen 
wie sie verführt verraten belogen betrogen und verlassen wurden  Alles ganz
genau
    Diese Geschichten sammelt der Dicke
    Bei Allah  das macht ihm Spaß  darüber kann er ordentlich lachen
    Siegelringe und bunte Glasfläschchen sammelt der Dicke auch
    Der verstehts sich die Zeit zu vertreiben
                            
    Der alte Jakuby sammelt natürlich auf seinen Reisen derartige Nichtigkeiten
durchaus nicht  der macht sich nur überall Notizen über die wichtigeren
Zustände und Angelegenheiten der Länder und Städte durch die ihn sein Pfad
führt 
    Bereits ist der Alte wieder durch ganz Nordafrika gewandert bis zu den
Ruinen von Kartago
    Er hat diesmal verschiedene Kriegszüge mitgemacht  und dabei auch mit
großer Unerschrockenheit seine Notizen niedergeschrieben  mitten im Krachen der
Damascenerklingen beim Wiehern der Rosse und beim Fluchen der arabischen
Hauptleute die mit den störrischen Wüstensöhnen Nordafrikas sehr grausam
umgingen
    Doch das Blutfliessensehen ist der alte Geograph nun müde geworden Er segelt
mit einem Seeräuberschiff nach Sizilien Vorzüglich hat ers verstanden vor den
Seeräubern arm und gebrechlich zu erscheinen
    Jakuby ist ein kühner und gewandter Mann
    Er begibt sich gleich nach Palermo schließt Freundschaft mit den dort
lebenden arabischen Gelehrten denen er von Bagdad wie von einem Weltwunder
erzählt und  beobachtet dann mit seinen neuen Freunden den ÄtnaAusbruch der
stattfand als die Christen das Jahr 894 schrieben
    Von der Gesellschaft der lauteren Brüder erzählt Jakuby natürlich so viel
dass sich verschiedene seiner Freunde schließlich auch als lautere Brüder
betrachten
    Jakuby ist ein ganz vorzüglicher Apostel wenn auch zuweilen seine
Einzelheiten recht lächerlich wirken
    Er weiß immer alles schnell zu erklären
    Aber was er sagt  ist fast immer falsch  oft reiner Unsinn
    »Hör nur dieses« meint an einem Abend einer seiner neuen Freunde als
wieder ein gewaltiger dunkelroter Feuerstrom wie eine Riesensäule in den Himmel
hinaufsprjetzt »hör nur dieses Jakuby Wo kommt all das Feuer her«
    Und auf diese Frage weiß Jakuby zunächst gar keine Antwort zu finden
zuletzt behauptet er dass sich im Innern des Kraters Wasserdampf mit Schwefel
mische und sich dadurch entzünde 
    Diese Behauptung fördert natürlich gleich einen kräftigen gelehrten Zank zu
Tage  denn die Gelehrten von Palermo kennen die Stoffe der Erde viel besser als
Jakuby
    Der Alte ärgert sich dass man ihn widerlegt und ganz unverhohlen zu
verspotten wagt
    Ja  Jeder hat so sein Leid zu tragen
    Und der feuerspeiende Ätna war doch so berauschend großartig  die Erde
zitterte der Himmel füllte sich mit mächtigen Rauchwolken glühende Felsen
stürzten aus dem Himmel heraus ins Meer und versanken dort mit fürchterlichem
Gezisch
    Die Feuersäule des Kraters erleuchtete ganz Sizilien  Funkenasche fiel
dabei langsam herunter
    Zum Donner in der Tiefe gesellte sich der Donner in den Lüften die von
grellen Blitzen fortwährend durchzuckt wurden
    Die Rauchwolken verdunkelten zuweilen die Feuersäule  die kam jedoch immer
wieder zum Vorschein  was sehr unheimlich wirkte da sonst nur Blitze die
Gegend erhellten
    Jakuby machte sich viele Notizen  er ging dem feuerspeienden Berge so nahe
auf den Leib dass ihn seine Freunde verließen
    Gegen Morgen schlug ein brennender Stein der blitzschnell zur Erde
niederfiel dem kühnen Gelehrten zwei Finger von der linken Hand ab
                            
    Abu Hanifa der in einem Dorfe Südarabiens weilte kam auch mit harten
Steinen in nähere Berührung
    Indes  das war freiwillig und schmerzlos
    Der junge Abu Hanifa war nämlich nicht bloß Historiker er beschäftigte sich
auch mit allen andern Wissenschaften  besonders gern mochte er die
verschiedenen Steinarten der Wüste untersuchen  deshalb reiste er auch in
Südarabien  und kam dort mit harten Steinen in nähere allerdings schmerzlose
Berührung 
    Osman ist über diese Sammelei nicht sehr froh da in Südarabien nur wenig
Menschen leben die für den Weltbund der lauteren Brüder in Frage kommen  von
Steinen versteht Osman nichts
                            
    Der Trunkenbold Hamadany lebt in Byzanz und vertrinkt dort den Rest seines
väterlichen Erbteils
    Hamadany zecht in Byzanz immer allein
    Das versteht der ganz vortrefflich
    Er mietet sich abends eine Gondel und lässt sich hinausfahren aufs Meer 
aber nicht zu weit fort  sodass er immer noch die große Stadt mit ihren Hügeln
und Tempeln sehen kann
    Und wenn er dann so allein in seiner Gondel liegt dann trinkt er und blickt
in die Sterne in den Mond aufs Wasser auf die herrliche Stadt und  und 
arbeitet
    Er arbeitet allerdings in eigentümlicher Art
    Er ist ein sonderbarer Geograph
    Er will aus der äußeren Form eines Landes die Schicksale dieses Landes
herauslesen
    Die Landschaft sagt ihm alles
    Die Menschen sagen ihm nichts  denn die hasst er
    Wenn die Sonne aufgeht ist Hamadany immer berauscht und er redet sich ein
dass er in diesem Morgenrausch das mächtige Byzanz besser kennenlerne als alle
andern Geographen
    Morgens flutet gewöhnlich ein weiches rötliches Licht über die alte Stadt
ihre Tempel sind umhüllt von weichen Nebeln die in zarten matten Farben 
hellblauen rosatönigen und gelblichen leuchten 
    Dem Hamadany kommt Byzanz des Morgens wie ein verlockendes Märchenland vor
in dem Wunderlampen brennen und verwünschte Prinzen wohnen  feine Feenpaläste
ringsum
                            
    Indes  der große Philosoph Abu Hischam wanderte zu Fuß durch ganz Persien
    Als er aber nach Samarkand gekommen blieb er in Samarkand viel länger als
ers nötig hatte
    In Samarkand traf er nämlich gute alte Jugendfreunde und die tranken sehr
gern
    Da nun Abu Hischam eine lustige Gesellschaft über alles liebte  so blieb er
in dieser lustigen Gesellschaft
    Die Stadt gehörte ja seit mehr als sechzig Jahren den Arabern und es fehlte
da an nichts
    Namentlich an einer Sache war kein Mangel  an Wein fehlte es nicht
    Und die Frauen von Samarkand fühlten sich sehr verlassen da alle Männer
beim Weine Weib und Kind in rücksichtsloser Weise vergaßen
    So durfte man sich nicht wundern dass Abu Hischam allabendlich seine
Zecherei durch einen Gesang einleitete der in Samarkand seit Jahr und Tag bis
zur Erschöpfung gesungen wurde  in den jeder Mann mit Begeisterung einstimmte
sobald er Wein vor sich hatte
    Es war »der freie Rundgesang« von Samarkand den Abu Hischam so sehr liebte
 so sehr dass er niemals trinken konnte wenn er diesen freien Rundgesang nicht
beim ersten Becher gesungen  die Strophen gingen nämlich also
»Wohl dem der frei von Weib und Kindern
Sein Leben froh vertrinken kann 
Der muss der Menschheit Leiden lindern 
Der ist ein guter freier Mann 
Der lebt im Sturm und Sonnenschein
Gemütlich in den Tag hinein 
Der hat verjubelt alle Pein
Und darf auf Erden selig sein«
Der dicke Osman hörte davon glücklicherweise nichts  sonst wäre er sehr böse
gewesen
                            
    Im Mondtempel zu Hauran wird jedoch ein Brief des Tabit ibn Quorrah
abgegeben
    Der Brief der in Bagdad in der Chalifenburg geschrieben ist hat folgenden
Wortlaut
Meine heissgeliebten Freunde
    Ihr denkt schlecht von mir und glaubt ich möchte Euch schaden Das will ich
aber nicht Ich will Euch nur warnen Die Priester im Mondtempel zu Hauran haben
nicht mehr dieselbe Macht wie einst als unsre Vorfahren noch in Babylon lebten
Babylon zerfiel und unsre Zeiten sind andre Vor ein paar hundert Jahren
durften sich Haurans Priester noch anders schützen als jetzt Wie der römische
Chalif Karacalla nach Hauran wollte haben ihn Haurans Priester in der Wüste
ermordet Heute dürfen Haurans Priester nicht mehr morden  vergesst das nicht
In Bagdad ist man misstrauisch Hütet Euch drum vor neuen Freunden Hütet Euch
vor den lauteren Brüdern Der Dichter Safur weilt in Ägypten Er gehört auch zu
den lauteren Brüdern Warnt die Ägypter Warnt die Ägypter Safur ist neugierig
und schwatzt gern
    Mit den glühenden Küssen der Freundschaft
                                                             Tabit ibn Quorrah
Die sieben Priester der Ssabier sind bestürzt  Tschirsabâl besonders
    Man spricht aber nicht weiter über den Brief sondern sendet Boten nach
Ägypten die den Safur suchen und beobachten sollen
    Und dann gehen die Priester wieder an ihre Arbeit  sie bereiten ein großes
Fest vor bei dem im Tempel ein Schauspiel vorgeführt werden soll  eins mit
Falltüren verdeckten Lichtern und verdeckten Spiegeln  mit Geistern und
Wundertaten  mit Tod und Schrecken  mit Donner und Blitz
                            
    Der Dichter Safur klettert während dieser Zeit auf eine große ägyptische
Pyramide die nicht weitab von Kairo wie eine Riesenburg daliegt von deren
Spitze aus Safur in die große afrikanische Wüste hineinschauen kann
    Safur hat toll gelebt und alles Mögliche mitgemacht
    Er genoss das Leben in vollen Zügen  aber nicht so wie Kodama  anders  mit
der steten Sucht den einzelnen Genuss zu verfeinern
    Er betete mit schwärmerischen ägyptischen Heiden die Engel an die in den
Pyramiden wohnen sollten
    Nachts wurden die Engel angebetet
    Er lebte mit diesen Ägyptern fast immer zusammen denn er wollte von ihnen
wissen ob er nicht mal die Engel der Pyramiden mit eigenen Augen schauen könnte
 so wie man seine Mitmenschen mit eigenen Augen schaut
    Er unterhielt sich mit den Ägyptern nur von der Geisterwelt
    Und die Ägypter machten dem Dichter klar dass die Geister nur in den uralten
Denkmälern der Vorzeit hausen könnten  in den alten großen Pyramiden
    »Einen Geist« sagten die Ägypter »kannst Du allerdings mit eigenen Augen
schauen  der Geist ist aber versteinert  die große Sphinx  die kannst Du
schauen mit Deinen Augen anbeten«
    Und mit weisen Ägyptern und mit vielem Volk geht Safur in einer Mondnacht
hinaus zur Sphinx und betet die Sphinx an
                            
    Die Andächtigen liegen vor der großen Sphinx auf den Knieen
    Fackeln und Lagerfeuer flackern ringsum zum Himmel auf
    Safur genießt den großen Augenblick in tollster Verzückung er starrt in das
riesenhaft in den Sternenhimmel hinaufragende Sphinxhaupt mit glühender Inbrunst
hinein
    Und er betet die Sphinx an  lange  länger als die Andern  sieht nichts
von den Prozessionen  hört nichts von den Gesängen der Priester die in stiller
Mondnacht heimlich hier ihren  Götzendienst verrichten
    Safur betet und genießt seine Seligkeit wie feurigen Wein ihm ist als
könne er sich dem überirdischen Wesen körperlich nähern
    Er will die Sphinx umarmen  denn er will den Genuss  immer wieder den Genuss
 den höchsten  jeden
    Er sagt sich
    »Wozu wollen die Menschen mehr als den Genuss Wozu Immer wollen sie drüber
hinaus und sie können doch nicht  ich auch nicht  darum lieb ich die Sphinx
ich liebe die große Sphinx als wär sie ein Weib  auch wenn sie noch viel
größer wäre  ich säh in ihr das Weib doch«
    Und Safur breitet die Arme aus und starrt in das steinerne Antlitz in dem
alle Rätsel der Welt ihre Spuren hinterliessen
    Und Safur sieht plötzlich  wie der Sphinx zwei schwarze riesige Flügel
wachsen  wie sie davonfliegt  hinweg  in den Himmel hinein
    Und Safur schreit auf denn er hat plötzlich das Gesicht der Sphinx  anders
gesehen    die Sphinx ist seine Dschinne  die Dschinne die er zuerst bei
der Sareppa sah
    Dem Dichter schwindet das Bewusstsein
                            
    Als er wieder erwacht liegt die riesige Sphinx so ruhig da wie vor tausend
Jahren  rührt sich nicht
    Aber die Sphinx ist nun doch dem Dichter eine steinerne Dschinne geworden 
das große Wüstenweib dessen Leib zusammenwuchs und eins ward mit dem Löwen auf
dem das Wüstenweib einst als wilde Dschinne durch die Wüste ritt  durch die
heiße große Wüste
    Die Lagerfeuer flammen flackernd höher als erwachten auch sie wieder
    Safur betet an  das Weib das er lieben kann  das er lieben will  das er
lieben muss  die große steinerne Dschinne  seine Dschinne
 
                              Siebzehntes Kapitel
Als die lauteren Brüder nach und nach wieder in Bagdad zusammenkamen  hatte
sich Vieles verändert
    Die Christen schrieben schon das Jahr 895
    Abu Maschar der sehr einsam auf dem Mittelturm der alten Sternwarte lebte
sagte wohl noch immer »In dieser Welt verändert sich nichts alles wird nach
tausend Jahren genau so gut und genau so schlecht sein  wie heute«
    Aber trotzdem  Vieles hatte sich in Bagdad doch verändert
    Besonders der alte Geizhals Said ibn Selm war ein ganz Andrer geworden
    Er war nämlich ein  Bettler geworden
    Und da konnt er nicht mehr geizig sein  nein  nein
    Der arme Said
    Nun war er wirklich arm
    Das kam so
    Wie die lauteren Brüder in die Welt zogen befand sich die Chalifenburg in
heftigster Aufregung  den Hofleuten wackelte der Kopf  und sie wussten nicht
was sie vor Angst machen sollten
    Der Zorn des verrückten Chalifen musste unter allen Umständen auf eine Sache
abgelenkt werden die mit den Hofleuten nichts zu tun hatte
    Die plötzliche Flucht der Brüder berührte daher bei Hofe sehr peinlich  und
 und man sann auf Rache
    Hätte man dem Abu Maschar an den Kragen gekonnt  man hätts gleich getan
    Doch den großen Propheten liebte und schützte das Volk  die arabischen
Hauptleute und ihre Untergebenen waren nicht zu bewegen in die Sternwarte zu
dringen
    Um den Koran kümmerte man sich sehr wenig eine Moschee hätte keinen
Heiligen vor den Soldaten geschützt  doch die Sternwarte flößte viel mehr
Achtung ein  dem großen Abu Maschar wich das Volk scheu aus  die Soldaten erst
recht  die hatten sogar eine höchst abergläubische Furcht vor den Sterndeutern
    Der alte Suleiman war keine Persönlichkeit die nach was aussah
    Und Osman hatte viel zuviel Freunde in der Burg  er verschafte den
Hofleuten so manchen Vorteil und pflegte stets sehr freigebig zu sein
    Daher blieb nur der alte Geizkragen Said ibn Selm an dem man sein Mütchen
kühlen konnte
    Das geschah natürlich  Said hatte Alles auszubaden
    Fünf Hauptleute mit hundert bis an die Zähne bewaffneten Soldaten drangen in
Saids Haus verwüsteten alles und raubten was sie konnten
    Nur die Tarub behandelte man glimpflich
    Man erlaubte ihr alle Küchengeräte mitzunehmen  und auch ihre Ersparnisse
durfte sie mitnehmen
    Suleiman hatte vorher sein Schäfchen ins Trockne gebracht  er hatte dem
Said sämtliche Schmucksachen gestohlen
    Die Soldaten steckten schließlich alles was sie nicht mitnehmen konnten in
Brand und hätten auch den Said verbrannt wenn der nicht so schrecklich
geschrien hätte
    Man ließ Said laufen  allerdings  splitternackt
    Mitleidige alte Leute schenkten dem alten Geizhalse ein paar alte Lumpen
mit denen er sich notdürftig bekleiden konnte
    So gings einem der reichsten Männer von ganz Bagdad
    Die fünf Hauptleute mit ihren hundert Soldaten füllten ihre Taschen mit
blankem Golde  bis zum Rande
    Und der Chalif freute sich sehr als er das hörte  die Hofleute gleichfalls
 denn die wussten die Soldaten würden schon dankbar sein wenns nötig sein
sollte
    Die Abla und die Sailóndula wurden von Osman aufgenommen der freute sich
auch
    Die Tarub mietete sich eine Küche in der langen Straße
    Die Küche lag in einem kleinen Gartenhause das von dem Besitzer nicht
benutzt wurde hinter großen Bananen lags
    Als Safur nach Bagdad zurückkehrte ward ihm die Tarub feierlich von Osman
geschenkt
    Safur wollte ja die Tarub schon immer so gern geschenkt haben
    Jetzt hatte er sie  und er war ihr Herr  und sie war seine Sklavin
    Die Sache hatte natürlich manchen Haken
    Der Dichter konnte sich nicht gleich in seine neue Lage finden
    Es hatte sich in Bagdad doch recht viel verändert
    Es war so als wenn überall was zerrissen wäre  überall so was Zerrissenes
    Die Fäden mit denen die Menschen aneinander gebunden sind sind viel
dünner als man gemeinhin denkt  zerreißen so leicht und sind so schwer wieder
zusammenzuknüpfen
    Es ist daher auch garnicht verwunderlich dass  als sich bei Osman der
Kodama der Safur und der Hamadany wieder mal nach fast zwei Jahren »guten Tag«
sagen  die Einigkeit dieser vier lauteren Brüder eine bemerkenswerte Störung
schon in der ersten Stunde des neuen Zusammenseins erleidet
    Safur spricht von Ägypten  vom Lande der Pyramiden  vom Lande der Sphinx
    Und er spricht auch von dem was die ägyptischen Heiden von der Weltseele
lehren
    Er teilt dem Osman die Namen von mehreren ägyptischen Gelehrten mit die
größere philosophische Werke geschrieben haben
    Osman ist darüber sehr erfreut und schreibt sich die Namen sorgfältig auf
er will sich sofort mit den Ägyptern in Verbindung setzen
    Osman kann garnicht genug Bücher herausgeben
    Safur aber spricht weiter von der Weltseele  von der Viereinigkeit und von
der Dreieinigkeit  von Raum und Zeit  von Geist und Stoff  von Plato  und
von Pythagoras  von der Zahlenmystik  und vom Überirdischen
    Hamadany und Kodama hören eifrig zu
    Indessen  sie können bald nicht mehr dem Dichter folgen  von der Weltseele
verstehen sie sowieso nichts
    Es ist daher ganz erklärlich dass sie bald dem begeisterten Safur erklären
er würde unklar
    Der Dichter der von Dingen sprach die er selbst nicht mal ordentlich
begriffen hatte ist natürlich höchst empört dass man ihm Unklarheit vorwirft 
er ist wütend
    Er merkt jedoch noch rechtzeitig dass der Vorwurf seiner Freunde nicht ganz
ungerechtfertigt genannt werden könne  und legt demnach sehr geschickt
folgendermaßen los
    »Freilich Klar soll ich sein Natürlich Die Dinge von denen ich rede
sind ja auch so einfach und klar dass es gar keine Mühe macht  klar  klar über
diese Dinge zu reden Freilich Natürlich Ein Hammelbraten ist immer was Klares
für Euch  die Weltseele und der viereinige Gott muss deshalb auch klar für Euch
werden
    Bei Allah merkt Ihr denn nicht  wisst Ihr denn nicht dass die Leute die
immer nur das Nächstliegende  das Erreichbare  im Auge haben ohne große
Umstände klar sein können  dass diese einfachen Leute diese bäurischen Tölpel
sich immer klar werden müssen Und wisst Ihr nicht dass andrerseits diejenigen
die in die tiefsten Tiefen der Welträtsel dringen möchten sehr selten klar sein
können In jedem feineren Kopfe der stets zu denken gewohnt ist ist die ganz
abgeschlossene Klarheit nicht so was Alltägliches Die Tarub allerdings wird
immer ganz klar sprechen weil sie nur das Nächstliegende  Erreichbare  haben
will Safur der dem Unerreichbaren nachjagt kann leider nicht immer so klar
sein Aber  bei Allah  seid Ihr nicht mehr als Tarub Warum nennt Ihr Euch
denn nicht Tarub Warum nicht Dummköpfe sind sich immer klar Das Rhinoceros
das im Nile zu baden pflegt hat ohne Zweifel den klarsten Kopf  weils das
dümmste Tier der Welt ist Das Rhinoceros denkt über die Weltseele nicht nach 
Tarub wird das auch nicht tun  Warum werft Ihr mir denn mit solcher
Erbitterung fortwährend immer wieder und wieder von Neuem Unklarheit vor 
warum warum Soll ich auch Tarub werden wie Ihr Ich wills nicht«
    Oh  Safur ist furchtbar böse seine Stirn zeigt fast tiefere Falten als das
Fell des ältesten Nilpferdes
    Und dabei zittert der ganze Dichter  wie eine Pappel durch die der Wind
fährt
    Osman lächelt und sagt milde
    »Lieber Safur sei nur nicht so grob Es widerspricht Dir ja Niemand Du
musst nicht immer gleich so aufbrausen«
    Zu den Andern aber sagt der dicke Schreiber »In dem Safur steckt was Was
er sagt klingt gewöhnlich ganz toll  aber etwas Wahres pflegt doch dahinter zu
sein«
    Durch diese Äußerung fühlt sich der Dichter sehr geschmeichelt und wird
ruhiger
    Wie das der dicke Kodama merkt fordert er die drei Brüder auf mitzukommen 
in den nächsten Weinkeller
    Hamadany und Safur folgen dem Dicken
    Osman bleibt jedoch nachdenklich zurück  auf seinem kühlen mit Fliesen
gepflasterten Hof  neben dem plätschernden Springbrunnen
    Unter den Arkaden an den vier Seiten des Hofes liegen die besten Bücher die
je mit arabischen Worten geschrieben wurden fein säuberlich in ihren Rollen 
in ihren Schubfächern  übereinander  so wie in Ägypten die Mumien der toten
Könige übereinander liegen 
    Inzwischen will Kodama im Weinkeller hören welche Liebesabenteuer der Safur
in Ägypten erlebte
    Die drei lauteren Brüder sitzen auf weichen Ziegenfellen mit einem
Parsenpriester zusammen um einen dicken Weinschlauch rum  der christliche Wirt
schenkt fleißig immer wieder die Becher voll
    Safur hört nicht auf den dicken Kodama sondern redet noch immer von der
Bedeutung des Unerreichbaren Hamadany stimmt ihm jetzt eifrig bei und
behauptet dass er auch nur das Unerreichbare erreichen möchte
    Kodaman wird natürlich die Geschichte langweilig
    Der Parsenpriester schweigt wien Alter
    Der dicke Geograph ruft endlich sehr laut mit seiner vollen wohltönenden
Stimme
    »Safur nun erzähl uns Welches Weib liebtest Du in Ägypten Welches Weib«
    »Die Sphinx« erwidert der Dichter
    »Sehr gut mein Sohn« sagt da lachend der Dicke
    Und der Dichter erzählt von der Sphinx erzählt dass er nur ein
unerreichbares Weib lieben könnte  ein überirdisches  einen Wüstengeist  eine
wilde Dschinne  seine SphinxDschinne
    Kodama freut sich wie ein kleiner Trutahn  solche Art von Liebe ist ihm
noch garnicht vorgekommen
    »SphinxDschinne« ruft er immer wieder  trinkt dabei  und lacht als wenn
er sich totlachen möchte
    Hamadany glaubt den Dichter zu verstehen
    Kodama erklärt zwar den Safur für verrückt  man verträgt sich aber
trotzdem
    Die Zecherei wird sehr lustig
    Der Parsenpriester geht ernst fort
    Der Hamadany lallt noch was von Byzanz und schläft dann selig ein
    Der Dicke und der Dichter schwanken wie sie nicht mehr trinken mögen in
sehr redseliger Stimmung nach Hause durch die lange Straße
    Safur redet fortwährend von der Dschinne die nicht lebt und die er trotzdem
liebt  immer dasselbe
    Kodama lacht ohn Unterlass dass die lange Straße dröhnt und zittert
    Ein Cinaede der früher zu den Tofailys gehörte hat das Gespräch gehört 
und versperrt nun plötzlich den beiden lauteren Brüdern den Weg
    Die Brüder stutzen und denken der Cinaede will Geld haben Doch der hält
eine wohlgesetzte Rede
    »Ihr gelehrten Männer« sagt er in bestem Arabisch »Ihr glaubt immer so
schrecklich klug zu sein Aber in manchen Dingen seid Ihr unerfahrener als ein
unschuldiges Mädchen Das Nächstliegende seht Ihr nicht Immer nach dem Fernen 
nach dem Unerreichbaren strebt Ihr Dschinnen wollt Ihr lieben und Ihr wisst
nicht einmal weshalb Ihr die Dschinnen lieben wollt Ihr habt noch viel zu
wenig Weiber kennen gelernt daher wollt Ihr solche Weiber haben die keine
Weiber sind Ihr habt Euch wenn Ihr verliebt wart viel zu oft nur die Weiber
vorgestellt  statt Ihnen ordentlich nachzustellen Ihr glaubtet zu oft auf die
Weiber verzichten zu können  und seid drum zu Narren geworden Mit der Kraft
seiner Schenkel  nicht mit der Kraft seines Gehirns soll der Mann lieben Das
Gehirn ist zum Lieben viel zu schade Das ist der Grund weshalb Ihr das
Unerreichbare wollt  weshalb Ihr nach Weibern lüstern seid dies niemals gab
und niemals geben wird Liebt die Weiber die auf Erden leben sonst werdet Ihr
verrückt Seid nicht so geizig wie Said ibn Selm Gute Nacht«
    Und der Cinaede bog in die nächste Seitengasse  schwankend
    In der nächsten Seitengasse gingen im Schatten der Mauer andre Cinaeden mit
ihren Dirnen in den dunkelsten Stadtteil in dem man mehr seine Börse als sein
Herz in Acht nehmen musste
    Kodama lachte nicht mehr meinte nur väterlich mahnend zu Safur
    »Sieh lieber Freund der Cinaede hatte garnicht so ganz unrecht
Verstandest Du ihn Er war einst nicht ungebildet«
    »Ich verstand ihn« versetzte Safur
    Schwankend gingen die Beiden weiter
    Sie schwiegen
    Durch die lange Straße kamen Tofailys näher  die trugen auf einer Bahre
einen toten Ochsen  auf der Brust eines jeden Tofaily leuchtete eine kleine
grüne Lampe
    Die Tofailys wurden immer üppiger sie verspotteten die Religion die Welt
und alles andre
    Sie feierten in dieser Nacht ihr Ochsenfest
    Feierlich trugen sie durch die lange Straße  einen toten Ochsen
 
                              Achtzehntes Kapitel
Viele viele weiße Störche flogen langsam über den Karawanenplatz  die lange
Straße hinunter  über den Tigris  nach Norden
    Und Safur stand mitten auf dem Karawanenplatz und sprach mit Said ibn Selm 
dem alten verlumpten Bettler
    Said redete wirres Zeug  von großen Geschäften  von Geldverdienen 
Ehrlichkeit  Treue  von goldenen Sternen und von goldenen Pferden  von
goldenen Herzen und von goldenen Kleidern
    Den Dichter schmerzte das wirre Gerede
    Er wandte sich ab und dachte an seine Tarub
    Ja  jetzt hatte er sie Seine Sklavin war sie und er war ihr Herr
    Er seufzte tief  wenn er nur gewusst hätte was er jetzt mit seiner Tarub
anfangen sollte
    Ihm ward die große Köchin »geschenkt«  aber was hatte er davon
    Jetzt hatte er nichts mehr davon  nur Ärger Zank und  und  es war kaum
zum Aushalten
    »Wohl dem der nie ein Weib geschaut 
    Der fährt niemals aus seiner Haut«
    Also reimte schwach lächelnd der große Dichter ders jetzt täglich
verwünschte dass er aus Ägypten zurückkehrte nach Bagdad der Stadt der Qual 
    Safur war für Bagdad jetzt wirklich ein  »großer« Dichter da man Großes
von ihm »erwartete«
    Osman hatte ihm ganz ernstaft mitgeteilt dass er fünf neue Schreiber
anstellen würde wenn er was von Safur herausgeben könnte
    Doch Safur schrieb weniger denn je
    Er redete nur von einem großen Dschinnengedicht das er mal in
vierundzwanzig großen Gesängen feierlichst der Welt überreichen wollte
    Aber es wurde nichts draus  wie gewöhnlich
    Safur dachte immer erst ans Genießen
    Eine anstrengende Tätigkeit hatte nur dann für ihn einen Reiz wenn er genau
wusste dass aus dieser anstrengenden Tätigkeit ein großer kräftiger Genuss
herauswachsen würde
    Wusst er das nicht vorher so ging er der Anstrengung aus dem Wege  denn für
ihn gabs nur ein einziges Endziel des Lebens  und das Endziel hieß Genuss
    Leider wurde das Leben in Bagdad immer ärmer an Genüssen
    Der Chalif Mutadid war längst tot doch unter seinen Nachfolgern wurde
nichts besser
    Der rasch in kaum zweihundert Jahren erworbene  eroberte  Reichtum ging
ebenso schnell  noch schneller  wieder zu Grunde
    »Nur was alt wird  hat Lebenskraft Und alt wird nicht was gleich am
Anfange mit wüstem Ungestüm auftritt«
    Also sprach der weise Philosoph Abu Hischam als er vor Safur sich
verteidigte
    Der Philosoph hatte grade in dem Augenblicke den Dichter getroffen als
dieser mitten auf dem Karawanenplatze die Fäuste zitternd gen Himmel hob und
laut ausrief
    »Tarub erbarme Dich«
    Das sah und hörte sich natürlich sehr putzig an
    Deshalb gingen auch die Beiden schleunigst in die große Teestube zu den
chinesischen Teemädchen allwo auch Hamadany und Abu Hanifa weilten
    Als Abu Hischam zum Tee auch einen vorzüglichen südkaukasischen
Kräuterschnaps bestellte da nahm das der Dichter garnicht gut auf warf
vielmehr dem lustigen Philosophen liederlichen Lebenswandel und Lauheit in
Betreff des Bundes vor
    Und dagegen verteidigte sich der Abu Hischam mit den vorhin angeführten und
ähnlich klingenden Sätzen  in Samarkand war der große Apostel mit der
armenischen Pelzmütze gemütlich geworden  urgemütlich Zumeist dacht er nur ans
Festefeiern  am liebsten hätt er jeden Tag die Gründung der Gesellschaft von
Bagdads lauteren Brüdern mit Mut und Durst von Neuem gefeiert
    Was doch aus mancher Gesellschaft werden kann  man sollt es kaum für
möglich halten
    Und wie die vier Brüder wieder zuviel getrunken haben klagen sie wieder
über die entsetzliche Geldklemme in der sie sich befinden
    Es ist zum Erbarmen
    Ein Teemädchen will den Abu Hischam mitleidig ans Herz drücken doch der
wills nicht dulden er singt brüllend »das Abschiedslied des Beduinen« das im
Jahre 895 in allen Bagdader Tingeltangeln gesungen wurde  natürlich bis zur
Erschöpfung  so
»Mein Herz gehört der Welt
Kein Weib mir mehr gefällt
Ich lieb nicht mal das Geld
Ich liebe nur die Welt
Mein Herz gehört der Welt
Kein Weib mir mehr gefällt«
Und das immer wieder noch mal
    dabei gelangten die Vier allmählich in die lange Straße in der man an
Gesang schon gewöhnt war
    Wie Safur zur Tarub kommt gibts selbstverständlich wieder einen Höllenlärm
    Töpfe fliegen dem Dichter nicht an den Kopf denn sie sind der Tarub jetzt
zu kostbar  aber Schimpfworte hagelts  unglaubliche Schimpfworte
    Der Dichter ist erst geknickt durch die Rohheit  durch die Gemeinheit
seiner berühmten Köchin  dann jedoch packt ihn der Grimm
    Und er fasst seine Tarub fest an umklammert wütend ihren Hals rollt mit den
Augen knirscht mit den Zähnen keucht und stöhnt
    Indes die Tarub schimpft nun erst recht
    Da kann er sich nicht mehr beherrschen
    Er würgt sie plötzlich mit aller Kraft
    Sie will sich frei machen
    Und dabei stürzen Beide hin
    Tarub schlägt sich ein Loch in den Kopf
    Das fliessende Blut bringt den Dichter wieder zur Besinnung  und er möchte
sich gleich selber den Kopf einrennen
    Er schreit vor Angst wäscht ihr die Wunde mit Wasser aus weint und
zittert bittet seine Tarub um Verzeihung fleht wie ein Kind kniet vor ihr
küsst ihr die Hände den Mund die Augen die Stirn bittet in herzzerreissender
Weise nennt sie wieder »Bärchen Liebes Bärchen Mein guter Bär«
    Na  und dann wird wieder alles gut
    Sie sagt nur zuletzt weinend
    »Nein lange halt ichs nicht mehr aus So gehts nicht weiter Es muss anders
werden«
    Er sagt »Ja ja  es wird schon anders werden«
    Doch das ist nur so hingeredet
    Die Verhältnisse werden noch immer schlechter
    Tarubs Ersparnisse gehen zur Neige
    Und daran hat nicht bloß der Safur Schuld
    Abu Hischam Abu Hanifa und Hamadany sind auch sehr oft bei Bagdads
berühmter Köchin
    Und die ist sehr gutmütig sie gibt Jedem zu essen soviel er will Sie ist
so daran gewöhnt für Viele zu kochen dass sie garnicht bemerkt wie unklug ihr
verschwenderischer Haushalt ist
    Safur sagt natürlich nie ein Wort
    Er hört nur jeden Tag geduldig an wie sie auf die ganze Welt schimpft
    Sie weiß nie wo das Geld bleibt  und Safur muss immer neues Geld
auftreiben
    Das tut er auch  aber wie
    Sie gibt ihm jeden zweiten Tag ein paar Tassen ein paar Messer oder ein
paar Töpfe  und mit diesen Dingen muss der Dichter zum Trödler wandern
    Manchmal bringt Abu Hanifa ein paar Gänse mit Hamadany bringt Fische Abu
Hischam Wein
    Doch wenn diese Leute mal was mitgebracht haben so gehts auch gleich hoch
her und schließlich setzt die Tarub doch immer zu
    Der geizige Kodama kommt auch zuweilen  und bezahlt dann alles was
gegessen und getrunken wird  doch bares Geld gibt er nicht  er hält das nicht
für richtig seinen Freunden bares Geld zu geben  die verstehen nach seiner
Meinung nicht mit barem Geld umzugehen  es ist kostbar
    An einem Tage gibts Pasteten  am andern trocknes Brot  manchmal nicht mal
das
    Safur soll Geld verdienen  das sagt ihm sein Bär jeden Tag Der Dichter
verzweifelt
    Er soll zu den Tofailys gehen  ist aber nicht dazu zu bewegen  lieber lässt
er sich jeden Tag von seinem Bären die Ohren wundreden
    Er ist denn doch fürchterlich vornehm
    Höchstens geht er mit altem Geschirr zum Trödler
    Den Osman mag er nicht mehr sehen weil der stets nach dem großen
Dschinnengedicht fragt
    Wenn Safur in diesem Jammerleben an die Dschinnen denkt wird ihm ganz wüst
im Kopf
    Diese täglichen groben Rohheiten des gewöhnlichen Lebens vertragen sich
nicht mit seiner Sehnsucht nach feinstem vergeistigtem Genuss
    Überhaupt  der Genuss
    Wer kann noch an den Genuss denken wo das Leben auf dem Spiele steht
    Leben  leben  wollen sie Alle  das ist die Hauptsache  an den Genuss
können sie Alle vor lauter Sorge garnicht denken
    Aber das hindert Niemand jede Gelegenheit zum Trinken fleißig wahrzunehmen
    Es geht Allen schrecklich schlecht doch  betrunken sind sie Alle  so
beinahe jeden zweiten Tag
    Oft ruft Safur wenn er den teuersten Wein aus Bassora vor sich stehen hat
    »Freunde eigentlich könnten wir doch gewöhnlichen Landwein trinken  wozu
immer den teuren Wein aus Bassora«
    Indessen  wenn der Dichter so redet macht man ihn darauf aufmerksam dass
er doch der größte Feinschmecker sei und  und  dann trinkt er natürlich Alles
was man ihm vorsetzt
    Das Jammerleben hat sehr viele drollige Seiten  sehr viele
    Schließlich leiden selbst diejenigen die eigentlich gar keine Veranlassung
zum Leiden haben
    Auch der dicke Kodama bekommt ein leidendes Aussehen Er hat die weiße Abla
als Köchin in sein Haus genommen  und die Abla ist ihm davongelaufen
    Die Abla liebt die Veränderung und lebt jetzt bei der alten Dschellabany
die immer älter wird Dort bezaubert sie mit ihrem Gesange jeden Tag einen
anderen Jüngling
    Ihre Worte sind süß wie Honig  sie zerschmelzen auch so leicht wie der süße
Honig Was sie am einen Tage sagt und schwört hat sie am andern vollständig
vergessen  manchen Jüngling hat sie zum trüben Kopfhänger gemacht
    Die Sailóndula hats beim dicken Osman ebenfalls nicht aushalten können  sie
tanzt jetzt auf dem Karawanenplatz unter jenen rotseidenen Zeltdächern die sich
so prächtig von dem tiefblauen Himmel abheben der so voll und groß Bagdad
überwölbt
    Der Sailóndula liegen die dunklen Augen sehr tief im Kopf  man sieht die
indische Tänzerin oft mit dem alten Sünder Suleiman zusammen der immer
schleunigst davonschleicht wenn er einen lauteren Bruder erblickt
    Suleiman tut so als wenn er ärmer wäre denn je zuvor  er will sein Geld
für sich behalten Nur dem Said schenkt er zuweilen ein paar Kupfermünzen 
heimlich dass es Niemand bemerkt
    Kommt der alte Said zur Tarub so gibt die auch immer was  ein bisschen
Fleisch und ein bisschen Brot einen Schluck Wein und ein Silberstück
    Said ist bescheiden und kommt nur einmal in der Woche redet dann von
goldenen Sternen und goldenen Pferden von goldenen Herzen und goldenen Kleidern
 in seinen Augen flackert ein seltsamer Glanz  wie ein Abglanz seines
einstigen Reichtums
    Armer Said ibn Selm
    Die Tarub wird stets sehr gerührt wenn sie ihn sieht  die Kinder der
Nachbarschaft die sich scheu hinter den Bananen die vor Tarubs Küche wachsen
verstecken bekommen dann auch gleich was ab  was Süßes  Mandeln Feigen und
Rosinen
    Die weichen Stimmungen werden jedoch immer seltener
    Die Wogen des Jammers gehen zu hoch
    Sogar der sonst so vergnügte Osman ist schlecht gelaunt  er ist wütend dass
die neuen Bücher im Grunde allesamt nicht viel taugen und möchte am liebsten
nur die guten alten Bücher abschreiben lassen Er ist wütend auf Abu Hischam 
wütend auf Safur  und auch auf Kodama  beinah auf alle Welt Geld gibt er
daher keinem Menschen mehr  den lauteren Brüdern am allerwenigsten
    In Bagdad floss der Wein nicht mehr in Strömen  die Gelehrten und Dichter
wurden magrer mit jedem Tag
    Sogar die Tofailys  diese Prasser  sahen sich oftmals vergeblich nach
guten Braten und dicken Weinschläuchen um  viel öfter vergeblich als früher
    Manche Freuden haben ja noch die Tofailys  sie freuen sich dass die
»Gesellschaft der lauteren Brüder« wieder Ruf und Wert verlor sobald man einen
Bruder sieht höhnt man ihn in nichtswürdigster Art
    Das in Bagdad nicht mehr soviel zu essen und zu trinken gibt so dringen die
»sinnlichen« Vergnügungen mehr in den Vordergrund die Zahl der Tingeltangel
mehrt sich unheimlich  die alte Dschellabany ärgert sich darüber sehr
    Die Frauen werden eifersüchtig auf die schönen Knaben
    Die Diebe stehlen mit Vorliebe kleine Kinder was manchen Vätern nicht
unangenehm ist
    Hamadany und Abu Hanifa haben gleichzeitig das Glück von ihren Vaterfreuden
in dieser angenehmen Form entbunden zu werden was unter den Tofailys ein
höllisches Gelächter hervorruft
    Kodama beschäftigt sich eingehend mit den Empfindungen der Entmannten und
kommt hinter das Geheimnis der Sphinx er behauptet um Safur zu ärgern dass
eine Sphinx dasjenige Weib ist das nicht zur Hälfte einen Löwenkörper sondern
einen Manneskörper besitzt  nach Kodamas Meinung unterscheiden sich die beiden
Geschlechter nicht so scharf wies den Anschein hat alle diejenigen deren
Geschlecht nicht ganz männlich oder nicht ganz weiblich ausgebildet ist
besitzen nach des dicken Geographen Ansicht  Sphinxnatur
    Osman sagt seinem dicken Freunde er möchte doch lieber ein Buch über die
Kugelgestalt der Sonne schreiben
    Kodamas Lehre findet mehr Anklang bei den Sufys die sich eifrig bemühen in
Bagdad ausschweifende religiöse Kulte einzuführen
    Safur kümmert sich um keinen Menschen da er sie sämtlich für zu dumm und zu
einfach hält spricht mal Jemand längere Zeit mit dem Dichter so wird der zum
Schluss gewöhnlich sehr grob und schreit dann
    »Mein Freund Tarub bist Du Tarub warst Du Tarub wirst Du bleiben Die
Familie Tarub ist unsterblich  unsterblich«
    Das verstehen freilich die Meisten nicht  daraus macht sich aber der große
Dichter ganz und gar nichts
    Die Tarub die mit Müh und Not noch täglich für den Dichter was zu essen
kocht redet nur noch von »Geld« und ringt täglich die Hände zum Himmel dass sie
Safur jemals kennenlernte der sie nur um all ihr Hab und Gut gebracht habe 
    Und Safur wird wenn er das Wort »Geld« hört beinah verrückt er schreit
dabei wie ein wildes Tier wirft sich auf die Erde und weint zuletzt
    Das ist schon eine Zucht bei der Tarub
    Wenn der gutmütige ehrliche Abu Hanifa kommt atmet Safur erleichtert auf 
dem kann der Bär sein Herz ausschütten was zu beruhigen pflegt
    Den Abu Hischam mag der Bär nicht  den Kodama und den Hamadany begrüßt er
dagegen jedesmal freundlicher
    Safur wird von diesen Beiden mit seiner Sphinx gefoppt was die Tarub ganz
gern hat
    Kodama behauptet dass eine Sphinx garnicht leicht zur Liebe zu bewegen ist
weil die Liebe in der Sphinx eine ganz andere Empfindung erzeuge als in den
anderen Weibern
    Safur hält das für Hohn und sucht Beruhigung im Weinschlauch
    Der gutmütige Abu Hanifa ist stets bereit seine letzten Silberlinge mit dem
Dichter zu vertrinken
    Beim Weine beklagt man vornehmlich dass der reiche Al Battany immer noch
nicht aus Indien zurückkehren will Abu Maschar der ganz einsam auf der
Sternwarte wohnt wollte Nachricht geben wenn er was von Battanys Rückkehr
erfahren sollte Doch der Prophet lässt nichts von sich hören
    Jakuby ist auch noch nicht in Bagdad Die Tarub wird immer aufgebrachter
    Wie Safur in einer Nacht ganz betrunken in die Küche stolpert und behauptet
dass ihn seine Dschinne als Gespenst verfolge wird die Tarub so erregt dass sie
ihrem Dichter sagt
    »Jetzt kann ichs nicht mehr aushalten Ich kanns nicht Du darfst meine
Küche nicht mehr betreten wenn Du jetzt nicht endlich Geld schaffst Ich muss
jetzt mein Geld wiederhaben  mein Geld Ohne Geld darfst Du nicht
zurückkehren«
    Safur sagt nichts und geht fort  in die Nacht hinaus  die Tarub wird ihm
auch zum Gespenst
 
                              Neunzehntes Kapitel
Wie die Sonne aufgeht sitzt Safur neben Abu Maschar auf der alten Sternwarte im
Empfangssaal
    Da ist es still
    Das Licht der Sonne ist rot
    Rote Wolkenstreifen durchqueren den klaren blauen Morgenhimmel
    Das indische Götzenbild im Hintergrunde des Saales wird auch rot
    Rot funkeln gleichzeitig die silbernen Querstreifen der Wände und der
Goldgrund der Decke
    Die maurischen Ampeln die noch immer an ihren langen Ketten hängen zeigen
auch rot glänzende Ecken und Flächen
    Am heftigsten wirkt das Licht auf dem kupfernen Himmelsglobus und auf dem
kupfernen Waschbecken in der Alabasternische
    Der Prophet und der Dichter sind ebenfalls rot geworden  von oben bis
unten
    Die Sternwarte ist auf der Ostseite ganz übergossen vom Morgenrot
    Die beiden Männer die auf dem alten Teppich sitzen haben in der Nacht
nicht geschlafen
    Doch sie sind drum nicht müde
    Safur ist sogar heiter denn er hat eben gehört dass Battany bereits aus
Indien zurückgekehrt ist  unten wiehern schon wieder die Rosse der Mongolen wie
einst 
    Der Dichter will sich am Tigris ein kleines altes Landhaus kaufen das dort
liegt wo die Eremiten hausen Er will auch Eremit werden und Battany soll bloß
so viel Geld hergeben dass er das kleine alte Landhaus das eigentlich nur eine
alte Lehmkate ist kaufen kann
    Und Safur erzählt von seiner Reise nach Ägypten von der Wüste  und von
seiner Dschinne
    Er setzt dem großen Sterndeuter eifrig auseinander dass er seine Dschinne
liebe Er wisse sehr wohl dass sie nicht lebe  und doch glaube er dass sie ihn
verfolge überall  oft sei ihm so als berühre sie ihn an der Schulter mit ihren
Fingerspitzen
    Leidenschaftlich sagt er
    »Sieh ich weiß die Dschinne ist für mich unerreichbar  aber ich kann das
Plumpe das Rohe das Körperliche nicht mehr ausstehen Ich muss nach einem
Geistigen streben das nicht von dieser Welt ist Ich will überall jetzt das
Unerreichbare haben  in jene Welt  in die andere will ich hinein Ich sehne
mich nach einem Weibe das so fein und zart ist wie irdische Weiber nie sein
können Mein Streben mag töricht meine Liebe mag eine tolle Liebe sein  doch
ich kann nicht mehr anders Ich muss daher in die Einsamkeit Sieh Abu Maschar
ich bin ein Genussmensch Ich will mit meiner Dschinne zusammenkommen Vielleicht
gehts doch Man kann ja nicht wissen  und wenn ich mir dabei den Schädel
einrennen sollte  was schadets Die Genüsse dieser irdischen Welt befriedigen
meine Lustgier doch nicht mehr Oh  verstehst Du mich Sprich doch«
    Abu Maschar streichelt mit seinen langen braunen Fingern seinen langen
schwarzen Bart und spricht langsam in wohlerwogenen Sätzen
    »Ich hörte schon von Deiner seltsamen Liebe Und ich bin nicht überrascht
durch Deine Worte Du gehörst zu den Menschen die in Allem feiner empfinden als
die Andern Dein Denken ist nicht einfach Du bist an verwickelte Gedanken
gewöhnt Die Andern verstehen Dich daher nicht und verletzen Dich So gehts
allen denen die mehr sind oder mehr sein wollen als das einfache Volk Und so
kams dass Du Dir in Deinem Gehirn ein Idol schufest das Du lieben und anbeten
wolltest Und diesem Idol rennst Du nun im wirklichen Leben nach Du bist auf
der Jagd nach dem Idol Das schadet nichts wenn Du stets im Auge behältst dass
dieses Idol für Dich unerreichbar bleiben muss Jeder feinere Kopf befindet sich
sein ganzes Leben hindurch auf der Jagd nach dem Idol  die Jagd ist was ganz
Gewöhnliches Dieselbe ist auch nicht schädlich wenn man ihre Nutzlosigkeit
einsieht Du strebst nach dem Unerreichbaren wie Du sagst überall Ja ich
verstehe Du hast eben viele Idole Die einfachen Menschen finden ihre Idole
verkörpert hier auf der Erde vor die feineren Menschen finden ihre Idole nicht
auf der Erde verkörpert vor  die sind ja dort  hinter den Sternen Darum ist
es nur natürlich dass Du in jene Welt hinein möchtest Ich möchte das auch
daher bin ich Sterndeuter und Prophet Battany und viele Andre lachen dass ich
mich mit so abergläubischen Sachen befasse Aber will Battany nicht auch bloß
wissen was hinter jener blauen Himmelswand liegt Und ist etwa die Art in der
er was Tieferes erfahren will so sehr viel klüger als die meine O nein Wir
unterscheiden uns nur dadurch dass er stets glaubt etwas erreichen zu können
und ich nie glaubte und nie glauben werde ich könnte je in jene Welt hinein
Ich rechne nicht um was zu wissen  sondern ich will mich durch das ewige
Rechnen nur betäuben Wir bleiben wie wir sind Wir werden später auch nicht
mehr wissen als wir jetzt wissen Die Welt ist starr und unveränderlich Es
gibt in der Welt keine wesentliche Weiterentwicklung Und der Einzelne wird sich
erst recht nicht weiterentwickeln Ist man ein feiner Mensch so bleibt man ein
solcher Ist man einfach so bleibt man einfach Geh also nur mit Deiner
übersinnlichen Liebe in die Einsamkeit Geh nur Battany wird Dir schon helfen
Wenn Du aber glaubst Du könntest in die andere Welt in die Welt der Geister
hinein so wirst Du Dir den Kopf einrennen Liebe nur Deine Dschinne aber
verlang nicht von ihr dass sie Dir körperlich erscheine Du willst doch nach dem
Unerreichbaren überall streben Würdest Du also einmal Deine Dschinne umarmen
können wie ein gewöhnliches Erdenweib  so würde Deine Dschinne jeden Reiz durch
die Umarmung verlieren«
    Und der Prophet lächelt streichelt mit seinen langen braunen Fingern seinen
langen schwarzen Bart und sieht dem Dichter lange ins Gesicht
    Wie sich die Beiden trennen lächelt Abu Maschar nicht mehr er ist besorgt
um Safur  dessen Leidenschaft kommt dem weisen Sterndeuter bedenklich vor
    Der Dichter aber geht zum reichen Al Battany durch den Palmenhain über die
hohen Hügel am Ufer des Tigris an den Feigenbäumen vorbei bis zur Landstraße
auf der er einst vor Jahren am Himmel das schwarze Gesicht des Weibes sah das
nicht lebt und ihn doch verfolgt
    Er denkt an jenen Morgen an dem er auch in Fieberstimmung zum Astronomen
kam  um der Tarub willen Jetzt kommt er wieder in fieberhafter Aufregung zum
Astronomen  wieder Tarubs wegen
    Und wie damals  sitzt ihm auch jetzt  eigentlich die Dschinne mehr auf den
Fersen als die berühmte Köchin Er blickt über die Stadt hin die nun in der
heißen Sonne mit den hohen Palmen und den weißen Häusern mit der hoch gelegenen
bunten Chalifenburg mit den bunten Moscheen und den schlanken Minaretten wie
ein zartes feines Feenland daliegt  wie eine wirkliche Stadt des Heils
    Blau fließt der Tigris zur Linken des Dichters  in der Tiefe  und drüben
wohnt Al Battany
    Safur ist bald wieder in der alten Olivenallee und dann im Bücherkioske den
die bunten Tulpen umblühen 
    Auf den kurz geschorenen Rasen krächzen die alten Papageien
    Auf den orangefarbigen nicht gemusterten Fliesengängen kommen dem Dichter
zwei Inder entgegen die grade im Bücherkioske Schach gespielt haben
    Die Inder kommen dem Safur noch steifer und stolzer vor als die andren
Menschen Der Bücherkiosk der wie eine Krone daliegt wirkt den Indern
gegenüber ganz einfach und bescheiden wie ein Fischerhäuschen
    Safur wirft den Kopf in den Nacken zurück und mustert die Inder sein braun
und blau gestreiftes Beduinengewand zieht er dabei geschickt in schwungvolle
Falten
    Die Inder lächeln  ihre goldgestickten Kleider sind viel schöner
    Al Battany lässt sich entschuldigen  er wird gleich kommen
    Und Safur muss sich dazu bequemen die Zeit des Wartens mit den Indern
zusammen zuzubringen der ältere von diesen entfernt sich bald
    Der Zurückbleibende ist jener Schauspieldichter der in Benares vor Battany
so fein von der Empfindlichkeit und von der Qual aller Gebildeten zu sprechen
wusste  der diese Empfindlichkeit und die daraus entspringende Qual durch die
Religion oder durch die Kunst auflösen  überwinden wollte 
    Das Gespräch zwischen dem indischen und arabischen Dichter wird somit
naturgemäß nach einiger Zeit recht lebhaft
    Allerdings die frostige Förmlichkeit wird auf beiden Seiten nicht durch
allzu große Liebenswürdigkeit verdrängt  man will sich nichts vergeben
    Safur spielt sich als Genussmensch auf behauptet dass jeder Augenblick des
Lebens der nicht einen Genuss biete ein überflüssiger Augenblick sei
    Der Inder will den leidenschaftlichen Ton des Arabers sanfter stimmen 
erreicht aber nur das Gegenteil
    Die Laune des Safur ist so gereizt dass er sich sofort in gewagten
Behauptungen verhaspelt und immer kühner wird  statt sanfter
    »Sieh« sagt er »es liegt mir nicht bloß daran alles das zu genießen was
das einfache Volk auch genießen kann Früher suchte ich meine Zunge und meine
Fingerspitzen auszubilden und glaubte damit was Besondres zu tun Heute will ich
viel mehr Ich will das Unsinnige das Tolle das Unverständliche das
Unbegreifliche das Übersinnliche  genießen Versteh mich recht ich will
nicht bloß all das verstehen  das Verstehen scheint mir nicht so wichtig 
genießen will ich das alles Ich will in die Welt der Geister dringen und ich
will genießen was nur die Geister genießen können«
    Der Inder meint dass das sehr schwer sei und die Ausbildung ganz besondrer
Nervenkräfte verlange Er glaube auch dass derartige Anstrengungen den Körper
und den Geist zerrütten müssen
    Aber da lässt sich der Araber nicht bange machen  weist allerdings die
Anstrengungen vornehm ab  anstrengen will er sich durchaus nicht
    Das findet nun der Inder wieder sehr drollig Lächelnd  etwas sehr
überlegen  erwidert er folgendermaßen
    »Die Araber sind doch sehr merkwürdig Sie kommen aus ihrer Wüste mit ihren
Schwertern und Lanzen wie ein Heuschreckenschwarm heraus und bilden sich ein
dass sie alles gleich mit Beschlag belegen können  nur weil sie kräftige Arm 
und Beinmuskeln besitzen Ihr wollt überall nur genießen  Alles  Alles Ihr
wollt nicht bloß essen und trinken ihr wollt auch gleich alle Religionen
genießen auch alle Künste  selbst das Unverständliche und das Unverständige
Ihr traut doch Eurem guten Magen ein bisschen zuviel zu Lieber Safur von Dir
hat mir Battany viel erzählt Du bist ohne Frage ein sehr gebildeter Mensch 
gereizter denn Viele Dass Du aber jeder Anstrengung jeder Müh und Arbeit streng
aus dem Wege gehen willst  das wird Dein Untergang  Du müsstest in großen und
langen Gedichten Deine Gereiztheit zu lösen trachten  das tust Du natürlich
nicht  Du bist ja ein viel zu vornehmer Araber der nur genießen will der nur
den Genuss für berechtigt hält    als wenn der Genuss einem Dichter wie eine
reife Frucht in den Schoss fiele«
    Der Inder muss herzhaft lachen
    Er spricht noch in lässigem Tone über religiöse Übungen Fasten Rosenkranz
Selbstgeisselung Gebet und geschlechtliche Enthaltsamkeit  wird dann aber
schweigsam da Safur verächtlich die Mundwinkel runterzieht 
    Die Beiden können sich nicht mehr verständigen Safurn kommts so vor als
wär er bei Osman der immerfort das Dschinnengedicht von ihm verlangt  und er
empfindet eine heftige Abneigung gegen den indischen Dichter Es trennen sich
die Beiden wie Battany naht noch viel frostiger als sie sich begrüßten
                            
    Safur erlangt bei Battany sehr rasch das was er wollte Höchst vergnügt und
stolz wallt er mit drei dicken Goldrollen davon  zu seiner Tarub
    Draußen auf der Landstraße hört er noch ein paar Adler auf einer Palme so
zitternd pfeifen als hätten auch sie Gold bekommen  Gold 
                            
    Der Inder aber erklärt dem Battany unumwunden dass er von Safur garnichts
halte  aus dem hätte mal was werden können wenn er mal zu den Füßen eines
Meisters gesessen hätte  jedoch jetzt würde aus ihm garnichts mehr  dem Safur
fehle sowohl der religiöse wie der künstlerische Ernst  er hätte als Nabob
geboren werden müssen
    Der Inder wird ganz aufgebracht sagt dem Battany ganz derb über das
Arabertum seine Meinung und schließt erregt
    »Lieber Battany In Safurs Genusswut liegt eine gewisse Frechheit Es ist
unverschämt dort mühelos genießen zu wollen wo Andre nur im sauren Schweiß
ihres Angesichts kärglich Früchte sammeln dürfen Safur wird noch für seine
Frechheit bestraft werden  seine Art sich zu benehmen ist übrigens empörend«
    Nun  Battany ist durch diese Eröffnungen nicht sehr entzückt  lädt aber
ohne zu erwidern alle Inder die er mitgebracht hat zum Abend auf die
Sternwarte
    Er prophezeit eine Mondfinsternis
    Stolz ruft er
    »Heute bin ich ein Prophet«
    Und feuriger Wein muss die schlechte Laune des indischen Schauspieldichters
rasch fortschwemmen
                            
    Am Abend stehen die Inder mit Battany auf dem fünfeckigen Altane der
Sternwarte und schauen in den Vollmond
    Abu Maschar ist auch auf dem Altane
    Und der Mond verfinstert sich wirklich
    Die Inder verneigen sich vor dem arabischen Astronomen
    Abu Maschar steht steif wie ein Stock
    Battany ist empört darüber
    Der Sterndeuter sagt aber leise flüsternd
    »Lieber Freund was hast Du nun erreicht Du weißt wieder etwas das des
Wissens nicht würdig ist Ob der Mond hell oder dunkel ist bleibt sich so
schrecklich gleich dass ich über Deine Freude lachen muss« 
    Und der Sterndeuter geht langsam davon auf seinen Mittelturm will wieder
rechnen
    Battany sieht dem alten Kräkler wütend nach
    Dann aber blickt der große Astronom starr in den immer dunkler werdenden
Mond und wird stolzer  immer stolzer  er ballt die Fäuste  seine Augen
funkeln       seine Rechnungen stimmen
 
                              Zwanzigstes Kapitel
Die Lehmkate am Tigrisstrande ist sehr hübsch
    Da lebt die Tarub mit ihrem Safur anfänglich viel friedlicher als in Bagdad
    Der Tigris ist da so breit und groß
    Wenn man vor der Türe der Kate steht die auf einem Hügel erbaut ist so
überblickt man eine große dunkelblaue Wasserfläche
    Die Palmen am gegenüberliegenden Ufer erscheinen ganz klein so breit ist
der Strom
    In Bagdad lassen die vielen reich bewaldeten Inseln den Tigris viel kleiner
erscheinen
    Safur steht vor seiner Tür und blickt hinaus in die große Wasserwelt über
die ein frischer Wind hinstreicht sodass kleine weiße Schaumkämme das dunkle
Blau der Flut durchstreifen
    Unten am Ufer plätscherts und gurgelts  was sich sehr lustig anhört
    In die Aussenwände der gelbbraunen Lehmkate sind rote Tonplatten eingelegt
in die einst unförmliche altertümliche Figuren eingeknetet wurden was die
Bilder darstellen sollen kann man nicht mehr ordentlich erkennen Auf dem Dach
des Hauses ragt wie eine kleine Pyramide ein dunkelbraunes Zelt in den blauen
Himmel
    Ein paar riesige Palmen stehen rechts links und hinten auf dem Hügel Adler
nisten in den Kronen der Palmen
    Vor dem Hause ist ein großer viereckiger Platz ganz mit roten Ziegelsteinen
ausgelegt die schon recht ausgetreten sind
    Unten am Ufer wächst hohes Schilf
    Mächtige rosa blühende Oleanderbüsche und weiß blühende Myrtenbüsche
umwuchern den ganzen Hügel
    Und oben rings um die alte Kate blühen unzählige weiße Rosen die duften
wunderbar
    Safur schaut hinaus in die blaue Wasserwelt  die weißen Schaumkämme und die
weißen Möven ziehen sanft über die Flut  wie Geisterhände
    In den Kronen der Palmen pfeifen leise die jungen Adler der Dichter glaubt
es seien Töne aus einer andren Welt
    Er denkt dabei an seine großen Wüstenreisen  an Damascus und Kairo In
seinen Gedanken reitet er wieder hoch zu Ross neben den Kamelen der Karawane
durch die einsame Wüste wie ein Beduine  mit suchendem Auge und horchendem Ohr
 wieder geht das Gesumm und Gesurr durch die Luft die Sterne funkeln die
Dschinnen locken und rufen in der Ferne klingen hell die blitzenden
Damaszenerklingen die Rosse wiehern der heiße Sand knirscht  und überall
summts und surrts von Käfern und Nachtfaltern  und die Dschinnen reiten
schneller  Safur schrickt zusammen und hält die Hand vor den Augen
    Von der blauen Pracht des großen Stromes der unten rauschend vorüberzieht
sieht und hört der Dichter nichts mehr
    An das Wasser ist das Auge des Arabers nicht gewöhnt das Auge des Arabers
ist nur gewöhnt von Wüsten und von Palästen  zu träumen in die wirkliche Welt
blickt es nicht gern hinein  als wenns sich vor der blendenden hellen Sonne
fürchten müsse
    Drum wirkt der große Tigris auf den Safur garnicht befreiend  garnicht
groß
    Anfänglich ist der Dichter in viel besserer Stimmung  es ist ihm so Vieles
am Ufer des Tigris neu
    Die Tarub ist auch viel verträglicher
    Safur wird sogar wieder ein bisschen lustig und neckt seine Köchin dass sie
lachen muss
    Er neckt sie aber so oft dass sie sich eines Tags drüber ärgert und zornig
sagt
    »Ach hab Dich nicht immer so albern«
    Na  da ist es denn wieder mit der Neckerei zu Ende Safur ist wieder
verletzt
    Aber  es geht noch
    Safur zieht morgens gewöhnlich mit einem langen Speer mit Pfeil und Bogen
mit Schwert und Dolch auf die Jagd
    Abends angelt der Dichter
    So kommts dass die Beiden nicht Mangel leiden
    Datteln Bananen und Feigen gibts auch in der Umgegend
    Und Battany schickt in jeder Woche Brot und Wein
    Der Tarub ist nur das Leben ein bisschen zu einsam
    Safur ist auch so schweigsam und in sich gekehrt dass sie sich ihm nicht
gern nähern mag
    Sie scheuert daher ihre neue Küche mit großem Eifer putzt ihre Töpfe
Tassen und Krüge wischt den Ziegelboden täglich mit Wasser ordentlich auf
vernichtet das Ungeziefer wo sies nur findet kocht und näht singt und wäscht
klopft die Teppiche die sie sich in Bagdad kauften mit größtem Geräusch jeden
Morgen aus pflanzt Bohnen und Salat begiesst die weißen Rosen und melkt ihre
Ziege  die berühmte Köchin ist geschäftiger denn je  steht nie still
    Allerdings  ihre Küche kommt ihr recht klein und ärmlich vor  mit stillen
Tränen denkt sie oft an Saids große Küche in der so bequem die Pumpe gleich bei
der Hand war  denkt auch an ihre Küche in der langen Straße mit Wehmut
    Indessen  den Safur lässt sie davon nichts merken
    Ja  die Einsamkeit
    Der Tarub ist oft so zu Mute als wäre sie in ein Gefängnis eingesperrt
worden  obwohl es doch am Tigris so frei und lustig ist wie selten wo  aber
der Natur bringt die berühmte Köchin nicht eine besondere Liebe entgegen  es ist
ihr zu still in der Einsamkeit
    Dem Safur ist dagegen das Leben in der Natur beinahe zu laut  überall
glaubt er Geisterstimmen zu hören  er spricht oft zu sich selbst  und schrickt
zuweilen heftig zusammen  seine Augen blicken nicht mehr kühn gradaus  sie
haben eher was Scheues
    Als daher nach einigen Wochen auf flinkem Segelboot die beiden Geographen
Kodama und Hamadany der Lehmkate einen Besuch abstatten werden sie ganz
freundlich empfangen
    Bei einem guten Becher Weins lenkt Kodama der eigentlich in Osmans Auftrage
gekommen ist das Gespräch vorsichtig auf die alte Sphinx der Ägypter
    Indes  Safur will von der Sphinx nichts mehr wissen der Dicke hat sie ihm
verleidet das Zwitterhafte in der Sphinx das der Dichter anfänglich garnicht
sah berührte ihn sehr unangenehm als ers bemerkte Seine Dschinne hat mit der
Zeit wieder ein andres Gesicht bekommen  das ähnelt jetzt eher dem einer
ägyptischen Prinzessin deren Seele verdammt ist immerfort auf der Erde
herumzuwandern und um einen verlorenen Ring zu klagen  Safurn ists oft schon so
gewesen als habe sie ihn gebeten den Ring zu suchen  was er dann auch tat 
sehr zum Ärger der Tarub  denn wenn er den Ring suchte pflegte er nie ein
Stück Wild heimzubringen 
    Der dicke Kodama hört also nichts Besondres wie er von der Sphinx spricht
wird demnach allmählich deutlicher will was von der Antarsage wissen und kommt
so schließlich zu Safurs Dschinnengedicht
    Seltsamerweise ist da der Safur gleich Feuer und Fett die Flammen der
Begeisterung lodern hoch empor und der Dichter redet mit einem Eifer von dem
Gedicht dass der ziemlich vertrauensselige Kodama gleich glaubt Safur habe
wirklich angefangen das große Gedicht zu schreiben
    Dem ist natürlich durchaus nicht so
    Safur redet nur über das Dichten im Allgemeinen führt aus dass eine
wahrhaft treffliche dichterische Arbeit so wirken müsse wie ein feines
Brokatgewand das von jedem andren Standpunkt aus ein andres Gesicht  eine
andre Farbenstimmung  zeige    das sei auch der Grund weswegen ihm jetzt so
oft seine Dschinne mit einem ganz andren Kopfe mit ganz andren Händen  ganz
anders gekleidet erschienen sei
    Kodama ist bald der Meinung dass Safur ein schier unendliches Gedicht
geschrieben habe und fährt höchst befriedigt nach Bagdad zurück um dem Osman
diese freudige Botschaft mitzuteilen
    Hamadany bleibt als Gast in der Lehmkate noch über acht Tage und als auch
er nach Bagdad zurück will  kommt grade der Abu Hischam mit dem Abu Hanifa an
und die Beiden verhindern natürlich den Hamadany nach Hause zu fahren
    Der alte Philosoph Abu Hischam ist in so prächtiger Laune dass es bald
wieder hoch hergeht  wie früher zu Bagdad in der langen Straße
    Alles was in der Kate essbar und trinkbar ist wird an zwei Tagen vertilgt 
und dann ist wieder  die Not da
    Diesmal hat aber die Not einen recht lustigen Anstrich
    Wie am dritten Tage die Tarub den drei Gästen und ihrem Dichter 
Ziegenmilch Bananen Feigen sieben Möveneier und weiter nichts vorsetzt 
verschwindet das alles furchtbar schnell  Safur isst nur ein einziges Ei sieht
sich verwundert nach mehr um  sagt aber nichts
    Jedoch die Tarub fragt mit ganz ernstem Gesicht »Nun seid Ihr schon satt«
    Da werden die Gesichter der vier Männer ganz anders  und  und  nach einer
Pause brechen plötzlich alle Vier in ein so fürchterliches Gelächter aus dass
sie Magenschmerzen bekommen  nur vom Lachen
    Es wird wieder gemütlich bei der Tarub
    Die drei Gäste gehen nicht fort sie gehen mit Safur auf die Jagd  und des
Abends hocken sie vor der Tür auf den roten Ziegelsteinen essen und trinken
was da ist  reden tiefsinniges Zeug
    Das Gespräch wird stets von den jüngeren Gelehrten  von Hamadany und Abu
Hanifa  in Fluss gebracht Die Tarub redet oft altklug mit die jungen Leute
wollen so Manches wissen was die Tarub weiß
    Safur ist gemeinhin sehr einsilbig
    Abu Hischam ist zumeist zu lachlustig Trotzdem spricht er zuweilen noch
über die schwierigsten Fragen
    Er erklärt den jungen Gelehrten dass diese Welt garnicht wirklich da sei
dass kein Mensch wirklich da sei dass nichts da sei dass Alles nur Trug und
Schein sei und empfiehlt diese Weisheit immer im Kopfe zu behalten  besonders
dürfe man diese Weisheit nicht vergessen wenns einem mal schlecht gehe  denn
sage man sich in solchen schlechten Zeiten dass man eigentlich garnicht lebe
dass die Welt nur ein leeres Nichts dass demnach die schlechte Zeit auch nur ein
leeres Nichts sei  so werde man bald über die Not schrecklich lachen müssen
    »Lachen« sagt Abu Hischam »lachen muss der Mensch zu allen Zeiten und
trinken muss der Mensch wo er nur kann Lachen und trinken ist die Hauptsache«
    Zuweilen wurde der Philosoph von den jungen Gelehrten veranlasst einige
Worte über die Entwicklung zu reden  und dabei pflegte dann der lachlustige
Zecher ernster zu werden  er erinnerte sich an die vielen Gespräche die einst
auf Battanys langer Barke so heftig die Gemüter erregt hatten  das war schon
fast vier Jahre her    und die Erinnerung stimmte den alten Philosophen sehr
ernst
    Er wars ja gewesen der einst den »Bund der lauteren Brüder« feierlich
gründete aus dem jetzt so ganz was Andres wurde  die Inder hatten sich
reingemischt und die Ägypter ebenfalls  und an den Gründer des Bundes dachte
kein Mensch mehr
    Wie schnell sich die Zeiten ändern
    Abu Hischam schimpfte oft auf den Abu Maschar der immer behauptete dass die
Welt unveränderlich sei 
    Safur wird immer schweigsamer er sieht so leidend aus   
    Man besucht öfters die in der Nähe wohnenden Eremiten  und Abu Hischam
redet dort wieder so vom Bunde als wenn er bei der ganzen Geschichte noch was
zu sagen hätte
    Abu Hanifa der sehr boshaft ist bittet dann immer den Philosophen ja
keine Geheimnisse mitzuteilen  er Abu Hanifa könne beim besten Willen weder
schweigen noch lügen   
    Dafür fragt dann gewöhnlich der Philosoph den Safur ob der ihm nicht sagen
könne wie indische Pfauenpastete schmecke  er als Feinschmecker müsse das
doch wissen
    So wird Safur der Feinschmecker zur Zielscheibe des Spottes 
    Der Dichter ärgert sich drüber  nicht bloß weil er seiner Armut wegen
verspottet wird  sondern weil er an die Zeiten in denen er sich als
»Feinschmecker« wohlfühlte nicht gern erinnert sein mag
    Das Feinschmeckertum kommt ihm jetzt so schrecklich roh und dumm vor  er
ist ja schon an ganz andre Genüsse gewöhnt  er verkehrt mit Geistern mit Wesen
aus einer anderen Welt und dieser Verkehr ist denn doch für ihn so genussreich
dass dagegen alle Pasteten und alle Weine der Erde nichts sind
    Der Besuch der drei Brüder ist dem Dichter recht lästig Nachts wenn die
Sterne glitzern und funkeln stiehlt er sich oft heimlich aus der Kate fort und
fährt mit seinem Nachen auf den Strom hinaus
    Und in der Dunkelheit auf den plätschernden Wellen des Tigris sieht der
Dichter wunderliche feine Gestalten vorüberschweben  und er hört Stimmen 
laute und leise  die locken und rufen  die Möven krächzen dazu  die Wellen
des Tigris plätschern und gurgeln  es ist so Vieles zu hören
 
                           Einundzwanzigstes Kapitel
Und eines Morgens kommt langsam Battanys lange Barke den Tigris hinauf und
landet ebenfalls in der Nähe der Lehmkate
    Osman Kodama Abu Maschar und der alte Jakuby  entsteigen  der langen
Barke
    Tarub freut sich natürlich schrecklich über den neuen Besuch  Safur
schneidet ein sauer und süßes Gesicht  das hilft ihm aber nicht
    Er hat nun sieben lautere Brüder als Gäste in seinem Hause  die vier
zuletzt angekommenen bringen so viel zu essen und zu trinken mit dass sich die
Tarub garnicht zu lassen weiß vor Aufregung und Freude
    Osman hat auch ein paar chinesische seidene Fenstervorhänge mitgebracht die
ganz mit bunten Blumen und noch bunteren Vögeln bestickt sind
    Die Tarub hatte nämlich dem Kodama über die eisernen Kraten vor den Fenstern
geklagt hatte ihm gesagt dass die Kraten die der wilden Tiere wegen notwendig
waren in ihr stets ein unbehagliches Gefühl aufkommen ließ  als wenn sie
sich im Gefängnis befände
    Daher  Osmans seidene Vorhänge
    Osman ist immer schrecklich aufmerksam
    Tarub freut sich  wien Kind
    Und der alte Jakuby hat fünf eiserne Flammenschalen mitgebracht  nebst fünf
eisernen Dreifüssen  der alte Geograph ist der Meinung dass man nur bei der
richtigen Beleuchtung gemütliche Feste feiern kann  welcher Meinung Alle
bereitwilligst beipflichten
    Die Stimmung ist bald eine recht gehobene
    Und abends steht der Vollmond über dem Tigris und glänzt  glänzt festlich
    Vor der Lehmkate flackern fünf mächtige Flammen
    Safur und Tarub sitzen vor ihrer Tür auf dem viereckigen mit roten Ziegeln
gepflasterten Platze von dem aus man den breiten im Mondlicht glitzernden
Strom wohl überschauen kann Und dort sitzen auch die sieben Gäste 
    Die Gesellschaft bildet einen wohl abgezirkelten Kreis Man isst mekkanische
Hühner indische Schnecken Antilopenschinken und Bagdader Marzipan und trinkt
wieder den köstlichen Wein aus Bassora dazu
    Und man gedenkt der Abende bei Said ibn Selm wird ein bisschen wehmütig
bleibt aber trotzdem guter Dinge
    Dass Al Battany der all die ess und trinkbaren Herrlichkeiten hersandte
selber nicht mitmacht und daheim bei seinen Indern blieb vermag die Stimmung
nicht zu verschlechtern
    Die Abwesenheit des alten Suleiman der sich in so auffälliger Weise ganz
von den lauteren Brüdern zurückzog wird schon eher mit schmerzlichem Gefühl
empfunden
    Der Wein macht natürlich die Gesellschaft sehr lebhaft  Alle reden und
erzählen und haben sich so Vieles zu sagen 
    Nur Safur bleibt schweigsam  er trinkt auch nicht
    Und da kommt denn der Augenblick in dem Osman nach Safurs Gedicht fragt
    Drauf erst tiefes Schweigen in der Runde
    Als Safur ruhig sagt dass er augenblicklich noch nichts geschrieben habe in
einigen Wochen aber »vielleicht« anfangen könne  da wirds so still dass man
sogar die Adler oben in den Palmen leise pfeifen hören kann
    Die hiernach folgenden Auseinandersetzungen sind nicht grade sehr
erquicklich
    Kodama sagt höchst ärgerlich
    »Da hört sich doch alles auf«
    Abu Maschar und Jakuby schütteln bedenklich den Kopf
    Osman ist empört und recht grob erklärt die Unfruchtbarkeit eines begabten
Dichters für das größte Übel der Welt
    Abu Hischam redet sehr altklug mit salbungsvoll bemerkt er
    »Nichts ist so gefährlich wie die Nichtstuerei  sie allein hemmt die
Entwicklung der Menschheit Durch Nichtstun kommen wir nicht weiter das prägte
mir bereits meine liebe Großmutter in frühester Jugend ein Die Faulheit ist ein
Laster Nur das unermüdliche Weiterstreben kann der menschlichen Gesellschaft
förderlich und nützlich sein Meine Freunde ich erinnere Euch an die
Gesellschaft der lauteren Brüder der wir doch Alle angehören  wäre die
Gesellschaft die nun bald vier Jahre besteht wirklich imstande gewesen in die
Entwicklung der großen Gesellschaft die wir die Menschheit nennen mit Erfolg
tatkräftig eingreifen zu können  wenn wir nichts getan hätten  Nie und
nimmer meine Freunde Die Nichtstuerei ist daher ein schändliches
nichtswürdiges Laster das wir mit allen Kräften die uns zu Gebote stehen
bekämpfen und unterdrücken müssen«
    Schallendes Gelächter belohnt diese köstliche Rede
    Und Osman ruft ärgerlich
    »Na Du sei doch man still«
    Und Abu Hischam ist es  er trinkt  trinkt lange
    Safur jedoch der sich das Lachen augenscheinlich abgewöhnt hat  denn er
lachte wieder mal nicht  erwidert dem Abu Hischam mit ganz ernster Miene
    »Lieber Abu Hischam Du bist vollkommen im Irrtum wenn Du glaubst dass
diejenigen Menschen die immer was tun müssen um sich die Zeit zu vertreiben
die Entwicklung der Menschheit fördern Arbeiten kann schließlich Jeder  das
ist nichts Besondres Du glaubst wohl Dichten sei auch nur Arbeiten nicht
wahr Nein Dichten und Arbeiten sind zwei ganz verschiedene Dinge Wer wirklich
was hervorbringen will das die Menschheit fördern kann  der muss einem fernen
unerreichbaren Ziele zustreben Wer das nicht tut wird nichts Besondres tun
Wenn ich bloß ein Gedicht schreiben wollte wies jeder dumme Tofaily
fertigbringen kann so dürft ich mich nur gleich begraben lassen Ich will mehr
 ich will das Unmögliche das Unbeschreibliche das Große das Bedeutende  das
wird aber nicht in einem Tage geboren  das wird vielleicht nie geboren  doch
man soll dem Unmöglichen nachstreben  nur so kann was Neues entstehen Ich
arbeite nicht  ich dichte Und was ich mache geht Euch garnichts an Kümmert
Euch doch um andre Dinge Für Euch ist ja doch nur der ein berühmter Mann der
ein paar tiefe Gedanken in den Dreck ziehen und zu gewöhnlichen Gedanken machen
kann Ihr seids wahrlich nicht die die Entwicklung der Welt fördern Ihr habt
nur immer an mir gezehrt und Euch mit meinen Witzen gebrüstet Ihr habt nie
gewusst was Ihr von mir halten solltet Nennt mich doch unfruchtbar Nennt mich
doch wie Ihr wollt Es ist schon zuviel dass ich Euch Red und Antwort steh Ihr
rennt dem Erreichbaren nach  das tut die Tarub auch  natürlich  Tarubs Brüder
seid Ihr  nicht lautere Brüder Ganz Bagdad ist für mich Tarub  die ganze
Welt die Ihr mit Euren stumpfen Sinnen sehen und begreifen könnt ist für mich
nur Tarub  Ich aber will in eine andre Welt in die Ihr nie hinein könnt«
    Da murren die lauteren Brüder und man muss befürchten dass es am Strande des
Tigris sehr  sehr ungemütlich wird
    Zum Glück ergreift wieder der lustige Abu Hischam das Wort streichelt
Tarubs Zopf und sagt
    »Nun liebe Tarub sei nur nicht traurig dass Du auch Tarub bist Bagdads
berühmte Köchin zu sein ist auch ein Verdienst Mit dem großen Dichter Safur
kannst Du Dich natürlich nicht vergleichen der ist ja Bagdads berühmter
Dichter Aber wenn ich zwischen Euch wählen sollte so nähm ich doch die Köchin
lieber als den Dichter  bei der Köchin weiß ich doch immer was ich habe Wo
bliebe die Literatur wenns keine Tarub gäbe Freunde seien wir nicht traurig
dass wir von Safur Tarubs Brüder genannt wurden Wir wollen gern den Namen Tarub
tragen Die Tarubs werden die Entwicklung der Welt besser fördern als die
Safurs Darum wollen wir zwei volle Becher auf Tarubs Wohl trinken«
    Lachend geschiehts
    Tarub ist gerührt
    Die Stimmung der Gesellschaft wird wieder besser  doch da fängt der Kodama
wieder an sagt der Tarub
    »Du weißt Du auch dass Safur in Bagdad Deinen Namen tatsächlich als
Schimpfwort gebrauchte Wenn er einen Tofaily beleidigen wollte nannt er ihn
Tarub Wo Andre Esel riefen rief Safur Tarub«
    »Sieh sieh« fällt da schnell der auch boshafte Abu Hanifa ein »gehörst Du
ebenfalls zur Familie Tarub Das hätt ich garnicht gedacht Du verteidigst ja
die Tarub vortrefflich Hetz nur schön Du bist wohl Tarubs Großmutter nicht
wahr«
    Nun legen sich die Andern ins Mittel und stellen die Ruhe notdürftig wieder
her
    Abu Maschar schüttelt immer den Kopf er versteht den Safur nicht mehr den
hielt er für seinen Freund und muss nun bemerken dass dieser Freund ihn nie
verstand Der Prophet seufzt
    Jakuby erzählt von dem Einfluss der Inder auf Battany  der kleidet sich
jetzt ganz und gar nach indischem Muster
    Die Tarub weiß nicht recht ob sie dem Safur oder dem Kodama zürnen soll
des Letzteren Rede hat sie nicht ordentlich begriffen   
    Hamadany ist außerordentlich liebenswürdig zur Tarub hilft ihr die übrig
gebliebenen Teile der Antilopenschinken in die Küche tragen sodass die Tarub
wieder lustig wird
    Osman möchte gern noch ein bisschen auf dem Tigris herumfahren
    Safur ist sofort bereit erzählt aber einem plötzlichen Einfalle folgend mit
großer Begeisterung von der alten längst verfallenen Stadt Babylon  von der
dort befindlichen Beluspyramide und von den beiden Riesen Harut und Marut die
in dieser Pyramide der Sage nach an den Beinen aufgehängt sein sollen
    Diese Geschichte bringt die Gesellschaft auf andre Gedanken Man wird
neugierig
    Und als Safur den Vorschlag macht auf der langen Barke gleich mal nach
Babylon zu fahren willigen Alle ein  obwohl Babylon mehrere Tagereisen
entfernt garnicht so leicht zu erreichen ist
    Tarub ist natürlich sehr traurig dass sie zu Hause bleiben soll  doch sie
fügt sich
    Man trinkt noch kräftig und steigt dann schwankend in die Barke nimmt
Lebensmittel für einen Monat mit und segelt wie die Sonne aufgeht mit gutem
Winde durch den kürzlich wiederhergestellten Kanal dem Euphrat zu  nach
Babylon
    Tarub sieht lange ihren sieben Gästen und ihrem Safur nach
                            
    Da der Wind den acht lauteren Brüdern günstig ist sind dieselben am zehnten
Tage bereits mitten in den Ruinen Babylons
    Hamadany behauptet gleich dass er wär er als alter Babylonier zur Welt
gekommen das Schicksal der alten Stadt hätte voraussagen können
    Er prophezeite auch der jungen Stadt Bagdad den Untergang denn Bagdad
verdanke ebenso wie Babylon nur »zufälligen Zeitumständen« und
Machtverhältnissen seine Entstehung und Bedeutung  beide Städte seien nicht wie
Byzanz durch ihre natürliche Lage sondern durch die Willkür kurzsichtiger
Machtaber groß geworden
    Es war sehr lustig anzusehen wie die arabischen Gelehrten in ihrer modernen
Bagdader Tracht zwischen den Ruinen herumkrochen Der wie gewöhnlich sehr ruppig
gekleidete Abu Hischam schien der Gegend noch am besten angepasst zu sein  aber
die schwarzen Kaftane des Jakuby Hamadany und Abu Hanifa wirkten unter den
Tempelsäulen geflügelten Sphinxen unter alten Urnen Töpfen und Scherben sehr
fremdartig Die braunen baumwollenen Kleider des dicken Osman nahmen sich ebenso
drollig aus wie Kodamas schwarze Sammetjacke Selbst die Beduinengewänder des
Abu Maschar und des Safur schienen hier nicht herzugehören
    Wie die drei weißen Turbane leuchteten
    Wie lustig Jakubys violetter Turban von dem gelben des Kodama abstach
    Safur sprach fast kein Wort und ging gewöhnlich seine eigenen Wege  wären
ihm die Andern nicht immer in einiger Entfernung gefolgt man hätte ihn
verloren
    Er bestieg auch allein die Beluspyramide  die Andern warteten unten
    Allmählich wurde jedoch Safurs sieben Freunden recht verdrießlich zu Mute
    Des Dichters gereizte Stimmung übertrug sich
    Man aß noch am Fuße der Pyramide bei Mondschein ein bescheidnes Abendbrot
das vornehmlich aus Brot und Früchten bestand bewunderte die Pyramide deren
Spitze längst fort war und die dadurch einen klotzartigen Eindruck machte
schlief unter den mitgebrachten Zelten so leidlich und rüstete am nächsten
Morgen zur Heimkehr
    Nach längerem Suchen fand man die lange Barke wieder schiffte sich ein und
segelte nach Hause
    Indessen die Barke war schwerer als bisher
    Es stellte sich nämlich heraus dass Jeder eine ganze Masse Scherben alte
wunderlich geformte Eisenstücke Öllämpchen Alabasterfiguren Tonziegel mit
babylonischer Schrift und so weiter in seinen Gewändern verborgen gehalten und
in die Barke mitgenommen hatte
    Kodama hatte sogar einen alten Siegelring gefunden der allgemeine
Bewunderung erregte
    Die Folge dieses Sammeleifers war eine Überlastung des Kahnes
    Auf der ganzen Rückreise mussten die Sklaven fortwährend das Wasser
ausschöpfen
    Safur sprach zuweilen zu sich selbst und machte ein merkwürdiges Gesicht
    Offenbar passte ihm die Gesellschaft nicht im mindesten da Alle nur von den
gleichgültigsten alltäglichsten Dingen sprachen  Abu Maschar nicht ausgenommen
    Des Dichters Gereiztheit wurde so ungemütlich dass Kodama am siebenten Tage
wütend ausrief
    »Safur wenn Dir unsre Gesellschaft unangenehm ist so spring doch zum Kahn
hinaus und geh zu Fuß zu Deiner Tarub zurück Das Ufer ist ja hier dicht in der
Nähe«
    Und was geschah da
    Safur tat was ihm der dicke Kodama riet  er sprang wirklich raus aus dem
Kahn  drückte dabei leider so heftig mit dem rechten Fuß auf die Bordkante dass
der Kahn Wasser schöpfte und  und  versank
    Na  dies Geschrei
    Die ganze Gesellschaft lag plötzlich im Wasser
    Die Geschichte ist fast unbeschreiblich
    Osman fährt während er noch mit den Wellen kämpft wutschnaubend auf den
dicken Kodama los schreit »Du naseweises Rindsvieh« und stuckst den
Geographen so heftig ins Schilf dass der mit dem Gesicht in den Morast fällt und
natürlich dabei Stirn und Wangen Augen Nase und Mund so beschmutzt dass man
sich gar keine rechte Vorstellung davon machen kann
    Alle sind pudelnass geworden
    Ertrunken ist Keiner da die Barke dicht am Ufer fuhr
    Aber schmutzig sind Alle  brr  sehr
    Man mag sich garnicht gegenseitig ansehen
    Und man schimpft natürlich auf den Safur  wie nur Wütende schimpfen können
    Abu Hischam ist der Einzige der lachen kann
    Safur ist verschwunden
    Dafür erscheinen ein paar Eremiten mit langen Stangen am Ufer
    Wie die ollen Eremiten die nassen schmutzigen Brüder schauen müssen sie so
lachen dass ihnen die Tränen über die hohlen Wangen rollen
    Die Schiffbrüchigen müssen sich das ruhig gefallen lassen
    Der Kodama kriegt am meisten ab  er ist auch ganz kleinlaut
    Von Safur aber sieht man keine Spur der ist vollkommen verschwunden
    Man beschliesst Safur und Tarub nie wieder zu besuchen
    Alle schwören sich das zu
    Die Eremiten lachen sich krumm dabei
    Die sieben lauteren Brüder reinigen wütend ihre Kleider  ihre schönen guten
Kleider
    Die Barke wird mit Mühe gehoben
    Unzählige Schmutzflecke gehen nicht raus aus den Kleidern  schändlich 
gemein 
    Die Wascherei nimmt gar kein Ende
 
                           Zweiundzwanzigstes Kapitel
Seine Freunde ist also Bagdads berühmter Dichter los  die kommen nicht wieder
    Jetzt hat er nur noch die Tarub die sich natürlich nicht wenig wundert als
Safur ihr mitteilt dass er sich mit den »Andern« erzürnt habe und dass die
»Andern« schon nach Bagdad gefahren seien
    Der Tarub wird so schwül sie will Näheres wissen erfährt aber nichts
    Sie sagt dann kurz
    »Das wird ja ein schönes Leben werden«
    Und nach diesen Worten geht sie in ihre Küche und wirtschaftet wieder herum
dass alles klirrt und klappert
    Die Tarub muss immer arbeiten sonst ist ihr nicht wohl
    Safur aber  fängt jetzt an zu dichten
    Das bereitet der Tarub natürlich eine große Freude
    Sie bedauert allerdings dass Safur seltener auf die Jagd geht auch nicht
mehr angelt
    Das macht aber nichts denn Tarub angelt selbst
    Es gibt fast täglich Fische zu Mittag
    Leider schickt Battany nicht mehr Brot und Wein  das ist sehr peinlich
    Es dauert drum nicht lange und die Tarub ist wieder so wie in der langen
Straße
    Doch Safur geht jetzt einfach fort wenn die Tarub laut zu reden oder gar zu
schimpfen beginnt
    Die Tarub wird so unglaubwürdig das auch klingen mag schließlich selber
schweigsam
    Ein rührendes Zusammenleben
    In der alten Lehmkate wirds immer stiller
    Safur wird immer magrer Doch er fängt sein Dschinnengedicht wirklich an 
auf prächtigem chinesischem Papier schreibt er die ersten Verse   
    Indessen  er zerreißt gern das was er schrieb
    Er fängt immer wieder noch mal an
    Mit dem Dichten wills garnicht so recht gehen
    Er kann nicht er hat das Leben eines Schlemmers geführt  immer nur
genossen  nicht gelebt um dichten zu können    sondern gelebt um genießen
zu können
    Was Safur dichtete waren immer nur Gelegenheitsscherze  mit denen er
blendete  Längeres Größeres hatte er nie fertig gebracht  demnach wollt es
jetzt mit dem Dschinnengedicht nicht vorwärtsgehen  wollte nicht
    Die Tarub wird neugierig
    Sie wundert sich dass Safur immer seine Verse zerreißt  warum zerreißt er
sie denn
    Als Safur mal fort ist setzt sie einzelne Papierteile die sie in einer
Ecke findet wieder zusammen und liest
»Ich sah Dich schon so lange nicht
Wo bliebst Du nur
Ich hört Dich auch so lange nicht
Ach Alles spricht
Und die Königin der Wüste will da schweigen
Nicht Du sollst mir endlich Alles Alles zeigen 
Die ganze große Geisterwelt
Ich sehne mich zu sehr
Komm endlich zu mir her«
Das war mit riesig großen Buchstaben geschrieben  aus der Schrift leuchtete
Safurs Selbstbewusstsein wie eine große Sonne heraus
    Die Tarub versteht die Verse nicht
    Aber sie will wissen wer die »Königin der Wüste« ist
    Safur sieht so mürrisch und gereizt aus
    Wie er wieder mal ein paar Verse zerreißt sammelt die Tarub gleich nachher
mit großem Eifer abermals die Papierteile setzt sie zusammen und liest
»Zum König Saiduk bist Du gegangen
Zum König mit den schwarzen Wangen
Wilde Dschinne komm zu mir«
Die Verse klären die Tarub nicht auf
    Sie wird auch gereizt
    Was will denn der Safur mit der Dschinne
    Die Geschichte ist der großen Köchin unbegreiflich
    Safur bleibt oft tagelang fort 
    Oft fährt er im Kahn den Tigris hinauf  ganz allein
    Zuweilen geht er auch auf die Jagd  bringt aber selten was mit
    Die Tarub wird misstrauisch und eifersüchtig
    Eines Tages findet sie wieder ein paar zerrissene Verse  die gingen so
»Nun lach nicht mehr so schaurig
Dein Lachen macht mich traurig
Und sprich zu mir ein Wort
Das Schweigen tötet die Liebe
Du sollst mich aber lieben 
Ach hörst Du mich denn nicht«
Da regt sich das Weib in der Köchin 
    Sie wird eifersüchtig und schleicht ihrem Dichter nach  doch sie trifft
kein Weib  nur ein paar alte Eremiten
    Die Eremiten forscht sie vorsichtig aus hört jedoch nichts von ihnen
    Safurs Augen sehen so scheu aus
    Manchmal spricht er zu sich selbst 
    Da findet die Tarub eines Morgens im Kahne abermals viel zerrissenes Papier
und auf all dem Papier steht immer dasselbe  immer nur
»Du bist die Nacht
Du bist der Tod«
Diese Worte beruhigen das Weib  denn dem wirds nun allmählich klar dass die
Dschinne garnicht lebt sonst könnt er sie doch nicht »Nacht« und »Tod« nennen
    Doch was fehlt denn ihrem Dichter
    Soll das der Anfang des großen Gedichts sein
    Richtig  jetzt fällt der Tarub ein dass er ein »Dschinnengedicht« schreiben
will
    Sie wird ganz ruhig
    Auf einem nicht zerrissenen Papierstreifen steht
»Und ewig bleibt sie still und stumm
Ich dreh mich müd im Kreis herum
Die Dschinne will mir nichts sagen«
»Ha Ha« ruft da die Tarub und schmeisst den Streifen fort  dass die Dschinne
nichts sagt kommt der Köchin so schrecklich natürlich vor  jetzt ist sie nicht
mehr eifersüchtig  ganz und gar nicht
    Doch sie fühlt sich jetzt einsamer denn je
    Die Einsamkeit ist ihr grässlich
    Und sie sehnt sich nach Bagdad zurück
    Mit dem Safur ist es ja nicht mehr zum Aushalten sein Gesicht wird immer
hässlicher  diese krausen Stirnfalten  diese dicke Unterlippe 
    Manchmal allerdings ist der protte Bär recht in Sorge  Safur sieht so krank
aus
    Indes  sie kann um Safurs Dichterei willen nicht ihr ganzes Leben so
hinfressen  das geht nicht
    Und Safur mag die Tarub nicht mehr ansehen ihn berührt das Körperliche an
ihr so unangenehm
    Er ist sehr höflich zu ihr wünscht aber innerlich dass sie recht bald nach
Bagdad zurückkehren kann
    Als Köchin ist sie ihm jetzt garnichts mehr
    Er mag nur noch ungern was Besseres essen
    Am liebsten isst er Brot und Früchte
    In der Lehmkate wird nun alles so merkwürdig
    Die Menschen da drinnen haben sich nichts mehr zu sagen  sie sind einander
fremd geworden
    Zank gibts nicht mehr
    Einer geht am Andern vorbei als wär der nicht da
    Eines Tages kriegt die Tarub aus Bagdad einen Brief vom Schneider Dschemil 
sie möcht doch zu ihm kommen und seine Köchin sein sie solls gut haben  er
der Schneider Dschemil sei jetzt sehr reich und wolle öfters Festessen
veranstalten und so weiter
    Der Brief kommt der berühmten Köchin nicht ungelegen sie tut allerdings
anfangs so als wolle sie nichts vom Dschemil wissen  aber wie Safur ihr ruhig
zuredet gibt sie dem Boten der ihr den Brief brachte einen andern Brief mit
in dem sie »Ja« sagt
    Und dann gehts ans Packen
    dabei wird ihr allerdings ein bisschen eigentümlich  Safur ist ihr doch noch
nicht so ganz gleichgültig  durchaus nicht
    Sie findet auch jetzt ein sauber geschriebenes Gedicht das sie noch mal
heftig erregt  da steht geschrieben und es ist nicht zerrissen
    »Die Dschinne singt
Ja unter Deinen weißen Rosen
Will ich heut Abend mit Dir kosen
Horch auf meinen knatternden Peitschenknall
Oh der donnert grausig durchs Weltenall
Wirst ihn schon hören
Ich will um Deine Liebe werben
Mit ganz besondrem Wüstenwitz
Sieh Die mich lieben müssen sterben 
Und wen ich küsse trifft der Blitz«
Noch einmal ist die Tarub wieder ganz Liebe zu ihrem Safur  noch einmal  unter
den weißen Rosen
    Und Safur
    Der wird zuweilen so wehmütig
    Er fühlt dass die Tarub stets das schwere Bleigewicht war das ihn der
immer in eine andre Welt hinauffliegen wollte an die Erde fesselte  die Tarub
war seine Sklavenkette
    Aber wenn mal diese Sklavenkette abriss  was dann
    Wirds zu seinem Heile sein
    Wirklich
    War die Sklavenkette nicht auch zu was gut
    Den Dichter fröstelt als berühre ihn eine Totenhand
    Jetzt kann er fliegen  in das andre Land
    Ist das aber nicht der Tod
»Du bist die Nacht
Du bist der Tod«
Das murmelt leise der Dichter und fährt auf den Tigris hinaus  er will dichten
    Und er dichtet
»Meine Wüstenbraut
Mein dunkles Weib
Komm und küss mich tot«
Und dann wirft der Dichter all sein Papier und sein ganzes Schreibzeug ins
Wasser  er will nicht mehr dichten  es wird ja doch nichts
    Warum soll er auch dichten  warum
    Er will seine Dschinne sehen  seine Dschinne
    Es flüstert in der Luft
    Safur horcht  und träumt und erschrickt zuletzt als ihn die Tarub vom Ufer
aus anruft
    Der Kahn der die Tarub nach Bagdad bringen soll ist angekommen
    Safur küsst seine Tarub noch einmal so stürmisch  als wärs zum »letzten«
Mal
    Und dann geht die Tarub fort  weinend
    Die weißen Rosen duften so wunderbar
    Safur steckt noch seiner Köchin ein paar weiße Rosen ins schwarze Haar und
streichelt ihren schwarzen Zopf
    Der Abendhimmel ist gelb
    Bagdads berühmte Köchin hebt sich prächtig vom Himmel ab  wie ein ehernes
Standbild
    Safur liegt unten am Ufer und sieht seine Tarub da stehen  vor dem gelben
Himmel
    Und als der Kahn vom Ufer abgestoßen wird fängt die Tarub furchtbar an zu
weinen
    Safur weint auch
 
                           Dreiundzwanzigstes Kapitel
Ein leises Klingen geht durch die Luft
    Safur fühlt sich so frei Ihm ist als würd er plötzlich emporgetragen
hinüber ins andre Reich
    So als wenn er schwebe ist ihm jetzt
    Er hat das Gefühl dass etwas Schweres von ihm genommen wurde er fühlt sich
erleichtert  so frei  so frei  garnicht mehr irdisch
    Eine wunderbare Seligkeit umfängt ihn
    Wie froh ist er dass die Tarub fort ist
    Er sieht plötzlich seine Dschinne vor sich und sinkt auf die Kniee 
schließt die Augen und fällt zurück
    Wunderbar duften die weißen Rosen
    Safur träumt von Wolken und von Huris
    Plötzlich hört er knatternden Peitschenknall  einen furchtbaren Donner
    Der Dichter will die Augen öffnen kann aber nicht  er vermag nicht ein
Glied zu rühren
    Und der Donner hört nicht auf
    Seine Dschinne ist da  er fühlt es
    Ein Pferd wiehert und dann lacht wer
    Ein hellblaues Licht blendet plötzlich des Dichters Augen Er sieht hinein
und sieht seine Dschinne auf schwarzem Ross hoch aufspringen  ins blaue Licht
hinein
    Die grauen Gewänder der Dschinne flattern und knallen wieder donnerts
    Und die Dschinne reitet in den Himmel hinein sie dreht sich um ihre
Peitsche saust knatternd durch die Luft
    Ein Stier springt empor  ein wilder Stier  der sprengt auch in die blaue
Luft hinauf
    Safur erhebt sich  ein Sturmwind erfasst ihn  und im nächsten Augenblick
sitzt er auf dem Stier und nun gehts der Dschinne nach
    Schwefelgelb wird die Luft
    Auf grauen Wolken rasen  der Dschinne Ross und Safurs Stier
    Ein Blitz zerreißt die gelbe Luft
    Aus tausend Kehlen lacht es
    Über die Wolken hin rast vor dem Stier ein unzählbares Reiterheer  König
Saiduk mit seinen Dschinnen
    Und die Dschinne die er verfolgte stößt ihr Pferd in die Tiefe und schwebt
zum König und umhalst ihn  Safur schreit  und da fällt er kopfüber von seinem
Stier runter  in die Tiefe  sieht nichts mehr   
    Wie Safur erwacht liegt er am Tigrisstrande und der Vollmond leuchtet über
den Wassern und die weißen Rosen duften    
    In einigen Wochen wird Safur ein ganz Andrer Seine Augen liegen hohl im
Kopf und sein Leib ist abgemagert  wie ein Gespenst geht er am Strande auf die
Jagd 
    Oft sieht er Hyänen
    Unstet ist sein Blick scheu  als hätt er ein Verbrechen begangen
    Ans Essen denkt er nur selten
    Wenn er aber angefangen hat zu essen  dann isst er mit furchtbarem
Heisshunger Gewöhnlich schlingt er das ungekochte Fleisch wie ein wildes Tier
runter
    Jetzt trinkt er mit Vorliebe  heißes Blut
    Und er wird dann immer sehr wild
    In jeder Nacht fiebert er
    Und seine Fieberträume sind entsetzlich
    Er verfolgt immer seine Dschinne
    Auch die Tarub erscheint ihm und sie ist sehr gut zu ihm sagt immer
    »Sieh wenn Du mich nicht gehabt hättest dann hättest Du doch nie die
Dschinne geliebt Mir verdankst Du alles Das RohKörperliche hat das Geistige
erzeugt  die Dschinne ist ja meine Tochter  weißt Du das nicht«
    Und diese Rede hört er mehrere Male und er wird dann immer sehr aufgebracht
und zankt sich mit der Tarub
    Nachher jagt er wieder dem König Saiduk nach und prügelt sich mit ihm  der
aber würgt ihn immer  was furchtbar ist
    Wenn dem tollen Dichter ein Eremit begegnet  so verbirgt der sich im
nächsten Gebüsch
    Zuweilen sind des Dichters Fieberträume sanfter  besonders wenn der Mond
nicht scheint Dann träumt er wohl von prächtigen Gärten in denen er von vielen
schönen Frauen ganz langsam umhergetragen wird
    Von Riesensphinxen träumt er auch  deren Haupt ragt hoch in den Himmel bis
an die Sterne  und die Brüste der Sphinxe sind so groß wie Erdkugeln  oh 
noch größer
    Die ruhigen Träume werden jedoch immer seltener
    Von den beiden Riesen  Harut und Marut  die in der Beluspyramide an den
Füßen aufgehängt sind träumt dann auch mal der Dichter 
    Wie er aber einmal erst von denen träumte kann er sie nicht wieder
vergessen
    Er glaubt immer sie verfolgten ihn sie gingen hinter ihm  mit den Köpfen
an die Erde stossend  und zwischen ihnen  seine Dschinne
    Und diese Vorstellung lässt ihn nicht mehr los
    Er will andre Geister zu Hilfe rufen
    Er betet auf den Knieen zum König Saiduk
    Nun will er unter allen Umständen in die überirdische Welt hinein  er muss 
er kann nicht mehr anders
    Wenn er in der Lehmkate sitzt und brütet ist ihm so als wären Harut und
Marut draußen vor der Tür und würgten  seine Dschinne  seine Dschinne
    »Mein Weib Mein Weib« schreit er dann und stürmt hinaus
    Indessen da kommts ihm immer so vor als wenn Harut und Marut blitzschnell
mit der Dschinne ins Haus hineinschlüpfen
    Immer sind sie hinter der einen Wand ob er nun vor der Kate oder mitten in
der Kate steht
    Seine Blicke durchbohren die Wand
    Er will hinter die Wand kommen  hinter die Wand  hinter die dumme Wand
    Wie ein wildes Tier schreit er hin und wieder  dass es schaurig nachts über
die Wasser hallt
    Alle seine Muskeln spannen sich an er fühlt in sich übermenschliche
Riesenkräfte er will Harut und Marut vernichten
    Grässlich schreit er daher jeden Abend
    »Harut Marut Kommt heraus Harut Marut Ich erwürg Euch Harut Marut«
    Wer auf dem Wasser vorbeirudert und das hört  schaudert zusammen
    Niemand wagt dem Dichter zu nahen
    Eines Abends wie wieder der Vollmond über dem Tigris steht und sanft
leuchtet schreit Safur lauter denn je
    Er will durch die Wand durch  durch die dumme Wand  grade da will er
durch wo eine rote Tontafel eingelegt ist aus der wunderliche Figuren
herauskommen
    Er will da durchaus durch
    Noch einmal schreit er wie ein wildes Tier
    »Harut Marut Jetzt komm ich Mein Weib Mein Weib Harut Marut Jetzt«
    Und mit fürchterlicher Kraft rennt er mit dem Kopf gegen die Lehmwand dass
sein Haus erzittert und dass sein Schädel  birst
    Mit gellendem Schrei bricht der Dichter zusammen
                            
    Die Hyänen kommen langsam näher
    Wunderbar duften die weißen Rosen
                            
 
                           Vierundzwanzigstes Kapitel
Die Sterne verblassen
    Der Wind weht sanft über den Tigris
    Es wird wieder Morgen
    Die Christen feiern in Bagdad  Neujahr und schreiben das Jahr 897
    Die christlichen Weinwirte sind sehr freigebig gewesen  gaben in der
letzten Nacht so manchen dicken Weinschlauch zum Besten
    Man darf sich also nicht wundern dass sich Bagdad an diesem christlichen
Neujahrsmorgen in recht gehobener Stimmung befindet
    Abu Hischam der mit Kodama fast die ganze Nacht Schach gespielt hat kehrt
noch auf der Tigristerrasse ein  da lärmen die Tofailys
    Abu Hanifa und Hamadany sind auch da
    Die Tofailys zanken natürlich Sie hassen sich sie beneiden sich sie
verleumden sich  wie gewöhnlich
    Es ist bekanntgeworden dass der verstorbene Safur das Wort »Tarub« zuletzt
als Schimpfwort gebrauchte dass er das ganze ungebildete Volk »Tarub« nannte
    Das hat sich sehr schnell herumgesprochen
    Und nun gehört die Tarub wieder zu den »berühmtesten« Persönlichkeiten der
arabischen Literatur
    Hamadany ist Tarubs Geliebter
    Buchtury und Abu Hanifa machen sich ein Vergnügen daraus Tarubs Vorzüge in
den Schatten zu stellen 
    Abu Hanifa der jetzt schon einen Ruf als Spötter genießt weist zunächst
mit höhnischem Gesicht auf die Tugenden der Tarub hin preist ihre Gesundheit
ihren echten Zopf ihre starken Zähne ihre Kenntnis der Gemüsearten ihre
Sauberkeit ihre Arbeitsamkeit ihre Klatschsucht ihre Grobheit ihre einfachen
Sitten  und  und Abu Hanifa will sich totlachen
    Schon möchte der Hamadany ärgerlich werden da kommt jedoch der Abu Hischam
und nimmt die Tarub in Schutz
    »Kinder« erklärt er lachend mit dem Becher edlen Weins in der Hand
»Kinder was wär die Welt wenn wir keine Tarubs hätten Ihr seid ja sehr feine
Köpfe  sehr feine Köpfe  können aber Köpfe ohne Leiber leben  seht Ihr Da
habt Ihrs die Tarubs sind die Leiber die sind auch nötig  grade für Euch Die
Tarub die ich bekanntlich ebenfalls sehr liebe ist für die Entwicklung der
arabischen Literatur garnicht so unwichtig gewesen Wie oft hat uns Bagdads
berühmteste Köchin was Gutes gekocht Kinder ich glaube es gäbe unter uns
keine Verfeinerung wenns keine Tarub gäbe Tarub lebt unter uns wien erzenes
Standbild Ja  Tarub ist das einfache Volk  aber das bleibt und trotzt allen
Stürmen  ist das garnichts Die feinen Köpfe gehen gewöhnlich entzwei die
Tarubs gehen nicht so leicht entzwei  ist das nicht wahr«
    »Ja« schreien Alle und lachen  andre Tofailys stehen herum und hören zu
Abu Hischam schwankt  fällt bald nach hinten bald nach vorn redet aber ruhig
weiter wie ihn zwei Tofailys festhalten
    »Unsinn« ruft er laut »Unsinn ist die dumme Feinheit Beim Barte des
Propheten  die Gesundheit ist doch auch was Ich trinke auf Tarubs Gesundheit«
    Mit Gejohle klirren die Becher zusammen
    Abu Hanifa schreit heftig
    »Nur die Kranken preisen die Gesundheit Den Gesunden fällt das nicht ein«
    Doch diese Bemerkung stört den lustigen Philosophen nicht im mindesten er
spricht weiter
    »Meine Freunde Safur musste stets einem Idole nachjagen das garnicht lebt 
also erzählte mir gestern der Prophet Abu Maschar  ich laufe einem Idole nach
das wirklich auf der Erde da ist dem wir alle nachlaufen sollten Die Tarub ist
mein Idol  das bet ich an Die Tarub ist das eherne Götzenbild das wir alle
umtanzen sollen  sie ist was Festes  sie steht in unsrer Mitte Da nun aber
Bagdads berühmte Köchin nicht hier ist  so lasst uns ihren Geliebten den
Hamadany umtanzen«
    Der Philosoph konnte kaum ausreden
    Eh er sichs versah war Hamadany umringt und  man tanzte um ihn rum
    Das sah sehr drollig aus
    Der Lärm schallte über den Tigris der aufgehenden Morgensonne entgegen
    Wie sich die Aufregung ein bisschen gelegt hat geht Hamadany fort  zu
seiner Tarub
    »Heut Abend also bei Dschemil« ruft er noch lachend den Andern zu
    Der Schneider Dschemil ist jetzt auch berühmt  und wie
                            
    Die Tarub weinte viel  das zog den Hamadany an  er wollte sie trösten 
und so kamen sie zusammen
    Hamadany betrinkt sich garnicht mehr  um seine berühmte Köchin nicht an den
Safur zu erinnern
                            
    Über den Karawanenplatz der im Frühlicht so farbenfrisch aufleuchtet wie
ein Haufen bunter Edelsteine reitet der Prinz Ali  mit großem Gefolge  er
will auf den Sklavenmarkt
    Die jungen Araber die betrunken nach Hause wanken begrüßen den Prinzen in
sehr eigenartiger Weise  sie stehen während er vorbeireitet auf einem Beine
was ihnen natürlich nicht leichtfällt
    Diese Begrüssungsart entspricht einem besonderen Wunsche des Prinzen
    Den Fremden ist es jedoch verboten den Prinzen auf einem Beine zu begrüßen
    Der Ali hat noch immer die merkwürdigsten Einfälle
    Es liegt in der Zeit eine gewisse Sucht nach auffälligen Geschichten Jeder
will bemerkt und »berühmt« werden dabei belacht zu werden  gilt nicht als
Schande  im Gegenteil
    Der Prinz ärgert sich drum auch garnicht als er auf dem Sklavenmarkte mit
einem Spottliede empfangen wird das ihm hauptsächlich die Frauen gern zu hören
geben da er seiner ungewöhnlichen Neigungen wegen ebenfalls »berühmt« ist
    Das sehr harmlos klingende Spottlied geht also
»Prinz Ali ist ein Mann
Prinz Ali ist ein Mann
Der wunderschön regieren kann
Man seh ihn sich nur länger an
Prinz Ali ist ein Mann«
Diese nicht grade geistreichen Verse haben zum Ruhme des Prinzen sehr viel
beigetragen  er hört sie deshalb zuweilen mit größtem Wohlgefallen
    Sein Bruder der Prinz Abdallah der durch seine eigenen Gedichte berühmt
werden will ist ordentlich neidisch auf dieses Spottlied  auf ihn hat man noch
keins gemacht
    Die Zeit leidet an Ruhmsucht
    Abu Hanifa sagt Jedem dem was fehlt
    »Mensch sei vergnügt Wenn man nur berühmt ist  dann ist Alles gut«
    Unzählige Araber murmeln ihm nach
    »Wenn man nur berühmt ist«
    Drollige Zeit
    Von dem Chalifen hört man nicht mehr viel Man weiß garnicht mehr »wer«
eigentlich an der Regierung ist  fragt auch nicht danach
    Sehr viele religiöse Sekten werden gegründet
    Der nichtswürdige Dichter Al Rumy ein Anführer der Tofailys hat auch eine
neue Religion gegründet  deren Kultus sich um Wettlaufen Faustkämpfe und
Ringkämpfe dreht
    Al Rumy hält die Leibesübungen für die besten Erlösungsmittel und preist die
in sehr marktschreierischer Weise an  bei den Tofailys erzielt er einen
ungeheuren Erfolg
    Die Tofailys verbesserten durch Al Rumys Religion die Aufnahmefähigkeit
ihres Magens
                            
    Osman beschäftigt an die hundert Schreiber
    Die lauteren Brüder schreiben ja nicht allzu viel  dafür schreiben aber die
Tofailys um so mehr  besonders Dschinnengedichte werden von den letzteren
geschrieben
    Buchtury hat auch ein langes Gedicht geschrieben  in dem kommt eine
Dschinne vor die so viel isst und danach so dick und schwer wird dass sie
schließlich ihrem Hengst das Rückgrat zerbricht   
    Abu Hanifa schreibt über die Omijaden
    Kodama schreibt Vorreden zu den Werken der älteren arabischen Literatur
    Der alte Suleiman ist so gut wie verschollen  er soll in Kufa leben Er
verschwand als sich die Sailóndula in den Tigris stürzte und  ertrank
    Jakuby klettert in den Ruinen von Persepolis umher und gedenkt nach
Nordchina zu pilgern  unermüdlich ist der alte Herr
                            
    Die Sareppa hats Genick gebrochen
    Die Abla ist krank
    Said ist auch gestorben
    Die arabische Literatur versammelt sich jetzt beim Schneider Dschemil
    Es geht dort allerdings ein bisschen gemischt zu
    Battany und Osman besuchen den Schneider nicht die haben sich
zurückgezogen
    Osman gibt zuweilen einem ganz erlesenen Kreise von Gelehrten ein
fürstliches Abendessen  mag jedoch die meisten lauteren Brüder nicht zu oft bei
sich sehen
    Aus der »Gesellschaft der lauteren Brüder« ist jetzt wirklich ein
abgeschlossener Geheimbund geworden
    Und zu diesem Geheimbunde gehören diejenigen die einst den Bund gründeten
zum großen Teile nicht mehr
    Die Inder und die Ägypter die bei Al Battany ständig zu Gaste sind haben
sich ganz und gar des Bundes bemächtigt
    Die Bundesangelegenheiten werden sämtlich in den Gärten des reichen Al
Battany erörtert  Osman wird immer seltener zu Rate gezogen  an die andern
Araber denkt man garnicht
    Bei den Indern hat sich beinahe eine Feindschaft gegen das Arabertum
ausgebildet und öfters zog man in gehässigen Ausdrücken gegen den armen Safur
los in dem man das Urbild des Arabers sehen wollte der an seiner Genussgier zu
Grunde gehen musste
    Als Osman den Toten mal in Schutz nahm ihn besonders als Dichter sehr
herausstrich und schließlich sagte
    »Seine Tollheit war eine ganz ernste Tollheit  er hatte Vieles in sich was
ihn sehr berühmt gemacht haben würde«  da ward der kühne Schreiber fast
garnicht mehr von Battany eingeladen
    Dass Safur ein echter Araber vom Scheitel bis zur Zeh war  daran zweifelte
natürlich im Volk und unter den Tofailys kein Mensch  bei Battany wurde ihm das
aber zum Vorwurf gemacht    was glücklicherweise nicht allgemein bekannt
geworden ist    sonst wärs dem Battany noch schlecht ergangen   
    Safurs Einfluss auf die Tofailys war recht groß  die waren im Jahre 897
sämtlich große Feinschmecker geworden  und viele von ihnen schrieben
Dschinnengedichte 
    Nicht immer das Beste kommt an die Oberfläche
                            
    Die Sternwarte ist fast verödet
    Abu Maschar steht zwar noch immer auf dem Mittelturm und rechnet  sonst ist
es aber ganz still  die Mongolen reiten unten nicht mehr herum  Battany hat
sich eine neue Sternwarte in seinem Garten erbaut
    Der Prophet steht auf seinem Mittelturm wie ein Gespenst  auch an dem
christlichen Neujahrsmorgen
    Wie das Spottlied auf den Ali vom nahen Sklavenmarkt herüberhallt murmelt
der Prophet lächelnd
    »Aha Ali kommt«
    Und der Prophet rechnet weiter
    Später sagt er seufzend
    »Ach Ali kommt immer Auch die Lächerlichkeit ist unsterblich Und da
behaupten die Menschen noch dass sich die Welt entwickle Nein  die entwickelt
sich nicht Die Welt wird nach tausend Jahren genauso klug und genauso dumm sein
 wie sies heute ist«
    Und der Prophet achtet nicht drauf dass die Sonne allmählich höher und höher
steigt und heißer wird 
    Der Prophet rechnet wieder  rechnet