1892_Fontane_FrJennyTreibel.html




        
                                Theodor Fontane
                               Frau Jenny Treibel
                                      oder
                        »Wo sich Herz zum Herzen findt«
                                     Roman
                                  Erstes Kapitel
An einem der letzten Maitage das Wetter war schon sommerlich bog ein
zurückgeschlagener Landauer vom Spittelmarkt her in die Kur und dann in die
Adlerstrasse ein und hielt gleich danach vor einem trotz seiner Front von nur
fünf Fenstern ziemlich ansehnlichen im übrigen aber altmodischen Hause dem
ein neuer gelbbrauner Ölfarbenanstrich wohl etwas mehr Sauberkeit aber keine
Spur von gesteigerter Schönheit gegeben hatte beinahe das Gegenteil Im Fond
des Wagens saßen zwei Damen mit einem Bologneserhündchen das sich der hell und
warmscheinenden Sonne zu freuen schien Die links sitzende Dame von etwa
dreißig augenscheinlich eine Erzieherin oder Gesellschafterin öffnete von
ihrem Platz aus zunächst den Wagenschlag und war dann der anderen mit
Geschmack und Sorglichkeit gekleideten und trotz ihrer hohen Fünfzig noch sehr
gut aussehenden Dame beim Aussteigen behilflich Gleich danach aber nahm die
Gesellschafterin ihren Platz wieder ein während die ältere Dame auf eine
Vortreppe zuschritt und nach Passierung derselben in den Hausflur eintrat Von
diesem aus stieg sie so schnell ihre Korpulenz es zuließ eine Holzstiege mit
abgelaufenen Stufen hinauf unten von sehr wenig Licht weiter oben aber von
einer schweren Luft umgeben die man füglich als eine Doppelluft bezeichnen
konnte Gerade der Stelle gegenüber wo die Treppe mündete befand sich eine
Entreetür mit Guckloch und neben diesem ein grünes knittriges Blechschild
darauf »Professor Wilibald Schmidt« ziemlich undeutlich zu lesen war Die ein
wenig astmatische Dame fühlte zunächst das Bedürfnis sich auszuruhen und
musterte bei der Gelegenheit den ihr übrigens von langer Zeit her bekannten
Vorflur der vier gelbgestrichene Wände mit etlichen Haken und Riegeln und
dazwischen einen hölzernen Halbmond zum Bürsten und Ausklopfen der Röcke zeigte
Dazu wehte der ganzen Atmosphäre auch hier den Charakter gebend von einem nach
hinten zu führenden Korridor her ein sonderbarer Küchengeruch heran der wenn
nicht alles täuschte nur auf Rührkartoffeln und Karbonade gedeutet werden
konnte beides mit Seifenwrasen untermischt »Also kleine Wäsche« sagte die von
dem allen wieder ganz eigentümlich berührte stattliche Dame still vor sich hin
während sie zugleich weit zurückliegender Tage gedachte wo sie selbst hier in
eben dieser Adlerstrasse gewohnt und in dem gerade gegenüber gelegenen
Materialwarenladen ihres Vaters mit im Geschäft geholfen und auf einem über zwei
Kaffeesäcke gelegten Brett kleine und große Düten geklebt hatte was ihr
jedesmal mit »zwei Pfennig fürs Hundert« gutgetan worden war »Eigentlich viel
zuviel Jenny« pflegte dann der Alte zu sagen »aber du sollst mit Geld umgehen
lernen« Ach waren das Zeiten gewesen Mittags Schlag zwölf wenn man zu Tisch
ging saß sie zwischen dem Kommis Herrn Mielke und dem Lehrling Louis die
beide so verschieden sie sonst waren dieselbe hochstehende Kammtolle und
dieselben erfrorenen Hände hatten Und Louis schielte bewundernd nach ihr
hinüber aber wurde jedesmal verlegen wenn er sich auf seinen Blicken ertappt
sah Denn er war zu niedrigen Standes aus einem Obstkeller in der Spreegasse
Ja das alles stand jetzt wieder vor ihrer Seele während sie sich auf dem Flur
umsah und endlich die Klingel neben der Tür zog Der überall verbogene Draht
raschelte denn auch aber kein Anschlag ließ sich hören und so fasste sie
schließlich den Klingelgriff noch einmal und zog stärker Jetzt klang auch ein
Bimmelton von der Küche her bis auf den Flur herüber und ein paar Augenblicke
später ließ sich erkennen dass eine hinter dem Guckloch befindliche kleine
Holzklappe beiseite geschoben wurde Sehr wahrscheinlich war es des Professors
Wirtschafterin die jetzt von ihrem Beobachtungsposten aus nach Freund oder
Feind aussah und als diese Beobachtung ergeben hatte dass es »gut Freund« sei
wurde der Türriegel ziemlich geräuschvoll zurückgeschoben und eine ramassierte
Frau von ausgangs Vierzig mit einem ansehnlichen Haubenbau auf ihrem vom
Herdfeuer geröteten Gesicht stand vor ihr
    »Ach Frau Treibel Frau Kommerzienrätin Welche Ehre«
    »Guten Tag liebe Frau Schmolke Was macht der Professor Und was macht
Fräulein Korinna Ist das Fräulein zu Hause«
    »Ja Frau Kommerzienrätin Eben wieder nach Hause gekommen aus der
Philharmonie Wie wird sie sich freuen«
    Und dabei trat Frau Schmolke zur Seite um den Weg nach dem einfenstrigen
zwischen den zwei Vorderstuben gelegenen und mit einem schmalen Leinwandläufer
belegten Entree freizugeben Aber ehe die Kommerzienrätin noch eintreten konnte
kam ihr Fräulein Korinna schon entgegen und führte die »mütterliche Freundin«
wie sich die Rätin gern selber nannte nach rechts hin in das eine
Vorderzimmer
    Dies war ein hübscher hoher Raum die Jalousien herabgelassen die Fenster
nach innen auf vor deren einem eine Blumenestrade mit Goldlack und Hyazinten
stand Auf dem Sofatische präsentierte sich gleichzeitig eine Glasschale mit
Apfelsinen und die Porträts der Eltern des Professors des Rechnungsrats
Schmidt aus der Heroldskammer und seiner Frau geb Schwerin sahen auf die
Glasschale hernieder  der alte Rechnungsrat in Frack und Rotem Adlerorden die
geborene Schwerin mit starken Backenknochen und Stubsnase was trotz einer
ausgesprochenen Bürgerlichkeit immer noch mehr auf die
pommerschuckermärkischen Träger des berühmten Namens als auf die spätere oder
wenn man will auch viel frühere posensche Linie hindeutete
    »Liebe Korinna wie nett du dies alles zu machen verstehst und wie hübsch es
doch bei euch ist so kühl und so frisch  und die schönen Hyazinten Mit den
Apfelsinen verträgt es sich freilich nicht recht aber das tut nichts es sieht
so gut aus Und nun legst du mir in deiner Sorglichkeit auch noch das
Sofakissen zurecht Aber verzeih ich sitze nicht gern auf dem Sofa das ist
immer so weich und man sinkt dabei so tief ein Ich setze mich lieber hier in
den Lehnstuhl und sehe zu den alten lieben Gesichtern da hinauf Ach war das
ein Mann gerade wie dein Vater Aber der alte Rechnungsrat war beinah noch
verbindlicher und einige sagten auch immer er sei so gut wie von der Kolonie
Was auch stimmte Denn seine Großmutter wie du freilich besser weißt als ich
war ja eine Charpentier Stralauer Straße«
    Unter diesen Worten hatte die Kommerzienrätin in einem hohen Lehnstuhle
Platz genommen und sah mit dem Lorgnon nach den »lieben Gesichtern« hinauf
deren sie sich eben so huldvoll erinnert hatte während Korinna fragte ob sie
nicht etwas Mosel und Selterwasser bringen dürfe es sei so heiß
    »Nein Korinna ich komme eben vom Lunch und Selterwasser steigt mir immer
so zu Kopf Sonderbar ich kann Sherry vertragen und auch Port wenn er lange
gelagert hat aber Mosel und Selterwasser das benimmt mich Ja sieh Kind
dies Zimmer hier das kenne ich nun schon vierzig Jahre und darüber noch aus
Zeiten her wo ich ein halbwachsen Ding war mit kastanienbraunen Locken die
meine Mutter soviel sie sonst zu tun hatte doch immer mit rührender Sorgfalt
wickelte Denn damals meine liebe Korinna war das Rotblonde noch nicht so Mode
wie jetzt aber kastanienbraun galt schon besonders wenn es Locken waren und
die Leute sahen mich auch immer darauf an Und dein Vater auch Er war damals
noch ein Student und dichtete Du wirst es kaum glauben wie reizend und wie
rührend das alles war denn die Kinder wollen es immer nicht wahrhaben dass die
Eltern auch einmal jung waren und gut aussahen und ihre Talente hatten Und ein
paar Gedichte waren an mich gerichtet die hab ich mir aufgehoben bis diesen
Tag und wenn mir schwer ums Herz ist dann nehme ich das kleine Buch das
ursprünglich einen blauen Deckel hatte jetzt aber hab ich es in grünen Maroquin
binden lassen und setze mich ans Fenster und sehe auf unsern Garten und weine
mich still aus ganz still dass es niemand sieht am wenigsten Treibel oder die
Kinder Ach Jugend Meine liebe Korinna du weißt gar nicht welch ein Schatz
die Jugend ist und wie die reinen Gefühle die noch kein rauer Hauch getrübt
hat doch unser Bestes sind und bleiben«
    »Ja« lachte Korinna »die Jugend ist gut Aber Kommerzienrätin ist auch gut
und eigentlich noch besser Ich bin für einen Landauer und einen Garten um die
Villa herum Und wenn Ostern ist und Gäste kommen natürlich recht viele so
werden Ostereier in dem Garten versteckt und jedes Ei ist eine Attrappe voll
Konfitüren von Hövell oder Kranzler oder auch ein kleines Necessaire ist drin
Und wenn dann all die Gäste die Eier gefunden haben dann nimmt jeder Herr seine
Dame und man geht zu Tisch Ich bin durchaus für Jugend aber für Jugend mit
Wohlleben und hübschen Gesellschaften«
    »Das höre ich gern Korinna wenigstens gerade jetzt denn ich bin hier um
dich einzuladen und zwar auf morgen schon es hat sich so rasch gemacht Ein
junger Mister Nelson ist nämlich bei Otto Treibels angekommen das heißt aber
er wohnt nicht bei ihnen ein Sohn von Nelson  Ko aus Liverpool mit
denen mein Sohn Otto seine Hauptgeschäftsverbindung hat Und Helene kennt ihn
auch Das ist so hamburgisch die kennen alle Engländer und wenn sie sie nicht
kennen so tun sie wenigstens so Mir unbegreiflich Also Mister Nelson der
übermorgen schon wieder abreist um den handelt es sich ein lieber
Geschäftsfreund den Ottos durchaus einladen mussten Das verbot sich aber
leider weil Helene mal wieder Plättag hat was nach ihrer Meinung allem anderen
vorgeht sogar im Geschäft Da haben wirs denn übernommen offen gestanden
nicht allzu gern aber doch auch nicht geradezu ungern Otto war nämlich
während seiner englischen Reise wochenlang in dem Nelsonschen Hause zu Gast Du
siehst daraus wies steht und wie sehr mir an deinem Kommen liegen muss du
sprichst Englisch und hast alles gelesen und hast vorigen Winter auch Mister
Boot als Hamlet gesehen Ich weiß noch recht gut wie du davon schwärmtest Und
englische Politik und Geschichte wirst du natürlich auch wissen dafür bist du
ja deines Vaters Tochter«
    »Nicht viel weiß ich davon nur ein bisschen Ein bisschen lernt man ja«
    »Ja jetzt liebe Korinna Du hast es gut gehabt und alle haben es jetzt
gut Aber zu meiner Zeit da war es anders und wenn mir nicht der Himmel dem
ich dafür danke das Herz für das Poetische gegeben hätte was wenn es mal in
einem lebt nicht wieder auszurotten ist so hätte ich nichts gelernt und wüsste
nichts Aber Gott sei Dank ich habe mich an Gedichten herangebildet und wenn
man viele davon auswendig weiß so weiß man doch manches Und dass es so ist
sieh das verdanke ich nächst Gott der es in meine Seele pflanzte deinem
Vater Der hat das Blümlein grossgezogen das sonst drüben in dem Ladengeschäft
unter all den prosaischen Menschen  und du glaubst gar nicht wie prosaische
Menschen es gibt  verkümmert wäre Wie geht es denn mit deinem Vater Es muss
ein Vierteljahr sein oder länger dass ich ihn nicht gesehen habe den 14
Februar an Ottos Geburtstag Aber er ging so früh weil soviel gesungen wurde«
    »Ja das liebt er nicht Wenigstens dann nicht wenn er damit überrascht
wird Es ist eine Schwäche von ihm und manche nennen es eine Unart«
    »Oh nicht doch Korinna das darfst du nicht sagen Dein Vater ist bloß ein
origineller Mann Ich bin unglücklich dass man seiner so selten habhaft werden
kann Ich hätt ihn auch zu morgen gerne mit eingeladen aber ich bezweifle dass
Mister Nelson ihn interessiert und von den anderen ist nun schon gar nicht zu
sprechen unser Freund Krola wird morgen wohl wieder singen und Assessor
Goldammer seine Polizeigeschichten erzählen und sein Kunststück mit dem Hut und
den zwei Talern machen«
    »Oh da freu ich mich Aber freilich Papa tut sich nicht gerne Zwang an
und seine Bequemlichkeit und seine Pfeife sind ihm lieber als ein junger
Engländer der vielleicht dreimal um die Welt gefahren ist Papa ist gut aber
einseitig und eigensinnig«
    »Das kann ich nicht zugeben Korinna Dein Papa ist ein Juwel das weiß ich
am besten«
    »Er unterschätzt alles Äusserliche Besitz und Geld und überhaupt alles was
schmückt und schön macht«
    »Nein Korinna sage das nicht Er sieht das Leben von der richtigen Seite
an er weiß dass Geld eine Last ist und dass das Glück ganz woanders liegt« Sie
schwieg bei diesen Worten und seufzte nur leise Dann aber fuhr sie fort »Ach
meine liebe Korinna glaube mir kleine Verhältnisse das ist das was allein
glücklich macht«
    Korinna lächelte »Das sagen alle die die drüberstehen und die kleinen
Verhältnisse nicht kennen«
    »Ich kenne sie Korinna«
    »Ja von früher her Aber das liegt nun zurück und ist vergessen oder wohl
gar verklärt Eigentlich liegt es doch so alles möchte reich sein und ich
verdenke es keinem Papa freilich der schwört noch auf die Geschichte von dem
Kamel und dem Nadelöhr Aber die junge Welt«
    » ist leider anders Nur zu wahr Aber so gewiss das ist so ist es doch
nicht so schlimm damit wie du dirs denkst Es wäre auch zu traurig wenn der
Sinn für das Ideale verlorenginge vor allem in der Jugend Und in der Jugend
lebt er auch noch Da ist zum Beispiel dein Vetter Marcell den du beiläufig
morgen auch treffen wirst er hat schon zugesagt und an dem ich wirklich nichts
weiter zu tadeln wüsste als dass er Wedderkopp heißt Wie kann ein so feiner Mann
einen so störrischen Namen führen Aber wie dem auch sein möge wenn ich ihn bei
Ottos treffe so spreche ich immer so gern mit ihm Und warum Bloß weil er die
Richtung hat die man haben soll Selbst unser guter Krola sagte mir erst
neulich Marcell sei eine von Grund aus etische Natur was er noch höher stelle
als das Moralische worin ich ihm nach einigen Aufklärungen von seiner Seite
beistimmen musste Nein Korinna gib den Sinn der sich nach oben richtet nicht
auf jenen Sinn der von dorther allein das Heil erwartet Ich habe nur meine
beiden Söhne Geschäftsleute die den Weg ihres Vaters gehen und ich muss es
geschehen lassen aber wenn mich Gott durch eine Tochter gesegnet hätte die
wäre mein gewesen auch im Geist und wenn sich ihr Herz einem armen aber edlen
Manne sagen wir einem Manne wie Marcell Wedderkopp zugeneigt hätte«
    » so wäre das ein Paar geworden« lachte Korinna »Der arme Marcell Da
hätt er nun sein Glück machen können und muss gerade die Tochter fehlen«
    Die Kommerzienrätin nickte
    »Überhaupt ist es schade dass es so selten klappt und passt« fuhr Korinna
fort »Aber Gott sei Dank gnädigste Frau haben ja noch den Leopold jung und
unverheiratet und da Sie solche Macht über ihn haben  so wenigstens sagt er
selbst und sein Bruder Otto sagt es auch und alle Welt sagt es  so könnt er
Ihnen da der ideale Schwiegersohn nun mal eine Unmöglichkeit ist wenigstens
eine ideale Schwiegertochter ins Haus führen eine reizende junge Person
vielleicht eine Schauspielerin«
    »Ich bin nicht für Schauspielerinnen«
    »Oder eine Malerin oder eine Pastors oder eine Professorentochter«
    Die Kommerzienrätin stutzte bei diesem letzten Worte und streifte Korinna
stark wenn auch flüchtig Indessen wahrnehmend dass diese heiter und unbefangen
blieb schwand ihre Furchtanwandlung ebenso schnell wie sie gekommen war »Ja
Leopold« sagte sie »den hab ich noch Aber Leopold ist ein Kind Und seine
Verheiratung steht jedenfalls noch in weiter Ferne Wenn er aber käme« Und
die Kommerzienrätin schien sich allen Ernstes  vielleicht weil es sich um etwas
noch »in so weiter Ferne« Liegendes handelte  der Vision einer idealen
Schwiegertochter hingeben zu wollen kam aber nicht dazu weil in eben diesem
Augenblicke der aus seiner Obersekunda kommende Professor eintrat und seine
Freundin die Rätin mit vieler Artigkeit begrüßte
    »Stör ich«
    »In Ihrem eigenen Hause Nein lieber Professor Sie können überhaupt nie
stören Mit Ihnen kommt immer das Licht Und wie Sie waren so sind Sie
geblieben Aber mit Korinna bin ich nicht zufrieden Sie spricht so modern und
verleugnet ihren Vater der immer nur in einer schönen Gedankenwelt lebte«
    »Nun ja ja« sagte der Professor »Man kann es so nennen Aber ich denke
sie wird sich noch wieder zurückfinden Freilich einen Stich ins Moderne wird
sie wohl behalten Schade Das war anders als wir jung waren da lebte man noch
in Phantasie und Dichtung«
    Er sagte das so hin mit einem gewissen Patos als ob er seinen Sekundanern
eine besondere Schönheit aus dem Horaz oder aus dem »Parzival« denn er war
Klassiker und Romantiker zugleich zu demonstrieren hätte Sein Patos war aber
doch etwas teatralisch gehalten und mit einer feinen Ironie gemischt die die
Kommerzienrätin auch klug genug war herauszuhören Sie hielt es indessen
trotzdem für angezeigt einen guten Glauben zu zeigen nickte deshalb nur und
sagte »Ja schöne Tage die nie wiederkehren«
    »Nein« sagte der in seiner Rolle mit dem Ernst eines Grossinquisitors
fortfahrende Wilibald »Es ist vorbei damit aber man muss eben weiterleben«
    Eine halb verlegene Stille trat ein während welcher man von der Straße
her einen scharfen Peitschenknips hörte
    »Das ist ein Mahnzeichen« warf jetzt die Kommerzienrätin ein eigentlich
froh der Unterbrechung »Johann unten wird ungeduldig Und wer hätte den Mut es
mit einem solchen Machtaber zu verderben«
    »Niemand« erwiderte Schmidt »An der guten Laune unserer Umgebung hängt
unser Lebensglück ein Minister bedeutet mir wenig aber die Schmolke«
    »Sie treffen es wie immer lieber Freund«
    Und unter diesen Worten erhob sich die Kommerzienrätin und gab Korinna einen
Kuss auf die Stirn während sie Wilibald die Hand reichte »Mit uns lieber
Professor bleibt es beim alten unentwegt« Und damit verließ sie das Zimmer
von Korinna bis auf den Flur und die Straße begleitet
    »Unentwegt« wiederholte Wilibald als er allein war »Herrliches Modewort
und nun auch schon bis in die Villa Treibel gedrungen Eigentlich ist meine
Freundin Jenny noch gerade so wie vor vierzig Jahren wo sie die
kastanienbraunen Locken schüttelte Das Sentimentale liebte sie schon damals
aber doch immer unter Bevorzugung von Kourmachen und Schlagsahne Jetzt ist sie
nun rundlich geworden und beinah gebildet oder doch was man so gebildet zu
nennen pflegt und Adolar Krola trägt ihr Arien aus Lohengrin und Tannhäuser
vor Denn ich denke mir dass das ihre Lieblingsopern sind Ach ihre Mutter die
gute Frau Bürstenbinder die das Püppchen drüben im Apfelsinenladen immer so
hübsch herauszuputzen wusste sie hat in ihrer Weiberklugheit damals ganz richtig
gerechnet Nun ist das Püppchen eine Kommerzienrätin und kann sich alles gönnen
auch das Ideale und sogar unentwegt Ein Musterstück von einer Bourgeoise«
    Und dabei trat er ans Fenster hob die Jalousien ein wenig und sah wie
Korinna nachdem die Kommerzienrätin ihren Sitz wieder eingenommen hatte den
Wagenschlag ins Schloss warf Noch ein gegenseitiger Gruß an dem die
Gesellschaftsdame mit sauersüsser Miene teilnahm und die Pferde zogen an und
trabten langsam auf die nach der Spree hin gelegene Ausfahrt zu weil es schwer
war in der engen Adlerstrasse zu wenden
    Als Korinna wieder oben war sagte sie »Du hast doch nichts dagegen Papa
Ich bin morgen zu Treibels zu Tisch geladen Marcell ist auch da und ein junger
Engländer der sogar Nelson heißt«
    »Ich was dagegen Gott bewahre Wie könnt ich was dagegen haben wenn ein
Mensch sich amüsieren will Ich nehme an du amüsierst dich«
    »Gewiss amüsier ich mich Es ist doch mal was anderes Was Distelkamp sagt
und Rindfleisch und der kleine Friedeberg das weiß ich ja schon alles
auswendig Aber was Nelson sagen wird denk dir Nelson das weiß ich nicht«
    »Viel Gescheites wird es wohl nicht sein«
    »Das tut nichts Ich sehne mich manchmal nach Ungescheiteiten«
    »Da hast du recht Korinna«
 
                                Zweites Kapitel
Die Treibelsche Villa lag auf einem großen Grundstücke das in bedeutender
Tiefe von der Köpnicker Straße bis an die Spree reichte Früher hatten hier in
unmittelbarer Nähe des Flusses nur Fabrikgebäude gestanden in denen alljährlich
ungezählte Zentner von Blutlaugensalz und später als sich die Fabrik
erweiterte kaum geringere Quantitäten von Berliner Blau hergestellt worden
waren Als aber nach dem siebziger Kriege die Milliarden ins Land kamen und die
Gründeranschauungen selbst die nüchternsten Köpfe zu beherrschen anfingen fand
auch Kommerzienrat Treibel sein bis dahin in der Alten Jakobstrasse gelegenes
Wohnhaus trotzdem es von Gontard ja nach einigen sogar von Knobelsdorff
herrühren sollte nicht mehr zeit und standesgemäss und baute sich auf seinem
Fabrikgrundstück eine modische Villa mit kleinem Vorder und parkartigem
Hintergarten Diese Villa war ein Hochparterrebau mit aufgesetztem ersten Stock
welcher letztere jedoch um seiner niedrigen Fenster willen eher den Eindruck
eines Mezzanin als einer Beletage machte Hier wohnte Treibel seit sechzehn
Jahren und begriff nicht dass er es einem noch dazu bloß gemutmassten
friderizianischen Baumeister zuliebe so lange Zeit hindurch in der unvornehmen
und aller frischen Luft entbehrenden Alten Jakobstrasse ausgehalten habe
Gefühle die von seiner Frau Jenny mindestens geteilt wurden Die Nähe der
Fabrik wenn der Wind ungünstig stand hatte freilich auch allerlei Missliches im
Geleite Nordwind aber der den Qualm herantrieb war notorisch selten und man
brauchte ja die Gesellschaften nicht gerade bei Nordwind zu geben Außerdem ließ
Treibel die Fabrikschornsteine mit jedem Jahre höher hinaufführen und beseitigte
damit den anfänglichen Übelstand immer mehr
Das Diner war zu sechs Uhr festgesetzt aber bereits eine Stunde vorher sah man
Hustersche Wagen mit runden und viereckigen Körben vor dem Gittereingange
halten Die Kommerzienrätin schon in voller Toilette beobachtete von dem
Fenster ihres Boudoirs aus all diese Vorbereitungen und nahm auch heute wieder
und zwar nicht ohne eine gewisse Berechtigung Anstoß daran »Dass Treibel es
auch versäumen musste für einen Nebeneingang Sorge zu tragen Wenn er damals nur
ein vier Fuß breites Terrain von dem Nachbargrundstück zukaufte so hätten wir
einen Eingang für derart Leute gehabt Jetzt marschiert jeder Küchenjunge durch
den Vorgarten gerade auf unser Haus zu wie wenn er mit eingeladen wäre Das
sieht lächerlich aus und auch anspruchsvoll als ob die ganze Köpnicker Straße
wissen solle Treibels geben heut ein Diner Außerdem ist es unklug dem Neid
der Menschen und dem sozialdemokratischen Gefühl so ganz nutzlos neue Nahrung zu
gehen«
    Sie sagte sich das ganz ernstaft gehörte jedoch zu den Glücklichen die
sich nur weniges andauernd zu Herzen nehmen und so kehrte sie denn vom Fenster
zu ihrem Toilettentisch zurück um noch einiges zu ordnen und den Spiegel zu
befragen ob sie sich neben ihrer Hamburger Schwiegertochter auch werde
behaupten können Helene war freilich nur halb so alt ja kaum das aber die
Kommerzienrätin wusste recht gut dass Jahre nichts bedeuten und dass Konversation
und Augenausdruck und namentlich die »Welt der Formen« im einen und im andern
Sinne ja im »andern« Sinne noch mehr den Ausschlag zu geben pflegen Und
hierin war die schon stark an der Grenze des Embonpoint angelangte
Kommerzienrätin ihrer Schwiegertochter unbedingt überlegen
    In dem mit dem Boudoir korrespondierenden an der andern Seite des
Frontsaales gelegenen Zimmer saß Kommerzienrat Treibel und las das »Berliner
Tageblatt« Es war gerade eine Nummer der der »Ulk« beilag Er weidete sich an
dem Schlussbild und las dann einige von Nunnes philosophischen Betrachtungen
»Ausgezeichnet Sehr gut Aber ich werde das Blatt doch beiseite schieben
oder mindestens das Deutsche Tageblatt darüberlegen müssen Ich glaube
Vogelsang gibt mich sonst auf Und ich kann ihn wie die Dinge mal liegen nicht
mehr entbehren so wenig dass ich ihn zu heute habe einladen müssen Überhaupt
eine sonderbare Gesellschaft Erst dieser Mister Nelson den sich Helene weil
ihre Mädchen mal wieder am Plättbrett stehen gefälligst abgewälzt hat und zu
diesem Nelson dieser Vogelsang dieser Lieutenant a D und Agent provocateur in
Wahlsachen Er versteht sein Metier so sagt man mir allgemein und ich muss es
glauben Jedenfalls scheint mir das sicher hat er mich erst in TeupitzZossen
und an den Ufern der Wendischen Spree durchgebracht so bringt er mich auch hier
durch Und das ist die Hauptsache Denn schließlich läuft doch alles darauf
hinaus dass ich in Berlin selbst wenn die Zeit dazu gekommen ist den Singer
oder irgendeinen andern von der Kouleur beiseite schiebe Nach der
Beredsamkeitsprobe neulich bei Buggenhagen ist ein Sieg sehr wohl möglich und
so muss ich ihn mir warmhalten Er hat einen Sprechanismus um den ich ihn
beneiden könnte trotzdem ich doch auch nicht in einem Trappistenkloster geboren
und grossgezogen bin Aber neben Vogelsang Null Und kann auch nicht anders
sein denn bei Lichte besehen hat der ganze Kerl nur drei Lieder auf seinem
Kasten und dreht eins nach dem andern von der Walze herunter und wenn er damit
fertig ist fängt er wieder an So steht es mit ihm und darin steckt seine
Macht gutta cavat lapidem der alte Wilibald Schmidt würde sich freuen wenn er
mich so zitieren hörte vorausgesetzt dass es richtig ist Oder vielleicht auch
umgekehrt wenn drei Fehler drin sind amüsiert er sich noch mehr Gelehrte sind
nun mal so Vogelsang das muss ich ihm lassen hat freilich noch eines was
wichtiger ist als das ewige Wiederholen er hat den Glauben an sich und ist
überhaupt ein richtiger Fanatiker Ob es wohl mit allem Fanatismus ebenso steht
Mir sehr wahrscheinlich Ein leidlich gescheites Individuum kann eigentlich gar
nicht fanatisch sein Wer an einen Weg und eine Sache glaubt ist allemal ein
Poveretto und ist seine Glaubenssache zugleich er selbst so ist er
gemeingefährlich und eigentlich reif für Dalldorf Und von solcher
Beschaffenheit ist just der Mann dem zu Ehren ich wenn ich von Mister Nelson
absehe heute mein Diner gebe und mir zwei adlige Fräuleins eingeladen habe
blaues Blut das hier in der Köpnicker Straße so gut wie gar nicht vorkommt und
deshalb aus Berlin W von mir verschrieben werden musste ja zur Hälfte sogar aus
Charlottenburg O Vogelsang Eigentlich ist mir der Kerl ein Greuel Aber was
tut man nicht alles als Bürger und Patriot«
    Und dabei sah Treibel auf das zwischen den Knopflöchern ausgespannte
Kettchen mit drei Orden en miniature unter denen ein rumänischer der
vollgültigste war und seufzte während er zugleich auch lachte »Rumänien
früher Moldau und Walachei Es ist mir wirklich zuwenig«
Das erste Koupé das vorfuhr war das seines ältesten Sohnes Otto der sich
selbständig etabliert und ganz am Ausgange der Köpnicker Straße zwischen dem
zur Pionierkaserne gehörigen Pontonhaus und dem Schlesischen Tor einen Holzhof
errichtet hatte freilich von der höheren Observanz denn es waren Farbehölzer
Fernambuk und Kampecheholz mit denen er handelte Seit etwa acht Jahren war er
auch verheiratet Im selben Augenblicke wo der Wagen hielt zeigte er sich
seiner jungen Frau beim Aussteigen behilflich bot ihr verbindlich den Arm und
schritt nach Passierung des Vorgartens auf die Freitreppe zu die zunächst zu
einem verandaartigen Vorbau der väterlichen Villa hinaufführte Der alte
Kommerzienrat stand schon in der Glastür und empfing die Kinder mit der ihm
eigenen Jovialität Gleich darauf erschien auch die Kommerzienrätin aus dem
seitwärts angrenzenden und nur durch eine Portière von dem großen Empfangssaal
geschiedenen Zimmer und reichte der Schwiegertochter die Backe während ihr Sohn
Otto ihr die Hand küsste »Gut dass du kommst Helene« sagte sie mit einer
glücklichen Mischung von Behaglichkeit und Ironie worin sie wenn sie wollte
Meisterin war »Ich fürchtete schon du würdest dich auch vielleicht behindert
sehen«
    »Ach Mama verzeih Es war nicht bloß des Plätttags halber unsere Köchin
hat zum 1 Juni gekündigt und wenn sie kein Interesse mehr haben so sind sie
so unzuverlässig und auf Elisabet ist nun schon gar kein Verlass mehr Sie ist
ungeschickt bis zur Unschicklichkeit und hält die Schüsseln immer so dicht über
den Schultern besonders der Herren als ob sie sich ausruhen wollte«
    Die Kommerzienrätin lächelte halb versöhnt denn sie hörte gern dergleichen
    » Und aufschieben« fuhr Helene fort »verbot sich auch Mister Nelson
wie du weißt reist schon morgen abend wieder Übrigens ein charmanter junger
Mann der euch gefallen wird Etwas kurz und einsilbig vielleicht weil er nicht
recht weiß ob er sich deutsch oder englisch ausdrücken soll aber was er sagt
ist immer gut und hat ganz die Gesetzteit und Wohlerzogenheit die die meisten
Engländer haben Und dabei immer wie aus dem Ei gepellt Ich habe nie solche
Manschetten gesehen und es bedrückt mich geradezu wenn ich dann sehe womit
sich mein armer Otto behelfen muss bloß weil man die richtigen Kräfte beim
besten Willen nicht haben kann Und so sauber wie die Manschetten so sauber ist
alles an ihm ich meine an Mister Nelson auch sein Kopf und sein Haar
Wahrscheinlich dass er es mit Honeiwater bürstet oder vielleicht ist es auch
bloß mit Hilfe von Shampooing«
    Der so rühmlich Gekennzeichnete war der nächste der am Gartengitter
erschien und schon im Herankommen die Kommerzienrätin einigermaßen in Erstaunen
setzte Diese hatte nach der Schilderung ihrer Schwiegertochter einen Ausbund
von Eleganz erwartet statt dessen kam ein Menschenkind daher an dem mit
Ausnahme der von der jungen Frau Treibel gerühmten Manschettenspezialität
eigentlich alles die Kritik herausforderte Den ungebürsteten Zylinder im Nacken
und reisemässig in einem gelb und braunquadrierten Anzuge steckend stieg er
von links nach rechts sich wiegend die Freitreppe herauf und grüßte mit der
bekannten heimatlichen Mischung von Selbstbewusstsein und Verlegenheit Otto ging
ihm entgegen um ihn seinen Eltern vorzustellen
    »Mister Nelson from Liverpool  derselbe lieber Papa mit dem ich«
    »Ah Mister Nelson Sehr erfreut Mein Sohn spricht noch oft von seinen
glücklichen Tagen in Liverpool und von dem Ausfluge den er damals mit Ihnen
nach Dublin und wenn ich nicht irre auch nach Glasgow machte Das geht jetzt
ins neunte Jahr Sie müssen damals noch sehr jung gewesen sein«
    »O nicht sehr jung Mister Treibel about sixteen«
    »Nun ich dächte doch sechzehn«
    »Oh sechzehn nicht sehr jung nicht für uns«
    Diese Versicherungen klangen um so komischer als Mister Nelson auch jetzt
noch wie ein Junge wirkte Zu weiteren Betrachtungen darüber war aber keine
Zeit weil eben jetzt eine Droschke zweiter Klasse vorfuhr der ein langer
hagerer Mann in Uniform entstieg Er schien Auseinandersetzungen mit dem
Kutscher zu haben während deren er übrigens eine beneidenswert sichere Haltung
beobachtete und nun rückte er sich zurecht und warf die Gittertür ins Schloss
Er war in Helm und Degen aber ehe man noch der »Schilderhäuser« auf seiner
Achselklappe gewahr werden konnte stand es für jeden mit militärischem Blick
nur einigermaßen Ausgerüsteten fest dass er seit wenigstens dreißig Jahren außer
Dienst sein müsse Denn die Grandezza mit der er daherkam war mehr die
Steifheit eines alten irgendeiner ganz seltenen Sekte zugehörigen Torf oder
Salzinspektors als die gute Haltung eines Offiziers Alles gab sich mehr oder
weniger automatenhaft und der in zwei gewirbelten Spitzen auslaufende schwarze
Schnurrbart wirkte nicht nur gefärbt was er natürlich war sondern zugleich
auch wie angeklebt Desgleichen der Henriquatre dabei lag sein Untergesicht im
Schatten zweier vorspringender Backenknochen Mit der Ruhe die sein ganzes
Wesen auszeichnete stieg er jetzt die Freitreppe hinauf und schritt auf die
Kommerzienrätin zu »Sie haben befohlen meine Gnädigste«  »Hoch erfreut
Herr Lieutenant« Inzwischen war auch der alte Treibel herangetreten und
sagte »Lieber Vogelsang erlauben Sie mir dass ich Sie mit den Herrschaften
bekannt mache meinen Sohn Otto kennen Sie aber nicht seine Frau meine liebe
Schwiegertochter  Hamburgerin wie Sie leicht erkennen werden  Und hier«
und dabei schritt er auf Mister Nelson zu der sich mit dem inzwischen ebenfalls
erschienenen Leopold Treibel gemütlich und ohne jede Rücksicht auf den Rest der
Gesellschaft unterhielt »und hier ein junger lieber Freund unseres Hauses
Mister Nelson from Liverpool«
    Vogelsang zuckte bei dem Wort »Nelson« zusammen und schien einen Augenblick
zu glauben  denn er konnte die Furcht des Gefopptwerdens nie ganz loswerden 
dass man sich einen Witz mit ihm erlaube Die ruhigen Mienen aller aber belehrten
ihn bald eines Besseren weshalb er sich artig verbeugte und zu dem jungen
Engländer sagte »Nelson Ein großer Name Sehr erfreut Mister Nelson«
    Dieser lachte dem alt und aufgesteift vor ihm stehenden Lieutenant ziemlich
ungeniert ins Gesicht denn solche komische Person war ihm noch gar nicht
vorgekommen Dass er in seiner Art ebenso komisch wirkte dieser Grad der
Erkenntnis lag ihm fern Vogelsang biss sich auf die Lippen und befestigte sich
unter dem Eindruck dieser Begegnung in der lang gehegten Vorstellung von der
Impertinenz englischer Nation Im übrigen war jetzt der Zeitpunkt da wo das
Eintreffen immer neuer Ankömmlinge von jeder anderen Betrachtung abzog und die
Sonderbarkeiten eines Engländers rasch vergessen ließ
    Einige der befreundeten Fabrikbesitzer aus der Köpnicker Straße lösten in
ihren Chaisen mit niedergeschlagenem Verdeck die wie es schien noch immer sich
besinnende Vogelsangsche Droschke rasch und beinahe gewaltsam ab dann kam
Korinna samt ihrem Vetter Marcell Wedderkopp beide zu Fuß und schließlich
fuhr Johann der Kommerzienrat Treibelsche Kutscher vor und dem mit blauem
Atlas ausgeschlagenen Landauer  derselbe darin gestern die Kommerzienrätin
ihren Besuch bei Korinna gemacht hatte  entstiegen zwei alte Damen die von
Johann mit ganz besonderem und beinahe überraschlichem Respekt behandelt wurden
Es erklärte sich dies aber einfach daraus dass Treibel gleich bei Beginn dieser
ihm wichtigen und jetzt etwa um drittalb Jahre zurückliegenden Bekanntschaft
zu seinem Kutscher gesagt hatte »Johann ein für allemal diesen Damen
gegenüber immer Hut in Hand Das andere du verstehst mich ist meine Sache«
Dadurch waren die guten Manieren Johanns außer Frage gestellt Beiden alten
Damen ging Treibel jetzt bis in die Mitte des Vorgartens entgegen und nach
lebhaften Bekomplimentierungen an denen auch die Kommerzienrätin teilnahm
stieg man wieder die Gartentreppe hinauf und trat von der Veranda her in den
großen Empfangssalon ein der bis dahin weil das schöne Wetter zum Verweilen im
Freien einlud nur von wenigen betreten worden war Fast alle kannten sich von
früheren Treibelschen Diners her nur Vogelsang und Nelson waren Fremde was den
partiellen Vorstellungsakt erneuerte »Darf ich Sie« wandte sich Treibel an die
zuletzt erschienenen alten Damen »mit zwei Herren bekannt machen die mir heute
zum ersten Male die Ehre ihres Besuches geben Lieutenant Vogelsang Präsident
unseres Wahlkomitees und Mister Nelson from Liverpool« Man verneigte sich
gegenseitig Dann nahm Treibel Vogelsangs Arm und flüsterte diesem um ihn
einigermaßen zu orientieren zu »Zwei Damen vom Hofe die korpulente Frau
Majorin von Ziegenhals die nicht korpulente worin Sie mir zustimmen werden
Fräulein Edwine von Bomst«
    »Merkwürdig« sagte Vogelsang »Ich würde die Wahrheit zu gestehen«
    »Eine Vertauschung der Namen für angezeigt gehalten haben Da treffen Sies
Vogelsang Und es freut mich dass Sie ein Auge für solche Dinge haben Da
bezeugt sich das alte Lieutenantsblut Ja diese Ziegenhals einen Meter
Brustweite wird sie wohl haben und es lassen sich allerhand Betrachtungen
darüber anstellen werden auch wohl seinerzeit angestellt worden sein Im
übrigen es sind das so die scherzhaften Widerspiele die das Leben erheitern
Klopstock war Dichter und ein anderer den ich noch persönlich gekannt habe
hieß Griepenkerl Es trifft sich dass uns beide Damen erspriessliche Dienste
leisten können«
    »Wie das wieso«
    »Die Ziegenhals ist eine rechte Kousine von dem Zossener Landesältesten und
ein Bruder der Bomst hat sich mit einer Pastorstochter aus der Storkower Gegend
ehelich vermählt Halbe Mesalliance die wir ignorieren müssen weil wir Vorteil
daraus ziehen Man muss wie Bismarck immer ein Dutzend Eisen im Feuer haben
Ah Gott sei Dank Johann hat den Rock gewechselt und gibt das Zeichen
Allerhöchste Zeit Eine Viertelstunde warten geht aber zehn Minuten darüber
ist zuviel Ohne mich ängstlich zu belauschen ich höre wie der Hirsch nach
Wasser schreit Bitte Vogelsang führen Sie meine Frau Liebe Korinna
bemächtigen Sie sich Nelsons Victory and Westminster Abbei das Entern ist
diesmal an Ihnen Und nun meine Damen darf ich um Ihren Arm bitten Frau
Majorin und um den Ihren mein gnädigstes Fräulein«
    Und die Ziegenhals am rechten die Bomst am linken Arm ging er auf die
Flügeltür zu die sich während dieser seiner letzten Worte mit einer gewissen
langsamen Feierlichkeit geöffnet hatte
 
                                Drittes Kapitel
Das Esszimmer entsprach genau dem vorgelegenen Empfangszimmer und hatte den Blick
auf den großen parkartigen Hintergarten mit plätscherndem Springbrunnen ganz
in der Nähe des Hauses eine kleine Kugel stieg auf dem Wasserstrahl auf und ab
und auf dem Querholz einer zur Seite stehenden Stange saß ein Kakadu und sah
mit dem bekannten Auge voll Tiefsinn abwechselnd auf den Strahl mit der
balancierenden Kugel und dann wieder in den Esssaal dessen oberes
Schiebefenster der Ventilation halber etwas herabgelassen war Der
Kronleuchter brannte schon aber die niedriggeschraubten Flämmchen waren in der
Nachmittagssonne kaum sichtbar und führten ihr schwaches Vorleben nur deshalb
weil der Kommerzienrat um ihn selbst sprechen zu lassen nicht liebte »durch
Manipulationen im Laternenansteckerstil in seiner Dinerstimmung gestört zu
werden« Auch der bei der Gelegenheit hörbar werdende kleine Puff den er gern
als »moderierten Salutschuss« bezeichnete konnte seine Gesamtstellung zu der
Frage nicht ändern Der Speisesaal selbst war von schöner Einfachheit gelber
Stuck in den einige Reliefs eingelegt waren reizende Arbeiten von Professor
Franz Seitens der Kommerzienrätin war als es sich um diese Ausschmückung
handelte Reinhold Begas in Vorschlag gebracht aber von Treibel als seinen
Etat überschreitend abgelehnt worden »Das ist für die Zeit wo wir
Generalkonsuls sein werden«  »Eine Zeit die nie kommt« hatte Jenny
geantwortet »Doch doch Jenny TeupitzZossen ist die erste Staffel dazu« Er
wusste wie zweifelhaft seine Frau seiner Wahlagitation und allen sich daran
knüpfenden Hoffnungen gegenüberstand weshalb er gern durchklingen ließ dass er
von dem Baum seiner Politik auch für die weibliche Eitelkeit noch goldene
Früchte zu heimsen gedenke
    Draußen setzte der Wasserstrahl sein Spiel fort Drinnen im Saal aber in
der Mitte der Tafel die statt der üblichen Riesenvase mit Flieder und
Goldregen ein kleines Blumenparkett zeigte saß der alte Treibel neben sich
die beiden adligen Damen ihm gegenüber seine Frau zwischen Lieutenant Vogelsang
und dem ehemaligen Opernsänger Adolar Krola Krola war seit fünfzehn Jahren
Hausfreund worauf ihm dreierlei einen gleichmäßigen Anspruch gab sein gutes
Äußere seine gute Stimme und sein gutes Vermögen Er hatte sich nämlich kurz
vor seinem Rücktritt von der Bühne mit einer Millionärstochter verheiratet
Allgemein zugestanden war er ein sehr liebenswürdiger Mann was er vor manchem
seiner ehemaligen Kollegen ebensosehr voraushatte wie die mehr als gesicherte
Finanzlage
    Frau Jenny präsentierte sich in vollem Glanz und ihre Herkunft aus dem
kleinen Laden in der Adlerstrasse war in ihrer Erscheinung bis auf den letzten
Rest getilgt Alles wirkte reich und elegant aber die Spitzen auf dem
veilchenfarbenen Brokatkleide soviel musste gesagt werden taten es nicht
allein auch nicht die kleinen Brillantohrringe die bei jeder Bewegung hin und
her blitzten nein was ihr mehr als alles andere eine gewisse Vornehmheit lieh
war die sichere Ruhe womit sie zwischen ihren Gästen tronte Keine Spur von
Aufregung gab sich zu erkennen zu der allerdings auch keine Veranlassung
vorlag Sie wusste was in einem reichen und auf Repräsentation gestellten Hause
brauchbare Dienstleute bedeuten und so wurde denn alles was sich nach dieser
Seite hin nur irgendwie bewährte durch hohen Lohn und gute Behandlung
festgehalten Alles ging in Folge davon wie am Schnürchen auch heute wieder
und ein Blick Jennys regierte das Ganze wobei das untergeschobene Luftkissen
das ihr eine dominierende Stellung gab ihr nicht wenig zustatten kam In ihrem
Sicherheitsgefühl war sie zugleich die Liebenswürdigkeit selbst Ohne Furcht
wirtschaftlich irgend etwas ins Stocken kommen zu sehen konnte sie sich
selbstverständlich auch den Pflichten einer gefälligen Unterhaltung widmen und
weil sies störend empfinden mochte  den ersten Begrüssungsmoment abgerechnet 
zu keinem einzigen intimeren Gesprächsworte mit den adligen Damen gekommen zu
sein so wandte sie sich jetzt über den Tisch hin an die Bomst und fragte voll
anscheinender oder vielleicht auch voll wirklicher Teilnahme »Haben Sie mein
gnädigstes Fräulein neuerdings etwas von Prinzess Anisettchen gehört Ich habe
mich immer für diese junge Prinzessin lebhaft interessiert ja für die ganze
Linie des Hauses Sie soll glücklich verheiratet sein Ich höre so gern von
glücklichen Ehen namentlich in der Obersphäre der Gesellschaft und ich möchte
dabei bemerken dürfen es scheint mir eine törichte Annahme dass auf den Höhen
der Menschheit das Eheglück ausgeschlossen sein solle«
    »Gewiss« unterbrach hier Treibel übermütig »ein solcher Verzicht auf das
denkbar Höchste«
    »Lieber Treibel« fuhr die Rätin fort »ich richtete mich an das Fräulein
von Bomst das bei jedem schuldigen Respekt vor deiner sonstigen
Allgemeinkenntnis mir in allem was Hof angeht doch um ein erhebliches
kompetenter ist als du«
    »Zweifellos« sagte Treibel Und die Bomst die dies eheliche Intermezzo mit
einem sichtlichen Behagen begleitet hatte nahm nun ihrerseits das Wort und
erzählte von der Prinzessin die ganz die Großmutter sei denselben Teint und
vor allem dieselbe gute Laune habe Das wisse soviel dürfe sie wohl sagen
niemand besser als sie denn sie habe noch des Vorzugs genossen unter den Augen
der Hochseligen die eigentlich ein Engel gewesen ihr Leben bei Hofe beginnen
zu dürfen bei welcher Gelegenheit sie so recht die Wahrheit begriffen habe dass
die Natürlichkeit nicht nur das Beste sondern auch das Vornehmste sei
    »Ja« sagte Treibel »das Beste und das Vornehmste Da hörst dus Jenny
von einer Seite her die du Pardon mein gnädigstes Fräulein eben selbst als
kompetenteste Seite bezeichnet hast«
    Auch die Ziegenhals mischte sich jetzt mit ein und das Gesprächsinteresse
der Kommerzienrätin die wie jede geborene Berlinerin für Hof und
Prinzessinnen schwärmte schien sich mehr und mehr ihren beiden Visavis zuwenden
zu wollen als plötzlich ein leises Augenzwinkern Treibels ihr zu verstehen gab
dass auch noch andere Personen zu Tische säßen und dass es des Landes der Brauch
sei sich was Gespräch angehe mehr mit seinem Nachbar zur Linken und Rechten
als mit seinem Gegenüber zu beschäftigen Die Kommerzienrätin erschrak denn auch
nicht wenig als sie wahrnahm wie sehr Treibel mit seinem stillen wenn auch
halb scherzhaften Vorwurf im Rechte sei Sie hatte Versäumtes nachholen wollen
und war dadurch in eine neue schwerere Versäumnis hineingeraten Ihr linker
Nachbar Krola  nun das mochte gehen der war Hausfreund und harmlos und
nachsichtig von Natur Aber Vogelsang Es kam ihr mit einem Male zum Bewusstsein
dass sie während des Prinzessinnengesprächs von der rechten Seite her immer etwas
wie einen sich einbohrenden Blick empfunden hatte Ja das war Vogelsang
gewesen Vogelsang dieser furchtbare Mensch dieser Mephisto mit Hahnenfeder
und Hinkefuss wenn auch beides nicht recht zu sehen war Er war ihr widerwärtig
und doch musste sie mit ihm sprechen es war die höchste Zeit
    »Ich habe Herr Lieutenant von Ihren beabsichtigten Reisen in unsere liebe
Mark Brandenburg gehört Sie wollen bis an die Gestade der Wendischen Spree
vordringen ja noch darüber hinaus Eine höchst interessante Gegend wie mir
Treibel sagt mit allerlei Wendengöttern die sich bis diesen Tag in dem
finsteren Geiste der Bevölkerung aussprechen sollen«
    »Nicht dass ich wüsste meine Gnädigste«
    »So zum Beispiel in dem Städtchen Storkow dessen Burgemeister wenn ich
recht unterrichtet bin der Burgemeister Tschech war jener politische
Rechtsfanatiker der auf König Friedrich Wilhelm IV schoss ohne Rücksicht auf
die nebenstehende Königin Es ist eine lange Zeit aber ich entsinne mich der
Einzelheiten als ob es gestern gewesen wäre und entsinne mich auch noch des
eigentümlichen Liedes das damals auf diesen Vorfall gedichtet wurde«
    »Ja« sagte Vogelsang »ein erbärmlicher Gassenhauer darin ganz der frivole
Geist spukte der die Lyrik jener Tage beherrschte Was sich anders in dieser
Lyrik gibt ganz besonders auch in dem in Rede stehenden Gedicht ist nur
Schein Lug und Trug Er erschoss uns auf ein Haar unser teures Königspaar Da
haben Sie die ganze Perfidie Das sollte loyal klingen und unter Umständen
vielleicht auch den Rückzug decken ist aber schnöder und schändlicher als
alles was jene verlogene Zeit sonst noch hervorgebracht hat den großen
Hauptsünder auf diesem Gebiete nicht ausgenommen Ich meine natürlich Herwegh
George Herwegh«
    »Ach da treffen Sie mich Herr Lieutenant wenn auch ungewollt an einer
sehr empfindlichen Stelle Herwegh war nämlich in der Mitte der vierziger Jahre
wo ich eingesegnet wurde mein Lieblingsdichter Es entzückte mich weil ich
immer sehr protestantisch fühlte wenn er seine Flüche gegen Rom
herbeischleppte worin Sie mir vielleicht beistimmen werden Und ein anderes
Gedicht worin er uns aufforderte die Kreuze aus der Erde zu reißen las ich
beinah mit gleichem Vergnügen Ich muss freilich einräumen dass es keine Lektüre
für eine Konfirmandin war Aber meine Mutter sagte Lies es nur Jenny der
König hat es auch gelesen und Herwegh war sogar bei ihm in Charlottenburg und
die besseren Klassen lesen es alle Meine Mutter wofür ich ihr noch im Grabe
danke war immer für die besseren Klassen Und das sollte jede Mutter denn es
ist bestimmend für unseren Lebensweg Das Niedere kann dann nicht heran und
bleibt hinter uns zurück«
    Vogelsang zog die Augenbrauen zusammen und jeder den die Vorstellung von
seiner Mephistophelesschaft bis dahin nur gestreift hatte hätte bei diesem
Mienenspiel unwillkürlich nach dem Hinkefuss suchen müssen Die Kommerzienrätin
aber fuhr fort »Im übrigen wird mir das Zugeständnis nicht schwer dass die
patriotischen Grundsätze die der große Dichter predigte vielleicht sehr
anfechtbar waren Wiewohl auch das nicht immer das Richtige ist was auf der
großen Straße liegt«
    Vogelsang der stolz darauf war durchaus eine Nebenstrasse zu wandeln
nickte jetzt zustimmend
    » Aber lassen wir die Politik Herr Lieutenant Ich gebe Ihnen Herwegh
als politischen Dichter preis da das Politische nur ein Tropfen fremden Blutes
in seinen Adern war Indessen groß ist er wo er nur Dichter ist Erinnern Sie
sich Ich möchte hingehn wie das Abendrot und wie der Tag mit seinen letzten
Gluten«
    » Mich in den Schoss des Ewigen verbluten Ja das kenn ich meine
Gnädigste das hab ich damals auch nachgebetet Aber wer sich als es galt
durchaus nicht verbluten wollte das war der Herr Dichter selbst Und so wird es
immer sein Das kommt von den hohlen leeren Worten und der Reimsucherei
Glauben Sie mir Frau Rätin das sind überwundene Standpunkte Der Prosa gehört
die Welt«
    »Jeder nach seinem Geschmack Herr Lieutenant Vogelsang« sagte die durch
diese Worte tief verletzte Jenny »Wenn Sie Prosa vorziehen so kann ich Sie
daran nicht hindern Aber mir gilt die poetische Welt und vor allem gelten mir
auch die Formen in denen das Poetische herkömmlich seinen Ausdruck findet Ihm
allein verlohnt es sich zu leben Alles ist nichtig am nichtigsten aber ist
das wonach alle Welt so begehrlich drängt äusserlicher Besitz Vermögen Gold
Gold ist nur Chimäre da haben Sie den Ausspruch eines großen Mannes und
Künstlers der seinen Glücksgütern nach ich spreche von Meierbeer wohl in der
Lage war zwischen dem Ewigen und Vergänglichen unterscheiden zu können Ich für
meine Person verbleibe dem Ideal und werde nie darauf verzichten Am reinsten
aber hab ich das Ideal im Liede vor allem in dem Liede das gesungen wird Denn
die Musik hebt es noch in eine höhere Sphäre Habe ich recht lieber Krola«
    Krola lächelte gutmütig verlegen vor sich hin denn als Tenor und Millionär
saß er zwischen zwei Stühlen Endlich aber nahm er seiner Freundin Hand und
sagte »Jenny wann hätten Sie je nicht recht gehabt«
    Der Kommerzienrat hatte sich mittlerweile ganz der Majorin von Ziegenhals
zugewandt deren »Hoftage« noch etwas weiter zurücklagen als die der Bomst Ihm
Treibel war dies natürlich gleichgültig denn sosehr ihm ein gewisser Glanz
passte den das Erscheinen der Hofdamen trotz ihrer Ausserdienststellung seiner
Gesellschaft immer noch lieh so stand er doch auch wieder völlig darüber ein
Standpunkt den ihm die beiden Damen selbst eher zum Guten als zum Schlechten
anrechneten Namentlich die den Freuden der Tafel überaus zugeneigte Ziegenhals
nahm ihrem kommerzienrätlichen Freunde nichts übel am wenigsten aber verdross es
sie wenn er außer Adels und Geburtsfragen allerlei Sittlichkeitsprobleme
streifte zu deren Lösung er sich als geborener Berliner besonders berufen
fühlte Die Majorin gab ihm dann einen Tipp mit dem Finger und flüsterte ihm
etwas zu das vierzig Jahre früher bedenklich gewesen wäre jetzt aber  beide
renommierten beständig mit ihrem Alter  nur Heiterkeit weckte Meist waren es
harmlose Sentenzen aus Büchmann oder andere geflügelte Worte denen erst der
Ton aber dieser oft sehr entschieden den erotischen Charakter aufdrückte
    »Sagen Sie cher Treibel« hob die Ziegenhals an »wie kommen Sie zu dem
Gespenst da drüben er scheint noch ein Vorachtundvierziger das war damals die
Epoche des sonderbaren Lieutenants aber dieser übertreibt es Karikatur durch
und durch Entsinnen Sie sich noch eines Bildes aus jener Zeit das den Don
Quixote mit einer langen Lanze darstellte dicke Bücher rings um sich her Das
ist er wie er leibt und lebt«
    Treibel fuhr mit dem linken Zeigefinger am Innenrand seiner Krawatte hin und
her und sagte »Ja wie ich zu ihm komme meine Gnädigste Nun jedenfalls mehr
der Not gehorchend als dem eigenen Triebe Seine gesellschaftlichen Meriten sind
wohl eigentlich gering und seine menschlichen werden dasselbe Niveau haben
Aber er ist ein Politiker«
    »Das ist unmöglich Er kann doch nur als Warnungsschatten vor den Prinzipien
stehen die das Unglück haben von ihm vertreten zu werden Überhaupt
Kommerzienrat warum verirren Sie sich in die Politik Was ist die Folge Sie
verderben sich Ihren guten Charakter Ihre guten Sitten und Ihre gute
Gesellschaft Ich höre dass Sie für TeupitzZossen kandidieren wollen Nun
meinetwegen Aber wozu Lassen Sie doch die Dinge gehen Sie haben eine
charmante Frau gefühlvoll und hochpoetisch und haben eine Villa wie diese
darin wir eben ein Ragout fin einnehmen das seinesgleichen sucht und haben
draußen im Garten einen Springbrunnen und einen Kakadu um den ich Sie beneiden
könnte denn meiner ein grüner verliert gerade die Federn und sieht aus wie
die schlechte Zeit Was wollen Sie mit Politik was wollen Sie mit
TeupitzZossen Ja mehr um Ihnen einen Vollbeweis meiner Vorurteilslosigkeit zu
geben was wollen Sie mit Konservatismus Sie sind ein Industrieller und wohnen
in der Köpnicker Straße Lassen Sie doch diese Gegend ruhig bei Singer oder
Ludwig Loewe oder wer sonst hier gerade das Prä hat Jeder Lebensstellung
entsprechen auch bestimmte politische Grundsätze Rittergutsbesitzer sind
agrarisch Professoren sind nationale Mittelpartei und Industrielle sind
fortschrittlich Seien Sie doch Fortschrittler Was wollen Sie mit dem
Kronenorden Ich wenn ich an Ihrer Stelle wäre lancierte mich ins Städtische
hinein und ränge nach der Bürgerkrone«
    Treibel sonst unruhig wenn einer lange sprach  was er nur sich selbst
ausgiebig gestattete  war diesmal doch aufmerksam gefolgt und winkte zunächst
einen Diener heran um der Majorin ein zweites Glas Chablis zu präsentieren Sie
nahm auch er mit und nun stieß er mit ihr an und sagte »Auf gute Freundschaft
und noch zehn Jahre so wie heut Aber das mit dem Fortschrittlertum und der
Bürgerkrone  was ist da zu sagen meine Gnädigste Sie wissen unsereins
rechnet und rechnet und kommt aus der Reguladetri gar nicht mehr heraus aus
dem alten Ansatze wenn das und das soviel bringt wieviel bringt das und das
Und sehen Sie Freundin und Gönnerin nach demselben Ansatz hab ich mir auch den
Fortschritt und den Konservatismus berechnet und bin dahintergekommen dass mir
der Konservatismus ich will nicht sagen mehr abwirft das wäre vielleicht
falsch aber besser zu mir passt mir besser kleidet Besonders seitdem ich
Kommerzienrat bin ein Titel von fragmentarischem Charakter der doch natürlich
seiner Vervollständigung entgegensieht«
    »Ah ich verstehe«
    »Nun sehen Sie lappétit vient en mangeant und wer A sagt will auch B
sagen Außerdem aber ich erkenne die Lebensaufgabe des Weisen vor allen Dingen
in Herstellung des sogenannten Harmonischen und dies Harmonische wie die Dinge
nun mal liegen oder vielleicht kann ich auch sagen wie die Zeichen nun mal
sprechen schließt in meinem Spezialfalle die fortschrittliche Bürgerkrone so
gut wie aus«
    »Sagen Sie das im Ernste«
    »Ja meine Gnädigste Fabriken im allgemeinen neigen der Bürgerkrone zu
Fabriken im besonderen aber  und dahin gehört ausgesprochenermassen die meine 
konstatieren den Ausnahmefall Ihr Blick fordert Beweise Nun denn ich will es
versuchen Ich frage Sie können Sie sich einen Handelsgärtner denken der
sagen wir auf der Lichtenberger oder Rummelsburger Gemarkung Kornblumen im
großen zieht Kornblumen dies Symbol königlich preußischer Gesinnung und der
zugleich Petroleur und Dynamitarde ist Sie schütteln den Kopf und bestätigen
dadurch mein Nein Und nun frage ich Sie weiter was sind alle Kornblumen der
Welt gegen eine BerlinerBlauFabrik Im Berliner Blau haben Sie das symbolisch
Preussische sozusagen in höchster Potenz und je sicherer und unanfechtbarer das
ist desto unerlässlicher ist auch mein Verbleiben auf dem Boden des
Konservatismus Der Ausbau des Kommerzienrätlichen bedeutet in meinem
Spezialfalle das natürlich Gegebene jedenfalls mehr als die Bürgerkrone«
    Die Ziegenhals schien überwunden und lachte während Krola der mit halbem
Ohr zugehört hatte zustimmend nickte
So ging das Gespräch in der Mitte der Tafel aber noch heiterer verlief es am
unteren Ende derselben wo sich die junge Frau Treibel und Korinna
gegenübersassen die junge Frau zwischen Marcell Wedderkopp und dem Referendar
Enghaus Korinna zwischen Mister Nelson und Leopold Treibel dem jüngeren Sohne
des Hauses An der Schmalseite des Tisches mit dem Rücken gegen das breite
Gartenfenster war das Gesellschaftsfräulein Fräulein Honig placiert worden
deren herbe Züge sich wie ein Protest gegen ihren Namen ausnahmen Je mehr sie
zu lächeln suchte je sichtbarer wurde der sie verzehrende Neid der sich nach
rechts hin gegen die hübsche Hamburgerin nach links hin in fast noch
ausgesprochenerer Weise gegen Korinna richtete diese halbe Kollegin die sich
trotzdem mit einer Sicherheit benahm als ob sie die Majorin von Ziegenhals oder
doch mindestens das Fräulein von Bomst gewesen wäre
    Die junge Frau Treibel sah sehr gut aus blond klar ruhig Beide Nachbarn
machten ihr den Hof Marcell freilich nur mit erkünsteltem Eifer weil er
eigentlich Korinna beobachtete die sich aus dem einen oder andern Grunde die
Eroberung des jungen Engländers vorgesetzt zu haben schien Bei diesem Vorgehen
voll Koketterie sprach sie übrigens so lebhaft so laut als ob ihr daran läge
dass jedes Wort auch von ihrer Umgebung und ganz besonders von ihrem Vetter
Marcell gehört werde
    »Sie führen einen so schönen Namen« wandte sie sich an Mister Nelson »so
schön und berühmt dass ich wohl fragen möchte ob Ihnen nie das Verlangen
gekommen ist«
    »O yes yes«
    » Sich der Fernambuk und Kampecheholzbranche darin Sie soviel ich
weiß auch tätig sind für immer zu entschlagen Ich fühle deutlich dass ich
wenn ich Nelson hieße keine ruhige Stunde mehr haben würde bis ich meine
Battle at the Nile ebenfalls geschlagen hätte Sie kennen natürlich die
Einzelheiten der Schlacht«
    »Oh to be sure«
    »Nun da wär ich denn endlich  denn hierlandes weiß niemand etwas Rechtes
davon  an der richtigen Quelle Sagen Sie Mister Nelson wie war das
eigentlich mit der Idee der Anordnung zur Schlacht Ich habe die Beschreibung
vor einiger Zeit im Walter Scott gelesen und war seitdem immer im Zweifel
darüber was eigentlich den Ausschlag gegeben habe ob mehr eine geniale
Disposition oder ein heroischer Mut«
    »I should rater tink a heroical courage British oaks and British
hearts«
    »Ich freue mich diese Frage durch Sie beglichen zu sehen und in einer
Weise die meinen Sympatien entspricht Denn ich bin für das Heroische weil es
so selten ist Aber ich möchte doch auch annehmen dass das geniale Kommando«
    »Certainly Miss Korinna No doubt England expects tat every man will do
his duty«
    »Ja das waren herrliche Worte von denen ich übrigens bis heute geglaubt
hatte dass sie bei Trafalgar gesprochen seien Aber warum nicht auch bei Abukir
Etwas Gutes kann immer zweimal gesagt werden Und dann eigentlich ist eine
Schlacht wie die andere besonders Seeschlachten  ein Knall eine Feuersäule
und alles geht in die Luft Es muss übrigens großartig sein und entzückend für
alle die die zusehen können ein wundervoller Anblick«
    »O splendid«
    »Ja Leopold« fuhr Korinna fort indem sie sich plötzlich an ihren andern
Tischnachbar wandte »da sitzen Sie nun und lächeln Und warum lächeln Sie Weil
Sie hinter diesem Lächeln Ihre Verlegenheit verbergen wollen Sie haben eben
nicht jene heroical courage zu der sich dear Mister Nelson so bedingungslos
bekannt hat Ganz im Gegenteil Sie haben sich aus Ihres Vaters Fabrik die doch
in gewissem Sinne wenn auch freilich nur geschäftlich die Blutund
Eisenteorie vertritt ja es klang mir vorhin fast als ob Ihr Papa der Frau
Majorin von Ziegenhals etwas von diesen Dingen erzählt hätte  Sie haben sich
sag ich aus dem Blutlaugenhof in dem Sie verbleiben mussten in den Holzhof
Ihres Bruders Otto zurückgezogen Das war nicht gut auch wenn es Fernambukholz
ist Da sehen Sie meinen Vetter Marcell drüben der schwört jeden Tag wenn er
mit seinen Hanteln umherficht dass es auf das Reck und das Turnen ankomme was
ihm ein für allemal die Heldenschaft bedeutet und dass Vater Jahn doch
schließlich noch über Nelson geht«
    Marcell drohte halb ernst halb scherzhaft mit dem Finger zu Korinna
hinüber und sagte »Kousine vergiss nicht dass der Repräsentant einer andern
Nation dir zur Seite sitzt und dass du die Pflicht hast einigermaßen für
deutsche Weiblichkeit einzutreten«
    »Oh no no« sagte Nelson »Nichts Weiblichkeit always quick and clever
das is was wir lieben an deutsche Frauen Nichts Weiblichkeit Fräulein Korinna
is quite in the right way«
    »Da hast dus Marcell Mister Nelson für den du so sorglich eintrittst
damit er nicht falsche Bilder mit in sein meerumgürtetes Albion hinübernimmt
Mister Nelson lässt dich im Stich und Frau Treibel denk ich lässt dich auch im
Stich und Herr Enghaus auch und mein Freund Leopold auch Und so bin ich gutes
Muts und bleibt nur noch Fräulein Honig«
    Diese verneigte sich und sagte »Ich bin gewohnt mit der Majorität zu
gehen« und ihre ganze Verbitterteit lag in diesem Tone der Zustimmung
    »Ich will mir meines Vetters Mahnung aber doch gesagt sein lassen« fuhr
Korinna fort »Ich bin etwas übermütig Mister Nelson und außerdem aus einer
plauderhaften Familie«
    »Just what I like Miss Korinna Plauderhafte Leute gute Leute so sagen
wir in England«
    »Und das sag ich auch Mister Nelson Können Sie sich einen immer
plaudernden Verbrecher denken«
    »Oh no certainly not«
    »Und zum Zeichen dass ich trotz ewigen Schwatzens doch eine weibliche
Natur und eine richtige Deutsche bin soll Mister Nelson von mir hören dass ich
auch noch nebenher kochen nähen und plätten kann und dass ich im LetteVerein
die Kunststopferei gelernt habe Ja Mister Nelson so steht es mit mir Ich bin
ganz deutsch und ganz weiblich und bleibt eigentlich nur noch die Frage kennen
Sie den LetteVerein und kennen Sie die Kunststopferei«
    »No Fräulein Korinna neiter the one nor the oter«
    »Nun sehen Sie dear Mister Nelson der LetteVerein ist ein Verein oder ein
Institut oder eine Schule für weibliche Handarbeit Ich glaube sogar nach
englischem Muster was noch ein besonderer Vorzug wäre«
    »Not at all German schools are always to be preferred«
    »Wer weiß ich möchte das nicht so schroff hinstellen Aber lassen wir das
um uns mit dem weit Wichtigeren zu beschäftigen mit der Kunststopfereifrage
Das ist wirklich was Bitte wollen Sie zunächst das Wort nachsprechen«
    Mister Nelson lächelte gutmütig vor sich hin
    »Nun ich sehe dass es Ihnen Schwierigkeiten macht Aber diese
Schwierigkeiten sind nichts gegen die der Kunststopferei selbst Sehen Sie hier
ist mein Freund Leopold Treibel und trägt wie Sie sehen einen untadeligen Rock
mit einer doppelten Knopfreihe und auch wirklich zugeknöpft ganz wie es sich
für einen Gentleman und einen Berliner Kommerzienratssohn geziemt Und ich
taxiere den Rock auf wenigstens hundert Mark«
    »Überschätzung«
    »Wer weiß Du vergisst Marcell dass es verschiedene Skalen auch auf diesem
Gebiete gibt eine für Oberlehrer und eine für Kommerzienräte Doch lassen wir
die Preisfrage Jedenfalls ein feiner Rock prima Und nun wenn wir aufstehen
Mister Nelson und die Zigarren herumgereicht werden  ich denke Sie rauchen
doch  werde ich Sie um Ihre Zigarre bitten und meinem Freunde Leopold Treibel
ein Loch in den Rock brennen hier gerade wo sein Herz sitzt und dann werd ich
den Rock in einer Droschke mit nach Hause nehmen und morgen um dieselbe Zeit
wollen wir uns hier im Garten wieder versammeln und um das Bassin herum Stühle
stellen wie bei einer Aufführung Und der Kakadu kann auch dabeisein Und dann
werd ich auftreten wie eine Künstlerin die ich in der Tat auch bin und werde
den Rock herumgehen lassen und wenn Sie dear Mister Nelson dann noch imstande
sind die Stelle zu finden wo das Loch war so will ich Ihnen einen Kuss geben
und Ihnen als Sklavin nach Liverpool hin folgen Aber es wird nicht dazu kommen
Soll ich sagen leider Ich habe zwei Medaillen als Kunststopferin gewonnen und
Sie werden die Stelle sicherlich nicht finden«
    »Oh ich werde finden no doubt I will find it« entgegnete Mister Nelson
leuchtenden Auges und weil er seiner immer wachsenden Bewunderung passend oder
nicht einen Ausdruck geben wollte schloss er mit einem in kurzen Ausrufungen
gehaltenen Hymnus auf die Berlinerinnen und der sich daran anschliessenden und
mehrfach wiederholten Versicherung dass sie decidedly clever seien
    Leopold und der Referendar vereinigten sich mit ihm in diesem Lob und
selbst Fräulein Honig lächelte weil sie sich als Landsmännin mitgeschmeichelt
fühlen mochte Nur im Auge der jungen Frau Treibel sprach sich eine leise
Verstimmung darüber aus eine Berlinerin und kleine Professorstochter in dieser
Weise gefeiert zu sehen Auch Vetter Marcell sosehr er zustimmte war nicht
recht zufrieden weil er davon ausging dass seine Kousine ein solches Hasten und
SichinSzeneSetzen nicht nötig habe sie war ihm zu schade für die Rolle die
sie spielte Korinna ihrerseits sah auch ganz deutlich was in ihm vorging und
würde sich ein Vergnügen daraus gemacht haben ihn zu necken wenn nicht in eben
diesem Momente  das Eis wurde schon herumgereicht  der Kommerzienrat an das
Glas geklopft und sich um einen Toast auszubringen von seinem Platz erhoben
hätte »Meine Herren und Damen Ladies and Gentlemen «
    »Ah das gilt Ihnen« flüsterte Korinna Mister Nelson zu
    » Ich bin« fuhr Treibel fort »an dem Hammelrücken vorübergegangen und
habe diese verhältnismäßig späte Stunde für einen meinerseits auszubringenden
Toast herankommen lassen  eine Neuerung die mich in diesem Augenblicke
freilich vor die Frage stellt ob der Schmelzezustand eines rot und weißen
Panaché nicht noch etwas Vermeidenswerteres ist als der Hammelrücken im Zustande
der Erstarrung«
    »Oh wonderfully good«
    »Wie dem aber auch sein möge jedenfalls gibt es zur Zeit nur ein Mittel
ein vielleicht schon angerichtetes Übel auf ein Mindestmass herabzudrücken
Kürze Genehmigen Sie denn meine Herrschaften in Ihrer Gesamtheit meinen Dank
für Ihr Erscheinen und gestatten Sie mir des ferneren und im besonderen
Hinblick auf zwei liebe Gäste die hier zu sehen ich heute zum ersten Male die
Ehre habe meinen Toast in die britischerseits nahezu geheiligte Formel kleiden
zu dürfen on our army and navy auf Heer und Flotte also die wir das Glück
haben hier an dieser Tafel einerseits« er verbeugte sich gegen Vogelsang
»durch Beruf und Lebensstellung andererseits« Verbeugung gegen Nelson »durch
einen weltberühmten Heldennamen vertreten zu sehen Noch einmal also Our army
and navy Es lebe Lieutenant Vogelsang es lebe Mister Nelson«
    Der Toast fand allseitige Zustimmung und der in eine nervöse Unruhe
geratene Mister Nelson wollte sofort das Wort nehmen um zu danken Aber Korinna
hielt ihn ab Vogelsang sei der ältere und würde vielleicht den Dank für ihn mit
aussprechen
    »Oh no no Fräulein Korinna not he not such an ugly old fellow
please look at him« und der zapplige Heldennamensvetter machte wiederholte
Versuche sich von seinem Platze zu erheben und zu sprechen Aber Vogelsang kam
ihm wirklich zuvor und nachdem er den Bart mit der Serviette geputzt und in
nervöser Unruhe seinen Waffenrock erst auf und dann wieder zugeknöpft hatte
begann er mit einer an Komik streifenden Würde »Meine Herren Unser
liebenswürdiger Wirt hat die Armee leben lassen und mit der Armee meinen Namen
verknüpft Ja meine Herren ich bin Soldat«
    »Oh for shame« brummte der über das wiederholte »meine Herren« und das
gleichzeitige Unterschlagen aller anwesenden Damen aufrichtig empörte Mister
Nelson »oh for shame« und ein Kichern ließ sich allerseits hören das auch
anhielt bis des Redners immer finsterer werdendes Augenrollen eine wahre
Kirchenstille wiederhergestellt hatte Dann erst fuhr dieser fort »Ja meine
Herren ich bin Soldat Aber mehr als das ich bin auch Streiter im Dienst
einer Idee Zwei große Mächte sind es denen ich diene Volkstum und Königtum
Alles andere stört schädigt verwirrt Englands Aristokratie die mir von
meinem Prinzip ganz abgesehen auch persönlich widerstreitet veranschaulicht
eine solche Schädigung eine solche Verwirrung ich verabscheue Zwischenstufen
und überhaupt die feudale Pyramide Das sind Mittelalterlichkeiten Ich erkenne
mein Ideal in einem Plateau mit einem einzigen aber alles überragenden Pic«
    Die Ziegenhals wechselte hier Blicke mit Treibel
    » Alles sei von Volkesgnaden bis zu der Stelle hinauf wo die
Gottesgnadenschaft beginnt dabei streng geschiedene Machtbefugnisse Das
Gewöhnliche das Massenhafte werde bestimmt durch die Masse das Ungewöhnliche
das Große werde bestimmt durch das Große Das ist Thron und Krone Meiner
politischen Erkenntnis nach ruht alles Heil alle Besserungsmöglichkeit in der
Aufrichtung einer Royaldemokratie zu der sich soviel ich weiß auch unser
Kommerzienrat bekennt Und in diesem Gefühle darin wir uns eins wissen erhebe
ich das Glas und bitte Sie mit mir auf das Wohl unseres hochverehrten Wirtes zu
trinken zugleich unseres Gonfaloniere der uns die Fahne trägt Unser
Kommerzienrat Treibel er lebe hoch«
    Alles erhob sich um mit Vogelsang anzustossen und ihn als Erfinder der
Royaldemokratie zu beglückwünschen Einige konnten als aufrichtig entzückt
gelten besonders das Wort »Gonfaloniere« schien gewirkt zu haben andere
lachten still in sich hinein und nur drei waren direkt unzufrieden Treibel
weil er sich von den eben entwickelten Vogelsangschen Prinzipien praktisch nicht
viel versprach die Kommerzienrätin weil ihr das Ganze nicht fein genug vorkam
und drittens Mister Nelson weil er sich aus dem gegen die englische
Aristokratie gerichteten Satze Vogelsangs einen neuen Hass gegen eben diesen
gesogen hatte »Stuff and nonsense What does he know of our aristocracy To be
sure he doesnt belong to it  tats all«
    »Ich weiß doch nicht« lachte Korinna »Hat er nicht was von einem Peer of
the realm«
    Nelson vergaß über dieser Vorstellung beinahe all seinen Groll und bot
Korinna während er eine Knackmandel von einem der Tafelaufsätze nahm eben ein
Vielliebchen an als die Kommerzienrätin den Stuhl schob und dadurch das Zeichen
zur Aufhebung der Tafel gab Die Flügeltüren öffneten sich und in derselben
Reihenfolge wie man zu Tisch gegangen war schritt man wieder auf den
mittlerweile gelüfteten Frontsaal zu wo die Herren Treibel an der Spitze den
älteren und auch einigen jüngeren Damen respektvoll die Hand küssten
    Nur Mister Nelson verzichtete darauf weil er die Kommerzienrätin »a little
pompous« und die beiden Hofdamen »a little ridiculous« fand und begnügte sich
an Korinna herantretend mit einem kräftigen »shaking hands«
 
                                Viertes Kapitel
Die große Glastür die zur Freitreppe führte stand auf dennoch war es schwül
und so zog man es vor den Kaffee draußen zu nehmen die einen auf der Veranda
die andern im Vorgarten selbst wobei sich die Tischnachbarn in kleinen Gruppen
wieder zusammenfanden und weiterplauderten Nur als sich die beiden adligen
Damen von der Gesellschaft verabschiedeten unterbrach man sich in diesem mit
Medisance reichlich gewürzten Gespräch und sah eine kleine Weile dem Landauer
nach der die Köpnicker Straße hinauf erst auf die Frau von Ziegenhalssche
Wohnung in unmittelbarer Nähe der Marschallsbrücke dann aber auf
Charlottenburg zufuhr wo die seit fünfunddreissig Jahren in einem Seitenflügel
des Schlosses einquartierte Bomst ihr Lebensglück und zugleich ihren besten
Stolz aus der Betrachtung zog in erster Zeit mit des hochseligen Königs
Majestät dann mit der Königinwitwe und zuletzt mit den Meiningenschen
Herrschaften dieselbe Luft geatmet zu haben Es gab ihr all das etwas
Verklärtes was auch zu ihrer Figur passte
    Treibel der die Damen bis an den Wagenschlag begleitet hatte mittlerweile
vom Strassendamm her die Veranda wieder erreicht wo Vogelsang etwas verlassen
aber mit uneingebüsster Würde seinen Platz behautete »Nun ein Wort unter uns
Lieutenant aber nicht hier ich denke wir absentieren uns einen Augenblick und
rauchen ein Blatt das nicht alle Tage wächst und namentlich nicht überall«
dabei nahm er Vogelsang unter den Arm und führte den Gerngehorchenden in sein
neben dem Saale gelegenes Arbeitszimmer wo der geschulte diesen
Lieblingsmoment im Dinerleben seines Herrn von langher kennende Diener bereits
alles zurechtgestellt hatte das Zigarrenkistchen den Liqueurkasten und die
Karaffe mit Eiswasser Die gute Schulung des Dieners beschränkte sich aber nicht
auf diese Vorarrangements vielmehr stand er im selben Augenblick wo beide
Herren ihre Plätze genommen hatten auch schon mit dem Tablett vor ihnen und
präsentierte den Kaffee
    »Das ist recht Friedrich auch der Aufbau hier alles zu meiner
Zufriedenheit aber gib doch lieber die andere Kiste her die flache Und dann
sage meinem Sohn Otto ich ließe ihn bitten Ihnen doch recht Vogelsang Oder
wenn du Otto nicht triffst so bitte den Polizeiassessor ja lieber den er
weiß doch besser Bescheid Sonderbar alles was in der Molkenmarktluft
grossgeworden ist dem Rest der Menschheit um ein beträchtliches überlegen Und
dieser Goldammer hat nun gar noch den Vorteil ein richtiger Pastorssohn zu
sein was all seinen Geschichten einen eigentümlich pikanten Beigeschmack gibt«
Und dabei klappte Treibel den Kasten auf und sagte »Kognac oder Allasch Oder
das eine tun und das andere nicht lassen«
    Vogelsang lächelte schob den Zigarrenabknipser ziemlich demonstrativ
beiseite und biss die Spitze mit seinen Raffzähnen ab Dann griff er nach einem
Streichhölzchen Im übrigen schien er abwarten zu wollen womit Treibel beginnen
würde Der ließ denn auch nicht lange warten »Eh bien Vogelsang wie gefielen
Ihnen die beiden alten Damen Etwas Feines nicht wahr Besonders die Bomst
Meine Frau würde sagen äterisch Nun durchsichtig genug ist sie Aber offen
gestanden die Ziegenhals ist mir lieber drall und prall kapitales Weib und
muss ihrerzeit ein geradezu formidables Festungsviereck gewesen sein Rasse
Temperament und wenn ich recht gehört habe so pendelt ihre Vergangenheit
zwischen verschiedenen kleinen Höfen hin und her Lady Milford aber weniger
sentimental Alles natürlich alte Geschichten alles beglichen man könnte
beinahe sagen schade Den Sommer über ist sie jetzt regelmäßig bei den
Kraczinskis in der Zossener Gegend weiß der Teufel wo seit kurzem all die
polnischen Namen herkommen Aber schließlich ist es gleichgültig Was meinen
Sie wenn ich die Ziegenhals in Anbetracht dieser Kraczinskischen
Bekanntschaft unsern Zwecken dienstbar zu machen suchte«
    »Kann zu nichts führen«
    »Warum nicht Sie vertritt einen richtigen Standpunkt«
    »Ich würde mindestens sagen müssen einen nicht richtigen«
    »Wieso«
    »Sie vertritt einen durchaus beschränkten Standpunkt und wenn ich das Wort
wähle so bin ich noch ritterlich Übrigens wird mit diesem ritterlich ein
wachsender und geradezu horrender Missbrauch getrieben ich glaube nämlich nicht
dass unsere Ritter sehr ritterlich das heißt ritterlich im Sinne von artig und
verbindlich gewesen sind Alles bloß historische Fälschungen Und was diese
Ziegenhals angeht die wir uns wie Sie sagen dienstbar machen sollen so
vertritt sie natürlich den Standpunkt des Feudalismus den der Pyramide Dass sie
zum Hofe steht ist gut und ist das was sie mit uns verbindet aber das ist
nicht genug Personen wie diese Majorin und selbstverständlich auch ihr adliger
Anhang gleichviel ob er polnischen oder deutschen Ursprungs ist  alle leben
mehr oder weniger in einem Wust von Einbildungen will sagen von
mittelalterlichen Standesvorurteilen und das schließt ein Zusammengehen aus
trotzdem wir die Königsfahne mit ihnen gemeinsam haben Aber diese Gemeinsamkeit
frommt nicht schadet uns nur Wenn wir rufen Es lebe der König so geschieht
es vollkommen selbstsuchtslos um einem großen Prinzip die Herrschaft zu
sichern für mich bürge ich und ich hoffe dass ich es auch für Sie kann«
    »Gewiss Vogelsang gewiss«
    »Aber diese Ziegenhals  von der ich beiläufig fürchte dass Sie nur zu sehr
recht haben mit der von Ihnen angedeuteten wenn auch Gott sei Dank weit
zurückliegenden Auflehnung gegen Moral und gute Sitte  diese Ziegenhals und
ihresgleichen wenn die rufen Es lebe der König so heißt das immer nur es
lebe der der für uns sorgt unser Nährvater sie kennen nichts als ihren
Vorteil Es ist ihnen versagt in einer Idee aufzugehen und sich auf Personen
stützen die nur sich kennen das heißt unsre Sache verloren geben Unsre Sache
besteht nicht bloß darin den fortschrittlichen Drachen zu bekämpfen sie
besteht auch in der Bekämpfung des VampirAdels der immer bloß saugt und saugt
Weg mit der ganzen Interessenpolitik In dem Zeichen absoluter Selbstlosigkeit
müssen wir siegen und dazu brauchen wir das Volk nicht das Quitzowtum das
seit dem gleichnamigen Stücke wieder obenauf ist und das Heft in die Hände
nehmen möchte Nein Kommerzienrat nichts von PseudoKonservatismus kein
Königtum auf falscher Grundlage das Königtum wenn wir es konservieren wollen
muss auf etwas Soliderem ruhen als auf einer Ziegenhals oder einer Bomst«
    »Nun hören Sie Vogelsang die Ziegenhals wenigstens «
    Und Treibel schien ernstlich gewillt diesen Faden der ihm passte
weiterzuspinnen Aber ehe er dazu kommen konnte trat der Polizeiassessor vom
Salon her ein die kleine Meissner Tasse noch in der Hand und nahm zwischen
Treibel und Vogelsang Platz Gleich nach ihm erschien auch Otto vielleicht von
Friedrich benachrichtigt vielleicht auch aus eigenem Antriebe weil er von
langer Zeit her die der Erotik zugewendeten Wege kannte die Goldammer bei
Liqueur und Zigarren regelmäßig und meist sehr rasch so dass jede Versäumnis
sich strafte zu wandeln pflegte
    Der alte Treibel wusste dies selbstverständlich noch viel besser hielt aber
ein auch seinerseits beschleunigtes Verfahren doch für angezeigt und hob deshalb
ohne weiteres an »Und nun sagen Sie Goldammer was gibt es Wie steht es mit
dem Lützowplatz Wird die Panke zugeschüttet oder was so ziemlich dasselbe
sagen will wird die Friedrichsstrasse sittlich gereinigt Offen gestanden ich
fürchte dass unsre pikanteste Verkehrsader nicht allzuviel dabei gewinnen wird
sie wird um ein geringes moralischer und um ein beträchtliches langweiliger
werden Da das Ohr meiner Frau bis hierher nicht trägt so lässt sich dergleichen
allenfalls aufs Tapet bringen im übrigen soll Ihnen meine gesamte Fragerei
keine Grenzen ziehen Je freier je besser Ich habe lange genug gelebt um zu
wissen dass alles was aus einem Polizeimunde kommt immer Stoff ist immer
frische Brise freilich mitunter auch Scirocco ja geradezu Samum Sagen wir
Samum Also was schwimmt obenauf«
    »Eine neue Soubrette«
    »Kapital Sehen Sie Goldammer jede Kunstrichtung ist gut weil jede das
Ideal im Auge hat Und das Ideal ist die Hauptsache soviel weiß ich nachgerade
von meiner Frau Aber das Idealste bleibt doch immer eine Soubrette Name«
    »Grabillon Zierliche Figur etwas großer Mund Leberfleck«
    »Um Gottes willen Goldammer das klingt ja wie ein Steckbrief Übrigens
Leberfleck ist reizend großer Mund Geschmackssache Und Protegé von wem«
    Goldammer schwieg
    »Ah ich verstehe Obersphäre Je höher hinauf je näher dem Ideal Übrigens
da wir mal bei Obersphäre sind wie steht es denn mit der Grussgeschichte Hat er
wirklich nicht gegrüßt Und ist es wahr dass er natürlich der Nichtgrüsser
einen Urlaub hat antreten müssen Es wäre eigentlich das Beste weil es so
nebenher einer Absage gegen den ganzen Katholizismus gleichkäme sozusagen zwei
Fliegen mit einer Klappe«
    Goldammer heimlicher Fortschrittler aber offener Antikatolik zuckte die
Achseln und sagte »So gut steht es leider nicht und kann auch nicht Die Macht
der Gegenströmung ist zu stark Der der den Gruß verweigerte wenn Sie wollen
der Wilhelm Tell der Situation hat zu gute Rückendeckung Wo Nun das bleibt
in der Schwebe gewisse Dinge darf man nicht bei Namen nennen und ehe wir nicht
der bekannten Hydra den Kopf zertreten oder was dasselbe sagen will dem
altenfritzischen Écrasez linfâme zum Siege verholfen haben«
    In diesem Augenblicke hörte man nebenan singen eine bekannte Komposition
und Treibel der eben eine neue Zigarre nehmen wollte warf sie wieder in das
Kistchen zurück und sagte »Meine Ruh ist hin Und mit der Ihrigen meine
Herren steht es nicht viel besser Ich glaube wir müssen wieder bei den Damen
erscheinen um an der Ära Adolar Krola teilzunehmen Denn die beginnt jetzt«
    Damit erhoben sich alle vier und kehrten unter Vortritt Treibels in den Saal
zurück wo wirklich Krola am Flügel saß und seine drei Hauptstücke mit denen er
rasch hintereinander aufzuräumen pflegte vollkommen virtuos aber mit einer
gewissen absichtlichen Klapprigkeit zum besten gab Es waren »Der Erlkönig«
»Herr Heinrich saß am Vogelherd« und »Die Glocken von Speier« Diese letztere
Nummer mit dem geheimnisvoll einfallenden Glockenbimbam machte jedesmal den
größten Eindruck und bestimmte selbst Treibel zu momentan ruhigem Zuhören Er
sagte dann auch wohl mit einer gewissen höheren Miene »Von Loewe ex ungue
Leonem das heißt von Karl Loewe Ludwig komponiert nicht«
    Viele von denen die den Kaffee im Garten oder auf der Veranda genommen
hatten waren gleich als Krola begann ebenfalls in den Saal getreten um
zuzuhören andere dagegen die die drei Balladen schon von zwanzig Treibelschen
Diners her kannten hatten es doch vorgezogen im Freien zu bleiben und ihre
Gartenpromenade fortzusetzen unter ihnen auch Mister Nelson der als ein
richtiger VollblutEngländer musikalisch auf schwächsten Füßen stand und
rundheraus erklärte das liebste sei ihm ein Nigger mit einer Pauke zwischen
den Beinen »I cant see what it means music is nonsense« So ging er denn mit
Korinna auf und ab Leopold an der anderen Seite während Marcell mit der jungen
Frau Treibel in einiger Entfernung folgte beide sich über Nelson und Leopold
halb ärgernd halb erheiternd die wie schon bei Tische von Korinna nicht los
konnten
    Es war ein prächtiger Abend draußen von der Schwüle die drinnen herrschte
keine Spur und schräg über den hohen Pappeln die den Hintergarten von den
Fabrikgebäuden abschnitten stand die Mondsichel der Kakadu saß ernst und
verstimmt auf seiner Stange weil es versäumt worden war ihn zu rechter Zeit in
seinen Käfig zurückzunehmen und nur der Wasserstrahl stieg so lustig in die
Höhe wie zuvor
    »Setzen wir uns« sagte Korinna »wir promenieren schon ich weiß nicht wie
lange« und dabei ließ sie sich ohne weiteres auf den Rand der Fontaine nieder
»Take a seat Mister Nelson Sehen Sie nur den Kakadu wie bös er aussieht Er
ist ärgerlich dass sich keiner um ihn kümmert«
    »To be sure und sieht aus wie Lieutenant Sangevogel Doesnt he«
    »Wir nennen ihn für gewöhnlich Vogelsang Aber ich habe nichts dagegen ihn
umzutaufen Helfen wird es freilich nicht viel«
    »No no teres no help for him Vogelsang ah ein hässlicher Vogel kein
Singevogel no finch no trussel«
    »Nein er ist bloß ein Kakadu ganz wie Sie sagen«
    Aber kaum dass dies Wort gesprochen war so folgte nicht nur ein lautes
Kreischen von der Stange her wie wenn der Kakadu gegen den Vergleich
protestieren wolle sondern auch Korinna schrie laut auf freilich nur um im
selben Augenblicke wieder in ein helles Lachen auszubrechen in das gleich
danach auch Leopold und Mister Nelson einstimmten Ein plötzlich sich
aufmachender Windstoß hatte nämlich dem Wasserstrahl eine Richtung genau nach
der Stelle hin gegeben wo sie saßen und bei der Gelegenheit allesamt den
Vogel auf seiner Stange mit eingeschlossen mit einer Flut von Spritzwasser
überschüttet Das gab nun ein Klopfen und Abschütteln an dem auch der Kakadu
teilnahm freilich ohne seinerseits seine Laune dabei zu verbessern
    Drinnen hatte Krola mittlerweile sein Programm beendet und stand auf um
andern Kräften den Platz einzuräumen Es sei nichts misslicher als ein solches
Kunstmonopol außerdem dürfe man nicht vergessen der Jugend gehöre die Welt
dabei verbeugte er sich huldigend gegen einige junge Damen in deren Familien er
ebenso verkehrte wie bei den Treibels Die Kommerzienrätin ihrerseits aber
übertrug diese ganz allgemein gehaltene Huldigung gegen die Jugend in ein
bestimmteres Deutsch und forderte die beiden Fräulein Felgentreus auf doch
einige der reizenden Sachen zu singen die sie neulich als Ministerialdirektor
Stoeckenius in ihrem Hause gewesen so schön vorgetragen hätten Freund Krola
werde gewiss die Güte haben die Damen am Klavier zu begleiten Krola sehr
erfreut einer gesanglichen Mehrforderung die sonst die Regel war entgangen zu
sein drückte sofort seine Zustimmung aus und setzte sich an seinen eben erst
aufgegebenen Platz ohne ein Ja oder Nein der beiden Felgentreus abzuwarten Aus
seinem ganzen Wesen sprach eine Mischung von Wohlwollen und Ironie Die Tage
seiner eignen Berühmteit lagen weit zurück aber je weiter sie zurücklagen
desto höher waren seine Kunstansprüche geworden so dass es ihm bei dem totalen
Unerfülltbleiben derselben vollkommen gleichgültig erschien was zum Vortrage
kam und wer das Wagnis wagte Von Genuss konnte keine Rede für ihn sein nur von
Amüsement und weil er einen angeborenen Sinn für das Heitere hatte durfte man
sagen sein Vergnügen stand jedesmal dann auf der Höhe wenn seine Freundin
Jenny Treibel wie sie das liebte durch Vortrag einiger Lieder den Schluss der
musikalischen Soiree machte Das war aber noch weit im Felde vorläufig waren
noch die beiden Felgentreus da von denen denn auch die ältere Schwester oder
wie es zu Krolas jedesmaligem Gaudium hieß »die weitaus talentvollere« mit
»Bächlein lass dein Rauschen sein« ohne weiteres einsetzte Daran reihte sich
»Ich schnitt es gern in alle Rinden ein« was als allgemeines Lieblingsstück
zu der Kommerzienrätin großem wenn auch nicht geäusserten Verdruss von einigen
indiskreten Stimmen im Garten begleitet wurde Dann folgte die Schlussnummer ein
Duett aus »Figaros Hochzeit« Alles war hingerissen und Treibel sagte zu
Vogelsang »er könne sich nicht erinnern seit den Tagen der Milanollos etwas
so Liebliches von Schwestern gesehen und gehört zu haben« woran er die weitere
allerdings unüberlegte Frage knüpfte ob Vogelsang seinerseits sich noch der
Milanollos erinnern könne »Nein« sagte dieser barsch und peremptorisch 
»Nun dann bitt ich um Entschuldigung«
    Eine Pause trat ein und einige Wagen darunter auch der Felgentreusche
waren schon angefahren trotzdem zögerte man noch mit dem Aufbruch weil das
Fest immer noch seines Abschlusses entbehrte Die Kommerzienrätin nämlich hatte
noch nicht gesungen ja war unerhörterweise noch nicht einmal zum Vortrag eines
ihrer Lieder aufgefordert worden  ein Zustand der Dinge der so rasch wie
möglich geändert werden musste Dies erkannte niemand klarer als Adolar Krola
der den Polizeiassessor beiseite nehmend ihm eindringlichst vorstellte dass
durchaus etwas geschehen und das hinsichtlich Jennys Versäumte sofort nachgeholt
werden müsse »Wird Jenny nicht aufgefordert so seh ich die Treibelschen
Diners oder wenigstens unsere Teilnahme daran für alle Zukunft in Frage
gestellt was doch schließlich einen Verlust bedeuten würde«
    »Dem wir unter allen Umständen vorzubeugen haben verlassen Sie sich auf
mich« Und die beiden Felgentreus an der Hand nehmend schritt Goldammer rasch
entschlossen auf die Kommerzienrätin zu um wie er sich ausdrückte als
erwählter Sprecher des Hauses um ein Lied zu bitten Die Kommerzienrätin der
das Abgekartete der ganzen Sache nicht entgehen konnte kam in ein Schwanken
zwischen Ärger und Wunsch aber die Beredsamkeit des Antragstellers siegte doch
schließlich Krola nahm wieder seinen Platz ein und einige Augenblicke später
erklang Jennys dünne durchaus im Gegensatz zu ihrer sonstigen Fülle stehende
Stimme durch den Saal hin und man vernahm die in diesem Kreise wohlbekannten
Liedesworte
»Glück von deinen tausend Losen
Eines nur erwähl ich mir
Was soll Gold Ich liebe Rosen
Und der Blumen schlichte Zier
Und ich höre Waldesrauschen
Und ich seh ein flatternd Band 
Aug in Auge Blicke tauschen
Und ein Kuss auf deine Hand
Geben nehmen nehmen geben
Und dein Haar umspielt der Wind
Ach nur das nur das ist Leben
Wo sich Herz zum Herzen findt«
Es braucht nicht gesagt zu werden dass ein rauschender Beifall folgte woran
sich von des alten Felgentreu Seite die Bemerkung schloss »die damaligen
Lieder« er vermied eine bestimmte Zeitangabe »wären doch schöner gewesen
namentlich inniger« eine Bemerkung die von dem direkt zur Meinungsäusserung
aufgeforderten Krola schmunzelnd bestätigt wurde
    Mister Nelson seinerseits hatte von der Veranda dem Vortrage zugehört und
sagte jetzt zu Korinna »Wonderfully good Oh tese Germans tei know
everyting even such an old lady«
    Korinna legte ihm den Finger auf den Mund
    Kurze Zeit danach war alles fort Haus und Park leer und man hörte nur
noch wie drinnen im Speisesaal geschäftige Hände den Ausziehtisch
zusammenschoben und wie draußen im Garten der Strahl des Springbrunnens
plätschernd ins Bassin fiel
 
                                Fünftes Kapitel
Unter den letzten die den Vorgarten passierend das kommerzienrätliche Haus
verließen waren Marcell und Korinna Diese plauderte nach wie vor in
übermütiger Laune was des Vetters mühsam zurückgehaltene Verstimmung nur noch
steigerte Zuletzt schwiegen beide
    So gingen sie schon fünf Minuten nebeneinander her bis Korinna die sehr
gut wusste was in Marcells Seele vorging das Gespräch wieder aufnahm »Nun
Freund was gibt es«
    »Nichts«
    »Nichts«
    »Oder wozu soll ich es leugnen ich bin verstimmt«
    »Worüber«
    »Über dich Über dich weil du kein Herz hast«
    »Ich Erst recht hab ich«
    »Weil du kein Herz hast sag ich keinen Sinn für Familie nicht einmal für
deinen Vater«
    »Und nicht einmal für meinen Vetter Marcell«
    »Nein den lass aus dem Spiel von dem ist nicht die Rede Mir gegenüber
kannst du tun was du willst Aber dein Vater Da lässt du nun heute den alten
Mann einsam und allein und kümmerst dich sozusagen um gar nichts Ich glaube du
weißt nicht einmal ob er zu Haus ist oder nicht«
    »Freilich ist er zu Haus Er hat ja heut seinen Abend und wenn auch nicht
alle kommen etliche vom hohen Olymp werden wohl dasein«
    »Und du gehst aus und überlässest alles der alten guten Schmolke«
    »Weil ich es ihr überlassen kann Du weißt das ja so gut wie ich es geht
alles wie am Schnürchen und in diesem Augenblick essen sie wahrscheinlich
Oderkrebse und trinken Mosel Nicht Treibelschen aber doch Professor
Schmidtschen einen edlen Trarbacher von dem Papa behauptet er sei der einzige
reine Wein in Berlin Bist du nun zufrieden«
    »Nein«
    »Dann fahre fort«
    »Ach Korinna du nimmst alles so leicht und denkst wenn dus leicht
nimmst so hast dus aus der Welt geschafft Aber es glückt dir nicht Die Dinge
bleiben doch schließlich was und wie sie sind Ich habe dich nun bei Tisch
beobachtet«
    »Unmöglich du hast ja der jungen Frau Treibel ganz intensiv den Hof
gemacht und ein paarmal wurde sie sogar rot«
    »Ich habe dich beobachtet sag ich und mit einem wahren Schrecken das
Übermaß von Koketterie gesehen mit dem du nicht müde wirst dem armen Jungen
dem Leopold den Kopf zu verdrehen«
    Sie hatten als Marcell dies sagte gerade die platzartige Verbreiterung
erreicht mit der die Köpnicker Straße nach der Inselbrücke hin abschliesst
eine verkehrslose und beinahe menschenleere Stelle Korinna zog ihren Arm aus
dem des Vetters und sagte während sie nach der anderen Seite der Straße zeigte
»Sieh Marcell wenn da drüben nicht der einsame Schutzmann stände so stellt
ich mich jetzt mit verschränkten Armen vor dich hin und lachte dich fünf Minuten
lang aus Was soll das heißen ich sei nicht müde geworden dem armen Jungen
dem Leopold den Kopf zu verdrehen Wenn du nicht ganz in Huldigung gegen
Helenen aufgegangen wärst so hättest du sehen müssen dass ich kaum zwei Worte
mit ihm gesprochen Ich habe mich nur mit Mister Nelson unterhalten und ein
paarmal hab ich mich ganz ausführlich an dich gewandt«
    »Ach das sagst du so Korinna und weißt doch wie falsch es ist Sieh du
bist sehr gescheit und weißt es auch aber du hast doch den Fehler den viele
gescheite Leute haben dass sie die anderen für ungescheiter halten als sie
sind Und so denkst du du kannst mir ein X für ein U machen und alles so drehen
und beweisen wie dus drehen und beweisen willst Aber man hat doch auch so
seine Augen und Ohren und ist also mit deinem Verlaub hinreichend ausgerüstet
um zu hören und zu sehen«
    »Und was ist es denn nun was der Herr Doktor gehört und gesehen haben«
    »Der Herr Doktor haben gehört und gesehen dass Fräulein Korinna mit ihrem
Redekatarakt über den unglücklichen Mister Nelson hergefallen ist«
    »Sehr schmeichelhaft«
    »Und dass sie  wenn ich das mit dem Redekatarakt aufgeben und ein anderes
Bild dafür einstellen will  dass sie sag ich zwei Stunden lang die
Pfauenfeder ihrer Eitelkeit auf dem Kinn oder auf der Lippe balanciert und
überhaupt in den feineren akrobatischen Künsten ein Äusserstes geleistet hat Und
das alles vor wem Etwa vor Mister Nelson Mitnichten Der gute Nelson der war
nur das Trapez daran meine Kousine herumturnte der um dessentwillen das alles
geschah der zusehen und bewundern sollte der hieß Leopold Treibel und ich
habe wohl bemerkt wie mein Kousinchen auch ganz richtig gerechnet hatte denn
ich kann mich nicht entsinnen einen Menschen gesehen zu haben der verzeih den
Ausdruck durch einen ganzen Abend hin so total weg gewesen wäre wie dieser
Leopold«
    »Meinst du«
    »Ja das mein ich«
    »Nun darüber ließe sich reden Aber sieh nur«
    Und dabei blieb sie stehen und wies auf das entzückende Bild das sich  sie
passierten eben die Fischerbrücke  drüben vor ihnen ausbreitete Dünne Nebel
lagen über den Strom hin sogen aber den Lichterglanz nicht ganz auf der von
rechts und links her auf die breite Wasserfläche fiel während die Mondsichel
oben im Blauen stand keine zwei Handbreit von dem etwas schwerfälligen
Parochialkirchturm entfernt dessen Schattenriss am anderen Ufer in aller
Klarheit aufragte »Sieh nur« wiederholte Korinna »nie hab ich den Singuhrturm
in solcher Schärfe gesehen Aber ihn schön finden wie seit kurzem Mode
geworden das kann ich doch nicht er hat so etwas Halbes Unfertiges als ob
ihm auf dem Wege nach oben die Kraft ausgegangen wäre Da bin ich doch mehr für
die zugespitzten langweiligen Schindeltürme die nichts wollen als hoch sein
und in den Himmel zeigen«
    Und in demselben Augenblicke wo Korinna dies sagte begannen die Glöckchen
drüben ihr Spiel
    »Ach« sagte Marcell »sprich doch nicht so von dem Turm und ob er schön ist
oder nicht Mir ist es gleich und dir auch das mögen die Fachleute miteinander
ausmachen Und du sagst das alles nur weil du von dem eigentlichen Gespräch los
willst Aber höre lieber zu was die Glöckchen drüben spielen Ich glaube sie
spielen Üb immer Treu und Redlichkeit«
    »Kann sein und ist nur schade dass sie nicht auch die berühmte Stelle von
dem Kanadier spielen können der noch Europens übertünchte Höflichkeit nicht
kannte So was Gutes bleibt leider immer unkomponiert oder vielleicht geht es
auch nicht Aber nun sage mir Freund was soll das alles heißen Treu und
Redlichkeit Meinst du wirklich dass mir die fehlen Gegen wen versündge ich
mich denn durch Untreue Gegen dich Hab ich Gelöbnisse gemacht Hab ich dir
etwas versprochen und das Versprechen nicht gehalten«
    Marcell schwieg
    »Du schweigst weil du nichts zu sagen hast Ich will dir aber noch allerlei
mehr sagen und dann magst du selber entscheiden ob ich treu und redlich oder
doch wenigstens aufrichtig bin was so ziemlich dasselbe bedeutet«
    »Korinna«
    »Nein jetzt will ich sprechen in aller Freundschaft aber auch in allem
Ernst Treu und redlich Nun ich weiß wohl dass du treu und redlich bist was
beiläufig nicht viel sagen will ich für meine Person kann dir nur wiederholen
ich bin es auch«
    »Und spielst doch beständig eine Komödie«
    »Nein das tu ich nicht Und wenn ich es tue so doch so dass jeder es
merken kann Ich habe mir nach reiflicher Überlegung ein bestimmtes Ziel
gesteckt und wenn ich nicht mit dürren Worten sage dies ist mein Ziel so
unterbleibt das nur weil es einem Mädchen nicht kleidet mit solchen Plänen aus
sich herauszutreten Ich erfreue mich dank meiner Erziehung eines guten Teils
von Freiheit einige werden vielleicht sagen von Emanzipation aber trotzdem bin
ich durchaus kein emanzipiertes Frauenzimmer Im Gegenteil ich habe gar keine
Lust das alte Herkommen umzustossen alte gute Sätze zu denen auch der gehört
ein Mädchen wirbt nicht um ein Mädchen wird geworben«
    »Gut gut alles selbstverständlich«
    » Aber freilich das ist unser altes Evarecht die großen Wasser spielen
zu lassen und unsere Kräfte zu gebrauchen bis das geschieht um dessentwillen
wir da sind mit anderen Worten bis man um uns wirbt Alles gilt diesem Zweck
Du nennst das je nachdem dir der Sinn steht Raketensteigenlassen oder Komödie
mitunter auch Intrige und immer Koketterie«
    Marcell schüttelte den Kopf »Ach Korinna du darfst mir darüber keine
Vorlesung halten wollen und zu mir sprechen als ob ich erst gestern auf die
Welt gekommen wäre Natürlich hab ich oft von Komödie gesprochen und noch öfter
von Koketterie Wovon spricht man nicht alles Und wenn man dergleichen
hinspricht so widerspricht man sich auch wohl und was man eben noch getadelt
hat das lobt man im nächsten Augenblick Ums rundheraus zu sagen spiele
soviel Komödie wie du willst sei so kokett wie du willst ich werde doch
nicht so dumm sein die Weiberwelt und die Welt überhaupt ändern zu wollen ich
will sie wirklich nicht ändern auch dann nicht wenn ichs könnte nur um eines
muss ich dich angehen du musst wie du dich vorhin ausdrücktest die großen
Wasser an der rechten Stelle das heißt also vor den rechten Leuten springen
lassen vor solchen wos passt wos hingehört wo sichs lohnt Du gehst aber
mit deinen Künsten nicht an die richtige Adresse denn du kannst doch nicht
ernstaft daran denken diesen Leopold Treibel heiraten zu wollen«
    »Warum nicht Ist er zu jung für mich Nein Er stammt aus dem Januar und
ich aus dem September er hat also noch einen Vorsprung von acht Monaten«
    »Korinna du weißt ja recht gut wies liegt und dass er einfach für dich
nicht passt weil er zu unbedeutend für dich ist Du bist eine aparte Person
vielleicht ein bisschen zu sehr und er ist kaum Durchschnitt Ein sehr guter
Mensch das muss ich zugehen hat ein gutes weiches Herz nichts von dem Kiesel
den die Geldleute sonst hier links haben hat auch leidlich weltmännische
Manieren und kann vielleicht einen Dürerschen Stich von einem Ruppiner
Bilderbogen unterscheiden aber du würdest dich doch totlangweilen an seiner
Seite Du deines Vaters Tochter und eigentlich noch klüger als der Alte du
wirst doch nicht dein eigentliches Lebensglück wegwerfen wollen bloß um in
einer Villa zu wohnen und einen Landauer zu haben der dann und wann ein paar
alte Hofdamen abholt oder um Adolar Krolas ramponierten Tenor alle vierzehn
Tage den Erlkönig singen zu hören Es ist nicht möglich Korinna du wirst dich
doch wegen solches Bettels von Mammon nicht einem unbedeutenden Menschen an
den Hals werfen wollen«
    »Nein Marcell das letztere gewiss nicht ich bin nicht für
Zudringlichkeiten Aber wenn Leopold morgen bei meinem Vater antritt  denn ich
fürchte beinah dass er noch zu denen gehört die sich statt der Hauptperson
erst der Nebenpersonen versichern  wenn er also morgen antritt und um diese
rechte Hand deiner Kousine Korinna anhält so nimmt ihn Korinna und fühlt sich
als Korinne au Kapitole«
    »Das ist nicht möglich du täuschest dich du spielst mit der Sache Es ist
eine Phantasterei der du nach deiner Art nachhängst«
    »Nein Marcell du täuschest dich nicht ich es ist mein vollkommener
Ernst so sehr dass ich ein ganz klein wenig davor erschrecke«
    »Das ist dein Gewissen«
    »Vielleicht Vielleicht auch nicht Aber soviel will ich dir ohne weiteres
zugeben das wozu der liebe Gott mich so recht eigentlich schuf das hat nichts
zu tun mit einem Treibelschen Fabrikgeschäft oder mit einem Holzhof und
vielleicht am wenigsten mit einer Hamburger Schwägerin Aber ein Hang nach
Wohlleben der jetzt alle Welt beherrscht hat mich auch in der Gewalt ganz so
wie alle anderen und so lächerlich und verächtlich es in deinem
OberlehrersOhre klingen mag ich halt es mehr mit Bonwitt und Littauer als mit
einer kleinen Schneiderin die schon um acht Uhr früh kommt und eine merkwürdige
Hof und Hinterstubenatmosphäre mit ins Haus bringt und zum zweiten Frühstück
ein Brötchen mit Schlackwurst und vielleicht auch einen Gilka kriegt Das alles
widersteht mir im höchsten Masse je weniger ich davon sehe desto besser Ich
find es ungemein reizend wenn so die kleinen Brillanten im Ohre blitzen etwa
wie bei meiner Schwiegermama in spe Sich einschränken ach ich kenne das
Lied das immer gesungen und immer gepredigt wird aber wenn ich bei Papa die
dicken Bücher abstäube drin niemand hineinsieht auch er selber nicht und wenn
dann die Schmolke sich abends auf mein Bett setzt und mir von ihrem verstorbenen
Manne dem Schutzmann erzählt und dass er wenn er noch lebte jetzt ein Revier
hätte denn Madai hätte große Stücke auf ihn gehalten und wenn sie dann zuletzt
sagt Aber Korinnchen ich habe ja noch gar nicht mal gefragt was wir morgen
essen wollen Die Teltower sind jetzt so schlecht und eigentlich alle schon
madig und ich möchte dir vorschlagen Wellfleisch und Wruken das aß Schmolke
auch immer so gern  ja Marcell in solchem Augenblicke wird mir immer ganz
sonderbar zumut und Leopold Treibel erscheint mir dann mit einem Mal als der
Rettungsanker meines Lebens oder wenn du willst wie das aufzusetzende große
Marssegel das bestimmt ist mich bei gutem Wind an ferne glückliche Küsten zu
führen«
    »Oder wenn es stürmt dein Lebensglück zum Scheitern zu bringen«
    »Warten wirs ab Marcell«
    Und bei diesen Worten bogen sie von der Alten Leipziger Straße her in
Raules Hof ein von dem aus ein kleiner Durchgang in die Adlerstrasse führte
 
                                Sechstes Kapitel
Um dieselbe Stunde wo man sich bei Treibels vom Diner erhob begann Professor
Schmidts »Abend« Dieser »Abend« auch wohl Kränzchen genannt versammelte wenn
man vollzählig war um einen runden Tisch und eine mit einem roten Schleier
versehene Moderateurlampe sieben Gymnasiallehrer von denen die meisten den
Professortitel führten Außer unserem Freunde Schmidt waren es noch folgende
Friedrich Distelkamp emeritierter Gymnasialdirektor Senior des Kreises nach
ihm die Professoren Rindfleisch und Hannibal Kuh zu welchen beiden sich noch
Oberlehrer Immanuel Schultze gesellte sämtlich vom GroßenKurfürstenGymnasium
Den Schluss machte Doktor Charles Etienne Freund und Studiengenosse Marcells
zur Zeit französischer Lehrer an einem vornehmen Mädchenpensionat und endlich
Zeichenlehrer Friedeberg dem vor ein paar Jahren erst  niemand wusste recht
warum und woher  der die Mehrheit des Kreises auszeichnende Professortitel
angeflogen war übrigens ohne sein Ansehen zu heben Er wurde vielmehr nach wie
vor für nicht ganz voll angesehen und eine Zeitlang war aufs ernstafteste die
Rede davon gewesen ihn wie sein Hauptgegner Immanuel Schultze vorgeschlagen
aus ihrem Kreise »herauszugraulen« was unser Wilibald Schmidt indessen mit der
Bemerkung bekämpft hatte dass Friedeberg trotz seiner wissenschaftlichen
Nichtzugehörigkeit eine nicht zu unterschätzende Bedeutung für ihren »Abend«
habe »Seht lieben Freunde« so etwa waren seine Worte gewesen »wenn wir unter
uns sind so folgen wir unseren Auseinandersetzungen eigentlich immer nur aus
Rücksicht und Artigkeit und leben dabei mehr oder weniger der Überzeugung
alles was seitens des anderen gesagt wurde viel besser oder  wenn wir
bescheiden sind  wenigstens ebensogut sagen zu können Und das lähmt immer Ich
für mein Teil wenigstens bekenne offen dass ich wenn ich mit meinem Vortrage
gerade an der Reihe war das Gefühl eines gewissen Unbehagens ja zuzeiten einer
geradezu hochgradigen Beklemmung nie ganz losgeworden bin Und in einem so
bedrängten Augenblicke seh ich dann unseren immer zu spät kommenden Friedeberg
eintreten verlegen lächelnd natürlich und empfinde sofort wie meiner Seele
die Flügel wieder wachsen ich spreche freier intuitiver klarer denn ich habe
wieder ein Publikum wenn auch nur ein ganz kleines Ein andächtiger Zuhörer
anscheinend so wenig ist doch schon immer was und mitunter sogar sehr viel«
Auf diese warme Verteidigung Wilibald Schmidts hin war Friedeberg dem Kreise
verblieben Schmidt durfte sich überhaupt als die Seele des Kränzchens
betrachten dessen Namensgebung »Die sieben Waisen Griechenlands« ebenfalls
auf ihn zurückzuführen war Immanuel Schultze meist in der Opposition und
außerdem ein GottfriedKellerSchwärmer hatte seinerseits »Das Fähnlein der
sieben Aufrechten« vorgeschlagen war aber damit nicht durchgedrungen weil wie
Schmidt betonte diese Bezeichnung einer Entlehnung gleichgekommen wäre »Die
sieben Waisen« klängen freilich ebenfalls entlehnt aber das sei bloß Ohr und
Sinnestäuschung das »a« worauf es recht eigentlich ankomme verändere nicht
nur mit einem Schlage die ganze Situation sondern erziele sogar den denkbar
höchsten Standpunkt den der Selbstironie
    Wie sich von selbst versteht zerfiel die Gesellschaft wie jede Vereinigung
der Art in fast ebenso viele Parteien wie sie Mitglieder zählte und nur dem
Umstande dass die drei vom GroßenKurfürstenGymnasium außer der
Zusammengehörigkeit die diese gemeinschaftliche Stellung gab auch noch
verwandt und verschwägert waren Kuh war Schwager Immanuel Schultze
Schwiegersohn von Rindfleisch nur diesem Umstande war es zuzuschreiben dass
die vier anderen und zwar aus einer Art Selbsterhaltungstrieb ebenfalls eine
Gruppe bildeten und bei Beschlussfassungen meist zusammengingen Hinsichtlich
Schmidts und Distelkamps konnte dies nicht weiter überraschen da sie von alter
Zeit her Freunde waren zwischen Etienne und Friedeberg aber klaffte für
gewöhnlich ein tiefer Abgrund der sich ebensosehr in ihrer voneinander
abweichenden Erscheinung wie in ihren verschiedenen Lebensgewohnheiten
aussprach Etienne sehr elegant versäumte nie während der großen Ferien mit
Nachurlaub nach Paris zu gehen während sich Friedeberg angeblich um seiner
Malstudien willen auf die Woltersdorfer Schleuse die landschaftlich unerreicht
dastände zurückzog Natürlich war dies alles nur Vorgabe Der wirkliche Grand
war der dass Friedeberg bei ziemlich beschränkter Finanzlage nach dem
erreichbar Nächstliegenden griff und überhaupt Berlin nur verließ um von seiner
Frau  mit der er seit Jahren immer dicht vor der Scheidung stand  auf einige
Wochen loszukommen In einem sowohl die Handlungen wie die Worte seiner
Mitglieder kritischer prüfenden Kreise hätte diese Finte notwendig verdrießen
müssen indessen Offenheit und Ehrlichkeit im Verkehr mit und untereinander war
keineswegs ein hervorstechender Zug der »sieben Waisen« eher das Gegenteil So
versicherte beispielsweise jeder »ohne den Abend eigentlich nicht leben zu
können« was in Wahrheit nicht ausschloss dass immer nur die kamen die nichts
Besseres vorhatten Theater und Skat gingen weit vor und sorgten dafür dass
Unvollständigkeit der Versammlung die Regel war und nicht mehr auffiel
    Heute aber schien es sich schlimmer als gewöhnlich gestalten zu wollen Die
Schmidtsche Wanduhr noch ein Erbstück vom Großvater her schlug bereits halb
halb neun und noch war niemand da außer Etienne der wie Marcell zu den
Intimen des Hauses zählend kaum als Gast und Besuch gerechnet wurde
    »Was sagst du Etienne« wandte sich jetzt Schmidt an diesen »was sagst du
zu dieser Saumseligkeit Wo bleibt Distelkamp Wenn auch auf den kein Verlass
mehr ist die Douglas waren immer treu so geht der Abend aus den Fugen und
ich werde Pessimist und nehme für den Rest meiner Tage Schopenhauer und Eduard
von Hartmann unteren Arm«
    Während er noch so sprach ging draußen die Klingel und einen Augenblick
später trat Distelkamp ein
    »Entschuldige Schmidt ich habe mich verspätet Die Details erspar ich dir
und unserem Freunde Etienne Auseinandersetzungen weshalb man zu spät kommt
selbst wenn sie wahr sind nicht viel besser als Krankengeschichten Also lassen
wirs Inzwischen bin ich überrascht trotz meiner Verspätung immer noch der
eigentlich erste zu sein Denn Etienne gehört ja so gut wie zur Familie Die
Großen Kurfürstlichen aber Wo sind sie Nach Kuh und unserem Freunde Immanuel
frag ich nicht erst die sind bloß ihres Schwagers und Schwiegervaters Klientel
Rindfleisch selbst aber  wo steckt er«
    »Rindfleisch hat abgeschrieben er sei heut in der Griechischen«
    »Ach das ist Torheit Was will er in der Griechischen Die sieben Waisen
gehen vor Er findet hier wirklich mehr«
    »Ja das sagst du so Distelkamp Aber es liegt doch wohl anders
Rindfleisch hat nämlich ein schlechtes Gewissen ich könnte vielleicht sagen
mal wieder ein schlechtes Gewissen«
    »Dann gehört er erst recht hierher hier kann er beichten Aber um was
handelt es sich denn eigentlich was ist es«
    »Er hat da mal wieder einen Schwupper gemacht irgendwas verwechselt ich
glaube Phrynichos den Tragiker mit Phrynichos dem Lustspieldichter War es nicht
so Etienne« dieser nickte »und die Sekundaner haben nun mit lirum larum
einen Vers auf ihn gemacht«
    »Und«
    »Und da gilt es denn die Scharte so gut es geht wieder auszuwetzen wozu
die Griechische mit dem Lustre das sie gibt das immerhin beste Mittel ist«
    Distelkamp der sich mittlerweile seinen Meerschaum angezündet und in die
Sofaecke gesetzt hatte lächelte bei der ganzen Geschichte behaglich vor sich
hin und sagte dann »Alles Schnack Glaubst dus Ich nicht Und wenn es
zuträfe so bedeutet es nicht viel eigentlich gar nichts Solche Schnitzer
kommen immer vor passieren jedem Ich will dir mal was erzählen Schmidt was
als ich noch jung war und in Quarta brandenburgische Geschichte vortragen musste
 was damals sag ich einen großen Eindruck auf mich machte«
    »Nun lass hören Was wars«
    »Ja was wars Offen gestanden meine Wissenschaft zum wenigsten was unser
gutes Kurbrandenburg anging war nicht weit her ist es auch jetzt noch nicht
und als ich so zu Hause saß und mich notdürftig vorbereitete da las ich  denn
wir waren gerade beim ersten König  allerhand Biographisches und darunter auch
was vom alten General Barfus der wie die meisten Damaligen das Pulver nicht
erfunden hatte sonst aber ein kreuzbraver Mann war Und dieser Barfus
präsidierte während der Belagerung von Bonn einem Kriegsgericht drin über
einen jungen Offizier abgeurteilt werden sollte«
    »So so Nun was war es denn«
    »Der Abzuurteilende hatte sich das mindeste zu sagen etwas unheldisch
benommen und alle waren für Schuldig und Totschiessen Nur der alte Barfus
wollte nichts davon wissen und sagte Drücken wir ein Auge zu meine Herren Ich
habe dreißig Rencontres mitgemacht und ich muss Ihnen sagen ein Tag ist nicht
wie der andere und der Mensch ist ungleich und das Herz auch und der Mut erst
recht Ich habe mich manches Mal auch feige gefühlt Solange es geht muss man
Milde walten lassen denn jeder kann sie brauchen«
    »Höre Distelkamp« sagte Schmidt »das ist eine gute Geschichte dafür dank
ich dir und so alt ich bin die will ich mir doch hinter die Ohren schreiben
Denn weiß es Gott ich habe mich auch schon blamiert und wiewohl es die Jungens
nicht bemerkt haben wenigstens ist mir nichts aufgefallen so hab ich es doch
selber bemerkt und mich hinterher riesig geärgert und geschämt Nicht wahr
Etienne so was ist immer fatal oder kommt es im Französischen nicht vor
wenigstens dann nicht wenn man alle Juli nach Paris reist und einen neuen Band
Maupassant mit heimbringt Das ist ja wohl jetzt das Feinste Verzeih die kleine
Malice Rindfleisch ist überdies ein kreuzbraver Kerl nomen et omen und
eigentlich der Beste besser als Kuh und namentlich besser als unser Freund
Immanuel Schultze Der hats hinter den Ohren und ist ein Schlieker Er grient
immer und gibt sich das Ansehen als ob er dem Bilde zu Sais irgendwie und wo
unter den Schleier geguckt hätte wovon er weitab ist Denn er löst nicht mal
das Rätsel von seiner eigenen Frau an der manches verschleierter oder auch
nicht verschleierter sein soll als ihm dem Ehesponsen lieb sein kann«
    »Schmidt du hast heute mal wieder deinen medisanten Tag Eben hab ich den
armen Rindfleisch aus deinen Fängen gerettet ja du hast sogar Besserung
versprochen und schon stürzest du dich wieder auf den unglücklichen
Schwiegersohn Im übrigen wenn ich an Immanuel etwas tadeln sollte so läge es
nach einer ganz anderen Seite hin«
    »Und das wäre«
    »Dass er keine Autorität hat Wenn er sie zu Hause nicht hat nun traurig
genug Indessen das geht uns nichts an Aber dass er sie nach allem was ich
höre auch in der Klasse nicht hat das ist schlimm Sieh Schmidt das ist die
Kränkung und der Schmerz meiner letzten Lebensjahre dass ich den kategorischen
Imperativ immer mehr hinschwinden sehe Wenn ich da an den alten Weber denke
Von dem heißt es wenn er in die Klasse trat so hörte man den Sand durch das
Stundenglas fallen und kein Primaner wusste mehr dass es überhaupt möglich sei
zu flüstern oder gar vorzusagen Und außer seinem eigenen Sprechen ich meine
Webers war nichts hörbar als das Knistern wenn die HorazSeiten umgeblättert
wurden Ja Schmidt das waren Zeiten da verlohnte sichs ein Lehrer und ein
Direktor zu sein Jetzt treten die Jungens in der Konditorei an einen heran und
sagen Wenn Sie gelesen haben Herr Direktor dann bitt ich«
    Schmidt lachte »Ja Distelkamp so sind sie jetzt das ist die neue Zeit
das ist wahr Aber ich kann mich nicht darüber ägrieren Wie waren denn bei
Lichte besehen die großen Würdenträger mit ihrem Doppelkinn und ihren
Pontacnasen Schlemmer waren es die den Burgunder viel besser kannten als den
Homer Da wird immer von alten einfachen Zeiten geredet dummes Zeug sie
müssen ganz gehörig gepichelt haben das sieht man noch an ihren Bildern in der
Aula Nu ja Selbstbewusstsein und eine steifleinene Grandezza das alles hatten
sie das soll ihnen zugestanden sein Aber wie sah es sonst aus«
    »Besser als heute«
    »Kann ich nicht finden Distelkamp Als ich noch unsere Schulbibliotek
unter Aufsicht hatte Gott sei Dank dass ich nichts mehr damit zu tun habe da
hab ich öfter in die Schulprogramme hineingeguckt und in die Dissertationen und
Aktusse wie sie vordem im Schwang waren Nun ich weiß wohl jede Zeit denkt
sie sei was Besonderes und die die kommen mögen meinetwegen auch über uns
lachen aber sieh Distelkamp vom gegenwärtigen Standpunkt unseres Wissens
oder sag ich auch bloß unseres Geschmacks aus darf doch am Ende gesagt werden
es war etwas Furchtbares mit dieser Perückengelehrsamkeit und die stupende
Wichtigkeit mit der sie sich gab kann uns nur noch erheitern Ich weiß nicht
unter wem es war ich glaube unter Rodegast da kam es in Mode  vielleicht weil
er persönlich einen Garten vorm Rosentaler hatte  die Stoffe für die
öffentlichen Reden und ähnliches aus der Gartenkunde zu nehmen und sieh da hab
ich Dissertationen gelesen über das Hortikulturliche des Paradieses über die
Beschaffenheit des Gartens zu Getsemane und über die mutmasslichen Anlagen im
Garten des Joseph von Arimatia Garten und immer wieder Garten Nun was sagst
du dazu«
    »Ja Schmidt mit dir ist schlecht fechten Du hast immer das Auge für das
Komische gehabt Das greifst du nun heraus spiessest es auf deine Nadel und
zeigst es der Welt Aber was daneben lag und viel wichtiger war das lässest du
liegen Du hast schon sehr richtig hervorgehoben dass man über unsere
Lächerrlichkeiten auch lachen wird Und wer bürgt uns dafür dass wir nicht jeden
Tag in Untersuchungen eintreten die noch viel toller sind als die
hortikulturlichen Untersuchungen über das Paradies Lieber Schmidt das
Entscheidende bleibt doch immer der Charakter nicht der eitle wohl aber der
gute ehrliche Glaube an uns selbst Bona fide müssen wir vorgehen Aber mit
unserer ewigen Kritik eventuell auch Selbstkritik geraten wir in eine mala
fides hinein und misstrauen uns selbst und dem was wir zu sagen haben Und ohne
Glauben an uns und unsere Sache keine rechte Lust und Freudigkeit und auch kein
Segen am wenigsten Autorität Und das ist es was ich beklage Denn wie kein
Heerwesen ohne Disziplin so kein Schulwesen ohne Autorität Es ist damit wie
mit dem Glauben Es ist nicht nötig dass das Richtige geglaubt wird aber dass
überhaupt geglaubt wird darauf kommt es an In jedem Glauben stecken
geheimnisvolle Kräfte und ebenso in der Autorität«
    Schmidt lächelte »Distelkamp ich kann da nicht mit Ich kanns in der
Theorie gelten lassen aber in der Praxis ist es bedeutungslos geworden Gewiss
kommt es auf das Ansehen vor den Schülern an Wir gehen nur darin auseinander
aus welcher Wurzel das Ansehen kommen soll Du willst alles auf den Charakter
zurückführen und denkst wenn du es auch nicht aussprichst Und wenn Ihr Euch
nur selbst vertraut vertrauen Euch auch die anderen Seelen Aber teurer
Freund das ist just das was ich bestreite Mit dem bloßen Glauben an sich oder
gar wenn du den Ausdruck gestattest mit der geschwollenen Wichtigtuerei mit
der Pomposität ist es heutzutage nicht mehr getan An die Stelle dieser
veralteten Macht ist die reelle Macht des wirklichen Wissens und Könnens
getreten und du brauchst nur Umschau zu halten so wirst du jeden Tag sehen
dass Professor Hammerstein der bei Spichern mit gestürmt und eine gewisse
Premierlieutenantshaltung von daher beibehalten hat dass Hammerstein sag ich
seine Klasse nicht regiert während unser Agaton Knurzel der aussieht wie
Mister Punch und einen Doppelpuckel aber freilich auch einen Doppelgrips hat
die Klasse mit seinem kleinen Raubvogelgesicht in der Furcht des Herrn hält Und
nun besonders unsere Berliner Jungens die gleich weghaben wie schwer einer
wiegt Wenn einer von den Alten aus dem Grabe käme mit Stolz und Hoheit
angetan und eine hortikulturelle Beschreibung des Paradieses forderte wie
würde der fahren mit all seiner Würde Drei Tage später wär er im
Kladderadatsch und die Jungens selber hätten das Gedicht gemacht«
    »Und doch bleibt es dabei Schmidt mit den Traditionen der alten Schule
steht und fällt die höhere Wissenschaft«
    »Ich glaub es nicht Aber wenn es wäre wenn die höhere Weltanschauung das
heißt das was wir so nennen wenn das alles fallen müsste nun so lass es
fallen Schon Attinghausen der doch selber alt war sagte Das Alte stürzt es
ändert sich die Zeit Und wir stehen sehr stark vor solchem Umwandlungsprozess
oder richtiger wir sind schon drin Muss ich dich daran erinnern es gab eine
Zeit wo das Kirchliche Sache der Kirchenleute war Ist es noch so Nein Hat
die Welt verloren Nein Es ist vorbei mit den alten Formen und auch unsere
Wissenschaftlichkeit wird davon keine Ausnahme machen Sieh hier« und er
schleppte von einem kleinen Nebentisch ein großes Prachtwerk herbei » sieh
hier das Heute mir zugeschickt und ich werd es behalten so teuer es ist
Heinrich Schliemanns Ausgrabungen zu Mykenä Ja Distelkamp wie stehst du
dazu«
    »Zweifelhaft genug«
    »Kann ich mir denken Weil du von den alten Anschauungen nicht los willst
Du kannst dir nicht vorstellen dass jemand der Tüten geklebt und Rosinen
verkauft hat den alten Priamus ausbuddelt und kommt er nun gar ins
Agamemnonsche hinein und sucht nach dem Schädelriss aegistschen Angedenkens so
gerätst du in helle Empörung Aber ich kann mir nicht helfen du hast unrecht
Freilich man muss was leisten hic Rhodus hic salta aber wer springen kann
der springt gleichviel ob ers aus der Georgia Augusta oder aus der Klippschule
hat Im übrigen will ich abbrechen am wenigsten hab ich Lust dich mit
Schliemann zu ärgern der von Anfang an deine Renonce war Die Bücher liegen
hier bloß wegen Friedeberg den ich der beigegebenen Zeichnungen halber fragen
will Ich begreife nicht dass er nicht kommt oder richtiger nicht schon da
ist Denn dass er kommt ist unzweifelhaft er hätte sonst abgeschrieben artiger
Mann der er ist«
    »Ja das ist er« sagte Etienne »das hat er noch aus dem Semitismus mit
rübergenommen«
    »Sehr wahr« fuhr Schmidt fort »aber wo ers herhat ist am Ende
gleichgültig Ich bedauere mitunter Urgermane der ich bin dass wir nicht auch
irgendwelche Bezugsquelle für ein bisschen Schliff und Politesse haben es
braucht ja nicht gerade dieselbe zu sein Diese schreckliche Verwandtschaft
zwischen Teutoburger Wald und Grobheit ist doch mitunter störend Friedeberg ist
ein Mann der wie Max Piccolomini  sonst nicht gerade sein Vorbild auch nicht
mal in der Liebe  der Sitten Freundlichkeit allerzeit kultiviert hat und es
bleibt eigentlich nur zu beklagen dass seine Schüler nicht immer das richtige
Verständnis dafür haben Mit anderen Worten sie spielen ihm auf der Nase«
    »Das uralte Schicksal der Schreib und Zeichenlehrer«
    »Freilich Und am Ende muss es auch so gehen und geht auch Aber lassen wir
die heikle Frage Lass mich lieber auf Mykenä zurückkommen und sage mir deine
Meinung über die Goldmasken Ich bin sicher wir haben da ganz was Besonderes
so das recht Eigentlichste Jeder beliebige kann doch nicht bei seiner
Bestattung eine Goldmaske getragen haben doch immer nur die Fürsten also mit
höchster Wahrscheinlichkeit Orests und Iphigeniens unmittelbare Vorfahren Und
wenn ich mir dann vorstelle dass diese Goldmasken genau nach dem Gesicht geformt
wurden gerade wie wir jetzt eine Gips oder Wachsmaske formen so hüpft mir das
Herz bei der doch mindestens zulässigen Idee dass dies hier«  und er wies auf
eine aufgeschlagene Bildseite  »dass dies hier das Gesicht des Atreus ist oder
seines Vaters oder seines Onkels«
    »Sagen wir seines Onkels«
    »Ja du spottest wieder Distelkamp trotzdem du mir doch selber den Spott
verboten hast Und das alles bloß weil du der ganzen Sache misstraust und nicht
vergessen kannst dass er ich meine natürlich Schliemann in seinen Schuljahren
über Strelitz und Fürstenberg nicht rausgekommen ist Aber lies nur was Virchow
von ihm sagt Und Virchow wirst du doch gelten lassen«
    In diesem Augenblicke hörte man draußen die Klingel gehen »Ah lupus in
fabula Das ist er Ich wusste dass er uns nicht im Stiche lassen würde«
    Und kaum dass Schmidt diese Worte gesprochen trat Friedeberg auch schon
herein und ein reizender schwarzer Pudel dessen rote Zunge wahrscheinlich von
angestrengtem Laufe weit heraushing sprang auf die beiden alten Herren zu und
umschmeichelte abwechselnd Schmidt und Distelkamp An Etienne der ihm zu
elegant war wagte er sich nicht heran
    »Aber alle Wetter Friedeberg wo kommen Sie so spät her«
    »Freilich freilich und sehr zu meinem Bedauern Aber der Fips hier treibt
es zu arg oder geht in seiner Liebe zu mir zu weit wenn ein Zuweitgehen in der
Liebe überhaupt möglich ist Ich bildete mir ein ihn eingeschlossen zu haben
und mache mich zu rechter Zeit auf den Weg Gut Und nun denken Sie was
geschieht Als ich hier ankomme wer ist da wer wartet auf mich Natürlich
Fips Ich bring ihn wieder zurück bis in meine Wohnung und übergeb ihn dem
Portier meinem guten Freunde  man muss in Berlin eigentlich sagen meinem
Gönner Aber aber was ist das Resultat all meiner Anstrengungen und guten
Worte Kaum bin ich wieder hier so ist auch Fips wieder da Was sollt ich am
Ende machen Ich hab ihn wohl oder übel mit hereingebracht und bitt um
Entschuldigung für ihn und für mich«
    »Hat nichts auf sich« sagte Schmidt während er sich zugleich freundlich
mit dem Hunde beschäftigte »Reizendes Tier und so zutunlich und fidel Sagen
Sie Friedeberg wie schreibt er sich eigentlich f oder ph Phips mit ph ist
englisch also vornehmer Im übrigen ist er wie seine Rechtschreibung auch sein
möge für heute abend mit eingeladen und ein durchaus willkommener Gast
vorausgesetzt dass er nichts dagegen hat in der Küche sozusagen am
Trompetertisch Platz zu nehmen Für meine gute Schmolke bürge ich Die hat eine
Vorliebe für Pudel und wenn sie nun gar von seiner Treue hört«
    »So wird sie« warf Distelkamp ein »ihm einen Extrazipfel schwerlich
versagen«
    »Gewiss nicht Und darin stimme ich meiner guten Schmolke von Herzen bei
Denn die Treue von der heutzutage jeder redt wird in Wahrheit immer rarer und
Fips predigt in seiner Stadtgegend soviel ich weiß umsonst«
    Diese von Schmidt anscheinend leicht und wie im Scherze hingesprochenen
Worte richteten sich doch ziemlich ernstaft an den sonst gerade von ihm
protegierten Friedeberg dessen stadtkundig unglückliche Ehe neben anderem
auch mit einem entschiedenen Mangel an Treue besonders während seiner Mal und
Landschaftsstudien auf der Woltersdorfer Schleuse zusammenhing Friedeberg
fühlte den Stich auch sehr wohl heraus und wollte sich durch eine
Verbindlichkeit gegen Schmidt aus der Affäre ziehen kam aber nicht dazu weil
in eben diesem Augenblicke die Schmolke eintrat und unter einer Verbeugung
gegen die anderen Herren ihrem Professor ins Ohr flüsterte »dass angerichtet
sei«
    »Nun lieben Freunde dann bitt ich« Und Distelkamp an der Hand nehmend
schritt er unter Passierung des Entrees auf das Gesellschaftszimmer zu drin
die Abendtafel gedeckt war Ein eigentliches Esszimmer hatte die Wohnung nicht
Friedeberg und Etienne folgten
 
                               Siebentes Kapitel
Das Zimmer war dasselbe in welchem Korinna am Tage zuvor den Besuch der
Kommerzienrätin empfangen hatte Der mit Lichtern und Weinflaschen gut besetzte
Tisch stand zu vieren gedeckt in der Mitte darüber hing eine Hängelampe
Schmidt setzte sich mit dem Rücken gegen den Fensterpfeiler seinem Freunde
Friedeberg gegenüber der seinerseits von seinem Platz aus zugleich den Blick
in den Spiegel hatte Zwischen den blanken Messingleuchtern standen ein paar auf
einem Bazar gewonnene Porzellanvasen aus deren halb gezahnter halb
wellenförmiger Öffnung  dentatus et undulatus sagte Schmidt  kleine
Marktsträusse von Goldlack und Vergissmeinnicht hervorwuchsen Quer vor den
Weingläsern lagen lange Kümmelbrote denen der Gastgeber wie allem Kümmlichen
eine ganz besondere Fülle gesundheitlicher Gaben zuschrieb
    Das eigentliche Gericht fehlte noch und Schmidt nachdem er sich von dem
statutarisch festgesetzten Trarbacher bereits zweimal eingeschenkt auch beide
Knusperspitzen von seinem Kümmelbrötchen abgebrochen hatte war ersichtlich auf
dem Punkte starke Spuren von Missstimmung und Ungeduld zu zeigen als sich
endlich die zum Entree führende Tür auftat und die Schmolke rot von Erregung
und Herdfeuer eintrat eine mächtige Schüssel mit Oderkrebsen vor sich her
tragend »Gott sei Dank« sagte Schmidt »ich dachte schon alles wäre den
Krebsgang gegangen« eine unvorsichtige Bemerkung die die Kongestionen der
Schmolke nur noch steigerte das Maß ihrer guten Laune aber ebensosehr sinken
ließ Schmidt seinen Fehler rasch erkennend war kluger Feldherr genug durch
einige Verbindlichkeiten die Sache wieder auszugleichen Freilich nur mit halbem
Erfolg
    Als man wieder allein war unterließ es Schmidt nicht sofort den
verbindlichen Wirt zu machen Natürlich auf seine Weise »Sieh Distelkamp
dieser hier ist für dich Er hat eine große und eine kleine Schere und das sind
immer die besten Es gibt Spiele der Natur die mehr sind als bloßes Spiel und
dem Weisen als Wegweiser dienen dahin gehören beispielsweise die
Pontacapfelsinen und die Borsdorfer mit einer Pocke Denn es steht fest je
pockenreicher desto schöner Was wir hier vor uns haben sind
Oderbruchkrebse wenn ich recht berichtet bin aus der Küstriner Gegend Es
scheint dass durch die Vermählung von Oder und Warte besonders gute Resultate
vermittelt werden Übrigens Friedeberg sind Sie nicht eigentlich da zu Haus
Ein halber Neumärker oder Oderbrücher« Friedeberg bestätigte »Wusst es mein
Gedächtnis täuscht mich selten Und nun sagen Sie Freund ist dies nach Ihren
persönlichen Erfahrungen mutmasslich als streng lokale Produktion anzusehen
oder ist es mit den Oderbruchkrebsen wie mit den Werderschen Kirschen deren
Gewinnungsgebiet sich nächstens über die ganze Provinz Brandenburg erstrecken
wird«
    »Ich glaube doch« sagte Friedeberg während er durch eine geschickte
durchaus den Virtuosen verratende Gabelwendung einen weiß und rosa schimmernden
Krebsschwanz aus seiner Stachelschale hob »ich glaube doch dass hier ein Segeln
unter zuständiger Flagge stattfindet und dass wir auf dieser Schüssel wirkliche
Oderkrebse vor uns haben echteste Ware nicht bloß dem Namen nach sondern auch
de facto«
    »De facto« wiederholte der in Friedebergs Latinität eingeweihte Schmidt
unter behaglichem Schmunzeln
    Friedeberg aber fuhr fort »Es werden nämlich um Küstrin herum immer noch
Massen gewonnen trotzdem es nicht mehr das ist was es war Ich habe selbst
noch Wunderdinge davon gesehen aber freilich nichts in Vergleich zu dem was
die Leute von alten Zeiten her erzählten Damals vor hundert Jahren oder
vielleicht auch noch länger gab es so viele Krebse dass sie durchs ganze Bruch
hin wenn sich im Mai das Überschwemmungswasser wieder verlief von den Bäumen
geschüttelt wurden zu vielen Hunderttausenden«
    »dabei kann einem ja ordentlich das Herz lachen« sagte Etienne der ein
Feinschmecker war
    »Ja hier an diesem Tisch aber dort in der Gegend lachte man nicht darüber
Die Krebse waren wie eine Plage natürlich ganz entwertet und bei der dienenden
Bevölkerung die damit geatzt werden sollte so verhasst und dem Magen der Leute
so widerwärtig dass es verboten war dem Gesinde mehr als dreimal wöchentlich
Krebse vorzusetzen Ein Schock Krebse kostete einen Pfennig«
    »Ein Glück dass das die Schmolke nicht hört« warf Schmidt ein »sonst würd
ihr ihre Laune zum zweiten Male verdorben Als richtige Berlinerin ist sie
nämlich für ewiges Sparen und ich glaube nicht dass sie die Tatsache ruhig
verwinden würde die Epoche von ein Pfennig pro Schock so total versäumt zu
haben«
    »Darüber darfst du nicht spotten Schmidt« sagte Distelkamp »Das ist eine
Tugend die der modernen Welt neben vielem anderen immer mehr verlorengeht«
    »Ja da sollst du recht haben Aber meine gute Schmolke hat doch auch in
diesem Punkte les defauts de ses vertus So heißt es ja wohl Etienne«
    »Gewiss« sagte dieser »Von der George Sand Und fast ließe sich sagen les
défauts de ses vertus und comprendre cest pardonner  das sind so recht
eigentlich die Sätze wegen deren sie gelebt hat«
    »Und dann vielleicht auch von wegen dem Alfred de Musset« ergänzte Schmidt
der nicht gern eine Gelegenheit vorübergehen ließ sich aller Klassizität
unbeschadet auch ein modernliterarisches Ansehen zu geben
    »Ja wenn man will auch von wegen dem Alfred de Musset Aber das sind
Dinge daran die Literaturgeschichte glücklicherweise vorübergeht«
    »Sage das nicht Etienne nicht glücklicherweise sage leider Die
Geschichte geht fast immer an dem vorüber was sie vor allem festhalten sollte
Dass der Alte Fritz am Ende seiner Tage dem damaligen Kammergerichtspräsidenten
Namen hab ich vergessen den Krückstock an den Kopf warf und was mir noch
wichtiger ist dass er durchaus bei seinen Hunden begraben sein wollte weil er
die Menschen diese mechante Rasse so gründlich verachtete  sieh Freund das
ist mir mindestens ebensoviel wert wie Hohenfriedberg oder Leuten Und die
berühmte Torgauer Ansprache Rackers wollt ihr denn ewig leben geht mir
eigentlich noch über Torgau selbst«
    Distelkamp lächelte »Das sind so Schmidtiana Du warst immer fürs
Anekdotische fürs Genrehafte Mir gilt in der Geschichte nur das Große nicht
das Kleine das Nebensächliche«
    »Ja und nein Distelkamp Das Nebensächliche soviel ist richtig gilt
nichts wenn es bloß nebensächlich ist wenn nichts drinsteckt Steckt aber was
drin dann ist es die Hauptsache denn es gibt einem dann immer das eigentlich
Menschliche«
    »Poetisch magst du recht haben«
    »Das Poetische  vorausgesetzt dass man etwas anderes darunter versteht als
meine Freundin Jenny Treibel  das Poetische hat immer recht es wächst weit
über das Historische hinaus«
    Es war dies ein Schmidtsches Lieblingstema drin der alte Romantiker der
er eigentlich mehr als alles andere war jedesmal so recht zur Geltung kam aber
heute sein Steckenpferd zu reiten verbot sich ihm doch denn ehe er noch zu
wuchtiger Auseinandersetzung ausholen konnte hörte man Stimmen vom Entree her
und im nächsten Augenblicke traten Marcell und Korinna ein Marcell befangen und
fast verstimmt Korinna nach wie vor in bester Laune Sie ging zur Begrüßung auf
Distelkamp zu der ihr Pate war und ihr immer kleine Verbindlichkeiten sagte
Dann gab sie Friedeberg und Etienne die Hand und machte den Schluss bei ihrem
Vater dem sie nachdem er sich auf ihre Ordre mit der breit vorgebundenen
Serviette den Mund abgeputzt hatte einen herzhaften Kuss gab
    »Nun Kinder was bringt ihr Rückt hier ein Platz die Hülle und Fülle
Rindfleisch hat abgeschrieben Griechische Gesellschaft und die beiden
anderen fehlen als Anhängsel natürlich von selbst Aber kein anzügliches Wort
mehr ich habe ja Besserung geschworen und wills halten Also Korinna du
drüben neben Distelkamp Marcell hier zwischen Etienne und mir Ein Besteck wird
die Schmolke wohl gleich bringen So so ists recht Und wie sich das
gleich anders ausnimmt Wenn so Lücken klaffen denk ich immer Banquo steigt
auf Nun Gott sei Dank Marcell von Banquo hast du nicht viel oder wenn doch
vielleicht so verstehst dus deine Wunden zu verbergen Und nun erzählt
Kinder Was macht Treibel Was macht meine Freundin Jenny Hat sie gesungen Ich
wette das ewige Lied mein Lied die berühmte Stelle Wo sich Herzen finden und
Adolar Krola hat begleitet Wenn ich dabei nur mal in Krolas Seele lesen könnte
Vielleicht aber steht er doch milder und menschlicher dazu Wer jeden Tag zu
zwei Diners geladen ist und mindestens anderthalb mitmacht Aber bitte
Korinna klingle«
    »Nein ich gehe lieber selbst Papa Die Schmolke lässt sich nicht gerne
klingeln sie hat so ihre Vorstellungen von dem was sie sich und ihrem
Verstorbenen schuldig ist Und ob ich wiederkomme die Herren wollen verzeihen
weiß ich auch nicht ich glaube kaum Wenn man solchen Treibelschen Tag hinter
sich hat ist es das schönste darüber nachzudenken wie das alles so kam und
was einem alles gesagt wurde Marcell kann ja statt meiner berichten Und nur
noch soviel ein höchst interessanter Engländer war mein Tischnachbar und wer
es von Ihnen vielleicht nicht glauben will dass er so sehr interessant gewesen
dem brauche ich bloß den Namen zu nennen er hieß nämlich Nelson Und nun Gott
befohlen«
    Und damit verabschiedete sich Korinna
    Das Besteck für Marcell kam und als dieser nur um des Onkels gute Laune
nicht zu stören um einen Kost und Probekrebs gebeten hatte sagte Schmidt
»Fange nur erst an Artischocken und Krebse kann man immer essen auch wenn man
von einem Treibelschen Diner kommt Ob sich vom Hummer dasselbe sagen lässt mag
dahingestellt bleiben Mir persönlich ist allerdings auch der Hummer immer gut
bekommen Ein eigen Ding dass man aus Fragen der Art nie herauswächst sie
wechseln bloß ab im Leben Ist man jung so heißt es hübsch oder hässlich
brünett oder blond und liegt dergleichen hinter einem so steht man vor der
vielleicht wichtigeren Frage Hummer oder Krebse Wir könnten übrigens darüber
abstimmen Andererseits soviel muss ich zugeben hat Abstimmung immer was Totes
Schablonenhaftes und passt mir außerdem nicht recht ich möchte nämlich Marcell
gern ins Gespräch ziehen der eigentlich dasitzt als sei ihm die Gerste
verhagelt Also lieber Erörterung der Frage Debatte Sage Marcell was ziehst
du vor«
    »Versteht sich Hummer«
    »Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort Auf den ersten Anlauf mit ganz
wenig Ausnahmen ist jeder für Hummer schon weil er sich auf Kaiser Wilhelm
berufen kann Aber so schnell erledigt sich das nicht Natürlich wenn solch ein
Hummer aufgeschnitten vor einem liegt und der wundervolle rote Rogen ein Bild
des Segens und der Fruchtbarkeit einem zu allem anderen auch noch die Gewissheit
gibt es wird immer Hummer geben auch nach Äonen noch geradeso wie heute«
    Distelkamp sah seinen Freund Schmidt von der Seite her an
    » Also einem die Gewissheit gibt auch nach Äonen noch werden
Menschenkinder sich dieser Himmelsgabe freuen  ja Freunde wenn man sich mit
diesem Gefühl des Unendlichen durchdringt so kommt das darin liegende
Humanitäre dem Hummer und unserer Stellung zu ihm unzweifelhaft zugute Denn
jede philantropische Regung weshalb man die Philantropie schon aus
Selbstsucht kultivieren sollte bedeutet die Mehrung eines gesunden und zugleich
verfeinerten Appetits Alles Gute hat seinen Lohn in sich soviel ist
unbestreitbar«
    »Aber«
    »Aber es ist trotzdem dafür gesorgt auch hier dass die Bäume nicht in den
Himmel wachsen und neben dem Großen hat das Kleine nicht bloß seine
Berechtigung sondern auch seine Vorzüge Gewiss dem Krebse fehlt dies und das
er hat sozusagen nicht das Maß was in einem Militärstaate wie Preußen
immerhin etwas bedeutet aber dem ohnerachtet auch er darf sagen ich habe
nicht umsonst gelebt Und wenn er dann er der Krebs in Petersilienbutter
geschwenkt im allerappetitlichsten Reize vor uns hintritt so hat er Momente
wirklicher Überlegenheit vor allem auch darin dass sein Bestes nicht eigentlich
gegessen sondern geschlürft gesogen wird Und dass gerade das in der Welt des
Genusses seine besonderen Meriten hat wer wollte das bestreiten Es ist
sozusagen das natürlich Gegebene Wir haben da in erster Reihe den Säugling
für den saugen zugleich leben heißt Aber auch in den höheren Semestern«
    »Lass es gut sein Schmidt« unterbrach Distelkamp »Mir ist nur immer
merkwürdig dass du neben Homer und sogar neben Schliemann mit solcher Vorliebe
Kochbuchliches behandelst reine Menufragen als ob du zu den Bankiers und
Geldfürsten gehörtest von denen ich bis auf weiteres annehme dass sie gut
essen«
    »Mir ganz unzweifelhaft«
    »Nun sieh Schmidt diese Herren von der hohen Finanz darauf möcht ich
mich verwetten sprechen nicht mit halb soviel Lust und Eifer von einer
Schildkrötensuppe wie du«
    »Das ist richtig Distelkamp und sehr natürlich Sieh ich habe die
Frische die machts auf die Frische kommt es an in allem Die Frische gibt
einem die Lust den Eifer das Interesse und wo die Frische nicht ist da ist
gar nichts Das ärmste Leben das ein Menschenkind führen kann ist das des
petit crevé Lauter Zappeleien nichts dahinter Hab ich recht Etienne«
    Dieser der in allem Parisischen regelmäßig als Autorität angerufen wurde
nickte zustimmend und Distelkamp ließ die Streitfrage fallen oder war geschickt
genug ihr eine neue Richtung zu gehen indem er aus dem allgemein Kulinarischen
auf einzelne berühmte kulinarische Persönlichkeiten überlenkte zunächst auf den
Freiherrn von Rumohr und im raschen Anschluss an diesen auf den ihm persönlich
befreundet gewesenen Fürsten PücklerMuskau Besonders dieser letztere war
Distelkamps Schwärmerei Wenn man dermaleinst das Wesen des modernen
Aristokratismus an einer historischen Figur werde nachweisen wollen so werde
man immer den Fürsten Pückler als Musterbeispiel nehmen müssen dabei sei er
durchaus liebenswürdig gewesen allerdings etwas launenhaft eitel und
übermütig aber immer grundgut Es sei schade dass solche Figuren ausstürben
Und nach diesen einleitenden Sätzen begann er speziell von Muskau und Branitz zu
erzählen wo er vordem oft tagelang zu Besuch gewesen war und sich mit der
märchenhaften von »Semilassos Weltfahrten« mit heimgebrachten Abessinierin über
Nahes und Fernes unterhalten hatte
    Schmidt hörte nichts Lieberes als Erlebnisse der Art und nun gar von
Distelkamp vor dessen Wissen und Charakter er überhaupt einen ungeheuchelten
Respekt hatte
    Marcell teilte ganz und gar diese Vorliebe für den alten Direktor und
verstand außerdem  obwohl geborener Berliner  gut und mit Interesse zuzuhören
trotzdem tat er heute Fragen über Fragen die seine volle Zerstreutheit
bewiesen Er war eben mit anderem beschäftigt
    So kam elf heran und mit dem Glockenschlage  ein Satz von Schmidt wurde
mitten durchgeschnitten  erhob man sich und trat aus dem Esszimmer in das
Entree darin seitens der Schmolke die Sommerüberzieher samt Hut und Stock schon
in Bereitschaft gelegt waren Jeder griff nach dem Seinen und nur Marcell nahm
den Oheim einen Augenblick beiseite und sagte »Onkel ich spräche gerne noch
ein Wort mit dir« ein Ansinnen zu dem dieser jovial und herzlich wie immer
seine volle Zustimmung ausdrückte Dann unter Vorantritt der Schmolke die mit
der Linken den messingenen Leuchter über den Kopf hielt stiegen Distelkamp
Friedeberg und Etienne zunächst treppab und traten gleich danach in die muffig
schwüle Adlerstrasse hinaus Oben aber nahm Schmidt seines Neffen Arm und schritt
mit ihm auf seine Studierstube zu
»Nun Marcell was gibt es Rauchen wirst du nicht du siehst mir viel zu
bewölkt aus aber verzeih ich muss mir erst eine Pfeife stopfen« Und dabei ließ
er sich den Tabakskasten vor sich herschiebend in eine Sofaecke nieder »So
Marcell Und nun nimm einen Stuhl und setz dich und schieße los Was gibt es«
    »Das alte Lied«
    »Korinna«
    »Ja«
    »Ja Marcell nimm mirs nicht übel aber das ist ein schlechter Liebhaber
der immer väterlichen Vorspann braucht um von der Stelle zu kommen Du weißt
ich bin dafür Ihr seid wie geschaffen füreinander Sie übersieht dich und uns
alle das Schmidtsche strebt in ihr nicht bloß der Vollendung zu sondern ich
muss das sagen trotzdem ich ihr Vater bin kommt auch ganz nah ans Ziel Nicht
jede Familie kann das ertragen Aber das Schmidtsche setzt sich aus solchen
Ingredienzien zusammen dass die Vollendung von der ich spreche nie bedrücklich
wird Und warum nicht Weil die Selbstironie in der wir glaube ich groß sind
immer wieder ein Fragezeichen hinter der Vollendung macht Das ist recht
eigentlich das was ich das Schmidtsche nenne Folgst du«
    »Gewiss Onkel Sprich nur weiter«
    »Nun sieh Marcell ihr passt ganz vorzüglich zusammen Sie hat die genialere
Natur hat so den letzten Knips von der Sache weg aber das gibt keineswegs das
Übergewicht im Leben Fast im Gegenteil Die Genialen bleiben immer halbe
Kinder in Eitelkeit befangen und verlassen sich immer auf Intuition und bon
sens und Sentiment und wie all die französischen Worte heißen mögen Oder wir
können auch auf gut deutsch sagen sie verlassen sich auf ihre guten Einfälle
Damit ist es nun aber soso manchmal wetterleuchtet es freilich eine halbe
Stunde lang oder auch noch länger gewiss das kommt vor aber mit einem Mal ist
das Elektrische wie verbljetzt und nun bleibt nicht bloß der Esprit aus wie
Röhrwasser sondern auch der gesunde Menschenverstand Ja der erst recht Und
so ist es auch mit Korinna Sie bedarf einer verständigen Leitung das heißt sie
bedarf eines Mannes von Bildung und Charakter Das bist du das hast du Du hast
also meinen Segen alles andere musst du dir selber besorgen«
    »Ja Onkel das sagst du immer Aber wie soll ich das anfangen Eine
lichterlohe Leidenschaft kann ich in ihr nicht entzünden Vielleicht ist sie
solcher Leidenschaft nicht einmal fähig aber wenn auch wie soll ein Vetter
seine Kousine zur Leidenschaft anstacheln Das kommt gar nicht vor Die
Leidenschaft ist etwas Plötzliches und wenn man von seinem fünften Jahr an
immer zusammen gespielt und sich sagen wir hinter den Sauerkrauttonnen eines
Budikers oder in einem Torf und Holzkeller unzählige Male stundenlang versteckt
hat immer gemeinschaftlich und immer glückselig dass Richard oder Arthur
trotzdem sie dicht um einen herum waren einen doch nicht finden konnten ja
Onkel da ist von Plötzlichkeit dieser Vorbedingung der Leidenschaft keine
Rede mehr«
    Schmidt lachte »Das hast du gut gesagt Marcell eigentlich über deine
Mittel Aber es steigert nur meine Liebe zu dir Das Schmidtsche steckt doch
auch in dir und ist nur unter dem steifen Wedderkoppschen etwas vergraben Und
das kann ich dir sagen wenn du diesen Ton Korinna gegenüber festältst dann
bist du durch dann hast du sie sicher«
    »Ach Onkel glaube doch das nicht Du verkennst Korinna Nach der einen
Seite hin kennst du sie ganz genau aber nach der anderen Seite hin kennst du
sie gar nicht Alles was klug und tüchtig und vor allem was espritvoll an ihr
ist das siehst du mit beiden Augen aber was äußerlich und modern an ihr ist
das siehst du nicht Ich kann nicht sagen dass sie jene niedrigstehende
Gefallsucht hat die jeden erobern will er sei wer er sei von dieser
Koketterie hat sie nichts Aber sie nimmt sich erbarmungslos einen aufs Korn
einen an dessen Spezialeroberung ihr gelegen ist und du glaubst gar nicht mit
welcher grausamen Konsequenz mit welcher infernalen Virtuosität sie dies von
ihr erwählte Opfer in ihre Fäden einzuspinnen weiß«
    »Meinst du«
    »Ja Onkel Heute bei Treibels hatten wir wieder ein Musterbeispiel davon
Sie saß zwischen Leopold Treibel und einem Engländer dessen Namen sie dir ja
schon genannt hat einen Mister Nelson der wie die meisten Engländer aus guten
Häusern einen gewissen NaivitätsCharme hatte sonst aber herzlich wenig
bedeutete Nun hättest du Korinna sehen sollen Sie beschäftigte sich
anscheinend mit niemand anderem als diesem Sohn Albions und es gelang ihr auch
ihn in Staunen zu setzen Aber glaube nur ja nicht dass ihr an dem flachsblonden
Mister Nelson im geringsten gelegen gewesen wäre gelegen war ihr bloß an
Leopold Treibel an den sie kein einziges Wort oder wenigstens nicht viele
direkt richtete und dem zu Ehren sie doch eine Art von französischen Proverbe
aufführte kleine Komödie dramatische Szene Und wie ich dir versichern kann
Onkel mit vollständigstem Erfolg Dieser unglückliche Leopold hängt schon lange
an ihren Lippen und saugt das süße Gift ein aber so wie heute habe ich ihn doch
noch nicht gesehen Er war von Kopf bis zu Fuß die helle Bewunderung und jede
Miene schien ausdrücken zu wollen Ach wie langweilig ist Helene das ist wie
du dich vielleicht erinnerst die Frau seines Bruders und wie wundervoll ist
diese Korinna«
    »Nun gut Marcell aber das alles kann ich so schlimm nicht finden Warum
soll sie nicht ihren Nachbar zur Rechten unterhalten um auf ihren Nachbar zur
Linken einen Eindruck zu machen Das kommt alle Tage vor das sind so kleine
Kapricen an denen die Frauennatur reich ist«
    »Du nennst es Kapricen Onkel Ja wenn die Dinge so lägen Es liegt aber
anders Alles ist Berechnung sie will den Leopold heiraten«
    »Unsinn Leopold ist ein Junge«
    »Nein er ist fünfundzwanzig gerade so alt wie Korinna selbst Aber wenn er
auch noch ein bloßer Junge wäre Korinna hat sichs in den Kopf gesetzt und wird
es durchführen«
    »Nicht möglich«
    »Doch doch Und nicht bloß möglich sondern ganz gewiss Sie hat es mir als
ich sie zur Rede stellte selber gesagt Sie will Leopold Treibels Frau werden
und wenn der Alte das Zeitliche segnet was doch wie sie mir versicherte
höchstens noch zehn Jahre dauern könne und wenn er in seinem Zossener
Wahlkreise gewählt würde keine fünfe mehr so will sie die Villa beziehen und
wenn ich sie recht taxiere so wird sie zu dem grauen Kakadu noch einen Pfauhahn
anschaffen«
    »Ach Marcell das sind Visionen«
    »Vielleicht von ihr wer wills sagen aber sicherlich nicht von mir Denn
all das waren ihre eigensten Worte Du hättest sie hören sollen Onkel mit
welcher Suffisance sie von kleinen Verhältnissen sprach und wie sie das dürftige
Kleinleben ausmalte für das sie nun mal nicht geschaffen sei sie sei nicht für
Speck und Wruken und all dergleichen und du hättest nur hören sollen wie sie
das sagte nicht bloß so drüber hin nein es klang geradezu was von Bitterkeit
mit durch und ich sah zu meinem Schmerz wie veräusserlicht sie ist und wie die
verdammte neue Zeit sie ganz in Banden hält«
    »Hm« sagte Schmidt »das gefällt mir nicht namentlich das mit den Wruken
Das ist bloß ein dummes Vornehmtun und ist auch kulinarisch eine Torheit denn
alle Gerichte die Friedrich Wilhelm I liebte so zum Beispiel Weisskohl mit
Hammelfleisch oder Schlei mit Dill  ja lieber Marcell was will dagegen
aufkommen Und dagegen Front zu machen ist einfach Unverstand Aber glaube mir
Korinna macht auch nicht Front dagegen dazu ist sie viel zu sehr ihres Vaters
Tochter und wenn sie sich darin gefallen hat dir von Modernität zu sprechen
und dir vielleicht eine Pariser Hutnadel oder eine Sommerjacke dran alles chic
und wieder chic ist zu beschreiben und so zu tun als ob es in der ganzen Welt
nichts gäbe was an Wert und Schönheit damit verglichen werden könnte so ist
das alles bloß Feuerwerk Phantasietätigkeit jeu desprit und wenn es ihr
morgen passt dir einen Pfarramtskandidaten in der Jasminlaube zu beschreiben
der selig in Lottchens Armen ruht so leistet sie das mit demselben Aplomb und
mit derselben Virtuosität Das ist was ich das Schmidtsche nenne Nein
Marcell darüber darfst du dir keine grauen Haare wachsen lassen das ist alles
nicht ernstlich gemeint«
    »Es ist ernstlich gemeint«
    »Und wenn es ernstlich gemeint ist  was ich vorläufig noch nicht glaube
denn Korinna ist eine sonderbare Person  so nutzt ihr dieser Ernst nichts gar
nichts und es wird doch nichts draus Darauf verlass dich Marcell Denn zum
Heiraten gehören zwei«
    »Gewiss Onkel Aber Leopold will womöglich noch mehr als Korinna«
    »Was gar keine Bedeutung hat Denn lass dir sagen und damit sprech ich ein
großes Wort gelassen aus die Kommerzienrätin will nicht«
    »Bist du dessen so sicher«
    »Ganz sicher«
    »Und hast auch Zeichen dafür«
    »Zeichen und Beweise Marcell Und zwar Zeichen und Beweise die du in
deinem alten Onkel Wilibald Schmidt hier leibhaftig vor dir siehst«
    »Das wäre«
    »Ja Freund leibhaftig vor dir siehst Denn ich habe das Glück gehabt an
mir selbst und zwar als Objekt und Opfer das Wesen meiner Freundin Jenny
studieren zu können Jenny Bürstenbinder das ist ihr Vatersname wie du
vielleicht schon weißt ist der Typus einer Bourgeoise Sie war talentiert
dafür von Kindesbeinen an und in jenen Zeiten wo sie noch drüben in ihres
Vaters Laden wenn der Alte gerade nicht hinsah von den Traubenrosinen naschte
da war sie schon geradeso wie heut und deklamierte den Taucher und den Gang nach
dem Eisenhammer und auch allerlei kleine Lieder und wenn es recht was Rührendes
war so war ihr Auge schon damals immer in Tränen und als ich eines Tages mein
berühmtes Gedicht gedichtet hatte du weißt schon das Unglücksding das sie
seitdem immer singt und vielleicht auch heute wieder gesungen hat da warf sie
sich mir an die Brust und sagte Wilibald Einziger das kommt von Gott Ich
sagte halb verlegen etwas von meinem Gefühl und meiner Liebe sie blieb aber
dabei es sei von Gott und dabei schluchzte sie dermaßen dass ich so glücklich
ich einerseits in meiner Eitelkeit war doch auch wieder einen Schreck kriegte
vor der Macht dieser Gefühle Ja Marcell das war so unsere stille Verlobung
ganz still aber doch immerhin eine Verlobung wenigstens nahm ichs dafür und
strengte mich riesig an um so rasch wie möglich mit meinem Studium am Ende zu
sein und mein Examen zu machen Und ging auch alles vortrefflich Als ich nun
aber kam um die Verlobung perfekt zu machen da hielt sie mich hin war
abwechselnd vertraulich und dann wieder fremd und während sie nach wie vor das
Lied sang mein Lied liebäugelte sie mit jedem der ins Haus kam bis endlich
Treibel erschien und dem Zauber ihrer kastanienbraunen Locken und mehr noch
ihrer Sentimentalitäten erlag Denn der Treibel von damals war noch nicht der
Treibel von heut und am andern Tag kriegte ich die Verlobungskarten Alles in
allem eine sonderbare Geschichte daran das glaub ich sagen zu dürfen andere
Freundschaften gescheitert wären aber ich bin kein Übelnehmer und
Spielverderber und in dem Liede drin sich wie du weißt die Herzen finden 
beiläufig eine himmlische Trivialität und ganz wie geschaffen für Jenny Treibel
 in dem Liede lebt unsre Freundschaft fort bis diesen Tag ganz so als sei
nichts vorgefallen Und am Ende warum auch nicht Ich persönlich bin drüber
weg und Jenny Treibel hat ein Talent alles zu vergessen was sie vergessen
will Es ist eine gefährliche Person und um so gefährlicher als sies selbst
nicht recht weiß und sich aufrichtig einbildet ein gefühlvolles Herz und vor
allem ein Herz für das Höhere zu haben Aber sie hat nur ein Herz für das
Ponderable für alles was ins Gewicht fällt und Zins trägt und für viel
weniger als eine halbe Million gibt sie den Leopold nicht fort die halbe
Million mag herkommen woher sie will Und dieser arme Leopold selbst Soviel
weißt du doch der ist nicht der Mensch des Aufbäumens oder der Eskapade nach
Gretna Green Ich sage dir Marcell unter Brückner tun es Treibels nicht und
Kögel ist ihnen noch lieber Denn je mehr es nach Hof schmeckt desto besser
Sie liberalisieren und sentimentalisieren beständig aber das alles ist Farce
wenn es gilt Farbe zu bekennen dann heißt es Gold ist Trumpf und weiter
nichts«
    »Ich glaube dass du Leopold unterschätzest«
    »Ich fürchte dass ich ihn noch überschätze Ich kenn ihn noch aus der
Untersekunda her Weiter kam er nicht wozu auch Guter Mensch Mittelgut und
als Charakter noch unter Mittel«
    »Wenn du mit Korinna sprechen könntest«
    »Nicht nötig Marcell Durch Dreinreden stört man nur den natürlichen Gang
der Dinge Mag übrigens alles schwanken und unsicher sein eines steht fest der
Charakter meiner Freundin Jenny Da ruhen die Wurzeln deiner Kraft Und wenn
Korinna sich in Tollheiten überschlägt lass sie den Ausgang der Sache kenn ich
Du sollst sie haben und du wirst sie haben und vielleicht eher als du
denkst«
 
                                 Achtes Kapitel
Treibel war ein Frühauf wenigstens für einen Kommerzienrat und trat nie später
als acht Uhr in sein Arbeitszimmer immer gestiefelt und gespornt immer in
sauberster Toilette Er sah dann die Privatbriefe durch tat einen Blick in die
Zeitungen und wartete bis seine Frau kam um mit dieser gemeinschaftlich das
erste Frühstück zu nehmen In der Regel erschien die Rätin sehr bald nach ihm
heut aber verspätete sie sich und weil der eingegangenen Briefe nur ein paar
waren die Zeitungen aber in denen schon der Sommer vorspukte wenig Inhalt
hatten so geriet Treibel in einen leisen Zustand von Ungeduld und durchmass
nachdem er sich rasch von seinem kleinen Ledersofa erhoben hatte die beiden
großen nebenan gelegenen Räume darin sich die Gesellschaft vom Tage vorher
abgespielt hatte Das obere Schiebefenster des Garten und Esssaales war ganz
heruntergelassen so dass er mit den Armen sich auflehnend in bequemer Stellung
in den unter ihm gelegenen Garten hinabsehen konnte Die Szenerie war wie
gestern nur statt des Kakadu der noch fehlte sah man draußen die Honig die
den Bologneser der Kommerzienrätin an einer Strippe führend um das Bassin
herumschritt Dies geschah jeden Morgen und dauerte Mal für Mal bis der Kakadu
seinen Stangenplatz einnahm oder in seinem blanken Käfig ins Freie gestellt
wurde worauf sich dann die Honig mit dem Bologneser zurückzog um einen
Ausbruch von Feindseligkeiten zwischen den beiden gleichmäßig verwöhnten
Lieblingen des Hauses zu vermeiden Das alles indessen stand heute noch aus
Treibel immer artig erkundigte sich von seiner Fensterstellung aus erst nach
dem Befinden des Fräuleins  was die Kommerzienrätin wenn sies hörte jedesmal
sehr überflüssig fand  und fragte dann als er beruhigende Versicherungen
darüber entgegengenommen hatte wie sie Mister Nelsons englische Aussprache
gefunden habe dabei von der mehr oder weniger überzeugten Ansicht ausgehend
dass es jeder von einem Berliner Schulrat examinierten Erzieherin ein kleines
sein müsse dergleichen festzustellen Die Honig die diesen Glauben nicht gern
zerstören wollte beschränkte sich darauf die Korrekteit von Mister Nelsons a
anzuzweifeln und diesem seinem a eine nicht ganz stattafte Mittelstellung
zwischen der englischen und schottischen Aussprache dieses Vokals zuzuerkennen
eine Bemerkung die Treibel ganz ernstaft hinnahm und weiter ausgesponnen haben
würde wenn er nicht im selben Moment ein leises Insschlossfallen einer der
Vordertüren also mutmasslich das Eintreten der Kommerzienrätin erlauscht hätte
Treibel hielt es auf diese Wahrnehmung hin für angezeigt sich von der Honig zu
verabschieden und schritt wieder auf sein Arbeitszimmer zu in das in der Tat
die Rätin eben eingetreten war Das auf einem Tablett wohlarrangierte Frühstück
stand schon da
    »Guten Morgen Jenny Wie geruht«
    »Doch nur passabel Dieser furchtbare Vogelsang hat wie ein Alp auf mir
gelegen«
    »Ich würde gerade diese bildersprachliche Wendung doch zu vermeiden suchen
Aber wie du darüber denkst Im übrigen wollen wir das Frühstück nicht lieber
draußen nehmen«
    Und der Diener nachdem Jenny zugestimmt und ihrerseits auf den Knopf der
Klingel gedrückt hatte erschien wieder um das Tablett auf einen der kleinen
in der Veranda stehenden Tische hinauszutragen »Es ist gut Friedrich« sagte
Treibel und schob jetzt höchst eigenhändig eine Fussbank heran um es dadurch
zunächst seiner Frau zugleich aber auch sich selber nach Möglichkeit bequem zu
machen Denn Jenny bedurfte solcher Huldigungen um bei guter Laune zu bleiben
    Diese Wirkung blieb denn auch heute nicht aus Sie lächelte rückte die
Zuckerschale näher zu sich heran und sagte während sie die gepflegte weiße Hand
über den großen Blockstücken hielt »Eins oder zwei«
    »Zwei Jenny wenn ich bitten darf Ich sehe nicht ein warum ich der ich
zur Runkelrübe Gott sei Dank keine Beziehungen unterhalte die billigen
Zuckerzeiten nicht fröhlich mitmachen soll«
    Jenny war einverstanden tat den Zucker ein und schob gleich danach die
kleine genau bis an den Goldstreifen gefüllte Tasse dem Gemahl mit dem Bemerken
zu »Du hast die Zeitungen schon durchgesehen Wie steht es mit Gladstone«
    Treibel lachte mit ganz ungewöhnlicher Herzlichkeit »Wenn es dir recht ist
Jenny bleiben wir vorläufig noch diesseits des Kanals sagen wir in Hamburg
oder doch in der Welt des Hamburgischen und transponieren uns die Frage nach
Gladstones Befinden in eine Frage nach unserer Schwiegertochter Helene Sie war
offenbar verstimmt und ich schwanke nur noch was in ihren Augen die Schuld
trug War es dass sie selber nicht gut genug placiert war oder war es dass wir
Mister Nelson ihren uns gütigst überlassenen oder um es berlinisch zu sagen
ihren uns aufgepuckelten Ehrengast so ganz einfach zwischen die Honig und
Korinna gesetzt hatten«
    »Du hast eben gelacht Treibel weil ich nach Gladstone fragte was du nicht
hättest tun sollen denn wir Frauen dürfen so was fragen wenn wir auch was ganz
anderes meinen aber ihr Männer dürft uns das nicht nachmachen wollen Schon
deshalb nicht weil es euch nicht glückt oder doch jedenfalls noch weniger als
uns Denn soviel ist doch gewiss und kann dir nicht entgangen sein ich habe
niemals einen entzückteren Menschen gesehen als den guten Nelson also wird
Helene wohl nichts dagegen gehabt haben dass wir ihren Protegé grade so
placierten wie geschehen Und wenn das auch eine ewige Eifersucht ist zwischen
ihr und Korinna die sich ihrer Meinung nach zuviel herausnimmt und«
    » und unweiblich ist und unhamburgisch was nach ihrer Meinung so
ziemlich zusammenfällt«
    » so wird sies ihr gestern« fuhr Jenny der Unterbrechung nicht
achtend fort »wohl zum ersten Male verziehen haben weil es ihr selber zugute
kam oder ihrer Gastlichkeit von der sie persönlich freilich so mangelhafte
Proben gegeben hat Nein Treibel nichts von Verstimmung über Mister Nelsons
Platz Helene schmollt mit uns beiden weil wir alle Anspielungen nicht
verstehen wollen und ihre Schwester Hildegard noch immer nicht eingeladen haben
Übrigens ist Hildegard ein lächerlicher Name für eine Hamburgerin Hildegard
heißt man in einem Schloss mit Ahnenbildern oder wo eine Weiße Frau spukt
Helene schmollt mit uns weil wir hinsichtlich Hildegards so sehr schwerhörig
sind«
    »Worin sie recht hat«
    »Und ich finde dass sie darin unrecht hat Es ist eine Anmassung die an
Insolenz grenzt Was soll das heißen Sind wir in einem fort dazu da dem
Holzhof und seinen Angehörigen Honneurs zu machen Sind wir dazu da Helenens
und ihrer Eltern Pläne zu begünstigen Wenn unsre Frau Schwiegertochter durchaus
die gastliche Schwester spielen will so kann sie Hildegard ja jeden Tag von
Hamburg her verschreiben und das verwöhnte Püppchen entscheiden lassen ob die
Alster bei der Uhlenhorst oder die Spree bei Treptow schöner ist Aber was geht
uns das alles an Otto hat seinen Holzhof so gut wie du deinen Fabrikhof und
seine Villa finden viele Leute hübscher als die unsre was auch zutrifft Unsre
ist beinah altmodisch und jedenfalls viel zu klein so dass ich oft nicht aus
noch ein weiß Es bleibt dabei mir fehlen wenigstens zwei Zimmer Ich mag davon
nicht viel Worte machen aber wie kommen wir dazu Hildegard einzuladen als ob
uns daran läge die Beziehungen der beiden Häuser aufs eifrigste zu pflegen und
wie wenn wir nichts sehnlicher wünschten als noch mehr Hamburger Blut in die
Familie zu bringen«
    »Aber Jenny «
    »Nichts von aber Treibel Von solchen Sachen versteht ihr nichts weil ihr
kein Auge dafür habt Ich sage dir auf solche Pläne läuft es hinaus und
deshalb sollen wir die Einladenden sein Wenn Helene Hildegarden einlädt so
bedeutet das so wenig dass es nicht einmal die Trinkgelder wert ist und die
neuen Toiletten nun schon gewiss nicht Was hat es für eine Bedeutung wenn sich
zwei Schwestern wiedersehen Gar keine sie passen nicht mal zusammen und
schrauben sich beständig aber wenn wir Hildegard einladen so heißt das die
Treibels sind unendlich entzückt über ihre erste Hamburger Schwiegertochter und
würden es für ein Glück und eine Ehre ansehen wenn sich das Glück erneuern und
verdoppeln und Fräulein Hildegard Munk Frau Leopold Treibel werden wollte Ja
Freund darauf läuft es hinaus Es ist eine abgekartete Sache Leopold soll
Hildegard oder eigentlich Hildegard soll Leopold heiraten denn Leopold ist bloß
passiv und hat zu gehorchen Das ist das was die Munks wollen was Helene will
und was unser armer Otto der Gott weiß es nicht viel sagen darf schließlich
auch wird wollen müssen Und weil wir zögern und mit der Einladung nicht recht
heraus wollen deshalb schmollt und grollt Helene mit uns und spielt die
Zurückhaltende und Gekränkte und gibt die Rolle nicht einmal auf an einem Tage
wo ich ihr einen großen Gefallen getan und ihr den Mister Nelson hierher
eingeladen habe bloß damit ihr die Plättbolzen nicht kalt werden«
    Treibel lehnte sich weiter zurück in den Stuhl und blies kunstvoll einen
kleinen Ring in die Luft »Ich glaube nicht dass du recht hast Aber wenn du
recht hättest was täte es Otto lebt seit acht Jahren in einer glücklichen Ehe
mit Helenen was auch nur natürlich ist ich kann mich nicht entsinnen dass
irgendwer aus meiner Bekanntschaft mit einer Hamburgerin in einer unglücklichen
Ehe gelebt hätte Sie sind alle so zweifelsohne haben innerlich und äußerlich
so was ungewöhnlich Gewaschenes und bezeugen in allem was sie tun und nicht
tun die Richtigkeit der Lehre vom Einfluss der guten Kinderstube Man hat sich
ihrer nie zu schämen und ihrem zwar bestrittenen aber im stillen immer
gehegten Herzenswunsche für eine Engländerin gehalten zu werden diesem Ideale
kommen sie meistens sehr nah Indessen das mag auf sich beruhen Soviel steht
jedenfalls fest und ich muss es wiederholen Helene Munk hat unsern Otto
glücklich gemacht und es ist mir höchst wahrscheinlich dass Hildegard Munk
unsren Leopold auch glücklich machen würde ja noch glücklicher Und wär auch
keine Hexerei denn einen besseren Menschen als unsren Leopold gibt es
eigentlich überhaupt nicht er ist schon beinah eine Suse«
    »Beinah« sagte Jenny »Du kannst ihn dreist für voll nehmen Ich weiß
nicht wo beide Jungen diese Milchsuppenschaft herhaben Zwei geborene Berliner
und sind eigentlich wie wenn sie von Herrnhut oder Gnadenfrei kämen Sie haben
doch beide was Schläfriges und ich weiß wirklich nicht Treibel auf wen ich es
schieben soll«
    »Auf mich Jenny natürlich auf mich«
    »Und wenn ich auch sehr wohl weiß« fuhr Jenny fort »wie nutzlos es ist
sich über diese Dinge den Kopf zu zerbrechen und leider auch weiß dass sich
solche Charaktere nicht ändern lassen so weiß ich doch auch dass man die
Pflicht hat da zu helfen wo noch geholfen werden kann Bei Otto haben wirs
versäumt und haben zu seiner eignen Temperamentlosigkeit diese temperamentlose
Helene hinzugetan und was dabei herauskommt das siehst du nun an Lizzi die
doch die größte Puppe ist die man nur sehen kann Ich glaube Helene wird sie
noch auf VorderzähneZeigen hin englisch abrichten Nun meinetwegen Aber ich
bekenne dir Treibel dass ich an einer solchen Schwiegertochter und einer
solchen Enkelin gerade genug habe und dass ich den armen Jungen den Leopold
etwas passender als in der Familie Munk unterbringen möchte«
    »Du möchtest einen forschen Menschen aus ihm machen einen Kavalier einen
sportsman«
    »Nein einen forschen Menschen nicht aber einen Menschen überhaupt Zum
Menschen gehört Leidenschaft und wenn er eine Leidenschaft fassen könnte sieh
das wäre was das würd ihn rausreissen und sosehr ich allen Skandal hasse ich
könnte mich beinah freuen wenns irgend so was gäbe natürlich nichts
Schlimmes aber doch wenigstens was Apartes«
    »Male den Teufel nicht an die Wand Jenny Dass er sich aufs Entführen
einlässt ist mir ich weiß nicht soll ich sagen leider oder glücklicherweise
nicht sehr wahrscheinlich aber man hat Exempel von Beispielen dass Personen
die zum Entführen durchaus nicht das Zeug hatten gleichsam wie zur Strafe
dafür entführt wurden Es gibt ganz verflixte Weiber und Leopold ist gerade
schwach genug um vielleicht einmal in den Sattel einer armen und etwas
emanzipierten Edeldame die natürlich auch Schmidt heißen kann hineingehoben
und über die Grenze geführt zu werden«
    »Ich glaub es nicht« sagte die Kommerzienrätin »er ist leider auch dafür
zu stumpf« Und sie war von der Ungefährlichkeit der Gesamtlage so fest
überzeugt dass sie nicht einmal der vielleicht bloß zufällig aber vielleicht
auch absichtlich gesprochene Name »Schmidt« stutzig gemacht hatte »Schmidt«
das war nur so herkömmlich hingeworfen weiter nichts und in einem halb
übermütigen Jugendanfluge gefiel sich die Rätin sogar in stiller Ausmalung einer
Eskapade Leopold mit aufgesetztem Schnurrbart auf dem Wege nach Italien und
mit ihm eine Freiin aus einer pommerschen oder schlesischen
Verwogenheitsfamilie die Reiherfeder am Hut und den schottisch karierten Mantel
über den etwas fröstelnden Liebhaber ausgebreitet All das stand vor ihr und
beinah traurig sagte sie zu sich selbst »Der arme Junge Ja wenn er dazu das
Zeug hätte«
Es war um die neunte Stunde dass die alten Treibels dies Gespräch führten ohne
jede Vorstellung davon dass um eben diese Zeit auch die auf ihrer Veranda das
Frühstück nehmenden jungen Treibels der Gesellschaft vom Tage vorher gedachten
Helene sah sehr hübsch aus wozu nicht nur die kleidsame Morgentoilette sondern
auch eine gewisse Belebteit in ihren sonst matten und beinah
vergissmeinnichtblauen Augen ein Erhebliches beitrug Es war ganz ersichtlich
dass sie bis diese Minute mit ganz besonderem Eifer auf den halb verlegen vor
sich hin sehenden Otto eingepredigt haben musste ja wenn nicht alles täuschte
wollte sie mit diesem Ansturm eben fortfahren als das Erscheinen Lizzis und
ihrer Erzieherin Fräulein Wulsten dies Vorhaben unterbrach
    Lizzi trotz früher Stunde war schon in vollem Staate Das etwas gewellte
blonde Haar des Kindes hing bis auf die Hüften herab im übrigen aber war alles
weiß das Kleid die hohen Strümpfe der Überfallkragen und nur um die Taille
herum wenn sich von einer solchen sprechen ließ zog sich eine breite rote
Schärpe die von Helenen selbstverständlich nie »rote Schärpe« sondern immer
nur »pinkcoloured scarf« genannt wurde Die Kleine wie sie sich da
präsentierte hätte sofort als symbolische Figur auf den Wäscheschrank ihrer
Mutter gestellt werden können so sehr war sie der Ausdruck von Weißzeug mit
einem roten Bändchen drum Lizzi galt im ganzen Kreise der Bekannten als
Musterkind was das Herz Helenens einerseits mit Dank gegen Gott andrerseits
aber auch mit Dank gegen Hamburg erfüllte denn zu den Gaben der Natur die der
Himmel hier so sichtlich verliehen war auch noch eine Mustererziehung
hinzugekommen wie sie eben nur die Hamburger Tradition geben konnte Diese
Mustererziehung hatte gleich mit dem ersten Lebenstage des Kindes begonnen
Helene »weil es unschön sei«  was übrigens von s des damals noch um
sieben Jahre jüngeren Krola bestritten wurde  war nicht zum Selbstnähren zu
bewegen gewesen und da bei den nun folgenden Verhandlungen eine seitens des
alten Kommerzienrats in Vorschlag gebrachte Spreewälderamme mit dem Bemerken
»es gehe bekanntlich soviel davon auf das unschuldige Kind über« abgelehnt
worden war war man zu dem einzig verbleibenden Auskunftsmittel übergegangen
Eine verheiratete von dem Geistlichen der Tomasgemeinde warm empfohlene Frau
hatte das Aufpäppeln mit großer Gewissenhaftigkeit und mit der Uhr in der Hand
übernommen wobei Lizzi so gut gediehen war dass sich eine Zeitlang sogar kleine
Grübchen auf der Schulter gezeigt hatten Alles normal und beinah über das
Normale hinaus Unser alter Kommerzienrat hatte denn auch der Sache nie so recht
getraut und erst um ein erhebliches später als sich Lizzi mit einem
Trennmesser in den Finger geschnitten hatte das Kindermädchen war dafür
entlassen worden hatte Treibel beruhigt ausgerufen »Gott sei Dank soviel ich
sehen kann es ist wirkliches Blut«
    Ordnungsmässig hatte Lizzis Leben begonnen und ordnungsmässig war es
fortgesetzt worden Die Wäsche die sie trug führte durch den Monat hin die
genau korrespondierende Tageszahl so dass man ihr wie der Großvater sagte das
jedesmalige Datum vom Strumpf lesen konnte »Heut ist der Siebzehnte« Der
Puppenkleiderschrank war an den Riegeln numeriert und als es geschah und
dieser schreckliche Tag lag noch nicht lange zurück dass Lizzi die sonst die
Sorglichkeit selbst war in ihrer mit allerlei Kästen ausstaffierten Puppenküche
Griess in den Kasten getan hatte der doch ganz deutlich die Aufschrift »Linsen«
trug hatte Helene Veranlassung genommen ihrem Liebling die Tragweite solchen
Fehlgriffs auseinanderzusetzen »Das ist nichts Gleichgültiges liebe Lizzi Wer
Großes hüten will muss auch das Kleine zu hüten verstehen Bedenke wenn du ein
Brüderchen hättest und das Brüderchen wäre vielleicht schwach und du willst es
mit Eau de Kologne bespritzen und du besprjetztest es mit Eau de Javelle ja
meine liebe Lizzi so kann dein Brüderchen blind werden oder wenn es ins Blut
geht kann es sterben Und doch wäre es noch eher zu entschuldigen denn beides
ist weiß und sieht aus wie Wasser aber Griess und Linsen meine liebe Lizzi das
ist doch ein starkes Stück von Unaufmerksamkeit oder was noch schlimmer wäre
von Gleichgültigkeit«
    So war Lizzi die übrigens zu weiterer Genugtuung der Mutter einen Herzmund
hatte Freilich die zwei blanken Vorderzähne waren immer noch nicht sichtbar
genug um Helenen eine recht volle Herzensfreude gewähren zu können und so
wandten sich ihre mütterlichen Sorgen auch in diesem Augenblicke wieder der ihr
so wichtigen Zahnfrage zu weil sie davon ausging dass es hier dem von der Natur
so glücklich gegebenen Material bis dahin nur an der rechten erziehlichen
Aufmerksamkeit gefehlt habe »Du kneifst wieder die Lippen so zusammen Lizzi
das darf nicht sein Es sieht besser aus wenn der Mund sich halb öffnet fast
so wie zum Sprechen Fräulein Wulsten ich möchte Sie doch bitten auf diese
Kleinigkeit die keine Kleinigkeit ist mehr achten zu wollen Wie steht es
denn mit dem Geburtstagsgedicht«
    »Lizzi gibt sich die größte Mühe«
    »Nun dann will ich dir deinen Wunsch auch erfüllen Lizzi Lade dir die
kleine Felgentreu zu heute nachmittag ein Aber natürlich erst die
Schularbeiten Und jetzt kannst du wenn Fräulein Wulsten es erlaubt« diese
verbeugte sich »im Garten spazierengehen überall wo du willst nur nicht
nach dem Hof zu wo die Bretter über der Kalkgrube liegen Otto du solltest das
ändern die Bretter sind ohnehin so morsch«
    Lizzi war glücklich eine Stunde frei zu haben und nachdem sie der Mama die
Hand geküsst und noch die Warnung sich vor der Wassertonne zu hüten mit auf den
Weg gekriegt hatte brachen das Fräulein und Lizzi auf und das Elternpaar
blickte dem Kinde nach das sich noch ein paarmal umsah und dankbar der Mutter
zunickte
    »Eigentlich« sagte diese »hätte ich Lizzi gern hierbehalten und eine Seite
Englisch mit ihr gelesen die Wulsten versteht es nicht und hat eine erbärmliche
Aussprache so low so vulgar Aber ich bin gezwungen es bis morgen zu lassen
denn wir müssen das Gespräch durchaus zu Ende bringen Ich sage nicht gern etwas
gegen deine Eltern denn ich weiß dass es sich nicht schickt und weiß auch dass
es dich bei deinem eigentümlich starren Charakter« Otto lächelte »nur noch in
dieser deiner Starrheit bestärken wird aber man darf die Schicklichkeitsfragen
ebenso wie die Klugheitsfragen nicht über alles stellen Und das täte ich wenn
ich länger schwiege Die Haltung deiner Eltern ist in dieser Frage geradezu
kränkend für mich und fast mehr noch für meine Familie Denn sei mir nicht böse
Otto aber wer sind am Ende die Treibels Es ist misslich solche Dinge zu
berühren und ich würde mich hüten es zu tun wenn du mich nicht geradezu
zwängest zwischen unsren Familien abzuwägen«
    Otto schwieg und ließ den Teelöffel auf seinem Zeigefinger balancieren
Helene aber fuhr fort »Die Munks sind ursprünglich dänisch und ein Zweig wie
du recht gut weißt ist unter König Christian gegraft worden Als Hamburgerin
und Tochter einer Freien Stadt will ich nicht viel davon machen aber es ist
doch immerhin was Und nun gar von meiner Mutter Seite Die Tompsons sind eine
Syndikatsfamilie Du tust als ob das nichts sei Gut es mag auf sich beruhen
und nur soviel möcht ich dir noch sagen dürfen unsre Schiffe gingen schon nach
Messina als deine Mutter noch in dem Apfelsinenladen spielte draus dein Vater
sie hervorgeholt hat Material und Kolonialwaren Ihr nennt das hier auch
Kaufmann ich sage nicht du aber Kaufmann und Kaufmann ist ein
Unterschied«
    Otto ließ alles über sich ergehen und sah den Garten hinunter wo Lizzi
Fangball spielte
    »Hast du noch überhaupt vor Otto auf das was ich sagte mir zu
antworten«
    »Am liebsten nein liebe Helene Wozu auch Du kannst doch nicht von mir
verlangen dass ich in dieser Sache deiner Meinung bin und wenn ich es nicht bin
und das ausspreche so reize ich dich nur noch mehr Ich finde dass du doch mehr
forderst als du fordern solltest Meine Mutter ist von großer Aufmerksamkeit
gegen dich und hat dir noch gestern einen Beweis davon gegeben denn ich
bezweifle sehr dass ihr das unsrem Gast zu Ehren gegebene Diner besonders zupass
kam Du weißt außerdem dass sie sparsam ist wenn es nicht ihre Person gilt«
    »Sparsam« lachte Helene
    »Nenn es Geiz mir gleich Sie lässt es aber trotzdem nie an Aufmerksamkeiten
fehlen und wenn die Geburtstage da sind so sind auch ihre Geschenke da Das
stimmt dich aber alles nicht um im Gegenteil du wächst in deiner beständigen
Auflehnung gegen die Mama und das alles nur weil sie dir durch ihre Haltung zu
verstehen gibt dass das was Papa die Hamburgerei nennt nicht das Höchste in
der Welt ist und dass der liebe Gott seine Welt nicht um der Munks willen
geschaffen hat«
    »Sprichst du das deiner Mutter nach oder tust du von deinem Eignen noch was
hinzu Fast klingt es so deine Stimme zittert ja beinah«
    »Helene wenn du willst dass wir die Sache ruhig durchsprechen und alles in
Billigkeit und mit Rücksicht für hüben und drüben abwägen so darfst du nicht
beständig Öl ins Feuer gießen Du bist so gereizt gegen die Mama weil sie deine
Anspielungen nicht verstehen will und keine Miene macht Hildegard einzuladen
Darin hast du aber unrecht Soll das Ganze bloß etwas Geschwisterliches sein so
muss die Schwester die Schwester einladen das ist dann eine Sache mit der meine
Mama herzlich wenig zu tun hat«
    »Sehr schmeichelhaft für Hildegard und auch für mich«
    » Soll aber ein andrer Plan damit verfolgt werden und du hast mir
zugestanden dass dies der Fall ist so muss das so wünschenswert solche zweite
Familienverbindung ganz unzweifelhaft auch für die Treibels sein würde so muss
das unter Verhältnissen geschehen die den Charakter des Natürlichen und
Ungezwungenen haben Lädst du Hildegard ein und führt das sagen wir einen Monat
später oder zwei zur Verlobung mit Leopold so haben wir genau das was ich den
natürlichen und ungezwungenen Weg nenne schreibt aber meine Mama den
Einladungsbrief an Hildegard und spricht sie darin aus wie glücklich sie sein
würde die Schwester ihrer lieben Helene recht recht lange bei sich zu sehen
und sich des Glücks der Geschwister mitfreuen zu können so drückt sich darin
ziemlich unverblümt eine Huldigung und ein aufrichtiges Sichbemühen um deine
Schwester Hildegard aus und das will die Firma Treibel vermeiden«
    »Und das billigst du«
    »Ja«
    »Nun das ist wenigstens deutlich Aber weil es deutlich ist darum ist es
noch nicht richtig Alles wenn ich dich recht verstehe dreht sich also um die
Frage wer den ersten Schritt zu tun habe«
    Otto nickte
    »Nun wenn dem so ist warum wollen die Treibels sich sträuben diesen
ersten Schritt zu tun Warum frage ich Solange die Welt steht ist der
Bräutigam oder der Liebhaber der der wirbt«
    »Gewiss liebe Helene Aber bis zum Werben sind wir noch nicht Vorläufig
handelt es sich noch um Einleitungen um ein Brückenbauen und dies Brückenbauen
ist an denen die das größere Interesse daran haben«
    »Ah« lachte Helene »Wir die Munks und das größere Interesse Otto das
hättest du nicht sagen sollen nicht weil es mich und meine Familie herabsetzt
sondern weil es die ganze Treibelei und dich an der Spitze mit einem Ridikül
ausstattet das dem Respekt den die Männer doch beständig beanspruchen nicht
allzu vorteilhaft ist Ja Freund du forderst mich heraus und so will ich dir
denn offen sagen auf eurer Seite liegt Interesse Gewinn Ehre Und dass ihr das
empfindet das müsst ihr eben bezeugen dem müsst ihr einen nicht
misszuverstehenden Ausdruck geben Das ist der erste Schritt von dem ich
gesprochen Und da ich mal bei Bekenntnissen bin so lass mich dir sagen Otto
dass diese Dinge neben ihrer ernsten und geschäftlichen Seite doch auch noch
eine persönliche Seite haben und dass es dir so nehm ich vorläufig an nicht in
den Sinn kommen kann unsre Geschwister in ihrer äußeren Erscheinung miteinander
vergleichen zu wollen Hildegard ist eine Schönheit und gleicht ganz ihrer
Großmutter Elisabet Tompson nach der wir ja auch unsere Lizzi getauft haben
und hat den Chic einer Lady du hast mir das selber früher zugestanden Und nun
sieh deinen Bruder Leopold Er ist ein guter Mensch der sich ein Reitpferd
angeschafft hat weil ers durchaus zwingen will und schnallt sich nun jeden
Morgen die Steigbügel so hoch wie ein Engländer Aber es nutzt ihm nichts Er
ist und bleibt doch unter Durchschnitt jedenfalls weitab vom Kavalier und wenn
Hildegard ihn nähme ich fürchte sie nimmt ihn nicht so wäre das wohl der
einzige Weg noch etwas wie einen perfekten Gentleman aus ihm zu machen Und das
kannst du deiner Mama sagen«
    »Ich würde vorziehen du tätest es«
    »Wenn man aus einem guten Hause stammt vermeidet man Aussprachen und
Szenen«
    »Und macht sie dafür dem Manne«
    »Das ist etwas anderes«
    »Ja« lachte Otto Aber in seinem Lachen war etwas Melancholisches
Leopold Treibel der im Geschäft seines älteren Bruders tätig war während er im
elterlichen Hause wohnte hatte sein Jahr bei den Gardedragonern abdienen
wollen war aber wegen zu flacher Brust nicht angenommen worden was die ganze
Familie schwer gekränkt hatte Treibel selbst kam schließlich drüber weg
weniger die Kommerzienrätin am wenigsten Leopold selbst der  wie Helene bei
jeder Gelegenheit und auch an diesem Morgen wieder zu betonen liebte  zur
Auswetzung der Scharte wenigstens Reitstunde genommen hatte Jeden Tag war er
zwei Stunden im Sattel und machte dabei weil er sich wirklich Mühe gab eine
ganz leidliche Figur
    Auch heute wieder an demselben Morgen an dem die alten und jungen Treibels
ihren Streit über dasselbe gefährliche Thema führten hatte Leopold ohne die
geringste Ahnung davon sowohl Veranlassung wie Mittelpunkt derartiger heikler
Gespräche zu sein seinen wie gewöhnlich auf Treptow zu gerichteten
Morgenausflug angetreten und ritt von der elterlichen Wohnung aus die zu so
früher Stunde noch wenig belebte Köpnicker Straße hinunter erst an seines
Bruders Villa dann an der alten Pionierkaserne vorüber Die Kasernenuhr schlug
eben sieben als er das Schlesische Tor passierte Wenn ihn dies Imsattelsein
ohnehin schon an jedem Morgen erfreute so besonders heut wo die Vorgänge des
voraufgegangenen Abends am meisten aber die zwischen Mister Nelson und Korinna
geführten Gespräche noch stark in ihm nachwirkten so stark dass er mit dem ihm
sonst wenig verwandten Ritter Karl von Eichenhorst wohl den gemeinschaftlichen
Wunsch des »SichRuheReitens« in seinem Busen hegen durfte Was ihm equestrisch
dabei zur Verfügung stand war freilich nichts weniger als ein Dänenross voll
Kraft und Feuer sondern nur ein schon lange Zeit in der Manege gehender
Graditzer dem etwas Extravagantes nicht mehr zugemutet werden konnte Leopold
ritt denn auch Schritt sosehr er sich wünschte davonstürmen zu können Erst
ganz allmählich fiel er in einen leichten Trab und blieb darin bis er den
Schafgraben und gleich danach den in geringer Entfernung gelegenen »Schlesischen
Busch« erreicht hatte drin am Abend vorher wie ihm Johann noch im Momente des
Abreitens erzählt hatte wieder zwei Frauenzimmer und ein Uhrmacher beraubt
worden waren »Dass dieser Unfug auch gar kein Ende nehmen will Schwäche
Polizeiversäumnis« Indessen bei hellem Tageslichte bedeutete das alles nicht
allzuviel weshalb Leopold in der angenehmen Lage war sich der ringsumher
schlagenden Amseln und Finken unbehindert freuen zu können Und kaum minder
genoss er als er aus dem »Schlesischen Busche« wieder heraus war der freien
Straße zu deren Rechten sich Saat und Kornfelder dehnten während zur Linken
die Spree mit ihren nebenherlaufenden Parkanlagen den Weg begrenzte Das alles
war so schön so morgenfrisch dass er das Pferd wieder in Schritt fallen ließ
Aber freilich so langsam er ritt bald war er trotzdem an der Stelle wo vom
andern Ufer her das kleine Fährboot herüberkam und als er anhielt um dem
Schauspiele besser zusehen zu können trabten von der Stadt her auch schon
einige Reiter auf der Chaussee heran und ein Pferdebahnwagen glitt vorüber
drin soviel er sehen konnte keine Morgengäste für Treptow saßen Das war so
recht was ihm passte denn sein Frühstück im Freien was ihn dort regelmäßig
erquickte war nur noch die halbe Freude wenn ein halb Dutzend echte Berliner
um ihn herumsassen und ihren mitgebrachten Affenpinscher über die Stühle springen
oder vom Steg aus apportieren ließ Das alles wenn dieser leere Wagen nicht
schon einen vollbesetzten Vorläufer gehabt hatte war für heute nicht zu
befürchten
    Gegen halb acht war er draußen und einen halbwachsenen Jungen mit nur einem
Arm und dem entsprechenden losen Ärmel den er beständig in der Luft schwenkte
heranwinkend stieg er jetzt ab und sagte während er dem Einarmigen die Zügel
gab »Führ es unter die Linde Fritz Die Morgensonne sticht hier so« Der Junge
tat auch wie ihm geheißen und Leopold seinerseits ging nun an einem von
Liguster überwachsenen Staketenzaun auf den Eingang des Treptower Etablissements
zu Gott sei Dank hier war alles wie gewünscht sämtliche Tische leer die
Stühle umgekippt und auch von Kellnern niemand da als sein Freund Mützell ein
auf sich haltender Mann von Mitte der Vierzig der schon in den
Vormittagsstunden einen beinahe fleckenlosen Frack trug und die Trinkgelderfrage
mit einer erstaunlichen übrigens von Leopold der immer sehr splendid war nie
herausgeforderten Gentilezza behandelte »Sehen Sie Herr Treibel« so waren
als das Gespräch einmal in dieser Richtung lief seine Worte gewesen »die
meisten wollen nicht recht und streiten einem auch noch was ab besonders die
Damens aber viele sind auch wieder gut und manche sogar sehr gut und wissen
dass man von einer Zigarre nicht leben kann und die Frau zu Hause mit ihren drei
Kindern erst recht nicht Und sehen Sie Herr Treibel die geben und besonders
die kleinen Leute Da war erst gestern wieder einer hier der schob mir aus
Versehen ein Fünfzigpfennigstück zu weil ers für einen Zehner hielt und als
ichs ihm sagte nahm ers nicht wieder und sagte bloß Das hat so sein sollen
Freund und Kupferstecher mitunter fällt Ostern und Pfingsten auf einen Dag«
    Das war vor Wochen gewesen dass Mützell so zu Leopold Treibel gesprochen
hatte Beide standen überhaupt auf einem Plauderfuss was aber für Leopold noch
angenehmer als diese Plauderei war war dass er über Dinge die sich von selbst
verstanden gar nicht erst zu sprechen brauchte Mützell wenn er den jungen
Treibel in das Lokal eintreten und über den frischgeharkten Kies hin auf seinen
Platz in unmittelbarer Nähe des Wassers zuschreiten sah salutierte bloß von
fern und zog sich dann ohne weiteres in die Küche zurück von der aus er nach
drei Minuten mit einem Tablett auf dem eine Tasse Kaffee mit ein paar
englischen Biskuits und ein großes Glas Milch stand wieder unter den
Frontbäumen erschien Das große Glas Milch war Hauptsache denn Sanitätsrat
Lohmeier hatte noch nach der letzten Auskultation zur Kommerzienrätin gesagt
»Meine gnädigste Frau noch hat es nichts zu bedeuten aber man muss vorbeugen
dazu sind wir da im übrigen ist unser Wissen Stückwerk Also wenn ich bitten
darf sowenig Kaffee wie möglich und jeden Morgen ein Liter Milch«
    Auch heute hatte bei Leopolds Erscheinen die sich täglich wiederholende
Begegnungsszene gespielt Mützell war auf die Küche zu verschwunden und tauchte
jetzt in Front des Hauses wieder auf das Tablett auf den fünf Fingerspitzen
seiner linken Hand mit beinahe zirkushafter Virtuosität balancierend
    »Guten Morgen Herr Treibel Schöner Morgen heute morgen«
    »Ja lieber Mützell Sehr schön Aber ein bisschen frisch Besonders hier am
Wasser Mich schuddert ordentlich und ich bin schon auf und ab gegangen Lassen
Sie sehen Mützell ob der Kaffee warm ist«
    Und ehe der so freundlich Angesprochene das Tablett auf den Tisch setzen
konnte hatte Leopold die kleine Tasse schon herabgenommen und sie mit einem
Zuge geleert
    »Ah brillant Das tut einem alten Menschen wohl Und nun will ich die Milch
trinken Mützell aber mit Andacht Und wenn ich damit fertig bin  die Milch
ist immer ein bisschen labbrig was aber kein Tadel sein soll gute Milch muss
eigentlich immer ein bisschen labbrig sein  wenn ich damit fertig bin bitt ich
noch um eine«
    »Kaffee«
    »Freilich Mützell«
    »Ja Herr Treibel«
    »Nun was ist Sie machen ja ein ganz verlegenes Gesicht Mützell als ob
ich was ganz Besonderes gesagt hätte«
    »Ja Herr Treibel«
    »Nun zum Donnerwetter was ist denn los«
    »Ja Herr Treibel als die Frau Mama vorgestern hier waren und der Herr
Kommerzienrat auch und auch das Gesellschaftsfräulein und Sie Herr Leopold
eben nach dem Sperl und dem Karrousel gegangen waren da hat mir die Frau Mama
gesagt Hören Sie Mützell ich weiß er kommt beinahe jeden Morgen und ich
mache Sie verantwortlich eine Tasse nie mehr Sanitätsrat Lohmeier der
ja auch mal Ihre Frau behandelt hat hat es mir im Vertrauen aber doch mit
allem Ernste gesagt zwei sind Gift«
    »So Und hat meine Mama vielleicht noch mehr gesagt«
    »Die Frau Kommerzienrätin sagten auch noch Ihr Schade soll es nicht sein
Mützell Ich kann nicht sagen dass mein Sohn ein passionierter Mensch ist er
ist ein guter Mensch ein lieber Mensch Sie verzeihen Herr Treibel dass ich
Ihnen das alles was Ihre Frau Mama gesagt hat hier so ganz simplement
wiederhole  aber er hat die Kaffeepassion Und das ist immer das Schlimme
dass die Menschen grade die Passion haben die sie nicht haben sollen Also
Mützell eine Tasse mag gehen aber nicht zwei«
    Leopold hatte mit sehr geteilten Empfindungen zugehört und nicht gewusst ob
er lachen oder verdrießlich werden solle »Nun Mützell dann also lassen wirs
keine zweite« Und damit nahm er seinen Platz wieder ein während sich Mützell
in seine Wartestellung an der Hausecke zurückzog
    »Da hab ich nun mein Leben auf einen Schlag« sagte Leopold als er wieder
allein war »Ich habe mal von einem gehört der bei Josty weil er so gewettet
hatte zwölf Tassen Kaffee hintereinander trank und dann tot umfiel Aber was
beweist das Wenn ich zwölf Käsestullen esse fall ich auch tot um alles
Verzwölffachte tötet einen Menschen Aber welcher vernünftige Mensch
verzwölffacht auch sein Speis und Trank Von jedem vernünftigen Menschen muss man
annehmen dass er Unsinnigkeiten unterlassen und seine Gesundheit befragen und
seinen Körper nicht zerstören wird Wenigstens für mich kann ich einstehen Und
die gute Mama sollte wissen dass ich dieser Kontrolle nicht bedarf und sollte
mir diesen meinen Freund Mützell nicht so naiv zum Hüter bestellen Aber sie muss
immer die Fäden in der Hand haben sie muss alles bestimmen alles anordnen und
wenn ich eine baumwollene Jacke will so muss es eine wollene sein«
    Er machte sich nun an die Milch und musste lächeln als er die lange Stange
mit dem schon niedergesunkenen Milchschaum in die Hand nahm »Mein eigentliches
Getränk Milch der frommen Denkungsart würde Papa sagen Ach es ist zum Ärgern
alles zum Ärgern Bevormundung wohin ich sehe schlimmer als ob ich gestern
meinen Einsegnungstag gehabt hätte Helene weiß alles besser Otto weiß alles
besser und nun gar erst die Mama Sie möchte mir am liebsten vorschreiben ob
ich einen blauen oder grünen Schlips und einen graden oder schrägen Scheitel
tragen soll Aber ich will mich nicht ärgern Die Holländer haben ein
Sprichwort Ärgere dich nicht wundere dich bloß Und auch das werd ich mir
schließlich noch abgewöhnen«
    Er sprach noch so weiter in sich hinein abwechselnd die Menschen und die
Verhältnisse verklagend bis er mit einem Mal all seinen Unmut gegen sich selber
richtete »Torheit Die Menschen die Verhältnisse das alles ist es nicht
nein nein Andere haben auch eine auf ihr Hausregiment eifersüchtige Mama und
tun doch was sie wollen es liegt an mir Pluck dear Leopold tats it das
hat mir der gute Nelson noch gestern abend zum Abschied gesagt und er hat ganz
recht Da liegt es nirgend anders Mir fehlt es an Energie und Mut und das
Aufbäumen hab ich nun schon gewiss nicht gelernt«
    Er blickte während er so sprach vor sich hin knipste mit seiner Reitgerte
kleine Kiesstücke fort und malte Buchstaben in den frischgestreuten Sand Und
als er nach einer Weile wieder aufblickte sah er zahlreiche Boote die vom
Stralauer Ufer her herüberkamen und dazwischen einen mit großem Segel
flussabwärts fahrenden Spreekahn Wie sehnsüchtig richtete sich sein Blick
darauf
    »Ach ich muss aus diesem elenden Zustande heraus und wenn es wahr ist dass
einem die Liebe Mut und Entschlossenheit gibt so muss noch alles gut werden Und
nicht bloß gut es muss mir auch leicht werden und mich gradezu zwingen und
drängen den Kampf aufzunehmen und ihnen allen zu zeigen und der Mama voran
dass sie mich denn doch verkannt und unterschätzt haben Und wenn ich in
Unentschlossenheit zurückfalle was Gott verhüte so wird sie mir die nötige
Kraft geben Denn sie hat all das was mir fehlt und weiß alles und kann alles
Aber bin ich ihrer sicher Da steh ich wieder vor der Hauptfrage Mitunter ist
es mir freilich als kümmere sie sich um mich und als spräche sie eigentlich nur
zu mir wenn sie zu anderen spricht So war es noch gestern abend wieder und
ich sah auch wie Marcell sich verfärbte weil er eifersüchtig war Etwas
anderes konnte es nicht sein Und das alles«
    Er unterbrach sich weil eben jetzt die sich um ihn her sammelnden Sperlinge
mit jedem Augenblicke zudringlicher wurden Einige kamen bis auf den Tisch und
mahnten ihn durch Picken und dreistes Ansehen dass er ihnen noch immer ihr
Frühstück schulde Lächelnd zerbrach er ein Biskuit und warf ihnen die Stücke
hin mit denen zunächst die Sieger und alsbald auch ihnen folgend die anderen
in die Lindenbäume zurückflogen Aber kaum dass die Störenfriede fort waren so
waren für ihn auch die alten Betrachtungen wieder da »Ja das mit Marcell das
darf ich mir zum Guten deuten und manches andere noch Aber es kann auch alles
bloß Spiel und Laune gewesen sein Korinna nimmt nichts ernstaft und will
eigentlich immer nur glänzen und die Bewunderung oder das Verwundertsein ihrer
Zuhörer auf sich ziehen Und wenn ich mir diesen ihren Charakter überlege so
muss ich an die Möglichkeit denken dass ich schließlich auch noch heimgeschickt
und ausgelacht werde Das ist hart Und doch muss ich es wagen Wenn ich nur
wen hätte dem ich mich anvertrauen könnte der mir riete Leider hab ich
niemanden keinen Freund dafür hat Mama auch gesorgt und so muss ich mir ohne
Rat und Beistand allerpersönlichst ein doppeltes Ja holen Erst bei Korinna
Und wenn ich dies erste Ja habe so hab ich noch lange nicht das zweite Das seh
ich nur zu klar Aber das zweite kann ich mir wenigstens erkämpfen und will es
auch Es gibt ihrer genug für die das alles eine Kleinigkeit wäre für mich
aber ist es schwer ich weiß ich bin kein Held und das Heldische lässt sich
nicht lernen Jeder nach seinen Kräften sagte Direktor Hilgenhahn immer Ach
ich finde doch beinahe dass mir mehr aufgelegt wird als meine Schultern tragen
können«
    Ein mit Personen besetzter Dampfer kam in diesem Augenblicke den Fluss herauf
und fuhr ohne an dem Wassersteg anzulegen auf den »Neuen Krug« und »Sadowa«
zu Musik war an Bord und dazwischen wurden allerlei Lieder gesungen Als das
Schiff erst den Steg und bald auch die »Liebesinsel« passiert hatte fuhr auch
Leopold aus seinen Träumereien auf und sah nach der Uhr blickend dass es
höchste Zeit sei wenn er noch pünktlich auf dem Kontor eintreffen und sich eine
Reprimande oder was schlimmer eine spöttische Bemerkung von s seines
Bruders Otto ersparen wollte So schritt er denn unter freundlichem Gruß an dem
immer noch an seiner Ecke stehenden Mützell vorüber und auf die Stelle zu wo
der Einarmige sein Pferd hielt »Da Fritz« Und nun hob er sich in den Sattel
machte den Rückweg in einem guten Trab und bog als er das Tor und gleich danach
die Pionierkaserne wieder passiert hatte nach rechts hin in einen neben dem
Otto Treibelschen Holzhofe sich hinziehenden schmalen Gang ein über dessen
Heckenzaun fort man auf den Vorgarten und die zwischen den Bäumen gelegene Villa
sah Bruder und Schwägerin saßen noch beim Frühstück Leopold grüßte hinüber
»Guten Morgen Otto guten Morgen Helene« Beide erwiderten den Gruß lächelten
aber weil sie diese tägliche Reiterei ziemlich lächerlich fanden Und gerade
Leopold Was er sich eigentlich dabei denken mochte
    Leopold selbst war inzwischen abgestiegen und gab das Pferd einem an der
Hintertreppe der Villa schon wartenden Diener der es die Köpnicker Straße
hinauf nach dem elterlichen Fabrikhof und dem dazugehörigen Stallgebäude führte
 stableiard sagte Helene
 
                                Neuntes Kapitel
Eine Woche war vergangen und über dem Schmidtschen Hause lag eine starke
Verstimmung Korinna grollte mit Marcell weil er mit ihr grollte so wenigstens
musste sie sein Ausbleiben deuten und die gute Schmolke wiederum grollte mit
Korinna wegen ihres Grollens auf Marcell »Das tut nicht gut Korinna so sein
Glück von sich zu stoßen Glaube mir das Glück wird ärgerlich wenn man es
wegjagt und kommt dann nicht wieder Marcell ist was man einen Schatz nennt
oder auch ein Juwel Marcell ist ganz so wie Schmolke war« So hieß es jeden
Abend Nur Schmidt selbst merkte nichts von der über seinem Hause lagernden
Wolke studierte sich vielmehr immer tiefer in die Goldmasken hinein und
entschied sich in einem mit Distelkamp immer heftiger geführten Streite auf
das bestimmteste hinsichtlich der einen für Aegist Aegist sei doch immerhin
sieben Jahre lang Klytämnestras Gemahl gewesen außerdem naher Anverwandter des
Hauses und wenn er Schmidt auch seinerseits zugeben müsse dass der Mord
Agamemnons einigermaßen gegen seine AegistHypothese spreche so sei doch
andererseits nicht zu vergessen dass die ganze Mordaffaire mehr oder weniger
etwas Internes sozusagen eine reine Familienangelegenheit gewesen sei wodurch
die nach außen hin auf Volk und Staat berechnete Beisetzungsund Zeremonialfrage
nicht eigentlich berührt werden könne Distelkamp schwieg und zog sich unter
Lächeln aus der Debatte zurück
    Auch bei den alten und jungen Treibels herrschte eine gewisse schlechte
Laune vor Helene war unzufrieden mit Otto Otto mit Helenen und die Mama
wiederum mit beiden Am unzufriedensten wenn auch nur mit sich selber war
Leopold und nur der alte Treibel merkte von der ihn umgebenden Verstimmung
herzlich wenig oder wollte nichts davon merken erfreute sich vielmehr einer
ungewöhnlich guten Laune Dass dem so war hatte wie bei Wilibald Schmidt darin
seinen Grund dass er all die Zeit über sein Steckenpferd tummeln und sich
einiger schon erzielter Triumphe rühmen durfte Vogelsang war nämlich
unmittelbar nach dem zu seinen und Mister Nelsons Ehren stattgehabten Diner in
den für Treibel zu erobernden Wahlkreis abgegangen und zwar um hier in einer
Art Vorkampagne die Herzen und Nieren der TeupitzZossener und ihre mutmassliche
Haltung in der entscheidenden Stunde zu prüfen Es muss gesagt werden dass er
bei Durchführung dieser seiner Aufgabe nicht bloß eine bemerkenswerte Tätigkeit
entfaltet sondern auch beinahe täglich etliche Telegramme geschickt hatte
darin er über die Resultate seines Wahlfeldzuges je nach der Bedeutung der
Aktion länger oder kürzer berichtete Dass diese Telegramme mit denen des
ehemaligen Bernauer Kriegskorrespondenten eine verzweifelte Ähnlichkeit hatten
war Treibel nicht entgangen aber von diesem weil er schließlich nur auf das
achtete was ihm persönlich gefiel ohne sonderliche Beanstandung hingenommen
worden In einem dieser Telegramme hieß es »Alles geht gut Bitte
Geldanweisung nach Teupitz hin Ihr V« Und dann »Die Dörfer am Schermützelsee
sind unser Gott sei Dank Überall dieselbe Gesinnung wie am Teupitzsee
Anweisung noch nicht eingetroffen Bitte dringend Ihr V«  »Morgen nach
Storkow Dort muss es sich entscheiden Anweisung inzwischen empfangen Aber
deckt nur gerade das schon Verausgabte Montecuculis Wort über Kriegführung gilt
auch für Wahlfeldzüge Bitte weiteres nach GroßRietz hin Ihr V« Treibel in
geschmeichelter Eitelkeit betrachtete hiernach den Wahlkreis als für ihn
gesichert und in den Becher seiner Freude fiel eigentlich nur ein
Wermutstropfen er wusste wie kritisch ablehnend Jenny zu dieser Sache stand
und sah sich dadurch gezwungen sein Glück allein zu genießen Friedrich
überhaupt sein Vertrauter war ihm auch jetzt wieder »unter Larven die einzig
fühlende Brust« ein Zitat das er nicht müde wurde sich zu wiederholen Aber
eine gewisse Leere blieb doch Auffallend war ihm außerdem dass die Berliner
Zeitungen gar nichts brachten und zwar war ihm dies um so auffallender als von
scharfer Gegnerschaft allen Vogelsangschen Berichten nach eigentlich keine
Rede sein konnte Die Konservativen und Nationalliberalen und vielleicht auch
ein paar Parlamentarier von Fach mochten gegen ihn sein aber was bedeutete
das Nach einer ohngefähren Schätzung die Vogelsang angestellt und in einem
eingeschriebenen Briefe nach Villa Treibel hin adressiert hatte besaß der ganze
Kreis nur sieben Nationalliberale drei Oberlehrer einen Kreisrichter einen
rationalistischen Superintendenten und zwei studierte Bauergutsbesitzer während
die Zahl der OrtodoxKonservativen noch hinter diesem bescheidenen Häuflein
zurückblieb »Ernst zu nehmende Gegnerschaft vacat« So schloss Vogelsangs
Brief und »vacat« war unterstrichen Das klang hoffnungsreich genug ließ aber
inmitten aufrichtiger Freude doch einen Rest von Unruhe fortbestehen und als
eine runde Woche seit Vogelsangs Abreise vergangen war brach denn auch wirklich
der große Tag an der die Berechtigung der instinktiv immer wieder sich
einstellenden Ängstlichkeit und Sorge dartun sollte Nicht unmittelbar nicht
gleich im ersten Moment aber die Frist war nur eine nach Minuten ganz kurz
bemessene
    Treibel saß in seinem Zimmer und frühstückte Jenny hatte sich mit Kopfweh
und einem schweren Traum entschuldigen lassen »Sollte sie wieder von Vogelsang
geträumt haben« Er ahnte nicht dass dieser Spott sich in derselben Stunde noch
an ihm rächen würde Friedrich brachte die Postsachen unter denen diesmal wenig
Karten und Briefe dafür aber desto mehr Zeitungen unter Kreuzband waren
einige soviel sich äußerlich erkennen ließ mit merkwürdigen Emblemen und
Stadtwappen ausgerüstet
    All dies zunächst nur Vermutung sollte sich bei schärferem Zusehen rasch
bestätigen und als Treibel die Kreuzbänder entfernt und das weiche Löschpapier
über den Tisch hin ausgebreitet hatte las er mit einer gewissen heiteren
Andacht »Der Wächter an der Wendischen Spree« »Wehrlos ehrlos« »Alltied
vorupp« und »Der Storkower Bote«  zwei davon waren zis zwei
transspreeanischen Ursprunges Treibel sonst ein Feind alles überstürzten
Lesens weil er von jedem blinden Eifer nur Unheil erwartete machte sich
diesmal mit bemerkenswerter Raschheit über die Blätter und überflog die blau
angestrichenen Stellen Lieutenant Vogelsang so hieß es in jedem in wörtlicher
Wiederholung ein Mann der schon Anno 48 gegen die Revolution gestanden und
der Hydra das Haupt zertreten hätte sich an drei hintereinander folgenden Tagen
dem Kreise vorgestellt nicht um seiner selbst sondern um seines politischen
Freundes des Kommerzienrats Treibel willen der später den Kreis besuchen und
bei der Gelegenheit die von Lieutenant Vogelsang ausgesprochenen Grundsätze
wiederholen werde was soviel lasse sich schon heute sagen als die wärmste
Empfehlung des eigentlichen Kandidaten anzusehen sei Denn das Vogelsangsche
Programm laufe darauf hinaus dass zuviel und namentlich unter zu starker
Wahrnehmung persönlicher Interessen regiert werde dass also demgemäss alle
kostspieligen »Zwischenstufen« fallen müssten was wiederum gleichbedeutend sei
mit Herabsetzung der Steuern und dass von den gegenwärtigen zum Teil
unverständlichen Komplizierteiten nichts übrigbleiben dürfe als ein freier
Fürst und ein freies Volk Damit seien freilich zwei Dreh oder Mittelpunkte
gegeben aber nicht zum Schaden der Sache Denn wer die Tiefe des Lebens
ergründet oder ihr auch nur nachgespürt habe der wisse dass die Sache mit dem
einfachen Mittelpunkt  er vermeide mit Vorbedacht das Wort Zentrum  falsch sei
und dass sich das Leben nicht im Kreise wohl aber in der Ellipse bewege Weshalb
zwei Drehpunkte das natürlich Gegebene seien
    »Nicht übel« sagte Treibel als er gelesen »nicht übel Es hat so was
Logisches ein bisschen verrückt aber doch logisch Das einzige was mich
stutzig macht ist dass es alles klingt als ob es Vogelsang selber geschrieben
hätte Die zertretene Hydra die herabgesetzten Steuern das grässliche Wortspiel
mit dem Zentrum und zuletzt der Unsinn mit dem Kreis und der Ellipse das alles
ist Vogelsang Und der Einsender an die vier Spreeblätter ist natürlich wiederum
Vogelsang Ich kenne meinen Pappenheimer« Und dabei schob Treibel den »Wächter
an der Wendischen Spree« samt dem ganzen Rest vom Tisch auf das Sofa hinunter
und nahm eine halbe »Nationalzeitung« zur Hand die gleichfalls mit den anderen
Blättern unter Kreuzband eingegangen war aber der Handschrift und ganzen
Adresse nach von jemand anderem als Vogelsang aufgegeben sein musste Früher war
der Kommerzienrat Abonnent und eifriger Leser der »Nationalzeitung« gewesen und
es kamen ihm auch jetzt noch tagtäglich Viertelstunden in denen er den Wechsel
in seiner Lektüre bedauerte
    »Nun lass sehen« sagte er schließlich und ging das Blatt aufschlagend mit
lesegewandtem Auge die drei Spalten hinunter und richtig da war es
»Parlamentarische Nachrichten Aus dem Kreise TeupitzZossen« Als er den
Kopftitel gelesen unterbrach er sich »Ich weiß nicht es klingt so sonderbar
Und doch auch wieder wie soll es am Ende anders klingen Es ist der
natürlichste Anfang von der Welt also nur vorwärts«
    Und so las er denn weiter »Seit drei Tagen haben in unserem stillen und
durch politische Kämpfe sonst wenig gestörten Kreise die Wahlvorbereitungen
begonnen und zwar seitens einer Partei die sich augenscheinlich vorgesetzt
hat das was ihr an historischer Kenntnis und politischer Erfahrung ja man
darf füglich sagen an gesundem Menschenverstande fehlt durch Fixigkeit zu
ersetzen Eben diese Partei die sonst nichts weiß und kennt kennt
augenscheinlich das Märchen vom Swinegel und siner Fru und scheint gewillt an
dem Tage wo der Wettbewerb mit den wirklichen Parteien zu beginnen hat eine
jede derselben mit dem aus jenem Märchen wohlbekannten Swinegelzurufe Ick bin
all hier empfangen zu wollen Nur so vermögen wir uns dies überfrühe
Zurstellesein zu erklären Alle Plätze scheinen wie bei Teaterpremieren von
Lieutenant Vogelsang und den Seinen im voraus belegt werden zu sollen Aber man
wird sich täuschen Es fehlt dieser Partei nicht an Stirn wohl aber an dem was
noch mit dazu gehört der Kasten ist da nicht der Inhalt«
    »Alle Wetter« sagte Treibel »der setzt scharf ein Was davon auf mein
Teil kommt ist mir nicht eben angenehm aber dem Vogelsang gönn ich es Etwas
ist in seinem Programm das blendet und damit hat er mich eingefangen
Indessen je mehr ich mirs ansehe desto fraglicher erscheint es mir Unter
diesen Knickstiebeln die sich einbilden schon vor vierzig Jahren die Hydra
zertreten zu haben sind immer etliche Zirkelquadratur und
PerpetuummobileSucher immer solche die das Unmögliche das sich in sich
Widersprechende zustande bringen wollen Vogelsang gehört dazu Vielleicht ist
es auch bloß Geschäft wenn ich mir zusammenrechne was ich in diesen acht
Tagen Aber ich bin erst bis an den ersten Absatz der Korrespondenz gekommen
die zweite Hälfte wird ihm wohl noch schärfer zu Leibe gehen oder vielleicht
auch mir« Und Treibel las weiter
    »Es ist kaum möglich den Herrn der uns gestern und vorgestern  seiner in
unserem Kreise voraufgegangenen Taten zu geschweigen  zunächst in
MarkgrafPieske dann aber in Storkow und GroßRietz beglückt hat ernstaft zu
nehmen und zwar um so weniger je ernsthafter das Gesicht ist das er macht Er
gehört in die Klasse der Malvoglios der feierlichen Narren deren Zahl leider
größer ist als man gewöhnlich annimmt Wenn sein Galimatias noch keinen Namen
hat so könnte man ihn das Lied vom dreigestrichenen C nennen denn Kabinet
Churbrandenburg und KantonaleFreiheit das sind die drei großen C womit dieser
Kurpfuscher die Welt oder doch wenigstens den preußischen Staat retten will
Eine gewisse Methode lässt sich darin nicht verkennen indessen Methode hat auch
der Wahnsinn Lieutenant Vogelsangs Sang hat uns aufs äußerste missfallen Alles
in seinem Programm ist gemeingefährlich Aber was wir am meisten beklagen ist
das dass er nicht für sich und in seinem Namen sprach sondern im Namen eines
unserer geachtetsten Berliner Industriellen des Kommerzienrats Treibel
BerlinerBlauFabrik Köpnicker Straße von dem wir uns eines Besseren
versehen hätten Ein neuer Beweis dafür dass man ein guter Mensch und doch ein
schlechter Musikant sein kann und desgleichen ein Beweis wohin der politische
Dilettantismus führt«
    Treibel klappte das Blatt wieder zusammen schlug mit der Hand darauf und
sagte »Nun soviel ist gewiss in TeupitzZossen ist das nicht geschrieben Das
ist Tells Geschoss Das kommt aus nächster Nähe Das ist von dem
nationalliberalen Oberlehrer der uns neulich bei Buggenhagen nicht bloß
Opposition machte sondern uns zu verhöhnen suchte Drang aber nicht durch
Alles in allem ich mag ihm nicht Unrecht geben und jedenfalls gefällt er mir
besser als Vogelsang Außerdem sind sie jetzt bei der Nationalzeitung halbe
Hofpartei gehen mit den Freikonservativen zusammen Es war eine Dummheit von
mir mindestens eine Übereilung dass ich abschwenkte Wenn ich gewartet hätte
könnt ich jetzt in viel besserer Gesellschaft auf s der Regierung stehen
Statt dessen bin ich auf den dummen Kerl und Prinzipienreiter eingeschworen Ich
werde mich aber aus der ganzen Geschichte herausziehen und zwar für immer der
Gebrannte scheut das Feuer Eigentlich könnt ich mich noch beglückwünschen so
mit tausend Mark oder doch nicht viel mehr davongekommen zu sein wenn nur
nicht mein Name genannt wäre Mein Name Das ist fatal« Und dabei schlug er
das Blatt wieder auf »Ich will die Stelle noch einmal lesen einer unserer
geachtetsten Berliner Industriellen der Kommerzienrat Treibel  ja das lass ich
mir gefallen das klingt gut Und nun lächerliche Figur von Vogelsangs Gnaden«
    Und unter diesen Worten stand er auf um sich draußen im Garten zu ergehen
und in der frischen Luft seinen Ärger nach Möglichkeit loszuwerden
    Es schien aber nicht recht glücken zu sollen denn im selben Augenblick wo
er um den Giebel des Hauses herum in den Hintergarten einbog sah er die
Honig die wie jeden Morgen so auch heute wieder das Bologneser Hündchen um
das Bassin führte Treibel prallte zurück denn nach einer Unterhaltung mit dem
aufgesteiften Fräulein stand ihm durchaus nicht der Sinn Er war aber schon
gesehen und begrüßt worden und da große Höflichkeit und mehr noch große
Herzensgüte zu seinen Tugenden zählte so gab er sich einen Ruck und ging guten
Muts auf die Honig zu zu deren Kenntnissen und Urteilen er übrigens ein
aufrichtiges Vertrauen hegte
    »Sehr erfreut mein liebes Fräulein Sie mal allein und zu so guter Stunde
zu treffen Ich habe seit lange so dies und das auf dem Herzen mit dem ich
gern herunter möchte«
    Die Honig errötete weil sie trotz des guten Rufes dessen sich Treibel
erfreute doch von einem ängstlich süßen Gefühl überrieselt wurde dessen
äußerste Nichtberechtigung ihr freilich im nächsten Momente schon in beinah
grausamer Weise klar werden sollte
    » Mich beschäftigt nämlich meiner lieben kleinen Enkelin Erziehung an
der ich denn doch das Hamburgische sich in einem Grade vollstrecken sehe  ich
wähle diesen Schafottausdruck absichtlich  der mich von meinem einfacheren
Berliner Standpunkt aus mit einiger Sorge erfüllt«
    Das Bologneser Hündchen das Czicka hieß zog in diesem Augenblick an der
Schnur und schien einem Perlhuhn nachlaufen zu wollen das sich vom Hof her in
den Garten verirrt hatte die Honig verstand aber keinen Spaß und gab dem
Hündchen einen Klaps Czicka seinerseits tat einen Blaff und warf den Kopf hin
und her so dass die seinem Röckchen eigentlich bloß eine Leibbinde dicht
aufgenähten Glöckchen in ein Klingen kamen Dann aber beruhigte sich das
Tierchen wieder und die Promenade um das Bassin herum begann aufs neue
    »Sehen Sie Fräulein Honig so wird auch das Lizzichen erzogen Immer an
einer Strippe die die Mutter in Händen hält und wenn mal ein Perlhuhn kommt
und das Lizzichen fort will dann gibt es auch einen Klaps aber einen ganz
ganz kleinen und der Unterschied ist bloß dass Lizzi keinen Blaff tut und nicht
den Kopf wirft und natürlich auch kein Schellengeläut hat das ins Klingen
kommen kann«
    »Lizzichen ist ein Engel« sagte die Honig die während einer
sechzehnjährigen Erzieherinnenlaufbahn Vorsicht im Ausdruck gelernt hatte
    »Glauben Sie das wirklich«
    »Ich glaub es wirklich Herr Kommerzienrat vorausgesetzt dass wir uns über
Engel einigen«
    »Sehr gut Fräulein Honig das kommt mir zupass Ich wollte nur über Lizzi
mit Ihnen sprechen und höre nun auch noch was über Engel Im ganzen genommen ist
die Gelegenheit sich über Engel ein festes Urteil zu bilden nicht groß Nun
sagen Sie was verstehen Sie unter Engel Aber kommen Sie mir nicht mit Flügel«
    Die Honig lächelte »Nein Herr Kommerzienrat nichts von Flügel aber ich
möchte doch sagen dürfen Unberührteit vom Irdischen das ist ein Engel«
    »Das lässt sich hören Unberührteit vom Irdischen  nicht übel Ja noch
mehr ich will es ohne weiteres gelten lassen und will es schön finden und wenn
Otto und meine Schwiegertochter Helene sich klar und zielbewusst vorsetzen
würden eine richtige kleine Genoveva auszubilden oder eine kleine keusche
Susanna Pardon ich kann im Augenblicke kein besseres Beispiel finden oder
wenn alles ganz ernstaft darauf hinausliefe sagen wir für irgendeinen
Thüringer Landgrafen oder meinetwegen auch für ein geringeres Geschöpf Gottes
einen Abklatsch der heiligen Elisabet herzustellen so hätte ich nichts
dagegen Ich halte die Lösung solcher Aufgabe für sehr schwierig aber nicht für
unmöglich und wie so schön gesagt worden ist und immer noch gesagt wird solche
Dinge auch bloß gewollt zu haben ist schon etwas Großes«
    Die Honig nickte weil sie der eigenen nach dieser Seite hin liegenden
Anstrengungen gedenken mochte
    »Sie stimmen mir zu« fuhr Treibel fort »Nun das freut mich Und ich
denke wir sollen auch in dem zweiten einig bleiben Sehen Sie liebes Fräulein
ich begreife vollkommen trotzdem es meinem persönlichen Geschmack widerspricht
dass eine Mutter ihr Kind auf einen richtigen Engel hin erzieht man kann nie
ganz genau wissen wie diese Dinge liegen und wenn es zum letzten kommt so
ganz zweifelsohne vor seinem Richter zu stehen wer sollte sich das nicht
wünschen Ich möchte beinah sagen ich wünsch es mir selber Aber mein liebes
Fräulein Engel und Engel ist ein Unterschied und wenn der Engel weiter nichts
ist als ein Waschengel und die Fleckenlosigkeit der Seele nach dem Seifenkonsum
berechnet und die ganze Reinheit des werdenden Menschen auf die Weissheit seiner
Strümpfe gestellt wird so erfüllt mich dies mit einem leisen Grauen Und wenn
es nun gar das eigene Enkelkind ist dessen flachsene Haare Sie werden es auch
bemerkt haben vor lauter Pflege schon halb ins Kakerlakige fallen so wird
einem alten Großvater himmelangst dabei Könnten Sie sich nicht hinter die
Wulsten stecken Die Wulsten ist eine verständige Person und bäumt glaub ich
innerlich gegen diese Hamburgereien auf Ich würde mich freuen wenn Sie
Gelegenheit nähmen«
    In diesem Augenblicke wurde Czicka wieder unruhig und blaffte lauter als
zuvor Treibel der sich in Auseinandersetzungen der Art nicht gern unterbrochen
sah wollte verdrießlich werden aber ehe er noch recht dazu kommen konnte
wurden drei junge Damen von der Villa her sichtbar zwei von ihnen ganz
gleichartig in bastfarbene Sommerstoffe gekleidet Es waren die beiden
Felgentreus denen Helene folgte
    »Gott sei Dank Helene« sagte Treibel der sich  vielleicht weil er ein
schlechtes Gewissen hatte  zunächst an die Schwiegertochter wandte »Gott sei
Dank dass ich dich einmal wiedersehe Du warst eben der Gegenstand unseres
Gesprächs oder mehr noch dein liebes Lizzichen und Fräulein Honig stellte
fest dass Lizzichen ein Engel sei Du kannst dir denken dass ich nicht
widersprochen habe Wer ist nicht gern der Großvater eines Engels Aber meine
Damen was verschafft mir so früh diese Ehre Oder gilt es meiner Frau Sie hat
ihre Migräne Soll ich sie rufen lassen«
    »O nein Papa« sagte Helene mit einer Freundlichkeit die nicht immer ihre
Sache war »Wir kommen zu dir Felgentreus haben nämlich vor heute nachmittag
eine Partie nach Halensee zu machen aber nur wenn alle Treibels von Otto und
mir ganz abgesehen daran teilnehmen« Die Felgentreuschen Schwestern
bestätigten dies alles durch Schwenken ihrer Sonnenschirme während Helene
fortfuhr »Und nicht später als drei Wir müssen also versuchen unserem Lunch
einen kleinen DinnerCharakter zu geben oder aber unser Dinner bis auf acht Uhr
abends hinausschieben Elfriede und Blanca wollen noch in die Adlerstrasse um
auch Schmidts aufzufordern zum mindesten Korinna der Professor kommt dann
vielleicht nach Krola hat schon zugesagt und will ein Quartett mitbringen
darunter zwei Referendare von der Potsdamer Regierung«
    »Und Reserveoffiziere« ergänzte Blanca die jüngere Felgentreu
    »Reserveoffiziere« wiederholte Treibel ernstaft »Ja meine Damen das
gibt den Ausschlag Ich glaube nicht dass ein hierlandes lebender Familienvater
auch wenn ihm ein grausames Schicksal eigene Töchter versagte den Mut haben
wird eine Landpartie mit zwei Reservelieutenants auszuschlagen Also bestens
akzeptiert Und drei Uhr Meine Frau wird zwar verstimmt sein dass über ihr
Haupt hinweg endgültige Beschlüsse gefasst worden sind und ich fürchte beinah
ein momentanes Wachsen des tic douloureux Trotzdem bin ich ihrer sicher
Landpartie mit Quartett und von solcher gesellschaftlichen Zusammensetzung  die
Freude darüber bleibt prädominierendes Gefühl Dem ist keine Migräne gewachsen
Darf ich Ihnen übrigens meine Melonenbeete zeigen Oder nehmen wir lieber einen
leichten Imbiss ganz leicht ohne jede ernste Gefährdung des Lunch«
    Alle drei dankten die Felgentreus weil sie sich direkt zu Korinna begeben
wollten Helene weil sie Lizzis halber wieder nach Hause müsse Die Wulsten sei
nicht achtsam genug und lasse Dinge durchgehen von denen sie nur sagen könne
dass sie »shocking« seien Zum Glück sei Lizzichen ein so gutes Kind sonst würde
sie sich ernstlicher Sorge darüber hingeben müssen
    »Lizzichen ist ein Engel die ganze Mutter« sagte Treibel und wechselte
während er das sagte Blicke mit der Honig welche die ganze Zeit über in einer
gewissen reservierten Haltung seitab gestanden hatte
 
                                Zehntes Kapitel
Auch Schmidts hatten zugesagt Korinna mit besonderer Freudigkeit weil sie sich
seit dem Dinertage bei Treibels in ihrer häuslichen Einsamkeit herzlich
gelangweilt hatte die großen Sätze des Alten kannte sie längst auswendig und
von den Erzählungen der guten Schmolke galt dasselbe So klang denn »ein
Nachmittag in Halensee« fast so poetisch wie »vier Wochen auf Kapri« und
Korinna beschloss daraufhin ihr Bestes zu tun um sich bei dieser Gelegenheit
auch äußerlich neben den Felgentreus behaupten zu können Denn in ihrer Seele
dämmerte eine unklare Vorstellung davon dass diese Landpartie nicht gewöhnlich
verlaufen sondern etwas Großes bringen werde Marcell war zur Teilnahme nicht
aufgefordert worden womit seine Kousine nach der eine ganze Woche lang von ihm
beobachteten Haltung durchaus einverstanden war Alles versprach einen frohen
Tag besonders auch mit Rücksicht auf die Zusammensetzung der Gesellschaft
Unter dem was man im voraus vereinbart hatte war nach Verwerfung eines von
Treibel in Vorschlag gebrachten Kremsers »der immer das Eigentliche sei« das
die Hauptsache gewesen dass man auf gemeinschaftliche Fahrt verzichten dafür
aber männiglich sich verpflichten wolle Punkt vier Uhr und jedenfalls nicht mit
Überschreitung des akademischen Viertels in Halensee zu sein
    Und wirklich um vier Uhr war alles versammelt oder doch fast alles Alte und
junge Treibels desgleichen die Felgentreus hatten sich in eigenen Equipagen
eingefunden während Krola von seinem Quartett begleitet aus nicht
aufgeklärten Gründen die neue Dampfbahn Korinna aber mutterwindallein  der
Alte wollte nachkommen  die Stadtbahn benutzt hatte Von den Treibels fehlte
nur Leopold der sich weil er durchaus an Mister Nelson zu schreiben habe
wegen einer halben Stunde Verspätung im voraus entschuldigen ließ Korinna war
momentan verstimmt darüber bis ihr der Gedanke kam es sei wohl eigentlich
besser so kurze Begegnungen seien inhaltreicher als lange
    »Nun lieben Freunde« nahm Treibel das Wort »alles nach der Ordnung Erste
Frage wo bringen wir uns unter Wir haben verschiedenes zur Wahl Bleiben wir
hier Parterre zwischen diesen formidablen Tischreihen oder rücken wir auf die
benachbarte Veranda hinauf die Sie wenn Sie Gewicht darauf legen auch als
Altan oder als Söller bezeichnen können Oder bevorzugen Sie vielleicht die
Verschwiegenheit der inneren Gemächer irgendeiner Kemenate von Halensee Oder
endlich viertens und letztens sind Sie für Turmbesteigung und treibt es Sie
diese Wunderwelt in der keines Menschen Auge bisher einen frischen Grashalm
entdecken konnte treibt es Sie sag ich dieses von Spargelbeeten und
Eisenbahndämmen durchsetzte Wüstenpanorama zu Ihren Füßen ausgebreitet zu
sehen«
    »Ich denke« sagte Frau Felgentreu die trotzdem sie kaum ausgangs Vierzig
war schon das Embonpoint und das Astma einer Sechzigerin hatte »ich denke
lieber Treibel wir bleiben wo wir sind Ich bin nicht für Steigen und dann
mein ich auch immer man muss mit dem zufrieden sein was man gerade hat«
    »Eine merkwürdig bescheidene Frau« sagte Korinna zu Krola der seinerseits
mit einfacher Zahlennennung antwortete leise hinzusetzend »aber Taler«
    »Gut denn« fuhr Treibel fort »wir bleiben also in der Tiefe Wozu dem
Höheren zustreben Man muss zufrieden sein mit dem durch Schicksalsbeschluss
Gegebenen wie meine Freundin Felgentreu soeben versichert hat Mit anderen
Worten Geniesse fröhlich was du hast Aber liebe Festgenossen was tun wir um
unsere Fröhlichkeit zu beleben oder richtiger und artiger um ihr Dauer zu
geben Denn von Belebung unserer Fröhlichkeit sprechen hieße das augenblickliche
Vorhandensein derselben in Zweifel ziehen  eine Blasphemie deren ich mich
nicht schuldig machen werde Landpartien sind immer fröhlich Nicht wahr
Krola«
    Krola bestätigte mit einem verschmitzten Lächeln das für den Eingeweihten
eine stille Sehnsucht nach Siechen oder dem schweren Wagner ausdrücken sollte
    Treibel verstand es auch so »Landpartien also sind immer fröhlich und dann
haben wir das Quartett in Bereitschaft und haben Professor Schmidt in Sicht und
Leopold auch Ich finde dass dies allein schon ein Programm ausdrückt« Und nach
diesen Einleitungsworten einen in der Nähe stehenden mittelalterlichen Kellner
heranwinkend fuhr er in einer anscheinend an diesen in Wahrheit aber an seine
Freunde gerichteten Rede fort »Ich denke Kellner wir rücken zunächst einige
Tische zusammen hier zwischen Brunnen und Fliederbosquet da haben wir frische
Luft und etwas Schatten Und dann Freund sobald die Lokalfrage geregelt und
das Aktionsfeld abgesteckt ist dann etwelche Portionen Kaffee sagen wir
vorläufig fünf Zucker doppelt und etwas Kuchiges gleichviel was mit Ausnahme
von altdeutschem Napfkuchen der mir immer eine Mahnung ist es mit dem neuen
Deutschland ernst und ehrlich zu versuchen Die Bierfrage können wir später
regeln wenn unser Zuzug eingetroffen ist«
    Dieser Zuzug war nun in der Tat näher als die ganze Gesellschaft zu hoffen
gewagt hatte Schmidt in einer ihn begleitenden Wolke herankommend war
müllergrau von Chausseestaub und musste es sich gefallen lassen von den jungen
dabei nicht wenig kokettierenden Damen abgeklopft zu werden und kaum dass er in
Stand gesetzt und in den Kreis der übrigen eingereiht war so ward auch schon
Leopold in einer langsam herantrottenden Droschke sichtbar und beide
Felgentreus Korinna hielt sich zurück liefen auch ihm bis auf die Chaussee
hinaus entgegen und schwenkten dieselben kleinen Batisttücher zu seiner
Begrüßung mit denen sie eben den alten Schmidt restituiert und wieder leidlich
gesellschaftsfähig gemacht hatten
    Auch Treibel hatte sich erhoben und sah der Anfahrt seines Jüngsten zu
»Sonderbar« sagte er zu Schmidt und Felgentreu zwischen denen er saß
»sonderbar es heißt immer der Apfel fällt nicht weit vom Stamm Aber mitunter
tut ers doch Alle Naturgesetze schwanken heutzutage Die Wissenschaft setzt
ihnen zu arg zu Sehen Sie Schmidt wenn ich Leopold Treibel wäre mit meinem
Vater war das etwas anderes der war noch aus der alten Zeit so hätte mich
doch kein Deubel davon abgehalten hier heute hoch zu Ross vorzureiten und hätte
mich graziös  denn Schmidt wir haben doch auch unsere Zeit gehabt  hätte
mich graziös sag ich aus dem Sattel geschwungen und mir mit der Badine die
Stiefel und die Unaussprechlichen abgeklopft und wäre hier schlecht gerechnet
wie ein junger Gott erschienen mit einer roten Nelke im Knopfloch ganz wie
Ehrenlegion oder ein ähnlicher Unsinn Und nun sehen Sie sich den Jungen an
Kommt er nicht an als ob er hingerichtet werden sollte Denn das ist ja gar
keine Droschke das ist ein Karren eine Schleife Weiß der Himmel wos nicht
drin steckt da kommt es auch nicht«
    Unter diesen Worten war Leopold herangekommen untergefasst von den beiden
Felgentreus die sich vorgesetzt zu haben schienen à tout prix für das
»Landpartieliche« zu sorgen Korinna wie sich denken lässt gefiel sich in
Missbilligung dieser Vertraulichkeit und sagte vor sich hin »Dumme Dinger« Dann
aber erhob auch sie sich um Leopold gemeinschaftlich mit den andern zu
begrüßen
    Die Droschke draußen hielt noch immer was dem alten Treibel schließlich
auffiel »Sage Leopold warum hält er noch Rechnet er auf Rückfahrt«
    »Ich glaube Papa dass er futtern will«
    »Wohl und weise Freilich mit seinem Häckselsack wird er nicht weit kommen
Hier müssen energischere Belebungsmittel angewandt werden sonst passiert was
Bitte Kellner geben Sie dem Schimmel ein Seidel Aber Löwenbräu Dessen ist er
am bedürftigsten«
    »Ich wette« sagte Krola »der Kranke wird von Ihrer Arznei nichts wissen
wollen«
    »Ich verbürge mich für das Gegenteil In dem Schimmel steckt was bloß
heruntergekommen«
    Und während das Gespräch noch andauerte folgte man dem Vorgange draußen und
sah wie das arme verschmachtete Tier mit Gier das Seidel austrank und in ein
schwaches Freudengewieher ausbrach
    »Da haben wirs« triumphierte Treibel »Ich bin ein Menschenkenner der hat
bessere Tage gesehen und mit diesem Seidel zogen alte Zeiten in ihm herauf Und
Erinnerungen sind immer das Beste Nicht wahr Jenny«
    Die Kommerzienrätin antwortete mit einem langgedehnten »ja Treibel« und
deutete durch den Ton an dass er besser täte sie mit solchen Betrachtungen zu
verschonen
Eine Stunde verging unter allerhand Plaudereien und wer gerade schwieg der
versäumte nicht das Bild auf sich wirken zu lassen das sich um ihn her
ausbreitete Da stieg zunächst eine Terrasse nach dem See hinunter von dessen
anderm Ufer her man den schwachen Knall einiger Teschins hörte mit denen in
einer dort etablierten Schiessbude nach der Scheibe geschossen wurde während man
aus verhältnismässiger Nähe das Kugelrollen einer am diesseitigen Ufer sich
hinziehenden Doppelkegelbahn und dazwischen die Rufe des Kegeljungen vernahm
Den See selbst aber sah man nicht recht was die Felgentreuschen Mädchen zuletzt
ungeduldig machte »Wir müssen doch den See sehen Wir können doch nicht in
Halensee gewesen sein ohne den Halensee gesehen zu haben« Und dabei schoben
sie zwei Stühle mit den Lehnen zusammen und kletterten hinauf um so den
Wasserspiegel vielleicht entdecken zu können »Ach da ist er Etwas klein«
    »Das Auge der Landschaft muss klein sein« sagte Treibel »Ein Ozean ist kein
Auge mehr«
    »Und wo nur die Schwäne sind« fragte die ältere Felgentreu neugierig »Ich
sehe doch zwei Schwanenhäuser«
    »Ja liebe Elfriede« sagte Treibel »Sie verlangen zuviel Das ist immer
so wo Schwäne sind sind keine Schwanenhäuser und wo Schwanenhäuser sind sind
keine Schwäne Der eine hat den Beutel der andre hat das Geld Diese
Wahrnehmung meine junge Freundin werden Sie noch verschiedentlich im Leben
machen Lassen Sie mich annehmen nicht zu sehr zu Ihrem Schaden«
    Elfriede sah ihn groß an »Worauf bezog sich das und auf wen Auf Leopold
oder auf den früheren Hauslehrer mit dem sie sich noch schrieb aber doch nur
so dass es nicht völlig einschlief Oder auf den Pionierlieutenant Es konnte
sich auf alle drei beziehen Leopold hatte das Geld Hm«
    »Im übrigen« fuhr Treibel an die Gesamtheit gewendet fort »ich habe mal wo
gelesen dass es immer das Geratenste sei das Schönste nicht auszukosten
sondern mitten im Genuße dem Genuss Valet zu sagen Und dieser Gedanke kommt mir
auch jetzt wieder Es ist kein Zweifel dass dieser Fleck Erde mit zu dem
Schönsten zählt was die norddeutsche Tiefebene besitzt durchaus angetan durch
Sang und Bild verherrlicht zu werden wenn es nicht schon geschehen ist  denn
wir haben jetzt eine märkische Schule vor der nichts sicher ist
Beleuchtungskünstler ersten Ranges wobei Wort oder Farbe keinen Unterschied
macht Aber eben weil es so schön ist gedenken wir jenes vorzitierten Satzes
der von einem letzten Auskosten nichts wissen will mit andern Worten
beschäftigen wir uns mit dem Gedanken an Aufbruch Ich sage wohlüberlegt
Aufbruch nicht Rückfahrt nicht vorzeitige Rückkehr in die alten Geleise das
sei ferne von mir dieser Tag hat sein letztes Wort noch nicht gesprochen Nur
ein Scheiden speziell aus diesem Idyll eh es uns ganz umstrickt Ich proponiere
Waldpromenade bis Paulsborn oder wenn dies zu kühn erscheinen sollte bis
Hundekehle Die Prosa des Namens wird ausgeglichen durch die Poesie der größeren
Nähe Vielleicht dass ich mir den besonderen Dank meiner Freundin Felgentreu
durch diese Modifikation verdiene«
    Frau Felgentreu der nichts ärgerlicher war als Anspielungen auf ihre
Wohlbeleibteit und Kurzatmigkeit begnügte sich ihrem Freunde Treibel den
Rücken zu kehren
    »Dank vom Hause Österreich Aber es ist immer so der Gerechte muss viel
leiden Ich werde mich auf einem verschwiegenen Waldwege bemühen Ihrem schönen
Unmut die Spitze abzubrechen Darf ich um Ihren Arm bitten liebe Freundin«
    Und alles erhob sich um in Gruppen zu zweien und dreien die Terrasse
hinabzusteigen und zu beiden Seiten des Sees auf den schon im halben Dämmer
liegenden Grunewald zuzuschreiten
Die Hauptkolonne hielt sich links Sie bestand unter Vorantritt des
Felgentreuschen Ehepaares Treibel hatte sich von seiner Freundin wieder frei
gemacht aus dem Krolaschen Quartett in das sich Elfriede und Blanca
Felgentreu derart eingereiht hatten dass sie zwischen den beiden Referendarien
und zwei jungen Kaufleuten gingen Einer der jungen Kaufleute war ein berühmter
Jodler und trug auch den entsprechenden Hut Dann kamen Otto und Helene während
Treibel und Krola abschlossen
    »Es geht doch nichts über eine richtige Ehe« sagte Krola zu Treibel und
wies auf das junge Paar vor ihnen »Sie müssen sich doch aufrichtig freuen
Kommerzienrat wenn Sie Ihren Ältesten so glücklich und so zärtlich neben dieser
hübschen und immer blink und blanken Frau einherschreiten sehen Schon oben
saßen sie dicht beisammen und nun gehen sie Arm in Arm Ich glaube beinah sie
drücken sich leise«
    »Mir ein sichrer Beweis dass sie sich vormittags gezankt haben Otto der
arme Kerl muss nun Reugeld zahlen«
    »Ach Treibel Sie sind ewig ein Spötter Ihnen kann es keiner recht machen
und am wenigsten die Kinder Glücklicherweise sagen Sie das so hin ohne recht
dran zu glauben Mit einer Dame die so gut erzogen wurde kann man sich
überhaupt nicht zanken«
    In diesem Augenblicke hörte man den Jodler einige Juchzer ausstoßen so
tirolerhaft echt dass sich das Echo der Pichelsberge nicht veranlasst sah darauf
zu antworten
    Krola lachte »Das ist der junge Metzner Er hat eine merkwürdig gute
Stimme wenigstens für einen Dilettanten und hält eigentlich das Quartett
zusammen Aber sowie er eine Prise frische Luft wittert ist es mit ihm vorbei
Dann fasst ihn das Schicksal mit rasender Gewalt und er muss jodeln  Aber wir
wollen von den Kindern nicht abkommen Sie werden mir doch nicht weismachen
wollen«  Krola war neugierig und hörte gern Intimitäten  »Sie werden mir doch
nicht weismachen wollen dass die beiden da vor uns in einer unglücklichen Ehe
leben Und was das Zanken angeht so kann ich nur wiederholen Hamburgerinnen
stehen auf einer Bildungsstufe die den Zank ausschliesst«
    Treibel wiegte den Kopf »Ja sehen Sie Krola Sie sind nun ein so
gescheiter Kerl und kennen die Weiber ja wie soll ich sagen Sie kennen sie
wie sie nur ein Tenor kennen kann Denn ein Tenor geht noch weit überen
Lieutenant Und doch offenbaren Sie hier in dem speziell Ehelichen was noch
wieder ein Gebiet für sich ist ein furchtbares Manquement Und warum Weil
Sies in Ihrer eigenen Ehe gleichviel nun ob durch Ihr oder Ihrer Frau
Verdienst ausnahmsweise gut getroffen haben Natürlich wie Ihr Fall beweist
kommt auch das vor Aber die Folge davon ist einfach die dass Sie  auch das
Beste hat seine Kehrseite  dass Sie sag ich kein richtiger Ehemann sind dass
Sie keine volle Kenntnis von der Sache haben Sie kennen den Ausnahmefall aber
nicht die Regel Über Ehe kann nur sprechen wer sie durchgefochten hat nur der
Veteran der auf Wundenmale zeigt Wie heißt es doch Nach Frankreich zogen
zwei Grenadier die ließ die Köpfe hangen Da haben Sies«
    »Ach das sind Redensarten Treibel«
    » Und die schlimmsten Ehen sind die lieber Krola wo furchtbar gebildet
gestritten wird wo wenn Sie mir den Ausdruck gestatten wollen eine
Kriegsführung mit Sammetandschuhen stattfindet oder richtiger noch wo man
sich wie beim römischen Karneval Konfetti ins Gesicht wirft Es sieht hübsch
aus aber verwundet doch Und in dieser Kunst anscheinend gefälligen
Konfettiwerfens ist meine Schwiegertochter eine Meisterin Ich wette dass mein
armer Otto schon oft bei sich gedacht hat wenn sie dich doch kratzte wenn sie
doch mal außer sich wäre wenn sie doch mal sagte Scheusal oder Lügner oder
elender Verführer«
    »Aber Treibel das kann sie doch nicht sagen Das wäre ja Unsinn Otto ist
ja doch kein Verführer also auch kein Scheusal «
    »Ach Krola darauf kommt es ja gar nicht an Worauf es ankommt ist sie
muss sich dergleichen wenigstens denken können sie muss eine eifersüchtige Regung
haben und in solchem Momente muss es afrikanisch aus ihr losbrechen Aber alles
was Helene hat hat höchstens die Temperatur der Uhlenhorst Sie hat nichts als
einen unerschütterlichen Glauben an Tugend und Windsorsoap«
    »Nun meinetwegen Aber wenn es so ist wo kommt dann der Zank her«
    »Der kommt doch Er tritt nur anders auf anders aber nicht besser Kein
Donnerwetter nur kleine Worte mit dem Giftgehalt eines halben Mückenstichs
oder aber Schweigen Stummheit Muffeln das innere Düppel der Ehe während nach
außen hin das Gesicht keine Falte schlägt Das sind so die Formen Und ich
fürchte die ganze Zärtlichkeit die wir da vor uns wandeln sehen und die sich
augenscheinlich sehr einseitig gibt ist nichts als ein Bussetun  Otto Treibel
im Schlosshof zu Kanossa und mit Schnee unter den Füßen Sehen Sie nun den armen
Kerl er biegt den Kopf in einem fort nach rechts und Helene rührt sich nicht
und kommt aus der graden Hamburger Linie nicht heraus Aber jetzt müssen wir
schweigen Ihr Quartett hebt eben an Was ist es denn«
    »Es ist das bekannte Ich weiß nicht was soll es bedeuten«
    »Ah das ist recht Eine jederzeit wohl aufzuwerfende Frage besonders auf
Landpartien«
Rechts um den See hin gingen nur zwei Paare vorauf der alte Schmidt und seine
Jugendfreundin Jenny und in einiger Entfernung hinter ihnen Leopold und Korinna
    Schmidt hatte seiner Dame den Arm gereicht und zugleich gebeten ihr die
Mantille tragen zu dürfen denn es war etwas schwül unter den Bäumen Jenny
hatte das Anerbieten auch dankbar angenommen als sie aber wahrnahm dass der
gute Professor den Spitzenbesatz immer nachschleppen und sich abwechselnd in
Wacholder und Heidekraut verfangen ließ bat sie sich die Mantille wieder aus
»Sie sind noch geradeso wie vor vierzig Jahren lieber Schmidt Galant aber mit
keinem rechten Erfolge«
    »Ja gnädigste Frau diese Schuld kann ich nicht von mir abwälzen und sie
war zugleich mein Schicksal Wenn ich mit meinen Huldigungen erfolgreicher
gewesen wäre denken Sie wie ganz anders sich mein Leben und auch das Ihrige
gestaltet hätte«
    Jenny seufzte leise
    »Ja gnädigste Frau dann hätten Sie das Märchen Ihres Lebens nie begonnen
Denn alles große Glück ist ein Märchen«
    »Alles große Glück ist ein Märchen« wiederholte Jenny langsam und
gefühlvoll »Wie wahr wie schön Und sehen Sie Wilibald dass das beneidete
Leben das ich jetzt führe meinem Ohr und meinem Herzen solche Worte versagt
dass lange Zeiten vergehen ehe Aussprüche von solcher poetischen Tiefe zu mir
sprechen das ist für eine Natur wie sie mir nun mal geworden ein ewig
zehrender Schmerz Und Sie sprechen dabei von Glück Wilibald sogar von großem
Glück Glauben Sie mir mir die ich dies alles durchlebt habe diese soviel
begehrten Dinge sind wertlos für den der sie hat Oft wenn ich nicht schlafen
kann und mein Leben überdenke wird es mir klar dass das Glück das anscheinend
soviel für mich tat mich nicht die Wege geführt hat die für mich passten und
dass ich in einfacheren Verhältnissen und als Gattin eines in der Welt der Ideen
und vor allem auch des Idealen stehenden Mannes wahrscheinlich glücklicher
geworden wäre Sie wissen wie gut Treibel ist und dass ich ein dankbares Gefühl
für seine Güte habe Trotzdem muss ich es leider aussprechen es fehlt mir
meinem Manne gegenüber jene hohe Freude der Unterordnung die doch unser
schönstes Glück ausmacht und so recht gleichbedeutend ist mit echter Liebe
Niemandem darf ich dergleichen sagen aber vor Ihnen Wilibald mein Herz
auszuschütten ist glaub ich mein schön menschliches Recht und vielleicht sogar
meine Pflicht«
    Schmidt nickte zustimmend und sprach dann ein einfaches »Ach Jenny« mit
einem Tone drin er den ganzen Schmerz eines verfehlten Lebens zum Ausdruck zu
bringen trachtete Was ihm auch gelang Er lauschte selber dem Klang und
beglückwünschte sich im stillen dass er sein Spiel so gut gespielt habe Jenny
trotz aller Klugheit war doch eitel genug an das »Ach« ihres ehemaligen
Anbeters zu glauben
    So gingen sie schweigend und anscheinend ihren Gefühlen hingegeben
nebeneinander her bis Schmidt die Notwendigkeit fühlte mit irgendeiner Frage
das Schweigen zu brechen Er entschied sich dabei für das alte Rettungsmittel
und lenkte das Gespräch auf die Kinder »Ja Jenny« hob er mit immer noch
verschleierter Stimme an »was versäumt ist ist versäumt Und wer fühlte das
tiefer als ich selbst Aber eine Frau wie Sie die das Leben begreift findet
auch im Leben selbst ihren Trost vor allem in der Freude täglicher
Pflichterfüllung Da sind in erster Reihe die Kinder ja schon ein Enkelkind
ist da wie Milch und Blut das liebe Lizzichen und das sind dann mein ich
die Hülfen daran Frauenherzen sich aufrichten müssen Und wenn ich auch Ihnen
gegenüber teure Freundin von einem eigentlichen Eheglücke nicht sprechen will
denn wir sind wohl einig in dem was Treibel ist und nicht ist so darf ich doch
sagen Sie sind eine glückliche Mutter Zwei Söhne sind Ihnen herangewachsen
gesund oder doch was man so gesund zu nennen pflegt von guter Bildung und
guten Sitten Und bedenken Sie was allein dies letzte heutzutage bedeuten will
Otto hat sich nach Neigung verheiratet und sein Herz einer schönen und reichen
Dame geschenkt die soviel ich weiß der Gegenstand allgemeiner Verehrung ist
und wenn ich recht berichtet bin so bereitet sich im Hause Treibel ein zweites
Verlöbnis vor und Helenens Schwester steht auf dem Punkte Leopolds Braut zu
werden«
    »Wer sagt das« fuhr jetzt Jenny heraus plötzlich aus dem sentimental
Schwärmerischen in den Ton ausgesprochenster Wirklichkeit verfallend »Wer sagt
das«
    Schmidt geriet diesem erregten Tone gegenüber in eine kleine Verlegenheit
Er hatte sich das so gedacht oder vielleicht auch mal etwas Ähnliches gehört und
stand nun ziemlich ratlos vor der Frage »wer sagt das« Zum Glück war es damit
nicht sonderlich ernstaft gemeint so wenig dass Jenny ohne eine Antwort
abgewartet zu haben mit großer Lebhaftigkeit fortfuhr »Sie können gar nicht
ahnen Freund wie mich das alles reizt Das ist so die seitens des Holzhofs
beliebte Art mir die Dinge über den Kopf wegzunehmen Sie lieber Schmidt
sprechen nach was Sie hören aber die die solche Dinge wie von ungefähr unter
die Leute bringen mit denen hab ich ernstlich ein Hühnchen zu pflücken Es ist
eine Insolenz Und Helene mag sich vorsehen«
    »Aber Jenny liebe Freundin Sie dürfen sich nicht so erregen Ich habe das
so hingesagt weil ich es als selbstverständlich annahm«
    »Als selbstverständlich« wiederholte Jenny spöttisch die während sie das
sagte die Mantille wieder abriss und dem Professor über den Arm warf »Als
selbstverständlich So weit also hat es der Holzhof schon gebracht dass die
nächsten Freunde solche Verlobung als eine Selbstverständlichkeit ansehen Es
ist aber keine Selbstverständlichkeit ganz im Gegenteil und wenn ich mir
vergegenwärtige dass Ottos alles besser wissende Frau neben ihrer Schwester
Hildegard ein bloßer Schatten sein soll  und ich glaub es gern denn sie war
schon als Backfisch von einer geradezu ridikülen Überheblichkeit  so muss ich
sagen ich habe an einer Hamburger Schwiegertochter aus dem Hause Munk gerade
genug«
    »Aber teuerste Freundin ich begreife Sie nicht Sie setzen mich in das
aufrichtigste Erstaunen Es ist doch kein Zweifel dass Helene eine schöne Frau
ist und von einer wenn ich mich so ausdrücken darf ganz aparten
Appetitlichkeit«
    Jenny lachte
    » Zum Anbeissen wenn Sie mir das Wort gestatten« fuhr Schmidt fort »und
von jenem eigentümlichen Charme den schon von alters her alles besitzt was
mit dem flüssigen Element in eine konstante Berührung kommt Vor allem aber ist
mir kein Zweifel darüber dass Otto seine Frau liebt um nicht zu sagen in sie
verliebt ist Und sie Freundin Ottos leibliche Mutter fechten gegen dies
Glück an und sind empört dies Glück in Ihrem Hause vielleicht verdoppelt zu
sehen Alle Männer sind abhängig von weiblicher Schönheit ich war es auch und
ich möchte beinah sagen dürfen ich bin es noch und wenn nun diese Hildegard
wie mir durchaus wahrscheinlich  denn die Nestkücken sehen immer am besten aus
 wenn diese Hildegard noch über Helenen hinauswächst so weiß ich nicht was
Sie gegen sie haben können Leopold ist ein guter Junge von vielleicht nicht
allzu feurigem Temperament aber ich denke mir dass er doch nichts dagegen haben
kann eine sehr hübsche Frau zu heiraten Sehr hübsch und reich dazu«
    »Leopold ist ein Kind und darf sich überhaupt nicht nach eigenem Willen
verheiraten am wenigsten aber nach dem Willen seiner Schwägerin Helene Das
fehlte noch das hieße denn doch abdanken und mich ins Altenteil setzen Und
wenn es sich noch um eine junge Dame handelte der gegenüber einen allenfalls
die Lust anwandeln könnte sich unterzuordnen also eine Freiin oder eine
wirkliche ich meine eine richtige Geheimeratstochter oder die Tochter eines
Oberhofpredigers Aber ein unbedeutendes Ding das nichts kennt als mit Ponies
nach Blankenese fahren und sich einbildet mit einem Goldfaden in der
Plattstichnadel eine Wirtschaft führen oder wohl gar Kinder erziehen zu können
und ganz ernstaft glaubt dass wir hierzulande nicht einmal eine Seezunge von
einem Steinbutt unterscheiden können und immer von Lobster spricht wo wir
Hummer sagen und CurryPowder und Soja wie höhere Geheimnisse behandelt  ein
solcher eingebildeter Quack lieber Wilibald das ist nichts für meinen Leopold
Leopold trotz allem was ihm fehlt soll höher hinaus Er ist nur einfach aber
er ist gut was doch auch einen Anspruch gibt Und deshalb soll er eine kluge
Frau haben eine wirklich kluge Wissen und Klugheit und überhaupt das Höhere 
darauf kommt es an Alles andere wiegt keinen Pfifferling Es ist ein Elend mit
den Äußerlichkeiten Glück Glück Ach Wilibald dass ich es in solcher Stunde
gerade vor Ihnen bekennen muss das Glück es ruht hier allein«
    Und dabei legte sie die Hand aufs Herz
Leopold und Korinna waren in einer Entfernung von etwa fünfzig Schritt gefolgt
und hatten ihr Gespräch in herkömmlicher Art geführt das heißt Korinna hatte
gesprochen Leopold war aber fest entschlossen auch zu Worte zu kommen wohl
oder übel Der quälende Druck der letzten Tage machte dass er vor dem was er
vorhatte nicht mehr so geängstigt stand wie früher  er musste sich eben Ruhe
schaffen Ein paarmal schon war er nahe daran gewesen eine wenigstens auf sein
Ziel überleitende Frage zu tun wenn er dann aber der Gestalt seiner stattlich
vor ihm dahinschreitenden Mutter ansichtig wurde gab ers wieder auf so dass er
schließlich den Vorschlag machte eine gerade vor ihnen liegende Waldlichtung in
schräger Linie zu passieren damit sie statt immer zu folgen auch mal an die
Tete kämen Er wusste zwar dass er in Folge dieses Manövers den Blick der Mama
vom Rücken oder von der Seite her haben würde aber etwas auf den Vogel Strauss
hin angelegt fand er doch eine Beruhigung in dem Gefühl die seinen Mut
beständig lähmende Mama nicht immer gerade vor Augen haben zu müssen Er konnte
sich über diesen eigentümlichen Nervenzustand keine rechte Rechenschaft geben
und entschied sich einfach für das was ihm von zwei Übeln als das kleinere
erschien
    Die Benutzung der Schräglinie war geglückt sie waren jetzt um ebensoviel
voraus als sie vorher zurück gewesen waren und ein Gleichgültigkeitsgespräch
fallenlassend das sich ziemlich gezwungen um die Spargelbeete von Halensee
samt ihrer Kultur und ihrer sanitären Bedeutung gedreht hatte nahm Leopold
einen plötzlichen Anlauf und sagte »Wissen Sie Korinna dass ich Grüße für Sie
habe«
    »Von wem«
    »Raten Sie«
    »Nun sagen wir von Mister Nelson«
    »Aber das geht doch nicht mit rechten Dingen zu das ist ja wie Hellseherei
nun können Sie auch noch Briefe lesen von denen Sie nicht einmal wissen dass
sie geschrieben wurden«
    »Ja Leopold dabei könnt ich Sie nun belassen und mich vor Ihnen als
Seherin etablieren Aber ich werde mich hüten Denn vor allem was so mystisch
und hypnotisch und geisterseherig ist haben gesunde Menschen bloß ein Grauen
Und ein Grauen einzuflößen ist nicht das was ich liebe Mir ist es lieber dass
mir die Herzen guter Menschen zufallen«
    »Ach Korinna das brauchen Sie sich doch nicht erst zu wünschen Ich kann
mir keinen Menschen denken dessen Herz Ihnen nicht zufiele Sie sollten nur
lesen was Mister Nelson über Sie geschrieben hat mit amusing fängt er an und
dann kommt charming und highspirited und mit fascinating schließt er ab Und
dann erst kommen die Grüße die sich nach allem was voraufgegangen beinahe
nüchtern und alltäglich ausnehmen Aber wie wussten Sie dass die Grüße von Mister
Nelson kämen«
    »Ein leichteres Rätsel ist mir nicht bald vorgekommen Ihr Papa teilte mit
Sie kämen erst später weil Sie nach Liverpool zu schreiben hätten Nun
Liverpool heißt Mister Nelson Und hat man erst Mister Nelson so gibt sich das
andere von selbst Ich glaube dass es mit aller Hellseherei ganz ähnlich liegt
Und sehen Sie Leopold mit derselben Leichtigkeit mit der ich in Mister
Nelsons Brief gelesen habe mit derselben Sicherheit lese ich zum Beispiel Ihre
Zukunft«
    Ein tiefes Aufatmen Leopolds war die Antwort und sein Herz hätte jubeln
mögen in einem Gefühl von Glück und Erlösung Denn wenn Korinna richtig las
und sie musste richtig lesen so war er allem Anfragen und allen damit
verknüpften Ängsten überhoben und sie sprach dann aus was er zu sagen noch
immer nicht den Mut finden konnte Wie beseligt nahm er ihre Hand und sagte
»Das können Sie nicht«
    »Ist es so schwer«
    »Nein Es ist eigentlich leicht Aber leicht oder schwer Korinna lassen
Sie michs hören Und ich will auch ehrlich sagen ob Sies getroffen haben oder
nicht Nur keine ferne Zukunft bloß die nächste allernächste«
    »Nun denn« hob Korinna schelmisch und hier und da mit besonderer Betonung
an »was ich sehe ist das zunächst ein schöner Septembertag und vor einem
schönen Hause halten viele schöne Kutschen und die vorderste mit einem
Perückenkutscher auf dem Bock und zwei Bedienten hinten das ist eine
Brautkutsche Der Strassendamm aber steht voller Menschen die die Braut sehen
wollen und nun kommt die Braut und neben ihr schreitet ihr Bräutigam und
dieser Bräutigam ist mein Freund Leopold Treibel Und nun fährt die
Brautkutsche während die anderen Wagen folgen an einem breiten breiten Wasser
hin «
    »Aber Korinna Sie werden doch unsere Spree zwischen Schleuse und
Jungfernbrücke nicht ein breites Wasser nennen wollen«
    » An einem breiten Wasser hin und hält endlich vor einer gotischen
Kirche«
    »Zwölf Apostel«
    »Und der Bräutigam steigt aus und bietet der Braut seinen Arm und so
schreitet das junge Paar der Kirche zu drin schon die Orgel spielt und die
Lichter brennen«
    »Und nun«
    »Und nun stehen sie vor dem Altar und nach dem Ringewechsel wird der Segen
gesprochen und ein Lied gesungen oder doch der letzte Vers Und nun geht es
wieder zurück an demselben breiten Wasser entlang aber nicht dem Stadtause
zu von dem sie ausgefahren waren sondern immer weiter ins Freie bis sie vor
einer KottageVilla halten«
    »Ja Korinna so soll es sein«
    »Bis sie vor einer Kottagevilla halten und vor einem Triumphbogen an dessen
oberster Wölbung ein Riesenkranz hängt und in dem Kranze leuchten die beiden
Anfangsbuchstaben L und H«
    »L und H«
    »Ja Leopold L und H Und wie könnte es auch anders sein Denn die
Brautkutsche kam ja von der Uhlenhorst her und fuhr die Alster entlang und
nachher die Elbe hinunter und nun halten sie vor der Munkschen Villa draußen in
Blankenese und L heißt Leopold und H heißt Hildegard«
    Einen Augenblick überkam es Leopold wie wirkliche Verstimmung Aber sich
rasch besinnend gab er der vorgeblichen Seherin einen kleinen Liebesklaps und
sagte »Sie sind immer dieselbe Korinna Und wenn der gute Nelson der der
beste Mensch und mein einziger Vertrauter ist wenn er dies alles gehört hätte
so würd er begeistert sein und von capital fun sprechen weil Sie mir so gnädig
die Schwester meiner Schwägerin zuwenden wollen«
    »Ich bin eben eine Prophetin« sagte Korinna
    »Prophetin« wiederholte Leopold »Aber diesmal eine falsche Hildegard ist
ein schönes Mädchen und Hunderte würden sich glücklich schätzen Aber Sie
wissen wie meine Mama zu dieser Frage steht sie leidet unter dem beständigen
Sichbesserdünken der dortigen Anverwandten und hat es wohl hundertmal
geschworen dass ihr eine Hamburger Schwiegertochter eine Repräsentantin aus dem
großen Hause TompsonMunk gerade genug sei Sie hat ganz ehrlich einen halben
Hass gegen die Munks und wenn ich mit Hildegard so vor sie hinträte so weiß ich
nicht was geschähe sie würde nein sagen und wir hätten eine furchtbare
Szene«
    »Wer weiß« sagte Korinna die jetzt das entscheidende Wort ganz nahe wusste
    » Sie würde nein sagen und immer wieder nein das ist so sicher wie Amen
in der Kirche« fuhr Leopold mit gehobener Stimme fort »Aber dieser Fall kann
sich gar nicht ereignen Ich werde nicht mit Hildegard vor sie hintreten und
werde statt dessen näher und besser wählen Ich weiß und Sie wissen es auch
das Bild das Sie da gemalt haben es war nur Scherz und Übermut und vor allem
wissen Sie wenn mir Armen überhaupt noch eine Triumphpforte gebaut werden soll
dass der Kranz der dann zu Häupten hängt einen ganz anderen Buchstaben als das
HildegardH in hundert und tausend Blumen tragen müsste Brauch ich zu sagen
welchen Ach Korinna ich kann ohne Sie nicht leben und diese Stunde muss über
mich entscheiden Und nun sagen Sie ja oder nein« Und unter diesen Worten nahm
er ihre Hand und bedeckte sie mit Küssen Denn sie gingen im Schutz einer
Haselnusshecke
    Korinna  nach Konfessions wie diese die Verlobung mit gutem Recht als ein
fait accompli betrachtend  nahm klugerweise von jeder weiteren
Auseinandersetzung Abstand und sagte nur kurzerhand »Aber eines Leopold
dürfen wir uns nicht verhehlen uns stehen noch schwere Kämpfe bevor Deine Mama
hat an einer Munk genug das leuchtet mir ein aber ob ihr eine Schmidt recht
ist ist noch sehr die Frage Sie hat zwar mitunter Andeutungen gemacht als ob
ich ein Ideal in ihren Augen wäre vielleicht weil ich das habe was dir fehlt
und vielleicht auch was Hildegard fehlt Ich sage vielleicht und kann dies
einschränkende Wort nicht genug betonen Denn die Liebe das seh ich klar ist
demütig und ich fühle wie meine Fehler von mir abfallen Es soll dies ja ein
Kennzeichen sein Ja Leopold ein Leben voll Glück und Liebe liegt vor uns
aber es hat deinen Mut und deine Festigkeit zur Voraussetzung und hier unter
diesem Waldesdom drin es geheimnisvoll rauscht und dämmert hier Leopold musst
du mir schwören ausharren zu wollen in deiner Liebe«
    Leopold beteuerte dass er nicht bloß wolle dass er es auch werde Denn wenn
die Liebe demütig und bescheiden mache was gewiss richtig sei so mache sie
sicherlich auch stark Wenn Korinna sich geändert habe er fühle sich auch ein
anderer »Und« so schloss er »das eine darf ich sagen ich habe nie große Worte
gemacht und Prahlereien werden mir auch meine Feinde nicht nachsagen aber
glaube mir mir schlägt das Herz so hoch so glücklich dass ich mir
Schwierigkeiten und Kämpfe beinah herbeiwünsche Mich drängt es dir zu zeigen
dass ich deiner wert bin«
    In diesem Augenblicke wurde die Mondsichel zwischen den Baumkronen sichtbar
und von Schloss Grunewald her vor dem das Quartett eben angekommen war klang es
über den See herüber
»Wenn nach dir ich oft vergebens
In die Nacht gesehen
Scheint der dunkle Strom des Lebens
Trauernd stillzustehn«
Und nun schwieg es oder der Abendwind der sich aufmachte trug die Töne nach
der anderen Seite hin
Eine Viertelstunde später hielt alles vor Paulsborn und nachdem man sich
daselbst wieder begrüßt und bei herumgereichtem Crême de Kacao Treibel selbst
machte die Honneurs eine kurze Rast genommen hatte brach man  die Wagen waren
von Halensee her gefolgt  nach einigen Minuten endgültig auf um die Rückfahrt
anzutreten Die Felgentreus nahmen bewegten Abschied von dem Quartett jetzt
lebhaft beklagend den von Treibel vorgeschlagenen Kremser abgelehnt zu haben
    Auch Leopold und Korinna trennten sich aber doch nicht eher als bis sie
sich im Schatten des hochstehenden Schilfes noch einmal fest und verschwiegen
die Hände gedrückt hatten
 
                                 Elftes Kapitel
Leopold als man zur Abfahrt sich anschickte musste sich mit einem Platz vorn
auf dem Bock des elterlichen Landauers begnügen was ihm alles in allem immer
noch lieber war als innerhalb des Wagens selbst en vue seiner Mutter zu
sitzen die doch vielleicht seis im Wald seis bei der kurzen Rast in
Paulsborn etwas bemerkt haben mochte Schmidt benutzte wieder den Vorortszug
während Korinna bei den Felgentreus mit einstieg Man placierte sie so gut es
ging zwischen das den Fond des Wagens redlich ausfüllende Ehepaar und weil sie
nach all dem Voraufgegangenen eine geringere Neigung zum Plaudern als sonst wohl
hatte so kam es ihr außerordentlich zupass sowohl Elfriede wie Blanca doppelt
redelustig und noch ganz voll und beglückt von dem Quartett zu finden Der
Jodler eine sehr gute Partie schien über die freilich nur in Zivil
erschienenen Sommerlieutenants einen entschiedenen Sieg davongetragen zu haben
Im übrigen ließ es sich die Felgentreus nicht nehmen in der Adlerstrasse
vorzufahren und ihren Gast daselbst abzusetzen Korinna bedankte sich herzlich
und stieg noch einmal grüßend erst die drei Steinstufen und gleich danach vom
Flur aus die alte Holztreppe hinauf
    Sie hatte den Drücker zum Entree nicht mitgenommen und so blieb ihr nichts
anderes übrig als zu klingeln was sie nicht gerne tat Alsbald erschien denn
auch die Schmolke die die Abwesenheit der »Herrschaft« wie sie mitunter mit
Betonung sagte dazu benutzt hatte sich ein bisschen sonntäglich herauszuputzen
Das Auffallendste war wieder die Haube deren Rüschen eben aus dem Tolleisen zu
kommen schienen
    »Aber liebe Schmolke« sagte Korinna während sie die Tür wieder ins Schloss
zog »was ist denn los Ist Geburtstag Aber nein den kenn ich ja Oder
seiner«
    »Nein« sagte die Schmolke »seiner is auch nich Und da werd ich auch nicht
solchen Schlips umbinden und solch Band«
    »Aber wenn kein Geburtstag ist was ist dann«
    »Nichts Korinna Muss denn immer was sein wenn man sich mal ordentlich
macht Sieh du hast gut reden du sitzt jeden Tag den Gott werden lässt eine
halbe Stunde vorm Spiegel und mitunter auch noch länger und brennst dir dein
Wuschelhaar«
    »Aber liebe Schmolke«
    »Ja Korinna du denkst ich seh es nicht Aber ich sehe alles und seh noch
viel mehr Und ich kann dir auch sagen Schmolke sagte mal er fänd es
eigentlich hübsch solch Wuschelhaar«
    »Aber war denn Schmolke so«
    »Nein Korinna Schmolke war nich so Schmolke war ein sehr anständiger
Mann und wenn man so was Sonderbares und eigentlich Unrechtes sagen darf er
war beinah zu anständig Aber nun gib erst deinen Hut und deine Mantille Gott
Kind wie sieht denn das alles aus Is denn solch furchtbarer Staub Un noch ein
Glück dass es nich gedrippelt hat denn is der Samt hin Un soviel hat ein
Professor auch nich un wenn er auch nich geradezu klagt Seide spinnen kann er
nich«
    »Nein nein« lachte Korinna
    »Nu höre Korinna da lachst du nu wieder Das ist aber gar nicht zum
Lachen Der Alte quält sich genug und wenn er so die Bündel ins Haus kriegt und
die Strippe mitunter nich ausreicht so viele sind es denn tut es mir mitunter
ordentlich weh hier Denn Papa is ein sehr guter Mann und seine Sechzig drücken
ihn nu doch auch schon ein bisschen Er will es freilich nich wahrhaben und tut
immer noch so wie wenn er zwanzig wäre Ja hat sich was Un neulich ist er von
der Pferdebahn runtergesprungen un ich muss auch gerade dazukommen na ich
dachte doch gleich der Schlag soll mich rühren Aber nu sage Korinna was
soll ich dir bringen Oder hast du schon gegessen und bist froh wenn du nichts
siehst«
    »Nein ich habe nichts gegessen Oder doch so gut wie nichts die Zwiebacke
die man kriegt sind immer so alt Und dann in Paulsborn einen kleinen süßen
Likör Das kann man doch nicht rechnen Aber ich habe auch keinen rechten
Appetit und der Kopf ist mir so benommen ich werde am Ende krank«
    »Ach dummes Zeug Korinna Das ist auch eine von deinen Nücken wenn du mal
Ohrensausen hast oder ein bisschen heiße Stirn dann redest du immer gleich von
Nervenfieber Un das is eigentlich gottlos denn man muss den Teufel nich an die
Wand malen Es wird wohl ein bisschen feucht gewesen sein ein bisschen neblig und
Abenddunst«
    »Ja neblig war es gerade wie wir neben dem Schilf standen und der See war
eigentlich gar nicht mehr zu sehen Davon wird es wohl sein Aber der Kopf ist
mir wirklich benommen und ich möchte zu Bett gehen und mich einmummeln Und
dann mag ich auch nicht mehr sprechen wenn Papa nach Hause kommt Und wer weiß
wann und ob es nicht zu spät wird«
    »Warum ist er denn nich gleich mitgekommen«
    »Er wollte nicht und hat ja auch seinen Abend heut Ich glaube bei Kuhs Und
da sitzen sie meist lange weil sich die Kälber mit einmischen Aber mit Ihnen
liebe gute Schmolke möchte ich wohl noch eine halbe Stunde plaudern Sie haben
ja immer so was Herzliches«
    »Ach rede doch nich Korinna Wovon soll ich denn was Herzliches haben
Oder eigentlich wovon soll ich denn was Herzliches nich haben Du warst ja noch
so als ich ins Haus kam«
    »Nun also was Herzliches oder auch nicht was Herzliches« sagte Korinna
»gefallen wird es mir schon Und wenn ich liege liebe Schmolke dann bringen
Sie mir meinen Tee ans Bett die kleine Meissner Kanne und die andere kleine
Kanne die nehmen Sie sich und bloß ein paar Teebrötchen recht dünn
geschnitten und nicht zuviel Butter Denn ich muss mich mit meinem Magen in acht
nehmen sonst wird es gastrisch und man liegt sechs Wochen«
    »Is schon gut« lachte die Schmolke und ging in die Küche um den Kessel
noch wieder in die Glut zu setzen Denn heißes Wasser war immer da und es
bullerte nur noch nicht
    Eine Viertelstunde später trat die Schmolke wieder ein und fand ihren
Liebling schon im Bette Korinna saß mehr auf als sie lag und empfing die
Schmolke mit der trostreichen Versicherung »es sei ihr schon viel besser« was
man so immer zum Lobe der Bettwärme sage das sei doch wahr und sie glaube
jetzt beinahe dass sie noch mal durchkommen und alles glücklich überstehen
werde
    »Glaub ich auch« sagte die Schmolke während sie das Tablett auf den
kleinen am Kopfende stehenden Tisch setzte »Nun Korinna von welchem soll ich
dir einschenken Der hier mit der abgebrochenen Tülle hat länger gezogen und
ich weiß du hast ihn gern stark und bitterlich so dass er schon ein bisschen
nach Tinte schmeckt«
    »Versteht sich ich will von dem starken Und dann ordentlich Zucker aber
ganz wenig Milch Milch macht immer gastrisch«
    »Gott Korinna lass doch das Gastrische Du liegst da wie ein Borsdorfer
Apfel und redst immer als ob dir der Tod schon um die Nase säße Nein
Korinnchen so schnell geht es nich Un nu nimm dir ein Teebrötchen Ich habe
sie so dünn geschnitten wies nur gehen wollte«
    »Das ist recht Aber da haben Sie ja eine Schinkenstulle mit reingebracht«
    »Für mich Korinnchen Ich will doch auch was essen«
    »Ach liebe Schmolke da möcht ich mich aber doch zu Gaste laden Die
Teebrötchen sehen ja nach gar nichts aus und die Schinkenstulle lacht einen
ordentlich an Und alles schon so appetitlich durchgeschnitten Nun merk ich
erst dass ich eigentlich hungrig bin Geben Sie mir ein Schnittchen ab wenn es
Ihnen nicht sauer wird«
    »Wie du nur redest Korinna Wie kann es mir denn sauer werden Ich führe ja
bloß die Wirtschaft und bin bloß eine Dienerin«
    »Ein Glück dass Papa das nicht hört Sie wissen doch das kann er nicht
leiden dass Sie so von Dienerin reden und er nennt es eine falsche
Bescheidenheit«
    »Ja ja so sagt er Aber Schmolke der auch ein ganz kluger Mann war wenn
er auch nicht studiert hatte der sagte immer höre Rosalie Bescheidenheit ist
gut und eine falsche Bescheidenheit denn die Bescheidenheit ist eigentlich
immer falsch ist immer noch besser als gar keine«
    »Hm« sagte Korinna die sich etwas getroffen fühlte »das lässt sich hören
Überhaupt liebe Schmolke Ihr Schmolke muss eigentlich ein ausgezeichneter Mann
gewesen sein Und Sie sagten ja auch vorhin schon er habe so etwas Anständiges
gehabt und beinah zu anständig Sehen Sie so was höre ich gern und ich möchte
mir wohl etwas dabei denken können Worin war er denn nun eigentlich so sehr
anständig Und dann er war ja doch bei der Polizei Nun offen gestanden ich
bin zwar froh dass wir eine Polizei haben und freue mich immer über jeden
Schutzmann an den ich herantreten und den ich nach dem Weg fragen und um
Auskunft bitten kann und das muss wahr sein alle sind artig und manierlich
wenigstens hab ich es immer so gefunden Aber das von der Anständigkeit und von
zu anständig«
    »Ja liebe Korinna das is schon richtig Aber da sind ja
Unterschiedlichkeiten und was sie Abteilungen nennen Und Schmolke war bei
solcher Abteilung«
    »Natürlich Er kann doch nicht überall gewesen sein«
    »Nein nicht überall Und er war gerade bei der allerschwersten die für den
Anstand und die gute Sitte zu sorgen hat«
    »Und so was gibt es«
    »Ja Korinna so was gibt es und muss es auch geben Und wenn nu  was ja
doch vorkommt und auch bei Frauen und Mädchen vorkommt wie du ja wohl gesehen
und gehört haben wirst denn Berliner Kinder sehen und hören alles  wenn nu
solch armes und unglückliches Geschöpf denn manche sind wirklich bloß arm und
unglücklich etwas gegen den Anstand und die gute Sitte tut dann wird sie
vernommen und bestraft Und da wo die Vernehmung is da gerade saß Schmolke«
    »Merkwürdig Aber davon haben Sie mir ja noch nie was erzählt Und Schmolke
sagen Sie war mit dabei Wirklich sehr sonderbar Und Sie meinen dass er
gerade deshalb so sehr anständig und so solide war«
    »Ja Korinna das mein ich«
    »Nun wenn Sies sagen liebe Schmolke so will ich es glauben Aber ist es
nicht eigentlich zum Verwundern Denn Ihr Schmolke war ja damals noch jung oder
so ein Mann in seinen besten Jahren Und viele von unserem Geschlecht und
gerade solche sind ja doch oft bildhübsch Und da sitzt nun einer wie Schmolke
da gesessen und muss immer streng und ehrbar aussehen bloß weil er da zufällig
sitzt Ich kann mir nicht helfen ich finde das schwer Denn das ist ja gerade
so wie der Versucher in der Wüste Dies alles schenke ich dir«
    Die Schmolke seufzte »Ja Korinna dass ich es dir offen gestehe ich habe
auch manchmal geweint und mein furchtbares Reissen hier gerad im Nacken das is
noch von der Zeit her Und zwischen das zweite und dritte Jahr dass wir
verheiratet waren da hab ich beinah elf Pfund abgenommen und wenn wir damals
schon die vielen Wiegewaagen gehabt hätten da wär es wohl eigentlich noch mehr
gewesen denn als ich zu s Wiegen kam da setzte ich schon wieder an«
    »Arme Frau« sagte Korinna »Ja das müssen schwere Tage gewesen sein Aber
wie kamen Sie denn darüber hin Und wenn Sie wieder ansetzten so muss doch so
was von Trost und Beruhigung gewesen sein«
    »War auch Korinnchen Und weil du ja nu alles weißt will ich dir auch
erzählen wies kam un wie ich meine Ruhe wieder kriegte Denn ich kann dir
sagen es war schlimm und ich habe mitunter viele Wochen lang kein Auge
zugetan Na zuletzt schläft man doch ein bisschen die Natur will es und is auch
zuletzt noch stärker als die Eifersucht Aber Eifersucht ist sehr stark viel
stärker als Liebe Mit Liebe is es nich so schlimm Aber was ich sagen wollte
wie ich nu so ganz runter war und man bloß noch so hing un bloß noch so viel
Kraft hatte dass ich ihm doch sein Hammelfleisch un seine Bohnen vorsetzen
konnte das heißt geschnitzelte mocht er nich un sagte immer sie schmeckten
nach Messer da sah er doch wohl dass er mal mit mir reden müsse Denn ich redte
nich dazu war ich viel zu stolz Also er wollte reden mit mir und als es nu
soweit war und er die Gelegenheit auch ganz gut abgepasst hatte nahm er einen
kleinen vierbeinigen Schemel der sonst immer in der Küche stand un is mir als
ob es gestern gewesen wäre un rückte den Schemel zu mir ran und sagte Rosalie
nu sage mal was hast du denn eigentlich«
    Um Korinnas Mund verlor sich jeder Ausdruck von Spott sie schob das Tablett
etwas beiseite stützte sich während sie sich aufrichtete mit dem rechten Arm
auf den Tisch und sagte »Nun weiter liebe Schmolke«
    »Also was hast du eigentlich sagte er zu mir Na da stürzten mir denn die
Tränen man so pimperlings raus und ich sagte Schmolke Schmolke und dabei sah
ich ihn an als ob ich ihn ergründen wollte Un ich kann wohl sagen es war ein
scharfer Blick aber doch immer noch freundlich Denn ich liebte ihn Und da sah
ich dass er ganz ruhig blieb un sich gar nicht verfärbte Un dann nahm er meine
Hand streichelte sie ganz zärtlich un sagte Rosalie das is alles Unsinn
Davon verstehst du nichts Davon verstehst du nichts weil du nicht in der Sitte
bist Denn ich sage dir wer da so tagaus tagein in der Sitte sitzen muss dem
vergeht es dem stehen die Haare zu Berge über all das Elend und all den Jammer
und wenn dann welche kommen die nebenher auch noch ganz verhungert sind was
auch vorkommt und wo wir ganz genau wissen da sitzen nu die Eltern zu Hause un
grämen sich Tag und Nacht über die Schande weil sie das arme Wurm das mitunter
sehr merkwürdig dazu gekommen ist immer noch liebhaben und helfen und retten
möchten wenn zu helfen und zu retten noch menschenmöglich wäre  ich sage dir
Rosalie wenn man das jeden Tag sehen muss un man hat ein Herz im Leibe un hat
bei s erste Garderegiment gedient un is für Proppertät und Strammheit und
Gesundheit na ich sage dir denn is es mit Verführung un all so was vorbei un
man möchte rausgehn und weinen un ein paarmal hab ichs auch alter Kerl der
ich bin und von Karessieren und »Fräuleinchen« steht nichts mehr drin un man
geht nach Hause und is froh wenn man sein Hammelfleisch kriegt un eine
ordentliche Frau hat die Rosalie heißt Bist du nu zufrieden Rosalie Un dabei
gab er mir einen Kuss«
    Die Schmolke der bei der Erzählung wieder ganz weh ums Herz geworden war
ging an Korinnas Schrank um sich ein Taschentuch zu holen Und als sie sich nun
wieder zurechtgemacht hatte so dass ihr die Worte nicht mehr in der Kehle
blieben nahm sie Korinnas Hand und sagte »Sieh so war Schmolke Was sagst du
dazu«
    »Ein sehr anständiger Mann«
    »Na ob«
In diesem Augenblicke hörte man die Klingel »Der Papa« sagte Korinna und die
Schmolke stand auf um dem Herrn Professor zu öffnen Sie war auch bald wieder
zurück und erzählte dass sich der Papa nur gewundert habe Korinnchen nicht mehr
zu finden was denn passiert sei Wegen ein bisschen Kopfweh gehe man doch nicht
gleich zu Bett Und dann habe er sich seine Pfeife angesteckt und die Zeitung in
die Hand genommen und habe dabei gesagt »Gott sei Dank liebe Schmolke dass ich
wieder da bin alle Gesellschaften sind Unsinn diesen Satz vermache ich Ihnen
auf Lebenszeit« Er habe aber ganz fidel dabei ausgesehen und sie sei
überzeugt dass er sich eigentlich sehr gut amüsiert habe Denn er habe den
Fehler den so viele hätten und die Schmidts voran sie redten über alles und
wüssten alles besser »Ja Korinnchen in diesem Belange bist du auch ganz
Schmidtsch«
    Korinna gab der guten Alten die Hand und sagte »Sie werden wohl recht
haben liebe Schmolke und es ist ganz gut dass Sie mirs sagen Wenn Sie nicht
gewesen wären wer hätte mir denn überhaupt was gesagt Keiner Ich bin ja wie
wild aufgewachsen und ist eigentlich zu verwundern dass ich nicht noch
schlimmer geworden bin als ich bin Papa ist ein guter Professor aber kein
guter Erzieher und dann war er immer zu sehr von mir eingenommen und sagte das
Schmidtsche hilft sich selbst oder es wird schon zum Durchbruch kommen«
    »Ja so was sagt er immer Aber mitunter ist eine Maulschelle besser«
    »Um Gottes willen liebe Schmolke sagen Sie doch so was nicht Das ängstigt
mich«
    »Ach du bist närrisch Korinna Was soll dich denn ängstigen Du bist ja
nun eine große forsche Person und hast die Kinderschuhe längst ausgetreten und
könntest schon sechs Jahre verheiratet sein«
    »Ja« sagte Korinna »das könnt ich wenn mich wer gewollt hätte Aber
dummerweise hat mich noch keiner gewollt Und da habe ich denn für mich selber
sorgen müssen«
    Die Schmolke glaubte nicht recht gehört zu haben und sagte »Du hast für
dich selber sorgen müssen Was meinst du damit was soll das heißen«
    »Es soll heißen liebe Schmolke dass ich mich heut abend verlobt habe«
    »Himmlischer Vater is es möglich Aber sei nich böse dass ich mich so
verfiere Denn es is ja doch eigentlich was Gutes Na mit wem denn«
    »Rate«
    »Mit Marcell«
    »Nein mit Marcell nicht«
    »Mit Marcell nich Ja Korinna dann weiß ich es nich und will es auch nich
wissen Bloß wissen muss ich es am Ende doch Wer is es denn«
    »Leopold Treibel«
    »Herr du meine Güte«
    »Findest dus so schlimm Hast du was dagegen«
    »I bewahre wie werd ich denn Un würde sich auch gar nich vor mir passen
Un denn die Treibels die sind alle gut un sehr proppre Leute der alte
Kommerzienrat voran der immer so spassig is und immer sagt Je später der Abend
je schöner die Leute un noch fufzig Jahre so wie heut und so was Und der
älteste Sohn is auch sehr gut und Leopold auch Ein bisschen spitzer das is
wahr aber heiraten is ja nich bei Renz in n Zirkus Und Schmolke sagte oft
Höre Rosalie das lass gut sein so was täuscht da kann man sich irren die
Dünnen un die so schwach aussehn die sind oft gar nich so schwach Ja Korinna
die Treibels sind gut un bloß die Mama die Kommerzienrätin ja höre da kann
ich mir nich helfen die Rätin die hat so was was mir nich recht passt un
ziert sich immer un tut so un wenn was Weinerliches erzählt wird von einem
Pudel der ein Kind aus dem Kanal gezogen oder wenn der Professor was
vorpredigt un mit seiner Bassstimme so vor sich hin brummelt Wie der
Unsterbliche sagt un dann kommt immer ein Name den kein Christenmensch
kennt un die Kommerzienrätin woll auch nich  dann hat sie gleich immer ihre
Träne un sind immer wie Stehtränen die gar nich runter wolln«
    »Dass sie so weinen kann ist aber doch eigentlich was Gutes liebe
Schmolke«
    »Ja bei manchem is es was Gutes un zeigt ein weiches Herz Un ich will auch
weiter nichts sagen un lieber an meine eigne Brust schlagen un muss auch denn
mir sitzen sie auch man lose Gott wenn ich daran denke wie Schmolke noch
lebte na da war vieles anders un Billetter für den dritten Rang hatte
Schmolke jeden Tag un mitunter auch für den zweiten Un da machte ich mich denn
fein Korinna denn ich war damals noch keine dreißig un noch ganz gut im
Stande Gott Kind wenn ich daran denke Da war damals eine die hieß die
Erhartten die nachher einen Grafen geheiratet Ach Korinnchen da hab ich auch
manche schöne Träne vergossen Ich sage schöne Träne denn es erleichtert einen
Un in Maria Stuart war es am meisten Da war denn doch eine Schnauberei dass man
gar nichts mehr verstehen konnte das heißt aber bloß ganz zuletzt wie sie von
all ihre Dienerinnen und von ihrer alten Amme Abschied nimmt alle ganz schwarz
un sie selber immer mit s Kreuz ganz wie ne Katolsche Aber die Erhartten
war keine Un wenn ich mir das alles wieder so denke un wie ich da aus der Träne
gar nich rausgekommen bin da kann ich auch gegen die Kommerzienrätin eigentlich
nichts sagen«
    Korinna seufzte halb im Scherz und halb im Ernst
    »Warum seufzt du Korinna«
    »Ja warum seufze ich liebe Schmolke Ich seufze weil ich glaube dass Sie
recht haben und dass sich gegen die Rätin eigentlich nichts sagen lässt bloß weil
sie so leicht weint oder immer einen Flimmer im Auge hat Gott den hat mancher
Aber die Rätin ist freilich eine ganz eigene Frau und ich trau ihr nicht und
der arme Leopold hat eigentlich eine große Furcht vor ihr und weiß auch noch
nicht wie er da heraus will Es wird eben noch allerlei harte Kämpfe geben
Aber ich lass es darauf ankommen und halt ihn fest und wenn meine
Schwiegermutter gegen mich ist so schadt es am Ende nicht allzuviel Die
Schwiegermütter sind eigentlich immer dagegen und jede denkt ihr Püppchen ist
zu schade Na wir werden ja sehen ich habe sein Wort und das andere muss sich
finden«
    »Das ist recht Korinna halt ihn fest Eigentlich hab ich ja einen Schreck
gekriegt und glaube mir Marcell wäre besser gewesen denn ihr passt zusammen
Aber das sag ich so bloß zu dir Un da du nu mal den Treibelschen hast na so
hast du n un da hilft kein Prätzelbacken un er muss stillhalten und die Alte
auch Ja die Alte erst recht Der gönn ichs«
    Korinna nickte
    »Un nu schlafe Kind Ausschlafen is immer gut denn man kann nie wissen
wies kommt un wie man den andern Tag seine Kräfte braucht«
 
                                Zwölftes Kapitel
Ziemlich um dieselbe Zeit wo der Felgentreusche Wagen in der Adlerstrasse hielt
um Korinna daselbst abzusetzen hielt auch der Treibelsche Wagen vor der
kommerzienrätlichen Wohnung und die Rätin samt ihrem Sohne Leopold stiegen aus
während der alte Treibel auf seinem Platze blieb und das junge Paar  das wieder
die Pferde geschont hatte  die Köpnicker Straße hinunter bis an den »Holzhof«
begleitete Von dort aus nach einem herzhaften Schmatz denn er spielte gern
den zärtlichen Schwiegervater ließ er sich zu Buggenhagens fahren wo
Parteiversammlung war Er wollte doch mal wieder sehen wies stünde und wenn
nötig auch zeigen dass ihn die Korrespondenz in der »Nationalzeitung« nicht
niedergeschmettert habe
    Die Kommerzienrätin die für gewöhnlich die politischen Gänge Treibels
belächelte wenn nicht beargwohnte  was auch vorkam  heute segnete sie
Buggenhagen und war froh ein paar Stunden allein sein zu können Der Gang mit
Wilibald hatte so vieles wieder in ihr angeregt Die Gewissheit sich verstanden
zu sehen  es war doch eigentlich das Höhere »Viele beneiden mich aber was hab
ich am Ende Stuck und Goldleisten und die Honig mit ihrem sauersüssen Gesicht
Treibel ist gut besonders auch gegen mich aber die Prosa lastet bleischwer auf
ihm und wenn er es nicht empfindet ich empfinde es Und dabei
Kommerzienrätin und immer wieder Kommerzienrätin Es geht nun schon in das
zehnte Jahr und er rückt nicht höher hinauf trotz aller Anstrengungen Und
wenn es so bleibt und es wird so bleiben so weiß ich wirklich nicht ob nicht
das andere das auf Kunst und Wissenschaft deutet doch einen feineren Klang
hat Ja den hat es Und mit den ewigen guten Verhältnissen Ich kann doch
auch nur eine Tasse Kaffee trinken und wenn ich mich zu Bett lege so kommt es
darauf an dass ich schlafe Birkenmaser oder Nussbaum macht keinen Unterschied
aber Schlaf oder Nichtschlaf das macht einen und mitunter flieht mich der
Schlaf der des Lebens Bestes ist weil er uns das Leben vergessen lässt Und
auch die Kinder wären anders Wenn ich die Korinna ansehe das sprüht alles von
Lust und Leben und wenn sie bloß so macht so steckt sie meine beiden Jungen in
die Tasche Mit Otto ist nicht viel und mit Leopold ist gar nichts«
    Jenny während sie sich in süße Selbsttäuschungen wie diese versenkte trat
ans Fenster und sah abwechselnd auf den Vorgarten und die Straße Drüben im
Hause gegenüber hoch oben in der offenen Mansarde stand wie ein Schattenriss
in hellem Licht eine Plätterin die mit sicherer Hand über das Plättbrett
hinfuhr  ja es war ihr als höre sie das Mädchen singen Der Kommerzienrätin
Auge mochte von dem anmutigen Bilde nicht lassen und etwas wie wirklicher Neid
überkam sie
    Sie sah erst fort als sie bemerkte dass hinter ihr die Tür ging Es war
Friedrich der den Tee brachte »Setzen Sie hin Friedrich und sagen Sie
Fräulein Honig es wäre nicht nötig«
    »Sehr wohl Frau Kommerzienrätin Aber hier ist ein Brief«
    »Ein Brief« fuhr die Rätin heraus »Von wem«
    »Vom jungen Herrn«
    »Von Leopold«
    »Ja Frau Kommerzienrätin Und es wäre Antwort«
    »Brief Antwort Er ist nicht recht gescheit« und die Kommerzienrätin
riss das Kouvert auf und überflog den Inhalt »Liebe Mama Wenn es Dir irgend
passt ich möchte heute noch eine kurze Unterredung mit Dir haben Lass mich durch
Friedrich wissen ja oder nein Dein Leopold«
    Jenny war derart betroffen dass ihre sentimentalen Anwandlungen auf der
Stelle hinschwanden So viel stand fest dass das alles nur etwas sehr Fatales
bedeuten konnte Sie raffte sich aber zusammen und sagte »Sagen Sie Leopold
dass ich ihn erwarte«
    Das Zimmer Leopolds lag über dem ihrigen sie hörte deutlich dass er rasch
hin und her ging und ein paar Schubkästen mit einer ihm sonst nicht eigenen
Lauteit zuschob Und gleich danach wenn nicht alles täuschte vernahm sie
seinen Schritt auf der Treppe
    Sie hatte recht gehört und nun trat er ein und wollte sie stand noch in
der Nähe des Fensters durch die ganze Länge des Zimmers auf sie zuschreiten um
ihr die Hand zu küssen der Blick aber mit dem sie ihm begegnete hatte etwas
so Abwehrendes dass er stehenblieb und sich verbeugte
    »Was bedeutet das Leopold Es ist jetzt zehn also nachtschlafende Zeit
und da schreibst du mir ein Billet und willst mich sprechen Es ist mir neu dass
du was auf der Seele hast was keinen Aufschub bis morgen früh duldet Was hast
du vor Was willst du«
    »Mich verheiraten Mutter Ich habe mich verlobt«
    Die Kommerzienrätin fuhr zurück und ein Glück war es dass das Fenster an
dem sie stand ihr eine Lehne gab Auf viel Gutes hatte sie nicht gerechnet
aber eine Verlobung über ihren Kopf weg das war doch mehr als sie gefürchtet
War es eine der Felgentreus Sie hielt beide für dumme Dinger und die ganze
Felgentreuerei für erheblich unterm Stand er der Alte war Lageraufseher in
einem großen Ledergeschäft gewesen und hatte schließlich die hübsche
Wirtschaftsmamsell des Prinzipals eines mit seiner weiblichen Umgebung oft
wechselnden Witwers geheiratet So hatte die Sache begonnen und ließ in ihren
Augen viel zu wünschen übrig Aber verglichen mit den Munks war es noch lange
das Schlimmste nicht und so sagte sie denn »Elfriede oder Blanca«
    »Keine von beiden«
    »Also«
    »Korinna«
    Das war zuviel Jenny kam in ein halb ohnmächtiges Schwanken und sie wäre
angesichts ihres Sohnes zu Boden gefallen wenn sie der schnell Herzuspringende
nicht aufgefangen hätte Sie war nicht leicht zu halten und noch weniger leicht
zu tragen aber der arme Leopold den die ganze Situation über sich selbst
hinaushob bewährte sich auch physisch und trug die Mama bis ans Sofa Danach
wollte er auf den Knopf der elektrischen Klingel drücken Jenny war aber wie
die meisten ohnmächtigen Frauen doch nicht ohnmächtig genug um nicht genau zu
wissen was um sie her vorging und so fasste sie denn seine Hand zum Zeichen
dass das Klingeln zu unterbleiben habe
    Sie erholte sich auch rasch wieder griff nach dem vor ihr stehenden Flakon
mit Kölnischem Wasser und sagte nachdem sie sich die Stirn damit betupft hatte
»Also mit Korinna«
    »Ja Mutter«
    »Und alles nicht bloß zum Spaß Sondern um euch wirklich zu heiraten«
    »Ja Mutter«
    »Und hier in Berlin und in der Luisenstädtschen Kirche darin dein guter
braver Vater und ich getraut wurden«
    »Ja Mutter«
    »Ja Mutter und immer wieder ja Mutter Es klingt als ob du nach Kommando
sprächst und als ob dir Korinna gesagt hätte sage nur immer Ja Mutter Nun
Leopold wenn es so ist so können wir beide unsere Rollen rasch auswendig
lernen Du sagst in einem fort ja Mutter und ich sage in einem fort nein
Leopold Und dann wollen wir sehen was länger vorhält dein Ja oder mein Nein«
    »Ich finde dass du es dir etwas leicht machst Mama«
    »Nicht dass ich wüsste Wenn es aber so sein sollte so bin ich bloß deine
gelehrige Schülerin Jedenfalls ist es ein Operieren ohne Umschweife wenn ein
Sohn vor seine Mutter hintritt und ihr kurzweg erklärt Ich habe mich verlobt
So geht das nicht in guten Häusern Das mag beim Theater so sein oder vielleicht
auch bei Kunst und Wissenschaft worin die kluge Korinna ja grossgezogen ist und
einige sagen sogar dass sie dem Alten die Hefte korrigiert Aber wie dem auch
sein möge bei Kunst und Wissenschaft mag das gehen meinetwegen und wenn sie
den alten Professor ihren Vater übrigens ein Ehrenmann auch ihrerseits mit
einem ich habe mich verlobt überrascht haben sollte nun so mag der sich
freuen er hat auch Grund dazu denn die Treibels wachsen nicht auf den Bäumen
und können nicht von jedem der vorbeigeht heruntergeschüttelt werden Aber
ich ich freue mich nicht und verbiete dir diese Verlobung Du hast wieder
gezeigt wie ganz unreif du bist ja dass ich es ausspreche Leopold wie
knabenhaft«
    »Liebe Mama wenn du mich etwas mehr schonen könntest«
    »Schonen Hast du mich geschont als du dich auf diesen Unsinn einliessest
Du hast dich verlobt sagst du Wem willst du das weismachen Sie hat sich
verlobt und du bist bloß verlobt worden Sie spielt mit dir und anstatt dir
das zu verbitten küssest du ihr die Hand und lässest dich einfangen wie die
Gimpel Nun ich hab es nicht hindern können aber das Weitere das kann ich
hindern und werde es hindern Verlobt euch soviel ihr wollt aber wenn ich
bitten darf im Verschwiegenen und Verborgenen an ein Heraustreten damit ist
nicht zu denken Anzeigen erfolgen nicht und wenn du deinerseits Anzeigen
machen willst so magst du die Gratulationen in einem Hôtel garni in Empfang
nehmen In meinem Hause nicht In meinem Hause existiert keine Verlobung und
keine Korinna Damit ist es vorbei Das alte Lied vom Undank erfahr ich nun an
mir selbst und muss erkennen dass man unklug daran tut Personen zu verwöhnen und
gesellschaftlich zu sich heraufzuziehen Und mit dir steht es nicht besser Auch
du hättest mir diesen Gram ersparen können und diesen Skandal Dass du verführt
bist entschuldigt dich nur halb Und nun kennst du meinen Willen und ich darf
wohl sagen auch deines Vaters Willen denn soviel Torheiten er begeht in den
Fragen wo die Ehre seines Hauses auf dem Spiele steht ist Verlass auf ihn Und
nun geh Leopold und schlafe wenn du schlafen kannst Ein gut Gewissen ist ein
gutes Ruhekissen«
    Leopold biss sich auf die Lippen und lächelte verbittert vor sich hin
    » Und bei dem was du vielleicht vorhast  denn du lächelst und stehst so
trotzig da wie ich dich noch gar nicht gesehen habe was auch bloß der fremde
Geist und Einfluss ist  bei dem was du vielleicht vorhast Leopold vergiss
nicht dass der Segen der Eltern den Kindern Häuser baut Wenn ich dir raten
kann sei klug und bringe dich nicht um einer gefährlichen Person und einer
flüchtigen Laune willen um die Fundamente die das Leben tragen und ohne die es
kein rechtes Glück gibt«
Leopold der sich zu seinem eigenen Erstaunen all die Zeit über durchaus nicht
niedergeschmettert gefühlt hatte schien einen Augenblick antworten zu wollen
ein Blick auf die Mutter aber deren Erregung während sie sprach nur immer
noch gewachsen war ließ ihn erkennen dass jedes Wort die Schwierigkeit der Lage
bloß steigern würde so verbeugte er sich denn ruhig und verließ das Zimmer
    Er war kaum hinaus als sich die Kommerzienrätin von ihrem Sofaplatz erhob
und über den Teppich hin auf und ab zu gehen begann Jedesmal wenn sie wieder
in die Nähe des Fensters kam blieb sie stehen und sah nach der Mansarde und der
immer noch in vollem Lichte dastehenden Plätterin hinüber bis ihr Blick sich
wieder senkte und dem bunten Treiben der vor ihr liegenden Straße zuwandte
Hier in ihrem Vorgarten den linken Arm von innen her auf die Gitterstäbe
gestützt stand ihr Hausmädchen eine hübsche Blondine die mit Rücksicht auf
Leopolds »mores« beinahe nicht engagiert worden wäre und sprach lebhaft und
unter Lachen mit einem draußen auf dem Trottoir stehenden »Cousin« zog sich
aber zurück als der eben von Buggenhagen kommende Kommerzienrat in einer
Droschke vorfuhr und auf seine Villa zuschritt Treibel einen Blick auf die
Fensterreihe werfend sah sofort dass nur noch in seiner Frau Zimmer Licht war
was ihn mitbestimmte gleich bei ihr einzutreten um noch über den Abend und
seine mannigfachen Erlebnisse berichten zu können Die flaue Stimmung der er
anfänglich in Folge der »Nationalzeitungs«Korrespondenz bei Buggenhagens
begegnet war war unter dem Einfluss seiner Liebenswürdigkeit rasch gewichen und
das um so mehr als er den auch hier wenig gelittenen Vogelsang schmunzelnd
preisgegeben hatte
    Von diesem Siege zu erzählen trieb es ihn trotzdem er wusste wie Jenny zu
diesen Dingen stand als er aber eintrat und die Aufregung gewahr wurde darin
sich seine Frau ganz ersichtlich befand erstarb ihm das joviale »guten Abend
Jenny« auf der Zunge und ihr die Hand reichend sagte er nur »Was ist
vorgefallen Jenny Du siehst ja aus wie das Leiden nein keine Blasphemie
Du siehst ja aus als wäre dir die Gerste verhagelt«
    »Ich glaube Treibel« sagte sie während sie ihr Auf und Ab im Zimmer
fortsetzte »du könntest dich mit deinen Vergleichen etwas höher
hinaufschrauben verhagelte Gerste hat einen überaus ländlichen um nicht zu
sagen bäuerlichen Beigeschmack Ich sehe das TeupitzZossensche trägt bereits
seine Früchte«
    »Liebe Jenny die Schuld liegt glaube ich weniger an mir als an dem
Sprach und Bilderschatze deutscher Nation Alle Wendungen die wir als Ausdruck
für Verstimmungen und Betrübnisse haben haben einen ausgesprochenen
Unterschichtscharakter und ich finde da zunächst nur noch den Lohgerber dem
die Felle weggeschwommen«
    Er stockte denn es traf ihn ein so böser Blick dass er es doch für
angezeigt hielt auf das Suchen nach weiteren Vergleichen zu verzichten Auch
nahm Jenny selbst das Wort und sagte »Deine Rücksichten gegen mich halten sich
immer auf derselben Höhe Du siehst dass ich eine Alteration gehabt habe und
die Form in die du deine Teilnahme kleidest ist die geschmackloser Vergleiche
Was meiner Erregung zugrunde liegt scheint deine Neugier nicht sonderlich zu
wecken«
    »Doch doch Jenny Du darfst das nicht übelnehmen du kennst mich und
weißt wie das alles gemeint ist Alteration Das ist ein Wort das ich nicht
gern höre Gewiss wieder was mit Anna Kündigung oder Liebesgeschichte Wenn ich
nicht irre stand sie«
    »Nein Treibel das ist es nicht Anna mag tun was sie will und
meinetwegen ihr Leben als Spreewälderin beschließen Ihr Vater der alte
Schulmeister kann dann an seinem Enkel erziehen was er an seiner Tochter
versäumt hat Wenn mich Liebesgeschichten alterieren sollen müssen sie von
anderer Seite kommen«
    »Also doch Liebesgeschichten Nun sage wer«
    »Leopold«
    »Alle Wetter« Und man konnte nicht heraushören ob Treibel bei dieser
Namensnennung mehr in Schreck oder Freude geraten war »Leopold Ist es
möglich«
    »Es ist mehr als möglich es ist gewiss denn vor einer Viertelstunde war er
selber hier um mich diese Liebesgeschichte wissen zu lassen«
    »Merkwürdiger Junge«
    »Er hat sich mit Korinna verlobt«
    Es war ganz unverkennbar dass die Kommerzienrätin eine große Wirkung von
dieser Mitteilung erwartete welche Wirkung aber durchaus ausblieb Treibels
erstes Gefühl war das einer heiter angeflogenen Enttäuschung Er hatte was von
kleiner Soubrette vielleicht auch von »Jungfrau aus dem Volk« erwartet und
stand nun vor einer Ankündigung die nach seinen unbefangeneren Anschauungen
alles andere als Schreck und Entsetzen hervorrufen konnte »Korinna« sagte er
»Und schlankweg verlobt und ohne Mama zu fragen Teufelsjunge Man unterschätzt
doch immer die Menschen und am meisten seine eigenen Kinder«
    »Treibel was soll das Dies ist keine Stunde wo sichs für dich schickt
in einer noch nach Buggenhagen schmeckenden Stimmung ernste Fragen zu behandeln
Du kommst nach Haus und findest mich in einer großen Erregung und im
Augenblicke wo ich dir den Grund dieser Erregung mitteile findest dus
angemessen allerlei sonderbare Scherze zu machen Du musst doch fühlen dass das
einer Lächerrlichmachung meiner Person und meiner Gefühle ziemlich gleichkommt
und wenn ich deine ganze Haltung recht verstehe so bist du weitab davon in
dieser sogenannten Verlobung einen Skandal zu sehen Und darüber möchte ich
Gewissheit haben eh wir weitersprechen Ist es ein Skandal oder nicht«
    »Nein«
    »Und du wirst Leopold nicht darüber zur Rede stellen«
    »Nein«
    »Und bist nicht empört über diese Person«
    »Nicht im geringsten«
    »Über diese Person die deiner und meiner Freundlichkeit sich absolut unwert
macht und nun ihre Bettlade  denn um viel was anderes wird es sich nicht
handeln  in das Treibelsche Haus tragen will«
    Treibel lachte »Sieh Jenny diese Redewendung ist dir gelungen und wenn
ich mir mit meiner Phantasie die mein Unglück ist die hübsche Korinna
vorstelle wie sie sozusagen zwischen die Längsbretter eingeschirrt ihre
Bettlade hierher ins Treibelsche Haus trägt so könnte ich eine Viertelstunde
lang lachen Aber ich will doch lieber nicht lachen und dir da du so sehr fürs
Ernste bist nun auch ein ernsthaftes Wort sagen Alles was du da so
hinschmetterst ist erstens unsinnig und zweitens empörend Und was es außerdem
noch alles ist blind vergesslich überheblich davon will ich gar nicht
reden«
    Jenny war ganz blass geworden und zitterte weil sie wohl wusste worauf das
»blind und vergesslich« abzielte Treibel aber der ein guter und auch ganz
kluger Kerl war und sich aufrichtig gegen all den Hochmut aufrichtete fuhr
jetzt fort »Du sprichst da von Undank und Skandal und Blamage und fehlt
eigentlich bloß noch das Wort Unehre dann hast du den Gipfel der Herrlichkeit
erklommen Undank Willst du der klugen immer heitren immer unterhaltlichen
Person die wenigstens sieben Felgentreus in die Tasche steckt  nächststehender
Anverwandten ganz zu geschweigen  willst du der die Datteln und Apfelsinen
nachrechnen die sie von unserer Majolikaschüssel mit einer Venus und einem
Cupido darauf beiläufig eine lächerliche Pinselei mit ihrer zierlichen Hand
heruntergenommen hat Und waren wir nicht bei dem guten alten Professor
unsererseits auch zu Gast bei Wilibald der doch sonst dein Herzblatt ist und
haben wir uns seinen Brauneberger der ebenso gut war wie meiner oder doch
nicht viel schlechter nicht schmecken lassen Und warst du nicht ganz
ausgelassen und hast du nicht an dem Klimperkasten der da in der Putzstube
steht deine alten Lieder runtergesungen Nein Jenny komme mir nicht mit
solchen Geschichten Da kann ich auch mal ärgerlich werden«
    Jenny nahm seine Hand und wollte ihn hindern weiterzusprechen
    »Nein Jenny noch nicht noch bin ich nicht fertig Ich bin nun mal im
Zuge Skandal sagst du und Blamage Nun ich sage dir nimm dich in acht dass
aus der bloß eingebildeten Blamage nicht eine wirkliche wird und dass  ich sage
das weil du solche Bilder liebst  der Pfeil nicht auf den Schützen
zurückfliegt Du bist auf dem besten Wege mich und dich in eine unsterbliche
Lächerlichkeit hineinzubugsieren Wer sind wir denn Wir sind weder die
Montmorencys noch die Lusignans  von denen nebenher bemerkt die schöne
Melusine herstammen soll was dich vielleicht interessiert  wir sind auch
nicht die Bismarcks oder die Arnims oder sonst was Märkisches von Adel wir sind
die Treibels Blutlaugensalz und Eisenvitriol und du bist eine geborene
Bürstenbinder aus der Adlerstrasse Bürstenbinder ist ganz gut aber der erste
Bürstenbinder kann unmöglich höher gestanden haben als der erste Schmidt Und so
bitt ich dich denn Jenny keine Übertreibungen Und wenn es sein kann lass den
ganzen Kriegsplan fallen und nimm Korinna mit soviel Fassung hin wie du Helene
hingenommen hast Es ist ja nicht nötig dass sich Schwiegermutter und
Schwiegertochter furchtbar lieben sie heiraten sich ja nicht es kommt auf die
an die den Mut haben sich dieser ernsten und schwierigen Aufgabe
allerpersönlichst unterziehen zu wollen«
    Jenny war während dieser zweiten Hälfte von Treibels Philippika merkwürdig
ruhig geworden was in einer guten Kenntnis des Charakters ihres Mannes seinen
Grund hatte Sie wusste dass er in einem überhohen Grade das Bedürfnis und die
Gewohnheit des Sichaussprechens hatte und dass sich mit ihm erst wieder reden
ließ wenn gewisse Gefühle von seiner Seele heruntergeredet waren Es war ihr
schließlich ganz recht dass dieser Akt innerlicher Selbstbefreiung so rasch und
so gründlich begonnen hatte was jetzt gesagt worden war brauchte morgen nicht
mehr gesagt zu werden war abgetan und gestattete den Ausblick auf friedlichere
Verhandlungen Treibel war sehr der Mann der Betrachtung aller Dinge von zwei
Seiten her und so war Jenny denn völlig überzeugt davon dass er über Nacht
dahin gelangen würde die ganze Leopoldsche Verlobung auch mal von der Kehrseite
her anzusehen Sie nahm deshalb seine Hand und sagte »Treibel lass uns das
Gespräch morgen früh fortsetzen Ich glaube dass du bei ruhigerem Blute die
Berechtigung meiner Anschauungen nicht verkennen wirst Jedenfalls rechne nicht
darauf mich anderen Sinnes zu machen Ich wollte dir als dem Manne der zu
handeln hat selbstverständlich auch in dieser Angelegenheit nicht vorgreifen
lehnst du jedoch jedes Handeln ab so handle ich Selbst auf die Gefahr deiner
Nichtzustimmung«
    »Tu was du willst«
    Und damit warf Treibel die Tür ins Schloss und ging in sein Zimmer hinüber
Als er sich in den Fauteuil warf brummte er vor sich hin »Wenn sie am Ende
doch recht hätte«
    Und konnte es anders sein Der gute Treibel er war doch auch seinerseits
das Produkt dreier im Fabrikbetrieb immer reicher gewordenen Generationen und
aller guten Geistes und Herzensanlagen unerachtet und trotz seines politischen
Gastspiels auf der Bühne TeupitzZossen  der Bourgeois steckte ihm wie seiner
sentimentalen Frau tief im Geblüt
 
                              Dreizehntes Kapitel
Am anderen Morgen war die Kommerzienrätin früher auf als gewöhnlich und ließ von
ihrem Zimmer aus zu Treibel hinüber sagen dass sie das Frühstück allein nehmen
wolle Treibel schob es auf die Verstimmung vom Abend vorher ging aber darin
fehl da Jenny ganz aufrichtig vorhatte die durch Verbleib auf ihrem Zimmer
frei gewordene halbe Stunde zu einem Briefe an Hildegard zu benutzen Es galt
eben Wichtigeres heute als den Kaffee mussevoll und friedlich oder vielleicht
auch unter fortgesetzter Kriegführung einzunehmen und wirklich kaum dass sie
die kleine Tasse geleert und auf das Tablett zurückgeschoben hatte so
vertauschte sie auch schon den Sofaplatz mit ihrem Platz am Schreibtisch und
ließ die Feder mit rasender Schnelligkeit über verschiedene kleine Bogen
hingleiten von denen jeder nur die Größe einer Handfläche Gott sei Dank aber
die herkömmlichen vier Seiten hatte Briefe wenn ihr die Stimmung nicht fehlte
gingen ihr immer leicht von der Hand aber nie so wie heute und ehe noch die
kleine Konsoluhr die neunte Stunde schlug schob sie schon die Bogen zusammen
klopfte sie auf der Tischplatte wie ein Spiel Karten zurecht und überlas noch
einmal mit halblauter Stimme das Geschriebene
»Liebe Hildegard Seit Wochen tragen wir uns damit unsren seit lange gehegten
Wunsch erfüllt und Dich mal wieder unter unsrem Dache zu sehen Bis in den Mai
hinein hatten wir schlechtes Wetter und von einem Lenz der mir die schönste
Jahreszeit bedeutet konnte kaum die Rede sein Aber seit beinah vierzehn Tagen
ist es anders in unsrem Garten schlagen die Nachtigallen was Du wie ich mich
sehr wohl erinnere so sehr liebst und so bitten wir Dich herzlich Dein
schönes Hamburg auf ein paar Wochen verlassen und uns Deine Gegenwart schenken
zu wollen Treibel vereinigt seine Wünsche mit den meinigen und Leopold
schließt sich an Von Deiner Schwester Helene bei dieser Gelegenheit und in
diesem Sinne zu sprechen ist überflüssig denn ihre herzlichen Gefühle für Dich
kennst Du so gut wie wir sie kennen Gefühle die wenn ich recht beobachtet
habe gerade neuerdings wieder in einem beständigen Wachsen begriffen sind Es
liegt so dass ich soweit das in einem Briefe möglich ausführlicher darüber zu
Dir sprechen möchte Mitunter wenn ich sie so blass sehe so gut ihr gerade
diese Blässe kleidet tut mir doch das innerste Herz weh und ich habe nicht den
Mut nach der Ursache zu fragen Otto ist es nicht dessen bin ich sicher denn
er ist nicht nur gut sondern auch rücksichtsvoll und ich empfinde dann allen
Möglichkeiten gegenüber ganz deutlich dass es nichts anderes sein kann als
Heimweh Ach mir nur zu begreiflich und ich möchte dann immer sagen reise
Helene reise heute reise morgen und sei versichert dass ich mich wie des
Wirtschaftlichen überhaupt so auch namentlich der Weisszeugplätterei nach besten
Kräften annehmen werde gerade so ja mehr noch als wenn es für Treibel wäre
der in diesen Stücken auch so diffizil ist diffiziler als viele andere
Berliner Aber ich sage das alles nicht weil ich ja weiß dass Helene lieber auf
jedes andere Glück verzichtet als auf das Glück das in dem Bewusstsein erfüllter
Pflicht liegt Vor allem dem Kinde gegenüber Lizzi mit auf die Reise zu nehmen
wo dann doch die Schulstunden unterbrochen werden müssten ist fast ebenso
undenkbar wie Lizzi zurückzulassen Das süße Kind Wie wirst Du Dich freuen
sie wiederzusehen immer vorausgesetzt dass ich mit meiner Bitte keine Fehlbitte
tue Denn Photographien geben doch nur ein sehr ungenügendes Bild namentlich
bei Kindern deren ganzer Zauber in einer durchsichtigen Hautfarbe liegt der
Teint nüanciert nicht nur den Ausdruck er ist der Ausdruck selbst Denn wie
Krola dessen Du Dich vielleicht noch erinnerst erst neulich wieder behauptete
der Zusammenhang zwischen Teint und Seele sei geradezu merkwürdig Was wir Dir
bieten können meine süße Hildegard Wenig eigentlich nichts Die
Beschränktheit unsrer Räume kennst du Treibel hat außerdem eine neue Passion
ausgebildet und will sich wählen lassen und zwar in einem Landkreise dessen
sonderbaren etwas wendisch klingenden Namen ich Deiner Geographiekenntnis nicht
zumute trotzdem ich wohl weiß dass auch Eure Schulen  wie mir Felgentreu
freilich keine Autorität auf diesem Gebiete erst ganz vor kurzem wieder
versicherte  den unsrigen überlegen sind Wir haben zur Zeit eigentlich nichts
als die Jubiläumsausstellung in der die Firma Dreher aus Wien die Bewirtung
übernommen hat und hart angegriffen wird Aber was griffe der Berliner nicht an
 dass die Seidel zu klein sind kann einer Dame wenig bedeuten  und ich wüsste
wirklich kaum etwas was vor der Eingebildeteit unserer Bevölkerung sicher
wäre Nicht einmal Euer Hamburg an das ich nicht denken kann ohne dass mir das
Herz lacht Ach Eure herrliche ButenAlster Und wenn dann abends die Lichter
und die Sterne darin flimmern  ein Anblick der den der sich seiner freuen
darf jedesmal dem Irdischen wie entrückt Aber vergiss es liebe Hildegard
sonst haben wir wenig Aussicht Dich hier zu sehen was doch ein aufrichtiges
Bedauern bei allen Treibels hervorrufen würde am meisten bei Deiner Dich innig
liebenden Freundin und Tante
                                                                  Jenny Treibel
Nachschrift Leopold reitet jetzt viel jeden Morgen nach Treptow und auch nach
dem Eierhäuschen Er klagt dass er keine Begleitung dabei habe Hast Du noch
Deine alte Passion Ich sehe Dich noch so hinfliegen Du Wildfang Wenn ich ein
Mann wäre Dich einzufangen würde mir das Leben bedeuten Übrigens bin ich
sicher dass andere ebenso denken und wir würden längst den Beweis davon in
Händen haben wenn Du weniger wählerisch wärst Sei es nicht fürder und vergiss
die Ansprüche die Du machen darfst
                                                                    Deine J T«
Jenny faltete jetzt die kleinen Bogen und tat sie in ein Kouvert das
vielleicht um auch schon äußerlich ihren Friedenswunsch anzudeuten eine weiße
Taube mit einem Ölzweig zeigte Dies war um so angebrachter als Hildegard mit
Helenen in lebhafter Korrespondenz stand und recht gut wusste wie bisher
wenigstens die wahren Gefühle der Treibels und besonders die der Frau Jenny
gewesen waren
    Die Rätin hatte sich eben erhoben um nach der am Abend vorher etwas
angezweifelten Anna zu klingeln als sie wie von ungefähr ihren Blick auf den
Vorgarten richtend ihrer Schwiegertochter ansichtig wurde die rasch vom Gitter
her auf das Haus zuschritt Draußen hielt eine Droschke zweiter Klasse
geschlossen und das Fenster in die Höhe gezogen trotzdem es sehr warm war
    Einen Augenblick danach trat Helene bei der Schwiegermutter ein und umarmte
sie stürmisch Dann warf sie Sommermantel und Gartenhut beiseite und sagte
während sie ihre Umarmung wiederholte »Ist es denn wahr Ist es möglich«
    Jenny nickte stumm und sah nun erst dass Helene noch im Morgenkleide und ihr
Scheitel noch eingeflochten war Sie hatte sich also wie sie da ging und stand
im selben Moment wo die große Nachricht auf dem Holzhofe bekannt geworden war
sofort auf den Weg gemacht und zwar in der ersten besten Droschke Das war
etwas und angesichts dieser Tatsache fühlte Jenny das Eis hinschmelzen das
acht Jahre lang ihr Schwiegermutterherz umgürtet hatte Zugleich traten ihr
Tränen in die Augen »Helene« sagte sie »was zwischen uns gestanden hat ist
fort Du bist ein gutes Kind du fühlst mit uns Ich war mitunter gegen dies und
das untersuchen wir nicht ob mit Recht oder Unrecht aber in solchen Stücken
ist Verlass auf euch und ihr wisst Sinn von Unsinn zu unterscheiden Von deinem
Schwiegervater kann ich dies leider nicht sagen Indessen ich denke das ist nur
Übergang und er wird sich gehen Unter allen Umständen lass uns zusammenhalten
Mit Leopold persönlich das hat nichts zu bedeuten Aber diese gefährliche
Person die vor nichts erschrickt und dabei ein Selbstbewusstsein hat dass man
drei Prinzessinnen damit ausstaffieren könnte gegen die müssen wir uns rüsten
Glaube nicht dass sies uns leicht machen wird Sie hat ganz den
Professorentochterdünkel und ist imstande sich einzubilden dass sie dem Hause
Treibel noch eine Ehre antut«
    »Eine schreckliche Person« sagte Helene »Wenn ich an den Tag denke mit
dear Mister Nelson Wir hatten eine Todesangst dass Nelson seine Reise
verschieben und um sie anhalten würde Was daraus geworden wäre weiß ich nicht
bei den Beziehungen Ottos zu der Liverpooler Firma vielleicht verhängnisvoll für
uns«
    »Nun Gott sei Dank dass es vorübergegangen Vielleicht immer noch besser
so so können wirs en famille austragen Und den alten Professor fürcht ich
nicht den habe ich von alter Zeit her am Bändel Er muss mit in unser Lager
hinüber Und nun muss ich fort Kind um Toilette zu machen Aber noch ein
Hauptpunkt Eben habe ich an deine Schwester Hildegard geschrieben und sie
herzlich gebeten uns mit nächstem ihren Besuch zu schenken Bitte Helene füge
ein paar Worte an deine Mama hinzu und tue beides in das Kouvert und
adressiere«
    Damit ging die Rätin und Helene setzte sich an den Schreibtisch Sie war so
bei der Sache dass nicht einmal ein triumphierendes Gefühl darüber mit ihren
Wünschen für Hildegard nun endlich am Ziele zu sein in ihr aufdämmerte nein
sie hatte angesichts der gemeinsamen Gefahr nur Teilnahme für ihre
Schwiegermutter als der »Trägerin des Hauses« und nur Hass für Korinna Was sie
zu schreiben hatte war rasch geschrieben Und nun adressierte sie mit schöner
englischer Handschrift in normalen Schwung und Rundlinien »Frau Konsul Tora
Munk geb Tompson Hamburg Uhlenhorst«
    Als die Aufschrift getrocknet und der ziemlich ansehnliche Brief mit zwei
Marken frankiert war brach Helene auf klopfte nur noch leise an Frau Jennys
Toilettenzimmer und rief hinein »Ich gehe jetzt liebe Mama Den Brief nehme
ich mit« Und gleich danach passierte sie wieder den Vorgarten weckte den
Droschkenkutscher und stieg ein
Zwischen neun und zehn waren zwei Rohrpostbriefe bei Schmidts eingetroffen ein
Fall der in dieser seiner Gedoppelteit noch nicht dagewesen war Der eine
dieser Briefe richtete sich an den Professor und hatte folgenden kurzen Inhalt
»Lieber Freund Darf ich darauf rechnen Sie heute zwischen zwölf und eins in
Ihrer Wohnung zu treffen Keine Antwort gute Antwort Ihre ganz ergebene Jenny
Treibel« Der andere nicht viel längere Brief war an Korinna adressiert und
lautete »Liebe Korinna Gestern abend noch hatte ich ein Gespräch mit der Mama
Dass ich auf Widerstand stieß brauche ich Dir nicht erst zu sagen und es ist
mir gewisser denn je dass wir schweren Kämpfen entgegengehen Aber nichts soll
uns trennen In meiner Seele lebt eine hohe Freudigkeit und gibt mir Mut zu
allem Das ist das Geheimnis und zugleich die Macht der Liebe Diese Macht soll
mich auch weiter führen und festigen Trotz aller Sorge Dein überglücklicher
Leopold« Korinna legte den Brief aus der Hand »Armer Junge Was er da
schreibt ist ehrlich gemeint selbst das mit dem Mut Aber ein Hasenohr guckt
doch durch Nun wir müssen sehen Halte was du hast Ich gebe nicht nach«
Korinna verbrachte den Vormittag unter fortgesetzten Selbstgesprächen Mitunter
kam die Schmolke sagte aber nichts und beschränkte sich auf kleine
wirtschaftliche Fragen Der Professor seinerseits hatte zwei Stunden zu geben
eine griechische Pindar und eine deutsche romantische Schule Novalis und
war bald nach zwölf wieder zurück Er schritt in seinem Zimmer auf und ab
abwechselnd mit einem ihm in seiner Schlusswendung absolut unverständlich
gebliebenen NovalisGedicht und dann wieder mit dem so feierlich angekündigten
Besuche seiner Freundin Jenny beschäftigt Es war kurz vor eins als ein
Wagengerumpel auf dem schlechten Steinpflaster unten ihn annehmen ließ sie
werde es sein Und sie war es diesmal allein ohne Fräulein Honig und ohne den
Bologneser Sie öffnete selbst den Schlag und stieg dann langsam und bedächtig
als ob sie sich ihre Rolle noch einmal überhöre die Steinstufen der Aussentreppe
hinauf Eine Minute später hörte Schmidt die Klingel gehen und gleich danach
meldete die Schmolke »Frau Kommerzienrätin Treibel«
    Schmidt ging ihr entgegen etwas weniger unbefangen als sonst küsste ihr die
Hand und bat sie auf seinem Sofa dessen tiefste Kesselstelle durch ein großes
Lederkissen einigermaßen applaniert war Platz zu nehmen Er selber nahm einen
Stuhl setzte sich ihr gegenüber und sagte »Was verschafft mir die Ehre liebe
Freundin Ich nehme an dass etwas Besonderes vorgefallen ist«
    »Das ist es lieber Freund Und Ihre Worte lassen mir keinen Zweifel
darüber dass Fräulein Korinna noch nicht für gut befunden hat Sie mit dem
Vorgefallenen bekannt zu machen Fräulein Korinna hat sich nämlich gestern abend
mit meinem Sohne Leopold verlobt«
    »Ah« sagte Schmidt in einem Tone der ebensogut Freude wie Schreck
ausdrücken konnte
    »Fräulein Korinna hat sich gestern auf unsrer GrunewaldPartie die
vielleicht besser unterblieben wäre mit meinem Sohne Leopold verlobt nicht
umgekehrt Leopold tut keinen Schritt ohne mein Wissen und Willen am wenigsten
einen so wichtigen Schritt wie eine Verlobung und so muss ich denn zu meinem
lebhaften Bedauern von etwas Abgekartetem oder einer gestellten Falle ja
Verzeihung lieber Freund von einem wohlüberlegten Überfall sprechen«
    Dies starke Wort gab dem alten Schmidt nicht nur seine Seelenruhe sondern
auch seine gewöhnliche Heiterkeit wieder Er sah dass er sich in seiner alten
Freundin nicht getäuscht hatte dass sie völlig unverändert die trotz Lyrik
und Hochgefühle ganz ausschließlich auf Äußerlichkeiten gestellte Jenny
Bürstenbinder von ehedem war und dass seinerseits unter selbstverständlicher
Wahrung artigster Formen und anscheinend vollen Entgegenkommens ein Ton
superioren Übermutes angeschlagen und in die sich nun höchstwahrscheinlich
entspinnende Debatte hineingetragen werden müsse Das war er sich das war er
Korinna schuldig
    »Ein Überfall meine gnädigste Frau Sie haben vielleicht nicht ganz
unrecht es so zu nennen Und dass es gerade auf diesem Terrain sein musste
Sonderbar genug dass Dinge der Art ganz bestimmten Lokalitäten unveräusserlich
anzuhaften scheinen Alle Bemühungen durch Schwanenhäuser und Kegelbahnen im
stillen zu reformieren der Sache friedlich beizukommen erweisen sich als
nutzlos und der frühere Charakter dieser Gegenden insonderheit unseres alten
übelbeleumdeten Grunewalds bricht immer wieder durch Immer wieder aus dem
Stegreif Erlauben Sie mir gnädigste Frau dass ich den derzeitigen Junker
generis feminini herbeirufe damit er seiner Schuld geständig werde«
    Jenny biss sich auf die Lippen und bedauerte das unvorsichtige Wort das sie
nun dem Spotte preisgab Es war aber zu spät zur Umkehr und so sagte sie nur
»Ja lieber Professor es wird das beste sein Korinna selbst zu hören Und ich
denke sie wird sich mit einem gewissen Stolz dazu bekennen dem armen Jungen
das Spiel über den Kopf weggenommen zu haben«
    »Wohl möglich« sagte Schmidt und stand auf und rief in das Entree hinein
»Korinna«
    Kaum dass er seinen Platz wieder eingenommen hatte so stand die von ihm
Gerufene auch schon in der Tür verbeugte sich artig gegen die Kommerzienrätin
und sagte »Du hast gerufen Papa«
    »Ja Korinna das hab ich Eh wir aber weitergehen nimm einen Stuhl und
setze dich in einiger Entfernung von uns Denn ich möchte es auch äußerlich
markieren dass du vorläufig eine Angeklagte bist Rücke in die Fensternische da
sehen wir dich am besten Und nun sage mir hat es seine Richtigkeit damit dass
du gestern abend im Grunewald in dem ganzen Junkerübermut einer geborenen
Schmidt einen friedlich und unbewaffnet seines Weges ziehenden Bürgerssohn
namens Leopold Treibel seiner besten Barschaft beraubt hast«
    Korinna lächelte Dann trat sie vom Fenster her an den Tisch heran und
sagte »Nein Papa das ist grundfalsch Es hat alles den landesüblichen Verlauf
genommen und wir sind so regelrecht verlobt wie man nur verlobt sein kann«
    »Ich bezweifle das nicht Fräulein Korinna« sagte Jenny »Leopold selbst
betrachtet sich als Ihren Verlobten Ich sage nur das eine dass Sie das
Überlegenheitsgefühl das Ihnen Ihre Jahre«
    »Nicht meine Jahre Ich bin jünger«
    » Das Ihnen Ihre Klugheit und Ihr Charakter gegeben dass Sie diese
Überlegenheit dazu benutzt haben den armen Jungen willenlos zu machen und ihn
für sich zu gewinnen«
    »Nein meine gnädigste Frau das ist ebenfalls nicht ganz richtig
wenigstens zunächst nicht Dass es schließlich doch vielleicht richtig sein wird
darauf müssen Sie mir erlauben weiterhin zurückzukommen«
    »Gut Korinna gut« sagte der Alte »Fahre nur fort Also zunächst«
    »Also zunächst unrichtig meine gnädigste Frau Denn wie kam es Ich sprach
mit Leopold von seiner nächsten Zukunft und beschrieb ihm einen Hochzeitszug
absichtlich in unbestimmten Umrissen und ohne Namen zu nennen Und als ich
zuletzt Namen nennen musste da war es Blankenese wo die Gäste zum
Hochzeitsmahle sich sammelten und war es die schöne Hildegard Munk die wie
eine Königin gekleidet als Braut neben ihrem Bräutigam saß Und dieser
Bräutigam war Ihr Leopold meine gnädigste Frau Selbiger Leopold aber wollte
von dem allen nichts wissen und ergriff meine Hand und machte mir einen Antrag
in aller Form Und nachdem ich ihn an seine Mutter erinnert und mit dieser
Erinnerung kein Glück gehabt hatte da haben wir uns verlobt«
    »Ich glaube das Fräulein Korinna« sagte die Rätin »Ich glaube das ganz
aufrichtig Aber schließlich ist das alles doch nur eine Komödie Sie wussten
ganz gut dass er Ihnen vor Hildegard den Vorzug gab und Sie wussten nur zu gut
dass Sie je mehr Sie das arme Kind die Hildegard in den Vordergrund stellten
desto gewisser  um nicht zu sagen desto leidenschaftlicher denn er ist nicht
eigentlich der Mann der Leidenschaften  desto gewisser sag ich würd er sich
auf Ihre Seite stellen und sich zu Ihnen bekennen«
    »Ja gnädigste Frau das wußt ich oder wußt es doch beinah Es war noch kein
Wort in diesem Sinne zwischen uns gesprochen worden aber ich glaubte trotzdem
und seit längerer Zeit schon dass er glücklich sein würde mich seine Braut zu
nennen«
    »Und durch die klug und berechnend ausgesuchte Geschichte mit dem Hamburger
Hochzeitszuge haben Sie eine Erklärung herbeizuführen gewusst«
    »Ja meine gnädigste Frau das hab ich und ich meine das alles war mein
gutes Recht Und wenn Sie nun dagegen und wie mirs scheint ganz ernstaft
Ihren Protest erheben wollen erschrecken Sie da nicht vor ihrer eignen
Forderung vor der Zumutung ich hätte mich jedes Einflusses auf Ihren Sohn
enthalten sollen Ich bin keine Schönheit habe nur eben das Durchschnittsmass
Aber nehmen Sie so schwer es Ihnen werden mag für einen Augenblick einmal an
ich wäre wirklich so was wie eine Schönheit eine Beauté der Ihr Herr Sohn
nicht hätte widerstehen können würden Sie von mir verlangt haben mir das
Gesicht mit Ätzlauge zu zerstören bloß damit Ihr Sohn mein Verlobter nicht in
eine durch mich gestellte Schönheitsfalle fiele«
    »Korinna« lächelte der Alte »nicht zu scharf Die Rätin ist unter unserm
Dache«
    »Sie würden das nicht von mir verlangt haben so wenigstens nehme ich
vorläufig an vielleicht in Überschätzung Ihrer freundlichen Gefühle für mich
und doch verlangen Sie von mir dass ich mich dessen begebe was die Natur mir
gegeben hat Ich habe meinen guten Verstand und bin offen und frei und übe damit
eine gewisse Wirkung auf die Männer aus mitunter auch gerade auf solche denen
das fehlt was ich habe  soll ich mich dessen entkleiden soll ich mein Pfund
vergraben soll ich das bisschen Licht das mir geworden unter den Scheffel
stellen Verlangen Sie dass ich bei Begegnungen mit Ihrem Sohne wie eine Nonne
dasitze bloß damit das Haus Treibel vor einer Verlobung mit mir bewahrt bleibe
Erlauben Sie mir gnädigste Frau und Sie müssen meine Worte meinem erregten
Gefühle das Sie herausgefordert zugute halten erlauben Sie mir Ihnen zu
sagen dass ich das nicht bloß hochmütig und höchst verwerflich dass ich es vor
allem auch ridikül finde Denn wer sind die Treibels BerlinerBlauFabrikanten
mit einem Ratstitel und ich ich bin eine Schmidt«
    »Eine Schmidt« wiederholte der alte Wilibald freudig gleich danach
hinzufügend »Und nun sagen Sie liebe Freundin wollen wir nicht lieber
abbrechen und alles den Kindern und einer gewissen ruhigen historischen
Entwicklung überlassen«
    »Nein mein lieber Freund das wollen wir nicht Wir wollen nichts der
historischen Entwicklung und noch weniger der Entscheidung der Kinder
überlassen was gleichbedeutend wäre mit Entscheidung durch Fräulein Korinna
Dies zu hindern deshalb eben bin ich hier Ich hoffte bei den Erinnerungen die
zwischen uns leben Ihrer Zustimmung und Unterstützung sicher zu sein sehe mich
aber getäuscht und werde meinen Einfluss der hier gescheitert auf meinen Sohn
Leopold beschränken müssen«
    »Ich fürchte« sagte Korinna »dass er auch da versagt «
    »Was lediglich davon abhängen wird ob er Sie sieht oder nicht«
    »Er wird mich sehen«
    »Vielleicht Vielleicht auch nicht«
    Und darauf erhob sich die Kommerzienrätin und ging ohne dem Professor die
Hand gereicht zu haben auf die Tür zu Hier wandte sie sich noch einmal und
sagte zu Korinna »Korinna lassen Sie uns vernünftig reden Ich will alles
vergessen Lassen Sie den Jungen wieder los Er passt nicht einmal für Sie Und
was das Haus Treibel angeht so haben Sies eben in einer Weise charakterisiert
dass es Ihnen kein Opfer kosten kann darauf zu verzichten«
    »Aber meine Gefühle gnädigste Frau«
    »Bah« lachte Jenny »dass Sie so sprechen können zeigt mir deutlich dass
Sie keine haben und dass alles bloßer Übermut oder vielleicht auch Eigensinn ist
Dass Sie sich dieses Eigensinns begeben mögen wünsche ich Ihnen und uns Denn es
kann zu nichts führen Eine Mutter hat auch Einfluss auf einen schwachen
Menschen und ob Leopold Lust hat seine Flitterwochen in einem Ahlbecker
Fischerhause zu verbringen ist mir doch zweifelhaft Und dass das Haus Treibel
Ihnen keine Villa in Kapri bewilligen wird dessen dürfen Sie gewiss sein«
    Und dabei verneigte sie sich und trat in das Entree hinaus Korinna blieb
zurück Schmidt aber gab seiner Freundin das Geleit bis an die Treppe
    »Adieu« sagte hier die Rätin »Ich bedaure lieber Freund dass dies
zwischen uns treten und die herzlichen Beziehungen so vieler vieler Jahre
stören musste Meine Schuld ist es nicht Sie haben Korinna verwöhnt und das
Töchterchen schlägt nun einen spöttischen und überheblichen Ton an und
ignoriert wenn nichts andres so doch die Jahre die mich von ihr trennen
Impietät ist der Charakter unsrer Zeit«
    Schmidt ein Schelm gefiel sich darin bei dem Wort »Impietät« ein
betrübtes Gesicht aufzusetzen »Ach liebe Freundin« sagte er »Sie mögen wohl
recht haben aber nun ist es zu spät Ich bedaure dass es unserm Hause
vorbehalten war Ihnen einen Kummer wie diesen um nicht zu sagen eine Kränkung
anzutun Freilich wie Sie schon sehr richtig bemerkt haben die Zeit Alles
will über sich hinaus und strebt höheren Staffeln zu die die Vorsehung
sichtbarlich nicht wollte«
    Jenny nickte »Gott bessere es«
    »Lassen Sie uns das hoffen«
    Und damit trennten sie sich
    In das Zimmer zurückgekehrt umarmte Schmidt seine Tochter gab ihr einen
Kuss auf die Stirn und sagte »Korinna wenn ich nicht Professor wäre so würd
ich am Ende Sozialdemokrat«
    Im selben Augenblick erschien auch die Schmolke Sie hatte nur das letzte
Wort gehört und erratend um was es sich handle sagte sie »Ja das hat
Schmolke auch immer gesagt«
 
                              Vierzehntes Kapitel
Der nächste Tag war ein Sonntag und die Stimmung in der sich das Treibelsche
Haus befand konnte nur noch dazu beitragen dem Tage zu seiner herkömmlichen
Ödheit ein Beträchtliches zuzulegen Jeder mied den andern Die Kommerzienrätin
beschäftigte sich damit Briefe Karten und Photographien zu ordnen Leopold saß
auf seinem Zimmer und las Goethe was ist nicht nötig zu verraten und Treibel
selbst ging im Garten um das Bassin herum und unterhielt sich wie meist in
solchen Fällen mit der Honig Er ging dabei so weit sie ganz ernstaft nach
Krieg und Frieden zu fragen allerdings mit der Vorsicht sich eine Art
Präliminarantwort gleich selbst zu geben In erster Reihe stehe fest dass es
niemand wisse »selbst der leitende Staatsmann nicht« er hatte sich diese
Phrase bei seinen öffentlichen Reden angewöhnt aber eben weil es niemand
wisse sei man auf Sentiments angewiesen und darin sei niemand größer und
zuverlässiger als die Frauen Es sei nicht zu leugnen das weibliche Geschlecht
habe was Pytisches ganz abgesehen von jenem Orakelhaften niederer Observanz
das noch so nebenherlaufe Die Honig als sie schließlich zu Worte kam fasste
ihre politische Diagnose dahin zusammen sie sähe nach Westen hin einen klaren
Himmel während es im Osten finster braue ganz entschieden und zwar oben
sowohl wie unten »Oben wie unten« wiederholte Treibel »Oh wie wahr Und das
Oben bestimmt das Unten und das Unten das Oben Ja Fräulein Honig damit haben
wirs getroffen« Und Czicka das Hündchen das natürlich auch nicht fehlte
blaffte dazu So ging das Gespräch zu gegenseitiger Zufriedenheit Treibel aber
schien doch abgeneigt aus diesem Weisheitsquell andauernd zu schöpfen und zog
sich nach einiger Zeit auf sein Zimmer und seine Zigarre zurück ganz Halensee
verwünschend das mit seiner Kaffeeklappe diese häusliche Missstimmung und diese
SonntagsExtralangeweile heraufbeschworen habe Gegen Mittag traf ein an ihn
adressiertes Telegramm ein »Dank für Brief Ich komme morgen mit dem
Nachmittagszug Eure Hildegard« Er schickte das Telegramm aus dem er überhaupt
erst von der erfolgten Einladung erfuhr an seine Frau hinüber und war trotzdem
er das selbständige Vorgehen derselben etwas sonderbar fand doch auch wieder
aufrichtig froh nunmehr einen Gegenstand zu haben mit dem er sich in seiner
Phantasie beschäftigen konnte Hildegard war sehr hübsch und die Vorstellung
innerhalb der nächsten Wochen ein anderes Gesicht als das der Honig auf seinen
Gartenspaziergängen um sich zu haben tat ihm wohl Er hatte nun auch einen
Gesprächsstoff und während ohne diese Depesche die Mittagsunterhaltung
wahrscheinlich sehr kümmerlich verlaufen oder vielleicht ganz ausgefallen wäre
war es jetzt wenigstens möglich ein paar Fragen zu stellen Er stellte diese
Fragen auch wirklich und alles machte sich ganz leidlich nur Leopold sprach
kein Wort und war froh als er sich vom Tisch erheben und zu seiner Lektüre
zurückkehren konnte
    Leopolds ganze Haltung gab überhaupt zu verstehen dass er über sich
bestimmen zu lassen fürder nicht mehr willens sei trotzdem war ihm klar dass er
sich den Repräsentationspflichten des Hauses nicht entziehen und also nicht
unterlassen dürfe Hildegard am anderen Nachmittag auf dem Bahnhofe zu
empfangen Er war pünktlich da begrüßte die schöne Schwägerin und absolvierte
die landesübliche Fragenreihe nach dem Befinden und den Sommerplänen der
Familie während einer der von ihm engagierten Gepäckträger erst die Droschke
dann das Gepäck besorgte Dasselbe bestand nur aus einem einzigen Koffer mit
Messingbeschlag dieser aber war von solcher Größe dass er als er
hinaufgewuchtet war der dahinrollenden Droschke den Charakter eines Baus von
zwei Etagen gab
    Unterwegs wurde das Gespräch von s Leopolds wieder aufgenommen
erreichte seinen Zweck aber nur unvollkommen weil seine stark hervortretende
Befangenheit seiner Schwägerin nur Grund zur Heiterkeit gab Und nun hielten sie
vor der Villa Die ganze Treibelei stand am Gitter und als die herzlichsten
Begrüßungen ausgetauscht und die nötigsten ToilettenArrangements in fliegender
Eile das heißt ziemlich mussevoll gemacht worden waren erschien Hildegard auf
der Veranda wo man inzwischen den Kaffee serviert hatte Sie fand alles
»himmlisch« was auf Empfang strenger Instruktionen von s der Frau Konsul
Tora Munk hindeutete die sehr wahrscheinlich Unterdrückung alles Hamburgischen
und Achtung vor Berliner Empfindlichkeiten als erste Regel empfohlen hatte
Keine Parallelen wurden gezogen und beispielsweise gleich das Kaffeeservice
rundweg bewundert »Eure Berliner Muster schlagen jetzt alles aus dem Felde
selbst Sèvres Wie reizend diese Grecborte« Leopold stand in einiger Entfernung
und hörte zu bis Hildegard plötzlich abbrach und allem was sie gesagt nur
noch hinzusetzte »Scheltet mich übrigens nicht dass ich in einem fort von
Dingen spreche für die sich ja morgen auch noch die Zeit finden würde
Grecborte und Sèvres und Meissen und Zwiebelmuster Aber Leopold ist schuld er
hat unsere Konversation in der Droschke so streng wissenschaftlich geführt dass
ich beinahe in Verlegenheit kam ich wollte gern von Lizzi hören und denkt
euch er sprach nur von Anschluss und Radialsystem und ich genierte mich zu
fragen was es sei«
    Der alte Treibel lachte die Kommerzienrätin aber verzog keine Miene
während über Leopolds blasses Gesicht eine leichte Röte flog
    So verging der erste Tag und Hildegards Unbefangenheit die man sich zu
stören wohl hütete schien auch noch weiter leidliche Tage bringen zu sollen
alles um so mehr als es die Kommerzienrätin an Aufmerksamkeiten jeder Art nicht
fehlen ließ Ja sie verstieg sich zu höchst wertvollen Geschenken was sonst
ihre Sache nicht war Ungeachtet all dieser Anstrengungen aber und trotzdem
dieselben wenn man nicht tiefer nachforschte von wenigstens halben Erfolgen
begleitet waren wollte sich ein recht eigentliches Behagen nicht einstellen
selbst bei Treibel nicht auf dessen rasch wiederkehrende gute Laune bei seinem
glücklichen Naturell mit einer Art Sicherheit gerechnet war Ja diese gute
Laune sie blieb aus mancherlei Gründen aus unter denen gerade jetzt auch der
war dass die ZossenTeupitzer Wahlkampagne mit einer totalen Niederlage
Vogelsangs geendigt hatte dabei mehrten sich die persönlichen Angriffe gegen
Treibel Anfangs hatte man diesen wegen seiner großen Beliebteit
rücksichtsvoll außer Spiel gelassen bis die Taktlosigkeiten seines Agenten ein
weiteres Schonen unmöglich machten »Es ist zweifellos ein Unglück« so hieß es
in den Organen der Gegenpartei »so beschränkt zu sein wie Lieutenant Vogelsang
aber eine solche Beschränktheit in seinen Dienst zu nehmen ist eine Missachtung
gegen den gesunden Menschenverstand unseres Kreises Die Kandidatur Treibel
scheitert einfach an diesem Affront«
Es sah nicht allzu heiter aus bei den alten Treibels was Hildegard allmählich
so sehr zu fühlen begann dass sie halbe Tage bei den Geschwistern zubrachte Der
Holzhof war überhaupt hübscher als die Fabrik und Lizzi geradezu reizend mit
ihren langen weißen Strümpfen Einmal waren sie auch rot Wenn sie so herankam
und die Tante Hildegard mit einem Knicks begrüßte flüsterte diese der Schwester
zu »Quite English Helen« und man lächelte sich dann glücklich an Ja es
waren Lichtblicke Wenn Lizzi dann aber wieder fort war war auch zwischen den
Schwestern von unbefangener Unterhaltung keine Rede mehr weil das Gespräch die
zwei wichtigsten Punkte nicht berühren durfte die Verlobung Leopolds und den
Wunsch aus dieser Verlobung mit guter Manier herauszukommen
    Ja es sah nicht heiter aus bei den Treibels aber bei den Schmidts auch
nicht Der alte Professor war eigentlich weder in Sorge noch in Verstimmung
lebte vielmehr umgekehrt der Überzeugung dass sich nun alles bald zum Besseren
wenden werde diesen Prozess aber sich still vollziehen zu lassen schien ihm ganz
unerlässlich und so verurteilte er sich was ihm nicht leicht wurde zu
unbedingtem Schweigen Die Schmolke war natürlich ganz entgegengesetzter Ansicht
und hielt wie die meisten alten Berlinerinnen außerordentlich viel von »sich
aussprechen« je mehr und je öfter desto besser Ihre nach dieser Seite hin
abzielenden Versuche verliefen aber resultatlos und Korinna war nicht zum
Sprechen zu bewegen wenn die Schmolke begann »Ja Korinna was soll denn nun
eigentlich werden Was denkst du dir denn eigentlich«
    Auf all das gab es keine rechte Antwort vielmehr stand Korinna wie am
Roulett und wartete mit verschränkten Armen wohin die Kugel fallen würde Sie
war nicht unglücklich aber äußerst unruhig und unmutig vor allem wenn sie der
heftigen Streitszene gedachte bei der sie doch vielleicht zuviel gesagt hatte
Sie fühlte ganz deutlich dass alles anders gekommen wäre wenn die Rätin etwas
weniger Herbheit sie selber aber etwas mehr Entgegenkommen gezeigt hätte Ja
da hätte sich dann ohne sonderliche Mühe Frieden schließen und das Bekenntnis
einer gewissen Schuld weil alles bloß Berechnung gewesen allenfalls ablegen
lassen Aber freilich im selben Augenblicke wo sie neben dem Bedauern über die
hochmütige Haltung der Rätin vor allem und in erster Reihe sich selber der
Schuld zieh in eben diesem Augenblicke musste sie sich doch auch wieder sagen
dass ein Wegfall alles dessen was ihr vor ihrem eigenen Gewissen in dieser
Angelegenheit als fragwürdig erschien in den Augen der Rätin nichts gebessert
haben würde Diese schreckliche Frau trotzdem sie beständig so tat und sprach
war ja weitab davon ihr wegen ihres Spiels mit Gefühlen einen ernstaften
Vorwurf zu machen Das war ja Nebensache da lag es nicht Und wenn sie diesen
lieben und guten Menschen wies ja doch möglich war aufrichtig und von Herzen
geliebt hätte so wäre das Verbrechen genau dasselbe gewesen »Diese Rätin mit
ihrem überheblichen Nein hat mich nicht da getroffen wo sie mich treffen
konnte sie weist diese Verlobung nicht zurück weil mirs an Herz und Liebe
gebricht nein sie weist sie nur zurück weil ich arm oder wenigstens nicht
dazu angetan bin das Treibelsche Vermögen zu verdoppeln um nichts nichts
weiter und wenn sie vor anderen versichert oder vielleicht auch sich selber
einredet ich sei ihr zu selbstbewusst und zu professorlich so sagt sie das nur
weils ihr gerade passt Unter andern Verhältnissen würde meine Professorlichkeit
mir nicht nur nicht schaden sondern ihr umgekehrt die Höhe der Bewunderung
bedeuten«
    So gingen Korinnas Reden und Gedanken und um sich ihnen nach Möglichkeit zu
entziehen tat sie was sie seit lange nicht mehr getan und machte Besuche bei
den alten und jungen Professorenfrauen Am besten gefiel ihr wieder die gute
ganz von Wirtschaftlichkeit in Anspruch genommene Frau Rindfleisch die jeden
Tag ihrer vielen Pensionäre halber in die große Marktalle ging und immer die
besten Quellen und die billigsten Preise wusste Preise die dann später der
Schmolke mitgeteilt in erster Linie den Ärger derselben zuletzt aber ihre
Bewunderung vor einer höheren wirtschaftlichen Potenz weckten Auch bei Frau
Immanuel Schultze sprach Korinna vor und fand dieselbe vielleicht weil
Friedebergs nahe bevorstehende Ehescheidung ein sehr dankbares Thema bildete
auffallend nett und gesprächig Immanuel selbst aber war wieder so
grosssprecherisch und zynisch dass sie doch fühlte den Besuch nicht wiederholen
zu können Und weil die Woche so viele Tage hatte so musste sie sich zuletzt zu
Museum und Nationalgalerie bequemen Aber sie hatte keine rechte Stimmung dafür
Im KorneliusSaal interessierte sie vor dem einen großen Wandbilde nur die
ganz kleine Predelle wo Mann und Frau den Kopf aus der Bettdecke strecken und
im Ägyptischen Museum fand sie eine merkwürdige Ähnlichkeit zwischen Ramses und
Vogelsang
    Wenn sie dann nach Hause kam fragte sie jedesmal ob wer dagewesen sei was
heißen sollte »War Leopold da« worauf die Schmolke regelmäßig antwortete
»Nein Korinna keine Menschenseele« Wirklich Leopold hatte nicht den Mut zu
kommen und beschränkte sich darauf jeden Abend einen kleinen Brief zu
schreiben der dann am andern Morgen auf ihrem Frühstückstische lag Schmidt sah
lächelnd drüber hin und Korinna stand dann wie von ungefähr auf um das
Briefchen in ihrem Zimmer zu lesen »Liebe Korinna Der heutige Tag verlief wie
alle Die Mama scheint in ihrer Gegnerschaft verharren zu wollen Nun wir
wollen sehen wer siegt Hildegard ist viel bei Helene weil niemand hier ist
der sich recht um sie kümmert Sie kann mir leid tun ein so junges und hübsches
Mädchen Alles das Resultat solcher Anzettelungen Meine Seele verlangt Dich zu
sehen und in der nächsten Woche werden Entschlüsse von mir gefasst werden die
volle Klarheit schaffen Mama wird sich wundern Nur soviel ich erschrecke vor
nichts auch vor dem Äußersten nicht Das mit dem vierten Gebot ist recht gut
aber es hat seine Grenzen Wir haben auch Pflichten gegen uns selbst und gegen
die die wir über alles lieben die Leben und Tod in unseren Augen bedeuten Ich
schwanke noch wohin denke aber England da haben wir Liverpool und Mister
Nelson und in zwei Stunden sind wir an der schottischen Grenze Schließlich ist
es gleich wer uns äußerlich vereinigt sind wir es doch längst in uns Wie mir
das Herz dabei schlägt Ewig der Deine Leopold«
    Korinna zerriss den Brief in kleine Streifen und warf sie draußen ins
Kochloch »Es ist am besten so dann vergess ich wieder was er heute
geschrieben und kann morgen nicht mehr vergleichen Denn mir ist als schriebe
er jeden Tag dasselbe Sonderbare Verlobung Aber soll ich ihm einen Vorwurf
machen dass er kein Held ist Und mit meiner Einbildung ihn zum Helden
umschaffen zu können ist es auch vorbei Die Niederlagen und Demütigungen
werden nun wohl ihren Anfang nehmen Verdient Ich fürchte«
Andertalb Wochen waren um und noch hatte sich im Schmidtschen Hause nichts
verändert der Alte schwieg nach wie vor Marcell kam nicht und Leopold noch
weniger und nur seine Morgenbriefe stellten sich mit großer Pünktlichkeit ein
Korinna las sie schon längst nicht mehr überflog sie nur und schob sie dann
lächelnd in ihre Morgenrocktasche wo sie zersessen und zerknittert wurden Sie
hatte zum Troste nichts als die Schmolke deren gesunde Gegenwart ihr wirklich
wohltat wenn sies auch immer noch vermied mit ihr zu sprechen
    Aber auch das hatte seine Zeit
    Der Professor war eben nach Hause gekommen schon um elf denn es war
Mittwoch wo die Klasse für ihn wenigstens um eine Stunde früher schloss
Korinna sowohl wie die Schmolke hatten ihn kommen und die Drückertür
geräuschvoll ins Schloss fallen hören nahmen aber beide keine Veranlassung sich
weiter um ihn zu kümmern sondern blieben in der Küche drin der helle
Julisonnenschein lag und alle Fensterflügel geöffnet waren An einem der Fenster
stand auch der Küchentisch Draußen an zwei Haken hing ein kastenartiges
Blumenbrett eine jener merkwürdigen Schöpfungen der Holzschneidekunst wie sie
Berlin eigentümlich sind kleine Löcher zu Sternblumen zusammengestellt
Anstrich dunkelgrün In diesem Kasten standen mehrere Geranium und
Goldlacktöpfe zwischen denen hindurch die Sperlinge huschten und sich in
grossstädtischer Dreistigkeit auf den am Fenster stehenden Küchentisch setzten
Hier pickten sie vergnügt an allem herum und niemand dachte daran sie zu
stören Korinna den Mörser zwischen den Knien war mit Zimmetstossen
beschäftigt während die Schmolke grüne Kochbirnen der Länge nach durchschnitt
und beide gleiche Hälften in eine große braune Schüssel eine sogenannte
Reibesatte fallen ließ Freilich zwei ganz gleiche Hälften waren es nicht
konnten es nicht sein weil natürlich nur eine Hälfte den Stengel hatte welcher
Stengel denn auch Veranlassung zu Beginn einer Unterhaltung wurde wonach sich
die Schmolke schon seit lange sehnte
    »Sieh Korinna« sagte die Schmolke »dieser hier dieser lange das ist so
recht ein Stengel nach dem Herzen deines Vaters«
    Korinna nickte
    » Den kann er anfassen wie ne Makkaroni und hochhalten und alles von
unten her aufessen Es ist doch ein merkwürdiger Mann«
    »Ja das ist er«
    »Ein merkwürdiger Mann und voller Schrullen und man muss ihn erst
ausstudieren Aber das Merkwürdigste das ist doch das mit den langen Stengeln
un dass wir sie wenn es Semmelpudding un Birnen gibt nicht schälen dürfen un
dass der ganze Kriepsch mit Kerne und alles drinbleiben muss Er is doch ein
Professor un ein sehr kluger Mann aber das muss ich dir sagen Korinna wenn ich
meinem guten Schmolke der doch nur ein einfacher Mann war mit so lange Stengel
un ungeschält un den ganzen Kriepsch drin gekommen wär ja da hätt es was
gegeben Denn so gut er war wenn er dachte sie denkt woll das is gut genug
dann wurd er falsch un machte sein Dienstgesicht un sah aus als ob er mich
arretieren wollte«
    »Ja liebe Schmolke« sagte Korinna »das ist eben einfach die alte
Geschichte vom Geschmack und dass sich über Geschmäcker nicht streiten lässt Und
dann ist es auch wohl die Gewohnheit und vielleicht auch von Gesundheits wegen«
    »Von Gesundheits wegen« lachte die Schmolke »Na höre Kind wenn einem so
die Hacheln in die Kehle kommen un man sich verschluckert un man mitunter zu
nem ganz fremden Menschen sagen muss Bitte kloppen Sie mir mal en bisschen
aber hier ordentlich ins Kreuz  nein Korinna da bin ich doch mehr für eine
ausgekernte Malvasier die runtergeht wie Butter Gesundheit  Stengel un
Schale was da von Gesundheit is das weiß ich nich«
    »Doch liebe Schmolke Manche können Obst nicht vertragen und fühlen sich
geniert namentlich wenn sie wie Papa hinterher auch noch die Sauce löffeln
Und da gibt es nur ein Mittel dagegen alles muss dran bleiben der Stengel und
die grüne Schale Die beiden die haben das Adstringens«
    »Was«
    »Das Adstringens das heißt das was zusammenzieht erst bloß die Lippen und
den Mund aber dieser Prozess des Zusammenziehens setzt sich dann durch den
ganzen inneren Menschen hin fort und das ist dann das was alles wieder in
Ordnung bringt und vor Schaden bewahrt«
    Ein Sperling hatte zugehört und wie durchdrungen von der Richtigkeit von
Korinnas Auseinandersetzungen nahm er einen Stengel der zufällig abgebrochen
war in den Schnabel und flog damit auf das andere Dach hinüber Die beiden
Frauen aber verfielen in Schweigen und nahmen erst nach einer Viertelstunde das
Gespräch wieder auf
    Das Gesamtbild war nicht mehr ganz dasselbe denn Korinna hatte mittlerweile
den Tisch abgeräumt und einen blauen Zuckerbogen darüber ausgebreitet auf
welchem zahlreiche alte Semmeln lagen und daneben ein großes Reibeisen Dies
letztere nahm sie jetzt in die Hand stemmte sich mit der linken Schulter
dagegen und begann nun ihre Reibetätigkeit mit solcher Vehemenz dass die
geriebene Semmel über den ganzen blauen Bogen hinstäubte Dann und wann
unterbrach sie sich und schüttete die Bröckchen nach der Mitte hin zu einem Berg
zusammen aber gleich danach begann sie von neuem und es hörte sich wirklich
an als ob sie bei dieser Arbeit allerlei mörderische Gedanken habe
    Die Schmolke sah ihr von der Seite her zu Dann sagte sie »Korinna wen
zerreibst du denn eigentlich«
    »Die ganze Welt«
    »Das is viel un dich mit«
    »Mich zuerst«
    »Das is recht Denn wenn du nur erst recht zerrieben un recht mürbe bist
dann wirst du wohl wieder zu Verstande kommen«
    »Nie«
    »Man muss nie nie sagen Korinna Das war ein Hauptsatz von Schmolke Un das
muss wahr sein ich habe noch jedesmal gefunden wenn einer nie sagte dann is es
immer dicht vorm Umkippen Un ich wollte dass es mit dir auch so wäre«
    Korinna seufzte
    »Sieh Korinna du weißt dass ich immer dagegen war Denn es is ja doch ganz
klar dass du deinen Vetter Marcell heiraten musst«
    »Liebe Schmolke nur kein Wort von dem«
    »Ja das kennt man das is das Unrechtsgefühl Aber ich will nichts weiter
sagen un will nur sagen was ich schon gesagt habe dass ich immer dagegen war
ich meine gegen Leopold un dass ich einen Schreck kriegte als du mirs sagtest
Aber als du mir dann sagtest dass die Kommerzienrätin sich ärgern würde da
gönnt ichs ihr un dachte warum nich warum soll es nich gehen Un wenn der
Leopold auch bloß ein Wickelkind is Korinnchen wird ihn schon aufpäppeln und
ihn zu Kräften bringen Ja Korinna so dacht ich un hab es dir auch gesagt
Aber es war ein schlechter Gedanke denn man soll seinen Mitmenschen nich
ärgern auch wenn man ihn nich leiden kann un was mir zuerst kam der Schreck
über deine Verlobung das war doch das Richtige Du musst einen klugen Mann
haben einen der eigentlich klüger ist als du  du bist übrigens gar nich mal
so klug  un der was Männliches hat so wie Schmolke un vor dem du Respekt
hast Un vor Leopold kannst du keinen Respekt haben Liebst du n denn noch
immer«
    »Ach ich denke ja gar nicht dran liebe Schmolke«
    »Na Korinna denn is es Zeit un denn musst du nu Schicht damit machen Du
kannst doch nich die ganze Welt auf den Kopp stellen un dein un andrer Leute
Glück worunter auch dein Vater un deine alte Schmolke is verschütten un
verderben wollen bloß um der alten Kommerzienrätin mit ihrem Puffscheitel und
ihren Brillantbommeln einen Tort anzutun Es is eine geldstolze Frau die den
Apfelsinenladen vergessen hat un immer bloß ötepotöte tut un den alten Professor
anschmachtet un ihn auch Wilibald nennt als ob sie noch auf n Hausboden
Versteck miteinander spielten un hinterm Torf stünden denn damals hatte man
noch Torf auf m Boden un wenn man runterkam sah man immer aus wie n
Schornsteinfeger  ja sieh Korinna das hat alles seine Richtigkeit un ich
hätt ihr so was gegönnt un Ärger genug wird sie woll auch gehabt haben Aber
wie der alte Pastor Thomas zu Schmolke un mir in unsrer Traurede gesagt hat
Liebet euch untereinander denn der Mensch soll sein Leben nich auf den Hass
sondern auf die Liebe stellen dessen Schmolke un ich auch immer eingedenk
gewesen sind  so meine liebe Korinna sag ich es auch zu dir man soll sein
Leben nich auf den Hass stellen Hast du denn wirklich einen solchen Hass auf die
Rätin das heißt einen richtigen«
    »Ach ich denke ja gar nicht dran liebe Schmolke«
    »Ja Korinna da kann ich dir bloß noch mal sagen dann is es wirklich die
höchste Zeit dass was geschieht Denn wenn du ihn nicht liebst und ihr nich
hasst denn weiß ich nich was die ganze Geschichte überhaupt noch soll«
    »Ich auch nicht«
    Und damit umarmte Korinna die gute Schmolke und diese sah denn auch gleich
an einem Flimmer in Korinnas Augen dass nun alles vorüber und dass der Sturm
gebrochen sei
    »Na Korinna denn wollen wirs schon kriegen un es kann noch alles gut
werden Aber nu gib die Form her dass wir ihn eintun denn eine Stunde muss er
doch wenigstens kochen Un vor Tisch sag ich deinem Vater kein Wort weil er
sonst vor Freude nich essen kann«
    »Ach der ässe doch«
    »Aber nach Tisch sag ichs ihm wenn er auch um seinen Schlaf kommt Und
geträumt hab ichs auch schon un habe dir nur nichts davon sagen wollen Aber
nun kann ich es ja Sieben Kutschen und die beiden Kälber von Professor Kuh
waren Brautjungfern Natürlich Brautjungfern möchten sie immer alle sein denn
auf die kuckt alles beinah mehr noch als auf die Braut weil die ja schon weg
ist un meistens kommen sie auch bald ran Un bloß den Pastor konnt ich nich
recht erkennen Thomas war es nich Aber vielleicht war es Souchon bloß dass er
ein bisschen zu dicklich war«
 
                              Fünfzehntes Kapitel
Der Pudding erschien Punkt zwei und Schmidt hatte sich denselben munden lassen
In seiner behaglichen Stimmung entging es ihm durchaus dass Korinna für alles
was er sagte nur ein stummes Lächeln hatte denn er war ein liebenswürdiger
Egoist wie die meisten seines Zeichens und kümmerte sich nicht sonderlich um
die Stimmung seiner Umgebung solange nichts passierte was dazu angetan war
ihm die Laune direkt zu stören
    »Und nun lass abdecken Korinna ich will eh ich mich ein bisschen
ausstrecke noch einen Brief an Marcell schreiben oder doch wenigstens ein paar
Zeilen Er hat nämlich die Stelle Distelkamp der immer noch alte Beziehungen
unterhält hat michs heute vormittag wissen lassen« Und während der Alte das
sagte sah er zu Korinna hinüber weil er wahrnehmen wollte wie diese wichtige
Nachricht auf seiner Tochter Gemüt wirke Er sah aber nichts vielleicht weil
nichts zu sehen war vielleicht auch weil er kein scharfer Beobachter war
selbst dann nicht wenn ers ausnahmsweise mal sein wollte
    Korinna während der Alte sich erhob stand ebenfalls auf und ging hinaus
um draußen die nötigen Ordres zum Abräumen an die Schmolke zu geben Als diese
bald danach eintrat setzte sie mit jenem absichtlichen und ganz unnötigen
Lärmen durch den alte Dienerinnen ihre dominierende Hausstellung auszudrücken
lieben die herumstehenden Teller und Bestecke zusammen derart dass die Messer
und Gabelspitzen nach allen Seiten hin herausstarrten und drückte diesen
Stachelturm im selben Augenblicke wo sie sich zum Hinausgehen anschickte fest
an sich
    »Pieken Sie sich nicht liebe Schmolke« sagte Schmidt der sich gern einmal
eine kleine Vertraulichkeit erlaubte
    »Nein Herr Professor von pieken is keine Rede nich mehr schon lange nich
Un mit der Verlobung is es auch vorbei«
    »Vorbei Wirklich Hat sie was gesagt«
    »Ja wie sie die Semmel zu den Pudding rieb ist es mit eins rausgekommen
Es stieß ihr schon lange das Herz ab und sie wollte bloß nichts sagen Aber nu
is es ihr zu langweilig geworden das mit Leopolden Immer bloß kleine Billetter
mit n Vergissmeinnicht draußen un n Veilchen drin da sieht sie nu doch wohl
dass er keine rechte Kourage hat un dass seine Furcht vor der Mama noch größer is
als seine Liebe zu ihr«
    »Nun das freut mich Und ich hab es auch nicht anders erwartet Und Sie
wohl auch nicht liebe Schmolke Der Marcell ist doch ein andres Kraut Und was
heißt gute Partie Marcell ist Archäologe«
    »Versteht sich« sagte die Schmolke die sich dem Professor gegenüber
grundsätzlich nie zur Unvertrauteit mit Fremdwörtern bekannte
    »Marcell sag ich ist Archäologe Vorläufig rückt er an Hedrichs Stelle
Gut angeschrieben ist er schon lange seit Jahr und Tag Und dann geht er mit
Urlaub und Stipendium nach Mykenä «
    Die Schmolke drückte auch jetzt wieder ihr volles Verständnis und zugleich
ihre Zustimmung aus
    »Und vielleicht« fuhr Schmidt fort »auch nach Tiryns oder wo Schliemann
grade steckt Und wenn er von da zurück ist und mir einen Zeus für diese meine
Stube mitgebracht hat « und er wies dabei unwillkürlich nach dem Ofen oben
als dem einzigen für Zeus noch leeren Fleck » wenn er von da zurück ist sag
ich so ist ihm eine Professur gewiss Die Alten können nicht ewig leben Und
sehen Sie liebe Schmolke das ist das was ich eine gute Partie nenne«
    »Versteht sich Herr Professor Wovor sind denn auch die Examens un all das
Un Schmolke wenn er auch kein Studierter war sagte auch immer«
    »Und nun will ich an Marcell schreiben und mich dann ein Viertelstündchen
hinlegen Und um halb vier den Kaffee Aber nicht später«
Um halb vier kam der Kaffee Der Brief an Marcell ein Rohrpostbrief zu dem
sich Schmidt nach einigem Zögern entschlossen hatte war seit wenigstens einer
halben Stunde fort und wenn alles gut ging und Marcell zu Hause war so las er
vielleicht in diesem Augenblicke schon die drei lapidaren Zeilen aus denen er
seinen Sieg entnehmen konnte GymnasialOberlehrer Bis heute war er nur
deutscher Literaturlehrer an einer höheren Mädchenschule gewesen und hatte
manchmal grimmig in sich hineingelacht wenn er über den Kodex argenteus bei
welchem Worte die jungen Dinger immer kicherten oder über den Heliand und
Beowulf hatte sprechen müssen Auch hinsichtlich Korinnas waren ein paar dunkle
Wendungen in den Brief eingeflochten worden und alles in allem ließ sich
annehmen dass Marcell binnen kürzester Frist erscheinen würde seinen Dank
auszusprechen
    Und wirklich fünf Uhr war noch nicht heran als die Klingel ging und
Marcell eintrat Er dankte dem Onkel herzlich für seine Protektion und als
dieser das alles mit der Bemerkung ablehnte dass wenn von solchen Dingen
überhaupt die Rede sein könne jeder Dankesanspruch auf Distelkamp falle sagte
Marcell »Nun dann also Distelkamp Aber dass du mirs gleich geschrieben dafür
werd ich mich doch auch bei dir bedanken dürfen Und noch dazu mit Rohrpost«
    »Ja Marcell das mit Rohrpost das hat vielleicht Anspruch denn eh wir
Alten uns zu was Neuem bequemen das dreißig Pfennig kostet da kann mitunter
viel Wasser die Spree runterfliessen Aber was sagst du zu Korinna«
    »Lieber Onkel du hast da so eine dunkle Wendung gebraucht ich habe sie
nicht recht verstanden Du schriebst Kennet von Leoparden sei auf dem Rückzug
Ist Leopold gemeint Und muss es Korinna jetzt als Strafe hinnehmen dass sich
Leopold den sie so sicher zu haben glaubte von ihr abwendet«
    »Es wäre so schlimm nicht wenn es so läge Denn in diesem Falle wäre die
Demütigung von der man doch wohl sprechen muss noch um einen Grad größer Und
sosehr ich Korinna liebe so muss ich doch zugeben dass ihr ein Denkzettel wohl
not täte«
    Marcell wollte zum Guten reden
    »Nein verteidige sie nicht sie hätte so was verdient Aber die Götter
haben es doch milder mit ihr vor und diktieren ihr statt der ganzen Niederlage
die sich in Leopolds selbstgewolltem Rückzuge aussprechen würde nur die halbe
Niederlage zu nur die dass die Mutter nicht will und dass meine gute Jenny
trotz Lyrik und obligater Träne sich ihrem Jungen gegenüber doch mächtiger
erweist als Korinna«
    »Vielleicht nur weil Korinna sich noch rechtzeitig besann und nicht alle
Minen springen lassen wollte«
    »Vielleicht ist es so Aber wie es auch liegen mag Marcell wir müssen uns
nun darüber schlüssig machen wie du zu dieser ganzen Tragikomödie dich stellen
willst so oder so Ist dir Korinna die du vorhin so großmütig verteidigen
wolltest verleidet oder nicht Findest du dass sie wirklich eine gefährliche
Person ist voll Oberflächlichkeit und Eitelkeit oder meinst du dass alles
nicht so schlimm und ernstaft war eigentlich nur bloße Marotte die verziehen
werden kann Darauf kommt es an«
    »Ja lieber Onkel ich weiß wohl wie ich dazu stehe Aber ich bekenne dir
offen ich hörte gern erst deine Meinung Du hast es immer gut mit mir gemeint
und wirst Korinna nicht mehr loben als sie verdient Auch schon aus Selbstsucht
nicht weil du sie gern im Hause behieltest Und ein bisschen Egoist bist du ja
wohl Verzeih ich meine nur so dann und wann und in einzelnen Stücken«
    »Sage dreist in allen Ich weiß das auch und getröste mich damit dass es in
der Welt öfters vorkommt Aber das sind Abschweifungen Von Korinna soll ich
sprechen und will auch Ja Marcell was ist da zu sagen Ich glaube sie war
ganz ernstaft dabei hat dirs ja auch damals ganz frank und frei erklärt und
du hast es auch geglaubt mehr noch als ich Das war die Sachlage so stand es
vor ein paar Wochen Aber jetzt darauf möcht ich mich verwetten jetzt ist sie
gänzlich umgewandelt und wenn die Treibels ihren Leopold zwischen lauter
Juwelen und Goldbarren setzen wollten ich glaube sie nähm ihn nicht mehr Sie
hat eigentlich ein gesundes und ehrliches und aufrichtiges Herz auch einen
feinen Ehrenpunkt und nach einer kurzen Abirrung ist ihr mit einem Male
klargeworden was es eigentlich heißt wenn man mit zwei Familienporträts und
einer väterlichen Bibliothek in eine reiche Familie hineinheiraten will Sie hat
den Fehler gemacht sich einzubilden das ginge so weil man ihrer Eitelkeit
beständig Zuckerbrot gab und so tat als bewerbe man sich um sie Aber bewerben
und bewerben ist ein Unterschied Gesellschaftlich das geht eine Weile nur
nicht fürs Leben In eine Herzogsfamilie kann man allenfalls hineinkommen in
eine Bourgeoisfamilie nicht Und wenn er der Bourgeois es auch wirklich übers
Herz brächte  seine Bourgeoise gewiss nicht am wenigsten wenn sie Jenny
Treibel née Bürstenbinder heißt Rundheraus Korinnas Stolz ist endlich
wachgerufen lass mich hinzusetzen Gott sei Dank und gleichviel nun ob sies
noch hätte durchsetzen können oder nicht sie mag es und will es nicht mehr sie
hat es satt Was vordem halb Berechnung halb Übermut war das sieht sie jetzt
in einem andern Licht und ist ihr Gesinnungssache geworden Da hast du meine
Weisheit Und nun lass mich noch einmal fragen wie gedenkst du dich zu stellen
Hast du Lust und Kraft ihr die Torheit zu verzeihen«
    »Ja lieber Onkel das hab ich Natürlich soviel ist richtig es wäre mir
ein gut Teil lieber die Geschichte hätte nicht gespielt aber da sie nun einmal
gespielt hat nehm ich mir das Gute daraus Korinna hat nun wohl für immer mit
der Modernität und dem krankhaften Gewichtlegen aufs Äusserliche gebrochen und
hat statt dessen die von ihr verspotteten Lebensformen wieder anerkennen
gelernt in denen sie grossgeworden ist«
    Der Alte nickte
    »Mancher« fuhr Marcell fort »würde sich anders dazu stellen das ist mir
völlig klar die Menschen sind eben verschieden das sieht man alle Tage Da hab
ich beispielsweise ganz vor kurzem erst eine kleine reizende Geschichte von
Heise gelesen in der ein junger Gelehrter ja wenn mir recht ist sogar ein
archäologisch Angekränkelter also eine Art Spezialkollege von mir eine junge
Baronesse liebt und auch herzlich und aufrichtig wiedergeliebt wird er weiß es
nur noch nicht recht ist ihrer noch nicht ganz sicher Und in diesem
Unsicherheitszustande hört er in der zufälligen Verborgenheit einer Taxushecke
wie die mit einer Freundin im Park lustwandelnde Baronesse eben dieser ihrer
Freundin allerhand Konfessions macht von ihrem Glück und ihrer Liebe plaudert
und sichs nur leider nicht versagt ein paar scherzhaft übermütige Bemerkungen
über ihre Liebe mit einzuflechten Und dies hören und sein Ränzel schnüren und
sofort das Weite suchen ist für den Liebhaber und Archäologen eins Mir ganz
unverständlich Ich lieber Onkel hätt es anders gemacht ich hätte nur die
Liebe herausgehört und nicht den Scherz und nicht den Spott und wäre statt
abzureisen meiner geliebten Baronesse wahnsinnig glücklich zu Füßen gestürzt
von nichts sprechend als von meinem unendlichen Glück Da hast du meine
Situation lieber Onkel Natürlich kann mans auch anders machen ich bin für
mein Teil indessen herzlich froh dass ich nicht zu den Feierlichen gehöre
Respekt vor dem Ehrenpunkt gewiss aber zuviel davon ist vielleicht überall vom
Übel und in der Liebe nun schon ganz gewiss«
    »Bravo Marcell Hab es übrigens nicht anders erwartet und seh auch darin
wieder dass du meiner leiblichen Schwester Sohn bist Sieh das ist das
Schmidtsche in dir dass du so sprechen kannst keine Kleinlichkeit keine
Eitelkeit immer aufs Rechte und immer aufs Ganze Komm her Junge gib mir
einen Kuss Einer ist eigentlich zuwenig denn wenn ich bedenke dass du mein
Neffe und Kollege und nun bald auch mein Schwiegersohn bist denn Korinna wird
doch wohl nicht nein sagen dann sind auch zwei Backenküsse kaum noch genug Und
die Genugtuung sollst du haben Marcell Korinna muss an dich schreiben und
sozusagen beichten und Vergebung der Sünden bei dir anrufen«
    »Um Gottes willen Onkel mache nur nicht so was Zunächst wird sies nicht
tun und wenn sies tun wollte so würd ich doch das nicht mit ansehen können
Die Juden so hat mir Friedeberg erst ganz vor kurzem erzählt haben ein Gesetz
oder einen Spruch wonach es als ganz besonders strafwürdig gilt einen
Mitmenschen zu beschämen und ich finde das ist ein kolossal feines Gesetz und
beinah schon christlich Und wenn man niemanden beschämen soll nicht einmal
seine Feinde ja lieber Onkel wie käm ich dann dazu meine liebe Kousine
Korinna beschämen zu wollen die vielleicht schon nicht weiß wo sie vor
Verlegenheit hinsehen soll Denn wenn die Nichtverlegenen mal verlegen werden
dann werden sies auch ordentlich und ist einer in solch peinlicher Lage wie
Korinna da hat man die Pflicht ihm goldne Brücken zu baun Ich werde
schreiben lieber Onkel«
    »Bist ein guter Kerl Marcell komm her noch einen Aber sei nicht zu gut
das können die Weiber nicht vertragen nicht einmal die Schmolke«
 
                              Sechzehntes Kapitel
Und Marcell schrieb wirklich und am andern Morgen lagen zwei an Korinna
adressierte Briefe auf dem Frühstückstisch einer in kleinem Format mit einem
Landschaftsbildchen in der linken Ecke Teich und Trauerweide worin Leopold
zum ach wievielsten Male von seinem »unerschütterlichen Entschlusse« sprach
der andere ohne malerische Zutat von Marcell Dieser lautete
»Liebe Korinna Der Papa hat gestern mit mir gesprochen und mich zu meiner
innigsten Freude wissen lassen dass verzeih es sind seine eignen Worte
Vernunft wieder an zu sprechen fange Und so setzte er hinzu die rechte
Vernunft käme aus dem Herzen Darf ich es glauben ist ein Wandel eingetreten
die Bekehrung auf die ich gehofft Der Papa wenigstens hat mich dessen
versichert Er war auch der Meinung dass Du bereit sein würdest dies gegen mich
auszusprechen aber ich habe feierlichst dagegen protestiert denn mir liegt gar
nicht daran Unrechts oder Schuldgeständnisse zu hören  das was ich jetzt
weiß wenn auch noch nicht aus Deinem Munde genügt mir völlig macht mich
unendlich glücklich und löscht alle Bitterkeit aus meiner Seele Manch einer
würde mir in diesem Gefühl nicht folgen können aber ich habe da wo mein Herz
spricht nicht das Bedürfnis zu einem Engel zu sprechen im Gegenteil mich
bedrücken Vollkommenheiten vielleicht weil ich nicht an sie glaube Mängel die
ich menschlich begreife sind mir sympathisch auch dann noch wenn ich unter
ihnen leide Was Du mir damals sagtest als ich Dich an dem MrNelsonAbend von
Treibels nach Hause begleitete das weiß ich freilich noch alles aber es lebt
nur in meinem Ohr nicht in meinem Herzen In meinem Herzen steht nur das eine
das immer darin stand von Anfang an von Jugend auf
    Ich hoffe Dich heute noch zu sehen Wie immer Dein Marcell«
Korinna reichte den Brief ihrem Vater Der las nun auch und blies dabei doppelte
Dampfwolken als er aber fertig war stand er auf und gab seinem Liebling einen
Kuss auf die Stirn »Du bist ein Glückskind Sieh das ist das was man das
Höhere nennt das wirklich Ideale nicht das von meiner Freundin Jenny Glaube
mir das Klassische was sie jetzt verspotten das ist das was die Seele frei
macht das Kleinliche nicht kennt und das Christliche vorahnt und vergeben und
vergessen lehrt weil wir alle des Ruhmes mangeln Ja Korinna das Klassische
das hat Sprüche wie Bibelsprüche Mitunter beinah noch etwas drüber Da haben
wir zum Beispiel den Spruch Werde der du bist ein Wort das nur ein Grieche
sprechen konnte Freilich dieser Werdeprozess der hier gefordert wird muss sich
verlohnen aber wenn mich meine väterliche Befangenheit nicht täuscht bei dir
verlohnt es sich Diese Treibelei war ein Irrtum ein Schritt vom Wege wie
jetzt wie du wissen wirst auch ein Lustspiel heißt noch dazu von einem
Kammergerichtsrat Das Kammergericht Gott sei Dank war immer literarisch Das
Literarische macht frei Jetzt hast du das Richtige wiedergefunden und dich
selbst dazu Werde der du bist sagt der große Pindar und deshalb muss auch
Marcell um der zu werden der er ist in die Welt hinaus an die großen
Stätten und besonders an die ganz alten Die ganz alten das ist immer wie das
Heilige Grab dahin gehen die Kreuzzüge der Wissenschaft und seid ihr erst von
Mykenä wieder zurück  ich sage ihr denn du wirst ihn begleiten die Schliemann
ist auch immer dabei  so müsste keine Gerechtigkeit sein wenn ihr nicht übers
Jahr Privatdozent wärt oder Extraordinarius«
    Korinna dankte ihm dass er sie gleich mit ernenne vorläufig indes sei sie
mehr für Haus und Kinderstube Dann verabschiedete sie sich und ging in die
Küche setzte sich auf einen Schemel und ließ die Schmolke den Brief lesen
»Nun was sagen Sie liebe Schmolke«
    »Ja Korinna was soll ich sagen Ich sage bloß was Schmolke immer sagte
Manchen gibt es der liebe Gott im Schlaf Du hast ganz unverantwortlich un
beinahe schauderöse gehandelt un kriegst ihn nu doch Du bist ein Glückskind«
    »Das hat mir Papa auch gesagt«
    »Na denn muss es wahr sein Korinna Denn was ein Professor sagt is immer
wahr Aber nu keine Flausen mehr und keine Witzchen davon haben wir nu genug
gehabt mit dem armen Leopold der mir doch eigentlich leid tun kann denn er hat
sich ja nich selber gemacht un der Mensch is am Ende wie er is Nein Korinna
nu wollen wir ernstaft werden Und wenn meinst du denn dass es losgeht oder in
die Zeitung kommt Morgen«
    »Nein liebe Schmolke so schnell geht es nicht Ich muss ihn doch erst sehen
und ihm einen Kuss geben«
    »Versteht sich versteht sich Eher geht es nich «
    »Und dann muss ich doch auch dem armen Leopold erst abschreiben Er hat mir
ja erst heute wieder versichert dass er für mich leben und sterben will«
    »Ach Jott der arme Mensch«
    »Am Ende ist er auch ganz froh«
    »Möglich is es«
Noch am selben Abend wie sein Brief es angezeigt kam Marcell und begrüßte
zunächst den in seine Zeitungslektüre vertieften Onkel der ihm denn auch 
vielleicht weil er die Verlobungsfrage für erledigt hielt  etwas zerstreut und
das Zeitungsblatt in der Hand mit den Worten entgegentrat »Und nun sage
Marcell was sagst du dazu Summus episcopus Der Kaiser unser alter Wilhelm
entkleidet sich davon und will es nicht mehr und Kögel wird es Oder vielleicht
Stoecker «
    »Ach lieber Onkel erstlich glaub ich es nicht Und dann ich werde ja doch
schwerlich im Dom getraut werden«
    »Hast recht Ich habe den Fehler aller NichtPolitiker über einer
Sensationsnachricht die natürlich hinterher immer falsch ist alles Wichtigere
zu vergessen Korinna sitzt drüben in ihrem Zimmer und wartet auf dich und ich
denke mir es wird wohl das beste sein ihr macht es untereinander ab ich bin
auch mit der Zeitung noch nicht ganz fertig und ein dritter geniert bloß auch
wenn es der Vater ist«
    Korinna als Marcell eintrat kam ihm herzlich und freundlich entgegen
etwas verlegen aber doch zugleich sichtlich gewillt die Sache nach ihrer Art
zu behandeln also sowenig tragisch wie möglich Von drüben her fiel der
Abendschein ins Fenster und als sie sich gesetzt hatten nahm sie seine Hand
und sagte »Du bist so gut und ich hoffe dass ich dessen immer eingedenk sein
werde Was ich wollte war nur Torheit«
    »Wolltest dus denn wirklich«
    Sie nickte
    »Und liebtest ihn ganz ernstaft«
    »Nein Aber ich wollte ihn ganz ernstaft heiraten Und mehr noch Marcell
ich glaube auch nicht dass ich sehr unglücklich geworden wäre das liegt nicht
in mir freilich auch wohl nicht sehr glücklich Aber wer ist glücklich Kennst
du wen Ich nicht Ich hätte Malstunden genommen und vielleicht auch
Reitunterricht und hätte mich an der Riviera mit ein paar englischen Familien
angefreundet natürlich solche mit einer PleasureYacht und wäre mit ihnen nach
Korsika oder nach Sizilien gefahren immer der Blutrache nach Denn ein
Bedürfnis nach Aufregung würd ich doch wohl zeitlebens gehabt haben Leopold ist
etwas schläfrig Ja so hätt ich gelebt«
    »Du bleibst immer dieselbe und malst dich schlimmer als du bist«
    »Kaum aber freilich auch nicht besser Und deshalb glaubst du mir wohl
auch wenn ich dir jetzt versichre dass ich froh bin aus dem allen heraus zu
sein Ich habe von früh an den Sinn für Äußerlichkeiten gehabt und hab ihn
vielleicht noch aber seine Befriedigung kann doch zu teuer erkauft werden das
hab ich jetzt einsehen gelernt«
    Marcell wollte noch einmal unterbrechen aber sie litt es nicht
    »Nein Marcell ich muss noch ein paar Worte sagen Sieh das mit dem
Leopold das wäre vielleicht gegangen warum am Ende nicht Einen schwachen
guten unbedeutenden Menschen zur Seite zu haben kann sogar angenehm sein kann
einen Vorzug bedeuten Aber diese Mama diese furchtbare Frau Gewiss Besitz und
Geld haben einen Zauber wär es nicht so so wäre mir meine Verirrung erspart
geblieben aber wenn Geld alles ist und Herz und Sinn verengt und zum Überfluss
Hand in Hand geht mit Sentimentalität und Tränen  dann empört sichs hier und
das hinzunehmen wäre mir hart angekommen wenn ichs auch vielleicht ertragen
hätte Denn ich gehe davon aus der Mensch in einem guten Bett und in guter
Pflege kann eigentlich viel ertragen«
    Den zweiten Tag danach stand es in den Zeitungen und zugleich mit den
öffentlichen Anzeigen trafen Karten ein Auch bei Kommerzienrats Treibel der
nach vorgängigem Einblick in das Kouvert ein starkes Gefühl von der Wichtigkeit
dieser Nachricht und ihrem Einfluss auf die Wiederherstellung häuslichen Friedens
und passabler Laune hatte säumte nicht in das Damenzimmer hinüberzugehen wo
Jenny mit Hildegard frühstückte Schon beim Eintreten hielt er den Brief in die
Höhe und sagte »Was kriege ich wenn ich euch den Inhalt dieses Briefes
mitteile«
    »Fordere« sagte Jenny in der vielleicht eine Hoffnung dämmerte
    »Einen Kuss«
    »Keine Albernheiten Treibel«
    »Nun wenn es von dir nicht sein kann dann wenigstens von Hildegard«
    »Zugestanden« sagte diese »Aber nun lies«
    Und Treibel las »Die am heutigen Tage stattgehabte Verlobung meiner
Tochter ja meine Damen welcher Tochter Es gibt viele Töchter Noch einmal
also ratet Ich verdoppele den von mir gestellten Preis  also meiner Tochter
Korinna mit dem Doktor Marcell Wedderkopp Oberlehrer und Lieutenant der Reserve
im brandenburgischen Füsilierregiment Nr 35 habe ich die Ehre hiermit ganz
ergebenst anzuzeigen Doktor Wilibald Schmidt Professor und Oberlehrer am
Gymnasium zum Heiligen Geist«
    Jenny durch Hildegards Gegenwart behindert begnügte sich ihrem Gatten
einen triumphierenden Blick zuzuwerfen Hildegard selbst aber die sofort wieder
auf Suche nach einem Formfehler war sagte nur »Ist das alles Soviel ich weiß
pflegt es Sache der Verlobten zu sein auch ihrerseits noch ein Wort zu sagen
Aber die SchmidtWedderkopps haben am Ende darauf verzichtet«
    »Doch nicht teure Hildegard Auf dem zweiten Blatt das ich unterschlagen
habe haben auch die Brautleute gesprochen Ich überlasse dir das Schriftstück
als Andenken an deinen Berliner Aufenthalt und als Beweis für den allmählichen
Fortschritt hiesiger Kulturformen Natürlich stehen wir noch eine gute Strecke
zurück aber es macht sich allmählich Und nun bitt ich um meinen Kuss«
    Hildegard gab ihm zwei und so stürmisch dass ihre Bedeutung klar war
Dieser Tag bedeutete zwei Verlobungen
Der letzte Sonnabend im Juli war als Marcells und Korinnas Hochzeitstag
angesetzt worden »nur keine langen Verlobungen« betonte Wilibald Schmidt und
die Brautleute hatten begreiflicherweise gegen ein beschleunigtes Verfahren
nichts einzuwenden Einzig und allein die Schmolke dies mit der Verlobung so
eilig gehabt hatte wollte von solcher Beschleunigung nicht viel wissen und
meinte bis dahin sei ja bloß noch drei Wochen also nur gerade noch Zeit genug
»um dreimal von der Kanzel zu fallen« und das ginge nicht das sei zu kurz
darüber redeten die Leute schließlich aber gab sie sich zufrieden oder tröstete
sich wenigstens mit dem Satze geredet wird doch
    Am siebenundzwanzigsten war kleiner Polterabend in der Schmidtschen Wohnung
den Tag darauf Hochzeit im »Englischen Hause« Prediger Thomas traute Drei Uhr
fuhren die Wagen vor der Nikolaikirche vor sechs Brautjungfern unter denen die
beiden Kuhschen Kälber und die zwei Felgentreus waren Letztere wie schon hier
verraten werden mag verlobten sich in einer Tanzpause mit den zwei
Referendarien vom Quartett denselben jungen Herren die die Halenseepartie
mitgemacht hatten Der natürlich auch geladene Jodler wurde von den Kuhs heftig
in Angriff genommen widerstand aber weil er als Eckhaussohn an solche
Sturmangriffe gewöhnt war Die Kuhschen Töchter selbst fanden sich ziemlich
leicht in diesen Echec  »er war der erste nicht er wird der letzte nicht
sein« sagte Schmidt  und nur die Mutter zeigte bis zuletzt eine starke
Verstimmung
    Sonst war es eine durchaus heitere Hochzeit was zum Teil damit
zusammenhing dass man von Anfang an alles auf die leichte Schulter genommen
hatte Man wollte vergeben und vergessen hüben und drüben und so kam es denn
auch dass um die Hauptsache vorwegzunehmen alle Treibels nicht nur geladen
sondern mit alleiniger Ausnahme von Leopold der an demselben Nachmittage nach
dem Eierhäuschen ritt auch vollzählig erschienen waren Allerdings hatte die
Kommerzienrätin anfänglich stark geschwankt ja sogar von Taktlosigkeit und
Affront gesprochen aber ihr zweiter Gedanke war doch der gewesen den ganzen
Vorfall als eine Kinderei zu nehmen und dadurch das schon hier und da laut
gewordene Gerede der Menschen auf die leichteste Weise totzumachen Bei diesem
zweiten Gedanken blieb es denn auch die Rätin freundlichlächelnd wie immer
trat in pontificalibus auf und bildete ganz unbestritten das Glanzund
Repräsentationsstück der Hochzeitstafel Selbst die Honig und die Wulsten waren
auf Korinnas dringenden Wunsch eingeladen worden erstere kam auch die Wulsten
dagegen entschuldigte sich brieflich »weil sie Lizzi das süße Kind doch nicht
allein lassen könne« Dicht unter der Stelle »das süße Kind« war ein Fleck und
Marcell sagte zu Korinna »Eine Träne und ich glaube eine echte« Von den
Professoren waren außer den schon genannten Kuhs nur Distelkamp und
Rindfleisch zugegen da sich die mit jüngerem Nachwuchs Gesegneten sämtlich in
Kösen Ahlbeck und Stolpemünde befanden Trotz dieser PersonalEinbusse war an
Toasten kein Mangel der Distelkampsche war der beste der Felgentreusche der
logisch ungeheuerlichste weshalb ihm ein hervorragender vom Ausbringer
allerdings unbeabsichtigter Lacherfolg zuteil wurde
    Mit dem Herumreichen des Konfekts war begonnen und Schmidt ging eben von
Platz zu Platz um den älteren und auch einigen jüngeren Damen allerlei
Liebenswürdiges zu sagen als der schon vielfach erschienene Telegraphenbote
noch einmal in den Saal und gleich danach an den alten Schmidt herantrat
Dieser von dem Verlangen erfüllt den Überbringer so vieler Herzenswünsche
schließlich wie den Goeteschen Sänger königlich zu belohnen füllte ein neben
ihm stehendes Becherglas mit Champagner und kredenzte es dem Boten der es
unter vorgängiger Verbeugung gegen das Brautpaar mit einem gewissen Avec
leerte Großer Beifall Dann öffnete Schmidt das Telegramm überflog es und
sagte »Vom stammverwandten Volk der Briten«
    »Lesen lesen«
    » To Doctor Marcell Wedderkopp«
    »Lauter«
    »England expects tat every man will do his duty Unterzeichnet John
Nelson«
    Im Kreise der sachlich und sprachlich Eingeweihten brach ein Jubel aus und
Treibel sagte zu Schmidt »Ich denke mir Marcell ist Bürge dafür«
    Korinna selbst war ungemein erfreut und erheitert über das Telegramm aber
es gebrach ihr bereits an Zeit ihrer glücklichen Stimmung Ausdruck zu geben
denn es war acht Uhr und um neuneinhalb Uhr ging der Zug der sie zunächst bis
München und von da nach Verona oder wie Schmidt mit Vorliebe sich ausdrückte
»bis an das Grab der Julia« führen sollte Schmidt nannte das übrigens alles nur
Kleinkram und »Vorschmack« sprach überhaupt ziemlich hochmütig und orakelte
zum Ärger Kuhs von Messenien und dem Taygetos darin sich gewiss noch ein paar
Grabkammern finden würden wenn nicht von Aristomenes selbst so doch von seinem
Vater Und als er endlich schwieg und Distelkamp ein vergnügtes Lächeln über
seinen mal wieder sein Steckenpferd tummelnden Freund Schmidt zeigte nahm man
wahr dass Marcell und Korinna den Saal inzwischen verlassen hatten
Die Gäste blieben noch Aber gegen zehn Uhr hatten sich die Reihen doch stark
gelichtet Jenny die Honig Helene waren aufgebrochen und mit Helene natürlich
auch Otto trotzdem er gern noch eine Stunde zugegeben hätte Nur der alte
Kommerzienrat hatte sich emanzipiert und saß neben seinem Bruder Schmidt eine
Anekdote nach der andern aus dem »Schatzkästlein deutscher Nation« hervorholend
lauter blutrote Karfunkelsteine von deren »reinem Glanze« zu sprechen
Vermessenheit gewesen wäre Treibel trotzdem Goldammer fehlte sah sich dabei
von verschiedenen Seiten her unterstützt am ausgiebigsten von Adolar Krola dem
denn auch Fachmänner wahrscheinlich den Preis zuerkannt haben würden
    Längst brannten die Lichter Zigarrenwölkchen kräuselten sich in großen und
kleinen Ringen und junge Paare zogen sich mehr und mehr in ein paar Saalecken
zurück in denen ziemlich unmotiviert vier fünf Lorbeerbäume zusammenstanden
und eine gegen Profanblicke schützende Hecke bildeten Hier wurden auch die
Kuhschen gesehen die noch einmal vielleicht auf Rat der Mutter einen
energischen Vorstoss auf den Jodler unternahmen aber auch diesmal umsonst Zu
gleicher Zeit klimperte man bereits auf dem Flügel und es war sichtlich der
Zeitpunkt nahe wo die Jugend ihr gutes Recht beim Tanze behaupten würde
    Diesen gefahrdrohenden Moment ergriff der schon vielfach mit »du« und
»Bruder« operierende Schmidt mit einer gewissen Feldherrngeschicklichkeit und
sagte während er Krola eine neue Zigarrenkiste zuschob »Hören Sie Sänger und
Bruder carpe diem Wir Lateiner legen den Akzent auf die letzte Silbe Nutze
den Tag Über ein kleines und irgendein Klavierpauker wird die Gesamtsituation
beherrschen und uns unsere Überflüssigkeit fühlen lassen Also noch einmal was
du tun willst tue bald Der Augenblick ist da Krola du musst mir einen
Gefallen tun und Jennys Lied singen Du hast es hundertmal begleitet und wirst
es wohl auch singen können Ich glaube Wagnersche Schwierigkeiten sind nicht
drin Und unser Treibel wird es nicht übelnehmen dass wir das Herzenslied seiner
Eheliebsten in gewissem Sinne profanieren Denn jedes Schaustellen eines
Heiligsten ist das was ich Profanierung nenne Hab ich recht Treibel oder
täusch ich mich in dir Ich kann mich in dir nicht täuschen In einem Manne wie
du kann man sich nicht täuschen du hast ein klares und offenes Gesicht Und nun
komm Krola Mehr Licht  das war damals ein großes Wort unseres Olympiers aber
wir bedürfen seiner nicht mehr wenigstens hier nicht hier sind Lichter die
Hülle und Fülle Komm Ich möchte diesen Tag als ein Ehrenmann beschließen und
in Freundschaft mit aller Welt und nicht zum wenigsten mit dir mit Adolar
Krola«
    Dieser der an hundert Tafeln wetterfest geworden und im Vergleich zu
Schmidt noch ganz leidlich im Stande war schritt ohne langes Sträuben auf den
Flügel zu während ihm Schmidt und Treibel Arm in Arm folgten und ehe der Rest
der Gesellschaft noch eine Ahnung haben konnte dass der Vortrag eines Liedes
geplant war legte Krola die Zigarre beiseite und hob an
»Glück von allen deinen Losen
Eines nur erwähl ich mir
Was soll Gold Ich liebe Rosen
Und der Blumen schlichte Zier
Und ich höre Waldesrauschen
Und ich seh ein flatternd Band 
Aug in Auge Blicke tauschen
Und ein Kuss auf deine Hand
Geben nehmen nehmen geben
Und dein Haar umspielt der Wind
Ach nur das nur das ist Leben
Wo sich Herz zum Herzen findt«
Alles war heller Jubel denn Krolas Stimme war immer noch voll Kraft und Klang
wenigstens verglichen mit dem was man sonst in diesem Kreise hörte Schmidt
weinte vor sich hin Aber mit einem Male war er wieder da »Bruder« sagte er
»das hat mir wohlgetan Bravissimo Treibel unsere Jenny hat doch recht Es ist
was damit es ist was drin ich weiß nicht genau was aber das ist es eben  es
ist ein wirkliches Lied Alle echte Lyrik hat was Geheimnisvolles Ich hätte
doch am Ende dabei bleiben sollen«
    Treibel und Krola sahen sich an und nickten dann zustimmend
    » Und die arme Korinna Jetzt ist sie bei Trebbin erste Etappe zu Julias
Grab Julia Kapulet wie das klingt Es soll übrigens eine ägyptische
Sargkiste sein was eigentlich noch interessanter ist Und dann alles in
allem ich weiß nicht ob es recht ist die Nacht so durchzufahren früher war
das nicht Brauch früher war man natürlicher ich möchte sagen sittlicher
Schade dass meine Freundin Jenny fort ist die sollte darüber entscheiden Für
mich persönlich steht es fest Natur ist Sittlichkeit und überhaupt die
Hauptsache Geld ist Unsinn Wissenschaft ist Unsinn alles ist Unsinn
Professor auch Wer es bestreitet ist ein pecus Nicht wahr Kuh Kommen
Sie meine Herren komm Krola Wir wollen nach Hause gehen«