1889_Ebner_Unsuehnbar.html




        
                           Marie von EbnerEschenbach
                                   Unsühnbar
                                        1
Die Vorstellung des »Fidelio« war zu Ende das Publikum strömte aus dem
Opernhause und zerstreute sich rasch nach allen Richtungen Seit vierundzwanzig
Stunden fiel Schnee emsig unablässig in großen Flocken er lag schwer auf den
Dächern verschleierte die Lichter in den Lampen machte die Mühe der Wege
ausschaufelnden Arbeiter fast vergeblich Geräuschlos rollten die Equipagen vor
in Pelze gehüllte Männer und Frauen stiegen in weich gepolsterte Wagen Ein paar
Ladendiener hoben ihre sommerlich gekleideten Schönen in einen Komfortable mit
zerbrochenen Fenstern Wie der Wind sauste ein Fiaker nach dem anderen davon
Den Hut auf dem Ohr den Schnurrbart gewichst saßen die Eigentümer des »feschen
Zeugels« etwas vorgebeugt auf ihrem Bock in jeder Hand einen Zügel und die
Pferde griffen aus und gaben her an Lebenskraft was sie geben konnten um grüne
Majoratsherrchen hochgeborene Reiteroffiziere und Sportsleute so geschwind als
möglich zum Spiel in den Jockeiklub zu bringen An den Rand der Straße gedrängt
rumpelten dichtbesetzte Gesellschaftswagen von abgejagten Mähren geschleppt
von schlaftrunkenen Kutschern regiert den Vororten zu Solide Bürgersfamilien
gingen wohlverwahrt mit geschärftem Appetit  man wird so hungrig im Theater 
nach Hause wo ein kräftiges Abendessen sie erwartete oder begaben sich in eine
Restauration
    Gemächlich trotz des bösen Wetters schlenderten einige Infanterieoffiziere
dem nächsten Kaffeehause zu Ein kleines Fähnlein aber tatendurstig und
eroberungssicher Sie sprachen von den eleganten Damen in den Logen und von den
Tänzerinnen und den Pferden anderer Ein »EinjahrigFreiwilliger« der Sohn
eines geadelten Bankiers der sich ihnen angeschlossen hatte sagte mit
Vorliebe »Wir Kavaliere« und »wir vom Turf« Dass sein Sessel im väterlichen
Kontor das einzige Rösslein war auf dessen Rücken er es je zu einem Gefühl der
Sicherheit gebracht verschwieg er
    Die Herren wurden von einer jungen Lehrerin überholt die eiligen Schrittes
die Wanderung nach ihrer Wohnung angetreten hatte Ihr Mantel war fadenscheinig
aber sie fror nicht ihr Weg war weit und einsam doch ihr bangte nicht Sie
schwelgte im Nachgenuss der Wonne die ihrem kunstverständigen Sinn eben geboten
worden Es gab doch auch in ihrem schweren harten Dasein Stunden der
herrlichsten Erhebung Die Kraft die sie aus ihnen geschöpft sollte lange
vorhalten Wer das Manna für die Seele auf Kosten des täglichen Brotes erwerben
muss kann sich dieser holden Labung nicht oft erfreuen
    In der Opernstrasse war eine Arbeiterabteilung mit dem Aufrichten einer
Schneepyramide beschäftigt als ein Brougham mit Rassepferden bespannt im
feierlichen Trabe vorbeikam Die Flammen eines Gaskandelabers erleuchteten einen
Augenblick das Innere des Wagens Zwei Damen saßen darin die eine alt und von
kränklichem Aussehen in dunklem Kapuchon und Überwurfe die andere sehr jung
sehr schön barhäuptig mit klassischem Profil ihre Gefährtin um Kopfeshöhe
überragend
    »Ho« rief der dicke Pferdelenker in lässig warnendem Tone den
Strassenkehrern zu und alle zogen sich zurück  nur einer nicht Der sprang vor
sah mit spöttischer Vertraulichkeit zu dem Kutscher hinauf und zwang ihn
auszuweichen was dieser tat ohne den Kopf zu wenden während der Diener neben
ihm murmelte »Wieder zurück aus Amerika und  Gassenkehrer Gibts denn dort
keine solche Anstellung«
    »Gibts gewiss« lautete die Antwort »damit is ihm aber nit gedient Will
uns hier aufpassen und Skandal machen der Lump«  Diese Bezeichnung galt einem
schlank und hochgewachsenen Burschen mit blassem Gesicht eingefallenen Wangen
und großen dunkelbraunen Augen Er trug zerlumpte Kleider ein kleiner
durchlöcherter Hut den er ins Genick zurückgeschoben hatte ließ die Stirn und
die trotz der Verkommenheit die sie ausdrückten noch hübschen Züge frei Mit
frechem Behagen pflanzte er sich im Lampenscheine auf und die junge Dame die
den Kopf ans Wagenfenster neigte unverschämt anstarrend präsentierte er vor
ihr den Besen wie ein Gewehr
    Die Equipage fuhr davon die Arbeiter lachten »Schauts den Wolfi an« und
Wolfi den Zornigen spielend rief »Dumme Bagage was lachts  Was hab ich
getan Militärische Ehren erwiesen Wem  der Gräfin Maria Wolfsberg meiner
 meiner lieben Verwandten«
    Die so Bezeichnete hatte bei der Gebärde des Taglöhners keine Miene
verzogen doch verfärbte sie sich ein wenig und sagte mit beklommener Stimme zu
ihrer Begleiterin »Tante Dolph hast du den Menschen gesehen Im zerrissenen
Sommerrock mit geplatzten Schuhen bei dieser Kälte «
    »Oh meine Liebe der hat seinen Schnaps im Leibe dem ist wärmer als mir«
erwiderte die Tante fröstelnd
    »Hast du auch gesehen was er getan hat«
    »Ja ja  ein Spassvogel«
    »Das ist kein Spassvogel  das ist ein Feind der uns hasst«
    Der Gräfin unterbrach sie »Hör auf Du bist nervös Dazu hat man in deinem
Alter noch kein Recht Ein Betrunkener erlaubt sich einen Scherz  was weiter
Man sieht es wenn es einen unterhält sieht es nicht wenn es einen verdriesst 
darüber nachdenken ist krankhaft«
    Maria schwieg Sie ließ sich nicht gern in einen Streit mit ihrer Tante ein
weil sie regelmäßig den kürzeren zog Die Tante war klug und schlagfertig ihr
Bruder Graf Wolfsberg nannte sie sogar weise und verehrte in der um viele
Jahre älteren Schwester seine Vertraute Ratgeberin und Freundin Sie hingegen
liebte auf Erden nichts als ihn Kränklich von Jugend auf und sehr unabhängigen
Sinnes hatte sie niemals einen Beruf zur Ehe in sich verspürt und die
zahlreichen Bewerber um ihre unscheinbare Persönlichkeit und um ihr glänzendes
Vermögen einen nach dem anderen ohne Seelenkampf abgewiesen Gräfin Adolphine
oder Dolph wie sie in der Familie genannt wurde lebte seit langem auf ihrem
Gute der Pflege ihrer Rheumatismen und ihres Vermögens das sie bedeutend
vermehrt ihrem Bruder zu hinterlassen gedachte Als dieser Witwer wurde
brachte sie ihm seiner Bitte nachgebend ein großes Opfer Sie verzichtete auf
ihre Selbständigkeit im eigenen Haushalte und machte sich zur Leiterin des
seinen Da die Zeit kam Maria in die Welt zu führen tat sie noch mehr sie
entsagte der ihr notwendigen Bequemlichkeit und Ruhe und durchwachte manche
Nacht auf dem Balle den schmerzenden Kopf mit Diamanten bedeckt und so
unvorteilhaft aussehend im großen Staat dass nicht einmal ihre Kammerfrau es
wagte sie zu bewundern dabei langweilte sie sich grausam langweilte sich
sogar wenn sie die anderen durch ihren scharfen und sprudelnden Witz
vortrefflich unterhielt »Glücklicher Bertrand de Born« sagte sie »dem doch
die Hälfte seines Geistes nötig war Ich wäre froh wenn ich nur für ein Zehntel
des meinen Abnehmer fände«
    Zu Hause angelangt zog sich die Gräfin in ihre Gemächer zurück während
Maria in den Salon ihrer Wohnung trat Jeden Abend erwartete sie hier einen
verehrten Gast  ihren Vater Es geschah fast nie umsonst So wenig Zeit das
hohe Staatsamt das er bekleidete und die Genusssucht der nachzugeben er
selbstverständlich fand ihm übrigliessen die Stunde mit der Maria ihren Tag
beschloss wusste er für sie freizuhalten
    Sie ließ sich jetzt den Teatermantel von ihrer Kammerzofe abnehmen und
begann sogleich den Tee zu bereiten zu dem alle Anstalten auf einem Tischchen
neben dem Etablissement getroffen waren
    Maria widmete ihrer Beschäftigung die größte Sorgfalt Mit dem Vorsetzen
einer Tasse Tees hatte sie alle kindlichen Pflichten die ihr Vater ihr
auferlegte erfüllt Es wäre ihr heißer Wunsch gewesen etwas für ihn tun ihm
etwas sein zu können aber sie fühlte wohl dass die Ahnung eines solchen
Ehrgeizes im Herzen seiner Tochter ihn lachen gemacht hätte Er wollte sie
heiter und glücklich sehen und wenn sie seine Fragen »Hast du dich
unterhalten  Freut dich dies  Freut dich jenes« mit Ja beantwortet hatte
dann wich der strenge Ernst der gewöhnlich auf seinem Antlitz lag Dank seiner
Großmut hatte sie ihre Wohnung in ein kleines Museum verwandeln können fiel es
ihr aber ein bei der Betrachtung eines Bildes einer Bronze etwas von ihren
neuerworbenen Kenntnissen in der Kunstgeschichte durchblicken zu lassen dann
wurde seine Miene so spöttisch dass Maria verwirrt schwieg und sich beschämend
albern vorkam Und der kostbare Blütner mit dem er sie jüngst überrascht und
der dort in der Ecke stand eingehüllt in weiche indische Gewebe noch hatte
sie seinem Spender nichts anderes darauf vorspielen dürfen als Operettenarien
und Tanzmusik Sie war nicht leicht abzuschrecken gewesen hatte immer einen
Übergang gefunden aus dem Trivialen ins Schöne aus dem Zerstreuenden ins
Erhebende  aber nach den ersten Takten schon wurde das gefürchtete »Gute Nacht
Maria« gesprochen und der Graf war aus dem Zimmer verschwunden In solchen
Fällen pflegte sie sich nicht zu unterbrechen es hätte ihn der sich in seinem
Hause gegen Rücksichtnahme wehrte wie ein anderer gegen Rücksichtslosigkeit
sehr verdrossen Nun blieb Maria in seiner Gegenwart bei dem Vortrage von
Arietten und Walzern Die Musik die ihrem Geschmack entsprach übte sie aus vor
dem Bilde ihrer Mutter das lebensgross an der Wand über dem Piano hing Du
hättest deine Freude an mir gehabt sprach sie in Gedanken zu ihr Du hättest
gewusst dass ich nur zu wollen brauche um eine Künstlerin zu werden Aber ich
werde nicht wollen ich darf nicht Unsereins darf so etwas nicht Hättest du
das auch gefunden Mutter
    Ihr Blick haftete voll inniger Begeisterung auf dem edlen Angesicht dem das
ihre so ähnlich sah Es war dasselbe reine Oval dieselbe von kleinen Locken der
reichen aschblonden Haare beschatteten Stirn Sie bildete zwei kaum sichtbare
Hügel über den feinen Brauen den etwas tiefliegenden blaugrauen Augen Es war
derselbe Schnitt der schlanken Nase der leicht geschwellten Lippen und dieselbe
wahrhaft königliche Gestalt Aber ein anderer Geist offenbarte sich in jedem der
beiden schönen Wesen Marias ganze Erscheinung bekundete Entschlossenheit
Seelenstärke Klarheit Die Verstorbene hingegen hatte einen Ausdruck von
eigentümlicher Schwermut und hilfloser Schüchternheit Das Bild aus dem sie
unvergänglich jung und lieblich herabsah war in ihrem achtzehnten Jahre dem
ersten Jahre ihrer Ehe gemalt worden Es stellte sie dar in einem weißen
Spitzenkleide mit bloßem Halse mit nachlässig herabhängenden Armen eine
weiße kaum aufgeblühte Rose in der Hand Den Kopf leicht vorgeneigt schien sie
traumverloren zu lauschen Maria besann sich noch sie so gesehen zu haben im
Konzert in der Oper und auch wenn der Vater oder sie zu ihr sprachen
    Aber diese freudigen Erinnerungen an die Mutter lagen fern und die die
sich an eine spätere Zeit knüpften waren unsäglich traurig Die Gräfin von
einer Gemütskrankheit ergriffen war langsam hingesiecht Immer teilnahmsloser
immer schattenhafter wandelte sie stundenlang im Sommer durch den Garten im
Winter durch die Zimmer und durch die Gänge blieb manchmal horchend an einer
Tür stehen machte eine Gebärde des Entsetzens und trat ihre Wanderungen stumm
und rastlos wieder an
    Die ersten Symptome des Leidens sollten durch einen heftigen Schrecken
hervorgerufen worden sein dessen Veranlassung niemand in Marias Umgebung kennen
wollte Sie zweifelte nicht dass ein Geheimnis da verborgen liege und ließ
nicht nach in ihrem leidenschaftlichen Eifer es zu entdecken Ganz besonders
wurde ihre ehemalige Kinderfrau die mit unbegrenzter und sklavischer Liebe an
ihr hing mit Fragen von ihr bestürmt
    »Sag es mir Lisette geh sag es mir« hatte sie einst gefleht und so
geizig sie mit ihren Zärtlichkeiten war ihren Arm um den Hals der Getreuen
geschlungen »Wenn du mich liebhast sagst dus gleich in dieser Minute 
Wenn du es nicht sagst dann weiß ich dass dir nichts an mir liegt«
    Lisette sank in sich zusammen Ratlos und verzweifelt starrten ihre grauen
Augen ins Leere ihre Wangen wurden fahl und ihre Lippen bebten »Wär ich doch
tot« jammerte sie »dass mich das Kind nicht mehr fragen könnt«
     Tot  Maria trat weg von ihr und senkte den Kopf
    Lisette hatte sich den Tod gewünscht Sie die nicht von ihm reden hören
konnte die in jedem der ihn nur nannte ihren Feind sah die das Leben als das
höchste aller Güter schätzte noch soviel von ihm erwartete die tanzen wollte
auf der Hochzeit Marias und Kinder des Kindes heranziehen alle  und wenn ihrer
zwölfe wären Lisette hatte sich den Tod gewünscht
    Das junge Mädchen war tief ergriffen und musste Tränen niederkämpfen um laut
und vernehmlich sagen zu können »Ich werde dich nie wieder fragen«
    Maria hatte Wort gehalten  Seitdem waren sechs Jahre vergangen
 
                                       2
Der Vorhang des Nebenzimmers war mit leiser Hand zurückgeschoben worden Lisette
erschien am Eingang und ihre sanfte unterwürfige Stimme sprach »Maria Kind
darf ich herein«
    »Du bist noch auf« lautete die vorwurfsvolle Erwiderung und Lisette
entschuldigte sich »Hatte schon Nacht gemacht schon längst Aber du weißt dass
ich nicht einschlafen kann bevor ich deinen Wagen ins Haus rollen höre«
    »Wie lächerlich« versetzte Maria wandte sich ab und nahm Platz in einem
Fauteuil
    Lisette stützte nähertretend den Arm auf dessen Lehne »Kann früher nicht
einschlafen Und dann muss die Klara kommen und mir berichten  weh ihr wenn sie
das einmal versäumen würde  sie ist da und lustig und guter Dinge Heut
jedoch hör ich Sie hat traurig ausgesehen «
    »Spionage« fiel ihr Maria ins Wort
    »Nenns wie du willst das ist mir gleich nur glaube nicht dass du daran
etwas ändern kannst  Also traurig ist das Kind Ja ja ich sehs« Ihr Ton
wurde tief schmerzlich in ihrem kleinen spitznasigen Gesichte malte sich eine
peinvolle Bangigkeit »Was ist denn geschehen«
    »Ach Lisette ich bitte dich mach keine Geschichten Was soll mir
geschehen sein  Ich bin verstimmt ja aber aus einem Grunde der dir keine
Sorgen machen wird«
    »Wollen erst sehen  Sprich mein Vogerl sprich damit ich beruhigt zu
Bett gehen kann«
    Maria erhob den Kopf und sah der Dienerin die sich zu ihr herabneigte fest
und streng in die Augen »Die Menschen die eine eiskalte Nacht wie diese im
Freien zubringen und hungernd und frierend die Straßen fegen werden  die tun
mir leid«
    Lisette bäumte sich lachend zurück »Nein das Kind  Nein das ist zu arg
Die Leute die Gott danken für den Schnee den er vom Himmel fallen lässt damit
sie Arbeit kriegen die sich nichts anderes wünschen als Arbeit von klein auf
nichts anderes gewohnt sind als Arbeit die bedauerst du« Sie wurde in dem
Lobgesang den sie nun auf Marias »goldenes Engelsherz« zu erheben begann
unterbrochen
    Im Hofe nach dem die Fenster der Komtessenwohnung gingen war es laut
geworden Pferdegetrappel ließ sich hören die Portiersglocke gab das
Herrenzeichen
    Lisette verabschiedete sich und Maria ging ihrem Vater bis an die Schwelle
entgegen sie begrüßten einander mit einem Händedruck
    »Guten Morgen und guten Abend« sprach Maria »Ich wollte nachmittags einen
Augenblick zu dir aber Walter sagte du habest Besuch«
    »Dornach war bei mir und blieb so lange dass ich kaum Zeit gehabt habe
Toilette zu machen zum Diner«
    »Bei«
    »Bei Fürstin Alma«
    »Wars schön«
    »Kannst dirs denken Dreißig Personen dreißig Grade und dreißig Gänge«
    »Du übertreibst wie immer wenn es sich um ein Fest bei Alma handelt Sie
kann tun oder lassen was sie will du tadelst alles Und ich weiß wie peinlich
ihr das ist und wie großen Wert sie auf dein Urteil legt«
    Mit diesen Worten stellte Maria eine Tasse Tee vor den Grafen hin der sich
in einen Lehnstuhl neben dem Tische niedergelassen hatte Er warf einen
seltsamen fast drohenden Blick auf sie senkte ihn aber rasch als er in den
Zügen seiner Tochter der völligsten Unbefangenheit begegnete
    Wolfsberg galt noch jetzt da er sich in der zweiten Hälfte der Vierzig
befand für einen den Frauen gefährlichen Mann Er war mittelgross von schlanker
und geschmeidiger Gestalt ein berühmter Reiter und Jäger Einer gewissen kühlen
und würdevollen Zurückhaltung in seinem Wesen verdankte er den Ruf großer
Verlässlichkeit der ihm zahlreiche Freunde erwarb Seine Erziehung hatte er
früh verwaist in Deutschland bei Verwandten seiner verstorbenen Mutter im
Sinne des Wortes  genossen Mit einer außerordentlichen Bildungsfähigkeit
begabt war er mühelos ein guter Student gewesen und es blieb auch später sein
Ehrgeiz jeden seiner Erfolge für einen spielend errungenen gelten zu lassen
»Ich nehme das Leben nicht ernst« sagte er oft und machte dazu eine beinahe
finstere Miene
    Eines aber gab es in diesem Leben das er dennoch ernst nahm und das war
seine Tochter und das Glück das er ihr bereiten wollte in Gegenwart und
Zukunft
    »Maria« begann er »es hat sich heute jemand um die Erlaubnis bei mir
beworben unser Haus besuchen zu dürfen Du wirst wohl erraten wer«
    Sie lächelte ihn freudig an »Felix Tessin«
    »Tessin  du scherzest«
    »Es war nicht meine Absicht« erwiderte Maria und senkte bestürzt die Augen
    »Wie Du könntest glauben dass ich Tessin angehört hätte wenn er mir mit
einer solchen Zumutung gekommen wäre«
    »Warum nicht« fragte sie zögernd und ihr Vater antwortete mit der
offenbaren Absicht sich nicht in Erörterungen einzulassen »Du solltest wissen
was ich von ihm halte«
    »Nun recht viel  Ein so geistvoller begabter Mensch dem du selbst eine
schöne Zukunft voraussagst«
    »Das heißt ich glaube dass er so ziemlich alles erreichen dürfte was er
anstrebt Er ist ehrgeizig und klug jagt hohen aber nicht unerreichbaren
Zielen nach und kann um so leichter ankommen da er sich wenig Skrupel macht in
der Wahl seiner Mittel«
    »Vater«
    »Nun«
    »Das wäre ja schrecklich«
    Er zuckte die Achseln »Tessin hält sich gewiss wie heutzutage so mancher
für einen der jenseits von Gut und Böse steht Ein so ungewöhnlicher Mensch so
bezaubernd in seiner dunkeln ManfredSchönheit so verwöhnt von den Frauen« Der
Graf sprach gelassen und spöttisch ohne dass es im geringsten schien als ob er
seine Tochter beobachte und las doch in ihren bewegten Zügen was ihn peinlich
überraschte  dass er ein wenig spät kam mit seiner Warnung Es galt mehr als
einen flüchtigen Eindruck verwischen es galt eine Empfindung entwurzeln weh
tun Den Ellbogen auf den Tisch und die Hand an Stirne und Wange lehnend fuhr
er ernstaft fort »Wenn Tessin nicht ein Verwandter « der Freundin deiner
Mutter wollte er sagen brachte es aber nicht über die Lippen »der Fürstin
Alma wäre hätte ich verhütet dass er dir vorgestellt werde Indessen hat sie es
mir schwer genug gemacht ihn außer bei offiziellen Empfängen von denen ich
einen Botschaftsrat nicht ausschließen kann von meinem Hause fernzuhalten Die
gute Fürstin wird eine Schwäche für ihn nicht los sie vergisst nie dass sie sein
Jugendtraum gewesen ist seine erste und letzte ideale Liebe«
    »Vor ihrer Verheiratung ich habe davon gehört«
    »Vorher  nachher Was hätte er darum gegeben an der Stelle seines älteren
Vetters des Fürsten Tessin zu sein der die Braut heimführte  Es dauerte
eine Weile bis er das zwecklose Schmachten satt bekam und eine praktische
Richtung im Leben und in der Liebe einschlug Und heute können seine Huldigungen
ein junges Mädchen nicht mehr stolz machen Sie teilt sich darein mit
Persönlichkeiten mit denen sie gewiss nichts gemein haben möchte«
    »Zum Beispiel« fragte Maria erstickten Tones und ihr Vater spöttelte
»Nein wirklich ich bekomme Respekt vor den Komtessensoireen Man klatscht ja
dort nicht mehr kümmert sich nicht mehr um das Tun und Lassen der jungen
Herren Schade um ihre schönsten dummen Streiche sie machen keinen Effekt Was
wissen denn die Komtessen wenn sie nichts wissen von Mademoiselle Nicolette
dem Stern der ersten Quadrille«
    Maria war sehr blass gewesen jetzt färbten sich ihre Wangen »Doch  sie
wissen viel und schwatzen noch mehr von ihr und vom Grafen  Ich höre aber
nicht zu wenn jemandem übel nachgeredet wird  du hast mich das gelehrt« Sie
versuchte einen scherzenden Ton anzunehmen es gelang ihr nicht es war zu
schwer Sie hätte weinen und schluchzen mögen
    Der Graf sah es und es tat ihm leid von einer schwächlichen Regung jedoch
hielt er sich frei Es musste sein mit dieser Neigung musste sie fertigwerden
Auch ohne den entscheidenden Grund der ihr unbekannt bleiben musste würde
Wolfsberg eine Heirat zwischen Maria und dem leichtfertigen Tessin nie gestattet
haben Und so versetzte er »Die üble Nachrede trifft auch manchmal das
Richtige«
    Ein schwerer Seufzer stieg aus der Brust Marias »Du tust ihm vielleicht
Unrecht« wagte sie einzuwenden
    »Er ist unwahr und gewissenlos  unterbrich mich nicht  ich spreche von
jener Gewissenlosigkeit die sich von der des Falschspielers oder des Diebes
unterscheidet wie das Ungreifbare vom Greifbaren  Genug« Er wandte sich ihr
plötzlich zu und sah sie an »Du hast schlecht geraten Der mich bat ihm
Gelegenheit zu geben von dir gekannt zu werden  denn dich zu kennen behauptet
er  ist Hermann Dornach«
    Sie biss sich auf die Lippen »Welche Ehre Und was hast du ihm geantwortet«
    »Dass ich mit dir reden und ihm dann Bescheid geben will Er wird bejahend
lauten wenn du Rücksicht nimmst auf das was ich wünsche Du verbindest dich
damit zu nichts Ich verlange nur beobachte ihn prüfe dich Er wird deine
Achtung gewinnen aber die Sympatie allein gibt den Ausschlag und  da stehen
wir an der Grenze unseres freien Willens Der Verstand sagt der klare Blick
sieht hier ist ein Mensch so vortrefflich dass eine brave Frau mit ihm
glücklich werden muss Es ist kaum anders möglich als dass ihre Freundschaft und
Hochschätzung für ihn sich allmählich zur Liebe und Begeisterung steigert Und
dort ist ein anderer an dessen Seite sie Enttäuschung auf Enttäuschung zu
erwarten hat Sie wird gewarnt ahnt wohl selbst etwas davon  was hilfts 
Ein dunkler Instinkt bleibt der Herr Das Echte lässt sie gleichgültig und
unwiderstehlich fühlt sie sich zum Falschen hingezogen«
    »Unwiderstehlich« Trotz und Zorn funkelten aus Marias Blicken »Wenn du das
auf mich anwendest kennst du mich nicht«
    »Hoho« sprach er sehr zufrieden mit dem hervorgebrachten Eindruck »Da
bleibt mir nichts übrig als mich zu entschuldigen Aber das möchte ich wissen 
ob du nie ausgelacht worden bist wenn du die Verteidigung Mademoiselle
Nicolettes und ihres Gönners übernahmst«  Er ersparte ihr die Antwort die sie
mühsam vorzubringen suchte »Und dann warum hast du gesagt Welche Ehre als
ich dir die Botschaft Dornachs bestellte«
    »Weil alle Welt es dafür ansehen würde Es ist ja unglaublich wie sie es
mit ihm treiben Die Papas und Mamas machen dem jungen Manne den Hof  Oh
wenn sie ihm die Töchter buchstäblich an den Kopf werfen könnten  da sähe man
Komtessen fliegen Und die überbieten noch die Taktlosigkeit der Eltern ihm
und seinem zweiten Ich seiner Mutter gegenüber  Ich schäme mich für die
anderen  Das alles ist so empörend und für Dornach so demütigend weil es so
unpersönlich ist und nur seinem Rang und seinem Reichtum gilt«
    Sie ereiferte sich und sprach mit einer Heftigkeit die außer Verhältnis zu
deren scheinbarem Grunde stand
    Peinlich berührt lenkte der Graf das Gespräch ab und brachte es erst später
auf den Freier zurück der wie es bei ihm feststand sein Schwiegersohn werden
sollte
    Als er sie verlassen hatte ging Maria zu Bette und konnte zum ersten Male
in ihrem Leben nicht sogleich einschlafen Jedes Wort über Tessin das ihr Vater
gesprochen hatte klang schmerzhaft in ihrer Seele nach Die Erinnerung an alles
wurde lebendig das Maria ein tolles Geschwätz genannt und dem sie ihr Ohr
verschlossen hatte Nun aber wusste sie die Menschen die von ihr der
Verleumdung angeklagt worden die hatten recht und ihr Vater hatte recht und
sie allein unrecht mit ihrer törichten Glaubensseligkeit mit ihrer übel
angebrachten Bewunderung Tessins mit ihrem Stolz auf sein ritterliches Werben
 Guter Gott das war so unpersönlich wie die dem Grafen Dornach dargebrachten
Huldigungen Ein ehrgeiziger Diplomat ein praktischer Mann hatte gewünscht der
Schwiegersohn des Grafen Wolfsberg zu werden und die dazu unerlässlichen
Schritte mit liebenswürdiger Formgewandteit unternommen  Das Herz war bei
dem Geschäfte nicht im Spiele  wäre auch nicht zu vergeben gewesen es befand
sich bereits in anderweitigem Besitz
    Ein Schwall von neuen Empfindungen brach über Maria herein Sie war die
Beute von etwas Fremdartigem und Unschönem dem sie sich entreißen wollte und
wollen konnte sie noch das sollte ihr Vater sehen  ihr Vater und noch ein
anderer 
    Ihre Lider wurden schwer und schlossen sich Ein Augenblick der Betäubung
dann fuhr sie auf  Ob sie jetzt wusste was es heißt hassen Nein nein
 sie fühlte nur ein tiefes Bedauern wie wenn ihr ein Herrliches und Schönes
an dem ihr das Herz gehangen hatte verunstaltet worden wäre Er den sie hoch
über alle Menschen gestellt unwahr und gewissenlos
    Sie hörte noch vom Turme der nächsten Kirche zwei Uhr schlagen dann schlief
sie ein und träumte Tessin trete als Schneeschaufler verkleidet an ihr Bett
präsentiere mit dem Besen und engagiere sie zum Kotillon Sie folgte ihm durch
den Ballsaal und schämte sich ihrer Nachttoilette und ihrer nackten Füße Auch
ihres Tänzers schämte sie sich der in einem fort grinste und der wirkliche
Schneeschaufler war Und wie sie ihn jetzt so recht ins Auge fasste entdeckte
sie etwas Merkwürdiges Der zerlumpte Mensch erinnerte an ihren Vater er hatte
wie jener die breite Stirn die dichten zusammengewachsenen Brauen Maria
neigte sich zu ihm und sprach »Beim ersten Blick ist mir etwas an Ihnen
aufgefallen  ich wusste nur nicht gleich was es war « Sie erwachte lächelnd
über diesen Traum und mit unglaublich leichtem Herzen für ein junges Mädchen
dem eben eine erste Illusion zerstört worden Es ist aus dachte sie ich hätte
nicht geglaubt dass man so schnell mit einem Gefühl fertigwerden kann das doch
wie Neigung ausgesehen hat  Nein nicht nur ausgesehen Die anderen wollen
belogen sein  warum aber mich selbst belügen Ich habe ihn geliebt innig
und heiß
    Und aufschluchzend drückte sie ihr tränenüberströmtes Gesicht in das Kissen
 
                                       3
Am nächsten Tage machte Hermann Dornach seinen ersten Besuch wurde für morgen
zu Tische geladen und brachte einige Abende im Familienkreise zu Gräfin Dolph
fand ihn charmant und unglaublich gescheit für einen Majoratsherrn Sie rechnete
es ihm hoch an dass er mit ihr der bösen Zunge die den meisten Scheu
einflößte so rasch vertraut wurde »Einfach die Folge seines guten Gewissens«
erklärte sie »Eine Anklage gegen ihn wäre ein Schuss ins Blaue der sieht ruhig
zu wie ich meine Pfeile spitze er gehört nicht zu den Leuten denen vor mir
graut«
    Und wirklich schwand in ihrer Gegenwart die leise Befangenheit die bei
einem Manne den zu verwöhnen alle Welt wetteiferte für den Laien so
befremdlich und dem Herzenskundigen eine Bürgschaft echten Seelenadels war
    Man sagte diese Befangenheit sei die Folge der übertriebenen Strenge mit
welcher er unter der Leitung seiner Mutter erzogen worden war Die Gräfin hatte
ein Gegengift anwenden wollen gegen die Kriecherei der Parasiten des
Beamtenheeres der Dienerschaft und gegen die grenzenlose Nachsicht eines
schwachen und kränklichen Vaters für sein einziges Kind Aber die Dosis war zu
stark gewesen und hatte nicht nur keine Selbstüberhebung aufkommen lassen
sondern auch kein rechtes Selbstvertrauen Die Gräfin sah den begangenen Fehler
ein und suchte ihn noch beizeiten gutzumachen Sie hatte nach dem Tode des
Grafen die Vormundschaft über Hermann die sie tatsächlich immer geführt auch
formell angetreten und schenkte nun dem achtzehnjährigen Jüngling
uneingeschränkte Freiheit Ein kleiner Missbrauch derselben wäre leicht verziehen
gewesen kam aber nicht vor Hermann besuchte landwirtschaftliche Schulen in
Deutschland und England jagte Löwen in Nubien und Elefanten in Indien diente
einige Jahre in einem eleganten Kavallerieregimente und widmete sich später der
Verwaltung seiner Güter Er war dreiunddreissig Jahre alt geworden ohne in die
Lage gekommen zu sein andere Schulden als die seiner Freunde bezahlen zu
müssen ohne ein Mädchen verführt ohne den Ruf einer Frau gefährdet zu haben
Und doch kochte das Blut in seinen Adern so heiß wie in denen irgendeines seiner
Alters und Standesgenossen und doch hatte er in seinen wenigen
Liebesverhältnissen mehr echte und wahrhafte Empfindungen ausgegeben als sie
alle zusammengenommen in ihren zahllosen Zirkus und Halbweltsabenteuern
Übrigens erschienen ihm von dem Augenblick an in dem er Maria kennenlernte
seine ernstaftesten Schwärmereien und Leidenschaften wie Kinderspiel
    Es geschah auf einem Balle den er aus Gehorsam gegen seine Mutter besucht
hatte Er kam ja überhaupt nur aus Gehorsam zu ihr nach Wien um dort in die
große Welt zu gehen wo er kein Vergnügen fand und wo die Bemühungen um seine
Gunst ihn anekelten
    Tante Dolph war Zeuge seiner ersten Begegnung mit Maria und dann selbst der
Gegenstand seiner eifrigsten und ehrfurchtsvollsten Aufmerksamkeiten gewesen
Sie erinnerte sich plötzlich ihrer Jugendfreundschaft mit Gräfin Agathe Dornach
und machte ihr einen Besuch der bald erwidert wurde Die alten Damen sagten
zueinander »Liebes Kind« und jede hatte das Gefühl ihrer Überlegenheit über
die gute Bekannte von einst mit der sie später auseinandergekommen war wegen
völlig verschiedener Anschauungen und gleich schroffer Unduldsamkeit Agathe
berühmte sich eine ortodoxe Katolikin zu sein Dolph ganz ungläubig ließ
nicht gelten dass ein vernünftiger Mensch fromm sein könne es wäre denn ein
Dienstbote ein Bauer oder ein Prinz Agathe fürchtete für Dolphs ewiges Heil
diese fürchtete Agatens Bekehrungsversuche die stets in der Behauptung
gipfelten die Skepsis entstehe aus der Halbbildung und weiter als bis zu einer
solchen brächten Frauen es nicht Ob sich diese Gegensätze zwischen den beiden
Damen im Laufe der Jahre gemildert oder verschärft hatten danach wurde jetzt
nicht gefragt und das Berühren heikler Punkte sorgfältig vermieden Der Graf
ein Konversationskünstler ohnegleichen half spielend über ein paar Abendstunden
hinweg das Gespräch das er beherrschte wurde lebhafter geführt als das
zwischen den jungen Leuten am Teetisch nebenan Maria war schweigsam Hermann
nicht beredt Er sagte aber dennoch viel denn jeder seiner Blicke enthielt eine
glühende Erklärung der innigsten Liebe
    Eines Tages nun geschah es dass Gräfin Dornach sich bei Maria anmelden ließ
und mit einer Miene eintrat als ob sie die Schlüssel des Himmels zu überreichen
hätte In würdevoll gelassener Weise brachte sie im Auftrage Hermanns die
Anfrage vor ob er um Marias Hand werben dürfe
    »Dein Jawort würde ihn beseligen« schloss sie »und du kannst es ihm getrost
geben Ich schmeichle niemandem am wenigsten mir selbst in meinem Sohne Mein
Urteil über ihn ist das eines jeden Unparteiischen und lautet Es gibt keinen
vernünftigeren Menschen keinen besseren keinen edleren« Sie hielt inne sie
wartete auf eine Erwiderung da keine erfolgte fuhr sie fort »Wenn deine
Mutter lebte würde ich mich zuerst an sie gewendet haben und sie wäre es die
jetzt zu dir spräche Nimm an dass es durch meinen Mund geschieht«
    Maria senkte die Augen ihre Lippen zitterten aber sie schwieg
    »Ein sicheres Glück bietet sich uns im Leben selten Dem der es einmal
abgewiesen hat wird es schwerlich wiederkehren« fuhr die Gräfin nach einer
Pause noch kälter und förmlicher als früher fort »Indessen hast du recht zu
erwägen Dein Zögern gefällt mir es beweist dass du den Ernst des Schrittes
kennst den andere junge Mädchen oft so leichtsinnig unternehmen Ich habe
Vertrauen zu dir Wenn ich deine Einwilligung deine einfache Einwilligung mit
nach Hause nehme so enthält sie für mich alle heiligsten Schwüre die ein
ehrliches Mädchen ihrem zukünftigen Gatten nur irgend leisten kann«
    »Jawohl das entielte sie auch  Ich bitte Sie «
    »Wieder Sie Bleibe ich dir denn fremd«  »Ich bitte dich sage dem Grafen
Hermann  « eine unaussprechliche Bangigkeit bemächtigte sich ihrer sie
blickte in das marmorblasse Gesicht der Gräfin  So lieblos wie die Tante
dachte sie
    »Nun was sag ich ihm«
    »Dass ich heute abends  Ihr kommt ja doch  selbst mit ihm sprechen werde«
    Sie küsste der Gräfin die sich ziemlich enttäuscht erhob die Hand und
begleitete sie bis zur Treppe
    In ihr Zimmer zurückgekehrt schritt sie lange in hoher Erregung auf und ab
und quälte sich mit der Frage Warum will ichs tun  Ist mein Grund nicht ein
verwerflicher Und dann setzte sie sich ans Klavier und spielte und wurde
allmählich ruhiger Und dann kam Tante Dolph und las ein Telegramm von Wilhelm
Dornach vor einem Bekannten aus uralter Zeit dessen Existenz sie längst
vergessen hatte Auf ein Gerücht hin das in seine ländliche Einsamkeit
gedrungen war schickte der gute dumme Mensch ihr seine Glückwünsche zur
Verlobung ihrer Nichte mit seinem Vetter
    Die Gräfin lachte über die Eile des armen Teufels seine geheuchelte Freude
an den Tag zu legen Als nächster Anwärter auf das Majorat konnte der ganz
unbegüterte und mit einer zahlreichen Familie gestrafte Mann doch nichts anderes
gewünscht haben als dass sein Vetter ledig bleibe Ein insdiskreter Wunsch ja
aber der natürlichste von der Welt Sie nahm Platz auf der Chaiselongue mit dem
Rücken gegen das Bild ihrer verstorbenen Schwägerin das anzusehen sie überhaupt
vermied klagte über Kopfschmerzen und rieb die eingefallenen Schläfen mit
Kölner Wasser Sie war leidend und in gereizter Stimmung Sogar als sie ihr
jetziges Lieblingstema anschlug das Lob Hermanns geschah es mit einer
Beimischung von Spott
    »Heil der Frau die er heimführt« rief sie aus »ihre Ehe wird freilich
sein wie jede in der nur ein Wille herrscht«
    Sie beantwortete den erstaunten Blick Marias mit der Frage ob denn Hermann
nicht von seiner Kindheit an gelernt habe sich einer Weiberregierung zu
fügen Wie albern müsste doch die Frau sein die es nicht verstände einen so
vortrefflichen Elementarunterricht als Grundlage zu weiterer Ausbildung zu
benützen Gute Lehren wie das anzufangen sei kamen nun in Fülle Ernst
gemeinte wie spasshafte und alles mit Beispielen erläutert Man sehe das Ehepaar
Heinburg Im Anfang war er ein Spieler und brachte die Nächte im Klub zu
während sie daheim saß und weinte Das hat sich nach und nach geändert  durch
ihr Verdienst Jetzt spielt sie und er weint »Und deine Freundin Emmy die
sich zum Altar schleppen ließ wie ein Lamm zur Schlachtbank und in ihrer Ehe
einen so guten sicheren Hafen gefunden hat von dem aus sie allerlei
abenteuerliche Fahrten unternehmen kann in die stürmische See«
    Ein Klopfen an der Tür ließ sich hören und Fräulein Nullinger die
Gesellschafterin Gräfin Dolphs schlüpfte herein Sie wurde von der Gebieterin
»Nulle« genannt was sie empörte und litt infolge ihres aufregenden Dienstes an
Nervosität Obwohl sie jetzt nur die harmlose Meldung zu machen hatte dass die
Schneiderin gekommen sei und gesagt habe sie könne nicht lange warten zuckte
es dabei krampfhaft um ihren Mund
    »Schon gut setzen Sie sich« erwiderte Dolph und fuhr fort Freund und
Feind durch die Hechel zu ziehen Sie nannte viele Namen ganz flüchtig und
obenhin an dem der ihn trug jedoch blieb ein Makel hangen oder er wurde mit
einer Lächerlichkeit behaftet
    Maria hörte ihr heute aufmerksamer zu als sonst und dachte Sie hat wohl
recht Was soll auch an den übrigen Menschen sein wenn Tessin nichts taugt Und
Gräfin Dolph wie ein echter Schauspieler den schon die Teilnahme eines
einzigen Zuhörers begeistert übertraf sich selbst in ihrer fragwürdigen Kunst
und geriet in den kleinen Witz und Bosheitsrausch der ihr so gesund war Ihr
Gesicht das wie sie selbst sagte eine Karikatur der schönen Züge ihres
Bruders war belebte sich und ihre Kopfschmerzen verschwanden
    Fräulein Nullinger verlor endlich die Geduld und erhob sich noch um eine
Schattierung höher gefärbt als gewöhnlich »Ich werde der Schneiderin sagen«
sprach sie »dass Frau Gräfin jetzt lästern müssen und keine Zeit für sie haben«
    Dolph lachte »Ach was mein Lästern ein gerader Kerl der gleich Farbe
bekennt Aber das Ihre Wenn Sie anfangen Ich hab den oder die recht gern
das ist wie wenn ein Reiter sein Pferd zusammennimmt bevor er ihm eins
hinaufgibt«
    Sie ging in munterster Laune war auch später bei Tische heiter und
anscheinend ganz wohl Am Abend jedoch stellten sich plötzlich ihre
Kopfschmerzen wieder ein und zwangen die Leidende ihr Zimmer aufzusuchen kurz
bevor Hermann und seine Mutter gemeldet wurden Ausnahmsweise hatte Wolfsberg zu
Hause gespeist und nachmittags im Salon den Damen Gesellschaft geleistet Er
empfing die Gräfin mit tausend Entschuldigungen seiner Schwester die sehr zur
Unzeit unwohl geworden Agathe äußerte ihre Teilnahme mit ganz besonderer Wärme
und ersuchte den Grafen sie zu ihrer Freundin zu geleiten was alsbald geschah
 Die jungen Leute blieben allein
    Beiden stieg die Röte in die Wangen Ihm schien die Gelegenheit zu einer
entscheidenden Unterredung plump und ungeschickt geboten ihrer bemächtigte sich
ein peinliches Gefühl halb Empörung halb Bangigkeit Regungslos stand sie da
hatte die Brauen zusammengezogen und blickte ins Feuer des Kamins Nach einer
Pause die je länger sie dauerte desto schwerer zu unterbrechen war begann
Hermann bewegt und zagend »Meine Mutter hat mit Ihnen gesprochen Gräfin 
Sie kennen die kühne Frage die ich so vermessen bin an Sie zu stellen Die
leiseste Hoffnung auf eine bejahende Antwort würde mich beglücken  Darf ich
sie fassen«
    Maria schwieg aber sie wandte sich ein wenig und blickte ihn von der Seite
so fremd an als ob sie ihn heute zum ersten Male sähe Sein Äußeres war
ungemein gewinnend sie musste es gestehen Verstand Güte Geradheit sprachen
aus seinem hübschen Gesicht leuchteten aus seinen treuherzigen Augen Er trug
einen kleinen Schnurr und Backenbart die reichen braunen Haare waren kurz
geschnitten und ließ die edel geformte Stirn und die Schläfen frei Seine
Gestalt hatte etwas Festes Kräftiges und doch fehlte es ihr nicht an
männlicher Anmut
    »Antworten Sie mir« sagte er
    Und sie »der Held« im Kreise ihrer jungen Freundinnen die Unerschrockene
die ja mit sich selbst im reinen und fest entschlossen war ihre Hand in die des
ungeliebten Freiers zu legen flüsterte nun bestürzt »Ich weiß nicht  ich
weiß nicht «
    Ihre Verzagteit ergriff und rührte ihn er machte sich Vorwürfe er hatte
zu früh gefragt er hätte dem Drängen seiner Mutter nicht nachgeben sich von
dem Entgegenkommen des Grafen nicht verleiten lassen sollen Nun bemühte er
sich seine Übereilung gutzumachen »Sie sind noch unentschieden« nahm er
wieder das Wort »ich sehe es und finde es begreiflich  Überlegen Sie prüfen
Sie mich streng und lang Ich mache es Ihnen nicht schwer  in meiner Seele gibt
es keine Abgründe «
    »Mein Gott nein« sprach Maria »das ist nicht  nein nein « und zwei
Worte Anfang und Ende ihrer jungen Weisheit kamen fast unhörbar über ihre
Lippen  Worte ihres Vaters die er seiner gelehrigen Schülerin eingeprägt
hatte »Nur ruhig«  Dereinst als sie sich in Verzweiflung über die Leiche
ihrer Mutter geworfen  und viel später auf der Jagd als ihr scheuendes
Pferd dem Mühlstrom zugerast  und dann auf ihrem ersten Ball als sie von
übermütiger Fröhlichkeit ergriffen so laut gelacht so toll getanzt immer
hatte sein eindringliches »Nur ruhig« sie zur Besinnung gebracht
    Auch in diesem Augenblick erinnerte sie sich der väterlichen Mahnung nicht
umsonst und vermochte ihren abgebrochenen Reden mit einem Scheine von
Gelassenheit hinzuzufügen »Sie irren  ich bin entschlossen«
    »Wozu Nein«
    »Ja«
    »Heil mir« rief er mit tiefinnerstem Jubel und ergriff ihre Hand die sie
wieder erfasst von ihrer früheren Bangigkeit aus der seinen zu lösen suchte Er
aber hielt sie fest
    »Sie ist mein mein kostbarstes Eigentum  und Ihr freies Geschenk nicht
wahr Maria  Niemand hat Sie beeinflusst Sie hätten sich nicht beeinflussen
lassen Sie sind zu stolz zu selbständig«
    »Doch« versetzte sie und erhob nun endlich ihr gesenktes Haupt Nie in
ihrem Leben hatte sie einen Menschen so bewegt gesehen und  merkwürdig  was
ihr als der Ausbund des Lächerlichen galt ein Verliebter dessen Empfindung
nicht völlig erwidert wird kam ihr jetzt höchst ernstaft vor und traurig
sogar traurig für sie Er mit seinem großen wahrhaftigen Gefühl er war der
Reiche und sie arm neben ihm »Doch« wiederholte sie leise »der Wunsch meines
Vaters hat Einfluss auf mich gewonnen  im Anfang«
    »Und später was bestimmte Sie später was bestimmt Sie jetzt Seien Sie
aufrichtig gegen mich Gräfin wie ich es immer gegen Sie sein werde Was
bestimmt Sie  ich  ich weiß dass es nicht Neigung ist« Mühsam hatte er
dieses Geständnis vorgebracht denn er täuschte sich nicht über die Gefahr die
es in sich schloss
    Aber Maria lächelte freudig fast »Dass Sie es trotzdem mit mir wagen
wollen das eben bestimmt mich  Und das Vertrauen das Sie mir beweisen  und
das Vertrauen das Sie mir einflößen«
    »Dank« sprach er und aus seinen ehrlichen blauen Augen leuchtete eine
wonnige Zuversicht »Das ist ein schöner Bund Ihr Vertrauen und meine
ehrfurchtsvolle Liebe Eine solche Liebe reicht aus für zwei gute Herzen sie
hat eine mitteilende Kraft Wissen Sie warum Weil sie sich nie aufdrängt sich
niemals ein Recht anmasst Ihr gegenüber gibt es keine Pflicht nur Gnade und
Wohltat Und welche edle Frauenseele würde nicht endlich gerührt von 
Genug« unterbrach er sich »sonst verrate ich noch dass diese
Uneigennützigkeit nichts ist als der größte Egoismus  der Egoismus Sie
glücklich zu sehen«
    Mit beiden Händen zog er ihre Hand an seine Lippen an seine Brust Maria
fühlte das ungestüme Pochen seines Herzens auf seinem Angesicht jedoch das
sich über das ihre neigte lag Frieden und es erschien ihr wie verklärt von
tiefster Seligkeit
    Der schweigsame Mann wurde beredt er fand für seine Empfindung den
Ausdruck der gewinnt für seine Gedanken das überzeugende Wort Maria hörte ihm
zu und sagte sich Er ist wahr und warm  Und vielleicht war es das wonach sie
sich sehnte von Kindheit an Wahrheit und Wärme Wohl hatte man sie vergöttert
und verwöhnt aber wieviel Falschheit war bei dieser Vergötterung die servile
Leute ihr erwiesen wieviel  wenigstens äußere  Kälte bei der Verwöhnung die
sie von ihrem Vater und nun erst von Tante Dolph erfuhr
    »Der Ernst auf Ihrer Stirn« sprach Hermann »der hat mich bezaubert er
ist was ich zuerst an Ihnen geliebt habe und jetzt wird es mein heißes
Bestreben sein ihn allmählich zu zerstreuen Sie sollen gefeit durchs Leben
wandeln eingehüllt in meine Liebe  Ich bin zu glücklich« brach er aus 
»ich verdien es nicht  was müsste der sein der Sie verdiente Maria Maria«
    Sie trat einen Schritt zurück sie vermied den Blick voll leidenschaftlicher
Andacht der den ihren suchte und sprach »Nein nicht so  Sie sind ja besser
als ich  haben Sie Geduld mit mir«
 
                                       4
Sie wurden ein stilles und feierliches Brautpaar Maria blieb kühl und gemessen
Dornach bekämpfte immer siegreich jede Regung seines überströmenden Gefühls In
der Gesellschaft erhoben sich Streitigkeiten weil die einen behaupteten er sei
ihr und die anderen wissen wollten sie sei ihm gleichgültiger Dennoch erging
sich alle Welt in so überzeugten und gerührten Glückwünschen als ob Romeo und
Julia aus ihren Gräbern auferstanden und im Begriffe gewesen wären sich
häuslich einzurichten
    Unter den vielen Oberflächlichen deren hohles Geschwätz geduldet und für
deren als Teilnahme verkleidete Neugier gedankt werden musste gab es aber doch
auch einige wohlwollende treue Menschen gab es vor allem Fürstin Alma Tessin
Maria liebte sie verehrte ihre grenzenlose Herzensgüte und war voll Mitleid mit
ihrer Befangenheit die von Jahr zu Jahr zunahm Die Fürstin fragte Maria um
Rat küsste ihre Hände hatte in ihrer Gegenwart etwas Demütiges und Beschämtes
das dem jungen Mädchen ein Übergewicht über die Frau die beinahe ihre Mutter
hätte sein können förmlich aufzwang
    Eines Vormittags kam Fürstin Tessin zu Tante Dolph und fand dort das
Brautpaar Maria schritt ihr entgegen Hermann erhob sich Alma sah ihn zum
ersten Male seit seiner Verlobung und es geschah unerwartet Auf ihrem zarten
Angesichte wechselten die Farben
    »Graf Dornach« sprach sie »ich habe noch nicht Gelegenheit gehabt Ihnen
meinen innigen meinen freudigen « sie hielt inne von unüberwindlicher
Verwirrung ergriffen und blickte beschwörend zu ihm empor Erbarme dich schien
sie zu sagen sieh was ich leide und erbarme dich Ihre stumme Bitte blieb
unerfüllt Er verbeugte sich murmelte ein paar höfliche Redensarten und nahm
ihre Hand nicht die sie ihm zitternd hatte reichen wollen und nun mit einer
Gebärde der Trostlosigkeit niedergleiten ließ
    Hermann nahm Abschied und ging
    Das Herz Marias schwoll vor Unzufriedenheit mit ihm Was berechtigte ihn zu
diesem ablehnenden Benehmen gegen ein Wesen das ihr teuer war  Almas
Verwandtschaft mit Tessin flog es ihr durch den Kopf Aber nein Weder Dornach
noch irgend jemand konnte eine Ahnung von dem flüchtigen Interesse haben das
jener Mensch ihr eingeflößt Tessin war scheinbar nicht mehr um sie bemüht
gewesen als zwanzig andere Dass sie ihm den Vorzug gegeben blieb ihr sogar
gegen ihn selbst streng bewahrtes Geheimnis Aber die Eifersucht sieht scharf 
der arglose Hermann verdankt ihr vielleicht einen Seherblick
    Als er am Abend wiederkam und den wunderschönen Blumenstrauß brachte der
täglich aus den Gewächshäusern von Dornach für die künftige Herrin anlangte
wies Maria die Gabe zurück »Vorher will ich wissen was haben Sie gegen Alma«
    Er zögerte mit der Antwort »Sie ist mir  Aufrichtigkeit über alles
nicht wahr  Nun denn  sie ist mir unangenehm«
    »Unangenehm Verzeihen Sie das begreife ich nicht  ausgenommen Sie hätten
die Kunst entdeckt die Schönheit zu hassen und die Güte« rief sie herb und er
erwiderte mit seiner gewohnten bescheidenen Gelassenheit »Ich habe nicht von
Hass gegen Fürstin Tessin gesprochen ich bewundere ihre Schönheit «
    »Sie sieht eben aus wie sie ist« fiel Maria lebhaft ein »so blond so
weiß so duftig von so überirdischer Anmut umflossen habe ich mir in meiner
Kindheit die Engel vorgestellt«
    Seltsam war der Eindruck den diese Worte auf ihn hervorbrachten ein
Schatten von Verlegenheit flog über sein Gesicht und zugleich malte sich darin
die tiefste und liebevollste Rührung
    »Ich will Sie heilen von Ihrer Abneigung« fuhr Maria fort »Das Mittel dazu
ist einfach Sie müssen Alma besser kennenlernen dann wird meine beste Freundin
auch die Ihre werden und bei uns ihr zweites Zuhause finden  wenn es Ihnen
recht ist«
    Es fiel ihm schwer den Jubel den dieses »bei uns« in ihm erweckt hatte zu
unterdrücken doch bezwang er sich und versetzte »Sie werden in Ihrem Hause
empfangen wen Sie wollen und tun und lassen was Sie wollen mir wird es recht
sein Nehmen Sie jetzt die Blumen«
    »Gern und ich danke Ihnen« antwortete sie und dachte Er ist ein
vortrefflicher Mensch und ich werde ihn liebhaben wie einen Bruder
    Dornach hörte nicht auf seine Huldigungen mit der größten
Anspruchslosigkeit darzubringen Seine erfinderischen Aufmerksamkeiten für seine
Braut waren in seinen Augen das Selbstverständliche ein Zeichen der Zustimmung
von ihr einen freundlichen Blick empfing er wie Himmelsgaben Gräfin Dolph
neckte und versicherte ihn er beschäme die ganze Tafelrunde solch ein
altmodisch ritterlicher Bräutigam wie er bereite dem Ehemann einen schweren
Stand
    Hermann lachte und behauptete dass er nicht mehr sei und nicht mehr sein
wolle als korrekt Maria habe ihm ihren Wahlspruch »Nur ruhig« anvertraut er
halte sich an den seinen »Nur korrekt«
    Und so waren denn seine fürstlichen Geschenke so war der unerhört
großmütige Heiratsbrief den er ausstellte so war jeder Beweis seiner
unbegrenzten Sorgfalt für das Wohl und Behagen der Gegenwart und Zukunft seiner
Braut »nur korrekt«
    Gräfin Dornach benahm sich gegen die Verlobte ihres Sohnes ganz und gar in
seinem Sinne der ihr plötzlich massgebend geworden Für die von ortodoxem
Familiengeist beseelte Frau war der unmündige Junggeselle Hermann in den
respektswürdigen zukünftigen Stammhalter seines edlen Geschlechts verwandelt
und der alten Generation kam nichts mehr zu als  Platz machen Agathe trat mit
grossartigem Gleichmut vor der zurück die nun an ihrer Stelle die erste im Hause
Dornach sein sollte Sie legte zu deren Gunsten den Majoratsschmuck so
gleichgültig ab als ob es sich um ein Paar getragener Handschuhe gehandelt
hätte Sie traf ihre Anordnungen zur Übersiedlung aus dem Palais nach einem
Mietause in der Stadt wo sie einige Wintermonate und nach dem Witwensitze
Dornachtal wo sie den größten Teil des Jahres zubringen wollte Es war dies ein
trauriger Aufenthalt in rauer Gegend zu Füßen der Branecker Berge und Hermann
versuchte in jeder Weise seine Mutter abzuhalten ihn zu beziehen Sie sollte
in Dornach bleiben in dem Flügel des Schlosses den sie von jeher den drei
anderen vorgezogen Dort hatte sie ihr kurzes Eheglück genossen dort ein
Menschenalter hindurch als Gebieterin gehaust dort sollte sie auch ferner
hausen in der Nähe ihrer Kinder von ihnen geehrt geliebt aber unbehelligt
Sie ließ sich nicht erbitten ihr Entschluss war unerschütterlich Sie dankte
Gott sagte sie für die endlich erlangte Gnade ihr Leben in Ruhe und im Gebet
für sich und die Ihren still zu Ende spinnen zu dürfen
    So tadellos auch alles war was die Gräfin tat und sagte Maria vermochte
dennoch kein Herz zu ihr zu fassen diese Tadellosigkeit wurde zu frostig
ausgeübt Das zurückhaltende Wesen ihres Vaters flößte Maria Bewunderung ein
weil sie voraussetze dass sich ein großer Reichtum hinter demselben verberge
Die Zurückhaltung der Gräfin aber schien ihr einen Mangel verdecken zu sollen
Wenn sie nach einem Besuche bei der Mutter ihres Verlobten Abschied nahm
erhielt sie einen Kuss auf die Stirn dessen eisige Kälte sie vom Wirbel bis zur
Sohle durchschauerte
    Einmal da Gräfin Dornach einen neuen Beweis ihrer ungeheuren
Selbstentäusserung geben wollte wagte Maria abzuwehren Agathe lächelte gab dem
olympischen Haupte einen kleinen Ruck ins Genick und sprach »Nimm es nicht zu
hoch liebes Kind es geschieht vielleicht nur für die Gräfin von Dornach«
    Am Abend vor der Hochzeit ließ Graf Wolfsberg seine Tochter zu sich
bescheiden Er erwartete sie am Schreibtisch sitzend in seinem großen
Fauteuil den Kopf zurückgelehnt die Beine gekreuzt und überdachte was er ihr
sagen wollte Es war gar viel  Dass sie ihm ein braves und gehorsames Kind
gewesen ihm auch nicht eine Stunde getrübt dass ihm der Abschied schwerfalle
dass er aber einen Trost finde in der festen Hoffnung sie werde glücklich sein
Und nun das Lob Hermanns und einige gute Ratschläge für die Zukunft Dem Grafen
war es eine ausgemachte durch hundert Erfahrungen bestätigte Tatsache dass jede
junge unschuldige Frau sich in den Mann verliebt der sie zuerst das Leben
kennenlehrt  Maria wird keine Ausnahme machen und er wollte ihr auf die Seele
binden in ihrer Leidenschaft nicht selbstsüchtig zu werden und stets ihre Würde
zu wahren Die Treue meinte er die der Mann seiner Frau am Altare geschworen
ist eine andere als diejenige deren Schwur er von ihr empfing Eine scheinbare
Vernachlässigung eine flüchtige Zerstreuung des Gatten wird von dem Weibe das
sich selbst achtet übersehen Was ist ein kurzer Sinnenrausch dem gewöhnlich
klägliche Ernüchterung folgt im Vergleiche zu der unerschütterlichen dankbaren
Anhänglichkeit an die verehrte Lebensgefährtin die niemals Nachsicht braucht
aber immer Nachsicht übt  üben soll  und weh ihr wenn sie es nicht tut 
wenn sie wie jene arme einst von ihm angebetete Frau 
    Der Graf seufzte tief seine Stirn verfinsterte sich Die schmerzlichste
Erinnerung seines Lebens war in ihm erwacht und er suchte nicht wie sonst ihr
zu entfliehen  Eine holdselige Gestalt stieg vor ihm auf die Liebe seiner
Jugend seine schwer errungene Frau  Für eine der Töchter des Hauses welchem
sie entstammte war Graf Wolfsberg kein ebenbürtiger Freier sie gingen
fürstliche Verbindungen ein oder blieben unvermählt Und dennoch hatte er sie
heimgeführt dem Vorurteil zum Trotze weil er ihr heißes Herz zu gewinnen
verstanden weil sie zur Entsagung gezwungen gestorben wäre und weil ihre
Eltern die schwachen törichten sie nicht sterben lassen wollten  Hätten
sie es doch getan  welch einen süßen und schönen Tod hätte sie damals gehabt
Sie hätte aus dem Dasein scheiden können unenttäuscht im frommen Glauben an
den Geliebten Aber das wurde ihr nicht vergönnt Sie sollte das Ärgste
kennenlernen bevor sie scheiden durfte den Zweifel an ihm an seiner
Ehrlichkeit Wahrhaftigkeit und Treue an allem was den Wert des Mannes
begründet Eine grässliche Empfindung die sie für Verachtung hielt und die
Eifersucht war bemächtigte sich ihrer Sie heuchelte nun selbst spielte die
Ahnungslose und forschte und beobachtete ihn und ihren Gast seine Mitschuldige
und sein Opfer die kleine Schlange Alma die eben erst aus der Kinderstube in
ihre  freilich trostlose Ehe getreten war forschte und beobachtete und hatte
nur noch einen Wunsch einen Gedanken ein Ziel die Schuldigen zu entlarven
ihnen die Worte ins Gesicht zu schleudern Feiglinge und Verräter Da
erniedrigte sie sich zur Lauscherin an den Türen da horchte da erhorchte sie
was ihr den Verstand raubte  
    Ihre rast und trostlosen Wanderungen begannen ihre leichten Schritte
glitten durch das stille Haus und weckten mit ihrem kaum hörbaren Schall einen
nagenden nie ruhenden Vorwurf Er kam nach Jahren und Jahren dem Sinnenden noch
zum Bewusstsein und wenn auch nicht eben Reue so erweckte er doch nicht mehr
die Empörung von einst
    Im Zimmer nebenan ließ Stimmen sich vernehmen Maria wechselte einige
Worte mit dem Kammerdiener der sichs nicht hatte versagen können heute mit
ganz besonderer Dienstbeflissenheit die Türen vor ihr aufzureissen Sie trat ein
und ging langsam auf ihren Vater zu »Du hast mich rufen lassen es war
überflüssig ich wäre ohnehin gekommen ich habe dir noch viel zu sagen«
    Er lächelte »Ganz mein Fall dir gegenüber  Setz dich«
    Maria rückte einen Sessel in die Nähe des Schreibtisches und nahm Platz
    Der Graf streifte sie mit einem Blicke dann sah er hartnäckig an ihr vorbei
ins Leere  Das Ebenbild ihrer Mutter dachte er aber ihr Schicksal wird ein
anderes sein In dieser schönen Hülle wohnt eine stärkere Seele ein kräftigerer
Geist Sie ist mein Kind  mein liebes Kind das ich jetzt hingebe  Eine
plötzliche Wehmut erfasste ihn eine Art Mitleid mit sich selbst das er
verspottete Begann er vielleicht schon alt zu werden und sentimental Er
nahm sich zusammen er richtete sich gerade auf »Morgen also «
    »Morgen also Vater«  ein Beben lief durch ihre ganze Gestalt sie beugte
sich und seines abwehrenden Winkes nicht achtend fiel sie vor ihm auf die Knie
nieder und schlang die Arme um seinen Hals »Einmal lass mich dir danken« sprach
sie mit erstickter Stimme »einmal nur dir sagen Ich danke dir für alles«
    Ein trockenes Schluchzen entrang sich seiner Brust Er presste sie an sich
dass ihr der Atem verging er drückte seine Lippen auf ihre Haare auf ihre Stirn
und zog sie immer und immer wieder an sein Herz
    Endlich erhoben sich beide und gingen lange nebeneinander in ernstem
Gespräche auf und ab
    Mitternacht war vorbei als der Graf seine Tochter mit einem kurzen »Gute
Nacht Maria« fortschickte Sie stand schon auf der Schwelle da rief er sie
zurück Es drängte ihn ihr ein letztes Geschenk eine Erinnerung an diese
Stunde mitzugeben Suchend sah er im Zimmer umher sein Blick blieb auf einer
kostbaren goldtauschierten Kassette haften die auf einem Schranke stand »Nimm
das es ist längst dein Eigentum es gehörte deiner armen Mutter«
 
                                       5
Bei der Vermählung am nächsten Tage war alles mustergültig das Arrangement des
Ganzen die Haltung des Brautpaares die Toilette der Braut die Auffahrt vor
der Kirche die Trauung das Diner und die Equipage Dornachs in der die jungen
Eheleute am Abend nach dem Nordbahnhofe fuhren Sie hatten einen langsamen Zug
gewählt um nicht allzu früh am Morgen im Schloss einzutreffen wo ein
feierlicher Empfang ihrer wartete
    Maria drückte sich in eine Ecke des Waggons Ein Schauer der Angst hatte sie
durchrieselt als die Tür zugeschlagen worden Da war sie nun allein mit dem
Manne der sie liebte und Herrenrechte auf sie besaß Gestern noch fühlte sie
sich stärker als er wie hatte sich das so plötzlich geändert  nun zitterte sie
vor ihm
    Er bemerkte es wohl und sein Herz schwoll vor Stolz und Glück  Fürchte
dich nicht hätte er ihr zurufen mögen du bist mir so heilig wie du mir teuer
bist  Nicht dein Vater nicht der Priester konnten dich mir schenken das
kannst nur du allein und um dieses höchste Gut will ich ringen und werben Aber
er dachte Nein nicht Worte machen beweisen Und dann sprach er allerlei und
zwar nichts Geistreiches Vom Wetter das morgen hoffentlich ebenso wunderschön
sein werde wie es  unglaubliche Beständigkeit für den April  die ganze Woche
hindurch gewesen Wie ihn das freute weil Dornach sich zum ersten Male vor
seiner Gebieterin im Sonnenglanze zeigen werde dessen es sehr bedürfe um nicht
einen gar zu düsteren Eindruck hervorzubringen Er legte Kissen und Plaids
zurecht und bat Maria sichs bequem zu machen und einige Stunden zu ruhen sie
müsse müde sein und morgen gebe es wieder einen angestrengten Tag Maria kam
seiner Aufforderung gern nach sie wollte wenigstens tun als ob sie schliefe
wenn auch an Schlaf nicht zu denken war bei dem unheimlichen Gefühl das sie
erfüllte in der Nähe dieses Mannes  ihres Mannes Von Zeit zu Zeit öffnete sie
die Augen ein wenig und sah zu ihm hinüber und immer begegnete sie seinem
unendlich liebevoll auf sie gerichteten Blick Es war ein Ausdruck darin der
sie allmählich sicher machte ihre Bangigkeit verschwand ihre Lider wurden
schwer und schlossen sich Was sie für unmöglich gehalten hatte geschah sie
fiel in tiefen festen Schlaf
    Die Sonne war seit einer Stunde aufgegangen als Maria erwachte und auffuhr
Hermann stand am Fenster und begrüßte sie mit einem fröhlichen »Guten Morgen«
den sie ungemein verlegen erwiderte Ihre Augen glänzten wie die eines
erwachenden Kindes ihre Wangen waren gerötet  wie gut vertrugen sich das junge
Tageslicht und ihre junge Schönheit
    Hermann nahm sie bei der Hand und führte sie ans Fenster »Siehst du die
blaue Bergkette dort« sprach er »ihre Umrisse verschwimmen mit den blendenden
Farben des Horizonts Vor ihnen recht in ihrem Schutze liegt eine Hügelreihe
Siehst du sie«
    »Ja ja und der Gegensatz ist hübsch zwischen dem dunkeln Berghintergrund
und den freundlichen Hügeln«
    »Auf einem von ihnen erhebt sich ein graues Gemäuer das ist Schloss Dornach
 Es hat mir sonst ausbündig gefallen aber neulich bei meinem letzten
Besuche da ich es mir als deine zukünftige Behausung dachte fand ichs deiner
ganz unwert das alte Eulennest«
    Maria protestierte nicht nur aus Höflichkeit der Anblick des Schlosses den
eine Krümmung des Weges ihr jetzt wieder entzog war ihr herrlich erschienen
    Sie rollten zwischen Wiesengeländen am Ufer eines wasserreichen Flüsschens
der Station entgegen auf welcher die Eisenbahn verlassen wurde Zu Wagen ging
es weiter bis zum ersten Forstause auf Dornachschem Gebiet wo Maria ungestört
Rast halten und nur von ihren vorausgesandten Dienerinnen erwartet werden
sollte Lisette hatte sich an deren Spitze gesetzt und durch ihre
menschenfresserische Laune bereits alle an den Rand der Verzweiflung gebracht
Seit einigen Wochen befand sie sich im Schloss um der Einrichtung von Marias
Gemächern vorzustehen Und nun war sie hierhergekommen denn sie musste doch die
erste sein die das arme ihrer Obhut entrissene Kind begrüßte Sie tat es wie
nach jahrelanger Trennung unter Tränenströmen und Ausbrüchen des Bedauerns
Hermann gegenüber jedoch hüllte sie sich in gehässiges Schweigen Er verbiss ein
Lachen bot seiner Frau den Arm und führte sie die sich sanft von ihrer
Anbeterin und Tyrannin losmachte in das Haus
    Lisette stürzte nach und erlebte eine neue Enttäuschung Die Herrin sprach
beim Umkleiden nicht ein Wort der Klage noch der Anklage Und darauf hatte
Lisette gerechnet um dem seit gestern in ihr gestauten Groll gegen die Roheit
und Unverschämtheit der frisch gebackenen Ehemänner die Schleusen zu öffnen Sie
nahm es recht übel dass ihr keine Gelegenheit zu dieser Erleichterung geboten
wurde Maria war heiter und blieb es während der ganzen Fahrt die auf ihren
Wunsch bald fortgesetzt wurde Der vierspännigen Herrschaftsequipage zunächst
folgten Lisette und die Kammerfrau Die erstere erhob sich oft in ihrem Wagen
setzte die Brille auf und studierte soviel es nur möglich war die Miene ihres
Abgottes Ihr schien der ungeratene förmlich begeistert dreinzuschauen als man
an der Grenze der Ortschaft Dornach anlangte und die Bevölkerung der neuen
Mitbürgerin einen feierlichen Empfang bereitete Dem Programme nach kein anderer
denn alle feierlichen Empfänge im guten Lande Mähren Triumphbogen Ansprachen
Geschenke an Brot und Salz Eiern Hühnern Enten Gänsen und einem riesigen
Säugling aus Lebkuchen in farbigen Wickeln und garnierter Haube Böllerschüsse
und Vivatrufe Ungewöhnlich war nur die echte Herzlichkeit welche diese
Kundgebungen beseelte das Unbeholfene veredelte und dem Herkömmlichen das
Gepräge des Neuen und Ausserordentlichen gab
    »Du wirst von diesen Leuten sehr geliebt« sagte Maria zu Hermann
    »Weil ich sie liebe« erwiderte er vergnügt »Wenn uns auf Erden etwas mit
Zins und Zinseszins zurückgezahlt wird so ist es unsere Menschenliebe
Ungeliebt durchs Leben gehen ist mehr als Missgeschick es ist Schuld«
    Auf dem Platze umlagerte eine dichte Menschenmasse den Eingang zur Kirche
Unter dem Portal stand der alte Dechant mit seinen Kaplänen und den
Weihrauchfässer schwingenden Chorknaben Als der Graf und die Gräfin den Wagen
verließen um in das Gotteshaus einzutreten verstummte das Jubelgeschrei der
Menge die ehernen Stimmen der Glocken sprachen jetzt allein und begleiteten mit
ihrem Schalle den Segen den der greise Priester auf die Häupter der jungen
Eheleute vom Himmel herabrief
    Sie traten aus der Kirche sie stiegen die breite Treppe langsam hinab Alle
Blicke waren auf Maria gerichtet mit plumper Neugier mit Schüchternheit mit
staunender Bewunderung  in manchem Jünglingsauge glühte offenbare Verzückung
 Ob jung ob alt indessen ob weiblich oder männlich auf all diesen
Gesichtern die sich ihr zuwandten las Maria den Ausdruck eines
geheimnisvollen eines ererbten Leids Und in ihr erwachte der Gedanke Was dich
da anruft mit stummer und unbewusster Klage das ist die nach Erlösung ringende
ewige Dienstbarkeit Wir die Herren sie die Knechte Darbend an Leib und Seele
verdienen sie  unser Brot mühen sich zur Erde gebeugt jahrein jahraus
damit unser Geist frei und unbehindert auffliegen könne bis an die Grenzen des
Erkennens Ohne ihre harte Arbeit keine Ruhe für uns kein Genuss nicht Kunst
nicht Wissenschaft 
    Am Fuße der Treppe angelangt hemmte sie plötzlich den Schritt und griff
wie unwillkürlich schutzsuchend nach dem Arme Hermanns Er umschlang und hob
sie in den Wagen voll Besorgnis nach dem Grund ihres plötzlichen Schreckens
fragend »Es ist nichts« versicherte sie »gar nichts«
    Und es war ja nichts  eine Sinnestäuschung ein seltsamer Streich den ihr
Gedächtnis ihr gespielt Sie hatte gemeint mitten in dem Gewühl einen höhnisch
Lachenden zu sehen der sie anstarrte frech wie damals in jener Winternacht
Züge deshalb so widerlich weil sie die eines verehrten Antlitzes entstellt
widerspiegelten  Unsinn sagte sie zu sich selbst Wie käme der Mensch
hierher
    Der peinliche Eindruck war entschwunden verdrängt durch manchen schönen und
lieblichen und durch eine kräftige Lebensfreudigkeit die ihr ganzes Wesen
durchströmte als sie dahinflog im raschen Trabe der feurigen schäumenden
Pferde auf sammetweicher bergansteigender Straße zwischen majestätischen
Buchen Jedem Blick in die Gegend den zu tun die tief niederhängenden Äste
gestatteten bot sich ein anmutiges Bild Die Landschaft mit ihren im ersten
Frühlingsgrün prangenden Wiesen und Baumgruppen mit ihren Weihern und fleißig
rauschenden Bächlein glich einem wohlgehaltenen Parke
    Und nun sah man zwischen hohen Wipfeln ein spitzes Dach reich verzierte
Schornsteine und Giebel emporragen Endlich war auch die Avenue erreicht und da
stand Schloss Dornach altersgrau und prächtig Es war um die Zeit Pierre Nepveus
 die Sage wollte wissen von ihm selbst  im Mischstile von Gotik und
Renaissance erbaut ein stolzes Denkmal einst begründeter und durch die
Jahrhunderte behaupteter Macht
    Mit Kennerblicken betrachtete Maria den malerischen Bau ihr künstlerischer
Schönheitssinn schwelgte in höchster Befriedigung So umgeben sein ist ein
Glück ein Glück von jeder Stunde  Wie oft hatte sie als junges Mädchen die
Ruine im Walde zu Wolfsberg die ihr Vater verfallen ließ in Gedanken
wiederaufgerichtet und geschmückt mit Türmen und Bildwerken und zierlichen
Erkern dass die Schöpfung ihrer Phantasie beinahe so herrlich wurde wie die
Wirklichkeit die ihr jetzt vor Augen stand
    »Mein Traum« rief sie aus »mein in Erfüllung gegangener noch überbotener
Traum«
    Auf dem breiten Kieswege vor dem Hause wimmelte es von Willkommrufenden
    »Der letzte Anprall« sprach Hermann »die Beamten und das Forstpersonal«
    »Schon recht« erwiderte sie »Sage nur wem gebührt der erste Händedruck
Dem Hünen mit der lichtblonden Mähne an der Spitze des Heeres  nicht wahr« Sie
deutete auf einen großen breitschulterigen Mann mit rotbraunem Gesicht und
hellen Haaren in zu engem Frack und zu weiter Krawatte Zu seiner Rechten hielt
sich eine stattliche schwarzäugige Dame zu seiner Linken waren lebendige
Orgelpfeifen aufgestellt acht Knaben von denen der älteste ihm etwas über den
Ellbogen der jüngste bis zum Stiefelschaft reichte und die alle so weiße Köpfe
hatten wie er
    Hermann winkte ihm von weitem zu »Dem gebührt der erste Händedruck jawohl
dem meinem vortrefflichen Vetter Wilhelm«
    Der Vetter nickte und verbeugte sich und befahl seinen Buben auf das
bärbeissigste dasselbe zu tun und seine Gattin tat es ungeheissen
    Glückstrahlend Hand in Hand mit Maria trat jetzt Hermann vor die Gruppe
»Da ist sie« rief er »da bringe ich sie « und zu der übrigen Versammlung
gewendet »Da ist sie eure Gebieterin und die meine«
    Gott im Himmel was hatte der Herr Graf angerichtet mit dieser überstürzten
Vorstellung Nicht mehr und nicht minder als die unheilbarste Konfusion
hineingebracht in die so wohl vorbereitete so beharrlich einstudierte
Begrüssungsfeierlichkeit Einzelne Hochrufe ertönten in die viel zu wenig
Stimmen einfielen
    »Sie hätten losgehen sollen« fuhr der Kommandant der Feuerwehr den
Kommandanten der Veteranen an
    »Wie denn ich Wenn der Wagen steht hats geheißen Ist er gestanden Die
Herrschaften sind ja noch beim Fahren herausgesprungen Aber alles eins Feuer
Feuer sag ich  Sapperlot«
    Eine Salve wurde abgegeben Fahnen wurden geschwenkt
    
    »An Euer gräflichen Gnaden« flüsterte der Herr Direktor dem Grafen Wilhelm
zu
    »An Sie« sprach der Herr Verwalter
    »An Ihnen« verbesserte der Herr Kanzleirat  Aber Vetter Wilhelm
erschüttert in tiefster Mannesseele wusste kein Wort mehr von der schwungvollen
Anrede die der Herr Schullehrer für ihn verfasst und ihm eingeprägt hatte so
gut so fest dass er eben noch voll Stolz gesagt »Du Helmi Sie Herr Lehrer
das sitzt da drinnen das sitzt wie Eisen«
    Und jetzt war auf einmal alles herausgefallen
    Umsonst die höllische Arbeit des Auswendiglernens umsonst der Aufwand an
Todesängsten und berauschenden Hoffnungen den der arme Autor gemacht zerstört
die Freude der guten Gräfin in bescheidentlicher Teilnahme einem Rednertriumphe
ihres Eheherrn beizuwohnen wie er ihn erst neulich gefeiert daheim auf der
Schiessstätte  In diesem allerwichtigsten Moment jedoch zuckte es nur unter
seinem dichten Schnurrbart und über seine runden glattrasierten Wangen und
seine Augen die eher klein als groß waren und dennoch ein Meer umfassten ein
dunkelblaues Meer von Liebe wanderten von Hermann zu Maria und von Maria zu
Hermann Auf einmal rief er aus »Hermann alter Mensch Gnädigste Gräfin
hochverehrte Base  herzlichst willkommen  Tusch« fuhr er den Lehrer an der
sich genähert hatte um ihm einzusagen und die Dorfkapelle fiel ein
trompetend geigend und paukend
    Hermann schloss den Vetter in die Arme küsste die Hand Gräfin Helmis und gab
den Buben einen Wink die Blumensträusse zu überreichen die sie in Bereitschaft
hielten für die neue Tante Alle stürzten auf sie los und hatten alle vom Vier
bis zum Vierzehnjährigen dasselbe Gesicht und waren einer so unbefangen und
zutraulich wie der andere Warum denn nicht Konnten sie sich nicht sehen
lassen waren sie nicht schön in ihren neuen von der Mutter genähten
Leinwandblusen und ihren von der Mutter frisch gewaschenen Gesichtern und heute
mit Zahnpulver geputzten Zähnen
    Maria war gegen die ganze Familie so freundlich wie eine vollkommen
elegante junge Dame es dem ausgesprochensten Landjunkertum gegenüber nur irgend
sein kann Sie entzückte das Ehepaar sie entzückte jeden der ihr vorgestellt
wurde und mit dem sie einige Worte wechselte Ihre einfache und taktvolle
Leutseligkeit gewann ihr in der ersten Stunde die allgemeine Sympatie und
besiegte die Vorurteile der greisen Honoratiorenhäupter die dem zu erwartenden
neuen Regimente ziemlich bedenklich entgegengesehen hatten
    Die »alten Spitzen« wie die höheren Beamten von der lustigen Frau Adjunktin
genannt wurden kehrten spät abends nach dem Souper im Schloss in durch und
durch angenehmer Stimmung heim Herren und Damen waren darüber einig dass die
junge Gräfin unbeschreiblich liebenswürdig und halt  eine Dame sei
    »Jeder Zoll eine Dame« rief der gebildete Kanzleirat »Und  eine Würde
eine Höhe  Sie verstehen mich Frau Verwalterin«
    Beim Abschied von seinen Verwandten fragte Hermann »Wann kommt ihr wieder
 morgen«
    Wie wenn ihm ein schnödes Unrecht zugemutet worden wäre fuhr Wilhelm
zurück »Was fällt dir ein  in acht Tagen frühestens Nicht wahr Helmi«
    »Um keinen Preis früher« versetzte diese »es ist ohnehin indiskret genug«
    »Heut in acht Tagen also es bleibt dabei«
    »Bleibt dabei wir kommen natürlich ohne die Rangen  Wirst du
schweigen« wetterte er seinen Erstgeborenen an der sich erlaubt hatte gegen
diesen väterlichen Beschluss zu murren »Die Rangen bleiben zu Haus die Rangen
müssen lernen müssen alles das lernen was ich nicht gelernt habe und das ist
viel«
    Er nahm Hansel den Kleinsten der längst auf einem Kanapee eingeschlafen
war auf den Arm und schritt so seiner Frau die der Hausherr zum Wagen führte
und seinen anderen voranmarschierenden Söhnen nach
    An der Tür bis zu welcher Maria ihn begleitet hatte blieb er stehen sah
ihr in die Augen und seine Wange an den Kopf des Kindes lehnend sprach er
»Der achte s ist eine Nummer  ich genier mich manchmal  ich genier mich
eigentlich immer nachträglich und im voraus denn  wer weiß  und wer kann
wissen was noch nachkommt  Aber« und jetzt ging ihm zum wievielten Male an
diesem Abend hat er nicht gezählt das Herz über »wenn auch doppelt so viele
nachkämen als schon da sind in jedem von ihnen wird ein braver Mensch
heranwachsen und ein treuer Freund Ihrer das heißt deiner zukünftigen Söhne
Frau Base deren erstes Exemplar du uns ehebaldigst bescheren mögest«
 
                                       6
»Du hast mich einem edlen und guten Menschen zur Frau gegeben« schrieb Maria an
ihren Vater in ihrem ersten Briefe aus Dornach Das Wort »Glück« kam nicht ein
einzigesmal vor aber aus jeder Zeile sprach Zufriedenheit Maria hatte sehr
bald begriffen dass sie als die Frau Hermanns eine Aufgabe zu lösen haben werde
die ihrem ernsten Sinn entsprach Anders als in Wolfsberg gestalteten sich in
Dornach die Beziehungen zwischen dem Grossgrundbesitzer und seinen kleinen
Nachbaren  Dort herrscht eine Art bewaffneten Friedens offene gegenseitige
Feindschaft eingewurzelte Unredlichkeit und Arglist von s der Schwachen
Starrsinn und unerbittliche Strenge von Seite des Starken
    »Ich will nur mein Recht« sagte der Graf und ging schonungslos vor in der
Erreichung dieses Rechtes
    »Das Recht« sagte Hermann »Mit welchem Rechte verlangt man einen Begriff
des Rechtes von Leuten die sich immer nur der Gewalt beugen mussten«
    Maria stimmte ihm bei Sie war wie er ein Kind der neuen Zeit das Gefühl
der Unerträglichkeit fremden Leids fremder Not und ein heißer Drang zu helfen
hatte auch sie oft ergriffen Nun lag die Macht ihm Genüge zu tun in ihrer
Hand Sie empfand eine innige Dankbarkeit für den der sie ihr gegeben unter
dessen Leitung sie dieselbe ausübte
    »Heute Dienstag und Familiendiner« sprach Hermann eines Morgens in das
Frühstückszimmer tretend »Hast du nicht vergessen«
    Sie gestand es ein »Jawohl völlig vergessen  So wäre seit unserer
Ankunft eine Woche vergangen«
    »Eine volle Woche Mir ist sie entschwunden wie ein glücklicher Augenblick
 Und dir Maria Nicht allzu langsam«
    »Nein nein« sagte sie leise
    Er umfasste sie mit beiden Armen »Wenn es so fortgeht werden wir plötzlich
ein Paar alte Leute sein Unvermutet wird uns einst das Alter überraschen aber
ich fürchte es nicht und auch nicht den Tod Es ist schön zu sterben nach einem
schön erfüllten Leben in dem man nie irre geworden ist an seinem teuersten und
höchsten Menschen wie ich es an dir nie werden kann«
    »Was verstehst du darunter Was ist der Inbegriff von allem was du von mir
verlangst« fragte sie
    Hermann sah ihr mit einem langen verständnissuchenden Blick in die Augen
»Du weißt es ja vorläufig nur  einen Tausch Für meine grenzenlose Liebe 
dein grenzenloses Vertrauen Espérant mieux wie das Motto Antoine Latours
gelautet«
    Maria senkte den Kopf »Du bist so gut du hast die Geduld mit mir um die
ich dich gebeten habe« flüsterte sie nach kurzem Schweigen und verbarg
plötzlich ihr Gesicht an seiner Schulter
»Die Pferde Deine Pferde aus Wolfsberg« ließ jetzt die laute Stimme Lisettens
sich im Nebenzimmer vernehmen und sie selbst schlich herein lächelnd und
bissig untertänig und grollerfüllt wie immer in Hermanns Gegenwart welcher in
ihren Augen nichts war als der mit einem Privilegium versehene Räuber »des
Kindes« Sie hatte jede trübe Stunde vergessen die sie in Marias Geburtsort
verlebt und gab Wolfsberg hier im Hause für das Gelobte Land aus Jeder Brief
jede Sendung die von dort kam wurde von ihr empfangen wie ein Gruß aus dem
Aufenthalt der Seligen
    »Und der Georg hat sie gebracht deine lieben Pferde der alte Georg ders
nicht erwarten kann dir die Hand zu küssen Frau Gräfin mein Kind« setzte sie
in schmelzendem Tone hinzu  Dieselben Pferde die sie ingrimmig gehasst als
immerwährende Gefahrbringer für das Leben und die geraden Glieder Marias
derselbe Georg den sie verabscheut weil er diese Pferde gesattelt hatte
standen jetzt in Lisettens höchster Gunst
    Sie sah aus dem Fenster »dem Kinde« nach das voll Freude über das
bevorstehende Wiedersehen seiner vierbeinigen Lieblinge an der Seite Hermanns
über den Hof eilte »Ohne Hut ohne Handschuhe freilich freilich« brummte
Lisette und überließ sich ihrer Gewohnheit halblaut mit sich selbst zu
sprechen sobald sie allein war »Wer schaut hier auf dich du Vogel du der
verliebte Graf gewiss nicht der denkt an nichts sieht nichts ist dumm und
blind vor lauter Verliebteit«
    Sie begab sich in das Schreibzimmer schellte und befahl dem Stubenmädchen
der Frau Gräfin das Vergessene nachzutragen Dann fuhr sie in ihrer eine Weile
hindurch unterbrochenen Beschäftigung fort Diese bestand in dem Ausräumen eines
Rokokoschreibtisches aus Rosenholz mit Bronzeverzierungen und eingelegten
VieuxsaxePlatten Lisette wickelte unzählige sehr wertvolle Sachen und
Sächelchen Bonbonnieren Dosen Elfenbeinschnitzereien Siegel Flakons aus
ihren Papier und Wattehüllen und legte alles auf einem Tisch in der Nähe des
zierlichen Glasschränkchens zurecht das an der Wand hing und bestimmt war die
kleinen Kostbarkeiten aufzunehmen Fast jeder dieser Gegenstände weckte in der
Alten eine wehmütige Erinnerung an dessen frühere Besitzerin an Marias Mutter
Es waren sämtlich Geschenke des Grafen Er hatte sie dereinst aus Paris wo er
kurze Zeit in besonderer diplomatischer Mission in Verwendung gestanden nach
Hause geschickt als Zeichen treuen täglichen Gedenkens Und wie beglückten und
beseligten sie Mit welchem Eifer suchte die junge Frau vor allem nach dem
flüchtig bekritzelten Zettelchen das diese Sendungen meist begleitete Meist 
nicht immer  und dann war das sehnlichst Erwartete ausgeblieben dann fehlte
dem Schönen der Reiz und die Gräfin beugte sich traurig über ihr Kindlein »Er
hat uns heute nicht geschrieben Maria «
    Sie hat ihn zu liebgehabt Freilich freilich  Lisette sann nach ihre
Lippen verzogen sich zu einem tückischen Lächeln »Das wirst du ihr nicht
nachmachen mein Vogerl« murmelte sie »du hast eine andere Natur Wenn in
deiner Eh eins von euch vor lauter Lieb den Kopf verliert wirds der andere
sein nicht du«
    »Worüber lachst du« fragte Maria eintretend
    »Ach was nur so   über den spassigen Heiligen da« »Was ist das für ein
Heiliger« Sie reichte der Gebieterin eine Dose die mit einem Emailbildchen von
Petitot einen jungen weinlaubumkränzten Faun darstellend geschmückt war
    Maria betrachtete es zum erstenmal aufmerksam sie war keine Freundin der
Kunst im Kleinen und hatte diesen Bibelots nie ein besonderes Interesse
geschenkt Nun aber bewunderte sie eingehend die feine Arbeit des französischen
Meisters und wie sie dabei das Kästchen hin und her wandte sprang bei einem
Druck ihres Fingers der Deckel auf Die Dose barg einen goldenen in
Seidenläppchen gewickelten Schlüssel Marien schien die Zeichnung der Arabesken
seines durchbrochenen Griffes habe Ähnlichkeit mit der Tauschierung der
Kassette die sie am Abend vor ihrer Vermählung von ihrem Vater erhalten und an
welcher der Schlüssel fehlte  Doch hatte sie nicht Zeit sich der
Zusammengehörigkeit der beiden gleich zu versichern denn die Ankunft ihrer
Gäste die um ein Uhr eine Stunde vor dem Mittagessen eintreffen sollten
stand bevor
    Sie kamen auch richtig angefahren auf die Minute zwei Seelen und vier
Seelchen Im letzten Augenblicke hatte Wilhelm sich erweichen lassen durch die
traurigen Gesichter mit denen die jüngeren Rangen den Vorbereitungen zur
Abfahrt der Eltern zusahn und sie mitgebracht Sie waren ja noch so dumm und
versäumten nicht gar viel Lernerei Vater und Mutter baten dringend sich nicht
im geringsten um sie zu kümmern sie nur im Garten herumlaufen zu lassen Das
Vertrauen konnte man ihnen schenken dass sie sich in acht nehmen und nicht in
den Teich fallen würden Auf irgendwelche Berücksichtigung bei der Mahlzeit
hatten sie keinen Anspruch sie waren zu Hause abgefüttert worden und überdies
hatte jeder sein Stück Brot im Sacke und konnte damit bequem aushalten bis zur
Heimkehr
    Eine so ungastliche Behandlung sollten sie jedoch nicht erfahren vielmehr
durften sie ihre Brotration den Pferden bringen ihre Mutter und je zwei von
ihnen wurden von Maria in der Ponyequipage im Parke herumkutschiert während die
zwei anderen dem Wagen nachrannten um die Wette mit den Hunden Bei Tische
erhielten sie ihre Plätze nebeneinander saßen kerzengerade und benahmen sich
musterhaft Trefflich regiert von den kurzen Kommandoworten des Vaters und den
abmahnenden oder zustimmenden Blicken der Mutter entfalteten sie bei aller
Dressur einen kleiner Rotäute würdigen Appetit
    Maria hatte sich auf die Freuden des heutigen Familienfestes mit
uneingestandenem Grauen gefasst gemacht und jetzt erfüllte sie mit Vergnügen
ihre Hausfrauenpflichten und unterhielt sich beinahe Nicht nur mit den Kindern
Der biedere Mann der wie sie wusste den Unterhalt seiner zahlreichen
Nachkommenschaft schwer bestritt und ihrer etwaigen Vermehrung dennoch mit
naiver Ergebung entgegensah die Frau mit dem Typus ihres hochadeligen Stammes
in den feinen Zügen die sich ihrer abgearbeiteten Hände so gar nicht schämte
und die Haube mit den gefärbten Bändern und das verschossene Foulardkleid so
tapfer trug flössten der neuen Verwandten die herzliche Wertschätzung ein die
bei ihr eine sichere Vorbotin künftiger Freundschaft war
    Bald nach Tische trennte man sich Hermann und Wilhelm ritten nach einem
entlegenen Hof zur Besichtigung eines Baues der dort aufgeführt wurde Gräfin
Wilhelmine und ihre Kinder kollerten heim in ihrem kürzlich neu lackierten mit
Bauernpferden bespannten grünen Wägelchen
    Maria blieb allein und wollte ihre Einsamkeit zu einer Wanderung durch den
Park benützen und einen schönen Aussichtspunkt am Ende desselben erreichen von
dem Hermann ihr gesprochen hatte Sie nahm seine beiden Jagdhunde als Begleiter
mit semmelfarbige kurzhaarige sehr kluge Tiere die am Tage des Einzugs
Marias begriffen hatten in Abwesenheit des Herrn gibt es jetzt eine Herrin Auf
den Fersen folgten sie ihr die Nasen gesenkt mit tief herabhängenden Ohren
und wenn sichs regte auf der Wiese im Gebüsch im dunklen Schatten der Bäume
fuhren sie zusammen hoben die Nasen in die Höhe schnupperten alle ihre Sehnen
spannten sich zum Sprunge  Ein Anruf aber »Zurück Lord Fly zurück« und
sogleich senkten sie die Köpfe und schritten dahin gehorsam den Befehlen der
Menschen widerstrebend den Gesetzen ihrer eigenen Natur
    Es war ein kühler Nachmittag Maria ging rasch vorwärts von einem wohligen
Gefühl der Freiheit beseelt Daheim wäre ihr verwehrt gewesen einen weiten
Spaziergang allein zu unternehmen und sie empfand einen großen Genuss in der
Ausübung ihrer kaum erlangten Selbständigkeit Alles trug dazu bei ihre
Wanderlust zu erhöhen der wolkenlose Himmel der über ihr blaute die kräftige
Luft die gewürzt mit Harzdüften vom Tanne hergestrichen kam die
Frühlingslieder der Vögel in den Zweigen die Schönheit der Stätte selbst die
Maria durchschritt  Sie kam sich vor wie in einem Zaubergarten den
menschenfreundliche Geister pflegten Sie hatten die Wege besandet die Wiesen
geschoren die Hecken beschnitten die Brücklein über den Bach gebaut Sie
hatten die bewimpelten Kähne am Ufer des Weihers befestigt die Scheiben des
Fischerhauses blankgescheuert dass sie im Abendrot glänzten wie Gold und waren
nach vollbrachtem Werke verschwunden ohne Spur
    Wie wohltuend wie entzückend schön ist es hier sagte sich Maria und
zugleich durchbljetzt es sie Wenn Tessin jetzt dastände und mich sähe in diesem
kleinen irdischen Himmelreich 
    Sie hatte ihn verbannen wollen aus ihren Gedanken es nicht vermocht und 
Frieden mit ihm geschlossen
    Was war denn sein Verbrechen gewesen  Hatte er sie zu täuschen gesucht je
ein Wort von Liebe zu ihr gesprochen Und doch war sie beneidet worden um
seine Aufmerksamkeit und hatte sich beneidenswert gefühlt und sich nicht
Rechenschaft gegeben worin seine Macht über sie bestand
    Die unbestimmte unerklärliche Angst von der sie manchmal ergriffen worden
in seiner Nähe im Banne seiner Augen durchrieselte sie eine Ahnung kommenden
Leids beklemmte ihr die Brust
    Sie war sich der Zeit nicht bewusst die verflossen seit ihre Wanderung
begonnen hatte und staunte als sie aus einem Fichtenhain tretend die Sonne
schon tief zum Untergang geneigt sah Mit verdoppelter Geschwindigkeit eilte sie
ihrem Ziele einer Zirbelkiefer zu an deren gewaltigem Stamm eine leichte
geschnitzte Wendeltreppe zu einer runden Altane emporführte über die der
mächtige Baum sein grünes Schirmdach breitete
    Die junge Frau lief die Stufen hinan um von der hohen Warte aus noch einen
letzten Blick des scheidenden Tagesgestirns zu erhaschen Die Hunde folgten 
Plötzlich schien ihr als schwanke die Treppe  sie blieb stehen wartete an
das Geländer gelehnt  das Schwanken dauerte fort Es war nicht durch sie
hervorgebracht Dort oben musste jemand auf und ab gehen langsam und wuchtig
Einen Augenblick dachte sie an Flucht es war doch gar zu einsam hier Sogleich
jedoch verlachte sie die feige Regung die sich ihrer hatte bemeistern wollen
Wer konnte es sein Ein Jäger im schlimmsten Fall ein Wildschütz Aber wenn
auch was hatte sie zu fürchten
    Die Hunde knurrten Die Schritte hielten an die ihren waren gehört worden
    Wenige Sekunden später betrat sie die Plattform unter dem wütenden Gebell
Lords und Flys die ihr vorangesprungen waren
    »Hoho die Hunde Rufen Sie die Hunde« kreischte eine erregte Stimme ihr
entgegen  Der Mensch der diesen Hilfeschrei ausgestoßen hatte presste den
Rücken an den Stamm des Baumes und führte mit dem Stock einen Schlag gegen seine
Angreifer traf sie aber nicht
    Maria hatte ihn auf den ersten Blick erkannt trotz der Veränderung die mit
ihm vorgegangen war Nicht in Lumpen wie in jener Winternacht sondern gut
gekleidet in einem lichten Sommeranzug mit wohlgepflegtem Haar und Bart wäre
seine Erscheinung die eines auffallend hübschen Menschen gewesen ohne den
Ausdruck der Verwilderung und der Krankheit in seinem eingefallenen Gesicht
    Auch Maria war bleich geworden »Hierher« befahl sie den Hunden die sich
widerwillig fügten und sprach in hartem Tone den Fremden an »Der Eintritt in
den Park ist nur den Hausleuten erlaubt Was wollen Sie hier«
    Er hatte seine Sicherheit wiedergewonnen und beeilte sich es zu beweisen
Den Hut spöttisch lüftend erwiderte er »Ich will dasselbe was Sie wollen 
die Aussicht bewundern die wirklich ganz reizend ist Erfüllen wir den Zweck
unseres Spaziergangs«
    »Frechheit« murmelte Maria und die Rechte gebieterisch ausgestreckt
setzte sie laut hinzu »Fort«
    »Entschuldigen Sie« versetzte er »ich bleibe Ich habe mit Ihnen zu reden
und hätte Sie um eine Zusammenkunft ersuchen lassen wenn nicht der Zufall 
oder war es vielleicht ein geheimer Zug des Herzens  Sie hierhergeführt hätte
Frau Schwester«
    Maria stieß einen dumpfen Schrei aus und wich zurück Wie dieser Mensch sich
jetzt leicht verneigt hatte war es in einer Art geschehen mit einer Bewegung
des Hauptes ihr so wohlbekannt so lieb und sympathisch an einem andern 
    »Es beleidigt Sie dass ich mir erlaube Ihnen diesen Namen zu geben aber 
er gebührt Ihnen und nicht durch meine Schuld  Bleiben Sie doch« bat er als
Maria entsetzt und gequält sich plötzlich zum Gehen wandte »Einmal müssen wir
uns aussprechen warum nicht lieber heute als morgen Was ich Ihnen zu sagen
habe ist bald gesagt  Unser Vater hat meine Mutter betrogen  wie die Ihre
nebenbei bemerkt« brach er höhnisch aus
    »Lüge« sprach Maria er aber fuhr fort ohne sich unterbrechen zu lassen
    »Ich mache ihm keinen Vorwurf ich klage ihn überhaupt nicht an Unser Vater
hat viel Geld auf mich verwendet  schade darum  mich erziehen mir
Grundsätze beibringen lassen wollen Ganz vergeblich denn  ich habe sein Blut
in meinen Adern Dass sein Sohn ihm gar zu gut nachgeraten empörte den
vortrefflichen Mann Endlich zog er seine Hand von mir ab  Der Grund ist
eigentümlich  was« Er brach in ein Lachen aus das allmählich in ein heftiges
Husten überging Auf dem Taschentuche das er an die Lippen drückte zeigten
sich dunkelrote Flecken »Da« sagte er »ich bin fertig Zuviel Verschiedenes
kennengelernt im Leben zuviel Vergnügen und zuviel Elend Jetzt bin ich fertig
fertig hörst du Der schlechte Spaß mit der Schneeschaufelei hat mir das letzte
Almosen vom Grafen eingebracht das allerletzte Lass mich nicht auf dem Stroh
sterben gib mir ein Obdach Frau Schwester«
    Sie starrte ihn an wie verloren »Lügen Lügen  ich glaube nicht  ich
glaube Ihnen nicht «
    »Wäre freilich das Bequemste wird aber nicht durchzuführen sein Fragen Sie
nur den Grafen meinen Schwager der weiß von mir Wolfi Förster nennen Sie
mich ihm nur Ich will ihn sprechen das heißt euch in der Fischerhütte am
Weiher morgen vormittag zehn Uhr Kommt gewiss ich könnte euch sonst
Unannehmlichkeiten bereiten  Jetzt jagt der verfluchte Krankheitsteufel mich
heim nach dem Bauernhotel in dem ich mich vorläufig einlogiert habe« Er
knöpfte seinen Rock zu Fieberfröste schüttelten ihn »Auf Wiedersehen«
    Damit reichte er Maria die Hand sie zog die ihre mit Abscheu zurück »O
Frau Schwester« rief er »du bist noch hochmütiger als unser edler Herr Vater«
 
                                       7
Hermann hatte die Erzählung von Marias Abenteuer im Parke schweigend angehört
und sich am nächsten Morgen zur Zusammenkunft mit Wolfi im Fischerhause
eingefunden
    »Ein Schwerkranker vielleicht ein Sterbender« sagte er bei seiner
Rückkehr »Mag er nun sein wer er will wir können ihm die Aufnahme um die er
bittet vorläufig wenigstens nicht verweigern«
    »Wir können  du meinst wir dürfen nicht« fragte Maria »So hat denn
dieser Mensch einen Anspruch «
    »Genausoviel Anspruch« unterbrach er sie »als wir Erbarmen mit ihm haben«
    »Mir flösst er keines ein er ist zu keck« gab sie zur Antwort Sie
erkundigte sich kaum nach dem was für ihn geschah obwohl Lisette dem
hergelaufenen Gast eine ganz merkwürdige Teilnahme bezeigte Es war ihm eine
kleine Wohnung im Hause einer Hegerswitwe angewiesen worden das am Saume des
Waldes und doch nahe genug am Dorfe lag um den täglichen Besuch des Arztes zu
ermöglichen Diesen einen sehr gutmütigen und sehr neugierigen ältlichen Herrn
beehrte Lisette mit ihrem Vertrauen Sie saßen nebeneinander am Bette des
Kranken der in den ersten Tagen aus stumpfer Bewusstlosigkeit nur auffuhr um in
Fieberphantasien zu verfallen in denen er lachte und schwatzte und alle
Geheimnisse seiner armen verkommenen Seele ausplauderte
    Der Doktor trank förmlich jedes seiner Worte »Fräulein Lisette« sagte er
einmal »da werden verborgene Familienverhältnisse vor uns enthüllt«
    Sie lächelte »Bin eingeweiht Herr Doktor und brauche mir darauf nichts
einzubilden Wer das Haus kennt kennt diesen wilden Sprössling der in Wolfsberg
zur Welt gekommen ist Wäre auch schwer zu verleugnen gewesen bei der
Ähnlichkeit und bei dem impertinenten Spektakel den seine Mutter vor der
Hochzeit des Herrn Grafen gemacht hat  als ob nicht viele andere dieselben
Ansprüche  Na darüber ist nichts zu sagen « brach sie plötzlich ab
    »Sagen Sie doch Fräulein genieren Sie sich nicht und sagen Sie doch«
    Lisette erwiderte mit einem kleinen Achselzucken voll Koketterie »Können
sich selber denken So ein Herr wie unser Graf so eine Schönheit kann der was
dafür dass ihm die Weiber nachlaufen  s ist ihre Sach und ihre Schuld So ein
Herr wird sich nicht auf den heiligen Aloisius hinausspielen«
    Doktor Weise stimmte bei Er hätte gern einen recht nichtsnutzigen Witz
gemacht um auf das alte Fräulein den blendenden Eindruck eines Don Juan
hervorzubringen Weil er aber von Natur ein keuscher Mann war wollte ihm nichts
Frivoles einfallen
    Lisette erneuerte den feuchten Umschlag auf Wolfis Stirn »Ein so hübscher
Bursche und soll schon sterben« seufzte sie »Recht traurig aber im Grunde
doch das Beste für ihn und auch für die anderen«
    Der Doktor sah seinen Patienten der jetzt ruhig atmete und sanft zu
schlafen schien prüfend an »Gut gebaut kräftig kann sich noch eine Zeitlang
wehren«
    »Wie lange zum Beispiel«
    »Schwer zu erraten  möchte mich nicht vor Fräulein blamieren«  er
verbeugte sich galant  »ich glaube nur bei vortrefflicher Pflege  in dieser
gesunden Luft  vielleicht noch zwei Jahre«
    Der Kranke schlug die Augen auf und blickte ihn zornig an »Esel« sagte er
so laut er konnte »merken Sie nicht dass ich wach bin«
    »Ich merke dass Sie Ihre Besinnung wieder haben und gratuliere« sprach der
Arzt nicht im geringsten beleidigt
    »Zwei Jahre  wieviel Tage sind das rechnen « Wolfi begann langsam zu
zählen seine Stimme wurde immer schwächer er schlief wieder ein
    »Schon bei Besinnung« flüsterte Lisette »das hätte ich nicht geglaubt Das
ist eine schöne Kur von Ihnen Sie reißen ihn am Ende gar noch heraus Aber dann
ist das erste«  diese Worte wurden von einer bezeichnenden Gebärde begleitet 
»abreisen«
    »Wird schwerlich dazu kommen Fräulein« erwiderte der Doktor und verbeugte
sich noch galanter als vorhin
    Lisette aber warf einen Blick in den kleinen Spiegel der an der Wand über
dem Schranke hing und sagte zu sich Ich weiß eigentlich nicht warum ich so
altmodische Hauben trage
    Zur selben Stunde war Maria im Schloss an ihren Schreibtisch getreten mit der
Absicht den letzten Brief Wolfsbergs zu beantworten Ein Brief reich an
ernsten und eigentümlichen Gedanken voll tiefer Empfindung und Zärtlichkeit
den sie mit Stolz und innerster Herzensbefriedigung gelesen und wieder gelesen
Nie hatte ihr Vater so liebreich zu ihr gesprochen wie er an sie schrieb jetzt
fürchtete er nicht mehr sie zu verwöhnen
    Am Tische Platz nehmend bemerkte sie dass die Kassette aus dem Nachlasse
ihrer Mutter neben die Mappe gestellt worden war
    Eine alte Bekannte Wie oft hatte Maria sie stehen gesehen immer auf
demselben Platz im Zimmer ihres Vaters und ihre feinen Ornamente betrachtet
Jetzt holte sie den kleinen Schlüssel dessen Griff ihr in ähnlicher Weise
durchbrochen und verziert geschienen hatte aus der Emaildose und steckte ihn in
das Schloss Er passte wollte sich aber nicht drehen lassen Viel Geduld und
Geschicklichkeit musste angewendet werden bevor es gelang der Deckel aufsprang
und der Inhalt zum Vorschein kam Der bestand aus einem zerrissenen Heft dessen
vergilbte Blätter mit einer zarten feinen Schrift dicht bedeckt waren und aus
alten mit einer verblassten Schleife zusammengebundenen Briefen Maria zog einen
derselben hervor Ihr Vater hatte ihn als Bräutigam an ihre Mutter gerichtet
und die glühendste Leidenschaft sprach sich darin mit hinreissender Beredsamkeit
aus Wie mussten die Beteuerungen diese Schwüre überzeugt und beseligt haben
Wie reich war das Leben das durch die Liebe eines solchen Mannes geschmückt
worden Und wenn auch früh erloschen es hatte den köstlichsten den seltensten
Inhalt gehabt  ein volles Glück
    Maria griff nach einem der Blätter auf denen sie die Schrift ihrer Mutter
erkannt hatte Es hing mittelst eines Seidenfadens lose mit den anderen zusammen
und war wie alle ein Bruchstück Das Ganze machte den Rest eines Heftes aus
das einst ziemlich stark gewesen sein mochte Verbogen und zerknittert fand sich
noch der Umschlag vor Maria glättete ihn so gut es ging Er trug die mit
größtem Fleiß kalligraphisch ausgeführte Aufschrift »Im Himmel« und das Datum
1850 Aber die schönen Lettern waren durch Kreuz und Querstriche verunstaltet
recht wie mit kindischer Zerstörungslust und eine unsichere Hand hatte sich
bemüht als Vignette einen Teufel hinzuzeichnen die kaum zu entziffernden
Worte »Der König des Himmels« und das Datum 1858 standen darunter
    Maria las hier und dort einen Satz eine Zeile ihr Gesicht verfinsterte
sich wie versteinert blickte sie nieder auf die verstümmelten Blätter Die
stummen toten Zeichen aber wurden lebendig und sprachen und gaben Zeugnis von
einem längst eingesargten Schmerz Der überwundene der vergessene da war er
aus dem Grabe auferstanden und stöhnte erschütternd seine Klagen aus
    Sie fanden einen qualvollen Widerhall in der Seele Marias Nun war ihr
einmal wieder etwas zerstört worden ein beglückender Glaube  Glaube Nein
ein Glaube der auf einem Irrtum beruht ist ein Wahn Maria wäre sehr gestimmt
gewesen dem ihren nachzuweinen das Künstlerische in ihrer Natur sträubte sich
gegen die Zerstörung des Ideals das ihr Vater ihr bisher gewesen war Da fiel
ein Wort ihr auf das am Rande eines der misshandeltsten Bogen des seltsamen
Tagebuches stand WAHRHEIT groß geschrieben von einer leichten Arabeske
umschlungen
    Maria blickte nicht mehr auf bevor sie den Sinn der letzten ihr noch
halbwegs verständlichen Zeile in sich aufgenommen hatte  Dann küsste sie die
Blätter innig und lange trug sie zum Kamin verbrannte sie und erwartete auf
den Knien das Verlöschen der Flammen Das Geheimnis der Toten blieb aufbewahrt
im Herzen ihres Kindes
    Einige der aus dem Zusammenhang gerissenen Stellen die sich dem
Gedächtnisse Marias fast vollständig eingeprägt lauteten
»Die Wahrheit verlange ich von dir Du sollst nicht lügen Treu sein
festhalten was dein Herz einmal ergriffen hat kannst du nicht Du bist schwach
und hilflos deinen Leidenschaften gegenüber Sei wenigstens wahr Dem Schwachen
Bedauern dem Lügner Verachtung
Eifersüchtig ist nicht das rechte Worte Würde ich sonst deinen Wolfi lieben
Würde ich sonst das Andenken seiner Mutter ehren  Und ich hätte Grund auf sie
eifersüchtig zu sein denn sie hat dich mehr geliebt als ich dich liebe ich
hätte dir nicht geopfert was sie dir geopfert hat ihre Eltern ihre Heimat
Ehre und Pflicht
    Wenn meine Tochter erwachsen sein wird werde ich ihr sagen heirate nicht
aus Liebe Man glaubt vereint sein mit dem Geliebten das ist der Himmel auf
Erden Es ist nicht wahr Was macht den Himmel zum Himmel Dass ein Gott darin
regiert und   
Wenn Gott nur so gut wäre wie wir sind gegen unsere braven Diener dann hätte
er mich erhört Habe ich nicht alle meine Pflichten getreu erfüllt war ich
nicht gläubig und fromm Wenn Gott gut und gerecht wäre hätte er mich gehört
Aber es ist überhaupt kein Gott im Himmel nur ein Teufel und der straft mich
Geliebter wenn die Jugend hinter uns liegen wird wenn du zu mir zurückgekehrt
sein wirst und ich dir alles verziehen haben werde dann lesen wir zusammen was
ich jetzt schreibe und reichen uns die Hände und lachen  und weinen auch ein
wenig
 dass du Alma verleitest  sie hat ein Gewissen Es schläft jetzt nur du hast
es eingeschläfert du weißt wie man das macht  aber es wird erwachen und
dann   
    Ich glaube es nicht ich will es wissen mich überzeugen euch auflauern
Ich bin jetzt ein Jäger ihr seid das scheue Wild 
Manchmal fürchte ich und manchmal hoffe ich den Verstand zu verlieren Wir
werden mein Tagebuch nicht zusammen lesen Geliebtester Ich glaube dass ich es
zerreißen muss Die schöne Schilderung der glücklichen Tage  schon fort In
kleine kleine Stücke gerissen und fliegen lassen von hoher Altane am Turm
Wie sie stoben im Winde  Woran habe ich gedacht woran nur An mein Glück
oder was Ich weiß nicht mehr «
Bei dem nächsten Besuch den Hermann im Hegerhause machte begleitete ihn Maria
Der Kranke erholte sich sehr langsam von dem letzten heftigen Anfall seines
Leidens Er lag in tiefer Erschöpfung dahin halb wachend halb schlafend nahm
nur widerstrebend die Nahrung die man ihm reichte und zählte ohne Unterlass an
seinen Fingern wieviel Monate Wochen Tage er noch zu leben habe Die Rechnung
war ihm aber zu schwer und wollte nicht stimmen Gegen alle die ihm nahten
Hermann nicht ausgenommen legte er feindseliges Misstrauen ein mürrisches und
schroffes Wesen an den Tag das sogar die Geduld seines langmütigen Arztes sehr
oft erschöpfte
    Nur wenn Maria an sein Bett trat glättete sich seine Stirn er lächelte
unter seinem kleinen schwarzen Schnurrbart schimmerten seine Zähne hervor jung
und gesund wie die eines Kindes In der Tiefe seiner dunklen Augen entzündete
sich ein unheimlicher Glanz »Frau   « sprach er und machte eine lange Pause
Fürchtest du dich fürchtest du das Wort das ich jetzt sagen könnte fragte
sein boshafter und drohender Blick Aber der ihre hielt ihn im Bann Stolz und
kalt ruhte er auf ihm und er murmelte verwirrt »Frau Gräfin«
    Sie kam regelmäßig aber nicht an bestimmten Tagen wöchentlich zweimal auf
der Rückkehr von ihren Gängen durch das Dorf Dort hatte sie die Armen und
Kranken besucht war wohl auch in die Schule getreten und hatte einer
Unterrichtsstunde beigewohnt Sie hatte getadelt gelobt mit vollen Händen
gegeben und mit alledem nur eine Einführung ihrer Schwiegermutter
aufrechterhalten  nicht ganz in deren Sinn jedoch
    Gräfin Agathe hatte von den Leuten denen sie Hilfe angedeihen ließ eine
Gegenleistung gefordert »Du bekommst das unter der Bedingung fortan das
Wirtshaus zu meiden  Du bekommst jenes unter der Bedingung dass du von heut ab
deine religiösen Verpflichtungen pünktlich erfüllst«
    Maria hingegen stellte nicht nur keine Bedingungen sie lehnte sogar den
Dank ab dessen meist überschwengliche Äußerungen ihr widerstrebten So
verstimmte sie die Geistlichen und die Lehrer die gewohnt gewesen waren ihren
Teil von der gräflichen Wohltätigkeit mittelbar einzuheimsen und entwertete
ihre Geschenke bei den Empfängern  Wie hoch soll denn angeschlagen werden was
umsonst zu haben ist
    »Mit einer Hand geben und die andere zum Nehmen ausstrecken« sagte Maria zu
Hermann »ekelt mich an«
    »Das versteh ich nicht« entgegnete er »Was diesen Menschen vor allem
anderen fehlt was ihnen vor allem anderen beigebracht werden muss ist das
Pflichtgefühl Mit Wohltaten wirst du es nicht wecken«
    »Wecke ich es wenn ich ihnen einen Handel vorschlage einen Tausch«
    »Viel eher Wenn du einem anderen Gutes tust und zum Preis dafür verlangst
dass auch er etwas Gutes tue kannst du damit einen Begriff von Billigkeit in ihm
erwecken eine Ahnung dessen was Pflicht ist Und wenn du das getan hast du
ihm unendlich mehr genützt als durch momentane Linderung seines Elends«
    Sie musste das gelten lassen und tat es gern Es freute sie von ihm
überwiesen zu werden sich seiner größeren Erfahrung zu beugen seine schlichte
Lebensweisheit anzuerkennen Ein schönes Leben ließ sich an seiner Seite führen
ein tätiges und hilfreiches Leben Für alles fand sich Zeit darin auch für die
Pflege ihrer geliebten Kunst
    Im Spätsommer sollte Graf Wolfsberg zu längerem Aufenthalt bei seinen
Kindern eintreffen Kurz vor dem Tage jedoch an dem sie ihn erwarteten kam
seine Absage Er hatte die vorläufige Vertretung eines hohen Herrn an einem
fremden Hofe übernehmen und den Besuch in Dornach auf ein Vierteljahr
hinausschieben müssen
    Der Gleichmut mit dem Maria diese Nachricht empfing setzte Hermann in
Erstaunen wie schon längst das Schweigen das sie seit ihrer Verheiratung über
Alma Tessin beobachtete Ein Brief von ihrer einst besten Freundin den er
selbst ihr gebracht hatte war unbeantwortet geblieben Hermann fragte nicht
warum Er wollte seiner Frau eine peinliche Erörterung ersparen es lag ja klar
am Tage der Zufall den die Blinden blind nennen hatte hier gewaltet und Maria
in Kenntnis von Dingen gesetzt die ihr bisher sorgfältig verborgen worden
    Der Herbst kam die Weihnachtszeit rückte heran Schnee und Eis bedeckten
die Wiesen und die Weiher die Natur war tot  scheintot Unter dem Herzen
Marias aber regte sich ein neues Leben und strebte frisch und kräftig dem
Tageslicht entgegen
 
                                       8
Ein banger Tag in Dornach
    Die stattliche Frau die seit einer Woche im Schloss wohnte der die
Mahlzeiten auf ihrem Zimmer serviert wurden und die zum Verdruss des
Kellermeisters mittags und abends eine Flasche Bordeaux vertilgte weilte seit
zwei Uhr nachts am Bette der Gräfin Auf dem Bahnhofe wartete eine Equipage die
Ankunft des Schnellzugs aus Wien ab mit dem der Herr Professor ankommen sollte
Der Herr Doktor hatte sich in Lisettens jungfräulichem Gemache etabliert und
wenn sich ein Geräusch auf dem Gange vernehmen ließ trat er hinaus und sprach
zu dem etwa Vorbeikommenden »Ich bin hier  dass Sies wissen  für den Fall
dass ein Arzt nötig wäre dass Sie wissen wo er zu finden ist«
    Niemand hörte auf ihn er war ganz uninteressant Die gespannte
Aufmerksamkeit richtete sich ausschließlich auf die Frauen denen Gelegenheit zu
irgendeiner Handreichung in der Nähe der Wochenstube gegeben war
    Am Nachmittage musste Hermann sichs gefallen lassen vom Schmerzenslager
seiner Frau an dessen Ende er mit verstörtem Gesichte stand durch Base
Wilhelmine entfernt zu werden
    Jetzt waren sie in seinem Schreibzimmer sein Vetter und er Wilhelm hatte
mitten auf dem Diwan Platz genommen sich vorgebeugt und beschäftigte sich
damit seine dicken roten Finger knacken zu machen Hermann ging rastlos neben
dem Bücherschrank der die Längenwand einnahm auf und ab und pfiff entsetzlich
falsch oder versank in ein düsteres Schweigen oder pflanzte sich vor Wilhelm hin
und starrte ihn an
    Die Dämmerung war eingebrochen der Kammerdiener erschien
    »Was willst du« fragte sein Herr
    »Die Lampe anzünden«
    »Wir brauchen keine Lampe« brachte Hermann mühselig hervor und Wilhelm
dachte Dem armen Kerl ist das Weinen nah
    »Heute« sagte er nach einer Pause »haben wir drei Marder in der Falle
gefangen« worauf sein Vetter erwiderte »Wieviel Uhr ist es«
    »Fünf hats just geschlagen«
    »Dann muss ja um Gottes willen der Professor schon hier sein« Er schellte
und es dauerte unglaublich lang bis endlich ein Lakai eintrat und meldete der
Herr Professor sei angelangt und Lisette habe ihn zur Frau Gräfin geführt
    Eine Stunde verfloss in der die Zeit bleierne Wellen rollte und Wilhelm die
nutzlosen Versuche Hermanns Gedanken abzulenken aufgab Plötzlich blieb dieser
stehen und lauschte Er hatte die hastenden Schritte die sich nahten erkannt
es waren die Wilhelminens Sie riss die Tür auf Das Nebenzimmer war hell
erleuchtet und wie von strahlendem Goldgrund hob ihre Gestalt auf der Schwelle
sich ab »Hermann« rief sie fragend in das Dunkel hinein »Komm Hermann komm
 du hast einen Sohn«
    »Und Maria «
    »Wohl Gott sei Dank«
    Er stürzte auf sie zu und hob die schwere Frau in seinen Armen in die Höhe
und jauchzte laut
    »Was heißt denn das« sagte sie »Nimm dich zusammen Sie ist noch matt
Wenn du dich nicht zusammennimmst darfst du nicht zu ihr«
    »Oh  ich nehme mich « er machte einen ungeheuren Aufwand an
Selbstüberwindung warf sich in die Brust umschlang seine Base und zog sie mit
sich fort »Wilhelm telegraphiere du an meine Mutter an meinen
Schwiegervater« rief er noch atemlos zurück und durchmass den ganzen Weg auf den
Fußspitzen betrat Marias verhängtes Zimmer unhörbar wie ein Sylphe und hätte am
liebsten Wolkenform angenommen um ihr zu nahen
    Sie lag ganz still war blass  blass bis an die Lippen und sah unendlich müde
aus Aber sie lächelte ihn an glücklich sanft und milde Das Herz wollte ihm
übergehen vor Rührung  doch sie hasste es bedauert zu werden er durfte nichts
sagen er küsste nur leise ihre Hände und blickte dabei mit einer gewissen
Verlegenheit nach einem weißen Bündel aus Stoffen Spitzen Stickereien
Bändern das neben sie hingelegt wurde
    »Ich gratuliere Ihnen zu einem Prachtbuben« sprach der Professor aus dem
Nebenzimmer tretend
    »Wo« stotterte Hermann und Wilhelmine brach aus »Jesus Maria da doch«
    Da  ganz richtig Unter den Stickereien und Spitzen guckte etwas hervor
Ein kleines braunrotes Gesicht mit faltenbedeckter Stirn mit lichtscheuen
fest zugedrückten Äuglein einer Nase die mit unzähligen kleinen gelben
Pünktchen bedeckt war und einem winzigen Mund Es waren auch Pfötchen zu sehen
die unverhältnismässig lange Finger hatten und die zartesten schmalsten Nägel
Das also war der »Prachtbub« das war der »Sohn«
    Hermann wunderte sich und küsste auch ihm die Hände
    Maria erholte sich langsam und Doktor Weise der nach der Abreise des
Professors Ordinarius geworden wurde nicht müde die größte Schonung zu
empfehlen »Besonders der Nerven Nur keine Aufregung Herr Graf Fräulein
Lisette Fräulein Klara nur keine Aufregung«  Er freute sich dass die Taufe
nicht vor dem vierzehnten Tage stattfinden konnte weil es dem Grafen Wolfsberg
der durchaus selbst als Pate seines Enkels fungieren wollte unmöglich war
früher einzutreffen
    Der Graf schrieb oder telegraphierte täglich und es schien Hermann als ob
diese Botschaften ihres Vaters Maria peinlich berührten Zuletzt wagte er nicht
mehr sie ihr mitzuteilen Nun aber fragte sie allabendlich »Kommt der Vater«
und als endlich die Antwort lautete »Morgen« da flammte eine fiebernde Röte
auf ihren Wangen auf Sie schloss die Augen in kurzen raschen Schlägen klopfte
ihr Herz eine unnennbare Bangigkeit überkam sie
    »Was ist dir« fragte Hermann »Maria was bekümmert dich Es ist etwas das
dich bekümmert und das du mir verschweigst«
    Sie seufzte tief auf »Lass es«  bat sie »wir wollen nie davon sprechen
Geh jetzt es ist spät Ich muss Ruhe haben und Kräfte sammeln für morgen«
    »Natürlich« erwiderte er und befand sich schon auf den Fußspitzen und
schlug sein beliebtes Sylphentempo an
    Maria winkte ihn zurück »Eines möchte ich dich bitten  bringe es dem Vater
vor Das Kind soll Hermann heißen Hermann Wolfgang  Verstehst du mich Und
dir Lieber möge es nachgeraten«
    Er ging beseligt er machte sich selbst zum Hüter der Ruhe nach der sie
verlangte Mehr als Stille ringsumher vermochte er jedoch nicht herzustellen
Eine so tiefe Stille dass Maria das Atemholen des Kindleins hören konnte dessen
Wiege dicht an ihrem Bette stand  Es war unerhört brav schrie gerade soviel
als sichs für einen zwei Wochen alten Jüngling gehört sog seine Nahrung aus
der mütterlichen Brust und schlief und lächelte oft im Schlafe
    Und der Anblick seines Friedens war die einzig wirksame Labung die Marias
Seele empfangen konnte in dieser letzten Nacht vor dem Wiedersehen mit ihrem
Vater Ein Wiedersehen und keines  es sollte ja ein anderer Mensch vor sie
treten nicht der den sie geliebt und angebetet einer der gelogen betrogen
und getötet  einer den sie gerichtet hatte
    Am nächsten Morgen war er da völlig unermüdet trotz der langen Reise Den
Wagen der ihn auf der Station erwartete hatte er seinem Kammerdiener
überlassen und kam zu Fuß an Ein tüchtiger Marsch in der tauigen Frühe war ihm
Bedürfnis gewesen nach zweien im Waggon verbrachten Nächten
    Sein Schwiegersohn lief ihm entgegen die beiden Männer schüttelten einander
die Hände Wolfsberg fragte zuerst nach Maria und dann unverzüglich nach
Waschwasser und ließ sich in die für ihn bereiteten Zimmer führen
    Eine halbe Stunde später stand er vor seiner Tochter mit unnachahmlich
kunstvoller Nachlässigkeit gekleidet duftend von Reinlichkeit und Eau de
Toilette einen freudig gerührten Ausdruck in seinem energischen Gesichte Er
klopfte Maria auf die Wange und sagte halb zu Hermann halb zu ihr »Mager ist
sie geworden«
    Sie hätte aufschreien mögen Ich weiß was du getan hast und werde es dir
nie verzeihen  aber sein Anblick seine Stimme sein flüchtiger Kuss auf ihre
Stirn übten ihre alte Macht Sie beugte sich ihr fast ohne Widerstreben  Er
ist ja doch mein Vater dachte sie
    Der Graf schenkte seinem Enkel die gebührende Aufmerksamkeit setzte sich an
das Bett Marias und begann mit ihr zu sprechen mehr von sich als von ihr
offenherzig vertrauensvoll recht wie zu einem ebenbürtigen Geiste dessen
Verkehr er lange und schwer entbehrt Ihre Kälte und Beklommenheit waren ihm
sofort aufgefallen Er schrieb sie ohne weiteres der richtigen Ursache zu Maria
hatte etwas das ihn in ihren Augen herabsetzte erfahren Durch wen  Um gegen
Hermann auch nur den Schatten eines Verdachtes zu hegen war Wolfsberg zu sehr
Menschenkenner Was liegt auch daran dachte er durch wen deine Illusionen über
mich zerstört wurden du armes Kind sie sind fort Du musst lernen mich zu
nehmen wie ich bin und einsehen dass du dennoch stolz auf deinen Vater bleiben
kannst  Da entfaltete er seine ganze zielbewusste Liebenswürdigkeit stellte
sich in das hellste Licht  indem er einen Irrtum irgendein begangenes Unrecht
eingestand Mit der Miene eines Emporblickenden ließ er sich zu ihr herab die
er weit übersah Galt es doch einen erschütterten Einfluss wiederzugewinnen
eine schwankende Neigung wieder zu befestigen zu erobern mit einem Wort 
    Wie ihm die Aufgabe gelang  Wie seine Tochter als er nach kurzem
Aufenthalte Schloss Dornach verließ ihn liebte mehr als je Der Starke war
hilflos seinen Leidenschaften gegenüber gab das nicht Grund ihn zu
bemitleiden Und wer hatte seine Kämpfe gesehen Mit so feinem Sinn für alles
Edle begabt was musste er leiden unter dem Bewusstsein seiner Fehlbarkeit Er
gehört ja nicht zu denen die sich feig über ihre Mängel hinwegtäuschen Dieser
Selbsterkenntnis sagte sie sich war wohl auch seine harte Zurückweisung
Tessins entsprungen Vielleicht fand er  in einer Hinsicht wenigstens 
zwischen dem und sich Ähnlichkeit  Er wollte seine Tochter vor den
schmerzvollen Enttäuschungen bewahren die er ihrer Mutter bereitet hatte
    Nach wie vor weihte Maria der Toten die frömmste und getreueste Erinnerung
doch war sie in ihren Augen nicht mehr das Opfer eines Verbrechens sondern die
Märtyrerin eines unabwendbaren Schicksals eine leidverklärte Heilige vor deren
Bild sie in Andacht versank
    Allmählich kehrte ihre Heiterkeit zurück und wuchs mit dem Gefühle
zunehmender Kraft und wiedererlangter Gesundheit Sie hatte es durchgesetzt sie
nährte ihr Kind selbst obwohl das jetzt »niemand« mehr tut und selbst die Ärzte
ihr davon abgeraten Aber sie wusste wohl was sie sich zutrauen durfte
    Ihr Vetter Wilhelm trug eine Bewunderung für sie zur Schau die sich in den
ausbündigsten Aufmerksamkeiten äußerte Den ganzen Winter hindurch kam er
allabendlich bei jedem Wetter herübergeritten machte halt im Schlosshofe
fragte »Wie gehts« und kehrte nach erhaltener Antwort heim auf seiner
kugelrunden Falbin  Sobald die Wege wieder fahrbar geworden kamen die
Familiendiners am Dienstag von neuem in Aufnahme
    Nach dem ersten hatte Wilhelm seinen Vetter in eine Fensterecke gedrückt und
ihm geheimnisvoll zugeflüstert »Deine Frau war bisher immer wunderbar 
gemütlich aber ist sie erst jetzt geworden Das macht das Kind ja mein Lieber
 Man sagt des Herzens Schrein  ganz falsch es sind Schreine Da und dort
steht einer offen von Jugend auf Die anderen öffnen sich nach und nach  ich
spreche nur von guten Menschen natürlich  und den Schlüssel zum wichtigsten
bringt manchmal ein Kindlein mit in seiner kleinen Hand«
    In der Tat schien Maria ein ungetrübtes Glück in ihrer Ehe gefunden zu
haben Und war sie nicht auch beneidenswert vor Tausenden Vergöttert und
angebetet von einem Manne den sie innig wertschätzte Mutter eines blühenden
Kindes schön ohne eitel und hochbegabt ohne ehrgeizig zu sein reich genug
mit Glücksgütern gesegnet um dem regsten Wohltätigkeitssinne Genüge tun zu
können gehörte sie zu den Auserwählten des Schicksals Sie selbst empfand es
als eine Pflicht sich zu ihnen zu zählen
    Früher als Hermann es gestatten wollte hatte sie sich wieder in den Hütten
der Armen eingefunden aber mahnen und drängen musste er bevor sie den Entschluss
fasste die Schwelle Wolfis nach langer Zeit von neuem zu überschreiten
    Er war kaum erholt von einem abermaligen heftigen Anfall seines Leidens
dennoch aufgestanden um sie zu empfangen und kam ihr einige Schritte entgegen
Ein greisenhafter Zug bildete sich um seinen Mund als er sie anlächelte
»Endlich Frau Gräfin« sprach er mit schwacher und heiserer Stimme »endlich 
Sie sehen es geht besser Ihr großer Arzt gibt mir nur noch beiläufig
fünfhundert Tage zu leben aber ich beabsichtige Ihnen länger zur Last zu
fallen als der Gelehrte sichs träumen lässt ich «
    Hermann unterbrach ihn mit der Aufforderung jetzt das Bekenntnis zu tun
das er auf dem Herzen habe
    »Aber verderben Sie mir die Freude nicht Frau Gräfin« sprach Wolfi
    »Welche Freude«
    »Die zuzuhören wenn Sie Klavier spielen  Staunen Sie nur Der elende
Kerl der Wolfi hat Sinn für Musik  besonders für diejenige die Sie treiben«
Er klopfte mit der flachen Hand auf seine Brust »Balsam Frau Gräfin  Ich
habe mich auf allerlei Umwegen in die Nähe des Schlosses geschleppt bis zum
Gartenhaus hinter den Fliederbüschen und gelauscht  Ja das war Musik dabei
läuft es einem kalt über den Buckel und das ist das Rechte Ich hatte Ihnen
soviel Leidenschaft gar nicht zugetraut  Sie haben es da« er griff ans Herz
»und in den Fingern und ich hätt es auch gehabt wäre gewiss ein Künstler worden
 Aber hats denn sein dürfen Was Künstler  Lump Eine Satzung des
großen Grafen Aus dem Künstler wird nichts wenn nicht der Lump in ihm die
Begeisterung dazu gibt  Also ich bitte um freien Eintritt in das Gartenhaus
bitte auch den Hunden und den Leuten aufzutragen mich dort unbehelligt zu
lassen wenn ich komme was nicht gar zu oft geschehen wird Aber ich darf 
ich darf« wiederholte er ungeduldig
    Maria zögerte »Ein versteckt lauschendes Publikum ist nicht angenehm«
    »Flausen was wissen Sie wenn Sie spielen von einem Publikum«
    Hermann legte seine Fürsprache ein und der Wunsch Wolfis wurde gewährt
    Von diesem Tag an verlängerte Maria ihre Besuche bei dem Kranken »Ein
Mensch der sich noch Empfänglichkeit für das Schöne erhalten hat kann nicht
ganz schlecht sein« meinte sie und betrachtete es als ihre Aufgabe diese
Seele die schon so bald vor den ewigen Richter gerufen werden sollte zu
retten Sie hielt den Zynismus mit dem er ihre Vorstellungen aufnahm für eine
scheussliche Maske und die Einwendungen die er ihr machte für erbärmliche
Prahlereien
    Eines Nachmittags fand sie ihn in großer Aufregung Er war mit dem Lesen
eines Briefes beschäftigt und empfing sie mit den Worten »Habe ich noble
Korrespondenten he Sehen Sie doch die Unterschrift«
    Sie las mit peinlicher Verwunderung »Felix Tessin«
    Wolfi steckte den Brief ein »Ja« sprach er nachlässig »der antwortet
einem doch erinnert sich doch der einstigen Jugendfreundschaft  Sie lächeln
ungläubig Sie können den Gassenkehrer nicht vergessen der hat Ihnen einen
unauslöschlichen Eindruck gemacht Aber dieser Episode meines bewegten Lebens
gingen andere voran  Ei ei  nun was ist denn los« Er stockte
    Maria hatte eine Art den Kopf zu heben und Leute die etwas taten oder
sagten das ihr missfiel dabei anzusehen die den Kecksten in Verwirrung
brachte
    Wolfi erfuhr es jetzt »Ohne Sorge Wozu diesen Aufwand an Würde« spöttelte
er »ich denke nicht daran mich in Details einzulassen ich sage nur Wir waren
befreundet Felix und ich studierten in Heidelberg zusammen  fragt mich nur
nicht was  wurden zusammen relegiert Tessin kümmerte sich nicht um die Anzahl
der Ahnen die einer hatte sondern um die der Frauenherzen die er bezwang und
um die Klinge die er führte Die meine hat er schätzen gelernt bei jenem
Überfall den ein beleidigter Ehemann gegen ihn in Szene gesetzt hat  Ja wir
waren Freunde«
    »Und einer des anderen wert« sprach Maria und wandte sich um ihr Erröten
zu verbergen Wie hatte sie diese Worte sprechen können War ihre Erbitterung
gegen Tessin nicht längst überwunden
    Sie stand auf und verließ das Zimmer
    Lisette von der sie sich hatte begleiten lassen überhäufte Wolfi mit
Vorwürfen ehe sie der Gebieterin folgte
    Er aber blickte aus dem Fenster der hohen Gestalt nach die langsam hinter
den Bäumen des Parkes entschwand und murmelte zwischen den Zähnen »O Majestät
meinen letzten Lebensfunken für einen Flecken auf deinem Hermelin«
 
                                       9
Noch ein Herbst auf dem Lande noch einmal die Weihnachtszeit in Dornach die
Gräfin Agathe bei ihren Kindern zubrachte im Anblick ihres Enkels schwelgend
Nach dem Neuen Jahre trennte man sich Hermann und Maria fuhren zum
Winteraufentalte nach Wien Gräfin Agathe kehrte in ihre Einöde zurück nicht
ohne die jungen Leute gemahnt zu haben dass es auch gegen die Gesellschaft
Pflichten zu erfüllen gibt Während des langen Witwenstandes der Gräfin war kein
Fest gefeiert worden im alten Dornachischen Palast den ein prachtliebender
Ahnherr der Gastfreiheit seiner Nachkommen erbaut Allabendlich nur hatte sich
das schwere Tor vor der soliden Equipage einer Familienmutter oder der
ehrwürdigen Stiftskarosse geöffnet und Glock zehn hinter ihr wieder geschlossen
unter den tiefen Bücklingen des gähnenden Portiers der nach und nach zu der
Überzeugung gelangt war der Zweck des Lebens sei auszuruhen
    Das sollte nun anders werden viel gründlicher anders als die Gebieter des
Hauses beabsichtigt hatten Ihr Vorsatz sich frei zu erhalten von dem Zwange
alles mitzumachen erwies sich als unausführbar in kurzer Zeit waren sie von
dem Wirbel erfasst Die Welt sprach zu ihnen wie zu allen ihren Kindern Gib dich
mir ganz eine Halbheit kann ich nicht brauchen Und Maria wenigstens tat der
Welt den Willen und diese bereitete ihr dafür Triumphe von berauschender und
von denen die sie als junges Mädchen gefeiert hatte ganz verschiedener Art
    Wenn sie früher die Summe dessen zog was sie sollte was von ihr verlangt
wurde so lautete das Resultat gefallen Jetzt hingegen schienen alle Menschen
nur einen Wunsch nur einen Ehrgeiz zu haben den ihr zu gefallen Ein Lächeln
ein freundliches Wort von ihr beglückte die geringste Bevorzugung des einen
machte hundert Neider
    Der erste Ball bei Dornach hatte ungeteiltes Lob geerntet ein zweiter
Enthusiasmus erregt Nun sollte ein dritter am vorletzten Faschingstag
stattfinden
    Zu dem eine Einladung zu erhalten bemühte sich jemand der bisher die Nähe
Marias sorgfältig gemieden hatte Felix Tessin Sie war ihm anfangs dankbar
gewesen für seine Zurückhaltung doch sagte sie sich endlich dass in dieser
etwas viel Auffälligeres liege als in den banalen Huldigungen die ihr von jung
und alt dargebracht wurden
    Mit welchem Rechte machte er eine Ausnahme War zwischen ihnen das geringste
vorgefallen das ihm erlaubte sich anders als alle anderen gegen sie zu
benehmen
    Fast freute sie sich als sie eines Tages seine Karte fand und ihm eine
Einladung zum Ball senden konnte Es war Zeit dass er seine Sonderstellung
aufgab Erst unlängst hatte Hermann gesagt »Tessin hat seine Niederlage noch
nicht verschmerzt er grollt« und als Maria ihn staunend und bestürzt
angeblickt ganz ruhig hinzugefügt »Vor einem braven Manne den du mir
vorgezogen hättest wäre ich zurückgetreten vor Tessin nicht Ich hätte ihn
eher niedergeschossen als zugegeben dass er dich heimführt«
    Maria zwang sich mühsam eine gleichgültige Miene ab »Wie  du hast etwas
entdeckt von dem misslungenen Versuch des Grafen Tessin sich auf die einfachste
Weise den Einfluss meines Vaters zu sichern  Allen Respekt Außer dir ist
dieser kleine diplomatische Fehlgriff niemandem aufgefallen«
    »So war auch ich einmal scharfsichtig« hatte Hermanns Antwort gelautet
»Die Liebe tut Wunder«
    An dieses Gespräch erinnerte sich Maria oft als die Stunde immer näher kam
in der sie Tessin als Gast in ihrem Hause sehen sollte Und welche Vorsätze
fasste sie nicht Mit welcher Unbefangenheit wollte sie ihm entgegentreten und
sogleich den kühl freundlichen Ton anstimmen der von nun an zwischen ihnen
herrschen sollte
    Der Faschingmontag kam heran Es war neun Uhr Maria hatte ihre Toilette
beendet und sich noch in das Kinderzimmer begeben um dem Kleinen gute Nacht zu
sagen Er erwachte als sie sich über ihn beugte stieß ein freudiges Lachen aus
und griff mit beiden Händen nach dem glitzernden Diadem auf ihrem Haupte Sie
wehrte ihm küsste ihn schläferte ihn wieder ein und flüsterte ihm zu »Du bist
doch mein Höchstes und Liebstes«
    Dann begab sie sich hinüber nach den taghell erleuchteten
blumendurchdufteten Festräumen  Alles noch leer und still Nur im
Wintergarten in dem soupiert werden sollte der Obergärtner aus Dornach und
seine Leute mit dem Ordnen einer Palmengruppe beschäftigt Und in der Galerie
der Haushofmeister der mit so feierlichem Ernste als ob er einem Ministerrate
präsidierte den schwarzbefrackten Kammerdienern und den goldbetressten
perückengeschmückten Lakaien seine Befehle erteilte
    Im kühlen Ballsaale ging Hermann mit dem Direktor der Kapelle einem
berühmten und liebenswürdigen Künstler in lebhaftem Gespräch auf und ab Als
Maria sich näherte blieben beide stehen und der Musiker rief unwillkürlich
aus »Wie schön Sie sind Frau Gräfin«
    »Nicht wahr« erwiderte sie seine Bewunderung ebenso unbefangen hinnehmend
wie er sie geäußert hatte »Diese Spitzen  eine geklöppelte Symphonie das
Diadem ein Meisterstück unseres Köchert prächtig und doch leicht ich spüre es
kaum  lauter Geschenke meines Mannes « Und seine geringsten dachte sie
Hatte er sich ihr nicht selbst völlig zu eigen gegeben Sein erster und letzter
Gedanke gehörte ihr und was ihr Leben schmückte und schön und reich machte vom
Grössten bis zum Kleinsten war das Werk dieses Mannes der im Besitz ihres
Selbst noch sehnsüchtig nach ihrer Liebe rang
    Von unendlicher Dankbarkeit ergriffen freute sie sich so schön zu sein
freute sich dass ihn heute viele glücklich preisen würden Strahlenden Auges
blickte sie in den Spiegel  Sie konnte zufrieden sein mit sich Nie hatte ein
Kleid ihr besser gestanden als dieses farbigfarblose eine Mischung von Grau
und Lila für die die Sprache keine Bezeichnung hat Das kostbare goldgestickte
Spitzengewebe das eben von ihr gerühmt worden umgab die herrlich geformte
Büste bildete eine schmale Spange zwischen der Schulter und dem Oberarm und
wallte kunstvoll gerafft vom Gürtel nieder bis zu der langen mit schwerem
Goldbrokat gefütterten Schleppe Die edle in zarter Fülle prangende Gestalt war
wie von einer goldenen Wolke umschimmert und eine Wonne für das Auge die
gelassene und stolze Anmut ihrer Bewegungen
    Allmählich füllten sich die Säle Übermütig oder abgespannt mit vergnügten
erwartungsvollen oder mit gelangweilten Mienen wogten die Ankommenden herein
Die paar hundert Menschen welche die sogenannte große Welt ausmachen trafen
einmal wieder an einem und demselben Orte zusammen  Blüte des Adels Häupter
und Angehörige uralter Geschlechter die ihr Blut rein erhalten hatten von jeder
Vermischung mit dem nicht Ebenbürtiger
    Da stehen sie eine große Gruppe bildend die in ihrer Art einzigen die
berühmten Wiener Komtessen Die Reden einiger sind so frei und so derb dass es
nicht leicht ist die Harmlosigkeit zu ermessen mit welcher sie geführt werden
»Slang« und nichts weiter das fliegt sie so an Die sprichts ihrem Vater und
jene ihrem Bruder und eine der anderen nach In Wahrheit aber sind sie
sorgfältig betreut worden von ihrem ersten Atemzuge an behütet vor dem Anblick
des Hässlichen und Schlechten aufgewachsen in Unkenntnis des Elends und der
Schuld Und jetzt führt man sie ein in das Leben zu welchem das vergangene nur
eine Vorbereitung war sie nähern sich seiner Schwelle als wäre sie diejenige
der Himmelspforte und klopfen herzhaft an
    Und die jungen Herren  sämtlich studierte Leute wenn auch nicht immer viel
mehr als nötig ist um die Offiziersprüfung zu machen So mancher von ihnen hat
auf der Schulbank neben dem Sohn des Schneiders oder des Branntweinbrenners
gesessen und manche sauer erworbene gute Klasse dem Ehrgeiz zu verdanken gehabt
sich nicht regelmäßig von einem Plebejer überflügeln zu lassen Ob sie jedoch
gedenken das Erlernte baldmöglichst wieder zu vergessen und nur noch ihrem
Vergnügen zu leben oder ob sie sich fühlen als angehende Marschälle
Botschafter Minister dieselbe Zuversicht dass es die Welt nur gut mit ihnen
meinen könne beseelt alle und sie treten hinein wie junge Könige in ihr Reich
    »Schau wie sie grüßen« sagte Hermann zu seinem Schwiegervater »Da hat
sich eben ein blühender Schwarm frischgebackener Leutnants und Attachés durch
die Menge gedrängt um der Hausfrau seine Reverenz zu machen Sie stehen
unbeweglich nur die Arme werden noch etwas mehr geründet die Schultern noch
ein wenig höher emporgehoben als gewöhnlich Ein leichter Ruck der Kopf neigt
sich  beileibe nicht zu tief  eine Viertelsekunde lang  der Gruß ist
abgefertigt«
    »Modern« sprach Wolfsberg »Die Bursche sind alle nach demselben Rezept
eingetunkt und steif glaciert in Eleganz«
    »Und soviel Gutes das sich hinter den Faxen verbirgt soviel Bravheit
Tüchtigkeit Mut und  wie oft  Talent«
    »Wenn sie nur damit etwas anzufangen wüssten  Guten Abend Fürstin«
unterbrach er sich das freundliche Kopfnicken einer wohlerhaltenen stattlichen
Dame mit tiefer Verbeugung erwidernd
    »Ich suche einen Platz auf der Estrade zwischen ein paar Nachbarinnen die
nicht gar zu arg besessen sind vom mütterlichen Ballwahnsinn Einen
Mauerfliegenplatz mein lieber Graf« sagte sie lachend und in bester Laune
obwohl sie wusste Beim ersten Geigenstrich wird es sie erfassen mit fast
unbezwinglicher Lust sich noch einmal  ein allerletztes Mal  im Reigen zu
schwingen  Ach wenn sie sich nicht schämte vor ihrer siebzehnjährigen
Tochter 
    Die Ankunft des Hofes wurde gemeldet Hermann eilte den hohen Gästen auf die
Treppe entgegen und bald darauf eröffnete Maria den Ball am Arme eines jungen
Erzherzogs
    Während der ersten Tänze umringt und umdrängt in Anspruch genommen von
ihren Hausfrauenpflichten hatte sie ihn noch nicht gesehen an den sie seit dem
Beginn des Festes fortwährend dachte Plötzlich meinte sie seine Anwesenheit zu
fühlen  Er ist da sagte sie sich und erblickte ihn Eine entsetzliche
Verwirrung bemächtigte sich ihrer Seine dämonische Schönheit fiel ihr wie etwas
Neues auf
    Er stand neben dem Fauteuil Gräfin Dolphs in eifrigem Gespräch mit ihr
Eifrig ihrerseits sie war lebhaft angeregt ein leichtes Rot färbte ihre welken
Wangen ein heiter satirisches Lächeln umspielte ihre Lippen ihre scharfen Züge
waren von dem Ausdruck der Zufriedenheit erhellt die sie nur im Verkehr mit
wirklich gescheiten Männern empfand Tessin sprach wenig aber jeder der kurzen
Sätze die er vorbrachte schien eine Welt von Gedanken in dem verständnisvollen
Geiste der Gräfin zu wecken
    Er brach das Gespräch ab als sein suchender Blick dem Marias begegnete und
kam auf sie zugeschritten Sie wechselten einige Redensarten er bat um die
nächste Polka
    »Ich gebe Ihnen die dritte  mit meiner Kusine Wolfsberg sie hat wie mir
eben anvertraut wurde keinen Tänzer« antwortete Maria
    Tessin verneigte sich und ging um die Komtesse zu engagieren eine der
Unbegabtesten ihres Geschlechts für die jeder Ball eine Übung im Sitzen war
    Der Kotillon den Tessin mitmachte bot ihm endlich die ersehnte glücklich
wahrgenommene Gelegenheit zu einer Entschädigung Scheinbar zufällig führte ihn
eine Wahltour mit Maria zusammen Mit leidenschaftlicher Hast umschlang er sie
»Einmal wieder« sagte er so laut dass sie erschrak und schon flogen sie dahin
und ihr Atem mischte sich mit dem seinen und sein Mund streifte ihre Haare und
er drückte sie an sich und sprach »Ich habe Sie gemieden Gräfin  aus Sorge
für meine Seelenruhe« und sie erwiderte mit einer Stimme die ihr selbst fremd
klang und herb und unsicher war  Nein nein so hatte sie ihm nicht begegnen
wollen »Und was sichert sie Ihnen jetzt«
    »Nichts aber ich will sie zu gewinnen  das heißt zu befestigen suchen 
fern von Ihnen«
    Sie lachte »An welchem Ende der Welt«
    Statt zu antworten flüsterte er ihr zu rasch und überstürzt »Es wäre
schön gewesen auch jetzt noch zu schweigen wie ich geschwiegen habe als man
mich bei Ihnen verleumdete  leugnen Sie doch nicht« kam er dem Einwande zuvor
den sie erheben wollte  »verleumdete und Sie die Frau eines anderen wurden 
Es wäre heldenhaft gewesen ich weiß schweigend in die Verbannung zu gehen 
aber zu so hoher Tugend vermag ich mich nicht aufzuschwingen und Sie sollen
wissen «
    »Also wirklich in die Verbannung« unterbrach sie ihn »da bedaure ich ja
sehr die kleine Nicolette«
    Das hätte sie nicht sagen dürfen Oh wie sie das wusste als es zu spät als
es schon gesagt war und spöttischer Triumph aus den Augen des Herzenskundigen
leuchtete der in ganz verändertem und leichtfertigem Tone fragte »Die Kleine 
Sie erinnern sich ihrer War sie nicht nett«
    Sie sprach ihn nicht mehr an diesem Abend den er ihr den sie selbst sich
vergällt hatte den sich ins Gedächtnis zurückzurufen ihr peinlich wurde Sie
hörte dass er einen »exotischen« Posten angenommen hatte und Österreich und
Europa für Jahre verlassen sollte sehr bald wahrscheinlich vielleicht schon in
einigen Wochen der Zeitpunkt war noch nicht genau bestimmt
    Fast täglich führte die ruhelose Geselligkeit in der sie lebten sie
zusammen Sie trafen einander auf dem Eise im Prater bei Diners in Soireen
Und er mit großer Geschicklichkeit mit steter Beherrschung seiner selbst
wusste immer da zu sein wo sie war und sich dann mit allen außer mit ihr zu
beschäftigen Er machte auf das eifrigste der und jener koketten Frau in Marias
Gegenwart den Hof er verschwendete die Schätze seines Geistes und seines Witzes
an irgendeine hübsche DutzendKomtesse
    Das war so seltsam so unerwartet nach seinem kühnen Versuch einer Erklärung
auf dem Balle Sie belächelte es fand es kindisch ihrer und seiner unwürdig
und nahm den Kampf dennoch auf den er ihr bot Allerdings beschäftigte sie sich
dabei mehr als billig mit ihm dachte an ihn  immer und immer Anfangs rang sie
gegen diese törichte Besessenheit dann erinnerte sie sich des großen Wortes
»Wir befreien uns von unseren Leidenschaften wenn wir sie denken«  Von
unseren Leidenschaften  um wieviel eher denn von einer Marotte Überdies stand
Tessin am Morgen seiner Abreise er einmal fort und der kleine Krieg den sie
miteinander geführt und die Laune die ihn heraufbeschworen hatte waren
vergessen
    Gräfin Dolph zu deren wie sie selbst sagte senilen Eitelkeiten es
gehörte mit der Marquise du Deffand verglichen zu werden nannte Tessin der
sich regelmäßig in ihrem auswattierten vor jedem Zuglüftchen sorgfältigst
verwahrten Salon einfand ihren Horace Walpole Sie sang sein Lob in allen
Tonarten und ein Massenchor von schönen Damen stimmte ein Tessin war nie so
ausschließend und siegreich in der Mode gewesen wie jetzt da sein Nimbus
dadurch noch erhöht wurde dass er einen Scheidenden umgab
    Die aus Überzeugung Unwissenden die geschworenen Feindinnen der Geographie
begannen diese verachtete Wissenschaft zu pflegen Landkarten von Asien fanden
nie dagewesenen Absatz in aristokratischen Häusern die Wege die Tessin nehmen
sollte oder konnte wurden mit farbigen Stiften auf denselben eingezeichnet
Eine unerhörte Wanderlust regte sich plötzlich in hundert jungen weiblichen
Herzen
    Es versteht sich von selbst dass die Abende bei der Gräfin Dolph die sonst
wenig Anziehungskraft besaßen bis zum Ende der Fastenzeit besucht wurden wie
ein Gnadenort Die gastlich geöffnete Zimmerreihe der großen Wohnung welche die
Gräfin im Hause ihres Bruders beibehalten hatte stand fast leer während das
Gelass in dem die Hausfrau ihren Günstling empfing immer überfüllt war
    Der Graf mied diese Gesellschaften weil Tessin ihr Mittelpunkt war und
Maria fand sich so selten ein als unauffälligerweise geschehen konnte Einmal
aber kam sie nach der Oper begleitet von Hermann und bald nach ihnen erschien
Wolfsberg Er befand sich in schlechter Stimmung um seinen Mund lagerte der
böse Zug den Maria einst gefürchtet hatte und der ihr jetzt noch unangenehm
war weil er eine Härte verriet zu welcher ein Überlegener wie er sich gegen
Geringere nicht hinreißen lassen durfte Er schritt durch das Gedränge bis in
die Nähe der Gräfin Dolph die in ihrem kissenreichen Lehnstuhl am Ende des
Zimmers ruhte und mit dem auf einem Taburett neben ihr sitzenden Tessin
scherzte Ein kleiner Hofstaat von besonders eifrigen Anhängern umgab sie und
mischte sich gelegentlich in ihr Gespräch
    »Begum Somru und Dyce« sagte Wolfsberg im Vorübergehen zu seiner Tochter
und sie versetzte »Nein Stuwer  Nachfolger  sie sprechen ein Feuerwerk«
    Der Graf reichte seiner Schwester die Hand würdigte einige der Damen seiner
freundlichen Beachtung und bemerkte erst nach einer Weile dass Tessin
aufgestanden war und der Erwiderung seines Grusses harrte
    Nun sah er ihn Die Blicke beider Männer kreuzten sich wie blanke Schwerter
Der jüngere senkte seine Augen nicht und Wolfsberg sprach »Sind Sie
reisefertig« »Seit vier Wochen Exzellenz«
    »Um so besser denn Sie werden wohl kaum noch ebenso viele Tage hier
zubringen Was meinen Sie«
    »Immer das was Euer Exzellenz meinen« »In all und jedem« fiel die kleine
Gräfin Felicitas Soltan genannt Fee ein die zu den ausgesprochenen Lieblingen
Wolfsbergs gehörte Er lauschte gern dem reichen Quell des Unsinns der aus
ihrem hübschen Mund sprudelte und fand ihr Plaudern sei ein höchst anmutiges
Geräusch bei dem er ausruhe  Fee war reich und elternlos zu sechzehn Jahren
durch ihre Verwandten an einen viel älteren Mann verheiratet worden der sie
zwei Jahre später zur Witwe machte Jetzt genoss sie ihr junges Dasein und das
sich selbst erteilte Privilegium alles zu sagen was ihr durch den Kopf fuhr
Es hatte viel Staub aufgewirbelt in diesem Fasching dass sie sieben
Heiratsanträge ausgeschlagen weil sie ihrer eigenen Behauptung nach seit
ihrer Kindheit in Tessin verliebt war »bis über die Ohren« Jüngst hatte er sich
einige Tage lang auffallend mit ihr beschäftigt und vernachlässigte sie jetzt
wieder ebenso auffallend
    Maria durchschaute sein Spiel Sie wusste wohl wessen Befremden es erregen
sollte und dass es ohne weiteres eingestellt worden als es seinen geheimen
Zweck verfehlt hatte
    Jetzt rief die kleine Fee sie an und zwang sie neben ihr Platz zu nehmen
»Hörst du« fragte sie »wie bald Tessin uns verlassen soll Ihr könnts euch
um ihn kränken wenns euch freut Ich kränk mich nicht  ich reis ihm nach«
    Alle lachten und Tessin sprach achselzuckend »Sie wären in größter
Verlegenheit Gräfin Sie haben ja keine Ahnung von dem Wege den Sie nehmen
müssten«
    Fee zog ihr feines Kindergesicht in ernste Falten »Ich werd halt fragen
ich werd auf die Bahnhöf fahren ich werd an jeden Stationschef schreiben in die
vier Weltteil«
    »Immer schlimmer« versetzte Tessin und seine Augen ruhten mit
unbarmherzigem Spotte auf ihr »denn nur im fünften leben Gelehrte die Ihre
Schrift lesen können«
    Sie suchte nach einer Antwort und fand keine »Schau wie er mit mir is«
flüsterte sie ihrer Nachbarin zu Ihr Mund verzog sich zum Weinen sie sprang
auf und sprach mit einem Schluchzen in der Stimme »Das is hier eine Hitz nicht
zum Aushalten«
    Maria folgte ihr Sie traten beide ans Fenster Fee presste ihre glühende
Stirn an die Scheibe Tränen flossen über ihre Wangen
    Eine halbe Stunde später verließ das Ehepaar Dornach die Gesellschaft und
wurde auf der Treppe von Tessin eingeholt
    »Ich begreife nicht« sagte Hermann zu ihm »wie du Freude daran finden
kannst eine Frau die dich liebt lächerlich zu machen«
    »Mich liebt« erwiderte Tessin mit einer weder durch diese Worte noch durch
den Ton in dem sie gesprochen waren gerechtfertigten Gereiztheit »Ein
Wetterfähnchen das liebt«
    »Der Tausend  Du wirst doch niemandem aus seiner Unbeständigkeit einen
Vorwurf machen«
    »Jedem den schwersten« sprach Tessin mit großem Nachdruck
    Am folgenden Morgen erhielt Hermann ein Telegramm von dem Gewissensrat
seiner Mutter Pater Schirmer Er berichtete auf eigene Faust dass die Gräfin 
wenn auch unbedenklich  erkrankt sei
    Der Entschluss am selben Abend zu reisen war sogleich gefasst Die
Anordnungen dazu wurden getroffen das Kind mit seiner Kamarilla unter der Obhut
Lisettens nach Dornach gesandt
    Maria geleitete den Kleinen zur Bahn nahm Abschied von Tante Dolph und
schickte ihrem Vater eine Zeile der Nachricht ins Ministerium Nach Hause
zurückgekehrt betrat sie das leere Kinderzimmer und verließ es schnell wieder 
es machte ihr einen peinlichen Eindruck Sie ging zu Hermann hinüber er war zu
seinem Geschäftsmanne gefahren und hatte gesagt man solle ihn nicht vor der
Essenszeit sieben Uhr erwarten
    
    Nun lehnte Maria etwas müde in ihrem Fauteuil am Schreibtisch In dieser
ganzen letzten Vergangenheit hatte sie sich geklammert an die Liebe zu ihrem
Kinde hatte jede Stunde die ihr angestrengtes Weltleben ihr übrigliess mit
Hermann zugebracht Bald sollte sie nur für diese beiden leben durch nichts
zerstreut durch nichts in Anspruch genommen sein als durch die berechtigten
die heiligen Empfindungen die in ihr Dasein getreten waren wie zum Ersatz
zweier anderer völlig verwandelter der anbetenden Liebe zu ihrem Vater der
innigen Zuneigung zu der einzigen Freundin die sie jemals zu haben geglaubt
    Ich bin reich genug sagte sie sich und hatte das Gefühl dass noch einige
Stunden vergehen müssten ehe sie zu dem vollen Genuss dieses Reichtums kommen
könne Dann würde die unerklärliche Sehnsucht die ihr jetzt immer und immer die
Seele beklemmte verschwunden und sie würde frei sein  frei  
    Die Tür des Salons der an ihr Schreibzimmer grenzte wurde geöffnet ein
Kammerdiener trat ein und fast zugleich mit ihm derjenige den er anmeldete
Graf Tessin
 
                                       10
»Entschuldigen Sie Gräfin« sagte er am Eingang erscheinend und
stehenbleibend »dass ich Ihnen nicht Zeit lasse mich fortzuschicken Ich hörte
aber dass Sie heute reisen und habe noch dringend mit Ihnen zu sprechen«
    Es war unmöglich ihn abzuweisen in Gegenwart des Dieners Maria ging dem
Besucher in den Salon entgegen und nahm Platz an einem Tischchen auf dem ihre
Arbeit lag Sie bot alle ihre Kräfte auf um eine unbefangene Haltung zu
bewahren und wies Tessin einen Sessel ihrem Kanapee gegenüber an
    Gott im Himmel wie fassungslos fühlte sie sich wie seltsam war ihr zumute
Die Zunge klebte ihr am Gaumen eine eiserne Faust schnürte ihr die Kehle zu
ihr Herz klopfte ihre Pulse flogen  und diesen tollen Aufruhr ihres ganzen
Wesens brachte  Schmach und Verbrechen  seine Nähe hervor
    Er hatte das Wort genommen und sie nur mit sich selbst beschäftigt hörte
ohne zu verstehen ohne sich Rechenschaft von dem zu geben was er sagte Er bat
für jemanden um Nachsicht und Schonung er tat es in seiner eindringlichen
bestrickenden Weise So warm so sanft so bescheiden hatte ihn wohl noch
niemand bitten gehört Nichts Einschmeichelnderes auf Erden als der Klang seiner
Stimme Der Name der immer wieder auf seine Lippen kam war der Almas
    Plötzlich raffte Maria sich auf aus ihrem schweren Kampfe »Was wollen Sie
eigentlich« fragte sie rau »Was soll ich für Alma tun«
    »Was ich für sie erflehe«
    »Und das ist«
    »Oh  Sie schenken mir nicht einmal soviel Aufmerksamkeit als dem ersten
besten Bettler der Sie auf der Straße anspräche« rief Tessin vorwurfsvoll
»Woran denken Sie Immer nur an den Glückseligen der durch Sie der Erste unter
den Menschen geworden ist Ja ja ja der ist der Erste der sich rühmen darf
das höchste Erdengut zu besitzen eine Frau wie Sie«
    »Er rühmt sich nicht« wandte sie ein
    Tessin lachte »Es wäre menschlich  und er hat die Verpflichtung eine
Vollkommenheit zu sein und wird ihr gerecht Aber auch ein anderer ein
Geringerer dem sein Glück zugefallen wäre hätte verstanden sich dessen ebenso
würdig zu machen  Gräfin Gräfin  Mir selbst traue ich zu dass ich an Ihrer
Seite nicht nur gut dass ich sogar ein Vorkämpfer des Guten hätte werden
können«
    Maria neigte sich über ihre Arbeit und sprach »Man tut das Gute um des
Guten willen Aus einem anderen Grunde getan ist es wertlos«
    »Sie leugnen die Bekehrungen durch Heilige durch Propheten« entgegnete
Tessin »die hinreissende Macht des Beispiels  Ich gehöre nicht zu den
Auserwählten die am Urquell schöpfen Ich bedarf einer Freundeshand großmütig
genug es für mich zu tun und mir dann etwas mitzuteilen von der herrlichen Labe
 Der Wohltäter des Menschen ist immer nur der Mensch Ich gäbe jeden
göttlichen Schutz und das sogenannte Walten und Vorsehen einer unendlichen
Weisheit um die Treue eines Herzens das mich liebt und beneidenswert wäre ich
wenn es mir freistände den Tausch einzugehen  Gräfin« begann er nach kurzem
Schweigen wieder »so unwichtig ich Ihnen auch bin haben Sie vielleicht doch
bemerkt dass eine große Veränderung mit mir vorgegangen ist in der kurzen
schönen Zeit in der ich gewagt habe die Augen zu Ihnen zu erheben  So voll
Ehrfurcht so demütig und  so töricht kühn  Oh wenn ich noch erröten
könnte bei dem Geständnisse müsste ichs«  und eine dunkle Blutwelle stieg ihm
ins Gesicht  »denn ich hoffte Sie zu erringen  Kindisches Wagnis nach
solchem Ziele zu streben  Ein Verwandter Alma Tessins darf nicht der
Schwiegersohn des Grafen Wolfsberg werden Ich hätte es wissen und auf das
gefasst sein sollen was geschah«
    »Was geschah«
    »Ich wurde gestrichen aus den Reihen Ihrer Bewerber « »Meiner
Bewerber Sie hätten um mich geworben«
    
    »Sie wissen es nicht Ihr Vater hat es Ihnen verschwiegen« rief Tessin
bitter und ironisch aus »Das ist Wolfsbergische Politik Weder offenherzig noch
gerecht aber klug Warum Sie vor eine Wahl stellen da man doch entschlossen
ist Ihnen keine Wahl zu lassen  Über Sie war verfügt Sie waren ehe Sie es
ahnten dem Grafen Dornach versprochen« »Versprochen« rief Maria mit
Entrüstung aus
    »Sagen wir denn bestimmt Über mich schritt Ihr Vater einfach hinweg
nachdem ich entwurzelt worden in Ihrer guten Meinung  durch ihn  ich bitte
leugnen Sie nicht  durch ihn Auf welche Weise frage ich nicht Das Leben
eines Weltmannes der jede Mode berufsmässig mitmacht bietet Blössen genug Und
ich trage keinen Harnisch Jeder gegen mich abgesandte Pfeil trifft meine
unbeschützte Brust  Sie aber Gräfin  so weise so gerecht so hochherzig
Sie hatten für mich nicht eine Entschuldigung nicht einen milden Gedanken Sie
wandten sich von mir ab stumm und verächtlich  ich werde die Art nie
verschmerzen in der Sie sich von mir abgewandt haben«
    Sie war erschüttert von seiner Anklage sah ihn an und sprach alle
Geistesgegenwart verlierend »Auch Sie blieben stumm  hätten Sie damals
gesprochen Jetzt ist es zu spät«
    »Zu Ihnen gesprochen« fragte er rasch ihre letzten Worte überhörend »zu
Ihnen in deren Herzen nichts für mich sprach Nichts sonst würden Sie mich
nicht so leicht aufgegeben haben Auch ist ein Verschmähter nicht immer
aufgelegt sich zu rechtfertigen Ein Verschmähter ist leicht gekränkt ist
reizbar Nein ich wollte warten bis ich Ihnen zugleich sagen konnte Leben Sie
wohl und Ihnen wenigstens meine Uneigennützigkeit beweisen Unglaublich albern
nicht wahr Es ist zum Lachen Das nennt man doch Torheit um Torheit begehen 
Wahrhaftig ich hätte es anders angefangen wenn ich nicht das Unglück haben
würde  Sie zu lieben«
    Was sollte sie erwidern Sie gab ihm recht im stillen Ihr gegenüber hatte
er seine Verführungskünste nicht ausgeübt Der Mann von dem es hieß dass er
sich nie vergeblich um Frauengunst bemüht habe nie von denen die er verließ
vergessen worden sei ihr war er nie anders als bescheiden genaht Sie konnte
ihm nicht widersprechen als er von neuem begann
    »Sagen Sie mir ob ein Gymnasiast sich gegen die stumm und heiß Vergötterte
ungeschickter blöder hätte benehmen können als ich mich gegen Sie benahm
Vorbei Mein freudenreiches Leben bleibt leer ist nichts Nun will ichs mit
dem Ehrgeiz versuchen« fuhr er mit einem tiefen Seufzer fort »dem
Auskunftsmittel so manches Gescheiterten Wenn Sie einmal hören dass ich irgend
etwas geworden bin das zu sein der Mühe wert scheint dann erinnern Sie sich
dieser Stunde und wägen die Bedeutung ab die äußerer Glanz des Daseins für mich
haben kann«
    Er hielt inne er wartete Maria schwieg Schüchtern beinahe kam Tessin nach
einer Weile auf seine erste Bitte zurück sprach wieder von Alma »Haben Sie
Mitleid mit einer Unglücklichen ein wenig Mitleid Gräfin Sie selbst wagt es
nicht Sie anzuflehen Sie glaubt nicht einmal an einem Orte mit Ihnen wohnen
zu dürfen sie vergräbt und verzehrt sich auf dem Lande in Einsamkeit und Reue
«
    »Sie tut recht« unterbrach ihn Maria kalt und leise »Mit welcher Stirn
vermochte sie es früher mit mir zu verkehren und  es ist unfassbar  mit
hundert Menschen die alle in Kenntnis waren von ihrer unsühnbaren Schuld«
    »Unsühnbar Ich meine sie sühnt«
    »Möge sie es versuchen« Damit erhob sie sich und er sprang auf »Sie
entlassen mich«
    »Leben Sie wohl«
    »Ihre Hand Reichen Sie mir zum Abschied die Hand Ein paar Duellanten
reichen sich die Hand wenn einer den anderen entwaffnet hat Gräfin Maria ich
habe die grausamste Niederlage erfahren ich habe alles verloren Hoffnung Mut
Kraft Sie haben sogar den elenden Stolz gebrochen der mich noch aufrecht hielt
 aus Erbarmen geben Sie mir die Hand« Seine Zähne knirschten sein edles
stolzes Gesicht war leichenblass
    Maria machte eine verneinende Bewegung mit dem Haupte Nach einem letzten
fragenden beschwörenden Blick verneigte er sich und trat aus dem Zimmer
    Maria blickte ihm nach Da war ja ein vollständiger Sieg über sich selbst
von ihr errungen worden denn wahrlich das Erbarmen um das er gebeten hatte
füllte ihre Brust zum Zerspringen und süß und wonnig wäre es ihr gewesen die
Hand zu erfassen die er beim Abschied nach ihr ausstreckte und ihm zu sagen
Sie leiden nicht allein Nehmen Sie diesen Trost mit sich
    Aber sie hatte ihm die Hand nicht reichen dürfen Er würde gefühlt haben
dass sie zitterte und eisig war weil alles Blut zu dem aufrührerischen Herzen
strömte das ihm so toll entgegenschlug
Knapp vor der Abfahrt des Zuges trafen Hermann und Maria auf dem Bahnhofe ein
und wenige Minuten später dampfte die Lokomotive durch die Halle
    »Ist das nicht Tessin« fragte Hermann auf eine dunkle Gestalt deutend die
im Schatten eines Pfeilers stand und den fortrollenden Wagen nachblickte
    Maria hatte ihn längst gesehen »Ja es ist Tessin«
    »Mit dem Gesicht eines Selbstmörders« versetzte Hermann »Er ist mir
unheimlich seit einiger Zeit«
    Es war wieder eine laue schöne Frühlingsnacht wie vor zwei Jahren als sie
ihre Hochzeitsreise nach Dornach angetreten hatten Maria drückte sich in eine
Ecke und schloss die Augen und wieder wenn sie sich öffneten begegneten sie
dem treuen liebevollen Blick des Mannes der über ihr wachte
    Ihre Verstimmung war ihm sogleich aufgefallen Er schrieb sie der
überstürzten Abreise zu die allen eben jetzt besonders reichlich gebotenen
Vergnügungen der Stadt ein plötzliches Ende machte fand sie sehr begreiflich
und bedauerte Marias Opfer egoistisch angenommen und zugegeben zu haben dass
sie ihn nach Dornachtal begleitete
    »Wenn wir meine Mutter getrost verlassen können« sagte er »fahren wir im
Mai nach Wien zurück zu den Rennen«
    Maria widersprach »Das wollen wir nicht tun du hast kein Interesse daran
und ich glaube mir ich sehne mich nach der Ruhe in Dornach Dorthin wollen
wir sobald die Mutter unserer nicht mehr bedarf Nach Dornach Lieber  dort
wird alles gut werden« Unwillkürlich mehr zu sich selbst als zu ihm waren die
letzten Worte gesprochen und nicht mit Zuversicht  mit peinvollem Zweifel
    Hermann ergriff ihre Hände »Was soll erst gut werden was ist nicht gut
Sprich sag es mir du mein alles mein Kind und meine Gottheit Beglückerin
was fehlt dir zum Glücke«
    Sie entzog ihm ihre Hände um sie auf seine Schultern zu legen und sah tief
in seine friedlichen Augen hinein »Mein Freund  Mein Freund« wiederholte
sie und dachte daran ihm alles zu gestehen ihm zu sagen Hilf  befreie mich 
ich ringe in entsetzlichen Banden Es frisst mir am Herzen es ist ein sündiges
Mitleid eine verbrecherische Sehnsucht Hilf hilf rette mich vor dem Wirrsal
in das ich geraten bin
    Sollte sie so zu ihm sprechen
    Eines Augenblicks Dauer und sie staunte wie der Einfall ihr hatte kommen
können War denn nicht jede Gefahr vorbei Was galt es noch zu bekämpfen 
Einen Sturm von Empfindungen dessen sie allein Herr werden wollte
    »Mir fehlt nichts« sagte sie »es sind Launen Bester die jeder Sterbliche
hat du allein ausgenommen Ich kann nur wiederholen was ich dir schon als
Braut sagte Habe Geduld mit mir«
Gräfin Agathe empfing ihre Kinder als sie am nächsten Tage kurz vor dem
Mittagessen bei ihr eintrafen mit sehr absichtlich betonter Überraschung Sie
befand sich zwar noch zu Bette aber nur aus Rücksicht für die viel zu weit
getriebene Ängstlichkeit ihres Hausarztes Es sei ihr höchst unangenehm
versicherte sie den Kleinen allein in Dornach zu wissen  noch dazu ihretwegen
Eine Einwendung ließ sie nicht gelten und blieb dabei »Ohne seine Mutter ist
ein so junges Kind immer allein Nur um mich keine Sorgen Was der Herr
beschliesst haben wir in Demut hinzunehmen Aber ich hoffe von seiner Gnade dass
er mein Gebet erhören und mich noch hier lassen wird um meinen dritten Enkel zu
segnen Drei müssen es sein Einer für Dornach einer für Gott einer für den
Kaiser«
    »Majoratsherr Priester Soldat« murmelte Pater Schirmer nickte dreimal
dazu kreuzte seine kleinen Hände über dem Magen und guckte aus winzigen Augen
über die runden Polster der Wangen mit einer wahren Fülle von Wohlwollen und
Freundlichkeit vor sich hin
    Die Gräfin beruhigte sich erst als Maria ein Telegramm nach Dornach
abgesandt hatte in dem sie ihr Eintreffen für den drittnächsten Tag ankündigte
Hermann wurde gebeten länger zu bleiben Es geschah auf Veranlassung Pater
Schirmers der mit dem Amte eines Sekretärs betraut infolge seines Bestrebens
»jede Störung der Harmonie zwischen Gutsbesitzer und Gutsverwaltung
hintanzuhalten« einen verderblichen Schlendergang in der Leitung der Geschäfte
geduldet hatte Mit Schrecken war er sich des Unheils bewusst worden das seine
Ohnmacht angerichtet Das Eingreifen der festen Hand Hermanns war notwendig
    So kam denn Maria allein in Dornach an
    Auf der Station wartete Wilhelm und empfing seine Base bewegt wie ein
Liebhaber Er bestellte ein WillkommLallen von seinem »Prachtneffen« die
wärmsten Grüße Helmis und Handküsse der Rangen Er konnte die schriftlichen
Nachrichten über das Befinden Wolf Forsters die Doktor Weise im Laufe des
Winters nach Wien geschickt hatte bestätigen Der Patient war wohl genug um
Dornach verlassen und die Fahrt nach einem Jagdschlösschen Hermanns das ihm zum
bleibenden Aufenthalt angewiesen wurde unternehmen zu können Er selbst freue
sich sehr darauf und spreche nur noch von seiner lang gehegten und mühsam
gebändigten »Passion« für das lustige Waidwerk
    »Lauter Gutes lieber Wilhelm du bringst lauter gute Botschaft« sprach
Maria und Tränen traten ihr in die Augen
    »Das Beste bringen Sie« rief er aus »Sie bringen sich«
    »Wie sagst du Sie«
    »Entschuldige das macht der Respekt  Nach so langer Trennung kommt es
mir ordentlich keck vor « Er wurde verlegen und schwieg
    Sie rollten im raschen Trabe der Pferde dahin
    Durchsichtig blau und wolkenlos wölbte sich über ihnen der Himmel Im
Westen in einer Einsattelung der Bergkämme bildete die untergehende Sonne
einen blendenden Feuerherd und sandte ihre Strahlengrüsse über die keimende
knospende blühende Welt die sie zu neuem Leben erweckt hatte
    Ewig gelöstes ewig unlösbares Rätsel Frühlingswunder  Still ließ Maria
es auf sich einwirken und betete die eine und einzige Kraft an die webt und
treibt im Hälmchen auf der Wiese widerhallt aus der tönenden Brust der
Nachtigall unwiderstehlich lockt und ringt im Menschenherzen
    Man war vor dem Schloss angelangt Wilhelm bestieg seinen Gaul und ritt
heim nachdem er versprochen hatte sich morgen als Pater familias in Dornach
einzufinden
    Maria hielt ihr Kind in ihren Armen sie küsste und liebkoste es und
wiederholte ihr Sprüchlein »Alles gut  lauter Gutes  «
    Ach wenn der bittere Vorwurf nicht wäre der nagende peinvolle Vorwurf
gegen einen Menschen der nicht in ihrer nein in dessen Schuld sie stand
unerbittlich grausam gewesen zu sein Sie hätte sich überwinden ihm die Hand
reichen und sagen sollen  was hielt sie ab welche Pflicht verbot es ihr  
Ich habe Sie geliebt Dereinst als ich noch frei war Die Verhältnisse haben
uns getrennt Nun wollen wir unsere Schuldigkeit als brave Menschen tun und beim
Wiedersehen nach Jahren wenn die Empfindung die uns jetzt noch bedrückt und
verwirrt erloschen sein wird einander als alte Freunde entgegentreten
    Hätte sie doch so gesprochen so sprechen können Schwäche Schwäche dass
sie es nicht gekonnt Jetzt bleibt der Stachel in ihrer Brust der Tropfen Gift
in ihrem Blute Sie sollte den Blick nie vergessen den er ihr beim Scheiden
zugeworfen
    Als sich Maria in ihr Schlafgemach begeben hatte erschien Lisette um gute
Nacht zu wünschen und eine Botschaft von Forster zu überbringen »Er geht also
fort« sagte sie »und lässt dich bitten inständig dass du morgen Klavier
spielst und dann hinkommst in den Pavillon Er möcht sich gar so gern bei dir
empfehlen und dir auch den weiten Weg ersparen bis zur Hegerin Wirst du
kommen«
    »Ja«
    »Noch etwas denk dir Heut hat er Besuch gehabt der Wolfi Ein Freund von
ihm der eine weite Reise macht hat sich hier aufgehalten von einem Zug zum
andern«
    Maria rückte den Schirm der auf dem Tische stand vor die Lampe »Wer«
fragte sie
    »Den Namen weiß ich nicht So ein hübscher großer das Gesicht wie von einem
Italiener Hat einen Backenbart rabenschwarze etwas gelockte Haare die Nase
gebogen das Kinn ausrasiert Vielleicht kennst du ihn Ich hab ihn zwar nie bei
uns gesehen«
    Nachdem die Alte sich entfernt hatte durchwandelte Maria noch lange das
Zimmer und dachte dessen den jede Minute jede Sekunde weiter hinwegtrug von
ihr und der wohl auch wachte und litt wie sie und ihr grollte und zürnte 
    Er war da gewesen er hatte die Erinnerung an die Stätte an der sie lebte
mitnehmen wollen in seine freiwillige Verbannung  Einen Tag nur  nur einen
und sie hätten einander noch gesehen und den Abschied nehmen können den sie
sich in immer holderen reineren Farben ausmalte
    Der Morgen kam  Das Kindlein wankte ebenso tollkühn wie unsicher an der
Hand der Wärterin in das Schlafgemach herein dem Bette seiner Mutter zu und
jauchzte ihr entgegen 
    Maria erhob sich nach wenigen Stunden eines unerquicklichen durch wüste
Träume gestörten Schlafes Sie wollte ihr Tagewerk beginnen aber sie hatte Blei
in den Gliedern einen eisernen Reifen um den Kopf Alles wurde ihr schwer
alles versagte sogar die getreue Kunst Sie schloss das Klavier nachdem sie
einige Akkorde angeschlagen hatte eilte hinab ins Freie umschritt das Haus und
wanderte durch einen Fliedergang dem Pavillon zu Forster wartete ihrer dort
sie wollte ihn treffen und durch den letzten der den Scheidenden noch in der
Heimat gesprochen eine Kunde von ihm haben
    Sie war angelangt und überschritt die Stufen die zum Pförtchen des kleinen
Baues hinaufführten einer zierlichen und luxuriösen Spielerei aus dem 18
Jahrhundert Er enthielt zwei durch Rundbogen getrennte Zimmer Die Wände und
die Möbel waren mit gelbem chinesischem Seidenstoff überzogen die Fenster mit
demselben kostbaren Gewebe verhangen
    Als Maria aus dem grellen Tageslicht in die goldige Dämmerung trat schwamm
es ihr vor den Augen und sie vermochte nicht einen scharfen Umriss zu
unterscheiden Aus dem Nebenzimmer nahte jemand langsam und zögernd wie ihr
schien »Forster« rief sie
    Keine Antwort Nach einer Weile erst ihr leise geflüsterter Name
    Maria erkannte die Stimme sogleich und schrie auf »Sie« Tessin stürzte ihr
entgegen mit inbrünstig gefalteten Händen  sie streckte die ihren abwehrend
aus »Fort wie können Sie es wagen das ist Verrat Gehen Sie«
    Er schüttelte den Kopf »So nicht Ich habs versucht  es ist unmöglich«
Entschlossenheit in jeder Bewegung die Brauen drohend zusammengezogen trat er
näher
    Sie wich schweigend zurück und schritt dem Ausgang zu Da warf er sich
zwischen sie und die Tür und als Maria ans nächste Fenster rannte und es zu
öffnen versuchte mit bebenden Fingern die den Gehorsam versagten glitt ein
finsteres Lächeln über seine Züge
    »Sie wollen Leute herbeirufen tun Sie es doch Der Gewalt muss ich weichen
 Aber nicht lebendig  das sage ich Ihnen  und Sie« er hob beteuernd die
Rechte »Sie glauben mir das«
    »Wahnsinn« stammelte Maria von Furcht und Schrecken durchbebt
    »Nein Verzweiflung Was hab ich Ihnen getan warum verachten Sie mich 
Ich habe Sie unaussprechlich geliebt« »Und was haben Sie mir getan Sie haben
mich verschmäht misshandelt wie ich nicht dulde dass man mich misshandle Sie
haben die reinste Empfindung meines Lebens verkannt mir gemeine Beweggründe
zugeschrieben mich verletzt kalt und berechnend an der empfindlichsten Stelle
meines Herzens geben Sie mir Genugtuung« Er sah sie an verstört in rasender
Erregung  Aber plötzlich wie durch Zaubergewalt beschwichtigt sank er auf
das Knie
    Was war denn geschehen
    Eine von Angst gefolterte Frau die mit ihren Tränen kämpfte stand vor ihm
Ihr Stolz war gebrochen mit ersterbender Stimme sprach sie »Sie müssen fort«
    »Ja ja« er fasste ihre widerstrebende Hand »Unter einer Bedingung 
Geben Sie mir das Zeichen des Erbarmens um das ich schon gefleht habe Ich will
als Gnade empfangen was mein Recht wäre was Sie mir schuldig sind für alles
 auch für den Mord des besseren Menschen der in mir schlummerte der
erwachen wollte unter Ihrem Einfluss und den Sie getötet haben als Sie mich
aufgaben«
    Immer heißer bestürmte er sie immer überzeugender strömte die Rede von
seinen Lippen ein berauschender Hauch der Leidenschaft ging von ihm aus »Was
verlange ich denn Ein Wort des Trostes mit auf den Weg einen gütigen Blick
einen Händedruck «
    Das durfte sie gewähren das war es ja wonach sie sich gesehnt hatte all
die Tage lang  vor dem Scheiden auf ewig ein Lebewohl in Frieden und
Versöhnung
    Seine Augen flammten zu ihr empor sie neigte sich ihr Blick ruhte in dem
seinen und sie flüsterte »Weil es unsere letzte Begegnung ist Tessin so
wissen Sie  ich habe nicht leicht verzichtet Sie sind mir nicht gleichgültig
gewesen «
    Da brach er in jubelndes Entzücken aus »Endlich Endlich«  Weich und
zärtlich in wonniger Dankbarkeit presste er seine Stirn seine Lippen auf ihre
Hand und Maria im schwersten Kampfe ringend flüsterte ihm leise zu »Nun
fort«
    Ganz verwandelt außer sich sprang er auf »Nein und nein  Du hast mich
geliebt du liebst mich noch« Er zog sie in seine Arme und erstickte mit seinen
Küssen den Schrei den sie außstieß
    Sie wollte sich ihm entziehen  sie wollte sich retten  und lag an seiner
Brust unwiderstehlich hingerissen wie von einer Naturgewalt
    Zwei trunkene Menschen hatten kein Bewusstsein mehr von Ehre Pflicht und
Treue ihnen versank die Welt und jegliches Erinnern
Die Sonne stand im Scheitel Maria war allein
    Seit langem langem  seit einer Ewigkeit  Oder nicht  war sie eben
erst verlassen worden beim Aufschrecken aus einem grässlichen seligen
unmöglichen Traum
    Sie saß da die Hände auf den Tisch gelegt das Gesicht in die Hände
vergraben als die Tür geöffnet und ein keuchender pfeifender Atem hörbar
wurde
    Wolfi schleppte sich herein auf einen Stock gestützt und fiel schwer auf
den Diwan neben Maria hin Er streckte die Beine aus lehnte sich zurück und
stöhnte »Da hab ichs  Das war ein teurer Spaß«
    Maria starrte ihn an entsetzt über sein Aussehen Es war das eines
Sterbenden »Sie sind erschöpft der Weg hierher war Ihnen zu weit« sagte sie
    »Der Weg hierher« Er wollte lachen doch kam nur eine Art Schluchzen aus
seiner Kehle »Das nicht aber dass ich Ihren Liebhaber durch den Wald hab führen
müssen  damit er sich nicht verirrt Und dann sein Dank  Mich
niederzustechen hat er gedroht weil ich nicht schwören wollte mein Maul zu
halten Ihm schwören dem Menschen ohne Treu und Glauben«
    Maria war versteinert So war sie in eine Falle gelockt worden Tessin hatte
einen Vertrauten gehabt Haben müssen Natürlich  zu Gelegenheiten braucht man
Leute die sie machen Helfer Hehler Einen wie den Niederträchtigen da  Ihr
Herz stand still als diese Gedanken sie so klar so kalt durchbljetzten Kommt
der Tod  Ach käme er doch von selbst dass ich ihn nicht suchen müsste  denn
wie könnte sie jetzt noch leben
    »Müd müd bin ich« stöhnte Wolfi »ich liege schlecht  hilf ein wenig«
    Von Abscheu und Ekel ergriffen rang Maria mit sich selbst doch beugte sie
sich er umklammerte ihren Nacken sie fasste ihn an den Schultern legte ihn 
er kam ihr leicht vor wie ein Kind  der Länge nach auf das Ruhebett und schob
Kissen unter seinen Kopf »Bleiben Sie so Ich schicke den Arzt«
    »Brauche ihn nicht  nicht ihn  dich allein  mir ist schon besser 
Deine Sorgfalt tut mir wohl  Wärst du immer gütig gegen mich gewesen  ich
hätte dir vielleicht erspart  vielleicht  Gewiss weiß mans nicht  ein
Mensch wie ich«  er stockte schwerer noch rang sich der Atem aus seiner Brust
die roten Flecken auf seinen Wangen färbten sich dunkler Nun ging eine seltsame
Veränderung in seinen Zügen vor sie nahmen plötzlich einen milden fast edlen
Ausdruck an
    »Du bist nicht mehr stolz« sprach er kaum vernehmbar »verachtest niemanden
mehr«
    Sie mit herzzerreissender Klage antwortete »Nur mich«
    »Wirst du jetzt Bruder zu mir sagen«
    »Bruder«
    »Triumph « Seine letzte Kraft erschöpfte sich in der Anstrengung mit
welcher er dieses Wort hervorbrachte Aus seinem Munde quoll ein Blutstrom sein
Kopf den er ein wenig erhoben hatte sank in die Kissen
    Maria stieß einen Schrei aus »Zu Hilfe Zu Hilfe er stirbt«
 
                                       11
Die Hilferufe die aus dem Gartenhause drangen wurden zuerst von dem Kind eines
Arbeiters gehört es wagte sich nicht näher holte aber Leute herbei Diener
rannten nach dem Arzt Als er kam fand er die Gräfin mit blutbesprjetztem Kleide
halb ohnmächtig zusammengesunken an der Leiche Wolfis Sie war nicht zu bewegen
von der Stelle zu weichen bevor jeder denkbare Wiederbelebungsversuch
unternommen worden
    Wie Doktor Weise vorausgesagt hatte blieb alles vergeblich Er durfte sich
auf seinen Fräulein Lisette gegenüber oft getanen Ausspruch berufen eine
heftige Erhitzung und dergleichen oder einer der Zornanfälle denen Herr Forster
unterworfen war und bei denen er zu schreien pflegte wie besessen könne einen
Blutsturz herbeiführen während er vielleicht ein alter Mann geworden wäre wenn
er sich nur entschlossen haben würde jetzt schon den »Duktus« eines solchen
anzunehmen Das Gelächter mit dem der Patient diese Verheißung zu beantworten
pflegte hatte den Doktor immer gekränkt
    »Und kränkt mich noch« sagte er zu den Herrschaften Wilhelm denen er am
Nachmittag in seinem Einspänner ein Stück Weges entgegengefahren war um ihnen
pflichtgemäss zuerst von dem traurigen Ereignis in Dornach und den Umständen
unter welchen es stattgefunden Mitteilung zu machen Auch legte er ihnen die
Frage zur Entscheidung vor ob nicht an die telegraphische Berufung des Herrn
Grafen gedacht werden solle und zwar aus Rücksicht für die Frau Gräfin die
sich infolge des ausgestandenen Schreckens in einem Zustande hochgradiger
Aufregung befände
    »Sehr irritiert wenn auch bemüht Selbstbeherrschung zu üben Ich habe
unvermerkt den Puls gegriffen  kaum zu zählen Es wäre nicht unmöglich dass
sich da etwas entwickelte« sprach er mit dem traditionellen ärztlichen
Kopfschütteln
    »Dass sich was entwickelte« fragte Wilhelm in höchster Bestürzung aus dem
Wagen springend ergriff den Arm des Doktors und blickte angstvoll zu ihm empor
    »Je nun« versetzte dieser mit wichtiger Miene »ein leichter Typhus oder
etwa Entzündung  cordis basis  cordis conus «
    »Ist das gefährlich   Hol der Kuckuck diese Namen die niemand versteht
und die einem nur bang machen« wandte er sich an seine Frau Sie war
gleichfalls ausgestiegen an seine Seite getreten und suchte ihn zu trösten
    »Fasse dich es wird nicht so schlimm sein Aber die Buben« meinte sie
»müssen wir nach Hause schicken«
    »Freilich« und Wilhelm überblickte die Häupter seiner Lieben die aus dem
weitläufigen Jagdwagen hervorguckten wie aus einem Pferche »Wenn ihrer zwei
waren oder drei es ginge noch Acht Stück in einem solchen Moment  unmöglich
Fahr sie heim« sprach er zu dem alten Kutscher der sein ganzes Vertrauen
besaß weil er selbst zehn Kinder hatte
    Eine Revolution die im Wagen ausbrechen wollte wurde durch wenige
Machtworte des Vaters und die sanften Vorstellungen der Mutter unterdrückt
Willi der Älteste erhielt die Erlaubnis sich auf den Bock zu setzen und zu
kutschieren die andern überließ man ihrer Enttäuschung
    Wilhelmine nahm den Platz nicht an den ihr der Doktor neben sich in seiner
auf Räder gesetzten Muschel anbot Sie schritt ein immer treuer Kamerad an der
Seite ihres tief bekümmerten Gatten dem Schloss zu In der Halle trafen sie
Lisette Sie fahndete auf den Doktor sie begriff ihn heute zum erstenmal nicht
ganz Wie konnte er das Haus verlassen während eines sorgenerregenden
Unwohlseins Marias und eine so schöne Gelegenheit versäumen sich unentbehrlich
zu machen  Und wo blieb er denn jetzt
    »Ins Dorf ist er gefahren« antwortete Wilhelm und eilte die Treppe hinauf
    Seine Frau folgte ihm und hatte Mühe ihn zu bewegen im Salon zu warten
bis sie ihm Nachricht bringen würde ob die Kusine ihn sehen könne
    Maria war in ihrem Schlafzimmer das sie seit Stunden rastlos mit raschen
regelmäßigen Schritten durchmass Beim leisen Pochen Wilhelminens blieb sie
stehen und rief als diese sich genannt hatte »Komm komm nach dir habe ich
mich gesehnt deine Nähe ist mir ein Trost«
    »Wär es so vermöcht ich dich zu trösten armes armes Kind« Sie fasste ihre
Hand drückte sie liebreich und kämpfte mit dem Bedauern und dem Schmerz die
sie beim Anblick der Vernichtung und Trostlosigkeit im Gesichte Marias
überwältigen wollten
    Ihrer mütterlichen Zärtlichkeit und Überredungskunst gelang es endlich die
Erschöpfte zu bewegen sich in einem Fauteuil niederzulassen und sogar etwas
Nahrung zu nehmen
    »Der heute gestorben ist war mein Bruder« sprach Maria plötzlich »Weißt
du es«
    Wilhelmine antwortete einfach »Jawohl es ist ja kein Geheimnis daraus
gemacht worden«
    »Und ich bin hart und stolz gegen ihn gewesen begreifst du  ich« Sie
brach in Tränen aus sie schluchzte die furchtbare Spannung ihrer Seele hatte
sich gelöst
    Allmählich wurde sie wieder Herrin ihrer selbst verlangte Wilhelm zu sehen
und geriet nur vorübergehend in heftige Aufregung als er den Vorschlag machte
an Hermann zu telegraphieren
    »Unter keiner Bedingung  er würde kommen«
    »Und soll er nicht«
    »Nein die Mutter bedarf seiner Ich schreibe ihm« setzte sie hastig hinzu
»verlasst euch auf mich  Niemand sonst schreibt ihm Gebt mir euer Wort
darauf«
    »Welche Frau« sagte Wilhelmine im Nachhausefahren zu ihrem Manne »Sie
beweist mir von neuem dass der ganz edle und gute Mensch sich nie genugtut Ist
nicht das Außerordentliche für den unglücklichen Forster geschehen Nun Maria
macht sich noch Vorwürfe Dergleichen gibt einen Maßstab für den Wert einer
Seele Welche Frau Ich habe sie wie ein neuntes Kind in mein Herz geschlossen«
    Der Brief Marias an Hermann musste mit Ruhe und Überlegung geschrieben worden
sein denn in dem ausführlichen Telegramme das Wilhelm am folgenden Abend von
seinem Vetter erhielt sprach dieser nicht die leiseste Besorgnis um seine Frau
aus Er bat Wilhelm Anordnungen zur würdigen Bestattung Wolfis zu treffen und
hoffte zu Ende der nächsten Woche in Dornach sein zu können
    Die Leiche Forsters war kaum der Erde übergeben und schon tauchten allerlei
Gerüchte über die unmittelbare Ursache seines Todes auf Ein Jäger behauptete
ihn kurz zuvor gesehen zu haben nahe an der Waldgrenze auf einem Fußsteig der
nach der Nordbahnstation führte Er befand sich im Streite mit einem langen
Schwarzen den der Jäger aus der Entfernung für den Adjunkten gehalten Der
Adjunkt wurde zur Rede gestellt konnte aber leicht nachweisen dass er sich am
selben Tage zur selben Stunde im benachbarten Städtchen befunden wohin der
Herr Oberförster ihn geschickt hatte Grassamen einzukaufen Offenbar irrte der
Jäger in der Person des Individuums mit dem Wolfi jüngst in einer für ihn
verhängnisvollen Weise verkehrt Dass es einen solchen Menschen gab das
bezweifelte niemand
    »Es könnte« meinte der Doktor wie immer vorbehaltlich »wohl ein Pascher
gewesen sein durch welchen sich mein Patient hinter meinem Rücken vielleicht
Zigarren verschaffen wollte Oder vielleicht ein Gläubiger der einen Versuch
machte sein Geld einzutreiben«
    Lisette hingegen erklärte bei ihr stände es fest dass es derselbe
Schwindler gewesen der  sie merkte ihm gleich etwas Verdächtiges an  »den
armen guten Jungen« am Tage vorher ganz offenkundig besucht hatte und dann
Gott weiß warum im geheimen wiedergekehrt sein dürfte Damit war aber noch
immer nicht Klarheit in die Sache gebracht Und trotz aller Nachforschungen
blieb das Rätsel wer der Fremde gewesen in welchen Beziehungen er zu Forster
gestanden ungelöst
    Maria hatte sich in eine an Stumpfheit grenzende Ergebung eingesponnen
Möchten sie doch auf die Wahrheit kommen  sie würde nicht leugnen sie würde
sterben In vermessener Zuversicht baute sie auf die Gnade des Allbarmherzigen
Er wird sie zugrunde gehen lassen an dem Gefühl ihrer Schuld sie büßen sühnen
lassen durch den Tod Es war ihr ein Trost sich das zu wiederholen Mit einem
Gefühl der Schmach wie dasjenige das sie in ihrer Brust trägt kann man ja
nicht leben  Ihr steht etwas bevor unfassbar das nicht auszudenken ist  das
Wiedersehen mit ihrem Manne Sie wird seinen Blick nicht ertragen können sie
wird ihn empfangen mit dem Geständnis Ich habe dich betrogen einmal in einer
fluchenswerten Stunde in schnödem Taumel Aber dich wieder betrügen mit
Bewusstsein und Berechnung meinen entweihten Mund deinem Kusse bieten  das
werde ich nie
    Er kam und war unsagbar glücklich wieder da zu sein und sie stand
regungslos vor ihm  und schwieg
    Wie die anderen schrieb er ihr übles Aussehen ihre düstere Stimmung dem
fürchterlichen Eindruck zu den der Tod Wolfis auf sie hervorgebracht hatte Der
Doktor beglückwünschte ihn zu der Richtigkeit dieser Ansicht und gebrauchte
dabei viele Fremdwörter wie es sich geziemt für einen Landarzt der eine
vornehme Patientin behandelt
    Fräulein Lisette nahm zu jener Zeit etwas Gehaltenes und Siegreiches in
ihrem Gang und ihren Gebärden an Ihr Herz das nie eine heissere Neigung gekannt
hatte als die zu dem »Kinde« machte im Späterbste Frühlingsrechte geltend Sie
liebte sie schmeichelte sich geliebt zu werden scharenweise umflogen ihre
Gedanken den teuren Gegenstand und nur hier und da stellten sich einzelne von
ihnen bei der einst ausschließlich Verehrten und Verhimmelten ein Lisette fand
es überflüssig ihre Leidenschaft zu verhehlen und sprach unbefangen von dem
der sie ihr einflößte
    »Er schwebt halt immer auf meinen Lippen« sagte sie einmal schalkhaften
Tones zu der Gebieterin mitten in einem Bericht über die Ankunft einer Sendung
Tischzeugs in den sie den Doktor ungemein kunstvoll eingeflochten hatte
    »Wer« fragte Maria
    Und nun legte die alte Jungfrau ihr längst angekündigtes Geständnis ab und
die geringe Aufmerksamkeit die ihr anfangs geschenkt wurde steigerte sich
allmählich und plötzlich geschah das Außerordentliche  Maria lachte
    Hermann der eben eintrat hörte es und seine Freude kannte keine Grenzen
»Wer hat dich lachen gemacht  Sie Lisette Goldene Lisette  was soll ich
für Sie tun Ich gründe ein Kammerdamenstift und Sie werden Oberregentin«
Er stürzte auf sie zu und küsste sie auf jede Wange dass es schallte »Was hat
sie dir vorgebracht« wandte er sich an seine Frau rückte einen Sessel neben
das Kanapee auf dem sie saß und nahm Platz »Ich will es wissen ich will
Unterricht bei ihr nehmen«
    Maria fragte »Darf ich antworten Lisette« und diese ein klein wenig
verschämt erwiderte »Ich bitt«
    »Mit deiner Erlaubnis also  Sie möchte den Doktor heiraten«
    Die Betroffenheit Hermanns die Anstrengung die er machte sie zu
verbergen die fröhliche unendliche Güte die aus seinen Augen sprach und aus
dem unbezwinglichen und harmlosen Lächeln das seinen Mund umspielte erregten
von neuem Marias Heiterkeit
     So war es möglich noch  ja schon so bald konnte sie sich vorübergehend
zerstreuen lassen aus ihrer lastenden berechtigten ihrer gebotenen Seelenpein
    Einmal lag sie des Nachts wie so oft wachend auf ihrem Lager lauschte den
ruhigen Atemzügen ihres Mannes und sann und sann
    Und jetzt drang durch die Stille aus dem Zimmer nebenan in dem das Kind
schlief ein heiserer Ton ein lautes raues Husten aus kleiner Brust an ihr
Ohr Sie erhob sich sachte warf ihr Morgenkleid um glitt mit nackten Füßen
die Pantoffel in der Hand über den Teppich trat bei dem Kleinen ein und schob
den Vorhang seines Bettchens zurück Der Schein der Nachtlampe flackerte auf dem
glühenden Gesicht des Knäbleins es röchelte schwer im Fieberschlafe Maria
weckte ihn und die Wärterin und leistete die erste Hilfe während jene auf ihren
Befehl das Kindermädchen aufrüttelte und nach einem Diener läutete der den
Doktor herbeiholte Dieser kam sprach kein Wort sondern handelte still und
energisch er war in dieser Nacht ein Held an Mut und Besonnenheit
Vorübergehend nur brachte ihn die Wärterin in Zorn weil sie fassungslos
herumstürzte und durchaus den Grafen rufen wollte
    »Alberne Person« rief Weise sich der Höflichkeit begebend die ihn sonst
auszeichnete »Der Doktor verbietet es der Doktor braucht keine Leute die
Angst haben im Krankenzimmer  Da  so eine Ruhe Das ist das Richtige da
nehmen Sie sich ein Beispiel« Er deutete auf Maria die das Knäblein auf dem
Schoss hielt
    Weiß in ihren schneeweißen Gewändern unverwandten Blickes jede Veränderung
beobachtend und anzeigend welche bei dem Kleinen vorging führte sie des
Doktors Anordnungen selbst aus und hielt ein stummes Gespräch mit ihrem Kinde
Willst du voran  mich drüben zu erwarten Ich folge dir bald nach  Aber dein
armer Vater soll ihm beides zugleich genommen werden  ein echtes Gut du und
ein wertloses falsches das er in seinem lauteren Glauben betrauern wird als
wäre es wirklich ein köstlicher Besitz gewesen Bleibe bei ihm mein
Liebling biete ihm überreichen Ersatz  Sie drückte ihn an ihre Brust und er
richtete seine großen Augen auf sie und murmelte »Liebe Mutter«
    »Es geht besser Doktor nicht wahr« fragte Maria
    »Wenn nicht alle Zeichen trügen« gab er zur Antwort
    Sie verstand ihn Er gebrauchte wieder eine bedingte Redeweise die ernste
Sorge die ihn seiner kleinlichen Vorsicht untreu gemacht hatte war
geschwunden
    Am Morgen erst erfuhr Hermann dass sein Söhnchen in Lebensgefahr gewesen sei
und dass es gerettet war
    Dir gerettet dachte Maria zu deinem Troste wenn ich nicht mehr bei dir
sein werde Sie war im reinen mit sich Gott erhörte sie nicht überantwortete
sie der Verzweiflung so fasste sie denn einen Entschluss der Verzweiflung
    Ein schöner Spaziergang im Walde führte bequem zu einer Burgruine hinan
welche die Felsenspitze eines bis weit über die Mitte mit SchmuckEdeltannen
bewachsenen Berges krönte Man konnte jedoch von der entgegengesetzten Seite auf
einem viel kürzeren Wege zu der Ruine gelangen Dieser ging über einen schmalen
geländerlosen Steg und mündete am Fuße des beinahe senkrecht abfallenden
Felsens unweit von halbzerbröckelten in den Stein gehauenen Stufen Ein kühner
und geschickter Kletterer durfte sie immerhin noch benützen um zur Kuppe zu
gelangen wenn er nämlich schwindelfrei war Sonst konnte ihm ein Blick zurück
in die Tiefe gefährlich werden Dasselbe Flüsschen das einige hundert Schritte
weiter zwischen Wiesen dahinglitt als friedliches mit Kähnen befahrbares
Gewässer wurde in der Enge zum Wildbach Kochend und brausend stob der Gischt
bildete Wirbel drehte und drehte sich kreisförmig trichterförmig stieg auf in
Säulen aus Schaum warf sich wieder wie toll in sein steiniges Bett und lockte
herab zur Teilnahme an seiner sprudelnden unerschöpflichen Lebenslust
    In ihrem ersten Ehejahre hatte Maria die Ruine besucht Angewandelt von
einer Regung der unbezähmbaren Freude an der Gefahr von der sie in früher
Jugendzeit gar oft ergriffen worden war sie die Felsentreppe herabgestiegen und
hatte den Steg festen und sicheren Ganges überschritten
    Hermann dem sie ihr Wagnis eingestanden war erst durch ihr förmliches
Versprechen es nie zu wiederholen zu beruhigen gewesen  Nun musste das
gegebene Wort gebrochen werden
    Mit peinlich erfinderischer Genauigkeit malte Maria sich alles aus sah sich
den Fuß setzen auf den Steg und wandern und langsam mit Bedacht ausgleiten an
der rechten Stelle  wanken sinken zerschellt werden an den ewig blanken
ewig feucht glänzenden Klippen die aus dem Wasser herausragten Vorahnend gab
sie sich Rechenschaft von dem Schmerze Hermanns er würde nicht frei sein von
Groll  und das war recht Ein reines Andenken zu hinterlassen hatte die
Schuldige nicht verdient
    Sie bereitete sich vor auf die entsetzliche Trennung von ihrem kleinen
Kinde das der Mutter noch so sehr bedurfte nahm Abschied von ihm Tag um Tag
Morgen geschiehts sagte sie sich bis der Morgen kam an dem sie begriff dass
sie nicht sterben könne ohne einen zweifachen Mord zu begehen
    Und davor schauderte sie zurück Wohl lohte es in ihr auf Begrabe die
Frucht des Frevels mit dir Aber töten um zu sühnen  Noch war sie fromm
und gläubig und fragte in ihrer Seelenqual Wie würdest du die Kindesmörderin
empfangen ewiger Richter Herr mein Gott
    Der mächtigste Instinkt im Weibe erhob seine gewaltige Stimme  Vielleicht
auch rang der nun verzweifachte Lebenstrieb  ihr unbewusst  gegen die
Vernichtung
    Sie kam wieder auf den Ausweg zurück der ihr zuerst als der
selbstverständliche der einzige erschienen war Hermann alles zu gestehen ihm
zu sagen So bin ich behandle mich wie ich es verdiene Ich ertrage deine Güte
nicht mehr ich lechze nach Strafe nach Busse Die strengste wird die beste
sein gönne sie mir gönne mir das Labsal zu büßen Sei unbarmherzig nur
verehre mich nicht mehr
    Und während sie in Gedanken also zu ihm sprach rief ihr Verstand ihr zu
Phrasen hohle Worte Du weißt es wohl dass er dich nicht verstoßen dich nicht
der Geringschätzung preisgeben wird er wird auch wenn sein Glück den
Todesstreich durch dich empfangen den Fuß nicht auf deinen Nacken setzen
Gesunkene Er wird unerschütterlich bleiben in seiner Langmut Von dir getrennt
dir im Innersten entfremdet wird er von anderen noch Achtung für dich
verlangen Dann hast du eine neue Last der Dankbarkeit auf dich geladen und
vergeblich das Beste zerstört woran sein Herz sich erquickt und seine Seele
sich erbaut Du hast nichts zu verlieren er alles Du hättest ihn umsonst
unselig gemacht  Du darfst es nicht  So tat sie das wogegen alles Frühere
nicht zählte Sie vollzog den Betrug der die Schande zu bemänteln hatte
Hermann musste getäuscht werden Das war so leicht und darum gar so schlecht 
Und geschah und Maria duldete die Erniedrigung die sie für unausdenkbar
gehalten hatte die ganze Nichts ward ihr geschenkt  nicht der
Freudenausbruch mit dem der hintergangene Mann die in tiefdunkler Nacht
gestammelte Kunde aufnahm nicht seine erhöhte Zärtlichkeit nicht Wilhelms
gutmütige Scherze nicht Helmis treue Teilnahme nicht Gräfin Agatens
feierliche Segenswünsche
    Maria spielte eine jammervolle Komödie heuchelte Interesse an
gleichgültigen Dingen Freude an den harmlosen Vergnügungen den Landpartien und
Waldfesten die Hermann und Wilhelm veranstalteten um sie zu zerstreuen Nicht
immer aber doch meistens ließ Hermann sich täuschen All sein Glück ging von
dem Bilde aus das er sich von ihrem Glücke machte
    Sie aber lebte in der Liebe zu ihrem Kinde pflegte eifrig ihre Kunst die
sie nie schöner und hinreissender als jetzt ausgeübt hatte und grübelte sich
allmählich in eine eigentümliche Sophistik hinein Die Sühne nach der sie rief
lag gewiss in der Einsicht dass es ihr verwehrt sei zu sühnen Der verdammende
Schicksalsschluss der über sie gefällt war lautete Du liebst die Wahrheit
wandle in der Lüge
 
                                       12
Im Sommer kamen Graf Wolfsberg und seine Schwester mit ihrer Gesellschaftsdame
Fräulein Annette Nullinger nach Dornach Beinahe auf dem Fuße folgte ihnen
ohne eingeladen zu sein ohne sich angesagt zu haben die kleine Gräfin
Felicitas Soltan Sie kam um zu fragen ob Tessin wie er vor seiner Abreise
versprochen an Gräfin Dolph geschrieben habe wie es ihm gehe und besonders 
ob er sie grüßen lasse
    Aber noch war kein Brief von ihm eingetroffen und nur durch
Zeitungstelegramme wusste man dass er auf seinem Posten angelangt und festlich
empfangen worden war
    An einem schwülen Sonntagnachmittag hatten sich die Schlossbewohner in einem
breiten offenen Zelte am Ufer des Teiches versammelt Dichtes Buschwerk umgab
ihn ringsum und hinter diesem ragten das hellgrüne malerische Gezweig einzelner
Tulpenbäume und aus weiterer Entfernung die dunkeln Gipfel eines
Balsamtannenhaines in das gleichförmige ruhig leuchtende Himmelsblau empor
    Alle im Zelte Anwesenden Fräulein Nullinger und Hermann junior ausgenommen
rauchten Annette hatte nach und nach ihren Sessel bis zum Eingang vorgerückt
dennoch schwebte tückischer Tabaksqualm ihr nach und machte sie hüsteln was
Gräfin Dolph unabweislich rügte Sie saß in der Tiefe des Zeltes in einem
ausgefütterten Strandsessel und hatte eine Haube auf die ungemein an die
häusliche Kopfbedeckung der französischen Könige im 15 Jahrhundert erinnerte
    »Nulle« sprach sie  »Ich heiße Nullinger« berichtigte das Fräulein ohne
sich umzuwenden
    »Nun denn Nullinger zwingen Sie sich doch nicht zu husten  aus purer
Affektation«
    Annette zuckte die Achseln und presste die Flächen ihrer feuchten Hände
aneinander ihre roten aufgeworfenen Lippen hatten das ihnen eigentümlich
nervöse Beben
    Fee nickte ihr bedauernd zu und seufzte »Ach welche Hitze Ist es immer so
heiß bei Ihnen Graf Dornach« Sie wiegte sich in ihrem Schaukelstuhle hatte
die Augen halb geschlossen und ließ wie todmüde die Arme an beiden Seiten ihres
schlanken und zierlichen Körpers herabhängen
    Graf Wolfsberg den zu amüsieren sie sich vorgenommen war heute ein
undankbares Publikum Er hatte nicht einmal bemerkt dass sie sein Lieblingskleid
angezogen das weiße gestickte mit der rosafarbigen Bébéschleife Bei Tische
als sie nur um ihm Spaß zu machen die heiligsten Geheimnisse ihres Herzens
auskramte von ihren unbezahlten Rechnungen gesprochen von ihrem Glauben an die
Zukunft des Spiritismus als Staatsreligion von allerlei Skrupeln die sie sich
machte  intim ganz intim  hatte er kaum zugehört Und nun saß er seit einer
Stunde ernst und schweigsam neben ihr und sie verzweifelte endlich daran ihn
seiner üblen Laune zu entreißen
    Hermann und Maria kannten den Grund seiner Verstimmung Er war indes die
anderen sich in der Kirche befanden auf den Friedhof gegangen und hatte Wolfis
Grab besucht
    »Wozu warum tut er solche Sachen die ihn viel zu sehr angreifen« hatte
Dolph ihrer Nichte geklagt Auch sie trachtete ihn zu zerstreuen und suchte
dabei die wirksamste Unterstützung die des kleinen Hermann sie war aber in
diesem Augenblick nicht zu haben Das Knäblein mühte sich gar eifrig Steinchen
die es gesammelt und auf den Schoss seiner Mutter gelegt hatte mit ihrer Hilfe
ins Wasser zu werfen Seine Antwort auf die Einladung der Grosstante zu ihr zu
kommen lautete entschieden verneinend und die aufrichtigste Abneigung sprach
aus dem raschen Blicke den er der alten Frau von unten herauf zuwarf
    Gräfin Dolph machte ihrem Unmut über die Vergeblichkeit der Liebesmüh die
sie seit langem an dieses schöne und entzückende Kind verschwendete dadurch
Luft dass sie plötzlich von den Unannehmlichkeiten zu sprechen begann die das
Landleben für sie mit sich brächte
    »Etwas Schreckliches zum Beispiel« sagte sie »ist die Kontrolle unter der
man mit seinen Kirchenbesuchen steht Man kann sich keinen einzigen schenken
und ich sag euch noch ein Hochamt wie das heutige und ihr könnt mich gleich
dabehalten in eurer Familiengruft Und Sie Nulle das bitte ich mir aus
placieren Sie sich am nächsten Sonntag nicht wieder in das Oratorium uns
gegenüber Sie stören mich Sie rauben mir das bisschen Andacht das ich noch
habe mit Ihren Ekstasen vermischt mit Übelkeiten«
    Dieser Ausfall wurde von Fräulein Annette mit ungewohnter Kaltblütigkeit
zurückgeschlagen Wenn eine Andacht durchaus unter der anderen leiden müsse
sagte sie möge es nur immerhin die minderwertige  die der Gräfin sein
    Fee klatschte ihr Beifall zu und gab ihr die Versicherung sie sei die
gescheiteste Nullinger die jemals hienieden gewandelt dann stieg die kleine
Frau von Hermann der herbeitrat unterstützt in den am Ufer befestigten Kahn
Losgemacht durfte er nicht werden Sie wollte da bleiben sich schaukeln auf der
kühlen Flut und hören wie sich die Konversation des Grafen Wolfsberg  von
weitem macht
    Er ließ sich endlich herbei ihr einen Scherz zuzurufen den sie ebenso
schlagfertig wie unpassend erwiderte Der von ihrer Seite munter geführte Kampf
der sich nun zwischen ihnen entspann wurde durch das Eintreffen des Postpakets
unterbrochen
    Maria verteilte die Zeitungen und die Briefe
    »Ist etwas für mich da«  »Für mich« fragten Fee und Gräfin Dolph
    »Ja« Maria schob der letzteren ein großes Schreiben zu
    »Von Tessin« sprach die Gräfin »Von Tessin« wiederholte sie lauter und
schwenkte den Brief in der Luft »Fee sieh her«
    »Für Fee« sagte Maria und Hermann übernahm aus ihrer Hand eine ganze
Ladung Modejournale und Zeitschriften die er in den Kahn reichte
    »Das sind Ihre unbezahlten Rechnungen« rief Wolfsberg »Geben Sie acht
Gräfin Ihr Dampfer versinkt unter der Last«
    Felicitas war beim Nennen des Namens Tessin so rasch aufgesprungen dass ihr
kleines Fahrzeug in bedenkliches Schwanken geriet Sie sank zurück schrie und
warf sich so ungestüm von einer Seite zur andern als ob sie es darauf abgesehen
hätte den Kahn umkippen zu machen
    Hermann zog ihn mit der breiten Seite dicht ans Land und sagte halb
lachend halb verdrießlich »Ihr Leben ist gerettet steigen Sie aus«
    Die Übermütige sträubte sich »Noch nicht noch nicht  ich will dass man
Tessin schreibt ich sei fast ertrunken vor Freud wie es geheißen hat dass ein
Brief von ihm gekommen ist Sie sind Zeuge Fräulein Nullinger schwören Sie
darauf ich bitte um einen ordentlichen Eid  ich bitte«
    »Ei ei Frau Gräfin einen Spaß mit so heiligen Dingen verstehe ich nicht«
rügte das Fräulein
    »Nicht  o weh dann schwören also Sie Graf Wolfsberg«
    Mechanisch antwortete der Graf »Ja ja« Seine ganze Aufmerksamkeit war von
Maria in Anspruch genommen
    Sie hatte einen Brief vor sich hingelegt einen zweiten Brief von Tessin
noch größer und gewichtiger als der an Gräfin Dolph gerichtete und war in der
Betrachtung der kräftigen leicht geformten Züge der Aufschrift versunken In
ihrem Gesichte malte sich starres Entsetzen Wenn diese wenigen Zeilen Tod und
Verderben verkündet hätten sie würde nicht anders auf sie niedergeblickt haben
    Nun schien sie zu fühlen dass die Augen ihres Vaters auf ihr ruhten erhob
die ihren sah ihn an  und senkte langsam das Haupt
    Dieses kurze stumme Gespräch zwischen Vater und Tochter wurde von niemandem
beobachtet Gräfin Dolph schwelgte im Genuße der geistvollen Epistel ihres
Horace Walpole Fräulein Nullinger verfolgte teilnehmend das Schauspiel der
»Rettung« Fees durch Hermann Trotz aller Possen die dessen Heldin trieb kam
es glücklich zum Abschluss
    Hermann trat ins Zelt blieb hinter dem Sessel Marias stehen und über ihre
Schulter blickend las er von seinem Platze aus die Adresse des zweiten Briefes
Tessins »Herrn Wolfgang Forster«
    Es entspann sich eine Verhandlung darüber was mit dem Briefe zu geschehen
habe
    »Er ist so dick« meinte Fee »es stecken gewiss noch ein paar andere drin
die der Herr Forster hat übergeben sollen Man muss ihn aufmachen«
    Gräfin Dolph bestätigte »Man muss ihn aufmachen natürlich«
    Hermann jedoch erklärte so gar natürlich käme ihm das nicht vor »Was sagst
du Maria« fragte er und strich mit der Hand über ihren Scheitel
    Sie wandte sich ergriff diese Hand und drückte sie an ihre Lippen Das war
genug um die heftigste Eifersucht des kleinen Hermann auf den großen zu wecken
Das Kind schrie und strebte zu ihr empor und sie hob es auf ihre Knie und
drückte ihr Gesicht an das seine
    Noch hatte sie ihn noch hatte sie eine Liebe deren ganzen Wert sie zu
erkennen begann nachdem sie sich ihrer unwert gemacht  die Liebe des besten
Mannes Noch hatte sie die Achtung aller guten Menschen  Eine kleine Weile
ein Riss durch die dünne papierne Hülle da auf dem Tische  und alles ist vorbei
und vor ihr öffnet sich die Hölle der Schande
    Ihr Knäblein schlingt die Arme um ihren Hals und sie die ihren um ihn Doch
diese heiligste Umarmung schützt sie nicht Sie hört nicht das zärtliche
Geflüster der süßen Kinderstimme  sie hört eine andre entsetzliche die ihr
zuruft Was schauderst du  doch nicht vor dem was im Gefolge der Wahrheit
kommt nach der du geschmachtet hast und gelechzt Da ist sie  begrüsse sie
Tus Armselige  Oder war es doch nicht der Betrug wovor du am bängsten
gezittert hast Wo ist jetzt dein Abscheu vor ihm Noch empfind ich ihn
dachte Maria küsste das Kind und stellte es auf den Boden
    »Ich bin dafür« vernahm sie nun  Gräfin Dolph sprach  »den Brief
aufzubrechen um nachzusehen ob er nicht wirklich andere enthält wie Felicitas
glaubt Wenn ja verteilt man sie wenn nein schicken wir dem Freunde morgen
seine zwölf Seiten eng und zierlich ein kleines Manuskript ungelesen weil
wir schon so hyperdiskret sind zurück Einverstanden Hermann«
    »Nein« lautete die Antwort »ich öffne keinen Brief der nicht an mich
gerichtet ist« Er nahm ihn reichte ihn dem Grafen Wolfsberg und sagte leise zu
ihm »Nimm ihn zu dir mache mit ihm was du willst nur sei nicht mehr die Rede
davon Alles was Maria an Wolfi erinnert greift sie furchtbar an  Es ist
drückend heiß hier im Zelt« setzte er an seine Frau gewendet hinzu »Komm ins
Freie Maria«
    Er nahm ihren Arm den sie ihm willenlos überließ und geleitete sie hinweg
    Nach dem Abendessen las Gräfin Dolph der Gesellschaft das Schreiben Tessins
ganz meisterhaft vor Etwas von allem war darin enthalten Ernst und Scherz
anschauliche Schilderungen von Land und Leuten ein kräftiger und rührender
Ausdruck des Heimwehs das ihn peinigte
    Fee zog sich sobald die Lektüre beendet war in ihre Gemächer zurück Kurz
darauf begab sich auch Gräfin Dolph von Hermann und Fräulein Nullinger
geleitet zur Ruhe
    Graf Wolfsberg blieb mit seiner Tochter allein
    »Hermann hat immer recht« sprach er nach einer langen Pause »Auch mir hat
es widerstrebt den Brief an den unglücklichen Forster zu öffnen Ich habe ihn
Tessin zurückgeschickt«
    »Ich danke dir Vater« erwiderte Maria mühsam und stockend »Ich hätte aber
gewünscht dass Graf Tessin gebeten würde es bei diesem Versuch mir Nachricht
von sich zu geben bewenden zu lassen«
    »Das soll geschehen«
    Sie hatten vermieden einander anzusehen nun plötzlich begegneten sich ihre
Blicke Eine große Zärtlichkeit ein großes Mitleid sprach aus dem seinen Er
streckte ihr die Hand entgegen er wollte reden
    Marias Mund verzog sich schmerzlich und sie machte eine flehend abwehrende
Gebärde
    Sehr lange hielt es Graf Wolfsberg in Dornach nie aus Die werktätige
Barmherzigkeit auf die seine Tochter sich ganz verlegte widerstrebte ihm Es
war ihm zu unangenehm sagte er an die Enttäuschungen zu denken die sie
erfahren werde nicht jetzt nicht in den nächsten Jahren doch in fünf in
zehn und nicht durch den Undank der unausbleiblich sei  Dank erwarte sie ja
nicht  sondern durch die Erkenntnis dass ihr Bestreben das materielle und
sittliche Elend der Leute zu verringern nutzlos und in manchen Fällen schädlich
gewesen sei Jedes Bestreben aber dessen Resultat negativ bleibt ist ein
unvernünftiges und demoralisierendes
    »Diese Leute«  wenn er die Worte sprach biss er die Zähne zusammen und Hass
und Grausamkeit blitzten aus seinen Augen  »sind faul heimtückisch
unverbesserlich Es ist noch jeder gescheitert der glaubte im Guten auf sie
einwirken zu können Ich habe ja nicht von Anfang an die Hände in die Taschen
gesteckt und zugesehen wie einer der Dummköpfe nach dem andern zugrunde geht
 Sie haben mich von meiner christlichen Barmherzigkeit kuriert sie selbst«
    »Weißt du Vater warum ihnen das gelang  Darf ichs sagen« fragte Maria
    »Nur zu«
    »Weil du sie nicht liebst und sie das fühlen«
    »Wohl mir und ihnen So bin ich sicher vor einem Girondistenlose und sie vor
einer neuen Gelegenheit zu zeigen wie sie Liebe vergelten Lass es gut sein«
kam er dem Einwand zuvor den sie erheben wollte »wir zwei werden einander in
dieser Sache nicht überzeugen«
    Der Sommer war vorbei auch Gräfin Dolph und Felicitas hatten Dornach
verlassen Die Zeit verging still und ereignislos Maria oft unwohl erlaubte
nicht dass Rücksicht darauf genommen werde Sie wusste dass ihr nur eines
frommte sich selbst vergessen ihre Leidenskraft stählen indem sie die Leiden
der anderen milderte »Meine Wohltäter« nannte sie die Hilfeheischenden Das
Laster das Unrecht die Torheit fanden in ihr eine hartnäckige Bekämpferin
Ihrer unerschöpflichen Langmut fehlte es nie an Gelegenheiten sich zu üben Und
nicht immer war es die Bürde schweren Ungemachs die mitzutragen sie eingeladen
wurde es befand sich auch sehr leichtes Gepäck darunter und lächerliche
willkürlich aufgehalste Last
    An einer solchen schleppte Lisette und machte unangemessene Ansprüche an die
Teilnahme »des Kindes« Sie hatte sich in den Kopf gesetzt was Doktor Weise
hindere um sie anzuhalten sei die Angst vor einem Korbe
    »Er ist ein so zurückgezogener Mann und kommt zu nichts« vertraute sie
ihrer Gebieterin »Niemand schaut auf ihn Seine Manschetten sind immer
zerdrückt und den Hemdkragen hat er neulich gar umgekehrt eingeknöpfelt
gehabt«
    Außer dem Wunsche das Recht zu erwerben für die Manschetten und Hemdkragen
Weises zu sorgen hatte sie noch den sehr großen »Frau Doktorin« genannt zu
werden Das ewige »Fräulein Lisette« Fräulein hin und Fräulein her war ihr
schon so zuwider sie konnte es nicht mehr hören »Geh sprich du mit ihm legs
ihm nah dass ich ihn nehmen möcht« mit dieser Bitte schloss sie regelmäßig ihre
Herzensergiessungen und erhielt jedesmal den Bescheid dass ihr Wunsch unerfüllbar
sei
    So blieb Lisetten am Ende nichts übrig als eigenmächtig einzugreifen in ihr
und des Doktors Geschick Sie ersuchte ihn eines Morgens sie mitzunehmen in
seinem Wagen in dem er jetzt täglich zu einem Patienten nach dem nahen
Städtchen fuhr sie habe dort einige Weihnachtseinkäufe zu besorgen
    Weise war dazu bereit »Es ist mir schmeichelhaft« sagte er als Lisette im
Pelzmantel und Kapuchon neben ihm Platz nahm »Wo darf ich Sie absetzen« dabei
lächelte er aber nicht aus Wohlgefallen an ihrer äußeren Erscheinung sondern
über den Einfall dass ihm noch nie eine Person vorgekommen sei mit einem so
ausgesprochenen Jahrmarktspuppengesicht
    Auch Lisette lächelte »Denken Sie jetzt schon ans Absetzen Das ist ja gar
nicht schön von Ihnen« Ihre Oberlippe zog sich in die Höhe und es kamen kleine
Mauszähne zum Vorschein die sehr gut gepflegt aber ziemlich abgenützt waren
Sie wurde nach und nach ganz deutlich in ihren Anspielungen und der Zaunpfahl
mit dem sie winkte keulenartig
    Dem Doktor stiegen wie er sich selbst gestand gewisse Apprehensionen auf
und er rückte so weit als möglich von ihr fort
    Sie sah darin eine Aufforderung seiner Gastfreundschaft sichs recht bequem
bei ihm zu machen lehnte sich zurück und betrachtete sein Profil Der Rand
seines weit hinausragenden Mützenschirms und die Spitze seiner Nase standen in
senkrechter Linie Mund und Kinn hingegen wichen wie aus Respekt vor dem
bedeutenden Gesichtsvorsprung jäh zurück Da fand die verwünschte
Zaghaftigkeit mit der Lisette heute einmal fertigwerden wollte ihren Ausdruck
    Nach einigen einleitenden Reden meinte sie den Streich führen zu dürfen Sie
tat es  der Doktor stellte ihr dieses Zeugnis aus als er sich von dem
erlittenen Angriff erholt hatte  mit hochgradiger Dezenz indem sie ihn fragte
ob er nie daran gedacht habe sich zu verändern
    »Doch doch vor Jahren einmal« seufzte er und zog ohne es zu wollen die
Zügel des lammfrommen Schecken an der sogleich stehenblieb sich aber auf den
Zuruf »Allons Allons« wieder in Bewegung setzte
    »Und seitdem nicht mehr Das ist schad und dann ist es auch traurig«
    Sie blinzelte schalkhaft zu ihm hinüber was ihn empörte und beängstigte Er
kam sich so hilflos und ihr preisgegeben vor in unendlicher Einsamkeit Soweit
das Auge reichte war nichts zu sehen als Schnee und Schnee und nichts
Lebendiges wahrzunehmen als der Scheck einige Krähen und das Frauenzimmer das
ihm »Avancen« machte
    Sie sprach viel und alles was sie sagte war entweder schmeichelhaft für
ihn oder für sie und ihm blieb nichts übrig als entweder »Das Fräulein sind zu
gütig« zu murmeln oder »Das Fräulein haben recht«
    »Ein solcher Mann« sprach sie nun milde »und hat keinen Herd«
    »Entschuldigen habe habe o einen vorzüglichen neuester Konstruktion«
    »Einen häuslichen mein ich Ein solcher Mann  und hat keine Frau«
    »Oh bitte bitte  die habe ich auch«
    Fräulein Lisette neigte sich so rasch zur Seite dass man es ein
SichzurSeiteWerfen hätte nennen können »Sie  Sie haben  eine Frau«
    »Ja freilich eine wunderhübsche«
    »Wo«
    »Bei ihren Eltern habe ich sie Ich habe sie ihren Eltern aufzuheben
gegeben«
    »Das heißt« berichtigte Lisette der plötzlich alles Zartgefühl abhanden
gekommen war »Sie haben sie fortgejagt«
    »Bitte bitte Eine so undelikate Maßregel ergreift man nicht gegen eine
Dame die man ohnehin unglücklich gemacht hat indem man ihr etwas höchst
Fatales eingeflößt«
    Seine Zuhörerin erschrak tödlich sie dachte an Gift
    Er aber flüsterte »Antipateia«
    »Jesus was ist denn das« rief Lisette
    »Ein inkurables und darum so perniziöses Leiden weil es den Menschen um
seine schönste Illusion bringt um die des freien Willens  Denken Sie sich
eine von den besten Absichten für ihren Eheherrn beseelte Frau die im
Augenblick in welchem sie dieselben betätigen soll von der heftigsten
Versuchung ergriffen wird ihm etwas an den Kopf zu werfen  und derselben nur
selten zu widerstehen vermag  dabei süßer Empfindungen durchaus nicht unfähig
 o nein wenn es auch dem Betreffenden nicht beschieden war sie zu wecken
außer  auf Distanz In je weiterer Entfernung er sich von ihr befand eine
desto hingebendere Gattin wurde sie ihm So sprach er denn eines Tages zu ihr
indem er sich an einen Dichter lehnte Wie gut wäre es Karissima wenn du um
mich mehr zu lieben dich für immer von mir entferntest  Sie tat es und
seitdem führen wir die musterhafteste Ehe Haben vor kurzem brieflich unsere
silberne Hochzeit gefeiert«
    Das Fräulein wollte ein etwas spöttisches Bedauern über »diese Gattung von
Verhältnis« äußern  der Doktor aber meinte »Ein Gutes ist jedenfalls dabei
dem Manne der schon im Besitz einer Frau ist kann niemand mehr zumuten eine
zu nehmen«
    Lisette machte unerhört alberne Augen und sprach nicht ein Wörtchen mehr
Sie war so vernichtet dass sie ihre sämtlichen Einkäufe in der Stadt besorgte
ohne zu handeln Drei Wochen mussten vergehen ehe sie sich von ihrer
Enttäuschung erholen konnte Dann wurde »das Kind« wieder der Mittelpunkt ihrer
Interessen und das angebetete Opfer ihrer engherzigen Liebestyrannei
    Wie am vorigen Jahresschlusse fand sich auch an diesem Gräfin Agathe in
Dornach ein Sie half die Christbäume schmücken für jung und alt für arm und
reich in der Halle und im Saal
    Dem Entzünden der Lichtlein stand aber sie allein vor
    Maria konnte nicht Zeuge der Freude sein die vorzubereiten seit Wochen und
Wochen ihr hauptsächliches Bemühen gewesen war In der heiligen Weihnacht gab
sie einem zweiten Sohne das Leben Er war so schmächtig und klein wie der erste
groß und stark gewesen Mit banger unausgesprochener Besorgnis sah Hermann
seine Mutter an als er mit ihr an die Wiege des Neugeborenen trat
    »Nein« sagte sie »er ist nicht schwach nur zart Er wird leben  zu
meiner Freude Das wird der meine sein unter deinen Kindern« Weich wie man sie
nie gesehen versenkte sie sich in den Anblick des Knäbleins und hielt die Hand
segnend über ihn ausgestreckt »Er hat schwarze Augen Hermann die Augen deines
Vaters und soll Erich heißen wie dein Vater«
    Maria kränkelte lange sie konnte dieses Kind nicht nähren sie hatte für
dasselbe nicht soviel Liebe wie für das ältere Sie verlangte nicht nach ihm
widersetzte sich nicht wenn man es forttrug aus ihrem Zimmer und es
beunruhigte doch niemanden und stellte unerhört geringe Anforderungen an seine
Umgebung Es lag oft lange ganz still mit weit geöffneten Augen
    »Fremde Augen hats und das Gesicht der Mutter« entschied die Wärterin
wenn jemand herauszubringen suchte wem es ähnlich sehe  Eine Spur von der
Seelenpein die sein Werden begleitet hatte spiegelte sich wider auf seinem
kleinen Angesicht und traurig staunend schien es zu fragen So also sieht es
aus in eurer Welt
    An Liebe litt es nicht Mangel Hermann zerfloss vor ihm in überquellendem
Erbarmen alle Frauen im Hause schwärmten für das Kind das etwas »ganz eigenes«
hatte sein Bruder verteidigte es wie ein kleiner Löwe vor den Ausbrüchen ihrer
Zärtlichkeit und brachte es gleich darauf in Gefahr von dem Ungestüm der seinen
erdrückt zu werden
    Der Winter verfloss Maria blieb müde und erschöpft Alle herbeigerufenen
Ärzte rieten wie Doktor Weise es längst getan zu einem Aufenthalt von mehreren
Monaten in Italien
    Die Kranke sträubte sich gegen eine Entfernung von daheim aber zum ersten
Male setzte Hermann dem Willen seiner Frau entschiedenen Widerstand entgegen
und sie musste sich fügen
    Gräfin Agathe kam nach Dornach um die Kinder in Abwesenheit der Eltern zu
betreuen Hermann und Maria reisten  Sie hatte schon vor Jahren mit ihrem
Vater das Land der Sehnsucht jedes künstlerisch Fühlenden besucht und fand nun
im Genuße der Wunder einer märchenhaft reichen Natur und einer Welt in der
»Sterbliche Unsterbliches geschaffen haben« die Empfindungen ihrer Mädchenzeit
wieder Wie oft atmete sie auf frei und leicht und sah ihr eigenes Bild so
rein wie die Seele ihres Mannes es widerspiegelte Ihre wankende Gesundheit
befestigte ihr erschütterter Mut stählte sich
    Es war krankhaft dachte sie zu glauben die Verirrung eines Augenblicks
könne nicht gesühnt werden durch ein ganzes Leben der Rechtschaffenheit und
Pflichterfüllung Fort mit den Gespenstern einer abgeschworenen Vergangenheit
Sie sind die Feinde eines Glückes das ungetrübt zu erhalten ihre wichtigste
Aufgabe war vor der alles andere zurücktrat des Glückes Hermanns Mit hoher
Freude erfüllte sie der Anblick der seinen Ihm aber durchsonnte ihre Heiterkeit
die Seele er lebte von ihrem Leben
    »Wir sind auf unserer Hochzeitsreise« sagte er
    Die Frau die Mutter seiner Kinder kam ihm jetzt oft vor wie eine Braut
doch nicht wie die kühle stolze die sie einst war  wie eine liebende Braut
    Und da kniete er vor ihr nieder und betete sie an Einmal rief er aus »Ich
bin zu glücklich ich verdien es nicht Ich habe eine Schuld abzutragen aber
statt sie einzufordern überhäuft mich das Schicksal mit immer neuen
Gnadengeschenken«
    »Du hättest eine Schuld abzutragen« fragte Maria »Die schwerste  einen
Frevel an dir Ich habe um dich geworben dein Ja erbettelt obwohl ich wusste
freudig gibst du es mir nicht Den ersten Kuss Geliebteste hat ein Ungeliebter
auf deine Lippen gedrückt Es war ein Verbrechen an dir  ein unsühnbares«
    Sie schrak zusammen bei diesem Wort Er nahm ihre Hände zwischen die seinen
»Maria wann werde ich wie werde ich dafür bestraft werden«
    »Nie gar nicht« stammelte sie verwirrt und drückte ihren Kopf an seine
Brust
Sie kehrten zurück Es war Abend als sie ankamen Die Kinder schliefen Hermann
blies die Wangen auf und hatte die Fäustchen fest geballt Er war groß und stark
geworden ein Knäblein wie ein junger kräftiger Baum  Das kleine unechte
Reis auf den reinen Stamm Dornach gepfropft Erich lag in leichtem Schlummer
zuckte und öffnete die Augen als seine Mutter ihm nahte Sie war betroffen und
befangen von dem geheimnisvollen Reiz der dieses Kind umwob wandte sich rasch
und trat an das geöffnete Fenster
    Würzige Düfte erfüllten die Luft melodisch rauschte es in den Bäumen
durchsichtige Schleier breiteten sich über die Wiesen leichter Rauch lag auf
den Höhen
    Weit herüber von der Straße die zum Dorfe führte vernahm man den Gesang
heimkehrender Feldarbeiterinnen Nah und näher kamen die Klänge einer
schwermütigen slawischen Volksweise Schon konnte man die letzten Worte des
Liedes unterscheiden
Schönheit dein Prangen
Liebe dein Glück
Alles vergangen
Kehrt nicht zurück
Ewig treu
Immer neu
Bleibt die Reu
Bleibt die eisgraue Reu 
                                       13
In der Nähe von Dornach auf dem seit langem unbewohnten Gute Rakonic hatten
sich zwei junge Ehepaare angesiedelt Die Männer waren Brüder die Frauen
Schwestern Sie gehörten den vornehmsten Gesellschaftskreisen an und betrieben
den Sport als Beruf mit angeborenem und energisch ausgebildetem Talent
Überdies gab es in etwas verwickelten Ehrensachen keinen höheren Richter als die
Grafen Klemens und Gustav und im Punkte echter Eleganz keine
nachahmungswürdigeren Vorbilder als die Gräfinnen Karla und Betty Wonsheim Es
gab auch in der weiten Welt nicht wieder vier Menschen von so vollkommener
Übereinstimmung in ihren Lebensanschauungen ihren Verhältnissen ihrer
Bravheit ihrer kindlichen Unwissenheit Den Brüdern sah man ihre nahe
Verwandtschaft sofort an Beide waren mittelgross und breitschultrig ihre
Scheitel schon etwas gelichtet sie hatten ein äußerst gelassenes Wesen
sprachen langsam und in derselben bedächtigen Art Im Äußeren der Schwestern
hingegen herrschte die größte Verschiedenheit Karla die ältere schlank und
blond glich der Schwindischen Melusine Betty braun klein neigte zur Fülle
und unterzog sich infolgedessen einem ziemlich strengen Training Sie rühmte
sich nie anders als mit dem Springgurt geritten zu sein »Was hat man denn für
einen Rapport mit dem Pferd« fragte sie »wenn man auf so einer Maschin von
einem Sattel oben sitzt« Ihre Lebhaftigkeit bildete einen angenehmen Gegensatz
zu dem gemessenen Benehmen ihrer Angehörigen Sie war sehr verliebt in ihren
Klemens und er ließ sich ihre Zärtlichkeit gefallen und hatte obwohl seit
einem ganzen Jahre verheiratet noch nicht eine Untreue an seiner kleinen Frau
begangen Gustav und Karla hingegen verkehrten miteinander mehr wie zwei gute
Gesellen denn als ein junges Ehepaar Jedes brave eheliche Verhältnis endet mit
Freundschaft sie ersparten sich den Umweg und fingen gleich bei der
Freundschaft an
    Sobald die Fahnen auf den Türmen des Schlosses Dornach die Anwesenheit des
Herrn und der Frau vom Hause verkündeten fanden Wonsheims sich dort ein und
wurden oft und gern gesehene Gäste Sie verlangten aber auch Erwiderung ihrer
Besuche Teilnahme an ihren Interessen Es verdross alle wenn eine ihrer
Einladungen von Maria ausgeschlagen wurde weil sie »zu tun« hatte  Und was 
Krippen errichten ein Versorgungshaus bauen ein Spital »und immer machen als
ob sie dabeistehen müsst  wenn das nicht Affektationen sind« meinten sie »dann
kennen wir uns überhaupt in solchen Sachen nicht mehr aus«
    Sie waren einmal von einem betrunkenen Taugenichts angebettelt worden der
ihnen auf die Frage woher er sei geantwortet hatte »Aus Dornach«
    »Wie  daher Gibts denn noch arme Leut in Dornach Dort is ja der Himmel
für die Armen«
    Der Taugenichts zwinkerte schlau und sprach in kläglichem Tone »Für den
armen Herrn Spitalsverwalter und Aufseher und wie die liebe Bagage sich
titulieren lässt  für die wirds wohl der Himmel auf Erden sein die liegen
auf der faulen Haut und fressen sich an Ein wirklich Armes hats in Dornach
grad so schlecht wie überall«
    Das war Wasser auf die Mühle der Wonsheim und sie fragten nicht ob es aus
trüber Quelle floss
    Eines Tages als wieder eine verneinende Antwort aus Dornach eintraf
schnellte Betty den Brief der die Absage enthielt durch das offene Fenster
dass er weithin flog die Luft mit der Kante durchschneidend »Der vierte Korb
den die langweilige Person uns gibt« rief sie und Klemens versetzte »Ihr
seids aber auch wie die Wanzen Lasst sie in Ruh«
    »Just nicht Sie darf nicht fort im Spital sitzen und sich mopsen Man muss
sie ein bissel aufmischen«
    Bettys Meinung drang durch
    »Mischen wirs auf« erwiderten Gustav und Karla und schon am nächsten
Morgen in aller Gottesfrüh kam die Familie in Dornach angesprengt um Hermann
und Maria zu einem Spazierritt aufzufordern
    Es war ein hübscher Anblick als sie im Schlosshof hielten die stattlichen
Herren und die anmutigen Frauen auf ihren schönen Rossen an denen jede Sehne
Kraft und jeder Blutstropfen Adel war In ihrer Begleitung befanden sich Flick
und Flock ihre Doggen die ernsten klugen die den Pferden wie angebunden im
jeweiligen Tempo dicht an den Hufen folgten Sie sahen nicht rechts noch links
sie kümmerten sich weder um einen aufschwirrenden Vogel noch um einen
aufgescheuchten Hasen aber einen Blick einen freundlichen Zuruf ihrer Herren
beantworteten sie mit Wonnegeheul und Freudensprüngen Jetzt waren sie
verdrießlich über die Unterbrechung ihres Morgenrennens
    Verdammte Dahockerei Wie lang solls noch dauern sagte Flick zu Flock
    Riech nur riech erwiderte der da kommen ja schon die Hunde mit ihren
Menschen Den Boxl den möcht ich durchbeuteln dass er nicht mehr wüsst wo sein
grauslicher Kopf ihm steht Er knurrte seine Haare sträubten sich
    Boxl lief auf ihn zu klein und frech der ganze Hund eine impertinente
Frage Was habt ihr bei uns zu suchen
    Die Spuren meiner Zähne in deinem Fell du Ratte und Flock wollte auf ihn
losfahren Aber sein Herr befahl »Kuschen« So drückte er denn die Augen halb
zu leckte die Schnauze und wandte dem Händelsucher der nicht aufhörte ihm die
größten Unannehmlichkeiten zuzukläffen den Rücken
    Flick setzte sich dicht an seine Seite und die beiden streckten die Hälse
wedelten mit den Schwänzen öffneten die gewaltigen Rachen und gähnten laut und
herausfordernd
    Inzwischen war die Einladung der Wonsheim angenommen worden Maria ging
sich umkleiden zu lassen die Pferde wurden vorgeführt Hermanns brauner Wallach
und Marias in letzter Zeit arg vernachlässigter Liebling Hadassa
    Fünfjährig mit feinem Kopf schlankem Bug breiter Brust breitem Kreuz 
tanzte sie einher auf elastischen makellosen Füßen Sie war wie grauer
wolkiger Marmor und rabenschwarz ihre spärliche Mähne und ihr an der Wurzel
spitz zulaufender Schwanz Als sie die fremden Pferde erblickte warf sie den
Kopf empor ihre dunkelbraunen aus dem mageren Gesicht vorquellenden Augen
sprühten sie blies die Nüstern auf wieherte drohend und stieg plötzlich auf
den Hinterbeinen in die Höhe dass der kleine Groom der sie fest an den Zügeln
hielt in der Luft baumelte wie ein Taschentuch
    Alle lachten Maria trat heran und streichelte den Hals der Stute Hadassa
jedoch ihr Gebiss kauend im Sande scharrend wich verdrossen vor der Gebieterin
zurück
    »Nervos« fragte die und schwang sich mit Hermanns Hilfe in den Sattel
    Sie hatte nicht daran gedacht den Tag mit einer Unterhaltung zu beginnen
sich heute besonders viel vorgesetzt war im ersten Augenblick unzufrieden
gewesen mit der eingetretenen Störung Bald jedoch schien sie ihr eine Wohltat
Erfrischend belebend wirkte auf sie die rasche Bewegung in der tauigen Kühle
des Morgens Die Nebel sanken die Sonne stieg hinter den Laubwäldern empor die
der Herbst schon bunt gefärbt hatte und überglänzte ihr geschminktes Sterben
    Die Reiter nahmen ihren Weg durch den Park Sie kamen an dem Aussichtspunkte
vorbei wo Marias erste Unterredung mit ihrem Bruder stattgefunden wo sie die
ersten Worte mit ihm getauscht der dem Verbrechen den Pfad zu ihr gebahnt
hatte
    Vorbei  vorbei  Trag mich hinweg Hadassa und sie führte unüberlegt
einen Streich mit der Gerte über die Schulter des aufgeregten Tieres Hadassas
Empörung war grenzenlos Sie bockte schlug und gab ein Beispiel trotziger
Unbotmässigkeit das bei den anderen Pferden Nachahmung zu finden begann
    »Nichts mit ihr zu machen Ich muss sie allein haben« sagte Maria »Wir
treffen uns beim Jägerhause« Und sich jede Begleitung auch die Hermanns
verbittend lenkte sie vom Wege ab auf das nahe Sturzfeld in dessen weichem
tiefem Boden Hadassa sich müde rennen sollte Ein grüner Wiesengrund begrenzte
das Feld und bildete das Ufer des klaren wasserreichen Flüsschens Es war
dasselbe das droben in den Bergen zu Füßen der Burgruine so prächtig übermütig
durch die Felsenriffe tobte
    Von weitem schon sah Maria seine glatte Oberfläche blinken Dort auf
sanfter Bahn im seichten Bette hatte es ausgestürmt
    Siehst du Hadassa für noch ganz andere Wildheit als die deine gibts nach
dem Auf und Abwogen der Hochflut die ruhige Ebbe des Gleichgewichts Du glaubst
nicht an deine Zähmung du Tolle Warte nur du musst erst müde werden
Vorgeneigt bis auf den Hals der Stute ließ sie ihr die Zügel Ein rasender ein
wonniger Ritt ein Flug über Gräben und Hecken  Hadassa spürt nicht mehr den
Boden unter ihren Hufen Hadassa ist ein Adler ist der Sturm von ihr getragen
zu werden und soviel Leben Kraft Feuer deiner Laune unterworfen fühlen dem
Drucke deiner Hand  das ist Seligkeit  Leugne sie wer sie nicht kennt 
Marias Herz öffnete sich ihr mit Entzücken Sie atmete erquickt und frei sie
war einmal wieder glücklich und ruhig und in ihrem Innern war Frieden  
    Wo hatte sie den gesucht  in der Pflichterfüllung im Wohltun in ihrer
mit Begeisterung ausgeübten Kunst Alles vergeblich Der Frieden der Seele ist
zu finden auf dem Rücken Hadassas im wilden Genuss eines sinnlosen Rennens und
Jagens Das schäumende Ross die glühende Reiterin sind von demselben Rausche
erfasst Hadassa ist nicht zu ermüden nur zu erhitzen Maria ihrer Herrschaft
über sie nicht mehr so sicher wie früher Um so schöner  es lebe die Gefahr
Aug in Aug mit ihr wird das Vergessen am tiefsten 
    Da war es gedacht und der Zauber gebrochen Des Vergessens gedenken heißt ja
sich erinnern Der Brust Marias entstieg ein Schrei und gellte unheimlich durch
die Stille  Aber horch es kam Antwort Ein dumpfes einförmiges Geräusch das
aus der Ferne herüberdrang gab sie Dort am Ausgange der Waldschlucht stand
eine Mühle und rastlos drehte sich ihr riesiges Rad getrieben vom stürzenden
Bach  Vorwärts auf sie zu  Hadassa biegt nicht aus Ein herbes Lächeln
verzog Marias Lippen  Armselig sogar an Erfindung ist das Leben Alles
wiederholt sich Das ist ja wie vor Jahren als sie fast noch ein Kind
demselben Tod dem sie jetzt entgegenjagt entgegengetragen wurde Einem
hässlichen Tod zwischen schwarzen triefenden Speichen und damals graute ihr vor
ihm  heute graut ihr nur noch vor dem hässlichen Dasein 
    Bleich die Augen weit geöffnet näherte sie sich mit entsetzlicher
Geschwindigkeit ihrem Ziele
    Da erfuhr sie etwas Seltsames Ist das immer so vor dem Ende  In alle
Seelentiefen fällt unendliches Licht die Wurzeln des Fühlens und Tuns sind
enthüllt Seines täuschenden Schimmers entäussert erscheint das Blendwerk der
Sinne und der Phantasie als ein hässliches Zerrbild Aber die reine von ihm
zurückgedrängte Empfindung prangt in herrlichem Glanze
     Nun wandeln zwei mutterlose Kinder die wohlbekannten Wege entlang nun ist
das Herz des besten Mannes verwaist  Warum warum Es hätte nicht sein
müssen  Schade um das vernichtete Glück
    »Maria« übertönte eine Stimme das Rauschen der Fluten »Maria« und sie
plötzlich zurückgerufen in das Bewusstsein der Wirklichkeit fuhr zusammen und
riss die Zügel an
    Hadassa bäumte sich dann stand sie gestreckt mit rauchenden Nüstern mit
zurückgelegten Ohren Wo war sie hingeraten in ihrem närrischen Lauf Was für
ein wasserspeiendes Ungeheuer war das dem sie im Begriff gewesen in den Rachen
zu springen
    Sie erschrak und zugleich freute sie sich denn aus dem Winkel wo das
brausende Scheusal sein Wesen trieb kam ihr guter Kamerad und Stallnachbar der
braune Bob einhergetrabt
    Auch er war aufgeregt sein Reiter aber ganz ruhig und der rief »Was
gibts ist sie durchgegangen«
    Maria stammelte ein undeutliches »nein« Ihr war zumute wie einem auf der
Flucht ereilten Verbrecher Mitten in fast übermenschlichem Ringen nach
Selbstbeherrschung erzitterte sie von Schauern durchfröstelt Die Augen
desjenigen dem ihre letzten Gedanken gegolten ruhten auf ihrem Angesicht
Spiegelte es die Kämpfe wider die sie eben durchgemacht
    Hermann hatte sein Pferd gewendet und ritt nun neben ihr an der Mühle
vorbei Er neigte sich zu Maria legte seine Hand auf die ihre und sagte »Du
bist ganz blass«
    »Wirklich« Sie zog ihr Taschentuch und presste es an ihre Stirn
    »Mir war bang Hadassa  sie hat heute einen bösen Tag  könnte an der Mühle
nicht allein vorüber wollen So bracht ich einen Begleiter«
    »Aber wie kommst du hierher«
    »Quer übers Feld Du machtest einen Bogen ich habe dir den Weg
abgeschnitten«
    »Und noch Zeit behalten mir in erhabener Bedächtigkeit entgegenzutraben
Auch eine Leistung Bravo Bob« Sie klopfte den Hals des schweiss und
schaumbedeckten Pferdes »Ich liebe dich«
    Hermann lachte sie an »Der Glückliche sein Herr beneidet ihn«
    »Hat keinen Grund dazu« sagte sie ernst und warm
    Er drückte ihre Hand die er noch immer in der seinen hielt »Das sagst du
ja als ob es dir leid täte« versetzte er im früheren Tone Aus seinem Blicke
sprach lautere Seligkeit und weckte einen Widerschein in der Seele Marias
    Was ihr vorhin gedämmert hatte es durchdrang sie jetzt mit dem Lichte und
mit der Kraft sonnenklarer Überzeugung Das Beste und Höchste an ihr das worin
alle edlen Eigenschaften ihres Wesens gipfelten war die langsam gereifte Liebe
zu diesem Manne
 
                                       14
Von nun an ließ sich Maria nicht mehr lange bitten dabeizusein wenn »etwas los«
war bei Wonsheim Aus der Rolle einer Zuseherin ging sie bald zu der einer
Mitwirkenden und endlich einer Anführerin über Schwungvoll wie eine Kunst
nicht mit der Nüchternheit eines Handwerkes wollte sie den edlen Sport betrieben
sehen Den der Jagd zum Beispiel an dem Karla und Betty leidenschaftlich Anteil
nahmen Was man so vortrefflich auszuüben versteht soll auch schön ausgeübt
werden
    »Machen wir ihnen eine Freude« sagte sie zu Hermann »lassen wir für ein
paar Tage das Goldene Zeitalter der Jagd wieder aufleben zaubern wir uns an den
Hof Augusts des Starken oder nach dem Jagdschloss Blankenburg Veranstalten wir
ein Fest bei dem einmal gezeigt wird was das Haus Dornach vermag denke nur
dass ich selbst es noch nie in seinem Glanze gesehen habe«
    »Ein schweres Versäumnis« erwiderte er »aber wir wollen es gutmachen«
    Die öden immer verhangenen Prunksäle wurden dem Licht und der Luft
geöffnet und es zog wie ein Erwachen durch die Räume Ein leises Knistern erhob
sich in dem alten Schnitzwerk und Getäfel der Wände ein plätscherndes Geräusch
in den meergrünen goldbefransten vom Winde der durch die Fenster drang
geblähten Vorhängen und Draperien Die Prismen der kristallenen Kronleuchter
schlugen lustig aneinander mit feinem hellem Klang Und erst auf dem Orchester
im Tanzsaale wie ging es da zu Da wurde gestimmt und geübt und Straussische
Musik einstudiert Eine stürmische Auferstehung für die Streichund
Blasinstrumente die geruht hatten in ihren Särgen seitdem sie der längst
vergessenen Weise eines Menuets à la reine ihre Stimmen geliehen Der greise
immer mürrische Schlosswärter der sich als der eigentliche Schlossherr
betrachtete griff ungern genug auf Hermanns Befehl nach seinem Schlüsselbund
Und die eisenbeschlagenen Eichenschränke in der Silberkammer lieferten die
Schätze aus die ihr Hüter sorgsam pflegte und geizig verbarg vor der Neugier
der Laien Da kamen sie hervor und schmückten die Tafel im großen Speisesaal
die phantastischen Aufsätze und Trinkschiffe die Nautilusschalen die
romanischen Pokale und die gotischen mit ihren kleinen durchbrochenen Türmen
Spitzbogen und Fialen Kannen Becher Schüsseln in bewunderungswürdig
getriebener Arbeit mit Figurenreliefs eingeschmolzener Emaillierung
eingesetzten Edelsteinen Triumphe der Goldschmiedekunst die Hand Jannitzers
Eisenhoidts Dinglingers verratend dieser bescheidenen Meister einer
Kleinkunst aus deren Werkstätten so viele große Künstler hervorgegangen sind
    Die Einladungen zu dem Feste waren im Stile des 18 Jahrhunderts verfasst
Die »Kavaliere und Dames« wurden gebeten nach dem Kesseltreiben das an der
Stelle des historischen Fuchsprellens abgehalten werden sollte »in
grünsammetener mit Silber verschamerierter Kleidung« beim Mahle zu erscheinen
Zur Jagd selbst kamen die Gäste natürlich in beliebigem Kostüm »Je schäbiger
je schickiger«
    Karla und Betty Wonsheim die das Wort erfunden hatten brachten es zu
Ehren sahen jedoch nicht vorteilhaft aus in ihren zerdrückten Hüten ihren
alten Paletots kurzen Röcken und abgetragenen Schnürstiefeln
    Wenn aber die Herren mit ihren ledernen Jagdhosen die Zimmer putzen lassen
um ihnen jeden Schein von Neuheit zu benehmen dürfen die Damen nicht
zurückbleiben und auch ihre Ausstaffierung muss die Spur von hundert blutigen
Schlachten gegen Haarund Federwild tragen
    Als die Gäste versammelt waren fand frei nach Döbel der Aufzug statt den
Willy Wilhelms Erstgeborener mit dem bloßen Hirschfänger in der Rechten
anführte Ein ergötzliches Schauspiel bei dem weder die Schar der Leute im
»wilden Mannshabit« noch der Künstler der den »pohlnischen Bock« pfeifen
konnte noch der Waidmann fehlte der das Parforcehorn musikalisch zu blasen
verstand
    Die Gesellschaft spendete reichlichen Applaus und bestieg in bester Stimmung
die Wagen die sie nach dem Revier brachten wo der erste Trieb stattfand Der
letzte sollte die Jäger am Nachmittag in die Nähe des Schlosses zurückführen
und diesen versprach Maria den Bitten aller nachgebend mitzumachen
    Zur bestimmten Stunde verließ sie das Haus Es war kalt ein scharfer Nord
hatte sich erhoben fegte den dünnen harten Schnee in die Gräben und Mulden und
blies von Zeit zu Zeit einen Schauer feiner Eisnadeln über die Felder
    Still und schweigend kamen die Jäger heran die flügelführenden an der
Spitze Der Ordner befahl Halt und nun teilte sich der Zug In gleicher
Entfernung von dem anderen ging je ein Schütze zwischen zwei Treibern seinem
Stande zu
    Seit ihrer Kindheit hatte Maria nicht mehr an einem Kesseltreiben
teilgenommen und nur einen verworrenen Eindruck davon behalten Nun schritt sie
neben Klemens dem sie schon am Morgen ihre Begleitung zugesagt hatte und der
ihr ganz merkwürdig vorkam Eine heftige Aufregung spiegelte sich in seinem
sonst so phlegmatischen Gesicht aber er blieb stumm
    Der Kreis war geschlossen die Jäger begannen vorzurücken
    Alles noch regungslos da drin in dem seichten leicht beschneiten
Ackergrunde der sich gleichmäßig senkt und dann wieder erhebt bis zur Einhegung
des Parkes
    »Die Hasen waren klug« sagte Maria »Sind alle fort im Walde«
    »Sind da ducken sich nur« antwortete Klemens
    Die Treiber begannen ihre Klappern zu rühren Ein zerlumpter Junge in
durchlöcherten Socken sprang vor Maria her offenbar in der Absicht von ihr
bemerkt zu werden Er jagte auch wirklich einen Hasen auf Dann rückten drei
andere nach vier sechs  Der erste Schuss knallte ein großer fetter Hase
stürzte und blieb auf der Stelle
    »Das war die Betty« murmelte Klemens und ein Ausdruck leidenschaftlichen
Neides umzuckte seinen Mund Seine Hände zitterten er schoss und fehlte schoss
wieder und traf aber schlecht Auf drei Läufen sprang sein Opfer dem nächsten
Nachbarn in den Schuss Nun nahm er sich zusammen nun war er wieder er selbst
Wohl dem Meister Lampe der ihm kam er hatte nicht lange zu leiden
    Der Kreis wurde immer enger es wimmelte von Wild  Aus der Erde schien es
zu wachsen erhob sich aus jeder Furche sprang hinter jeder Scholle hervor
wandte alle seine Finten vergeblich an stürzte herum im Wahnsinn der Angst
schrie dass es einen Stein erbarmt hätte  und Jägern Vergnügen machte Und erst
dem Volke Welchen Feiertag begeht heute das Volk
    Das feigste Tier das völlig wehrlose zusammentreiben auf einen Fleck damit
es dort lustig niedergeknallt werde nachhelfen mit dem Stock wenn das Gewehr
sein Werk nur halb getan totmachen so recht nach Herzenslust und noch Geld
dafür kriegen das ist ein Gaudium für den armen Mann und für sein Kind eine
Schule in der es etwas lernen kann
    Der letzte Trieb der schönste Trieb Wer hätte das erwartet Die meisten
Herren und alle Damen wurden von einem Rausch ergriffen Angesichts solcher
Massen Wildbrets wird der kaltblütigste Jäger hitzig Das Abc der Wissenschaft
geht ihm verloren er zielt kaum mehr kümmert sich nicht darum ob »das
Material« zuschanden geschossen wird
    Die Strecke bedeckt sich mit totem verendendem verstümmeltem Getier Es
düngt den Boden mit seinem Schweiße es wird geknickt erwürgt die Treiber
binden ihm die Hinterläufe zusammen und beladen ihre Stöcke mit der noch
zuckenden Beute
    Maria hatte weggeblickt Widerwillen Ekel ein großes Staunen erfüllte sie
die sich da ergötzen an den Qualen eines armseligen Geschöpfs das sind lauter
gute Menschen
    »Gräfin schauen S her« rief Klemens mit seinem heitersten Lachen
    Auf zehn Schritte von ihm hatte ein alter blinder Hase sich hingepflanzt und
machte ein Männchen Beide Löffel waren ihm abgeschossen und die Farbe lief
über seine erloschenen Lichter Er wischte sie mit den Vorderläufen langsam ab
schüttelte sich loste nach rechts und nach links senkte traurig seinen
kugelrunden Kopf und sah unglaublich dumm aus
    »Den Gnadenstoss ich bitte um den Gnadenstoss für ihn« sprach Maria
    Klemens gab Feuer Der Hase lag und  unweit von ihm der kleine Treiber der
aus vollem Halse schrie und ein Bein in die Höhe streckte
    »Patzer« rief Betty herüber
    Im selben Augenblick gab der Hornist das Zeichen zum Schluss
    Maria war auf den Verwundeten zugeeilt Klemens folgte ihr langsam nach
Doktor Weise kam mit Riesenschritten heran Er trug eine Mütze mit Ohrklappen
stak in einem Pelze der ihm die Form eines Schilderhauses verlieh und war mit
doppelt soviel Jagdrequisiten behangen als er hätte verwenden können Mühsam
kniete er neben dem Jungen nieder untersuchte ihn genau und sprach »Ich
konstatiere dass dieser adolescentulus an der sura des linken Beines von einem
Schrot gestreift worden ist«
    »Das ist alles wirklich alles«
    Weise nickte »Alles«
    Nun erhob der Bursche ein Geschrei gegen das sein früheres nur ein Säuseln
genannt werden konnte Er tobte und kreischte »Ich hab eins der Herr Doktor
vergunnt mirs nit der Herr Doktor lugt Ich hab eins ich hab ein Schrot und
krieg fünf Gulden«
    »Immer die alte Komödie« sagte Klemens
    Der Doktor aber sprach nachdem er dem Patienten eine Maulschelle
verabreicht und sich mit Hilfe zweier Jäger aufgerichtet hatte »Verzeihen das
ist Ihre Schuld Herr Graf Wenn man jedem angeschossenen Treiber fünf Gulden
fürs Schrotkorn bezahlt darf man dann nicht staunen dass sich die Leute auf so
leichte Art etwas verdienen wollen«
In drei Sälen des Schlosses wurden die Gäste »magnifique traktieret« Hermann
erhob sich und leerte sein Glas »auf aller braven Jäger Gesundheit« Die
Hiftörner bliesen und zum Finale ließ die Jägerburschen das Waldgeschrei
ertönen
    Es war das stilvollste Fest das man denken konnte und mit weit mehr
historischer Treue ausgerichtet als der größte Teil der Gesellschaft zu
würdigen verstand Doch freute sich jeder an der entfalteten Pracht am Reichtum
und Geschmack der Kostüme
    Besondere Bewunderung erregte Karla Wonsheim die entzückend aussah in ihrem
grünen mit weißem Atlas ausgeschlagenen Sammetgewand und dem dunkeln
Federbarett auf ihrem hübschen Kopfe Sie schien in einem Diamantenregen
gestanden zu haben denn sie war vom Scheitel bis zu den Füßen mit einzelnen
dieser funkelnden Edelsteine wie übersprüht
    »Wen stellen Sie vor« fragte eine junge schlanke Landedelfrau mit
auffallend schönen Augen Baronin Wlasta Wynohrad Die Damen Wonsheim waren ihr
wie Sterne aufgegangen an ihrem beschränkten Horizont und sie kannte keinen
höheren Ehrgeiz als in der Nähe ihrer Idole geduldet zu werden
    »Wen ich vorstelle  das weiß die Frau vom Haus« gab Karla zur Antwort
»die hat unsere Kostüme vorgeschrieben«
    »Das meine nicht Ich lasse mir nichts vorschreiben Ich bin die Pfeife
nach der bei mir alles tanzt 18 Jahrhundert Jagdkostüm  va bene Das weitere
ist meine Sache«
    Karla ließ einen »unvertrauten« Blick über die Toilette der Baronin gleiten
und dachte Nicht recht präsentabel die brave Frau
    Diese zog ihre mageren Schultern in die Höhe streckte den langen Hals und
ließ die Freudenbotschaft von ihren Lippen schweben dass sie den nächsten Winter
in Wien zubringen werde
    »So« sprach Karla
    »Ja ja und ich werd schon oft zu Ihnen kommen und Sie bitten dass Sie sich
meiner annehmen Die Wiener Société ist sehr unfreundlich gegen neue
Erscheinungen«
    »Nur wenn sie uncommeilfaut sind«
    »Na das ist natürlich  gegen die bin ich geradeso  Aber je da schauen
Sie her die Wilhelmischen fangen schon an zu tanzen Komm  Oh weh«
unterbrach sie sich »jetzt hab ich mich wieder versprochen ich bitt um
Verzeihung«
    Ihre Entschuldigung wurde mit einem Kopfnicken quittiert Sie ließ sich
dennoch nicht abschrecken »Gehen wir in den anderen Saal« sprach sie und schob
zutunlich ihren Arm unter den der Gräfin
    »Der Tausend« lachte die »wir sind ja sehr intim wir zwei Davon hab ich
noch gar nichts gewusst«
    Wlasta errötete bis an die Ohren und Karla fuhr unbarmherzig fort »Warum
denn nicht als Nachbarn auf dem Landedas hat keine Konsequenzen  in der
Stadt mein ich Man ist dort schrecklich in Anspruch genommen Ich könnt Ihnen
sehen Sie liebe Baronin nicht einmal eine Stunde geben zu der ich zu treffen
bin«
    Die Baronin war nahe daran von einem Herzkrampf ergriffen zu werden Sie
rang nach Atem und brachte mit niedergeschlagenen Augen und gebrochener Stimme
die Worte hervor »Ich bin eine geborene Zastrisl«
    »Nein was Sie sagen« erwiderte Karla mit heiterem Erstaunen über diese
blendende Enthüllung Dann ging sie gefolgt von ihrem sehr düster gewordenen
Schatten auf Maria zu die umringt von einigen äußerst beflissenen Herren auf
einem Sofa der offenen Tür des Tanzsaales gegenüber saß
    »Die Baronin« sprach sie »möchte wissen wen ich vorstelle«
    »Du bist« lautete die Antwort »die lebendige Nachbildung eines Porträts
der Gemahlin des Herzogs Rudolf von BraunschweigLüneburg«
    »Lüneburg Hab mein Lebtag nichts von dem Neste gehört«
    »Ich auch nicht aber jetzt merk ich mirs« sprach Betty die gleichfalls
herangetreten war und die Hand auf Marias Schulter legte »Man wird so gelehrt
in Dornach Es geschieht alles mögliche für die Bildung der Gäste Das heutige
Fest zum Beispiel hast du wett ich nur arrangiert um uns hinterrücks etwas
aus der Geschichte beizubringen und aus der Geographie«
    »Solche Lektionen kann man sich schon gefallen lassen« fiel Karla ein und
Betty rief »Oh wie hab ich mich unterhalten Es war furchtbar lustig«
    »Und was denn am lustigsten« fragte Maria
    »Die Jagd natürlich Ich hab einunddreissig Hasen geschossen und einen
Fuchsen den mir übrigens mein schussneidiger Mann abdisputieren will Und du
hast dich doch auch unterhalten«
    »Auf der Jagd nicht«
    Die kleine Frau war außerordentlich erstaunt »Wie kann das sein«
    »Es ist mir eingefallen dass wir uns an Qualen ergötzen Der Anblick der
jämmerlich zugerichteten Tiere hat mich verstimmt«
    »Entschuldigen Sie Gräfin das ist Empfindelei« sprach ein jugendlicher
etwas affektierter Diplomat
    »Behauptet die Gedankenlosigkeit« versetzte Maria halblaut wie zu sich
selbst redend
    In ihm aber brodelte es vor Unwillen fast wäre er aufgefahren Gestern erst
hatten einige seiner hier anwesenden Freunde von Marias Unnahbarkeit gesprochen
und er hatte sich in die Brust geworfen und mit offenkundiger Absicht gesagt
»Ja ja ihr zu gefallen ist nicht leicht Man muss eben geistreich sein«
    Und jetzt und noch dazu in Gegenwart der Zeugen seiner Prahlerei
Gedankenlosigkeit Er wollte eine schlagende Antwort geben da ihm aber nichts
besonders Passendes einfiel entschloss er sich zu schweigen Die kleine
Beschämung die er erlitten hatte war verschmerzt als Karla sich mit den
Worten zu ihm wandte »Ich bin Ihnen noch einen Walzer schuldig vom Fasching
her Soll ich bezahlen«
    Sehr geschmeichelt erhob er sich und wirbelte mit ihr davon
    Vetter Wilhelm aber der bei Wonsheim in hohen Gnaden stand musste mit Betty
tanzen um zu büßen für den schmachvollen Verdacht den er geäußert hatte dass
sie müde sei
    »Was müd  ich Ich bestell mir ein Pferd her um sechs Uhr früh und mach
noch einen Ritt von ein paar Stunden«
    Wilhelm lachte »Ganz wie ich damals als ich noch Leutnant war bei Kaiser
NikolausHusaren«
    Maria blickte sinnend mit immer unbeweglicher werdenden Augen in das
Gewühl fröhlicher geputzter Menschen und was sie sah war seltsam  Das
glänzende Bild goldbetresster Herren von Juwelen strotzender Damen des
altertümlichen Prunkgemachs worin sie sich bewegten wurde durchscheinend und
verschwand schemenhaft von einem tief dunklen Hintergrunde In dem war ein
Brausen und Grollen wie es dräut im sturmgepeitschten Meer Die Wellen türmten
sich bis zum Himmel stürzten in unermessliche Tiefen stiegen wieder empor um
wieder zu sinken ein ewiges Auf und Nieder
    Und ein Wehgeheul entrang sich diesem grausen Getümmel gejagter jagender
verschlingender verschlungener Wellen denn sie bestanden aus Tier und
Menschenleibern sie waren das gequälte Geschlecht der Lebendigen und der
Ozean der diese Fluten rollte war ein Ozean des Leidens 
    Manchmal erglänzte hoch am Horizont ein blinkender Stern und Millionen von
Menschenherzen erhoben sich sehnsüchtige Augen tranken lechzend sein zitterndes
Licht Aber nicht lange und sie wussten Der ihnen dort erglommen der
verheissende Schein war nur ein Widerschein des Trostverlangens der Hoffnung 
in ihrer eigenen Brust
    Und weiter rollt der Ozean des Leidens seine stöhnenden Fluten
    Aber sieh  was kommt auf ihnen dahergeschwommen In bewimpeltem
Schifflein eine lustige Schar übermütiger Männer und Frauen Sie scherzen sie
spielen sie liebeln und fahren sorgenlos hin  demselben Ende zu das der
Gepeinigten wartet 
    »Woran denkst du« fragte plötzlich eine sanfte Stimme Maria schrak auf wie
aus einem Traume Helmi stand neben ihr
    Und andere kamen und der Diplomat machte ihr auf Tod und Leben den Hof und
Klemens Wonsheim fühlte mit Missbehagen dass er einmal wieder im Begriff sei
sich in die Frau eines seiner Bekannten zu verlieben und sagte sich selbst
Unsinn dabei schaut wirklich nix heraus
    Einmal im Laufe dieser Nacht trat Maria an die Glaswand des Altans und schob
den Vorhang zurück Da lag vor ihr die weite beschneite Landschaft
weissschimmernd heller als der Himmel Oh diese anbetungswürdig schöne und doch
peinerfüllte Erdenwelt  Dein Werk du unbegreiflicher unbekannter Gott 
Sie besann sich eines Spruchs den sie in einem alten Buch gelesen und der
lautete
Als Vorsehung magst du ihn hassen
Den Künstler musst du gelten lassen
Einst hatten diese Worte ihr religiöses Gefühl verletzt  Einst
 
                                       15
Das Fest in Dornach rief eine Reihe mehr oder minder glücklicher Nachahmungen
hervor Es gab Bälle auf allen Schlössern der Umgebung sogar bei Wilhelms wurde
getanzt zum ersten Male seitdem sie Haus hielten Später kam der Eissport in
Aufschwung und man huldigte ihm auf das eifrigste Da zeigte sich Gustav
Wonsheim in seinem Glanze
    »Wenns friert« sagte Karla »dann kommt mein Mann in Feuer«
    Er fuhr wie ein Norweger auf dem Schneeschuh bergab und bergan er verstand
die Eispike zu gebrauchen wie ein Holländer auf dem Eislaufplatz beschämte er
den Amerikaner Haynes Seine Unermüdlichkeit im Veranstalten immer neuer
Wintervergnügungen im Freien war erstaunlich
    Im Dezember dieses Jahres gewann er ohne Notiz davon zu nehmen die Herzen
von sechzehn benachbarten Damendoch wandten sie sich im Februar fast alle von
ihm ab als ihn Hermann bei einem tollkühnen Schlittenrennen glorreich besiegte
    Die Zeit verrann Von Woche zu Woche wurde in Dornach und in Rakonic die
Abreise nach Wien verschoben und endlich ganz aufgegeben Die Balzjagden hatten
begonnen die Herrschaften fuhren fort sich auf dem Lande prächtig zu
unterhalten
    Maria führte ein eigentümliches Doppelleben Heute eine zweite Elisabet von
Thüringen morgen eine VollblutSportslady die das starke Geschlecht oft
übertraf an Kühnheit und »Schneid«
    »Ein Mordsweib die Dornach« sagte Klemens seufzend zu seinem Bruder Und
Gustav erwiderte zwischen zwei Zügen seiner Zigarette »Das weiß der Teufel«
    Klemens ließ sich in seinem Fauteuil hinabgleiten streckte die Beine weit
aus und legte den Kopf zurück »Wie sie gestern so scharf hereingfahren is«
sprach er »Auf einmal ruft die Betty sie an Ein Ruck  und die Braun stehen
wie die Mauern«
    »Ich sags ja als fourinhandKutscher kommt ihr keiner nach«
    »Das Aug die Hand und  die Ruh«
    »Der Kerl der Hermann der hat ein Mordsglück mit der Frau«
    Dem Beneideten indessen schien das was die hohe Zustimmung der Nachbarn
erweckte ein unheimliches Wunder Er suchte sich die leidenschaftliche
Zerstreuungssucht Marias als einen Rückschlag gegen ihre frühere Melancholie zu
erklären Pendelschwingungen der Seele von dem Äußersten zu jenem die nichts
sind als Vorbereitungen zur Rückkehr in ihre schöne wohltuende Gleichmässigkeit
    Eines Morgens kam Maria heim nach wildem Ritte durch die kaum wegsam
gewordenen Wälder Aus ihren schweren Flechten die sich nicht völlig unter den
Hut hatten zwängen lassen standen die Spitzen der Haare hervor glänzend wie
Seide unbändige Löckchen kräuselten sich über den aufgeregt funkelnden Augen
die schlanken Nasenflügel zitterten zwischen den leicht geöffneten Lippen
blinkten die weißen Zähne hervor Hastig berichtete sie von einer neuen
Verabredung mit Wonsheims für den Abend
    Eine Regung der Eifersucht durchzuckte das Herz ihres Mannes doch machte er
sich sogleich einen Vorwurf daraus »Du hast dich unterhalten« fragte er
    »Oh königlich« gab sie zur Antwort und er strich leise über ihre
geröteten Wangen »Den nächsten Winter verleben wir in der Stadt wenn es dir
recht ist Auf dem Lande haben wir zu wenig Ruhe was meinst du«
    »Was du meinst« gab sie zur Antwort und seine unausgesprochene Rüge
verfehlte nicht ihre Wirkung
    Maria besann sich auf sich selbst Ein Wort Hermanns hatte sie aus dem
Rausche geweckt in dem sie eine Art von Frieden gefunden
    Nun wollte sie mehr als seinen Schein sie wollte ihn selbst wiedergewinnen
den echten Frieden ohne den das Leben nutzlos und töricht ist
    Sie begann ihn zu suchen im Buch der Bücher in den Worten der Schrift die
sich nicht an die kalte Tugend wenden die für den reuigen Sünder gesprochen
sind Ihm gelten diese Verheißungen dem armen Zöllner der büssenden Magdalena
öffnen sich Vaterarme
    Maria erflehte und erhielt Entsühnung durch den Mund eines ehrwürdigen
Priesters und blieb vor sich selbst  unentsühnt
    »Was hilft Ihre Verzeihung mein Vater wenn ich mir nicht verzeihen kann«
fragte sie und der alte Seelenhirt erwiderte
    »Hat meine Tochter vergessen dass es die Verzeihung des Allbarmherzigen ist
und nicht die meine die sie in der heiligen Beichte empfängt«
    »Wenn es die Verzeihung Gottes ist warum fühle ich ihre Segnungen nicht
Warum trete ich von dem Tische des Herrn mit so schwerem Herzen hinweg als ich
ihm nahte«
    Ihr Gewissensrat holte vergeblich Trostgründe ohne Ende aus dem
unerschöpflichen Born des Glaubens hervor dessen treuer Bekenner er war
    Sie lag vor ihm auf den Knien im Beichtstuhl der Schlosskapelle das
Angesicht mit den Händen bedeckt und schluchzte
    Der Priester ließ einen Blick voll Wehmut über die Ringende gleiten und
sagte nach langem Besinnen »Die Wege des Herrn sind unerforschlich Es ist
schon vorgekommen dass ein reiner Mensch mit Zulassung Gottes in der Versuchung
unterlegen ist Das geschieht damit dieser Mensch sich nicht überhebe in seiner
Tugend Er fiel ja aber  dem Allgütigen zu Füßen dessen er im Frevelmute
vergessen und zu dem die Reue ihn zurückgeführt Dort liegt er fortan in Demut
und Zerknirschung einer von denen die dem Herzen des Ewigen näherstehen als
hundert Gerechte«
    Er gab ihr seinen Segen Sie erhob sich stumm und nie wieder klagte sie ihm
ihr Leid
    Der alte Geistliche aber beugte seinen kahlen Scheitel in frommer Einfalt
vor dem Bilde des Gekreuzigten bis zur Erde und sprach ein heißes Dankgebet Sei
gepriesen dass du auf die Lippen deines unwürdigen Dieners die Worte legtest
die eine Seele vor der Verzweiflung gerettet haben
    Maria ging von nun an ihren Weg allein und suchte nicht mehr nach Betäubung
oder Stütze Äußeren Gleichmut hatte sie endlich errungen der half ihr die
schwere Seelenpein verbergen ja er wuchs mit ihrem Streben nach
Vervollkommnung Sie war nachsichtslos gegen sich selbst wenn es die Erfüllung
auch der geringsten Pflicht galt  und hatte gegen ihre erste und höchste
gesündigt Sie trug das verfeinertste Rechtsgefühl in der Brust und  neben ihr
wuchs die Frucht des Unrechts auf ein Eindringling ein kleiner Dieb der
genoss was ihm nicht zukam Über ein schmerzliches Mitleid ging die Empfindung
Marias für das Kind nicht hinaus
    Aber Hermann Vater und Sohn schienen ihm die Zärtlichkeit ersetzen zu
wollen die seine Mutter ihm versagte Der vierjährige Majoratserbe ein großer
stämmiger Junge der so kühn und stolz einherging als ob die Erde ihm gehörte
zerschmolz vor dem »Kleinen« in Liebe und Ergebenheit Seiner Natur nach
kriegerisch und immer aufgelegt zum Schlage auszuholen mit seinen Fäustchen
entfaltete er jeder Laune seines Nachgeborenen gegenüber eine erstaunliche
Geduld Er parierte seine hölzernen Pinzgauer im sausendsten Galopp wenn Erich
mit Tränen in der Stimme rief »Genug die Pferde sind schon müd«
    Überlegen lächelnd sah Hermann zu wie sein Bruder die Gäule unter einer
Gartenbank vor ihm versteckte sie fütterte und sie zudeckte mit dem
Taschentuch
    Der Große beschützte den Kleinen bei hundert Gelegenheiten dieser
beschützte die Hunde vor Hermanns derben Zärtlichkeiten In solchen Fällen gab
es Püffe doch immer wars der Schwache der sie versetzte
    Ein festes Band zwischen den Geschwistern war die Freude am Erzählen des
einen die Freude am Zuhören des andern Es glänzte etwas wie Verehrung in
Erichs Augen wenn er den Geschichten seines Bruders lauschte Diese hatten eine
merkwürdige Ähnlichkeit untereinander und handelten immer wieder von der Wüste
vom Sturm und von den Löwen Manchmal wenn sich die Wüste so unermesslich
dehnte dass sie größer wurde als die Wiese drüben hinter dem Bach und wenn der
Sturm es zu wild trieb und die Löwen zu blutdürstig wurden da überliefs den
Kleinen sein Gesichtchen zog sich in die Länge er verschränkte seine Finger
krampfhaft über den Knien und ließ den Kopf auf die Brust sinken
    Glücklich über den Erfolg seiner Erzählungskunst warf Hermann den Kopf in
die Höhe und rief »Und ich werd hingehen und die Löwen totschiessen«
    Das war der Höhepunkt seines Triumphes und er genoss ihn ungestört bis
eines Tages der Kleine aufsprang die Arme ausbreitete und völlig begeistert
sprach »Und Erich wird zuerst hingehen und wird den Löwen zu essen geben«
    Von Stund an begann er den Gedanken an die Reise zu den Löwen mit einer
weit über seine Jahre gehenden Beharrlichkeit nachzuhängen Der Richtung
zugewandt die Hermann als diejenige bezeichnet hatte in der die Löwen wohnen
konnte er ganz in Gedanken versinken und still und freudig lächeln als ob die
schönsten Bilder vor ihm auftauchten
    Seine Mutter bekämpfte den Hang zur Träumerei in dem Knäblein Sie lehrte
ihn spielen sie zürnte wenn sie ihn müßig fand Doch selbst ihr Zürnen war ihm
Glück und Gnade sie beschäftigte sich ja mit ihm Er hörte ihr zu stand wie
ein Bildsäulchen und blickte mit seinen strahlenden Augen andächtig zu ihr
empor
    Maria hielt den liebewerbenden Blick des Kindes nicht lange aus
    Sie trat fort von ihm sie fragte sich schaudernd Sieht denn niemand außer
mir diese entsetzliche Ähnlichkeit  Niemand antwortete ihr die Unbefangenheit
der Ihren der Fremden eines jeden der dem Kinde nahte und in Bewunderung des
reizumwobenen Geschöpfchens ausbrach
    Sein besonderer Verehrer war der Doktor obwohl er sonst gesunden Kindern
keine Beachtung schenkte »Der Herr Graf Erich soll wie ich höre geistlich
werden« sagte er zu Lisette die lange mit ihm geschmollt es aber zuletzt
aufgegeben hatte weil er so gar nichts davon bemerkte »Da prophezeie ich
Ihnen aus dem macht man keinen Domherrn Der bleibt nicht im Lande  der wird
ein heiliger Reisender ein Missionär Schon jetzt ein Menschen und Tierfreund
und dazu einen unwiderstehlichen Zug hinaus ins Universum«
    Die gute Helmi und Wilhelm sagten oft dass sie sich einen Neunten gefallen
ließ wenn er ein Seitenstück zu Erich wäre »So poetisch schöne Kinder sind
gewöhnlich kränklich dieser aber sieht aus und befindet sich wie ein Cherub«
    Den Vergleich hatte zuerst Gräfin Agathe angewendet Sie entriss sich des
bevorzugten Enkels wegen früher als sonst ihrer klösterlichen Einsamkeit Den
scherzenden Vorwurf Hermanns er hätte nie geahnt dass sie so schwach und
nachsichtig sein könne wie sie es gegen seinen zweiten Sohn war ließ sie sich
gern gefallen  Er erinnerte eben an seinen Großvater
    Die Gräfin hatte das festgestellt und es blieb für die Mitglieder der
beiden Häuser Dornach ein Familiendogma was soviel heißt als ein Satz an dem
der gesunde Menschenverstand und die tiefste Einsicht zuschanden werden
    Als der Fasching heranrückte mahnte die Mutter Hermanns ihn und Maria von
neuem an ihre Pflichten gegen die Gesellschaft Graf Wolfsberg mit Geschäften
überhäuft und dadurch an Wien gebunden sehnte sich nach seiner Tochter Gräfin
Dolph schrieb
»Ihr seid noch zu jung um ganz zu verlandeln Kommt obwohl hier nicht viel los
ist Die Menschen werden immer dümmer und ihre Manieren immer schlechter Früher
wusste ich genau ob ich mit einem Fiaker rede oder mit einer Komtess jetzt irre
ich mich alle Augenblick Ob es noch junge Herren gibt werdet wohl Ihr
erfahren eine alte Frau bei der man etwas Geist den Erbfeind dieser Rasse
vermutet kann sie für ausgerottet halten  Ich gehe mit dem Gedanken um
literarische Abende zu veranstalten aber  die Literaten sind sämtlich
Ateisten  meine Nulle ist dagegen Um diese Seele sind wir im Streite der
liebe Gott und ich Ich glaube ich werde sie ihm überlassen
    Eure Wonsheim haben mich besucht Beide Männer sind in Dich verliebt
Maria zwei Waschbären die den Morgenstern anschmachten Sobald von Dir
gesprochen wird schnappen ihre Gesichter in die Falten der Demut ein
    Die besseren Hälften Wonsheim fangen an sich zurückzuziehen Aus Gründen
die man  wahrscheinlich um über ihre bitterliche Prosa hinwegzutäuschen 
interessante nennt
    Liebes Kind mein Horace Walpole beschämt sein Urbilder schreibt mir nicht
nur bewunderungswürdige und ergötzliche sondern auch liebevolle Briefe
Freilich wagt er nicht viel dabei auf diese Entfernung Das ist mein Schicksal
Der einzige gescheite Junggeselle auf Erden und  Meere zwischen uns Immer die
alte Geschichte alles Wiederholung auf dieser Erde die ja selbst keine
Originalschöpfung des lieben Herrgotts sondern nach einem vom Teufel
verfertigten Modell ausgeführt ist Ich habs aus sicherer Quelle
    Und nun sage ich Euch nochmals kommt reißt Euch los von Eueren Iffländern
Wilhelm und Helmi die ich grüße und von Euerem Euer Geld Eure warmen Suppen
und Jacken liebenden Volke
    Zuletzt die Tagesneuigkeit Alma ist in Wien Wir hörten dass sie
einschrumpfe vor Langeweile auf ihrer Burg im Wald Da schrieb ihr Dein Vater
die Barmherzigkeitslüge Ihre Freunde vermissen Sie warum halten Sie sich fern
Sie antwortete Ich werde mich ewig fernhalten und  war da«
»Wirst du sie sehen« fragte Hermann
    Maria errötete bis an die Stirnhaare »Ja«
    »So kannst du ihr verzeihen«
    »Ich Wie käme es mir zu  Und irgendwem« verbesserte sie sich in
Verlegenheit gebracht durch sein Befremden über diese Worte »Wer ist so rein
wer steht so hoch dass er sich anmassen dürfte zu sagen Ich verzeihe fremde
Schuld«
    Wenige Wochen später begegnete sie Alma auf einem Balle begrüßte sie
zuerst empfing am folgenden Tage ihren Besuch und erwiderte ihn
    Fürstin Tessin dankte mit Tränen in ihren noch immer schönen Augen
    Die Freundschaft Marias war der stolze Besitz gewesen auf den sie sich
berufen konnte in ihrem Kampfe zwischen ihrer Furcht vor der Meinung der Welt
und ihrer Liebe zu Wolfsberg Zwei starke Empfindungen in einem schwachen
Herzen das nicht vermochte der einen zu trotzen oder die andere aufzugeben So
hatte sie sich durchs Leben gewunden überaus höflich überaus gütig in jedem
der ihr nahte einen Richter sehend den sie zu bestechen suchte Als Maria
begonnen hatte sie zu meiden da war ihr als ob die letzte Hülle gerissen
worden wäre von ihrem durchsichtigen Geheimnisse Jetzt aber hatte ihre
Beschützerin sich wieder eingefunden und sie fühlte sich nach Möglichkeit neu
hergestellt in den Augen der Menschen deren Urteil bei ihr die Stelle des
Gewissens vertrat
    Graf Wolfsberg äußerte sich über die Wiederanknüpfung des Verkehrs zwischen
seiner Tochter und Alma weder zustimmend noch missbilligend Man geriet langsam
in die alten Geleise zurück Wolfsberg spöttelte zeitweilig ein bisschen über
»die gute Fürstin« Maria verteidigte sie wenn auch nicht so warm wie einst
    Die Wahrnehmung Tante Dolphs erwies sich als richtigbeide Wonsheim liebten
gänzlich hoffnungslos die Frau Nachbarin vom Lande Diese hatte seit einiger
Zeit bedeutend »ausgespannt« aber trotzdem war und blieb sie  in der Stadt wo
sich unzählige Gelegenheiten zu Vergleichen boten sah man das erst recht 
schön elegant und sympathisch wie niemand
    Die Brüder gingen einzig und allein ihretwegen in die Welt Betty und Karla
kürzlich Mütter geworden hüteten das Haus Glückwünsche zu ihrer jungen
Vaterschaft wiesen die Wonsheim zurück »Ich bitt Sie es sind ja nur Mädeln«
    Der gute Kerl der Hermann bekam einen Sohn nach dem anderen und sie
bekamen  Mädeln Sie suchten Trost für dieses klägliche Resultat in allerlei
Zerstreuungen
    Zu denen gehörte »der Spaß« den der Umgang mit Fee ihnen machte Sie waren
ihre Vertrauten sie erzählte ihnen alles und das übrige Zum Beispiel dass sie
eine überseeische Korrespondenz führe und das Leben jetzt sehr ernst nehme ja
sogar wie ein gewisser Jemand der ihr massgebend war  von der
Schokoladenseite Dass sie mit dem Gelde umgehen lerne und ihre Rechnungen nicht
selten mit eigener  natürlich behandschuhter  Hand bezahle Den Kurszettel
lese sie Tag für Tag Es könne auf einmal dazu kommen dass man gezwungen sei
Obligationen zu verkaufen um die Kosten einer weiten Reise die vielleicht gar
eine Hochzeitsreise sein werde zu decken
    Gräfin Dolph bei der Fee den größten Teil ihrer Zeit zubrachte und die
ebenso tief in ihre Geheimnisse eingeweiht war wie die Brüder Wonsheim machte
ihr keinen Vorwurf aus ihrer Plauderhaftigkeit
    »In der Welt die nur eine erweiterte Familie ist weiß ohnehin jeder alles
von jedem« sagte sie eines Abends zu Fee in Marias Gegenwart
    »Glaubst du das wirklich« fragte diese »Ich meine die Welt und die
Familie wissen so gut wie nichts von ihren Mitgliedern Ich wenigstens« brach
sie plötzlich aus »habe eine Vorliebe für ihre Zurückgesetzten und eine heilige
Scheu vor ihren Vergötterten«
    »Dann misstraue dir selbst« erwiderte Dolph
    »Vielleicht tu ichs« sprach Maria
    Die Tante zuckte die Achseln scheinbar gleichgültig in ihrem Innersten
jedoch regte sich ein stiller immer wieder auftauchender unbequemer Zweifel
Sollte Tessins Liebe nicht unbelohnt geblieben sein Pah wer dem
Unwiderstehlichen nicht widersteht ist entschuldigt setzte sie in Gedanken
hinzu und sprach »Das sind verzeih krankhafte Übertreibungen«
    Selten nur ließ sich Maria zu dergleichen Äußerungen hinreißen Sie wurden
ihr von der Angst ihres Herzens erpresst von der verzweifelten Versuchung Komm
der Entdeckung zuvor  jede Stunde kann sie herbeiführen  der Zufall der
geheimnisvolle Weltbeherrscher den keine Macht der Erde abzuwenden vermag
    Das waren schwere Augenblicke aber Maria hatte doch auch Zeiten des inneren
Friedens  diejenigen in denen es ihr gelang zu vergessen Mit weisem Bedacht
mit unendlicher Mühe übte sie sich im Erlernen dieser großen für so manchen
seelenbefreienden Kunst
    Sie lebte in der Gegenwart der Linderung des Leids das ihr nahte der
schüchternen Liebe zu ihrem Manne der mit Wonne und Qual ausgeübten Sorgfalt
für ihre Kinder Oft wiederholte sie sich das Trostwort Ein ganzes Dasein der
Rechtschaffenheit muss eine Stunde der Verwirrung aufwiegen können  Können 
erhob der peinigende Zweifel in ihrer Brust seine Stimme  vielleicht wenn
dieses Dasein nicht so süß wäre wenn die Folgen der Verirrung nicht verkörpert
atmeten
 
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Im Laufe des Winters hatte Gräfin Agathe öfters den Wunsch ausgesprochen ihre
Kinder und Enkel unmittelbar nach ihrem Aufenthalt in der Stadt bei sich zu
sehen Sie kamen und die Gräfin verlangte immer von neuem eine Verzögerung der
Abreise ihrer Gäste Erichs wegen  das Kind hatte es ihr angetan Oft blickte
Hermann ihr nach wenn sie viel älter aussehend als sie war steif und
feierlich dahinschritt den Kleinen an der Hand den sie ins Herz geschlossen
hatte und dem gegenüber sie es so bitter empfand dass ihr die Gabe mit Kindern
umzugehen versagt geblieben
    Dem Kinde war unheimlich zumute bei dieser stummen Liebe Was sollten die
Spaziergänge die nirgends hinführten und während welcher nicht einmal eine
Geschichte erzählt wurde Erich machte schwache Versuche seine Hand aus der der
Großmutter zu lösen aber dann sagte sie »Bist du nicht gern bei mir Erich«
    Er unterdrückte aus Angst das Nein das ihm auf den Lippen schwebte und
fragte nach einer Weile ganz verlegen »Und was werden wir jetzt spielen«
worauf die alte Dame nach einigen misslungenen Versuchen sein Interesse auf
einen vorbeischwirrenden Vogel oder auf eine Blume am Wege zu lenken ihn zur
Kinderfrau zurückführte
    Es war schon Sommer als die Familie endlich in Dornach eintraf Auf den
Wiesen trocknete die erste Mahd Betäubend fast dufteten die blühenden Linden
die Saaten standen hoch die Vögel flogen zu Neste
    Aus dem Wagen in dem die letzte Strecke zurückgelegt wurde riefen die
Kinder jedem Vorübergehenden jubelnd zu »Wir sind da wir sind wieder da«
    Ein eggendes Bäuerlein riss sein Gespann zusammen dass die Kummete den
Pferden bis an die Köpfe rutschten und schwenkte freudig den Hut Weiber die
Gras sichelten am Raine richteten sich auf und grüßten unbeholfen »Kommt ihr
einmal nach Haus  Wir haben schon geglaubt wir sehen euch nimmer« sprach
eine kleine schiefe mit langen Armen Und eine bildhübsche schlanke zog das
Kopftuch über die Augen stemmte die Fäuste in die Seiten und wand sich vor
Lachen  aus lauter Vergnügen Die Schule spie eben ihren ganzen Inhalt an
männlichen und weiblichen Besuchern aus Ein ohrenzerreissendes Geschrei erhob
sich Mützen flogen in die Luft am Ausgange des Vorgärtchens entstand ein
großes Gedränge Der Herr Katechet fuhr aus der Haustür wie aus der Mündung
einer Bombe mitten hinein in die lärmende Schar Mit geübter Hand teilte er
rechts und links Klapse aus und grüßte dazwischen auf das ehrerbietigste zu den
Herrschaften hinüber
    Hermann befahl anzuhalten man wechselte einige Worte die ganze Schule
wurde für den nächsten Sonntag zu einem Kinderfest im Parke geladen und die
Equipage fuhr davon In ihrer Begleitung ritt seit der Ankunft auf der
Bahnstation ein EinjährigFreiwilliger vom zwölften Dragonerregimente Ein
schöner großer Mensch hellblond blauäugig mit gutmütigem Kindergesicht Es
war Willi Wilhelms Ältester auf einem mächtigen Braunen einem Geschenk
Hermanns
    Der junge Mann hatte im Vorjahre ein glänzendes Zeugnis der Reife erworben
stationierte jetzt in der Nachbarschaft und sollte im Herbst unter der strengen
väterlichen Zucht von der Pike auf anfangen in der Wirtschaft zu dienen Ihm kam
es zu einzuspringen für seinen Vater im Falle dem heute oder morgen die Kraft
versagen sollte den Unterhalt zu schaffen für die Seinen Und mehr als den
Unterhalt nach Wilhelms Begriffen sogar den Wohlstand Immer waren seine Kinder
satt vom Tische aufgestanden immer ward jedem der acht Rangen Gelegenheit
geboten zu lernen von früh an schon in die Bahn einzulenken auf die seine
Neigung und sein Talent ihn trieben Und die Urheberin der Möglichkeit ihnen
soviel zu bieten das war die gute heimatliche Erde die alles hergab was ein
getreuer Sohn und Pfleger von ihr verlangen durfte
    In schweren Zeiten die dem Landwirt nicht erspart bleiben hatte sich
Wilhelm manchmal dazu bequemen müssen die mit erfinderischer Delikatesse
dargebotene Hilfe seines Vetters anzunehmen Aber es geschah so widerstrebend
dass Hermann immer die Geduld verlor »Was soll das Du beleidigst mich  Meine
brüderliche Liebe nimmt er an ja meine armseligen Groschen  ah Gott
bewahrs nein die nicht da wird protestiert Warum möcht ich doch wissen
warum«
    »Weil ich den nicht mag dem ich etwas schuldig bin« antwortete Wilhelm und
bekam einen blauroten Kopf »Nicht mag hol ihn der Kuckuck ich sags wies
ist Wenn mir einer unter die Arme greift komm ich mir vor wie ein Bub So bin
ich Mach mich anders wenn du kannst«
    Das allerdings konnte Hermann nicht und ganz gut und herzlich wurde Wilhelm
erst wieder nachdem er die bei seinem nächsten Verwandten und besten Freund
eingegangene Schuld abgetragen hatte Ja er war unverbesserlich und Hermann der
letzte der zum Prediger in der Wüste zum Prediger überhaupt taugte Wenn etwas
seinen Spott reizte wars der Hang zur Hofmeisterei von dem die meisten Leute
erfüllt sind den sie aber ins Gewand einer Tugend kleiden und für Teilnahme
ausgeben Hermann vermochte nicht einmal einen Fehler unter dem er litt an
Menschen die er wert hielt zu rügen
    So schwieg er auch lange dazu dass Maria ihr liebliches zweites Söhnchen
auffallend gegen den älteren den selbständigen von Kraft strotzenden Knaben
zurücksetzte und verbarg ihr sein schmerzliches Befremden bei jedem Zeichen der
Ungleichheit in ihrer Empfindung für ihre Kinder
    Sie ahnte vielleicht nichts davon Die Veränderung in ihrer ganzen Art und
Weise wenn sie sich von dem Kinde zu jenem wandte ging vor  ihr selbst
unbewusst Wenn aber unbewusst warum geschah es dann dass Maria eine manchmal dem
Kleinen gespendete Zärtlichkeit wie einen an ihrem Erstgeborenen begangenen Raub
anzusehen schien den sie hundertfach zu vergüten suchte
    Danach fragte er sie endlich doch und ihre Antwort war ein so peinlich
verwirrter Blick dass Hermann dachte Sie gibt sich Rechenschaft von ihrer
Ungerechtigkeit bekämpft gewiss das Gefühl das sie dazu treibt und wird es
auch besiegen
    Um diese Zeit übersiedelte Fee die sich kürzlich im Gefolge Tante Dolphs in
Dornach eingenistet zu ihren Freunden Wonsheim
    »Prächtige Leut die da drüben« sagte sie »es is aber vor Langerweil bei
ihnen nicht auszuhalten Immer nur die Familie Wilhelm immer nur Eintracht
immer nur Liebe  und noch dazu eine bei der man nicht beteiligt is  Nein
ich dank«
    Die Brüder gaben zu überlegen ob es nicht recht praktisch wäre abermals
aufzumischen Ein Versuch der gemacht wurde fand jedoch wenig Anklang Es
stellte sich bald heraus dass die amüsanteste Person im Hause Dornach in diesem
Augenblicke »die alte Dolph« war Sie hatte wenigstens eine gehörige
Leidenschaft für das LawnTennis den einzigen Sport den die »fad« gewordenen
Nachbarn nicht aufgehört hatten zu pflegen Ihre Kopfschmerzen quälten sie auf
dem Lande weit mehr als in der Stadt unter allen Dingen die sie anfeindete
nahm die Zugluft einen hervorragenden Platz ein trotzdem aber konnte sie beim
Tennis stundenlang ausdauern in ihrer Rolle als Schiedsrichter als drakonisch
strenger Umpire
    Weil sie dabei Gelegenheit findet zu seckieren dachte Fräulein Nullinger
    Wenn die Gesellschaft Wonsheim in ihrer Stagecoach zum Spiel nach Dornach
fuhr musste sie sichs nicht selten gefallen lassen der unwissenden Bevölkerung
zum Gegenstand einer nicht schmeichelhaften Aufmerksamkeit zu dienen Die Herren
in ihren hohen weißen Filzhüten weißen Jongleuranzügen weißen
Zwirnhandschuhen die Damen schürzenumgürtet wie die kleinen Schmiede von
Demavend den Brustlatz geschmückt mit grellfarbigen heraldischen Emblemen
wurden oft für eine Truppe Seiltänzer gehalten
    Natürlich waren sie samt und sonders im Tennis von einer Stärke die sie
berechtigt hätte die englische Partie mitzuspielen Hermann und Maria gaben
ihnen wenig nach und da kamen denn Serien vor die kein Ende nahmen Sogar die
Gegner mussten einander bewundern nur der Umpire war nie ganz
zufriedenzustellen
    Trotzdem mit unvergleichlicher Grazie haarscharf über das Netz serviert mit
fast nie fehlender Sicherheit aufgenommen wurde ein Ball oft dreissigmal hin und
her flog bevor er zu Boden fiel ließ sich Tante Dolph dennoch nur zu einem
bedingten Lobe herbei
    »Recht gut meine Kinder für eine einheimische Leistung gar nicht übel Im
Auslande würdet ihr abblitzen  Schreit nur ich kann euch nicht helfen Ganz
kürzlich hatte ich den Besuch eines Fräuleins van NieuwenhuisKabeljau die
erste Tennisspielerin der Welt Die trägt einen Handschuh Nr 612 an der
linken einen Handschuh Nr 8 an der rechten Hand und ist sage ich euch so
schief wie eine im Umkippen begriffene TreckSchuite vor lauter
Raketenschwingen Das nenn ich Übung und nur so erlangt man die Meisterschaft«
    »Und einen Buckel« erwiderte Fee »der möcht mich doch genieren«
    »Dilettantin diese Jufvrouw ist stolzer auf ihn als ein Held auf seine
Narben«
    »Hat auch alle Ursach« erklärte Betti Wonsheim betrachtete ihre rechte
Hand und schmeichelte sich im stillen Etwas größer als die linke ist sie Gott
sei Dank doch schon
    Vor der Abfahrt der Gäste wurde noch Verabredung für den morgigen Nachmittag
genommen an dem ein Waldfest stattfinden sollte Gräfin Dolph gab es am
Marienfeiertag im August
    Sie fand nötig sich dankbar zu erweisen für die vielen Freundlichkeiten
die sie bereits in der Gegend genossen hatte »Meine Einladung zu einem
Pläsierchen wie man vorzeiten in Wien sagte ist nichts anderes als eine
Retourchaise meine Herrschaften Wilhelm und Wonsheim sie soll euch einen
kleinen Teil des Vergnügens wieder hereinbringen das mir eure Liebenswürdigkeit
schon bereitet hat«
    Groß und klein versprachen sich Wunder Das Waldfest  Fee hatte der guten
Nullinger das Geheimnis herausgelockt  bildete nur einen Vorwand um Hermann
und Maria für eine Weile vom Schloss zu entfernen Bei der Rückkehr wartete
ihrer eine großartige Überraschung zauberhafte Beleuchtung des Schlosses und
des Gartens Feuerwerk von Stuwer in Person angeordnet
    Ort und Stunde des Stelldicheins wurden bestimmt Man beschloss um vier Uhr
nachmittags beim ehemaligen Vogelherd zusammenzutreffen Die meisten wollten
einen Umweg durch den Wald nehmen und zuerst die Burgruine ersteigen Tante
Dolph und Helmi zogen es vor bei den Kindern zu bleiben die mit ihrer
Begleitung direkt zum »Uhuhaus« geschickt werden sollten
    Es war ihr Lieblingsplatz im Walde und zu Wagen in einer halben Stunde
leicht erreichbar Die verlassene von Schlingpflanzen überwucherte Vogelhütte
erweckte das große Interesse Hermanns und Erichs Sie rüttelten an der
verschlossenen Tür sie guckten mit heißer Neugier und leisem köstlichem
Gruseln durch die winzigen hinter Drahtgittern halb erblindeten
Fensterscheiben Wer recht lange und recht aufmerksam schaute wer den
Augenblick erwischte in dem der Wind das Gezweige der Bäume bewegte und ein
Sonnenstrahl durch das geborstene Dach in den dunklen Raum dringen konnte  der
sah etwas die Trümmer eines Ofens und eines Lerchenspiegels Netze von Mäusen
zernagt sah ein Wiesel das von einem Loch in der Wand zum anderen huschte und
auf einer morschen Stange einen Uhu Und der böse Raubvogel hatte nur noch einen
Flügel und ein Glasauge und das war fürchterlich und sandte gelbe Blitze aus
sooft ein Streiflicht darüber hinglitt  Oh die Hütte unter den Erlen barg
Erstaunliches  nur zum Glück keine Gefahr mehr für Finken und Meisen und
Rotkehlchen und wie sie alle heißen die kleinen Sänger Getrost durften sie
sich jetzt niederlassen auf die Zweiglein die auf und ab schaukelten unter der
leichten Last Singt trillert jubelt und schwingt euch wieder auf
durchschneidet die Lüfte und kehrt heim zu euren Jungen Ihr habt nicht mehr den
Tod oder die Gefangenschaft zu fürchten
    Die Hütte lag wunderschön von Waldungen umringt und nur gegen Morgen frei
Da breitete sich ein grüner Wiesengrund da sah man den klaren breiten Bach
erschimmern und durch die Felsschlucht als Wildbach toben da stiegen rechts von
der Schlucht die bemoosten Steinriesen empor deren einer die alte Burg trug
Heute noch in ihrem Verfall erhob sie sich stolz und herrschend
    Die Wonsheim waren bereits fortgefahren als Fräulein Nullinger müd und
abgehetzt erschien Sie war zweimal zur Post gelaufen hatte im Auftrage ihrer
Gräfin neun Telegramme gewechselt mit Sacher  Demel und eben erst die
Versicherung erhalten dass alles Bestellte aufgegeben sei und morgen pünktlich
eintreffen müsse Als sie erfuhr dass eine Partie nach der Burg stattfinden
werde erklärte sie dabeisein zu wollen
    »Ich habe mich längst gesehnt das Schloss zu besuchen« sprach sie zu ihrer
Gebieterin »Sie kennen meine Vorliebe für das Mittelalter«
    »Sagen Sie doch Schwärmerei Sie stellen sich das so poetisch vor wie die
edlen Ritter mit wehenden Helmbüschen über reisende Kaufleute herfielen sie
erschlugen und beraubten Wie sie sengend und brennend das Land durchzogen dem
Bauer die Pferde vom Pfluge wegstahlen und ihm wenn er sich wehrte die Haut
über den Kopf zogen Wie sie das Haus des schwächeren Nachbarn zerstörten sein
Weib an den Türpfosten hingen seine Töchter entführten wenn sie schön waren
natürlich und in ihr verruchtes  hm hm« sie räusperte sich »schleppten 
Sie wären vielleicht auch entführt und geschleppt worden Nulle«
    »Frau Gräfin« fiel ihr diese ins Wort »ich muss mir verbitten «
    »Nichts da Sie hätten sich nichts verbeten Sie hätten Schärpen gestickt
für Ihren schwarzgelockten Ritter und hätten an seiner Seite der Minne
pflegend gesessen vor dem Burgverlies aus dem das Gewinsel der auf faulem
Stroh verfaulenden Gefangenen zu Ihnen gedrungen wäre«
    Das Fräulein erhob sich »Es ist genug Frau Gräfin ich sage sogar es ist
zuviel«
    »Da haben wirs jetzt ist sie beleidigt« seufzte Dolph »ja meine Liebe
Sie dürfen nicht schwärmen für die Ritterzeit Dazu ist die Haut Ihres Herzens
zu fein geraten«
    Bei Einbruch dieser Nacht wurde in Dornach und dessen Umgebung gar heiß
gebetet
    Lieber Gott flehte Fee auf den Knien liegend vor ihrem Bette lieber Gott
du weißt alles du weißt auch dass Tante Dolph heute einen Brief von Tessin
bekommen hat Gib lieber Gott dass in dem Briefe steht Ich hab immer eine
Schwäche für die Kleine gehabt und will sie heiraten
    Lieber Gott murmelte Fräulein Nullinger knüpfte ihre Nachtaube fest und
zog die Decke über die Ohren lieber Gott Heilige Jungfrau alle heiligen
Märtyrer gebt mir Geduld mit meiner Gräfin Sie ging noch weiter und verlangte
sogar etwas Liebe für ihre Peinigerin empfinden zu können Aber diese Bitte
wurde selbst im Himmel indiskret gefunden und blieb unberücksichtigt
    Inbrünstig gestaltete sich das Abendgebet der Jüngsten im Hause Wilhelm Der
sechsjährige Rudi sprach es vor Du bist so gut für die Kinder lieber Gott
gib lieber Gott weil du so gut bist dass morgen ein schöner Tag ist
    Bis in die Nacht hatte drückende Hitze geherrscht jetzt erhob sich erst
sanft dann immer kräftiger eine kühle nördliche Strömung In den Wipfeln der
Bäume begann es zu rauschen allerlei Stimmen sprachen durcheinander es stöhnte
wonnig und lachte im Geäst und stieß laute Schreie aus Labung Labung
flüsterten die wehenden Zweige Massige Wolken die sich bequem hingelagert
hatten rings am Horizont stoben plötzlich aus ihrer Ruhe auf Aus dicken
Knäueln in lange Strähne verwandelt jagten sie zuletzt ganz dünn und
durchsichtig davon
    In unbestrittener Herrlichkeit stand der Mond am Himmel als Willi sich
einige Stunden nach Mitternacht der elterlichen Behausung näherte Er ritt im
Schritt über den gepflasterten Hof In den niederen mit Schindeln gedeckten
Stallungen an beiden Seiten schliefen noch Menschen und Tiere Ein Hund der auf
einer Schwelle ganz zusammengerollt lag knurrte im Traume dann schwieg wieder
alles sogar das Brünnlein vor dem sogenannten Schloss hatte sein Rauschen
eingestellt Das tat dem jungen Soldaten weh Hatte er doch die Zulage die sein
Onkel Hermann ihm gab auf die Anschaffung einer neuen schönen steinernen
Muschel für das Brünnlein verwendet Und jetzt wars versiegt  Die
Wasserleitung einmal wieder schadhaft geworden sagte er zu sich selbst und
kein Geld da um sie herstellen zu lassen
    Armes Brünnlein armes geliebtes Vaterhaus Selbst im alles verklärenden
Mondlicht wollte sichs nicht hübsch machen mit seinen kahlen Mauern dürftigen
Bogenfenstern und dem steilen Wellenlinien bildenden Dach Als einziger Schmuck
diente ein hölzerner Balkon dessen schiefe Säulen und wackeliges Geländer sich
unter üppig wucherndem wildem Wein verbargen
    Leise pochte Willi ans Tor um niemanden außer den auch Portiersdienste
versehenden Gärtner zu wecken übergab ihm das Pferd und trat ein
    Am nächsten Morgen begrüßten seine jubelnden Brüder einen Tag von unerhörter
Pracht und wussten wohl wem zuliebe er so geworden war
    In Dornach lief der kleine Hermann vom Vater zur Mutter und von der Mutter
zum Vater Er hatte nirgends Ruhe und war entzückend in seinem Eifer und seiner
Ungeduld »Weißt du Erich« sprach er ihn stürmisch umarmend »wir gehen heut
so spät schlafen wie die großen Menschen Wir gehen zum Uhu« »Und was wirst du
dort tun« fragte Tante Dolph
    »Ich werd halt schauen«
    »Und dann«
    »Dann werd ich laufen laufen auf der Wiese so geschwind dass man mich gar
nicht sieht  so geschwind « er machte große Augen hob die Arme über den
Kopf und strengte sich an einen drastischen Vergleich zu finden »so geschwind
«
    »Wie der Teufel« kam die Tante ihm zu Hilfe er aber machte eine
geringschätzige Gebärde und sagte »Oh viel schneller«
    Sie klopfte ihm lachend die Wange sie die Kinder nicht leiden konnte weil
sie Lärm machen und die Türen offen lassen hatte eine Schwäche für diesen
Grossneffen »Das echte Aristokratenkind« erklärte sie »Aus reiner gesunder
Rasse vom ersten Atemzuge an gut genährt gut bewohnt gut gewaschen weiß
nicht was Furcht ist und nicht was Geiz ist schlägt drein wenns gilt und
gibt wenns gilt das Hemd vom Leibe Mut Wohlwollen Güte  er hat alle
Tugenden die mir fehlen  darum lieb ich ihn«
    Fräulein Nullinger blickte sie ganz verdutzt an und dachte Merkwürdig sie
hat doch bisher kein Herz gehabt sollte ihr eines gewachsen sein
 
                                       17
Am Saume des Kiefernwaldes durch den ein breiter Weg zur Ruine führte trafen
Hermann und Maria begleitet von Fräulein Nullinger die Wonsheim mit Fee und
Wilhelm mit Willi und den zwei nächsten Anwärtern Den letzteren hatten ein paar
tüchtige Ackergäule den Gefallen erwiesen sie hierherzutragen in einem Galopp
der ringsum den Boden lockerte
    Die Damen waren bereits aus dem Wagen gehüpft Wilhelm und seine Söhne
abgestiegen nur Gustav und Klemens saßen noch zu Pferde und parlamentierten mit
ihren Frauen die es nötig gefunden als Touristinnen zu erscheinen Sie trugen
leichte Hüte mit blauen Schleiern fussfreie Kleider aus Sommerloden
Schnürstiefel aus Juchten dicke Strümpfe aus Ziegenhaaren und über den
Schultern Gummimäntel aus lichtgelbem OrientalIndiaKlot
    »Schauns her Gräfin« sagte Klemens zu Maria nicht ohne geheimen Stolz
»wie die sich anglegt haben Und was ihnen nicht wieder einfallt Jetzt wollens
auf dem schlechten Fußsteig zur Burg hinaufkraxeln«
    »Weil man von dort so eine schöne Aussicht hat« sagte Karla
    »Und weils gefährlich ist« fiel Betty ein
    »Und so poetisch nicht wahr Fräulein Nullinger Das ist etwas für Sie«
sprach Fee mit gutmütigem Scherze »Ich biet Ihnen meinen Arm ich bring Sie
hinauf ich schwörs«
    Fräulein Nullinger machte einen Bückling so tief als ob sie sich
niedersetzen wollte und nahm in nervöser Dankbarkeit zerfliessend den gütigen
Vorschlag an
    Der Kutscher mit dem Wagen die Reitknechte mit den Pferden wurden nach dem
Versammlungsplatz geschickt Wilhelm erteilte seine Befehle in ungewohnt
mürrischer Art und brummte dazwischen vor sich hin »Unsinn was das für ein
verfluchter Unsinn ist  sich einen solchen Weg auszusuchen das ist keinem
anderen eingefallen als dem Willi «
    »Voraus Einjähriger Sie führen an« sprachen die Damen winkten den
Zurückbleibenden einen Gruß zu und traten ihre Wanderung an
    Wilhelm zögerte einen Augenblick dann folgte er ihnen um seinen Willi zu
überwachen  Der verdammte Bursch hüpft herum wie auf Springfedern schneidet
scheint mir schon die Kour  Und gleich dreien auf einmal Wart Kerl dir
geh ich nicht von der Seite
    »Und was machen denn Sie Gräfin« fragte Gustav
    »Ich gehe auch zu Fuß aber auf dem guten Wege« antwortete Maria heiteren
Tons und nahm den Arm ihres Mannes
    »Da werden wir halt langsam vorausreiten« Und sie setzten sich in Bewegung
auf ihren zwei berühmten Vollblutrappen
    »Alle auf und davon Gibts etwas Unhöflicheres als unsere Gäste« scherzte
Hermann
    »Wir sinds wir lassen sie gar so ungehindert ziehen«
    »Und bleiben allein was das Schönste ist auf der Welt« begann er nach
einer kleinen Weile wieder »Wenn ich denke dass es Leute gibt die sagen die
Liebe vergeht  und glauben sie zu kennen die Narren Die meine ist heute was
sie in der Stunde war in der ich dir zum ersten Male begegnete und von dir
nichts wusste als deinen Namen«
    Er umschlang sie fest Seite an Seite schritten sie dahin Die Reiter waren
ihren Blicken entschwunden eine großartige Einsamkeit herrschte eine
zauberhaft belebte Stille Über den Häuptern der Bäume webte glühender
Sonnenschein kühle Schatten wallten zu ihren Füßen Unabsehbar schien der Wald
sich zu breiten ein heiliger ein geweihter Raum der von Liebenden betreten
sie frei macht von dem störenden Gedanken an die Außenwelt von dem Bewusstsein
der verrinnenden Zeit
    Maria hatte sich sanft losgemacht sie trat vor Hermann hin und blickte ihm
ernstaft in die Augen »Ich aber« begann sie plötzlich »liebe dich alle Tage
mehr Und meine Liebe  sieht« »Im Gegensatz zu der meinen die wohl blind
ist«
    »Unleugbar« versetzte sie und zog ihn wieder an sich
    Da rief er aus »Es lebe meine blinde Liebe Die Nacht mit der sie mich
umgibt ist nicht wie eine andere s ist eine hellschimmernde Nacht Sie zeigt
mir den guten Geist meines Hauses die Trösterin des Betrübten «
    »Und so weiter« unterbrach sie ihn mit erzwungenem Lachen »Lassen wir das
ich bitte dich Hermann «
    »Nun denn nein kein Wort zu deinem Preise Wie fang ichs aber an zu
verschweigen wovon mein Herz voll ist Du forderst von mir Verstellung du
immer und unverbrüchlich Wahrhaftige« Er ergriff ihre beiden Hände sie
zitterten in den seinen »Was bewegt dich so  sag es deinem besten Freunde 
Sieh manchmal  ich will dirs gestehen manchmal ist mir  wenn du wie jetzt
meinen Blick vermeidest bei meiner Berührung erbebst als ob deine Seele ein
Geheimnis berge ein rätselhaftes Gefühl eine schmerzliche Erinnerung  was
weiß ich Ist das Täuschung Maria Torheit Frevel an dir   Gib Antwort«
    Sie stand wie versteinert Aufrecht die königliche Gestalt den Kopf
erhoben als biete sie ihn dem niederzuckenden Blitzstrahle dar kaum atmend
die Lider gesenkt ein unausgesprochenes Wort auf den leise zuckenden Lippen
    Und sie war schön in dieser feierlichen Regungslosigkeit mit diesem demütig
stolzen Ausdruck einer gefolterten Heiligen
    Der Mann der sie vergötterte starrte sie beschämt und reuig an War das
nicht ein Zweifel an ihr den er mit seiner lange unterdrückten und nun
unbedacht hingeworfenen Frage ausgesprochen hatte
    »Und wenn du recht hättest« sagte Maria in einem Tone so herb gewürgt als
ob er ihr die Kehle zerschnitte
    »Worin  Du hast mich missverstanden «
    »Nimm an dass ich schuldig wäre gegen dich« fuhr sie fort mühsam und
unterdrückt wie früher »Nimm es an«
    »Was soll ich annehmen  das Unmögliche Erst doch verrückt werden «
Er schlug sich mit der Faust vor die Stirn »Ich begreife dich nicht  Warum
diese unnötige Grausamkeit Auf welche entsetzliche Probe stellst du mich«
    »Probe« wiederholte sie »Würde deine Liebe sie bestehen die schwerste
schrecklichste  Und wenn geschehen wäre  wovon ich sprach  was tätest du«
    Sie blickte unverwandt zur Erde nieder sie fühlte nur dass er seine Hand
mit festem Drucke auf ihren Arm legte  Und nun sprach er und seine Stimme
hatte wieder ihren tiefen sanften Klang und seine Worte kamen aus dem
unerschöpflichen Borne seiner Güte »Wenn geschehen wäre was du nicht einmal zu
nennen vermagst dann wäre mir genommen was meinem Dasein den Wert gibt aber
lieben würde ich dich doch und zu dieser unüberwindlichen Liebe käme noch ein
grenzenloses Bedauern Ich kenne dich und weiß dass du zugrunde gehen müsstest am
Bewusstsein einer Schuld«
    O dieser Glauben so stark und treu wie das Herz das ihn hegte und das sie
brechen gewollt um das ihre zu erleichtern  Du darfst nicht schrie es in ihr
auf Du hast betrogen  lüge Dein Recht auf Wahrheit ist verwirkt
    »Komm« sagte Hermann indem er sich auf einen moosüber wachsenen im
weichen Waldboden halb versunkenen Stein niederließ »Du musst erst ausruhen und
wieder heiter werden ehe wir den anderen folgen Da ist eigens für uns ein
wunderbares sammetnes Kissen ausgebreitet Komm zu mir«
    »Da bin ich« sagte sie ließ sich vor ihn hingleiten legte die gefalteten
Hände auf seine Knie und warf sich an seine Brust »Lass mich es tut mir wohl
in Demut zu dir aufzublicken«
    »Wir haben einander recht gequält und ich bin schuld an allem mit meinen
törichten Grübeleien« sagte er »Verzeih«
    »Ich  dir Mein Freund mein guter Engel dass du mir einmal einen Grund
dazu geben könntest Tu es doch Lehre mich die Wonne kennen dir etwas
verzeihen zu dürfen«
    »Ich danke dir für die vortreffliche Absicht« rief er mit komischer
Bestürzung »ich will ihr Gelegenheit geben sich zu betätigen  will
wenigstens einen Versuch machen«
    »Er wird misslingen« Sie umfing ihn mit ihren Armen und verschränkte ihre
Finger um seinen Nacken »Sieh mich an deine Augen sind wie deine Seele Sieh
mich an mit diesem segnenden Blick Wie fromm bin ich der Wald wird zum Tempel
und ich bin ein armes Menschenkind und du bist der Priester der es zum Heile
führt an seiner starken Hand«
 
                                       18
Auf der Burg herrschte schon ein sehr reges Treiben als Hermann und Maria
herannahten Fräulein Nullinger die röter aussah denn je und vor Erhitzung
förmlich geschwollen war die erste die sie erblickte
    »Da sind sie da ist das reizende Paar« rief sie »Bitte den Herrn Grafen
zu betrachten Es ist hold zu sehen wie die Sonnen seines Herzens ihm im Auge
untergehn Und wie er heute wieder dem Bilde das wir uns von Held Siegfried
machen ähnlich sieht«
    »Ja ja Sie haben nicht unrecht seine Frau ist aber nicht die Kriemhild
sondern die Isolde« sagte Fee und lief den Ankommenden entgegen die sich bald
darauf in Gesellschaft ihrer lustigen Gäste befanden und mit ihnen die Grosstaten
anstaunen konnten zu denen Willi durch die Gegenwart dreier junger und schöner
Damen begeistert wurde
    Er spazierte eben von der Zinne eines Turmes zur anderen auf einem zu deren
Stütze angebrachten Sparren Seine Brüder angeeifert durch sein Beispiel
kletterten wie Katzen an den alten Mauern empor
    Wilhelm stand unten und ballte die Fäuste »Alle meine Buben haben den
Teufel im Leib wenn es heißt sich produzieren vor einem weiblichen Publikum«
sprach er zu Hermann »Gar nicht gut so was Aus solchem Holz schnjetzt man
Schürzenknechte«
    Hermann klopfte ihm auf die Schulter »Das glaubst du ja selbst nicht
Alter« und die Wonsheim lächelten und sahen den tollkühnen Unternehmungen der
Burschen mit Beschützermienen zu Betty jammerte dass sie kein Mann geworden
was doch einzig und allein das richtige sei Fräulein Nullinger schwelgte in
Entzücken machte sich nichts daraus dass ihr buntes Musselinkleid bei der
»Aszension« sehr gelitten hatte und baute in Gedanken die ganze Burg wieder
auf Die zerstörten Zingel stiegen aus dem Boden und umfassten wie einst die
Tore den Zwingolf die Zugbrücke den Burhurdierplatz auf dem geharnischte
Ritter Lanzen brachen Sie stellte die Pforte wieder her und die zum herrlichen
Palas hinaufführenden Greden
    Karla und Gustav denen sie versicherte die »dames châtelaines« hätten
alle ausgesehen wie die blonde Gräfin Wonsheim hörten ihr aufmerksam zu Gustav
staunte über soviel »Gelehrteit« und wusste nicht ob er sie lächerlich finden
oder bewundern sollte Obwohl von der Richtigkeit aller Aussagen Annettens
überzeugt widerstrebte es ihm das merken zu lassen und so sprach er zwischen
jeder Pause die sie machte »Gehen S weg«
    »Ach und diese Luft dieses Ozon« schwärmte das Fräulein »Dass ich mich
hier etablieren könnte«
    »Etablieren Sie sich soviel Sie wollen« erwiderte Fee die hinzugetreten
war »Aber rechnen Sie nicht auf mich beim Aufstieg Sie sind siebenzehnmal
ausgerutscht  ich habs gezählt Mein rechter Arm an den Sie sich angekrampelt
haben wie eine Ertrinkende ist kaputt  Sie werden fett mit Respekt zu
sagen«
    Fräulein Nullinger zog den Atem ein und streckte sich um schlanker
auszusehen »Wenn ich Fett ansetze kann es nur vor Kummer sein Das geschieht
jawohl  ich bin der lebende Beweis« sagte sie nicht ohne Bitterkeit
    Fee entschuldigte sich »Nun nun nehmen Sie mirs nicht übel«
    Die Gesellschaftsdame schwor dass sie eher sterben als der Frau Gräfin etwas
übelnehmen würde worauf Fee sie umarmte und sprach »Sie sind halt nicht
verwöhnt Sie gute Haut Sie liebes altes Nullerl«
    Klemens war inzwischen auf einen Felsvorsprung getreten und rief auf die
Wiese jenseits des Baches deutend »Daher kommts da hat man eine schöne
Aussicht auf die Tante Dolph auf deine Buben Wilhelm die dort herumwimmeln
und auf die Jausen«
    »Und auf einen wackeligen Steg« fiel Hermann ein »Wie oft habe ich den
schon abreißen lassen immer wird er wieder aufgerichtet sogar jetzt bei
Hochwasser«
    »Das änderst du nicht solange der Holzschlag dauert oben im Gebirg« sprach
Wilhelm »Den Umweg von zweihundert Schritten über die Brücke macht dir ein
Holzknecht nie«
    »Ich würde ihn auch nicht machen« rief Fee »besonders wenn jemand der mir
lieb ist am anderen Ufer stehen möcht Aber schauts nur schauts die Aussicht
ist wirklich der Müh wert Lassen wir uns unterdessen die Aussicht schmecken«
    Alle umringten sie Auf der Wiese trafen einige Diener unter der Leitung
Helmis Vorbereitungen zu einem ungemein reichlichen five oclock tea Die
Gefrässigen unter den jungen Herren verfolgten diese Tätigkeit sehr aufmerksam
während die anderen die Seltsamkeiten zu erspähen suchten welche der Vogelherd
barg
    Gräfin Dolph war am schattigen Waldesrand im Wagen sitzengeblieben Sie
freute sich ihren Liebling Hermann die Läuferkünste ausführen zu sehen die er
ihr bereits angekündigt hatte Er rannte bis zu den Weiden am Ende der Wiese und
wieder zurück die Kreuz und die Quer recht wie ein Füllen das seine junge
Kraft austoben will
    Auf einmal blieb er stehen hob den Kopf sah zur Burg empor und als er
dort oben auf dem Berge seine Eltern erblickte streckte er ihnen die Arme
entgegen und warf ihnen Küsse zu
    »Ich seh euch Vater Mutter ihr seid kleinwinzig« er maß an seinem
Finger »so klein«
    Seine Stimme drang nicht bis hinauf man sah nur die herzigen Gebärden
unter denen er sich dem Ufer näherte rühmte den »Prachtbuben« winkte ihm Grüße
zu Klemens machte ein Sprachrohr aus seinen Händen und rief »Komm her wenns
d Kourage hast«
    Plötzlich stieß Maria einen Ruf des Schreckens aus und Hermann über den
Abgrund gebeugt schrie aus allen seinen Kräften »Fort vom Wasser  Geh
zurück«
    Das Kind schien einen raschen Entschluss gefasst zu haben es lief dem Stege
zu Die alte Wärterin die sich in seiner Nähe gehalten hatte hinter ihm her
stolpernd keuchend
    Die übrigen Kinder waren aufmerksam geworden Ein und derselbe Impuls
durchzuckte alle  Dem Hermann nach zum Steg  Und fort stoben sie Wilhelms
siebenjähriger Hansel an ihrer Spitze
    Es dauerte einige Zeit bevor Helmi mit Hilfe der Bonne und der Diener die
Flüchtlinge wieder eingefangen Eben auch hatte die Wärterin sich Hermanns zu
bemächtigen gewusst der Widerstand den er ihr entgegensetzte schien bereits
überwunden als es ihm gelang sich mit einem heftigen Ruck loszureißen und zu
entrinnen
    »Ich hab Kourage Vater Mutter ich komm zu euch« Er lief und lief und
alle die ihm von der Wiese her nachgeeilt kamen blieben weit hinter ihm
zurück
    Nun schimmerte sein weißes Kleidchen durch die Zweige der Weiden und nun
erschien er auf dem Steg
    Im selben Augenblick stürmte Hermann der Felsentreppe zu und die jähe Steile
ihrer verwitterten Stufen hinab
    Lautlos folgte ihm Maria und rasch wie ein Pfeil war Willi an ihrer Seite
    Aber auch von den übrigen besann sich keiner den schwindelnden Pfad zu
betreten Keiner dachte an das was er wagte Ein Gefühl nur durchzitterte alle
dieselbe Angst derselbe Wunsch  Sie glitten sie wankten fanden das
Gleichgewicht wieder und rannten weiter Eines Pulsschlags Dauer hielten sie
inne in ihrem kühnen Beginnen
    Sorglos schreitend war das Kind bis zur Mitte des Steges gelangt
triumphierte laut und forderte seine Verfolger heraus
    »Jetzt fangt mich jetzt« sah sich um beschleunigte seinen Lauf
strauchelte stürzte  Alle anderen überholend erreichte Hermann das Ufer Den
Blick unverwandt auf das Kind gerichtet das ohne unterzusinken von der
Strömung fortgerissen wurde warf er den Rock ab stürzte sich in die Flut und
hatte im nächsten Augenblick den Kleinen erfasst
    Hermann auf dem Fuße waren Wilhelm und Klemens gefolgt Der erste voll
Geistesgegenwart wissend was er wollte der zweite halb wahnsinnig vor
Bestürzung über die Folgen seines verhängnisvollen Scherzes
    Wilhelm lief mit Blitzschnelle der Brücke zu Neben dieser war ein Kahn
ans Land gezogen junge Baumstämme lagen da aufgeschichtet zur Herstellung der
Vogelhütte bestimmt Nach einem von denen griff Wilhelm ließ ihn aber fallen
als Klemens einen Flosshaken entdeckte und an sich nahm der im Kahn geborgen
oder vergessen worden Rascher als Worte schildern eilten beide zurück und
langten glücklich an der Stelle an wo sich Hermann mit übermenschlicher Kraft
gegen die andringenden Fluten behauptete
    »Näher um Gottes willen näher« schrien Wilhelm und Klemens ihm zu und
jeder hielt die Stange fest mit beiden Händen und sie reichten sie ihm hin
soweit sie konnten Er griff nach ihr  verfehlte sie 
    Da sprang Klemens ins Wasser kämpfte sich vor bis ans äußerste Ende der von
Wilhelm allein nur mühsam im Gleichgewicht erhaltenen Stange und wagte einen
verzweifelten einen vergeblichen Rettungsversuch Schon hatte die
Riesenschraube des Wirbels Vater und Sohn umklammert und riss sie hinunter und
warf sie mit wildem Toben wieder empor keuchend schaumbedeckt  Ein letztes
ein grausiges Ringen   Erschöpft überwunden erbarmungslos an die Riffe
geschleudert suchte Hermann noch sein Kind mit seinem Leibe zu decken
    An beiden Ufern drängten Leute zur Unglücksstätte herandiesseits alle die
Hermann nachgeeilt waren jenseits seine Diener Kutscher Lakaien zufällig
vorüberkommende Arbeiter Nicht einer unter ihnen der nicht helfen möchte der
es nicht versucht mit leidenschaftlichem Eifer
    Nur Maria Hermanns Namen auf ihren Lippen ihm nachstrebend mit rasender
Sehnsucht in die Todesgefahr blieb regungslos Ihre ganze Seele war in ihren
unnatürlich weit geöffneten Augen in dem Blick mit dem sie ihm nachstarrte 
Auf einmal war ihr als sei es Nacht geworden  ihre Pulse stockten sie wankte
und lag in zwei fest um sie geschlungenen Armen  Karla Wonsheim hielt sie
aufrecht Betty lag schluchzend zu ihren Füßen und umklammerte ihre Knie 
Jemand betete laut  aus der Feme drang verworrenes Geräusch von Stimmen
    Dorthin  aus halber Bewusstlosigkeit erwachend  eilte Maria Menschen
immer mehr Menschen liefen zusammen Einige trugen eine schwere Last und legten
sie hin   o wie sanft und vorsichtig 
    Nun ists als ginge eine freudige Bewegung durch die Menge »Der Doktor«
schreit ein atemlos daherrennender Diener »der Heger bringt ihn er war bei
dessen krankem Kinde«
    Beim Nahen Marias tritt lautlose Stille ein Alle Leute treten stumm vor ihr
zurück  Ein einziger halb entkleidet triefend kommt an sie heran windet
sich winselnd und stöhnend Er fasst den Saum ihres Kleides »Treten Sie auf
mich Ich habs getan ich hab ihn gerufen ich Verdammter dumm wie ein Tier
 Zertreten Sie den hohlen Schädel zertreten Sie mich« heulte er und grub
sein Gesicht in das Gras zu ihren Füßen
    Maria wich ihm aus Sie hatte die Leblosen erblickt die klaffende Wunde auf
Hermanns Stirn das fahle Angesicht ihres Knaben Da bäumte sie sich zurück hob
die gerungenen Hände gen Himmel und sank nieder mit einem entsetzlichen
Wehelaut
    »Tot Beide tot«
    Niemand gab Antwort und sie raffte sich zusammen und über Hermann gebeugt
bedeckte sie seine Brust mit ihren Küssen und rief »Er lebt Doktor  sein Herz
schlägt ich hab es gefühlt «
    Der Arzt der wenn auch völlig hoffnungslos noch nicht aufgehört hatte
Wiederbelebungsversuche an dem Kinde vorzunehmen antwortete mit einer
verneinenden Gebärde
    Sie aber drückte ihren Mund auf den des Entseelten und hauchte ihm ihren
Atem ein bis er versagte ohne die leiseste Regung des seinen zu wecken Und
nun begriff sie dass sie ihn verloren hatte Wieder stürzte sie sich über ihn
 aber plötzlich gestemmt auf seine Schulter hob sie den Kopf empor und
schoss einen Blick voll bebender Scheu nach ihrem Sohne  »Der auch« stöhnte
sie mit einer Stimme in der alles zusammengepresst schien was die Menschenseele
an Schmerz zu fassen vermag »Mein Kind auch«
    Dem Wahnsinn nahe betete sie bettelte um ein Wunder
    Als sie heimkehrten die vor wenigen Stunden froh und glücklich das Haus
verlassen hatten funkelten ihnen Hunderttausende farbige Lämpchen entgegen In
einem Meer von Licht prangend empfing Schloss Dornach seinen toten Herrn
 
                                       19
Maria hielt allein die erste Nachtwache bei ihren Toten Man hatte die Hand des
Kindes aus der seines Vaters nicht zu lösen vermocht und so ruhten sie
nebeneinander auf einem Lager und sollten auch in einem Sarge ruhen Ihre
bleichen Gesichter trugen keine Spur des letzten schweren Kampfes Maria hielt
die beiden umfangen Sie lag an sie geschmiegt bleich und stumm wie sie aber
ohne ihren Frieden Einen Trost nur hatte sie in ihrer Vernichtung und empfand
ihn während sie ihr Haupt an das stille Herz drückte an dessen lebensfreudigem
Schlag all ihr Glück gehangen
    Wohl ihr dass ihm das Bitterste erspart dass sein Glaube an sie
unerschüttert geblieben war bis ans Ende Dank der geheimnisvollen Kraft die
das Wort das ihn elend gemacht hätte sooft sie es aussprechen wollte
zurückgedrängt in ihre Brust Nun war er eingegangen zur ewigen Ruhe
unerschüttert in seiner seligen Zuversicht
    Im anstoßenden Zimmer befand sich Lisette und unterdrückte ihr Schluchzen
um von der Herrin nicht gehört und fortgewiesen zu werden Einmal wagte sie sich
leise bis zur Tür heran und spähte durch das Schlüsselloch
    Maria saß neben dem Bette unbeweglich in den Anblick der Ihren versunken
mit einem Ausdruck von so herzzerreissender Trauer dass Lisette zurückfuhr 
Nein das ertrug sie nicht das konnte sie nicht sehen 
    Am Morgen endlich pochte sie und trat als nach einer Weile keine Antwort
kam ungeheissen bei ihrer Gebieterin ein rief sie an und sagte »Es ist Tag«
    Maria schreckte auf »Schon Tag«
    »Ja mein armes Kind und du musst fort Die Herren sind da  Du weißt 
und der Graf Wilhelm«
    Der hatte mit Helmi an der Tür gestanden Seine Augen waren rot und
geschwollen seine Lippen zuckten Er konnte nicht sprechen und lehnte sich
hilflos an seine Frau Der Doktor und Willi kamen und hinter ihnen trat
schüchtern Erich ein der mit beiden Händen einen großen Strauss weißer Rosen
festhielt
    »Der Gärtner hat mir gesagt ich soll das dem Hermann bringen« sprach er zu
seiner Mutter »Hermann da hast du«
    Er legte die Blumen auf das Bett und auf dessen Rand gestützt hob er sich
so hoch er konnte und streckte den Hals und spitzte die Lippen um seinen
Bruder zu küssen Doch erreichte er ihn nicht und fragte »Warum hast du heute
nicht bei mir geschlafen«  Jetzt erblickte er den Vater der sich auch nicht
rührte dessen Augen auch geschlossen waren 
    Ganz bestürzt trat er zurück »Warum schlafen sie so lange« rief er
plötzlich aus »Sie sollen aufwachen Mutter sag ihnen dass sie aufwachen
sollen«
    Maria beugte sich zu ihm nieder und schloss ihn in ihre Arme Die ersten
Tränen die sie seit gestern geweint hatte fielen auf das Haupt ihres
Söhnchens
Wilhelm nahm es auf sich Gräfin Agathe die Kunde des furchtbaren Verlustes den
sie erlitten hatte selbst mitzuteilen Helmis Bitten brachten ihn dazu Sie
wollte ihn fort haben von der Unglücksstätte ihn zwingen in der Ausübung einer
schweren Pflicht Herr seines Schmerzes zu werden
    Früher als man gedacht hatte kehrte er zurück Er war Tag und Nacht
gefahren teils Lokalbahnen benutzend teils mit Bauernpferden und meldete die
Ankunft der Gräfin für den nächsten den Morgen der Beisetzung an
    »Wie hast du sie gefunden« fragte Maria abgewandten Blickes
    »Rätselhaft  eine Heilige oder ein Stein« erwiderte Wilhelm und erzählte
dass die Gräfin noch in der Kirche war als er um neun Uhr früh in Dornachtal
ankam Der neue Beichtvater ein junger hochgewachsener streng aussehender
Herr empfing ihn und nahm seine Unheilsbotschaft mit kaltem Erstaunen auf Er
hatte den Herrn Grafen nicht gekannt nur von ihm gehört In dem Moment hasste
ihn Wilhelm im nächsten hätte er ihm um den Hals fallen mögen weil er sich
anbot die alte Dame auf die Nachricht des Unglücks das sie getroffen hatte
vorzubereiten Wilhelm wartete im Zimmer des Geistlichen der ihn rufen lassen
sollte sobald es Zeit war  Das geschah nach einer halben Stunde  Großer
guter Gott  Sie saß ruhig in einem hochlehnigen Fauteuil der Geistliche auf
einem Sessel neben ihr die Augen gesenkt ein triumphierendes Lächeln auf
seinen kargen Lippen Die Gräfin weiß wie ein Linnen hielt einen Rosenkranz
zwischen ihren Fingern die völlig leblos aussahen
    »Dank« sprach sie »dass du dich selbst hierherbemüht hast« ließ Maria
bitten sie zu erwarten und ersuchte ihn sich nicht aufzuhalten sie wisse
wie notwendig er in Dornach sei Ihr Wagen der ihn nach dem Frühstück zur Bahn
bringen solle sei bereit
    Kein Wort von ihrem Sohne von ihrem Enkel Erst als Wilhelm Abschied nahm
fragte sie nach Erich und flüsterte mit einem dankbaren Aufschlagen der Augen
zum Himmel »Den hat mir Gott gelassen«
    Bei diesen Worten zuckte Maria zusammen und schlug die Hände vor das
Gesicht
    Bald nach Wilhelm war Graf Wolfsberg eingetroffen gebeugt gealtert Wenige
Menschen durften sich rühmen seine Liebe zu besitzen die beiden die morgen
begraben werden sollten hatte er geliebt Aber auch die Veränderung die mit
seiner Tochter vorgegangen war ergriff und erschütterte ihn Er hörte nicht auf
sie angstvoll zu betrachten erwies sich hilfreich stand ihr bei in ihrem
traurigen Totendienst Einmal zog er sie plötzlich an sein Herz so zärtlich wie
am Tage vor ihrem Scheiden aus dem Vaterhaus »Lebe« sprach er »du hast auf
Erden noch etwas zu tun«
    Sie erhob den Blick zu ihm und erwiderte entschlossen »Ja Vater ja«
Gräfin Agathe wurde von Wolfsberg und Maria unter dem Portal erwartet Sie stieg
aus dem Wagen und nach stummer Begrüßung jede Unterstützung abwehrend die
Treppe hinauf Oben wandte sie sich geradenwegs dem Kapellenzimmer zu in dem
seit Jahrhunderten die Grafen von Dornach ihre letzte Rast hielten
    Der schwarz ausgeschlagene Raum war dicht gefüllt mit weinenden
schluchzenden Menschen Als die alte Dame eintrat wars als ob ein Eishauch
die Luft durchwehe alle Tränen stockten nicht eine Klage mehr wurde laut
    Aufrechten Ganges hoheitsvolle Ergebung in den strengen Zügen wohnte die
Gräfin den Trauerfeierlichkeiten bei Erstarrt in ihrem Gram klagte sie nicht
verlangte nicht nach einer Schilderung des Ereignisses das ihr den Sohn und den
Enkel geraubt hatte »Der Herr hat sie gegeben der Herr hat sie genommen der
Name des Herrn sei gelobt« war alles was sie sich und ihrer Schwiegertochter
zum Troste sagte Aber sie setzte hinzu »Der gleiche Schmerz verbindet« Sie
ließ Maria fühlen dass die geliebte Gattin ihres Sohnes ihr auch nach dessen
Tode wert geblieben war
    Tante Dolph hatte sich in den jüngstverflossenen Tagen unsichtbar gemacht
Doktor Weise musste ihr absolute Ruhe und Luftveränderung verordnen
    In ihr ging etwas Ungewöhnliches vor  sie wurde bei der Erinnerung an den
kleinen Hermann von Wehmut erfasst nicht heftig allerdings aber doch
beängstigend für die alte Egoistin wie ein Unwohlsein für einen Menschen der
immer gesund war Sie gestand es ihrem Bruder und verhehlte ihm auch nicht ihren
leisen Groll gegen Maria deren Unglück das Mitleid herausforderte  ein der
Gräfin unbequemes Gefühl
    »Mich mitzufreuen nicht mitzuleiden bin ich da Warum soll die Traurigkeit
sich ausbreiten Ich weiche ihr aus Wenn das abscheulich gefunden wird muss
ich mich darein fügen Kann ich für meine Natur Die Rebe weint die Distel
nicht« sagte sie und reiste ab
    In dem schwer heimgesuchten Hause dem sie den Rücken gekehrt gab es aber
doch einen Glücklichen Das war Erich selig ging er umher wie ein aus der
Verbannung in das ersehnte Heimatparadies Zurückgekehrter Seine Mutter liebte
ihn jetzt wie sie den armen Hermann liebte der noch immer schlafen musste Sie
hob ihn auf ihren Schoss und überhäufte ihn mit Zärtlichkeiten
    Und das Kind in wonniger Überraschung ein wenig verlegen ließ in stillem
Entzücken all diesen Liebessegen über sich ergehen
    Einmal nahm sie ihn mit in die Gruft und vor der mit Kränzen behangenen
Nische die den Sarg ihres Mannes und ihres Erstgeborenen barg kniete sie
nieder
    »Erich« sprach sie seine beiden Händchen in ihre Hände fassend »Erich du
wirst groß werden und gut und gescheit Dann sollst du an deine Mutter denken
und an das was sie dir heute sagt«
    Der Kleine lehnte seine Stirn an ihre Wange »Was sagt sie«
    »Sieh dich um Wo sind wir«
    »In der Gruft«
    »Und wer schläft in der Gruft«
    »Mein Vater und mein Bruder«
    »Und noch viele viele ihnen verwandte gute Menschen Merke dir Erich
vergiss es nicht erinnere dich wenn du groß sein wirst wo und wann deine
Mutter dir gesagt hat Verzeih mir mein Kind  verzeihe mir  Wirst du dir
das merken Kind«
    Erich schlang seine Arme um ihren Hals und antwortete fest und
zuversichtlich »Er merkt sichs«
    Als sie ins Schloss zurückkehrten kam Wolfsberg ihnen entgegen
    »Es ist Zeit« sagte er zu Maria »Deine Schwiegermutter und Wilhelm
erwarten dich Wenn du aber nicht stark genug bist «
    Sie unterbrach ihn »Ich habe mir Stärke geholt« übergab den Knaben der
seiner harrenden Wärterin und ging mit ihrem Vater nach den Zimmern der Gräfin
    Das Testament des Verstorbenen war vor der Beerdigung in Gegenwart Wilhelms
und Wolfsbergs mit den üblichen Förmlichkeiten eröffnet worden Sein Hauptinhalt
war eine Huldigung für Maria und Wolfsberg hatte gezögert ihr den ergreifenden
Wortlaut dieser letzten Botschaft mitzuteilen Heute am dritten Tage nachdem
Hermann zur ewigen Ruhe bestattet worden sollte es geschehen Seine Mutter
hatte den Wunsch ausgesprochen Zeugin zu sein
    Die Gräfin empfing Maria und Wolfsberg im Salon ihrer Witwenwohnung im
Schloss Ein hohes Gemach mit gelblichen Stuckwänden großen Marmorkaminen bis
zur Decke reichenden Spiegeln in kannelierten Goldrahmen und steifer
Empireeinrichtung Die Fenster die einen weiten Ausblick über den Park
gewährten standen offen und hereindrang das Licht der untergehenden Sonne und
die würzige Luft die vom Walde hergestrichen kam
    Einen düsteren Gegensatz zu diesem freundlichen Raume bildete die alte Dame
mit ihren schwarzen schleppenden Gewändern mit dem aschfahlen Angesicht dem
die Leiden und Seelenkämpfe der letzten Tage tiefe Spuren eingeprägt hatten
    Sie erhob sich ein wenig aus ihrer Sofaecke als Maria auf sie zukam und
streifte dabei ein kleines Bauer mit einem ausgestopften Vögelchen auf den Boden
hinab Ehe jemand ihr zuvorkommen konnte hatte sie sich danach gebückt und das
Spielzeug wieder auf seinen früheren Platz gestellt
    »Erich hat es herübergebracht« sprach sie »und vergessen als du ihn rufen
ließest«
    Maria ergriff die Hand die sie ihr reichte beugte sich tief küsste sie
innig und heiß und zog sie immer wieder an ihre Lippen als ob es ein schweres
Scheiden gelte
    »Nun mein Kind nun« ermahnte die Gräfin »Fassung ich bitte dich Wir
wollen die Worte des teuren Vorangegangenen hören standhaft wie Glaubende und
Hoffende«
    Wilhelm hatte die Zeit über stumm dagesessen in das Schriftstück vertieft
das er vorlesen sollte
    »Beginne« sagte die Gräfin
    Er rückte seinen Sessel näher zu ihr Ihm gegenüber hatte sich Maria
niedergelassen Ihr Vater nahm Platz an ihrer Seite
    Wilhelm las mit bewegter leiser Stimme und der greisen Zuhörerin neben ihm
bemächtigte sich allmählich ein lange nicht mehr gekanntes Gefühl eine sanfte
und wehmütige Rührung
    Vor vielen Jahren hatte ein Unvergessener in seinem Letzten Willen so von
ihr gesprochen wie Hermann von dem Weibe seines Herzens sprach Mit dem
gleichen Vertrauen hatte er sie geehrt indem er ihr so viele Rechte über den
Sohn soviel Freiheit in der Verwaltung des Vermögens gewahrt als das Gesetz
nur irgend zuließ Fast mit den Worten seines Vaters schrieb Hermann
»Weil ich das wahre Wohl meiner Kinder im Auge habe unterwerfe ich sie in allem
und jedem den Bestimmungen ihrer Mutter Sie sind damit einer Vorsehung
anbefohlen die weise ist gerecht und treu«
Ein qualvolles Wimmern rang sich aus Marias Brust
    Wilhelm hielt inne
    »Weiter« sagte die Gräfin nach einer kleinen Pause
    Mit erstickter Stimme fuhr er im Lesen fort und warf von Zeit zu Zeit einen
verstohlenen Blick nach Maria Sie rang die Hände auf ihren Knien aus ihren
marmorblassen Zügen sprach rettungslose Verzweiflung
    Wilhelm war zu Ende gekommen Am Schluße hieß es
»Je besser und tüchtiger meine Kinder werden mit je hellerem Blick sie die Welt
und die Menschen beurteilen lernen desto festere Wurzeln wird in ihnen die
Überzeugung schlagen Es gibt auf Erden eine höchste Einsicht und Güte  in
unserer Mutter hat sie sich verkörpert
    Ich lebe gern und hoffe noch lange zu leben und zu meinen Söhnen noch
manches Wort sprechen zu können Dir aber Maria ob ich jung ob alt sterbe
dir werde ich immer nur eines zu sagen haben Ich danke dir«
Die Augen Gräfin Agatens hatten sich leicht gerötet teilnehmend wandte sie
sich Maria zu
    Die Frau die eine solche Liebe besessen und verloren hatte stand ihr nahe
und sollte ihr immer nahestehen »Meine Tochter« sagte sie zu ihr »ich teile
den Glauben meines Hermann Sein teuerstes Vermächtnis sein liebes Kind ist
geborgen in deiner Hut Gott stärke dich und segne unsern kleinen
Majoratsherrn« Sie streckte die Rechte aus um sie auf den Scheitel Marias zu
legen
    Diese sprang auf »Was tust du Ich verdien es nicht  Behandelt mich wie
ich es verdiene« rief sie leidenschaftlich aus stockte einen Augenblick und
setzte dann herben Klanges hinzu »Erich ist nicht erbfähig«
    »Maria«  stießen die anderen hervor Derselbe Gedanke war allen zugleich
gekommen 
    »Nein nein ich bin nicht wahnsinnig ich weiß was ich rede Ich kann die
Lüge nicht mehr ertragen Der ist tot dem zuliebe ich es getan habe«
    Außer sich fasste Wolfsberg ihre Schulter mit eisernem Griff »Was getan«
    »Geheuchelt  mich halten lassen für das was ich nicht warfür treu«
    Er stieß sie von sich und sprang auf auch die Gräfin stand da
emporgerichtet in ihrer ganzen Höhe
    »Nicht treu eine Dornach nicht treu Nein keine Dornach Du bist nicht
aus unserem Blut  Ehebrecherin« schleuderte sie Maria zu und führte
unwillkürlich das Taschentuch an ihre Lippen die sie beschmutzt fühlte nachdem
sie das Wort ausgesprochen hatten  »Erich nicht der Sohn meines Sohnes 
und ich  und ich« Mit einem grellen kurzen Lachen sank sie in die Kissen
zurück halb ohnmächtig stumm und starr
    »Du lügst Maria« rief Wilhelm Bebend vor Wut trat Wolfsberg vor seine
Tochter hin »Deine Entschuldigung« fuhr er sie an
    Sie sah ihm ruhig in die zornig flammenden Augen und aus den ihren sprach
eher ein Vorwurf als eine Abbitte Ich hatte mich gerettet aus eigener Kraft
hätte sie ihm antworten können Da riss mich die Hand deines Sohnes ins
Verderben
    »Deine Entschuldigung« rief er von neuem dieses Mal leiser dringender
sehr betroffen über ihre wunderbare Gelassenheit »Du hast eine Entschuldigung«
    »Keine« erwiderte sie
    »Unmöglich« fiel Wilhelm ein »Wenn du gefehlt hast hätte ein Engel
gefehlt und « plötzlich hielt er inne
    Die Tür neben dem Sofa war geöffnet worden Aus dem Zimmer Gräfin Agatens
kam Erich heraus und auf sie zugelaufen »Großmutter wo ist der kleine Vogel«
fragte er und legte seine gekreuzten nackten Ärmchen auf ihren Schoss
    In ihrem Herzen erglomm ein letzter Funken der Liebe zu diesem holdseligen
Kinde sie sah ihn mitleidsvoll an dann wies sie ihn hinweg
    Er aber forderte ungestüm »Den kleinen Vogel Großmutter gib gib« und
klammerte sich an sie
    Da schüttelte sie ihn ab wie wenn etwas Unreines sie berührt hätte »Geh«
befahl sie hart Ihr Gesicht war verzerrt ihre Hände ballten sich krampfhaft
»Geh«
    Erich erstaunt bestürzt wurde über und über rot seine Mundwinkel zogen
sich herab er sah noch von der Seite nach dem Vogelbauer und rang mit dem
Weinen in das man ihn ausbrechen hörte sobald er das Zimmer verlassen hatte
    Maria blieb regungslos Ihr Vetter Wilhelm beobachtete sie in unsäglicher
Spannung und wartete sehnlich dass sie sprechen und die Verleumdung zurücknehmen
werde die sie gegen sich selbst ausgestoßen hatte  Aus welchem Grunde was
bezweckte sie damit Die Gedanken wirbelten durcheinander in seinem
brennenden Kopf es hämmerte in seinen heißen Schläfen Nach Kühlung ringend
trat er ans Fenster
    Lau strömte die Luft ihm entgegen und weckte ein flüsterndes Geräusch in den
Wipfeln der Bäume Schwalben umkreisten das Haus Weiße Tauben schwangen sich
von einem Pilasterkapitäl schwirrenden Fluges auf und verschwammen im Blau wie
Flöckchen
    »Wilhelm«
    Er sah sich um die Gräfin hatte seinen Namen gerufen
    »Der alte Stamm Dornach ist erloschen« sprach sie feierlich und erbleichte
unter dem Eindruck den ihre eigenen Worte in ihr hervorriefen »Gott schütze
den jüngeren Stamm und vor allem dich dessen Haupt«
    Er taumelte zurück »Ich Ich«
    »Du hast den nächsten Anspruch Ist dir das neu« fragte Wolfsberg voll
Bitterkeit
    »Ich werde ihn nicht geltend machen nie«
    »Als ob du die Wahl hättest«
    »Du wirst tun was deine Pflicht ist und was du tun musst« sagte die Gräfin
    »Muss« erwiderte er heftig »und was wir jetzt gesprochen haben muss
weltbekannt werden  und zu der Erklärung die hier abgegeben worden ist muss
das Gesetz seinen Segen geben « Er hielt inne ein erlösender Gedanke war in
seinem Geiste aufgestiegen »Das Gesetz gibt ihn nicht Vor dem Gesetz ist
das in der Ehe geborene Kind rechtmäßig und sein Erbe unantastbar«
    Gräfin Agathe fuhr auf »Sein Erbe das Gesetz Es gibt ein Gesetz
welches das Kind der Sünde beschirmt wenn es die Hand ausstreckt nach fremdem
Gut«
    »Ohne Sorge« fiel Wolfsberg ein Er war blass geworden Schweißtropfen
perlten auf seiner Stirn »Das Kind wird Dornachisches Eigentum nie berühren
es wird erzogen werden wie es ihm zukommt und einst mündig geworden seine
Verzichtleistung unterschreiben mit dem Bewusstsein es vollziehe eine leere
Förmlichkeit Dafür steh ich«
    »Und ich« sprach Maria und Wilhelm rief ganz außer sich»Und du So
gibst du deinen Namen der Lästerung preis Hast du das auch bedacht«
    Sie hatte ein trostloses Lächeln »Guter Wilhelm du wirst doch mich nicht
schonen wollen  eine Schuldige die mehr als überwiesen die geständig ist 
Ich habe jahrelang Liebe und Ehrfurcht erduldet mit dem Bewusstsein meines
Unwerts   das war schwerer «
    »Worte leere Worte« versetzte starr unerbittlich die Gräfin »Wenn es dem
Ewigen gefallen hätte meinen Sohn zu erhalten würdest du weitergelebt haben in
Lüge und Trug«
    »Nicht mehr lange« sprach Maria mit sanftem eindringlichem Beteuern
»glaube mir Der kleinste dem   dem unrechtmässigen Kinde gewährte Anspruch
hätte mir die Zunge gelöst und dann wäre ich vor Hermann gestanden wie ich
jetzt vor seiner Mutter stehe und hätte gefragt « ihre Stimme wurde fast
unhörbar »Darf ich dir Lebewohl sagen«
    Eine ablehnende Gebärde war die Antwort der Gräfin Wilhelm aber ging auf
Maria zu und sagte vorwurfsvoll »Lebewohl Du willst uns verlassen was fällt
dir ein  Wir lieben dich  meiner Helmi bist du wie eine Tochter  bleibe bei
uns zieh zu uns in unser schlichtes Haus  bleibe bei uns« Er klopfte auf
seine Brust »Du hast einen Freund der dich verehrt und noch mit seinem letzten
Hauche wiederholen wird Wo die gesündigt hat da wäre ein Engel gefallen«
    Maria drückte dankbar seine Hand »Wir sehen uns wieder« brachte sie mühsam
hervor »in Wolfsberg wo mein Vater mich und das Kind aufnehmen wird Nicht
wahr Vater«
    »Ich komme nicht mehr nach Wolfsberg« erwiderte er rau In dieser Stunde
verleugnete sich seine Liebe zu ihr
    »Maria« rief Wilhelm »wir werden jeden Tag segnen den du uns schenkst
Bleibe bei uns«
    »Es kann nicht sein  du wirst das einsehen« sagte sie Ihre Wangen hatten
sich langsam gefärbt und glühten nun fieberhaft
    Zum zweiten Male wandte sie sich an ihren Vater »Nimm uns dennoch auf«
    Er zuckte mit den Achseln und antwortete »Was bleibt mir anderes übrig«
 
                                       20
Das Stammschloss Wolfsberg war ein schwerfälliges steinernes Bauwerk mit düsteren
Bogenhallen feuchten Gängen klafterdicken Mauern Der Graf hatte es einst mit
großem Aufwand bewohnbar machen und einen Teil davon in altertümlichem Stile
einrichten lassen während der andere allen Anforderungen entsprechen sollte
die heutzutage an den Landaufentalt reicher und gastfreier Leute gestellt
werden Später nach dem Tode seiner Frau bereute er die romantische Laune die
ihn verleitet hatte seinen Wohnsitz in einer unwirtlichen Gegend zu nehmen in
der Nachbarschaft einer Dorfbevölkerung der alle Laster der Armut anhafteten
Er ließ Dolph und Maria monatelang allein seine Besuche wurden immer kürzer
und nach der Verheiratung seiner Tochter kam er überhaupt nicht mehr nach
Wolfsberg
    Das Schloss erhob sich auf einem stumpfen Hügel der noch zu Anfang des
Jahrhunderts dicht bewaldet gewesen war Ein geldbedürftiger Vorfahr hatte die
Bäume fällen und den Grund nicht mehr aufforsten lassen Wasserrisse bildeten
sich die fruchtbare Erde wurde von Regengüssen fortgeschwemmt und der tonige
Sandstein der nun zutage kam allmählich von einer kümmerlichen Vegetation
bedeckt Hie und da ragte der schiefe und narbige Stamm einer Föhre mit
graugrünen Nadelbüscheln an den dürren Zweigen aus dem Gestein hervor und wo
ein Quellchen rieselte gab es üppig wuchernde Moose Wurzeltriebe der uralten
Steineichen die oben vor dem Pförtnerhause standen schmückten sich mit
Blättern Kampanellen und Eriken wuchsen aus dem Schutt
    Dass die Wasseräderchen nicht ganz versiegten dankte man dem Baumreichtum
des Schlossgartens Hinter seiner weitläufigen vieleckigen Einfassungsmauer die
sich stellenweise bis zur halben Höhe des Hügels zog breiteten sich herrliche
Wiesen und sogar von Blumen und von Gewächshäusern in denen sie überwinterten
erzählte man im Dorfe Ein Verkehr zwischen diesem und dem Schloss bestand
nicht Unfrieden herrschte zwischen beiden seitdem die Gemeinde die ersten
Wohltaten die der Graf ihr erwiesen mit Undank gelohnt hatte Was sich an
Nörgeleien erdenken lässt das tat man einander an
    Dem Grafen in dessen Sinne die Gutsverwaltung sich dem Volke gegenüber
benahm weihte es seinen vollsten Hass während das Andenken der verstorbenen
Herrin in Ehren gehalten wurde Ein Gemisch von Wahrheit und von böswilliger
Erfindung hatte sich als Tradition in der Gegend erhalten Niemand bezweifelte
dass die Gräfin den Misshandlungen erlegen war die sie von ihrem Gatten erdulden
musste und jetzt wandelte sie als Gespenst durch die Gänge schlich an seine Tür
und lauschte Eines Nachts hatte er ihr geisterhaftes Auge gesehen wie es
durchs Schlüsselloch spähte Nun verfolgte ihn dieses Auge und starrte ihm
entgegen aus jedem Winkel des Hauses Kein Wunder dass er es nicht aushielt in
Wolfsberg kein Wunder dass seine frechen Diener sich nach und nach gebärdeten
als Herren im fremden Eigentum
    Das Telegramm des Grafen welches das Eintreffen Marias zu längerem
Aufenthalte ankündigte enttronte mit einem Schlage ein halbes Dutzend
Usurpatoren und entfesselte einen Sturm von unwilligen Fragen »Was hat sie hier
zu suchen Warum bleibt sie nicht dort wohin sie gehört«
    Keinem willkommen kehrte Maria mit Erich und ihrem kleinen Gefolge in die
Heimat zurück
    Die windbrüchige Akazienallee die zum Schloss führte das
MuttergottesKapellchen daneben am Fuße der Anhöhe von vier Winterlinden
umgeben den weiten Ausblick den man im Steigen über die Felder und Hutweiden
gewann bis zu dem Steinbruche und tief im Hintergrunde den dunkeln Nadelwald 
das alles hatte sie geliebt  Und wie kahl welch ein Ausbund von Traurigkeit
erschien es ihr jetzt
    »Wo sind denn die Wiesen wo sind denn die Berge« rief Erich als er am
Morgen nach der Ankunft aus dem Fenster blickte Er ging mit Lisette in das Dorf
und kehrte ganz entrüstet zurück
    »Sie sind hier sehr unartig« erzählte er »sie geben keine Antwort wenn
man sagt Guten Morgen und ein Bub hat mir« er senkte die Stimme und flüsterte
seiner Mutter ins Ohr »die Zunge herausgestreckt«
    »Sie kennen dich noch nicht« erwiderte sie ihm »warte nur bald werden sie
so freundlich mit dir sein wie die Kinder in Dornach«
    Aber diese Prophezeiung erfüllte sich nicht Im Gegenteil als der Grund der
Entfernung Marias aus Dornach bekannt wurde ließ es auch die Erwachsenen
besonders die Weiber an Gehässigkeiten gegen das Kind nicht fehlen Ein
Schimpfwort wurde ihm zugerufen sooft er sich zeigte nach dessen Bedeutung er
zu Hause vergeblich fragte und als er mit seiner Mutter davon sprach traten
Tränen in ihre Augen Sie hatte gemeint nach dem Scheiden von Dornach könne ihr
nichts mehr weh tun und nun gab es doch noch Stacheln die vermochten ihr ins
Herz zu dringen
    Als sie nach Geringschätzung gedürstet hatte sie nicht bedacht dass ihr
schuldloses Kind sich mit ihr darein werde teilen müssen
    Sie begann zu werben um die Gunst der Elenden und Mitleidlosen Sie brachte
Hilfe und ließ sich nicht abschrecken durch das Misstrauen und durch den kaum
verhehlten Hohn mit dem ihre Gaben aufgenommen wurden Wenn Erich über die
Bauernkinder klagte wies sie ihn ab »Sie können nicht dafür bedauere sie
niemand sagt ihnen seid gut«
    »Wär auch schad drum mit denen müsst man eine andere Sprache reden« fiel
Lisette zornschnaubend ein  Sie hätte so gern jede Beleidigung die Maria oder
das Kind erfuhren mit Feuer und Schwert gerächt  Ihres Respekts vor dem
Grafen Wolfsberg entledigte sie sich nach und nach vollständig und äußerte
ungescheut wie es sie empöre dass er nicht kommt sich seiner Tochter
anzunehmen und »dem schlechten Beamten und übrigen Volk den Standpunkt
klarzumachen  mit der Hundspeitsche« schrie sie und schlug auf den Tisch
    Es war ihr unfassbar dass die flehentlichen Bitten Wilhelms und seiner Frau
Maria besuchen zu dürfen von ihr unerhört blieben und sie wurde nicht müde
ihren Unwillen darüber kundzutun
    »Glaube mir« erhielt sie endlich zur Antwort »es würde mich verwöhnen
mich weich machen« Maria presste die flachen Hände an ihr Gesicht dann hob sie
den Kopf in ihrer alten stolzen Weise »Ich aber muss standhaft bleiben«
    Sie bewahrte einen unerschütterlichen Gleichmut sie schien blind und taub
wenn sie herausfordernden Mienen begegnete wenn sich bei ihrem Anblick ein
beleidigendes Zischeln erhob
    Eines Tages im Späterbste führte ihr Weg sie zu einer einzeln stehenden
Hütte deren uralte Bewohnerin von aller Not befreit war seit der Anwesenheit
der Gräfin in Wolfsberg Gekrümmt wie ein Bogen saß sie auf der Bank an ihrer
Tür und lud Maria ein neben ihr Platz zu nehmen Sie begann damit sich zu
beklagen dass die Kleidungsstücke die sie aus dem Schloss erhalten hatte nicht
ganz nach ihrem Geschmack ausgefallen waren sagte aber zuletzt doch einige
Worte des Dankes
    Auf ihren Stock gestützt blickte sie zu Maria hinauf die von Abscheu
ergriffen vor der affenartigen Hässlichkeit der Alten unwillkürlich die Augen
schloss
    »Ja was Sie jetzt anders geworden sind dass Sie sich um uns kümmern«
sprach die Greisin »wie Sie noch zu Haus waren ist Ihnen so was nicht
eingfallen « Sie lächelte schadenfroh »Na wir werden Ihnen schon losbeten
meine Tochter und ich den anderen können Sie schenken soviel Sie wollen die
beten doch nicht für Sie  die schimpfen nur  Was die aber selber tun das
sollen Sie von mir hören hochgräfliche Gnaden damit wenn sich einer getraut
Ihnen etwas ins Gesicht zu sagen Sie ihms tüchtig zurückgeben können«
    Sie erzählte Sie lieferte die Geheimnisse der Bewohner ihres Dorfes aus Es
war eine haarsträubende Sittengeschichte und die alte Sibylle erfand nicht
Ihre Enthüllungen trugen das Gepräge der Wahrheit einer Wahrheit freilich die
Schritt hielt mit den dunkelsten und ausschweifendsten Phantasiegebilden
    Maria unterbrach das Weib im schönsten Fluss ihrer Rede und erhob sich 
Welche Greuel dachte sie nein so hättet ihr nicht werden müssen ihr
Bejammernswerten Ihr hättet nicht in diesen Sumpf zu geraten brauchen in dem
ihr jetzt versinkt Nur wenige Einsichtige und Barmherzige unter denen die
durch Jahrhunderte unumschränkt über euch geherrscht und sie würden euch zur
Erkenntnis des Guten geführt haben Sie besaßen die Macht warum nicht auch die
Gerechtigkeit die Uneigennützigkeit das liebreiche Herz
    Als ein Kind ihres Stammes fühlte Maria sich mitschuldig an dem
himmelschreienden Versäumnis und war doch die letzte die Ersatz dafür zu
leisten vermochte Sie konnte schenken  raten belehren bessernd einwirken
konnte sie die Bemakelte nicht Um die Menschen zu ihrem wahren Heile zu
führen bedarf es einer reinen Hand
    Sie eilte hinweg wie gejagt und durchwachte die Nacht ruhelos und fiebernd
In dem großen kapellenartig gewölbten Schlafgemach das sie mit Erich bewohnte
hingen zwei Meisterwerke Benczurs die Bilder Hermanns und seines Sohnes Gräfin
Agathe hatte sie für ihre Schwiegertochter malen lassen und sie waren das erste
gewesen das Wilhelm seiner verehrten Base nachzuschicken befahl aus Dornach
Die geliebten Gestalten schienen lebendig aus ihren Rahmen zu treten ihre
treuen freundlichen Augen die Augen Marias zu suchen und ihr zu folgen wohin
sie sich wandte Sie sank an ihrem Bette zusammen ihre ganze Seele flammte auf
in der verzehrenden ewig empfundenen ewig vergeblichen Sehnsucht all der
Unglücklichen die ihr Liebstes überleben Einmal nur noch deine Stimme hören
einen Kuss auf deine Lippen drücken nur einmal noch
    Oh dieses immer geforderte nie erlangte nie verschmerzte eine letzte Mal
    Alles still im Haus und auch draußen alles still Ausnahmsweise hatte der
Sturm seine Flügel gefaltet und sein wildes Lied verstummen lassen An dem
Geiste Marias zogen die stillen Tage ihres ersten noch unbewussten Glückes
vorbei Sie versenkte sich in die Erinnerung an jede im Verkehr mit ihrem
Gatten ihrem Freunde verlebte Stunde
    Er hatte sein bei der Verlobung gegebenes Wort treulich gehalten was sie
für ihn tat immer als Gnade angesehen was er für sie tun durfte als sein
bestes Glück Und seine Art und Weise gegen sie war nur der höchste Grad dessen
was er allen Menschen zuteil werden ließ Sie erhob ihre Augen und ihre Hände zu
seinem Bilde und tat einen stummen Schwur Die Welt soll dich nicht ganz
verloren haben deine Güte deine Langmut sollen fortleben ich will dienen um
das Recht sie auszuüben in deinem Sinn ich will mir das Vertrauen der
Leidenden und Irrenden verdienen
    In diesem Jahre kam der Winter besonders früh und streng mit seinen kurzen
Tagen seinem dämmerigen Lichte mit Eis und Schnee Wochenlang von dem Verkehr
mit der Außenwelt abgeschnitten suchte Maria wenn ein Postpaket endlich ins
Schloss befördert werden konnte immer zuerst nach Briefen von ihrem Vater  und
nicht selten umsonst Fürstin Alma Karla und Betty schrieben voll Zärtlichkeit
Wilhelms wiederolten immer inniger ihre stehende Bitte sprachen immer wärmer
ihre Sehnsucht nach einem Wiedersehen aus Tante Dolph sandte unpassend
schneidige Berichte über das Treiben in der Gesellschaft während Wolfsbergs
Briefe so unpersönlich als möglich nur Fernliegendes berührten
    Am Abend wenn Sturm und Frost Maria im Hause gefangenhielten setzte sie
sich ans Klavier und spielte und sehr oft kam Erich rückte einen Sessel
herbei stieg hinauf und hörte unendlich aufmerksam zu Das Kind schien eine
Ahnung zu haben von der Schönheit der Phantasien die unter den Fingern seiner
Mutter hervorquollen Sein dunkler leuchtender Blick ruhte mit ehrfurchtsvollem
Staunen auf ihr und senkte sich fast scheu wenn sie zu ihm hinsah
    Einmal plötzlich hielt sie inne nahm ihn auf ihren Schoss und drückte ihn an
sich Er streichelte und küsste ihre Wangen wollte sprechen würgte aber die
Frage die ihm schon auf den Lippen schwebte wieder hinunter
    »Was hast du Was willst du« sprach Maria
    »Ich möcht so gern  so gern möcht ich « er stockte wieder und fuhr
nach einer Weile zögernd fort »Ich weiß Mutter wie man nach Dornach geht Vom
Schlafzimmer sieht man den Weg Lisette hat mir ihn gezeigt  Sie hat gesagt
das arme Dornach ist ganz verlassen und wird noch lang verlassen bleiben Ist es
weit nach Dornach liebe Mutter«
    Sie nickte schweigend »Ja«
    »Ich möcht aber doch nach Dornach« begann er wieder entschlossener
werdend »Hermann wird mir von den Löwen erzählen Dornach ist nicht so weit wie
die Löwen«
    »Doch« rief sie mit schneidendem Schmerzensklang »Dornach ist weiter als
alles ist unerreichbar«
    Am folgenden Morgen da Lisette beim Eintreten in das Zimmer der Gebieterin
ausrief »Wie blass du bist wie übel du aussiehst« musste Maria eingestehen dass
sie sich müde und unwohl fühlte
    Lisette bemerkte nur »Es muss arg sein wenn dus selber sagst« aber sie
setzte etwas ins Werk was sie schon seit längerer Zeit geplant hatte und
vertraute im Laufe des Tages dem Stubenmädchen dass sie heute »einen Koup«
ausgeführt einen ausgezeichneten »Koup«
    Die Kränkung Marias über das Wegbleiben des Grafen die wenigstens sollte
ein Ende nehmen Lisette wusste recht gut was sie zu tun hatte um ihn ins
Bockshorn zu jagen
In der Stunde in der Maria ihr schweres Geständnis abgelegt hatte ihrem Vater
ein schreckliches Bild von dessen möglichen Folgen vorgeschwebt Der Name seiner
Tochter der Schmach preisgegeben nie wieder genannt ohne die Erinnerung an
einen Skandal zu wecken  Und er mit hineingerissen in die Schande seine
glänzende Stellung vernichtet
    Aber siehe als er sich anschickte die große Welt als ein Ausgestossener zu
fliehen kam sie ihm entgegen huldvoller denn je Seltsamerweise hatte Maria
die öffentliche Meinung gewonnen durch die heroische Geringschätzung die sie
ihr bewies Die große Welt verzieh statt zu verdammen sie tat ein übriges 
sie bewunderte Tonangebende Damen erklärten Gräfin Dornach werde stets in
ihrem Hause willkommen sein
    »Was der Teufel willkommen« rief Betty Wonsheim aus »kniend würde ich sie
auf meiner Schwelle empfangen«
    Und wie stimmte Karla ihr bei und welches unaussprechliche Mitleid erfüllte
die Seele Fürstin Almas und wagte nicht sich laut zu äußern aus Furcht vor dem
Schein einer begreiflichen Sympatie mit der Schuldigen und mit der Schuld Fee
die sich einen famosen Reisewagen hatte bauen lassen  Gott weiß wo Gott weiß
wann man ihn brauchen wird  konnte es nicht erwarten ihn zu probieren Eine
Fahrt über Land mit eigenen Pferden mit vielmaligem Einkehren und wunderbarem
Schlusseffekt plötzlichem Sturz in die Arme ihrer überraschten ihrer liebsten
ihrer angebetenen Freundin  das wäre etwas gewesen recht nach dem Herzen der
kleinen Fee
    Die strengsten Richter fand Maria in ihrer Familie
    »Bei mir hat sie abgewirtschaftet« sagte Gräfin Dolph geradeheraus zu
Fräulein Nullinger
    Die Gesellschafterin erwiderte nicht ohne geistlichen Hochmut »Darüber wird
sie sich trösten  im Himmel der die große Büsserin erwartet«
    »Was Sie sagen  der Himmel Kann sein übrigens Es gibt ja einen für die
Einfältigen Sie hat eine Dummheit gemacht um einen Fehler zu reparieren das
mag dort Anerkennung finden«
    Das Fräulein spielte alle Farben von Dunkelrot bis zu Violett »Mein ganzes
Innere ist empört «
    »Gegen mich« fragte Gräfin Dolph mit souveränem Lächeln »Oh wie grausam
 nein ich bitte Sie kein Wort mehr haben Sie Erbarmen ich weiß ja dass
meine Empfindungen nur Hunde sind gegen die Ihrigen«
    So scharf ihr eigenes Urteil über Maria war die Härte ihres Bruders suchte
sie zu mildern weil er darunter litt »Was nimmst du ihr im Grunde übel« sagte
sie einmal  »dass dein Blut und das Blut ihrer Mutter in ihren Adern rinnt Nun
Verehrtester ich kann den Gebrauch den sie davon gemacht nicht unbescheiden
finden Sie hat geheiratet überlege nur mit der Neigung zu Tessin im Herzen
sie hat  ich kenne sie  jeden Gedanken an ihn von sich gewiesen Aber die
abgewiesenen Erinnerungen und Gefühle das ist bei Leuten eueres Schlages wie
zurückgeschobener Sand oder Schnee es häuft es häuft sich es wird ein Berg
und stürzt euch bei der ersten Gelegenheit über dem Kopf zusammen«
    »Diese Frau« murmelte Wolfsberg »und  dieser Mann«
    Gräfin Dolph verzog den Mund mit unbeschreiblichem Spotte
    »Soll ich alte Jungfer dir sagen dass die Krone der Liebe nicht wie die von
Mazedonien dem Würdigsten bestimmt ist  Das wäre eine langweilige Welt in der
nur Tugendhelden Eroberungen machen würden Ich bitte dich hör auf dich zu
quälen Ewig zürnen kannst du nicht und einen Groll den man endlich doch
fahren lassen muss soll man je eher je lieber aufgeben«
    Die Zeit verfloss die ersten Frühlingstage kamen der Verkehr zwischen Vater
und Tochter beschränkte sich immer noch auf einen spärlichen Briefwechsel
    Da erschien eines Vormittags Gräfin Dolph im Arbeitszimmer ihres Bruders
Ihr linkes Auge war zusammengezogen und zwinkerte trüb und matt Sie hatte ihre
MärzRheumatismen die ganz besonders bösen in der Stadt herumkutschiert und
kam von einem Abschiedsbesuch bei Wonsheims Es ging nicht gut in dem Hause Auf
den dringenden Rat ihrer Ärzte verreisten die zwei Ehepaare für längere Zeit
Klemens brauchte Zerstreuung um jeden Preis Der Arme war seit dem entsetzlichen
Unglück das er verschuldet als er sinn und gedankenlos den Ehrgeiz eines
Kindes zum unseligsten Wagnis aufgestachelt in ernster Gefahr gemütskrank zu
werden
    »Er denkt natürlich nicht daran Maria vor Augen zu treten die beiden
Frauen aber möchten unbeschreiblich gern Abschied von ihr nehmen Geht das was
meinst du« fragte die Gräfin
    »Ich weiß nicht« gab er zur Antwort
    »Sie ist etwas unwohl«
    »Wer«
    »Nun Maria«
    »Hat sie geschrieben«
    »Nicht sie Lisette der alte Angstwurm hat hinter ihrem Rücken einen Brief
an Doktor Hofer ergehen lassen und der ist sofort nach Wolfsberg abgereist«
    Der Graf saß an seinem Schreibtisch hielt eine Feder in der Hand und tippte
heftig mit der Spitze auf ein bereits ausgefertigtes Schriftstück »Was das für
Übertreibungen sind«
    »Er hat sich nicht lange aufgehalten war heute schon bei mir und voll
Ingrimm über die schlechten Verkehrsmittel bei uns zulande« Sie rückte näher an
den Kamin in dem ein Holzfeuer brannte »Drei Patienten haben mit dem Sterben
auf ihn gewartet sobald sie expediert sind kommt er zu dir«
    »Er hätte gleich kommen sollen« versetzte Wolfsberg ungeduldig »Warum bin
ich der letzte der von alledem etwas erfährt«
    »Damit du dir nicht unnötige Sorge machst  ganz unnötige Es ist nichts
von Bedeutung« Die Hälfte von dem was der Arzt ihr gesagt hatte sie
vergessen vergessen wollen und von der anderen Hälfte verschwieg sie ihrem
Bruder das meiste Ihre Schmerzen waren fast unleidlich geworden »Leb jetzt
wohl« sprach sie »ich muss anticipando ausruhen habe Gesellschaft heute abend
die ganze Menagerie wie Madame de  de wie hieß sie nur sage nun die im 18
Jahrhundert als Paris noch an der Spitze der Kultur stand und das Kaffeehaus
Europas war  die  ich hab vergessen wie sie hieß mein Gedächtnis geht
flöten Auch eines der vielen Anzeichen des hereinbrechenden Greisentums  Ja
mein Lieber halte dich an die Nachkommen die Zeitgenossen sterben einem weg
Du kannst über Nacht ein Bruder ohne Schwester sein«
    Sie fand für gut das zu sagen wäre jedoch sehr erstaunt gewesen wenn man
ihr geglaubt hätte
    Als sie fort war fuhr Wolfsberg ins Ministerium präsidierte einer Sitzung
empfing Besuche  alles wie immer Und dabei hatte er unaufhörlich die
Empfindung eines Zusammenpressens der Kehle Gegen Abend kam er heim begann
rastlos auf und ab zu wandern in seinem Zimmer und horchte jedem Glockenzeichen
Eine schwere alt machende Stunde verschlich Da endlich wurde die Tür vor dem
Herrn Professor aufgerissen
    Er war ein Mann in den Fünfzigen kräftig und untersetzt mit ansehnlicher
Glatze aber noch dunklen Haaren Der treuherzige Ausdruck seines schönen
glattrasierten Gesichtes sein gerades Wesen gewannen ihm auf den ersten Blick
ein Vertrauen das er durchs Leben hindurch zu rechtfertigen wusste
    Der Graf ging ihm entgegen und reichte ihm beide Hände »Lieber Herr
Professor Sie Getreuer  Sie waren dort  ich danke Ihnen«
    »Nix zdanken« erwiderte Hofer trocken  er bediente sich manchmal durchaus
ernstaft des Wiener Dialekts  und seine kleinen braunen Augen fest auf
Wolfsberg richtend fuhr er fort »War meine verdammte Schuldigkeit mich nach
ihr umzusehen wäre  mit Verlaub  auch die Ihre Herr Graf Sie und ich wir
kennen sie gleich lang und wir könnten es wissen dass die Frau einige
Aufmerksamkeit verdient«
    Wolfsberg wischte sich die Stirn »Es hat sich viel verändert Freund  Zur
Sache Wie geht es ihr« Er lehnte mit dem Rücken am Fenster der Arzt stand vor
ihm
    »Merkwürdige Frage« sagte er »Nein dass auch für Sie die alte Regel passt
Willst du Genaues erfahren über deine Allernächsten so frage nur bei fremden
Leuten an Hm hm  Hat zuviel ausgestanden die Frau Wissen Sie was Herr
Graf Hören Sie jetzt auf zu schmollen es könnte Sie sonst reuen« er klopfte
ihm auf den Arm
    »Doktor Herr Professor  mich reuen  Sie sehen zu schwarz  Ihr
einziger Fehler«
    »Ich sehe was Sie sehen werden Reisen Sie morgen machen S a bisserl an
Ordnung auf Ihrem Rittergschloss bleiben Sie aber nicht lang und kommen Sie dann
nicht zu bald wieder hin Auch Ihre Besuche würden die Kranke «
    »Die Kranke«
    » aufregen und jede selbst die geringste Gemütsbewegung kann von den
schlimmsten Folgen für sie sein Es ist ja ganz gut sie so hinduseln zu lassen
und zu beschränken auf den Umgang mit ihrem Kind Wenn sie recht haushält mit
ihren Kräften wird es vielleicht möglich werden sie im Herbst nach dem Süden
zu bringen Aber« er erhob drohend den Zeigefinger »das Bewusstsein muss sie
haben dass ihr niemand etwas nachträgt Ihr gebührt Bewunderung Wer die Frau
kränkt begeht eine Todsünde Das sage ich Ihnen«
    Eine halbe Stunde später kündigte der Graf seiner Schwester an dass er mit
dem Nachtzuge nach Wolfsberg abreise und ließ packen Das Essen das ihm in
seinem Zimmer serviert wurde blieb unberührt Er schickte einige Zeilen an
seine Behörde und warf die Antwort ungelesen auf den Tisch In seinem Sessel
zurückgelehnt starrte er vor sich hin Da auf dieser Stelle hatte sie gekniet
den Kopf an seinem Herzen  Plötzlich unwillkürlich falteten sich seine
Hände Der Mann dem der Glaube nur als ein Kappzaum galt für die Menge und als
unentbehrlicher Trost für die Enterbten dieser Erde betete zu dem Gott der
Liebe und des Erbarmens dessen er in Jahren nicht gedacht Erhalte sie mir
schrie er zu ihm empor Das war alles was er zu sagen wusste in seiner Pein 
Anfang und Ende seiner Beredsamkeit Allmächtiger erhalte sie mir
    Am nächsten Tage traf er in Wolfsberg vor dem Telegramm ein das ihn
ankündigen sollte Die Überraschung der Dienerschaft das Geschrei Lisettens
die eben in den Hof trat als er hereinfuhr belehrten ihn darüber
    »Der Herr Graf das ist aber etwas« rief die Alte tat aufs äußerste
verwundert und beantwortete seine Frage nach Maria mit den hastig gesprochenen
Worten »Bei den Pinien  im Garten  ich muss nur bitten  ich will sie
vorbereiten «
    Er hörte sie nicht an Während im Schloss und im Beamtenhaus alles
durcheinanderrannte und die feindlichsten Elemente sympathisch zusammentrafen in
dem Verdruss über seine Ankunft schritt er eilig der großen Baumgruppe am
südlichen Ende des Gartens zu  Wie war alles verwildert Die Wege
grasüberwuchert die Wiesen von Unkraut zerfressen die Gebüsche unbeschnitten
ihre kahlen schwachen Stämmchen in die Höhe gewachsen lauter Lichtungen statt
der ehemaligen schattigen Gänge Von weitem schon erblickte er seine Tochter
Sie saß auf einer Moosbank unter den mächtigen Stämmen  durchsichtig blass
schmal in ihrem schwarzen eng anliegenden Kleide  und sah dem Kinde zu das
sich eifrig mit dem Bau einer kleinen Grotte beschäftigte Ihr Vater war schon
nahe bei ihr als sie seine Schritte knistern hörte auf dem mit dichten
Schichten abgefallener Nadeln bedeckten Grunde und den Kopf erhob
    »Maria« rief er aus und Tränen traten ihm in die Augen
    Sie stand auf wollte sprechen auf ihn zueilen sank aber stumm zurück mit
einem unendlich dankbaren Lächeln
    Er neigte sich zu ihr herab und drückte einen langen Kuss auf ihre Stirn Sie
flüsterte etwas Unverständliches ihre Nasenflügel bebten ihre Lippen waren
halb geöffnet sie zogen die Luft hörbar atmend ein
    Wolfsberg setzte sich zu ihr »Hätte ich doch gewusst « sagte er »warum
nicht ein Wort schreiben  Wie unrecht« Von Rührung übermannt zog er ihre
Hände an seinen Mund und küsste sie und sprach leise »Niemand liebt dich wie
ich dich liebe und niemand hat dir so weh getan«
    Alles war ihm Vorwurf ihr abgehärmtes Aussehen ihr verwahrloster Wohnort
das Fremdtun Erichs der sein Spiel unterbrochen hatte und ihn ernst und fragend
ansah ohne ihn zu begrüßen
    Auf einmal blitzte es freudig auf in den Augen des Knäbleins Er trat an
seine Mutter heran »Schau dorthin« sagte er legte sein Händchen flach an ihre
Wange und zwang sie den Kopf zu wenden Die Sonne ging unter ihre letzten
waagerechten Strahlen schimmerten durch die Stämme der Bäume das Angesicht des
Kindes flammte in ihrem Widerschein goldene Lichter spielten auf seinen
dunkeln leicht gelockten Haaren
    Wolfsberg betrachtete ihn mit schmerzlicher Bewunderung »Nun was ist mit
dir« begann er »Du siehst mich ja gar nicht an Kennst du mich nicht mehr«
    »O ja  o ja« gab Erich zur Antwort senkte den Kopf und wandte seine ganze
Aufmerksamkeit einem Käfer zu der an einem Grashalm emporzuklimmen suchte
    Auch Maria wagte nicht aufzublicken Die Erinnerung an den Abscheu mit dem
Gräfin Agathe das Kind von sich gestoßen hatte durchzitterte sie und sie
murmelte »Verzeih ihm er ist so scheu geworden in der Einsamkeit«
    »Wir wollen ihn schon zutraulich machen« sagte ihr Vater und streckte dem
Knäblein die Rechte entgegen »Schlag ein kleiner Wolfsberg schlag ein mein
Enkel Auf gute Freundschaft«
    Der Graf blieb einige Zeit daheim und alle die in seinem Dienste standen
erfuhren wie begründet ihr Schrecken über seine Ankunft gewesen war Er ging
streng ins Gericht seinen unverschämtesten Ausbeutern seinen aufgeblasensten
Würdenträgern brach der Angstschweiß aus als er ohne die Stimme zu erheben
mit geschlossenen Zähnen zu ihnen sprach »Weh euch wenn ich bei meiner
Wiederkehr nicht jedes Versäumnis eingebracht finde hundertfach«
    Seine Abreise verschob er von Tag zu Tag Er hatte Erich liebgewonnen er
beschäftigte sich mehr mit ihm als er mit Maria getan da sie noch in so zartem
Alter stand Halbheit war seine Sache nicht Er wollte den Enkel den er
anerkannt von aller Welt anerkannt sehen und ihn für eine glänzende Zukunft
erziehen Als er jedoch seine ehrgeizigen Pläne vor Maria entwickelte traf er
auf Widerstand Sie strebte für Erich das Gegenteil von allem an was ihrem
Vater wünschenswert erschien ja sie forderte von ihm das feierliche
Versprechen dass ihr die entscheidende Verfügung über ihr Kind bewahrt bleibe im
Leben und im Tode
    Zweifelnd und erschrocken sah er sie an aber eine andere Antwort als »ja«
hatte er auf einen von ihr geäusserten Wunsch nicht mehr
    Ihre unerschütterliche Gelassenheit bewegte ihn in allen Seelentiefen Es
schien ihm die Gelassenheit einer halb Abgeschiedenen die nicht mehr wünscht
noch hofft Ihre Mutter in ihrem letzten Lebensjahre hatte in ruhigen Stunden
denselben Ausdruck stiller Trostlosigkeit gehabt Maria war jetzt das
vollkommene Ebenbild der unglücklichen Frau und Wolfsberg schauerte manchmal
zusammen wenn sie ihm unerwartet entgegentrat
    Am Abend vor seiner Abreise waren sie aus dem Salon in dem der Tee genommen
worden in den anstoßenden Erker getreten Aus seinen hohen schmalen Fenstern
sah man über die Bäume des Gartens über das Dorf hinweg auf eine von Trümmern
die aus dem Steinbruch herabgerollt teilweise bedeckte Hutweide Die Dämmerung
war eingebrochen und in ihrem täuschenden Scheine meinte man einen ungeheuren
Friedhof vor sich zu sehen Wolfsberg blickte lange gedankenvoll hinaus Ein
letztesmal suchte er Maria zu überreden ihren düstern Aufenthalt mit dem auf
einem seiner Güter in Tirol oder in Österreich zu vertauschen »Wo du mir
leichter erreichbar wärest und auch Tante Dolph der die Reise hierher zu
beschwerlich ist dich besuchen könnte Und die anderen die vielen die dich
lieben Was mir nur die kleine Fee alles aufgetragen hat Sie droht wenn du ihr
durchaus nicht erlaubst zu kommen es ohne deine Erlaubnis zu tun«
    »Gib es nicht zu« rief Maria flehend aus Eine tiefe Röte spielte auf ihren
Wangen »Ich kann niemanden sehen lieber Vater Lass mich hier vergraben tot
für alle sein nur so ertrage ich das Leben«
    Zur Abfahrt Wolfsbergs versammelten sich seine Angestellten mit ihren nicht
immer »besseren« Hälften im Schlosshofe Auch der Vorsteher der Gemeinde war da
Der Graf hatte derselben einen Teil ihrer Schulden abgenommen gegen seine
Überzeugung aber auf Marias Fürbitte  Er kam mit ihr und mit Erich die Treppe
herab beantwortete die devoten Kratzfüsse und Knickse der seiner Harrenden mit
einer ablehnenden Gebärde umarmte seine Tochter küsste und segnete seinen Enkel
und sprang in den Wagen
    Maria blieb regungslos stehen und sah ihm nach Plötzlich bemerkte sie dass
auch die übrigen sich nicht vom Flecke gerührt sondern in untertäniger Haltung
erwarteten von ihr entlassen zu werden  Die freche Feindseligkeit hatte sich
in eine kriechende verwandelt
Ein Jahr nach dem Tode Hermanns schrieb Tessin an Maria Seine Versetzung auf
einen höheren wieder überseeischen Posten sollte noch im Laufe des Jahres
erfolgen er kam bevor er ihn antrat für einige Zeit in die Heimat zurück In
bewegten tiefe unwandelbare Liebe atmenden Zeilen bat er um die Gunst eines
Wiedersehens und knüpfte daran eine Hoffnung die vielleicht zu kühn war um in
Erfüllung zu gehen Doch lebe er von ihr und auf sie verzichten müssen wäre
sein Untergang
    Maria las mit Schrecken und Grauen So war die Vergangenheit nicht begraben
So streckte sich die Hand des Urhebers ihrer unsühnbaren Schuld noch immer nach
ihr aus Die Stunde der Erniedrigung stieg wieder auf vor ihrem geistigen Auge 
unfassbar ein höllisches Rätsel  Ihr Herz stand still ihre Zähne schlugen
zusammen  Mit dem Aufgebot aller ihrer Kraft trat sie zum Schreibtisch und
richtete hastig einige Zeilen an ihren Vater
»Antworte für mich  du weißt alles  Hilf rette mich vor diesem Menschen
schütze mich vor der Gefahr jemals wieder von ihm zu hören«
Sie schloss den Brief Tessins in den ihren und schickte damit einen Reitenden
dem sie selbst die größte Eile auftrug nach der Post
    In Gedanken begleitete sie ihren Boten Jetzt konnte er beim Steinbruch sein
und jetzt an der Brücke und wenn er tüchtig jagte kam er noch zurecht zur
Abfahrt des Postkarrens  Und der brauchte dann vier Stunden bis er zur
Eisenbahnstation gelangte Vier volle Stunden  Wenn nur die vorüber wären
sie würde leichter atmen
    Jetzt also dachte sie ist der Brief auf der Bahn als die Schlossuhr zehn
schlug
    Sie hatte die Leute zur Ruhe geschickt und ging nun rastlos in ihrem
Schlafzimmer auf und ab bis sie endlich todmüde auf ihr Lager sank neben dem
das kleine Bett Erichs stand Er schlief fest und sah gescheit und lieblich aus
Seine Mutter schöpfte Mut und Kraft aus seinem Anblick ihre Besorgnisse
schienen ihr mit einem Male töricht Was lag daran ob die Antwort auf den
Brief der ihr zugeflogen war wie ein Pfeil aus dem Busche einen Tag früher
oder später kam   Was lag daran  Sie sprach sich Vernunft zu sie schalt
die Schwäche des Willens der nichts vermochte über das Treiben aufgeregter
Nerven über das tolle Pochen des Herzens Gegen Morgen fiel sie in leisen
durch wirre Träume gestörten Schlaf und erwachte in kalten Schweiß gebadet Sie
stand mühsam auf und schickte Erich mit seiner Wärterin in den Garten Zu Mittag
kam er wie gewöhnlich zur Unterrichtsstunde in das Erkerzimmer wo Maria ihn
erwartete
    »Mutter« rief er »es ist jemand angekommen ein Herr mit den Schimmeln
vom Postmeister und der eine hinkt«
    Sie war aufgefahren hatte einen raschen Blick nach der Tür geworfen als ob
sie entfliehen wollte und war dann auf ihren Platz zurückgesunken »Jemand
angekommen« wiederholte sie »Weißt du wer«
    Nein er wusste es nicht
    Aber sie wusste es  Tessin hatte ihre Antwort nicht abgewartet  er war
gekommen
    Die Tür die vom Gang in das Nebenzimmer führte wurde aufgerissen Man
vernahm Lisettens kreischenden Ausruf »Jesus Herr Jesus«  »Ich darf
niemanden vorlassen« sprach ein Diener laut
    »Mutter« rief Erich »warum schreien sie so da draußen« Er breitete seine
Arme aus und stellte sich schützend vor sie hin
    »Fürchte dich nicht«
    Und jetzt polterte sehr aufgeregt Lisette herein »Nein denk dir nur 
Graf Tessin nennt er sich und ich schwöre darauf es ist derselbe  Aber was
ist dir denn«
    Maria war aufgestanden ihr Gesicht hatte einen fremden Ausdruck angenommen
Finster und kalt sah sie den eintretenden Tessin an der bei ihrem Anblick
totenblass wurde
    Erich stürzte ihm entgegen »Fort du fort wir wollen dich nicht « und
drohend erhob er die Faust
    Die Lippen Tessins verzogen sich er lächelte das Kind an mit einem Gemisch
von Verlegenheit und Spott er wünschte sich weit weg von hier er verfluchte
seine Ungeduld
    In liebevoll gehegter Erinnerung hatte er Maria immer nur so vor sich
gesehen wie sie war in der süßesten und siegreichsten Stunde seines Lebens Er
hatte die schönste Frau in Gedanken tausend und tausendmal in seinen Armen
gehalten Das wahnsinnige Verlangen nach ihr das ihn oft in der Fremde
ergriffen wuchs von Minute zu Minute seitdem er den Boden der Heimat betreten
hatte Er zweifelte nicht  sie liebte ihn noch sie hatte immer nur ihn
geliebt sie wartete seiner mit ebender Sehnsucht mit der er ihr
entgegengestrebt  
    Und nun wars erreicht er stand am Ziel und was es ihm bot war eine
grausame Enttäuschung die zu verbergen ihm die Fassung fehlte Langsam trat er
näher und verbeugte sich stumm
    Maria winkte Lisetten den Knaben fortzuführen Er sträubte sich musste aber
gehorchen Am Ausgange noch wandte er sich um und warf einen Blick voll Trotz
und Misstrauen auf Tessin
 
                                       21
Maria sah dem Kinde nach Funken flimmerten vor ihren Augen ihr war als ob die
Wand an der sie lehnte schwankte als ob die kleinen runden Scheiben der
Erkerfenster wie Kreisel wirbelten platzten wie Seifenblasen  Sie biss sich
in die Lippen sie wollte standhaft bleiben sie wollte die Herrschaft behaupten
über ihre schwindenden Sinne  Einmal wieder rief ihr die Erinnerung das alte
Zauberwort zurück Nur ruhig
    »Wie dürfen Sie es wagen« stieß sie plötzlich hervor »Was wollen Sie
Warum haben Sie meine Antwort nicht abgewartet«
    »Welche Frage « erwiderte er betroffen über diesen unerwarteten Empfang
»Aus Ungeduld aus Sehnsucht«
    »Nach dem was Sie hier erwartet Oh«
    »Was mich hier erwartet Sie meinen den Schmerz Sie leidend zu finden« 
und furchtbar verändert setzte er in Gedanken hinzu
    Die widersprechendsten Gefühle kämpften in ihm Mitleid Groll Trotz und
Wehmut Ihm schien jede Gunst erreichbar und jedes Glück  sollte er das seine
nun suchen im Besitz einer verwelkten Frau Aber  es war doch sie sie die
ihm die heftigste Leidenschaft seines Lebens eingeflößt hatte  Er fühlte von
neuem ihren bestrickenden Einfluss und überließ sich ihm Das Bewusstsein eines
begangenen Frevels an diesem armen Weibe erwachte und zugleich  nur Lügner
behaupten dass er großmütiger Regungen unfähig sei  der Vorsatz seine Schuld
wiedergutzumachen
    Noch immer hatte er dagestanden den Hut in der Hand und nahm jetzt
unaufgefordert Platz Maria gegenüber Allmählich fand er die Züge die ihm so
teuer gewesen in diesem bleichen Gesichte wieder Es trug die Spuren von
schweren Seelenqualen die um ihn erduldet worden  ein nicht geringes Genüge
für seine Eitelkeit  Tessin sprach einige Worte der Rührung und des Bedauerns
sich selbst jedoch sagte er Sie ist jung sie wird genesen sie wird wieder
aufblühen in meinen Armen ich will der Gott sein unter dessen Hauch ihre
Wangen sich von neuem färben ihre Lippen lächeln werden der sie auferweckt und
zurückführt zu allen Daseinswonnen
    Er begann ihr seine unveränderte Liebe zu beteuern er erzählte von der
Kunst die er angewendet hatte um sich immer in Kenntnis von allem zu erhalten
was sie betraf So wusste er denn auch von ihrer »hochherzigen Verzichtleistung«
und schwur dass er den Anspruch der ihm daraus erwuchs geltend machen werde
    Mit einer Art stumpfer Ergebung ertrug Maria seine Nähe seinen unverwandt
auf sie gerichteten Blick Der ihre blieb so abwesend so leer dass sich Tessin
eines Zweifels an der leichten Ausführbarkeit seiner göttlichen Sendung nicht
erwehren konnte In gereiztem unwillkürlich herausforderndem Tone schloss er
»Sie haben Ihrem Sohne den Namen genommen der ihm vor dem Gesetz zukam das
kann nur in der Absicht geschehen sein ihm dafür den Namen zu geben der ihm in
Wahrheit gehört  den meinen«
    Jetzt machte sie eine heftig abwehrende Bewegung »Ihm Ihren Namen geben und
Ihnen dadurch ein Recht auf das Kind  Ihnen« Sie beugte sich vor In ihren
Augen hatte sich eine Flamme der Verachtung entzündet die ihn traf wie ein
glühender Pfeil
    Er zuckte zusammen er rang nach Fassung und rief dennoch fassungslos aus
»Gräfin  Maria Sie haben mich geliebt«
    Sie neigte den Kopf eine brennende Röte flog über ihre Wangen »Ich habe
geglaubt Sie zu lieben und Sie  sind schlau gewesen Sie haben es verstanden
einen Brand des Schuldbewusstseins gegen Sie in meine Seele zu werfen  Dann
haben Sie sich einen Spiessgesellen geworben und mit seiner verräterischen Hilfe
sind Sie gekommen und haben mich überrascht gemeiner ehrloser als ein Dieb
und ich habe mich an Sie weggeworfen  Und nachdem das Unwiderrufliche
geschehen nachdem die Schuld begangen war  eine Schuld die von den Tränen
der Reue so wenig weggespült werden kann wie der Fels von der Welle die zu
seinen Füßen brandet  dann ist mir der Mann neben dem ich bisher hingegangen
war wie eine Blinde teurer geworden von Tag zu Tag  Er hat mich die Liebe
kennengelehrt die ewig ist er in dessen Seele die reinste Güte und Treue
vereinigt waren  Und diese Empfindung in einem Herzen das seiner unwürdig
geworden  Das seltenste köstlichste Glück vergeudet  um welchen Preis« Ein
Schauer des Ekels durchrieselte ihre Glieder
    Im Innersten entrüstet äußerlich jedoch starr und unbeweglich hatte Tessin
ihr zugehört Wie er sie jetzt hasste die Törin die sich  um ein geringes zu
spät  in ihren Mann verliebt hatte wie er sie lächerlich fand mit ihrer
Sentimentalität und ihrer krankhaften Reue Eine kleine Abkühlung tat not und
so murmelte er denn höhnisch »Wie müssen Sie mir geflucht haben«
    »Nur mir  Sie sind ohne Rechtsgefühl ich hatte es und täuschte dennoch
das edelste Vertrauen betrog   um Sie«
    Ihr Blick glitt über ihn hin und er spürte ihn wie etwas Körperliches das
von ihm herunterwischte allen Wert alles Selbstbewusstsein alle eingebildete
Herrlichkeit  Er knirschte er meinte Notwehr üben zu müssen und dazu war
ihm jedes Mittel gut
    »Sie regen sich auf« sprach er frostig »Wollen Sie sich töten«
    »Nein ich will leben um mein Kind zu erziehen  Ich will es lehren
rechtschaffen sein und wahr und stark ein Feind alles dessen was glänzt und
scheint und lügt  Er soll « ihr keuchender Atem stockte
    »Sagen Sie es doch kurz heraus« rief Tessin mit bitterem Lächeln »Er soll
das Gegenteil von dem werden wofür Sie mich halten  Glück auf Gräfin  möge
die Erziehung gelingen Nur rate ich Ihnen seien Sie nicht zu rüde  manche
Lektion schlägt deshalb nicht an weil sie in gar zu schonungsloser Weise
gegeben wurde«
    Maria hatte ihr Haupt gesenkt sah vor sich hin und nickte nur zerstreut zu
seinen Worten  »Er soll auch « begann sie »nie erfahren dass Sie sein sein
« es war ihr unmöglich es auszusprechen »Sie bleiben immer für ihn ein
Fremder Das fordere ich darüber werde ich wachen dabei muss es bleiben
wenn ich nicht mehr da bin ihn zu beschützen vor Ihrem Einfluss Ihrem Beispiel
 Ein Fremder Schwören Sie mir   oder nein  versprechen Sie mir  Aber
nicht wie euresgleichen einer Frau etwas verspricht einer Frau der gegenüber
Ehrlosigkeit nicht entehrt  Warum warum  Vielleicht weil sie euch nicht
zur Rechenschaft ziehen kann« Sie zitterte und bebte und es schien dass er
eine gewisse Befriedigung empfand über ihre masslose Aufregung Er war die
gelassene kaltblütige Überlegenheit selbst er war kräftig und gesund seine
Nerven waren von Stahl
    »Gräfin« sagte er in ermahnendem Tone »Sie wollen etwas von mir und hören
nicht auf mich zu beleidigen Ist das klug«
    Maria griff mit beiden Händen an ihre Stirn »Unklug« jammerte sie »ganz
töricht und unklug  Verzeihen Sie mir « Es klang schrill wie ein der
innersten Natur dem widerstrebenden Willen mit übermächtiger Gewalt
abgerungener Schrei »Verzeihen Sie mir und erfüllen Sie meine Bitte«
    Er tat als wenn er sich besänne und sagte nach einer Weile
    »Es soll geschehen«
    Maria fiel rasch ein »Bei allem was Ihnen   aber was ist Ihnen heilig«
setzte sie entmutigt hinzu
    Jetzt wurde seine Miene ernst und überzeugt »Die Erinnerung an die Stunde
die Sie aus Ihrem Leben tilgen möchten und die ich nicht tauschen würde gegen
alle Erdengüter Bei dieser Erinnerung verspreche ichs« Er stand langsam auf
Ein wilder Wunsch sie an sich zu reißen sie noch einmal an seine Brust zu
pressen ergriff ihn
    Da erhob sich auch Maria und sie standen Aug in Auge
    Später als er alles was er je angestrebt errang das Glück sich an seine
Fersen heftete Unternehmen und Gelingen für ihn eins geworden schien gedachte
er manchmal jenes seltsamen stummen kurzen Kampfes zwischen ihm und einer
zarten sterbenden Frau  in dem er unterlegen war
    Sie hatte nach der Tür gewiesen und er hatte sich bezähmt und Gehorsam
geleistet
    Maria blieb aufrecht  sie musste aufrecht bleiben  Wenn sie sich jetzt
verriete sie sich selbst welche Torheit wäre das  Nein sie tut es nicht
sie will nicht sie ist stark
    Die Tür öffnet sich wieder Erich kommt hereingelaufen »Mutter« ruft er
»der Herr ist schon fortgefahren«
    »Ja  jawohl  «
    Und jetzt spricht Lisette die dem Kind gefolgt ist »Merkwürdig nein wie
merkwürdig Felix Tessin  den Namen kenn ich nicht aber den Menschen 
Was hat der nur gewollt Ich möcht darauf schwören dass es derselbe ist der
zuletzt beim armen Wolfi war«
    »Es wird so sein « stammelte Maria unverständlich  »Bruder und Schwester
durch ihn gemordet « und sie stürzte leblos zusammen
    Lange Zeit verging bevor ihr Bewusstsein wiederkehrte Im jähen Schrecken
hatte Lisette an den Professor an Wolfsberg an Wilhelm telegraphieren lassen
»Gräfin erkrankt gleich kommen« Halb sinnlos raufte sie sich die Haare und
hörte nicht auf zu schreien »Sie ist tot mein Kind ist tot« Bei dem ersten
Zucken jedoch das durch den Körper der Ohnmächtigen lief bei dem ersten
Aufschlagen ihrer Augen machte Lisettens Verzweiflung der unerschütterlichsten
Zuversicht und Hoffnungsfreudigkeit Platz
    Mit Mühe sprach Maria einige Worte »Lass Wilhelm und Helmi kommen gleich
hörst du  gleich« Eine erdrückende Angst schien auf ihr zu lasten sie
verlangte nach dem Kinde und als man es ihr brachte erkannte sie es nicht und
hielt es für den kleinen Hermann »Da bist du« murmelte sie »das war ein
tiefer Schlaf  Oh wie habe ich mich nach meinem Erstgeborenen gesehnt«
    Es wurde Nacht die Kranke lag regungslos Ein Eiskübel war an ihr Bett
gestellt worden Lisette und Klara erneuerten abwechselnd die Umschläge auf
ihrer Stirn
    »Sie sieht uns nicht seien Sie sicher Fräulein« flüsterte das
Kammermädchen »O Gott und ihre Augen  wie blaue Flammen mit Schleiern
davor«
    Auf dem Tische stand eine verdeckte Lampe der schwache Lichtkreis den sie
an die Decke warf fesselte den Blick Marias In dem bleichen Schimmer bildeten
sich flutende Wellen und ein weißer Schwan zog über sie hin und in den Lüften
erklang eine liebliche Musik Die verstummte plötzlich ein Stern war vom Himmel
gefallen und der Stern war ein Weib und entsetzliche Ungeheuer zerfleischten
es  Hunderte von Fratzen Köpfe ohne Leiber schwebten heran Augen ohne
Köpfe die vielen Augen die sich in die ihren bohrten Sie fürchtete sich
nicht sie fand das alles natürlich Natürlich auch dass sie auf ihrem Bette lag
und zugleich dort oben stand in dem webenden Schein an der Seite Hermanns Er
deutete auf sie und sagte Ich seh dein Herz es blutet und es hat einen
schwarzen Fleck einen kleinen kleinen Fleck der verfinstert die Welt
    Draußen heulte der Sturm umpfiff das Haus schleuderte Regengüsse gegen die
Scheiben der Fenster rüttelte an den Angeln warf sich gegen das Tor das
stöhnend Widerstand leistete
    Lisette sprach »Das verwünschte Wetter Es hält dich wach mein armes
Kind«
    »In Dornach ist es still« versetzte Maria  und nach einer Pause »Glaubst
du  glaubst du es liebe Alte«
    »Was soll ich glauben was wünschest du das ich glauben soll«
    »Dass sie mich dort dulden werden in der Gruft«
    »Wie du nur sprichst«
    »Staub bei Staub aber  wie wunderbar « Sie machte einen Versuch sich
zu wenden »Der eine ist gekommen «
    »Wer denn ich verstehe dich nicht«
    »Du hast ihn doch selbst gebracht« erwiderte sie leise mit einem Schatten
von Ungeduld »sein Vater schickt ihn er soll mich nach Dornach führen 
meinem lieben Dornach « sie lächelte glückselig als sie den Namen nannte 
»zu meinem Hermann  dahin wo er jetzt ist  Wir werden liegen Hand in
Hand hinter den Steinen Nicht ein Laut wird zu uns dringen nicht eine Stimme
 nicht einmal die Stimme des Gewissens «
    »Sie phantasiert und ich sage Ihnen man muss um den Geistlichen schicken«
flüsterte Klara Lisetten zu Von der wurde sie rau angelassen
    »Ja just phantasieren wird sie das fällt ihr ein  Sie spricht aus dem
Schlaf hats von klein auf getan«
    Maria versank in einen dumpfen Halbschlummer aus dem sie von Zeit zu Zeit
auffuhr um nach Wilhelm und Helmi zu rufen Gegen Morgen wurde sie ruhiger und
so fand sie der herbeigeholte Bezirksarzt Als er hörte dass Professor Hofer
stündlich erwartet werde äußerte er den Wunsch mit dem berühmten Arzt
zusammenzutreffen und nahm sich vor später wiederzukommen Seine Meinung über
den Zustand der Kranken behielt er für sich etwas zu verordnen fand er
überflüssig
    Lisette triumphierte Gab dieses Benehmen des Doktors ihr recht oder nicht
Wäre er so fortgegangen ohne sich auszusprechen ohne nur ein Rezept
aufzuschreiben wenn er die geringste Besorgnis hätte
    Sehr gelegen kam ihr in dieser Stunde ein Antworttelegramm aus dem Hause des
Professors welches meldete er sei für drei Tage verreist So hatte sie noch
Zeit ihre Aufforderung zu widerrufen und brauchte sich nicht wieder von ihm
»die alte Furchtputzen« schelten zu lassen
    Der Optimismus Lisettens besaß eine mitteilende Kraft Im ganzen Schloss
herrschte Fröhlichkeit Der Kastellan setzte die unterbrochenen Singlektionen
seines Zeisigs wieder fort und werkelte ihm unermüdlich das Liedchen vor »Wenn
ich am Morgen früh aufsteh « Die Männer traten wieder fest auf die Frauen
schlugen lärmend die Türen zu alles kehrte ins alte Geleise zurück
    Maria hatte sich auf das Ruhebett tragen und dieses an das Fenster rücken
lassen Sie war erschöpft und halb betäubt und glaubte immer den Wagen der
Wilhelm und Helmi brachte hereinrollen zu hören
    »Nimm doch Vernunft an« ermahnte Lisette »sie können noch nicht da sein
trotz der Relais die der Verwalter geschickt hat außer es wäre ein Wunder
geschehen oder  sie hätten einen Extrazug genommen«
    Eine dieser Möglichkeiten musste eingetreten sein denn gegen Abend waren die
Ersehnten da begleitet von Doktor Weise Mit heiteren Mienen liefen ihnen die
Diener entgegen und verkündeten es gehe besser es gehe gut
    Lisette kam die Treppe herabgestürzt sie warf sich beinahe auf die Knie vor
dem Ehepaar und umarmte beinahe den Doktor »Das vergelte der liebe Gott den
Herrschaften dass Sie sich so beeilt haben  Jetzt wird sie glücklich sein«
Unablässig zum Vorwärtsschreiten anspornend machte sie den Wegweiser über die
Treppen und Gänge
    »Sie gehen zuerst« sprach Wilhelm zum Doktor »und bestimmen ob die Gräfin
uns sehen darf«
    Er ließ die Einwendungen Lisettens nicht gelten sie musste sich bequemen
Weise anzumelden der auch sofort vorgelassen wurde während Wilhelm und Helmi
im Nebenzimmer warteten Er völlig verstört sie sorgenvoll gebeugt mit
blassen Wangen Die tröstlichen Versicherungen mit denen sie empfangen worden
flössten ihnen wenig Vertrauen ein Sie erbebten als Lisette endlich erschien
    »Nur kommen nur kommen Sie fragt nach den beiden Herrschaften und nach
niemandem sonst« rief sie und entfernte sich diskret
    »Nun denn in Gottes Namen« sagte Wilhelm und Helmi legte sachte die Hand
auf die Klinke Da trat ihnen Weise aus der Tür entgegen
    »Nichts zu machen« flüsterte er tief betrübt »eine Herzruptur worunter
man sich freilich nicht vorstellen darf  nun mit einem Wort es ist aus«
    Wilhelm taumelte wie wenn ihn jemand vor die Brust gestoßen hätte
    »Aber  sie lebt noch «
    »Noch ja noch« und Weise schob den Türflügel zurück
    Maria lag gerade ausgestreckt Das letzte Tageslicht warf seinen bleichen
Glanz über ihre von der erhabenen Majestät des Todes schon verklärten Züge
Umflossen von der goldigen Pracht ihrer Haare ruhte ihr Haupt in den Kissen und
sie machte eine vergebliche Anstrengung es zu heben als Wilhelm und Helmi
eintraten Diese strich mit zitternden Fingern über die Hand der Kranken
    »Dank dass ihr kommt  Dank und eine Bitte « sprach Maria »Ihr seht ich
darf nicht leben für das Kind  ich darf auch nichts abtragen von meiner
Schuld «
    »Du hast sie gesühnt o Gott im Himmel wie gesühnt« rief Helmi
    »Gebüsst nicht gesühnt  das hätt ich nie gekonnt  Schwer ist mit solchem
Bewusstsein das Leben  und schwer der Tod «
    Wilhelm begann leise dann brach es wie ein Schrei aus seiner Brust »Nein
nein du wirst nicht sterben«
    »Doch  und ihr gute Eltern ihr habt um einen Sohn mehr  den meinen 
Ja« Beide schluchzten »Ja«
    Helmi bettete den Kopf der Kranken etwas höher und Marias Blick ruhte auf
ihr mit einem Ausdruck wie aus einer andern Welt
    Und nun ließ sich durch die tiefe Stille das Herannahen eines Wagens
vernehmen Hufschlag und Peitschenknall erschallten vor dem Tor es wurde
zurückgeschoben in seinen eisernen Schienen und dröhnend rollte ein wuchtiges
Gefährt herein
    Maria hatte aufgehorcht »Der Vater  mein armer Vater« sagte sie Angst
und Sorge malten sich in ihrem sterbenden Gesichte ein banges Flehen war in
ihrer Stimme »Wilhelm Helmi  in meinem Schreibtisch  ein Brief an euch 
enthält mein Testament  das Kind bewahren vor jedem anderen Einfluss  vor
jedem  Schwört mir «
    »Sei ruhig« sprach Wilhelm und jetzt klang sein Ton sicher und fest »wir
übernehmen wir allein die Verantwortung für diese Seele«
    »Mein armer Vater« wiederholte Maria »Das Glück ist nicht wo er es sucht
Gut sein ist Glück einfach selbstlos und gut wie Hermann wie ihr  Erich
soll dereinst in Wolfsberg das Werk fortsetzen das ich hier im Geiste meines
Hermann begonnen habe  in dem ich unterbrochen ward  er soll  Wo ist
Erich« fragte sie laut
    Da erscholl ein helles Lachen »Er kommt und wer noch« sprach jemand die
Schwelle überschreitend  und ins Zimmer flatterte Fee Erich an der Hand »Da
ist sie da ist deine kleine Fee jetzt wirf sie hinaus wenn dus übers Herz
bringst« Sie war an das Ruhebett herangetreten prallte plötzlich zurück und
stöhnte »Oh  Oh«
    Maria sah sie an ein mattes Lächeln irrte um ihren Mund und begrüßte diese
Abgesandte des Lebens die da hereingedrungen war so lieblich so frisch und
rosig mit ihrem Lachen wie Lerchenschlag
    Von einer feigen Regung ergriffen wollte Fee entfliehen aber sie
bemeisterte sich sie blieb hob Erich zu seiner Mutter empor nahm sanft und
zärtlich ihren Arm legte ihn um den Hals des Kindes und stammelte »Du hast ihn
gerufen«
    »Kleine Fee« sagte Maria »leb wohl liebe kleine Fee«
    Nun war es vorbei mit der Fassung der jungen Frau Sie warf sich ungestüm an
Marias Brust und brach in einen Sturm von Klagen und Tränen aus Wilhelm machte
die Sterbende frei von ihr er wollte Fee hinwegführen sie riss sich los sank
auf ein Kissen am Ende des Zimmers wo sie sich wand in krampfhaften Bemühungen
ihr Schluchzen zu unterdrücken
    Lisette kam Erich zu holen und empfing den Dank ihrer Herrin »für lange
Treu  Auch du bist diesen edlen Menschen empfohlen  sie werden dich nicht
trennen von dem Kinde  Hab es nicht zu lieb  wie du dein großes Kind
gehabt hast arme Alte«
    »Niemanden mehr so lieb« und sie küsste die teure Hand ihrer einen und
einzigen mit heißen bebenden Lippen Jeder Nerv an ihr zuckte sie hielt es
nicht aus nahm Erich der stumm und bestürzt kaum zu atmen wagte und trug
ihn fort
    Helmi war niedergekniet »Maria Vielgeliebte« flehte sie leise »geh nicht
unversöhnt aus dem Leben erfülle deine Christenpflicht  Bereite dich vor an
das Herz des Allgütigen zu sinken«
    »Des  Allgütigen«
    »An den du glaubst  «
    »An den ich glaube« sehnsüchtig hauchte sie es nach  »Alles verloren
Helmi  den Glauben an die Vorsehung  den Glauben selbst an meinen freien
Willen  Und doch nur einen Wunsch « Ihre letzte Kraft erschöpfte sich in
den Worten »Oh hätte ich nie ein Unrecht getan«
Das an Wolfsberg abgesandte Telegramm wurde ihm nach dem Gute Gräfin Dolphs wo
er sich zu kurzem Besuche eingefunden hatte nachgeschickt Dort traf es ihn am
späten Abend Er reiste sofort ab Ein Schnellzug brachte ihn auf die erste
Station der Lokalbahn die ihn weiterbefördern sollte Da begann die Qual des
Wartens von einem Bettelzug zum andern des Einherhumpelns hinter einer
kriechenden Lokomotive  Wolfsberg kam in Versuchung hinauszuspringen und
nebenherzulaufen um wenigstens das Gefühl zu haben Es geht vorwärts Dann
wieder griff es ihm wie mit eisernen Klammern in die Brust Warum so eilig
Wonach hastest du  Er hatte die Gewissheit dass ihn ein Leid erwartete dem er
nicht gewachsen war Gefoltert von Angst und Ungeduld kam er mittelst einer
elenden Fahrgelegenheit auf der letzten Post vor Wolfsberg an Dort konnte ihm
nur noch ein abgejagter Reitgaul zur Verfügung gestellt werden Auf den schwang
er sich trieb ihn wütend an und ließ an dem unglücklichen Tier seine zornige
Verzweiflung aus
    Es dunkelte als er im Dorf ankam Das einförmige Gebimmel des
Totenglöckleins schallte ihm entgegen Leute standen in Gruppen beisammen ein
ganzer Zug wandelte über den Feldweg dem Schloss zu  Noch ein Stockhieb auf
die Flanke des erschöpften keuchenden Pferdes es griff aus fiel sprang auf
und brach im nächsten Augenblick völlig nieder Der Reiter machte sich los aus
den Bügeln Ein stechender Schmerz am Fuße hemmte seine Schritte er schleppte
sich dem Zuge nach Vier Lichter schwankten an dessen Spitze und weissliche
Rauchwölkchen umqualmten sie Wolfsberg verbiss seinen Schmerz strebte weiter
mit grimmigem Bemühen und rief »Halt halt Komm einer und helfe mir«
    Seine Stimme blieb ungehört von den ihre Kirchengebete murmelnden Wallern
Am Gartentor waren die Lampen entzündet worden Der Geistliche im Ornat
Kirchendiener und Chorknaben mit Laternen und Weihrauchfässern schritten vorüber
in den Hof
    »Wartet Helft mir« röchelte Wolfsberg todesbang
    Dieses Mal wurde er gehört Der Zug hielt die Leute sahen sich um sie
konnten lange nichts unterscheiden in der Dunkelheit bis plötzlich ein Bursche
sprach »Es is der Graf dort beim Feldstein steht er dem is was gschehn«
    Einer flüsterte es dem andern zu  doch mehr tat keiner Endlich erbarmte
sich ein alter krüppelhafter Mensch ging hin und stützte und führte ihn
    Beinahe zugleich mit dem Priester trat Wolfsberg in das Sterbezimmer Die
Zimmer waren weit geöffnet Am Himmel schwebte eine finstere Wolke sie glich
einem riesigen Vogel mit weit ausgespreizten Flügeln Der von ihr verhüllte Mond
warf eine Fülle silbernen Lichtes über eine Stelle am Horizont Auf dieser
ruhten Marias schon gebrochene Augen Dort wo es hell war wo der verklärende
Schimmer sich breitete  lag Dornach