1887_Sudermann_FrSorge.html




        
                               Hermann Sudermann
                                   Frau Sorge
                                     Roman
                                  Meinen Eltern
                             zum 16 November 1886
Frau Sorge die graue verschleierte Frau
Herzliebe Eltern Ihr kennt sie genau
Sie ist ja heute vor dreißig Jahren
Mit Euch in die Fremde hinausgefahren
Da der triefende Novembertag
Schweratmend auf nebliger Heide lag
Und der Wind in den Weidenzweigen
Euch pfiff den Hochzeitsreigen
Als Ihr nach langen bangen Stunden
Im Litauerwalde ein Nest gefunden
Und zagend standet an öder Schwelle
Da war auch Frau Sorge schon wieder zur Stelle
Und breitete segnend die Arme aus
Und segnete Euch und Euer Haus
Und segnete die so in den Tiefen
Annoch den Schlaf des Nichtseins schliefen
Es rann die Zeit  Die morsche Wiege
Die jetzt im Dunkel unter der Stiege
Sich freut der langverdienten Rast
Sah viermal einen neuen Gast
Dann wenn die Abendglut verblichen
Kam aus dem Winkel ein Schatten geschlichen
Und wuchs empor und wankte stumm
Erhobenen Arms um die Wiege herum
Was Euch Frau Sorge da versprach
Das Leben hat es allgemach
In Seufzen und Weinen in Not und Plage
Im Mühsal trüber Werkeltage
Im Jammer manch durchwachter Nacht
Ach so getreulich wahr gemacht
Ihr wurdet derweilen alt und grau
Und immer noch schleicht die verschleierte Frau
Mit starrem Aug und segnenden Händen
Zwischen des Hauses armen vier Wänden
Vom dürftigen Tisch zum leeren Schrein
Von Schwelle zu Schwelle aus und ein
Und kauert am Herde und bläst in die Flammen
Und schmiedet den Tag mit dem Tage zusammen
Herzliebe Eltern drum nicht verzagt
Und habt Ihr Euch redlich gemüht und geplagt
Ein langes schweres Leben lang
So wird auch Euch bei der Tage Neigen
Ein Feierabend vom Himmel steigen
Wir Jungens sind jung  wir haben Kraft
Uns ist der Mut noch nicht erschlafft
Wir wissen zu ringen mit Not und Mühn
Wir wissen wo blaue Glücksblumen blühn
Bald kehren wir lachend heim nach Haus
Und jagen Frau Sorge zur Tür hinaus
                                       1
Gerade als das Gut Meihöfers sich unter dem Hammer befand wurde Paul sein
dritter Sohn geboren
    Das war freilich eine schwere Zeit
    Frau Elsbeth mit ihrem vergrämten Gesicht und ihrem wehmütigen Lächeln lag
in dem großen Himmelbette neben sich die Wiege des Neugeborenen ließ die Augen
unruhig umherschweifen und horchte auf jegliches Geräusch das vom Hofe und aus
den Wohnzimmern in ihre traurige Wochenstube drang  Bei jedem verdächtigen
Laut fuhr sie empor und jedesmal wenn eine fremde Männerstimme sich hören ließ
oder ein Wagen mit dumpfem Rollen dahergefahren kam fragte sie in heller Angst
die Pfosten des Bettes umklammernd »Ists so weit Ists so weit«
    Niemand gab ihr Antwort Der Arzt hatte streng befohlen jede Aufregung von
ihr fern zu halten aber er hatte nicht bedacht der gute Mann dass dieses ewige
Hangen und Bangen sie tausendmal härter quälen musste als die schrecklichste
Gewissheit
    Eines Vormittags  am fünften Tage nach der Geburt  hörte sie ihren Mann
den sie in dieser bösen Zeit kaum einmal zu Gesicht bekommen mit schwerem
Fluchen und Seufzen im Nebenzimmer auf und nieder gehen  Auch ein Wort konnte
sie verstehen ein einziges Wort das er immer aufs neue wiederholte das Wort
»Heimatlos«
    Da wusste sie Es war so weit
    Sie legte die matte Hand auf das Köpfchen des Neugeborenen der mit einem
ernstaften Gesicht still vor sich hindröselte und weinte in die Kissen hinein
    Nach einer Weile sagte sie zu der Dienstmagd die den Kleinen wartete
»Bestell dem Herrn ich möchte ihn sprechen«
    Und er kam  Mit seinen dröhnenden Schritten trat er vor das Bett der
Wöchnerin und sah sie an mit einem Gesicht das in seiner erzwungenen
Unbefangenheit doppelt verzerrt und verzweifelt dreinschaute
    »Max« sagte sie schüchtern denn sie hatte immer Angst vor ihm »Max
verheimliche mir nichts  ich bin ja ohnehin auf das Schlimmste gefasst«
    »Bist du« fragte er misstrauisch denn er erinnerte sich an die Warnung des
Arztes
    »Wann müssen wir hinaus«
    Als er sah dass sie so ruhig dem Unglück ins Auge schaute glaubte er fürder
nicht nötig zu haben ein Blatt vor den Mund zu nehmen und wetternd brach er
los »Heute  morgen  ganz wie es dem neuen Herrn gefällt  Nur durch seine
Barmherzigkeit sind wir noch hier  und wenn es ihm so passt können wir diese
Nacht auf der Straße logieren«
    »So schlimm wird es nicht sein Max« sagte sie mühsam ihre Fassung
bewahrend »wenn er erfährt dass erst vor ein paar Tagen ein Kleines eingekehrt
ist  «
    »So  ich soll wohl betteln gehen bei ihm  was«
    »Oh nicht doch Er tuts von selbst Wer ist es denn«
    »Douglas heißt er  stammt aus dem Insterburgischen  trat sehr breitspurig
auf der Herr sehr breitspurig  hätt ihn am liebsten vom Hofe gejagt«
    »Ist uns was übrig geblieben« Sie fragte es leise und zögernd und sah dabei
auf den Neugeborenen nieder hing doch von der Antwort vielleicht sein junges
schwaches Leben ab
    Er brach in ein hartes Lachen aus »Ja ein Trinkgeld  volle zweitausend
Taler«
    Sie seufzte erleichtert auf denn ihr war zumute gewesen als hörte sie
schon das fürchterliche »Nichts« von seinen Lippen schwirren
    »Was sollen uns zwei Tausend Taler« fuhr er fort »nachdem ihrer fünfzig in
den Sumpf geschmissen sind Soll ich etwa in der Stadt eine Gastwirtschaft
aufmachen oder mit Knöpfen und Bändern handeln Du hilfst vielleicht noch mit
indem du in vornehmen Häusern nähen gehst und die Kinder verkaufen
Streichhölzchen auf den Straßen  hahaha«
    Er wühlte sich in den schon graumelierten buschigen Haaren und stieß dabei
mit dem Fuß gegen die Wiege dass sie heftig hin und her schwankte
    »Wozu ist das Wurm nun geboren« murmelte er düster dann kniete er neben
der Wiege nieder begrub die winzigen Fäustchen in den Höhlungen seiner großen
roten Hände und redete zu seinem Kinde »Wenn du gewusst hättest Junge wie
schlecht und niederträchtig diese Welt ist wie die Unverschämtheit darin siegt
und die Rechtlichkeit zugrunde geht du wärst wahrhaftig geblieben wo du warst
 Was wirst du für ein Schicksal haben  Dein Vater ist ein Stück Vagabund ein
Abgewirtschafteter der sich mit Weib und drei Kindern auf der Straße
herumtreibt bis er einen Ort gefunden hat wo er sich und die Seinen vollends
zugrunde richtet  «
    »Max sprich nicht so  du brichst mir das Herz« rief Frau Elsbeth weinend
und streckte die Hand aus um sie auf den Nacken des Mannes zu legen aber diese
Hand sank kraftlos hernieder ehe sie ihr Ziel erreichte
    Er sprang empor  »Du hast Recht  genug mit dem Jammern  Freilich wenn
ich jetzt allein wäre ein Junggeselle wie in den früheren Tagen dann ging ich
nach Amerika oder in die russischen Steppen dort wird man reich  ja dort
wird man reich  oder ich spekulierte an der Börse  heute Hausse morgen
Baisse  hei da ließe sich Geld verdienen aber so  gebunden wie man ist« 
  er warf einen kläglichen Blick auf Weib und Kind dann wies er mit der Hand
zum Hofe hinaus von wo die lachenden Stimmen der zwei Älteren hereintönten
    »Ja ich weiß wohl dass wir dir jetzt eine Last sein müssen« sagte die Frau
demütig
    »Rede mir nicht von Last« erwiderte er polternd »Was ich sagte war nicht
bös gemeint Ich hab euch lieb  und damit basta Es fragt sich jetzt nur
wohin Wäre wenigstens dieses Neugeborene nicht so ließ sich die Wechselfälle
eines ungewissen Daseins eine Zeitlang ertragen Aber nun  du krank  das Kind
der Pflege bedürftig  zu guter Letzt bleibt uns nichts übrig als irgendein
Bauerngut zu kaufen und die zweitausend Taler als Anzahlung zu geben Heissa das
kann ein Leben werden  ich mit dem Bettelsack du mit dem Ranzen  ich mit dem
Spaten du mit dem Milcheimer«
    »Das wäre noch nicht das Schlimmste« sagte die Frau leise
    »Nein« Er lachte bitter  »Na dir kann geholfen werden Da ist zum
Beispiel Mussainen zu verkaufen das klägliche Moorgrundstück draußen auf der
Heide«
    »O warum gerade das« sagte sie zusammenschauernd
    Er verliebte sich sofort in seinen Gedanken
    »Ja das hieße den Kelch bis auf die Hefe leeren Im Angesichte stets die
verflossene Herrlichkeit  denn du musst wissen das Herrenhaus vom Helenental
glänzt dort gerageswegs in die Fenster  ringsum Moor und Brachland an die
zweihundert Morgen  vielleicht ließe sich manches urbar machen  Pionier der
Kultur könnte man werden Und was würden die Leute dazu sagen Der Meihöfer ist
ein ganzer Kerl  würden sie sagen Er schämt sich seines Unglücks nicht ja er
betrachtete es gewissermaßen mit Ironie Pah wahrhaftig Ironisieren soll man
sein Unglück  das ist die einzig erhabene Weltbetrachtung  pfeifen darauf soll
man«  Und er stieß einen gellenden Pfiff aus so dass die kranke Frau im Bette
emporfuhr
    »Verzeih mein Liebchen« bat er ihre Hand streichelnd plötzlich in der
rosigsten Stimmung »aber hab ich nicht recht  Pfeifen soll man darauf
Solange man nur das Bewusstsein hat ein redlicher Mann zu sein kann man jedes
Ungemach mit einer gewissen Wollust ertragen Wollust ist das richtige Wort 
Das Grundstück ist jeden Tag zu verkaufen denn der Besitzer hat sich vor kurzem
in eine reiche Wirtschaft hineingeheiratet und lässt das alte Gerümpel nun
vollends brach liegen«
    »Überlegs dir erst Max« bat die Frau in heller Angst
    »Was soll das Zaudern helfen« erwiderte er heftig »Diesem Herrn Douglas
dürfen wir nicht zur Last liegen etwas Besseres können wir mit unseren lumpigen
Zweitausend nicht beanspruchen  also frisch zugegriffen «
    Und ohne dass er sich die Zeit nahm der kranken Frau lebewohl zu sagen
eilte er von dannen
    Wenige Minuten später hörte sie seinen Einspänner zum Hoftor hinausrollen
    Am Nachmittag desselben Tages wurde ihr ein fremder Besuch gemeldet  Eine
schöne vornehme Dame sei in einer glänzenden Equipage auf den Hof gefahren und
begehre der kranken Herrin eine Wochenvisite abzustatten
    Wer es denn sei  Sie habe ihren Namen nicht nennen wollen
    »Wie seltsam« dachte Frau Elsbeth aber da sie in ihrem Kummer ein wenig an
himmlische Sendungen zu glauben begann so sagte sie nicht nein
    Die Tür öffnete sich Eine schlanke zartgebaute Gestalt mit feinen weichen
Gesichtszügen trat behutsamen Schrittes an das Bett der Wöchnerin Sie ergriff
ohne weiteres eine ihrer Hände und sagte mit einer sanften leise verschleierten
Stimme »Ich habe meinen Namen verschwiegen liebe Frau Meihöfer denn ich
fürchtete nicht angenommen zu werden wenn ich ihn vorher nannte Und am
liebsten möchte ich auch jetzt ungekannt bleiben Ich muss leider annehmen dass
Sie mich nicht mehr mit Wohlwollen betrachten werden wenn Sie wissen wer ich
bin«
    »Ich hasse keinen Menschen auf der Welt« erwiderte Frau Elsbeth
»geschweige denn einen Namen«
    »Ich heiße Helene Douglas« sagte die Dame leise und drückte die Hand der
Kranken fester
    Frau Elsbeth fing sofort an zu weinen die Besucherin aber als ob sie eine
alte Freundin gewesen wäre schlang den Arm um ihren Hals küsste sie auf die
Stirn und sagte mit ihrer leisen tröstlichen Stimme »Seien Sie mir nicht gram
Das Schicksal hat es gewollt dass ich Sie in diesem Hause verdränge aber schuld
habe ich nicht daran Mein Mann hat mir eine Überraschung bereiten wollen denn
der Name dieses Gutes stimmt mit meinem Vornamen überein Meine Freude war
sofort verschwunden als ich hörte unter welchen Verhältnissen er es erworben
hatte und wie gerade Sie liebe Frau Meihöfer in dieser doppelt schweren Zeit
haben leiden müssen Da zwang es mich denn mein Herz zu erleichtern indem ich
Sie persönlich um Verzeihung bäte für den Kummer den ich Ihnen bereitet habe
und noch bereiten werde denn Ihre Leidenszeit ist ja noch nicht vorüber«
    Frau Elsbeth hatte als ob dies so sein müsste den Kopf an der Fremden
Schulter gelegt und weinte still vor sich hin
    »Und vielleicht kann ich Ihnen auch ein wenig nützen« fuhr diese fort
»mindestens dadurch dass ich einen Teil Bitterkeit von Ihrer Seele nehme Wir
Frauen pflegen uns besser zu verstehen als die harten heftigen Männer einander
Die gemeinsamen Leiden die auf uns lasten führen uns näher Und vor allen
Dingen eins Ich habe mit meinem Manne gesprochen und bitte Sie in meinem und in
seinem Namen dieses Haus so lange als Eigentum zu betrachten als es Ihnen
irgend beliebt Wir bringen den Winter meistens in der Stadt zu und haben zudem
noch ein zweites Gut das wir durch einen Verwalter bewirtschaften lassen
wollen Sie sehen also dass Sie uns in keiner Weise stören und höchstens einen
Gefallen erweisen wenn Sie noch ein halbes Jahr und darüber hier schalten und
walten wie bisher«
    Frau Elsbeth dankte nicht aber der tränenfeuchte Blick den sie zu der
Fremden erhob war Dank genug
    »Jetzt seien Sie wieder heiter liebste Frau« fuhr diese fort »und wenn
Sie für die Zukunft Rat und Hilfe brauchen bedenken Sie dass hier jemand ist
der viel an Ihnen gut zu machen hat  Und welch ein prächtiges Kind«  sie
wandte sich nach der Wiege hin  »ein Junge oder ein Mädel«
    »Ein Junge« sagte Frau Elsbeth mit einem schwachen Lächeln
    »Findet er schon Geschwister in dieser Welt  Aber was frag ich Die
beiden strammen kleinen Kerle draußen die mich am Wagen empfingen  darf ich
sie näher kennen lernen  Nein hier nicht« wehrte sie hastig ab  »es könnte
Sie noch mehr erregen Später Später  Vorerst interessiert uns dieser kleine
Weltbürger«
    Sie beugte sich über die Wiege und nestelte das Wickelzeug zurecht
    »Er macht schon eine ganz altkluge Miene« sagte sie scherzend
    »Die Sorge hat an seiner Wiege gestanden« erwiderte Frau Elsbeth leise und
schwermütig »daher hat er das alte Gesicht«
    »Oh nicht abergläubisch sein meine Beste« erwiderte die Besucherin »Ich
habe mir sagen lassen dass Neugeborene in ihren Zügen oft etwas Greisenhaftes
tragen Das verliert sich bald«
    »Gewiss haben auch Sie Kinder« fragte Frau Elsbeth
    »Ach ich bin ja eine so junge Frau«  erwiderte die Besucherin und
errötete dabei »kaum sechs Monate verheiratet  Aber « und sie errötete noch
tiefer
    »Gott stehe Ihnen bei in Ihrer schweren Stunde« sagte Frau Elsbeth »ich
werde für Sie beten«
    Das Auge der Fremden wurde feucht »Dank tausend Dank« sagte sie »Und
lassen Sie uns Freundinnen sein Ich bitte Sie recht herzlich  Wissen Sie was
Nehmen Sie mich zur Patin für diesen Ihren Jüngsten und erweisen Sie mir den
gleichen Liebesdienst wenn der Himmel mich segnet  «
    Die beiden Frauen drückten sich stumm die Hände Ihr Freundschaftsbund war
geschlossen   
    Als die Besucherin sie verlassen hatte sah Frau Elsbeth mit einem scheuen
traurigen Blick in die Runde »Es war noch eben so hell so sonnig hier«
murmelte sie »und ist jetzt wieder so dunkel geworden«
    Nach einer kleinen Weile kamen die beiden Ältesten trotz der Abwehr der
Wärterin mit hellem Jubel in das Krankenzimmer gestürzt Ein jeder hielt eine
Zuckertüte in der Faust
    »Das hat uns die fremde Dame geschenkt« jauchzten sie
    Frau Elsbeth lächelte »Pst Kinder« sagte sie »ein Engel ist bei uns
gewesen«
    Die beiden kleinen Burschen machten ängstliche Augen und fragten »Mama ein
Engel«
 
                                       2
So wurde Frau Douglas Pauls Taufpatin Wohl war Meihöfer nicht wenig ungehalten
über die neue Freundschaft denn »das Mitleid der Glücklichen brauche ich nicht«
pflegte er zu sagen aber als die milde freundliche Frau zum zweitenmal auf dem
Hofe erschien und ihm gut zuredete wagte er nicht länger nein zu sagen
    Auch in den ferneren Verbleib auf der alten Heimstätte willigt er  freilich
mit Widerstreben  ein Die Wirtschaft Mussainen die er in der Tat noch an
demselben Tage käuflich erstanden hatte war in so jämmerlichem Zustande dass
ein Verweilen darin während der kalten Herbsttage für Weib und Kind gefährlich
schien Vor allem mussten die notwendigsten Reparaturen besorgt und Zimmermann
Maurer und Töpfer herbeigeholt werden ehe an einen Umzug zu denken war
    Nichtsdestoweniger sah sich Frau Elsbeth durch den Eigensinn ihres Mannes
gezwungen lange bevor die Herrichtung der neuen Wohnung vollendet war dorthin
überzusiedeln Als nämlich eines Tages ein Inspektor des neuen Herrn mit einer
Anzahl Arbeiter auf dem Hofe erschien und in seinem Auftrage bescheiden um
Unterkunft bat erklärte er dessen Handlungsweise für eine ihm geflissentlich
angetane Schmach und war entschlossen keinen Tag länger auf dem Boden zu
verweilen den er einst sein Eigentum genannt hatte    
    Es war ein kalter trüber Novembertag als Frau Elsbeth mit ihren Kindern
dem alten lieben Hause Valet sagte  Ein feiner Sprühregen rieselte alles
durchnässend vom Himmel In grauen Nebel eingehüllt öde und trostlos lag die
Heide vor ihren Blicken
    Das Jüngste an der Brust die beiden älteren Kinder weinend um sich her so
bestieg sie den Wagen der sie dem neuen und ach so düsteren Schicksal
entgegenführte
    Als sie zum Hoftor hinausrollten und der kalte Heidewind ihnen mit eisigen
Ruten ins Gesicht peitschte da fing auch das Kleine das so lange still und
friedlich dagelegen hatte kläglich zu weinen an Sie hüllte es fester in ihren
Mantel und beugte sich tief auf das kleine zitternde Körperchen nieder um die
Tränen nicht zu zeigen die ihr unaufhaltsam über die Wangen rollten
    Nach einer halben Stunde Fahrt auf den lehmigen regendurchweichten Wegen
erreichte der Wagen sein Ziel Fast hätte sie laut aufgeschrieen als sie das
neue Heimwesen in seiner Trostlosigkeit und seinem Verfalle vor ihren Blicken
liegen sah
    Langgestreckte aus Lehm und Heidekraut aufgeführte Wirtschaftsgebäude  ein
sumpfiger Hof  ein niedriges mit Schindeln gedecktes Wohnhaus von dessen
Wänden der Kalk stellenweise abgebröckelt war und die nackte Mauer blosslegte 
ein verwilderter Garten in dem die letzten traurigen Reste des Sommers Astern
und Sonnenblumen neben halbverwesten Küchenkräutern wucherten ringsum ein
grell angestrichener Zaun dem man vor seinem Ende noch eine letzte Ölung
gegeben zu haben schien  das war der Ort an dem die Familie des
abgewirtschafteten Gutsbesitzers fortan zu hausen hatte
    Das war der Ort an dem der kleine Paul heranwuchs dem die Liebe seiner
Kindheit die Sorge seines halben Lebens galt    
    Er war in seinen ersten Jahren ein gar zartes siechendes Geschöpf und in
mancher Nacht zitterte die Mutter dass das matte Lämpchen seines Lebens
verlöschen werde ehe der Morgen graute Dann saß sie in dem düsteren niederen
Schlafzimmer die Ellbogen auf die Kante des Bettchens gestützt und starrte mit
brennenden Augen auf das magere Körperchen nieder das ein Krampf schmerzhaft
zusammenzerrte
    Aber er überstand alle die Krisen der ersten Kindheit und mit fünf Jahren
war er wenn auch schwächlich an Gliedern und blass fast welk im Gesichte  die
alten Züge hatte er richtig beibehalten  ein gesunder Knabe auf dessen
Emporkommen man Hoffnung setzen konnte
    In dieselbe Zeit fallen seine frühesten Erinnerungen
    Die erste die er sich in späteren Jahren vielfach zurückrief war folgende
    Das Zimmer ist halbdunkel An den Fenstern blühen die Eisblumen und rötlich
dringt der Schein des Abendrots durch die Gardinen Die älteren Brüder sind
Schlittschuhlaufen gegangen er aber liegt in seinem Bette denn er muss frühe
schlafen gehen und neben ihm sitzt die Mutter die eine Hand um seinen Hals
gelegt die andere auf der Kante der Wiege in der die beiden kleinen
Schwesterchen schlafen die der Storch vor einem Jahr gebracht hatte beide an
ein und demselben Tage
    »Mama erzähl mir ein Märchen« bittet er
    Und die Mutter erzählte Was daran erinnerte er sich nur dunkel aber es
war darin von einer grauen Frau die Rede die in allen trüben Stunden die Mutter
besucht hatte eine Frau mit bleichem hagerem Gesicht und dunkeln verweinten
Augen Sie war wie ein Schatten gekommen und wie ein Schatten gegangen hatte
die Hände über der Mutter Haupt gebreitet ungewiss ob zum Segen oder zum
Fluche und allerhand Worte gesprochen die auch auf ihn den kleinen Paul
Bezug hatten Es war darin von einem Opfer und einer Erlösung die Rede gewesen
aber die Worte vergaß er wieder wahrscheinlich weil er noch zu dumm war sie
zu verstehen Aber einer Sache erinnerte er sich ganz genau Während er schier
atemlos vor Grauen und Erwartung den Worten der Mutter lauschte sah er
plötzlich die graue Gestalt von der sie sprach leibhaftig an der Tür stehen 
ganz dieselbe mit ihren erhobenen Armen und ihrem blassen traurigen Gesicht Er
verbarg den Kopf im Arm der Mutter  sein Herz pochte der Atem fing an ihm zu
fehlen und in Todesangst musste er aufschreien »Mama da ist sie da ist sie«
    »Wer die Frau Sorge« fragte die Mutter
    Er antwortete nicht und fing zu weinen an
    »Wo denn« fragte die Mutter weiter
    »Dort in der Tür« erwiderte er sich aufrichtend und ihren Hals
umklammernd denn er hatte große Angst
    »O du kleiner Dummrian« sagte die Mutter »Das ist ja Papas langer
Reisemantel« Und sie holte den Mantel her und hieß ihn Futter und Oberzeug
betasten damit ers ganz genau wüsste und er gab sich darein aber innerlich
war er nur um so fester überzeugt dass er die graue Frau von Angesicht zu
Angesicht gesehen hatte Und nun wusste er auch wie sie hieß
    »Frau Sorge« hieß sie
    Aber die Mutter war nachdenklich geworden und ließ sich nicht bewegen das
Märchen zu Ende zu erzählen Auch in späteren Zeiten nicht Mochte er sie noch
so flehentlich bitten
    Von dem Vater hatte er aus jenen Jahren nur eine dunkle Erinnerung bewahrt
Ein Mann mit großen Wasserstiefeln der die Mutter schalt und die Brüder
prügelte und ihn selbst zu übersehen pflegte Nur bisweilen fing er einen
scheelen Blick auf der ihm nichts Gutes zu bedeuten schien Manchmal besonders
wenn er in der Stadt gewesen war hatte sein Gesicht eine dunkelrote Farbe wie
ein überheizter Kessel und sein Gang lief kreuz und quer von einer Diele auf
die andere Dann spielte sich immer dieselbe Geschichte ab Zuerst liebkoste er
die beiden Zwillinge die er ganz besonders in sein Herz geschlossen hatte und
schaukelte sie auf seinen Armen während die Mutter dicht dabei stand und mit
angstvollen Blicken alle seine Bewegungen verfolgte dann setzte er sich zum
Essen stöckerte ein wenig in den Schüsseln herum und schob sie dann beiseite
indem er den »Frass« power und unschmackhaft nannte riss auch wohl Max und
Gottfried eins mit der Gerte über den Nacken war auf die Mutter böse und ging
schließlich hinaus um mit den Knechten Händel anzufangen Weitin hallte dann
seine wetternde Stimme über den Hofraum so dass selbst der Karo an seiner Kette
den Schwanz zwischen die Beine kniff und sich in den hintersten Winkel seiner
Bude zurückzog  Kehrte er nach einer Weile in das Zimmer zurück so war seine
Stimmung meistens von Zorn in Verzweiflung umgeschlagen Er rang die Hände
klagte über das Elend in dem er hier hausen müsse und sprach zu sich selber
von allerhand großen Dingen die er unternommen haben würde wenn nicht dies
oder das ihn verhindert hätte und wenn Himmel und Erde nicht miteinander
verschworen wären ihn zugrunde zu richten Dann trat er wohl ans Fenster und
schüttelte die Faust nach dem »weißen Hause« hin das aus der Ferne so
freundlich herüberblickte
    Ja dieses »weiße Haus«
    Der Vater schalt darauf er runzelte die Brauen wenn nur sein Blick nach
jener Richtung hinschweifte und er selbst er hatte es so lieb als wenn ein
Stück seiner Seele dort weilte Warum Er wusste es selbst nicht Vielleicht nur
weil die Mutter es liebte Auch sie stand ja gar oft am Fenster und schaute
darauf hin aber sie runzelte nicht die Brauen o nein  ihr Gesicht wurde
weich und wehmütig und aus ihren Augen strahlte eine Sehnsucht so inbrünstig
dass ihm der still daneben stand gar oft ein Schauer heiß über den Nacken lief
    War doch sein kleines Herz von ganz derselben Sehnsucht erfüllt Erschien
ihm doch so lange er denken konnte jenes Haus als der Inbegriff alles Schönen
und Herrlichen Stand es doch wenn er die Lider zudrückte allezeit vor seinen
Augen schlich es sich doch selbst in seine Träume hinein
    »Bist du schon einmal in dem weißen Hause gewesen« fragte er eines Tages
die Mutter als er seine Wissbegier nicht länger zügeln konnte
    »O ja mein Sohn« erwiderte sie und ihre Stimme klang traurig und
unsicher
    »Oft Mama«
    »Sehr oft mein Junge Deine Eltern haben einmal dort gewohnt und du bist
dort zur Welt gekommen«
    Seitdem war ihm das »weiße Haus« dasselbe was dem Menschengeschlechte das
verlorene Paradies   
    »Wer wohnt denn jetzt in dem weißen Hause« fragte er ein andermal
    »Eine schöne freundliche Frau die alle Menschen lieb hat und dich ganz
besonders denn du bist ja ihr Patenkind«
    Ihm war zumute als ergösse sich eine unendliche Fülle von Glück über sein
Haupt Er war so aufgeregt dass er zitterte
    »Warum fahren wir denn nicht zu der schönen freundlichen Frau« fragte er
nach einer Weile
    »Papa wills nicht haben« erwiderte sie und ihre Stimme hatte einen
eigentümlich scharfen Klang der ihm auffiel
    Er fragte nicht weiter denn des Vaters Wille galt als ein Gesetz dessen
Gründen niemand nachzuforschen hatte aber an diesem Tage knüpfte das Geheimnis
des »weißen Hauses« ein neues Band zwischen Mutter und Sohn  Öffentlich durfte
nicht von ihm gesprochen werden Der Vater wurde wütend sobald man seine
Existenz nur andeutete und auch die Brüder mochten mit ihm dem Jüngsten nicht
gern darüber reden wahrscheinlich fürchteten sie dass ers in seiner Dummheit
wiedersage Aber die Mutter die Mutter vertraute ihm
    Wenn sie miteinander allein waren  und sie waren während der Schulzeit fast
immer allein  dann öffnete sich ihr Mund und mit dem Munde das Herz und das
»weiße Haus« stieg aus ihren Erzählungen immer höher und leuchtender vor seinen
Augen empor Bald kannte er jedes Zimmer jede Laube im Garten den
grünumbuschten Weiher mit der spiegelnden Glaskugel davor und die Sonnenuhr auf
der Terrasse man denke eine Uhr auf welcher die liebe Sonne selbst die
Stunden anzeigen musste Welch ein Wunder
    Er hätte mit geschlossenen Augen auf Helenental umhergehen können und sich
dennoch nicht verirrt
    Und wenn er mit Klötzchen spielte dann baute er sich ein weißes Haus mit
Terrassen und Sonnenuhren  zwei Dutzend auf einmal  grub Teiche in den Sand
und befestigte Murmelsteine auf kleinen Pfählen um die Glaskugeln anzudeuten
Aber freilich spiegeln taten sie nicht
 
                                       3
Zu derselben Zeit fasste er den Plan dem »weißen Hause« einen Besuch
abzustatten Ganz auf eigene Faust Er verschob es auf den Frühling als aber
der Frühling kam fand er nicht den Mut dazu Er verschob es auf den Sommer
aber auch dann kamen allerhand Hindernisse dazwischen Einmal hatte er einen
großen Hund allein auf der Wiese umherstreichen sehen  wer konnte wissen ob es
nicht ein toller war  und ein andermal war ihm der Bulle mit gesenkten Hörnern
auf den Leib gerückt
    »Ja wenn ich groß sein werde wie die Brüder« so tröstete er sich »und in
die Schule gehe dann werde ich mir einen Stock nehmen und den tollen Hund
totschlagen und den Bullen werd ich bei den Hörnern fassen dass er mir nichts
tun kann«
    Und er verschob es auf das nächste Jahr denn dann sollte er beginnen in
die Schule zu gehen ganz wie die großen Brüder
    Die großen Brüder waren Gegenstand seiner Anbetung Zu werden wie sie
erschien ihm das letzte Ziel menschlicher Wünsche Auf Pferden reiten  auf
großen wirklichen nicht bloß auf hölzernen  Schlittschuh laufen schwimmen
ganz ohne Binsen und Schweinsblasen und Vorhemdchen tragen weiße gestärkte
die mit Bändern um den Leib befestigt werden ach wer das könnte
    Aber dazu muss man erst groß sein tröstete er sich Diese Gedanken behielt
er ganz für sich der Mutter mochte er sie nicht sagen und den Brüdern selbst
 o die machten sich sehr wenig mit ihm zu schaffen Er war ein solcher Knirps
in ihren Augen und wenn die Mutter bestimmte dass sie ihn irgendwohin
mitnähmen waren sie unwillig denn dann mussten sie auf ihn achtgeben und um
seiner Dummheit willen die schönsten Streiche aufgeben Paul fühlte das wohl
und um ihren bösen Gesichtern und noch böseren Püffen auszuweichen sagte er
meistens er wolle lieber zu Hause bleiben mochte ihm auch noch so weh ums
Herze sein Dann setzte er sich auf den Pumpenschwengel und während er sich
leise hin und her schaukelte träumte er von den Zeiten da ers den Brüdern
gleichtun wollte
    Auch im Lernen  Und das war keine Kleinigkeit denn beide Max sowohl wie
Gottfried saßen die Ersten in ihrer Schule und brachten zu den Feiertagen stets
sehr schöne Zeugnisse mit nach Hause Wie schön die waren ersieht man daraus
dass sie ihnen von dem Vater je einen Silbergroschen von der Mutter eine
Honigstulle eintrugen
    An einem solchen Freudentage hörte er den Vater sagen »Ja wenn ich die
beiden Ältesten in eine gute Schule geben könnte da würde was aus ihnen werden
denn sie haben ganz meinen aufgeweckten Kopf aber Bettler wie wir sind werden
wir sie wohl auch zu Bettlern erziehen müssen«
    Paul dachte viel darüber nach denn er wusste bereits dass Max zum
Feldmarschall und Gottfried zum Feldzeugmeister geboren sei Es hatte sich
nämlich einmal ein Ruppiner Bilderbogen mit Abbildungen der österreichischen
Armee in das Heidehaus verirrt und an diesem Tage waren die Brüder einig
geworden die beiden höchsten Würden der Generalität unter sich zu verteilen
während ihm dem Jüngeren eine Unterleutnantsstelle zufallen sollte Seitdem
war allerdings eine Periode gekommen in der der eine den Beruf zum Trapper der
andere zum Indianerhäuptling in sich fühlte aber Pauls Gedanken blieben an
jenen goldgestickten Uniformen haften mit denen die hölzernen Speere und die
aus Lumpen zusammengeflickten Sandalen wie sie die Brüder beim Spielen trugen 
die letzteren nannten sie »Mokassins«  keinen Vergleich aushalten konnten Auch
warum sie später wieder Naturforscher und Superintendenten werden wollten blieb
ihm unverständlich  die NeuRuppiner Bilder waren doch das beste
    Zu derselben Zeit begannen die Zwillinge gehen zu lernen Käte die ältere
 sie war um dreiviertel Stunden früher zur Welt gekommen  machte den Anfang
und Grete folgte ihr drei Tage später nach
    Das war ein bedeutungsvolles Ereignis in Pauls Leben Plötzlich stand er
gebannt in einem Kreis von Pflichten der ihn so bald nicht wieder freilassen
sollte
    Niemand hatte ihm aufgetragen die ersten Schritte der kleinen Schwestern zu
bewachen aber so selbstverständlich es stets gewesen war dass er seine Schuhe
schon am Abend putzte und die der Brüder dazu dass er sein Röckchen viereckig
zusammengefaltet zu Kopfenden des Bettes niederlegte und die beiden Strümpfe
kreuzweise darüber dass er nie einen Flecken ins Tischtuch machte und dass er
vom Vater einen Denkzettel erhielt wenn das Unglück einem der Brüder passierte
so selbstverständlich war es auch dass er sich fortan der kleinen Schwestern
annahm und mit altkluger Sorge über ihren tollkühnen Steh und Gehkunststücken
wachte
    Er kam sich so wichtig in diesem neuen Amte vor dass selbst die Sehnsucht
nach der Schule geringer wurde und hätte er allenfalls noch  pfeifen können
das Maß seiner Wünsche wäre voll gewesen
    Ja pfeifen können wie Jons der Knecht oder auch nur wie die älteren
Brüder das war nun das Ziel seiner Träume der Gegenstand unaufhörlicher
Studien Aber er mochte noch so viel den Mund spitzen und noch so viel die
Lippen anfeuchten um sie geschmeidig zu machen kein Ton kam zum Vorschein Ja
wenn er die Luft einzog dann ging es allenfalls  einmal war es ihm sogar
gelungen die ersten vier Töne von »Ist ein Jud ins Wasser gefallen«
hervorzubringen aber jeder zünftige Pfeifer weiß dass die Luft zum Munde
hinausgestossen werden muss und das gerade war es was er nicht lernen konnte
    Auch hierin tröstete er sich mit dem Gedanken »Wenn ich erst groß sein
werde«
    Die Weihnachten dieses Jahres brachten eine Freudenbotschaft Von der »guten
Tante« aus der Stadt einer Schwester seiner Mutter traf eine Kiste ein mit
allerhand schönen und nützlichen Sachen Bücher und Hemdenzeug für die Brüder
Kleidchen für die Schwestern und für ihn ein Samtrock ein wirklicher Samtrock
mit Husarenschnüren und großen blanken Knöpfen  Das war eine Freude  Aber
die allerschönste Bescherung stand erst in dem Briefe den die Mutter mit Tränen
der Rührung und der Freude vorlas Die gute Tante schrieb dass sie aus dem
letzten Briefe »Elsbets« ersehen habe wie es ihres Mannes höchster Wunsch sei
den beiden ältesten Knaben eine bessere Schulbildung zu geben und dass sie sich
infolgedessen entschlossen habe sie zu sich ins Haus zu nehmen und sie das
Gymnasium auf eigene Kosten durchmachen zu lassen Die Brüder jauchzten die
Mutter weinte der Vater rannte in der Stube umher fuhr sich mit der Hand durch
die Haare und murmelte aufgeregte Worte
    Er saß derweilen ganz still am Bettchen der Schwestern und freute sich
innerlich
    Da kam die Mutter zu ihm heran barg das Antlitz in seinen Haaren und sagte
»Wirst du es auch einmal so gut haben mein Junge«
    »Ach der« sagte der Vater »der kapiert ja nichts«
    »Er ist noch so jung« erwiderte die Mutter seine Wangen streichelnd und
dann zog sie ihm den schönen Samtrock an den durfte er weils Feiertag war
bis zum Abend anbehalten Und auch die Brüder kamen und herzten ihn teils weil
ihnen das Herz so voll von Freude war teils des schönen Samtrockes wegen So
gut waren sie niemals zu ihm gewesen
    Ja das waren Weihnachten
    Und als der Frühling sich näherte gings an ein großes Nähen und Sticken
für die Aussteuer Paul durfte beim Zuschneiden behilflich sein die Elle halten
und die Schere zureichen und die Zwillinge lagen auf der Erde und wühlten in
der weißen Leinwand
    Die Brüder wurden ausgestattet wie zwei Prinzen Nichts wurde vergessen
Selbst Schlipse bekamen sie die hatte die Mutter aus einer alten Taftmantille
zurechtgeschneidert
    Die Brüder waren in dieser Zeit ungeheuer stolz Sie spielten bereits die
Herren jeder auf seine Weise Max drehte sich Zigaretten indem er Knaster aus
des Vaters Tabakskasten in kleine Papiertüten schüttete die er dann an dem
breiten Ende in Brand steckte und Gottfried setzte sich eine Brille auf die er
in der Schule für sechs Hosenknöpfe erstanden hatte
    »Gefall ich dir so« fragte er vor Paul hin und her stolzierend und da
dieser »ja« sagte wurde er abgeküsst hätte er »nein« gesagt würde er einen
Katzenkopf bekommen haben
    Gleich nach Ostern fuhren die beiden Brüder ab Das gab viel Tränen im
Hause Als aber der Wagen zum Hoftor hinausgerollt war da presste die Mutter ihr
tränenüberströmtes Gesicht gegen Pauls Wange und flüsterte »Du bist lange
vernachlässigt worden mein armes Kind jetzt sind wir wieder zu zweien wie
vordem«
    »Mama au Tuss« schrie die kleine Käte die Ärmchen ausreckend und ihre
Schwester tat desgleichen
    »Ja ihr seid ja auch noch da« rief die Mutter und heller Sonnenschein
leuchtete über ihr blasses Gesicht
    Und dann nahm sie jede auf einen Arm trat mit ihnen ans Fenster und schaute
lange nach dem »weißen Hause« hinüber
    Paul steckte den Kopf zwischen den Falten ihres Kleides hervor und tat
desgleichen
    Die Mutter senkte den Blick zu ihm herab und als er seinem altklugen
Kinderauge begegnete errötete sie ein wenig und lächelte Aber keines sprach
ein Wort
    Als der Vater aus der Stadt zurückkam verlangte er dass Paul anfangen
sollte in die Schule zu gehen 
    Die Mutter wurde sehr traurig und bat ihn doch noch ein halbes Jahr
daheimzulassen damit sie sich nicht allzusehr nach den beiden Ältesten bange
sie wolle ihn selber unterrichten und weiter bringen als der Lehrer es
vermöchte Aber der Vater wollte nichts davon wissen und schalt sie eine
Tränenliese
    Paul bekam einen Schreck  Die Sehnsucht nach der Schule die ihn früher
stets erfüllt hatte war ganz verschwunden freilich jetzt waren ja auch die
Brüder nicht mehr da denen er nachzueifern hatte
    Am nächsten Tage nahm der Vater ihn bei der Hand und führte ihn ins Dorf
hinüber dessen erste Häuser etwa zweitausend Schritt von dem Meihöferschen
Grundstück entfernt lagen
    Immerhin ein tüchtiges Stück Weges für einen so kleinen Burschen
    Aber Paul hielt sich wacker Er hatte so große Furcht vom Vater Schläge zu
bekommen dass er bis an das Weltende marschiert wäre
    Die Schule war ein niedriges strohbedecktes Gebäude nicht viel anders wie
ein Bauernhaus aber daneben standen allerhand hohe Stangen mit Leitern und
Gerüsten
    »Daran werden die faulen Kinder aufgehängt« erklärte der Vater
    Pauls Angst erhöhte sich noch als aber der Lehrer ein freundlicher alter
Mann mit weißen Bartstoppeln und einer fettigen Weste ihn zu sich aufs Knie
nahm und ihm ein schönes buntes Bilderbuch zeigte da wurde er wieder ruhig
nur die vielen fremden Gesichter die von den Bänken her nach ihm hinstarrten
schienen ihm nichts Gutes zu bedeuten
    Er erhielt den letzten Platz und musste zwei Stunden lang Grundstriche auf
die Schiefertafel malen
    In der Zwischenpause kamen die großen Jungen an ihn heran und fragten nach
seinem Frühstücksbrote und als sie sahen dass es mit Schlackwurst belegt war
nahmen sie es ihm fort Er ließ sich das ruhig gefallen denn er glaubte es
müsse so sein Beim Nachhausegehen prügelten sie ihn und einer stopfte ihm
Nesseln in den Halskragen Er glaubte auch das müsse so sein denn er war ja
der Kleinste aber als er die Häuser des Dorfes hinter sich hatte und einsam auf
der sonnbeglänzten Heide daherging da fing er zu weinen an Er warf sich unter
einem Wacholderbusch nieder und starrte zum blauen Himmel in die Höhe wo die
Schwalben hin und her schossen
    »Ach wenn du doch auch so fliegen könntest« dachte er  da fiel das
»weiße Haus« ihm ein
    Er richtete sich auf und suchte es mit den Augen Wie das verzauberte
Schloss von welchem die Mutter in ihren Märchen zu erzählen wusste strahlte es
zu ihm herüber Die Fenster glitzerten wie Karfunkelsteine und die grünen
Büsche wölbten sich ringsum wie eine hundertjährige Dornenhecke
    In seinen Schmerz mischte sich ein Gefühl des Stolzes und des
Selbstbewusstseins »Du bist nun groß« sagte er sich »denn du gehst ja in die
Schule Und wenn du jetzt die Wanderschaft antreten wolltest kann niemand etwas
dagegen haben« Und dann kam wieder die Angst über ihn Der böse Bulle und die
tollen Hunde  man kann ja nicht wissen Er beschloss sich die Sache bis zum
nächsten Sonntage zu überlegen
    Aber das »weiße Haus« ließ ihm fortan keine Ruhe Jedesmal wenn er über die
Heide ging fragte er sich was denn eigentlich an jenem Wege Schlimmeres wäre
als an dem nach der Schule Freilich die Fahrstrasse  die lief durch einen
dunklen Fichtenwald und in solchen Wäldern hausen allerhand Zwerge und Hexen
auch Wölfe kommen nicht selten darin vor wie die Geschichte vom Rotkäppchen
zeigt aber wenn er quer über die Wiese ging dann behielt er das Heimataus
stets in den Augen und konnte des Rückweges sicher sein
    Der Gang erschien ihm wie eine Ehrenpflicht die er jetzt da er »groß« sei
zu erfüllen habe und wenn die Angst aufs neue in ihm erwachte schalt er sich
einen Feigling Dies Wort galt in der Schule als eine große Beschimpfung
    Als der Sonntag kam war er entschlossen die Fahrt zu wagen Er schlich
sich um den Zaun herum und lief so rasch er laufen konnte über die väterlichen
Wiesen in der Richtung nach dem »weißen Hause« zu
    Dann kam ein Zaun der mit leichter Mühe zu überklettern war und dann ein
Stück fremden Heidelandes auf dem er noch nie gewesen war Aber auch hier gab
es nichts Gefährliches Das Heidekraut glänzte im Sonnenschein die welken
Katzenpfötchen knisterten zu seinen Füßen ein warmer Wind strich ihm entgegen
Er versuchte zu pfeifen aber er musste noch immer die Luft einziehen um einen
Ton zu erzeugen Darüber schämte er sich und ein kleinmütiges Gefühl
bemächtigte sich seiner
    Dann kam ein sumpfiges Moor das wiederum seinem Vater gehörte Der sprach
oft davon Er ging mit dem Gedanken um Torf darin zu stechen aber er wollte
die Sache nur im Großen beginnen und dazu fehlten ihm die nötigen Gelder
    Paul sank bis an die Knöchel im Sumpfe ein und jetzt erst kam er auf den
Gedanken dass er die neuen Stiefel vielleicht beschmutzen würde Er erschrak
denn er erinnerte sich der Worte der Mutter »Schone sie sehr mein Junge ich
habe sie von meinem Milchgelde abgespart« Auch den schönen Samtrock trug er
weil es eben Sonntag war Er besah die glänzenden Seidenschnüre und war einen
Moment unschlüssig ob er nicht lieber umkehren sollte nicht des Samtrockes
wegen nein nur um die Mutter nicht zu betrüben
    »Aber vielleicht komme ich doch heil hindurch« so tröstete er sich und
begann weiter zu laufen Der Boden wogte unter seinen Füßen und bei jedem
Schritte ertönte ein quatschender Laut wie wenn man den Schlegel aus dem
Butterfasse zieht
    Dann kam er an ein schwarzes Brachwasser an dessen Rande weisshaarige
Küchenschellen blühten und auf dem wie Grünspan glitzernd eine Lösung von
Eisen herumschwamm Er ging ihm vorsichtig aus dem Wege geriet zwar vollends in
den Morast kam aber schließlich doch wieder ins Trockene Die Stiefel waren
zwar zuschanden aber vielleicht ließ sie sich an der Pumpe heimlich
abwaschen
    Er schritt weiter Die Lust zum Pfeifen war ihm vergangen und je größer das
»weiße Haus« aus den Gebüschen in die Höhe stieg desto beklommener wurde ihm
zumute Schon konnte er eine Art von Wall unterscheiden der die Bäume umgab
und durch eine Lücke im Laubwerk sah er ein langes niedriges Gebäude das er
aus der Ferne nie bemerkt hatte Dahinter noch eins und in einer schwarzen
Höhle eine hohe Flamme die hin und her züngelte Das musste eine Schmiede sein 
aber sollte die selbst am Sonntage arbeiten
    Eine unerklärliche Lust zu weinen ergriff ihn und während er blindlings
weiterlief stürzten ihm die Tränen aus den Augen
    Plötzlich sah er einen breiten Graben vor sich bis zum Rande mit Wasser
gefüllt Er wusste wohl dass er nicht hinüberkommen würde aber der Trotz zwang
ihn zum Sprunge auszuholen und im nächsten Augenblick schlug das dicke
schmutzige Wasser über ihn zusammen
    Bis auf die Knochen durchnässt mit einer Schicht von Morast und Algen
umgeben kam er wieder ans Land zurück
    Er versuchte die Kleider trocknen zu lassen setzte sich auf den Rasen und
schaute nach dem »weißen Hause« hinüber Er war ganz mutlos geworden und als
ihn gar sehr zu frieren begann ging er traurig und langsam nach Hause zurück
 
                                       4
Der Sommer der nun folgte brachte dem Hause Meihöfers eitel Kummer und Not 
Der frühere Besitzer hatte seine Hypothek gekündigt und es war keine Aussicht
vorhanden dass irgend jemand die nötige Summe leihen würde
    Meihöfer fuhr wöchentlich wohl drei viermal in die Stadt und kam am späten
Abend betrunken nach Hause Manchmal blieb er auch die Nacht über fort
    Frau Elsbeth saß derweilen aufrecht in ihrem Bette und starrte in die
Dunkelheit Paul erwachte oft wenn er ihr leises Schluchzen hörte Dann lag er
eine Weile mäuschenstill denn er mochte es nicht merken lassen dass er wach
war aber schließlich fing auch er zu weinen an
    Dann wurde wieder die Mutter still und wenn er gar nicht aufhören wollte
stand sie auf küsste ihn und streichelte seine Wange oder sie sagte »Komm zu
mir mein Junge«
    Alsdann sprang er auf schlüpfte in ihr Bett und an ihrem Halse schlief er
wieder ein
    Der Vater prügelte ihn oft Er wusste selten warum aber er nahm die Schläge
hin als etwas das sich von selbst verstand
    Eines Tages hörte er wie der Vater die Mutter schalt
    »Weine nicht du Tränensack« sagte er »du bist bloß dazu da um mir mein
Elend noch größer zu machen«
    »Aber Max« antwortete sie leise »willst du den Deinen verwehren dein
Unglück mit dir zu tragen Müssen wir nicht um so enger zusammenhalten wenn es
uns schlecht geht«
    Da wurde er weich nannte sie sein braves Weib und belegte sich selber mit
bösen Schimpfnamen
    Frau Elsbeth suchte ihn zu beruhigen bat ihn Vertrauen zu ihr zu haben und
tapfer zu sein
    »Ja tapfer sein  tapfer sein« schrie er aufs neue in Ärger geratend
»ihr Weiber habt klug reden ihr sitzt zu Hause und breitet demütig die Schürze
aus damit euch Glück oder Unglück in den Schoss falle wies der liebe Himmel
beschert wir Männer aber müssen hinaus ins feindliche Leben müssen kämpfen und
streben und uns mit allerhand Gesindel herumschlagen  Geht mir mit euren
Mahnungen Tapfer sein ja ja  tapfer sein«
    Darauf schritt er dröhnenden Schrittes zum Zimmer hinaus und ließ den Wagen
anspannen um seine gewöhnliche Wanderfahrt anzutreten
    Als er wiedergekommen war und seinen Rausch ausgeschlafen hatte sagte er
»So  jetzt ist auch die letzte Hoffnung dahin Der verfl  Jude der mir das
Geld zu fünfundzwanzig Prozent vorschiessen wollte erklärt er wolle nichts mehr
mit mir zu tun haben  Na dann lässt ers bleiben  Ich hust auf ihn  Und
zu Michaelis können wir richtig betteln gehen denn diesmal bleibt uns nicht so
viel wie das Schwarze unterm Nagel Aber das sag ich dir  diesmal überleb ich
den Schlag nicht  ein Kerl von Ehre muss auf sich halten und wenn ihr mich
eines schönen Morgens oben am Sparren baumeln seht dann wundert euch nicht«
    Die Mutter stieß einen entsetzlichen Schrei aus und klammerte die Arme um
seinen Hals
    »Na na na« beruhigte er sie »es war so schlimm nicht gemeint Ihr Weiber
seid doch allzu klägliche Geschöpfe  Ein bloßes Wort schmeisst euch um«
    Scheu trat die Mutter von ihm zurück aber als er hinausgegangen war setzte
sie sich ans Fenster und schaute ihm angstvoll nach als ob er sich schon jetzt
ein Leids antun könnte
    Von Zeit zu Zeit lief ein Schauern durch ihren Körper als friere sie 
    In der Nacht die diesem Tage folgte bemerkte Paul erwachend wie sie aus
ihrem Bette aufstand einen Unterrock überwarf und an das Fenster trat von dem
aus man das »weiße Haus« sehen konnte Es war heller Mondenschein  vielleicht
schaute sie wirklich hinüber  Wohl zwei Stunden lang saß sie da  unverwandt
hinausstarrend  Paul rührte sich nicht und als sie mit Beginn der
Morgendämmerung vom Fenster zurückkam und an die Betten ihrer Kinder trat
drückte er die Augen fest zu um sich schlafend zu stellen Sie küsste zuerst die
Zwillinge die umschlungen nebeneinander ruhten dann kam sie zu ihm und wie
sie sich zu ihm herabbeugte hörte er sie flüstern »Gott gib mir Kraft Es muss
ja sein« Da ahnte er dass etwas Aussergewöhnliches sich vorbereitete
    Als er am andern Nachmittag aus der Schule heimkehrte sah er die Mutter in
Hut und Mantille ihrem Sonntagsstaat in der Laube sitzen Ihre Wangen waren
noch bleicher als sonst die Hände die in dem Schoße lagen zitterten
    Sie schien auf ihn gewartet zu haben denn als sie ihn nahen sah atmete sie
erleichtert auf
    »Willst du fortgehen Mama« fragte er verwundert
    »Ja mein Junge« erwiderte sie »und du sollst mit mir kommen«
    »Ins Dorf Mama«
    »Nein mein Junge  « ihre Stimme bebte  »ins Dorf nicht  du musst dir die
Sonntagskleider anziehen  der Samtrock freilich ist verdorben  aber aus der
grauen Jacke hab ich die Flecken ausgemacht  die geht noch  und die Stiefel
musst du dir wichsen  aber rasch«
    »Wohin werden wir denn gehen Mama«
    Da schloss sie ihn in die Arme und sagte leise »Ins weiße Haus«
    Er fühlte wie ein heißer Schreck ihn überrieselte der Jubel der aus dem
Herzen emporquellen wollte erstickte ihn fast er sprang auf den Schoss der
Mutter und küsste sie stürmisch
    »Aber du musst niemandem etwas davon sagen« flüsterte sie »niemandem 
verstehst du«
    Er nickte wichtig Er war ja ein so kluger Mann Er wusste um was es sich
handelte
    »Und nun zieh dich um  rasch«
    Paul flog die Treppe zur Kleiderkammer empor  und plötzlich  auf welcher
Stufe es war ist ihm niemals klar geworden  ein langgezogener schriller Ton
quoll aus seinem Munde da war kein Zweifel mehr  er konnte pfeifen  er
probierte es zum zweiten zum drittenmal  es ging vorzüglich
    Als er im vollsten Staate zur Mutter zurückkehrte rief er ihr jubelnd
entgegen »Mama ich kann pfeifen« und wunderte sich dass sie so wenig
Verständnis für seine Kunst an den Tag legte Sie nestelte nur ein wenig seinen
Kragen zurecht und sagte dabei »Ihr glücklichen Kinder«
    Dann nahm sie ihn bei der Hand und die Wanderschaft begann Als sie den
dunklen Fichtenwald erreichten in dem die Wölfe und die Kobolde hausten war er
soeben mit den Studien zu »Kommt ein Vogel geflogen« fertig geworden und als
sie wieder aufs freie Feld kamen konnte er sicher sein dass »Heil dir im
Siegerkranz« nichts mehr zu wünschen übrig ließ
    Die Mutter schaute mit trübem Lächeln auf ihn nieder jeder schrille Ton
ließ sie zusammenfahren sie sagte aber nichts
    Das »weiße Haus« stand nun ganz nah vor ihnen Er dachte nicht mehr an die
neue Kunst Das Schauen nahm ihn gänzlich gefangen
    Zuerst kam eine hohe rote Ziegelmauer mit einem Torweg darin auf dessen
Pfosten zwei steinerne Knöpfe saßen dann ein weiter grasbewachsener Hofraum
auf dem ganze Reihen von Wagen standen und den in einem ungeheueren Viereck
langgestreckte graue Wirtschaftsgebäude umgaben  In der Mitte lag eine Art
Sumpf der von einer niedrigen Weissdornhecke umgeben war und in dem eine Schar
von schnatternden Enten sich herumsielte
    »Und wo ist das weiße Haus Mama« fragte Paul dem das alles gar nicht
gefiel
    »Hinter dem Garten« erwiderte die Mutter Ihre Stimme hatte einen
eigentümlich heiseren Klang und ihre Hand umklammerte die seine so fest dass er
beinahe aufgeschrien hätte
    Jetzt bogen sie um die Ecke des Gartenzauns und vor Pauls Blicken lag ein
schlichtes zweistöckiges Haus das von Lindenbäumen dicht umschattet war und
das wenig oder gar nichts Merkwürdiges an sich hatte Auch lange nicht so weiß
erschien es wie aus der Ferne
    »Ist es das« fragte Paul gedehnt
    »Ja das ist es« erwiderte die Mutter
    »Und wo sind die Glaskugeln und die Sonnenuhr« fragte er Ihn wandelte
plötzlich eine Lust zum Weinen an Er hatte sich alles tausendmal schöner
vorgestellt wenn man ihn auch um die Glaskugeln und die Sonnenuhr betrogen
hätte  es wäre kein Wunder gewesen
    In diesem Augenblick kamen zwei kohlschwarze Neufundländer mit dumpfem
Bellen auf sie zugestürzt Er flüchtete sich hinter das Kleid der Mutter und
fing zu schreien an
    »Dino Nero« rief eine feine Kinderstimme von der Haustür her und die
beiden Unholde jagten ein freudiges Geheul ausstossend sofort auf die Richtung
der Stimme los
    Ein kleines Mädchen kleiner noch als Paul in einem rosageblümten Röckchen
um das eine Art schottischer Schärpe geschlungen war erschien auf dem Vorplatz
Sie hatte lange goldgelbe Locken die mit einem halbkreisförmigen Kamme aus der
Stirn zurückgestrichen waren und ein feines schmales Näschen das sie etwas
hoch trug
    »Wünschen Sie Mama zu sprechen« fragte sie mit einer zarten weichen Stimme
und lächelte dazu
    »Heißt du Elsbeth mein Kind« fragte die Mutter zurück
    »Ja ich heiße Elsbeth«
    Die Mutter machte eine Bewegung wie um das fremde Kind in ihre Arme zu
schließen aber sie bezwang sich und sagte »Willst du uns zu deiner Mutter
führen«
    »Mama ist im Garten  sie trinkt eben Kaffee « sagte die Kleine wichtig 
»ich möchte Sie um den Giebel herumführen denn wenn wir auf der Sonnenseite die
Stubentür aufmachen kommen gleich so viel Fliegen herein«
    Die Mutter lächelte Paul wunderte sich dass ihm das zu Hause noch niemals
eingefallen war
    »Sie ist viel klüger als du« dachte er
    Nun traten sie in den Garten Er war weit schöner und größer als der auf
Mussainen aber von der Sonnenuhr war nirgends etwas zu entdecken Paul hatte
eine unbestimmte Vorstellung davon wie von einem großen goldenen Turme auf dem
eine runde funkelnde Sonnenscheibe das Zifferblatt bildete
    »Wo ist denn die Sonnenuhr Mama« fragte er
    »Die werd ich dir hernach zeigen« sagte das kleine Mädchen eifrig
    Aus der Laube trat eine hohe schlanke Dame mit einem blassen kränklichen
Gesicht auf dem der Schimmer eines unsagbar milden Lächelns ruhte
    Die Mutter stieß einen Schrei aus und warf sich laut aufweinend an ihre
Brust
    »Gott sei Dank dass ich Sie einmal bei mir habe« sagte die fremde Dame und
küsste die Mutter auf Stirn und Wangen »Glauben Sie jetzt wird alles gut
werden Sie werden mir sagen was Sie drückt und es müsste seltsam zugehen wenn
ich nicht Rat wüsste«
    Die Mutter wischte sich die Augen und lächelte
    »O es ist ja nur die Freude« sagte sie »ich fühle mich schon so frei so
leicht da ich in Ihrer Nähe bin  ich habe mich so sehr nach Ihnen gebangt«
    »Und Sie konnten wirklich nicht kommen«
    Die Mutter schüttelte traurig den Kopf
    »Arme Frau« sagte die Dame und beide sahen sich mit einem langen Blick in
die Augen
    »Und dies ist am Ende gar mein Patenkind« rief die Dame auf Paul
hinweisend der sich an das Kleid der Mutter klammerte und dabei an seinem
Daumen sog
    »Pfui nimm den Finger aus dem Munde« sagte die Mutter und die schöne
freundliche Frau hob ihn auf ihren Schoss gab ihm einen Teelöffel voll Honig 
»als Vorschmack« sagte sie  und fragte ihn nach den kleinen Geschwistern nach
der Schule und allerhand sonstigen Sachen auf die zu antworten gar nicht schwer
war so dass er sich schließlich auf ihrem Schoße beinahe behaglich fühlte
    »Und was kannst du denn schon alles du kleiner Mann« fragte sie zu guter
Letzt
    »Ich kann pfeifen« erwiderte er stolz
    Die freundliche Frau lachte ganz laut und sagte »Nun dann pfeif uns einmal
eins«
    Er spitzte die Lippen und versuchte zu pfeifen aber es ging nicht  er
hatte es wieder verlernt
    Da lachten sie alle die freundliche Frau das kleine Mädchen und selbst die
Mutter ihm aber stiegen vor Scham die Tränen in die Augen er schlug mit Händen
und Füßen um sich so dass die Dame ihn von ihrem Schoss gleiten ließ und die
Mutter sagte verweisend »Du bist ungezogen Paul«
    Er aber ging hinter die Laube und weinte bis das kleine Mädchen an ihn
herantrat und zu ihm sagte »Ach geh das musst du nicht tun  Unartige Kinder
mag der liebe Gott nicht leiden« Da schämte er sich wieder und rieb sich die
Augen mit den Händen trocken
    »Und jetzt will ich dir auch die Sonnenuhr zeigen« fuhr das Kind fort
    »Ach ja und die Glaskugeln« sagte er
    »Die sind schon lange zerbrochen« erwiderte sie »in die eine ist mir im
vorigen Frühling ein Stein hineingeflogen und die andere hat der Sturm
runtergeschmissen« Und dann zeigte sie ihm die Plätze auf denen sie gestanden
hatten
    »Und dies ist die Sonnenuhr« fuhr sie fort
    »Wo« fragte er sich erstaunt umsehend Sie standen vor einem grauen
unscheinbaren Pfahl auf dem eine Art von Holztafel angebracht war Das Kind
lachte und sagte das wäre sie ja
    »Ach pfui doch« erwiderte er unwillig »du machst mich zum Narren«
    »Warum soll ich dich zum Narren machen« fragte sie »du hast mir ja nichts
zuleide getan« Und dann behauptete sie noch einmal das wäre die Sonnenuhr und
nichts anderes und sie wies ihm auch den Zeiger ein armseliges verrostetes
Stück Blech das aus der Mitte der Tafel hervorragte und seinen Schatten gerade
auf die Zahl sechs warf die mit anderen zusammen darauf angebracht war
    »Ach das ist zu dumm« sagte er und wandte sich ab
    Die Sonnenuhr im Garten des »weißen Hauses« war die erste große Enttäuschung
seines Lebens   
    Als er mit seiner neuen Freundin zur Laube zurückkehrte traf er dort noch
einen großen breitschultrigen Herrn mit zwei mächtigen Bartzipfeln der einen
graugrünen Jägerrock trug und aus dessen Augen Funken zu sprühen schienen
    »Wer ist das« fragte Paul sich furchtsam hinter seiner Freundin
verbergend
    Sie lachte und sagte »Das ist mein Papa du vor dem brauchst du keine
Angst zu haben«
    Und sie sprang hell aufjubelnd dem fremden Manne auf den Schoss
    Da dachte er bei sich ob er wohl jemals wagen würde seinem Papa auf den
Schoss zu springen und schloss daraus dass nicht alle Väter sich glichen Der
Mann im Jägerrock aber streichelte sein Kind küsste es auf beide Wangen und ließ
es auf seinen Knien reiten
    »Sieh  Elsbeth hat einen Gespielen bekommen« sagte die fremde freundliche
Dame und wies nach Paul hinüber der im Laubwerk verborgen scheu in die Laube
hineinschielte
    »Immer ran mein Junge« rief der Mann fröhlich und schnalzte mit den
Fingern
    »Komm  hier auf dem anderen ist noch Platz für dich« rief das Kind und
als er mit einem fragenden Blick nach der Mutter sich furchtsam näher schlich
ergriff ihn der fremde Mann setzte ihn auf das andere Knie und dann gabs ein
keckes Wettreiten
    Er hatte nun alle Furcht verloren und als frischgebackene Plinsen auf den
Tisch gesetzt wurden hieb er wacker ein
    Die Mutter streichelte sein Haar und hieß ihn sich nicht den Magen
verderben Sie sprach sehr leise und sah immer vor sich nieder auf die Erde Und
dann durften die beiden Kinder in die Sträucher gehen und sich Stachelbeeren
pflücken
    »Heißt du wirklich Elsbeth« fragte er seine Freundin und als diese
bejahte sprach er seine Verwunderung aus dass sie denselben Namen habe wie
seine Mutter
    »Ich bin doch nach ihr getauft« sagte das Kind »sie ist ja meine Patin«
    »Warum hat sie dich denn nicht geküsst« fragte er
    »Ich weiß nicht« sagte Elsbeth traurig »vielleicht mag sie mich nicht«
    Aber dass sie den Mut nicht gehabt hatte daran dachte keines von beiden 
 
    Es fing schon an dunkel zu werden als die Kinder zurückgerufen wurden
    »Wir müssen nach Hause« sagte die Mutter
    Er wurde sehr betrübt denn jetzt fing es ihm gerade zu gefallen an
    Die Mutter rückte ihm den Kragen zurecht und sagte »So nun küss die Hand
und bedank dich«
    Er tat wie ihm befohlen die freundliche Frau küsste ihn auf die Stirne und
der Mann im Jägerrock hob ihn hoch in die Luft so dass er glaubte er könne
fliegen
    Und nun nahm die Mutter Elsbeth in den Arm küsste sie mehrere Male auf Mund
und Wangen und sagte »Möge der Himmel einst an dir vergelten mein Kind was
deine Eltern an deiner Patin getan haben«
    Eine schwere Last schien von ihrer Seele abgewälzt sie atmete freier und
ihr Auge leuchtete
    Elsbeth und ihre Eltern begleiteten sie beide bis an das Hoftor als die
Mutter dort noch einmal Abschied nahm und dabei allerhand von Vergeltung und
himmlischem Segen stammelte fiel ihr der Mann lachend ins Wort und sagte die
Geschichte wäre nicht der Rede wert und es lohnte sich nicht der Mühe des
Dankes
    Und die freundliche Frau küsste sie herzlich und bat sie recht bald
wiederzukommen oder wenigstens die Kinder zu schicken
    Die Mutter lächelte wehmütig und schwieg
    Elsbeth durfte noch ein paar Schritt weiter mitkommen dann verabschiedete
sie sich mit einem Knickse
    Paul wurde es schwer ums Herz er fühlte dass er ihr noch etwas zu sagen
habe daher lief er ihr nach und als er sie eingeholt hatte raunte er ihr ins
Ohr »Du  und ich kann doch pfeifen«   
    Als Mutter und Sohn den Wald betraten brach die Nacht gerade herein Es war
pechrabenschwarz ringsum aber er fürchtete sich nicht im mindesten Wäre jetzt
ein Wolf des Weges gekommen er würde ihm schon gezeigt haben was ne Harke
ist
    Die Mutter sprach kein Wort die Hand die die seine umklammert hielt
brannte und der Atem kam laut wie ein Seufzer aus ihrer Brust
    Und als sie beide auf die Heide hinaustraten stieg der Mond bleich und groß
am Horizont empor Ein bläulicher Schleier lag über der Ferne Tymian und
Wacholder dufteten Hie und da zirpte ein Vögelchen am Boden
    Die Mutter setzte sich auf den Grabenrand und schaute nach dem traurigen
Heimwesen hinüber dem all ihre Sorge galt Dunkel ragten die Umrisse der
Gebäude in den Nachthimmel empor Aus der Küche schimmerte einsam ein Licht
    Plötzlich breitete sie die Arme aus und rief in die stille Heide hinein
»Ach ich bin glücklich«
    Paul schmiegte sich fast ängstlich an ihre Seite denn nimmer noch hatte er
einen ähnlichen Ruf von ihr vernommen Er war so sehr an ihre Tränen und ihren
Kummer gewöhnt dass ihm dieser Jubel ganz unheimlich erschien
    Und dabei fiel ihm ein Was wird der Vater sagen wenn er von diesem Gang
erfährt Wird er die Mutter nicht schelten und böse mit ihr sein mehr noch als
sonst Ein dumpfer Trotz bemächtigte sich seiner er biss die Zähne zusammen
dann streichelte er tröstend der Mutter Hände und küsste sie und murmelte »Er
darf dir nichts tun«
    »Wer« fragte sie zusammenschauernd
    »Der Vater« sagte er leise und zögernd
    Sie seufzte tief auf erwiderte aber nichts und schweigend und kummervoll
gingen sie weiter
    Die graue Frau war über ihren Weg gehuscht und hatte den Augenblick der
Freude verdorben Und es war der einzige den das Schicksal Frau Elsbeth noch
schenkte 
                           
    Am andern Tage gab es eine böse Stunde zwischen ihr und ihrem Gatten Er
schalt sie ehr und pflichtvergessen Sie hätte durch ihr Betteln zur Armut auch
noch die Schande gefügt
    Aber das Geld nahm er
 
                                       5
Die Jahre vergingen Paul wurde ein stiller anspruchsloser Knabe mit
schüchternem Blick und schwerfälligem Gebaren
    Er war meistens allein für sich und dieweil er auf die Zwillinge acht gab
konnte er stundenlang mit irgendeiner Holzschnitzerei beschäftigt dasitzen ohne
einen Laut von sich zu geben Er war was man in seiner Heimat »kniwlig« nennt
ein für das Kleine beanlagter peinlich sorgsamer still in sich
hineingrübelnder Geist
    Mit keinem seiner Altersgenossen hatte er Umgang selbst in der Schule
nicht Nicht dass er sie absichtlich gemieden hätte im Gegenteil er half ihnen
gern und mehr wie einer pflegte morgens vor dem Gebete die Rechnungen oder den
deutschen Aufsatz von ihm abzuschreiben aber ihre Interessen waren nicht die
seinen und darum konnte er sich nicht mit ihnen befreunden
    Auch Prügel erntete er in Fülle Da waren insbesondere die Brüder Erdmann
zwei kecke wildäugige Burschen als die Stärksten und Mutigsten geliebt und
gefürchtet von denen er viel zu leiden hatte Sie waren unerschöpflich im
Ersinnen neuer Streiche die ihm das Leben verbitterten Sie warfen seine
Schulhefte auf den Ofen stopften ihm Sand in den Tornister und ließ seine
Mütze mit einem als Mast hineingesteckten Stocke wie eine Barke den Fluss
hinabschwimmen Die meiste Unbill ertrug er geduldig nur ein oder zweimal
überfiel ihn eine blinde Wut Da biss und kratzte er um sich wie ein Toller so
dass selbst seine weit stärkeren Genossen sich wohlweislich aus dem Staube
machten Das erstemal hatte einer der Jungen seinen Vater einen »Saufaus«
genannt und das anderemal wollte man ihn zusammen mit einem kleinen Mädchen in
einen dunklen Kuhstall sperren
    Hinterher schämte er sich und kam aus freien Stücken abbitten Da lachte man
ihn erst recht aus und der kaum errungene Respekt war aufs neue verloren
    Das Lernen ging ihm sehr schwer von statten Das Pensum zu welchem die
Kameraden kaum fünfzehn Minuten gebrauchten brachte er erst in ein bis zwei
Stunden fertig Dafür war seine Handschrift auch wie gestochen und in seinen
Rechnungen fand sich nie und nimmer ein Fehler
    Dennoch war keine Arbeit ihm gut genug und gar oft überraschte ihn seine
Mutter wie er nachts heimlich aufstand weil er fürchtete das
Auswendiggelernte wäre seinem Gedächtnis entfallen
    Dass er gleich den Brüdern eine höhere Schule besuchen würde daran war nicht
zu denken Die Mutter hegte wohl eine Zeitlang den Plan ihn den Älteren folgen
zu lassen sobald diese ihre Abiturientenexamen gemacht haben würden denn es
tat ihrem Mutterherzen weh dass dieser eine den anderen nachstehen sollte aber
schließlich fügte sie sich Und es war wohl auch am besten so  Paul selber
hatte es nie anders erwartet Er hielt sich für ein durchaus untergeordnetes
Wesen den Brüdern gegenüber und hatte es schon längst aufgegeben ihnen jemals
zu gleichen Wenn sie zu den Ferien heimkamen Samtmützen auf den wallenden
Haaren bunte Bänder quer über die Brust gespannt  denn sie gehörten einer
verbotenen Schülerverbindung an  so schaute er zu ihnen empor wie zu Wesen aus
höheren Welten Begierig lauschte er wenn sie untereinander über Sallust und
Cicero und die Dramen des Äschylus zu sprechen begannen  und sie sprachen gern
davon schon allein um ihm zu imponieren Der Gegenstand seiner allerhöchsten
Bewunderung aber war das dicke Buch auf dessen vorderster Seite das Wort
»Logaritmentafel« geschrieben stand und das von der ersten bis zur letzten
Seite nichts enthielt als Zahlen Zahlen in langen dichten Reihen bei deren
Anschauen ihm schon schwindlig wurde Wie gelehrt muss der sein der das alles im
Kopfe hat sagte er zu sich den Deckel des Buches streichelnd denn er dachte
nicht anders als dass man alle diese Zahlen auswendig lernte
    Die Brüder waren ungemein freundlich und herablassend zu ihm wenn sie in
der Wirtschaft irgendwelche Wünsche hatten wenn sie ein gesatteltes Pferd oder
ein extra starkes Glas Grog begehrten so wandten sie sich vertrauensvoll an
ihn und er fühlte sich hochgeehrt ihnen Hilfe leisten zu dürfen
    In der Wirtschaft wusste er ja Bescheid wie wenn er der Hausherr selber
gewesen wäre an ihr hing all sein Streben und Bangen
    Was war es gewesen das ihn so frühzeitig hatte reifen lassen Ob die
Hilfsbedürftigkeit der einsamen Mutter die ihn so bald in all ihre Kümmernisse
eingeweiht hatte Ob der grübelnde strebende in die Zukunft hinausschauende
Geist der ihm eigen war
    Gar oft wenn er sinnend dasaß die Ellbogen auf den Tisch gestützt  auch
in seinen Gebärden war er wie ein Erwachsener  strich die Mutter ihm mit ihrer
harten ausgearbeiteten Hand über Stirn und Wangen und sagte »Mach ein
freundliches Gesicht mein Junge  sei froh dass du noch keine Sorgen hast«
    O er hatte deren genug Die Sorgen gehörten zu ihm wie sein Fleisch und
Blut  Ob das Huhn das heute abhanden gekommen sich morgen wiederfinden wie
dem Falben die Spatsalbe bekommen werde die der Vater gestern aus der Stadt
mitgebracht hatte Ob das Heu auch schon trocken genug gewesen sei ehe es
umgewendet wurde und wie die Stare unter dem Dachfirst ihre Jungen grossziehen
würden ohne dass die Katze dazu käme
    Über alles machte er sich Gedanken Das Sorgen war ihm angeboren nur für
sich selber sorgte er nie
    Je älter und verständiger er wurde desto tiefer wurde auch sein Einblick in
die Misswirtschaft die sein Vater hatte einreissen lassen und wiederum rang sich
gar oft der Seufzer aus seiner Brust »O wär ich erst groß« Die Furcht vor
des Vaters Zornausbrüchen ließ wie natürlich seine Bedenken nicht laut werden
und wenn er jemals wagte sie der Mutter gegenüber auszusprechen so schaute sie
sich mit verängstigten Augen im Zimmer um und rief beklommen »Schweig still«
    Und dennoch merkte der Vater gar wohl wohin der Sinn seines Sohnes
gerichtet war Er hatte ihm den Spitznamen »Topfgucker« gegeben und foppte ihn
damit sobald er ihn zu Gesicht bekam In seinen guten Stunden wie sich von
selber versteht in seinen bösen  prügelte er ihn mit der Elle mit dem
Peitschenstiel mit dem Geschirrriemen  was er gerade in die Hand bekam Am
meisten Furcht aber hatte Paul vor dieser Hand selber deren Schläge weher taten
als alle Stöcke der Welt Der Vater hatte eine eigentümliche Manier zu
ohrfeigen Er schlenkerte die Hand ins Gesicht mit den Knebeln nach außen so
dass Nägel und Gelenke blutunterlaufene Male auf den Wangen zurückliessen Diese
Art Ohrfeigen nannte er seine »Backentröster« und wenn er die Absicht hatte
Paul zu prügeln so rief er ihm in freundlichstem Tone entgegen »Komm her mein
Sohn ich will dich trösten«
    Hatte dieser seine Schläge empfangen so pflegte er zitternd vor Scham und
Schmerz auf die Heide hinaus zu laufen und während er um die Tränen zu
verbeissen Gesichter schnitt und mit den Fäusten trommelte pfiff er sich eins
    Im Pfeifen tat er wie all seine Sehnsucht sein kindliches Träumen auch
seinen Zorn seine Entrüstung kund Die Empfindungen für die sein ungelenker
Geist keinen Ausdruck fand für die ihm Worte selbst Gedanken fehlten die ließ
er im Pfeifen kühn und unaufhaltsam in die Einsamkeit hinausströmen So wusste
seine gedrückte schüchterne Seele sich Luft zu machen Ganze Symphonien führte
er auf  schrill und schreiend zum Beginn sanfter und sanfter werdend und
endlich dahinschmelzend in Wehmut und Entsagung
    Niemand ahnte welche Kunst er einsam pflegte und wieviel Trost und Erhebung
er ihr zu danken hatte selbst die Mutter nicht Seit er sie einmal an einem
Winterabend als er ohne ihrer zu achten leise vor sich hinpfiff hatte in
Tränen ausbrechen sehen seitdem unterließ er es sobald sie in der Nähe war Er
glaubte es täte ihr wehe welche Macht ihm in diesen Tönen gegeben war davon
ahnte er nichts
    Nur stolz war er bisweilen wenn er nach dem »weißen Hause« hinüberschaute
dass er das Pfeifen doch noch gelernt habe und wenn ihm irgendeine Phantasie
insbesondere gelungen schien so dachte er bei sich »Wer weiß ob ihr mich
auslachtet wenn ihr das hören würdet«
    Aber nie wieder war er einem von ihnen begegnet
 
                                       6
Seit einiger Zeit trug sich Herr Meihöfer mit großen Plänen Er hatte entdeckt
dass das Torfmoor welches das Heidegehöft in weitem Bogen umspannte einen
sicheren Verdienst zu geben imstande war Schon zwei oder dreimal wenn ihm das
Messer an der Kehle gesessen hatte er als äußersten Notbehelf Torf stechen
lassen und je fünf einspännige Fuhren nach der Stadt geschickt Heimlich ganz
heimlich  denn er war zu stolz um für einen »ganz gewöhnlichen Torfbauern«
gehalten zu werden Seine Leute hatten dann jedesmal zwanzig bis fünfundzwanzig
Mark Barerlös heimgebracht und erzählt dass noch weit mehr auf diese Art zu
gewinnen wäre weil schwarzer fester Torf auf dem Markte ein sehr begehrter
Artikel sei
    Doch Meihöfer war nicht zu bewegen das Moor in dieser Weise auszunutzen
»Ich hab mich nie mit Kleinigkeiten abgegeben« sagte er »ich will lieber im
Großen zu Grunde gehen als im Kleinen gewinnen«  und dabei warf er sich in die
Brust wie ein Held
    Aber das Moor ließ ihm keine Ruhe  Es war im September nach einer
ausnahmsweise günstigen Ernte als Löb Levy der gefällige Freund aller
verschuldeten Gutsbesitzer wöchentlich zwei dreimal auf dem Hofe erschien und
viel mit dem Herrn zu unterhandeln hatte Frau Elsbeth zitterte vor Angst
sobald der Jude in seinem schmierigen Kaftan vor dem Hoftor auftauchte sie
setzte sich ans Fenster und folgte unablässig allen Bewegungen der
Unterhandelnden Wenn sie ihren Mann ein nachdenkliches Gesicht machen sah lief
es ihr eiskalt den Nacken hinunter und erst wenn er wieder lächelte wagte
auch sie erleichtert aufzuatmen
    Ihr ahnte nichts Gutes doch traute sie sich nicht ihren Gatten nach der
Art von Geschäften zu fragen die er mit dem Halsabschneider abzuwickeln hatte
    Sie sollte alsbald im klaren sein Eines Nachmittags bemerkte Paul wie auf
dem Wege von der Stadt ein seltsames Gefährt dahergehumpelt kam das in der
Ferne aussah wie ein ungeheurer schwarzer Waschkessel auf Rädern Etwas das ein
Schornstein schien ragte darüber hinaus und neigte sich wie ein höflich
grüssender Mann nach rechts und nach links wenn die Räder auf dem ungleichen
Boden schwankten
    Er starrte das Wunder eine Weile an und lief dann zur Mutter die er eiligst
am Rockschoss vor die Türe zog
    Sie legte die Hand über die Augen und spähte auf den Weg hinaus
    »Das ist eine Lokomobile« sagte sie dann
    Paul war nun so klug wie zuvor »Was ist das  Lokomobile« fragte er
    »Das ist eine Dampfmaschine die überall hingefahren werden kann und die die
großen Gutsbesitzer brauchen um ihre Dreschmaschinen zu treiben  auch eggen
und pflügen kann man damit denn so ein Ding hat mehr Kraft als zehn Pferde«
    »Aber warum lässt es sich dann von Pferden ziehen« fragte er
    »Weil es sich selber nirgends hinbewegen kann« war die Antwort
    Das verstand er nicht »jedenfalls aber« dachte er »muss es ein großes
Glück sein solch ein Ding mit dem fremden Namen zu besitzen  und wenn wir
einmal reich sein werden «
    In diesem Augenblick kam der Vater in großer Aufregung aus dem Hause
gestürzt er trug auf dem einen Fuß einen Schlafschuh auf dem andern einen
Stiefel und hatte die Halsbinde im Nacken sitzen
    »Sie kommen sie kommen« rief er die Hände zusammenschlagend und dann
umfasste er die Mutter und tanzte mit ihr mitten auf der Landstraße herum
    Sie sah ihn mit einem großen verängstigten Blick an als wollte sie sagen
»Welch neue Torheit hast du angerichtet« Er aber wollte sie nicht loslassen
und erst als die Zwillinge in ihren rosa Waschkleidchen und dunklen
Zwickelzöpfchen aus dem Garten dahergesprungen kamen machte er sich an diese
nahm sie auf seine Arme ließ sie auf seinen Schultern tanzen und wollte sie
über den Graben werfen so dass die Mutter seinem tollen Treiben nur mit
flehentlichen Bitten Einhalt tun konnte
    »So ihr Gesindel« rief er »jetzt jubelt und tanzt jetzt hat alle Not ein
Ende  nächsten Frühling messen wir das Geld mit Dreischeffelsäcken«
    Die Mutter sah ihn von der Seite an sagte aber nichts
    Das Ungetüm kam näher und näher Paul stand regungslos da in Schauen
versunken Dann guckte er zur Mutter empor die ein gar sorgenschweres Gesicht
machte und eine ungewisse Furcht wandelte ihn an als ob jetzt der Teufel ins
Haus gezogen käme aber dann erinnerte er sich wie nun sein Wunsch von vorhin
in Erfüllung ginge und er beschloss dem schwarzen Gaste mit Vertrauen
entgegenzukommen
    Inzwischen waren auch die Knechte und die Mägde aus dem Stalle und der Küche
herzugeeilt Die ganze Bewohnerschaft des Heidegehöfts stand längs dem Zaune
aufgereiht und schaute dem nahenden Wunder entgegen
    »Aber sag was willst du damit« fragte Frau Elsbeth endlich ihren Gatten
    Dieser maß sie mit einem mitleidigen Blick dann lachte er kurz auf und
rief »Spazieren fahren«
    Frau Elsbeth fragte nicht weiter Zu dem Grossknechte gewandt legte ihr Mann
nun seine Pläne dar er werde das Torfstechen jetzt im großen beginnen auch
eine Schneide und Pressmaschine seien schon unterwegs und morgen in der Frühe
könne die Arbeit losgehen Dann gab er ihm den Auftrag sich nach dem Dorfe zu
begeben und die nötigen Arbeitskräfte anzuwerben Zehn Mann würden für den
Anfang genügen aber er hoffte es alsbald auf zwanzig und dreißig zu bringen
    Frau Elsbeth schüttelte stumm den Kopf und ging ins Haus  gerade als die
Lokomobile vor dem Hoftor ankam  Paul konnte nicht satt werden zu schauen und
zu bewundern Hinter den gelben Schrauben und Kurbeln schien eine Welt von
Geheimnissen zu liegen die Feuerung mit dem Rost und dem Aschenkasten darunter
schien wie der Eingang zu jenen feurigen Ofen in dem die bekannten drei Männer
einst ihren Lobgesang angestimmt hatten  und nun der Schornstein erst drohend
emporgerichtet mit seinem Kranze von Kienruss und dem Schlunde der ins
Schwarze Bodenlose hinabzuführen schien  
    Paul achtete nicht auf das kleine Korbwägelchen das hinter dem Ungetüm
daherrollte und in dem Löb Levy saß mit seinem rotblonden Zottelbart und seinen
lustig zwinkernden Äuglein  er achtete nicht auf das Schreien der Fuhrleute und
den Jubel der beiden kleinen Schwestern die wie besessen rings um die Räder
tanzten Starr vor Staunen stand er da als begriffe er noch immer nicht was um
ihn vorging
    Als er später ins große Zimmer trat fand er die Mutter in eine Sofaecke
gedrückt  weinend
    Er schlang die Arme um ihren Hals sie aber wehrte ihn sanft von sich ab und
sagte »Geh nach den Kleinen sehen dass sie nicht unter die Räder kommen«
    »Aber warum weinst du Mama«
    »Du wirst schon sehen mein Junge« sagte sie sein Haar streichelnd »Löb
Levy ist dabei  du wirst schon sehen«
    Da ward er ganz ärgerlich auf seine Mutter wo alle sich freuten warum
musste sie da im Winkel sitzen und weinen Aber nun war auch ihm die Freude
abhanden gekommen und als er Löb Levy in seinem langen schwarzen Hackenwärmer
über den Hof schlenkern sah hätte er am liebsten dem Karo einen Wink nach
seinen Waden hin zukommen lassen
    Die Zwillinge waren ganz von Sinnen vor Freude Sie nahmen eine Leine und
tollten mit Hott und Hü durch den Garten Die eine war die Lokomobile und die
andere das Pferd aber jede wollte Lokomobile sein denn dann bekam sie Vaters
schwarzen Hut aufgesetzt  als Schornstein
    Vor dem Schlafengehen hatten sie dem neuen Untier auch schon einen Namen
gegeben
    Sie behaupteten es gliche der dicken Dienstmagd mit dem langen Halse die
vor kurzem wegen ihrer Unsauberkeit entlassen worden war und nannten es nach
ihr »die schwarze Suse«
    Diesen Namen behielt die Lokomobile im Meihöferschen Hause für alle Zeiten
    Am andern Morgen ging das Hallo von neuem los Die zehn angeworbenen
Arbeiter standen auf dem Hofe und wussten nicht was sie tun sollten Meihöfer
wollte die Maschine heizen lassen aber Löb Levy der in der Scheune übernachtet
hatte um morgens sogleich zur Hand zu sein erklärte er wünsche vorerst den
Kaufpreis in Empfang zu nehmen wie es im Kontrakte abgemacht wäre denn das
Getreide müsse mittags bereits in der Stadt abgeliefert werden
    »Welches Getreide« fragte die Mutter erbleichend
    Ja es ließ sich nicht mehr verleugnen Meihöfer hatte fast die ganze Ernte
das gedroschene Korn wie das noch auszudreschende dem Juden für die alte
abgebrauchte Dampfmaschine verkauft Triumphierend fuhr dieser mit den schönen
prallen Säcken von dannen Und dies galt nur als Abschlagzahlung gegen
Weihnachten wollte er den Rest abholen kommen
    Für einen Moment mochte selbst den leichtsinnigen Meihöfer eine Regung der
Mutlosigkeit anwandeln als er die hoch aufgetürmten Fuhren hinter dem Walde
verschwinden sah aber im nächsten steckte er trotzig die Hände in die
Hosentaschen und befahl die Maschine ohne Verzug in Bereitschaft zu setzen
    Mit dem Ungetüm zu gleicher Zeit war ein Mann in blauer Bluse und mit einer
Schnapsnase auf den Hof gekommen der sich »Heizer« nannte und der sich dadurch
auszeichnete dass er unaufhörlich Zwiebeln aß Das sei gut für den Magen sagte
er Dieser Mann erschien sich als der Held des Tages Er stand breitbeinig neben
der Maschine nannte sie sein Pflegekind und streichelte mit seiner
grauschwarzen knotigen Hand die rostigen Eisenwände Das klang als ob zwei
Reibeisen übereinander fahren Jeden der herzukam erklärte er mit einem großen
Aufwande von Fremdwörtern die innere Einrichtung der »Luckmanbile« wie er sein
Pflegekind nannte nur musste man ihm zu trinken geben sonst schimpfte er
Erhielt er jedoch den Branntwein den er sich wünschte so wurde er gerührt und
behauptete er ließe sich lieber Hände und Füße abhacken als dass er sich jemals
von seinem Pflegekinde trennte Er habe es liebgewonnen wie sein eigen Fleisch
und Blut und halte es tausendmal höher als alle Menschen auf der Welt
    Meihöfer ging stolz um ihn herum denn auch diese Perle war ja nun sein
Eigentum und er erklärte einmal über das andere hier sähe man was deutsche
Treue bedeute
    Als es aber ans Heizen gehen sollte war der vielgetreue Mann nirgends zu
finden Endlich entdeckte man ihn auf dem Heuschober  schlafend Als man ihn
weckte nannte er dies Verfahren eine Menschenschinderei und ließ sich nur mit
Mühe bewegen aus seinem Winkel hervorzukommen
    Das Anheizen der Maschine war ein neues Fest Paul stand vor der Feuerung
und starrte träumenden Auges in den glühenden Schlund der sich gähnend
aufsperrte als wollte er alles Lebendige verschlingen Er gedachte des alten
heidnischen Götzen Moloch von dem er aus der biblischen Geschichte wusste und
glaubte jeden Augenblick ein paar rotglühende Arme sich ausstrecken zu sehen 
Und dann erhob sich in dem Innern des Ungetüms ein geheimnisvolles Singen bald
dumpf wie fernes Waldesbrausen bald fein und hoch wie leise Engelsstimmen In
den Ventilen begann es zu zischen  Dampfstrahlen fuhren empor  die eiserne
Schaufel klirrte und rasselnd sanken neue Kohlenhaufen in die Glut Es war ein
Lärm ringsum dass man sein eigen Wort nicht verstehen konnte Der Heizer mit der
roten Nase stand da wie ein König trank aus einer schmalbauchigen Flasche und
hantierte von Zeit zu Zeit an den Ventilen herum ein lautes befehlshaberisches
Geschrei ausstossend wie ein Tierbändiger Und dann begann sich das große Rad zu
drehen  surr surr surr  immer rascher immer rascher Einem wurde schwindlig
vom bloßen Hinsehen  und dann gab es einen Knack  ein Klirren ein Pfauchen 
das große Rad stand still  für immer
    Anfangs freilich tat der Heizer sehr groß und meinte in einer halben Stunde
werde der Schaden vollkommen repariert sein als Meihöfer aber nach zweitägiger
Arbeit in ihn drang endlich einmal mit dem Ausbessern ein Ende zu machen da
wurde er grob und erklärte an diesem alten Gerümpel sei überhaupt nichts
auszubessern das wäre gerade gut genug an den Trödler als Alteisen verkauft zu
werden
    »Pflegekind« Er bedankte sich für solch ein Pflegekind Er sei denn doch zu
gut dazu solch einen Rostaufen zu pflegen Und dabei kam es heraus  Löb Levy
hatte ihn vor drei Tagen in einer Spelunke aufgelesen und ihn gefragt ob er für
eine Woche wie der Herrgott in Frankreich leben wolle länger werde der Scherz
wohl nicht dauern Und nur auf diese Zusicherung hin sei er mitgegangen denn
länger wie acht Tage an einem Platze sitzen das widerstreite seinen Prinzipien
    Darauf wurde er vom Hofe gejagt
    Am andern Tage ließ Meihöfer den Schlosser aus dem Dorfe holen damit er
sich den Schaden besehe Dieser arbeitete abermals ein paar Tage an der Maschine
herum aß und trank für dreie und erklärte schließlich wenn sie jetzt nicht
gehen wolle hätte der Teufel die Hand im Spiel  Das Anheizen wurde
wiederholt aber die »schwarze Suse« war nicht mehr zum Leben zu erwecken
    Als gegen Weihnachten Löb Levy auf dem Hof erschien um den Rest des
Getreides abzuholen prügelte ihn Meihöfer mit seinem eigenen Peitschenstiel
durch Der Jude schrie Gewalt und fuhr schleunigst wieder von dannen Aber
alsbald erschien ein Gerichtsbote mit einem großen rotversiegelten Briefe
    Meihöfer fluchte und trank mehr denn je und das Ende vom Liede war dass er
zur Zahlung sämtlicher Kosten und eines Schmerzensgeldes verurteilt wurde Nur
mit knapper Not glitt er an einer Gefängnisstrafe vorbei
    Seit diesem Tage wollte er die »schwarze Suse« nicht mehr vor Augen sehen
Sie wurde in den hintersten Schuppen gebracht und stand dort in Verborgenheit
manches Jahr hindurch ohne dass eines Menschen Blick auf sie fiel
    Nur Paul nahm von Zeit zu Zeit heimlich den Schlüssel des Schuppens und
schlich zu dem schwarzen Ungetüm hinein das ihm lieber und lieber wurde und ihm
schließlich wie eine stumme arg verkannte Freundin erschien Dann betastete er
die Schrauben und die Ventile kletterte längs dem Schornstein in die Höhe und
setzte sich rittlings auf den Kessel  oder er hängte sich an das große Triebrad
und versuchte es durch seiner Arme Kraft in Schwung zu setzen Aber schlaff wie
ein Leichnam bewegte er sich nur so weit als es geschoben wurde dann stand es
wieder still
    Und wenn er sich müde gearbeitet hatte faltete er die Hände und traurig zu
dem toten Rade emporblickend murmelte er »Wer wird dich wieder lebendig
machen«
 
                                       7
Als Paul vierzehn Jahre alt war beschloss sein Vater ihm zum
Konfirmandenunterricht zu schicken
    »Etwas Rechtschaffenes wird er in der Schule doch nicht lernen« sagte er
»Zeit und Geld sind bei ihm weggeworfen Daher soll er rasch eingesegnet werden
damit er sich in der Wirtschaft nützlich machen kann Was Besseres als ein Bauer
wird sowieso nicht aus ihm werden«
    Paul wars zufrieden denn ihn verlangte danach einen Teil der Sorgen die
die Mutter drückten auf seine Schultern zu nehmen Er gedachte eine Art von
Inspektor aus sich zu machen der den fehlenden Herrn zu jeder Zeit ersetzte und
selber Hand anlegte wo die Knechte ein gutes Beispiel brauchten Er versprach
sich von seiner Tätigkeit den Beginn einer neuen segensreichen Zeit und wenn
er nachts im Bette lag träumte er von wogenden Weizenfeldern und blitzblanken
massiven Scheuern Immer mehr festigte sich in ihm der Entschluss all seine
Kraft daran zu wenden um den verlotterten Heidehof zu Ehren zu bringen Die
Brüder sollten einst von ihm sagen können »Er ist doch zu etwas nütze gewesen
wenn er uns auch auf unseren glänzenden Bahnen nicht hat folgen können«
    Ja die Brüder Wie groß und wie vornehm waren die inzwischen geworden Der
eine studierte Philologie und der andere war als Lehrling in ein angesehenes
Bankgeschäft eingetreten Trotz der guten Tante brauchten beide Geld viel Geld
weit weit mehr als der Vater ihnen schicken konnte Auch für sie versprach
sich Paul mit seinem Übertritt in die Wirtschaft den Beginn einer sorgenfreien
Zeit Alles überschüssige Geld sollte ihnen geschickt werden und er o er
würde schon sparen und sorgen auf dass sie frei von Not und Bedrängnis
weiterschreiten könnten nach ihren erhabenen Zielen
    Mit diesen frommen Gedanken trat Paul den Weg zur ersten Religionsstunde an
 Es war an einem sonnigen Frühlingsmorgen zu Anfang des Monats April
    Das junge Gras auf der Heide leuchtete in grünlichen Lichtern Wacholder und
Erika trieben neue weiche Spitzen am Waldesrand blühten Anemonen und
Ranunkeln  Ein warmer Wind zog über die Heide ihm entgegen er hätte laut
aufjauchzen mögen und das Herz ward ihm schwer vor lauter Lust
    »Es muss ein Trauriges im Werke sein« sagte er sich »denn so froh darf man
sich auf Erden nicht fühlen«
    Vor dem Pfarrgarten stand eine Reihe von Fuhrwerken die er nur zum
geringsten Teil kannte Auch vornehme Karossen waren darunter  Mit stolzem
Lächeln saßen die Kutscher mit ihren blanken Röcken auf dem Bocke und warfen
geringschätzige Blicke um sich herum
    In dem Garten war eine große Kinderschar versammelt Die Knaben gesondert
und die Mädchen auch Unter den Knaben befanden sich die beiden Brüder von
denen er früher so viel hatte leiden müssen und die seit einem Jahr die Schule
nicht mehr besuchten Sie kamen sehr freundlich auf ihn zu und während der eine
ihm die Hand zum Gruße reichte stellte ihm der andere von hinten ein Bein
    Von den Mädchen gingen einige Arm in Arm in den Gängen spazieren Sie hatten
sich um die Taille gefasst und kicherten miteinander Die meisten waren ihm
fremd einige schienen besonders vornehm sie trugen feine graue Regenmäntel und
hatten Federhüte auf dem Kopfe Ihnen mussten die Karossen draußen gehören
    Er sah auf seine Jacke herunter um sich zu vergewissern dass er sich nicht
zu schämen brauchte Sie war von feinem schwarzen Tuche aus einem alten Fracke
des Studenten gefertigt und schien so gut wie neu nur dass die Nähte ein wenig
glänzten Alles in allem er brauchte sich nicht zu schämen
    Die Glocke ertönte Die Konfirmanden wurden in die Kirche gerufen  Paul
fühlte sich frei und fromm als ihn die feierliche Dämmerung des Gotteshauses
umfing  Er dachte nicht mehr an seine Jacke die Gestalten der Knaben ringsum
wurden wie Schatten
    Zu beiden Seiten des Altars waren Bänke aufgestellt Rechts sollten die
Knaben links die Mädchen ihre Plätze erhalten
    Paul wurde in die hinterste Reihe gedrängt wo die Kleinen und die Armen
saßen Zwischen zwei barfüssigen Häuslerkindern die grobe durchlöcherte Jacken
trugen nahm er Platz An den Schultern seiner Vordermänner vorbei sah er drüben
die Mädchen sich ordnen die Vornehmsten zuerst dann die ärmlich Gekleideten
    Er dachte darüber nach ob im Himmel die Reihenfolge wohl eine ähnliche sein
werde und der Spruch fiel ein »Wer sich erniedrigt der soll erhöhet werden«
    Der Pfarrer kam
    Es war ein behäbiger Mann mit einem Doppelkinn und einem blonden
Backenbärtchen Seine Oberlippe schimmerte blank von dem häufigen Rasieren Er
trug nicht seinen Talar sondern einen einfachen schwarzen Rock sah aber doch
sehr würdig und feierlich aus
    Er sprach zuerst ein langes Gebet über den Text »Lasst die Kindlein zu mir
kommen« und knüpfte daran die Ermahnung das kommende Jahr als eine Zeit der
Weihe zu betrachten nicht zu tollen und nicht zu tanzen denn das widerspräche
der Würde eines Religionsschülers
    »Ich habe nie getollt und getanzt« dachte Paul und war in diesem Augenblick
ganz von Stolz erfüllt über seinen gottseligen Wandel »Aber schade wars doch«
 dachte er hinterher
    Dann pries der Pfarrer die vornehmste der christlichen Tugenden die Demut
Niemand in dieser Kinderschar sollte sich über den anderen erhaben fühlen weil
seine Eltern vielleicht reicher und vornehmer wären als die seiner Mitbrüder und
Mitschwestern Denn vor Gottes Throne wären alle gleich
    »Aha da habt ihrs« dachte Paul und fasste liebevoll den Arm seines
zerlumpten Nachbarn Der dachte er wolle ihn kneifen und sagte »Au nicht
doch«
    Drauf zog der Pfarrer ein Blatt Papier aus der Tasche und sagte »Jetzt will
ich die Rangordnung verlesen in der ihr fortan sitzen sollt«
    »Warum denn eine Rangordnung« dachte Paul »wenn vor Gottes Throne alle
gleich sind«
    Der Pfarrer sagte »Zuerst kommen die Mädchen und dann die Knaben« und
begann zu lesen
    Schon der erste Name machte Paul stutzig denn er hieß  Elsbeth Douglas Er
sah ein hochaufgeschossenes blasses Mädchen mit einem frommen Gesicht und
schlicht zurückgestrichenen blonden Haaren sich erheben und nach dem ersten
Platze hinschreiten
    »Also das bist du« dachte Paul »und wir sollen zusammen eingesegnet
werden« Das Herz klopfte ihm vor Freude und auch vor Angst denn er fürchtete
zugleich dass er ihr zu gering erscheinen werde  »Vielleicht besinnt sie sich
gar nicht mehr auf dich« dachte er weiter
    Er beobachtete sie wie sie mit niedergeschlagenen Augen sich auf ihren
Platz setzte und freundlich vor sich hinlächelte
    »Nein die ist nicht stolz« sagte er leise vor sich hin aber zur
Sicherheit besah er seine Jacke
    Dann wurden die Knaben aufgerufen Zuerst kamen die beiden Brüder Erdmann
Die hatten sich schon ohnehin auf den ersten Plätzen breitgemacht und dann
wurde sein eigener Name gerufen  In diesem Augenblick machte Elsbeth Douglas
es genauso wie er vorhin getan Sie hob rasch den Kopf und spähte zu den Reihen
der Knaben hinüber
    Als er sich auf seinen Platz gesetzt hatte schaute auch er vor sich auf die
Erde nieder denn er wollte es ihr an Demut gleichtun und wie er dann
aufblickte sah er ihr Auge voll Neugier auf sich ruhen Er wurde rot und tupfte
ein Federchen von dem Ärmel seiner Jacke
    Und dann begann der Unterricht Der Pfarrer erklärte Bibelsprüche und fragte
Gesangbuchlieder ab Elsbeth kam zuerst an die Reihe Sie hob ein wenig den Kopf
und sagte ruhig und unbefangen ihre Verse her
    »Donnerja die Margell hat Kourage« murmelte der jüngere Erdmann der zu
seiner linken Seite saß
    Paul fühlte sich von plötzlichen Ingrimm gepackt Er hätte ihn mitten in der
Kirche prügeln mögen »Sagt er noch einmal Margell auf sie so hau ich hernach
auf ihn los« Das versprach er sich feierlich Aber der jüngere Erdmann dachte
nicht mehr an sie er beschäftigte sich damit seinen Hintermännern Stecknadeln
in die Waden zu stechen
    Als die Stunde beendet war verließen zuerst die Mädchen paarweise die
Kirche Erst als die letzten draußen waren durften die Knaben ihnen folgen Auf
dem Vorplatze begegnete er Elsbeth die nach ihrem Wagen schritt Beide sahen
sich ein wenig von der Seite an und gingen aneinander vorüber
    An ihrem Wagen stand eine alte Dame mit grauen Ringellocken und einem
persischen Umschlagetuch die im Pfarrhause auf sie gewartet haben musste Sie
küsste Elsbeth auf die Stirn und beide bestiegen die Rücksitze Der Wagen war
der schönste in der ganzen Reihe der Kutscher trug eine schwarze Pelzmütze mit
einer roten Troddel daran auch hatte er blanke Tressen am Kragen und an den
Aufschlägen der Ärmel
    Gerade als der Wagen fortgefahren war wurde Paul von den beiden Erdmanns
angefallen die ihn ein wenig prügelten
    »Pfui schämt euch zwei gegen einen« sagte er da ließ sie ihn laufen
    Er ging vergnügt dem Heimatause zu Die Mittagssonne glitzerte auf der
weiten Heide und in nebelnder Ferne fuhr der Wagen vor ihm her wurde kleiner
und kleiner und verschwand endlich als ein schwarzer Punkt in dem Fichtenwalde
    Als er zu Hause ankam küsste ihn die Mutter auf beide Wangen und fragte
»Nun wie wars«
    »Ganz nett« erwiderte er »und Mama die Elsbeth aus dem weißen Hause war
auch da«
    Da wurde sie ganz rot vor Freude und fragte nach allerlei wie sie aussähe
ob sie hübsch geworden sei und was sie mit ihm gesprochen habe
    »Gar nichts« erwiderte er beschämt und als die Mutter ihn daraufhin
erstaunt ansah fügte er eifrig hinzu »Du aber stolz ist sie nicht« 
    Am nächsten Montag fand er sie bereits an ihrem Platze sitzen als er die
Kirche betrat Sie hatte die Bibel auf den Knien liegen und lernte die
aufgegebenen Sprüche
    Es waren noch nicht viele Kinder anwesend und als er sich ihr gegenüber
niedersetzte machte sie eine halbe Bewegung als wolle sie aufstehen und zu ihm
herüberkommen aber sie ließ sich wieder nieder und lernte weiter
    Die Mutter hatte ihm vor dem Weggehen anempfohlen Elsbeth einfach
anzureden Sie hatte ihm viele Grüße an ihre Mutter aufgetragen auch sollte er
sich erkundigen wie es ihr selber erginge Er hatte sich während des Weges eine
lange Rede einstudiert  nur war er sich noch darüber uneins ob er »du« oder
»Sie« zu ihr sagen solle  »Du« wäre das einfachste gewesen Die Mutter schien
es sogar für selbstverständlich zu halten aber »Sie« klang entschieden feiner 
so hübsch erwachsen klang es Und da er zu keinem Entschlusse kommen konnte so
unterließ er die Anrede ganz  Auch er nahm nun seine Bibel vor und beide
stützten die Ellbogen auf die Knie und lernten um die Wette
    Ihm nützte es nicht viel denn als hernach in der Stunde der Pfarrer an ihn
die Frage richtete hatte er keine Ahnung mehr 
    Ein peinliches Schweigen entstand die Erdmänner lachten schadenfroh und
er glutrot vor Scham musste sich wieder auf seinen Platz niedersetzen Er wagte
nun nicht mehr aufzuschauen und als er beim Verlassen der Kirche Elsbeth vor
der Türe stehen sah als wartete sie auf etwas schlug er die Augen nieder und
wollte rasch an ihr vorüber  Sie aber trat einen Schritt auf ihn zu und redete
ihn an »Meine Mama hat mir aufgetragen ich soll dich fragen  wies deiner
Mutter ginge«
    Er erwiderte es ginge ihr gut
    »Und sie lässt sie auch vielmals grüßen« fuhr Elsbeth fort
    »Und meine Mutter lässt deine Mutter auch vielmals grüßen« erwiderte er
Bibel und Gesangbuch zwischen den Fingern drehend »und ich soll dich auch
fragen wies ihr ginge«
    »Mama lässt sagen« entgegnete sie wie wenn man Auswendiggelerntes hersagt
»sie sei viel kränklich und müsste sehr oft das Zimmer hüten aber jetzt im
Frühling gings ihr besser  und ob du nicht mit unserem Wagen mitfahren
möchtest bis zu deinem Hause Ich solls dir anbieten hat sie gesagt«
    »Kiek der Meihöfer raspelt Süssholz« rief der ältere Erdmann der sich
hinter der Kirchentür verborgen hatte um seine Kameraden durch den Ritz
hindurch mit einem Röhrchen zu kitzeln
    Elsbeth und Paul sahen erstaunt einander an denn sie kannten den Sinn der
Redensart nicht aber da sie fühlten dass sie etwas sehr Schlimmes bedeuten
musste wurden sie rot und trennten sich
    Paul schaute ihr nach wie sie auf ihren Wagen stieg und davonfuhr Diesmal
wartete die alte Dame nicht auf sie Es war ihre Gouvernante wie er gehört
hatte Ja so vornehm war sie dass sie sogar eine eigene Gouvernante besaß
    »Die Erdmänner kriegen doch noch ihre Prügel« damit schloss er seine
Überlegungen   
    Die nächsten Wochen vergingen ohne dass er mit Elsbeth wieder geredet hätte
Wenn er in die Kirche trat saß sie meistens schon an ihrem Platze Dann nickte
sie ihm freundlich zu aber das war auch alles
    Und dann kam ein Montag an dem ihr Wagen nicht auf sie wartete Er bemerkte
es sofort als er auf den Kirchenplatz zuschritt und atmete erleichtert auf
denn der stolze Kutscher mit der Pelzmütze die er selbst mitten im Sommer trug
verursachte ihm stets ein beklemmendes Gefühl Er brauchte nur an den Kutscher
zu denken wenn er ihr gegenübersass und sie erschien ihm wie ein Wesen aus
einer anderen Welt
    Heute wagte er fast vertraulich zu ihr hinüber zu grüßen und es erschien
ihm als wenn auch sie seinen Gruß freundlicher denn sonst erwiderte
    Und als die Stunde beendet war trat sie aus freien Stücken auf ihn zu und
sagte »Ich muss heute zu Fuß nach Hause denn unsere Fuhrwerke sind alle auf dem
Felde Mama hat gemeint du könntest wohl ein Stück mit mir zusammengehen da
wir doch denselben Weg haben«
    Er fühlte sich sehr beglückt wagte aber nicht an ihre Seite zu treten
solange sie sich innerhalb des Dorfes befanden Auch schaute er sich von Zeit zu
Zeit ängstlich um ob nicht die beiden Erdmänner irgendwo mit ihren Stachelreden
auf ihn lauerten
    Doch als sie draußen auf freiem Felde dahingingen fand es sich von selbst
dass sie nebeneinander schritten
    Es war ein sonniger Junivormittag Der weiße Sand des Weges flimmerte 
Ringsherum blühten goldgelbe Katzenpfötchen und das Wiesenfrauenhaar wehte in
dem warmen Winde  vom Dorfe her tönte die Mittagsglocke  Kein Mensch war
weit und breit zu sehen  Die Heide schien wie ausgestorben
    Elsbeth trug einen breiten Strohhut auf dem Kopfe zum Schutze gegen die
Sonnenstrahlen Den nahm sie jetzt ab und schlenkerte ihn am Gummibande hin und
her
    »Es wird dir zu heiß werden« sagte er aber da sie ihn ein wenig auslachte
riss er auch seine Mütze vom Kopfe und warf sie hoch in die Luft
    »Du bist ja ein ganz lustiger Bursche« sagte sie beifällig nickend
    Er schüttelte den Kopf und seine Stirne zog sich wieder in die ernsten
Falten die ihn stets alt erscheinen ließ
    »Ach nein« sagte er »lustig bin ich nicht«
    »Warum nicht« fragte sie
    »Ich habe immer an so vielerlei zu denken« erwiderte er »und wenn ich
einmal recht froh sein will kommt mir sicher etwas in die Quere«
    »Woran hast du denn immer zu denken« fragte sie
    Er sann eine Weile nach aber es fiel ihm gerade nichts ein »Ach es ist ja
alles dumm Zeug« sagte er »kluge Gedanken kommen mir überhaupt nicht«
    Und dann erzählte er ihr von den Brüdern von dicken Büchern die ganz mit
Zahlen vollgeschrieben ständen  den Namen habe er vergessen  und die sie schon
auswendig gekonnt hätten als sie so alt gewesen wären wie er selber
    »Warum lernst du das nicht auch wenn es dir Vergnügen macht« fragte sie
    »Es macht mir aber kein Vergnügen« erwiderte er »ich habe einen so
schweren Kopf«
    »Aber irgend etwas wirst du doch können« fragte sie weiter
    »Ich kann rein gar nichts« erwiderte er traurig »ich sei so dumm sagt der
Vater«
    »Du  darauf musst du nichts geben« tröstete sie ihn »mein Fräulein
Ratmaier hat auch immer allerhand an mir auszusetzen Aber ich  pah ich «
Sie schwieg und riss eine Sauerampferstaude aus an der sie kaute
    »Hat dein Vater noch immer so blitzende Augen« fragte er
    Sie nickte und ihr Antlitz verklärte sich
    »Du hast ihn wohl sehr lieb  deinen Vater«
    Sie sah ihn erstaunt an als ob sie seine Frage nicht verstünde dann meinte
sie o ja  sie hätte ihn sehr lieb
    »Und er dich auch«
    »Ob«
    Er pflückte sich nun gleichfalls einen Sauerampferstengel und seufzte dabei
    »Warum seufzt du denn« fragte sie
    Es käme ihm zufällig was in den Sinn meinte er und dann fragte er lachend
ob ihr Vater sie wohl noch manchmal auf den Schoss nähme wie damals als er im
»weißen Hause« gewesen war
    Sie lachte mit und meinte sie sei ja schon ein großes Mädchen und er solle
nicht so dumm fragen aber hinterher kams heraus dass sie doch noch auf des
Vaters Schoss sitze »freilich nicht mehr rittlings« fügte sie lachend hinzu
    »Ja das war ein schöner Tag« sagte er »und ich saß auf seinem andern
Knie Wie klein müssen wir damals gewesen sein«
    »Und dumm waren wir dass Gott erbarm« erwiderte sie »wenn ich noch daran
denke wie du pfeifen wolltest und nicht konntest«
    »Hast du das behalten« fragte er und sein Auge leuchtete auf im Bewusstsein
seiner jetzigen Kunst
    »Natürlich« sagte sie »und als du fortgingst kamst du noch einmal
zurückgelaufen und  weißt du noch«
    Er wusste es genau
    »Heute wirst du wohl pfeifen können« lachte sie »in unserem Alter ist das
keine Heldentat mehr  kann ich es doch sogar«  und sie spitzte die Lippen in
sehr drolliger Weise
    Ihm tat es weh dass sie von seiner Kunst so geringschätzig sprach und er
dachte darüber nach ob er das Pfeifen fortan nicht lieber ganz unterlassen
sollte
    »Warum bist du so schweigsam« fragte sie »bist du auch müde«
    »Ach nein aber du  was«
    Ja  der Fußweg in Sand und Mittagshitze habe sie angestrengt
    »So komm zu uns ins Haus und ruhe dich aus« rief er leuchtenden Auges denn
er gedachte der Freude die die Mutter bei ihrem Anblick empfinden würde
    Aber sie dankte »Dein Vater ist nicht gut zu sprechen auf uns hat Mama
gesagt und darum dürft ihr auch nicht nach Helenental zum Besuche kommen Dein
Vater würde mich vielleicht vom Hofe weisen«
    Er erwiderte hochrot »Das würde der Vater wohl nicht«  und er schämte sich
sehr
    Sie warf einen Blick nach dem Heidehof hinüber der kaum dreihundert Schritt
abseits vom Wege gelegen war Der rote Zaun leuchtete im Sonnenglanze und
selbst die grauen verfallenen Scheunen schauten freundlicher darein als sonst
    »Es ist ganz hübsch bei euch« sagte sie die linke Hand wie einen Schirm
über die Augen legend
    »O ja« erwiderte er das Herz von Stolz geschwellt »und an dem einen
Scheunentor ist eine Eule angenagelt    Aber es soll noch viel viel
hübscher bei uns werden« fügte er nach einer kleinen Weile ernstaft hinzu
»Lass mich nur erst ans Regiment kommen« Und dann begann er ihr seine
Zukunftspläne auseinanderzusetzen Sie hörte ihm aufmerksam zu aber als er
geendet hatte sagte sie noch einmal »Ich bin müde  muss mich ausruhen« Und
sie machte Miene sich auf dem Grabenrande niederzusetzen
    »Nicht hier in der Sonnenhitze« warnte er »komm wir suchen uns den
ersten besten Wacholderstrauch«
    Sie reichte ihm die Hand und ließ sich müde von ihm über den Heiderasen
ziehen der von Maulwurfshügeln geschwellt war wie ein wellenschlagender See
und der gegen den Waldesrand hin vereinzelte Wacholderbüsche trug die wie eine
Schar schwarzer Gnomen von der ebenen Fläche emporragten
    Unter dem ersten dieser Gebüsche hockte sie nieder so dass dessen Schatten
ihre zarte schmale Gestalt fast ganz umhüllte
    »Hier ist gerade noch Platz für deinen Kopf« sagte sie auf einen
Maulwurfshügel weisend der sich noch im Bereiche des Schattens befand
    Er streckte sich der Länge nach auf dem Rasen hin den Kopf auf dem
Maulwurfshügel gebettet die Stirn vom Saume ihres Kleides bedeckt
    Sie lehnte sich müde in das Dickicht des Busches zurück um in dessen
Geästel eine Stütze zu finden
    »Die Nadeln stechen gar nicht« sagte sie dann »sie meinens gut mit uns
ich glaube wir könnten auch durch Dornröschens Hecke gehen«
    »Du  nicht ich« erwiderte er die Augen im Liegen zu ihr aufschlagend
»mich hat noch jeder Dorn gestochen  ich bin kein Märchenprinz nicht einmal
ein lumpiger HansimGlücke bin ich«
    »Wird alles noch kommen« tröstete sie »du musst nicht immer so traurige
Gedanken haben«
    Er wollte ihr etwas erwidern aber die richtigen Worte fehlten ihm und wie
er nachsinnend emporschaute flog droben am blauen Himmel eine Schwalbe vorüber
Da stieß er unwillkürlich einen Pfiff aus als ob er sie heranlocken wollte und
als sie nicht kam pfiff er noch einmal und zum zweiten und zum drittenmal
    Elsbeth lachte er aber pfiff weiter  erst ohne zu wissen wie und ohne
nachzudenken warum aber als ein Ton nach dem andern seinen Lippen entquoll
ward ihm zu Sinn als sei er plötzlich sehr beredsam geworden und als ob er auf
diese Weise alles sagen könnte was ihm das Herz bedrückte und wozu er in Worten
nimmer den Mut gefunden haben würde  All das was ihn traurig machte und um
was er sich sorgte kam zum Vorschein Er schloss die Augen und hörte gleichsam
zu wie die Töne für ihn sprachen Er glaubte der liebe Gott im Himmel hätte
statt seiner das Wort genommen und erzählte alles was ihn anging sogar das
worüber er selbst nie klar geworden war
    Als er die Augen aufschlug wusste er nicht wie lange er so dagelegen und
gepfiffen hatte aber er sah dass Elsbeth weinte
    »Warum weinst du« fragte er
    Sie gab ihm keine Antwort wischte sich mit dem Taschentuch die Augen und
erhob sich
    Schweigend schritten sie eine Weile miteinander hin  Als sie den Wald
erreichten der dicht und dunkel vor ihnen lag blieb sie stehen und fragte
»Wer hat dich das gelehrt«
    »Keiner« sagte er »das ist mir so von selber gekommen«
    »Kannst du auch Flöte spielen« fragte sie weiter
    Nein er konnte es nicht er hatte es auch nie gehört er wusste nur dass es
des alten Fritzen Lieblingsvergnügen gewesen war
    »Das musst du lernen« sagte sie
    Er meinte es würde ihm wohl zu schwer sein
    »Du solltest es doch versuchen« riet sie »du musst ein Künstler werden 
ein großer Künstler«
    Er erschrak als sie das sagte Er getraute sich kaum ihren Gedanken weiter
zu denken
    Als sie den jenseitigen Waldrand erreicht hatten trennten sie sich  Sie
schritt weiter dem »weißen Hause« zu  und er kehrte um Wie er den
Wacholderbusch wiedersah unter dem sie beide gesessen hatten kam ihm alles wie
ein Traum vor und so blieb es auch fortan   
    Zwei drei Tage vergingen ehe er der Mutter etwas von seinem Abenteuer zu
sagen wagte aber dann hielt er es nicht länger aus und gestand ihr alles
    Die Mutter sah ihn lange an und ging hinaus aber von jetzt ab lauschte sie
heimlich ob sie nicht einen Ton von seinem Pfeifen erhaschen könnte
    Die beiden Kinder gingen noch oftmals mitsammen heim aber eine solche
Stunde wie die unter dem Wacholderbusch kam ihnen nie mehr wieder
    Wenn sie an ihm vorüberschritten sahen sie einander an und lächelten aber
keines wagte den Vorschlag zu machen noch einmal unter ihm niederzusitzen
    Auch des Flötenspiels geschah nicht mehr Erwähnung zwischen ihnen Paul
jedoch dachte heimlich oft genug daran Es erschien ihm wie etwas Himmlisches
Unerhörtes gleich der Wissenschaft die die Logaritmentafeln lehrten Ja wenn
er klug und begabt gewesen wäre wie die beiden Brüder  aber er war ja nur ein
dummer einfältiger Junge der froh sein konnte wenn man ihn für die andern
sorgen ließ
    Gar oft fragte er sich wie wohl solch ein Flötenspiel klingen möchte und
wie diejenigen beschaffen wären die es verstanden Er hatte eine sehr große
Meinung von ihnen und glaubte dass sie stets so hohe und heilige Gedanken hegen
mussten wie sie ihm selber nur in sehr wenigen Momenten aufstiegen wenn er sich
recht in sein Pfeifen vertiefte
    Und dann kam der Tag an dem er einen Flötenspieler von Angesicht zu
Angesicht erschauen sollte
    Es war an einem trüben stürmischen Nachmittag im Monat November Es fing
schon an dunkel zu werden als er die Schule verließ und langsam die Dorfstraße
entlang wanderte um heimzukehren Da drangen aus einer Branntweinschenke in
der das Gesindel der Gegend zu verkehren pflegte gar seltsame Töne an sein Ohr
Er hatte sie nie gehört aber er wusste sofort das muss ein Flötenspieler sein
Horchend blieb er vor der Tür der Schenke stehen Sein Herz klopfte ganz laut
seine Glieder zitterten Die Töne waren ähnlich wie sein Pfeifen aber weit
voller und weicher »So müssen die Engel an Gottes Thron musizieren« dachte er
sich
    Nur eines war ihm unerklärlich wie dieses Flötenspiel das so klagend und
sehnsüchtig klang an einen so verrufenen Ort geraten konnte Das Schreien und
Johlen und Gläserklirren das zwischendurch erscholl tat seiner Seele weh ein
plötzlicher Grimm packte ihn wenn er groß und stark gewesen wäre er würde
hineingesprungen sein und würde die Lärmenden und Trunkenen samt und sonders auf
die Straße hinausgeworfen haben damit die heiligen Töne nicht entweiht würden
    In diesem Augenblick wurde die Tür aufgerissen ein trunkener Arbeiter
taumelte an ihm vorüber  übelriechender Qualm drang ihm entgegen  Lauter
noch wurde das Lärmen  Kaum war das Flötenspiel imstande es zu übertönen
    Da fasste er sich ein Herz und ehe noch die Tür geschlossen wurde drängte
er sich durch den schmalen Spalt in das Innere der Schenke  Hinter ein leeres
Branntweinfass gedrückt stand er da  Niemand achtete auf ihn
    In den ersten Augenblicken unterschied er nichts  Dunst und Lärm hatten
seine Sinne ganz benommen und die Töne der Flöte wurden schrill und misstönig
so dass sie seinem Ohre wehtaten
    Inmitten der Schreienden und Stampfenden saß auf einem umgestülpten Fasse
ein zerlumpter Kerl mit einem aufgequollenen finnigen Gesicht einer
Schnapsnase und schwarzen fettigen Haaren  eine Gestalt deren Anblick Paul
einen Schauder über den Leib jagte  Der war es welcher die Flöte blies
    Wie versteinert vor Entsetzen starrte er ihn an Ihm war zumute als sänke
der Himmel ein als ginge die Welt zugrunde  Nun setzte der Spieler seine
Flöte ab stieß mit rauer heiserer Stimme ein paar schmutzige Worte hervor
goss gierig den Branntwein hinunter der ihm von den Umstehenden gereicht wurde
und begann mit den Füßen den Takt schlagend einen Gassenhauer zu spielen den
die Zuhörer mit Brüllen begleiteten
    Da floh Paul zur Schenke hinaus und lief und lief dass ihm Hören und Sehen
verging als hätte er Angst zur Besinnung zu kommen 
    Als er allein auf der Heide war über welche die Stürme dahinsausten und
von deren Rande ein schwefelgelber Streifen abendlichen Lichtes ihm
entgegenleuchtete da hielt er inne schlug die Hände vors Gesicht und weinte
bitterlich  
    In dem Winter der nun folgte stellte Paul sein Pfeifen gänzlich ein und
noch mehr war ihm das Flötenspiel verleidet Wenn er daran dachte stand das
Bild jenes Verworfenen vor seinen Augen der ihm seine Sehnsucht enteiligt
hatte
    Elsbeth sah er fortan nicht mehr Mit Beginn der kalten Jahreszeit war die
Religionsstunde aus der Kirche in das Pfarrhaus verlegt worden und da sich in
ihm kein Raum vorfand der sämtliche Konfirmanden hätte fassen können so wurden
Knaben und Mädchen gesondert unterrichtet Bisweilen zwar sah er Elsbets Wagen
an sich vorüberfahren aber sie selbst war so sehr in Pelze und Tücher vermummt
dass von ihrem Gesicht nichts zu erkennen war Er wusste nicht einmal ob sie ihn
bemerkt hatte
    Zu derselben Zeit hatte er vielen Ärger mit den Brüdern Erdmann die ihn bis
aufs Blut zu quälen wussten Er war vollständig wehrlos ihnen gegenüber denn
jeder einzelne hatte doppelt soviel Kraft als er auch griffen sie ihn immer zu
zweien an und während der eine ihn festhielt zwackte ihn der andere Nicht
dass die beiden von Grund aus boshafte Geschöpfe gewesen wären im Gegenteil
gegen die anderen wussten sie Wohlwollen und Großmut zu üben aber gerade seine
stille in sich versunkene Natur war ihnen in tiefster Seele verhasst Sie
schalten ihn einen Mucker einen Kopfhänger und wenn sie ihn geprügelt hatten
sagten sie »So nun zeig uns an das würde prächtig zu dir passen«
    Sein Groll gegen die Widersacher schwoll höher und höher Oft machte er sich
Vorwürfe dass er sich feige und ehrlos betrage und beschuldigte sich niedriger
knechtischer Gesinnung Eines Tages als er auf dem beschneiten Hofe hin und her
lief redete er sich so sehr in Zorn hinein dass er beschloss sich jener bösen
Brüder zu entledigen und wenn es sein eigen Leben kostete  Er lief in den
Stall wo der Schleifstein stand taute das in der Bütte gefrorene Wasser auf
und schärfte sein Taschenmesser bis es einen Streifen dünnsten Seidenpapiers
durchschnitt Als er aber am nächsten Montag aufs neue durchgeprügelt wurde
fand er nicht den Mut es aus der Tasche zu ziehen und musste sich aufs neue ob
seiner Feigheit Vorwürfe machen Er verschob es auf das nächste Mal  aber dabei
blieb es
    Auch von dem Vater hatte er vieles zu erdulden Der trug sich neuerdings
wieder mit großen Plänen und wenn er das tat fühlte er sich stets sehr erhaben
und war auf Paul den er um seines kleinlichen Sinnes willen verachtete
besonders schlecht zu sprechen
    »Warum ist auf den Jungen nicht der leiseste Funken meines Genies
übergegangen« sagte er »Wie schön könnte ich ihn dann zum Handlanger für meine
Pläne erziehen Aber er ist zu stupide  Hopfen und Malz sind an ihm verloren«
    Er hatte jetzt die Absicht zur Ausbeutung seines Moores eine
Aktiengesellschaft zu gründen große Kapitalien aufzubringen und sich selbst zum
Direktor mit soundsoviel tausend Talern Gehalt ernennen zu lassen Er fuhr
allwöchentlich zwei bis dreimal zur Stadt und war oft am zweiten Tage noch
nicht zu Hause
    »Es hält schwer« sagte er dann wenn er seinen Rausch ausgeschlafen hatte
»aber ich werde die Filze schon rankriegen Auch der Douglas der Protz muss
mir bluten Wenn ich nur wüsste wie ich ihn mir einmal greifen könnt
Helenental betrete ich nie wieder schon um nicht zu sehen wie der Kerl es hat
verwahrlosen lassen  denn das hat er jedenfalls  und in der Stadt bekomme ich
ihn nie zu sehen Aber bluten  bluten muss er Wenn er nicht einen Scheffel
Aktien zeichnet soll ihn der Teufel holen«
    Frau Elsbeth hörte das alles traurig an ohne ein Wort zu sagen Paul aber
pflegte hinterher heimlich den Schlüssel des Schuppens vom Brette zu nehmen um
mit der »schwarzen Suse« stumme Zwiesprach zu halten Er hatte nun einmal den
Glauben dass von ihr die Rettung käme
                           
    Als die Osterfeiertage vorüber waren wurde der Religionsunterricht aufs
neue in die Kirche verlegt Knaben und Mädchen kamen nach halbjähriger Trennung
wieder zusammen
    Elsbeth hatte sich während des Winters sehr verändert Sie sah nun beinahe
aus wie eine erwachsene Dame Sie trug ein halblanges Kleid und hatte das Haar
über der Stirn in Löckchen aufgelöst
    Paul grüßte sie sehr beklommen ihm war zumute als passte er nicht mehr zu
ihr  aber sie stand von ihrem Sitze auf ging ihm drei Schritte entgegen und
drückte ihm vor aller Augen herzlich die Hand
    In der darauffolgenden Stunde wurde unter den Knaben ein Blatt
herumgereicht das viel Heiterkeit erregte Es trug die von allerhand Schnörkeln
umgebenen Worte
                         »Als Verlobte empfehlen sich
                                 Paul Meihöfer
                               Elsbeth Douglas«
    Die Schrift war die des jüngeren Erdmann Pauls Hand suchte nach seinem
Messer für einen Moment war ihm zumute als könnte er es hier mitten in der
Kirche gegen seinen Nachbarn zücken er zerrte ihm das Blatt aus der Hand und
riss es in Fetzen
    Elsbeth sah verwundert zu ihm herüber und der Pfarrer rief ihn zur Ruhe
Nun erschrak er über seine eigene Kühnheit Die Erdmänner mussten ihm wohl
angemerkt haben dass er in diesem Punkt nicht mit sich scherzen lasse und
machten keinen ferneren Versuch ihn mit Elsbeth aufzuziehen 
    Am letzten Sonntag vor Pfingsten war die Einsegnung Paul hatte die Nacht
über nicht schlafen können vor Sonnenaufgang stand er leise auf zog die neuen
schwarzen Tuchkleider an die die gute Tante ihm zu diesem Feste geschenkt
hatte und machte einen Rundgang über den stillen Hof und die tauigen Felder
bis zu dem Moore hin das mit seinem Blumengewande gar feiertäglich vor ihm lag
Im Angesicht der aufgehenden Sonne faltete er seine Hände und sprach ein
inbrünstiges Gebet Mit diesem Tage wollte er ein neues besseres Leben
beginnen alle Unbill vergeben und seine Feinde lieben wie es Jesus Christus
befohlen  Da fiel ihm das Messer ein das er einst für die Erdmänner
geschliffen er riss es aus der Tasche und schleuderte es mitten in das Moor
hinein wo es mit einem gurgelnden Laute im Brachwasser versank  Heisse Tränen
stürzten aus seinen Augen Schlecht und verworfen erschien er sich und gänzlich
unwürdig vor Gottes Altar zu treten  Kaum wagte er auf den Hof
zurückzukehren erst als die Zwillinge in ihren nagelneuen Mullkleidchen jubelnd
auf ihn zustürzten ward ihm freier und leichter  Er umarmte die Schwestern
und gelobte sich im stillen ihnen ein treuer Helfer und Freund zu werden
    Dann kam die Mutter mit einem verschossenen Seidenkleide angetan küsste ihn
auf Stirn und Wangen und hielt sein Gesicht lange zwischen ihren beiden Händen
indem sie ihm unverwandt in die Augen schaute  Sie wollte etwas sagen aber
sie brachte nichts weiter zum Vorschein als »Mein Junge mein lieber Junge«
    Selbst der Vater war heute in rosigster Laune Er fasste seine beiden Hände
und hielt ihm eine lange Rede wie er lernen müsse auf das Große im
Menschenleben seinen Blick zu heften und ihm dem Vater nachzueifern der zwar
stets vom Unglück verfolgt und von der Schlechtigkeit der Menschen ausgeplündert
worden sei der sich aber nie habe entmutigen lassen zu den Sternen
emporzustreben selbst aus diesem elenden Loche heraus in dem ein feindliches
Schicksal ihn habe versinken lassen Und er runzelte seine Brauen und wühlte
sich in seinen Haaren Zoll um Zoll Erhabenheit und Geistesgrösse
    Paul küsste seine beiden Hände und versprach alles
    Um acht Uhr sah er auf dem Fahrweg der über die Heide führte eine Karosse
vorbeirollen deren silberner Zierat im Morgensonnenstrahle glitzerte
    Lange blickte er dem Wagen nach Ihm war alles wie ein Traum  Er fühlte
sich so unendlich wohl dass ihm ganz beklommen wurde vor lauter Glück »Womit
hab ich das verdient« fragte er sich und darauf fing er an nachzugrübeln wie
wohl der erste Kummer beschaffen sein werde der ihn dieser Seligkeit entreißen
würde  Als die Zwillinge ihm ankündigten dass der Wagen zur Kirchenfahrt
bereitstände fühlte er sich traurig und gedrückt
    In dem Pfarrgarten in dem Jasmin und Flieder blühten und auf dessen Rasen
die Sonnenstrahlen glitzerten standen zwei Menschenhäuflein ein schwarzes und
ein weißes gesondert voneinander Das erste waren die Knaben das zweite die
Mädchen
    Elsbeth in ihrem schneeigen Mullkleidchen mit einem Spitzentüchlein über
dem Busen sah weiß und duftig aus wie eine Schlehdornblüte
    Ihre Wangen waren sehr blass sie hielt die Augen fortwährend gesenkt und
spielte bald mit dem Gesangbuch bald mit dem Fliederbüschel welches beides sie
in der Hand hielt
    Paul schaute lange zu ihr hinüber aber sie sah ihn nicht Sie mochte sich
wohl in ihrer Andacht durch keinen weltlichen Gedanken stören lassen
    Und dann kam der Pfarrer Die Glocken läuteten  und die Orgel rauschte 
und langsam schritt der Zug paarweise geordnet nach dem Altar
    Paul ging dicht hinter den beiden Erdmännern die in ihren schwarzen langen
Tuchröcken gar ernst und ehrbar dreinschauten Plötzlich kam das Bewusstsein
seiner Schuld mit erneuter Gewalt über ihn Er beugte sich ein wenig vor stieß
sie leise in den Nacken und flüsterte mit nassen Augen »Vergebt mir Ich habe
euch viel Übles getan«
    Sie bohrten sich gegenseitig die Ellbogen in die Hüften und schmunzelten
spitzbübisch Einer drehte sich mit halber Wendung um und flüsterte mit einem
Leidensgesichte das ganz erfüllt war von verkannter und gekränkter Unschuld
»Mein Sohn wir vergeben dir«
    Paul fühlte wohl dass sie sich über ihn lustig machten aber sein Herz war
so voll von Andacht und Liebe dass ihm kein Hohn der Welt etwas anhaben konnte
    Zu beiden Seiten des Altars ordneten sich die Kinderscharen
    Paul warf einen schüchternen Blick in das Kirchenschiff hinunter das
gedrängt voll von Menschen war aber er vermochte niemanden zu erkennen
    Die Stunde der Predigt verging Er starrte vor sich nieder Alles war ihm
wie ein Traum
    Eine Weile später fühlte er seine Knie auf einem weichen Polster ruhen und
die Hand des Pfarrers auf seinem Haupte  Was er zu ihm sprach vernahm er
nicht Er sah Elsbeth drüben still in ihr Taschentuch weinen und dachte »Weine
nur weine nur wirst bald wieder lachen«
    Und dann fragte er sich warum die Menschen wohl alle so viel lachten
während es doch im ganzen so wenig Lächerliches auf Erden gäbe
    Die Orgel stimmte das Lied »Lobe den Herrn den mächtigen König der Ehren«
an  hellauf jauchzte der Chor der Gemeinde  da wanderte sein Blick zur Sonne
empor die in regenbogenfarbenen Lichtern durch die bemalten Kirchenfenster
brach
    Und wie er in das Farbenspiel hineinstarrte erschrak er plötzlich Gerade
jenseits des Kreuzes das den Altar krönte stand in ungeheurer Größe eine
düstere in Grau gekleidete Frau und blickte aus großen hohlen Augen auf ihn
nieder  Die Büsserin Magdalena wars
    Er fühlte wie es ihn kalt durchschauerte
    »Frau Sorge« murmelte er und beugte das Haupt als wollte er in Demut
empfangen was sie ihm fürs Leben bescherte
    Und als er das Auge wieder erhob strahlte die Sonne noch herrlicher denn
zuvor
    Glührot und smaragden gleissten und glimmten die Flammen und woben eine
Strahlenglorie um das Haupt der grauen Frau
    Die aber stand traurig inmitten der farbenfrohen Pracht und starrte aus
großen hohlen Augen auf ihn nieder   
    Da setzte mit einem rauschenden Akkorde die Orgel zum Nachspiel ein  ein
freudiges Beben ging durch die Gemeinde  die Schar der Kinder eilte sich in
die Arme der Ihren zu werfen   und aus Elsbets tränennassen Augen traf ihn
ein freundlich grüssender Blick
 
                                       8
Paul trat nun in die Wirtschaft Den Schwur den er am Morgen seines
Einsegnungstages getan hatte hielt er getreulich  Er arbeitete wie der letzte
seiner Knechte und wenn die Mutter ihn bat sich zu schonen dann küsste er ihr
die Hand und sagte »Du weißt wir haben viel gutzumachen«
    Abends wenn das Gesinde zur Ruhe gegangen war und die Zwillinge sich in
Schlaf getollt hatten dann saßen Mutter und Sohn oft stundenlang beisammen und
planten und rechneten aber war ein Entschluss in ihnen zur Reife gekommen und
lächelte ein Schimmer von Hoffnung aus ihren Augen dann geschah es oft dass sie
plötzlich zusammenschraken und mit einem Seufzer die Köpfe hängen ließ  aber
keiner sprach es aus was ihm das Herz belastete 
    Zu dieser Zeit fing Frau Elsbeth stark zu altern an Lange schmale Furchen
zogen sich über ihre Wangen das Kinn trat stark hervor und das Haar erhielt
einen Silberschimmer Nur aus den dunklen Tiefen ihrer vergrämten Augen konnte
man noch herauslesen wie schön sie einst gewesen war
    »Ja siehst du jetzt bin ich eine alte Frau« sagte sie eines Morgens zu
ihrem Sohne als sie sich vor dem Spiegel die Haare kämmte »und das Glück ist
noch immer nicht gekommen«
    »Sei still Mutter wofür hin ich denn da« erwiderte er obwohl ihm gar
nicht so hoffnungsfreudig zumute war
    Da lächelte sie traurig streichelte ihm Wangen und Stirn und sagte »Ja du
siehst mir ganz so aus als hättest du das Glück an den Flügeln gefangen 
aber ich will nicht so reden« fuhr sie fort »was fing ich wohl an wenn ich
dich nicht hätte«   
    Solch ein Augenblick überströmender Liebe musste für lange vorhalten denn
oft vergingen Monate ohne dass Mutter und Sohn vor lauter Beklommenheit der
Herzen sich etwas Zärtliches zu sagen wagten 
    Die Zwillinge wuchsen derweilen zu zwei tollen pausbäckigen Wildlingen
heran denen kein Baum zu hoch kein Graben zu tief war Das krause Braunhaar
hing ihnen in tausend widerspenstigen Ringeln über die Schläfen herab und
darunter hervor guckten zwei Augenpaare so voll von Schelmerei so blitzend in
Scheu und Keckheit zugleich als lachten verirrte Sonnenstrahlen aus tiefer
Waldesnacht heraus
    Das Gelächter der beiden hallte frühmorgens und spätabends durch das einsame
Heidehaus und um so drückender war die Stille darin wenn sie in der Schule
weilten oder sich draußen auf dem weiten Plane umhertrieben
    Den Zwillingen war alles egal Ob Sonnenschein ob Sturm im Hause sie
hatten den Kopf stets voller Streiche und wenn das Toben des Vaters einmal so
arg wurde dass sie es für geraten hielten sich hinter dem Ofen zu verkriechen
so entschädigten sie sich dort indem sie sich heimlich in die Beine kniffen
    Für Paul hegten sie eine grenzenlose Liebe was sie jedoch nicht abhielt
die besten Bissen von seinem Teller die weissesten Papierschnitzel aus seiner
Mappe und die schönsten Knöpfe von seinen Hosen einfach als ihr Eigentum zu
reklamieren denn sie stahlen wie die Elstern
    Er hatte große Sorge um sie denn er fürchtete sie würden immer mehr
verwildern insbesondere da die Mutter immer müder und mutloser wurde und die
Dinge gehen ließ wie sie gingen Aber er fing seine Erziehungsversuche am
unrechten Ende an Seine Mahnungen fruchteten nichts und einmal als er mitten
in einer schönen Strafpredigt war geschah es dass die eine plötzlich auf seinen
Schoss sprang ihn an der Nase ergriff und der Schwester zurief »Du  er kriegt
nen Bart«
    Drauf kletterte diese ihr nach und beiden wollten um die Wette an seinen
Lippen zupfen  Als er nun aber ernstlich böse wurde fingen sie an zu bocken
und meinten »Pfui  wir reden nicht mehr mit dir«
    Elsbeth hatte er seit seinem Einsegnungstage nicht wieder gesehen wiewohl
inzwischen ein ganzes Jahr vergangen war
    Es hieß sie sei nach der Stadt geschickt worden um dort »gesellschaftliche
Bildung« zu lernen  Dies Wort hatte ihm einen Stich durchs Herz gegeben er
wusste kaum was es bedeutete aber er fühlte dunkel dass sie sich nun weiter und
weiter von ihm entfernte
    Da geschah es eines Tages um die Osterzeit dass er ein Stück Ackerland
bearbeiten ging das versprengt von dem anderen Besitztum fernab am Waldesrande
lag  Er selbst säte und ein Knecht mit zwei Pferden ging nacheggend
hintendrein
    Er hatte ein großes weißes Sälaken um die Schultern geschlungen und
beobachtete mit stillem Vergnügen wie die Samenkörner im Sinken gleich einem
goldenen Springquell niederfunkelten Da war es ihm als sähe er zwischen den
dunklen Stämmen des Waldes etwas Hellschimmerndes auf und niederschaukeln  wie
eine Wiege die in der Luft schwebte Doch nahm er sich kaum Zeit darauf zu
achten denn das Säen ist eine Arbeit die Aufmerken verlangt
    So kam die Frühstückspause heran Der Knecht setzte sich auf den Kornsack
er selbst aber da ihm heiß geworden war ging nach dem Walde um Schatten zu
haben
    Er warf einen flüchtigen Blick nach der schwebenden Wiege und dachte »Das
muss wohl eine Hängematte sein« aber um den der darinnen lag kümmerte er sich
nicht
    Da war es ihm plötzlich als hörte er seinen Namen rufen
    »Paul Paul« Es klang ganz lieb und vertraut und mit einer hellen weichen
Stimme die ihm wohlbekannt schien
    Erschrocken schaute er auf
    »Paul komm doch her« rief die Stimme noch einmal Es lief ihm heiß und
kalt über den Rücken herab denn er wusste nun wer es war
    Er ließ einen verschämten Blick über seine Arbeitskleider gleiten und machte
sich daran den Knoten des Lakens loszulösen aber der hatte sich in den Nacken
zurückgeschoben so dass er ihn nicht erreichen konnte
    »Komm doch so wie du bist« rief die Stimme und nun sah er auch wie ihr
Oberkörper sich in der Matte emporrichtete während ein Buch mit rot und
goldenem Einband ihren Händen entglitt und zur Erde fiel
    Zögernd kam er näher indem er heimlich versuchte die Stiefel an denen der
Schmutz des feuchten Ackers klebte in dem Moose abzuwischen
    Sie ihrerseits hatte noch im letzten Augenblicke bemerkt dass ihre Füße
mitsamt den weißen Strümpfen unter dem Kleide hervorguckten und machte sich
eilig daran sie mit dem Tuche das sie um die Schultern geschlungen hatte zu
verdecken Aber sie vermochte nicht es unter ihren Armen hervorzuzerren und da
sie keinen anderen Rat wusste so kauerte sie sich schnell zusammen so dass sie
dasaß wie ein brütendes Hühnchen während die Hängematte heftig hin und her
schwankte
    Vielleicht hatte sie die Absicht gehabt ihm durch ihre Sicherheit und ihre
frisch erlernte gesellschaftliche Bildung ein wenig zu imponieren aber das
Schicksal fügte es nun dass sie ihn nicht minder rot und verlegen anstarren
musste als er sie
    Er seinerseits bemerkte nichts von ihrer Gemütsverfassung er fand nur dass
sie sehr schön geworden war dass ihr Haar sich zu einem vornehmen Knoten
schürzte und dass ihre Busenschleife auf einer wogenden Rundung leise zitterte
Letzteres machte ihm vollends klar dass sie inzwischen eine Dame geworden war
    Es verging eine ganze Weile ehe eines von beiden ein Wort hervorbrachte
    »Guten Tag  du« sagte sie dann mit einem leisen Auflachen und streckte ihm
ihre Rechte entgegen denn sie merkte dass sie die Oberhand hatte
    Er schwieg und lächelte sie an
    »Hilf mir ein bisschen mein Tuch hervorziehen« fuhr sie fort
    Er tat es  »So nun kehr dich um« Auch damit war er einverstanden »Nun
ists gut« Sie hatte sich wieder hingelegt das Tuch rasch über die Füße
geworfen und guckte nun zwischen den Maschen der Hängematte hindurch schelmisch
zu ihm empor
    »Es ist wirklich ne Freude dass ich wieder bei dir bin« sagte sie »du
bist doch der Beste von allen Hast du dich auch nach mir gebangt«
    »Nein« erwiderte er wahrheitsgetreu
    »Ach geh  du« erwiderte sie und versuchte sich schmollend nach der
anderen Seite zu drehen aber da die Hängematte wieder in ein heftiges Schwanken
geriet so blieb sie liegen und lachte
    Er wunderte sich innerlich dass sie so lustig war Er hatte außer den
Zwillingen noch niemanden so lachen gesehen Und das waren Kinder
    Aber dieses Lachen gab ihm die Unbefangenheit wieder denn er fühlte
instinktiv um wieviel älter er inzwischen geworden war als sie
    »Es ist dir wohl sehr gut gegangen  die ganze Zeit über« fragte er
    »Gott sei Dank  ja« erwiderte sie »Mama kränkelt ein bisschen aber das
ist auch alles«  Ein Schatten flog über ihr Angesicht war aber im nächsten
Augenblick wieder verschwunden und dann fuhr sie plaudernd fort »Ich bin in
der Stadt gewesen  ach du  was ich da alles durchgemacht hab  das muss ich
dir bei Gelegenheit einmal erzählen Tanzstunden hab ich genommen Auch
Verehrer hab ich gehabt  du kannst mirs glauben Fensterpromenaden haben sie
mir gemacht anonyme Blumensträusse haben sie mir geschickt auch Verse
selbstgemachte Verse Ein Student war darunter mit einem weißen Schnurrock und
einer grünweißroten Mütze  o der verstands Was der einem nicht alles zu
sagen wusste  hinterher hat er sich mit der Betty Schirrmacher verlobt einer
Freundin von mir das heißt ganz heimlich außer mir weiß es keiner«
    Paul atmete erleichert auf denn der Student hatte schon begonnen ihm den
Kopf warm zu machen
    »Und hast du dich nicht geärgert« fragte er
    »Weshalb«
    »Dass er dir untreu wurde«
    »Nein darüber sind wir erhaben« erwiderte sie und zuckte die Achseln »O
du  das sind ja alles grüne Jungen im Vergleich mit dir« Ein heißer Schreck
überlief ihn bei dem Gedanken dass man einen Studenten einen grünen Jungen
nennen konnte und noch dazu mit ihm selber verglichen
    »Mein Bruder ist kein grüner Junge« erwiderte er
    »Ich kenne deinen Bruder nicht« meinte sie mit philosophischer Ruhe »der
mag vielleicht keiner sein   Ja ich bin viel viel älter geworden« fuhr sie
fort »Literaturstunden hab ich genommen  da hab ich viel Schönes gelernt«
    Ein quälender Neid erwachte in ihm
    »Heb mal das Buch auf«  Er tats  »Kennst du das«
    Er las auf dem roten Deckel in goldener Pressung die Worte »Heines Buch der
Lieder« und schüttelte traurig den Kopf
    »Ach dann kennst du nichts  Was da alles drinsteht Du das Buch muss ich
dir leihen Das lies  da lernt man was draus Und wenn man eine Weile drin
gelesen hat  dann kommt einem meistens das Weinen an«
    »Ist es denn so traurig« fragte er und besah den roten Deckel mit
beklommener Neugier
    »Ja sehr traurig so schön und so traurig wie  wie  bloß von Liebe ist
die Rede von weiter gar nichts und man fühlt wie die Sehnsucht einen
übermannt wie man fliegen möchte nach dem Ganges wo die Lotosblumen blühen und
wo «
    Sie stockte dann lachte sie hell auf und meinte »Ach das ist zu dumm 
nicht«
    »Was«
    »Was ich da schwatze«
    »Nein  ich möcht dich mein Lebtag so reden hören«
    »Ja  möchtest du  Ach du  hier ist es mollig Ich komm mir so geborgen
vor wenn du dabei bist«  Und sie streckte sich in dem Netzwerk aus als
wollte sie mit dem Kopf nach seiner Schulter hin
    Ein seltsames Gefühl von Glück und Frieden überkam ihn wie er es lange
nicht gekannt hatte
    »Warum schaust du fort« fragte sie
    »Ich schaue nicht fort«
    »Doch  du musst mich anschauen  Das hab ich gern  du hast so
ernste treue Augen  du jetzt weiß ich auch womit ich die Lieder da
vergleichen soll«
    »Nun womit«
    »Mit deinem Pfeifen Das ist auch so  so   na du weißt schon  Pfeifst
du denn auch noch manchmal«
    »Selten«
    »Und die Flöte hast du wohl auch nicht spielen gelernt«
    »Nein«
    »O pfui  Wenn du mich liebhast dann tust dus  Ich werde dir auch das
nächste Mal eine schöne Flöte schenken«
    »Ich habe nichts dir wieder zu schenken«
    »Doch  du schenkst mir all die Lieder die du spielst Und wenn dir recht
wehe ums Herz ist  na lies nur in dem Buche  da steht alles«
    Paul besah es von allen Seiten »Was muss das für ein seltsames Buch sein«
dachte er
    »Und nun erzähl mir von dir« sagte sie »Was tust du Was treibst du Was
macht deine liebe Mama«
    Paul sah sie dankbar an Er fühlte dass er heute würde reden können ganz
wie ihm ums Herz war  da fuhrs ihm plötzlich durch den Sinn dass die
Frühstückspause längst vorüber und dass der Knecht mit den Pferden auf ihn
wartete Bis Mittag musste er fertig sein denn nach dem Essen sollte das
Fuhrwerk mit einer Fuhre Torf die er heimlich hatte stechen lassen in die
Stadt
    »Ich muss an die Arbeit« stammelte er
    »Ach wie schade Und wann bist du fertig«
    »Um Mittag«
    »So lange kann ich nicht warten sonst ängstigt sich Mama Aber in den
nächsten Tagen komm doch wieder einmal ausschauen  vielleicht findest du mich
Jetzt will ich noch eine Stunde hier liegen und dir zugucken Es sieht prächtig
aus wenn du mit deinem schneeweißen Tuche auf und nieder schreitest und die
Körner um dich her sprühen«
    Er reichte ihr stumm die Hand und ging
    »Das Buch werd ich hier liegen lassen« rief sie ihm nach »hols dir wenn
du fertig bist «
    Der Knecht lächelte verschmitzt als er ihn kommen sah und Paul wagte kaum
die Augen zu ihm aufzuschlagen
    Jedesmal wenn er in seiner Arbeit an der Stelle vorüberging an der sie
drüben im Walde ruhte richtete sie sich halb auf und winkte ihm mit dem
Taschentuche Gegen zwölf Uhr wickelte sie ihre Hängematte zusammen trat an den
Waldesrand und rief durch die hohle Hand ihr Lebewohl 
    Er nahm zum Dank die Mütze ab der Knecht aber schaute nach der anderen
Seite und pfiff sich eins als wollte er nichts bemerkt haben 
    Während der heutigen Mittagsmahlzeit wandte die Mutter keinen Blick von
ihrem Sohne und als sie mit ihm allein war trat sie auf ihn zu nahm seinen
Kopf in ihre beiden Hände und sagte »Was ist dir passiert mein Junge«
    »Weshalb« fragte er verwirrt
    »Dein Auge leuchtet so verfänglich«
    Er lachte laut auf und lief von dannen als sie ihn aber beim Abendbrot noch
immer anschaute  fragend und traurig zugleich  da tat es ihm weh dass er ihr
kein Vertrauen geschenkt hatte er ging ihr nach und gestand ihr was ihm
widerfahren war
    Da flog es wie Sonnenschein über ihr vergrämtes Gesicht und als er mit
glühenden Backen verschämt von dannen schlich schaute sie ihm feuchten Auges
nach und faltete die Hände wie um zu beten
    Er saß bis gegen Mitternacht in seiner Kammer den Kopf in die Hände
gestützt Das geheimnisvolle Buch lag auf seinen Knien aber darin lesen konnte
er nicht denn der Vater hatte ihm verboten abends Licht zu brennen Er musste
warten bis zum Sonntag
    Er dachte darüber nach wie anders sie geworden war  Hätte sie nur nicht
so oft gelacht Ihr Frohsinn entfremdete sie ihm und das volle blühende Leben
von dem sie sich tragen ließ rückte sie weit weit fort in jenes ferne Land wo
die Glücklichen wohnen Und schien sie an Lieb und Güte auch die alte sie
musste ihn ja verachten lernen er war ja bloß ein Bauernjunge und dumm und
linkisch und trübselig dazu
    In seinem Kopfe wogte ein wirres Durcheinander von Glück und Scham und
Selbstvorwürfen denn er fand dass er sich weit würdiger und weit vornehmer
hätte benehmen können  Hierin mischte sich eine rätselhafte Angst die ihm
fast die Kehle zuschnürte  wiewohl er vergebens in seiner Seele nachforschte
wem sie wohl gelten mochte
    Am nächsten Vormittag sah er vom Hofe aus auf dem er Pfähle eingrub etwas
Weisses am Waldrande sich hin und her bewegen  Er biss die Zähne zusammen in Weh
und Ingrimm aber er brachte es nicht übers Herz seine Arbeit zu verlassen
    Noch zwei Tage lang fand das Weiße sich ein  dann blieb es verschwunden
    Am Sonntagvormittag holte er sich das Liederbuch aus seinem Kasten und
wanderte damit nach dem Walde  zur Mahlzeit blieb er aus  und am Abend fanden
ihn die Zwillinge die auf der Heide Haschen spielten pfeifend unter einem
Wacholderbusch liegen während ihm die Tränen über die Wagen liefen
    So übersetzte er sich das »Buch der Lieder« in seine Sprache
                           
    Kurze Zeit darauf hörte er dass Frau Douglas von den Ärzten ein dauernder
Aufenthalt im Süden angeordnet sei und dass Elsbeth sie begleiten werde
    »Es ist ganz gut so« sagte er sich »dann wird sie mir nicht mehr so viel
im Kopfe herumspuken« Lange war er unschlüssig ob er ihr das entliehene Buch
wiederschicken sollte oder nicht er hätte es gern behalten aber sein Gewissen
ließ das nicht zu Er wartete auf eine günstige Gelegenheit  bis er erfuhr dass
sie abgereist sei Da gab er sich zufrieden
 
                                       9
Fünf Jahre vergingen  fünf Jahre voll Sorgen und Mühen Paul ließ sich das
Leben gar sauer werden er schaffte von morgens früh bis in die Nacht hinein
seine fleißige Hand lag auf jeglichem Werke und was er anfasste gedieh Aber er
merkte es kaum denn allstündlich ging sein Geist sorgend in die Zukunft
    Seine Stirn trug zu allen Stunden die gleichen Falten sein Auge schaute mit
dem gleichen gedankenschweren grüblerischen Ausdruck vor sich nieder gleichsam
ins Innere hinein und oft vergingen Tage ohne dass er bei Tisch und bei der
Arbeit ein einzig Wort gesprochen hätte
    Er trug die Überzeugung dass im Grunde sein Schaffen ein hoffnungsloses war
Auf des Vaters Dank hatte er niemals rechnen können und er lernte leicht ihn
verschmerzen aber was er schwerer lernte war sich geduldig fügen wenn des
Vaters Laune in einer Stunde zerstörte was er mühsam durch Wochen hin aufgebaut
hatte
    Wenn der Vater von seinen Reisen heimkam so geschah es nicht selten dass er
ihn vor den Ohren der Knechte einen Pinsel einen Dummkopf schalt und sich
bitter beklagte die Wirtschaft in so unfähigen Händen zurücklassen zu müssen
wenn die Pflicht  niemand wusste welche Pflicht dies war  ihn in die Ferne
rief
    Paul schwieg alsdann denn tief in seinem Herzen ruhte das Gebot »Du sollst
Vater und Mutter ehren  Den Vater um der Mutter willen« so hatte er es
umgemodelt  aber sein Auge glitt mit einem düster spähenden Blicke von einem
der Knechte zum andern und wen er lächeln oder in heimlicher Schadenfreude des
Nachbarn Ellbogen streifen sah den entließ er am folgenden Morgen
    Einen unter den Knechten gab es der fast die ganze Zeit über auf dem
Heidehof gearbeitet hatte Er hieß Michel Raudszus und war litauischer Herkunft
Er bewohnte auf der Heide unweit von Helenental eine armselige verfallene
Kate deren Wände mit Torf belegt waren damit sie der Sturm nicht umfegte Er
hatte ein verwahrlostes Weib das schon zweimal im Gefängnis gesessen hatte und
die Kinder zum Betteln anhielt
    Er war ein schweigsamer finsterer Gesell der seine Arbeit musterhaft
verrichtete und ohne ein Wort des Murrens von dannen ging wenn man ihn nicht
mehr brauchte aber pünktlich zur Stelle war wenn es von neuem Arbeit gab
    Paul hatte ihn anfangs nicht leiden mögen denn sein wortkarges einsames
Wesen und seine scheuen düsteren Mienen hatten auf ihn einen unheimlichen
Eindruck gemacht aber dann wars ihm plötzlich eingefallen dass er selber sich
nicht viel anders betrüge und seit dieser Stunde hatte er ihn in sein Herz
geschlossen
    Der Vater seinerseits schien einen gewissen Respekt vor ihm zu haben denn
obwohl er wenn er betrunken war die Knechte durchzuprügeln pflegte hatte er
ihn noch niemals angerührt  Es war als ob der Blick den der Mensch unter
seinen buschigen Brauen hervor ihm zuwarf ihn im Zaume hielte
    Dieser Knecht war Pauls treuester Gehilfe Ihm konnte er selbst den
Marktverkauf des Getreides anvertrauen und stets wusste er die höchsten Preise
zu erhandeln   
    Auf dem stillen Heidehof hatte sich in diesen fünf Jahren langsam und
unmerklich eine große Veränderung vollzogen Mehr und mehr verloren sich die
Spuren der Armut seltener und seltener kehrte die Not bei Tische ein  Im
Garten zeigten sich zierliche Blumenrabatten in langen Reihen standen die
Schotenund die Spargelstauden und der brüchige Bretterzaun war längst durch
einen neuen ersetzt worden  Die Herde wuchs alljährlich um zwei oder drei
wertvolle Kühe und der Milchwagen der allmorgendlich nach der Stadt fuhr
brachte am Ersten manchen schönen Groschen heim
    Dass trotzdem von einem beginnenden Wohlstand keine Rede sein konnte daran
war nur der Vater schuld der den größten Teil der Einkünfte verspekulierte
wenn er sie nicht durch die Gurgel jagte
    Hinter seinem Rücken hatte Paul es möglich gemacht dass wenigstens für die
Geschwister allmonatlich ein paar Taler erübrigt wurden
    Die Brüder brauchten mehr Geld denn je Max hatte das Staatsexamen gemacht
und absolvierte nun unentgeltlich sein Probejahr bei einem Gymnasium und
Gottfried der Kontorist war alljährlich etliche Monate außer Stellung Die
beiden schrieben Bittbriefe in allen möglichen Tonarten von der jovialen
Forderung »Pump mir mal sofort dreißig Taler« bis zum herzzerreissenden Flehen
»Wenn Du nicht willst dass ich zugrunde gehen soll so habe Erbarmen« und so
weiter
    Paul verbrachte manche schlaflose Nacht über dem Sinnen wie ihnen zu
helfen und nicht selten geschah es dass er sich das Geld an seinem eigenen
Leibe absparte
    Einmal hatte ihm Gottfried geschrieben dass er gänzlich abgeledert sei und
notwendig einen Sommeranzug brauche Paul wollte sich gerade einen Sonntagsrock
machen lassen denn sein alter war ihm ausgewachsen seufzend packte er das
Geld das er dafür bestimmt hatte in ein Kuvert und schickte es dem Bruder
ließ aber in dem Begleitbriefe etwas davon einfliessen dass es mit seiner eigenen
Garderobe nicht minder übel bestellt sei Der Bruder zeigte sich großmütig er
schickte ihm vierzehn Tage später ein Paket mit Kleidern und einen Brief in dem
es hieß »Ich schicke Dir anbei einen abgelegten Anzug von mir Du in Deiner
anspruchslosen Stellung wirst ihn wohl noch verwerten können«
    Auch den Zwillingen hatte Paul eine glänzendere Zukunft ermöglicht als die
gedrückten Verhältnisse des Hauses es erwarten ließ Er hatte dahin gewirkt
dass die Pfarrerin eine ehemalige Gouvernante sie in die Privatschule aufnahm
die sie für die Töchter wohlhabender Besitzersfamilien aus der Umgegend
errichtet hatte
    Das Schulgeld war nicht das schlimmste dabei  auch die Bücher und Hefte
ließ sich wohl auftreiben  aber schwer sehr schwer war es die nötige
Garderobe instand zu halten denn sein Stolz litt es nicht dass die Schwestern
hinter ihren Freundinnen zurückblieben und etwa als Bettlerkinder von ihnen
betrachtet würden Er selbst hatte das Gefühl über die Achsel angesehen zu
werden allzu sehr an sich kennen gelernt um es den Schwestern zu gönnen
    An der Mutter fand er selbst für diese weiblich gearteten Sorgen keinen
Rückhalt mehr Sie war nun durch die steten Scheltreden ihres Mannes so sehr
verängstigt dass sie nicht mehr den Mut fand einen Fetzen Band auf eigene
Verantwortung einzukaufen
    »Was du tust mein Sohn wird gut sein« sagte sie und Paul fuhr zur Stadt
und ließ sich von dem Manufakturisten und der Schneiderin betrügen
    Die Zwillinge blühten empor sorglos und übermütig ohne eine Ahnung davon
welch ein Trauerspiel sich in ihrer nächsten Nähe abspielte
    In ihrem zehnten Jahre prügelten sie sich mit den Jungen des Dorfes herum
im zwölften gingen sie mit ihnen auf den Birnendiebstahl und im fünfzehnten
ließ sie sich von ihnen Veilchensträusse schenken 
    Sie galten nun weit und breit als die schönsten Mädchen der Gegend Paul
wusste das wohl und war nicht wenig stolz darauf aber was er nicht wusste war
dass sie sich hinter dem Gartenzaune Stelldichein gaben und dass die Hälfte ihrer
Konfirmationsbrüder sich rühmen durfte ihre süßen roten Lippen geküsst zu
haben 
 
                                       10
Es war im Monat Juni an einem sonnigen Sonntagnachmittag
    Aus dem Walde herüber erscholl leise Trompetenmusik Dort wurde heut ein
großes Fest gefeiert Eine städtische Musikkapelle hatte sich anwerben lassen
ein Konzert zu geben Von weit und breit waren die Landbewohner herbeigeströmt
selbst die Rittergutsbesitzer hatten nicht verschmäht ihre Teilnahme zuzusagen
denn dergleichen ereignete sich nicht häufig in dem stillen Hinterwald
    Von Mittag an waren lange Wagenreihen an dem Heidehof vorübergezogen und
der alte Meihöfer der nicht gern zu Hause saß wenn irgendwo was los war hatte
plötzlich einen Anfall von Güte bekommen und den Weibern zugerufen sich
schleunigst bereit zu machen er wolle sich opfern und sie zum Feste führen
    Die Zwillinge die schon lange mit begierig glänzenden Augen zum Fenster
hinausgestarrt hatten brachen in lauten Jubel aus Frau Elsbeth lächelte still
zu ihnen hinüber und wandte sich dann zu Paul der in einer Ecke saß und ruhig
an seinen Blumenstöcken weiterschnitzelte als ob ihn das alles nichts anginge
    »Willst du nicht mit« fragte sie
    »Paul kann kutschieren« rief Meihöfer nachlässig
    Er dankte und meinte sein Rock sei zu schäbig auch wolle er die Tagelöhner
kontrollieren die sich mit Sonnenuntergang einzufinden hatten Morgen sollte
die Heuernte beginnen
    Die Zwillinge sahen ihn an steckten die Köpfe zusammen und kicherten dann
als er zur Tür hinausschritt hängten sie sich an ihn und Käte zischelte »Du
wir wissen was«
    »Na was wisst ihr denn«
    »Was Schönes« meinte Grete geheimnisvoll
    »raus damit«
    »Elsbeth Douglas ist wieder zu Hause«
    Und in ein helles Gelächter ausbrechend jagten sie von dannen
    Paul empfand zuerst einen großen Zorn dass sie ihn zu verspotten wagten
dann seufzte und lächelte er und wunderte sich dass sein Herz plötzlich so laut
zu pochen begann
    Eine halbe Stunde später fuhren die Seinen ab
    »Komm bald nach« rief ihm die Mutter vom Wagen zu und Käte raunte ihn
beim Aufsteigen ins Ohr »Ich glaub sie werden auch da sein«
    Nun stand er allein auf dem verödeten Hof  Die Mägde waren zum Melken auf
die Weide gegangen  keine lebendige Seele weit und breit
    Die Enten in ihrem Tümpel hatten die Köpfe unter die Flügel gesteckt der
Kettenhund schnappte schläfrig nach Fliegen
    Paul setzte sich auf den Gartenzaun und starrte nach dem Walde hinüber an
dessen Rande der Schein von hellen Kleidern hin und her flirrte während hie und
da ein helles Leuchten aufblitzte wenn die Sonnenstrahlen sich in dem Geschirr
der harrenden Fuhrwerke widerspiegelten
    Der Abend kam Noch war er unschlüssig ob er es wagen dürfte den Seinen
nachzufolgen
    Tausend Gründe fielen ihm ein die sein Zuhausebleiben dringend notwendig
machten und als es ihm vollständig klargeworden war dass er ins Haus gehöre und
nirgends anders hin zog er sich seinen Sonntagsrock an und ging zum Feste
    Es fing an zu dunkeln als er über die duftende Heide dahinschritt Das Herz
schnürte sich ihm zu in tiefgeheimer Angst  Er wagte nicht nach den Gründen zu
forschen doch als er an dem Wacholderbusche vorbeischritt unter dem er einst
Elsbeth sein schönstes Lied gepfiffen da zuckte ein Schmerz durch seine Brust
als hätte ein Stich ihn getroffen
    Er hielt an und überlegte ob er nicht lieber umkehren sollte   »Mein
Rock ist viel zu schlecht« sagte er sich »ich kann mich in anständiger
Gesellschaft nicht sehen lassen« Er zog ihn aus und musterte ihn von allen
Seiten Die Nähte des Rückens zeichneten sich als graue Streifen ab auf den
Ellbogen saß ein mattsilberner Glanz und die Kanten der Brustaufschläge wiesen
sogar kleine Fransen auf
    »Es geht beim besten Willen nicht« sagte er und dann setzte er sich unter
den Wacholderbusch und träumte davon wie flott und elegant er aussehen würde
wenn er es erst bis zu einem neuen Rocke gebracht hätte »Aber das wird wohl
noch lange dauern« fuhr er fort »erst müssen Max und Gottfried fest in ihren
Stellungen sitzen und Grete und Käte müssen die Ballkleider haben die sie
sich wünschen und Mutters Lehnstuhl muss neu gepolstert sein«   und je mehr
er nachdachte desto mehr Sachen fielen ihm ein die den Vorrang hatten
    Hierauf sah er sich wieder mit einem funkelnagelneuen schwarzen Anzug
angetan Lackstiefel an den Füßen eine modische Krawatte um den Hals
geschlungen wie er mit stolz emporgehobenem Haupte in nachlässig vornehmer
Haltung den Ballsaal betrat während Elsbeth ihm hochachtungsvoll
entgegenlächelte
    Plötzlich fuhr er aus seinen Träumen hoch  »Pfui ich bin ein rechter Geck
geworden« schalt er »was hab ich mit Lackstiefeln und modefarbenen Krawatten
zu tun Und jetzt geh ich grade in meinem alten Rock zum Walde   Zudem ist
es ja auch schon fast dunkel geworden« fügte er vorsichtig hinzu
    Heller schallten die Trompeten Jubel und Gelächter drangen durch die
Fichtenzweige an sein Ohr
    Eine runde Waldwiese war zum Festplatz umgewandelt worden In der Mitte
erhob sich ein Podium für die Musikanten rechts davon stand die Bude des
Schankwirts aus dem Dorfe der saures Bier und süßen Kuchen verkaufte und auf
der linken Seite war ein Tanzplatz eingezäunt dessen Betreten zehn Pfennig
extra kostete wie man auf einer großen weißen Tafel lesen konnte
    In weitem Bogen ringsum waren Tische und Bänke aufgeschlagen wo die
Familien sich an dem mitgebrachten Abendbrot gütlich taten und mittendurch
drängte sich eine jubelnde kichernde gaffende Menge die nach Liebe oder
Prügeln lüstern war
    Das Konzert war bereits zu Ende der Tanz hatte begonnen auf dem
festgestampften Moose drehten die Pärchen sich keuchend und stolpernd in die
Runde
    Der Schein des verglühenden Abends lag auf der Lichtung während das rings
daran grenzende Waldesterrain schon im Dunkel vergraben war Hier hausten die
Knechte und die Mägde aus den umliegenden Ortschaften selbst die Kutscher
hatten ihre Fuhrwerke verlassen da sies nicht übers Herz brachten dem
Liebesspiel von ferne zuzusehen Jeder Busch des Unterholzes schien lebendig
und aus dem Schoße der Nacht drang leises verliebtes Gekicher
    Scheu wie ein Verbrecher schlich Paul sich rings um den Festplatz Ein
Bangen vor fremden Menschen war ihm schon immer eigen gewesen aber noch nie
hatte sein Herz sich so angstvoll zusammengekrampft wie in diesem Augenblicke
    »Ob Elsbeth da ist«  Nirgends im Getümmel war von den Bewohnern des
»weißen Hauses« eine Spur aber auch die Seinen schienen spurlos verschwunden
Einmal war es ihm als höre er das girrende Gelächter der Zwillinge an sein Ohr
schlagen aber im nächsten Augenblick hatte der Lärm es verschlungen
    Zweimal war er schon in die Runde gegangen da plötzlich  das Herz drohte
ihm stille zu stehen in Schreck und Wonne  sah er ganz nah vor sich Vater und
Mutter mit der Familie Douglas in friedlichstem Beieinander an einem Tische
sitzen
    Der Vater hatte die Ellbogen auf den Tisch gestützt und redete hochrot vor
Eifer auf Herrn Douglas ein Der breitschultrige Riese mit dem buschigen
Graubart hörte ihm schweigend zu nickte bisweilen und lächelte vor sich hin
Die hagere kränkliche Gestalt mit den hohlen Wangen und den blauen Ringen rings
um die Augen die das Haupt müde gegen einen Baumstamm gelehnt hatte und mit den
mageren weißen Fingern die Hand der Mutter umschlungen hielt das war seine
Pate die ihm stets wie eine Botin aus dem Jenseits erschienen war Aber neben
ihr  neben ihr die Dame in dem schmucklosen grauen Kleide mit dem schlicht
zurückgestrichenen Blondhaar  
    »Elsbeth Elsbeth« jubelte eine Stimme in ihm und dann plötzlich sank es
wie eine Wolkenwand zwischen ihm und ihr hernieder und legte sich frostig um
seine Seele und umflorte sein Auge mit feuchten Schleiern
    Ihr gegenüber saß ein Herr mit keckem blondem Bärtchen und noch keckeren
blauen Augen der sich vertraulich zu ihr hinüberneigte während ein Lächeln
über ihr stilles Antlitz glitt
    »Den wird sie heiraten« sagte er sich mit einer Bestimmtheit die mehr als
eine eifersüchtige Ahnung war Mit dem Hellsehertum der Liebe hatte er erkannt
dass diese beiden Naturen sich ergänzten und einander suchen mussten  Und
vielleicht vielleicht hatten sie sich schon gefunden dieweil er selber seine
Tage in nichtigen Träumen vergeudete
    Wie erstarrt blieb er stehen und musterte den Mann der ihm plötzlich klar
machte was er verloren  verloren freilich ohne es je besessen zu haben
    Wie hätte er sich auch jemals mit diesem messen können So  auf ein Haar so
 war ja das Mannesideal beschaffen von dem er stets geträumt hatte
    Kühn energisch siegesbewusst  so wollte auch er einst werden  genauso wie
der fremde junge Mann der mit leichtsinnigem Lächeln zu Elsbeth hinüberschaute
  Auch trug er Lackstiefel und einen modefarbenen Schlips und sein Anzug war
vom feinsten schwarzen Glanztuch
    Wohl eine Stunde lang stand Paul da ohne dass er wagte sich vom Platze zu
rühren Elsbeth und ihr Gegenüber mit den Augen verschlingend
    Es wurde Nacht er merkte es kaum
    Lange Reihen von Lampions wurden angezündet und entsendeten einen ungewissen
Dämmerschein auf das bunte Menschengewühl
    »Wie schön bin ich geborgen« dachte Paul und freute sich des Dunkels in
dem er sich verkrochen hatte Er achtete nicht darauf dass zwei Männer auf ihn
zuschritten und sich in seiner Nähe am Boden zu schaffen machten  Da plötzlich
flammte kaum drei Schritte von ihm entfernt ein purpurrotes bengalisches Feuer
auf das alles ringsum in ein Meer blendenden Lichtes tauchte
    Rasch wollte er sich in den Schatten eines Baumstammes flüchten aber es war
zu spät
    »Steht da nicht Paul« rief die Mutter
    »Wo« fragte Elsbeth sich neugierig umwendend
    »Junge was lungerst du im Finsteren rum« schrie der Vater
    Da musste er wohl oder übel hervortreten und hochrot vor Scham die Mütze in
der Hand stand er vor Elsbeth die den Kopf in die Hand gestützt hatte und
lächelnd zu ihm aufsah
    »Ja  so ist es immer  der richtige Schleicher« sagte der Vater ihm einen
Schlag auf die Schulter gebend und der fremde junge Herr strich sich das Haar
aus der Stirn und lächelte halb gutmütig halb ironisch
    Da stand der alte Douglas auf trat auf ihn zu und ergriff seine beiden
Hände »Kopf hoch junger Freund und Brust raus« rief er mit seiner
Löwenstimme »Sie haben keine Ursache die Augen niederzuschlagen  Sie am
wenigstens auf der ganzen Welt Wer mit zwanzig Jahren das leistet was Sie
leisten der ist ein ganzer Kerl und braucht sich nicht verkriechen Ich will
Sie nicht eitel machen aber fragen Sie mal wer Ihnen das nachtäte Etwa du
Leo« wandte er sich an den jungen Stutzer der mit lustigem Auflachen
erwiderte »Muss eben verbraucht werden wie ich bin Onkelchen«
    »Wenn nur etwas an dir zu verbrauchen wäre du Taugenichts« erwiderte
Douglas  »Dies ist nämlich mein Neffe Leo Heller ein Fritz Triddelfitz in
neuer Auflage   «
    »Onkel ich seng dir auf«
    »Ruhig du Schlingel«
    »Onkel  zwanzig Glas  wer zuerst unterm Tisch liegt «
    »Das nennt der Respekt«
    »Onkel  du kneifst«
    »Ruhig  sieh dir mal hier diesen jungen Landwirt an  zwanzig Jahr alt und
hält die ganze Wirtschaft am Schnürchen«
    »Na Herr Douglas ich bin ja auch noch da« rief Meihöfer mit etwas langem
Gesicht
    »Ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen« erwiderte dieser »aber Sie haben ja
so viel mit Ihrer Aktiengesellschaft zu tun  Sie können sich um solche
Lappalien natürlich nicht bekümmern«
    Meihöfer verbeugte sich geschmeichelt und Paul schämte sich für ihn denn
er verstand die Ironie dieser Worte gar wohl
    Frau Douglas winkte ihn lächelnd zu sich heran ergriff seine Hand und
streichelte sie »Groß und hübsch sind Sie geworden« sagte sie mit ihrer
matten freundlichen Stimme »und einen schönen Bart haben Sie bekommen «
    »Aber nennen Sie ihn doch du« fiel die Mutter ein die heute weit freier
schien als sonst »Paul bitte deine Patin   «
    »Ja ich  bitte darum« sagte Paul stammelnd indem er aufs neue errötete
    »Gott wird dich segnen mein Sohn« sagte Frau Douglas »Du hast es dir
verdient«  und dann sank ihr Kopf aufs neue gegen den Baumstamm
    Paul stand nun hinter der Bank und wusste nicht was beginnen Es geschah zum
erstenmal seitdem er erwachsen war dass er sich in fremder Gesellschaft befand
Sein Blick fiel auf Elsbeth die den Kopf auf die Ellbogen gestützt sich nach
ihm umschaute
    »Mir willst du wohl gar nicht guten Tag sagen« fragte sie mit leiser
Schelmerei
    Das vertrauliche »Du« machte ihm Mut Er streckte ihr die Hand entgegen und
fragte wie es ihr ergangen sei die ganze lange Zeit
    Ein trüber Schein flog über ihr Gesicht »Nicht gut« sagte sie leise »aber
davon später wenn wir allein sind«
    Sie rückte ein wenig zur Seite und sagte »Komm« Und als er sich neben sie
setzte streifte sein Ellbogen ihren Nacken Da ging ein Schaudern durch seinen
Leib wie er es nie im Leben gefühlt hatte
    Leo Heller reichte ihm über den Tisch weg die Hand und sagte lachend »Auf
gute Freundschaft Sie Musterknabe Sie«
    »Ich bin leider nicht wert dass man mich zum Muster nähme« erwiderte er in
seiner Unschuld
    »Dann seien Sie glücklich  ich auch nicht  Nichts ist mir ekelhafter als
so ein Musterknabe  «
    »Warum nannten Sie mich denn so«
    Leo sah ihn verblüfft an »Ach Sie scheinen alles für Ernst zu nehmen«
sagte er dann
    »Verzeihen Sie  ich bin so wenig an Scherz gewöhnt« erwiderte er und die
Schamröte stieg ihm ins Gesicht Wie er sich hierbei nach Elsbeth wandte
bemerkte er dass sie ihm mit eigentümlich tiefem ernstem Blicke in die Augen
schaute Da stieg ein jähes Glücksgefühl in seiner Seele auf Er ahnte dass hier
jemand war der ihn nicht für dumm und lächerlich hielt der seine Natur
verstand und die Gesetze nach denen sie wirkte
    Während die dreie stillschwiegen fuhr der Vater am anderen Ende des Tisches
fort Herrn Douglas den Plan seiner Aktiengesellschaft auseinanderzusetzen
    »Und wenn Sie Vertrauen zu mir haben Herr  aber nein das brauchen Sie
nicht einmal  ich will sagen wenn Sie Ihr eigen Glücke nicht leichtsinnig
verscherzen wollen  man soll seinem Glücke nicht im Wege stehen Herr  wenn
Sie nur ein Quentchen Unternehmungsgeist in sich verspüren  o dann ja dann 
Sie wissen Hunderttausende sind hier zu verdienen das Moor ist unerschöpflich
 wozu wollen Sie andere an Ihrer Stelle reich werden lassen Herr Vorwärts 
durch Nacht zum Licht heißt meine Devise  ich will streben und kämpfen bis zum
letzten Atemzug  nicht mein eigenes Interesse ist es was hier auf dem Spiele
steht mir erscheint es als eine Frage der ganzen Menschheit Es gilt diese
wüsten Ländereien der Kultur zu gewinnen es gilt diesem ganzen Distrikte neues
Lebensblut zuzuführen es gilt die Armut dieser Strecken in Wohlstand
umzuwandeln  Wohltäter der Menschheit gilt es zu werden Herr«
    Und in diesem Tone schwadronierte er weiter
    Dann plötzlich rückte er Douglas ganz nah auf den Leib und als wollte er
ihm die Pistole auf die Brust setzen schrie er »Werden Sie also partizipieren
Herr«
    Douglas fing einen Blick seiner Frau auf die heimlich nach Frau Elsbeth
hinwies und ihm dabei bittend zublinzelte dann sagte er halb belustigt halb
ärgerlich »Meinetwegen«
    Paul schämte sich wieder denn er las auf dem Gesichte von Douglas dass es
sich für ihn um weiter nichts handelte als den Scherz ein paar hundert Taler
zum Fenster hinauszuwerfen Er wusste selbst nur allzu gut dass kein vernünftiger
Mensch die Pläne seines Vaters ernstaft nehmen konnte
    »Hast du unsere Mädchen nicht gesehen Paul« fragte die Mutter die nun
nicht minder beklommenen Mutes schien als er
    Nein er hatte sie nirgends gesehen
    »So geh  schau dich nach ihnen um  sie sind zum Tanzplatz gegangen  sag
ihnen sie möchten nicht zu sehr jagen  sie erkälten sich sonst«
    Paul erhob sich
    »Ich werde dich begleiten« sagte Elsbeth
    »Darf ich nicht auch mitkommen Kousinchen« fragte Vetter Leo
    »Bleib du nur hier« erwiderte sie leichthin worauf er erklärte sich vor
Gram den Tod geben zu müssen
    »Ein lustiger Vogel« sagte Paul mit einem Seufzer des Neides als er neben
ihr durch das Gedränge schritt
    »Ja aber mehr auch nicht« erwiderte sie
    »Hast du ihn gern«
    »Gewiss  sehr«
    Sie wird ihn doch heiraten dachte Paul
    Ringsum schrie und johlte die Menge Ein Lampion war in Flammen aufgegangen
und eine Schar junger Burschen bemühte sich es von der Schnur herunterzureissen
Flammende Papierfetzen flogen in die Luft und der flüssige Stearin spritzte in
die Runde
    Elsbeth legte ihren Arm in den seinen und schmiegte den Kopf an seine
Schulter Wiederum durchrieselte ihn jener wonnige Schauer den er sich nicht zu
erklären vermochte
    »So  jetzt bin ich geborgen« sagte sie flüsternd »Komm hernach in den
Wald Paul ich habe dir so viel zu erzählen  dort sind wir ungestört«
    Und wie sie das sagte wurde ihm ganz angst vor lauter Freude
    Nun waren sie am Tanzplatz angelangt Die Trompeten lärmten und die Tänzer
wirbelten in die Runde
    »Wollen wir auch tanzen« fragte sie lächelnd
    »Ich kann ja nicht« erwiderte er
    »Schadet nichts« sagte sie »in solchen Fällen ist ja Leo da«
    Die törichten Träume fielen ihm ein die er heute unter dem Wacholderbusch
geträumt hatte  »So gehts mit allem was ich mir ausmale« dachte er
    »Ich hab noch ein Buch von dir Elsbeth« sagte er dann
    »Ich weiß ich weiß« erwiderte sie indem sie lächelnd zu ihm aufschaute
    »Verzeih dass ich «
    »Was bist du für ein Kleinkrämer« scherzte sie »Leo hat mir inzwischen
meine ganze Bibliothek zunichte gemacht und verlangt nun ich soll sie ihm
ersetzen  er habe nichts mehr zu lesen«
    Leo  und immer wieder Leo 
    »Hast du viel Schönes herausgelesen« fragte sie dann
    »Ich konnte einmal alles auswendig«
    »Und jetzt«
    »Jetzt ach du lieber Gott  ich habe an so viel Alltägliches zu denken 
es passt nicht mehr in meinen Kopf«
    »In meinen auch nicht Paul  Das macht wir haben zu viel vom Leben
erfahren  die Poesie ist uns verloren gegangen«
    »Dir auch«
    Sie seufzte »Die arme Mutter« sagte sie dann
    »Was ists«
    »Sieh seit fünf Jahren bin ich nun Krankenpflegerin« sagte sie »da gibt
es manche trübe Stunde und wenn die Nachtlampe brennt und die Augen einem
schmerzen vom vielen Wachen und draußen der Sturm an den Läden rüttelt  da
kommen einem mancherlei Gedanken über Leben und Sterben über Liebe und
Verlassenheit  na kurz und gut  da macht man sich im Kopf sein eigen
Liederbuch zurecht und liest nicht mehr in fremden  Aber komm heraus aus dem
Lärm  ich möcht dich so viel fragen  und man versteht hier ja kaum sein eigen
Wort«
    »Sogleich« sagte er »ich will nur erst  «
    Seine Augen glitten spähend über den Platz da hörte er hinter sich eine
lachende Männerstimme sagen »Du  sieh mal dort die beiden mannstollen kleinen
Kröten«
    Unwillkürlich wandte er sich um und bemerkte die Gebrüder Erdmann die er
seit Jahren nicht zu Gesicht bekommen hatte Sie waren inzwischen auf der
Ackerbauschule gewesen und große Herren geworden
    »Mit denen wollen wir ulken« sagte der andre Darauf schlüpften sie lachend
in den Kreis der Tanzenden
    Gleich darauf bemerkte Paul auch seine Schwestern Der braune Lockenwald
hing ihnen wirr ins Gesicht ihre Wangen flammten ihr Busen wogte und ihre
Augen blickten verliebt und verwildert
    »Wie glücklich sie aussehen  die holden Geschöpfe« sagte Elsbeth
    Paul hielt ihnen eine kleine Strafpredigt  sie achteten seiner kaum
sondern guckten mit einem girrenden Kichern an seinen Schultern vorüber Und als
er sich umwandte gewahrte er die beiden Erdmänner die sich hinter dem Podium
der Musikanten verborgen hatten und von dort aus verstohlene Zeichen machten
    Die Zwillinge waren ihm unterdessen entschlüpft und auch die Erdmänner
verschwanden
    »Komm hier fort« sagte Elsbeth
    Er bejahte blieb war wie angewurzelt stehen
    »Was hast du« fragte sie
    Er wischte sich mit der Hand über die Stirn  das böse Wort das er gehört
wollte ihm nicht aus dem Kopfe gehen
    Die Schwestern waren jung  übermütig  unerfahren  niemand bewachte sie 
wie wenn sie sich etwas vergäben  wenn sie   eiskalt rieselte es ihm über
den Leib
    Und er  der sich geschworen hatte ihnen ein treuer Wächter zu sein er
ging hier seinen Freuden nach er 
    »Komm zum Walde« bat Elsbeth noch einmal
    »Ich kann nicht« stieß er hervor 
    Verwundert sah sie ihn an 
    »Ich muss   die Schwestern  niemand ist bei ihnen  sei nicht böse«
    »Führ mich zum Tisch zurück« sagte sie
    Er tat es Beide sprachen kein Wort mehr
    Fünf Minuten später überraschte er die Schwestern wie sie Arm in Arm mit
den Erdmännern nach dem Walde entschlüpfen wollten
    »Wohin« fragte er zwischen sie tretend
    Sie schlugen verlegen die Augen nieder und Käte stammelte »Wir  wollten
ein bisschen spazieren gehen «
    Die Gebrüder Erdmann stimmten einen Biedermannston an schüttelten ihm
herzhaft die Hand und wünschten dringend die Freundschaft der Jugendjahre zu
erneuern  Hinterher zeigten sie ihm die Fäuste
    »Ihr geht jetzt zur Mutter« sagte er zu den Zwillingen und als sie zu
schmälen begannen zog er sie an den Armen mit sich fort 
    Der Tisch war zur Hälfte leer  Die Familie Douglas hatte das Fest
verlassen
    Da ging er in den Wald und dachte darüber nach was er Elsbeth wohl alles
hätte sagen können  Aber es sollte ja nicht sein   es kam immer was
dazwischen
 
                                       11
Es war Johannisnacht Der Holunder duftete  In silbernen Schleiern hing der
Mondenglanz über der Erde
    Im Dorfe gabs großen Jubel  Teertonnen wurden angezündet und auf dem
Anger tanzten Knechte und Mägde Weitin lohten die Flammen über die Heide und
die quäkenden Töne der Fiedel zogen melancholisch durch die Nacht
    Paul stand am Gartenzaun und schaute in die Weite Die Knechte waren zum
Johannisfeuer gegangen und auch die Schwestern waren noch nicht daheim Sie
hatten sich Erlaubnis ausgebeten Pfarrers Hedwig ihre Gespielin zu besuchen
ein schlichtes stilles Mädchen dessen Gesellschaft er sie gern anvertraute
    Nun wollte er warten bis alle heimgekehrt waren
    Der Mondschein zog ihn auf die Heide hinaus  In mitternächtlichem
Schweigen lag sie da nur in den Erikabüschen zirpte bisweilen eine Grasmücke
wie aus dem Schlafe heraus  Die Lichtnelken neigten ihre rötlichen Häupter 
und die Königskerze leuchtete als wollte sie dem Mondenglanz den Rang ablaufen
    Langsam mit schlürfenden Schritten schritt er weiter bisweilen über einen
Maulwurfshügel stolpernd oder sich im Blättergewinde verwickelnd In leuchtenden
Fünkchen sprühte der Tau vor ihm her  So kam er in die Region der
Wacholderbüsche die noch gnomenhafter dreinschauten als sonst
    Gleich einer schwarzen Mauer ragte der Wald vor ihm empor und der
Mondenglanz ruhte darauf wie frischgefallener Schnee Er fand den Platz an dem
vor Jahren die Hängematte gehangen  in gespenstischem Dämmerschein schimmerte
die Lichtung durch das schwarze Gezweig  Weiter und weiter zogs ihn  Wie
ein Palast aus flimmerndem Marmor stieg das »weiße Haus« mit seinem Erker und
seinen Giebeln vor seinem Blick empor  Tiefes Schweigen lag auf dem Gutshof
nur hin und wieder schlug ein Hund an um sofort zu verstummen
    Er stand vor dem Gittertor ohne zu wissen wie er hingekommen war  Er
fasste die Stäbe mit beiden Händen und guckte ins Innere In Mondenglanz gebadet
lag der weite Hofplatz vor ihm da  in schwarzen Konturen hoben sich die
Wirtschaftswagen ab die in Reih und Glied vor den Ställen standen  eine weiße
Katze schlich am Gartenzaun vorbei  sonst lag alles im Schlafe
    Längs dem Zaune ging er weiter In dem Aschenhaufen hinter der Schmiede lag
ein Häuflein glimmender Kohlen die wie brennende Augen aus dem Dunkel guckten
Jetzt begann der Garten Hochstämmige Linden neigten ihre Zweige über ihn und
ein Duft von Goldregen und frühen Rosen wogte durch die Gitterstäbe betäubend
über ihn her Durch das Gezweig hindurch erglänzten wie silberne Bänder die
kiesbestreuten Pfade und die Sonnenuhr die der Traum seiner Kindheit gewesen
ragte düster dahinter empor
    Das »weiße Haus« kam näher und näher Jetzt konnte er fast in die Fenster
gucken Auch hier schien alles zu schlafen
    Er hatte hie und da  auch in dem »Liederbuch« davon gelesen dass der
Geliebte in Mondscheinnächten seiner Herzensdame eine Serenade zu bringen pflegt
 mit Gitarren und Mandolinenbegleitung wenns angeht So wars in den schönen
Ritterzeiten gewesen und in Spanien oder in Italien vielleicht noch heute Das
fiel ihm ein und er malte sich aus wie es sich wohl machen würde wenn er
Paul der Dumme hier als irrender Ritter die Leute zu schlagen begänne
sehnsuchtsvolle Liebeslieder dazu krähend
    Er musste laut auflachen bei dem Gedanken und dann kam ihm zu Sinn dass er
ja sein Musikinstrument zu allen Zeiten bei sich trüge Er setzte sich auf den
Grabenrand lehnte den Rücken gegen einen Zaunpfahl und fing zu pfeifen an 
erst scheu und leise dann immer kühner und lauter und wie immer wenn er
seinen Empfindungen ganz überlassen war vergaß er zu guter Letzt alles um sich
her
    Wie aus tiefen Träumen wachte er auf als er jenseits des Zaunes die Zweige
rauschen und knacken hörte  Erschrocken wandte er sich um
    Drüben stand Elsbeth in weißem Nachtanzuge  einen dunklen Regenmantel
flüchtig darüber geworfen
    Im ersten Augenblicke war ihm zumute als müsse er auf und davon laufen
aber die Glieder waren ihm wie gelähmt
    »Elsbeth  was machst du hier« stammelte er
    »Ja was machst du hier« fragte sie lächelnd zurück
    »Ich  ich  pfiff ein bisschen«
    »Und dazu bist du hierher gekommen«
    »Warum soll ich nicht«
    »Da hast du Recht  ich werds dir nicht verbieten«
    Sie hatte die Stirn gegen die Gitterstäbe gepresst und schaute ihn an Beide
schwiegen
    »Willst du nicht näher treten« fragte sie dann  wahrscheinlich im unklaren
über das was sie sagte
    »Soll ich über den Zaun klettern« fragte er ganz unschuldig zurück
    Sie lächelte »Nein« sagte sie dann kopfschüttelnd »man könnte uns vom
Fenster aus sehen und das wäre nicht gut  Aber sprechen muss ich dich  warte
 ich komm zu dir hinaus und begleite dich ein Stück«
    Sie schob eine lockere Stakete zur Seite und schlüpfte ins Freie dann
reichte sie ihm die Hand und sagte »Es ist recht von dir dass du gekommen bist
es hat mich oft verlangt mit dir zu reden aber dann warst du niemals da« Und
sie seufzte tief auf als übermannte sie die Erinnerung an schwere Stunden
    Er zitterte am ganzen Leibe Der Anblick der jungfräulichen Gestalt die in
ihrem Nachtgewande so keusch und unbefangen vor ihm stand raubte ihm fast den
Atem In seinen Schläfen hämmerte es  seine Blicke suchten den Boden
    »Warum sprichst du nichts zu mir« fragte sie
    Ein irres Lächeln flog über sein Gesicht
    »Sei nicht böse« presste er hervor
    »Warum sollt ich böse sein« fragte sie »ich freue mich ja dass ich dich
einmal ganz für mich hab Aber seltsam ists  ganz wie in einem Märchen Ich
steh am Fenster und guck in den Mond  Mama ist eben eingeschlafen und ich
denk bei mir ob ichs wohl wagen soll auch zu Bette zu gehen  aber mein Kopf
ist mir so unruhig und meine Stirn brennt  so friedlos ist mir zumute Da mit
einem Male hör ich vom Garten her jemanden pfeifen so schön so klagend wie
ichs nur ein einzig Mal in meinem Leben vernommen hab und das ist lange her
Das kann nur Paul sein sag ich mir und je länger ich höre desto klarer
wirds mir Aber wie kommt der hierher frag ich mich und da ich mir durchaus
Gewissheit verschaffen will nehm ich meinen Mantel um und schleich mich
hinunter  so  da bin ich nun  und jetzt komm  wir wollen zum Walde gehen 
dort kann uns keiner sehen«
    Sie legte ihren Arm in den seinen Schweigend schritten sie über die
mondhellen Wiesen
    Und dann plötzlich schlug sie beide Hände vors Gesicht und fing bitterlich
zu weinen an
    »Elsbeth was ist dir« rief er erschrocken
    Sie wankte ihre weiche Gestalt erbebte in lautlosem Schluchzen
    »Elsbeth kann ich dir nicht helfen« bat er
    Sie schüttelte heftig den Kopf »Lass nur« presste sie hervor »es ist gleich
vorüber«
    Sie versuchte weiterzuschreiten aber die Kräfte versagten ihr Aufseufzend
ließ sie sich an einem Grabenrain ins feuchte Gras niedersinken
    Er blieb vor ihr stehen und schaute auf sie nieder »Ausweinen lassen« das
war die Regel die er schon oft im Leben erprobt hatte  All sein Bangen war
von ihm gewichen Hier gab es etwas zu trösten und im Trösten war er Meister
    Als sie sich ein wenig beruhigt hatte setzte er sich neben sie und sagte
leise »Willst du nicht dein Herz ausschütten Elsbeth«
    »Ja das will ich« rief sie »hab ich doch drauf gewartet volle drei Jahre
lang So lang hab ichs mit mir herumgetragen Paul und bin fast erstickt
unter der Last und hab keinen Christenmenschen gefunden dem ichs hätt
anvertrauen können Unten in Italien auf dem schönen Kapri wo alles lacht und
jubelt da bin ich oftmals mitten in der Nacht ans Meer runtergeschlichen und
hab aufgeschrien in meiner Qual und bin morgens wieder zurückgekehrt und hab
gelacht mehr noch wie die andern denn die Mutter  o Mutter  Mutter« rief
sie aufs neue laut aufschluchzend
    »Sei ruhig du hast ja jetzt mich dem dus sagen kannst« flüsterte er ihr
zu
    »Ja dich hab ich  dich hab ich« presste sie hervor und lehnte das
Antlitz gegen seine Schulter »Sieh das hab ich immer gewusst aber was halfs
mir  Du warst ja weit weg  und oftmals war ich auch nahe daran dir zu
schreiben aber ich fürchtete du seist mir fremd geworden und würdest es übel
auslegen  Und seitdem wir wieder zurück sind hab ich nur einen Gedanken
Ihm musst du dich anvertrauen er ist der einzige der den Kummer kennt  er wird
dich verstehen«
    »Sag was ists Elsbeth« bat er
    »Sie muss sterben« stieß sie laut aufschreiend hervor
    »Deine Mutter«
    »Ja«
    »Wer hat dir das gesagt«
    »Der Professor in Wien von dem sie sich untersuchen ließ Ihr hat er ein
vergnügtes Gesicht gemacht und gesagt Wenn Sie sich schonen können Sie hundert
Jahre alt werden aber hinterher hat er mich holen lassen und hat mich gefragt
Sind Sie stark mein Fräulein können Sie die Wahrheit vertragen  Ich bitte
Sie darum hab ich geantwortet Ihnen muss ichs anvertrauen sagte er da denn
Sie sind die einzige die hier über sie wacht Und darauf hat er mir mitgeteilt
dass sie jeden Tag wegsterben könne  wenn nicht  und dann hat er mir eine
Menge Maßregeln an die Hand gegeben die sie alle beobachten muss mit Essen und
Trinken und Klima und Gemütsaufregung und mehr noch Sieh seit diesem Tage
zitterte ich um sie von früh bis spät und sorge und wache und finde keine Ruh
Manchmal kommts dann über mich dass ich mir sage Du bist jung und willst
leben und dann versuch ich zu jubeln und zu singen aber der Ton erstickt mir
in der Kehle und ich sinke wieder zusammen Freilich der Mutter muss ich ein
fröhlich Gesicht zeigen und dem Vater auch«
    »Aber warum hast du dich ihm nicht anvertraut« fiel er ihr ins Wort
    »Soll auch sein Leben vergiftet werden« erwiderte sie »Nein lieber trag
ichs für mich allein als dass ich auch ihn leiden sehen sollte Er ist
fröhlichen Gemütes und hängt an ihr mit seiner ganzen Seele  sonst ist er wohl
manchmal heftig und aufbrausend nur ihr hat er noch kein böses Wort gesagt 
lass ihn hoffen solange ers vermag  ich verrats ihm nicht«
    Sie stützte den Kopf in beide Hände und starrte vor sich hin
    Ihm fiel das Märchen seiner Mutter ein »Frau Sorge Frau Sorge« murmelte
er vor sich hin
    »Was sagst du da« fragte sie und sah ihn mit großen trostverlangenden
Augen an
    »Ach nichts« erwiderte er mit einem traurigen Lächeln »ich wollte ich
könnte dir helfen«
    »Wer könnte das wohl«
    »Und doch kann ichs vielleicht« sagte er »es hat dir nur einer gefehlt
mit dem du dich aussprichst Du bist gar nicht so übel dran wie du denkst 
zwar dich hat die Frau Sorge auch gesegnet «
    »Was heißt das« fragte sie
    Und darauf erzählte er ihr den Anfang jenes Märchens so gut ers im
Gedächtnis behalten hatte
    »Und wie erlöst man sich von diesem Segen« fragte sie dann
    »Ich weiß es nicht« erwiderte er »die Mutter hat mir das Ende des Märchens
niemals erzählen wollen Ich glaube auch nicht dass es eine Erlösung gibt
Solche Menschen wie wir die müssen gutwillig auf das Glück verzichten und wenn
es ihnen noch so nahe ist sie sehen es nicht  es kommt ihnen immer was Trübes
dazwischen Das einzige was sie können ist über das Glück der andern zu
wachen und zu sorgen dass es ihnen so gut wie möglich gehe«
    »Ich möchte aber auch ein bisschen glücklich sein« sagte sie die Augen
treuherzig zu ihm aufschlagend
    »Ich wünschte ich wäre so glücklich wie du« erwiderte er
    »Hätt ich nur nicht immer Angst« klagte sie
    »Die Angst  mit der musst du dich schon befreunden  die hab ich mein
Lebtag gehabt und wenn ich nicht wusste warum so hab ich mir rasch nen Grund
zurechtgemacht Es ist auch gar nicht so schlimm damit  wenn man die Angst
nicht hätt man würd ja nicht wissen warum man lebt  Aber denk nur einmal
nach wie zufrieden du sein kannst Du siehst lauter fröhliche Gesichter um
dich die Mutter fühlt sich glücklich trotz allem Leiden  das tut sie doch«
    »Ja Gott sei Dank« sagte sie »sie ahnt gar nicht wie schlimm es mit ihr
steht«
    »Na siehst du  Und der Vater ahnt es ebensowenig keine Sorge drückt sie
sie lieben sich und lieben dich auch kein böses Wort fällt zwischen euch  und
wenn die Mutter einmal die Augen zumacht so wird sies vielleicht im Lächeln
tun und wird sagen können ich bin doch immer recht glücklich gewesen  Sag mal
 kannst du mehr verlangen«
    »Aber sie soll nicht sterben« rief Elsbeth
    »Warum nicht« fragte er »ist der Tod denn so schlimm«
    »Für sie nicht  aber für mich«
    »Auf einen selber kann es da nie ankommen« erwiderte er die Lippen hart
zusammenpressend »man muss eben sehen wie man mit sich fertig wird   Der Tod
ist nur dann schlimm wenn man sein Lebtag auf das Glück gewartet hat und es
ist nicht gekommen Da muss einem zumute sein wie wenn man hungrig von einem
reichbesetzten Tische aufsteht und das möcht ich jedem Menschen ersparen den
ich liebhabe  Sieh mal ich hab auch eine Mutter  die hat auch mal glücklich
sein wollen und möcht es jetzt noch gar zu gerne  ich bin der einzige der ihr
die Sorge vom Halse schaffen könnte und ich bin nicht imstande dazu Was meinst
du wie mir da zumute sein muss Ich seh wie sie alt wird in Gram und Not 
ich kann die Runzeln zählen auf ihrer Stirn und ihren Backen  ihr Mund fällt
ein und ihr Kinn wird lang  sie spricht schon lange kein lautes Wort mehr
stiller wird sie von Tag zu Tag  und so still wird sie eines Tages wegsterben
 und ich werd dastehen und werd sagen du bist schuld daran du hast ihr
nicht einen einzigen Tag des Glückes bereiten können«
    »Armer Mensch du« flüsterte sie »kann ich dir gar nicht helfen«
    »Niemand kann mir helfen  solange der Vater « er hielt inne erschrocken
über den Lauf seiner eigenen Gedanken
    Beide schwiegen  Lange saßen sie regungslos da die zwanzigjährigen
Häupter sorgenvoll in die Hände gestützt Der Mondenglanz lag silbern auf ihren
Haaren die der weiche Heidewind leis tändelnd bewegte
    Dann fuhr ein Wolkenschatten über sie hin
    Sie erbebten beide
    Ihnen war zumute als breitete jene traurige Fee die sie »Frau Sorge«
nannten den düsteren Fittich über sie
    »Ich will nach Hause« sagte Elsbeth sich erhebend
    »Geh mit Gott« antwortete er feierlich
    Sie ergriff seine beiden Hände »Hab Dank« sagte sie leise »du hast mir
sehr sehr wohlgetan«
    »Und wenn du mich wieder brauchst «
    »So komm ich zu dir zu pfeifen« erwiderte sie lächelnd
    Und dann schieden sie
    Wie im Traume schritt Paul durch den finsteren Wald
    Die Fichten rauschten leise  auf dem grauen Moose tanzten die
Mondenstrahlen
    »Es ist doch seltsam« dachte er »dass sie mir alle ihr Leid klagen« und er
folgerte daraus dass er von allen der Glücklichste wäre
    »Oder der Unglücklichste« fügte er nachdenklich hinzu doch dann lachte er
geheimnisvoll und warf die Mütze in die Luft
    Als er auf die helle Heide hinaustrat bemerkte er wie zwei Schatten vor
ihm herhuschten und in der nebligen Ferne verschwanden Gleich darauf hörte er
es hinter sich in den Wacholderbüschen knacken
    Rasch wandte er sich um und sah ein zweites Schattenpaar das hinter einem
Busche in die Erde sank
    »Die ganze Heide scheint lebendig heute« murmelte er und lächelnd fügte er
hinzu »Freilich es ist ja Johannisnacht«
    Bald nach ihm kamen mit wirren Haaren und erhitzen Gesichtern die Zwillinge
nach Hause Sie erklärten der Pfarrer habe ihnen bis Mitternacht Karten gelegt
Sie würden demnächst einen Mann bekommen
    Kichernd schlüpften sie in ihre Schlafzimmer
 
                                       12
Der alte Meihöfer schwamm in lauter Glück Die Zusage des reichen Douglas sich
an seinem Unternehmen zu beteiligen hatte seine Aussichten plötzlich zu
schwindelnder Höhe steigen lassen Die Ohren die sich ihm bis dahin
verschlossen hatten begannen begierig seinen Auseinandersetzungen zu lauschen
und in den Gastäusern in denen er bis dahin mit halb spöttischem halb
mitleidigem Lächeln empfangen worden war galt er nun als großer Mann
    »Mit seinem halben Vermögen will er hineinspringen« so erzählte er »wir
sind bereits mit Borsig in Berlin in Verbindung getreten der uns die nötigen
Maschinen liefern will aus Oldenburg haben wir uns einen technischen Direktor
verschrieben und tagtäglich kommen Anfragen an uns zu welchem Preise wir die
Million Torfziegel abgeben wollen«
    Die Folge davon war dass man ihn drängte mit der Emission der Aktien zu
beginnen Und wenn man sich um ihn scharte und ihn bat soundsoviel Stück für
jeden zu reservieren warf er sich hochmütig in die Brust und meinte sie würden
wahrscheinlich in festen Händen bleiben
    Zu Hause beschäftigte er sich damit die Embleme für die Briefbogen der
künftigen Firma zu entwerfen und in allen seinen Taschen klimperte das geborgte
Geld
    Vier Wochen waren seit jener Johannisnacht verflossen da wurden aus
Helenental zwei Einladungskarten abgegeben eine für Herrn Meihöfer junior und
die andre für die jungen Damen
    »Zum Gartenfest« hieß es darin
    »Aha man buhlt schon um unsere Gunst« rief der Alte »die Ratten riechen
den Speck«
    Paul ging mit seiner Karte die Elsbets Handschrift trug hinter den
Heuschober und studierte die Buchstaben in aller Einsamkeit wohl eine Stunde
lange
    Dann stieg er in seine Giebelstube empor und stellte sich vor den Spiegel
    Er fand dass sein Bart an Umfang zugenommen hatte und nur an den Backen noch
spärliche Stellen aufwies
    »Es wird sich machen« sagte er in einem Anfall von Eitelkeit doch als er
sich nun lächeln sah wunderte er sich über die tiefen traurigen Falten die
sich von den Augen an der Nase vorbei bis zu den Mundwinkeln herabzogen
    »Falten machen interessant« tröstete er sich
    Von dieser Stunde an war er ausschließlich mit dem Gedanken beschäftigt
welche Rolle er auf dem Feste wohl spielen würde  Er übte sich vor dem Spiegel
einen schulgerechten Bückling ein besah allmorgendlich seine Sonntagskleider
und suchte die Schäbigkeit des Rockes durch ein Überbürsten mit schwarzer Farbe
zu vermindern
    Die Einladung hatte eine ganze Revolution in seinem Geiste hervorgerufen
Sie war ihm ein Gruß aus dem gelobten Lande der Lust das er wie Moses sonst nur
von ferne gesehen Und nicht umsonst war er zwanzig Jahre alt
    Der Tag des Festes kam heran
    Die Schwestern hatten ihre weißen Mullkleider angezogen und dunkle Rosen ins
Haar gesteckt Sie tänzelten vor dem Spiegel auf und nieder und fragten
einander »Bin ich schön«  Und obwohl sie die Frage gern bejahten so ahnten
sie doch kaum wie schön sie waren  Die Mutter saß in einem Winkel sah ihnen
zu und lächelte
    Paul rannte beklommen hin und her  innerlich verwundert dass ein so frohes
Ereignis einem so große Angst bereiten könne  Er hatte sich in letzter Stunde
allerhand schöne Reden einstudiert die er auf dem Feste zu halten
beabsichtigte Über Menschenwohl über Torfkultur und über Heines »Buch der
Lieder« Man sollte schon sehen dass er imstande war sich mit Damen
liebenswürdig zu unterhalten
    Die offene Chaise ein Überbleibsel aus der verflossenen Herrlichkeit
führte die Geschwister zum Feste Den Rückweg wollten sie zu Fuße machen  
    Bei der Auffahrt bemerkte Paul über den Gartenzaun hinweg hellfarbige
Kleider durch die Gebüsche flirren und hörte ein Kichern von lustigen
Mädchenstimmen Seine unbehagliche Stimmung wuchs dadurch um ein bedeutendes
    In der Veranda empfing sie Herr Douglas mit einem fröhlichen Lachen Er
kniff den Schwestern in die Wangen klopfte ihn selber auf die Schulter und
sagte »Nun junger Rittersmann heut werden wir uns die Sporen verdienen«
    Paul drehte seine Mütze in der Hand und brach in ein einfältiges Lachen aus
über das er sich selber ärgerte
    »Nun allons zu den Damen« rief Herr Douglas nahm die Schwestern unter die
Arme und er selber musste hinterdrein trotten
    Das Kichern kam näher und näher  auch lustige Männerstimmen schallten
darein  ihm war zumute als sollte er geköpft werden Und dann legte es sich
wie ein Flor vor seine Augen  undeutlich gewahrte er eine Fülle fremder
Gesichter die aus Wolken heraus ihn anstarrten  Seine Rede über die
Torfkultur fiel ihm ein aber damit war in diesem Augenblicke nichts zu machen
    Dann sah er Elsbets Antlitz in dem Nebel auftauchen Sie trug Brosche mit
blauen Edelsteinen und lächelte ihn freundlich an Trotz des Lächeln war sie ihm
nie so fremd erschienen wie in diesem Augenblicke
    »Herr Paul Meihöfer mein Jugendfreund« sagte sie ihn bei der Hand
nehmend und führte ihn herum Er verbeugte sich nach allen Seiten und hatte ein
unbestimmtes Gefühl als ob er sich lächerlich mache
    »He  da ist auch mein Musterknabe« rief des Vetters lustige Stimme und
alle Damen kicherten
    Darauf hieß man ihn sich niedersetzen und bot ihm eine Tasse Kaffee
    »Mama hat sich ein wenig niedergelegt« flüsterte Elsbeth ihm zu »Sie ist
nicht wohl heute«
    »So« sagte er und lächelt albern dazu
    Vetter Leo hatte einen Kreis von jungen Damen um sich versammelt und
erzählte ihnen die Geschichte von einem jungen Referendar der so gern Süßes
gegessen habe dass er beim Anblick einer Tüte Pralinés die er nicht haben
durfte zum Zuckerhut erstarrt sei Darüber wollten sie sich vor Lachen
ausschütten
    »O könntest du doch auch solche Geschichten erzählen« dachte Paul und da
ihm nichts Besseres einfiel aß er ein Stück Kuchen nach dem andern
    Die Schwestern waren sofort von ein paar fremden jungen Herren in Beschlag
genommen worden denen sie dreist in die Augen lachten während die
schlagfertigsten Antworten ihnen aus dem Munde sprudelten
    Die Schwestern erschienen ihm plötzlich wie Wesen aus höheren Welten
    »Wir wollen jetzt ein schönes Spiel spielen meine Damen« sagte Vetter Leo
indem er die Knie übereinanderschlug und sich nachlässig in den Sessel
zurücklehnte »Das Spiel heißt Körbe kriegen Die Damen gehen einzeln spazieren
und die Herren auch Der Herr fragt die ihm begegnende Dame Estce que vous
maimez und die Dame antwortet entweder Je vous adore dann wird sie seine
Frau oder sie gibt ihm stillschweigend einen Korb  Wer die meisten Körbe
bekommt erhält eine Zipfelmütze die er den Abend über tragen muss«
    Die Damen fanden das Spiel sehr lustig und alle erhoben sich um es sofort
ins Werk zu setzen Auch Paul stand auf obwohl er am liebsten in seinem dunkeln
Winkel sitzen geblieben wäre
    »Wie mag das fremde Wort wohl heißen« fragte er sich er hätte sich gern
bei einem der Herrn erkundigt aber er schämte sich seine Unwissenheit zu
verraten und so seinen Schwestern Schande zu machen Elsbeth war mit den andern
Mädchen auf und davon gegangen ihr hätte er sich am liebsten anvertraut
    So schlich er trübselig den anderen nach doch als er die erste der Damen
sich entgegenkommen sah war die Angst in ihm so groß dass er rasch vom Pfade
abbog und sich im dicksten Gebüsche verbarg
    Dort war ein Stücklein Wildnis wie im tiefen Walde Nesseln und Farnkraut
erhoben ihre schlanken Stauden und die unheimliche Wolfsmilch stritt mit
breitblättrigen Kletten um die Oberherrschaft In diesem Blättergewirr kauerte
er nieder stützte die Ellbogen auf die Knie und dachte nach
    Also das nannten die Menschen sich amüsieren Es war gut dass ers einmal
kennengelernt aber gefallen wollts ihm nicht Zu Hause wars jedenfalls
hübscher  und zudem wer konnte wissen ob die Mägde zur rechten Zeit mit dem
Jäten fertig geworden  Ob der Torf nicht allzu feucht in Haufen gebracht
worden war  Es gab so viel daheim zu tun und er trieb sich herum und ließ
sich auf törichte Spiele ein wie ein Hansnarr  Wenn nicht Elsbeth gewesen
wäre  aber freilich was hatte er von ihr  Wie sie ihn anlächelte so
lächelte sie jeden an und wenn gar Vetter Leo seine Scherze begann  wie keck
er tat wie er ihnen allen schmeichelte Oh die Welt ist schlecht und falsch
sind sie alle alle
    Er hörte von den Pfaden her seinen Namen rufen aber er schmiegte sich nur
um so enger in sein Versteck hinein Hier war er wenigstens vor jedem Hohn
geborgen  Eine beklemmende Schwüle lastete in der Luft  schläfrig summende
Hummeln schlichen am Erdboden dahin  ein Gewitter schien am Himmel zu stehen
    »Mir kanns recht sein« dachte Paul »ich hab nichts zu verlieren und 
der Winterroggen ist drinnen«
    Draußen war es stille geworden  aus der Ferne tönte das Klirren von
Glastellern und Teelöffeln und von Zeit zu Zeit mischte sich ein gedämpftes
Lachen darein
    Paul hielt den Atem an Je länger er in seinem Schlupfwinkel verharrte
desto beklommener wurde ihm zumute  schließlich kam er sich vor wie ein
Schulbube der sich vor der Züchtigung seines Lehrers verkriecht Der Geruch der
wuchernden Pflanzen wurde schärfer und quälender ein übelduftender Dunst stieg
von der feuchten Erde empor wie ein fahler Nebel legte es sich vor seine Augen
 Stahlblaue Wolken wälzten sich am Himmel in die Höhe fernab begann der Donner
zu grollen
    »Das nennt sich nun Vergnügen« dachte Paul
    In den Zweigen erhob sich ein Rauschen Schwere Tropfen klatschten auf die
Blätter nieder da kroch Paul scheu wie ein Verbrecher aus seinem Versteck
hervor
    Jubelndes Gelächter empfing ihn von der Veranda her
    »Dort kommt Aujust« rief einer der Herren leise Der war in Berlin gewesen
und hatte den Zirkus gesehen und die andern stimmten ein
    »Meine geehrten Herrschaften« schrie Leo auf einen Stuhl kletternd
»dieser Musterknabe genannt Paul Meihöfer hat sich in unverantwortlicher Weise
dem Richterspruche der Gesellschaft entzogen Da er in seines Nichts
durchbohrendem Gefühle voraussah dass er die meisten der Körbe auf seinem
unwürdigen Haupte vereinigen würde so hat er sich in höchst verwerflicher
Feigheit «
    »Ich weiß nicht warum Sie mich so schlecht machen« sagte Paul gekränkt
der das alles für Ernst hielt
    Ein neues ungeheures Gelächter antwortete ihm
    »Ich stelle also den Antrag ihm zur Strafe für sein Verbrechen die
Zipfelmütze zuzuerkennen und zu diesem Behufe einen Gerichtshof bilden zu
wollen«
    »Bitte  ich nehme die Mütze auch so« antwortete Paul gereizt  Er
brauchte jetzt nur den Mund zu öffnen um neue Heiterkeit zu entfesseln
    Feierlich ward er mit der Schlafmütze gekrönt  »Ich muss doch recht
drollig aussehen« dachte er denn alle wälzten sich vor Lachen Nur die
Schwestern lachten nicht hochrot vor Scham blickten sie ihn ihren Schoss und
Elsbeth schaute ihn verlegen an als wollte sie ihm Abbitte leisten
    »Aujust« ertönte es wieder leise aus dem Kreise der Herren
    Gleich darauf brach das Gewitter los  In hellen Scharen flüchteten sich
alle ins Haus  Die jungen Damen verfärbten sich die meisten hatten Angst vor
dem Donner und eine fiel sogar in Ohnmacht
    Leo schlug vor man solle einen Kreis bilden und jeder solle dann eine
Geschichte zum besten geben  wem nichts einfalle der müsse ein Pfand geben
    Man wars zufrieden Das Los bestimmte die Reihenfolge und einer der Herren
machte den Anfang mit einer sehr lustigen Studentengeschichte die er selbst
erlebt haben wollte Dann kamen ein paar der jungen Mädchen die lieber Pfänder
geben wollten und dann wurde er selber aufgerufen
    Die Herren räusperten sich spöttisch und die Mädchen stießen sich mit den
Ellbogen an und kicherten Da übermannte ihn sein Groll und die Stirn in
Falten ziehend begann er aufs Geratewohl »Es war einmal einer der so
lächerlich war dass man ihn bloß anzusehen brauchte wenn man sich satt lachen
wollte Er selbst aber wusste nicht wie das zuging denn er hatte noch nie in
seinem Leben gelacht «
    Es wurde ganz still in der Runde Das Lächeln erstarrte auf den Gesichtern
und einer und der andere schauten zur Erde nieder
    »Weiter« rief Elsbeth ihm leise zunickend
    Ihn aber überkam die Scham dass er es wagte sein Innerstes vor diesen
fremden Menschen blosszulegen
    »Ich weiß nicht weiter« sagte er und stand auf
    Diesmal lachte niemand für eine Weile herrschte beklommenes Schweigen dann
kam das Mädchen das zur Schatzmeisterin gewählt war zu ihm heran und sagte mit
einem artigen Knicks »So müssen Sie ein Pfand geben«
    »Gerne« erwiderte er und löste seine Uhr von der Kette
    »Ein ungemütlicher Mensch« hörte er einen der jungen Herren leise zu seinem
Nachbarn sagen Es war der welcher zuerst den Tölpelnamen gerufen hatte
    Hierauf kam Leo an die Reihe der eine sehr übermütige Anekdote zum besten
gab aber die Freude wollte nicht wieder in Fluss kommen
    Dumpf klatschte der Regen gegen die Fenster  schwarze Wolkenschatten
füllten das Zimmer  Es war als ob die graue Frau durch die Luft hinglitte
und mit ihrem düstern Fittich die jungen lachenden Gesichter streife dass sie
ernst und alt erschienen 
    Erst als Elsbeth das Klavier öffnete und einen lustigen Tanz anstimmte
wurde der erstarrte Jubel wieder wach
    Paul stand in einem Winkel und sah sich das Treiben an Man ließ ihn ganz in
Ruhe nur hin und wieder streifte ihn ein scheuer Blick
    Die Zwillinge rasten über den Tanzboden  ihre Locken flatterten und in
ihren Augen erglomm ein wildes Leuchten
    »Lass sie nur rasen« dachte Paul »sie müssen zeitig genug in den Jammer
zurück« Aber dass es für sie keinen Jammer gab daran dachte er nicht
    Als Elsbeth abgelöst wurde trat sie zu ihm heran und sagte »Du langweilst
dich wohl sehr«
    »Nicht doch« sagte er »Es ist ja alles neu für mich«
    »Sei fröhlich« bat sie »wir leben ja nur einmal«
    Und in diesem Augenblicke kam Leo auf sie zugestürzt fasste sie um die
Taille und jagte mit ihr davon
    »Sie ist dir doch fremd« dachte Paul
    Als sie wieder an ihm vorüberstreifte raunte sie ihm zu »Geh ins
Nebenzimmer ich will dir was sagen«
    »Was kann sie dir zu sagen haben« dachte er aber er tat wie sie ihm
geheißen
    Hinter der Gardine halb verborgen wartete er doch sie kam nicht Von
Minute zu Minute schwoll die Bitterkeit in seiner Seele höher empor Seine
schönen Reden über den Torfbau und Heines »Buch der Lieder« fielen ihm ein und
er zuckte höhnisch die Achseln über die eigene Dummheit Ihm war zumute als sei
er im Laufe dieses Nachmittags um Jahre reifer geworden
    Und dann plötzlich kam ihm die Frage zu Sinn Was hast du hier zu suchen
Was gehen dich die fröhlichen Menschen an die lachen und einander gefallen
wollen und gedankenlos in den Tag hineinleben Ein Narr ein Elender warst du
als du glaubtest auch du hättest ein Recht froh zu sein auch du könntest
werden wie sie
    Der Boden brannte ihm unter den Füßen Ihm war zumute als versündige er
sich wenn er noch ein einzige Minute an diesem Platz verweilte
    Er schlich sich in den Hausflur wo seine Mütze hing
    »Sagen Sie meinen Schwestern« bat er das Dienstmädchen das wartete »ich
ginge heim um einen Wagen für sie zu besorgen«
    Wie erlöst atmete er auf als die Haustür hinter ihm ins Schloss fiel
    Das Unwetter hatte sich gelegt  ein leiser Nachregen sprühte vom Himmel
kühlend sauste der Sturm über die Heide und am Rande des Horizontes wo eben
das letzte Abendrot verglomm zuckte aus glühroten Wolken das Leuchten des
abziehenden Gewitters
    Als wäre die wilde Jagd hinter ihm her so jagte er auf den
regendurchweichten Wegen zum Walde der sich mit friedbringendem Rauschen über
seinem Haupte schloss  Das feuchte Moos duftete und von den Fichtennadeln
sickerten leuchtende Tröpfchen hernieder
    Als er die Heide betrat und das väterliche Heimwesen in düsteren Umrissen
vor seinen Blicken liegen sah da breitete er die Arme aus und rief in den Sturm
hinein »Hier ist mein Platz  hier gehör ich her  und ein Schuft will ich
sein wenn ich mir noch einmal in der Fremde meine Freude suche Hiermit schwör
ich es dass ich alle Eitelkeit abtun will und allem törichten Streben entsage
Jetzt weiß ich was ich bin und was nicht zu mir passt das soll mir verloren
sein Amen«
    So nahm er Abschied von seiner Jugend und von seinem Jugendtraum
 
                                       13
Als er am andern Morgen erwachte fand er die Mutter neben seinem Bette sitzen
    »Du schon auf« fragte er verwundert
    »Ich hab nicht schlafen können« sagte sie mit ihrer leisen Stimme die
immer klang als bäte sie um Entschuldigung für das was sie sagte
    »Warum nicht« fragte er
    Sie antwortete nicht aber sie streichelte sein Haar und lächelte ihn
traurig an da wusste er dass die Zwillinge geschwatzt hatten dass der Gram um
ihn es war der sie nicht ruhen ließ
    »Es war nicht so schlimm Mutter« sagte er tröstend »sie haben sich ein
bisschen über mich lustig gemacht weiter nichts «
    »Die Elsbeth auch« fragte sie mit großen ängstlichen Augen
    »Nein die nicht« erwiderte er »aber«  er schwieg und drehte sich nach
der Wand
    »Aber« fragte die Mutter
    »Ich weiß nicht« erwiderte er »aber es ist ein aber dabei«
    »Du tust ihr vielleicht Unrecht« sagte die Mutter »und sieh dies hat sie
dir durch die Mädchen geschickt« Sie zog einen länglichen Gegenstand aus der
Tasche der sorgsam in Seidenpapier gehüllt war
    Darin lag eine Flöte aus schwarzem Ebenholz gedreht mit glänzend silbernen
Klappen versehen
    Paul wurde rot vor Scham und Freude aber die Freude verflog und als er das
Instrument eine Weile angesehen hatte sagte er leise »Was fang ich nun damit
an«
    »Du wirst darauf spielen lernen« sagte die Mutter mit einem Anflug von
Stolz
    »Es ist zu spät« erwiderte er mit traurigem Kopfschütteln »ich hab jetzt
anderes vor«  Ihm war als ob er genötigt würde etwas Verstorbenes wieder aus
dem Grabe hervorzuzerren  
    »Na du scheinst dich gestern schön blamiert zu haben« sagte der Vater als
er mit ihm am Kaffeetisch zusammentraf
    Er lächelte still in sich hinein und der Vater brummte etwas von Mangel an
Ehrgefühl
    Die Zwillinge hatten große verträumte Augen und wenn sie einander ansahen
flog ein seliges Leuchten über ihr Gesicht Die wenigstens waren glücklich  
    Die Wochen vergingen  Die Ernte kam unversehrt in die Scheuern  dank
Pauls unermüdlicher Fürsorge Es war ein gesegnetes Jahr wie es seit langem
nicht gewesen Der Vater aber rechnete bereits wie er den Ertrag am besten für
seine Torfspekulation verwenden könnte
    Er schwadronierte in der alten Weise weiter und je weniger Herr Douglas nun
von sich hören ließ desto mehr prahlte er in den Kneipen von dem Segen seiner
Teilnehmerschaft
    Da er sich einmal aufs Schwindeln eingelassen hatte so musste er jede Lüge
durch eine neue überbieten  Mochte Herr Douglas noch so langmütig sein der
Unfug der mit seinem Namen getrieben wurde musste ihm schließlich zu arg
werden
    Es war an einem Vormittag in den letzten Tagen des August als Paul der mit
Michel Raudszus zusammen auf dem Hofe arbeitete die hohe Gestalt des Nachbarn
über die Felder direkt auf den Heidehof zukommen sah
    Er erschrak  das konnte unmöglich etwas Gutes bedeuten
    Herr Douglas reichte ihm freundlich die Hand aber unter seinen eisgrauen
buschigen Brauen blitzte es unheilverheissend
    »Ist der Vater zu Hause« fragte er und seine Stimme klang gereizt und
grollend
    »Er ist im Wohnzimmer« erwiderte Paul beklommen »wenn Sie erlauben
begleit ich Sie zu ihm«
    Der Vater sprang beim Anblick des unerwarteten Gastes ein wenig verlegen von
seinem Stuhle auf aber er fasste sich sogleich und in seinem bramarbasierenden
Tone begann er »Ah gut dass Sie hier sind Herr  ich habe dringend mit Ihnen
zu reden«
    »Ich mit Ihnen nicht minder« erwiderte Herr Douglas sich mit seiner
massigen Gestalt dicht vor ihm aufpflanzend »Wie kommen Sie dazu lieber
Freund meinen Namen zu missbrauchen«
    »Ich  Ihren Namen  Herr  was erlauben  Paul geh hinaus«
    »Mag er nur drin bleiben« erwiderte Douglas sich nach Paul umwendend
    »Er soll aber hinaus Herr« schrie der Alte »ich bin doch wohl noch Herr
in meinem Hause Herr«
    Paul verließ das Zimmer
    In dem dunkeln Hausflur fand er die Mutter die die Hände gefaltet hatte und
mit stieren Blicken nach der Tür sah Bei seinem Anblick brach sie in Tränen aus
und rang die Hände 
    »Er wird uns noch den einzigen Freund verscherzen den wir auf Erden haben«
schluchzte sie und dann sank sie in seinen Armen zusammen krampfhaft
aufzuckend wenn die scheltenden Stimmen der Männer lauter an ihr Ohr drangen
    »Komm fort Mutter« bat er »es regt dich zu sehr auf und helfen können
wir doch nicht«
    Willenlos ließ sie sich von ihm in ihr Schlafzimmer ziehen
    »Gib mir ein bisschen Essig« bat sie »sonst fall ich um«
    Er tat wie sie ihn geheißen und während er ihr die Schläfe einrieb sprach
er mit überlauter Stimme auf sie ein damit sie das Schreien der Männer nicht
höre
    Plötzlich wurden Türen geworfen   für eine Weile wurde es still 
unheimlich still  dann ertönte das Klirren einer Kette und der wuteisere Ruf
des Vaters »Sultan  pack an«
    »Um Gottes willen er hetzt den Hund auf ihn« schrie er und stürzte auf den
Hof hinaus
    Er kam gerade noch zur Zeit um zu sehen wie Sultan eine große bissige
Rüde Douglas an den Nacken sprang während der Vater mit einer
hochgeschwungenen Peitsche hinterdrein rannte
    Michel Raudszus hatte die Hände in die Hosen gepflanzt und sah zu
    »Vater was tust du« schrie er riss ihm die Peitsche aus der Hand und
wollte dem Hunde nach aber ehe er die Gruppe der Ringenden erreichen konnte
lag die Bestie von der mächtigen Faust des Riesen erstickt am Boden und
streckte die Viere von sich
    Douglas rann das Blut an den Armen und am Rücken herunter Sein Zorn schien
ganz und gar verraucht Er blieb stehen wischte sich mit dem Taschentuche die
Hände ab und sagte mit gutmütigem Lächeln »Das arme Vieh hat daran glauben
müssen«
    »Sie sind verwundet Herr Douglas« rief Paul die Hände faltend
    »Er hat mein Genick für ne Kalbskeule angesehen« sagte er »Kommen Sie ein
Endchen mit und helfen Sie mir mich abwaschen damit meine Weiber sich nicht zu
sehr erschrecken«
    »Vergeben Sie ihm« flehte Paul »er wusste nicht was er tat« 
    »Wirst du zurück du Bengel« schrie die Stimme des Vaters vom Hofe her
»willst wohl mit dem wortbrüchigen Kerl gemeinsame Sache machen«
    In den Fäusten des Nachbarn zuckte es aber er bezwang sich und mit einem
gewaltsamen Lächeln sagte er
    »Gehen Sie zurück  der Sohn soll bei dem Vater bleiben«
    »Ich will aber gutmachen « stammelte Paul
    »Der Schwindler der Halunke« tönte es aus dem Hintergrunde
    »Gehen Sie zurück« sagte Douglas mit zusammengebissenen Zähnen »schaffen
Sie Ruh  sonst gehts ihm an den Leib«
    Dann fing er mit vollen Backen an einen Marsch zu pfeifen damit er das
Schimpfen nicht höre und schritt breitbeinig von dannen 
    Der Alte tobte wie ein Wahnsinniger auf dem Hofe herum warf Steine vor sich
her schwang einen Wagenschwengel in der Luft und stieß mit den Füßen nach
rechts und nach links
    Als er Paul begegnete wollte er ihn bei der Kehle fassen aber in diesem
Augenblicke stürzte mit gellendem Schrei die Mutter aus der Tür und warf sich
dazwischen Sie umklammerte Paul mit beiden Armen sie wollte auch etwas sagen
aber die Angst vor ihrem Manne lähmte ihre Zunge Nur ansehen konnte sie ihn
    »Weibsgesindel« rief dieser verächtlich die Achsel zuckend und wandte
sich ab aber da er seine Wut an irgend jemandem auslassen musste so schritt er
auf Michel Raudszus zu der sich eben gemütlich zur Arbeit wandte
    »Du Hund was gaffst du hier« schrie er ihn an
    »Ich arbeit Herr« erwiderte dieser und sah ihn unter den schwarzen Brauen
hervor mit stechendem Blicke an
    »Was hält mich ab du Hund dass ich dich zu Brei zermalme« schrie der Alte
ihm die Fäuste vor die Nase haltend
    Der Knecht duckte sich und in diesem Augenblicke fuhren ihm beide Fäuste
seines Herrn ins Gesicht Er taumelte zurück  aus seinem finsteren Gesicht war
jeder Blutstropfen gewichen  ohne einen Laut von sich zu geben griff er nach
einer Axt    
    Aber in diesem Augenblicke fiel ihm Paul der mit steigender Angst der Szene
zugeschaut hatte von hinten in den Arm rang ihm die Waffe aus der Hand und
warf sie in den Brunnen
    Der Vater wollte dem Knecht aufs neue an die Brust aber rasch entschlossen
packte ihn Paul um den Leib und obwohl der alte Mann mit Händen und Füßen um
sich schlug trug er ihn alle Kräfte zusammennehmend auf seinen Armen in das
Wohnzimmer dessen Tür er von außen hinter ihm verschloss
    »Was hast du dem Vater getan« wimmerte die Mutter die dieser Gewalttat
starr vor Entsetzen zugeschaut hatte denn dass der Sohn sich an dem Vater
vergreifen könne war ihr vollkommen unfassbar Ihr Blick glitt scheu an ihm
empor und klagend wiederholte sie »Was hast du mit dem Vater getan«
    Paul beugte sich zu ihr nieder küsste ihr die Hand und sagte »Sei still
Mutter ich musst ihm ja das Leben retten«
    »Und jetzt hast du ihn eingesperrt Paul  Paul«
    »Bis Michel fort ist muss er drinbleiben« erwiderte er »mach ihm nicht auf
 es geschieht sonst ein Unglück«
    Dann schritt er auf den Hof hinaus Der Knecht lehnte seinen schwarzen Bart
kauend an der Stalltür und schielte tückisch nach ihm hin
    »Michel Raudszus« rief er ihm zu
    Der Knecht kam näher Die Adern auf seiner Stirn waren zu blauen Strähnen
angeschwollen Er wagte nicht ihn anzusehen
    »Dein überschüssiger Lohn beträgt fünf Mark vierzig Pfennig Hier hast du
sie  In fünf Minuten musst du den Hof verlassen haben«
    Der Knecht warf ihm einen Blick zu so unheimlich finster dass Paul erschrak
bei dem Gedanken diesen Menschen so lange ahnungslos neben sich geduldet zu
haben Er hielt ihn fest im Auge denn er glaubte jeden Augenblick von ihm
angefallen zu werden
    Aber schweigend wandte der Knecht sich ab ging nach dem Stalle wo er sein
Bündel schnürte und zwei Minuten später schritt er zum Hoftore hinaus  Er
hatte während der ganzen fürchterlichen Szene nicht einen Laut von sich gegeben
    »So  jetzt zum Vater« sagte Paul fest entschlossen alle Schläge und
Schimpfreden ruhig über sich ergehen zu lassen
    Er schloss die Tür auf und erwartete den Vater auf sich losstürzen zu sehen
    Der saß in einer Sofaecke ganz in sich zusammengefallen und starrte vor
sich nieder Er rührte sich auch nicht als Paul auf ihn zutrat und abbittend
sagte »Ich tats nicht gern Vater aber es musste sein«
    Nur einen scheuen Seitenblick warf er ihm zu dann sagte er bitter »Du
kannst ja tun was du willst  ich bin ein alter Mann und du bist der
Stärkere«
    Dann sank er wieder in sich zusammen
    Seit diesem Tage war Paul der Herr im Hause
 
                                       14
Drei Wochen waren seither verflossen Paul arbeitete als stände er im
Frondienst Trotzdem hatte eine seltsame Unruhe sich seiner bemächtigt Wenn er
sich für einen Moment Erholung gönnen durfte litt es ihn nicht mehr daheim Ihm
war zumute als sollten die Mauern über ihm zusammenstürzen Dann streifte er
auf der Heide oder im Walde umher oder er lungerte rings um Helenental herum
Was er dort wollte wagte er sich selber nicht einzugestehen »Wenn ich Elsbeth
träfe ich glaube ich müsste vor Scham in die Erde sinken« so sagte er sich
und dennoch spähte er allerwegen nach ihr aus und zitterte vor Bangen und vor
Freude wenn er eine weibliche Gestalt von ferne daherkommen sah
    Auch die Nachtruhe begann er zu vernachlässigen Sobald man im Hause
eingeschlafen war schlich er von dannen und kam oft erst am hellen Morgen
wieder zurück um mit wüstem Kopf und zerschlagenen Gliedern an die Arbeit zu
gehen
    »Ich will gutmachen  gutmachen« murmelte er oft vor sich hin und wenn er
die Sense durch das Korn zischen ließ sagte er sich im Takte dazu »Gutmachen 
gutmachen« Doch über das Wie war er sich gänzlich im unklaren er wusste nicht
einmal ob Douglas durch die Bisse des Hundes Schaden genommen hatte
    Einmal als er in der Dämmerung jenseits des Waldes herumstrich sah er
Michel Raudszus von Helenental daherkommen Er trug einen Spaten geschultert
woran ein Bündel hing  Paul schaute ihm festen Blickes entgegen  er
erwartete von ihm angegriffen zu werden aber der Knecht sah ihn scheu von der
Seite an und ging in weitem Bogen um ihn herum
    »Der Kerl sieht aus als ob er Böses im Schilde führte« sagte er indem er
ihm nachschaute
    Douglas hatte den Weggejagten in seine Dienste genommen wie einer der
Tagelöhner zu erzählen wusste und als der Vater davon erfuhr lachte er auf und
sagte »Das sieht dem Schleicher ähnlich der wird was Schönes gegen mich
zusammenbrauen«
    Er war fest überzeugt das Douglas die Sache dem Staatsanwalt übergeben
habe ja er fand eine gewisse Wollust in dem Gedanken verurteilt zu werden 
»ungerecht« wie selbstverständlich  und da die Anklage von einem Tage zum
anderen auf sich warten ließ meinte er höhnisch »Der gnädige Herr lieben die
Galgenfristen« 
    Aber Douglas schien Willens die ihm angetane Schmach gänzlich zu
ignorieren nicht einmal die Kündigung des entliehenen Kapitals traf ein 
    Pauls Seele war übervoll von Dankbarkeit und je weniger er ein Mittel fand
sie kund zu tun desto heißer wühlte in ihm die Scham desto wilder trieb ihn
die Unruhe umher
    So stand er eines Nachts wiederum vor dem Gartenzaun von Helenental
    Frühherbstnebel lagen über der Erde und das welkende Gras schauerte leise
 Das »weiße Haus« verschwand in den Schatten der Nacht nur aus einem der
Fenster schimmerte ein trübes dunkelrotes Licht
    »Hier wacht sie bei der kranken Mutter« dachte Paul Und da er kein anderes
Mittel fand sie zu rufen so fing er zu pfeifen an   Zwei dreimal hielt er
inne um zu lauschen  Niemand kam und in seiner Seele stieg die Angst  
    Mit tastender Hand suchte er nach der lockeren Stakete die Elsbeth ihm
damals gezeigt hatte und als er sie gefunden drang er in das Innere  Das
Geästel zerzauste seine Kleider wie in einer Wildnis kroch er am Fußboden
dahin einen Pfad zu finden Endlich kam er ins Freie Der weiße Kies
verbreitete einen ungewissen Dämmerschein heller leuchtete das Lämpchen aus dem
Krankenzimmer
    Er setzte sich auf eine Bank und starrte dorthin Ihm war als ob ein
Schatten hinter der Gardine sich bewegte
    Dann mit einem Male wurde es heller rings um ihn herum  Die Rosenstöcke
traten aus der Nacht hervor   Der Kies glänzte und der Giebel des
Wohnhauses der noch eben in schwarzen Massen sich erhoben strahlte in
dunkelrötlichem Lichte als sei der Strahl des Morgenrots darauf gefallen
    Verwundert wandte er sich um  das Blut erstarrte in seinen Adern  hoch an
dem mächtigen Himmel erhob sich ein blutiger Feuerschein Die schwarzen Wolken
umsäumten sich mit flammenden Rändern weissliche Lohe wirbelte dazwischen empor
und hochauf schossen feurige Strahlen als stände ein Nordlicht am Himmel
    »Dein Vaterhaus brennt«             
                           
    Schwer fiel sein Kopf gegen das Geländer der Bank  im nächsten Augenblicke
raffte er sich empor  seine Knie wankten das Blut siedete in seinen Schläfen 
»Vorwärts rette was zu retten ist« so schrie es in ihm  und in wildem Jagen
drang er durch das Gebüsch erkletterte den Gartenzaun und sank jenseits
desselben im Graben nieder
    Wie die aufgehende Sonne überstrahlte das brennende Gehöft die weite Heide
Die Stoppeln leuchteten und der schwarze Wald tauchte sich in rötliche Glut 
    Noch stand das Wohnhaus unversehrt  seine Mauern schimmerten wie Marmor
seine Fenster blitzten wie Karfunkelstein  Taghell lag der Hof  Die Scheune
war es die da brannte die Scheune vollgepfropft bis zum First von Erntesegen
Seine Arbeit sein Glück sein Hoffen so ging es in Rauch und Flammen auf  
    Wieder raffte er sich auf    in wilder Hast gings über die Heide  Als
er am Walde vorübereilte war es ihm als sähe er einen Schatten an sich
vorüberhuschen der bei seinem Nahen platt auf die Erde sank Er achtete kaum
darauf
    Weiter  rette was zu retten ist 
    Vom Hofe her drang wirres Geschrei ihm entgegen  Die Knechte liefen wild
durcheinander die Mägde rangen die Hände  die Schwestern liefen umher und
schrien seinen Namen 
    Das Dorf war eben erwacht  Die Landstraße füllte sich mit Menschen 
Wasserkiewen wurden herangeschleppt auch eine morsche Spritze kam
dahergewackelt 
    »Wo ist der Herr« schrie er den Knechten entgegen
    »Wird eben reingetragen  hatn Bein gebrochen« lautete die Antwort 
    Unglück über Unglück
    »Lasst die Scheune brennen « schrie er anderen zu die gänzlich kopflos ein
paar winzige Eimer Wasser in die Glut hineingossen
    »Rettet das Vieh  gebt acht dass sie nicht in die Flammen rennen«
    Drei vier Mann eilten in den Stall
    »Ihr andern ans Wohnhaus  tragt nichts heraus«
    »Nichts heraustragen« wiederholte er ein paar Fremden die Sachen aus der
Hand reißend die sie eben aus dem Innern schleppten
    »Aber wir wollen retten«
    »Rettet das Haus«   
    Er eilte die Treppe hinan Im Vorübereilen sah er die Mutter stumm und
tränenlos neben dem Vater sitzen der wimmernd auf dem Sofa lag
    Durch eine Luke sprang er auf das Dach
    »Den Schlauch her«
    Auf eine Heugabel gespiesst reichte man ihm die metallene Spitze Zischend
glitt der Wasserstrahl über die erhitzen Ziegel
    Er ritt auf dem Dachfirst seine Kleider erhitzen sich in sein Haar
setzten sich glimmende Körner die von der Scheune herübersprühten auf Antlitz
und Händen fanden sich kleine kohlende Wunden Er fühlte nichts was seinem
Leibe geschah doch sah und hörte er alles rings um sich her  seine Sinne
schienen vervielfältigt  
    Er sah die Garben in feuriger Lohe hoch auf zum Himmel spritzen und in
prächtiger Wölbung herniedersinken  er sah die Pferde und Kühe auf die Weide
hinausjagen wo sie zwischen den Zäunen sicher geborgen waren  er sah den Hund
halb versengt von der Glut heulend an der Kette zerren 
    »Macht den Hund los« schrie er hinunter 
    Er sah kleine zierliche Flämmchen in bläulichem Flimmerschein von dem Giebel
der Scheune zum benachbarten Schuppen hinübertänzeln  
    »Der Schuppen brennt« schrie er hinunter »Rettet was darin ist« 
    Ein paar Leute eilten fort die Wagen ins Freie zu ziehen 
    Und inzwischen sauste und zischte der Wasserstrahl übers Dach und bohrte
sich in die Sparren und tastete unter den Ziegeln  Kleine weiße Wölkchen
stiegen vor ihm auf und verschwanden um an anderer Stelle wieder zu erscheinen
    Da plötzlich fiel ihm die »schwarze Suse« ein die im hintersten Winkel des
Schuppens zwischen altem Gerümpel vergraben stand  Ein Stich fuhr ihm durch
die Brust  Soll nun auch sie zugrunde gehen auf die sein Herz von jeher
hoffte 
    »Rettet die Lokomobile« schrie er hinunter
    Aber niemand verstand ihn
    Die Begier der »schwarzen Suse« Hilfe zu bringen packte ihn so mächtig
dass ihm einen Augenblick zumute war als müsste er selbst das Wohnhaus
darangeben
    »Ablösung rauf« schrie er in die Menschenmasse hinunter die zum größeren
Teile untätig gaffend dastand
    Ein stämmiger Maurer aus dem Dorfe kam emporgeklettert deckte die
Dachpfannen ab und bahnte sich so einen Pfad bis zum Firste empor Ihm reichte
Paul den Schlauch und glitt hinunter  innerlich verwundert dass er sich nicht
Arm und Bein gebrochen hatte
    Dann drang er in den Schuppen aus dem schon erstickender Rauch ihm
entgegenwirbelte
    »Wer kommt mit« schrie er
    Zwei Tagelöhner aus dem Dorfe meldeten sich
    »Vorwärts«
    Hinein in Qualm und Flammen gings
    »Hier ist die Deichsel  angefasst  rasch hinaus«
    Krachend und polternd schwankte die Lokomobile auf den Hof hinaus Hinter
ihr und ihren Rettern brach das Dach des Schuppens zusammen     
                           
    Der Morgen graute Der bläuliche Dämmerschein vermischte sich mit dem Rauch
der Trümmer aus denen die Flammen hie und da emporzuckten um sofort müde
zusammenzusinken
    Die Menge hatte sich verlaufen Unheimliche Stille lastete auf dem Hofe nur
von dem Brandplatz her kam ein leises Knirschen und Fauchen als ob die Flammen
vor dem Verlöschen noch einmal murmelnde Zwiesprache hielten
    »So« sagte Paul »jetzt wären wir so weit«
    Wohnhaus und Stall samt allem Lebendigen waren gerettet Scheune und
Schuppen lagen in Asche
    »Jetzt sind wir genauso arm wie wir vor zwanzig Jahren waren« meditierte
er indem er seine Wunden streichelte »und hätt ich mich nicht rumgetrieben
es wäre vielleicht alles ungeschehen geblieben«
    Als er die Laube betrat die die Haustür umrahmte fand er die Mutter mit
gefalteten Händen in einer Ecke zusammengekauert  Über ihre Wangen zogen sich
tiefe Rinnen und ihre Augen starrten ins Leere als sähe sie noch immer die
Flammen züngeln
    »Mutter« rief er angstvoll denn er fürchtete dass sie nicht fern von
Wahnsinn wäre
    Da nickte sie ein paarmal und meinte »Ja ja so gehts«
    »Es wird auch wieder bessergehen Mutter« rief er
    Sie sah ihn an und lächelte Es schnitt ihm ins Herz dieses Lächeln
    »Der Vater hat mich eben hinausgejagt« sagte sie »ich bitte dich herzlich
jag du mich nicht auch hinaus«
    »Mutter um Jesu willen red nicht so«
    »Sieh mal Paul ich bin wirklich nicht schuld daran« sagte sie und sah mit
flehendem Ausdruck zu ihm empor »ich gehe nie mit Licht in die Scheune«
    »Aber wer sagt denn das«
    »Der Vater sagt ich sei an allem schuld ich soll mich zum Teufel scheren
  Aber tu ihm nichts Paul« bat sie voll Angst als sie ihn auffahren sah
»pack ihn nicht wieder an er hat so große Schmerzen«
    »Der Doktor kommt in einer Stunde ich hab schon nach ihm geschickt«
    »Geh zum Vater Paul und tröst ihn  ich möchte ja selber gern aber mich
hat er hinausgejagt« und sich wieder zusammenkauernd murmelte sie vor sich
hin »rausgejagt hat er mich  rausgejagt«
 
                                       15
Unsagbares Elend war über den Heidehof hereingebrochen In dem Wohnzimmer lag
der Vater auf seinem Schmerzenslager und wimmerte und schalt und verfluchte die
Stunde seiner Geburt In weicheren Stunden ergriff er die Hand seines Weibes
bat sie tränenden Auges um Verzeihung dass er ihr Schicksal an sein verdorbenes
Leben gekettet und versprach sie in Zukunft reich und glücklich zu machen
Reich vor allem  reich
    Es war zu spät Seine milden Worte machten keinen Eindruck mehr auf sie ihr
angstgequältes Herz hörte aus ihnen heraus schon die Scheltreden grollen die
ihnen wie immer folgen mussten Mit welken Wangen und erloschenen Augen schlich
sie einher ohne je einen Laut der Klage von sich zu geben doppelt
erbarmenswert in ihrem Schweigen
    Aber mit ihr hatte niemand Erbarmen selbst Gott und das ewige Schicksal
nicht Sie wurde müder von Tag zu Tag auf ihrer bleichen blaugeäderten Stirn
schien bereits der Stempel des Todes zu brennen und das Glück das lebenslang
ersehnte war ferner denn je
    Der einzige der imstande gewesen wäre ihr beizustehen war Paul allein
der stahl sich wie ein Verbrecher um sie herum er wagte kaum ihr zum
Morgengruß die Hand zu reichen und wenn sie ihn ansah schlug er das Auge
nieder Wäre sie minder stumpf und grambeladen gewesen so hätte sie aus seinem
absonderlichen Gebaren irgendeinen Verdacht schöpfen müssen aber alles was sie
in ihrem Jammer empfand war nur dass sein Trost ihr fehlte
    Einmal in der Dämmerung als er wie gewöhnlich zur Feierstunde in dem
Schutt der Brandstelle herumwühlte ging sie ihm nach setzte sich neben ihn auf
das zerbröckelnde Fundament und versuchte ein Gespräch mit ihm zu beginnen aber
er wich ihr aus wie er auch sonst getan
    »Paul sei nicht so hart zu mir« bat sie da und ihre Augen füllten sich
mit Wasser
    »Ich tu dir ja nichts Mutter« sagte er und biss die Zähne zusammen
    »Paul du hast etwas gegen mich«
    »Nein Mutter«
    »Glaubst du ich sei schuld am Brande«
    Da schrie er laut auf umklammerte ihre Knie und weinte wie ein Kind doch
als sie sein Haar streicheln wollte die einzige Liebkosung die sonst zwischen
ihnen gang und gäbe gewesen da sprang er auf stieß sie zurück und rief »Rühr
mich nicht an Mutter  ich bins nicht wert«
    Darauf wandte er ihr den Rücken und schritt auf die Heide hinaus
    Seit dem Augenblick da er nach dem Brande zum erstenmal erwacht war hatte
sich eine fixe Idee seiner bemächtigt die ihn nicht mehr aus ihrem Banne ließ
die fixe Idee dass er er allein an allem die Schuld trüge
    »Hätt ich mich nicht rumgetrieben« so sagte er sich »hätt ich das Haus
bewacht wies meine Pflicht war das Unglück hätte nie und nimmer geschehen
können«
    All sein geheimes Sehnen erschien ihm nun wie ein Verbrechen das er am
Vaterhause begangen hatte
    Wie Jesus auf Getsemane so rang er mit seinem Herzen Sühne sind Vergebung
zu finden  Aber nirgends ließ die Angst ihm Ruhe Zu allen Stunden tanzten die
Flammen vor seinen Augen und wenn er sich abends zu Bette legte und beklommen
in das Dunkel starrte dann wars ihm als sähe er aus allen Ritzen feurige
Zungen sich ausstrecken als hüllten statt der Schatten der Nacht Wolken
schwarzen Qualms ihn ein
    Über den Urheber des Brandes hatte er sich noch keine Gedanken machen
können die Sorgen die aufs neue über ihn hereinbrachen waren zu groß als dass
er der Rache hätte Raum gönnen dürfen  Es fehlte am Nötigsten kaum das Geld
für den Apotheker ließ sich noch auftreiben Er sann und rechnete tags und
nachts und entwarf große Feldzugspläne die notwendigste Barschaft
herbeizuschaffen Auch an die Brüder schrieb er ob sie ihm vielleicht durch
ihren Einfluss gegen mäßige Zinsen ein paar hundert Taler besorgen könnten Sie
antworteten tieftraurig dass sie selbst so mit Schulden beladen wären dass sie
unmöglich noch auf Kredit rechnen dürften Gottfried der Lehrer hatte sich
zwar vor kurzem mit einer wohlhabenden jungen Dame verlobt und Paul war
überzeugt dass es ihm nicht schwerfallen könnte ihre Familie zur Darleihung
einer mäßigen Summe zu bewegen aber er hielt dafür dass die Würde seiner
Stellung durch eine solche Bitte leiden würde er müsse fürchten meinte er
sich bei seinem Schwiegervater zu kompromittieren wenn er ihm seine wahren
Verhältnisse vorzeitig enthüllte
    Ein Segen war es bei alledem dass die Rapsernte bereits verkauft und
abgeliefert war und dass die Kartoffeln zum größten Teile noch in der Erde
steckten  So ließ sich kleine Barschaften erzielen die zur Deckung der
dringendsten Aufgaben hinreichten Freilich wie an einen Wiederaufbau der
Scheune zu denken war 
    Inmitten der traurigen Trümmer von verkohlten Balken und zerfallenden
Mauern umgeben stand hochaufgerichtet mit ihrem russigen Leibe und ihrem
schlanken Halse die »schwarze Suse« das einzige Stück das  von ein paar
elenden Arbeitswagen abgesehen  aus dem Untergang gerettet worden war
    Die Zwillinge die in dieser trüben Zeit viel von ihrer Munterkeit verloren
hatten und nur in heimlichen Winkeln kosten und kicherten gingen scheu um sie
herum und als der Vater sich zum erstenmal von seinem Lager aufrichtete und das
schwarze Ungetüm durch das Fenster glotzen sah ballte er die Fäuste und schrie
»Warum hat man das Biest nicht verbrennen lassen«
    Paul aber schloss sie noch inniger in sein Herz »Jetzt wärs an der Zeit
dass du wieder lebendig würdest« sagte er zerrte an dem Rade und guckte in den
Kessel hinein er begann abends aus Lindenholz kleine Modelle zu schnitzeln und
eines Tages schrieb er an Gottfried »Schicke mir aus Eurer Schulbibliotek ein
paar Bücher über die Einrichtung von Dampfmaschinen Mir ist zumute als ob für
unser Vaterhaus viel davon abhinge«  Gottfried ließ sich vergeblich bitten
erstens widerstreite es seinen Prinzipien der Bibliothek Bücher zu entnehmen
die er nicht selber gebrauchte und zweitens würden sie Paul doch nichts nützen
da er in der teoretischen Physik nicht bewandert sei  Dann wandte er sich an
Max Der sandte ihm umgehend ein Zehnpfundpaket mit funkelnagelneuen Bänden
denen eine Rechnung von fünfzig Mark beilag Er beschloss die Bücher zu behalten
und die fünfzig Mark allgemach zusammenzusparen »Für die schwarze Suse ist
nichts zu teuer« meinte er
    Aber neue Unruhe sollte über ihn hereinbrechen
    Eines Vormittags kam ein Wagen auf den Hof gefahren in dem neben einem
Gendarmen zwei fremde Herren saßen von denen der eine ein behäbiger Vierziger
mit goldener Brille auf der Nase sich als Untersuchungsrichter vorstellte
    Paul erschrak denn er fühlte wohl dass er mancherlei zu verheimlichen
hatte
    Der Untersuchungsrichter besah zuerst die Brandstelle nahm eine Zeichnung
des Fundamentes auf und fragte wo Tore und Fenster sich befunden hatten dann
ließ er die Dienstboten zusammenrufen die er aufs genaueste befragte was sie
am Tage vorher und bis zu dem Augenblicke des Brandes getrieben hätten
    Paul stand bleich und zitternd daneben und als der Richter das Gesinde
entließ um ihn selber zu vernehmen war ihm zumute als sei der Weltuntergang
herangekommen
    »Sind Sie an dem Tage vor dem Brande in der Scheune gewesen« fragte der
Richter
    »Ja«
    »Rauchen Sie«
    »Nein«
    »Besinnen Sie sich dass Sie in irgendeiner Weise mit Feuer Streichhölzchen
und dergleichen hantierten«
    
    »O nein  ich bin viel zu vorsichtig dazu«
    »Wann waren Sie zuletzt in der Scheune«
    »Um acht Uhr abends«
    »Was taten Sie dort«
    »Ich hielt meinen allabendlichen Rundgang bevor ich die Tore verschliesse«
    »Verschliessen Sie die Tore eigenhändig«
    »Ja  stets«
    »Bemerkten Sie etwas an dem betreffenden Abend«
    »Nein«
    »Haben Sie niemanden in der Umgegend herumschleichen sehen«
    Wie ein Blitzstrahl fuhr es auf ihn nieder In diesem Augenblick erst
entsann er sich des Schattens den er beim Beginne des Brandes im Walde hatte
untertauchen sehen Aber das war ja nicht in der Umgegend Und tief aufatmend
erwiderte er »Nein«
    »So jetzt kommts« dachte er  die nächste Frage schon musste seine
nächtliche Wanderung ans Tageslicht ziehen musste das Geheimnis verraten das er
bisher im tiefsten Innern verschlossen gehalten hatte
    Aber nein Der Untersuchungsrichter brach plötzlich ab und sagte nach einer
kleinen Pause »Bis vor kurzem war ein Knecht namens Raudszus in Ihren
Diensten«
    »Ja« erwiderte er und starrte den Richter mit großen Augen an Also
Raudszus wars auf den der Verdacht sich lenkte
    »Weshalb haben Sie ihn entlassen«
    Er erzählte ausführlich jenen schrecklichen Vorgang gab aber wohl darauf
acht dass die Szene mit Douglas die ihm vorangegangen so viel als möglich im
dunkeln blieb Nun die erste Gefahr abgeschlagen war hatte er seine Ruhe
wiedergefunden
    Der Protokollführer machte sich eifrig Notizen und der Untersuchungsrichter
zog die Brauen in die Höhe als wär er bereits völlig im klaren Als Paul
geendet hatte gab er dem Gendarmen einen Wink der schweigend kehrtmachte und
auf dem Wege nach Helenental von dannen ging
    »Jetzt zu Ihrem Herrn Vater« sagte der Richter »Ist er in einem Zustande
um vernommen zu werden«
    »Lassen Sie mich nachsehen« erwiderte Paul und ging in die Krankenstube
    Er fand den Vater hochaufgerichtet im Bette sitzen sein Auge blitzte und
auf seinen Zügen lag der Schimmer mühsam unterdrückter Wut
    »Lass sie nur kommen« rief er Paul entgegen »es ist zwar alles Firlefanz 
an den Wahren wagen sie sich ja doch nicht aber lass sie nur kommen«
    Auch er erzählte dem Untersuchungsrichter die Szene des Kampfes aber das
gerade was Paul schamhaft verschwiegen hatte den Streit mit Douglas und das
Hetzen des Hundes das kramte er mit grosssprecherischer Geschwätzigkeit vor den
Fremden aus Der Richter kratzte sich bedenklich den Kopf und sein Schreiber
notierte eifrig
    Als Meihöfer bis zu dem Momente kam in dem er das Eingreifen seines Sohnes
hätte schildern müssen schwieg er stille Aus seinem Auge schoss auf ihn ein
Strahl in dem jäh hervorbrechend ein Feuer von Trotz und Ingrimm loderte
    »Und was weiter« fragte der Richter
    »Ich bin ein alter Mann« murmelte er zwischen den Zähnen »zwingen Sie mich
nicht meine eigene Schande zu gestehen«
    Der Richter wars zufrieden Als er den Alten fragte ob sein Verdacht sich
nicht schon vorher auf Michel Raudszus gelenkt hätte da lachte er gar
geheimnisvoll in sich hinein und raunte »Die Hand die elende Hand mag er wohl
hergegeben haben aber«  er stockte 
    »Aber«
    »Schade Herr Richter dass die Gerechtigkeit eine Binde vor den Augen
trägt« antwortete er mit höhnischem Lachen  »ich habe nichts weiter zu sagen«

    Richter und Protokollführer sahen sich kopfschüttelnd an dann wurde das
Verhör geschlossen
    »Wird Michel Raudszus verhaftet werden« fragte Paul die Herren ehe sie den
Wagen bestiegen
    »Er ist es hoffentlich bereits« antwortete der Richter »Er hat im Rausche
allerhand verdächtige Äußerungen getan und was wir von Ihnen erfahren haben
ist mehr als ausreichend die Untersuchung gegen ihn einzuleiten Freilich wird
sich noch manches aufzuklären haben«
    Damit fuhren sie von dannen
    Lange starrte Paul dem Wagen nach
    Die letzten Worte des Richters hatten die Angst aufs neue in ihm erweckt
und während die Wochen verflossen und die Voruntersuchung ihre Wege ging saß er
bangend und zitternd daheim nicht viel anders als wenn der Richterspruch ihn
und ihn allein zerschmettern würde
    Paul samt der Mutter und den Schwestern erhielten eine Vorladung zum
Schwurgerichte nur dem Vater war es freigestellt daheim zum letztenmal verhört
und vereidigt zu werden Aber er erklärte dass er lieber im Gerichtssaal tot
zusammensinken wolle als dass er zu Hause säße während man den Vernichter
seiner Habe frei auslaufen ließe Wen er mit diesen Redensarten meinte ließ er
im unklaren nur dass es der angeklagte Knecht nicht war gab er deutlich genug
zu erkennen   
    Der Tag der Verhandlung kam heran Paul hatte für den Vater einen Tragestuhl
gezimmert der ihm jeglichen Schritt ersparte In ihm wurde er auf den Wagen
gehoben und weich in dem Heulager gebettet
    Es war eine gar elende Klapperfuhre die die Familie Meihöfer nach der Stadt
hinführte denn die besseren Wagen waren samt und sonders verbrannt Die Leitern
hatte Paul fortnehmen lassen und statt ihrer einen hölzernen Kasten
hineingebaut über die Strohbündel die als Sitze dienten hatte er alte
Pferdedecken gebreitet die die Jahre zerfetzt und entfärbt hatten Inmitten
dieser Dürftigkeit lag der Herr ächzend und schimpfend am Boden sein Weib
tronte obenauf bleich und elend und vergrämt als wäre sie der Genius dieses
Verfalles die ewig blühende Jugend die selbst auf dem Schutte gedeiht sie
lachte aus zwei schelmischen Augenpaaren zwischendrein und vornauf als der
Lenker dieses traurigen Vehikels saß Paul und schaute bekümmert vor sich
nieder denn er schämte sich dass er den Seinen die er zum erstenmal all
insgesamt in die Weite hinauskutschierte keine stolzere Karosse bieten konnte
    Auf der falben Heide lagen die müden Strahlen der Novembersonne struppig
reckten sich die Erikabüschel zwischen gelben dünnen Gräsern hie und da
schimmerten Lachen von Regenwasser und von den Krüppelweiden des Weges hingen
wie tote Sommervögel vereinzelte Blättlein
    »Weißt du noch wie wir vor einundzwanzig Jahren denselben Weg fuhren«
sagte Frau Elsbeth zu ihrem Manne und warf einen Blick auf Paul den sie damals
an der Brust gehalten hatte
    Meihöfer murrte etwas in sich hinein denn er war kein Freund von
Erinnerungen von solchen Erinnerungen Frau Elsbeth aber faltete die Hände und
dachte allerhand es musste nichts Trauriges sein denn sie lächelte dabei
    Je mehr der Wagen sich dem Ziele näherte desto beklommener ward es Paul
zumute Er reckte sich auf seinem Sitze und durch seine Glieder jagte ein
Frösteln nach dem andern
    Mit unheimlicher Klarheit stand die wilde Brandnacht vor seinen Augen und
inmitten jener Angst vor fremden Menschen zu stehen und zu sprechen überkam es
ihn wie ein Gefühl des Glücks wenn er dessen gedachte wie er in Qualm und
Flammen hoch auf dem steilen Dache aus gehandelt und geherrscht hatte als der
einzige dem alle gehorchten der einzige der inmitten der Wirrnis bei klarem
Kopfe geblieben war »Vielleicht kann ich doch meinen Mann stehen wenns darauf
ankommt« sagte er sich tröstend aber um so tiefer versank er darauf im
Anschauen seiner trübseligen gedrückten kraft und saftlosen Existenz  »Es
wird nie anders  es kann nur schlimmer werden von Jahr zu Jahr«  sagte er
sich da hörte er hinter sich die Mutter seufzen und was er soeben gedacht
hatte erschien ihm als schnöde herzlose Selbstsucht
    »Auf mich kommts nicht an« murmelte er  da fuhr der Wagen durch das
Stadttor
    Vor dem roten Gerichtsgebäude mit den hohen Steintreppen und den gewölbten
Fenstern hielt der Wagen Nicht fern davon stand eine wohlbekannte Chaise und
der Kutscher auf dem Bock trug an seiner Mütze noch dieselbe Troddel die Paul
einstmals da er Konfirmand war so sehr imponiert hatte
    Als der Vater aufgerichtet wurde fiel sie auch ihm in die Augen »Na der
Lump ist ja auch da« rief er »will doch sehen ob er meinen Blick wird
ertragen können«
    Darauf trug ihn Paul mit Hilfe eines Gerichtsdieners die Stufen hinan bis in
das Zeugenzimmer Die Mutter und die Schwestern gingen hintendrein und die
Leute blieben stehen und besahen sich die trübselige Prozession
    Das Wartezimmer der Zeugen war voll von Menschen meistens Angehörige von
Helenental In einem Winkel stand ein Häuflein Bettelvolk ein Weib mit einem
aufgedunsenen Gesicht um den Leib ein rotbuntes Laken gebunden in dem ein
Säugling schlief An den Falten ihres Rockes hing eine kleine Schar zerlumpter
Kinder die sich die Köpfe kratzten und einander heimliche Rippenstösse gaben
Das war die Familie des Angeklagten die aussagen wollte dass der Vater in jener
Nacht daheim gewesen sei
    Meihöfer dehnte und streckte sich in seinem Stuhle und warf herausfordernde
Blicke um sich Er erschien sich heute mehr denn je als ein großer Mann ein
Held und ein Märtyrer zugleich
    Die Tür öffnete sich und Douglas samt Elsbeth erschienen auf der Schwelle
    Meihöfer warf ihm einen giftigen Blick zu und lachte dann höhnisch in sich
hinein Douglas achtete nicht auf ihn sondern setzte sich in die
entgegengesetzte Ecke Elsbeth mit sich ziehend Sie sah bleich und angegriffen
aus und hatte ein schüchternes ängstliches Wesen das von der fremden
unbehaglichen Umgebung herrühren mochte
    Sie nickte mit einem flüchtigen Lächeln nach der Mutter und den Schwestern
herüber und sah Paul mit einem sinnenden Blicke an der etwas zu fragen schien
    Er schlug die Augen nieder denn er konnte den Blick nicht ertragen  Die
Mutter machte eine Bewegung zu ihr hinüber zu gehen aber Meihöfer ergriff sie
beim Rocke und sagte lauter als es wohl nötig gewesen wäre »Dass du dich
unterstehst«
    Paul war wie gelähmt Seine Knie bebten auf seiner Stirn lastete ein
dumpfer Druck der ihm jeglichen Gedanken benahm
    »Du wirst ihr Schande bringen« murmelte er immerfort vor sich hin aber
ohne zu wissen was er sagte
    Drinnen im Schwurgerichtssaale begann das Zeugenverhör Einer nach dem
andern wurde aufgerufen
    Zuerst kamen die Tagelöhner an die Reihe dann der Wirt in dessen Schenke
Raudszus die Äußerungen getan dann das zerlumpte Häuflein aus dem Winkel  Das
Zimmer fing an sich zu leeren  Hierauf wurde der Name des Herrn Douglas
genannt Er murmelte seiner Tochter ein paar Worte ins Ohr die auf die
Meihöfers Bezug haben mussten und ging mit seinen breiten Schritten von dannen
    Die Hände auf dem Schoße gefaltet saß sie nun einsam an der Wand Eine
tiefe Röte der Erregung entflammte ihren Wangen Gar lieblich und beklommen
schaute sie drein und ihr schlichtes wahrhaftes Wesen malte sich in jedem
ihrer Züge
    Die Mutter ließ keinen Blick von ihr und bisweilen sah sie zu Paul hinüber
und lächelte dabei wie im Traume
    Eine Viertelstunde verrann dann wurde auch Elsbets Name gerufen Sie warf
noch einen freundlichen Blick zur Mutter hin dann verschwand sie in der Tür
Ihr Verhör währte nicht lange  »Herr Meihöfer senior« rief der Diener vom
Saale her und sprang herzu um Paul beim Tragen des Stuhles behilflich zu sein
    Der Alte prustete und blies die Backen dann wieder lehnte er sich mit
mannhaft leisem Ächzen nach hintenüber innerlich hocherfreut eine so
effektvolle Rolle spielen zu dürfen
    Der weite Schwurgerichtssaal verschwamm vor Pauls Augen in einem rötlichen
Nebel undeutlich sah er dichtgedrängte Gesichter auf sich oder den Vater
niederstarren dann musste er den Saal aufs neue verlassen
    Die Schwestern die bis dahin neugierig um sich geschaut hatten fingen an
sich zu fürchten Um die Angst zu betäuben aßen sie die mitgebrachten
Butterbrote Paul sprach ihnen Mut zu und lehnte die Wurst ab die sie ihm
großmütig boten
    Die Mutter hatte sich in einen Winkel zurückgezogen zitterte leise und
meinte von Zeit zu Zeit »Was mögen sie aber von mir wollen«
    »Herr Meihöfer junior« hallte es von der Tür
    Im nächsten Augenblicke stand er in dem hohen menschengefüllten Raume vor
einem erhöhten Tische an dem etliche Männer mit strengen und ernsten Gesichtern
saßen nur einer der ein wenig abseits Platz genommen hatte lächelte immer
Das war der Staatsanwalt vor dem alle Welt sich fürchtete Auf der rechten
Seite des Saales saß gleichfalls auf erhöhten Plätzen ein Häuflein würdiger
Bürger die sehr gelangweilt dreinschauten und sich mit Federmessern
Papierschnitzel usw die Zeit zu vertreiben suchten Das waren die Geschworenen
Auf der linken Seite saß in einer verschlossenen Bank der Angeklagte Er äugelte
mit dem Zuschauerraum und machte ein Gesicht als ob die Sache jeden andern
anginge nur nicht ihn So freundlich hatte Paul den finsteren Kerl noch nie
gesehen
    »Sie heißen Paul Meihöfer sind geboren dann und dann evangelisch« und so
weiter fragte der mittelste der Richter ein Mann mit einem ganz
kurzgeschorenen Kopfe und einer scharfkantigen Nase indem er die Daten aus
einem großen Hefte ablas Er tat das in einem gemütlichen Murmeltone aber
plötzlich wurde seine Stimme scharf und schneidig wie ein Messer und seine
Augen schossen Blitze auf Paul hernieder
    »Vor Ihrer Vernehmung Herr Paul Meihöfer mache ich Sie darauf aufmerksam
dass Sie Ihre Aussage hernach mit einem Eide beschwören müssen«
    Paul erschauerte Wie ein Stich war das Wort »Eid« durch seine Seele
gefahren Ihm war zumute als müsste er niederstürzen und sein Angesicht vor all
den Späheraugen verbergen die auf ihn niederstarrten
    Und dann fühlte er allgemach eine merkwürdige Veränderung in sich vorgehen
Die glotzenden Augen verschwanden  der Saal tauchte sich in Nebel und je
länger des Richters klare scharfe Stimme auf ihn einsprach je eindringlicher
er sich mit himmlischen und irdischen Strafen bedrohen hörte desto mehr war ihm
zumute als sei er ganz allein mit jenem Manne in dem weiten Saale und all sein
Sinnen richtete sich darauf ihm so zu antworten dass Elsbeth aus dem Spiele
blieb »Jetzt gilts  jetzt zeig dich als Mann« rief es in ihm Es war ein
ähnliches Gefühl wie damals als er oben auf dem Dache gesessen hatte sein
Geist verschärfte sich und der dumpfe Druck der allezeit auf ihm lastete sank
von ihm ab als löste man Ketten mit denen er gefesselt gewesen
    Er erzählte mit ruhigen klaren Worten was er von dem Angeklagten wusste
und schilderte sein Wesen auch dass er sich ihm innerlich verwandt gefühlt
hatte gab er an
    Als er das sagte ging ein Murmeln durch den Saal die Geschworenen ließ
die Papierschnitzel sinken und zwei oder drei Federmesser klappten geräuschvoll
zu
    »Was geschah als Herr Douglas mit Ihrem Vater zusammengeraten war« fragte
der Präsident
    »Das kann ich nicht sagen« erwiderte er mit fester Stimme
    »Weshalb nicht«
    »Ich müsste Übles von meinem Vater sprechen« antwortete er
    »Was heißt das Übles« fragte der Präsident »Wollen Sie damit sagen dass
Sie fürchten Ihren Vater einer strafrechtlichen Verfolgung auszusetzen«
    »Ja« erwiderte er leise
    Wiederum ging das Murmeln durch den Saal und hinter seinem Rücken hörte er
knirschend die Stimme seines Vaters »Der ungeratene Schlingel« Doch ließ er
sich dadurch nicht irre machen
    »Das Gesetz gestattet Ihnen in solchem Falle die Aussage zu verweigern«
fuhr der Präsident fort »Wie aber geschah es dass Ihr Vater sich gegen Raudszus
wandte«
    Ohne Stocken erzählte er den Vorgang nur als er beichten musste wie er
seinen Vater ins Haus getragen bebte seine Stimme und er wandte sich um als
wollte er ihn um Verzeihung anflehen
    Der Alte hatte die Fäuste geballt und seine Zähne schlugen aufeinander Er
musste erleben dass sein eigener Sohn die Glorie des Helden von seinem Haupte
riss
    »Und nachdem Sie den Knecht entlassen sahen und hörten Sie nichts mehr von
ihm« fragte der Präsident
    »Nein «
    »Als sie in jener Brandnacht erwachten was sahen Sie da zuerst«
    Langes Schweigen Paul griff mit beiden Händen nach der Stirn und taumelte
zwei Schritte zurück
    Eine Bewegung des Mitleids ging durch den Saal Man glaubte nicht anders
als dass die Erinnerung an den fürchterlichen Augenblick ihn übermannte
    Das Schweigen dauerte fort
    »So antworten Sie doch«
    »Ich  schlief  nicht«
    »Sie waren also noch wach  Befanden Sie sich in Ihrem Schlafzimmer als
Sie den ersten Feuerschein gewahrten«
    »Nein«
    »Wo waren Sie«
    Lange Pause Man hätte ein Blatt zur Erde fallen hören so still war es im
Saale
    »Sie waren nicht in Ihrem Heimatause«
    »Nein«
    »Also wo«
    »Im  Garten  von  Helenental«
    Ein dumpfes Geräusch erhob sich das sich zum Tumulte steigerte als der
alte Douglas der von seinem Sitz aufgesprungen war mit dröhnender Stimme in
den Saal hineinrief »Was hatten Sie da zu suchen« Der alte Meihöfer stieß
einen Fluch aus Elsbeth entfärbte sich und sank mit dem Kopfe schwer gegen die
Lehne der Bank
    Der Präsident ergriff die Klingel
    »Ich ersuche den Zeugen um Ruhe« sprach er »ich selbst stelle die Fragen
Bei nochmaliger Störung lasse ich Sie aus dem Saale entfernen  Also Herr Paul
Meihöfer was wollten Sie im Garten von Helenental«
    In demselben Augenblick erhob sich im Hintergrunde ein neues Gemurmel und
im Zeugenraume bildete sich eine Gruppe um Elsbeth
    »Was gibts da« fragte der Präsident
    Der Staatsanwalt dessen Auge kein Stäubchen im ganzen Saal entgangen war
neigte sich zu ihm herüber und flüsterte mit vielsagendem Lächeln »Die Zeugin
ist in Ohnmacht gefallen«
    Da lächelte auch der Präsident und das ganze Richterkollegium lächelte
    Elsbeth verließ von ihrem Vater unterstützt den Saal 
    Nun erhob sich ein kleiner Mann mit einem scharfgeschnittenen Gesicht der
vor dem Angeklagten saß und während der ganzen Zeit mit einem Schlüsselbunde
gespielt hatte und sagte »Ich ersuche den Herrn Präsidenten die Verhandlung
auf fünf Minuten zu vertagen da die Gegenwart der mitbeteiligten Zeugin von
Wichtigkeit ist«
    Paul warf diesem Manne einen scheuen Blick zu Die Verhandlung wurde
vertagt
    Die fünf Minuten waren eine Ewigkeit Paul durfte sich auf die Zeugenbank
niedersetzen Der Vater sah ihn unverwandt mit wütenden Augen an aber er gab
ihm kein Zeichen dass er ihn sprechen wolle
    Elsbeth wurde in den Saal geführt blass wie eine Leiche und Paul trat aufs
neue vor die Schranken
    »Ich ermahne Sie nochmals« begann der Präsident »sich in allen Stücken
genau an die Wahrheit zu halten denn Sie wissen dass jedes Wort Ihrer Aussage
unter den Zeugeneid fällt«
    »Ich weiß es« sagte Paul
    »Jedoch haben Sie wie Sie wissen das Recht die Aussage zu verweigern
wenn Sie glauben befürchten zu müssen dass sie Ihnen oder einem Angehörigen eine
Strafe zuziehen dürfte Wollen und können Sie wie vorhin auch jetzt von diesem
Rechte Gebrauch machen«
    »Nein«
    Er sprach es mit fester klarer Stimme denn in ihm war die Gewissheit
aufgegangen dass Elsbets Ehre rettungslos verfallen war wenn er jetzt schwieg
    »Aber wenn mein Eid ein Meineid wird« hallte es hinterher aus seinem
Gewissen nach Es war zu spät
    »Also  was wollten Sie in dem Garten« fragte der Präsident
    »Ich wollte  gutmachen was in meinem Vaterhaus an Douglas verschuldet
war«
    Ein Murmeln der Enttäuschung und des Unglaubens ging durch den Saal
    »Und dazu schlichen Sie in dem fremden Garten umher«
    »Ich hatte das Verlangen irgend jemanden zu treffen dem ich Abbitte hätte
leisten können«
    »Und hierzu suchten Sie sich die Nachtzeit aus«
    »Ich konnte nicht schlafen«
    »Und Sie wurden von Ihrer Unruhe dorthin getrieben«
    »Ja«
    »Trafen Sie jemanden in dem Garten«
    »Nein«
    »Waren Sie schon früher einmal zu derselben Stunde dort gewesen«
    Lange Pause dann ging ein abermaliges »Nein« doch diesmal leise und
zögernd gleichsam dem Gewissen abgerungen aus seinem Munde 
    Die Spannung die auf den Gemütern lastete begann sich zu lösen der
Präsident blätterte in seinen Akten und Elsbeth starrte mit großen glanzlosen
Augen zu ihm herüber
    »Wo befanden Sie sich als Sie den Feuerschein zuerst bemerkten«
    »Etwa zwanzig Schritt von dem Helenentaler Wohnhaus entfernt«
    »Und was taten Sie alsdann«
    »Ich war sehr erschrocken und eilte sofort nach dem Heimatof zurück«
    »Auf welchem Wege verließen Sie den Garten«
    »Über den Gartenzaun«
    »Sie öffneten also nicht die Tür welche vom Garten nach dem Hofe führt«
    »Nein«
    »Und schritten nicht an dem Giebel vorbei«
    »Nein«
    Eine neue Unruhe machte sich im Saale bemerkbar Der kleine Mann mit dem
Schlüsselbunde erhob sich und sagte »Ich bitte den Herrn Präsidenten Fräulein
Douglas noch einmal über das zu verhören was sie in jener Nacht gehört haben
will«
    »Fräulein Douglas ich bitte« sagte der Präsident
    Mit einem langen Blick auf Paul trat sie vor Dicht nebeneinander standen
sie nun in dem weiten menschengefüllten Saale als ob sie zusammengehörten
    »Wohin verliefen sich die Schritte die Sie hörten als der Feuerschein Sie
weckte«
    »Nach dem Hofe zu« erwiderte sie leise kaum vernehmbar
    »Und hörten Sie deutlich die Klinke der Gartentür klappen«
    »Ja«
    »Bedenken Sie wohl ob Sie sich nicht getäuscht haben können«
    »Ich habe mich nicht getäuscht« erwiderte sie leise doch bestimmt
    »Ich danke Sie können sich setzen«
    Mit unsicheren Schritten ging sie auf ihren Platz zurück Seit jenem
verhängnisvollen »Nein« hing ihr Blick an Paul wie festgebannt Sie schien alles
andere darüber vergessen zu haben
    »Als Sie den Gartenzaun überschritten hatten welchen Weg schlugen Sie dann
ein« fragte der Präsident weiter zu Paul gewandt
    »Über die Heide«
    »Berührten Sie den Wald«
    »Nein  ich lief etwa zwei bis dreihundert Schritt weit davon vorüber«
    »Begegneten Sie auf Ihrem Wege jemandem«
    »Ich sah einen Schatten der sich dem Walde zu bewegte und bei meinem Kommen
plötzlich verschwunden war«
    Eine lang anhaltende Bewegung ging durch den Raum der Angeklagte verfärbte
sich und sein Auge nahm einen starren glotzenden Ausdruck an  Der
Staatsanwalt ließ keinen Blick von ihm
    Noch ein paar Nebenfragen dann durfte Paul sich setzen
    Die Mutter und die Schwestern wurden gerufen aber was sie auszusagen
hatten war ohne Belang Die Schwestern schauten neugierig beinahe keck in die
Runde Die Mutter weinte als sie den Augenblick des Erwachens erzählen musste
    Paul fühlte sich stolz und glücklich darüber dass Elsbeth nicht durch ihn
verraten worden Er schaute lächelnd vor sich nieder und freute sich seines
Mutes Doch als die Zeugen zur Vereidigung vorgerufen wurden und er die Hand
erheben sollte da war es ihm als hinge eine Zentnerlast daran als riefe eine
leise traurige Stimme ihm ins Ohr »Schwöre nicht«
    Und er schwor
    Als er sich auf den Platz gesetzt hatte sagte die Stimme aufs neue »Hast
du vielleicht gar einen Meineid geschworen«  Unwillkürlich erhob er das Haupt
Da wars ihm als huschte ein grauer Schatten an ihm vorüber und streifte mit
leisem Hauche seine Stirn
    Trotzig runzelte er die Brauen »Und wenn ich selbst falsch geschworen
geschah es nicht für sie« Für einen Augenblick erfüllte eine wilde Freude seine
Seele bei diesem Gedanken aber schon im nächsten legte es sich mit dumpfem
Drucke auf seine Brust und presste ihm die Kehle zu und schnürte ihm Hände und
Füße so dass ihm zumute ward als könnte er sich fürder nicht mehr bewegen
    Er hörte die eintönige Stimme der Redner die ihre Plaidoyers begannen aber
er achtete nicht darauf  Einmal nur fuhr er empor als der Verteidiger mit
seinem Schlüsselbund auf ihn wies und mit seiner dünnen keifenden Stimme durch
den Saal rief »Und dieser Zeuge da meine Herren Geschworenen der sich nachts
in höchst geheimnisvoller Weise in fremden Gärten umhertreibt und allerhand
psychologisch gekünstelte Ausflüchte sucht um die zarten Motive seines
nächtlichen Abenteuers zu bemänteln dürfen Sie ihm Glauben schenken wenn er
angibt er habe plötzlich Schatten auftauchen und verschwinden sehen 
Schatten die glimpflich gesprochen nur seinem überhjetzten Hirne entstammen
können  Was wollte er in dem Garten meine Herren Geschworenen Ich überlasse
es Ihrem Scharfsinn und Ihrer Lebenskenntnis sich diese Fragen selber zu
beantworten und was den Zeugen anbelangt so ist es seine Sache seinen Eid und
sein Gewissen zu befreunden«
    Da sank er vollends zusammen 
    Die Geschworenen sprachen ihr »schuldig« Michel Raudszus wurde zu fünf
Jahren Zuchthaus verurteilt
    In demselben Augenblicke in dem der Präsident den Spruch des Gerichtshofes
verkündete hallte ein höhnisches Gelächter durch den Saal  Es kam aus dem
Munde Meihöfers Er hatte sich in seinem Stuhle aufgerichtet und streckte die
gekrümmten Hände nach Douglas aus als wollte er ihm an den Hals
    Als er hinausgetragen wurde rief er in einem fort »Die kleinen
Brandstifter hängt man die großen lässt man laufen«
    Unheimlich dröhnte das Gelächter des hilflosen Mannes durch die weiten
Korridore   
 
                                       16
Der Winter kam und verging  Die Heide schneite ein und grünte wieder  Die
Ranunkeln hoben ihre goldigen Häupter  der Wacholder trieb seine zarten
Sprossen und vom blauen Himmel herab tönte Lerchengewirbel
    Nur in dem düsteren Heidehaus wollte es noch immer nicht Frühling werden
Wohl hatte Paul es möglich gemacht das Korn zur Aussaat zu beschaffen auch
erhob sich bereits ein hölzerner Bau auf der Trümmerstätte aber die Hoffnung
auf bessere Zeiten war immer noch nicht eingekehrt Dumpf und freudlos tat er
seine Pflicht und tiefer und tiefer gruben sich die Furchen in seine Stirn
Mehr denn je grübelte er in sich hinein und die Sorge einen Meineid geleistet
zu haben lastete schwer auf ihm
    Wohl Monate vergingen ehe er sich klar wurde dass sein Grämen nichts weiter
war als müßige Tüftelei die seinem verängstigten wortklauberischen Sinne
entsprungen war Er überlegte sich genau die Frage die der Präsident an ihn
gerichtet hatte und fand dass er nicht anders hätte antworten können Es war ja
in der Tat das erstemal gewesen dass er in den fremden Garten gedrungen war Was
einst in einer wonnigen Mondnacht diesseits des Zaunes geschehen was ging das
die Herren vom Gerichte an
    »Nein ein Meineidiger bin ich nicht« sprach er zu sich »ich bin nur ein
Feigling ein Pinsel der vor dem bloßen Schatten einer Tat zurückschreckt
Hätte ich nicht stolz und freudig den falschen Eid schwören müssen um Elsbets
willen Dann wäre ich doch etwas dann hätte ich doch irgendwas getan während
ich nun stumpf und mutlos dahinlebe ein Knecht und weiter nichts«
    Und in dem Hirne dieses Musterknaben stieg der glühende Wunsch auf ein
großer Verbrecher zu sein nur weil es ihn drängte sein »Ich« zu bestätigen
Die beiden Stunden da er auf dem Dach und vor den Schranken gestanden galten
ihm jetzt als der Inbegriff irdischer Glückseligkeit und je mehr er arbeitete
und schuf desto träger und nutzloser erschien er sich nun
    Der Vater war noch immer an seinen Tragestuhl gefesselt den er allem
Anschein nach nicht mehr verlassen sollte denn das gebrochene Bein war schlecht
geheilt Mürrisch und müßig saß er in seinem Winkel blätterte stumpfsinnig in
einem alten Kalender und schalt auf jeden der ihm in den Weg kam Nur vor Paul
hegte er eine Art widerwilligen Respektes er grollte in sich hinein sobald er
ihn sah wagte aber nicht mehr ihm offen zu widersprechen
    Und die Mutter
    Ein wenig müder war sie geworden ein wenig stiller noch sonst war wenig
Veränderung an ihr wahrzunehmen wer aber schärfer hinhörte der vernahm in den
Lüften ein Rauschen als flöge ein Geier über dem Heidehause hin und her und
zöge enger und enger seine Kreise um sich eines Tages auf seinen Raub
herabzustürzen
    Sie selbst hörte das Rauschen wohl sie wusste auch was es bedeutete aber
sie schwieg wie sie ihr Lebtag geschwiegen hatte
    Und das Glück war noch immer nicht gekommen 
    Zu Anfang April legte sie sich nieder »Allgemeine Schwäche« konstatierte
der Arzt und empfahl ihr den Besuch eines Stahlbades Sie lächelte und bat ihn
zu niemandem von dem Stahlbade zu reden denn sie wusste dass Paul sich
zuschanden arbeiten würde um ihr die Kur zu ermöglichen
    Die Kur die doch nichts half Sie wusste wohl was ihr fehlte der
Sonnenschein Zu dicht hatte Frau Sorge den düsteren Schleier um sie gebreitet
als dass ein Strahl noch in ihre Seele hätte dringen können
    Den Zwillingen oblag nun die Sorge um die Wirtschaft Und flink ging ihnen
die Arbeit vonstatten das musste selbst Paul gestehen Wenn sie etwas
zerschlagen hatten lachten sie und wenn ihnen ein Spaziergang verwehrt wurde
weinten sie aber das Weinen schlug bald wieder in Lachen um und der Tisch war
nie so prompt bestellt das Milchgeräte nie so blitzend blank gewesen
    Die Mutter sah das wohl von ihrem Fenster aus und sagte »Es ist gut dass
ich von dannen gehe  ich war auch zu nichts mehr nütze auf der Welt«
    Um die Pfingstzeit begann ihr der Schlaf zu fehlen auch Fieber stellte sich
ein 
    »Ach wie ist das Chinin so teuer« seufzte Paul wenn der Knecht in die
Apotheke ritt und schaute hilfesuchend auf die »schwarze Suse« aber die rührte
sich nicht Oft mussten die Ackerarbeiten eingestellt werden damit durch den
Torfstich ein paar Groschen in die Wirtschaft kämen
    Die Mutter fing an an Beängstigungen zu leiden und wünschte dringend dass
jemand nächtlich bei ihr wache Die Zwillinge aber die sich tagsüber müde
gearbeitet hatten schliefen abends an der Seite der Kranken ein und sanken wohl
quer über ihrem Bette so dass die alte schwache Frau oft noch die blühende Last
der jungen Leiber zu tragen hatte
    Paul schickte die Schwestern zur Ruhe und übernahm selber das Wachamt
    »Geh schlafen mein Sohn« sagte die Mutter »du brauchst von uns allen die
Rast am nötigsten«
    Aber er blieb  und in den Maiennächten wenn draußen im Garten die Blüten
flüsterten und der Fliederduft durch die Ritzen quoll saßen die beiden oft
stundenlang Hand in Hand und sahen sich an als ob sie sich wunder was zu sagen
hätten So war es schon immer zwischen Mutter und Sohn gewesen Die Fülle ihrer
Liebe suchte nach Worten aber die Sorge hatte ihnen die Sprache geraubt
    Morgens wenn die Sonne aufgegangen war tauchte er den Kopf in eiskaltes
Wasser und ging an die Arbeit 
    Seine Gegenwart gab der Mutter soweit den Frieden dass sie dann und wann zu
schlafen vermochte Alsdann schlich er sich auf Zehenspitzen in seine Kammer und
holte die physikalischen Bücher herunter in denen so gelehrt und unverständlich
die Konstruktion der Dampfmaschinen beschrieben war Sein Kopf müde vom vielen
Wachen und jeder Geistesarbeit entwöhnt erfasste nur schwer den Sinn der dunklen
Worte  aber  er hatte ja Zeit und unentwegt arbeitete er fort Seite um
Seite wie wenn ein Ackersmann ein steiniges Brachfeld pflügt
    Schlug die Mutter die Augen auf so fragte sie »Wie weit bist du mein
Sohn«
    Und dann musste er ihr erzählen und sie tat so als verstände sie etwas
davon
    Fragte sie aber »Und wozu tust du das« dann machte er ein schlaues
Gesicht und sagte »Ich lerne Goldmachen«
    »Mein armer Junge« erwiderte sie und streichelte seine Hand
    Eine Nacht wars  gleich nach den Pfingstfeiertagen  da konnte sie wieder
nicht einschlafen
    »Lies mir aus den gelehrten Büchern vor« sagte sie »die sind so hübsch
langweilig Vielleicht fallen mir dabei die Augen zu«
    Und er tat wie sie geheißen aber als er wohl eine Stunde gelesen hatte
bemerkte er dass sie ihn mit großen fieberglänzenden Augen anstarrte und dem
Einschlafen ferner war als je
    »Also daraus willst du Gold machen« fragte sie
    »Ja Mutter« erwiderte er betreten denn die Wiederkehr des Fiebers
ängstigte ihn
    »Wie willst du das anfangen«
    »Du wirst schon sehen« sagte er wie gewöhnlich
    Aber diesmal ließ sie sich nicht abtrösten »Sags mir lieber mein Junge«
bat sie »sags mir gleich  Wer weiß was geschieht  Ich möchte
wenigstens ne Kleinigkeit für mich zum Trösten haben bevor ich einschlafe«
    »Mutter« rief er erschrocken
    »Sei ruhig mein Junge« sagte sie »was liegt daran Aber erzähl mir 
erzähl« Sie bat wie in aufsteigender Angst als könnte es in der nächsten
Minute zu spät sein
    Mit stockendem Atem und wirren Worten sprach er von dem was ihm
vorschwebte wie er die »schwarze Suse« zum Leben erwecken wollte so dass das
Moor ausgeschöpft werden könnte bis in seine tiefsten Tiefen  aber mitten im
Reden überwältigte ihn die Angst er stürzte schluchzend vor dem Bette auf die
Knie und verbarg das Gesicht an ihrer Brust
    Sie hieß ihn sich aufrichten und sagte »Es ist nicht recht von mir dass ich
dich bange gemacht habe So Gott will kann ja noch alles anders kommen  Was
du mir da sagst hat mir große Freude bereitet  Ich weiß wenn du was in die
Hand nimmst lässt dus so bald nicht fallen Ich wünschte nur ich könnts noch
erleben«
    So sprach sie ihm leise und unbemerklich wieder Mut ein da sie für sich
selber nichts mehr zu hoffen hatte
    In einer anderen Nacht als er übermüdet auf dem Stuhle eingeschlafen war
rief sie seinen Namen
    »Was wünschst du Mutter« fragte er auffahrend
    »Nichts« sagte sie »Verzeih mir ich hätte dich sollen ruhen lassen 
Aber wer weiß wieviel wir miteinander noch reden werden  ich möchte die Zeit
gerne ausnutzen«
    Er war dieses Mal allzu schlaftrunken um den Sinn ihrer Worte zu verstehen
Er setzte sich dichter neben sie und fasste ihre Hand aber die Augen fielen ihm
sogleich wieder zu
    Sie glaubte ihn wachend und fing an zu reden »Ich bin einmal ein sehr
lustiges junges Ding gewesen nicht viel anders wie deine Schwestern  Das
Herz hat mir vor Jubel fast zerspringen wollen und meine Augen haben immer in
die Ferne geschaut als müsste von dort irgend etwas ungeheuer Schönes
dahergefahren kommen  ein Prinz oder sonstwas derart Einmal hab ich auch zu
lieben angefangen  mit der anderen Liebe der großen der himmlischen die wie
das Schicksal über einen kommt Aber er hat mich nicht haben wollen  er war
schlank und blond und hatte eine Warze auf dem Kinn Die Warze hab ich immer
küssen mögen aber ich bin nie dazu gekommen   Er sah meine Liebe wohl und
eines Tages als er besonders übermütig war hat er mich in den Arm genommen und
hat mich geherzt und dann wieder laufen lassen   Ich war aber fröhlich und
freute mich dass er mich doch einmal im Arm gehalten«
    Sie hielt inne Ihr Auge leuchtete ihre Wangen überfloss ein rosiger fast
mädchenhafter Schimmer  sie hatte sich wunderbar verjüngt Da sah sie dass er
eingeschlafen war und traurig schwieg sie stille
    Als er erwachte sagte er »Mir war so Mutter als ob du mir was
erzähltest«
    »Du hast wohl nur geträumt« sagte sie und lächelte aber ihre Gedanken
waren inzwischen weiter und weiter gewandert durch ihr ganzes Leben hin und
hatten aus allen Winkeln die Restchen der Freude hervorgekehrt die sich allda
verkrochen
    »Ich weiß eigentlich nicht« sagte sie »warum ich mein Lebtag so traurig
gewesen bin Wenn ich zurückdenke ein großes Unglück ist mir eigentlich niemals
passiert Zwar schön war es nicht als wir von Helenental heruntermussten und
als ich die Stube von der brennenden Scheune blutrot beleuchtet sah war mir der
Schreck schlimm genug in die Glieder gefahren aber im großen ganzen hab ichs
doch immer recht gut gehabt  Ich hab euch Kinder alle grossgezogen und kein
einziges durch den Tod verloren  zu essen und zu trinken haben wir auch immer
gehabt  Der Vater hat zwar manchmal gebrummt aber das ist nicht anders in der
Ehe das wirst du selbst einmal erleben   Ihr Kinder habt mich alle
liebgehabt  Ihr Jungen seid tüchtige Männer geworden und die Mädchen werden
tüchtige Frauen werden so Gott will und du sie nicht aus den Augen lässt Was
will ich denn nun eigentlich«
    Und so quälte dieses arme allmählich zu Tode gemarterte Weib sich ab um zu
erfahren wodurch es zu Tode gemartert worden Langsam lüftete Frau Sorge den
Schleier von ihrem Haupte damit der Tod ihr ins Antlitz hauchen könne
    Und eines Abends starb sie  Die Augen fielen ihr zu sie wusste selbst
nicht wie Der Arzt der noch gerufen wurde sprach von Entkräftung Anämie nur
die Empfindsamen sagen in solchen Fällen »Sie starb an gebrochenem Herzen«
    Bitterlich weinend knieten die Zwillinge an ihrem Bette der Vater der in
seinem Stuhl hereingetragen worden schluchzte laut und wollte sie mit Gewalt
ins Leben zurückrufen  Paul stand zu Kopfenden des Bettes und biss sich auf
die Lippen
    »Ich hab doch recht behalten« dachte er »sie ist gestorben eh das Glück
gekommen ist Hungrig hat sie von der Mahlzeit des Lebens aufstehen müssen ganz
wie ich es sagte«
    Er wunderte sich dass er keinen so großen Schmerz empfand wie er es sich
vorgestellt hatte Nur die wirren Gedanken an allerhand dummes Zeug die ihm
fortwährend durch den Kopf schossen wie Fledermäuse durch die Dämmerung
zeigten ihm wie es mit seinen Sinnen bestellt war
    Es schlug Mitternacht da sagte der Vater »Wir wollen zur Ruh gehen Kinder
 Wer schlafen kann der schlafe  Schwere Tage stehen uns bevor«
    Er umarmte die Zwillinge schüttelte Paul die Hand und ließ sich in sein
Zimmer tragen
    »Wie gut der Vater heut ist« dachte Paul »er ist zu ihren Lebzeiten nie so
gewesen« Die Schwestern klammerten sich schluchzend an seinen Hals und
verlangten dass er bei ihnen wache Sie hätten solche Furcht
    Paul redete ihnen tröstend zu geleitete sie in ihre Kammer und versprach
in einer Stunde nach ihnen sehen zu kommen
    Als er nach dieser Frist mit einem Lichte in der Hand leise an ihr Bette
trat fand er sie fest eingeschlafen Sie hatten sich eng umschlungen und auf
ihren roten Wangen standen noch die Tränen
    Dann ging er an die Tür von Vaters Zimmer um zu horchen und als er auch
hier keinen Laut vernahm schlich er sich auf den Zehenspitzen in das Gemach in
dem die Tote ruhte Er wollte zum letztenmal an ihrer Seite Wache halten
    Die Schwestern hatten beim Schlafengehen ein weißes Tuch über ihr Antlitz
gebreitet das nahm er hinweg faltete die Hände und sah zu wie der flackernde
Schein des Lichtes auf ihren wächsernen Zügen spielte Sie hatten sich wenig
verändert nur das blaue Adergeäst in den Schläfen trat stärker hervor und die
Augenwimpern warfen tiefere Schatten auf die abgezehrten Wangen
    Er zündete die Nachtlampe an die während ihrer Krankheit allnächtlich an
ihrem Lager gebrannt hatte setzte sich auf den Stuhl auf dem er sonst
gesessen und gedachte eine stille Totenandacht zu halten
    Aber plötzlich fiel ihm ein dass er vergessen hatte nach dem Tischler zu
schicken damit er zeitig käme Maß zu nehmen  Ein schlichter Tannensarg
sollte es sein  schwarz angestrichen  und ringsum eine Girlande von
Erikazweigen denn sie hatte das stille zarte Pflanzenwesen vor allen andern
geliebt
    »Was wird der Sarg wohl kosten« dachte er weiter und plötzlich erschrak er
in tiefster Seele denn er hatte nichts wovon er die Tote begraben konnte Er
fing an zu zählen und zu rechnen aber er konnte zu keinem Abschlusse kommen
    »Es ist das erstemal dass sie für ihre Person etwas braucht« sagte er leise
vor sich hin und gedachte des verschossenen Kleides das sie jahraus jahrein
getragen hatte
    Er rechnete alles zusammen was er an Aussenständen in Eile wohl eintreiben
konnte aber die Summe war klein und bei weitem nicht genügend die
Begräbniskosten zu bestreiten Auch die drei Fuder Torf die er morgen und
übermorgen allenfalls nach der Stadt schicken konnte vermochten daran nichts zu
ändern
    Darauf nahm er ein Blatt Papier vor und fing an die Kosten
zusammenzuzählen
Ein Sarg 15 Taler
Der Platz auf dem Kirchhof 10 Taler
Dem Küster 5 Taler
Das Linnen zum Totenhemde 2 Taler
    Dann die Kosten des Begräbnisses das der Vater wahrscheinlich so großartig
wie möglich hergerichtet wissen wollte
10 Flaschen Portwein 10 Taler
 1 Kiste Zigarren 2 Taler
 2 Achtel Bier 2 Taler
    Zutaten für den Kuchen  das Weizenmehl war zwar im Hause aber Zucker
Rosinen Mandel Rosenwasser usw mussten neu beschafft werden Wieviel würde das
wohl ausmachen Er rechnete eifrig aber die Taxe wollte nicht stimmen »Die
Mutter wirds schon wissen« dachte er und eben wollte er sie um Rat fragen da
 sah er dass sie tot war
    Er erschrak heftig Erst jetzt da seine Phantasie sie wieder lebendig
gemacht hatte begriff er dass er sie verloren  Er wollte laut aufschreien
aber er bezwang sich denn er musste weiterrechnen
    »Verzeih mir Mütterchen« sagte er mit der Rechten ihre kalten Wangen
streichelnd »ich kann noch nicht um dich trauern ich muss dich erst unter die
Erde bringen«
                           
    Drei Tage später sollte das Begräbnis stattfinden
    Wie Paul vorausgesehen hatte der Vater es sich nicht nehmen lassen eine
große Festivität zu veranstalten An alle seine Freunde in der Stadt hatte er
Einladungen gesandt auf schönem Glanzpapier mit fingerbreitem Trauerrande 
Seinem Schmerze hatte er darin in schönen wohlgewählten Worten Ausdruck
gegeben auch nirgends versäumt seinen Namenszug mit einem weitausgreifenden
Schnörkel zu versehen
    Am Wachtabend als die Leiche eben aufgebahrt worden trafen die beiden
Brüder ein Sie waren seit vielen Jahren nicht daheim gewesen und Paul hätte
sie beinahe nicht wiedererkannt Gottfried der Gymnasiallehrer ein würdiger
Mann mit strengem Gesichtsausdruck und dem Ansatz zu einem Bäuchlein führte
eine junge schwarzbeflorte Dame am Arm seine Braut die mit verwundertem
Blicke die niedrigen ärmlichen Räume maß und sich bemühte eine ebenso
freundliche wie schmerzbewegte Miene zu zeigen da ihre Lage beides von ihr
verlangte  Max der Kaufmann kam hintendrein Er sah ein wenig locker aus
sein kecker Schnurrbart wollte sich vergebens in die Gemütsverfassung eines
frischverwaisten Sohnes hineinzwängen und seine Trauer äußerte sich weniger in
Schmerz als in Unbehagen
    Beide Brüder umarmten den Vater feierlich und die fremde junge Dame neigte
sich hernieder und küsste ihm erst die Hand und dann die Stirne  Alsdann
begrüßten sie die Zwillinge die in ihren Trauerkleidern frischer und lieblicher
dreinschauten denn je  Paul der an der Türe stand und verlegen seine Mütze
drehte hatten sie übersehen
    Endlich fragte Gottfried »Wo ist unser Bruder« Da trat er schüchtern vor
und reichte ihm die Hand 
    Drei Augenpaare maßen ihn prüfend 
    »Wär ich doch erst draußen« dachte er und sobald es anging machte er
sich in dem Stalle zu schaffen
    Gottfried folgte ihm dorthin Paul erschrak als er ihn kommen sah denn er
wusste nicht was er mit dem vornehmen Mann reden sollte
    »Lieber Bruder« sagte jener »ich habe eine Bitte an dich Kannst du meiner
Braut nicht ein freundlicheres Logis verschaffen Sie fühlt sich ein wenig
beengt in der Kammer der Mädchen«
    »Ich werde ihr mein Giebelzimmer einräumen« sagte Paul
    »Du würdest mich zu Dank verpflichten wenn du es tätest«
    Dann richtete er noch etliche Fragen an ihn über die Leiden der Mutter über
den Viehstand und über die Hypotheken die auf dem Grundstück lasteten
    »Ihr Armen« sagte er »habt wohl manche Sorgen gehabt Aber hast du es dir
auch angelegen sein lassen die letzten Tage unserer seligen Mutter so viel als
möglich zu erleichtern«
    Paul versicherte er hätte getan was in seinen Kräften gestanden
    »Das freut mich« erwiderte der Bruder in strengem Tone »es wäre eine
schwere Pflichtversäumnis gewesen wenn du es unterlassen hättest  Und nun
komm lass uns gemeinsam vor die Leiche der Verklärten treten damit sie vom
Himmel herab die Ihren all beieinander schaue«
    Er bot Paul die Hand und zog ihn in das Zimmer in dem die Mutter friedlich
zwischen Blumen und Lichtern ruhte und wo die andern schon versammelt waren
    Paul blieb beklommen in der Tür stehen Er hätte viel darum gegeben hätte er
für einen Augenblick mit der Toten allein sein können da es aber nicht anging
schlich er sich leise hinaus und schaute von draußen durch das Fenster wo die
fremden Gaffer aus dem Dorfe standen als wäre er einer von ihnen 
    Eine Weile später kam Max zu ihm und führte ihn vertraulich beiseite
    »Ich habe eine Bitte an dich lieber Junge« sagte er »die Kehle ist mir
ganz ausgetrocknet vom Wegstaub und vom Weinen Kannst du mir nicht einen
Schluck Bier verschaffen«
    Paul erwiderte es wären wohl zwei volle Achtel da die sollten aber erst
morgen zur Begräbnisfeier angesteckt werden
    »Gib mir nur immer den Kran« antwortete Max »ich verstehe mich darauf Das
Bier im Achtel wird morgen so frisch sein wie heute«
    Und als Paul ihm seinen Willen getan drehte er ihm den Rücken und ging von
dannen
    Um elf Uhr wurden die Kerzen am Sarge ausgelöscht man begab sich zur Ruhe
    Paul fand dass kein Bett mehr für ihn übrig war und kletterte auf den
Heuboden wo er die Nacht über grübelnd aufrecht saß 
    Um zehn Uhr morgens fanden sich die ersten Gäste ein und zwar solche die
weder zugesagt hatten noch überhaupt erwartet wurden Als Paul sie kommen sah
war sein erster Gedanke »Hab ich auch genug Essen und Trinken besorgt« und je
mehr Wagen auf den Hof gerollt kamen je mehr wildfremde Männer den Seinen die
schwarzbehandschuhten Hände entgegenstreckten desto höher schwoll seine Angst
desto lauter klangen die Worte ihm ins Ohr »Es wird nicht reichen«
    Der Vater hatte heute wieder einmal seinen großen Tag Er saß in seinem
Tragesessel wie auf einem Throne  seine beiden ältesten Söhne wie Vasallen um
sich her  und ließ sich in seinem Schmerze bewundern
    Wenn ein neuer Gast auf ihn zutrat presste er die dargebotene Rechte mit
seinen beiden Händen als ob er derjenige wäre welcher zu kondolieren hätte
neigte gramvoll das Haupt und sprach mit schmerzerstickter Stimme abgebrochene
Worte wie »Ja sie ist dahin  Hin ist hin   Es gibt keinen Balsam für die
Wunden des Herzens  Möge der Himmel an ihr gutmachen was die Erde
verschuldete« und dergleichen mehr
    Dazwischen rief er zu Paul »Mein Sohn du sorgst nicht für Wein  Mein
Sohn Herr Wegmann wünscht eine Zigarre  Mein Sohn denke daran dass unsere
Gäste sich erlaben«
    Paul lief von einem zum andern gleich einem Kellner zählte voll Angst die
Flaschen die sich mit rapider Hast verringerten und beneidete die Schwestern
die sich in ihren schönen schwarzen Kleidern ruhig in eine Ecke setzen und von
Herzen ausweinen durften während die fremde Schwägerin sie tröstete  An die
Trauerkleider hatte er in seiner Berechnung gar nicht gedacht und es war ein
Glück dass der Kaufmann sie ihm gutschrieb sonst hätten die Schwestern sich
nicht sehen lassen dürfen
    Er selbst sah in seinem unscheinbaren grauen Anzug gar nicht wie ein
Leidtragender aus und die meisten der Gäste die ihn nicht kannten gingen
ruhig an ihm vorüber und nahmen nur Notiz von seiner Existenz wenn er ihnen
Wein und Zigarren anbot
    Auf dem Hofe hatte sich eine Anzahl fremder Frauen eingefunden die die
Mutter ihres stillen schlichten Wesens halber lieb gehabt hatten und sich dem
Zuge anschließen wollten ohne dass sie zur Trauergesellschaft gehörten
    Der Feldherrnblick des Vaters hatte sie alsbald entdeckt
    »Paul mein Sohn« rief er »geh hinaus und nötige die Damen ins
Trauerhaus«
    Zögernd folgte Paul dem Befehle denn er wusste nicht wie er die Einladung
in Worte kleiden sollte Als er auf die Schwelle trat fiel sein erster Blick
auf Elsbeth die in einfachem Trauerkleide unter den Frauen des Dorfes stand und
einen Kranz von weißen Rosen trug Und als sie ihn sah füllten sich ihre Augen
mit Tränen
    Für einen Augenblick war ihm zumute als sollte er den Kopf in die Falten
ihres Kleides pressen um sich dort auszuweinen aber daneben standen die andern
und starrten ihn an Er machte eine linkische Verbeugung und sagte »Der Vater
lässt bitten  ob Sie die Tote nicht sehen möchten«
    Die Frauen schoben sich langsam in das Innere nur Elsbeth zögerte noch
    »Kommst du nicht auch herein« fragte er
    »Mein armer lieber Paul« sagte sie und ergriff seine Hand
    Er schloss die Augen und taumelte zwei Schritte zurück
    »Komm doch« sagte er sich wieder fassend »sieh sie dir an sie hat dich
ja immer so lieb gehabt«
    »Paul mein Sohn wo bist du« hallte die Stimme des Vaters aus dem Innern
    »Paul« sagte sie stockend unter quellenden Tränen »du sollst nicht
verzagen es gibt noch andre die dich  lieb haben«
    »O ja« sagte er »ich weiß wohl  aber komm  ich muss Wein einschenken«
    Sie seufzte tief auf dann ging sie schüchtern hinter ihm drein und mischte
sich wieder unter die fremden Frauen
    »Paul komm her« winkte der Vater der sich heute in seine alte Macht
zurückzuträumen schien und als Paul den Kopf zu ihm niederbeugte flüsterte er
ihm ins Ohr »Ich höre der Wein ist alle Was heißt das Willst du uns
blamieren«
    »Ich glaub es sind noch ein paar Flaschen da« antwortete Paul
    »Sorg dass sie reichen bis der Pfarrer kommt den Frauen musst du aber auch
ein Glas geben hörst du«
    »O käme doch der Pfarrer bald« seufzte Paul und mühte sich ab die Gläser
nur halb voll zu schenken
    Und endlich war der Pfarrer da Die Gesellschaft drängte sich ihm nach in
das Zimmer in dem die Tote aufgebahrt lag  Der ganze Raum war gebadet in
Sonnenglanz und durchbrochene Lichter die ihren Weg durch das leise sich
neigende Lindengeästel genommen hatten spielten lustig auf dem marmorbleichen
Angesicht
    Paul half den Stuhl des Vaters an das Kopfende des Sarges tragen dann zog
er sich in einen stillen Winkel zurück wo er die Trauergesellschaft im Rücken
hatte und sich ein wenig ausruhen konnte denn er war müde vom vielen
Herumlaufen
    Aber man ließ ihn nicht zu sich selber kommen »Wo ist der jüngste Sohn«
fragte der Pfarrer der die ganze Familie um sich versammelt haben wollte
    »Paul mein Kind wo bist du« rief der Vater
    Da musste er hervortreten und erhielt seinen Platz dicht hinter dem Sargende
neben dem Stuhle des Vaters
    Durch die Trauergesellschaft ging ein Murmeln und einige sahen sich
bedenklich an als wollten sie sagen »Also das ist auch ein Sohn  Dann haben
wir ja einen Verstoss gemacht«
    Auch dem Pfarrer war das Spiel der Sonnenlichter aufgefallen und er nahm es
zum Thema seiner Rede Wohl glänze unsere Erdensonne hell und freudenhaft aber
das sei noch gar nichts  das sei die pure Finsternis verglichen mit dem
himmlischen Sonnenschein Alsdann pries er die Tote und pries auch die
Hinterbliebenen vornehmlich den treuen Gatten und die beiden ältesten Söhne als
die stolzen Grundpfeiler des Hauses nicht minder fiel für Paul ein Brocken ab
als den Kämmerer den sein Herr getreu gefunden bis zum Tode
    Schade nur dass er von dem honigsüssen Lobe nichts vernahm Ganz gedankenlos
starrte er vor sich hin Sein Blick heftete sich auf die seidene Schleife die
von der Haube der Mutter emporragte und die sich leise bewegte wenn der
Windzug der durch die fuchtelnden Arme des Pfarrers entstand darüber
hinstrich  So glich sie einem weißen Schmetterlinge der die Fittiche regt um
sich in die Lüfte zu erheben
    Dann wurde ein Choral gesungen und der Deckel auf den Sarg gehoben  In
diesem Augenblick ertönte aus den hinteren Reihen ein markerschütternder Schrei
»Mutter Mutter«
    Erschrocken und verwundert wandten sich alle um Elsbeth Douglas war es die
ihn ausgestoßen Nun lag sie ohnmächtig in den Armen ihrer Nachbarin
    Paul verstand sie wohl Sie hatte des Augenblicks gedacht da man der
eigenen Mutter den schwarzen Deckel über das tote Antlitz legen würde Und er
schwor sich zu ihr alsdann treu und tröstend zur Seite zu stehen Auch der
Vater schaute auf und in seinen Zügen malte sich deutlich die Frage »Ist die
auch hier«
    Elsbeth wurde in ein Nebenzimmer gebracht und zwei der Frauen blieben bei
ihr bis sie sich erholt haben würde Der Sarg aber schwankte hoch
emporgehoben durch die Tür hinaus bis er auf dem Leichenwagen Ruhe fand
    Paul griff nach seiner Mütze Da drängte sich Gottfried an seine Seite und
steckte ihm etwas Schwarzes Weiches in die Hand
    »Binde dir wenigstens diesen Flor um den Arm« flüsterte er ihm zu
    »Weshalb«
    »Man könnte glauben dass du keine Trauer tragen wolltest«
    Paul erschrak bei diesem Gedanken und tat wie ihm geheißen Hinterher
grämte er sich dass er sich von seinem Bruder hatte beschämen lassen müssen und
erst viel später wurde ihm klar wer von ihnen beiden die größere Trauer
getragen
    Der Friedhof lag einsam mitten auf der Heide Drei einzeln stehende
Fichtenbäume verkündeten ihn weit hinaus und am Rande des Walles der ihn
umgab blühten dichte Dornenhecken
    Dorthin ging der traurige Zug Die Söhne folgten gleich hinter dem Sarg der
Vater mit den Zwillingen weiter hinten in einem Wägelchen
    Paul starrte vor sich nieder dachte an den Sand in dem er watete  an
den Wein  an Elsbeth  an Vaters Tragestuhl  und an den Erikakranz der
sich halb vom Sarge gelöst hatte und hinterdreinhing Er nahm sich vor wohl
aufzupassen dass er nicht mit in die Gruft hinabgesenkt würde
    Am Grabe fühlte er nichts wie ein heftiges Brennen in den Schläfen und
während der Pfarrer den Segen sprach fiel ihm plötzlich ein dass er statt des
Weines ganz ruhig hätte Bier verschenken können Alsdann musste er auf die
Zwillinge achtgeben die in ihrem Schmerze Dummheiten machten und dem Sarge
nachspringen wollten Er nahm sie in seine Arme küsste sie und hieß sie den Kopf
an seine Schultern legen Sie taten es schlossen die Augen und atmeten wie im
Schlafe
    Als die ersten Erdschollen auf den Sarg niederkollerten hatte er ein
widriges Gefühl als rolle man in seinem Kopfe Kegelkugeln in die Runde und als
der Hügel in fahler Nacktheit sich zu erheben begann dachte er »Hier muss
morgen schon grüner Rasen drum herum «
    Die Menge verlief sich der Vater wurde zu seinem Wagen zurückgetragen und
die drei Söhne machten sich zu Fuß auf den Heimweg Max und Gottfried sprachen
in leisem feierlichem Tone von ihren frühesten Erinnerungen an die Verblichene
Paul aber schwieg stille und dachte »Gott sei Dank dass ich sie unter der Erde
hab«
    Noch immer raste die krankhafte Geschäftigkeit in seinem Hirn noch immer
hatte er nicht begriffen nicht begreifen wollen    doch als er nun den Hof
betrat der mit seinem schindelgedeckten Stalle und seinen Brandspuren grau und
trostlos vor ihm lag da kam es plötzlich mit der Gewalt eines Blitzstrahls wie
eine funkelnagelneue Erkenntnis über ihn »Die Mutter ist fort«
    Er drehte sich um griff mit den Händen in die Luft und wie vom Blitze
getroffen sank er zu Boden 
 
                                       17
Der Sommer verging mit seinen Nebelgewändern kam der Herbst über die Heide
geschlichen  Rote Sonnenstrahlen wanderten müde am Waldesrande vorbei und die
Erika senkte ihr purpurfarbenes Haupt  Um diese Zeit begann auf dem Heidehof
der stiller dagelegen als je bisher ein seltsames Tönen Wie Hammerschlag und
Glockenklang zugleich hallte es weit über die Heide in streng abgemessenen
Takten bald schriller bald dumpfer aber nie ohne melodischen Nachklang der
langsam in den Lüften verzitterte
    Die Bewohner des Dorfes blieben verwundert auf der Straße stehen Einer
fragte »Was mag bei Meihöfers los sein«
    Und der andre sagte »Es klingt fast als hätt er sich eine Schmiede
gebaut«
    »Sein Glück wird er nicht schmieden« sagte ein dritter und lachend gingen
sie auseinander
    Der Vater der wie gewöhnlich gähnend und mürrisch in seinem Winkel saß war
beim ersten Klange hoch emporgefahren und hatte die Zwillinge gerufen dass sie
ihm Rede ständen Allein die wussten auch nichts weiter als dass heute in der
Frühe ein Handwerker mit Feilen und Hämmern und Lötzeug aus der Stadt gekommen
sei mit dem Paul allerhand Pläne und Zeichnungen in der Hand eine lange
Unterredung gehabt habe Sie liefen schleunigst nachzusehen und was sie fanden
   Hinter dem Schuppen stand die »schwarze Suse« mit einem Holzgerüst
umkleidet wie eine Dame in ihrer Krinoline und auf dem Gerüst kletterten Paul
und der Handwerker eifrig umher klopften guckten und schroben an den Nieten
    Verwundert schauten die Zwillinge einander an denn sie ahnten dass hier
etwas Großes sich vorbereite doch dem Vater Kunde zu bringen hielten sie nicht
für nötig sie erinnerten sich dass zwei kleine Briefchen die sie geschrieben
hatten durch das Dienstmädchen eilig und geheimnisvoll zum Postamte befördert
werden mussten
    Paul aber stand hoch oben auf dem rundlichen Leibe der »schwarzen Suse« an
den schlanken Schlot gelehnt und schaute sehnsuchtsvoll nach dem Moore hin wie
ein Kolumbus der eine neue Welt entdecken will
    Der erste Schritt des kühnen Weges war getan  In den langen schlaflosen
Nächten die dem Tode der Mutter folgten wenn der Schmerz mit ehernen Pranken
seine Seele umklammerte dann hatte er vor dem klagenden Bilde der Verblichenen
sich in seine Bücher hineingeflüchtet Wie ein Maulwurf grub er sich seine Wege
durch die dunkeln Theorien und wenn der Kopf ihm sauste wenn der Leib ihm
erschlaffen wollte von der aufreibenden Geistesarbeit dann rief er sich zu
»Ihre letzte Hoffnung soll nicht zuschanden werden«  Dann streckten sich seine
Glieder den Kopf durchfuhren Blitze der Energie und weiter und weiter gings
in rastlosem Schaffen bis der Wirrwarr des eisernen Rätsels sich in ein Spiel
von Harmonie verwandelte bis jeder Hebel ein Muskel jede Röhre ein Äderchen
ward ersonnen nach weisestem Plane wie der Menschenleib von dem Geiste des
ewigen Schöpfers
    Wochen und Monde gingen darüber hin So ganz vertiefte sich sein Sinn in
Erkenntnisdurst und Schaffensdrang dass alles was ihn sonst bewegte
schattenhaft in die Ferne schwand Das Bild der Mutter wurde stiller und
friedlicher und begann zu lächeln wie von unsichtbaren Geistern getragen
häufte die Ernte sich in der Scheuer und als eines Tages das letzte Bündlein
Hafer vor dem Schober abgeladen wurde da schlug er sich mit der Hand vor den
Kopf wie ein Träumender und sagte »Mir ists als hätt ich gestern nur die
erste Ähre gesehen«
    Je mehr aber seine Erkenntnis sich ründete und reifte desto höher schwoll
in seiner Seele die Angst um das Gelingen Als er nach einem Schlosser schrieb
hatte er ein Herzklopfen wie ein Kandidat vor dem Examen Sein Tun scheute das
Licht als wärs ein Frevel denn er fürchtete das Ausgelachtwerden Erst das
Klopfen des tastenden Hammers rief die Kunde in die Welt
    Der fremde Meister musste mit am Herrentische niedersitzen und der Vater gab
ihm seine Missbilligung dadurch zu erkennen dass er ihm den Gruß verweigerte und
allerhand von Narren und Schmarotzern in den Teller hineinmurmelte
    Aber niemand kehrte sich daran und die Arbeit nahm ruhig ihren Fortgang
    Nach Pauls Weisungen wurde die Maschine auseinandergenommen und bis in ihre
kleinsten Teile hinein geprüft Die Fehler die ein Techniker vom Fach auf den
ersten Blick erkannt haben würde mussten diese beiden Männer erst mühsam suchen
und einander klar machen Oft gab es stundenlange Dispute zwischen ihnen wie in
einer Ratsversammlung
    Einmal fragte der Meister ungeduldig »Warum zum Teufel haben Sie das Ding
in keine Reparaturwerkstatt geschickt«
    Paul erschrak Freilich das war ein Gedanke Heute schien er ihm nagelneu
und doch war er ihm früher schon oft zu Sinn gekommen Aber er hatte ihm niemals
Raum geben mögen er schien ihm zu keck zu lächerlich  auch hatte er zu große
Angst dass man ihm die »schwarze Suse« als unverbesserlich zurückschicken werde
Es ging ihm wie jenem Weib aus dem Volke das ihren Mann lieber selbst zu Tode
kurieren wollte als dass es sich von einem Arzte sagen ließe »Er ist
unrettbar«
    Wenn es dunkel geworden war und der Meister samt den Knechten Feierabend
gemacht hatte pflegte er noch ein Stündchen auf der Werkstätte herumzustöbern
ohne Zweck und Ziel eigentlich nur weil er die »schwarze Suse« nicht verlassen
wollte Am liebsten hätte er bis zum Morgen als Nachtwächter neben ihr
gestanden Gerne mochte er hierbei eine Zeichnung oder ein paar seiner Bücher
unter den Arm nehmen ebenfalls ohne Zweck denn es war ja finster  er wollte
nur alles hübsch beieinander haben Das geschah in der größten Heimlichkeit
denn niemand hatte eine festere Überzeugung davon dass Paul ein vollkommener
Narr war als Paul selber
    Eines Abends als er im Dunkeln nach einem Buche kramte das er mit
hinunternehmen könnte fiel ihn in dem hintersten Winkel seiner Schublade etwas
Längliches Rundes in die Hand das fein in Seidenpapier gehüllt war
    Er fühlte in der Finsternis wie er errötete Es war Elsbets Flöte Wie war
es nur möglich dass er ihrer und der Geberin so selten gedacht hatte Das
Schattenreich seines Schmerzes hatte die lichte Gestalt verschlungen die ihm an
jenem dunkelsten der Tage zum letztenmal erschienen nun war sie ihm über allem
Sorgen und Mühen selber zum Schatten geworden Im ersten Momente vermochte er
kaum sich ihre Züge vor die Seele zu rufen erst allgemach erstand ihr Bild
aufs neue in seinem Innern
    Er nahm die Flöte statt des Buches unter den Arm schlich sich hinter den
Schuppen und setzte sich auf den Dampfkessel  Neugierig tastete er an den
Klappen herum er setzte auch das Mundstück an die Lippen aber er wagte nicht
einen Ton hervorzubringen denn er wollte niemanden aus dem Schlafe stören
    »Es wäre wohl schön« sagte er vor sich hin »wenn ich allerhand liebliche
Melodien blasen und dabei an Elsbeth denken könnte Ich würde mich dann wieder
einmal mit ihr aussprechen können und wissen dass ich auch für mich selber auf
der Welt bin Aber bin ich denn für mich selber auf der Welt« fragte er indem
er sinnend eine Kurbel erfasste »Wie diese Kurbel sich dreht und dreht ohne zu
wissen warum und für sich selber nichts ist wie ein totes Stück Eisen so muss
ich mich auch drehen und drehen und nicht fragen warum   Es soll ja Menschen
auf der Welt geben die das Recht haben für sich selber zu leben und die Welt
nach ihren Wünschen zu bilden aber die sind anders geartet wie ich die sind
schön und stolz und kühn und um sie herum scheint immer die Sonne Die dürfen
sich auch die Freude erlauben ein Herz zu haben und nach diesem Herzen zu
handeln Aber ich  ach du lieber Gott« Er hielt inne und besah in trübseligem
Sinnen die Flöte deren Klappen in mattem Lichte durch die Dämmerung
schimmerten
    »Wenn ich so einer wäre« fuhr er nach einer Weile fort »dann würde ich ein
berühmter Musiker geworden sein  ich weiß wohl da drinnen sind viele Melodien
die noch kein anderer gepfiffen hat  und wenn ich mein Ziel erreicht hätte
dann würde ich Elsbeth geheiratet haben  und Vater würde reich und Mutter
glücklich geworden sein Nun aber ist die Mutter gestorben  der Vater ein armer
Krüppel  Elsbeth wird einen anderen nehmn  und ich seh mir die Flöte an und
kann sie nicht blasen«
    Er lachte laut auf und dann rutschte er nach dem Vordergrunde hin so dass
er den Schornstein erreichen konnte Er streichelte ihn und sagte »Aber diese
Flöte die will ich spielen lernen dass es ne Freude ist«
    Wie er so da saß wars ihm als hörte er vom Garten her halbunterdrücktes
Kichern und Geflüster Er lauschte Kein Zweifel Dort koste ein Liebespärchen
oder gar mehr als eines denn es tönten die verschiedensten Stimmen
durcheinander wie aus einem Spatzenhäuflein
    »Die Mägde halten sich Liebhaber wie mir scheint« sagte er »denen will
ich den Weg weisen«
    Er holte sich eine Peitsche die an der Stalltür hing und kletterte leise
über den hinteren Gartenzaun um den fremden Katern den Weg zu verlegen
    Da plötzlich blieb er wie versteinert stehen seine Augen quollen hervor und
der Peitschenstiel zitterte in seinen Händen Er hatte die Stimmen der
Schwestern erkannt
    Er lehnte sich an einen Baumstamm und lauschte
    »Lässt er euch jetzt in Ruh« fragte eben einer der Liebhaber im Flüsterton
    »Er hat jetzt zuviel mit seiner Maschine zu tun« erwiderte die Stimme
Gretens »selbst seine ungesalzenen Predigten erspart er uns «
    »Ihr habt euch doch nie viel daraus gemacht«
    Grete kicherte »Er ist ja trotz seiner Würde doch bloß ein dummer Junge
Und von Liebe versteht er gar nichts Solange ich denken kann schleicht er um
die Elsbeth Douglas herum aber glaubst du dass er schon je gewagt hat ein Auge
zu ihr aufzuschlagen Die wird sich natürlich schön bedanken so nen
Schmachtlappen zu nehmen  da ist ihr Vetter der Leo schon ein ganz andrer
Kerl«
    Das Herz drohte ihm stille zu stehen doch er lauschte weiter
    »Ich begreif nicht warum ihr ihm überhaupt pariert« sagte die Stimme des
Liebhabers »wir haben ihn stets durchgehauen und dann laufen lassen und zum
Dank dafür hat er uns um Verzeihung gebeten So nem Hans Hasenfuß muss man
einfach die Zähne zeigen«
    »Na warte du Aufhetzer« dachte Paul der nun wusste wen er vor sich hatte
    Grete aber erwiderte eifrig »Pfui du das hat er nicht um uns verdient Er
liebt uns so sehr dass wir uns eigentlich schämen müssten ihn zu betrügen was
er uns an den Augen absehen kann schenkt er uns und ich möchte darauf
schwören dass er nur aus lauter Liebe immer so traurig ist Da lässt man sich hin
und wieder eine Moralpredigt schon gefallen besonders wenn man sich hinterher
doch nicht daran kehrt«
    »Gut dass ich das weiß« dachte Paul und schlich sich im Halbkreise um sie
herum bis er zu der Laube kam in der das andere Pärchen hauste
    Dort ging es bedeutend stiller zu nur von Zeit zu Zeit tönte ein Kuss oder
ein Kichern aus dem Blätterdunkel Dann hörte er Kätens Stimme »Und warum hast
du jüngsten Sonntag soviel mit Mathilden getanzt«
    »Das ist eine scheussliche Verleumdung« erwiderte der andre der Brüder
»Welches Lästermaul hat dir das zugetragen«
    »Pfarrers Hedwig hats mir erzählt«
    »Das ist mir auch die Rechte  neidisch ist sie auf dich das ist die ganze
Geschichte Wie sie mich letzten Sonntag angeschaut hat  ich glaubte mein Haar
müsst ansengen«
    »Ah die Falsche«
    »Na gräm dich nicht drum Falsch seid ihr alle Meine kleine süße Lerche
mein Sonnenschein mein Strudelkopf  leg den Kopf auf meinen Schoss  ich will
dich zausen«
    »So«
    »Nein du liegst auf meiner Uhrkette So ists recht  Sing mir was«
    »Wovon soll ich singen«
    »Von Liebe«
    »Erst verdiens dir  du Strolch«
    Darauf wurde es für eine Weile still dann begann Käte leise zu trällern
»Im Flieder sang die Nachtigall
Bis morgens um halb drei
Da sprang mit einem leisen Schall
Mein Fensterlein entzwei  
Ich lief das Unglück zu besehn
Des Morgens um halb drei
Da fand ich eine Leiter stehen
Und einen Mann dabei  lalala«
    »Sing doch weiter«
    »Ach nein Eigentlich ist es unanständig«
    »Warum fingst es denn an«
    Sie kicherte und schwieg
    »Sing was Andres«
    »Bevor ich singe gib mir nen Kuss«
    Ein kurzes Ringen dann seine Stimme »Was erst willst du und dann sträubst
du dich du Katze«
    »Hier bin ich«
    »Lass los  Donner  du kratzt«
    »Nimmst du ne andere kratz ich dir die Augen aus«
    »Weiter nichts«
    »Nein ich leg mich unteren Wacholderbusch und hungere mich tot Zu meinem
Begräbnis musst du auch kommen Hu das wird schön werden  Pass mal aber auf
ich kenn nen schönen Vers
Weißt du wie lieb ich dich hab  
Es steht auf der Heide ein einsames Grab
Drin schläft ein toter Sängersmann
Dem hats die Liebe angetan
Er schläft und schläft im dunkeln Haus
Und schläft seine Liebe doch nimmer aus
Beim Heidegrab um Mitternacht
Da warte bis er aufgewacht
Der kennt das Singen der kennt das Küssen
Der wird es wissen   
    Ist das nicht hübsch«
    »Sehr hübsch Von wem hast du das Katze«
    »Ich fands einmal in einem Arienbuch das der Mutter gehörte Ich glaub
gar sie hats selber gemacht«
    Paul hatte während dieses ganzen Gesprächs in qualvoller Betäubung
dagestanden doch als er den Namen der Mutter vernahm da übermannte ihn der
Zorn und er schlug mit seiner Peitsche über die Köpfe des Pärchens dahin dass
die welkenden Blätter der Laube laut raschelnd umherstoben
    Mit lautem Aufschrei fuhren sie alle empor  Kaum hatten die Brüder ihn
erkannt als sie Miene machten auf und davon zu gehen aber die Mädchen
klammerten sich wimmernd an sie an Sie suchten Schutz vor dem eigenen Bruder
    »Hierher« rief er ihnen zu  Da ließ sie von ihren Geliebten ab und
flohen zueinander um sich gegenseitig zu decken
    Die beiden Erdmanns wichen immer weiter zurück
    »Ihr bleibt hier« schrie er
    »Was willst du von uns« sagte der Ältere der seine Frechheit zuerst
wiedergewann
    »Rede sollt ihr mir stehen«
    »Du weißt ja wo wir zu finden sind« sagte der Jüngere und zupfte seinen
Bruder am Rockschoss dass er mit ihm Reissaus nähme Aber in diesem Augenblick
hatte ihn Paul an der Brust gepackt 
    »Lass los« rief er
    »Ihr kommt mit ins Haus«
    »O nein lieber nicht« sagte der Ältere
    »Ich weiß gar nicht was du von uns willst« sagte der Jüngere dem unter
dem eisernen Griff von Pauls Fäusten nicht wenig bange ward »Wir lieben deine
Schwestern  mit dir haben wir nichts zu tun«
    »Und wenn ihr sie liebt wisst ihr denn nicht wo die Tür ist durch die ihr
kommen konntet um sie zu werben Ihr Räuber die ihr seid«
    In diesem Augenblick hatte Ulrich den Bruder aus Pauls Fäusten gerissen und
ehe er zur Besinnung kommen konnte flohen sie beide in wilder Hetze durch den
Garten sprangen über den Zaun und verschwanden in dem Dunkel der Heide
    Ganz betäubt wandte er sich um und sah die Schwestern hinter einem Baumstamm
kauern
    »Kommt« sagte er nach dem Hause hinweisend und schluchzend folgten sie
ihm
    Als sie in ihre Kammer schlüpfen wollten sagte er die Tür des Wohnzimmers
öffnend »Hier hinein« Zitternd duckten sie sich in einen Winkel denn sie
wussten nicht welche Strafe er ihnen zudiktieren würde
    Er zündete selbst ein Licht an ergriff das Familienalbum und nahm ein Bild
heraus
    »Jetzt kommt in die Kammer«  Zwei reuige Schäfchen schlichen sie hinter
ihm drein
    »Wer ist das« fragte er in seinem strengsten Tone auf das Bild hinweisend
Es war ein Jugendporträt der Mutter fast ganz verlöscht von der Länge der
Jahre Aber sie erkannten es wohl fielen händeringend vor dem Bette auf die
Knie und schluchzten gottsjämmerlich in die Kissen hinein 
    Und dann gestanden sie ihm alles Es war schlimmer als er je geahnt hätte
     
    Ein fürchterliches Schweigen entstand Paul trat ans Fenster und sah in die
Nacht hinaus
    »Gott sei Dank dass du tot bist Mutter« sagte er die Hände faltend
    Da weinten sie laut auf rutschten auf den Knien zu ihm hin und wollten ihm
die Hände küssen  Er streichelte ihre Haare Er liebte sie viel zu sehr
    »Kinder Kinder« sagte er und sank auf einem Stuhle zusammen nicht minder
hilflos als sie  
    »Schilt uns Paul« schluchzte Käte
    »Nein schlag uns lieber« bat Grete »wir haben es verdient«
    Er rieb sich die Stirn Ihm war noch alles wie ein böser Traum  
    »Wie hat das nur geschehen können« murmelte er »Hab ich so schlecht auf
euch aufgepasst«
    »Sie haben  gesagt sie  wollten uns  heiraten« presste Käte hervor
    »Wenns Trauerjahr  vorüber ist soll Hochzeit sein« fügte Grete hinzu
    »Und haben sie das gesagt so werden sies auch« rief er sich selber Trost
zuredend  »Kniet nicht Kinder kniet vor dem lieben Gott ihr habts nötig 
Dies Bild wird von heute ab allnächtlich auf eurem Nachttisch stehen  Ob ihr
dann noch den Mut haben werdet auf dem Wege der Schande zu gehen Gute Nacht«
    Sie stürzten ihm nach und flehten ihn an er möchte bei ihnen bleiben sie
hätten solche Furcht aber er machte sich leise von ihnen los und schritt in
seine Giebelstube empor wo er im Dunklen vor sich hin brütete Er schämte sich
so sehr dass er glaubte das Tageslicht nicht wieder ertragen zu können 
    Am andern Morgen ließ er den Meister rufen und lohnte ihn aus
    Der wackere Mann sah ihm ganz erschrocken ins Gesicht »Aber jetzt Herr
Meihöfer da alles im besten Zuge ist« sagte er
    »Ja im besten Zuge« murmelte er nachdenklich vor sich hin Zum Unglück die
Schande  der Meister hatte Recht
    »Es ist etwas in die Quere gekommen« sagte er dann »was mir die Lust am
Arbeiten verleidet  Lassen wirs vorläufig und wenn es Zeit ist werd ich
Sie wieder abholen«
    Der Vater beklagte sich bitter über die nächtliche Störung »Was hattest du
denn im Garten rumzutoben« fragte er »ich hörte deine Stimme«
    »Es waren Apfeldiebe da« erwiderte Paul
    Die Zwillinge hatten verweinte Augen und wagten nicht die Blicke vom Boden
zu erheben
    »So also sehen zwei Gefallene aus« dachte Paul und gab sich das
Versprechen streng wie ein Gefangenenwärter zu ihnen zu sein Aber als er sie
zum erstenmal anherrschte und sie ihm von unten herauf mit schmerzlich demütigen
Blicken so recht magdalenenhaft in die Augen schauten da wandelte ihn ein
großes Mitleid an so dass er sie weinend in seine Arme schloss und sagte »Seid
stille Kinder s wird alles gut werden«
    Er hegte die Überzeugung dass die beiden Erdmanns den Tag nicht vorübergehen
lassen würden ohne auf dem Heidehof vorzusprechen »Ihr Gewissen wird sie
treiben« sagte er sich So fest baute er darauf dass er nach dem Mittagessen
den Vater der in seiner Trägheit ein rechter Schmierfink geworden war dringend
aufforderte sich einen neuen Rock anzuziehen da wichtiger Besuch zu erwarten
sei Der Vater fügte sich mürrisch und war hernach doppelt ungehalten als er
fand dass die große Arbeit umsonst gewesen war
    »Sie werden morgen kommen« sagte sich Paul beim Schlafengehen »sie haben
heute die Kourage nicht gehabt«
    Aber auch der folgende Tag verging ohne dass jemand sich gemeldet hätte und
so verging die ganze Woche
    Paul rannte wie verstört im Haus umher Alle zehn Minuten sah man ihn am
Hoftor stehen und auf die Heide hinausschauen so dass die Knechte einander
heimlich in die Hüften stießen und Allotria begannen 
    »Es ist schade« sagte er sich »dass ich noch so unschuldig bin und in
Liebessachen nicht die mindeste Erfahrung habe sonst würde ich schon wissen
was mir obliegt« Eine qualvolle Angst begann seiner Herr zu werden und
schlaflos wälzte er sich auf seinem Lager
    »Ich muss ihnen die Sache erleichtern« sagte er eines Morgens ließ das
gelbe Korbwägelchen anspannen das er unlängst auf einer Auktion erstanden und
fuhr nach Lotkeim dem Gut der Erdmanns hinüber das sie seit dem Tode ihrer
Eltern gemeinsam bewirtschafteten
    Das Herz krampfte sich ihm zusammen in Scham und Ingrimm als er nun gleich
wie ein Bittender das Heimwesen derer betrat die ihm im Leben schon so viel
Böses bereitet hatten Viel fehlte nicht so wäre er hinter dem Tor noch einmal
umgedreht aber seine Faust griff fester in die Zügel und seine Lippen
murmelten »Auf dich kommt es nicht an«
    Er fuhr über den grünbewachsenen Hof auf dem stellenweise hohes
Dornengesträuch wucherte und der von weitläufigen aber stark verwilderten
Wirtschaftsgebäuden umgeben war und hielt vor dem Wohnhaus dessen Fensterläden
schwarzweisse Ringe trugen wahrscheinlich weil sie zeitweise als Schiessscheiben
benutzt wurden
    »Eine Ehre ist es nicht seine Schwestern hierher zu verheiraten aber viel
Ehre können sie auch nicht mehr verlangen« dachte er indem er das Pferd an das
Treppengeländer band denn keine Menschenseele war zu sehen die ihm den Zügel
hätte abnehmen können nur aus einer fernen Scheune klang der Viertakt der
Dreschflegel
    In demselben Augenblick da er den Hausflur betrat war es ihm als hörte er
ein leises Stimmengewirr und das Auf und Zuschlagen der Hintertüren Dann ward
es plötzlich still
    Er betrat ein Wohnzimmer in dem die Reste eines Frühstücks auf dem Tische
standen und das noch von Zigarrenqualm erfüllt war Eine Weile stand er wartend
Dann schob sich eine alte dürre Frauensperson mit verlegenem Grinsen durch die
Tür des Nebenzimmers
    »Die Herrens sind nicht zu Hause« sagte sie ohne seine Frage abzuwarten
»sie sind frühmorgens weggefahren und werden so bald nicht wiederkommen«
    »Tut nichts ich werde warten«
    Die Alte erhob ein großes Geschwätz das Warten sei vollkommen unnütz ihre
Heimkunft ließe sich nie im voraus bestimmen sie blieben oft die ganze Nacht
auswärts und dergleichen mehr Währenddessen glaubte er zu vernehmen dass ein
Wagen im raschesten Tempo vom Hof herunterrasselte Erschrocken sprang er auf
und trat ans Fenster denn er glaubte sein Pferd sei durchgegangen als er es
aber ruhig an der Stelle fand an der er es gelassen stieg ein Verdacht in ihm
auf ein Verdacht den er noch eine Minute vorher entrüstet zurückgewiesen
hätte
    Die alte Haushälterin wagte nicht ihm die Tür zu weisen und unbehelligt
freilich auch ohne Speis und Trank saß er wartend auf seinem Platz bis zum
Abend  Als es finster geworden war trat er mutlos und gedemütigt den Rückweg
an
    Am andern Morgen kam er wieder  auch jetzt vergebens Am dritten Tage fand
er das Hoftor fest verriegelt Ein nagelneues Schloss hing in den Haspen Es
schien eigens für ihn angeschafft
    Da konnte er keinen Zweifel mehr hegen dass die Brüder ihm absichtlich aus
dem Wege gingen »Sie scheuen sich mir ins Auge zu sehen« sagte er sich »ich
will ihnen schreiben«
    Aber als er die Feder ansetzte um ihr freundliche versöhnliche Worte
abzupressen da überkam ihn ein solcher Ekel über sein würdeloses Tun dass er
sie auf der Tischplatte zerstampfte und stöhnend im Zimmer umherlief
    »Ich muss erst Kraft schöpfen gehen« sagte er und schlich lautlos zu der
Kammer der Mädchen Die saßen am Fenster sprachen kein Wort und starrten mit
blassen Gesichtern in die Weite  dann ließ die eine das Köpfchen gegen die
Schulter der anderen sinken und sagte leise und traurig »Sie werden nicht mehr
kommen«
    »Sie haben Angst vor ihm« seufzte die Schwester
    Und darauf sanken sie wieder in ihr Brüten zurück
    »So« sagte er tiefaufatmend dieweil er in sein Zimmer zurückschlich »ich
wusste ja dass dies helfen würde« Darauf nahm er einen neuen Bogen und schrieb
einen schönen Brief worin er den Brüdern auseinandersetzte dass er ihnen nicht
mehr zürne dass er ihnen alles verzeihen wolle wenn sie den Schwestern die
verlorene Ehre wiedergäben
    »Morgen werden sie da sein« sagte er mit einem Seufzer der Erleichterung
als er das Schreiben in den Briefkasten warf  Den Rest des Tages irrte er auf
der Heide umher denn er wagte keinem Menschen ins Angesicht zu sehen so
schämte er sich 
    Aber die Erdmänner kamen nicht         
                           
    Es war am Weihnachtsabend kurz vor dem Dunkelwerden Tief eingeschneit lag
die Heide und von dem grauen Himmel rieselten neue Flockenmassen da sah Paul
wie die Schwestern heimlich Hut und Mantel nahmen und zur Hintertür entwischen
wollten
    Er eilte ihnen nach und fragte »Wohin«
    Da fingen sie zu weinen an und Käte sagte »Bitte bitte frag uns nicht«
Er aber fühlte eine unheimliche Angst in sich erwachen und sie an den Armen
ergreifend sagte er »Ich bleibe hinter euch wenn ihr mir nicht gesteht«
    Da presste Grete schluchzend hervor »Wir gehen zu Mutters Grab«
    Ein Grauen überlief ihn dass sie  so die heilige Stätte betreten sollten
aber er hütete sich wohl es ihnen zu zeigen »Nein Kinder« sagte er ihre
Wangen streichelnd »das duld ich nicht es würde euch zu sehr erregen auch
liegt der Schnee sehr tief auf der Heide und es wird gleich dunkel werden«
    »Aber einer muss doch draußen gewesen sein« sagte Käte schüchtern »heute
zum Weihnachtsabend«
    »Du hast Recht Schwester« erwiderte er »ich werde selber gehen Bleibt
ihr beim Vater und zündet ihm ein paar Lichter an So Gott will bring ich euch
Trost mit heim«
    Sie ließ sich zureden und gingen ins Haus zurück  Er aber zog sich einen
warmen Rock an setzte sich die Mütze auf und schritt in die Dämmerung hinaus
    »Schliesst ihr heute die Tore zu« sagte er bevor er den Hof verließ denn
er hatte eine dumpfe Ahnung dass er erst spät in der Nacht heimkehren würde Und
wenn er sich im Schneegestöber umhertriebe  
    Lautlos lag die weiße Heide  Tief im Schoße des Schnees ruhten die welken
Blumen und wo sonst ein Wacholderbusch gestanden erhob sich nun ein weißes
Häuflein anzuschauen wie ein Maulwurfshügel Selbst die Stämme der
Krüppelweiden trugen eine weiße Decke doch nur an der Seite von welcher her
der Wind sie angeweht hatte
    Mühsam schritt er auf der eingeschneiten Heide dahin bei jedem Tritte bis
über die Knöchel versinkend In den Lüften zog hie und da mit dumpfem
Flügelschlage eine Krähe schwer gegen das Schneegestöber ankämpfend
    Kein Weg kein Steg war zu sehen  Die einsamen drei Fichten die in der
Ferne wie schwarze Phantome gen Himmel ragten waren das einzige Zeichen nach
dem sein Fuß sich richten konnte
    Der goldgelbe Streif der für wenige Momente am Rande des Horizonts
aufgeflammt war erlosch tiefer sanken die Schatten und als Paul den Wall des
Kirchhofs erreicht hatte der wie eine gespenstische Mauer sich vor ihm
auftürmte war es vollends dunkel geworden doch verbreitete der frisch
gefallene Schnee einen ungewissen Dämmerschein so dass er das Grab der Mutter
alsbald zu finden hoffte 
    Die Pforte war verschneit verweht nirgends ein Eingang zu entdecken
    So tastete er denn mühsam an der Hecke entlang von der hie und da ein
schwärzliches Ästlein seine dornigen Spitzen aus der weißen Hülle
hervorstreckte bis sein Arm tiefer in den Schnee hineinsank ohne Widerstand zu
finden
    Dort wühlte er sich einen Weg in das Innere hinein
    Mit dumpfem Rauschen grüßten die Fichten zu ihm hernieder und ein Rabe der
im Schnee gehockt hatte flog schwirrend auf und umkreiste ruhelos die Kronen
wie eine arme Seele die keinen Frieden findet
    Als er die eingeschneite Fläche in ihrem bleichen Einerlei vor seinen
Blicken liegen sah durchfuhr ihn ein Schreck denn er sah kein Zeichen an dem
er das Grab der Mutter entdecken konnte Ein Kreuz stand nicht an dem Hügel
denn er hatte noch kein Geld gehabt eines anzuschaffen der Hügel selbst aber
lag tief in dem alles ebnenden Schneegefilde
    Eine quälende Angst erfasste ihn Ihm war zumute als hätte er nun auch das
letzte verloren was er auf der Welt besaß
    Und mit zitternden Händen begann er den Schnee aufzuwühlen von einem Hügel
zum andern  ein langer Pfad aus dem hie und da die Ecke eines Grabes ein
Kranz oder ein Lebensbäumchen in der Dämmerung zum Vorschein kam
    »Hier schläft« dieser »hier schläft« jener  er wusste fast von jedem Grab
wer darunter die Ruhestatt gefunden hatte
    Und endlich ritzte sich seine wühlende Hand an einem Glasscherben der aus
der Tiefe emportauchte  Er hielt inne und tastete vorsichtig in der Runde 
Der Scherben war wohl der den Grete im Frühherbst hinausgetragen hatte um
Astern darein zu setzen ein grüner Flaschenscherben mit scharfen spitzen
Kanten  ja er wars Noch staken die welken Stengel darin Und daneben der
Kranz der Erikakranz der steifgefroren wie ein steinerner Ring zum Vorschein
kam den hatte er selbst hierher gelegt als er zum letztenmal draußen gewesen
war
    Wie er nun das Häuflein Schnee das sein Teuerstes barg so weiß und ruhig
daliegen sah fiel er auf die Knie und drückte sein glühendes Gesicht in den
kühlen weichen Flockenschaum
    »Ich bin an allem schuld Mutter« klagte er »ich hab nicht auf sie acht
gegeben ich hab sie verwildern lassen Richte sie nicht Mutter sie wussten
nicht was sie taten  Aber ich flehe zu dir Mutter lass du mich wissen wie
ich handeln soll  Sende mir ein einziges Wort übers Grab zurück  sieh
ich knie hier und weiß nicht ein noch aus«
    Und dann wars ihm plötzlich als hätte auch er nicht das Recht an dieser
Stätte zu liegen als wäre auf ihn die Schande abgewälzt die die Schwestern
betroffen hatte Er schalt sich feige selbstsüchtig und faul dass er so lange
untätig geblieben war ohne ein Äusserstes zu wagen
    »Ich wills tun Mutter noch diese Nacht« rief er aufspringend »Auf mich
solls nicht ankommen mein letztes Restchen Stolz will ich daran geben wenn
nur die Schwestern gerettet werden«  Er schwor es mit erhobenen Armen und
dann eilte er auf die Heide hinaus      
    Wohl drei Stunden lang jagte er auf den eingeschneiten Wegen dahin Acht Uhr
mochte es sein als er müde und atemlos vor dem Hoftor von Lotkeim halt machte
    »Heute sollen sie nicht entwischen« sagte er und da er das Tor wiederum
verschlossen fand so kroch er auf dem Bauche unter den Staketen hindurch  wie
er es sonst bei Hunden gesehen hatte
    Die Fenster des Herrenhauses waren hell erleuchtet aber hinter den
herabgelassenen Vorhängen ließ sich von dem Innern nichts erkennen nur
abgerissener Gesang und kurzes Gelächter drangen ins Freie
    Die Haustür stand offen In dem dunklen Flur hielt er für einen Augenblick
inne um sein Herzpochen zu beschwichtigen dann klopfte er
    Ulrichs Stimme rief »Herein«
    Da lagen die beiden Brüder ausgestreckt auf dem langen Sofa die Füße des
einen neben dem Kopf des andern ein Bild vollkommenster Gewissensruhe und
Seelenheiterkeit Jeder von ihnen balancierte ein großes Grogglas in der hohlen
Hand und vor ihnen auf dem Tisch stand eine dampfende Punschterrine
    Bei seinem Anblick waren sie so erschrocken dass sie das Aufstehen vergaßen
Ganz versteinert blieben sie liegen und starrten ihn an
    »Nanu« rief Ulrich der zuerst die Sprache wiederbekam und Fritz ließ sein
Glas klirrend zu Boden fallen Darauf bückte er sich und sammelte mit großem
Eifer die Scherben
    »Ihr könnt euch wohl denken warum ich komme« sagte Paul in seinen
beschneiten Kleidern langsam vor den Tisch hintretend
    »Nein« sagte Ulrich der sich langsam aufrichtete
    »Keine Ahnung« bestätigte Fritz der sich wohlweislich hinter den Rücken
des Bruders zurückzog
    »Ihr habt meinen Brief doch wohl erhalten« fragte Paul
    »Wir wissen von keinem Brief« erwiderte der Ältere ihm frech ins Auge
schauend
    »Er wird wohl auf der Post verlorengegangen sein« fügte der Jüngere eilends
hinzu
    »Besinnt euch nur Es war am 16 November« sagte Paul
    Da erinnerten sie sich dunkel dass ein Brief an sie abgeliefert worden war
    »Aber wir konnten aus ihm nicht klug werden und haben ihn ins Feuer
geworfen« sagte Ulrich
    »Lasst die Winkelzüge« erwiderte Paul »Ihr wisst ganz gut was ihr zu tun
habt«
    Sie zuckten die Achseln und sahen sich an als ob er spanisch redete
    »Ich bin nicht gekommen mit euch Komödie zu spielen« fuhr Paul fort »ihr
habt meinen Schwestern die Ehre genommen und müsst sie ihnen wiedergeben«
    Ulrich kratzte sich den Kopf und sagte »Lieber Meihöfer das ist ne böse
Geschichte  und so mir nichts dir nichts lässt sich die nicht behandeln  Setz
dich mal hin und trink ein Glas Punsch mit uns  dabei werden wir rascher zum
Ziele kommen«
    »Ja rasch und gemütlich« fügte Fritz hinzu indem er aufstand zwei neue
Gläser herbeizuholen
    »Ich danke« sagte Paul »ich habe keinen Durst« In ihm bohrte ein dumpfes
Gefühl als ob die Brüder ihn wie sein Leben lang auch jetzt mit Hohn
überschütteten
    Um seine Glieder legte es sich wie eiserne Klammem Ganz schlaff ganz
wehrlos erschien er sich nun
    »Ja wenn du uns so kommst« erwiderte Ulrich scheinbar gekränkt »dann
reden wir gar nicht mit dir Ich habe keine Lust mir den Weihnachtsabend zu
verderben«
    »Und den Punsch kalt werden zu lassen« fügte Fritz hinzu
    Paul maß mit starrem Blick bald den einen bald den andern Wie war es
möglich dass die welche schwere Schuld auf sich geladen hatten stolz und
übermütig vor ihm standen während er der nur sein gutes Recht begehrte
zitterte und bebte wie ein Verbrecher
    »Und wenn du ohne Trost heimkehrst« schrie eine angstvolle Stimme in ihm 
»Erzürne sie nicht  denk daran was du der Mutter geschworen hast Auf dich
selbst darf es nicht ankommen«
    »Na  trinkst du nun oder trinkst du nicht« rief Ulrich ärgerlich
    »Auf dich selbst darf es nicht ankommen« rief die Stimme wieder da senkte
er den Kopf und sagte mit heiserer Stimme »Also  bitt schön«
    Die beiden Brüder warfen einander einen lächelnden Blick zu und Fritz hob
das Glas und sagte »Prost Fest«
    »Prost Fest« stammelte er und würgte das heiße Getränk hinunter wiewohl
der Ekel ihm bis zur Kehle schwoll
    Nun saß er wie ein guter Kumpan mit den beiden Brüdern an einem Tische er
der als Rächer hätte kommen müssen
    »Also um die Geschichte zu beendigen lieber Meihöfer« begann Ulrich aufs
neue »Was geschehen ist ist geschehen und lässt sich nicht mehr ändern Ich
will hier nicht mehr untersuchen wer den andern mehr nachgelaufen ist wir
deinen Schwestern oder deine Schwestern uns jedenfalls haben sie ebensoviel
Schuld wie wir Wir lieben sie von ganzem Herzen sie sind die niedlichsten
Mädchen in der ganzen Gegend und es tut uns aufrichtig leid wenn wir denken
dass wir sie verloren haben aber   dass wir sie nun heiraten sollen das wirst
du doch nicht verlangen«
    Paul warf ihm einen scheuen Blick zu und sagte kleinlaut »Das ist das
mindeste was « weiter kam er nicht ihm war als stockte das Blut in seinen
Adern
    »Sei nicht komisch« meinte Fritz und Ulrich fuhr fort »Sieh mal wir
würden es ja auch tun wir halten große Stücke von ihnen obwohl sie sich viel
vergeben haben«  in Pauls Hirn zuckte es aber er bezwang sich  »wir würden
dir auf der Stelle zu Willen sein aber zuerst sag uns mal was gibst du ihnen
mit«
    »Ich habe  nichts« stammelte Paul
    »Siehst du wohl« erwiderte Fritz
    »Und wir brauchen Geld  viel Geld« fuhr Ulrich fort »Ich bin der Ältere
und wenn ich das Gut für mich allein übernehme muss ich dem Fritz so viel
auszahlen dass er sich ein eigenes kaufen kann«
    »Ich  will  arbeiten« presste Paul hervor und schaute in demütiger Bitte
zu den Brüdern hinüber
    »Du hast schon zehn Jahre gearbeitet und hast nichts hinter dich gebracht«
    »Der Brand ist dazwischen gekommen« stammelte Paul als ob er um
Entschuldigung bäte für das Unglück das ihn betroffen hatte
    »Und nächstes Jahr kommt was Andres dazwischen Nein lieber Freund darauf
können wir uns nicht einlassen«
    Die Angst dass er ohne Trost zu den Schwestern würde heimkehren müssen
schwoll höher und höher in seiner Seele So sehr übermannte sie ihn dass seine
Zunge sich löste und er rief »Aber mein Gott so nehmt doch Vernunft an 
Ich kann doch nicht mehr wie arbeiten  Arbeiten will ich wie ein Stück Vieh
 arbeiten Tag und Nacht  ich will sparen und will hungern und alles was
ich erwerbe soll euch gehören  Seht mal  ich habe wirklich schöne
Aussichten  die Lokomobile wird bald in Ordnung sein  und das Moor ist
sehr einträglich  fünfzehn Fuß gehts in die Tiefe  wirklich ihr könnt
messen  Das Fuder Torf bringt zehn Mark  und eure Mitgift soll euch
jährlich in Teilzahlungen auf Heller und Pfennig zugeschickt werden«
    Er sah ihnen mit aufgerissenen Augen ins Gesicht denn er erwartete dass sie
jetzt sofort zugreifen würden Und als sie schwiegen strich er sich ganz
fassungslos mit der Hand über die Stirn von der der kalte Schweiß
herniederlief und murmelte »Ja  was kann ich denn noch  Richtig  noch
mehr will ich tun  Ich will mir den Hof vom Vater übergeben lassen und ihn
dann euch zuschreiben so dass wenn der Vater  stirbt einer von euch Herr
darauf wird  Ich will ausziehen und nicht mehr wie Schwarz unterm Nagel mit
mir tragen  Ist euch das nun genug«
    Aber sie schwiegen
    Da ward ihm zumute als ginge alles unter woran sein Glaube sich sonst
festgehalten als wiche der Boden unter seinen Füßen als würde er selbst ins
Leere hinausgeschleudert Er faltete die Hände  seine Zähen klapperten  und
wie entgeistert starrte er sie an  »Ist es denn möglich Ihr wollt nicht
Wollt wirklich nicht  Fasst ihr denn gar nicht dass es eure Pflicht und
Schuldigkeit ist gutzumachen was ihr gesündigt habt  Sagt euch euer
Ehrgefühl nicht dass ihr andere nicht ehrlos machen dürft  Lässt euch euer
Gewissen denn schlafen «
    »Höre auf« sagte Ulrich dem ein Gefühl des Unbehagens fröstelnd über den
Nacken lief
    »Nein ich höre nicht auf Ich kann nicht so nach Hause gehen  Wirklich
ich kann nicht  Habt ihr denn gar keine Ahnung was ihr angerichtet habt
 welch ein Elend bei mir zu Hause herrscht« Und er schauderte zusammen in
der Erinnerung an das was er zurückgelassen hatte  »Wenn ihr das wüsstet ihr
würdet so hart nicht sein  Seht Fritz und Ulrich  ich kenn euch nun
schon lange Zeit  wir haben schon zusammen auf der Schulbank gesessen  und
sind zusammen  vor den Altar getreten  Ihr habt mir schon immer übel
gewollt und ich hab viel von euch zu erdulden gehabt aber  ich will alles
vergessen wenn ihr nur das eine gut macht Ihr seid leichtsinnig aber schlecht
seid ihr nicht  ihr könnt es ja nicht sein  ihr habt ja auch eine Mutter
gehabt  ich hab sie gesehen  sie hat bei der Einsegnung am dritten
Pfeiler links gestanden und hat  geweint wie meine Mutter weinte  Und
meine Mutter  pfui doch« unterbrach er sich denn ihn überwältigte die Scham
dass er den Namen der Verklärten vor diesen Verführern in den Mund genommen
hatte aber seine Angst ohne Trost heimkehren zu müssen steigerte sich bis zum
Wahnwitz er schluckte auch das hinunter und von neuem fing er an während
seine Gedanken schon irr durcheinander schossen »Denkt euch mal ihr geht jetzt
raus zum Kirchhof  und habt Schwestern  die sind verführt  und ihr
habt nicht gut achtgegeben auf die Schwestern  und ihr wagt nicht den Schnee
zu berühren der auf dem Grabe liegt  und ich bin der Verführer  was 
was würdet ihr tun«
    »Totschlagen würden wir dich« sagte Ulrich ihm einen verächtlichen Blick
zuwerfend
    Er stieß einen gellenden Schrei aus denn jetzt kam das Bewusstsein wie tief
er sich erniedrigt wie er seinen Stolz seine Ehre im Kot gewälzt hatte mit
ganzer Gewalt über ihn  Mit geballten Fäusten stürzte er auf Ulrich los Der
aber verschanzte sich hinter dem Tisch und Fritz lief nach dem Nebenzimmer um
das Gesinde herbeizurufen
    Da taumelte er hinaus
    Das Hoftor war geschlossen wie vorhin  Er wagte nicht zurückzukehren um
es öffnen zu lassen und auf dem Bauche kroch er hinaus  wie ein Hund  
    Wie ein Hund                  
                           
 
                                       18
»Der junge Herr führt ja mit einem Male ein lustiges Leben« sagten die Knechte
und da nun doch alles drunter und drüber ging stahlen sie einen Scheffel Korn
nach dem andern
    Paul aber trieb sich auf allen Lustbarkeiten und Tanzfesten umher die in
der Gegend stattfanden  Wer ihn mit seinen finsteren Stirnfalten und dem
scheuen spähenden Blick in dem fröhlichen Gewühl auftauchen sah der fragte
sich wohl »Was will der hier« Und mancher ging im Bogen um ihn herum als sei
ein Schatten auf seine Freude gefallen
    Paul war sich wohl im klaren über den Weg den er wandelte  Er hatte
gehört dass die Erdmänner kein Fest vorübergehen ließ ohne mitzufeiern  so
toll wies eben anging  »Ich werde sie zu treffen wissen« sagte er »die
Nacht ist dunkel und die Heide einsam Unter Gottes freiem Himmel sollen sie mir
und dem Tode ins Antlitz sehen«
    Drei Tage nach seinem letzten Besuche auf Lotkeim war er in die Stadt
gefahren und hatte sich einen Revolver gekauft einen schönen sechsläufigen mit
langem schlankem Laufe Wie ein wildes Tier lauerte er nun nachts in den
Büschen und Hohlwegen der Heide wenn er glaubte dass sie vorüberkämen
    Aber sie kamen nicht Sie schienen misstrauisch geworden und hielten sich
deshalb im Haus oder was wahrscheinlicher das Geld war ihnen ausgegangen 
»Ich kann warten« sagte er und setzte sein Treiben fort
    Und wenn er eines Abends zu Hause blieb und mit den Schwestern gemeinsam am
Abendbrottisch saß  ein schweigendes trauriges Mahl  dann erschrak er
jedesmal sobald er aufschaute und die Züge der Mutter in zwei bleichen
abgehärmten Gesichtchen wiederfand  Dann jagte es ihn stets aufs neue hinaus
 
    Am Fastnachtabend wars da wurde in dem Saale des Bürgervereins von den
Landwirten der Umgegend ein großer Ball gefeiert
    »Dort werd ich sie fassen« sagte er sich denn er hatte gehört dass die
beiden Brüder zum Vorstand des Festes gehörten
    Als die Dämmerung herannahte ließ er den Schlitten anspannen verbarg den
Revolver im Gesässkasten und machte sich auf den Weg zur Stadt
    Tagüber hatte die Sonne geschienen nun lohte der Himmel in den Flammen des
Abendrots In bläuliche Schleier eingehüllt lag die Heide und durch die klare
Winterluft sprühten leuchtende Eiskristalle
    Als er an Helenental vorüberfuhr sah er zwei Schlitten mit Tannenzweigen
beladen die in den Gutsweg einbogen
    »Mir scheint dort soll ein Fest gefeiert werden« murmelte er den
Schlitten nachblickend und mit einem düsteren Lächeln setzte er hinzu »Ich
brauch nicht neidisch zu sein ich feiere ja auch mein Fest heute«
    Um sechs Uhr kam er in der Stadt an verschafte sich eine Eintrittskarte
und hockte bis zur neunten Stunde in dem Winkel einer Schenke finster vor sich
hinbrütend
    Als er den Festsaal betreten hatte in dem ein sinnbetäubender Wirrwarr
leuchtend durcheinanderrauschte verbarg er sich scheu in dem Schatten einer
Säule denn ihm war zumute als stände lesbar für jedermann auf seiner Stirn der
Mordgedanke geschrieben der ihm die Seele erfüllte
    Und plötzlich fuhr es wie ein Messerstich durch seine Brust  Er hatte die
Brüder gefunden  In der Mitte des Saales standen sie stolz und strahlend
seidene Schleifen auf den Achseln Maiglöckchen im Knopfloch und spähten mit
siegesgewissem Lächeln die Reihe der weissgekleideten Mädchen entlang die die
Wände schmückten
    »So  jetzt sind sie mir verfallen« murmelte er mit einem tiefen
Aufseufzen Er fühlte dass es kein Zurück mehr für ihn gab Und dann verkroch er
sich in eine verschwiegene Ecke von der aus er seine Opfer im Auge behalten
konnte Der Lichterglanz strahlte sonnenhaft auf ihn hernieder aber er sah ihn
nicht die Musik rauschte in wohligen Akkorden um sein Ohr aber er hörte sie
nicht alle seine Sinne waren untergegangen in wildem blutigem Gelüste
    Wie er so in das Gewühl hineinstarrte vernahm er dicht hinter sich ein
Gespräch von zwei behäbigen Männerstimmen »Willst du auch morgen zum Begräbnis
hinaus«
    »Ja es soll eine große Feier werden dabei darf man nicht fehlen«
    »Ist sie lange krank gewesen«
    »O sehr lange Unser alter Doktor hatte sie schon vor Jahren aufgegeben
Dann war sie mit ihrer Tochter im Süden und hat sich nach ihrer Rückkehr  ich
weiß nicht wie lange noch  gehalten«
    Er horchte  Ein dumpfe Ahnung dämmerte in ihm auf Die Tannenzweige Die
Tannenzweige
    Und die eine Stimme fuhr fort »Sag mal die Tochter muss doch in sehr
heiratsfähigem Alter sein  hat sie sich noch immer nicht verlobt«
    »Sie ist ja bekannt wegen der Körbe die sie austeilt« erwiderte die andre
Stimme »die einen sagen sie tats um die kranke Mutter nicht zu verlassen
die andern weil sie eine geheime Liebschaft mit ihrem Vetter hat dem Leo
Heller du kennst ihn ja«
    »O der Windhund« sagte die erste Stimme wieder »vorige Woche hat er im
Tempeln achthundert Mark verloren bei den Wucherern sitzt er bis an die Kehle
drin und ein Liebchen hält er sich auch aus Aber ein forscher lustiger Kerl
ists ganz dazu angetan sich Goldfische zu kapern« Und die beiden Stimmen
entfernten sich lachend
    Paul hatte ein dumpfes Gefühl als müsste er sich zu Boden werfen und das
Antlitz in den Staub pressen  aus seiner Kehle schwoll es empor  rote
Schleier wogten vor seinen Augen auf und nieder  Also sie hatte ausgelitten
die bleiche freundliche Frau die wie ein guter Engel über dem Heidehof
gewartet hatte an der sein eigen Herz gehangen solange er lebte
    Nun da sie tot war ja die Bahn frei für Niedergang und Verbrechen
    Und Elsbeth Wie hatte sie gezittert vor dieser fürchterlichen Stunde wie
hatte er geschworen ihr alsdann nahe zu sein Und statt dessen lauerte er hier
wie ein reissendes Tier blutige Gedanken in der Seele er der einzige dem ihre
reine Seele sich einst anvertraut hatte 
    Ein Frösteln überlief ihn »Aber was tuts Tröster hat sie ja genug  da
ist der lustige Leo mit dem sie ja eine geheime Liebschaft haben soll  mag der
nun seine Künste entfalten« Er lachte laut und höhnisch auf und nachdem er
sich klargemacht dass die Erdmanns ihm nicht entgehen konnten wenn er am Wege
auf sie wartete verließ er den Saal
    Als er in das Schweigen der mondhellen Winternacht hinausfuhr wurde es auch
in seiner Seele stiller und stiller und als über der silbernen Heide das »weiße
Haus« wie ein marmornes Grabdenkmal langsam emporstieg da fing er bitterlich zu
weinen an
    »Plärre nur plärre altes Weib du« murmelte er und peitschte das Pferd
an dass die Glocken heller klangen Die tönten ihm ins Ohr wie das Grabgeläute
alles Guten
    In dem Walde hinter dem der Seitenweg nach Lotkeim sich abzweigte machte
er halt band das Pferd an einen fern abgelegenen Baumstamm und schnallte die
Glocken ab damit ihr Klingen ihn nicht vor der Zeit verriet Dann holte er den
Revolver aus dem Gesässkasten und prüfte die Patronen  Sechs Schuss  für jeden
zwei  doppelt reißt nicht
    Es war bitterkalt und seine Füße erklammten Er kauerte sich auf dem Boden
des Schlittens nieder so dass die Pelzdecke ihn ganz umhüllte Darunter war es
warm und wohlig und allgemach fühlte er eine große Ermattung seiner Herr
werden als ob er einschlafen könnte Aber dann raffte er sich wieder empor
    »Es ist dir ja gar nicht ernst« murmelte er »dass du sie töten willst
Sonst müsste dir anders zumute sein «
    Da sprang er empor und rief in die Nacht hinein »Ich will ich schwörs
dir Mutter  ich will«  Und zur Bekräftigung schoss er eine Kugel in die
Lüfte so dass das Echo schauerlich durch die Stille hinrollte und die Raben
krächzend von ihren Sitzen emporfuhren 
    Je mehr die Stunde sich näherte in der die Brüder heimkehren mussten desto
mehr wuchs seine Angst aber diese Angst galt nicht der blutigen Tat  Er bebte
davor dass im letzten Moment seine Hand erschlaffen sein Mut verfliegen würde
denn man hatte ihn ja stets einen »Feigling« genannt
    Es mochte gegen vier Uhr morgens sein und der Mond war schon im Untergehen
da ließ ein Glockengeläut in der Ferne sich hören leise und immer lauter und
lauter Er sprang in den Hohlweg den der wehende Schnee aufgeschüttet hatte
und warf sich platt auf den Boden Der Schlitten nahte dem Waldesrand zwei in
Pelze gehüllte Personen saßen darauf  sie warens  Aber wie lange das
dauerte
    Der Schlitten fuhr langsamer von Schritt zu Schritt Die Glocken klirrten
träge und die Zügel hingen schlaff über den Bug des Pferdes herab Die Brüder
schnarchten  wehrlos waren sie ihm preisgegeben
    Rasch sprang er vor fiel dem Pferd in die Zügel und löste die Stränge der
Deichsel Der Schlitten stand  und seine Herren schliefen weiter
    Er stellte sich vor sie hin und starrte auf sie nieder Die Hand die die
Pistole hielt zitterte heftig
    »Was tu ich nun mit ihnen« murmelte er »im Schlaf kann ich sie doch nicht
niedermachen  Betrunken werden sie auch sein sonst wären sie schon längst
aufgewacht  Das beste ist ich lasse sie ziehen und warte auf das nächste
Mal«
    Eben wollte er das Pferd wieder in die Stränge legen da schoss es ihm durch
den Kopf dass er ja der Mutter geschworen habe sie umzubringen
    »Ich wußts ja dass ich ein elender Feigling bin« dachte er bei sich »und
nimmermehr die Kourage dazu haben würde  Nicht einmal zum Morden bin ich gut
genug«
    »Aber jetzt tu ichs doch« murmelte er trat zwei Schritt zurück und
zielte scharf auf Ulrichs Brust aber den Hahn spannte er nicht denn innerlich
fürchtete er er könnte den Schlafenden verletzen
    »Ob ichs doch wohl tun werde« dachte er als er eine Weile in dieser
Stellung gestanden hatte Und darauf begann er sich auszumalen was geschehen
würde wenn ers getan hätte und die beiden da tot vor ihm lägen »Entweder ich
erschiesse mich dann selber und lasse den Vater und die Schwestern im Elend
zurück oder ich erschiesse mich nicht sondern liefere mich morgen den Gerichten
aus dann ist das Elend zu Hause ebenso groß  Wahnsinn ist es auf alle Fälle«
so schloss er seine Überlegungen  »aber ich tus doch«
    Und plötzlich gewahrte er unter dem Pelze Ulrichs der sich über der Brust
ein wenig zurückgeschlagen hatte einen funkelnden Panzer von Ordenssternen wie
sie beim Kotillontanz die Damen den Herren anzuheften pflegen
    »Also von andern lassen sie sich mit Orden zieren« dachte er »und die
Schwestern sitzen derweilen im Elend«
    Da fing es in ihm an zu kochen und er begann zu fühlen dass ers doch am
Ende tun würde
    »Aber erst will ich ein Wort Deutsch mit ihnen reden« murmelte er packte
Ulrich der an seiner Seite saß bei der Schulter und schüttelte ihn heftig so
dass sein Kopf hin und her flog
    Ulrich fuhr sofort aus dem Schlaf empor und als er die dunkle Gestalt Pauls
mit dem Revolver in der Hand dicht vor sich stehen sah fing er laut und
jämmerlich zu schreien an Auch der andere erwachte nun und beide streckten ihm
in kläglicher Abwehr die Arme entgegen
    »Was willst du tun« schrie der eine
    »Morde uns nicht« schrie der andre
    »Steck den Revolver fort Erbarm dich unser  erbarm dich«
    Sie falteten die Hände und wären auf die Knie gefallen wenn die Pelzdecken
sie nicht gehindert hätten
    Paul maß sie voll Verwunderung Er hatte sie sein Leben lang nur keck und
kampflustig gesehen so dass sie ihm jetzt in ihrem Jammern wie wildfremde Leute
erschienen Im Innern wünschte er dass sie die Messer gegen ihn ziehen möchten
damit er in ehrlichem Kampfe von seinem Revolver Gebrauch machen könnte Und
dann plötzlich kam ihm der Gedanke »Hättest du sie als Junge ein einzig Mal so
behandelt wie heute dir wäre manche schwere Kränkung erspart geblieben  und
den Schwestern vor allem«
    Ulrich suchte inzwischen seine Knie zu umklammern und Fritz schrie in einem
fort »Erbarm dich unser  erbarm dich«
    »Ihr wisst sehr gut was ich von euch will« erwiderte Paul der sich nun von
allem Schwanken erlöst fühlte und mit kalter Entschlossenheit sein Ziel
verfolgte
    »Was willst du sag was willst du Wir tun alles was du willst« rief
Ulrich und Fritz der sich hinter dem Bruder zu verstecken suchte schien
plötzlich ganz der Sprache beraubt
    »Ihr sollt euer Wort halten wie ich das meine halten werde« sagte Paul
»Ich wollte ihr fändet den Mut euch zu wehren damit wir endlich einmal
miteinander ins reine kämen  Aber vielleicht ist es besser so  und jetzt
sprecht mir nach was ich euch vorsprechen werde Wir schwören bei Gott und dem
Andenken unserer Mutter dass wir binnen drei Tagen das Versprechen einlösen
werden das wir deinen Schwestern gegeben haben«
    Zitternd und lallend sprachen sie ihm die Worte nach
    »Und ich schwöre euch bei Gott und dem Andenken meiner Mutter« erwiderte
er »dass ich euch niederschiessen werde wie und wo ich euch treffe falls ihr
euren Eid nicht heilighalten wolltet So jetzt könnt ihr fahren  bleibt
sitzen Ich werde das Pferd selbst ansträngen  Sitzen bleiben«  wiederholte
er als sie ihm trotzdem hilfreiche Hand leisten wollten
    Sie rührten sich nicht mehr so gehorsam waren sie nun Und als er fertig
geworden war sagten sie ihm mit großer Höflichkeit »Guten Abend« und fuhren
von dannen
    »Also so wirds gemacht« murmelte er indem er die Pistole in den Schnee
warf und dem Schlitten mit gefalteten Händen nachschaute »Baust du auf Recht
und Ehrgefühl und willst im Guten alles zum Guten wenden so nennt man dich
feige und du wirst behandelt wie ein Hund  Behandelst du aber die andern wie
Hunde gleich von vornherein ohne zu bedenken ob du im Recht bist oder nicht
so nennt man dich mutig und alles gelingt dir und du wirst ein Held Also so
wirds gemacht   so wirds gemacht«
    Und er schüttelte sich und ein Ekel erfasste ihn vor sich und der ganzen
Welt So schmutzig erschien er sich als ob nichts auf Erden ihn wieder
reinwaschen könnte
                           
    Am nächsten Vormittag stand er hinter dem Schuppen im Schnee und sah nach
Helenental hinüber wo ein dunkler Leichenzug zum traurigen Gang sich rüstete 
Zweimal war er in den Stall gegangen den Knechten zu sagen dass sie den
Schlitten anspannen möchten und beide Male war ihm das Wort in der Kehle
stecken geblieben
    Nun stand er da hielt die Hände gefaltet und sah zu wie auf der
weissschillernden Heide eine lange schwarze Schlangenlinie dahinkroch die
kleiner und kleiner wurde und schließlich hinter dem Walde verschwand denn der
Kirchhof von Helenental lag weitab auf dem Weg zur Stadt hin
    »Wie schön wärs« dachte er »wenn sie sich auch unter den drei Fichten
begraben möchten  Dann würde die Mutter gute Nachbarschaft haben und  «
    Er schrak zusammen denn blitzschnell hatte sein Hirn sich ausgemalt wie er
dann an einem schönen Frühlingsabend alldort mit Elsbeth hätte zusammentreffen
können die da käme an dem Grab zu sitzen das ihr gehörte wie er zu dem
seinen
    »Aber es ist gut so wie es ist« sprach er vor sich hin »wie könnte ich je
den Mut finden ihr wieder ins Auge zu sehen   ich der ich des Nachts am
Wege lagere um meinen liederlichen Schwestern Männer zu besorgen«
    Da plötzlich kamen die Zwillinge atemlos dahergelaufen  sie zitterten am
ganzen Leibe und rangen nach Worten
    »Was habt ihr Kinder«
    Grete verbarg den Kopf an seiner Schulter und Käte zog die Luft durch die
Nase aus und ein wie ein Kind welches das Weinen verbeisst
    »Sie sind da« stammelte sie und dann fingen beide zu schluchzen an
    »s ist gut« erwiderte Paul und küsste sie
    »Kommst du nicht ins Haus« fragte Käte an ihrer Schürze saugend
    »Wo habt ihr sie denn gelassen«
    »Sie reden mit dem Vater«
    »Aha  das hört sich schon anders an  Lauft in eure Kammer  ich komme
gleich«
    »Und das um welchen Preis« murmelte er indem er ihnen nachschaute dann
warf er noch einen Blick nach Helenental hinüber und schritt in den Schuppen wo
die »schwarze Suse« stand  »Es ist Zeit dass du lebendig wirst« sagte er
ihren schwarzen Leib streichelnd »wir werden wacker schuften müssen du und
ich wenn wir den Margellen die Mitgift schaffen wollen«
    
    Als er das Haus betrat hörte er die lautschallende Stimme des Vaters sich
entgegendringen
    »Bin doch neugierig wie sie sich benehmen« sagte er und lauschte
    »Ja ein Pinsel ist er und ein Pinsel bleibt er meine Herren Was ich im
großen ausgedacht habe vollführt er nun in seiner kleinlichen krämerhaften
Manier Mir hat sich das Herz im Leibe umkehren wollen wenn ich ihn an der
Maschine herumbasteln sah als wär es eine Weidenpfeife Und dabei geht die
Wirtschaft immer weiter rückwärts  Oh meine Herren Sie sehen mich hier als
Krüppel als elenden zugrunde gerichteten Krüppel aber wenn ich noch das
Szepter führte meine Herren Tausende wollt ich aus der Erde stampfen nicht
minder wie Vanderbilt der Amerikaner dessen Lebenslauf in diesem Kalender so
lehrreich beschrieben steht«
    »Können Sie die Leitung der Geschäfte nicht von ihrem Stuhl aus besorgen«
fragte die Stimme Ulrichs
    »Oh meine Herren sehen Sie meine Tränen  ich vergiesse sie über das
undankbarste ungeratenste Kind welches die Erde trägt In diesem Kalender ist
die Geschichte eines Sohnes geschrieben der seinen in der Wüste
verschmachtenden Eltern mit Gefahr seines Lebens einen Trunk Wasser aus
Räuberhänden holt  aber was tut er Wie ich hier sitze meine Herren bin ich
nicht imstande Ihnen auch nur ein Schnäpschen anzubieten ein Kümmel und
Ingwerschnäpschen wie ich es so gerne trinke«
    »Wir werden es Ihnen künftig mitbringen« versicherte Fritz
    »Oh warum hat Gott mir nicht zwei solche Söhne geschenkt wie Sie es sind
Und denken Sie nie fragt er mich die Küche verschließt er vor mir  es wundert
mich dass ich nicht schon Hungers gestorben bin  Nun Sie kennen ihn ja von
Kindesbeinen an  war er nicht immer ein roher tückischer Patron«
    »O ja er hatte stets etwas Gewalttätiges an sich« meinte Ulrich
    »Und mit Pistolen und Peitschen hantierte er besonders hinterrücks« fügte
Fritz hinzu
    »Besonders hinterrücks   hahaha das trifft ihn das ist seine Art Oh
meine Herren geheime Tücke führt nimmer zum Glücke so heißt ein Sprüchlein in
diesem Kalender und wenn der Himmel mich noch einmal gesund werden lässt dann
sollen Sie sehen wie ich Rache nehme zuerst an dem Schurken dem Brandstifter
dem gemeinen Kerl dem ich mein ganzes Elend verdanke und dann auch an dem
Herrn Sohn der seinen Vater so schlecht behandelt Enterben tu ich ihn Vom
Hof jag ich ihn  hab ich Recht wenn ich das tue meine Herren«
    »Ganz Recht« erklärten beide
    »Guten Tag auch« sagte Paul hervortretend   
    Die drei schraken zusammen Der Vater duckte sich scheu in seinem Sessel
wie ein Hund der Schläge fürchtet die Brüder streckten ihm sehr verlegen und
sehr demütig die Hände entgegen und baten er möchte alles vergessen sein
lassen
    »Warum nicht« erwiderte er seinen Widerwillen bezwingend »ihr wisst ja nun
den richtigen Weg«
    Als die beiden ihre Werbung vorbrachten erwachte in dem Alten die
Grossmannssucht stärker denn je »Meine Herren« sagte er die Stimme in der
Kehle quetschend damit sie würdiger klinge »Ihr Antrag ehrt mich
selbstverständlich aber ich bin nicht in der Lage ihn mit ja zu beantworten
Erst bitte ich um vollgültige Bürgschaft damit ich weiß welches die Zukunft
meiner Töchter ist welche durch Schönheit und Liebenswürdigkeit wie auch durch
fleckenlose Tugend für ein glänzendes Schicksal geschaffen sind Ich habe sie so
sorgfältig erzogen und so liebevoll über sie gewacht dass mein väterliches Herz
sich nicht entschließen kann sie ohne weiteres fortzugeben«
    In diesem Tone schwadronierte er weiter bis Paul ruhig sagte »Lass nur
Vater die Sache ist bereits abgemacht«  Da schwieg er innerlich
hochbefriedigt eine so glänzende Rede an den Mann gebracht zu haben   
    Nachmittags ging Paul in die Kammer der Schwestern und sagte »Kinder betet
ein Vaterunser  Frau Douglas wurde heute begraben«
    Sie sahen ihn mit großen freudeglänzenden Augen an und um ihre Lippen
glitt ein verträumtes Lächeln
    »Habt ihr mich nicht verstanden«
    »Ja« sagten sie leise und erschrocken und drückten sich aneinander als
fürchteten sie die Rute  Er ließ sie allein in ihrem Glück und schritt in den
klaren kalten Wintertag hinaus »Wie kommt es nur« dachte er »dass jetzt ein
jeder Angst vor mir hat und keiner versteht wie ichs meine«
    An demselben Tage jagte er die Knechte davon und schrieb an den Meister er
möge morgen kommen die Arbeit wieder aufzunehmen             
                           
    Noch in derselben Woche trat Tauwetter ein rasch ward nun das Werk
gefördert und eines Freitagabends zu Anfang März stand die »schwarze Suse«
blitzblank in ihrem neugeflickten Gewande da  Am nächsten Morgen sollte der
Kessel probiert werden und Holz und Kohlen lagen bereits aufgeschichtet an den
Wänden des Schuppens
    Schlaflos wälzte sich Paul in seinem Bette Träge schlichen die Stunden
dahin  eine Ewigkeit qualvollster Erwartung lag zwischen Mitternacht und
Morgengrauen  
    »Wird sie lebendig werden Wird sie «
    Die Uhr schlug eins  da hielt er sich nicht länger kleidete sich an und
schlich die flackernde Laterne in der Hand in die nasskalte Märznacht hinaus
Der Wind fing sich in seinen Kleidern und der eisige Sprühregen schlug ihm
seine Geisseln ins Gesicht
    Aus dem dunkeln Schuppen glotzte die »schwarze Suse« ihm mürrisch entgegen
als wolle sie nicht dulden dass man ihre letzte Nachtruhe störe  Die Laterne
warf einen gespensterhaften Schein über den unwirtlichen Raum und die Schatten
der Maschine tanzten bei jeglichem Flackern in grotesken Sprüngen auf der gelben
Bretterwand
    »Ob ich den Meister wecke« dachte Paul »Nein mag er schlafen ich will
den Schmerz oder die erste Freude für mich allein haben«
    Prasselnd flogen die Kohlenhaufen in den schwarzen Schlund  Ein blaues
Flämmchen zuckte auf züngelte ringsumher und bald erfüllte rötliche Glut den
finsteren Raum  Trübe blinzelte die Laterne von der Wand hernieder als sei
sie neidisch auf den warmen frohen Feuerschein
    Paul setzte sich auf einen Kohlenhaufen und schaute dem Spiel der Flammen zu
 Die Tür der Feuerung begann sich rötlich zu färben und durch den Rost
sanken funkensprühend halb ausgeglühte Schlacken
    Paul hörte sein Herz klopfen und wie er seine Hand beruhigend daraufpresste
fühlte er in der Brusttasche Elsbets Flöte Er hatte sie an dem Tage da die
Arbeit wieder aufgenommen wurde auf der Lokomobile liegen gefunden und seitdem
bei sich getragen
    »Ob ich auch das wohl noch lernen werde« fragte er in banger Freudigkeit
über das bisher Errungene  Er setzte die Flöte an den Mund und versuchte zu
blasen  die Minuten schlichen langsam er musste sich die Zeit vertreiben 
Aber die Töne die er hervorrief klangen hohl und gequetscht  eine Melodie
ließ sich noch weniger zusammensetzen
    »Ich lerns doch nicht mehr« dachte er »Was ich für mich selber tue
misslingt  das ist nun einmal Gesetz in meinem Leben Für andere muss ich säen
wenn ich ernten will«
    Aber trotzdem setzte er die Flöte wiederum an die Lippen »Es wäre schön«
dachte er »wenn ich ein Künstler geworden wäre wie Elsbeth es mir prophezeite
anstatt dass ich hier Maschinen anheize«  Ein Schauer der Erregung
durchrieselte ihn
    »Wird sie lebendig werden Wird sie« 
    Ein neuer quäkender Ton entrang sich der Flöte »Brr« sagte er »das geht
durch Mark und Bein Lieben und Flötespielen werd ich wohl andern überlassen
müssen«
    Und in diesem Augenblick erhob sich im Innern der schwarzen Suse jenes
geheimnisvolle Singen das ihm all die Jahre hindurch treu in der Erinnerung
geblieben war Es klang als sängen die Schicksalsschwestern unter dem
Eschenbaum
    »Hei das ist ne schönre Musik« rief er aufspringend und schleuderte die
Flöte von sich  Die eiserne Tür klirrte  Neue Kohlenhaufen verschlang der
glühende Rachen  Die Schaufel flog rasselnd auf den Boden
    »Sie werden im Haus erwachen« dachte er für einen Augenblick erschrocken
»aber mögen sie mögen sie« fuhr er fort »es gilt ja ihr Glück ihre Zukunft«
    Lauter und lauter wurde das Singen da fasste ihn plötzlich der Übermut dass
er hell zu pfeifen begann»Wie gut das klingt Ja wir verstehen uns auf das
Musikemachen  wir sind stramme Musikanten Suse  was«
    Der Schlot gab mächtige Wolken schwarzen Qualmes von sich die wie ein
Baldachin sich unter der Decke verbreiteten wogend und schwellend als führe
ein Sturmwind durch die Falten  Das eine der Ventile ließ einen leisen
zischenden Ton vernehmen und ein weißes Dampfwölkchen spritzte empor das sich
rasch mit dem schwarzen Rauch vermischte  Lauter und lauter wurde das
Zischen weiter und weiter rückte der Zeiger im Manometer 
    »Jetzt ists Zeit« 
    Mit zitternden Händen tastete er nach dem Hebel  ein Ruck  ein Schwung
 und wirbelnd wie von Geisterhänden gejagt kreiste das Rad in die Runde
    »Viktoria  sie lebt  sie lebt«
    Nun mögen sie hören mögen kommen Seine Hand zerrt an der Klappe der
Dampfpfeife und gellend ruft ihr Schrei in die Nacht hinaus »Ich leb ich
lebe«
    Da faltete er die Hände und murmelte leise »O Mutter das hättst du noch
erleben müssen« Und wie er das sagte kam es plötzlich über ihn als wäre auch
dieses vergebens als säße auch ihm der Tod im Nacken und schrie ihm ins Ohr
»Du stirbst du stirbst  ohne gelebt zu haben«
    »Noch hab ich zu schaffen« sagte er mit feuchtem Auge »erst will ich die
Schwestern glücklich wissen  denn bleiben sie arm so werden sie roh behandelt
 erst will ich den Hof in Pracht erstehen sehen dann mag er kommen«
    Und wie die schwarzen Wolken ringsum so türmten sich aufs neue Jahre der
Knechtschaft Jahre des Ringens des Sorgens vor seinem Blick empor
    Mit verschlafenen Gesichtern tauchte die Hausgenossenschaft im Tore des
Schuppens auf auch die Schwestern fanden sich ein und standen in dem Qualm und
dem Feuerschein ängstlich aneinandergeschmiegt in ihren weißen Nachtkleidchen
anzuschauen wie zwei blasse Rosen an demselben Stengel
    »Hier wird eure Zukunft bereitet ihr armen Dinger« murmelte er indem er
ihnen zunickte
    Als der Meister zur Stelle war ging Paul in das Schlafzimmer des Vaters
der ihm aus dem Bette verstört entgegenstarrte
    »Vater« sagte er bescheiden wiewohl sein Herz vor Stolz sich schwellte
»die Lokomobile ist instand gesetzt sobald der Grund aufgetaut ist können die
Arbeiten auf dem Moor beginnen«
    Der Alte sagte »Lass mich in Ruh« und drehte den Kopf nach der Wand
                           
    Als am andern Morgen die Lokomobile ins Freie gezogen wurde ertönte auf der
Schwelle des Schuppens ein eigentümlich prasselnder quetschender Laut
    »Es ist etwas unter die Räder gekommen« sagte der Meister
    Paul sah nach Da lag als ein Häuflein Trümmer mitten durchgebrochen und
plattgedrückt  Elsbets Flöte
    Ein bitteres Lächeln zog über sein Gesicht als wollte er sagen »Nun hab
ich dir auch mein Letztes geopfert nun kannst du doch zufrieden sein Frau
Sorge«
    Seit diesem Tage war ihm zumute als sei das letzte Band zwischen ihm und
Elsbeth zerrissen Er hatte sie verloren wie sein Träumen sein Hoffen seine
Würde sein Selbst 
    Mit Hallo wanderte die »schwarze Suse« ins Moor hinaus 
 
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Die Jahre gingen dahin Lange schon lebten die Schwestern als glückliche
Hausfrauen die Mitgift war herausbezahlt und die Schwäger fingen bereits an
bei Paul einen Pump aufzunehmen
    Wie schweigsam war es nun erst auf dem stillen Heidehof Der Vater humpelte
jetzt wohl an einer Krücke in Haus und Garten umher aber er war viel zu träge
geworden um das Szepter noch einmal zu ergreifen Paul wusste nichts für ihn zu
tun als dass er ihm seine Lieblingsgerichte kochen ließ seine Rationen Kümmel
mit Ingwer nicht allzu kläglich abmass und ihm zu jedem Weihnachten einen neuen
Kalender schenkte Damit hätte der Alte wohl zufrieden sein können denn er
brauchte in der Tat nicht mehr  selbst in die Stadt zu fahren war er zu
schwerfällig geworden aber je prächtiger sein Leib gedieh desto bitterer und
verbissener wurde sein Gemüt Stundenlang konnte er in sich hineinbrüten und
schrecklich war es anzusehen wie er dabei mit den Zähnen knirschte und die
geballten Fäuste schüttelte Eine seiner fixen Ideen war dass sein Sohn ihn
absichtlich unterdrücke damit er den Ruhm der großen Ideen die er selber
ausgeheckt für sich in Anspruch nehmen könne und je besser das Moor sich
rentierte desto wütiger rechnete er aus wieviel seine Aktiengesellschaft
eingetragen haben würde Er kargte nicht mit den Millionen er hatte es ja nicht
nötig 
    Aber noch andres wuchs in dem dunkelsten Grunde seiner Seele ein Racheplan
gegen Douglas den er heimlich pflegte und grosszog als sein eigenstes Geheimnis
Selbst die Schwiegersöhne denen er sonst gern sein Herz ausschüttete erfuhren
nichts davon Ulrich äußerte einmal zu Paul »Nimm dich in acht der Alte führt
was gegen Douglas im Schilde«
    »Was sollte das wohl sein« erwiderte er scheinbar unbesorgt wiewohl er
sich schon manchmal darüber Gedanken gemacht hatte
    Dumpf und stumpf lebte Paul seine Tage dahin  Sein ganzes Innenleben war
der platten Sorge um Gut und Geld verfallen doch ohne dass er je an dem
Erworbenen Freude gefunden hätte Er besaß niemanden mehr den er glücklich zu
machen hatte und arbeitete ohne zu wissen warum  wie der Ackergaul an
seinen Strängen zieht unwissend was der Pflug tut den er durch die Dornen
schleppt  Monate vergingen manchmal ohne dass er einen Blick in seine Seele
warf Auch pfeifen tat er nicht mehr Er fürchtete die Qualen die die
überströmende Empfindung ins Leben rief aber auf die Zeiten da er noch in
Tönen mit sich zu sprechen vermocht hatte sah er wie auf ein verlorenes
Paradies zurück
    Manchmal überkam ihn eine tiefe Bitterkeit wenn er den Zweck seiner Arbeit
seiner Sorge seiner durchwachten Nächte mit dem verglich was er dafür
hingeopfert  Es schien ihm etwas ungeheuer Stolzes Reiches Glückbringendes
gewesen nur wusste er ihm keinen rechten Namen zu geben
    Von diesem Grübeln befreite er sich am besten indem er sich kopfüber in
neue Arbeit stürzte und lange Zeit verging bis ihn die Krankheit wieder
packte
    Der Heidehof gedieh inzwischen prächtiger von Jahr zu Jahr die Schuld an
Douglas war getilgt die Felder florierten und auf den Wiesen weidete edles
Rassevieh Der ganze Hof sollte ein neues Gewand erhalten Wohnhaus Stall und
Scheune alles sollte von Grund auf erneuert werden  Und eines Frühlings
begann es im Hof zu wimmeln von Arbeitsleuten aller Art Das Wohnhaus wurde
niedergerissen und während Paul für sich eine hölzerne Baracke zum Wohnsitz
wählte ließ der Vater sich leicht bereden zu einem der Schwiegersöhne
überzusiedeln
    »Ich werde nicht mehr wiederkommen« sagte er beim Abschiede »ich bin nicht
mehr imstande dein verrücktes Treiben anzusehen« Der erste aber der sich im
Herbst wieder einfand war der Alte Er setzte sich behaglich in seinen
Lehnsessel und zog fortan auch die Schwiegersöhne in sein Schimpfregister
hinein   Die mochten ihn freilich nicht mit Handschuhen angefasst haben
    »Nun hab ich keinen Platz mehr auf Erden wo ich mein graues Haupt zur Ruhe
legen könnte« murrte er während er sich faul in den Polstern streckte
    Im nächsten Frühjahr kamen die Wirtschaftsgebäude an die Reihe besonders
die Scheune sollte sich zu einem Schaustück ländlicher Pracht gestalten als
Denkmal jener fürchterlichen Nacht die der Mutter den Todesstoss gegeben hatte
    Der Landmann der nun über die Heide fuhr machte wohl halt um die blanken
Gebäude die mit ihren roten Ziegeldächern ihm schon aus der Ferne
entgegengeleuchtet hatten bewundernd von nah zu sehen und mancher schüttelte
bedenklich den Kopf und murmelte das alte Sprüchlein
Bauen und Borgen
Ein Sack voll Sorgen
    Auf dem Moore draußen spie die »schwarze Suse« ihre schwarzen Wolken die
Messer der Schneidemaschine bohrten sich tief in den zähen Grund und die Presse
arbeitete langsam und schweigend wie ein gutwilliges Haustier Ein neuerbauter
Schuppen glänzte mit weißen Wänden im Sonnenlicht und ringsherum erhoben sich
die langen schwarzen Mauern des gepressten Torfes Die Ziegel waren hart und
schwer mit wenig Fasern und viel Kohle Sie schlugen ohne Mühe die Konkurrenz
aus dem Felde und gewannen einen guten Ruf bis nach Königsberg hin
    Paul der auf seinen Geschäftsreisen viel unter fremde Leute kam genoss nun
auch das Glück als ein angesehener Mann begrüßt und von würdigen Gutsherren als
ihresgleichen behandelt zu werden Aber er hatte keine Freude mehr daran
    Wenn man ihm freundschaftlich die Hand schüttelte ihm Glück zu seinen
Erfolgen wünschte oder sich seinen Besuch erbat so fragte er sich im stillen
»Will der mich höhnen« Und obgleich er wohl sah dass es den Herren ernst war
so fühlte er sich doch stets wie von einem Alp befreit wenn man ihn gehen ließ
    »Warum sind sie nicht früher gekommen die Freundlichen« sagte er zu sich
»damals als es mir nottat als ich noch Nutzen aus jedem guten Wort ziehen
konnte Jetzt bin ich abgestorben wie ein Stock  jetzt ists zu spät«
    Doch weiter und weiter ging sein Ehrgeiz 
    Und als wollte der Himmel selbst das Weihfest geben ließ er in diesem Jahr
dem siebenten seit der Mutter Tod die Halme in solcher Fülle gedeihn und
spendete so verschwenderisch Regen und Sonne jedes zu seiner Zeit dass es den
Leuten schier unheimlich wurde vor all dem Segen und sie einander angstvoll
fragten »Kann das zum Guten sein«
    »Es wird wohl noch was dazwischenkommen ein Hagelschlag oder dergleichen«
sagte Paul der stets auf das Schlimmste gefasst war Aber nein Hochgetürmt
schwankte ein Erntewagen nach dem andern in die Scheuern und der goldgelbe
Ährensegen sank Körner um sich streuend in dem Fachwerk nieder bis alles
vollgepfropft war bis zum First hinauf
    Paul hatte auch hieran keine Freude  Je reichlicher er Hab und Gut sich
häufen sah je stolzer die Früchte von seiner Hände Arbeit ihm entgegengrüssten
desto ängstlicher wurde sein Sorgen Wer ihn mit tiefgefurchter Stirn und
gesenktem Haupt langsam über den Hof herwandeln sah der hätte ihn für einen
Schuldenmacher halten mögen dem das Messer schon an der Kehle sitzt
    Um dieselbe Zeit las er in der Zeitung dass Elsbeth sich verlobt habe Die
Namen Elsbeth Douglas und Leo Heller standen in schöngeschweiften Lettern dicht
untereinander Er fühlte keinen stechenden Schmerz er erschrak nicht einmal
nur ein Lächeln voll wehmütiger Genugtuung umspielte seinen Mund als er vor
sich hinmurmelte »Ich habs ja gleich gesagt«
    Und dann erinnerte er sich des Schriftstücks das der jüngere Erdmann einst
in der Kirche herumgeschickt hatte um ihn zu ärgern und das ganz ähnlich
gelautet nur dass sein eigener Name an Stelle des fremden gestanden hatte Und
das war immerhin ein Unterschied
    Er hatte sie nun seit Jahren nicht gesehen So dicht ihre Grundstücke
nebeneinander lagen es gab kein Begegnen zwischen ihnen Das »weiße Haus«
leuchtete noch ebenso hell über die Heide in sein Fenster hinein wie damals als
die Sehnsucht zu ihm zu pilgern in seiner Kinderseele erwachte aber der
magische Schimmer der es damals der es noch fünfzehn Jahre später umfloss war
verschwunden verlöscht vor den sinkenden Schatten der Alltäglichkeit
    »Mag sie glücklich werden« sagte er und glaubte sich mit diesem Wunsche
genugsam getröstet 
    Am nächsten Sonntag wurde in der Kirche das Erntefest gefeiert Paul saß in
seinem Winkel hörte die Orgel rauschen und den Pfarrer Lob und Dank zum Himmel
rufen Die Sonne leuchtete in tausend frohen Farben durch die gemalten Scheiben
 just wie an seinem und Elsbets Einsegnungstage  aber auch düster und
traurig in ihren aschfarbenen Gewändern stand noch immer die graue Frau und
starrte aus großen hohlen Augen auf ihn nieder   
    »Auch ich feire heute ein Erntefest das Erntefest meiner Jugend« dachte
er »aber allzu freudig ist es nicht« 
    Der Gottesdienst ging zu Ende Mit einem Triumphgesang entließ die Orgel die
frohbewegten Beter die sich auf dem eichenbeschatteten Vorplatz
zusammendrängten um einander glückwünschend die Hände zu reichen
    Als Paul die Stufen hinabschritt erblickte er etwa fünf Schritte vor sich
Elsbeth am Arm ihres Verlobten
    Sie schien gealtert und sah blass und kränklich aus  Als ihr Blick den
seinen traf wurde sie noch um einen Schatten blässer
    Er zitterte am ganzen Leib doch sein Auge wich nicht von ihrem Angesicht
Befangen griff er nach der Mütze und an derselben Stelle wo sie vor fünfzehn
Jahren das erste Wort miteinander gesprochen gingen die beiden schweigend und
fremd aneinander vorüber
                           
 
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»Was mag der Vater da haben« sagte Frau Käte Erdmann zu Frau Grete Erdmann
die beide des Wegs dahergefahren kamen um die Heimat zu besuchen und bei dieser
Gelegenheit dem Bruder das Herz auszuschütten
    Der Alte stand geduckt in einem Winkel hinter der Scheune und machte sich in
den Strohhaufen zu schaffen die dort aufgeschichtet lagen Als er den Wagen
rasseln hörte hielt er erschrocken inne und rieb sich die Hände wie einer der
sich Mühe gibt unbefangen zu erscheinen
    Die beiden Schwestern sahen sich an und Grete meinte »Man müsste Paul einen
Wink zukommen lassen«
    Oh sie waren sehr vernünftig geworden die beiden Wildlinge innen nicht
minder als außen ihre wirren braunen Locken drückten sich glatt gekämmt an den
Ohren vorbei und die glühenden Augen trugen einen müden Schimmer als wüssten
sie nun wies tut wenn man in stiller Kammer sich satt weint Frau Käte hatte
freilich auch drei stramme Jungen bei Frau Grete zeigten sich gar schon
Hoffnungen auf etwas viertes und jeder weiß Mutterschaft macht müde
    Paul arbeitete draußen im Moor aber der Vater kam mit verschmjetztem Lachen
daher und seine Krücke schwenkend rief er »Lauf ich nicht wieder wie n
Junger«
    Frau Käte sprach ihre Bewunderung aus und Frau Grete stimmte ihr bei
    »Es geht wie geschmiert« lachte er »vorgestern hab ich sogar einen
Spaziergang nach Helenental gemacht«
    Erstaunt fast erschrocken sahen sie ihn an denn er war seit seinem Auszuge
nicht mehr dort gewesen
    »Wie hat man dich empfangen« fragte Frau Grete
    »Wer Wie  Ach ihr dachtet wohl ich hab ne Nachbarsvisite gemacht Ihr
seid mir die Rechten Eher ging ich bei eurem Hofhund zu Gaste und fräss ihm
die Hammelknochen weg«
    »Aber was tatst du denn dort«
    »Durchs Hoftor hab ich geguckt und hab nach der Uhr gesehen und bin dann
wieder heimgegangen Wie lange glaubt ihr wohl dass ich brauche um hinzukommen
 Ratet einmal«
    Sie hatten keine Ahnung
    »Andertalb Stunden akkurat wie ein Schnelläufer  Freilich«  er
schaute sinnend vor sich hin  »wenn man noch was trägt kanns an die zweie
dauern«
    »Und bloß um das auszurechnen bist du «
    »Bloß deshalb mein Schatz bloß deshalb« Und seine Augen funkelten
unheimlich
    Alsdann setzte man sich in die Veranda die Paul nach dem Muster des »weißen
Hauses« vor der Tür hatte errichten lassen Die alte Haushälterin die früher
den Erdmanns die Wirtschaft geführt hatte und nach der Heirat von dort zum
Heidehof übergesiedelt war musste in die Küche wandern um Kaffee zu kochen und
Waffeln zu backen und da der Vater mit seinen Töchtern nichts Besseres zu reden
wusste so schimpfte er auf Paul und die Schwiegersöhne Er tat es heute weniger
aus Liebe zur Sache wie aus alter Gewohnheit seine Gedanken schienen ganz
woanders zu weilen und während er sprach rückte er mit unheimlicher
Geschäftigkeit auf seinem Stuhl hin und her
    »Lass uns hineingehen« sagte Käte »wir müssen uns ein wenig in der
Wirtschaft umsehen auch fliegen wir hier beinahe auf so weht uns der Wind
unter die Röcke«
    »Es wird Sturm geben zur Nacht« meinte Grete Und dann plötzlich wandten
beide sich erschrocken um denn das Lachen das der Alte hören ließ hatte so
gar seltsam geklungen
    »Lass es nur Sturm geben« meinte er ein wenig verlegen »das schadet rein
gar nichts Gibts bei euch in der Ehe nicht auch manchmal Sturm«
    In Kätes Antlitz blitzte es auf wie von alter Schelmerei aber Grete zog
die Mundwinkel herunter als wollte sie weinen Bei ihr schien der letzte noch
nicht ganz verwunden
    »Ja es wird früh Herbst dieses Jahr« meinte sie mit einem Anfall von
Melancholie
    Der Alte blies »Wenn die Schwalben heimwärts ziehen« und Käte meinte »Lass
es Herbst werden die Scheunen sind ja voll«
    »Gott sei Dank« kicherte der Alte »sie sind voll«
    Die Schwestern hatten sich umschlungen und schauten die Stirnen gegen die
Scheiben gelehnt auf den sonnbeglänzten Hof hinaus auf dem die Sandwolken in
hohen Tromben zum Himmel wirbelten 
    Mit Dunkelwerden kam Paul nach Hause schwarz wie ein Mohr denn der
Torfstaub der vom Winde umhergetrieben wurde hatte sich ihm in Bart und
Antlitz festgesetzt
    Er reichte den Schwestern stumm die Hand blickte ihnen scharf in die Augen
und sagte »Hernach werdet ihr mir klagen«
    Grete sah Käte an und Käte sah Grete an dann lachten sie plötzlich hell
auf ergriffen ihn bei beiden Schultern und tanzten mit ihm in der Stube herum
    »Ihr werdet euch schwarz machen Kinder« sagte er
    »Mein Liebster ist ein Schornsteinfeger« trällerte Grete und Käte sang
den zweiten Vers »Mein Liebster ist aus Mohrenland«
    Darauf küssten sie ihn und liefen vor den Spiegel um zu sehen ob der Kuss
abgefärbt hatte
    Als er hinausgegangen war sich zu säubern meinte Grete »Drollig er
braucht einen bloß anzusehen und alles ist wieder gut«
    Und Käte fügte hinzu »Aber er selber ist heute schweigsamer als je«
    »Paul sei gut« schmeichelten sie als sie alle zusammen beim
Abendbrottisch saßen »wir dürfen nur alle Jubeljahr einmal hierher  Mach
uns ein freundlich Gesicht«
    »Habt ihr vergessen welch ein Tag heute ist« erwiderte er indem er ihre
Haare streichelte
    Sie erschraken denn sie dachten zuerst an den Todestag der Mutter aber
erleichtert atmeten sie auf  der fiel ja in die Johanniszeit
    »Nun« fragten sie
    »Heute vor acht Jahren brannte unsere Scheune«
    Alle schwiegen  nur der Vater grollte und lachte in sich hinein     
              
    Es fing an finster zu werden über die Heide her glomm noch ein glühroter
Streif der einen Feuerschein über den weissgedeckten Tisch hinwarf  An den
Fensterläden rüttelte der Sturm
    Gut dass die Haushälterin jetzt ins Zimmer trat Eine geschwätzige Alte die
stets mit Neuigkeiten aufzuwarten wusste
    »Na Frau Jankus was gibts Gutes« rief Käte ihr entgegen froh den Alp
der Erinnerung los zu werden
    »Oh Madamchen« rief die alte Person »wissen Ses denn noch nicht  In
der Kirche gehts heute hoch her Das ganze Dorf windet Kränze  über dem Altar
haben se ne Jirlande angebracht von lauter Remontantenrosen und zu beiden
Seiten stehen die scheensten Olejanderbeime«
    »Was ist denn los«
    »Hochzeit ist los Das Fräulein Douglas macht morgen Hochzeit«
    Die beiden Schwestern schraken zusammen warfen sich einen raschen Blick zu
und schauten dann auf Paul  Der aber drehte eine Brotkrume zwischen den
Fingern und tat als ob ihn die Geschichte nicht im mindesten anginge
    Die Schwestern warfen sich einen neuen Blick zu und nickten
verständnissinnig Dann ergriffen sie in gleichem Impulse seine beiden Hände
    »Kinder ihr zerreißt mich ja« sagte er mit einem schwachen Lächeln
    »So dann gibts ja heute Polterabend drüben« fragte der Vater der
plötzlich sehr lebendig geworden war
    »Wahrscheinlich wahrscheinlich« antwortete die Wirtschafterin »Vorhin sah
ich nen Haufen von Kindern vorübergehn die waren ganz beladen mit alten Töpfen
und sonstigem Gekrassel«
    »Bei unserer Hochzeit haben sies glimpflich gemacht« meinte Grete und
beide Schwestern sahen sich an und lächelten träumerisch
    »Das trifft sich ja prächtig« raunte der Alte und rieb sich die Hände
    »Warum prächtig« fragte Paul
    »Ach ich meine nur so  Zufall  derselbe Tag wo sie unsere Scheune
niederbrannten Sag mal  du Paul du warst ja wach  was war wohl die Uhr als
du die Flamme aufsteigen sahst«
    »Eins kann es gewesen sein«
    »Na du mussts ja wissen Was du in Helenental eigentlich zu suchen hattst
ist mir zwar noch heute unklar aber es ist gut  ganz gut so  ich weiß nun
ganz genau um wieviel Uhr es war«
    »Dann weißt du was Rechts« sagte Grete lachend
    »Weiß ich auch« erwiderte er trotzig »Wirst schon sehen mein Töchterchen
wirst schon sehen«
    Käte wollte der Schwester zu Hilfe kommen aber Paul winkte ihnen heimlich
zu dass sie den Alten in Ruhe ließ
    Bald darauf nahmen die Schwestern Abschied
    »Du wolltest Paul ja sagen dass der Vater hinter der Scheune Heimlichkeiten
hat« sagte Käte als sie beide auf dem Wagen saßen
    »Ja richtig« erwiderte diese ließ den Kutscher halten und winkte Paul zu
sich heran Aber der Alte der in seinem Misstrauen überall hinzuhorchen pflegte
drängte sich dazwischen und so musste es unterbleiben
    Als Paul bei seinem allabendlichen Rundgang in die Küche kam gewahrte er
wie der Vater mit der Wirtschafterin um einen irdenen Topf unterhandelte
    »Wozu brauchen Sie den Topf Herr Meihöfer« fragte die Alte
    »Ich will auch Polterabend feiern gehen Frau Jankus« erwiderte er mit
einem hohlen Gelächter »Vielleicht schenken sie mir dort was vom
Hochzeitskuchen«
    Die Alte wollte sich schier zuschanden lachen und der Vater humpelte mit
seinem Topf in das Schlafzimmer dessen Tür er sorgfältig hinter sich verschloss

    Das Haus war zur Ruhe gegangen nur Paul trieb sich noch auf dem dunkeln
Hofe umher
    »Also morgen macht sie Hochzeit« sagte er die Hände faltend »Wenn ich ein
guter Christ wäre müsste ich nun für ihr Glück ein Vaterunser beten  Aber so
ein schlapper Geselle bin ich doch noch lange nicht  Ich glaub ich hab sie
mal sehr liebgehabt mehr lieb wie ich selber wusste  Wie mag es nur gekommen
sein dass ich ihr so fremd geworden bin« Er sann und sann konnte aber zu
keinem rechten Schluße kommen
    Der Mond ging über der Heide auf  eine große blutrote Scheibe die einen
ungewissen Glanz über den Hof hinbreitete  Der Sturm schien sich verstärkt zu
haben  Er pfiff in den Ecken und brauste durch die Wipfel 
    »Wenn heute eine Feuersbrunst ausbräche so würde sie mit der Scheune wohl
nicht zufrieden sein« dachte Paul und dabei fiel ihm ein dass er dem Agenten
ein Monitum schicken müsste damit er die Versicherung beschleunige »Denn man
kann nicht wissen was über Nacht geschieht  Ich will schlafen gehen« schloss
er seine Überlegungen »morgen ist auch ein Tag und  ein Hochzeitstag dazu«
    Auf Zehenspitzen schlich er sich in sein Schlafzimmer das er sich neben dem
des Vaters eingerichtet hatte um hilfreich beispringen zu können wenn dem
alten Mann irgend etwas passierte Er zündete kein Licht an denn der
höhersteigende Vollmond schien bereits hell in das Gemach
    »Ob du wohl heute noch einschlafen wirst« dachte er eine Stunde später 
Die Schatten der sturmbewegten Blätter tanzten auf der Bettdecke einen wilden
Reigen und zwischendurch tanzten die Mondlichter wie weiße Flämmchen
    »In jener Johannisnacht schien der Mond ebenso hell« dachte er und dabei
fiel ihm ein wie weiß das Nachtkleid Elsbets unter dem dunkeln Mantel
hervorgeleuchtet hatte
    »Das war doch die schönste Nacht in meinem Leben« murmelte er mit einem
Seufzer und darauf beschloss er einzuschlafen und zog sich zur Bekräftigung
die Bettdecke über die Ohren 
    Eine Weile darauf war es ihm als hörte er im Nebenzimmer den Vater leise
aufstehen und zur Tür hinaushumpeln  Deutlich hörte er wie die Krücke auf
den Steinfliesen des Hausflurs klapperte
    »Er wird wohl gleich wiederkommen« dachte er denn es geschah öfters dass
der Vater in der Nacht noch einmal aufstand
    Hierauf überfiel ihn ein unruhiger Halbschlaf in dem allerhand schreckhafte
Träume einander jagten Als er vollends wieder erwachte stand der Mond schon
hoch am Himmel kaum dass noch ein Strahl ins Zimmer fiel Doch Garten und Hof
lagen gebadet in seinem Lichte
    »Seltsam  mir ist doch als hab ich den Vater nicht wiederkommen hören«
sagte er vor sich hin Er richtete sich auf und sah nach der Taschenuhr die
über seinem Bette hing
    Acht Minuten bis eins  Zwei Stunden waren inzwischen verflossen
    »Ich werde wohl fest geschlafen haben« dachte er und wollte sich wieder
aufs Ohr legen da schlug vom Sturm geschüttelt die Haustür klirrend ins
Schloss so dass das ganze Haus in seinen Fugen erbebte
    Erschrocken fuhr er empor  »Was ist das  die Haustür offen  der
Vater noch nicht zurück« Im nächsten Augenblick hatte er Rock und Beinkleid
übergeworfen und barfuß barhäuptig stürzte er hinaus 
    Die Tür die von des Vaters Schlafzimmer nach dem Hausflur führte stand
weit geöffnet  Bleich vor Angst trat er an das Bett  Es lag unberührt nur
zu Fussenden war in der bauschigen Bettdecke eine Lücke eingedrückt  Da also
hatte der Vater gesessen ohne ein Glied zu rühren länger als anderthalb
Stunden  augenscheinlich um zu warten bis er selber im Schlafe liege
    Was um des Himmels willen bedeutet das alles 
    Suchend irrte sein Blick im Zimmer umher  Dort im Winkel lagen
umhergeworfen die wollenen Schuhe in denen der Vater sonst den ganzen Tag über
umherschlürfte aber die Stiefel die seit Monaten ungebraucht dort standen 
die waren fort 
    Wie  wollte der lahme Vater zur Nachtzeit auf die Wanderschaft Sein Herz
drohte stille zu stehen  Er stürzte auf den Hof hinaus
    Taghell lag er vor seinen Blicken nur so weit der Schatten der Scheune
reichte herrschte Nacht 
    Der Sturm brauste in den Bäumen  der Sand wirbelte leuchtend empor sonst
alles still alles leer 
    Er durcheilte den Garten  keine Spur  hinter dem Stall  keine Spur 
Was ist das Das Haustor offen  Wo ist er hin 
    An seiner Seite winselte der Hund ihm entgegen  rasch befreite er ihn 
    »Such den Herrn Turk den Herrn«
    Der Hund schnüffelte am Boden entlang und rannte nach dem Giebelende der
Scheune dorthin wo die Strohhaufen lagen die sich wie fahle Sandberge rings
um die Mauern auftürmten  Blendend lag das Mondenlicht auf der weißen Tünche
der Wand und schillerte auf dem hellgelben Boden  Man hätte eine Stecknadel
finden können  Nichts war zu bemerken nur an einer Stelle schien das Stroh
zerwühlt 
    Aber halt  Wie kommt die Leiter hierher die an der Wand lehnt Die
Leiter die noch vor zwei Stunden an der Innenseite des Zaunes platt auf dem
Boden gelegen
    Wer hat sie von ihrem Platz genommen
    Und  beim Himmel was ist das      Wer hat die Luke des Giebels
geöffnet Die Luke die er selbst von innen verriegelt hat ehe die Garben das
Fachwerk füllten   
    Unten am Fuße der Leiter schimmerte der Boden feucht als habe man eine
Flüssigkeit verschüttet  Ein Dunst von Petroleum stieg aus der Lache empor
    Mit zitternden Händen griff er in die Halme hinein die den Boden bedeckten
Ja sie waren nass und der üble Geruch teilte sich den Fingern mit die sie
berührt hatten
    Er fühlte seine Knie wanken eine dumpfe fürchterliche Ahnung umnebelte
seine Sinne  mit Mühe raffte er sich auf und stieg die Leiter hinan bis er die
Luke erreicht hatte
    Unten winselte der Hund 
    »Such den Herrn Turk den Herrn«
    Das Tier brach in freudiges Heulen aus und rannte schnüffelnd im Kreise
umher bis es die Fährte gefunden zu haben schien
    Paul starrte ihm nach Sein Leib zitterte fiebrisch in qualvoller Erwartung
    Zum Hoftor ging des Tieres Weg  Also wirklich Der Vater wars gewesen
der es geöffnet hatte
    Aber dann  dann Wohin wird er sich wenden
    »Such den Herrn Turk den Herrn«
    Der Hund heulte noch einmal kurz auf und rannte dann spornstreichs auf dem
Weg nach  Helenental von dannen
    Nach Helenental  was will der Vater in Helenental Ja hat er nicht jüngst
davon gesprochen er sei nachmittags dort gewesen »probeweise« wie er sagte 
Probeweise  Und wie seltsam wie unheimlich er dazu gelacht
    Und heute noch  wie rätselhaft war sein Gebaren Und als vom Scheunenbrande
die Rede war was wollten da seine Worte dass es sich prächtig träfe heute 
warum gerade heute
    Nun gilts des Rätsels Lösung zu finden ehs zu spät ist
    Hilfesuchend starrte er um sich
    Seine Hand tastete unwillkürlich in das Dunkel der Lukenöffnung hinein und
ergriff  den Henkel einer Blechkanne die dort versteckt unter den Garben stand
 Es war der Petroleumbehälter den er gestern frisch hatte füllen lassen Und
auf wessen Rat Wer war gekommen und hatte gesagt   
    »Vater Vater um Jesu willen was willst du in Helenental«
    Und jetzt  wieviel ist noch drinnen Kaum halb voll ist sie kaum halb
voll
    Und wie er sinnlos um sich weiter tastete fand er Pakete mit
Streichhölzern die rings um die Kanne verstreut lagen 
    Da sank die Binde von seinen Augen Ein qualvoller Schrei  »Er ist dabei
Helenental anzuzünden«
    Alles rings um ihn wirbelte und wogte seine Hände umklammerten krampfhaft
das Randbrett sonst wär er rücklings herniedergestürzt
    Nun lag alles klar  des Vaters wirres Reden sein Lachen sein Drohen
    Aber noch war es Zeit  Der Alte kroch ja nur an seiner Krücke  Wenn er
selber sich zu Pferde warf  ihm nachgaloppierte 
    »Ein Pferd aus dem Stall« schrie er in den Sturm hinein und sprang an der
Leiter hinab  Da plötzlich zuckte es durch sein Hirn »Warum fragte der Vater
so genau nach der Zeit da vor jenen Jahren   Soll etwa zu derselben Minute
das Rachewerk sich vollziehen Jesus dann ist alles verloren Eins war die
Stunde die ich ihm nannte  und die Uhr ist eins «
    Eine wahnsinnige Angst packte ihn  wiederum flog er die Leiter hinan
    Im nächsten Augenblick musste die Flamme drüben emporsteigen
    Flammt es da nicht schon Nein nur der Mond ists der in den Fenstern des
»weißen Hauses« glitzert  Vater im Himmel gibt es keine Rettung kein
Erbarmen Wenn ein Gebet wenn ein Fluch die Kraft besäße dass die erhobene Hand
erstarre  Wer warnt ihn wer gibt ihm ein Zeichen dass er umkehre auf seinem
Wege 
    Aber da flammts  Nein  Noch eine Sekunde vielleicht dann wird der
Feuergleisch am Himmel stehen 
    »Elsbeth wach auf« 
    Ebenso wird es flammen wie damals vor acht Jahren als ihm der im
Helenentaler Garten lauerte der blutige Schein die Glieder lähmte  Wenn heute
wie damals über der Heide ein Gleisch aufstiege Damit des Vaters Hand erstarre
mitten im verbrecherischen Werke
    Gott im Himmel lass ein Wunder geschehen  Lass einen Gleisch aufsteigen
über der Heide wie damals  wie damals
    Flammen müsst es  hier müsst es flammen Ein Blitz müsste niederfahren
damit die Lohe zum Vater hinüberschriee »Halt ein halt ein«  Und liegt denn
alles klar und sternenhell steigt keine Gewitterwolke über der Heide auf 
Vielleicht reckt er sich jetzt schon zum Strohdach empor Vielleicht reibt er
jetzt schon an den Hölzern Im nächsten Augenblick kommt jede Warnung zu spät
    Flammen müsst es  hier müsst es flammen
    Und ist keine Fackel da die ich schwingen könnte ihn zu warnen
    Flammen müsst es  hier müsst es flammen
    Und wie er mit stieren vorgequollenen Augen ringend nach Rettung um sich
starrte da loderte es plötzlich hell wie jene Flamme die ersehnte durch sein
irres Hirn
    Er jauchzte laut auf 
    »Ja das ists Der Schreck wird ihn erstarren machen«
    Rettung Rettung um jeden Preis
    Mit beiden Händen ergriff er die Kanne und in weitem Schwunge goss er den
Inhalt über die aufgestapelten Garben 
    Ein Griff nach den Streichhölzern  ein leises Zischen  der Sturm braust
hohl in die Öffnung  und  hochauf spritzt die Flamme und faucht ihm ins
Gesicht 
    Ein wilder gellender Schrei  Ihm wird es dunkel vor den Augen  er
sucht einen Halt und greift blindlings in das Feuer hinein  doch was er
erfasst gibt nach und  in dem nächsten Augenblick stürzt er eine flammende
Gabe krampftaft umklammernd in weitem Bogen mitsamt der Leiter rücklings in
das Stroh 
    Schon lodert sein Lager hellauf  noch hat er so viel Kraft sich seitwärts
hinabzukollern  im nächsten Augenblick schon steht alles ringsum in Flammen 
    Und der Sturm bläst hinein da erhebt sich ein Pfeifen ein Zischen ein
Singen hoch in den Lüften  schon leckt es feurig am Firste hinan
    Er stürzt auf den Hof zurück der noch schweigend vor ihm liegt
    »Feuer  Feuer  Feuer« geht gellend sein Ruf die Schlafenden zu wecken

    In den Ställen wo die Knechte liegen wird es lebendig aus den Kammern
tönt ein Kreischen 
    Schon ist das Dach in einen feurigen Mantel gehüllt Die Dachpfannen
beginnen zu platzen und stürzen prasselnd zur Erde Wo eine Lücke entsteht
spritzt sofort eine Flammengarbe gen Himmel
    Bis dahin hatte er mutterseelenallein auf dem Hof gestanden und mit
gefalteten Händen dem grausenvollen Werk zugeschaut nun wurden die Türen
aufgerissen Knechte und Mägde stürzten schreiend auf den Hof
    Da seufzte er tief und erleichtert auf wie nach vollbrachtem Tagewerk und
schritt langsam nach dem Garten ehe dass einer ihm begegnete  »Hab lange
genug gearbeitet« murmelte er die Tür des Zaunes hinter sich ins Schloss
werfend »heut will ich ausruhen«
    Mit schleppenden Schritten ging er den Kiespfad hinab wie ein Todmüder und
unaufhörlich sprach er vor sich hin »Ausruhen  Ausruhen«
    Sein Blick glitt matt in die Runde  Von Mondenglanz und Flammenschein in
ein Meer des Lichts getaucht lag rings um ihn der Garten da und die Schatten
der sturmgepeitschten Blätter liefen gespenstisch vor ihm her Hie und da fiel
ein Funke wie ein Leuchtkäferchen anzuschauen auf seinen Weg Er suchte sich
die dunkelste Laube aus und verkroch sich in ihrem hintersten Winkel Dort
setzte er sich auf die Rasenbank und schlug die Hände vors Gesicht Er wollte
nichts mehr sehen und hören 
    Aber ein stumpfes Gefühl der Neugierde hieß ihn nach einer Weile wieder
aufschauen Und wie er die Augen erhob sah er die Lohe wie einen purpurnen
weissumsäumten Baldachin sich über dem Wohnhause wölben denn dorthin stand der
Sturm
    Da wusste er dass alles dahin war
    Er faltete die Hände Ihm war als müsse er beten
    »Mutter Mutter« rief er Tränen in den Augen und reckte die Arme zum
Himmel 
    Und plötzlich ging eine merkwürdige Veränderung in ihm vor Ihm wurde ganz
frei und leicht zu Sinn der dumpfe Druck der all die Jahre lang in seinem
Kopf gelastet hatte schwand und hochaufatmend strich er sich über Schultern
und Arme als wollte er sinkende Ketten abstreifen 
    »So« sagte er wie einer dem eine Last vom Herzen fällt »jetzt hab ich
nichts mehr jetzt brauch ich auch nicht mehr zu sorgen Frei bin ich frei wie
der Vogel in der Luft«
    Er schlug sich mit den Fäusten vor die Stirn er weinte er lachte Ihm war
zumute als sei ein unverdientes unerhörtes Glück plötzlich vom Himmel auf ihn
herabgefallen 
    »Mutter Mutter« rief er in wildem Jubel »Jetzt weiß ich wie dein Märchen
endet  Erlöst bin ich  erlöst bin ich«
    In diesem Augenblick drang angstvolles Tiergebrüll an sein Ohr und brachte
ihn wieder zur Besinnung  »Nein ihr armen Viecher sollt nicht umkommen um
meinetwillen« rief er aufspringend »eher will ich selbst dran glauben «
    Er eilte zurück nach der Hintertür des Hauses wo Knechte und Mägde eifrig
Möbel ins Freie schleppten
    »Seht den Herrn« riefen sie weinend und wiesen einer dem andern seine
nackten Füße 
    »Lasst liegen« schrie er »rettet das Vieh«
    Eine Axt liegt am Wege Mit ihr sprengt er die Hintertüren des Stalles die
nach den Feldern führen denn der Hof ist schon ein Flammenmeer
    Wie im Traum sieht er Garten und Wiese mit Menschen sich füllen Die
Dorfspritze rasselt heran auch auf dem Wege von Helenental wird es lebendig
    Drei viermal gehts in die Flammen hinein die Knechte hinter ihm drein
dann sinkt er von Schmerzen ohnmächtig mitten in dem brennenden Stalle
zusammen 
    Ein Schrei ein markerschütternder aus Weibermunde ließ ihn noch einmal
die Augen öffnen
    Da schiens ihm als sähe er Elsbets Angesicht wie in Nebeln
verschwindend über seinem Haupte dann ward es wieder Nacht um ihn      
 
 
                                       21
Beim ersten Morgengrauen fuhr ein gar trauriger Zug auf dem Weg nach Helenental
über die herbstliche Heide Zwei schmächtige Leiterwagen die langsam
hintereinander herschlichen Auf ihnen fand alles Platz was von dem Heidehof
noch übrig geblieben war
    In dem ersten lag in Stroh gepackt von Decken umgeben sein Herr  mit
Wunden bedeckt bewusstlos  Das blasse zitternde Weib das sich angstvoll
über ihn neigte war die Gespielin seiner Jugend
    So holte sie ihn sich heim 
    »Wir wollen ihn zu einer der Schwestern schaffen« hatte Herr Douglas
gesagt aber sie hatte die Hände auf Pauls Brust gelegt von der die versengten
Kleiderfetzen niederhingen als wollte sie für immer Besitz von ihm nehmen und
hatte erwidert »Nein Vater er kommt zu uns«
    »Aber deine Hochzeit Kind  die Gäste«
    »Was geht mich die Hochzeit an« hatte sie gesagt und der lustige Bräutigam
hatte verblüfft daneben gestanden
    In dem zweiten Wagen lagen die wenigen Möbel die gerettet waren eine alte
Kommode ein paar Schubladen mit Wäsche und Büchern und Bändern irdene
Schüsseln ein Milcheimer und die lange Pfeife des Vaters 
    Wo aber war der hingekommen
    Der einzige der vielleicht Auskunft geben konnte lag hier besinnungslos
am Ende schon gar mit dem Tode ringend
    War er geflohen War er in den Flammen zugrunde gegangen Die Mägde hatten
sein Schlafzimmer leer gefunden von ihm selber keine Spur
    »Mir ahnt nichts Gutes« sagte der alte Douglas »Anlage zur Verrückteit
besaß er schon immer und wenn wir morgen seine Knochen im Schutt finden so bin
ich mir klar darüber dass er selber die Scheune in Brand gesteckt und sich dann
in die Flammen gestürzt hat«
    Als sie aber eben durch das Helenentaler Hoftor fahren wollten hörten sie
seitwärts von der Scheune her ein klägliches Hundegeheul und sahen einen fremden
Köter der die Vorderpfoten auf eine dunkel daliegende Masse gestemmt hatte und
von Zeit zu Zeit an etwas zerrte das wie der Zipfel eines Gewandes aussah
    Erschrocken ließ Douglas halt machen und schritt dorthin Da fand er den
Gesuchten als Leiche liegen Seine Züge waren schrecklich verzerrt und die Arme
noch halb erhoben als sei er plötzlich zu Stein erstarrt Neben ihm lag ein
zerbrochener Topf und eine Streichholzbüchse schwamm in einer Lache von
Petroleum das in den lehmigen Wagenspuren wie in Rinnen weitergeflossen war
    Da faltete der graue Riese seine Hände und murmelte ein Gebet Als er zum
Wagen zurückkehrte zitterte er am ganzen Leibe und seine Augen standen voll
Wasser
    »Elsbeth sieh dorthin« sagte er »dort liegt die Leiche des alten
Meihöfer Er hat unser Gut anzünden wollen und Gott hat ihn erschlagen«
    »Gott steckt keine Scheunen in Brand« sagte Elsbeth und blickte nach dem
brennenden Hof zurück von dem ein dunkelblauer Qualm in den trüben Morgen
emporstieg
    »Aber ist es nicht Gottes Fügung dass wir gerettet wurden«
    »Hat uns einer gerettet so tat es dieser« sagte Elsbeth
    »Was Er soll alles geopfert haben er soll ein Brandstifter geworden sein 
bloß um «
    »Frag ihn« sagte sie tonlos und in aufsteigender Herzensangst schlug sie
die Hände vor die Brust und wimmerte laut
    »Geb Gott dass er noch einmal antworten vermöchte« murmelte Douglas Dann
erteilte er ein paar Knechten den Befehl dass sie die Leiche des Alten in das
Wohnhaus brächten Nach einem Arzt war bereits gesandt worden er selbst wollte
zu den Schwestern fahren um sie zu benachrichtigen
    Mit verstörten Gesichtern kamen die Gäste dem Wagen entgegengestürzt der
vor der blumengeschmückten Veranda hielt
    »Geht fort« sagte sie und wehrte die tätschelnden Hände mit einer Gebärde
des Grauens von sich ab
    Auch der lustige Bräutigam der während dieser Nacht eine gar klägliche
Rolle gespielt hatte kam herbei und versuchte ihr zuzureden dass sie sich von
dem hilflosen Leibe entferne Sie aber schaute ihn mit irrem Blick von oben bis
unten an als erinnere sie sich nicht ihn jemals gesehen zu haben  Ein Gefühl
seiner Wertlosigkeit mochte in ihm aufsteigen  Beklommen und verschüchtert
ließ er von ihr ab
    Die Tanten eilten händeringend zu dem alten Douglas der auf ein Fuhrwerk
wartend vor den Ställen auf und ab schritt Seine mächtige Brust atmete schwer
seine weißen buschigen Brauen pressten sich zusammen und seine Augen schossen
Blitze  Ein Sturm schien durch seine Seele zu gehen
    »Erbarm dich« riefen die Weiber »schaff Elsbeth zur Ruhe  sie muss sich
erholen  es scheint als will sie wahnsinnig werden«
    »Wenn es so ist wie sie sagt« murmelte er vor sich hin »wenn er sein Hab
und Gut geopfert hat  Donnerwetter lasst mich in Ruh« schrie er die Weiber
an die ihn umringten
    »Aber denk an Elsbeth« riefen sie  »um zwölf Uhr kommt der Pfarrer  wie
wird sie aussehen«  
    »Das ist ihre Sache« schrie er »lasst sie nur machen Sie weiß genau was
sie tut«
    In dem Augenblicke in dem Paul vom Wagen gehoben wurde kam von dem Tore
ein Häuflein Knechte daher welche die Leiche seines Vaters trugen   
    Dicht hintereinander wurden die beiden Körper in das »weiße Haus« getragen
und der Hund ging winselnd und schnuppernd hintendrein Es war eine traurige
Prozession   
    Elsbeth ließ Paul in ihr Schlafzimmer schaffen schloss die Tür und setzte
sich neben das Bett
    Vergeblich flehten die Tanten um Einlass
    Um elf Uhr kam der Arzt und erklärte bis zum nächsten Morgen bei dem
Kranken bleiben zu wollen Er hatte sich wohl darauf eingerichtet denn er war
ein alter Freund des Hauses und gehörte zu den Hochzeitsgästen Inzwischen
sollte nach einer Wärterin telegraphiert werden
    »Darf ich nicht bei ihm bleiben« fragte Elsbeth
    »Wenn Sie können« antwortete er verwundert
    »Ich kann« erwiderte sie mit einem rätselhaften Lächeln
    Die Tanten pochten aufs neue »Erbarm dich Kind« riefen sie durch den
Türspalt »du musst dich anziehen du musst zum Standesamt Der Pfarrer ist
gekommen«
    »Er kann wieder gehen« antwortete sie
    Draußen ließ sich ein Murmeln vernehmen auch der Bräutigam half
ratschlagen
    »Was wollen Sie tun mein Kind« sagte der greise Arzt und sah ihr forschend
ins Auge Da sank sie weinend vor dem Bette auf die Knie ergriff Pauls schlaff
herabhängende Hand und drückte sie gegen Augen und Mund
    »Das ist Ihr fester Wille« fragte der alte Mann
    Sie nickte
    »Und wenn er stirbt«
    »Er stirbt nicht« sagte sie »er darf nicht sterben«
    Der Arzt lächelte traurig »Es ist gut« sagte er dann »bleiben Sie eine
Weile bei ihm allein und erneuern Sie alle zwei Minuten den Umschlag Ich werde
inzwischen Ruhe schaffen«
    Alsbald hörte man draußen Wagen vorfahren und den Hof verlassen Eine Stunde
später trat der Arzt wieder in das Krankenzimmer »Das Haus ist bald leer«
sagte er »die Feier ist aufgeschoben«
    »Aufgeschoben« fragte sie angstvoll   
    Der alte Mann sah sie an und schüttelte den Kopf Das Menschenherz zeigte
sich ihm jeden Tag in neuen Rätseln               
    Wochenlang schwebte der Kranke zwischen Leben und Tod
    Elsbeth wich kaum von seinem Bette sie aß nicht sie schlief nicht ihr
ganzes Leben war aufgegangen in der Sorge um den Geliebten
    Der Alte ließ sie gewähren »Sie muss ihn gesund machen« sagte er »damit
ich ihn fragen kann«
    Der lustige Vetter fing an zu ahnen dass seine Lage keine beneidenswerte
war und nachdem er sich von dem Oheim seine sämtlichen Schulden hatte bezahlen
lassen verließ er Helenental
    Die Leiche des alten Meihöfer ward schon am Tage nach dem Brande von den
beiden Zwillingen abgeholt worden Sein rätselhafter Tod erregte großes
Aufsehen die Zeitungen der Hauptstadt berichteten davon und was er sein ganzes
Leben nicht erreicht hatte sich als Held gefeiert zu sehen ward ihm nun im
Tode
    Im Hintergrunde aber lauerten die Gerichte auf Pauls Genesung
 
                                       22
Der Verteidiger hatte geendet  Ein Murmeln ging durch den weiten
Schwurgerichtssaal dessen Galerie von dichtgedrängten Köpfen starrte
    Wenn der Angeklagte die Wirkung des glänzenden Plaidoyers durch ein
unbedachtes Wort nicht wieder verdarb so war er gerettet
    Die Replik des Staatsanwalts verhallte ungehört
    Und nun klirrten die Lorgnetten und Operngucker Aller Augen wandten sich
nach dem blassen schlicht gekleideten Mann der auf demselben
Armensünderbänkchen saß auf welchem vor acht Jahren der tückische Knecht
gesessen hatte
    Der Präsident hatte gefragt ob der Angeklagte noch etwas zur Erhärtung
seiner Unschuld beizubringen habe
    »Schweigen Schweigen« ging es murmelnd durch den Saal
    Aber Paul erhob sich und sprach erst leise und stockend doch sicherer von
Augenblick zu Augenblick »Es tut mir von Herzen leid dass die Mühe welche sich
der Herr Rechtsanwalt gegeben hat mich zu erretten umsonst gewesen sein soll
Aber ich bin nicht so unschuldig an der Tat wie er mich darstellt«
    Die Richter sahen ihn an »Was ist das  Er will gegen sich selber
sprechen«
    »Er hat gesagt ich wäre durch die Angst so gut wie besinnungslos gewesen
Ich hätte gehandelt in einer Art von Wahnsinn die mich in jenem Augenblicke
unzurechnungsfähig gemacht hätte  Das ist aber nicht so«
    »Er bricht sich den Hals« hieß es im Zuschauerraum
    »Ich habe mein ganzes Leben lang ein scheues gedrücktes Dasein geführt und
habe gemeint ich könnte keinem Menschen ins Auge sehen obwohl ich doch nichts
zu verbergen hatte wenn ich mich aber diesmal feige betrage so glaub ich ich
werds noch weniger können als je und diesmal werd ich auch Grund genug dazu
haben  Der Herr Rechtsanwalt hat auch mein Vorleben als ein Muster aller
Tugenden dargestellt  Dem war aber nicht so  Mir fehlte die Würde und das
Selbstbewusstsein  ich vergab mir zu viel gegenüber den Menschen und mir selber
 Und das hat mich stets gewurmt obwohl ich nie recht darüber ins klare kommen
konnte  Es hat zu viel auf mir gelastet als dass ich jemals hätte frei
aufatmen können wie der Mensch es muss wenn er nicht stumpf werden und
verkümmern soll
    Diese Tat aber hat mich frei gemacht und mir das geschenkt was mir so lange
fehlte  sie ist mir ein großes Glück gewesen und ich soll so undankbar sein
dass ich sie heute verleugne  Nein das tu ich nicht  Sie mögen mich
immerhin einsperren solange Sie wollen ich werde die Zeit schon überdauern und
ein neues Leben anfangen  Und so muss ich denn sagen Ich hab mein Hab und Gut
in vollem Bewusstsein angesteckt ich war nie mehr bei Sinnen wie damals als ich
die Petroleumkanne über mein Getreide ausschüttete und wenn ich heute in
dieselbe Lage käme weiß Gott ich tät es wieder    Warum sollt ich auch
nicht  Was ich zerstörte war meiner Hände Werk  ich hatte es in langen
Jahren durch harte Arbeit geschaffen und konnte damit machen was ich wollte
Ich weiß wohl das Gericht ist anderer Ansicht und dafür werd ich meine Zeit
auch ruhig absitzen Aber wer litt denn auch Schaden außer mir  Meine
Geschwister waren alle gut versorgt und mein Vater«   Er hielt einen
Augenblick inne und seine Stimme zitterte als er fortfuhr »Ja wärs nicht
besser mein alter Vater hätte seine letzten Lebensjahre in Ruh und Frieden bei
einer seiner Töchter verbracht als da wo ich jetzt hingehe
    Das Schicksal hat es nicht so gewollt Der Schlag hat ihn gerührt und meine
Brüder sagen ich sei sein Mörder gewesen  Aber meine Brüder haben gar nicht
das Recht darüber zu urteilen die kennen weder mich noch den Vater Die haben
sich ihr Lebtag nur um sich selber gekümmert und mich allein sorgen lassen für
Vater und Mutter und Schwestern und Haus und Hof und ich bin ihnen nur gut
genug gewesen wenn sie was von mir haben wollten  Sie wenden sich heute von
mir aber sie können mir in Zukunft gar nicht fremder werden als sie mir
gewesen sind«
    »Meine Schwestern«  er wandte sich nach der Zeugenbank wo Grete und Käte
mit verhüllten Gesichtern weinend saßen und seine Stimme wurde weich wie von
verhaltenen Tränen  »meine Schwestern wollen auch nichts mehr von mir wissen 
aber denen verzeih ichs gern die sind Frauen und aus zarterem Ton geknetet 
auch stehen hinter ihnen zwei fremde Männer die es sehr leicht haben über
meine ungeheuerliche Tat entrüstet zu sein Sie sind nun alle von mir abgefallen
 nein nicht alle«  über sein Gesicht flog ein Leuchten »doch das gehört
nicht hierher Eins aber will ich noch sagen und mag ich selbst als Mörder
gelten Ich bereue es nicht dass der Vater durch meine Tat gestorben ist Ich
hab ihn lieber gehabt da ich ihn tötete als wenn ich ihn hätte leben lassen
Er war alt und schwach und was seiner wartete war Schmach und Schande  er
lebte ein so ruhiges Leben und hätte so elend hinsiechen müssen Da ists
besser der Tod kam auf ihn herab wie der Blitz der den Menschen mitten in
seinem Glück erschlägt Das ist meine Meinung ich hab mich mit meinem Gewissen
abgefunden und brauche niemandem Rechenschaft abzulegen wie Gott und mir selber
Und nun mögen Sie mich verurteilen«
    »Bravo« rief eine drohende Stimme von der Zeugenbank in den Saal hinein
    Douglas wars
    Die greise Hünengestalt stand hochaufgerichtet die Augen blitzten unter den
buschigen Brauen und wie der Präsident ihn zur Ruhe rief setzte er sich
trotzig nieder und sagte zu seinem Nachbar »Auf den kann ich stolz sein was«
 
                                       23
Zwei Jahre später wars an einem heitern Junimorgen da öffnete sich die
rotgestrichene Pforte der Gefängnismauer und ließ einen Gefangenen heraus der
mit lachendem Gesicht in die Sonne hineinblinzelte als wollte er lernen ihren
Glanz aufs neue ertragen   Er schwenkte das Bündel das er trug in die Runde
und schaute lässig nach rechts und nach links wie einer der sich über die
Richtung seines Weges noch nicht im klaren ist dems aber im Grunde
gleichgültig scheint wohin er sich verirrt 
    Als er den Giebel des Gerichtsgebäudes streifte sah er eine Karosse stehen
die ihm bekannt sein musste denn er stutzte und schien mit sich zu Rate zu gehen
Alsdann wandte er sich an den Kutscher der mit seiner quastengeschmückten
Pelzmütze hochmütig vom Bock herniedernickte 
    »Ist jemand aus Helenental hier« fragte er
    »Ja der Herr und das Fräulein Sie sind gekommen Herrn Meihöfer
abzuholen«
    Und gleich darauf ertönte es von der Freitreppe her »He hallo da ist er
ja schon  Elsbeth sieh da ist er ja schon«
    Paul sprang die Stufen hinan und die beiden Männer lagen sich in den Armen
    Da öffnete sich leise und schüchtern die schwere Flügeltür und ließ eine
schlanke in Schwarz gekleidete Frauengestalt ins Freie die sich mit wehmütigem
Lächeln gegen die Mauer lehnte und ruhig wartete bis die Männer einander
freigeben würden
    »Da hast du ihn Elsbeth« rief der Alte
    Hand in Hand standen sie nun einander gegenüber und sahen sich ins Auge
dann lehnte sie den Kopf an seine Brust und flüsterte »Gott sei Dank dass ich
wieder bei dir bin«
    »Und damit ihr euch ganz für euch allein habt Kinder« sagte der Alte
»Fahrt ihr hübsch zu zweien nach Hause und ich will derweilen eine Flasche
Rotspon auf meines Nachfolgers Wohl ausstechen Ich habs ja gut ich setz mich
heute zur Ruhe«
    »Herr Douglas« rief Paul erschrocken
    »Vater heiß ich verstanden Gegen Abend lass mich holen Du bist ja jetzt
der Herr daheim Adjes«
    Damit polterte er die Stufen hinab    
    »Komm« sagte Paul leise mit niedergeschlagenen Augen
    Elsbeth ging mit schüchternem Lächeln hinter ihm drein denn da sie nun
allein waren wagte keiner sich dem andern zu nähern
    Und dann fuhren sie schweigend in die sonnige blumige Heide hinaus   
Lichtnelken Glockenblumen und Gundermann woben sich zu einem farbenreichen
Teppich und das weiße Wiesenfrauenhaar hob seine wehenden Bündel als wären
Schneeflocken über die Blumen hingestreut Die Blätter der Silberweiden
rauschten leise und wie ein Netz von leuchtenden Bändern zogen sich die
Triftgräben unter ihren Zweigen dahin  Die warme Luft zitterte und gelbe
Falter flatterten paarweise auf und nieder
    Paul hatte sich tief in die Polster zurückgelehnt und schaute aus
halbgeschlossenen Augen auf die Fülle lieblicher Wunder herab
    »Bist du glücklich« fragte Elsbeth sich zu ihm hinüberneigend
    »Ich weiß nicht« erwiderte er »es will mir das Herz abdrücken«
    Sie lächelte sie verstand ihn wohl
    »Sieh dort unsere Heimat« sagte sie auf das »weiße Haus« hinweisend das
sich schimmernd in der Ferne erhob  Er presste ihre Hand doch die Stimme
versagte ihm
    Am Waldesrand musste der Wagen halten  Beide stiegen aus und gingen zu Fuß
weiter Da sah er dass sie ein weißes Päckchen unter dem Arm trug das er vorher
nicht bemerkt hatte
    »Was ist das« fragte er
    »Du wirst schon sehen« erwiderte sie und ein ernstes Lächeln glitt über
ihr Gesicht
    »Eine Überraschung«
    »Ein Andenken«
    Als sie den Wald betraten bemerkte er zwischen den rötlich glänzenden
Stämmen etwas Schwarzes das mit Kränzen behangen war
    »Was bedeutet das« fragte er die Hand ausstreckend
    »Erkennst du deine Freundin nicht mehr« erwiderte sie »Sie hat die erste
sein wollen die dich begrüßt«
    »Die schwarze Suse« jubelte er und fing zu laufen an
    »Nimm mich mit« lachte sie keuchend »du vergisst dass wir fortab zu zweien
sind«
    Er nahm sie bei der Hand und so traten sie vor das getreue Ungetüm das am
Weg Wache hielt
    »Altes Tier« sagte er und streichelte den russigen Kessel Und als sie
weitergingen schaute er sich alle drei Schritt nach ihr um als könne er sich
nicht von ihr trennen
    »Ich habe sie gut bewacht« sagte Elsbeth »sie steht sonst dicht unter
meinem Fenster denn wir haben sie mit deines Vaters Erbschaft zusammen
erstanden damit sie dir nicht verloren ginge«
    Als sie sich dem jenseitigen Waldesrand näherten sagte er auf zwei der
Stämme zeigend die zwanzig Schritte abseits vom Weg standen »Hier ist der
Platz wo ich dich in der Hängematte liegen fand«
    »Ja« sagte sie »da wars auch wo ich zum erstenmal merkte dass ich nie
würde von dir lassen können«
    »Und hier ist der Wacholderstrauch« fuhr er fort als sie ins Freie
hinaustreten »wo wir«  und dann plötzlich schrie er laut auf und streckte
beide Hände ins Leere
    »Was ist dir« rief sie angstvoll zu ihm aufschauend Er war totenblass
geworden seine Lippen zitterten
    »Er ist fort« stammelte er
    »Wer«
    »Der  der  mein  mein Eignes«
    Wo sich einst die Gebäude des Heidehofes erhoben hatten breitete sich nun
eine flache Ebene aus nur einzelne Bäume streckten kümmerliches Geästel in die
Lüfte
    Er konnte sich an den Anblick nicht gewöhnen und verdeckte das Gesicht mit
den Händen während ein Schüttelfrost durch seinen Körper ging
    »Sei nicht traurig« bat sie »Papa hat ihn nicht wieder aufbauen lassen
wollen ehe du nicht deine Anordnungen getroffen hättest «
    »Komm hin« sagte er
    »Bitte bitte nein« erwiderte sie »es ist dort nichts zu sehen  außer
ein paar Schuttäufchen  ein andermal wenn du nicht so erregt bist «
    »Aber wo werd ich schlafen«
    »In demselben Zimmer in dem du geboren bist  Ich habs für dich
herrichten lassen und die Möbel deiner Mutter hineingestellt Kannst du nun noch
sagen dass du die Heimat verloren hast«
    Er drückte ihr dankbar die Hand sie aber wies auf den Wacholderstrauch der
ihm vorhin aufgefallen war
    »Komm lieber dorthin« sagte sie »leg den Kopf auf den Maulwurfshügel und
pfeif mir eins Weißt du noch«
    »Ob ich weiß«
    »Wie lange ists her«
    »Siebzehn Jahre«
    »Ach du lieber Gott und so lang lieb ich dich schon und bin darüber eine
alte Jungfer geworden  Und gewartet hab ich auf dich Jahr um Jahr Aber du
hast nichts davon sehen wollen Endlich muss er doch kommen dacht ich mir aber
du kamst nicht  Und da bin ich mutlos geworden und habe gedacht Aufdrängen
kannst du dich ihm doch nicht schließlich will er dich gar nicht  Du musst
ins klare kommen mit dir  Und um allem Sehnen ein Ende zu machen hab ich
dem Vetter das Jawort gegeben der schon an die zehn Jahre um mich
herumschwänzelte Er hatte mich so oft zum Lachen gebracht und da glaubt ich
er würde  aber still davon«und sie schauerte zusammen »Komm leg dich hin 
pfeife«
    Er schüttelte den Kopf und wies mit der Hand schweigend über die Heide hin
wo am Horizont drei einsame Fichten ihre rauen Arme gen Himmel streckten
    »Dorthin« sagte er »Ich hab keine Ruh eh ich dort gewesen bin«
    »Du hast Recht« sagte sie und Hand in Hand schritten sie durch das
blühende Heidekraut das wilde Bienen mit schläfrigem Summen umschwärmten
    Als sie den Kirchhof betraten läutete vom weißen Haus her die
Mittagsglocke Zwölfmal schlug sie an mit kurzen scharfen Schlägen ein leiser
Nachhall verzitterte in den Lüften und dann wards wieder still nur das leise
Summen und Singen dauerte fort 
    Das Grab der Mutter war dicht bewachsen mit Efeu und wilder Myrte und zu
Häupten erhob eine Königskerze ihre strahlende Blütenkrone  Zwischen den
Blättchen krochen rostfarbene Ameisen und eine Eidechse raschelte in die grüne
Tiefe hinunter
    Schweigend standen sie beide da und Paul zitterte Keiner wagte die heilige
Stille zu brechen
    »Wo haben sie den Vater begraben« fragte Paul endlich
    »Deine Schwestern haben die Leiche nach Lotkeim hinübergeführt« antwortete
Elsbeth
    »Es ist gut so« erwiderte er »sie ist ihr Lebtag einsam gewesen mag sies
auch im Tod sein Doch morgen wollen wir auch zu ihm hinüber«
    »Willst du bei den Schwestern einkehren«
    Er schüttelte traurig den Kopf  Darauf versanken sie wieder in Schweigen
Er stützte den Kopf in beide Hände und weinte
    »Weine nicht« sagte sie »es hat ja jetzt ein jeder von euch seine Heimat«
Und darauf nahm sie das Päckchen das sie unter dem Arm hielt löste das weiße
Papier der Umhüllung und was sie zum Vorschein brachte war ein altes
Schreibheft mit zerzaustem Deckel und vergilbten Blättern
    »Sieh das schickt sie dir« sagte sie »und lässt dich grüßen«
    »Wo hast du das her« fragte er erschrocken denn er hatte die Handschrift
der Mutter erkannt
    »Es lag in der alten Kommode die beim Brande gerettet wurde zwischen Lade
und Hinterwand geklemmt Dort scheint es seit ihrem Tode gelegen zu haben«
    Darauf setzten sie sich nebeneinander auf das Grab legten das Buch zwischen
sich auf ihre Knie und fingen an zu studieren Jetzt besann er sich wohl dass
Käte damals als er sie mit ihrem Geliebten überraschte von einem Arienbuch
gesprochen hatte das der Mutter gehört haben sollte aber er hatte es nie übers
Herz gebracht sie danach zu fragen weil er die böse Erinnerung an jene Stunde
nicht wieder lebendig machen wollte
    Allerhand Lieder standen darin die waren fliessend abgeschrieben daneben
andre halb durchstrichen und mit Verbesserungen versehen Diese letzteren schien
sie aus dem Gedächtnis wiedergegeben oder vielleicht selbst gemacht zu haben 
Da war auch jenes von dem Sängersmann das Käte damals hergesagt hatte
    Und dann kam eines das lautete so
Schlaf ein lieb Kind lieb Kind schlaf ein
Es wacht am Bett die Mutter dein
Bis du in Traum gesungen
Schlaf ein
Das Glöcklein das vom stillen Wald
So sanft so süß herüberhallt
Ist auch wohl bald verklungen
Schlaf ein
Schlaf ein lieb Kind lieb Kind schlaf ein
Es glänzt im Hof der Mondenschein
Erzählt ein Märchen der Linde 
Schlaf ein
Vom Hirtensohn auf der Heide draus
Und der Prinzess im weißen Haus 
Da seufzen die Blätter im Winde
Schlaf ein
Schlaf ein lieb Kind lieb Kind schlaf ein
Dein Rosenstock am Treppenstein
Der träumt von Hain und Hügel
Schlaf ein
Dein Vögelchen vom Fensterbrett
Piept leise her nach deinem Bett
Schlägt müde die kleinen Flügel 
Schlaf ein
Schlaf ein lieb Kind lieb Kind schlaf ein
Es wacht am Bett die Mutter dein
Und harret und harret beklommen
Schlaf ein
Wohl rinnt die Zeit die Mutter wacht
Es naht es naht die Mitternacht
Vielleicht wird auch Vater dann kommen
Schlaf ein
    Und dann kam ein andres Gedicht
Wusst ich einst eine herzensallerliebste Maid
Die wohnt verlassen auf der grünen grünen Heid
Und verlangt nach Liebe
Sie guckt bei Tag und Nacht zum Fensterlein hinaus
Sie guckt die schönen Blauäugelein sich aus
Denn sie verlangt nach Liebe   
Da kam ein blanker junger kecker Reitersmann
Der fragt »Was schaust du mich so wunderseltsam an«
»Mich verlangt nach Liebe«
Da lacht er »Mädel dummes komm in meinen Arm
Schau da liegst du mollig und da liegst du warm
Und da gibt es Liebe«  
»O Lieber wüsstest du wie ich verlassen bin
So nimm mich armes armes Mädel nimm mich hin
Aber gib mir Liebe«
Als er sich satt geruht an ihrer weißen Brust
Da sprach er »Hast du Schelm es wirklich nicht gewusst
So ist die Liebe« 
»Und ist dir meine Liebe Lieber noch nicht leid
So will ich bei dir bleiben bis in Ewigkeit
Mich bangt nach deiner Liebe«
Da lacht der blanke junge kecke Reitersmann
Und zäumt sein Ross und sang ein Lied und ritt von dann
Ließ sie in Jammer und Liebe
Und als die Frist die böse Frist verstrichen war
Sieh da geschahs dass sie ein Knäblein gebar
Ein Kind der Liebe
Sie trugs wohl auf die grüne Heid in Nacht und Wind
»Im Kuss erstick ich dich du armes Jungfernkind
Ersticke dich in Liebe«
»Herr Richter tut mit mir was Euer Herz begehrt
Verlassen bin ich Ärmste auf der weiten Erd
Bin ohne Liebe«
Im weißen Brautgewande stieg sie zum Schafott
Sie sprach »Nun nimm mich hin du lieber lieber Gott
Denn mich verlangt nach Liebe«
    Da musste er der beiden Schwestern gedenken und ihm war zumute als hätte
die Mutter alles vorausgewusst und alles im voraus vergeben
    Und gleich darauf stand in großen Buchstaben überschrieben
                        Das Märchen von der Frau Sorge
    Es war einmal eine Mutter der hatte der liebe Gott einen Sohn geschenkt
aber sie war so arm und so einsam dass sie niemanden hatte der bei ihm Pate
stehen konnte Und sie seufzte und dachte »Wo krieg ich wohl eine Gevatterin
her«  Da kam eines Abends mit der sinkenden Dämmerung eine Frau zu ihr ins
Haus die hatte graue Kleider an und ein graues Tuch um den Kopf geschlungen
die sagte »Ich will bei deinem Sohn Pate stehen und ich werde dafür sorgen
dass er ein guter Mensch wird und dich nicht Hungers sterben lässt Aber du musst
mir seine Seele schenken«
    Da zitterte die Mutter und sagte »Wer bist du«
    »Ich bin die Frau Sorge« erwiderte die graue Frau
    Und die Mutter weinte aber da sie so großen Hunger litt so gab sie der
Frau ihres Sohnes Seele und diese stand Pate bei ihm
    Und ihr Sohn wuchs heran und arbeitete schwer um ihr Brot zu schaffen Aber
da er keine Seele hatte so hatte er auch keine Freude und keine Jugend und
oftmals sah er die Mutter mit vorwurfsvollen Augen an als wollte er fragen
»Mutter wo ist meine Seele geblieben«
    Da wurde die Mutter traurig und ging aus ihm eine Seele zu suchen
    Sie fragte die Sterne am Himmel »Wollt ihr ihm eine Seele schenken« Die
aber sagten »Dafür ist er zu niedrig«
    Und sie fragte die Blumen auf der Heide die sagten »Dafür ist er zu
hässlich«
    Und sie fragte die Vögel auf den Bäumen die sagte »Dafür ist er zu
traurig«
    Und sie fragte die hohen Bäume die sagten »Dafür ist er zu demütig«
    Und sie fragte die klugen Schlangen die sagten »Dafür ist er zu dumm«
    Da ging sie weinend ihres Weges Und im Walde begegnete ihr eine junge
schöne Prinzessin die war von einem großen Hofstaat umgeben
    Und weil sie die Mutter weinend sah stieg sie von ihrem Ross und nahm sie
mit sich auf ihr Schloss das ganz von Gold und Edelstein gebaut war
    Dort fragte sie »Sage warum weinst du« Und die Mutter klagte der
Prinzessin ihr Leid dass sie ihrem Sohn keine Seele schaffen könnte und keine
Freude und keine Jugend
    Da sagte die Prinzess »Ich kann keinen Menschen weinen sehen Weißt du was
 Ich werd ihm meine Seele schenken«
    Da fiel die Mutter vor ihr nieder und küsste ihr die Hände
    »Aber« sagte die Prinzess »aus freien Stücken tu ichs nicht er muss mich
darum fragen«Da ging die Mutter mit ihr zu ihrem Sohn aber die Frau Sorge
hatte ihm ihren grauen Schleier um sein Haupt gelegt dass er blind war und die
Prinzess nicht sehen konnte
    Und die Mutter bat »Liebe Frau Sorge lass ihn doch frei«
    Aber die Sorge lächelte  und wer sie lächeln sah der musste weinen  und
sie sagte »Er muss sich selbst befreien«
    »Wie kann er das« fragte die Mutter
    »Er muss mir alles opfern was er lieb hat« sagte Frau Sorge  Da grämte
sich die Mutter sehr und legte sich hin und starb  Die Prinzess aber wartet
noch heute auf ihren Freiersmann   
                                       
    »Mutter Mutter« schrie er auf und sank an dem Grabe nieder
    »Komm« sagte Elsbeth mit Tränen kämpfend indem sie die Hand auf seine
Schulter legte »Lass die Mutter sie hat ihren Frieden und uns soll sie nichts
mehr tun deine böse Frau Sorge«