1886_Keller_MartinSalander.html




        
                                Gottfried Keller
                                Martin Salander
                                        I
Ein noch nicht bejahrter Mann wohlgekleidet und eine Reisetasche von englischer
Lederarbeit umgehängt ging von einem Bahnhofe der helvetischen Stadt
Münsterburg weg auf neuen Straßen nicht in die Stadt hinein sondern sofort in
einer bestimmten Richtung nach einem Punkte der Umgegend gleich einem der am
Orte bekannt und seiner Sache sicher ist Dennoch musste er bald anhalten sich
besser umzusehen da diese Strassenanlagen schon nicht mehr die früheren neuen
Straßen waren die er einst gegangen und als er jetzt rückwärts schaute
bemerkte er dass er auch nicht aus dem Bahnhofe herausgekommen von welchem er
vor Jahren abgefahren vielmehr am alten Ort ein weit größeres Gebäude stand
    Die reichgegliederte kaum zu übersehende Steinmasse leuchtete auch so still
prächtig in der Nachmittagssonne dass der Mann wie verzückt hinsah bis er von
dem Verkehrstrubel unsanft gestört wurde und das Feld räumte Aber der erhobene
Kopf die an der Hüfte gelind sich hin und her wiegende Reisetasche ließ
erkennen wie er vom Schwunge der Gedanken bewegt von Genugtuung erfüllt
dahinschritt um Weib und Kinder aufzusuchen wo er sie vor Jahren gelassen
Jedoch vergeblich forschte er zwischen der rastlosen Überbauung des Bodens nach
Spuren früherer Pfade die sonst zwischen Wiesen und Gärten schattig und
freundlich hügelan geleitet hatten Denn diese Pfade lagen auch weiterhin unter
staubigen oder mit hartem Kies beschotterten Fahrstrassen begraben Obgleich das
alles seine Bewunderung stetig erhöhte war er endlich doch angenehm überrascht
als er unvermerkt um eine Ecke biegend sich in einen Häuserwinkel versetzt
fand den er augenblicklich an seiner verjährten ländlichen Bauart
wiedererkannte Die vorspringenden Dächer das rote Balkenwerk die kleinen
Vorgärtchen waren die nämlichen wie seit Menschengedenken
    »Da ist ja der Zeisig« rief der Wandersmann indem er stillstand und mit
warmem Heimatgefühl die alte Lokalität betrachtete »wahrhaftig der Zeisig Im
Zeisig heißt es hier Wer kann sagen warum einem eine solche Sache und ein
solches Wort während sieben Jahren nicht ein einziges Mal eingefallen ist und
haben wir doch als Schüler hier so schönen Apfelmost getrunken wenn wir einen
Batzen besaßen Und der alte Brunnen steht auch noch mit welchem man den
Zeisigbauer aufzog dass er Most und Milch daraus speise«
    In der Tat sprudelte aus der uralten Holzsäule das klare Bergwasser in
denselben Trog wie ehemals und zwar durch den gleichen abgesägten Flintenlauf
der statt einer eisernen Brunnenröhre darin steckte Diese Entdeckung erregte
dem Mann eine neue Begeisterung
    »Sei mir gegrüßt ehrwürdiges Zeichen friedlicher Wehrkraft« dachte er
halblaut »dies Rohr das einst Feuer gesprüht spendet das lautere Quellwasser
für Mensch und Tier Aber schon hängt in jedem Hause wie ich vernehme das
gezogene Gewehr und harrt der ernsten Prüfung möge sie der Heimat lange erspart
bleiben«
    In diesem Augenblicke näherte sich ein Trupp spielender Kinder dem Brunnen
kleines Volk von zwei bis sechs Jahren Letzteren Alters konnten zwei Knaben und
überdies Zwillinge sein weil sie genau dieselbe Größe ganz ähnlich runde Köpfe
mit dicken Backen und vor den Bäuchen aus gleichem Wachstuch geschnittene mit
Blümchen bedruckte Schürzen aufwiesen offenbar ebensowohl als Auszeichnung wie
zum Schutze der Kleider Etwas seitwärts stand einsam ein bleicher Junge der
seinen achten Sommer zählen mochte und Anlass zu einer kleinen Begebenheit bot
welche die Aufmerksamkeit des heimkehrenden Mannes von dem alten Flintenlauf
ablenkte
    Einer der beiden Schurzträger rief nämlich den einsamen Jungen hochmütig an
    »Was tust du denn hier Was willst du«
    Als der Angerufene nicht antwortete und nur melancholisch herüberblickte
trat der andere Zwilling die Hände auf dem Rücken den beschürzten Bauch
vorstreckend näher hin und sagte patzig
    »Ja auf was wartest du hier«
    »Ich warte auf meine Mutter« erwiderte nun der Junge unsicher werdend ob
er das Recht habe dortzustehen Der andere aber versetzte trocken und
verächtlich wie ein Alter »So du hast eine Mutter« während sein Bruder laut
auflachte und schrie
    »Haha Der hat eine Mutter«
    Sogleich sang der ganze Kinderchor mit drollig nachgeahmtem Gelächter
    »Der hat eine Mutter«
    Und nie hörte man ein fröhlicheres Lachen so kleiner Leute Als ob das
lustigste Ereignis sie königlich erheitere holten sie immer ein neues »Hahaha«
aus der Tiefe ihrer arglosen Kinderherzchen herauf und standen dabei im Kreise
beisammen innerhalb dessen ein zweijähriges Watschelbübchen indem es sich mit
den fetten Händchen die Seiten hielt wiederholte
    »Oh eine Moder hat der«
    Als dies Vergnügen wie alles hienieden allmählich sein Ende erreicht
fragte der mit der Reisetasche der es wohl beobachtet hatte und nichts davon
verstand mit freundlichen Worten
    »Warum lacht ihr Kinder so darüber dass der Knabe eine Mutter hat Habt ihr
denn keine Mutter«
    »Nein Wir sagen Mama« erklärte der eine Rädelsführer der Kleinen und
gleichzeitig nahm er einen Tonscherben von dem Boden schöpfte Wasser aus dem
Brunnenbecken und schleuderte es auf den Inhaber einer Mutter Der verlor aber
die Geduld Er sprang herbei um den bösen Zwilling ein weniges zu zausen
worauf beide Brüder zu zetern und »Mama Mama« zu schreien begannen
    »Isidor Julian Was gibts denn was habt ihr wieder« ließ sich eine
Stimme vernehmen und aus einem der Häuser kam eine rüstige Frau unzweifelhaft
vom Waschzuber weg Die feuchte Schürze war zurückgeschlagen auf der einen
Faust hielt sie einen modisch mit Blumen und Seide aufgeputzten Strohhut vor
sich hin während sie mit dem andern rotbraunen Arm den Schweiß von der Stirn zu
wischen suchte und der ihr folgenden Putzmacherin schmälend zurief der Hut sei
nicht geraten die Blumen stellten nichts Rechtes vor sie wolle ebenso schöne
und große wie andere Frauenzimmer und weiße Bänder statt der braunen Sie
wüsste nicht warum sie nicht ebensogut weiße Bänder tragen dürfte wie diese und
jene und wenn sie auch keine Rätin sei so werde sie dereinst vielleicht eines
oder zwei solcher Stücke zu Schwiegertöchtern bekommen
    Die Modistin welche ihr den Hut inzwischen abgenommen versetzte bescheiden
schnippisch es sei gut dass die Bänder nicht schon weiß gewesen sonst würden
sie von den nassen Händen der Frau bereits verdorben sein und es frage sich ob
diese befleckten braunen sauber herzustellen seien Sie wollte sehen was die
Meisterin dazu sage Hiermit legte sie den Hut wieder in die Schachtel in der
sie ihn hergetragen und begab sich verdrießlich hinweg indessen die Waschfrau
ihr nachrief sie solle nur machen dass sie den Hut bis nächsten Sonntag
erhalte denn sie wolle damit zur Kirche gehen Dann sah sie endlich nach ihren
Buben Julian und Isidor welche zu schreien nicht aufhörten obgleich der fremde
Knabe sich an seinen Standort zurückgezogen hatte
    »Was ist denn mit euch Wer tut euch was« rief sie worauf jene schrien
»Der dort will uns hauen«
    Nun aber mischte sich der stets aufmerksame Wandersmann in den Handel und
belehrte die Frau die beiden Jungen hätten den andern zuerst mit Wasser
begossen und ihn ausgelacht weil er nur eine Mutter und keine Mama besitze
    »Das ist nicht schön von euch« sagte die Frau mit milder Zurechtweisung zu
ihren Sprösslingen »er ist nicht schuld wenn er arme oder ungebildete Eltern
hat und ihr könnt Gott danken dass es euch besser geht«
    Der mit der Reisetasche konnte sich nicht enthalten zu fragen ob es denn
hierzulande ein Zeichen von Armut oder Verwahrlosung sei wenn unter dem Volke
die Eltern noch Vater und Mutter genannt werden und er tat diese Frage mit
anständiger Wissbegier ohne Spott gewärtig schon wieder etwas Neues
vielleicht Günstiges und Rühmliches zu erfahren Die Frau aber sah ihn groß an
besann sich ein wenig bis sie zu erkennen glaubte dass es sich um einen
unvorgesehenen unbefugten Angriff handle und erwiderte alsdann mit geschärfter
Betonung
    »Wir sind hier nicht Volk wir sind Leute die alle das gleiche Recht haben
emporzukommen Und alle sind gleich vornehm Und für meine Kinder bin ich die
Mama damit sie sich nicht vor dem Herrenvolk zu schämen brauchen und einst
aufrechten Hauptes durch die Welt gehen dürfen Jede rechte Mutter hat die
Pflicht dafür zu sorgen weil es Zeit ist«
    »Was machst du denn für einen Lärm Frau« sagte der hinzugekommene Mann
derselben er setzte einen großen Korb voll gelber Rübchen neben den Brunnen
nieder indem er beifügte »Da ist Gemüse zu waschen Ich will gleich das Beet
umgraben und wieder ansäen die Buben können das Zeug abspülen Damit sie das
Wasser im Trog nicht verunreinigen gib ihnen einen Zuber Frau und achte doch
darauf dass dem Vieh das Trinkwasser nicht immer getrübt wird von den Kindern«
    Hierdurch schien die wackere Frau in Gegenwart des Fremden noch gereizter
zu werden Die Knaben seien jetzt ordentlich angezogen und sollen sich nicht
schon wieder versauen Sie wolle die Rübchen nachher schon abspülen wozu noch
alle Zeit sei denn sie würden erst am nächsten Morgen geholt
    Und die Zwillinge riefen ihrerseits »Vater die Mama sagt wir dürfen uns
nicht versauen Was sollen wir nun tun Können wir laufen wo wir wollen«
    Ohne die Antwort abzuwarten sprangen sie mit den anderen Kindern davon der
Fremde aber statt ihrem Beispiel zu folgen blieb immer noch stehen in
Nachdenken verloren über die neue Tatsache dass der Mann der Mama doch ein
einfacher Vater sei vor seinen Kindern dabei auch freilich nicht soviel zu
gelten schien wie jene
    In diesen Gedanken unterbrach ihn der Landwirt oder Gemüsegärtner und
fragte »Und was ists mit dem Herrn hier was wünscht er«
    »Er wird wohl nichts zu wünschen haben« rief die Frau dazwischen »er hat
uns bloß Volk genannt und sich verwundert wieso die Buben mir Mama rufen
sollen«
    »Das war nicht so gemeint« sagte der Fremde lächelnd »ich habe mich ja im
Gegenteil über die Verfeinerung der Sitte hierzulande gefreut über die
zunehmende Gleichheit der Bürger gewahre nun aber doch dass das Familienhaupt
noch Vater genannt wird und nicht Papa Wie darf ich mir nun das wieder
erklären«
    Die Frau blickte ärgerlich auf ihren Mann der ihr in diesem Punkte genugsam
Verdruss gemacht haben mochte und verhielt sich im übrigen still Der Mann
seinerseits betrachtete den Fremdling nun ebenfalls mit prüfendem Blicke wie
vorhin die Frau und als er dessen offenes und gutmütiges Gesicht wahrnahm ließ
er sich zu einer vertraulichen Rede herbei
    »Seht guter Freund Das ist eine Sache wovon manches zu berichten wäre
Die Gleichheit ist allerdings vorhanden und alle streben wir aufwärts Am
eifrigsten sind die Weiber dahinter her eine nach der andern nimmt jenen Titel
an wogegen wir Mannsleute bei unserer Hantierung dergleichen Zierat nicht
brauchen können Wir würden uns selbst auslachen wenigstens einstweilen noch
und dann was die Hauptsache ist so würde man uns die Steuern hinaufschrauben
wenn wir den Papatitel annähmen So hat der Herr Pfarrer in der Schulpflege zu
verstehen gegeben wo die Sache zur Sprache kam weil ein Schulmeister einen
Teil der Schüler mit Papa und Mama traktierte wenn er von ihren Eltern zu
sprechen hatte Es waren dies natürlich solche Kinder die schöne Geschenke
brachten Bei den Frauen sagte der Pfarrer habe das nicht soviel zu bedeuten
weil ihre Eitelkeit bekannt sei wenn aber die Mannsbilder sich Papa rufen
ließ so urkundeten sie hiemit dass sie sich zu den Wohlhabenden und Fürnehmen
rechnen und da sie ohnehin zu wenig versteuern so würde man sie bald höher
einzuschätzen wissen Es wurde dann auch sofort allen sechs Lehrern strengstens
befohlen in der Schule von Gleichheits wegen das Wort Papa zu vermeiden und bei
reich und arm nur Vater zu sagen«
    Die Frau war schon bei Anfang dieser Rede zornig in ihre Küche
zurückgelaufen der Landmann ging auch hastig seiner Wege indem er sich besann
dass er noch genug zu tun und schon zu lang geschwatzt habe und der Fremde stand
allein auf dem stillen Platze Erst jetzt las er an dem alten Hause die
Inschrift »Gemüsegärtnerei und Milchwirtschaft von Peter Weidelich«  »Also
Weidelich heißen diese Leute« sprach er vor sich hin ohne selbst darauf zu
achten Er rieb sich sacht ein wenig die Stirne wie einer der nicht recht
weiß wo er sich im Augenblick befindet bis er sich besann dass er ja noch
höchstens zehn Minuten zu gehen brauche um die Seinigen zu sehen Doch wie er
sich wandte und den Fuß ansetzte fiel ihm eine Hand auf die Schulter und eine
Stimme fragte
    »Ist das nicht der Martin Salander«
    Er war es wirklich denn er kehrte sich wie der Blitz um da er auf dem
heimischen Boden zum ersten Mal seinen Namen hörte und nun auch das erste
bekannte Gesicht erblickte
    »Und du bist der Möni Wighart wahrhaftig« rief er Beide schüttelten sich
die Hände einander aufmerksam aber nicht unerfreut betrachtend als gute alte
Freunde von denen keiner dem andern etwas zu danken oder je etwas von ihm
gewollt hatte Das ist immer eine gute Begegnung an der Schwelle jeglicher
Heimat
    Der genannte Möni oder Salomon schien um zehn Jahre älter als Herr Martin
Salander sah aber noch so frisch und sauber mit seinem Schnurr und
Backenbärtchen aus wie ehemals und trug denselben Rohrstock mit vergoldetem
Hundekopf wie vor zwanzig Jahren Mit allen ordentlichen Leuten stand er auf du
und du obgleich keiner deutlich wusste seit wann Trotzdem hatte er nie einen
Feind denn er war für jeden der ihn traf ein Ruhepunkt und eine Pause in den
Sorgen und Gedanken die ihn bewegten oder auch wenn der Betreffende just
zerstreut dahintrieb ein kommlicher Anhalt zur Sammlung
    »Martin Salander Wer hätte das gedacht Und seit wann bist du wieder im
Land Oder kommst du erst« fragte er abermals
    »Soeben komm ich vom Bahnhof« war die Antwort
    »Was du sagst Ich komme doch auch daher trinke alle Tage meinen Kaffee
dort und sehe wer abgeht und ankommt und habe dich nicht bemerkt Der Tausend
noch einmal Soso da ist der Martin Salander wieder Nicht wahr du kommst
gradenwegs aus Amerika«
    »Aus Brasilien das heißt ich habe mich sechs Wochen in Liverpool
aufgehalten in etwas Geschäften Nun aber ists Zeit dass ich meine Frau
aufsuche habe seit einem halben Jahre keine Nachricht von ihr und meinen drei
Kindern sie müssen mich längst erwarten Hoffentlich steht es gut mit ihnen«
    »Ja wo sind sie denn Hier oben auf der Höhe« Diese Frage tat der alte
Freund nur mit halber Sicherheit seiner Stimme und der andere schien auch etwas
betreten indem er erwiderte
    »Ei freilich sie hat ja seit Jahren eine kleine Sommerwirtschaft und
Fremdenpension auf der Kreuzhalde gepachtet es kann nicht sehr weit von hier
sein«
    Bei sich selbst dachte er Nun weiß der nichts davon oder tut wenigstens so
ein Zeichen dass er nicht ein einziges Mal dort war der ewige Spaziergänger und
Schoppenstecher Es muss also nicht glänzend gehen und jedenfalls hat die arme
Marie keinen vorzüglichen Wein zu verzapfen
    Die kleine Verlegenheit überspringend ergriff Wighart die Hand welche
Salander zum Abschiede bot und hielt sie fest
    »Ich würde gleich mitkommen das geht aber natürlich jetzt nicht gut an bei
eurem ersten Wiedersehen da kann man keine Störer und Gaffer brauchen Allein
zehn Schritt von hier um die Ecke hat der alte Friedensrichter Hauser im roten
Mann einen Letztjährigen der trinkt sich wie Himmelsluft Ich nehme bei schönem
Wetter täglich ein Schöppchen davon Nun tu ich es nicht anders Meister Martin
du musst zum Willkomm eine Flasche mit mir leeren In einem halben Stündchen in
zwanzig Minuten ist es getan und der Nachmittag ist noch lang Komm Mach keine
Umstände Ich will durchaus das erste Glas mit dir trinken und verspreche dich
nicht lang aufzuhalten«
    Martin Salander dessen Hand der gute alte Freund nicht fahren ließ
sträubte sich ernstlich vom Verlangen nach Frau und Kindern beseelt denen er
so nahe war als ein so Weitgereister jedoch der oft größere Umwege und
Aufenthalte vergeblich gemacht und den sieben Jahren seiner Abwesenheit leicht
eine Viertelstunde hinzufügen durfte um der unverhofften Begegnung eine Ehre
anzutun gab er endlich nach Er wusste zwar dass es den geselligen Herrn
vornehmlich gelüstete in aller Eile etwas Näheres von seinen Schicksalen zu
erfahren und nebst der Ankunft abends als der erste in der Stadt erzählen zu
können aber auch er selbst empfand jetzt plötzlich ein Bedürfnis über die
Dinge in der Heimat von dem stets unterrichteten Manne Vorläufiges zu vernehmen
So wandte er sich denn statt den Weg in die Kreuzhalde fortzusetzen mit dem
Möni Wighart in anderer Richtung hinweg und folgte diesem nach dem Roten Mann
einem Bauerngute wo ein alt angesessener reicher Landwirt nebenher sein
reingehaltenes Eigengewächs ausschenkte
    Der Platz um den Brunnen war nun gänzlich still und leer nur in einer Ecke
stand noch der Knabe der auf die Mutter wartete und das jüngste Kind Salanders
war der eben hinweggegangen
 
                                       II
Die beiden Männer hatten in der Tat nicht weit zu gehen bis sie das hinter
Obstbäumen verborgene Haus fanden Die Wohn und Gaststube des Wirtes war leer
als sie eintraten eine Frauensperson irgendwo beschäftigt kam auf Wigharts
Klopfen herbei
    »Wo haben wir den Herrn Friedensrichter« fragte er zugleich eine Flasche
Wein bestellend
    »Sie sind alle in den Reben« gab die Magd zur Antwort während sie eine
weiße Flasche aus dem Schranke nahm sie ins Wasser des blanken Kupferkessels
tauchte auf welchem ein halbmondförmiger geschuppter Fisch getrieben war zu
beiden Seiten die Namenszüge eines Vorfahren und darunter eine Jahrzahl aus dem
achtzehnten Jahrhundert Jene ging den Wein frisch im Keller zu holen indes
die Gäste sich an den breiten Nussbaumtisch setzten
    Martin Salander schaute sich um holte tief Atem und sagte »Wie ruhig und
still ist es hier Seit sieben Jahren bin ich nicht hinter einem Tisch wie
dieser gesessen«
    Durch die Fenster sah man nur Grünes Apfelbäume Wiesen und statt der
blauen Luft soweit der Blick zwischen den Stämmen und Ästen den Weg fand im
Hintergrunde den ansteigenden Weinberg dessen Erde soeben sorgfältig gelockert
wurde Nur hie und da sah man von den gebückten Werkleuten einen Kopf aus dem
Laube emportauchen und man glaubte die sonnige Ferne selbst zu erblicken in
die er hinausschaute
    »Sieben Jahre bei Gott Ist es schon so lang dass du fort bist« sagte
Wighart
    »Und drei Monate«
    Die Magd brachte den Wein und ein paar Schnitte gutes Roggenbrot und als
die Gäste nichts weiter verlangten ging sie wieder an ihre Arbeit Wighart
schenkte beide Gläser voll
    »Also sei willkommen« begrüßte er mit ihm anstossend wiederum den
Heimkehrenden der noch nicht ganz zu Hause war und vor der Zeit die Ruhe
kostete »auf deine Gesundheit Aber gut siehst du ja schon aus wirklich wie
die Gesundheit selber Also lass uns annehmen es sei dir gut gegangen und alles
wohl gut gelungen«
    »Auf jede Art ist es mir gegangen doch habe ich mich gewehrt und getummelt
und wenig geschlafen das kann ich dir sagen und endlich mich von dem Schlag
erholt der mich damals so schmählich getroffen hat Es dauerte freilich länger
als ich meinte dass es gehen würde«
    »Wenn ich nicht irre so bist du durch eine Bürgschaft ins Unglück gekommen
Ich war zu jener Zeit auf Reisen und als ich wiederkam hieß es du seist
fort«
    »Freilich die Geschichte mit dem Louis Wohlwend«
    »Richtig Jeder nahm teil an deinem Missgeschick aber allgemein wurde auch
gefragt wie du dein Vermögen durch eine so unbedachte Handlung aufs Spiel
setzen konntest«
    »Ich habe nichts aufs Spiel gesetzt ich wollte nichts gewinnen sondern
einfach ein Gebot der Freundespflicht erfüllen das heißt  ich glaubte eben
nicht dass es zum Zahlen käme war vielmehr der Meinung soviel mir noch
vorschwebt die Suppe würde wohl nicht so heiß gegessen werden wie sie gekocht
sei und jeder wahre Freundesdienst sei mit einem Wagnis verbunden sonst wäre
es keiner Wir waren im Lehrerseminar schon gute Freunde Er lernte schwer und
hielt sich deshalb an mich dem es leichter ging vor den anderen schien es
eher als ob ich von ihm lernte Gott weiß wie es zuging Es machte mir jedoch
Spaß denn er war sehr drollig zutraulich und gescheit und wo zwei beieinander
standen trat er hinzu selbst unter den Lehrern und Professoren Mit diesen
wusste er sich sehr ergötzlich zu benehmen wenn die Jahresprüfungen dawaren Er
forschte nicht etwa worüber sie ihn besonders fragen würden sondern wusste
ihnen geradezu beizubringen was er wollte das sie ihn fragen sollten worauf
er sich die bezüglichen Gegenstände extra von mir eintrichtern ließ oder wie ich
es nennen soll Es war wie wenn er eine Gabe hätte die Gedanken der Menschen
mit wenig Wörtchen zu reihen hin und her gehen zu lassen und aufzulösen und
doch war er nicht imstande selbst eine dauernde Gedankenordnung festzuhalten
Aber alles war wie gesagt spaßhaft und jeder ließ ihn gewähren Er erhielt
auch richtig die Verweserei einer ländlichen Elementarschule wo es herrlich und
in Freuden ging als er aber Realklassen übernahm dh den Unterricht der
größeren Kinder begann er bald von Ort zu Ort zu rutschen und gab in kurzer
Zeit das Schulmeistern auf Ich hatte mich indessen noch zum Sekundarlehrer
ausgebildet und ordentlich Fleiß darauf verwendet auch verwaltete ich die
Schule an die ich gewählt wurde nicht allein mit der üblichen Begeisterung
sondern auch mit einigem Pflichtgefühl und bemühte mich redlich die Schüler so
durchgehend als möglich emporzuarbeiten Ich freute mich schon der späteren
Tage wo ich manchem Landmann zu begegnen hoffte der es mir danken würde wenn
er eine richtige Berechnung anstellen ein Stück Feld ausmessen seine Zeitung
besser verstehen und etwa ein französisches Buch lesen könnte alles ohne die
Hand vom Pfluge zu lassen Allerdings hab ich es nicht erlebt denn die Buben
schwanden einem vorweg aus den Augen und verkrochen sich in alle möglichen
Schreibstuben Keinen sah ich je wieder auf dem Feld und an der Sonne«
    Salander hielt inne und besann sich dann tat er einen leichten Seufzer und
redete weiter
    »Aber hab ich es denn besser gemacht Bin ich nicht selbst vom Pfluge
weggelaufen«
    »Du meinst als du den Lehrerberuf aufgabst« sagte Wighart da der andere
ein Weilchen wieder verstummte »wie bist du denn dazu gekommen«
    Vater und Mutter starben mir in der Heimat in derselben Woche an einem
bösartigen Fieber Im Stall war ihnen ein krankes Kälbchen zugrunde gegangen
das haben sie oberhalb des Hauses in der Wiese vergraben unfern unserer guten
Brunnenquelle und sich so das Wasser in aller Unschuld vergiftet Knecht und
Magd entrannen dem Tode mit Not Die Ursache ward erst später entdeckt Mir aber
wandelten sich Schreck und Trauer bald in eine große Unruhe als ich mich im
Besitze des elterlichen Vermögens sah das nach dem Verkaufe des Hofes für einen
Schulmeister artig genug ausfiel Ich heiratete meine Frau die mir schon länger
in die Augen gestochen und auch sie besaß bare Mittel Da wurde es mir
plötzlich zu eng in der friedlichen Schulstube in der entlegenen Landschaft
ich zog hierher in die Stadt dort hinter den Bäumen wollte mitten im Verkehr
stehen unter Erwachsenen auf Freiheit und Fortschritt ausschauen ein
Geschäftsmann ein Muster von Broterrn sein ja sogar noch den Militärdienst
nachholen und Offizier werden um meinen Mann zu stellen Denn ich glaubte alles
schuldig zu sein weil ich etwas Vermögen besaß das im Grunde doch kein
Reichtum zu nennen war
    Zunächst beteiligte ich mich an einer bescheidenen Gewebefabrik die von
einem kundigen Manne geleitet wurde daneben übernahm ich einen herrenlosen
Handel mit Strohwaren nun das ist dir ja bekannt es ging gar nicht übel Ich
hielt mich fleißig und aufmerksam an die Sache ohne der Welt den Rücken zu
kehren Da war denn auch der Louis Wohlwend der betrieb ein
Kommissionsgeschäft wie du auch weißt nebst einigen Agenturen und war immer
noch der gleiche zutuliche und vertrauliche Gesell und Hans in allen Gassen von
dem jeder den Eindruck empfing dass es ihm gut gehe und er wohl wisse was er
wolle Auch zu mir hielt er sich fleißig sooft er Zeit fand und bald stand ich
im Rufe seines Spezialfreundes und wehrte mich nicht dagegen obschon mir im
stillen manches auffällig war was ihm anhaftete In einem Gesangverein in den
er mich einführte bemerkte ich dass er immer falsch sang ich dachte aber er
könne nichts dafür und nachher beim Glase Wein war er umso kurzweiliger und
beliebter und er behauptete sich trotzdem der Übelstand offenkundig im
zweiten Tenor Das ärgerte mich zuletzt ernstlich er tat aber als ob er keine
Ahnung hätte und am Ende sagte ich mir das sei eigentlich auch ein Idealismus
wenn ein armer Teufel der kein Gehör habe durchaus singen wolle
    Als ich eines Abends in der Weihnachtswoche an meinem Rechnungsabschluss saß
mit dem Vorsatze bis nach Mitternacht zu arbeiten kam er mich in seinen
Verein abzuholen wo Christbaum und Hauptvergnügen sei Ich wollte nicht
mitgehen er gab nicht nach und da meine Frau mich ebenfalls zu gehen bat mir
die Erholung gönnend tat ich es Dies war der Unglückstag
    Unterwegs kaufte ich zum Überflusse auch noch eine Gabe für den Christbaum
ein artiges Bildungsbuch in Goldschnitt und erhielt bei der Verlosung dafür
einen westfälischen Schinken Als das Essen das folgte vorüber und die
Rennbahn für die komischen Sänger die Deklamanten und Travestanten eröffnet
war bestieg auch Louis Wohlwend das Podium den Vortrag der Schillerschen
Ballade Die Bürgschaft ankündigend und sogleich beginnend Er wusste das Gedicht
zu meiner Verwunderung auswendig und trug es mit einer gewissen Erregung oder
Überzeugung mit halb zitternder Stimme vor aber mit durchgehend so verflucht
falscher Betonung dass die Wirkung mehr verdrießlich als lächerlich war
Unbewusst sprach er in jenem Tone ungebildeter Leute welche klagend oder keifend
ein Schriftstück vorlesen dabei auf den Tisch klopfen und aus Leidenschaft die
Rede verzerren die Worte auseinanderdehnen und wie aus Wut die Nebensilben
beschreien da ihnen die Hauptsilben nicht ausreichen Gleich den Schluss der
erstem Strophe gab er mit steigenden Noten so
Die Stadt vom Tyrannen befreien
Das sollst du am Kreuze bereuen
Dann schloss er die zweite Strophe
Ich lasse den Freund dir als Bürgen
Ihn magst du entrinn ich erwürgen
Ganz heillos klang es wie er fortfuhr
Da lächelt der König mit arger List
und dazu wirklich ein Lächeln und eine arge Gesinnung auf seinem Gesichte zu
mischen suchte Das Ende des Gedichtes klang dagegen gemütlich aus
Ich sei gewährt mir die Bitte
In eurem Bunde der dritte
Es sind jetzt sieben Jahre her und die Dummheiten mir dennoch so genau im
Gedächtnis als wären sie gestern abend geschehen
    Ich war etwas verstimmt als Wohlwend von seinem erhöhten Aufenthalte
heruntergestiegen sich wieder neben mich setzte und da es bereits auf
Mitternacht ging erhob ich mich um Hut und Mantel zu suchen und begab mich
hinweg Kaum war ich aber auf der Straße so holte er mich ein lief neben mir
her räusperte sich als wolle er ein neues Stück rezitieren Ihn unterbrechend
fragte ich was er für eine Freude daran finde ein Gedicht überhaupt eine
Rede so schlecht herzusagen so aufgeregt und zugleich so grundfalsch zu
deklamieren
    Ja antwortete er mit immer noch nachzitternder Stimme aufgeregt sei er
und schön werde er allerdings nicht deklamiert haben weil er selbst derjenige
sei der den Bürgen suche und auf einem kritischen Wendepunkt schwebe
    Mit ganz veränderter ganz vernünftiger Stimme gab er unverweilt seine
Angelegenheit kund Er hatte eine folgenreiche Unternehmung gewagt welche
bedeutenden Kapitaleinsatz verlangte während sein Bankkredit durch das laufende
Geschäft schon vollständig in Anspruch genommen war und ferner genommen wurde
Auf keiner Seite durfte er rückwärts gehen ohne Schaden an Gut und Ehre das
Vorschreiten aber konnte beides nur mehren kurz es handelte sich um Öffnung
eines neuen Kredits gegen Bürgschaft die mit drei Unterschriften zu leisten
war In fünfzehn Minuten hatte ich als solidarischer Bürge und Selbstzahler die
erste Unterschrift auf ein in Wohlwends Hause bereitliegendes Dokument gesetzt
und ging gleich darauf schlafen Die zwei anderen Unterzeichner habe ich nie
gesehen es waren ein paar stille ordentliche Männer und Nichtzahler welche
sich vor der Katastrophe ruhesam verzogen nicht ohne ihrerseits selbst
verschiedene Bürgen oder deren Gläubiger geschädigt zu haben insofern solche
wirklich etwa bezahlten
    »Gut also vor Ablauf eines Jahres erklärte Louis Wohlwend sich
zahlungsunfähig und was gleich mit Beginn der Konkursverhandlungen voll und
unweigerlich gedeckt werden musste war der Betrag meiner Bürgschaftsleistung
Sie frass auf was ich und mein Weib besaßen und zugleich liquidierte sich mein
eigenes Geschäft ebenso rasch und reinlich dank der guten Ordnung die darin
herrschte und ich konnte gehen wo ich wollte Ich war für einmal fertig Jetzt
wäre es Zeit gewesen in die Schulstube zurückzukehren aber ach es lag mir
ferne Wohlwend aber lebte noch Jahr und Tag in und von dem Konkurse der im
Sande verlaufen sein soll ich weiß nicht auf welche Weise«
    »Aber wie mochtest du dein Frauenvermögen so preisgeben« unterbrach ihn
Wighart »die Frau konnte es ja nach Gesetz und Recht an sich ziehen«
    »Die Frau wollte nicht« sagte Salander »wegen der Zukunft der Kinder denn
ich wäre bankerott geworden Wir waren jung und glaubten an unsere Zukunft die
wir nicht verderben mochten«
    »Aber warum nahmst du die Familie nicht mit oder holtest sie nachträglich
als es dir gut ging«
    »Weil ich im Vaterlande leben und sterben will ich bin kein Auswanderer
Und dann hätte ich mich nicht drehen und tummeln können wie ich tun musste
hatte auch zweimal das Fieber und bezahlte sonst genug Lehrgeld fing wiederholt
von vorn an Als ich hinüberging nahm ich einige Kisten Strohhüte mit die man
mir anvertraute etwas leichtere Seiden und Baumwollsachen bekam ich auch mit
und so machte sich notdürftig ein Anfang mit dem ich bescheiden am Ufer
hinsteuerte bis ein junger Mensch den ich zu mir genommen mich bestahl und
durchging während ich wehrlos im Fieber lag Notgedrungen trat ich in den
Dienst eines größeren Hauses und bereiste die brasilianischen Provinzen mit Kauf
und Verkauf Ich lernte dadurch den dortigen Binnenhandel den ich in der Folge
auf eigene Rechnung betrieb natürlich nach Verhältnis meiner Mittel Nun ich
bin jetzt durch und habe den Schaden ersetzt mehr wollte ich nicht und kann
die Arbeit hier bei den Meinigen und in meinem Lande wieder aufnehmen Hier habe
ich Mosen und die Propheten«
    Er schlug auf seine trefflich gearbeitete Reisetasche rief jedoch sich
endlich besinnend
    »Sieh einmal das ist eine schöne Heimreise Sechs Wochen in Liverpool und
hier fünf Minuten von der Frau bleib ich noch hangen Trink die Flasche allein
fertig Freund du wirst wohl noch sitzenbleiben Der grüne Schattenwinkel hier
ist wirklich zu gelungen« Der alte Freund hingegen auf die Tasche deutend
hielt ihn auf
    »Du hast gewiss« sagte Wighart »gute Papiere bei dir Solltest du etwa das
eine oder andere schöne Inhaberstück abgeben wollen so bitte ich mir die
Gelegenheit zu gönnen du weißt man hat in diesen papiernen Zeitläuften immer
etwas zu versorgen oder besserzustellen«
    »Nichts Derartiges ist da« versetzte Salander »in der letzten Zeit ließ
ich alles Erworbene bei der Atlantischen Uferbank in Rio de Janeiro
zusammenlaufen einem kräftig sich entwickelnden jungen Institut und trage nun
den Wert meiner nicht ganz drei Dutzend Kontos de Reis in einer Anweisung bei
mir bar zehn Tage nach Sicht«
    Abermals schlug er vergnügt auf die Tasche
    »Donnerwetter ein saftiger Wechsel« meinte Wighart
    »Seit zwei Monaten oder länger avisiert wie ich denke« der andere
    »Bei welchem Hause Gewiss beim großen Kasten Oder der alten Kommode Oder
bei der neuen Kommode Das sind nämlich die neusten Scherznamen unserer Banken«
    »Xaverius Schadenmüller  Komp heißts wart ich habs im Karnet«
    Er zog das Büchlein aus der Seitentasche seines Rockes
    »Ja Schadenmüller Xaverius  Komp«
    Wighart sah ihn mit aufgesperrten Augen an bis er das Wort fand
    »Schadenmüller sagst du Weißt du wer das ist«
    »Jedenfalls eine rührige Firma wenn auch vor sieben Jahren noch unbekannt«
    »Unglücksmann Es ist Louis Wohlwend und kein andrer«
    Martin Salander erhob sich langsam hinter dem Tische ganz fahl und blass
geworden setzte sich aber gleich wieder und sagte
    »Es scheint dass jeder Mensch einen Ölgötzen hat der allerorts wieder
dasteht und ihm entgegenglotzt Denkst du am wenigsten dran so ist er da Das
ist mir jetzt eine angenehme Lage Wer sagt indessen dass er nicht zahlen werde
Er wird sich erholt und emporgeschaft haben wie kann mir gleich sein Meine
Atlantische Uferbank ist doch auch nicht von Stroh und weiß was sie tut Am
Ende will das Schicksal dass ich wieder zu meinem früheren Vermögen gelange
wenn der Bursche so zu Kräften gekommen ist«
    »Unglücksmann noch einmal Der welcher Schadenmüller heißt ist schon vor
zwei Jahren fort sein Nachfolger Wohlwends Gesellschafter vor sechs Monaten
und vom jetzigen alleinigen Vertreter der Firma Wohlwend heißt es seit
gestern er habe wieder einmal eingestellt die Proteste regnen nur so und das
Kontor sei geschlossen«
    Salander sprang auf und mitten in die Stube wo er unentschlossen sich
umschaute seine Reisetasche rückend Er ermannte sich bald ein wenig und
seufzte »Die arme Frau Ich hatte ihr verlorenes Weibergut so vergnüglich
ausgeschieden in meinem Buche und um die Zinsen vermehrt um es sofort nach der
Heimkehr sicherzustellen Nun hats der Wohlwend zum zweiten Mal Ein Kerl der
so falsch singt und noch schlechter deklamiert«
    Der gute Mann wischte sich ein paar bittere Tränen von den Augen Wighart
von Teilnahme und Entrüstung ungewöhnlich bewegt stand bei ihm und redete ihm
zu keine Zeit zu verlieren
    »Vor allem« sagte er »musst du stehenden Fußes in die Stadt hinunter
Wohlwends Kontor aufsuchen und dich überzeugen wies dort steht Es ist in der
Winkelriedsgasse«
    »Wo ist denn die So eine gab es früher nicht«
    »Es ist eine vornehme stille Seitenstrasse im Westend keine Verkaufsläden
nur blanke Metallplatten an den Haustüren und daneben da wirst du Schadenmüller
 Komp gleich finden Ich würde mit dir gehen allein es wird vielleicht
besser sein wenn ich unterdessen deine Frau von deiner Ankunft benachrichtige
und auf irgendeine zweckmässige Weise vorbereite«
    Salander ergriff ihn beim Arm »Nein« rief er »gehe nicht hin Ich muss es
selbst über mich nehmen Seit ich in Europa bin habe ich der Frau nicht
geschrieben weil ich sie immer überraschen wollte und nicht dachte so lang in
England hingehalten zu werden wo ich noch einiges zu ordnen und Zukünftiges
einzuleiten hatte Nun kann ich es nicht über mich bringen die arme Frau einer
fremden Mitteilung auszusetzen Es wird besser sein wenn sie mich zuerst nur
einmal wiedergesehen hat«
    »Wie du willst Dann komm ich aber mit dir und führe dich zum Notar wenn es
nötig ist wie ich glaube denn das nächste wird sein für den Protest zu
sorgen Am Ende hast du den Regress auf deine Ozeanische Uferbank oder wie sie
heißt Die Notariatskanzlei befindet sich nämlich auch nicht mehr wo sie vor
sieben Jahren gewesen Es nimmt mich nur wunder woher sie in Rio so bedeutend
mit Wohlwend in Verkehr stehen«
    Hiemit rief Wighart die Wirtsmagd bezahlte die kleine Zeche und die Männer
eilten abwärts nach dem schönen Stadtteil mit der Winkelriedsgasse
 
                                      III
Während der Zeit hatte der Knabe im sogenannten Zeisig noch eine Weile auf die
Mutter gewartet und war dann wiederholt ihr eine Strecke entgegengegangen aber
immer wieder auf seinen Standpunkt zurückgekehrt aus Furcht sie zu verfehlen
denn der kürzeste Weg von der Kreuzhalde nach der Stadt führte eigentlich nicht
hier durch weshalb die kleine Familie von den Leuten im Zeisig auch nicht
gekannt war
    Frau Salander hatte zum ersten Male diesen Weg genommen weil am andern Wege
der Bäcker wohnte welchem sie zum ersten Male die aufgelaufene Monatsrechnung
nicht berichtigen konnte und das eine der Töchterchen welches sie nach Brot
geschickt unverrichteter Dinge heimkam Das hatte sie nachdem sie in
stündlicher Erwartung des Gatten sich schon lange kärglich beholfen und gespart
wie ein Schimpf getroffen und die harte Not war plötzlich gleich einem
einsilbigen Gerichtsboten eingekehrt
    So unversehens war der schweigende Gast da dass sie den Kindern am heutigen
Tage nichts als etwas leere Milch zu verteilen imstande gewesen am frühen
Morgen sie selbst hatte noch nichts genossen Und heute gewärtigte sie dazu die
beinah einzige Familie welche bei schönem Wetter zuweilen noch gegen Abend kam
um den Kaffee im Freien zu trinken Andere Gäste hatte sie seit Wochen nicht
gesehen und sie besaß deshalb auch kein bares Geld mehr Anstatt dieser Tatsache
lange nachzusinnen brauchte sie ihre Gedanken mit den Kindern durch den Tag zu
kommen weil die andere Tatsache die Ankunft des Mannes auch bevorstehen
musste
    Sie lief daher nicht von ihrem beweglichen Besitztum zu verkaufen oder
verpfänden sondern ging zum bekannten Kleinbäcker in die Stadt von welchem sie
sonst die Semmeln und dergleichen Gebäck bezogen hatte und dem sie nichts
schuldete Ohne viel Worte zu verlieren erhielt sie den gewünschten Vorrat von
Brötchen und Hörnchen ebenso beim Krämer ein Tütchen gerösteten Kaffee und den
dazu erforderlichen Zucker bei einem andern ein Stück guten Schinken und ein
halbes Pfund frische Butter und überall war sie wohlangesehen weil sie eine
stille zurückgezogene Frau war die sonst nie borgte Nur der Bäcker in der
Nähe hatte nicht mehr getraut weil er am Wege wohnte und sah dass fast niemand
mehr hinaufging und klüglich das Ende bedachte
    Trotz des willigen Entgegenkommens der Leute in der Stadt nahm sie aber
nicht ein Lot mehr von den Sachen als das augenblickliche Bedürfnis erheischte
obgleich es in einem hingegangen wäre wenn sie sich auf einige Tage versehen
hätte In diesem unscheinbaren Zuge mochten drei Dinge sich vereinigen ihre
redliche Bescheidenheit die Gewohnheit des Vertrauens auf die nächste Sonne und
wahrscheinlich nicht am wenigsten ein feiner wenn auch unbewusster Sinn den
nächsten Zweck zu schonen
    So kam denn Frau Marie Salander einfach und sauber gekleidet ohne Blumen
auf dem Hut und eher schmal als breit den Korb am Arme endlich den Weg über
den Zeisig herangegangen
    »Gelt du hast lang warten müssen Arnold« rief sie dem Knaben entgegen
der sehnlich aus dem Scheunenwinkel hervorsprang wo er schließlich sich auf ein
Mäuerchen gesetzt hatte »Ich habe die Esswaren erhalten wenn ich sie auch nicht
bezahlen konnte Nun wollen wir schnell heimgehen damit wir bereit sind wenn
wirklich Leute kommen Gott sei Dank muss ich heut noch nicht sagen es sei
nichts mehr im Hause«
    »Aber wenn sie alles aufessen« sagte der Knabe »müssen wir dann weiter
hungern«
    »Ei sie essen ja nie alles sie nehmen höchstens die Hälfte zu sich und
mit dem übrigen müssen wir uns bis morgen begnügen wo ich ja dann etwas Geld
habe Kommen sie aber nicht so trinken wir lustig den Kaffee und essen soviel
wir mögen und morgen ist auch ein Tag«
    Bald erreichten sie die höhergelegene Kreuzhalde wo sich die Aussicht auf
die Stadt und die weite Landschaft öffnete in der sie lag oder liegt Sogleich
kamen die beiden Schwestern Arnolds herbei Setti und Netti der Mutter den Korb
abzunehmen sie waren zehn und neun Jahre alt von derselben feinen Blässe wie
der Bruder nämlich der Blässe gesunder Kinder welche von einem unwilligen
Kummer befallen sind der ihnen unerklärlich ist Doch glänzten die Augen der
Mädchen ungeduldiger und gieriger als die des Knaben der gelassener Art zu sein
schien
    Frau Salander ging den Kindern voran ins Haus und sie folgten höchst
neugierig Ohne Verzug entledigte sie sich des Hutes und legte eine reine weiße
Schürze um worauf sie den Korb auspackte das Brotgebäck auf einem größeren
Teller aufbaute die Butter auf einen kleineren legte den Schinken schnitt und
eine Schüssel damit bekleidete dass sie sich als reichlich gefüllt darstellte
Dies alles ohne dass sie einen einzigen Bissen nach dem Munde zu führen sich
vergaß um den armen Kindern welche die Ellenbogen rings auf den Tisch gestützt
zuschauten nicht ein böses Beispiel zu geben
    »Frisch Kinder« sagte sie mit einem leidlich munteren Lächeln »nehmt euch
zusammen habt Geduld Alles nimmt ein gutes Ende wenn der Vater kommt Jetzt
müssen wir noch ein Weilchen zusehen wie andere essen wir wollen doch für den
Spaß probieren ob wir trotzdem etwas tun können Habt ihr die Ferienaufgaben
wirklich fertig nichts mehr zu rechnen zu schreiben oder auswendig zu lernen
Nehmt einmal eure Bücher vor Ich glaube fast die Sprüche und Liederverse
bleiben euch gerade wegen dieses merkwürdigen Hungertages besser im Gedächtnis
als sonst«
    Die Mädchen wollen vom Lernen nichts hören Setti nannte das Hohlgefühl
ihres Leibes altklug einen Magenkrampf Netti fürchtete Kopfweh zu bekommen und
beide wollten lieber häkeln wenn sie durften da jedes für den Vater einen
Geldbeutel angefangen hatte Nur Arnold fasste ein tapferes Vertrauen zu der
Schwindelei der guten Mutter und erklärte die Gelegenheit zu benutzen und sein
schweres Lied für die nächste Kirchenlehrstunde in Angriff zu nehmen es
enthalte vier Verse von je zehn Zeilen von denen jede sich so lang strecke dass
sie keinen Platz habe und das Ende umgebogen sei wie die Schlinge für die
Krammetsvögel Die Mutter billigte alles und eilte in die Küche den Milchvorrat
bereitzustellen den sie am Morgen streng abgeteilt und für alle Fälle
weggeschlossen hatte Dann holte sie aus dem Schranke den Honigtopf hervor der
infolge der schlechten Begangenschaft leider nur zu viel der Süßigkeit enthielt
Sie füllte daraus eine hübsche Kristallschale und zugleich fiel ihr bei dass
ein Löffel des dicken kräftigen Saftes den Kindern ihr junges Leiden für eine
kurze Zeit wohltätig verhüllen dürfte Gedacht getan ging sie mit dem Topfe
von einem Kinde zum andern hieß es den Mund aufmachen und strich den Honig
hinein
    Ermüdet ließ sie sich endlich auf einen Stuhl nieder und überblickte mit
einem Seufzer die sonderbare Anstalt mit der sie das dunkelwaltende Schicksal
bestreiten oder wenigstens aufhalten wollte Nicht nur in Feindesheeren
Erdbeben und Gewitterstürmen und allgemeinen Notausbrüchen fährt ja dasselbe
einher auch in den unscheinbarsten Vorgängen im stillen Leben eines Haushalts
tritt es jählings zerstörend ehrenrührig hervor Wenn die heutige Vorsorge
scheitert oder am Ende doch eine Beschämung herbeiführt kann sie alsdann die
Vorspiegelungen wiederholen dass sie eine wohlversehene Wirtin sei Schon vor so
vielen Wochen muss das Schiff das ihren Mann und sein Gut trägt abgefahren
sein wenn es nun untergegangen ist Mit diesem bloßen Gedanken vergaß sie sich
selbst und ihr Geschick einzig und allein das dunkle Bild des langentbehrten
Gatten suchend So in sich selbst versunken wie aus dem Grund eines Meeres
schrak sie auf als draußen Stimmen hörbar wurden und die Gartenglocke erscholl
auch die Kinder schon an die Fenster liefen und verkündeten dass die
Professorsfamilie da sei
    Auf dem Hof oder ehemaligen Gartenland der Wirtschaft war von einem nun
verschwundenen Hain großer Bäume eine einzige Platane stehengeblieben welche
mit ihren ausgebreiteten Ästen einen letzten Tisch überschattete Eine Familie
bestehend aus einem weisshaarigen Herrn und seiner Matrone nebst zwei ältlichen
Töchtern hatte bereits am Tische Platz genommen Die Kinder am Fenster aber
riefen »O weh es ist noch einer dabei ein langer Fremder der gewiss den
Schinken aufisst«
    Und wirklich war so ein langer Überzähliger noch herangestiegen bis Frau
Salander unten anlangte und die Herrschaft begrüßte
    »Wie geht es Ihnen Frau Salander« empfing sie der alte Herr »Sie sehen
wir bleiben Ihnen treu solang noch ein Baum dasteht Bringen Sie uns den
üblichen Kaffee samt Butter wie Elfenbein und dem flüssigen Bernstein Dies für
die Damen«
    »Papa meint mit dem Bernstein den schönen Honig den Sie uns das letzte Mal
vorsetzten« belehrte die Frau Professor die Wirtin welche diese Erklärung
ebensooft gehört hatte als das Gleichnis allein dermalen aus Zerstreutheit zu
lächeln vergaß
    »Sodann was uns Männer betrifft« fuhr der Herr Professor fort »so trinken
wir allenfalls zusammen eine Flasche jenes süß abgekelterten roten
Fünfundsechzigers der durch dies Verfahren zwar kein Goethe wohl aber ein
Schiller geworden ist und angenehm prickelt sobald er das Teatrum der
menschlichen Zunge betreten hat um seine Spiele aufzuführen Dazu nehmen wir
der Beschäftigung halber einige Schnitten geräucherter Rindszunge wenn Sie
davon noch so zarte besitzen wie neulich«
    »Zunge ist leider nicht mehr da« sagte die Frau leicht errötend »dafür
könnte ich mit Schinken aufwarten«
    »Auch gut bringen Sie uns Schinken«
    Sie eilte ins Haus Kaffee und Milch zum Kochen aufzusetzen und übertrug
die Aufsicht den Mädchen während sie mit weißem Zeug und Geschirr den Tisch so
sauber deckte als wäre das Haus im besten Flor Bald standen auch die Speisen
einladend dazwischen nur noch der Wein fehlte Im Keller bewahrte Frau Salander
noch die letzten zwei Flaschen des erwähnten Weines sonst war überhaupt kein
Getränke mehr vorhanden als ein halbes Dutzend Flaschen abgezogenen Bieres von
welchem sie nicht wusste ob es noch trinkbar sei Den Wein hingegen hatte sie
für den Mann beiseite gelegt auf den sie harrte Mit einem Seufzer nahm sie
eine der Flaschen und trug sie auf ersorgend dass nicht nur die zweite sondern
auch eine dritte verlangt werden könnte und so eine neue Gefahr erwuchs der
Offenbarwerdung ihres Unvermögens Dann trug sie den dampfenden Kaffee hinaus
und versäumte nicht eine Flasche kühlen Wassers vom Brunnen zu holen
    Schon aber führte die Sorge sie ins Haus zurück um die Kinder welche aus
der Türe kamen dort festzuhalten und in die Stube zu bannen denn sie
befürchtete die Ärmsten würden sich mit gierigen Blicken um die Gäste
herumstellen und den gesprächigen Herren sowie der kritischen Neugier der
Frauen ihren Hunger verraten Doch konnte sie nicht hindern dass die Kinder Kopf
an Kopf durch das Fenster schauten und keinen Blick von dem Tische der sich
rüstig erfrischenden Leute verwandten Sie sahen wie die Frauen ihre
Butterbrötchen schnitten und bestrichen zu Munde führten und im eifrigen
Gespräche das gleiche Geschäft immer von neuem vornahmen Mit mehr Wohlgefallen
bemerkten sie dass der alte Herr seinen Teller bald zurückschob um seine
Zigarrentasche auszukramen aber mit Schrecken sahen sie wie der lange
Unbekannte mit dem breiten Maule und dem Bocksbarte in den Speisen herumwütete
und eine förmliche Fabrik von Schinkenbrötchen betrieb die er auf seinem Teller
im Kreise nebeneinander legte und dann eines nach dem andern ganz in den Mund
steckte Kinder schauderten und auch der Mutter wurde es nicht wohler als
durch die Schuld des Unheimlichen die Weinflasche früh leer stand und der
Professor nach der zweiten rief
    Ein neues Unheil tat sich in einer Kinderschar auf die lärmend mit
abgerissenen Zweigen und Ruten über den offenen Hofraum gezogen kam und alsbald
vor dem Tische der kleinen Gesellschaft gaffend anhielt An der Spitze der
Truppe standen die Zwillinge Isidor und Julian die Hände auf dem Rücken und
ihre beschürzten runden Bäuchlein vorstreckend sie beschauten sehr aufmerksam
den Tisch und die Blicke saßen auch auf den Schinkenbrötchen und fuhren mit
ihnen in den Rachen des Breitmäuligen hinunter bis dieser mit dem Geschäfte zu
Ende war Der Professor stach mit der Gabel von dem Vorrat in der Schüssel ein
Scheibchen heraus und hielt es dem Zwilling Isidor vor die Nase mit den Worten
»Mund auf Augen zu« Dieser gehorchte unverweilt und erschnappte den Bissen
samt dem Brotäppchen das jener ihm dazu in den Mund steckte Das gleiche
geschah mit dem kleinen Julian und so abwechselnd mit beiden die immer
zuvorderst standen bis der letzte Rest des Schinkens verschwunden war Mit den
übrigen Kleinen machten es die zwei Fräulein ebenso indem sie ihnen
Butterbrötchen in den Mund steckten und sich über die drolligen Gesichter
freuten die sie dazu machten Binnen kurzem waren alle Teller rein und nichts
Essbares mehr auf dem Tische zu erblicken
    Frau Salander stand hinter ihren Kindern am Fenster und sah wie auch hier
der Welt Lauf erging und die einen verschlangen was den anderen bestimmt war
Es dunkelte ihr vor den Augen was indessen auch davon herrührte dass eine
Regenwolke unvermerkt heranzog und einzelne Tropfen bereits gegen die Scheiben
schlugen Und im Laube der Platane rauschte ein unwirscher Luftzug Die
Gesellschaft erhob sich sehr eilig Der alte Herr pochte mit dem Stock auf den
Tisch und verlangte von der herbeieilenden Frau schleunige Rechnung Ehe sie
antworten konnte rief er »Nun habe ich auch noch die Börse vergessen oder gar
verloren« Vergeblich in allen Taschen suchend nahm er den langen Gastfreund in
Anspruch »Herr Doktor Helfen Sie uns aus der Not Sind Sie vielleicht mit
Spiessen bewehrt«
    Der war aber schon so vielfach kreuz und quer in einen gelblichen Plaid
eingewickelt dass er mit großer Mühe suchte zu seinem Geldtäschchen zu
gelangen Es dauerte dem Alten zu lange
    »Lassen Sie« rief er »wir müssen springen wenn wir noch den nächsten
Droschkenplatz erreichen wollen Ich bezahle das nächste Mal liebe Frau Sie
kennen uns ja«
    »Bitte Herr Professor das macht ja gar nichts kommen die Herrschaften nur
gut nach Hause« sagte Frau Marie Salander mit guter Haltung jedoch die Leute
die sich nicht mehr umschauten mit etwas unsicheren Schritten bis zum Ausgange
des Grundstückes begleitend
    Zurückkehrend sah sie noch wie die Zwillinge die Zuckerbüchse vollends
ausräumten und mit ihrem Gefolge gleichfalls davonstoben Der Honig war auch
ausgelöffelt
    Ihre eigenen Kinder hatte sie vorhin eingeschlossen und den Schlüssel
eingesteckt so stellte sie jetzt ohne deren Hilfe das sämtliche Geräte auf das
große Kaffeebrett legte das Tischtuch ordnungsgemäss zusammen nahm es unter den
Arm trug das Brett mit einigem Klirren ins Haus und ging dann zu den Kindern
hinein die an einem Häuflein standen
    Als sie sahen dass die Mutter mit Kummer auf einen Sessel sank
unterdrückten sie den Ausdruck ihrer kindlichen Ansprüche auf die Vorsorge und
den Schutz der Mutter die sich heute zum ersten Male als unzuverlässig
erwiesen Ihr leises Weinen wurde durch das Rauschen eines tüchtigen
Regenschauers übertönt der jetzt herniederfiel und die Luft verdunkelte und so
blieb es eine gute Weile still in dem dämmernden Gemach Frau Marie benutzte den
Augenblick ihre Lebensgeister zu versammeln Sie beschloss bis zuletzt
auszuhalten und mit den Kindern für diesmal lieber ungegessen schlafenzugehen
als den Ruf des heimkehrenden Mannes durch weiteres Verraten ihres zerrütteten
Zustandes zu gefährden
    Der Himmel selbst schien ihr zu Hilfe zu kommen denn es ward heller um sie
her die sinkende Sonne beherrschte wieder das Feld und hatte die Regenwolke den
Berghang hinauf an den Waldrand getrieben wo sie als eine dunkle graue Wand
hängenblieb auf welcher der breite Fuß eines Stückes Regenbogen sehr kraftvoll
leuchtete indem er auf einer frischbetauten funkelgrünen Waldwiese stand Es
war ein so starker Farbenschimmer wie man ihn nur wenige Male im Leben sieht
und dann fast immer im Gedächtnis behält Da die Erscheinung ziemlich nah
aufglühte sah man links und rechts ein paar schlanke Birken oder Eschenbäumchen
sich abheben und deren Kronen in dem bunten Glanze verfliessen
    Ohne langes Überlegen benutzte die Mutter sofort das schöne Farbenspiel die
Gedanken der Kinder womöglich von ihren Kümmernissen abzulenken und zu
beschäftigen bis vielleicht die Dunkelheit heranschliche und nochmals den
lieben Schlaf brächte Für diesen Fall wollte sie zugleich die Kinder mit den
Schilderungen einer herrlichen Schmauserei unterhalten und ihre Phantasie ganz
damit anfüllen weil sie schon hatte sagen hören dass hungernde Leute wenn sie
im Schlafe von guten und leckeren Dingen träumen die Nacht soweit ganz leidlich
durchkommen und sie hoffte sogar selbst ein bisschen mitzuschmausen
    
    »Seht doch welch ein schöner Regenbogen« rief sie und weckte damit die
Kinder aus ihrem Brüten Sie guckten auf und staunten die Pracht mit großen
Augen an die darüber trocken wurden
    »Die habens dort jetzt besser als wir wenn das Märchen wahr ist« rief sie
wieder
    »Wer denn Wer denn« die Kinder
    »Nun die kleinen Leutchen aus dem Berge Habt ihr noch nichts davon gehört
die Erdmännchen und weibchen die so alt werden dass sie eine kleine
Unsterblichkeit auf ihren Buckelchen haben natürlich nur im Verhältnis denn
sie sind nicht größer als ein mittlerer Finger So um tausend Jahre herum sollen
sie alt werden Wenn sie nun merken dass ihr Geschlecht ausstirbt in einer
Gegend so kommen die letzten hundert Leutchen in den besten Feierkleidern
zusammen und halten ihren ewigen Abschiedsschmaus unter einem Regenbogen oder
vielmehr im Erdgeschoss desselben das ein wahrer Zaubersaal ist Seht nur ihr
könnte von außen merken wie das inwendig in allen Farben glitzern muss Auch
noch aus einem andern Grunde sollen sie einen solchen Abschied feiern nämlich
wenn das große Volk im Lande anfängt auszuarten und dumm und schlecht zu werden
und die gescheiten Leutlein unten ein betrübtes Ende voraussehen dann
beschließen sie auszuwandern und dem Ende aus dem Wege zu gehen Auch dann
kommen sie in vielen Regenbogen zusammen und sind noch ein Stündchen vergnügt
Sei dem wie ihm wolle so weiß ich nicht welchen Anlass wir hier vor uns haben
Es wird sich wohl um ein Aussterben handeln und da sind es wie gesagt
höchstens hundert Männlein und ihre Frauen die dort sind Den ganzen Tag haben
sie in ihren Felsstuben im Waldesdickicht und an den verborgenen Bachquellen
gebacken und gebraten und gebraut und alles Gute vorausgeschickt und nun sind
sie einspaziert jeder sein goldenes Schüsselchen in einem seidenen Säcklein mit
einem Quästlein auf dem Rücken tragend für uns nicht größer als ein alter
Batzen für Zwerglein aber ein gehöriger Teller Lange Tische sind mit dem
feinsten Tuche bedeckt das über einige Dachschindeln gespannt ist Da ziehen
sie in feierlichem Zuge herum Voran marschieren zehn geharnischte Ritter in
rotgesottenen Krebsnasen als Brustpanzer und die übrigen Schalenringe als Arm
und Beinschienen umgelegt als Helme haben sie zierlich gewundene
Schneckenhäusel auf den Köpfen Sie tragen die alten Silber und Goldkannen und
andere Kleinode des Geschlechtes Wie die Erdleutchen nun um die Tische
herumgehen zieht jeder seine Schüssel aus dem Säcklein legt sie an seinen
Platz und setzt sich dahinter und jeder schüttelt seinem Nachbar ernstaft die
Hand Freilich folgt nun ein desto fröhlicheres Essen dass die goldenen Teller
die feinen Messer und Gabeln nur so klingen Zuerst kommt der delikateste
Reisbrei mit Rosinchen belegt mit kleinen Bratwürstchen die aus Feldlerchen
und zartem Ferkelfleische gemischt und gehackt sind Herrlich sind diese
Würstchen geröstet Je drei oder vier Mann haben zusammen eine Bowle vor sich
nämlich einen prächtigen reifen Pfirsich aus welchem der Kern genommen das
dadurch entstandene Loch aber mit Muskatwein gefüllt ist Ihr könnt euch denken
wie sie mit ihren Löffelchen da hineinbohren«
    So fuhr sie mit eifriger Mühe fort nicht nach den Geboten der
Wahrscheinlichkeit sondern nach ihrer Kenntnis der kindlichen Gelüste das
Bankett der Wichtelmännchen auszumalen bis sie nichts mehr wusste und darum den
Schluss herbeiführte zumal der Regenbogen verblichen war und der letzte
Abendschein der Dämmerung wich
    »Haben sie nun genug gegessen und getrunken und von ihren jungen Tagen
mittleren Jahren und alten Erfahrungen gesprochen so stehen sie unversehens
alle miteinander auf schütteln sich abermals und zwar durcheinandergehend die
Hände und sprechen etwas kleinlaut Wünsche wohl gespeist zu haben
    Plötzlich aber suchen sie das Loch wo sie hereingekommen sind und fangen
an hinauszudrängeln sich auf die Fersen zu treten und in den Rücken zu
knuffen bis alle verschwunden sind und die Tische im Saal mit allem was darauf
steht verlassen sind Ein einziges lediges Weiblein das allerjüngste von etwa
zweihundert Jahren was bei unsereinem einer Person von ungefähr zwanzig Jahren
gleichkäme ist noch dageblieben Es hat die Pflicht das ganze Geschirr zu
reinigen trocken zu reiben und in eine eiserne Truhe zu verschließen die sie
an der Stelle wo der Regenbogen stand in den Boden vergräbt Hierbei helfen
ihr die zehn Ritter die mittlerweile draußen noch zurückgeblieben sind und ihre
Pfirsichbowlen ausgeschlafen haben Und wie Bauern wenn sie Marksteine setzen
vorher rote Ziegelscherben als sogenannte Zeugen in die Grube legen so werfen
sie die Krebsschalen mit hinein und gehen dann auch fort sich schlafen zu
legen Was tut aber nun das letzte Weiblein Es nimmt das Säcklein worein sein
eigenes Goldschüsselchen gewesen auf den Rücken einen Stecken zur Hand und
wandert seelenallein in die Ferne um einem andern Volk dieser Art das
Gedächtnis des ausgestorbenen zu überbringen Es soll schon vorgekommen sein
dass eine solche Person sich in der Fremde noch glücklich verheiraten konnte bei
einem jüngeren Geschlechte«
    Hier schwieg Frau Marie Salander doch etwas betroffen über die Flunkerei
die sie den Kindern vorgemacht während diese sich noch ein Weilchen still
verhielten und dem Märchen nachschauten das wie der Regenbogen verduftete Kaum
sahen sie noch das letzte Fräulein mit Stab und Schüsselchen in Gras und
Ackerfurchen dahinziehen
    Da richtete sich die Mutter auf von einem Einfall ergriffen schritt sie
rasch auf ihr Kommodenschränklein los öffnete die Türlein zog die Lädchen und
aus einem derselben eine kleine Schachtel hervor welche etwas Goldschmuck
enthielt Als Brautgeschenk ihres Mannes war der bescheidene Hort unantastbar
und nicht das was sie suchte Aber unter anderm Kleinzeug lag auch ein
Papierwickelchen dabei das sie packte und aufmachte Ein glänzendes goldenes
Regenbogenschüsselchen trat zutage nämlich eine uralte Hohlmünze Brakteat
genannt Solche Münzaltertümer wurden ehedem gern in wohlbestehenden Familien
aufbewahrt und als besondere Gunst nur etwa zu Patengeschenken verwendet Auch
Marie Salander hatte das Stück das sie in Händen hielt bei der Taufe ins
Wickelband bekommen und nun sich unvermutet an dessen Besitz erinnert Auf den
vertieften Grund war ein unvollkommener Mannskopf geprägt und neben dem Bilde in
zerstreuten Zeichen die Inschrift Heinricus rex Auf dem Papierschnitzel stand
von der Hand Salanders die Notiz geschrieben der Goldwert betrage zehn Franken
der Verkaufswert könne aber auf das Zehnfache und höher steigen
    Sie wunderte sich dass sie nicht früher an diese Zuflucht gedacht Beinahe
kam sie sich vor als ob sie das ausgewanderte Erd oder Bergweibchen wäre das
im fremden Lande ein Trüppchen Kinder erworben hat und nun die ererbte
Goldschüssel verkaufen muss um sie füttern zu können
    »Nun ists gut« sagte sie zu ihnen »noch diese kurze Nacht heißt es
gefastet oder vielmehr geschlafen morgen früh aber reisen wir in die Stadt
verkaufen den Denkpfennig und leben wie an der Kirchweih«
    Die Kinder blickten sie zweifelhaft an sie mochten die Rede für eine
Fortsetzung des Märchens halten dessen Glaubwürdigkeit mit dem wieder
erwachenden Hunger abzunehmen schien
    Da klang die Hausglocke Es war Martin Salander der nach allen Umtrieben
wegen seines Vermögens noch seine Reisekoffer und Kisten auf dem Bahnhofe geholt
und durch zwei Männer hatte herbringen lassen um nicht ganz ohne Habe bei den
Seinigen zu erscheinen eine seltsame aber verzeihliche Selbsttäuschung
    Noch ehe die Frau Licht angezündet hatte stand er in der offenen Stubentüre
und sagte in das Halbdunkel hinein in welchem er nur undeutliche Gestalten
erkannte mit bewegter nicht lauter Stimme »Guten Abend«
    Seinen Ton erkennend erhob die Frau die Arme und ging ihm vom Schreck
gelähmt langsam entgegen und fiel ihm um den Hals nicht lange danach vor
Freude weinend
    »Ach mein lieber Mann« sagte sie mit halb erstickten Lauten »kommst du
Bist du endlich da«
    »Ja meine gute Marie und ich fühl es eh ich dich sehen kann du bist
meine treue liebe Hälfte jeder Zoll mein Weib« sagte er als er sie fest in
den Armen hielt und ihre Schultern ihre Arme streichelte und die schönflächigen
Wangen
    Sie schloss ihm den Mund mit Küssen und rief ohne den Mann fahren zu lassen
»Kinder zündet doch die Lampe an damit der Vater euch sieht«
    Das taten die beiden Mädchen und als es hell wurde standen sie mit dem
Bruder in der Reihe Die Mädchen waren zur Zeit der Trennung zwei und drei Jahre
alt gewesen und besaßen noch ein schwaches Erinnerungsbild des Vaters sie
erkannten ihn deshalb bald mit Hilfe ihres kindlichen guten Willens Traulich
und neugierig schauten sie ihn an Der Knabe Arnold hingegen war erst einjährig
gewesen und konnte den Vater nicht erkennen soviel die Mutter von ihm erzählt
hatte Er schlug daher verschüchtert die Augen nieder und blickte dann doch
wieder von der Seite auf den fremden Mann der ihm jetzt entgegenschritt ihm
das Kinn aufhob dann den Töchterchen eh er alle in die Arme nahm und abküsste
sie immer von neuem betrachtend
    »Du gute Frau« flüsterte er sie abermals umarmend »wie liebe hübsche
Kinder hast du mir da herangezogen Und wie froh bin ich auch noch etwas
mitelfen zu dürfen«
    »Sie sind auch brav« sagte sie ihm ins Ohr und voll Vertrauen nachdem sie
ihn während der Kindererkennung bei Licht gesehen wie er von der Tropensonne
wohl gebräunt aber kaum älter erschien als vor sieben Jahren und nichts
Fremdes an ihm haftete
    Die Männer welche das Gepäck gebracht klopften an der Türe ihre
Abfertigung begehrend Frau Salander wies den Platz für die Sachen an der Mann
lohnte sie ab und entließ sie worauf er in veränderter Gedankenrichtung doch
in guter fast vergessensfroher Laune rief
    »Aber nun Frau Wirtin Was hast du etwa zu essen und zu trinken für deinen
Mann Ich habe Hunger wie ein Wolf und seit heut morgen nicht viel genossen«
    »Wir alle haben heute aber gewiss zum ersten Mal noch gar nichts gegessen«
sagte die Frau mit einem Lächeln das ihm die Bitterkeit versüßen sollte »wir
sind just eh du kamst vollständig abgebrannt allein sei sicher wir haben
noch keine Schulden gemacht als für einen Monat BrotMilchgeld«
    Mit starren Augen maß er Frau und Kinder der Reihe nach sprachlos doch
innerlich seufzend Das kommt immer besser bis er rief
    »Aber um des Himmels willen Marie warum hast du mir denn seinerzeit
geschrieben ich solle dir kein Geld mehr schicken du könntest es machen«
    »Weil ich es früher auch konnte« erwiderte sie »und weil ich wünschte dass
du allen deinen Erwerb zusammenhalten und um so wirksamer damit schalten
möchtest«
    »Das kann uns jetzt nichts helfen wir müssen essen vor allem die Kinder
und du Ihr habt also nichts im Hause«
    »Nicht einen Bissen«
    »Dann wollen wir augenblicklich in die Stadt ein gutes Wirtshaus aufsuchen
und ein Nachtessen bestellen Ihr armen Tröpfe jawohl Eilt euch zieht an was
nötig ist Haben die Kinder Jacken und Hütchen«
    Schon flogen sie hinaus und kamen bald mit Sonntagskittelchen Krägelchen
und Hütchen zurück Die Mutter setzte auch den besseren Hut auf schlug ein Tuch
um und zog Handschuhe an
    »Gelt das geht uns heut noch besser als wir gedacht« sagte sie froh
gerührt zu den Kleinen die sie fröhlich zu atzen hoffte Dann ergriff sie den
Arm des Mannes die Kinder voranschickend Als er aber auf dem Flur die
gebrauchten Ess und Trinkgeräte vom Nachmittage stehen sah sagte er einen
Augenblick stehenbleibend
    »Da ist jedoch gegessen und getrunken worden oder woher kommt denn das
Geschirr«
    »Ja es wurde gegessen und getrunken aber wir haben zugesehen Komm ich
will dir morgen erzählen was ich für eine Wirtin bin«
    So gingen sie aus dem Hause die Mutter schloss die Türe und lebhaft ging es
den Bergweg hinunter so matt sie sich eben erst gefühlt hatten Die Frau
freilich stützte sich tüchtig auf den Arm des Mannes von dessen Mühsalen sie
nichts ahnte Indessen steuerte er nach einer Gegend wo er mit Henne und
Hühnchen ungestört zu sein hoffte als sie aber an einem großen hell
erleuchteten Garten vorüberkamen in welchem Musik gemacht wurde und viele Leute
saßen gelüstete es die Kinder ihren Hunger unter Geigen und Flötenklang zu
stillen denn sie standen still und schauten sehnsüchtig durch das Gitter wo
sie übrigens auch überall an gedeckten Tischen essen sahen
    »Sie haben recht« sagte der Vater zur Frau »warum sollen sie heute nicht
eine Tafelmusik haben Bleibe hier einen Augenblick mit ihnen stehen ich will
sehen ob ich nicht einen Winkel für uns finde wo wir unter uns sind«
    Er ging in das Haus und fand im Erdgeschoss des Gebäudes einen Saal mit
offenen Fenstern in welchem einige Leute saßen ein kleineres Nebenzimmer
jedoch war ganz leer obgleich ein gedeckter runder Tisch darin stand Sogleich
holte er Frau und Kinder herein und ließ sie den Tisch einnehmen über welchem
ein Gasleuchter hing
    O wie zufrieden blickten die Kinder nun drein als sie die Hände auf dem
Tischtuche übereinander legten zuweilen mit den Fingern ein wenig trommelnd
    Martin Salander gab seiner Frau die neben ihm saß die Hand dann über den
Tisch reichend auch den Kindern einem nach dem andern Er sagte nichts dazu und
war glücklich alles andere vergebend Ein Kellner kam nach dem Begehr fragend
    »Marie befiehl du was du wünschest und für die Kinder gut ist Ich werde
dann mit Erlaubnis hintendrein schon nachbessern wenn du zu knauserig bist«
sagte Salander
    »Warme Suppe ist jetzt wohl nicht da« fragte sie den Kellner
    »O ja an Konzertabenden werden nach Belieben ganze Soupers serviert«
versetzte jener
    »Das ist ja ganz unser Fall« meinte Salander »da brauchen wir uns nicht
die Köpfe zu zerbrechen nicht wahr Marie«
    »Ich bin sehr zufrieden« antwortete sie froh des weiteren enthoben zu
sein Schnell legte der Kellner die Gedecke auf die übrigen Zubehörden glänzten
in blankem Christoffel schon auf dem Tisch Bald erschien er auch mit der
Schüssel in welcher eine würzige Suppe dampfte
    »Setzen Sie das Ding nur auf den Tisch« sagte Salander »und beeilen Sie
sich auch mit den übrigen Speisen nicht wir wollen uns Zeit lassen Es soll
nicht Ihr Schade sein«
    »Sehr wohl« empfahl sich der Kellner und ließ die Herrschaft vorderhand mit
der Suppe allein Als Salander bemerkte dass die Gattin so wohlig im Stuhle
zurücklehnte und sich eben aufraffen wollte die Teller zu füllen hielt er sie
zurück und schöpfte an ihrer Stelle die Suppe welche wie Ambrosia duftete Und
wie sie die Löffel zur Hand nahmen fiel im Garten draußen das Orchester mit
einem gewalttätigen Musikstück ein dass die Kinder in dem Posaunen und
Paukengewitter die ersten Löffel mit einer seltsamen Mischung von Heisshunger und
Herzensjubel zum Munde führten Auf den anfänglichen Lärm folgte jedoch bald ein
Pianissimo dem das Publikum im Garten lautlos lauschte die drinnen löffelten
achtlos fort ein »Sch« zischte draußen worüber Frau Marie erschrak die
Kinder lachten und Martin Salander das Fenster schloss
    »Esst fort kümmert euch nicht darum« mahnte er So geschah es und als eine
kleine Stunde vorbei vergnügten sich die Kinder wohlgesättigt an dem
ungefährlichen Nachtisch Jedes hatte ein Glas Wein bekommen die Mutter aber
deren drei getrunken und nun dünkte der Mann sich im Paradiese zu sitzen als
die aufblühenden leicht sich rötenden Antlitze mit frohen Augen ihm
entgegenglänzten wohin er blickte als wollten sie ihm sagen was das Glück
sei eine Art Kräutlein Kommnichtum
    Wenigstens sagte er sich in seinen Gedanken Dies was ich sehe ist die
Wahrheit und nicht das was ich weiß
    Die Kinder wurden immer munterer Arnold hatte sich dicht an die Seite des
Vaters geschmuggelt und sagte plötzlich »Aber Vater weißt du nicht dass ich
dich heute schon gesehen habe bei dem Brunnen wo die Weidelichbuben mich
auslachten dass ich nur eine Mutter und keine Mama habe«
    Salander hatte über den nachherigen Ereignissen den Auftritt und das Gesicht
des Knaben gänzlich vergessen er nahm es jetzt in die Hände und rief
    »Bei Gott es ist ja wahr Wo hab ich nur meine Gedanken Hätt ich doch
gewusst dass ich meinem Blute so nah war« Erstaunt schaute Frau Marie auf
    »Bist du denn nachmittags schon hier in der Nähe gewesen und nicht zu uns
gekommen« fragte sie fast bekümmert Er fühlte jetzt dass seine üble Lage doch
eine Wirklichkeit war fasste sich jedoch weil es sein musste und er das neue
Unglück nicht hier und zu dieser Stunde verkünden konnte Er gehörte zu denen
welche dergleichen lieber verschweigen möchten wie ein Vergehen das ihnen
selbst und nicht fremder Schlechtigkeit zur Last fällt
    »Freilich« sagte er »bin ich schon um zwei Uhr oben gewesen auf dem Wege
zu euch Im Zeisig traf ich einen alten Bekannten den Möni Wighart der
schleppte mich mit Gewalt in den roten Mann dort fiel uns ein wir wollten mein
Gepäck auf dem Bahnhof holen damit das abgetan sei dann musste ich die
Verzollung besorgen wobei sie mir Umstände machten dann wechselte ich
unterwegs englisches Geld aus das ich bei mir hatte auch kamen noch andere
herzu kurz wie es geht die Zeit verzettelte sich und es wurde Abend Aber
nimm es nicht für ungut auf es geschah von selbst wie der ganze Weltlauf«
    Sie war schon lang zufrieden und im Innern froh dass der Weltlauf sich so
gefügt der Mann nicht zu ihrer sonderbaren Bewirtung kam und die Fremden zu
unwillkommenen Zeugen des Wiedersehens wurden
    Erst gegen elf Uhr traten sie den Rückweg nach der Kreuzhalde an Der Mond
war inzwischen aufgegangen und in seinem hellen Scheine zogen sie dahin die
Kinder voran welche bald zu singen anfingen zur Erbauung des Vaters mit gutem
Ton und Gehör und frischen Stimmen Die Frau verließ den Arm des Mannes nicht
fragte erzählte plauderte und überließ sich ganz dem Genuße einer
freundlichen Schicksalswendung
    Aber je näher sie dem Hause kamen desto schwerer wurde dem Manne wieder das
Herz denn der Augenblick nahte wo er die arme Frau aus ihrem Himmel reißen
musste
    Nein heute nicht mehr sagte er sich sie soll diese Nacht noch einen guten
Schlaf in Glück und Sorglosigkeit tun den sie so lang verdient hat Morgen ist
ein neuer Tag
    Das Haus lag im Mondschein still vor ihnen sie schlossen auf die Kinder
sprangen wieder voraus und machten Licht und die Stube ward so belebt wie lange
nicht zu dieser Stunde Die Mutter sah ihr Regenbogenschälchen im Papierchen am
Boden liegen hob es unbemerkt auf und machte sich am Schränklein zu schaffen
um es im stillen wieder zu verwahren Es tat ihr im Glücke wohl an das artige
Besitztum und Abenteuer einen kleinen Aberglauben zu heften dass es auch künftig
vielleicht Heil ankündigen möge solange es da sei
    »Nun macht dass ihr zu Bett kommt Kinder Morgen beizeiten müsst ihr
ausfliegen und für den Vater und uns das Frühstück herbeischaffen Späterhin
reis ich selber aus«
    Hiermit trieb sie die aufgeregte Jugend in die Kammer wo sie mit den
Kindern zu schlafen pflegte Der Vater kam mit um zu sehen wo sie hausten und
ihnen die Decke über die Nasen zu ziehen Es sah nicht aus wie bei Leuten die
soeben nichts mehr zu beißen hatten sondern alles war in reinlicher guter
Ordnung noch mehr in dem Zimmer daneben wo die Frau das Lager des Mannes schon
seit Monaten bereitielt
    »Wenn du heute nicht gekommen wärst« sagte sie scherzend »so hätte ich
morgen mit deinem Bette den Anfang gemacht und es als überflüssig verkauft das
siehst du wohl ein«
    »Vollkommen Hättest dus nur schon früher getan anstatt solche Teufelei
und Hungersnot anzustellen Aber ich wollte schon ein paarmal fragen« fuhr er
fort aus dem offenen Fenster auf das mondhelle Umgelände hinausdeutend »Wo
sind denn nur die vielen schönen Bäume hingeraten die sonst vor und neben dem
Hause standen Hat sie der Eigentümer abschlagen lassen und verkauft der Tor
Das war ja ein Kapital für die Wirtschaft«
    »Man hat ihm das Land weggenommen oder eigentlich ihn gezwungen Bauplätze
daraus zu machen da einige andere Landbesitzer den Bau einer unnötigen Straße
durchgesetzt haben Nun ist sie da jedes schattige Grün verschwunden und der
Boden in eine Sand und Kiesfläche verwandelt aber kein Mensch kommt die
Baustellen zu kaufen Und seit die guten Bäume dahin sind ist auch mein Erwerb
dahin«
    »Das sind ja wahre Lumpen die sich selbst das Klima verhunzen Nun wollen
wir aber auch zur Ruhe  Du Marie«
    »Was Martin«
    »Eines will ich wetten hast du gewiss vergessen«
    »Was denn«
    »Meinen alten Stiefelknecht«
    »Hier ist er«
    Sie zog ihn unter dem Fussende des Bettes hervor
 
                                       IV
Salander hatte nach allen Bewegungen und Erregungen des vergangenen Tages
endlich dem Schlafe nicht widerstanden Doch mit dem ersten Frühscheine der am
Himmel heraufkam weckte ihn die schwere Sorge die keineswegs eingeschlafen
war Er sah seine Gattin die im tiefsten Frieden lag und schlief jeder Zug
ihres Gesichtes in seiner Ruhe und Zufriedenheit der Herold einer wohlgeborgenen
Seele Und diesen Frieden sollte er mit einem Worte von Grund aus zerstören die
Stunde war unwiderruflich da
    Das neue Unglück schien ihm erst jetzt wirklich geboren und er bereute
bitter dass er gestern nicht stehenden Fußes wieder geflohen oder mit der bösen
Nachricht gleich ins Haus gefallen war
    Als er von dem alten guten Bekannten geführt das Haus Schadenmüller 
Komp gefunden hatte er bemerkt dass an diesem Hause wirklich Arnold von
Winkelried mit den Speeren im Arm auf Goldgrund gemalt prangte nebst einer
Inschrift »Sorget für mein Weib und meine Kinder« Das Haus gehörte dem Herrn
Louis Wohlwend der auch das Bild malen ließ aber nicht bezahlte wie sich
später zeigte
    Salander hatte seinen Begleiter mit Dank verabschiedet weil er doch lieber
allein vor seinen alten und mutmasslich neuen Schuldner treten wollte Er stieg
die Treppe hinan und stieß gleich im ersten Stockwerk abermals auf ein Schild
mit »Schadenmüller  Komp« dabei aber auch eine Visitenkarte mit »Louis
Wohlwend« Er zog die Klingel an es schlürfte jemand in schlechten Pantoffeln
herbei und als die Türe aufging stand ein schäbiger unreif aussehender junger
Mensch vor ihm einen Gummipinsel in der Hand und fragte zu wem er wolle
    »Ist der Herr des Geschäftes hier« fragte Salander entgegen
    »Das Geschäft ist zur Zeit geschlossen Herr Wohlwend ist da wie ich
glaube wen soll ich anmelden wenn er zu sprechen ist« erwiderte misstrauisch
der junge Mann
    »Führt mich nur gleich hinein wo er ist er wird mich schon kennen« sagte
Salander etwas barsch indem er den Menschen drehte und vor sich herschob
    Der ging ihm in eine leere Kontorstube voran bat ihn da zu warten und
begab sich in das Kabinett des Herrn Wohlwend Salander sah sich inzwischen
etwas um und gewahrte dass man hier beschäftigt war Abzüge eines unordentlich
autographierten Zirkulars zu falten in Umschläge zu stecken und mit Gummi zu
verkleben Es dauerte einige Minuten bis der junge Mensch zurückkam und ihn
ersuchte in das Kabinett zu treten Salander klopfte zweimal bis jemand
»Herein« rief Als er eintrat sah er an einem breiten Schreibtisch von
Mahagoni in einen grossblumigen Schlafrock gekleidet einen Mann sitzen der ihm
den Rücken zuwandte und eifrig zu schreiben schien ohne sich aufzurichten
    »Herr Wohlwend« sagte Salander um sich bemerklich zu machen
    »Stehe gleich zu Diensten« sagte jener immer fortschreibend schaute dann
aber einen Augenblick auf kehrte sich wie der Blitz wieder ab drehte sich
abermals um und warf dem Fremden einen stechenden Blick zu wie man es einem
Todfeinde gegenüber tut und auch dann nur wenn man selbst bös ist Doch ebenso
schnell nahm er sich zusammen erhob sich ging einen Schritt vorwärts und
stellte sich als ob er erst jetzt nach und nach seinen Besucher erkennen würde
    »Irre ich nicht Ist das nicht der Martin Salander« Martin musste sich den
Mann im Schlafrock auch erst ein wenig betrachten um ihn zu erkennen obschon
in dessen Aussehen außer einer ganz leisen Verwitterung fast keine Änderung
eingetreten war als dass er in dem früher glatten Gesicht einen Schnurrbart
hatte stehen lassen der sich nicht am Platze fühlte und mit seinen Härchen sich
nach allen Seiten sperrte und um sich stach Durch diesen einzelnen Gegenstand
aber erschien das Gesicht urplötzlich ungeheuer leer unwirtlich und trostlos
für den welchem der Schnurrbart neu war
    »Jawohl bin ichs« sagte Salander
    »Ei der Tausend so sei willkommen« sagte der andere die Hand hinhaltend
und den unwillkommenen Ankömmling prüfend anblinzelnd eher wie ein kritischer
Gläubiger als wie ein böser Schuldner »es ist lange her seit wir uns zuletzt
gesehen haben Und was führt dich für ein guter Stern her«
    »Dies« erklärte Martin kurz von der tollen Manier beleidigt Er hielt ihm
die aus der Brieftasche gezogene Anweisung hin
    Wohlwend empfing sie mit zwei Fingern wie einen Krebs zog die Augenbrauen
in die Höhe und las den Zettel
    »Ah« sagte er »die Atlantische Uferbank in Rio In der Tat wir stehen mit
derselben im Verkehr«
    »Ist es etwa nicht angezeigt worden«
    »In der Tat ich erinnere mich an etwas dergleichen habe aber nicht
beachtet wen es betrifft Unsere Geschäfte haben sich leider durch zu raschen
Aufschwung so sehr ausgedehnt dass ich den Überblick momentan nicht zur
Verfügung habe Die Bank hat ein bedeutendes Gutaben bei uns indessen wir
stehen in Gegenrechnung und ich müsste nachschlagen Sapperment
Hundertsechzigtausend Francs Du machst ja große Geschäfte Freund«
    »Es ist so ziemlich was ich in sieben Jahren aufgebracht habe Aber es wäre
mir lieb wenn du nachschlagen wolltest«
    »Das kann ich augenblicklich nicht guter Martin Du musst wissen dass wir
uns in einer unversehens hereingebrochenen Krise befinden welche hoffentlich
vorübergehend ist«
    »Wer sind denn die Wir«
    »Nun die Firma und ich deren Inhaber Früher war ein gewisser
Schadenmüller dabei Kurz die Bücher liegen auf der Kanzlei und da begreifst
du dass ich jetzt nicht nachschlagen kann«
    »So schreibe wenigstens auf das Papier dass es von dir eingesehen wurde«
    »Nichts schreib ich darauf bis ich orientiert bin«
    Dieses Benehmen brachte Salander etwas auf sosehr er an sich hielt
    »Es ist jetzt das zweite Mal dass du so zu mir stehst und du scheinst dir
nichts daraus zu machen mich womöglich auch diesmal um alles zu bringen«
sprach er mit strengerem Blick Allein Wohlwend ließ sich nicht beirren
    »Bitte nicht schimpfen« sagte er mit gehobener Stimme »noch bin ich nicht
fallit Und nie gewesen Und wenn ich es wäre so stehe ich in der Hut der
Gesetze und des Rechtes und ist überall mein Haus meine Burg«
    Salander fiel voll Erstaunen und wie erschöpft auf einen mit Plüsch
bezogenen Armsessel der mit kopfgrossen Rosen bedruckt war Wohlwend setzte
seine Rede mit begütigter Stimme fort
    »Lieber alter Freund Mach es wie ich behalte den Kopf oben Sieh her in
meiner unfreiwilligen Musse bin ich nicht müßig grüble nicht über Unabwendbares
ich werfe mich auf Wissenschaft und Kunst Hier treibe ich Heraldik mit
Einbeziehung der bäuerlichen Hauszeichen der Handwerksinsignien und verwandter
Dinge« Ein paar abgegriffene Wappenbücher wie sie die Petschaftstecher und
Löffelgraveure an den Messen und Jahrmärkten vor sich aufgeschlagen halten
lagen auf dem Schreibtische dabei eine Farbenschachtel wie die Knaben sie
brauchen wenn sie Bilderbogen illuminieren und einige Papierblätter mit ganz
kindisch nachgemalten Wappenbildern Auch eine verworrene Skriptur machte sich
breit
    »Hier lassen sich alte Fäden politischer und kultureller Entwicklung
offenlegen und neue anknüpfen im Sinne einer neuen Verteilung der Volksehren «
    Martin Salander hörte nicht länger auf die nachfolgenden Reden des Mannes
er griff nur noch mechanisch nach einem schmierigen aufgeschlagenen aber auf
dem Bauche liegenden Buche mitten auf dem Tische des Kaufherren und Mäzens Es
war ein uralter Räuberroman mit dem Zeichen einer Leihbibliotek offenbar die
eigentliche Lektüre des Possenreissers in seiner unfreiwilligen Musse
    Er nahm seine brasilianische Anweisung dem guten Freunde aus der Hand
steckte sie sorgfältig ein unterbrach die Rede und fragte nur noch »Bist du
verheiratet Louis Wohlwend«
    »Wieso fragst du das Nein« erwiderte dieser
    »Ich meinte nur wegen des schönen Winkelriedspruches der an dein Haus
gemalt ist Du bist wohl im allgemeinen ein Beschützer der Witwen und Waisen
oder solcher die es werden könnten«
    »Du weißt dass ich von jeher einem idealen Zuge nachgehangen bin und die
Wohnhäuser freier Bürger mit edlen Sinnsprüchen historischen oder moralischen
Gehaltes zu schmücken und dazu Anregung zu geben dünkt mich lobenswert«
    Nach diesem Spruche Wohlwends setzte Salander seinen Hut mitten in der Stube
auf den Kopf und verließ ohne ein weiteres Wort das Haus
    Er rief eine Droschke herbei und ließ sich nach der städtischen
Notariatskanzlei fahren Der Notar las die Anweisung die ihm Salander nach
Mitteilung der Umstände vorlegte rückte die Brille zurück und sagte
    »Sind Sie selbst der Herr Martin Salander Ja  Es ist eben eine böse
Sache Morgen erscheint die amtliche Publikation der Konkurseröffnung mit den
üblichen Fristen soweit haben Sie noch alle Zeit Ich will auch heute selbst
noch hingehen und den Mann amtlich einvernehmen bezüglich Ihrer Forderung«
    »Das dringendste« warf Salander ein »scheint mir zu sein dass schleunigst
die Verwahrung an die Bank in Rio abgeht Ich bin bereit die Kosten der nötigen
Kabeldepeschen zu hinterlegen«
    »Das ist leider Gottes nicht mehr das nächste für Sie Herr Salander«
erwiderte der Notar mit ernster Teilnahme »vorgestern lief die sichere
Nachricht ein die Atlantische Uferbank in Rio de Janeiro zahle nicht mehr
gestern kam der Nachtrag die Direktoren seien verschwunden und die Angestellten
auseinandergelaufen Hiesige Häuser haben schon vor zwei Wochen schlimme
Berichte erhalten und was das schlimmste ist man hält bereits die aufgeflogene
Bank und was drum und dran hängt für ein ausgebreitetes Raubgeschäft Ich
fürchte viele anvertraute Gelder sind ins Wasser gefallen wo es am tiefsten
ist«
    Salander musste sich am Pulte des fleißigen Mannes halten und sagte nichts
    Der Notar sah nach der Uhr
    »Ich werde mit Ihnen zum Gerichtspräsidenten gehen es ist gerade noch Zeit
denn es ist für alle Fälle nötig dass Sie eine gerichtliche Beschlagnahme des
Gutabens der Bank auswirken welches die Anweisung angeblich decken soll«
    »Ich habe unten eine Droschke stehen« sagte Salander Sie fuhren hin und
erhielten die gewünschte Verfügung welche freilich kaum einen greifbaren Wert
vorfand
    Solch ein trauriger Bericht wartete auf Marie Salanders Erwachen und als
das wachsende Frührot am wolkenlosen Himmel ihr schlummerndes Gesicht wie ein
glückseliger Traum zu beleben schien verschob der Mann abermals das Gericht
seines Leichtsinns dessen er sich nun beschuldigte bis die Kinder zum Einkauf
der Lebensmittel ausgesandt worden dann wieder bis das Frühmahl eingenommen
wäre Er wollte nicht dass die Frau am ersten Morgen der Wiedervereinigung in
Tränen am Herde stehen sollte
 
                                       V
Die Kinder gingen und kamen die Frau bereitete das Frühstück und nahm es
inmitten der Ihrigen mit an sich haltendem Frohmut ein während die Kinder so
lustig waren dass sie auch den Vater aufheiterten und seine Sorge noch ein
Morgenschläfchen tat obgleich es aus allen Türmen sieben schlug Da fielen ihm
auch die Geschenke ein die er in England in freigebiger Laune beschafft hatte
Stracks öffnete er die Koffer und kramte aus Ledersachen mit Stahlgeräten
merkwürdig hübsche Bilderbücher deren englischen Text er gleich zum ersten
spielenden Unterricht benutzen wollte feine Tücher und Spitzen für die Frau und
die Mädchen und einen ganzen Haufen vermischtes Backwerk das überall zum
Ausfüllen in die Kisten gestopft war
    Das alles gab eine herrliche Kurzweil und Bestätigung des Anbruches eines
goldenen Zeitalters spornte aber zugleich die Hausmutter an die solchem Wandel
gemässen Pflichten zu erfüllen Sie ging hinweg sich für die nötigen
Geschäftsgänge anzukleiden was den guten Martin plötzlich an die Gewissheit
erinnerte dass sein Unglückshandel jetzt bereits stadtbekannt sein müsse denn
nicht nur hatte Freund Wighart jedenfalls gestern seinen Abendgang durch ein
paar Kaffeehäuser gemacht und die Neuigkeit mit allem Anteil verkündet sondern
auch die Beamten hatten keinen Grund in einer offenen Konkurssache mit so
ungewöhnlichen Vorfällen geheimzutun Er durfte es nicht darauf ankommen lassen
dass die Frau sozusagen auf offener Gasse von dem Gerücht überfallen würde
Hastig gab er den Kindern eines der Bücher und eine Handvoll englischen Biskuits
und riet ihnen sich im Freien unter dem Platanenbaum anzusiedeln was ihnen
gleich einleuchtete
    »Du Netti unser Vater gefällt mir dir nicht auch« sagte im Hinausgehen
das altkluge Setti zu seiner Schwester die nachahmend und überbietend
erwiderte »Oh ganz gefällt er mir Und ich finde dass er sich gut für unsere
Mutter schickt Du nicht auch«
    Arnold der still hintendrein ging hörte diese weisen Aussprüche und
verstand mehr davon als die klugen Schwestern dachten denn er empfand es als
ein geheimnisvolles Glück dass die Eltern gut füreinander passten und glaubte
gern daran sagte aber kein Wörtchen dazu
    Der Vater war indessen schon in die Schlafstube getreten wo Frau Marie eben
ihr Oberkleid angelegt hatte und die Brustteile zuzuknöpfen begann
    »Marie« sagte er »du hast mir nie geschrieben dass der Louis Wohlwend
wieder eine Handlung angefangen habe sogar eine Art von Bankgeschäft«
    Die Frau hielt inne und sah ihn groß an
    »Davon wusste und weiß ich ja gar nichts Woher sollte ich es wissen da ich
nicht unter die Leute komme auf meiner Einsiedelei«
    »Auch von dem Haus Schadenmüller und Kompagnie hast du nichts gehört«
fragte er weiter immer noch zögernd
    »Nein doch Wer ist das wieder«
    »Das ist die Handlung auf welche ich mit meiner mit unserer ganzen
Ersparnis angewiesen bin die ich in Rio bar einbezahlt habe Warte«
    Er lief nach einer der geöffneten Kisten und holte das in Brasilien
abgeschlossene Hauptbuch herbei aus einem dunkeln Instinkte dass die größere
Anschaulichkeit den Vorgang erleichtern könnte
    Auf dem letztbeschriebenen Blatte stand mit schöngemalten Zahlen der Saldo
seines Vermögens eingetragen über einem mittels des Lineals vergnüglich und
tadellos hergestellten Federstriche und unter diesem war zu lesen »Von obigem
Saldo ist abzurechnen die Summe von 25000 Fr eidgenössischer Währung als
Gutaben meiner Ehefrau Maria N N aus ihrem mir zugebrachten Vermögen«
    Das aufgeschlagene Buch legte er auf den kleinen Tisch der dastand und
legte den Finger auf den Rechnungsabschluss
    »Siehst du das sind sechsunddreissig Kontos de Reis etwas über
zweimalhunderttausend Franken nach unserm Geld Um Lebens und Sterbens willen
habe ich dein Zugebrachtes daruntergesetzt wie du es da lesen kannst Vom
Ganzen aber übergab ich drei Vierteile einem angesehenen Bankhause in Rio und
erhielt dafür eine Anweisung auf Schadenmüller und Komp dahier wo ich das
liebe Geld bar in Empfang nehmen sollte Woraus besteht aber diese Kompagnie
Schadenmüller Aus einem einzigen Mann und der heißt Louis Wohlwend und bezahlt
nichts denn er ist wieder einmal im Konkurs und kommt heute im Amtsanzeiger
Und hier ist schon der Bericht eingelaufen dass auch das Haus oder die
Gesellschaft in Rio de Janeiro verschwunden sei Bis jetzt kann keine Seele
wissen wo das Geld geblieben ist ob es in Rio schon beseitigt wurde oder ob es
der Wohlwend erwischt hat«
    Dies alles brachte er mit trockener zuweilen stockender Stimme vor Frau
Marie zuerst nur halb neugierig sah bald auf das Buch bald in sein Gesicht
was ihr die Hauptsache war und ihre Aufmerksamkeit am meisten erregte bis sie
zuletzt totenblass wurde ohne etwas zu sagen heftelte sie mit zitternder Hand
das Kleid vollends zu und begann dann erst einzelne Fragen zu stammeln und sich
nach und nach in dem Unstern zurechtzufinden Geduldig und fast demütig fügte
sich Martin in die geringe Ordnung ihrer Rede und wiederholte die gleichen
Aufschlüsse und Bestätigungen bis ihr alles klar und deutlich war
    Erst jetzt brach sie händeringend in heiße Tränen aus indem sie ausrief »O
du armer Mann Wo sind unsere sieben Jahre der Trennung und der Sorge«
    Plötzlich ging das erstickende Weinen in einen leidenschaftlichen
Zornausbruch über
    »Unsere letzte Jugendzeit hat er vernichtet der Hund Wo ist er hin damit
der Blutegel Kann man ihm kein Salz auf den Rücken streuen Kann man ihn nicht
zusammenpressen den Schwamm der alles aufsaugt Dieser verfluchte Landschaden
Wart Mann Wenn du ihn nicht bändigen kannst so will ich den Sohn für ihn
erziehen dass er ihm einst den Lohn gibt Jetzt weiß ich auch warum mich immer
eine Art Ahnung beschlich wenn ich den Marder sah mit seinem glatten Balg Ist
es möglich dass ich soeben noch glücklich und gesund war wie eine Lerche und
jetzt so elend ja so krank« Sie schritt wie verzweifelt im Zimmer umher
öffnete ein Fenster und blickte hinaus
    »Was für ein schöner Tag« rief sie »welch liebliche Sommerluft ist uns
vergällt Also so gehts so gehts so geht es So so« fügte sie mit halb
singendem Tone hinzu vom bittersten Schmerze hervorgehaucht schloss das Fenster
und setzte sich in einer Ecke auf den Boden den Kopf auf die Arme legend
    Martin Salander erstaunte in allem Elend über die Rauheit einer
Leidenschaft die er an der Frau noch nicht gesehen an der leisen Hand des
Mitleidens gelang es ihm sich über die Stimmung der Gattin und zugleich über
sein Schuldgefühl zu erheben Er trat vor sie hin
    »Liebe Marie« sagte er mit weichem Ernste »sei nicht so untröstlich Es
ist ja nur Geld Soll dies das Einzige und Höchste sein was wir haben und
verlieren können Besitzen wir nicht uns selbst und unsere Kinder Und soll
dieser Trost auf einmal ein leerer Gemeinplatz sein sobald es uns und nicht
andere Leute angeht Komm kauere nicht wie ein Kind auf dem Boden so tiefe
Trauer ist das ganze Geld samt dem Wohlwend nicht wert Zwar sehe ich an deinem
leidenschaftlichen Gebaren dass du noch jung genug bist trotz der Klage über die
verlorenen Jahre und das dünkt mich so lieblich wie die schöne Sommerluft
draußen aber steh dennoch auf trockne deine Tränen und lass die Kinder nichts
merken so wirst du dich von selbst fassen Du hast wohl überhört dass ich einen
Teil des Vermögens gerettet habe ich trage es in guten Papieren bei mir die
Wohlwend nichts angehen und so stehe ich doch ungleich besser da als vor sieben
Jahren dazu um nützliche Erfahrungen und Kenntnisse reicher Komm mache dich
vollends schön wir wollen jetzt unsere Gänge machen ich in die Kanzleien und
du für die Küche und nachmittags unternehmen wir einen tüchtigen Ausmarsch mit
den Kindern Wenn wir uns nur ganz gelassen benehmen so wirst du sehen dass wir
den Ausweg schon wieder finden«
    Er reichte ihr die Hand und sie richtete sich an derselben auf Es war in
der Tat beinahe die Beschämung eines Kindes mit der sie die Augen zu ihm
aufschlug aber ebenso kurz andauernd da ein Strahl besseren Mutes und
Vertrauens das Gesicht überflog Denn sie sah den Mann seiner Lage gewachsen und
imstande sie die Gattin zu ermahnen und aufzurichten auch war seine Demut
die sie am meisten beängstigt in schicklicher Weise ohne Aufsehen in den
Hintergrund getreten In einer halben Stunde waren sie bereit miteinander in
die Stadt hinabzuwandern Setti musste sich der Mutter anschließen die beiden
anderen Kinder wurden zu ihren Schulbüchern in das Haus verwiesen Als Salander
sich auf dem öden Kiesplatze umsah und mit Ärger bemerkte wie auch weiterhin
eine Menge von Fruchtbäumen verschwunden die ehemals die Wege beschatteten
fiel ihm auch die Holztafel ins Auge die über der Haustüre hing und die
Inschrift »Pension und Gartenwirtschaft zur Kreuzhalde« aufwies
    »Halt« sagte er »die Tafel muss weg und zwar gleich jetzt«
    Mit Hilfe eines Stuhles hob er das Brett aus den Haken und stellte es hinter
die Türe
    »Nun bist du erlöst von der betrübten Herberge« sagte er »wir wollen auch
sofort einrücken lassen dass sie geschlossen sei«
    Die Befreiung aus ihrer wunderlichen Zwangslage auf Gäste warten zu müssen
die nicht kamen und denen sie nichts mehr vorzusetzen gewusst hatte wenn sie
kamen erleichterte der Frau das Herz so wie auch das Einkaufsgeld das sie
endlich wieder in ausreichendem Masse in der Tasche führte ihren Schritten die
frühere Sicherheit zurückgab nur das Gesicht wollte bei aller Gelassenheit
seinen Ernst nicht verlieren weil die seit kaum vierundzwanzig Stunden erlebten
Übergänge ihr Gemüt erst jetzt im Innern zum Schwanken brachten da sie das Ende
nicht absehen konnte Aber dies stille Schwanken verstärkte nur ihren Willen
aufrecht zu bleiben und treu zu den Ihrigen zu halten
    Mann und Frau trennten sich bald mit der Abrede zur Mittagsstunde wieder
beisammen zu sein Martin Salander begab sich in die Notariatskanzlei Die
gerichtliche Bekanntmachung war soeben in den Blättern erschienen Dem Notar
hatte Wohlwend rundweg abgeschlagen auf Salanders Anweisung irgendeine
Erklärung zu unterzeichnen und in diesem Sinne auch bei der Versendung eines
nichtssagenden Rundschreibens an seine »Geschäftsfreunde« den beraubten Freund
übergangen
    Auf den Rat des Notars hatte Martin am Vormittage einen angesehenen
Rechtsanwalt aufgesucht und ihm die Wahrung seiner Sache mit gehöriger Vollmacht
übergeben derselbe ihm dagegen aufgetragen beglaubigte Buchauszüge und
Korrespondenzen über seinen Verkehr mit der Bank in Rio de Janeiro beizubringen
Jedenfalls stand eine langwierige Abwicklung des ganzen Prozesses in Aussicht
Die Sache stehe so meinte der Advokat dass es noch der glücklichere Fall wäre
wenn es auf förmlichen Betrug hinausliefe wo man mit Verhaftung und
Strafuntersuchung einschreiten und den zur Seite geschaften Raub auffinden
könnte während in einem gewöhnlichen Falliment das anvertraute Gut unter allen
Umständen verlorenginge
    Hiemit hatte Martin Salander sich einstweilen zu beruhigen und volle Musse
zum Überlegen dessen was er inzwischen beginnen sollte Demgemäss fand er sich
gefasst und gewissermaßen zufrieden beim Mittagessen ein das die Frau ohne
jeglichen Aufwand aber gut und nahrhaft bereitet hatte Wein sei keiner mehr
da sagte sie der Mann möge selbst bestimmen was etwa anzuschaffen wäre für
heute müssten sie sich mit frischem Wasser begnügen sie denke wenn man nachher
ein bisschen ausfliegen wolle so werde Martin ohnehin etwa mit ihnen Einkehr
halten wo es zu trinken gäbe und wenn es nur im Roten Mann wäre
    Diese Anspielung machte sie mit einem kleinen Lächeln und ganz gemütlich
allein sie würde sie ohne die heutigen Enthüllungen doch nicht gemacht haben
Auch verstand er sie wohl und antwortete ungesäumt sie habe vollkommen recht
ihn daran zu erinnern er werde trachten ein Fässchen von jenem Weine zu
erhalten der ihr gewiss schmecken solle Mit diesem Vermeiden einer logischen
Erörterung war hinwieder die Frau zufrieden da sie das Geständnis seines
Fehltrittes darin sah fast vor der Haustür noch mit Fremden in ein Wirtshaus zu
gehen Zur Versöhnung erklärte sie übrigens dass sie sich danach sehne einige
Stunden ins Grüne zu wandern sie sei niemals nur in den Wald hinauf gekommen
selbst zur Zeit nicht wo sie noch Dienstleute gehalten habe
    Sie zogen also miteinander aus in den Wald hinauf der sie mit seinem
durchsichtigen Schatten empfing Die lange nicht genossene Luft solchen
Kulturgehölzes machte dem Familienhaupt wohl zumute die alte Lebhaftigkeit
erwachte in ihm so dass er Frau und Kindern von dem Unterschiede zu erzählen
begann zwischen den Urwäldern des Westens wo nur Kampf und Ausrottung herrsche
und den von erquickender Luft durchwehten Forsten der Alten Welt wo der Wald
gebaut und gepflegt würde fast wie ein Hausgarten Und wie auch da noch
Gegensätze zu treffen seien zeigte er ihnen indem er hier an dem reinlichen
Boden und den sauber und licht gehaltenen Stämmen eine Staats oder
Genossenschaftswaldung dort an Gestrüpp Wucherzeug und kränklichem Holze den
Besitz nachlässiger Bauern erkennen wollte Auch prüfte er die Kinder ob sie
hie und da eine blühende Pflanze zu benennen wüssten oder den Vogel kennten der
soeben gepfiffen habe Sie wussten aber nichts und er sagte zur Frau »Das ists
eben die Kinder sind zu einsam«
    »Aber lieber Mann« erwiderte sie »die Kinder sind ja das Jahr hindurch
unter hundert andern und in ihren Schulstuben sind alle Wände voll Bilder auch
viele Vögel die sie bei Namen kennen Was die lebendigen Vögel betrifft so
habe ich als Mädchen gerade durch meine Unkenntnis etwas erlebt das mir immer
noch nachgeht Eines Sonntagabends nach der Singstunde spazierte ich ganz
allein über eine Anhöhe nach Hause und saß oben ein Weilchen nieder Gegenüber
lag ein anderer bewaldeter Hügel in dessen Bäumen verborgen ein mir unbekannter
Vogel sang so schön so schön durch die stille Luft und Einsamkeit dass es mir
wahrhaftig das Herz bewegte und ich feuchte Augen bekam Ich erzählte zu Hause
davon und hätte gar zu gern gewusst was das für ein Vogel mochte gewesen sein
Die Leute rieten hin und her ein Bursch der manche Vogelstimmen nachahmen
konnte gab diesen und jenen Ton an und nannte den betreffenden Singvogel
allein keine der Weisen glich dem was ich gehört Jetzt nach soviel Jahren
höre ich in ruhigen Augenblicken noch den unsichtbaren Sänger und bin froh dass
er mir unbekannt geblieben ist und auf die Art mir die Feierlichkeit jener
Abendstunde stets in Erinnerung blieb«
    »Du hast mir das auch schon erzählt« sagte Salander lachend »und es ist
artig genug ich will es nicht bemängeln Allein wenn es ein Argument gegen das
Kennenlernen der Dinge sein soll so muss ich dich zur Ordnung rufen Frau
Jesuitin Verkünderin des Mysteriösen und Unbekannten«
    »Geh du weißt wohl dass es nicht so gemeint ist du Schulmeister«
    Der neckische Ton verwandelte sich in ein ernsteres Gespräch über Ziele und
Grenzen des erzieherischen Verkehrs mit den Kindern welches die wackere Frau
mit aufmerksamer Teilnahme in allen Ehren bestand Beide Gatten indem sie die
Kinder vor sich herspringen sahen vergaßen darüber die Gegenwart und blickten
von Hoffnungen belebt in die Zukunft welche ihnen fast so lieblich dünkte als
der unbekannte Vogel der Frau Marie
    So hatten sie einen beträchtlichen Weg zurückgelegt und stiegen in ein
Waldtälchen hinunter durch das ein schöner klarer Bach floss der sein
reichliches Wasser über das bunte Geschiebe und Gerölle wälzte wie es der Berg
abliess In einer rundlichen Ausbuchtung ergoss sich über einige bemooste
Steinblöcke ein kleiner Wasserfall unmittelbar aus jungem Buchenschlag hervor
und Martin Salander erkannte sogleich den anmutigen Winkel von früher her
    »Dort wollen wir uns ein Stündchen niederlassen« sagte er und rief den
Kindern zu ihnen den Weg anweisend Auch Frau Marie pries das Tälchen und eilte
rüstig den abschüssigen von Gestein unterbrochenen Pfad hinunter Seit langer
Zeit war es ihr nicht vergönnt gewesen sich in freier Natur zu bewegen ohne
einen andern Zweck als die Bewegung selbst Am Bachufer angekommen hatten sie
noch um ein vorragendes größeres Felstrumm zu biegen welches den besten
schattigen Ruheplatz verbarg Die vorausgelaufenen Kinder standen plötzlich
still und als auch die Eltern am Platze waren sahen sie einen Mann der mit
bloßen Füßen ausgestülpten Beinkleidern und Hemdärmeln im Wasser stand und
unter den Steinen umhergriff nach Krebsen suchend Auf einer trockenen
Steinplatte des Ufers lagen ein paar kleine tote Forellen neben einem Gesässe
wie es die Angelfischer mit sich führen und einer offenen Botanisiertrommel
welche in Papier gewickelte Esswaren enthielt An geschützter Stelle befand sich
im kühlen Wasser eine angebrochene Weinflasche
    »Der Platz ist schon besetzt« sagte halblaut Salander »wir wollen
weitergehen« Er ging vorwärts um auf dem engen Wege zwischen dem Krebsfänger
und seinen Veranstaltungen vorbeizukommen und seine Familie folgte ihm auf dem
Fuße zunächst die Frau Da richtete sich der Mann im Bache auf und schaute sich
um Es war Herr Louis Wohlwend der sich hier still zu vergnügen schien
    Die Überraschung bannte beide Parteien fest so dass um Wohlwends Beine die
Bachwellen einen kleinen Schaum erregten und hinter Salander seine Familie
gedrängt stehenblieb Wie es meistens geschieht war der unrechtleidende Teil
wieder verlegener als der andere und da Wohlwend die Salanderschen verblüfft
vor sich sah richtete er sich hoch auf brachte die Hand an den Hutrand und
rief »Ah salut«
    »Gibst du hier Audienzen« sagte Salander endlich ohne sich zu rühren
    »Wie du willst« versetzte Wohlwend »wo sollte ich am heutigen Tage mich
hinflüchten als an den Busen der Mutter Natur Es ist gewissermaßen mein
Ehrentag an dem ich das Martyrium unseres Jahrhunderts antrete als Opfer des
Verkehrs des Kampfes ums Dasein Heut stehe ich im Amtsblatt da ist die erste
Folge dass ich mein bescheidenes Plätzchen im Kaffeehaus mein harmloses
Spielchen um den Kaffee entbehren muss das erfordert die Etikette wie sie
einmal ist bis sich die Sintflut des Geschwätzes verlaufen hat Du weißt
Freund Martin dass ich von jeher einem edelen Idealismus gehuldigt der kommt mir
nun zu gut und lässt mich an so idyllischen Gegenständen Trost suchen wie sie
sich hier darbieten  Ha die Frau Liebste Schöne Frau seien Sie mit aller
Verehrung begrüßt nach so langer Zeit «
    »Wohlwend Ihr könnt hier nicht mit uns von Euren Sachen reden das sind
unsere Kinder vor denen es sich nicht schickt Sie sollen dergleichen nicht
hören Bitte lieber Martin lass uns unsers Weges gehen«
    Dies sagte Frau Salander indem sie die Hand an des Mannes Arm legte Martin
wandte sich gehorsam und setzte schweigend den Weg fort Marie trat etwas zur
Seite und schob die Kinder vorwärts und erst als das letzte vorüber war
folgte auch sie ohne sich weiter umzusehen Sie musste ihre Röcke
zusammennehmen um zwischen den herumliegenden Sachen Wohlwends wozu auch seine
Strümpfe und Stiefel gehörten durchzukommen ohne sie zu streifen
    Dieser stand wie versteinert in seinem Bache In Gesicht und Stimme der Frau
hatte trotz einer blassen Unbeweglichkeit eine solche mit Verachtung durchwirkte
Strenge gelegen dass ihm die Furcht aufsteigen wollte es gäbe noch höhere
Mächte als Konkursrichter und Gläubigerversammlungen Es dünkte ihn nicht mehr
geheuer im Wasser er watete hinaus und zog hurtig seine Fussbekleidung wieder
an um auf alle Fälle besser zu stehen Dann las er drei oder vier Krebse
zusammen die bereits gefangen aber dem Fischkübelchen entronnen waren und dem
Wasser entgegenstrebten Zuletzt um sich von dem lächerlichen Weiberauftritt zu
erholen zog er die Flasche aus dem Wasser und setzte sich mit derselben und der
botanischen Büchse auf die Platte
    Aber wiederholt unterbrach er sein Vespermahl Wie kann das Weib sich
herausnehmen ihn kurzweg mit Wohlwend anzureden ohne Herr und ihn zu ihrzen
wie einen Knecht oder Lumpensammler Am meisten beschäftigte ihn das mit den
Kindern Hatte er denn etwas Unsittliches gesagt was sie nicht hören durften
Gar nicht Er hatte eher schöne erhebende Worte gesprochen wenn sie auch nicht
bare Münze waren Hätte doch Salander geschimpft dem würde er den
Rechtsstandpunkt erläutert haben aber er hat weislich geschwiegen
    Wohlwends Idylle war durch die Frau entschieden gestört und er packte
zusammen Doch schlug er einen andern Weg ein als die Salanderleute gegangen
    Diese stiegen wieder in die Höhe und sprachen einige Minuten nichts bis
Martin über die kurze Rede seiner Frau lachen musste
    »Du hast ihn scharf behandelt« sagte er zu ihr »wie zum Teufel gerätst du
auf den Einfall per Wohlwend und per Ihr mit ihm zu reden«
    »Ich denke man spricht so mit den Sträflingen in den Zuchtäusern in
meinen Augen ist er aber nichts Besseres«
    Sie schien indessen durch den Vorfall ein klein wenig erheitert zu sein
auch Martin lachte abermals als er bedachte wie schlau der Konkursit die
Kaffeehäuser vermied um tief im Walde seinen Meister zu finden Nach einigem
Schweigen als die Frau Raum bekam ihm zur Seite zu gehen ergriff er wieder
das Wort
    »Ich weiß nicht ich schwanke doch zuweilen ob er nicht eher ein Narr sei
als ein schlechter Mensch freilich ein gefährlicher Narr«
    Frau Marie antwortete nur mit einem leichten Seufzer womit sie die weitere
Untersuchung abschnitt Die Kinder schwärmten links und rechts im Gehölze die
Eheleute aber schritten jetzt längere Zeit schweigend nebeneinander Martin
bemerkte endlich einen mehr auf die Höhe führenden Weg »Hier geht es wenn ich
mich nicht irre auf einen guten Aussichtspunkt Magst du noch so weit gehen so
können wir statt in dem Loch unten wo uns der Unhold störte oben unter dem
offenen Himmel ausruhen so sehe ich zugleich ein Stück meines Landes«
    »Gern geh ich hinauf es kann nicht mehr weit sein wir waren früher ja ein
paarmal dort«
    Sie erreichten eine Hochstelle vor welcher das östlich und nördlich
gelegene Land sich wirklich weithin ausbreitete und in den Schmelz des schönsten
Ferneblaus verlor Unter einer Gruppe hoher Tannenbäume nahm eine Ruhebank sie
auf und sogleich suchten die Augen zwischen den sanft hinziehenden Erhebungen
und dazwischen sich schmiegenden Gefilden ihre Heimatgegenden und sie glaubten
an sonnigem Hange eine Kirche oder ein Schulhaus weiß aufschimmernd zu sehen
Salander rief die Kinder herbei und zeigte ihnen das Land »Ich habe gelesen
dass in den letzten Jahren in der Schule eine Art Heimatkunde eingeführt worden
sei wie steht es damit Was liegt dorthin für ein Landesteil«
    Sie wussten noch nichts nur das ältere Mädchen nannte das nächste worin sie
wohnten den Bezirk Münsterburg und wusste auch dass es zwölf solcher Bezirke
gebe
    »Gut diese nannte man früher Oberämter noch früher Vogteien ehmals
Herrschaften und Grafschaften« eine solche umriss er mit dem Zeigefinger einen
bedeutenden Teil des Horizontes entlangfahrend Die geschichtlichen Erinnerungen
wachten auf und schlossen sich aneinander bis die Gegenwart daraus hervorging
und alles schien ihm das sichtbare Land noch mehr zu verklären
    »Die Neue Welt jenseits des Meeres« sagte er zur Frau nachdem die Kinder
wieder weggesprungen »ist wohl schön und lustig für Menschen ausgelebter und
ausgehoffter Länder Alles wird von vorn angefangen die Leute sind
gleichgültig nur das Abenteuer des Werdens hält sie zusammen denn sie haben
keine gemeinsame Vergangenheit und keine Gräber der Vorfahren Solange ich aber
das Ganze unserer Volksentwicklung auf dem alten Boden haben kann wo meine
Sprache seit fünfzehnhundert Jahren erschallt will ich dazugehören wenn ich es
irgend machen kann Ich ginge doch ungern wieder fort«
    »Ums Himmels willen wie kommst du darauf« rief Marie Salander erschreckt
    »Ich meine nur so eben darum« versetzte er möglichst gleichmütig um zu
verbergen dass er just eine erste Andeutung des Entschlusses gewagt hatte der
in ihm aufdämmerte ehe der Abend des zweiten Tages seiner Heimkehr da war
    Wochen auf Wochen vergingen ohne dass Wohlwends Prozess einen Schritt
vorwärtsrückte er wusste große und kleine Gläubiger so zu bereden und zu
verwirren dass sie nicht schlüssig werden konnten und schon war anzunehmen dass
das Jahr ohne Entscheidung ablaufen werde Von alledem war Salander mit seiner
Anweisung ausgeschlossen welche anzuerkennen Wohlwend sich beharrlich weigerte
Es ging allerdings aus seinen Büchern hervor dass er mit der Atlantischen
Uferbank in Verkehr gestanden und von Zeit zu Zeit Wertsendungen in Wechseln
erhalten die er stets weiterbegeben haben wollte Aus Rio de Janeiro war wie
die Sachen dort standen zur Zeit kein Aufschluss erhältlich und in Münsterburg
weigerte sich nicht nur Wohlwend sondern auch die Masse Salanders Ansprüche
zuzulassen
    Sein Anwalt glaubte er würde am besten tun die Reise nach Brasilien rasch
nochmals zu verannehmen um selbst an Ort und Stelle das Mögliche zu
unterlassen wobei ja die Kosten nicht im Verhältnisse zu dem großen Verluste
ständen und durch gelegentliches Geschäft mehr als eingebracht werden könnten
    Diese Andeutungen reichten hin den schon erwachten Gedanken festzumachen
das Glück aufs neue zu versuchen Wenn er von dem Vermögensreste der ihm
geblieben das Gut seinem Frau ausschied und sicherstellte so konnte er mit dem
übrigen und beim jetzigen Stande des Handelsverkehrs wohl wagen die kürzlich
abgebrochenen Verbindungen wieder aufzunehmen Er getraute sich das Verlorene
in weit kürzerer Zeit einzubringen und überdies der Familie ihren regelmäßigen
Unterhalt zukommen zu lassen
    Also bereitete er im stillen alles vor erhielt auch von verschiedenen
Häusern sogleich nützliche Anerbietungen mietete für Frau und Kinder oder
eigentlich für sich selbst mit eine bescheidene aber anständige Wohnung und
machte sich schließlich daran der guten Marie die Sachlage zu eröffnen
    Obgleich die Dinge diesmal ungleich besser standen als bei der ersten
Trennung so wurde sie doch tieftraurig Sie saßen am Fenster des Schlafzimmers
sich gegenüber durch welches Marie an jenem Morgen in ihrer Fassungslosigkeit
den schönen Tag angerufen hatte
    »Als ich« sagte sie nach einem Weilchen mit halber Stimme »dort in der
Ecke auf dem Boden saß hast du mich ermahnt ob das Geld denn das einzige und
Höchste sei wonach der Mensch trachten könne Du hast so recht gehabt Martin
dass ich dir nun das Wort zurückgeben möchte«
    »Es ist nicht der gleiche Fall« erwiderte Martin »es ist nicht dasselbe
ob wir wegen verlorener Güter verzagen oder ob wir verzichten wollen mit
frischer Tatkraft Verlorenes wiederzuerringen Ich kenne nun einmal den Weg
soll ich ihn geflissentlich vermeiden Denke an unsere Kinder Marie«
    »Ach ich denke eben an unsere Kinder Müssen sie denn durchaus reich
werden um leben zu können«
    »Marie Du hast ja erfahren wie es kommen kann wenn man nichts hat«
    Ohne hierauf zu antworten fuhr sie fort
    »Sieh als wir im Walde droben auf der Bank saßen und in das heimatliche
Land hinausschauten da dachte ich bei mir selbst es wäre vielleicht das beste
für uns und die Kinder wenn du dort herum wieder eine Schule übernehmen und der
bösen Welt aus dem Wege gehen würdest Mit dem Gelde das du gerettet hast
wollten wir bequem auskommen und noch zurücklegen «
    Salander war durch die Rede seiner Gattin im alten Lehrergewissen getroffen
ohne dass sie es wusste er war freilich ein Fahnenflüchtiger Aber er ließ sie
nicht ausreden sondern fasste etwas krampfhaft ihre Hand
    »Nach den Geniestreichen die ich mit unserem Wohlerworbenen schon gemacht
begreife ich deinen Gedanken sehr gut er ist billig und verständig Aber ich
kann nicht Erstens würde ich kaum noch die nötige Übung und auch Erhaltung und
Mehrung der Kenntnisse besitzen um ohne weiteres ein Lehramt anzutreten und zu
einem Wiederholungskurs bin ich doch zu alt Dagegen fühle ich mich noch jung
genug freiwirkend in der Welt zu stehen wozu mich eben der Geist getrieben
hat Dazu brauche ich diejenige Unabhängigkeit welche nur ein mäßiger Besitz
verleiht denn ein zu großer macht natürlich den Mann auch unfrei Glaub nur es
wird mir gewiss noch gelingen Ich werde nicht so lange fortbleiben ein Teil der
Geschäfte wird sich sogar hier abspielen und eine unvermutete Zwischenreise mit
fröhlichem Wiedersehen nicht ausgeschlossen sein«
    »So nimm uns mit« sagte sie mit brechender Stimme
    »Um euch Krankheit und Tod auszusetzen Und dann geht es nicht weil die
Kinder hier im Lande geschult werden müssen« Er nahm sie mit diesen Worten
zärtlich in die Arme und hielt sie so lang bis sie sich seinem Willensschlusse
ergeben hatte
    Er besorgte nun zunächst den Umzug in die neue Wohnung die so gelegen war
dass die Frau Salander allenfalls einem kleinen Warenhandel vorstehen konnte den
er von Brasilien aus eigens für sie zu unterhalten gedachte Zu diesem Zwecke
war im Erdgeschoss ein Magazin mit Schreibstübchen für die Frau Prokuraträgerin
vorgesehen Der Mann wollte auch sofort vorläufig eine Magd eintun mit der
Mahnung sobald notwendig auch ein Gewerbsknechtlein zu beschaffen Doch die
Frau widersetzte sich ebenso vorläufig jeder Idee von Dienerschaft im Hause
    Als auch alles übrige verrichtet war begleitete die kleine Familie den
Martin Salander auf den Bahnhof zu guter Zeit Auch Herr Möni Wighart stellte
sich um so pünktlicher ein als er in der Restauration den lustigen Verkehr des
Frühherbstes betrachtend eine Tasse kräftiger Fleischbrühe zu genießen pflegte
Er versprach dem Abreisenden die Wohlwendsche Konkurssache unter der Hand zu
beobachten und getreu zu berichten was im Publikum vorgehe und geredet werde
    So fuhr Martin wieder den atlantischen Ufern zu
 
                                       VI
Die Zeit floss ruhig über die Schicksale hin oder sie trug sie vielmehr
unvermerkt und so saß auch nach drei Jahren Frau Marie wirklich in ihrem
Schreibstübchen und verzeichnete im Buch eine Anzahl Kaffeesäcke welche der
Fuhrmann abgeladen und ein rüstiger Arbeitsmann in das Magazin trug worauf er
wieder an das Verpacken von Zigarren ging es war eine beliebte neue Sorte die
Martin Salander von den Kolonien sandte und zum Teil selber pflanzen ließ da er
eigens dazu Land gekauft hatte Auch eine Dienstmagd erschien die Frau wegen
des Abendessens zu befragen sie erhielt die Weisung man wolle einmal von dem
ParaguayTee kosten welchen Herr Salander versuchsweise geschickt habe ob er
wohl Abnehmer finde Hierauf brachte ein Landkrämer das Geld für einen Sack
Kaffee und bestellte einen neuen während ein Herr kam der sich ein
Probekistchen von den Zigarren ausbat von denen er gehört
    Der Postfaktor kam eine Mandatsumme auszuzahlen und endlich kehrten die
Mädchen aus der Sekundarschule die sie besuchten nach Hause und das ältere
Setti wurde sofort mit den eingegangenen Geldern auf die Bank geschickt wo das
kleine Handelshaus im Kontokorrentverkehr stand Dieses gleiche Mädchen das
seinem sechzehnten Jahre entgegenging erhob bereits den Anspruch auf nächste
Ostern bei der Mutter als »Buchhalterin« einzutreten Der Rechnungslehrer hatte
gesagt sie addiere wie ein Maikäfer
    Da es Herbstzeit war so wurde es früh Abend Frau Salander zahlte ihrem
Arbeitsmann den Tagelohn aus und entließ ihn für heute Zuletzt kam Arnold vom
Turnplatz heim ordentlich gestreckt und so sah die Mutter bald ihre Kinder
beim Scheine der alten Lampe um sich versammelt Sie erfreuten sich des
einfachen Abendbrotes welches die Magd mit ihnen teilte und alles war
zufrieden bis Setti die künftige Buchhalterin eine Streitfrage aufwarf indem
sie die Vermutung aussprach sie werde im Geschäft eine Brille tragen müssen
    »Warum nicht gar« rief die Magd entrüstet »es wäre ewig schad um dein
Gesicht du würdest aussehen wie unser alte Gemeindeschreiber wo ich her bin«
    »Viele höhere Berufsdamen und von den besten tragen Brillen« versetzte
das Mädchen mit überlegener Ruhe und Netti stimmte ihr bei mit dem Zusatze
dass es eine blaue sein müsse das stehe schöner
    »Nimm eine rote Brille dann siehst du das Feuer im Elsass« sagte plötzlich
der still gelassene Arnold Diesen sah die Mutter groß an fast erschreckt
    »Seit wann machst du Witze Arnold«
    Verblüfft schaute er die Mutter an denn er wusste nicht was sie meinte und
was er Übles getan habe
    Die Magd lachte Recht habe der Arnold behauptete sie Frau Marie aber
fasste sich zusammen von der kleinen Verwirrung in die sie geraten als sie
entdeckte dass der Knabe zu Worten kam Dem Elternsinne erscheint es schon
merkwürdig wenn die Kinder ein Sprichwort zum ersten Male gebrauchen
    Es zog jemand die Klingel eines der Mädchen lief und brachte ein Telegramm
herein das von Basel kam und von Martin Salander aufgegeben war
    »Bin im Lande Komme mit letztem Zug nach Münsterburg Holt mich nicht ab
weil mit Gepäck zu tun habe und Wagen nehme«
    Nach der ebenso frohen als ernstlichen Überraschung welche die Botschaft
mit sich brachte wurde beraten ob dem Befehl des Vaters zu gehorchen sei oder
ob man nicht dennoch auf den Bahnhof gehen wolle die Mutter entschied für
Dableiben und Warten weil es elf Uhr nachts werden konnte und der Vater
rascher zurechtkam wenn er nicht die ganze Familie im Gedränge begrüßen musste
    Dadurch gewann die Mutter Zeit sich selbst mit dem unerwarteten Bericht
nachdenklich auseinanderzusetzen Erst vor drei Wochen hatte sie den letzten
Brief Martins erhalten worin er sich zufrieden über seine ökonomische Lage
ausgesprochen mit der Ankündigung er dürfe bereits an die Heimkehr denken sei
es für immer sei es um für kurze Zeit und einzelne Geschäftsausführungen wie
er vorausgesagt noch das ein oder andere Mal den Weg zu machen er glaube aber
beinahe es werde dies nicht nötig werden Hierauf folgte in dem Briefe eine
Schlussbetrachtung über die politische Gegenwart und Zukunft im Vaterlande die
Marie Salander nur oberflächlich beschaut und zum aufmerksameren Lesen für eine
stillere Stunde zurückgelegt hatte Sie achtete und liebte sogar den
bürgerlichen Freisinn ihres Mannes und seine Neigung für das Ganze und Kommende
zu leben worin er durch den Louis Wohlwend jetzt schon bis ins zehnte Jahr in
so merkwürdiger Art aufgehalten worden Allein sie beanspruchte keinen Weitblick
über Zusammenhang und Zukunft sondern begnügte sich für den Tag und Augenblick
bereit zu sein
    Jetzt holte sie jenen Brief hervor um nachzusehen ob sie nicht doch eine
Stelle übersehen die eine nahe bevorstehende Ankunft verhieß und auch um auf
seine Worte so gut als möglich eingehen zu können wenn er darauf zurückkam
    »Wenn Du« schrieb er »erfreut bist dass wir so leidlich bald wieder auf
einen guten Weg gekommen sind so musst Du das nicht meiner besonderen
Geschicklichkeit und Tatkraft zuschreiben sondern dem freundlichen Glücke
welches mir zur Seite ging Allerdings habe ich auch einigen Fleiß aufgewendet
wie es der Mensch etwa tut wenn er sich ein Ziel sichtbar winken sieht Die
Dinge welche bei Euch zu Hause sich vollzogen haben diese neue Verfassung
welche unsere Republiken sich gegeben haben diese unbedingten Rechte die das
Volk ruhig ohne irgendeine Störung sich genommen hat alles das möchte ich in
seinen glorreichen Anfängen noch sehen und mit genießen alles ruft mir zu
komm wo bleibst du Und nun kann ich als unabhängiger Mann kommen der seinen
Boden hat und nichts zu suchen braucht als die Gelegenheit zu helfen und zu
nützen Und welch ein großer Augenblick ist es in welchem unsere alte Freiheit
den großen Schritt tut Ringsum uns hat sich in den großen geeinten Nationen die
Welt wie mit vier eisernen Wänden geschlossen zugleich aber hat sich mit dem
moralischen Schritt den wir getan eine tiefste Quelle neuen Freiheitsmutes und
Lebensernstes geöffnet welche das Äußerste ertragen und das Härteste überdauern
lässt und am Ende die Welt überwindet wäre es auch im Untergang Ein solches
Gefühl der Selbstbestimmung der Furchtlosigkeit und der Pflichtliebe schützt
stärker als Repetiergewehre und Felswände usw«
    Da stand freilich nichts von einer schon beschlossenen Reise Der Drang
danach musste also seither plötzlich so gewachsen sein vielleicht auf neue
verlockende Berichte oder sich verbreitende Sagen dass Martin nicht länger hatte
widerstehen können
    Er erschien denn auch noch vor elf Uhr so frisch freudig und fast
stürmisch bei den Seinen wie wenn er sieben Jahre jünger statt dreie älter
geworden und ein brausender Windstoß neuen Lebens mit hereingekommen wäre Als
die Frau Marie ihn umarmte empfand sie eine Art ehrerbietiger Scheu vor der
Macht der Ideen die in den Worten des Briefes lagen und jetzt über den Ozean
her ihr den Mann in die Arme geweht hatten
    »Holla Welch niedliche Backfische die darf man ja kaum berühren« rief er
als er die zwei Mädchen erblickte und sie trotzdem herzhaft küsste
    »Man sagt ihnen auch Hafenbraten« rief Arnold der sich auch bemerklich
machen wollte
    »Ei du Tausendskerl Arnoldi was sagst du da«
    »Du kommst gerade recht Männchen« rief die Frau die laut lachend und voll
Behagen sich niedersetzte »dein Bub macht heut schon zum zweiten Mal eine Art
Witz Er scheint unnütze Worte aufzulesen«
    »Mag er sie auflesen wenn er sie nur gut anbringt Komm Arnold und gib
mir recht patriotischen Gruß und Handschlag Lass sehen wie bist du gewachsen
Nicht übermäßig doch soso für deine elf Jahre Und wie stehts mit der
Schule«
    Er begann den Knaben abwechselnd mit den Mädchen zu befragen während er das
ihm bereitete Nachtmahl mit vielen Unterbrechungen einnahm er merkte aber
endlich dass er in Hinsicht auf Metoden und Gegenstände nicht mehr auf dem
laufenden war und daher die Kinder nicht ganz richtig fragen konnte
    Als Frau Salander es wahrnahm säumte sie nicht länger dem Manne den
bereitgehaltenen Heimatsgruss zu bieten nämlich die erste Kanne gärenden
Weinmostes der eben im benachbarten Wirtshause zu haben war Sie wusste dass er
den Trank liebte aber seit zehn Jahren nicht mehr gesehen Zugleich trug die
Magd eine Schüssel voll gebratener Kastanien auf den Tisch womit den Kindern
ihr Recht wurde zum Gedenken dieser Glücksnacht Um ein Uhr hob Frau Marie die
Tafel auf und würde es wohl früher getan haben wenn nicht soeben ein Sonntag
angebrochen wäre
    Der erhellte sich denn auch zum schönsten Herbsttage dessen Morgenstunden
Salander im traulichen Verkehr mit den Seinigen verbrachte Einmal nur wollte er
die Frau nach Wohlwend fragen brach aber ab und sagte »Nein heut will ich
davon nicht sprechen«
    Er aß noch mit der Familie zu Mittag dann erklärte er unversehens wie er
nun einen tüchtigen Gang in das Volk hinaus tun wolle an die freie Luft und
sehen wie es sich atme Allein wolle er den Gang tun nur von seinen Gedanken
begleitet Im letzten Augenblicke jedoch besann er sich anders und erlaubte dem
Knaben mitzugehen Arnold ließ sich das nicht zweimal sagen und schritt
ansehnlich an des Vaters Seite aus dem Hause
    Die Jahreszeit mit den Erstlingen der Kelter belebte die Straßen Salander
machte mit dem Knaben einen weiten Weg in der Runde um die Stadt überall hörte
man Tanzmusik welcher junges Volk beiderlei Geschlechts zustrebte Man sah auch
etwa einen Zug Schützen die mit ihren Gewehren einer letzten Sonntagsübung
nachgingen oder eine Schar Turner mit Stäben auf der Schulter den Tambour
voran Dazwischen mannigfaches Volk durcheinanderwimmelnd fröhlich oder
gleichgültig einzelne mürrisch und über irgend etwas fluchend den Hauch und
Glanz aber der neuen Zeit das Wehen des Geistes den etwas feierlicheren Ernst
den er suchte konnte er nicht wahrnehmen Man hörte singen auf den Gassen und
in den Schenkhäusern es waren die alten Lieder von denen die Leute ganz wie
ehmals nur die erste Strophe kannten und etwa die letzte wenn einer noch eine
mittlere aufbrachte so lallten die anderen das Lied ohne Worte mit Auf einer
staubigen Straße balgte sich ein Haufe angetrunkener Jünglinge als ob es keine
edlere Verständigung für junge Bürger gäbe welche über die Gesetze nachzudenken
gewohnt sind über die sie mitzustimmen haben Alle hundert Schritte bettelte
ein Mann mit einer Ziehharmonika oder einem leeren Rockärmel während der Arm
auf dem Rücken lag Kurz es war alles wie es vor altem an einem Herbstsonntag
gewesen und zu gewärtigen dass später am Tage einige der freiesten Männer nicht
mehr auf ihren Füßen würden stehen können
    Salander schüttelte leise den Kopf indem er sich aufmerksam umsah Nun
sagte er bei sich selber alle großen Veränderungen müssen einen Übergang haben
und sich einleben Aber ich hätte geglaubt schon die Tatsache eines solchen
Ereignisses würde Land und Himmel eine andere Physiognomie machen Am Ende ist
es aber und wird wohl sein die angeborene Bescheidenheit des Volkes seine
schlichte Gewöhnung welche es nicht leicht die anspruchsvollere Toga umwerfen
lässt
    Sie gelangten jetzt vor ein größeres Vergnügungslokal welches von
volkstümlichen Elementen angefüllt schien ein kräftiges gleichmässiges Gemurmel
war darin verbreitet wie es so tönt wenn der Löwe Volk bei ruhiger Laune ist
Da Salanders Knabe die Frage ob er nicht Durst habe unverweilt bejahte so
ging der Vater mit ihm hinein wo ein großer Saal ganz mit jungen und älteren
Männern angefüllt war worunter wenige Weiber saßen
    Mit einiger Mühe fanden Vater und Sohn noch einen unbenutzten kleinen Tisch
Kaum hatten sie sich aber gesetzt und etwas Bier erhalten so kamen noch zwei
Leute die ohne weiteres den übrigen Platz ei nnahmen und sich ebenfalls Bier
geben ließ Der eine war offenbar ein Süddeutscher der andere ein Schweizer
und zwar aus dem Münsterburggebiet Er trug Schnurr und Kinnbart nach
französischem Zuschnitt und den Hut ins Genick zurückgeschoben um verwogener
auszusehen Sie führten ein lautes Gespräch ohne sich um jemand zu kümmern
unverzüglich weiter
    »Wie gesagt« meinte der Schweizer mit fast brutalem Tone »du kennst mich
Ich bin ein Kerl der sich nicht foppen lässt«
    »Wer will dich denn foppen Ich gewisslich nicht« warf der andere bescheiden
ein
    »Ich sage nicht wer ich sage es ganz allgemein Da sieh den Brief den mir
mein früherer Meister in St Gallen geschrieben Jede Stunde kann ich wieder
hin wenn ich will«
    Er kramte einen Brief hervor und gab ihn dem Kameraden der ihn las und
bekannte das sei ein schöner Brief nicht jeder könne dergleichen Zeugnisse
aufweisen ein schmeichelhafter Brief der Tausend jawohl
    »Es braucht sich nichts Schmeichelhaftes zu sagen Ich brauche keine
Speichellecker ich bin ein freier Mann unabhängig stolz wenn du willst aber
ich verachte die Schmeichelei«
    »Ei ich schmeichle ja nicht wo werd ich denn schmeicheln Es ist ja die
lautere Wahrheit«
    »Das ists Aber ich geh nicht hin ich will mich noch lang nicht binden
und ich weiß dass er mir nur die Tochter anhängen will Ich könnte freilich
zugreifen auch meine hiesige Kostfrau hat eine Tochter die mir überall in den
Weg steht Aber ich will mich nicht binden Ich will noch gar nicht Meister
sein obgleich ich meine Achtundzwanzig auf dem Buckel habe Da müsst ich ein
Narr sein und mich plagen Lieber kujoniere ich die Meister«
    »Ja ja du bist halt ein strammer Kerl«
    »Wahrscheinlich glaubs nur«
    »Ich für mein Teil habe leider Frau und Kind und bin leider auch Meister
das ist nun so ich bin angebunden und ein armer Teufel«
    »Warum hast du so früh geheiratet«
    »Das hab ich getan weil ich nicht mehr heim wollte da hab ich gedacht du
heiratst hier bei erster Gelegenheit dann bist du festgemacht«
    »Ha ich begreif schon dass du lieber in der Schweiz bist Aber alle könnt
ihr doch nicht hier hocken so schön es bei uns ist«
    »Ja ihr seid eben ganze Leut Sapperment ich habs schon oft gedacht Und
dir löst keiner die Schuhriemen auf«
    »Hm das brauchst du mir nicht zu sagen ich nehme keine Schmeicheleien an
Aber die Fliegen lasse ich mir allerdings nicht auf der Nase heiraten« Der
Schweizer strich sich grimmig geschmeichelt den Schnurrbart und stieß mit dem
Deutschen an »Trink aus ich zahle noch ein Glas«
    Martin Salander hörte diese Reden die von einer gemeinen Gesinnung und
zügellosen Eitelkeit zeugten mit Verwunderung indem er zu sich sagte Dieser
verfluchte Kerl dieser Schreiner oder Schustergesell hat sich ja ganz
ausgezeichnet eingerichtet Wie die Ameisen sich Blattläuse halten die sie
melken hält sich der einen eigenen Lobhudler einen Schwaben wie mans hier
nennt
    Er musste nur weiter hören Der schweizerische Arbeiter hob ein solches
Selbstrühmen an wie es nur ganz schlechtgezogene Menschen tun können die zudem
niedrig denken und fühlen Aber je mehr er prahlte und sich selbst herausstrich
desto kleinlauter wurde der deutsche Gesell oder tat wenigstens so Denn Gott
mochte wissen was der Schläuling für einen Grund hatte dem Flegel den Hof zu
machen
    Allein je demütiger er sich bezeigte desto übermütiger wurde der andere
    »Du bist einer von den Gescheitern« rief er »du weißt es doch zu schätzen
dass du in der Schweiz und bei einer Nation bist wie die meinige Schau mich an
Alles machen und ordnen wir selbst wie wir es haben wollen und ich bin einer
davon und frage weder Gott noch Teufel etwas nach Heut noch geh ich in eine
Beratung über ein Gerichtsgesetz das über tausend Baragraphi hat und morgen
mach ich Blauen denn es wird lang dauern Der Meister kann dafür aufstehen und
schaffen Anerkennst du das«
    »Ich sag es ja immer ich schäme mich ein Deutscher zu sein«
    »Das ist nicht ganz aus dem Weg obgleich ihr auch energische Bursche habt
Sieh uns jetzt nur aufmerksam zu und lerne was Rechtes«
    Salander konnte nicht mehr an sich halten Rot vor Zorn schlug er auf den
Tisch und rief dem Deutschen zu »Schämen sollte man sich so zu reden wenn man
ein so gewaltiges Vaterland hat Und Ihr Herr Landsmann« wandte er sich an den
Münsterburger »solltet Euch schämen einen arglosen Fremden so zu bedrücken und
Euch von ihm anpreisen und beloben zu lassen Zehn Jahre bin ich in Amerika
gewesen und habe nirgends einen so eitlen Tropf und Prahlhans reden gehört wie
Ihr einer seid Da sind wir schön bestellt wenn das junge Volk schwatzt wie die
Elstern und alten Hebammen Pfui Teufel«
    Er hatte in seiner törichten Aufregung so laut gerufen dass die Leute an
umstehenden Tischen sich drehten und zuhörten Der Schweizer Landsmann hatte
zuerst verdutzt ausgesehen jetzt stand er schon auf den Beinen streckte die
Hand aus und rief
    »Wer seid Ihr da wer heißt Euch zu horchen was die Leute reden«
    »Ich habe nicht gehorcht Ihr seid mit Eueren Reden dahergekommen wo ich
schon gewesen bin«
    »Ihr seid dennoch ein Schleicher Wenn Euch nicht gefällt was wir sagen so
geht weiter Aber Ihr seid jedenfalls ein Spion und Volksverächter«
    Er rüttelte an dem kleinen Tisch der zwischen ihnen stand dass die Gläser
klirrten die Umstehenden drängten sich näher heran und einige riefen was der
wolle
    »Schimpfen tut er wir seien eitle Tröpfe und alte Hebammen wir junges
Volk wenn wir Freiheit und Vaterland rühmen«
    Auch der Deutsche verlor seine Gutmütigkeit und fing an Lärm zu machen
    Salander blickte auf seinen Knaben nahm ihn an die Hand und drückte sich
unversehens durch die Leute und aus dem Saale nicht ohne dem Tisch einen
kräftigen Stoß gegeben zu haben den jener ihm auf den Leib rücken wollte Er
hätte nicht übel Lust gehabt die aufgewachten Dämonen oder den Löwen mit
beharrlicher Rede zu zähmen allein die Rücksicht auf sein Kind gebot ihm allen
weiteren Händeln aufzuweichen damit er nicht gar erlebe vor den Augen
desselben misshandelt und gedemütigt zu werden
    Voll Verdruss und Beschämung suchte er den kürzesten Weg nach Hause war aber
froh dem Herrn Möni Wighart zu begegnen dem er da es noch zeitig am Tage war
gern in eine stille Wirtschaft folgte um sich zu fassen und für den Knaben
einen freundlicheren Schluss des Spazierganges zu gewinnen
    Sie trafen aber in einer Ecke des Hauses den Rechtsanwalt welchen Salander
einst mit seiner Angelegenheit betraut hatte Der vielbeschäftigte Mann erholte
sich hier bei einem Sonntagsschöppchen von der Wochenarbeit gleich einem
biederen Handwerksmeister zeigte sich indessen nach dem unerwarteten Erscheinen
des Klienten freundlich bereit den Wohlwendhandel in die Unterhaltung
aufzunehmen und beim Glase zu beraten Martin Salander schickte daher den Knaben
bald mit dem Berichte nach Hause der Vater werde in einer oder zwei Stunden
nachkommen
    Leider war nicht viel zu beraten da der Stand der Sache immer der alte
geblieben In Rio lag sie fast ganz eingepökelt Die verantwortlichen Personen
der Atlantischen Uferbank wurden eine Zeitlang verfolgt allein sie drückten
sich immer rechtzeitig von Staat zu Staat und hielten sich nur au solchen Orten
auf wo nicht nur an niemand ausgeliefert sondern wo auch von keinem Verfolgten
das auf ihm gefundene Vermögen verwahrt überhaupt kein Recht gehalten wurde
Ein oder zweimal ward einer verhört und über das nichtsnutzige Ergebnis ein
Protokoll eingesandt der Betreffende hingegen samt seinem Gelde das offenbar
aus der Kasse der Uferbank herrührte freigegeben und das war sogar auf
englischem Grund und Boden geschehen und hatte so viel gekostet dass Salander
sich scheute dem Teufel noch den Weihkessel nachzuwerfen wie er sagte
    Doch gab es in Brasilien Geschäftsleute welche dafürhielten Martins
berühmte Anweisung sei ihm noch in guten Treuen ausgestellt worden weil die
Uferbank in jenem Augenblicke noch nicht daran gedacht habe aufzufliegen
Hierüber war nun eben nichts Aktenmässiges zu erfahren
    In Münsterburg hatte Wohlwend nach langen Verhandlungen seine Gläubiger mit
einigen bettelhaften Prozenten abfinden können wobei Salanders Forderung gar
nicht in Betracht kam Das Gutaben der überseeischen Bank welches gerichtlich
in Beschlag genommen war zu seinen Gunsten ließ sich bei dem Mangel aller
gutwilligen Aufschlüsse nicht ausscheiden und der Anwalt hielt nichts als die
dunkle nicht angenommene Anweisung in der Hand Nachher verschwand Wohlwend aus
der Gegend Sein Haus hatte der Baumeister an sich ziehen müssen der dabei zu
Verlust kam Der Maler des Arnold von Winkelried erhielt gar nichts
    »Ich bin überzeugt« sagte der Anwalt »dass er schon vor zehn Jahren gerade
durch den Betrag Ihrer Bürgschaft den Sie auf dem Platz erlegen mussten um das
Falliment herumgekommen ist und so glaube ich dass er auch diesmal durch Ihr
Geld das er ganz oder zum Teil in die Klauen bekam in den Stand gesetzt wurde
sich mit den Gläubigern wenn auch noch so elend abzufinden denn natürlich hat
er den Löwenanteil für sich behalten Aber dennoch ich kann mir nicht helfen
ist er ein interessantes Subjekt juristisch genommen Da mich die
unverbrüchlich kalte schweigsame Haltung die er stets der Anweisung gegenüber
einnahm ohne sich je mit einem Worte in Verlegenheit zu setzen betroffen
machte geriet ich auf den Einfall ein etwas ungewöhnliches Experiment mit ihm
auszustellen Ich kenne einen sehr erfahrenen Irrenarzt der hat als Vorsteher
einer auswärtigen Heilanstalt die Simulanten von Verrückteit zu behandeln
welche ihm in Untersuchungsprozessen übergeben werden wenn sie mit solchen
Künsten dem Geständnis entrinnen wollen Er hat eine treffliche Übung darin und
bringt diese Spitzbuben in der Regel binnen zwei Tagen oder auch zwei Stunden
zur gesunden Vernunft zurück soweit sie ihnen überhaupt beschieden ist
Freilich bindet er sich nicht an die Schranken die dem Untersuchungsrichter
vorgezeichnet sind Als der Mann zu jener Zeit sich einige Tage hier aufhielt
erzählte ich ihm von Louis Wohlwend und seinem putzigen Benehmen Wir wurden
einig dass er als Vertreter eines fremden Beteiligten an dem überseeischen
Bankhandel der auch mit mir Rücksprache gepflogen habe zu Wohlwend gehen und
ihn unter dem Vorwand einer geschäftlichen Erkundigung beobachten und ausholen
solle Es gelang ihm den Mann länger als eine Stunde hinzuhalten aber nicht
ihn auf einem verfänglichen Worte zu ertappen Es gebe sagte der Arzt einzelne
Menschen welche die Macht haben ein unbequemes Faktum sozusagen in ihrem
Bewusstsein so gut aus dem Wege zu räumen dass sie nicht einmal im Schlafe
geschweige im Wachen davon sprechen wenn sie nicht sollen Und es seien das
durchaus nicht geistig starke Leute vielmehr solche denen jedes Bedürfnis
mangle sich mit sich selbst auseinanderzusetzen Dieser Mangel vermische sich
dann mit einer ordinären Verschmitzheit und bilde sich zu einer nützlichen
Kraft aus Nur die Nähe des natürlichen Todes vermöge zuweilen den Bann zu
brechen Zu diesen scheine Herr Wohlwend zu gehören wenn auch als merkwürdige
Abart Während der Unterredung habe er nicht krampfhaft vorsichtig getan
sondern ganz unbefangen geplaudert aufmerksam scheinbar zugehört und sich
gestellt als ob er nach gutem Rat suche den Kopf geschüttelt und schließlich
gesagt Es ist eine verzwickte dumme Geschichte Ich würde Ihrem Klienten raten
es zu machen wie der andere der Herr Salander und selbst hinzureisen nach Rio
es muss dort noch eher etwas auszurichten sein als hier dabei habe er sich mit
einer alten Pappschachtel beschäftigt in welcher ein Dutzend zerzauste
Schmetterlinge und Käfer von Staub bedeckt auf einem Häufchen gelegen Diese
verjährten Lebewesen auseinandersuchend und auf frische Korkhölzchen
befestigend habe er schließlich mit einem untiefen Seufzer gerufen Ja ja
mein lieber Herr ohne das bisschen Wissenschaft würde man oft nicht mehr den Mut
zum Leben behalten in dem Wirrsal dieser Welt Haben Sie sich nie mit
Insektenkunde befasst«
    Die Männer schwiegen einige Zeit wohl um sich zu besinnen was sich über
das ärgerliche Vorhandensein eines so unbequemen Gesellen weiter denken lasse
der gewissermaßen gleich einer Qualle sich selbst aufzuheben vermöge wenn er
merke dass er ausgeforscht werde
    Mittlerweile betupfte Möni Wighart mit dem Finger seine Nase bis er
unversehens rief
    »Wie ist mir denn Da geht mir etwas im Kopfe herum das ja ganz hierher
gehört und just von der heutigen Überraschung zurückgedrängt wurde Richtig
Nicht lang ists her dass ich von einem hiesigen Holzhändler hörte er habe tief
in Ungarn den Louis Wohlwend gesehen munter wie ein Fisch verheiratet mit
einer schönen jungen Frau und schon gesegnet mit zwei kleinen Kindern Den Ort
kann ich nicht mehr nennen Ich fragte den Holzhändler ob er ihn gesprochen
habe Freilich habe er ihn gesprochen und Wohlwend ihm erzählt wie ihm durch
diese glückliche Heirat nicht nur ein hübsches Weibchen sondern auch ein
artiges Weibergut zuteil geworden sei Er habe aber nicht viel mit ihm reden
können weil jener sich kurzerhand entfernt In einer Gaststube der Sache
nachfragend sei sie ihm von sesshaften Leuten bestätigt worden mit der näheren
Angabe der Schwiegervater Wohlwends ein Schweinehändler habe einer seiner
Töchter vor der Hochzeit ein schönes Vermögen nicht nur vorbestimmt sondern
gerichtlich verschrieben als künftiges Erbe und sich zugleich verpflichtet bis
zu seinem Ableben dem Wohlwend die Zinsen davon jährlich zukommen zu lassen
Einige bezweifeln allerdings die Geschichte weil der Schwiegervater keineswegs
für so wohlhabend gelte dass er jeder Tochter ein solches Erbe zuteilen könnte
andere dagegen weisen darauf hin dass das betreffende Frauenzimmer eine Tochter
aus erster Ehe sei und nur ihr Mütterliches beziehe während eine dritte Partei
behaupte sie sei gar nicht das rechte Kind des Schweinehändlers Eine vornehme
Dame habe es heimlich zur Welt und bei dem Manne untergebracht«
    »Kurz und gut« ergriff Martin Salander das Wort »mein Louis Wohlwend hat
ohne Zweifel im Osten Europas einen Schweinehändler drangekriegt«
    »Hm« machte der Rechtsanwalt »ich möchte fast lieber sagen ein östlicher
Schweinehändler hat den Meister Louis drangekriegt«
    »Ei wieso denn«
    »Nun wieso denn Wie wäre es wenn er seine beiseitegebrachten Raubgelder
die schönen Kontos de Reis des Herrn Martin Salander ganz still an die Grenze
der Türkei geschleppt und auf diese geniale Weise in Weibergut verwandelt hätte
Und wie wäre es wenn der Ferkelkrösus den Schlaukopf um Kapital und Zinsen zu
prellen wüsste und ihm obendrein das Weibchen auf dem Halse ließe Was mich
allein stutzen macht ist die Schwatzhaftigkeit mit welcher er sich dem
Holzhändler entdeckt hat nach dem was ich vorhin von dem Psychiater erzählte
Er muss eben ungemein fidel gewesen sein oder wie Homer ein Schläfchen getan
haben Der Umstand dass wahrscheinlich hier zwei Hechte am nämlichen Karpfen
stehen hindert mich auch Herr Wighart Sie jetzt schon zu ersuchen Sie
möchten Ihren Gewährsmann um genaue Bezeichnung von Orts und Personennamen
angehen Ich will nur meine Phantasiearbeit noch einige Tage überlegen und werde
mir dann erlauben bei Ihnen anzuklopfen natürlich im Einverständnis meines
Herrn Klienten sofern er sich überhaupt noch als solchen betrachtet Eigentlich
aber würde es sich sofort um eine Kriminalsache handeln und für die Behörden der
Anlass dasein von sich aus vorzugehen«
    »Überlegen Sie Herr Fürsprech« erwiderte Salander »am Ende schadet es
nichts wenn wir den Schadenmüller den Hecht wenigstens ein bisschen aufstören
und herumjagen können«
    Die drei Männer unterhielten sich noch eine Viertelstunde und brachen dann
auf um sich jeder an geeigneter Stelle zu verabschieden Martin Salander ging
nach Hause
    Der Eindruck den er von seinem Gang durch das neue Volk und von dem
Auftritt mit dem Maulhelden davongetragen erwachte wieder als er unter dem
alten Sternenhimmel dahinschritt und das quälende Verhältnis zu dem alten
Freunde Wohlwend an den er wie mit eisernen Ketten gebunden schien verdunkelte
die trübe Stimmung noch mehr die ihn befallen Er nahm sich vor den Advokaten
von der weiteren Verfolgung Wohlwends abzumahnen damit der Mensch aus seinem
Gedächtnis eher verschwinde Aber trotz dieses Vorsatzes bedurfte es des
freundlich erleuchteten Wohngemaches in das er trat und der um den Tisch
versammelten Kinder die seiner harrten um ein leichteres Herz zu gewinnen Die
Gattin die seine trüben Augen noch schnell gesehen kam mit einer sorglichen
Ansprache schon zu spät
    Als Martin bald darauf zu seinem Advokaten ging fand er diesen schon selbst
von dem Gedanken abgekommen amtliche Nachforschungen über die Natur des
Wohlwendschen Frauenvermögens zu veranlassen Es schien ihm doch nicht tunlich
auf Grund unbestimmter Gerüchte und einer bloßen witzigen Vermutung in
entlegenen Ländern so vorzugehen »Wenn wir die Angel jetzt auswerfen« sagte
er »so wird sie uns kurz abgerissen halten wir sie aber noch zurück so kann
sie uns unversehens einmal nützlich werden«
 
                                      VII
Martin säumte nun nicht seine Handelsgeschäfte wiederaufzunehmen dh sich für
deren Fortführung auf dem Platze Münsterburg einzurichten Er mietete die
nötigen Räume für Kontor und Magazine und bald saß auch ein Schreiber am Pult
und lief ein Lehrling ab und zu Frau Marie bat sehr ihr die kleine
Handelsanstalt im Hause zu lassen und er tat es mit Vergnügen da er ihr
gewisse Gegenstände zuzuweisen gedachte deren Bewältigung ihm selbst zu
umständlich und wenig lohnend schien Aber es stellte sich heraus dass die
wackere Frau nicht so leicht auf alles einging sondern bereits so gut ihre
Grundsätze besaß wie ein altbewährtes Handelshaus Sie wollte sich mit nicht
vielen aber als gut bekannten Waren begnügen für welche sie eine sichere
Kundschaft wusste diese vermehrte sich unausgesetzt aber gemächlich und ohne
Gedränge so dass sie nie genötigt war den Bedarf in ungeordneter Weise zu
decken kurz ihr Geschäft war eines von denen welche man ein stilles
Goldgrüblein zu nennen pflegt
    Der Mann hütete sich sie hierin zu stören und ließ sie gerne fernerhin
ihre besondere Rechnung führen die er geprüft und in Ordnung gefunden hatte
Freilich musste er dabei die buchmässigen Posten des Soll und Haben aus ihren
verschiedenen Heften und Büchelchen zusammensuchen und Marie Salander schaute
ihm etwas ängstlich zu was wohl herauskommen werde doch lachte sie vergnügt
als schließlich bis auf den letzten Franken alles in schwarzer und roter Tinte
an seinem Orte stand mit Bilanz und Nachweis
    So hauste Martin Salander mit den Seinen wieder auf altem Grunde und konnte
beruhigt in die Welt und in die Jahre hinausschauen soweit es der Mensch
verlangen kann denn wer auch nicht Welt und Zeit zu überholen strebte dem
kamen sie von selbst vor die Füße gerollt
    Trotz der Täuschung die ihm auf seinem Sonntagsspaziergang ins Volk so
trübselig zerflossen war musste er die Augen doch wieder auf die öffentlichen
Dinge richten und sich näher mit ihnen vertraut machen wie sie sich nun
darstellten Die neue Verfassung die die Münsterburger angenommen hatten wurde
von den vorgeschrittensten Staats und Gesellschaftsfreunden fremder Länder als
etwas Zufriedenstellendes belobt womit sich erreichen lasse was man mit
Entschlossenheit wolle und die gleichen Grundsätze welche man dem Volke in
einem gemässigten ja bescheidenen Sinne hatte belieben können sollten schon in
ihrer jetzigen wörtlichen Gestalt genügen von Tag zu Tag die ungeheuersten
Veränderungen einzuführen an welche dasselbe Volk nicht gedacht hatte In
diesen ersten Jahren summte es denn auch wie ein Bienenkorb von
Gesetzesvorschlägen und Abstimmungen und Salander sah mit Verwunderung wie im
Halbdunkel eines Bierstübchens zwei Projektenmacher den Entwurf eines kleinen
Millionen kostenden Gesetzes oder Volksbeschlusses fix und fertig formulieren
konnten ohne dass die vom Volke gewählte Regierung ein Wort dazu zu sagen bekam
Dazu erhielten die massenhaften Wahlen aller kleinen und großen Beamten in
Verwaltung Gericht Schule und Gemeinde sich in kurzen Zwischenräumen
drängend die stimmberechtigte Bevölkerung unaufhörlich auf den Beinen und da
Martin Salander keine dieser Pflichten versäumte so befand er sich unvermerkt
mitten in der Strömung Um sich besser zu unterrichten besuchte er die
politischen Versammlungen fing an mitzureden und Vorschläge zu machen und da
seine Unabhängigkeit bekannt war und man daher wusste dass er für sich nichts
wollte wurde er in allerhand Ausschüsse gewählt deren Arbeiten er sich mit
ehrlichem Eifer unterzog obgleich ein Umherreisen im Lande damit verbunden und
er eigentlich kein Vagant war
    Auf diesem weitläufigen Wege geriet er in die unmittelbare Volksleitung oder
unterschlächtige Regierung hinein welche in Gestalt von Wanderlehrern dem Volke
die schwierigeren Punkte seiner Selbstbestimmung zu erklären dh vom übel
unterrichteten an das besser zu unterrichtende Volk zu appellieren hatte
    Zwar gab es Gegenstände die ihm selber nicht recht geläufig waren weshalb
er sich vorher rasch mit ihnen bekanntmachen oder die gedruckten Aktenstücke auf
Treu und Glauben verteidigen musste Indessen ließ er sich dergleichen nicht oft
zuschulden kommen während er es an anderen häufiger beobachtete Zuweilen
wollte ihn eine trübe Ahnung beschleichen als ob das Personal der politischen
Ober Mittel und Unterstreber gegen früher im ganzen ein klein wenig gesunken
wäre so dass die etwas geringere Beschaffenheit der einen Schicht diejenige der
anderen bedinge und erkläre Allein er fasste bald wieder guten Mut auf den
unverlierbaren guten Ackergrund des Volkes vertrauend der stets wieder
gradgewachsene hohe Halme hervorbringe Und er gelobte dann obschon nun kein
Jüngling mehr auf sich selbst zu achten wissentlich nie ein gemeiner Streber
zu werden und das gedachte Niveau nicht auch herunterdrücken zu helfen
    So löblichem Vorsatze getreu erlebte er aber nochmals einen Verdruss ähnlich
demjenigen des ersten Spazierganges nach seiner Rückkehr aus Brasilien
Ebenfalls an einem Sonntagnachmittage wohnte er in seinem eigenen Heimatorte der
Besprechung einer Nahrungsfrage bei die in allen Kulturstaaten dieselbe ist und
die gleiche neutrale und rein sachliche Behandlung erfährt Hier aber handelte
es sich um den Vorschlag einer nicht nur absonderlichen sondern ganz unsinnigen
Einrichtung die ein einzelner Kopf ausgeheckt und die in der Gegend einigen
Anklang gefunden hatte Martin Salander sollte im Einverständnis mit seinen
Freunden dagegen auftreten Erst hörte er die Begründung des Vorschlages und
eine Anzahl weiterer Reden an in welchen von ungeschulten meist jüngeren
Leuten statt eingehender Gründe nur immer das Wort Republik republikanisch
Würde des Republikaners usw vorgebracht und geschrien wurde Dieses Pochen auf
die Republik bei jedem passenden und unpassenden Anlass hatte ihn schon lange
betrübt gerade weil er ein aufrichtiger Republikaner war in Ansehung seines
Vaterlandes Als er sich nun zu seinem Votum erhob fühlte er sich gedrungen
eine diesfällige Ansprache vorauszuschicken zumal ihm die anwesende Mannschaft
einer wohlgemeinten Belehrung bedürftig schien
    »Liebe Mitbürger« begann er mit möglichster Ruhe »ehe ich meine
abweichenden Ansichten von der vorwürfigen Sache darlege kann ich nicht umhin
das auch mir teure Wort Republik zu berühren das wir jetzt seit einer Stunde
gewiss zwei Dutzend Male gehört haben Unsere Vorfahren haben seit bald
sechshundert Jahren die Republik in heißen Schlachten begründet und befestigt
ohne das Wort je in den Mund zu nehmen und die vielen alten Bundesbriefe und
Landbücher enthalten es nicht Erst später haben es die Patrizier und Bürger der
herrschenden Städte für sich angewendet um mit dem schönen Wort ihrer irdischen
Herrlichkeit einen antiken Glanz zu verleihen Wir haben es jetzt im
Sprachgebrauch aber nicht zum Missbrauch Mich will bedünken wer es immer im
Munde führt und dabei auf die Brust klopft könne ebensogut sich der Gleisnerei
schuldig machen wie jeder andere Pharisäer oder Mucker Doch damit haben wir
jetzt nichts zu schaffen nur darauf möchte ich aufmerksam machen werte
Mitbürger dass auch der Republikaner alles was er braucht erwerben muss und
nicht mit Worten bezahlen kann über Naturgesetze hat die Republik nicht
abzustimmen die Vorsehung legt ihr den Plan über die dem Landwirte nützliche
Witterung der Jahreszeiten so wenig zur Annahme oder Verwerfung vor als den
Untertanen der Könige und diesen selbst und der Weltverkehr kümmert sich nicht
um die Staatsformen der Länder und Weltteile die er durchbraust Dies wollte
ich mir zu bemerken erlauben ehe ich zur Eröffnung meiner Ansicht übergehe und
dabei mich mehr mit den faktischen Verhältnissen beschäftige als bisher
geschehen ist«
    Die unerwartete Predigt war nicht wohl angebracht Nachdem schon früher ein
Murren vernommen worden unterbrach jetzt einer den Sprecher und verlangte das
Wort
    Es scheine wieder einmal Eile zu haben mit der Reaktion Kaum seien einige
Jahre dahingeschwunden so möge ein Kind dieser Landesgegend ein ehemaliges
Mitglied der Volksschule freilich jetzt in goldenen Ketten hängend so vermöge
Herr Martin Salander das Wort Republik nicht mehr zu vertragen Unter solchen
Umständen sei denjenigen die sich noch dazu bekennen nicht zuzumuten in
ernster Volksverhandlung Reden der Feindseligkeit anzuhören Wenn sonst niemand
mehr zu sprechen wünsche so trage man auf Schluss der Diskussion und Abstimmung
an
    Salander der stehen geblieben wollte mit gehobener Stimme fortfahren
Einige die aus der Sache nicht klug wurden unterstützten ihn andere denen
der Sinn seiner Rede ebenfalls zu hoch gewesen aber verdächtig schien
ereiferten sich dagegen es entstand ein Wirrwarr in welchem diejenigen
obsiegten welche ihn wohl verstanden wie Martin es meinte aber eben das von
ihm Gemeinte hassten und nicht leiden wollten
    Das Wort blieb ihm entzogen ein Gegenantrag wurde nicht gestellt und die
betreffende Sache für geschlossen erklärt Sie fiel freilich im weiteren
Verlaufe später unrühmlich dahin Martin Salander hingegen war heute um eine
Erfahrung reicher Er verließ das Haus und das ansehnliche Dorf ohne weiter
jemand zu sehen und anstatt die Bahn zu benutzen auf welcher er gekommen
schlug er einen Fußweg ein der quer durch Felder und Wälder nach Münsterburg
führte
    Auf diesem einsamen Gange konnte er überlegen inwiefern es nicht nur für
den höheren Staatsmann sondern auch für den Volksmann zweckmäßige sei
moralische Aufrichtigkeiten zu unterdrücken Am Ende dachte er bin ich doch
froh dass ich es gesagt habe Etwas bleibt davon doch hängen und wenn sie mich
nach ihrem Sinne in die Zeitungen tun so will ich erst laut predigen dass der
Name Republik kein Stein sei den man dem Volke für Brot geben dürfe
    Das redliche Vorhaben erhellte ihm das etwas verdrossene Gemüt rüstigen
Schrittes bestieg er die Anhöhen die ihn noch von der Stadt trennten und der
lange Hochsommertag ließ ihn vor Sonnenuntergang die Scheitelhöhe erreichen wo
seiner eine seltsame Überraschung wartete Auf einer frischgemähten Wiese zum
Teil von Gehölz umgeben hatte der Wirt des nahen Hofes eine kleine Lustbarkeit
aufgeschlagen indem er im Schatten der Bäume einige lange Tische hinstellte und
auf die Wiese einen großen Bottich umstürzte Auf diesem saßen drei bescheidene
Musikanten die eine gemächliche Tanzmusik aufführten Martin hatte die durch
die stille Luft fast sehnsüchtig klingende Kunstlosigkeit schon ein Weilchen
vernommen jetzt erblickte er ein junges Völkchen welches in lockerem Ringe und
freien Gruppen um den Bottich herumtanzte ohne allen Lärm im goldenen
Abendschein dass die verlängerten Schatten der Tänzer auf dem grüngoldenen Boden
mitspielten
    Salander ergötzte sich an dem Anblick
    Ein Bild wie aus einer andern Welt dachte er wie friedlich und
grundvergnügt Was mag das nur für eine Gesellschaft sein Die meisten sind gut
gekleidet einige zierlich andere schlichter Junge Mädchen junge Knaben
    Aber wie erstaunte er als er nähertretend seine eigenen Töchter erkannte
die jetzt im Alter von achtzehn bis neunzehn Jahren schlank und anmutig an
der Seite von jüngeren Knaben sich drehten die nicht minder hübsch aussahen und
schon hoch aufgeschossen waren wie die Mädchen
    Salander konnte nicht umhin das erste Paar Netti und ihren Knaben mit den
Blicken zu verfolgen und den munteren Tänzer näher ins Auge zu fassen Es war
wie gesagt ein feingelenker Bursche dessen blonde Haarwellen im Sonnengolde
flogen und schimmerten
    Indem er dem Paare nachblickte verlor er dasselbe aus den Augen und suchte
daher das andere Mädchen Setti das er von weitem bemerkt hatte Und soeben kam
es herangeschwebt aber wie ihn dünkte mit dem gleichen Jüngling demselben
Goldhaar wie Netti
    Die Wetterhexen haben schöne Anlagen fuhr es ihm durch den Sinn die
verstehen es ja schon vortrefflich die Knaben auszuwechseln Da muss man doch
ein wenig zusehen
    Er ließ das Pärchen vorbeigehen und schaute ihm genau nach indessen von der
andern Seite her wiederum Netti immer mit dem gleichen Cherub zur Seite
anrückte diesmal aber dicht vor ihm anhielt da die Musik aufhörte
    »Oh da ist ja der Vater Hast du uns aufgesucht und gewusst dass wir hier
sind« rief die Tochter erfreuten Herzens
    »Woher sollte ich es wissen Ich komme ganz zufällig daher Was ist das für
ein Ball Ist Setti auch hier«
    »Natürlich ja und die Mutter mit Arnold auch die sitzen dort an einem der
Tische Weil du gesagt hattest du würdest mit dem letzten Zuge um zehn Uhr
heimkehren anerbot sie uns auf den Berg zu gehen«
    Salander wollte nun nach ihrem Tanzgesellen fragen wer der junge Herr
eigentlich sei der jetzt den Hut zum zweiten Male zog als die Schwester mit
dem ihrigen zur Stelle kam so dass jener beide nebeneinanderstehen sah und sich
noch mehr wunderte
    »Das sind die Herren Isidor und Julian Weidelich Schulkameraden von
Arnold« erklärte die ältere Tochter
    »Ei so« sagte Martin ohne sich sogleich an den Vorgang am Brunnen im
Zeisig zu erinnern seit welchem wohl sieben bis acht Jahre mochten verflossen
sein »Auch vom Gymnasium«
    »Aber nicht von der gleichen Klasse denn wir sind etwas jünger« sagte
Julian »wir kommen nur in der Singstunde zusammen«
    »Also ein Paar Zwillinge ohne Zweifel Und woher zu Haus«
    »Wir wohnen im Zeisig nicht weit von der Kreuzhalde«
    Jetzt dämmerte es wie eine Erinnerung in Salanders Seele er sah nach und
nach die rundlichen Bübchen mit ihren Schürzen von denen freilich an den vor
ihm stehenden Heranwüchslingen keine Spur mehr zu erkennen war
    »Und was macht die Mama Lebt sie noch« fragte er weiter
    »Sie ist auch dort am Tisch und ganz gesund« lautete die Antwort
    »Das freut mich Und ihr jungen Leute wollt also auch studieren Und was
wenn man fragen darf«
    »Das wissen wir noch nicht Vielleicht die Rechte einer vielleicht
Medizin« sagte Julian Isidor fügte hinzu
    »Wir können auch Professoren werden wenn wir wollen weil sie jetzt so hoch
bezahlt werden sagt die Mama nur sollten wir hierbleiben«
    »Gut so« erwiderte Herr Salander »nun wollen wir aber doch sehen wo die
Mutter ist Kommt Kinder«
    Die Töchter wiesen ihm den Weg und die keineswegs schüchternen Jungen
folgten ihnen auf dem Fuße während die Musikanten eine neue Tanzweise
anstimmten
    Frau Marie war sehr froh ihren Mann so unverhofft vor sich zu sehen Sie
saß das Waldesgrün dicht im Rücken unter einfach bürgerlichen Leuten welche
sich an den billigen Getränken und Speisen gelassen erquickten an dünnem aber
gesundem Wein süßer Milch Bauernbrot Kraut und Speckkuchen Neben ihr saß die
Frau Amalie Weidelich so rüstig wie je einem Kessel voll Lauge vorzustehen
dabei gedieh sie offenbar vortrefflich denn sie war höchlich herausgeputzt
trug einen bunten Blumenhut und eine goldene Uhr an langer Kette auf dem Leibe
Das breite Gesicht glänzte kräftig gebräunt und ein zarter Rosenton auf den
Höhen der Wangen des vollen Kinns und der Nase zeugte nur von dem Fleiße der
Frau die ein Haus voll Wäscherinnen und Plätterinnen zu regieren hatte und
deren zahlreiche Erfrischungen in Wein wie billig vorkostete Am frühen
Wintermorgen ehe die mächtige Kaffeekanne aufrückte gab es sogar ein Gläschen
Kirsch oder Nusswasser
    Sie begrüßte den Martin Salander sehr freundlich und ganz unbefangen
    »Denken Sie« rief Frau Weidelich »wir haben gar nicht gewusst dass wir vor
Jahren einmal Nachbarn gewesen sind Nun sinds unsere Söhne in der Schule« Sie
blickte mit Stolz auf die ihrigen und suchte dann wohlwollend den Salanderschen
    »Arnold ist in das Holz hineingegangen um Pflanzen zu suchen« bemerkte
Frau Salander »geht Mädchen und ruft ihn herbei damit wir auch ans
Aufbrechen denken können Die Sonne dort geht bald hinab«
    »Das eilt ja nicht so« versetzte Frau Weidelich »wir haben ja Mannsleute
genug bei uns Ja ja Herr Salander Ihr habt Eueren Weg tapfer gemacht und
seid jetzt ein reicher Herr wie ich glaubwürdig finde Aber nicht wahr es
freut einen nur wenn man erfreuliche Kinder hat an die man es wenden kann
Gott sei Dank uns geht es auch ordentlich Aber alles was wir aufbringen
opfern wir unsern zwei Söhnen und ihren künftigen Tagen Ich hoffe sie werden
es einbringen und von sich reden machen denn in der Lehre und allem was nötig
ist soll es an nichts fehlen Wir hätten gerne im Zeisig ein neues Haus gebaut
statt der alten Bauernhütte Aber nein sagten wir es tuts noch solange wir
da sind und wo die Söhne sich niederlassen und bauen werden kann man ja noch
gar nicht wissen Also wollen wir lieber das Geld behalten und uns schicken«
    Sie wollte wieder einen Blick auf ihre Zwillinge werfen fand sie aber
nicht weshalb ihre Augen dieselben sogleich suchten
    Die zwei Salanderfräulein hatten ihren Bruder Arnold im Innern des Gehölzes
nicht lang gesucht sondern nur ein paarmal gerufen und waren dann wieder unter
die vorderen Bäume gekommen wo sie einander um die Hüften fassend
Schwesterliebe oder Mädchenfreundschaft darstellend auf und ab spazierten
begleitet von den Zwillingen links und rechts
    Die Mama Weidelich nahm den Aufzug wahr
    »Seht doch« sagte sie gerührt »wie lieblich die jungen Leutchen dort
spazierengehen Man könnte glauben es seien zwei Brautpärchen«
    »Ei freilich warum nicht« meinte Frau Salander lachend »die Mädchen wären
wenigstens alt genug für die Knaben und zu wachsen brauchten sie auch nicht
mehr«
    »Das hat nichts auf sich« rief wiederum die andere Mutter »meine Buben
werden Bursche abgeben aus denen man zwei machen kann vom Stück«
    Frau Marie fühlte sich von diesen Scherzen nicht angenehm berührt als sie
daher nach den Kindern sah und bemerkte wie dieselben im Begriffe waren mit
dem Beginne eines Walzers wieder nach der Mitte der Tanzwiese abzuschwenken
jede der Töchter am Arm eines der Zwillinge stand sie rasch auf und holte sie
ein
    »Was fällt euch ein Setti Netti« rief sie den Mädchen in entschiedenem
Tone zu »dass ihr wieder anfangen wollt während die Sonne untergegangen ist und
wir bald fortgehen werden Kommt nur gleich mit und nehmt eure Sachen
zusammen«
    Die Mädchen ließ ihre Knaben ohne sichtbare Trauer gehorsam fahren die
letzteren aber erröteten und waren verlegen was der Frau nicht entging und sie
ein bisschen ärgerte denn es schien ihr nicht schicklich dass die Bürschchen rot
zu werden brauchten Sie spielten mit ihren silbernen Uhrkettchen folgten aber
den Frauen zu den Tischen
    Ihre Mutter empfing sie mit leuchtenden Blicken
    »Was ist das für eine Aufführung ihr Tausendkerle« rief sie ihnen zu »mit
den Jungfern zu tanzen und wo habt ihr es nur gelernt«
    »Hei das weißt du ja wohl Mama in der Tanzstunde«
    »Schweigt Freilich weiß ichs Danket Gott dass ihr Eltern habt die soviel
für euch tun und alles aufwenden was sie vermögen Und der Vater arbeitet von
früh bis spät jahraus und ein plagt er sich kauft Land und pflanzt und
schwitzt und im Winter lässt er es aus Frankreich und bis aus Algier kommen
Denn er sagt die Kosten gehen erst recht an wenn ihr Studenten seid da müsse
es zu Tausenden parat liegen Herr Salander ich hab gehört dass Ihr jeden
Augenblick Ratsherr werden könntet wenn Ihr wolltet Nun Ihr seid Kaufherr
das ist auch schön und eine Art milder Ratsherr noch dazu Aber ein paar so
studierte Räte oder Fürspreche oder Pfarrherren wie die zwei Schlingel da ist
doch auch nicht übel«
    Mit glückseligen Augen blinzelte sie die Söhne an welche sich den Wein
eingeschenkt hatten der noch in der Flasche gewesen und sich weidlich den
Durst löschten
    »Trinkt und esst« rief sie »und mög es euch gut tun Soll ich noch eine
Halbe befehlen«
    Die Knaben verneinten es da sie noch nicht einmal in das Alter vorgerückt
in welchem man über Durst zu trinken gelernt hat
    »Nun denn so wollen wir aufbrechen die Suppe wird bald fertig sein und der
Vater die Milch auch besorgt haben Dann geht er noch zum Sonntagsschöppchen
und das ist ihm wohl zu gönnen Kommt macht vorwärts ihr Sapperlöter Ich will
wetten wenn ihr einmal die weißen Mützen tragt oder auch rote so denkt ihr
die halben Nächte lang nicht heimzukommen Aber wartet nur wartet nur Man wird
euch die Schneckentänze vertreiben Jetzt empfehle ich mich höflich dem Herrn
und der Frau und freut mich sehr der werten Bekanntschaft hoffentlich nicht
das letzte Mal und denen Jungfern  heda ihr Buben bedankt ihr euch nicht für
die schöne Unterhaltung und steht dort wie Opferstöcke«
    Die Knaben ließ sich blöder und unbeholfener herbei als sich nach ihrem
kecken Tanzen hätte vermuten lassen um den Mädchen die Hände zu geben und gute
Nacht zu sagen Endlich zog die glückliche Mutter mit den Söhnen von dannen und
es wurde nun stiller
    Martin Salander wünschte noch ein wenig auszuruhen da er einen
dreistündigen Marsch hinter sich hatte der Sohn Arnold der mit einer buschigen
Handvoll Waldpflanzen eintraf warf sie auf den Tisch um sie zu ordnen und
entdeckte dass er mit Trank und Speise zu kurz gekommen sei wodurch er den
Vorteil erreichte mit dem Vater extra einen Schoppen auszustechen da Mutter
und Schwestern nur Milch mit eingebrocktem Brot gegessen hatten
    Salander fragte wie sie denn in die Gesellschaft dieser Familie Weidelich
geraten seien
    »Das weiß ich selber kaum« sagte Frau Marie »wir hatten soeben hier Platz
genommen als wir auf einmal mittendrin waren Arnold kennt wie es scheint die
jungen Herren«
    »Ich habe sie früher schon im Scherz gefragt« erzählte nun Arnold »ob sie
auch noch wüssten wie sie als kleine Buben am Brunnen im Zeisig einen andern mit
Wasser gespitzt haben weil er zu seiner Mutter nicht Mama sagte Das dünkte sie
sehr lustig und sie haben es ohne Zweifel zu Hause wiedererzählt wo man sich
der Begebenheit auch erinnert haben mag Heute haben sie wie ich bemerkte
ihrer Mutter sogleich zugesteckt ich sei jener Junge und wir alle seien die
Leute von der Kreuzhalde von denen nachher soviel die Rede gewesen«
    »Dann kam sie heran« fuhr die Mutter fort »machte sich an mich und hatte
keine Ruhe als die armen Musikanten laut wurden bis ihre Knaben ihre Tanzkunst
zeigen durften was unsern beiden Springmäusen da versteht sich ganz genehm
war«
    »Sie tanzen aber auch schon sehr gut« riefen Setti und Netti »und nehmen
jetzt noch Tanzstunden«
    »Gott sei Dank« versetzte Frau Marie »ich sehe sie deswegen doch noch wie
sie die Mäuler aussperrten damals als wir hungerten und die Reste
verschlangen auf die wir so sehnlich harrten«
    »Ach es waren ja Kinder Wir hättens auch hinuntergeschluckt wenn man uns
Butterbrötchen mit Honig in den Mund steckte« meinten die Mädchen
    »Solche Zwillinge sind doch unbequem und vexierlich« sagte der Vater »ich
kann diese wenigstens gar nicht voneinander unterscheiden«
    »Oh sie haben doch ihre Abzeichen« rief Netti fast vorlaut »das linke
Ohrläppchen des Julian ist ein bisschen in sich gewickelt etwa wie ein Stücklein
Spritzkuchen ganz appetitlich Ich sah es wenn sein welliges Haar auf und
nieder schlug«
    »Das ist ja merkwürdig« fiel Setti ein »der andere Isidor heißt er glaub
ich hat das rechte Ohrläppchen genauso wie ein Eiernudelchen«
    »Wissenschaftlich höchst merkwürdig« erklärte der Bruder mit schalkhafter
Trockenheit »das sind einfach entweder die Überbleibsel einer untergegangenen
Form oder die Anfänge einer neuen zukünftigen Lasst eure Ohrläppchen
untersuchen Mädchen Wenn ihr Ähnliches aufweiset so nehmt euch in acht sonst
wählen euch die Zwillinge zu ihren Frauen um nach der Selektionsteorie eine
neue Art von wickelohrigen Menschen zu stiften Oder heiratet sie lieber gleich
freiwillig«
    Die Mutter hielt ihm die Hand über den Mund da er neben ihr saß und rief
»Schweig du Nichtsnutz wenn du nichts Gescheiteres aus der Schule zu schwatzen
weißt als solche Possen« Der Vater aber lachte und sagte »Das hast du gut
gemacht Arnold Und jetzt wollen wir auch heimwandern sonst wird es zu dunkel
denn wir haben Neumond aber die Sterne kommen schön seht doch einer nach dem
andern«
 
                                      VIII
Die Söhne Weidelich fuhren fort kräftig emporzuwachsen und leiblich zu
gedeihen sie gingen in guter Haltung einher voll sichtlicher Zufriedenheit mit
dem Aufsehen das sie erregten wenn sie beisammen waren Auch an geistigen
Gaben litten sie nicht eben Mangel wohl aber an der Ausdauer die vorgenommenen
Studien zu vollenden Als sie in die oberen Klassen rückten und das Leben und
Lernen ihnen täglich ernster und tiefsinniger wurde war Julian der erste der
nicht mehr »wollte« Er sprang ab und ging auf die Schreibstube eines Notars
Isidor hielt aus bis zum Schluße machte aber die Prüfungen zum Übergang an
die Hochschule nicht mehr mit sondern besuchte als sogenannter Zuhörer ein
halbes Jahr lang einige juristische Vorlesungen und stand dann auch auf einer
Notariatskanzlei unter
    Beide besaßen eine regelmäßig schöne Handschrift wie sie der angehenden
Gelehrsamkeit die andere Bedürfnisse hat sonst nicht eigen zu bleiben pflegt
und beide liebten gleichmäßig sich im Malen kalligraphischer Kunststücke zu
ergehen Sie erwiesen sich als sehr brauchbar in den vorkommenden Geschäften und
eigneten sich durch die tägliche Erfahrung beinahe spielend die diesem
Kanzleiwesen zugrunde liegenden Kenntnisse an
    Dem Vater Weidelich wollte ein solcher Ausgang zwar nicht gefallen er
fragte ob das die ganze Herrlichkeit sei die man habe erreichen wollen Die
Mama hingegen war höchlich zufrieden »Die Buben sind klüger als wir« sagte
sie »die wissen schon wo sie hinaus müssen Können sie nicht alles was man
ihnen zu tun gibt Warum sollen sie sich ihre jungen Köpfe zerbrechen wie andere
Narren«
    Und weil sie nun anstatt fernere unabsehbare Kosten zu verursachen bereits
selber etwas Geld verdienten fand sich auch der Vater zufriedengestellt und
blieb es als im Alter von knapp zwanzig Jahren die Zwillinge von den
Vorgesetzten zu ihren Amtsvertretern befördert wurden und demgemäss bereits
gerichtliche Zeugnisse über ihre Wahlfähigkeit als Notare besaßen
    Um diese Zeit ungefähr ereignete es sich dass ein seltsames Phänomen
verliebter Leidenschaft mehr in der Welt war oder ruchbar wurde
    Martin Salander glaubte wahrzunehmen dass seine zwei Töchter und deren
Mutter nicht mehr in einem vertraut unbefangenen Verhältnis zueinander standen
dass die Töchter in einer geheimnisvollen Übereinstimmung zusammenhielten und
lebten die Mutter dagegen von einem tiefen Ernst wo nicht Kummer erfüllt
schien den sie nicht immer zu verhehlen wusste besonders seit sie nicht mehr in
ihrer Handlung beschäftigt war Denn Salander dessen Hauptverkehr ohne
besondere Anstrengung fortwährend ordentlich blühte vielleicht gerade weil er
nicht künstelte und spekulierte mehr von seinen bürgerlichen Liebhabereien oder
Pflichtleistungen eingenommen Salander mochte nicht länger ansehen wie Frau
Marie ohne alle Not sich als Handelsfrau plagte Er hatte daher das Filialwesen
einem tätigen jungen Kaufmann um gutes Geld überlassen und die treffliche Gattin
zur Ruhe gesetzt was sie sich ohne überflüssige Reden gefallen ließ Den ganzen
Gewinn der ein schönes Kapital ausmachte hatte er ohne Widerspruch zu dulden
zu ihrem längst versicherten Frauengute geschlagen damit sie unabhängig von ihm
selbst und seinem Stern oder Unstern und im Falle seines Todes auch unabhängig
von den Kindern sein sollte in einer unsicheren Zeit Da sie also nun mit
Gedanken und Sorgen die sie drückten nicht mehr hinter dem Kaufmannspult
untertauchen konnte lag ihr Angesicht offen vor dem Manne und dieser fragte
was vorgehe
    Wenn die gute Frau reden mochte so hätte sie es ja von selbst getan Sie
sah vor sich nieder rieb sich die Hände als ob es sie frösteln würde Dann
sagte sie
    »Ein Ziegel ist uns auf den Kopf gefallen«
    »Ein Ziegel Von welchem Dache denn« fragte Martin betreten da er aus dem
Ernste der Gattin auf etwas Bedenkliches ja Gefährliches schließen musste
    »Ich kann es doch nicht länger für mich allein verwinden Unsere Töchter
haben eine Liebschaft«
    »Zusammen dieselbe« fragte der Mann lächelnd etwas erleichtert dass es
nicht auf Schrecklicheres hinauslief
    Die Frau verharrte in strengem Ernste
    »Nein es ist eine Doppelliebschaft kurz und gut sie haben sich mit den
Zwillingsschreibern aus dem Zeisig verlobt«
    »Die Hexen Wie kommt denn das wann wie wo denn Da muss ich mich
allerdings langsam hineinfinden Das ist fast eine Nachricht wie ein Dachziegel
wenn es auch nicht gleich ein Loch in den Kopf macht«
    »Mir hat es den Kopf genug durchlöchert Denke dir doch zwei Mädchen von
fünf und sechsundzwanzig Jahren wollen zwei zwanzigjährige Zwillinge heiraten
Das ist ein ungehöriges Abenteuer beides das Alter und die Zwillinge Wären es
alte Weiber die sich junge Männer nehmen so kommt das ja oft vor man lacht
und damit ists gut Aber Mädchen in der Blüte ihrer Jahre und doch an der
Grenze ihrer Jugend stehend eine solche Wahl treffen flaumbärtige Gecklein
zwei Schwestern zwei Zwillinge«
    
    »Nun es ist schon eine Art Roman und auch mir nicht just angenehm allein
die Liebe macht ja stets fort solche Streiche sagt man nicht hundertmal was
man erlebe sei oft krasser als alles was man erfinde«
    »Ja ja Es ist dann auch meistens danach ich danke dafür Ach liebster
Mann wir haben gewiss gefehlt dass wir die Kinder nirgends in die Welt geschickt
haben und auch nichts erlernen ließ was einem Berufe ähnlich war Du sagtest
wer Töchter im Hause zu behalten vermöge der solle es tun und von Pensionen
wolltest du nichts wissen noch weniger von Berufssachen Das nanntest du den
Ärmeren das Brot vor dem Munde wegnehmen und eine Hungerschluckerei wo es sich
nicht um bestimmte Talente handle die zu pflegen seien Du schwärmtest für die
freien Töchter des Hauses und für die freien Hausfrauen welche nicht der
Dienstbarkeit zu verfallen brauchen und ich stimmte dir bei weil ich selbst
von unserm Glück betört war obgleich ich wusste wie gut es mir gekommen wäre
wenn ich einstmals einen Beruf gelernt hätte Du musst das nicht übelnehmen es
soll nicht der leiseste Vorwurf sein«
    »Ich versteh es auch nicht so mein liebes Weib weil ich genau weiß wie
gut du dich durch die Welt schlägst Dass sie dir auf der Kreuzhalde die Bäume
weggeschlagen haben war nicht deine oder meine Schuld«
    »Lassen wir das ich will nur sagen hätten die Mädchen nicht über eine so
vollkommene Musse und Freiheit verfügt so hätten sie schwerlich das widerwärtige
Abenteuer zusammen ausspintisiert Jetzt was sollen wir mit dem Zwillingsgemüse
anfangen Und die aufgeblasene Waschfrau obendrein«
    »Ei was die betrifft so ist es gewiss eine rohe Muschel aber auch sie
birgt die Perle der Muttertreue Doch mit alledem erfahre ich nicht was
eigentlich vorgeht Haben sie sich dir offenbart«
    »Gott bewahre sie sind ja volljährig Sie würden die Eltern allerdings zur
gutfindenden Zeit begrüßt haben auch wäre wie ich sicher glaube keines der
Kinder für sich allein so verschlagen so rücksichtslos gegen uns gewesen aber
das verwünschte Doppelgespann hat die traurige Geschichte zu einer verschworenen
Heimlichkeit gemacht «
    »Liebe Marie« unterbrach Martin »wir wollen die Frage der Zulässigkeit
einstweilen ruhen lassen Du kannst doch nicht im Ernste behaupten dass
Zwillinge sich nicht verehelichen dürfen und ebensowenig dass es zwei
Schwestern denen sie gefallen verboten sei sie zu nehmen«
    »Das behaupte ich alles nicht ich sage nur dass es mir in unserem Falle
nicht gefällt nicht konveniert mich bekümmert weil es eine ungesunde Laune
ist Denke dir wie ein paar unreife Knaben unsere erwachsenen Töchter aufs Korn
gefasst und sie förmlich erobert haben während die törichten Mädchen im Besitze
des schönen Geheimnisses die besten Anlässe verschmähten zu Männern zu kommen
Und wir freuten uns bald ihrer Zurückgezogenheit wenn sie wie Nonnen hausten
und in dunklen Kleidern verschleiert einhergingen bald bedauerten wir dass
sie das junge Leben nicht froher genießen wollten Freilich sie haben es auf
ihre Weise genossen  du musst wissen dass die jungen Leutchen Zusammenkünfte
halten wenn es ihnen beliebt Mondscheinnächte Sonnenaufgänge im Sommer lange
Spaziergänge im Frühling im Winter die Eisbahn  unsere alte Magd hat mir alles
hinterbracht nachdem sie jahrelang geschwiegen Und warum Weil sie sich mit
der Weidelichsfrau auf dem Markte gezankt hat die ihr schon von obenherab
aufspielen wollte Sie klatschte nämlich unsere Töchter seien jedenfalls eine
halbe Million wert das Stück das höre man allenthalben sagen Diese
Schwätzerei und Vertraulichkeit wollte sich die Magdalene doch nicht gefallen
lassen sie gab eine ablehnende Antwort sie forsche nicht nach was die
Herrschaft besäße und dergleichen worauf die andere entgegnete da möge sie als
Dienstbote recht haben sie die Frau Weidelich sei eben im Falle sich eher
darum zu kümmern was diese oder jene Leute für Vermögen hätten Sie solle nicht
zu neugierig sein sagte wiederum unsere Magd noch sei nicht aller Tage Abend
Wenn eine Waschfrau aus dem Kalten waschen wolle so möge sie immerhin zwei
Zuber in den Regen hinausstellen das gebe ein schönes Wasser zum Reinspülen
wenn sie aber eine Million auffangen wolle so genüge es nicht immer zwei
Zwillinge auf die Welt zu stellen und auf die Suche zu schicken Worauf sie sich
ausschalten bis es hinreichte und die Magdalene ganz erhitzt nach Hause
gelaufen kam und mir alles hinterbrachte und beichtete Als ich ihr natürlich
die Leviten las und sie fortzuschicken drohte weil sie uns so schmählich und
fortgesetzt hintergangen redete sie sich damit aus dass die Kinder ihr heilig
versprochen hätten bei erster Gelegenheit die Sache den Eltern selbst zu
entdecken womit sie ja ganz aus dem Spiele käme Ich habe aber aus dem Zanke
auf dem Markte erfahren und bin überzeugt dass die Mutter der Zwillinge die
Urheberin und das Triebrad des ganzen Elendes ist Geschwiegen habe ich bis
jetzt weil ich mich schämte mich von den eigenen Kindern so beiseite gesetzt
zu sehen«
    »Du hast da wohl recht arme Marie« versetzte der Mann mit trüber Miene
»nur teile ich dies Schicksal mit dir Aber doch möchte ich sagen es sei nicht
die Gesinnung oder übler Charakter was die Mädchen zu ihrem kuriosen Wandel
getrieben sondern das Bewusstsein des Auffälligen und Untunlichen des ganzen
Verlaufes den ihr dummer Liebeshandel genommen hat Eh ich sie nun zur Rede
stelle wünschte ich nur zu wissen welcher Art eigentlich der intime Verkehr
des artigen Quartetts ist ich möchte mich nicht im Tone vergreifen du wirst
mich verstehen«
    »Die Magdalene hat mir geschworen dass es in aller ehrbaren Sitte zugehe
Sie sähen sich höchstens des Monats einmal und die Mädchen hielten die jungen
Menschen streng in den Schranken eines sogar pedantischen Verkehrs Wenn man
nicht wie ein Sperber aufpasse so merke man kaum dass zwei Liebespaare zusammen
seien Die willfährige Person hat die Kinder nämlich schon mehrmals auf
nächtlichen Ausgängen begleitet und bewacht während wir ahnungslos schliefen«
    »Ich muss einer solchen Zusammenkunft unbemerkt beiwohnen und glaube das
beste wäre alsdann je nach den Umständen mitten unter das Völkchen zu treten
und die Sache zum Austrag zu bringen jedenfalls die Burschen nach Hause zu
schicken und die Mädchen gleich mit heimzunehmen«
    »Wenn es damit getan ist« sagte Frau Salander »es ist mir aber jedenfalls
lieb wenn du die Sache nun rasch an die Hand nimmst und zum Rechten siehst Ich
bin dem Handel nicht gewachsen es beklemmt mir die Brust mit Töchtern die
keine Kinder mehr sind von Dingen zu sprechen die nicht sein sollten Wenn nur
unser Arnold hier wäre so wüsste ich schon was ich täte«
    »Nun was denn«
    »Er müsste mir als ein flotter Student der er ist die Schreiberlein
verjagen und seinen Schwestern die tollen Ideen austreiben«
    »Ach du gute Frau da bist du nicht auf dem rechten Wege Tolle Ideen sind
leider ein zäheres Herz als die heisseste Leidenschaft Übrigens kommt er ja
nicht mehr als Student sondern als Doctor juris zurück und ich fürchte er
würde nicht mehr die frühere Laune dazu haben«
    Die Gelegenheit einer Schäferstunde der verratenen Liebesleute beizuwohnen
ergab sich nach wenigen Tagen Martin Salander hatte vor einiger Zeit die
Töchter genötigt aus ihrer nonnenhaften Haltung herauszutreten und sich in
einen Gesangchor aufnehmen zu lassen welcher jeweilig größere Tonwerke einübte
und in Verbindung mit einem zahlreichen Orchester in einer der Stadtkirchen
hören ließ Sie hatten gute Stimmen und konnten auch ordentlich singen Es sei
barbarisch sagte er solcher Übung aus dem Wege zu gehen anstatt durch
dieselbe anderen Freude bereiten zu helfen und sich selbst für die späteren
Jahre die Fähigkeit zu erwerben mit Verständnis zu hören und zu genießen wenn
man nicht mehr mittun könne
    Um die gleiche Zeit traten auch die Brüder Isidor und Julian in den Chor
    Jetzt hatte Magdalene der Frau Salander die Kunde zugeraunt dass in der
morgigen Konzertprobe welche bis spät in die Nacht dauern werde die
Salanderschen Fräulein mit ihrer Leistung ziemlich früher fertig würden und mit
den Liebhabern eine Zusammenkunft verabredet hätten
    »Rate wo sie hingehen« sagte Marie zum Manne als sie ihm die Ankündigung
hinterbrachte »Du errätst es nicht und doch sind sie oft dort gewesen in dem
großen Garten der sich hinter dem Hause deines Geschäftslokales erstreckt«
    »Die Wetterhexen Wie kommen sie hinein Sie werden mir doch nicht die Haus
und Kontorschlüssel ausführen und die fremden Bursche überall durchlassen«
    »Bewahre Sie haben den alten rostigen Schlüssel gefunden der die kleine
Hintertüre in der Gartenmauer aufschliesst der Mauer welche das große
Grundstück an der entlegenen Seitenstrasse eingrenzt Die Mädchen gehen zuerst
hin zehn Minuten später machen sich die Zwillinge aus der Probe fort«
    An dem betreffenden Tage hielten sich die Töchter still zu Hause bis am
Abend rollten dann ihre Singstimmen zusammen und begaben sich richtig in die
Konzertprobe Der Vater hatte sie am Mittagtische beobachtet etwas verlegen
denn es waren ja stattliche Frauenzimmer von guter Haltung und lang nicht mehr
Kinder Er hatte auch nichts Besonderes an ihnen gewahrt als dass sie dem
musikalischen Abend mit einiger Spannung entgegensahn der schwierigen Aufgabe
wegen
    Das Haus in welchem er seine Geschäftsräume gemietet war im übrigen zur
Zeit unbewohnt und Salander ging zuweilen mit dem Gedanken um das alte Wesen
zu kaufen und umzubauen kam aber immer wieder bescheidentlich davon ab
Inzwischen hatte er einen Buchhalter und den Gewerbsknecht darin untergebracht
die hausten aber auf einer anderen Seite als wo der Garten lag Salander begab
sich am vorgerückten Abend unbemerkt auf sein Kontor machte bei verschlossenen
Läden Licht und verweilte so lange bis er die Stunde für gekommen hielt Dann
zog er Gummischuhe über die Füße und ging leise über den mondhellen Hof weg bis
an das Gittertor des parkartigen Gartens Vorsichtig guckte er eine Weile durch
das krause Eisenzeug hörte und sah jedoch weder einen Laut noch eine Bewegung
von Menschen Also öffnete er sachte das Gitter und betrat den Garten der
überall mit schlanken hohen Bäumen besetzt war wie sie jetzt nicht mehr
gepflanzt wurden
    Ungefähr in der Mitte stand ein altes in Sandstein gearbeitetes und
verwittertes Brunnenwerk mit Delphinen und Tritonen von einem spärlichen
Wassergeträufel umflüstert Vor dem Brunnen dehnte sich ein geräumiger
Rundplatz von mächtigen Akazien umstanden und da die Bäume noch unbelaubt
waren schien der Vollmond ungehindert auf den Platz wie auch auf die Alleewege
die in denselben mündeten Dicht hinter dem Brunnen stand ein neues Gebüsch von
Nadelhölzern Martin Salander schlüpfte hinein es verbarg ihn vollkommen
Diesen Platz beschloss er besetzt zu halten da dem Brunnen gegenüber eine
halbrunde Steinbank den zu dieser Jahreszeit einzigen Ruhesitz darbot
    Es war auch Zeit dass der lauschende Vater seinen Standort eingenommen In
wenig Minuten hörte er ganz nahe gedämpfte aber rasche Schritte und die
dunklen Gestalten seiner Töchter glitten wie Nachtschatten an dem Brunnen
vorüber und umwandelten nebeneinander den runden Platz ohne ein Wort zu
sprechen zwei oder dreimal bis sie plötzlich vor dem Brunnenbecken anhielten
Salander konnte sie nicht erkennen sie hatten die Schleier tief über die
Gesichter und um Hals und Kinn gezogen Sie streiften die Handschuh ab suchten
die hohle Hand unter den Delphinen mit Wasser zu füllen und schlürften es
begierig in sich hinein Zwar wehte eine milde Aprilnacht in der Luft fast wie
eine Mainacht so lau aber doch nicht so warm den Durst der Jungfrauen zu
erklären
    Himmel da brennts dass sie so löschen dachte Martin Salander hinter
seinen Koniferen natürlich trägt doch jede ein Elmsfeuer im Herzen
    Sie schöpften abermals Wasser und kühlten die Stirnen nachdem sie die
Schleier etwas gelüftet
    Die armen Würmer dachte der Vater wiederum das ist eine schwierige
Geschichte
    Jetzt erkannte er auch die jüngere Nettchen an der Stimme als sie nicht
laut aber vernehmlich sagte
    »O Setti ich fürchte unser Glück hat am längsten gedauert«
    »Warum Wegen der schlechten Madlene« erwiderte die ältere Schwester
freilich auch nicht ohne einen unfreiwilligen Seufzer
    »Ach schilt sie deswegen nicht sie ist unserer Mutter doch auch etwas
schuldig Und einmal musste es doch kommen jetzt ist es da«
    »Nun ist es freilich da oder wird bald kommen ja Nun heißt es eben kämpfen
und ausharren Oder sollen wir die liebsten Menschen dies Wundergeschenk des
Himmels leichten Sinnes fahrenlassen und verstoßen«
    
    »Und kannst du dich so leichten Kaufes im Unfrieden von den besten Eltern
trennen Wenn nur die Mutter die armen Knaben für brav halten könnte Aber ich
weiß sie tut es nicht und tut es nicht«
    »Sie hat gut sagen weil sie alle mit unserem Vater vergleicht der freilich
ein Ausbund ist dem nicht jeder das Wasser reicht Und doch ist er vielleicht
nicht minder ein kleiner Springinsfeld gewesen so gut wie unsere blonden
Schätze die Goldköpfe Und sind sie nicht jetzt schon so fleißig wie die
Bienen ehe sie nur die Nahrungssorgen kennen Ich verlasse mich auf die nie
ganz versiegende Güte der Mutter und hauptsächlich aber auf den freieren Sinn
des Vaters Ich habe neulich ein gewiss wahres Wort gelesen dass nur ein Mann im
vollen Sinne des Wortes human sein könne human in allen Lagen des Lebens Ich
fühle wenigstens ich als Weib bin es nicht imstande ich will nichts weiter
sagen«
    Salander war von solch ungeheuerlichen Reden seiner Ältesten so verwundert
und zugleich erschüttert dass er sich unwillkürlich an einer jungen Tanne
festhielt und so ein Geräusch in dem Busche verursachte Die Schwestern
schwiegen mäuschenstill voll Schrecken in die Finsternis hineinstarrend Als
nichts weiter erfolgte sagte Setti »Es ist der Wind oder ein Vogel gewesen
den wir aus dem Schlafe geweckt haben Wir wollen uns niedersetzen«
    Sie wandten sich nach der Steinbank hatten sie aber noch nicht erreicht
als im Hintergrunde die Mauerpforte knarrte Die Mädchen standen wie gebannt und
sahen die Zwillingsherren auf den Fußspitzen die mondhelle Allee einhersäuseln
Auf dem Brunnenplatze angelangt breiteten sie ohne Säumen die Arme nach den
Liebhaberinnen aus wurden jedoch zurückgewiesen
    »Halt ihr Herren« schalt Setti mit verhaltener aber entschiedener Stimme
»es ist ausgemacht dass ihr bei solcher Gelegenheit ungleiche Hüte tragen sollt
damit jede Dame ihren Ritter erkennen kann Nun kommt ihr mit Hüten die sich so
gleich sehen wie zwei Eier Welcher ist denn nun der Isidor«
    »Und welcher der Julian« fügte Netti bei
    Beide riefen gleichzeitig »Ich« offenbar aus Mutwillen
    »Lasst sehen« befahl Setti unwillig »die Ohrläppchen her« Sie ging auf den
einen zu und griff nach seinem rechten Ohre während Netti das gleiche mit dem
linken Ohre des andern tat
    Aha sagte Salander bei sich selbst das Eiernudelchen und das
Zuckerschneckchen und wieder musste er an sich halten um sich nicht durch
lautes Gelächter zu verraten Soll ich diese meine zwei Meisterstücke mit ihren
Liebhabern nicht um Geld sehen lassen
    
    Inzwischen hatten die Schwestern richtig herausgefunden was ihnen gehörte
ohne sich von den Schäkern länger hänseln zu lassen Jeder erhielt einen
feierlichen Kuss und sodann auf der halbrunden Bank einen Platz angewiesen neben
seiner Liebsten worauf sogleich die Befehlsworte doppelt zu vernehmen waren
»Nicht umfangen oder wir gehen«
    Zuerst schien die kleine Versammlung sich paarweise zu unterhalten weshalb
Salander nicht ein Wort verstand Er sah nur dass die Töchter aufrecht und
bewegungslos saßen wie Steinbilder während Isidor und Julian jeder der
Seinigen bescheiden zugeneigt sich begnügen mussten die nur mondhellen
Gesichter mit den Augen zu liebkosen
    Herr Salander wunderte sich aufs neue über die Mädchen sie erschienen ihm
wie zwei dämonische Verkörperungen einer und derselben Wahnidee von welcher die
Unglücklichen besessen wären Wenn nun der eine der Zwillinge sterben müsste oder
sonst abhanden käme würden sie dann vielleicht durch die bloße Halbierung
geteilt oder würden sich am Ende beide an den übrigbleibenden Teil hängen
gleich den salomonischen Müttern und das Gespenst ihrer eingebildeten
Leidenschaft sie aufreiben
    Es schauderte ihn bei dem Gedanken dass solche Seelenstörungen den so
blühenden Mädchen beschieden sein könnten Und immer saßen sie noch da und
flüsterten Unvernehmliches mit den Jünglingen die jetzt aufsprangen von
irgendeinem Worte getroffen
    Setti sprach allein weiter und so laut dass es der Vater im Busche verstehen
konnte
    »Ja ihr schönen Brüder Es ist geschehen was uns weh tut Aus gewissen
Reden die eure Frau Mutter auf offenem Markte hören ließ müssen wir schließen
dass man uns Schwestern für reiche oder reich werdende Personen hält und somit
alle Lieb und Treue dem vermeintlichen Vermögen unserer Eltern gilt«
    Die Brüder prallten zurück und standen betreten vor den gestrengen Mädchen
denn auch Nettchen wendete sich düster obgleich mit weicher Stimme gegen ihren
Zwillingsanteil zwar schon nicht mehr genau wissend ob es der rechte sei
wegen des vorgegangenen Platzwechsels Auch die Schwestern waren nämlich
aufgestanden und zwischen die verwirrten Zwillinge getreten die nach Worten
suchend hin und her schritten
    »Ja so ist es wir sind keine Marktware« sagte Netti und wischte sich die
Augen mit denselben trotzdem den durch das Hin und Hergehen der Unterscheidung
entschlüpften Julian zu haschen suchend Das beliebte Greifen nach dem
Ohrläppchen war durch den Ernst des Augenblicks unmöglich geworden
    
    Setti befand sich in gleicher Lage jedoch mit mehr Geistesgegenwart
    »Sprich du Isidor wenn ihr etwas zu sagen habt« rief sie in
leidenschaftlicher Vergessenheit dennoch lauter als sie wollte Und sofort sich
fassend ergriff er endlich das Wort
    »Was können wir dafür wenn unsere gute Mama sich freut dass ihre Söhne
reiche Bräute haben Ist es eine Sünde für sie Und wäre es selbst für uns eine
Sünde die Geliebte vor allen Nahrungssorgen gesichert zu wissen Obgleich wir
hoffen und vertrauen sie aus eigener Kraft dagegen zu schützen Nein teure
Elisabet Ich habe nicht notwendig dein Erbe zu lieben aber dich zu lieben
habe ich notwendig das schwöre ich dir Lasse Geld und Gut Eltern Haus und
Heimat und alles im Stich und komm mit mir Auch ich verachte nicht um der
Armut oder um meiner selbst willen einzig und allein geliebt zu werden auch ich
will alle schönen Hoffnungen und was mir von den Eltern zukommen wird dahinten
lassen und mit dir bis ans Ende der Welt gehen«
    Er hatte sich während dieser Worte dem älteren Fräulein Salander zu Füßen
geworfen was bisher unter den vier Leuten noch nie vorgekommen und auch sonst
gerade nicht landesüblich war Das gleiche tat Julian und hielt eine noch
feurigere Rede an Netti in welcher er aber nicht arm sondern reich werden zu
wollen versprach um zu beweisen dass er nicht auf den Reichtum der Braut zu
schauen brauche
    Sie hielten die Hände der Schwestern fest umklammert und bedeckten sie
durch die eigenen Worte zu Tränen gerührt mit Küssen Da nun jede wieder ihren
Anteil sicher an der Hand fühlte und noch größere Rührung empfand so endete der
prüfungsvolle Augenblick damit dass die Jünglinge sich emporschwangen und die
schmucken Mädchen ohne Widerstand umarmten und dies unter so heftigem
Küssewechsel wie es auch noch nie geschehen Man sah dabei dass die Jünglinge
kräftig genug in die Höhe geschossen waren um die auch nicht kurzen
Frauengestalten zu überragen
    Das bemerkte auch Martin Salander der unversehens zwischen den zwei Paaren
stand und vielleicht noch lang hätte stehen können Allein er legte links und
rechts eine Hand auf die entsprechende Zwillingsschulter und sagte
    »Lassts für heute genug sein ihr jungen Herren Und ihr artigen
Frauenzimmer seid so gut euch von ihnen zu trennen Hier steht der Vater wie
es scheint für euch eine überflüssige Person«
    Die vier Liebesleute fuhren weit auseinander Setti und Netti mit
Schreckenslauten Isidor und Julian aber sich bald ermannend
    »Herr Salander es geht alles mit rechten Dingen zu wir sind mit Ihren
Fräulein Töchtern verlobt«
    »Wir sind nämlich alle volljährig soviel wir wissen« sagten die Jünglinge
etwas patzig Salander merkte indessen wohl dass es mehr aus Unbeholfenheit denn
aus Trotz geschah
    »Das freut mich« versetzte er »es überhebt mich einigermaßen der
Verantwortlichkeit wenn ein dummer Streich geschehen sollte Einstweilen kann
ich den edlen Wettstreit wegen des zu erwartenden Vermögens sogar
entgegenkommend schlichten und den Kummer meiner Kinder es möchte sich um eine
schnöde Geldheirat handeln zum voraus mäßigen indem ich einfach die Töchter
enterbe wenn sie in Missachtung der Eltern und unschicklichem Lebenswandel
verharren sollten«
    Das Wort Enterbung lief wie eine gemeinsame sanfte Erschütterung durch die
vier Verlobten Sein harter Klang brachte die Töchter Salanders die an
dergleichen als etwas Mögliches nie gedacht unmittelbar zum Weinen ohne dass
sich vorläufig der kürzeste Gedankengang damit verband und die Brüder Weidelich
senkten in der Mondscheindämmerung freilich kaum bemerkbar auf einen Ruck die
Köpfe
    Niemand sprach zunächst ein Wort Salander benutzte die Stille die Szene zu
schließen
    »Für einmal« sagte er in ruhigem Tone »muss ich im Namen beider Eltern nun
wünschen dass in Zukunft dieser geheime Verkehr unterbleibt es wird für jeden
das beste sein Darf ich die jungen Herren zu dem Hinterpförtchen begleiten
durch welches sie hereingekommen sind damit ich den Schlüssel an mich nehmen
kann Meine Töchter werden den Garten mit mir auf dem gewohnten Wege verlassen
Nehmt Abschied«
    Die weinenden Mädchen schickten sich an dem Gebote zu gehorchen da sie
aber über dem Auftritte die Spur der Erkennens wieder verloren hatten und die
Jünglinge unentschlossen ja störrisch sich nicht rührten reichte jede dem
Unrechten die Hand ihm mit klopfendem Herzen den Mund zum Kusse bietend Die
wackeren Jungen wollten es nicht hiebei bewenden lassen sondern änderten rasch
die Stellung wechselten Mädchen und Hände und umarmten jeder die Seinige
worauf sie durch die Verwirrung mürbe geworden dem Herrn Salander folgten
indessen Setti und Netti trauernd auf die Steinbank sanken
    Nachdem ihr Vater die Zwillinge durch das Mauerpförtchen entlassen den
Schlüssel zweimal umgedreht und zu sich gesteckt hatte kehrte er auf den
Rundplatz zurück
    »So nun wollen wir zur Mutter gehen« rief er den Töchtern zu »sie grämt
sich zu Hause Es ist zehn Uhr vorbei«
    Er ging ihnen voran in das Haus und das Kontor wo noch das Licht brannte
Während sie sich dort so gut wie möglich von dem erlebten Schreck erholten sann
Vater Martin über den Zuspruch nach den er ihnen halten sollte und auch wollte
je länger er aber die so vollkommen ausgereiften Jungfrauen betrachtete desto
schwerer dünkte es ihm da viel hineinzureden Er beschränkte sich daher auf ein
paar anzügliche Brocken die er hinwarf um der Mutter den intimern Teil der
nötigen Vorstellungen zuzuschieben
    »Ist das nun« sagte er vor ihnen stillstehend »die große Rarität die ihr
euch ausgesucht habt Denkt ihr großen Staat damit zu machen Zwei Männer die
ihr nicht voneinander unterscheiden könnt wenn es etwas dämmerig ist Dem ließe
sich zwar abhelfen durch eine Bedingung im Ehekontrakt dass sie die Bärte
ungleich tragen sollen zum Beispiel der eine einen Vollbart der andere einen
Schnurrbart Allein genauer überlegt haben sie leider noch gar keine Bärte und
bekommen am Ende niemals solche die dicht genug wären unterschiedliche
Charaktere daraus zu schneiden«
    Der Spott brachte nicht die gewünschte Wirkung hervor er betrübte nur die
Mädchen auf das tiefste dass sie wieder zu weinen anfingen nachdem sie schon
sorgfältig die Augen getrocknet hatten
    »O lieber Vater« schluchzte Setti »es nützt gar nichts es hängt nicht von
uns ab Solange sie uns treu bleiben lassen wir nicht von ihnen«
    »So«
    »Ja Vater« rief jetzt Nettchen »wie können wir unsere Wahl denn anders
rechtfertigen als durch die Standhaftigkeit mit welcher wir den armen Menschen
die Treue halten«
    Da haben wir den starren Wahn dachte Salander
    »Und was die größere Jugend unserer Verlobten betrifft« fuhr die ältere
Tochter nicht ohne Zierlichkeit fort »so bedürfen sie nicht nur liebevoller
sondern auch mit einem mütterlichen Sinne begabter Frauen die sie wohltätig zu
lenken verstehen Ihre eigene Mutter hat nicht diejenigen Eigenschaften welche
zur Bezähmung so kecker Burschen erforderlich wären Wir aber Netti kann es
bezeugen haben schon einen veredelnden Einfluss über sie gewonnen sie hören auf
uns und lassen sich gefallen was wir ihnen sagen«
    Nettchen gab ungesäumt ihr Zeugnis ab
    »Es ist wahr was Setti sagt sie sind schon viel manierlicher selbst
gesitteter als da wir sie kennenlernten«
    Das lässt sich bei Gott hören es mag etwas dran sein dachte der
umhergehende Herr Vater dann müssen die Gesellen aber ziemlich ungezogen
gewesen sein Laut sagte er »Wir werden heute mit dieser Materie nicht fertig
Kommt wir wollen gehen«
    Er löschte das Licht und führte die bedrängten Fräulein unbemerkt auf die
Straße Schweigend schritt er neben ihnen her dass er nicht fröhlich wie sonst
an jeden Arm eines der Kinder nahm dagegen zwei oder dreimal einen Seufzer
vernehmen ließ machte ihnen das Herz auch wieder schwerer je näher sie der
Wohnung kamen Und als sie in die Stube traten wo die Mutter ganz allein am
Tische saß und strickte fühlten sie dass sie trotz ihres schönen und klugen
Mädchenalters einen tiefen Fall getan Sie suchten jedoch nicht etwa in ihr
Schlafzimmer zu entfliehen sondern setzten sich still an eine Wand und blickten
traurig auf den Boden
    »Guten Abend Frau« sagte Salander »da haben wir die Vögel eingefangen
Sie bitten dich um Verzeihung und willigen ein dass alles weitere Ausfliegen
einstweilen unterbleibe Denn sie waren mehr unbesonnen als leichtsinnig und
jedenfalls mehr leichtsinnig als böse«
    »Das fehlte noch dass es mehr bös als leichtsinnig heißen müsste« erwiderte
Marie Salander ohne aufzublicken
    Die den Gegenstand dieses kurzen Gespräches bildeten waren solche Worte
nicht gewöhnt und hätten nie geglaubt dass es dergleichen für sie gäbe Wehrlos
verharrten sie im Schweigen
    »Wenn ihr noch Hunger habt« sagte die Mutter »so könnt ihr in die Küche
gehen hier hat man längst abgeräumt Das Bett werdet ihr auch wohl finden alt
genug seid ihr«
    Sie standen auf und gingen hintereinander her in die Küche nahmen dort
jedoch nur das nötige Licht und stiegen ohne zu essen eine Treppe hinauf in ihr
Schlafgemach Über ihnen auf dem Estrich lag mäuschenstill in ihrem Bett die
Magd die sich kurz vorher weggeschlichen
    Unten strickte die bekümmerte Frau fort ohne eine Masche fallen zu lassen
    »Du hast sie also wirklich beisammen getroffen« fragte sie den Mann
    »Gewiss ja Zuerst kamen die Kinder anmarschiert im hellen Mondschein dann
die vertrackten Weidelichsjungen ich steckte in dem Gebüsch hinter dem Brunnen
sah alles was vorging und hörte beinahe alles was gesprochen wurde Ich muss
dir nun zuerst sagen dass ich abgesehen von der Heimlichkeit mit welcher sie
uns hintergingen nichts sah oder hörte was ehrbaren Liebesleutchen nicht
erlaubt ist ich möchte behaupten ich sah und hörte nicht einmal alles
Erlaubte soviel ich mich wenigstens mit deiner Genehmigung zu sagen aus
unserer eigenen Praxis erinnern kann Die Kinder scheinen eine merkwürdige
Gewalt über die Bengel zu haben «
    »Nimm es mir nicht übel Martin« unterbrach ihn Marie »aber du sprichst
ganz verkehrt und närrisch Das Gegenteil ist wahr die Bengel üben ja die
unglückliche Gewalt über die Kinder«
    »Nicht so Marie Diese Gewalt die du meinst die sitzt auch in den Mädchen
selbst die Jungens würden sie nie haben es ist das Wahngebilde an dem sie
leiden Doch lass dir erzählen wie es herging«
    Er beschrieb ihr so genau und anschaulich als möglich den ganzen Hergang
indes sie bald ungläubig bald verwundert aber immer unwillig aufschaute den
Kopf schüttelte und wieder strickte
    Plötzlich warf sie den Strumpf auf den Tisch
    »Ich komme nicht darüber hinweg Sie haben mich als Mutter beleidigt ich
bin nie gewöhnt gewesen seit ich die Kinder besaß und war von Hause aus nicht
gewöhnt von gewissen Dingen zu reden und zu sagen die nicht sein sollen Ich
glaube auch jetzt noch dass gutgeartete Kinder am besten durchkommen wenn sie
die Leute im Haus namentlich Vater und Mutter offen und tadellos wandeln
sehen ohne sie darüber predigen zu hören Und nun diese jahrelange
Verschlagenheit zweier Töchter gerade gegen die Mutter«
    »Das musst du nicht von der Seite allein nehmen Es ist in Gottes Namen
einmal geschehen ein neuer Fall von Menschengeschichten wo sollen diese
herkommen wenn es nicht immer neue Erscheinungen gibt Vielleicht ein lumpiges
Lustspiel vielleicht ein erbaulich ernsthaftes Schicksal«
    »Und wie steht es nun Wie soll es werden«
    »Wie ich dir sagte sie erklären von den Zwillingen nicht zu lassen sie
meinen aus ihnen zu machen was sie wollen und was gut sei Dass aber der
Verkehr in bisheriger Weise aufhört dessen bin ich ziemlich sicher Denn als
ich ein Wort von Enterbtwerden fallen ließ fühlte ich deutlich dass die
Herrschaften mürbe wurden Ich musste es tun weil ihrerseits bereits das Wort
Volljährigkeit gefallen war«
    Frau Salander wurde in diesem Augenblicke totenbleich und griff nach der
Seite wo das Herz hängt
    »Enterben« wiederholte sie mit jammervoller Stimme »kannst du denn das
wegen einer solchen Sache«
    »Eigentlich wohl nicht leicht« erwiderte Martin möglichst ernstaft »ein
guter Advokat könnte indessen einen unordentlichen Lebenswandel fortgesetztes
Missachten und Hintergehen der Eltern Kinderundank u dergl schon so
herausdrechseln dass es durchzusetzen wäre vor nicht allzu scharfsichtigen
Richtern«
    Maria Salander packte ihr Strickzeug zusammen Es rannen ihr Tränen über die
Wangen die sie nicht beachtete
    »So weit ist es schon gekommen« sagte sie indem sie die Lampe löschte und
den Leuchter zum Schlafengehen ergriff »so weit dass in diesem Hause ein
solches Wort ertönen muss Zwei Kinder verlieren«
    Martin stützte und führte die schwankende Frau und tröstete sie im Gehen
    »Ei bedenke doch ich müsste ja tot sein wenn das Testament eröffnet und
angegriffen würde Wenn ich unter dem Boden dann den Prozess gewänne so könnten
du und dein Sohn Arnold den Mädchen alles wieder zurückgeben«
    Isidor und Julian Weidelich waren sehr erschrocken und kleinlaut in der
dunkeln Straße hinter der Gartenmauer gestanden und dann einig geworden nach
dem Singhause zurückzukehren ihre Abwesenheit eher zu vertuschen Sie setzten
sich als sie hörten dass immer noch geübt wurde in ein Trinkstübchen in
welchem sich pausierende Sänger erfrischten und sie taten als ob sie die ganze
Zeit über vorhanden gewesen wären Dann schlugen sie erst den Weg nach dem
Zeisig ein wo im elterlichen Hause für jeden ein artiges kleines Studierzimmer
gebaut und eingerichtet war
    Nach und nach fanden sie Worte von dem Ereignis dieses Abends zu reden
wurden aber nicht recht klug daraus Für sie ragten vornehmlich zwei Dinge aus
dem Abenteuer heraus die Anfechtung ihrer verlobten Bräute wegen der Liebe aus
Habsucht ehe der Vater kam und die Drohung des letzteren mit Enterbung der
Töchter Beide Punkte standen in unheimlicher Beziehung zueinander Die Fräulein
wollten nicht des Vermögens wegen geliebt sein und der Vater ihnen dasselbe
entziehen wenn sie sich überhaupt lieben ließ Aber konnte denn der Alte sie
wirklich enterben Über diesen Gegenstand waren sie als angehende Notare schon
von einiger Erfahrung der betreffende Abschnitt des Erbrechtes ihnen geläufig
Das Ergebnis des Ratschlages fiel auch ziemlich verständig aus sie fanden es
dürfte besser sein sich den Geboten des Herrn Salander zu fügen und die
Zusammenkünfte mit den Töchtern einzustellen um die Frage jedenfalls nicht zu
verschärfen Sie hielten dafür dass die Mädchen auch keine Neigung hätten die
unbestimmte Gefahr herauszufordern und von der Volljährigkeit allein nicht
leben könnten wenn es zum Bruche mit den Eltern käme und sie fürchteten die
Mutter noch mehr als den Vater
    Dagegen wollten sie einen schriftlichen Verkehr einführen und so die Zeit
erwarten die ihre Aussichten und Hoffnungen krönen würde Der Treue der beiden
Geliebten waren sie ja sicher wie ihrer eigenen und indem sie über diese Seite
der Angelegenheit ein paar jugendliche Redeblumen von leichter Bauart in die
Verhandlung streuten nahm diese den verwunderlichsten Ton von der Welt an Und
doch war es ihnen auch hiemit Ernst da es ja sonderbar hätte zugehen müssen
wenn so junge Gesellen keines dankbaren Gefühles für die Hingabe eines solchen
Schwesternpaares fähig gewesen wären
    Zu Hause wollten sie den Vorfall verschweigen damit die Mama nicht neue
Verwirrung stifte
 
                                       IX
Im Salanderschen Haushalt schien der gute Hausgeist der Unbefangenheit irgendwo
krank zu liegen In Erwartung eines schweren Tages hatten Setti und Netti die
in jener Unglücksnacht nicht geschlafen einander gelobt dem Gerichte der
tiefverletzten Mutter mit kindlicher Bescheidenheit aber auch mit wandelloser
Treue dem erwählten Geschicke standzuhalten
    Als sie am Morgen in der Familienstube erschienen sagte niemand ein Wort
und auch als der Vater fortgegangen und sie mit der Mutter allein waren schwieg
diese beharrlich von der Sache gab auch nicht den geringsten Anlass den die
Töchter zu einer Beichte hätten ergreifen können So ging es den Tag hindurch
den folgenden Tag und alle anderen Tage Die Mutter begrub ersichtlich für sich
das Unheil in die Nacht des Schweigens um es so zu vernichten im Glauben dass
es gelingen müsse Der Vater tat auch als ob er es rein vergessen hätte und
nur die Magdalene flüsterte ihnen einmal zu sie dürfe nicht davon sprechen
wenn sie nicht fortgeschickt werden wolle
    Arnold schrieb wie gewohnt nach Hause bald an die Eltern bald an die
Schwestern Die Briefe an Vater und Mutter wurden offen herumgeboten kein Wort
verriet darin dass er etwas von dem Kummer der Mutter wusste und was er an die
Schwestern schrieb war ebenso ahnungslos und brüderlich ungeniert wie von
jeher
    Wenn sie ausgingen so bemerkten sie nicht die kleinsten Zeichen einer
Überwachung man fragte gar nicht wo sie hinwollten und noch weniger sah ihnen
jemand nach Kehrten sie zurück so kümmerte sich niemand darum wo sie gewesen
seien wenn sie es nicht selbst sagten
    So wussten diese stattlichen Hochjungfrauen nicht woran sie waren und
gingen wie Schatten in ihrem durchsichtigen Doppelgeheimnis herum Sie fühlten
sich um so unbehaglicher je mehr ein ruhiges Einvernehmen sich herzustellen
eine versöhnliche Ausgleichung in alter Gewohnheit neu zu befestigen begann
denn die Mutter sah bei alledem so aus wie wenn ein einziges Wort die
Finsternis wieder verbreiten könnte Eines Mittags saß Salander mit den Töchtern
allein bei Tisch weil Frau Marie verreist war dem Leichenbegängnis einer auf
dem Lande verstorbenen Verwandten beizuwohnen Salander zog einige Privatbriefe
aus der Tasche die er vom Bureau mitgebracht und beschaute sie näher
    »Da ist auch einer von Arnold« sagte er »was schreibt er« und legte den
geöffneten Brief auf den Tisch Setti nahm das Papier und las Arnold
berichtete dass er leidlich doktoriert habe soundso viel Geld draufgegangen sei
und dass er nun von der Erlaubnis Gebrauch zu machen gesonnen sei über London
und Paris heimzureisen und dazu ein Jahr zu verwenden
    »Das ist mir recht wegen der Sprachen in denen er noch zurück ist« sagte
der ehemalige Sekundarlehrer »für das andere gebe ich ihm nicht soviel Wenn er
von England spricht wird er Dschury sagen und Schüri wenn er von Paris
erzählt mehr kann er in einem halben Jahre kaum erschnappen was die Rechte
betrifft«
    Inzwischen hatte Setti den Brief hingelegt ohne ihn fertig zu lesen und
hielt das Taschentuch vor die Augen Gleich darauf auch Netti die den Brief
aufgenommen und ebenfalls hineingeblickt
    »Was gibt es denn Was habt ihr« fragte der Vater betroffen »warum lest
ihr nicht zu Ende«
    Er nahm den Brief an sich suchte den abgebrochenen Schluss und las laut
»Nun grüße ich auch treulichst das holde Geschwisterpaar Der Kürze halber habe
ich um mir den teuren Zwiebegriff schneller vor die Seele zu führen die Namen
Setti und Netti zusammengezogen und denke nur Snetti so stehen sie vor mir
Aber wie steht es denn mit ihnen Ist noch keine Verlobung in der Luft Sie sind
nachgerade keine Hasenbraten mehr Mir kanns recht sein wenn ich sie noch
hübsch zu Hause treffe denn bei so wählerischen Stiftsdamen weiß der Kuckuck
was sie einem für Schwäger aussuchen«
    »Ja so« brummte der Vater gutmütig »hätt ich gewusst was da steht so
blieb der Brief in der Tasche Aber tut die Augentröckner weg und esst eure
Suppe«
    Seine Art zu reden tröstete die Mädchen ein bisschen es war doch das
Freundlichste was sie in der ganzen Zeit gehört und sie aßen mit dem Vater zu
Ende
    Als die Magd nichts mehr im Zimmer zu tun hatte und Martin seinen Wein
gemächlich austrank während die Frauenzimmer nach bestehender Sitte des Hauses
noch so lange ihre Plätze behielten nahm er in gemütlichem Tone wieder das
Wort
    »Da das leidige Verhältnis das uns alle behext durch Arnolds arglosen
Scherz einmal berührt worden ist so wollen wir vernünftig ein bisschen weiter
davon reden Ihr haltet euch sehr achtungswert wir glauben die Mutter und ich
dass ihr den Umgang mit den jungen Leuten wirklich meidet hinwieder wissen wir
nicht woran wir mit der Zukunft sind und ob ihr selbst etwas mehr im klaren
seid Vielleicht dachten wir finden sie sich doch allmählich zurecht und sich
selbst wieder und zwar ohne die zwei seltsamen Beisterne Da kommt neulich der
Laufknabe von der Post und erzählt er habe auch die Fräuleins am Schalter
gesehen Haben sie Briefe hingebracht frag ich und er sagt Nein sie haben
Briefe geholt die für sie dort lagen  Gut ich weiß schon was es ist gab
ich zur Antwort Verkehrt ihr also poste restante mit ihnen«
    »Ja« entgegneten die Töchter beide zugleich
    »Und in welchem Sinne Der hoffenden Zuversicht oder der entsagenden
Freundschaft Ihr seht dass ich mich in dem Sprachgeiste auszudrücken weiß der
in der bewussten Korrespondenz walten wird«
    »Unsere Freunde entsagen nicht solange sie zweier Herzen sicher sind die
es nicht von ihnen verlangen«
    Dies sagte Nettchen und Setti fügte hinzu
    »Wie wollten wir freilich die Hoffnung aufgeben der geliebten Personen
verlustig gehen und dagegen für das ganze Leben erst recht eine spottende
Nachrede eintauschen«
    »Gut getrumpft« sagte der Vater mit innerer Trauer der Gattin gedenkend
die mit ebenso fest eingewurzeltem Gegensinne in derselben Stunde in einem
fernen Trauerhause am Tische sitzen und vom Leichenmahle genießen mochte
    »Liebe Kinder« fuhr er nach einem kurzen Schweigen fort »wie lang wollt
ihr denn eigentlich auf das vermeintliche Glück warten Wenn ich nur das wüsste
Ja wenn ihr zwanzig Jahre alt wäret wie die Liebhaber dafür diese von eurem
Alter das ließe sich hören«
    »Immer das gleiche« riefen die Töchter durcheinander »habt doch Geduld in
wenig Jahren werden wir mit ihnen gleich alt scheinen sie so alt wie wir und
wir so jung wie sie wenn wir nur erst verbunden sind Sie werden Männer sein
Übrigens bekommen sie schneller die ihnen gebührende Stellung als manche
glauben und dann hat das Elend ein Ende«
    »Trumpf« rief der Vater lachend aber voll Verwunderung über die Reden der
Töchter »das tönt ja alles wie im heroischen Zeitalter wo Männer und Frauen
ewig jung blieben Wir wollen es abwarten und mögt ihr nicht eine Zeit erleben
wenn es nach eurem Willen geht wo ihr wirklich heroischer Kräfte bedürftet
Jetzt wollen wir die Sitzung aufheben Heute abend muss ich in eine Versammlung
wegen der kommenden Wahlen gehen und kann nicht wegbleiben Da wäre es artig von
euch wenn ihr statt meiner euch auf den Bahnhof begeben und die Mutter abholen
wolltet Ich weiß es tut ihr gut wenn sie euch unerwartet dort trifft«
    Die Töchter versprachen es zu tun und erröteten leise aus geheimer Freude
über den erhaltenen Auftrag
    Martin Salander ging in sein Geschäft arbeitete ein paar Stunden darin und
dann noch eine gute Zeit in der Wahlsache indem er Briefe und andere Papiere
durchging und dies oder jenes anmerkte Es handelte sich um die Ermittelung
einer Vorschlagsliste für die Kreiswahlen in den Großen Rat des Standes
Münsterburg die Durchmusterung der bisherigen Inhaber der Stellen den Ersatz
abgehender den Eintritt neuer Mitglieder Salander freute sich immer noch
seiner Unabhängigkeit von allen Wahlverlegenheiten in Ansehung seiner eigenen
Person indem er trotz seiner oft in Anspruch genommenen Dienste und mehrfachen
Zumutens dem förmlichen Amts und Titelwesen ferngeblieben
    Jetzt wollte es ihm aber heimlich bedünken dass er wie so mancher andere
auch vieles doch am besten in dem gesetzgebenden Rate vertreten und sagen
könnte als am entscheidenden Orte denn was half es ihm wenn er in freien
Vereinen und Zusammenkünften eine Meinung durchsetzte gegen irgendeinen Gegner
der dann in der Behörde saß und dort allein das Wort hatte
    Er brachte aber nicht über sich was doch gang und gäbe ist sich selbst
vorzuschlagen dh vertraulich den andern Führern zu eröffnen dass er Lust
verspüre gewählt zu werden und um nicht den Anschein davon zu gewinnen nahm
er ausdrücklich an der Leitung der heutigen Zusammenkunft teil während
diejenigen wegblieben die genannt zu werden wünschten oder wussten dass es
geschah Freilich nicht alle denn einige wiederum erschienen freimütig und
setzten sich breit hin
    Im Saale zu den Vier Winden der den verschiedensten Parteien und Vereinen
als Sammelort diente fand Salander zwei lange Tische von dichteren Gruppen und
einzelnen Bürgern ungleich besetzt während ebenso viele Männer noch an den
Wänden herumstanden und miteinander sprachen Unter diesen trieben sich die
Einberufer umher hier und da Rücksprache nehmend oder einen der schwierigeren
Kannengiesser bearbeitend Auch Salander gesellte sich zu ihnen Er war der
Haupturheber des Gedankens in versöhnlichem Sinne beiden Hauptparteien Rechnung
zu tragen er selbst gehörte der demokratischen an deren Macht seit einiger
Zeit im Volke zu wanken begann und so hielt er es für ebenso klug als billig
den Altliberalen wieder mehr Raum zu gönnen Namentlich war er ein Verehrer der
modernen Liebhaberei der Minderheitenvertretung geworden der nicht nur
politische Philosophen sondern auch allerlei praktische Leute anhingen welchen
der schöne Grundsatz nächstens selbst nützlich werden konnte nachdem sie
bislang keine anders gesinnte Fliege zugelassen hatten noch ferner zuzulassen
gesonnen waren
    Da die Tische sich allmählich dichter bevölkerten gab der Vorsitzende das
Zeichen des Beginnes Salander durch die noch Herbeieilenden schreitend
begegnete einem jungen Manne der ihm bekannt schien und ihn durch Hutabnehmen
ehrerbietig grüßte was er höflich erwiderte Er musste einen der Tische entlang
gehen um seinen Platz am Kopfende desselben unter den Anführern zu finden Auf
demselben Wege stieß er abermals auf den jungen Mann der die gleiche
Höflichkeit wiederholte und den Hut zog diesmal mit einer Verbeugung Der
scheint seinen Hut gar nicht ablegen zu wollen dachte er eben als es ihm wie
Schuppen von den Augen fiel das waren ja die Zwillinge Ei nun sie zeigten
doch eine wackere Teilnahme an den Landesangelegenheiten das steht jungen
Leuten gut und beweist einen ernsten Sinn Wenn sie nichts Schlimmeres treiben
so ist es so übel nicht mit ihnen beschaffen
    Durch diese Gedanken und die Erinnerung an das mittägliche Gespräch mit den
Töchtern halb zerstreut nahm er endlich seinen Platz ein das Schöppchen Wein
bestellend das der Ehrbarkeit halber in dieser Gegend des Saales nur ganz
langsam gleichsam unmerklich getrunken werden durfte
    Die Verhandlungen nahmen ihren Anfang mit einer politischen Rede des
Vorsitzenden der Wahl der Stimmenzähler und anderer Funktionäre worauf der
Umgang der Vorschläge eröffnet wurde Einige gedruckte Zettel von den
bestellten Berichterstattern mündlich erläutert lagen zugrunde und fünf bis
sechs unbestrittene Namen waren bald erledigt Aber schon beim siebenten Namen
als der Präsident die Frage stellte ob ein weiterer Vorschlag gemacht werden
wolle erschallte aus dem Hintergrunde eine kräftige Stimme die rief
    »Ich schlage vor Herrn Martin Salander Kaufmann in Münsterburg«
    Und aus einer andern Ecke des Saales her rief einer ebenso laut
    »Unterstützt«
    »Ah Gut so Schon längst verdient« u dergl murmelte es an den Tischen
und jeder sah sich nach den Rufenden um
    Der Vorsitzende aber klingelte an seinem Glase und als es still geworden
sprach er
    »Ich möchte die Versammlung fragen ob wir jetzt schon auf neue Namsungen
eintreten oder vorerst die noch vorhandenen Vorschläge bereinigen wollen die
voraussichtlich rasch und mit Einmut abgetan sind«
    »Ich beharre auf meinem Antrag« rief die erste Stimme und das laute
»Unterstützt« aus der andern Ecke folgte unmittelbar wieder darauf Der
Präsident verkündigte
    »Es ist vorgeschlagen Herrn Martin Salander als siebentes Mitglied unseres
Kreises im Großen Rate auf die Wahlliste zu nehmen Ich bitte den Antragsteller
sich zu nennen«
    »Notariatssubstitut Isidor Weidelich« erschallte es vom alten Orte her noch
lauter und von der Unterstützungsecke her schrie der andere Rufer offenbar
Bruder Julian
    »Bravo bravo«
    Alles sah sich wieder um
    »Was ist das für ein Weidelich Welcher ist es Der junge Mensch dort« hieß
es
    Der Präsident klingelte wieder und rief
    »Wem es also beliebt dass auf den Wahlvorschlag des Herrn Isidor Weidelich
schon jetzt eingetreten werde der hebe die Hand auf«
    »Auf« schrien nun eine Anzahl junger Leute die Hände in der Luft
schwenkend und ihnen folgte eine Hand um die andere etwas zögernd als es
aufhörte ersuchte der Vorsitzende die Stimmen zu zählen Es ergaben sich
sechsundfünfzig Hände
    »Es scheint dies die Mehrheit zu sein Oder wird das Gegenmehr verlangt«
    Zwei oder drei erhoben die Hand ließ sie aber wieder sinken als sie
sahen dass sie allein blieben
    »Es ist also beschlossen die Vorschlagswahl des Herrn Martin Salander
sofort vorzunehmen Wer dafür stimmt dass derselbe an nächstfolgender Stelle auf
die Liste gesetzt und dem Volke im Namen der gegenwärtigen Versammlung zur Wahl
empfohlen werde der beliebe die Hand zu erheben«
    Mit Ausnahme weniger Lücken die fast nicht bemerklich waren erhoben sich
alle Hände mit einem beifälligen Geräusch welches bewies dass Salanders Wahl
den anwesenden Bürgern an sich als erwünscht erschien
    Der so gut wie gewählte Mann befand sich in verdrießlicher Aufregung Den
geheimen Wunsch im Herzen den ihm wohl gebührenden Sitz im Rate endlich
einzunehmen sah er sich denselben durch das kecke und verfrühte Eingreifen der
Zwillinge zugewendet und zugleich durch die unhöflichen Umständlichkeiten des
Vorsitzenden das Abstimmen aufgehalten ein Zusammentreffen das ihm nur
unwillkommen sein konnte Erwägend dass er die Wahlbewerbung unter solchen
Umständen nicht übernehmen und die Ratsstelle namentlich nicht den Zwillingen
verdanken dürfe hatte er in der Zerstreuung den rechten Augenblick
entschiedener Einsprache versäumt und war so unruhig und verlegen dass er sein
Schöppchen das unberührt stand in lauter kleinen Schlücken beinah ausgetrunken
hatte als der Vorsitzende das günstige Ergebnis mit einer gewissen
Feierlichkeit bestätigte und im Geschäfte fortfahren wollte Er dankte für das
ehrende Zutrauen erklärte aber die Kandidatur aus Gründen ablehnen zu müssen
die er hier nicht auseinandersetzen könne und bat mit sehr bestimmten Worten um
Vornahme einer neuen Wahl Jetzt erst machten sich zwei ältere Männer geltend
um ihn zur Umkehr zu bewegen Diesen war er im Herzen wahrhaft dankbar allein
er blieb fest in seinem Entschlusse und so nahm das Geschäft seinen weiteren
Verlauf bis es mit den üblichen Zwischenfällen und unvorhergesehenen Wendungen
zu Ende geriet
    Auch der Vorsitzende mit Salander in ähnlicher Lage geheimen Wunsches
wurde beim Aufstellen neuer Kandidaturen auf Martins Vorschlag gewählt womit
dieser seine Bürgerpflicht ruhig erfüllte weil er jenen als einen tüchtigen
Mann kannte
    Auf dem Heimwege hatte er sehr widersprechende Gefühle zu überwinden Ein
wie er glaubte ihm zu fernerem Wirken notwendiges Amt musste er fahren lassen
weil er es nicht aus den Händen derjenigen empfangen durfte die es wie aus dem
Ärmel geschüttelt ihm schenkten Was würde Frau Marie dazu gesagt haben wenn es
hieß die Weidelichs hätten ihn öffentlich ausgerufen Und doch sosehr er sich
über die Schlingel wie er sie nannte ärgerte empfand er widerwillig einen
Schimmer von Wohlwollen für sie und den misslungenen Streich den sie ihm
gespielt Dann schämte er sich das erstemal wo er nach mehrjähriger Tätigkeit
auf die Schwelle des Ratauses getreten in einen so kleinen Fallstrick geraten
zu sein und sich zudem gestehen zu müssen es gebreche ihm an der derben
Rücksichtslosigkeit welche zum rüstigen Vorgehen auf politischer Laufbahn
unentbehrlich sei
    Schließlich ward er doch mit seiner Handlungsweise zufrieden da er die
Folgen alle die weiteren Anforderungen bedachte wenn der Pfad des amtlichen
Lebens einmal beschritten war »Nein« sagte er »das Bewusstsein von den zwei
Bürschchen auf den Schild gehoben zu sein wäre mir überall nachgelaufen und
gewiss hätten sie selbst sich sehr unbequem an meine Füße geheftet Und was heut
nicht geschieht kann ja in glücklicherer Stunde besser geschehen«
    Für sein Verhalten erntete er auch den schönsten Lohn als er das Erlebnis
der Frau erzählte und sie ihn höchlich darum belobte Er hatte sie in
zufriedener und weicher Stimmung zu Hause gefunden weil sie das Entgegenkommen
der Töchter als einen Anfang zum Bessern empfand und auslegte deshalb auch den
Abend in freundlichem Vernehmen mit ihnen verlebte was die Mädchen hinwieder zu
ihren Gunsten deuteten als sie zu Bett gingen
    Die Urheber all dieser Gemütswirrnisse Julian und Isidor steckten nach der
Versammlung in einem Bierhause der Stadt die Köpfe zusammen
    »Das ist uns nun schlecht gelungen mit dem verhofften Schwiegerherrn«
vermeinte der eine von ihnen
    »Was den Alten unserer teuren Schätze betrifft so glaube ich er rechnet
uns den guten Willen an bei Gelegenheit und übelgenommen hat er es gewiss
nicht« erwiderte der andere »aber sonst ist unser Auftreten ja vollkommen
gelungen er wurde ja so gut wie einmütig gewählt«
    »Freilich ja wer hätte gedacht dass wir zwei das erste Mal schon so wir
in eine politische Versammlung gehen einen Ratsherrn machen würden«
    »Das sag ich auch ein guter Anfang Anstich trink Das müssen wir
fortsetzen Wenn wir mit folgendem Erfolg ferner politisieren so wird uns das
sehr fördersam sein Mein Chef sagt er wolle dies Jahr noch abgehen ich muss
jetzt schon fast alles machen«
    »Und meiner wird nicht mehr gewählt sehr wahrscheinlich wenn seine
Amtsdauer abläuft«
    »Da kannst du gleich schon jetzt vorarbeiten in deinem Kreise Trink deinen
Rest«
    »Es gilt deinen Anstich Hör einmal was mir neulich eingefallen ist ich
wollt es mir reiflicher überlegen«
    »Los damit«
    »Ich kalkuliere es wäre nützlich wenn wir zwei nicht zu der nämlichen
Partei gehen würden da könnten wir uns besser in die Hände arbeiten Es kommt
das öfter in Familien vor dass der eine Bruder grau der andere schwarz der
dritte rot ist und alle stehen sich gut dabei einer macht dem andern Freunde
indem er mit Liebe von ihm spricht und ihn empfiehlt«
    »Das leuchtet mir ein Wahrhaftig je deutlicher ichs denke Du Himmelhund
Aber wie sollen wir den Kuchen teilen Hast du eine bestimmte Vorliebe ein
Prinzip«
    »Ich Noch nicht das werden wir später mit der Erfahrung erwerben wenn es
unerlässlich ist Aber für jetzt ist es mir gleichgültig welches Lied ich
pfeife man braucht überhaupt nicht immer zu schwatzen wenn man nicht bei der
Sache ist«
    »s kommt dir ein Quart«
    »Trink und Anstich«
    »Sieh so denk ich gerade Nur einen Haken hat die Sache den flotten oder
minder flotten Klang des Namens Jetzt sind die Demokraten oben und gelten für
schneidig die Altliberalen werden schon von ihnen Zöpfe genannt Konservativ
wäre dem Ohr genehmer aber das Simpelvolk braucht den Ausdruck nicht«
    »Da ist etwas dran Schon das Wort altliberal oder altfreisinnig gleicht
einer Nachtmütze«
    »Und doch auf der andern Seite fängt der Begriff Demokrat an zu brenzeln
Und ein Notar hat es hauptsächlich mit dem Kapital zu tun«
    »Jawohl aber du vergissest dass auch die verschuldeten Bauern die
Debitoren und Konkursiten arme Leute aller Art mit dem Notar zu tun haben das
muss man dir ja nicht sagen Und diese haben bei den Notarwahlen die Mehrheit
wie anderwärts«
    »Auch wieder wahr Hör jetzt da Vorteil und Nachteil sich so gleichmäßig
gegenüberstehen so schlag ich vor die Parteien unter uns auszuwürfeln«
    »Kellnerin den Würfelbecher«
    Als das Geräte da war ergriff es Julian und schüttelte es
    »Wie soll es nun gelten Ich denke wir schließen alle Nebenparteien aus und
spielen nur um die zwei Hauptlager«
    »Also Demokrat oder Altliberaler Da reicht ein Wurf hin wer die meisten
Augen wirft wird das was vorher bestimmt wurde der andere nimmt den andern
Namen an«
    »So sagen wir der Gewinnende wird Demokrat der Verlierende Altliberaler
Soll es gelten«
    »Fest soll es gelten«
    »Trink vorher den Rest a tempo prosit«
    »Drauf los prosit«
    Julian schüttelte nochmals die drei Würfel und stürzte den Becher auf den
Tisch Es lagen achtzehn Augen alle drei Sechser
    »Es ist schon fertig« rief Isidor
    »Nein du wirfst auch du kannst ja ebensoviel werfen und dann stechen wir«
sagte der Bruder Julian
    Der andere warf aber nur dreizehn Augen
    »Prosit Anstich Herr Demokrat« rief er und der andere Julian rief
»Prosit Anstich Herr Altliberaler vulgo Zopfius«
 
                                       X
Die Brüder so einig sie waren trennten sich nur insofern vor der Welt als
jeder denjenigen Volks oder Bürgerkreisen nachging die seinem Parteinamen
entsprachen Da sie noch wenig politischen Verstand und Gedankenvorrat besaßen
so fiel es ihnen nicht schwer sich mehr durch ihre Anwesenheit als durch Reden
bemerklich zu machen und dagegen mit einer den Sprachführern gewidmeten
schmeichelhaften Aufmerksamkeit deren Wohlgefallen zu erwerben Nach und nach
erwiesen sie sich nützlich durch vorkommende mindere Schreibarbeiten die sie
bereitwillig besorgten und durch vertrauliche Mitteilungen aus dem Lager der
Gegenpartei von Absichten und Beschlüssen drolligen oder nachteiligen
Vorfällen persönlichen Reibungen und dergleichen was sie einander jeweilig
ungesäumt zuraunten Das gab ihnen unter ihren Leuten dann den Ruf rühriger und
gut unterrichteter Politiker wenn sie vorsichtig und ganz wie beiläufig die
Neuigkeit an den Mann brachten Es ist übrigens anzunehmen dass der letztere Zug
nicht sowohl aus bösartiger Falschheit als aus dem leichtsinnigen Spiel
hervorging das sie mit dem Parteiwesen trieben Noch andere unschuldigere
Ränke übten sie fleißig Wenn sie in eine öffentliche Zusammenkunft einen
Verein oder auch nur sonst ins Wirtshaus gingen sorgten sie dafür dass ihnen ab
und zu dringliche Geschäftsbriefe und Telegramme aus ihren Kanzleien nachgesandt
oder dass sie persönlich hinausgerufen wurden Das belächelten zwar erfahrene
Unterstreber aber mit Achtung und Wohlwollen Sie hielten es für etwas durchaus
Tüchtiges quasi Staatsmännisches und verrieten das ihnen bekannte Geheimnis
keineswegs an die Menge
    Die Brüder gediehen auf das beste und gewannen jeder an seinem Orte täglich
an Ansehen und Beliebteit im Volke Die sicheren Hoffnungen auf die Ämter ihrer
beiden Vorgesetzten erfüllten sich allerdings nicht Der eine der hatte abgehen
wollen ward plötzlich eifersüchtig und besann sich anders derjenige der nach
Ablauf seiner Amtsdauer gestürzt werden sollte machte verzweifelte
Anstrengungen und empfahl sich persönlich in den Häusern der Stimmberechtigten
so dass er mit knapper Mehrheit wieder bestätigt wurde Sein Substitut Julian
der sich unbefangen beworben erhielt aber so viel Stimmen dass er durch die
Ziffer schon eine Anwartschaft unter den hervorragenden Kandidaten bekam
    Die zwei jungen Männer säumten unter solchen Umständen nicht länger sich
außerhalb ihrer Notariatskreise umzutun und erworbene Freundschaften zu
benutzen und so währte es nicht zu lange bis jeder in einer fruchtbaren
wohlhabenden Gegend des Landes zum Notar erwählt worden Isidor der
Altliberale im Norden und Julian der Demokrat im Osten von Münsterburg
    Im Zeisig herrschte Freude Frau Amalie Weidelich rief »Zwei Landschreiber
zu Söhnen« und der Vater Jakob sagte »Ja du hasts erreicht was die Ehre
betrifft Aber mit dem Einkommen der Notare soll es nicht mehr glänzend stehen
Wir werden noch weiter opfern müssen«
    »Ei da sorg du nicht« eiferte die Mutter »diese Sorte bleibt nicht lang
auf dem Fleck stehen«
    »Jedenfalls« fuhr Jakob Weidelich unbeirrt fort »braucht jeder alsbald ein
Haus einen anständigen Wohnsitz denn mit einer Landschreiberei kann man nicht
bei Bauersleuten zur Miete wohnen Das wird auch Geld kosten«
    Die Söhne beruhigten den Vater Zu einem artigen Haus oder gar einem mäßigen
Landgute zu kommen ergebe sich die vorteilhafteste Gelegenheit aus dem
amtlichen Geschäftsleben selbst bei Anlass von Konkursabsteigerungen
Erbverkäufen und anderen Fällen von Handänderungen wo ein gewandter Notar wenn
er die Augen auftue und etwas wage ja zunächst bei der Anrichte stehe
    Vater Weidelich verstand sich nicht recht auf solche Geschäftsläufe von den
alten Landschreibern seines Gedenkens hatte man dergleichen Praxis nicht
vernommen doch war er selber kein Gewinnverächter und fand es schließlich um so
besser wenn hier das biblische Wort gelte Dem Ochsen der da drischt sollst
du nicht das Maul verbinden
    Die gute Mutter vermochte kein Wort mehr zu sagen so gerührt so betroffen
war sie die Söhne in eigenen Herrenhäusern sitzen zu sehen weit auseinander im
Lande wohnend
    Während die jungen Notare einstweilen noch in den Wohnräumen ihrer Vorgänger
die Ämter antraten und verwalteten suchte gelegentlich jeder in den Ortschaften
seines Kreises eine Behausung Das gab Gelegenheit sich der angesessenen
Wohnerschaft zu zeigen und Leutseligkeiten mit ihr zu tauschen Um auf der
nunmehrigen Laufbahn nicht mehr verwechselt zu werden hatten sie auch das
Äußere so ungleich als möglich gemacht Julian das üppige Haar kurz gestutzt und
ein zartes Schnurrbärtchen gepflanzt Isidor das Haar mit Pomade glatt
gestrichen und gescheitelt dazu trug jener einen schwarzen Filzhut breit wie
ein Wagenrad dieser ein Hütlein wie ein Suppenteller
    Das Glück wollte dass beide in kurzer Zeit Anlass fanden ein schönes
Grundstück zu billigem Preise an sich zu ziehen und statt der bisherigen
Besitzer lediglich den eigenen Namen in die Grundbücher einzutragen Nachher
konnten sie soviel Land davon verkaufen dass sie beinahe zinsfrei wohnten
Julians Sitz lag im Osten in der großen Dorfschaft Lindenberg die weit
zerstreuten Häuser zogen sich um den Fuß des Berges herum die neue Kanzlei aber
glänzte weiß von der Höhe ins Land hinaus Isidor hatte zur Residenz die
Kirchgemeinde Unterlaub gewählt und das kleine aber zierliche Landhaus das er
bezogen war ebenfalls auf einer anmutigen aus grünem Buchengehölz ragenden
Erdbrust gelegen wo es »im Lautenspiel« hieß Wenn die Eltern Weidelich zu
einer gewissen Jahreszeit des Abends bei schönem Wetter die Anhöhen über dem
Zeisighofe bestiegen so konnten sie in der Ferne die weißen Mauern und die
Fenster beider Häuser im Scheine der niedergehenden Sonne schimmern und funkeln
sehen
    Aber nicht nur das Himmelslicht auch die Gunst der Menschen schien die
glückseligen Wohnungen und ihre Eigner zu verklären denn als wiederum eine
kleine Zeit verstrichen starb in Isidors Gegend ein altes Mitglied des Großen
Rates und nahm in Julians Revier ein anderes durch Verhältnisse genötigt
seinen Austritt Die Altliberalen über den Verlust ihres alten Genossen
betrübt wollten es auch einmal mit jungem Holze versuchen und hoben den jungen
Notar im Lautenspiel auf den Schild die Demokraten im Osten holten schon seines
großen Hutes wegen den Julian vom Lindenberg herunter denn dieser Hut als ein
unverhohlenes Zeichen der Gesinnung bildete einen trefflichen Gegensatz zu dem
gescheitelten Haar und dem glatten Gesicht Isidors und eine Herausforderung
aller Andersgesinnten überhaupt
    Sie wurden zur nächsten Versammlung des zweihundertköpfigen Rates einberufen
und nachdem die Wahlen anerkannt zum Handgelübde in den Saal geführt schon
vor der Sitzung hatten sie unter Anleitung des Weibels sich die Plätze ihrer
Vorgänger gesucht und nahmen nach vollzogener kurzer Handlung dieselben ein
    Als sie nun dasassen der eine hier der andere dort waren beide gleichmäßig
still und doch unaufmerksam so dass sie kaum wussten was jetzt verhandelt wurde
Nach und nach fiel es ihnen ein dass sie gedruckte Sachen in einem Umschlag mit
sich führten neue Vorlagen wurden ausgeteilt sie vertieften sich blätternd
darein und erwischten auch den Faden an welchem die Beratung eines
Gesetzentwurfes sich hinspann Aber schon bei der ersten Abstimmung die im
Laufe des Morgens stattfand fehlten sie im Saale da sie ihren guten Bekannten
gefolgt die ihnen gewunken und mit denselben zum Frühstücke in eine Schenke
gelaufen waren Es konnte wegen Unvollzähligkeit überhaupt nicht abgestimmt und
mussten die Weibel ausgesandt werden aus den umliegenden Wirtschaften die
Abwesenden herbeizuholen während der ernstere und an Ausdauer mehr gewöhnte
Teil der Senatoren der auf dem Ratause saß irgendeinen Bericht anhörte In
den ihnen wohlbekannten dunkeln von Geräusch erfüllten Zechstuben stellten sich
die Weibel unter die Türen und ersuchten mit lauten Ausruferstimmen die
hochgeachteten Herren zur Abstimmung zu kommen Mit einigem Tumult erhoben sich
die eifrigen Frühstücker und kamen die Zwillinge mitten unter ihnen eilig in
einer dichten Wolke durch die uralte Türe hereingeströmt
    Isidor und Julian fanden die Sache lustig und kamen mit lachenden
Gesichtern während der verdrießliche Präsident auf dem Hochsitze zum ersten
Vizepräsidenten neben ihm sagte »Das geht ja bald wie in einer Schule wenn man
die Knaben hineintreibt«
    Es wurde mit dem Entwurf fortgefahren wollte aber nicht recht klecken
weshalb der Präsident vorschlug abzubrechen und eine Nachmittagssitzung zu
halten Das beliebte der Versammlung und verschafte den zwei jüngsten
Mitgliedern ein neues Vergnügen indem sie jeder unter einer Schar seiner
Gesinnungsgenossen zum Mittagessen ins Gasthaus wanderten Dort tauten sie
vollständig auf beim Kartenspiel um den schwarzen Kaffee die Weihe der
Ebenbürtigkeit erwerbend
    Als man nach zwei Stunden in die Ratssitzung zurückkehrte fühlten sie sich
schon wie zu Hause Sie begannen an diesem ersten Tage die äußerlichen
Gewohnheiten älterer Stammgäste und vielbeschäftigter Männer nachzuahmen Julian
verließ seine Bank um sich an einen Tisch zu setzen welcher mit
Schreibmaterial bedeckt in der Mitte des Saales stand Einen Vorrat klein
geschnittener Blätter nicht beachtend löste Julian von einem Buche des
schönsten Papiers einen großen Bogen ab schlug ihn auseinander und statt ein
Falzbein zu gebrauchen riss er ihn aus freier Hand um seine Kanzlistenkünste zu
zeigen mit einem Zuge mitten durch allerdings schnurgerade
    »Ratsch« machte der Herr Präsident dem der schrille Laut in den Ohren weh
tat gegen seinen Nachbar »diesen Vergeuder möchte ich nie zum Finanzminister
machen Wie er nur mit dem schönen Papier umgeht das ihn nichts kostet«
    Julian aber fuhr fort die Stücke entzweizureissen bis er endlich eines
passend fand darauf zu schreiben die Feder eintauchte nachdenklich zur
Saaldecke emporschaute und dann anfing etwas zu schreiben zuweilen ein wenig
aufhorchend um den Gang der Beratung nicht außer acht zu lassen Zuletzt drehte
er sich auf seinem Stuhle nach dem Redner hin lehnte sich zurück schlug die
Beine übereinander und schien die Feder hinter dem Ohre aufmerksam ja
gespannt zuzuhören Dann schrieb er weiter sandelte endlich las das
Geschriebene faltete es zusammen und schritt nach seinem Platze zurück
    Bald darauf begab sich Isidor an den Tisch wo er ein Bögelchen Postpapier
nahm und mit fliegender Hand einen Brief schrieb Die Unterschrift aber vollzog
er langsam und nachdrücklich bis er plötzlich die Faust in eine kreisende
Bewegung versetzte die eine Weile in der Luft spielte ehe sie sich auf das
Papier niederließ und eine Wolke von kraus durcheinandergeringelten Federzügen
auf und um den Namen kritzelte Schließlich spritzte er geschickt drei Tupfen
dazwischen zur Erbauung der Leute die ihm von der Galerie herab zuschauten
Dann faltete er den Brief tat denselben in ein Kuvert und schrieb die Adresse
streckte den Federhalter empor und winkte dem Weibel der aufmerksam auf seinem
Posten stand Diensteifrig eilte der auf seinen Zehen herbei den silbernen
Schild an drei Kettlein vor der Brust nahm den Brief in Empfang und legte ihn
mit einer Oblate unter die an den Tisch befestigte Siegelpresse das kleinere
Staatswappen daraufdrückend worauf er ihn hinaustrug oder vielmehr durch das
mit einem kleinen Türchen versehene Guckloch in der schweren Eichentüre einem
der draußen stehenden Läufer hinausbot Isidor lehnte indessen ausruhend in
seinem Sessel am Tische mit verschränkten Armen sich das Publikum auf der
Galerie betrachtend
    Der Vorsitzende sagte zum Nebenmanne »Ich wollte wetten der hat sich gewiss
ein halbes Dutzend Frankfurter Bratwürstchen bestellt die er heut abend mit
nach Hause nehmen will«
    »Er kann auch um eine halbe Million Franken für seine Hypotekarklientel
geschrieben haben« erwiderte lachend der Vizepräsident »Sie scheinen übrigens
unserer neusten Ratsjugend nicht sehr gewogen zu sein«
    »Nun je nachdem Wenn sie anfangen zwillingsweise aufzuziehen und sich
benehmen wie auf dem Fastnachtsteater oder bei sonst einem Knabensport so muss
ich gestehen  darf ich Sie bitten mir Ihren Zusatzantrag schriftlich
einzureichen« unterbrach sich der Präsident als ein Redner sein Votum schloss
und sich niedersetzte »wer begehrt ferner das Wort«
    Diese Nachmittagssitzung dauerte so lang dass die Herren Volksvertreter nach
Schluss derselben sofort die Bahnhöfe aufsuchen mussten um die Heimat zu
erreichen Denn seit das Ländchen überall von den Schienenwegen durchzogen war
galt es nicht mehr für wohlanständig die Nacht in der Hauptstadt zuzubringen
während man in einer halben oder ganzen Stunde zu Hause und am Morgen ebenso
rasch wieder dasein konnte
    Um nicht nachteilig aufzufallen sahen sich auch die Brüder Weidelich
genötigt mit den Ratsgenossen nach ihren betreffenden Bezirken zurückzufahren
Es gehörte überdies zum Tageslauf an den Gesprächen der Heimkehrenden
teilzunehmen wenn auch nur mit den Ohren und so gewissermaßen bis zum Ende
dabeizusein
    An diesem Abend saßen im Zeisig die Eltern der jungen Grossräte unwirsch
fast betrübt am Tische Stolz auf das heutige Ereignis welches die Guteissung
all ihrer Opfer und Hoffnungen enthielt hatten sie den ganzen Tag auf den
Augenblick geharrt den die Söhne finden würden Vater und Mutter aufzusuchen
und zu begrüßen Schon zur Mittagszeit hielten sie kräftige Speise und besseren
Trank bereit und zögerten lange vergeblich bis sie endlich zu essen begannen
Öfter verließen sie ihre Geschäfte und liefen auf die Straße in der Hoffnung
die neuen Würdenträger von der nahen Stadt heraufkommen zu sehen Allein sie
kamen nicht
    »Sie werden nicht Zeit finden« sagte Jakob Weidelich »sie sind jetzt eben
angebunden bei den Geschäften an allen Enden«
    Als die guten Leute spätabends nochmals hinausgingen und die letzten
Bahnzüge in der Ferne durch die Stille rollen und pfeifen hörten wussten sie
dass sie die Söhne nun nicht mehr sehen würden Die Frau wischte sich die Augen
was seit undenklichen Zeiten nur geschehen wenn sie Zwiebeln schälte es war
ihr zumute als ob die Söhne für immer entschwunden und in ein unbekanntes Land
gefahren wären
    »Sie kommen ja morgen wieder« sagte Jakob »und übermorgen wahrscheinlich
auch«
    »Wer weiß ob sie dann an uns denken Es ist mir ums Herz wie wenn sie uns
nichts mehr angingen«
    Die Frau schlich ins Haus zurück damit niemand ihre Betrübnis bemerke und
deren Ursache errate und der Mann drückte sich nach ein paar Minuten auch
hinein Sie tranken zusammen von dem besseren Wein den sie für die Söhne
bereitgehalten
    »Und warum brauchen sie denn alle Tage hin und herzufahren wie die
Maulaffen« schalt die Mutter »da sie ja so bequem bei uns übernachten könnten
und kein Geld ausgeben müssten«
    »Das verstehst du nicht Sie haben doch in ihren Kanzleien nachzusehen was
vorgegangen ist und morgens früh eh sie weggehen weisen sie den
Schreibergesellen die Arbeit an Das macht sich auch besser als wenn sie sich
drei oder vier Tage lang nicht blicken ließ Zu was hat man alle die
Eisenbahnen für die sich die Gemeinden und der Staat so überschuldet haben Das
kommt ihnen jetzt zugute sie können den Tag über prächtig hier im Rataus
sitzen und am Abend wie am Morgen früh doch ein paar Stunden zu Haus arbeiten
Denn sie haben eine große Verantwortlichkeit«
    Auch in Martin Salanders Wohnung war der Tag nicht ohne seltsame Spuren
vorübergegangen Als die Familie beim Mittagsmahle vereinigt saß zog er eine
Zeitung aus der Tasche die um elf Uhr ausgegeben worden Er warf nur einen
Blick auf die neuesten Nachrichten worunter die Eröffnung des Großen Rates
nebst den zwei oder drei ersten Geschäften des Eintrittes der beiden jungen
Notare war erwähnt
    Salander dem die Wahlen nicht unbekannt geblieben hatte noch nicht daran
gedacht dass heute eine Session begann und die Gebrüder Weidelich an derselben
teilnahmen Er fühlte sich wunderlich überrascht Die unwillkommenen Liebhaber
seiner Töchter waren nicht nur als seine Gönner aufgetreten und nahe daran
gewesen ihm selbst in den Obersten Rat zu verhelfen sondern sie saßen jetzt
selber darin während er der bewährte und erfahrene Volksfreund der Vater in
der Zeitung lesen musste was dort vorging In Gegenwart seines weiblichen
Haushaltes überlief mit dem Schatten der Menschlichkeit eine unbequeme
Eifersucht sein Gemüt
    »Was gibt es in der Zeitung dass du so ein bedenkliches Gesicht machst«
fragte Frau Marie die ihn ansah weil die Töchter ihn verstohlen zu beobachten
schienen
    »Ich« sagte er die Augen nicht von dem Blatte wegwendend »es gibt weiter
nichts Ich lese da just dass die Herren Weidelich heut in das Rataus
eingezogen sind«
    Erst jetzt blickte er auf da die Gattin sich bewegte wie wenn sie
erschräke Mit ihr zusammen nahm er wahr dass die Augen der Jungfrauen seltsam
glänzten und ihre Lippen zuckten als wollten sie sagen Sind sie nun alt genug
    »Die gute Suppe ist versalzen Magdalene nehmt mir den Teller weg« rief
die Mutter der eintretenden Köchin zu Diese nahm den Teller samt dem Löffel und
kostete die Suppe
    »Ich begreife nicht« entgegnete sie »ich habe gewiss nicht mehr Salz
genommen als gewöhnlich«
    »Gleichviel sie ist versalzen Ich mag überhaupt nicht essen« Hiemit legte
Frau Salander ihr Tellertuch weg und erhob sich
    »Marie sei nicht töricht und iss Oder ist dir nicht wohl« rief nun Martin
als er sah dass die Frau blass geworden Besorgt stand er auf und auch die
Töchter schoben mit ganz veränderten Gesichtern die Stühle zurück um der Mutter
beizuspringen Sie fasste sich jedoch unvermutet »Bleibt nur sitzen und esst«
sagte sie »ich will es auch tun so gut ich kann«
    Als alle ihre Plätze wieder eingenommen und die bewegte Frau etwas ruhiger
geworden fuhr sie zu sprechen fort
    »Ich sehe dass ihr nicht von eurem Willen weicht und die Dinge ihren Lauf
nehmen Wenn ihr etwas zu sagen habt so redet offen ich mische mich nicht mehr
darein und überlasse eurem Vater den Rat und die Tat wenn etwas zu tun ist«
    »Sprich nicht so« sagte Martin »wir wollen nicht als geschiedene Leute vor
den Kindern stehen Wie steht es denn nun« wandte er sich an die Töchter »was
geht vor mit den jungen Leuten den Zwillingen«
    Es blieb ein Weilchen still Dann nahm Fräulein Setti sich zusammen »Liebe
Eltern« sagte sie mit gesenkten Augen während Netti mit Herzklopfen neben ihr
saß »die Zeit ist jetzt da Am nächsten Sonntag wollen sie kommen und um uns
anhalten Wir bitten euch uns nicht entgegen zu sein«
    Wieder herrschte ein kurzes Schweigen Dann sagte Salander »Wir wollen sie
kommen lassen Bis dahin dürfen eure Eltern wohl noch ein wenig nachdenken und
auch dann die übliche Bedenkzeit ausbitten insofern es wünschenswert scheint«
    »Oh wir wollen ja nichts überstürzen« rief Nettchen
    »Schon gut iss jetzt nur es wird ja alles kalt« schloss Salander und setzte
allein die Mahlzeit fort da die Mädchen feierten und die Mutter wieder
aufgestanden war und sich schweigend im Zimmer zu schaffen machte
    Die Töchter zeigten sich von dieser Stunde an unterwürfig und sehr
liebenswürdig gegen Vater und Mutter Wenn sie auch entschlossen waren ihr
persönliches Recht zu behaupten so wussten sie doch den Unterschied zwischen
einem friedlichen Ausscheiden aus dem Elternhaus und einem gewaltsamen Bruche
richtig zu schätzen Sie hatten auch ihr gutes Gewissen wiederhergestellt indem
sie mit den Geliebten nicht mehr zusammengetroffen und den brieflichen Verkehr
auf das Notwendige beschränkten Zur etwelchen Entschädigung bestiegen sie in
schönen Morgen oder Abendstunden zuweilen die Berghöhe wo man das Haus des
Notars am Lindenberg und dasjenige des Notars im Lautenspiel sehen konnte Jede
trug ein Doppelglas an schmalem Riemen umgehängt und wenn sie oben anlangten
forschten sie mit beseelten Augen in dem Ferneblau welches die darin entrückten
Gegenstände ihrer Liebeswahl noch tausendmal verschönerte Netti vermochte durch
ihr Glas die Fenster am Hause Julians zu zählen der Schwester gelang das an
Isidors Hause nicht weil es zu jener Zeit im Schatten stand Dafür sah sie im
Lautenspiel einen weißen Rauch aufsteigen und deutlich einen Streifen
Sonnenlichts auf einem Weiher und durch die Bäume blitzen
    »Wie schön wird es sein« rief sie »wenn ich meinen Brief an dich datieren
kann Lautenspiel den 1 Mai«
    »Auf Lindenberg am 1 Juni wird sich auch nicht übel ausnehmen« meinte
Nettchen und guckte weiter »wenn ihr zum Besuch kommt so essen wir in der
oberen Eckstube sieh mal das äußerste Fenster links dort muss man weit ins Land
hinaussehen Es soll ein allerliebster kleiner Saal sein hat er mir
geschrieben«
    Jetzt aber sahen sie mit noch größerer Sehnsucht als in das Land hinaus
dem kommenden Sonntag entgegen so dass derselbe für sie nicht so unversehens da
war wie für die Eltern
    Frau Salander hatte sich inzwischen aus den Unterredungen mit Martin
schmerzlich überzeugt dass kein greifbarer Grund zu längerem Widerstande
vorhanden war der das bevorstehende Heiraten vor der Welt nur noch auffälliger
machen würde wenn die Töchter einfach wegliefen Sie brachte es aber nicht über
sich der Heimsuchung und dem Triumphe der beiden hinterlistigen Töchter als
Opferlamm beizuwohnen daher beschloss sie den Tag zu einem längst verheissenen
Besuch auf dem Lande zu benutzen und zugleich durch ihre Abwesenheit den nach
ihrer Meinung mutwillig verirrten Kindern eine Strafe anzutun Da sie jedoch dem
Mann zugegeben hatte man werde die Freier in jedem Falle zu Tische behalten
müssen so sorgte sie selbst für ein anständiges und doch in richtigem Masse
gehaltenes Essen und niemand war froher mitzuhelfen als Magdalene welche durch
den glücklichen Ausgang ihrer Sünden völlig entlastet zu werden hoffte Sie
diente gern in dem Hause und wünschte dasselbe nie zu verlassen
    Als am Sonntagvormittag der Wagen für die Mutter schon vor dem Hause stand
sprach sie gegen Mann und Töchter noch die Hoffnung aus man werde was auch
kommen möge von einer Verlobungsfeier absehen welche ja keinen Sinn haben
würde da man sich auf Grund der Volljährigkeit ohne Zutun der Eltern schon
verlobt habe
    Die zwei Fräulein verzichteten in ihrer Freude gern auf das Fest das die
Mutter selbst für überflüssig erklärte sie waren sogar ja froh dass sie für
heute fortging weil sie wussten wie die Zwillinge sich vor ihr scheuten und die
heutige Handlung leichter abgewickelt werde
    Martin Salander hingegen sah die Frau fast mit Trauer wegfahren betroffen
von ihrer beharrlichen Strenge in dieser Sache er wusste wie redlich und frei
von aller Gehässigkeit sie war und fühlte daher aus ihrem Verhalten eine
schwere Ahnung von Unglück heraus die er nicht zu teilen vermochte und doch
achten musste
    Nicht lange war Frau Salander fort so erschienen die Brüder Julian und
Isidor beide feiertäglich gekleidet Mit ihnen trat ein voller Sonnenschein in
das Zimmer Salander war wie geblendet von den Gesichtern der Mädchen die nicht
einmal lachten und doch so von Glück leuchteten dass er wünschte die Mutter
könnte die merkwürdige Erscheinung auch sehen
    Die Fräulein saßen standesgemäss auf dem Sofa des Besuchzimmers der Vater
und die Freiersjünglinge auf Stühlen und letztere so befangen dass es einer
guten angeborenen Bescheidenheit gleichsah Das kam vornehmlich von der
Abwesenheit der Hausfrau her Die Spazierstöcke hatten sie vor der Türe
stehenlassen wie es die Landleute taten wenn sie auf die Kanzlei kamen die
Hüte hielten sie in den Händen und schauten während der ersten Wechselreden
verlegen im Zimmer umher
    Endlich brachte Salander sie auf den Zweck ihres Besuches es gefiel ihm
dass so kecke und jugendliche Politiker doch bescheiden und sogar schüchtern sein
konnten in ernstem Augenblick Selbstverständlich hatten sie nach allem was
geschehen nicht mehr viel zu sagen und taten es auch kurz und natürlich der
Herr Grossratspräsident hätte nichts daran zu tadeln gefunden Wieder sahen sie
sich an den Wänden um während Salander seine Antwort erst flüchtig erwog der
wohlgeordnete Raum erhöhte ihre ungewohnte Achtung und diese wieder Salanders
gute Meinung jedes Bedenken jede Vorstellung über diesen oder jenen Punkt
alle Fragen nach ihren Lebensplänen und Aussichten unterlassend erklärte er
immerhin mit ernster Miene dass er und die Mutter dem Willen der Töchter nicht
entgegen seien und nur der Hoffnung leben könnten diese Verbindungen werden
usw worauf er kurz abschnitt und die Notare wenn sie nichts anderes
vorhätten auf den Mittag zum Essen einlud
    Sie waren noch immer so befangen dass sie nicht einmal wagten in
Bräutigamsweise sich den Mädchen zu nähern die sie doch so gut kannten und
diese von ihrer feierlichen Würde zur Verlegenheit übergingen und darob fast
erbost wurden denn sie wussten selbst nicht wie vornehm sie plötzlich den
Zwillingen erschienen Der Vater solche Zartheit mit neuem Wohlgefallen
bemerkend und in der Absicht die Verlobten jetzt allein zu lassen nahm für
kurze Zeit Abschied um auf das Kontor zu gehen und die eingegangenen Briefe zu
öffnen
    Am Mittagsmahle tauten die Notare ein wenig auf doch nicht genug um das
Gespräch zu würzen Salander wollte von Politik und den Ratsverhandlungen reden
sie schienen aber nicht dazu gelaunt und ließ ihm meistens allein das Wort
was er schließlich auch als Bescheidenheit auslegte Er bedachte hierauf dass
man den Eltern Weidelich die so nah wohnten doch auch entgegenkommen müsse
und dass der Anfang am besten zu bewerkstelligen wäre wenn er jetzt die Töchter
ermahnte mit den Herren nach dem Zeisig zu spazieren und sich den künftigen
Schwiegereltern vorzustellen Dadurch würde Frau Marie Salander des ersten
Schrittes überhoben er selbst wollte sie auf der einsamen Rückfahrt überraschen
und dem Mietwagen ein paar Stunden weit entgegenwandern
    Sein Vorschlag wurde von jedermann sehr gebilligt von den Töchtern weil
sie auf einen ergiebigen Spaziergang rechneten von den Zwillingen weil sie ein
böses Gewissen hatten und die Eltern zu versöhnen hofften Die drei Sitzungstage
im Beginn der verflossenen Woche waren nämlich vorübergegangen ohne dass sie ein
einziges Mal Zeit gefunden die sehnsüchtig ihrer harrenden Eltern aufzusuchen
die nicht wussten was sie denken sollten bald mit der Wichtigkeit der Geschäfte
und der Personen ihrer Söhne sich tröstend bald an ihrem Herzen ihrer
Kindesliebe verzweifelnd und wahrscheinlich in beidem irrend Auch wussten sie
nichts davon was heute an diesem schönen Sonntage vorging Die Zwillinge
hatten ihre Absicht verschwiegen damit nicht etwa auf dem Markte durch Schuld
der mütterlichen Reden eine schädliche Szene entstand
    So saßen nun Jakob Weidelich und seine Frau Amalie auf der Bank vor dem
Hause und machten Kalender als sie zwei schwarzgekleidete junge Herren mit
hohen Hüten daherkommen sahen jeder mit einer hübschen blühenden und schön
geputzten jungen Dame am Arm Denn die Salanderfräulein hatten es darauf
abgesehen den fremden Eltern wie ihren Söhnen Vergnügen und ein wenig Ehre zu
bereiten da die eigenen Eltern kein sonderliches Freuden und Ruhmesgeschrei
erhoben So wollten sie nun die Elternlust im Zeisig zu erhöhen suchen und sich
mit daran gütlich tun
    Mann und Frau Weidelich dachten eher an den Tod als dass das ihre Söhne
wären bis sie ganz herangekommen
    Jetzt endlich erkannten sie ihr Blut von gutem Weine und noch besserem
Abenteuer so rosig angehaucht wie noch nie als aber vollends die zwei Fräulein
Salander genannt und als Bräute vorgestellt wurden da vergaßen sie
insbesondere die Mutter alles Leid schneller als ein Licht ausgeblasen wird
Wenigstens ward es ihr fast dunkel vor den Augen die Salanderinnen von denen
das Stück erst eine halbe Million Franken gelten sollte Das heißt wenn ihr
Vater nicht wieder Dummheiten machte Denn wer kann heutzutag noch fest auf
seinen Willen bauen Das ist jetzt so sie haben die Bräute und sind Mannes
genug mit und ohne die halbe Million
    Solche Gedanken stürmten in der Brust der guten Frau wurden aber nicht
laut denn sie war stracks in das Haus hineingelaufen und putzte sich in der
Geschwindigkeit so gut als möglich heraus In der Zeit führte der ehrliche
Milch und Gemüsehändler den Ehrenbesuch in die ländliche Stube nötigte die
jungen Leute um den Tisch herum Platz zu nehmen und eilte um nicht sofort
reden zu müssen mit der blanken Weinkanne in den Keller
    Während er dort war kam die Frau gesprungen rief »So ists recht ruht
nur aus« lief aber zur andern Tür wieder hinaus um die Magd auszutreiben wie
sie sagte damit sie schnell Küchlein backen helfe nur eine Schüssel voll zum
Kaffee der gemacht werden müsse Umsonst gingen und riefen die jungen Leute ihr
nach sie solle doch alles bleiben lassen sie hätten weder Hunger noch Durst
Das gehe sie nichts an und der Tag sei noch lang und noch nichts bereit gab sie
zurück und trollte sich weiter Sie prallte mit ihrem Manne zusammen der mit
der gefüllten Zinnkanne und einem großen Stück Käse auf bemaltem Teller
gemessenen Ganges hereinkam auf den Tisch abstellte denselben mit Gläsern
bedeckte dann aber nicht dablieb sondern wieder hinausging und nach einer
Weile mit einer riesigen Schüssel voll Schinkenschnitze zurückkehrte Dann nahm
er kleinere ebenfalls mit bunten Nelken verzierte Teller Messer und Gabeln aus
dem Schrank und holte zuletzt ein großes Bauernbrot herbei das er anschnitt
Dazwischen hörte man von der Küche her schon das Feuer knistern und die Butter
in der Pfanne spratzeln
    »Ei was machst du denn Vater« rief Frau Weidelich in weißer
Küchenschürze und mit gerötetem Gesichte eintretend »das wäre ja später nach
dem Kaffee recht gewesen Wo soll ich denn damit hin«
    »Bring nur was du hast wenn du fertig bist« sagte gelassen Jakob
Weidelich »wir stellen alles durcheinander so sieht unsere Armut um so reicher
aus Ohnehin trinken ich und die Buben lieber ein Glas Wein als Kaffee«
    »Die Buben ja Wisst ihr ungeratenen Ratsherren dass wir den schönen
Schinken vergangene Woche schon für euch gesotten haben Aber ihr habt euch
nicht ein Augenblicklein gezeigt und uns vergeblich warten lassen«
    »Du musst es nicht übelnehmen Mama« entschuldigten sich die Söhne »wir
gehören unseren Stellungen nicht mehr uns selbst an Geschäfte und Umstände
nahmen uns dies erste Mal so in Anspruch dass wir uns vor der Abfahrt nie
losmachen konnten Künftig wird es hoffentlich nicht mehr so gehen«
    »Gott bessere es« sagte die Mutter »aber das Kücheln macht mir einen
Heidendurst Gib mir ein halbes Glas voll Wein Vater und schenke den jungen
Herrschaften auch ein weils einmal dasteht«
    Weidelich goss einen klaren halbroten Wein in die Gläser
    »Zur guten Gesundheit ihr lieben Jungfern Zur Gesundheit Vater Und
Isidor und Julian«
    Sie trank das halbe Glas mit einem Zuge leer und wischte den Mund mit der
Schürze sichtlich erfrischt weitersprechend
    »Und was machen denn die lieben Eltern ihr Fräulein Ist die Mama wohlauf
und der Herr Papa auch«
    »Vater und Mutter sind beide wohlauf wir danken der Nachfrage« sagte
Setti »wir sollen Sie und Herrn Weidelich freundlich von ihnen grüßen und sie
hoffen bald Gelegenheit zu haben die geehrten Eltern unserer Bräutigame selbst
zu begrüßen«
    »Jetzt ists Zeit für dich als Vater auch dein Wörtlein zu sagen« stieß
die fröhliche Frau den Mann an der von der Verlobungsgeschichte zwar nur halb
unterrichtet den Stand der Sache im ganzen doch zu beurteilen wusste er
räusperte sich ein weniges eh er sprach
    »Was soll ich da viel sagen als dass es mir eine Ehre ist oder uns wollt
ich sagen Ich bin ein schlichter Landwirt die Söhne hatten ihm diesen Ausdruck
eingelernt weil der alte Name Bauer der immer einen Herren voraussetze im
souveränen Volke nicht mehr üblich sei ich bin ein schlichter Landwirt und
weiß nicht gelehrte und wohlgesetzte Worte zu machen Ich kann nur die
freundlichen Jungfern die mir ganz gut gefallen willkommen heißen und hätte
nie gedacht zu so vornehmen Sohnsfrauen zu kommen Möge der Herr seinen Segen
dazu geben«
    »Ich hab es schon lang getan« rief Mama Weidelich »es soll gelten Lasst
uns darauf anstossen«
    Sie trank die andere Hälfte ihres Glases aus wischte sich aber diesmal mit
der Schürze gerührt die Augen statt des Mundes denn ein schöner Teil all ihres
Sinnens und Trachtens schien jetzt in Erfüllung zu gehen Vorderhand lief sie
wieder in die Küche um ihrerseits die Arbeit am Glücke nicht ausgehen zu
lassen man hörte sie Kaffee mahlen Zucker zerstossen und dazwischen laut mit
der Magd reden die einen Spritzkuchen an einer langen Gabel emporhaltend
nicht aus dem Staunen über das Ereignis herauskam
    Es blieb keine Zeit für den Spaziergang auf den die Jungen gehofft die
Frau wollte die unverhoffte Verlobungsfeier nicht unterbrechen den Triumph sich
nicht verkürzen lassen und sie teilte die Heiterkeit ihres Gemütes auch den
anderen mit zumal den zwei Bräuten welche für die Ausdauer ihrer Gefühle hier
mehr Anerkennung fanden als im eigenen Elternhause und sich offenen Herzens
daran erfreuten Es wurden sogar einige Liedchen im Chor gesungen vor dem Hause
sammelten sich neugierige Kinder bei dem alten Brunnen mit dem abgesägten
Flintenlauf standen Weiber aus der Nachbarschaft welche das Gerücht
herbeigelockt und suchten des Anblickes der Brautleute teilhaftig zu werden
    Das gelang ihnen auch Die Herren Notare konnten trotz des mütterlichen
Eindringens nicht über Nacht bleiben weil für beide auf den nächsten Morgen
Geschäfte vertagt waren die Bräute aber waren zuletzt doch froh sich auf den
Heimweg zu machen um noch vor der Mutter zu Hause zu sein
    Die Zuschauer auf dem Brunnenplatze Weiber und Kinder sahen daher
unvermutet den kleinen Festzug aus der Tür treten und sich über den Platz
bewegen zu zwei und zweien voran die Brautpaare zuletzt die Eltern als
Nachhut Mama Weidelich wollte sich sehen lassen und bestand darauf eine
Strecke weit das Geleite zu geben
    »Seht« flüsterten die Leute »da kommen sie Das sind die Landschreiber
potztausend Und das also die Fräulein die hortreich sein sollen Sauber sind
sie leutselige Weibsbilder Und die Alte die blüht ja wie eine Rose Guten
Abend Frau Weidelich guten Abend Herr Weidelich«
    Sie nickte den Weibern dankbar zu weil sie so hübsch am Wege standen
 
                                       XI
Nachdem das Doppelbündnis einmal entschieden war nahm sich die andere Mutter
Marie Salander der Aussteuer ihrer Töchter um so sorgfältiger und freigebiger
an Nicht nur alles Gewobene sondern so ziemlich die ganze haushältliche
Einrichtung im Lautenspiel zu Unterlaub und in Lindenberg sollten sie
mitbringen Martin ihr Mann meinte man müsse doch den Leuten im Zeisig auch
das Übliche zu tun einräumen allein sie sagte vor allem wünsche sie dass die
Kinder in ihrem Zugebrachten sitzen und stehen schlafen und wachen können man
wisse nicht wozu es gut sei Ein weiterer Vorteil bestehe in dem
gleichmässigeren einfachen Geschmack der dabei herauskomme wenn man nicht in
altgewohntem Väterhausrat lebe so müsse man sich das Neue auch für die Augen
wohnlich zu machen suchen
    »Hör auf Frau« lachte Salander »woher fliegen die Mücken Du wirst mir am
Ende gelehrt und arbeitest an einer Mobiliarpsychologie«
    »Lass mich zufrieden« sagte sie »ich bin nicht zu Possen aufgelegt«
    Setti und Netti ließ die Mutter gerne gewähren um sie bei gutem Willen zu
erhalten glich sie doch in ihrem Walten beinah einem jungen Mädchen das eines
Tages nochmals über seine alte Puppenstube gerät und träumerisch damit zu
spielen beginnt Sie sah dabei aus wie wenn man sie nicht stören dürfe um
nicht das öffentliche Geheimnis ihres Kummers zu wecken
    Die Töchter hatten indessen andere Schmerzen die Frage wer alles zu der
Hochzeit geladen werden solle gab ihnen zu schaffen Dass beide Hochzeitsfeste
in eines verschmolzen werden müssen schien in der Natur dieser
außerordentlichen Heiratsgeschichte selbst zu liegen und eine gerechte Krönung
des ganzen Liebeskunstwerkes eine Vergütung der dabei erlittenen Unbilde zu
sein Nun erfreute sich aber die Salanderfamilie keiner ausgebreiteten
Freundschaft und geselliger Beziehungen einmal wegen ihrer wechselreichen
Schicksale dann auch wegen Salanders politischem Wesen Wohlhabende
Geschäftsleute und ähnliche die aus den für besonnen geltenden Reihen des
bisherigen Zustandes heraustreten und mit den bewegten Massen voranstürmen
gelten bei jenen Standesgenossen mindestens für wunderliche unvertraute Käuze
denen die gesicherte Staatsordnung ein Spielball der Leidenschaft oder des
Ehrgeizes sei hieraus erwächst immer ein Lösen des engeren Verkehrs während
die allgemeine Achtbarkeit schon der nützlichen Geschäftssachen wegen bestehen
bleibt So wenigstens suchte Martin Salander den Seinigen entschuldigend die
Verlegenheit zu erklären die bei der Auswahl der Hochzeitsgäste zutage trat
Die Töchter vollends besaßen gar keine »intimen« Freundinnen mehr Unter diesen
Umständen dachte der Vater eine Zeitlang daran aus der Hochzeit ein
freiheitliches Volksfest zu gestalten und eine Schar Demokraten mit ihren
Frauensleuten zu laden die in Verbindung mit dem zu erwartenden Anhang des
Hauses Weidelich ein wackeres Bild einen Auszug des Volkes darstellen würden
Die Mutter wusste ihm jedoch den Gedanken auszureden und er sah ein dass es
vielleicht nicht gut wäre diese Hochzeit zu einem politischen Parteifeste zu
machen mit einem nicht abzusehenden Verlaufe Auch die Töchter scheuten sich
mit ihrem erkämpften Glücke ein öffentliches Schauspiel zu geben
    Desto eifriger wünschten die Bräute den Bruder Arnold zur Hochzeit herbei
Sie hatten einen mit den Eltern gemeinschaftlich geschriebenen Brief an ihn nach
England gesandt nachdem er die erste Verlobungsanzeige mit einem kurzen
Glückwunsch ohne alle scherzhaften Wendungen erwidert
    Auf die vierfache Einladung traf nun ein Brief Arnolds an den Vater ein
»Liebster Vater« schrieb er »Eure dringende Gesamtaufforderung zur Hochzeit
zu kommen hat meinem gut Salanderschen Sohnesund Bruderherzen gewiss wohl
getan und fast tut es mir weh dem Vergnügen das ich mir versprechen dürfte
entsagen zu müssen Vielleicht werden die l Schwestern es auch nicht galant
finden wenn ich über dies Müssen eigenmächtig selbst entscheide allein es ist
so ich kann jetzt wegen der Hochzeit nicht den hiesigen Aufenthalt plötzlich
unterbrechen um möglicherweise wie es eben so geht nachher nicht mehr
zurückzukehren wenn ich einmal dort bin Die l Mutter welche es sei gesagt
ohne Eifersucht erregen zu wollen eine Spezialität meines Herzens ist wird
mich verstehen
    Liebster Vater Ich habe Dir zu bekennen dass ich hier nicht Jura treibe
wie wir verabredet sondern englische Geschichte wobei ja wünschendenfalls wie
sie in Münsterburg sagen immer etwas Recht mit unterläuft Ich weiß wohl dass
man nicht gerade in die Länder zu gehen braucht deren Geschichte man im
allgemeinen studieren will wenn man aber da ist kann man in Land und Leuten
einen Anschauungsunterricht genießen der nicht zu verachten ist
    Ich muss nun gleich zu dem übergehen was hiemit zusammenhängt und ich Dir
vorzulegen habe Du hast bis jetzt gewünscht dass ich sofort die juristische
Praxis antrete wenn ich heimgekehrt bin und zugleich beginne mich am
politischen Leben zu beteiligen Das möchte ich mit Deiner Zustimmung gern etwas
anders anfassen Die Jurisprudenz werde ich nach Kräften weiter pflegen fühle
aber einen lebhaften Drang mehr als bis zur Stunde geschehen mich den
historischen Studien zu widmen was ich mir folgendermaßen denke Unsere Mittel
würden mir gestatten eine Zeitlang in der Heimat als unabhängiger
Privatgelehrter zu leben womit sich damit ich nicht ganz umsonst esse wohl
vereinigen ließe in Deinem Handelsgeschäfte diese oder jene Funktionen zu
besorgen Ich habe ja früher schon manche Stunde an Deinem Pulte mitgeschrieben
Würde so allmählich ein leidlicher Kaufmann daraus so täte die etwelche
Gelehrteit ihm keinen Abbruch und die Frage welches die Zukunft Deiner Firma
sein soll wäre im Notfall zugleich für eine weitere Zeit gelöst Also ein
junger Jurist arbeitet nach Bedürfnis und Gelegenheit im Handelshause seines
Vaters mit treibt daneben Geschichte für seinen Hausgebrauch um die werdende
Geschichte besser zu verstehen und ihre Dimensionen messen ihre Bedingungswerte
schätzen zu lernen«
    »Was Teufel ist das« unterbrach sich Martin Salander im Lesen vergeblich
über den Sinn der Phrase nachdenkend las dann aber weiter
    »Wo will das hinaus wirst Du fragen Ich will gleich den Schlüssel
hersetzen In G ging ich mit einigen Landsleuten um welche sich vorzugsweise
gern über die politischen Zustände der Heimat unterhielten und die empfangenen
Nachrichten unter weisen Betrachtungen austauschten Einer davon aus dem Kanton
X wurde von seinem Vater ausgesucht der nach dem Seebade reiste Er brachte
einen Abend mit dem Sohne und uns zu hörte unsere Gespräche an in die wir den
alten Herrn bald verwickelten Als er ein und das andere ungeduldige und
vorschnelle Urteil vernahm woran sich der Schluss knüpfte es dürfte der
betreffende Übelstand wohl erst durch ein neues Geschlecht von Gesetzgebern von
frischen Kräften gehoben werden lächelte der Alte und meinte es handle sich
nach seiner Erfahrung nicht sowohl um einen Mangel an frischen Kräften die ja
ohnehin schon durch das allgemeine Menschenschicksal unaufhörlich zuflössen als
im Gegenteil um einen bedächtigeren beharrlicheren Ausbau des Geschaffenen Er
erzählte nun anschaulich wie er zum dritten Mal erlebt habe dass nach einem
kraftvollen Umschwung die Söhne der Männer die ihn bewirkt und im besten
Mannesalter standen als Schüler sich zusammengetan und verabredet hätten sie
wollten noch etwas ganz anderes herstellen wenn sie drankommen würden Ohne zu
wissen was das Unerhörte eigentlich sein solle hätten sie später wirklich Wort
gehalten wie wenn sie auf dem Rütli geschworen hätten und ihre Zeit lang die
heilige Gesetzgebung verwirrt und gestört bis ihre eigenen Sprösslinge den
gleichen Schwur getan und als neue Generation ihnen vom Amte halfen oder
wenigstens mit großem Spektakel zu helfen suchten In diesem Lichte gesehen sei
der Fortschritt nur ein blindes Hasten nach dem Ende hin und gleiche einem
Laufkäfer der über eine runde Tischplatte wegrenne und am Rande angelangt auf
den Boden falle oder höchstens dem Rande entlang im Kreise herumlaufe wenn er
nicht vorziehe umzukehren und zurückzurennen wo er dann auf der
entgegengesetzten Seite wieder auf den Rand komme Es sei ein Naturgesetz dass
alles Leben je rastloser es gelebt werde um so schneller sich auslebe und ein
Ende nehme daher schloss er humoristisch vermöge er es nicht gerade als ein
zweckmässiges Mittel zur Lebensverlängerung anzusehen wenn ein Volk die letzte
Konsequenz deren Keim in ihm stecke vor der Zeit zu Tode hetze und damit sich
selbst
    Wir waren von dieser zurechtweisenden Rede des alten Herrn nicht wenig
verblüfft nahmen sie aber mit Achtung auf wir mussten das Tatsächliche daran
zugestehen da wir Ähnliches selbst schon unter der Jugend beobachtet und
belachten den Humor davon
    Nachher sprach ich mit einem der Freunde dem ich näher stehe wiederholt
von jener Unterhaltung wir dachten von dem Gesichtspunkte des Alten aus mehr
über die politischen Tagesläufte nach die wir aus der Heimat vernahmen Kurz
wir gelangten endlich zu dem Entschlusse im Gegensatze zu den
Schulbankagitatoren uns nicht als neue Generation aufzutun sondern uns im
stillen für alle Fälle brauchbar zu machen in Zeiten wo es notwendig werden
könnte mit einzustehen und den Rang finden zu helfen Am allgemeinen
mitzudenken sei immer nötig mitzuschwatzen aber nicht
    Lieber Vater So ist nun die Gesinnung oder Stimmung beschaffen aus welcher
heraus ich mein Verhalten wie ich es oben dargelegt einzurichten vorhabe
insofern Du den Sohn in solcher Gestalt zunächst im Hause dulden kannst Den
Tribut den ein Haus dem öffentlichen Leben schuldig ist bezahlst Du ja
indessen mit Deiner Person so vollgültig dass ich noch lang hin im Schatten
Deines Beispiels mich ruhig fortbilden kann«
    Martin legte den weitläufigen Brief offen auf sein Pult nahm ihn wieder
auf wandte die Blätter und sagte
    »Was ist nun das Treibt er Spaß oder Ernst Mit seiner Geschichte Und was
ist das für ein alter Herr mit dem Käfer auf dem Tisch den er dem Fortschritt
vergleicht Halt da dämmert was  ich glaube bald ich habe einen jungen
Doktrinär in die Welt gesetzt Er weiß dass ich ein Mann des Fortschrittes bin
und kommt mir mit dem Käfer Das ist doktrinäre Kritik am Ende die ganze
Geschichte von dem alten Kerl erfunden Und doch nicht er ist dafür zu ehrlich
und ernstaft Im Grunde wenn er im Geschäfte mitelfen will kann mir das nur
lieb sein ein doctor juris steht ihm nicht schlecht an Der historische
Doktrinarismus im politischen Gebiete wird ihm schon vergehen wenn er in den
Zug kommt Dimensionen und Bedingungswert der werdenden Geschichte Gras wachsen
hören Will er eingeschlagene Eier backen den Termometer in der Pfanne Sei
es wenn er nur was Rechtes weiß so ist ihm zuletzt dies oder jenes abzulernen
woran er selbst nicht denkt Das Ding mit dem stillen Privatgelehrten und dem
Kaufmann der es drauf ankommen lässt ob er hervortreten wird oder nicht hat
doch etwas für sich und sieht gut aus zumal wenn man es ja bequem machen kann
In der Tat es gefällt mir immer weniger übel Was schreibt er denn da noch Er
wünschte noch ein Jahr zu reisen wenn es anginge Warum nicht Ich wollt ich
hätt es auch tun können als ich jung war nur um mich zu unterrichten Nachher
musste ich freilich reisen weit genug hab aber vor Plackerei kaum was gesehen
und an Weib und Kind denken müssen«
    Er teilte den Brief den Frauenzimmern mit die aus verschiedenen Gründen
betrübt waren die Töchter weil der Bruder nicht zur Hochzeit kam die Mutter
weil sie den Sohn noch länger entbehren musste und gerade jetzt wo sie die
Töchter verlor Und er hatte ihr noch nie Kummer gemacht Sein Lebensplan aber
oder wie man die Auseinandersetzung seiner Absicht benennen will auf die Martin
sie aufmerksam machte erfüllte sie mit stolzer Freude so würdig und ernst
erschien ihr alles was er schrieb und sie billigte zuletzt alles selbst das
Reisen Mit dem Manne später allein konnte sie sich nicht enthalten sich mit
einiger Überhebung der Gegenschwäherin gegenüberzustellen und im Hinblick auf
deren Zwillinge den eigenen Sohn zu preisen
    Salander wurde ordentlich eifersüchtig auf ihn
    »Du bist ein bisschen Aristokratin« sagte er »ich weiß gar nicht warum du
die Leute so wenig leiden kannst Warte das Ende ab wer zuletzt lacht lacht am
besten Die Zwillinge werden noch ein paar handfeste Männer werden und
obenaufkommen während unser Arnold mit seinen Schrullen vielleicht ein
unbedeutender Stubenhocker wird«
    Er nahm den Brief mit auf das Kontor und las ihn nochmals durch Wieder lief
ihm der fortschrittliche Käfer des alten Herrn über die Leber und ärgerte ihn
ein Gedanke gab den andern Salander hätte Arnold auch gern an der Hochzeit
gehabt und bei diesem Punkte angekommen änderte er plötzlich wieder seine
Ansicht von dem Feste und beschloss dem doktrinären Sprössling zum Possen doch
eine politische Volkshochzeit zu feiern damit er in der Ferne vernehme was die
Glocke geschlagen
    Ohne die Gattin weiter einzuweihen verband er sich mit den künftigen
Schwiegersöhnen und setzte mit ihnen den Plan fest Dem Geiste der Zeit
entsprechend wurde von allem Auffahren einer Menge Kutschen abgesehen und die
Eisenbahn als Beförderungsmittel gewählt Die aus der Stadt und ihrer Umgebung
geladenen Gäste verfügen sich nach dem Bahnhof wo die Hochzeitspaare und deren
Eltern sie erwarten Jedermann ist anständig gekleidet wie zu einem
sonntäglichen Ausfluge aber keine Ballroben keine Fräcke werden gesehen Im
Saale der Bahnhofswirtschaft wird die Morgensuppe genossen mitten im Verkehr
des reisenden Publikums ein Bild des rastlosen Lebens Es ist indessen dafür
gesorgt dass das Beste aufgetragen wird in der stillen Zeit da die Züge
abgefahren und die Säle leer sind Dann führt ein Extrazug die Hochzeit nach dem
Orte wo die Trauung stattfinden soll es ist ein ansehnliches Dorf mit guter
Wirtschaft das ziemlich in der Mitte zwischen der Stadt dem Lindenberg und
Unterlaub liegt Zwei kleine Sängerchöre die von den beidseitigen Freunden und
Anhängern der Bräutigame gestellt sind empfangen die Versammlung und begleiten
sie eine kräftige Landwehrmusik voran in die Kirche wo ein geistlicher
Demokrat die Predigt und den Trauungsakt verrichtet Dann geht es zum
Hochzeitsmahle für das bei gutem Wetter im Baumgarten beim Hauptwirtshaus also
im Freien die Tische gedeckt stehen und eine Zahl fernerer Gäste der
Landesgegenden sind herbeschieden worunter redekundige Leute
    Ein kleines Festspiel unterbricht den Schmaus und die Gesänge Auf die
verschiedene Parteistellung der zwei jungen Grossräte anspielend wird von
allegorischen Figuren ein Waffenstillstand zwischen den Demokraten und den
Altliberalen beraten und abgeschlossen nicht ohne Hinweis auf die doppelte enge
Verschwisterung der Hochzeitsparteien die als schönstes Vorbild für das
Wiedervereinigen der Landesparteien ausgerufen werden usw Hat sich wie zu
erwarten aus der zuschauend teilnehmenden Bevölkerung welche freundlich zu
bewirten ist mit den Gästen zusammen eine kleine Volksversammlung gebildet so
treten die Redner auf und benutzen die Reihe der üblichen Toaste zum Einflechten
derjenigen Betrachtungen welche geeignet sind das Volksbewusstsein zu heben
und in den höchsten sittlichen Prinzipien des freien Staates gipfeln dessen
Wurzeln in der freien Familie gegründet sind
    Vom Tanzen wird vorläufig abgesehen und vielmehr auf die Musik zum Anstimmen
und Begleiten einiger National und Freiheitslieder gerechnet welche durch die
anbrechende Nacht bei Fackelglanz von der ganzen Menge gesungen weithin sich
hören lassen sollen Als Salander das Programm mit den Söhnen Weidelichs an Ort
und Stelle des Festes zu ihrem anfänglichen Erstaunen und nachherigen großen
Vergnügen vereinbart hatte und zwar mit dem schliesslichen Bemerken dass er
selbstverständlich als Urheber des Projektes die ganzen Kosten übernehme fuhr
er guter Laune nach Münsterburg zurück
    »So Meister Arnold der das Gras will wachsen hören« schmunzelte er in
sich hinein »kämest du an die Hochzeit deiner Schwestern so würdest du es
einen guten Atemzug tun sehen vielmehr hören will ich sagen oder beides
zusammen Du würdest lernen dass dies Land noch keine runde Tischplatte ist wo
Käfer drauf hin und her rennen Sein alter Herr hat vielleicht an Krebse
gedacht die keine Augen in den Schwänzen zu haben pflegen wenn sie ihre
Fortschrittswege zurücklegen«
    In der fröhlichen Laune machte er auch Frau und Töchter mit dem
Festverlaufe wie er bestimmt worden bekannt Zu seiner Verwunderung blieb die
Frau ganz gelassen und schien gar nicht so unzufrieden zu sein
    »Ich freue mich« sagte er »dass du keinen Widerspruch mehr erhebst du
wirst sehen es wird eine gelungene Hochzeitsfeier absetzen wie sie nicht alle
Tage vorkommt«
    Sie erwiderte mit schonendem Lächeln für die Töchter
    »Ja es ist mir soeben während du erzähltest ein anderes Licht
aufgegangen ich glaube jetzt dass durch diese außerordentliche Art von Hochzeit
die ungewöhnliche Geschichte derselben in den Hintergrund rückt oder vielleicht
ganz ausgeglichen wird«
    »Nicht wahr Siehst du wie klug du bist Daran habe ich nicht einmal
gedacht«
    »Übrigens ist es mir auch sonst ein wenig besser zumute in der Sache Ich
bin heute im Zeisig oben gewesen wegen Aussteuersachen und habe die Frau
Weidelich in großer Wochenarbeit getroffen und ein Weilchen warten und zusehen
müssen Es gefiel mir dass sie gar keine Komplimente machte Und dann hab ich
mich ordentlich erbaut an dem rüstigen Fleiße mit dem sie hantierte und die
Arbeit regierte wahrhaftig unermüdlich und auch umsichtig sie ließ nichts
durchgehen legte überall Hand an und sorgte zugleich für die Waschweiber und
Plätterinnen Den Mann hab ich auch gesprochen und er gefiel mir in seiner
ehrlichen Bescheidenheit und Ruhe noch besser als die Frau Auch er scheint nie
müßig zu sein so gemessen er sich herumbewegt Nun dachte ich wenn die Äpfel
nicht weit vom Stamme fallen so kann es auch da nicht stark fehlen«
    »Hört ihr Kinder freut es euch nicht« redete Salander die Töchter an
    »Was« sagten sie aus düsterm Sinnen erwachend in welchem sie gar nicht
auf das Gespräch der Eltern geachtet hatten Ihre Augen waren sogar voll Wasser
    Nach und nach stellte sich heraus dass die Morgensuppe ihres Ehrentages
nicht im Gasthofe oberen Ranges sondern in der Bahnhofrestauration unter
Geschäftsreisenden und glotzenden Engländerinnen eingenommen ihre Betrübnis
verursachte dass es keine Kutschen geben sollte gerade für sie allein während
die ärmste Magd in einer Droschke zur Kirche fahre machte sie traurig dass sie
entweder im Brautgewand und Schleier die Myrten auf dem Kopf vielleicht den
Regenschirm in der Hand zu Fuß nach dem Bahnhof marschieren oder dann wie es
den Gästen vorgeschrieben als Rigireisende verkleidet gehen würden beleidigte
sie
    »Merkwürdig Eure Verlobten haben gerade diese Idee mit wahrem Gaudium
aufgenommen und denken sich damit auszuzeichnen Sie gehen sogar damit um weiße
leinene Sommeranzüge machen zu lassen und Strohhüte zu tragen« berichtete der
Vater
    »So tun sie das Dann gehen wir einfach nicht mit« sagte Setti »wir haben
nicht so lange geharrt und ausgehalten um aus unserer Vermählung eine Maskerade
zu machen«
    »Nein das tun wir nicht« bestätigte Netti »wir haben auch etwas dazu zu
sagen«
    Die Mutter schlichtete den Streit
    »Genaugenommen haben sie recht was den hiesigen Teil des Festes betrifft«
sagte sie »es wäre im Bahnhof doch eine wunderliche Existenz und auch die Küche
in einem guten Hotel angemessener Das Getrappel zu Fuß geht ja eigentlich auch
nicht dazu ist die Stadt zu bevölkert tausend Kinder würden uns vor und
nachlaufen Den Mädchen können wir das Brautkleid das sie nur einmal im Leben
tragen auch nicht absprechen und so sind Kutschen im voraus notwendig und
damit müssen wir für die ganze Gesellschaft Kutschen haben Wie es draußen im
Dorf gehalten werden soll mag bei eurem Programm bleiben dieser Teil ist ja
die Hauptsache«
    »Gut ich füge mich« entschied sich Salander »Dann frühstückt man aber im
großen Saal zu den Vier Winden und fährt dahin und von dort nach dem Bahnhof
meinetwegen in hundert Kutschen und noch mehr Die Vier Winde möchte ich haben
weil das Lokal einen politischen Beigeschmack hat«
    Frau Marie Salander blickte den Mann mit unmerklich zuckendem Munde an
vielleicht das erste Mal mit dem zweifelhaft fragende Ausdruck der in ihren
Augen lag
    Der Tag war nach allen Vorbereitungen endlich da inmitten des Junimonats
und der Himmel unbewölkt Vom Salanderschen Hause fuhren zwei Wagen mit den
Braut und Elternpaaren nach den Vier Winden während in einer Anzahl anderer
Fuhrwerke gegen vierzig Personen beiderlei Geschlechts dort anlangten Außer den
Bräutigamen und ihren Vätern erschienen fast sämtliche Männer in bequemen
Kleidern jeder Farbe und Machenschaft Nur Herr Möni Wighart vielleicht der
einzige nicht demokratische Gast kam schwarz gekleidet Er stimmte stets mit
der liberalen Partei freute sich aber zuweilen wenn sie eine Ohrfeige bekam
weil er es vorausgesagt und ließ im übrigen die Dinge sich nicht viel zu Herzen
gehen Heute war er überaus gespannt auf das Hochzeitsfest das schon im voraus
von sich reden gemacht und hatte die Einladung des alten Freundes mit Dank
aufgenommen
    Die Frauensleute der ganzen Gesellschaft kamen hochzeitlich gekleidet mit
frisierten Haaren Blumen und anderer Zierat wie es Alter Geschmack und Mittel
erlaubten Und das ohne alle Verabredung jede tat was sie wollte und alle
hatten das gleiche gewollt trotz den Mahnungen der Männer die sich an
Salanders Vorschrift hielten Sie freuten sich jetzt doppelt als sie sich mit
beflissener Neugier um die Bräute versammelten und deren romantischen Staat und
Anblick bewunderten den sie feenhaft nannten während man ihnen hatte
weismachen wollen sie würden auch in gewohnten Sonntagsröcken auftreten
    Setti und Netti aber fühlten eine große Befangenheit denn noch nie war eine
Hochzeit in Münsterburg gewesen an welcher die Braut so wenig bekannte
Gesichter unter den Hochzeitsgästen sah
    Indessen schuf das gute Frühmahl verbunden mit dem sonnigen Tage bald eine
vertrautere Stimmung und der Extrazug in der Bahnhalle nahm eine zur Heiterkeit
ziemlich gleichmäßig vorbereitete Gesellschaft auf In einer Stunde war man an
Ort und Stelle Auf dem Stationsplatze bliesen acht gediente und geübte
Musikanten einen schönen Marsch bis der Zug anhielt und die Insassen
ausgestiegen im Wartesaal begrüßten die versammelten Gäste von der Landschaft
die Ankommenden und ordneten sich mit denselben zum Gange nach der Kirche Beim
Heraustreten machte die Musik kehrt und führte den Zug unverweilt mit klingendem
Spiele in den Tempel Der Teil des Volkes das nicht schon dort saß besonders
die Jugend lief nebenher am dichtesten wo die denkwürdigen Zwillingsbrüder
und die geschmückten ebenso merkwürdigen Bräute gingen
    In der gefüllten Kirche standen auf der Empore in der Tat zwei Häuflein
Sänger jedes von einem Schulmeister mit gelber Stimmpfeife angeführt die ihm
zugleich als Taktstock diente Takt im weiteren Sinne besaßen sie nicht genug
denn statt sich als ein Chor zusammenzutun hatten sie sich ausgestellt als ob
sie gegeneinander das bekannte Pintschgauer Wallfahrtslied singen wollten
Dennoch intonierten sie gemeinschaftlich unter dem Schwingen der zwei
Stimmpfeifen ganz ordentlich ein kirchliches Lied welches vom Gemeindegesang
kräftig gedeckt wurde
    Der Pfarrer verlas hierauf ein eigens verfasstes Gebet welches den
kirchlichen Sinn und die Rechte des freien Denkens gleichmäßig vertrat und
hielt eine schöne Predigt oder religiöse Rede über das gefeierte Ereignis
dasselbe mehrseitig erklärend und zu einer Parabel ausgestaltend die allgemein
wohlgefiel und wahrhaft erbauend genannt wurde
    Zum Schluße trugen die Sänger eine treffliche Komposition von Uhlands
»Brautgesang« vor die ihnen etwas schwieriger wurde als der vorige Choral
indem sie jetzt ohne die Gemeinde singen mussten und die gelben Stimmpfeifen
nicht ganz gleich auf und nieder gingen Auch war im Text durch den heutigen
Sonderfall eine kleine Änderung als geboten erachtet worden Statt des
Einganges
Das Haus benedei ich und preis es laut
Das empfangen hat eine liebliche Braut
Zum Garten muss es erblühen
wurde gesungen
Das Haus benedei ich und preis es heut
Das empfangen hat zwei liebliche Bräut usw
und statt »Aus dem Brautgemach tritt eine herrliche Sonn« hieß es »tritt eine
doppelte Sonn«
    Allein niemand bemerkte die unnötige Verschlimmerung und die kleinen Takt
und Harmoniewirren fanden duldsame Hörer Zufrieden mit dem guten Willen wenn
es unter sich ist betrachtet das Volk eine stramme Kunstübung eher als ein
aristokratisches Wesen und ist durch alle Schichten hindurch darauf aus eifrig
zu demokratisieren was in seinen Bereich kommt So ungefähr äußerte sich Martin
Salander der Gattin gegenüber als sie später neben ihm am Tische saß und
bemerkte es dünke sie die Sänger hätten ein wenig stark falsch gesungen
    »Und das Volk hat recht« schloss er
    »Warum recht Früher es ist freilich lange her dachtest du anders als der
Wohlwend so falsch sang und deklamierte«
    »Hm Ja das heißt es ist nicht der gleiche Fall Dieser tat es in einer
gebildeten Welt inmitten eines Vereines wohlgeübter Leute die er störte Hier
hätte er niemandem die Freude verdorben«
    Marie Salander ließ aber den Mann noch nicht los von dem leise geführten
Zwischengespräch
    »Es will mir aber doch scheinen dass es nicht ganz recht sei das gute Volk
nicht auch darüber aufzuklären Was brauchen sie denn so schwere Stücke zu
singen die sie nicht ausführen können Mich dünkt wer in der einen Sache
pfuscht gewöhnt es sich auch in allen anderen Dingen an und man darf ihm
zuletzt nirgends mehr die Wahrheit sagen er leidet es einfach nicht«
    Martin schwieg hiezu eine Minute und sann in das Kelchglas blickend das er
in der Hand hielt Dann ließ er es sanft an dem ihrigen klingen und sagte
    »Trink auf deine Gesundheit Marie Du sollst den ersten Toast haben an
dieser Hochzeit ganz im stillen Und jetzt wollen wir der Sache den Lauf
lassen« Sie trank unverweilt einen besseren Schluck als gewöhnlich und mit ihm
einen jener kurzen Sonnenoder Silberblicke die mit der Länge der Zeit sich
immer mehr verlieren wenn die Menschen sich in Wind und Wetter leise ändern so
dass die Klugen weniger klug die weniger Klugen Narren und die Narren oft
schnell noch Halunken werden eh sie sterben wie wenn sie Gott weiß was
versäumten
    Als die Mama Weidelich die gegenüber saß das verstohlene Anstossen des
Ehepaars Salander bemerkte hielt sie ihr Glas auch herüber und rief fröhlich
»Potztausend darf man nicht dabei sein« Sie stießen mit ihr an der
Weidelichsvater kam auch herbei und von da verbreitete sich das Klingeln über
den ganzen Tisch über alle Tische wie ein Sturmgeläute ohne dass man wusste wie
es entstand und was es bedeute und als man nichts Gewisses erfahren konnte
lachte alles über den blinden Lärm der darum nicht minder vergnüglich gewesen
    Da das Essen eben erst begonnen und Salander ein verfrühtes Reden
befürchtete welches die Gastgemeinde darin störte die Ordnung des Auftragens
unterbrach und die Schüsseln kalt werden ließ so forderte er die Musik auf zu
blasen und fleißig fortzufahren Das taten die ältlichen Kriegstrompeter auf die
zweckmässigste Art Statt der geläufigsten Soldatenmärsche führten sie eines
ihrer Konzertstücke auf mit denen sie Staat zu machen pflegten nämlich die für
eine kleinere Blechmusik arrangierte Ouvertüre zu der Oper »Wilhelm Tell« Mit
redlicher Mühe im gemächlichsten Zeitmasse halfen sie sich so vorsichtig und
Gott vertrauend über das Meer von Schwierigkeiten hinweg dass die tafelnden
Völker weder im Essen noch im gemütlichen Gemurmel der einzelnen Nachbargruppen
beirrt wurden und am Ende welches auch diese Tatandlung nahm mit einem
donnernden Bravo die gewissenhaften acht Männer lohnten Dankbar ließ sie nach
kurzer Pause eine mutig schmetternde Marschweise erschallen und etwas später
ein beliebtes Volkslied worauf sie aber schleunig das Wasser aus den
Instrumenten ablaufen machten und dicht hintereinander das Treppchen an ihrer
Bühne herunterstiegen um in die Ecke zu eilen wo auch für sie der Tisch
gedeckt war
    Da soeben in Erwartung neuer Gerichte die Teller gewechselt wurden benutzte
der Herr Pfarrer den Augenblick das erste Lebehoch auf die Brautpaare und
beiderseitigen Eltern auszubringen Er schlug mit dem Messerrücken kräftig an
das Glas blickte gebieterisch umher bis das Tellerklappern nachließ
unterstützt durch Silentiumrufen und erhob dann die weithin tönende Stimme
Seine Toastrede bildete die Ergänzung der gehaltenen Predigt Erst schilderte er
das Elternhaus der soeben vermählten Jünglinge den schlichten Landmann der im
Verein mit der rastlosen Hausfrau sich zu bescheidenem Wohlstande
emporgeschwungen aber wozu »Nur um das blühende Knabenpaar welches der im All
waltende Gott in christlichem Ehestande ihnen aus reicher Hand geschenkt des
Segens der Schulanstalten teilhaftig werden zu lassen mit derselben
unermüdlichen Opferwilligkeit mit welcher unser Volk sie begründet hat und
durch alle Stürme aufrecht hält Und wie hat dieser Segen angeschlagen Es ist
ein ewig denkwürdiges Beispiel Nach kaum erreichtem Alter hat das Volk die
Jünglinge ja Jünglinge sage ich an wichtige Amtsstellen berufen deren treue
Verwaltung namentlich der landwirtschaftlichen Ökonomie so unendlich wichtig
ist Und nicht nur das in unsere höchste Landesbehörde die nur das Gesamtvolk
und Gott allein über sich hat und sonst niemanden fürchtet hat es sie
gleichzeitig entsendet eine Ehre welche wohl kaum je einem so bescheidenen
Hause widerfahren ist Blicket hin und seht sie dort beieinander sitzen Eltern
und Söhne in all ihrem Werte als ob es sie nichts anginge«
    Sie schauten den Sprecher unverwandt an als alles Volk nach ihnen sah und
Beifall rief Erst jetzt kehrte sich der Vater ab und blickte verlegen vor sich
nieder die Mutter wischte sich die Augen aus denen die Tränen flossen und
faltete die Hände die Söhne neben ihren Bräuten verneigten sich leicht gegen
die Rufenden und den Redner der weitersprach »Treten wir hinüber in das
bräutliche Haus was sehen wir da Auch einen aus dem Volke hervorgegangenen
Mann der sich durch Fleiß und Intelligenz emporgeschwungen und gegen alle
Schicksalsschläge immer wieder erhoben hat höher als vorher In fernen
Weltteilen ums Dasein kämpfend kehrt er immer wieder mit der gerechten
Siegesbeute zu den Seinigen zurück zu den Kindern die ihm die Gattin ein
Muster edler Weiblichkeit treulich erzieht Ein geachteter Handelsherr ist er
jetzt ein reicher Mann ein Großer unter den Großen Was tut er Baut er sich
Paläste und Villen Fährt er in Kutschen hält er Pferde wie die andern
seinesgleichen Nein er kennt schönere Freuden Die Ideale seiner Jugend sind
es welchen er nachgeht fort und fort jetzt wie einst an ihnen hängt er an
sie denkt er im Wachen und im Schlafen für sie arbeitet und lebt und webt er
Und was sind das denn für Ideale wo liegen sie Sie liegen bei dir o Volk
dein Wohl deine Bildung deine Rechte deine Freiheit sind es denen er einzig
Zeit und Arbeit widmet die er dem Geschäftsdrange abringen kann Und was
verlangt er dafür Anerkennung Ehrenämter Titel und Würden Nicht dass ich
wüsste meine Freunde Da sitzt er unter uns mit der verehrten Gattin wie der
Geringste so anspruchslos um dem Volke sein Bestes darzubringen den
jugendlichen Söhnen und Vertretern desselben die geliebten Töchter Eine
bedeutungsvolle Hochzeit Hat er sie in den blumengeschmückten teppichbelegten
Domkirchen in den Prunksälen der Hauptstadt feiern wollen Hierher in unsere
ländliche Gegend hat es ihn gezogen unser altes Dorfkirchlein dieser grüne
Rasen der Schatten dieser Fruchtbäume ist der Schauplatz den er sich
auserwählte um so recht in der Mitte am Herzen des Volkes das Fest abzuhalten
da ist ihm wohl und da soll es auch den neuen Familien wohl sein und bleiben
denn hellere Sterne könnten nicht über ihren Dächern strahlen als die Ideale
unseres Freundes Martin Salander Seht dort die lieblichen Bräute in Schleiern
und Myrtenkränzen und seht die edelen Eltern und helfet mir nun das feurigste
Lebehoch mit Glück Heil und Segenswünschen den vier verbundenen Gastfreunden
darzubringen«
    Bis das Hochrufen und Gläserklingen verrauscht war hatten sich die Sänger
zusammengestellt und trugen ein bei politischen und sonstigen öffentlichen Akten
übliches Vaterlandslied vor Der Geistliche von der Bühne heruntergestiegen
drang mit seinem Notpokale einem vom Wirte gelieferten Schützenbecher bis zu
dem Tischhaupte vor wo die Gefeierten saßen und auch er seinen Platz hatte
    Salander sagte just zu seiner Frau die blutrot im Gesichte war und nicht
aufblickte der Herr Pfarrer habe ihm die Rede unmöglich gemacht die er nun zu
halten beabsichtigt Alle Gesichtspunkte seien ihm von der gewaltsamen
Schmeichelei schiefgedrückt  da unterbrach ihn der Pfarrer mit dem Pokale mit
dem er herumging Salander schwieg und stieß mit ihm an
    »Ich danke herzlich für die gute Meinung« sagte er ihm die Hand
schüttelnd
    »Wieso gute Meinung Hab ich etwa gelogen« erwiderte jener mit dem Tone in
welchem derartige Naturen in solch unvermuteten Fällen sogleich eine Schraube
anziehen
    Einen Schritt weiter mit Frau Marie Salander anstossend sagte er »Wie
steht es mit Ihnen verehrte Frau sind Sie auch nicht zufrieden mit meinem
Toast«
    »Im Gegenteil mehr als zufrieden Herr Pfarrer« gab sie zur Antwort »ich
danke Ihnen auch nur für das was mir wirklich zukommt«
    »Das kann ich nicht so genau bemessen wie Sie sich denken können und nehme
daher an Sie danken mir für alles was ich gesagt Ein Volksredner muss immer
ein Ganzes bieten das sozusagen künstlerisch abgerundet ist Wer sich in Gefahr
begibt kommt darin um das müssen Sie nicht vergessen«
    »Wir wollen uns nicht streiten Herr Pfarrer Auf Ihr Wohlsein«
    Damit schien sie ihn abzudanken und er schritt würdig um das obere
Tischende herum zu den Gegeneltern
    Jakob Weidelich äußerte gar nichts als dass er mit ihm anstieß als dass er
für die Ehre danke worauf der geistliche Herr sich an Frau Amalie wandte
    »Und wie sind Sie mit meinem Trinkspruch zufrieden Frau Weidelich hab
ichs Ihnen recht gemacht«
    »Schön haben Sies gemacht Herr Pfarrer wenn ich so reden könnte Es muss
doch der Tausend noch einmal etwas Schönes sein wenn man den Menschen eine
solche Freude machen kann Sehen Sie es ist mir nicht um mich zu tun ich bin
eine unwissende Frau aber der Söhne wegen freut es mich doch solche Dinge zu
erfahren Sie sollen auch hochleben Herr Pfarrer Ich danke Ihnen tausendmal«
    Der Pfarrer betrachtete sie mit wohlwollendem Lächeln Sie glühte vor
Vergnügen und auch vom heute zahlreicheren Nippen wie ein Rose durch welche die
Sonne scheint und sah dabei aus wie eine Landvögtin Auf den Rat der
Salandertöchter hatte sie eine frisierende Frauensperson kommen und sich von ihr
die immer noch braunen Haare besser ordnen und mit ein wenig Spitzenwerk
bereichern lassen Auf dem nagelneuen dunkeln Seidenkleide prangten Uhr und
Kette nebst einer Agraffe welche die auf Porzellan übertragenen Photographien
der Zwillinge enthielt wie sie als Knaben gewesen
    Sie war aufgestanden und da der Pfarrer sich mit seinem Schützenbecher den
Brautpaaren selbst näherte ging sie das Glas in der Hand in ihrer
Lebhaftigkeit mit um auch mit ihnen anzustossen und anzufragen wie es ihnen
gefalle und gehe
    »Gut« sagten sie mit einer seltsamen Mischung von Glück und Befangenheit
indem sich jedes Paar bei der Hand fasste Die Jünglinge hatten sich die Rede des
Pfarrers als bare Münze zu Herzen genommen und doch das Gefühl dass nicht alles
ganz richtig sei überlegend ob sie nicht redend auftreten sollten wussten sie
im Augenblick nichts zu sagen das ihnen genügen würde und fanden es sei
angemessener wenn sie sich still verhielten an diesem Tage Dennoch strahlte
die jugendlich unvorsichtige Eitelkeit und das Selbstgefallen von ihren hübschen
Gesichtern und gaben ihnen einen Anflug von Unreife neben den in voller Reife
aufgeblühten Bräuten und diese verspürten denn auch im hellen Tageslicht dieses
Festes eine wunderliche Empfindung etwa wie diejenige einer reichen Schönen
die sich mit vollem Bewusstsein einem armen unansehnlichen Menschen mit ihrer
Neigung zugewendet hat und doch wünscht das Hochzeitsfest möchte überstanden
sein
    Da jetzt neue Speisen aufgetragen wurden beschloss das Salandersche Ehepaar
das für einmal genug gespeist hatte einen Gang zwischen den Tischen und um die
Baumwiese herum zu machen Das Weidelichsche Paar wollte späterhin das gleiche
tun
    Als Marie an Salanders Arm ging drängte es sie nachträglich sich über den
Geistlichen auszusprechen
    »Das scheint doch ein schnurriger Herr zu sein« sagte sie »erst die dicke
Lobhudelei und nachher wenn man nur das Nötigste dagegen höflich bemerkt wenn
er kommt den Dank zu holen gleich spitzige Worte deren Zusammenhang man
suchen muss Wie verfänglich grob hat er dir so blitzschnell geantwortet Und mir
hat er mit gleicher Artigkeit zu verstehen gegeben dass es sich nicht um mich
sondern um eine künstlerisch abgerundete Volksrede handle«
    »Du musst das nicht für so gefährlich auffassen« entgegnete Martin Salander
»er liegt eben immer im Kampfe mit seiner eigenen Sophistik die sich stets in
seine Rede drängt auch wenn er nichts damit will Er braucht sie unbewusst wie
ein natürliches Verteidigungsmittel auch wo kein Mensch ihn angreift Ich habe
einmal über einen Parteigenossen mit ihm gesprochen und beklagt dass dieser
soviel lüge Da gab er mir zur Antwort er sei der beste Hausvater und erziehe
seine Kinder musterhaft Damit war ich abgefertigt weil es ihm nicht bequem
war über das Thema zu sprechen und er nicht wusste wieweit es sich gegen ihn
drehen könnte«
    »Du lieber Gott« sagte die Frau Marie in ihrer Einfalt »das ist ja eine
traurige Existenz«
    »Nicht so traurig Es ist nur Manier Jeder der viel spricht besonders in
Politik hat seine Manier und es gibt solche welche eine Manier der Unwahrheit
haben ohne gerade etwas Übles damit zu bezwecken diese sind immer damit
geplagt anderen kleine Fallen zu stellen sie aufs Eis zu führen verfängliche
Fragen an sie zu richten das alles bildet mehr eine schützende Hecke für sie
selbst ein System der Abschreckung als ein Angriffsmittel Aber was führen wir
da für Hochzeitsgespräche«
    Sie hielten da und dort grüßend bei den Gästen welche sie nicht gerade am
Tafelvergnügen störten Dann wandelten sie längs des Einfanges um den Baumgarten
herum wo sich bereits allerlei Zuschauer zu sammeln begannen und im Schatten
überhängender Bäume auch etwas zu hören trachteten Es war dafür gesorgt dass
dem sich zusammenschliessenden Menschenkranze späterhin erfrischendes Getränk und
Körbe voll Kuchenbäckerei geboten wurden für jeden der zugreifen mochte
    Schon wurden einige Tische für Gefäße und Körbe an den leichten Stangenzaun
gerückt Ein Bübchen in weißen Hemdsärmeln die Daumen beider Hände in den
Armlöcher des Sonntagswestchens haltend wie ein Alter stand zuvorderst und
verfolgte mit offenem Munde und großer Spannung diese Anstalten Frau Marie
konnte sich nicht versagen vom nächsten Tafeltische ein Stückchen Torte zu
holen und es dem Kinde vor den Mund zu halten das gleich hineinbiss Der Knirps
machte Miene so fortzufahren ohne die Däumchen aus der Weste hervorzuziehen
erst als ein zweiter größerer seine Zähne auch ansetzen wollte packte jener
das süße Stück und fuhr wie der Blitz hinweg
    Auch für die Brauteltern war es Zeit umzukehren sie wurden benachrichtigt
es sei das kleine Festspiel in Bereitschaft und sie eilten an ihren Platz In
dessen Nähe auf der hölzernen Terrasse des anstoßenden Hauses hatte man
mittels einiger Dutzend Ellen weißer und rotgefärbter Baumwolltücher einen
Spielraum abgegrenzt Das aufzuführende Stück bestand aus einem in gereimten
Versen geschriebenen Zwiegespräch ungefähr nach der von Salander angegebenen
Idee Den Inhalt oder Text kannte er selbst nicht da er nach getroffener
Verabredung mit den betreffenden Genies nicht mehr Zeit gefunden sich darum zu
kümmern
    Als ein Trompetenstoss das Zeichen gegeben und die ganze Hochzeit nach dem
Teaterchen guckte trat aus den Tüchern hervor eine derbe junge Bauernfrau
auf mit einer hölzernen Kelle oder Kochlöffel im Gürtel und stellte sich als
die reine Demokratie das heiße Volksherrschaft vor die gewohnt sei ihren
Brei selbst zu kochen anzurichten und warm zu essen usw Von der andern Seite
kam sodann ein sogenannter ältlicher Halbherr in der Tracht der ersten dreissiger
Jahre mit hohem Hut Vatermördern blauem Frack und kleinen Ohrringen Er sah
ungleich komischer aus als Salander gedacht dass er aussehen sollte und sich
für den Fall gebührte Befragt wer er sei und wo er denn hin wolle stellte er
sich als den Liberalismus vor Er habe vernommen dass eine große demokratische
Hochzeit gefeiert werde und obgleich ihm sonst die Demokratie von weitem lieber
als von nahem sei möchte er doch gern ein bisschen sehen wie sie sich im
Familienleben ausnehme wenn es unbemerkt geschehen könne Da sei er gerade vor
die rechte Schmiede gekommen sagte die rüstige Person sie sei die Demokratie
er solle sich nur an sie halten sie wolle ihm alles zeigen Als er aber näher
trat und ihr das Busentuch neugierig ganz sachte etwas lüften wollte zog sie
die Kelle und schlag ihn damit so derb auf den Hut dass er tönte wie eine
Trommel
    Von solchen Spässen begleitet setzten sie einen gegenseitigen Unterricht in
Gang wobei aber der Liberalismus so ziemlich wie es im Leben geschieht ohne
es zu merken einen Satz der Demokratie nach dem andern zu dem seinigen machte
und gegen sie selbst verteidigte während sie mit neuen Sätzen wieder weit
voraus war und auf seinem Hute trommelte
    Als sie endlich sahen dass sie auf diese Art nicht so bald zusammenkämen
schlossen sie einen vorläufigen Frieden um die Hochzeit lustig mitzumachen und
sich vielleicht zu heiraten wenn es sein müsste Worauf die Musik plötzlich
einfiel und einen Hopser spielte die Demokratie und der Liberalismus aber sich
zu packen kriegten und einen drolligen Tanz aufführten dabei riss die wilde
Person den guten Herrn so gewaltig herum dass seine Frackschösse flogen die Füße
stolperten und die Vatermörder die Spitzen nach hinten kehrten Kurz die beiden
darstellenden Gesellen unterliessen keine der bei solchem Anlass üblichen
Hanswurstpossen Zuletzt zogen sie ab indem das Weib auf dem Hute des Mannes
mit der Kelle den Zapfenstreich schlug und dazu die bekannte Weise pfiff
    Das fröhliche Gelächter inner und außerhalb des Baumgartens verwandelte
sich in ein jubelndes Beifallrufen Nur ein Häuflein altliberaler Wähler Isidor
Weidelichs die ihm zu Gefallen eingeladen und gekommen waren machte
verdrossene Gesichter und sie murrten untereinander wenn sie das gewusst
hätten so wären sie nicht gekommen Es waren biedere Leute die durch alle
Ungunst der Zeit ihrer Gesinnung treu geblieben und die im Grunde richtigen
Anspielungen auf den Wankelmut oder die Nachgiebigkeit welche das was sie
fürchtet selbst herbeiführen hilft nicht einmal verstanden
    Auch Martin Salander war betroffen von der Gestalt welche seine Anregung
bekommen hatte und fühlte sich als Gastgeber verletzt Er benutzte daher die
eingetretene Stille die von ihm zu leistende Rede jetzt zu halten und mit einer
genugtuenden Wendung den Schaden auszugleichen die reinere Idee welche er in
der Sache ursprünglich gesehen wiederherzustellen
    Es gelang ihm auch leidlich und das gleiche Völklein welches dem
übermütigen Traktieren des Liberalismus zugejubelt klatschte ihm Beifall als
er sein Hoch unter anderm auch den ehrenwerten anwesenden Vertretern der alten
freisinnigen Partei darbrachte als den Zeugen des wahren Wortes dass man in
Freude und Leid zusammengehen und jener schöneren Zukunft entgegenleben müsse
welche nur eine Partei noch kennen werde diejenige der geeinigten und
befriedigten Patrioten
    Das sogenannte Öffnen der Schleusen war nun geschehen Während zwei voller
Stunden wurde fast unaufhörlich und von allen Enden her toastiert Zum größeren
Behagen oder Troste der Festgenossen hatte aber ein neues Essen begonnen mit
anderen Gerichten und feineren Weinen Die zwei Brautpaare sollten mit
anbrechender Dunkelheit das Fest verlassen und die durchgehenden Bahnzüge
benutzen um nach Lindenberg einerseits und in die Nähe des Lautenspiels
anderseits zu gelangen Es waren Züge die sich bequem und gleichzeitig hier
kreuzten Man hatte von der Hochzeitsreise abgesehen weil die Notare noch keine
Amtsverweser hatten und die Bräute kein Verlangen danach trugen vielmehr nichts
sehnlicher wünschten als in den Idyllen der neuen Häuslichkeiten sich
einzuspinnen fern vom Geräusche der Welt Alles war dazu eingerichtet und in
jeder Behausung ein tüchtiges Dienstmädchen bereit
    Die zwei Paare beendigten einen Umgang welchen sie unter den Gästen getan
mit Dank für die erwiesene Ehre und geziemender Verabschiedung während die
Tische bereits mit zahlreichen Lichtern besetzt und am Saume des Baumgartens
Pechpfannen angezündet wurden Am Fuße der kleinen Schaubühne angelangt standen
sie einen Augenblick still denn den Brüdern tauchte gleichzeitig der Gedanke
auf sie sollten nach dem Vorgefallenen als Mitglieder des Großen Rates doch
noch einige Worte zum besten geben Am füglichsten könnten sie es tun meinten
sie wenn sie in Person die vom Schwiegervater verkündete Versöhnung der
Parteien als Angehörige derselben sozusagen illustrierten die Bühne rasch
bestiegen und oben sich unter passenden kurzen Reden angesichts der ganzen
Hochzeitsgemeinde die Hände reichten Indem sie berieten welcher von ihnen das
Wort zuerst ergreifen solle Isidor der Altliberale oder Julian der Demokrat
entstand auf der Bühne über ihren Köpfen ein polterndes Geräusch welches die
allgemeine Aufmerksamkeit erregte und aller Blicke dorthin lenkte
    Zwei Rüpel oder zerlumpte Stromer mit Knotenstöcken und Bündeln am Rücken
zogen Arm in Arm auf und drückten sich gröhlend umher Sie trugen zerzauste
Perücken und Bärte von Werg und mächtige falsche Nasen im Gesicht dass kein
Mensch ahnte wer sie waren Sie schienen nicht mehr zu wissen wo sie
hinaussollten ließ sich endlich fahren und stellten sich einander gegenüber
Es waren offenbar zwei Spassvögel die in dieser Verkleidung auftraten einen
Beitrag an die Festlichkeit zu leisten und man gewärtigte vergnügt was sie
vorbringen würden Nachdem sie eine Weile über das Schicksal über Gott und die
Welt geschimpft fingen sie an zu beraten was sie denn anfangen könnten sich
ferner redlich durchzubringen Sie zählten eine Menge tollen Zeuges auf was sie
schon versucht oder probieren könnten bis der eine auf den Einfall geriet
seine Gesinnung zu verwerten die noch irgendwo vorhanden sein müsse da er sie
nie gebraucht »Gesinnung« schrie der andere »eine solche muss ich ja auch noch
haben eine wie ein neugeborenes Kind« Sogleich nahmen sie die Reisebündel vom
Rücken schnürten sie auf und wühlten in dem unhabseligen Schunde herum fanden
aber lange nichts »Halt« rief der eine »da muss was sein« und brachte ein
hölzernes Nadelbüchslein zum Vorschein Behutsam hob er das Deckelchen zur
Hälfte ab und guckte mit einem Auge in die Höhlung »Ja da drin sitzt es« rief
er und machte stracks wieder zu Der andere Rüpel fand ein winziges
Pillenschächtelchen öffnete es ebenso vorsichtig wie jener sein Nadelbüchslein
verschloss es ebenso schnell und schrie da sitze seine Gesinnung auch ganz
wohlbehalten drin
    Da nun jeder dieser Habseligkeit sicher war hieß es was damit anfangen
Plötzlich erinnert sich der eine Rüpel dass ehestens in der Gegend eine
glänzende Hochzeit zwischen der reinen Jungfrau Demokratie und dem alten Herrn
Liberalismus gefeiert und bei diesem Anlasse ein großer Vorrat von Gesinnung
benötigt werde und zwar von beiden Arten von der liberalen und von der
demokratischen Jeder der damit versehen sei und auch kleinere Beiträge sind
willkommen werde trefflich verpflegt und wenn er tapfer fresse und saufe so
sei er einer gut besoldeten Anstellung mit permanentem Urlaub sicher usw Sie
wurden einig an die Hochzeit zu gehen und ihre Gesinnung anzubieten Um sich
aber nicht selber hinderlich zu sein beschlossen sie sich auf beide Seiten zu
verteilen und der eine bei der Braut der andere beim Bräutigam sich zu melden
Sie besahen nochmals die kleinen Habseligkeiten im Büchschen und im
Schächtelchen ob sie nicht eine Wegleitung daran zu erkennen vermöchten Allein
sie konnten durchaus nichts erraten und erfanden daher den Ausweg auszuwürfeln
wessen Gesinnung liberal und wessen Gesinnung demokratisch sein solle
    Sie setzten sich also auf den Boden zogen einen schmutzigen alten
Lederbecher mit Würfeln hervor und würfelten die Parteien unter sich aus
natürlich wieder mit allerhand Schnurren und Possen »Es ist doch ein lausiges
Spiel« schrie der eine »wenn man kein Bier dazu hat«  »Wir wollen uns ein
paar frisch gefüllte Töpfe denken« rief der andere »sieh den schönen Anstich
Trink«
    Endlich wurden sie mit dem Würfeln das sie mit vielen Mogeleien lustig zu
verlängern gewusst hatten fertig Jeder prägte sich seinen Parteinamen
wiederholt ins Gedächtnis und machte zur größeren Sicherheit einen Knoten in das
alte Schnupftuch welches der eine von ihnen besaß so dass dieser beide
Versicherungen mit sich trug Dann gingen sie mit Hallo und Juhe hinter die
Bühne und verschwanden wie sie gekommen
    Die ganze Zeit über waren die Notare mit den Bräuten vor der Bühne gestanden
und hatten stumm hinaufgeschaut Jetzt sahen sie sich mit roten Gesichtern an
durften aber nicht miteinander reden Glücklicherweise war es für sie die
höchste Zeit nach der Station zu gehen wozu sie bereits gemahnt wurden Von
den Eltern begleitet begaben sie sich nach Vornahme des nötigen
Kleiderwechsels unbemerkt hinweg Beide Bahnzüge waren zum Ausfahren bereit
Die Brüder fanden einen Augenblick Zeit einander zu fragen welcher von ihnen
die Würfelgeschichte ausgeschwatzt habe jeder beteuerte dass er mit keiner
Silbe das getan »Dann muss uns damals einer beobachtet haben der uns kannte«
fanden sie einstimmig und trugen von der schönen Hochzeit das unangenehme
Bewusstsein hinweg mit einem Gerüchte behaftet in den Ehestand einzugehen Als
der erste Bahnzug bestiegen werden musste und die Schwestern Setti und Netti sich
zum ersten Male in ihrem Leben trennten befiel auch sie eine traurige wie
ahnungsvolle Stimmung sie fielen sich weinend um den Hals und wussten vor
Schluchzen sich beinahe nicht zu fassen
    In dem Hochzeitsgarten wurde inzwischen nichts verspürt dass der Schwank der
zwei Rüpel verstanden worden und seine Bedeutung bekannt sei er wurde als eine
harmlos satirische Hochzeitsposse aufgefasst und belacht Man wunderte sich nur
wer die beiden Burschen gewesen seien
    Der vielen jungen Frauensleute wegen wurde im Wirtshaussaale nun doch noch
ein Tanz angeordnet und als Salanders Extrazug um Mitternacht den von
Münsterburg gekommenen Teil der Gäste wieder abholte blieben dennoch Haus und
Baumgarten ganz erhellt und voll Gesang und Musik in der schönen Juninacht
zurück
 
                                      XII
Martin Salander war zur volksmässig politischen Feier einer Hochzeit welche bald
überall von sich reden machte durch den Brief seines Sohnes von neuem gereizt
worden er hatte dessen blasierte Weisheit wie er es nannte lakonisch mit
einer Fortschrittstat beantworten wollen so wortreich sie in der Ausführung
geriet
    Nun stellte sich unvermutet eine Folge ein an die er nicht gedacht In der
Gegend wo das Fest stattgefunden erklärte ein Mitglied des Großen Rates wegen
häuslicher Zerrüttung mitten in der Amtsdauer den Rücktritt und musste durch eine
Neuwahl ersetzt werden Indem sie sich nach dem Manne umschauten verfielen die
Leute auf den Volksfreund Salander und weil er schon einmal abgelehnt hatte
sandten sie ein paar Männer die ihn bewegen sollten dem Rufe zu folgen
Überrascht bat er um kurze Bedenkzeit sosehr sie in ihn drangen denn er war
aufrichtig gesinnt nochmals ernstlich zu überlegen ob er den Schritt tun solle
und sich über dessen Bedeutung für seine Person insbesondere Rechenschaft zu
geben
    Martin gehörte nicht zu den Befreiern oder Gleichstellern des
Frauengeschlechts hinsichtlich des bürgerlichen Daseins und seine eigene Frau
so hoch er sie hielt fragte er nie ausdrücklich um Rat und Meinung in
öffentlichen Dingen Hiermit wahrte er seinen Standpunkt Um so lieber gönnte er
ihr den Einfluss den sie von selbst übte wenn er doch so ziemlich von allem
sprach was ihn bewegte und zwar meist in Gestalt eines lauten Denkens in ihrer
Gegenwart beim Morgenkaffee bei Tisch beim Schlafen und Spazierengehen Sie
hatte dann die Auswahl einen beliebigen Gegenstand aufzugreifen und ihre
Gefühlsansichten oder Widersprüche zu äußern oder ganz zu schweigen In
letzterem Falle nahm er an die Sache sei ihr ganz gleichgültig und ließ das
Selbstgespräch allmählich verstummen Wenn sie sich aber zustimmend oder tadelnd
aussprach namentlich über Persönlichkeiten so hatte er wiederum die Wahl zu
benutzen was ihm klug und wahr schien oder auf sich beruhen zu lassen was
etwa aus einem Denkfehler hervorgehen mochte oder aus mangelnder Einsicht Auf
diese Weise beraubte er sich nicht der Hilfsquellen die aus dem Gemüte einer
rechten Hausfrau fließen und gab ihr die Ehre die ihr gebührte
    So begab er sich jetzt mit der genommenen Bedenkzeit in die Nähe der Gattin
ihr zunächst den an ihn ergangenen Ruf mitteilend und irgend etwas Unbedeutendes
beifügend Dann ging er weg kam bei erster Gelegenheit wieder und begann mit
langen Schritten im Zimmer auf und ab zu gehen nunmehr einer Reihe von
Betrachtungen Raum gebend
    »Ich habe bis jetzt« ließ er sich stückweise hören »mancherlei mitgewirkt
und getan ohne jede Verantwortlichkeit als diejenige gegen mein eigenes
Gewissen und ohne ein eigentlich zusammenhängendes Arbeiten Das würde nun
anders werden Ich kann wenn ich dort etwas nützen will nicht in den Rat
eintreten um still auf der Bank zu sitzen und bei den Abstimmungen aufzustehen
oder sitzenzubleiben Ich kann auch nicht in den Tag hinein schwatzen wenn ich
reden will sondern ich muss die Akten studieren und aktenmässig reden das ist
die einzig ehrliche Beredsamkeit und schafft Einfluss Wissen ist Macht Ich tue
das gut Dann komme ich in die Ausschüsse und Kommissionen und wenn ich es
dort wieder tue so hängen sie mir die Berichterstattungen auf den Buckel und
ich kann mich hinsetzen halbe Nächte durch und Papier beschreiben wie ein
Kanzlist«
    Hier unterbrach ihn Frau Marie oder benutzte vielmehr eine der kurzen
Pausen die er häufig machte
    »Verstehst du denn alle die Akten« sagte sie »oder das wovon sie handeln
so gut dass du darüber schreiben und reden kannst«
    »Darum sag ich ja eben« versetzte Martin ohne stillzustehen »dass ich sie
studieren muss«
    Nach einigen weiteren Schritten hielt er dann doch vor der Frau an die am
Tische saß und für die Küche die letzten vorjährigen Apfel schälte denn die
Magd sagte sie gehe mit den raren Früchten so gröblich um dass kaum etwas
dranbleibe
    »Du hast aber« fuhr er fort »wohl nicht das gemeint was man Aktenstudium
nennt sondern was man überhaupt unter Etwasgelerntaben versteht Da darf man
freilich nicht genau nachsehen der Große Rat soll auch keine Akademie sein Es
handelt sich im Gegenteil darum in Sachen die man nicht von Grund aus kennt
nicht mitreden zu wollen dafür aber die Sachkenner ins Auge zu fassen und sich
nach ihnen zu richten wenn sie einem als ehrlich erscheinen
    Es gilt also in solchen Fällen«  hier setzte er die Füße wieder in Gang 
»statt der Akten mehr die Menschen zu studieren wie wenn zum Beispiel zwei
gleich angesehene Fachmänner über eine kostspielige Flusskorrektion über Bau und
Einrichtung einer Landesirrenanstalt über ein Seuchengesetz entgegengesetzte
Ansichten äußern In diesen Fällen würde ich in einer begutachtenden Kommission
keinen Platz nehmen und mich auf meine Stimmabgabe beschränken wie jeder andere
je nach dem stillen Eindruck den ich empfangen  und könnte doch unrichtig
stimmen« setzte er mit einem Seufzer hinzu »Fragt sich nun überwiegt das
Positive was man leisten zu können glaubt die Nichtleistung so beträchtlich
dass es der Mühe lohnt und was habe ich einzuwerfen«
    Er zählte die Fähigkeiten auf die er zu üben oder zu erwerben sich
getraute voraus im Erziehungswesen in Staatshaushalt und Volkswirtschaft
Ausbildung und Überwachung der Volksrechte dass sie redlich arbeiten und so
noch mehreres Weil aber die Frau nichts mehr fragte oder bemerkte ließ er die
abgebrochenen Sätze endlich ganz eingehen und begab sich nach der Uhr sehend
rasch hinweg
    Einen Tag ließ er noch verstreichen worauf er den Leuten in jenem
Wahlkreise schrieb er nehme die Kandidatur an
    Mit den besten Absichten blickte er dem neuen Lebensabschnitte entgegen
Nach der mit großem Mehr erfolgten Wahl las und prägte er sich sogleich die
Ratsordnung ein und was in Verfassung und anderen Gesetzen damit zusammenhing
Sodann ließ er ein Taschenschreibbuch binden auf dessen vorderste Seite er
Auszüge aus den jährlichen Voranschlägen der Einnahmen und Ausgaben aus den
Staatsrechnungen usw schicklich geordnet einschrieb so dass er die Hauptposten
aus allen Gebieten der Staatsverwaltung übersichtlich bei sich trug und sich
jeden Augenblick über das ökonomische Gleichgewicht des Landes Rats erholen
konnte
    Dies getan suchte er sich aus gedruckten Berichten der letzten Periode über
den Stand der Geschäfte im Großen Rate zu belehren über unerledigte Anträge
Postulate und Motionen stockende Gesetzentwürfe ausstehende Berichte und
Anträge der Regierung u dergl für welche Gegenstände er in anderer Gegend des
Taschenbuches mit genügendem Raum zur Fortsetzung eine gedrängte Notizenreihe
anlegte
    Das brauche er nicht bemerkte er der Frau um sich allenfalls mit
Nörgeleien als Topfgucker aufzutun sondern gerade um überflüssige Anfragen zu
vermeiden und sich selbst Aufschluss geben zu können wo die Sachen liegen
    Auf die Art leidlich gerüstet seinem Alter und politischen Rufe
entsprechend nicht zu sehr als Neuling zu erscheinen wie er dachte betrat er
den Saal nahm ohne Suchen den ersten besten Platz ein der frei war und
verließ ihn nicht mehr vor dem Schluße der Sitzung Ohne Zerstreuung folgte er
die ganze Zeit über den Verhandlungen und warf auch in die Zeitungsblätter
welche Nachbarn ihm hinreichten kaum einige Blicke Das gebührte sich zwar als
selbstverständlich sowohl nach dem Wortlaute des Amtsgelübdes das er abgelegt
hatte als nach dem Inhalte eines langen Gebetes mit dem jede Session eröffnet
wurde und das einen Bestandteil der gesetzlichen Geschäftsordnung bildete
allein wenige gläubig oder ungläubig nahmen das göttliche Pflichtenheft streng
wörtlich Martin Salander hingegen der unkirchlich gesinnt war erachtete sich
nichtsdestominder für gebunden weil die in Gelübde und Gebet entaltenen
Vorschriften richtig und notwendig waren und die liturgische Form ihre
Gesetzeskraft nicht aufheben konnte
    Erst nach beendigter Sitzung fand er Gelegenheit die Schwiegersöhne zu
grüßen deren öfteres Ab und Zugehen er nicht einmal beachtet zumal sie eine
gute halbe Stunde nach ihm erschienen waren Seine Einladung mit ihm nach Hause
zu kommen lehnten sie dankend ab weil der eine gewisser Verhandlungen wegen
mit seinen Bezirksgenossen beim Essen zusammentreffen der andere einige
Geschäfte besorgen müsse Nachher aber wollten sie miteinander einen Waffenladen
aufsuchen um sich zwei neue Scheibengewehre zu kaufen denn sie waren seit
einiger Zeit schon Mitglieder von Schützengesellschaften
    Martin Salander ging also allein nach Hause In sich gekehrt mit einem
Gefühle von Zufriedenheit wie einer der den langen Morgen hindurch gearbeitet
hat schritt er dahin obgleich er keine Hand gerührt und kein Wort gesprochen
Lediglich die ununterbrochene Aufmerksamkeit welche er während fünf Stunden den
Verhandlungen gewidmet gab ihm das Bewusstsein getaner Arbeit Er hätte nicht
gedacht dass ein solcher Unterschied zwischen Anwesenheit und Anwesenheit sein
könnte und bedenkend wie er bald auch angebrachtermassen etwas zu sagen haben
werde empfand er einen kräftigen Appetit zu dem verspäteten Mittagsmahle
    Frau Marie die ihn am Zuge der Hausglocke erkannt trat ihm auf dem Flur
entgegen und kündigte ihm einen sonderbaren Besuch an seinen Vorgänger im
Großen Rate dessen Stelle er heute eingenommen Der Mann scheine sich in
schlechten Umständen zu befinden und würde ersichtlich nicht übelnehmen wenn
man ihn zum Essen dabehielte sie habe ihn aber nicht einladen wollen ehe
Salander ihn gesehen
    »Was will er denn« fragte dieser »Ich habe ihn früher da und dort
getroffen und erinnere mich dass er ein gut und gescheit aussehender Mann
gewesen ist Aber ich kann mir nicht vorstellen was er will«
    »Er sagt er habe viel von dir gehört und auch von der berühmten Hochzeit
er freue sich dass er einem solchen Nachfolger habe den Platz räumen können und
fühle sich dadurch erleichtert und sei gekommen das zu sagen und zu der Wahl
Glück zu wünschen«
    »Der arme Teufel Lass ihm nur ein Gedeck hinsetzen die Herren Tochtermänner
sind ohnedies nicht mitgekommen«
    Als Salander in die Stube trat erkannte er den Mann kaum wieder der
bescheiden auf einem Stuhle am Fenster saß sich erhob und mit unsicher
gewordener Beredsamkeit ihn begrüßte und seine Gratulationsworte vorbrachte Er
habe sagte er an der Staatskasse ein kleines Gutaben an Taggeldern beziehen
wollen leider aber nichts erhalten sondern noch einen Überschuss von Bussen
wegen versäumter Sitzungen erlegen müssen Da habe er gedacht er wolle den Weg
nicht ganz umsonst gemacht haben und wenigstens dem würdigen Nachfolger seine
Aufwartung machen
    »Aber Herr Kleinpeter« erwiderte ihm Martin Salander lächelnd »wie mir
scheint ist hier nicht viel Glück zu wünschen wenn man noch Geld verliert
Haben Sie schon zu Mittag gegessen oder darf ich Sie vielleicht zu unserer
Suppe einladen«
    Verlegen dankte der Mann doch mit einem verräterischen Blick auf den
gedeckten Tisch Salander wiederholte daher die Einladung etwas entschiedener
und nahm ihm den Hut aus der Hand denselben beiseite legend
    Der offenbar einst hübsche Mann zeigte alle Anzeichen des Verfalles Die
frühere Wohlbeleibteit war aus den Kleidern geschwunden dass sie zu weit
geworden und schlotterig an ihm hingen dabei aber so abgetragen waren dass es
lange her sein musste seit er etwas machen lassen Die Wäsche war unordentlich
und das zerschlissene Halstuch so schlecht umgebunden dass man die lieblosen und
trägen Hände leibhaft zu sehen glaubte die den Mann so aus dem Hause gehen
ließ Seine eigenen Hände hafteten gewohnheitsgemäss an verschiedenen Stellen
der Rockklappen um einen Fadenschein einen Schmutzfleck oder ein zerrissenes
Knopfloch zu decken Die kümmerlich unfreie Haltung welche ihm hiedurch
anklebte entsprach auch dem farblosen gedunsenen Gesichte dessen Züge die
Spuren von Niedergeschlagenheit und Kummer sowie von zahlreichen Anläufen
verrieten im Trunke sich selbst zu vergessen
    Das Ehepaar Salander ermunterte den merklich erschöpften Kleinpeter sich
schmecken zu lassen was da sei Frau Marie legte ihm selbst auf den Teller er
war jedoch bald satt oder vermochte wenigstens nicht viel zu essen Dagegen
sprach er dem Glase welches Martin pünktlich füllte mit unbewusstem Fleiße zu
und wurde darüber fast aufgeweckt und zutraulich Dies gewahrend ging jener
selbst in den Keller ein paar bessere Flaschen auszusuchen es kam ihn die
Laune an den Tag seines Einzuges ins Rataus zu Münsterburg durch solche
Mildtätigkeit an dem verarmten Manne zu feiern Die Frau holte indessen gern
neue Gläser herbei den Gast freundlich unterhaltend denn auch sie empfand ein
seltsames Mitleid mit ihm und sie glaubte vielleicht sein Schicksal oder
anderes Unheil von ihrem Martin abzuwenden indem sie sich gegen das Unglück
menschlich erwies
    Salander sprach einiges von den Ratsangelegenheiten zu dem redseliger
werdenden Herrn Kleinpeter und glaubte ihn nach diesem oder jenem Verhältnis und
dem Standpunkt den er dazu eingenommen befragen zu sollen allein obschon der
Vorgänger nicht viel länger als ein halbes Jahr keiner Sitzung mehr beigewohnt
so war es doch als ob alles wie ein Traum hinter ihm läge Er besann sich kaum
auf die Dinge und beantwortete die Fragen gleichgültig und ungenau während das
Gesicht sich wieder zu trüben begann
    Salander entkorkte sogleich eine der Flaschen die Frau nahm sie und füllte
zwei Gläser deren lieblicher Duft sich verbreitete und das Herbstsönnchen auf
das blasse Gesicht zurückrief Das ruhig teilnehmende Wesen dieser Eheleute der
tiefe Frieden der zwischen ihnen zu walten schien und der die Nerven belebende
Wein ließ ihn jeden Unstern vergessen und machten sein Herz fröhlich so dass
er mit schwimmenden Augen und geröteten Backen dasaß und freiwillig begann alte
Drolligkeiten und Geschichten aus dem ländlichen Amtsleben zu erzählen bis die
erste der feinen Flaschen zu Ende ging Während Salander die zweite
zurechtmachte und der Gast mit froher Aufmerksamkeit zuschaute benutzte Frau
Marie die Pause ihn zu fragen welchen Familienbestand er zu Hause besitze und
ob alles gesund sei
    Da sah sie der Mann wie aus süßem Schlafe geweckt groß an die glückselige
Weinröte verzog sich gegen die Augen hinauf die so schon glühten er ließ den
Kopf sinken stützte ihn auf die Hände und weinte gleich darauf wie ein kleines
Kind Erstaunt und erschrocken betrachteten Martin und Marie Salander den
Vorgang und den gewaltsam schütternden angegrauten Kopf vor ihnen Doch standen
sie von ihren Stühlen auf sich um den schluchzenden Gast zu bemühen und ihn
aufzurichten Es gelang zuletzt doch stand er beschämt vor ihnen entschuldigte
sich wegen des krankhaften Anfalles wie er sich ausdrückte und wollte sich
entfernen
    Salander sah aber wohl dass es nicht eigentlich das »trunkene Elend« war
das ihn befallen wie man landesüblich das Weinen der Betrunkenen nennt sondern
die plötzliche Erinnerung an ein unglückliches Dasein welche den
widerstandsarmen Altrat übermannt hatte Er redete ihm daher freundlich zu sich
zu setzen und zu erholen
    »Bereite uns jetzt einen guten schwarzen Kaffee« sagte er zur Gattin
»nachher wird uns die andere Flasche um so besser munden denn die muss Herr
Kleinpeter noch trinken helfen«
    Frau Salander besorgte den Kaffee auf das beste und ließ es nicht an einem
Gläschen alten Kirschgeistes fehlen
    So dauerte es nicht lange bis die Gedrückteit des neuen Gastfreundes
abermals wich und das Feld der froheren Laune überließ welche das unverhoffte
Wohlergehen nicht durch ihre Abwesenheit verabsäumen wollte Kleinpeter wurde
wieder so gesprächig und offenherzig dass er mit beruhigten Sinnen selbst auf
den Ursprung des krampfhaften Tränenvergiessens zurückkam ein Wort gab das
andere und da er vielleicht zum ersten Mal einer teilnehmenden Aufmerksamkeit
begegnete erzählte er unbefangen und aufrichtig wie es sich mit ihm verhalte
In Zeit einer Stunde wussten Martin und Marie Salander so ziemlich seine
Geschichte nach Massgabe ihres Verständnisses
    Der AltGrossrat Kleinpeter war ein geringer Fabrikant von Baumwolltüchern
gewesen mit einigem Vermögen das vom Vater überkommene Geschäft vorsichtig und
gemächlich fortbetreibend ohne stark vorwärts aber auch ohne zurückzugehen
Als ein umgänglicher und beliebter Mann setzte er mehr Wert auf die
Anforderungen des gesellschaftlichen und bürgerlichen Verkehres als auf den
Erwerb von Reichtümern Ein eitles leichtsinniges Weib das er geheiratet
trieb ihn noch dazu an denn sie setzte das unschuldige Ansehen dessen er sich
erfreute auf ihre alleinige Rechnung und spreizte sich in demselben wie ein
Pfau Alles was er tat war ihre Tugend was an ihm gefiel ihr persönlicher
Vorzug was ihm widerfuhr ihr Verdienst Es war ihr Mann von dem man sprach
und mit dem sie grosstat und weiter nichts und überall wollte sie dabei sein
wo er hinging auch fuhr sie allein im Lande herum sooft sie konnte sich sehen
zu lassen und zu prahlen Zu Haus aber machte sie ihm das Leben sauer durch die
verächtliche Art mit der sie sein Tun und Lassen und ihn selbst zu behandeln
sich förmlich die Mühe gab damit er ja nicht gegen sie aufzukommen sich
unterstehe Auch sonst lebte er schlecht in seinem Hause weil ihr alles zu viel
war was einer Sorgfalt gleichsah Zwei heranwachsende Söhne schlugen in ihre
Art
    Als Kleinpeter dem just kein Besserer im Lichte stand zum Mitgliede des
Großen Rats und bald zum Amtsstattalter gewählt wurde stieg der Hochmut der
Frau auf den höchsten Gipfel Die Titel schienen nur für sie da zu sein und es
war niemandem zu raten sie nicht mit dem einen oder anderen anzureden Und
während sie dem ärmsten Mann es missgönnte und ihn beinahe hasste weil er doch
der Inhaber der Titel war benutzte sie dieselben wiederum das damit verbundene
Ansehen zum Schuldenmachen und anderen Missbräuchen auszubeuten
    Hierin fand sie bald genügende Aushilfe als die Söhne die Verwaltung der
bescheidenen Fabrik übernahmen die der Vater ihnen überließ um sich
ausschließlich seinem Amte zu widmen und Frieden zu haben Darin täuschte er
sich arg
    Die Söhne waren seit dem Verlassen der Schulen nicht vom Fleck zu bringen
gewesen um etwas von der Welt zu sehen und zu lernen woran auch der Vater
schuld war der sie nicht dazu gezwungen und sie zu Hause herumlungern ließ wo
sie sich nur die Gemütsroheit und ungeschliffenen Sitten der Mutter und einer
Anzahl von Gesellen gleichen Schlages zum Vorbild nahmen Anstatt das Geschäft
ordnungsgemäss zu führen vernachlässigten sie dasselbe und gerieten in die
ärgste Wechselreiterei ohne dass etwas verdient wurde Da zogen sie dann stets
den Vater Stattalter mit hinein der sich verbürgen oder geradezu seinen Namen
auf die Papiere setzen musste und auch die Frau Stattalter und Grossrätin
entblödete sich nicht ihm mit Schuldpapieren zum Unterschreiben zu kommen Die
von ihm mitunterzeichneten Wechsel und Obligi waren lange Zeit immer
unterzubringen kehrten nach weitläufigen Wanderschaften zu ihm allein zurück
und mussten mit saurer Mühe und tausend Sorgen von ihm eingelöst werden
    Das alles ging unter stetem Zank und Streit vor sich da Mutter und Söhne
sich immer gröber und unverschämter gegen ihn betrugen als ob er ein schlechter
Hausvater wäre Dies Elend zu vertuschen und den Lärm der täglich auszubrechen
drohte zum Schweigen zu bringen musste er um seiner Ämter willen immer
nachgeben Er hatte seine Amtsstube mit einem Schlafzimmerchen in ein kleines
Nebengebäude verlegt um Ruhe zu finden Allein das Weib ließ sich das nicht
anfechten Sie kam während der Audienzen die er hielt oder der Verhöre die er
leitete durch die Amtsstube gelaufen mit brutalem Aufund Zuschlagen der Türen
wenn sie nicht zu Wort kommen konnte Sogar den Schreiber den Polizeisoldaten
und den Amtsboten des Stattalters suchte sie mit einer ganz einfältigen
Falschheit und Untreue zu geheimen Gegnern des Mannes zu machen der doch in all
seiner Schwäche die Stütze des Hauses blieb bis zum Zusammenbruche
    Und niemanden gab es der ihn klagen gehört Ach er wusste gut warum er
schwieg denn niemand würde geglaubt haben dass ein Mensch welcher im eigenen
Hause so elend dastand das Wohl des Landes beraten und fremde Leute zu regieren
sich unterstehen könnte
    Wie aber alles Menschliche ein Ende nimmt ging es auch hier dem Feierabend
so vielen Unrechtes und Leidens entgegen Die Arbeiter waren wegen rückständiger
Löhne schon aus der Fabrik weggeblieben und anderwärts angestellt worden
Trotzdem hatten die Söhne noch bedeutende Ankäufe von Garn gemacht dieses aber
sofort versetzt und als der Zahlungstermin nahte besaßen sie weder Garn noch
Tuch noch Geld und liefen Gefahr des betrügerischen Bankrotts verdächtig zu
werden Mit dieser schönen Enthüllung überfielen sie den Vater als die fälligen
Wechsel vorgewiesen wurden in der Morgenfrühe natürlich wieder im Tone des
Vorwurfes dass er sie in ein so erbärmliches Fabriklein hineingesetzt habe Und
als er hilflos dastand und fragte wo er um Gottes willen auch Geld hernehmen
sollte da ja alles verpfändet und überschuldet sei verwiesen sie ihn frech auf
die von ihm bezogenen Steuergelder die bequem bereitlägen und für den
Augenblick ohne Gefahr in Anspruch genommen werden dürften
    Der Vater wurde blass
    »Es ist mir genau vorgeschrieben« sagte er »wieviel Gelder ich im Hause
behalten darf und wann ich sie an die Staatskasse abführen muss abgesehen davon
dass ich meine Hand nicht auf irgend andere Art unter den Deckel stecke«
    »So haben wir morgen die Insolvenzerklärung« sagten sie »Kleinpeter und
Söhne heißt ja die Firma«
    Sie schauten in der Stube umher nach der alten Geldkiste wo die denn
hingekommen sei Der Vater hatte sie kürzlich in eine andere Ecke geschleppt und
an den Boden festgeschraubt unter welchem sich dort ein starker Balken hinzog
Eben stand die Kiste offen der eiserne Deckel war zurückgeschlagen in einer
Abteilung lag in Rollen abgezähltes Geld nebst einem Pakete Banknoten und
obenauf ein mit den betreffenden Zahlenangaben beschriebener Zettel Der ältere
Sohn schritt unverweilt nach der offenen Kasse und ergriff den Zettel indem er
rief
    »Hier ist mehr als genug für den Augenblick Der vierte Teil sogar genügt
und später wird sich Rat schaffen lassen«
    Gleichzeitig wollte er nach den Banknoten greifen Doch der Ratsherr stürzte
sich dazwischen und hielt ihm den Arm fest der zweite Sohn sprang herzu dem
Bruder zu helfen und es rang nun der alternde Mann in Todesängsten mit den
Söhnen die sich nicht scheuten den Vater unsanft hin und her zu stoßen
    Endlich gelang es ihm doch den schweren Deckel zu packen und zuzuschlagen
worauf die räuberischen Söhne ein wenig zurückwichen aber nicht aussahen als
wollten sie von ihrem Vorhaben abstehen Diesen Augenblick benutzte er einen
der Schlüssel abzuziehen
    »Wenn ihr nicht auf der Stelle hinausgeht und euch heute nochmals hier
blicken lasst« sagte er zu ihnen mit bebender doch gedämpfter Stimme »so soll
euch mein eigener Landjäger festnehmen und in Daumschrauben nach Münsterburg
bringen Er kann jede Minute dasein«
    Die unerwartete Kraft des schwachen Mannes der um seinen letzten Besitz
den ehrlichen Namen kämpfte schreckte die ungeratenen Söhne zurück und sie
entfernten sich ebenso bleich wie der Vater geworden war
    Zitternd und keuchend saß der Stattalter auf der eisernen Kiste und wischte
sich den Schweiß von der Stirne Mit wirren Gedanken betrachtete er seitwärts
die verjährte Schlosserarbeit an dem alten Erbstück ohne sie zu sehen Als er
sich endlich etwas gesammelt stand er mit müden Gliedern auf öffnete die Kasse
wieder und nahm die Steuergelder sie zu verpacken Er suchte das nötige Papier
Schnüre und Siegellack zusammen wickelte und schnürte alles mit großer Hast und
Eile doppelt und dreifach ein fest aber ungefüg denn es war sonst die Arbeit
des Amtsdieners und zuletzt zündete er Licht an und versiegelte das Paket an
drei oder vier Orten jedesmal mit einem Stöhnen das Siegel betrachtend eh er
es aufdrückte
    Dann schrieb er den zur Ablieferung gehörigen kurzen Bericht den er mit
besonderem Umschlag versah und adressierte und schickte den eintretenden Weibel
mit beiden Stücken zur Post ihm einschärfend sich nirgends aufzuhalten und
dafür zu sorgen dass Geld und Brief mit der ersten Gelegenheit abgingen Auch
sollte er nicht vergessen einen Postschein zurückzubringen Er blickte dem Mann
durch das Fenster nach und sah richtig wie die Frau ihn auf dem Hof anhalten
und sehen wollte was er da forttrage wie sie aber vom Weibel kurz
stehengelassen wurde
    Hierauf legte er in zwei weiteren Schreiben an den Präsidenten des Großen
Rates und an die Regierung seine Stellen als Ratsmitglied und als Stattalter
nieder Denn er wusste dass es jetzt aus war wenn auch nicht was aus ihm werden
sollte
    Die leere Eisenkiste ließ er offenstehen Die Frau kam geschlurft und guckte
sogleich hinein aber es dünkte sie es blase ein so kalter Wind ans dem leeren
Hohlraum dass sie die Nase stracks zurückzog und den Stattalter fragen wollte
was denn das sei Dieser gab ihr jedoch keinen Bescheid sondern wandte sich an
den Landjäger der erschienen war Der Stattalter hatte ihm am Abend vorher
angekündigt er müsse in Polizeisachen mit Aufträgen nach der Hauptstadt gehen
und die bezüglichen Akten bereitgemacht Die stellte er ihm jetzt zu und
zugleich die beiden Entlassungsschreiben welche pünktlich zu besorgen er ihm
anbefahl
    So hatte er nun sein Haus bestellt und besaß nichts mehr als die hinterlegte
Amtsbürgschaft in ein paar Werttiteln bestehend welche mit seinem Rücktritt
frei wurden und seither wohl auch verschwunden waren
    Als die Herzausschüttung Kleinpeters nach und nach versiegte herrschte
mehrere Minuten lang eine Stille in welcher Martin und Marie Salander die
erschütternden Eindrücke nachwirken ließ indessen jener sein Vertrauen nicht
bereuend die fühlbare Teilnahme samt einigen nachgeholten Schlücken des
duftreichen Weines ebenso schweigend genoss
    Martin bedachte mit Grauen welch dunkle Zustände im Leben öffentlicher
Vertrauenspersonen verborgen liegen oder auch als öffentliches Geheimnis
bestehen können Er wusste zwar dass einzelne Erscheinungen dieser Art zu allen
Zeiten hervorgetreten sind sie waren dann auch als große Unglücksfälle
empfunden worden Jetzt wollte ihn aber eine Ahnung beschleichen als ob es sich
um Symptome handle die ihm glücklicherweise eine Gegenbetrachtung tröstlich
aufwog Die rasche Entschlossenheit mit welcher der Stattalter sich nicht mehr
für amtsfähig hielt und seine Stelle niederlegte nur weil die Söhne das
Vergehen der Untreue ihm zugemutet und es selbst hatten verüben wollen erfüllte
ihn mit wahrer Achtung und diese verminderte sich keineswegs als ihm der
Gedanke aufstieg der scheinbar so schwache Mann habe nicht allein für die
Gesunkenheit der Söhne büßen sondern sich selbst verhindern wollen doch noch
in die Schlingen der wachsenden Not zu fallen Nein sagte sich Salander gerade
wenn der Haltlose noch am wahren Bürgersinne sich aufrichten und die Achtung vor
sich selbst retten kann ist das Gemeinwesen nicht im Niedergange
    Die Frau Marie bedachte anderes sie hatte es mit dem wunderlichen Weibe zu
tun das der Mann mit bitterem Groll und ohne einen Rest von Neigung
geschildert sie zweifelte keinen Augenblick dass dasselbe die Quelle seines
Unglücks sei verstand aber den Charakter der Unholdin nicht recht
    »Ich begreife nicht Herr Kleinpeter« nahm sie das Gespräch wieder auf
»wie eine Frau auf das Ansehen ihres Mannes so eitel sein und es auf jede Weise
benutzen kann während sie es ihm doch missgönnt und ihn darum hasst so dass sie
sich förmlich abmüht ihm die schuldige Achtung vorzuentalten«
    »Ja Frau Salander« erwiderte der gewesene Stattalter »das hab ich nicht
so studiert Wer die Dinge an sich erlebt der versteht sie sozusagen ohne sie
deutlich erklären zu können Nach allem übrigen zu schließen denke ich es
werde dabei nebst der Eitelkeit eine mit geistiger Beschränktheit verbundene
hochgradige Selbstsucht im Spiele sein und überdies das Herkommen sich geltend
machen Meine Frau Gemahlin stammt aus einer Gegend wo mit Respekt zu sagen
die Frauen besonders hochfahrig aufgeblasen und als große Lästermäuler bekannt
sind Nachbarneid und Klatschsucht suchen ganze Dorfschaften heim und
zerklüften weitläufige Familien so gut wie das geringste Hüttenvölklein Jede
die sich verheiratet setzt sich vor zu zeigen wo sie her sei und die
Oberhand zu behaupten Die Männer sind tätig aber grob und fluchen in den
unteren Schichten wie Seeräuber in und außer dem Hause Da üben denn die Weiber
von Jugend an ihre Zungen und wenn eine dazu nicht recht gescheit ist so kann
man sich denken was da herauskommt«
    »Wie sind Sie denn in dies gelobte Land geraten« fragte Frau Marie
    »Ein guter Freund sagte zu mir er wisse für mich eine zum Heiraten Wo
steht sie fragte ich in dem damals üblichen schnöden Sprachstil junger
Landlöwen Jener nannte Ort und Namen und strich alle Vorzüge heraus Ich fand
eine hübsch aussehende schöngekleidete Tochter welche sich so freundlich und
sanft anzulassen verstand dass ich unverzögert anbiss obgleich mir von
unbekannter Hand zugesteckt wurde sie habe den Anschicksmann selber abgesandt
Anstatt hiedurch mich schrecken zu lassen fühlte ich mich vielmehr
geschmeichelt und war völlig gerührt Sie entpuppte sich ziemlich rasch und
schrecklich Indessen ist sie auch unter den Weibern ihrer Heimat noch eine
Ausnahme und ärger als die anderen gewissermaßen ein Extrakt«
    Mitten in der Rede musste er lachen da ihm ihr neuster Streich einfiel Sie
habe ein langes Gezänk über seine Verarmung mit der Androhung der gerichtlichen
Scheidung geschlossen worauf er lediglich bemerkt sie werde dann jedenfalls
Gelegenheit finden die Titel einer Frau Stattalterin und Grossrätin endlich
abzulegen die jetzt schon nicht mehr am Platze seien Da habe sie ganz feuerrot
und furibund einen Satz gegen ihn getan und geschrien es falle ihr nicht ein
zu verzichten sie besitze das göttliche Recht sich lebenslang so nennen zu
lassen und werde nicht davon weichen
    Auf die Frage was sie denn mit all dem Geld angefangen wofür sie
Schuldscheine ausgestellt erwiderte er
    »Für Kleider und Putz hat sie es ausgegeben Weil ich das erste Amt im
Bezirk versah hielt sie es für ihre Pflicht sich am schönsten zu kleiden und
das war in der Tat nicht wohlfeil indem es einige große Industrielle gibt
deren Damen ordentlich Staat machen Noch vor einem Jahre musste ich ein
Wechselchen von hundertundzwanzig Franken bezahlen das sie auf mich gezogen
und für was Für ein kleines Sonnenschirmchen mit elfenbeinernem Stock und mit
kostbaren Stoffen behängt Sie hatte es hier im Schaufenster eines Ladens
gesehen in welchem sie bekannt war und es sogleich auf besagte Art gekauft
Mit diesem Schirmchen spazierte sie im ganzen Flecken und weiter herum wo sie
die reicheren Frauen und Fräuleins zu ärgern glaubte Dann ging sie extra des
Parasölchens wegen einige Wochen ins Bad und stellte auch dort wieder eine
Anweisung auf mich aus Überdies bezog sie von ihren bemittelten Eltern die
jetzt noch leben mehrmals Geld mit der Angabe ich brauche es Als sich dann
endlich herausstellte dass sie gelogen hatte erhielt sie nichts mehr auf diesem
Wege«
    Der gute Mann würde noch lange geplaudert haben wenn nicht die Stunde der
Heimreise gekommen wäre denn die bedrängten Umstände erlaubten ihm nicht das
Retourbillett für die Eisenbahn preiszugeben Außerdem freue er sich noch eine
kurze Zeit ruhig in seinem alten Heim schlafen zu können die Frau Stattalterin
sei gestern mit ihrer ganzen Garderobe und dem Sonnenschirmchen zu ihren Eltern
gezogen die Söhne aber seien vor zwei Wochen nach Amerika gereist um dort
Anstellungen als Fabrikaufseher zu finden die man ja gern aus der Schweiz
beziehe Jawohl aber nicht solche Wären sie früher gegangen Seine Fabrik samt
dem alten Grundbesitz dagegen stehe unter Konkursverwaltung er gewärtige jeden
Tag die Gant Glücklicherweise gehe ihn die Sache weiter nichts mehr an
    »Könnten Sie« fragte Salander »das Anwesen jetzt nicht selbst wieder an
sich ziehen wenn sich eine Beihilfe fände und es neu in Gang bringen«
    »Ich werde mich wohl hüten Herr Grossrat« versetzte Kleinpeter ohne
Besinnen »Wenn es wirklich gelänge so wären sie eines Tages alle drei wieder
da die Milch abzurahmen Lieber will ich eine stillbescheidene Tätigkeit
irgendwo übernehmen sei es was es wolle wenn Ihnen etwas vorkommen sollte
das für mich geeignet wäre so geben Sie mir vielleicht einen Wink wenn Sie so
gut sein wollten«
    »Ich will gewiss daran denken seien Sie dessen versichert« versprach ihm
Martin Salander und gab ihm die Hand »Sie sind ja noch wacker und kein alter
Mann wenn Sie sich ein bisschen aufrappeln Leben Sie wohl kommen Sie gut nach
Hause«
    »Danke tausendmal und Ihnen auch für alles Genossene Frau Salander und
für alle erwiesene Freundlichkeit«
    »Es ist nicht wichtig und gern geschehen« sagte Frau Marie und schüttelte
ihm die Hand »ich wünsche glückliche Reise und dass es Ihnen wieder besser
gehe«
    Mit unerwartet raschen Schritten eilte der aufgerichtete Mann von dannen
Nachdenklich schauten ihm die Eheleute nach wie er die Straße entlangging
    »Er schwankt ja nicht im geringsten« bemerkte Marie »ich besorgte er
würde ein Fähnchen bekommen Es sollte ihm doch noch zu helfen sein wenn er das
saubere Weibsstück los wäre«
    »Und wenn er ein ruhiges Plätzchen hinter dem Winde hat glaub ich auch dass
er sich noch erholen kann Aber regieren muss er nicht mehr wollen«
    Der neue Grossrat bedachte auf dem Wege zum Kontor das er noch aufsuchte
das sonderbare Erlebnis dieses ersten Tages seines späten amtlichen Daseins wie
er dazukomme den verunglückten Vorfahren zu bewirten und zu trösten und er
pries sich glücklich dass in seinem gutartigen Haushalt solche Gefahren nicht
vorhanden seien Dennoch behielt er einen melancholischen Eindruck von der so
unmittelbar wahrgenommenen Unsicherheit der menschlichen Dinge in den obersten
Anstalten selbst
 
                                      XIII
Mit der Zeit ward Martin Salander ein vielbeschäftigter Mann im Rat und
außerhalb desselben und kam im Schwanken des Parteilebens im Sichkreuzen der
Anforderungen wie in einen Wirbelwind zu stehen da ihn alle an sich ziehen
wollten
    Der Kampf drehte sich nun vorzüglich um die Frage ob die neueste
schweizerische Volksherrschaft dem Andrange der sozialen Umwälzung ihren Grund
und Boden zur Verfügung stellen solle dh ob man dem Volke vorgeben könne es
sei das sein Zweck und sein Wille gewesen Durch diese Frage entstand ein
gelindes Schieben und Verändern der Parteibestände während das Volk im ganzen
als ein fremder dunkelartiger Körper betrachtet schwieg
    Salander verfolgte den Mittelweg die Fühlung mit dem gesellschaftlichen
Umsturz abzulehnen dagegen die Zustände durch das Verstaatlichen aller
möglichen Dinge in den bisherigen Formen zu erleichtern und zu verbessern so
dass er einen Standpunkt einnahm den er vor kurzen Jahren noch bestritten hatte
die damaligen Inhaber jedoch als einen überwundenen schon preiszugeben bereit
waren
    Indessen nahmen auch diese alles Gebotene vorläufig auf Abschlag und zur
heilsamen Übung entgegen in den Gemeinden und draußen im Bunde wehte der
nämliche Wind überall wurden Ausgaben beschlossen zu Hilfs oder Kulturzwecken
Martin Salander aber war unermüdlich mitzuwirken und neue Erfindungen in Umlauf
zu bringen
    Seine Schwiegersöhne leisteten ihm zuweilen Adjutantendienste indem sie
überall wo sie hinkamen seine Ideen oder solche für die er einstand in den
Gemeinden unter das Volk warfen auch wo niemand an eine neue Unentgeltlichkeit
oder öffentliche Wohltat gedacht hatte die nun sofort unentbehrlich schien
    Marie erbaute sich ordentlich an dem guten Herzen Martins mit welchem er
sich dieser Tätigkeit freute Eines Tages fand sie in einem seiner abgelegten
Röcke das Taschenbuch mit den Budget und Staatsrechnungsauszügen
    »Hast du das Buch nicht vermisst« fragte sie ihm dasselbe zeigend »es
steckte in dem alten schwarzen Rock den du seit einem Jahre nicht mehr
anzogst«
    Salander besah das Buch
    »Hm wahrhaftig ich hab es nicht vermisst Ich brauche es auch nicht mehr so
notwendig denn erstens sind mir diese Dinge jetzt geläufiger und sodann wird
unlang eine Verschiebung derselben eintreten müssen Verschiebung das ist
eigentlich ein schlechtes Wort welches die heimlichen Sozialisten in den Mund
nehmen wenn sie friedlich verschämt andeuten wollen wohin sie zielen Dass eine
etwelche Verschiebung stattfinden werde heißt es dann sei nicht zu bezweifeln
und nur eine Frage der Zeit«
    »Aber was meinst du denn damit«
    »Ich Siehst du ich meine es ungefähr so durch den gebieterischen
Fortschritt der Zeit wachsen die Ausgaben auf allen Punkten so sehr dass die
Einnahmen sie nicht mehr decken wenn zum Beispiel die Gemeinden die ihnen
gestellten Aufgaben gehörig lösen wollen so werden sie zu stark belastet und
der Staat will sagen der Kanton muss ihnen beispringen und einen Teil seiner
Einkünfte abtreten Da aber die Kantone selbst ihre erhöhten Ausgaben zu
bewältigen haben die Steuern aber nicht ins unendliche vermehren können so
müssen sie den Bund in Anspruch nehmen der sich zu erklecklichen Beiträgen wird
verstehen müssen wenn er seine höheren Pflichten erfüllen will Wiederum sind
die Einnahmen des Bundes nicht unerschöpflich und es mehren sich gleichzeitig
seine eigenen gewohnten Ausgaben Also müssen wir suchen ihm neue Quellen zu
eröffnen und die Mittel zu beschaffen die er für alle das braucht«
    »Das ist ja der reine Ringelreihen« lachte Marie »sehr lustig und listig
zugleich wie ich verstehe Oder wir machen es wie der Mann der seinen
Geldbeutel den ganzen Tag von einer Tasche in die andere steckt so kann er sich
einbilden er habe hundert Geldbeutel und kauft sich alles was er will Ist es
nicht so«
    »Nicht ganz so meine Liebe Ich kann es dir jetzt nicht näher
auseinandersetzen es sind eben nationalökonomische Dinge Man nennt es
Volkswirtschaft«
    Sein Lieblingsfeld war aber die Volkserziehung sie galt ihm als die wahre
Heimat in welcher er seinen frühen Abfall von der Schule gutmachen müsse In
seinem heiligen Eifer ahmte er unbewusst die jüdischen Krämer nach die das
feilschende Publikum so stark überfordern dass sie eines mäßigen Preises sicher
sind Aber das Ideal an welchem er arbeitete stand ihm so fest dass er doch
ernstlich an die Erreichbarkeit seiner Höhe glaubte Jeder der rastlos
auftauchenden Schrullen widmete er seine Aufmerksamkeit half sie abrunden zu
einem annehmbaren Gebilde ausgestalten und vertrat sie dann mit allem ihm zu
Gebote stehenden Einfluss in den Aufsichtsbehörden in denen er saß in Vereinen
und bei jeder Gelegenheit im Großen Rate
    »Ich hoffe es doch noch zu erleben« sagte er eines Tages zur Frau »dass
keiner unserer Jünglinge zu Stadt und Land vor dem Antritt des zwanzigsten
Jahres aus der staatlichen Lehre entlassen wird«
    »Was sollen sie denn so lange treiben«
    »Lernen und immer lernen Üben und wieder üben Bedenke doch nur wie sehr
sich der Stoff häuft Haben wir erst durchgesetzt dass der tägliche Schulbesuch
bis zum fünfzehnten Jahre dauert und ein allgemeiner Sekundarunterricht
eingeführt ist so fängt die Fortbildung an in den mathematischen Fächern im
schriftlichen Ausdrucke in der Kenntnis des tierischen Körpers und
Gesundheitspflege vermehrten Landeskunde und Geschichte Die stete Ausbildung
im Turnen und militärischen Exerzitium ist schon vorgeschrieben muss aber besser
betrieben werden besonders die Schiessübungen müssen früher und zahlreicher
stattfinden Selbstverständlich geht neben allem her die fortgesetzte Pflege des
Gesanges und der Musik letztere insofern sich in einer Gemeinde genug Knaben
finden die zum Spielen von Blasinstrumenten den Trägern der heutigen
Volksmusik veranlagt sind «
    »Gottlob dies gefällt mir am besten« unterbrach Marie die Rede des Mannes
und seinen Spaziergang im Zimmer zugleich Mit einem »Wieso« blieb er stehen
    »Ei wenn ihr erst das gute Volk mit der Kenntnis des menschlichen Körpers
und der regelmäßigen Pflege der Gesundheit zu einem einzigen Hypochonder gemacht
habt so kann es sich an der Volksmusik herrlich wieder aufheitern Und so wird
die Demokratisierung der Kunst von der du damals erinnerst du dich an der
Hochzeit unserer Kinder gesprochen hast immer mehr ihren wohltätigen Einfluss
bewähren Aber fahre lieber fort«
    »Ich bin bald am Ende Nähern sich die jungen Männer ihrem zwanzigsten
Lebensjahre etwa im achtzehnten werden sie staatsbürgerlich eingeschult Die
Verfassungskunde haben sie schon in der Alltagsschule rasch durchgemacht als
Knaben jetzt wird sie in den flüchtigeren Köpfen halb verblasst sein Sie wird
also nochmals kräftig aufgefrischt und abschliesslich sodann der ganze Kreis der
Gesetzgebung für das Verständnis geöffnet kurz ehe sie in den Genuss und die
Pflichten der Volksrechte eintreten Ich dächte das wären Sachen genug die
Zeit auszufüllen Schwierig wird es im Anfang wohl sein gleichmäßig und
beharrlich vorzugehen doch es wird gehen müssen wenn die Rechte selbst nicht
eine Ironie werden sollen Ich habe noch vergessen dass nebenher jeder junge
Bursche lernen soll sich einen schlichten Tisch oder eine Bank zu zimmern und
dass auch hiefür auf eine Einrichtung zu denken ist«
    »Das letztere ist gut es wird den Übermut unseres üppigen Handwerkerstandes
dämpfen Die Axt im Haus erspart den Zimmermann« bemerkte Frau Marie
    Martin machte ein ebenso rätselhaftes Gesicht wie seine Frau da er nicht
wusste wie es gemeint war denn der genannte Stand war just übel dran
    »Mein Vortrag scheint nicht deine durchgehende Billigung zu haben« sagte
Martin abermals vor ihr stehenbleibend »Es ist dir zu vieles darin nicht
wahr«
    Aber mit ernster Miene und prüfend zu ihm aufblickend erwiderte sie »Nein
lieber Mann Es fehlt mir im Gegenteil noch etwas ziemlich Wichtiges an dem
Programm was aber vielleicht nicht dazu gehört und einer besonderen
Entschließung vorbehalten ist Vergessen oder übersehen worden kann es nicht
sein«
    »Was wäre denn das Vielleicht die obligatorische Kochschule auf Staats und
Gemeindekosten Aber die gehört in das Programm der Mädchenerziehung das auch
in Aussicht genommen ist Du wirst ohne Zweifel in die betreffende
Frauenkommission berufen werden und dich als meine Gattin nicht wohl entziehen
können«
    »Das meine ich alles nicht Ich meine den schrecklichen Kriegszug welchen
die Schweizer nach Asien oder Afrika werden unternehmen müssen um ein Heer von
Arbeitssklaven oder besser ein Land zu erobern das sie liefert Denn ohne
Einführung der Sklaverei wer soll denn den ärmeren Bauern die Feldarbeit
verrichten helfen wer die Jünglinge ernähren Oder wollt ihr diese besolden
bis sie zwanzig Jahre alt sind und dann alles verstehen nur nicht zu arbeiten
den gezimmerten Tisch und die Bank ausgenommen«
    »Aber Marie Was soll denn das heißen« sagte Martin mit rotüberlaufener
Stirne »du erwiderst ja mein ehrerbietiges Vertrauen heute mit lauter Satiren
und das von den bitteren«
    »Verzeih mir Martin Ich bin nicht bitteren Herzens ich weiß ja wie du in
allem gesinnt bist Ich bin bloß ein bisschen traurig weil ich auch weiß dass du
einer großen Enttäuschung entgegensteuerst und das tragen wir in unserm Alter
nicht mehr so leicht wie früher«
    »In unserm Alter Woher sind wir alt wenn wir es nicht wollen sein Und was
die Illusionen betrifft so tun sie nicht weh so wenig als bunte Seifenblasen
die uns an der Nase platzen«
    Dies sagte er mehr zum Scherz um den ernstgewordenen Ton der Frau
abzulenken der ihm unbequem wurde Denn unter den zahlreichen Gegnern des so
ausgedehnten Unterrichtswesens hatte noch nicht ein einziger Mann gewagt sich
in dieser Weise zu äußern
    »Lassen wir jetzt die Geschichten die dich nicht freuen« nahm er wieder
das Wort »und kommen wir auf die Kinder zu reden deren Hochzeit du vorhin
gedachtest Ich wollte dich schon einmal fragen warum man die jungen Frauen nie
mehr sieht Oder ist die eine oder andere in meiner Abwesenheit gekommen
Früher im Anfang trafen sie gern etwa bei uns zusammen wenn sie die Männer in
die Stadt begleiteten das ist auch seit geraumer Zeit nicht mehr geschehen«
    Marie Salander wurde noch viel ernster als sie schon gewesen war sagte
aber nur
    »Ich weiß nicht was es ist es fällt mir auch auf Aus ihren knappen
Briefchen ist schon lang nichts mehr zu entnehmen was sie näher angeht Ich
dachte du wüsstest mehr von ihnen weil du ja mit den Schwiegersöhnen verkehrst
die sich noch weniger hier sehen lassen«
    »Es hat auch aufgehört bei mir Ich habe mich ihrer Dienstleistungen in
ihren Bezirken vertraulich bedient als ich aber wahrnahm dass sie zu viel
Brimborium dabei machten und namentlich jede unbedeutende Geschichte zu einer
Reise und Lustbarkeit benutzten hielt ich es als Schwiegerpapa für meine
Pflicht diese Art Verkehr einzustellen Übrigens alles ohne üble Nachrede denn
es sind immer noch junge Leute«
    Frau Salander seufzte erst jetzt ein weniges als sie sagte sie wisse doch
etwas mehr als der Mann obschon nichts Erkennbares und wolle nicht länger
damit zurückhalten Sie fuhr also fort
    »Seit einem halben Jahre ist weder Setti noch Netti mehr hier gewesen von
guter Hand habe ich jedoch vernommen dass sie untereinander sich seit länger als
einem Jahre nicht mehr sehen dass sie sich sogar zu vermeiden scheinen so gut
sie können während sie in den ersten Zeiten ihrer Verheiratung einander jede
Woche einmal besuchten bald im Lautenspiel bald auf dem Lindenberg
zusammensassen Was ist nun das Was ist geschehen Ich weiß es nicht und
niemand will es wissen«
    »Vielleicht ist es eine Kinderei« meinte Salander einigermaßen betroffen
»vielleicht doch mehr« setzte er nach einer Minute Nachdenkens hinzu »am Ende
hat sich der Zwillingswahn von dem sie besessen waren in eine andere Idee
verwandelt oder ein Junges bekommen da sie selbst noch kein Kind haben«
    »Vielleicht und am Ende« entgegnete die Frau »wäre es ein Glück wenn sie
überhaupt keine Kinder bekämen Es will mich eine Ahnung beschleichen als ob
etwas nicht in Ordnung wäre und die Kinder nicht wagten sich uns anzuvertrauen
namentlich mir weil sie nur ihrem Willen gefolgt sind«
    »In diesem Falle müsste man doch suchen dahinterzukommen und ihnen zu
helfen«
    »Das habe ich schon gedacht aber wie ohne mehr zu schaden als zu nützen«
    »Ich glaube das einfachste wäre sie beide eines schönen Tages mit unserer
Heimsuchung zu überraschen die wir den Leutchen sowieso schuldig sind wir
waren erst einmal bei jeder Partei Wenn wir bei gutem Wetter mit einem
Morgenzuge nach Unterlaub führen zu Setti hinauswanderten und uns dort ein oder
zwei Stunden aufhielten so würden wir zunächst ungefähr merken wie es dort
steht oder ob etwas zu erfahren ist Dann kutschieren wir auf der Kreuzbahn nach
Lindenberg hinüber und fordern Setti auf mit uns zu Netti zu kommen Wir werden
ja sehen ob sies tut oder was sie sagt und was sich weiter begeben wird
Abends sind wir bequem wieder hier«
    Der Frau Salander war dieser Vorschlag willkommener wie auch die Besorgnis
tiefer als sie erraten ließ Sie verschoben die Fahrt deswegen aber keineswegs
an einem der nächsten Tage reisten sie nach der Station bei Unterlaub und gingen
zu Fuß in das sogenannte Lautenspiel Als sie die liebliche Lage des Hauses in
dem lichten Buchenbestande der es zur Hälfte umgab und vom Finkenschlag
widerhallte mit neuem Wohlgefallen erblickten sagte Martin Salander
    »Es müsste doch nicht mit rechten Dingen zugehen wenn in diesem idyllischen
Frieden ein ernstliches Unheil gedeihen könnte Wie reinlich ist der Kies auf
dem ganzen Platz geharkt und auch das Parkgehölz ist in sauberstem Zustande
und darüber weg sieht man noch eine mächtige Kronenfülle des eigentlichen
Forstes sich links die Höhe hinanziehen«
    »Ja es ist schön hier« antwortete Frau Marie »vielleicht nur zu schön für
müßige Herzen«
    Sie gingen um das Haus herum wo an der hinteren Türe wie an der vorderen
eine kleine Orangerie in alten Kübeln aufgestellt war Bei einem der Bäumchen
stand Frau Setti Weidelich in schönem Kleide mit dem Ausbrechen abgängiger
Blätter beschäftigt Ihr Gesicht schien im Profil schmäler als früher blasser
und vor allem freudlos
    »Da sieh« flüsterte Marie Salander den Mann am Arme berührend
    Er blieb einen Augenblick stehen und sah die Tochter ging dann aber um so
rascher vorwärts so dass Setti die im feinen Kiese knirschenden Schritte hörte
und sich wendete Kaum erblickte sie Vater und Mutter so strahlte ungewohnte
Freude auf ihrem Gesichte einen Schleier der Wehmut durchbrechend der sich
gleichzeitig darüber verbreiten wollte Aber nur zögernd trat sie ihnen
entgegen bis sie sah dass die Eltern die Schritte beschleunigten und ihnen nun
in die Arme flog
    »Muss man dich aufsuchen wenn man dich einmal sehen will« fragten sie »und
Netti auch Was ist das für eine Aufführung«
    Setti errötete stark und schlug die Augen nieder
    »Ich weiß nicht ich komme nicht von Hause weg« entgegnete die junge Frau
verlegen »aber habt ihr denn Netti auch nicht gesehen«
    »So wenig wie dich Wo fehlt es denn« fragte die Mutter
    »Wo sollte es fehlen Auch die zufälligen Ursachen können sich ja gleichen
und überall dieselben Folgen haben Aber wollt ihr nicht ins Haus kommen und
ausruhen liebe Eltern Wie sehr erfreut ihr mich Darum hat es nur auch so
schön geträumt in der vergangenen Nacht«
    »Geträumt Und was denn« fragte der Vater
    »Es war mir als sei ich ein kleines Kind das auf der Landstraße wandert
und nicht weiß wohin Am Arme trug ich ein Säcklein worin sich ein Apfel und
ein Stück Brot befand Ich hatte Hunger und setzte mich auf einen Stein allein
das Säcklein war so fest zugeschnürt mit einem verwickelten Knoten dass ich
nicht zu dem Brote gelangen konnte und mir sehr weinerlich wurde Da sah ich
plötzlich mir gegenüber ein Haus in einem prächtigen Blumengarten in welchem
Musik ertönte und ein großes Tellerklappern und Gläserklingen und denkt euch
an eines der offenen Fenster traten ein Herr und eine Frau mit Blumensträussen in
den Händen und das war niemand anders als Herr und Frau Salander die Hochzeit
hielten jung und sehr hübsche Leute wart ihr und saht dass ich mein Säcklein
nicht auftun konnte und dazu weinte so rieft ihr mich zu euch hinauf Ich kam
sogleich und der Vater sagte Zeig her dein Säckchen wir wollen dirs
aufmachen Du löstest den Knoten und hieltest es geöffnet der Mutter hin die
griff hinein und zog das Regenbogenschüsselchen hervor das sie uns Kindern
einst gezeigt als wir ungegessen ins Bett sollten Es war aber eine ordentliche
goldene Schüssel oder vielmehr ein Teller Potztausend rieft ihr beide wie
heißt du kleines Mädchen Als ich es sagte hieß es Der Name ist uns nicht
unbekannt Wir wollen dich an Kindes Statt annehmen um dieses schönen Tellers
willen Da musste ich zwischen euch an dem Tische sitzen bekam herrliche
Krebssuppe auf den goldenen Teller dass der Nasenzipfel des Heinricus Rex kaum
noch durchschimmerte Die Krebssuppe von der ich geträumt hängt offenbar mit
den Krebsschalen zusammen mit welchen die Erdmännchen im Märchen der Mutter
geharnischt waren Merkwürdigerweise war ich auf meinem Sessel als Kind so groß
wie alle anderen Leute«
    So plauderte Setti vergnügt und zufrieden die Treppe hinauf »Träume sind
Schäume« sagte der Vater »der deinige soll dir indessen bedeuten dass wir dich
jederzeit von neuem adoptieren Nicht wahr Marie«
    Die Mutter nickte nur und da sie zugleich in die Stube traten fragte sie
    »Wo ist denn dein Mann Darf man denn in die Kanzlei gehen ihn zu
begrüßen«
    Die Tochter wurde sofort wieder ernster und errötete abermals als sie
erwiderte Isidor sei ins Dorf gegangen wo er Geschäfte habe und zuweilen einen
Frühschoppen nehme besonders wenn etwas Politisches um den Weg sei Er werde
wohl bald kommen sie wolle übrigens den Schreiber schicken ihm zu sagen wer
da sei
    »Durchaus nicht Lass ihn nur ungestört« sagten die Eltern gleichzeitig
    »So bitte ich zu befehlen was ihr für den Augenblick genießen mögt ein
Glas süßen Wein eine Tasse Tee oder Bouillon Auch Schokolade haben wir«
    »Wenn die Fleischbrühe schon kräftig genug ist so gib uns ein paar Löffel
voll der Vater nimmt sie auch am liebsten wie du weißt« entschied die Mutter
»mach indessen keine Umstände mit uns wir wollen uns keineswegs gütlich tun
Und für den Mittag triff nun gar keine weiteren Anstalten hörst du Wir sind
mit allem zufrieden«
    »Liebe Mutter ich muss doch etwas dazu holen lassen nur ein Stückchen
Fleisch ein paar Fische aus unserm Weiher schon des Mannes wegen er würde
sich sonst geniert fühlen Bitte lass mich machen«
    »Nun so mach zu du musst es besser wissen« versetzte Frau Marie »sag
aber du kleidest dich im Haus ja wie eine Prinzessin Dreh dich einmal um das
ist ja ein Staatsrock Der Tausend was für Garnituren Und hast nicht einmal
Besuch erwartet«
    Wiederum blickte Setti zur Seite als sie berichtete der Mann wolle es so
haben und sie müsse es des lieben Friedens willen tun Nun sei sie es gewöhnt
und wisse kaum noch dass sie hübsch gekleidet gehe
    Martin Salander fragte ob ihr Schwager Julian es auch so mache worauf sie
erwiderte
    »Freilich Sie tun in allem das gleiche und ich glaube nicht dass sie es
verabreden«
    »Was diese jungen Schnaufer« warf die Mutter dazwischen »Auf diese Weise
braucht ihr ja die Zinsen von eurer mäßigen Mitgift allein für die Kleider«
    »Ich glaube wir wissen beide nicht was wir eigentlich brauchen denn die
Männer heben alles auf den Kanzleistuben in den feuerfesten amtlichen
Kassenschränken auf und alles was zu bezahlen ist holen sie dort«
    Die Frau Notarin ging hinaus ihr Geschäft zu besorgen worauf die Mutter zu
Herrn Salander sagte
    »Da haben wir nun die mütterlich liebevollen die Jünglingsmänner so
wohltätig beeinflussenden Gattinnen«
    
    »Ich bin ganz stupid« entgegnen er »das sind ja verfluchte Kerls von
Tyrannen In dem Punkte haben die Mädchen wie es scheint völlig recht
behalten sie werden bald Männer sein Wenigstens ihren Weibern sind sie
gewachsen«
    Als Setti zurückkam sprach die Mutter zu ihr
    »Wir haben uns vorgenommen nach dem Essen nach Lindenberg zu fahren um
auch deine Schwester Netti zu sehen Wir rechneten darauf dich mitzunehmen um
euch beieinander zu haben Du kannst doch abkommen Du fährst abends hieher
zurück«
    Die Tochter erschrak sichtlich bei dieser Eröffnung und erbleichte »Ich
weiß doch nicht« meinte sie »ob ich heute weggehen kann Isidor hat von
Geschäften gesprochen die er nachmittags irgendwo zu verrichten habe Wenn
niemand da ist so schleicht sich der Schreiber auch weg«
    »Und da musst du die Kanzlei hüten«
    »Jedenfalls das Haus es steht so abgelegen dass ich die Magd nicht allein
darin lassen kann auch weiß ich den Leuten die dies oder das zu fragen kommen
eher Bescheid zu geben Zuweilen arbeite ich sogar ein wenig für die Langeweile
wenn die Kanzlei leer steht und habe schon manche Hofbeschreibung kopiert«
    Das ließ sich alles hören allein sie brachte es so ängstlich vor dass eine
gewisse Scheu mit nach Lindenberg zu gehen nicht mehr zu verkennen war Aus
der letzten Bemerkung schöpften die Eltern überdies den Verdacht die Tochter
werde zum Abschreiben angehalten so unwahrscheinlich es sie sonst gefunden
hätten dass sie es leiden würde Genug die Mutter vermochte nicht länger die
Zeit zu verlieren dem Ziele ihres Ausfluges näherzukommen und sagte die Hand
der jungen Frau ergreifend mit milden aber eindringlichen Worten
    »Sag uns jetzt den wahren Grund warum du nicht mitgehen willst Wir sind
deshalb gekommen und wollen erfahren was zwischen euch vorgefallen ist dass ihr
nicht mehr miteinander verkehrt und euch bei uns nicht mehr blicken lasst Warum
bist du so gedrückt ja traurig wirst rot und bleich und vielleicht finden wir
deine Schwester im gleichen Zustand«
    »Rede nur Kind es muss sein wir gehen nicht fort ohne Klarheit zu haben«
fügte der Vater hinzu
    Die Tochter stand da ohne ein Wort hervorzubringen Die Eltern wurden
selbst verlegen und wussten nicht sollten sie weiter in die Tochter dringen oder
nicht Zuletzt sagte Salander noch aufs Geratewohl
    »Ist vielleicht das Glück ausgeblieben oder schon verschwunden auf das ihr
hofftet«
    »Ja so ist es« antwortete Setti fast tonlos Sie zog ihre Hand aus
derjenigen der Mutter suchte nach dem Taschentuch und bedeckte sich Mund und
Augen indem sie ein krampfhaft ausbrechendes Schluchzen zu ersticken suchte
Sie ließ die Arme sich etwas erholen ehe sie weiterforschten Endlich fing
sie von selbst wieder an
    »Es ist nichts mit ihnen Sie haben keine Seelen O Gott wer hätte das
denken können«
    »Wer Ihr selbst« sagte die Mutter die sich die Tränen zornigen Mitleidens
aus den Augen rieb
    »Wir wissen es und schämen uns vor Vater und Mutter und an den jungen
Bruder mögen wir gar nicht denken Aber auch vor uns selber schämen wir uns
gegenseitig und können uns nicht ansehen Sobald wir der schrecklichen Täuschung
recht innegeworden sind haben wir uns fliehen müssen wie Menschen die eine
gemeinsame Untat verübt haben Und doch habe ich Heimweh nach der Schwester und
sie gewiss auch nach mir Aber wenn wir zusammen sind so ist es als ob jede
zwei böse Gewissen in sich fühlte«
    Martin und Marie Salander gingen aufgeregt nebeneinander hin und her
    »Für jetzt wollen wir es genug sein lassen Du musst mit uns kommen Setti
ihr sollt euch wieder zurechtfinden so wird es schon besser gehen Jetzt wasch
die Augen aus der Mann kann jeden Augenblick erscheinen und wir dürfen uns
nichts merken lassen eh wir alles überlegt haben und wissen was wir tun
wollen«
    »Es wird nichts zu tun sein« entgegnete Setti etwas gefasster »es steht
eben nicht so dass wir nach Brauch und Sitte vor der Welt einen Grund zur
Trennung fänden«
    Sie begab sich hinaus den Rat des Vaters zu befolgen und das Gesicht
abzukühlen gleich darauf kam Isidor gestürmt der unterwegs erfahren welchen
Besuch er zu Hause finden werde Er war sehr aufgeräumt und begrüßte die
Schwiegereltern als eine ihm sehr schmeichelhafte Überraschung entschuldigte
sich aber sogleich dass er schnell noch in der Kanzlei nachsehen müsste lief
aber statt dessen in die Küche und das Speisezimmer um das Geköche und den
Tisch zu untersuchen ob auch seine Ehre gewahrt und trotz des Zuwachses für
seine eigene Esslust gesorgt sei
    Am Tische ließ sich von dem was vorausgegangen keine Spur entdecken Frau
Setti schien die Gelassenheit selbst welche durch die Gegenwart der Eltern und
das ihnen abgelegte Bekenntnis noch erleichtert und vermehrt wurde Die Mutter
erkannte als Frau aus dieser vollkommenen Ruhe und Selbstbeherrschung wie
nichtig der junge Mann für das Herz seiner Gattin geworden sein musste Sie
konnte ihn ertragen wie man ein böses Geschick erträgt das man selbst
verschuldet hat
    Der Vater musste seine Aufmerksamkeit mehr dem Notar zuwenden und er
wunderte sich wie ihm nicht früher schon die Schuppen von den Augen gefallen
seien Es fiel nicht ein rundes oder wie man zu sagen pflegt nicht ein
vernünftiges Wort von seinen Lippen Der schlaue junge Streber hatte Amt Haus
und Frau darüber war seine Persönlichkeit schon zu Ende geraten und konnte sich
nur noch im Geräusche von vielen ihresgleichen geltend machen In der Stille des
Hauses wo man die einzelnen Worte vernimmt war nichts mehr an ihm
    »Wir haben vor« teilte Salander dem Notar mit »diesen Nachmittag auch die
Leute am Lindenberg zu besuchen und wollen unsere Tochter mitnehmen Sie haben
doch nichts dagegen Herr Sohn Sie sagt uns zwar Sie hätten auch auswärtig zu
tun es wird sich aber vielleicht beides für einmal vertragen«
    »Ei warum nicht Herr Vater Ich hätte Lust selber mitzugehen und bitte nur
um Dispens«
    Isidor war froh dass er mit guter Manier seiner Wege gehen konnte denn das
prüfende Auge der schweigsamen Schwiegermama tat ihm nicht wohl Dagegen
begleitete er die Frau und ihre Eltern eine kleine Strecke weit als sie
aufbrachen
    Auf dem Hofe bewunderte Salander wieder das Buchenwäldchen und die dahinter
emporragenden Wipfelmassen des größeren Forstes eine Umgebung die nicht mit
Geld zu bezahlen sei
    »O ja es macht sich nett« sagte der Schwiegersohn »Nur wird es nicht mehr
so lang stehenbleiben als es schon steht Der Wald gehört der Gemeinde
Unterlaub und soll in ein paar Jahren geschlagen werden die Holzhändler sind
schon dahinter her Da werd ich unsere Buchen auch darangeben es geht in einem
zu und sie tragen ein schönes Geld ein«
    »Sind Sie bei Trost« rief Salander »Ihre Buchen schützen ja allein Haus
und Garten samt der Wiese vor den Schlamm und Schuttmassen die der abgeholzte
Berg herunterwälzen wird«
    »Das ist mir Wurst« erwiderte der jugendliche Notar in nachlässigem Tone
»Dann zieht man weg und verkauft den ganzen Schwindel Es ist ja langweilig
immer am gleichen Ort zu hocken«
    Salander dachte sein Teil und gab keine Antwort Frau Setti ließ während
Isidors Mitteilung ein paar Worte des Erstaunens hören und verriet so dass sie
von dem bevorstehenden Holzschlage noch gar nichts wusste was ein neues
Anzeichen von des Mannes Lebensart war Sie schwieg daher auch und sagte nur
noch »Adieu du schönes Lautenspiel«
    »Woher heißt es eigentlich hier im Lautenspiel« fragte die hinzutretende
Mutter
    »Das mag der Henker wissen ich könnt es nicht sagen In den Grundbüchern
heißt es nur Haus und Hofstatt genannt im Lautenspiel und ebenso in meinem
Kaufschuldbrief« erklärte Isidor
    »Hast du denn nicht gehört was sie in der Gegend davon erzählen« fragte
Frau Setti
    »Nein ich habe gar nie danach gefragt Woher soll es denn kommen Woher
heißt es denn bei uns im Zeisig und im roten Mann Von irgendeiner Dummheit«
    »Es soll hier vor etwa zweihundert Jahren« erzählte Setti »ein geiziger
Junker gehaust haben um seine sechs schönen Töchter vor der Welt zu verbergen
damit sie nicht zum Heiraten kämen und er sie nicht ausstatten müsse Sie hätten
alle sechs wunderschön die Laute gespielt und dazu gesungen aber zusammen nur
drei Lauten besessen mit denen bei schönem Wetter je die Hälfte in den schönen
Buchenwald hinausgegangen sei und sich dort sattgespielt und gesungen habe
worauf die anderen drei Fräulein sie ablösten und mit frischen Kräften
weiterspielten So habe das Gehölz stets von dem Saitenspiel und Gesang getönt
und die Vögel hätten dazu mitgeholfen Durch den Klang seien endlich
vorbeiziehende Herren Jäger und Reiter angelockt worden seien in das Gehölz
eingedrungen und mit den musizierenden Fräulein in Verkehr getreten und
allmählich sei eines um das andere doch zum Heiraten gekommen und habe der Alte
mit der Aussteuer hervorrücken müssen Als aber nur noch drei Töchter und die
drei Lauten übriggeblieben habe er sie mit den Instrumenten in das obere
Stockwerk des Hauses gesperrt und den Schlüssel stets bei sich geführt Die drei
gefangenen Töchter haben dann in hellen Mond und Sternennächten erst recht so
rührend und laut an den offenen aber vergitterten Fenstern gesungen dass die
Kavaliere von weiter angezogen und verliebt worden sind Sie stürmten
ordentlich das Haus das umwohnende Volk half ihnen dabei die drei Töchter
hatten die Wahl und der Junker musste sie auch noch aussteuern Dadurch sei sein
Gut so vermindert worden obgleich er wohl noch hätte leben können dass er sich
aus Verzweiflung ums Leben gebracht habe Davon rühre auch das Sprichwort her
das man jetzt noch etwa von alten Leuten in dieser Gegend hört Er kann sich ja
hängen wie der Junker im Lautenspiel Hast du auch dies nie gehört«
    »Niemals Oder ich hab nicht darauf geachtet Ist auch nicht schad drum«
    Vater und Mutter saßen nun mit der älteren Tochter in dem Bahnzuge der nach
Lindenberg führte Setti fühlte sich halb froher zumut halb wieder furchtsam
da sie nicht nur die Schwester sondern auch deren Mann sehen sollte und das
Wort dass Leidensgefährten dem Unglücklichen zum Troste gereichen hier nicht
zutraf Das durchgehende Doppelwesen verdoppelte auch die Reue anstatt sie zu
vermindern denn nicht nur sah jede der Schwestern in der andern sich selbst
wieder sondern auch im Gatten derselben den eigenen Verdruss
    Gemächlich stiegen die drei Personen am Ort angekommen die Berglehne
empor bis sie die sogenannte Landschreiberei erreichten Auch hier war ein Sitz
der Ruhe und des Naturgenusses nur bot statt des Laubwaldes eine ausgedehnte
Fernsicht dem Gemüte jene Ruhe insofern es für sie offen stand Aus einem
wohlgepflegten Gemüsegarten kam die Magd gegangen zu sehen wer da sei als die
kleine Gesellschaft sich ein wenig verschnaufte und aus einem Fenster des
Erdgeschosses guckte ein halbwüchsiges Schreiberlein mit einem
Zigarrenstümmelchen im Munde welches der Herr Notar weggelegt haben mochte Die
Magd aber führte die angelangten Leute die sie nicht kannte um die Hausecke
herum nach einer Laube wo die Frau mit Plätten beschäftigt sei
    Auf einem Tische lagen frischgewaschene Kragen Manschetten und anderes
feineres Weißzeug am Boden stand ein glühendes Kohlenöfchen Die Frau Netti
aber stand an einer fensterartigen Öffnung des Laubwerkes und schaute die Hand
über der Stirne in die Ferne nach dem blauen Höhenzuge bei Münsterburg Auf
der Rückseite musste die Kreuzhalde sein während aus dem halb zugewandten
Scheitel des Berges eine leise grünliche Tinte von der westlichen Sonne
gestreift jene Waldwiese ahnen ließ wo der Vater die Mädchen mit den
Zwillingen tanzend gefunden hatte Stille Trauer webte um die reglose Gestalt
und was man von dem halbgeöffneten Munde sehen konnte war ziemlich weinerlich
beschaffen
    Um sie aus dem schweren Traume zu wecken rief die Mutter in die Laube
tretend die Tochter beim Namen Wie heute morgen ihre Schwester so erblickte
auch Netti mit freudigem Erschrecken die Eltern und flog ihnen sogar
entschlossener entgegen Allein sobald sie hinter ihnen die Schwester stehen
sah blieb sie auch stehen und ließ erbleichend die Arme am Leibe niedersinken
wobei sie nur die Worte hören ließ »Ach Setti«
    Auch diese Büsserin war dies erste Mal wo sie sich wiedersahen befangen und
sagte ebenso kleinlaut »Ach Netti« Doch als diejenige welche mit den Eltern
ihren Frieden schon gemacht war sie schneller gefasst und bot der armen
Schwester die Hand und Netti ergriff sie so furchtsam als ob es eine
Geisterhand wäre
    »Sie wissen schon alles und meinen es gut mit uns wie früher« sagte Setti
noch Aber so tief war das Gefühl der gemeinsamen Vergangenheit und des Irrens
in derselben dass sie auch jetzt noch nicht sich zu umhalsen wagten Martin und
Marie Salander umarmten jetzt beide verirrten Kinder zusammen und gingen mit
ihnen ins Haus
    Die Mutter musterte die jüngere Tochter die so schön gekleidet war wie die
ältere nur dass sie zudem ein massives goldenes Armband trug das ihr einst die
Eltern geschenkt hatten
    »Du bist hoffärtig geworden dass du das Armband zum Plätten trägst« sagte
sie versuchsweise um zu erfahren ob auch hier der Wille des Mannes schuld sei
Netti stammelte etwas Unverständliches Setti sprang ihr bei und bestätigte die
Vermutung der Mutter dass der demokratische Volksmann Julian das Armband sehen
wollte wenn er daheim war
    »Ist er nicht da dass er sich nicht blicken lässt« fragte der Vater
    »Er ist schon am Morgen früh in den Wald hinaufgegangen« erwiderte Netti
»er hat dort einen Vogelherd und bringt zuweilen einen halben oder ganzen Tag
droben zu Er fängt auch viele kleine Vögel die er gebraten sehr gern isst«
    »Fängt deiner auch Vögel« fragte er die andere Tochter
    »Nein er fischt« sagte sie
    »Gottlob das gibt mir etwas Mut« murrte Martin »ich habe die Herren schon
für zu dumm für solche Künste gehalten womit ich indessen nicht behaupten will
dass jeder Vogelsteller oder Fischfänger notwendig ein Genie sein müsse«
    Beide Töchter schreckten über den harten Worten leicht zusammen und die
Mutter es bemerkend sagte zur jüngeren
    »Du könntest uns dann bald für einen guten Kaffee sorgen dass wir uns nicht
übereilen müssen denn wir wollen ausgiebig bei dir plaudern«
    Als der Kaffee genossen wurde gestaltete sich die Plauderei zu einer
allgemeinen Beratung an welcher die beiden Landschreiberinnen mit Verstand und
beruhigtem Blute Anteil nahmen nachdem sie sich an das langgefürchtete
Zusammentreten gewöhnt hatten Und dies war unter den Augen der nur von der
Sorge um sie bewegten Eltern leichter geschehen als sie geglaubt
    Für Martin und Marie Salander handelte es sich zunächst um die Frage ob sie
die Töchter ohne weiteres wieder zu sich nehmen sollten oder abzuwarten sei
was die Zeit etwa brächte Die jungen Frauen lebten eigentlich nicht schlecht
oder geplagt in den Häusern ihrer Männer hundert Weiber wären froh gewesen nur
die ganze Woche die schönen Kleider tragen zu dürfen die diese verlangten Ihr
Unglück war dass sie die Liebe zu den Zwillingsnotaren verloren hatten ohne dass
dieselben es fühlten oder der Beachtung wert hielten Dadurch zeigten sie erst
recht die traurige Blöße des Innern und blieben von der zerflossenen Traumwelt
der Frauen als leere Schemen übrig
    Der Verdacht lag nahe dass auch diese bloßen Schemen die Frauen roh und
schlecht behandelt hätten wären diese nicht die Töchter eines reichen Mannes
gewesen oder vielmehr tauchte der alte Skrupel wieder auf sie hätten von
Beginn an eine Spekulation herzloser und dazu unreifer Burschen dargestellt der
sie durch den verblendeten Eigenwillen zum Opfer gefallen seien Nun aber
stimmten sie darin überein dass sie ihr Schicksal hinnehmen und nur froh sein
wollten wenn nicht davon gesprochen wurde solange nichts Schlimmeres
hinzutrat und wenn nur der Verkehr mit dem Elternhause und unter sich selbst
wiederhergestellt war so hofften sie durch die Macht der Zeit ein Los
allmählich tragen zu lernen das so vielen Frauen nicht besser beschieden sei
    Die Eltern wussten hiegegen vorderhand nichts einzuwenden Von einem
Einwirken auf die jungen Männer konnte gar nicht die Rede sein da diese sich
nicht geben konnten was sie nicht hatten und die Sache gar keine greifbare
Seite darbot Sie beschränkten sich also darauf die in ihren idyllischen
Träumen so arg verunglückten Kinder in dem löblichen Vorsatze der Geduldübung zu
bestärken und ihnen für alle Notfälle Schutz und Hilfe zuzusagen Vor allem
jedoch verlangten sie dass die Töchter ihre Eltern nun fleißiger besuchen
sollten so oft als möglich allein und zusammen wie es komme ohne sich
abhalten zu lassen Das versprachen sie gern und nahmen sich auch vor es zu tun
und sich selber gegenseitig wieder heimzusuchen sooft es sie freute
    Auf diesem Punkte angelangt wurde die Beratung durch die Ankunft Julians
geschlossen Verwundert grüßte er die Gesellschaft die er so unvermutet
vorfand und bedauerte höchlich gerade an diesem Tage in den Wald gegangen zu
sein Einem Bauernknaben der ihm Proviantsack und Weidtasche nachtrug nahm er
die Sachen ab
    »Glücklicherweise« rief er »bringe ich noch wenigstens etwas Gutes zum
Abendbrot Hast du für mich auch noch einen Schluck Kaffee Frau Grossrätin Ja
so ihr seid ja euer drei da und könnt uns zwei Herren überstimmen Hier wollt
ich sagen ist nun was zu braten was bald geschehen sein wird wenn das Zeug
nur erst gerupft ist Da will ich mich aber selber dranmachen«
    Er schüttete die Weidtasche auf den Tisch aus und über dreißig arme Vögel
mit verdrehten Hälschen und erloschenen Guckaugen Drosseln Buchfinken
Lerchen Krammetsvögel und wie alle hießen lagen als stille Leute da und
streckten die starren Beine und gekrümmten Krällchen von sich
    »Sie werden sehen Mama die Dinger schmecken Ihnen wie Marzipan wenn sie
mürb und gut geraten sind Ich will aber selbst zusehen Hats etwas Speck in
der Küche Frau«
    »Bitte Herr Sohn beeilen Sie sich nicht« sagte Frau Salander »wir essen
jedenfalls nicht mit mein Mann und ich wir sind vollkommen satt und wollen
noch mit dem letzten Zuge fort«
    »Aber Meister Julian« schaltete Martin dazwischen »wissen Sie denn nicht
dass die Jagd auf Singvögel verboten ist Sie als Mitglied des Großen Rates«
    »Herr Vater ich habe nicht gejagt sondern das Garn gespannt und da sind
allerdings ein paar Finklein dazwischengekommen die nicht geladen waren
Übrigens wird sich wohl kein Wächter des Waldes an mich machen«
    »Gleichheit vor dem Gesetze nicht wahr« erwiderte Salander auf Julians
Rede der offenbar auf den Schutz seines Ansehens als Ratsmann anspielte
allerdings sehr ungeschickt
    »Nun mag essen wer will ich lass es braten denn ich habe Hunger« sagte
er und trank die Tasse aus welche die Frau ihm eingeschenkt dann raffte er die
Vögel bei den Füßen zusammen je fünf oder sechs zwischen zwei Fingern und zog
mit diesen hängenden Vogelbuketts von dannen
    Als einige Zeit später die Schwiegerleute und Setti abreisen wollten und den
Flur entlang gingen kam er zum Abschied aus der Küche gelaufen eine weiße
Schürze vorgebunden und das Messer in der einen Hand in der andern eines der
nackten aufgeschnittenen Tierchen Die blutigen Finger vorweisend entschuldigte
er das Unvermögen in besserer Form ein Lebewohl zu bieten als dass er den
rechten Handknöchel oder Ellbogen darstreckte
    Die Weggehenden sahen sich so gezwungen den gekrümmten Arm zu berühren und
sanft daran zu rütteln um den Händedruck zu ersetzen
    Seine Frau Nettchen war sehr verlegen und tat als ob sie die
Ungeschliffenheit des gefrässigen jungen Gemahles nicht bemerkte indem sie
rascher voranging die Mutter Marie wunderte sich wie schnell die beiden Brüder
sich vergröbert hatten und dachte das werde mit der Zeit ein Paar recht takt
und gefühllose Philister abgeben
    Den empfangenen Eindruck verarbeitete Martin Salander nach anderer Seite
hin Zur Tochter Netti die Eltern und Schwester bis zur Station hinunter
begleiten wollte sagte er
    »Hat dein Mann so viel Zeit in seinem Berufe dass er ganze Tage solchen
Liebhabereien nachgehen kann«
    »Was das betrifft« antwortete Netti »so ist der Geschäftsandrang ungleich
aber ich könnte nicht mit Wahrheit sagen dass ich glaube er vernachlässige
wirklich etwas Er arbeitet leicht soviel ich sehe ohne sich lang zu besinnen
und dann macht er sich nichts daraus wenn mehr zu tun ist als gewöhnlich die
halben Nächte hindurch in der Kanzlei zu sitzen und anhaltend zu schreiben Erst
neulich war er den Tag über fort in Münsterburg und als er abends um halb zehn
Uhr heimkam ging er nicht ins Bett sondern auf die Kanzlei obgleich er nicht
mehr munter schien Als es drei Uhr schlug und er immer noch nicht in seinem
Bette lag glaubte ich er sei unten eingeschlafen ich stand auf um
nachzusehen schon wegen der Lampe damit nichts Ungeschicktes geschehe Aber er
saß noch und arbeitete Er hatte eine ganze Reihe Hypotheken oder Pfandbriefe
Grundbuchauszüge und dergleichen was sonst die angestellten Gehilfen tun
müssen selbst ausgefertigt alles sauber geschrieben sogar die Überschriften
in sorgfältiger Fraktur Eben war er daran die Urkunden zusammenzufalten und
die kanzleimässigen Titel auf die Rückseiten zu setzen alles in guter Ordnung
Dies tat er alles weil der Schreiber und der Lehrling nicht vorwärtsgekommen
waren und er einen Schub vorarbeiten wollte damit es besser flecke Er hatte
nicht einmal gern dass ich dazukam und sah wie er eigentlich Arbeit
verrichtete für die er die Leute bezahlt«
    »Da ist doch eine gewisse Gutmütigkeit darin« meinte Salander »Ist dein
Isidor auch solch ein Nachtarbeiter Setti«
    »Ja er treibt sich auch zuweilen lang in der Kanzlei herum« erwiderte Frau
Isidor Weidelich »ob er mit seiner Arbeit den Angestellten unter die Arme
greift weiß ich nicht Ich habe nur gesehen dass er die Bücher durchmustert und
sich Notizen daraus macht«
    Auf der Bahnstation Lindenberg mussten sie sich trennen Die Eltern stiegen
sogleich nach Münsterburg ein während Setti und Netti noch in dem Wartesälchen
zusammenblieben um mit schwermütig verlorenen Worten leise zu plaudern bis der
nach Unterlaub fahrende Zug herankam
    Martin und Marie Salander saßen zu Hause vor dem Schlafengehen sich auch
nicht in rosiger Laune gegenüber Sie hatten sich nun überzeugt dass das Leben
der blühenden Töchter verödete und das um so trost und endloser wenn es im
gegenwärtigen Zustande beharrte und sich zu einem ewigen Landregen anliess
    Marie stützte ihren Kopf auf den Arm und sah in Gedanken verloren vor sich
hin
    »Nun haben wir noch den Arnold um eine Hoffnung zu nähren« sprach sie
eintönig »und wie leicht kann auch die verlorengehen«
    »Er ist aber nicht dazu da dass wir an diese Möglichkeit denken sollen«
ließ sich Martin hören »er lebt und ist da und auch die Töchter leben ja und
werden ihres Daseins auch wieder froher werden Arnold kann übrigens nun bald
heimkehren wenn er will glücklicherweise ist er gesund geblieben und wird es
hoffentlich ferner bleiben«
    »Ich wollte er wäre schon da Morgen schreibe ich ihm einen Brief«
    Nachdem er von seinen verlängerten Studienreisen zurückgekehrt war der Sohn
zunächst in die Handlung eingetreten sich gründlicher darin umzusehen und
einzuüben Es dauerte auch nicht lange bis er so viel Einblick und Urteil
gewann die Notwendigkeit oder wenigstens das Nützliche einer persönlichen Reise
nach jenen Zonen zu erkennen wohin die hauptsächlichen Beziehungen des Hauses
sich richteten Hierin traf er mit den Wünschen des Vaters zusammen welcher
längst das Bedürfnis nach einem zuverlässigen Stellvertreter empfunden da er
selbst den Gedanken zeitweiliger Reisen aufgegeben hatte Seit einem Jahre oder
etwas länger befand sich Arnold in Brasilien und hatte in der Tat schon gute
Dienste geleistet durch glückliches Auge und rasche Hand
    »Die Aufgabe unsern dortigen Grundbesitz an geeignetem Pflanzland zu
erweitern« sagte Salander »hat er unter den obwaltenden Umständen möglichst
gut lösen können so dass wir wie auch die Konjunkturen sich wenden schon
hieran noch langehin einen sicheren Haltpunkt haben Für Betrieb und Aufsicht
hat er einen rührigen und treuen jungen Landsmann gefunden den wir gelegentlich
beteiligen können so dass wir keine fremden Pächter mehr brauchen Und was die
übrigen Geschäfte angeht so hat Arnold nach Briefen die ich habe bei den
Handelsfreunden überall sich schicklich und klug benommen und einen guten
Eindruck hinterlassen Er hats freilich leichter als ich da ich mit meinem
abgebrannten Lichtstümpfchen in den Kolonien herumhausieren musste Was mich aber
freut ist dass wir einen Sohn und Genossen besitzen der tüchtig gelernt und
die Welt mit Land und Leuten gesehen hat Und da er dazu unabhängig sein wird
oder es schon ist so wird ein Wirkungskreis im schönsten Sinne des Wortes ihm
zuteil werden der uns mit zur Ehre gereicht«
    »Mag er leben wie es ihm gegeben ist« sagte Marie »und nicht anders so
wird er zufrieden bleiben Wär er nur erst zurück«
    Nach dieser Erbauung am Sohne kehrten ihre Sorgen wegen der Töchter wieder
an Ort und Stelle zurück eine längere Stille herbeiführend Sein trübes
Nachsinnen schloss Martin ab
    »Eines kann ich mir am wenigsten reimen Wenn ich zurückdenke wie die
Mädchen in dem nächtlichen Garten wo ich sie mit den zwei Gesellen zuerst
belauschte die Burschen am Bändel führten dass sie gehen und stehen mussten wie
sie es wollten wie sie ihnen nachher den Verkehr versagten und jene gehorchten
 und wenn ich jetzt sehe wie sie nicht den kleinsten Einfluss mehr haben und
die Lümmel tun und lassen was ihnen beliebt den jetzigen Frauen sogar wie
orientalischen Sklavinnen Putz und Kleider vorschreiben und diese sich fügen
während sie doch die Männer nicht mehr lieben und achten so muss ich immer
fragen wie hängt denn das zusammen und wie ist es möglich«
    »Da hilft das Grübeln nicht viel« entgegnete die Frau Salander »Man könnte
sagen es seien auf beiden Seiten nicht mehr die gleichen Leute da nachdem die
Träume der Willkür zerronnen Dort sind aus den knabenhaften Traumfiguren junge
Männer geworden welche die rohe Seite hervorkehren und überdies zu jenen
gehören welche von einem Bubenalter ins andere fallen hier wurden die Mädchen
zu verheirateten Frauen das erträumte Phantasieglück ist verflogen und nur der
Anstand geblieben der ihnen verbietet das Elend auch noch mit täglichem Zanken
und Streiten zu verbrämen denn dass dieses das einzige Ergebnis jeden Versuches
wäre einen erneuten Einfluss zu gewinnen wissen sie natürlich wohl Es ist ja
schon jene frühere Gewalt über die jungen Leute auch nur ein Teil des
Phantasielebens gewesen Allein alles das ist schon zu viel gesagt Wir haben es
mit einer unerklärten Unregelmässigkeit mit einem Phänomen zu tun wie du dich
schon ausgedrückt hast«
    »Es wird wohl so sein« versetzte der Mann melancholisch »es gibt
dergleichen in der moralischen wie in der physischen Welt Der Himmel möge uns
in Gnaden bewahren«
 
                                      XIV
Am anderen Tage begab sich Martin Salander zeitig in sein Kontor um das gestern
etwa Versäumte zu ordnen Als er dies getan auch die neuen Briefschaften
gelesen und eben eine Morgenzeitung ansehen wollte wurde ein Fremder
hereingeführt der ihn zu sprechen wünschte
    Ein gut gepflegter Mann stand aufrecht mitten im Zimmer von fremdartigem
Aussehen Er trug eine tatarenähnliche Bartpflanzung im Gesicht lang
herunterhängende steifgewichste Schnurrbärte und eine entsprechende Einfassung
des Kinnes Der Kopf war ziemlich entaart dafür die Augen von vielen Fältchen
umgeben die ebensogut von angewöhntem Blinzeln und Zwinkern als vom Alter
herrühren konnten in der Hand hielt er einen kleinen Filzhut mit
aufgeschlagenem Rande die Beine waren bis an die Knie mit glänzenden Stiefeln
bekleidet aus einem Knopfloch des geschlossenen Rockes hing eine dicke goldene
Kette die eine Spanne tiefer in ein anderes Loch zurückschlüpfte
    Salander fragte mit was er dienen könne
    »Alter Freund Kennst du mich nicht mehr Den Louis Wohlwend«
    Salander erkannte die Stimme wenn es auch nicht der alte Sprachton war
doch im allgemeinen und mit ihrer Hilfe traten auch einzelne Züge des alternden
Gesichtes hervor Er hätte in diesem Augenblick eher an den Tod gedacht als an
den Wohlwend und musste sich darauf besinnen wie er eigentlich zu dem Manne
stehe Er beschränkte sich also darauf denselben anzusehen ohne etwas zu sagen
oder die dargebotene Hand zu ergreifen Der Mann Wohlwend rückte einen Stuhl
herbei setzte sich darauf und lud den alten Freund und Handelsherrn mit einem
Zeichen ein seinen Platz am Pulte wieder einzunehmen
    »Ich nehme wahr« hub er nun seine Rede wieder an »dass ich mich mit dem
Zwecke meines Besuches hätte ankündigen sollen um nicht über den alten Span zu
stolpern der wie es scheint noch immer zwischen uns liegt Du hast mich wegen
jener Anweisung der verkrachten Atlantischen Uferbank einst ungerecht verfolgen
lassen aber natürlich nichts ausgerichtet denn ich vermochte nicht zu zahlen
was ich schuldig war mithin noch weniger was ich nicht schuldete Ich hatte
damals Gelegenheit für einen Händler mit eichenem Fassdaubenholz nach Ungarn zu
reisen und trieb mich von dort in den ungarischen Ländern herum brachte mich
als Anschicksmann und Vermittler in allen möglichen Handelszweigen so geradehin
durch ohne Gewinn zu machen hatte mit Holz Wein Schafwolle und sogar mit
Schweinsborsten zu tun Durch die Schweinsborsten gelangte ich in der Gegend von
Essek an der Drau zu einem gewaltigen Schweinezüchter der Gefallen an mir fand
Er handelte auch mit anderen Produkten und suchte mich als Buchführer oder
Faktotum festzuhalten und ich blieb dort Ich war wie du weißt immer noch
ledig fand nun Anlass mich verehelichen zu können Mein Prinzipal hatte zwei
Töchter und zwar von zwei Frauen Diejenige von der ersten wurde meine Gattin
und damit die Vermögensverhältnisse beider sich nicht verwickeln sollten jeder
zukam was ihr gebührte so ordnete er noch bei Lebzeiten seinen Nachlass und
stellte jeden Teil sicher Jetzt ist der Mann gestorben Ich kann aus den
Einkünften meiner Frau ordentlich mit ihr leben und bei geregeltem Haushalte
jährlich etwas zurücklegen Wenn der nachgelassene Grundbesitz vorteilhaft zu
veräussern ist stellt sich der Status vielleicht noch besser Das erste woran
ich dachte war natürlich die allmähliche Rückerstattung an mir erlittener
Verluste welche etwa nicht durch Verträge ausgeglichen wurden voran steht der
ganze Betrag der Bürgschaft welche du für mich geleistet hast alter Freund
Salander eh du das erste Mal nach Brasilien gingst Ich will hier einen
längeren Aufenthalt machen Ich kann natürlich nur die Ersparnisse aus den
Jahreseinkünften meiner Frau verwenden und muss mich demgemäss in einzelnen
Abzahlungen bewegen Kurz ich bin gekommen den Anfang zu machen«
    Er zog eine Brieftasche hervor und legte einige Banknoten auf Martin
Salanders Pult worauf er fortfuhr
    »Hier sind fünftausend Franken Willst du mir die Liebe tun sie als erste
Abschlagszahlung zu buchen und eine billige Zinsberechnung für den ganzen
verflossenen Zeitraum behufs der ebenfalls sukzessiven Amortisation
auszustellen Denn ich habe zwei Knaben die auch erzogen sein wollen und mir
Ausgaben machen werden«
    Jetzt befand sich Martin Salander in Verlegenheit Wenn die Zahlungslust
Wohlwends wirklich ernst gemeint war so musste er Salander sich in ein
freundliches Benehmen zu ihm setzen und doch wusste er nicht einmal ob er das
Geld annehmen solle ohne seinen Advokaten beraten zu haben Wenn aber Wohlwend
in der späteren Geschichte mit der Uferbank dennoch unschuldig gewesen was ja
leicht möglich war so stand er nun mit seinen guten Vorsätzen und dem
tatsächlichen Beginne der Ausführung ehrlich vor ihm und Salander durfte ihn
nicht lieblos zurückstossen
    Er nahm daher die fünf Banknoten in die Hand strich sie glatt und sagte
nach einem kurzen Besinnen
    »Wenn du mir jenes Bürgschaftskapital vergüten kannst so ist es mir nur
angenehm man kann verlorengeglaubtes Geld immer doppelt gut brauchen Behufs
der einfachen Verzinsung à vier vom Hundert schlage ich vor zehn Jahre
aufzurechnen das heißt die Frist nach deren Ablauf die Forderung verjährt
war so dass wir für Kapital und zehnjährige Verzinsung eine runde Summe
erhalten die sich nicht mehr verändert im Falle die Abzahlungen nicht
ausbleiben Diese Fünftausend würden also die erste Rate fraglicher Gesamtsumme
ausmachen«
    »Ich erkenne wieder den braven alten Freund« entgegnete Louis Wohlwend mit
biederem Tone »Zinsfuss und Zeitberechnung sind amikal und ich nehme beides mit
Dank an«
    »So will ich dir eine vorläufige Quittung schreiben und weil es dir
vielleicht angenehmer ist nachher ein ausführlicheres Schriftstück selbst
besorgen damit ich nicht den Buchhalter mit der Skriptur beauftragen muss«
    »Ganz wie du willst Nochmals Dank« erwiderte Wohlwend ihm gefühlvoll die
Hand hinstreckend »Sieh nun kann ich mich fröhlich als heimgekehrt betrachten
da ich mit dem ältesten Jugendfreunde daheim Frieden gemacht habe«
    Salander vergaß über der friedlichen Verhandlung die ihm ja unverhofft
altverdientes Geld zurückbrachte alles was er wegen Wohlwend erduldet und
selbst schon über ihn geredet hatte Er schüttelte ihm freundlich die Hand wie
ein gutmütiger Mann dem ein Stein vom Herzen fällt wenn er auch einen
gerechten alten Groll loswerden kann Er ließ den halb asiatisch aussehenden und
auch einen so klingenden angenommenen Deutschdialekt sprechenden Louis gewähren
der auch bis zur Mittagstunde schwatzend dablieb nach allem fragte die
kommenden und gehenden Geschäftspersonen betrachtete und abwechselnd Salanders
Glück pries Und als dieser aufbrach um nach Haus und zu Tisch zu gehen ging
er Wohlwends Gesellschaft nicht aus dem Wege der ihn ein Stück begleiten
wollte
    Sie kamen bei einem Gasthofe an in welchem Herr Louis Wohlwend wohnte Er
blieb an der Pforte stehen und hielt Salander fest
    »Tu mir den Gefallen und geh nur einen Augenblick mit herein Ich möchte dir
gar zu gern meine Familie Frau und Buben und die Schwägerin vorstellen«
    »Aber das kann ja leicht ein andermal geschehen Jetzt erwartet man mich zum
Essen« entschuldigte sich Salander
    »Versteh« drängte Wohlwend »ich möchte morgen früh mit ihnen auf den Rigi
um sie ein Stück von unserer Herrlichkeit sehen zu lassen Und es kann noch
anderes dazwischen kommen Nur ein Augenblickchen«
    Salander ließ sich um das Unvermeidliche abzukürzen die Treppe
hinaufdrängen und sah sich in einem Salonzimmer zwei stattlichen Frauenzimmern
gegenüber deren Schönheit verschieden aber gleich fremdartig erschien ebenso
wie ihre Haltung und Reisetracht
    »Dies ist nun mein alter Freund Martin Salander« verkündete er ihnen und
zu letzterem gewandt
    »Dies ist meine Frau Alexandra Wohlwend geborene Glawicz Dies ihre
Schwester Fräulein Myrrha Glawicz und dies sind meine Knaben Georg und Louis«
    Salander bot ihnen allen die ihn mit etwas linkischer Respekterweisung
begrüßten die Hand und sprach einiges zu ihnen über die Reise die sie gemacht
und dergleichen In der Zeit war Louis Wohlwend hinausgeschlüpft und kam wieder
herein
    »So alter Freund Du erweisest uns die Ehre mir uns zu essen Ich habe den
Lohndiener in dein Haus gesandt mit dem Bericht du seist bei uns und gut
aufgehoben«
    »Aber guter Freund das geht doch nicht wohl an« meinte der sich
sträubende Salander Doch half es ihm nichts und er ließ sich zwingen
    Es dauerte eine Viertelstunde bis es zur Tafel schellte und das Gespräch
war nicht eben fliessend besonders wenn Wohlwend nicht schwatzte Aber es wurde
Salandern nicht langweilig da er die fremden Leute unbefangen betrachtete
    Als es endlich zu Tisch ging bekam er die Schwester der Frau Wohlwend zu
führen und musste auch neben sie sitzen
    »Nimm dich in acht« sagte Louis Wohlwend scherzend »es fließt
wahrscheinlich hellenisches Blut in ihren Adern Mein seliger Herr Schwiegerpapa
hat ihre selige Mama vom Schwarzen Meere herübergeholt und deren Vorfahren
sollen aus Tessalien dorthin gekommen sein«
    Martin blickte die stille Nachbarin von der Seite an die ihm jetzt ganz
nahe war Er sah ein paar leuchtende Augen die sich ihm wie in gleichgültiger
Trauer zuwendeten aus dem dunklen Haarknoten eine tadellose Stirn und
Nasenlinie sich niedersenken und unter dem schwellenden Munde das schönste Kinn
sich runden alles wie nach dem Rezept für altgriechische Frauenköpfe
    Salander fühlte ein prickelndes Behagen neben der seltenen Gestalt und als
Wohlwend Champagner kommen ließ und er ein paar Gläser genossen hatte war es
ihm wie wenn er einen neuen Weltteil oder ein neues Prinzip entdeckt kurz das
Ei des Kolumbus gefunden hätte
    Die an der Tafel gewesenen Fremden hatten alle schon den Speisesaal
verlassen nicht ohne dass die meisten unter ihnen im Vorbeigehen einen Blick auf
die neben Martin sitzende Schönheit warfen Jetzt kam auch ein Kellner und
anerbot der noch beim Champagner sitzenden Herrschaft den Apparat in das
Nebengemach zu tragen da in diesem Saale in zwei Stunden wieder gespeist und
der Tisch neu gedeckt werden müsse Zugleich hob er die Flasche aus dem
Kühleimer und beschaute sie die aber leer war
    Durch diese Schnödigkeit der Flasche sowohl wie des Kellners wurde Martin
Salander aus einem traumartigen Zustande geweckt Er stand auf und lehnte
Wohlwends dringenden Antrag dem Vorschlage des Kellners zu folgen entschieden
ab
    »Nun alter Freund« sagte Louis Wohlwend »also auf ein anderes Mal Ich
hoffe wir werden uns wieder verstehen lernen Die Freundschaft ist keines der
schlechteren Ideale insonders wenn sie alt ist wie guter Wein«
    Salander der wieder ganz wachgeworden fand zwar den Vergleich nicht
zutreffend da sehr alte Weine heutzutage nicht mehr so hochgeschätzt werden wie
früher Jedoch unterdrückte er diese Bemerkung und eilte sich im Kreise herum
von den dastehenden Personen zu verabschieden Die letzte war Fräulein Myrrha
Glawicz mit dem griechischen Blut und stand hinter ihm er suchte sie an der
unrechten Stelle so dass er sich in einiger Verwirrung um sich selbst drehte und
beinahe ausglitt eh er der schweigsamen Dame die Hand reichen und endlich
abziehen konnte
    »Es dünkte mich wie das Schweigen des blauen Himmels dort im alten Hellas«
sagte er bei sich selbst mit beschwingtem Gange die Straßen entlangschreitend
    »Es ist doch bei Gott eine schöne Sache um das Schöne das klassisch
Schöne« dabei schlug er unbewusst ein Schnippchen in die Luft ein oder zwei
Vorübergehende sahen ihm verwundert nach
    »Was ist denn das für ein Fremdenbesuch mit dem du im Gasthof gegessen
hast« fragte seine Gattin Marie bei der er für ein Stündchen vorsprach
    »Hat man dirs nicht gesagt« fragte Martin verblüfft
    »Das kannst du ja wissen da du nur melden ließest du kämst nicht zu Tisch
und würdest dort speisen«
    »Ich habe gar nichts melden lassen er tat es ohne mein Wissen«
    »Wer Er«
    »Ja so Nun rate  der Louis Wohlwend«
    »Der ist da Und du hast mit ihm gegessen«
    Die Frau Salander saß starr vor Erstaunen aber nicht von der freudigen Art
    »Erschrick nur nicht so arg Denke dir er will unser Bürgschaftsgeld mit
Zins abzahlen und hat mir als Anfang fünftausend Franken gebracht«
    »Ich wollte der Boden hätte ihn damit verschlungen Wenn das Geld nicht
verschmerzt wäre so hätt ers nicht gebracht Und da hast du gleich wieder
Freundschaft gemacht«
    »Das just nicht Aber sei doch nicht so wunderlich liebe Marie Ich kann
nichts anderes darin ersehen als dass er den Schaden gutmachen will da er es
nun vermag«
    »O Mann und ich kann nichts anderes erkennen als dass er gekommen ist dich
zum dritten Mal auszuplündern«
    »Das hätte er jetzt nicht mehr nötig Ein solcher Spitzbube ist er doch nie
gewesen dass er der ein Vermögen erheiratet hat aus bloßer Liebhaberei eine
alte Schuld bezahlt um sie als Köder zu einem neuen Fang zu benutzen Und dann
wäre er nicht mit Weib und Kindern dazu eingerückt«
    »Behüt uns der Himmel Weib und Kinder Das mag ein schönes Volk sein«
    »Schön Schau sie einmal an du wirst dich wundern Die Frau selbst dünkt
mich zwar nicht besonders fein hab sie auch nicht recht angesehen weil sie
eine jüngere Schwester hat ein Fräulein Myrrha die ich betrachten musste Ich
sage dir eine Antigone eine Nausikaa die schöne Helena selbst würd ich
sagen wenn sie hiefür nicht zu fromm aussähe«
    Erst jetzt fasste Frau Marie den begeisterten Mann besser ins Auge und
gewahrte sein leicht gerötetes Gesicht und die glänzenden Äuglein die er
machte In dieser ungewohnten Anwandlung einer späten Schönheitsverehrung
erschien er ihr so liebenswürdig komisch dass sie herzlich lachen musste und ihn
mit wachsender Heiterkeit betrachtete
    »Es ist gewisslich wahr« rief er treuherzig indem er das fröhliche Wesen
ihrem Unglauben zuschrieb nicht ahnend wie viel edler die Laune war die sie
beseelte Und als sie ihn mit noch lustigerem Wohlwollen zu betrachten fortfuhr
lief er ungeduldig mit den Worten davon
    »Ach geh Mit dir ist nichts anzufangen«
    Dieser gute Martin dachte die in ihrem Sessel lehnende und einen Augenblick
die Hände übereinanderlegende Frau der ändert sich nicht bis er zerbricht
Immer jagt er einen neuen Osterhasen auf wenn man glaubt er sei zu Ende Jetzt
hat er es wieder mit der Griechenschönheit zu tun wie er es in alter Zeit
genannt hat er wird nächstens mit dem Odysseebuch ankommen das wir ehemals
durchlasen Nun er hält seinen Geist immer in Bewegung immer ist er mit etwas
beschäftigt und braucht nicht Kegel zu schieben
    
    Der so günstig beschriebene Mann ging indessen schon wieder anders gelaunt
den Weg nach dem Geschäftshause als wie er ihn angetreten Erst auf der Straße
wirkte das anmutige Verhalten der Frau in ihm nach deren innere Jugend den Rest
der Jahre um so lieblicher durchschimmert hatte als das Vorkommnis in seiner
Art neu war
    Der kleine Verdruss den er über ihr Lachen empfunden verschwand unvermerkt
»Wer hätte gedacht« sagte er »dass diese gute Marie die ich so lang kenne
einer so zierlich goldenen Laune in solchem Falle fähig wäre Nie hab ich sie so
gesehen Hier kann man wahrlich nicht sagen der Mensch ändert sich bis er
zerbricht Stets wenn man es am wenigsten denkt bringt sie ein neues Licht zu
Tag Freilich da sie hiemit stets dieselbe bleibt kann man doch nicht sagen
sie ändere sich«
    Aber keines von beiden erinnerte sich mit einem Wörtchen an das Gespräch
welches sie am gestrigen Abend vor dem Schlafengehen wegen der Töchter geführt
und was sie von den unregelmässigen und unerklärten Erscheinungen des
menschlichen Lebens gesagt hatten
 
                                       XV
Martin Salander hörte mehrere Wochen nichts weiter von Louis Wohlwend und dessen
Familie und wenn er auch zuweilen neugierig war was der kuriose gute Freund zu
guter Letzt noch aufstellen werde so dachte er doch immer weniger und
gleichgültiger daran
    Eines Abends verkündigte ihm Frau Marie dass sie die Töchter besuchen und
bei jeder einen Tag zubringen möchte Die Männer seien nämlich beide an ein
Schützenfest in der Westschweiz gereist und werden es nicht verlassen bis sie
ein paar silberne Becher herausgeschossen was sie mit vielem Geldaufwand und
unendlichem Schießen zu erzwingen gewohnt waren Ihre Abwesenheit wünschten die
Frauen zu einer gründlichen Musterung des Hausgerätes namentlich Betten und
Linnenzeug zu benutzen und dabei die Mutter mit ihrem Rate zur Seite zu haben
Sie gedachten natürlich auf diese Weise einen vollen Sommertag der ungestörten
mütterlichen Gesellschaft sicher zu sein und es überdies so einzurichten dass
jede der Schwestern an der Visitation und dem Ratschlage im Hause der andern
teilnahm wobei sie nicht nur ein lehrhaftes Wahrnehmen und Vergleichen der
erlittenen Schäden sondern auch ein höchst zufriedenes vertrautes Stilleben zu
dreien tage und nächtelang zu erzielen hofften Denn wenigstens eine Nacht
wollte jede Tochter den ersehnten Besuch bei sich festhalten
    Martin fand alles in der Ordnung bis auf die kostspielige Schiesserei der
Schwiegersöhne von denen jeder in der Tat ein Glasschränklein mit einer Reihe
glänzender Becher im Hause stehen hatte ohne einen sichern Schuss abgeben zu
können Da es aber einmal so war so gönnte er allen drei Frauen die zwei oder
drei vertraulichen Tage und ermahnte die seinige solange bei den Kindern zu
bleiben als sie es freue und ihr selbst guttue An beiden Orten sei ja die Luft
so rein und gesund als möglich
    Am bestimmten Tage brachte er die treffliche Gesponsin zum Bahnhofe wo die
Magd schon einen Korb mit guten Sachen hingetragen hatte das Zusammensein der
einsamen Strohwitwen etwas festlicher zu gestalten
    Vom Bahnhofe hinweg machte Salander einen längeren Gang durch abermals
neuentstandene oder ausgebaute Quartiere und unterhielt sich damit ein und
anderes Haus zu erspähen auf welches er flüssiges Kapital geliehen hatte Da er
aber kein fleißiger Stadtgänger war so vermochte er die Häuser schon nicht mehr
herauszufinden Hierüber fielen seine Gedanken auf das bedenkliche Umsichgreifen
der Baulust welcher er ja selbst Vorschub leistete und auf die Reden welche
bereits von einem unvermeidlichen Häuserkrach umgingen Mag er kommen dachte
er ich habe nur erste Hypotheken und ohne das mitgeflogen mitgefangen Man
muss mit der Zeit marschieren sie gleicht alles wieder aus was sollten unsere
Handwerker anfangen wenn nicht das bisschen Bauen noch wäre
    Er betrachtete ein schönes Haus genauer welches schon bewohnt schien da im
Erdgeschoss eben ein Handelsgeschäft oder Warenlager eingerichtet wurde und die
Fenster der übrigen Stockwerke mit Vorhängen versehen waren Wie er so stand
trat Louis Wohlwend aus dem Hause und erblickte den Martin Salander
    »He« rief er »da ist er ja wie gerufen der alte Freund Just diesen
Augenblick war ich im Begriff dich auf dem Kontor aufzusuchen Wie gern würde
ich dich gleich hinaufführen denn wir wohnen einstweilen in diesem Hause aber
meine Frauenzimmer befinden sich noch nicht im Stadium und würden schneuzen wie
Katzen wenn ich einen Herrn brächte«
    »Ei so« sagte Salander als er endlich zum Worte kam »du hast eine Wohnung
bezogen und gedenkst also hierzubleiben«
    »Es ist wohl möglich dass wir wenigstens so lang bleiben bis die Buben
geschult sind Denn das habe ich nun empfunden dass ich sie hier in die Schulen
schicken muss sie sollen ja doch Schweizer bleiben Wir sind einige Wochen
herumgereist auch am Genfer See in Lausanne habe ich ein Privatinstitut
gefunden das mir sehr gefällt Dort will ich sie für ein Jahr oder je nachdem
unterbringen und nachher sollen sie hier oder anderswo in der deutschen Schweiz
eine gute Mittelschule Gymnasium oder Realschule durchmachen«
    »Was sollen sie denn werden« fragte Salander
    »Mit meinem Willen jedenfalls nicht Kaufleute Ich habe genug davon
bekommen sintemal nicht jedem das Glück eines Martin Salander beschieden ist«
    Dieser nahm eine Redensart die er auch schon von anderen Schiefgelaufenen
hören gelernt hatte nicht übel er lächelte gutmütig
    »Also Studien nimmst du in Aussicht für die Knaben«
    »Studien hm Ja und nein Ich fürchte die Burschen sind nicht so recht
intelligent genug Dennoch schwebt mir dunkel vor als ob sie das Studium der
Theologie bewältigen könnten«
    »Theologie Das muss ja heutzutage gerade das Schwierigste sein das die
entgegengesetztesten Fähigkeiten erheischt«
    »Nicht so sehr wie du meinst« erwiderte Louis Wohlwend mit überlegenem
Zwinkern seiner Augen Da eigentlich keiner wusste wie es der andere meinte oder
meinen wollte so ließ sie den Gegenstand fallen
    »Wo gehst du hin« fragte Wohlwend
    »Auf das Bureau ich habe meine Frau nach der Eisenbahn gebracht sie ist
für einige Tage verreist und nachher bin ich ein wenig spazieren gegangen
Jetzt wird es wohl Zeit sein«
    »Ich begleite dich noch eine Strecke Apropos Was sagst du dazu dass ich in
deinem Hause wohne«
    »In meinem Hause Wo denn Ich habe keines«
    »Wo ich vorhin herauskam Ich habe mit dem Eigentümer über die jetzigen
Bauverhältnisse gesprochen und dabei natürlich erfahren wo er das Geld her hat
Es ist also so gut dein Haus wie seines«
    »Ich sehe nicht wie Auch wenn der Mann es müsste fahrenlassen so kämen
andere nach mir denen es zufiele Ich stehe sicher«
    »Wer kann das sagen Wenn der Kaufwert um ein Drittel oder Viertel sinkt so
wird das Haus dein und ist dann erst preiswürdig«
    »Aber ist denn das Haus wirklich eines worauf ich Geld habe Wie heißt der
Besitzer«
    »Wie du kennst deine Häuser nicht Martin du bist bei Gott großartig« Bei
diesen Worten warf Wohlwend einen stechenden Blick auf den alten Freund der
zufällig einen halben Schritt voraus war und das böse Auge nicht fühlte
    Jener wusste wahrscheinlich selbst nicht was die aufblitzende kleine Wut
erregte ob Salanders Erwerbsglück oder die unbekümmerte Ruhe welche er besaß
Während jener schon mehr ausgekundschaftet als er verriet wusste dieser nicht
einmal wo die Häuser standen die er belehnte was wie eine persönliche
Beleidigung auf ihn wirken musste Tat ihm Salander ja nicht die Ehre an die
Frage nach dem Namen des Hauseigentümers zu wiederholen die vorhin
unbeantwortet geblieben
    Aber kaum hatte er den halben Schritt eingeholt war die schlimme Anwandlung
aus seinen Augen verschwunden und er plauderte weiter
    »Alter Freund Was ich sagen wollte ich weiß nicht wie ich zu deiner
Allergnädigsten stehe Gern möcht ich sie doch unter den nunmehrigen
Verhältnissen begrüßen zumal ich auch mit Damen behaftet bin denen ein
schicklicher Umgang Bedürfnis wäre Sie sind durch den frühen Tod ihrer Mütter
in der feineren Erziehung nicht gefördert worden haben zwar durch fahrende
junge geistliche oder weltliche Lehrer Unterricht erhalten wenn es sich fügte
das wollte aber nicht viel heißen hätte auch nicht viel zu sagen wenn sie als
Ersatz mehr gesellschaftliches Geschick hätten als sie sich in ihren
heimatlichen Verhältnissen haben aneignen können  aber da haperts eben wie du
leicht bemerken magst und aus diesem Grunde muss ich darauf sehen sie bald in
dies oder jenes Haus einzuführen wo sie etwas lernen können so das nötigste «
    »Du klopfst da an der unrechten Türe« unterbrach ihn Salander »meine Frau
lebt ziemlich zurückgezogen und hält nicht einmal eine Stubenjungfer Seit
vielen Jahren behelfen wir uns mit einer älteren Magd du kannst dir also
denken dass wir kein Haus machen wo für Damen etwas zu lernen ist«
    »Lass das nur gut sein Die gnädigste Frau ist mir nicht grün ich weiß das
wohl allein darum hab ich doch allen Respekt vor ihr und schätze dass sie für
sich allein schon ein gutes Haus vorstellt  versteh mich nur Ich suche ja
nicht Glanz und Geräusch für die armen Weibchen sondern ein Vorbild ruhig edler
Weiblichkeit in allem Tun und Lassen «
    »Da kommst du bei der Marie schlecht an wenn du dergleichen vorbringst«
unterbrach Salander abermals den Aufdringlichen »sie kann das Wort nicht
ausstehen und hat es dem Redner jetzt noch nicht verziehen der sie einst an der
Hochzeit unserer Töchter vor allem Volk ein Muster edler Weiblichkeit genannt
hat«
    »Ha die famose Hochzeit« rief Wohlwend »davon hab ich auf dem
Borstenmarkt zu Budapest eine Zeitungsnotiz gelesen Ich frühstückte ein
Schweinshaxerl mit einem Seidel Erlauer nahm ein Blatt in die Hand und las aufs
Geratewohl Den berühmten Hochzeiten zu Kana des Kamacho welchen ich nicht
kenne usw wird man diejenige eines Herrn Martin Salander in der freien Schweiz
anreihen müssen welche derselbe bei der Verheiratung seiner zwei Töchter
angestellt hat und wobei nicht nur eine Menge Volkes bewirtet sondern auch
politische Schauspiele und Allegorien aufgeführt wurden alles unter freiem
Himmel Davon musst du mir noch erzählen Stelle dir vor wie es mich
elektrisiert hat und wie mir trotz meines gebratenen Schweinshaxerls der Mund
wässerte«
    »Ja ein andermal« sagte Salander der rot und verlegen geworden und nach
der Uhr sah »jetzt muss ich doch ans Geschäft gehen es ist bald neun Uhr«
    Wohlwend fasste ihn aber am Rockknopf
    »Noch ein Wort alter Freund Du bist also allein zu Hause Wir haben noch
gar nie recht ausgeplaudert nimm vorlieb und iss heute mit uns wenn du nichts
anderes vorhast Wir sind freilich nur unvollkommen eingerichtet und ohne allen
Luxus auch in der Küche  allein ich weiß du nimmst vorlieb Wir müssen uns in
den eigenen vier Wänden bewegen wenn wir ungestört sein wollen Du versprichst
zu kommen nicht wahr«
    Martin fühlte sich durch das neue Andrängen Wohlwends nicht angenehm berührt
und gedachte auch des Widerwillens der Frau Marie Doch der Umstand dass er sich
vorgenommen hatte auswärts zu speisen und eine gewisse Neugierde das
Schönheitsbild nochmals zu erblicken dessen Lob eine so liebliche Heiterkeit
der Gattin erweckte veränderten plötzlich seinen Sinn und verhüllten sein
Bewusstsein mit einem aufsteigenden Nebelgewölk und er sagte zu worauf Wohlwend
sich schleunig entfernte und Salander endlich die Stätte seiner Arbeit
aufsuchte Er blieb einige Stunden andauernd beschäftigt auch nachdem seine
Leute weggegangen und übersah mit klarem Blicke die Geschäftslage nach allen
Seiten Wo sich eine Schwierigkeit zeigen wollte rührte sie nicht von
Selbsttäuschung oder bedachtlosem Verfahren her und es ließ sich ihr mit
ruhigem Gleichmute begegnen In der Stille der Mittagsstunde warf er auch einen
prüfenden Blick in die Bücher sowie auf die persönlichen Notizblätter über die
wichtigeren Vorkommnisse im allgemeinen und nahm mit Befriedigung wahr was er
zwar wusste dass der Gang seiner Handelsangelegenheiten keine verwegenen Sprünge
machte dagegen in gleichmässigem Fluße sich gelassen vorwärts bewegte Darin
glaubte er dankbar ein ihm anhaftendes Glück zu erkennen seit den früheren
Unfällen nur auf redliche und zuverlässige Geschästsfreunde zu stoßen oder
dieselben sogar anzuziehen wenn er so eitel sein wollte sich dessen zu rühmen
    Nun schnarrte die solide Uhr über dem Schreibtische viertelte schlug ein
kräftiges Eins und erinnerte ihn daran dass er dem Louis Wohlwend versprochen
habe bei ihm zu essen und zugleich dass dieser älteste Freund beinahe der
einzige Mensch war der ihm wiederholt Unglück gebracht hatte Er erschrak
förmlich schloss die Aufzeichnungen wieder ein und besann sich schwankend ob er
nicht besser täte dem Gefühle seiner Marienfrau zu folgen nicht hinzugehen und
überhaupt mit dem wunderlichen Gesellen kurz abzubrechen Als er jedoch
bedachte wie Wohlwend ja den guten Willen zeige und bereits betätigt habe das
Vergangene freiwillig gutzumachen dünkte es ihm doch untunlich und grausam den
Mann so zu behandeln jetzt wo er sich aus den Wirrsalen eines vielleicht mehr
törichten als schlechten Lebens gerettet zu haben und zur Ruhe gekommen schien
    Damit erhob er sich von seinem Stuhle suchte nach Haar und Kleiderbürsten
seiner Angestellten welche die Herren in einem Winkel aufbewahrten wusch die
Hände und machte sich schön soweit es sein Alter erlaubte da er mit Frauen zu
Tisch sitzen sollte Dann schellte er dem Gewerbeknecht der im Hause wohnte
und befahl ihm das Kontor zu schließen auch dem Buchhalter zu sagen er würde
vermutlich diesen Nachmittag nicht mehr erscheinen
    Er stieg in dem bewussten Hause drei Treppen hoch bis er die Wohnung fand
an deren Türe eine Karte mit dem Namen L VolvendGlavicz befestigt war Zeugte
das hochgelegene Quartier von bescheidenem Auftreten so verkündete die Karte
dass deren Inhaber schließlich in die Zunft derjenigen eingetreten sei die immer
etwas an ihrem ehrlichen Namen herumzubasteln haben Martin schüttelte den Kopf
und zögerte die Hand an der Klingel ein letztes Mal Er wird am Ende nichts
weiter damit wollen als ein wenig der Eitelkeit frönen da er nun die Musse dazu
hat dachte er nach einigem Besinnen und zog die Glocke
    Es dauerte ein kleines Weilchen bis einer der Knaben öffnete und den Gast
mit einem stummen Bückling einließ Durch die offenstehende Türe eines Zimmers
sah man den gedeckten Tisch an welchem das andere Söhnchen stand und die
Mandeln zählte die auf einem Teller lagen Beide Knaben trugen Stiefeln wie
der Vater und darüber lange Röcke von gelblicher Farbe gleich
Herrschaftsbedienten in ähnlichem Geschmacke waren die Haare mit Pomade
bestrichen und dicht an die Schläfen geklebt So machten sie den Eindruck von
Kindern welche die Eltern nicht zu kleiden verstehen Als weiter niemand
erschien fragte Salander denjenigen der ihm geöffnet wie er heiße denn er
hatte es vergessen
    »Georg« erwiderte er abermals mit einem Bückling »und der dort ist der
Louis«
    »Richtig Nun und wo ist euer Papa«
    »Dort drin sitzt er« sagte Georg auf eine andere Türe weisend Martin
klopfte dran und es tönte »Herein«
    »Ah Der Freund Salander« rief Wohlwend der an einem Tischchen in der Nähe
des Fensters saß und schrieb jetzt aber aufstand und ihm die Hand reichend
entgegentrat »sei willkommen bei uns«
    »Ich muss mich wegen des Verspätens entschuldigen« sagte Salander »ich habe
mich auf dem Kontor ganz vergessen bis es eins schlug«
    »Hat gar nichts zu sagen Du siehst ich war auch beschäftigt ich bin ein
armer Teufel und habe stets mit dem Vermögen meiner Frau zu schaffen es ist
eine etwas schwierige Gegend dort hinten Und meine Schwägerin hat zwar ihren
eigenen Sachwalter aber auch dem muss ich fortwährend auf die Finger sehen ich
habe eben seine letzte Abrechnung unter den Händen Jetzt wollen wir aber sehen
wo die Frauenzimmer bleiben«
    Er packte einige Papiere zusammen die auf dem Tischchen lagen und
verschloss sie in eine Kommode
    
    »Schau einmal dies Möbel wie gut es gemalt ist« sagte er »reines
Tannenholz und sieht aus wie Nussbaum Wir sitzen nämlich ganz in gemietetem
Hausrat Betten und alles bis das Provisorium entschieden ist Auch das Essen
haben wir heute vom Restaurant haben zwar eine Köchin mitgebracht die aber mit
den hiesigen Einrichtungen noch nicht auszukommen versteht«
    Eine Türe ging auf durch welche Frau Alexandra VolvendGlavicz eintrat Sie
ging in rauschender Seide daher und war ziemlich so groß wie ihr Mann dennoch
schien sie ihm auf die Augen zu sehen wie wenn sie sich scheute etwas nicht
gut zu machen Das Gesicht war wohlgebildet aber ausdruckslos und tiefer
gefurcht als den vielleicht bald vierzig Jahren angemessen war die sie zählte
    »Siehst du« wendete sich Wohlwend an sie »hier heißts nicht Küss die
Hand meine Gnädigste wenn ein Herr kommt Die Hand gegeben und geschüttelt
damit Punktum«
    Salander erleichterte der guten Dame das Manöver indem er es nach der
soeben vernommenen Vorschrift ausführte und ihr aufrechtstehend die Hand bot
    »Guten Tag Herr Staatsrat von Salander« sagte sie mit fast rauer Stimme
»es freut mich wenn Sie mit unser einfachem Tisch vorliebnehmen wollen«
    dabei machte sie statt seiner einen Bückling genau wie vorhin ihr Sohn
Georg
    »Nicht so« rief Wohlwend lachend »du darfst deswegen noch kein Kompliment
machen wenn man dir schon nicht die Hand küsst«
    Sie errötete stark weil sie trotz des Lachens den stechenden Blick auffing
den er zugleich damit abgab Denn er war zornig über die offenbar eingelernte
und verkehrt vorgebrachte Phrase ihrer Begrüßung Zum Glück für sie die
furchtsam dastand ging die Türe wieder auf und ihre Halbschwester erschien
Salanders Augen sogleich auf sich ziehend und festhaltend Sie war jetzt
wirklich eine schöne Erscheinung ebenso groß wie ihre Schwester war sie wohl
zwanzig Jahre jünger und in dem weißen Kleide das sie trug von tadellosem
Wuchse Das Kleid war einfach gearbeitet ohne alles Gebausche indem der
Hauptzierat in einem ebenfalls weißen Spitzenkragen bestand welcher die
schönsten Schultern und Arme spärlich durchschimmern ließ aber von ihnen um so
schönere Falten erhielt Einen feineren Glanz verlieh alledem die sanfte
Schüchternheit die darüber ausgegossen war und die bescheiden auftretende
Gestalt in ihrem so stattlichen Wuchse in der Tat wie Mondlicht verklärte Sie
lächelte leicht als sie Salander grüßte aber mehr wie um Atem zu schöpfen als
um ihn oder irgend jemand anzulächeln und er verbeugte sich bei diesem Anlass
unfreiwillig trotz seiner demokratischen Gesinnung und nahm sogar die Hände
hervor die er auf dem Rücken gehalten hatte
    Jetzt kamen auch die Knaben gelaufen und zeigten an dass die Suppe auf dem
Tische stehe
    »So lasst uns gehen eh sie kalt wird« mahnte Wohlwend »Es ist das einzige
was die Köchin heute geleistet hat eine gut österreichungarische Suppen eine
Mehlspeis nicht zu vergessen Herr Grossrat darf ich dich bitten meiner Frau
den Arm zu bieten und voranzugehen links durch«
    Martin musste sich zusammennehmen der Einladung rasch zu gehorchen Woher
hat er nur diese verfluchten Künste dachte er hier wusste er den Teufel davon
sowenig als ich
    Am Tische kam er heute natürlich neben die Frau zu sitzen erhielt aber
dafür die herrliche Myrrha von hellenischer Abkunft zum Gegenüber
    Zu seiner Verwunderung ergriff Louis Wohlwend sofort den Suppenlöffel und
tauchte denselben in die Schüssel nachdem die Köchin auch eine merkwürdige
Erscheinung den Deckel weggenommen hatte
    »Das ist mein Amt« sagte er zu Salander der ihm zuschaute »darf ich um
die Teller bitten wir wollen sie einfach weitergeben da wir unser so wenig
sind«
    Die Frau war sichtlich etwas beschämt so regiert zu werden allein er
schöpfte einen Teller um den andern voll indem er jedem seinen Anteil an den
guten Sachen herausfischte die auf dem Grunde der Schüssel ruhten und so
gerechtes Maß übte auch dafür sorgte dass kein Teller im Herumreichen
überschwappte
    Martin Salander befolgte in allen Lagen seines Lebens wo eine Suppe vorkam
die Angewöhnung ohne Verzug mit dem Genuße derselben zu beginnen sobald er
sie im Teller hatte Da nun das Schöpfen beendigt war säumte er auch nicht
länger versenkte seinen Löffel in die Brühe und führte ihn zum Munde Als er
damit auf dem halben Wege angelangt war und auf diesen Augenblick schien der
Tischherr gewartet zu haben sagte Wohlwend unversehens mit trockenem Tone
    »Georg bete«
    Verblüfft hielt Martin Salander den Löffel schwebend in der Luft und schaute
auf Alle hielten die Hände gefaltet vor sich hin während der Knabe ein
Tischgebet verrichtete So blieb jenem nichts anderes übrig als seinen Löffel
niedergehen zu lassen und die Hände wenigstens vor sich auf den Tisch zu legen
Zu einem geheuchelten Mitfalten fehlte es ihm doch an Unverfrorenheit
Inzwischen betrachtete er den Louis Wohlwend ganz unbefangen wie er ernstaft
vor sich niederblickte und unter seinem tatarischen Schnurrbart die Lippen
schloss wie wenn er einen Schluck Wein auf der Zungenspitze hätte
    Als das Gebet zu Ende wurde die Suppe ohne weiteres Hindernis verzehrt und
da hiebei wenig gesprochen zu werden pflegt fand Salander Zeit über den
Vorfall seine Gedanken zu machen Dass in einer Familie mit Kindern das
Tischgebet fortgeführt wird und auch Wohlwend der die Sitte wahrscheinlich im
Hause des Schwiegervaters vorfand es tat fiel ihm nicht so auf wie die
unverkennbare Absicht mit welcher er den arglosen Gast den Löffel hatte
ergreifen lassen eh er den Befehl erteilte Martin schloss also hieraus dass es
auf ihn besonders gemünzt sein müsse und indem er mit geheimem Ergötzen die
alten Schnurren darin erkannte wunderte er sich nur zu was sie jetzt noch
nötig seien und dass Wohlwend die beleidigende Form nicht selbst gefühlt habe
Solange er ihn kannte oder zu kennen glaubte ahnte er doch nicht dass der gute
Freund allmählich auch von einer gewissen Bosheit gefüllt worden welche ohne
sein Wissen durchsickerte wo er es am wenigsten wünschte da der Zusammenhalt
sich lockerte Wohlwend merkte übrigens dass der Gast das Auftrittchen seiner
neusten Erfindung nicht ganz unempfindlich hinnahm und eröffnete daher das
Tischgespräch folgendermaßen
    »Du bist vielleicht von unserem soeben geübten Brauche überrascht alter
Freund Du weißt ich war nie ein Kopfhänger nie ein Frömmler und gedenke es
niemals zu werden Aber in diesen Zeitläuften und bei einem Leben wie ich es
führen musste immer auf der niedrigsten Gewinnsjagd umhergetrieben und fruchtlos
abgehetzt da lernt man wieder mehr nach den alten Idealen der Menschheit
ausschauen um wenn vielleicht nicht für sich so doch für die Kinder etwas zu
retten woran sie sich halten können Du verstehst«
    Salander bemerkte dass die Frauen wie die Knaben den Sprecher aufmerksam
ansahen und seine Worte die ihnen neu und unverständlich waren nach dem
Ausdruck ihrer Mienen zu schließen doch für etwas Großes und Weises hielten Er
wollte das Familienhaupt daher nicht einmal durch Stillschweigen im Stiche
lassen
    »Du bist ja ganz in deinem Recht« entgegnete er »Abgesehen von den Fragen
häuslicher Andacht hielt ich stets dafür dass man überhaupt angesichts der
Stellung welche die christliche Religion in der Weltgeschichte wie im Leben der
Gegenwart einnimmt gar nicht ermächtigt sei den Kindern deren Inhalt zu
unterschlagen wie er sich jeweilig für einmal darstellt Man hat die Pflicht
ihnen das Entwickeln freier Überzeugung für das Alter der Mündigkeit offen zu
halten dazu müssen sie erfahren was bis auf ihre Zeit bestanden hat und
müssen hören was die Religion selbst von sich sagt nicht was andere von ihr
aussagen«
    Die Köchin eine rundliche von der Natur gebräunte Person in der Tracht
einer slowakischen Bäuerin trug nun zwei oder drei genügende Gerichte auf
deren Anordnung von bescheidenem und verständigem Sinne Zeugnis gab fern von
aller Grosstuerei Auch der Wein den Wohlwend einschenkte war ein
schmackhafter jedoch keineswegs teurer Siebenbürgener offen aus dem Fasse
gezapft feinere Flaschen standen nicht bereit
    »Diesen Wein hab ich schon von Haus kommen lassen trink nur genug davon er
schmeckt immer besser und macht nichts« fügte er bei
    Salander erstaunte beinah über das bürgerlich solide Wesen welchem das
Gebet vorausgegangen während das Mitführen der Dienerin in fremder Volkstracht
diesem Wesen wiederum einen fast vornehmen Anstrich verlieh
    Wohlwend setzte aber sein Gespräch fort
    »Du hast dich sehr gut ausgedrückt in deiner Weise in Betreff der
religiösen Kindererziehung Ich möchte aber einen Schritt weiter gehen und
sagen haben wirs erst auf diesen Standpunkt gebracht so wollen wir die
idealere Anschauung auch für uns Alte beibehalten oder wieder aufnehmen wir
tragen ja nicht schwer daran«
    Wenn ich nur wüsste was er will dachte Salander und verlor darüber einige
Worte Wohlwends fand sich aber ungefähr zurecht als dieser fortfuhr
    »Ja Freund Ich bin überzeugt dass ihr bei der Aufrichtung des
unmittelbaren Volkswillens die ihr glorreich vollzoget eine große Sache
übersehen sozusagen rein vergessen habt Die Religion habt ihr links liegen
lassen und die Kirche vor den Kopf gestoßen statt die Geistlichkeit ins
Interesse zu ziehen Das wird sich rächen«
    »Wer hat denn der Religion oder vollends den Geistlichen etwas getan«
fragte Salander »ich wenigstens der nicht dabei gewesen weiß nichts davon«
    »Es ist genug getan wenn man tut als ob sie nicht da wären und es ist
jammerschade um die Möglichkeit den Gottesstaat der Neuzeit zu errichten«
    Salander rief lachend »Den Gottesstaat der Neuzeit zu errichten Du
sprichst ja in Jamben So wollen wir auch damit fortfahren Weißt du noch wie
Schillers Don Karlos schließt Nicht Kardinal ich habe das Meinige getan tun
Sie das Ihre So wird das Stück immer wieder schließen«
    »Und ich werde nicht ruhen und meine Idee an den Mann zu bringen suchen«
entgegnete Wohlwend für welchen Salanders Zitat unbrauchbar war da er den Don
Karlos nie ausgelesen hatte »Ich könnte viel Versäumtes nachholen und mich
gegen den Lebensabend hin vielleicht dem Vaterlande noch nützlich machen«
    Das wird ja immer merkwürdiger dachte Salander er kommt eine
teokratische Bewegung auf unsere Demokratie zu pfropfen das hat natürlich
gefehlt deswegen haben wir sie ausgebaut Aber die Narrheit die er diesmal
aushängt ist ungleich großartiger als die früheren Schnurren hoffentlich ist
es der Konkurs vor dem er diesmal flieht nicht im selben Masse Allein das
ists doch nicht sonst würde er nicht alte Schulden bezahlen Am Ende ist es
der reine Übermut da er nun versorgt ist er will auch seine Rolle spielen und
weil ihm nichts anderes zur Hand liegt hat er sich irgendeiner missionierenden
Sekte angeschlossen und macht den Apostel
    Wohlwend hielt indessen wirklich eine Art Predigt welche Salander in seiner
Zerstreutheit gar nicht vernahm Das übrigens leere Wortgeräusch diente nur
dazu seine Aufmerksamkeit noch mehr einzuschläfern und auch seine Gedanken
verloren sich aus dem Gesichte wie wenn ein Nebeldunst zwischen sie träte Um
zu wissen wo er sich eigentlich befinde blickte er auf und sah gegenüber das
Antlitz des Fräulein Myrrha deren elegisch bewimperte Augen ihn betrachteten
und deren Lippen sich mit einem anmutigen Lächeln öffneten weil seine
überraschten Züge ihren Ausdruck änderten Da sein Glas leer stand ergriff sie
eine Flasche und füllte es worauf er das Gefäß nahm und ihr ebenfalls
einschenkte Bei der Gelegenheit ließ er sein Glas mit dem ihrigen bescheiden
zusammenklingen und trank auf ihre Gesundheit wobei der Abglanz eines jungen
Glücksgefühls über seine Gesichtshaut wallte und die Fältchen derselben sich
gleich kleinen Schlänglein winden strecken und krümmen ließ und beinahe den
Eindruck gutmütiger Torheit hervorbrachte Wohlwend bemerkte den Vorgang und
hielt inne mit seiner Rede
    »Halt« sagte er »wir müssen zum Anstossen einen bessern Tropfen nehmen«
    Er ging hinaus und holte nun doch eine Flasche Tokaier herbei dessen Gold
den mäßigen Martin Salander mit wohliger Wärme durchströmte und in seinem Munde
zu fröhlichen Worten wurde wenn auch nicht zu Worten der Weisheit denn er
sprach für die schönen Ohren der Myrrha Glawicz ohne zu wissen was in
dieselben einging oder ihnen gefallen konnte und da sein eigenes Licht wie in
einem Luftzuge flackerte wurde auch der Zusammenhang und Sinn seines Redens
nicht recht erkennbar
    Doch blieb es unbeachtet weil durch das unverhoffte Ende von Wohlwends
Predigt und das heitere Wesen Salanders sich eine Art Munterkeit einstellte und
selbst die Knaben laut wurden In solchem Tumültchen wandelte Martin plötzlich
die Lust an der Familie um der schönen Genossin willen auch eine Ehre anzutun
und sie zu einer Spazierfahrt einzuladen Er nahm eine Karte aus dem Karnet und
schrieb für den Fuhrherrn dessen Kunde er in Fällen des Bedürfnisses war die
Bestellung eines guten Wagens darauf Louis Wohlwend angenehm berührt erklärte
feierlich die Einladung anzunehmen und sandte die Knaben mit der Karte weg
sie einem der Dienstmänner zu bringen die an der nächsten Straßenecke standen
    In einer halben Stunde kam der Kutscher mit dem gutgehaltenen offenen Wagen
angefahren nach einem weiteren halben Stündchen waren die Frauen bereit und
stieg die Gesellschaft die drei Treppen mit großem Ansehen hinunter und es
fügte sich gut dass der Hauseigentümer der in der Tat Salanders Schuldner war
unter der Haustüre stand und diesen begrüßte so konnte sich Wohlwend heute
vollends wie ein ungarischer Stuhlrichter dreinschauend als Freund des
Kapitalisten und Kaufherrn brüsten und schwang wohlmögend sein Hütchen
    Die Damen hatten sich mit breiten Federhüten und bunten Überwürfen versehen
Myrrha trug einen solchen von roter Florseide über ihren weißen Staat Die zwei
Männer auf dem Rücksitze hatten den Knaben Louis zwischen sich genommen Georg
saß neben dem Kutscher auf dem Bocke Die Pferde waren für Mietrosse rasch genug
und hübsch geschirrt das ganze Fahrzeug mithin augenfällig beschaffen und so
fuhr Martin Salander darin harmlos durch einen guten Teil der Stadt und
jedermann der ihn erkannte sah ihm nach ohne dass er es gewahrte
    Auch den Herrn Möni Wighart sah er nicht der mit seinem alten Stock unter
dem Arme auf einem Platze stand fast ebensowenig gealtert oder beschädigt als
der Stock und eben ein abgebranntes Zigarrenrestchen aus dem Meerschaumröhrchen
blies um einen frischen Stengel aufzustecken Bei ihm weilte Martins alter
Rechtsanwalt im Gespräche sich einer ziemlichen Haarverdünnerung erfreuend die
ihm an dem warmen Tage zustatten kam denn er hatte den Hut abgenommen um den
Scheitel zu lüften Beide schauten dem Wagen nach
    »Da fährt ja Martin Salander der sieht uns nicht einmal« sagte Wighart
»was hat er wohl für ein Volk bei sich«
    Nachdem der Anwalt durch die Lorgnette die auf dem Rücksitze noch sichtbaren
Herren erfasst hatte antwortete er
    »Das kann nur einer sein  raten Sie wer«
    »Ich habe keine Ahnung War vier Wochen im Bade und komme gestern abends
zurück«
    »Nun es ist kein anderer als der ehemalige Schadenmüller und Ko der Louis
Wohlwend«
    »Was Sie sagen Wie ist das möglich Ich hätte gedacht das wäre ein
verkleideter Chinese mit Familie Und seit wann ist der Kerl denn da«
    »Schon vor einiger Zeit kam Herr Salander zu mir und erzählte wie er bei
ihm erschienen sei und eine Abzahlung an den ersten Verlust Sie wissen ja von
jener Jugendbürgschaft her geleistet habe und sie jährlich fortsetzen wolle
und fragte ob er ohne Gefährde darauf eingehen dürfe Ich sagte er solle
nehmen was er bekommen könne Von der späteren größeren Geschichte sprach er
ihn so gut wie frei Ich konnte ihm keine Maßregeln anraten der Mann Wohlwend
ist der alte Hexenmeister in Gestalt eines blöden Gehirnes Er hat hier
Niederlassung genommen und als man ihm das Steuerformular schickte brachte er
sein ganzes Geschäft auf das Gemeindehaus und wies in aller Form nach dass was
er besitze alles erheiratetes Weibergut sei und erklärte unweigerlich
versteuern zu wollen was nicht etwa in Ungarn liege und dort versteuert werde«
    »Und nun führt Salander ihn in der Kutsche spazieren«
    »Oder der andere ihn ich weiß es nicht Aber ein schönes Stück
Weiberfleisch saß in dem Wagen soviel ich in der Geschwindigkeit bemerkte«
fügte der Anwalt hinzu »ob am Ende der Satan auf diese Art Mäuse fangen will«
    »Da liegt keine Gefahr Meister Martin hätte früher angefangen wenn er über
solche Steine stolpern wollte Aber dennoch ist mir das Ereignis die Rückkunft
des Schadenmüllers so bitter wie ein Gallapfel Der verfluchte Kerl mit seinen
Kalmückenschnäuzen Salanders Ölgötz wie er ihn einst nannte steht wieder da
Es würde ihm freilich nicht schaden wenn er nochmals eine nicht allzu derbe
Lektion erhielte schon wegen seiner ewigen Wühlhuberei verdiente er einen
etwelchen Nasenstüber Und dennoch gönn ich es ihm nicht er ist doch ein
rechter Mensch«
    »Gewiss ist ers« sagte der Anwalt und drückte dem Herrn Wighart Abschied
nehmend die Hand
    Der also belobte Martin fuhr mit dem Hause WohlwendGlawicz nach einem etwa
zwei Stunden entfernten lustig gelegenen Erholungsorte der wegen guter
Bewirtung schöner Aussicht und schattigen Gärten berühmt und viel besucht war
Dort verbrachten sie den Nachmittag mit Kaffeetrinken und Spazierengehen wozu
die reinlichen Wege eines nahen Tannenwaldes einluden Dann und wann führte
Salander die im grünen Halbdunkel weiß leuchtende Gestalt der Myrrha daher und
wenn sie allein ging sah er sie von einzelnen Sonnenlichtern gestreift mit
einer angeborenen Anmut sich bewegen die ihr zu Gebote stand sobald sie der
angelernten Manieren einer mangelhaften Erziehung sich entledigen konnte
    Ein bekannter Künstler dem Salander in einem solchen Augenblicke begegnete
stand bei ihm still der schönen Person nachschauend und fragte was er da für
eine Muse aufgegabelt habe
    »Nicht wahr das ist ein hübsches Frauenzimmer« sagte er mit angenommenem
Gleichmut
    »Das will ich meinen Das sieht man nicht alle Tage Sapperlot sehen Sie
welch ein einfacher Rhythmus ohne allen Aufwand man weiß kaum wo es steckt
Form und Bewegung in eines gegossen Wie edel das fließt vom Nacken über
Schultern und Arme auf den Rücken und von den Hüften herunter Wo stammt die
Dame her«
    »Sie kommt mit einer Familie aus Ungarn ihre Mutter soll aber irgend von
altem Griechenboden aus Tessalien herstammen«
    »Ganz glaublich Und auch in diesem Falle noch eine Rarität Viel Vergnügen
Herr Salander«
    Die Worte des Künstlers und Kenners bewirkten eine seltsame Aufregung im
innern und äußern Martin sie machten sein Herz klopfen und seine Augen glänzen
während sie zugleich seine Schritte lähmten dass er sich auf eine im Gehölze
befindliche Bank niederlassen musste
    Welch eine Bestätigung seines Schönheitsgefühles Wie wurde sein dunkler
Trieb aufgehellt noch eine Strecke Weges im Strahle echter Schönheit zu
wandeln und er ahnte nicht wie echt pedantisch es war durch Aussagen eines
andern eines Kenners sich bestärken zu lassen
    Er nahm sich aber zusammen von Stimmen nahender Leute geweckt es waren die
Wohlwendschen die ihn aufsuchten Mit verändertem Wesen wie einer der einen
Geist gesehen hat voll inneren Staunens über den Reichtum des Lebens und
zugleich in ernster Zurückhaltung befangen schritt er mit ihnen nach dem Garten
zurück wo eine Abendkollation bestellt war Dort verharrte er wenig sprechend
an Myrrhas Seite die er ungesucht gefunden und überließ ihrem Schwager das
Wort der den Frauen und Knaben allerlei Unterricht erteilte und zuweilen
unversehens den Freund Salander mit einem »Ists nicht so« überraschte und ihn
dabei aufmerksam betrachtete
    Unterdes sammelten sich noch andere Gäste die zu Pferde oder im Wagen
ankehrten und den schönen Abend noch rasch genießen wollten darunter Leute die
dem Herrn Wohlwend nicht gefielen weil es wahrscheinlich alte Gläubiger waren
Sie erkannten ihn zwar nicht und wenn es auch geschehen wäre so hätte es
nichts zu sagen gehabt denn es liefen manche Geschäftsleute herum welche ein
oder mehr Male sich abgefunden ohne deswegen belästigt zu werden Allein es war
ihm jetzt nicht angenehm zumal er bemerkte dass die Herren fleißig nach dem
Fräulein Myrrha Glawicz zu blicken anfingen und aus diesem gleichen Grunde war
es auch Martin Salander recht aufzubrechen Sie ließ also einspannen und
fuhren mit angehender Dämmerung ab
    Als sie die Stadt erreichten war es Nacht Martin brachte die Familie
Wohlwend in ihre Straße und begab sich dann zu Fuß nach Hause langsamen
Schrittes bald gesenkten Hauptes bald nach den Gestirnen ausschauend welche
einzeln und zu zweit hie und da in der Höhe über die Gassen zogen ebenso
säumig wie der Mann in der Tiefe Die alte treue Magdalene die seiner geharrt
öffnete die Haustüre erfreut dass der Herr kam nachdem sie den ganzen Tag
allein im Hause gewaltet
    »Habt Ihr auch ordentlich gelebt« fragte er »ich will wetten es war Euch
alles zuviel«
    »Mir Da kennen Sie mich schlecht Herr Grossrat Ich habe getan was mich
gut dünkte Mittags hab ich einen dicken Pfannkuchen und einen Salat gehabt wie
ein Fuder Heu mit heißem Speck angemacht Herr Grossrat und abends kochte ich
eine Milchsuppe wie meine selige Mutter sie machte es ist lang her mit Brot
und Pfeffer drin Dazwischen hab ich alles Messing in der Küche geputzt und mir
dazu extra einen Schoppen Wein im Keller geholt«
    »Ei warum nicht gar«
    »Freilich vom letztjährigen der im Sommer gut für den Durst ist wenn Sie
ihn schon nur Purrligeiger nennen Aber haben Sie denn auch zu Nacht gegessen
Herr Grossrat Soll ich Ihnen nicht Tee machen und etwas Kaltes dazu«
    »Gar nichts brauch ich«
    »Nur der Sympatie wegen Denn die Frau sitzt im Lautenspiel gewiss noch mit
den Kindern zusammen und sie plaudern und tun sich gütlich Die armen Kinder
Wie haben sie sich gebettet Aber Jugend hat eben keine Tugend und ich Esel
musste noch mitelfen Glücklich wer darüber hinaus ist über das böse Wesen
und kein unruhiges Herz mehr hat«
    Martin Salander hörte nicht mehr und schickte die Magd zu Bett Erst als sie
aus dem Zimmer gegangen hörte er nachträglich die Worte »Glücklich wer kein
unruhiges Herz mehr hat« wie man öfter in der Zerstreutheit eine Rede vernimmt
die schon verklungen ist wie ein Ruf im Felde
    Aber er achtete nicht darauf sondern ergriff das Licht und schritt in das
Schlafzimmer hinüber wo es still war wie in einer Gruft Der Spiegel seiner
Frau warf ihm den Schein der flackernden Kerze entgegen welche teils von seinen
starken Schritten teils von einem leisen Luftzuge unruhig brannte Salander
stellte sich vor den Spiegel und das Licht emporhaltend begann er prüfend sich
selbst zu beschauen allein es beschlich ihn eine Scheu es ward ihm zumut als
ob Marie Salander ihm mit ernsten Augen über die Schulter blickte und erblassend
verschwände Seine Aufregung verwünschend ging er in das Besuchzimmer wo ein
großer wohlgeschliffener Spiegel hing und stellte sich vor diesem auf
    Martin Salander war nie ein Liebhaber seines Gesichtes gewesen und
bewunderte es im Spiegel so wenig als in den Bildern welche die Sitte der Zeit
ihm abrang Er ging nun im fünfundfünfzigsten Lebensjahre zwar nicht älter
erscheinend als die meisten seiner Altersgenossen die sich leidlich erhalten
sah er doch keineswegs so jung aus wie einer jener Glücklichen die immer
Zweiundvierziger bleiben das noch volle und sogar buschige Haar sonst blond
war so bezuckert wie ein Ährenfeld auf das der späte Reif gefallen ist ebenso
der krause Bart der überdies mehr als eine sehnige Furche an Hals und
Unterkiefer verhüllen mochte aus dem zu schließen was im oberen Gesichte in
milderen Farben zutage trat Die geistige Jugend und gemütliche Rüstigkeit die
trotzdem dasselbe Gesicht und dessen Augen belebten konnte er selber nicht
verstehen und anrechnen und so fand er sich von dem nächtlichen Spiegelbild
weder erbaut noch aufgemuntert
    »Sei es« sagte er indem er rasch den Leuchter wegstellte und sich in einen
der Lehnstühle warf »ich hab das ja wissen können und dass ich Alter ein Gesell
bin gehört ja gerade zu der Frage die mich bewegt Noch muss ich wirken und
schaffen und noch brauch ich einen Mund voll Frühlingsluft welche das Herz
erneuert  Die gute Marie von Untreue im banalen Sinn ist ja nicht die Rede
Bessere Leute als ich haben ihre Jahre mit der Frauenfreundschaft Neigung
nenne man es Liebe verschönt und erweitert und hat sie nicht im voraus schon
gelacht und wie lieblich gelacht als ich zum ersten Mal von der schönen Myrrha
erzählte Die Myrrha Wird sie mich dulden können fühlen können und wollen was
sie mir zu sein vermag Hier ist ein Schicksal im Spiele das so oder so
vorübergehen wird Es vernünftig zu lenken ist meine Sache es wird bald getan
sein wenn es nicht ist was ich wünsche  und wenn es ist so soll der Pfad
eben und sonnig bleiben und niemand straucheln«
    Er verlor sich in süßen Träumen vom Genuße einer jugendlichen Neigung des
seltenen Geschöpfes und von einem Verkehre der ein erfreuliches Schauspiel für
die Menschen darbieten würde weit entfernt Ärgernis zu erregen und in
unbestimmter Zukunft sah er Myrrhas Leben befreit von den unheimlichen Banden
in denen er jetzt gefangen war wohlgeordnet dahinfliessen an der Hand eines
ihrer würdigen Mannes
    Nicht einen Augenblick fielen ihm seine unglücklichen Töchter ein deren
Liebesphantasie er so klar wenn auch menschlich zu beurteilen wusste noch
weniger der Unterschied zwischen ihrem und seinem Alter und noch weniger
derjenige zwischen ihrer damaligen Lage und der seinigen Und noch weniger ahnte
er wie klar jetzt zutage trat dass die guten Mädchen die Eigenschaft solchen
»fixen Ideen« anheimzufallen von niemand anderem als von ihrem Vater ererbt
hatten und welch tragikomischen Anblick es bot den armen Mann die Tatsache so
sehr nachträglich nach rückwärts hin illustrieren zu sehen
    Und weiter bedachte er keineswegs wie solch ideales Liebesverhältnis eines
weisen älteren Mannes als Hauptsache ein mit ungewöhnlichem Geiste begabtes
weibliches Wesen voraussetzt während er von Myrrhas innern Zuständen noch gar
keinen Begriff hatte oder dieselben zusammenphantasierte Und das war wieder um
so bedenklicher als es darauf hinauslief es walte auch hierin eine
Selbsttäuschung vor und die schöne Neigung beruhe lediglich auf einem sinnlichen
Anreiz
    Alles das war dem guten Martin Salander in seiner jetzigen Seelenlage
unbewusst aber darum nichtsdestominder vorhanden in ihm wie außer ihm und
drückte die Seele wie wenn er an alles dächte denn sie war doch immer daheim
wie eine gut gewöhnte Hausfrau Er fiel daher als er um Mitternacht endlich das
Lager suchte in einen unerquicklichen Schlaf in welchem die Seele unwirsch
herumfuhr wie ein Poltergeist
    Davon erwachte er am Morgen mit schwerem Herzen und als er den Druck
verspürte und ihm ein tiefer Seufzer entfuhr sagte er »Aha da haben wirs
Eine Leidenschaft Eine Leidenschaft Ach du lieber Gott Wie hat das noch an
mich kommen müssen«
    Und so hielt er den Rumor des alten Gewissens für den Anbruch eines späten
Liebesfrühlings und litt Liebesschmerzen wie ein junger Mensch doch mit dem
Kummer eines bejahrten Vaters der sich voll Sorgen für die Seinen niederlegt
und mit Seufzen den Tag erwachen sieht
    Dazu ward er in kurzer Zeit mit Verwunderung inne wie jung er sich vor
diesem unglückseligen Abenteuer gefühlt und wie er jetzt täglich an seine Jahre
denken müsse während er noch nie so nötig hatte sie zu vergessen und zwar
nicht allein wegen der unbequemen Leidenschaft sondern auch wegen des
allgemeinen Weltlaufes
    Der Sommer wurde mit jeder Stunde geräuschvoller sozusagen üppiger durch
eine ungeheure Zahl größerer und kleinerer Feste Anlässe Gesamtreisen
Vereinsausflüge und Begehungen aller Art bis in den Herbst hinein in allen
Himmelsrichtungen es war als ob das ganze Volk wanderte unter allen
Vorwänden Dorfschaften und städtische Nachbarschaften Häuflein von Greisen
welche fünfzig sechzig siebzig Jahre alt geworden und Hunderte von
Kinderschulen mit flatternden Fähnchen von denen zuweilen eine an der Sonne
lagerte bis die Vorsteher aus dem berühmten Bierhause kamen in das sie
geschwind untergetreten Ein unkundiger Fremder hätte fragen können wer
eigentlich in diesem Lande im Sommer arbeite außer etwa den Wirtsleuten weil
er nicht bedachte dass ihrer noch genug da waren die zu Hause blieben und etwas
schafften und dass auch von denen die wanderten manche vor und nach genug
taten um sich die Freude gönnen zu dürfen wie denn auch immer neue Züge sich
auf den Wegen kreuzten und bald wieder verschwanden
    Wenn man jedoch sich der Klagen über schlechte Zeiten und stetig wachsende
Volksnot erinnerte so begriff auch der Einheimische nicht recht wo sie alle
das Geld hernahmen das sie verjubelten Scharen katholischer Wallfahrer die
zwischen den weltlichen Lustfahrern sich bewegten konnten ihn aber belehren
dass früher noch mehr im Volke gewandert und geschmaust wurde und das gerade in
Zeiten der Bedrängnis
    Martin Salander hatte zu besagter Fest und Wanderfreude sonst redlich das
Seinige beigetragen überall wo irgendeine patriotische volkserzieherische und
fortschrittliche Idee hineingelegt werden konnte dann begann der wachsende
Strom ihn stutzig zu machen und er mahnte zum Masshalten Jetzt wo das Übermaß
im Lande rauschte wendete sich sein Sinn wieder Er wollte nicht auf der Seite
des griesgrämigen Alters stehen und gestachelt von dem verliebten
Jugendbedürfnis begab er sich selbst in das Gedränge und war da oder dort
hinter den wallenden Fahnen zu erblicken mit einem Festzeichen im Knopfloch
seidener Armbinde oder mindestens mit einer Alpenrose auf dem Hut Dergestalt
glaubte er das Blühen des Vaterlandes in neuer Jugend zu genießen und räumte an
den Festtafeln in Gedanken der Bringerin derselben einen Ehrenplatz neben sich
ein unbeschadet des täglichen Seufzers mit dem er sich schlafen legte
    Es ist doch ein wahres Wort sagte er einst bei sich selber wenigstens für
die ideale Liebe jenes geflügelte lamour est le vrai recommenceur Sie macht
mir sogar die alte Republik wieder hüpfen wie ein Zicklein
    Die Abendsonne welche eben unter die betreffende Festalle hereinschien
spiegelte an der vergoldeten Innenwand eines großen Ehrenpokales der vor ihm
stand mit rotem Weine frisch versehen und der Goldschein leuchtete mit
unbeschreiblichem Zauber in die durchsichtige Purpurflut
    Martin heftete seine Augen auf das funkelnde Farbenbild das urplötzlich
aus offenem Himmel gekommen seine Gedanken zu besiegeln schien wie ein
flammendes Siegelwachs Ein rötlicher Schimmer aus dem Becher spazierte sogar
über sein begeistertes Gesicht was eine ihm gegenübersitzende anmutige Frau
wahrnahm und es ihm sagte mit der Mahnung er solle sich still halten denn er
sähe jetzt hübsch aus Geschmeichelt hielt er ein Weilchen das Gesicht
unbeweglich still bis auf demselben der Abglanz zu flimmern begann gleich dem
Wein in dem Pokale Denn es lief eine schwache Erschütterung durch den langen
schmalen Tisch herauf welche auch den Inhalt des Bechers bewegte
    Die Erschütterung rührte aber davon her dass ein Festgenosse von zwei
bürgerlich gekleideten Polizeibeamten unversehens aufgefordert wurde sich zu
erheben und mit ihnen hinauszugehen und sich dessen weigerte so dass der leicht
gezimmerte Tisch einen Stoß empfing als sie Hand an den Mann legten und ihn zum
Aufstehen zwangen Erbleichend fügte er sich und folgte ihnen nicht ohne mit
niedergeschlagenen Blicken verschiedene Dekorationen bestehend in Rosetten
Schleifen und silbernen oder vergoldeten Emblemen vom schwarzen Kleide zu
nehmen eins nach dem andern so unbemerkt als möglich Er war nämlich nicht nur
mit dem allgemeinen Festzeichen des Tages sondern da er im Verlaufe desselben
mehrere Freundschaften geschlossen mit den ausgetauschten besonderen
Vereinsorden geschmückt
    Nur wenige wurden auf den Vorgang aufmerksam so auch Salander an welchem
der Mann mit seinen Begleitern vorbei musste und jener schauderte als er wohl
sah wie der Unglückliche die Ehrenzeichen der Freude ablöste und verstohlen in
die Tasche zu bringen suchte Es dünkte ihn nicht weniger schrecklich als wenn
einem hohen Offizier vor der Regimentsfront Degen und Ehrenzeichen abgenommen
werden
    Erst als der Mann verschwunden war verbreitete sich an den Tischen das
Gerücht von der Ursache der Verhaftung Er war ein wohlbekannter und beliebter
Festbesucher und eines großen Vertrauens teilhafter Verwalter irgendeiner der
florierenden Unternehmungen stets fröhlich und aufgeräumt wo er hinkam nur
zuweilen in letzter Zeit mit einem gesummten Liedertriller einen aufsteigenden
Seufzer abdrehend oder mit den Fingern auf dem Tische trommelnd oder mit langem
Absetzen des Glases zerstreute Gedanken verhüllend Solche Beobachtungen wurden
nun mitgeteilt nachdem man vernommen dass während seiner Abwesenheit von Hause
ein Wirrsal von Unterschleifen in das er verflochten entdeckt und gleichzeitig
festgestellt worden sei wie er bei Auswanderungsagenten sich nach
Schiffsgelegenheiten erkundigt habe In seinem Leichtsinn hatte er sich nicht
versagen können vor der Flucht noch schnell das Fest mitzumachen zur letzten
schönen Erinnerung da ja ein reinlicher Bürger auch das Unliebsame stets zu
einem artigen Stammbuchverslein zu gestalten strebt
    Verstimmt verließ Salander das Fest und reiste stracks nach Münsterburg
zurück Nachdem er mit seiner Gattin das Abendbrot geteilt nahm er eine Zeitung
zur Hand und das erste was er las war die Nachricht von den zutage getretenen
Unterschlagungen eines Beamten im Osten der Schweiz im gleichen Blatte stand am
Schluße als Neuestes der kurze Bericht von der Flucht eines Kassiers im Westen
    »Was ist denn das für ein Unglückstag« rief er kopfschüttelnd und erzählte
was er soeben an dem Feste selbst mit angesehen
    »Es ist zwar nicht eidgenössisch gedacht« sagte er »aber ich bin doch
froh dass diese traurigen Sachen nicht in unserm Kanton vorgefallen sind«
    »Lies nur fertig« versetzte Marie »auf dem Beiblatte steht noch etwas
Schönes«
    Da las Martin richtig dass ein Aktuarius Schimmel in Münsterburg infolge
einer Reihe von Veruntreuungen und Bestechlichkeiten deren er verdächtig am
heutigen Tage verhaftet worden sei
    »Das fängt bei Gott an einem an den Hals zu gehen wie das Wasser« sagte
Salander indem er die Zeitung wegwarf »diesem habe ich durch meine Fürsprache
zu der Stelle verholfen Ich hab es zwar bereut weil er sich sofort als ein
grossmäuliger und unverschämter Mensch aufführte und mit seinem Patriotismus
prahlte für unehrlich hielt ich ihn jedoch nicht Jetzt erinnere ich mich
vernommen zu haben wie es auffalle dass er immer an den öffentlichen
Wirtstafeln speise anstatt mit Weib und Kind zu Hause wo es ihm zu schlecht
sei Da liegt der Lump«
    Auf diesen rauen Windstoß blieb es den Rest der Woche hindurch still von so
ärgerlichen Dingen ein mit siebenhundert Franken verschwundener junger Mensch
der am Samstag noch vereinzelt durch die Abendzeitungen lief wurde nicht
beachtet Desto heftiger brach das Unwetter gleich am nächsten Montag wieder
los nachdem durch die missbräuchliche und unredliche Führung ihrer Leiter ein
paar Geldgewerbe ins Schwanken geraten waren und weite Kreise in Mitleidenschaft
zogen Lag hier die Ursache in der blinden Habsucht reicher Leute welche ihren
Überfluss der scheinbar glücklichen Hand solcher moralischen Tolpatsche zum
Spielball überließen so brauste am Dienstag ein Konsortium abgeschiedener
Seelen durch die Luft welche als arme Erwerbsbeflissene aus den Kassen ihrer
Vorgesetzten ein gut geregeltes Börsenspiel unterhalten Am Mittwoch ritt auf
der Unheilswolke ein alter Seckelmeister daher der die Aufsichtsmänner
alljährlich den gleichen Haufen zersägter und als Geldrollen verpackter
Besenstiele überzählen ließ Am Donnerstag kam ein Aktienchef der wöchentlich
eine kleine Mappe auf den grünen Tisch und die Faust darauf legte mit den
Worten »Meine Herren hier ist meine Ehre und jeder wünschbare Nachweis« Die
Beisitzer flatterten als angeschossene Enten hinten drein weil nie einer gewagt
hatte das Mäppchen unter der Faust wegzuziehen oder auch nur ein »Erlauben
Sie« zu sagen denn sie waren abergläubisch und er streckte aus der Faust zwei
Finger weit gespreizt hervor sooft einer Miene machte sie glaubten er könne
hexen Als er spurlos verschwand blieb das Mäppchen auf dem Tisch zurück es
enthielt nichts als eine hohe Säule von benannten Zahlen welche der Reihe nach
durchstrichen waren mit schwarzer blauer roter Tinte mit Bleiund
Silberstift je nach der Tageszeit und dem Orte des Unterganges Am Freitag kam
ein Gemeindefaktotum das den Ertrag eines schönen Lärchenwaldes in die
Lotterien aller Länder gesandt bis auf ein weniges das er versoffen hatte Am
Samstag ertränkte sich ein Vormund über sieben reiche Waisen die nun arm
geworden Am Sonntag war wieder Ruhetag
    Aber am Montag hob der Tanz von neuem an und so ging er viele Wochen fort
dass man die Mägde auf den Gassen wenn sie des Morgens die Zeitungen holten und
lasen und die Männer beim Frühschoppen rufen hörte »Sie haben wieder einen
Wieder einen«
    Durch das erwachte und wachsende Misstrauen hervorgerufen vermehrte sich der
Untersuch und trieb namentlich ein kleines Heer mittlerer und kleiner Beamten
ans Licht welchen allen es unmöglich gewesen anvertrautes Gut in Verwahrung zu
halten ohne sich daran zu vergreifen Und die schlimme Krankheit durchzog das
ganze Land ohne Ansehen der Konfessionen oder der Sprachgrenzen Nur etwa im
Gebirge wo die Sitten einfacher geblieben und das bare Geld oder Geldeswert
seltener war nicht viel davon zu hören
    Unaufhörlich erstaunte und grübelte Martin Salander von neuem und sann der
Möglichkeit der traurigen Tatsache nach dass die Übel der Zeit nicht an den
Grenzen der Republik stehenblieben deren geistigen und sittlichen Ausbau er so
getreulich betreiben half Das war jedoch etwas anderes als jene materiellen
Verkehrsfragen wegen deren er einst den Leuten die Wahrheit sagte
    Sein Herz wurde aufrichtig bekümmert was ihm insofern zustatten kam als er
jetzt wenn er sich schlafen legte unter diesem Gemütsdrucke hervor einen
Seufzer tat und der Frau den Grund sagen durfte wenn sie danach fragte Die
»schöne Leidenschaft« drückte im geheimen freilich mit doch wagte sie sich
einstweilen nicht weiter hervor
 
                                      XVI
An einem Sonntagmorgen als die Glocken verklangen und unversehens die wohlige
Stille dieser Stunde eintrat nahm Marie Salander ein Buch zur Hand Sie war
allein im Hause und brauchte in solchen Augenblicken nur sich selbst überlassen
zu sein um allerlei beschauliche Einkehr zu halten Es kam wie die frische
Luft wenn ein Fenster offensteht
    Jetzt freilich saß sie nicht lang allein Ihr Mann hatte das beständige
Verschlossenhalten der Haustüre vor einiger Zeit als aristokratisch abgeschafft
als volksfeindlich misstrauisch trotz der überhandnehmenden Hausschleicherei
unzähliger Vaganten die sich aus den Dachkammern der Dienstmädchen deren sauer
zusammengesparte Jahrlöhne herunterholten An Feiertagen arbeiten jedoch die
Diebe gewöhnlich nicht in dieser Abteilung nur im Anfang war Herrn Salander zu
solcher Zeit ein neuer Regenschirm vom Flure gestohlen worden Was heute seine
Gattin in ihrer Sonntagsruhe störte war ein unbeholfenes Klopfen an der
Stubentüre Als sie ging dieselbe zu öffnen trat Frau Amalie Weidelich herein
Sie hielt mit beiden Händen ein Gesangbuch samt dem weißen Schnupftuch umfasst
welches nach ländlichem Weiberbrauche sauber gefaltet darauf lag
    »Mit Verlaub« sagte sie »und guten Tag Frau Schwäherin«
    »Ei die Frau Schwäherin« grüßte Frau Marie überrascht »Sieht man sich
auch einmal Sie sind gewiss zu spät zur Kirche gekommen«
    »Nein ich war früh genug aber da ich die Woche hindurch nicht fort kann
und immer weniger je älter man wird anstatt auszuruhen sagte ich unterwegs zu
mir selber du willst einmal hinter der Kirche herumgehen und der geehrten
Schwäherschaft eine Visite abstatten Ich besuchte sonst immer eine der
Stadtkirchen wo es immer so voll und interessant ist und die Leute ihre
Visitenkarten an die Bänke nageln Aber heute dacht ich kannst du aussetzen
einmal ist keinmal und die Predigten werden ja nicht abgestellt wie die
Brunnen am Sonntag laufts alleweil noch das Lebenswasser Aber sonst kann
mans freilich brauchen meine liebe Frau Schwäherin Zwar versteh ich nicht
immer recht wos hinauswill weil ich eben nicht gelehrt bin aber ich tus
meinen Söhnen zu Ehren die gebildete Herren sind Man soll nicht sagen dass man
ihre Mama nicht in einem gebildeten Gottesdienst zu sehen bekomme Sie verdienen
es eigentlich nicht Aber man ist halt doch die Mutter Und wenn sie dann auf
den Kanzeln von dem lieben Gott reden der keine Beine habe und uns persönlich
nicht kenne und wir doch mit einer gewissen Gotteskindschaft dicktun sollen so
lasse ich es dabei bewandt sein und bete dafür das Vaterunser desto andächtiger
mit Das versteh ich jetzt wieder besser als auch schon liebe Frau Salander
denn ich hab es nicht wie der liebe Gott ich fange an meine Beine zu spüren
sie werden müd«
    »Darum nehmen Sie doch endlich Platz gute Frau da steht ja ein bequemer
weicher Sessel Wollen Sie nicht den prächtigen Hut ablegen Wer hat den
gemacht«
    Marie Salander drängte mit diesen Worten das bittere Gefühl zurück das der
unerwartete Anblick der Zwillingsmutter erweckt hatte sie entnahm den
Gesichtszügen wie den Worten der Frau dass sie nicht mehr so guten Mutes war wie
früher Diese setzte sich ihr Kleid vorsichtig in acht nehmend »Der Hut«
sagte sie »den hat die Merklin gemacht er ist aber viel zu schön und zu teuer
ausgefallen es passt nicht mehr für mich Abnehmen will ich ihn nicht es ist
mir zu mühsam ihn wieder ordentlich aufzusetzen«
    Sie betrachtete nun ihrerseits ein Weilchen die Gegenschwäherin und lobte
ihr Aussehen »Ihnen geht es gut Sie bleiben immer gleich Und was macht denn
der Herr Ist er zu Hause«
    »Mein Mann ist früh ins Freie hinausgegangen jetzt wird er wohl für eine
Stunde oder zwei auf dem Kontor sein Was macht der Ihrige Herr Weidelich Er
ist doch gesund«
    »Gottlob so ziemlich die Arbeit hält ihn aufrecht und doch schont er sich
zu wenig und klagt hie und da über Unlust Es hat eben jedes seinen Teil Wir
wissen zum Exempel nicht woran wir mit den Söhnen sind um es gerad
herauszusagen bin ich gekommen zu erfahren ob Sie mehr von den Kindern wissen
und was vorgeht«
    »Wieso denn vorgeht« fragte Frau Marie nicht sowohl überrascht als halb
erschrocken
    »Ja es muss etwas vorgehen oder gegangen sein Unsere Söhne die uns leider
nicht mehr viel nachfragen kommen nur zur Seltenheit einmal gelaufen Früher
kamen sie zuweilen miteinander jetzt scheinen sie sich zu meiden und wenn sie
bei uns unverhofft zusammentreffen so schwatzen sie etwas weniges und der eine
oder andere macht dass er fortkommt Erscheint aber einer allein das geht nun
seit einem halben Jahr oder länger und man fragt nach seinem Bruder so heißts
immer Weiß nichts von ihm hab ihn nicht gesehen Seh ihn überhaupt wenig die
Zeit her So heißts bei Isidor und so bei Julian Und doch stecken sie immer
hier in der Stadt und haben Geschäfte jede Woche müssen wir ein paarmal hören
sie seien da und dort gesehen worden so müssen sie sich doch selber auch
begegnen und sollten nicht sagen sie wüssten nichts voneinander Da haben wir
gesagt ich und mein Mann Herr Salander und Frau sind durch ihre Töchter eher
auf dem laufenden gefährlich wirds am End nicht sein sonst würde man uns doch
Kundschaft geben Da bin ich denn heut richtig abgeschwenkt und zu Euch
gekommen«
    Frau Salander schwieg verwundert einen Augenblick indem sie zugleich
überlegte ob sie der Frau Gegenschwäherin die zum Teil ähnliche Erfahrung an
den Töchtern mitteilen solle Es könne nur zur besseren Erleuchtung der
beunruhigten Leute beitragen dachte sie wenn sie davon Kenntnis erhielten die
ihnen offenbar ganz abgehe
    »Unsere Töchter« sagte sie »haben uns von diesen Dingen nichts anvertraut
wahrscheinlich weil sie ihnen unbekannt sind wir haben in letzter Zeit nur
gelegentlich von ihnen gehört dass die jungen Männer viel abwesend seien«
    »Natürlich das glaub ich schon« warf Amalie Weidelich ein »Das ist kein
Geheimnis bei der Arbeit die sie haben Sonst wussten sie nichts die Frauen«
    »Diesmal ich will sagen von diesem Umstande wenigstens nicht«
    »Wie diesmal und von diesem Umstand Aber ein andermal wussten sie haben sie
geplaudert he«
    Als Marie nicht sogleich zu antworten vermochte redete die andere Mutter
mit gespannterem Tone fort
    »Seien Sie nur offen und hinterhalten Sie nichts Sehen Sie wir haben auch
davon gesprochen ob nicht ein Familienzwist eheliches Zerwürfnis und
dergleichen vorhanden sei ob die jungen Weiber auch sich in die Verhältnisse
schicken oder vielleicht unzufrieden seien und den Männern zu Haus das Leben
schwer machen Sie müssen es nicht übelnehmen Frau Schwäherin man hat
Beispiele dass zwei Schwestern die in die gleiche Familie geheiratet haben
zusammenhalten und gern miteinander Komplott machen wenn es Unfrieden gibt und
imstande sind alles auf den Kopf zu stellen Ich will ja nichts damit gesagt
haben nur die Spur suchen«
    Nach nochmaligem kurzen Besinnen fand Marie Salander es an der Zeit ihr
ohne weiteren Rückhalt auf die Spur zu helfen
    »Sehen Sie Frau Schwäherin« sagte sie mit ruhigem Ernste soweit die
innere Erregteit es zuließ »es ist sicher nicht alles wie es sein sollte da
haben Sie recht Ich will Ihnen jetzt nur erzählen dass wir vor nicht langer
Zeit etwas Ähnliches an unsern Töchtern erlebten wie Sie nun an Ihren Söhnen
Sie ließ sich gar nicht mehr bei uns sehen wie wenn sie das Elternhaus
geflissentlich fliehen würden und als das uns endlich auffiel und wir uns
deshalb die Köpfe zerbrachen vernahmen wir von dritter oder vierter Hand dass
die Kinder auch unter sich jeden Verkehr verloren hätten und sich scheuten
zusammenzutreffen Da haben wir uns auch auf den Weg gemacht mein Mann und ich
aber wir sind gleich zu den Töchtern gegangen und haben sie zur Rede gestellt«
    »Und nu Was wars«
    »Wir fanden beide allerdings zu Haus und in einer großen Traurigkeit jede
von ihnen hatte Heimweh nach den Eltern und nach der Schwester und getraute sich
doch nicht die zu sehen die sie gern gesehen hätte Wir brachten sie dann am
gleichen Tage wieder zusammen wie mit uns und halfen ihnen über die
Wunderlichkeit hinweg so gut es ging«
    »Aber was ists denn gewesen Ging es meine Söhne an« fragte die
ungeduldige Wäscherin
    »Da Sie es wissen wollen so muss ich es Ihnen sagen es dient vielleicht zum
notdürftigen Ausgleich der Irrungen oder Missverständnisse und zur allgemeinen
Erkenntnis seiner selbst Meine Töchter haben ihre Heirat bereut und sich
deshalb voreinander geschämt weil sie den vermeintlichen Irrtum
gemeinschaftlich mit langer Beharrlichkeit begangen und vor uns weil wir die
Heirat nicht gern gesehen haben«
    »So« sagte die arme Frau Weidelich mit gedehntem Laute höchst betroffen
und bleich geworden denn trotz ihrer anzüglichen Reden von vorhin traf sie die
Eröffnung so unerwartet wie ein Blitz aus blauem Himmel Sie fühlte das schöne
Lebensgebäude schwanken das sie mit soviel Sorge und Kunst ihren Söhnen
aufgerichtet Der erste Gedanke war das große Erbgut das viele Geld und der
zweite dass nicht einmal Kinder da seien
    Als sie sich vom Schrecken etwas erholt fragte sie mehr kleinlaut als
trotzig was denn die Frauen groß Ursache hätten die Heirat zu bereuen und mit
so umständlichen Manieren Ohne weiteres Besinnen erwiderte Frau Marie
    »Ja das ist eben das Verwunderliche das sich mit der Zeit verlieren kann
weil es ertragen werden muss sie sagen von den jungen Herren es sei nichts mit
ihnen sie haben keine Seelen«
    Mit rotem Kopfe den sie so stark schüttelte dass der Hut darauf mit allen
Blumen und Bändern zitterte der müden Beine vergessend sprang die Frau
Weidelich aus ihrem Sessel auf und rief tödlich beleidigt
    »Keine Seelen Meine zwei Buben die ich unter dem Herzen getragen Das ist
eine niederträchtige Verleumdung Rund und nett hab ich sie zur Welt gebracht
wie zwei Forellen von den Köpfchen bis zu den Füßchen kein Mängelchen und
jedem hab ich sein Seelchen mitgegeben von meiner eigenen unsterblichen Seele
soviel Platz finden kann in einem so kleinen Tümpelchen Blut und es ist mit den
Buben nachgehends gewachsen wie sie selbst Wo sollt es denn hingekommen sein
Würden sie Landschreiber geworden sein Keine Seelen Die verfluchten Gänse Die
dürfen mir nicht so kommen Oh«
    Sie war so zornig dass sie nicht weitersprechen konnte und sich niedersetzen
musste Marie Salander bereute ihre Tat und suchte nach einem Essenzbesteck da
die Frau jetzt blass war Sie verweigerte aber die Tropfen und bat um einen
Schluck Wein wenn er da sei denn sie fühlte sich wirklich elend
    Frau Salander ging schweigend nach dem Schranke in welchem dergleichen
Dinge für alle Fälle bereitstanden Während der eingetretenen Stille hörte man
schwere Tritte auf Treppe und Flur und gleich darauf klopfte ein Mann mit
harten Fingern an der Türe Vom Schranke weg eilte jene hin zu sehen wer da
sei denn wie erst bei dem ungeschickten Klopfen der Frau vermutete sie jetzt
wieder es poche jemand der nicht ins Zimmer wolle
    Allein es war der Vater Jakob Weidelich der dastand mit verstörtem
Angesicht und mit unsicherer Haltung hereinkam als Marie Salander die Tür ganz
aufmachte In der Zerstreuung nahm er den Hut erst vom Kopfe nachdem er wortlos
sich auf den nächsten Stuhl gesetzt wie ein erschöpfter Mann
    »Verzeihen Sie« sagte er endlich sich zusammenraffend »ich habe mit Herrn
Salander reden wollen ist er nicht zu Hause Aber da ist ja auch meine Frau
Ich glaubte du seist in der Kirche«
    »Und du Jakob Wie kommst du hierher« rief die Frau die über seinen
Anblick die eigene Beschwernis vergaß Er hatte die gewohnten Sonntagskleider am
Leibe doch mit bewusstloser Hast umgeworfen Die Weste war ungleich geknöpft
die Halsbinde fehlte und in der Hand hielt er den abgeschossenen Werktagshut
um welchen statt des verlorenen Bandes sich eine Krone vom Arbeitsschweisse zog
der den Filz durchdrungen Frau Salander sah dies alles auch und überdies dass
seine Hände leise zitterten Bänglich erwartend was noch kommen würde hielt
sie sich schweigend abseits und überließ dem Schwäherpaare das Reden Frau
Weidelich hatte sich auf die Beine gestellt und sich dem Manne genähert indem
sie seinen nachlässigen Anzug musterte
    »Was ist denn das« rief sie »wie kannst du ohne Halstuch fortlaufen Und
nicht einmal den Hemdkragen zuknöpfen Und am Sonntag mit dem alten Hut in der
Stadt herumstürmen pfui Teufel«
    Als sie aber die ratlose Verfassung seiner Gesichtszüge genauer sah
durchfuhr sie ein Schrecken Sie wusste dass er nicht um eine Kleinigkeit in
einen Zustand geriet den sie nie an ihm erlebt
    »Was hats gegeben Jakob« fragte sie mit bleicher Furcht da das
Unbekannte welches den sonst so ruhigen Mann aus dem Hause getrieben ihr
doppelt schreckhaft erschien
    Er suchte seine feuchte Stirn zu trocknen fand aber kein Tuch in der
Rocktasche Die Frau blickte umher und gewahrte das auf dem Tische liegende
Kirchenbuch mit dem Schnupftuch Sie schlug dieses auseinander und wischte ihm
selber Stirn und Schläfen ab Weidelich nahm ihr das Tuch aus der Hand etwas
gefasster ließ er sich nun vernehmen
    »Unser Sohn Isidor ist in der Stadt  ich muss es in Gottes Namen sagen er
sitzt gefangen in schwerer Untersuchung  sie haben ihn gestern abend
gebracht«
    Marie Salander suchte mit einem kleinen Schrei den Halt des nahen
Fenstersimses sie sah nur die arme Tochter Setti die verlassen und geängstigt
im Lautenspiel sitzen musste vielleicht selbst gefangengehalten oder wenigstens
bewacht
    Isidors Mutter aber stand mit offenem Munde den Mann anstarrend Sie
begriff nicht was er sagte
    »Was kann er denn angestellt haben« stotterte sie »das wird eine schöne
Dummheit sein sie sollen sich in acht nehmen«
    »Es ist kein Spaß du arme Frau« sagte Jakob Weidelich der sich jetzt
erhob und mit Gehen und Sprechen zu erleichtern suchte »Es ist einer von den
Behörden im Haus erschienen sobald du fort warst und hat mir das Unglück
angezeigt Ich hafte ja mit unserm Vetter und Gevatter Ulrich als Amtsbürge für
beide Söhne Drum befragte mich der Herr nach meiner Zahlungsfähigkeit und
forderte mich auf die Mittel auf alle Fälle bereitzuhalten aber nicht nur das
er wollte wissen was ich darüber hinaus etwa zu leisten imstande wäre obgleich
es nicht danach aussehe als ob eine gütliche Auskunft möglich denn es sei bei
unserm Isidor eine große und böse Unordnung gefunden worden Ich hab in
Schrecken und Angst nichts zu sagen gewusst als dass ich tun werde was ich
vermöge wenn es helfen könne und bin hieher gelaufen um den Herrn
Gegenschwäher um Rat zu fragen was zum Schutz des Sohnes zu tun sei Denn ich
kann nicht glauben dass er wie soll ich sagen dass er sich so vergessen habe
In der Verwirrung hab ich nicht einmal das Nähere vernommen Ich hätte nie
geglaubt dass dergleichen an mich komme«
    Plötzlich schlug die Frau eine gellende Lache auf und tastete wie wenn sie
in einem dunkeln Raume ginge mit vorgestreckten Händen nach dem kürzlich
verlassenen Lehnstuhl Dort schöpfte sie Atem lachte dann nochmals stossweise
und rief bitter gegen den Mann hin
    »Aber an mich kann es kommen Mir schadet es nicht habs am End verdient
gelt Dein Lebtag denkst du nur an dich Eine schöne Welt ein wackerer Sonntag
Zuerst heißts die Buben haben keine Seelen dann werden sie eingekerkert und
zu Schelmen gemacht Ach ach ach wie weh«
    Ihre Worte verloren sich in einem erbärmlich klagenden Tone und dieser in
erneuter Übelkeit die sie befiel indes Weidelich sich auch wieder gesetzt
hatte und die Hände auf die Knie gestützt zu Boden starrte
    Frau Marie Salander ergriff die bereits hervorgenommene Flasche mit altem
Xeres und füllte für jedes der geschwächten Eheleute ein Kelchglas obgleich ihr
selbst schlecht zu Mut war Und wie die Mutter Isidors in seiner Person beide
Söhne zusammenfasste und einseitig nur an diese zu denken vermochte so dachte
Marie Salander an beide Töchter ohne von ihnen zu sprechen da die bedrängten
Gegeneltern ihre Aufmerksamkeit den jungen Frauen jetzt nicht widmen konnten
    Amalie Weidelich trank einen guten Schluck von dem Weine und stellte das
Glas weg in die Luft dass es zu Boden fiel
    »Also der Isidor ist eingesperrt« sagte sie »und kann nicht mehr gehen wo
er will Bringt ihm denn jemand zu essen und zu trinken wenn es ihn gelüstet
und die gewohnte Zeit da ist wie gerade jetzt Haben sie dort auch etwas
Ordentliches für einen Landschreiber einen Ratsherrn Für einen armen Menschen
der nicht weiß was Hunger und Durst ist«
    »Soviel ich mich erinnere« bemerkte Frau Salander »können solche
Gefangene solange die Untersuchung dauert und bis sie verurteilt sind auf ihre
Kosten haben was sie wünschen so wie sie es ungefähr gewöhnt sind«
    »Verurteilt sind Ein solches Wort will ich von niemandem hören Wenn ihm
schlechte Teufel aller Art mit denen er zu tun hat Unkraut in seine Geschäfte
gesät haben wenn er manchmal nicht weiß wo ihm der Kopf steht so klärt er das
gewisslich auf und für seine Verfolger wird es ein schlechtes Ende nehmen Aber
jetzt muss man sorgen dass es ihm an nichts gebricht Warum ist seine Frau nicht
mit ihm gekommen über ihn zu wachen und in der Nähe zu sein«
    »Sie wird zu Hause zu wachen haben da sonst niemand dort ist« sagte Marie
Salander trocken ihren Unwillen zurückhaltend
    »So müssen wir sorgen hörst du Mann Wir wollen hingehen oder geh du
allein und bring ihm etwas Geld im Fall sie ihn etwa ausgeplündert haben Ich
will indessen heimlaufen und einen Vorrat von Speis und Trank bereitmachen
hörst du nicht«
    Der Vater Weidelich hörte freilich nicht Er zergrübelte unablässig den
Gedanken dass ihm Unehrlichkeit und Verbrechen in Gestalt des eigenen Sohnes
nahetreten und überdies sein ganzer bescheidener Wohlstand den er in so vielen
Jahren mit saurer Arbeit errungen in Rauch aufgehen solle und er ärmer dastehen
würde als er im Anfang gewesen denn den Hof im Zeisig hatte er zu seiner Zeit
noch mit Hilfe eines kleinen väterlichen Erbes erworben Und wenn es so käme
könnte er von vorn anfangen in seinem Alter Wolle es Gott so würde es doch
nicht so kommen es könne ja nicht sein
    Da er solchergestalt in seiner Grübelei verharrte und keine Antwort gab
vergaß die Frau ihren Vorsatz und sank mit zerfahrenen Sinnen in sich zurück
    Marie Salander benutzte die herrschende Stille um nach einem Glase frischen
Wassers zu gehen und sich dann still in eine Ecke zu setzen in der Absicht
nicht nur selbst einen Augenblick der Sammlung zu gewinnen sondern auch das vom
Unheil ergriffene Ehepaar zu einer kurzen Ruhe zu verlocken Es gelang ihr auch
beinah ein halbes Stündchen zu überstehen ohne dass die Stille anders als durch
ein Stöhnen oder Seufzen unterbrochen wurde
    Mit rascheren Schritten als gewöhnlich kam ihr Mann heran Sie dankte dem
Himmel als sie ihn hörte und ward doch über seinen Anblick betroffen der von
Sorge und großem Ärger Zeugnis gab
    »Da sind wir ja alle beisammen« sagte er im Zimmer stehend
»augenscheinlich wisst ihr die Neuigkeit schon«
    »Leider ja« ließ sich Vater Weidelich vernehmen der über Salanders Ankunft
erwacht und aufgestanden war »Ich bin zuerst hierhergekommen Herr Salander um
Sie um Rat zu ersuchen was zu tun sei Es ist hoffentlich doch nicht so arg
wie es im ersten Schrecken aussieht«
    »Es ist schlimm genug« erwiderte Salander der die üble Verfassung
Weidelichs und auch diejenige der Frau bemerkte Diese war scheinbar
teilnahmslos in ihrem Lehnstuhle sitzengeblieben mit abgewandtem Gesicht und
Frau Marie die aus ihrem Winkel hervortrat deutete gegen ihren Mann auf sie
hin Dieser suchte sich deshalb schonender auszudrücken als er gestimmt war
    »Der Unterbeamte der bei Ihnen war« fuhr er Weidelich gegenüber fort »ist
auch zu mir auf das Bureau gekommen Es scheint aber ein voreiliger und
diensteifriger Mensch zu sein mir fiel auf dass er nicht genaueren Aufschluss
geben konnte und überhaupt am Sonntag in solchen Geschäften herumlief Auch bei
mir wollte er vernehmen was ich allenfalls für den Schwiegersohn zu tun
gesonnen wäre damit eine Strafklage unterbleiben könne Das ist eine gute
Meinung die jedoch zu einem Bescheid vorderhand nicht hinreichte Ich machte
mich auf den Weg um geeigneten Orts Bestimmteres zu vernehmen Es ist keine
Rede von Fahrlässigkeiten und dergleichen Dingen deren Folgen niedergeschlagen
werden könnten Isidor hat unter Missbrauch des Amtes so unglaublich kühne Dinge
unternommen dass die Entdeckung immer an einem Haare hing und endlich in
vergangener Woche eintrat Drei Tage dauerte die Untersuchung der Bücher auf
seiner Kanzlei Gestern waren die Hundertundfünfzigtausend überschritten und
noch soll kein Ende abzusehen sein Darum wurde das Verfahren in Unterlaub
abgebrochen und nach Münsterburg verlegt«
    »O Herr Jesus« tönte es vom Schmerzenssitze der Mutter Weidelich her mit
einem Jammergeschrei Vater Jakob suchte wieder seinen Stuhl Die vernommene
Zahl erhellte ihm wie eine Brandfackel die Lage Auch Martin Salander fühlte
sich ermüdet desgleichen die Gattin Marie und so saßen die vier alternden
Personen schweigend umher wie der Zufall es fügte
    Nach einer geraumen Weile wimmerte die Frau Weidelich
    »Wäre ich doch lieber zur Kirche gegangen so hätte ich noch eine Stunde
gehabt wo ich von nichts wusste Das wär noch ein gutes Stündlein gewesen und
hätte guter Dinge nach Haus gehen können ohne es mir ansehen zu lassen«
    Abermals nach einigen Minuten rief sie
    »Jetzt muss es doch sein Jakob wir wollen gehen dass wir unter Dach
kommen«
    Da sie sich gleichzeitig aufraffte so gut es ging nahm sich auch der Mann
zusammen und trat mit gebrochenem Wesen zu Salander der sich ebenfalls erhoben
    »Es tut mir leid« sprach er mühselig »dass wir Ihnen soviel Ungelegenheit
machen «
    Die Stimme versagte ihm und er schwieg Martin gab ihm die Hand er sah
wie der Mann litt und die eigene Beschwernis vergessend sagte er mit
allerdings zweifelhaftem Troste zu ihm
    »Wer kann heutzutage behaupten er sei vor dem allgemeinen Übel sicher Es
ist wie die Reblaus oder die Cholera Wenn Euch einer schief ansieht so dürft
Ihr ihm nur sagen er soll erst nach Haus gehen und nachschauen obs nicht
schon dort sei«
    Inzwischen hatte Amalie Weidelich mit ihrem Hute zu schaffen der sich wegen
der Erregungen der Frau verschoben und nicht mehr recht sitzen wollte Sie
suchte ihn vor einem Spiegel zurechtzurücken und festzumachen und Marie
Salander kam ihr zu Hilfe Plötzlich aber riss sie ihn vom Kopfe und erklärte
sie wolle ihn nicht mehr aufsetzen sondern ohne Hut heimgehen
    So begab sich das Paar auf den Weg Kaum waren sie auf der Straße so fühlte
sich die Frau so schwach dass der Vater Jakob sie am Arme führen musste in der
linken Hand trug er den schönen bunten Hut wie einen Henkelkorb am Bande Sein
eigener abgetragener schweissbefleckter Hut vollendete den wunderlichen Aufzug
des Paares welches trübselig dahinschwankte durch den unsicheren Gang der Frau
die sonst von manchem Glase Wein das sie getrunken niemals geschwankt hatte
    Man blickte ihnen nach Vorübergehende standen sogar still und jemand sagte
vernehmlich zum andern »Die zwei Leutlein haben ja wacker gefrühstückt«
    Sie hörten es mit den scharfen Ohren der jungen Schande sahen aber weder
rechts noch links Auf einer geräumigen Brücke kamen sie noch schwieriger voran
eine Menge Kirchenleute kreuzte sie von beiden Seiten her und fast alle
blickten auf den Hut der an Jakob Weidelichs linker Hand hing und sodann auf
den etwas zerzausten Kopf der Frau
    »Gib mir den Hut Jakob« sagte sie »es schickt sich nicht für dich dass du
ihn trägst«
    Er ließ es sich gefallen und gab ihr das stattliche Modenstück und da sie
in diesem Augenblicke gegen das Brückengeländer gedrängt wurden warf die Frau
den Hut in den Fluss ohne ihm nachzusehen
    »Was machst denn Bist du närrisch« murmelte der Mann
    »Nur vorwärts Steh nicht still« sagte sie »ich habe genug von der
Herrlichkeit«
    So gingen sie weiter und bekamen Raum genug Denn die nächsten des
Brückenvolkes welche den Wurf bemerkt hatten liefen eiligst auf die andere
Seite hinüber und bogen sich über das dortige Geländer um den Hut unterhalb der
Brücke hervorschwimmen zu sehen und als die übrigen dies Gelaufe wahrnahmen
pflanzte sich die Bewegung fort und die ganze Brücke entlang sprang alles wie
besessen nach jener Seite und guckte ins Wasser Auf den ziehenden
Wellenspiegeln fuhr auch der arme Hut schon den Fluss abwärts wie ein mit Seide
bewimpeltes und mit Blumen bekränztes Schiffchen oder ein schwimmendes Gärtchen
Aber in kurzer Frist stießen auch schon in einem Rettungskahne zwei Burschen vom
Lande und ruderten dem lustigen Fahrzeug eilig nach um es entweder für sich zu
erbeuten oder wenigstens ein gutes Trinkgeld zu verdienen während die beiden
Ufer entlang sich immer neue Zuschauer einstellten
    Indessen gewannen die bekümmerten Eltern der Zwillinge unerkannt das Freie
und klommen zum alten Zeisig empor
    »Dass du den Hut nicht mehr aufsetzen magst« begann Weidelich als sie einen
Augenblick verschnauften »finde ich auf eine Art begreiflich aber du hättest
ihn ja verkaufen können Ich fürchte die Zeit ist nah wo wir auf jeden Franken
achten müssen«
    »Es ist jetzt geschehen« seufzte Amalie »ich hab kaum gewusst was ich
machte Übrigens ist noch manches da was ich verkaufen kann die Röcke die Uhr
und die Kette das schickt sich alles nicht mehr weil es die Blicke der Leute
auf mich zieht und dann werde ich auch die Brosche nie mehr vorstecken mit den
zwei Bübchen drauf  nein die Brosche kann ich nicht verkaufen wenn sie jetzt
auch nicht mehr recht tun können und uns verloren sind  ach es war doch eine
glückliche Zeit Nein ich will das Bildchen behalten und auch das Gold daran
lassen solang wir noch eine Brotrinde haben«
    Sie sagte das in Tränen von Schluchzen unterbrochen Jakob mahnte sie
erschreckt und kummervoll sich zu fassen
    »Wie kannst du auf einmal so reden und beide Söhne in einen Tiegel werfen
Auch wenn der der jetzt gefangen ist nicht zu retten wäre so haben wir ja
noch den Julian der wird doch wills Gott nicht so zum Vorschein kommen«
    »Du kennst sie nicht wie ich die ich sie zur Welt gebracht Sie haben
jederzeit und alleweil das gleiche gedacht gewollt und getan und jeder gewusst
was der andere wollte Ach Herr du mein Gott nun weiß ich auch warum sie
einander gemieden haben und immer sagten ich weiß nichts ich hab ihn nicht
gesehen Sie wussten genau dass sie auf den gleichen Wegen gehen und dasselbe
tun und weil es etwas Böses und Gefährliches war scheuten sie sich Denk dir
nur die Salanderin die ich diesen Morgen zu fragen ging ob sie nicht wisse
was das sein könne erzählte mir ganz trocken ihre Töchter hätten es ähnlich
gemacht sie hätten die Eltern und sich selbst gegenseitig geflohen und weißt
du warum Weil sie sich vor den Eltern und eine vor der andern geschämt haben
ja geschämt«
    »Weswegen Was haben denn die getan«
    »Sie haben sich geschämt weil sie unsere Söhne geheiratet haben Wie
deutlich versteh ich jetzt unsere Buben die armen Tröpfe die als
Zwillingsbrüder sich im Bösen voreinander gefürchtet und keiner wollte dass der
andere auf seine Sache zu reden komme Es ist mir als guck ich mitten in ihre
Herzen hinein«
    »Das ist ein Glück zum Erbarmen das wir mit den Söhnen erlebt haben es
wird ja je länger je trauriger und unbegreiflicher Ich wollte bald lieber ich
wüsste nichts von meinem eigenen Leben«
    »Es will alles zurückbezahlt sein wie ich merke« erwiderte die Frau
»umsonst ist der Tod Dort ist unser altes Haus Gott sei Dank dass wir nicht
ein neues an seiner Statt bauten in unserm Übermut Obgleich wir beide immer
fleißig und tätig darin gewesen sind und uns der Arbeit nie geschämt haben Wir
wollen uns heut noch gut darin verbergen und stillhalten und tun als ob es
eine Ewigkeit so still und heimlich bliebe Die Dienstboten können noch nichts
wissen Aber morgen ists Montag da müssen sie die Wäsche für die Woche abholen
in allen Ecken der Stadt da werden sies wohl vernehmen und am Dienstag kommen
meine Wäscherinnen vier Stück  eine bittere Woche diese erste  komm Jakob
wir wollen hineingehen und uns still halten Wenigstens merkt es der liebe Gott
nicht da er uns nicht persönlich kennt wie der große Kanzelherr sagt Es ist
ein Glück dass er uns also nicht nach unsern Kindern fragen kann denn er hat
keinen Hochschein davon wie unsere lustigen Söhne zu sagen liebten wenn einer
etwas nicht kannte Komm hinein«
    Es war als ob die arme Frau im Gefühl dass es nötig sei sich wieder
lebendig redete um sich vor den Hausgenossen eine Haltung zu machen Sogar ein
wenig Geistesgegenwart gewann sie denn sie griff sich im Hausflur plötzlich an
den Kopf und ging ungesehen zuerst nach der hinteren Stube als ob sie dort den
schönen Sonntagshut ablegen wollte
    Auch Martin Salander und seine Frau verließen das Haus an diesem Tage nicht
mehr Nachdem die Gegenschwäherschaft sich entfernt hatte und das Paar allein
war sagte Martin
    »Es ist mir heut merkwürdig gegangen Ich ließ mir in der Frühe das Haar
schneiden neben mir saß einer der barbiert wurde und dabei durch das Fenster
auf die Straße schaute immer in der Richtung wie ihm der Barbier just das
Gesicht drehte bald so und bald anders so dass ihm die Augen zuweilen nach dem
Himmel oder an die Zimmerdecke gewandt wurden Als er fertig war aufstand und
das Gesicht mit dem Handtuch trocknete sagte er während ihm der Bart geputzt
worden habe er nach und nach auf dem Trottoir vor dem Fenster nicht weniger als
vier gute Bekannte gehen sehen von denen jeder zur Zeit einen Anverwandten im
Zuchtause sitzen habe Das sei doch etwas stark während eines einzigen
Bartscherens Und doch habe er bei weitem nicht alle Vorübergehenden gesehen
weil ihm der Rasierer alle Augenblicke das Gesicht am Nasenzipfel oder Kinn zur
Seite zog Einige habe er vielleicht übersehen oder nicht erkannt da das blaue
Drahtgitter gerade am Fenster die Gestalten etwas verdunkle Ich musste bei allem
Elende lachen nun hat es sich schnell gerächt«
    »Wenn es nicht so schmählich wäre was geschieht« gab Marie zur Antwort
»so würde ich mich freuen dass wir die Töchter wieder zu uns nehmen können denn
das wird keine Frage sein ob sie jetzt frei werden oder nicht«
    »Natürlich Das heißt wenn sie nicht auf eine neue Narrheit verfallen
nämlich die den einmal angetrauten Gatten im Unglück heiße es wie es wolle
vor der Welt anhangen zu müssen und den Lohn im Bewusstsein einer standhaft
geübten Barmherzigkeit zu suchen Man hat ja Beispiele«
    »Du vergisst dass hiezu immer noch ein Fünklein Liebe gehören würde das ja
längst erloschen ist«
    »Du magst freilich recht haben Um so besser Aber wir sprechen ja schon nur
von beiden Herren während noch gar nicht gesagt ist dass Meister Julian der
Vogelsteller den Weg seines Bruders gehen werde Er kann wenn auch nicht
braver doch vorsichtiger schlauer gewesen sein oder mehr Glück gehabt haben«
    »Ich bin sicher dass er den anderen früher einholen wird als man vielleicht
denkt Wozu sollte er sich gerade in diesem Punkte von ihm unterscheiden«
    »Desto schlimmer für mich« sagte Salander mit düsterem Sinnen »oder
vielmehr für uns alle Wenn nur einer so elend zugrunde geht so ist es nicht
das gleiche wie wenn beide dahinfahren da erst wird die auffällige
Doppelhochzeit recht aufgerührt werden die ich angerichtet habe durch die ich
in den Rat gekommen bin was jedermann weiß und die ein höhnisches Sprichwort
sein wird länger als wir leben und auf diese Weise habe ich meiner politischen
Parteirichtung der Volkssache überhaupt Schaden statt Nutzen gestiftet Und die
Töchter werden wie lebendige Denkmäler der vertrackten Geschichte herumgehen
Und dann der Arnold Schon damals hat man nur von der Salanderhochzeit
gesprochen wenn er nun endlich heimkehrt so hab ich ihm einen schönen Knüppel
an seinen Namen gehängt wenn er öffentlich wirken will«
    »Solche Ängste hab ich nun nicht« erwiderte Marie nachdenklich »du stehst
doch nicht auf so schwachen Füßen und was den Arnold betrifft so wird er immer
den guten Namen finden den er braucht Nur gesteh ich dass sosehr ich seine
Heimkehr herbeiwünsche doch jetzt erschrecken würde wenn er mitten in den
Skandalprozess hineingeriete O diese heillosen Schlingel«
    »Wir wollen darüber nicht die arme Setti vergessen die zu dieser Stunde
ratlos in ihrem traurigen Lautenspiel sitzen wird« sagte Salander dessen
Gedanken durch das letzte Wort auf das Geschick der Tochter gerichtet wurden
»Ich würde sofort nach Unterlaub fahren wenn ich nicht dächte es hilfe jetzt
zu nichts Sie wird einige Tage auf sich selber gestellt und wahrscheinlich froh
sein wenn niemand kommt Einen rechtlichen Beistand braucht sie noch nicht da
die Lage einfach ist Das Bare das wir mitgegeben ist natürlich verschwunden
die übrige Aussteuer können sie ihr nicht mehr nehmen So denk ich wir
telegraphieren einstweilen nur um ein Lebenszeichen Sie mag berichten ob man
sie holen soll und wann lang wirds nicht dauern bis sie gehen muss denn der
Konkurs ist in jedem Falle sicher und das erste was geschieht ist der Verkauf
der Liegenschaft die Gant«
    »Da können wir nur für Raum sorgen« versetzte Frau Marie »wenn wir auf
einmal die zwei Aussteuern unterbringen wollen von denen jede ein Wohngemach so
ziemlich ausfüllt Ich habe mir so viel Müh damit gegeben dass ich den Kram
nicht gern im Stich lassen möchte Schreib aber nun das Telegramm dass es die
Magdalene noch schnell forttragen kann Der Mittag naht Setti kann vielleicht
eher einen Bissen essen wenn sie es hat Wahrscheinlich macht sie sich
unsertwegen wieder Gedanken«
    »Ich will selbst hingehen damit Magdalene nicht im Kochen gestört wird«
sagte Salander »ich bin von diesen schäbigen Schicksalsäusserungen hungrig
geworden«
    »Bleib nur« rief Marie »das wenige was noch zu tun ist kann ich schon
besorgen wenn nötig Gehst du jetzt auf die Post so triffst du vielleicht ein
Rudel guter Freunde und anderer mildtätigen Seelen die dich bereits voll
Teilnahme ausfragen und vor deinen Augen weitertelegraphieren was du sagst«
Salander stutzte
    »Du kannst bei Gott recht haben Sie sind jetzt alle schon beim Frühschoppen
gewesen die Unterrichteten mitten drunter Und über den Verbleib von einigen
Hunderttausenden verlohnt sich das Telegraphieren immer für gewisse Leute«
    Er nahm also ein Formular beschrieb es mit den erforderlichen lakonischen
Worten und gabs der Frau
    Sie las den Blitzbrief studierte einen Augenblick daran herum und beschrieb
ein neues Formular Verwundert las Martin Salander dasselbe als sie fertig war
Sie hatte die gleich harten Steinblöcken dastehenden Haupt und Zeitwörter mit
den dazugehörigen sie verbindenden Kleinwörtern versehen sonst aber nichts
geändert
    »Du hast ja gar nichts dazugetan als die Pronomina den Artikel und einige
Präpositionen und dergleichen Dadurch wird ja lediglich die Depesche dreimal so
teuer« sagte er noch immer überrascht
    »Ich weiß wohl es ist vielleicht närrisch« erklärte sie bescheiden
»allein es will mir vorkommen dass diese kleinen Zutaten die Schrift milder
machen ein wenig mit Baumwolle umhüllen so dass Setti das Gefühl hat als hörte
sie uns mündlich reden und dafür reut mich die höhere Taxe nicht Wenn du aber
willst so unterschreib ich das Ding selbst«
    »Es ist merkwürdig wie recht du hast« sprach Salander der die drei oder
vier Zeilen nochmals gelesen »Es nimmt sich in der Tat urplötzlich fein und
herzlich aus Wo zum Kuckuck holst du die wunderbar einfachen Stilkünste Nein
das musst du selbst unterschreiben es wäre mir altem Schulfex nicht
eingefallen«
    Eine Stunde später bei Tisch sitzend empfingen sie Settis Antwort nach
welcher sie in wenig Tagen das Haus zu verlassen gedachte indessen vorher noch
einen Brief verhieß Dieser gelangte schon am nächsten Morgen an Er enthielt
eine gedrängte Anzeige des über sie ergangenen Schreckens der Tag und Nacht
andauernden Untersuchungsarbeiten der eingetroffenen Amtsleute und Fachmänner
welchen Isidor in fortwährenden Verhören beiwohnen musste Anfangs habe er sich
sprützig und hochfahrend angelassen und sich sonst verkehrt benommen als aber
die Männer unter denen sich duzfreundliche Amtsgenossen von ihm befunden
unversehens ihn trockenen Tones mit Ihr traktierten und ihm befahlen hier zu
stehen oder dort oder sich in eine Ecke zu setzen und zu warten bis man ihn
rufe und zuletzt ein Polizeisoldat zum Vorschein kam der die Kanzleitüre nicht
mehr verließ da habe er gemerkt dass er verloren sei und weinend alles
gestanden was man wollte aber nichts ohne Unwahrheiten daran zu hängen
jedesmal auch einen Verweis bekommen Als er mit allen Büchern und Akten
fortgebracht worden sei habe er der Frau nur kurz ein Adieu zugerufen mit dem
Beifügen er sei leider Staatsgefangener wie wenn er etwas Höheres und Feineres
ausgearbeitet hätte und er hoffe bald wieder da zu sein sie möge gute
Hausordnung führen Schon seit einiger Zeit habe sie kein Monats oder
Wochengeld mehr erhalten sondern für jede einzelne Ausgabe die benötigte Münze
in der Kanzlei verlangen müssen Jetzt sei mit Ausnahme ihrer Kleiderschränke
und der Küche alles versiegelt Eine Spur von ihrem Barvermögen habe sich nicht
gefunden jedoch sei ihr versprochen dass sogleich nach Bestellung des
Konkursrichters die Freigabe ihrer sämtlichen zugebrachten Fahrhabe verfügt
werden solle Solange möge sie nicht im Hause bleiben und wenn sie das wenige
Reisegeld besäße so würde sie mit Erlaubnis der Eltern ohne Verzug dahin
zurückkehren wo sie nie hätte fortgehen sollen
    »Morgen ist Dienstag« sagte Salander »ich will sie morgen holen Wir
wollen ihr sogleich telegraphieren sie soll das Nötigste einpacken und sich
bereitalten Hat sie auch noch Koffer oder Kisten Ich will wetten der Mensch
hat alles verreist und verrissen«
    »Ich sah noch die Koffer und Korbsachen die sie von hier mitgenommen hat«
erwiderte Marie »die Herren reisten stets mit kleinem Handgepäck«
    »Du hast recht Wie es der große Diätenfresser von Gauchlingen macht der
jahraus und ein das Land mit einer alten ledernen Aktenmappe durchrutscht in
welcher ein Nachtemd steckt«
    »Übrigens möchte ich mitkommen« nahm Marie wieder das Wort »und meine wir
könnten einen Wagen nehmen trotz der Eisenbahn so müssen wir nicht mit Setti
zu Fuß nach der Station wandern und können auch ihre Sachen sofort aufladen Es
schadet nicht wenn sie dort sehen dass sie noch wo zu Haus ist Und hier kommen
wir gerade recht mit der Dunkelheit an so dass es auch gar nichts zu gaffen
gibt Etwas kaltes Essen wollen wir für alle Fälle mitnehmen wer weiß ob sie
etwas hat Wir brauchen dann unterwegs nicht anzuhalten«
    »Mit allem bin ich einverstanden wie du es willst Die du eine
Widersacherin dieser Unglücksheiraten gewesen bist denkst jetzt an alles
worauf unsereiner nicht geriete«
    Sie führten den Plan aus besorgt in welchem Zustande sie die Tochter
finden würden Setti erschien etwas abgemagert und blass auch ermüdet aber doch
gefasster als die Eltern es sich vorgestellt Das Gefühl der Befreiung aus
selbstverschuldeten unwürdigen Fesseln mochte unbewusst die Wage halten gegen
alle anderen Eindrücke die sie erfahren
    Auch war sie nicht allein im Lautenspiel obgleich die Magd und der
Schreiber ihres Weges gegangen Wie in einem Hause dessen Stütze durch jähen
Todfall abgeschieden ist sich die Nachbarinnen tröstend und helfend bei der
Witwe einfinden so hatten sich bereits zwei oder drei angesehene Frauen von
Unterlaub eingestellt welche täglich herbeikamen der verlassenen
Landschreiberin gefällig zu sein oder wenigstens die Zeit zu vertreiben Zwei
saßen auch jetzt strickend auf den Koffern die sie füllen und schließen
geholfen während Setti aus den letzten Überresten die letzte Mahlzeit
zusammenstoppelte Tee Butterbrötchen Eierkuchen Der von der Mutter
mitgebrachte Imbiss war höchlich willkommen Da die Pferde gefüttert werden
mussten sandte Martin den Kutscher in ein Wirtshaus zu Unterlaub und trug ihm
zugleich auf den dortigen Gemeindammann hinzusenden damit er das Haus
abschliesse und in Gewahrsame der Behörde bringe
    Die Dorffrauen nahmen an dem Stegreifmahle bescheidentlich teil der
Merkwürdigkeit wegen und ließ sich hernach nicht hindern das gebrauchte
Geschirr zu reinigen und in der Küche alles an seinen Ort zu stellen Dann
gossen sie das Spülicht weg putzten den Gussstein und lehnten den kleinen Besen
säuberlich in die Ecke denn es war ein fast noch neues Binsenbeslein Mit dem
Reste des Wassers endlich löschten sie sorgfältig das glimmende Herdfeuer
    So erschien der Ammann eben recht Er ließ sich verständigen an die letzten
Räume und Behälter das amtliche Siegel zu legen und hatte dazu das
Erforderliche mitgebracht Siegellack Bandstreifen und Stempel sogar einen
Wachsstock da er gewohnt war zu dieser Verrichtung zuweilen nicht einmal ein
brauchbares Licht vorzufinden Hier standen zwar ein paar schöne Leuchter im
Zimmer die Frau Salander einst selber eingekauft hatte Sie meinte man könnte
den einen davon oder beide nehmen und nachher in der Kutsche unterbringen da
sie ja der Frau gehörten dann möge man das Siegel anlegen Allein der
Gemeindammann erklärte die Leuchter müssten bis zur Inventuraufnahme
stehenbleiben es sei schon genug Verwirrung in der Gegend der ganze
Besitzstand scheine zu schwanken wie bei einem Erdbeben viele fürchteten von
Haus und Hof zu kommen ohne zu wissen wie Die Bevölkerung sei ganz erhitzt und
fabele von Millionen die verloren seien
    »Zünden Sie Ihren Wachsstock an« sagte Salander und reichte dem Amtsmann
ein Streichhölzchen Dieser ging an sein Geschäft und gelangte so mit der
kleinen Gesellschaft Schritt für Schritt bis vor die Haustüre Martin Salander
drehte den Schlüssel um und übergab ihn dem Gemeindammann Hierauf nahmen sie
Abschied von den zwei Frauen und dankten ihnen für die erwiesene Teilnahme und
Freundlichkeit so dass sie gerührt die Augen wischten Setti vermochte keine
Träne zu vergießen halb gelähmt von den Worten des Amtsmannes bestieg sie
mühselig mit den Eltern den bereitstehenden Wagen der rasch davonfuhr
    Die zurückgebliebenen drei Personen blickten ihm nach und gingen langsam
nach dem Dorfe zurück
    »Das sind gutstehende Leute« sagte eine der Frauen »der Herr vermöchte
gewiss dem Schaden abzuhelfen wenn er wollte und es sind jedenfalls auch
rechtdenkende Leute«
    »Er wäre ein Narr wenn er einen Franken hergäbe« versetzte der Herr
Gemeindammann »Eigentlich müssten mir diejenigen den Schaden gutmachen die
einen solchen Menschen zu ihrem Notar wählen und das Recht dazu an sich gerissen
haben Jetzt wird die Staatskasse herhalten und das Wahlvergnügen bezahlen
müssen«
    Im Wagen blieb es zwischen den drei anderen Personen eine gute Weile still
bis Salander melancholisch zu sprechen anhub
    »Das wäre jetzt das Lautenspiel gewesen Armes Kind Und ich hatte mir
gedacht als der schöne Eidam vom Bäumeschlagen und Verkaufen des Gütchens
faselte ich könnte den reizenden Sitz ihm wohl abnehmen und zum stillen Asyl
für unsere alten Tage bestimmen Jetzt möchte ich es nicht geschenkt haben denn
es wäre ja unmöglich für uns dort zu wohnen«
    »Setti schläft jetzt« sagte Frau Marie leise »wir wollen sie ruhen
lassen«
    In der Tat war die Tochter neben der Mutter eingeschlafen da sie vermutlich
die letztvergangenen fünf oder sechs Nächte die Augen wenig zugetan hatte Vater
und Mutter schwiegen daher und lehnten in dem geschlossenen Wagen zurück um
sich nach all den trüben Geschichten innerlich zu beschauen und darüber
ebenfalls ein bisschen einzuschlummern
    Es war ziemlich dunkel als der Wagen über das Strassenpflaster der Stadt
Münsterburg rollte und die Eltern darüber munter wurden Setti erwachte erst
als das Gefährt plötzlich vor dem Hause hielt Sie war indes so schlaftrunken
und müde dass der Vater sie leiten musste und erst als die treue Magdalene
herbeieilte und ihnen die Treppe hinauf voranleuchtete lebte sie auf und rief
lächelnd
    »Da bin ich ja Guten Abend Magdalene denk wie froh ich bin Und du bist
immer wohlauf wie ich sehe«
    »Gottlob man tut es immer noch aushalten liebes Settli Wenn nur bald alle
Kinder wieder beisammen sind so wollen wir auch noch frohmütig werden und
Kastanien braten wie ehmals«
    Sie sagte es jedoch etwas gedrückt wie wenn sie kein sehr gutes Gewissen
hätte und öffnete der Herrschaft die Türe des Wohnzimmers sich sofort
zurückziehend
    Am Tische saß den Kopf auf die Hände gestützt Schwester Netti von
Lindenberg Auch sie schien zu schlafen und hatte guten Grund dazu da sie
ebenfalls die letzten Nächte mit wachen Augen zugebracht und gegen Abend zu Fuß
im Vaterhause angelangt und natürlich todmüde war denn ihr Mann Julian hatte
sich seit vier Tagen nicht mehr sehen lassen und sie sich geschämt davon zu
reden der Schreiber der sie nicht darum befragte ging ab und zu wie er
wollte und die Dienstmagd machte ein unvertrautes Gesicht Heut aber las sie in
der Zeitung die Nachricht von Schwager Isidors Unfällen mit dem Zusatze es gehe
bereits das Gerücht von einem zweiten in Untersuchung geratenen Notar Es
handelte sich zwar noch nicht um Julian sondern um einen weiteren
Unglücksbruder der sein Privatglück an den durch seine Hände laufenden
anvertrauten Gütern ein wenig gerieben hatte um sie fruktifizieren zu lassen
wie der Kunstausdruck lautete Allein sie vermochte natürlich nur an ihren Mann
zu denken sowie an das öffentliche Unglück in welches das häusliche sich
verwandelte und die ganze Familie verwickelt wurde Sie war in der Angst keines
anderen Beschlusses fähig als sofort nach Münsterburg zu eilen ein Bahnzug
stand während mehrerer Stunden nicht in Aussicht auch fürchtete sie schon die
Leute die mitreisten und die Angestellten sowie die auf den Stationsplätzen
Herumstehenden So machte sie sich kurzentschlossen auf und legte den
dreistündigen Weg zu Fuß zurück Wie sich später ergab waren Ahnung und Furcht
wohlbegründet Julian saß zwar nicht im Gefängnis wie Isidor aber er war bei
der ersten Kunde von den Vorgängen im Lautenspiel außer Landes geflohen und die
in Isidors Amtskreis erwachte Erregung der vom Schaden Ergriffenen oder
Bedrohten fand schon einen starken Widerhall im Lindenberger Gebiet
    So kam es dass die Salanderschen Eltern beide Töchter am gleichen Abend
wieder unter ihrem Dache bargen Bei ihrem Eintreten erwachte Netti aus dem
Halbschlafe und hinkte ihnen traurig entgegen denn sie hatte die Füße
wundgelaufen Vater und Mutter umarmten und küssten sie doch die Töchter da sie
sich nun gegenüberstanden gaben sich nur mit niedergeschlagenen Augen die
Hände die sie indes nicht fahren ließ Die Schicksalslast die sie sich
auferlegt als sich die Zwillingsjünglinge einst an den Ohrläppchen zupften
hatte sich auf einmal verdoppelt und sie schämten sich aufs neue voreinander
    Die von Lindenberg musste nun dartun warum sie gekommen sei und sie
erzählte es
    »Der hat sich aus dem Staube gemacht« sagte der Vater »hier in der Stadt
ist er schwerlich Aber gründliche Arbeit haben sie besorgt diese jungen
Scheusale von Flachköpfen«
    Die Mutter ermahnte die Beratung für heute abzubrechen und die Ruhe zu
suchen wer könne wissen was die kommenden Tage wieder bringen
    »Fürs erste« sagte Salander »muss Netti morgen bei guter Zeit nochmals nach
dem Lindenberg zurück und das Haus samt der Kanzlei in amtliche Obhut geben ich
will mitgehen und dafür sorgen dass es ordentlich geschieht denn so kann man
die Sache nicht im Stiche lassen«
    In der Frühe fuhr er mit Netti hinüber und wunderte sich auf der Höhe
angelangt und rings umschauend aufs neue mit tüchtigem Ärger wie man in diesem
friedlichen Himmelsglanze so vom Teufel besessen werden und sich Welt und Leben
schmählich zerstören könne
    Drinnen im Hause jedoch gab es abermals Neuigkeiten und es war gut dass
Netti und zwar vom Vater begleitet erschien In der Kanzlei hauste schon ein
Trupp Untersuchender Gemeindammann Stattalter einer vom Gericht und ein
zugezogener Notar und bereits war festgestellt worden dass auch die Frau des
verschwundenen Landschreibers das Haus unbekannt wohin und heimlich verlassen
habe Sie kam daher gerade recht ein ordentliches Verhör zu bestehen worauf
man sie aufforderte ihr im Hause befindliches Eigentum zu bezeichnen und ihr
erlaubte das Unentbehrliche mitzunehmen und in Ehren abzuziehen Das tat sie
auch nachdem sie unter Beihilfe des Vaters die Magd ausbezahlt und
fortgeschickt auch der Behörde überlassen hatte über das Verbleiben des
Schreiberleins zu verfügen
    Martin Salander brachte desselben Tages auch diese Tochter mit ihren paar
Kisten und Schachteln in Sicherheit Die Voraussage hingegen der beiden
Schwestern dass die guten Jünglinge bald genug zu ganzen Männern auswachsen
würden die von sich reden machen war seltsam erfüllt
 
                                      XVII
Jeden Tag enthielten die Zeitungen nun Nachrichten über den Fortgang der
Untersuchungen deren Ergebnisse sich nicht so glichen wie einst die Brüder
Weidelich Dadurch gewann jeder dem andern gegenüber eine gewisse Originalität
was man nie für möglich gehalten hätte
    Isidors Wirkungskreis umfasste eine Anzahl bäuerlicher Gemeinden die um
diese Zeit just in der Verbesserung ihrer Kreditverhältnisse begriffen waren
Sie bildeten Genossenschaften für gegenseitiges Gewährleisten der
hypotekarischen Sicherheit und dergleichen kündeten dann insgesamt die
beschwerlichsten wie die schlechteren Pfandbriefe und boten den Gläubigern neue
Titel zu billigerem Zinsfusse an Da gleichzeitig viele Kapitalisten ihr in
Aktienunternehmungen angelegtes Geld nicht mehr sicher sahen griffen sie gern
wieder nach dem Grundbesitz Der Notar aber war der Mittelsmann und Führer der
ganzen Bewegung Er schrieb ein Anleihen nach dem anderen aus nahm die
Einzahlungen in Empfang löste die gekündeten Briefe ab indem er die alten
Gläubiger auszahlte und den neuen die neuen Pfandbriefe ausstellte und
protokollierte was das Zeug hielt weil das alles sich in die Millionen belief
so verfuhr er vielleicht bescheiden wenn er von den vielen Geldern die ihm
zwischen die Hände gerieten nur einige Hunderttausend veraberwandelte um damit
sein Glück im Börsenspiel zu versuchen Da er wie recht und billig als hohler
Kopf der ohne alles Urteil dareinfuhr nur verlor so sah er sich bald
genötigt einen veruntreuten Posten durch einen anderen zu ersetzen und darin
immer eifriger fortzufahren indem er rüstig die Schuldbriefe ausstellte und
zuerst mit einiger Auswahl dann ohne Wahl das dafür erhaltene Kapital
zurückbehielt Es handelte sich ohnehin um eine weitläufige und langwierige
Besorgung und so vermochte er längere Zeit die Leute mit allerlei trockenen
Redensarten hinzuhalten auch im dringenden Fall durch einen neuen Eingriff
vorzubeugen immer in der Hoffnung das Glück werde endlich großartig einschlagen
und alles in Ordnung bringen Er war sogar so kühn viele gelöschte alte Titel
statt sie den Schuldnern zu übergeben ohne Vermerk bei auswärtigen
Bankgeschäften zu versetzen während sie doch in den Protokollen abgeschrieben
waren Auf diese Art gewann er mehr als einmal den doppelten Betrag am nämlichen
Briefe
    Hiebei führte er lang eine ziemlich sorgfältige geheime Buchhaltung bis ihm
dieselbe gleich dem ganzen Schwindel selbst über den Kopf wuchs und er die
Übersicht verlor
    Julians Verfahren war nicht so mühselig und kühn Er begnügte sich von
jedem Kaufschuldbrief den er zu fertigen hatte ein Duplikat und ein Triplikat
herzustellen letztere Stücke eigenhändig in stiller Nacht und diese Kunstwerke
in einer besonderen Schatztruhe aufzubewahren Sobald er nun ungerechtes Geld
bedurfte suchte er ein oder mehrere Stücke hervor und schaute zunächst nur
darauf ob die Originale nach dem Inhaber zu urteilen in festen Händen ruhten
Ergab sich aber ein Mangel an Vorrat solcher Stücke so verfertigte und malte er
in aller Form gänzlich erfundene Pfandbriefe die in keinem Protokolle standen
und er sorgte nur dafür dass es Personen betraf die in guter Sicherheit
dahinlebten und sich nicht auf dem Geldmarkte umtrieben Er belastete die Höfe
wohlhabender Bauern mit Schulden zugunsten weit davon entfernter Rentner die
sich von der unsichtbaren Bereicherung nichts träumen ließ Da namentlich
diese ganz in der Luft hängenden Hypotheken sehr solid aussahen und von
Bankbeamten beim Anblick der darauf figurierenden Namen als gut geschätzt und
belehnt wurden so beschränkte Julian sich zuletzt ausschließlich auf den
bequemeren Zweig und behing ihn mit zahlreichen Früchten je nach Bedürfnis
pflückte er dieselben um am letzten Tage des Monats die ansehnlichen
Börsenverluste zu decken
    Auch er führte Buch über das Nebengeschäft schon um das Verzinsen auf den
Banken nicht zu versäumen was nicht ratsam war dann aber auch behufs einer
wohlgeordneten Reihenfolge in der Rückzahlung der geborgten Gelder Es war eben
der beiden Brüdern gebliebene Anteil am menschlichen Idealismus das Unrecht nur
mit dem Vorbehalte zu üben es mit Fortunas Hilfe rechtzeitig gutzumachen und
nicht etwa zugrunde zu gehen Das hielt ihren leichten Mut auch nach dem Falle
aufrecht und gab ihnen das Bewusstsein nicht zum Trosse verächtlicher Sünder zu
gehören
    Ungefähr eine Woche nach der Flucht erhielt Frau Netti einen Brief von
Julian welchen er auf dem Wege nach einem portugiesischen Seehafen irgendwo
aufgegeben die Adresse mit verstellter Hand geschrieben
    »Meine heissgeliebte verehrteste Gattin« lautete der Brief »Ein bitteres
Schicksal hat mich von Deiner Seite gerissen Du wirst das Nähere bereits
vernommen haben und mich gezwungen jenes kleine Lumpenländchen zu verlassen
wo ich geboren und in jugendlicher Unerfahrenheit der allgemeinen Verderbnis
anheimgefallen bin Ein Flüchtiger und Geächteter eile ich jetzt besseren Zonen
entgegen wo der freie Mannesgeist Raum zur vollen Entfaltung findet und wo ich
hoffe in kurzer Frist den von einer philisterhaften und gelddurstigen
Krämerwelt mir aufoktroyierten Fehltritt gutzumachen Ich kann Dir eidlich
beteuern meine teuerste Gemahlin dass dieser Fehltritt aus einem langen
Martyrium bestand ein Kampf ums Dasein war dem ich einstweilen unterlegen bin
ich sage feierlich einstweilen Und jetzt liebstes Weib wie ich dereinst
ewige Treue gelobt habe auch für den Fall dass Deine Eltern Dich enterben
sollten jetzt baue ich auch auf Deine Treue und hoffe Du werdest sie mir
bewahren nachdem ich ein Enterbter unseres Vaterlandes geworden bin Über die
Länder durch welche ich bisher mit Sturmeseile gereist bin kann ich Dir nichts
Interessantes mitteilen da ich begreiflicherweise keine großen Beobachtungen
anstellen konnte Aber von drüben überem Meere hoffe ich Dir die Neue Welt
einlässlich zu schildern die sich mir auftun wird sobald ich festen und sichern
Fuß gefasst habe Bis dahin kann ich Dir auch keine Adresse angeben Grüße Deine
verehrten Herren Eltern recht herzlichst von mir und sei so gut es auch bei den
meinigen zu tun und sie um Verzeihung für mich zu bitten Es ist mir jetzt
unmöglich ihnen zu schreiben Auch meine teure Schwägerin Setti grüße ich
tausendmal Ich bedaure nur meinen armen Bruder den sie erwischt haben Ich
glaube ich habe das schlimme Beispiel geahnt das er mir unbewusst gegeben hat
Item die Sonne wird auch für uns wieder aufgehen Und nun lebe wohl Geliebte
Und auf ein glückliches Wiedersehen wenn ich Dir eine Stätte bereitet habe
Dein getreuer Gatte J W«
    Netti gab beim Abendtee als alle beisammen waren den Ihrigen den Brief zu
lesen Er wirkte fast erheiternd besonders da sie die verlassene Frau so ruhig
sahen Dies war sie weil sie jetzt die Rechnung endgültig abgeschlossen hatte
ohne Hoffnung auf eine mögliche Änderung des Mannes Frau Marie fühlte sich fast
zufrieden Setti hingegen war immer niedergedrückt weil ihr Umstand in nächster
Nähe geborgen saß wenn auch unfreiwillig
    Da kam spät noch Herr Möni Wighart auf eine Tasse Tee mit dem guten Rum
welchen Salander zu beziehen wusste Dieser ging in letzter Zeit nicht unter die
Leute und sah es gern dass der teilnehmende und doch stets anspruchslose Kumpan
zuweilen ein Stündchen vorsprach
    Frau Marie hatte ihm die Untat längst verziehen die er einst an ihr
begangen als er bei der ersten Rückkehr aus Brasilien ihren sehnlich erwarteten
Martin sozusagen vor der Haustür in ein Wirtshaus verlockte
    Sie holte ihm sogleich einen Aschenbecher herbei
    Herr Wighart rief heuchlerisch »Hoho Man sollte mich für einen
Schnapsbruder halten nun s mag für einmal hingehen« als ihm Martin Salander
ans dem Rumfläschchen die Tasse bis zum Rande vollgoss
    »Warum ich so spät noch komme ist etwas Lustiges das ich erzählen muss Es
wird Euch ein klein wenig Spaß machen Der verflossene Meister Notar Julian
Verzeihung Frau Netti kommt noch täglich als ein trefflicher Humorist zum
Vorschein«
    »Ein Humorist« seufzte Netti »Ach du lieber Gott«
    »Hört nur Ich komme aus den Vier Winden wo einige Herren sitzen die den
ganzen Tag mit den Angelegenheiten des Bewussten zu tun hatten Noch kurz vor der
Abreise hinterlegte er bei der allgemeinen Not und Hilfsbank einen schönen
neuen vorstandsfreien Pfandbrief von zehntausend Franken und erhielt darauf
sechstausend Als Schuldner erscheint in dem Instrument ein reicher filziger
alter Bauer hinter Lindenberg genannt Ägidi als Pfand dessen Hof und Land und
als Gläubiger der Bruder des Schuldners ein anderer alter Filz der sogenannte
Schleifer in Nasenbach und bekannter Wucherer Diese beiden Brüder führen seit
Jahrzehnten eine Erbstreitigkeit um die andere und wenn sie fertig sind fangen
sie von vorn an Sie leben wie Hund und Katz gegeneinander und betrachten sich
gegenseitig als den Fluch ihres Daseins ohne alle Not da jeder für sich genug
hätte Gut die alten Männer waren heute nebst manchen anderen einberufen Man
zeigte ihnen als die Reihe an sie kam die schöne Hypothek und fragte ob sie
in Ordnung sei Zuerst nahm sie der angebliche Schuldner in die Hand weil er
eher mit dem Aufsetzen der Brille fertig war im übrigen sind beide übelhörig
und verstanden zunächst kein gesprochenes Wort Kaum hatte der Hofbesitzer
herausstudiert dass er dem feindlichen Bruder zehntausend Franken schuldig sein
sollte geriet er in eine fürchterliche Aufregung und zerriss den Brief von oben
bis unten so von Zorn zitternd dass die zwei Stücke zwei Sägen ähnlich wurden
    Der Schleifer aber der nichts anders glaubte als dass der Bruder eine ihm
nützliche und zustehende Urkunde vernichte fiel über ihn her und
augenblicklich verkrallten sich ihre Hände in den beidseitigen Halsbinden und
die Greise hämmerten sich mit den kurzen kraftlosen Faustschlägen auf die
Köpfe Mit Mühe brachte man sie auseinander und schrie ihnen als sie atemlos
dastanden den Sachverhalt in die Ohren Allein sobald sie vernahmen dass
irgend jemand auf das Schriftstück das notdürftig zusammengefügt auf dem Tische
lag sechstausend Franken ausbezahlt erhalten habe gerieten sie ohne sich um
etwas anderes zu kümmern wieder aneinander zerklaubten sich aber diesmal in
kürzester Frist Kinn und Backen und zerrissen sich die Naslöcher Abermals
wurden sie unter großem Gelächter das endlich den amtlichen Ernst überwand
gebändigt Den eingebildeten Gläubiger packten zwei Männer an den Schultern
drückten ihm das Gesicht gegen den Brief und fragten ihn bei Ja und Nein ob er
diese zehntausend Franken dem Notar von Lindenberg für den Ägidibauer der hier
neben ihm stehe selbst oder durch einen anderen übergeben und diesen nämlichen
Brief dagegen empfangen und jemals besessen habe
    Nach ängstlichem Besinnen währenddessen ihm das Blut auf die unglückliche
Hypothek tropfte krächzte er schließlich Nein davon weiß ich nichts Man soll
mich gehen lassen
    Aber ich will wissen wer die Sechstausend auf meinem Hof gekriegt hat
schrie der andere dem der Zusammenhang noch immer nicht klar schien Sie wurden
jedoch ohne weiteren Bescheid vor die Tür geführt wo die übrigen Zeugen
harrten Man gab ihnen ihre Hüte und Stecken und schickte sie fort Kaum auf die
Gasse gelangt benutzte ihre verfluchte Leidenschaft die langentbehrte
Gelegenheit und hetzte die betörten Filze aufs neue aneinander Ohne zu wissen
wohin und ohne sich lassen zu können so fesselte sie der Hass liefen sie auf
beiden Seiten der Straße fort unter greulichem Schimpfen und Drohen es war bei
Gott ein widerwärtiges Beispiel wohin der elende Geiz und Neid sogar ein paar
betagter Brüder treiben kann Ich kam gerade dazu und lief mit dem Publikum den
Rasenden nach bis sie unversehens aneinander gerieten und mit den langen
Weissdornstöcken dareinhieben ohne sich zu treffen Es kam dann ein
Stadtpolizist und führte die armen Teufel auf die Wache Nachher ging ich auf
Vier Winden wo ich das andere vernahm wie ich es erzählt
    Ist das nicht ein verzwickter Streich von dem Notarius ein köstlicher
Einfall sogar den geldstollen Brüdergreisen aus einem Pfandbriefe die Haare zu
verstricken als Gläubiger und Schuldner Viel Haare waren es freilich nicht
mehr und die spärlichen Streifen die noch herumhingen haben sie sich vollends
ausgerauft«
    »Das ist kein lustiger Einfall gewesen« sagte Netti »ich erinnere mich
jetzt dass er schon früher einmal klagte wie er bei den reichen Geizhälsen Geld
für Klienten gesucht habe und von beiden grob abgewiesen worden sei Nun hat er
sie eben doch noch benutzt ohne sie zu fragen«
    »Er hat sie vermutlich schon damals anschmieren wollen Jetzt muss natürlich
die Not und Hilfsbank den Schaden tragen« versetzte Salander »Indessen ist es
in der Tat ein traurig lächerliches Phänomen«
    »Jawohl« entgegnete Frau Marie »wie man in der Nacht beim Anblick einer
Feuersbrunst sagt es sei furchtbar schön Behüt uns der Himmel«
    Wie sie noch so sprachen halb zehn Uhr war schon vorbei schellte jemand
stark an der Hausglocke Nach einem Weilchen kam Magdalene mit einem Briefe den
ein Gefängnisbote gebracht Der Aufseher habe ihm denselben schon am Nachmittag
übergeben allein er sei wegen vieler Arbeit erst jetzt nach Hause entlassen
worden und bringe den Brief doch noch auf Bitten des inhaftierten Weidelich
    Das Schreiben war wirklich von Isidors Hand und an seine Frau Setti
gerichtet die zusammenfuhr
    »Ist der Mann fort« fragte Salander und als die Magd es bejahte meinte
er da man Julians Brief einmal habe so möge man den Isidorischen auch annehmen
und Setti ihn für sich lesen ehe sie ihn zum besten gebe Man müsse die Dinge
jetzt anfangen von der Seite der Merkwürdigkeit aus zu betrachten sonst komme
man schwer darüber hinweg
    »Ich habe genug an dem Briefmuster das Nettli erhalten hat« sagte Setti
»und zweifle nicht dass meine Epistel von gleichem Werte ist Ich begehre sie
nicht zu lesen und schenke sie euch Lest ich geh ins Bett«
    Damit erhob sie sich und wollte gehen Der Vater hielt sie jedoch zurück
    »Halt« sagte er »du musst ihn auch hören und Herr Wighart soll ihn auch
hören so wird es etwas das gewissermaßen alle angeht rein sachlich oder
gegenständlich neutral Die Mutter mag vorlesen so kann sie sofort aufhören
sowie nach ihrem Gefühl etwas Peinliches zum Vorschein kommen sollte«
    »O du Erzdüftler« sprach Marie Salander lächelnd »gib her den Brief«
Während ihr Mann schon seit einigen Jahren einer Brille bedurfte wenn er lesen
wollte las sie das Geschreibsel mit bloßen Augen ohne nur die Lampe näher zu
verlangen
    »Herzlich geliebtes Wesen Teuerste Gattin Endlich finde ich einen
Augenblick der Fassung um Dir aus dem Kerker ein Lebenszeichen übersenden zu
können Ich will mich über das bis dato Erduldete und wie es gekommen ist jetzt
nicht weiter verbreiten So Gott will wird der Tag unserer Wiedervereinigung
nicht ausbleiben wo wir das Unglück mit frohem Rückblicke in traulichem
Geplauder genugsam betrachten können Möge es so sein Für jetzt möchte ich Dich
nur mit einigen kleinen Wünschen behelligen deren Erfüllung in diesem
provisorischen Zustande mir zustatten käme Da die Wut der Verhöre etwas
nachzulassen scheint bleibt mir so viel freie Zeit dass die Untätigkeit mir
peinlich wird Da bin ich auf den Gedanken gekommen sowohl um mir selbst
Rechenschaft zu geben als vielleicht auch der Gesamtheit nützlich zu sein eine
sozialpädagogische Studie zu schreiben über Pflichtverletzungen und ihre Quellen
im Staats und Volksleben und die Verstopfung der letzteren vom Standpunkt
eines Selbstprüfers Leider fehlt es mir an gutem Schreibmaterial an das ich
gewöhnt bin das was ich hier bekomme ist miserabel Schicke mir daher ein
Buch weißes starkes aber gut satiniertes Papier Imperial ferner eine
Schachtel von meinen Stahlfedern die Du ja kennst ein Fläschchen blaue Tinte
ein dito rote und zwei Federhalter Alles dies bekommst Du in der Handlung von
IG Schwarz  Ko am besten Bezüglich der Kost befinde ich mich
einstweilen nicht so übel da meine Eltern die Verpflegung garantiert haben
denn Du weißt dass ich ohne einen Rappen Geld fortgeschleppt worden bin Doch
wäre eine kleine Aufbesserung sehr erwünscht woher untenstehende Notierung
Endlich fehlt es mir an geeigneter Lektüre Es sind wohl Bücher zu haben die
aber mehr für Kinder oder Versorgte in Korrektionsanstalten passen Eine gute
geographische und historische Beschreibung der nord und südamerikanischen
Staaten wäre mir willkommen nebst einigen Bänden Gerstäcker oder so was Auch
fehlt mir der Schlafrock den ich vergessen habe Du könntest ihn vielleicht
durch den Gemeindammann aus unserem Tuskulum herauspraktizieren lassen Er hängt
gewiss noch hinter der Tür wie immer Tue mir also die Liebe und berücksichtige
folgendes Verzeichnis meiner dermaligen Wünsche
   1 Obiges Schreibmaterial
   2 Der Schlafrock
   3 Eidamerkäs 1 Laib mittlerer Größe
   4 Salamiwurst große 12 kleine 11
   5 Ein Topf eingemachte Zwetschgen
   6 Eine Flasche Kognak
   7 Bücher in obigem Sinn
   8 Ein paar Dutzend Zigarren zur Probe mittelstarke
   9 Meine Haarbürsten die ich vergessen Vielleicht mit dem Schlafrock zu
  bekommen
   10 Ein oder zwei Schlipse
  Unwandelbar Dein getreuer Isidor
    PS Meine Demission beim großen Rate habe ich schicklicherweise schon jetzt
geglaubt erklären zu müssen Dennoch fühle ich das Bedürfnis auf dem laufenden
zu bleiben so gut möglich Vielleicht wäre der Herr Vater so gütig mir
zeitweilig die wichtigsten Traktanda und Sitzungsberichte zukommen zu lassen«
    »Danke fürs Zutrauen« murrte Martin Salander »Bist du zu Ende Marie«
    »Ja gottlob« antwortete sie und legte den Brief hin »Wie gefällt dir die
Epistel Setti Gedenkst du dich auf den Weg zu machen und die verlangten Dinge
einzukaufen«
    Die Gattin des Briefschreibers sagte mit sichtlich bleicher Nasenspitze
    »Ich friere vor Kälte die mich überfallen hat ich will zu Bett gehen Gute
Nacht allerseits«
    »Nun Freund Möni« sagte Martin nachdem die eine Tochter sich entfernt
»ist der nicht auch ein Humorist«
    Wighart hatte schon seine Zigarrenspitze eingepackt
    »Nein da hört der Scherz auf« sagte er verdutzt »der Topf mit den
eingemachten Zwetschgen hat mich darniedergeworfen«
    »Der Eidamerkäse und das Papier für die Studie sind aber auch nicht übel
sowie die Ratstraktanden« seufzte Salander »Keine Spur von Scham oder Reu
lauter Aufgeblasenheit Es kommt mir vor wie wenn wir auf einer hohlen Stelle
der Erdrinde säßen«
    »Nur nicht gleich so verzweifelt« mahnte die Mutter »wenn die Köpfe hohl
sind so kann die Erde doch noch ein Weilchen vorhalten Morgen will ich doch
einmal bei den Eltern im Zeisig nachsehen wie es ihnen geht Vielleicht ist es
eher angebracht dort ein gutes Wort oder einen kleinen Trost einzulegen«
    »Das ist wohlgesprochen Verehrteste« sagte Möni Wighart »Ich bin gestern
wieder einmal beim Friedensrichter im Roten Mann gewesen er hat einen
herrlichen Neuen der Mann ist freilich auch weiß am Kopfe aber noch immer
munter Dort vernahm ich dass die Frau Weidelich als die Flucht des anderen
Sohnes bekannt war bettlägerig geworden sei und der alte Weidelich herumgehe
wie ein Schatten an der Wand Aber stets sei er bei der Arbeit stehe noch eine
Stunde früher auf und gehe später zu Bett immer schweigend mit allem möglichen
beschäftigt als ob er das Unglück damit bannen oder ungeschehen machen wollte
Und dabei sorge er noch für die Frau und ihre Pflege Jetzt will ich euch aber
nicht länger zur Last sein ihr Herrschaften und haltet euch nur frisch oben
Recht geruhsame Nacht Wie heißt es doch in dem Brief fällt mir noch ein Lasst
sehen«
    Er nahm den noch offen liegenden Brief und las
    »Richtig da stehts Salamiwurst große ein Zweitel kleine ein Eintel Es
klingt doch drollig Recht gute Nacht nochmals«
 
                                     XVIII
Marie Salander stieg am nächsten Nachmittage wirklich in den Zeisig hinauf die
alten Wege die sie einst gegangen als der kleine Arnold ihrer harrte Sie traf
den alten Weidelich in seinen Gemüsegärten wo er die Herbstgeschäfte besorgte
mit der Schaufel in der Hand das Ausgenutzte und Abgewelkte wegräumte und zwei
oder drei Arbeitern Anweisungen erteilte Er schien um zehn Jahre älter geworden
zu sein seit der kurzen Zeit
    Als Frau Salander sich zwischen den Beeten langsam näherte stieß er die
Schaufel in die Erde und ging seinen alten Hut lüftend ihr entgegen
    »Lassen Sie sich nicht stören Ich wollte nur sehen wie es Ihnen geht und
was die Frau macht Wir haben gehört sie sei krank«
    »Es ist eine freundliche Nachfrage« sagte Jakob Weidelich »Leider liegt
die Frau im Bett und ist schlecht dran Sie hat einen Schlaganfall bekommen als
es hieß der Julian habe sich geflüchtet er sei auch so weit wie der andere
Wollen Sie nicht einen Augenblick hineingehen  ich darf fast nicht sagen Frau
Schwäher«
    »Kann sie aber doch sprechen«
    »Nur langsam sie ist halb gelähmt ich weiß nicht wie es noch werden
soll«
    »Die arme Frau Ich will sie doch begrüßen wenn es angeht«
    Der bekümmerte Mann führte sie in das Haus und in die Wohnstube wo die
Mutter der verunglückten Söhne im Bette lag
    »Amalie das ist Frau Salander sie ist so gut und will dich besuchen« Die
Kranke ruhte tief in den blau und weissgewürftelten Bettstücken Jakob rückte
die Kissen unter dem Kopfe zurecht dass sie freier um sich blicken konnte und
Marie setzte sich auf den Stuhl der neben dem Bette bereitstand Sie ergriff
die eine Hand welche der Bewegung fähig war und den Druck schwach erwiderte
und fragte mit einigen tröstenden Worten nach dem Befinden der Schwergeprüften
Diese drehte die Augen nach ihr und sah sie groß an
    Sie sagte nichts als »Beide hin« Das war ihr geläufig
    Dann schwieg sie schwer atmend bis sie einige weitere Worte gesammelt »Ich
kann Gedanken nicht beieinanderhalten weil die Buben weit auseinander Hier
einer weiß nicht wo und einer auf dem Meer ach ich sehe keinen mehr nie«
    »Das wollen wir nicht sagen es geht alles vorüber und wird wieder gut«
versuchte Frau Salander gegen ihre Überzeugung zu trösten sie konnte nicht
anders weil sie das Leiden der hilflosen Mutter tief empfand und begriff
vielmehr tat es ihr weh dass ihrem guten Willen nicht bessere Worte zu Gebote
standen
    Die Kranke bewegte aber so gut sie es vermochte verneinend den Kopf
    »Nein ich hab gehört glaub ich dass sie Tausendskerle sind und nicht
wiederkommen wollen vielleicht nicht ehrsam so spitz so spitzbübelig die
Blondköpfe Ach Herr Jesus sie waren so lieb  nein jetzt noch «
    Der Kopf sank zur Seite und sie schloss die Augen
    »Sie ist jetzt nur erschöpft und sucht Schlaf« sagte Jakob Weidelich als
er sah dass Frau Salander erschrak Diese stand geräuschlos auf und ging mit ihm
hinaus In der größeren Stube bot ihr der selbst müde Mann von neuem einen
Stuhl sie merkte dass er noch einiges zu sprechen wünschte und nahm bei ihm
der sich auf die alte Bank setzte Platz
    Auf ihre Frage ob er von dem Unglück schon stark in Mitleidenschaft gezogen
sei abgesehen von den Leiden der Frau erwiderte er alles was er erworben
habe sei zu größten Teile nahezu ganz verloren Als Amtsbürge habe er für
beide Söhne die Kautionssummen schon sicherstellen müssen Sobald der Prozess
oder die Prozesse auf einem gewissen Punkte seien werden die Forderungen
eingezogen Er habe zwar noch Mitbürgen die aber erst zahlen müssten was er
nicht mehr zu leisten imstande wäre Zudem seien es Verwandte deren Vorwürfe
und Missachtung er nicht ertragen würde
    »Ich werde nicht vom Hof getrieben aber er wird mit Schulden belastet für
deren Verzinsung ich die paar Jahre arbeiten muss die mir noch bleiben wenn ich
überhaupt diese Zeit überstehe Die Frau werde ich wohl verlieren und damit
geht auch ein schöner Verdienst verloren Das schwerste indessen ist dass ich
nicht weiß wie man den Buben einst wieder aufhelfen soll wenn sie ihre Strafen
verbüsst haben Ob ich noch lebe oder nicht mehr lebe so wird nichts mehr
dasein und es sind noch immer die leiblichen Kinder«
    »Das müssen Sie nicht so schwernehmen« sagte Marie Salander »sie werden
immer noch jung genug zur ehrlichen Arbeit sein und wenn das Leben sie hart
ankommt so schadet es ihnen nichts Jeder von ihnen hat an seine Frau
geschrieben die Briefe sind zufällig am gleichen Tage angekommen Ich möchte
sie Ihnen nicht zeigen guter Herr Weidelich denn aus beiden Briefen ist nichts
zu ersehen als dass ihnen jedes Gefühl und Verständnis ihrer wahren Lage abgeht
Ich würde es dem Vater nicht sagen wenn ich nicht dächte es hilfe Ihnen ein
wenig die Dinge von der rechten Seite anzusehen«
    Das Gesicht des armen Mannes ward womöglich noch schmäler und er
entgegnete mit zuckenden Wimpern zur Seite blickend
    »Es wird so sein ich fange es an zu begreifen«
    Er verharrte kummervoll in sich versunken wie ein Mensch der von einem ihm
notwendigen Worte oder Begriffe Abschied zu nehmen versucht
    »Wir haben im Beginn dieser Geschichte meine Frau und ich« sagte er dann
»beratschlagt und gegrübelt woher die Buben die Unzucht geerbt haben Wir sind
freilich aus dem Volk und können beide nicht über die Grosseltern und ihre Zeit
hinauf denken was weiter zurück ist davon wissen wir so wenig wie von den
Heiden von denen wir alle abstammen Aber wenn doch bei meines Urgrossvaters
Zeiten zum Beispiel etwas vorgekommen oder einer bestraft worden wäre so hätte
mein Vater es gewusst und davon gesprochen denn er sprach oft von seinen
Grosseltern Und so ist es bei der Frau Einzig von eines Großvaters Bruder hatte
sie die dunkle Erinnerung dass er ein Fässlein Apfelmost gestohlen haben sollte
und zwar aus Barmherzigkeit weil ein liederlicher Fuhrmann es an der heißen
Sonne liegen ließ und im Wirtaus drinnen im Schatten saß Dafür sei er in den
Turm gesetzt worden nämlich der Grossonkel«
    »Das ist ja für nichts zu rechnen« sagte Frau Marie lächelnd obgleich der
Mann durchaus keinen Scherz hatte erzählen wollen Sie erhob sich um zu gehen
Vater Jakob zögerte ein wenig und brachte dann schüchtern vor er hätte noch
etwas auf dem Herzen das ihn drücke Auf ihre Bitte es nur zu sagen fuhr er
fort
    »Ich glaube nämlich es werde nun mit dem ehelichen Verhältnis unserer
Kinder zu Ende gehen Meine Frau wollte nichts davon wissen als sie noch reden
konnte und mochte vor der Flucht des zweiten Allein ich kann und muss es nur
billigen wenn die jungen Frauen auf Scheidung klagen Ich wüsste nicht wie es
anders gehen sollte besonders nach dem was ich von den Briefen höre welche
die Söhne geschrieben Es würde mich in meiner Not doppelt bedrücken wenn ich
ansehen müsste wie mein Blut fernerhin einer braven Familie mit Unehren zur Last
fallen wollte Nein glauben Sie nicht Frau Salander dass ich den Schritt
übelnehmen und nicht völlig gerechtfertigt finden werde Das habe ich noch sagen
müssen und ich bitte auch mir und meiner Frau alles Widerwärtige was man an
uns erlebt und noch zu erfahren hat nicht nachzutragen«
    Marie Salander gab ihm die Hand
    »Allerdings ist es so« sagte sie »wie Sie voraussetzen Unsere Töchter
müssen sich von den unglücklichen Männern trennen sie haben viel mehr als Sie
wissen zu erdulden gehabt und dazu geschwiegen Auch das was nun kommt für
das Leben noch auf sich zu nehmen sind sie nicht gesonnen und wir würden es
auch nicht zugeben Ich danke Ihnen aber für Ihre ehrenhafte Gesinnung im Namen
der Meinigen und versichere Sie dass wir wohlbewusst wie sehr auch unsere
Töchter gefehlt haben Ihnen und Ihrer wackeren Frau ein gutes Andenken bewahren
und auch gewiss und freundschaftlich gefällig erweisen werden wenn sich die
Gelegenheit biete Ich habe heut einen tiefen Blick tun können an dem Bette da
drüben und in dieser Stube hier Leben Sie wohl und möge Ihnen Gott helfen«
    Nochmals gab sie ihm mit nassen Augen die Hand welche Jakob zitternd
drückte Er vermochte aber nichts zu erwidern da seine ungewohnte Beredsamkeit
plötzlich wieder versiegte
    Nachdenklich ging Frau Salander von der Anhöhe weg sie bedachte wie
verschieden bei aller Traurigkeit doch das Los zwischen den zwei Familien
geteilt sei während die Töchter an der leichtsinnigen Heirat in Hinsicht auf
ihre damals reiferen Jahre die größere Verschuldung trugen Und wer könne
wissen ob nicht der Antrieb selber reich zu werden gerade durch die
sogenannte reiche Heirat in die törichten Notare gefahren sei Dann fiel ihr das
düstere Nachsuchen der alten Leute und das von einem Vorfahren entwendete
Fässchen Apfelmost bei
    Das fehlte auch noch dachte sie dass das arme Volk nachgrübeln soll woher
es die Übel geerbt habe ob von väterlicher oder mütterlicher Seite die ganz
neu in seinen breiten Ackergrund gesäet worden Davon werde ich meinem Martin
nichts sagen sonst gräbt er ebenfalls nach und fügt seinen erzieherischen
Postulaten noch eines über selektionsteoretischen Volksunterricht in sittlicher
Beziehung bei oder wie er es nennen würde Und der rührende Zug der
hoffnungslosen Eltern würde mit der Zeit weiß der Herr zu welchem
Homunkuluswerk aufgeblasen
    Das war von Marie Salander nicht wissenschaftlich gedacht allein sie
kümmerte sich darum nicht und verschwieg das Mostfässchen
    Zwei Tage nach der Ankunft von Julians Brief brachte ein Zeitungstelegramm
die Kunde von seiner in Lissabon erfolgten Gefangennahme wo er mit Geld
wohlversehen herumspazierte
    Nach weitern acht Tagen wurde er auf die härteste Art eingebracht mit
Daumenschrauben weil er zu entspringen versucht hatte Sein Prozess hielt mit
demjenigen Isidors bald Schritt denn die Betriebsart des letzteren erforderte
ein verwickeltes und langwierigeres Verfahren als die drollig einfache Prellerei
Julians
    Endlich waren die Anklageakten geschrieben und da die Brüder keines der von
ihnen wirklich verschuldeten Vergehen mehr leugneten so hätten beide Fälle vom
ordentlichen Strafsenat beurteilt werden können wenn nicht in jedem ein Rest
vorgekommener Betrügereien übrig geblieben wäre zu deren Einverständnis keiner
der Angeklagten sich herbeiliess und die noch nicht aufgeklärt werden konnten
Erst in letzter Stunde geriet man einem geschäftlichen Handlanger auf die Spur
welchen beide Weidelichs ohne voneinander zu wissen zu manchen
Dienstleistungen gebrauchten ohne wiederum zu glauben dass der Mann von der
verfänglichen Natur der ihm aufgetragenen Verrichtungen eine Ahnung habe
Derselbe durchschaute aber wegen des eigentümlichen Gebarens der Brüder und bei
der großen Frequenz ihrer Aufträge die Sache bald oder war frech genug sie
wenigstens durchschaut haben zu wollen und verübte auf ihre Rechnung aber in
seine Tasche eine Reihe mäßiger Additionen oder Subtraktionen je nach dem
Fall bei Einzahlungen oder Bezügen Dieser untergeordnete Deliktschmarotzer
wurde nachträglich eingezogen verhört und konfrontiert auch so gut als
überwiesen Allein er leugnete alles und jedes aus und ab und so mussten alle
drei Prozesse miteinander vor das Schwurgericht gebracht und im Zusammenhange
verhandelt werden
    Damit war den Unheilsbrüdern und ihren Angehörigen das Äußerste ein
öffentliches Schauspiel nicht erspart geblieben denn es sammelte sich an dem
festgesetzten Tage in aller Frühe ein großes Volk in und vor dem Gerichtshause
und in den umliegenden Wirtschaften Inmitten des unruhigen Gewoges saßen sie
auf der Anklagebank wie auf einer Insel im Meere Diesmal konnten sie nicht wie
im Großen Rate an einen Tisch gehen und Briefe schreiben und statt des
dienstfertigen Grossweibels stand hinter jedem ein Polizeisoldat
    Auf einer anderen Insel saßen die Geschworenen schlichte Männer wie das
Los sie aus allen Ecken des Landes herbeigeweht mit ihrem Obmann zu dem sie in
der Eile denjenigen ernannt dem sie unter sich vermöge seiner sonstigen
Stellung die meiste Gewandtheit zutrauten
    Eine erhöhte Klippe nahm der Gerichtshof ein Die Menge der einberufenen
Zeugen war so zahlreich dass sie nur in kleineren Gruppen hereingeführt und
jedesmal von den Angeklagten mit scheu aufgeschlagenen Augen betrachtet wurden
Alle waren es ihnen wohlbekannte Landleute deren bürgerliches Dasein sie
zugrunde gerichtet hätten wenn nicht der Staat mit seinen Steuerkräften
eintrat Auch ein Trupp von Finanzpersonen zog auf die von dem eine halbe
Million übersteigenden Gesamtschaden einen guten Wisch anzusprechen kamen
    Die Verhandlungen dauerten bis gegen Abend bestanden aber mehr im Verlesen
der weitläufigen Anklageschriften und Feststellen aller einzelnen Punkte als in
langen Reden der öffentlichen Ankläger und der Verteidiger da nichts mehr
bestritten war als die durch den Deliktschmarotzer getrübten Teile Dieser
Nebenhandel erledigte sich aber von selbst und diente als Rechenprobe indem nun
das ganze große Exempel klappte sozusagen bis auf den Franken Isidors
Verteidiger benutzte sogar den Anlass die Brüder Weidelich als eine Art
ordnungsliebender Männer ins Licht zu stellen die nur durch einen
betrügerischen Vertrauensmann an den Rand des Verderbens gebracht worden
Hiergegen bemerkte ein Staatsanwalt ob jener nicht noch eine Bürgerkrone für
die Angeklagten verlange Es sei nur gut dass der Staat nicht ganz allein die
Suppe werde ausessen müssen sonst erlebe man dass die kolossale Anschröpfung
als eine sozialpolitische Tatstudie bezeichnet werde ein allerdings etwas
weitgehender praktischer Umsatzversuch der mit derjenigen Achtung und Milde zu
behandeln sei welche den Opfern sozialer Probleme gebühren
    Diesen ironischen Ausfall griff sofort Julians Verteidiger in vollem Ernste
auf und denselben weiter ausführend geriet er nach Milderungs oder gar
Rechtfertigungsgründen suchend auf die beklagenswerte Mangelhaftigkeit des
öffentlichen Unterrichts der Volkserziehung der alles Unglück beizumessen sei
Im gegenwärtigen Falle seien die hoffnungsvollen jungen Männer wohl zur Schule
sogar in höhere Anstalten geschickt worden Er wolle die Beschaffenheit dieser
Schulen nicht näher untersuchen es genüge der Augenschein dass die Wirkung
ausgeblieben Und da finde er keinen andern Ausweg als den Regress auf die
Eltern welche in ihrer eigenen vom Staate vernachlässigten Erziehung nicht die
Mittel gefunden hätten ihrem guten Willen den rechten Nachdruck zu geben und
die Söhne mit Sachkenntnis und im Bewusstsein ihrer Aufgabe vor Abwegen zu
behüten usw
    Die verlorenen Söhne schauten den Sprechenden aufmerksam an wie wenn ihnen
ein Licht aufginge und zugleich ein Stern der Hoffnung Der Gerichtspräsident
schloss jedoch das Verfahren und hielt die zusammenfassende Anrede an die
Geschworenen ihnen die Fragereihen die sie zu beantworten hatten mit den
leitenden Gesichtspunkten auseinandersetzend Zum Schluße konnte er sich nicht
versagen die Angriffe des verdrehten Advokaten auf das Unterrichtswesen als
Quelle der Verbrechen abzuweisen
    »Meine Herren Geschworenen« sagte er in ernstem Tone »vor nunmehr hundert
Jahren hat in unserm Lande ein braver Mann ein Buch für das arme und unwissende
Volk geschrieben das Sie alle kennen Es heißt Lienhard und Gertrud Von da an
hat er ein langes Leben voll Mühsal Misskennung und unermüdlicher Arbeit
zugebracht und durch seine Arbeit ist das Gebäude unserer Volksschule
vorbereitet und es ist darauf gegründet worden Seit länger als einem halben
Jahrhundert hat unser engeres Gemeinwesen immer in den Fußstapfen des braven
Mannes ehrerbietig wandelnd das Gebäude erneuert und stetig ununterbrochen
umgebaut Viele Millionen haben wir in fünfzig Jahren dafür geopfert seit
Jahrzehnten rühmen wir uns dass die Ausgaben für unser Unterrichtswesen den
obersten Posten in der Staatsrechnung bilden gegenwärtig beträgt dieser Posten
nahezu die Hälfte der besagten jährlichen Rechnung obgleich wir die übrigen
Staatszwecke wie ich glaube nicht ungebührlich vernachlässigen Die Last
welche die Gemeinden sich für die Schule auferlegen ist natürlich nicht
inbegriffen Und zur Erziehung des Volkes werden täglich neue Anforderungen
gestellt und alle werden erwogen und das irgend Mögliche berücksichtigt wenn es
nicht geradezu verkehrt ist Und nun kommt man uns so
    Meine Herren Geschworenen Die braven Eltern der beiden Angeklagten sind
auch noch in ihrer Kindheit Schüler der neuen Zeit gewesen wie wahrscheinlich
die meisten älteren Leute unter uns aber wenn es auch nicht der Fall wäre so
dürften wir sie doch nicht wegen angeblicher Unwissenheit für die Sünden der
Kinder verantwortlich machen so wenig als die damaligen Einrichtungen Denn ich
glaube das Haus des ungelehrten Landmannes kann noch heute wie zu allen
Zeiten eine Schule der Ehrlichkeit und Pflichttreue sein Den Auslassungen der
Verteidiger gegenüber meine Herren spreche ich die Überzeugung aus dass Sie
denselben in Ihrem Erwägen um so weniger Raum geben als sie im rechtlichen
Sinne nicht zur Sache gehörten Ich denke dass Sie das wissen und habe doch
reden müssen von dieser Stelle aus weil es mir wie schon öfter in neuerer
Zeit zumute war wie wenn der Geist eines hysterischen alten Weibsbildes in
unserem Ländchen herumführe wie der Böse im Buch Hiob«
    Dieser Präsident war allerdings ein Altliberaler und der gleiche Herr
welcher bei dem ersten Erscheinen der Zwillinge im Großen Rate den Vorsitz
führte Daher wurde einigen Beifallsrufen die in der tiefen Zuhörermasse
ungehörigerweise laut wurden ein heftiges Zischen entgegengesetzt
    Die Geschworenen zogen sich zurück Obgleich so gut wie einig über den zu
fällenden Wahlspruch bedurften sie doch einiger Zeit zur geordneten Vornahme
des Geschäftes und das Volk hievon verständigt lief zum größten Teil
auseinander
    Auf dem Zeisighofe war es an diesem Tage noch stiller als gewöhnlich Jakob
Weidelich suchte sich in seiner unverdrossenen Arbeit zu verbergen bald im
Stall bald in den Vorratsräumen Ab und zu sah er nach der Frau die sich so
weit hatte erholen können dass sie zeitweise das Bett zu verlassen und sich im
Krankensessel aufzuhalten vermochte Mit Mühe hatte der Mann ihr alle
Nachrichten vom Fortgange der traurigen Geschichte verheimlicht sie wusste weder
vom Einbringen des entflohenen Julian etwas noch vom heutigen Gerichtstage und
es sah aus als ob ein glückliches Vergessen der Dinge ihrer starken Natur
allmählich wieder aufhülfe
    Am Nachmittage wurde es immer stiller Nicht nur fast die ganze
Nachbarschaft hatte die Neugierde in die Stadt hinunter getrieben auch
Weidelichs Knechte waren von der Arbeit weggelaufen um die Meisterssöhne in
ihrer Not sitzen zu sehen Schon brach die frühe Herbstdämmerung an und noch
immer blieb es still bis auf die Kühe im Stall die nach der Tränke brüllten
Weidelich ging hin sie an den Brunnen zu treiben es war nicht mehr der alte
mit dem Flintenrohr Der hatte für den vergrösserten Wirtschaftsbetrieb nicht
mehr genügt weshalb Wasser hinzugekauft und ein steinerner Brunnen mit zwei
starken Metallröhren erbaut worden Die gefleckten Tiere drängten sich um die
geräumige Schale und tranken mit Behagen das lautere Bergwasser Jakob gönnte es
ihnen und sah das Labsal rinnen mit jener schwermütigen Zerstreutheit welche
den Gang der bittersten Stunde einen Augenblick aufhält Der stattliche Brunnen
hatte der Vorbote eines neuen Hauses sein sollen nun blieb es dabei
    Als die Kühe sich satt getrunken führte er sie nach dem Stalle zurück Die
jüngste bockte herum und entlief in eine Wiese Jakob suchte die Milchmagd die
aber hinter dem Scheunentor bei irgendeiner Nachbarin verborgen stand und leise
schwatzte
    Mittlerweile war es der kranken Frau im Hause langweilig geworden da sie
niemanden mehr sah oder hörte Sie schleppte sich aus der Wohnstube wo ihr
Sessel stand in das Schlafgemach an das halb offene Fenster nach dem Manne zu
sehen Unter diesem Fenster lehnte eben der eine der Knechte der endlich
zurückgekommen und hinter das Haus geschlichen war um unbemerkt sich zu
schaffen zu machen Bei ihm befand sich auch schon die aus der Nachbarschaft
herübergehuschte Magd im eifrigen Gespräch
    Sie glaubten die Meisterin in der vorderen Stube und sprachen nicht gerade
laut doch so vernehmlich dass die Kranke alles verstand und mit einer wahren
Hellsicht die Ereignisse in einem Augenblicke begriff wie wenn sie die ganze
Zeit vorher alles einzelne erfahren hätte Sich mit beiden zitternden Händen an
den Fensterpfosten klammernd lauschte sie mit dem besser hörenden Ohre hinaus
    »Es war ein verfluchtes Gedräng« sagte der Knecht »Kopf an Kopf und doch
totenstill als das Urteil verkündet wurde«
    »Was für ein Urteil denn« fragte die Magd ungeduldig
    »Jeder hat zwölf Jahre Zuchthaus der Lindenberger und der Unterlauber Dann
ist noch ein kleinerer Schelm da eine Sorte von Marktelfer der andern der hat
vier Jahre Mich dauern doch die Alten ich kann mir nicht helfen«
    »Herr und Heiland« sagte die Magd »Zwölf Jahre Wie sahen sie denn aus
Was machten sie«
    »Ich hab sie nicht sehen können Einer der vor mir stand sagte sie sähen
elend aus er glaube sie seien ohnmächtig Ich habs aber nicht geglaubt Die
Leute lachten und fluchten durcheinander«
    Jakob Weidelich kam um die Hausecke und schickte ohne sich bei dem Knecht
nach irgend etwas zu erkundigen denselben samt der Magd an die Geschäfte Er
selbst besorgte noch einiges in der Scheune und ging endlich da es ganz dunkel
wurde ins Haus um Licht zu machen und für sein Weib zu sorgen Nun presste es
ihm erst das müde Herz da er wusste was heute geschehen sein musste und der
armen Frau nicht lange mehr verborgen bleiben konnte
    In ihrem Sessel fand er sie nicht die Kissen waren auf den Boden gefallen
Erschreckt ging er in das andere Zimmer wo sie beim Fenster auf dem Boden lag
und schwach röchelte
    »O Frau Was machst du armes Kind« rief er flennend und trug sie auf das
Bett Er leuchtete mit der Lampe in ihr Gesicht Das Auge drehte sich zum
letzten Male mühsam nach ihm und erlosch dann
    Der Arzt nach welchem Jakob den schwatzhaften Knecht alsobald schickte und
der auch in zehn Minuten da war betätigte ihren Hingang
    Um diese Stunde glichen die Söhne der Toten einander wieder ganz so wie sie
ehedem getan und setzten die Beamten der Strafanstalt in Verlegenheit da sie
geschoren rasiert und in die Sträflingskleider gesteckt waren als lebende
Beweistümer dass das eiserne Uhrwerk der Gerechtigkeit noch aufgezogen war und
seinen Dienst tat
    Nach Verfluss von drei Tagen ließ Jakob Weidelich die Leiche begraben Er
hatte die Nächte wie immer in seinem Bette zugebracht das neben ihr stand die
schlaflosen langen Stunden gingen dadurch leidlicher vorüber weil er wähnte
sie müsse seinen Jammer und die einzelnen Worte die er zuweilen stöhnend an sie
richtete vernehmen
    Am letzten Morgen nahm er mit unsicherer Hand seinen stoppeligen Bart ab
vor dem kleinen Spiegelchen stehend das ihm viele Jahre gedient Die
eingefallenen Wangen das veränderte Kinn und besonders das Aussparen des
bescheidenen Backenbartes machten ihm die größte Mühe deren ihm das elende
Leben nicht mehr wert schien
    Einen Augenblick fiel es ihm ein ob er nicht besser täte mit dem Messer
tiefer hinabzufahren und die Kehle abzuschneiden so wäre auch er erlöst Aber
das eingewurzelte Pflichtgefühl ließ ihn keinen zweiten Augenblick bei dem
Gedanken verweilen er barbierte sich ruhiger zu Ende
    Von den nicht zahlreichen Verwandten fand sich nur der kleinere Teil am
Leichenbegleite ein die anderen entschuldigten sich Martin Salander den der
Witwer benachrichtigt aber nicht ausdrücklich eingeladen erschien schwarz
gekleidet im Hause unter dem Häufchen sonstiger schlichter Männer aus Jakobs
Bekanntschaft die ihm den Dienst nicht versagten Es tat dem armen Manne
offenbar wohl in der peinlichen Stille die in der Trauerstube herrschte Vor
dem Hause dagegen sammelte sich eine gute Zahl ernster Leute der Umgegend
welche dem schwarz behangenen Sarge folgten der auf den Friedhof hinausgetragen
wurde
    Es war ein unruhiger Tag im Späterbste Bald schien die Sonne auf Wiesen
und Gärten bald jagte der Wind fliegende Wolken über den Himmel und ihre
Schatten über die Wege welche der Trauerzug langsam beschritt den von acht
Männern getragenen Sarg voran Über die Bahre und die Köpfe der Leidtragenden
hinweg wehte der Wind außerdem das von den Bäumen gerissene abgestorbene Laub
und die gelben Blätter raschelten und tanzten auf dem Wege so hurtig voraus wie
wenn sie Leben und große Eile hätten den Heimgang einer Seele anzusagen
    Auf dem Friedhofe ruhte die Sonne und flimmerte in unbestrittenem Glanze auf
den Hunderten von Glas Flitter und Blechkränzen mit denen der verirrte
Geschmack die Denkmäler der Verstorbenen behing aus der gleichen Eitelkeit
welche Wochen und vierzehn Tage hindurch die öffentlichen Blätter erst mit der
Todesanzeige und dann mit der Danksagung für erfahrene rühmliche Teilnahme
anfüllt Das wäre alles so recht im Sinne der armen Amalie Weidelich in ihrer
guten Zeit gewesen nun war sie der Torheit enthoben und ging den letzten Gang
in einem besseren und höheren Stile
    Während die Bahre den Weg nach dem offenen Grabe fortsetzte trat die
Trauerversammlung in das sogenannte Betaus wo der Geistliche bereitstand nach
Vorschrift Anrede und Gebet abzuhalten Er hatte den Vater Weidelich besucht und
gesehen dass derselbe eine totenrichterliche Leichenpredigt nach ländlichem
Gebrauch den Umständen angepasst nicht gut ertragen würde und widerstand daher
dem Anreiz ein Beispiel zu liefern
    Nach geschehener Verrichtung hielt er das Barett vor das Gesicht und
verharrte so an seinem Platze zum Zeichen dass es aus sei Einer um den andern
begann hinauszugehen Weidelich blieb ermüdet auf seiner Bank sitzen und auch
aus Bescheidenheit bis das Betaus leer und auch der geistliche Herr
unversehens verschwunden war Dann wankte auch er hinaus und schaute unter der
Tür sich nach dem Grab um Von den Personen des Geleites war niemand mehr zu
erblicken
    Da trat Martin Salander zu ihm nahm ihn unter den Arm und führte ihn zum
Grabe wo die Totengräber soeben den einfachen Sarg von weißem Tannenholz wie
er bis in die neuere Zeit für reich und arm gezimmert worden in die Grube
senkten und die Erde hinunterzuschaufeln begannen
    Jakob Weidelich fing wehrlos an zu weinen und brachte kaum die Worte »Du
armes Kind« hervor nun zum zweiten Male seit er die Frau tot gefunden Er
redete sie offenbar in den verschollenen Tönen der Jugendzeit an die am Ende
der Dinge wieder erwachten weil keine zärtlicheren dem verwitternden Manne zu
Gebote standen
    Als die Graberde über dem Sarge wieder eingepackt war und der Totengräber
seine Arbeit mit der flachen Schaufel noch ein wenig streichelte und klopfte um
sich das Ansehen eines Künstlers zu geben führte Salander den vereinsamten Mann
hinweg und begleitete ihn bis in seine Wohnung weil er wusste dass er dort nun
sich allein überlassen blieb wenn man das unvertraut gewordene Gesinde nicht
zählte
    Er saß mit ihm eine Zeitlang schweigend am Tische Weidelich ruhte aus und
brütete dann in sich hinein bis er sich aufrichtete und sagte
    »Nun kann meine Frau am Morgen liegen bleiben ich aber muss mich bei Zeiten
auf die Beine machen und das Geld für die Bürgschaft auftreiben das jetzt
bezahlt sein muss Am Abend sitze ich nicht mehr auf freiem Grund und Boden und
bin so arm wie eine meiner Mäuse dazu noch zins und fronpflichtig Es ist
hart Ohne Lohn zu bleiben nach der Arbeit«
    Salander zog seine Brieftasche hervor und legte sie auf den Tisch
    »Ich bin« antwortete er dem Manne »wegen dieser Sache besorgt gewesen Die
Meinigen und ich dh Frau und Töchter wir haben uns gesagt dass man Sie nicht
in solchen Zuständen verlassen könne dass es uns auch anstehe das Band der
Verwandtschaft obgleich es niemand Segen gebracht in freundlicher Weise zu
lösen Also bin ich gestern auf die Staatskasse gegangen und habe Ihre
Bürgschaftspflichten sozusagen in Ihrem Namen erfüllt Hier haben Sie die
Quittungen sie lauten zusammen für die beiden Söhne auf sechsundsiebzigtausend
Franken Leben und schaffen Sie nur weiter mit guter Gesundheit und machen Sie
kein Wesen aus der Sache es wird Sie niemand behelligen Ich meinerseits kann
es wohl tun und habe auch nichts dagegen wenn Sie damit einst den Söhnen noch
nützlich sein können Sie waren einmal unsere Tochtermänner so kann ich auch
eine Bürgschaftsschuld für sie übernehmen wenn es ihrem braven Vater die alten
Tage leichter macht Nehmen Sie die Quittungen an sich und behalten Sie den
Sachverhalt als Ihr Geheimnis für sich die Leute können ja annehmen ich hätte
das Geld auf Ihren Hof geliehen«
    Jakob Weidelich war so rot als noch möglich geworden und traute seinen Augen
nicht als er die zwei Scheine in der Hand hielt Nur undeutlich und verworren
drückte er seine Dankempfindungen aus in welche sich Zweifel an der
Annehmbarkeit eines solchen Opfers mischten Er hielt aber die Quittungen fest
und als Salander sich entfernte hörte er noch wie auch Jakobs Stimme schon
fester tönte die einen der Arbeitsleute zur Ordnung wies
    »Das wäre auch vorbei« sagte Martin vor sich her und der Kaufmann in ihm
fügte hinzu es sei doch fraglich ob man nicht mit Recht ihn einen Narren
heißen dürfte da er eigentlich nur den jungen eingesperrten Verbrechern ein
Geschenk gemacht habe welche den Vater beerben und wenn sie wieder auf freien
Fuß kämen könne dieser längst tot sein
    »Doch nein« sprach wieder der alte Martin »Es ist so recht und die beste
Auseinandersetzung mit den Buben nachdem sie sich einmal in meine Lebenskreise
haben drängen können Ja die Hochzeit die verhexte Hochzeit Gleich morgen muss
der Anwalt mit der Scheidungsklage für die Töchter beauftragt werden Diese
Sache wird bald erledigt sein«
 
                                      XIX
Während Martin Salander von den Zeitkrankheiten welche zuletzt in schweren
Symptomen bis an seinen häuslichen Herd drangen in Verdruss Sorge und Zweifel
versetzt war hatte er den Louis Wohlwend und sein Haus beinah ganz aus dem
Gesicht verloren Das rührte freilich auch daher dass Wohlwend öfter reiste und
nachdem er die Knaben in ein erzieherisches Haus am Genfersee gebracht in der
Tat wie er vorausgesagt für seine Gottesstaatsidee zu wirken trachtete Er
suchte geistliche und weltliche Anführer heim und nahm an Versammlungen der
verschiedensten Art teil um der heiligen Sache Eingang zu verschaffen und dafür
aufzutreten fand aber außer bei ein paar PerpetuumMobileErfindern und
dergleichen wenig oder gar keinen Anklang Mit vieler Mühe hatte er eine
Verfassung ausgedacht in welcher für alle Ratsversammlungen vollziehenden
Gewalten und Gerichte dem lieben Gott das Präsidium vorbehalten war und zur
unmittelbaren Leitung der Geschäfte Vizepräsidenten durch die Kirchensynode
gewählt wurden die mit dem großen Landesrate zusammenfiel Diese Synode sollte
aus ebensoviel Laien als Geistlichen bestehen In allen weltlichen und
geistlichen Behörden besonders auch in den Gerichten wurde bei wichtigen
Beschlüssen und Urteilen wenn die Stimmen gleichstanden dem göttlichen
Präsidenten der Stichentscheid mittels des Loses anheimgestellt das unter
Innehalten einer eigenen Gebetordnung gezogen werden sollte usw Gottes
Stichentscheid erschien um so wundersamer als Wohlwend auf Befragen erklärte
seiner weitgehenden Duldsamkeit sei es rein gleichgültig welcher Gottesbegriff
zugrunde gelegt werde ob der persönlich überweltliche oder der allsächlich
innerweltliche der dreieinige oder der unbedingt einfachste ihm komme es nur
auf die Idealität des Gedankens an
    Diese Abenteuerlichkeit schadete ihm aber nicht einmal soviel wie der
gänzliche Mangel an wirklich religiösem Gefühl oder an Verständnis oder
Bewusstsein dessen was er sich unter dem Worte Religion dachte So merkte denn
jeder dass Wohlwend sobald er sein Wort von den ewigen Idealen ausgestoßen
habe auf dem Boden seines Schulsackes angelangt und dieser kleiner sei als
derjenige frisch konfirmierter Kinder Und seine ehemalige Schulmetode anderen
erst abzufragen was er mit Vorteil sagen könne ließ ihn jetzt ganz im Stich
da er alt war und sich nur lächerlich machte
    Dennoch ließ er das Ding nicht ruhen tat als ob er nichts merkte und fuhr
mit leichtem Sinne fort jede Gelegenheit zum Entfalten des Prophetenmantels zu
benutzen ein Zeichen dass Salander richtig gedacht und Wohlwend nur eine
Spezialität besitzen wollte um sie als Tarnkappe zu brauchen auch eine
Kurzweil zu haben wie ehemals die Heraldik und den Krebsfang
    Nun da die gute Jahreszeit vorüber und der erste Schnee gefallen war er
mehr zu Hause Eines Morgens befand er sich mit der Frau Alexandra allein
zusammen in seltsamer Zwiesprache begriffen welche er auf die
Privatangelegenheiten gelenkt hatte Es handelte sich um das Verhältnis zu
Martin Salander dasselbe war scheinbar eingeschlafen und Wohlwend gedachte es
wieder zu beleben Allein noch hatte er keinen Tritt in das Haus des alten
Freundes getan da er nicht dazu aufgefordert wurde und er getraute sich nicht
ungeladen zu erscheinen denn er fürchtete die dortige Hausfrau wie ein Schwert
Salander aber hatte die vergangenen Monate noch weniger Lust und Mut empfunden
den Versuch zu wagen und die Familie bei sich einzuführen
    Wohlwend saß an einem zierlichen aber gebrechlichen Damenschreibtischchen
das er sich zugelegt nur nebenbei etwa mit schriftlicher Arbeit beschäftigt Im
Mittelstücke des Aufsatzes hinter einem Spiegeltürchen lag in einem Tabernakel
die Handschrift seines Verfassungsentwurfes Halb gegen die Gattin gewendet die
auf dem Sofa weilte erwiderte er auf etwas das sie eben gesagt
    »Kannst du mich denn ewig nie verstehen Nicht auf den alten Herrn Salander
hab ich es abgesehen mit der Myrrha Er sieht sie gern und ist vielleicht
verliebt in sie damit will ich ihn allerdings an uns ziehen allein er hat
einen Sohn der heimkehrt und der Erbe des bedeutenden Handelsgeschäftes sein
wird Dieser soll die Myrrha heiraten wenn man meine Pläne nicht verdirbt und
dann hoff ich nicht nur dadurch in nützliche Beziehungen zu kommen sondern
auch den sträflichen Hochmut der Madame heimzuzahlen die uns verachtet«
    Für sich murmelte er noch
    »Der selbstgerechte und kluge Bruder Martin ihr Gemahl hat einstweilen
durch die berühmten Schwiegersöhne den Lohn für jene Hochzeit erhalten der
Geldprotz«
    Indes hatte die Frau wieder zu reden begonnen und er rief
    »Was sagst du«
    »Ich sage man kann mit meiner Schwester nicht auf die Art umgehen Schon
durch den Spaß mit dem alten Herrn kommt sie in ein Geschwätz und ist der Sohn
da so hat er vielleicht eine die er weiß oder will die Myrrha sonst nicht
Guck nur und schiel mich an es ist so«
    Er rüttelte unwillkürlich an dem Tischchen gegen das seine Hände sich
stemmten
    Aber Alexandra redete nur lauter
    »Sie ist nicht die Gescheiteste und hat niemand mehr auf der Welt als mich
wie es scheint der dafür sorgt dass sie nicht «
    Hier wurde sie von Knall und Fall unterbrochen Louis Wohlwend hatte sich
zornig erhoben auf das Schreibtischlein gestützt und die dünnen gewundenen
Säulchen die es trugen dabei auseinandergedrückt Das zarte Möbel lag kläglich
auf dem Boden mit allem was sich darauf befunden aus dem kleinen
Porzellangefässe lief ein kümmerliches Bächlein Tinte
    In diesem Augenblicke trat auch Myrrha in das Zimmer und stellte sich mit
Schrecken und Bedauern ebenfalls vor den Schaden Wohlwend war plötzlich zur
Besonnenheit und Frau Alexandra aus dem Winkel zurückgekehrt in welchen sie
sich geflüchtet hatte Hiermit blieb das Gespräch für einmal auf sich beruhen
    Das wovon es handelte schwebte dafür anderwärts an die Luft empor
Salanders Sorgen waren zur Ruhe gekommen die Wut des allgemeinen Übels hatte
nachgelassen die ärgerlichen Zeitungsnachrichten hörten allmählich auf und
sein besonderer Anteil die Geschichte der zwei Notare war in der sühnenden
Stille der Strafgefängnisse eingeschlafen der kurze Scheidungsprozess der
Töchter entschieden und ihr altneues Leben im Elternhause tröstlich geordnet
    Sie hatten sich mit einem Teil ihres Gerätes im oberen Stockwerke
eingerichtet und gingen der Mutter mit der im einsamen Ehestand angewöhnten
häuslichen Tätigkeit zur Hand Im übrigen lebten sie eingezogen und
verhältnismäßig zufrieden was die Mutter nicht hinderte im stillen soviel der
Vater merken konnte auf den Sohn Arnold zu bauen durch welchen wohl der ein
und andere Mann von Tüchtigkeit im Gesichtskreise der Familie auftauchen würde
denn die Töchter sähen eigentlich erst jetzt nach etwas aus wie wenn sie an
Inhalt gewonnen hätten Arnold sollte einstweilen in dem Hause wohnen wo
Salanders Geschäftsräume waren Er hatte die Liegenschaft endlich gekauft weil
die Eigentümer gestorben Der große Garten sollte neu hergestellt und gepflegt
auch das Haus für alle ausgebaut werden
    Nachdem dergestalt eine friedliche Windstille eingetreten und die Zukunft
heller und wieder glücksfähiger geworden schien entlud sich auch Martin
Salanders Gemüt seiner Lasten bis auf den dunklen Druck seines verjüngten
Liebesbedürfnisses oder wie man es nennen mochte Um seine mannigfaltige
Tätigkeit für Volk und Staat mit erneuter Kraft aufzunehmen war ihm wie er
unverwüstlich glaubte die Herzerneuerung durch die schöne keusche Neigung
notwendig die sich während des Unwetters geduckt hatte wie jenes Käuzlein und
nun wieder die Flügel breit machte und die Augen glühen ließ in den dunklen
Nächten Zwar hielt ihn die Anwesenheit der Töchter noch von allen bedenklichen
Schritten zurück so dass er sich nur in unbestimmten Plänen und Hoffnungen des
Wiedersehens erging
    Da geschah es an einem Winternachmittage als er einen Marsch ins freie Feld
tun wollte dass er dem Fräulein Myrrha Glawicz begegnete welches in der
Vorstadt einen verlorenen Weg zu suchen schien und in Samt Pelz und Schleier
gehüllt vorsichtig und scheu die feinen Füße in den Schnee setzte gleich einem
verirrten ziervollen Vogel aus wärmeren Zonen
    Erst als sie schon ganz in der Nähe war erkannte er die Gestalt die er mit
den Augen wohlgefällig verfolgt hatte und sah wie sie tief errötete und ihn
mit den großen Augen flehentlich ansah als ob sie um Mitleid bäte da er sie
freudig erschreckt begrüßte Erfahrend wohin sie wolle führte er sie eine
Strecke auf den richtigen Weg den sie zu gehen hatte und versuchte mit ihr zu
sprechen abermals ohne einen ordentlichen Gang der Wechselreden zu finden Denn
er war bald ebenso verwirrt wie die Dame selber die sich vor einem Hause
stehenbleibend plötzlich mit süßem Danke und neuem Erröten losmachte und
hineinging
    Seinen Weg stundenlang fortsetzend bis die rötliche Dämmerung die
beschneiten Fluren allmählich verhüllte beschloss er seiner Gattin
anzukündigen dass er die Wohlwendschen Frauen ins Haus einzuführen wünsche und
ihr dabei offen zu bekennen wie er des Anblickes der unschuldigen Schönheit
Myrrhas bedürfe und daran von den Krankheiten der Zeit zu gesunden und wieder zu
erstarken hoffe und wie das alles keine Bedenken und Gefahren in sich bergen
solle Kurz er dachte sich eine lange Rede aus seine Torheit als Weisheit
darzustellen und selbst die guten Töchter erschienen ihm nicht mehr als
Hindernisse sondern im Gegenteil als jugendliche Mittlerinnen in dem
Verjüngungshandel da sie ja erst recht den wonniglichen Verkehr ermöglichten
Trotzdem schlug ihm das Herz etwas ängstlich als er sich seinem Hause näherte
die Angst verwandelte sich aber in Verwunderung weil alle Fenster von unten bis
oben hell erleuchtet waren
    Auf dem Hausflur lagen Kisten und Gepäckstücke die schöne Laterne die von
oben herunterhing als ein neuangeschaftes Stück erhellte die Treppen auf
denen Frau Marie mit dem Schlüsselbund dem Manne begegnete Sie fiel ihm sofort
um den Hals und rief
    »Martin wo bleibst du Es ist wieder einmal einer aus Brasilien gekommen
Arnold ist da«
    »Jetzt schon Ich glaubte auf Ostern gelte es« sagte Salander betroffen
    »Er wird eben täglich klüger und hat sich früher eingeschifft Komm herein
Setti und Netti sind in allen Zuständen das macht er hat sich herzig gegen sie
benommen sie brauchten sich gar nicht zu schämen vor dem Herrn Bruder Hör nur
wie sie lachen«
    Sie lachten wirklich obschon Arnold ganz ernstaft in der Stube stand als
Vater Martin hineinging Der Sohn trug den jugendlichen Kopf des letztern auf
den Schultern aber er war um einen Zoll höher gewachsen und dabei schlank wie
eine Tanne Das Herz des Vaters freute sich über den Anblick ein feines Ohr
hätte mitten in der Herzensfreude einen schwachen Schrei wie eines erwürgten
Kaninchens hören können da in derselben die pedantische Liebelei Martins ohne
weitere Umstände verschied Denn ohne dass er sich deutlich des Vorganges bewusst
wurde stand der blühende Sohn wie eine lebendige Kritik vor ihm und wirkte
augenblicklich auf seine gute Natur
    Im übrigen schüttelten sie sich bieder die Hände »Ich meinte« sagte
Salander »du kämst im Frühling«
    »So war ich gewillt Allein im März muss ich wieder einmal meinen
Militärdienst tun sie wollen mir nicht länger Urlaub geben Wenn ich meinen
jetzigen Grad behalten wolle heißt es so müsse ich dienen weil ich noch jung
sei sie können keine alten Leutnants in den Batterien brauchen Vorher muss ich
doch ein paar Monate mich hier einleben«
    »Du hast recht« erwiderte Martin wehmütig »Ich wollte meiner Zeit auch
noch dienen und wäre wenigstens vielleicht ein brauchbarer Verwaltungsoffizier
geworden daran hat mich die Wohlwendgeschichte verhindert als ich Knall und
Fall fort musste Nun hab ich doch den Sohn im Feuer wenns etwas gibt«
    »Apropos Wohlwend« sagte Arnold Salander »da bring ich Neuigkeiten mit
Ich habe die Akten betreffend deinen Handel mit der verpufften Bank in Rio
nicht vergebens mitgenommen Erst ein Vierteljahr vor der Abreise bekam ich
durch einen guten Bekannten von dir Wind dass ein alter ausgeräucherter Kerl von
jener Gesellschaft von der Not getrieben herangeschlichen sei und krank im
Spitale liege Er sei entdeckt worden verschiedene Leute die einst Schaden
erlitten ließ ihn gerichtlich verhören und der geschwächte Patron der
nichts mehr zu verlieren habe krame aus was er wisse Natürlich gab ich deine
Akten versehen mit einem zweckdienlichen Auszug und Bericht auch ein und
verlangte die Einvernahme Siehe da er bekannte hinter dem Rücken des schönen
Direktoriums mit SchadenmüllerWohlwend noch einen besonderen geheimen
Betrugskonto geführt zu haben zu dessen Gunsten sie einander bei guter
Verlegenheit allerlei Hasen in die Küche gejagt so habe er auch den Wohlwend
von deiner Erzählung und der dafür erhaltenen kolossalen Tratte in Kenntnis
gesetzt und ihm bedeutet was er zu tun nicht unterlassen solle Allein sie
hätten von den Ereignissen überrascht den sauberen Konto nie liquidieren
können und so habe Wohlwend für sich behalten was er erwischt das heißt was
hier in Münsterburg nicht ausbezahlt worden sei Das Protokoll in gutem
Portugiesisch gehörig beglaubigt habe ich bei mir Der Mensch ist dann
gestorben was dort weiter geschehen weiß ich nicht«
    Martin hörte staunend zu und sagte zuletzt nur »Also doch« Aber statt sich
lange bei der altvermuteten und neubestätigten Sache aufzuhalten musste er in
verschwiegenen Gedanken nur das gütige Geschick preisen das im letzten
Augenblicke ihn davor bewahrte in das ihm gestellte Netz zu fallen seine treue
Frau zu kränken und vor dem Sohne als ein törichter alter Mensch dazustehen Mit
dem letzten Seufzer den er in dieser Sache tat gelobte er sich Besserung und
schritt darauf an der Spitze der Seinigen in das Speisezimmer wo Frau Marie und
ihre Töchter zu Ehren des Heimgekehrten den Tisch bereitet hatten und die
Magdalene mit wahrem Hochmut den schönsten Braten auftrug den sie seit langem
gewendet und begossen
    »Ich bin nun froh dass ich endlich wieder da bin« sagte Arnold Salander
als der Vater ihm einschenkte »es ist doch am besten in der Heimat«
    »Du kommst gerade in keinem glücklichen Augenblick« versetzte Martin der
Vater »hast du nicht vernommen was in diesem Jahre alles über uns gegangen ist
von elendem Zeug«
    »Ich habe es wohl verfolgt und zwar in unsern eigenen Zeitungen« entgegnete
Arnold »es war nicht erbaulich doch ist schon manches über unser Land
gekrochen was noch weniger schön gewesen ist Nach den glorreichen
Burgunderkriegen war das Volk so verwildert dass man jeden aufhenken musste der
soviel stahl als ein Strick kostete Das steht ja schon in unsern Schulbüchern
Und doch haben wir die vierhundert Jahre weitergelebt«
    »Es war zuweilen auch danach« sagte der Vater »es ist aber doch ein guter
Spruch den du getan hast Kommt Frau und Kinder und lasst uns mit Arnold
anstossen und uns freuen dass er es erträglicher findet als wir gehofft«
    Sie klangen froh wie lange nicht mit allen Gläsern zusammen Magdalene
schaute unter der Tür zu und strich mit beiden Zeigefingern die Augen Frau
Marie rief sie heran und bot ihr das eigene Glas das sie tapfer leerte worauf
sie schämig hinauslief
    Arnold nahm sein Wort nochmals auf
    »Ich glaube« sagte er »es würde vieles erträglicher werden wenn man
weniger selbstzufrieden wäre bei uns und die Vaterlandsliebe nicht immer mit der
Selbstbewunderung verwechselte Ich habe obgleich noch jung ein ziemliches
Stück von der Welt gesehen und das Sprichwort Cest partout comme chez nous
würdigen gelernt Wenn wir nun etwa in ein schlechtes Fahrwasser geraten so
müssen wir eben hinauszukommen suchen und uns inzwischen mit der Umkehrung jenes
Wortes trösten Es ist bei uns wie überall«
    Das war dem alten Martin aus dem Herzen und ganz nach seinem Sinne
gesprochen nur dünkte es ihn neu weil er selbst seit er so rüstig an dem
öffentlichen Wohle mitgezimmert und gebastelt manches für unvergleichlicher
und einziger gehalten hatte als es war
    Noch geraume Zeit saß die wiedervereinigte Familie beisammen und ganz so
glücklich wie an jenem Abend da Martin gekommen war die hungernden Kinder
samt der Mutter zu speisen
    Mit leichtem Mute und wirklich verjüngt ging er zu Bett Nach einiger Zeit
da Marie wahrnahm dass er nicht schlief sondern zufrieden etwas spintisierte
rief sie
    »Du Martin Gelt der Arnold freut dich doch denn du hast zum ersten Mal
deinen Gutenachtseufzer vergessen mit dem du mich seit länger als einem halben
Jahre betrübt hast«
    »Du bist nur halb auf der Spur« gab Martin bedächtig stockend zur Antwort
dann entschloss er sich jedoch der treuen Frau seine Abirrung zu bekennen damit
kein dunkler Punkt zwischen ihnen sei
    Er erzählte ihr also die ganze Geschichte mit der Myrrha Glawicz die
eingebildeten Liebesleiden bei harmlosen Absichten und höheren etischen
Beweggründen samt der Rede die er sich für Frau Marie ausgedacht bis zu dem
Augenblick wo der bloße Anblick des Sohnes das Luftschloss zertrümmerte
    »Nun was sagst du dazu« fragte der vergebungsbedürftige Mann hinüber da
die Frau schwieg Erst nachdem sie sich eine Weile unruhig auf ihrem Lager
gedreht lachte sie plötzlich hellauf und schwieg dann wieder Dann lachte sie
nochmals und sagte
    »Ich lache nur aus Freuden darüber dass diese letzte Gefahr die uns
bedroht sich so glimpflich verzogen hat Dank du dem Himmel Mann dass dein
Sohn so zu rechter Zeit auf die Minute gekommen ist Es wäre ja nicht um mich
zu tun gewesen aber um dich und ihn und die Töchter Wie wären wir vor denen
dagestanden Aber weißt du Martin weil du von der einfachen unerwarteten
Gegenwart unseres Sohnes geheilt wurdest so soll dir die Verrückteit vergeben
und vergessen sein die du mir hast antun wollen Es ist ein gutes Zeichen ein
goldenes das ich mir im Gemüt aufbewahren will solang ich noch lebe Und
jetzt schlaf wohl Mann deine Geschichte hat doch etwas Einschläferliches an
sich«
    So ging Martin Salanders später Liebesfrühling der die Verjüngung seiner
politischen Tatkraft herbeiführen sollte in Gnaden und ohne weitere Gewitter
vorüber
 
                                       XX
Und er schien doch jünger geworden als er den Sohn zur Seite am nächsten
Morgen den Weg nach seinem Kontor beschritt Leicht trugen ihn die Füße die
Hüften aber wiegten sich leise fast unmerklich hin und her wie einstmals
wenn ein frischer Lebensmut ein guter Gedanke ihn durchströmten
    Im Geschäftshause angekommen unterhielten sie sich zuerst mit den
Angestellten die Arnold freundschaftlich grüßte und besprachen im allgemeinen
dies und jenes was der Tag brachte oder in letzter Zeit ausgeführt worden Dann
begaben sich Vater und Sohn in Martins besonderes Zimmer um in ausführlicher
Unterredung Stand und Zukunft des Hauses gründlicher zu erörtern als es in
Briefen geschehen konnte Neues trat hiebei nicht viel zutage wenn es nicht
etwa die Schlussfrage war ob nicht die Geschäfte die Unternehmungen bei so
befriedigendem Gange auszudehnen und ein gewisser Aufschwung zu wagen sei
    Es war Martin der die Frage aufgeworfen und den Sohn aufmerksam und mit
vollem Vertrauen ansah
    Arnold bedachte sich oder hielt vielmehr mit der Antwort zurück welche er
nicht zu suchen brauchte Er spielte indessen mit dem Muster einer neuen
Goldwage die man auf des Vaters Tisch gestellt hatte
    »Es hängt von dir ab lieber Vater« sagte er endlich »ich arbeite gern mit
unter deiner Leitung«
    »Nein von dir hängt es ab« erwiderte Martin »du bist der Sohn und Erbe
dessen die Zukunft ist«
    »Der Nachdruck der Frage liegt in den Worte wagen das du gebraucht hast ob
eine Ausdehnung zu wagen sei« fuhr Arnold fort »wir stehen hart an der Grenze
wo dies ganz richtig gesagt ist dh wo man um Mehreres zu tun ein Teil des
Gewonnenen vielleicht schließlich alles aufs Spiel setzen muss Für meine
Person muss ich gestehen habe ich drüben jenseits des Wassers in stillen
Augenblicken mehr als einmal nachgedacht wieweit wir eigentlich gedeihen wollen
in unserm Erwerb Wollen wir in der Tat kleine Nabobs werden die entweder ihr
Leben ändern oder den weit über ihre Bedürfnisse reichenden Mammon ängstlich
vergraben müssen und in beiden Fällen vor sich selbst lächerlich sind Zudem
bist du ja Politiker und Volksmann ich bin meines Zeichens Geschichtsfreund und
Jurist es steht also uns beiden besser an wenn wir in schlicht bürgerlichen
Verhältnissen und Gewohnheiten bleiben wie du es bis jetzt so musterhaft getan
hast Vergib das ist mein Gefühl Ich empfinde auch einiges Heimweh nach meinen
Büchern und müsste bei allfällig rapidem Anwachsen des Geschäfts mehr Zeit mit
dem Kurszettel in der Hand und auf der Börse zubringen als mir lieb wäre«
    »Du sprichst nur Gedanken aus die ich selbst schon gehegt Was mich aber
auf die Frage gebracht hat ist die Zukunft unsers Landes Ich fürchte die Zeit
ist nicht mehr fern in welcher die Gesetzgebung die Hand kräftiger auf das
Vermögen legen wird da dürfte es dacht ich gut sein wenn man tüchtiger
einzuschiessen hat ohne gerade zu verarmen«
    Arnold lachte
    »Das wäre« sagte er »nicht mein Standpunkt ich möchte nicht Geldmacher
für zukünftige Dinge sein die ich nicht billigen kann Ich werde vielmehr die
Willkür bestreiten solang ich es vermag siegt sie wohl und gut so füge ich
mich gelassen dann ist es mir aber auch gleichgültig ob sie uns zwei oder zehn
Millionen nehmen«
    »Ei wer spricht denn gleich so von nehmen« rief der Vater leicht gereizt
»es geht alles mit rechten Dingen zu Glaub aber nur die Postulate der
Notwendigkeit werden so dicht regnen dass wir noch froh sind gute Schuhe zu
haben«
    »So lass regnen es wird auch wieder aufhören Erinnere dich Vater an den
Anfang unsers Jahrhunderts als nach der durchgerungenen Helvetik das Vaterland
auf den Kopf gestellt war und in der Knechtschaft des ersten Konsuls von
Frankreich seufzte Damals berichteten die Pfarrer dass in ihren Gemeinden viele
Leute lebensmüd seien und sich nach dem Tode sehnten Jetzt nach achtzig Jahren
sitzen wir geringe Leute vom Lande frei wie Lerchen in der Luft wenn auch
nicht frei von Leidenschaft vielleicht wir sitzen hier in einem der Häuser der
untergegangenen Aristokratie und pflegen Rats ob wir noch reicher werden wollen
oder nicht Ich fürchte mich aber weder mit dem vielen Gelde noch ohne
dasselbe«
    Der alte Salander blickte den jungen mit glänzenden Augen an und ergriff
dessen Hand
    »So lass uns« sprach er gerührt mit leiserer Stimme wie ein Verschwörer
»lass uns zu dieser Stunde geloben dass wir das Land und Volk nie verlassen
wollen es mag beschließen was es will«
    »Das kann ich wohl geloben« antwortete der Sohn den Handschlag des Vaters
erwidernd »Höhere Gewalt immerhin vorbehalten«
    »Was meinst du damit«
    »In diesem Fall zum Beispiel eine völlige Entartung«
    »Das kann ja die schönste reservatio mentalis werden«
    »Nun also ohne Vorbehalt Es würde doch chez nous comme partout sein«
    »Also es gilt« schloss Martin Salander und gab Arnolds Hand frei
    »Und was das Geschäft betrifft« fügte er bei »so lassen wir es einstweilen
beim alten«
    Nach dieser seltsamen Verhandlung in welcher die zwei Männer sich so
grundverschieden und doch wieder so grundähnlich erwiesen kamen sie auf den
Louis Wohlwend zu sprechen und berieten was mit dem von Arnold aufgebrachten
Protokoll zu beginnen sei Sie fanden dass sie schon wegen der Verjährung keinen
Nutzen mehr für das Haus darin suchen dagegen unter der Hand sich erkundigen
wollten ob etwa Pflichten gegen dritte eine Anzeige erheischen könnten
Vorläufig beschlossen sie eine deutsche Übersetzung anzufertigen um mittels
derselben nötigenfalls den Wohlwend zu jeder Stunde durch bloßen Vorhalt aus dem
Lande treiben zu können Inzwischen sollte der Verkehr mit ihm gänzlich
abgebrochen werden Arnold empfand nicht übel Lust die Verjagung ohne weiteres
vorzunehmen der Vater hingegen war für das Abwarten da er mit den Frauen die
er für unschuldige Opfer hielt Erbarmen hatte Sogar Wohlwend selber zu
schonen fühlte er ein geheimes Bedürfnis denn wenn der Sünder für die Strafe
auch nicht mehr erreichbar war so musste ihn das Bekanntwerden jenes
Aktenstückes dennoch in die Reihen der offenkundigen Verbrecher endgültig
hinabstossen Und er blieb doch immer Salanders ältester Jugendgenosse und
gewesener guter Freund
    Kaum waren auch diese Dinge abgetan und die Männer im Begriff jeder an eine
Beschäftigung zu gehen so klopfte es und der unglückliche Wohlwend trat herein
die schöne Myrrha am Arme führend
    »Verzeih alter Freund« rief er »dass wir dich so unvorgesehen überfallen
Da mache ich mit meiner Schwägerin einen Gang durch die Stadt und vernehme
plötzlich dass der Herr Sohn heimgekehrt sei Und wie wir hier an das Haus
kommen sag ich wir wollen einen Sprung hinauftun du kannst immer mitkommen
und den Herrn in frischer Tat begrüßen Seien Sie auch uns bestens willkommen
Herr Arnold so heißen Sie doch«
    Vater und Sohn waren wie vom Blitz getroffen Keiner ergriff die dargebotene
Hand aber keiner wusste ein Wort zu sagen noch weniger brachten sie es über
sich den Mann in Gegenwart des so rührend schönen Frauenzimmers schroff
abzuweisen Endlich ermannte sich Martin Salander indem er den alten Freund
sachte beiseite zog und leise zu ihm sagte
    »Sie entschuldigen Herr Wohlwend dass wir Sie jetzt nicht sprechen können
Wir sind wie Sie leicht begreifen dringend beschäftigt«
    »Sie« murmelte Wohlwend stutzend und trat sogleich weiter zur Seite »was
soll das heißen«
    »O nicht eben viel« versetzte Martin verlegen und doch sonderbar gereizt
dass der böse Geist die gefährliche Person vor die Augen des Sohnes brachte »Die
Verhältnisse ändern sich zuweilen ein geeigneter Aufschluss wird sich wohl
finden lassen für heute wie gesagt müssen wir Entschuldigung verlangen wir
sind wirklich sehr beschäftigt«
    Er hätte kein härteres Wort über die Lippen gebracht weil Myrrha nach
welcher er einmal hinschielte ein inniges Mitleid von neuem erweckte In seiner
Verlegenheit schritt er neben Wohlwend an der Wand auf und nieder während er
seine abgebrochenen Worte sprach und Wohlwend schritt beharrlich neben ihm her
schweigend böse Blicke schiessend auch nach den jungen Leuten spähend und den
Aufbruch nicht wagend weil er nicht wusste wie der sich gestalten würde
    Indessen war Myrrha verlassen im Zimmer gestanden ratlos blickend und
zuletzt zitternd als Arnold sie überrascht betrachtete Nun bat er sie
gefälligst sich zu setzen und nahm selbst einen Stuhl
    »Sie sind aus Ungarn mein Fräulein« fragte er sie mit unwillkürlicher
Teilnahme um etwas zu sagen
    Wiederum zitternd schaute sie ihn an und erwiderte mit erwachendem
Vertrauen
    »Ja wahrlich aus Ungarn Königreich Aber Schwager VolvendGlavicz hat nicht
wahr gesagt nicht jetzt auf der Straßen schon gestern abend hat gewusst dass
gnädiges Herr angekommen sind Aber entschuldigen Sie er hat nur vergessen«
    »Und wie lange leben Sie schon hier«
    »Glaub ich zwei Jahr oder eines bitt ich um Vergebung ich weiß es nicht
sicher«
    »Und wie gefällt es Ihnen denn in der Schweiz« fuhr er etwas verblüfft fort
und sah sie genauer an Das empfand sie wohl Sie flüsterte mit fallenden
Tränen
    »Mir gefällt es nirgendwo Bin ich nur schön aber nicht ganz gescheit
sagte mein Vater seliger und Herr VolvendGlavicz sagt bin ich auf den Kopf
gefallen aber Heiraten macht gesund Versteh ich nicht aber auch glaub ich
nicht bis ich das sehe«
    Das alles sagte sie trotz der Bedrängnis mit trauten Worten von Jugend zu
Jugend wie wenn sie da vor die rechte Schmiede gekommen wäre in einer
verworrenen und höchst bedenklichen Angelegenheit Immer mehr erstaunt sah
Arnold das zierliche Geschöpf forschend an und entdeckte erst jetzt wie ein
irres Licht durch den feuchten Schleier der Tränen flackerte
    In diesem Augenblicke blinzelte Wohlwend herüber der noch immer in der
Unbehaglichkeit neben dem alten Salander herlief und sah die scheinbar schnelle
Vertrauteit der jungen Leutchen Offenbar hielt er die ausgeworfene Angel für
festsitzend mochte aber für geraten halten die Schnur für einmal abzureissen
um die Angel für einen günstigeren Zeitpunkt wirken zu lassen Plötzlich ließ er
den Vater Salander stehen trat mit zwei Schritten hinter Myrrhas Stuhl und
legte die Hand auf ihre Achsel
    »Nun dürfen wir die Herren aber wirklich nicht länger stören« rief er
»komm Schwägerin Myrrha wir wollen uns empfehlen«
    Zugleich nahm er sie die sich erschrocken erhob an den Arm und verschwand
laute Abschiedsworte in das Zimmer zurückrufend und eine stattliche Pelzmütze
schwingend mit dem schönen Scheingebilde ebenso rasch durch die Tür wie er
gekommen war
    Vater und Sohn standen und schauten sich an
    Arnold tat endlich einen starken Atemzug gleich einem der sich von jähem
Schreck erholt
    »Wie schad um das schöne Frauenzimmer« sagte er
    »Wieso schade« fragte der Alte entgegen der schon zu fürchten begann der
Sohn möchte sich bereits verliebt haben
    »Nun« meinte Arnold hinwieder »weil der arme Tropf ja blödsinnig ist wo
nicht gar verrückt«
    »Blödsinnig«
    »Aber weiß man denn das nicht Hast du nie mit ihr gesprochen«
    »Mehrmals Allerdings wollte nie ein ordentliches Gespräch zustande kommen«
    »Jedenfalls ist das Mädchen in hohem Grade einfältig was wohl aufs gleiche
herauskommt Hör nur mit was die Ärmste mich unterhalten hat«
    Arnold erzählte den Inhalt ihrer wenigen Reden und schilderte ihr Benehmen
den Ausdruck ihres Gesichtes
    Der Vater wurde feuerrot bis unter die angesilberten Locken über der Stirne
ratlos was er dazu sagen solle Es war ein allzu bitterer Nachklang der ihn
auf dem Nachhauseweg den sie angetreten wiederholt den Kopf schütteln ließ
Arnold nahm diese innere Erregung nicht wahr Der Sohn hatte das kleine Ereignis
auch schon vergessen als es ihm bei Tisch unversehens einfiel und er davon zu
reden begann Nachdem er den Hergang geschildert hob er hervor wie gut sich
natürliche Anmut mit Blödsinnigkeit zu vertragen scheine Es sei aber ein
unheimliches Schauspiel und er würde sich doch dafür bedanken
    Frau Marie war sofort leicht rot geworden als er des unerwarteten Besuches
erwähnte Als sie aber einen Blick auf ihren Mann warf und in seinen stummen
Zügen den schwer verhehlten Kampf mit der Beschämung in der er vor ihr saß
bemerkte verzog sich die Röte wie ein zarter Rosenschleier und in den Augen
um die Lippen regte es sich leise wie das feinste Lustspiel das je in einem
Frauengesichte aufgeführt wurde
    Nur Martin Salander der die Gattin misstrauisch anblickte sah und verstand
es er fühlte sich leidlich besser nickte ihr dankbar und etwas dummlich zu
indem er sie um ein Glas Wasser bat Aber schon hatte sich das Spiel auf Maries
Gesicht in ernste Zufriedenheit verwandelt als sie hörte mit welch kalter Ruhe
Arnold seine Offenbarungen schloss
    Erst jetzt wagte Salander der Vater dem Sohne zu bemerken »Du hast aber
doch den Kopf etwas nah mit ihr zusammengesteckt wie ich flüchtig sehen
konnte«
    »Nicht ich« entgegnete Arnold »sie war es die mir in ihrer Unschuld näher
rückte und das störte mich sogar ein bisschen weil sie jedenfalls kurz vorher
Wurst gegessen hat wie ich an ihrem Hauche spürte Wäre etwas Senf dagewesen
so hätte ich ihn dazu genossen«
    »Mit dir ist auch nicht gut Kirschen essen« rief eine der Schwestern die
bislang kleinlaut zuhörten da das Kapitel ihnen nicht gefiel und der Vater
sagte
    »Ja er ist ein kritischer Gesell« Die Mutter sagte kein Wort aber ihr
Auge ruhte wohlgefällig auf dem Sohne Das wahre Geheimnis war und blieb den
Kindern verborgen
 
                                      XXI
Das neue Leben der wieder vollzähligen Familie floss nun klar und ruhig weiter
bis die Flut sich etwa kräuselte durch Martins pflichteifrigen Geist bewegt
    Es dauerte nicht lang so wollte er nicht mehr zusehen wie Arnold außer dem
Geschäfte nur seinen Studien und dem gesellschaftlichen Verkehr mit einigen
Jugendgenossen lebte er drang in ihn sich doch allgemach den öffentlichen
Dingen zuzuwenden wozu er ja die beste Gelegenheit habe wenn er mit dem Vater
die politischen Vereine Wahlversammlungen und zuweilen auch einen der
zahlreichen Vorträge zur Erklärung eines Gesetzes oder anderer Volksbeschlüsse
und obschwebenden allgemeinen Fragen besuche Da werde er bald lernen die
erworbenen Kenntnisse anzuwenden die Urteilskraft geltend zu machen und ein
Mitwirkender zu werden Und das sei notwendig denn ohne erweckte Jünglinge und
junge Männer fehle es den weisesten Alten am halben Leben
    Allein Arnold lehnte des Vaters Andringen bescheiden aber beharrlich ab Er
habe sich vorgenommen so erklärte er sich auf die Erfüllung aller
Bürgerpflichten zu beschränken wozu nebenbei gesagt auch gehöre niemals an
einer Wahl teilzunehmen wenn man weder den Vorgeschlagenen noch die
Vorschlagenden kenne Das sogenannte Mitwirken wolle er an sich kommen lassen
wenn es einst sein müsse bis dahin aber das faktische Geschehen beobachten und
die Früchte desselben betrachten an ihnen werde er auch die Personen erkennen
die sie hervorbringen besser als aus ihren Reden und die Parteien hinwieder an
diesen Personen sowie an den Zeitungsartikeln die sie schreiben Die
hergebrachten Einflüsse möge er nicht auf sich wirken lassen und gehe deshalb
auch nicht hin wo sie ausgewechselt werden nur so fühle er sich frei und einst
imstande jedem zu sagen was er für wahr halte Manche junge Leute dächten
jetzt so
    Der Vater bestand nicht länger auf seinem Ansinnen aber er fühlte sich
verletzt wenn das nun der ganze Einfluss war den er auf den eigenen Sohn haben
sollte er der so uneigennützig es sich sauer werden ließ dem Lande zu dienen
Er kam daher wieder auf den Gedanken zurück der Sohn sei auf den Schulen ein
Doktrinär geworden in welchem vielleicht der Reaktionär nur schlummere Ein
schmerzliches Misstrauen fing an sein Gemüt zu belästigen
    Das wandte sich zwar wieder zum Bessern als Arnold eines Tages sich erbat
einige Freunde im Haufe bewirten zu dürfen da er etwas derart schuldig sei Es
handelte sich um acht junge Leute von denen ein Teil unbemittelt wo nicht arm
ein anderer Teil aber Söhne reicher Familien waren Arnold wünschte zugleich
dass der Vater seine Gegenwart schenke und dieser schlug mit dem raschen
Gedanken ein bei diesem Anlasse des Sohnes Umgang und Gesinnung gründlicher zu
erfahren Die Mutter machte dem Sohne gern die Freude erklärte aber man müsse
einen Koch mit Aufwärter kommen lassen die alte Magdalene sei ausserstande die
Sache zu bewältigen und sie selbst wisse nicht was jetzt üblich sei und könne
auch nicht mehr in der Küche stehen Die Töchter dürfe man nicht vorspannen
    Arnold verwahrte sich gegen die Maßregel Er wolle nicht Aufwand und
Üppigkeit ins Haus bringen das sei ihm nicht eingefallen Seine Freunde seien
alle verständige und fröhliche Gesellen und wenn die alte Magdalene ein paar
solide Stücke zubereite was sie ja schon lang könne und die Speisen etwas
drollig daherbringe so werde alles aufs beste ablaufen Einen weiblichen
Adjutanten in der Küche möge sie immerhin beiziehen
    Es gab hierüber einen kleinen Zank bis er die Oberhand behielt aber nur
scheinbar Als er am bestimmten Abend eine Stunde früher nach Hause kam stand
ein schneeweisser Koch am Herde und im Speisezimmer ein befrackter Aufwärter der
sich mit einer Menge von Tellern und Gläsern zu schaffen machte und ohne Zweifel
die Servietten gefaltet hatte welche auf dem bereits gedeckten Tisch in Gestalt
von Kaninchen und Hühnern die Teller zierten Frau Marie sagte es wäre nicht
anders gegangen sie habe nicht mit einem misslungenen Wesen die Familie erst
recht als eine Emporkömmlingsware ins Gerede bringen können
    Die Gäste stellten sich pünktlich ein fast alle auf einmal so dass Vater
Salander bequemlich als der letzte erscheinen konnte ohne zu lange warten zu
müssen Sogleich fand er sich angenehm berührt durch das gute Aussehen und das
anständig offene Benehmen der Gesellschaft Bei Tisch vollends wunderte er sich
insgeheim über den unbefangenen guten Ton die Abwesenheit aller schlechten
Sprechmanier verhockter Kreise mit ihren Trivialwitzen und Zweideutigkeiten Um
besser zu hören sprach er selbst nicht viel und hütete sich besonders von
Politik anzufangen in der Absicht dass die Freunde Arnolds und mit ihnen er
selbst um so rückhaltloser darauf verfallen sollten Er sorgte auch genügend für
Erneuerung der Getränke welche die Zungen lösen Die jungen Herren wurden nur
fröhlicher alles in geziemenden Grenzen ohne einiger Vorsicht zu bedürfen Die
Unterhaltung belebte sich und da die Teilnehmer ziemlich gleichmäßig gebildet
wohlunterrichtet und auch lebendigen Geistes waren so tauchten politische
Gegenstände nicht minder als andere hervor allein nicht ein unfreisinniges
Wort nicht ein Wort welches auf Missachtung des Volkes hätte schließen lassen
war zu hören kaum etwa ein ungezwungen derber Ausdruck über diesen oder jenen
gemeinen Sykophanten der eben in der Presse oder in den Räten spukte dann hieß
es höchstens Was wollt ihr Dem Kerl ist sein Weg vorgezeichnet er muss ihn
laufen und wird seinem Lohn nicht entgehen
    Indem Martin sich noch über den erfahrungsmässigen Ton wunderte welcher
dieser Jugend schon geläufig schien war der Gegenstand schon aus dem Gespräch
verschwunden Die haben dachte er nicht die Fähigkeit auf einer Idee zu
beharren sie scheinen doch keine politische Ader zu besitzen Aber ehe er den
Verdacht besser ausspinnen konnte bewegte sich die Unterhaltung auf weiten
freien Bahnen keiner tat sich als Lehrer oder Prophet hervor und Phrasen
wurden noch weniger laut man sah nur dass es männliche Jünglinge seien die
sich die Welt offen behielten und nicht in einen Tabaksbeutel stecken ließ
Martin hatte einige Mühe neuen und neuesten Anregungen auf den Pfaden des
allgemeinen Bildungszustandes zu folgen denn er war in manchen Dingen ein wenig
viel zurückgeblieben und musste sich mehr als einmal Aufschluss erbitten der ihm
ohne Wohlweisheit und ganz ohne Aufheben erteilt wurde als selbstverständlich
wie man einem sagt was draußen für Wetter sei Und durch alles ging ein Hauch
unverdorbener Ehrlichkeit die ihm das Herz erfrischte
    Gottlob dachte er wir haben unser Geld nicht umsonst ausgegeben Das sind
doch auch Erziehungsfrüchte
    Doch untersuchte er nicht ob des Hauses oder des Staates
    Er teilte bald die heitere Laune der Tischgenossen ritterlich dachte er
sein sichtliches Vergnügen damit zu bezahlen dass er um zehn Uhr schon die
kleine Tafelrunde Arnolds sich selbst überließ und sich als Alter zurückzog
Allein es gelang ihm erst um halb elf loszukommen und die Frauen in ihrem Asyl
aufzusuchen wo sie noch wach beisammensassen
    »Kommst du endlich du Kneipier« sagte die Mutter »das muss dir ja herrlich
gefallen haben bei den jungen Leuten Wie war es denn«
    »Ich habe mich glaub ich beinah in meinem Leben nicht so gut unterhalten
wie diesen Abend« versicherte der Mann »es sind ganz vortreffliche Menschen
helle Köpfe und nota bene gesittete Bursche mit denen unser Arnold verkehrt
Gesellen von denen man sagen kann sie seien alle gut aufgehoben wenn sie
beieinander sind«
    »Das klingt ja sehr erbaulich« erwiderte Frau Marie froh »und ist mir lieb
zu hören Und was spielt denn der Arnold für eine Rolle unter ihnen«
    »Es spielt keiner eine Rolle Sie sind keine Streber möchte ich beschwören
und wissen dennoch was sie wollen obgleich oder weil sie nicht davon
schwatzen Glaub nur wenn es viele junge Mannschaft der Art gibt so ist mir
vor unserer Zukunft nicht bang«
    Mit beredter Zunge suchte er den vergnügt lauschenden Frauen den ungefähren
Verlauf des Abends zu schildern und von einigen der Freunde die ihm besonders
gefallen ein Bild zu entwerfen bis er durch einen kräftig schallenden Gesang
unterbrochen wurde der von dem bescheidenen Saale her ertönte Sie sangen dort
mit resoluten frischen Stimmen ein lebensfrohes Lied rasch und taktfest kurz
und gut und gleich darauf hörte man sie aufbrechen und ohne starkes Geräusch
das Haus verlassen
    »Ei wie nett war das« riefen die jungen Frauen »und so rund
abgeschlossen punktum«
    »Da seid ihr alle noch auf« sagte der mit einem Lichte eintretende Arnold
»das ist gut ich glaubte schon unser Geschrei hätte euch aus dem Schlafe
geweckt Ich mochte sie nicht gern verhindern und hab sogar mitgekräht da es in
einem zu ging«
    »Ihr hättet immer noch fortsingen mögen« sagte die Mutter »und doch hat
uns das entschlossene Aufhören einen trefflichen Eindruck hinterlassen Macht
ihr es immer so«
    »Ja wenn wir einmal singen ich weiß nicht wie es sich bei uns
eingebürgert hat Die Lust muss hinaus und da wir keine Virtuosen sind so mögen
wir doch auch keine Fronarbeit leisten Aber nun gute Nacht allerseits und
schönen Dank für geübte Geduld Ich will noch ein Stündchen lesen eh ich
schlafe«
    Als Arnold fort war fragte die Mutter ihren Martin ganz erstaunt
    »Hat der gute Junge denn nur Wasser getrunken Noch ein Stündchen lesen Und
ist so ruhig wie eine windstille Luft«
    »Den Teufel hat er Wasser getrunken« sprach Salander der Vater »Er
schluckte soviel Wein wie jeder andere Er ist eben dein Sohn du Hexe«
    Alle lachten über den komischen Zorn und gingen zu Bett
    Ruhig fuhr nun das Schifflein Martin Salanders zwischen Gegenwart und
Zukunft dahin des Sturmes wie des Friedens gewärtig aber stets mit guten
Hoffnungen beladen Manches Stück musste er noch als gefälschte Ware über Bord
werfen allein der Sohn wusste unbemerkt die Lücken so wohl zu verstauen dass
kein Schwanken eintrat und das Fahrzeug widerstandsfähig blieb den bösen Klippen
gegenüber welche bald hie bald dort am Horizonte auftauchen
    Auch das dunkle Raubschiffchen des Louis Wohlwend das seit bald einem
Menschenalter Martins Bahn kreuzte strich noch wiederholt heran konnte aber
nicht mehr entern Es war jetzt ziemlich sicher dass er mit dem an Martin
begangenen Raube seine Frau auf die bewusste Weise erwarb damit das Gut bergend
und zugleich ihr eigenes Erbe Also hatte er keineswegs nötig noch mehr zu
raffen allein er hielt den »alten Freund« einmal für sein Privateigentum und
der Neid der angeborenen Beschränktheit trieb ihn immer wieder seinen Teil zu
erhaschen und den Freund zu schädigen während die einfältige Religionsstifterei
ihm zur Vermummung dienen und zugleich die rohe Eitelkeit befriedigen sollte
der er zu allen Zeiten frönte
    Die Salanderschen mochten aus Mitleid mit seinen Knaben und den
wahrscheinlich unschuldigen Weibsleuten noch immer keinen Gebrauch von dem
Dokument machen das ihn augenblicklich vernichten musste Sie begnügten sich
damit ihn kurz abzuweisen in welcher Form auch er sich an sie machen wollte
ohne ihm zu sagen warum es geschehe
    So geriet er zuletzt in einen unerträglichen Zustand der Ungewissheit und
verlor gänzlich sein dummes Selbstvertrauen Er räumte den Platz um anderwärts
das Nichts zu finden das ihm beschieden war
    Eines Abends erschien Möni Wighart der Getreue und erzählte er habe
Wohlwend auf dem Bahnhofe gesehen wie er mit Weibern Kisten Koffern und bösen
Blicken erschienen und mit einem Blitzzuge abgefahren sei