1885_Marlitt_FrKarfunkelsteinen.html




        
                                Eugenie Marlitt
                       Die Frau mit den Karfunkelsteinen
                                        1
Tante Sophie hatte die Klammerschürze vorgebunden und nahm Wäsche von der Leine
Das Herz lachte ihr im Leibe während sie unter den hochgespannten Seilen
hinschlüpfte  frischgefallener Schnee ja was war der gegen das Weiß der
bleichenden Tafeltücher und Leinenbezüge  Seit urvordenklichen Zeiten war
stets das schönste Bleichwetter sobald die Leinenschätze des ehrenwerten Hauses
»Lamprecht und Sohn« an die Luft gebracht wurden  »selbstverständlich« Es sei
das so gut ein Vorrecht wie das berühmte Kaiserwetter meinte Tante Sophie immer
mit listigem Augenzwinkern denn es war jemand im Hause der solche
»Blasphemien« absolut nicht hören mochte
    Nun zog heute wieder die köstliche Sommerluft dörrend durch die feuchten
Lakenreihen und die Julisonne schien ihre ganze Kraft in dem mächtigen Viereck
des Hofes zu konzentrieren Über die Dächer schossen Schwalbenscharen wie
stahlglänzende Pfeile in den Hof herein ihre Nester hingen an den steinernen
Fenstersimsen in der BelEtage des östlichen Seitenflügels und es war niemand
da der den kleinen Blauröcken wehrte wenn sie auf den Simsen rasteten und in
ihrem aufdringlichen Gezwitscher kein Ende fanden Ja es wehrte ihnen weder ein
Menschenblick noch eine fortscheuchende Handbewegung denn nie klang eines der
Fenster droben in diesem Seitenbau höchstens dass einmal im Jahre auf Stunden
gelüftet wurde dann fielen die grossblumigen Gardinen wieder zusammen und ließ
es geduldig geschehen dass ihnen die Sonne den letzten Farbenrest aus der
morschen Seidenfaser sog
    Das Hauptaus dessen Fassade auf den vornehmsten Platz der Stadt
hinausging hatte der Zimmer und Säle genug und der Bewohner waren nicht viele
da brauchte man die obere Zimmerflucht des östlichen Seitenflügels nicht Die
Leute sagten aber anderes So hell und sonnig auch das angebaute Hinterhaus in
die Lüfte stieg und so friedlich es erschien mit seinen hohen stillen
Fenstern es war doch der unheimliche Schauplatz eines Kampfes eines
fortgesetzten gespenstigen Kampfes bis in alle Ewigkeit So sagten die Leute
draußen in Gassen und Straßen und die darinnen widersprachen nicht Warum auch
Hatte es doch seit Anno 1795 wo die schöne Frau Dorotea Lamprecht in dem
Seitenflügel ihr Wochenbett abgehalten und da verstorben war fast keinen
dienstbaren Geist der Familie gegeben der nicht wenigstens einmal die lange
Schleppe eines weißen Nachtgewandes durch den Korridor hätte schleifen sehen
oder gar gezwungen gewesen war sich halbtot vor Schrecken platt an die Wand des
Ganges zu drücken um die lange hagere »Selige« im grauen Spinnwebenkleide an
sich vorüberzulassen Drum schliefe auch niemand droben in dem Hause sagten die
Leute
    An dem »Unwesen« sollte ein Eidbruch schuld sein
    Justus Lamprecht der Urgroßvater des derzeitigen Familienoberhauptes hatte
seinem sterbenden Eheweibe der Frau Judit feierlich zuschwören müssen dass er
ihr keine Nachfolgerin geben wolle  es sei um ihrer zwei Knaben willen sollte
sie gesagt haben im Grunde aber war es glühende Eifersucht gewesen die keiner
anderen den Platz an der Seite ihres zurückbleibenden Ehemannes gegönnt  Herr
Justus hatte aber ein leidenschaftliches Herz gehabt und seine schöne Mündel
die in seinem Hause gewohnt nicht minder Sie hatte gemeint und wenn sie in
die Hölle mit ihm müsse sie lasse doch nicht von ihm und heirate ihn der
neidischen Seligen zum Trotz und Tort Und sie hatten auch zusammen gelebt wie
zwei Turteltauben bis sich die schöne junge Frau Dorotea eines Tages in den
Seitenflügel zurückgezogen um sich in der mit fürstlicher Pracht ausgestatteten
Wochenstube ein neugeborenes Töchterchen in den Arm legen zu lassen Herr Justus
Lamprecht hatte gesagt nun sei er auf dem Gipfel des Glückes
    Es war aber gerade strenger Winter gewesen und just in der Weihnachtsnacht
wo draußen alles zu Stein und Bein gefroren war mit dem Glockenschlag Zwölf
langsam und feierlich die Türe der Wochenstube nach dem Gange hinaus
zurückgefallen und die Selige war auf einer grauen Wolke wie in Spinnweben
gewickelt hereingekommen Und die Wolke der Spinnwebenrock und der hässliche
Kopf mit der SpitzenDormeuse alles war unter den seidenen Bettimmel gekrochen
und hatte sich auf der Wöchnerin so fest zusammengekauert als solle dem
blühenden jungen Weibe das Herzblut ausgesogen werden  Der Wartfrau waren Hand
und Fuß gelähmt gewesen und sie hatte sozusagen in einer Eisgrube gesessen so
mörderisch kalt war es von dem Spukwesen ausgegangen die Sinne waren ihr
vergangen und erst lange danach als das Neugeborene geschrien war sie wieder
zu sich gekommen
    Ja das war nun eine schöne Bescherung gewesen Die Türe nach dem
eisigkalten Gang hatte noch sperrangelweit offen gestanden und von der bösen
Frau Judit war auch nicht ein Rockzipfelchen mehr zu sehen gewesen im Bette
aber hatte Frau Dorotea aufrecht gesessen und unter heftigem Schütteln und
Schaudern mit den Zähnen geklappert und ganz wirr nach dem Kind in der Wiege
gesehen und nachher war sie in Raserei verfallen und nach fünf Tagen hatte
sie ihr totes Kindlein im Arm im Sarge gelegen   Die Ärzte hatten gesagt
Mutter und Kind seien infolge heftiger Erkältung gestorben die
pflichtvergessene Wärterin habe die Türe schlecht verschlossen sei
eingeschlafen und habe verrückt geträumt  einfältiges Gewäsch  Wenn das alles
so mit natürlichen Dingen zugegangen war weshalb geschah es denn nachher dass
die schöne Verführerin oft schon im Abendzwielicht aus der ehemaligen
Wochenstube gehuscht kam und die graue Furie hinter ihr hersauste um ihr von
hinten die langen dürren Arme würgend um den Hals zu schlingen   
    Die Firma »Lamprecht und Sohn« hatte zu Ende des vorigen Jahrhunderts noch
mit Leinen gehandelt und die öfter wiederholte Bezeichnung »Thüringer Fugger«
sollte gar nicht übel auf ihr Ansehen gepasst haben  Dazumal hatte ihr großer
Häuserkomplex am Markte einem Bienenstock geglichen so lebendig war der
Menschenverkehr gewesen  Bis unter die Dächer hinauf sollten die Leinenballen
aufgestapelt gewesen sein und allwöchentlich waren mächtige Frachtwagen
schwerbeladen in die weite Welt hinausgefahren Tante Sophie wusste das alles
ganz genau Sie selbst hatte freilich jene Zeiten nicht gesehen aber in ihrem
hellen Kopfe waren Familientraditionen alte Geschäfts und Tagebuchnotizen und
die verschiedenen oft kuriosen Nachlassverfügungen so pünktlich registriert wie
sie kaum der Archivar einer Regentenfamilie in den Annalen sammelt
    So war denn auch die alljährliche Julibleiche eine Zeit der Reminiszenzen
Da kamen uralte Wäschestücke auf die Leine nicht der Benutzung wegen  bewahre
 nur damit sie nicht vergilbten und in neue Brüche gelegt werden konnten Und
die eingewebten Jäger und Amazonen die mytologischen und biblischen Figuren in
dem Damastzeug mochten sich dann freilich jedesmal verwundern wie still und
anders es in dem Hofe geworden dass von Flachspreisen und Webelöhnen kein Wort
mehr fiel kein hochgetürmter Frachtwagen durch die Torwölbung des Packhauses
rasselte und das Schlagen der Webstühle in fast lautloser Stille erloschen war
 Es ging ja wohl öfter ein Flüstern und Rauschen durch den Hof aber das kam
vom Zugwind der durch das Gesträuch und Gezweig fuhr  du lieber Gott wie sich
doch die Welt änderte  Grünes Blattwerk auf dem ehemaligen
Geschäftstummelplatz der dazumal nicht die ärmlichsten Grasspitzen zwischen
seinem festen Bachkieselgefüge hatte aufkommen lassen Je nun hatte sich doch
das alte Steinpflaster im Laufe der Zeiten selbst nicht behaupten können Eine
dichte Rasendecke lag jetzt auf dem etwas abschüssigen Terrain schöne
Rosenbäume schüttelten ihre buntfarbigen Blütenblätter über das weiche Gras her
es rauschte junges strotzendes Lindenlaub vor dem westlichen Seitenflügel der
sogenannten Weberei und das alte Packhaus welches nach Norden hin den Hof
abschloss war von oben bis unten völlig umschnürt von dem grünen Schuppenpanzer
des Pfeifenstrauches
    Der Leinenhandel war längst vertauscht worden mit einer Porzellanfabrik die
sich außerhalb der Stadt auf dem nahegelegenen Dorfe Dambach befand
    Der gegenwärtige Chef des Hauses »Lamprecht und Sohn« war Witwer Er hatte
zwei Kinder und Tante Sophie die Letzte einer Seitenlinie der Familie führte
ihm die Wirtschaft mit fleißigen Händen in Zucht und Ehren und weiser
Sparsamkeit Und die lustige Tante mit der großen Nase und den gescheiten
braunen Augen hielt es für den klügsten Einfall ihres ganzen Lebens eine alte
Jungfer geworden zu sein dieweil auf diese Weise doch noch für ein Weilchen
eine echte Lamprechtsphysiognomie aus der Hausfrauenstube auf den Markt
hinausgucke  Das klang nun freilich ebenso unangenehm nervenberührend für das
Ohr der Frau Amtsrätin wie die stehende Bemerkung über das Kaiserwetter aber
die Frau Amtsrätin war eine sehr feine Dame die zu Hofe ging und Tante Sophie
steckte stets die unschuldigste Miene auf und so kam es nie zu einem Streit
zwischen beiden
    »Amtsrats« die Schwiegereltern des Herrn Lamprecht wohnten im zweiten
Stock des Hauptauses Der alte Herr hatte sein schönes Rittergut verpachtet und
sich zur Ruhe gesetzt aber er hielt es in der Stadt nicht lange aus Er ließ
Frau und Sohn  seinen einzigen  oft allein und war weit mehr draußen in
Dambach in der Landluft wo ihm der Wald und das Hasenrevier greifbar nahe
lagen und er in dem geräumigen zu der Fabrik gehörigen Pavillon seines
Schwiegersohnes hausen konnte so oft und so lange er Lust hatte 
    Es schlug vier auf dem nahen Rataustürmchen und mit der
NachmittagsKaffeestunde nahte das Bleichwerk seinem Ende  Die Wäsche hatte
sich allmählich in den riesigen Korbwannen weiß und hoch wie Schneehügel
aufgetürmt und Tante Sophie nahm zu allerletzt die Klammern behutsam von den
kostbaren Wäschealtertümern Aber da gab es ihr plötzlich einen förmlichen Stich
durch das Herz
    »Eine schöne Bescherung« rief sie ganz erschrocken und betreten der
helfenden alten Magd zu »Da guck her Bärbe Das Tafeltuch mit der Hochzeit zu
Kana ist aus dem Leim gegangen  es hat einen mächtigen Riss«
    »Ist auch alt genug  der reine Zunder  Alles hat seine Zeit Fräulein
Sophie«
    »Was du doch gescheit bist alte kluge Bärbe Das Sätzchen kann ich auch
auswendig  O je der Schaden geht dem Speisemeister geradeswegs durch die
ganze Physiognomie  da werde ich meine liebe Not mit dem Stopfen haben«  Sie
hielt das dünngewordene morsche Gewebe prüfend gegen das Licht
    »Ein altes Erbstück ists freilich Die Frau Judit hat das Gedeck noch mit
eingebracht«
    Bärbe räusperte sich laut und schielte verstohlen nach den Fenstern des
östlichen Seitenflügels empor »Solche Leute die keine Ruhe in der Erde haben
die muss man nicht so laut beim Namen nennen Fräulein Sophie« rügte sie mit
gedämpfter Stimme und entschieden missbilligendem Kopfschütteln »Justement in
der Zeit nicht wo es wieder umgehen tut  der Kutscher hat es erst gestern
abend wieder weiß um die Gangecke laufen sehen «
    »Weiß Na dann ists ja doch der Spinnwebenrock nicht gewesen Also der
nette dicke Kutscher spielt sich auf das Sonntagskind in Eurer Gesindestube Das
sollte nur der Herr wissen Ihr Hasenfüsse wollt wohl sein Haus wieder einmal in
aller Leute Mäuler bringen«  Sie zuckte die Achseln und schlug das Tafeltuch
zusammen »Mir für meine Person mir wäre das übrigens ganz egal Es hört sich
eigentlich gar nicht schlecht an wenn die Leute sagen die weiße Frau in
Lamprechts Hause  Alt und angesehen genug sind die Lamprechts ja Den Luxus
können wir uns schon erlauben so gut wie die im Schloss«
    Diese letzten Worte waren offenbar nicht an die Adresse der Magd gerichtet 
Tante Sophiens braune Augen zwinkerten lustig nach der Lindengruppe vor der
Weberei Dort funkelten ein paar Brillengläser auf dem feinen Nasenrücken der
Frau Amtsrätin Die alte Dame hatte ihren Papagei ein wenig ins Grüne
heruntergetragen und hielt Wache bei ihm von wegen der Hauskatzen Sie stickte
und neben ihr am weissgestrichenen Gartentische saß ihr Enkel der kleine
Reinhold Lamprecht und schrieb auf seiner Schiefertafel
    »Ich will nicht hoffen dass Sie das ernstlich meinen liebste Sophie« sagte
die Frau Amtsrätin eine leichte Röte war in ihr Gesicht getreten und die Augen
blickten scharf über die Brille »Mit solchen geheiligten Vorrechten spasst man
übrigens nicht das ist unziemlich  Strengere als ich würden sagen
demokratisch«
    »Ach ja das sähe denen schon ähnlich« lachte Tante Sophie »Das sind
solche die auch am liebsten wieder mit Feuer und Schwert in der Welt hantieren
möchten Aber muss denn der Mensch gleich ein Demokrat sein wenn er nicht wie
ein Wurm am Boden kriecht Bei denjenigen die da wiederkommen um die
lebendigen Kreaturen ins Bockshorn zu jagen ist doch kein Unterschied mehr und
die weiße Schlossfrau muss ebensogut erst aus einem Moderhäufchen steigen wie dem
Urgroßvater Justus sein schönes Dorchen auch«
    Die alte Dame rümpfte die feine kleine Nase und schwieg indigniert Sie
legte ihren Stickrahmen weg und trat zu Bärbe »Wie ist denn das  der Kutscher
will gestern abend auch in dem Gange etwas gesehen haben« fragte sie gespannt
    »Jawohl Frau Amtsrätin und der Schreck liegt ihm heute noch in allen
Gliedern Er hat oben in den guten Stuben bis zur Dämmerstunde die Fussböden
gewichst und nachher beim runtergehen ists ihm gewesen als wenn in dem Gange
hinten eine Türe sachte zugemacht würde  Frau Amtsrätin in dem Gange wo im
ganzen Leben kein Türschlüssel umgedreht wird Na kurz und gut  es ist ihm
freilich eiskalt über den Rücken gelaufen und die Beine sind ihm bleischwer
geworden aber er hat sich doch ein Herz gefasst ist ein paar Schrittchen auf
die Seite geschlichen und hat um die Ecke geschielt Und da ists vor seinen
Augen in den langen Gang hingehuscht ganz schlank und schmächtig und schlohweiss
von oben bis unten «
    »Vergiss nur ja die schwarzledernen Handschuhe nicht Bärbe« warf Tante
Sophie ein
    »Bewahr mich Gott Fräulein Sophie nicht einen schwarzen Faden hat das
Unding an sich gehabt Und wies um die andere Gangecke saust da fliegt alles
auseinander wie Schleierzeug und ist verschwunden gewesen der Kutscher sagt
wie Rauch im Winde Den bringen um die Dämmerstunde nicht zehn Pferde wieder bis
an den Gang hin«
    »Wird auch gar nicht verlangt von der Heldenseele  der gehört in den
Altweiberspittel mit seinem Spinnstubengewäsch« sagte Tante Sophie halb
amüsiert halb ärgerlich und griff nach einer Serviette um sie von der Leine
zu nehmen aber in demselben Augenblick fuhr auch ihr Kopf herum »Potztausend
was kommt denn da für ein Fuhrwerk angerasselt Ja Gretel bist du denn
närrisch«
    Durch den hochgewölbten Torweg des Hauptauses kam ein hübscher
Kinderlandauer mit einem Gespann von zwei Ziegenböcken in den Hof
hereingebraust Die Lenkerin ein Mädchen von ungefähr neun Jahren stand
aufrecht und hielt die Zügel stramm in den Händen Der runde breitrandige
Strohhut war ihr nach dem Nacken zurückgesunken und schwebte von den
Bindebändern am Halse festgehalten wie eine gelbe Heiligenscheibe hinter dem
dunklen Gelock das wild im scharfen Zugwind aufflog
    Das Gefährt rollte bis zu den Linden unter denen der kleine Reinhold saß
da erst wurde mit einem kräftigen Ruck Halt gemacht zum Schrecken des
Papageien der laut aufkreischte während der Knabe von der Bank glitt
    »Aber Grete du sollst ja nicht mit meinen Böcken fahren Ich wills nicht
haben« zankte Reinhold weinerlich und sein blasses schmales Gesichtchen
rötete der Zorn »Es sind meine Böcke Der Papa hat sie mir geschenkt«
    »Ich tus nicht wieder ganz gewiss nicht Holdchen« versicherte die
Schwester vom Wagen springend »Geh sei nicht böse  Hast mich noch lieb« 
Der Kleine kletterte wieder auf seine Bank und ließ es nur widerwillig
geschehen dass sie ihn mit stürmischer Zärtlichkeit umfasste  »Siehst du Hans
und Benjamin wollen ja doch auch ihren Spaß haben Die armen Kerle sind so lange
im Dambacher Stalle eingesperrt gewesen«
    »Und du bist wirklich allein von Dambach hereingefahren« fragte die Frau
Amtsrätin Entrüstung und nachträglichen Schrecken in ihrer zarten Stimme
    »Natürlich Grossmama Der dicke Kutscher kann doch nicht hinter mir im
Kinderwagen sitzen  Der Papa ist nach Hause geritten und ich sollte mit der
Faktorin wieder im großen Wagen hereinfahren aber die Trödelei dauerte mir zu
lange«
    »Solch ein Unsinn Und der Großpapa«
    »Der stand im Hoftor und hielt sich die Seiten vor Lachen wie ich
vorbeisauste«
    »Ja du und der Großpapa Ihr seid mir«  die alte Dame verschluckte
weislich den Rest ihrer scharfen Bemerkung und zeigte mit dem Finger empört auf
Brust und Leib der Enkelin »Und wie siehst du aus So bist du durch die Stadt
gefahren«
    Die kleine Margarete riss an der Schleife am Halse um sich von dem Hute zu
befreien und streifte mit einem gleichgültigen Blick das gestickte Vorderblatt
ihres weißen Kleides »Heidelbeerflecken« sagte sie kaltblütig »Es geschieht
euch schon recht warum zieht ihr mir immer weiße Kleider an Bärbe sagts ja
immer Packleinwand wäre am besten für mich «
    Tante Sophie lachte und eine männliche Stimme fiel ein Fast mit der
kleinen Equipage zugleich war ein junger Mensch in den Hof gekommen ein
auffallend hübscher neunzehnjähriger Jüngling der Sohn der Frau Amtsrätin und
ihr einziges Kind denn sie war die zweite Frau ihres Mannes und nur die
Stiefmutter der verstorbenen Frau Lamprecht gewesen Der junge Mann hatte einen
Stoß Bücher unter dem Arm und kam vom Gymnasium her
    Die Kleine streifte ihn mit einem finsteren Blick »Du brauchst gar nicht zu
lachen Herbert« murrte sie geärgert während sie die Zügel der Böcke wieder
aufnahm um das Gespann nach dem Stalle zu bringen
    »So Werde mirs merken meine kleine Dame Aber darf man fragen wie es mit
den Schularbeiten steht Draußen beim Heidelbeeressen hat das gnädige Fräulein
schwerlich seine französische Lektion repetiert und ich möchte wissen wie viel
Kleckse das Schönschreibebuch heute abend zu verzeichnen haben wird wenn die
Aufgabe per Dampf erledigt werden muss «
    »Keine Ich werde schon aufpassen und mir Mühe geben  gerade dir zum Trotz
Herbert«
    »Wie oft soll ich dir wiederholen unartiges Kind dass du nicht Herbert
sondern Onkel zu sagen hast« zürnte die Frau Amtsrätin
    »Ach Grossmama das geht ja nicht und wenn er zehnmal Papas Schwager ist«
entgegnete die Kleine unwirsch und mit allen Zeichen der Ungeduld die dunkle
Lockenwucht aus dem Gesicht schüttelnd »Wirkliche Onkels müssen alt sein Ich
weiß aber noch ganz gut wie Herbert mit Ziegenböcken gefahren ist und mit
Bällen und Steinen die Fenster eingeworfen hat Und vom Doktor war ihm das Obst
verboten und er hat doch immer ganze Hände voll Pflaumen heimlich aus der
Tasche gegessen  ja wohl das weiß ich noch sehr gut  Und jetzt ist er ja
auch weiter nichts als ein Schulfuchs der noch mit den Büchern unter dem Arme
geht  Brr Hans Wollt ihr warten« schalt sie auf das ungeduldige Gespann und
fasste die Zügel fester
    Bei der sehr laut gesprochenen rückhaltslosen Kritik aus kindlichem Munde
war der junge Mann dunkelrot geworden Er lächelte gezwungen »Du Naseweis dir
fehlt die Rute« presste er zwischen den Zähnen hervor während sein
scheuverlegener Blick das gegenüberliegende Packhaus streifte
    Die ein wenig schief hängende äußere Holzgalerie die im oberen Stock vor
den Schiebefenstern dieses alten Hauses hinlief war auch laubenartig von dem
Blattgeflecht des Pfeifenstrauches übersponnen nur da und dort ließ es Raum für
Luft und Licht indem es einen Rundbogen wölbte Und in einer solchen grünen
Nische blinkte es wie mattes Gold und manchmal hob sich eine zarte weiße Hand
hinter der Brüstung um wie träumerisch über das lockere Goldhaar
hinzustreichen oder sich hinein zu vergraben In diesem Augenblick aber blieb
drüben alles still und unbeweglich
    Die Frau Amtsrätin war die einzige die das verstohlene Hinüberblicken des
Sohnes bemerkt hatte Sie sagte kein Wort aber ihre Stirn zog sich finster
zusammen während sie dem Packhaus geflissentlich den Rücken wandte
    »Liebste Sophie mein Sohn hat recht  Gretchen wird von Tag zu Tag
unmanierlicher« sagte sie hörbar gereizt zu Tante Sophie wobei sie den Ständer
mit ihrem Papagei ergriff um ihn wieder hinaufzutragen »Ich tue mein
möglichstes so oft das Kind oben bei mir ist aber was hilft das alles wenn
hier unten über ihre Ungezogenheiten gelacht wird  Unsere selige Fanny war in
Gretchens Alter schon völlig Dame sie hatte von klein auf Takt und Chic in
bewunderungswürdiger Weise Was würde sie sagen wenn sie ihr Kind so wild und
ungezügelt aufwachsen sähe wenn sie hörte wie das Mädchen so entsetzlich
geradeheraus und unverblümt zu sprechen gewohnt ist  Ich verzweifle an irgend
einem Resultat diesem Kopf gegenüber«
    »Hartes Holz Frau Amtsrätin Daran lässt sich freilich schwer schnitzeln«
entgegnete Tante Sophie mit einem humorvollen Lächeln »Über wirkliche
Ungezogenheiten lache ich nie  da seien Sie ganz ruhig Aber damit macht mir
unsere Gretel das Leben auch gar nicht sauer Mit den Knixen und Reverenzen
mags freilich schwer halten  das glaub ich Ihnen gerne und darin kann ich
auch nicht helfen denn ich bin keine von den sogenannten Weltpolitischen Ich
sehe nur immer darauf dass dem Wildfang seine schöne Wahrheitsliebe verbleibt
dass das Kind nicht heucheln und schmeicheln und schöne Dinge sagen lernt an die
es selbst nicht glaubt«
    Währenddem brachte die kleine Margarete die bei dem Wort »Rute« empört
aufgefahren war als fühle sie bereits den Schlag mit Bärbes Hilfe das Gefährt
unter Dach und Fach und Reinhold zeigte dem jugendlichen Onkel seine
Schreibübungen auf der Schiefertafel
    Der Knabe war von ausnehmend zarter Gestalt ein dürftig
zusammengeschmiegtes Figürchen mit matten langsamen Bewegungen
    »In der Gretel steckt ein Überschuss von Kraft der will sich austoben«
fuhr Tante Sophie fort »Wollte Gott unser stilles blasses Jüngelchen da« 
sie zeigte verstohlen nach dem Kleinen und ihr Blick verdunkelte sich  »hätte
ein Teil davon«
    »Über sogenannte Kraftmenschen habe ich meine eigene Ansicht Liebste«
entgegnete die Frau Amtsrätin achselzuckend »Mir geht die distinguierte Ruhe
über alles  Da sind wir übrigens wieder einmal bei dem alten Thema von
Reinholds Schwächlichkeit  wenn Sie wüssten wie Sie mich mit dieser ewigen
Gespensterseherei irritieren Mein Gott Lamprechts einzige Hoffnung sein
Kleinod  Nein Gott sei Dank unser Junge ist innerlich ganz gesund Der
Doktor beteuert es und ich zweifle nicht dass Reinhold später einmal seinem
Papa an Kraft und Gewandtheit nichts nachgeben wird«
    Diese Behauptung erschien sehr gewagt wenn man das kümmerliche
Menschenpflänzchen am Gartentische mit dem Mann verglich der in diesem
Augenblick in den Hof ritt
    Herr Lamprecht kam von einer andern Seite als sein Töchterlein durch die
Straße hinter seinem Besitztum welche einst die mit Leinen befrachteten Wagen
frequentiert hatten Er kam in der letzten Zeit meist diesen Weg 
    Sowie die Reitererscheinung aus dem Dunkel des tiefen PackhausTorweges
auftauchte hatte sie etwas überaus Imposantes Herr Lamprecht war ein
auffallend schöner Mann tannenschlank und dunkelbärtig voll Feuer und Würde
zugleich in Haltung und Bewegungen
    »Papa da bin ich Volle zehn Minuten früher als du Ja die Böcke laufen
anders als dein Luzifer die laufen ganz famos« triumphierte Margarete die bei
dem Getrappel der Pferdehufen auf dem hallenden Torwegpflaster aus der
Stalltüre gesprungen kam
    Das Geräusch des aufgestossenen Torflügels drunten brachte auch Bewegung in
das grüne Versteck der Holzgalerie das gerade über der Einfahrt lag  der
blonde Kopf fuhr empor  Vielleicht wurden das Grün der überhängenden Blätter
und die altersdunkle Hauswand dahinter zur besonderen Folie und ließ die
Maiblumenfrische des jungen Gesichts doppelt blendend hervortreten auf jeden
Fall aber war das Mädchen im hellen Sommerkleide eine Gestalt die sofort aller
Blicke auf sich ziehen musste
    Sie bog sich voller Neugierde wie es schien aus dem Blätterrundbogen
dabei fielen zwei dicke Flechten vornüber und hingen jenseits des Geländers lang
herab so dass der Zugwind die blauen Bandschleifen an ihren Enden hin und her
wehen machte
    Und auf der Geländerbrüstung mochten Blumen liegen bei der hastigen
Bewegung mit welcher das Mädchen den Arm aufstützte flogen ein paar schöne
Rosen herab und fielen vor den Hufen des Pferdes auf das Pflaster nieder  Das
Tier scheute aber der Reiter klopfte ihm beruhigend den Hals und ritt in den
Hof herein Mit einem seltsam starren Blick der weder rechts noch links zu
sehen schien zog er beim Näherkommen den Hut er war achtlos über die Blumen
hingeritten und hatte nicht einmal emporgeblickt nach dem offenen Gange von
woher die duftenden Störenfriede gekommen  Herr Lamprecht war ein stolzer Mann
und die Frau Amtsrätin begriff vollkommen dass er den Bewohnern des Hinterhauses
wenig Beachtung schenke
    Seine kleine Tochter dagegen schien anders zu denken Sie lief bis zum
Packhaus und hob die Blumen auf »Sie binden wohl einen Kranz Fräulein Lenz«
rief sie nach dem Gange hinauf »Ein paar Rosen sind heruntergefallen  soll ich
sie Ihnen zuwerfen oder hinaufbringen Ja«
    Keine Antwort erfolgte Das junge Mädchen war verschwunden es mochte sich
erschrocken über das zurückscheuende Tier in das Innere des Hauses geflüchtet
haben
    Herr Lamprecht stieg indessen vom Pferde Er war nahe genug um zu hören
wie seine Schwiegermutter mit missbilligendem Erstaunen zu Tante Sophie sagte
»Wie kommt denn Gretchen zu der Intimität mit den Leuten da drüben«
    »Intim  Davon weiß ich nichts Ich glaube nicht dass das Kind je die
Treppe im Packhause hinaufgestiegen ist Nichts als das gute Herz ists Frau
Amtsrätin Die Gretel ist eben hilfreich gegen jedermann das ist die richtige
Höflichkeit und mir tausendmal lieber als solche die außen voller Komplimente
sind und innerlich recht grob denken in bezug auf andere Menschen Es mag aber
auch bei dem Kinde die Freude an der Schönheit sein  ich machs ja nicht
besser Mir lacht immer das Herz im Leibe wenn ich das schöne Mädchen dort auf
dem Gange hantieren sehe«
    »Geschmacksache« warf die Amtsrätin leicht hin aber ihre Stirn furchte
sich in Missmut und ein finsterer Seitenblick streifte den Sohn der sich tief
über Reinholds Schiefertafel bückte »Das blonde Genre hat nie Reiz für mich
gehabt« setzte sie mit ihrer stets sanften gedämpften Stimme hinzu »Übrigens
habe ich ja gewiss an Gretchens Zuvorkommenheit nichts auszusetzen es überrascht
und freut mich vielmehr dass sie auch höflich sein kann Ich gehöre auch nicht
zu solchen die innerlich grob in bezug auf andere Menschen denken Liebste 
keineswegs dazu bin ich zu mild und zu christlich Aber ich stehe auch fest auf
meinen gut konservativen Anschauungen nach welchen gewisse Grenzen absolut
aufrecht erhalten werden müssen Das junge Mädchen  mag es auch als
Erzieherin in England gewesen sein und einen höheren Bildungsgrad erlangt haben
 allen Respekt vor diesem Streben  aber ich sage trotz alledem dieses
Mädchen ist und bleibt hier doch nur die Tochter eines Mannes der für die
Fabrik arbeitet und das muss für uns alle massgebend sein  hab ich nicht recht
Balduin« wandte sie sich an ihren Schwiegersohn der etwas Ungehöriges an dem
Sattelzeug seines Pferdes zu prüfen schien
    Er hob kaum die Stirn aber ein verstohlener Blitz zuckte seitwärts aus
seinen dunkelglühenden Augen so jäh und grell als wolle er die zarte sanfte
Frau zu Staub und Asche verbrennen  Sie musste einen kurzen Moment auf die
Bestätigung ihres Ausspruchs warten dann aber kam sie prompt und gleichmütig
von den Lippen des schönen Mannes »Sie haben ja stets recht Mama Wer würde
sich wohl unterstehen anderer Meinung zu sein«
    Er drückte sich den Hut tiefer in die Augen und führte das Pferd nach dem
Stall in der Weberei
 
                                       2
Unter den Linden ging es inzwischen ziemlich laut her Margarete hatte die
aufgelesenen Rosen auf den Gartentisch gelegt  nur so lange bis Fräulein Lenz
wieder auf den Gang herauskomme sagte sie und kniete auf der Bank neben dem
kleinen Bruder nieder
    »Da sieh her Grete« sagte Herbert und zeigte auf die Schiefertafel Er sah
noch sehr rot aus und seine Stimme klang so sonderbar zitterig und unterdrückt
 wahrscheinlich noch vom Ärger dachte das kleine Mädchen  »Sieh her«
wiederholte er »und schäme dich Reinhold ist fast zwei Jahre jünger als du
und wie schön und korrekt ist seine Schrift gegen deine Buchstaben die so
hässlich groß und steif sind als wären sie mit einem Stück Holz und nicht mit
der Feder geschrieben«
    »Aber deutlich sind sie« entgegnete die Kleine ungerührt  »so schön
deutlich sagte Bärbe dass sie die Brille gar nicht erst aufzusetzen braucht wie
beim Gesangbuchlesen  warum soll ich mich denn da plagen mit den dummen
Schnörkelchen«
    »Nun ja das konnte ich wissen  du bist ein unverbesserlich faules kleines
Mädchen« sagte der junge Mann wobei er wie zerstreut eine der Rosen ergriff
und ihren Duft einatmete  er schien dies aber nur mit den Lippen zu tun
    »Ja faul bin ich manchmal in der Schule das ist wahr« gab die Kleine
ehrlich zu »aber nicht in der Weltgeschichte  nur im Rechnen und «
    »Und in den Schularbeiten zu Hause wie dein Direktor klagt «
    »Ach was weiß denn der Solch ein alter Mann der fürchterlich schnupft und
immer nur in der Schule und in seiner engen schrecklichen Gasse steckt  keine
Sonne scheint hinein und seine Stube ist voll Tabaksqualm wie ein Schlot  der
weiß viel wie einem zu Mute ist wenn man im Dambacher Garten im Grase liegt
und  halt daraus wird nichts Die wird nicht wegstibjetzt« unterbrach sie
sich warf ihren geschmeidigen Körper blitzschnell über die Tischplatte hin und
haschte nach der Rose die Herbert vermutlich abermals infolge seiner
Zerstreutheit eben in der Brusttasche verschwinden ließ
    Aber der sonst so beherrschte junge Mann war in diesem Augenblick kaum
wieder zu erkennen Ganz blass die Augen voll Grimm erfing er die kleine Hand
noch bevor sie ihn berührte und schleuderte sie von sich wie ein bösartiges
Insekt
    Die Kleine stieß einen Schmerzenslaut aus und auch Reinhold sprang
erschrocken von der Bank
    »Holla  was geht denn da vor« fragte Herr Lamprecht welcher dem
herbeigeeilten Hausknecht sein Pferd überlassen hatte und eben an den Tisch
trat
    »Er darf nicht Das ist so gut wie gestohlen« stieß die kleine Margarete
noch unter der Einwirkung des Schreckens hervor »Die Rosen gehören Fräulein
Lenz «
    »Nun und «
    »Herbert hat eine weiße genommen und in die Tasche gesteckt  gerade die
allerschönste«
    »Kinderei« zürnte die Frau Amtsrätin »Was für abgeschmackte Späße
Herbert«
    Herr Lamprecht sah erhitzt aus als habe ihm der Ritt das ganze Blut nach
dem Kopfe getrieben Er trat dem jungen Mann schweigend näher und wiegte die
Reitpeitsche in seiner Hand und allmählich umschlich ein überlegenes
verletzendes spöttisches Lächeln seinen Mund er kniff die Augen zusammen und
fixierte sein jugendliches Gegenüber von Kopf bis zu Füßen und es war als
sprängen Funken aus den Lidspalten in das Gesicht des jungen Menschen der
heftig errötete
    »Lasse ihn doch Kleine« sagte Herr Lamprecht endlich mit einem lässigen
Achselzucken zu seinem Töchterchen »Herbert braucht das gestohlene Gut für die
Schule  er wird morgen in der botanischen Stunde seinem Professor eine rosa
alba vorzeigen müssen«
    »Balduin « die Stimme erstickte dem jungen Manne als würge eine Hand an
seiner Kehle
    »Was befiehlst du mein Junge« wandte sich Herr Lamprecht mit ironischer
Beflissenheit um »Habe ich nicht recht wenn ich behaupte der bravste Schüler
der ehrgeizigste Streber der je die Schulbank gedrückt hat werde vor seinem
AbiturientenExamen schlechterdings keinen anderen Gedanken haben als die
Schule und abermals die Schule  Geh büffele nicht so übermäßig Du bist in
der letzten Zeit ganz hohläugig geworden und dein pausbackiges Jungengesicht
verliert die Farbe unser zukünftiger Minister aber braucht  du weißt wie
jeder Minister heutzutage  Nerven von Stahl und ein ganz gehöriges Quantum
Eisen in seinem Blut«
    Er lachte spöttisch auf schlug den jungen Mann auf die Schulter und ging
    »Auf ein Wort Balduin« rief ihm die Frau Amtsrätin nach und nahm zum so
und so vielten Mal den immer wieder hingestellten Ständer mit ihrem geliebten
Papagei auf
    Herr Lamprecht blieb pflichtschuldigst stehen obgleich er so ungeduldig
aussah als brenne ihm der Boden unter den Sohlen Er nahm auch seiner
Schwiegermutter den Vogel ab um ihn zu tragen und währenddem schoss Herbert wie
toll an ihnen vorüber in das Haus und die steinerne Treppe hallte wider unter
den wilden Sätzen mit welchen er aufwärts stürmte
    »Nun hat Herbert doch recht behalten« murrte Margarete und schlug zornig
mit der flachen Hand auf den Tisch »Ich glaubs nicht Der Papa hat nur Spaß
gemacht  Herbert wird wohl dem Professor eine Rose mitbringen müssen  Dummes
Zeug«
    Sie raffte die übrigen Blumen zusammen wand ihr seidenes Haarband um die
Stiele und lief nach dem Packhaus um den kleinen Strauss über das Holzgeländer
zu werfen Er blieb auf dem Sims liegen niemand griff danach nicht ein Schein
des hellen Musselinkleides wurde sichtbar noch weniger aber dankte die sanfte
süße Mädchenstimme »die man so gern hörte« vom Gange herab  Missmutig kehrte
das kleine Mädchen unter den Lindenschatten zurück
    Es war recht still geworden im Hofe Tante Sophie und Bärbe hatten die
letzten Wäschestücke von der Leine genommen und die hochgetürmten Korbwannen ins
Haus getragen der Hausknecht war nachdem er die Stalltüre geschlossen
ausgegangen um Besorgungen zu machen und der kleine stille Junge saß wieder
auf der Bank und malte mit beneidenswerter Geduld seine gerühmten Buchstaben auf
die Schiefertafel
    Margarete setzte sich neben ihn und faltete die kleinen hageren
sonnverbrannten Hände im Schoße sie ließ die ewig unruhigen Füße baumeln und
verfolgte mit ihren lebendigen klugen Augen den Flug der Schwalben wie sie
über die Dächer herkamen und im scharfen Bogen die blauen Lüfte durchschnitten
um unter den weit hervorspringenden Fenstersimsen des gegenüberliegenden
Seitenflügels zu verschwinden
    Inzwischen kam Bärbe mit dem Wischtuch sie fuhr mit demselben über den
Gartentisch legte eine Kaffeeserviette auf und stellte das klirrende
Tassenbrett hin dann fing sie an die Waschleine aufzurollen Von Zeit zu Zeit
warf sie einen ärgerlichen Blick nach dem Kinde das so ungeniert und
angelegentlich seine Augen über die obere Fensterreihe des spukhaften Hauses
hinwandern ließ für die alte Köchin war das eine naseweise Herausforderung die
ihr einen gelinden Schauder über die Haut jagte
    »Bärbe Bärbe schnell drehe dich um es ist jemand drin« rief die Kleine
plötzlich und zeigte mit dem ausgestreckten Finger direkt nach einem der Fenster
in Frau Doroteens ehemaliger Wochenstube wobei sie von der Bank sprang
    Unwillkürlich als werde sie von einer fremden Macht herumgerissen wandte
Bärbe den Kopf nach der bezeichneten Stelle und ließ vor Schrecken den mächtig
angeschwollenen Waschleinenknäuel aus den Händen fallen »Weiß Gott der Vorhang
wackelt« murmelte sie
    »Unsinn Bärbe Wenn er bloß wackelte so wäre das weiter gar nichts das
könnte auch vom Zugwind sein« sagte Margarete überlegen »Nein er war dort in
der Mitte«  sie zeigte abermals nach dem Fenster  »dort war er auseinander und
es hat jemand herausgesehen und das ist doch närrisch  es wohnt kein Mensch
drin «
    »Um tausend Gotteswillen Kind wer wird denn immer mit dem Finger
hinzeigen« raunte Bärbe und griff nach der kleinen Hand um sie niederzubiegen
Sie war dicht vor die Kinder getreten als wolle sie die Kleinen mit ihrer
breiten massiven Figur decken und kehrte dem bezeichneten Fenster den Rücken 
um keinen Preis hätte sie noch einmal die Augen zurückgewendet »Siehst du
Gretchen das hast du nun von deinem ewigen Hingucken Ich wollte dirs vorhin
schon sagen aber du bist ja immer gleich obenhinaus und da war ich still
Für so was wie die Fenster da oben muss der Mensch gar keine Augen haben«
    »Abergläubische alte Bärbe  das sollte nur Tante Sophie hören« schalt das
kleine Mädchen ärgerlich und suchte die vierschrötige Alte aus dem Wege zu
schieben »Erst recht muss man hinsehen Ich will wissen wer das gewesen ist Es
ging vorhin zu schnell  husch wars wieder weg  Ich glaube aber es war
Grossmamas Stubenmädchen die hat so eine weiße Stirn «
    »Die«  Jetzt war es an der gescholtenen Köchin eine überlegene Miene
anzunehmen »Erstlich wie käme die in die Stube Doch nicht durchs
Schlüsselloch Und zum zweiten täte sies auch gar nicht  nicht um die Welt
Gretchen Das naseweise Ding hats gerade so gemacht wie du  die dachte auch
ihr könnts nicht fehlen und da hat sie vorgestern abend in der Dämmerstunde
ebenso ihren Schreck weggehabt wie gestern der Kutscher Geh du lieber nauf
in die gute Stube mit den roten Tapeten wo die alten Bilder hängen  die mit
den Karfunkelsteinen in ihren kohlpechschwarzen Haaren die ists Die hat
wieder einmal keine Ruh in der Erde und huscht im Hause rum und erschreckt die
Menschen«
    »Bärbe du sollst uns Kindern nicht solchen Unsinn vorschwatzen hat die
Tante gesagt« rief Margarete bitterböse und stampfte mit dem Fuße auf »Siehst
du denn nicht wie Holdchen sich ängstigt«  Beruhigend wie ein
Grossmütterchen legte sie die Arme um den Hals des Knaben der mit
angsterfüllten weit aufgerissenen Augen zuhörte »Komm her du armes Kerlchen
fürchte dich nicht und lass dir doch nichts weismachen von der dummen Bärbe Es
gibt gar keine Gespenster  gar keine Das ist alles dummes Zeug«
    In diesem Augenblick trat Tante Sophie aus dem Hause Sie brachte den Kaffee
und stellte einen großen zuckerbestreuten Napfkuchen auf den Tisch »Kind
Gretel du siehst ja aus wie ein streitlustiges Kickelhähnchen Was hats denn
wieder einmal gegeben« fragte sie während Bärbe sich schleunigst aus dem
Staube machte und ihrem abwärts gerollten Leinenknäuel nachlief
    »Es war jemand dort in der Stube« antwortete die Kleine kurz und knapp und
zeigte nach dem Fenster
    Tante Sophie die eben den Kuchen anschnitt hielt inne Sie drehte den Kopf
um und streifte mit einem flüchtigen Blick die Fensterreihe »Da oben« fragte
sie mit halbem Lachen »Du träumst am hellen Tage Kind«
    »Nein Tante es war ein wirklicher Mensch Gerade dort wo der Vorhang so
rot ist da ging er auseinander Ich sah ja die Finger ganz weiße Finger die
ihn schoben und auf einen Husch sah ich auch eine Stirn mit hellen Haaren «
    »Die Sonne Gretel weiter nichts« versetzte Tante Sophie gleichmütig und
hantierte taktmässig mit ihrem Messer weiter an dem Kuchen »Die spielt und
spiegelt in allen Farben auf den alten verwetterten Scheiben und das täuscht
Hätt ich den Schlüssel da müsstest du auf der Stelle mit mir hinauf in die
Stube um dich zu überzeugen dass kein Mensch drin ist und dann wollten wir
sehen wer recht behielte du Gänschen Den Schlüssel hat aber der Papa und die
Grossmama ist eben bei ihm und da will ich nicht stören«
    »Bärbe sagt die Frau die im roten Salon hängt hätte herausgesehen  die
läuft im Hause herum Tante und will alle Menschen erschrecken« klagte
Reinhold in weinerlich ängstlichem Ton
    »Ach so« sagte Tante Sophie Sie legte das Messer hin und sah über die
Schulter nach der alten Köchin die aus Leibeskräften an ihrem riesigen Knäuel
wickelte »Bist ja ein lieber Schatz Bärbe  die richtige Jammerbase und
Todtenunke  Was hat dir denn das arme Weibchen im roten Salon getan dass du
sie zum Popanz für die Urenkelchen machst«
    »Ach mit dem Popanz hats keine Not Fräulein Sophie« entgegnete Bärbe
trotzig und ohne von ihrer Beschäftigung wegzusehen »Gretchen glaubts so wie
so nicht Das ist ja eben das Unglück heutzutage Die Kinder kommen schon so
superklug zur Welt dass sie an gar nichts mehr glauben wollen was sie nicht mit
Händen greifen können«  Sie wickelte mit so grimmigem Eifer weiter als gelte
es all den kleinen Ungläubigen die Hälse zuzuschnüren  »Glaubt der Mensch
aber nicht mehr an die Geister und Hexengeschichten da kommt auch unser
Herrgott zu kurz ja  und das ist eben die Gottlosigkeit heutzutage und darauf
leb und sterb ich«
    »Das magst du halten wie du willst aber unsere Kinder lässest du mir
künftig aus dem Spiel ein für allemal« gebot Tante Sophie streng Sie schenkte
den Kindern Kaffee ein und legte ihnen Kuchen vor dann ging sie um ein
Rosenbäumchen von der Waschleine zu befreien die sich durch Bärbes Ungestüm in
seinen Ästen verwickelt hatte
    »Die Sonne wars aber nicht  das steht bombenfest  Ich wills schon
herauskriegen wer immer durch den Gang huscht und in die Stube schleicht«
murmelte die kleine Skeptikerin am Kaffeetisch vor sich hin und brockte sich die
Obertasse voll Kuchen
 
                                       3
»Auf ein Wort Balduin« hatte die Frau Amtsrätin gebeten und seit Herr
Lamprecht die Ehre hatte ihr Schwiegersohn zu sein waren ihre Bitten stets wie
Befehle seinerseits respektiert worden So auch heute Er hatte zwar eine tiefe
Falte des Missmutes auf der Stirn und am liebsten hätte er wohl dem verzogenen
Papagei der fortgesetzt kreischend gegen seinen missliebigen Träger
protestierte den bunten Hals umgedreht allein davon wurde der Frau Amtsrätin
nicht das geringste bemerklich um so weniger als sehr zur rechten Zeit das
aus der oberen Etage kommende Stubenmädchen das Tier in Empfang nahm und
hinauftrug
    So ging das zarte schmächtige Frauchen ahnungslos und graziös neben dem
Schwiegersohn her die Spitzenbarben ihres Häubchens wehten in der Zugluft des
Treppenhauses und die kurze dunkelseidene Schleppe raschelte vornehm über die
Stufen  Sie waren ziemlich ausgetreten diese breiten mächtigen
Sandsteinstufen Weit über zwei Jahrhunderte hindurch war alles was das Haus an
Lust und Leid gesehen da hinauf und hinab geglitten Hochzeiten und
Tauffeierlichkeiten Tanz und Tafelfreuden wie der letzte Prunkzug der
Hingeschiedenen  das alles was den verschiedenen Generationen Kopf und Herz
bewegt und erfüllt es war verbraust und verschmerzt und nur die Fussspur war
verblieben  Und jetzt stieg die zierliche alte Dame mit ihren kleinen
Goldkäferschuhen auch Stufe um Stufe hinauf um droben eine Herzensbeklemmung
loszuwerden  Unmut und Besorgnis sprachen deutlich genug aus ihren Zügen
    Herrn Lamprechts Privatwohnung bildete hart an der Treppe gelegen den
Schluss der langen Zimmerreihe in der mittleren Etage Hinter diesen Räumen nach
dem Hofe zu lag der Korridor oder Flursaal wie er im Hause genannt wurde in
seiner Länge und gewaltigen Breite so recht der Raumverschwendung der alten
Zeiten entsprechend Er endete erst hinter dem letzten Zimmer dem sogenannten
roten Salon dort bog er um die Ecke des angebauten östlichen Seitenflügels und
verengte sich zu dem dämmernden Gang hinter Frau Doroteens Sterbezimmer in
welchen nur an dem entgegengesetzten äußersten Winkel da wo ein paar kleine
Stufen seitwärts in das Packhaus hinunterführten das karge Tageslicht durch ein
hochgelegenes Fensterchen hereinfiel
    In dem Flursaal standen altertümliche Kredenzen von wundervoller
Schnitzarbeit und an der Rückwand zwischen den herausführenden dunkelgebeizten
Flügeltüren der Zimmer reihten sich Stühle hin über deren Sitze und
Polsterlehnen sich noch derselbe gepresste gelbe Samt spannte den einer der
alten Kaufherren einst aus den Niederlanden mitgebracht Hier war manches
Menuett aufgeführt mancher Festschmaus abgehalten worden und es ließ sich
auch heute noch die hässliche Frau Judit in der Spitzendormeuse und das
verführerische junge Weib mit den Karfunkelsteinen im Haar als Herrinnen in die
altfränkische Ausstattung unschwer hineindenken  Aber mochte auch vieles von
dem Prachtgerät der Urväter seinen Platz hier und in den Zimmern und Sälen
drinnen behauptet haben vor der Wohnung des Hausherrn machte die Pietät Halt
und der moderne Luxus übernahm die Herrschaft
    Es war mehr das Boudoir einer Dame als ein Herrenzimmer in welches Herr
Lamprecht seine Schwiegermutter eintreten ließ Rosenholz und Seide
Aquarellbilder und ein sanftes Rosalicht das von den Vorhängen und
Polsterbezügen ausging  dies zarte Gemisch bildete zusammen eines jener süßen
Nestchen in welchem man sich eine schöne junge Frau behaglich
zusammengeschmiegt denkt  und hier hatte in der Tat Herrn Lamprechts
verstorbene Frau gewohnt
    Die Frau Amtsrätin ging auf einen der kleinen Lehnstühle zu die halb in
die Spitzen und Seidenfalten der Vorhänge vergraben die tiefen Fensterwinkel
füllten Ihr kam in diesem Raum nur selten noch der Gedanke an die Tochter die
einst hier gewaltet sie war es gewohnt ihren Schwiegersohn an dem kleinen
Schreibtisch sitzen und all das zierliche Gerät benutzen zu sehen Ein Mann von
starken Leidenschaften hatte er sich nach dem Tode der jungen Frau in seinem
ersten Schmerz hier eingeschlossen und seitdem war das Zimmerchen sein Tuskulum
verblieben
    »Ach wie reizend« rief die alte Dame und blieb wie angefesselt vor dem
Schreibtisch stehen neben welchem sie sich eben niedersetzen wollte Sie war
auch reizend die Malerei in Wasserfarben da auf dem Medaillon einer Briefmappe
 ein durchsichtiges Gegitter von zartem Farnkraut und dahinter wie eingefangen
ein Stückchen des geheimnisvollen Spriessens Lebens und Webens nahe dem
Waldboden »Eine originelle Idee und wie sauber ausgeführt« setzte die Frau
Amtsrätin hinzu und nahm die Lorgnette zu Hilfe »Hier das Blumengeistchen wie
es sich begehrlich aus seinem Glockenblumenhäuschen nach der Erdbeere
hinüberreckt  wirklich ganz allerliebst  Eine Arbeit von schöner Damenhand
Balduin  Hab ich recht«
    »Möglich« meinte er achselzuckend mit einem flüchtigen Seitenblick nach der
Mappe während er sich bemühte ein schiefhängendes Bild an der Wand gerade zu
rücken »Die Industrie rekrutiert ja heutzutage eine ganze Armee helfender
Kräfte auch aus der Frauenwelt «
    »Also nicht speziell für dich ausgedacht«
    »Für mich«  Der kleine Nagel der das Bild seitwärts in gerader Linie
festhalten sollte war herausgefallen  der große stattliche Mann bog sich tief
nieder um den Flüchtling auf dem Teppich zu suchen und als er sich wieder
aufrichtete da hatte ihm das Bücken das ganze Blut nach dem Kopfe getrieben
»Liebe Mama sollten Sie wirklich von dem allermächtigsten Faktor in unserem
modernen Leben dem Egoismus nichts wissen und könnten Sie in der Tat
glauben dass man heutzutage irgend etwas ganz umsonst ohne die geringste
Hoffnung auf Erfolg tue«
    Er sagte das noch abgewendet wobei er den Nagel wieder in die Wand zu
drücken suchte Nun erst wandte er der alten Dame sein Gesicht voll zu  um
seinen Mund zuckte es bitter und spöttisch »Nehmen wir doch einmal alle die
schönen Damenhände unserer Kreise durch und sagen Sie mir welche von ihnen
wohl im stande sein würde eine solch künstlerische die größte Geduld
erfordernde Aufgabe auszuführen für einen Mann der  nicht mehr zu haben ist«
    Er trat auf das andere Fenster zu während sich die alte Dame in ihrem
kleinen weichen Lehnstuhl zusammenschmiegte »Nun ja darin magst du wohl recht
haben« sagte sie lächelnd und in dem gleichmütigen Tone wie man längst
Feststehendes Unanfechtbares und sattsam Bekanntes zugibt »Es ist allerdings
stadtkundig dass unsere arme teure Fanny dein Gelöbnis der Treue für Zeit und
Ewigkeit mit in das Grab genommen hat Erst vorgestern abend wieder war bei Hofe
die Rede davon Die Herzogin sprach von der Zeit wo meine arme Tochter noch
gelebt und eine vielbeneidete Frau gewesen sei und der Herzog meinte man solle
doch ja die sogenannte gute alte Zeit mit ihrem Biedersinn im Gegensatz zu der
heutigen nicht immer herausstreichen der hochangesehene wegen seiner Strenge
fast gefürchtete alte Justus Lamprecht zum Beispiel habe in seiner Jugendzeit
einen Treuschwur in eklatantester Weise gebrochen während ihn sein Urenkel
durch edle Festigkeit beschäme«
    Herr Lamprecht war hinter der roten Gardine verschwunden Er hatte die Hände
auf den Fenstersims gestützt und sah über den Marktbrunnen hinweg in die
gegenüberliegende vom Markt bergauf steigende Gasse hinein  Der schöne Mann
hatte ein merkwürdiges Gesicht Stolz oder vielmehr Hochmut in so scharfer
Linie ausgeprägt würde jedem anderen Antlitz etwas gleichsam Versteinertes
gegeben haben hier aber wirkte ein feuriges Blut unverkennbar überwältigend Es
machte die Augen in unbezähmbarer Wildheit auffunkeln und ließ ein
sanftverlangendes Lächeln unwiderstehlich um seine Lippen spielen es jagte den
Glutstrom des Jähzornes in die Stirnadern und hauchte die Blässe des
Seelenschmerzes in die Wangen Jetzt aber bei den letzten Worten der alten
Dame schlug Herr Lamprecht die Augen nieder Er sah aus als habe er die
Stützen seiner Seele die stolze Zuversicht den Mannestrotz das Vollbewusstsein
reichen Besitzes nach innen und außen für einen Moment vollständig verloren 
nahezu wie ein gescholtener und beschämter Schulknabe stand er da den
dunkelbärtigen Kopf tief gesenkt und sich die Lippen fast wund beissend
    »Nun Balduin« rief die Frau Amtsrätin und bog sich spähend vor weil es so
still blieb in der Fensterecke »Freut es dich nicht dass man bei Hofe eine so
schmeichelhafte Meinung von dir hat«
    Das Rascheln der Seidengardinen verschlang den tiefen Seufzer der ihm über
die Lippen zitterte während er in das Zimmer zurücktrat »Der Herzog scheint
diese edle Eigenschaft lieber an anderen zu bewundern als an sich selbst  er
hat eine zweite Frau« sagte er bitter
    »Ich bitte dich ums Himmelswillen was führst du für eine Sprache« fuhr die
alte Dame ganz alteriert empor »Danken wir Gott dass wir allein sind
Hoffentlich haben diese Wände keine Ohren  Nein nein Balduin ich fasse es
wirklich nicht wie du dir eine solche Kritik erlauben magst« setzte sie
kopfschüttelnd hinzu »Das ist ja doch ein ganz anderer Fall Die erste Gemahlin
war sehr kränklich «
    »Bitte Mama ereifern Sie sich nicht Lassen wir doch das«
    »Nun ja lassen wir das« ahmte sie ihm nach »Du hast gut reden An dich
wird der Versucher freilich nie herantreten Nach Fanny muss es dir
selbstverständlich ganz unmöglich sein auch nur ein vorübergehendes Interesse
für eine andere zu fassen Die Herzogin Friederike dagegen «
    »War boshaft und hässlich« Herr Lamprecht warf diese Worte nur offenbar ein
um das Thema auf fremdem Terrain festzuhalten
    Sie schüttelte abermals missbilligend den Kopf »Diese Ausdrücke würde ich
mir selbst nie gestatten  der Glanz und die Auszeichnung hoher Geburt versöhnen
und verschönen Übrigens ist ja dabei wie gesagt ein himmelweiter Unterschied
den Herzog band kein Versprechen er war frei und vollkommen berechtigt eine
neue Ehe zu schließen«
    Damit lehnte sie sich wieder in ihren Stuhl zurück schob die Spitzenbarben
ihrer Haube mit einer sanft gelassenen Bewegung aus dem Gesicht und faltete im
Schoss die Hände auf die sie gedankenvoll niedersah »Du kannst derartige
Dilemmas überhaupt nicht beurteilen lieber Balduin Fanny war deine erste und
einzige Liebe und wir gaben dir mit Freuden unsere Tochter Und als du dich mit
ihr verlobtest da weinten deine Eltern Freudentränen und nannten dich ihren
Stolz weil sich die Neigung deines Herzens nach oben und nie und nimmer in
unglückseliger Jugendverirrung abwärts gerichtet habe«  mit einem tiefen
Seufzer unterbrach sie sich und blickte bekümmert vor sich hin »Gott weiß am
besten welch sorgsam behütende pflichtgetreue Mutter ich zu allen Zeiten
gewesen bin gewiss nicht weniger als deine Eltern und doch muss es mir
passieren dass mein Sohn auf Abwege gerät  Herbert macht mir in der letzten
Zeit unbeschreiblichen Ärger«
    »Wie der Mustersohn Mama« rief Herr Lamprecht Er war während der langen
Rede seiner Schwiegermutter auf und ab geschritten den Kopf vorgeneigt und in
mechanischem Tempo auf die regelmäßig verstreuten Rosenbouketts im Teppichmuster
tretend Jetzt blieb er an der entgegengesetzten Wand des Zimmers stehen und sah
spöttisch fragend über die Schulter zurück
    »Hm« räusperte sich die Frau Amtsrätin und reckte ihr Figürchen ziemlich
gereizt empor »Das ist er ja wohl in vieler Beziehung auch noch Er hat ein
großes Ziel «
    »Ei ja wie ich schon vorhin unten im Hofe sagte Er wird einmal steigen und
steigen bis er mit seinen Fusstritten alle anderen Streber unter sich hat und
nichts mehr über sich weiß als den Allerhöchsten im Staate«
    »Tadelst du das«
    »Ei bewahre gewiss nicht sofern er wirklich das Zeug dazu hat Aber wie
viele werfen jetzt ihre wahren Überzeugungen von sich heucheln und schmeicheln
und hängen sich der Macht an den Rockschoss um aus bedientenhaften
Speichelleckern mit mittelmäßigen Köpfen einflussreiche Männer zu werden«
    »Du brandmarkst ja förmlich die treueste Hingebung und Selbstverleugnung«
zürnte die alte Dame »Aber ich frage dich würdest denn du den Frevelmut die
Dreistigkeit haben einer höheren Orts gegebenen Richtung entgegenzutreten 
Ich weiß doch recht gut dass niemand lieber einer Einladung in die ersten Kreise
folgt als du und kann mich nicht erinnern je einen Widerspruch gegen dort
herrschende Meinungen aus deinem Munde gehört zu haben«
    Auf diese scharfe und jedenfalls wohlbegründete Bemerkung schwieg Herr
Lamprecht Er sah angelegentlich in die gemalte Landschaft hinein vor welcher
er eben stand und fragte nach einer kurzen Pause »Und welchen Vorwurf machen
Sie Herbert«
    »Den einer entwürdigenden Liebelei« platzte die alte Dame erbittert heraus
»Wäre es nicht allzu deutsch und vulgär ausgedrückt so würde ich sagen ich
wünsche diese Blanka Lenz ins Pfefferland Steht der Mensch doch aller
Augenblicke oben an den Flurfenstern und starrt nach dem Packhaus hinüber Und
gestern weht mir der Zugwind im Treppenhause ein Rosapapier vor die Füße das
dem verliebten Jungen wohl aus einem Schreibheft gefallen sein mag 
selbstverständlich enthielt es ein glühendes Sonett an Blanka  Ich bin außer
mir«
    Herr Lamprecht stand noch an seinem Platze mit dem Rücken nach seiner
Schwiegermama aber es war eine seltsame Bewegung über ihn gekommen  er
schwang genau wie vorhin im Hofe die geballte Faust auf und ab als fuchtele
er mit der Reitpeitsche durch die Luft
    »Bah dieses Milchgesicht« sagte er als sie wie erschöpft schwieg und
ließ die Hand sinken Er reckte seine herrliche Gestalt hoch empor und mit
einer militärisch strammen und doch eleganten Schwenkung drehte er sich auf dem
Absatz und stand so gerade dem deckenhohen Spiegel der Fensterwand gegenüber
der ihm ein tiefgerötetes verächtlich lächelndes Gesicht zeigte
    »Dieses Milchgesicht ist der Sohn eines vornehmen Hauses  das vergiss
nicht« entgegnete seine Schwiegermutter und hob den Finger
    Herr Lamprecht lachte hart auf »Verzeihen Sie Mama aber ich kann mit dem
besten Willen den Herrn Amtsratssohn ohne Bart trotz des Glorienscheines seiner
Geburt nicht für gefährlich und verführerisch halten«
    »Darüber magst du die Frauen entscheiden lassen« sagte die Frau Amtsrätin
hörbar empfindlich »Ich habe alle Ursache zu glauben dass Herbert bei seinen
nächtlichen Promenaden unter der Holzgalerie dem Balkon dieser Julia «
    »Wie  er wagt es« brauste Herr Lamprecht auf  in diesem Augenblick war
sein Gesicht nicht wieder zu erkennen so furchtbar entstellte der Jähzorn die
schönen Züge
    »Du sprichst von wagen dieser Malertochter gegenüber Bist du von Sinnen
Balduin« rief die alte Dame tief empört und stellte sich plötzlich mit fast
jugendlicher Elastizität auf die kleinen Füße Aber der Schwiegersohn hielt dem
erbitterten Redestrom der unausbleiblich erfolgen musste nicht stand er
entwich in die Fensterecke  dort trommelte er mit den Fingern so heftig auf den
Scheiben dass sie dröhnten
    »Sag mir nur ums Himmelswillen was ficht dich an Balduin« rief die Frau
Amtsrätin in etwas herabgemildertem aber immer noch entsetztem Ton und folgte
ihm in die Fensternische
    Der Blick hinaus schien ihn wieder zu sich selbst gebracht zu haben Er
hörte auf zu trommeln und sah seitwärts auf die kleine Frau nieder »Das ist
Ihnen ein Rätsel Mama« fragte er höhnisch zurück »Soll ich nicht empört sein
wenn auf meinem Gebiet  ich will sagen in meinem Hause  solche Stelldicheins
provoziert werden von dem  Bankrutscher der er noch ist  Unverschämt da
wäre wirklich eine eklatante Züchtigung mit der Haselgerte noch ganz am Platze«
Wieder schlugen die Flammen des Zornes gesteigert empor aber er zwang sie
nieder »Bah alterieren wir uns nicht Mama« sagte er ruhiger und zuckte
verächtlich die Achseln »Die Geschichte ist zu jungenhaft dumm Mit dem
unreifen Bürschchen das gerade jetzt ausschließlich womöglich bis über beide
Ohren im Griechisch und Latein stecken müsste wird man doch wohl noch fertig
werden  meinen Sie nicht«
    »Nun sieh da stehen wir ja auf ganz gleichem Boden wenn du auch allzuhart
in deinen Ausdrücken bist« rief sie sichtlich erleichtert »Das ists ja
gerade weshalb ich dich um eine Besprechung bat Denke aber ja nicht dass ich
bei dieser Liebelei etwa gar eine Befürchtung für Herberts Zukunft hege  so
weit würde er sich nie vergessen «
    »Eine Porzellanmalerstochter zu heiraten  Guter Gott Seine Exzellenz
unser zukünftiger Staatsminister« lachte Herr Lamprecht auf
    »Herberts Karriere reizt dich ja heute ganz besonders zum Spott  immerhin
Was geschehen soll geschieht trotz alledem« sagte sie spitz »Aber das ganz
beiseite Ich habe jetzt nur sein bevorstehendes Examen im Auge Es ist unsere
heilige Pflicht alles zu beseitigen was ihn irgendwie abzieht und das wäre
denn in erster Linie diese unglückselige Flamme drüben im Packhause«
    Er war während sie sprach von ihr weggetreten und ging wieder auf und ab
Und jetzt langte er nach einem der auf einem Bücherbrett stehenden
Miniaturbändchen schlug es auf und schien den Inhalt zu mustern
    Die alte Dame zitterte vor Ärger Eben noch ohne einen eigentlichen Grund
bis zur Tollheit aufbrausend zeigte er jetzt ein unverhehltes Gelangweiltsein
eine geradezu impertinente Passivität Aber sie kannte ihn ja  er konnte
zuweilen auch recht launenhaft und bizarr sein Nun diesmal musste er
stillhalten bis ihr Zweck erreicht war
    »Ich verstehe übrigens nicht was das Mädchen so lange in Thüringen zu
suchen hat« fuhr sie fort »Es hieß anfänglich sie gehe nach England zurück
und sei nur auf vier Wochen zu ihrer Erholung bei den Eltern Nun sind bereits
sechs Wochen ins Land gegangen und so sehr ich mich auch bemühe und aufpasse
ich sehe nicht dass irgendwie zur Abreise gerüstet wird Solche Eltern sind 
fast hätte ich gesagt Prügel wert Das Mädchen liegt buchstäblich auf der faulen
Bärenhaut Sie singt und liest tänzelt hin und her und steckt sich Blumen in
die roten Haare und die Mutter sieht ihr verzückt zu und plättet auf dem Gange
im Schweiß ihres Angesichts Tag für Tag die hellen Sommerfähnchen damit das
Prinzesschen ja immer recht kokett und verführerisch aussieht Und um dieses
Irrlicht flattern alle Gedanken meines armen Jungen  Das Mädchen muss fort
Balduin«
    Die Blätter des Buches raschelten unter seinen immer hastiger umwendenden
Fingern »Soll sie ins Kloster«
    »Ich bitte dich inständigst nur jetzt keinen Scherz Die Sache ist
bitterernst Das Wohin ist mir sehr gleichgültig ich sage nur das Eine Sie muss
fort aus unserem Hause«
    »Aus wessen Hause Mama Meines Wissens sind wir hier im Hause Lamprecht
und nicht auf dem Gute meines Schwiegervaters Zudem wohnt der Maler Lenz weit
drüben über dem Hofe «
    »Ja das ist eben das Unbegreifliche« fiel sie ein klug über seine scharfe
Zurechtweisung hinwegschlüpfend »Ich kann mich nicht erinnern dass das Packhaus
je bewohnt gewesen wäre«
    »Nun ist es aber bewohnt liebe Mama« sagte er mit fingiertem Phlegma und
warf das Buch lässig auf ein Tischchen
    Sie zuckte die Achseln »Leider  und ist noch dazu neu tapeziert worden für
die Leute Du fängst an deine Arbeiter zu verwöhnen «
    »Der Mann ist kein gewöhnlicher Arbeiter«
    »Mein Gott er bemalt Tassen und Pfeifenköpfe Deshalb wirst du ihn doch
wahrhaftig nicht so auszeichnen dass er im Hause des Prinzipals wohnen darf 
In Dambach ist doch wirklich Platz genug«
    »Als ich Lenz vor einem Jahre engagierte da stellte er die Bedingung in
der Stadt wohnen zu dürfen weil seine Frau an einem körperlichen Übel leidet
das oft plötzlich die rascheste ärztliche Hilfe nötig macht«
    »Ach so«  Sie schwieg einen Moment dann sagte sie kurz entschlossen »Nun
gut dagegen lässt sich ja nichts einwenden und es soll mir auch schon genügen
wenn die Stimme nicht mehr über den Hof schallt und das Hin und Herschweben
der kleinen Kokette auf dem Gange ein Ende hat Es gibt ja genug Mietwohnungen
für kleine Leute in der Stadt«
    »Sie meinen ich soll den Mann Knall und Fall aus seinem stillen Asyl
vertreiben weil  nun weil er so unglücklich ist eine schöne Tochter zu
haben«  Seine Augen blitzten die alte Dame an  ein düsteres Feuer glomm in
ihnen auf  »Würden nicht alle meine Leute glauben Lenz habe sich etwas zu
schulden kommen lassen Wie dürfte ich ihm das antun  Das schlagen Sie sich
nur aus dem Sinn Mama das kann ich nicht«
    »Aber mein Gott etwas muss doch geschehen Das kann und darf nicht so
fortgehen« rief sie in halber Verzweiflung »Da bleibt mir nichts anderes
übrig als selbst zu den Leuten zu gehen und dahin zu wirken dass das Mädchen
abreist Auf ein Geldopfer und sei es noch so bedeutend soll es mir dabei
nicht ankommen«
    »Das wollten Sie in der Tat«  Etwas wie ein geheimes Erschrecken klang in
seiner tonlosen Stimme mit »Wollen Sie sich lächerlich machen Und vor allem
wollen Sie mit diesem auffallenden Schritt auch mein Ansehen als Prinzipal in
den Augen aller schädigen Soll man denken von Ihrem Privatinteresse hänge das
Wohl und Wehe meiner Leute ab Das kann ich nicht dulden«  er hielt inne er
mochte wohl fühlen dass er zu heftig für empfindliche Damenohren wurde  »Es
ist mir stets eine Freude und Genugtuung gewesen meine Schwiegereltern im
Hause zu haben« setzte er beherrschter hinzu »und das Gefühl der
unumschränkten Herrschaft in Ihrem Heim ist Ihnen gewiss niemals beeinträchtigt
worden ich habe wenigstens zu allen Zeiten streng darauf gehalten dass keines
der Ihnen zugestandenen Rechte auch nur um ein Jota verkümmert werde Dafür
verlange ich aber auch dass kein Übergriff in mein Departement stattfindet
Verzeihen Sie liebe Mama aber darin verstehe ich keinen Spaß ich könnte da
vielleicht sehr unangenehm werden und das wäre für beide Teile nicht
wünschenswert« 
    »Bitte lieber Sohn du steigerst dich in ganz unmotivierter Weise« fiel
die Frau Amtsrätin kühl mit einer vornehm abwehrenden Handbewegung ein »Und im
Grunde ist es ja doch nichts als eine Laune die du so hartnäckig verfichtst 
ein andermal wird es dir vollkommen gleichgültig sein ob der Herr Maler Lenz
samt Familie ein Dach über dem Hause hat oder nicht  dafür kenne ich dich 
Nun immerhin Selbstverständlich bin ich die Nachgebende Vorläufig werde ich
freilich gezwungen sein fortwährend auf Wachtposten zu stehen und keine ruhige
Stunde mehr haben «
    »Da seien Sie ganz ruhig Mama Sie haben an mir den besten Verbündeten«
sagte er unter einem sardonischen Auflachen »Mit den nächtlichen Promenaden und
schwülstigen Sonetten hat es ein Ende  mein Wort darauf Wie ein Büttel werde
ich dem verliebten Jungen auf den Fersen sein darauf können Sie sich
verlassen«
    Draußen wurde die Flurtüre geräuschvoll geöffnet und trippelnde Schritte
kamen über den Saal
    »Dürfen wir hereinkommen Papa« rief Margaretens Stimmchen während ihre
kleinen Finger kräftig anklopften
    Herr Lamprecht öffnete selbst die Türe und ließ die beiden Kleinen
eintreten »Na was gibts  Das Dietendörfer Gebäck habt ihr gestern
aufgegessen ihr Leckermäuler und das Naschkästchen ist leer «
    »Ach bewahre Papa das wollen wir gar nicht Heute gibts Napfkuchen
unten« sagte das kleine Mädchen »Tante Sophie will nur den Schlüssel haben 
den Schlüssel zu der Stube hinten in dem dunklen Gange die immer zugeschlossen
ist «
    »Und wo die Frau aus dem roten Salon vorhin in den Hof heruntergesehen hat«
vervollständigte Reinhold
    »Was ist das für ein Kauderwelsch Und was soll das unsinnige Gewäsch von
der Frau aus dem roten Salon« schalt Herr Lamprecht mit barscher Stimme ohne
jedoch ein gewisses beklommenes Aufhorchen verbergen zu können
    »Ach das sagt ja die dumme Bärbe nur so Papa Die ist ja doch so
schrecklich abergläubisch« entgegnete Margarete Und nun erzählte sie von
dem was sie am Fenster gesehen haben wollte von dem großen rotblumigen Boukett
in dem verschossenen Vorhang das sich plötzlich zu einem breiten dunklen Spalt
auseinander getan von den schneeweißen Fingern und der Stirn mit den hellen
Haaren und wie Tante Sophie dabei bleibe die Sonne sei es gewesen was doch
gar nicht wahr sei  und Herr Lamprecht wandte sich seitwärts und griff nach dem
hingeworfenen Miniaturbändchen um es wieder auf das Bücherbrett zu stellen
    »Ohne allen Zweifel ist es die Sonne gewesen du Närrchen Tante Sophie hat
ganz recht« sagte er und erst nachdem das Buch mit peinlicher Genauigkeit
wieder eingereiht war drehte er sich um »Überlege dirs doch selber Kind«
gab er ihr zu bedenken und tippte lächelnd mit dem Zeigefinger gegen die Stirn
»Du kommst herauf um den Schlüssel zu der festverschlossenen Stube zu holen
und ich habe ihn auch  er hängt dort im Schlüsselschränkchen  Kann nun ein
Wesen von Fleisch und Bein durch Türfugen kriechen«
    Die Kleine stand da und blickte nachdenklich vor sich hin Überzeugt war
sie nicht das sah man auf der breiten trotzigen Kinderstirn war deutlich zu
lesen »Was meine Augen gesehen das lasse ich mir nicht ausreden«  ein
Gesichtsausdruck den besonders die Grossmama »nicht vertragen« konnte Und so
hatten auch Papas Argumente weiter keinen Erfolg als dass das Kind ernstaft
sagte »Du kannst mirs glauben Papa es war ganz gewiss Grossmamas
Stubenmädchen«
    Herr Lamprecht lachte laut auf und die Frau Amtsrätin konnte trotz ihres
Aergers nicht umhin leise einzustimmen »Die Emma Kind Nun Gott bewahre
mich was für tolles Zeug spukt in deinem Kopfe Grete  Weißt du auch« wandte
sie sich mit bedeutungsvollem Augenzwinkern an ihren Schwiegersohn »dass uns die
Leute im Hause wieder einmal das Leben recht schwer machen von wegen der
bewussten neuaufgewärmten Sage Reinholds Erwähnung der Frau im roten Salon mag
dir beweisen dass die dummen Menschen selbst vor den Kindern den Mund nicht
halten können Ein jedes will etwas gesehen haben und diesmal nicht etwa bloße
Schatten und Wolken von Spinnweben  die Emma zum Beispiel schwur unter Zittern
und Zähneklappern das gewisse Huschende sei nichts weniger als durchsichtig
gewesen und aus den fliegenden Schleiern habe sich für einen Moment ein Arm
gehoben so weiß und rund«  Sie nickte sprechenden Blickes ausdrucksvoll mit
dem Kopfe und presste die verschlungenen Hände gegen die Brust  »Wenn nur nicht
bereits eine direkte Beziehung zwischen Herbert und gewissen Leuten dahinter
steckt  Der Gedanke macht mir das Blut sieden«
    »Sapristi  das wäre« meinte Herr Lamprecht mit einem dämonischen Lächeln
wobei er sich den Bart strich »Da würden sich freilich Argusaugen und nie
schlafende Ohren nötig machen Ich habe es übrigens satt bis zum Überdruss
dieses ewige Geklätsch unter unseren Leuten  das Haus kommt förmlich in Verruf
Es ist von jeher ein Fehler gewesen dass man den Flügel so gar nicht benutzt
hat dadurch hat das verrückte Traumgespenst einer alten Amme von Jahr zu Jahr
an Boden gewonnen Dem will ich ein Ende machen Am liebsten nähme ich gleich
ein paar Porzellandreher samt Familien aus Dambach herein aber die Leute müssten
dann stets durch den Flursaal an meinen Türen vorbei und der Lärm passt mir
nicht  Da werde ich den kurzen Prozess machen und selbst einmal eine Zeitlang
ab und zu in Frau Doroteens Zimmern hausen «
    »Das wäre allerdings ein Radikalmittel« warf die Frau Amtsrätin lächelnd
ein
    »Und eine verschliessbare Türe die den Gang nach dem Flursaal hin
abschlösse wäre wohl auch am Platze  da hätten die Hasenfüsse die hier oben zu
tun haben keinen Grund mehr um die Ecke zu schielen und sich so lange mit
Wonne zu gruseln bis sie ihr eigenes Hirngespinst gesehen Ich will mir die
Sache einmal überlegen«
    Er griff nach einer Bonbonniere auf dem Schreibtisch  »Na seht da haben
sich ja doch noch so ein paar Leckerle verkrochen« sagte er und füllte den
Kindern die Händchen mit Bonbons »So  nun geht wieder hinunter Der Papa hat
viel zu schreiben«
    »Und der Schlüssel Papa Hast du den ganz vergessen« fragte die kleine
Margarete »Tante Sophie will jetzt gleich hinauf und die Fenster aufmachen Sie
sagt es käme kein Regen und die Nachtluft müsste einmal so recht durchfegen
und morgen sollen die Stuben und der Gang gescheuert werden«
    Herr Lamprecht wurde rot vor Ärger »Zum Henker mit dieser ewigen
Scheuerei« brach er los und fuhr ungeduldig mit der Hand durch sein reiches
Haar »Vor einigen Tagen hat der Flursaal förmlich geschwommen und das Scharren
und Kratzen der Scheuerwische brummt mir heut noch in den Ohren Daraus wird
nichts Gehe du nur hinunter Gretchen und sage der Tante das habe Zeit ich
würde selbst mit ihr sprechen«
    Die Kinder trollten sich und auch die Frau Amtsrätin zog die Pelerine
fester über die Schultern um zu gehen Sie verabschiedete sich in ziemlich
gemessener Weise Ihre Herzensbeklemmung war sie nicht losgeworden der Herr
Porzellanmaler saß fester als je im Packhause und der sonst so ritterlich
galante Schwiegersohn fing an recht unangenehm bockbeinig zu werden Und auch
jetzt trotz seiner respektvollen Verbeugung zeigten seine Augen nichts weniger
als Reue und Abbitte  weit eher die heimliche brennende Ungeduld allein zu
sein  Sichtlich geärgert rauschte sie hinaus
    Er blieb bewegungslos mitten im Zimmer stehen Draußen fiel die Flurtüre
ins Schloss dann trippelten die Goldkäferschuhchen Stufe um Stufe aufwärts er
horchte bis auch der letzte Laut im hallenden Treppenhause erstarb  dann
sprang er mit einem Satze an den Schreibtisch riss die Briefmappe an sein Herz
an seinen Mund strich mit der Hand wiederholt über das kleine Aquarellbild als
wolle er den Blick der alten Dame der darauf geruht fortwischen und verschloss
die Mappe in den Schreibtischkasten Das war das Werk einiger Sekunden gewesen
Gleich darauf war das Zimmer leer Dafür kamen bald leichte Abendschatten
herein der Rosaschein erblasste und im Zwielicht wurde das von der Wand
herniedersehende Bildnis der verstorbenen Frau Fanny unheimlich lebendig so
sprechend lebendig als werde die lebensgrosse Gestalt im nächsten Augenblick die
graue Atlasschleppe aufnehmen und auf den Teppich herniedersteigen um grau und
hager und die großen Augen voll leidenschaftlichen Feuers dahinzuhuschen wie 
die selige Frau Judit
 
                                       4
Drunten in der Familienwohnung war man inzwischen mit den Strapazen des
berühmten Bleichtages glücklich zu Ende gekommen Bärbe hantierte bereits wieder
in ihrer blitzblanken geräumigen Küche und bereitete das Abendessen Der
Kalbsbraten wurde pünktlich besorgt und Salat und Kompotte hergerichtet aber es
ging dabei nicht besonders friedfertig zu Das Küchengeschirr klapperte
verdächtig laut gegeneinander Kartoffeln rollten und hüpften vom Küchentisch
auf den Boden und die Türe der Bratmaschine rasselte auf und zu als sollte
sie aus den Angeln fliegen Jungfer Bärbe war in der grimmigsten Laune Tante
Sophie hatte ihr nochmals in ganz exemplarischer Weise den Text gelesen weil
sie die Waschfrauen mit ihrer drastischen Beschreibung des wackelnden Vorhanges
so kopfscheu gemacht hatte dass sie es ablehnten die Scheuerei in dem
spukhaften Flügel zu besorgen Also außer dem Schreck auch noch eine
Strafpredigt für die alte Bärbe die sich noch nötigenfalls totschlagen ließ für
die Familie Lamprecht  Notabene für Fräulein Sophie noch ganz extra  War
man denn wirklich so stockblind so verrannt in Leichtsinn und Unglauben dass
man nicht sah wie das Unheil schon über dem Hause stand dick und
kohlrabenschwarz wie das schönste Hagelwetter Hatte es nicht jedesmal Tod und
Verderbnis zu bedeuten wenn die Geister in dem dunklen Gange hin und her
liefen Da brauchte man nur durch die Stadt zu gehen  jawohl von Haus zu Haus
konnte man gehen und in den Damengesellschaften wie bei den Weibern am
Waschtrog überall konnte man Dinge über das Unwesen in Lamprechts Hause zu
hören kriegen dass einem die Haare zu Berge standen Aber da saß »man« nun
urgemütlich drüben am Wohnstubenfenster und flickte dem Speisemeister in der
Hochzeit zu Kana das zerrissene Gesicht wieder zusammen als ob alles Heil der
Welt von dem alten Tafeltuch abhänge und sonst nichts als eitel Sonnenschein im
Hause wäre Na immer zu Einmal kams das stand fest  Und die
Küchenkassandra griff bei diesem Monolog ab und zu nach einem großen irdenen
Topf auf der Bratmaschine um mit einem Schluck verspäteten Nachmittagskaffees
den Ärger hinunterzuwürgen
    »Man« saß übrigens nicht so urgemütlich am Wohnstubenfenster denn es war
eine böse Aufgabe für Tante Sophiens kunstfertige Hand die Züge des
Speisemeisters wieder in die ursprünglichen Linien zu bringen ohne dass die
Stopferei sichtbar wurde Und so überaus behaglich fühlte sich Margarete am
anderen Fenster auch nicht Die Heidelbeerflecken waren mittels einer sauberen
Schürze dem beleidigten Auge entzogen worden dann hatte Tante Sophie die Kleine
bei den Schultern gefasst und sehr energischer Weise an den großen Tisch im
Fensterbogen dirigiert »So  nun werden die Schularbeiten gemacht Und Klexe
gibts nicht  nimm dich zusammen Gretel« hatte sie gesagt
    Da hieß es nun stillsitzen inmitten der vier dicken Wände und den
Federhalter fest umklammern auf dass er nicht seine Extraspaziergänge auf dem
weißen Papier mache  Droben am Abendhimmel färbten sich die Schäferwölkchen
rosenrot das Fenster stand offen und aus der gegenüberliegenden
bergansteigenden Gasse quollen ganze Ströme süßen Lindenblütenduftes herüber
sie kamen durch das Turmtor der Stadtmauer in welchem die Gasse droben
mündete und über die uralten geschwärzten Mauern selbst her hinter welchen
die prachtvolle Lindenallee hinlief
    Und vom Marktplatz schallte allerhand Tun und Treiben herein Lehrjungen
gingen pfeifend mit der weitbauchigen Steinflasche vorbei um das Abendbier zu
holen aus allen Gassen kamen Mädchen und Frauen mit Holzbutten an den
Marktbrunnen und die Mägde hielten Blechsiebe unter das Brunnenrohr und ließ
das frische glitzernde Wasser über den grünen Beetsalat hinrauschen  das war
so hübsch man musste immer wieder hinsehen Und unter dem Fenster neckten sich
im Vorübergehen zwei kleine Bettelmädchen Margarete bog sich hinaus griff in
die Tasche und warf ihnen die vom Papa erhaltenen Bonbons in die aufgenommenen
Schürzchen »Recht Gretel« meinte Tante Sophie »Ihr nascht mir in der letzten
Zeit ohnehin viel zu viel und die Kinder freuts«
    »Ich verschenke meine Bonbons nicht« sagte Reinhold der auf dem Esstisch
einen Turm von seinen Bausteinen aufstellte »Ich hebe sie mir auf Bärbe sagt
auch immer bei allem wer weiß wie mans wieder brauchen kann«
    »Potztausend unserem Jungen guckt ja der Kaufmann aus allen Hautfältchen«
lachte Tante Sophie und stopfte emsig weiter
    Ja die Tante hatte Recht  sie naschten in der letzten Zeit viel zu viel
die beiden Kinder Das süße Zeug wollte gar nicht mehr munden Wie anders doch
der Papa geworden war Früher waren sie stundenlang oben bei ihm gewesen er
hatte sie auf seinem Rücken reiten lassen hatte ihnen Bilder gezeigt und
erklärt Geschichten erzählt und Papierschiffchen gemacht und jetzt  Jetzt
lief er immer im Zimmer auf und ab wenn sie kamen er machte auch öfter böse
Augen und sagte barsch sie störten ihn er könne sie nicht brauchen An die
hübschen Papierschiffchen war nicht mehr zu denken ebensowenig an das Erzählen
von Märchen und anderen schönen Geschichtchen   der Papa sprach lieber mit
sich selber man konnte es nur nicht verstehen es war bloß gemurmelt Er fuhr
sich auch manchmal mit beiden Händen durch die Haare und stampfte mit dem Fuße
auf und wusste wohl gar nicht mehr dass die Kinder da waren und wenn er sich
dann besann da stopfte er ihnen schnell die Taschen und Hände voll süßer Sachen
und schob sie zur Türe hinaus weil er schreiben viel schreiben müsse Ja
das dumme Schreiben  man konnte es schon deswegen nicht ausstehen  Und nach
all diesen deprimierenden Reflexionen mit ihrem hasserfüllten Schlussgedanken
wurde die Feder zornig tief ins Tintenfass getaucht und da lag der allerschönste
Klecks auf dem Papiere
    »Du Unglückskind« schalt Tante Sophie und kam schleunigst herüber Das
Löschblatt war zur Hand aber beim Suchen nach dem Radiermesser musste Gretel
kleinlaut eingestehen dass der Herr Direktor ihr das Messer weggenommen weil
sie in der langweiligen Rechenstunde am Schultisch geschnitzelt habe Und ehe
noch Tante Sophie ihrer sehr begründeten Entrüstung Luft machen konnte war die
Kleine schon zur Türe hinaus um »beim Papa ein Federmesser zu borgen«
    Wenige Sekunden nachher stand sie mit sehr verdutztem Gesicht droben vor dem
Zimmer Die Türe war verschlossen es steckte kein Schlüssel und durch das
Schlüsselloch konnte sie sehen dass der Stuhl vor dem Schreibtisch leer stand
Ja was sollte denn das heißen  Es war ja gar nicht wahr das was der Papa
vom vielen Schreiben gesagt hatte  er schrieb nicht er war gar nicht zu Hause
    Die Kleine sah sich um in dem weiten mächtig großen Flursaal Er war ihr ja
so vertraut und doch in diesem Augenblick so wunderlich neu und anders Wie
oft tollte und jagte sie mit Reinhold hier herum aber sie konnte sich nicht
erinnern je allein hier oben gewesen zu sein
    Nun war es zwar etwas dämmerig aber so feierlich so schön still in dem
Flursaal Durch seine hohen Fenster sah man über den Hof und das sehr
tiefgelegene niedere Packhaus hinweg weit in die grüne blühende Welt hinaus
Auf den Kredenztischen stand allerlei funkelndes Trinkgerät und die Stühle mit
den gelben Samtbezügen hatten auf dem dunkelholzigen Rücklehnengestell
geschnjetztes fremdartiges Gevögel zwischen Tulpen und langstieligem Blattwerk
Tintenklecks und Federmesser waren total vergessen der übermütige Wildfang mit
dem rückhaltslosen derb aufrichtigen Wesen wandelte verschleierten Blickes von
Stuhl zu Stuhl strich mit der Hand über den verblichenen Samt und träumte sich
in eine wunderliche Gedankenwelt die kein Laut von außen störte
    Der letzte Stuhl stand in der Ecke ziemlich nahe der Türe die in den
roten Salon führte und von da aus sah man schräg in den dunklen Gang hinter
Frau Doroteens Sterbezimmer hinein Auch er an dessen entgegengesetztem Ende
in diesem Augenblick ein letztes rosiges Abendwölkchen durch das hochgelegene
kleine Fenster hereinstrahlte war ihr vertraut er hatte nie Schrecken für sie
gehabt Reinhold blieb freilich konsequent am Eingang stehen und traute sich nie
weiter aber sie durchmass ihn immer wieder bis zu dem Treppchen welches
seitwärts zur Bodentüre des Packhauses führte Auf der einen Seite unterbrachen
schöngetäfelte Zimmertüren die einförmige Wandfläche und an der Rückwand
standen zweitürige Kleiderschränke mit Metallbeschlägen
    Tante Sophie hatte diese Schränke auch einmal aufgeschlossen und gelüftet
und Margarete hatte hineinsehen dürfen Da hing eine kostbare Brokatschleppe
neben der anderen farbenbunt und zum Teil auch schwer mit Gold und Silber
durchwirkt  lauter Staatskleider Lamprechtscher Hausfrauen Auch Frau Judits
Brautkleid ihre Brautschuhe wahre Ungetüme von Stöckelschuhen waren
pietätvoll hier aufbewahrt sie war ja die einzige Tochter und Erbin eines
vornehmen sehr begüterten Hauses gewesen ein bedeutender Teil des
Lamprechtschen Reichtumes stammte von ihrer Mitgift her Das wusste die kleine
Margarete nicht sie würde wohl auch kein Verständnis dafür gehabt haben  sie
suchte nur manchmal mit ihren kleinen Händen an den Schranktüren zu rütteln um
den geheimnisvollen Laut das Aneinanderreiben der steifen Seide herauszuhören
    Nun war sie auch einmal mutterseelenallein hier Der kleine Bruder war nicht
da um sie am Rock zurückzuzerren und sein ängstlicher Zuruf störte sie nicht
Sie huschte tiefer in den Gang hinein und wollte eben vor einem der Schränke
stehen bleiben als sie ganz deutlich ein Geräusch hörte wie wenn jemand in
ihrer Nähe wiederholt auf ein Türschloss griffe Die Kleine horchte auf zog in
vergnüglicher Überraschung den Kopf zwischen die Schultern kicherte in sich
hinein und schlüpfte in das dunkelnde Versteck neben dem Schrank von wo sie die
schräg gegenüberliegende Türe sehen konnte Na aber die Augen wollte sie
sehen die Tante Sophie machen würde wenn sie hörte dass es die Sonne doch
nicht gewesen war Und »die Gretel« behielt recht Emma war es gewesen und wenn
sie zehnmal tat als fürchte sie sich  sie steckte ja noch drin im Zimmer Der
konnte ein tüchtiger Schrecken nicht schaden ganz und gar nicht
    In diesem Augenblick ging die Türe lautlos auf und hinter ihr trat ein
kleiner Fuß von der erhöhten Schwelle auf die Gangdielen herab dann huschte es
ganz weiß aus dem schmalen Spalt zu welchem sich die Türe geöffnet hatte
Von dem weißen Latzschürzchen und dem kokettgerafften Falbelkleid des
Stubenmädchens war nun freilich nichts zu sehen ein dichter Schleier fiel
vermummend vom Scheitel über die ganze Gestalt her und seine Spitzenkante
schleifte auf den Dielen nach Aber es war doch Emma die sich da einen Spaß
machte  sie hatte solch ein Füßchen und trug stets nette Schuhe mit hohen
Absätzen und Bandrosetten Vorwärts drauf Das gab einen famosen Spaß
    Gewandt wie ein Kätzchen schlüpfte das Kind aus seinem Versteck flog der
Dahinhuschenden nach warf sich mit der ganzen Schwere des kleinen Körpers von
rückwärts über die Gestalt her und umklammerte sie mit beiden Armen dabei
geriet ihre kleine Rechte durch eine Schleieröffnung in das weiche über die
Hüfte herabhängende Gewoge einer gelösten Haarflechte  sie griff fest zu und
zog zur Strafe für »den dummen Witz« so derb an den Haarenden dass sich der
vermummte Kopf tief nach dem Nacken zurückbog
    Ein Schreckensschrei dem ein klagender Wehlaut folgte scholl durch den
Gang  was dann geschah kam so blitzschnell so unerwartet dass die Kleine sich
nie auch später nicht eine klare Vorstellung machen konnte Sie fühlte sich
gepackt und geschüttelt dass ihr Hören und Sehen verging ihr kleiner Körper
flog wie ein Ball um eine ganze Strecke fast bis zum Eingang des Korridors
zurück und stürzte zu Boden
    Sie blieb wie betäubt mit geschlossenen Augen liegen und als sie endlich
die Lider hob da stand ihr Vater bei ihr und sah auf sie nieder Aber sie
erkannte ihn kaum  sie entsetzte sich vor ihm und schloss unwillkürlich die
Augen wieder instinktmässig fühlend dass etwas Schreckliches kommen müsse denn
er sah aus als wisse er nicht solle er sie erwürgen oder zertreten
    »Steh auf Was tust du hier« fuhr er sie mit kaum erkennbarer Stimme an
packte sie mit rauhem Griff und stellte sie auf die Füße
    Sie schwieg der Schrecken aber auch das Unerhörte der grausamen
Behandlung verschloss ihr die Lippen
    »Hast du mich nicht verstanden Grete« fragte er in etwas beherrschterem
Ton »Ich will wissen was du hier treibst«
    »Ich wollte zuerst zu dir Papa aber die Türe war verschlossen und du
warst nicht zu Hause «
    »Nicht zu Hause Unsinn« schalt er und trieb sie vor sich her »Die Türe
war nicht verschlossen sag ich dir  du wirst ungeschickt beim Oeffnen gewesen
sein Ich war hier im roten Salon«  er zeigte nach der Türe auf welche er die
Kleine zuschob  »als ich dein Geschrei hörte«
    Margarete stemmte die Füße fest auf den Boden so dass Herr Lamprecht auch
stehen bleiben musste und wandte ihm das Gesicht zu »Ich habe doch nicht
geschrien Papa« sagte sie mit weit geöffneten erstaunten Augen
    »Du nicht Wer denn sonst Du wirst mir doch nicht weismachen wollen dass
noch jemand außer dir hier oben gewesen ist«  Er war ganz rot im Gesicht wie
immer wenn er zornig und ungeduldig wurde und seine Augen blitzten sie drohend
an
    Sie sollte gelogen haben In dem Kind welches die Aufrichtigkeit selbst
war empörte sich jeder Blutstropfen »Ich mache dir nichts weis Papa Ich sage
die Wahrheit« beteuerte sie mutig und ehrlich zu den flammenden Augen
aufblickend »Du kannst dich darauf verlassen es war jemand hier oben Ein
Mädchen wars  Sie kam aus dem Zimmer weißt du wo ich die Stirn mit den
hellen Haaren am Fenster gesehen habe  Ja da kam sie heraus und hatte Schuhe
mit Bandrosetten an und wie sie weiterlief da hörte ich wie die Absätze auf
den Dielen klapperten «
    »Bist du toll« Er drehte sich mit einem Ruck nach dem Gange zurück Das
rote Abendwölkchen war inzwischen weiter gesegelt und durch das hochgelegene
kleine Fenster sah nur noch der abgeblasste Himmel herein  ein graues
Dämmerdunkel fing an den langen Korridor zu füllen
    »Siehst du noch etwas Grete« fragte er hinter ihr stehend und mit seinen
beiden Händen schwer auf die Schultern des Kindes drückend »Nein  Dann nimm
auch Vernunft an Kind Durch den Flursaal hätte das vermeintliche Mädchen nicht
entwischen können denn wir selbst würden ihr den Weg versperrt haben die
Türen wie wir sie da sehen sind verschlossen das weiß ich am besten denn
ich habe die Schlüssel  glaubst du aber es könne ein Mensch auf dem einzigen
Weg der übrig bliebe durch das Fensterchen dort oben hinausfliegen«
    Scheinbar ruhiger nahm er sie bei der Hand und führte sie an eines der
Flursaalfenster Er zog sein Taschentuch heraus und wischte ihr die Tränen vom
Gesicht die ihr Schreck und Entsetzen vorhin erpresst hatten sein Blick schmolz
plötzlich in schmerzlichem Mitleid »Weißt du nun dass du ein rechtes Närrchen
gewesen bist« fragte er lächelnd wobei er sich tief bückte um in ihre Augen
zu sehen
    Sie schlang stürmisch ihre kleinen Arme um seinen Hals »Ich habe dich so
lieb so lieb Papa« beteuerte sie mit der ganzen Inbrunst eines heißen
zärtlichen Kinderherzens und drückte ihr schmales sonnengebräuntes Gesichtchen
an seine Wange »Aber du darfst auch nicht denken dass ich gelogen habe Ich
habe vorhin nicht geschrien  sie wars Ich dachte es sei Emma und wollte sie
für ihren dummen Spaß erschrecken Aber Emma hat ja gar nicht so langes Haar
das fällt mir eben ein und meine Hand riecht noch nach Rosenöl weil ich den
Zopf festgehalten habe und das ganze Mädchen roch wie die schönsten Rosen 
Emma ists doch wohl nicht gewesen Papa  Durch das kleine Fenster kann
freilich niemand fliegen aber vielleicht war die Türe an der kleinen Treppe
offen weißt du die Bodentüre vom Packhaus «
    Er hatte schon vorhin ungestüm emporfahrend ihre Arme von seinem Nacken
gelöst und jetzt unterbrach er sie mit einem lauten Auflachen aber trotz
dieses Lachens sah er plötzlich so blass und so furchtbar böse aus dass sich das
Kind scheu in die Fensterecke drückte
    »Du bist ein obstinates dickköpfiges Geschöpf« zürnte er und seine Stirn
zog sich immer finsterer zusammen »Die Grossmama hat recht wenn sie sagt die
richtige Zucht fehle Um deinen Kopf zu behaupten fabelst du das ungereimteste
Zeug zusammen Wer möchte sich wohl in eine Rumpelkammer voll Ratten und
Mäusen verkriechen bloß um ein kleines Mädchen wie du eines bist zu necken
 Aber ich weiß schon du bist zu viel in der Gesindestube und da wird dir
der Kopf mit Fraubasen und Spinnstubengeschichten vollgestopft und nachher
träumst du am hellen Tage unmögliche Dinge dabei bist du wild wie ein Junge
und Tante Sophie ist viel zu schwach und nachgiebig Die Grossmama hat mich
längst gebeten der Sache ein Ende zu machen und das soll nun geschehen und
zwar sofort Ein paar Jahre in fremder Zucht werden dich zahm und anständig
machen«
    »Ich soll fort« schrie das Kind auf
    »Für ein paar Jahre Grete« sagte er milder »Sei vernünftig Ich kann dich
nicht erziehen Grossmamas Nerven aber sind zu angegriffen um dein ungestümes
Wesen in stetem Umgang zu ertragen und Tante Sophie  nun die ganze Wirtschaft
liegt auf ihr und sie kann sich nicht so um dich kümmern wie es sein müsste «
    »Tue es nicht Papa« fiel sie mit einer für ein Kind fast unnatürlichen
festen Entschlossenheit ein »Es hilft dir nichts  ich komme doch wieder«
    »Das wollen wir sehen «
    »Ach du hast ja keinen Begriff wie ich laufen kann  Weißt du noch wie
du dem Herrn in Leipzig unseren Wolf geschenkt hattest und wie der gute alte
Hund nachher einmal frühmorgens draußen vor unserer Haustüre lag todmüde und
schrecklich hungrig Er hatte sich gesehnt der arme Kerl und da hatte er den
Strick zerrissen und war fortgelaufen und so mache ichs auch«  Ein
herzzerreissendes Lächeln flog um den bebenden Mund
    »Glaubs schon unbändig genug bist du ja Allein es wird dir wohl nichts
übrigbleiben als dich zu fügen  mit solchen kleinen Trotzköpfen macht man
kurzen Prozess« sagte er streng Er wandte sich dabei weg und sah anscheinend
durchs Fenster in den Hof hinab in Wahrheit jedoch glitt sein scheuer
Seitenblick über das Gesichtchen das jetzt einen furchtbaren inneren Aufruhr
widerspiegelte und wie von einem unwiderstehlichen Impuls getrieben bog er
sich rasch wieder nieder und strich mit der Hand sanft über die weiche
plötzlich von einer wahren Fieberhitze überglühte Wange des Kindes
    »Geh sei mein gutes Mädchen« redete er ihr zu »Ich bringe dich selbst
fort  wir reisen zusammen Und schöne Kleider sollst du haben ganz wie unsere
kleinen Prinzessinnen«
    »Ach schenke sie lieber einem anderen Kind Papa« versetzte die Kleine
tonlos »Bei mir gibts immer schon am ersten Tage Risse und Flecken Bärbe sagt
immer Es ist schade um jede Elle Zeug die der kleine Reissteufel auf den Leib
kriegt und da hat sie ganz recht  Ich will aber auch gar nicht so sein wie
die kleinen Mädchen im Schloss«  sie hob trotzig den Kopf und hörte auf an
ihren Fingern nervös zu pflücken  »ich kann sie nicht leiden weil die
Grossmama immer so vor ihnen knickst«
    Ein sarkastisches Lächeln huschte über Herrn Lamprechts Gesicht gleichwohl
sagte er in strengem Ton »Siehst du Grete das ists eben was die Grossmama so
oft in Verzweiflung bringt Du bist ein unhöfliches kleines Ding und hast die
allerschlechtesten Manieren  man muss sich deiner schämen Es ist die höchste
Zeit dass du fortkommst«
    Die Kleine schlug ihre feuchtflimmernden Augen sprechend zu ihm auf »Hat
denn meine Mama auch fortgemusst als sie noch ein kleines Mädchen war« fragte
sie das hervorbrechende Weinen mühsam niederkämpfend
    Eine dunkle Blutwelle schoss ihm in das Gesicht »Deine Mama ist immer ein
sehr artiges folgsames Kind gewesen da war es nicht nötig«  Er sprach mit so
gedämpfter Stimme als sei außer ihm und dem Kinde noch irgend ein horchendes
Wesen im Flursaal vor welchem sich der laute Ton scheue
    »Ich wollte sie wäre wieder da die arme Mama  Sie hat freilich Holdchen
lieber auf den Schoss genommen als mich aber da hat es doch nie geheißen dass
ich fort sollte Eine Mama ist doch besser als eine Grossmama Wenn die ins Bad
reist da freut sie sich und sagt kaum Adieu Sie weiß nicht wie ein Kind alle
lieb hat alles Papa auch unser Haus ach und Dambach«  sie hielt inne als
breche ihr kleines Herz schon bei dem Gedanken an eine Trennung Das Köpfchen
nahezu an die Fensterscheibe gedrückt suchte sie mit flehentlichem Aufblick die
Augen des stattlichen Mannes der die Finger leise auf der Brüstung spielen ließ
und sichtlich mit einer inneren Bewegung rang
    Er schwieg bei der beredten Klage des Kindes Sein Blick schweifte lange
ziellos über die weite Landschaft draußen und als er sich endlich senkte da
ging ein jäher Ruck durch die hohe Gestalt und die Finger hörten auf zu
spielen Der Papa war erschrocken  über was denn Es war weit und breit
nichts zu sehen Die Sonne war längst fort auf den Feldern drüben rührte und
regte sich nichts von den ein und ausfliegenden Schwalben ließ sich keine mehr
blicken auch die Möwchentauben die tagsüber das Dach des Packhauses
umflatterten hatten den Schlag aufgesucht und auf dem stillen Gange unter den
Blätterrundbogen des Pfeifenstrauches stand ja nur Blanka Lenz wie an jedem
Abend seit sie aus England gekommen war
    Diesmal aber hatte das Kind keine Augen für das schöne weiße Gesicht das
wie Mondlicht sanft aus dem dunklen Blattwerk drüben dämmerte  es sah nur wie
der Papa tief aufseufzte wie er stöhnend mit beiden Händen nach den Schläfen
fuhr und sie presste als drohe ihm der Kopf zu zerspringen
    Die Kleine schmiegte sich an seine Seite und blickte noch dringlicher zu ihm
empor »Hast du mich noch lieb Papa«
    »Ja Grete«  Er sah sie aber nicht an er starrte immer auf denselben
Punkt
    »Gerade so lieb wie du Reinhold lieb hast Ja Papa«
    »Nun ja doch Kind«
    »Ach da bin ich froh Da wirst du mich doch auch hier lassen  Wer sollte
denn auch mit Holdchen spielen Wer sollte denn sein Pferdchen sein wenn ich
nicht mehr da bin Andere Kinder tuns nicht weil er so schlimm mit der Gerte
haut Gelt Papa es war nicht dein Ernst mit dem Fortreisen Du hast mir nur
gedroht weil ich so wild wie ein Junge bin Aber ich will nun besser werden
ich will auch höflich gegen die kleinen Prinzessinnen sein  Gelt ich darf
dableiben bei dir und allen Papa hörst du denn nicht«
    Herr Lamprecht zuckte bei der Berührung der kleinen seinen Arm schüttelnden
Hand wie aus einem marternden Traum empor »Gott im Himmel Kind quäle mich
nicht auch mit deinen entsetzlichen Fragetönen Es ist zum Verrücktwerden« fuhr
er das zurückschreckende Kind an Er wühlte mit beiden Händen in seinem Haar
presste sich wiederholt die Stirn und schritt ein paarmal in wilder Hast auf und
ab
    Es mochten eben nur die monotonen »Fragetöne« gewesen sein die ihn in ihrer
dringlichen Wiederholung irritiert hatten  den Sinn derselben erfasste er wohl
erst nachträglich als er ruhiger wurde »Du machst dir einen ganz falschen
Begriff Gretchen« sagte er endlich stehen bleibend in milderem Ton »Dort
wohin ich dich bringen will hast du eine Menge lustiger Spielkameraden lauter
kleine Mädchen die sich untereinander lieb haben wie Schwestern Ich kenne
manches Kind das bitterlich geweint hat als es wieder nach Hause geholt
wurde Übrigens ist deine Erziehung in einem Institut eine längst
beschlossene Sache zwischen mir und der Grossmama  es handelte sich nur noch um
den Termin um das Wann der Aufnahme Ich habe nunmehr den Beschluss gefasst und
dabei bleibts Es ist am besten ich gehe gleich zu Tante Sophie um das
Nötige mit ihr zu besprechen«
    Bei den letzten Worten schritt er nach der Flurtüre »Geh mit Grete Hier
oben kannst du nicht bleiben« rief er ihr zu als sie unbeweglich in der
Fensterecke stehen blieb Sie kam langsam mit gesenktem Kopf über den Saal her 
er ließ sie an sich vorbei über die Schwelle gehen dann drehte er den
Türschlüssel um zog ihn ab und ging die Treppe hinunter
 
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Herr Lamprecht kümmerte sich nicht weiter darum ob ihm die Kleine auch folge
Er war längst unten und sie hatte ihn in die Wohnstube eintreten hören als sie
noch oben an der Treppe stand Die Hände auf das Geländer stützend glitt sie
langsam Stufe um Stufe hinab Die Türe der Wohnstube war offen geblieben Herrn
Lamprechts starke volltönende Stimme klang heraus und Margarete hörte beim
Herabkommen wie er zu Tante Sophie von lautem Schreien Laufen im Korridor des
Seitenflügels von eingebildeten Erscheinungen am hellen Tage und seinem
Verweilen im roten Salon sprach er blieb dabei dass das Kind sich die
Erscheinung im dunklen Gange eingebildet habe dass daran die
»FraubasenGeschichten« der Gesindestube schuld seien und dass Margarete sofort
in ein Institut übersiedeln müsse um alle diese Eindrücke abzuschütteln und im
übrigen auch manierlicher und mädchenhafter zu werden
    Leisen Schrittes ging die Kleine an der Türe vorüber Sie warf einen
scheuen Blick in das Zimmer  der kleine Bruder hatte seinen Turmbau im Stich
gelassen und hörte mit offenem Munde zu und Tante Sophiens liebes lustiges
Gesicht war ganz blass und fahl sie presste die verschlungenen Hände auf die
Brust aber sie sprach nicht »weil das ja doch nichts half« dachte das kleine
Mädchen im Vorüberhuschen denn wenn der Papa einmal mit der Grossmama zusammen
etwas beschloss da half kein Bitten und Betteln mehr die Grossmama setzte es
durch Nur einer hatte noch Gewalt wenn er dazwischen fuhr und kräftig
polterte und wetterte und das war der Großpapa in Dambach Der half das wusste
sie Er ließ seine Gretel nicht fortschleppen am allerwenigsten aber in »den
großen Vogelbauer wo sie alle in einem Tone pfeifen mussten« wie er stets
sagte wenn die Grossmama auf ein Mädcheninstitut hinwies Ja er half Was
wollten sie denn machen wenn er  wie er immer tat sobald ihm der Widerspruch
zu toll wurde  mit den starken Fingerknöcheln auf den Tisch klopfte und mit
seiner rauen Stimme ernstaft sagte »Ruhe bitte ich mir aus Franziska Ich
will es so und hier bin ich Herr« Da ging ja die Grossmama stets hinaus und
die Sache war abgemacht Ja war man nur erst in Dambach dann hatte es keine
Gefahr mehr
    Sie lief hinaus in den Hof um die Ziegenböcke aus dem Stalle zu holen aber
der Hausknecht hatte die Türe zugeschlossen und eigentlich gab es doch wohl
auch zu viel Lärm wenn der Wagen rasselte dann kam irgendwer und machte ihr
das Tor vor der Nase zu und sie musste dableiben Da hieß es denn sich
tapfer auf seine zwei Füße stellen und hinauslaufen Im Vorübergehen hatte sie
ihren Hut genommen der noch auf dem Gartentisch lag sie knüpfte die Bänder
unter dem Kinn und machte sich auf den Weg
    Niemand hatte das Kind gesehen als es durch den Torweg des Packhauses auf
die Straße hinausschlüpfte Es war keine Menschenseele im Hof auch Blanka Lenz
hatte den offenen Gang wieder verlassen Und draußen war es auch menschenleer
die Leute saßen noch nicht vor den Haustüren dazu war der Abend noch nicht
weit genug vorgeschritten nur ein paar kleine barfüssige Jungen ließ auf dem
Kanal der schmalen seichten Wasserader welche die Straße in der Mitte
durchschnitt Papierschiffchen schwimmen »Die habens gut« dachte die Kleine
und marschierte über das Brückchen in die benachbarte Gasse dann kam man zu
einem Durchbruch der Stadtmauer und von da lief ein Fußweg durch die Felder und
eine niedere Anhöhe hinauf nach Dambach Er machte zwar einen ziemlich weiten
Bogen und war einsam aber sie kannte ihn und schlug ihn auch jetzt ein  über
der belebteren Chaussee wirbelten ja bei jedem Windhauch erstickende
Staubwolken die sie heute Nachmittag beim Hereinfahren wie mit Mehl überpudert
hatten
    Ach ja heute nachmittag da war noch alles gut gewesen Sie hätte
aufschreien mögen vor Lust als die Böcke mit ihr aus dem Dambacher Hoftor
gestürmt waren der Großpapa hatte gelacht und Hurra hinterdrein geschrien und
die Dorfkinder ihre getreuen Spielkameraden waren ein Stück mitgelaufen und
die Jungen hatten untereinander gesagt »Sapperlot die kanns aber«  Nun
kam sie wieder um sich beim Großpapa zu verkriechen Ach wenn er sie doch ganz
und gar draußen behielte Sie wäre ja um alles gern in die Dorfschule
gegangen Dahinaus kam auch die Grossmama niemals  sie sagte immer sie könne
den Fabriklärm nicht vertragen und darauf meinte der Großpapa allemal lachend
und er bliebe draußen weil er ihren Papagei nicht schreien hören könne
    Während dieses Durcheinander in dem aufgeregten Hirn des Kindes kreiste
trabten die kleinen Füße im schleunigsten Tempo vorwärts Ein langes Stück Weges
ging es durch wogende Getreidefelder und da wurde es dem kleinen Mädchen doch
ein wenig beklommen zu Mute  seit sie mit Tante Sophie zum letztenmal hier
gegangen waren die grünen jetzt schon zu mattem Gelb bleichenden Wände auf
beiden Wegseiten so himmelhoch gewachsen Nur immer eine kurze Strecke der
vielfach gewundenen Pfadlinie vor sich war das winzige Menschenkind gleichsam
eingeschachtelt im Kornfelde und der Käfer der seine blauglänzenden Flügel
ausspannte und leise surrend aufflog die buntlockige Winde die sich an den
Halmen emporhalf um droben Umschau zu halten sie hatten es besser Und zu
Häupten des Kindes wisperte es ein seidiges Rieseln wie wenn schleifendes
Gewand ganz leise daherkäme machte es bänglich in die Höhe blicken aber »Bange
machen gilt nicht und es geht alles in der Welt mit natürlichen Dingen zu«
sagte Tante Sophie immer und drum konnte es auch kein mit leisen Sohlen auf der
wogenden Halmfläche einherwandelndes Wesen sein  es war nur der Abendwind der
drüber hinging und die nickenden Ähren aneinander rieb
    Und nun hörte ja auch die enge Gasse endlich auf der Weg ging über
Kartoffel und Rübenäcker dann über zertretenen Graswuchs die Anhöhe hinauf
die ein Laubwäldchen das sogenannte Dambacher Hölzchen krönte dahinter lag
das Dorf Wohl war es noch hell genug dass das Kind die großen Erdbeerbüsche mit
ihren weißen Blütensternen und glühroten Früchten zwischen den Stämmen am
Waldessaum sehen konnte aber diesmal gab es weder Zeit noch Lust zum Pflücken
und Naschen in atemlosem Lauf war es bergauf gegangen  das kleine Herz
hämmerte in der Brust und der Kopf glühte und war so seltsam schwer als sei
Blei in Stirn und Schläfen Nun in Grosspapas Stube war es kühl da stand das
große Sofa mit den weichen Federkissen auf welchem er stets sein
Nachmittagsschläfchen hielt und da ruhte auch das Kind immer wenn es sich müde
gelaufen hatte Nur noch das Stückchen Weg hinter dem Dorfe weg  dann war ja
alles gut
    Der weite Fabrikhof lag schweigend und menschenleer da die Arbeiter hatten
längst Feierabend gemacht und durch den anstoßenden Garten mit seinen schönen
Anlagen und dem schmucken klaren Teich in welchem sich der Pavillon spiegelte
ging auch kein anderes Leben als das leise Rauschen der mächtigen Baumwipfel
unter denen es bereits stark dämmerte Nicht einmal Friedel Grosspapas
Hühnerhund bellte und kam auf das Kind zugesprungen  die Schwelle auf welcher
er immer faulenzte war leer die Türe war auch zu ja sie erwies sich sogar
als fest verschlossen und auf ein mehrmaliges Klingeln rührte und regte sich
nichts drinnen
    In ratlosem Schrecken stand die Kleine vor dem stillen Hause  der Großpapa
war gar nicht da Das wäre ihr doch nie und nimmer eingefallen  es war ja so
selbstverständlich gewesen dass er zu Hause sein musste wenn sie kam Sie
umging das Haus von allen Seiten hätte eines der Fenster in der niederen
Erdgeschosswohnung offen gestanden sie wäre was sie schon oft im Übermut
getan hinaufgeklettert und über die Brüstung ins Innere gesprungen allein vor
allen Scheiben lagen die Rollläden  da war nichts zu machen
    Das Weinen war ihr nahe aber noch verschluckte sie tapfer die Tränen Der
Großpapa war wohl nur zum Faktor gegangen und der wohnte ja gleich da drüben in
der Fabrik Aber im Hofe sagte ihr eine junge Stallmagd Faktors seien mit der
zurückkehrenden »Herrschaftskutsche« nach der Stadt zu einem Polterabend
gefahren den Herrn Amtsrat aber habe sie schon vor einigen Stunden fortreiten
sehen es sei heute Kegelkränzchen beim Oberamtmann in Hermsleben  das war ein
ziemlich entfernt gelegenes Gut
    Lieber Gott im Himmel  was sollte nun solch ein armes weitergelaufenes
Kind anfangen  In der ersten Verzweiflung lief die Kleine wieder vor das
Hoftor während die Magd in den Stall zurückkehrte Aber schon nach wenigen
Schritten wurde Halt gemacht  nach Hermsleben konnte man doch unmöglich laufen
das war ja viel viel zu weit Nein das ging absolut nicht da war es besser
auf den Großpapa zu warten  er kam vielleicht bald wieder
    Damit lief das kleine Mädchen nach dem Pavillon zurück und setzte sich
geduldig auf die Schwelle der Haustüre Das tat den müdgelaufenen Beinchen
gut und auch die tiefe Ruhe und Stille ringsum war eine Wohltat nach dem
aufregenden Marsch Wenn nur das dumme Hämmern in Stirn und Schläfen nicht
gewesen wäre aber jetzt wo sie sich in die Türecke schmiegte machte es sich
doppelt fühlbar Und nun gingen auch noch allerhand beängstigende
Vorstellungen durch den schmerzenden Kopf Zu Hause war die Zeit des Abendessens
längst vorüber und sie hatte bei Tische gefehlt Man suchte ganz gewiss überall
nach ihr und bei dem Gedanken dass sich Tante Sophie um sie ängstigen könne
tat ihr das kleine Herz bitter weh Aber wenn es nur um Gotteswillen niemand
einfiel sie hier in Dambach zu suchen ehe der Großpapa zurück war Ganz
entsetzt fuhr sie empor und ihre Augen forschten nach einem Versteck in
welchem sie sich nötigenfalls verkriechen konnte Denn nun wo sie heimlich
davongelaufen war blieb gar kein Zweifel dass man sie gleich morgen fortbrachte
 dafür sorgte schon die Grossmama diese unerbittliche Grossmama die so
ungerecht sein konnte Wenn Holdchen täppischer Weise hinfiel dann wurde »das
wilde Mädchen« ausgezankt weinte er aus Eigensinn so hatte ihn gewiss »das
ungezogene Ding die Grete« gereizt  dass doch solch eine Großmutter niemals
wusste wie lieb man sein Brüderchen hatte und alles ja den Bissen vom Munde
ach wie gern hingab nur damit es lachen und fröhlich sein sollte  Ach ja
die in der oberen Etage sie waren alle nicht gut gegen die Grete Und fast noch
schlimmer als die Grossmama war dieser Mosje Herbert den sie durchaus Onkel
nennen sollte  ein schöner Onkel der keinen Bart hatte und noch gerade so
wie sie auch über den Schulaufgaben schwitzen musste Ihr fehle die Rute hatte
er heute nachmittag gesagt und die Finger die er ihr vor Ärger beinahe
zerdrückt hatte taten noch weh Wie der sich freuen würde wenn sie die
Grete morgen wirklich in den Wagen zerrten und ohne Gnade in »den Vogelbauer«
schleppten Aber das geschah ja nicht  Gott behüte Sie wehrte sich mit Händen
und Füßen dagegen sie wollte schreien dass die Leute auf dem Markte
zusammenliefen  Ach wenn doch nur endlich der Großpapa käme
    Aber es blieb totenstill im Garten auch drüben auf der Chaussee hatte das
vereinzelte Rollen und Aechzen der Wagenräder aufgehört Das Schweigen der Nacht
begann wenn sie auch selbst noch zögerte zu kommen Es war ja ein goldener Tag
heute gewesen und wie noch der heiße Sonnenatem schwer über der Erde brütete
so schien sich auch ein Rest der funkelnden Tagesglorie in den Lüften
festzuhalten und nicht erlöschen zu wollen
    Die Schlaguhr auf dem Türmchen des Fabrikgebäudes schnurrte Viertelstunde
auf Viertelstunde ab Die neunte Stunde war schon vorüber und nun war wohl das
Schlimmste überstanden In der Stadt ging der Großpapa stets um zehn Uhr zu
Bette  er hielt es sehr streng mit der Pünktlichkeit und kam gewiss bald nach
Dambach zurück Ach ja und wenn sie ihn dann von Hermsleben herangaloppieren
hörte da wollte sie ihm entgegenlaufen und neben dem Pferde hertraben dann sah
er doch wenigstens auf »seine wilde Hummel« herunter und da konnte ihr niemand
etwas anhaben  niemand
    Und es jagte in der Tat plötzlich ein Reiter daher  aber die Kleine lief
nicht nach dem Tore sie horchte einen Augenblick mit starrem Entsetzen auf das
Getrappel der flüchtigen Pferdehufe dann sprang sie mit einem wilden Satze aus
der Türecke rannte um den Teich und kroch in das fast undurchdringliche
Gebüsch welches sich zwischen die entgegengesetzte Seite des Teiches und das
den Garten vom Fabrikhofe trennende Eisengitter drängte Der Reiter kam von der
Stadt her  es war der Papa der sie suchte
    Sie wühlte sich tief in den dornigen Busch das weiße Kleid mit den
Heidelbeerflecken erhielt nun auch der Risse genug und die Füße versanken im
Morast trotzdem kauerte sie auf dem nassen Boden nieder und schmiegte sich so
enge zusammen als wolle sie ihren schmalen Körper auf ein Nichts reduzieren
Mit zurückgehaltenem Atem und die aneinanderschlagenden Zähne fest
zusammenbeissend hörte sie zu wie der Papa im Hofe mit der aus einem Fenster
herabsehenden Magd sprach Das Mädchen sagte ihm dass das Kind vor ihren Augen
umgekehrt und nach der Stadt zurück sei sie habe es aus dem Tore fortlaufen
sehen
    Trotz dieser Versicherung ritt Herr Lamprecht in den Garten herein
Margarete hörte seitwärts hinter dem Gebüsch das wilde Schnauben Luzifers  der
Papa musste einen scharfen Ritt gemacht haben  dann kam der Reiter in ihren
Gesichtskreis Er umritt den Pavillon und konnte vom Pferde aus den nicht großen
Garten mit seinen Rasenplätzen und Gruppen von Ahorn und Akazienbäumen recht
wohl übersehen  »Grete« rief er in alle dunkelnden Ecken hinein Jedes andere
Ohr hätte aus diesem Schrei nichts als die namenlose Vaterangst zu hören
vermocht für die Kleine aber die regungslos im Gebüsch hockte und mit fast
wildem Blick jede Bewegung des Reiters verfolgte war der Mann dort auf dem
Pferde in diesem Moment derselbe der heute nachmittag im dunklen Gange über
sie gebeugt nicht gewusst hatte ob er sie erwürgen oder zertreten solle Und
jetzt wo er ihr ganz nahe am Teichufer hielt und die Augen hinschweifen ließ
über das seichte Gewässer welches so blank und kristallklar dalag dass man
selbst in der Dämmerung den weißen Sand auf dem Grunde schimmern sah jetzt wo
ihm diese Augen unter den starken schwarzen Brauen glühten wie immer wenn er
»furchtbar böse« war überkam das kleine Mädchen ein unbeschreibliches ein
förmlich lähmendes Furchtgefühl  ohne Atem wie versteinert kauerte es im
Gestrüpp es hätte sich eher mit dem Fuß in das Wasser stoßen lassen als dass
ihm auch nur ein antwortender Laut entschlüpft wäre
    Herr Lamprecht wandte sein Pferd und ritt wieder hinaus Es mochte wohl der
Knecht des Faktors sein der eben mit schlürfenden Schritten über den Hof herkam
und dem Reiter die Gittertüre öffnete Herr Lamprecht sprach mit ihm und seine
Stimme klang so heiser und matt als verlechze ihm die Kehle Er fragte nach dem
Ausbleiben seines Schwiegervaters und der Mann sagte ihm dass der alte Herr aus
dem Kegelkränzchen selten vor zwei Uhr nachts zurückkäme Was noch weiter
gesprochen wurde war nicht zu verstehen Herr Lamprecht ritt über den Hof zum
Tore hinaus und der Mann schien ihn zu begleiten aber nicht über die
Chaussee durch die Felder wurde der Rückweg nach der Stadt eingeschlagen
    Die kleine Entlaufene war wieder allein Nun die seelische Erstarrung von
ihr wich wurde sie sich des schmerzhaften Druckes bewusst den die
zusammenstrebenden Zweige auf ihren eingezwängten Körper ausübten Die
Bodennässe drang empfindlich durch die dünnen Zeugstiefelchen und der Busch
wimmelte von Mücken die ihr das Gesicht und die entblößten Arme blutdürstig
umsummten Mühsam richtete sie sich auf und hob die tief eingesunkenen Füße aus
dem Morast der ihr schwer an den Sohlen kleben blieb Jetzt brach sie in ein
leises trostloses Jammern aus  der böse Busch wollte sie nicht wieder
fortlassen Sie sollte dableiben in dem entsetzlichen Moderdunst den sie durch
ihr Eindringen aufgerührt gefangen wie ein armer kleiner Spatz in dem harten
zähen Geschlinge der Zweige sollte sie warten bis der Großpapa käme Ach und
er kam ja nicht vor zwei Uhr nachts Fünf lange Stunden sollte sie sich wehren
gegen die Mückenwolke die ihr immer näher auf den Leib rückte so oft sie auch
danach schlug Und Frösche und Kröten gabs hier auch genug  Reinhold wollte
sogar einmal gesehen haben dass eine lange bunte Schlange aus dem Busch
gekrochen sei  sie schüttelte sich vor Grauen und fühlte es förmlich lebendig
werden um und unter ihren Füßen  alle Kraft zusammennehmend arbeitete sie sich
wie toll durch die unheimliche Wildnis bis die letzten starkstämmigen Ausläufer
rauschend und knackend hinter ihr zusammenschlugen
    Es war eine jämmerlich zugerichtete kleine Gestalt die nach dem Pavillon
zurück mehr taumelte als ging Den Hut hatten ihr schon beim Eindringen die
oberen Äste weggerissen  mochte er hängen bleiben Auch das total zerfetzte
Kleid wurde nicht beachtet nur die in eine Schlammkruste gehüllten Füße die
bei jedem Schritt über die breite weiße Sandsteinstufe vor der Haustüre
pechschwarze Abdrücke hinterliessen waren ein erschreckender Anblick
    Am Himmel trat ein funkelnder Stern nach dem anderen hervor  die in die
Türecke gedrückte Kleine bemerkte es nicht Wenn sie die schweren Lider hob
dann sah sie nur dass das Dunkel drunten den letzten schwachen Schimmer des
Teichspiegels verschlang  die Rasenplätze lagen schwarz unter den Bäumen
allerhand vorbeischwirrendes Nachtgesindel machte sich bemerklich Käuzchen
schrien und vom Dachboden des Pavillons kamen die räuberischen Fledermäuse
Wie im Traume hörte sie vereinzeltes Hundegebell vom Dorfe her und die Turmuhr
hatte wieder zwei Viertelstunden angezeigt Noch viele viele solcher
Viertelstunden mussten von dort oben herunterrasseln bis es zwei Uhr war  ach
wie schrecklich  Die Nässe an den Füßen jagte ihr ein Frösteln nach dem
anderen über den Leib und die an die harte Türbekleidung gelehnte Stirn glühte
und schmerzte heftig Ach nur einmal nur für ein paar Minuten den schweren
Kopf in ein weiches Kissen drücken und einen Schluck Wasser aus dem kühlen
Hofbrunnen zu Hause trinken dürfen  das musste wohltun Tante Sophie goss immer
ein wenig Himbeersaft in das Glas wenn man über Kopfweh klagte und für solche
Mückenstiche wie sie jetzt auf den Armen und Wangen brannten hatte sie eine
lindernde Salbe  ach ja es war gut sein bei Tante Sophie Ein unbezähmbares
Sehnsuchtsgefühl nach der treuen Pflegerin wallte plötzlich in der Kleinen auf
    Sie schloss die Augen wieder und träumte sich in die Schlafstube daheim Die
Fenster gingen auf den stillen Hof und das Brunnenplätschern klang leise und
ununterbrochen herein  es war von jeher das einlullende Wiegenlied der beiden
Kinder gewesen Sie lag im weißen weichen Bett und Tante Sophie kühlte ihr das
brennende Gesicht und die zerstochenen Arme bis sie einschlief Ja schlafen
heimgehen und schlafen  das wars Das wars was sie mit einem Ruck emportrieb
und durch den Garten und über den Hof hinaus auf den Feldweg taumeln machte Sie
hörte nicht mehr dass die Uhr schlug als sie das Hoftor verließ  das
ängstliche Zählen der Viertelstunden war vorüber sie dachte auch nicht an die
Wegstrecke die vor ihr lag sie sah nur das Ziel die weite kühle Schlafstube
in der sie den glühenden Körper mit seinen pochenden Pulsen ausstrecken durfte
sie hörte Tante Sophiens gute Stimme und sah die Hände die sie auf den Schoss
heben und ihre schwere nasse Last von den Füßen streifen würden  was dann kam
anderen Tages daran dachte sie auch nicht mehr
    Und die steifen Beinchen wurden gelenker mit der Bewegung In immer wilderem
Lauf ging es hinter dem schweigenden Dorfe weg Dann trat das Wäldchen hervor 
eine dunkle Masse die nicht ahnen ließ dass sie aus Millionen säuselnder
Blätter und Blättchen zusammengewoben sei Vorbei ging es auch hier in achtloser
Hast und nur einmal prallte die kleine Laufende seitwärts  weißes Gewand
schwebte durch das Dickicht Ach es waren ja die Birken mit ihren hellen
Stämmen sie standen nur nicht fest sie waren so sonderbar wackelig und der
kleine Stern der gleich darauf drüben über dem Tale auftauchte  das Licht in
der hochgelegenen Türmerstube des Wachtturmes welcher die Stadt beherrschte 
er schwankte auch als ob der alte Bursche der vierschrötige Turm zu tanzen
anfange Doch diese befremdende Erscheinung ging schnell wieder unter in dem
einen vorwärts hetzenden Trieb Weiter Heim zu Tante Sophie
    Und im wispernden Kornfeld hörte sie Reinhold weinen weil ihm »die wilde
Grete« seinen Turm umgeworfen habe und Bärbe murmelte in einem fort von der
Frau mit den Karfunkelsteinen im Haar und von dem wackelnden Vorhang in der
verschlossenen Stube und die roten Klatschrosen die das Kind heute wie Fackeln
im Korn glühen gesehen sie machten die enge dunkle Gasse heiß zum Ersticken
aber mit dem Niederlegen auf die kühle Erde war es doch nichts  weit drüben
rief Tante Sophie immer wieder »Vorwärts Gretel Mach dass du heim kommst«
    So lief sie gehorsam weiter zuletzt freilich mit einknickenden Knieen und
keuchender Brust bis die Stadt erreicht war In manchem Haus der letzten Gasse
durch die sie erschöpft schlich brannte noch Licht aber die Türen waren
geschlossen und die matten Tritte des Kindes polterten förmlich auf dem hohlen
Kanalbrückchen eine so tiefe Nachtstille webte bereits in Gassen und Straßen
Und nun wölbte sich endlich der Torbogen des Packhauses über dem kleinen
Mädchen nur war es schlimm dass das schwere altväterische Türschloss im
Torflügel gar so hoch saß eine Kinderhand konnte es nicht erreichen Nach
einer vergeblichen Anstrengung sank die Kleine auf dem niederen Prellsteine in
sich zusammen Sie meinte die ganze Welt drehe sich mit ihr im Kreise und vor
dem Hämmern und Pochen ihrer Pulse könne sie nichts mehr hören aber das Murmeln
des vorbeischiessenden Kanalwassers drang doch an ihr Ohr und die Kühle die es
ausströmte wirkte belebend auf ihr hindämmerndes Bewusstsein Und jetzt kam auch
jemand die Straße daher es waren kräftige Schritte die sich dem Packhause
näherten und nach wenigen Minuten trat ein Mann unter den Torbogen So weit
durchlichtete der sternfunkelnde Himmel die Nacht doch dass man die Umrisse
einer Gestalt zu erkennen vermochte  der Mann war Herr Lenz der im Packhause
wohnte und welchen die kleine Margarete gar gern hatte Er warf ihr oft wenn
sie im Hofe spielte im Vorübergehen ein heiteres Scherzwort hin und für ihren
freundlichen Gruß strich er mit liebkosender Hand über ihr Haar
    »Lassen Sie mich auch mit hinein« murmelte sie heiser als er mit dem
Hausschlüssel das Tor geöffnet hatte und im Begriff war einzutreten
    Er fuhr herum »Wer ist denn da«
    »Die Grete«
    »Was  das Kind aus dem Hause  Um Gotteswillen Kleine wie kommst du denn
hierher«
    Sie antwortete nicht und griff nur mit tastender Hand nach seiner Rechten
die er ausstreckte um ihr aufzuhelfen aber das ging absolut nicht und so nahm
er sie ohne weiteres auf den Arm und trug sie in die tiefe Torwölbung hinein
 
                                       6
Da drin war es stockdunkel Herr Lenz tappte mit seiner Last vorwärts und schlug
endlich eine Türe linker Hand geräuschvoll zurück Gleich darauf fiel ein
Lichtschein von oben über die dahinterliegende steile Treppe herab
    »Ernst« rief eine Frauenstimme angstvoll fragend herunter
    »Ja ich bins mit Haut und Haar heil und gesund Hannchen Guten Abend
auch liebster Schatz«
    »Nun Gott sei Lob und Dank dass du da bist Aber liebster bester Mann wo
hast du denn gesteckt«
    »Verlaufen hatte ich mich« sagte er im langsamen Hinaufsteigen »Dieser
verflixt schöne Thüringer Wald lockt wie ein Irrlicht  immer ein Punkt
prächtiger als der andere Da läuft man weiter und weiter und denkt nicht an den
Nachhauseweg Entsetzlich müde Beine bringe ich heim aber das Skizzenbuch ist
auch voll Mutterchen«
    Damit tauchte er über dem Treppengeländer auf und seine Frau die mit der
Lampe in der Hand oben stand prallte zurück
    »Ja gelt was ich da mitbringe Hannchen I nun das habe ich drunten im
Torweg aufgelesen« sagte er auf der obersten Stufe stehen bleibend mit halb
lächelndem halb besorgtem Gesichtsausdruck Er versuchte den Kopf zu wenden
um das Kind auf seinem Arme bei Licht zu besehen allein es hatte die Arme
krampfhaft fest um seinen Hals geschlungen und das Gesichtchen von dem wirr
hereinfallenden Haar fast verdeckt drückte sich an seine Wange
    Frau Lenz stellte die Lampe schleunigst auf den Vorsaaltisch »Gib mir das
Kind Ernst« sagte sie mit ängstlicher Hast und reichte nach dem kleinen
Mädchen »Mit deinen armen müden Beinen darfst du keinen Schritt mehr tun 
Gretchen aber muss auf der Stelle fort Man sucht sie seit vielen Stunden Gott
ist das ein Aufruhr drüben im Vorderhause Alles rennt durcheinander und die
alte Bärbe heult in ihrer Küche dass es bis zu uns über den Hof herschallt
Komm her Engelchen« lockte sie mit sanfter zärtlicher Stimme »Ich trage dich
hinüber«
    »Nein nein« wehrte die Kleine angstvoll ab und klammerte sich noch fester
an ihren Träger Wenn drüben alles durcheinander rannte da war auch die
Grossmama unten und so wild und wirr es ihr auch durch den schmerzenden Kopf
sauste über den Empfang von s der alten Dame war sie sich doch vollkommen
klar »Nein nicht hinübertragen« wiederholte sie mit fliegendem Atem »Tante
Sophie soll kommen«
    »Auch recht Herzchen Dann holen wir die Tante Sophie« beschwichtigte Herr
Lenz
    »Ganz wie das Kindchen will« bestätigte seine Frau die besorgt auf die
heisere nach Atem ringende Kinderstimme horchte und mit rascher Hand und
prüfendem Blick den Haarwust aus dem entstellten Gesichtchen strich Schweigend
nahm sie die Lampe und öffnete die Stubentür
    Das Packhaus das älteste der aus der Urväter Zeiten stammenden
Hintergebäude war ein massiver Bau mit dicken Wänden und tiefen Fensternischen
dessen eigentliche Fassade nach Norden der Straße zugewendet lag Deshalb
wehte den Eintretenden eine so köstlich kühle eine völlig reine nur von
erfrischenden Resedadüften durchhauchte Luft entgegen Hier in dem stillen
trauten Heim der Malerfamilie überließ sich das Kind willig der sanften
freundlichen Frau die es auf den Schoss nahm während Herr Lenz Hut Plaid und
Reisetasche ablegte
    »Blanka ist draußen auf dem Gange« sagte die Frau als Antwort auf den
suchenden Blick den ihr Mann durch das Zimmer gleiten ließ »Sie war dabei ihr
Haar für die Nacht zu ordnen als der Kutscher aus dem Vorderhause bei uns nach
Gretchen fragte Wir hatten freilich schon längst die Unruhe drüben bemerkt
Herr Lamprecht war zu ganz ungewohnter Zeit aus und eingeritten und im Hofe
wurde jeder Busch durchsucht Allein wir hielten uns wie immer streng an deinen
Befehl nichts zu sehen was in Haus und Hof deines Prinzipales vorgeht Seit
nun aber der Kutscher dagewesen ist sitzt unser Kind draußen auf dem dunklen
Gange und ist nicht hereinzubringen  das liebe kleine Ding da ist ihr
Augapfel wenn sie es auch nur vom Sehen kennt  aber um Gott Kind was ist
denn das mit deinen Füßen« unterbrach sie sich das Lampenlicht fiel auf die
schlammüberzogenen Stiefelchen die über ihrem hellen Kleide herabhingen Mit
hastigen Händen befühlte sie die Säume der zerschljetzten Röckchen die auch die
Nässe des Sumpfbodens in sich gesogen hatten
    »Das Kind ist im Wasser gewesen« sagte sie halblaut und alteriert zu ihrem
Mann »es muss so schnell wie möglich in trockene Kleider Geh rufe Blanka«
    Er öffnete die Türe in der Rückwand der Stube Der Raum dahinter die
Küche war dunkel aber durch die gegenüberliegende weit offene Türe die nach
dem Gange führte sah man einzelne Lichter des Vorderhauses herüberblinken
    Auf den Ruf des Vaters eilten draußen leichte Schritte über die knarrenden
Gangdielen dann trat die schöne Blanka aus dem tiefen Dunkel auf die
Türschwelle im weißen spitzenbesetzten Frisiermantel mit blassem Gesicht und
schlaff niederhängenden nackten Armen und das aufgelöste Haar wogte
goldglitzernd um sie her »Bist du endlich gekommen Vater« fragte sie
vibrierenden Tones Mit scheuer Haltung und niedergeschlagenen Augen blieb sie
stehen  es sah aus als sei ihr das Lampenlicht das sie so plötzlich und grell
überflutete unerträglich und sie habe den einzigen Wunsch in das Dunkel
zurückzuflüchten
    »Was  ist das der ganze Willkommengruss meiner Kleinen« rief Herr Lenz
launig »Weder Kuss noch Handschlag Und ich habe doch ein verlorenes Schäfchen
mitgebracht Siehst du denn nichts Wer sitzt denn dort auf dem Schoss der
Mutter«
    Mit einem Ausruf der Überraschung fuhr das junge Mädchen empor und flog auf
das Kind zu
    »Sieh sieh« sagte Frau Lenz halb belustigt aber doch auch ein wenig
verletzt »Vater könnte wohl eifersüchtig werden Du hast dich ja wirklich mehr
um das fremde Kind geängstigt als um sein Ausbleiben Jetzt hilf mir aber
deinen Liebling zu säubern und ins Trockene zu bringen Dort im unteren Fach der
Kommode müssen noch Röckchen und Strümpfe aus deiner Kinderzeit liegen die
suche hervor«
    Sie setzte die Kleine auf das Sofa und holte Waschwasser und ein Handtuch
herbei während das junge Mädchen auf die Dielen niederkniete und mit fliegenden
Händen den Inhalt des Schubfaches durcheinander warf
    »Wo bist du nur gewesen Kindchen« sagte Frau Lenz beim Lösen der Schleifen
und Knöpfe am Anzug des kleinen Mädchens  der Körper unter ihren Händen war in
Schweiß gebadet
    »In Dambach war ich« stieß Margarete hervor »Aber der Großpapa konnte mir
nicht helfen er war nicht da«  Und nun während die Frau mit lauem Schwamm
die beschmutzten Füßchen wusch nun war es als müsse alles Erduldete das sich
in die letzten Tagesstunden zusammengedrängt von dem alterierten Kinderherzen
herunter In krankhafter Hast wurde alles geschildert die Schrecknisse im
Teichgebüsch und die Angst dass der Papa vom Pferde steigen und den Busch
durchsuchen könne  und warum man zum Großpapa gelaufen sei Nun weil immer
eine weiße Gestalt durch den dunklen Gang husche und die Leute erschrecke Und
die Stube sei nicht verschlossen gewesen ganz gewiss nicht Sie habe deutlich
gehört wie auf das Türschloss gedrückt worden sei dann habe sie es schneeweiß
durch den Türspalt schlüpfen sehen und unter dem Schleier habe langes Haar
herabgehangen und weil das Mädchen so laut geschrien da wolle nun der Papa
die Grete ins Institut stecken
    »Das ausgeprägteste Delirium Die Kleine ist schwerkrank« murmelte Herr
Lenz mit abgewendetem Gesicht »Beeilt euch mit dem Umkleiden« Und er stahl
sich leise hinaus um Anzeige im Vorderhaus zu machen
    Die Röckchen und Kinderstrümpfe mussten sich in eine unauffindbare Ecke
verirrt haben denn die schöne Blanka kniete noch vor der Kommode und suchte In
ihrem weißen Gewand und mit dem langen blonden rücksichtslos über die Dielen
geschleiften Haar sah sie aus wie eine zu Magddiensten erniedrigte Prinzessin
Nun wurde auch noch ein zweites Schubfach geräuschvoll aufgezogen
    Frau Lenz erhob sich ein wenig ungeduldig und trat hinzu »Liebes Herz das
dauert mir zu lange und ein solcher Kram dass man etwas nicht zu finden
vermöchte ist doch bei mir nicht Mode Wo hast du denn deine Augen kleine
Maus Da liegt ja das blaue Flanellröckchen obenauf hier in der Ecke stecken
drei Paar Strümpfe und da ist auch noch ein Nachtemdchen«
    Sie nahm die Sachen heraus und schob die Kasten zu
    Das junge Mädchen hatte keinen Grund mehr in der halbdunklen Ecke zu
verweilen und als es sich zögernd dem Licht wieder zuwendete da schien selbst
aus den Lippen jeder färbende Blutstropfen gewichen zu sein
    »Kind wie magst du dich nur so alterieren« rief die Mutter erschrocken
»Es ist nicht so schlimm wie der Vater meint Bei Kindern stellt sich sehr
leicht starkes Fieber ein vergeht aber auch schnell wieder In einigen Tagen
ist dein Liebling wieder gesund  du wirst es sehen  Hier stecke die müden
Beinchen in frische Strümpfe während ich draußen einen kühlen Trank
zurechtmache«
    Die Tochter rollte schweigend die Strümpfchen auseinander kauerte vor dem
Sofa nieder und schickte sich an die kleinen nackten Füße zu bekleiden aber
kaum war die Küchentüre hinter der Frau zugefallen als sich das junge Mädchen
mit einer leidenschaftlichen Gebärde aufrichtete das Kind mit beiden Armen
umschlang und heftig an ihre Brust presste
    Margarete öffnete die fieberglänzenden Augen weit vor Überraschung »Ach
Sie haben mich lieb Fräulein Lenz Ja«
    Die schöne Blanka neigte bejahend den Kopf  im verhaltenen Schmerz klemmte
sie die Unterlippe zwischen die Zähne und eine Träne stahl sich unter der
gesenkten Wimper hervor
    »Es ist schön bei Ihnen in der kühlen Stube« murmelte die Kleine und
drückte das Gesichtchen zärtlich in die blonde Haarflut die über die Brust des
Mädchens fiel »Ich möchte dableiben  Hierher kommt auch die Grossmama nicht
niemals  die geht nie ins Packhaus  der Papa auch nicht Aber Tante Sophie
kommt Bringen Sie mich zu Bette«
    In diesem Augenblick trat die Mutter wieder in das Zimmer
    »Ach und wie gut Sie riechen Fräulein Lenz« rief das Kind lauter und hob
tiefatmend den Kopf »Wie die schönsten Rosen gerade wie«  ein Paar heißer
zuckender Lippen drückten sich fest auf den kleinen Mund und erstickten jedes
weitere Wort
    »Aber Blanka das Kind ist ja noch barfuß« schalt Frau Lenz »Und wer wird
denn einen Patienten auch noch durch die eigene Angst aufregen Geh nur weg
kleine Ungeschickte Ich will das Anziehen selbst besorgen«
    In wenigen Minuten war sie mit dem Umkleiden fertig Eile machte sich aber
auch in der Tat nötig denn wie schon im Kornfelde so mischten sich jetzt
wieder Fiebergebilde in die Vorstellungen des Kindes Frau Lenz hielt ihm das
hereingebrachte Trinkglas an die Lippen und in gierigen Zügen wurde der
heissersehnte Kühltrank geschlürft Gleich nachher kamen Schritte die Treppe
herauf und Herr Lenz ließ die Tante Sophie eintreten
    Wer das humorbeseelte Gesicht der lustigen »alten Jungfer« kannte der musste
erschrecken so furchtbar hatte es die Angst der letzten Stunden in Linien und
Farben verändert Mit einem stummen Gruß für die Hausfrau und das wieder in die
dunkle Ecke geflüchtete schöne Mädchen trat sie auf die kleine Margarete zu die
ihr matt die Arme entgegenstreckte Ein einziger prüfender Blick ein Befühlen
der Kinderstirn und sie wusste dass hier ein schweres Erkranken im Anzuge war
    »Das kommt davon wenn man mit solch einem jungen Seelchen umgeht wie mit
einem schlechten Instrument auf dem man herumdreschen kann wie man will«
sagte sie derb in rückhaltslosem Schmerz und unsäglicher Bitterkeit
    Sie hüllte die Kleine in einen Plaid den sie mitgebracht hatte nahm sie
auf den Arm und reichte Herrn und Frau Lenz die Hand »Dank vielen Dank« Mehr
brachte sie beim Verlassen des Zimmers nicht heraus
    Drunten im Hofe aber löste sich eine hohe Gestalt aus dem Dunkel und trat
ihr entgegen Die kleine Margarete schrak zusammen und ein Beben ging durch
ihren Körper als zwei Hände nach ihr griffen  es war der Papa der sie mit
einer ungestümen Bewegung an sich zog
    »Mein liebes Kind mein gutes Gretchen erschrecke nicht ich bins der
Papa« sagte seine tiefe Stimme vibrierend Er hielt sie fest an seiner
schweratmenden Brust während er sie über den Hof trug und in der
hellerleuchteten Hausflur wo alle Hausbewohner auf ihn und das Kind
einstürmten hob er Schweigen gebietend die Hand und ging an den Verstummenden
vorüber nach der Schlafstube der Kinder   
    »Na dann ists ja gut Zigeuner haben sie nicht gestohlen und umgekommen
ist sie ja sonst auch nicht Gott sei gelobt und gepriesen« sagte Bärbe nachher
in der Küche zu den anderen und nahm den ersten Ohnmachtsbissen nach so vielen
Angststunden »Aber sag mir nur keiner dass nun auch die Geschichte aus und
vorbei ist Wer den armen Wurm mit seinen schlenkernden Aermchen und Beinchen
gesehen hat wie ihn der Herr vorbeitrug der weiß genug Was hab ich heute
nachmittag gesagt Ein Unglück gibts hab ich gesagt Aber da heißts
immer Die abergläubische Bärbe der Unglücksrabe die Jammerbase I ja spotten
kann ein jeder das ist keine Kunst aber beweisen ja beweisen das steht auf
einem andern Blatte Wollen mal sehen wer recht behält die klugen Leute die
an gar nichts glauben oder die alte Bärbe mit ihrer Einfältigkeit So eine wie
die mit den Karfunkelsteinen die wird sich wohl für nichts und wieder nichts in
dem Gang da oben rumtreiben Es ist nicht das erste Mal dass solch ein armes
unschuldiges Kindchen nachgeholt wird  denkt an mich  mit unserem armen
Gretchen gehts schief«
    Bei diesen Worten legte sie die Gabel mit dem angespiessten Bissen wieder hin
und verhüllte ihr Gesicht mit der blauleinenen Schürze  
    Und wochenlang hatte die Küchenprophetin die schmerzliche Genugtuung Tag
für Tag mit gesteigertem Nachdruck auf das was sie gesagt hinweisen zu können
Bei all ihrem wirklichen Kummer dachte sie doch schon  ganz im stillen zwar
aber wehmutsvoll ausmalend  an den schönsten Blumenkranz der zu haben und an
das goldgedruckte Karmen mit dem Namen »Barbara Wenzel« auf breitem weißem
Atlasband als die tüchtige Natur des Kindes siegte und eine plötzliche
glückliche Wendung eintrat
    Nun war wieder Sonnenschein im Hause Herr Lamprecht der in den Stunden der
Gefahr fast nicht vom Bette des Kindes gewichen war richtete seine gebeugte
Gestalt auf und in Blick und Gebärden brach sein feuriges Naturell wieder
durch ja die Leute meinten er habe in seinem ganzen Leben nicht so
»siegerhaft« und herausfordernd ausgesehen wie eben jetzt Was aber die anderen
im Hause freudig bemerkten das erbitterte die alte Bärbe förmlich Er hatte
nämlich seinen Vorsatz die spukhaften Appartements der verstorbenen Frau
Dorotea für eine Zeit selbst zu bewohnen ausgeführt auch der Korridor war
durch eine Türe vom Flursaal abgeschlossen worden Für die alte Köchin war es
fast noch schlimmer als eine Gotteslästerung wenn sie ihn droben ungeniert die
verblichenen Gardinen zurückziehen und in sündhafter Herausforderung an das
Fenster treten sah Von der huschenden weißen Frau sprach nun niemand mehr 
natürlich  durch eine dicke Bohlentüre konnte doch kein Christenmensch sehen
Aber es wollte auch durchaus der Morgen nicht kommen an welchem man den Herrn
mit umgedrehtem Genick in seinem Zimmer fand  im Gegenteil es war wie gesagt
als lebe er neu auf
    Und der Großpapa der in der »Unglücksnacht« von Hermsleben kommend gar
nicht vom Pferde gestiegen sondern gleich nach der Stadt weiter geritten war
er schäkerte und scherzte auch wieder in seiner derb jovialen Weise aber an dem
Tage wo sein Liebling zum erstenmal die ganzen Nachmittagsstunden außer Bett
sein durfte da brannte ihm doch der Boden unter den Füßen und er ritt auf und
davon Der infame Schreihals das verzogene Beest in der oberen Etage jage ihn
aus seinen eigenen vier Pfählen sagte er noch lachend vom Pferde herunter und
die Frau Amtsrätin stand oben am Fenster und streichelte ihren Papagei und
reichte ihm mit zierlich gespitzten Fingern ein Stückchen Zucker
    Zwei Tage nachher reiste auch Herr Lamprecht fort  auf lange sagten seine
Leute im Kontor Die kleine Margarete sah verwundert in sein Gesicht als er
sich Abschied nehmend über sie bog und ihr die herrlichsten Dinge zu schicken
versprach So habe ich den Papa noch nie gesehen so »schrecklich vergnügt« und
so wunderlich mit seinen funkelnden Augen meinte sie
    »Das glaub ich gerne« sagte Tante Sophie »Er freut sich dass sein kleiner
Ausreisser wieder gesund ist und wenn er die Geschäftstour hinter sich hat dann
geht er nach Italien und wohl noch weiter Er will sich wieder einmal die Welt
ansehen und er hat recht Nach der Angstzeit ist ihm der Spaß zu gönnen  wir
alle haben auf lange genug Ja Gretel an den Bleichtag werd ich denken so
lange mir ein Auge im Kopfe steht«
    Und die Linden vor der Weberei hatten sich inzwischen sommerlich verdunkelt
aus dem Rosenlaub leuchteten nur ganz vereinzelt wie vom Himmel gefallene
Blutstropfen die Blüten des Jaqueminot und auf den glitzernden Wassern des
Brunnenbassins schwammen schon die ersten herabgewehten herbstgelben Blättchen
als die kleine Genesene ins Freie entlassen wurde Es war vieles anders
geworden am verwunderlichsten aber war es doch dass der Papa da oben gewohnt
hatte wo nun nach seiner Abreise gerade heute gründlich gelüftet wurde Die
Fenster standen weit offen man sah die wundervolle Malerei am Plafond des
großen dreifenstrigen Wohnzimmers und im anstoßenden Gemach den Baldachin
eines grünseidenen Himmelbettes Und auf den Fenstersimsen standen und lagen
behufs des Abstäubens allerhand moderne Gegenstände Rauchutensilien
Statuetten Albums und ganze Stöße von Zeitungen  Herr Lamprecht hatte sich die
verfemten Räume vollkommen wohnlich und nach Bedürfnis eingerichtet
    Die Kleine sah nachdenklich hinauf  aus dem Zimmer mit dem herrlichen
Deckengemälde war die Verschleierte geschlüpft es war die zweite der Türen im
Korridor gewesen hinter welcher der kleine Fuß im zierlichen Hackenschuh zum
Vorschein gekommen war Seit sie wieder gesund war wusste sie das alles ganz
genau allein sie sprach nicht mehr darüber aus Verdruss weil niemand auf ihr
Fragen und Erzählen einging  sie wusste ja nicht dass die Ärzte erklärt hatten
die »Vision« im Korridor sei bereits der Ausbruch ihrer nervösen Krankheit
gewesen Und so wurde der ganze Vorgang mit seinen unglücklichen Folgen
totgeschwiegen wie auch nie wieder ein Wort über das Unterbringen der
»unmanierlichen Grete« in einem Institut verlautete
    Auf dem offenen Gang des Packhauses war es auch totenstill nur der lustige
Sommerwind fuhr manchmal durch das grünschuppige Geschlinge des
Pfeifenstrauches stäubte es mutwillig auseinander und erregte ein flüsterndes
Geplapper der zurückfallenden Blätterzungen In der hübschen Stube voll
Resedadüfte aber saß gewiss die Frau mit dem lieben zärtlichen Muttergesicht und
trauerte denn die schöne Blanka war nun auch fort sie war heute früh abgereist
und »wohl wieder in Kondition nach dem weltfremden Engelland gegangen« wie
Bärbe heute morgen zu Tante Sophie gesagt hatte und darüber war die kleine
Margarete aus ihrem halben Morgenschlafe emporgefahren und hatte still damit
die Tante und Bärbe es nicht hören sollten in ihr Kissen hinein geweint In
diesem Augenblick aber wo Reinhold in das Haus gegangen war um seinen
Baukasten zu holen und das kleine Mädchen allein unter den Linden saß kam die
alte Köchin über den Hof her die Hand unter der Schürze und mit einem wahren
Inquisitorenblick die Fenster der obersten Etage im Vorderhause streifend
    »Fräulein Sophie weiß drum und will dass ich dirs geben soll Gretchen
aber die Frau Amtsrätin brauchts nicht gerade mit anzusehen« sagte sie »Wie
du krank warst da hat das schöne Mädchen dort auf dem Gange gar manchmal
stundenlang auf mich gelauert weil ich ihr immer sagen musste wie es gerade um
dich stand In den Hof runter gekommen ist sie kein einziges Mal so lange sie
auch dagewesen ist  du lieber Gott freilich dein Papa und die Grossmama sind
stolze Leute und leiden keine Zutulichkeit und Dreistigkeit  nun aber heute in
aller Frühe wie ich das Kaffeewasser am Brunnen holte da kam sie über den Hof
her schon im Schleierhut und mit der Reisetasche und blass wie der Tod und
konnte aus keinem Auge sehen vor Weinen weils ja gerade fortgehen sollte in
die weite Welt Und sie sagte ich sollte dich vieltausendmal grüßen und dir das
geben«
    Sie zog die Hand unter der Schürze hervor und legte ein kleines weißes
Paket auf den Gartentisch  jubelnd zog die Kleine ein gesticktes
Margaretentäschchen aus dem Papier
    »Still still Gretchen  musst nicht so schreien« mahnte Bärbe »Das war
gar eine eigene Geschichte heute früh und schön wars nicht von der Frau
Amtsrätin nein  alles was recht ist sag ich immer  s ist ja doch kein
Unglück wenn der junge Herr Herbert auch gerade in dem Moment mit seinem
Trinkglas runter an den Brunnen kommt wie er es ja jeden Morgen die ganzen
letzten Wochen getan hat Er sah ganz krank aus wie eine Leiche und kam auf
das Mädchen zu  ich glaube er hat was sagen wollen vielleicht glückliche
Reise oder sonst eine Höflichkeit aber da stand auch schon die Frau Amtsrätin
da hat noch das Nachtmützchen aufgehabt und der Schlafrock hat ihr um den Leib
gehangen als ob sie geradewegs aus dem Bette hineingefahren sei und Augen hat
sie gemacht als wollte sie das Mädchen aufspiessen Die hat sich aber nur tief
vor ihr verneigt und ist zu ihren Eltern gegangen die im Torweg auf sie
gewartet haben  weißt du Gretchen unsere Frau Herzogin kann sich nicht
stolzer und vornehmer haben als die Malerstochter von der Schönheit gar nicht
zu reden und es kann wohl sein dass das Stolze an ihr deine Grossmama geärgert
hat denn eh ich nur recht wusste wie hat sie das Papier in meiner Hand
aufgerissen und hineingeguckt
    »Fürs Gretchen ists Frau Amtsrätin sag ich
    »So sagt sie ganz laut und böse Wie kommt denn Fräulein Lenz dazu meiner
Enkelin ein Andenken zu schenken Und das hat das arme Mädchen noch in ihre
Ohren hineingehört und Vater und Mutter auch Und den jungen Herrn hats
gerade so gedauert wie mich  er hat schreckliche Augen gemacht und ist ins Haus
gestürmt So das war die Geschichte Gretchen Die Frau Amtsrätin wollte mir
zwar das Paketchen partout wegnehmen aber ich hab Fersengeld gegeben und
Fräulein Sophie sagt sie sähe gar nicht ein warum du das Täschchen nicht
tragen solltest«
    Sie ging wieder in ihre Küche und die kleine Margarete sann und grübelte
Das Herz tat ihr weh und Zornestränen stiegen ihr auf weil die guten Leute
im Packhaus gekränkt worden waren Und Bärbe hatte recht Herbert sah ganz
anders aus so blass und so schrecklich ernstaft er sprach mit niemand mehr
nicht einmal mit Reinhold der doch sein Liebling war Ja die Grossmama Sie
konnte manchmal so furchtbar strenge Augen machen und davor fürchtete sich der
große Primaner Herbert auch  das hatte die Kleine wohl bemerkt Aber es half
doch alles nichts und wenn die Grossmama noch so sehr zankte und noch so
schlimme Augen machte sie trug das Täschchen doch sie trug es alle Tage auch
wenn einmal der Papa von seiner Reise zurückkam und sie ausschalt denn stolz
war er der Papa vielleicht noch schlimmer als die Grossmama das hörte man an
seinem barschen Ton wenn er Befehle gab und außerdem sprach er nie mit den
Arbeitern die unter ihm standen Auch die Malersleute waren ihm zu gering er
sah immer so aus als wisse er gar nicht dass jemand im Packhaus wohne und auf
dem offenen Gange mochte sein wer wollte er grüßte nie hinauf An dem
Unglücksabend war er ja auch nicht in das Haus gegangen und hatte lieber im
dunklen Hofe gewartet bis sie herausgebracht worden Nur während ihrer
Krankheit hatte er nicht stolz ausgesehen sie hatte ihm sogar als es besser
mit ihr ging und er allein an ihrem Bett gesessen von der hübschen Stube im
Packhaus erzählen dürfen und von dem schönen Mädchen wie es so weiß und mit
offenem Haar vom Gange hereingekommen wie es ihren Kopf so fest an die Brust
gedrückt habe dass ihr das weiche dicke Haar ganz schwer über das Gesicht
gefallen sei Und da hatte der Papa gar nicht gezankt  er war ganz still
gewesen er hatte sie auf die Stirn geküsst und gerade so fest an sein
starkpochendes Herz gedrückt wie es die schöne Blanka getan Und darüber
verwunderte sie sich heute noch
 
                                       7
Die Stadt B war nicht die Residenz des Landes aber ihre schöne gesunde Lage
machte sie zum bevorzugten Sommeraufentalt des regierenden Herrn trotzdem das
Schloss auch in seinem Äußeren nichts weniger als imposant für eine größere
Hofhaltung kaum den nötigen Raum bot In den letzten drei Jahren übrigens
machte sich »das nahe Zusammenrücken« der Sommergäste im Schloss nicht mehr so
nötig  die beiden schönen Prinzessinnen waren kaum dem Kindesalter entwachsen
weggeholt worden und hatten selbst für Prinzessinnen glänzende Partieen
gemacht und der Erbprinz befand sich auf Reisen
    Ob nun bereits der Wonnemond durch weiche Lüfte und süße Düfte seine
köstlich klingende Bezeichnung verdiente oder ob er noch über liegengebliebene
Schneefelder der Berggipfel einherziehend einen rauen Aprilatem in die
letzten zum flachen Land auslaufenden Täler des Thüringer Waldes hineinblies
gleichviel  pünktlich mit dem fünfzehnten Mai rückte alljährlich die
Wagenkolonne aus der Residenz in das hübsche B ein und bald darauf sah man die
Schlöte des Schlosses gastlich dampfen die wohlbekannte Livree der herzoglichen
Bedienten tauchte in den Straßen auf und vor den vornehmsten Häusern hielt dann
und wann eine Equipage  die Hofdamen machten Besuche Auch das Lamprechtsche
Haus war eines der wenigen bürgerlichen denen diese Auszeichnung widerfuhr 
die Frau Amtsrätin Marschall war heute noch so wohlgelitten bei Hofe wie vor
zehn Jahren denn volle zehn Jahre waren verstrichen seit jenem unglückseligen
Bleichtag an welchem die kleine Margarete aus Furcht vor dem Institut nach
Dambach gelaufen war
    Die herzogliche Gnadensonne bestrahlte selbstverständlich auch alles was
der alten Dame verwandtschaftlich nahe stand so zum Beispiel wurde jetzt die
Firma Lamprecht und Sohn durch einen Kommerzienrat repräsentiert den einzigen
der Stadt B denn Serenissimus kargte sehr mit diesem TitelGeschenk Herr
Balduin Lamprecht war auch gegen die seltene Auszeichnung durchaus nicht
unempfindlich seine Geschäftsfreunde behaupteten er trüge seine Nase so hoch
dass kaum noch mit ihm auszukommen sei Früher habe er doch wenigstens
verbindliche Manieren gehabt aber auch die seien untergegangen in einem
abstoßend finsteren Hochmut Seit Jahren hatte ihn niemand mehr lächeln sehen
Er reiste viel in Geschäften und war tätig wie kaum in den ersten Jahren
seiner Selbständigkeit aber wenn er heimkam da wurde es förmlich dunkel im
Hause da sanken die Stimmen der Untergebenen zum Flüstern herab in aller
Mienen lag ängstliche Spannung und die Fußtritte klangen gedämpft als fürchte
jedes einen in irgend einer Ecke lauernden bösen Geist aufzuscheuchen »Die
leidige Hypochondrie  ein Lamprechtsches Erbstückchen« sagte achselzuckend der
Hausarzt im Hinblick auf die düstere Stimmung des Heimgekehrten der sich oft
tagelang einschloss »Tüchtig Wassertrinken und Holzsägen das wäre am Platze«
Und die Frau Amtsrätin nickte eifrig mit dem Kopfe dazu  einzig und allein das
alte Erbübel wars  sonst absolut nichts  Tante Sophie aber lächelte
ingrimmig wenn ihr dieser salomonische Ausspruch zu Ohren kam »Jawohl sonst
absolut nichts« pflegte sie ihn ironisch zu bekräftigen »Beileibe nicht etwa
das bisschen Sehnsucht nach einem richtigen Familienleben  ei bewahre Der Mann
muss ja Gott danken dass er einmal vor so und so viel Jahren eine Frau gehabt
hat und kann nun bis an sein seliges Ende von der Erinnerung zehren Der
Fanny muss doch die letzte Bosheit der seligen Judit gar zu gut gefallen haben
weil sies gerade so gemacht hat Na meinetwegen ich wollte nichts sagen wenn
sie dem armen Kerl dem Witwer wenigstens ein paar stramme Buben hinterlassen
hätte aber der Reinhold das Angstmännchen  du lieber Gott dem sah mans ja
schon im Wickel an dass es irgendwo haperte«
    Reinhold Lamprecht war in der Tat das Angstkind des Hauses verblieben Er
litt an einem Herzfehler der ihm jede geistige und körperliche Anstrengung
verbot Er selbst fühlte die Entbehrung aller schönen Jugendfreuden wohl kaum
denn sein ganzes Dichten und Trachten ging im Geschäft auf Wenn aber der
Kommerzienrat den langen bleichen dünnen Zahlenmenschen mit der kühlen
Gemessenheit eines Greises am Schreibtisch stehen sah unbekümmert ob draußen
Blütenschnee von den Bäumen flog oder wirkliche winterliche Flocken vor den
Scheiben wirbelten da ging es wie Zorn und Grimm durch seine Züge und ein
bitter verächtlicher Blick streifte das Häuflein Gebrechlichkeit welches
dereinst das Haus Lambrecht repräsentieren sollte Aber er sprach nie darüber
er ballte nur im stillen krampfhaft die Faust wenn die Frau Amtsrätin sich
freute dass die vornehme Ruhe der seligen Fanny in so frappanter Weise auf den
Sohn übergegangen sei Und eigentlich kränklich war der Stammhalter der
Lamprechts nach ihrem Dafürhalten absolut nicht  Gott behüte Er war nur
zarter empfindlicher Konstitution  eine Frau wie Fanny konnte
selbstverständlich nicht die Mutter von robusten Bauernkindern gewesen sein
Margarete war ja auch bleich und schmächtig aber kerngesund Man musste nur ihre
Reisebriefe lesen  das Mädchen ertrug ja Strapazen und Anstrengungen wie ein
Mann  Diese Bravourstücke waren übrigens durchaus nicht nach dem Geschmack
der alten Dame der Entwickelungsgang der Enkelin missfiel ihr gründlich Ein
langjähriger Aufenthalt in einem vom Adel frequentierten etwas ortodox
angehauchten Pensionat dann Vorstellung bei Hofe und nach einigen Jahren der
Auszeichnung und des Triumphes als Abschluss eine gute Partie  so musste
eigentlich die Jugendzeit der einzigen Tochter eines reichen Hauses verlaufen
Aber schon der Plan bezüglich des Institutes hatte ja an Margaretens Trotzkopf
scheitern müssen und das Mädchen war zum stillen Ärger der Grossmama bis über
das vierzehnte Lebensjahr in seiner »entsetzlichen Urwüchsigkeit« verblieben
Dann war allerdings ein plötzlicher Umschwung eingetreten
    Die jüngere Schwester der Frau Amtsrätin war an einen UniversitätsProfessor
verheiratet dessen Name einen weithin geltenden Klang hatte Er war Historiker
und Archäolog und da ihm bedeutende Mittel zur Verfügung standen so reiste er
viel um für seine wissenschaftlichen Werke aus den Quellen selbst zu schöpfen
und dabei war ihm seine Frau ein treuer Kamerad  Kinder hatten sie nicht Nach
langem Aufenthalt in Italien und Griechenland waren sie nun auch wieder einmal
in die Heimat zurückgekehrt und die Frau Amtsrätin hatte sich glücklich
geschätzt die Durchreisenden auf einige Tage beherbergen zu können denn sie
war sehr stolz auf den Ruhm ihres Schwagers
    Am ersten Tage war der »unmanierliche Backfisch« die Grete für die
zürnende Grossmama nicht zu finden gewesen  wer mochte denn auch einem
hochnotpeinlichen Verhör so geradewegs in die Hände laufen  Der famose
gelehrte Grossonkel in Berlin hatte dem Mädchen von jeher einen gelinden Schauder
über die Haut gejagt Das war so einer der die unglücklichen Schulkinder
einfing sie zwischen seine Kniee klemmte und examinierte bis sie vor Angst
schwitzten Gesehen hat sie ihn nie aber er war selbstverständlich lang und
steif wie ein Stock lachte nie und sah mit strengen stechenden Augen durch
große runde Brillengläser Am zweiten Morgen aber hatte sie sich im Flursaal
einer offenen Salontüre schräg gegenüber hinter dem Büffett verkrochen 
Professors frühstückten beim Papa Und sie hatte große Augen gemacht denn der
schöne alte Herr konnte lachen wirklich so recht aus Herzensgrunde lachen Er
hatte einen herrlichen weißen bis auf die Brust herabwallenden Vollbart und
dazu prächtige helle Augen ohne Brillengläser Und wie ein Junger hatte er das
Glas mit dem funkelnden Goldwein gehoben und einen schalkhaften Toast
ausgebracht Dann hatte er von den Schliemannschen Ausgrabungen auf dem Berge
Hissarlik erzählt und sehr verwunderlich war es dabei gewesen dass seine Frau
die Grosstante mit dem glatt gescheitelten vollen Grauhaar über dem klugen
Gesicht auch drein gesprochen und zwar ganz mit demselben Verständnis wie der
große Gelehrte Ja eine weite wunderherrliche Welt voll alter versunkener und
nun wieder erstehender Geheimnisse hatte sich da aufgetan und die lauschende
junge Unwissende hinter dem Büffett hatte sich allmählich aus ihrer kauernden
Stellung aufgerichtet dann war es gewesen als schleiche ein leiser
nachtwandelnder Fuß über den Flursaal her bis das langaufgeschossene Mädchen
unsicheren Blickes in fluchtbereiter Haltung aber im atemlosen Hören die
verschränkten Hände auf die Brust gepresst unter der Salontüre erschienen
war »Meine Grete  ein scheuer Vogel wie Sie sehen« hatte der Papa mit der
Hand nach ihr hingewinkt und damit den Zauber gebrochen Im panischen Schrecken
war der scheue Vogel von der Schwelle geflohen hatte verfolgt von einem
vielstimmigen heiteren Gelächter die Flursaaltüre klirrend hinter sich
zugeschlagen und war die Treppe hinab mehr gestürzt als gelaufen
    Allein Flucht und trotziger Widerstand hatten nichts mehr genützt die wilde
Hummel hatte sich rettungslos auf ein fremdes Gebiet verflogen Lernbegierde und
Wissensdurst waren in der jungen Seele erwacht und hatten sie immer wieder zu
Füßen der Erzähler geführt und als nach acht Tagen der Wagen vor dem
Lamprechtschen Hause gehalten hatte um die Fortreisenden nach der Bahn zu
bringen da war auch die »unmanierliche Grete« in Schleierhut und Reisemantel
aus der Haustüre getreten verweinten Gesichts zwar und den letzten Jammerlaut
eines schweren Abschiedes auf den Lippen  aber man hatte sie mit nichten in den
Wagen schleppen müssen und sie hatte auch nicht geschrien dass die Leute auf
dem Markte zusammenlaufen mussten fest entschlossen und freiwillig war sie
mitgegangen um bei Onkel und Tante zu lernen und sie auf ihren Reisen zu
begleiten
    Darüber waren fünf Jahre hingegangen Margarete war neunzehnjährig geworden
und hatte das väterliche Haus nicht wieder gesehen Ihre Verwandten vorzüglich
den Papa hatte sie in der langen Zeit öfters teils in Berlin teils auf Reisen
bei verabredeten Rendezvous gesehen und in den letzten zwei Jahren waren die
Besuche der Grossmama in Berlin immer häufiger geworden sie wollte die Enkelin
heimholen allein Onkel und Tante zitterten bei dem Gedanken an eine Trennung
und das junge Mädchen selbst verspürte nicht die geringste Lust sich am
heimischen Hofe vorstellen zu lassen und so musste die Frau Amtsrätin zu ihrem
bittersten Verdruss immer wieder allein zurückreisen
    Tante Sophie war außer Herbert die einzige der Familie gewesen die sich
ein Wiedersehen mit »der Gretel« hatte versagen müssen Nein das sollte ihr
einmal niemand nachsagen können dass sie um einer Freude eines
Herzensbedürfnisses willen den Haushalt je auch nur für ein paar Tage im
Stiche gelassen hätte Es ging eben nicht und ließ sich vor dem Gewissen nicht
verantworten und da hatte das dumme alte Herz mit seiner Sehnsucht absolut
nichts drein zu reden Nun machte sich aber der Ankauf neuer Teppiche und
Portieren für die »guten Stuben« durchaus nötig und Tante Sophiens Pelzmantel
verlor trotz Steinklee und Pfeffer seit Jahren die Haare  er musste
pensioniert werden Ein neuer Pelzmantel war aber ein teures Stück das konnte
man nicht nur so verschreiben und wie die Katze im Sacke kaufen ebensowenig wie
die kostbaren Teppiche und Portieren da hieß es gleich vor die rechte Schmiede
gehen und deswegen dampfte Tante Sophie  viel eiliger als es nötig aber doch
nur »aus wirtschaftlichen Rücksichten«  eines Tages nach Berlin und stand
plötzlich unter strömenden Freudentränen in Margaretens Mädchenstübchen Und
was alle bittenden süßen und strengen Worte der Frau Amtsrätin nicht vermocht
das tat der Anblick der unvergessenen mütterlichen Pflegerin eine heiße
Sehnsucht wallte in dem jungen Mädchen auf  sie wollte heim auf einige Zeit
heim um über Weihnachten zu bleiben Tante Sophie sollte ihr wie einst dem
Kinde den Christbaum in der trauten Wohnstube anbrennen Und so wurde
verabredet dass sie in der Kürze der heimkehrenden Tante folgen solle aber ganz
im stillen niemand durfte es wissen Papa und Großpapa sollten überrascht
werden 
    So geschah es an einem stillen milden Abend zu Ende des Septembers dass die
junge Dame zu Fuße von der Bahn kommend den Türflügel des Packhauses hinter
sich schloss und einen Augenblick lächelnd unter dem dunklen Torweg stehen blieb
 sie schien noch auf das Knarren und Aechzen des alten Holzgefüges zu horchen
obschon es sofort verhallt war Gerade diese Laute hatten in ihr Kindesleben
hineingeklungen so weit sie zurückdenken konnte in ihre Spiele im Hofe und oft
noch aufschreckend in das süße Hindämmern des ersten Schlafes hinein Und wie
oft hatte Tante Sophie erzählt dass gerade durch dieses Tor Jahrhunderte
hindurch die Leinenfrachten dieses goldbringende Handelsgut der Lamprechts in
die Welt hinausgegangen waren Das hatte die wilde Hummel damals nicht
sonderlich interessiert jetzt aber flog ihr Blick unwillkürlich empor als
müsse er trotz der Dunkelheit an der Steinwölbung noch die Spuren der
hochgetürmten Planwagen finden können
    In welchem Lichte erschien ihr überhaupt jetzt der stille Hof des alten
Patrizierhauses seit sie durch Studium und belehrende Reisen sehenden Auges
geworden war  Wie festgebannt blieb sie stehen nachdem sie mit erregt
pochendem Herzen einige Schritte vorwärts gelaufen Unter ihren Füßen raschelte
dürres Laub die mächtig gewachsenen lieben Linden hatten bereits zum größten
Teil die Blätter abgeworfen und hinter den Stämmen dunkelten die Mauern des
uralten Weberhauses Heute wie an jedem Abend kam der starke Lichtstrom der
großen Wandlampe drüben aus den Küchenfenstern er legte sich breit über den Hof
hin beschien grell wie immer seitwärts ein ganzes Stück des anstoßenden
spukhaften Flügels und hob das mächtige steinerne Brunnenbecken inmitten des
Hofes weiß aus dem Abenddunkel Und jenes beleuchtete Stück Fassade des zwischen
das Packhaus und das große nüchterne stillose Vorderhaus geklemmten Seitenbaues
zeigte zur Überraschung der Heimkehrenden den edelsten Renaissancestil und die
Steinfigur die sich hoch über den vier wasserspendenden Brunnenröhren hell
bestrahlt erhob und nach welcher einst Herbert und später auch Reinhold mit
Kieseln geworfen sie war eine feingegliederte Brunnennymphe vom schönsten
Ebenmasse  jeder der vandalischen Steinwürfe von damals entrüstete in diesem
Augenblick noch nachträglich die junge Kunstverständige »Die Thüringer
Fugger« hatten die Kauf und Handelsherren Lamprecht einst um ihres Reichtumes
willen im Volksmund geheißen  in dem Erbauer des Seitenflügels mit dem dazu
gehörigen Brunnen hatte aber auch etwas von dem Kunstsinn der berühmten
Augsburger Leineweber gelebt nur dass er seine Schöpfung in herber stolzer
Verschmähung alles Rühmens und Preisens der Oeffentlichkeit entzogen und sie
lediglich zur eigenen Augenweide und Befriedigung in der Verborgenheit
aufgerichtet hatte So war es recht Die Tochter des alten Hauses hatte auch
ihre Dosis Bürgerstolz im Blute mitbekommen  er trug in diesem Moment der
Heimkehr seinen Teil an dem freudig erregten Schlag ihres Herzens O ja so ein
ganz klein wenig »hochmütig« war man 
    Von der Brunnenfigur hinweg glitt ihr Blick über die Küchenfenster und sie
empfand eine helle Wiedersehensfreude und lachte in sich hinein  da war
freilich von griechischen Linien nicht die Rede Bärbe tauchte aus der Tiefe der
Küche auf und trat in den hellen Lampenschein Sie war noch ebenso bärenhaft
vierschrötig und ungeschlacht wie ehemals das dünne graue um den Kamm
gewickelte Zöpfchen am Hinterkopf hatte sich in seiner Position ausgezeichnet
konserviert und das Mundwerk ging flott wie immer  einzelne Laute ihrer
spröden Stimme kamen durch das offene Fenster
    Es ging überhaupt sehr lebhaft zu in der Küche Verschiedene Hände mussten
beschäftigt sein das Geschirr abzuwaschen denn es klirrte und klapperte ohne
Aufhören Bärbe und der Hausknecht trockneten die Teller und ein hübscher
junger Bursch in feiner Livree ging eilfertig ab und zu
    Ohne Zweifel war Diner im Hause Margarete hatte schon beim Heraustreten aus
der finsteren Torwölbung durch die Flurfenster gesehen dass droben in der
BelEtage im großen Salon der Kronleuchter brannte Das überraschte sie nicht
Tante Sophie hatte ihr bereits in Berlin gesagt dass jetzt immer »etwas los sei«
zu Hause zwischen den Leuten bei Hofe und Amtsrats sei große »Herrlichkeit«
und der Papa sei dadurch ein gar gesuchter Mann  und die braunen Augen hatten
dabei lustig gezwinkert Ei nun da war ja die beste Gelegenheit sich die
Herrlichkeit in Bausch und Bogen zu besehen ohne sich selbst sehen zu lassen
gleichsam von der Tiefe einer Teaterloge aus Es galt einen Versuch 
    Sie ging durch die Hausflur in die Wohnstube Da war es sehr dämmerig das
Gaslicht kam schwach durch die Fenster herein und warf nur einen intensiveren
Lichtfleck auf die eine Wandfläche auch auf das Zifferblatt der schönen großen
wohlbekannten Standuhr Das behäbig langsame Ticken des alten Inventarstückes
berührte die Heimkehrende herzbewegend wie ein Gruß von lieber Menschenstimme
    Tante Sophie war nicht da sie hatte selbstverständlich oben »alle Hände
voll zu tun« dafür war das ganze große Zimmer von dem Duft ihrer
Lieblingsblumen erfüllt  auf dem Esstisch stand ein mächtiger Strauss Levkojen
und Reseda wohl der letzte für dieses Jahr aus Tante Sophiens eigenem kleinen
Garten vor dem Tore  wie das alles anheimelte 
    Margarete warf Hut und Mantel auf einen Stuhl schwang sich auf den hohen
Fenstertritt und sah hinaus über den gashellen Markt hin Alles wie sonst da
sie noch in den Kinderschuhen gesteckt und die scharfen Steinkanten des
holprigen Pflasters unter den Sohlen gefühlt da der kleine zum Teil noch von
uralten Verteidigungsmauern eifersüchtig umschlossene Strassenkomplex Stadt B
genannt für sie die Welt bedeutet hatte in der sie um jeden Preis leben und
sterben gewollt  Alles wie sonst der bemooste Neptun auf dem Marktbrunnen
das Eckhaus schräg gegenüber mit seinem Steinbild über der gewölbten Türe 
welches besagte dass der Hausbesitzer zum Bierbrauen berechtigt sei  die
schrille kleine Glocke auf dem Rataustürmchen die eben halb acht schlug das
ferne Klingeln verschiedener Schellen an den Ladentüren und auch die edle
Wissbegierde der guten Landsmänninnen die dort in einem Trupp an der Straßenecke
standen und schlafende Kinder in ihre weiten runden Kattunmäntel gewickelt
lange Hälse machten sie konnten sich nicht satt sehen an dem Kronleuchter der
droben in Lamprechts guter Stube brannte und zischelten wacker durcheinander 
der richtige rechtschaffene Klatsch an der Straßenecke
    Die junge Dame verließ ihren hohen Standpunkt am Fenster und lachte  sie
machte es ja nicht besser als die schnatternde Gesellschaft da drüben sie
huschte ja jetzt auch hinauf um zu sehen was alles dieser Kronleuchter
beschien
 
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Das lautlose Huschen wurde ihr nicht schwer Ein neuer breiter Läufer von
dickflaumigem Teppichstoff verschlang jeden Fußtritt auf der Treppe Vor
Margarete her eilte der Livreebediente mit einer Platte voll
Selterswasserflaschen hinauf er bemerkte die junge Dame nicht und droben ließ
er achtlos die Türe offen weit genug für einen Flederwisch wie sie meinte sie
und huschte durch den Spalt
    Der Flursaal war spärlich beleuchtet nur aus der weit offenen Salontüre
strömte der Kerzenglanz und teilte als breiter Streifen den mächtigen Raum in
zwei Hälften und in dem Moment wo der Bediente mit seinen Flaschen in die
offene Salontüre trat schlüpfte Margarete hinter ihm weg in den dunkelnden
Hintergrund und trat in eine der Fensternischen
    Sie konnte einen großen Teil des Salons überblicken und es war wirklich
als säße sie in der Teaterloge und sähe ein interessantes Lustspiel Der
ersten Liebhaberin  das war die junge Fremde dort an der Tafel zweifellos 
konnte sie gerade in das Gesicht sehen es war ein hübsches volles ruhig
lächelndes Gesicht auf schneeweissem rundem Halse und breiten üppigschönen
Schultern Die junge Dame saß so dass für die Beschauerin draußen der alte
berühmte Lamprechtsche Tafelaufsatz ein mächtiges mit Früchten und frischen
Blumen beladenes Kauffahrteischiff von gediegenem Silber dicht neben ihr zu
stehen schien  das gab ein farbenprächtiges Bild frischer waren die Blumen
auch nicht als der blonde Mädchenkopf mit seinem strahlenden Teint Also das
war sie diese Heloise von Taubeneck die gegenwärtig eine so dominierende Rolle
bei »Amtsrats« spielte  Nun verwunderlich war es gerade nicht dass die
Grossmama über diese neue Beziehung so »ganz und gar aus dem Häuschen« sein
sollte wie Tante Sophie sich in Berlin ausgedrückt hatte Eine Nichte des
Herzogs  sei es auch nur die Tochter des verstorbenen apanagierten Prinzen
Ludwig aus einer unebenbürtigen Ehe  dereinst Schwiegertochter nennen zu
dürfen das übertraf ja weit weit Grossmamas kühnste Wünsche Wie sie wohl dies
unmenschliche Glück trug 
    Nun die ehrgeizige alte Dame lehnte denn auch dort an der Schmalseite der
Tafel mit stolzseligem Gesichtsausdruck und die Hände fast andächtig gefaltet
in ihrem Stuhl und verwandte kein Auge von der blonden Schönheit neben dem Sohn
dem einzigen vergötterten der in rapider Geschwindigkeit Staffel um Staffel im
Staatsdienst erstieg und mit neunundzwanzig Jahren schon »ein Herr Landrat« war
Wie oft hatte ihn Margarete als Kind aus Papas Munde spottweise »unser
zukünftiger Minister« nennen gehört Nun war er in der Tat dem hochgesteckten
Ziel nahe wie Tante Sophie in Berlin erzählt Sie hatte gesagt man munkele
bereits im Lande dass ein Wechsel in Sicht sei  der bisherige Chef des
Ministeriums kränkele und habe den Wunsch nach dem Süden zu gehen Schlechte
Leute aber behaupteten Seiner Exzellenz tue keine Ader weh die Diagnose rühre
nicht vom Arzt sondern von einer hohen Persönlichkeit her und der Herr Landrat
Marschall würde trotz seiner wirklich ausgezeichneten Fähigkeiten keinesfalls
den Harrassprung in die hohe Stellung machen wenn nicht eben  jenes Fräulein
Heloise von Taubeneck wäre »Ja die Welt ist gar schlecht mit ihrer losen
Zunge« Damit waren diese neuesten Nachrichten aus der Heimat unter
bedauerlichem Achselzucken geschlossen worden aber der Schalk hatte der Tante
aus jedem Augenwinkel gelacht Übrigens sei Herbert wirklich ein vornehmer Mann
geworden  hatte sie sich beeilt hinzuzusetzen  wie geboren zu einer hohen
Beamtenstellung wo man sich gegen Kreti und Pleti abschließen müsse
    Nun ja er war ein hübscher Mann geworden eine rechte Diplomatenfigur mit
seiner vornehmen Sicherheit in Tun und Wesen Wenn sie ihm in der Fremde
plötzlich begegnet wäre da hätte sie vielleicht gestutzt aber auf den ersten
Blick ihn sicher nicht erkannt Sie hatte ihn lange nicht gesehen es mochten
wohl sieben Jahre darüber vergangen sein Als Student hatte er seine Ferienzeit
meist auf Reisen verlebt und wenn er ja einmal nach Hause gekommen da war sie
dem »eingebildeten Studiosus« der immer noch keinen Bart und deshalb auch kein
Anrecht auf den diktatorisch geforderten Onkeltitel gehabt klüglich aus dem
Wege gegangen und er hatte nie gefragt wo sie stecke  selbstverständlich 
    Nun war ihm aber der Bart gewachsen ein schöner dunkler am Kinn leicht
geteilter Vollbart und aus dem missachteten Studenten war ein Herr »Landrat«
geworden der noch dazu mit vollen Segeln auf seine Verheiratung lossteuerte und
binnen kurzem eine Tante an seiner Seite haben würde da konnte man mit gutem
Gewissen »Onkel« sagen  ja wohl unbedenklich Das junge Mädchen in der dunklen
Fensterecke lächelte schelmisch und ließ die Augen weiter schweifen
    Bei Betreten des Flursaales war ihr ein lautes Stimmendurcheinander
entgegengekommen man hatte sehr lebhaft gesprochen und sie meinte auch
Grosspapas geliebte raue Stimme herausgehört zu haben Mit dem Eintritt des
Bedienten jedoch war es stiller geworden und jetzt sprach nur eine einzige
ganz angenehme wenn auch etwas fette Frauenstimme sie schien gewissermaßen zu
dominieren und in der Modulation lag besonders wenn es galt eine eingeworfene
Frage zu beantworten eine merkliche Herablassung Margarete konnte die
Sprecherin nicht sehen sie mochte dem Papa zur Rechten sitzen während Fräulein
von Taubeneck links seine Nachbarin war
    Die unsichtbare Dame erzählte einen Vorfall bei Hofe hübsch und
anschaulich und unterbrach sich nur manchmal mit einem »nicht wahr mein Kind«
 was die schöne Heloise stets mit der Antwort »gewiss Mama« prompt und
gleichmütig bestätigte So war es also Frau Baronin von Taubeneck die Witwe des
Prinzen Ludwig welche neben dem Papa saß Wie stolz er aussah Die finstere
Melancholie welche die Tochter bei jedem Wiedersehen aufs neue erschreckt
hatte schien heute wie weggewischt von den schönen wenn auch stark alternden
Zügen Die Grossmama war somit nicht die einzige die sich in den Strahlen des
über der Familie aufgehenden Glücksgestirnes sonnte
    Frau von Taubeneck beschrieb eben mit gesteigerter Lebendigkeit wie das
Pferd des Herzogs alle Anstrengungen gemacht seinen Reiter abzuwerfen als sie
plötzlich aufhorchend verstummte Über ihre ziemlich laute Stimme hinweg
schwebte ein Klang in das Zimmer herein ein langausgehaltener Ton  er schwoll
und schwoll und blieb doch geisterhaft zart und unirdisch bis er plötzlich
abriss um eine Terz tiefer einzusetzen
    »Magnifique Was für eine Stimme« rief Frau von Taubeneck halblaut
    »Bah  s ist ein Junge gnädige Frau ein aufdringlicher Bengel der einem
seine Kehltöne an den Kopf wirft wo man geht und steht« sagte Reinhold der an
der Tischecke neben der Frau Amtsrätin saß  seine schwache knabenhafte Stimme
bebte im verhaltenen Ärger
    »Ei nun ja du hast recht  die Singerei im Packhause wird auch mir
nachgerade zu viel« bestätigte die Grossmama und sah ihn besorgt von der Seite
an »Aber es fällt mir doch im ganzen Leben nicht ein mich darüber zu ärgern
Hübsch ruhig Reinhold Die Familie im Packhause ist für uns ein notwendiges
Übel an welches man sich mit der Zeit gewöhnt  du wirst es auch lernen«
    »Nein Grossmama grundsätzlich nicht« versetzte der junge Mann während er
mit nervöser Hast seine Serviette zusammenfaltete und sie auf den Tisch warf
    »Puh wie heftig« lachte Fräulein von Taubeneck  was für herrliche Zähne
sie hatte  »Viel Lärm um nichts  Es ist mir nicht erfindlich wie sich Mama
durch die paar Töne unterbrechen lassen konnte noch weniger aber begreife ich
Ihren Zorn Herr Lamprecht  so etwas höre ich gar nicht« Sie hob den weißen
bis an die Schulter entblößten Arm nahm eine schöne Orange von dem Tafelaufsatz
und fing an sie zu schälen
    Reinholds bleiches Gesicht rötete sich ein wenig  er schämte sich seiner
Heftigkeit »Ich ärgere mich nur« entschuldigte er sich »dass man den Singsang
so widerspruchslos hinnehmen muss Der eitle Bursch sieht jedenfalls dass wir
Gesellschaft haben und meint er gehöre auch dazu  unverschämt  Er will um
jeden Preis bewundert sein«
    »Wenn du das denkst da bist du aber stark auf dem Holzwege Reinhold«
sagte Tante Sophie eben hinter ihm weggehend Sie hatte bisher an der
Kaffeemaschine ihres Amtes gewaltet und einen starkduftenden Trank gebraut
dessen erste Tasse sie auf einem Silbertellerchen der Frau von Taubeneck
persönlich präsentierte Sie war in ihrem schweren schwarzseidenen Ripskleide
das volle graue Haar saß wie immer in zwei glänzenden Scheitelpuffen zu beiden
Seiten der hellen Stirn und darüber her fiel eine schöne schwarze Spitze Sie
sah ganz vornehm aus die mittelgrosse gut konservierte Gestalt mit ihrem
sicheren Auftreten Und die Zuckerschale von der Tafel nehmend setzte sie
hinzu »Der Kleine fragt viel nach unsereinem der singt für sich selber wie der
Vogel auf dem Zweig Das quillt ihm nur so aus der Brust und ich hab zu jeder
Stund meine Freude dran  s ist die reine Pracht und Herrlichkeit eine wahre
Gottesstimme Hören Sies« Sie sah sprechend über die Tafelrunde hin und neigte
den Kopf nach der Richtung des Hofes
    »Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre« sang der Knabe drüben im Packhause 
eine lieblichere Stimme hatte wohl noch nie zur Ehre Gottes gesungen
    Reinhold warf der Tante einen Blick zu der die Lauscherin im Fensterwinkel
empörte »Wie kannst du dich unterstehen in diesem auserwählten Kreise
mitzureden« Diese Frage lag deutlich genug in den hochmütigen fast farblosen
Augen und daneben sprühte die tiefste Erbitterung Margarete kannte ja das
schmale fleischlose Gesicht auf welchem das Muskelspiel so harte scharfe
Linien zog in jeder Regung sie hatte es als Kind ängstlich studieren gelernt
aus schwesterlicher Liebe und auch weil man gewohnt war sie für jeden
Heftigkeitsausbruch des schwächlichen Knaben verantwortlich zu machen Geändert
hatte er sich nicht er war immer gewohnt gewesen um seines Leidens willen in
allem seinen Kopf durchsetzen zu dürfen auch jetzt trieb ihm sein bodenloser
Eigensinn das Blut dunkel nach dem Gesicht nervös unruhig griff seine Hand nach
verschiedenem Gerät auf der Tafel und stieß es durcheinander bis ein scharfes
Klirren die unwillkürlich Lauschenden aufschreckte
    »Pardon ich war sehr ungeschickt« stammelte er kurzatmig »Aber die Stimme
macht mich ganz nervös   sie klingt mir im Ohr wie wenn ein Trinkglas mit
nassem Finger bestrichen wird«
    »Nun dem ist ja abzuhelfen Reinhold« sagte Herbert beruhigend Er stand
auf und kam heraus in den Flursaal um die der Salontüre gegenüberliegenden
offenen Fensterflügel zu schließen
    Also auch darin hatte sich nichts geändert Reinhold war stets Herberts
Portégé und Liebling gewesen und wie einst der Primaner und Student beeifert
gewesen war dem kränklichen Neffen alles Aergerliche und Verstimmende aus dem
Wege zu räumen so tat es auch zu dieser Stunde noch der Herr Landrat
    Den Flursaal entlang gehend inspizierte er auch die anderen Fenster und kam
an Margaretens Versteck heran Sie drückte sich tiefer in die finstere Ecke und
dabei rieb sich ihr Seidenkleid knisternd an der Wand
    »Ist jemand hier« fragte er aufhorchend
    Sie lachte in sich hinein »Ja« sagte sie halblaut »aber kein Dieb oder
Mörder auch nicht die Ahne Dorotee aus der Spukstube  du brauchst dich nicht
zu fürchten Onkel Herbert  es ist nur die Grete aus Berlin«
    Damit trat sie aus dem Fensterwinkel  ein schlankes Mädchen das sich
lächelnd mit lässiger Grazie ein wenig vorbog um sich zur Bestätigung von dem
letzten Schrägstreifen des Kerzenlichtes bescheinen zu lassen
    Er war unwillkürlich zurückgewichen und sah sie an als traute er seinen
eigenen Augen nicht »Margarete« wiederholte er ungewiss fragend und reichte
ihr etwas zögernd die Hand hin sie legte die ihre kühl hinein und er ließ sie
ohne Druck wieder fallen  eine recht steife Begrüßung aber ganz in der
Ordnung »So bei Nacht und Nebel kommst du heim« fragte er wieder »Und niemand
im Hause weiß um dein Kommen«
    Ihre dunklen Augen blitzten ihn mutwillig an »Ja weißt du einen Kurier
wollte ich nicht vorausschicken  das kommt ein bisschen zu teuer für meine
Einkünfte und da dachte ich mir unterbringen werden sie dich schon zu Hause
auch wenn du unverhofft kommst«
    »Nun wenn ich einen Augenblick im Zweifel war ob die junge Dame da
wirklich die übermütige Grete sei so weiß ichs jetzt  du kommst zurück wie
du gegangen bist«
    »Ich wills hoffen Onkel«
    Er wandte das Gesicht halb zur Seite und da wars als gehe ein leises
Lächeln durch seine Züge »Was soll aber nun werden« fragte er »Willst du
nicht hereinkommen«
    »O beileibe nicht Die Herbstkühle in den Kleidern Staub und Russ auf dem
Gesicht dazu eine heruntergetretene Falbel am Rock und ein Paar zerplatzter
Handschuhe in der Tasche  ein schönes Debüt vor dem Staatsfrack und brillanten
Hofschleppen«  Sie deutete nach dem Salon wo bereits wieder eine laute
lebhafte Konversation im Gange war »Auf keinen Fall Onkel du wirst dich doch
nicht so mit mir blamieren wollen«
    »Nun wie du willst« sagte er kühl und zuckte die Schultern »Wünschest du
dass ich dir den Papa oder Tante Sophie herausschicke«
    »Gott behüte« Sie trat unwillkürlich weiter vor und streckte die Hand aus
um ihn zurückzuhalten dabei tauchte ihr Kopf für einen Moment tief in das
herüberströmende Licht  ein feiner anziehender Kopf den dunkle Locken
umwogten  »Gott behüte  was denkst du Zu einer Begrüßung im Dunkeln sind mir
die beiden viel zu lieb  Ich muss ihre Gesichter klar vor mir haben muss sehen
ob sie sich auch freuen Und müssen denn die da drüben durchaus wissen dass du
mich als Horcherin an der Wand ertappt hast  Ich schäme mich ohnehin genug
Aber das Licht hier oben lockte zu verführerisch und da taumelte die dumme
Motte hinein  Nun gehe ich wieder  ich habe genug gesehen«
    »So Und was hast du denn gesehen« 
    »O sehr viel Schönheit wirkliche bewunderungswürdige Schönheit Onkel
Aber auch viel Vornehmheit viel  Herablassung  zu viel für unser Haus«
    »Die Deinen finden das nicht« sagte er scharf
    »Es scheint so« gab sie achselzuckend zu »Die sind aber auch viel
gescheiter als ich Mir hat von jeher der Dünkel meiner Ahnen der alten
Leinenhändler im Blute gesteckt  ich lasse mir nicht gern etwas schenken«
    Er trat von ihr weg »Ich werde dich wohl nun deinem Schicksal überlassen
müssen« sagte er trocken mit einer leichten steifen Neigung des Kopfes
    »O bitte  nur noch einen Augenblick Wäre ich die Frau mit den
Karfunkelsteinen dann könnte ich ungefährdet verschwinden und brauchte dich
nicht zu inkommodieren so aber muss ich dich bitten für einen Moment die
Salontüre zu schließen damit ich vorüber kann«
    Er schritt rasch nach der Türe ergriff beide Flügel und zog sie hinter
sich zu Margarete flog durch den Flursaal sie hörte wie drinnen einstimmig
gegen das Schliessen der Türe protestiert wurde und ehe sie die äußere Türe
hinter sich zudrückte sah sie noch wie die beiden Flügel langsam wieder
aufgingen wie sich der bärtige Männerkopf noch einmal verstohlen herausbog
jedenfalls um zu sehen ob der Eindringling den Ausweg gefunden habe  lustig
Der steifnackige Herr Landrat und die übermütige Grete im Komplott Das hätte er
sich wohl zehn Minuten zuvor auch nicht träumen lassen 
    Ein Aufschrei empfing sie als sie wieder in die dämmerdunkle Wohnstube
trat Die nach der Küche führende Türe wurde aufgerissen und Bärbe rannte
hinaus dass ihr die Röcke flogen
    »Sei gescheit Bärbe« rief Margarete lachend und ging ihr nach bis auf die
Schwelle der hellerleuchteten Küche »Ich sehe ihr ja gar nicht ähnlich der im
roten Salon und so durchsichtig wie die spinnwebige Frau Judit bin ich doch
wahrhaftig auch nicht  Komm her und gib mir eine Hand alte treue Seele 
hab mich gar manchmal nach dir gesehnt Da«  sie streckte ihre schöne schmale
Hand hin  »sie ist warm und von Fleisch und Bein Du kannst sie getrost
anfassen«
    Und »die alte treue Seele« war plötzlich wie närrisch vor Freude Sie fasste
nicht nur die Hand sie schüttelte sie auch dass dem jungen Mädchen Hören und
Sehen verging und die Tränen stürzten ihr aus den Augen Ja da waren nun
fünf Jahre nur so verflogen der Mensch wusste nicht wie Und aus dem Gretel war
eine Dame geworden fix und fertig wie ein Döckchen Aus dem Ausbund  »Wie
eine kleine wilde Katze ist sie mir gar manches Mal von hinterrücks auf meinen
breiten Buckel naufgesprungen wenn ich kein Arg hatte und in meinen Aufwasch
vertieft war«  sagte sie zu der Küchenmagd und wischte sich lachend die Augen
 »ja zum Umstürzen war der Schreck allemal  Aber«  ihre laute grelle
Stimme sank zum Flüstern herab  »das sollten Sie doch nicht Fräulein  ich
mein mit solchen wie die oben im Gange soll sich der Mensch nicht
vergleichen s ist ein Aber dabei und Sie sind ohnehin so blass gar so blass«
    Margarete verbiss mit Mühe das Lachen »Also auch da alles beim alten Nun
ja«  ihre Mundwinkel zuckten in leiser Ironie  »an uns ist kein Tadel gut
konservativ sind wir sagte Tante Sophie immer wenn Reinhold die abgerissenen
Arme und Beine meiner Puppen sorgfältig sammelte und als alten Besitz
respektierte Hast recht Bärbe blass bin ich aber doch frisch genug um mich
meines Leibes und Lebens gegen deine Gespenster zu wehren Und du sollst sehen
in unserer starken Thüringer Luft werden meine Backen bald rund und rot wie
Borsdorfer Äpfel sein Aber horch«  durch das offene Küchenfenster klang
wieder die Knabenstimme herein  »jetzt sage mir wer singt denn drüben im
Packhause«
    »s ist der kleine Max ein Enkelchen von den alten Lenzens Seine Eltern
sollen gestorben sein und da haben ihn die Grosseltern zu sich genommen Er geht
hier auf die Schule und muss wohl das Kind von einem Sohn sein  er heißt auch
Lenz Sonst kann ich nichts sagen Sie wissens ja es sind so stille Leute ob
sie Freud oder Leid erleben ein anderer Christenmensch erfährts nicht Und
unser Herr Kommerzienrat und die Frau Amtsrätin könnens partout nicht leiden
wenn unsereiner auch nur tut als wohnten Leute im Packhause s ist von wegen
der Klatscherei wissen Sie Fräulein und richtig ists ja so gemein darf sich
ein Haus wie unseres nicht machen Der Kleine freilich fragt viel danach was
bei uns Brauch ist  s ist ein schönes Kind Fräulein Gretchen ein
Staatsjunge  Aber der ist vom ersten Tage an mir nichts dir nichts in den Hof
runtergestiegen und da spielt er wie von Rechts wegen akkurat wie Sie und der
junge Herr Reinhold klein da rumgetollt haben«
    »Brav mein Junge Ein tapferer kleiner Kerl Da ist Kraft und
Selbstbewusstsein drin«  nickte Margarete vor sich hin »Was sagt denn aber die
Grossmama«
    »Ja die Frau Amtsrätin die ist freilich toll und böse und der junge Herr
erst  ach ach« sie fuhr mit der Hand durch die Luft  »da gibts viel böses
Blut Aber es hilft alles nichts und wenns noch so deutlich durch die Blume
gegeben wird der Herr Kommerzienrat hat keine Ohren Ich glaube im Anfang
hat ers gar nicht gesehen dass das fremde Kind da rumgelaufen ist wos nicht
hingehört  er ist ja immer so in tiefen Gedanken  das kommt vom schwarzen
Geblüt Fräulein nur davon Nun ja und solche Leute sehen manchmal nicht
rechts und nicht links und andere Menschen sind für sie nicht auf der Welt
Wies ihm aber doch endlich beigebracht worden ist da hat er gesagt sie
sollten das Kind nur spielen lassen wo es wollte der Hof wär groß genug  und
dabei ists geblieben und der Ärger muss nuntergewürgt werden«
    Sie nahm eine Stecknadel aus ihrem Halstuch und steckte eine halbgelöste
Schleife am Kleid der jungen Dame fest dann zupfte sie die Spitze am
Halsausschnitt zurecht und strich mit beiden Händen glättend über den etwas
zerknitterten Seidenrock »So nun kanns losgehen« sagte sie zurücktretend
»Die werden gucken da oben so unverhofft und so mitten hinein in die große
Gesellschaft «
    Margarete schüttelte den Kopf dass die Locken flogen
    Das war nun freilich nicht nach dem Sinn der alten Köchin Es sei heute
»extra schön« oben meinte sie und beim Champagner würde es wohl richtig
gemacht worden sein zwischen der vom Hofe und dem Herrn Landrat »Ein paar
schöne Menschen Fräulein und eine große Ehre für die Familie« schloss sie ihre
Mitteilungen »Gesehen hab ich freilich von der ganzen Herrlichkeit noch
nichts ich in meiner Küche hier unten aber die Leute sagens und die
Neidhammel in der Stadt sagen auch die Frau Amtsrätin würde ja wohl noch
zerplatzen vor lauter Hochmut Ja die losen Mäuler Der Mensch kann sich
nicht genug in acht nehmen« 
    Mit diesen Worten nahm sie eine Tischlampe vom Sims um sie für Margarete
anzubrennen aber die junge Dame verbat sich alle Beleuchtung Sie wollte im
Dunkeln warten bis droben alles vorüber sei und stieg wieder auf den
Fenstertritt in der Wohnstube
    Da saß sie nun und sann und zu allem was durch den jungen Kopf flog sagte
die alte Uhr ihr ruhiges gleichmässiges Ticktack und ebnete gleichsam die
hochgehenden Wogen in der Seele Reinholds Gehässigkeit und sein und der
Grossmama Hochmut machten ihr das Blut wallen aber es wurde niedergekämpft 
nein die Heimkehr in das väterliche Haus ließ sie sich absolut nicht
verbittern Fort mit der unerquicklichen Wahrnehmung  Da war das Gesicht der
schönen Dame vom Hofe das hatte nichts Aufregendes Sie musste sehr überlegenen
Verstandes oder eine phlegmatische Natur sein diese herzogliche Nichte mit der
unbeschreiblichen Ruhe und Gelassenheit in Zügen und Gebärden Früher hatte
man kaum um die Existenz der schönen Heloise von Taubeneck gewusst Prinz Ludwig
hatte einen hohen preußischen Militärposten bekleidet und seinen Wohnsitz in
Koblenz gehabt Nur selten war er an den heimischen Hof gekommen und das den
apanagierten Prinzen des herzoglichen Hauses zur Verfügung gestellte
Landschlösschen der Prinzenhof hatte lange Jahre unbewohnt gestanden Es lag
außerhalb der Stadt am Fuße eines ehemaligen Burgberges den noch einzelne
Mauertrümmer krönten und war ein einstöckiger Rokokobau mit Mansarde und den
nötigen Remisen und Stallungen die unter dem Laubdach herrlicher alter Nussbäume
völlig verschwanden während sich vor der geschnörkelten Vorderfront ein
hübsches mit Blumengruppen und Statuen geschmücktes Rosenparterre hinzog Vom
Dambacher Pavillon aus konnte man ja den Prinzenhof fast greifbar nahe liegen
sehen
    Nun war er wieder bewohnt und Tante Sophie hatte in Berlin viel von dieser
Veränderung gesprochen Die Witwe des Prinzen Ludwig war froh gewesen nach
seinem Tode hier »unterkriechen« zu können wie sich der Kleinstädter insgeheim
drastisch genug ausdrückte denn an Barem hatte der Verstorbene so gut wie
nichts hinterlassen und die Witwenpension war keine allzugrosse Wie man aber
wusste hatte das herzogliche Paar eine warme Zuneigung zu der jungen verwaisten
Nichte gefasst und vorzugsweise aus dem Grunde mochte es wohl geschehen dass den
beiden Damen Subsistenzmittel zuflossen und Vorrechte zugestanden wurden auf
die sonst nur Ebenbürtige Anspruch hatten
    Nun die Equipage die eben über den Markt heranbrauste und draußen vor der
Türe hielt war elegant genug um ein fürstliches Geschenk zu sein Der offene
Wagen funkelte und glitzerte im Gaslicht und das feurige Gespann schnaubte und
stampfte vor Ungeduld
    Es währte geraume Zeit bis man sich droben entschloss aufzubrechen bis das
Stimmengeräusch der Gesellschaft die Treppe herabkam und der große Flügel des
Haustores zurückgeschlagen wurde um den starken Lichtschein der Flurlampen auf
das Trottoir draußen strömen zu lassen
    In diese grelle Beleuchtung trat zuerst die Baronin Taubeneck und watschelte
an Herberts Arm nach dem Wagen Sie war von einer übermäßigen Korpulenz und die
Tochter die ihr folgte mochte ihr später darin ähnlich werden Jetzt freilich
hatte ihre hohe volle Gestalt noch schöne ebenmässige Linien Sie zog die
schwarze Spitzenhülle fester über das tief in die Stirn fallende Blondhaar
setzte sich vornehm ruhig neben die keuchende Mama und sah sehr teilnahmlos auf
die übrigen Gäste herab welche noch einmal sich verabschiedend den Wagen
umringten um sich dann nach allen Richtungen hin zu zerstreuen
    Herbert war sofort mit einer tiefen Verbeugung zurückgetreten  das sah
nicht aus als habe die Verlobung in der Tat stattgefunden  die Frau Amtsrätin
dagegen hatte die Hand der jungen Dame zwischen die ihren genommen sie presste
sie unter fortwährendem nahezu aufdringlichem Sprechen und bog plötzlich wie
von Zärtlichkeit überwältigt ihr Gesicht auf die hell behandschuhte Rechte um
Margarete vermochte nicht zu unterscheiden ob den Mund oder die Wange darauf zu
drücken
    Sie fuhr unwillkürlich vom Fenster zurück Das Blut stürmte ihr heiß nach
den Schläfen  sie schämte sich in tiefster Seele für die alte weisshaarige
Dame die ihre sonstige stolze Gemessenheit und Würde einem so jungen Geschöpf
gegenüber völlig verlor
    Ganz erbittert sprang sie vom Fenstertritt In was für ein armseliges
beschränktes Tun und Treiben war sie zurückgekommen Hatte sie deshalb den
weiten Flug in ferne Lande und alte Zeiten gemacht und sich an dem berauscht
was der Menschengeist im edlen Schönheitsgefühl im Freiheitsdrange an Idealen
ersonnen und erstürmt um hier an der widerlichsten Kriecherei zu sehen wie
geistig arm der Mensch werden kann  Nein der Käfig war zu eng Auch nicht
die äußersten Spitzen der freiheitgewohnten Flügel ihres Geistes opferte sie um
sich ihm anzubequemen  Das was augenblicklich dominierend und entnervend
durch das gesammte moderne Leben ging der Servilismus die Machtanbetung das
ungenierte Buhlen um die Gnade einflussreicher Persönlichkeiten das waren jetzt
die Gespenster im Lamprechtshause gegen die sie sich ihres Leibes und Lebens zu
wehren hatte  Wahrlich »die schöne Frau mit den Karfunkelsteinen« die einzig
aus rücksichtsloser heißer Liebe die Grabesruhe verwirkt sie stand groß neben
den kleinen Seelen 
 
                                       9
Draußen rollte der Wagen davon Margarete verließ die Wohnstube aber sie flog
nicht wie sie wohl gleich beim Kommen im ersten Impuls getan den Ihren
entgegen  wie angefröstelt stieg sie langsam die wenigen in die Hausflur
führenden Stufen hinab
    Herbert schien eben die Treppe hinaufgehen zu wollen und der Kommerzienrat
kam über die Schwelle in die Hausflur zurück Auf seinem Gesicht lag noch der
Glanz befriedigten Stolzes auf die seinem Hause widerfahrene Ehre Er stutzte
bei Margaretens Erblicken breitete aber gleich darauf unter einem Freudenruf
die Arme aus und zog die Heimgekehrte an seine Brust Und da war auch wieder ein
Lächeln auf ihren Lippen
    »Ei bist du es wirklich Gretchen« rief die Frau Amtsrätin die in diesem
Augenblick in Reinholds Begleitung von draußen hereintrat »So ganz wider
Erwarten«  Sie ließ die Schleppe die sie mit spitzen Fingern sorgsam hoch
über den Boden hielt rauschend niedersinken streckte dem jungen Mädchen die
Rechte entgegen und hielt ihr mit würdevoller Grazie die Wange zum Kusse hin
Das schien die Enkelin nicht zu bemerken  sie berührte die grossmütterliche Hand
mit ihren Lippen und schlang dann die Arme um den Hals des Bruders Ja sie
hatte ihm vorhin ernstlich gegrollt Aber er war ja ihr einziger Bruder und er
war krank das heimtückische Leiden raubte ihm die Jugend allen Glanz allen
Zauber der himmlisch schönen »achtzehn Jahre«  Und wie das Herz unruhig und
beängstigend hastete in der schmalen Brust an welche sie sich schmiegte Wie
sein Körper sich frostig schüttelte unter dem kühlen Nachtauch der vom Markte
hereinblies 
    »Gehen wir hinauf Die zugige Hausflur ist ein schlechter Begrüssungsort«
mahnte der Kommerzienrat Er legte seinen Arm wieder um Margaretens Schultern
und stieg mit ihr die Treppe hinauf Herbert nach der um eine Anzahl Stufen
voraus war
    »Großes Mädchen« sagte der Papa und maß mit väterlich stolzem Blick die
jugendliche Gestalt neben sich
    »Ja sie ist noch recht gewachsen« meinte die Grossmama die an Reinholds
Arm langsam nachkam »Musst du nicht auch lebhaft an Fannys Züge und Erscheinung
denken Balduin«
    »Nein ganz und gar nicht Die Gretel hat ein echtes Lamprechtsgesicht«
entgegnete er und seine Stirn verfinsterte sich
    Droben im großen Salon stand Tante Sophie an einem Seitentisch und zählte
das gebrauchte Silberzeug in einen Korb Sie lachte über das ganze Gesicht als
Margarete auf sie zuflog »Dein Bett steht bereit auf dem nämlichen Platz wo
du als Kind alle deine lustigen und dummen Streiche verschlafen hast« sagte
sie nachdem sie unter der stürmischen Umarmung des jungen Mädchens zu Atem
gekommen war »Und in der Hofstube nebenan ists auch ganz huschelig und
gemütlich wie dus immer gern hattest«
    »Also ein Komplott« meinte die Frau Amtsrätin mit scharfer Rüge »Tante
Sophie war die Vertraute und wir anderen mussten uns bescheiden bis der große
Moment gekommen war« Sie zuckte mit den Schultern und ließ sich auf den
nächsten Stuhl nieder »Wäre er nur früher gekommen dieser große Moment Grete
Aber deine Heimkehr jetzt hat so gut wie gar keinen Zweck  der Hof geht in den
nächsten vierzehn Tagen nach M zurück von einer Vorstellung wird kaum noch die
Rede sein können«
    »Sei du froh liebe Grossmama Du würdest doch keine Ehre mit mir einlegen
Du glaubst gar nicht was für ein Hasenfuß ich bin was für ein schauderhaft
täppisches Ding wenn ich die Kourage verliere Das heißt vor unseren lieben
alten Herrschaften würde ich standhalten  die sind mild und gütig und
verschüchtern ein zaghaftes Menschenkind nie geflissentlich Aber die anderen «
Sie brach ab und fuhr sich mit der Hand unwillkürlich durch die Locken »Deshalb
bin ich ja aber auch gar nicht gekommen Grossmama der Weihnachtsbaum hat mirs
angetan Weihnachten drunten in der Wohnstube Ich habe mich satt gesehen an
all den Konfektfiguren und den Buchbindermeisterwerken die Tante Elise kauft
und mühelos an den Baum hängt Ich will wieder jene Vorbereitungsabende
durchleben wo es draußen stürmt und schneit und drin in der warmen Stube die
Nüsse auf dem Tische rasseln das Blattgold herumfliegt und aus der Küche der
Duft von selbstgebackenen Kringeln und allerhand undefinierbarem Wundergetier
durch die Schlüssellöcher und Türspalten zieht Das Hübscheste wird freilich
fehlen  Tante Sophiens verdeckter Nähkorb aus welchem dann und wann ein
Endchen von angefangenem Puppenstaat guckte und über die Bilderbücher bin ich
leider auch hinaus Aber von Bärbe verlange ich nach wie vor meinen
Pfefferkuchenreiter «
    »Kinderei« schalt die Frau Amtsrätin ärgerlich »Schäme dich Grete Du
kommst ja nicht um ein Haar gebessert zurück«
    »Ja das sagte Onkel Herbert auch schon«
    »Nicht in dem Sinne« berichtigte der Landrat kühl Er war mit in den Salon
hereingekommen hatte sich bis dahin vollkommen passiv verhalten und stand eben
vor dem Tafelaufsatz wo er mit vorsichtigem Finger die Blumen und Früchte
auseinander schob um das wundervoll gearbeitete Takelwerk des Silberschiffes
besser sehen zu können Ob er das alte wohlbekannte Familienschaustück der
Lamprechts wirklich noch nicht gesehen hatte der Herr Landrat 
    »Was  du hast den Onkel schon gesprochen« fragte Reinhold sehr erstaunt
von der Birne aufblickend die er sich schälte »Wie ist denn das möglich«
    »Sehr leicht Holdchen dieweil ich vorhin in Person hier oben gewesen bin
«
    »Doch nicht in der Absicht einzutreten« rief die Frau Amtsrätin in
nachträglichem Schrecken
    »Mit der Eskimofrisur und in dem grässlichen schwarzen Fähnchen« setzte
Reinhold mit einer grotesken Abscheugebärde hinzu »Hast dich ja ganz famos
herausgeputzt in deinem Berlin Grete«
    Margarete lachte und sah auf ihr Kleid herab »Alteriere dich nicht
Reinhold es ist nicht mein einziges und bestes« Sie wandte den Rocksaum
musternd und achselzuckend hin und her »Armes Fähnchen Frisch ists freilich
nicht mehr Es musste mit mir durch Pyramiden und Katakomben kriechen und ist von
Gletschereis und Gebirgsregen oft windelnass gewesen  der gute alte Kamerad
Nun habe ich mich seiner geschämt und ihn verleugnet Onkel Herbert kanns
bezeugen dass ich mir selber nicht schön genug war um vor dem hohen Besuch zu
debütieren «
    »Ich bitte dich ums Himmels willen Kind tue mir den einzigen Gefallen und
fahre dir nicht so nach Jungenart durch die Haare« unterbrach sie die Grossmama
»Eine schauderhafte Angewohnheit Wie kommst du nur auf die wahnsinnige Idee
dir das Haar kurz zu schneiden«
    »Ich musste Grossmama und ohne ein paar heimlicher Tränen ists auch nicht
abgegangen das leugne ich gar nicht Aber es war oft zum Verzweifeln wenn die
Zöpfe morgens beim Flechten kein Ende nehmen wollten und Onkel Theobald draußen
vor der Türe wartete und auf und ab lief vor Ungeduld und Angst dass wir den
Zug oder die Post versäumen könnten Und da machte ich kurzen Prozess als es
nach Olympia gehen sollte und griff zur Schere Ich hätte mich kahl geschoren
wenn es nötig gewesen wäre so ungeduldig und auf das Weiterkommen erpicht war
ich selbst Übrigens ist die Sache gar nicht so schlimm Grossmama Mein
Struwwelhaar wächst wie Unkraut und ehe du dich versiehst ist wieder ein ganz
respektabler Zopf da «
    »Da kannst du warten« warf die alte Dame trocken ein »Unsinn kapitaler
Unsinn« platzte sie dann zornig heraus »Tante Elise konnte auch besser
aufpassen und den Streich verhindern«
    »Die Tante Ach Grossmama da siehts erst schlimm aus Mindestens um eine
Hand breit kürzer als dies « Sie zog einen ihrer Lockenringel mit einem
schelmischen Lächeln in die Länge
    »Na ihr mögt ein schönes Zigeunerleben führen auf euren gelehrten Touren«
rief die alte Dame indigniert und strich nervös erregt einige Tortenkrümel auf
dem Tafeltuch zusammen »Wie meine Schwester es fertig bringt sich den
Berufsstudien ihres Mannes so unterzuordnen das ist mir geradezu unfasslich Wo
bleibt da das Recht der Frau auf die eigene angenehme Lebensstellung  Nun
es ist ihre Sache  wie man sich bettet so liegt man Aber was soll nun
werden Sieh dir noch einmal das Mädchen an Balduin Jahre können vergehen bis
sie wieder präsentabel ist Ich frage dich Grete wie willst du es anfangen
in dem kurzen Gewirr eine Blume festzustecken von einem Schmuckstück gar nicht
zu reden Die Rubinsterne zum Exempel die deiner seligen Mama so
unvergleichlich standen «
    »Ah die Karfunkelsteine Die schöne Dore im roten Salon hat sie auf dem
Toupet« fiel Margarete lebhaft fragend ein
    »Ja Gretel dieselben« bestätigte der Kommerzienrat der sich bis dahin
schweigend verhalten und eben ein Glas Champagner rasch geleert hatte an Stelle
der Grossmama Er war erblasst aber die Augen glühten ihm unter der Stirn und
seine Finger umklammerten das Glas als wollten sie es zu Scherben zerdrücken
»Ich habe dich herzlich lieb Kind und will dir geben was dein Herz verlangt
aber die Rubinsterne schlage dir aus dem Sinne  solange ich lebe kommen sie in
kein Frauenhaar mehr«
    Die Frau Amtsrätin fuhr sich mit dem Taschentuch über die Augen und sah mit
traurig gesenkten Mundwinkeln in ihren Schoss nieder »Ich begreife ich verstehe
dich lieber lieber Balduin« sagte sie in tief mitfühlendem Ton »Du hast
Fanny allzusehr geliebt«
    Ein bitteres Lächeln flog über sein Gesicht und er hob die breiten
Schultern als wolle er eine namenlose innere Ungeduld abschütteln Klirrend
stieß er das Glas auf den Tisch und ging mit dröhnenden Schritten in das
Nebenzimmer die Türe hinter sich zudrückend
    »Armer Mann« sagte die Frau Amtsrätin halblaut und beschattete einen Moment
mit der Hand die umflorten Augen »Ich bin untröstlich über meine
Ungeschicklichkeit  ich hätte nicht an diese nie heilende Wunde rühren sollen
 Und gerade heute war er so heiter ich möchte sagen stolz glücklich Seit
Jahren habe ich ihn zum erstenmal wieder lächeln sehen Ach ja es waren aber
auch wieder einmal ein paar himmlisch schöne Stunden unvergesslich schön und
beglückend  Nur eines hat mir ein paarmal tatsächlich den Angstschweiß auf
die Stirn getrieben liebste Sophie«  das leise Aneinanderklirren des Silbers
hinter ihr verstummte Tante Sophie horchte pflichtschuldigst dem was da kommen
sollte  »es wurde zu langsam serviert Mein Schwiegersohn wird wohl für solche
Fälle noch helfende Hände acquirieren müssen «
    »Gott behüte Grossmama was soll denn das kosten« protestierte Reinhold
»Wir haben unsern Etat für dergleichen und der wird absolut nicht
überschritten Franz muss eben seine faulen Beine besser rühren Ich werde
künftig schon Feuer dahinter machen«
    Die Grossmama schwieg Sie nahm ein paar halbwelke Rosen die Fräulein
Heloise von Taubeneck in der Hand gehabt und auf ihrem Platz zurückgelassen
hatte und steckte ihr spitzes Näschen hinein  sie widersprach dem erregbaren
Enkel nie direkt »Es war aber hauptsächlich noch ein Bedenken das mir im
Verlauf des Essens beängstigend aufstieg beste Sophie«  sagte sie nach einer
augenblicklichen Pause über ihre Stuhllehne zurück  »war nicht doch das Menu in
etwas zu derber Weise zusammengesetzt Wissen Sie Liebste ein wenig zu
spiessbürgerlich für unsere hohen Gäste  Und das Roastbeef ließ auch viel zu
wünschen übrig«
    »Sie brauchen sich wirklich nicht zu ängstigen Frau Amtsrätin« entgegnete
Tante Sophie mit ihrem heitersten Lächeln »Der Küchenzettel war wie ihn die
Jahreszeit gibt und ein Schelm gibt mehr als er hat Und das Roastbeef war
gut wie es immer auf unsern Tisch drunten kommt Draußen im Prinzenhof
verlangen sie das ganze Jahr durch kein so feines teures Stück wie mir der
Hofmetzger sagt«
    »So  Hm« räusperte sich die Frau Amtsrätin und vergrub ihr Gesicht einen
Augenblick förmlich in den Rosen »Ach dieser köstliche Duft« lispelte sie
»Sieh mal Herbert  diese weiße Teerose ist eine Neuheit aus Luxemburg wie
mir Fräulein von Taubeneck sagte Der Herzog hat sie ganz extra für den
Prinzenhof kommen lassen«
    Der Herr Landrat nahm die Rose Er besah ihren Bau prüfte den Duft und gab
sie seiner Mutter zurück ohne eine Miene zu verziehen
    Wer sah diesem Mann an dass er einst eine solche weiße Rose mit einer Wut
und Glut als sei er plötzlich wahnwitzig geworden geraubt und verteidigt und
um keinen Preis wieder herausgegeben hatte  Margarete hatte diesen
rätselhaften Vorgang nie vergessen können und jetzt war er ihr freilich kein
Rätsel mehr  der damalige Primaner hatte das schöne Mädchen im Packhause
offenbar geliebt es war eine erste schwärmerische »Schülerliebe« gewesen die
er von seinem jetzigen Standpunkt aus natürlicherweise mitleidig belächelte Die
Zeit der Lyrik war längst vorüber und die strenge Prosa des trockenen
berechnenden Verstandes war an ihre Stelle getreten
    Da war der Papa der sich eben mit seinem Schmerz in das Nebenzimmer
geflüchtet doch ein Anderer Er konnte nicht vergessen  Das Herz wallte ihr
über von Mitleid und warmer kindlicher Liebe  kaum wissend dass sie es tat
öffnete sie geräuschlos die Türe die er hinter sich geschlossen und schlüpfte
in das Zimmer
    Der Kommerzienrat stand unbeweglich in der dunkelnden Fensternische in die
nur ein schwacher Schein der Hängelampe fiel und schien auf den Markt
hinauszusehen Der dicke Teppich machte die leichten Mädchentritte unhörbar und
so stand sie plötzlich hinter dem in sich versunkenen Manne und legte ihm sanft
schmeichelnd die Hände auf die Schultern
    Er fuhr herum als sei die Berührung ein Faustschlag gewesen und starrte
mit verstörten wie wahnwitzig blickenden Augen der Tochter in das Gesicht
»Kind« stöhnte er »du hast eine Art die Hand aufzulegen «
    »Wie meine arme Mama«
    Er presste die Lippen aufeinander und wandte sich ab
    Aber sie schmiegte sich fester an ihn »Lasse deine Grete da Papa Schicke
sie nicht fort« bat sie weich und innig »Der Gram ist ein schlimmer Kamerad
und mit dem lasse ich dich nicht allein Papa ich werde zwanzig Jahre alt 
gelt schon ein recht altes Mädchen  und habe mich ganz gehörig draußen in der
Welt umhergetummelt Ich habe viel gehört und gesehen für alles Schöne und
Große die Augen redlich aufgetan und mir manche Lehre brav hinters Ohr
geschrieben wie Tante Sophie sagt Und die Welt ist so wunderschön «
    »Kind lebe ich denn nicht auch in der Welt«  Er deutete nach dem
anstoßenden Salon
    »Ob aber auch unter Menschen die dir wirklich und wahrhaftig aus deiner
Seelenfinsternis emporhelfen könnten«
    Er lachte hart auf »Das freilich nicht Die wohl zu allerletzt Aber man
kann sich auch mit verschlossener Seele hie und da zerstreuen Freilich der
Katzenjammer kommt nachher mit doppeltem Elend und stürzt die arme Seele um so
tiefer in ihren grausamen Zwiespalt zurück«
    »Nun so würde ich mich dem nicht aussetzen Papa« sagte sie und sah mit
ernstem Blick zu ihm auf
    Ein spöttischer Zug ging durch sein dunkles Gesicht während er ihr mit der
Hand über das Haar strich »Meine kleine Weise du sprichst wie dus verstehst
 wenn das so leicht wäre  Du bist durch Katakomben und Pyramiden gekrochen
und hast in Troja und Olympia an der Hand des Onkels dem Leben und Sein der
alten Welt nachgespürt aber vom modernen Leben weißt du blutwenig Mit dem
eigenen Selbstgefühl wird jetzt keiner fertig der etwas gelten will dazu
gehört auch etwas Sonnenschein der aus den höchsten Kreisen kommt« Er zuckte
die Achseln
    »Das ist mir freilich unverständlich« sagte sie und das Blut stieg ihr in
das Gesicht »Aber ich weiß doch mehr vom modernen Leben als du denkst Papa
Der Onkel in Berlin duldet nichts Zweifelhaftes im Dunkeln Kriechendes in
seinem Hause da kommen nur helle Köpfe zusammen und es wird frisch und frei
vom Herzen weg gesprochen Sieh und da sagte kürzlich einer Ach ja sie nennen
es den Klassenhass schüren wenn wir uns unserer Haut wehren und gegen die
drohende Niederdrückung kämpfen Meine Seele ist rein von Hass  mögen jene doch
steigen so hoch sie wollen ich sehe neidlos zu sie müssen sich nur nicht
dabei auf unsere Leiber stellen wollen Aber das ists eben mit ihrem Steigen
wachsen ihnen Kraft und Lust uns niederzutreten Allein selbst darum hasse ich
nicht ich trage der Vergangenheit Rechnung Die Abneigung dem Bürgertum
Vorschub zu leisten oder vielmehr das Streben es nicht stark werden zu lassen
liegt ihnen traditionsgemäss im Blute Dagegen fühle ich Grimm unbezwinglichen
Grimm gegen die feilen Fahnenflüchtigen aus unseren Reihen die liebedienerisch
und um des persönlichen Vorteils willen das eigene Fleisch und Blut bekämpfen
und um so fanatischer wüten als sie sich sagen müssen dass sie der
Ehrlichgebliebene verachtet So sagte Doktor «
    »Auch nur einer dem die Trauben zu sauer sind« fiel der Kommerzienrat mit
lächelndem Hohn ein »eine Motte die sich die Flügel nicht verbrennen konnte
einfach weil sie dem Licht noch nicht nahe kommen durfte Der schwenkt auch
noch einmal meine liebe Grete Wir sind eben Kinder unserer Zeit und keine
Spartaner Und wenn es zehnmal nicht mit rechten Dingen zugegangen ist und
wenn die Speichelleckerei in gröbster abstossendster Weise zu Tage liegt die
Welt bewundert trotz alledem das dekorierte Knopfloch und nennt den Liebediener
ehrfurchtsvoll bei dem neuen Titel den er sich erschlichen hat Zu jenen
Servilen gehöre ich nun allerdings nicht  ich will nichts haben und zu
schwenken brauchte ich auch nie denn ich habe niemals den Beruf in mir gefühlt
mich wie ein Gladiator dem Herkömmlichen entgegenzustellen und mit
volksbeglückenden Tiraden mich lächerlich zu machen Das ist Verstandessache
die unbezwingliche Scheu aber das unwillkürliche Beugen vor dem was man in
jenen hohen Regionen sagt und urteilt liegt mir im Blute Es ist stärker als
ich  ich kann nicht dafür ich kann nicht darüber hinaus mit dem besten
Willen mit aller Kraft nicht«
    Er ließ das junge Mädchen plötzlich allein stehen in dem Fensterbogen und
schritt in fast wildem Tempo auf und ab »Ja wer plötzlich alles 
Charakteranlage und Erziehungsresultate  abschütteln und wie auf einsamer
Insel ungesehen sich so zeigen dürfte wie es ihm in tiefster Seele aussieht
wie er fühlt und leidet ja der«  er brach mit einer leidenschaftlichen
Gebärde ab
    Die Energie und Bestimmtheit dieses Mädchens hatte ihn offenbar für einen
Moment vergessen lassen dass es seine junge Tochter war vor deren Ohr sein
Schmerz laut wurde
    »Geh jetzt hinunter mein Kind« sagte er sich bezwingend »Du wirst müde
und hungrig sein  ich fürchte es hat dir noch niemand etwas angeboten Nun
von dem Abhub der Tafel sollst du auch nichts essen Tante Sophie wird dir schon
drunten einen gemütlichen Teetisch herrichten und bei ihr bist du ja auch am
liebsten Hast auch recht Gretel  das ist Gold lauteres Gold und ich lasse
mich nicht irre machen so oft man auch versucht es zu verdächtigen Was für
eine heiße Hand du hast Kind Und wie dir dein sonst so blasses Gesichtchen
glüht Ja siehst du kleine tapfere Bürgerin die Politik «
    »Die Politik Ach Papa ich bin ja nur ein Mädchen ein kleines dummes 
was geht mich die Politik an Ich erzähle ja nur nach« Sie lächelte schelmisch
»Du wirst doch um Gottes willen nicht denken dass die Grete den Männern ins
Handwerk pfuschen will Gott soll mich behüten Aber ich meine« fuhr sie ernst
fort »hier handle es sich ja nur um allgemein Menschliches um Recht und
Unrecht um moralische Kraft und Feigheit um wahren Stolz und Niedertracht
Und wäre deine Schilderung wirklich die Signatur unserer Zeit und bliebe
massgebend für immer ei da möchte man doch lieber gleich eine Mumie von Memphis
oder Teben sein und vor Jahrtausenden gelebt haben Aber das ist nicht wahr«
Sie schüttelte energisch den Kopf »Wir leben trotz alledem in einer großen
Zeit wenn wir auch inmitten einer gewaltigen Brandung ringen müssen sagt Onkel
Theobald immer Das Gute und Echte wird schon obenauf kommen und die
widerlichen Blasen die der Kampf jetzt auf die Oberfläche treibt werden nicht
ewig glitzern und die Schwachen blenden Und du solltest nicht zeigen wie du
fühlst Aus Menschenfurcht dich verschließen Du ein unabhängiger Mann
solltest nicht nach deiner Façon ruhig und zufrieden werden dürfen Was helfen
dir Gnaden und Gunstbeweise von außen wenn du innerlich darbst und entbehrst
«
    Er zog sie plötzlich unter die Hängelampe bog ihren Kopf zurück und sah ihr
mit düsterdrohendem Blick tief in die Augen die offen und furchtlos zu ihm
aufblickten »Ist das Hellseherei oder schleicht man mir nach  Nein meine
Gretel ist ehrlich und wahrhaftig geblieben Da gibts kein Falsch« Und er
schlang seinen Arm wieder um ihre Gestalt »Mein braves Mädchen Ich glaube du
wärst die einzige Tapfere in der Familie die zu mir hielte wenn mich die Welt
in Bann und Acht erklärte «
    »Natürlich Papa dann erst recht«
    »Würdest mir helfen eine unselige Schwäche zu überwinden«
    »Ganz selbstverständlich mit aller meiner Kraft Papa Probiere es nur mit
mir Ich habe Kourage für zwei Hier meine Hand zu Schutz und Trutz« Ein
schönes Lächeln halb schalkhaft halb ernst flog um ihre Lippen
    Er küsste sie auf die Stirn und wenige Augenblicke nachher trat sie wieder
in den Salon
    Tante Sophie war nicht mehr da Sie war mit ihrem Silberkorb
hinuntergegangen und machte jedenfalls schleunigst den Teetisch zurecht Der
Bediente löschte eben den Kronleuchter aus und Reinhold nahm das Konfekt Stück
um Stück von den Kristallschalen und legte es pünktlich sortiert »zum
Wegschliessen« in verschiedene Glasbehälter Die Frau Amtsrätin aber saß
behaglich zwischen Plüschpolstern hinter einem Sofatisch  weil es oben durch
fortgesetztes Lüften schauerlich kühl hier unten aber noch so köstlich warm und
mollig sei wie sie sagte  und legte ihre allabendliche Patience Grossmama
und Bruder hatten somit nicht viel Zeit für die Heimgekehrte und das
»Gutenacht« beider klang recht zerstreut und obenhin
    Das junge Mädchen vermisste nichts gar nichts  Sie war froh so leichten
Kaufs für heute davon zu kommen  hier oben war sie fertig Nur als sie
draußen durch den dämmerigen Flursaal schritt da stand einer im Fenster und sah
anscheinend in den Hof hinunter  der Herr Landrat  An ihn hatte sie auch
nicht mehr gedacht Kopf und Herz waren ihr übervoll von der rätselhaften Art
und Weise wie sie ihren Vater eben gesehen Für ihr klares entschiedenes
Denken und Fühlen war ein solch düster geheimnisvoller Seelenzwiespalt etwas
ganz Verwunderliches solch eine Männerseele in ihrem Widerstreit mochte wohl
schwer zu verstehen sein Ob den dort den kühlgewordenen in Amt und Würden
stehenden Mann nun doch auch vielleicht für einen Moment die Erinnerung packte
und ihn hinübersehen ließ nach dem Gange wo einst das Goldhaar der schönen
Blanka durch die grünen Blätter und Ranken geleuchtet
    »Gute Nacht Margarete« sagte er in diesem Augenblick in einem anderen
Tone als die beiden Beschäftigten im Salon
    »Gute Nacht Onkel«
 
                                       10
Die »Hofstube« hatte von jeher etwas Verlockendes für Margarete gehabt Sie lag
im Erdgeschoss des spukhaften Flügels und stieß dicht an die ehemalige
Schlafstube der Kinder Ein gleicher halbdunkler Gang wie der unheimliche
droben lief hinter den Zimmern weg und trennte auch um die Ecke laufend die
Küche von der Wohnstube  Die beiden Etagen standen in keiner Verbindung  es
war »zum Glück« keine Treppe da man brauchte deshalb keine Angst zu haben dass
es der weißen Frau oder dem Spinnwebenrock auch einmal einfallen könnte
herunter zu huschen wie Bärbe immer sagte  Die Zimmerreihe der unteren Etage
wurde in ihrer Mitte durch eine Türe unterbrochen die nach dem Hofe ging eine
mächtige schwere Türe mit massivem Klopfer und zu beiden Seiten flankiert von
Steinfiguren im Hochrelief Breite Stufen führten von ihr nieder auf den
Kiesweg der den Rasen durchschnitt und direkt nach dem Brunnen lief
    In der Hofstube standen lauter Möbel aus der Rokokozeit die Tante Sophie
gehörten Sie waren spiegelblank poliert die Metallbeschläge blitzten und
altes ererbtes vielfach gekittetes Meissener Porzellan stand auf den
geschweiften Platten der Kommoden und auf dem Schreibtisch mit seinem hohen
Aufsatz voll zahlloser kleiner Schiebekasten Die Stube war sozusagen Tante
Sophiens Schmuckkästchen ihre »gute« Stube urgemütlich und peinlich sauber
wie es nur immer bei einer lustigen lebensfrohen alten Jungfer sein kann Nun
waren auch noch alle die umherstehenden feingemalten Schalen und Vasen selbst
die Potpourris mit mächtigen Blumensträussen aus dem kleinen Garten vor dem Tore
gefüllt  die bunten Rabatten mussten der Heimkehrenden zu Ehren völlig abrasiert
worden sein  und auf den weißen Dielen die nie ein Firnisanstrich
»verunreinigt« lag ein neuer warmer Teppich den Tante Sophie aus eigenen
Mitteln beschafft hatte
    Und da war ihr der endlich heimgekehrte Liebling gleich beim Eintreten als
der Lampenschein sich über alle die geliebten wohlbekannten Familienreliquien
der alten Jungfer ergossen um den Hals gefallen und hatte sie fast erdrückt
Das Bett hatte auch richtig auf dem alten Platze gestanden und Tante Sophie
hatte noch lange daneben gesessen und erzählt  lauter Liebes und Lustiges
nicht ein Misston durfte in das neue Zusammensein fallen Und jede der Pausen
welche die heitere humordurchdrängte Stimme gemacht hatte das alte eintönige
Brunnenlied der strömenden plätschernden Wasser vom Hofe her ausgefüllt
dazwischen hinein war auch ein paarmal das scharfe Kreischen der
Packhaustorflügel gefahren und dann hatte die ehemalige wilde Hummel die nun
weit weit die Welt durchflogen und Kopf und Herz beutebeladen heimgebracht mit
einem so süß und lieblich schlafenden Kindergesicht in den Kissen gelegen als
habe sie sich nur bis nach Dambach und wieder heim müde gelaufen
    Ja das geliebte Dambach Nun ging das Hin und Herwandern wieder an Der
Großpapa war ja nicht beim Diner gewesen  er hatte sich »wie immer aus guten
Gründen um den auserlesenen Kreis herumgedrückt« wie die Frau Amtsrätin sehr
pikiert bemerkte  Da hieß es am anderen Morgen sich flink auf die Füße machen
und durch die tautriefenden Stoppelfelder hinauswandern obgleich der Papa
versicherte dass der alte Herr nachmittags hereinkommen und mit ihm auf die
Hühnerjagd gehen wolle
    Und das Wiedersehen draußen war noch viel schöner gewesen als sich das
junge Mädchen in Berlin ausgemalt hatte Ja sie war sein Liebling geblieben
Der prächtige Greis knorrig von Gestalt und rau von Wesen er war ganz mild
und weich geworden er hätte sie am liebsten wie ein Püppchen auf seinen breiten
Handteller gesetzt um sie den herzulaufenden Fabrikleuten zu zeigen  Sie war
über Mittag geblieben und die Frau Faktorin hatte ihre allerschönsten
Eierkuchen backen müssen aber auf ihren noch berühmteren Kaffee wurde nicht
gewartet  pünktlich auf die Minute warf der passionierte alte Jäger Flinte und
Büchsenranzen über dann ging es auf der Chaussee im scharfen Marsch vorwärts
    Drüben zur Seite lag der Prinzenhof Luft und Beleuchtung waren so klar und
scharf dass man die Blumengruppen auf dem Rasenparterre bunt herüberleuchten
sah Allerdings hübsch genug war das Schlösschen geworden Früher hatte es wie
ein verschlafenes Dornröschen zu Füßen des Berges gelegen  halb unter dem
schützenden Bettimmel des bergaufkletternden Waldes den heute schon die gelben
und roten Flammen des Herbstes betupften  ohne Glanz und Farben und wenig
beachtet Jetzt hatte es sich gereckt und gestreckt und die Augen aufgeschlagen
zwischen den dunklen Nussbäumen glitzerte und flimmerte es als sei eine Handvoll
Diamanten dort verstreut worden  die alten vermorschten und nie geöffneten
Jalousieen waren verschwunden und neue ungebrochene Spiegelscheiben füllten
die mächtigen steinernen Fensterrahmen
    »Ja gelt Gretel wir sind vornehm geworden hier draußen« fragte der
Großpapa Er zeigte mit ausgestrecktem Arm hinüber Wie ein Recke schritt er
dahin der Siebziger Unter seinen Tritten krachte das Chausseegeröll und sein
mächtiger weißer Schnauzbart leuchtete wie Silber in dem braunen kühnen
Gesicht das die breite einst auf der Mensur geholte Schmarre quer über der
Wange von der einen Seite fast furchtgebietend machte »Ja vornehm und
fremdländisch« bekräftigte er weiterstapfend »wenngleich die Frau Mama eine
urdeutsche Pommersche ist und die Tochter auch von väterlicher Seite her nichts
von John Bull oder den Parlezvous français in den Adern hat  macht nichts 
es wird doch auf englische Art gekocht und gegessen und französisch parliert
nach Noten Ja die alten Nussbäume werden wohl gucken und sich in ihr Herz
hinein schämen dass sie in ihren alten Tagen wie dumme Bauernjungen dastehen und
in ihrer Jugend nicht lieber Platanen oder sonst was Vornehmes geworden sind«
    Margarete lachte
    »Ja da lachst du und dein Großvater lacht auch  Ich lache über den
Staub den zwei Weiberröcke da herum«  er beschrieb mit ausgestrecktem Arm
einen weiten Bogen über die Gegend hin  »aufwirbeln  die reine Affenkomödie
sag ich dir  Warst du schon im Prinzenhof heißts da und bist du schon
vorgestellt dort Und der eine grüßt kaum wenn man nicht wie er beim großen
Diner gewesen ist und ein anderer stiert einem ganz perplex wie einem
notorisch Verrückten ins Gesicht wenn man sagt dass man sich bedankt hat und
lieber in seinen vier Pfählen geblieben ist Ja guck Gretel der Mensch
lernt nicht aus Hab da gemeint ich lebe mitten unter lauter Hauptkerlen vom
türingischen Schlag von echtem Schrot und Korn und da quetschen sich jetzt
die alten Knasterbärte in den Frack schütten sich Eau de lavande oder anderes
Riechzeug«  er unterdrückte nur halb ein energisches Pfui Teufel  »auf ihre
Schnupftücher und schlucken zimperlich eine Tasse Tee mit Butterbemmchen da
drüben  sie mögen schön dran würgen die ausgepichten Burgunderschläuche die«
    Margarete sah ihn von der Seite an von der betonten Lachlust vermochte sie
keine Spur zu finden wohl aber sprühte ihm der helle ehrliche Manneszorn unter
den weissbuschigen gerunzelten Brauen hervor Sie hing sich schleunigst an
seinen Arm hob den rechten Fuß und versuchte in seine weiten militärisch
strammen Schritte einzulenken
    Er schmunzelte und schielte seitwärts auf sie herunter Die winzige Spitze
ihres eleganten Stiefelchens sah gar zu lächerlich aus neben dem ungeheuren
Jagdstiefel »Was für ein armes Spazierstöckchen Und das will sich auch noch
mausig machen« höhnte er »Geh gibs auf Gretel Da lebt die Junge dort«  er
zeigte nach dem Prinzenhofe zurück  »auf einem andern Fuße Sapperlot da muss
man Respekt haben Freilich ihr beide könntet in der Wiege umgetauscht sein 
solch ein polizeiwidrig kleines Pedal kommt dir nicht zu und bei einer
Blaublütigen ist ein großer Fuß allemal nur ein unbegreifliches boshaftes
Naturspiel  Aber schön ist sie sonst die junge Gnädige  alles was wahr
ist Weiß und rot wie Milch und Blut blond  du braunes Maikäferchen musst dich
daneben verkriechen  groß«  er hob die Hand fast bis zu seiner Kopfeshöhe 
»schwer und feist echt pommersche Rasse und gesetzt und pomadig Solch ein
Windspiel wie eben eines neben mir hertrippelt kommt da nicht auf«
    »Ach Großpapa das Windspiel freut sich seines Lebens so wie es ist 
darüber lasse du dir ja kein graues Haar wachsen« lachte das junge Mädchen
»Übrigens haben die armen Spazierstöckchen schon ganz Respektables geleistet
und es fragt sich noch sehr ob dein großer Siebenmeilenstiefel da mit mir
Leichtfuss auf den Schweizerbergen konkurrieren könnte Frage nur den Onkel
Theobald in Berlin«
    Damit lenkte sie glücklich auf ein anderes Thema über Der alte Mann war
tief ergrimmt und gereizt er übergoss die zukünftige Schwiegertochter mit der
ganzen scharfen Lauge seines Spottes Seine Beziehungen zu der Grossmama mochten
deshalb augenblicklich noch weit weniger friedfertig sein als gewöhnlich Und er
hatte sicher wieder einmal recht sein scharfer Blick trog selten aber die
Enkelin konnte und durfte doch nicht Öl ins Feuer gießen und so erzählte sie
in anschaulicher Weise von dem Hospiz auf dem Sankt Bernhard wo sie mit Onkel
und Tante während eines furchtbaren Schneesturmes übernachtet von allerhand
Erlebnissen in Italien und so weiter und der alte Herr hörte ganz hingenommen
zu bis der Packhaustorflügel hinter ihnen zufiel und das abgefallene
Lindenlaub im Hofe unter ihren Füßen knisternd umherstob
    Sie betraten eben die Flur des Vorderhauses als ein winzig kleiner Hund
ein Affenpinscher durch einen schmalen Spalt des Haustores vom Markt
hereinschlüpfte Er kläffte die Eintretenden mit hoher scharfer Stimme an
    Margarete kannte das kleine Tier Vor Jahren war Herr Lenz einmal von einer
Reise zurückgekommen und hatte es mitgebracht Und es hatte ausgesehen als sei
es das Schosshündchen einer Prinzessin gewesen Blauseidene Bandschleifen hatten
aus seinem zottigen Fell geleuchtet und an kalten Tagen war es in einer
schöngestickten Purpurschabracke auf dem Gange herumgelaufen Trotz aller
Lockungen war es aber nie in den Hof zu den Kindern herabgekommen die
Malersleute hüteten es wie ein Kind
    Nun kam es da hereingelaufen und gleich darauf wurde der Torflügel weiter
aufgestoßen und ein Knabe sprang ihm nach Fast in demselben Moment klirrte
aber auch das in die Hausflur mündende Fenster des Kontors und Reinholds Kopf
fuhr heraus
    »Du infamer Bengel habe ich dir nicht verboten hier durchzugehen« schrie
er den Knaben an »Ist etwa der Torweg im Packhause nicht breit genug für dich
 Das ist das Herrschaftshaus und da hast du absolut nichts zu suchen so
wenig wie deine Leute Habe ich dir das nicht schon gesagt Verstehst du denn
nicht deutsch einfältiger Junge«
    »Was kann ich denn dafür wenn Philine mir ausreisst und hier hereinläuft
Ich wollte sie fangen aber es ging nicht gut weil ich den Korb am Arme habe«
entschuldigte sich der Kleine mit einem etwas fremdartigen Accent »Und deutsch
kann ich sehr gut ich verstehe alles was Sie sagen« setzte er gekränkt aber
auch trotzig hinzu Er war ein bildschönes Kind ein wahrer kleiner Apollokopf
umringelt von kurzgeschnittenen braunen Locken und strahlend in Frische und
Gesundheit saß fest und hochgetragen auf dem kräftigen Nacken Aber all diese
Lieblichkeit schien nicht vorhanden für den bleichsüchtigen jungen Menschen mit
dem tödlich kalten Blick und der keifenden Stimme der am Kontorfenster stand
    Und nun ließ sich die entwischte Philine auch noch einfallen die nach der
Wohnstube führenden Stufen hinaufzuspringen als sei sie da zu Hause
    Reinhold stampfte mit dem Fuße auf während der Knabe ängstlich der
kläffenden Missetäterin um einige Schritte nachlief
    »Nun mache dich nur schleunigst aus dem Staube Junge« scholl es erbittert
aus dem Fenster »oder ich komme hinaus und schlage dich und deinen Köter
windelweich«
    »Na na das wollen wir erst mal sehen Verehrtester Da sind auch noch
andere Leute da die das zu verhindern wissen« sagte der alte Amtsrat und stand
mit zwei Schritten vor dem Fenster
    Reinhold duckte sich unwillkürlich vor der plötzlichen gewaltigen
Erscheinung des Großvaters
    »Bist mir ja ein schöner Kerl« höhnte der alte Herr  Ärger und Sarkasmus
stritten in seiner Stimme »Keifst wie ein Waschweib und machst dich mausig in
deines Vaters Hause als hättest du den Hauptsitz in der Schreibstube Geh lass
dir erst die Federn wachsen und den Schnabel putzen  Warum soll denn das
Bürschchen da nicht durchgehen he Meinst vielleicht er tritt euch von dem
kostbaren Steinpflaster da was herunter«
    »Ich  ich kann das Kläffen nicht vertragen es greift mir die Nerven an «
    »Hör mir auf mit deinen Nerven Junge Mir wird ganz übel bei dem Gewinsel
Schämst du dich denn nicht zu tun als hätten sie dich im Altweiberspittel
erzogen Meine Nerven« ahmte er ihm zornig nach »I da soll doch « er
verschluckte den Rest des Donnerwetters zerrte an seinem Flintenriemen und
drückte sich den Hut mit der Spielhahnfeder fester in die Stirn
    Inzwischen war auch Margarete nähergetreten »Aber Reinhold« sagte sie
vorwurfsvoll »was hat dir denn der Kleine getan«
    »Der Mir« unterbrach er sie höhnisch  die Kourage war ihm zurückgekehrt
»Na wirklich das hätte noch gefehlt dass uns die Leute aus dem Hinterhause
auch noch direkt zu Leibe gingen  Sei du nur erst ein paar Wochen hier
Grete da wird es dir gerade so gehen wie mir da wirst du dich umgucken
Jungfer Weisheit Wenn wir die Augen nicht offen halten da wird bald kein
Fleckchen mehr im Hause sein wo der Bursche dort«  er zeigte nach dem Knaben
der eben seinen Handkorb auf den Boden setzte um den widerspenstigen Hund
besser greifen zu können  »nicht Fuß fasst  Der Papa ist ganz unbegreiflich
indolent und nachsichtig geworden Er leidets dass der Junge in unserem Hofe
herumtollt und sich mit seinen Schreibeheften unter den Linden breitmacht  auf
unserem Lieblingsplatz Grete wo wir seine eigenen Kinder unsere
Schularbeiten gemacht haben Und vor ein paar Tagen habe ich mit eigenen Augen
gesehen wie er ihm im Vorübergehen ein neues Buch auf den Tisch gelegt hat «
    »Neidhammel« brummte der Amtsrat unwillig
    »Denke was du willst Großpapa« platzte der sichtlich Erbitterte heraus
»Aber ich bin sparsam wie alle früheren Vertreter unserer Firma und über
hinausgeworfenes Geld kann ich mich wütend ärgern Man schenkt nicht auch noch
Leuten die einem ohnehin auf der Tasche liegen Jetzt wo mir die Bücher
vorliegen jetzt weiß ich dass der alte Lenz nie auch nur einen Pfennig Mietzins
für das Packhaus gezahlt hat dabei ist er ein so langsamer Arbeiter dass er
kaum das Salz verdient Er müsste notwendig per Stück bezahlt werden aber da
gibt ihm der Papa jahraus jahrein seine dreihundert Taler ganz einerlei ob er
auch nur einen Teller einliefert oder nicht und das Geschäft hat den bittersten
Schaden Ich sollte nur einen einzigen Tag die Macht haben da sollte aber
Ordnung werden da würde aufgeräumt mit dem alten Schlendrian «
    »Na dann ists ja ein wahres Glück dass solche Grünschnäbel kuschen müssen
bis «
    »Ja bis der Hauptsitz in der Schreibstube leer geworden ist« ergänzte der
Kommerzienrat der plötzlich dazwischen trat Wahrscheinlicherweise hatte er
Schwiegervater und Tochter über den Hof her kommen sehen und sich schleunigst
fertig gemacht um den pünktlichen alten Herrn drunten nicht warten zu lassen
Er war im Jagdanzug und mochte wohl im Herabkommen den größten Teil des
Wortwechsels am Kontorfenster mit angehört haben  es lag etwas Ungestümes in
seinem plötzlichen Hervortreten und Margarete sah wie ihm beim Sprechen die
Unterlippe nervös bebte Er streifte übrigens das Fenster mit keinem Blick er
zuckte nur die Achseln und sagte ganz obenhin in fast jovialem Tone »Leider
hat diesen Hauptsitz der Papa noch inne und da wird sich das sehr weise
Söhnlein das Aufräumen für vielleicht noch recht lange Zeit vergehen lassen
müssen«
    Damit reichte er begrüssend seinem Schwiegervater die Hand hin
    Das Fenster wurde geräuschlos zugedrückt und gleich darauf hing der dunkle
Wollvorhang so bewegungslos dahinter als sei auch nicht der Schatten eines
Menschen daran hingestrichen Der junge Heisssporn mochte sich in Nummer Sicher
hinter seinen Schreibtisch zurückgezogen haben
    Unterdessen war es dem Knaben gelungen die eigenwillige Philine
einzufangen Tante Sophie die eben mit einem Porzellankörbchen voll Gebäck aus
der Wohnstube kam hatte ihm geholfen indem sie sich breit über den Weg
gestellt Nun klapperten seine kleinen Absätze die Stufen herab auf einem Arme
hatte er den Hund und an den anderen hängte er wieder seinen Korb  sein
Gesichtchen sah ganz alteriert aus
    »Hast du geweint mein Kleiner« fragte der Kommerzienrat und bog sich zu
ihm nieder Margarete meinte sie habe noch nie diese Stimme so weich und innig
gehört wie bei der teilnehmenden Frage die dem sonst so kalt seinen Weg
gehenden vornehm zurückhaltenden Mann gleichsam entschlüpfte
    »Ich  was denken Sie denn« entgegnete der Kleine ganz beleidigt »Ein
richtiger Junge heult doch nicht«
    »Bravo Recht so mein Junge« lachte der Amtsrat überrascht auf »Du bist
ja ein Prachtkerl«
    Der Kommerzienrat ergriff den Hund der alle Anstrengungen machte sich zu
befreien und stellte ihn auf die Beine »Er wird dir schon nachlaufen wenn du
über den Hof gehst« sagte er beruhigend zu dem Kinde »Aber an deiner Stelle
würde ich mich doch schämen mit dem Korbe über die Straße zu gehen«  er sah
finster auf das Anhängsel an dem kleinen Arme als ärgere er sich die ideale
Gestalt dadurch entstellt zu sehen  »für einen Gymnasiasten passt das nicht 
deine Kameraden werden dich auslachen«
    »O  das sollen sie nur probieren« Er wurde ganz rot im Gesicht und hob den
schönen Kopf keck und energisch wie ein Kampfhähnchen »Ich werde doch für meine
Grossmama Semmeln holen dürfen Unsere Aufwartfrau ist krank und die Grossmama hat
einen schlimmen Fuß und wenn ich nicht gehe da hat sie nichts zu ihrem Kaffee
und da frage ich nicht viel nach den dummen Jungen«
    »Das ist hübsch von dir Max« sagte Tante Sophie Sie nahm eine Handvoll
Mandelgebäck aus ihrem Körbchen und reichte es ihm hin
    Er sah freundlich zu ihr auf aber er griff nicht zu »Ich danke ich danke
sehr Fräulein« sagte er und fuhr sich selbst verlegen über seine Abweisung
mit der Hand in die Locken »Aber wissen Sie Süßes esse ich niemals  das ist
nur für Mädchen«
    Der Amtsrat brach in ein lautes Gelächter aus sein ganzes Gesicht strahlte
und plötzlich hob er das Kind samt seinem Korb hoch vom Boden auf und küsste es
herzhaft auf die blühende Wange »Ja der ist freilich aus einem anderen Holze
Sackerlot das wär einer nach meinem Sinn« rief er indem er den Knaben wieder
aus seinen gewaltigen kraftvollen Händen entließ »Wie kommt denn das kleine
Weltwunder in die Rumpelkammer in das alte Packhaus«
    »s ist ein kleiner Franzose« sagte Tante Sophie »Gelt in Paris bist du
eigentlich zu Hause« fragte sie den Kleinen
    »Ja Aber die Mama ist gestorben und «
    »Sieh doch  deine Philine ist schon wieder echappiert« rief der
Kommerzienrat »Lauf ihr nach Sie ist imstande und rennt bis hinauf zu der
alten Dame die oben wohnt«
    Der Kleine sprang die Stufen hinauf
    »Ja seine Eltern sollen beide gestorben sein« sagte Tante Sophie halblaut
zu dem alten Herrn
    »Das ist ja aber gar nicht wahr« protestierte der Knabe von der Treppe
herab »Mein Papa ist nicht tot nur weit fort sagte die Mama immer  ich
glaube weit über dem Meer drüben«
    »Und sehnst du dich denn nicht nach ihm« fragte Margarete
    »Ich habe ihn ja noch niemals gesehen den Papa« antwortete er halb
trocken halb im Ton naiver Verwunderung darüber dass er sich nach etwas sehnen
sollte wovon er keine Vorstellung hatte
    »Das ist ja eine närrische Geschichte Den Teufel auch  Hm« brummte der
Amtsrat fast betreten und schlenkerte die Finger der rechten Hand als habe er
sich an etwas verbrannt »Da ist er ja wohl gar von einer Lenzschen Tochter«
    »Kann ich nicht sagen  soviel ich weiß ist nur eine da« versetzte Tante
Sophie »Wie hat denn deine Mutter geheißen Jüngelchen«
    »Mama und Apolline hat sie geheißen« antwortete der Knabe kurz Er war des
Ausfragens sichtlich müde und strebte an den Umstehenden vorüberzukommen
Philine hatte sich endlich bequemt den richtigen Ausgang zu suchen und war
bellend in den Hof hinausgelaufen
    »Nun springe aber Kleiner« sagte der Kommerzienrat der währenddem
schweigend aber mit einer Ungeduld zwischen Hausund Hoftür hin und her
gegangen war als brenne ihm der Boden unter den Sohlen und er fürchte etwas
von seinem Jagdvergnügen einzubüssen »Pass auf deine Semmeln kommen zu spät 
der Kaffee wird längst getrunken sein«
    »Ach der ist ja noch gar nicht gekocht« lachte der Kleine »Ich muss doch
erst Späne vom Boden herunterholen und kleinmachen«
    »Mir scheint sie machen dich zum Aschenbuttel da drüben« sagte der
Kommerzienrat indem seine dunklen Augen aufblitzend das Packhaus suchten
    »Meinst du das schade dem Bürschchen« fragte sein Schwiegervater »Ich
habe auch als neunjährige kleine Krabbe Holz für die Küche kleingemacht und bin
in Feld und Stall zur Hand gewesen wie ein Hirtenjunge  bleibt das etwa an dem
Manne kleben  Was hat denn solch ein armer kleiner Schlucker für eine
Zukunft  Da ist etwas faul und nicht in der Ordnung so viel merk ich und ob
man je über das Meer wieder kommen und seine verfluchte Pflicht und Schuldigkeit
tun wird das fragt sich  mit dem Wortalten in solchen Dingen ist heutzutage
nicht viel los Na und der Alte dort«  er zeigte nach dem Packhause  »der
wird gerade auch nicht schwer an seinem Geldkasten zu schleppen haben da
heißts einmal für den Mosje da sich durchschlagen und alle Kraft aufwenden
dass im großen Weltgetriebe der Kopf oben bleibt «
    »Ich will ihn später ins Kontor nehmen« fiel der Kommerzienrat mit
seltsamer Hast ein er legte dabei seine Hand wie unwillkürlich schützend auf
den braunen Lockenkopf als gehe ihm der Gedanke dass dieses prächtige Kind im
Kampf ums Dasein untergehen könne ans Herz
    »Na das ist ein Wort Balduin das freut mich  Dann zieh dir aber auch
den da drin«  er neigte den Kopf nach dem Kontorfenster hinter welchem sich
eben wieder die Vorhangsfalten verräterisch bewegten  »erst besser sonst
gibts Mord und Totschlag«
    Er klopfte seiner Enkelin zärtlich die Wange und reichte Tante Sophie
abschiednehmend die Hand »Auf Wiedersehen Base Sophie«  er nannte sie stets
so  »ich werde diese Nacht wieder einmal in meiner Stadtkoje logieren  möchte
gern einen Abend mit Herbert und der Gretel zusammen sein Bitte es droben bei
der Gestrengen alleruntertänigst zu vermelden« setzte er mit einer ironisch
feierlichen Verbeugung hinzu und trat hinaus auf den Marktplatz
    Der Kommerzienrat blieb noch einen Moment wie angefesselt stehen Er sah
zurückgewendet wie seine Tochter dem fortstürmenden Knaben bis weit in den Hof
hinein nachflog ihm mit beiden Händen in das reiche Lockenhaar fuhr und den
lachenden kleinen Bengel küsste Das war ein liebliches Bild anziehend genug um
wohl einen jeden das Fortgehen vergessen zu machen
    »Na da hat sie ihn ja schon beim Schlafittchen« sagte Bärbe die am
Küchenfenster hantierte und schräg hinaus die Gruppe im Hofe auch sehen konnte
schmunzelnd zu der Hausmagd »Dachte mirs doch gleich dass unser braves Gretel
mit dem Reinhold und der im oberen Stocke nicht in ein Horn blasen würde Der
kleine Schlingel mit seinem schönen Krauskopfe tuts ja einem jeden an der ein
Herz und keinen Stein in der Brust hat Da läuft er hin und will sich
ausschütten vor Lachen über den Spaß dass ihn das schöne Mädchen bei den Haaren
erwischt hat s ist doch was Schönes um die liebe Jugend Das musst du doch
selbst sagen Jette  s ist gleich ein ganz anderes Leben wenn so ein junges
Blut unter uns alte Husaren kommt Das frischt auf«
    Und sie tat ein paar kräftige Züge aus dem geliebten Kaffeetopfe und
wischte sich den Schweiß von der Stirn Es war heiß in der Küche Die mächtige
Bratund Backmaschine glühte und liebliche Kuchendüfte schwebten in die
sonnendurchfunkelte Herbstluft hinaus  es wurde gebacken als solle eine ganze
Kompagnie heisshungriger Soldaten vom Manöver einrücken war aber alles nur der
einzigen heimgekehrten Tochter des Hauses zu Ehren
 
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»Aber wahr ists Gretel  bist doch noch genau derselbige Kindskopf wie
dazumal wo du mir auf Tritt und Schritt nachgelaufen bist beide Hände an
meinen Rockfalten ganz einerlei obs auf den Boden oder in den Keller ging«
sagte Tante Sophie halb lachend halb ärgerlich in einer der späteren
Nachmittagstunden des anderen Tages Sie stand im roten Salon der BelEtage und
der Hausknecht reichte ihr die Bilder von den Wänden herab Alle nach dem
Flursaal mündenden Türen der Zimmerreihe standen offen das Tageslicht fiel
durch lauter vorhangentblösste Fenster und aufgescheuchte Staubwölkchen flirrten
und tanzten lustig in den Flursaal hinaus Neue Tapeten neue Gardinen
Portieren und Teppiche sollten für die voraussichtlich glänzende
gesellschaftlich belebte Wintersaison in die Zimmer kommen  das gab auf Wochen
hinaus einen fürchterlichen Rumor
    »Hier oben ists nichts für dich Gretel Trotzkopf« wiederholte die Tante
nachdrücklicher und winkte abwehrend dem jungen Mädchen das lachend nun erst
recht auf der Schwelle Posto fasste »Es zieht und stäubt  ganz unverschämt
stäubts sag ich dir Möchte nur wissen wo er immer wieder herkommt der
verflixte graue Puder Da rennt man das ganze Jahr durch mit Wischtuch und
Staubwedel hier oben herum als wenns extra bezahlt würde  und nun solche
Wolken Die Alten da oben«  sie zeigte auf verschiedene noch hängende Oelbilder
längst vermoderter Geschlechter  »müssen sie geradezu aus ihren Perücken und
Haarbeuteln schütteln Und dein Pudelkopf wird davon gerade auch nicht schöner
werden Gretel«
    »Schadet nichts Tante Ich bleibe da und ehe du dich versiehst hast du
auch meine beiden Hände wieder an deinen Rockfalten Es ist eine gar verwirrte
Zeit in der wir leben der moderne Turmbau zu Babel  nur umgekehrt  wir bauen
nach unten in die stockdunkle Nacht hinein Man weiß kaum noch was recht was
schlecht was krumm oder gerade erlaubt oder verpönt ist einen solchen
Mischmasch der Begriffe haben die famosen Baubeflissenen nach unten
zustandegebracht Und da muss ein junges Ding wie ich froh sein wenn es sich an
einen richtigen Steuermann festklammern kann  und der bist du Tante«
    »Geh weg Ich dächte doch gerade du hättest dein Köpfchen für dich und
ließest dir nicht so leicht ein X für ein U vormachen Da hilf mir  wenn du
denn durchaus nicht fortzubringen bist  nimm sie am anderen Ende ich kann sie
nicht allein schleppen die schöne Dore«
    Und Margarete ergriff das eben von der Wand gehobene Bild und half es über
den Flursaal hinweg in den spukhaften Gang tragen dessen Türe heute weit
zurückgeschlagen war Dort lehnte schon eine ganze Reihe abgenommener Bilder an
den Wänden da standen sie geschützt kein vorübergehender Fuß berührte sie und
nicht ein zudringlicher Sonnenstrahl schädigte ihre Farben
    Sie war in der Tat schwer die Frau mit den Karfunkelsteinen Sie stand in
einem geschnitzten reichvergoldeten wenn auch nahezu erblindeten Rahmen der
eine von breitem Band umwundene Rosen und Myrtenguirlande bildete Die Frau
hielt ja auch ein paar Myrtenzweiglein lässig zwischen den schlanken Fingern 
so war sie jedenfalls als Braut gemalt Das Bild war ein Kniestück das junge
Weib in smaragdfarbener mit Silberblumen durchwirkter Brokatrobe darstellend 
aber was für ein Weib war das
    Margarete hatte oft in kindlicher Neugier zu dem Bilde aufgeblickt aber was
hatte sie damals von der Beseelung einer Gestalt von der Darstellungskraft des
Pinsels verstanden  Es war ihr immer nur aufgefallen dass die hohe Frisur die
bei all den anderen Lamprechtschen Hausfrauen und Töchtern schneeweisser Puder
bestäubte ihre tiefe Schwärze behauptet hatte Jetzt kniete das junge Mädchen
auf den Dielen vor dem Bilde und sagte sich angesichts dieser erstaunlichen
Haarfülle aus deren nachtdunklem Geschlinge die täuschend gemalten fünf
Rubinensterne förmlich glitzerten und von welchem einzelne gelöste Ringel
schlangenhaft weich auch über die zarte Brustwölbung hinabsanken dass diese Frau
sich kühn und energisch gegen die herrschende Mode und die Verunglimpfung ihres
stolzesten Schmuckes verwahrt habe Jetzt war es auch begreiflich dass ihr der
Volksmund das Wandern nach dem Tode angedichtet Ihre Zeitgenossen welche das
Feuer aus diesen mächtigen dunklen Augen in Wirklichkeit hatten sprühen sehen
und vor welchen die zarte bis in die graziös gebogenen Fingerspitzen hinein
beseelte Erscheinung leibhaftig gewandelt und geatmet sie hatten an ein
wirkliches Sterben und Erlöschen solchen Zaubers nicht glauben können
    Es war doch etwas Wunderbares um so ein urdeutsches altes Haus mit seinen
Traditionen die sich an das altfränkische Gerät knüpften und jeden Winkel
belebten Nur feierlicher aber geheimnisvoller gewiss nicht war ihr beim
Beschreiten der marmorbelegten Korridore alter venezianischer Paläste zumute
gewesen als jetzt im Vaterhause wo die Gangdielen unter ihren Tritten seufzten
und die Gestalten der alten Leinenhändler die Wand entlang mit gespenstigem
Leben aus dem Halbdunkel auftauchten in ihrer Reihe immer nur von einer der
stummen geschlossenen Türen unterbrochen hinter denen so manches Geheimnis
schlafen mochte
    Wohl hatte der Papa einst das hier seit vielen Jahren herrschende Schweigen
gestört und sich in den verrufenen Zimmern einquartiert um das abergläubische
Gesinde von seiner Gespensterfurcht zu kurieren war auch bei seiner
jedesmaligen Heimkehr die zu jener Zeit stets nur für wenige Wochen seine Reise
unterbrach mit Vorliebe in diesem seinem »Tuskulum« verblieben Aber schon nach
zwei Jahren hatte sich das geändert der Ausblick in den stillen Hof mochte ihm
doch auf die Dauer nicht behagt haben Nach einer fast halbjährigen Abwesenheit
hatte er eines Tages von der Schweiz aus angeordnet dass das ehemalige Boudoir
seiner verstorbenen Frau wieder für ihn hergerichtet werde Margarete erinnerte
sich noch dass damals zu ihrer Betrübnis die rosenfarbene Polstereinrichtung
die Aquarellen und Rosenholzmöbel in ein anderes Zimmer geschafft und durch ein
dunkles Meublement ersetzt worden waren Und als er nach Hause gekommen da
hatte er das große Oelbild seiner verstorbenen Frau das einzige welches seinen
Platz an der Wand behauptet sofort in den anstoßenden Salon hängen lassen  der
Anblick des Bildes ebenso wie die ganze Einrichtung scheine ihm neuerdings die
alte Wunde aufzureissen hatte die Grossmama gemeint und deshalb das Arrangement
vollkommen gebilligt Die Zimmer im Seitenflügel aber waren unter seiner
speziellen Aufsicht wieder in den früheren Stand versetzt worden  auch nicht
der geringste Gegenstand der modernen Einrichtung war darin verblieben  dann
hatte er lüften und scheuern lassen hatte eigenhändig die Vorhänge zugezogen
und den Schlüssel wie früher auch an sich genommen
    Margarete bückte sich und sah durch das weite Schlüsselloch in das Zimmer
mit dem herrlichen Deckengemälde Wie Kirchenluft wehte es sie an und die
abgeblassten transparenten Klatschblumenbouketts der Seidengardinen hauchten
drinnen über Dielen und Wände einen schwachrötlichen Schein  Arme schöne
Dore In ihrem kurzen Leben angebetet auf den Händen getragen hatte sie ihr
ertrotztes Glück mit einem frühen Tode gebüßt und nun sollten der Psyche auch
noch bis in alle Ewigkeit die Flügel geknebelt sein auf dass sie immer wieder
angstvoll gegen die zwei engen Wände des düsteren Ganges aufflattern müsse
    Wie durch fernes Nebelgewoge dämmerte in dem jungen Mädchen die Erinnerung
an die Weissverschleierte auf Die mächtigen Reiseeindrücke die sie draußen in
der Welt empfangen das hochgesteigerte geistige Leben im Hause des berühmten
Onkels hatten diese Episode ihrer Kinderzeit ziemlich in ihrem Gedächtnis
verwischt so zwar dass sie schließlich selbst oft gemeint der ganze seltsame
Vorfall sei doch wohl auf den Ausbruch ihrer damaligen schweren Nervenkrankheit
zurückzuführen In diesem Augenblick jedoch wo sie wieder vor derselben Türe
stand aus welcher »das Huschende« damals gekommen war und schräg gegenüber den
riesigen Kleiderschrank stehen sah hinter welchen sie sich versteckt da gewann
der Vorgang wieder schärfere Umrisse und es war ihr plötzlich als müsse sie
auch jetzt wie in jenem Moment das Geklapper der forteilenden kleinen Absätze
wieder hören
    An dem Schranke steckte der Schlüssel dem ein mächtiges Schlüsselbund
anhing Margarete öffnete die nur angelehnte Türe weiter und sah dass Tante
Sophie verschiedenes Gerät auf das obere Regal gestellt hatte um es während der
Zimmerrenovierung in Sicherheit zu wissen An den Haken aber hingen die
kostbaren Brokatschleppen der Urgrossmütter noch in Reih und Glied wie sie es
vor Jahren oft gesehen Wie auf einem Tulpen und Hyazintenbeet flammten da
alle starken Farben und dazwischen funkelte Gold und Silbergewebe und schweres
Borden und Tressenwerk  ein bedeutendes totes Kapital das die Pietät und der
Stolz des alten Handelshauses unberührt im Schranke zerbröckeln ließ Tief in
der dunkelsten Ecke schimmerte auch ein Streifen der smaragdfarbenen Schleppe
in welcher sich die schöne Frau Dore hatte malen lassen Margarete zog das
köstliche Fundstück ans Tageslicht Ja Tante Sophie hatte recht wenn sie
behauptete in alten Zeiten habe man für sein Geld solider gekauft Das echte
Silber der eingewebten Blumen schimmerte das Grün war vollkommen frisch und
unverblichen und nur in den Falten zeigte sich der dicke starrende Seidenstoff
etwas brüchig
    Es war ein enges schmales Mieder an welches das junge Herz der Frau Dore
einst geklopft hatte Margarete meinte es müsse auch ihr selbst passen  und da
hatte plötzlich »der Kindskopf der lustigen Gretel« die Oberhand Ganz nahe an
der Wand lehnte auch ein hoher Pfeilerspiegel er stand den Bildern gegenüber
Es schreckte die junge Übermütige nicht dass es just die hohe stolze Gestalt
des Urgrossvaters Justus war die der Spiegel zurückwarf Sie löste das lange
Kragenband vom Halse und band sich die Lockenfülle hoch über der Stirn zum
Toupet Die sternförmige Brosche und die dazu gehörigen Ohrringe und
Manschettenknöpfe von böhmischen Granaten mussten die Rubinensterne vertreten
und für einen ersten flüchtigen Blick täuschten sie auch hinlänglich
    Es war doch wunderlich dass die Natur noch einmal an Größe und schmächtigem
Wuchs genau dieselbe Gestalt geschaffen hatte wie sie vor fast einem
Jahrhundert durch das Lamprechtsche Haus gewandelt war Das Mieder schmiegte
sich glatt und faltenlos an den Leib des jungen Mädchens und das silberstoffene
Tablier des Rockes berührte gerade ihre Fußspitzen
    Sie erschrak vor sich selber als sie die letzte Spange des Brustlatzes
festgenestelt hatte und noch einmal vor den Spiegel trat Sie sah auch ein wenig
scheu zur Seite wo neben ihrer Schulter die Augen des Justus Lamprecht aus dem
Düster des Ganges glühten und seine beringte Hand so plastisch dort auf dem
großen Folianten lag als werde sie sich im nächsten Augenblick von der Leinwand
lösen und nach der Vermessenen herübergreifen Nun die frevelhafte Maskerade
sollte rasch ein Ende haben in wenigen Minuten hing das Kleid unversehrt wieder
im Schranke freilich nicht ohne dass Tante Sophie die moderne Ahnfrau gesehen
hatte
    Mit unwillkürlich verlangsamten Schritten und Bewegungen trat sie aus dem
Gange Die Schleppe rauschte mit einem förmlichen Getöse über die rauen Dielen
 in diesem panzerartig klirrenden Staatsgewande wäre der schönen Dore das
lautlose Huschen freilich nicht möglich gewesen
    Der Hausknecht kam eben aus dem großen Salon und schritt durch den Flursaal
nach dem Ausgang Bei dem herankommenden Geräusch wandte er arglos den Kopf
zurück und schoss gleich darauf entsetzt mit einem grotesken Sprunge zur Türe
hinaus die er rasselnd hinter sich zuschlug
    Margarete lachte über den Effekt und trat über die Schwelle des großen
Salons aber sie wich betreten zurück denn die Tante war nicht allein Onkel
Herbert stand neben ihr am Fenster
    Gestern nachmittag um dieselbe Zeit nun wäre es ihr sehr gleichgültig
gewesen ob der Onkel dort gestanden oder nicht Er hatte ja nie zu denen daheim
gehört an die sie besonders gern oder gar mit Heimweh gedacht und auch das
erste Wiederbegegnen bei ihrer Heimkehr hatte ihr keinerlei Interesse für ihn
geweckt Seit gestern abend jedoch wo sie einige Stunden droben bei den
Grosseltern mit ihm zusammen gewesen war hatte sie ihm gegenüber das seltsame
Gefühl eines moralischen Unbehagens Nicht dass sie sich durch die
entusiastische Verehrung der Grossmama für den wohlgeratenen Herrn Sohn oder
den unverkennbaren Respekt welchen ihr Vater dem jungen Schwager
entgegenbrachte hätte beeinflussen lassen  sie wusste ja dass jene beiden
leider nur dem Glück huldigten welches sich an seine Fersen zu hängen schien
und einen Auserwählten in ihm sahen weil Hochgestellte mit ihm wie mit
ihresgleichen verkehrten  das bestach sie nicht nur der Großpapa der sonst so
gerade unbestechliche Charakter hatte sie stutzig gemacht Es war doch kaum zu
glauben dass er völlig blind sei gegen die Art und Weise wie sein Sohn Karriere
machte dass er nicht wisse welche Mächte ihn mühelos über Staffeln hinweghoben
die andere erst nach jahrelanger Aufbietung aller eigenen Kraft zu erringen
vermochten Und doch hatten dem alten Manne gestern inniges Wohlgefallen und
väterlicher Stolz frank und frei aus den Augen gestrahlt Er hatte wiederholt
gegen das moderne Strebertum geeifert das nie nach der Lauterkeit der Mittel
frage um emporzukommen Fuchsschwanz und Katzenbuckel und die Tartüffes seien
wieder einmal an der Tagesordnung und der rechtschaffene deutsche Sinn müsse
sich vor den »Nachbarsleuten« schämen die es mit ansähen wie diese
schleichenden und buckeligen Figuren auf dem großen Schachbrett Fuß zu fassen
suchten
    Fühlte er in verblendeter Vaterliebe den Pfahl im eigenen Fleische nicht
oder verstand es der Herr Landrat ihm Sand in die Augen zu streuen Der hatte
so gemütsruhig dabei gesessen als sei dieses Anatema ganz in der Ordnung
Nicht ein einziges Mal war ihm das Rot der Verlegenheit oder der Beschämung in
das Gesicht getreten er hatte seine Zigarre geraucht und die feinen blauen
Duftringel nachdenklich mit den Augen verfolgt wenn er aber gesprochen dann
hatte es stets »Hand und Fuß gehabt« wie Tante Sophie sich auszudrücken
pflegte
    Übrigens mochte doch der wahre Kern dieses Charakters sein wie er wollte
das focht sie nicht weiter an es verdross sie nur dass er sich im Urteil über
die beiden Kinder seiner verstorbenen Schwester so gleich geblieben war  der
exemplarisch fleißige Reinhold von ehedem schien für ihn nichts von seinen
Tugenden eingebüßt zu haben während er offenbar der »wilden Hummel« auch heute
noch nichts Gutes zutraute Und hatte er nicht recht Reinhold ging in seinem
Berufe auf er war der kühle Verstand selbst  und in ihrem Kopfe spukten heute
noch tolle Fastnachtsscherze wie Figura zeigte Die Glut des Aergers im
Gesicht versuchte sie sich ungesehen zurückzuziehen Die beiden dort wendeten
ihr den Rücken zu sie schienen auf dem Fenstersims liegende Gegenstände zu
betrachten und das Rasseln der draußen zugeschlagenen Türe mochte für ihr Ohr
das Rauschen der Schleppe übertönt haben Nun aber war es wieder so still dass
die erste Rückwärtsbewegung des jungen Mädchens die am Fenster Stehenden
aufmerksam machte Tante Sophie wandte sich um und schien einen Moment
sprachlos dann aber schlug sie die Hände zusammen und lachte laut auf
    »Beinahe wär dirs geglückt Gretel Ach ja gelt ein Hauptspass wärs
gewesen wenn sich die alte Tante auch einmal gegrault hätte Na damit wars
nichts aber es hat mir doch einen Stich durch und durch gegeben« Sie drückte
unwillkürlich die Rechte auf die Brust »Lasse dich nur um Gotteswillen vor
Bärbe nicht sehen  Nein wie du doch der armen Dore ähnlich bist in der
Tracht und hast doch kein Tröpfchen Blut von ihr in den Adern Hast ja auch
sonst ein ganz anderes Gesicht mit deinem schmalen Näschen und den Grübchen in
den Backen «
    »Gewisse Züge um Mund und Augen und die Haltung des Kopfes machen die
Ähnlichkeit« fiel der Landrat ein »Die schöne Dorotea hat es in ihrer
Oppositionslust kühnlich mit den Vorurteilen der Welt aufgenommen wie ihr
ungepudertes Toupet und ihre Heirat beweisen Sie muss Eigenwillen und Übermut
in hohem Grade besessen haben und diese Charaktereigenschaften geben einen
besonderen Stempel«
    Margarete hob gleichmütig die Augen nach dem gegenüberhängenden Spiegel der
ihre ganze Gestalt zurückwarf »Ja wahr ists es liegt viel kindischer
Übermut in der dummen Maskerade Aber Spaß macht sie mir doch köstlichen Spaß
 Und wenn alle Welt die Nase darüber rümpft es war doch wonnig in das
Staatskleid unserer weißen Frau zu schlüpfen Und wahr ists auch dass ich
gern mit den Vorurteilen der Welt anbinde  ein Staatsverbrechen das natürlich
gesetzten Leuten die Haare zu Berge treiben muss Und darum hast du ganz recht
Onkel Herbert mir den Text zu lesen wenn auch nur in der verblümten Form der
Satire« Sie zupfte die schönen Niederländer Spitzen an Brustlatz und Aermeln
so ruhig und sorgsam zurecht als sei sie vorhin nicht einen Augenblick außer
Fassung gewesen und trat tiefer in das Zimmer herein »Ich fürchte nur du
kommst auch jetzt nicht weiter mit mir als damals wo meine Schreibehefte und
das Hersagen der französischen Vokabeln dir die Nerven irritierten« fuhr sie
achselzuckend fort »Ich schreibe nämlich heute noch wie mit dem Zaunpfahl und
vor Pariser Ohren lasse ich mein bisschen TüringischFranzösisch aus guten
Gründen nie laut werden«
    »Geh übertreibs nicht So schlimm wirds nicht sein« sagte Tante Sophie
lachend »Da komm einmal her und sieh dir den Schaden an«  Sie nahm die
Scherben einer antiken Vase vom Fenstersims und legte sie auf den großen Tisch
inmitten des Zimmers »Ich behüte die Sachen hier oben mit Augen und Händen und
hab auch bis jetzt noch kein Unglück gehabt mit dem zerbrechlichen Zeug und
nun macht mir der dumme Mensch der Friedrich den Streich und wirft die Vase da
vom Spiegeltisch Und ich konnte nicht einmal zanken dem armen Tapps
klapperten die Zähne aneinander vor Schreck und es war fast zum Lachen wie er
seine paar Groschen aus der Tasche holte um den Schaden zu bezahlen Ich weiß
nicht mehr wieviel Dukaten die paar Tonscherben da gekostet haben sollen  ein
unsinniges Geld wars das ist gewiss Vetter Gottelf dein Großvater Gretel
hat diese Vase aus Italien mitgebracht«
    Margarete war an den Tisch getreten »Imitation und noch dazu schlechte«
sagte sie bestimmt nach kurzer Prüfung »Der Großpapa hat sich betrügen lassen
 Wirf die Scherben getrost in den Schutt Tante Bärbes geliebter Kaffeetopf
ist von ähnlicher Abkunft«
    »Das klingt ja so entschieden als spräche Onkel Theobald selbst« sagte der
Landrat vom Fenster her »Nun begreife ich dass er seine Mitarbeiterin bereits
schmerzlich vermisst «
    »Mitarbeiterin« Sie lachte amüsiert auf »Seinen dienstbaren Geist einen
Erdgnomen willst du sagen So eine Art Wichtelmännchen das geräuschlos den
Ofen in der Bibliothek besorgt was kein Dienstbote kann das dann und wann eine
Tasse starken Kaffes kocht und unbemerkt hinschiebt wenn der große Forscher
angestrengt arbeitet und ab und zu eidechsenhaft still die Treppenleiter der
Bibliothek hinauf und hinabgleitet um ihm mit der pünktlichen Bücherzufuhr die
Quellenstudien zu erleichtern  solch ein Wichtelmännchen ja das bin ich 
Und wenn hier und da etwas an mir hängen bleibt von dem Geist und dem Wissen
das man dort gleichsam mit der Luft atmet so ist das kein Wunder Systematisch
geordnet und wirklich brauchbar aber ist das kunterbunte Chaos hier nicht«  sie
tippte mit dem Finger gegen die Stirn »Wer verlangt das aber auch von einem
Mädchenkopf gelt Onkel«
    Lächelnd warf sie das Vasenbruchstück auf den Tisch »Woher aber weißt du
dass Onkel Theobald meine kleinen Dienste vermisst« fragte sie plötzlich lebhaft
aufblickend
    »Das kannst du erfahren Meine Mutter hat vorhin einen Brief von Tante Elise
erhalten Du fehlst nicht allein in Onkels Studierstube auch im Salon der
Tante wo sich die Freunde des Hauses versammeln wird deine schleunige Rückkehr
ersehnt Herr von BillingenWackewitz ist wohl das enfant gâté in diesem
Salon«
    »Aus welchem Grunde glaubst du das«  Ein helles jähes Rot stieg ihr in die
Wangen während sie die Brauen leicht zusammenzog
    Er wandte den durchdringenden Blick nicht von ihrem Gesicht »Das will ich
dir sagen Ich möchte wetten dass der lange eingehende Bericht der Tante keine
fünf Zeilen aufzuweisen hat in welchem der schöne Mecklenburger nicht
figuriert«
    »Er ist Tante Elisens Protegé und einer der wenigen Adeligen die das Haus
des Onkels des alten Freiheitsschwärmers besuchen« sagte sie sich von ihm
wegwendend erklärend zu Tante Sophie
    Der Landrat lehnte sich mit dem Rücken an Sims und Fensterkreuz »Also eine
politische Inklination Margarete« warf er spöttisch hin »Tante Elise schreibt
anders darüber«
    Ihre Augen funkelten in tiefverletztem Mädchenstolz aber sie bezwang sich
»Das sieht aus wie der Anfang eines Familienklatsches und dazu sollte Tante
Elise die geistreiche Frau ihre Feder hergeben« sprach sie mit ungläubigem
Achselzucken
    Er lachte leise aber hart auf »Die Erfahrung lehrt dass im Punkt des
Ehestiftens die Frauen insgesamt  gleichviel ob geistreich oder beschränkt 
ein und dieselbe kleine Schwäche haben«
    »O ich bitte mirs aus  ich nicht« protestierte die Tante energisch »An
solchen heiklen Dingen hab ich mir nie die Finger verbrannt«
    »Rühmen Sie sich nicht zu früh Fräulein Sophie  Sie könnten gerade jetzt
stark in Versuchung kommen« warnte er sarkastisch »Herr von Billingen soll ein
schöner Mann sein «
    »Ja er ist groß von Gestalt und hat ein Gesicht weiß und rot wie eine
Apfelblüte« warf Margarete ein
    Er sah nicht auf von seinen Fingernägeln die er angelegentlich zu
betrachten schien
    »Vor allem trägt er einen Namen der hochangesehen und sehr alt ist« fuhr
er unbeirrt fort
    »Jawohl uralt« bestätigte Margarete abermals »Die Heraldiker streiten bis
auf den heutigen Tag ob das seltsame Gebild in einem der Wappenfelder das
Feuersteinbeil eines Höhlenbewohners oder ein Webstuhlfragment aus der späteren
Pfahlbauzeit sein soll«
    »Potztausend was für ein Stammbaum Davor müssen sich ja unsere dicksten
Eichen verkriechen« meinte Tante Sophie mit schelmischem Augenblinzeln »Was
so hoch willst du hinaus Gretel«
    Die Augen des jungen Mädchens sprühten förmlich in Mutwillen »Mein Gott
warum sollte ich denn nicht« fragte sie zurück »Ist das Hochhinauswollen nicht
ein Zug unserer Zeit Und ich ein Mädchen ein Mädchen das acht Lot Gehirn
weniger hat als die Herren der Schöpfung wie sollte ich mir darüber ein
eigenes Urteil bilden und meinen eigenen Weg gehen wollen Nein so vermessen
bin ich nicht Ich laufe brav mit auf der Heerstraße der Tagesmode und sehe
nicht ein weshalb es mir nicht auch Spaß machen soll mehr zu werden und den
Staub meiner Abkunft von den Füßen zu schütteln«
    »Na das sollten unsere alten Herren da oben hören« drohte die Tante und
zeigte auf einige noch nicht abgenommene Oelbilder der aus ihrer Allongeperücke
stolz und ernstaft von der Wand herabschauenden Kaufherren
    Margarete zuckte lächelnd die Achseln »Wer weiß wie sie heutzutage mit
ihrem strengen Bürgersinn fertig würden Wir sind Kinder unserer Zeit und keine
Spartaner hörte ich kürzlich sagen und so könnte es immerhin sein dass die
alten mit Bienenfleiss in Kontor und Lagerräumen schaffenden Lamprechts es
machten wie so viele jetzt und sich glücklich schätzten ihren Honig als
Mitgift der Töchter in den leeren Stock irgend eines alten hochangesehenen
Geschlechts gießen zu dürfen Das soll der Bürgerstolz heutigestags sein  so
sagen die Leute«
    »So sagen die Leute« wiederholte der Landrat kopfnickend
»Selbstverständlich hast du diesen Ausspruch scharfer Zungen auch wieder nur von
anderen «
    »Natürlicherweise« bestätigte sie lachend »Ich mache es genau wie andere
junge Mädchen auch  ich plappere nach Onkel Ich höre zu wenn andere über
die heutigen Zustände diskutieren und manches interessiert mich wirklich So
zum Beispiel die Kletterstange voll wünschenswerter Dinge die jetzt in der Welt
aufgerichtet sein soll «
    »Und welcher die Streber in hellen Haufen zuströmen nicht wahr Margarete«
unterbrach sie Herbert mit kaltem Lächeln
    Ihr Blick der dem seinen begegnete verdunkelte sich »Jawohl Onkel
Solche denen der ehrliche Heimatboden nicht gut genug der gerade Weg nicht der
beste ist Manch braves Menschenkind soll bei dem Ansturm zu Boden getreten
werden Sonst soll das Klettern leicht sein sagen die Leute man müsse immer
nur auf die äußeren Signale achten um Gotteswillen aber nie auf irgend eine
innere Stimme wie die des Herzens oder der wahren Überzeugung sonst falle man
herab wie der angerufene Nachtwandler vom Dach Auch schöne Damenhände sollen
manchmal helfen «
    »Pst« machte Tante Sophie und hob den Zeigefinger in der Richtung des
Treppenhauses Es mochte ihr wohl gelegen kommen dass draußen Schritte
heraufpolterten und das Gespräch unterbrachen welchem die übermütigen
Anspielungen des jungen Mädchens eine peinliche Wendung zu geben drohten »Lauf
und wirf das Kleid ab Gretel« drängte sie »Dem Schritte nach ists Reinhold
der herauskommt und der kann selten einen Spaß vertragen er wird leicht grob«
    Margarete flog nach der Türe Sie vermied es ängstlich mit dem reizbaren
Bruder in Kollision zu kommen aber schon war es zu spät Reinhold kam in
Begleitung der Grossmama den Flursaal entlang
 
                                       12
Die Eintretenden prallten zurück vor der aus dem Rahmen gestiegenen »schönen
Dore« die sich wieder bis an den Tisch inmitten des Salons zurückgezogen hatte
die Stirn gesenkt als erwarte sie widerspruchslos die Grobheiten die auf ihr
Haupt niederregnen sollten
    »Das ist wieder einmal ein verrückter Streich von dir Grete Den Tod könnte
man davon haben« sagte denn auch Herr Lamprecht junior prompt nachdem er zu
Atem gekommen war
    »Ja Holdchen es war eine grenzenlose Albernheit« gab sie sanft lächelnd
zu dabei ging sie von Türe zu Türe um die offenen Flügel zu schließen  für
Reinhold war der Zug stets verderblich
    »Unsinn« murrte er und folgte jeder ihrer Bewegungen mit geärgertem Blick
»Das rauscht und rasselt und das Silber stäubt ab von den morschen Fäden Der
Papa sollte nur kommen und sehen wie du das kostbare Inventarstück über die
Dielen schleifst Da wärs aus und vorbei mit seiner Vorliebe die ihm geradezu
über Nacht gekommen sein muss  tut er doch gerade als hättest du in Berlin die
Weisheit mit Löffeln gegessen«
    »Rege dich nicht auf« bat sie »Ich gehe gleich In wenig Minuten hängt das
Kleid an seinem Platze und ich werde mich nie wieder daran vergreifen Geh sei
gut« Sie legte bittend ihre zarten Fingerspitzen auf seine Hand die er auf den
Tisch stützte aber er schob sie weg »Ach lasse doch diese Kindereien Grete
Ich habs von klein auf nicht leiden können wenn man mir zu nahe kommt  das
weißt du doch«
    Sie nickte lächelnd mit dem Kopfe nahm vorsichtig das Kleid auf um das
Lärmen beim Hinausgehen zu verhindern und ging zur Mitteltüre Aber an der
Schwelle zögerte sie und wandte sich zurück
    »Was sind denn da für Dummheiten geschehen« hatte sie Reinhold sagen hören
und nun sah sie wie er die Vasenscherben durcheinander warf
    »Ja siehst du Reinhold das ist nun so ein kleines Malheur wie es einem
bei einer gründlichen Räumerei leicht passiert« sagte Tante Sophie
achselzuckend Sie vermied es geflissentlich den eigentlichen Missetäter den
»armen Tapps« zu nennen
    »Was ein kleines Malheur« wiederholte der junge Mensch ganz empört »Aber
Tante du scheinst auch nicht die blasse Ahnung von dem Geldwert zu haben der
dir hier oben anvertraut ist Bare zehn Dukaten hat diese Vase gekostet ich
will es dir aus dem Inventarbuch beweisen  bare zehn Dukaten  Ja weiß
Gott es ist geradezu haarsträubend wie oft aus Marotte mit dem Gelde gehaust
wird Der gute Großpapa ist auch so einer gewesen Tausende stecken in dem Kram
aus Olims Zeiten den er zusammengeschleppt hat Die Antiquitätenhändler wissen
das und klopfen immer wieder an bei uns aber der Papa wird allemal grob und
ich würge dann tagelang an dem Ärger über die unverantwortliche Verschwendung
 Aber es wird auch einmal anders und dann weiß ich einen der aufräumt Da
wird alles versilbert alles was nicht absolut nötig ist zum Hausgebrauch« Er
schüttelte den Kopf und warf die Scherbe in seiner Hand auf den Tisch »Zehn
Dukaten Ein Pappenstiel natürlicherweise Eine Lappalie für alle in unserem
Hause die nicht rechnen können«
    »Na sei nur ruhig ich hab das Einmaleins gründlich weg und brauche nicht
auf euren Kontorstühlen zu sitzen um zu wissen was das Geld wert ist«
unterbrach ihn Tante Sophie gleichmütig »Die zehn Dukaten sind aber schon
dazumal zum Fenster hinausgeworfen gewesen Auch der Klügste lässt sich einmal
anführen mit nachgemachtem Zeug wie das hier ist« Sie zeigte auf die Scherben
    »Wie  nachgemacht Wer sagt denn das«
    »Margarete sagt es« sprach der Landrat der langsam an den Tisch getreten
war
    Reinhold lachte laut auf »Die Grete Diese da« Er zeigte mit dem Finger
nach dem jungen Mädchen
    »Ja deine Schwester« bestätigte Herbert mit festem verweisendem Blick in
das impertinent grinsende Gesicht des Neffen »Ich möchte dich übrigens bitten
den Ton welchen du der Tante und deiner Schwester gegenüber noch so jungenhaft
unmanierlich anschlägst nunmehr zu ändern Es ist dir zeitlebens deiner
reizbaren Nerven wegen sehr viel nachgesehen worden allzuviel wie ich fürchte
 aber nun solltest du doch wissen dass auch du Anstandspflichten hast«
    Reinhold hatte den Sprecher anfänglich ganz perplex angestarrt eine solche
ernste Rüge aus diesem Munde war ihm neu aber bei all seiner Unverfrorenheit
war er doch ein feiger Bursche der jedem Stärkeren aus dem Wege ging Er nagte
an seiner Unterlippe und wagte kein Wort der Erwiderung Scheu wegsehend griff
er in die Brusttasche zog einen Brief heraus und warf ihn so auf den Tisch dass
das sehr große Siegel obenauf zu liegen kam »Hier Grete der Brief ist vorhin
im Kontor für dich abgegeben worden« sagte er mürrisch »Nur des Wappens wegen
das fast so groß ist wie unser herzogliches bin ich die zugige Treppe
heraufgeklettert sonst ist es mir sehr egal wer dir schreibt«
    Das junge Mädchen war feuerrot geworden Der Übermut der vorhin ihre ganze
Erscheinung beseelt hatte war kläglich zusammengesunken Fast hilflos mit
einem angstvoll scheuen Blick nach dem Briefe stand sie da wie ein
tieferschrockenes Kind
    »Das ist das Wappen der Herren von BillingenWackewitz Reinhold« sagte die
Frau Amtsrätin ganz feierlich mit hörbarer Ergriffenheit »Ich könnte dir
manches heilig aufgehobene Billetdoux mit diesem herrlichen Siegel zeigen Ein
Fräulein von Billingen war früher Oberhofmeisterin bei unseren gnädigsten
Herrschaften Sie war mir sehr gütig gesinnt und korrespondierte mit mir über
unseren Frauenverein Mein Gott wenn ich damals hätte denken sollen « Sie
brach ab mit einem fast verzückten Aufblick schlang ihren Arm um die Taille der
Enkelin und zog sie an sich »Mein liebes liebes Gretchen du kleine
Spitzbübin« rief sie mit tiefer Zärtlichkeit »Also das ist der Magnet gewesen
der dich in Berlin festgehalten hat  Und ich bin so unverantwortlich
kurzsichtig gewesen und habe dir Vorwürfe gemacht während du berufen warst ein
unaussprechliches Glück in unser Haus zu bringen Solch eine blinde ungerechte
Grossmama gelt Herzenskind Bist du mir böse«
    Die Enkelin entschlüpfte der Umarmung und trat um einen Schritt weg Sie
hatte ihre Fassung wiedergewonnen »Ich habe keinen Grund böse zu sein  ein
solches Gefühl würde sich auch wenig schicken für die Enkelin« sagte sie fast
trocken und zupfte ordnend mit einem Seitenblick nach Reinhold an den Spitzen
des »kostbaren Inventarstückes« »Solche Extravaganzen dürfen wir uns nicht
erlauben solange ich im Staatskleid der schönen Dore stecke  Reinhold wird
zanken«
    »Ach wüsste er was ich weiß« entgegnete die alte Dame mit schalkhaftem
Augenblinzeln »dann würde er nur mit mir finden dass dir die Robe
unvergleichlich steht Ja so wie ich dich da vor mir sehe mit der wirklich
vornehmen Haltung und dem  nun auch eine Grossmama darf einmal schwach sein in
ihrer grossmütterlichen Eitelkeit  und dem durchgeistigten pikanten Gesichtchen
 ja so könntest du dich getrost den illustren Frauengestalten anreihen die in
einem gewissen Saale von den Wänden blicken«
    »Auch mit dem wilden Haar und den Jungenmanieren Grossmama«
    Die Frau Amtsrätin wurde ein wenig rot und hob beide Hände empor »Liebes
Kind  doch nein« unterbrach sie sich  »ich will heute still sein Morgen
oder vielleicht auch erst in einigen Tagen wirst du mir viel zu sagen haben
unendlich viel mein Kind was mich lebenslang beseligen wird Ich weiß es Bis
dahin will ich mich bescheiden«
    Margarete antwortete nicht Mit scheuem Finger griff sie nach dem Briefe
schob ihn in die weite Kleidertasche und ging hinaus um die Staatsrobe wieder
an Ort und Stelle zu bringen In diesem Augenblick erinnerte sich auch die Frau
Amtsrätin dass sie ja eigentlich nur heruntergekommen sei um sich bei Tante
Sophie ein Tortenrezept auszubitten der Herr Landrat aber der ja auch nur hier
eingetreten weil er draußen im Vorübergehen das Geräusch der stürzenden Vase
gehört hatte Hut und Stock vom Tische genommen und war mittlerweile in den
Flursaal hinausgegangen
    Er stand vor dem nächsten Büffett und besah anscheinend sehr interessiert
die alten Humpen und Becher als Margarete an ihm vorüber nach dem Gange
schritt »Du wirst mir später einmal viel abzubitten haben Margarete« sagte er
halblaut aber mit Nachdruck über die Schulter hinweg zu ihr
    »Ich Onkel« Sie hemmte ihre Schritte und trat verstohlen lächelnd näher
»Mein Gott sofort auf der Stelle soll es geschehen wenn du es wünschest
Töchter und Nichten müssen das und können es auch getrost unbeschadet ihrer
Mädchenwürde«
    Er wandte sich voll nach ihr um zugleich warf er aber auch auf den
herankommenden Reinhold einen so streng und finster zurückweisenden Blick dass
der lange Mensch betroffen kehrt machte und mit den beiden alten Damen den
Flursaal verließ
    »Du scheinst die Jahre während welcher wir uns nicht gesehen haben für
meine Person doppelt zu rechnen« sagte Herbert finster »Ich komme dir wohl
sehr alt und ehrwürdig vor Margarete«
    Sie bog ihr Gesicht ein wenig zur Seite und die übermütigen Augen huschten
musternd über seine Züge »Nun weißt du gar so schlimm ists nicht  ich sehe
noch kein einziges graues Haar in deinem schönen Barte«
    »Schlimm genug wenn du bereits danach suchst« Er sah einen Moment weg
durch das nächste Fenster »Es war mir ein wenig verwunderlich bei deiner
Ankunft so respektvoll von dir begrüßt zu werden meines Wissens hat mich immer
nur Reinhold Onkel genannt du nie«
    »Du hast recht  ich nie trotz so mancher Strafpredigt  Dein Onkelgesicht
imponierte mir nicht Gerade wie Milch und Blut ists sagte Bärbe immer«
    »Ach so  nun sind dir die Farben greisenhaft genug«
    Sie lachte »Ach das spricht ja nicht mehr mit  der Bart machts Solch
ein aristokratisch gescheitelter Kinnbart imponiert Onkel«
    Er verbeugte sich ironisch
    »Und dann  als ich dich vorgestern abend neben der schönen Dame sitzen sah
und du kamst dann heraus in den Flursaal Zoll für Zoll der erste Beamte der
Stadt und deine ganze Erscheinung umleuchtet von dem Widerschein fürstlicher
Vornehmheit da kam mir das Respektgefühl geradezu überwältigend und ich
schämte mich furchtbar«
    »Da muss ich ja wohl sehr entzückt sein dass dir der Onkeltitel nun so flott
von den Lippen kommt«
    Sie wiegte lächelnd den Kopf »Nun weißt du so ganz unbedingt ist das nicht
zu verlangen Ich sehe recht gut ein dass es nicht angenehm sein mag von einem
so alten Mädchen wie ich bin Onkel genannt zu werden Aber ich kann dir nicht
helfen Wir armen Lamprechtskinder sind ohnehin zu kurz gekommen wir haben nur
diesen einen Mutterbruder und wenn auch nur ein Stiefonkel musst du dir es doch
gefallen lassen zeitlebens Onkel Herbert zu bleiben«
    »Nun gut ich bins zufrieden liebe Nichte  Aber du wirst nun auch
wissen dass du diesem anerkannten Onkel gegenüber die Pflicht des Gehorsams
übernimmst«
    Sie stutzte aber sofort ging auch ein Strahl des Verständnisses durch ihre
Züge »Ah du meinst das« Sie legte die Hand dunkel errötend auf die Tasche in
welcher das angekommene Schreiben steckte und in ihren Augen glomm es wie
feindselig auf
    Er sah nur mit halbem Blick hin und schwieg
    »Ja das ists« nickte sie mit Bestimmtheit »Du denkst genau wie die
Grossmama Ihr seid stolz auf die Aussicht die sich mir bietet und öffnet dem
Freier Herz und Arme ohne ihn je gesehen zu haben Wozu auch Kennt ihr doch
seinen Namen  mehr braucht es nicht Nun kennst du aber auch den Querkopf
deiner Nichte und vielleicht beschleicht dich die geheime Furcht dass sie den
grenzenlos dummen Streich machen könnte lieber Grete Lamprecht bleiben zu
wollen da ist ein Recht mehr gegen den Oppositionsgeist von großem Wert für die
Familie Das Haus Marschall ist im Begriff bis über die Wolken zu steigen und
da verlangt es das eigene Interesse dass auch die verwandten Lamprechts höher
gehoben werden«
    »Es ist erstaunlich wie scharfsinnig du bist«
    Sie lachte »Nein Onkel das Kompliment weise ich zurück Du denkst zu
schmeichelhaft von mir Der da«  sie hob den kleinen Finger der Rechten  »der
sagt mirs nicht Für mich ist die ganze Luft unseres Hauses beseelt und
lebendig aus allen Gängen und Treppenwinkeln wispert und flüstert es mir zu
denn ich bin an einem Ostersonntag geboren und habe mich immer sehr gut mit
unseren Hausgeisterchen gestanden Und wie sie mir früher von den alten Zeiten
zuraunten von den Silberfäden des Lein die sich draußen auf Handelswegen
verwandelt und als eitel Gold in die Truhen meiner Urväter zurückgeflossen
seien so flüstern sie jetzt von einem ganz anderen Glanz von fürstlicher Huld
und Gnade von der Gunst schöner blaublütiger Frauen und von dem alten
Plebejerblut das nach jahrhundertelangem Sammelfleiss nunmehr reif sei in einer
höheren Kaste aufzugehen«
    »Ei das sind ja ganz allerliebste Kobolde mit ihren kleinen Bosheiten die
die Luft vergiften Man sollte auf sie fahnden «
    »Mit deinen Gendarmen Onkel Das gäb aber einen Spaß für die lustigen
Kameraden Sie würden erst recht an meinem Ohr niederhocken und weiter erzählen
von dem neuen Teaterstück in Lamprechts Hause in welchem sogar das dumme Ding
die Grete mitspielen soll  ein Freiherrnkrönchen auf das Struwwelhaar gesetzt
und die Wandlung sei fertig meinen sie Aber weißt du Onkel ein ganz klein
wenig Stimme habe ich doch auch dabei meinst du nicht Das kleine Wörtchen Ja
muss doch auch gesagt werden Und da nehmt euch nur in acht dass der Vogel nicht
davonfliegt ehe er gesungen hat Mich fangt ihr nicht«
    »Es käme auf eine Probe an «
    »Versuchs Onkel« Sie sah halb über die Schulter nach ihm zurück und ihre
Augen sprühten auf als sei sie sofort bereit den Wettlauf der Geister
anzutreten
    »Ich nehme die Herausforderung an darauf verlasse dich Aber das merke dir
habe ich den Vogel einmal dann ists um ihn geschehen«
    »Ach das arme Ding da muss es singen wie du pfeifst« lachte sie »Aber
ich fürchte mich nicht  ich bin eine Spottdrossel Onkel und könnte dich
leicht auf den verkehrten Weg locken«
    Sie verbeugte sich graziös unter heimlichem Lachen und schritt eiligst
nach dem Gange hinter der Frau Doroteens Sterbezimmer und während sie mit
flinken Händen die Spangen des Kleides löste hörte sie wie der Landrat den
Flursaal verließ Zugleich wurde aber auch die Stimme ihres die Treppe
heraufkommenden Vaters laut Die beiden Herren begrüßten sich wie es schien
unter der Tür dann fiel diese zu und der Kommerzienrat ging nach seinem
Zimmer
    Er war schon in aller Frühe nach Dambach geritten war über Mittag draußen
verblieben und kam eben heim Es drängte sie ihn zu begrüßen um so mehr als
er heute Morgen düster schweigend mit verfinstertem Gesicht zu Pferde gesessen
und für ihr fröhliches »Guten Morgen« vom Fenster aus kaum ein leichtes
Kopfnicken und kein Wort der Erwiderung gehabt hatte Das war ihr schmerzlich
auf das junge froh gestimmte Herz gefallen Aber Tante Sophie hatte sie
getröstet Das sei wieder einmal solch ein schlimmer Tag wo man sich
stillschweigend zurückhalten und ihm aus dem Wege gehen müsse hatte sie
gemeint Er wisse da selbst am besten was ihm not tue um das schwarze
Gespenst los zu werden  das sei ein Ritt in die frische Luft hinaus und
Zerstreuung draußen im Fabrikgetriebe Abends werde er schon »umgänglicher«
zurückkommen
    Die Brokatschleppe der schönen Dore hing wieder in der tiefsten Schrankecke
und Margarete war eben im Begriff ihr Haar zu ordnen als sie abermals die
Zimmertür ihres Vaters gehen hörte Er trat wieder heraus und ging den Flursaal
entlang Er kam rasch näher und es schien als schreite er direkt dem Gange zu
    Margarete erschrak Sie war in Unterkleidern und mochte sich überhaupt nicht
hier vor ihm sehen lassen wusste sie doch nicht in welcher Stimmung er
heimgekommen war und wie er ihr mutwilliges Attentat auf das ehrwürdige
Inventarstück des Hauses beurteilen würde Ein wahres Angstgefühl packte sie
Unwillkürlich schlüpfte sie in den Schrank schmiegte sich tief in die
Seidenwogen  es war ihr als versinke sie in rauschenden Gewässern  und zog
die Tür leise an sich
    Wenige Augenblicke nachher kam der Kommerzienrat um die Gangecke Durch die
schmale Türspalte konnte ihn die Tochter sehen Der Ritt in die frische Luft
und das Fabriktreiben in Dambach hatten nicht an das Gepräge schwarzer
Melancholie gerührt welches diese schöne Männererscheinung für alle im Hause
oft so furchterweckend machte Er hatte einen kleinen Strauss frischer Rosen in
der Rechten und schritt achtlos zwischen den Bilderreihen seiner Vorfahren hin
Nur das Oelbild der schönen Dore welches schräg zwischen die Schrankecke und
die Wand gelehnt ihm die bezaubernde Gestalt gewissermaßen entgegentreten ließ
schien eine unheimliche Wirkung auf ihn zu üben Er fuhr zurück und legte die
Hand über die Augen als befalle ihn ein Schwindel Dieses Erschrecken war
begreiflich Drüben im roten Salon hoch an der hellen Wand trat das Dämonische
dieser Schönheit nie so sieghaft hervor wie hier im spukhaften Halbdunkel Er
murmelte leidenschaftliche Worte in sich hinein packte wie in einem Wutanfall
das schwere Bild und kehrte es gegen die Wand Der Rahmen schlug hart an das
Mauergestein und krachte in den Fugen
    Der erschrockenen Tochter stockte der Atem War es doch als schlage aus dem
finsteren melancholischen Brüten plötzlich die Flamme des Irrsinns empor als
müsse die gewalttätige Hand zerstörungswütig das stille Kaufmannshaus zum
Schauplatz grauenvoller Ereignisse machen Aber das Furchtbare geschah nicht
Mit dem Verschwinden der Frauengestalt in der dunklen Ecke schien auch der Sturm
des in der Seele aufgeregten Mannes beschwichtigt Er schritt weiter dicht an
der Tochter vorüber so dass sie durch die klaffende Türspalte sein heftiges
Ausatmen zu spüren meinte
    Gleich darauf rasselte der Schlüssel im nächsten Türschloss Der
Kommerzienrat trat ein zog den Schlüssel wieder ab und schob drinnen den Riegel
vor
    Ein Grauen überschlich die Lauschende Was tat er drinnen so allein mit
seinen dunklen Gedanken in den öden verstaubten Räumen  Niemand im Hause
ahnte dass er noch hier verkehrte Bärbe behauptete er sei mit keinem Fuß
wieder in den Gang gekommen  dazumal müsse ihm doch gar zu arg aufgespielt
worden sein denn für nichts und wieder nichts gebe kein beherzter Mann so
jämmerlich Fersengeld dass er sich nicht wieder zurücktraue Nun war er doch
drin  wie vergraben in der tiefen Stille und Dämmerung denn kein Laut drang
heraus  Vielleicht war es aber gerade diese grabesruhige Abgeschiedenheit die
er schließlich suchte wenn er im Weltgetriebe seinen bösen Dämon nicht
abzuschütteln vermochte Sie sänftigte wohl den inneren Sturm das heiße kranke
Blut das ihm so beängstigend den Kopf verdunkelte Ja er war krank Es war
nicht wie die Grossmama fälschlich behauptete ausschließlich der Gram um ihre
verstorbene Mutter der ihn so furchtbar verändert  war er doch in den ersten
Jahren nach ihrem Tode nicht so verbittert und schwarzgallig gewesen  nein er
war krank Wahngebilde verfolgten und marterten ihn das hatte sie schon am
Abend ihrer Ankunft erkennen müssen Er der strengrechtliche pünktliche Chef
der hochgeachteten Firma Lamprecht der stolze Mann auf dessen Ehre auch nicht
der leiseste Makel haftete er bildete sich plötzlich ein es könne eine Zeit
kommen wo man mit Fingern auf ihn zeige wo er verfemt sein werde in Kreisen
denen sein falscher Ehrgeiz unablässig zustrebte Das Herz krampfte sich ihr
zusammen vor Weh indem sie sich vergegenwärtigte wie er vor ihr seinem Kinde
in jenem Augenblick fast flehend gestanden und an ihre Mitilfe ihre kindliche
Treue appelliert hatte So weit hatte ihn die tückische Krankheit bereits
gebracht
    Einen Moment noch horchte sie nach der verriegelten Tür hin  es blieb
totenstill dahinter  dann stieg sie mit zitternden Knieen aus ihrem Versteck
raffte ihre vorhin abgeworfenen Oberkleider zusammen und flog nach einem der
vorderen Zimmer um dort ihren Anzug schleunigst wieder in Ordnung zu bringen
Welch ein Glück dass der Papa nicht zehn Minuten früher nach Hause gekommen war
Versetzte ihn schon die gemalte leblose Leinwand in eine so hochgradige
Aufregung was wäre wohl geschehen wenn er das unselige Weib scheinbar
leibhaftig jählings vor sich gesehen hätte Dass die Mummerei bereits ein anderes
Unheil angerichtet daran dachte ihre Seele nicht
    Seit einer halben Stunde saß er drunten auf der Küchenbank der erschrockene
Hausknecht Die zitternden Beine trugen ihn noch immer nicht und die sonst so
schön rot lackierten Backen blieben blass Die ganze Küche roch nach Likör 
»nichts besseres als das« hatte Bärbe gesagt und ihm ein beträufeltes Stück
Zucker um das andere in den Mund geschoben Und das ganze Hausgesinde stand um
ihn her und konnte sich nicht satt hören und »graulen«
    »Nein nein nein  ein für allemal nicht« wiederholte er zum so und so
vielten Male entschieden »Ich rühre sie nicht wieder an  nicht um die Welt
Mag sie doch sehen wie sie wieder hinaufkommt an ihren Haken Ich und etwas
zerbrechen  Du lieber Gott meinen Pfeifenkopf habe ich nun schon an die
vierzehn Jahre und soll mir mal einer herkommen und auch nur ein Ritzchen dran
finden Und zeigen Sie mir den Teller oder das Glas das ich beim Abtrocknen
hier in der Küche zerbrochen hätte Bärbe Sie könnens nicht mit dem besten
Willen können Sies nicht  so was gibts nicht bei mir  Und da oben fliegt
mir das Ding die Vase nur so aus der Hand So ein heimlicher Puff von hinten
an den Ellbogen und krach da lag die Bescherung am Erdboden Und das war die
Strafe weil ich sie von ihrem Platz genommen hatte die Boshaftige  Ich
dachte mirs gleich und wollte nicht Die Stube wird ja nicht tapeziert
Fräulein sagte ich Das Bild könnte am Ende hängen bleiben  Aber Fräulein
Sophie glaubt ja an nichts  das Bild musste runter absolut runter und ich
armer Teufel kriegte die Prügel Ja den Schreck verwind ich in meinem Leben
nicht Und wie sie nachher auf mich zukam just aus dem Rahmen raus und das
grüne Kleid rauschte und brauste und die Karfunkelsteine glühten ihr auf dem
Kopfe wie Funken aus dem höllischen Feuer da dachte ich jetzt ist dein Brot
gebacken s ist aus mit dir Die Türe hab ich noch glücklich erwischt und
sie krachte fürchterlich hinter mir zu aber auf der Treppe hats mir doch noch
eiskalt an den Hals gegriffen «
    »Unsinn Friedrich Auf der Treppe tat sie Ihnen nichts mehr  sie kann ja
nicht über die Türschwelle« sagte Bärbe und reichte ihm ein Likörgläschen hin
»So  und nun nehmen Sie mal den Schluck Pfefferminzschnaps da der bringt Sie
auf die Beine  Und dass ichs euch sage ihr Leute  die Geschichte bleibt
unter uns Bei der Herrschaft findet man ja doch keinen Glauben und wenn mans
schwarz auf weiß brächte Da wird allemal zuerst gelacht und nachher gezankt
und man kriegt seine Totenunke und Jammerbase nur so an den Kopf geworfen und
hat seinen Ärger weg Und den Leuten in der Stadt dürfen wir auch die Mäuler
nicht aufsperren  beileibe nicht Die sind uns Lamprechts ohnehin nicht grün
unser großes Geschäft und das Ansehen und der unmenschliche Reichtum  das alles
passt den Neidhammeln nicht für die ist ein Unglück in unserem Hause so gut wie
Zuckerbrot  und ein Unglück gibts das steht fest Dazumal wie unser Gretchen
beinahe gestorben ist da hat es da oben auch so lange rumort bis sie uns das
Kind halbtot ins Haus brachten Da heißts nun die Ohren steif halten und
aufpassen Ich sage euch nehmt Feuer und Licht in acht  das ist unsere Sache
Was freilich sonst geschehen soll daran kann unsereiner nichts ändern Mich
überläuft eine Gänsehaut « Sie streifte zur Beweisführung den Ärmel vom Arm
zurück  »Jeden Augenblick kanns kommen  jeden Augenblick« 
 
                                       13
Und in der darauffolgenden Nacht war es wirklich als heule eine wehklagende
Stimme diese Prophezeiung nach auch über den Markt und die ganze Stadt hin 
der erste Oktobersturm brauste durch das Land Die Raben hatten den ganzen
Nachmittag in großen Schwärmen wie toll über der Stadt gekreist und abends war
die Sonne wie in einem Blutmeer untergegangen der Glutschein hatte noch lange
auf den Turmspitzen und Kirchendächern gelegen Und nun kams Die ganze Nacht
hindurch fauchte und johlte es in den Lüften und gönnte sich selbst kein
Aufatmen und als es wieder Tag wurde da pfiff die Sturmmelodie erst recht
durch die Straßen Die Leute die über den hochgelegenen Markt gingen konnten
sich kaum auf den Füßen erhalten und um die Strassenecken flogen Hüte und Mützen
im förmlichen Wirbeltanz
    Die Frau Amtsrätin ärgerte sich Ihre zarten Füßchen waren ein wenig
unsicher und wackelig geworden Bei starkem Wind traute sie sich nicht mehr auf
die Straße und so mussten die auf den heutigen Tag festgesetzten Besuche mit der
heimgekehrten Enkelin in der Stadt unterbleiben
    Margarete war desto zufriedener Ihr erschien der freigewordene Nachmittag
wie geschenkt Sie saß droben im Wohnzimmer der Grossmama und half der alten Dame
mit flinken Fingern an der großen prachtvollen Stickerei Der Teppich solle auf
Herberts Weihnachtstisch kommen wurde ihr geheimnisvoll zugezischelt
eigentlich aber sei er dazu bestimmt im künftigen jungen Haushalt vor dem
Damenschreibtisch zu liegen Und Margarete stickte unverdrossen an den
Blütenbüscheln auf welche der Fuß der schönen Heloise treten sollte
    Um vier Uhr kam auch der Herr Landrat vom Amte heim Er hatte nebenan sein
Arbeitszimmer Eine Zeitlang hörte man drüben Leute kommen und gehen der
Amtsdiener brachte Aktenbündel ein Gendarm machte eine Meldung auch bittende
Stimmen wurden laut und Margarete musste denken wie doch die tiefe behütete
Stille in den oberen Regionen des alten Kaufmannshauses völlig verscheucht sei
durch Bewohner die den Namen Lamprecht nicht führten Das hätten sich die alten
Kaufherren auch nicht träumen lassen Es war immer ihr Stolz gewesen das
mächtige Vorderhaus allein zu bewohnen und das obere Stockwerk lieber leer
stehen zu lassen auf dass kein fremder Fuß das Recht habe ihre schöne breite
Treppe auf und ab zu wandern und profanen Lärm zu machen
    Trotz des Sturmes ja gerade in einem Moment wo die Fenster unter heftigen
Windstössen klirrten wurde auch ein reizend arrangierter Korb voll köstlichen
Tafelobstes aus dem Prinzenhof gebracht Der Frau Amtsrätin zitterten die Hände
vor Freude über die Aufmerksamkeit Sie breitete schleunigst ein verhüllendes
Tuch über den Weihnachtsteppich und rief den Sohn herüber nachdem sie den Boten
mit einem reichen Trinkgeld entlassen
    Der Landrat blieb einen Augenblick auf der Schwelle stehen als sei er
betroffen noch jemand außer seiner Mutter im Zimmer zu finden dann kam er
näher und grüßte nach dem Fenster hin an welchem Margarete saß
    »Guten Tag Onkel« erwiderte sie seinen Gruß freundlich gleichmütig und
stickte an dem Teppichende weiter das unter dem Tuch hervorsah
    Er zog flüchtig die Brauen zusammen und warf einen zerstreuten Blick auf den
Obstkorb den ihm seine Mutter entgegenhielt »Seltsame Idee bei solchem Wetter
einen Boten in die Stadt zu jagen« sagte er »Das hatte doch Zeit «
    »Nein Herbert« unterbrach ihn die Frau Amtsrätin »Das Obst ist frisch
gepflückt und sollte seinen Duftanhauch nicht verlieren Und dann  du weißt ja
dass man draußen nicht gern einige Tage vergehen lässt ohne dass gegenseitig
Lebenszeichen ausgetauscht werden Welch köstlicher Duft  Ich werde dir
gleich einen Teller voll Birnen und Trauben arrangieren und hinüberstellen «
    »Danke schön liebe Mama Freue dich nur selbst daran Ich erhebe keinen
Anspruch  die Aufmerksamkeit gilt einzig und allein dir«
    Damit ging er wieder hinüber
    »Er ist empfindlich weil das Liebeszeichen nicht direkt an ihn selbst
adressiert war« flüsterte die Frau Amtsrätin der Enkelin ins Ohr während sie
nach ihrer Brille griff und die Arbeit wieder aufnahm »Mein Gott noch kann und
darf ja Heloise nicht in der Weise vorgehen Er ist so scheuverschlossen so
unbegreiflich wenig selbstbewusst und scheint fast zu hoffen dass sie zuerst das
entscheidende Wort herbeiführen soll dabei ist er furchtbar eifersüchtig
selbst auf mich auf seine selbstlose Mama wie du eben gesehen hast Ja
Kind darin wirst du nun auch deine Erfahrungen machen« setzte sie laut in
neckendem Tone hinzu und war damit wieder bei dem Thema angelangt das der Bote
vorhin unterbrochen Sie versuchte die Fensternische zum Beichtstuhl zu machen 
es handelte sich um das Schreiben des Herrn von BillingenWackewitz Margarete
hatte das Papier gestern abend noch verbrannt und die ablehnende Antwort war
bereits unterwegs darüber entschlüpfte ihr aber kein Wort Sie antwortete
diplomatisch einsilbig und war innerlich empört dass die alte Dame den Namen des
Zurückgewiesenen einigemal so laut und ungeniert nannte als gehöre er bereits
zur Familie Es verletzte sie um so mehr als die Türe des Nebenzimmers vorhin
nicht fest genug geschlossen worden war der klaffende Spalt erweiterte sich
zusehends und wer drüben aus und ein ging konnte jede dieser indiskreten
Bemerkungen hören
    Die Grossmama hatte die Türe freilich im Rücken und konnte nicht wissen dass
sie offen stehe bis sie durch ein Geräusch drüben aufmerksam wurde und sich
erstaunt umdrehte »Wünschest du etwas Herbert« rief sie hinüber
    »Nein Mama Erlaube nur dass die Türe ein wenig offen bleibt man hat mein
Zimmer überheizt«
    Die Frau Amtsrätin lachte leise in sich hinein und schüttelte den Kopf »Er
denkt wir sprechen von Heloise und das ist selbstverständlich Musik für sein
Ohr« raunte sie der Enkelin zu und sprach sofort vom Prinzenhof und seinen
Bewohnern
    Nicht lange mehr da fing es an zu dämmern Die Arbeit wurde zusammengerollt
und weggelegt und damit waren auch die überschwenglichen Schilderungen der
Grossmama zu Ende Margarete atmete auf und verabschiedete sich schleunigst Sie
brauchte auch nicht einmal in das Nebenzimmer zu grüßen die Türe war längst
wieder leise von innen zugedrückt worden
    Im Treppenhause fing sich der Zugwind  kein Wunder  in der BelEtage
stand ein Flügel des großen nach dem Hofe gehenden Fensters offen und der
Sturm der von Norden her über das Dach des Packhauses kam schnob direkt herein
und zog wie Orgelton an den hallenden Wänden hin
    Beim Herabkommen sah Margarete ihren Vater an dem Fenster stehen Der
Sturmwind fuhr ihm gegen die breite Brust und zerwühlte das volle Kraushaar auf
seiner Stirn
    »Willst du wohl heruntergehen« rief er heftig in das Tosen und Klingen
hinaus und winkte mit dem Arm über den Hof hin
    Die Tochter trat an seine Seite Er schrak zusammen und wandte ihr hastig
sein tieferregtes Gesicht zu »Der Tollkopf dort will sich wahrscheinlich das
Genick brechen« sagte er gepresst und zeigte nach dem offenen Gang des
Packhauses
    Dort stand der kleine Max auf dem Geländersims des Ganges Er hatte den
linken Arm leicht um den einen der Holzpfeiler gelegt welche das weit
hervorspringende Dach trugen den anderen streckte er deklamatorisch in die
brausenden Lüfte hinaus und sang aber es war keine zusammenhängende Melodie er
schlug nur die einzelnen Töne der Skala an und ließ sie schwellen und aushallen
als wolle er übermütig die Kraft seiner kleinen Lunge mit der des Sturmes
messen Das waren die vermeintlichen Orgeltöne gewesen Übrigens mochte er den
Zuruf aus dem Vorderhause nicht gehört haben denn er setzte von neuem ein
    »Der fällt nicht Papa« sagte Margarete lachend »Ich weiß am besten was
man in diesem Alter riskieren kann Das Gebälk auf unserem obersten Hausboden
könnte ganz andere Dinge von meinen Seiltänzerkünsten erzählen Und der Sturm
kann ihm nichts anhaben er hat ihn im Rücken Freilich dem alten Holzwerk da
drüben ist nicht zu trauen« Sie zog ihr Taschentuch hervor und ließ es zum
Fenster hinausflattern
    Dieses Signal bemerkte der Kleine sofort Er verstummte und sprang von
seinem hohen Posten Sichtlich erschrocken und verlegen machte er sich
allerhand auf dem Gange zu schaffen er mochte sich schämen beobachtet worden
zu sein
    »Das Kerlchen hat Gold in seiner Kehle« sagte Margarete »Aber er ist ein
kleiner Verschwender Mit zwanzig Jahren wird er wohl nicht mehr so unsinnig in
den Sturm hineinsingen dann wird er das kostbare Material zu schätzen wissen
Den bekommst du nicht in deine Schreibstube Papa  das wird einmal ein großer
Sänger«
    »Meinst du«  Sein Auge funkelte sie eigentümlich fast feindselig an
»Ich glaube nicht dass er dazu geboren ist andere zu amüsieren«
    Damit griff er nach dem Fenster um es zu schließen aber in demselben
Augenblick riss ihm ein heulender Windstoß den Fensterflügel aus der Hand ein
Stoß von so erschütternder Wucht wie er selbst in der vergangenen wilden Nacht
nicht die Hausmauern erzittern gemacht hatte Was in den nächsten Sekunden
vorging die beiden vom Fenster Zurücktaumelnden sahen es nicht  sie meinten
der Orkan fege das alte Kaufmannshaus und alles was in ihm lebe und atme mit
einem einzigen Ruck vom Boden weg  ein furchtbarer Krach ein
nervenerschütterndes Getöse von stürzendem Trümmerwerk dann ein momentanes
Verbrausen als erschrecke der Wüterich selbst vor der Zerstörung und wage es
kaum an die undurchdringliche graugelbe Wolke zu rühren die plötzlich den Hof
füllte
    Das Packhaus  Ja von dorther wogten und wallten die Staubmassen
    Mit einem wilden Satze sprang der Kommerzienrat an der Tochter vorüber und
die Treppe hinab Margarete flog ihm nach aber erst im Hofe gelang es ihr
seinen Arm zu umklammern  stumm vor Entsetzen konnte sie ihm nicht sagen dass
er sie mitnehmen solle
    »Du bleibst zurück« gebot er und schüttelte sie von sich »Willst du auch
erschlagen werden«  Das waren Laute die ihr durch Mark und Bein gingen und
sie meinte zu sehen wie sich ihm das Haar über dem verzerrten Gesicht sträube
    Er stürmte fort und sie griff nach dem nächsten Lindenstamm um sich auf
den Füßen zu erhalten denn eben brauste es wieder über den Hof hin Ein Wirbel
fuhr in die Staubwand trieb die kämpfenden Wolken erstickend nach dem
Vorderhause und schleuderte sie dann hoch hinauf gegen den dämmernden Himmel
    Nun traten auch wieder feste Umrisse aus dem schleierhaften Gemenge Das
Packhaus stand noch aber als kaum zu erkennende Ruine Die untere Hälfte des
schweren Ziegeldaches die den offenen Gang schützend und verdunkelnd weit
überragt hatte war in ihrer ganzen Länge herabgestürzt und hatte die
Stützpfeiler und das Ganggeländer mitgerissen Drunten türmten sich die Trümmer
bis über die Fenster des Erdgeschosses und noch rutschten gelockerte Sparren
und Ziegel nach und stürzten prasselnd herab
    Es war ein lebensgefährlicher von den niederregnenden Nachzüglern schwer
bedrohter Weg der über den Trümmerhaufen  Margarete sah angsterfüllt ihren
Vater über das Chaos hinklettern hier versperrende Balken zur Seite
schleudernd dort bis über die Kniee zwischen Sparrwerk und Ziegelscherben
einsinkend aber er kämpfte sich binnen wenigen Sekunden durch und verschwand im
Dunkel des Torweges
    Verschiedene Aufschreie von den Fenstern des Vorderhauses her hatten seine
Anstrengungen begleitet und nun stürzten alle Insassen des Hauses in den Hof
hinaus  Tante Sophie das gesamte Dienstpersonal und fast zugleich auch die
Herren aus der Schreibstube Sie alle scheuchte der Sturm sofort dahin wo
Margarete stand unter die Linden an die festen Mauern des Weberhauses
    Nun dem Herrn konnte nichts mehr geschehen Die mächtige Torwölbung dort
welche ihn aufgenommen rüttelte auch der wütendste Orkan nicht um aber das
Kind das arme »Jüngelchen« das war mit heruntergerissen das lag erschlagen
unter der grausen Last Eben noch hatte es Bärbe von ihrem Küchenfenster aus auf
dem Gange stehen sehen
    Das Gesicht der alten Köchin war fahl vor Entsetzen wie das eines
Gespenstes aber noch im Laufen und gegen den Sturm kämpfend sagte sie mit
zitternden Lippen »Na ihr Leute  da ists ja Hat nun die alte Bärbe recht
oder nicht«  Es war kaum zu verstehen so erstickt von Staub Sturm und
Schrecken klang die Stimme aber gesagt musste es werden
    Tante Sophie band ihr Taschentuch um die flatternden Haare und nahm ihre
Röcke fest zusammen Ihr standen die Worte noch nicht wieder zur Verfügung aber
Hand und Fuß waren flink zum Handeln geblieben Trotz der immer noch fallenden
Ziegel und Holzstücke und des sie wütend umfauchenden Sturmes rannte sie über
den Hof nach dem Trümmerhaufen unter welchem das arme erschlagene Jüngelchen
liegen sollte und die anderen folgten ihr unverweilt Aber fast zu gleicher
Zeit erschien auch der Kommerzienrat droben in der offenen Küchentüre welche
auf den Gang hinausführte Er winkte abwehrend mit der Hand »Zurück Es ist
niemand verunglückt« rief er hinab
    Nun Gott sei Dank  Die Gesichter hellten sich auf Mochte doch nun noch
von dem wackeligen Dach herabfallen was wollte  es tat niemand weh und den
sonstigen Schaden heilten Zimmermann und Dachdecker Man konnte getrost in die
schützende Hausflur retirieren
    »Na ja  um ein Haar wars geschehen« sagte Bärbe in resigniertem Tone und
rieb sich mit der Schürze den Staub vom Gesicht »Es ist mir unbegreiflich dass
der Junge davongekommen ist  rein unbegreiflich Im allerletzten Augenblicke
stand er doch gerade noch beim Geländer« Sie schüttelte ungläubig den Kopf
»Na es hat doch so sein sollen und es ist ja ein Glück ein Tausendglück dass
nicht das Allerärgste passiert ist  Für unser Haus wärs ja auch ganz
schrecklich gewesen und niemand von uns hätte in seinem ganzen Leben wieder
froh werden können «
    »Sei nicht so einfältig Bärbe« fuhr Reinhold auf sie hinein Er war vorhin
in der Hausflur zurückgeblieben weil er im Sturm mit Recht seinen
gefährlichsten Feind fürchtete  »Du tust ja wirklich als sei eines von
unserer Familie in Gefahr gewesen und die Lamprechts hätten womöglich Trauer
anlegen müssen wenn der Malerjunge verunglückt wäre Albernes Gewäsch  Aber
so seid ihr alle Nur was euresgleichen angeht kann euch alterieren der
Schaden aber den die Herrschaft von der dummen Geschichte hat der ist für euch
Lappalie Ihr denkt wir haben das Geld scheffelweise und da kann drauf und
drein gehaust und gewüstet werden  ich kenne euch«  Er hob seine Hand mit den
langen dürren Fingern schüttelnd gegen das bei einander stehende Gesinde und
wandte sich mit einem geringschätzenden Achselzucken von den Verblüfften ab
    »Der Spaß da drüben wird uns einen schönen Taler Geld kosten« sagte er zu
den Herren der Schreibstube indem er mit dem Kopfe nach dem Packhause
hinnickte »Es ist unverantwortlich vom Papa dass er die Hintergebäude so
verfallen lässt Mir passiert so etwas später einmal ganz gewiss nicht mir
entgeht kein verschobener Ziegel  darauf können Sie sich verlassen  und sollte
ich auf allen vieren in die Bodenecken kriechen und nachsehen Ja und«  er
verstummte plötzlich schob die Hände in die Hosentaschen und lehnte sich die
langen Beine vorstreckend mit dem Rücken gegen die windgeschützte Flurwand 
der Kommerzienrat kam eben über den Hof zurück
    Noch sah er tief alteriert aus und sein sturmzerwühltes Haar das ihm wild
in die Stirn hing verstärkte den Eindruck Aber beim Erblicken des noch in der
Hausflur zusammenstehenden Menschentrupps nahm er sich sichtlich zusammen und
reckte seine Gestalt zu ihrer ganzen Höhe empor Sein Auge begegnete kalt
abweisend den gespannten Blicken der Leute es schien als wolle er von
vornherein jede Frage abwehren  das Sprechen mit seinen Untergebenen war ja
überhaupt seine Sache nicht
    Er winkte dem Hausknecht gab ihm ein Medizingläschen welches er in der
geballten Hand mitgebracht und schickte ihn nach der Apotheke »Der alten Frau
drüben hat der Schreck geschadet sie ist sehr unwohl und von dem helfenden
Mittel war kein Tropfen mehr im Glase« sagte er kurz fast barsch und doch wie
verlegen entschuldigend zu Tante Sophie und eine leichte Röte lief über seine
Stirn  es war ja nur ein kleiner Samariterdienst eine selbstverständliche
Hilfeleistung einem erkrankten Mitmenschen gegenüber aber von s des
unnahbaren hochmütigen Mannes war und blieb es eine unbegreifliche
Herablassung und wie es schien am meisten in seinen eigenen Augen
    Margarete machte es in diesem Augenblick wie vorhin Tante Sophie sie band
mit flinken Händen ein Tuch über den Kopf und ging schweigend nach der Hoftüre
    »Wo hinaus Gretchen« fragte der Kommerzienrat und griff nach ihrem Arm
    Sie strebte nichtsdestoweniger weiter »Ich will nach der kranken Frau
sehen wie es sich ja ganz von selbst versteht «
    »Das wirst du bleiben lassen mein Kind« sagte er gelassen und zog sie
näher an sich »Es versteht sich durchaus nicht von selbst dass du dich um eines
Krampfanfalles willen in die Gefahr begibst selbst schwer verletzt zu werden
Frau Lenz soll an derartigen Anfällen sehr oft leiden und es ist noch niemand
im Vorderhause eingefallen ihr beizustehen Ein solches Hinüber und Herüber ist
überhaupt nie Brauch bei uns gewesen und ich wünsche durchaus nicht dass darin
etwas geändert werde«
    Bei diesem sehr bestimmt ausgesprochenen Wunsch und Willen löste Margarete
schweigend die Tuchzipfel unter dem Kinn Die Dienerschaft verschwand lautlos
hinter verschiedenen Türen und die Herren zogen sich schleunigst in die
Schreibstube zurück Nur Reinhold blieb zurück »Das geschieht dir recht
Grete« machte er schadenfroh »Ja eine blaue Schürze vorbinden und in die
armen Häuser gehen um kranke Leute zu pflegen und schmutzige Kinder zu waschen
das ist jetzt so Mode bei den jungen Mädchen und da denkst du natürlich auch
wunder wie schön sich Grete Lamprecht als so eine heilige Elisabet ausnehmen
müsste Es ist nur gut dass der Papa solchen Unsinn nicht leidet  Und morgen
hört auch die Gelegenheit zu solch abgeschmacktem Getue von selbst auf gelt
Papa Die Leute können doch unmöglich im Packhause bleiben wenn gebaut wird
Die müssen doch heraus«
    »Das ist nicht nötig  die Leute bleiben wo sie sind« versetzte der
Kommerzienrat kurz worauf sich Reinhold die Hände tiefer in die Hosentaschen
vergrabend und die hohen Schultern noch höher hebend in wortlosem Ärger
umdrehte und nach der Schreibstube ging
    Der Kommerzienrat legte seinen Arm um die Tochter und führte sie nach der
Wohnstube Er rief nach Wein und die ersten Gläser des schweren Burgunders
wurden hinabgestürzt als bedürfe es der ganzen Feuerglut des Weines um eine
innere Stockung zu lösen
    Margarete setzte sich auf den Fenstertritt auf den Platz zu Tante Sophiens
Füßen wo sie als Kind immer gesessen Sie verschränkte die Arme um die Kniee
und lehnte den Kopf an das Sitzpolster des Armstuhles Sie war allein mit dem
Papa Inmitten dieser vier Wände war es heimlich und behaglich vom Fensterbrett
herab durchwürzten die Topfblumen die reine sanfterwärmte Zimmerluft die Uhr
hatte sich durch den Aufruhr im Hause nicht irre machen lassen sie tickte nach
wie vor und die Schritte des schweigend auf und ab gehenden ganz in sich
versunkenen Mannes hielten gleichmäßig Takt mit dem sachtgehenden Pendel Aber
draußen in den Lüften brauste es schauerlich die Fenster klirrten und dann und
wann kam über den Markt her der Lärm zuschmetternder Haustüren oder
zurückgeschleuderter Fensterläden
    »Das wird schließlich noch den ganzen Dachstuhl vom Packhaus rütteln« sagte
Margarete und hob den Kopf
    »Ja es werden noch Ziegel in Menge herabfliegen aber das Dachgerüst
nicht« entgegnete der Kommerzienrat »Ich habe auf dem Hausboden nachgesehen
Das alte Gebälk ist wie von Eisen stark und festgefügt Das was zertrümmert im
Hofe liegt ist ein elendes Flickwerk neueren Datums gewesen«
    Er blieb einen Moment ihr zugewendet stehen und das schon stark mit grauem
Dämmern gemischte Tageslicht fiel auf seine Züge Der Wein tat seine
Schuldigkeit er machte das Blut wieder rasch durch die Adern kreisen und
scheuchte die Schreckensblässe von Stirn und Wangen
    »Und der kleine Max ist wirklich heil und unversehrt geblieben« fragte die
Tochter
    »Ja  das losgerissene Dachstück ist über ihn hinweggeschossen«
    »Ein wahres Wunder Da möchte man so gern glauben dass sich zwei Hände
behütend über den kleinen Lockenkopf gebreitet haben  die Hände seiner toten
Mutter«
    Der Kommerzienrat schwieg Er wandte sich weg und goss Wein in sein Glas
    »Ich kann den furchtbaren Eindruck nicht los werden  mir zittern noch Hände
und Füße« setzte sie nach einem augenblicklichen Schweigen hinzu »Zu denken
dass dieser schöne Junge voll Kraft und Leben plötzlich tot oder grässlich
verstümmelt unter den Balken und Scherben liegen könnte « Sie brach ab und
legte die Hand über die Augen
    Einen Augenblick blieb es still im Zimmer so still dass man ein erregtes
Stimmengemurmel von der Küche herüber hören konnte
    »Unsere Leute können sich auch noch nicht beruhigen wie es scheint« sagte
Margarete »Sie haben das Kind gern  Der arme kleine Schelm Er hat eine
einsame Kindheit Der deutsche Boden ist ihm fremd die Mutter tot und der
Vater den er nie gesehen hat weit über dem Meer drüben «
    »Der Kleine ist nicht zu beklagen er ist der Abgott seiner Angehörigen«
warf der Kommerzienrat ein Er stand noch abgewendet hielt das Trinkglas gegen
das Fensterlicht und prüfte den dunkelglühenden Inhalt daher klang das was er
sagte wie halb verweht
    »Auch der seines Vaters« fragte das junge Mädchen herb und zweifelnd Sie
schüttelte den Kopf »Der scheint sich sehr wenig um das Kind zu kümmern Warum
hat er es nicht bei sich wo sein Platz ist wohin es von Gott und Rechts wegen
gehört«
    Das gefüllte Glas wurde unberührt wieder auf den Tisch gestellt und ein
schattenhaftes Lächeln flog um die Lippen des nähertretenden Mannes »Da geht
man wohl auch mit dem Papa schwer ins Gericht der seine Tochter fünf Jahre lang
von sich gegeben hat« fragte er immer noch lächelnd aber mit jenem nervösen
Zucken der Unterlippe das bei ihm stets ein Merkmal innerer Bewegung war
    Sie sprang auf und schmiegte sich an ihn »Ach das ist doch ganz etwas
anderes« protestierte sie lebhaft »Deine wilde Hummel war dir zu jeder Zeit
erreichbar und wie fleißig hast du sie besucht und nach ihr gesehen Du
brauchst auch nur zu wünschen und ich bleibe bei dir jetzt und für immer Der
Vater des kleinen Lenz aber «
    »Für immer« wiederholte der Kommerzienrat Er ignorierte die letzten Worte
und sprach laut und rasch »Für immer  Kind wie lange noch da kommt ein
Wirbelwind aus dem Mecklenburger Lande und weht mir meine kleine Schneeflocke da
fort auch für immer«
    Sie trat von ihm weg und ihr Gesicht verfinsterte sich »Ach weißt du das
auch schon  Sie haben es ja sehr eilig die Guten«
    »Wen meinst du damit«
    »Nun wen denn sonst als die Grossmama und Onkel Herbert den gestrengen
Herrn Landrat« Sie fuhr sich in komischem Zorn mit der Hand durch die Locken
und warf sie aus der Stirn »Schauderhaft Nun haben sie auch schon bei dir
miniert und es sind noch keine vierundzwanzig Stunden seit ihnen Tante Elisens
glorreiche Ausplauderei zu Ohren gekommen ist  Nun ja ich soll schleunigst
unter die Haube Sie brauchen gerade jetzt eine Gnädige in der Familie eine
fremde Namensglorie so etliche Weihrauchopferwolken die unser schlichtes Haus
wohltätig verschleiern und allerhöchsten Orts angenehm in die Nase steigen 
und dazu soll das arme Opfer die Gretel geschlachtet werden Aber so
geschwind geht das nicht«  Sie lächelte mutwillig  »Vor allem müssen sie das
Mädchen haben wenn sie es binden wollen Onkel Herbert «
    »Was machst du dir für einen seltsamen Begriff vom Onkel« unterbrach er
sie »Der braucht uns Lamprechts nicht ihm wird es sehr gleichgültig sein was
für einen Namen du künftig trägst Der will alles durch sich selbst Wie mancher
scheitert durch dieses herausfordernde wenig devote Prinzip  gerade in unserer
Zeit wo jedes Einzelstreben in einer großen Willensmacht aufgehen soll ist es
missliebig fast verpönt Aber er darf sich das erlauben Er ist ein
Sonntagskind dem sich alle Hände ungerufen entgegenstrecken ob er sie auch
schroff zurückweist Ich glaube selbst bei seiner Verheiratung wägt er immer
wieder ab ob ihm die schöne Heloise nicht doch mehr zubringt als er gibt 
daher sein Zögern«
    »Nicht möglich« Sie schüttelte ungläubig und erstaunt den Kopf schlug die
Hände zusammen und lachte »Das ist ja das schnurgerade Gegenteil von dem was
die Welt über ihn sagt «
    »Die Welt  Den möchte ich sehen der sich rühmen dürfte zu wissen was er
denkt  Ja im geselligen Verkehr hat er verbindliche zuvorkommende
Manieren aber dies scheinbar Gefügige geht ihm kaum bis unter die Haut so viel
weiß ich Der ist durch und durch fest und zielbewusst Ich neide ihm seine
Verstandeskühle ach und wie«  Er seufzte tief auf stürzte auf einen Zug das
Glas Burgunder hinab und dann sagte er »Jene Charaktereigenschaften tragen ihn
und haben ihn immer über sich nach den Sternen greifen lassen «
    »Gott bewahre Papa  nicht immer« unterbrach sie ihn lachend »Es hat auch
eine Zeit gegeben wo er herabgestiegen ist und nach den Blumen der Erde
gegriffen hat  Die wunderschöne Blanka Lenz mit den langen blonden Zöpfen
weißt du noch«  Sie verstummte vor dem hässlichen höhnischen Lachen das ihr
Vater plötzlich aufschlug Und nun ging er wieder so stürmisch und dröhnenden
Schrittes auf und ab dass die alten Dielen unter seinen Füßen kreischten
    Es währte eine geraume Zeit bis er wieder vor ihr stehen blieb und da
erschrak sie  er war ganz braunrot im Gesicht und die Augen blickten wild wie
gestern da er das Bild der schönen Dore gegen die Wand gekehrt hatte
»Herabgestiegen Ja herabgestiegen  sagtest du nicht so«  Er streckte den
Zeigefinger wie beweisführend gegen sie aus »Siehst du wohl dass es mit deinem
Nivellierungsprinzip nicht weit her ist  Was weiß auch solch ein kleines
Mädchen« warf er achselzuckend hin und fuhr sich ungestüm mit der Hand durch
das Haar »Also eine Baronin Billingen soll meine Grete werden« setzte er sich
bezwingend nach einer Pause hinzu »Mir wärs schon recht Ich könnte stolz
sein Ich könnte vor alle die alten Herren in den Sälen oben hintreten und
sagen Seht her meine Tochter ists die die siebenzinkige Krone in unsere
Familie bringt « Er brach ab und biss die Zähne zusammen und Margarete die
anfänglich verletzt emporgefahren war hing ihm plötzlich am Arme und sah ihm
lächelnd unter das Gesicht
    »Nun da nimm die Baronin Tochter du stolzer Papa und führe sie Aber
hübsch langsam nicht so im Sturmschritt wie du eben noch marschiert bist«
sagte sie und fuhr ihm mit linder Hand über die dunkelgefärbte Stirn »Du bist
mir da zu rot  das gefällt mir nicht  So  eins zwei eins zwei  immer
hübsch im Schritt Und wenn du meinst es sei meine Ansicht wenn ich im Sinne
des Onkels spreche dann bist du ein wenig im Irrtum Ein Mann der
schließlich am Fürstenhofe freit ist mit seiner ersten Liebe zu einer armen
Malerstochter herabgestiegen  so urteilt die sogenannte Welt und er selbst von
seinem jetzigen Standpunkt aus sicher in erster Linie Über dein kleines
Mädchen und seine Prinzipien aber darfst du dich nicht so mokieren böser Papa 
den Vorwurf der Inkonsequenz nehme ich sehr übel  Mir wäre Blanka Lenz nicht
feil gewesen gegen die pommersche Schönheit draußen im Prinzenhofe mag die auch
noch so weiß und rot und üppig sein  mir ganz gewiss nicht War die schöne
Malerstochter doch damals das Ideal meiner entusiastischen Kinderseele Ich
bekam immer förmliches Herzklopfen wenn sie plötzlich auf den Gang heraustrat
so strahlend frisch und anmutig so unbeschreiblich lieblich wie eine
Märchenfee Die hätte ich mit tausend Freuden Tante genannt  bei der
herzoglichen Nichte werde ichs selbstverständlich bei einem tiefen
Vorstellungsknix und der Frage nach gnädigem Befinden bewenden lassen«
    Sie sprach mit jenem Gemisch von Scherz und Ernst das ihr ganzes Wesen
charakterisierte und der Vater ging in dem langsamen Tempo wie sie angegeben
neben ihr Er hatte den Kopf tief auf die Brust gesenkt als sei er in seinen
eigenen Gedankengang versunken und höre kaum auf das Geplauder aber sein Herz
schlug stark und ungestüm gegen ihren Arm  ruhig war er nicht
    »Und nun im Ernst  mit der Baronin Tochter ists nichts Papa wirklich
nicht  das wäre ein zu teurer Spaß« fuhr sie in demselben Tone fort »Ich
meine was fange ich mit einem bloßen Namen an wenn ich mein ganzes Sein und
Wesen wie ich nun einmal bin dafür hingegeben habe Ein schlechter Tausch 
Der gute Hans Billingen mag mich ja wohl gern haben  ich denke es nur weil er
für den Moment so total den Kopf verloren hat dass er alles Ernstes um mich
freit  aber ein entsetzlicher Katzenjammer bliebe für ihn nicht aus das weiß
ich Der lange dicke Goliat ist ein Hasenfuß der ganz gehörig unter dem
mütterlichen Pantoffel steht und diese Mama ragt ebenso turmhaft und
vierschrötig neben dem Sohne in die Höhe  und nun denke dir deine dünne
schmale Grete dazwischen denke dir wie ihr die fürchterlich adelstolze alte
Schwiegermutter ein Federchen um das andere aus den Flügeln rupft auf dass sie
nie wieder zurück kann in das heimische Nest und die vornehme Welt nicht den
Kuckuck an seinen Federn erkenne  Und über die Schamröte auf den Wangen
dieser meiner Schwiegermama sollten sich die alten Herren droben freuen Denke
doch nicht Sie würden sich für die Siebenzinkige gerade so bedanken wie ich«
    Sie hemmte ihre Schritte vertrat ihm den Weg und legte die Hände auf seine
Schultern »Gelt Papa« bat sie beweglich »du quälst mich nicht auch noch wie
es die andern machen Du lässt deine Schneeflocke wirbeln wie sie will Alt
genug bin ich ja doch auch um meinen Weg selbst zu finden«
    Er strich mit der Hand über den Lockenkopf der sich an seine Brust
schmiegte »Nein ich zwinge dich nicht Gretchen« antwortete er mit einer
Sanfteit die sie ergriff »Vor Jahren hätte ich meine ganze Autorität
eingesetzt um dich zu bestimmen heute aber will ich dich nicht verlieren 
denn verloren wärst du mir in der Familie wie du sie schilderst doppelt
verloren wie die Verhältnisse jetzt liegen Der Sturm draußen rüttelt an
meiner Seele wie eine fanatische Predigerstimme und ich bin müde und mürbe
Ich brauche meinen kleinen Kameraden mit seinen hellen Augen seinem strammen
Rechtsgefühl  wohl in der allernächsten Zeit Grete «
    »Abgemacht« rief sie und schüttelte ihm die Hand kräftig und herzhaft in
der Tat wie ein Kriegskamerad »Nun bin ich ruhig Papa Gerade jetzt wo so
manche unseres Standes eingeschüchtert unterducken und katzbuckeln und zu ihrem
eigenen Schaden Altes Vermorschtes neu stützen helfen tut ein energisches
Lebenszeichen des Bürgerstolzes not und sei es auch nur der eines  Mädchens
Und nun will ich gehen und dir ein Glas frischen Wassers holen  du wirst immer
heißer im Gesicht«
    Er hielt sie zurück mit dem Bemerken dass er in seinem Zimmer ein Medikament
gegen die Schwindelanfälle habe die ihn wieder einmal täglich heimsuchten Mit
heißen Lippen küsste er sie auf die Stirn und ging hinaus
    »Das kommt und vergeht wie ein Dieb in der Nacht Mache dir keine Sorgen
Gretel« sagte Tante Sophie die eben mit einem Arm voll Essgerät eingetreten
war um den Abendtisch herzurichten zu dem besorgten jungen Mädchen Sie
ergriff die Weinflasche und hielt sie gegen das Licht »Leer bis auf eine kleine
Neige« schalt sie ärgerlich »Da brauchst du dich nicht zu wundern wenn der
Kopf rot wird Der Doktor eifert jahraus jahrein gegen die starken Weine wenn
aber ein Schreck oder eine Sorge fortgespült werden soll da muss allemal vom
stärksten her Sie werden aber nie klüger die Herren«
                                       14
In der Wohnstube wurden die Rollvorhänge herabgelassen Wer mochte auch noch
hinaussehen auf den Markt wo sich die unglücklichen Menschenwesen die das
gebieterische »Muss« ins Freie trieb als unförmliche flatternde Kleiderbündel
mit Lebensgefahr um die Strassenecken kämpften wo der heulende Unhold das Wasser
im Brunnenbecken wütend peitschte und mit allem was nicht niet und nagelfest
bis über die Dachfirste hinauf Fangball spielte Es war bitter kalt geworden
aber Tante Sophie löschte das Feuer im Ofen und stellte dafür die summende
Teemaschine auf den Tisch  heute müsse man von innen heizen sagte sie in die
Schlöte dürfe kein Feuerfunke mehr kommen Sie hatte noch einmal die Runde durch
das ganze Haus gemacht und alle Türen Fenster und Bodenluken untersucht und
meinte sie wolle sich nicht wundern wenn heute nacht auch noch das Dach des
Vorderhauses auf den Markt herunterspaziert käme  da oben sei es fürchterlich
    Ein behagliches Beisammensein gab es heute nicht Der Kommerzienrat wollte
nicht essen und blieb oben und auch Reinhold zog sich nachdem er mürrisch
schweigend eine Tasse Tee getrunken mit seinem unbesiegbaren Zorn über die
Verwüstung des Packhauses in seine Stube zurück So blieben Tante Sophie und
Margarete allein und wachten der gefahrdrohenden Nacht entgegen Auch die
Dienstleute gingen nicht zu Bette Sie saßen in der Küche bei einander die
Mägde steckten frierend die Arme unter die Schürze und die Männer kauten an der
kalten Pfeife und horchten in stummer Sorge auf das furchtbare Anschwellen der
Sturmesstimme War es doch als wolle der Orkan die uralte kleine Stadt die
seit einem Jahrtausend als treuer Wächter an die Pforte des Türingerwaldes
geschmiegt allen Stürmen allen Kriegsungewittern getrotzt hatte in dieser
einen Nacht wie ein Kinderspielzeug in Splitter und Scherben zusammenschütteln
Unter seinen Stößen erbebte die Erde Schlöte und Ziegel rasselten von den
Dächern und zerbarsten auf dem Strassenpflaster und in das Gebrüll und
Zornesschnauben hinein mischte es sich wie ein unirdisches Wehklagen als seien
unter den Fusstritten des Dahinrasenden draußen auf dem stillen Fleck vor dem
Tore die tiefgebetteten Schläfer erwacht und durchirrten suchend die Gassen in
denen sie vorzeiten gewandelt
    Und gegen die zwölfte Stunde tat sich die Stubentür auf und Bärbe
erschien auf der Schwelle ganz blass schaudergeschüttelt und den Zeigefinger
der Rechten nach der Zimmerdecke emporgereckt Es tappe und trampele wie mit
Reiterstiefeln ganz greulich oben im Gange und dazwischen werde gepocht und
geklopft als wenn jemand eingesperrt sei und »heraus wolle« zischelte sie
hinter ihren zusammenschlagenden Zähnen verschwand aber sofort wieder hinter
der sacht zugedrückten Türe als sich Tante Sophie ohne ein Wort zu sagen aus
der Sofaecke erhob die Sturmlaterne anzündete und mit Margarete das Zimmer
verließ
    Oben im Flursaal brauste ihnen ein Zugwind entgegen der sie zurückzuwerfen
drohte Auf dem letzten Büffett brannte die große Tischlampe des
Kommerzienrates und die Türe nach dem Gange stand weit offen Von dort her
pfiff und orgelte es allerdings als sause das wilde Heer durch den langen
dunklen Schlund Tante Tophie trug schleunigst die Lampe aus welcher die
windgejagte Flamme hoch emporschlug auf das geschützte vordere Büffett und
währenddem betrat Margarete mit hochgehobener Laterne den Gang
    Der Sturm hatte das Fenster am Ende des Ganges eingedrückt sein eisiges
Blasen und Fauchen kam dort direkt vom Himmel herein er warf den aufgerissenen
Flügel schmetternd hin und her und riss und stieß an den hingelehnten Bildern
von denen ein Teil bereits am Boden lag  das war wohl das Tappen und Pochen
gewesen Aber das Fenster war ja so klein durch dieses enge Viereck konnte
sich unmöglich die gewaltige Windsbraut zwängen die das Mädchen wütend anfiel
und Gang und Flursal mit ihrem Tosen erfüllte Margarete kämpfte sich vorwärts
und da prallte sie plötzlich zurück
    Sie stand vor dem Treppchen das seitwärts nach der Bodenkammer im Packhause
hinabführte sonst war das eine düstere abgeschlossene Ecke jetzt aber sah der
dämmernde Himmel mit seinen Sternbildern durch das Dachgerippe des Packhauses
herein  der nie benutzte Türflügel hing zurückgeworfen nur halb in den Angeln
und im Türrahmen mühsam gegen den Anprall sich haltend stand ihr Vater
    Er sah den Laternenschein der neben ihm hin auf die Dielen der Dachkammer
draußen fiel und wandte sich um »Du bists Gretchen« fragte er »Jagt dich
der Aufruhr auch durch das Haus Es sieht schlimm aus hier oben Wie vor den
Posaunenstössen des Weltgerichts stürzt das bisschen Menschenwerk zusammen  nicht
die Sonne allein auch der Sturm bringts an den Tag mein Kind« setzte er mit
einem unheimlichen Lächeln das sie betroffen machte hinzu »Schau
jahrhundertelang hat geheimnisvolles Dunkel unter dem alten Dach gespukt und nun
scheinen die Sterne auf die Dielenbretter und man meint die Fussspur von denen zu
sehen die einst da gegangen sind«
    Er stieg das Treppchen herauf Tante Sophie kam eben auch den Gang daher
Sie schlug die Hände zusammen »Um alles in der Welt hat denn der
Spektakelmacher uns Lamprechts ganz extra aufs Korn genommen Das ist ja die
reine Wüstenei« schalt sie empört und zeigte nach der aufgerissenen Türe
»Seit Menschengedenken hat keine Seele an das Türschloss gerührt und nun  das
Loch muss auf der Stelle zugemacht werden wenn wir nicht das Haus voll Ratten
haben wollen«
    »Ratten  Mir wars eben noch als käme eine weiße Taube
hereingeflattert« sagte der Kommerzienrat wieder mit jenem höhnisch bitteren
Lächeln das seine Lippen schmerzhaft aufzucken machte
    Tante Sophie erschrak »Na das fehlte noch dass uns auch der Taubenschlag
abgedeckt ist« rief sie und trat resolut um einige Schritte hinaus um zwischen
dem Balkenwerk hindurch nach dem Dach des Weberhauses zu sehen wo ihre
gefiederten Pfleglinge hausten
    Der Kommerzienrat wandte sich achselzuckend ab und ging hinunter in die
Erdgeschosswohnung Er kam bald darauf mit dem Kutscher und dem Hausknecht
zurück die eine Leiter und Balkenstücke trugen Nur mit Mühe gelang es ihnen
die Türe anzudrücken dann wurden die Balken dagegen gestemmt
    »Vielleicht wars gut dass der Sturm einmal da durchgefegt ist« hörte
Margarete den Kutscher bei der Arbeit halblaut zu dem andern sagen während sie
mit ihrem Vater und Tante Sophie bemüht war die umgeworfenen Bilder wieder
aufzurichten »Da hinaus wills ja partout immer das Unwesen Ich habs ja
selbst einmal mit eigenen Augen gesehen  es müssen nun an die zehn Jahre her
sein  wie die weiße Schleierwolke geradeswegs durch den Gang in die Ecke da
schoss als ging es direktement ins Freie naus  ja prosit  da war die Welt
mit Brettern verschlagen und das Schleierzeug zerflog und zerflatterte nur so an
den Wänden  immer die nämliche Geschichte seit die Frau tot ist und nicht in
den Himmel kommen kann  Nun ist aber da ein Luftloch gewesen gerade weit
genug um so ein armes Weiberseelchen nauszulassen  das wär gut für die
Herrschaft und ihr wollte ich die Ruhe auch gönnen Verdient hat sies freilich
nicht denn sie ists doch gewesen die ihren Liebsten rumgekriegt hat dass er
der ersten Frau sein Wort nicht halten durfte An so einer Falschheit sind
allemal die Weiber schuld allemal«
    Der Zugwind trug jedes Wort deutlich herüber und den stolzen Kommerzienrat
mochte die Kritisierung seiner Vorfahren aus unberufenem Dienermund schwer
ärgern  Margarete sah wie er die geballte Hand hob als wolle er den Sprecher
züchtigen aber er ließ es bei einem zornigen »Vorwärts sputet euch«
bewenden worauf der Kutscher erschrocken die Leiter anlehnte und zu dem
Fensterchen emporkletterte das ebenfalls möglichst verbarrikadiert wurde
    Margarete verließ den Gang und trat für einen Moment in das nächste Fenster
des Flursaales Aus verschiedenen Fenstern des Vorderhauses fiel heller
Lampenschein in den Hof auf die sausenden Lindenwipfel und die spritzenden
Wasser des Brunnens und mit Schmerz sah das junge Mädchen dass die steinerne
Brunnennymphe über den vier wasserspeienden Röhren fehlte  der Sturm hatte auch
sie herabgerissen wie ein mächtiges Simsstück droben am Dache des spukhaften
Flügels über welche gähnende Lücke gerade ein breiter Lichtstreifen aus den
oberen Flursaalfenstern hinlief Droben wachte man auch
    Sie sah plötzlich ihren Vater neben sich stehen während die beiden Männer
mit ihrer Leiter geräuschvoll hinter ihnen weg nach dem Ausgange trabten Er
legte seine Hand schwer auf die Schulter der Tochter und zeigte empor nach dem
unbeweglich auf dem Dach liegenden Lampenschein »Das sieht so still aus
inmitten des Aufruhrs so stolz ruhig wie die Bewohner unserer vornehmen oberen
Etage selbst Wenn sie wüssten  Morgen wird es einen Sturm da oben geben
einen Sturm so wild wie der unter welchem eben unser altes Haus in seinen
Fugen bebt«
    Tante Sophie kam eben mit der Laterne um die Gangecke und da brach er kurz
ab »Auf morgen denn mein Kind« sagte er dem jungen Mädchen die Hand
drückend dann nahm er die Lampe vom Büffett und zog sich in sein Zimmer zurück
 
    Nach Mitternacht legte sich der Sturm Die Lichter in den Häusern der Stadt
erloschen und die geängstigte Bewohnerschaft suchte noch schleunigst die
wohlverdiente Ruhe Auch im Hause Lamprecht wurde es still nur Bärbe warf den
Kopf in ihren buntgewürfelten Bettkissen hin und her und konnte vor Ärger nicht
schlafen  es war eben kein richtiges festes Glauben und auch kein Verlass mehr
in der Welt Nun schwatzten die beiden dummen Menschen der Kutscher und
Friedrich der Herrschaft auch »nach dem Munde« und behaupteten die Bilder
seien es gewesen und erst hatten sie doch kreideweiss in der Küche gesessen und
heilig und teuer geschworen dass das Pochen und Stampfen oben im Gange nichts
anderes als Teufelsspuk sein könne Aber nur Geduld  es kam schon noch es kam

    Am anderen Morgen war es förmlich kirchenstill in den Lüften Die Sonne
übergoss alles Trümmerwerk von den durchlöcherten Türmen und Kirchendächern an
bis zum niedergeworfenen Gartenstaket herab mit warmem gleissenden Gold und
lockte ein wahres Brillantengefunkel aus den Scherben und Splittern der
zerschlagenen Fensterscheiben Ja der »Spektakelmacher« hatte viel Unheil
angerichtet und die Handwerker hatten für die nächste Zeit vollauf zu tun um
den Schaden gutzumachen
    Aus Dambach war auch beim Morgengrauen ein Bote mit Hiobsposten gekommen
Das Unwetter sollte die Fabrikgebäude dermaßen beschädigt haben dass eine
längere Betriebsstörung zu befürchten stand Daraufhin war der Kommerzienrat in
aller Frühe hinausgeritten Er habe ganz frisch ausgesehen und auch erst in
aller Ruhe seinen Kaffee getrunken sagte Tante Sophie auf das ängstliche
Befragen Margaretens hin die noch geschlafen hatte Freilich habe er eine
Sorgenfalte zwischen den Augen gehabt es sei ja auch keine Kleinigkeit wenn
die Fabrik stille stehe und außerdem müsse tief in den Beutel gegriffen werden
schon allein der Reparaturen an den Hintergebäuden wegen denn da sehe es beim
Tageslicht geradezu gotteillos aus
    Margarete trat auf die Türstufen des Seitenflügels hinaus und überblickte
den verwüsteten Hof und in diesem Augenblick kam auch der Herr Landrat
gestiefelt und gespornt und die Reitgerte in der Hand vom Vorderhause her und
ging nach den Pferdeställen Ob er den alten Mann in der Tat nicht bemerkte
oder ob auch für ihn das Prinzip im Vorderhause galt nach welchem das Dasein
der Packhausbewohner möglichst ignoriert wurde genug er trat unter die
Stalltüre ohne die höfliche Begrüßung des Malers Lenz zu erwidern der in der
Nähe des Brunnens stand
    Der alte weisshaarige Mann war wie es schien lediglich über den das ganze
Packhaus absperrenden Trümmerhaufen geklettert um die Bruchstücke der
zerschlagenen Brunnennymphe zusammenzusuchen Er hatte eben den Kopf des
Steinbildes aus dem Grase aufgenommen als Margarete zu ihm trat und ihm mit
herzlichem Gruße die Hand hinstreckte  Sie hatte ihn ja immer lieb gehabt den
stets heiteren lebensfrohen greisen Künstler der mit so gutem treuem Auge
durch seine Brillengläser in die Welt sah und heute noch stand ihr jener Moment
vor der Seele wo sie sich als Kind in ihrer trostlosen Verlassenheit mit dem
wonnigen Gefühl des Geborgenseins an seine Brust geschmiegt hatte Das vergaß
sie nie
    Er freute sich wie ein Kind sie wiederzusehen und versicherte fröhlich auf
ihre teilnehmenden Fragen nach seiner erkrankten Frau dass daheim alles wieder
wohlauf und zufrieden sei wenn auch augenblicklich das Dach über dem Haupte
fehle Der Sturm habe schlimm gehaust seine ruchloseste Tat sei aber doch die
Zertrümmerung der Brunnennymphe eines seltenen Kunstwerkes das immer sein
Augapfel gewesen sei Und nun sprach er über die köstlichen Linien des
Nymphenkopfes in seinen Händen und über verschiedene berühmte weibliche Statuen
der antiken Welt ein Thema auf welches Margarete lebhaft einging um so mehr
als der alte Mann ein ausgezeichnetes Kunstverständnis an den Tag legte Und
währenddem war der Landrat wieder in der Stalltüre erschienen er hatte das
junge Mädchen von dorther gegrüßt und nun ging er wartend langsam unter den
Linden auf und ab
    Margarete hatte seinen Gruß nur mit einem flüchtigen Kopfnicken erwidert 
die Art und Weise mit welcher sich der hochmütige Büreaukrat dort isolierte
empörte sie  nun er brauchte ja auch für sie nicht da zu sein Im Gespräch
weiter gehend begleitete sie den alten Maler durch den Hof nach dem Packhaus
dort sprang sie auf den Trümmerhaufen und hielt dem mühsam Hinaufkletternden
helfend beide Hände hin So leicht sie war das locker übereinander geworfene
Bollwerk krachte und wich doch unter ihren Füßen und jeder noch so vorsichtige
Tritt des alten Mannes brachte es in schütternde Bewegung
    Jetzt kam auf einmal Leben in die statuenhaft ruhige Erscheinung des
Landrats Er warf seine Reitgerte auf den Gartentisch und eilte in förmlichem
Sturmschritt nach den Trümmern Schweigend stieg er auf das nächste Balkenstück
und reckte die Arme empor um die Schwankende zu stützen und ihr herabzuhelfen
    »Ei beileibe nicht Onkel Du riskierst die Nähte deiner neuen Handschuhe«
rief sie mit einem halben Lächeln und den Kopf nur wenig nach ihm zurückwendend
während ihre Augen gespannt die letzte Anstrengung des alten Mannes verfolgten
der eben drüben glücklich den Boden erreichte »Adieu Herr Lenz« rief sie ihm
in warm herzlichem Tone zu dann trat sie einen Schritt seitwärts und flog wie
eine Feder über die emporstarrenden Holzstücke hinweg auf die Erde nieder
    »Das war eine unnütze Bravour die schwerlich jemand bewundern dürfte«
sagte der Landrat frostig indem er ein herabgefallenes kleines Lattenstück von
seinem Fuße schüttelte
    »Bravour« wiederholte sie ungläubig »Denkst du wirklich an Gefahr dabei 
Hier unten erdrückt das morsche Bretterwerk niemand mehr«
    Seine Augen streiften seitwärts ihre zarte biegsame Gestalt »Es käme
darauf an wer zwischen diese nägelgespickten Trümmer geriete «
    »Ah danach zählst du den guten alten Maler zu den körperlich und moralisch
Unverwundbaren Du rührtest weder Hand noch Fuß ihm herüberzuhelfen so wenig
wie du vorhin seinen höflichen Morgengruß erwidert hast«
    Er sah fest und prüfend in ihre Augen die in bitterer Gereiztheit
flimmerten »Das Grüssen ist wie Scheidemünze es geht von Hand zu Hand und
bleibt an keinem Finger hängen« entgegnete er ruhig »Wenn du also glaubst
beschränkter Hochmut hindere mich einen Gruß zu erwidern so irrst du  ich
habe den Mann nicht gesehen «
    »Auch nicht als er dort neben mir stand«
    »Du meinst ich hätte hinzutreten und auch mein Gutachten über den
Nymphentorso abgeben sollen« unterbrach er sie und ein Lächeln flog um seinen
Mund »Möchtest du wirklich dass sich der welchem du ja nicht oft genug den
ehrwürdigen Onkeltitel geben kannst in seinen alten Tagen blamiere  Ich
verstehe nichts von diesen Dingen und wenn ich mich auch dafür interessiere so
habe ich doch nie Zeit gehabt mich eingehend damit zu beschäftigen«
    »O Zeit und Lust genug Onkel« lachte sie »Ich weiß noch genau wie dort
unter den Küchenfenstern«  sie zeigte nach dem Vorderhause  »ein großer Junge
stand die Taschen voll Kiesel und stundenlang die arme Brunnennymphe mit den
hübschen runden Steinchen bombardierte «
    »Ach sieh  so gibt es doch noch eine Zeit in deiner Erinnerung wo auch
ich jung für dich gewesen bin «
    »Ursprünglich willst du sagen Onkel  Eine Zeit wo der Diplomatenfrack
noch nicht die möglichste Reserve auferlegte wo der Kletterbaum nur als
Nebelbild in weiter Ferne dämmerte eine Zeit wo Glut und Leidenschaft in
deinen Augen flammten und deine Hand regierten  ich habs empfunden dort« 
Sie deutete nach der Gartenmöbelgruppe unter den Linden  »Gott weiß in
welcher Ecke sie jetzt unbeachtet zerfällt die weiße Rose um welche damals mit
einer Erbitterung einem Feuer gekämpft wurde als sei sie das schöne blonde
Mädchen unter den Aristolochiabogen selbst«
    Sie sah mit Genugtuung wie er wiederholt sich verfärbte Von all denen
die den Herrn Minister in spe den zukünftigen Verwandten des Fürstenhauses
umschmeichelten hätte es gewiss keiner gewagt ihn an diese »Jugendtollheit« zu
erinnern  sie tat es mit Freuden Er musste sich schämen wenn er jene erste
entusiastische Liebe mit seiner heutigen Selbstsucht und Herzensverknöcherung
verglich
    Aber eigentlich beschämt oder bestürzt sah er doch nicht aus Er wandte sich
ab und überblickte den verwüsteten Gang des Packhauses der einst mit seinem
üppig wuchernden grünen Pflanzenschmuck das schönste Mädchenbild umrahmt hatte
Wie ein Zauberspuk war alles verschwunden Das Rankengeflecht hatte das
stürzende Dach mit heruntergerissen und bis auf das kleinste Blättchen unter dem
grausen Scherben und Splittergemenge begraben und das Mädchen  Seit sie
damals durch das Tor des Packhauses in die weite Welt gegangen hatte kein
Menschenauge sie wiedergesehen niemand wieder von ihr gehört
    »Fata Morgana« sprach er halblaut vor sich hin wie in die Erinnerung von
damals verloren Er hatte vorhin bei Erwähnung des Kletterbaumes leise
gelächelt und auch jetzt spielte derselbe Zug um seine Lippen während ein
leichtes Rot in seine Wangen stieg »Die Rose nicht allein auch eine blaue
Seidenschleife die der Wind von dem blonden Haar in den Hof herabgeweht hatte
und einige achtlos über das Ganggeländer geworfene bekritzelte Papierschnitzel
liegen noch als treubehütete Reliquien in der Brieftasche von damals bei
einander« sagte er halb und halb ironisierend und doch bewegt Er schüttelte
den Kopf »Dass du dich des Vorfalles noch erinnerst«
    Sie lachte »Wunderbar ist das doch nicht Ich habe mich in jenem Moment vor
dir und deiner stummen bleichen Wut gefürchtet  so etwas vergisst ein Kind so
wenig wie einen Akt der Willkür gegen den sich sein Gerechtigkeitsgefühl
empört Der große Herr Primaner hatte stets gegen Raub und Diebstahl gedonnert
wenn die Finger der naschhaften Grete mit dem Obstteller der Grossmama verstohlen
in Berührung gekommen waren und da griff er nun selbst heimlich wie ein Dieb
nach dem Eigentum der schönen Blanka und ließ es in der Brusttasche
verschwinden«
    Jetzt lachte auch er »Und seit jenem Moment bist du meine Widersacherin «
    »Nein Onkel du hast ein schlechtes Gedächtnis Gut Freund sind wir ja nie
gewesen auch vorher nicht Du hast die Erstgeborne deiner Schwester nie leiden
können und ich habe dich konsequenterweise rechtschaffen dafür geärgert Diese
Rechnung ist stets ehrlich und redlich ausgeglichen worden«
    Seine Stirn hatte sich während Margarete sprach verfinstert und auch jetzt
blieb er ernst »Das wäre mithin abgemacht gewesen« sagte er »trotzdem bist du
beflissen jetzt erst recht Abrechnung mit mir zu halten «
    »Jetzt wo ich mich eifrig bemühe dich nach Titel und Würden streng zu
respektieren« Sie zuckte lächelnd die Schultern »Wie es scheint nimmst du mir
den Fürwitz übel mit welchem ich dich an die rosa blanca erinnert habe und du
hast ja auch recht es war übereilt und nicht gerade taktvoll Aber es ist
seltsam seit ich vorhin mit dem alten Mann gesprochen habe steht mir ein
verhängnisvoller Tag meiner Kindheit so lebhaft vor Augen dass ich die
Erinnerung nicht los werde Da habe ich die Malerstochter zum letztenmal gesehen
 sie war blass und verweint und das starke blonde Haar hing ihr aufgelöst über
den Rücken Ich habe von klein auf eine fast närrische Schwäche für
Mädchenschönheit gehabt  die lebendigen schlanken Griechenmädchen haben mich
zum Ärger des Onkels ebenso interessiert wie die ausgegrabenen Götterbilder
und in Wien bin ich einer schönen Serbin durch Gassen und Straßen nachgelaufen
und doch haben mir alle diese späteren Erscheinungen das Bild von Blanka Lenz
nicht verdrängen können Die Frage nach ihr schwebte mir vorhin auf den
Lippen trotzdem schwieg ich mir war plötzlich als müsste ich ihrem Vater mit
dem Tochternamen wehe tun Das Mädchen ist so völlig verschollen  ich glaube
niemand in unserem Hause weiß was aus ihr geworden ist oder « Sie verstummte
und sah ihn schelmisch beredt von der Seite an
    »Ich weiß es auch nicht Margarete« versicherte er mit Humor »Seit jenem
Morgen wo sie abgereist ist und der große Herr Primaner in seiner wilden
Verzweiflung erwog ob wirklich das Leben des Weiterlebens noch wert oder ein
Schuss ins Herz vorzuziehen sei habe ich nie wieder von ihr gehört Aber es ist
mir ergangen wie dir ich habe sie nicht vergessen können lange lange nicht
bis plötzlich  die Rechte gekommen ist denn das war sie trotz alledem nicht
gewesen«
    Margarete sah bestürzt zu ihm auf  das klang so wahr so aus tiefster
Überzeugung heraus dass ihr auch nicht der geringste Zweifel an der Echteit
seiner Gesinnung blieb Er liebte diese Heloise von Taubeneck wirklich Nicht um
seiner Karriere willen strebte er nach ihrer Hand wie die böse Welt behauptete
 nein er würde auch um sie werben wenn sie die Malerstochter wäre Der Papa
hatte doch recht gehabt mit seiner Versicherung dass Herbert bei all seinem
brennenden Ehrgeiz seinem energischen Emporstreben dennoch die krummen Wege
verschmähe
    Mittlerweile war der Hausknecht wiederholt unter der Stalltüre erschienen
und jetzt winkte der Landrat ihm zu Sein Pferd wurde herausgeführt und er
schwang sich hinauf
    »Du reitest nach dem Prinzenhofe« fragte Margarete indem sie ihre Hand in
seine Rechte legte die er ihr vom Pferde herab noch einmal bot
    »Nach dem Prinzenhof und weiter« bestätigte er »Nach der Richtung hin hat
der Sturm schlimm gehaust wie mir gemeldet wurde« Mit sanftem Druck entließ er
die Hand die er bis dahin festgehalten und ritt davon
    Margarete blieb unwillkürlich stehen und sah ihm nach bis er seitwärts
hinter dem Torpfeiler des Vorderhauses verschwunden war Sie hatte ihm unrecht
getan und was noch schlimmer war sie hatte diesen falschen Standpunkt ihm
gegenüber wiederholt in verletzender Weise betont  das war peinlich Und er
liebte sie wirklich diese kühle dicke pomadige Heloise den ausgesprochenen
Gegensatz der graziösen Libelle die einst dort unter dem grünen Blätterbehang
gegaukelt Unbegreiflich Aber Tante Sophie hatte recht »Ja wo die Liebe
hinfällt« sagte sie stets achselzuckend wenn sie von dem »Weltwunder« sprach
dass sich nämlich wirklich und wahrhaftig einer vorzeiten in ihre große Nase
verliebt habe Mit nachdenklich gesenkter Stirn ging sie langsam nach der
Türe des Seitenflügels zurück Da im Grase neben dem Brunnenbecken lag das
abgeschlagene Händchen der Nymphe Sie hob es auf und beim Anblick der
charakteristischen Form musste sie an die verschiedenen Hypotesen des alten
Malers bezüglich des antiken Originales der Statue denken  aber auch nur einen
Moment dann verschleierten sich ihre Augen wieder hinter den Wimpern und wie
traumverloren stieg sie die Türstufen hinauf  das interessanteste Problem war
und blieb doch  die Menschenseele
 
                                       15
Später füllte sich der Hof mit Arbeitern Das Aufräumen der Trümmerstätte
verursachte einen wüsten Lärm der das junge Mädchen bald aus ihrer trauten
Hofstube verjagte Nun saß sie wieder wie ehemals auf dem Fenstertritt im
Wohnzimmer und tunkte die Feder in das große porzellanene Tintenfass welches vor
Jahren so viel Kleckse in den Schreibeheften und auf den Schürzen der
ungeschickten Grete verschuldet hatte  Sie wollte an den Onkel in Berlin
schreiben aber sie fand die rechte Sammlung nicht ihre Gedanken waren
fortwährend auf der Flucht vor der ängstlichen Spannung welche sie seit heute
nacht beunruhigte »Morgen wird es da oben einen Sturm geben so wild wie der
unter welchem eben unser altes Haus erbebt« hatte ihr Vater im Hinweis auf die
obere Etage gesagt Was da geschehen sollte und musste war ihr ein Rätsel
Zwischen dem Papa und den Verwandten droben schien das beste Einvernehmen zu
herrschen auch nicht die geringste Spur eines Konfliktes trat zu Tage und doch
mussten innere Differenzen obwalten die dem Chef des Lamprechtshauses nachgerade
unerträglich geworden waren denn er wollte ja um jeden Preis »ein Ende
machen«
    Unter den Fenstern des Vorderhauses war es auch nicht viel stiller als im
Hofe Es war Markttag gewesen Noch hörte man vereinzeltes Feilschen um Butter
Eier und Obst herüber und geleerte Holz und Getreidewagen rasselten heimwärts
über das Pflaster Dann zogen den Marktplatz entlang die Kurrendeschüler der
wohlbekannte aus den Schülern der höheren Lehranstalten rekrutierte Singchor
B war eine von den wenigen türingischen Städten welche diese uralte von den
gabenheischenden Bettelmönchen und den späteren Bacchanten herstammende Sitte
noch schützten und pflegten
    Wie eine Schar Dohlen kamen sie daher die Knaben und Jünglinge in ihren
runden schwarzen Mänteln und schwarze Baretts auf die junge Stirn gedrückt
Solch einer war auch Tante Sophiens Lieblingsheld Martin Luther gewesen und
gleichgesinnt wie dessen Beschützerin die edle Frau Kotta in Eisenach bestritt
sie jahraus jahrein den Mittagstisch für zwei arme Schüler aus ihrer eigenen
Tasche
    Drüben vor der Apotheke sangen sie einen Choral und bald darauf formierte
sich der weite Kreis vor Lamprechts Hause und intonierte das Lied »Es ist
bestimmt in Gottes Rat«  Sie sangen »schlecht und recht« mit ihren vom
Stadtkantor gedrillten Kehlen die so jung meist mit Seele und Ausdruck noch
nichts zu schaffen haben und doch griffen diese Töne seltsam bewegend an
Margaretens Herz und ein Gefühl banger Beklemmung überschlich sie  ja der
gestrige furchtbare Schrecken die Sturmesnacht und die augenblickliche innere
Spannung machten sich nun doch geltend man war wunderlicherweise ein wenig
nervös
    Und Tante Sophie kam herein inspizierte wiederholt den hergerichteten
Mittagstisch und scheuchte eine naschhafte Fliege von der Obstschale »Es muss
schlimm aussehen draußen in der Fabrik dein Vater kommt gar nicht wieder«
sagte sie zu dem jungen Mädchen am Fenster »Bärbe brummt in ihrer Küche und
jammert um die Pastetchen die derweil Saft und Kraft verlieren«  Und nach
einem Blick aus dem Fenster über den Markt hin wo die Schüler eben auseinander
gingen und der ersehnte Reiter sich immer noch nicht zeigte meinte sie »Du
könntest schnell noch einmal die Treppe hinaufspringen Gretel Der Schlosser
ist droben und bringt die Bodenkammertüre in Ordnung Ich hab Sorge dass ers
mit den hingelehnten Bildern nicht genau nimmt«
    Margarete ging hinauf an den unversehrten Bildern vorüber Die
vorgestemmten Balkenstücke waren wieder entfernt und die Türe stand offen wie
in der vergangenen Nacht Der Schlosser hantierte an den losgerissenen Angeln
und draußen unter dem freigelegten Dachgerüst waren Zimmerleute beschäftigt
    Sie trat auf die kreischenden Bodendielen unter das eisenfeste gebräunte
Gebälk hinaus das scharf gezähnt in den blauen Himmel hineinschnitt Jetzt lag
die klare Oktobersonne auf der Fussspur von welcher der Papa in der Nacht
gesprochen hatte Sie schüttelte den Kopf  feine Sohlen waren sicher nie über
diese rohen ungehobelten Bretter gegangen höchstens der benagelte Schuh der
früheren Packer Alte Häuser haben freilich ihre Geheimnisse und für die
Sonntagskinder glitzern die Augen der Hausgeisterchen unter den schleierhaften
Staubschichten und Spinnweben und das Zischeln von lichtscheuen Taten und
sonstigen schlimmen Dingen kommt aus allen Ecken Warum aber gerade hier in den
ehemaligen Lagerräumen unverfänglicher Leinenballen der Sturm ein ungelöstes
Rätsel habe aufjagen und an den Tag bringen sollen das begriff sie jetzt unter
dem lachenden Tageshimmel noch viel weniger als in der Nacht da der Papa so
wunderlich gesprochen
    Hier oben in den Lüften wehte ein ziemlich starker Zugwind der dem jungen
Mädchen das Haar aufflattern machte Sie zog einen kleinen schwarzen
Spitzenshawl aus der Tasche band ihn über den Kopf und wollte eben die
Speicherräume entlang schreiten als ein lautes Aufkreischen von Frauenstimmen
aus den offenen Küchenfenstern ihren Schritt hemmte Kein Gesicht zeigte sich
an den Fenstern wohl aber stürzte in diesem Augenblick der Kutscher in den Hof
und rannte nach den Ställen und verschiedene andere Menschen die nicht in das
Haus gehörten liefen mit Die Arbeiter sprangen von dem Trümmerhaufen und im
Nu drängte sich inmitten des Hofes ein Menschenknäuel um einen Bauer der mit
fliegendem Atem und so scheuer gedämpfter Stimme sprach als fürchte er es
könne ein Widerhall von den Mauern laut werden
    »Hinter dem Dambacher Hölzchen« klang es wie verloren herauf und »hinter
dem Dambacher Hölzchen haben sie ihn gefunden« sagte plötzlich eine Stimme
dicht an der halb offenen Türe des nächsten Bodenraumes Es war ein Lehrjunge
der von unten heraufkam »Sein Pferd ist an einen Baum angebunden gewesen«
berichtete er atemlos weiter »und er hat auf dem Moose gelegen  die
Marktweiber haben gedacht er schliefe Nun haben sie ihn wieder in die Fabrik
geschafft Solch ein reicher Mann wie der hat viele hundert Fabrikleute unter
sich und Kutscher und Bedienten und hat doch so allein « Er verstummte
erschrocken vor dem entgeisterten Mädchenantlitz unter dem schwarzen
Spitzentuch vor den großen entsetzten Augen und der schlanken Gestalt die mit
schlaff herabhängenden Armen wie nachtwandelnd an ihm und den Gesellen
vorüberschritt Sie fragte nicht »Ist er tot« Diese erblassten Lippen waren wie
im Krampfe geschlossen Stumm glitt sie von Tür zu Tür die Treppe des
Packhauses hinab und durch das offene Tor auf die Straße hinaus
    Und nun ging es eilenden Fußes durch die abgelegenen menschenstillen
Gassen denselben Weg auf welchem sie einst aus Furcht vor dem Institut
davongelaufen war Ein erinnernder Gedanke an damals kam ihr freilich nicht
sie schritt auch nicht durch wogende Kornfelder von der nachwirkenden Abendglut
der Julisonne umbrütet  weithin breiteten sich die Stoppelflächen von denen
Krähenscharen aufflogen Sie hörte auch nicht das scharfe Gekreisch der Vögel
die einzigen Laute über der grabesstillen Herbstflur  ihr war als zöge der
Schülerchor neben und hinter ihr »Es ist bestimmt in Gottes Rat« klang es fort
und fort und lief mit ihr Und dann blieb sie sekundenlang stehen und presste
stöhnend die Hände auf die Ohren und schloss die Augen Nein nicht das
Schlimmste war geschehen Nicht wie die schwanke Aehre die ein einziger
Sensenschnitt hinmäht sank solch eine eisenfest gefügte kraftstrotzende
Gestalt dahin nicht so griff die dunkle Hand in das hochgesteigerte Getriebe
menschlicher Pläne und Entschlüsse und wischte jäh entscheidende Worte von den
Lippen  Weiter flogen die Füße im rasenden Lauf über das Blachfeld die Anhöhe
empor und durch das raschelnde Laub mit welchem der nächtliche Sturm den Weg
hinter dem Wäldchen beschüttet hatte Sie konnte ja nicht schnell genug
hinkommen um die unsägliche Qual los zu werden um zu sehen dass es nur ein
heftiger Schwindelanfall gewesen dass alles wieder gut alles beim alten dass
die Stimme wie immer zu ihr sprach die Augen sie anblickten und diese
entsetzliche Stunde wie ein grauenvoller Traum überstanden sei
    »Hinter dem Dambacher Hölzchen haben sie ihn gefunden« klang es aber wieder
aufschreckend in ihrem Ohr und jetzt stockte ihr Fuß und der ihr Herz süß
beschleichende Glaube an einen täuschenden Traum zerrann grausam Da wo sich
die Birken zwischen die Buchenstämme mischten ja da war es gewesen Da war der
Boden von Menschenfüssen zerstampft wie ein Kampfplatz da hatte man mächtige
Äste von den Bäumen gerissen um Raum zu gewinnen Ihre innere Kraft brach wie
unter einem Streich zusammen und als das Wäldchen und die ersten Dorfhäuser
endlich hinter ihr lagen und die Fabrikgebäude sich in Steinwurfsweite drüben
hindehnten da lehnte sie sich mit wankenden Knieen an eine der Linden die dem
Tor des Fabrikhofes gegenüber den Rast und Erholungsplatz der Arbeiter
beschatteten
    Im Hofe standen viele der Fabrikleute in Gruppen aber kein Laut einer
Menschenstimme kam von dorther man hörte nur die Huftritte eines Pferdes  es
war Herberts Brauner der auf und ab geführt wurde In demselben Augenblick wo
Margarete die Linden erreichte trat der Landrat drüben aus dem Garten in den
Fabrikhof und fast zugleich bog von der seitwärts hinlaufenden Chaussee eine
Equipage ab und brauste vor das Tor Wie durch einen Nebel sah das junge
Mädchen flatternde Bänder und wallende Hutfedern  die Damen vom Prinzenhofe
saßen im Wagen
    »Um Gotteswillen bester Landrat beruhigen Sie mich« rief die Baronin
Taubeneck Herbert entgegen der an den Wagenschlag trat und sich verbeugte  er
war bleich wie ein Toter »Gerechter Wie sehen Sie aus Also ist es doch wahr
das Entsetzliche Unglaubliche das mir der Oberamtmann von Hermsleben eben beim
Begegnen mitteilte Unser lieber armer Kommerzienrat «
    »Er lebt Onkel  nicht wahr er lebt« sagte da eine flehende in
verhaltenem Schmerz vergehende Stimme dicht neben ihm und heiße Finger pressten
seine Hand
    Er fuhr in heftigem Schrecken herum »Um Gott Margarete «
    Die Damen im Wagen bogen sich vor und starrten die reiche Kaufmannstochter
an die erhitzt und bestaubt im einfachen Morgenkleid und einen schwarzen
Shawl um den Kopf gebunden wie ein Dienstmädchen dahergekommen war »Wie
Fräulein Lamprecht Ihre Nichte lieber Landrat« fragte die dicke Dame stockend
und ungläubig aber auch mit jener beschränkten Neugier die sich selbst in den
peinlichsten Momenten vordrängt
    Er antwortete nicht und Margarete hatte nicht einmal einen Blick für seine
zukünftige vornehme Schwiegermutter  was wusste sie in diesem entsetzlichen
Augenblick von den Beziehungen dieser drei Menschen zu einander In wilder Angst
haftete ihr Auge auf Herberts verstörtem Gesicht
    »Margarete « er sprach nicht weiter aber sein Ton voll innerer Qual sagte
ihr alles Sie schauderte in sich zusammen stieß seine Hand die sie noch fest
umklammert hielt von sich und schritt über den Hof nach dem Pavillon
    »Es scheint ihr sehr nahe zu gehen  sie hat den Kopf total verloren« hörte
sie die klare kühle Stimme der schönen Heloise mitleidig hinter sich sagen
»Wie wäre es sonst möglich gewesen so derangiert die Straßen der Stadt zu
passieren«
    In dem Hausflur des Pavillons standen zwei im Fortgehen begriffene Ärzte
der Stadt und die in Tränen schwimmende Faktorin und halblaute Worte von
Gehirnschlag und einem schönen beneidenswerten Tod schlugen an Margaretens Ohr
Ohne die Augen zu heben glitt sie an den Sprechenden vorüber und trat in das
Zimmer wo der Papa sich aufzuhalten pflegte Ja da lag er auf dem Ruhebett 
sein schönes Gesicht hob sich in tiefer Blässe von dem dunkelroten Polster  ein
friedlich Schlafender dem die jähe schmerzlos hinraffende Hand alle dunkeln
Rätsel von der Stirn gestreift hatte  Zu seinen Füßen saß der Großpapa den
weißen Kopf in den Händen vergraben
    Der alte Mann sah auf als die Enkelin in stummem Schmerz an dem Ruhebett
niedersank  ihm war es nicht verwunderlich sie »so derangiert« auf eigenen
Füßen ankommen zu sehen er kannte seine Gretel Schweigend mit sanfter Hand
zog er sie an sich und da an seiner treuen Brust brachen endlich die
wohltätigen Tränen unaufhaltsam hervor
 
                                       16
Im Flursaal zwischen der Türe des großen Salons und dem gegenüberliegenden
mittleren Fenster war der traditionelle Platz wo alle die im Leben den Namen
Lamprecht getragen noch einmal in glanzvoller wenn auch stummer Abschiedsrolle
erschienen ehe sie das feuchte Mauergewölbe draußen auf dem stillen Platz vor
dem Tore bezogen Hier hatte auch die böse Frau Judit gelegen einen
lächelnden Glanz auf dem zornmütigen Gesicht  hatte sie doch ihren
verzweifelten Kampf mit dem Tode nach dem bindenden ihrem Eheherrn mühsam
abgerungenen Eid sofort willig aufgegeben und ihren hageren unschönen Leib zur
ewigen Ruhe ausgestreckt
    Und hier unter den fremdländischen blühenden Gewächsen die den
silberbeschlagenen Sarg der reichen Frau umstanden sollte Herr Justus Lamprecht
die schöne Dore zum erstenmal gesehen haben Sie war die verwaiste Tochter eines
fernen Geschäftsfreundes gewesen welcher Herrn Justus testamentarisch zu ihrem
Vormund ernannt hatte Und da sollte eines Abends eine Reisekutsche vor dem
Lamprechtschen Hause gehalten haben und weil keine Menschenseele sich um das
Fuhrwerk gekümmert hatte wohl aber erschrecklich viel Leute in das Haus und die
glänzend helle Treppe hinaufgeströmt waren da sollte das angekommene fremde
Mädchen aus dem Wagen geschlüpft und mit den Leuten gegangen sein bis sie oben
mit erschreckten Augen vor der toten Frau gestanden Das war ihr erster Einzug
im Hause ihres zukünftigen Ehemannes gewesen »ein ganz schlechtes Zeichen« und
auch schon um deswillen hatte es dann später so kommen müssen dass sie schon
nach wenigen Jahren auf derselben Stelle eingebahrt gelegen wie ein schönes
Wachsbild mit ihrem toten Engelchen im Arm und im strengen blumenlosen Winter
doch mit kostbaren weiter geholten Blumen förmlich überschüttet und die weiße
Seide ihres Sterbekleides war über den Sarg hinausgeflossen und hatte wie Schnee
ellenlang die Dielen des Flursaales bedeckt Das erzählten sich die Leute heute
noch
    Seitdem hatte noch manches stille Antlitz an dieser Stelle die letzten
geflüsterten Richtersprüche über sich ergehen lassen müssen Väter und Söhne
Mütter und Töchter alle hatten auf dieser Station gerastet und in Abwechselung
mit den greisenhaften lebensmüden Auswanderern des Hauses hatte auch manche
vorzeitig in der Jugendblüte hingestreckte schöne Mannesgestalt da gelegen Aber
einen Toten wie den letztverstorbenen Lamprecht hatte der Flursaal noch nicht
beherbergt Alte Mütterchen die unter dem Strom von Schaulustigen auch mühsam
die Treppe hinaufgeklettert waren wussten das ganz genau zu sagen sie hatten
ihr ganzes langes Leben hindurch nicht ein einziges Mal gefehlt wenn in
Lamprechts Hause der Trauersaal hergerichtet war Und sie hatten recht mit ihrer
Behauptung  lag doch dieser herrliche reckenhafte Mann da als werde und müsse
er jeden Augenblick verwundert über sein seltsames Bett aufspringen die
Blumen abschütteln den Schlaf aus den Gliedern recken und die Neugierigen mit
seinen feurigen Augen spöttisch anstrahlen  Und andere die Männer die
zusammen zischelten hatten auch recht wenn sie meinten die letzte mächtige
Säule des alten Hauses sei mit ihm gebrochen  was nun werden solle  Die
Schattengestalt die da lang und schlotterig den dünnen Hals in einen steifen
Halskragen gezwängt und die dürren Finger in stetem Frösteln aneinander
reibend hin und her glitt sie war so jämmerlich anzusehen neben dem gewaltigen
Toten dass man mit diesem Erben unmöglich rechnen konnte
    Man hatte gefürchtet der Schreck über die plötzlich hereinbrechende
Katastrophe werde auch für ihn verhängnisvoll werden aber er war eigentlich gar
nicht sehr erschrocken gewesen er hatte weit mehr erstaunt und konsterniert
ausgesehen und war am ersten Tage wie im Traume umhergegangen Nachher hatte
die Kühlheit seines Wesens die Leute im Kontor noch eisiger angeweht als
bisher und bei dieser Fassung und Objektivität war es auch niemand
verwunderlich gewesen dass er schon am zweiten Tag probiert hatte wie es sich
auf dem verwaisten Schreibstuhl des Heimgegangenen sitze
    Die Trauerfeierlichkeiten waren vorüber Der größte Teil der Versammelten
hatte sich entfernt nur da und dort zögerten noch einzelne die sich nicht satt
sehen konnten an diesem »letzten Mal« in seiner Pracht und Herrlichkeit Die
hervorragenden Teilnehmer an dem Einsegnungsakt die Geistlichkeit die Damen
vom Prinzenhofe der stellvertretende Adjutant des Herzogs und die nächsten
Freunde des Hauses verweilten noch im großen Salon wo sich auch die
Angehörigen des Verstorbenen versammelt hatten Nur die Tochter des Hauses
fehlte Sie hatte sich hinter die schwarztuchene das mittlere Fenster mit ihrem
reichen Faltenwurf verhüllende Draperie zurückgezogen Wie verwundet war sie in
diese dunkle Ecke geflüchtet Musste es sein dieses Zeremoniell diese grausame
Schaustellung des Toten und der schmerzvollen Trauer der Überlebenden Hier
oben wo ihr war als töne der plötzlich abgerissene Akkord eines Menschenlebens
in seinen letzten Schwingungen fort wo sie meinte der Flügelschlag der
geschiedenen Seele müsse mit rückwirkender Kraft nachzittern in dem ehemaligen
irdischen Heim hier hatten die Tapeziere tagsüber gepocht und gehämmert und
unermüdlich waren Tragbahren voll Orangerie treppauf geschleppt worden  Und
musste es sein dass sich eine Schar fremder Gesichter um den Sarg drängte
während der Geistliche innige ergreifende Abschiedsworte sprach Aber je mehr
desto größer die Ehre für die Familie Mit jedem neuen Wagen der donnernd
drunten vorgefahren war die zierliche Gestalt der die Honneurs machenden
Grossmama förmlich gewachsen Und was für gedankenlose Redensarten gingen von
Mund zu Mund Ein plötzlich dazwischentretender Fremder hätte meinen müssen der
Verstorbene sei zeitlebens ein elender Krüppel ein in jeder Hinsicht darbender
verkümmerter Mensch gewesen weil ihm ja »die ewige Ruhe die Heimberufung aus
dieser Welt so zu gönnen war«
    »Ihm ist wohl« In allen Varianten wurde es gesagt aber keiner dieser
Schönredner wusste dass gerade in seinen letzten Lebensstunden eine
geheimnisvolle Mission sein ganzes Denken und Wollen durchdrungen und ihn zur
Ausführung unwiderstehlich gedrängt hatte
    Er hatte keine Ahnung davon gehabt dass der Tod mit ihm reite als er sein
Haus verlassen Draußen in der Fabrik war er der Ruhigste unter den durch die
Verwüstungen beunruhigten Leuten gewesen Er hatte überall die Schäden
besichtigt und seine Befehle gegeben dann war er heimwärts geritten  und da
hatte es ihn gepackt Vom Schwindel überfallen war er vom Pferde gestiegen und
hatte noch Kraft genug gefunden das feurige Tier festzubinden und sich auf den
weichen laubbestreuten Moosboden hinzustrecken Wer aber konnte wissen welche
Schrecken das plötzlich hereinbrechende Todesgefühl hinter der jetzt so glatten
kalten Stirn kreisen gemacht Fortgerissen ohne erfüllt zu haben »was ein Ende
nehmen sollte und musste«  kam wirklich ein so völliges Vergessen über die
entführte Seele dass »ihr wohl« war wie alle diese Leute wissen wollten
    Die letzten der noch im Flursaal anwesenden Leute waren gegangen und es war
so feierlich still geworden dass man über das gedämpfte Stimmengemurmel im Salon
hinweg das vereinzelte Knistern der herabbrennenden Wachskerzen hören konnte
Da kam der Maler Lenz aus dem tiefen dunkelnden Hintergrunde des Flursaales er
mochte wohl während der ganzen Zeremonie unbeachtet dort gestanden haben Der
alte Mann war nicht allein sein kleiner Enkel ging mit ihm und schritt auf das
Geheiß des Großvaters unverweilt nach dem schwarzbeschlagenen um einige Stufen
erhöhten Podium auf welchem der Sarg stand Der Kleine war eben im Begriff den
Fuß auf die erste Stufe zu setzen als Reinhold wie toll aus dem Salon
geschossen kam
    »Da hinauf kannst du nicht Kind« stieß er kurzatmig mit unterdrückter
Stimme aber sichtlich empört hervor und zog den Knaben am Arme zurück
    »Erlauben Sie dass mein Enkel die Hand küsst die « Der alte Maler kam nicht
weiter so bescheiden er auch seine Bitte vorbrachte
    »Das geht nicht Lenz  so verständig sollten Sie doch selbst sein«
unterbrach ihn der junge Mann kurz abweisend »Was hätte denn werden sollen
wenn alle unsere Arbeiter mit diesem Ansinnen an uns herangetreten wären Und
Sie werden mir doch zugeben dass Ihr Enkel nicht um ein Titelchen mehr Recht
hat als die Kinder unserer anderen Leute «
    »Nein Herr Lamprecht das kann ich Ihnen nicht zugeben« versetzte der alte
Mann rasch Das Blut stieg ihm dunkel ins Gesicht »Der Herr Kommerzienrat war
«
    »Mein Gott ja«  gab Reinhold mit einem ungeduldigen Achselzucken zu 
»der Papa war allerdings oft unbegreiflich nachsichtig aber so wie er im Grunde
dachte lässt sich durchaus nicht annehmen dass er dem Jungen eine solche intime
Annäherung im Beisein vornehmer Freunde«  er zeigte nach dem Salon zurück 
»gestattet haben würde Ich muss ihn deshalb auch zurückweisen Geh du nur
hin«  er schob das Kind an den Schultern weiter und zeigte nach dem Ausgang 
»dein Handkuss ist nicht vonnöten«
    Margarete schlug empört die schwarze Gardine auseinander und trat aus der
Fensternische In demselben Augenblick kam aber auch Herbert eiligen Schrittes
aus dem Salon  er hatte in der Nähe der Türe gestanden Ohne ein Wort zu
sagen nahm er den Knaben an der Hand und führte ihn an Reinhold vorüber die
Stufen hinauf
    »Lieber auf den Mund« sagte der Knabe das erblasste Gesichtchen von der
wachsbleichen in Blumen gebetteten Hand wegwendend in seiner kurzen knappen
Ausdrucksweise halblaut zu seinem Führer »Er hat mich auch manchmal geküsst 
wissen Sie im Torweg wo wir ganz allein waren«
    Der Landrat stutzte einen Moment dann aber nahm er den Knaben auf seinen
Arm und hob ihn über den Sarg Und da bog sich der schöne Kinderkopf tief auf
den »stillen Mann« nieder so dass seine braunen Locken die kalte Stirn
überfluteten und küsste ihn auf die bärtigen Lippen
    Dem jungen Mädchen das noch wie im energischen Hervortreten begriffen mit
beiden Händen den schwarzen Tuchbehang auseinander hielt ging es wie ein
Aufleuchten über das verhärmte Gesicht und ein dankbarer Blick flog hinüber zu
dem der mit ernstem entschiedenem Protest die Lieblosigkeit von der
geheiligten Stätte wies
    Indessen waren die im Fortgehen begriffenen Anwesenden geräuschlos aus dem
Salon gekommen
    »Gott wie erschütternd« hauchte die Baronin Taubeneck während der Landrat
die Stufen herabstieg und den Knaben sanft aus seinen Armen entließ »Aber wie
ist mir denn«  wandte sich die Dame leise an die Frau Amtsrätin  »ich kann
mich mit dem besten Willen nicht erinnern dass noch so junge Angehörige der
Familie existieren«
    »Sie haben ganz recht gnädige Frau meine Schwester und ich sind die
einzigen Überlebenden« fiel ihr Reinhold fast heftig tief erbittert und
verbissen in das Wort »Der zärtliche Kuss sollte nur ein Dank für genossene
Wohltaten sein sonst hat der Junge in unserer Familie absolut nichts zu suchen
 er gehört dem Manne da« Bei diesen Worten zeigte er auf den alten Maler der
schweigend die Hand des Kindes ergriff und mit einer dankenden Verbeugung gegen
den Landrat den Flursaal verließ
    Es war als gehe jeder Laut menschlicher Stimmen mit ihm ein so tiefes
verlegenes Schweigen trat ein Der Widerspruch so unschicklich laut am Sarge
eines Geschiedenen erhoben mochte das Gefühl aller peinlich berührt haben Es
fiel kein Wort mehr Mit stummer Begrüßung ging man auseinander und gleich
darauf fuhren drunten die Wagen nach allen Richtungen weg
    »Dass du auch so frühe fort musstest Balduin« murmelte der alte Amtsrat in
schmerzlicher Klage »Gnade Gott den armen Leuten über die der herzlose Bursche
nun Macht hat die unter seine Fuchtel müssen«
    Der alte Herr war mit seiner Enkelin allein im Flursaal zurückgeblieben
während die anderen den Fortgehenden das Geleit gaben »Geh mach ein Ende
Gretel Sei tapfer« mahnte er bittend indem er über das lockige Haar der
Weinenden strich die im bitteren Abschiedsweh auf der obersten Stufe kniete
Sie küsste die kalte Hand  war ihr doch als dürfe sie den Hauch des
Kindermundes auf den Lippen des Toten nicht weglöschen  dann erhob sie sich und
ging an der Hand des Großvaters nach den anstoßenden Zimmern
    »So meine liebe Gretel das Allerschwerste wäre überstanden« sagte er
drinnen »Und nun gehe du in Gottes Namen auf ein paar Wochen nach Berlin
zurück Dort besinnst du dich am ersten wieder auf dich selber und der arme
gequälte Kopf da lernt wieder fest und aufrecht sitzen Dann aber denke auch
an deinen alten Großvater Es wird gar einsam werden draußen in unserem lieben
Dambach denn  er kommt nicht mehr«  um den weißen Schnurrbart zuckte und
bebte es  »Mir war er ein guter Sohn mein Kind wenn mir auch sein
eigentliches inneres Wesen zeitlebens ein Buch mit sieben Siegeln geblieben
ist«
    Darauf ging er hinaus und schloss die Türe hinter sich und Margarete
flüchtete in das abgelegenste Zimmer den roten Salon  sie wusste dass jetzt
draußen mit dem Kerzenlicht der letzte Glanz eines in den Augen der Welt weit
bevorzugten reichen Erdendaseins erlosch dass die letzten Vorbereitungen zu der
morgen in aller Frühe stattfindenden Übersiedelung nach dem stillen kleinen
Haus vor dem Tore getroffen wurden Ja morgen um diese Zeit war alles
vorüber und auch sie war weit weit weg vom verwaisten Vaterhause Heute noch
mit dem letzten Zug kam der Onkel Theobald aus Berlin zu der Beerdigung und
morgen mittag reiste er wieder ab und sie mit ihm
    Sie ging auf und ab in dem schwach erleuchteten Zimmer von dessen weiten
hohen Wänden jeder ihrer Schritte widerhallte Man hatte die ausgeräumte
BelEtage einstweilen nur notdürftig wieder hergerichtet  die Teppiche fehlten
und der gesamte Bilderschmuck stand noch im Gange des Seitenflügels Ein
mächtiges Viereck dunkelte auf der verblichenen Tapete  da hatte das Bild der
Frau mit den Karfunkelsteinen gehangen der Schönen Heissgeliebten deren arme
Seele der grausame Aberglaube hundert lange Jahre im alten Kaufmannshause hatte
umherirren lassen bis der Sturm hereingebraust war und sie auf seine Flügel
genommen haben sollte O jene Sturmnacht Da hatte die Verwaiste zum
letztenmal in das Vaterauge geblickt »Auf morgen denn mein Kind« hatte er
gesagt  das war der letzte Hauch seines Mundes für sie gewesen dieses »morgen«
kam nie niemals  Sie presste die Stirn zwischen die Hände und lief von Wand zu
Wand
    Da ging drüben die Salontüre Herbert kam herein und durchschritt mit
suchendem Blick die Zimmerreihe Er war im Überzieher und hatte den Hut in der
Hand
    Margarete blieb stehen als er auf die Schwelle trat und ihre Hände sanken
langsam von den Schläfen nieder
    »Haben sie dich so allein gelassen Margarete« fragte er innig
mitleidsvoll wie sie ihn vor Jahren meist zu dem kranken Kinde Reinhold hatte
sprechen hören Er kam herein warf den Hut hin und ergriff die Hände des jungen
Mädchens »Wie kalt und erstarrt du bist Das öde düstere Zimmer ist kein
Aufenthaltsort für dich Komm gehe mit mir hinüber« bat er sanft und hob den
Arm um ihn stützend um ihre Gestalt zu legen aber sie fuhr zurück und trat um
einige Schritte von ihm weg »Meine Augen schmerzen« sagte sie hastig
erschrocken aus ihrer dämmernden Ecke herüber »Das gedämpfte Licht tut ihnen
gut nach der grausamen Helle im Flursaal Ja hier ists öde aber still
mitleidig still  eine wahre Wohltat für eine wunde Seele nach so viel weisen
Trostphrasen«
    »Es war auch manch gutgemeintes Wort darunter« begütigte er »Ich begreife
dass das heutige Zusammenströmen von Menschen und die Prunkentfaltung dein Gefühl
verletzt haben Aber du darfst nicht vergessen dass unser Verstorbener allezeit
Gewicht auf derartige öffentliche Kundgebungen gelegt hat  die glänzende
Totenfeier ist ganz in seinem Sinne verlaufen Das mag dir ein Trost sein
Margarete«
    Er zögerte einen Moment als warte er auf ein Wort von ihren Lippen aber
sie schwieg und da griff er wieder nach seinem Hut »Ich fahre nach der Bahn
den Onkel Theobald abzuholen Er wird es besser verstehen als wir alle
erlösend zu deinem verschlossenen Schmerz zu sprechen und deshalb bin ich froh
dass er kommt Aber muss es sein dass du mit ihm nach Berlin zurückkehrst wie
mir mein Vater eben sagte«
    »Ja ich muss fort« antwortete sie gepresst »Ich habe selbst nicht gewusst
wie gut mirs bisher in der Welt ergangen ist  man nimmt das schöne glatt und
ungeprüft verlaufende Leben hin wie das leichte Atemholen um welches wir kaum
wissen Nun kommt zum erstenmal ein großes Unglück über mich und ich bin ihm
nicht gewachsen ich stehe ihm fassungslos gegenüber  es hat eine furchtbare
Macht über mich«  Sie war ihm unwillkürlich wieder näher getreten und er sah
wie der mühsam verbissene Schmerz ihre Stirn furchte »Es ist schrecklich immer
wieder ein und denselben Gedankengang durchlaufen zu müssen Und doch habe ich
nicht die Kraft ihn abzuschütteln ja ich bin zornig auf die welche von außen
her den Kreis unterbrechen Und das wird hier nicht anders  drum muss ich
fort Der Onkel hat Arbeit für mich strenge Arbeit an der ich mir emporhelfen
werde  er stellt einen neuen Katalog zusammen«
    »Und die Menschen dort sind dir auch sympatischer «
    »Sympatischer als der Großpapa und die Tante Sophie Nein« unterbrach sie
ihn kopfschüttelnd »Ich bin viel zu sehr ihresgleichen an Temperament und
Charakter als dass andere Bresche zwischen uns legen könnten«
    »Die beiden sind nicht deine einzigen Angehörigen hier Margarete«
    Sie schwieg
    »Ach die armen Totgeschwiegenen Mit denen haben es die in Berlin freilich
leicht« sagte er bitter lächelnd »Die Edlen aus Pommern oder Mecklenburg oder
irgendwoher können ruhig ihr Ritterschwert stecken lassen « Er unterbrach sich
und wurde rot unter ihrem unwilligen Blick  »Verzeihe« setzte er rasch hinzu
»Das durfte ich nicht  in diesen dunklen Stunden nicht«
    »Ja in diesen Unglücksstunden ist es grausam mich an ein ewig lächelndes
Gesicht zu erinnern« bestätigte sie fast heftig »Ich fühle zum erstenmal wie
gram man solchen wohlgenährten rosigen gleichmütigen Menschen sein kann wenn
man tieftraurig ist Man fühlt sich als gebeugte Jammergestalt und da ragen
sie neben einem empor blühend und seelenruhig und in jedem Zuge steht zu
lesen Was ficht mich das an Die Junge vom Prinzenhofe stand heute auch so
neben mir draußen am Sarge stolz und frisch und kühl bis ins Herz hinein ihr
aufdringliches Parfüm erstickte mich fast und das unaufhörliche Knistern ihrer
langen Schleppe reizte meine Nerven bis zur Unerträglichkeit  ich hätte mit den
Händen nach ihr stoßen mögen«
    »Margarete« unterbrach er sie Er ergriff mit sonderbaren Blicken ihre
Hand aber sie wand sich los
    »Besorge nichts Onkel« sprach sie herb »So viel gute Manieren sind mir
doch noch verblieben Und wenn ich zurückkomme «
    »Nach abermals fünf Jahren Margarete« fiel er ihr ins Wort und sah ihr
gespannt in das Gesicht
    »Nein Der Großpapa wünscht meine baldige Rückkehr  Anfang Dezember komme
ich wieder«
    »Dein Wort darauf Margarete« Er sprach das hastig und streckte ihr
abermals die Rechte hin
    »Was kann dir daran liegen« fragte sie achselzuckend mit einem scheuen
halben Aufblick ihrer verweinten Augen aber sie legte doch für einen Moment
ihre kalten Fingerspitzen in seine Hand
    Drunten war der Wagen der den Landrat nach der Bahn bringen sollte längst
vorgefahren und jetzt erschien die Frau Amtsrätin im großen Salon und kam die
Zimmerreihe daher Sie sah klein aus wie ein Kind in dem schlichten wollenen
Trauerkleide und das harte Schwarz ihrer Krepphaube machte das feine verwelkte
Gesichtchen förmlich mumienhaft Neben der offiziellen feierlichen Trauer in
ihren Zügen machte sich in diesem Augenblick aber auch eine Art von unwilligem
Befremden geltend
    »Wie hier finde ich dich Herbert« fragte sie auf der Schwelle
verweilend »Du hast dich so eilig von unsern teilnehmenden Freunden
verabschiedet dass ich die Entschuldigung dafür nur in deiner beabsichtigten
Fahrt nach dem Bahnhof finden konnte Nun wartet der Wagen längst vor dem Hause
und du stehst hier bei unserer Kleinen die schwerlich auf deine Tröstungen
hören wird  dafür kenne ich die Grete Du wirst zu spät kommen lieber Sohn«
    Ein undefinierbares schwaches Lächeln flog um die Lippen des »lieben
Sohnes« aber er nahm pflichtschuldigst seinen Hut und ging schweigend hinaus
während die Frau Amtsrätin den Arm der Enkelin in den ihren zog um sie
fortzuführen Droben in »Grossmütterchens« Salon sei es wohlig warm und die
Teemaschine summe wie die alte Dame in trauervoll gedämpftem Tone sagte Onkel
Theobald werde wohl sehr erkältet ankommen und da tue eine Tasse heißen Tees
not Und es sei doch sehr zu beklagen dass der Onkel dem Einsegnungsakt nicht
habe beiwohnen können eine solche illustre Trauerversammlung habe das
Lamprechtsche Haus noch nie gesehen geachtete Namen allerdings immer genug nie
aber hohen Adel  noch nie Ob das nicht der herrlichste Abschluss eines stolzen
Menschenlebens sei Ein Abschluss über den sich die Engel im Himmel freuen
müssten
 
                                       17
Es war Winter geworden so ein rechter Winter türingischer Art der die
Federbetten der Frau Holle oft so lange über die Berge und Taltiefen
ausschüttet bis nur noch die niederen Firste der Dorfhäuser aus dem
silberweissen Gestäube hervorragen Auch die kleine Stadt an der Pforte des
Thüringer Waldes erhielt ihr redliches Teil der warmen Schneedecke Blank und
glatt und immer neue Millionen der Schneesternchen in sich einwebend lag sie
da alle Missetaten der Oktoberstürme die mühsam geflickten Schäden an Mauern
Dächern und Türmen und auch das wiederhergestellte Ziegeldach des Packhauses im
Lamprechtschen Hofe verschwanden unter dem eintönigen Weiß
    Und draußen vor dem vergoldeten Eisengitter des halb offenen steinernen
Häuschens dessen Falltüren sich vor acht Wochen über dem letztverstorbenen
Lamprecht geschlossen hatten türmte der Flockenwirbel eine alabasterne Mauer
ein Epitaphium und wer lesen konnte für den stand auf der glitzernden
Schrägseite »Bleibet fern Was hinter mir liegt hat mit euch draußen nichts
mehr zu schaffen«  Einsame Schläfer Einer nach dem anderen waren sie hier
eingerückt und wohl ein jeder der alten Kauf und Handelsherren hatte bei
diesem notgedrungenen Abmarsch beim Scheiden aus der geliebten Firma im stillen
gemeint »Es wird nicht gehen ohne dich« Aber es war gegangen Das
Geschäftsgetriebe war stets über der vermeintlichen Lücke präzise
zusammengeklappt und die Bücher hatten danach keinerlei Verlust zu verzeichnen
gehabt
    So hatte sich auch die letzte Wandlung anscheinend geräuschlos vollzogen
Reinhold war zwar noch minorenn aber er hatte das achtzehnte Jahr überschritten
und sollte binnen kurzem mündig gesprochen werden eine leere Form deren
Vollziehung durchaus nicht erst abgewartet zu werden brauchte Der junge
Kaufmann mit den kühlen Prinzipien eines greisen Kopfes hielt die Zügel schon
nach wenig Tagen stramm in den Händen und er war sattelfest das musste ihm ein
jeder lassen Der erste Buchhalter und der Faktor die einstweilen mit der
Fortführung der Geschäfte betraut waren sanken neben ihm an Macht und Willen
zur Null herab und machten ihr Einspruchsrecht im Hinblick auf die kurze Dauer
ihres Amtes und die Reizbarkeit des Erben nur selten geltend Die anderen aber
die Herren im Kontor und die in der Fabrik Beschäftigten duckten sich scheu und
finster über ihre Arbeit wenn der nervöse lange Mensch schlotterig in Haltung
und Gliedmaßen aber mit Augen voll entschlossener unerbittlicher Härte in den
Arbeisräumen erschien Der Kommerzienrat war auch streng gewesen und hatte den
Untergebenen selten ein freundliches Wort gegönnt aber an seine Gerechtigkeit
hatte man nie vergebens appelliert dies und seine Noblesse in Bezug auf die
Bezahlung seiner Leute  »leben und leben lassen« war sein Grundsatz gewesen 
hatte ihm bei all seinem Hochmut dennoch die Herzen aller geneigt gemacht
    Daran übte jetzt der jugendliche Nachfolger eine geradezu vernichtende
Kritik
    »Das alles hat ein Ende  Dem Papa ist Geld genug durch die Finger gefallen
 er hat gehaust wie ein Kavalier Kaufmann ist er nie gewesen« sagte er und
begann »aufzuräumen« mit dem alten Schlendrian Da wurde gleichsam über Nacht
vieles anders
    Margarete war auch wieder da  seit vorgestern abend Tante Sophie hatte die
Stunde ihrer Ankunft gewusst und war mit dem Wagen an die Bahn gekommen und die
Frau Amtsrätin hatte sich herabgelassen mitzufahren um die Verwaiste unter die
grossmütterlichen Flügel zu nehmen Aber die alte Dame war nicht wenig überrascht
gewesen mit der Enkelin auch den Herrn Landrat aus dem Koupé steigen zu
sehen Er hatte sich als Abgeordneter des Landtages seit mehreren Wochen in
der Residenz aufgehalten und war erst in den nächsten Tagen zurückerwartet
worden »Ein besonderer Fall« habe ihn für einige Stunden nach der nächsten
größeren Station geführt hatte er lächelnd gesagt und da sei es ihm sehr lieb
gewesen die heimkehrende Nichte zu treffen und sie während des mehrstündigen
Aufenthaltes auf dem Bahnhof beschützen zu können Die Frau Amtsrätin hatte
ärgerlich den Kopf geschüttelt über dies »unnütze Hin und Herfahren« bei der
Kälte »Der besondere Fall« hätte sich jedenfalls bequem auch auf dem Heimwege
abwickeln lassen aber der Dampf mache es jetzt den Menschen allzuleicht jeder
Laune nachzugeben
    Und gestern in aller Frühe hatte er verabredetermassen mit dem Schlitten vor
der Türe gehalten um Margarete mitzunehmen Er habe seinem Vater eine
Mitteilung über das verpachtete Gut zu machen hatte er gesagt und da sei es
die beste Gelegenheit auch für sie den Großpapa zu begrüßen Dann waren sie
hingeflogen über die weite weiße Fläche draußen Der Himmel war eine kompakte
Schneewolkenmasse gewesen und eisige Windstösse hatten ihnen um die Ohren
gepfiffen und ihr den Schleier vom Gesicht gerissen Die Zügel mit einer Hand
haltend hatte er schleunigst die flatternde Gaze erfangen war aus dem Ärmel
seines weiten Pelzes geschlüpft und hatte den freigewordenen Teil der zottigen
Hülle um den frostbebenden Körper des jungen Mädchens geschlagen »Lasse
doch« hatte er gleichmütig gesagt und trotz ihres Sträubens den Pelz noch
fester um sie gezogen »Töchter und Nichten können sich das getrost unbeschadet
ihrer Mädchenwürde von einem Papa oder alten Onkel gefallen lassen«
    Und mit einem scheuen Seitenblicke nach dem Prinzenhof hatte sie gemeint
man könne möglicherweise von dort aus die Mummerei sehen »Nun und wenn auch
Wäre das ein Unglück« hatte er mit einem lächelnden Blick auf sie wieder
geantwortet »Die Damen werden wissen dass das Rumpelstilzchen da neben mir gar
niemand anderes sein kann als meine kleine Nichte« Ja freilich die schöne
Heloise war ihrer Sache so gewiss dass sie unmöglich auf einen zweifelnden
Gedanken kommen konnte
    Gegen Abend war er wieder in die Residenz zurückgekehrt um einer letzten
Sitzung beizuwohnen In den gestrigen Tag hatte sich mithin so vieles
zusammengedrängt dass Margarete erst heute gewissermaßen zu sich selbst kommen
konnte
    Es war Sonntag Tante Sophie war in der Kirche und die Dienstleute Bärbe
ausgenommen waren auch gegangen die Predigt zu hören So herrschte tiefe
sonntägliche Stille im Hause die der Heimgekehrten gestattete die Eindrücke
die sie bei ihrer Rückkehr empfangen zu überdenken
    Sie stand auf dem Fenstertritt und sah mit umflortem Blick über den
schneeflimmernden Marktplatz hinweg War es doch als herrsche nicht allein
draußen bittere Winterkälte  die Atmosphäre im Hause war auch kalt und frostig
wie durchhaucht von unsichtbaren Eiszapfen Es hatte ja früher auch oft genug
Zeiten gegeben wo ein finsterer Geist durch das alte liebe Heim gewandelt wo
die Melancholie des Hausherrn einen Druck auf die Gemüter ausgeübt hatte Aber
das war doch nur der Widerschein seiner Verstimmung gewesen mit welcher er sich
ohnehin meist in die Einsamkeit seines Zimmers vergraben hatte Alles was sonst
das Vaterhaus traut und anheimelnd machen konnte war dadurch nicht alteriert
worden Er hatte sich nie in die altergebrachten häuslichen Einrichtungen
gemischt hatte stets mit vollen Händen gegeben und war somit bemüht gewesen
das Behäbige seines Hausstandes für die Seinen und die ihm dienten zu
erhalten Wie hatte sich das geändert
    Er saß in diesem Augenblick auch wieder drüben auf seinem Schreibstuhl
hinter dem geliebten »Soll und Haben« der Nachfolger aber das Kontor war nicht
mehr allein der Schauplatz seiner Tätigkeit Er war gleichsam überall Wie ein
Schatten spukte die lange Gestalt im Hause umher vom Dachboden bis zum Keller
hinab und erschreckte die hantierenden Leute durch ihr plötzliches lautloses
Erscheinen Bärbe jammerte dass er ihr wie ein »Gendarm« auf den Fersen sei er
rufe die fortgehenden Butter und Eierfrauen an sein Kontorfenster und frage
wie viel sie in der Küche abgeliefert hätten und dann käme er selbst hinüber
und schimpfe über den »riesigen« Verbrauch er ziehe ihr auch frisch aufgelegte
Holzstücke aus dem Bratfeuer und habe die große Küchenlampe mit einer ganz
kleinen vertauscht die sich wie ein Fünkchen in der mächtig weiten Küche
ausnehme und wobei sich der Mensch die alten Augen blind gucken müsse
    »Geld verdienen Geld sparen« das war jetzt die Devise und die kalten
blutleeren Hände aneinanderreibend versicherte der junge Chef bei jeder
Gelegenheit jetzt erst solle die Welt wieder das Recht haben die Lamprechts
als die Thüringer Fugger zu bezeichnen  unter den letzten beiden Chefs sei der
Geldruhm halb und halb in die Brüche gegangen
    Über Tante Sophiens Lippen war bis jetzt noch kein anklagendes Wort
gekommen aber sie war recht blass geworden das frische geistige Leben war wie
weggewischt aus ihrem lieben treuen Gesicht und heute morgen beim Kaffee hatte
sie gesagt dass sie mit dem nächsten Frühjahr ein paar Stuben und eine Küche an
ihr Gartenhaus anbauen lasse draußen in der schönen Gottesnatur zu wohnen das
sei immer ihr stiller Wunsch gewesen
    Jetzt kam sie über den Markt her Die Kirche war aus Massenhaft strömten
die Andächtigen die Gasse herab die von der Kirche nach der »Galerie« dem
stattlichen die Ostseite des Marktes begrenzenden Pfeilergang führte Dort
wehten Schleier und Hutfedern schleiften Samt und Seide über die Steinplatten
Reich und arm alt und jung wanderten sie nebeneinander ihres Lebens und
Daseins so sicher und gewiss  und vielleicht nächsten Sonntag schon ging so
mancher nicht mehr mit Wer hört das Rauschen des Zeitwaltens über seinem
Haupte  So sicher und gewiss waren einst auch die stolzgeschmückte Frau Judit
und die schöne Dore den Weg über den Markt hergegangen den jetzt Tante Sophie
in ihrem neuen Pelzmantel beschritt
    Auch die Kurrendeschüler kamen choralsingend daher Margarete zog ihr
Pelzjäckchen über der Brust zusammen und ging hinaus die Tante an der Türe zu
begrüßen und in dem Augenblicke wo sie den Torflügel öffnete stimmten die
jungen Kehlen draußen das herrliche »Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre« in
ergreifender Weise an
    »Hab mirs ganz extra für den Sonntag bestellt  sonst werden nur Choräle
gesungen« sagte Tante Sophie eintretend und schüttelte den Schnee von den
Schuhen Aber Margarete hörte kaum dass sie sprach Sie stand und horchte
atemlos auf den hohen Sopran der seraphimgleich sieghaft und silberklar über
den anderen Stimmen schwebte
    »Nun ja s ist der kleine Max aus dem Packhause« sagte die Tante »Der
kleine Kerl muss nun auch ums Brot singen«
    Margarete trat auf die Schwelle der halboffenen Türe und sah hinaus Dort
stand er das schwarze Barett auf den Locken die blühenden Wangen noch tiefer
gerötet durch die scharfe Winterluft und mit den Tönen die der warmen jungen
Brust entquollen wurde der Hauch des Atems zum Dampf vor seinem Munde
    Sobald der letzte Ton verklungen war winkte ihm Margarete und er kam
sofort herüber und neigte sich wie ein kleiner Kavalier vor der jungen Dame
    »Geschieht es mit dem Willen deiner Grosseltern dass du bei der Kälte vor den
Türen singst« fragte sie in fast unwilligem Ton wobei sie die Hand des Knaben
ergriff und ihn zu sich auf die Schwelle zog
    »Das können Sie sich doch denken Fräulein« antwortete er unumwunden und
wie empört »Die Grossmama hats erlaubt und da ists dem Großpapa auch recht
Es ist ja auch nicht immer so kalt und das macht auch nichts  die frische Luft
ist mir gesund«
    »Und wie kommt es dass du unter die Schüler gegangen bist«
    »Ja wissen Sie denn nicht dass wir Jungens damit viel Geld verdienen«  Er
warf einen hastigen Blick hinter sich wo eben die letzten kleinen Nachzügler
weiter gingen »Lassen Sie mich« drängte er ängstlich »Der Präfekt zankt« Er
zog sein kaltes Händchen gewaltsam aus der Rechten der jungen Dame und fort war
er
    »Da hat sich wohl auch vieles im Packhause geändert« fragte Margarete
beklommen wie mit zurückgehaltenem Atem
    »Jawohl meine liebe Grete alles« antwortete Reinhold an Stelle der Tante
Er stand an seinem offenen Kontorfenster »Und du sollst auch sogleich erfahren
in welcher Weise sichs geändert hat Habe nur zuvörderst die Freundlichkeit
die Türe zu schließen es kommt mörderisch kalt herein Die Nachbarsleute
werden sich wohl gefreut haben dass Fräulein Lamprecht die selige Frau Kotta in
Eisenach nachäfft und die Kurrendeschüler ins Haus ruft  schade dass du nicht
auch einen Napf voll Suppe in der Hand hattest Das wäre noch rührender
gewesen«
    Tante Sophie schloss die Türe und entfernte sich schweigend
    »Die Tante macht jetzt immer ein Gesicht als wenn sie Essig verschluckt
hätte« sagte Reinhold achselzuckend »Der neue scharfe Besen mit welchem
jetzt das Haus ausgefegt wird gefällt ihr nicht  selbstverständlich den Alten
mag es freilich nicht behagen wenn frische Luft durch ihr warmes verrottetes
Nest fährt aber das ficht mich nicht an und noch weniger werde ich der Tante
den Gefallen tun das alte Lotterleben fortbestehen zu lassen und notorische
Faullenzer im Geschäft zu behalten Der alte Lenz ist schon seit fünf Wochen
entlassen und hat mit Neujahr das Packhaus zu räumen So nun weißt dus
Grete weshalb der Junge vor den Türen singt Andere Kinder müssen das auch 
es fällt ihnen keine Perle aus der Krone  und ich sehe nicht ein weshalb der
Prinz aus dem Packhause zu gut dafür sein soll«
    Er schlug das Fenster zu und Margarete ging ohne ein Wort der Entgegnung in
die Hofstube Dort hüllte sie sich in einen Shawl schob eine kleine Geldrolle
in die Tasche und schritt gleich darauf über den Hof nach dem Packhause
 
                                       18
Die Türe des alten Hauses fiel schwerfällig hinter der jungen Dame zu und sie
blieb einen Moment regungslos am Fuße der Treppe stehen  Diese Stufen war sie
an jenem entsetzlichen Tage heruntergekommen um nach Dambach zu laufen und die
grause Gewissheit zu erlangen dass sie eine Waise sei Wenn er wüsste wie der
Unmündige jetzt hauste Wie er ohne Gnade und Erbarmen alles ausschied was
nicht ganz mit seinen Rechenexempeln stimmte  An dem kleinen Max hatte der
Verstorbene sein Wohlgefallen gehabt  musste sie doch oft dabei an Saul und
David denken  der finstere melancholische Mann hatte sich auch dem Zauber
nicht entziehen können den der schöne hellschauende Knabe auf alle ausübte
Sie erinnerte sich mit wie weicher Stimme er zu dem Kinde gesprochen wie er
seinem Schwiegervater versichert hatte dass er den Knaben später in sein Kontor
aufnehmen werde Und hatte er nicht auch damals inmitten des verwüstenden
Sturmes am Fenster gesagt dass der Knabe wohl nicht dazu bestimmt sei andere zu
amüsieren  Und nun sang das Kind in schneidender Winterkälte vor den Türen

    Sie stieg die Treppe hinauf Das Bretterwerk unter ihren Füßen war
schneeweiß und ein feiner Wacholderduft wehte sie an  der echte Thüringer
Sonntagsduft
    Auf ihr leises Anklopfen erfolgte kein Herein und auch ihr Eintreten wurde
nicht sofort bemerkt obgleich die wachsame Philine sofort in der Küche
anschlug In der einen tiefen Fensternische saß Frau Lenz und strickte an einer
bunten Wolljacke und in der anderen stand der Arbeitstisch ihres Mannes er saß
tiefgebückt über seiner Arbeit Erst bei dem lauten freundlichen Gruß der
jungen Dame sahen die beiden alten Leute auf und erhoben sich
    Den erstaunten gespannten Mienen des Ehepaares gegenüber geriet Margarete
plötzlich in Verlegenheit Ihr warm aufquellendes Gefühl hatte sie hierher
getrieben aber sie kam aus dem Hause wo den alten Leuten ein unerbittlicher
Feind lebte der ihnen das Brot vom Munde nahm und sie hinausstiess in Sorge und
Elend Mussten sie nicht Bitterkeit und Misstrauen gegen alles empfinden was von
dorther kam
    Der alte Maler kam ihr zu Hilfe Er bot ihr herzlich die Hand und führte sie
nach dem Sofa Da saß sie nun in derselben Ecke wo man vor zehn Jahren das
abgehetzte fiebergeschüttelte Kind zärtlich gehegt und gepflegt hatte Jener
Abend trat ihr in allen Einzelheiten vor die Seele und sie begriff nicht wie
der Papa nach solchen Beweisen von Hilfsbereitschaft und Güte für sein Kind in
seinem Hochmut gegenüber den Bewohnern des Packhauses bis an sein Ende hatte
verharren mögen Und wie schlimm stand es jetzt erst um die alten Leute
    Noch war der Mangel nicht sichtbar Die Stube war wohlig durchwärmt Ein
großer warmer Teppich bedeckte den Fußboden weder Möbel noch Gardinen sahen
verkommen und abgenutzt aus  man sah es war all die Jahre her Geld und
Sorgfalt aufgewendet worden das Behäbige des Heims zu erhalten Inmitten des
Zimmers stand der hergerichtete Mittagstisch Das frisch aufgelegte Tischtuch
glänzte wie Atlas die Servietten steckten in feinen Ringen und neben den
gemalten Porzellantellern lagen Silberlöffel
    »Ich habe Sie in Ihrer Arbeit gestört« sagte Margarete entschuldigend
während sie den nächsten Stuhl einnahm und Herr und Frau Lenz sich auf das Sofa
setzten
    »Es war keine Arbeit nur ein Zeitvertreib« erwiderte der alte Maler »Ein
festes Arbeitspensum habe ich nicht mehr und da male ich an einer Landschaft
die ich vor Jahren angefangen habe Freilich geht es langsam Ich bin auf dem
einen Auge völlig erblindet und das andere ist auch ziemlich schwach so bin
ich immer nur auf die wenigen hellen Mittagsstunden angewiesen«
    »Man hat Ihnen Ihr festes Arbeitspensum genommen« fragte Margarete
unumwunden auf ihr Ziel losgehend
    »Ja mein Mann ist entlassen« bestätigte Frau Lenz bitter »Entlassen wie
ein Tagelöhner weil er als gewissenhafter Künstler die Arbeit nicht so
massenhaft lieferte wie die jungen gedankenlosen Schmierer«
    »Hannchen« unterbrach er sie mahnend
    »Ja lieber Ernst wenn ich nicht spreche wer soll es sonst« erwiderte sie
herb und doch auch mit einem wehmütigen Lächeln in den vergrämten Zügen »Soll
ich in meinen alten Tagen aufhören das zu sein was ich zeitlebens gewesen bin
der Anwalt meines allzu bescheidenen guten Mannes«
    Er schüttelte den grauen Kopf »Ungerecht dürfen wir aber auch nicht sein
liebe Frau« sagte er mild »Für mein festes Einkommen habe ich allerdings in
den letzten zwei Jahren nicht mehr die entsprechende Arbeit geliefert meiner
Augen wegen Ich habe das auch gesagt und um Bezahlung per Stück gebeten aber
der junge Herr will davon nichts hören Nun ihm steht ja das Verfügungsrecht
zu wenn er auch noch nicht mündig erklärt ist und die Testamentseröffnung noch
bevorsteht Auf dieses Testament hoffen noch manche von den alten Arbeitern
draußen in Dambach denen es ähnlich ergeht wie mir«
    Margarete wusste von Tante Sophie dass ein Testament ihres Vaters vorhanden
war welches in den nächsten Tagen eröffnet werden sollte aber es war nur eine
flüchtige Erwähnung gewesen die Tante mochte nichts Näheres wissen Das sagte
die junge Dame auf den eigentümlich gespannten Blick des alten Mannes hin Sie
hatte auf diese Tatsache wenig Gewicht gelegt noch weniger aber war ihr der
Gedanke gekommen dass die letztwillige Verfügung des Verstorbenen möglicherweise
Reinholds Eigenmächtigkeiten rückgängig machen könne
    »Mein Gott« rief sie lebhaft »wenn Sie meinen dass das Testament vieles
ändern kann «
    »Es wird und muss vieles ändern« fiel Frau Lenz mit sonderbar harter
Betonung und Bestimmtheit ein
    Margarete verstummte für einen Moment betroffen in den noch immer schönen
blauen Augen der alten Frau forschend  eine Art von wilder Genugtuung funkelte
in ihnen auf »Nun ja« setzte sie dann nachdrücklich mit schwerem Vorwurf
hinzu »wozu dann die Grausamkeit das Kind ums Brot auf der Straße singen zu
lassen«
    Frau Lenz fuhr empor und trat auf ihre Füße Sie war lahm und konnte sich
nur schwer fortbewegen aber in diesem Moment schien sie von Schmerz und
Schwäche nichts zu fühlen »Grausam Wir Gegen unser Kind unseren Abgott
unser alles« rief sie wie außer sich
    Der alte Maler ergriff begütigend ihre Hand »Ruhig Blut liebes Herz«
mahnte er mild lächelnd »Grausam sind wir zwei alten Menschen nie gewesen
gelt Hannchen Nicht gegen die kleinste Kreatur der Schöpfung geschweige denn
gegen unseren Jungen Sie haben ihn singen hören« wandte er sich zu
Margarete
    »Ja vor unserem Hause und das Herz hat mir wehe getan Es ist so
bitterkalt  ich meinte der Atem müsse ihm vor dem Munde gefrieren Er wird
sich erkälten«
    Herr Lenz schüttelte den Kopf »Der kleine Bursche hat sich selbst hart
gewöhnt Die Stube da ist ihm zu eng für seine Stimme und da steht er oft ehe
wir uns dessen versehen droben am Bodenfenster oder auf dem offenen Gange und
singt in Sturm und Schneegestöber hinein«
    Er war bei den letzten Worten aufgestanden hatte zärtlich den Arm um seine
Frau geschlungen und sie sanft in die Sofaecke zurückgedrückt »So  das Stehen
macht dir Schmerz lieber Schatz Und du musst auch deinen Alten nicht so
ängstigen mit der Erregteit die dir allemal schadet  Ja wissen Sie
Fräulein solch ein Frauenherz ist ein Wunder an Liebeskraft und
Liebesfähigkeit« sagte er seinen Platz wieder einnehmend zu der jungen Dame
»Man meint mit der Hingebung und Aufopferung für die Kinder müsse es erschöpft
sein und da kommen die Enkel und das Grossmutterle ist wieder dieselbe Löwin
die sie in der Jugendkraft gewesen«
    Margarete dachte mit Bitterkeit an die alte Dame im oberen Stock des
Vorderhauses für welche Kinder und Kindeskinder nur Stufen waren auf denen sie
emporsteigen wollte
    »Sehen Sie da an den warmen Ofenkacheln lehnen die Hausschuhe und in der
Ofenröhre steht heißes Warmbier für unseren kleinen Kurrendeschüler« fuhr er
fort »Und wenn er heimkommt da strahlt er allemal vor Freude denn seiner
Meinung nach hat er jetzt einen mächtigen Wirkungskreis  er sorgt für seine
Grosseltern«  Der alte Mann lächelte und dabei wischte er sich unter der
Brille eine Träne der Rührung fort
    »Ja es kamen ein paar fatale ein paar schlimme Tage für uns nachdem der
junge Herr mir aufgesagt hatte« hob er wieder an »Wir hatten die Schneiderund
Schuhrechnung für Max gezahlt und unseren Kohlenvorrat angeschafft und eine
Summe auf die wir stets pünktlich rechnen konnten war plötzlich weggefallen
und da kam ein Abend an welchem wir vor der leeren Kasse standen und nicht
wussten wovon wir am andern Tag auch nur eine Suppe kochen sollten Ich wollte
gehen und ein paar von unseren Silberlöffeln verkaufen aber das Frauchen da« 
er zeigte mit zärtlichem Blick auf seine Frau  »kam mir zuvor Sie nahm
Stickereien und Strickereien die sie mit ihren geschickten Händen in
Mussestunden gearbeitet hatte aus der Kommode und ging  so sauer ihr auch das
Gehen wird  mit Max in die Kaufläden und da brachte sie nicht nur Geld
sondern auch viel Bestellungen mit heim Nun lasse ich alter Kerl mich von der
Hand ernähren an die ich einst den Verlobungsring gesteckt hatte in der
unerschütterlichen Überzeugung dass mein Mädchen das Leben einer Prinzessin an
meiner Seite haben solle  Ja sehen Sie das ist nun Künstlerleben und
Künstlerhoffen«
    »Ernst« unterbrach ihn Frau Lenz und drohte mit dem Finger »Willst du
wirklich Fräulein Lamprecht weismachen ich sei so eine gewesen die sich ein
Schlaraffenleben bei dir erträumt hätte  Nein Fräulein er fabelt der alte
Künstlerkopf Zum Faulenzen habe ich nie Talent gehabt dazu bin ich immer zu
rasch gewesen Schaffen und Helfen das war stets mein Lebenselement und die
Ader hat auch Max von mir Grossmama sagte er auf dem Nachhauseweg morgen gehe
ich unter die Kurrendeschüler Der Herr Kantor hat zu mir gesagt solch einen
kleinen Jungen mit meiner Stimme könnte er brauchen für seinen Chor und die
Jungens bekommen ganze Taschen voll Geld «
    »Wir suchten ihm die Idee auszureden« fiel Herr Lenz ein »aber er ließ
nicht nach er bat und weinte und schmeichelte und da gab meine Frau endlich
den Ausschlag und erlaubte es «
    »Aber nicht um des Erwerbes willen« unterbrach sie ihn fast heftig
protestierend »Denken Sie das um Gotteswillen nicht Die paar Groschen liegen
unberührt im Kasten sie sollen als ein Denkzeichen an die Zeit aufbewahrt
werden wo das bittere Muss dem Kinde den Gedanken eingegeben hat ums liebe Brot
vor dem Hause zu singen das «
    »Hannchen« mahnte der alte Mann mit großem Ernst und Nachdruck
    Sie presste die Lippen aufeinander und sah mit seltsam loderndem beredtem
Blick durch das gegenüberliegende Fenster in die froststarrende Luft hinein Es
lag etwas Rachedürstendes in ihrem ganzen Wesen »Das Kind ist schlecht genug
behandelt worden in dem großen stolzen Hause seit es die deutsche Heimat
betreten hat« sagte sie mit noch weggewandtem Blick grollend wie zwischen
zusammengebissenen Zähnen hervor »Der Kies im Hofe war zu vornehm für seine
Sohlen und der Gartentisch unter den Linden wurde entweiht durch seine Bücher
seine schreibenden Händchen Und von dem Sarge droben im großen Saal sollte er
weggescheucht werden wie « Sie brach ab und legte die Hand über die Augen
    »Mein Bruder ist krank und deshalb keines Menschen Freund mit ihm dürfen
Sie nicht so streng ins Gericht gehen auch andere müssen unter seiner
Schroffheit leiden« tröstete Margarete sanft »Dagegen weiß ich dass mein Vater
den kleinen Max sehr gern gehabt hat wie alle in unserem Hause Ich weiß dass
er für seine Zukunft hat Sorge tragen wollen und aus dem Grunde bin ich
gekommen Es würde auch ihm gewiss wie mir ans Herz gegangen sein das
prächtige Kind draußen vor der Türe stehen zu sehen und deshalb möchte ich Sie
bitten dem kleinen Kurrendeschüler die gegebene Erlaubnis von heute ab zu
verweigern und mir die Freude zu gönnen « Sie schob heisserrötend die Hand in
die Tasche
    »Nein kein Almosen« rief Frau Lenz fast wild und legte die Hand auf den
Arm der jungen Dame »Kein Almosen« wiederholte sie beruhigter als Margarete
die leere Hand aus der Tasche zog »Ich fühle Sie meinen es gut Sie haben von
klein auf ein edles braves Herz gehabt Niemand weiß das besser als ich  Sie
trifft kein Vorwurf  Aber lassen Sie uns auch das bisschen Stolz darauf den
über uns verhängten Schlag aus eigener Kraft pariert zu haben Sehen Sie« 
sie zeigte nach einer großen Korbwanne im Fensterbogen die bis an den Rand mit
bunter Stickerei gefüllt war  »das ist lauter fertige Arbeit Wir brauchen
vorläufig nicht zu darben und später wird Gott helfen  Max soll nicht
wieder auf der Straße singen ich verspreche es Ihnen heilig und teuer Er wird
zwar jammern aber er muss sich hineinfinden«
    Margarete nahm die Rechte der alten Frau in ihre Hände und drückte sie warm
»Ich kann Sie verstehen und werde gewiss nicht wieder so plump mit der Türe ins
Haus fallen« sagte sie mit einem flüchtigen Lächeln »Sie werden mir dagegen
gewiss erlauben das Kind nach wie vor lieb zu haben und seinen Lebensgang im
Auge zu behalten«
    »Wer weiß Fräulein  die Verhältnisse wandeln oft ganz plötzlich die
scheinbar festesten Ansichten  wer weiß wie Sie nach vier Wochen darüber
denken« erwiderte Frau Lenz mit schwerer Betonung
    »Nicht anders als heute auch dafür möchte ich meinen alten Kopf verwetten«
rief ihr Mann ganz entusiastisch »Ich habe das kleine Gretchen in seinem Tun
und Wesen beobachtet als es noch im Hofe spielte Es gehört eine starke
Geschwisterliebe und Aufopferungsfähigkeit dazu immer wieder das geduldige
Pferdchen eines verzogenen kränklichen Bruders zu sein und sich widerstandslos
schlagen und peinigen zu lassen Ich habe ferner gesehen wie das liebe kleine
Ding nach der Küche rannte und von der brummenden Bärbe für die Bettelkinder in
der Hausflur Butter auf die Brotstücken ertrotzte Wollte ich alle die
erlauschten Züge eines guten wackeren Herzens aufzählen ich würde nicht
fertig Und ich weiß das Weltleben draußen hat von dem reichen Fonds nichts
genommen  das hat der alte Lenz gleich in den ersten Tagen nach der Rückkehr an
sich selbst erfahren«
    Margarete hatte sich währenddem erhoben  sie war ganz rot und verlegen
»Nun dann haben doch wenigstens ein paar Augen die wilde Hummel nachsichtig
beurteilt« sagte sie lächelnd »Aber Sie sollten nur die Zensuren von damals
sehen sollten wissen wie oft mir der Kopf gewaschen werden musste meiner
Freveltaten wegen Das ist freilich Geheimnis des Vorderhauses geblieben und
konnte Ihre gütige Meinung nicht alterieren Nur in dem einen Punkte gebe ich
Ihnen recht  ich habe einen harten Kopf den die Macht der Verhältnisse doch
nicht so leicht binnen vier Wochen wandeln dürfte«
    Sie reichte den beiden alten Leuten Abschied nehmend die Hand und verließ
von ihnen bis zur Treppe geleitet das Packhaus Sie ging weit gedankenvoller
als sie gekommen war War das ein köstliches Zusammenleben in dem alten Hause
da hinter ihr Je heftiger das Schicksal auf die Herzen einstürmte desto enger
schlossen sie sich aneinander an
    Ihr Blick flog unwillkürlich über die vornehme obere Etage des Vorderhauses
 da herrschte freilich ein anderer Geist »Anstand gute Sitte Konvenienz«
nannte ihn die Grossmama und »verknöcherte Selbstsucht gepaart mit
verachtungswürdigem Unterwerfungstrieb gegen Hochgestellte« der alte Mann der
lieber einsam draußen auf dem Lande lebte als dass er die Eisesluft atmete in
welcher sich die distinguierte Frau Gemahlin gefiel War es da ein Wunder wenn
Herbert  aber nein selbst im Geiste durfte sie ihn nicht mehr durch das
Vorurteil kränken dass er herzlos sei  Er war gut zu ihr Er hatte ihr sogar
zweimal nach Berlin geschrieben fürsorglich als sei er ihr Vormund und sie
hatte ihm geantwortet Daraufhin war er ihr bei ihrer Rückkehr auf die letzte
größere Station entgegengekommen in dem zartsinnigen Wunsche ihr das
Wiederbetreten des vereinsamten Vaterhauses in etwas zu erleichtern Das hatte
die Grossmama freilich nicht erfahren sie hätte diese Zuvorkommenheit und
Herablassung des Herrn Landrats gegen das junge Ding die Grete sicher nicht
gebilligt schon aus dem Grunde nicht weil sie ihr das Leid angetan hatte
durchaus nicht Baronin von Billingen werden zu wollen Die alte Dame hatte
bitterböse darüber an ihre Schwester und Margarete geschrieben Wie Herbert
über das Scheitern dieser Wünsche dachte das war dem jungen Mädchen bis zur
Stunde dunkel geblieben Er hatte die delikate Angelegenheit in keinem seiner
Briefe erwähnt und sie war auf ihrer Hut gewesen auch nur mit einem Worte
daran zu rühren
    Mit diesen abschweifenden Betrachtungen war sie längst in die Hofstube
zurückgekehrt und hatte die Geldrolle wieder in den Kasten des Schreibtisches
gleiten lassen  unter einem abermaligen Erröten So konnte und durfte sie ihre
Teilnahme für den kleinen Max nicht wieder betätigen wollen  der Weg war ihr
verschlossen Sie fühlte sich machtlos die Verhältnisse übersehen und wissen
wie da zu wirken sei das konnte nur ein Mann Sie nahm sich vor mit Herbert
darüber zu sprechen
 
                                       19
Seitdem waren zwei Tage verstrichen Der Landrat war noch nicht zurückgekehrt
und deshalb herrschte tiefe Ruhe auf der sonst so frequentierten Treppe und im
oberen Stock Margarete ging jeden Morgen pflichtschuldigst hinauf um der
Grossmama guten Tag zu sagen Das war stets ein saurer Gang denn die alte Dame
grollte und zürnte noch heftig Sie schalt zwar nicht laut  Gott behüte nur
keine offenkundige Leidenschaftlichkeit Der gute Ton hat ja dafür feinere und
desto sicherer treffende Waffen Messerschärfe in Blick und Stimme und Dolch
und Nadelspitzen auf der Zunge Aber diese Art und Weise des Angriffs empörte
die Enkelin doppelt und sie brauchte oft ihre ganze Selbstbeherrschung um
gelassen und schweigend zu ertragen Meist ungnädig entlassen ging sie dann
immer mit dem Gefühl der Erlösung die Treppe wieder hinab um für einen Moment
in den Flursaal einzutreten Es herrschte zwar eine mörderische Kälte in dem
weiten Saal und Papas Privatzimmer waren versiegelt nicht einer der traulichen
Räume in denen er gelebt und geatmet nicht der kleinste Gegenstand den seine
Hand berührt waren ihr zugänglich sie musste sich mit der Stelle begnügen wo
sie ihn zum letztenmal friedlich schlafend einen Schein der Verklärung auf der
im Leben so finsteren Stirn gesehen hatte Aber an dieser Stelle überkam sie
doch immer das wehmütig wohltuende Gefühl als spüre sie einen Hauch seiner
Nähe Drunten geschah ja alles um die Spuren seines Daseins und Wirkens
möglichst schnell zu verwischen
    Heute morgen nun hatte Margarete beim Verlassen des Flursaales eine
Begegnung gehabt Sie war rasch auf die Schwelle der Türe getreten und hatte
plötzlich Auge in Auge vor der eben vorübergehenden schönen Heloise gestanden
Der jungen Dame um einige Schritte voraus war die Baronin Taubeneck die
Treppenwendung hinaufgekeucht sie hatte von der Anstrengung des Emporsteigens
ganz benommen die aus dem Flursaal Tretende gar nicht gesehen ihre Tochter
dagegen hatte sehr freundlich gegrüßt ja ihr Blick war sogar mit dem
unverkennbaren Ausdruck von Teilnahme über die Mädchengestalt in tiefer Trauer
hingeglitten das konnte Margarete sich selbst nicht wegleugnen und doch war
sie in Versuchung gewesen den höflichen Gruß zu ignorieren und ohne ihn zu
erwidern in den Flursaal zurückzuflüchten Diese schöne gerühmte Heloise war
ihr nun einmal in tiefster Seele unsympatisch  weshalb Sie wusste es selbst
kaum So in nächster Nähe gesehen war die herzogliche Nichte in der Tat am
schönsten Die herrliche Sammetaut des jungen Gesichts die Pracht der Farben
und die großen glänzend blauen Augen blendeten förmlich und der Großpapa hatte
recht wenn er sagte davor müsse sich seine Enkelin das braune Maikäferchen
verkriechen Selbst die phlegmatische Ruhe ihres Wesens machte sich im Gehen nur
als stolze Würde und Vornehmheit geltend »Was Neid Grete« hatte sich das
junge Mädchen selbst in diesem Augenblicke des aufsteigenden Grolles und
Widerwillens gefragt Nein Neid war es nicht Ihr war es ja stets ein Genuss
gewesen in ein schönes Mädchenantlitz zu sehen  Neid war es ganz bestimmt
nicht Wohl aber mochte es die angeborene Verbitterung des plebejischen Blutes
gegen die Widersacher des Bürgertums sein  ja das war der Grund Und als die
Grossmama droben unter einem Wortschwall der Freude und Beglückung dem Besuch
entgegengekommen war da hatte das junge Mädchen die Hände auf die Ohren gelegt
und war die Treppe hinabgeflohen
    Drunten aber hatte der herrschaftliche Schlitten eine herrliche Muschel mit
kostbarer Pelzdecke vor der Türe gehalten und nachdem später die Damen wieder
eingestiegen waren da hatte die schöne Heloise mit ihrem weißen Schleier und
wehenden Goldhaar ausgesehen als fliege eine Fee über den Schnee hin O weh
wie lächerlich dagegen mochte neulich das zusammengeduckte »Rumpelstilzchen« im
Schlitten gehockt haben wie frostgeschüttelt und hilfsbedürftig neben Herberts
vornehmer Erscheinung 
    Den ganzen Tag über hatte sie bittere aufdringliche Gedanken und
Empfindungen nicht los werden können und dazu war es dunkel in allen Stuben
Der Himmel schüttelte unermüdlich ein dichtes Flockengestöber über die kleine
Stadt her und nur selten fuhr ein Windstoß lichtend durch die stürzenden
Schneemassen die wie ein silberstoffener Behang alle Aussicht in Gassen und
Straßen verschloss Erst am Abend als die Lampe auf dem Tische brannte wurde
es heimlicher in der Wohnstube und stiller in Margaretens Seele Tante Sophie
war trotz des Schneewetters ausgegangen um einige unaufschiebbare Bestellungen
zu machen und Reinhold arbeitete in seiner Schreibstube er kam überhaupt nur
noch herüber wenn er zu Tisch gerufen wurde
    Margarete ordnete den Abendtisch Im Ofen brannten die Holzscheite
lichterloh und warfen durch die Öffnung der Messingtüre einen breiten
behaglichen Schein über die Dielen und von dem Gesims der unverhüllten Fenster
her gegen die draußen die Schneeflocken wie hilflos flatternde Seelchen
taumelten um an den erwärmten Scheiben rettungslos zu sterben dufteten doppelt
süß Tante Sophiens Pfleglinge ganze Scharen von Veilchen und Maiblumen Nein
gerade dem hässlichen Tage zum Trotze sollte nun der Abend gemütlich werden
Bärbe brachte sauber garnierte kalte Schüsseln herein und Margarete entzündete
den Spiritus unter der Teemaschine und als Reinhold sagen ließ man möge ihm
ein belegtes Butterbrot hinüberschicken er werde nicht kommen da wurde das
Herz der Schwester erst recht leicht
    Draußen fuhren mehrere Wagen vorüber und es war auch als halte einer
derselben vor dem Hause War der Landrat zurückgekommen  Nun das erfuhr man
ja morgen früher freilich nicht  Margarete fuhr fort Schinkenscheibchen auf
Reinholds Brot zu legen sie sah auch nicht auf als ein leises Türgeräusch an
ihr Ohr schlug  Bärbe brachte jedenfalls noch etwas für den Tisch herein aber
ein so kalter Luftzug wie er eben über ihre Wange strich kam doch nicht von
der warmen Küche her unwillkürlich blickte sie auf und da sah sie den Landrat
an der Türe stehen Sie schrak heftig zusammen und die Gabel mit dem Schinken
entfiel ihrer Hand
    Er lachte leise auf und trat näher an den Tisch Er war noch im Reisepelz
und auf seiner Mütze glitzerten Schneeflocken also direkt von draußen kam er
herein
    »Aber solch ein Schrecken Margarete« sagte er kopfschüttelnd »Warst wohl
trotz deiner hausmütterlichen Beschäftigung im sonnigen Griechenland und der
Hans Ruprecht im Pelz riss dich in die raue Thüringer Wirklichkeit zurück 
Nun guten Abend auch« setzte er in treuherzig Thüringer Weise hinzu und bot
ihr die Hand  war ihr doch als müsse es Freude sein die sie aus seinen Augen
unter der Pelzmütze hervor anleuchtete
    »Nein in Griechenland war ich nicht« antwortete sie und die
augenblickliche innere Erregung bebte noch in ihrer Stimme nach »Trotz Schnee
und Eis bin ich um die Weihnachtszeit doch lieber hier Aber es ist für mich
etwas Unerhörtes dich in unsere Wohnstube eintreten zu sehen Du wirst selbst
wissen dass diese Stube stets abseits von deinem Wege gelegen hat Früher mag
dich der Kinderlärm verscheucht haben und später«  der schmerzhafte Zug der
seit dem Tode ihres Vaters ihre Lippen umlagerte wich momentan einem
schelmischen Lächeln  »später das ausgesprochene Spiessbürgertum in der
Einrichtung und dem Leben und Weben hier unten«
    Er zog ein kleines Paket aus der Rocktasche und legte es auf den Tisch »Das
ists weshalb ich hier eingetreten bin das einzig und allein« sagte er
ebenfalls lächelnd »Weshalb soll ich ein ganzes Pfund Tee das ich für Tante
Sophie in der Residenz besorgt habe zwei Treppen hinaufschleppen« Nun nahm er
die Pelzmütze ab und schleuderte die letzten funkelnden Schneereste fort
»Übrigens irrst du in deiner Annahme  ich finde es urgemütlich hier und dein
Teetisch sieht nichts weniger als spiessbürgerlich aus«
    »Darf ich dir eine Tasse Tee anbieten Er ist eben fertig «
    »Ei wohl Er wird mir gut tun nach der kalten Fahrt Aber dann musst du mir
auch erlauben dass ich meinen Pelz ablege« Er mühte sich die schwere Last
abzustreifen Unwillkürlich hob Margarete den Arm um zu helfen wie sie es bei
Onkel Theobald zu tun gewohnt war aber er fuhr zurück und ein Zornesblitz
sprühte aus seinen Augen »Lasse das« wies er sie fast rau zurück »Die
töchterliche Hilfe mag bei Onkel Theobald nötig sein  bei mir noch nicht«
    Unmutig mit einem letzten kräftigen Ruck riss er den Pelz von der Schulter
und warf ihn auf den nächsten Stuhl
    »So nun bin ich allerdings hilfsbedürftig  ich lechze nach deinem heißen
Tee« sagte er gleich darauf und ließ seine elegante Gestalt in die Sofaecke
gleiten Seine Stirn war wieder heiter und er strich sich behaglich den Bart
»Aber ich bin auch hungrig liebes Hausmütterchen und solch ein appetitliches
Butterbrot wie du es eben vor meinen Augen zurechtgemacht hast sollte mir
schon schmecken und jedenfalls besser munden als die Butterbrote droben die
meine Mutter konsequent durch die Köchin herrichten lässt Später am eigenen
Herd werde ich mir das allerschönstens verbitten  die Hausfrau muss mir
eigenhändig dergleichen Bissen mundgerecht machen wenn sie nicht will dass ich
hungrig vom Tische aufstehe«
    Margarete reichte ihm den Tee aber sie schwieg und sah ihn nicht an Sie
musste denken ob die stolze Heloise wirklich die Etikette so beiseite setzen und
mit ihren wundervollen weißen Händen die Butterbrötchen für den Herrn Gemahl
streichen würde  Und Herbert selbst Dachte er im Ernst so spiessbürgerlich
häuslich Grossmamas Sohn der Mann der Formen mit denen er der Welt imponierte
    »Du bist sehr still Margarete« unterbrach er das eingetretene kurze
Schweigen »aber ich sah ein spöttisches Zucken deiner Mundwinkel und das
spricht deutlicher als Worte Du mokierst dich innerlich über die Häuslichkeit
wie ich sie haben will und meinst mein Wille könne an so manchem scheitern
Ja siehst du ich lese in deinen Zügen wie in einem Buche  du brauchst deshalb
nicht gleich so rot zu werden wie ein Pfingströschen  ich weiß mehr von deinen
Seelenvorgängen als du denkst«
    Jetzt sah sie verletzt und unwillig auf »Schickst du deine Gendarmen
wirklich auch auf die Hetzjagd nach Gedanken Onkel«
    »Ja meine liebe Nichte das tue ich mit deiner gütigen Erlaubnis und das
musst du dir schon gefallen lassen« antwortete er leise lachend »Mich
interessieren alle oppositionellen Gedanken und mehr noch solche denen der Kopf
selbst nur widerwillig Raum gibt gegen die er ankämpft wie das junge Ross gegen
seinen oktroyierten Herrn und die schließlich glänzend siegen weil ein
mächtiger Impuls hinter ihnen steht«
    Er führte seine Tasse zum Munde und sah dabei aufmerksam zu wie die
zierlichen Mädchenfinger flink das gewünschte Butterbrot zurechtmachten
    »Ein Einblick in die Wohnstube hier muss in diesem Augenblick außerordentlich
behaglich und anmutend sein« hob er mit einem Blick auf die unverhüllten
Fenster nach einem momentanen Schweigen wieder an »Da drüben«  er neigte den
Kopf nach der jenseitigen Häuserfront des Marktes  »könnte man uns füglich für
ein junges Ehepaar halten«
    Margarete wurde flammendrot »O nein Onkel die ganze Stadt weiß «
    »Dass wir Onkel und Nichte sind  ganz richtig meine liebe Nichte« fiel er
sarkastisch gelassen ein und griff abermals nach seiner Tasse
    Margarete widersprach nicht aber eigentlich hatte sie sagen wollen »Die
ganze Stadt weiß dass du verlobt bist« Nun mochte er denken was er wollte
Er neckte sie in fast übermütiger Weise und Humor den sie bis jetzt nicht an
ihm gekannt prickelte in jedem seiner Worte Er war offenbar froh gelaunt und
brachte jedenfalls stillbeglückende Aussichten aus der Residenz mit Aber sie
selbst war nicht in der Stimmung sich mit ihm zu freuen sie war unsäglich
deprimiert und wusste nicht weshalb und wie man oft im inneren Zwiespalt
unbewusst gerade nach Widerwärtigem greift nur um eine Wendung herbeizuführen
so sagte sie indem sie ihm das fertige Brötchen hinreichte »Heute morgen hatte
die Grossmama Besuch  die Damen vom Prinzenhofe waren da«
    Er richtete sich lebhaft auf und eine unverkennbare Spannung malte sich in
seinen Zügen »Hast du sie gesprochen«
    »Nein« erwiderte sie kalt »Ich hatte nur eine flüchtige Begegnung mit der
jungen Dame im Treppenhause Du weißt am besten dass sie mich einer Anrede nicht
würdigen kann weil ich im Prinzenhofe noch nicht vorgestellt bin«
    »Ach ja ich vergaß  Nun du wirst das ja wohl nunmehr in den
allernächsten Tagen abmachen«
    Sie schwieg
    »Ich hoffe du tust das schon um meinetwillen Margarete«
    Jetzt sah sie ihn an es war ein finsterer Grollblick der ihn traf »Wenn
ich das Opfer bringe mich in tiefer Trauer und in meiner jetzigen
Seelenstimmung zu der Komödie hinausschleppen zu lassen so geschieht es einzig
und allein um dem Drängen und den Quälereien der Grossmama ein Ende zu machen«
versetzte sie herb Sie hatte sich auf den nächsten Stuhl gesetzt und kreuzte
die Hände auf dem Tische
    Ein kaum bemerkbares Lächeln schlüpfte um seinen Mund »Du fällst aus deiner
Rolle als Hausmütterchen« rügte er gelassen und zeigte auf ihre feiernden
Hände »Die Gastlichkeit verlangt dass du mir Gesellschaft leistest und auch
eine Tasse Tee nimmst «
    »Ich muss auf Tante Sophie warten«
    »Nun wie du willst Der Tee ist vortrefflich und soll mir trotz alledem
schmecken Aber ich möchte dich doch einmal fragen was hat dir denn die junge
Dame im Prinzenhof getan dass du stets so  so bitter wirst wenn von ihr die
Rede ist«
    Eine glühende Röte schoss ihr in die Wangen »Sie  mir« rief sie wie
erschrocken wie ertappt auf einem bösen Gedanken »Nicht das mindeste hat sie
mir angetan Wie könnte sie auch da ich bis jetzt kaum in ihre stolze Nähe
gekommen bin« Sie zuckte die Schultern »Ich fühle aber instinktmässig dass das
der Kaufmannstochter noch bevorsteht «
    »Du irrst Sie ist gutmütig «
    »Vielleicht aus Phlegma  möglich dass sie sich ungern echauffiert Ihr
schönes Gesicht «
    »Ja schön ist sie von einer unvergleichlichen Schönheit sogar« fiel er
ein »Und ich möchte gern wissen ob heute morgen nicht etwas wie ein heimliches
Glück in ihren Zügen zu lesen gewesen ist  sie hat gestern Hocherfreuliches
erfahren«
    Ach also darum war er heute abend so übermütig so voll übersprudelnder
Laune das »Hocherfreuliche« betraf ihn und sie zusammen »Das fragst du mich«
rief sie mit einem bitteren Lächeln »Du solltest doch am besten wissen dass die
Damen vom Hofe viel zu gut geschult sind um ihre Gemütsaffekte jedem profanen
Blick auszusetzen Von heimlichem Glück konnte ich nichts bemerken ich
bewunderte nur ihr klassisches Profil die blühenden Farben die prächtigen
Zähne bei ihrem gnädigen Lächeln und erstickte fast in dem Veilchenparfüm mit
welchem sie das Treppenhaus erfüllte und das dieses Übermaß war nicht vornehm
an der Aristokratin «
    »Sieh da war ja gleich wieder der bittere Nachgeschmack«
    »Ich kann sie nicht leiden« fuhr es ihr plötzlich heraus
    Er lachte und strich sich amüsiert den Bart »Nun das war gutes ehrliches
Deutsch« sagte er »Weißt du dass ich in der letzten Zeit manchmal des kleinen
Mädchens gedacht habe das ehemals mit seiner geradezu verblüffenden derben
Offenheit und Wahrheitsliebe die Grossmama nahezu in Verzweiflung gebracht hat
 Das Weltleben draußen hatte nun diese Geradheit in allerliebste kleine
graziöse Bosheiten verwandelt und ich meinte schon auch der Kern der
Individualität sei umgewandelt Aber da ist er blank und unberührt Ich freue
mich des Wiedersehens und muss wieder an die Zeiten denken wo der Primaner
öffentlich im Hofe als Spitzbube gebrandmarkt wurde weil er eine Blume
annektiert hatte«
    Schon bei seinen ersten Worten war sie aufgestanden und nach dem Ofen
gegangen Sie schob unnötigerweise ein Stückchen Holz um das andere in die
helllodernden Flammen die ihre finster zusammengezogene Stirn ihre sichtlich
erregten Züge anglühten Sie ärgerte sich unbeschreiblich über sich selbst
Das was sie gesagt hatte war allerdings die strikte Wahrheit gewesen aber
dabei eine Taktlosigkeit deren sie sich bis an ihr Lebensende schämen musste
    Sie blieb am Ofen stehen und zwang sich zu einem Lächeln »Du wirst mir
glauben dass ich jetzt nicht mehr so penibel denke« erwiderte sie von dorther
»Das Weltleben härtet die Seele gegen allzu feine Auffassung Es wird in der
heutigen Gesellschaft so viel gestohlen an Gedanken man nimmt vom guten Namen
des lieben Nächsten von seinem ehrenhaften Streben von der Rechtlichkeit
seiner Gesinnungen so viel als irgend zu nehmen ist und möchte gar oft am
liebsten die ganze Persönlichkeit vom Schauplatz verschwinden machen wie damals
die Rose in deine Tasche eskamotiert wurde Diesen Kampf ums Dasein oder
eigentlich diesen Diebstahl aus Selbstsucht und Neid kann man am besten im Hause
eines Mannes von Namen beobachten Ich habe mir viel davon hinter das Ohr
geschrieben und diese Weisheit allerdings auch mit einem guten Teil meiner
kindlich naiven Anschauung bezahlt Du könntest mithin vor meinen Augen alle
Rosen der schönen Blanka in die Tasche stecken «
    »Die wären jetzt sicher vor meiner räuberischen Hand «
    »Nun dann meinetwegen das ganze Rosenparterre vor dem Prinzenhofe« fiel
sie schon wieder erregter ein
    »O das wäre denn doch zu viel für das Herbarium meiner Brieftasche meinst
du nicht Margarete« Er lachte leise in sich hinein und lehnte sich noch
behaglicher in seine Sofaecke zurück »Ich brauche mich auch nicht als Dieb dort
einzuschleichen Die Damen teilen redlich mit mir und meiner Mutter was an
Blumen und Früchten auf ihren Fluren wächst und auch du wirst dir bei deinem
Besuche einen Strauss aus dem Treibhause mitnehmen dürfen«
    »Ich danke Ich habe keine Freude an künstlichen Blumen« sagte sie kalt und
ging nach der Stubentüre um sie zu öffnen Tante Sophie war zurückgekommen und
stampfte und schüttelte draußen den Schnee von ihren Schuhen und Kleidern
    Sie machte große Augen als sich Herberts hohe Gestalt aus der Sofaecke
erhob und sie begrüßte »Was ein Gast an unserem Teetische« rief sie erfreut
während Margarete ihr Mantel und Kapotte abnahm
    »Ja aber ein schlecht behandelter Tante Sophie« sagte er »Die Wirtin hat
sich schließlich in die Ofenecke zurückgezogen und mich meinen Tee allein
trinken lassen«
    Tante Sophie zwinkerte lustig mit den Augen »Da hats wohl ein Examen
gegeben wie vor alten Zeiten  Das kann die Gretel freilich nicht vertragen
Und wenn Sie vielleicht ein bisschen ins Mecklenburgsche hineinspaziert sind um
hinzuhorchen «
    »Keineswegs« antwortete er plötzlich ernst mit sichtlichem Befremden »Ich
habe gemeint das sei abgetan« setzte er fragend hinzu
    »Bewahre Noch lange nicht wie die Gretel alle Tage erfährt« entgegnete
die Tante stirnrunzelnd im Hinblick auf die Quälereien der Frau Amtsrätin
    Der Landrat suchte prüfend Margaretens Augen aber sie sah weg Sie hütete
sich auch nur mit einem Worte auf dieses widerwärtige Thema einzugehen das die
Tante unvorsichtigerweise berührt hatte Aber er sollte es nur wagen mit der
Grossmama gemeinschaftlich vorzugehen und in sie zu dringen ihren Entschluss doch
noch zu ändern  er sollte es nur wagen
    Sie trat beharrlich schweigend hinter die Teemaschine um Tante Sophiens
Tasse zu füllen Herbert aber kehrte nicht wieder an den Tisch zurück Er
übergab der Tante den mitgebrachten Tee und wechselte in verbindlicher Weise
noch einige Worte mit ihr dann nahm er den Pelz auf den Arm und hielt Margarete
seine Rechte hin Sie legte ihre Fingerspitzen flüchtig hinein
    »Kein Gutenacht« fragte er »So bitterböse weil ich dich bei Tante Sophie
verklagt habe«
    »Das war dein Recht Onkel  ich war nicht höflich Böse bin ich nicht aber
gerüstet«
    »Gegen Windmühlen Margarete«  Er sah ihr lächelnd in die zornig
aufblickenden Augen dann ging er
    »Sonderbar wie sich der Mann geändert hat« sagte Tante Sophie und sah über
ihre Tasse hinweg heimlich lächelnd in das blasse Mädchengesicht das den
Fenstern zugewendet mit verfinstertem Blick in das Schneegestöber
hinausstarrte »Er ist immer gut und voll Höflichkeit gegen mich gewesen das
kann ich nicht anders sagen aber er war und blieb mir doch ein Fremder von
wegen seiner vornehmen kühlen Art und Weise Jetzt ist mir aber oft ganz
kurios zu Mute ganz so als hätte ich ihn auch wie euch unter meiner Zucht
gehabt Er ist so herzlich so zutraulich  und dass er heute abend den Tee hier
unten genommen hat «
    »Das will ich dir erklären Tante« unterbrach sie das junge Mädchen kalt
»Es gibt Stunden in denen man die ganze Welt umarmen möchte und in einer
solchen Stimmung ist er aus der Residenz vom Fürstenhofe zurückgekommen Er
hat wie er selbst sich ausdrückte hocherfreuliche Nachrichten mitgebracht Wir
dürfen demnach in der Kürze die endliche Proklamation seiner Verlobung
erwarten«
    »Kann sein« meinte Tante Sophie und leerte den Rest ihrer Tasse
 
                                       20
Margarete stand am andern Morgen im offenen Fenster der Hofstube Sie fegte das
dicke Schneepolster vom Steinsims draußen und streute Brotkrumen und Körner für
die hungernden Vögel Droben über dem weiten Viereck des Hofes stand ein
klarblauer frostflimmernder Himmel nicht das kleinste Flöckchen hatte er
zurückbehalten und wenn es noch da und dort silbern herniederstäubte so kam es
von einem der müde gewordenen Lindenzweige die einen Teil der schweren
Schneelast zu Boden sinken ließ Es war sehr kalt Keine Taube wagte sich
heraus auf die Flugstange und die Vögel für welche der Futterplatz
zurechtgemacht wurde hungerten auch lieber in ihren Verstecken  nicht das
leiseste Fluggeräusch unterbrach die tiefe Morgenstille des Hofes
    Margarete wollte eben frostdurchschauert das Fenster schließen als die
Türe des Stallraumes im Weberhause geöffnet wurde und der Landrat auf seinem
schönen Braunen über die Schwelle ritt Er grüßte herüber und kam direkt unter
das Fenster
    »Du reitest nach Dambach zum Großpapa« fragte sie wie mit zurückgehaltenem
Atem
    »Zunächst nach dem Prinzenhofe« antwortete er und zog glättend an seinem
neuen eleganten Handschuh »Vielleicht gelingt es mir besser als dir in den
Zügen der jungen Dame zu lesen was ich wissen will  was meinst du dazu
Margarete«
    »Ich meine dass du das bereits weißt und durchaus nicht nötig hast ein
Orakel zu befragen« sagte sie schroff »Ob dir aber die Dame so in aller Frühe
Rede stehen wird das ist eine andere Frage Sie sieht zu wohlgepflegt aus als
dass man an ein Frühaufstehen glauben möchte«
    »Da bist du wieder sehr im Irrtum Ich wette sie ist in diesem Augenblick
bereits bei ihrer Lady Milford im Stalle und sieht nach dem Rechten Das Reiten
ist ihre Passion  du hast sie noch nicht zu Pferde gesehen«
    Sie schüttelte den Kopf und warf ihn zurück
    »Nun sie reitet süperb und wird viel bewundert Sie sieht in der Tat aus
wie eine Walküre wenn sie auf ihrem stattlichen Pferd daherkommt Diese Lady
Milford ist übrigens kein englisches Vollblut ist vielmehr eine ehrliche
Mecklenburgerin schön gebaut und fromm  du kennst vielleicht die Rasse «
    »Jawohl Onkel Herr von Billingen hat zwei prächtige Mecklenburger
Wagenpferde« Mit diesem Namen warf sie selbst trotzig den Fehdehandschuh hin
Mochte er nun auf dem Terrain vorgehen wie die Grossmama das war ihr doch
lieber als die unerschöpflichen Lobpreisungen einer Verhassten anhören zu
müssen Gerüstet war sie ja sie fühlte eine wahre Kampfbegierde in sich
aufglühen
    Er bog sich vor und klopfte seinem Braunen der unruhig wurde den Hals »Zu
diesen prächtigen Pferden gehört selbstverständlich ein eleganter Wagen« fragte
er gelassen
    »Gewiss  ein sehr schöner selbst in Berlin bewunderter Wagen Es sitzt sich
ganz hübsch im Fond auf den silbergrauen Atlaspolstern Herr von Billingen hat
Tante Elise und mich öfter ausgefahren «
    »Ein vornehmer stattlicher Kutscher «
    »O ja stattlich wohl wie ich dir schon einmal gesagt habe Groß und breit
und weiß und rot wie eine Apfelblüte Ganz der norddeutsche Typus wie zum
Beispiel die junge Dame im Prinzenhofe«
    Er warf einen schnellen Blick auf ihren trotzig geschwellten Mund ihre
dunkel geröteten Wangen und lächelte »Geh schließe das Fenster Margarete Du
wirst dich erkälten« sagte er »Solche Dinge erzählt man sich am besten am
gemütlichen Teetisch« Er neigte sich grüßend und ritt fort und sie schloss
hastig das Fenster
    Auf den nächsten Stuhl niedersinkend vergrub sie das Gesicht in den
verschränkten Armen die sie auf den Fenstersims legte Sie hätte weinen mögen
vor Erbitterung und Ärger über sich selbst  sie zog seiner lächelnden Ruhe
gegenüber stets den kürzern      
    Gegen Mittag kehrte Herbert wieder zurück und bald darauf kam die Grossmama
herunter um mit großer Feierlichkeit anzuzeigen dass die Herrschaften im
Prinzenhofe sie und die Enkelin heute nachmittag bei sich zu sehen wünschten
    Nun flog der Schlitten in der dritten Nachmittagsstunde wieder über die
weite Schneefläche draußen Diesmal saß die Grossmama neben dem jungen Mädchen
erwartungsvoll und hoch aufgereckt sie strotzte von Samt und Seide
    Herbert fuhr selbst Er saß hinter den Damen und wenn er sich vorbog da
konnte Margarete seinen Atem an ihrer Wange spüren Heute brauchte sie seinen
Pelz nicht sie hatte sich schleunigst einen warmen Pelzumhang gekauft und es
war ihr vorgekommen als habe er diese neue Acquisition beim Einsteigen mit
sarkastischem Blick gemustert
    Das Rokokoschlösschen rückte wie im Fluge immer näher Mit seinen mächtigen
sonnenglitzernden Spiegelscheiben lag es in der weiten Schneelandschaft wie ein
Schmuckstück auf weißem Sammetpolster Drüben in Dambach qualmten die
Fabrikschlöte und diese Zeugen der Arbeit stiegen als riesige schwarze Säulen
in den Himmel hinein und verschleierten auf weite Strecken hin sieghaft seine
klare Bläue aber die durchsichtige Luftschicht über dem Prinzenhofe berührten
sie nicht Die Frau Amtsrätin bemerkte das mit hörbarer Befriedigung dem Sohn
gegenüber
    »Wir haben augenblicklich Westluft« sagte er »Der Nordwind verfährt nicht
so glimpflich er trägt oft die Rauchspuren bis in die Fenster hinein wie die
Damen klagen«
    »Aber mein Gott ließ sich denn da nicht Vorkehrungen treffen« rief die
alte Dame ganz empört
    »Ich wüsste keine anderen als dass man bei solcher Windrichtung einfach das
Feuer ausbliese «
    »Und dann ginge ein Teil der Arbeiter spazieren und hätte nichts zu essen«
warf Margarete bitter ein
    Die Grossmama fuhr herum und sah ihr ins Gesicht »Ist das ein Ton  Du
bist ja hübsch vorbereitet auf deine Vorstellung in einem hochadligen Hause Ich
muss dich sehr bitten dich und uns nicht etwa zu blamieren mit liberalen
Gemeinplätzen wie ich sie leider an dir kenne Der Liberalismus ist nicht mehr
Mode  Gott sei Dank  In den Kreisen in denen ich zu leben das Glück habe
hat er nie Boden gefunden und wenn hier und da einer der Unseren mit dem
früheren Humanitäts und Freiheitsschwindel kokettiert hat so ist er jetzt
desto gründlicher kuriert und  will es nicht gewesen sein«
    Herbert ließ in diesem Augenblick die Peitsche auf dem Rücken der Pferde
spielen und mit doppelter Schnelligkeit sauste der Schlitten über die glatte
Bahn um nach kaum einer Minute vor der Haupttüre des Prinzenhofes zu halten 

    »Ach ja wir wohnen schauerlich einsam hier« bestätigte die Dame des Hauses
eine dahin zielende Bemerkung der Frau Amtsrätin und sah mit einem tiefen
Seufzer in die totenstille Schneelandschaft hinaus Die Vorstellung war vorüber
und man hatte sich im Salon niedergelassen
    In den Kaminen der ineinandergehenden Zimmer knisterten und knackten die
brennenden Holzscheite man saß behaglich und warm inmitten alter Pracht und
Herrlichkeit Das Inventar des Prinzenhofes war seit alters her dasselbe
verblieben gleichviel ob ein apanagierter Prinz oder eine fürstliche Witwe die
jeweiligen Bewohner gewesen waren Herrliche Möbel aus den Zeiten Ludwig des
Vierzehnten füllten die Zimmer und das eingelegte Schmuckwerk ihrer Holzflächen
in Silber Bronze und Schildpatt schimmerte und blitzte heute noch wie vor
länger als hundert Jahren Nur die Polsterbezüge und die Gardinen schien man für
die jetzigen Bewohnerinnen erneuert zu haben sie waren frisch und
geschmackvoll aber sehr einfach
    »Ich habe seit meinem sechzehnten Jahre in der großen Welt gelebt« fuhr die
dicke Dame fort »und qualifiziere mich absolut nicht zum Eremitendasein Ich
würde tatsächlich hier verkümmern wüsste ich nicht dass nunmehr eine Erlösung
kommen muss« Sie warf dem Landrat einen lächelnden verständnisinnigen Blick zu
und er neigte zustimmend den Kopf Die kleine Frau Amtsrätin aber wuchs förmlich
unter jenem Blicke Sie sah entzückt zur Seite wo die schöne Heloise saß
    Die junge Dame lehnte in ihrem Armstuhl reich gekleidet und stolz
nachlässig wie eine Fürstin Sie hatte ein paar freundliche Worte zu Margarete
gesprochen und verhielt sich seitdem schweigsam Aber es sprach in der Tat
heute mehr Seele aus ihren Zügen und das erhöhte ihre Schönheit wahrhaft
überraschend Ziemlich entfernt aber in gerader Linie hinter ihr an der
Schmalseite des Salons hing das Oelbild einer Dame ein Kniestück Sie war in
schwarzem Samtkleide herrliches blondes Haar quoll unter einem Hütchen mit
langer weißer Feder hervor und ihre linke Hand ruhte auf dem Kopfe eines neben
ihr stehenden Windspieles
    Die Ähnlichkeit zwischen ihr und der schönen Heloise war eine frappante
und das sprach die Frau Amtsrätin mit bewundernden Blicken aus
    »Ja die Ähnlichkeit ist groß und leicht begreiflich  es ist das Bild
meiner Schwester Adele« sagte die Baronin Taubeneck »Sie war an den Grafen
Sorma verheiratet und starb zu meinem großen Schmerz vor zwei Jahren Und denken
Sie sich mein Schwager der sechzigjährige Mann spielt uns jetzt den Streich
und heiratet die Tochter seines Gutsverwalters Ich bin außer mir«
    »Das begreife ich« sprach die Frau Amtsrätin ganz empört »Es ist hart
solche Elemente in der Familie dulden zu müssen wirklich deprimierend Aber
meines Erachtens sind die modernen Heiraten von der Bühne weg wie sie die hohen
Herren jetzt belieben doch noch viel schrecklicher Wenn ich mir denke dass
eine Teaterprinzessin vielleicht gar eine Ballerina die noch wenige Tage
zuvor in schamlos kurzen Röckchen von der Herrenwelt beklascht worden ist
plötzlich als Herrin in solch ein altes Grafenhaus einzieht da schaudert mir
die Haut da empört sich jeder Blutstropfen in mir«
    Der Landrat räusperte sich und die Dame des Hauses ergriff ein Flacon und
atmete den Duft so eifrig ein als sei ihr übel geworden
    In diesem Augenblicke trat ein Bedienter ein und überreichte Fräulein von
Taubeneck auf silbernem Teller einen Brief Sie ergriff das Schreiben mit ganz
ungewohnter Hast und zog sich in das Nebenzimmer zurück und nach wenigen
Augenblicken berief sie den Landrat zu sich
    Margarete saß dem Eckkamin des Salons gerade gegenüber Der mächtige etwas
nach vorn geneigte Spiegel über demselben warf einen Teil des Salons mit all
seinen blinkenden Gerätschaften zurück aber er fing auch eine Fensterecke des
Nebenzimmers auf einen lauschigen Winkel voll Blumen hinter Tüllgardinen
    In dieser Fensterecke stand Heloise und reichte dem eintretenden Landrat den
geöffneten Brief hin Er überflog den Inhalt und trat noch näher an die junge
Dame heran Sie sprachen leise und eingehend miteinander und mitten im Gespräch
bog sich die schöne Heloise plötzlich seitwärts brach eine vollaufgeblühte rote
Kamelie vom Stock und befestigte sie eigenhändig mit einem vielsagenden Lächeln
in Herberts Knopfloch
    »Mein Gott wie blass Sie sind Fräulein« rief die Baronin in diesem Moment
und griff nach Margaretens Hand »Sind Sie unwohl«
    Das junge Mädchen schüttelte heftig in sich zusammenfahrend den Kopf und
alles Blut schoss ihr in die Wangen Sie sei gesund wie immer versicherte sie
und das Blasswerden sei wohl eine Nachwirkung der kalten Fahrt
    Und jetzt kam auch Fräulein von Taubeneck in Herberts Begleitung wieder
herüber
    Die Baronin hob mit einem Lächeln den Zeigefinger drohend gegen den Landrat
»Was mein schönstes Kamelienbäumchen haben Sie geplündert Wissen Sie nicht
dass ichs eigenhändig pflege dass jede Blüte gezählt ist«
    Heloise lachte »Die Schuldige bin ich Mama Ich habe ihn dekoriert 
Und habe ich nicht alle Ursache dazu«
    Die Mama nickte lebhaft zustimmend mit dem Kopfe und nahm eine Tasse Kaffee
von dem Präsentierbrett das ein Bedienter eben herumreichte Und nun blieben
die Kamelien das Gesprächstema Die Baronin war eine eifrige Blumenzüchterin
und der Herzog hatte ihr deshalb einen kleinen Wintergarten einrichten lassen
    »Den müssen Sie sich nachher ansehen Fräulein« sagte sie zu Margarete
»Die Grossmama kennt ihn bereits sie bleibt bei mir und wir plaudern derweil ein
wenig während der Landrat Sie hinüberführt«
    Herbert kam dieser Aufforderung ziemlich eilig nach Er ließ Margarete kaum
Zeit eine Tasse Kaffee zu trinken weil er meinte es würde sehr bald dämmerig
werden Das junge Mädchen erhob sich und während Heloise ihre seidenrauschende
Gestalt auf den Sessel vor dem geöffneten Flügel sinken ließ und ziemlich
ungeschickt zu präludieren begann verließen die beiden den Salon
    Sie durchschritten eine ziemlich lange Zimmerflucht und von allen Wänden
sahen Angehörige des Herrscherhauses auf sie herab im gestickten Hofkleide
oder mit harnischgeschützter Brust  ein helläugiges Geschlecht mit weißer Haut
und blühenden Wangen und einem intensiven Rotgold auf den mächtigen
Schnauzbärten oder dem zierlichen Henriquatre
    »In deiner langen Wollschleppe schwebst du geräuschlos wie die Ahnenfrau der
Rotbärte da oben durch das alte interessante Prinzenschlösschen« sagte Herbert
zu seiner schweigenden Begleiterin
    »Die würden mich nicht anerkennen« versetzte sie mit einem über die Bilder
streifenden Blick ich bin zu dunkel«
    »Allerdings ein deutsches Gretchen bist du nicht« meinte er lächelnd »Du
könntest leicht das Modell zu Gustav Richters italienischem Knaben gewesen
sein«
    »Wir haben ja auch welsches Blut in den Adern  zwei Lamprechts haben sich
ihre Frauen aus Rom und Neapel mitgebracht Weißt du das nicht Onkel«
    »Nein liebe Nichte das weiß ich nicht ich bin in eurer Hauschronik nicht
so bewandert Aber so wie ich gewisse Charakterzüge an der Nachkommenschaft
beurteile müssen diese Frauen zum mindesten Dogentöchter oder sonstige
Prinzessinnen aus italienischen Palästen gewesen sein
    »Schade dass ich dir diese Illusion zerstören muss Onkel Sie passt so hübsch
zu deinen und Grossmamas Wünschen und gerade unter diesen stolzen Augen allen« 
sie zeigte nach den Bildern  »wird dir die Berichtigung nicht angenehm sein
aber daran lässt sich nichts ändern dass die eine der Frauen ein Fischerkind und
die andere eine Steinmetztochter gewesen ist«
    »Sieh da wie interessant Da haben ja die alten gestrengen Handelsherren
doch auch ihre romantischen Anwandlungen gehabt  Aber im Grunde genommen
was geht denn mich die Vergangenheit des Lamprechtschen Hauses an«
    Eine Art schmerzhaften Erschreckens ging durch die Züge des jungen Mädchens
»Nichts gar nichts hast du damit zu schaffen« antwortete sie hastig »Es steht
dir ja frei die Verwandtschaft zu ignorieren Mir kann das nur lieb sein dann
habe ich von deiner Seite keine Einmischung und Quälerei zu befürchten wie ich
sie täglich von der Grossmama erleiden muss«
    »Sie quält dich«
    Sie schwieg einen Moment Anklagen hinter dem Rücken anderer war nie ihre
Sache gewesen und hier sprach sie zum Sohn über seine Mutter Aber die bösen
Worte waren ihr nun einmal entschlüpft und nicht rückgängig zu machen
    »Nun ich war ja auch ungehorsam und habe einen ihrer Lieblingswünsche nicht
erfüllt« sagte sie während Heloise drüben aus ihrem Präludium in ein
rauschendes modernes Musikstück überging »Diese bittere Enttäuschung nagt an
ihr  das tut mir leid und ich entschuldige ihre Missstimmung gegen mich
soviel ich kann Aber das ist mir unfasslich wie sie trotz alledem noch hoffen
mag mich umzustimmen meine Entscheidung null und nichtig zu machen Ich kann
das leidenschaftliche Verlangen jenem exklusiven Kreise verwandtschaftlich nahe
zu kommen überhaupt nicht verstehen und ist es nicht auch dir verwunderlich
dass die Grossmama so selbstverständlich auf das Anatema eingehen mochte das die
Baronin gegen den Eindringling die Zukünftige ihres Schwagers schleuderte Was
bin ich denn anderes als diese Gutsverwalterstochter«
    Er lächelte und zuckte die Achseln »Herr von Billingen ist ein Graf und
die Lamprechts genießen das Ansehen eines alten Patrizierhauses so mag meine
Mutter denken und deshalb ist mir ihr Verhalten nicht so verwunderlich Weniger
verständlich bist du mir Woher die leidenschaftliche Erregung gegen jene
Geburtsbevorrechteten die oft in so erbitterter Weise zu Tage tritt«
    Sie hatten bei diesen letzten Worten den Wintergarten betreten aber weder
die Farbenpracht der blühenden Pflanzen noch der ihr entgegenströmende
Blumenduft schienen für Margarete vorhanden Sichtlich erregt blieb sie dem
Eingang nahe stehen
    »Du beurteilst mich ganz falsch Onkel« sagte sie »Nicht jene Exklusiven
sind es mit denen ich zürne  dazu kenne ich sie zu wenig Ich weiß nur dass
sich von alters her große Vorrechte und Privilegien an ihre Namen knüpfen und
dass vor ihrer Hochburg ein Engel mit feurigem Schwerte steht Wie sollte mich
das feindselig stimmen Die Welt ist weit und man kann seinen Weg gehen ohne
dass Anmassung und Geburtsdünkel verletzend an einen herantreten dürfen Also
darin trifft mich der Vorwurf der Verbitterung nicht wohl aber grolle ich mit
jenen die meinesgleichen sind und von denen Unzählige so glücklich sind wie
ich auf eine große Summe bürgerlicher Tugenden in ihrer Familie zurückblicken
zu können Sie sind so gut Geborene wie jene sie haben auch Ahnen von denen
verschiedene in tapferer Verteidigung ihres Eigentums so manchen hochgeborenen
Strauchritter in den Sand gestreckt haben«
    Er lachte »Und trotzdem weist eure gemalte Ahnensammlung keinen Mann in
Wehr und Waffen auf«
    »Wozu auch« fragte sie bitterernst zurück »Im Leben und Streben ist jeder
ein ganzer Mann gewesen wie der blühende Wohlstand seines Hauses sein Ansehen
bei den Zeitgenossen bewiesen  braucht es da noch äußerer Abzeichen  Wäre es
immer so geblieben das Bürgertum hätte auch seine respektierte Hochburg Aber
die Nachkommen ziehen es vor zu katzbuckeln ja sogar in serviler Weise Steine
hinzuzutragen welche jene anderen zum Wiederaufbau alter gestürzter Schranken
und Postamente brauchen Das Genie der Reichtum die großen Talente sobald
sie dem bürgerlichen Boden in aufsehenerregender Weise entsteigen werden wie
von einem Magnet in jene Sphäre gezogen und gehen drin auf Macht und Ansehen
derselben immer aufs neue stärkend während die Erhobenen dem geachteten Namen
ihrer Vorfahren undankbar ins Gesicht schlagen um in dem neuen Stand mit
Widerwillen und Geringschätzung von den Erbeingesessenen geduldet zu werden«
    Er war sehr ernst geworden »Seltsames Mädchen Wie tief geht dir die
Erbitterung über Dinge die für andere junge Mädchen deines Alters kaum
existieren« sagte er kopfschüttelnd »Und wie hart klingt die Verurteilung in
deinem Munde Noch vor kurzem wusstest du wenigstens diese herbe strenge
Auffassung unter lächelnder Satire und Grazie zu verstecken«
    »Ich habe seit dem Tode meines Vaters Lachen und Scherz verlernt« fiel sie
mit zuckenden Lippen ein und Tränen verdunkelten ihren Blick »Weiß ich doch
dass gerade ihn Vorurteil und falscher Wahn verblendet und sein Leben unheilvoll
verdüstert haben wenn ich auch den eigentlichen Grund seiner Seelenqual nicht
kenne Doch genug davon Ich bitte dich nur um eins Onkel Nun du weißt wie
ernst ichs meine wirst du auch nicht anstehen die Grossmama zu bestimmen dass
sie mich nicht länger bestürmt  sie erreicht doch nichts«
    »Wenn du den Mann liebtest dann würden deine strengen Prinzipien
unterliegen er bliebe der Sieger«
    »Nein Und tausendmal nein«
    »Margarete«  Er trat plötzlich auf sie zu und ergriff ihre beiden Hände
»Ich sage wenn du ihn liebtest Kannst du dir wirklich nicht denken dass man um
das Glück eines anderen Menschenlebens zu werden seine Antipatien seine
liebsten Neigungen ja ganz und gar sich selbst überwindet und hingibt«
    Sie presste die Lippen aufeinander und schüttelte heftig den Kopf
    »Du willst sagen dass du kein Verständnis für das Wesen der Liebe hast« Er
drückte ihre Hände fester die sie ihm zu entziehen strebte
    Ihre Augen hafteten am Boden sie sah nicht auf »Muss das sein« murmelte
sie mit tieferblassten Lippen »Ist ein solches Verständnis nötig für jedes
Menschenkind und kann man nicht auch durchs Leben gehen ohne jener dämonischen
Macht Raum zu geben« Sie richtete sich plötzlich auf und entzog ihm mit einem
gewaltsamen Ruck ihre Hände »Ich will nichts mit ihr zu schaffen haben« rief
sie und in ihren Augen brannte ein wildes Feuer »Seelenfrieden will ich und
nicht jenen mörderischen Kampf « Einen Moment hielt sie wie erschrocken inne
als ertappe sie sich selbst auf einer Unvorsichtigkeit  »Ich würde übrigens
nicht unterliegen« setzte sie beherrschter hinzu »Mein bester Helfer wäre der
Kopf  ich hoffe er ist hell und stark genug dazu«
    »Glaubst du Nun so versuche es und leide bis « Er brach ab und sie sah
scheu zu ihm auf  so tief erregt hatte sie seine Züge noch nicht gesehen Aber
er hatte eine wunderbare Gewalt über sich selbst Nachdem er den Wintergarten
einmal durchschritten trat er wieder auf sie zu
    »Wir müssen wieder in den Salon zurückkehren« sagte er ganz ruhig »Du
würdest in Verlegenheit kommen wenn man dich drüben um dein Urteil befragte
denn du hast nichts gesehen Drum betrachte dir hier das prächtige
Palmenexemplar dort die kanarische Dracaena Und sieh hier über das Tulpen
und Hyazintenbeet hängt der spanische Flieder seine Trauben sie sind am
Aufbrechen  ein wahres Frühlingsbild Hast du dich nun ein wenig orientiert«
    »Ja Onkel«
    »Ja Onkel« wiederholte er spöttisch »Der Titel kommt dir ja heute wieder
einmal recht flott von den Lippen du siehst hier wohl ganz besonders die
altehrwürdige Respektfigur in mir«
    »Hier nicht anders als daheim auch«
    »Also immer Der Onkeltitel geht und steht mit mir wie mit jenem der Zopf
der ihm hinten hing Nun ich will ihn ertragen bis du dich vielleicht einmal
auf meinen Namen besinnst«
    Bald nachher saßen die drei wieder im Schlitten aber sie fuhren nicht nach
der Stadt zurück Der Landrat lenkte in den Feldweg ein der das Ackerland
seitwärts durchschnitt und direkt nach Dambach führte Sein Vater habe heute
morgen über Rheumatismus in der Schulter geklagt und da wolle er doch sehen
wie es um den Patienten stünde sagte Herbert und trieb die Pferde an
    Die Frau Amtsrätin kauerte missgelaunt in ihrer Ecke Der Abstecher war
durchaus nicht nach ihrem Geschmack aber sie wagte nicht offen zu
protestieren Statt dessen sprach sie sich missbilligend und sehr scharf über
Margaretens Schweigsamkeit aus  sie habe zwischen den Damen gesessen wie eine
Landpomeranze der man jedes Wort abkaufen müsse und die nicht »drei« zählen
könne
    »Das Schweigen hat auch sein Gutes Persönlichkeiten gegenüber deren
Antezedenzien man nicht ganz genau kennt liebe Mama« raunte der Landrat dicht
an ihrem Ohr »Mir wäre es heute auch lieber gewesen du hättest dich nicht so
rückhaltslos über die Ballerinen ausgesprochen  die Baronin Taubeneck ist auch
eine gewesen«
    »Großer Gott« Die Frau Amtsrätin sank mit diesem Ausruf wie vernichtet in
sich zusammen »Nein nein das ist ein Irrtum Herbert eine bodenlose
Verleumdung böser Zungen« raffte sie sich nach kurzem Besinnen wieder auf »Die
ganze Welt weiß dass die Gemahlin des Prinzen Ludwig von altem Adel gewesen ist
«
    »Gewiss Aber die Familie war seit langem total verarmt Die letzten Träger
des alten Namens waren Subalternbeamte und die zwei schönen Schwestern die
Baronin Taubeneck sowohl als auch die verstorbene Gräfin Sorma haben unter
angenommenem Namen als Tänzerinnen ihr Brot verdient«
    »Und das sagst du mir heute erst«
    »Ich weiß es selbst erst seit kurzem«
    Die Frau Amtsrätin sprach kein Wort mehr Wenige Minuten später hielt der
Schlitten im Dambacher Fabrikhofe Das Abenddunkel war längst hereingebrochen
und aus den langen Fensterreihen der Arbeitssäle fiel heller Lichtschein auf die
breite Schneefläche des Hofes
    Die alte Dame zog tief aufseufzend unter hörbarem Frostschütteln den Pelz
über der Brust zusammen und trippelte am Arm ihres Sohnes über den
schneebedeckten Kiesweg des Gartens Bei der Biegung der Weglinie um den
festgefrorenen Teich sahen sie den Amtsrat am offenen Fenster seines Zimmers
stehen Die Lampe brannte auf dem Tische hinter ihm er war im Schlafrock und
klopfte seine Pfeife am Fensterbrett aus
    »Nun sehe mir einer den Mann« schalt die Frau Amtsrätin geärgert mit
unterdrückter Stimme »Er behauptet rheumatisch zu sein und stellt sich bei der
entsetzlichen Kälte ans offene Fenster«
    »Ja das sind so Reckengewohnheiten Mama  die ändern wir nicht« lachte
der Landrat und führte sie nach der Türe des Pavillons
    »O je was für ein rarer Besuch« rief der alte Herr sich vom offenen
Fenster zurückwendend während seine Frau über die Schwelle schritt
»Potztausend Franziska bist dus denn wirklich Und so bei Nacht und Nebel
bei Schnee und Eis Das hat seinen Haken« Er schloss schleunigst das Fenster
durch welches allerdings ein eisiger Zugwind fauchte »Soll ich Kaffee kochen
lassen«
    Die alte kleine Dame schüttelte sich förmlich »Kaffee Um diese Zeit Nimm
mirs nicht übel Heinrich aber du verbauerst entsetzlich in deinem Dambach es
ist ja nahezu Teezeit  Wir kommen vom Prinzenhofe «
    »Dacht ichs doch Da sitzt der Haken «
    »Und wollten nicht in die Stadt zurückkehren ohne uns zu erkundigen wie es
dir geht«
    »Danke für gütige Nachfrage Je nun es reißt und zwickt mich in der linken
Schulter und der Rumor wird mir manchmal ein bisschen zu bunt  das ist richtig
Ich habe heute schon ein paarmal dazu gepfiffen um wenigstens Takt in die
Geschichte zu bringen«
    »Sollen wir dir nicht doch den Arzt herausschicken Vater« fragte Herbert
besorgt
    »Nichts da mein Sohn In die alte Maschine da«  er zeigte auf seine breite
Brust  »ist zeitlebens kein Tropfen Quacksalbergift gekommen da werde ich mir
doch nicht in meinen alten Tagen noch das Blut verderben Die Faktorin ist mir
mit Senfspiritus fürchterlich zu Leibe gegangen und hat mir ein Wergbündel
übergebunden sie behauptet das würde helfen «
    »Ja besonders wenn du bei der Kälte ans offene Fenster trittst wie
vorhin« sagte die Frau Amtsrätin anzüglich und fuhr mit dem Muff zerteilend
durch den Tabaksdampf der sich nun bei geschlossenem Fenster sehr bemerklich
machte »Ich weiß schon mit dem Arzt darf man dir nicht kommen aber du
solltest es wenigstens mit einem Hausmittel versuchen«
    »Vielleicht einem Tässchen Kamillentee Fränzchen«
    »Nein Lindenblüte mit Zitronensaft würde praktischer sein das hilft mir
immer  du musst schwitzen Heinrich«
    »Brr« schüttelte er sich »Dann lieber gleich ins Fegfeuer Siehst du
Maikäferchen«  er schlang seinen Arm um Margaretens Schultern die längst Hut
und Mantel abgeworfen hatte und an seiner Seite stand  »so soll dein alter
Großvater malträtiert werden In den Spittel mit ihm wenn er wirklich
Lindenblüte trinkt  meinst du nicht«
    Sie lächelte und schmiegte sich an ihn »In solchen Dingen bin ich
unerfahren wie ein Kind Großpapa da darfst du nicht an mein Urteil
appellieren Aber erlauben musst du mir schon dass ich bei dir bleibe Du darfst
nachts mit deinen Schmerzen nicht allein sein Ich stopfe dir immer frische
Pfeifen lese vor und erzähle bis dir der Schlaf kommt«
    »Das wolltest du kleine Maus« rief er erfreut »Ach ja mir wärs schon
recht Aber morgen ist ja Testamentseröffnung da darfst du nicht fehlen«
    »Ich werde den Onkel bitten mir den Schlitten herauszuschicken «
    »Und der fürsorgliche Onkel wird pünktlich Sorge tragen« sagte der Landrat
mit einer ironisch tiefen Verbeugung
    »Abgemacht« rief der Amtsrat »Aber Franziska du retirierst ja in halbem
Sturmschritt nach der Türe  Na ja du wirst für die da drüben«  er hob die
Hand in der Richtung des Prinzenhofes  »deinen besten Staat angezogen haben
und der wird hier eingeräuchert Ich habs freilich ein bisschen schlimm gemacht
mit dem Qualmen und Dampfen«
    »Und mit was für einer Sorte« warf sie malitiös und naserümpfend ein und
schüttelte an ihrer Seidenschleppe
    »Nun nun ich bitte mirs aus Es ist ein feines Kraut ein kräftiges
Kraut Davon verstehst du aber so wenig wie ich von deinem Pekkotee
Fränzchen Aber geniere dich nur nicht Es prickelt dir in deinen kleinen
Pedalen so schnell wie möglich in die frische Luft zu kommen Du hast mehr als
deine Schuldigkeit getan hast dich in meine verräucherte Spelunke gewagt  wer
mir das vor einer halben Stunde gesagt hätte  Drum gib deiner kleinen Mama
den Arm Herbert und bringe sie schleunigst und fein säuberlich in den
Schlitten zurück«
    Er öffnete galant die Türe und die alte Dame schlüpfte an ihm vorüber
beide Hände im Muff vergraben und war gleich darauf im Dunkel jenseits der
Haustüre verschwunden
    In diesem Augenblick bückte sich Margarete und nahm die Kamelie vom Boden
auf die Herbert beim Lüften seines Pelzes unbewusst abgestreift hatte Stumm
reichte sie ihm die Blume hin
    »Ah beinahe wäre sie zertreten worden« sagte er bedauerlich und hielt die
Kamelie prüfend in den Lampenschein »Das hätte mir sehr leid getan Sie ist so
schön so frisch und strahlend wie die Geberin selbst  findest du das nicht
auch Margarete«
    Sie wandte sich schweigend weg nach dem Fenster an welches die Grossmama
draußen ungeduldig klopfte und er schob die rote Blume wie einst die weiße
Rose in seine Brusttasche und schüttelte seinem Vater zum Abschied die Hand 
dann ging auch er
 
                                       21
Die Testamentseröffnung war vorüber und hatte so manchem der plötzlich
entlassenen missliebigen Fabrikarbeiter die bitterste Enttäuschung gebracht Das
Schriftstück war alten Datums gewesen Wenige Jahre nach seiner Verheiratung war
der Kommerzienrat mit dem Pferde gestürzt die Ärzte hatten ihm und den Seinen
nicht verhehlen können dass Lebensgefahr vorhanden sei und da hatte er eine
letztwillige Verfügung getroffen Dieses Dokument war sehr kurz und knapp
abgefasst gewesen wie sich bei der heutigen Eröffnung herausgestellt Die
verstorbene Frau Fanny war zur Universalerbin ernannt auch war verfügt dass das
Geschäft verkauft werden solle weil damals noch kein männlicher Erbe existiert
hatte  Reinhold war erst ein Jahr später geboren Dieser letzte Wille war
mithin nicht mehr rechtskräftig und die beiden einzigen Erben Margarete und
Reinhold traten in ihre unverkürzten natürlichen Rechte
    Margarete war sofort nach dem Schluss des Eröffnungsaktes nach Dambach
zurückgekehrt »weil der Großpapa sie noch brauche« Reinhold dagegen hatte sich
auf seinen Schreibstuhl gesetzt hatte die kalten Hände aneinander gerieben und
dabei streng und finster wie immer die arbeitenden Kontoristen gemustert Seine
Miene war unverändert  was auch hätte das Testament bringen können das ihm die
bereits usurpierten Rechte auch nur um ein Titelchen zu kürzen vermochte 
Und die Leute schielten ängstlich mit gelindem Grauen nach dem unerbittlichen
gespensterhaften Menschen der den Platz des ehemaligen Chefs nunmehr
vollberechtigt einnahm und welchem sie auf Gnade und Ungnade für immer
überantwortet waren
    Es war in der vierten Nachmittagsstunde desselben Tages Der Landrat war
eben heimgekommen und die Frau Amtsrätin stand im Vorsaal mit einer
Verkäuferin um eine Henne feilschend Da kam der Maler Lenz herein
Schwarzgekleidet vom Kopf bis zu den Füßen trat er in einer Art von ängstlicher
Hast auf die alte Dame zu sein sonst so friedensvolles freundliches Gesicht
war ungewöhnlich ernst und trug die Spuren innerer Erregung
    Er fragte nach dem Landrat und die Dame wies ihn kurz nach dessen
Arbeitszimmer aber sie musterte ihn doch prüfenden Blickes bis er nach einem
bescheidenen Anklopfen im Zimmer ihres Sohnes verschwunden war Der Mann war
sichtlich verstört irgend eine schwere Last lag auf seiner Seele Sie fertigte
die Handelsfrau schleunigst ab und ging in ihr Zimmer Sie hörte den Mann drüben
sprechen er sprach laut und ununterbrochen und es klang als erzähle er einen
Vorgang Der alte Maler war für sie bis auf den heutigen Tag eine abstossende
Persönlichkeit verblieben sie konnte es ihm nicht vergessen dass seine Tochter
Blanka ihr einst schlaflose Nächte verursacht hatte Was mochte er wollen 
Sollte der Landrat bei Reinhold ein gutes Wort einlegen auf dass der Entlassene
in Brot und Wohnung verbleiben dürfe Das durfte nun und nimmer geschehen 
    Die Frau Amtsrätin war eine äußerst feinfühlige eine hochgebildete Dame
das war männiglich bekannt Wer behauptet hätte ihr kleines Ohr unter dem
feinen Spitzenhäubchen komme zuzeiten in nahe Berührung mit der Zimmertüre
ihres Sohnes der wäre als böswilliger Verleumder gebrandmarkt worden Nun stand
sie aber in der Tat da auf den Zehen und weit hinübergereckt und horchte
horchte bis sie plötzlich wie von einem Schuss getroffen zurückfuhr und weiß bis
in die Lippen wurde
    Im nächsten Augenblick hatte sie die Türe aufgerissen und stand im Zimmer
ihres Sohnes
    »Wollen Sie die Gewogenheit haben Lenz das was Sie soeben behaupteten
auch mir in das Gesicht hinein zu wiederholen« herrschte sie gebieterisch aber
sichtlich an allen Gliedern bebend dem alten Manne zu  alle Sanfteit war wie
weggeblasen von dieser schrillen Stimme
    »Gewiss will ich das Frau Amtsrätin« antwortete Lenz sich verbeugend mit
bescheidener Festigkeit »Wort für Wort sollen Sie meine Erklärung noch einmal
hören Der verstorbene Herr Kommerzienrat Lamprecht war mein Schwiegersohn 
meine Tochter Blanka ist seine rechtlich angetraute Ehefrau gewesen «
    Die alte Dame brach in ein hysterisches Gelächter aus »Lieber Mann bis zum
Fasching haben wir noch weit  sparen Sie Ihre unfeinen Späße bis dahin auf«
rief sie mit zermalmendem Hohn und wandte ihm verächtlich den Rücken
    »Mama ich muss dich dringend bitten in dein Zimmer zurückzukehren« sprach
der Landrat und reichte ihr den Arm um sie hinwegzuführen  auch er war bleich
wie ein Toter und in seinen Zügen malte sich eine tiefe innere Bewegung
    Sie wies ihn unwillig zurück »Wäre es eine Amtsangelegenheit um die es
sich handelt dann hättest du recht mich aus deinem Geschäftszimmer zu weisen
hier aber ists ein schlau eingefädeltes Bubenstück das unsere Familie
beschimpfen will «
    »Beschimpfen« wiederholte der alte Maler mit einer Stimme die vor
Entrüstung bebte »Wäre meine Blanka das Kind eines Fälschers eines Spitzbuben
gewesen dann müsste ich die schwere Beleidigung schweigend hinnehmen so aber
verwahre ich mich entschieden gegen jede derartige Bezeichnung Ich selbst bin
der Sohn eines höheren Regierungsbeamten geachteten Namens meine Frau stammt
aus einer vornehmen wenn auch verarmten Familie und wir beide sind völlig
unbescholten durchs Leben gegangen nicht der geringste Makel haftet an unserem
Namen es sei denn der dass ich mein Brot als akademisch ausgebildeter Künstler
schließlich aus Mangel an Glück in der Fabrik habe suchen müssen Aber es ist
in den bürgerlichen Familien die zu Reichtum gelangt sind Mode geworden auch
von Mesalliance zu sprechen wenn ein armes Mädchen hineinheiratet und zu tun
als sei das Blut entwürdigt wie der Adel den bürgerlichen Eindringlingen
gegenüber behauptet Und diesem völlig unmotivierten Vorurteil hat sich leider
auch der Verstorbene gebeugt und damit eine schwere Schuld gegen seinen zärtlich
geliebten Sohn auf sich geladen«
    »O bitte  ich wüsste nicht dass der Kommerzienrat Lamprecht seinem einzigen
Sohn meinem Enkel Reinhold gegenüber irgend eine Schuld auf dem Gewissen
gehabt hätte« warf die Frau Amtsrätin höhnisch mit verächtlichem Achselzucken
ein
    »Ich spreche von Max Lamprecht meinem Enkel«
    »Unverschämt« brauste die alte Dame auf
    Der Landrat trat auf sie zu und verbat sich ernstlich und entschieden jeden
ferneren verletzenden Einwurf Sie solle den Mann ausreden lassen  es werde und
müsse sich ja herausstellen inwieweit seine Ansprüche begründet seien
    Sie trat in das nächste Fenster und wandte den beiden den Rücken zu Und nun
zog der alte Maler ein großes Briefkouvert hervor
    »Entält das Papier die gerichtlich beglaubigten Dokumente über die
gesetzliche Vollziehung der Ehe« fragte der Landrat rasch
    »Nein« erwiderte Lenz »es ist ein Brief meiner Tochter aus London in
welchem sie mir ihre Verehelichung mit dem Kommerzienrat Lamprecht anzeigt«
    »Und weiter besitzen Sie keine Papiere«
    »Leider nicht Der Verstorbene hat nach dem Tode meiner Tochter alle
Dokumente an sich genommen«
    Die Frau Amtsrätin stieß ein helles Gelächter aus und fuhr herum »Hörst
dus mein Sohn« rief sie triumphierend »Die Beweise fehlen 
selbstverständlich Diese nichtswürdige Beschuldigung Balduins ist ein
Erpressungsversuch in optima forma« Sie zuckte die Achseln »Möglich dass die
Verführungskünste der kleinen Kokette die einst vor unseren Augen auf dem Gang
des Packhauses ihr Wesen getrieben hat nicht ohne Wirkung auch auf ihn
geblieben sind möglich dass sich daraufhin draußen in der Welt eine intimere
Beziehung zwischen ihnen angesponnen hat  das ist ja nichts Seltenes
heutzutage wenn ich auch Balduin einen solchen Liebeshandel nimmermehr
zugetraut hätte Indes ich will es zugeben  aber eine Verheiratung Eher lasse
ich mich in Stücke hacken als dass ich solchen Blödsinn glaube«
    Der alte Maler reichte Herbert den Brief hin »Bitte lesen Sie« sagte er
mit völlig tonloser Stimme »und bestimmen Sie mir gütigst eine Stunde zu
welcher ich Ihnen morgen auf dem Amte das weitere vortragen darf Es ist mir
unmöglich noch länger mein totes Kind so schmachvoll verlästern zu hören Nur
mit der größten Selbstüberwindung gestatte ich fremden Augen den Einblick in das
Schreiben « Sein schmerzlicher Blick hing wie sehnsüchtig an dem Briefe den
der Landrat an sich genommen hatte »Es kommt mir vor wie ein Verrat an meiner
Tochter welche die einzige Schuld die sie je auf ihre Seele genommen hat in
den Zeilen ihren Eltern beichtet Wir haben keine Ahnung gehabt dass mein Chef
und Broterr hinter unserem Rücken unser Kind zu einem Liebesverhältnis
verleitet hat  auf seinen dringenden Wunsch sein strenges Gebot hin hat sie
uns alles verschwiegen Wäre sie kinderlos gestorben ich hätte die ganze
Angelegenheit auf sich beruhen lassen Sie ist in fremdem Lande heimgegangen
niemand in dieser Stadt hier hat um die seltsamen Verhältnisse gewusst es wäre
somit keine Veranlassung dagewesen für ihre Ehre einzutreten So aber gilt es
ihrem Sohn zu seinem Rechte zu verhelfen und das will und werde ich mit allen
Mitteln die mir zu Gebote stehen « «
    »Sie hätten das schon bei Lebzeiten meines Schwagers tun müssen«
unterbrach ihn der Landrat fast heftig nachdem er in sichtlich großer Aufregung
das Zimmer durchmessen
    »Herbert« schrie die alte Dame auf »Ist es möglich dass du diesem
empörenden Lügengewebe auch nur den allergeringsten Glauben schenkst«
    »Sie haben recht ich bin dem herrischen Mann gegenüber allerdings schwach
gewesen« versetzte Lenz ohne auf den Ausruf der Amtsrätin zu hören »Ich
durfte mich nicht mit Versprechungen von Zeit zu Zeit hinhalten lassen wie es
leider geschehen ist Als wir vor einem Jahre unseren Enkel sehen und zu uns
nehmen durften da sagte der Kommerzienrat dass ihm augenblicklich die
Verhältnisse noch nicht gestatteten mit der öffentlichen Anerkennung seines in
zweiter Ehe geborenen Sohnes hervorzutreten Dagegen werde er schleunigst sein
Testament machen um schlimmstenfalls dem kleinen Max seine Sohnesrechte zu
sichern Nun er hat sein Versprechen nicht gehalten  im Vollgefühl seiner
Kraft mag ihm dieser schlimmste Fall sein plötzlicher Tod ganz unmöglich
erschienen sein Aber ich verzage nicht  die Legitimationspapiere sind ja da
der Trauschein das Taufzeugnis meines Enkels diese Papiere müssen sich im
Nachlass finden Und deshalb komme ich zu Ihnen Herr Landrat  es widerstrebt
mir einen Rechtsanwalt hineinzuziehen Ich lege die Sache in Ihre Hände«
    »Ich nehme sie an« versetzte Herbert »In diesen Tagen werden die Siegel
abgenommen und ich gebe Ihnen mein Wort dass alles geschehen soll um Licht in
die Angelegenheit zu bringen«
    »Ich danke Ihnen innig« sagte der alte Mann und reichte ihm die Hand Dann
verbeugte er sich nach der Richtung wo die Frau Amtsrätin stand und ging
hinaus
    Eine kurze Zeit blieb es still im Zimmer so bedrückend still wie es nach
dem ersten Windstoß eines heranziehenden Gewitters zu sein pflegt  man hörte
nur das Knistern der Papiere die Herbert aus dem Kouvert nahm und entfaltete
während die Amtsrätin wie geistesabwesend nach der Türe starrte hinter welcher
»der Unglücksmensch« verschwunden war Nun aber raffte sie sich auf
    »Herbert« rief sie entrüstet ihrem lesenden Sohn zu »kannst du wirklich
deine Mutter in ihrer furchtbaren Aufregung und Erbitterung vor dir stehen
sehen während du dich in das lügenhafte Geschreibsel jener erbärmlichen Kokette
vertiefst«
    »Es ist kein lügenhaftes Geschreibsel Mama« sagte er aufblickend
sichtlich erschüttert
    »Ah du bist gerührt mein Sohn  Nun das Papier ist geduldig und die
schöne Dame wird selbstverständlich alle ihre Schreibekünste aufgeboten haben
um ihren Eltern gegenüber ihrem Fehltritt ein Mäntelchen umzuhängen Und ein
Mann wie du lässt sich auch betören und glaubt daraufhin «
    »Ich habe schon vorher geglaubt Mama«
    »Lächerlich  Das Gerede eines alten halbblöden Mannes «
    »Liebe Mama gib es auf dich und mich mit falschen Vorspiegelungen
beruhigen zu wollen sieh lieber der Wahrheit gefasst ins Auge  Mit den
ersten erklärenden Worten des alten Malers war es als würde mir eine Binde von
den Augen gerissen Balduins ganzes geheimnisvolles Gebaren während der letzten
Jahre zu welchem wir vergebens den Schlüssel gesucht haben es liegt
entschleiert vor mir Er hat einen furchtbaren inneren Zwiespalt mit sich
herumgetragen Hätte ihm der Tod nicht diese zweite Frau entrissen dann wäre es
anders gekommen Das schöne hochgebildete Weib an seiner Seite hätte er es
wohl über sich vermocht nach Jahr und Tag mit ihr in die heimischen
Verhältnisse zurückzukehren So aber ist der Zauber gebrochen gewesen Ihm ist
nichts geblieben als die Tatsache dass er der Schwiegersohn des alten Lenz
sei und da hat der Feigling in ihm gesiegt  der erbärmliche Feigling« zürnte
er »Wie hat ers über das Herz bringen können den Knaben diesen prächtigen
Jungen der sein Stolz sein musste in seinem eigenen Hause im Vaterhause des
Kindes zu verleugnen Wie hat ers ertragen dass Reinholds schielender Neid oft
genug den kleinen Bruder tückisch getroffen hat  Armer kleiner Kerl Wie er
mir am Sarg des Verstorbenen ins Ohr flüsterte Ich will ihn lieber auf den Mund
küssen Er hat mich auch manchmal geküsst im Torweg wo wir ganz allein waren
«
    »Siehst du mein Sohn das alles beweist nur dass ich recht habe dass dieser
prächtige Junge ein  Bastard ist« unterbrach ihn die Amtsrätin Sie war ganz
ruhig geworden es spielte sogar ein verlegenes Lächeln um ihren Mund »Den
Hauptgrund aber weshalb Balduin eine zweite Ehe nicht eingehen konnte und
durfte scheinst du ganz zu übersehen sein Gelöbnis das Fanny mit ins Grab
genommen hat «
    »Ja das ists was ich meiner Schwester nur schwer verzeihen kann« sagte
Herbert fast heftig »Es ist eine Grausamkeit eine Unnatur ohnegleichen den
Trennungsschmerz eines Zurückbleibenden zu benutzen um solch einen
unglückseligen Mann für Lebenszeit an eine Totenhand zu schmieden «
    »Nun darüber wollen wir nicht streiten ich sehe das mit anderen Augen an
und sage mir dass uns dieser Umstand die beste Gewähr ist und bleibt Denke an
mich die Papiere werden sich nicht finden  sie haben nie existiert  Nun
desto besser Die Sache lässt sich mit Geld abmachen das Vermögen der beiden
rechtmäßigen Erben wird freilich bluten müssen allein was hilft es Das kann in
aller Stille abgewickelt werden und ist doch dem Skandal einen Stiefbruder so
vulgärer mütterlicher Abkunft zu haben weit vorzuziehen«
    Ihr Sohn sah ihr starr ins Gesicht »Sprichst du im Ernste Mutter« fragte
er gepresst »Du ziehst es vor den Verstorbenen mit der Schuld eines ehrlosen
Verführers in der Erde belastet zu sehen Großer Gott bis zu welcher
Unmoralität verirrt sich doch das unselige Standesvorurteil  War Fanny nicht
auch die Tochter eines Bürgerlichen Und war ihre eigene Mutter die erste Frau
meines Vaters nicht auch ein einfaches Mädchen aus dem Volke gewesen«
    »Recht so Schreie diese Tatsachen in die Welt hinaus jetzt wo wir im
rapiden Steigen begriffen sind« zürnte die alte Dame mit unterdrückter Stimme
»Ich begreife dich nicht Herbert Woher auf einmal diese penible Auffassung«
    »Ich habe nie anders gedacht« rief er empört
    »Nun dann ist es deine Schuld wenn ich mich irrte Weiß man doch nie wie
du denkst Ein intimeres Aussprechen wie es sich zwischen Mutter und Sohn
eigentlich von selbst versteht gibt es bei uns nicht  man tappt dir gegenüber
stets im Finsteren Übrigens denke du über die Sache wie du willst ich stehe
fest auf meinem Standpunkt Ich ziehe es in der Tat vor eine mit Geld
aufgewogene gesühnte und verschwiegene Schuld in der Familie zu wissen als
plötzlich die liebe Muhme oder Base von Kreti und Pleti zu werden Dann
möchte ich aber auch fragen Hast du denn gar kein Herz für Fannys Kinder 
Wenn ein dritter rechtmässiger Erbe auftritt so erleiden sie einen ungeheuren
Verlust«
    »Es bleibt ihnen immer noch mehr als genug «
    »In deinen Augen vielleicht aber nicht in denen der Welt Gretchen ist
eine der ersten Partien im Lande und wenn sie auch kopflos genug die
glänzendsten Aussichten jetzt noch von der Hand weist so wird und muss doch eine
Zeit kommen wo sie verständig wird und diese Dinge ansieht wie sie sind Wie
es aber um diese ihre brillanten Aussichten stehen würde wenn ein Drittel des
Lamprechtschen Vermögens einem Nachgeborenen zufiele darüber bin ich keinen
Augenblick im Zweifel«
    »Ein Mädchen wie Margarete wird begehrt werden auch wenn ihr Vermögen noch
so sehr zusammenschmilzt« sagte Herbert Er war ans Fenster getreten wo er
abgewendet von seiner Mutter verharrte »Je weniger desto besser« setzte er
fast murmelnd hinzu
    Sie schlug die Hände über dem Kopfe zusammen »Die Grete Ohne Geld Was
machst du dir für Illusionen Herbert  Nimm ihr diesen Nimbus und das
schmächtige Ding wird sein wie ein armer Vogel dem man allen Federschmuck
ausgerupft hat  Nun wahrhaftig fast möchte ich wünschen du kämst nach
meinem Tod in die Lage das Mädchen unter die Haube bringen zu müssen«
    »Das sollte mir nicht schwer werden« sagte er mit einem unmerklichen
Lächeln
    »Ein klein wenig schwerer denn doch als wenn du einen neuen Schreiber
anzustellen hättest  das glaube deiner alten Mutter mein Sohn« entgegnete sie
spöttisch »Aber wozu um des Kaisers Bart streiten« schnitt sie kurz den
Wortwechsel ab »Wir sind beide erregt ich über die Unverschämtheit des
Menschen der uns eine Bombe ins Haus wirft welche sich näher besehen als ein
Schreckschuss erweist und du weil dir das Seelenbekenntnis einer ehemaligen
Flamme zu Gesicht gekommen ist Wenn wir ruhiger geworden sind dann wollen
wir weiter sprechen Selbstverständlich bleibt die Angelegenheit vorläufig
unser beider Geheimnis Die Kinder Margarete und Reinhold erfahren es noch
zeitig genug wenn es gilt die Abfindungssumme aus ihrem Erbe zu entnehmen um
 für die unselige Verirrung ihres Vaters zu büßen  arme Kinder«
    Damit verließ sie das Geschäftszimmer ihres Sohnes
                                       22
Heute lag die Sonne breit über der Stadt eine bleiche machtlose Wintersonne
die vergeblich an dem frostgehärteten Schneepanzer der Dächer sog und leckte
Wohl rannen einzelne feine Wasserfäden abwärts allein sie blieben als kleine
silberne Fransen an der Dachrinne hängen Die zarten sehnsüchtigen Zimmerblumen
hinter den Fenstern freuten sich aber trotz alledem des blassen Sonnenlächelns
und Papchen im Salon der Frau Amtsrätin schrie und lärmte als seien die
Goldfunken die seinem Messingring und den glänzenden Bilderrahmen an den Wänden
entsprühten eitel Sommerglanz der hinunter ins Grüne des Hofes locke
Papchen war aber auch noch extra vergnügt Er hatte seit langem nicht so viel
Kosenamen so viel Biskuit und Zuckerbrot von seiner Herrin erhalten als heute
Es war überhaupt als fliege noch ein besonderer Sonnenschein durch die vornehme
obere Etage des Lamprechtshauses Die Bettelkinder bekamen mehr Brot und weniger
Strafpredigten als gewöhnlich die Köchin verließ öfter als billig ihren
Kochherd um den schönen fast noch neuen Hut immer wieder aufzuprobieren den
ihr die Frau Amtsrätin geschenkt hatte und das Stubenmädchen überlegte unter
lustigem Trällern wie sich wohl ihr Geschenk ein Kaschmirkleid der alten Dame
am schönsten modernisieren lasse
    Drunten in der Lamprechtschen Küche sah es anders aus weil man ja doch ein
Herz und keinen Stein in der Brust hatte wie Bärbe immer sagte Um das Packhaus
hatte man sich freilich nicht zu kümmern wie es seit Jahren Brauch und Gesetz
im Vorderhause war aber wenn in einer Wohnung »nur über den Hof nüber« eine
Schwerkranke lag da konnte es doch ein Christenmensch nicht fertig bringen zu
tun als sei dieses Haus ein bloßer Steinhaufen in welchem keine menschlichen
Herzen lebten die in Angst und Bedrängnis schlugen Und deshalb war man still
und gedrückt in der Küche und hantierte unwillkürlich geräuschloser als sonst
üblich
    Bärbe hatte gestern gegen Abend Wasser am Hofbrunnen geschöpft und da war
auch die Aufwärterin aus dem Packhause gekommen um einen frischen Trunk zu
holen Die Frau hatte tief alteriert erzählt dass Frau Lenz vor einigen Stunden
einen Schlaganfall gehabt habe sie könne nicht sprechen und die linke Seite sei
gelähmt  der Doktor der noch an ihrem Bette sitze nehme die Sache sehr
bedenklich Und die Tränen waren ihr aus den Augen geschossen bei der
Schilderung wie der alte Herr Lenz totenblass im Zimmer auf und ab gehe und die
Hände ringe und in seiner Angst und Herzensnot nicht einmal einen Blick für den
kleinen Max habe der in einer Ecke am Bett der Grossmama kauere ihr immerfort
in das entstellte Gesicht sähe und auch nicht den kleinsten Mundbissen zu sich
nähme Und dann hatte sie der alten Köchin weiter ins Ohr geraunt Frau Lenz
habe schon den ganzen Tag über sehr aufgeregt ausgesehen und nachmittags sei
der alte Herr nach Hause gekommen ganz weiß im Gesicht und mit einer so
heiseren Stimme als verlechze ihm die Kehle Sie die Aufwärterin sei in die
Küche an ihre Aufwaschgelte gegangen aber gleich darauf habe sie einen dumpfen
Fall gehört und das sei drüben im Zimmer die Frau Lenz gewesen die zu Boden
gestürzt sei Was geschehen sein müsse worüber sich die arme Frau erschreckt
habe wisse sie nicht hatte die Aufwärterin gesagt Aber die Frau Amtsrätin
wusste es  der Landrat hatte den alten Lenz auf das Amt kommen lassen um ihm
die unerbittliche Tatsache mitzuteilen dass sich nichts auch nicht das
kleinste Papierblättchen nicht die geringste Notiz weder über den gesetzlichen
Ehevollzug des verstorbenen Kommerzienrates mit seiner zweiten Frau noch
bezüglich des nachgeborenen Sohnes im Nachlass gefunden habe  
    Das Geheimnis das vom Packhause herüber mit seinen Fäden das stolze
Vorderhaus zu umspinnen gedroht hatte schien somit dem Dunkel verfallen das so
viele ungelöste Rätsel der Welt für alle Zeiten deckt Noch blieb dem alten Lenz
allerdings die persönliche Nachforschung in den Kirchen von London wo die
Trauung seiner Tochter die Taufe seines Enkels stattgefunden allein in dem
Briefe der jungen Frau war die Kirche nicht genannt in welcher sie »als
glückseliges Weib an seiner Seite gestanden und den Ehering empfangen habe« 
Der alte Lenz hatte ferner dem Landrat erzählt er habe eines Tages von der
Pflegerin seiner Tochter die zugleich ihre Freundin gewesen die Nachricht
erhalten dass ihm ein Enkel geboren sei und drei Tage darauf sei ein Telegramm
eingelaufen mit der Meldung dass die junge Frau im Sterben liege Er habe zwar
schleunigst die Reise nach London angetreten um sein einziges Kind noch einmal
zu sehen sei aber doch zu spät gekommen  die Erde habe sie bereits gedeckt 
Das Heim seiner Tochter eine wahrhaft fürstlich eingerichtete Wohnung habe er
verlassen gefunden nur die Pflegerin sei noch dagewesen um auf Befehl des
Kommerzienrates alles Mobiliar versteigern zu lassen Sie habe ihm mitgeteilt
dass der Kommerzienrat nachdem er die letzte Handvoll Erde auf den Sarg der
Verstorbenen geworfen sofort abgereist sei Er habe sich wie ein Wahnsinniger
gebärdet so dass sie ihm meist angstvoll aus dem Wege gegangen sei Seinen
Knaben habe er nicht einmal angesehen geschweige denn geliebkost  weil das
arme Kind die Veranlassung zu Blankas Tode gewesen Trotzdem habe er den kleinen
Neugeborenen samt der Amme mit sich genommen denn London wolle er nicht
wiedersehen sollte er gesagt haben Den ganzen Nachlass der Verstorbenen an
Kleidungsstücken Leibwäsche und dergleichen habe er ihr für die Pflege
geschenkt hatte die Dame hinzugesetzt aus dem Schreibtisch aber habe er alle
Briefschaften und sonstigen Papiere an sich genommen Nicht ein beschriebenes
Blättchen sei mehr in den Fächern zu finden gewesen hatte der alte Lenz dem
Landrat weiter berichtet und ein solch schriftliches Andenken von seiner
Tochter sei das einzige gewesen das er sich gewünscht auf welches er Anspruch
gemacht habe So sei ihm nichts geblieben als ihr kleiner Liebling das
Hündchen Philine das verlassen in einer Zimmerecke gekauert und ihm dankbar die
liebkosende Hand geleckt habe Erst nach Jahresfrist sei damals der
Kommerzienrat in seine deutsche Heimat zurückgekehrt ein völlig verwandelter
Mann dessen Ausbrüche der Verzweiflung die alten Eltern seines heimgegangenen
Weibes tief erschüttert und geängstigt hätten Im Dunkel der Nacht sei er zu
ihnen gekommen Da erst hätten sie erfahren dass er den kleinen Max nach Paris
in die Pflege der Witwe eines verstorbenen Geschäftsfreundes einer
hochgebildeten ausgezeichneten Frau gegeben habe Das Kind sei damals gut
aufgehoben gewesen der Kommerzienrat habe mit der Dame unausgesetzt
korrespondiert und sei stets von allem genau unterrichtet gewesen was seinen
kleinen Sohn angegangen dagegen habe er sich nie entschließen können das Kind
selbst wiederzusehen Nun sei aber vor einem Jahre die Dame in Paris plötzlich
gestorben und der Kommerzienrat habe den Entschluss ausgesprochen den Knaben in
einem Institut unterzubringen Dagegen sei indes Frau Lenz entschieden
aufgetreten  das Kind sei noch zu jung es brauche notwendig noch das ruhige
beglückende Leben die Pflege inmitten der Familie und nunmehr reklamiere sie
als Großmutter den Knaben sie habe lange genug die Sehnsucht nach Blankas Kinde
unterdrücken müssen und erschreckt durch ihre Drohung die Hilfe seiner
Verwandten anzurufen falls er auf seinem Vorhaben bestehe habe er den kleinen
Max eines Tages in die deutsche Heimat in das grosselterliche Haus bringen
lassen Wie ein Wunder habe sich damals eine plötzliche Umwandlung vollzogen
beim Anblick des schönen intelligenten Knaben sei wie mit einem Schlage die
tiefste Vaterzärtlichkeit unwiderstehlich in dem Herzen des finsteren Mannes
erwacht Oft sei er spät abends ins Packhaus gekommen und habe stundenlang
schweigend am Bett des schlafenden Kindes gesessen sein Händchen in der seinen
haltend Er habe sich auch mit großen Plänen für die Zukunft dieses seines
nachgeborenen Sohnes getragen
    Das alles hatte der alte Maler schlicht und einfach dem Landrat im stillen
Amtszimmer mitgeteilt und wenn noch ein Zweifel in Herberts Seele gelebt hätte
vor der schmucklosen Darstellung des tiefbewegten alten Mannes wäre er sofort
verflogen Aber hier entschied nicht die festeste Überzeugung und wäre sie die
der ganzen Welt gewesen sondern der Buchstabe das »Schwarz auf Weiß« »Ohne
gesetzlich beglaubigte Dokumente schweben alle Ansprüche rechtlos in der Luft
deshalb reisen Sie« hatte Herbert gesagt »Sie werden auf große Schwierigkeiten
stoßen und viel Zeit und Geld brauchen aber um ihrer gerechten Sache willen
werden Sie die Schwierigkeit nicht scheuen und Ihre Zeit gern opfern und das
Geld nun das wird sich schon zur rechten Zeit finden darum sorgen Sie sich
nicht« Das war wenigstens ein schwacher Trost ein Strohhalm gewesen an den
man sich in der Bedrängnis klammern konnte aber diesen Trost hatte der alte
Mann seiner Frau nicht einmal geben können  schon bei seinen ersten Worten war
sie vor seinen Augen zusammengebrochen
    In der Schreibstube ging währenddem alles seinen gewohnten Gang Hätte der
junge Chef ahnen können dass es fern am Horizont gewitterhaft aufblitze er
würde sein Augenmerk auf ganz andere Dinge gerichtet haben als es die
Kleinigkeitskrämerei war mit der er sich immer noch vorzugsweise beschäftigte
Mit dem Aufräumen des alten Schlendrian war er immer noch nicht fertig Es gab
noch da und dort Hintertüren durch welche sich der Unterschleif ermöglichen
ließ Nicht allein im Hause musste man jedes Eckchen immer wieder inspizieren
nein auch der Hof verlangte wachsame Augen mit seinem zweiten Ausgang dem
Packhaustor Da gingen und kamen die Taglöhnerinnen da konnten leicht
Viktualien und Holz aus der Küche und Hafer aus den Pferdeställen
»weggeschleppt« werden deshalb wurde jeder »Ausguck« in den Hof freigelegt
wurden jahrelang verschlossen gewesene Fensterläden täglich zurückgeschlagen
Die Nachteile dieser Observationsposten hatte bereits Bärbe gestern empfunden
als sie mit ihrem Eimer vom Brunnen zurückgekehrt war Gleich darauf war der
junge Herr in die Küche gekommen hatte die alte Köchin heftig ausgescholten und
sich ein für allemal den »neumodischen Mägdeklatsch« am Hofbrunnen verbeten
    Heute nachmittag war auch Margarete von Dambach zurückgekehrt Sie konnte
zufrieden sein mit dem Erfolg ihrer sorgsamen Pflege dem Großpapa ging es viel
besser Aber der Hausarzt den der Landrat insgeheim befragt war der Ansicht
gewesen dass das Übel in dem allen Stürmen und Wettern preisgegebenen
leichtgebauten Pavillon keinenfalls gänzlich gehoben werden könne der alte Herr
möge doch lieber für die strengste Winterzeit nach der Stadt übersiedeln Damit
hatte sich der Amtsrat einverstanden erklärt und zwar um so eher deshalb weil
er nicht in der oberen Etage wohnen sollte Ein paar gerade über den
Lamprechtschen Wohnräumen gelegene Zimmer der BelEtage sollten um des erwärmten
Fussbodens willen für ihn eingerichtet werden
    Nun galt es dem alten Herrn die Wohnung behaglich zu machen und deshalb
war Margarete in der Stadt Tante Sophie war glücklich sie wieder zu haben
wenn auch Bärbe ganz erschrocken meinte dass das liebe »Gretelgesichtchen« gar
so schmal und vergrämt aussehe Tante Sophie freute sich aber auch im stillen
dass der Amtsrat nach der Stadt übersiedeln sollte da war doch wieder ein
männlicher Wille im Hause eine Stimme die wenn sie sich zum Befehl erhob
Furcht und Respekt einflößte Und das tat not der kleinen herrschsüchtigen
Frau im zweiten Stock gegenüber die nun nachdem sich die Augen des ehemaligen
Hausherrn geschlossen ihre geheime Abneigung gegen »das derbe unverschämt
gerade Frauenzimmer die Sophie« frei zu Tage treten ließ die sich in die
Hausangelegenheiten mischte und an dem Tun und Lassen »der alten Jungfer«
mäkelte als sei sie ihr untergeben
    Gleich in der ersten Stunde erfuhr Margarete von dem Jammer im Packhause
Tante Sophie und Bärbe berieten in der Küche wie sie wohl einige Erfrischungen
für die Kranke unbemerkt an den alten Lenz gelangen lassen könnten
    »Ich trage sie hinüber« sagte Margarete
    Bärbe schlug die Hände über dem Kopfe zusammen »Um Gotteswillen nicht  das
gäbe Mord und Totschlag« bat und versicherte sie Der junge Herr lauere an
allen Hinterfenstern die Leute im Packhause seien ihm nun einmal ein Dorn im
Auge er verachte sie noch viel mehr als der selige Herr Kommerzienrat Ihr dem
alten Dienstboten habe er gestern abend den Kopf gewaschen und den Text
gelesen nach Noten bloß weil sie mit der Aufwärterin gesprochen und wenn nun
gar die eigene Schwester sich »so gemein mache«  nein den Mordspektakel wolle
sie nicht erleben
    Margarete ließ sich nicht beirren Sie nahm schweigend das Körbchen mit den
Geleebüchsen und ging in die Hofstube Dort hüllte sie sich in einen weiten
weißen Burnus von flockigem Wollstoff und trat ihren Gang an
    Aber sie traf es schlecht In dem Augenblicke wo sie die Stufen nach dem
Hausflur hinunterschritt kam die Grossmama in elegantem pelzbesetztem Samtmantel
die große Treppe herab Sie war offenbar im Begriff einen Besuch in der Stadt
zu machen
    »Was so schneeweiß inmitten der tiefsten Trauer Gretchen« rief sie »Du
wirst dich doch hoffentlich nicht so in der Stadt sehen lassen«
    »Nein Ich gehe ins Packhaus« sagte Margarete fest warf aber doch einen
scheuen Blick nach dem Kontor wo das Fenster klirrte
    »Ins Packhaus« wiederholte die Frau Amtsrätin und trippelte doppelt
geschwind die letzten Stufen herab »Da muss ich denn doch erst ein Wörtchen mit
dir reden«
    »Ich auch« rief Reinhold herüber und schlug das Fenster wieder zu Gleich
darauf trat er in den Hausflur
    »Gehen wir in die Wohnstube« sagte die Grossmama Sie warf ihren Schleier
zurück und ging voran und Margarete musste wohl oder übel folgen denn Reinhold
schritt dicht hinter ihr wie ein eskortierender Gendarm
 
                                       23
Kaum in das Zimmer eingetreten griff er ungeniert nach Margaretens Mantel und
schob ihn von dem Körbchen an ihrem Arme weg »Himbeergelee Aprikosengelee« 
las er von den Etiketten der Glasbüchsen ab  »lauter gute Sachen aus unserem
Keller  Und die soll der Mosje Kurrendeschüler drüben essen Grete«
    »Der nicht« sagte Margarete ruhig »Du wirst wohl wissen dass Frau Lenz
schwerkrank ist dass sie einen Schlaganfall gehabt hat«
    »Nein das weiß ich nicht mir kommen solche Dinge nicht zu Ohren weil ich
nie mit unseren Leuten klatsche Ich halte es genau wie der Papa der nie danach
gefragt hat ob die Leute im Packhause leben oder sterben«
    »Und das ist die richtige Art« bestätigte die Grossmama »Strenge
Zurückhaltung muss der Fabrikherr beobachten  wo käme er sonst hin seinen
Hunderten von Arbeitern gegenüber  Aber sage mir nur ums Himmels willen
Grete was dir einfällt am hellichten Tage den Teatermantel da umzuhängen«
Ihr Blick glitt mit scharfer Missbilligung über die weiße Umhüllung
    »Ich wollte nicht so unheimlich dunkel an das Bett der Kranken treten «
    »Was Um dieser Frau willen unterbrichst du die Trauer für deinen Vater«
rief die alte Dame erbittert
    »Er wird es mir verzeihen «
    »Der Papa« lachte Reinhold kurz und hart auf »Sprich doch nicht Dinge an
die du selbst nicht glaubst Grete Damals wo du auch vor unser aller Augen
die barmherzige Schwester im Packhause spielen wolltest da hat er dir streng
ein für allemal den Besuch verboten weil ein solches Hinüber und Herüber nie
Brauch im Hause gewesen sei Und dass es bei seinem Wunsch und Willen bleibt
dafür werde ich sorgen Ist es nicht schon an und für sich eine unverzeihliche
Taktlosigkeit von dir zu dem Menschen zu gehen den wir wegen notorischer
Faulheit entlassen mussten«
    »Der Mann ist halb erblindet «
    »So weißt du das auch schon Nun ja er sucht sich damit zu entschuldigen
aber es ist nicht so schlimm Übrigens ist er bei weitem nicht lange genug im
Geschäft als dass wir  selbst diese fingierte Erblindung angenommen 
verpflichtet wären uns um ihn und seine Familie zu kümmern Frage den
Buchhalter der wird dir sagen dass ich ganz korrekt handle  Lege nur deinen
Teatermantel ab Du wirst einsehen dass du dich nachgerade lächerlich machst
mit deinen unverlangten Samariterdiensten«
    »Nein Reinhold das kann ich nicht einsehen« entgegnete sie sanft aber
fest »so wenig wie ich glaube auch hart und unbarmherzig sein zu müssen weil
du es bist Ich widerspreche dir ungern weil ich weiß dass dich jeder
Widerspruch aufregt aber bei dem Wunsche dir jeden Ärger zu ersparen darf
ich nicht andere Pflichten verletzen«
    »Dummheit Grete Was geht dich die Malersfrau an«
    »Sie hat Anspruch auf Hilfe und Beistand ihrer Mitmenschen wie jeder andere
Kranke auch und deshalb sei gut Reinhold und hindere mich nicht das zu tun
was ich für gut und recht halte«
    »Und wenn ich dir es trotzdem verbiete«
    »Verbieten« wiederholte sie erregt »Dazu hast du nicht das Recht
Reinhold«
    Er fuhr auf sie hinein und seine bläuliche Gesichtsfarbe verdunkelte sich
unheimlich
    Die Frau Amtsrätin ergriff beschwichtigend seine Hand »Wie magst du ihm nur
so schroff entgegentreten Grete« zürnte sie »Allerdings steht ihm bereits ein
gewisses Recht zu In kurzem wird er unumschränkter Herr hier sein denn so viel
wirst du doch wissen dass mit der Firma das alte Erbhaus der Lamprechts an den
einzigen männlichen Träger des Namens zu fallen hat «
    »Der Tochter wird dann einfach ihr Anteil hinausgezahlt und sie hat auf dem
Grund und Boden nichts mehr zu sagen und zu suchen und wenn es zehnmal ihr
Geburtshaus ist« fiel Reinhold mit seiner hämischen knabenhaften Stimme so
hastig ein als habe er schon längst auf die Gelegenheit gelauert der Schwester
diese Eröffnung zu machen
    »Ich weiß das Reinhold« sagte sie traurig mit umflortem Blick und der
gramvolle Zug um ihren Mund vertiefte sich »Ich weiß dass ich mit dem Papa auch
das alte liebe Heim verloren habe Aber noch bist du nicht der Herr hier der
mich ausweisen darf wenn ich mich nicht in allem widerspruchslos unterwerfe «
    »Und deshalb wirst du für die paar Wochen auch noch der Dickkopf bleiben
der du immer gewesen bist und à tout prix ins Packhaus gehen gelt Grete«
unterbrach sie Reinhold mit boshaften Augen Er schob in fingiertem Gleichmut
nach gewohnter Art die Hände in die Taschen obwohl er vor Ärger bebte »Nun
meinetwegen« fügte er achselzuckend hinzu »wenn du denn durchaus nicht auf
mich hören willst so soll dir Onkel Herbert den Kopf zurechtsetzen«
    »Den lasse aus dem Spiele Reinhold« wehrte die Grossmama lebhaft ab »der
wird sich schwerlich hineinmischen Hat er es doch auch entschieden abgelehnt
Gretes Vormund zu werden  nun was siehst du mich denn so sonderbar erschrocken
an Grete Mein Gott was für Augen  Du wunderst dich dass ein Mann wie er
sich hütet einen Mädchenkopf in Zucht zu nehmen der so voll Eigenwillen steckt
wie der deine Nun mein Kind wer dich kennt wird schwerlich in eine solche
Beziehung zu dir treten  denke nur an dein unverzeihliches Verhalten in Bezug
auf die Partie die wir alle so sehr für dich wünschen  Doch das gehört nicht
hierher Ich habe Eile mein Krankenbesuch bei der Geheimrätin Sommer fällt
sonst in unschickliche Zeit und deshalb will ich dir kurz sagen dass du dir
selbst einen Schlag ins Gesicht versetzest wenn du zu den Leuten ins Packhaus
gehst In der allernächsten Zeit werden dir Dinge zu Ohren kommen
haarsträubende Dinge die dich möglicherweise ein schönes Stück Geld kosten
können Willst du aber trotzdem deinen Kopf behaupten so verbiete ich dir
hiermit als deine Großmutter ein für allemal den Besuch und hoffe den Gehorsam
zu finden der sich ziemt«
    Sie nahm ihren Muff vom Tische zog den Schleier über das Gesicht und wollte
sich entfernen aber Reinhold hielt sie zurück »Du sprachst von Geld
Grossmama« fragte er in atemloser Spannung »Ich will doch nicht hoffen dass der
Mensch da drüben die Unverschämtheit hat Nachforderungen an unser Haus zu
stellen  Er hat sich wohl gar an Onkel Herbert gewendet«
    »Echauffiere dich nicht Reinhold« beschwichtigte die alte Dame »Die Sache
schwebt sehr in der Luft wer weiß ob sie je Grund und Boden findet Auf alle
Fälle aber wissen wir dass diese Lenzens Schlimmes im Schilde führen  deshalb
kein Mitleid sage ich Man verschwendet nicht Wohltaten an seine notorischen
Feinde«
    Sie verließ das Zimmer Reinhold aber nahm das Körbchen mit den
Einmachbüchsen das Margarete auf den Tisch gestellt hatte und rief nach Tante
Sophie Sie kam aus der Küche und er forderte ihr den Kellerschlüssel ab
    »I Gott bewahre den bekommst du nicht  in meinem Einmachkeller hast du
absolut nichts zu suchen« erklärte Tante Sophie entschieden »Bist ja ein
greulicher Topfgucker  Und den Topf lasse du nur ruhig stehen  du hast kein
Recht an die Sachen Das ist Obst aus meinem Garten das ich jedes Jahr für arme
Kranke einkoche«
    Er stellte den Korb schleunigst auf den Tisch zurück denn das wusste er von
Kindesbeinen an die Tante war die lautere Wahrheit selbst da gab es für ihn
keinen Zweifel »Nun ja dann habe ich freilich nichts damit zu schaffen« gab
er zu »und du kannst mit deinem Obst tun was dir beliebt Nur ins Packhaus
darfst du nichts schicken  das leide ich nicht«
    »So  das leidest du nicht Hör mal der Kopf da « sie tippte sich mit dem
Zeigefinger gegen die Stirn  »der hat seit vierzig Jahren  denn so lange sind
meine guten Eltern tot  für sich allein schnurstracks nach seinem guten
Glauben gehandelt und sich nicht drehen und wenden lassen wie es anderen Leuten
gerade passte und jetzt will solch ein Kiekindiewelt kommen und mir Vorschriften
machen Das hat selbst dein seliger Vater nicht getan«
    »O der wäre noch ganz anders aufgetreten wenn er gewusst hätte dass dieser
Mosje Lenz sein Feind im stillen gewesen ist Ich habe der Gesellschaft im
Packhause nie getraut ihr scheinheiliges stilles Getue ist mir von klein auf
zuwider gewesen Nun da der Papa die Augen zugetan hat nun weisen sie die
Zähne  die reine Jesuitengesellschaft  Von der Grossmama aber ist es
unverantwortlich uns solch beunruhigende Nachricht mit ungewissen Andeutungen
zuzuraunen  ich hätte auf volle Offenheit bestehen sollen Aber ich weiß schon
es ist mit ihr nichts anzufangen wenn sie in ihrem Visitenmantel steckt da
brennt ihr der Boden unter den Füßen und sie tut als hinge das Wohl der
ganzen Stadt von ihren Besuchen ab Na endlich wirst du vernünftig Grete
Recht so trage deinen weißen Mantel wieder in den Schrank Aber denke ja nicht
dass ich dabei an deine vollständige Bekehrung glaube Ich werde ein scharfes
Auge auf den Hof und das Packhaus haben darauf verlasse dich«
    Mit dieser Drohung verließ er die Wohnstube während Margarete den Mantel
über den Arm hing um ihn fortzutragen
    »Aber sage mir nur Gretel was sind denn das für kuriose Geschichten Was
ists mit den alten Lenzens« rief Tante Sophie nachdem sich die Türe hinter
dem Fortgehenden geschlossen hatte
    »Sie sollen unsere Feinde sein« antwortete das junge Mädchen bitter
lächelnd
    »Unsinn Was wird noch alles in dem oberen Stock ausgeheckt werden« zürnte
die Tante »Wenn der alte Mann mit seinem guten treuherzigen Gesicht falsch und
hinterrücks ist da kann man nur getrost da zuschliessen«  sie zeigte nach
ihrem Herzen  »dann taugt die ganze Menschheit nichts und ist nicht wert dass
man sich um ihr Schicksal kümmert  Aber die Geschichte ist nicht wahr da
will ich gleich meinen kleinen Finger verwetten«
    »Ich glaube so wenig daran wie du und alle Andeutungen und Drohungen
würden mich nicht abhalten zu der kranken Frau zu gehen« sagte Margarete
»Aber um Reinholds willen darf ich nicht Er wird bei der geringsten Aufregung
so blau im Gesicht und das ängstigt mich unbeschreiblich Tante Sein Zustand
hat sich offenbar verschlimmert wenn auch der Arzt es nicht zugeben will Wie
dürfte ich da etwas tun das ihn reizt und ärgert  Wir müssen auf andere
Mittel und Wege sinnen der Kranken ein wenig zu Hilfe zu kommen«
    Ein wenig später ging sie hinauf in die BelEtage sie hatte die für den
Großpapa bestimmten Zimmer vorläufig lüften und heizen lassen Die im Oktober
beabsichtigte Renovierung der BelEtage war bis jetzt selbstverständlich
unterblieben noch standen die Bilder und Spiegel im Gange des spukhaften
Seitenflügels
    Nun sollte wieder einiges Leben in die stillen Räume kommen ein Wärmehauch
in die eisige Luft des mächtigen Flursaales von welcher die junge Verwaiste
heute meinte sie halte noch das ganze Wehe der unglückseligen Katastrophe in
ihrer Erstarrung gefangen Hier wo alle Fenster nach Norden gingen herrschte
ein winterlich trübes Licht und draußen auf der weiten Schneelandschaft die
sich jenseits der Stadt hinbreitete und fern fern an den wolkenlos blauen
Himmel stieß glitzerte auch nur der bleichgelbe Schein der späten
Nachmittagssonne alles so kalt und ohne Leben so trostlos als könne es dort
nie wieder grün oder in goldenen Halmen aus der Erde steigen als würden die
dürr und schwarz in den Himmel starrenden Äste der Obstbäume sich nie mehr mit
Blüten bedecken
    Margarete trat in das letzte Fenster des Flursaales Hier hatte sie die
Stimme ihres Vaters zum letztenmal für dieses Leben gehört und hier in die
tiefe dunkle Nische war sie nach fünfjähriger Abwesenheit in jugendlichem
Übermut geschlüpft um »das neue Lustspiel« im väterlichen Hause unbemerkt mit
anzusehen Ja und da war auch der ehemalige Student als erster Beamter der
Stadt zu ihr getreten und sie hatte sich über den »Herrn Landrat« lustig
gemacht und ihn innerlich verspottet O dass sie mit all ihrer gerühmten
Kraft ihrem Eigenwillen diesen Standpunkt nicht wieder zu erringen vermochte
Ihre Hand ballte sich unwillkürlich und ihr Blick fuhr in ohnmächtiger
Erbitterung über die weite Welt draußen hin Aber in diesem Moment erschrak sie
und fuhr heftig zurück  der Landrat kam über den Hof vom Packhaustor her Er
hatte möglicherweise ihre Zorngebärde beobachtet denn er lächelte und grüßte
hinauf und da floh sie in das für den Großpapa bestimmte Wohnzimmer den roten
Salon
    Aber ihr schleuniges Zurückziehen half ihr nichts wenige Augenblicke
nachher stand Herbert vor ihr Er war fast jeden Tag nach Dambach gekommen um
seines Vaters willen und doch reichte er ihr jetzt so froh die Hand hin als
habe er sie seit lange nicht gesehen
    »Es ist gut dass du wieder da bist« sagte er »Nun wollen wir unsern
Patienten zusammen pflegen Aber auch für dich selbst war es an der Zeit in
dieses Haus mit seinen hohen luftigen Räumen zurückzukehren  der Aufenthalt in
der engen dumpfen Pavillonstube hat dir nicht gut getan du bist so blass
geworden«
    Er suchte mit einem sarkastischen Lächeln und doch auch besorgt ihre Augen
aber sie sah weg und da fuhr er fort »Das bleiche Mädchengesicht am Fenster
hat mich ein wenig erschreckt als ich aus dem Packhause trat «
    »Aus dem Packhause« fragte sie ungläubig
    »Nun ja ich habe nach der armen schwerkranken Frau gesehen  hast du etwas
dagegen einzuwenden Margarete«
    »Ich  Ich sollte es dir verargen wenn du so echt menschlich und
barmherzig handelst« rief sie feurig Ihr Blick strahlte auf sie war in diesem
Augenblick vollkommen wieder das entusiastische Mädchen dem das warme edle
Empfinden das Blut rascher in die Adern trieb »Nein darin denke ich genau wie
du  Onkel«
    »Nun sieh da habe ich doch endlich einmal etwas in deinem Geist und Sinn
getan  ich höre es an dem Herzenston deiner Stimme  Wir empfinden beide
jugendlich warm  dazu passt aber ein ergrauter knochensteifer Onkel nicht du
fühlst das auch denn der ehrwürdige Titel kam dir eben recht schwer von den
Lippen  wollen wir ihn nicht lieber begraben den alten Onkel«
    Jetzt glitt doch auch ein schwach lächelnder Zug um ihren Mund Trotzdem
sagte sie abweisend »Nein es muss dabei bleiben  Was würde auch die Grossmama
sagen wenn ich in meine Kinderunart zurückfiele«
    »Das wäre doch am Ende lediglich deine und meine Sache«
    »O nein so unbedingt ganz gewiss nicht Die Grossmama wird ihre
Obervormundschaft über uns alle solange sie lebt nicht aus den Händen geben
das weiß ich« antwortete sie bitter »Und du kannst von Glück sagen dass sie
deinen Besuch im Packhause nicht bemerkt hat sie würde sehr böse sein«
    Er lachte »Und was würde die Strafe für den alten Knaben sein In der Ecke
knieen oder kein Abendbrot bekommen  Nein Margarete« setzte er ernst hinzu
»so sehr ich auch bestrebt bin Aergernis und Verdruss von meiner Mutter fern zu
halten und ihr das Leben nach Kräften leicht und angenehm zu machen so wenig
darf ich ihr aber auch entscheidenden Einfluss auf meine Handlungen gestatten
Und deshalb wirst du mich noch öfter aus dem Packhaus kommen sehen«
    Sie sah hellen Blickes zu ihm auf »Hätte sich vorhin ein Zweifel in meine
Seele geschlichen vor deinem ruhigen Urteil wäre er geschwunden Der alte
Maler den ich von meiner Kindheit an lieb gehabt habe kann nicht unser Feind
sein«
    »Wer sagt das«
    »Die Grossmama Ist es wahr dass er Nachforderungen an uns Geschwister
stellt«
    »Ja Margarete es ist wahr« bestätigte er sehr ernst »Er hat viel von
euch zu fordern Würdest du das ohne Protest über dich ergehen lassen«
    »Wie könnte ich anders wenn die Forderung eine gerechte wäre« versetzte
sie ohne Zögern aber die Röte eines plötzlichen Befremdens schlug über ihr
Gesicht
    »Auch wenn diese Forderung dein Erbteil bedeutend schmälerte«
    Sie lächelte flüchtig »Es ist bisher immer von s anderer für mich
gesorgt und bezahlt worden ich kann deshalb den eigentlichen Wert des
Geldbesitzes nicht beurteilen darin aber bin ich meiner selbst gewiss dass ich
tausendmal lieber mein Brot mit Nähen verdienen als auch nur einen Groschen
haben möchte der mir nicht zukäme Ich weiß ja auch dass du nichts Unbilliges
unterstützen würdest und deshalb bin ich zu jedem Opfer bereit«
    »Kleine Tapfere die den Fuß sofort im Bügel hat wenn es gilt eine brave
Tat auszuführen«
    Ihr Gesicht verfinsterte sich »Ein schlecht gewähltes Bild für mich die
ich nicht reiten kann« warf sie herb und achselzuckend hin »Die vornehme Welt
spielt in alle deine Gedanken hinein Onkel«
    Er verbiss ein Lächeln »Was willst du Dem Bann der Sphäre in der man viel
lebt entzieht sich so leicht keiner Wärst du die Freiheitsdurstige die
glühende Verfechterin eines stolzen starken Bürgertums geworden wenn du nicht
im Hause des Onkels Theobald gelebt hättest Ich glaube schwerlich«
    »Du irrst Das ist nicht angeflogen nicht eingeimpft das ist mit mir
geboren Es wäre Eigentum meines Blutes meiner Seele gewesen auch ohne den
erweckenden äußeren Einfluss ungefähr so wie man sagt«  ein Zug ihres
ehemaligen Mutwillens umspielte ihren Mund  »dass Raphael ein großer Maler
gewesen sei auch wenn er ohne Hände das Licht der Welt erblickt hätte« Sie
wurde aber sofort wieder ernst und kam auf Herberts Mitteilung zurück »Auf
welches Recht stützt der alte Lenz seine Ansprüche« fragte sie unumwunden
»Inwiefern ist er unser Gläubiger«
    »Du wirst kurze Zeit Geduld haben müssen« antwortete er zögernd und seine
Augen streiften prüfend ihr Gesicht als schwanke er ob er jetzt schon sprechen
solle oder nicht
    »Ach das ist wohl eigentlich Sache meines Vormundes« fragte sie scheinbar
gleichgültig aber ihre Wangen färbten sich und ihre Stimme klang geschärft
    »Noch hast du keinen Vormund« entgegnete er leise lächelnd
    »Allerdings vorderhand nicht  du hast es ja nicht werden wollen«
    »Ah ist dir das auch schon hinterbracht worden  Nun ja ich habe es
entschieden abgelehnt weil mir alles Zwecklose in der Seele zuwider ist«
    »Zwecklos  Ach so dann hat ja die Grossmama recht wenn sie sagt du
bedanktest dich für diesen Posten weil mit meinem bodenlosen Eigenwillen doch
nichts auszurichten sei«
    »Nun stichhaltig wäre diese Begründung in der Tat  böse genug bist du
ja« Er sah sie schalkhaft von der Seite an »Indes ich würde mich nicht
fürchten ich würde mit diesem bodenlosen Eigenwillen schon fertig werden Aber
ich habe einen anderen Grund und den sollst du in der allernächsten Zeit
erfahren«
    Sie wurden unterbrochen ein Tapezier trat herein Der Landrat wollte neue
Fussteppiche für seinen Vater legen lassen Nun kam der Mann um den Fußboden der
Zimmer auszumessen und während Herbert mit ihm verhandelte schlüpfte Margarete
hinaus 
    »Ja recht hast du Jette s ist ein wahres Elend« sagte Bärbe seufzend zu
dem Hausmädchen in dem Augenblick als Margarete drunten in der offenen
Küchentüre vorüber nach der Hofstube ging Die alte Köchin rollte Teig auf dem
Nudelbrett aus »Ja Sünd und Schande ists dass der Mensch hier im Hause nicht
einen Finger rühren darf um den armen Leuten drüben beizuspringen« ereiferte
sie sich »Was wärs denn nun weiter wenn ich einen Topf voll Nudelsuppe
nübertrüge für den alten Mann und das Kind Aber  dass Gott erbarm  das
wollt ich nicht probieren Der in der Schreibstube tät einem ja den Kopf
abreißen« Sie streute zornig eine Handvoll Mehl über die breite Teigfläche
»Ja und es muss schlecht stehen um die alte Frau die Aufwärterin hat eben
wieder Eis vom Brunnen geholt und den Doktor hab ich heute schon zweimal
kommen sehen  pass auf Jette die Frau stirbt Sie stirbt Meine Kochtöpfe
haben nicht für die liebe Langeweile den ganzen Vormittag im Ofen gesungen das
bedeutet allemal Tod im Hause allemal«
 
                                       24
Am andern Tage herrschte viel Rumor in der BelEtage Tapeziere Tüncher und
Ofenputzer kamen und gingen und Margarete war von früh an viel in Anspruch
genommen Und das war gut es blieb ihr nicht viel Zeit zum Nachgrübeln das ihr
ohnehin die Nachtruhe geraubt  sie hatte fast die ganze Nacht mit offenen Augen
gelegen und heftige Stürme waren ihr durch Kopf und Herz gegangen
    In dem roten Salon sollten die Bilder an ihren alten Platz gehangen
werden Zum erstenmal wieder seitdem die Totenkerzen im Flursal gebrannt
hatten schloss Tante Sophie den Gang hinter Frau Doroteens Sterbezimmer auf
und Margarete folgte ihr mit Wischtuch und Federstäuber sie wollte das Reinigen
der Bilder selbst besorgen
    Ein Grauen überlief sie beim Betreten des düsteren Ganges  es war ihr
umheimlich ja fürchterlich geworden Das geheimnisvolle Gebaren ihres Vaters an
jenem Nachmittage da er sich in das Zimmer der schönen Dore eingeschlossen
seine rätselhaften Andeutungen in der Sturmnacht  von welcher er gesagt dass
auch sie nicht die Sonne allein Verborgenes an den Tag bringe  und der
grauenhafte Weg der sie selbst über diese alten ächzenden Dielen und den
Bodenraum des Packhauses hinweg an die Leiche des so jäh Hingerafften geführt
hatte dies alles beklemmte und erschütterte sie von neuem
    Sie trat so scheu und zaghaft auf als müsse das Geräusch ihrer Schritte die
an den Wänden hingereihten Gestalten erwecken und beleben und alle Geheimnisse
des alten Hauses die sie ins Grab mitgenommen würden plötzlich mit ihnen laut
werden
    Noch lehnte das Bild der schönen Dore abgewendet in der Schrankecke wie der
Verstorbene es damals hingeschleudert der Sturm hatte nicht daran gerührt
Doppelt erschütternd und herzbezwingend trat ihr beim Umwenden das schöne Weib
aus dem Rahmen entgegen nachdem sie von so manchem ausdruckslosen alltäglichen
Frauengesicht den Staub weggewischt hatte Sie kniete vor dem Bilde noch einige
Augenblicke und sann was wohl diese mächtigen Augen der lieblich lächelnde
rote Mund verschuldet haben mochten um noch nach hundert Jahren eine solche
Erbitterung hervorzurufen wie sie der Verstorbene in jenem unheimlichen Moment
an den Tag gelegt hatte
    Drunten aber sagte Friedrich der Hausknecht der aus dem roten Salon
gekommen war und einen scheuen Blick in den offenen Gang geworfen hatte »Unser
Fräulein kniet jetzt gar vor der mit den Karfunkelsteinen Wenn sie nur wüsste
was ich weiß Die Frau muss bei Lebzeiten ein wahrer Satan gewesen sein dass sie
nicht einmal in ihrem Rahmen Ruhe hat Das gotteillose Bild gehört von Rechts
wegen auf den Boden hinter den Schlot sag ich  da kann sie meinetwegen ohne
Rahmen rumspazieren«
    Aber das Bild kam nicht auf den Hausboden Margarete hing es selbst mit
Hilfe des Tapeziers an seinen alten Platz Dann ging sie hinunter in ihre stille
Hofstube um sich ein wenig zu erwärmen
    Sie setzte sich an das Fenster und sah in den beschneiten Hof hinaus Die
Temperatur war etwas milder geworden hier und da sank ein gelöstes
Schneebällchen von den Lindenästen Finken Meisen und Spatzen tummelten sich
auf den für sie hergerichteten Futterplätzen und auch die Haustauben kamen
herab und halfen die reichlich gestreuten Körner aufpicken
    Aber plötzlich flog die ganze Vogelgesellschaft lärmend auf  es musste
jemand in dem Hof vom Packhause herkommen Margarete bog sich über die Brüstung
und da sah sie den kleinen Max wie er die ängstlich suchenden Augen auf die
Küchenfenster geheftet direkt auf das Vorderhaus zu durch den Schnee stampfte
    Die junge Dame erschrak Wenn Reinhold den Knaben bemerkte dann gab es
einen Sturm Sie öffnete das Fenster und rief das Kind mit halb unterdrückter
Stimme zu sich Es kam sofort herüber und zog sein Mützchen und da sah sie
Tränen in den trotzigen Augen
    »Die Grossmama will umgebettet sein und der Großpapa kann sie nicht allein
heben« sagte er hastig »Die Aufwärterin ist fortgegangen ich habe sie überall
gesucht und bin in der Stadt herumgelaufen aber ich kann sie nicht finden Nun
haben wir niemand Ach das ist zu schlimm Und da wollte ich zu der guten Bärbe
«
    »Gehe nur und sage dem Großpapa es würde sofort Hilfe kommen« raunte
Margarete hinab und schloss eilig das Fenster
    Der Kleine lief spornstreichs heim und Margarete griff nach ihrem weißen
Burnus und ging nach der Wohnstube
    Tante Sophie war eben im Begriff auszugehen
    Das junge Mädchen teilte ihr im Fluge mit dass augenblickliche Hilfe im
Packhause nötig sei und schließlich sagte sie »Ich weiß jetzt wie ich
unbemerkt hinüber kommen kann  durch den Gang und über den Bodenraum des
Packhauses Hast du den Schlüssel zu der Dachkammer in Verwahrung«
    Die Tante reichte ihr einen neuen Schlüssel vom Haken »Da Gretel gehe du
in Gottes Namen«
    Margarete flog die Treppe hinauf nicht ohne einen ängstlichen Seitenblick
nach dem Kontorfenster zu werfen aber der Vorhang hing unbeweglich hinter den
Scheiben es war still und menschenleer in der Hausflur wie sich vorhin auch
kein Gesicht an den Fenstern nach dem Hofe gezeigt hatte und droben im roten
Salon waren nur noch die Tapeziere beschäftigt den Teppich zu legen
    Sie huschte durch den Flursaal und die noch zurückgeschlagene Türe des
Ganges das neue Schloss der Dachkammertüre war schnell geöffnet und auf dem
ganzen Bodenraum trat ihr kein Hindernis in den Weg alle Türen standen offen
auch die nach der Treppe führende war unverschlossen
    Tief aufatmend trat Margarete in die Wohnstube der alten Leute Es war
niemand drin aber aus der nur angelehnten Küchentüre kam leises Geräusch Die
junge Dame öffnete die Türspalte weiter und sah in den mit Kochdunst erfüllten
Raum hinein
    Der alte Maler stand am Herd und bemühte sich eben Brühe aus dem dampfenden
Fleischtopf in eine Tasse zu gießen Er hatte die Brille auf die Stirn
hinaufgeschoben und machte ein ängstliches Gesicht  die ungewohnte
Beschäftigung des Kochens schien ihm viel Mühe und Kopfzerbrechen zu
verursachen
    »Ich will Ihnen helfen« sagte Margarete indem sie die Küchentüre hinter
sich zuzog
    Er sah auf »Mein Gott Sie kommen selbst Fräulein« rief er freudig
erschrocken »Der Max hat mir den Streich gespielt ohne mein Vorwissen in Ihrem
Hause Hilfe zu suchen  er ist eben ein resoluter kleiner Bursche der nie
unverrichteter Sache heimkommen will«
    »Er hat recht getan der brave Junge« sprach die junge Dame dabei nahm
sie dem alten Mann den Fleischtopf aus der Hand und goss die Brühe durch den
Seiher den der ungeschickte Koch vergessen hatte in die Tasse
    »Das ist die erste kräftige Nahrung die meine arme Patientin genießen
darf« sagte er mit glücklichem Lächeln »Gott sei Dank es geht ihr um vieles
besser Sie hat die Sprache wieder und der Doktor hofft das beste«
    »Wird es ihr aber nicht schaden wenn ein ungewohntes Gesicht wie das
meine ihr plötzlich nahe kommt« fragte Margarete besorgt
    »Ich werde sie vorbereiten« Er nahm die Tasse und trug sie durch die
Wohnstube in die anstossende Kammer
    Margarete blieb zurück  sie brauchte nicht lange zu warten »Wo ist sie
die Gute die Hilfreiche« hörte sie die Kranke fragen »Sie soll hereinkommen
 Ach wie mich das freut und tröstet«
    Die junge Dame trat auf die Schwelle und Frau Lenz streckte ihr den gesunden
Arm entgegen Ihr Gesicht war so weiß wie das Leinen auf welchem sie lag aber
die Augen blickten bewusst
    »Weiß und licht wie eine Friedenstaube kommt sie« sprach sie bewegt »Ach
ja Weiß trug sie auch so gern die von uns gegangen ist um nie wieder zu
kommen «
    »Sprich jetzt nicht davon Hannchen« mahnte ihr Mann ängstlich »Du
sehntest dich ja in eine bequemere Lage gebracht zu werden und deshalb ist
Fräulein Lamprecht gekommen wie ich dir schon sagte sie will mir helfen dich
umzubetten«
    »O ich danke Ich liege gut und wenn ich bis jetzt auf Nesseln gelegen
hätte ich glaube ich würde es nicht mehr fühlen Mir ist jetzt so wohl Der
Anblick des lieben jungen Gesichts erquickt mich Ja ich hatte auch eine
Tochter jung und schön und ein Engel an Herzensgüte Aber ich war wohl zu stolz
auf dies Gottesgeschenk und dafür «
    »Aber Hannchen« unterbrach sie der alte Mann in sichtlicher Angst »Du
darfst nicht so viel sprechen Und Fräulein Lamprecht wird sich nicht so lange
bei uns aufhalten können «
    »Ich bitte dich lasse mich reden« rief sie heftig erregt »Mir liegt ein
Stein auf der Brust und der muss heruntergesprochen werden« Sie schöpfte tief
und schwer Atem »Kannst du dir nicht selbst sagen dass eine unglückliche Mutter
auch einmal die traurige Wonne genießen will vor anderen von ihrem toten
Liebling zu sprechen  Sei unbesorgt Ernst du Guter Getreuer« setzte sie
beherrschter hinzu »Hat mich nicht schon der Besuch des Herrn Landrats gestern
halb gesund gemacht  Ich konnte ihn freilich nicht sehen und sprechen aber
gehört habe ich alles was er dir drüben sagte Er glaubt an uns der edle Mann
und da war jedes gute Wort Heilung für mich«
    Sie zeigte auf ein Porzellanbildchen in Ovalform das über ihrem Bette hing
»Kennen Sie diese« fragte sie und ihr Blick richtete sich fast verzehrend auf
das Gesicht der jungen Dame
    Margarete trat näher Ja diesen Kopf mit den taufrischen Lippen den
cyanenblauen Augen und der goldenen Glorie einer mächtigen Haarfülle über der
Stirn diesen hinreißend schönen Kopf kannte sie 
    »Die schöne Blanka« sagte sie bewegt »Ich habe sie nie vergessen  An
jenem Abend wo mich Herr Lenz auf seinem Arme hier heraufgetragen hat da hing
das Haar das auf dem Bilde als Flechte über die Brust fällt gelöst und
glitzernd wie ein Feenschleier über ihren Rücken hinab«
    »An jenem Abend« wiederholte die Kranke aufseufzend »ja an jenem Abend
wo sie sich mit ihrem stürmisch bewegten Herzen ins Dunkel geflüchtet hatte O
über die ahnungslosen Eltern« brach es von ihren Lippen »O über die blinde
Mutter die ihr Lamm nicht zu hüten verstanden hat«
    »Hannchen«
    Die alte Frau beachtete den Einwurf und die flehentlich bittende Miene ihres
Mannes nicht
    »Geh mein liebes Kind« wandte sie sich an den kleinen Max der am Fussende
des Bettes saß »Geh in die Küche zu Philine Hörst du sie winseln Sie will
herein und der Arzt hats doch verboten«
    Der Knabe stand gehorsam auf und ging hinaus
    »Ist er nicht ein gutes schönes Kind« fragte die Kranke aufgeregt und in
ihren Augen funkelten Tränen »Müsste nicht jeder Vater stolz sein ein solches
Himmelsgeschenk zu besitzen  O und er  Ob er wohl der himmlischen
Seligkeit teilhaftig wird der seines Sohnes Ehre und Lebensglück ins Grab
mitgenommen hat«
    »Ich bitte dich liebe Frau sprich nicht mehr Nur heute nicht« bat der
alte Mann inständigst  er zitterte sichtlich an allen Gliedern »Ich werde
Fräulein Lamprecht bitten uns morgen noch einmal zu besuchen dann wirst du
kräftiger und ruhiger sein«
    Die Kranke schüttelte schweigend aber energisch verneinend den Kopf und
ergriff mit der Rechten Margaretens Hand »Wissen Sie noch was ich Ihnen sagte
als Sie mir versicherten dass Sie unseren Max lieb hätten und seinen Lebensgang
im Auge behalten würden«
    Margarete drückte die Hand sanft und beruhigend »Sie sagten die
veränderten Verhältnisse wandelten oft eine Ansicht ganz plötzlich und wer
könne wissen ob ich nach vier Wochen noch so dächte wie in jenem
Augenblicke Nun denn die Beziehungen zwischen uns haben sich bereits
geändert wie man mir sagt  inwiefern dies geschehen ist weiß ich freilich
noch nicht indes mag sie doch sein welcher Art sie will was hat denn diese
Wandlung mit meiner Vorliebe für das Kind zu schaffen Wird es dadurch weniger
liebenswert  Aber nun möchte auch ich herzlich bitten sprechen Sie heute
nicht mehr  Ich will jeden Tag zu Ihnen kommen und Sie sollen mir alles
sagen was Ihnen das Herz erleichtern kann«
    Die alte Frau lächelte bitter »Man wird Ihnen die Besuche bei der verhassten
Familie vielleicht heute schon nach Ihrer Rückkehr verbieten«
    »Ich gehe einen Weg der für die anderen nicht existiert Ich bin auch heute
über Ihren Hausboden gekommen«
    Die Augen der Kranken öffneten sich weit in schmerzlicher Aufregung »Den
Unglücksweg auf den mein armes Lamm gelockt worden ist« rief sie
leidenschaftlich »Ach ja da ist sie mir zu Häupten hingegangen und die
Mutter die ihr Herzblut hingegeben hätte um die Seelenreinheit ihres Kindes zu
bewahren sie ist blind und taub gewesen sie hat geschlafen wie die törichten
Jungfrauen in der Bibel Ich habe ihn nie betreten den unheilvollen Gang
durch den die weiße Frau Ihres Hauses wandeln soll aber ich weiß es ruht ein
Fluch auf ihm und sie mein Abgott ist daran zu Grunde gegangen Gehen Sie ihn
nicht wieder«
    »Das soll mich nicht abhalten  ich gehe ihn ja in Ausübung der
Nächstenpflicht« sagte Margarete mit unsicherer Stimme und stockendem Atem Ihr
war als sehe sie plötzlich in eine geheimnisvolle dunkle Tiefe hinein aus
welcher bekannte Umrisse aufdämmerten
    »Ja Sie sind gut und barmherzig wie ein Engel aber Sie können bei allem
guten Willen über menschliches Ermessen auch nicht hinaus« rief die Kranke
indem sie sich mit gewaltsamer Anstrengung in den Kissen aufrichtete »Auch Sie
werden uns schließlich verurteilen wenn Sie hören dass wir Ansprüche erhoben
haben ohne die Beweise dafür erbringen zu können O guter Gott nur einen
einzigen Lichtstrahl in dieser qualvollen Finsternis  Man wird uns
hinausjagen und Blankas Sohn wird nicht wissen wohin er sein Haupt legen soll
das Kind dem sie ihr junges Leben hat hinopfern müssen«
    Mit völlig entfärbten Lippen ergriff Margarete die Hand der alten Frau
»Nicht diese halben Andeutungen« bat sie mühsam die eigene furchtbare
Aufregung bemeisternd die ihr Herz stürmisch klopfen machte und ihr fast den
Atem raubte »Sagen Sie mir unumwunden was Ihnen das Herz belastet Sie sollen
mich ruhig finden mögen diese Enthüllungen sein welcher Art sie wollen«
    Der alte Maler bog sich hastig über die Kranke und flüsterte ihr einige
Worte ins Ohr
    »Sie soll es noch nicht erfahren« fragte sie und wandte unwillig den Kopf
weg »Und weshalb nicht Will man warten bis du von London zurückgekehrt bist
und wenn mit leerer Hand dann bleibt es für alle Zeit ein ungelichtetes Dunkel
 Nein dann soll sie wenigstens wissen dass es ein rechtmässiger Erbe ist der
ausgestoßen wird aus dem Hause seines Vaters weil er nichts Schriftliches
aufweisen kann Max ist so gut Ihr Bruder wie der böse Gestrenge in der
Schreibstube« sagte sie mit unerbittlicher Entschlossenheit zu der jungen Dame
»Blanka war für ein kurzes Jahr Ihre Mutter sie war die zweite Frau Ihres
verstorbenen Vaters«
    Erschöpft sank ihr Kopf in die Kissen zurück Margarete aber stand einen
Augenblick wie versteinert Es war weniger die plötzliche rückhaltslose
Entschleierung der Tatsache vor welcher sie erstarrte als das grelle Licht
der Erkenntnis das in einem einzigen Moment eine ganze Kette dunkler Vorgänge
beleuchtete
    Ja diese heimliche Ehe war es gewesen welche die letzten Lebensjahre ihres
Vaters so furchtbar verdüstert hatte Sie wusste jetzt dass er den Sohn dieser
zweiten Ehe zärtlich geliebt und doch den Mut nicht gefunden hatte ihn
öffentlich anzuerkennen Aber sie wusste auch dass mit jenem entsetzlichen
Moment wo er fürchten musste dieses geliebte Kind läge erschlagen unter den
herabgestürzten Dachtrümmern der feste Entschluss in ihm gereift war es nunmehr
in alle seine Rechte einzusetzen »Morgen wird es einen Sturm da oben geben
einen Sturm so wild wie der unter welchem eben unser altes Haus in seinen
Fugen bebt« hatte er unter Hinweis auf die obere Etage in jener Sturmnacht
gesagt Ja heftigen Auftritten hatte er in der Tat entgegensehen müssen Nun
der Tod hatte ihm diesen Zusammenstoß mit den Vorurteilen der von ihm so sehr
gefürchteten vornehmen Welt erspart aber um welchen Preis 
    »Sie haben keine schriftlichen Beweise in den Händen sagten Sie nicht so«
fragte sie mit halb erstickter Stimme
    »Keine« erwiderte der alte Maler tonlos und eine bittere Enttäuschung
sprach aus dem Blicke den er auf die plötzliche Frage hin der jungen Dame
hinwarf »Wenigstens keine solchen die vor dem Gesetz gelten Diese hat der
Verstorbene beim Tode meiner Tochter an sich genommen aber sie sind in seinem
Nachlass nicht zu finden gewesen sie sind spurlos verschwunden«
    »Sie müssen und werden sich finden« sagte sie fest Damit ging sie nach der
Küche und kam gleich darauf den kleinen Max an der Hand wieder herein »Er
soll mir zeitlebens ein lieber Bruder sein« sagte sie bewegt indem sie den
rechten Arm um den Knaben schlang und ihre Linke wie zum Schutz auf seinen
Lockenkopf legte »Das Kind ist ein Vermächtnis meines Vaters für mich  ein
heiliges  Niemand hat einen Einblick in das Geheimnis seiner letzten
Lebensjahre gehabt nur seiner Ältesten hat er zuletzt Andeutungen gemacht Sie
waren freilich rätselhaft für mich aber jetzt weiß ich die Lösung Hätte mein
Vater nur noch zwei Tage gelebt dann trüge diese arme Waise hier längst unseren
Namen Aber ich werde nicht ruhen noch rasten bis sein entschiedener letzter
Wille der ihm vor seinem Tode ausschließlich Kopf und Herz erfüllt hat zur
Geltung kommt Nein sprechen Sie nicht mehr« rief sie die Hand abwehrend
gegen die kranke Frau ausstreckend die mit dem Ausdruck des Glückes in den
Zügen die Lippen öffnen wollte »Sie müssen jetzt ruhen Gelt Max die Grossmama
muss schlafen damit sie bald wieder gesund wird«
    Der Knabe nickte und streichelte die Hand der Grossmama Er nahm seinen Platz
am Fussende des Bettes wieder ein während die junge Dame gefolgt von Herrn
Lenz in die Wohnstube ging Hier in dem tiefen Fensterbogen teilte er ihr zur
Orientierung noch Näheres leise in flüchtigen Umrissen mit und sie weinte
still dabei in ihr Taschentuch hinein Die Nervenerschütterung war zu heftig
gewesen und um der Kranken willen hatte Margarete standhaft die innere Bewegung
beherrscht nun aber kam die Reaktion und die erleichternden Tränen ließ
sich nicht mehr zurückdrängen
    Ehe sie ging sah sie noch einmal in die Schlafstube Der kleine Max deutete
auf die Kranke und legte den Finger auf den Mund  sie schlief augenscheinlich
süß und fest sie hatte die Last von der Seele gewälzt und eine Jüngere Starke
hatte sie auf ihre Schultern genommen   
    Wenige Minuten später stieg Margarete die Bodentreppe im Packhause wieder
hinauf Sie ging wie im Traume aber in einem sturmvollen Es war nicht viel
mehr als eine halbe Stunde vergangen seit sie ahnungslos diese Stufen
hinabgehuscht war aber welchen Umschwung aller Verhältnisse schloss diese eine
halbe Stunde in sich  Nun war es ja klar geworden weshalb der Papa an ihre
Kraft und Treue appelliert hatte Einer unseligen Schwäche hatte er sich
angeklagt  ja diese Schwäche die Furcht dass ihn die vornehme Gesellschaft um
seiner zweiten Heirat willen in Bann und Acht tun werde sie war es gewesen
die ihm das Leben vergiftet hatte 
    Sie blieb unwillkürlich stehen und sah nach dem Vorderhause hinüber Ein
schneidender Wind pfiff durch die offene Dachluke und glitzernde Eiszapfen
umstarrten wie Drachenzähne den schmalen Rundbogen Margarete schauerte in sich
zusammen aber nicht vor der Winterkälte die kühlte ihr wohltuend das glühende
Gesicht  ihr traten die Kämpfe vor die Seele die sich in dem alten Hause dort
abspielen mussten bis das Recht triumphieren und der Jüngstgeborene in das
väterliche Haus einziehen durfte Und hatte die kranke Frau nicht recht War
dieser schöne kräftige Knabe nicht ein wahres Himmelsgeschenk für das Haus
Lamprecht das nur noch auf zwei Augen stand  Aber was kümmerte die
kalterzige hochmütige alte Dame im oberen Stock der gesicherte Fortbestand der
stolzen geliebten Firma Das Kind war der Enkel der missachteten »Malersleute«
und das genügte um ihr jeden Blutstropfen zu empören und sie anzuspornen die
Anerkennung der Waise so lange wie möglich zu hintertreiben Und Reinhold der
sparsame Kaufmann der beide Hände fest auf den ererbten Geldkasten gelegt
hatte er gab sicher keinen Groschen heraus ohne die heftigste Gegenwehr 
    Sie schritt weiter auf den Bodendielen die unter ihren Füßen ächzten Ach
ja es waren nicht bloß die groben Sohlen der Packer darüber hingegangen auch
feine beflügelte Mädchenfüsse hatten huschend die ungehobelten Bretter berührt 
»eine weiße Taube« war einst hier aus und ein geflogen Bei diesem plötzlichen
Gedanken stieg in ihr eine heiße Röte nach dem Gesicht das sie einen Augenblick
in den Händen vergrub dann schritt sie rascher der Türe zu die nach dem
unheilvollen Gange führte  sie ahnte nicht dass in der Tat das Unheil hinter
dieser Türe lauere
 
                                       25
Im Vorderhause hatte sich inzwischen eine aufregende Szene abgespielt Bärbe
hatte den Tapezieren eine Erfrischung hinaufgetragen und nach einem kurzen
Gespräch mit den Leuten hatte sie die Türe geöffnet um den roten Salon zu
verlassen aber schmetternd war der Türflügel sofort wieder zugeflogen und die
alte Köchin war mit einem Aufschrei ins Zimmer zurückgewankt Sie hatte im
ersten Augenblick nicht zu sprechen vermocht mit der Hand nach der Tür
deutend war sie in den nächsten Stuhl gesunken und hatte sich die Schürze
verhüllend über den Kopf geworfen Aber draußen war nun absolut nichts
Besonderes zu finden gewesen wie der eine Arbeiter versicherte der
hinausgegangen war um zu sehen was der robusten Alten einen solchen Schrecken
eingejagt habe
    »Glaubs gern nicht alle sehens Ach das ist mein Tod« hatte Bärbe unter
ihrer Schürze hervorgestöhnt Dann hatte sie versucht wieder auf die Beine zu
kommen aber die waren so schwach und zitterig gewesen dass sie eine geraume
Weile auf ihrem Stuhle hatte sitzen bleiben müssen Nur ganz allmählich hatte
sie die Schürze fallen lassen und sich scheu umgesehen und ihre gesunde
braunrote Gesichtsfarbe hatte ins Aschgraue gespielt Aber sie war still gewesen
 das waren ja fremde Leute die Gesellen da denen durfte man doch den Mund
nicht aufsperren die trugens weiter und dann wusste in ein paar Stunden die
ganze Stadt was bei Lamprechts passiert war 
    Zum Glück waren die Arbeiter bald darauf mit ihrer heutigen Aufgabe fertig
gewesen Da hatte sie doch nicht allein den langen Flursaal passieren müssen
Sie war mit den beiden Gesellen gegangen hatte nicht rechts noch links gesehen
und war endlich wieder in ihre Küche geschlichen  ja »geschlichen« hatte der
Hausknecht ausgesagt  wie ein Gespenst sei sie dahergekommen und auf die
Aufwaschbank hingesunken  Hier war aber ihr Mundwerk wieder flotter gegangen
Nun war sie ihr auch erschienen die mit den Karfunkelsteinen und nun sollte
nur einer kommen und ihr ausreden wollen was sie mit ihren eigenen Augen
gesehen hatte Er sollte nur kommen
    Und der Hausknecht samt der alten Jette hatten »Mund und Nase« aufgesperrt
der Kutscher war auch dazu gekommen und just in dem Moment wo der Friedrich
gefragt hatte »War sie auch im grasgrünen Schleppkleide wie bei mir dazumal«
 da war auch ein Lehrling aus der Schreibstube gekommen um ein Glas
Zuckerwasser für den jungen Herrn zu fordern
    »I bewahre  grün nicht« hatte Bärbe kurzatmig aber unter energischem
Kopfschütteln verneint »Weiß schneeweiß ists in dem Gange hin um die Ecke
geflogen Akkurat so muss sie im Sarge gelegen haben« Und daran hatte sie eine
Schilderung geknüpft die selbst dem Lehrling das Haar sträuben gemacht
    Durch ihn aber war das Geschehnis bis in die Schreibstube gedrungen
Reinhold war über das lange Ausbleiben des jungen Menschen heftig erzürnt
gewesen und da hatte sich derselbe mit dem Aufstand in der Küche entschuldigt
    Gleich darauf war der junge Herr herüber gekommen Er hatte in einem dicken
Pelzrock gesteckt und seine warme Ottermütze auf dem Kopfe gehabt »Du gehst
jetzt mit mir hinauf und zeigst mir die Stelle wo du die weiße Frau gesehen
haben willst« hatte er streng der an allen Gliedern zitternden alten Köchin
befohlen »Ich will doch sehen ob man dem Gespenst nicht endlich einmal auf den
Grund kommen kann  Ihr Hasenfüsse bringt mir das Haus immer mehr in Verruf 
wie soll ich da Mieter bekommen wenn ich später einmal alle überflüssigen Räume
abgeben will  Vorwärts Bärbe Du weißt ich verstehe absolut keinen Spaß«
    Und da hatte Jungfer Bärbe nicht einen Laut des Widerspruchs über ihre
bebenden Lippen gebracht Sie war ihm mit einknickenden Knieen gefolgt die
Treppe hinauf und den Flursaal entlang ihr entsetzensvolles Sträuben an der
Gangecke hatte ihr auch nichts geholfen er hatte sie am Arme gepackt und an den
sie geisterhaft anstarrenden Bildern vorüber geschoben bis zu dem Treppchen
das seitwärts nach dem Boden des Packhauses führte
    Aber da war er plötzlich wie toll hinabgesprungen hatte die nur angelehnte
Tür der Dachkammer ein wenig weiter aufgeschoben und durch den Spalt
hineingelugt und als er Bärbe das Gesicht wieder zugewendet da waren seine
großen grauen toten Augen voll Leben gewesen sie hatten gefunkelt wie die
einer tückischen Katze
    »Nun marschiere du wieder hinunter in deine Küche« hatte er boshaft
grinsend befohlen »und sage den anderen Hasenfüssen ein Gespenst das einen
Korb voll eingemachter Früchte bei sich habe sei nicht gefährlich Vorher aber
gehe hinauf zur Grossmama Ich lasse sie bitten in den roten Salon zu kommen«
    Bärbe hatte sich schleunigst aus dem Staube gemacht Aber es war ihr
plötzlich nicht ganz geheuer zu Mute gewesen sie hatte das unbestimmte Gefühl
gehabt als habe sie einen recht dummen Streich gemacht Und als Tante Sophie
gleich darauf von ihrem Ausgang zurückgekehrt war da hatte sie nach einigen
Präliminarien zu erzählen begonnen aber schon nach wenigen Sätzen war die Tante
entsetzt zurückgefahren »O du Unglücksbärbe du« hatte sie gejammert und war
so wie sie von der Straße hereingekommen in Hut und Mantel die Treppe
hinaufgeeilt
    Sie hätte alles darum gegeben ihrer »Gretel« einen heftigen Auftritt zu
ersparen oder ihn wenigstens durch vorherige Vorstellung und Fürsprache zu
mildern aber sie kam zu spät In demselben Augenblick wo sie den Flursaal
betrat kam Reinhold in Begleitung der Grossmama aus dem roten Salon
    Er machte eine tiefe ironische Verbeugung nach dem Gange hin und die Frau
Amtsrätin rief hinüber »Ei meine liebe Grete du scheinst dir ja als schöne
Dore recht zu gefallen Neulich kamst du wie aus dem Rahmen gestiegen in ihrem
Brautrock und heute erschreckst du die Leute im Hause als weiße Frau «
    »Ja als die Frau mit den Karfunkelsteinen« ergänzte Reinhold »Bärbe ist
wie verrückt Sie hat den famosen weißen Teatermantel da durch den Gang laufen
sehen und das ganze Haus rebellisch gemacht So muss es kommen Ihr da unten
haltet gegen mich wie die Kletten zusammen und nun verrät eine die andere wenn
auch wider Willen«
    Während dieses impertinenten Zurufes war Margarete um die Gangecke gekommen
Sie antwortete nicht  die Bestürzung schien ihr die Lippen zu verschließen
    »Betrügerin« schnauzte Reinhold sie an indem er ihr näher trat »Also auf
solchen Schleichwegen gehst du Hast ja schöne Dinge draußen in der Welt
gelernt«
    »Reinhold mäßige dich« wies ihn Margarete mit ruhigem Ernst und wirklicher
Hoheit in die Schranken während sie an ihm vorüber zu Tante Sophie gehen
wollte aber er vertrat ihr den Weg »s ist recht flüchte du nur zu deiner
Gouvernante da hast du ja von jeher Schutz und Hilfe gefunden« 
    »Du auch« fiel Tante Sophie ein »Eure Gouvernante war ich nie«  eine Art
trockenen Auflachens kam ihr von den Lippen  »ich kann weder Französisch noch
Englisch und aufs Polieren verstehe ich mich auch nicht  aber so etwas wie
ungefähr der getreue Eckard das bin ich gewesen Ich hab euch über Leib und
Seele meine beiden Hände gehalten so gut ichs eben konnte und mein bisschen
Kraft eingesetzt solange ihr sie brauchtet und wie dich deine schwachen
Beinchen jahrelang nicht tragen wollten da sind es meine Arme gewesen auf
denen du durch Haus und Hof und in die frische Luft hinausspaziert bist  ich
habe dich niemals fremden Händen überlassen Nun kannst du laufen aber nicht
zu anderer Freude Du läufst wie ein Kerkermeister horchend von Tür zu Türe
gönnst deinen Mitmenschen nicht einmal die Luft geschweige denn eigene Gedanken
und eigenes Genießen  alle sollen nach deiner Pfeife tanzen  das alte
Lamprechtshaus kommt mir nachgerade vor wie ein Zuchthaus Und drum mein ich
es sei hoch an der Zeit dass man geht Dich und dein Gnadenbrot brauche ich
nicht aber die Gretel die nehm ich mit«
    Während dieser schneidigen Strafpredigt war der Kopf des langen jungen
Menschen immer tiefer in den dickzottigen Pelzkragen geschlüpft und seine Augen
irrten scheu an den Wänden hin Er erinnerte sich recht gut wie die Tante
Sophie wochenlang Nacht für Nacht an seinem Krankenbette gewacht ihm dem meist
Appetitlosen eigenhändig jeden Bissen mundgerecht zubereitet und ihn noch als
siebenjährigen Knaben die Treppen hinaufgetragen hatte und da mochte wohl das
Rot das augenblicklich sein fahles Gesicht überflog Schamröte sein Die Frau
Amtsrätin aber war sichtlich empört
    »Glauben Sie wirklich wir würden unsere Enkelin mit Ihnen ziehen lassen«
fragte sie erzürnt »Das ist ein wenig kühn und voreilig meine Liebe Ich
meine die reiche Erbin wird sich doch wohl bedenken im ersten besten
Armeleutestübchen unterzukriechen«
    Tante Sophie lächelte humorvoll »Es ist nur gut für den Staat dass Sie
nicht Einschätzungskommissar sind Frau Amtsrätin So schlimm wie Sie denken
ists wirklich nicht  ich müsste ja nicht Lamprecht heißen Wohlgemerkt ich
sage das nur um die Beschuldigung der Kühnheit und Voreiligkeit von mir zu
weisen«
    Margarete trat auf die Tante zu und legte zärtlich den Arm um die geliebte
Gestalt »Die Grossmama irrt« sagte sie »Erstens bin ich nicht die reiche
Erbin für die man mich hält und dann würde ich recht herzlich gern mit dir
auch in ein Armeleutestübchen ziehen wenn ich nur bei dir bleiben dürfte Aber
vorläufig dürfen wir beide das Haus nicht verlassen ich habe eine Mission zu
erfüllen und du musst mir beistehen Tante«
    »Nun der Missionsweg soll dir von nun an verschlossen sein Grete  ich
werde die Türe nach dem Packhause zumauern lassen  sie hat ohnehin keinen
Zweck  und damit basta Ich will doch sehen ob ich mir nicht Ruhe verschaffen
kann« sagte Reinhold indem er frostgeschüttelt den Pelz fester über die Brust
zusammenzog und nach dem Ausgang schritt  die schwache Regung eines guten
Gefühls war bereits wieder unterdrückt »Übrigens ist es  gelinde gesagt  ein
klein wenig unverschämt von dir an deinem Erbteil zu mäkeln« setzte er sich
noch einmal zurückwendend hinzu »Du erhältst weit mehr als es der Tochter von
Rechts wegen zukommt Hätte der Papa  wie es seine Pflicht mir dem
Geschäftsnachfolger gegenüber gewesen wäre  beizeiten ein Testament gemacht
dann stünden die Sachen jetzt anders so aber muss ich Unsummen an dich
hinauszahlen«
    »Ja der Ansicht bin ich auch dass mir dieses große Erbe nicht zukommt  ich
werde teilen müssen« versetzte Margarete bedeutsam
    »Mit mir noch einmal« lachte Reinhold höhnisch auf »Das wirst du bleiben
lassen Du hast noch nicht einmal das Recht darüber zu verfügen Und ich will
auch deine Großmut gar nicht so wenig wie es mir einfällt auch nur einen
Pfennig oder das kleinste Rechtstüttelchen von dem Meinigen herauszugeben 
Jeder bleibe für sich das ist meine Maxime  Bei dieser Gelegenheit will ich
dir auch sagen Grossmama dass nirgends auch nur eine Spur von einem
Geschäftskontrakt zwischen dem Papa und dem Menschen da drüben«  er deutete
nach dem Packhause  »zu finden ist Jene Nachforderung mit welcher du so
geheimnisvoll tust ist mithin Schwindel und für mich abgetan  ich will nun
gar nichts Näheres wissen  Übrigens danke ich dir dass du auf meine Bitte
heruntergekommen bist du hast dich nun selbst überzeugen können wie perfide
und hinterrücks meine Schwester zu handeln gewohnt ist«
    Er ging hinaus und ließ die Türe schallend hinter sich zufallen
    Margarete war bis in die Lippen erblasst
    »Nimm dirs nicht zu Herzen Gretel« tröstete die Tante Sophie »Hasts ja
von klein auf nicht besser gewusst bist immer der Sündenbock und Prügeljunge
gewesen Und er ist dadurch ein herzloser Bursche ein grausamer Egoist geworden
«
    »So jung schon ein ganzer Mann wollen Sie sagen liebe Sophie ein Mann der
sich kein X für ein U vormachen und nicht mit sich spassen lässt« fiel die Frau
Amtsrätin ein »Margarete trägt selbst die Schuld wenn er ihr böse Dinge gesagt
hat Sie durfte nicht zu den Leuten gehen von denen sie wusste dass sie
unstattafte Ansprüche an die Erben erheben«
    »Jene Ansprüche sind gerecht« sprach das junge Mädchen fest
    »Was«  fuhr die Grossmama auf  »diese Elenden haben gegenüber der Tochter
als Dank für ihren Samaritergang über den verstorbenen Vater gesprochen Und du
glaubst die Fabel« Sie zog mit hastigen Händen an ihrer Kapotte »Hier ist
mirs zu kalt  du gehst jetzt mit mir hinauf Grete die Sache muss besprochen
werden«
    Margarete folgte ihr schweigend während Tante Sophie mit einem besorgten
Blick nach ihr die Treppe hinabging
 
                                       26
Oben im Salon kreischte und schimpfte der Papagei beim Eintreten des jungen
Mädchens sie hatte von Kindheit an das boshafte verhätschelte Tier nicht leiden
können und das wusste Papchen sehr gut
    »Sei artig mein Liebling mein Goldchen« schmeichelte die alte Dame Sie
reichte dem Schreier ein Biskuit und liebkoste ihn dann nahm sie langsam und
bedächtig die Kapotte von ihrem Spitzenhäubchen und den Umhang von den Schultern
und legte beides sorgfältig zusammen
    Margarete wurde bald rot bald blass vor innerer Unruhe und Aufregung sie
biss sich auf die Lippen aber kein Wort entschlüpfte ihr sie kannte ja diese
fingierte Gelassenheit  die Grossmama zeigte sich nie kälter und bedächtiger
als wenn sie innerlich erregt war
    »Nun ich glaubte du habest mir wunder was für weltumstürzende Mitteilungen
zu machen« sagte die alte Dame endlich über die Schultern nach ihr hin während
sie langsam den Kasten zuschob in welchen sie Kapotte und Umhang gelegt hatte
»statt dessen stehst du am Fenster und siehst über den Markt hin als zähltest
du die Eiszapfen an den Dachrinnen«
    »Ich erwarte dass du mich fragst Grossmama« erwiderte das junge Mädchen
ernst »Wäre ich doch so ruhig um mich so harmlos beschäftigen zu können wie
du meinst Aber an mir bebt jeder Nerv«
    Die Grossmama zuckte die Achseln »Das hast du dir selbst zuzuschreiben
Grete Dein Vorwitz ist bestraft  du hattest im Packhause nichts zu suchen
Ich war auch erschrocken als uns der Mensch mit seiner unerhörten Behauptung
plötzlich wie vom Himmel herunter ins Haus fiel aber in meinen Jahren geht der
Kopf mit dem Schrecken nicht mehr durch Ich erkannte sehr schnell den Schwindel
und habe dem gewiegten Juristen meinem Sohn der sich merkwürdigerweise
düpieren ließ vorausgesagt wie es kommen musste der Alte kann seine Behauptung
nicht aufrecht erhalten weil ihm all und jede Begründung fehlt Er hat sich auf
den Nachlass deines seligen Vaters berufen  aber was brauche ich dir das alles
zu sagen« unterbrach sie sich »Du weißt es ja aus dem Munde deines Protegés
selbst natürlicherweise unter der Beleuchtung die er der Sache zu geben
beliebt denn sonst würdest du vorhin nicht behauptet haben seine Ansprüche
seien gerecht«
    Margarete war lautlos über den Teppich hingeglitten und jetzt stand sie
ganz entfärbt vor innerer Erschütterung wie ein Geist vor der alten Dame »Dass
jene Ansprüche vollkommen gerecht und begründet sind weiß ich aus einem anderen
Munde Grossmama   aus dem meines Vaters« sagte sie mit bebender Stimme
    Die Frau Amtsrätin prallte zurück Im ersten Moment sprachlos vor
Bestürzung starrte sie die Enkelin mit weit offenen entsetzten Augen an »Bist
du von Sinnen« stieß sie endlich hervor »Du wirst mir doch nicht Dinge
weismachen wollen die kein vernünftiger Mensch glauben kann  Dein Vater Mein
Gott man muss ihn gekannt haben den strengverschlossenen Mann der sich mit
einem einzigen zurückweisenden Blick unnahbar zu machen wusste er sollte einem
unmündigen Ding wie dir ein solches Geheimnis mitgeteilt haben  Nein meine
liebe Grete so alt war er noch lange nicht um so kindisch geworden zu sein 
Du massest dir da eine Mitwissenschaft an über die ich lachen würde wenn ich
dabei nicht deine Verblendung beklagen müsste Wäre es denn wirklich so schön und
beglückend dieses Kuckucksei im Lamprechtschen Nest zu wissen  Ich bitte
dich stehe nicht gar so weise und überlegen vor mir  eine Haltung und Miene
die jeden Blutstropfen in mir zur Wallung bringt«  Sie trat im heftigsten
Unwillen um ein paar Schritte von dem jungen Mädchen weg knüpfte mit unsicher
tappenden Fingern die Haubenbänder fester unter dem Kinn und fuhr sich mit dem
Taschentuch über die Stirn
    »Wenn du deiner Sache so gewiss bist und sie so energisch vertrittst« hob
sie nach einem augenblicklichen Schweigen wieder an »dann kann ich auch
verlangen dass du mir Wort für Wort wiederholst was dein Vater gesagt haben
soll«
    »Nein Grossmama verzeihe aber das kann ich nicht« entgegnete Margarete
mit feuchten Augen »Mir ist sein Vertrauen ein Heiligtum das ich nie
profanieren werde Nur wo es gilt für ihn zu handeln da er es selbst nicht
mehr kann da werde ich rücksichtslos seinen letzten Willen zur Geltung zu
bringen suchen Gerade an seinem Todestage hat er den kleinen Bruder in alle ihm
zukommenden Rechte einsetzen wollen «
    Sie hielt inne die alte Dame hatte ein hässliches Hohngelächter
aufgeschlagen »Den kleinen Bruder« wiederholte sie zornbebend »Du hast
wirklich die Stirn eine solche Ungeheuerlichkeit deiner Großmutter gegenüber
gelassen auszusprechen  Aber den Wortlaut dessen was dir mitgeteilt worden
sein soll willst du aus purer heiliger Scheu und Pietät nicht wiederholen Ich
will dir sagen weshalb du so rücksichtsvoll bist  weil du nichts Positives
weißt Du hast läuten und nicht schlagen hören hast hier und da ein
vereinzeltes dunkles Wort deines Vaters aufgefangen und nun hältst du diese
Brocken neben die neue Wundergeschichte und da es zu klappen scheint fühlst du
dich berufen dein Licht leuchten zu lassen   Es ist ja auch gar schön
für die Verkannten und Verfolgten öffentlich in die Schranken zu treten Und was
kümmert es solch eine sensationsbedürftige Natur wenn dabei ein seit
Jahrhunderten respektierter Familienname in den Schmutz fällt«
    »Sensationsbedürftig« wiederholte das junge Mädchen mit finsterer Stirn
indem es stolz den Kopf zurückwarf »Ich bin gewiss dass dieser hässliche Zug
unserer Zeit meine Seele auch nicht einmal gestreift hat diese Beschuldigung
darf ich mithin getrost zurückweisen Und die Wiederverheiratung eines Mannes
mit einem unbescholtenen Mädchen von feiner Bildung sollte seinem Familiennamen
Unehre machen das soll ich glauben« Sie schüttelte den Kopf »Liebe Grossmama
sei nicht böse aber du bist ja auch eine zweite Frau und wie hochgeachtet
stehen meine Grosseltern da«
    »Unverschämt« brauste die alte Dame auf »Wie kannst du mich mit der ersten
besten hergelaufenen Person vergleichen Du  aber wofür ereifere ich mich
denn« unterbrach sie sich und reckte ihr zierliches Figürchen empor um die
verlorene würdevolle Haltung wiederherzustellen »Die ganze Geschichte dreht
sich ja doch nur um eine Beutelschneiderei eine Erpressung von s der
Eltern die verschollene Tochter kommt dabei kaum in Frage wir tun ihr damit
nur eine unverdiente Ehre an  wer weiß wo sie sich herumtreibt«
    »Sie ist tot Grossmama Schmähe sie nicht in der Erde« rief Margarete
empört »Du darfst es nicht eben um unserer Familienehre willen denn  du
magst dich selbst täuschen wie du willst  sie ist trotz alledem die zweite Frau
meines Vaters gewesen«
    »Wirklich Grete  Nun dann frage ich nur wo sind denn die Dokumente die
es beweisen  Gesetzt es verhielte sich alles genau so wie die Leute im
Packhause behaupten und du es in deiner unglaublichen Verblendung vertrittst 
gesetzt er sei in der Tat durch seinen jähen Tod verhindert worden die
geheime Ehe öffentlich anzuerkennen dann sage ich müsste sich doch irgend ein
darauf bezügliches Papier in seinem Nachlass gefunden haben Nichts von alledem
Nicht die kleinste eigenhändige Notiz geschweige denn gerichtlich beglaubigte
Atteste und Zeugnisse Aber ich will noch weiter gehen Ich will selbst
annehmen dass die Dokumente in der Tat selbst existiert haben«  sie machte
eine augenblickliche Pause  »so kämen wir dann notwendig zu dem Schluße dass
sie der Verstorbene selbst vernichtet hat weil er nicht gewillt gewesen ist
die Sache an das Licht der Oeffentlichkeit zu bringen Und das meine ich
sollte dir genügen die wahnsinnige Idee aufzugeben infolge deren du dich für
die Vollstreckerin seines vermeintlichen letzten Willens hältst«
    Margarete war zurückgewichen als sei sie auf eine Schlange getreten »Das
kann unmöglich dein Ernst sein Grossmama Was hat dir mein Vater getan dass du
ihm einen solchen Schurkenstreich zutraust Ach sein Zaudern seine Furcht
vor dem Urteil der Welt vor dem Standesvorurteil dem Moloch der das
Lebensglück Tausender verschlingt wie hart strafen sie sich in diesem
Augenblick Wie hat sich diese unselige Schwäche schon bei Lebzeiten gerächt
durch die Qual inneren Zwiespaltes  Und nun dieses Ende dieser grauenvolle
Abschluss der ihm selbst kein Auslöschen seiner Verschuldung auf Erden gestattet
hat Aber ich weiß was er gewollt hat  Gott sei Dank dass ich das weiß dass
ich eine solche Verdächtigung ein solches Brandmal von seinem Andenken abwehren
«
    »Und damit einen Skandal an die große Glocke schlagen kann gelt Grete«
ergänzte die Grossmama hohnvoll »O du Verblendete  Aber das ist dieser
verrückte heutige Idealismus der blind und taub gegen die Wände und Schranken
rennt und nicht fragt was dabei zusammenstürzt wenn nur der falsche Wahn die
überspannte schiefe und sentimentale Weltanschauung siegt  Magst du doch
die Mitteilungen deines Vaters verstanden haben wie du willst ich bleibe dabei
dass er selbst gewünscht hat den Schleier über einer dunklen Stelle seines
Lebens zu belassen Und er hat es wünschen müssen schon um unsertwillen  ich
will sagen der Familie Marschall wegen Wir hätten es wahrlich nicht um ihn
verdient wenn durch seine Schuld auch ein Schatten auf unseren schönen
makellosen Namen fiele wenn über uns gezischelt würde in der Stadt und bei
Hofe gerade jetzt wo wir diesem erlauchten Kreise so nahe treten sollen Ich
sage um jeden Preis muss es verhindert werden dass von dem Erpressungsversuch
des alten Lenz auch nur ein Laut in das Publikum dringt  die böse Welt glaubt
gar zu gern das Schlimmste und munkelt weiter auch wenn ihr sonnenklar bewiesen
wird dass sie sich irrt  und da hilft nur eines Geld  Um ein paar tausend
Taler werdet Ihr freilich ärmer werden aber mit dieser Abfindungssumme wird
sich der alte Schwindler aus dem Staube machen und dahin zurückkehren woher er
unseligerweise gekommen ist«
    »Und das Kind Der Knabe der dieselben Rechte hat wie Reinhold und ich was
soll aus ihm werden« rief Margarete mit flammenden Augen »Soll er hinausziehen
in die Welt ohne das Erbe das ihm von Gott und Rechts wegen zukommt ohne den
Namen auf den er getauft worden ist Und mir mutest du zu mit einer ungeheuren
Lüge auf dem Gewissen durchs Leben zu gehen Ich sollte je wieder einem
ehrlichen Menschen ins Auge sehen können wenn ich mir sagen müsste dass ein
großer Teil meines Erbes gestohlenes Gut sei dass ich einen Menschen um sein
kostbares Eigentum um den geachteten Namen seines Vaters betrogen habe Und das
forderst du von mir die Großmutter von der Enkelin«
    »Überspannte Närrin Ich sage dir das würden alle Vernünftigen alle die
auf Ehre und Reputation ihres Hauses halten von dir fordern«
    »Herbert nicht« rief das junge Mädchen mit leidenschaftlichem Protest
    »Herbert« rügte die Frau Amtsrätin scharf mit hochmütigem Befremden
»Trittst du wieder in die Kinderschuhe zurück Der Onkel willst du sagen«
    Ein jäher Farbenwechsel flutete über das Gesicht der Gemassregelten »Nun
denn  der Onkel« verbesserte sie sich hastig »Er wird nie zu jenen
gewissenlosen Vernünftigen gehören nie niemals Ich weiß es Er soll
entscheiden «
    »Gott bewahre Du unterstehst dich nicht mit ihm darüber zu sprechen bis
«
    »Bis wann Mama« fragte der Landrat plötzlich von seinem Zimmer her
    Die alte Dame schrak zusammen als sei ein jäher Donnerschlag ihr zu Häupten
hingerollt »Ah bist du schon so früh zurück Herbert« stotterte sie verlegen
sich umwendend »Du kommst ja wie hereingeschneit«
    »Keineswegs Ich stehe seit lange hier in der offenen Türe allein ich fand
keine Beachtung« Mit diesen Worten kam er herüber Er sah ernst ja finster
aus und doch war es dem jungen Mädchen als leuchte sein Blick blitzartig auf
indem er ihr Gesicht streifte
    »Ich würde mich sofort diskret zurückgezogen haben« wandte er sich an seine
Mutter »wenn die leidenschaftliche Verhandlung zwischen dir und Margarete nicht
auch mich anginge  du weißt ich habe es mir zur Aufgabe gemacht Licht in die
Angelegenheit zu bringen«
    »Auch jetzt noch nachdem du dich hast überzeugen müssen dass jeder
gesetzliche Anhaltspunkt fehlt« fragte die alte Dame zitternd vor Ärger Sie
zuckte die Schultern »Nun meinetwegen steckt Fackeln an um einen Schandfleck
zu beleuchten  mehr werdet ihr nicht erreichen Dich Herbert begreife ich
nicht Es liegt doch auf der Hand dass die Papiere  wenn sie je existiert
haben was ich durchaus bezweifle  aus guten Gründen verschwunden sind Sagst
du dir nicht selbst dass du dich mit diesem Aufbauschen des widerwärtigen
Handels an Balduin schwer versündigst«
    »Wie  eine Versündigung nennst du es wenn ich mich bemühe seine Schuld
gutzumachen« zürnte ihr Sohn »Übrigens kommt es für mich gar nicht mehr in
Frage ob eine Vertuschung von s des Verstorbenen stattgefunden oder nicht
ich vertrete hier das Recht des Lebenden der nicht bestohlen werden darf Ich
weiß bereits zu viel um es geschehen zu lassen dass das Dunkel über dem
widerwärtigen Handel wie du die schwebende Frage nennst verbleibt Oder
glaubst du ich würde mich je zum passiven Mitwisser einer verschwiegenen Schuld
qualifizieren Margarete sagt aus «
    »Komme mir nicht mit diesen Hirngespinsten« rief die Frau Amtsrätin in
erbitterter Abwehr beide Hände gegen ihn ausstreckend »Man weiß zur Genüge dass
es für solch einen müßigen Mädchenkopf nur eines sehr geringen Anhaltes bedarf
um daran ein ganzes Gewebe von Phantastereien zu knüpfen«
    Der Landrat wandte den Kopf seitwärts nach dem jungen Mädchen »Lasse es
dich nicht kränken Margarete« sagte er
    »Was für ein liebevoll tröstender Ton« spottete seine Mutter »Wirst du mit
einemmal ein zärtlicher Onkel du der für Fannys Aelteste nie auch nur eine
Spur von Sympatie gehabt hat  Immerhin Haltet zusammen gegen mich die
allein den Kopf oben behält Mich werdet ihr nicht überführen es sei denn dass
ichs schwarz auf weiß sehe«
    »Du wirst es schwarz auf weiß sehen Mama« sprach Herbert ruhig und
bestimmt »Die Kirchenbücher in London werden nicht auch verbrannt sein«
    »O mein Gott Damit willst auch du sagen Onkel dass mein Vater die in
seinen Händen befindlichen Papiere selbst vernichtet haben müsse« rief
Margarete in einer Art von stiller Verzweiflung »Das ist nicht wahr Er hat es
nicht getan Ich werde ihn verteidigen und gegen diesen schmachvollen Verdacht
ankämpfen solange ich Atem in der Brust habe  Ich habe die
unerschütterliche Überzeugung dass es keiner Reise nach London bedarf die
Papiere müssen sich hier finden wir müssen besser suchen«
    »In dieser Illusion kann ich dich leider nicht bestärken« entgegnete
Herbert »Der ganze schriftliche Nachlass alle Dokumente selbst die
Geschäftsbücher sind auf das Gewissenhafteste durchsucht worden auch nicht das
kleinste Briefblatt ist unseren Augen und Händen entgangen Ich habe die ganze
BelEtage durchforscht auch alle Fächer und Kasten der unbenutzten Möbel in den
Gesellschaftsräumen«
    In diesem Augenblick flog eine tiefe Glut bis über die Schläfen des jungen
Mädchens  es war als durchschüttere ein jäher Schrecken ihren Körper
    »In den Gesellschaftsräumen der BelEtage sagtest du« fragte sie wie mit
zurückgehaltenem Atem »Und die Zimmer im Seitenflügel«
    Der Landrat sah sie groß an »Wie hätte mir auch nur der Gedanke kommen
können dort zu suchen«
    »Im Spukzimmer der schönen Dore das seit Jahren kein Menschenfuss betreten
hat« setzte die Frau Amtsrätin mit Hohnlächeln hinzu »Da siehst du ja
Herbert wie logisch es in solch einem kunterbunten Mädchengehirn zugeht«
    »Ich habe den Papa kurz vor seinem Tode hineingehen sehen« sagte Margarete
scheinbar ruhig aber ihre Stimme wankte vor innerer Bewegung »Er hat sich
damals eingeschlossen«
    »So gehen wir unverzüglich« rief der Landrat überrascht
    Sie flog hinunter um die Schlüssel zu holen Nach wenigen Minuten kehrte
sie zurück und traf mit Herbert an der Türe des Flursaales zusammen aber er
war nicht allein seine Mutter in dicke warme Shawls und Tücher gewickelt
ging an seinem Arm Sie müsse doch auch dabei sein wenn der Schatz gehoben
werde sagte sie mit einem spöttischen Seitenblick auf die Enkelin
 
                                       27
Margarete eilte voraus und schloss die Türe des Zimmers auf  Zum erstenmal in
ihrem Leben trat sie auf diese Schwelle hatte sie das wundervolle Deckengemälde
zu Häupten Eine mit dem schwachen Hauch verdorrter Blumenreste gemischte
rötlich durchschimmerte Luft schlug ihr entgegen  die tiefstehende
Nachmittagssonne fiel durch die roten Klatschblumen der zermürbten aber in den
Farben ziemlich erhaltenen Brokatgardinen Über diese Schwelle sollte die
weiße Frau schlüpfen und manche der Gespensterseher hatten auch die
spinnwebige furienhafte Frau Judit hinzugedichtet über diese Schwelle waren
aber auch die Füßchen in den Hackenschuhen gehuscht aus dem Prunkgemach nach
dem Dachboden des Packhauses und hatten die Leute im Hause erschreckt und die
Sage von der wandelnden schönen Dore neu aufleben gemacht
    Die Frau Amtsrätin fuhr beim Eintreten mit dem Taschentuch durch die Luft
»Puh was für eine hässliche Atmosphäre Und diese Staubmassen« rief sie ganz
empört und zeigte über die Möbel hin  Da blinzelten allerdings Samt und
Seidenschimmer und der Glanz der Vergoldung die herrlichen Spiegelscheiben nur
schwach durch die weissgrauen Staubschleier   »Und da willst du uns
weismachen dein Vater habe hier in seinen letzten Lebenstagen verkehrt Grete
 Ich sage dir seit Jahren ist diese Türe nicht aufgemacht worden  Nun
ein Wunder ists freilich nicht wenn du in dem Gange draußen alle möglichen
Visionen gehabt hast  da ists ja zum Fürchten schrecklich«
    Margarete schwieg Sie sah den Landrat bedeutungsvoll an und zeigte auf eine
Fussspur die über das staubige Parkett hinweg direkt nach dem Schreibtisch am
Fenster lief
    Herbert zog die Fenstergardinen auseinander und der abgesperrte
Sonnenschein kam breit herein und ließ in seinem blassen Gold die köstlichen
Perlmutterund Metallarabesken an dem Schreibtisch matt aufleuchten Es war
ein herrliches Stück Möbel mit geschweifter Tischplatte und einem mächtigen
Aufsatz dessen Mitte eine Schranktüre zu beiden Seiten flankiert von einer
Unzahl kleiner Schiebekasten breit einnahm
    Die Frau Amtsrätin hatte ihren Kleidersaum aufgenommen und war sichtlich
betroffen auch der Fussspur nachgegangen Nun stand sie mit langem Halse hinter
Sohn und Enkelin und konnte eine nervöse Spannung nicht verbergen
    Der Schrankschlüssel drehte sich leicht und willig unter Herberts Hand und
die Türe sprang auf Der Landrat fuhr zurück und die alte Dame stieß einen
schwachen Schrei aus über Margaretens Gesicht aber flog verklärend ein Gemisch
von freudiger Überraschung und tiefer Wehmut »Da ist sie« rief sie wie erlöst
von Angst und Spannung
    Ja das war der herrliche Frauenkopf wie ihn einst die Aristolochiabogen
umrahmt hatten Das war der unvergleichliche lilienhafte Schimmer der Haut der
die Mädchenstirn so unschuldsvoll leuchten gemacht das waren die in tiefem Blau
funkelnden Augensterne über denen sich feine dunkle Brauen wölbten Nur die
blonden einst über Brust und Nacken hinabfallenden Mädchenzöpfe fehlten  das
Haar türmte sich wellig gelockt hoch über der Stirn und in der matten Goldflut
glitzerten die Rubinsterne der schönen Dore Ach deshalb sollten diese Steine
»nie wieder ein Frauenhaar schmücken solange er lebe« wie der Verstorbene an
jenem Gesellschaftsabend in so leidenschaftlicher Aufregung erklärt hatte  Ja
diese Frau mit den Karfunkelsteinen war ebenso geliebt und beweint worden wie
die erste die wandelnde weiße Frau des Lamprechtschen Hauses Der alte Justus
hatte sich nie wieder verheiratet und war ein finsterer verbitterter Mann bis
an sein Lebensende verblieben wie sein Nachkomme der vielbeneidete Balduin
Lamprecht auch Was für ein dämonischer Zug der Seelen mochte die schöne
Blanka wohl veranlasst haben sich genau so zu kostümieren wie ihre unglückliche
Vorgängerin die den gleichen verhängnisvollen Schritt wie sie getan und ihn
mit ihrem jungen Leben gebüßt hatte 
    Ein betäubender Duft entquoll dem Schranke rings um das Bild waren Rosen
aufgehäuft Rosenmumien die wie Weihopfer hier hatten welken müssen Vor dem
Bilde lag auch der letzte kleine Strauss den Margarete an jenem Nachmittag in
der Hand ihres Vaters gesehen  die schöne Blanka musste Rosen und Rosenduft sehr
geliebt haben
    »Nun das Bild beweist noch nichts« rief die Frau Amtsrätin mit
vibrierender Stimme in das plötzlich eingetretene Schweigen der Überraschung
der Erschütterung hinein »Es wird so sein wie ich dir sagte Herbert Bewiesen
ist in der Tat nur dass der Schwächling allerdings für eine Zeit in die Netze
der Kokette gefallen ist«
    Ohne zu antworten zog der Landrat an einem der kleinen Schiebekasten allein
derselbe gab nicht nach
    »Der Schrank wird ähnlich konstruiert sein wie Tante Sophiens Schreibtisch
in der Hofstube« sagte Margarete Sie griff in das Innere des Schrankes und zog
an einer schmalen vorspringenden Holzleiste mit diesem einen Ruck waren alle
Kasten zur Linken erschlossen
    In den unteren Fächern lagen viele moderne Schmuckstücke vermischt mit
bunten Bandschleifen jedenfalls lauter Reliquien für den verwaisten Mann dann
kam aber ein mit Papieren gefüllter Kasten an die Reihe Margarete hörte wie
plötzlich die Atemzüge der jetzt dicht hinter ihr stehenden Grossmama tief und
schwer gingen das alte feine Frauenprofil erschien über ihrer Schulter  es
war vollständig entfärbt und die Augen bohrten sich förmlich in den
Kasteninhalt
    Nur einige mit schwarzem Band umwickelte Briefpakete machten diesen Inhalt
aus obenauf aber lag ein einzelnes Kouvert mit der Aufschrift von der Hand des
Verstorbenen
    »Dokumente meine zweite Ehe betreffend« las der Landrat laut
    Die Frau Amtsrätin stieß einen Aufschrei der Entrüstung aus »Also doch«
rief sie die Hände zusammenschlagend
    »Grossmama sei barmherzig« bat Margarete innig flehend
    »Es bedarf keiner Barmherzigkeit Margarete« sprach der Landrat
stirnrunzelnd »Ich begreife nicht Mama wie es dir überhaupt möglich gewesen
ist die Nichtbestätigung zu wünschen Das sonnenklare Recht des Knaben wäre
auch ohne diese Papiere zur Geltung gekommen und die Welt hätte in der Kürze
erfahren müssen dass ein nachgeborener Sohn aus zweiter Ehe existiere Das
Auffinden dieser Dokumente hier hat mithin nur insofern Wert als es uns den
Nächststehenden beweist dass Balduin nicht beabsichtigt hat die Ehre seines
toten Weibes seines Kindes um des Anatemas der vornehmen Welt willen zu
schädigen«
    »Das habe ich gewusst« rief Margarete mit aufstrahlenden Augen »Nun bin ich
ruhig«
    »Ich aber nicht« zürnte die alte Dame »Mir vergällt dieser Skandal meine
letzten Lebensjahre Schande über ihn der uns eine so empörende Komödie hat
mitspielen lassen Ich habe bei Hofe sein Lob gesungen so viel ich konnte Sein
Ansehen bei den höchsten Herrschaften verdankte er mir mir allein Wie wird man
zischeln und spotten über die blödsichtige Marschall die ahnungslos den
Schwiegersohn des alten Lenz in die höchsten Kreise eingeführt hat  Ich bin
blamiert für alle Zeiten Ich bin unmöglich geworden bei Hofe  O hätte ich
mich doch nie herbeigelassen in das Krämerhaus zu ziehen Jetzt wird man mit
Fingern auf dieses Haus zeigen und wir die Marschalls wohnen drin und du
der erste Beamte der Stadt  ich bitte dich Herbert nur nicht diese gelassene
Miene« unterbrach sie sich mit großer Heftigkeit »Dieser Gleichmut kann dir
teuer zu stehen kommen Auch für dich wird die schmutzige Geschichte
möglicherweise Folgen haben die «
    »Ich werde sie zu tragen wissen Mama« fiel er mit unerschütterlicher Ruhe
ein »Balduin «
    »Still Wenn du noch einen Funken von Sohnesliebe in dir hast so nenne
diesen Namen nicht Ich will ihn nie wieder hören mit keinem Laut will ich je
wieder an ihn erinnert sein der uns belogen und betrogen hat der Meineidige «
    »Halt« rief Herbert indem er stützend seinen Arm um Margarete legte die
totenblass und zitternd sich an der Tischkante festhielt Die Adern schwollen ihm
auf der Stirn »Keinen Schritt weiter Mutter« protestierte er heftig zürnend
es klang aber auch ein tiefschmerzlicher Ton mit »Sagst du dich so
schonungslos so unglaublich selbstisch los von Balduin und mithin auch von
seiner Waise so stehe ich zu ihr Ich dulde es nicht dass noch ein einziges
böses Wort fällt unter welchem sie leiden muss die ohnehin noch schwer am
Trennungsschmerz trägt  Aber auch Balduin lasse ich nicht länger schmähen 
Wohl er ist schwach gewesen und mir ist sein unmännliches Schwanken unfasslich
allein es liegen Milderungsgründe für seine Handlungsweise vor Du selbst
beweisest in diesem Augenblicke am schlagendsten was für Stürme ihn umtobt
haben würden wenn er zur rechten Zeit männlich offen gesprochen hätte Er hat
sich betören lassen durch die Lockung der gesuchte Mann eines exklusiven
Kreises zu sein er hat sich Schritt um Schritt tiefer verstrickt in einem Netz
der unnatürlichsten Widersprüche und ich sage selbst dir und allen denen
gegenüber die so denken wie du Mama hat ein gewisser Mut dazu gehört
plötzlich als ein Mann aufzutreten der sich von all euren Vorurteilen
emanzipiert hat und dem natürlichen Zuge seines Herzens gefolgt ist Dieser
Fall in der eigenen Familie sollte dir doch die Augen öffnen und dir zeigen
wohin diese geschraubten Ansichten dieses Verleugnen der Natur des gesund und
richtig empfindenden Menschenherzens führen muss zu verschwiegenen entnervenden
Seelenqualen zu Lug und Trug und gar oft zum Verbrechen Ein Teil von
Balduins Schuld fällt auch auf die heutige Gesellschaft ihn trifft nicht allein
der Vorwurf eine Komödie aufgeführt zu haben«
    Die Frau Amtsrätin hatte sich immer weiter von Herbert entfernt während er
sprach es war als wolle sie die Kluft die sich plötzlich durch den Kontrast
der Ansichten zwischen Mutter und Sohn auftat auch räumlich erweitern Mit
fest zusammengepressten Lippen schritt sie zur Türe  dort wendete sie sich noch
einmal um
    »Auf alles was du mir eben gesagt hast habe ich selbstverständlich kein
Wort der Erwiderung« rief sie mit zornbebender Stimme in das Zimmer zurück
»Ich sollte meinen mit meinen Prinzipien sei ich bisher ganz leidlich durch die
Welt gekommen sie sind der beste Teil meines Ich sie sind mein Stolz mit
ihnen stehe und falle ich  Du aber sieh dich vor Dieses Liebäugeln mit dem
grundsatzlosen modernen Liberalismus verträgt sich nie und nimmer mit deiner
Stellung  doch was rede ich da Ich bin viel zu taktvoll um dir gute
Ratschläge geben zu wollen Draußen im Prinzenhofe und vor den Ohren unserer
allerhöchsten Herrschaften wirst du dich wohlweislich hüten solche Ansichten
laut werden zu lassen«
    »Mit den Damen im Prinzenhofe politisiere ich grundsätzlich nicht der
Herzog aber kennt meine Gesinnungen bis auf den Grund ich habe ihn darüber nie
im Zweifel gelassen« versetzte der Landrat sehr ruhig
    Sie sagte nichts mehr Mit einem leisen ungläubigen Auflachen überschritt
sie die Schwelle und drückte die Türe hinter sich zu
    Margarete hatte sich währenddem in die nächste Fensterecke zurückgezogen
sie war vorhin erschreckt dem stützenden Arm sofort entschlüpft »Du hast dich
mit ihr entzweit um unsertwillen« klagte sie jetzt mit schmerzhaft zuckenden
Lippen
    »Das darfst du dir nicht so zu Herzen nehmen« erwiderte er noch mit der
Aufregung kämpfend die ihn so heftig durchschüttert hatte »Sei du ganz ruhig«
setzte er sanft begütigend hinzu »Der Riss heilt wieder zu Meine Mutter wird
sich besinnen sie wird sich erinnern dass ich ihr immer ein guter Sohn gewesen
bin trotzdem ich mit meinen Lebensanschauungen auf eigenen Füßen stehe«
    Er prüfte die Dokumente und nahm sie an sich »Ich gehe jetzt ins Packhaus«
sagte er »Jede Verzögerung ist eine Sünde den alten Leuten gegenüber Das ist
ein Weg um welchen mich alle guten Menschen beneiden müssen Aber noch eins
Bist du dir auch völlig klar darüber wie es sein wird wenn ein Dritter neben
euch den verwöhnten beiden Einzigen in gleiche Rechte tritt Wenn der Knabe
aus dem Packhause plötzlich zu denen zählt die von den Wänden eures Hauses
niedersehen und auf welche du so stolz bist  Du hast heute die Aufklärung
aus allen Kräften erstrebt um einen entehrenden Verdacht von dem Andenken
deines Vaters zu nehmen «
    »Gewiss Aber ich habe auch zugleich für das Recht des kleinen Bruders
gekämpft Mir soll er tausendmal willkommen sein  ich werde ihn mit offenen
Armen empfangen Gibt er doch auch meinem Dasein einen neuen Wert Ich werde für
ihn denken und sorgen dürfen ich will ihn bewachen als ein Kleinod das mir
mein Vater anvertraut hat Und eine solche Aufgabe ist wohl des Lebens wert«
    »Bist du so arm an Hoffnungen für dein eigenes junges Leben Margarete«
    Ein finsterer Blick traf ihn »Dein Beileid brauche ich nicht 
bemitleidenswert arm ist man nur wenn man sich mit seinem Schicksal nicht
abzufinden weiß« versetzte sie schroff
    »Nun da behüte dich Gott dass dir nicht einmal dieses schöne tönerne
Piedestal unter den Füßen zusammenbricht«  Ein leises Lächeln stahl sich um
seine Lippen sie bemerkte es nicht weil sie über die Schulter weg in den Hof
hinaussah  »Aber ich will dich ja nicht kränken Gott soll mich bewahren Wir
sind heute so hübsch im gleichen Schritt und Tritt gegangen  wer weiß was uns
das Morgen bringt Drum gib mir eine Hand eine Freundeshand«
    Er hielt ihr die Rechte hin und sie legte die ihre hinein ohne Druck ohne
die geringste Bewegung auch nur der Fingerspitzen »Hu wie kalt wie
beleidigend kalt  Nun ein alter Onkel muss auch eine Unfreundlichkeit
hinnehmen können dafür hat er ja die Last der Jahre und die Weisheit voraus«
setzte er mit gutem Humor hinzu und entließ die Hand aus der seinen
    Er schob die Holzleiste an ihren alten Platz verschloss den Schrank und nahm
den Schlüssel an sich »Den Zimmerschlüssel werde ich mir in diesen Tagen noch
einmal ausbitten« sagte er »Ich bin gewiss dass der Schreibtisch noch manches
enthält was uns die Regulierung der ganzen Angelegenheit erleichtern wird
Und nun halte dich hier nicht länger auf Margarete Ich habe es empfinden
müssen dass du bis ins Herz hinein frierst«
    Gleich darauf hatte er das Zimmer verlassen Margarete aber ging noch nicht
Sie stand in der Fensterecke und blickte über den Hof hin Sie fror nicht die
Zimmerkälte kühlte ihr wohltätig die pochenden Schläfen
    Drunten am Brunnen stand Bärbe und ließ Wasser in ihren blanken Eimer
laufen Die abergläubische Alte ahnte noch nicht dass die Rolle ihrer Frau mit
den Karfunkelsteinen ausgespielt war für immer Ja nun war das Rätsel gelöst
das jahrelang verdunkelnd über dem Lamprechtshause geschwebt hatte
    Margarete sah hinüber nach den schneebeladenen Linden vor dem Weberhause
Dort hatte einst die »wilde Hummel« gesessen und die sogenannte »Vision« von der
schneeweißen Stirn zwischen den buntseidenen Fenstergardinen gehabt Und jetzt
stand sie selbst hier oben und wusste dass es die schöne Blanka gewesen war die
schleierverhüllt als weiße Frau gespukt hatte Welch ein Zauber war von dieser
Gestalt ausgegangen von diesem rosenduftenden Mädchen das selbst den gereiften
älteren Mann den stolzen Chef ihres Vaters zu ihren Füßen gezwungen  Neben
ihm hatte freilich der damalige hochaufgeschossene Primaner mit dem rotwangigen
Jünglingsgesicht gar nicht in Frage kommen können Jetzt allerdings war das
anders o so ganz anders Er war der Vielumworbene dem sich selbst die stolze
Schönheit die herzogliche Nichte zu eigen geben wollte  Margarete schrak
zusammen denn da kam er eben über den Hof her und schritt rasch nach dem
Packhause
    Er winkte grüßend herauf Bärbes Kopf fuhr herum der Eimer entglitt ihren
Händen und das verschüttete Wasser strömte über die schützende Holzdecke des
Brunnenbassins Die alte Köchin stand zur Salzsäule geworden unter dem
spukhaften Fenster aus welchem das junge Menschenkind aus Fleisch und Bein auf
sie herniedersah
    Margarete trat zurück und zog die Vorhänge zusammen Nun herrschte wieder
jenes Dämmerlicht das die Wände rötlich überhauchte und den spielenden
Amoretten an der Zimmerdecke ein geheimnisvolles Leben verlieh Diese
pausbäckigen Lockenköpfchen da oben hatten zu verschiedenen Zeiten auf zwei
schöne junge Frauen des Lamprechtshauses so schalkhaft herabgelugt wie sie auch
heute noch unter Blumengewinden und Schleierwolken hervor dem
druntenstehenden tiefbewegten Mädchen zublinzelten Die dunkelhaarige Frau
hatte ihren Liebestraum hier beschlossen die mit den goldigen Mädchenzöpfen ihn
aber begonnen Beide hatten früh sterben müssen Ein Jahr ein kurzes Jahr des
Glückes war ihnen vergönnt gewesen aber wog diese Spanne Zeit nicht ein ganzes
langes Leben voll Entsagung auf  Das junge Mädchen ballte die Hände und biss
die Zähne zusammen  waren sie schon wieder da diese qualvollen Gedanken und
Empfindungen mit denen sie rang auf Tod und Leben Sie hatte sich gerühmt ihr
bester Helfer sei der Kopf und dieses Wort durfte nicht zu Schanden werden sie
musste daran festhalten und wenn sie dabei zu Grunde gehen sollte Sie übernahm
jetzt neue ernste Pflichten  genügte nicht auch treue Pflichterfüllung um das
Leben liebenswert zu machen Musste es durchaus ein überschwengliches Glück sein
    Sie trat hinaus in den Gang und verschloss die Zimmertüre
    Und als bald darauf der Abend hereinbrach und es dunkel wurde in allen
Gängen und Winkeln des Hauses da hatten die Hausgeisterchen viel miteinander zu
flüstern Das alte Geschlecht der »Thüringer Fugger« stand nicht mehr allein auf
zwei Augen  ein kräftiger kraftstrotzender kleiner Nachkomme trat neben den
ärmlichen dahinwelkenden Spross den der alte Stamm zuletzt getrieben und die
Kauf und Handelsherren die noch im Konterfei in Reih und Glied an den Wänden
des dunklen Ganges lehnten konnten stolz sein denn der kleine Bursche war
wirklich und leibhaftig einer der Ihren wie sie ja auch im Leben samt und
sonders schöne intelligente Leute voll Kraft und Körperstärke gewesen waren
    Und im Packhause saß dieser hoffnungsvolle Erbe auf den alten Knieen seines
Großvaters neben dem Bett der genesenden Frau und aus den Augen der alten Leute
strahlte das Glück Nun waren Kummer und Seelenpein überwunden und ob auch
draußen am niederen Dach die Eiszapfen blinkten und ein dickes Schneepolster
gegen die Scheiben drückte hier innen ging ein belebender Frühlingsodem durch
die Räume Im Kachelofen knisterte das Feuer und der sanfte Lampenschein
breitete sich über jedes liebe Stück der altgewohnten Einrichtung und zum
erstenmal wieder überkam das traute Heimgefühl die alten Leute die ja bereits
mit einem Fuß in der weiten Welt gestanden und nicht gewusst hatten wohin sie
mit dem ausgestossenen Enkel ihre müden Schritte lenken sollten
    Im Vorderhause aber legten sich die Wogen die der ereignisvolle Tag
aufgestürmt hatte nicht so bald Die Frau Amtsrätin hatte sich in ihr Zimmer
eingeschlossen und ließ niemand vor Ihre Leute schüttelten verwundert die Köpfe
über das Gebaren der alten Dame die »so voll Gift und Galle und bis in den
Grund der Seele hinein geärgert« heraufgekommen war Sie hatte befohlen dass
das Abendbrot dem Herrn Landrat allein serviert werde und nachdem sie Papchen
einen widerwärtigen Schreier gescholten war sie in ihr Schlafzimmer gegangen
und hatte innen den Riegel vorgeschoben
    Und Bärbe hätte auch nie gedacht dass sie das erleben werde was ihr der
heutige Tag gebracht hatte die Erkenntnis dass sie ein ganz nichtsnutziges
Frauenzimmer und nicht wert sei dass die Sonne sie bescheine Sie war vor
einer Stunde ganz entsetzt vom Brunnen gekommen und hatte Tante Sophie
zugeraunt dass sie Fräulein Gretchen leibhaftig und mutterseelenallein am
Fenster der Spukstube gesehen habe Aber da war endlich ein schweres Gericht
über sie und ihren unseligen Aberglauben ergangen Es hatte von s der Tante
Sophie eine »Kopfwäsche« gegeben an die sie denken musste solange ihr ein Auge
im Kopfe stand O über die dumme blinde alte Person die Bärbe Sie hatte
ja das liebe Gretchen für die Frau mit den Karfunkelsteinen angesehen hatte mit
ihrem Geschrei das ganze Haus auf die Beine gebracht und den bösen Gestrengen
aus der Schreibstube auf die Schwester gehetzt  ach und da sollten böse böse
Reden gefallen sein  Nein sie war wirklich nicht wert dass der liebe
Herrgott seine Sonne über sie scheinen ließ und eher wollte sie sich die Zunge
abbeissen als dass ihr je wieder ein Wort über das Unwesen droben im Gange
entschlüpfte  Und so saß sie auf der Küchenbank und weinte herzbrechend in
ihre Schürze hinein
    Währenddem gingen Margarete und Tante Sophie in der Wohnstube auf und ab
Das junge Mädchen hatte den Arm um die Tante gelegt und ihr den gewaltigen
Umschwung im väterlichen Hause mitgeteilt Es war dunkel in der Stube die
brennende Lampe war sofort wieder hinausgeschickt worden  es brauchte niemand
zu sehen dass die Tante geweint hatte eine solche Weichmütigkeit gestattete sie
sich nur äußerst selten Aber war es nicht ein Jammer dass der Mann neun volle
Jahre mit seinen verschwiegenen Seelenqualen neben ihr gegangen war Und sie
hatte sich harmlos ihres Lebens gefreut und nicht geahnt dass sich rund um sie
her ein solches Drama abspiele  Und das Kind der liebe prächtige Junge er
hatte nicht das väterliche Haus betreten nicht an seines Vaters Tische essen
dürfen  das Herz hätte sich ja doch dem Balduin im Leibe umwenden müssen 
»Du lieber Gott was sich doch die Menschen alles antun um ein bisschen mehr
oder weniger höher oder niedriger willen« sagte sie zum Schluss und wischte
sich die letzte Tränenspur vom Gesicht »Unser Herrgott hat sie geschaffen
ohne Wehr und Waffen als ein friedliches Geschlecht aber da schärfen sie sich
die Zunge zum Messer und schmieden sich selber eiserne Panzer um die Herzen auf
dass nur ja niemals Friede sei auf Erden«
    An der Schreibstube ging der Sturm heute noch ungehört vorüber Der junge
»Gestrenge« saß hinter seinen Büchern und kalkulierte Er ließ sich nicht
träumen dass er falsch rechne dass mit nächstem ein Fingerchen an dieser
Schreibstube anpochen und der kleine Verhasste aus dem Packhause Einlass Sitz
und Stimme fordern werde  von Rechts wegen
 
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Die Frau Amtsrätin hatte am andern Tage noch nicht ausgetrotzt Sie war für
niemand sichtbar nur das Stubenmädchen durfte bei ihr aus und ein gehen und
als der Landrat mittags vom Amt zurückkam und um Zutritt bitten ließ da wurde
ihm der Bescheid dass die Nerven der alten Dame noch allzusehr erschüttert
seien sie bedürfe für einige Tage der ungestörtesten Ruhe Er zuckte die
Achseln und machte keinen weiteren Versuch in das selbstgewählte Exil seiner
Mutter einzudringen
    Nachmittags kam er herunter in die BelEtage Er hatte sein Pferd satteln
lassen und war im Begriff auszureiten
    Margarete war allein in dem für den Großpapa bestimmten Wohnzimmer und legte
eben die letzte Hand an die behagliche Einrichtung Am Spätnachmittag sollte sie
im Glaswagen nach Dambach fahren um am nächsten Morgen mit dem Patienten in die
Stadt zurückzukehren
    Sie hatte Herbert heute schon gesprochen Er war in aller Frühe im Packhause
gewesen und hatte ihr Morgengrüsse von dem kleinen Bruder und seinen Grosseltern
und die Beruhigung gebracht dass die gestrige heftige Nervenerschütterung der
Kranken nicht im geringsten geschadet habe sie gehe im Gegenteil ihrer völligen
Wiederherstellung mit raschen Schritten entgegen wie er vom Arzt wisse
    Nun kam er hier herein um auch noch einmal Rundschau zu halten Margarete
placierte eben ein schönes altes den Lamprechts gehöriges Schachbrett in der
Zimmerecke unter dem Pfeifenbrette Er übersah von der Türe aus den äußerst
gemütlichen Raum
    »Ah wie das anheimelt« rief er näherkommend »Da wird unser Patient seine
einsame Pavillonstube nicht vermissen Ich freue mich dass wir ihn endlich hier
haben werden Wir wollen ihn zusammen pflegen und für sein Behagen und
Wohlbefinden treulich sorgen  ist dirs recht Margarete Es soll ein schönes
inniges Zusammenleben werden«
    Sie hatte sich weggewendet und zog und ordnete an den verschobenen Falten
der nächsten Portiere »Ich weiß mir nichts Lieberes als mit dem Großpapa
zusammen zu sein« antwortete sie ohne sich umzusehen »Aber mein kleiner
Bruder hat jetzt auch Ansprüche an mich und ob der Großpapa sich an das Kind so
schnell gewöhnen wird um es neben mir in seiner Nähe zu dulden das steht doch
sehr in Frage Ich muss dann meine Zeit zwischen ihnen teilen«
    »Ganz recht« gab er zu »Und die Sache hat auch noch eine Seite die
beleuchtet sein will Nichts ist natürlicher als dass sich die Jugend zur Jugend
gesellt wir zwei alten Leute  mein guter Papa und ich  können mithin nicht
von dir verlangen dass du dich für uns allein aufopferst Aber  lasse mit dir
handeln  dann und wann ein Abendplauderstündchen willst du«
    Sie wandte sich mit einem schattenhaften Lächeln nach ihm um und er griff
nach seinem hohen Hut den er auf den Tisch gelegt hatte  sein nicht
zugeknöpfter Überzieher ließ einen tadellos eleganten Gesellschaftsanzug sehen
    Er bemerkte ihren befremdeten Blick »Ja es liegt heute noch vieles vor
mir« sagte er erklärend »Zunächst habe ich die Aufgabe meinem Vater
Mitteilung von dem Umschwunge der Verhältnisse in eurer Familie zu machen und
dann«  er zögerte einen Moment dann fügte er um so rascher hinzu »Du bist die
erste die es erfährt selbst meine Mutter weiß es noch nicht  dann gehe ich
nach dem Prinzenhofe zur Verlobung«
    Sie wurde schneeweiß über das ganze Gesicht und ihre Rechte hob sich
unwillkürlich nach dem Herzen »Dann darf ich dir ja wohl jetzt schon Glück
wünschen« stammelte sie tonlos
    »Noch nicht Margarete« wehrte er ab und auch in seinen Zügen malte sich
plötzlich eine tiefe innere Bewegung aber er unterdrückte sie rasch »Heute
abend wenn ich nach Dambach komme um von da nach der Stadt zurückzukehren
sollst du Gelegenheit haben den Onkel glücklich zu sehen«
    Er winkte mit der Hand nach ihr zurück und ging eiligen Schrittes hinaus
Bald darauf sah sie ihn über den Markt reiten
    Sie blieb bewegungslos am Fenster stehen Die krampfhaft verschränkten Hände
fest auf die Brust gedrückt starrte sie in das Stück Himmel hinein das sich
heute durch einen schmutzig grauen Wolkendunst getrübt über den weiten
Marktplatz spannte Wohl durchkreiste das Blut in wilder Wallung ihre Adern
und doch fühlte sie sich tödlich matt als sei sie mit einem Streich zu Boden
gestreckt worden Ja dahin war sie gekommen Vor wenigen Monaten noch war ihr
die Welt zu eng gewesen himmelstürmend in Übermut Jugendlust und
Freiheitsdrang hatte sie jede Fessel verlacht und heute dominierte in dem
armseligen bisschen Gehirn ein einziger Gedanke und ihre arme Seele wand sich
kläglich hilflos am Boden zum Gaudium all derer die gern am Boden kriechen
die stolze Seelen hassen und verfolgen Aber musste denn die Welt um die Wunden
wissen die ihr in Kopf und Herzen brannten Gingen nicht viele durchs Leben und
nahmen Geheimnisse mit ins Grab um die kein Mitlebender gewusst hatte  Und
dazu musste auch sie die Kraft finden Sie musste lernen ruhig in ein Paar Augen
zu blicken welche die größte Macht über sie hatten sie musste es über sich
gewinnen zuvorkommend mit einer schönen Frau zu verkehren die sie
verabscheute und in einem Heim aus und ein zu gehen in welchem diese Frau als
Herrin als ihre hochgeborene Tante schaltete und waltete
    Später kam sie in die Wohnstube herunter und rüstete sich zur Fahrt nach
Dambach Tante Sophie schalt dass sie den Kaffee stehen lasse und den Kuchen
nicht anrühre den die zerknirschte Bärbe heute morgen einzig und allein für sie
gebacken habe allein das junge Mädchen hörte kaum was sie sagte Sie knüpfte
schweigend die Hutbänder unter dem Kinn dann legte sie den Arm um Tante
Sophiens Hals  und da überkam sie eine plötzliche Schwäche nämlich der tiefe
sehnsüchtige Wunsch hier wie sonst in ihrer Kindheit in jeglicher Bedrängnis
Zuflucht zu suchen und in das Ohr der Tante alles zu flüstern was ihr Inneres
durchtobte  unter dem Zureden der treuen Pflegerin war sie ja stets ruhiger
geworden Aber nein das durfte nicht geschehen Die Tante durfte nicht den
Jammer erleben sie so unglücklich zu wissen
    Und so schloss sie die Lippen fest aufeinander und bestieg den Wagen
    Draußen jenseits der Stadt ließ sie das Glasfenster herunter Von Süden
her kam ein leichter Wind und wehte sie an mit jenem süßen Hauch der das starre
Eis zu rinnenden Tränen zwingt der die Schneelast von Baum und Strauch löst
und ein wundersames Regen in allem weckt was da lebt und webt auch im
Menschenherzen  es war Tauwetter im Anzuge Und weich wie die Luft lag auch
das erste Abenddämmern auf der Gegend die harten unvermittelten Töne der
winterlichen Tagesbeleuchtung erloschen zu einem einzigen milden Grau aus
welchem bereits da und dort das Lampenlicht vereinzelter Dorfhäuser auftauchte
Und dort zur Rechten flimmerte es als liege eine Perlenkette in schwach
goldigem Glanze zu Füßen der alten Nussbäume  die ganze Fensterreihe des
Prinzenhofes war beleuchtet die Verlobungskerzen brannten
    Sie drückte sich tief in die Wagenecke und erst als der Kutscher von der
Chaussee ab in den Fahrweg nach der Fabrik einlenkte und der Prinzenhof im
Rücken liegen blieb da sah sie auf scheu und ungewiss fast wie ein furchtsames
Kind das sich zu vergewissern sucht ob eine unheimliche Erscheinung auch in
der Tat verschwunden sei
    Der Großpapa empfing sie mit freudigem Zuruf und bei dem Laute der lieben
rauen Stimme raffte sie sich auf und suchte möglichst unbefangen seinen Gruß zu
erwidern Aber der alte Herr war heute auch ernster als sonst Zwischen seinen
Brauen lag ein Zug finsteren Grolles Er rauchte nicht seine Lieblingspfeife
lehnte kalt in der Ecke und nachdem die Enkelin Hut und Mantel abgelegt nahm
er seine Wanderung durchs Zimmer welche sie durch ihre Ankunft unterbrochen
hatte wieder auf
    »Ja gelt wer hätte das gedacht Maikäferchen« rief er plötzlich vor ihr
stehen bleibend »Ein Narr ein vertrauensseliger Schwachkopf ist dein alter
Großvater gewesen dass er die Augen nicht besser aufgemacht hat Nun kommt das
wie ein plötzlicher Hagelschauer aus blauem Himmel über einen her und man steht
da wie in den April geschickt und muss die Bescherung hinnehmen und Ja und Amen
dazu sagen als wenn mans gar nicht anders erwartet hätte«
    Sie schwieg und sah zu Boden
    »Arme Kleine wie verstört und elend du aussiehst« sagte er indem er die
Hand auf ihren Scheitel legte und ihr Gesicht der Lampe zuwendete »Nun ein
Wunder ists nicht Schwerenot noch einmal das ist mehr als genug um einen
alten Kerl wie mich außer Rand und Band zu bringen Und du verbeissest es und
trägst es still und tapfer  Herbert sagt wie ein Mann ein braver mutiger
Kamerad habest du neben ihm gekämpft«
    Sie wurde feuerrot und sah ihn an als schrecke sie aus einem Traume empor
Er sprach von den Enthüllungen in ihrer Familie während sie gemeint hatte sein
Groll gelte Herberts Verlobung Es stand schlimm um sie So ausschließlich
beherrschte sie der Gedanke an das was zu dieser Stunde drüben im Prinzenhofe
vorging dass alles andere daneben spurlos versunken war
    »Aber nun pass auf Kind« hob er wieder an »In der Kürze wird man uns in
unserem guten Krähwinkel auf das Allerschönste zerzausen Die Klatschbasen haben
vollauf zu tun und es soll mich nur wundern wenn sie nicht den Ausrufer auf
den Markt schicken und die pikante Geschichte so da geschehen im Hause
Lamprecht ausschellen lassen Na tut nichts Um das Gerede in der Stadt
hab ich mich mein Lebtag nicht gekümmert und die Sache an sich wird ja wohl
auch zu ertragen sein nur eines verwinde und verzeihe ich nicht  pfui Teufel
über die Feigheit die Grausamkeit mit der ein Vater sein Kind verleugnet und
«
    »Großpapa« unterbrach ihn Margarete flehentlich bittend und legte ihre Hand
auf seinen Mund
    »Nun nun« brummte er und schob die kleinen kalten Finger von seinem
Schnauzbarte »ich will still sein um deinetwillen Gretel Ich will dir auch
das Leben nicht sauer machen mit ungewünschten Ratschlägen und zudringlichen
guten Lehren denn du wirst selbst am besten wissen dass ihr viel gutzumachen
habt an dem kleinen Burschen der euch ins Haus gefallen ist und auch an dem
armen Kerl dem alten Lenz Möcht nur wissen wie ders fertig gebracht hat
nicht mit beiden Beinen hineinzuspringen in die Geschichte und von dem  na von
deinem Vater gleich zu Anfang das klare Recht für den Jungen zu fordern Na ja
ein Künstler eine stille Mondscheinnatur wie soll da der Ingrimm die Empörung
hineinkommen« 
    Die Frau Faktorin hatte einen schönen Abendtisch hergerichtet aber
Margarete konnte nicht essen Sie bediente den Großpapa und sprach lebhaft
dabei und nach Tische stopfte sie ihm eine Pfeife Dann packte sie seine Bücher
in eine Kiste und trug alles herbei was sich zur morgigen Fahrt nötig machte
Sie lief treppauf treppab und da blieb sie plötzlich an einem Fenster der
unbeleuchteten Oberstube stehen und presste beide Hände gegen die Brust in
welcher das Herz zu zerspringen drohte Fast greifbar nahe blitzten dort die
hohen lichtfunkelnden Fenster des Prinzenhofes durch das Nachtdunkel herüber
und bei diesem Anblick brach der letzte Rest von Selbstbeherrschung den sie mit
fast übermenschlicher Kraft dem Großpapa gegenüber behauptet hatte in ihr
zusammen
    Mit einem Jammerlaut aus tiefster Brust warf sie sich auf das nahestehende
Sofa und wühlte das Gesicht in die Polster Da zogen sie nun sieghaft an ihr
vorüber die Bilder denen sie hatte entrinnen wollen Sie sah frohe glückliche
Menschen in den blumendurchdufteten strahlenden Räumen des kleinen Schlosses
sah vor allem die Braut die blonde Schönheit die das Fürstenblut in ihren
Adern nicht geltend machte die ihren stolzen Namen aufgehen ließ in dem eines
bürgerlichen Beamten um ihrer Liebe willen Und er daneben  sie sprang auf und
floh aus dem Zimmer
    Drunten saß der Amtsrat in seiner Sofaecke hinter dem Tische Er war
offenbar ruhiger geworden denn er las die Zeitung und rauchte seine
frischgestopfte Pfeife
    Margarete griff nach ihrem Mantel »Ich muss einen Augenblick in die frische
Luft hinaus Großpapa« rief sie von der Türe her dem Lesenden zu
    »Geh du Kind« sagte er »Wir haben Südwind der löst die Spannung in der
Natur und ihren Kreaturen und macht vieles gut was der Mosje Isegrimm vom
Nordpol her verbrochen hat«
    Sie ging hinaus an dem Teich vorüber der hartgefroren unter seiner
Schneedecke kaum vom Wege zu unterscheiden war In den Fabrikräumen brannte
längst kein Licht mehr  es war still im Hofe und nur der grimme Kettenhund kam
aus seiner Hütte und schlug an als die junge Dame das Tor passierte
    Draußen über die Felder her sauste der Tauwind der in der hereingebrochenen
Nacht allmählich zum Sturm anwuchs er zerwühlte das unbedeckte Haar der
Dahinschreitenden aber ihr Gesicht badete er gleichsam in weichen feuchten
schmeichelnden Wogen
    Es war sehr dunkel auch nicht das kleinste Sternenlicht blinzelte der Erde
zu der Himmel hing voll schwerer tiefgehender Wolken die jedenfalls in dieser
Nacht noch als warmer Regen niederrieselten Dann war allerdings die Spannung
gelöst und es tropften wohltätige Tränen von Ast und Zweig und nahmen der
Mutter Erde den weißen Totenschleier vom Gesicht Ja wer sich ausweinen konnte
Aber so mit trockenen brennenden Augen in ein Leben voll unausgesprochener
Schmerzen hineinsehen zu müssen
    Wo hinaus sie wollte Immer dem Lichte nach dem verderblichen Lichte das
dem Nachtfalter die Flügel verbrennt und ihn tötet Und wenn ihr dort aus den
Fenstern lodernde Flammen entgegengeschlagen wären sie hätte den Fuß nicht
rückwärts zu wenden vermocht Weiter weiter selbst in den Tod hinein wenn es
sein musste
    Sie lief mehr als sie ging den festgetretenen Weg entlang der das Ackerland
durchschnitt Noch knirschte der Schnee unter ihren Füßen das war bisher der
einzige Laut gewesen der die Nachtstille unterbrochen aber nun nachdem auch
die Chaussee überschritten war und das weite Parterre des Prinzenhofgartens
sich vor ihr hinbreitete trug ihr der Wind rauschende Akkorde zu  im Schloss
wurde Klavier gespielt Da saß die Braut am Flügel  keine zarte heilige Cäcilie
mit durchgeistigtem Gesicht weit eher eine Rubensgestalt von üppiger Fülle und
blühendstem Inkarnat  das volle Blondhaar glitzerte im Lichte der Kronleuchter
und die schöngebogenen Finger glitten über die Tasten  aber nein unter ihren
Fingern erbrauste das Instrument nicht in so erschütternd beseelter Weise
Heloise von Taubeneck spielte stümperhaft und geistlos wie sie neulich zur
Genüge gezeigt hatte  Aber wer es auch sein mochte der da spielte er hatte
teil an der Feier die man heute beging  ein wahrer Sturm von Jubel und
Begeisterung brauste durch den Vortrag
    Vor der Nordfront des Schlösschens breitete sich ein mächtiger Lichtschein
hin Der weite im Sommer von buntfarbigen Blumengruppen unterbrochene
Rasengrund lag fleckenlos weiß ein einziges glitzerndes Schneefeld hinter dem
Rankrosenspalier das ihn von dem dicht an die Hausmauern stossenden Kiesplatz
schied Dieser Platz war ziemlich von Schnee gesäubert nur eine dünne
festgetretene Schicht lag auf den Kieseln
    Margarete war bis hierher gekommen ohne irgendwie durch Menschennähe
erschreckt zu werden Nun mäßigte sie ihren Laufschritt und ging unter den
Fenstern hin Was sie hier wollte Sie wusste es selbst kaum  eine
geheimnisvolle furchtbare Gewalt trieb sie wie der Sturm in den Lüften vor sich
her sie musste laufen und sehen und wusste doch dass gerade der Anblick der
Glücklichen ihr wie Dolchstiche das Herz zerfleischen musste
    In dem Salon wo der Flügel stand waren die weißen Rollvorhänge
herabgelassen kein Schatten einer menschlichen Gestalt bewegte sich hinter dem
transparenten Gewebe man lauschte wie es schien regungslos dem meisterlichen
Spiele Dagegen waren die drei Fenster des anstoßenden Zimmers in dessen Nähe
das junge Mädchen stehen geblieben war nicht verhüllt Das Licht des
Kronleuchters floss in grellem Glanze durch die Scheiben und auf die
Fürstenbilder die im Hintergrunde des Zimmers von der Wand herabsahn Das war
der Speisesaal hier hatte das Verlobungsdiner stattgefunden zwei Lakaien waren
beschäftigt die Tafel abzuräumen sie hielten die angebrochenen Flaschen gegen
das Licht und tranken die Reste aus den Weingläsern
    Die Schlussakkorde des Musikstückes waren längst verhallt und noch stand
Margarete neben einer der niederen Kugelakazien welche da und dort das
Rankrosenspalier unterbrachen Der Wind warf ihr das Haar von Stirn und Schläfen
zurück und stäubte die gelockerten Schneereste von dem dürren Gezweig des
Bäumchens über sie her Sie fühlte es nicht Ihr Herz hämmerte in der Brust
mühsam rang sie nach Atem während ihre heißen Augen unablässig über alle
unverhüllten Fenster irrten  einmal mussten sich die Glücklichen doch zeigen O
der Törin die in Wind und Wetter harrte und aushielt um einen tödlichen
Streich zu empfangen  Da wurde plötzlich eine Türe ziemlich am Ende der
Hausfront geöffnet Aus einem schwach beleuchteten Entree trat ein Mann und
stieg die niedere Freitreppe herab während die Türe hinter ihm wieder
geschlossen wurde
    Einen Augenblick stand die Lauscherin wie gelähmt vor Schrecken Das
Rosenspalier hinderte sie über den Rasengrund in die Dunkelheit des freien
Feldes hinaus zu flüchten und vor ihr lag der lange fast tageshell beleuchtete
Kiesplatz Aber da gab es kein Besinnen gesehen wurde sie und nur ihre flinken
Füße konnten sie vor einer unausbleiblichen Demütigung retten So floh sie wie
gejagt den Kiesplatz entlang und über die Auffahrt vor dem westlichen Portal des
Schlösschens hinaus ins Freie
    Hier packte sie der Wind er trieb sie vor sich her wie eine Schneeflocke
und erleichterte ihr die Flucht allein weder er noch ihr eigenes Dahinfliegen
konnten ihr helfen  die Männerschritte die sie verfolgten kamen näher und
näher Der Weg war glatt und schlüpfrig geworden sie glitt plötzlich aus und
sank auf ein Knie nieder  in diesem Moment eines namenlosen Entsetzens umfasste
sie ein kräftiger Arm und hob sie empor
    »Spottdrossel hab ich dich« rief Herbert und schlang auch den anderen Arm
um das atemlose an allen Gliedern bebende Mädchen »Nun sieh wie du wieder
frei wirst Mit meinem Willen niemals Der Spottvogel der mir unbesonnen ins
Garn geflogen ist gehört mir von Gott und Rechts wegen Bist dus wirklich
Margarete  Ah sie ist gekommen in Sturm und Regen« recitierte er und
verhaltener Jubel durchbebte seine Stimme
    Sie strebte vergebens sich loszuwinden er umschloss sie desto fester »O
Gott ich wollte «
    »Ich weiß was du wolltest« unterbrach er die fast weinend hervorgestossenen
Worte »Du wolltest die erste sein die dem Onkel gratulierte Deshalb bist du
durch Sturm und Wetter über weite öde Felder gelaufen hast vor lauter Eifer
vergessen eine warme Hülle über deinen Tollkopf zu werfen und bei alledem hast
du dich rettungslos verflogen und wirst obendrein deine Glückwünsche nicht los
werden es sei denn dass wir umkehrten und dem Prinzen Albert von X und seiner
Braut unsere Aufwartung machten Aber du wirst einsehen dass dein windzerzauster
Lockenkopf in diesem Augenblick nicht gerade salonfähig ist«
    Jetzt hatte sie sich losgerissen »Dein Glück macht dich übermütig« stieß
sie in schmerzlichem Zorn hervor »Das ist ein grausamer Scherz«
    »Ruhig Margarete« mahnte er mit sanftem Ernst indem er sie wieder an sich
zog und ihre widerstrebende Hand fest in seine Linke nahm »Ich scherze nicht
Fräulein von Taubeneck ist nach längerem Hoffen und Harren endlich mit hoher
landesherrlicher Bewilligung die Braut des Prinzen von X geworden und jetzt
darf es ja ausgesprochen werden dass ich in dieser Angelegenheit der Vermittler
gewesen bin Die rote Kamelie mit welcher ich neulich dekoriert wurde war ein
Dankesausdruck für meine sieggekrönten Bemühungen Darin also hast du schwer
geirrt Dagegen muss ich dir nach einer anderen Seite hin recht geben Ich bin
wirklich übermütig Ich triumphiere Ist mir nicht mein Glück von selbst in die
Arme gelaufen Ja bist du nicht gekommen in Sturm und Regen getrieben von
böser Eifersucht die ich längst in deinem Herzen gelesen habe Denn du bist und
bleibst die Grete deren gerades offenes Wesen keine Weltpolitur hat schädigen
können Nun leugne noch wenn du kannst dass du mich liebst «
    »Ich leugne nicht Herbert«
    »Gott sei Dank er ist begraben der alte Onkel Und du bist fortan nicht
meine Nichte sondern «
    »Deine Grete « sagte sie mit schwacher Stimme von dem jähen Wechsel
zwischen Glück und Leid völlig überwältigt
    »Meine Grete meine Braut« ergänzte er mit siegerhaftem Nachdruck »Nun
wirst du auch wissen weshalb ich es abgelehnt habe dein Vormund zu werden«
    Er hatte sich längst so gestellt dass er sie mit seiner hohen Gestalt vor
dem brausenden Winde schützte nun bog er sich nieder und küsste sie innig dann
nahm er den Seidenshawl von seinem Halse und band ihn sorglich über ihr
unbedecktes Haar
    Nunmehr schritten sie in raschem Tempo der Fabrik zu und dabei erzählte er
der Aufhorchenden dass er von der Universitätszeit her mit dem jungen Fürsten
von X befreundet sei Derselbe habe ihn gern und gebe viel auf sein Urteil Vor
einem halben Jahre nun habe der jüngere Bruder des Fürsten die schöne Heloise am
Hofe ihres Onkels kennen gelernt und eine tiefe Neigung für sie gefasst Diese
Neigung sei auch von ihrer Seite erwidert worden und ihr Onkel der Herzog
habe dieselbe begünstigt Dagegen sei der fürstliche Bruder ein entschiedener
Gegner der Verbindung gewesen auf Grund der illegitimen Geburt der jungen Dame
Der Herzog habe schließlich ihn Herbert in das Geheimnis gezogen und die
Vermittlung in seine Hand gelegt und dass dieselbe zum glücklichen Ziele
geführt beweise die heutige Feier im Prinzenhofe
    »Hast du das wundervolle Klavierspiel gehört« fragte er zum Schluss
    Sie bejahte
    »Nun das war er der Bräutigam der sein Glück in alle Lüfte
hinausjubelte Morgen wird unsere gute Stadt auf dem Kopfe stehen vor
Erstaunen über das Ereignis An beiden Höfen ist das strengste Stillschweigen
beobachtet worden und dass ich das Geheimnis ebenso streng behütet habe
versteht sich von selbst Nur mein guter Papa hat darum gewusst Ich hätte es
nicht ertragen wenn er auch nur stutzig geworden wäre gegenüber dem allgemein
kolportierten albernen Märchen von meiner Bewerbung um Fräulein von Taubenecks
Hand  Aber mit dir habe ich nun noch eine Rechnung abzumachen Du hast mich
für einen Erzbösewicht verschrieen hast mir die schnödesten Bitterkeiten gesagt
über mein Buhlen um Fürstengunst einer jener gewissenlosen Streber sollte ich
sein die über das Lebensglück anderer hinweg die höchste Spitze des
Kletterbaumes zu erreichen suchen gleichviel ob sie für eine hohe
verantwortliche Stellung befähigt sind oder nicht und was dergleichen schöne
Dinge mehr sind  was hast du darauf zu sagen«
    »O sehr viel« antwortete sie und wenn es nicht tiefdunkle Nacht gewesen
wäre so hätte er sehen müssen wie das liebliche schalkhafte Lächeln das ihn
beim ersten Wiedersehen an der »übermütigen Grete« überrascht und entzückt
hatte ihr Gesicht belebte »Wer hat mich geflissentlich in dem Glauben
bestärkt dass der Landrat Marschall um die Nichte des Herzogs freie Du selbst
Wer hat das schlimme Feuer der Eifersucht in einem armen Mädchenherzen entfacht
und böswillig zur hellen Flamme angeblasen Du nur du Und wenn ich anfänglich
nicht glauben konnte dass du Liebe wahre tiefe Liebe für die schöne aber
erschrecklich indifferente Heloise fühltest so geschah das aus Respekt vor
deiner geistigen Überlegenheit und ich musste wie die böse Welt auch zu dem
Schluss kommen dass die weißen Hände der herzoglichen Nichte erkoren seien dich
auf die höchste Staffel des Kletterbaumes den Ministerposten zu heben
Abbitten werde ich nicht mehr  wir sind quitt Du hast selbst glänzend Revanche
genommen Denke nur an das arme Mädchen das du der Nacht und Nebel zu einem
Gang nach Kanossa getrieben hast«
    Er lachte leise in sich hinein »Das konnte ich dir nicht ersparen  ich
habe ja selbst dabei gelitten Aber es war doch schön zu beobachten wie du mir
Schritt um Schritt näher kamst Nun aber genug des Kampfes Friede seliger
Friede sei zwischen uns« Er schlang seinen Arm um ihre Schultern und nun ging
es in wahrem Sturmschritt fürbass
 
                                       29
Am anderen Morgen war es als sei die gute Stadt B durch plötzlichen
kriegerischen Trommelwirbel aus dem gewohnten Geleise des Werkeltages
aufgeschreckt worden Das Gerücht von der Verlobung im Prinzenhofe lief von Mund
zu Mund und dass keine Menschenseele auch nur »eine blasse Ahnung« davon gehabt
hatte ja dass selbst die Damenkränzchen mit ihrem unbestrittenen Monopol für
Spürsinn und Kombinationen so stockblind gewesen waren das machte allerdings
die Leute nahezu auf dem Kopfe stehen
    Durch das Stubenmädchen kam auch die alarmierende Nachricht brühwarm in das
Schlafzimmer der Frau Amtsrätin »Unsinn« rief die alte Dame verächtlich fuhr
aber doch mit beiden Füßen aus dem Bette und stand nach wenigen Minuten im
Schlafrock und Nachtäubchen vor ihrem Sohne
    »Was ist das für ein fabelhaft dummes Gerede über Heloise und den Prinzen
von X das die Bäckerjungen und Metzgerfrauen von Haus zu Haus tragen« fragte
sie das Türschloss in der Hand
    Er sprang auf von seinem Schreibstuhl und bot ihr die Hand um sie tiefer
ins Zimmer zu führen aber sie wies ihn zurück »Lasse das« sagte sie hart
»Ich habe nicht die Absicht hier zu bleiben Ich will nur wissen wie es
möglich ist dass ein solch grundloses Gerücht entstehen konnte«
    Er zögerte einen Moment Sie tat ihm leid dass sie diesen bitteren Kelch
leeren musste wenn sie auch selbst die Schuld trug aber nun sagte er ruhig
»Liebe Mama die Leute reden die Wahrheit Fräulein von Taubeneck hat sich
allerdings gestern mit dem Prinzen von X verlobt«
    Das Türschloss entglitt ihrer Hand  sie fiel fast um »Wahr« stammelte sie
und griff nach ihrer Stirn als zweifle sie an ihrem eigenen Verstande
»Wirklich wahr« wiederholte sie und sah ihren Sohn mit funkelnden Augen an
dann brach sie in ein hysterisches Gelächter aus und schlug die Hände zusammen
»Da hast du dich ja schön an der Nase herumführen lassen«
    Er blieb vollkommen gelassen »Ich bin nicht geführt worden wohl aber habe
ich das Brautpaar zusammengeführt« entgegnete er ohne die mindeste Gereiztheit
und knüpfte daran mit wenig Worten die Mitteilung des Sachverhaltes
    Sie hatte ihm während er sprach immer mehr den Rücken gewendet und nagte
erbittert an der Unterlippe »Und das alles erfahre ich jetzt erst« fragte sie
nachdem er geendet mit zuckenden Lippen über die Schulter zurück
    »Kannst du von deinem Sohne wünschen dass er ein ihm anvertrautes Geheimnis
vor Damenohren laut werden lässt Ich habe nach Möglichkeit gegen deinen Irrtum
angekämpft ich habe dir oft genug erklärt dass mir Fräulein von Taubeneck
vollkommen gleichgültig sei dass es mir nicht einfiele mich je ohne Liebe zu
binden Du hast für alle diese Versicherungen stets nur ein geheimnisvolles
Lächeln und Achselzucken gehabt «
    »Weil ich sah wie dich Heloise mit ihren Blicken verfolgte und «
    Er errötete wie ein Mädchen »Und ist das nicht einseitig gewesen Kannst du
dasselbe von mir behaupten Fräulein von Taubeneck ist sich ihrer Schönheit
bewusst und kokettiert mit allen Solche Blicke sind wohlfeil  mir machen sie
nicht den geringsten Eindruck Du aber solltest doch wissen dass das ein
leichter amüsanter Tauschhandel ist den die meisten für erlaubt und durchaus
nicht für verpflichtend halten Fräulein von Taubeneck wird trotz alledem eine
brave Frau werden  dafür bürgt schon ihre große Gemütsruhe«
    Die Türe fiel wieder zu und die alte Dame verschwand mit blassem
verstörtem Gesicht abermals in ihrem Schlafzimmer Aber eine Stunde später eilte
das Stubenmädchen zur Schneiderin und in die Putzhandlung und der Hausknecht
rumorte auf dem Boden und schleppte verschiedene Koffer und Köfferchen die
Treppe hinab  die Frau Amtsrätin wollte nach Berlin zu ihrer Schwester reisen
    Und als gegen Mittag der Amtsrat seinen Einzug hielt und am Arme seines
Sohnes die Treppe im Lamprechtshause hinaufstieg da kam just seine Frau im
Pelzmantel und Schleierhut von oben herab um in der Stadt Abschiedsbesuche zu
machen Sie sprach überall von ihrem längstgehegten sehnsüchtigen Wunsche doch
auch wieder einmal eine gute Oper und Konzerte zu hören der sie nunmehr
unwiderstehlich nach Berlin locke Das Ereignis im Prinzenhofe wurde nur
nebenbei berührt und lächelnd als etwas längst Gewusstes behandelt über das
sich selbstverständlich jedes loyale Herz innig freuen müsse der Allerintimsten
aber flüsterte sie ins Ohr dass sie den anfänglichen Widerstand des Fürsten von
X sehr wohl begreife  es sei nicht jedermanns Sache die Tochter einer
ehemaligen Ballerina in seine Familie aufzunehmen
    Mit ihrer Abreise wurde es für einige Tage still und friedlich im alten
Kaufmannshause aber dann kam noch ein Sturm der allen Bewohnern das Herz
erbeben machte Reinhold musste endlich die Umwandlung der Familienverhältnisse
erfahren Der alte Amtsrat und Herbert waren möglichst vorsichtig zu Werke
gegangen allein die Enthüllungen hatten trotz alledem die Wirkung einer
zerspringenden Bombe gehabt Reinhold geriet in eine furchtbare Aufregung Er
schrie und tobte und erging sich in den heftigsten Anklagen gegen seinen
verstorbenen Vater Sein leidenschaftlicher Protest half ihm freilich nichts er
musste sich schließlich fügen Aber von da an zog er sich noch mehr als früher
zurück von der Familie  er aß sogar allein auf seinem Zimmer aus Furcht dass
er dem kleinen Bruder einmal in der Wohnstube begegnen könne denn mit »dem
Burschen« wolle er nie und nimmer etwas zu schaffen haben und wenn er hundert
Jahre alt werden solle wiederholte er immer wieder
    Für diesen Ausspruch hatte der alte Hausarzt immer nur ein melancholisches
Lächeln  er wusste am besten wie es um die Altersaussichten seines Patienten
stand Er forderte deshalb möglichste Nachgiebigkeit und Schonung von s der
Verwandten für den Kranken und das geschah bereitwilligst Der kleine Max
kreuzte seinen Weg nie Die Türe nach dem Packhause war nicht zugemauert
worden auf diesem Wege wurde der lebhafte Verkehr zwischen dem Vorder und
Hinterhause vermittelt Der Amtsrat hatte den prächtigen Knaben an sein Herz
genommen als sei er auch ein Kind seiner verstorbenen Tochter und Herbert war
sein Vormund geworden
    In Stadt und Land machte wie vorausgesehen das geoffenbarte Geheimnis des
Lamprechtshauses großes Aufsehen es blieb lange Tagesgespräch und in den
Klubs den Damenkränzchen und auf den Bierbänken wurde für und wider debattiert
 die Lamprechts wurden in der Tat »auf das Allerschönste zerzaust« Dieser
Widerstreit blieb jedoch ohne jedwede Einwirkung auf das jetzige friedvolle
Zusammenleben in Grosspapas Zimmer dem roten Salon Man kam da täglich zusammen
ein enger Kreis von Menschen die innige Liebe und Zuneigung verband Und auf
dieses Bild der Eintracht zwischen alt und jung sah »die Frau mit den
Karfunkelsteinen« lächelnd und augenstrahlend herab
    »Die Schönheit der Frau da oben ist so dämonisch und packend dass man sich
vor ihr fürchten könnte« sagte Frau Lenz eines Abends erblassend zu Tante
Sophie die neben ihr auf dem Sopha saß und Margaretens Namenschiffre in eine
Ausstattungsserviette stickte Eine Lampe stand auf der Kommode unter dem Bilde
und aus dem Lichtstrom tauchte das junge Weib so lebenatmend empor als werde es
im nächsten Augenblick die Lippen öffnen um auch ein Wort in die Unterhaltung
zu werfen
    »Dieser verderbliche Zauber muss sich meiner armen Blanka förmlich an die
Fersen geheftet haben als sie von hier wieder in die Welt hinausgegangen ist«
setzte die alte Frau mit gepresster Stimme hinzu »Sie hat sich am liebsten mit
den Steinen geschmückt die dort in den dunklen Haaren stecken und in ihren
letzten Fieberträumen hat sie mit der schönen Dore gerungen die  sie mitnehmen
wolle«
    Der Landrat stand auf und rückte die Lampe fort so dass die Gestalt wieder
ins Halbdunkel zurücktrat »Ich habe die Rubinsterne heute in den Händen gehabt
und sie weggeschlossen In dein Haar werden sie nie kommen« sagte er zu
Margarete
    Sie lächelte »Denkst du wie Bärbe«
    »Das nicht  aber an den Neid der Götter muss ich denken Und so mag das
unheimliche rote Gefunkel für künftig in Frieden ruhen«
    Bärbe aber sagte fast zu derselben Stunde drunten in der Küche zu den
anderen »Der Weg den unser Junge jetzt alle Tage durch den Gang machen muss
will mir aber nicht gefallen Die mit den Karfunkelsteinen hat ihr Kindchen mit
in die Erde nehmen müssen und da ist nun so ein schöner strammer Stammhalter
dageblieben und das macht boshaftig«
    »Jetzt müssen Sie sich aber die Zunge abbeissen Bärbe« sagte der
Hausknecht »Sie haben ja von dem Unwesen in Ihrem ganzen Leben nicht wieder
sprechen wollen«
    »Ach was einmal ist keinmal Am besten wärs der Gang würde vermauert
denn wer kanns wissen ob nicht jetzt gar auch noch der schöne Flachskopf neben
der Schwarzhaarigen umgehen tut« 
    Der Glaube an dunkle Mächte wird nicht sterben solange das schwache
Menschenherz liebt hofft und fürchtet