1881_Ebner_kleinerRoman.html




        
                           Marie von EbnerEschenbach
                               Ein kleiner Roman
                                        1
Es ist schon ziemlich lange her seit ich die Entdeckung gemacht habe dass ich
anfange ungesellig zu werden Ein gewisser Schrecken bemächtigt sich meiner
sooft mir ein Billett ins Zimmer gebracht wird das danach aussieht als ob es
eine Einladung oder eine Ansage entielte Kein Tag vergeht mir so rasch
hinterlässt mir eine so angenehme Erinnerung wie einer an dem ich weder einen
Besuch zu machen noch zu empfangen brauche Kein Abend scheint mir besser
angewendet als der den ich in meiner Kaminecke verträume allein mit meinen
Gedanken und mit meiner Strickerei
    Indessen es gibt eine Ausnahme Es gibt eine Frau Hofrätin die mich noch
niemals zu sich beschieden hat ohne dass ich ihrem Rufe mit Freude und
Eilfertigkeit Folge geleistet hätte
    Die Hofrätin ist eine liebenswürdige schöne ja bildschöne mehr als
siebzigjährige Frau Edlere Züge lassen sich nicht denken als die ihres zarten
blassen mit unzähligen Fältchen bedeckten Gesichtes Die großen hellbraunen
Augen haben ihr Feuer längst verloren aber es spiegelt sich in ihnen der
Widerschein eines inneren Lichtes einer Seele voll Güte Geist und Adel Die
Lippen sind farblos und schmal geworden doch umgibt sie im Schweigen wie im
Sprechen ein Ausdruck den man geradezu hold nennen muss
    Ihre Gestalt ist hager und etwas über mittelgross Wenn ich meiner alten
Freundin auf der Straße begegne bewundere ich jedesmal die Leichtigkeit ihres
Ganges ihre gerade Haltung ihre eigentümliche Art den Kopf zu tragen so hoch
und frei so ungebeugt von des Lebens Mühen
    Ich liebe sie das heißt wir lieben uns denn sie ist nachsichtig und ich
bin dankbar Sie tadelt zwar meinen Hang zur Ein oder höchstens Zweisiedelei
aber sie verzeiht ja sie unterstützt ihn noch »Ich lasse es Ihnen wieder
sagen wenn ich nicht zu Hause bin« beschwichtigt sie regelmäßig meine Klagen
über die allzu rasche Flucht eines mit ihr zugebrachten Abends
    Leider jedoch ist sie meistens zu Hause für einen großen Bekanntenkreis der
sich in zwei roten Salons auf gleissenden Atlasmöbeln und unter Kronleuchtern für
je achtundvierzig Kerzen um die gastfreie Greisin versammelt Schöne mir aber
unheimliche Ungeheuer diese beiden Säle Es heißt zwar dass man sich in ihnen
sehr gut unterhält dass gefeierte Menschen darin umherwandeln Tee trinken und
sich dabei so natürlich benehmen dass man sie von gewöhnlichen Sterblichen kaum
unterscheiden kann Trotzdem fühle ich keine Sehnsucht nach ihrem Anblick Ein
gutgearteter alter Vogel begleitet gewiss alles was noch fliegen kann mit
seinen innigsten Segenswünschen wenn er aber dabei den Kopf unter dem
erlahmenden Flügel versteckt braucht ihm das niemand übelzunehmen
    Was mich betrifft ich danke für die roten Salons und bin es zufrieden im
grauen Schlafgemach meiner Hofrätin empfangen zu werden
    Das ist mir ein liebes Zimmer Geräumig einfach und nett An den vier
Wänden stehen einander ehrlich und gerade gegenüber ein Pfeilerkasten und ein
Etablissement ein schmales Bett und ein breiter Schrank In dem Pfeilerkasten
residieren sicherlich Hüte und Hauben und den mächtigen Schrank habe ich in
Verdacht trotz seiner eingelegten Flügeltüren und gewundenen Säulen doch nur
ein Kleider und Wäschebehältnis zu sein Das Etablissement besteht aus einem
Kanapee einem Tisch zwei Fauteuils und vier Stühlen alles dünnbeinig und die
Sitzmöbel mit einem Wollenstoff überzogen auf dem seit unvordenklichen Zeiten
indische Schützen ihre Pfeile auf phantastische Vögel anlegen die inmitten
zierlicher Arabesken tronend das tödliche Geschoss getrosten Mutes erwarten 
Das Bett ist mit glattem grünem auf einen Rahmen gespanntem Zeuge überdeckt
und über dem Bett hängt das Porträt des Herrn Hofrates selig Ein freundlicher
alter Herr im schwarzen Frack mit hoher weißer Krawatte das Kommandeurkreuz
des LeopoldOrdens an rotem Bande um den Hals Er trägt einen etwas zu reichen
Haarschmuck der nicht auf seinem Kopfe gewachsen zu sein scheint Die Augen
sind klein die Nase ist groß gebogen und messerrückendünn der Mund
eingekniffen das Kinn spitzig und man kann nicht genug darüber staunen dass so
scharfe Züge soviel Milde auszudrücken vermögen Unwillkürlich denkt man Der
hat seiner Umgebung das Leben leicht gemacht Und diesen Gedanken äußern heißt
der Hofrätin eine Freude bereiten Sie hat mit ihrem Mann eine sehr glückliche
Ehe geführt obwohl sie ihn dereinst lange schmachten ließ bevor sie die Seine
wurde
    Er hatte sie in Paris kennengelernt wo sie ihre Jugend als Erzieherin der
einzigen Tochter der Herzogin von P zubrachte und er als Beamter an der
österreichischen Botschaft angestellt war Wie der Blitz schlug die Liebe in
sein Herz ein Von ihrer göttlichen Zuversicht und dem Glauben an Erwiderung
erfüllt warb er um die Hand Fräulein Helenens und erhielt ein wohlgeflochtenes
Körblein Sie sprach ihren Dank für den ehrenvollen Antrag aus und den
Entschluss ihren teuren Zögling nicht zu verlassen bevor dessen Erziehung
beendet sei
    Aus Verzweiflung über die erlittene Enttäuschung stürzte sich der
abgewiesene Freier  in die Arme einer hübschen Französin deren Neigung bis
jetzt von ihm verschmäht worden war Ein paar Jahre hindurch quälte ihn das
verwöhnte und kränkliche Geschöpfchen mit eifersüchtigen und andern Launen dann
starb es und hinterließ ihm ein zartes Töchterlein das sein Dasein erst nach
Monden zählte Bald nach dem Tode seiner Frau wurde der Beamte zu einem höheren
Posten befördert und nach der Heimat zurückberufen Dort setzte er seine
Laufbahn fort und erlaubte sich alljährlich an Fräulein Helene ein
ehrfurchtsvolles ein wenig steif gehaltenes Schreiben zu richten in dem er
nach ihrem werten Befinden fragte und kurzen Bericht über das seiner kleinen
Dora erstattete Darauf wurde ihm regelmäßig eine freundliche Antwort zuteil
    So ging es fort bis ihm die Kunde zukam dass die Tochter der Herzogin im
Begriff stehe sich zu verheiraten und nun beeilte er sich ihrer Erzieherin
seinen vor Jahren gemachten Antrag zu erneuern Er tat es in warmen Worten und
nicht nur in Berücksichtigung des eigenen sondern auch des Wohles seiner
Tochter Diese setzte zum Zeichen dass sie den Schritt billige ihren Namen
neben den seinen unter das inhaltreiche Schriftstück Sie tat es mit Buchstaben
die so groß waren wie Fingerhüte und eine verhängnisvolle Ähnlichkeit mit Runen
hatten Sie gaben Zeugnis von einem bedenklich niedrigen Bildungsgrade des
achtjährigen Kindes Vielleicht trug gerade dieser Umstand zu der Einwilligung
bei mit der die Erzieherin ihren standhaften Bewerber jetzt beglückte Bald
darauf verließ sie das Haus das ihr in der Fremde ein heimisches geworden war
um daheim ein fremdes zu beziehen Die alte Herzogin klagte dass sie zwei
Töchter zugleich verliere man machte für die Zukunft allerlei
Wiedervereinigungspläne allein sie gingen nicht in Erfüllung Man sah einander
nie wieder blieb aber immer in schriftlichem Verkehr
    Die Nachrichten die Frau Helene von sich von Mann und Kind zu geben hatte
waren durchweg gute Später gesellten sich zu dem Stieftöchterchen eigene
Kinder die von ihrer Mutter sehr geliebt und gut erzogen wurden nicht mehr und
nicht besser jedoch als Dora für die Helene eine wahrhaft mütterliche
Empfindung hatte und bewahrte Die kleine Familie wurde nach und nach eine
große und als der Tod des Hofrats eine schmerzliche Lücke in dieselbe riss
blieb seine Witwe der Mittelpunkt der Liebe und Verehrung ihrer Kinder und einer
zahlreichen zum Teil auch schon herangewachsenen Enkelschar Niemals aber
erstickte im Herzen dieser Frau das Interesse für ihre Angehörigen jenes für
fremdes Wohl und Weh Sie darf wohl fragen »Wer ist meine Mutter Wer sind
meine Brüder« Sie macht das Wort lebendig »Kommet zu mir alle die ihr
mühselig und beladen seid« und jeder dem daran gelegen ist sich bei ihr
einzuschmeicheln der ergreift das sicherste Mittel dazu und hilft ihr  helfen
    So tue auch ich nach meinen schwachen Kräften und werde reich belohnt für
die lobsüchtige Emsigkeit die ich dabei entfalte Vor kurzem erst bot sich eine
Gelegenheit den besonderen Dank meiner Gönnerin zu verdienen Sie hatte allen
ihren Bekannten aufgetragen für ein junges Mädchen das ihrem Schutze empfohlen
war eine Stelle als Erzieherin in einem achtungswerten Hause ausfindig zu
machen Nun ließ mein guter Freund der Zufall mich das Gesuchte an einem Tage
entdecken an dem mich die Hofrätin ein weiblicher Gleim »auf einen Kuss und
einen Kaffee« zu sich geladen hatte
    O große Wonne Ich brauchte nicht meine herrliche Neuigkeit durch ein völlig
gleichgültiges Blatt Papier übermitteln zu lassen ich konnte sie selbst bringen
und glückliche Zeugin der Freude sein die hervorzurufen ich nicht verfehlen
konnte
    Frohlockend trat ich vor die Hofrätin schwang triumphierend meinen bereits
bis zur Hälfte gediehenen Bettlerstrumpf und sprach »Ich habs ich habs
Eine Stelle besser als gut  ein Haus mehr als achtungswert  alle
Erwartungen übertroffen«
    Die alte Frau reichte mir beide Hände »Ah  wirklich  nein  Sie sind 
Nehmen Sie Platz«
    Sie setzte sich in die Ecke ihres Kanapees ich mich ihr gegenüber auf
einen Fauteuil den ich immer mit Vergnügen einnehme obwohl er Schuld an
manchem blauen Fleck an meinen Ellenbogen trägt
    »Das Haus also mehr als achtungswert Jetzt bitte ich aber es mir zu
nennen«
    Ich tat es und sie wurde plötzlich ernst »Da ist ja kürzlich die Frau
gestorben«
    »Ganz recht Zwei kleine Mädchen sind zurückgeblieben Allerliebste Kinder
an denen Mutterstelle zu vertreten «
    »Niemand vermag« fiel sie mir ins Wort »Niemand auf Erden Mutterstelle
vertritt niemand«
    »Sie sagen das Sie Ihre Stieftochter ist andrer Meinung«
    Sie beantwortete meinen Einwand nicht Ich war im Zweifel ob sie ihn gehört
hatte so vertieft schien sie in ihre eigenen Gedanken Nach einer Pause des
Nachsinnens sprach sie »Der Vater dieser Kinder ist noch jung soviel ich weiß
 Er wird sich wohl wieder verheiraten«
    »Das glaube ich nicht Er hat seine verstorbene Frau zu sehr geliebt«
    Ich begann ihn herauszustreichen soviel ich konnte und mit dem besten
Rechte auch durfte Ich erzählte welch ein treuer redlicher Mensch und
zärtlicher Vater er sei
    Sie hörte mir aufmerksam zu allein je mehr ich ihn lobte desto
enttäuschter schien sie zu werden
    »Er trauert um seine Frau er beschäftigt sich viel mit seinen Kindern Das
ist schlimm« sagte sie endlich »Nein nein  ich danke Ihnen aber die Stelle
passt nicht für meinen Schützling«
    Ich muss gestehen dass diese Äußerung mich verdross und dass ich augenblicklich
so unangenehm wurde wie gutmütige Leute zu werden pflegen wenn man ihnen eine
Gelegenheit verdirbt sich nützlich zu erweisen
    Eine lange Kontroverse begann Ich geriet in Eifer mir scheint sogar dass
ich Bosheiten sagte
    Die Hofrätin bemühte sich mich zu beschwichtigen »Ärgern Sie sich nicht«
sprach sie »Was kommt dabei heraus  Dass Sie jedes Ihrer Worte bereuen werden
und dass ich meine Weigerung doch nicht zurücknehme Ich habe meine Gründe dafür
Wenn Sie wüssten  Gute Gründe aus einer eigenen Erfahrung geschöpft«
    Ich bat sie mir dieselben mitzuteilen und sie wollte im Anfang nichts
davon wissen Sie hatte »von dieser Geschichte« nur einmal in ihrem Leben
gesprochen und zwar mit ihrem seligen Mann am Tage vor der Verlobung Sie
konnte sich nur schwer entschließen die alten schlummernden Erinnerungen
wiederzuerwecken Endlich jedoch gab sie meinem Flehen und Drängen nach und
begann
 
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»Ich muss im Gegensatz zu so vielen meiner ehemaligen Standesgenossinnen sagen
dass mir die Gouvernante an der Wiege gesungen worden ist Von Kindheit an hörte
ich Lerne damit du lehren kannst gehe den rechten Weg um ihn andern weisen
zu können Der Wohlstand den du jetzt geniessest erlischt sobald sich die
Augen deines Vaters schließen Dann heißt es selbst für dein Brot sorgen Die
Erinnerung an die Ratschläge und an das Beispiel deiner Eltern ist der ganze
Reichtum den du auf deinen Lebensweg mitbekommst
    Ich war achtzehn Jahre alt als meine Mutter starb bald darauf folgte der
Vater ihr nach und ich stand vereinsamt in der Welt Ich bin eine uralte Frau
mein Gedächtnis fängt an mir untreu zu werden aber die Empfindung mit der ich
nach dem Begräbnis meines Vaters unsere verlassene Wohnung wieder betrat gehört
zu den Dingen die ich heute noch nicht vergessen habe«
    Ich blickte zu ihr hinüber Sie hatte nicht aufgehört zu stricken fleißig
und lautlos wie immer Kerzengerade die Arme fest an den Leib geschlossen saß
sie da in ihrem eng anliegenden schwarzen Kleide mit ihrer hohen weißen Haube
und den Locken an beiden Seiten der Stirn die sich nur durch den
Silberschimmer der auf ihnen lag von ihrer schneeigen Umrahmung unterschieden
    »Man ließ mir keine Zeit meinem Schmerze nachzuhängen« fuhr sie fort
»Wenige Wochen nach dem Tode meines Vaters brachte mich der Vormund der mir
bestellt worden war als Erzieherin in eines unserer vornehmsten Häuser Die
Stellung war in jeder Hinsicht glänzend Nur ein Zögling ein siebenjähriges
Mädchen unumschränkte Herrschaft in meinem Gouvernantendepartement äußerst
vorteilhafte Bedingungen in der Gegenwart und  wenn ich meine Aufgabe zu Ende
geführt hätte  eine gesicherte Zukunft
    Die Eltern meiner kleinen Anka hatten auf mich als ich ihnen vorgestellt
wurde einen ungemein günstigen Eindruck gemacht Beide jung schön
liebenswürdig Beide von der gewinnenden Höflichkeit die sich von selbst
versteht sich wenigstens damals in der feinen Welt von selbst verstand Sie
erschienen mir einfachem Bürgerkind inmitten ihres Luxus der alles überstieg
wovon ich je gehört oder geträumt hatte ein wenig halbgottmässig Ich fand es
ganz natürlich dass ein Wesen das so völlig einem Engel glich wie meine Gräfin
nur im Fluge an uns vorüberrauschen könne dass man einer so himmlischen
Erscheinung nicht zurufen dürfe Verweile lass dich ansehen recht nach
Herzenslust Es wäre mir gar nicht eingefallen ihr zuzumuten dass sie sich in
die Kinderstube setzen möge und Puppenkleider zuschneiden einen Kreisel
peitschen oder nach der Schreiblektion ein tintig gewordenes Fingerchen
abwischen Sie schien mir zu dergleichen viel zuwenig irdisch«
    »Ich bitte Sie« erlaubte ich mir einzuwenden »das war jugendliche
Schwärmerei Wenn man irdisch genug ist um ein Kind in die Welt zu setzen ist
mans auch um das Kind zu betreuen  Und was die Schönheit betrifft ich
wette darauf dass Sie mindestens ebenso schön gewesen sind wie Ihre Gräfin«
    »Nein« entgegnete die Hofrätin »Es ist gewiss so manches minder hübsche
Gesicht als das meine damals war bewundert worden aber mit der Gräfin ließ
sich überhaupt niemand vergleichen  Märchenprinzessinnen und Engel ausgenommen
Dennoch war etwas das mir die Freude an ihrem Anblick trübte eine kränkliche
Blässe ein Ausdruck von Müdigkeit der sich täglich deutlicher in ihren Zügen
aussprach Freilich war diese Müdigkeit eine natürliche Folge des Lebens das
die Gräfin führte Eine angespannte aufreibende Tätigkeit wirkliche Arbeit
schwerster Art hätten die junge Frau nicht mehr in Anspruch genommen als die
Vergnügungen denen sie sich hingab Es war das Jahr der Vermählung des Kaisers
Franz mit der Erzherzogin Luise von Este Ein Taumel der Lust hatte das
leichtsinnige Wien ergriffen Die gute Stadt entschädigte sich für die Trauer
in welche sie durch die Schicksalsschläge versetzt worden war die kurz vorher
das Reich getroffen hatten Meine Gräfin durfte bei keinem Feste fehlen sie war
im höchsten Grade was man zu jener Zeit in der Gesellschaft répandiert nannte
und ich dachte oft mit stiller Erbitterung Du wirst dich so lange répandieren
bis dein letzter Lebensatem im Dienste nichtiger Zerstreuungen verhaucht sein
wird
    Niemals rollte der Wagen der die Herrschaften nach Hause brachte vor drei
oder vier Uhr morgens in die Einfahrt Das Rasseln der Karosse das Getrappel
der Pferde weckte jedesmal die kleine Anka aus dem Schlaf Sie stellte sich auf
in ihrem Bette und spähte in den Hof hinab in den unsere ganze Fensterreihe
sah Bis herauf stoben die Funken qualmte der Rauch der Fackeln die von den
Läufern an den Ecksteinen ausgeschlagen wurden Laut und lärmend ging es dort
unten zu indessen drüben im gegenüberliegenden Trakte des Palais zwei hohe
Gestalten lautlos an den breiten Bogenfenstern des Ganges vorbeiglitten in die
hellerleuchtete Halle traten und hinter den Flügeltüren verschwanden die
voraneilende Lakaien geöffnet hatten
    Regelmässig begann Anka dann zu weinen und verlangte nach dem Vater für den
sie überhaupt mehr Zärtlichkeit äußerte als für die Mutter Aber ich will ihm
gute Nacht sagen Aber ich will ihm nur einmal  aber ich will ihm nur ein
bisschen gute Nacht sagen jammerte sie und war nicht zu beschwichtigen Ich
sprach ihr zu ich bat befahl schalt und drohte  ja das half  mir zu dem
Gefühl meiner Ohnmacht der Kleinen gegenüber sonst zu nichts Sie schwieg nicht
eher als bis ihr die Stimme ausblieb und schlief erst vor Erschöpfung ein
    Ratlos saß ich an ihrem Bette ich fühlte Dir bin ich nicht gewachsen Sie
war verwöhnt herrisch und klug sie hätte Strenge gebraucht zu der ich mich
aus dem einfachen Grunde nicht brachte weil ich meinen Zögling nicht
liebzugewinnen vermochte Durchaus nicht lieb sosehr ich danach strebte Meiner
Strenge würde das Gegengewicht gefehlt haben sie hätte leicht in Härte ausarten
können Unter allen Umständen jedoch wäre es eine schwere Aufgabe mit dieser
Kleinen gewesen Sie wurde merkwürdig gehalten Sie durfte über einen förmlichen
Hofstaat die Herrschaft führen Ich muss vorausschicken dass es einen
unglaublichen Luxus an Dienerschaft im Hause gab Die geringste Mühewaltung und
wenn sie auch noch so kurze Zeit in Anspruch nahm war einer eigens dafür
bestellten Persönlichkeit übertragen Da war zum Beispiel Ankas ehemalige Bonne
die hatte in der Gotteswelt nichts zu tun als des Abends in unserm Schlafzimmer
die Nachtlampe anzuzünden Da war die alte Wartefrau des Kindes deren ganze
Obliegenheit darin bestand die Puppengarderobe in Ordnung zu halten Für die
Garderobe des lebendigen Püppchens sorgte wieder eine Kammerkatze der zwei
weibliche Adjutanten beigegeben waren Wir hatten sechs Dienerinnen und einen
Diener zu unserer Verfügung  für mich die bösen Sieben Sie bildeten ein
Völkchen über das meine Anka wie eine junge Sklavenhälterin die Peitsche
schwang oder mit dem sie je nachdem ihr die Laune stand viel zu vertraulich
verkehrte Alle Leute im Hause waren Erbdiener Urenkel Enkel und Kinder von
Untertänigkeiten die schon bei den Altvordern der jetzigen Gebieter die Pferde
gelenkt die Tafel gedeckt die Perücken frisiert hatten Sie feindeten mich an
wenn ich sie in Schutz nahm gegen die Tyrannei der kleinen Komtess So ein Kind
sagten Wartefrau und Bonne hat ja noch keinen Verstand Ja wenn es von ihnen
abgehangen hätte wäre das Kind nie zu Verstand gekommen indessen sein
länglicher Kopf mit der großen hohen Stirn ein so vollgerüttelt Maß davon
beherbergte dass ich oft darüber erschrak Wir führten einen stillen Krieg sie
und ich Eigentlich konnte sie mich nicht ausstehen aber sie unterhielt sich
mit mir besser als mit irgend jemandem Sie lernte gern und ausgezeichnet gut
und ich war die einzige die sie etwas lehren konnte Sie hörte gern Geschichten
erzählen und ich wusste so schöne Sie spielte ebenso gern als sie lernte und
über welchen unerschöpflichen Vorrat von Hilfsmitteln dazu hatte ich zu
verfügen So warb sie denn um meine Gunst so wenig ihr daran lag mein Herz zu
gewinnen und so erpicht sie eigentlich darauf war mir einen Verdruss eine
Kränkung zuzufügen für die sie nicht verantwortlich gemacht werden konnte Die
Schlauheit und Tücke die sie bei solchen Gelegenheiten entwickelte erweckten
in mir oft ein der Verzweiflung verwandtes Gefühl Ich hätte alles darum
gegeben mich nur einmal bei ihrer Mutter Rats erholen nur einmal mit der
Gräfin über das Kind sprechen zu dürfen Allein mein Vormund hatte mich gerade
davor dringend gewarnt Strafen Sie nachdrücklich wenn es sein muss tätlich
wenn es nicht anders geht tun Sie was Sie für gut halten nur  klagen Sie
nie das wird unverzeihlich gefunden man will keine Klage über seine Kinder
hören waren die Worte gewesen mit denen er mich verließ nachdem er mich in
mein neues Amt eingeführt hatte
    Ich befolgte seine Warnung ziemlich lange Zeit einmal jedoch ließ ich sie
außer acht einmal als die Gräfin unerwartet bei uns erschien während ich Anka
soeben wegen eines ihrer Streiche zur Rede stellte Ihre Mutter hörte mir
gelassen zu blickte mich aber dabei mit so frostiger Überraschung an dass es
mir wie eine physische Empfindung von Kälte zum Herzen drang Als ich zu Ende
war lächelte die Gräfin nickte ein wenig mit dem Kopfe und wandte sich zu der
Kleinen um ihr zu sagen dass sie nach Tisch in den Salon gerufen werden würde
um ihre Großmutter zu sehen die heute da speise Sie reichte dem Kinde die Hand
zum Kuss und entschwebte
    Vernichtet blieb ich zurück
    Haben Sie nicht auch einmal in frühen Mädchenjahren einen Fanatismus der
Liebe und Bewunderung für eine etwas ältere Frau in sich genährt die Ihnen der
Inbegriff aller Herrlichkeit schien Er kommt oft vor in den Ausläufern der
Backfischzeit Einen solchen Götzendienst trieb ich im stillen mit meiner
Gräfin Ich hätte mich auf die Folter spannen lassen um ein freundliches Wort
von ihr zu verdienen und nun wollte mein Unstern dass ich mir ihre Ungnade
zuzog denn Ungnade äußerste Ungnade leuchtete mir mit grausamem Glanze aus
den Augen entgegen mit denen sie mich während ich sprach unverwandt ansah und
zu fragen schien Was tun Sie denn Was fällt Ihnen ein
    Meine Reue und meine Bestürzung waren bitter und groß Einen Trost hatte ich
aber doch Wenn ich in Ungnade bei der Gebieterin stand im Lichte ihrer Gunst
durfte sich niemand sonnen Sie war gleich unnahbar für alle ihre Untergebenen
Anschwärzungen hatte man nicht zu fürchten es wäre ihnen kein Gehör geschenkt
worden
    Der Sommer nahte heran und wir reisten aufs Land Drei Tage und zwei Nächte
waren wir unterwegs in sechs Kaleschen mit je vier Postpferden bespannt Der
Graf und die Gräfin voran dann Anka und ich in den vier folgenden Wagen die
Kammer das heißt die Leute die einen unmittelbaren Dienst bei der Herrschaft
versahen Das Küchenpersonal fuhr voraus und besorgte die jeweiligen Mahlzeiten
in den Wirtshäusern in denen haltgemacht wurde Wir hatten das schönste Wetter
und die Freudigkeit ist nicht zu schildern die mich überkam als wir so mit
sechzehn Füßen in das freie grüne Land hineinliefen Alle Poesie der
Eisenbahnen in Ehren ich bin durchaus nicht abgeneigt sie gelten zu lassen
aber denken Sie ob die Eindrücke die ich auf späteren Reisen empfing die
heitere Erinnerung an die erste verlöschen konnten Nun freilich dass es eben
die erste war trug nicht wenig dazu bei sie mir besonders entzückend
erscheinen zu lassen Und dann  ich kannte nur die glatte Oberfläche des
Lebens ich hatte noch keinen Blick in die Tiefen seines Elends und seiner
Schlechtigkeit getan ich konnte mich unbefangen an dem Genuss ergötzen der mir
zufiel bei dem Zuge  er glich einem Triumphzuge  eines großen Herrn nach
seinen Gütern
    Vor jedem Postause an dem wir anlangten standen schon die vierundzwanzig
Pferde bereit die uns weiterbefördern sollten Die Postillone sprangen von den
Wagen spannten ihre dampfenden müdegejagten Gäule aus und sie wurden durch
frische gut ausgeruhte ersetzt Der Kurier öffnete die Geldkatze die
Silbergulden blinkten sechs vergnügte Gesichter lachten uns an der Postmeister
trat mit der Kappe in der Hand an den Wagen des Grafen heran unsere Diener
liefen von einem Viergespann zum andern Kein Koller dabei  War nicht übel
antworteten die Postillone und vorwärts was die Pferde laufen konnten und
lustig dazu ins Horn geblasen was die Brust nur hergab an Atem Und so gings
vorbei an Feldern und Wäldern an blühenden Wiesen am blinkenden Strom
KleinPeterl der Page auf dem Bock unseres Wagens machte sich die
Reisefreiheit zunutze und erlaubte sich unaufgefordert hie und da ein Spässchen
    Da hatte Anka Stoff zum Lachen während der ganzen Fahrt und wenn sie
lachte war sie mir noch am liebsten so befanden wir uns beide in bester
Stimmung und freuten uns der Freude mit der wir allenthalben empfangen wurden
    Mir fiel es nicht ein dass der Schlüssel zu dem Glück das wir durch unser
Kommen verbreiteten an dem Riemchen der Ledertasche hing die unser Kurier
umgeschnallt hatte
    Am dritten Tage demjenigen an dem wir unser Reiseziel erreichen sollten
«
    »Wo lag denn dieses« unterbrach ich die Hofrätin »Ich fahre da mit Ihnen
Verehrteste wie in einem Feenmärchen ohne Ahnung wo ich mich befinde und
wohin Sie mich führen«
    »Das sollen Sie von mir wenigstens auch nicht erfahren« war ihre Antwort
»Im Gegensatz zu allen guten Erzählern die ihren Geschichten einen deutlich
gezeichneten Hintergrund eine prägnante Lokalfarbe zu geben suchen tue ich
mein möglichstes um Sie in Ungewissheit über den Schauplatz zu erhalten auf dem
mein kleiner Roman sich abspielte Und noch etwas ganz Ungehöriges und von allen
Kunstkennern Verurteiltes will ich mir zuschulden kommen lassen ich will von
einem Fatum wie von einer ausgemachten Sache sprechen
    Über meiner Jugend waltete offenbar ein Fatum Seinen ersten
bedeutungsvollen Wink hat es mir im Angesicht eines abscheulichen höchst
prosaischen Postauses gegeben  und unter dem Dach desselben Postauses hat es
sich erfüllt
 
                                       3
Am dritten Tage also« begann die Hofrätin von neuem »gerieten wir nachdem
eine sternenhelle Nacht durchfahren worden in einen heftigen Regen hinein Er
strömte mit eigensinniger Ausdauer über einen breiten Talkessel nieder auf
dessen Sohle eine freundliche kleine Stadt sich sehr planlos nach allen
Richtungen der Windrose ausgebreitet hatte Die Wagen rasselten über das
holprige Steinpflaster rumpelten wo es ein solches nicht gab durch
hochaufspritzende Pfützen und lenkten in den Hof des Postauses ein in dem die
letzte Mittagsstation gehalten werden sollte Der Hof war ziemlich geräumig es
standen aber Dutzende von Vehikeln darin und er selbst stand unter Wasser
Postchaisen und unsere Fourgons füllten den Torweg und in die Nähe des
Trottoirs vor dem Hause zu gelangen war unmöglich Eine förmliche Wagenburg
verhinderte die Zufahrt Die Bedienten schrien die Postillone fluchten einige
Fuhrleute machten taube Ohren andre zeigten sich willig ihr Gefährt aus dem
Wege zu räumen Aber die Verwirrung war zu arg der Versuch sie zu lösen
vergrößerte sie nur Da wurde der Graf ungeduldig und plötzlich sahen wir ihn
bis an die Knöchel im Schlamme watend die Gräfin in seinen Armen ans Ufer das
heißt an die Torschwelle tragen Auf dieselbe Weise brachte sofort KleinPeterl
die lachende und jubelnde Anka unter Dach Ich schickte mich an ihr zu folgen
setzte schon den Fuß auf die letzte Stufe des Wagentrittes und senkte dabei
einen Blick voll innigsten Bedauerns auf meinen Schuh und meinen Strumpf Da
rief es laut und fast wie erschreckt vom Hause her Halt Halt Warten Sie
Sie werden doch nicht Und derselbe Mann mit dem ich bisher nicht zwanzig
Worte gewechselt mein gestrenger Herr sprang herzu erfasste mich ohne Umstände
und als ob es gar nicht anders sein könne trug er auch mich wohlgeborgen unter
seinem Mantel indes auf ihn der Regen des Himmels niederflutete bis an die
Treppe wo er mich mit einer höflichen Verbeugung wieder auf die Beine stellte
    Hören Sie liebe Freundin das machte mir einen Eindruck Zum erstenmal seit
meinem Eintritt in sein Haus erhielt ich ein Zeichen persönlicher Beachtung Wie
mir das wohltat können Sie sich nicht  doch Sie können es sich vorstellen
wenn Sie die absolute moralische Einsamkeit erwägen in der ich mich seit dem
Tode meines Vaters befunden ich junges liebebedürftiges und an Liebe gewöhntes
Geschöpf Von diesem ganz unerwarteten und auch wirklich unüberlegten spontanen
Beweis der Fürsorge ging eine Empfindung des Beschütztseins aus die mich mit
freudigem Mute durchdrang Und von dem Augenblick an war ich meinem Grafen
anhänglich und dankbar
    Ein paar Stunden später setzten wir unsere Reise fort und langten gegen
Abend bei wieder günstig gewordenem Wetter vor dem Schloss an einem
großartigen Gebäude in italienischem Stil das mitten im Garten lag Da ich mich
auf eine genaue Beschreibung der Örtlichkeit nicht einlasse mögen Sie nur
wissen dass es ein Garten voll von Überraschungen war Sie wandelten zwischen
glatten geschorenen Buchenwänden hin Sie lenkten nach rechts nach links in
andre Gänge ein die von den früher durchschrittenen nicht zu unterscheiden
waren Sie wurden des Spazierens zwischen grünen Paravents endlich satt wollten
gern aus dem Labyrinth wieder heraus ins Freie  es war unmöglich Wie eine
verwunschene Prinzessin irrten Sie darin umher bevor es Ihnen gelang den
Ausweg zu finden  Sie schritten über breite Kiespfade an Rosenhügeln an
Bosketts vorbei und gelangten zu einem Tempel im Barockstil Der stand offen
ein Blick ins Innere lockte Sie einzutreten Künstliche Tropfsteine hingen von
der Decke nieder Felsenpartien bunte Korallenriffe kleine Berge aus Muscheln
erhoben sich auf dem mit glitzernden Kieseln eingelegten Boden Im Hintergrunde
schwang ein fleischfarbiger Neptun den Dreizack mit unmotivierter Wildheit über
eine Gruppe von Nereiden und Tritonen die harmlos zu seinen Füßen lagerten
Trieb Ihr Vorwitz Sie weiter in die Nähe dieser steinernen Gestalten so wurden
Sie plötzlich von einem Regenschauer übersprüht den Ihnen Neptuns Dreizack die
Muschelhörner der Tritonen und die ausgestreckten Finger der Wasserweiber
entgegensandten Sie wollten entfliehen  betraten eine Steinplatte auf dem
Boden vor dem Ausgang  ein Schleier aus Wasser schob sich zwischen Sie und ihn
und nun hatten Sie die Wahl entweder Gefangenschaft oder ein unfreiwilliges
Duschbad
    Am Ende des Gartens da wo er an die herrlichen Forste grenzte befand sich
eine Einsiedelei mit einem Glockentürmchen Öffneten Sie die Tür so begann die
Glocke zu läuten und hörte nicht früher auf als bis Sie den Strang aus der Hand
eines hölzernen Kapuziners gelöst hatten der ihn in Bewegung setzte Diese
Einsiedelei hatte sich Anka zum Geschenk ausgebeten sie war feierlich zur
Eigentümerin des kleinen Hauses eingesetzt worden das zwei ganz allerliebste
mit großem Luxus und Geschmack eingerichtete Zimmer enthielt Dort brachten wir
unsere Vormittage mit Lernen Lesen und Arbeiten zu Um zwei Uhr servierte
Peterl unser Diner in der Einsiedelei und nachmittags öffneten wir die Pforte
des Gitters das den Garten von dem Walde trennte und zogen zu weiten
Spaziergängen aus Erst gegen Abend kehrten wir zurück Der Graf ließ fast
regelmäßig um diese Zeit seitdem wir auf dem Lande wohnten die Kleine rufen
und behielt sie bei sich bis sie schlafen ging Ich kann Ihnen versichern dass
es mir in Ankas Seele wohltat sie nun täglich doch eine Stunde lang in
Gesellschaft eines Wesens zu wissen das von ihr geliebt wurde und sie
wiederliebte So wenig Sympatie sie mir einflößte des Mitleids mit ihr konnte
ich mich nicht erwehren Es will etwas heißen für ein Kind unzertrennlich von
einer Person zu sein für die es kein Herz fassen kann  Nicht kann« rief die
Hofrätin mit erhobener Stimme und wies den Einwand zurück den ich hier machen
wollte »Ebensowenig als ich mit dem besten Willen mit dem Bewusstsein es wäre
deine Pflicht mir auch nur einen Funken Neigung für sie entlocken konnte
    Ein halbes Jahr war ich schon bei ihr  das zählt im Leben eines Kindes 
da gab sie mir ein Pröbchen ihrer Gesinnung für mich das mir unvergesslich
geblieben ist
    Auf dem Heimweg von einem unsrer Waldgänge ruhten wir beide etwas ermüdet
unter hohen Tannen aus Anka hatte sich im Grase ausgestreckt ich saß neben
ihr hörte ihrem Geplauder zu und wunderte mich im stillen wie gewöhnlich über
die komischen und originellen Einfälle die ihr zuströmten wenn sie sich ihren
Gedanken überließ
    Auf einmal schwieg sie erhob sich und begann im Kreise um mich
herumzuhüpfen Sie hüpfte immer im Gehen und hielt sich dabei gerade wie ein
Ladestock Fräulein Fräulein sagte sie und ihre hellbraunen Augen blitzten
vor Schelmerei Sie sitzen vor einem kleinen Hügel legen Sie den Kopf zurück
da her Sie werden sehen wie angenehm das ist
    Der kleine Hügel von dem sie sprach war ein Ameisenbau der nicht anders
aussah als ob an dieser Stelle ein Haufen Fichtennadeln zusammengeharkt worden
wäre Anka hatte ihr Taschentüchlein ausgebreitet und lud mich ein mirs darauf
bequem zu machen
    Ich will es tun wenn Sie meinen dass es angenehm sein wird erwiderte ich
Wissen Sie was Ich bin schläfrig ich werde ein wenig schlafen und Sie werden
mich beschützen Wenn ein Bär kommt so jagen Sie ihn davon und wenn eine
Ameise mir über das Gesicht kriechen will 
    Jetzt verriet sie sich Eine Ameise kommt gewiss nicht rief sie
    Das soll mir lieb sein« meinte ich und so begab ich mich denn unter ihren
Schutz Ich setzte nur noch eine Frage hinzu Ob sie wisse dass es schändlich
sei Vertrauen zu täuschen
    Da lachte sie und diesmal ging mir ihr Lachen wirklich durch das Herz Ich
wollte aber doch sehen wie weit sie es treiben würde lehnte die Wange an das
Tuch  sehr leicht wie Sie denken können  und tat als ob ich mich anschickte
einzuschlafen Anka blieb eine Weile regungslos schlich dann heran bückte
sich schob leise und vorsichtig ein dünnes Reis dicht neben dem Tuch so tief
sie konnte in den Ameisenbau und begann es hin und her zu bewegen In dem
Augenblick sprang ich in die Höhe sprach kein Wort schlug sie aber tüchtig auf
die Hand Sie blieb starr es geschah zum erstenmal dass sich jemand an ihrem
geheiligten Persönchen vergriff Sie weinte nicht sie war auch nicht beschämt
sie trachtete offenbar nur danach wieder in Besitz ihrer sorglosen und
herausfordernden Gleichgültigkeit zu kommen die sich dann auch erstaunlich bald
einstellte
    Beim Nachhausegehen fragte ich sie ob es denn irgendwen gäbe  außer ihren
Eltern natürlich  von dem sie sich nicht ohne großen Schmerz trennen würde um
den es ihr leid täte wenn er sie verlassen müsste Sie dachte nach Man sah
diese Kleine denken Sie blickte dabei mit halbgesenkten Wimpern nach der Seite
und ihr Gesichtchen nahm einen erstaunlich gesammelten und ernsten Ausdruck an
    Ich will Ihnen sagen antwortete sie langsam und bestimmt wenn man mir den
Klovek wegnehmen würde das täte mir leid
    Klovek heißt auf böhmisch der Mensch Anka hatte die hässlichste unter ihren
Puppen ein Wickelkind ohne Beine mit großem hölzernem Kopf so getauft Die
Nase war dahin ein Arm verloren denn die Gunst in der Klovek stand hinderte
seine Herrin nicht ihn gelegentlich an die Wand zu schleudern 
    Die Antwort die mir das Kind damals gab hat sich mir so tief eingeprägt
weil sie prophetisch war
    Aber lassen wir das gut sein Ich kehre zu meiner Wanderung mit Anka zurück
Um jeden Preis sehen Sie wollte ich an jenem Tage eine Regung der Reue in ihr
erwecken Ich legte es ihr so nahe dass sie es greifen musste welches Wort ich
von ihr zu hören ersehnte Sie verstand mich völlig Es war aus der
Geschicklichkeit mit der sie mir auswich deutlich zu erkennen Was wünschen
Sie also rief ich Sagen Sie mir aufrichtig was Sie jetzt wünschen
    Ich wünsche entgegnete sie und blickte mit triumphierender Miene zu mir
empor ich wünsche so stark zu sein dass jeder Wagen der an mich anfährt
umwirft
    Das war der Erfolg den meine Beredsamkeit schließlich erreichte
    Sehr oft dachte ich damals Wenn dieses Kind zu erlösen ist kann es nur
durch Liebe geschehen Ich fühlte mich von meiner Aufgabe hauptsächlich deshalb
so schwer bedrückt weil ich mich des Zweifels nicht erwehren konnte Du bist
vielleicht ungerecht die Schuld liegt vielleicht mehr an dir als an dem Kinde
    Meine Seelenqual wurde endlich so bitter dass ich sie einem Gönner
anvertraute den ich mir nach und nach erworben hatte dem alten Hausarzt Er
war in dem ganzen Hofstaat der einzige unabhängige und aufrichtige Mensch
Obwohl er nicht viele Worte machte empfand ich dass ich Vertrauen zu ihm haben
dürfe und so hatt ichs denn und bat ihn dem Grafen und der Gräfin zu sagen 
da mir der Mut fehlte es selbst zu tun  dass ich mein Amt dem ich nicht
gewachsen sei niederlege
    Er zeigte kein Erstaunen über meinen Entschluss aber er suchte ihn zu
erschüttern Das dürfen Sie nicht tun wiederholte er mehrmals Es kommt keine
Bessere nach  Sie müssen ja doch Rücksicht nehmen auf das arme Ding  die
Anka Bedenken Sie was der bevorsteht  Ich bitte Sie wie lange soll denn
ihre Mutter die Frau Gräfin noch leben
    Er sagte das mit furchtbarer Bestimmtheit und  mit furchtbarer
Gleichgültigkeit Sie können den Eindruck ermessen den diese Worte auf mich
hervorbrachten Dass sie meine eigenen Besorgnisse bestätigten das erhöhte noch
den Schrecken den ich empfand Ich hatte die Gräfin einige Tage vorher
gesprochen wie immer nur flüchtig und bei einer zufälligen Begegnung und war
erschrocken gewesen nicht bloß über ihr krankhaftes Aussehn sondern fast noch
mehr über den starren gleichsam versteinerten Ausdruck ihrer Züge
    Aber um Gottes willen was geschieht um sie zu retten Weiß der Graf wie
es mit ihr steht fragte ich und erhielt lauter trostlos klingende Antworten
Weder der Graf noch die Gräfin hielten die Ängstlichkeit des Arztes für
gerechtfertigt und namentlich die Kranke lehnte sich gegen deren Konsequenzen
auf Der Doktor meinte ich wäre nun lange genug da um zu wissen ob es möglich
sei mit der Gräfin über Dinge zu sprechen von denen sie nicht hören wolle 
Darauf musste ich antworten Nein es ist nicht möglich
    Nur der der in einem großen Hause gelebt hat weiß wie unüberbrückbar die
Kluft ist die seine Gebieter von ihren Untergebenen scheidet Man lebt unter
einem Dache man sieht einander man hat gemeinsame Interessen und dennoch
findet nicht der Schatten eines Verkehrs statt Das Wichtigste hängt von der
Beherzigung einer Warnung ab die man pflichtgemäss ausgesprochen hat  einmal
mehrmals sie wird nicht beachtet und man vermag ihr keinen Nachdruck zu geben
Es scheint unglaublich aber es ist so und was die treueste redlichste Absicht
abhält sich geltend zu machen das sind Hindernisse so durchsichtig zart und
fein dass man sie aus einiger Entfernung nicht wahrnimmt Erst beim Nähertreten
erkennt man dass die scheinbar ganz unbedeutenden kaum nennenswerten
unübersteiglich und unüberwindlich sind Aus der Art in der ich zurückgewiesen
wurde als ich die Eiswand zu durchbrechen suchte hinter der die Gräfin sich
verschanzte konnte ich auf die Erfahrungen schließen die der Arzt bei
ähnlichen Gelegenheiten gemacht haben mochte Sie waren gewiss schuld an der
Teilnahmslosigkeit mit der er sich jetzt über den Zustand der Kranken äußerte
und die mir trotz dieses Erklärungsgrundes grausam ja entsetzlich erschien Er
zuckte die Achseln zu der Bemerkung die ich ihm darüber machte und antwortete
mit der erneuerten Bitte bei Anka auszuharren Wenn ich sie verliesse sagte er
das erst wäre ein schweres Unglück für sie Er ließ den Einwand nicht gelten
dass ich unfähig sei dem Kinde zu nützen und behauptete es habe sich unter
meiner Leitung schon ein wenig zu seinem Vorteil verändert Ich ließ mich
endlich bestimmen mein mühsames Erziehungswerk weiterzuführen Die
Versicherungen des Doktors dass ich nicht ganz erfolglos daran arbeitete hatten
meinen Mut gehoben ich fühlte mich beruhigt und so gut wie seit langem kein
andrer begann für mich der Tag an dem mir ein peinvolles Erlebnis bevorstand 
Ein unbeschreiblich peinvolles Erlebnis das mir die Augen über Dinge öffnete
die ich nie hätte erfahren mögen Sie ahnen wohl dass der unglückselige Graf
Stephan dabei im Spiele war  Aber«  unterbrach sich die Hofrätin und ließ
voll Entmutigung die Strickerei in den Schoss sinken  »was bin ich doch für eine
schlechte Erzählerin Von diesem Grafen hätte ich längst sprechen müssen 
Freilich  freilich  der spielte damals schon eine Weile mit in meiner
Geschichte  Verzeihen Sie  jetzt bleibt mir nichts übrig als allerlei
nachzuholen
 
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Graf Stephan führte denselben Familiennamen wie meine Gräfin war ihr Vetter und
der jüngste von acht Brüdern die alle im kaiserlichen Heere dienten Ihr Vater
lebte noch sie bezogen von ihm eine spärliche Apanage und waren von klein auf
zum Waffenhandwerk bestimmt Sie machten dem Beruf auch Ehre hatten sich in den
letzten Feldzügen durch ihre Tapferkeit und ihr kaltes Blut glänzend
hervorgetan Unser Graf Stephan stand seinen Brüdern nicht nach ebenso
tollkühn aber weniger glücklich als sie war er als neunzehnjähriger Jüngling in
der Schlacht von Kaldiero durch einen Hieb über die Schulter verwundet worden
Eine Zeitlang blieb es zweifelhaft ob er seine militärische Laufbahn je wieder
werde aufnehmen können Indessen kam es besser als man anfangs gemeint hatte
er war jetzt hergestellt Seine Verletzung hatte keine Folgen hinterlassen eine
geringe Steifheit der Finger seiner rechten Hand ausgenommen die ihm jedoch um
alle Schätze der Erde nicht feil gewesen wäre Die Steifheit mein ich Er
paradierte damit vergaß ihrer nie und sorgte dafür sie den andern in
Erinnerung zu bringen
    Einige Tage nach unsrer Ankunft erschien der Vetter der Gräfin auf dem
Schloss er sollte nur eine Woche da verweilen und sich dann zu seinem Regiment
begeben Nun waren aber schon zwei Monate vergangen und der junge Herr traf
noch immer keine Anstalten zu seiner Abreise Anka ärgerte sich darüber sie
konnte ihn nicht leiden und wenn ich sie fragte warum antwortete sie Ich
weiß nicht  halt so  er ist so dumm
    Er war aber durchaus nicht dumm er war ein liebenswürdiger hübscher
unbedeutender Mensch moralisch so schwach und zaghaft wie er physisch stark
und mutig war Anka gegenüber legte er eine Geduld und Nachsicht an den Tag die
für mich etwas Rätselhaftes hatte Er ließ sich von ihr necken misshandeln
verspotten er kam immer wieder er war von allen Gästen ihrer Eltern der
einzige der sich um sie bekümmerte Wir trafen ihn erstaunlich oft auf unsern
Spaziergängen im Walde und immer schloss er sich uns an beschäftigte sich aber
nur mit Anka und schien sich so gut mit ihr zu unterhalten dass es mir nicht
einfiel zu denken ein andres Interesse als das an seiner kleinen Nichte führe
uns den jungen Herrn fast täglich in den Weg Allmählich jedoch musste ich trotz
aller Unbefangenheit innewerden dass er mit mir kokettierte dass die gute Laune
das kindliche Wesen deren er sich befliss die Geschicklichkeit und Kühnheit
mit der er für die Kleine eine Blume von steiler Felswand einen Mistelzweig aus
einer Baumkrone herabholte oder zu ihrem Ergötzen einen schäumenden Waldbach
übersprang  doch nur von mir bewundert werden sollten Einen Augenblick
vielleicht  ich sage vielleicht denn ich weiß es wirklich nicht mehr gewiss 
schmeichelte mir diese Entdeckung der bleibende Eindruck jedoch den sie auf
mich hervorbrachte war der des Widerwillens Naive Gefallsucht ist nur albern
man kann sie entschuldigen sogar bei einem Manne aber bewusste berechnete
Gefallsucht die erschien mir immer verachtenswert und ich fand nicht nötig
das dem jungen Grafen zu verbergen Statt darüber in Zorn zu geraten wurde er
sentimental begann den Gekränkten zu spielen und trieb großen Aufwand mit
Seufzern und verschleierten Blicken Niemals aber tat er eine Äußerung die er
nicht auch vor hundert Zeugen hätte tun oder die ihn hätte verhindern können
mich für verrückt zu erklären wenn ich behauptet haben würde er mache mir den
Hof Diese Vorsicht war überflüssig Seiner Freiheit drohte durch mich keine
Gefahr und wie wenig mir daran lag ihn in Bande zu schlagen das erfuhr er
später
    Ich habe Ihnen gesagt dass der Graf seine Tochter fast regelmäßig in den
Abendstunden zu sich rufen ließ und dass ich die Weisung hatte sie zur Zeit
ihres Schlafengehens abzuholen Ich erwartete sie im großen Saale wohin der
Graf sie brachte um sie persönlich meiner Obhut zu übergeben dabei sagte er
mir immer ein paar freundliche Worte wenn auch nur ganz eilig und kurz denn
seine Gäste folgten ihm gewöhnlich schon auf dem Fuße da die Gesellschaft sich
vor dem Souper im Saale versammelte
    Eines Abends hatte ich mich überpünktlich in meinem Eifer nicht auf mich
warten zu lassen zu früh im Saale eingefunden Er war noch unerleuchtet und in
dem mit Gobelins und dunkelm Getäfel versehenen Raum den sogar das Tageslicht
nicht völlig zu erhellen vermochte herrschte jetzt im Zwielicht beinahe völlige
Finsternis Ich tappte mich zu meinem Platz in der Nähe der Tür durch die der
Graf einzutreten pflegte Sie führte aus seinen Zimmern in den Saal und ihr
gegenüber lag der Eingang zu den von der Gräfin bewohnten Gemächern Dann gab es
noch zwei Türen einander gleichfalls gegenüberliegend die des Altans und eine
durch die man aus der Halle hereingelangte in welche das Treppenhaus mündete
Nun denn ich sitze eine Weile ganz ruhig und warte Da ist mir plötzlich als
ob ich am andern Ende des Saales ein Geräusch vernähme und dort etwas sich regen
sähe das meine allmählich an die Dunkelheit gewöhnten Augen als eine hoch über
das menschliche Maß hinausragende und doch menschliche Gestalt erkennen Ich
rufe sie an und schreite geradeswegs auf sie zu Ängstlich und flüsternd
antwortet sie mit einer Beschwörung mich ruhig zu verhalten Ich stehe jetzt
dicht vor ihr fasse sie am Kleide und überzeuge mich dass ich es mit meiner
Feindin der Bonne zu tun habe die auf einen Schemel gestiegen ist um ihr Ohr
an das Schlüsselloch der hohen Flügeltür legen zu können an der sie lauscht
die Abscheuliche
    Herunter sage ich herunter  oder ich rufe  Sie musste gehorchen stieg
von ihrem Schemel schob ihn weg und brummte Ich kann ohnehin nichts mehr
hören sie sind ins zweite Zimmer gegangen er bekam schöne Vorwürfe 
Ihretwegen
    Wer fragte ich bestürzt Nun  wer Ihr Seladon zischelt sie und im
nächsten Augenblick Still er kommt und zerrt mich in die Nähe der Wand 
Die Tür vor der wir eben gestanden hatten öffnet sich ein Mann durcheilt mit
leisen Schritten das Gemach die Balkontür wird vorsichtig aufgetan und wieder
geschlossen  Einige Sekunden vergehen die energische Französin hat mich in
die Mitte des Zimmers geführt und tut während eben eingetretene Diener sich
damit beschäftigen die Kerzen an den Kronleuchtern und Girandolen zu entzünden
als ob sie mit mir ein eifriges Gespräch über Anka fortsetzte Dann geht sie mit
der unschuldigsten und heitersten Miene ihrer Wege Ich vermochte nur sie
anzustarren und zu schweigen Was bedeutete der geheimnisvolle Vorgang Wer
hatte sich soeben aus dem Zimmer der Gräfin gestohlen wie ein Dieb und stand
jetzt auf dem Altan wie ein Ausgesetzter Er konnte nicht mehr in den Saal
zurück die Diener hatten den Eingang schon verriegelt und waren noch mit dem
Herablassen der Vorhänge beschäftigt als der Graf eintrat Er führte Anka an
der Hand und ersuchte mich sie sogleich zu Bett bringen zu lassen sie scheine
nicht ganz wohl zu sein Indessen war sie nur verdrießlich Gewiss hatte Papa
ohne es zu ahnen  absichtlich tat er es ja leider nie  ihr eine Laune
durchkreuzt und jetzt schmollte sie mit ihm Und ihr Schmollen war etwas
Widerwärtiges Jeder Zug von Kindlichkeit verschwand dabei aus ihrem Gesicht
sie wurde ganz blass man konnte sie wirklich für leidend halten  Dieser
Zustand änderte sich wie auf einen Zauberschlag sobald sie ihrem Vater aus den
Augen kam und als wir unsere Gemächer betraten begann sie wie eine Rasende
umherzutollen Sie wollte noch spielen wollte tanzen wollte sich nicht
auskleiden lassen entwischte kreischend dem Stubenmädchen das ihr nachrannte
und wurde in diesem Getreibe durch Francine unterstützt die an der Tür stand
mit ihrer Nachtlampe in der Hand und sich krümmte vor Lachen
    Ich machte zuletzt der Komödie ein Ende indem ich meine wilde Hummel
einfing und selbst ihre Toilette besorgte Die Bonne erschwerte mir die Aufgabe
und begann immer von neuem mit Anka zu scherzen Zuletzt gelang es mir aber
doch die Kleine zu beruhigen und als ihr Kopf auf dem Kissen lag da schlief
sie auch schon
    Klug wäre es nun gewesen mit der Bonne die sich noch immer in der Nähe
hielt und mich zu beobachten und auf etwas zu warten schien nicht mehr zu
sprechen doch war die Angst von der ich gepeinigt wurde zu unerträglich und
die Art und Weise der Französin zu herausfordernd Voll Entrüstung sagte ich
dass ihre Lustigkeit mich staunen mache Warum erwiderte sie ich habe ja keinen
Grund mich zu kränken Ihr lederfarbenes Gesicht das einst schön gewesen sein
mochte und ihre schwarzen Augen drückten eitel Bosheit aus sie erging sich in
Andeutungen und halben Worten die ich nicht verstand Plötzlich nahm sie eine
freche Protektormiene an und raunte mir zu Seien Sie ruhig Ihr Vogel hat zwar
keine Flügel kann aber doch fliegen
    Wer denn mein Vogel sei fragte ich Aber sie wollte mir nicht Rede stehen
erhob ihr widerwärtiges Gekicher und lief davon
    In dieser Nacht habe ich wenig geschlafen das weiß Gott Sie eröffnete den
Reigen der weißen Nächte wie die Franzosen sagen die mir in nächster Zukunft
bevorstanden Am folgenden Morgen als ich mit Anka auf dem Wege zur Einsiedelei
an dem Balkon vorüberkam sah ich aufmerksam zu ihm hinauf und bemerkte dass er
von einem ziemlich breiten Mauervorsprung umgeben war auf dem es sich
allenfalls wegschreiten ließ Aber von ihm aus wohin Sich in die Blumen fallen
lassen die in weiches Erdreich dicht um das Haus gepflanzt waren hätte
sichtbare Verheerungen angestellt Auf den harten Kiesweg herunterspringen von
der Höhe des ersten Geschosses wäre kaum ohne Beinbruch abgegangen und im
Sprung den Weg übersetzen und den Rasen erreichen  das schien unmöglich So
dachte ich und  stand im selben Augenblick vor zwei Fußstapfen die wie mit
dem Prägstock eingeschlagen am äußersten Rande des Grases sichtbar waren
Unheilvoll sichtbar denn es hatte in der Nacht geregnet und die beiden
Vertiefungen bildeten ein paar kleine Wasserreservoirs Ich beeilte mich diese
verräterischen Zeichen mit dem Stocke meines Sonnenschirmes zu verwischen Erst
als es vollkommen gelungen war folgte ich Anka nach die vorausgelaufen war und
mir zurief sie zu haschen
    Als wir den Grafen Stephan das nächstemal auf unserer Waldpromenade von
weitem auf uns zukommen sahen durchschauerte es mich als ob ich ein giftiges
Gewürm erblickt hätte und ich sagte Anka dass wir versuchen wollten dem Onkel
auszuweichen es sollte ihm nicht gelingen uns zu entdecken Das war nun etwas
für die Kleine Da glänzten ihr die Augen vor Vergnügen und sie entfaltete an
dem und an folgenden Tagen die Pfiffigkeit und den Spürsinn eines Indianers Wir
sahen den Grafen Stephan von einem Hügel aus in einer Lichtung zu unsern Füßen
jeden Heger und Jäger dem er begegnete anhalten offenbar um nach uns zu
fragen Wir sahen ihn aus unserm Versteck hinter einem Felsstück oder einem
Gebüsch ratlos vorübereilen hörten ihn fluchen und rufen rührten uns nicht
und während er tiefer in den Wald drang schritten wir dem Hause zu Dieses
Spiel konnte nicht lange fortgesetzt werden Es war eine zu reiche Quelle der
Schadenfreude für Anka Ich dachte schon daran ihm durch das Aufgeben unserer
Spaziergänge überhaupt ein Ende zu machen als eben jenes Ereignis eintrat bis
zu dem ich vorhin meine Geschichte geführt habe
    An einem Vormittage war es Wir hatten unsere Lektionen beendet Anka machte
sich in dem Puppengärtchen zu tun das wir unter einer Ulmengruppe in der Nähe
der Einsiedelei angelegt hatten ich war mit dem Ordnen der Lehrsachen
beschäftigt  da stand plötzlich Graf Stephan vor mir
    Grausame sagte er leise im weichsten Molltone und sah mich mit dem
allertraurigsten seiner Blicke an Er hatte uns um diese Zeit und an diesem Orte
noch nie aufgesucht mein Schrecken über sein unerwartetes Erscheinen war im
Anfang nicht gering wurde aber bald durch die Empörung überwogen die in mir
aufstieg als der junge Herr zu klagen begann sein höchstes Glück sei ihm
geraubt er fühle sich elend seitdem es ihm nicht mehr vergönnt sei mich zu
sehen den Laut meiner Stimme zu hören und so weiter Statt aller Antwort wandte
ich mich und rief nach Anka Da schrie der Graf laut auf dass ich ihn misshandle
dass er nicht verdiene so gequält zu werden  In dem Augenblick in dem er
begann die Stimme zu erheben hörte ich die Glocke in der Einsiedelei anschlagen
und dachte Anka sei eingetreten um wie sie pflegte den Turm zu ersteigen und
in ungeduldiger Erwartung des Mittagessens nach Freund Peterl auszuspähen Ich
rief nochmals und nochmals  aber sie  sah mich vermutlich sah meine
Ungeduld hatte ihre Freude daran und antwortete um keinen Preis Mir war
abscheulich zumute in meinem Ärger über diesen Kobold von einem Kind und in der
Angst die mich allmählich vor dem jungen Herrn erfasste der mehr und mehr den
Kopf verlor und im Begriff schien sich aus einem girrenden in einen sehr kecken
Ritter zu verwandeln Doch war ich viel zu hoffärtig um etwas von meiner Unruhe
zu verraten und schritt ganz langsam der Tür zu die sich auf der andern Seite
des Hauses befand Graf Stephan folgte mir Schritt für Schritt Er sprach nur
noch von Liebe und Seligkeit oder Verzweiflung und Tod
    Endlich bogen wir um die Ecke und der Anblick der offenstehenden Tür der
Einsiedelei in der ich Anka vermutete erfüllte mich mit all der Unverzagteit
die ich bisher nur geheuchelt Mein Verfolger hatte mich vergeblich um ein Wort
ein einziges Wort beschworen jetzt sprach ich deren mehrere und ich glaube
lieber als diese war ihm mein früheres Schweigen Wenigstens stockte der Strom
seiner Beredsamkeit plötzlich und als ich nun wagte ihm ins Gesicht zu sehen
erblickte ich darin den Ausdruck der peinlichsten Überraschung und Beschämung
Ich eilte vorwärts ich war am Ziel setzte den Fuß auf die Schwelle und 
prallte erschrocken zurück  Die Gräfin trat mir entgegen 
    Liebe Freundin ich war damals neunzehn Jahre alt und heute bin ich siebzig
aber ich brauche nur zu wollen und « die Hofrätin streckte den Arm aus und
blickte mit weitgeöffneten Augen vor sich hin  »da steht sie deutlich wie in
jener Stunde Da steht sie schrecklich und wunderschön in ihrem weißen
Sommerkleide und der griechischen Frisur die so gut zu ihrem klassischen Profil
passt und die edle Form des kleinen Kopfes und des schlanken Nackens so herrlich
zur Geltung bringt Ja wunderschön aber nicht wie eine Lebendige sondern wie
eine Tote der man vergessen hat die Augen zu schließen So starrt sie mit
unbeweglichem und glanzlosem Blick den an der bei ihrem unerwarteten Erscheinen
in voller Fassungslosigkeit aufgeschrien hat der sich aber jetzt mit aller
Gewalt zusammennimmt und sein Entsetzen hinter erzwungenem Lachen und kläglichem
Gestotter zu verbergen sucht
    Sie antwortete ihm nicht sie fuhr fort ihn mit diesem grauenhaften Blick
anzusehen und schritt aufrecht und stolz an mir vorüber aus der Hütte Stephan
faltete mit stummer Beschwörung die Hände gegen mich und folgte der Gräfin
gesenkten Hauptes langsam nach
    Sie waren kaum fort als ein vortrefflich nachgeahmter Wachtelschlag sich im
Gebüsch hinter den Ulmen hören ließ und Anka herbeisprang Als ihr Onkel auf
mich zugekommen war hatte sie sich versteckt war Zeuge von allem gewesen was
hier geschah musste gehört haben was gesprochen wurde und  verlor auch nicht
ein Wort darüber Machte sie sich keine Gedanken oder mehr als sie gestehen
wollte Ich wusste es nicht und erfuhr es damals auch nicht So verschlossen war
mir der Einblick in dieses Kindergemüt dass ich von allem was darin vorging
nur das kannte  und das ist ja bei einem Kinde das wenigste  wonach sich
fragen lässt Es war so gar kein Verständnis zwischen uns so gar keine Spur
davon Und wenn es aufs Erraten ankam da erriet Anka viel eher mich als ich
sie
    Am Abend desselben Tages war Ball im Schloss und Anka hatte die Erlaubnis
dem Tanze zuzusehen Wir erhielten unsern Platz auf der Galerie des Saales der
Doktor geleitete uns hinauf und leistete uns Gesellschaft Die Gräfin und ihr
Vetter eröffneten das Fest Ich bemerkte wie die besorgten Blicke des Grafen
seiner Frau folgten Sie war kaum imstande sich zu schleppen aber sie tanzte
leidenschaftlich mit Raserei Es war ein unbeschreiblich qualvoller Anblick
der auch das Kind mit Schrecken erfüllte Es presste sich an mich und flüsterte
Sehen Sie doch Mama  Ich werde gewiss von ihr träumen
    Der Graf suchte uns auf unter dem Vorwand seiner Tochter gute Nacht zu
sagen den wahren Grund seines Kommens aber verriet bald die Bitte die er an
den Arzt stellte Lieber Doktor meine Frau scheint leidend Sie sollten ihr
heute das Tanzen verbieten
    Das Tanzen ist Ihrer Erlaucht schon vor zwei Jahren seitdem öfters und
niemals nachdrücklicher als am heutigen Morgen verboten worden erwiderte der
Doktor in trockenem Ton und der Graf schwieg Er mochte wissen wie lange wie
hartnäckig die Warnungen des Alten missachtet und als Schwarzseherei verspottet
worden waren
    Sobald der Graf uns verlassen hatte verlangte Anka hinweg Sie hielt meine
Hand fest während wir durch die hell erleuchteten Gänge nach unsern Zimmern
zurückkehrten Bleiben Sie da bleiben Sie neben mir wiederholte sie beständig
als sie schon im Bett lag Sie müssen die ganze Nacht neben mir sitzenbleiben
Sie zitterte ihre Zähne schlugen aneinander ihre Stirn und ihre Lippen
glühten Sie schien von einem plötzlichen Fieberanfall ergriffen Mir war bang
ich läutete ich wollte um den Arzt schicken aber niemand kam keiner war da
von der ganzen zahlreichen Dienerschaft Die einen hielt ihr Dienst die andern
ihre Neugier und Schaulust in der Nähe des Festes
    Fehlt Ihnen etwas haben Sie Schmerzen Anka fragte ich
    Nein ihr fehlte nichts und es tat ihr nichts weh als nur das Gellen der
Geigen der Lärm der Musik Nun herrschte aber tiefste Stille um uns auch nicht
ein Laut drang von dem entfernten Teile des Schlosses herüber in dem getanzt
wurde und ich sagte zu der Kleinen sie träume schon Da begann sie zu klagen
und zu wimmern sie träume nicht und wolle nicht träumen wolle lieber nie mehr
schlafen Auf jede meiner Einwendungen hatte sie ein Dutzend Antworten Endlich
wurde sie ruhiger und schloss sogar die Augen Doch schreckte sie bei meiner
geringsten Bewegung auf und rief Bleiben Sie bei mir
    Mitternacht war längst vorüber da traten unsre Frauen alle zugleich in das
Nebenzimmer Durch die nur angelehnte Tür drang das Geflüster ihrer Stimmen ein
hastiges verworrenes Durcheinander aus dem kein deutliches Wort zu entnehmen
war Anka legte den Finger an den Mund und lauschte mit gespanntester
Aufmerksamkeit als jedoch der Kopf Francines an der Tür erschien stellte das
Kind sich sogleich schlafend und erreichte auch seinen Zweck Trotz meiner
abwinkenden Zeichen die sie nur der Sorge zuschrieb Anka könne geweckt werden
raunte die Bonne mir zu Der Ball ist aus Die Gräfin stirbt
    Anka stieß einen fürchterlichen Schrei aus und warf sich mir um den Hals
Ihr kleiner Körper zuckte und wand sich in einem Ausbruch wahnsinniger Angst
Sie war schon tot sie war schon den ganzen Abend tot und hat noch getanzt und
wird jetzt gleich hereintanzen rief sie und drückte sich zitternd und bebend an
mich
    Francines alberne Versuche sie zu beruhigen regten sie nur noch mehr auf
Du lügst schrie sie und schlug ihr mit der Faust ins Gesicht als die Bonne nun
plötzlich zu behaupten begann Mama habe nur eine kleine Ohnmacht gehabt eine
unbedeutende kleine Ohnmacht und werde morgen gesund sein
    Wir wachten die ganze Nacht hindurch
    Jetzt ging es wirklich sehr lärmend um uns zu Die Wagen der abfahrenden
Gäste rollten unter unsern Fenstern vorüber auf den Treppen den Gängen war es
laut von auf und ab eilenden Schritten im Hofe wieherten die Pferde der
Estafetten und Kuriere die nach dem nächsten Städtchen und von dort aus auf
Postpferden weiterreiten sollten um Ärzte aus der Residenz herbeizuholen
    Am Morgen kam der Doktor und brachte Nachricht von der Gräfin Sie war auf
dem Balle plötzlich umgesunken konnte lange nicht zu sich gebracht werden Eine
Lungenentzündung stand zu befürchten Anka hörte ihm halb ungläubig halb
befriedigt zu und wiederholte mehrmals leise als ob sie sich selbst Trost
zusprechen wollte Meine Mutter ist nur krank nur krank  Dann schlief sie
ein und schlief bis zum Abend Mit der Dunkelheit kehrten all ihre Schrecken und
Bangigkeiten wieder wir durchwachten diese wie die vorige Nacht und bei Tag
wurde wieder geschlafen So ging es fort eine Woche lang am Morgen des achten
Tages verschied die Gräfin
    Der Graf hatte während ihrer Krankheit nicht von ihrer Seite weichen dürfen
Sie klammert sich an ihn wie die Reue an die Barmherzigkeit sagte Francine die
sich mit ihrer zudringlichen Dienstfertigkeit den Eintritt ins Krankenzimmer
erzwang Anka zu sehen hatte die Gräfin nur einmal verlangt und als man ihr
sagte sie schliefe sich damit zufrieden gegeben und nicht wieder nach ihr
gefragt Graf Stephan irrte im Schloss umher wie ein Verzweifelter Er wusste
nicht wohin sich flüchten Wenn er schwer gesündigt hatte in diesen Tagen hat
er schwer gebüßt Auf Wunsch des Grafen musste er alle Berichte über das Befinden
der Kranken an die Verwandten namentlich an die Mutter der Gräfin schreiben
Ratlos kam er um meinen Beistand zu erbitten Die Feder führen war nicht seine
Sache und er gestand es ohne Beschämung ein Es versteht sich von selbst dass
ich ihm hilfreiche Hand bot und er war so gequält so zerknirscht und so
dankbar dass ich beinah Mitleid mit ihm hätte haben können Damals begegnete
ihm was ihm wohl nie vorher begegnet war er vergaß an sich und an den
Eindruck zu denken den er hervorbrachte er wusste nichts als dass er ein
geschlagener Mensch war Das Leben das er gedankenlos und leichtfertig als
Freudenjagd behandelt hatte plötzlich mit stummer und gewaltiger Beredsamkeit
zu ihm gesprochen und sein Gewissen geweckt Er sah um zehn Jahre gealtert aus
als er am Todestage der Gräfin Anka holte um sie zu ihrem Vater zu führen Sie
sträubte sich man musste ihr beteuern um sie fortzubringen dass sie gewiss nicht
in die Nähe der Verstorbenen kommen würde Als sie eine halbe Stunde später
zurückkehrte sprach sie nicht ein Wort von ihrem Vater sie fing gleich an mit
ihren Puppen zu spielen führte eine ganze Komödie auf und unterbrach sich auf
einmal um zu sagen Ich habe immer gehört dass ein Kind traurig ist wenn seine
Mutter stirbt Warum bin denn ich nicht traurig Fräulein Ja die war
merkwürdig diese Kleine Ich kam mir bei ihren Fragen auf die ich gar oft
keine Antwort wusste ganz kläglich vor
    Den Herrn Grafen sah ich erst am dritten Tage nach dem Tode der Gräfin bei
den Trauerfeierlichkeiten wieder Er erschien ehrfurchtgebietend in seinem
großen stolz getragenen Schmerz Ich wagte kaum ihn anzusehen und als er zu
mir trat und sagte Ich empfehle Ihnen Anka hätte ich die Hand die er mir
reichte küssen mögen
    Nach der Einsegnung die am frühen Morgen stattgefunden hatte wurde die
Leiche der Gräfin zur Beisetzung in die Familiengruft nach dem Stammsitze des
Hauses gebracht Einige Stunden später begaben wir uns dahin Den Grafen
begleiteten Graf Stephan und die beiden Brüder der Gräfin die sich eingefunden
hatten um ihrer Schwester die letzte Ehre zu erweisen Anka und ich folgten
Ein Teil der Dienerschaft war vorausgeschickt worden um alle Vorbereitungen zum
Empfang der toten Herrin und ihres Geleites zu treffen
    Das war eine andere als die erste Reise
    Unser Zug richtete sich durch eine raue unwirtliche Gegend nach dem Norden
des Landes Langsam trotz der häufig gewechselten Pferde fuhren wir über
schlechte Wald und Gebirgswege in den trüben Herbsttag hinein im Gefolge einer
Leiche
 
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Mitternacht war vorüber als wir uns dem Ziel unsrer Wanderung näherten Anka
schlief längst den Kopf auf meinem Schoss Zuletzt ging es noch eine Stunde lang
steil aufwärts durch den Wald unter der Eskorte einer Schar von Leuten die man
mit Windlichtern versehen und uns entgegengeschickt hatte Wir erreichten
endlich die Platte eines stumpfen Bergkegels und rollten im raschen Trabe einer
dunklen Masse zu deren Umrisse in den wallenden Nebeln verschwammen Nur ein
schlanker Turm löste sich scharf und deutlich vom Hintergrund des Horizontes ab
den der verschleierte Mond mit fahlem Schimmer erhellte Plötzlich ging ein Riss
durch die Nebel in dem Düster vor uns flammte es auf und wie riesige rote
Feuerzungen erglänzten die Fenster der Kapelle in der die letzte Nachtwache am
Sarge der Gräfin gehalten wurde
    Nun rasselten unsre Wagen über eine hölzerne Brücke und durch eine Einfahrt
des wildesten Raubschlosses würdig hoch düster und ganz mittelalterlich von
Fackeln erleuchtet die in eisernen Ringen an den schwarzen Mauern staken
    Die Herren wurden von der männlichen Dienerschaft über die Treppe geleitet
Anka und mich nahmen die Frauen in Empfang Francine half mir das Kind das
nicht zu erwecken war nach den für uns vorbereiteten Zimmern tragen Sie lagen
im Hochparterre und wir gelangten zu ihnen nach einer Wanderung durch öde
Gänge die mir endlos schienen An der Schwelle begrüßte uns Peterl taumelnd
mit Augen die vor Schläfrigkeit ganz schief standen und lallte die Meldung
das Abendessen sei aufgetragen Wir traten ein Nicht ein paar Zimmer eine
lange Reihe von Zimmern hatte man für uns zurechtgemacht alle geräumig
unregelmäßig und soviel sich bei dem schwachen Scheine der Wachskerzen die auf
den Tischen flackerten erkennen ließ mit großem wenn auch längst überlebtem
Luxus eingerichtet Es herrschte darin der seltsame Duft der gutgehaltenen
aber unbewohnten Gemächern alter Schlösser eigentümlich ist eine Mischung von
Kampfer Moschusund Staubgeruch  parfümierter Moder dünkt mich die beste
Bezeichnung dafür Anka wurde zu Bett gebracht Francine und die Stubenmädchen
empfahlen sich und meine Wenigkeit stand vor dem Lager das man ihr angewiesen
hatte und betrachtete es mit fröstelnder Scheu Lange konnte ich mich nicht
entschließen die Stufen zu ersteigen die mit verschossenem rotem Samt
überzogen zu der feierlichen Schlafstelle emporführten
    Mit ihrem reichen zum Teil vergoldeten Schnitzwerk ihren schweren Säulen
und dem Himmel aus Damast der all die Herrlichkeiten überwölbte war sie ebenso
prachtvoll wie unheimlich Wenn sich von den hochaufgespeicherten Kissen die
Ahnfrau des Hauses erhoben und mich mit erloschenen Augen angestarrt hätte  ich
würde mich gefürchtet aber nicht gewundert haben Mehr als einmal wanderte ich
zu Anka zurück um mir Ermutigung zu holen aus dem Anblick ihres friedlichen
Schlummers bevor ich mich endlich entschloss meinerseits Ruhe zu suchen Ich
fand keine ich wagte nicht das Licht zu löschen erwartete jeden Augenblick die
Kleine aus ihren Träumen aufschrecken und nach mir rufen zu hören Erst als die
aufgehende Sonne ihre ersten Strahlen durch die Fenster warf übermannte mich
die Müdigkeit und ich sank in tiefen Schlaf Anka weckte mich mit gewohntem
Ungestüm schon nach ein paar Stunden Sie wollte sich in ihrem schwarzen Staat
bewundern lassen und mir auch sagen sie fühle schon einige Traurigkeit kommen
seitdem man ihr Trauerkleider angezogen hätte
    Am Nachmittag fand die Beerdigung der Gräfin statt Man hatte vergeblich auf
das Eintreffen ihrer Mutter gewartet sie erschien nicht und sandte auch keine
Kunde erst am folgenden Morgen brachte ein reitender Bote der sich unterwegs
verspätet hatte die Absage Die Gräfin fühlte sich zu angegriffen um die Fahrt
von ihrem zwei Tagereisen entfernten Gute wagen zu dürfen Sie hatte bis zum
letzten Augenblick an den Ernst der Krankheit ihrer Tochter nicht glauben
wollen sie musste von der Todeskunde wie von einem Blitzstrahl getroffen worden
sein Ich fand ihr Ausbleiben sehr begreiflich und tadelte Francine die ihre
Glossen darüber machte Die Bonne hatte mehrere Jahre hindurch das wie ich
glaube nicht besonders anstrengende Amt einer Vorleserin bei der Gräfin
versehen und behauptete sie zu kennen wie niemand Wegen dieser Vertrauteit
mit den Lebensgewohnheiten ihrer einstigen Gebieterin hatte Francine den Auftrag
erhalten die Vorbereitungen zum Empfang der alten Dame zu überwachen Allein
sie war mit gekreuzten Armen müßig dabeigestanden immer nur wiederholend Oh
Madame la Douairière kommt nicht dahin wo man weint
    Als ihre Vorhersagung bestätigt wurde triumphierte sie Sie hatte es
gewusst sie war wie von ihrem Dasein überzeugt die Gräfin denke vorderhand nur
daran sich zu zerstreuen Ihre lebendige Tochter war von ihr geliebt worden o
gewiss die tote möchte sie aus dem Gedächtnis streichen können
    Francine schwatzte so viel dass ich mir fast abgewöhnt hatte ihr zuzuhören
Diese Worte jedoch fielen mir unwillkürlich wieder ein als ich die Gräfin
kennenlernte  aber halt Das kommt erst später ich mag nicht wieder
nachzuholen haben Was jetzt kam war eine Reihe von gleichförmig stillen und
trüben Tagen Unendlicher Regen fiel vom Himmel wir konnten nicht ins Freie
Anka die mit einer großen Dosis Rastlosigkeit gesegnet war machte sich
Bewegung auf den Gängen Ihr größtes Vergnügen fand sie darin die unbewohnten
Räume des Schlosses zu durchwandern Oh Fräulein Erlauben Sie dass ich die
antiken Zimmer aufsperren lasse die antiken die antiken rief sie mit ihrer
dünnen Fistelstimme und stieß das i so gellend heraus dass es mir wie eine Nadel
ins Ohr drang Ach was hatte ich oft zu tun um die Ungeduld zu bemeistern in
die mich dieses Kind zu versetzen wusste
    Die Frau des Kastellans wurde geholt erschien mit ihrer taubstummen Tochter
und mit ihrem Schlüsselbunde und öffnete vor uns lange Galerien und weite Säle
und kleine winklige Stübchen alles eingerichtet alles angefüllt mit Möbeln
Geräten und Kunstwerken aus entschwundenen Jahrhunderten Dieses Schloss von
außen so hässlich und kahl ein viereckiger Kasten auf hohem Unterbau von
zyklopischem Mauerwerk mit plumpen Türmen mit kleinen unregelmässigen
Fenstern barg in seinem Innern einen Reichtum an köstlichen Altertümern der
heutzutage den Stolz jedes Museums ausmachen würde Damals legte man auf die
Reliquien der Vorfahren geringen Wert man ließ sie an ihrer Stelle stehen weil
sie seit undenklichen Zeiten dastanden und niemand genierten Liebe für diese
Sachen besaß nur die Kastellansfamilie in der sich die mit ihnen verknüpften
Traditionen von Kind auf Kindeskind vererbt hatten Unsere Führerin offenbarte
jedoch höchst widerwillig ihre Kenntnis der Geschichte des gräflichen Hauses
Jede Auskunft nach der man verlangte musste ihr abgerungen werden Es hieß sie
habe zwischen ihrem verstorbenen Mann der ein Schwätzer gewesen und ihrer
stummen Tochter das Sprechen verlernt Auf meine Fragen antwortete sie
gewöhnlich nur mit einem Nicken auf die Ankas mit Ja oder Nein Und dabei
neigte ihre große schattenhafte Gestalt sich ehrfurchtsvoll und feierlich ihre
blassen Lippen zitterten leise und sie schien in Demut zu erstreben vor ihrer
jungen Gebieterin dem Sprössling so vieler Generationen deren tote Schätze zu
hüten ihre Lebensaufgabe war Diese Huldigungen hatten etwas Unheimliches wie
das Weib das sie spendete und wie die Umgebung in der wir uns befanden ich
freute mich immer wenn Anka sich endlich müde gegangen und geschaut hatte und
wir in unsere doch auch nichts weniger als heitere Wohnung zurückkehrten Am
liebsten hätte ich aber wieder einmal frische Waldluft geatmet und ich empfand
es wie ein Gnadengeschenk des Himmels als wir eines Morgens bei hellem
Sonnenschein erwachten Es war gerade der für die Abreise der Schlossgäste
bestimmte Tag Den jungen Herren brannte schon wie ich durch Anka hörte der
Boden unter den Füßen Sie wissen ja in welcher Zeit wir damals lebten
Österreich bereitete sich zu neuem Kriege gegen Napoleon vor Man hat ihn später
den Koalitionskrieg genannt warum weiß ich nicht da wir ihn doch ganz allein
ausfechten mussten Eine Kampfbegeisterung ohnegleichen war im ganzen Lande
entbrannt alle Provinzen rüsteten Was jung war oder sich so fühlte arm und
reich niedrig und hochgeboren lief zu den Fahnen die jüngsten Knaben
wünschten Männer zu sein um zu den Waffen greifen zu können gegen den
Zwingherrn der Welt Am wütendsten gehasst in unserm Hause wurde dieser von der
legitimistisch gesinnten Francine Sie blies ihre Gefühle auch der kleinen Anka
ein die nur noch von der Vernichtung des Emporkömmlings träumte zu der ihre
drei jungen Oheime das meiste beitragen sollten Die Brüder der seligen Gräfin
waren im Begriff sich in Wien für die Dauer des Feldzugs anwerben zu lassen
Graf Stephan begab sich zu seinem Regiment
    Die Stunde der Abreise kam die Wagen fuhren vor und Anka wurde zum Grafen
gerufen um Abschied von ihren Verwandten zu nehmen Sie hatte unser Zimmer kaum
verlassen als ich im Vorgemach die Stimme des Grafen Stephan hörte der eine
Frage an die Kammerfrau richtete ohne die Antwort abzuwarten vorwärts eilte und
plötzlich vor mir stand Wo ist Anka Ich möchte ihr Lebewohl sagen sprach er
und als ich erwidert hatte sie sei bei ihrem Vater stieß er mühsam das
Bekenntnis hervor das habe er gewusst und eben deshalb sei er gekommen Er wolle
nicht mehr lügen er sei fertig mit der Lüge für alle Zeit Er wisse wie
schlecht meine Meinung von ihm sei und würde sie gern verbessert haben nicht
durch Worte sondern durch seine Lebensführung Dazu brauche es aber Zeit und
so wolle er jetzt dennoch sprechen Ich bin nicht so verworfen wie Sie denken
Mein ganzes Unrecht war dass ich nicht den Mut hatte einer  glauben Sie mir 
unschuldigen Jugendschwärmerei ein Ende zu machen zu sagen Es ist aus Die
Ehre eines andern habe ich nie verletzt Glauben Sie mir Ich stehe
vielleicht bald vor Gott Glauben Sie mir auch dass ich einen Ekel an meinem
Treiben empfand von der Stunde an in der ich Sie kennengelernt habe Leben Sie
wohl Fräulein Helene Wenn ich wiederkomme werde ich ein Besserer geworden
sein Erlauben Sie mir Ihnen dann in Ehrfurcht zu nahen Wenn ich nicht
wiederkomme wenn Sie hören dass ich tot bin beten Sie ein Vaterunser für mich
Er schwieg und bot mir die Hand Unwillkürlich zog ich die meine zurück  Ich
sah ihn erbleichen und bevor ich mich besann bevor ich ein Wort des Abschieds
sprechen konnte hatte er das Zimmer verlassen«
    »Das wird Ihnen doch leid gewesen sein« fiel ich der Hofrätin ins Wort
»denn der bleibt der arme junge Mensch das sieht man voraus der bleibt bei
Eckmühl oder Regensburg«
    »Leid« wiederholte die Hofrätin und strickte emsig fort »Ich will Ihnen
aufrichtig gestehen  nein Im ersten Augenblick empfand ich nichts als die
Wohltat von einem Menschen dessen Nähe mich beängstigte befreit zu sein Es
gibt nichts so Harterziges wie ein junges Mädchen dem Manne gegenüber den es
gerichtet hat und gerichtet hatte ich ihn Was wusste ich damals von einem
Verrat der dem Nächsten an die Ehre geht oder nicht geht Verrat ists einmal
und ich litt für den an dem er verübt dem das Herz seiner Frau entwendet
worden war So wenig ich diese Frau begreifen konnte so unverzeihlich ihr
Vergehen in meinen Augen war bedauerte ich sie doch Sie hatte gewiss viel
gelitten und wenige Tage vor ihrem Ende noch die demütigende Eifersucht auf ein
untergeordnetes Wesen kennenlernen müssen vielleicht sogar geahnt dass Stephan
mit ihr nur gespielt hatte All dies war nicht geeignet Mitleid für den
Scheidenden in mir aufkommen zu lassen und ich befand mich nachdem er
gegangen keineswegs in weicher Stimmung Dennoch berührte es mich peinlich als
Anka bald darauf hereinlief und mit übermütiger Lustigkeit auf die Melodie des
Pulverstofferl die selbsterfundenen Worte sang Sie fahren fort sie fahren
fort sie fahren in den Krieg«
    »Was machte sie denn gar so lustig« warf ich ein
    »Ich glaube nur der Ernst den sie auf allen Gesichtern sah Ja sie war
ein merkwürdiges Kind und ist doch eine so wenig merkwürdige Frau geworden 
Ich sagte Ihnen dass die Antwort die sie mir einst in bezug auf ihre Puppe gab
prophetisch gewesen ist In der Tat hat meine Anka auch später nie etwas anderes
geliebt als ihren Vater und einen Popanz Der zweite freilich war lebendig war
ihr Gemahl er wurde von ihr unter einer Schar von Bewerbern die der
Majoratskomtesse nicht fehlten auserkoren Ihr Vater widersetzte sich ihrer
Verbindung mit dem schönen aber ganz hohlen fischblütigen Menschen Anka
bestand auf ihrem Willen und er geschah Ob sie unglücklich geworden ist weiß
ich nicht aber dass sie unglücklich gemacht hat davon hatte ich Gelegenheit
mich zu überzeugen Ihr Tod war eine Erlösung für ihre Kinder und ist als solche
von ihnen empfunden worden obwohl diese Kinder brave und warmherzige Menschen
sind Ja warmherzig die Kinder Ankas und ihres fürstlichen Klovek des Zweiten
Die Gelehrten erklären uns wieso in gewissen Fällen Licht zu Licht gefügt
Dunkelheit erzeugt vielleicht vermögen sie auch Auskunft darüber zu geben
wieso aus der Verbindung von Kälte und Kälte  Wärme entspringen kann Jetzt
aber den Kaffee« sagte die Hofrätin und zog den Glockenstrang »Fortsetzung
folgt«
 
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Es war später geworden als wir beide gedacht hatten und die Hofrätin musste die
Erfüllung ihres Versprechens auf einen andern freien Abend verschieben Zu
meiner Freude fand sich ein solcher bald
    »Nach der Abreise der jungen Herren« fuhr sie in ihrer Erzählung fort »kam
der Graf auf unser Zimmer und teilte mir seine Absicht mit den ganzen Winter in
  den Namen dürfen Sie nicht wissen  zuzubringen Der Doktor sei zwar
dagegen finde den Aufenthalt zu einsam die Entfernung von der nächsten Stadt
zu groß allein der Graf wünschte dennoch zu bleiben vorausgesetzt dass es
seiner Umgebung namentlich mir nicht allzu schrecklich sei Natürlich
erwiderte ich meine Meinung käme hier nicht in Betracht da er sie aber zu
hören verlange könne ich nur sagen ich sei überall gern wohin die Pflicht
mich stelle Ja meine liebe Freundin wir waren damals ganz anders erzogen als
die Damen die heutzutage erziehen So gern ich auch fort wollte aus dem alten
Eulenneste und nach unserm früheren schönen Aufenthalt zurück als mein Herr und
Gebieter so gnädig war Notiz von meinem Willen zu nehmen da hatte ich keinen
mehr Er dankte mir mit einigen gütigen Worten beugte sich zu Anka nieder nahm
sie in seine Arme küsste sie zärtlich und sprach Wir werden hierbleiben bei der
armen Mama wir werden sie oft besuchen in ihrer Gruft und ihr Blumen bringen
Und während er das sagte hatte sein männliches Gesicht den Ausdruck eines so
tief brennenden und dabei so kraftvoll und edel getragenen Schmerzes dass ich
mich abwenden musste denn mir traten Tränen in die Augen
    Wir winterten uns ein auf dem Schloss Der Graf verließ die gegen Norden
gelegenen Prunkgemächer und bezog im ersten Stock dieselben Zimmer die wir im
Erdgeschoss innehatten Es waren die freundlichsten des ganzen Hauses Sie
empfingen die Strahlen der Morgensonne und sahen auf einen mit efeuumrankten
Mauern eingefassten Vorhof den ein paar magere Rasenplätze und einige Gruppen
Monatsrosen zierten Durch ein steinernes Tor gelangte man ins Freie auf den
Bergrücken die Glatze wurde er im Volksmunde genannt Basaltblöcke bedeckten
den Boden zwischen zerbröckeltem Gestein spross niederes Gesträuch und eine
spärliche Vegetation von würzigen Kräutern und wunderbar mannigfaltig gebildeten
Moosen Von dieser Seite glitt die Gebirgslehne in sanften Wellenlinien ins Tal
herunter Nach kurzer Wanderung gelangte man in den Wald und durch diesen auf
einem gut gehaltenen Wege am Forstause vorbei zu einem ansehnlichen
Marktflecken
    Wir führten ein sehr einförmiges Leben Den Vormittag verbrachten Anka und
ich bei unsern Lektionen zum Gabelfrühstück fanden sich der Graf und der Doktor
ein Der Speisesaal und der Salon den wir benützten lagen im Erdgeschoss von
unsern Gemächern nur durch die der Frauen getrennt Nach dem Frühstück wurde
spazieren gegangen oder gefahren wir kehrten erst mit einbrechender Dunkelheit
nach Hause zurück Der Mensch ist ein Lufttier sagte der Doktor und litt uns
vor Sonnenuntergang sogar bei recht schlechtem Wetter nicht im Zimmer Das
Diner wurde erst am Abend aufgetragen Von sieben bis acht Uhr spielte der Graf
mit seiner Tochter Domino ich mit dem Doktor eine Partie Schach oder wir
beteiligten uns alle an irgendeinem Gesellschaftsspiel Dann ging Anka schlafen
und wenn ich meine kühle Nixe zu Bett gebracht hatte blieben mir einige Stunden
für mich Aufrichtig gestanden wurden sie mir manchmal lang und die Augen
fielen mir zu über einem Buche das ich las oder einem Brief den ich schrieb
    Ich war jung schlafbedürftig und dennoch des Nachts zu höchst
unfreiwilligem Wachen verurteilt Sie wissen dass der Graf die Zimmer bezogen
hatte die über den unsern lagen je weiter die Nacht vorschritt desto lauter
hörte ich ihn mit langsamen dröhnenden Tritten in seinem Gemach auf und ab
gehen Mir verriet dieses rastlose Wandeln in der Nacht das Geheimnis der
Sehnsucht die ihn quälte Ich sah ihn im Geiste vor mir dem Schmerz ganz
hingegeben den er mit starkmütiger Selbstverleugnung vor uns verbarg ich
bildete mir ein ihn aufschluchzen ich meinte ihn klagen zu hören um die Frau
die er geliebt und verloren hatte Endlich trat eine Pause ein ich vernahm eine
Zeitlang nichts mehr und gab mich der Hoffnung hin dass er endlich Ruhe gefunden
habe Nach kurzem jedoch erschallten seine Schritte von neuem über meinem
Haupte weckten mich aus dem Schlummer in den ich kaum gesunken war und
hielten mich wach bis zum Tagesgrauen Am Morgen aber sobald Anka die Augen
aufgeschlagen hatte rief sie nach mir und bat mich die Laden zu öffnen und
wenn ich nun ans Fenster trat sah ich schon den Grafen sich aufs Pferd
schwingen oder ich erkannte an dem erschlossenen Hoftor dass er ausgeritten war
auf einem seiner wilden Hengste die nur er allein zu bändigen verstand Einige
Stunden später erschien er beim Frühstück so ruhig und in so gleichmässiger
Laune als ob er sich im tiefsten Frieden mit seinem Schicksal befände Was auch
in ihm vorging wie gequält er war wir litten nicht unter seiner Trauer er war
gegen seine Umgebung gütig und rücksichtsvoll wie es sogar die nur äußerst
selten sind die am meisten dazu verpflichtet wären  die Glücklichen Es
verflossen Wochen Monate ein neues Jahr war angebrochen da ereignete es sich
eines Tages dass die Schlossuhr die erste Nachmittagsstunde schlug Anka vor
Hunger bereits weinte  das Kind hatte einen Appetit wie Ludwig XVI  vom
Gabelfrühstück aber noch immer nicht die Rede war Sie schellte sie fragte nach
der Ursache dieser Verspätung und da hieß es der Graf sei vom Spazierritte
noch nicht heimgekehrt der Doktor aber der Anka sonst zürnen half wenn die
Mahlzeiten nicht pünktlich aufgetragen wurden hatte Urlaub genommen um
Verwandte zu besuchen die im benachbarten Städtchen lebten wir erwarteten ihn
nicht vor dem nächsten Morgen
    Der Tag war eisig kalt der Schnee zwischen den Steinen und Blöcken zu
festen Eismassen zusammengefroren Blank wie ein Spiegel schimmerte der Teil des
Waldweges den wir vom Fenster aus überblickten Plötzlich kam mir der Gedanke
es könne ein Unglück geschehen der Graf mit dem Pferde auf dem Glatteis
gestürzt sein und im selben Moment rief Anka Da kommt Papa zu Fuß und führt
den Fuchs Der Graf näherte sich langsam dem Tore die Zügel des Pferdes in der
linken Hand die rechte im Rock eingeknöpft und  der Atem verging mir vor
Schrecken  das Gesicht von Blut überrieselt Die Diener rannten ihm über den
Hof entgegen Anka begann zu schreien und schoss wie ein Pfeil aus dem Zimmer
Ich folgte ihr Der Graf war schon ins Treppenhaus getreten als wir dort
anlangten Er ging hoch aufgerichtet wischte das Blut vom Gesicht und wehrte
ungeduldig wie ich ihn nie gesehen die Hilfeleistungen seiner Diener ab Als
er die Stimme Ankas vernahm wandte er sich und lachte Sie stürzte auf ihn los
und stieß da er sich beugte um ihr die Stirn zu küssen an seinen im Rock
eingeknöpften Arm Der Graf zuckte zusammen erbleichte bis an die Lippen und
presste mit zorniger Willenskraft einen Ausruf des Schmerzes zurück Ich trat
rasch vor und zog Anka an mich  ohne besondere Zärtlichkeit scheint mir
vielleicht nicht sehr sanft jedenfalls in einer Weise die ihrem Vater missfiel
Er warf mir einen strafenden Blick zu und sprach in aggressivem Tone und recht
wie jemand der die Gelegenheit einen Tadel zu äußern vom Zaune bricht Ich
hoffe dass Anka gefrühstückt hat
    Noch nicht erwiderte ich und fügte hinzu wir hätten auf ihn gewartet Er
rügte das äußerte sehr trocken den Wunsch ich möge in Zukunft ohne Rücksicht
auf ihn die Tagesordnung einhalten grüßte und stieg mühsam von seinem alten
Haushofmeister gefolgt die Treppe empor
    Kleinlaut wandte ich mich mit Anka zur Rückkehr in unsere Gemächer
Francine die im Gange stehengeblieben war und alles mit angesehen hatte
begleitete uns Ja so ist er  Oh Sie kennen ihn noch nicht flüsterte sie
mir zu er hat sich geärgert nicht über das verspätete Frühstück sondern über
Ihre Bestürzung und über das Mitleid mit dem Sie ihn ansahen Das war aber auch
gewaltig  Sie kicherte und warf mir einen spöttischen Blick zu Sie hatte so
hässliche Augen Tiefschwarze kugelrunde Augen fast ohne Lider dafür aber mit
dichten halbkreisförmigen Brauen Oh Mitleid verträgt er nicht der Graf Sie
sollten das wissen bemerken Sie nicht wieviel Mühe er sich gibt seinen
Schmerz um seine Frau zu verbergen Wie er sich stellt als ob er ihren Verlust
mannhaft ertrüge während er des larmes de sang um sie weint Jetzt darf niemand
wissen wie übel er sich beim Sturz mit dem Pferde den er ohne Zweifel getan
zugerichtet hat damit er nur ja nicht bedauert werde Aber das können Sie mir
glauben sein Kopf tut ihm nicht wohl in diesem Moment und der rechte Arm ist
verrenkt oder gebrochen
    Instinktmässig ich wusste damals wirklich nicht warum ich es tat suchte ich
ihr den Schrecken zu verbergen in den ihre Worte mich versetzten und fragte
mit anscheinender Ruhe ob man nicht einen Boten nach dem Doktor schicken
sollte Sie meinte nein der Doktor komme morgen früh müsse demnach schon
unterwegs sein es bliebe nichts übrig als zu warten
    Warten  ja wenn es nur mit dem Gedanken hätte geschehen können der Kranke
sei bis zum Eintreffen des Arztes leidlich versorgt Diesem Tröste durften wir
uns jedoch nicht hingeben Der Haushofmeister den der Graf gelangweilt durch
dessen Klagen aus seiner Nähe gewiesen kam am Nachmittag Francine zu
beschwören sie möge sich der Pflege des Patienten ein wenig annehmen Der Alte
hatte an der Tür gelauscht und behauptete der Graf sei bewusstlos der
Kammerdiener allein bei ihm und der sitze in einem Winkel die Hände im Schoss
Er wage nicht sich zu rühren und dem Fiebernden auch nur ein feuchtes Tuch auf
die Stirn zu legen Anka und ich stimmten in die Bitten des alten Dieners ein
aber Francine blieb unbeweglich und erklärte ein Mal ums andere sie dränge sich
nicht auf wenn der Graf ihrer bedürfe möge er sie rufen lassen Und sooft wir
wiederholten er sei ja bewusstlos er könne sie nicht rufen lassen so oft
wiederholte sie wie eine gedankenlose Maschine ihren albernen Satz Endlich
riss mir die Geduld Bleiben Sie denn hier ich gehe zu ihm rief ich und schritt
resolut aus dem Zimmer und über die Treppe und pochte an der Tür des Grafen Der
Kammerdiener öffnete mir Er hieß Raimund war ein ältlicher dicker Mensch der
immer schläfrig aussah und obwohl anfangs erschrocken über mein kühnes
Eindringen dankte er bald dem Himmel und jedem einzelnen Heiligen darin dass
ich da war Kein Wunder denn ich wusste bei Kranken Bescheid Hatte doch mein
jüngerer Bruder dessen Wartung zumeist mir obgelegen von den dreizehn Jahren
seines Lebens neun auf dem Siechbette zugebracht Überdies meine Teuerste
bleiben das Kinder und das Krankenzimmer ewig die Domäne in der der Frau recht
gern die Herrschaft eingeräumt wird
    So hatte ich bald Ordnung geschafft Verbandszeug herbeibringen und einen
Kübel mit Eis vor das Bett stellen lassen an das ich nun trat und dessen
Vorhänge ich zurückschlug Der Graf lag gerade ausgestreckt auf dem Rücken
wachsbleich und regungslos aber nicht in Ohnmacht sondern in jenem dumpfen
schweren Schlaf in den kräftige Leute nach überstandenen körperlichen Schmerzen
versinken Um die Stirnwunde war das Blut geronnen sie schien klein und tief
durch den Sturz auf einen spitzen Stein hervorgebracht Der beschädigte Arm lag
hoch angeschwollen auf der Decke ich schnitt den Ärmel des Hemdes entzwei und
begann meinen Krankenpflegerdienst Raimund ging mir treulich an die Hand
solange er sich des Schlafes erwehren konnte Als er aber nur noch wie ein
Träumender meinen Weisungen nachkam eine halbe Stunde brauchte um das
erlöschende Feuer im Kamin anzufachen als er begann die Umschläge statt auf
die Stirn und den Arm des Grafen auf das Kissen und die Decke zu legen da
dankte ich ihm für seine Beihilfe und ließ ihn ungestört schlafen auf einem
Bärenfell auf das er hingesunken war wie ein Klotz
    Mein Kranker begann indes zu fiebern und zu phantasieren sein Atem wurde
kürzer die Tücher die ich eiskalt auf seine Stirn gelegt hatte nahm ich
wenige Minuten später dampfend vor Hitze wieder hinweg So kam die Mitternacht
heran
    Dass ich müde oder schläfrig werden könnte fürchtete ich nicht davor
schützten mich meine Aufregung und meine Besorgnis doch waren infolge des
beständigen Hantierens mit dem Eise meine Finger ganz erstarrt ich musste ihnen
Zeit gönnen sich zu erwärmen und Raimund wecken um mich von ihm ablösen zu
lassen Im Begriff auf ihn zuzugehen wandte ich mich und  fühlte mich
plötzlich zurückgehalten Der Graf hatte meine Hand erfasst Sitta rief er  der
Name seiner Frau  Sitta Sitta und den Kopf etwas erhoben blickte er mich mit
weitgeöffneten Augen an  Augen freilich die nur sahen was das Fieber ihnen
vorspiegelte aber ich war doch sehr erschrocken regte mich nicht mehr als
wenn ich von Stein gewesen wäre und verwünschte mein albernes Herz das zu
pochen anfing  laut bildete ich mir ein so laut dass man es hören konnte 
Der Kranke lächelte seine Lippen bewegten sich und flüsterten Worte der Liebe
und Zärtlichkeit Er sank auf das Kissen zurück die Wange an meine Handfläche
geschmiegt schloss die Augen und schlief ein Noch einige rasche Atemzüge dann
hob und senkte sich seine Brust gleichmäßig und er lag in süßem erquickendem
Schlaf
    Ich aber stand da und hatte nicht den Mut meine Hand zurückzuziehen Ein
Wunsch nur beseelte mich und stieg als inbrünstiges Gebet zum Himmel Herrgott
lass ihn nicht erwachen lass ihn jetzt nicht erwachen barmherziger Gott sonst
muss ich sterben vor Scham  Meine Knie wankten ich war erschöpft und musste
mich endlich um nicht umzusinken auf den Rand des Bettes setzen und dachte
immer nur an das eine Lass ihn nicht erwachen Damals lernte ich eine von jenen
Stunden kennen in denen jede Sekunde zur Ewigkeit wird Das sind die Stunden
die uns alt machen die Leute die solche nicht erlebt haben bleiben jung bis
zum Tode Endlich gelang mir doch was ich wohl hundertmal vergeblich versucht
hatte meine Hand zu befreien ohne den Grafen zu wecken Wie erlöst atmete ich
auf trat ans Fenster und da fuhr auch schon der Wagen der den Doktor brachte
in den Hof Ich lief dem sehnlich Erwarteten entgegen erzählte ihm in kurzen
Worten was sich ereignet hatte und begab mich auf mein Zimmer als ich den
Arzt bei dem Kranken wusste Die Spöttereien mit denen Francine mich im Laufe
des Tages neckte ließ mich gleichgültig Ich war von Natur aus gegen
dergleichen kleinliches Zeug gefeit besonders war ich es jedoch in jenen
Augenblicken Mir war ein heißes Gebet erfüllt worden und nachmittags kam der
Doktor zu uns und sagte Der Arm ist eingerichtet und Ihnen verdankt es der
Graf dass es ohne übermäßigen Schmerz geschehen konnte
 
                                       7
Der Graf erholte sich nicht ganz so rasch als der Arzt erwartet hatte Erst
nach drei Wochen erschien er wieder bei Tisch einen Verband um die Stirn den
Arm der an zwei Stellen gebrochen war in der Schiene Seine Unbehilflichkeit
machte ihn ärgerlich und die Ruhe die ihm seiner Kopfwunde wegen
vorgeschrieben war verursachte ihm Langeweile Bis zur Speisestunde hielt er es
in seinen Zimmern aus nach dem Essen blieb er nun im Salon auch nach beendeter
Spielpartie mit Anka und wir erlaubten uns das Kind eine Stunde länger als
sonst aufbleiben zu lassen ohne dass dieser Frevel an der unverbrüchlichen
Tagesordnung von ihm gerügt worden wäre
    Erzähle mir etwas sagte er eines Abends zu der Kleinen und sie erwiderte
zu erzählen wisse sie nichts aber vorlesen wolle sie ihm Er staunte er wollte
es nicht glauben dass sie schon lesen könne  sie ging damals ins achte Jahr 
und als sie begann geriet er in stilles Entzücken aus seinen tiefliegenden
Augen brachen Blitze der Bewunderung während sie auf dem klugen und kalten
Gesicht des lesenden Kindes ruhten
    Das war für den Grafen Jetzt etwas für mich rief der Doktor als Anka mit
ihrem Märchen zu Ende gekommen Er trug einige Bücher herbei unter denen die
Herren  ziemlich aufs Geratewohl  den Cid von Herder wählten Der Zögling
wurde schlafen geschickt und die Erzieherin begann vorzulesen Ein dankbares
Publikum wie früher war der Graf jetzt nicht aber er hörte mir doch zu und von
nun an verstanden die Leseabende sich von selbst Anka las regelmäßig eine halbe
Stunde ich regelmäßig eine ganze Stunde und die Befriedigung hatte ich meinen
guten Grafen nach einem Weilchen mannhaft mit dem ersten Gähnen kämpfen zu
sehen Seine Züge nahmen einen friedlichen etwas müden Ausdruck an und wenn
ich beim Glockenschlag der zehnten Stunde das Buch schloss dankte er mir
versicherte es sei sehr interessant gewesen und wünschte mir gute Nacht Und
ich hatte sie denn um mich und in mir herrschte Ruhe
    Einmal nachdem Anka uns verlassen hatte brach der Graf in Lobpreisungen
seiner Tochter aus Er fand dass sie erstaunliche Fortschritte im Lernen gemacht
hätte ihr Verstand entwickle sich von Tag zu Tag mehr das Herz sei von jeher
vortrefflich gewesen Sie ist ein gutes liebevolles Kind schloss er mit einer
Innigkeit in seinem Tone einer beglückenden Überzeugung die mir weh taten Ich
schwieg der Doktor warf mir einen vielsagenden Blick zu Die Worte des Grafen
waren Wasser auf seine Mühle sie bestätigten eine Behauptung die er gern
wiederholte Eltern haben nie ein richtiges Urteil über ihre Kinder Er hätte
seinen Satz gewiss aufgestellt und dem Grafen ins Gesicht verteidigt wenn ihm in
diesem Augenblick überhaupt an etwas anderm gelegen gewesen wäre als an der
Fortsetzung unsrer Lektüre Er brannte zu heiß darauf zu erfahren ob der Cid
matt von Jahren matt von Kriegen im Kampf mit Bucar erlegen und ob das gute
Pferd Babieka wirklich ohne den Helden vom Schlachtfeld zurückgekehrt war um
nicht alles zu vermeiden was die Befriedigung seiner Neugier hätte verzögern
können So begnügte er sich damit ausweichend zu sagen Gut gut alle Kinder
sind gut und alle Kinder sind böse wie mans nimmt  Lesen Sie Fräulein
lesen Sie verlieren wir keine Zeit
    Mir gaben die Worte des Grafen viel zu denken Für so verblendet hatte ich
ihn doch nicht gehalten dass er gerade das Gegenteil dessen was seine Tochter
war in ihr sah ein gutes liebevolles Kind Es schnürte mir das Herz zusammen
wenn ich mir vorstellte wie herb die Enttäuschung sein werde die er früher
oder später an dem Wesen erleiden müsse das ihm über alles in der Welt teuer
war
    Du lieber Gott was machte den ganzen Reichtum dieses Mannes aus Was hielt
ihn aufrecht und spendete ihm Trost in dem großen Unglück das er erfahren
hatte Wahn und wieder Wahn Der Glaube an die Liebe und Treue seines Weibes
verklärte ihm seine Erinnerungen der Glaube an die Güte seines Kindes
schimmerte wie ein mildes Licht über seinem Leben
    Ein tiefes Erbarmen erfüllte mich und zugleich eine Verehrung ohne Grenzen
Dieser Mann hatte gewiss nicht viel über sich nachgedacht die edlen
Eigenschaften die ihn erfüllten kamen ihm nur in andern zum Bewusstsein  Oh
Freundin die Welt verlacht die Betrogenen  ich liege vor ihnen auf den Knien
 Ich konnte meinen Grafen nicht ansehen konnte nicht an ihn denken ohne mir
zu sagen Du braves Herz Aus deiner Ehrlichkeit entspringt dein Glaube aus
deiner eigenen lauteren Seele dein Vertrauen dein günstiges Vorurteil  Du
armer Mann wie reich bist du
    Ich bedauerte und bewunderte ihn und meinte nun doch zu können was mir
bisher unmöglich geschienen hatte sein Kind zu lieben und es lieben zu lehren
Er sollte nicht nur eingebildete Güter besitzen das eine unter ihnen das
meiner Obhut anvertraut war musste durch mich ein wirklich wertvolles werden
und ich wollte mir sagen können wenn ich es einst in seine Hand zurückgäbe
Jetzt gleicht dein Kind dem Bilde das du dir von ihm gemacht hast
    Damals habe ich meinen ersten großen Kampf gekämpft mit einem kleinen
Mädchen Ach Gott mir erging es schlimmer als Moses in der Wüste Zin Zweimal
pochte der an einen Felsen  wie oft ich es getan ist nicht zu zählen und wie
vergeblich nicht auszudrücken Ich hatte mich dahin gebracht Anka gegenüber
eine eherne Stirn anzunehmen und sie stellte ihre Feindseligkeiten ein als sie
zu bemerken glaubte dass sie mir keinen Eindruck machten Jetzt ganz beseelt
von meinen neuen Vorsätzen begann ich freundlicher mit ihr zu werden und
augenblicklich so rasch wie ein Messer einschnappt der Hahn eines Gewehrs
knackt sprang sie aus ihrer Gleichgültigkeit in ein herausforderndes
verletzendes Wesen über Ich weiß recht gut Sie wollen sich bei mir
einschmeicheln warf sie mir einmal hin aber es nützt Ihnen nichts Je
nachsichtiger ich sie behandelte desto gereizter schien sie Ich sah wohl dass
Francine sichs angelegen sein ließ sie wider mich zu hetzen konnte aber nicht
erraten durch welches Mittel Ebenso rätselhaft war mir manches im Benehmen der
Dienerschaft Jeder einzelne zeigte sich kriechend und unterwürfig wenn er mir
allein begegnete steif und verlegen in Gegenwart seiner Genossen Es schien
jedem um meine Gunst zu tun und jedem auch darum es nicht einzugestehen Nur
der Doktor blieb immer derselbe Er war weder ein Mann von vielen Worten noch
von feiner Erziehung Ich bitte oder ich danke hat er selten gesagt Seine
ärztlichen Ratschläge erteilte er kurz und verachtete jene die sie nicht
befolgten Armen und Dienern gegenüber besaß er nicht die nötige Duldsamkeit
war immer gleich bereit die Hand von ihnen abzuziehen wenn sie sich einen
Zweifel an der Wirksamkeit seiner Mittel und der Weisheit seiner Anordnungen
erlaubten Blinden Glauben und Gehorsam jedoch belohnte er durch unermüdliche
aufopfernde Fürsorge und seine Patienten fuhren wohl dabei Mir ist er von dem
Tage an welchem ich das Haus betrat bis zu dem an welchem ich es verließ ein
treuer Freund gewesen und er zeigte sich auch damals mir gegenüber unverändert
    Wir lebten allerdings samt und sonders in schrecklicher Spannung und nur
spärlich drangen Nachrichten in unsern vergessenen Erdenwinkel Aufs höchste
verstimmt war der Graf Er litt noch heftige Schmerzen die zu verbeissen ihm
nicht immer gelang und grollte darüber mit sich selbst Krank sein erschien ihm
wie eine Art Schande für einen Mann Und nun gar jetzt in diesen Tagen in denen
er sich am liebsten aufs Pferd geworfen hätte um dem Erzherzog nachzureiten
der an der Spitze der Hauptarmee über Böhmen zog gegen Regensburg Wie
begreiflich war diese Sehnsucht wie gut konnte ich sie verstehen Er hatte als
Jüngling unter Erzherzog Karl gedient den Feldzug vom Jahre neunundneunzig
mitgemacht an Stocksach Zürich Mannheim knüpften sich seine glorreichen
Erinnerungen er betete den Helden an dem er sie verdankte Wir erfuhren oder
errieten vielmehr aus einzelnen seiner Äußerungen dass es schon im Spätherbst
beschlossene Sache bei ihm gewesen war an dem neuen Feldzuge teilzunehmen und
dass er alle vorbereitenden Schritte zu seinem Wiedereintritt ins Heer durch
Stephan hatte machen lassen Nun schrieb dieser Komm und gab den Ort an nach
dem die Kriegsequipage zu senden sei und der Graf saß da in seinem einsamen
Schloss unfähig einen Säbelgriff zu halten ein Pferd zu besteigen und führte
statt des ersehnten Kampfes gegen tapfere Feinde einen erniedrigenden und
nutzlosen Kampf mit elenden Gebresten
    Von Zeit zu Zeit fuhr der Doktor nach dem Städtchen um dort Neuigkeiten
einzusammeln Dies war denn einmal wieder geschehen Anka und ich befanden uns
allein bei dem Grafen Er hielt die Kleine auf seinem Schoss sie plauderten von
der schönen Sommerzeit von dem Schloss das wir früher bewohnt hatten von dem
Garten und seinen Wundern Endlich kam die Rede auf die Einsiedelei Ach wie
gut hatte sich Anka in der Einsiedelei unterhalten  aber welchen Schrecken
hatte sie einmal dort ausgestanden Wenn der Papa das wüsste und  ich sage
Ihnen das Blut erstarrte in meinen Adern  Soll ichs erzählen Fräulein
wandte sie sich plötzlich zu mir Der Graf sah meine Bestürzung sie schien ihn
zu ergötzen lachend munterte der Unglückliche sein Kind zum Schwatzen auf Anka
ließ sich nicht bitten berichtete alles genau  wie Stephan uns im Walde
gesucht und wir ihm ausgewichen Da kommt er in die Einsiedelei sprach sie
lebhaft ich seh ihn von weitem und lauf davon dann seh ich auch Mama die im
Garten spazierengeht und rufe Komm uns zu Hilfe Stephan ist da  und da wird
Mama ganz weiß  ich fürchte mich verstecke mich und rühr mich nicht  Mama
versteckt sich auch vor Stephan und dem Fräulein Will sie überraschen
verstehst du Stephan ist zornig und schreit  nun ja es ärgert ihn dass wir
nicht mehr mit ihm sprechen wollen Er wird immer zorniger Da tritt Mama aus
dem Hause und schaut ihn an  das Kind erzitterte bei dieser Erinnerung und
wiederholte flüsternd Schaut ihn an   und ich ganz erschrocken rühr mich
wieder nicht und dem Stephan ist himmelangst geworden Umgedreht hat er sich
weg vom Fräulein und ist der Mama gefolgt wie dir die Lady folgt wenn du sie
geprügelt hast Der Graf hob die Kleine von seinem Schoss und sprang auf Ein
dumpfer Laut der Qual entstieg seiner Brust Hatte das Kind an eine verborgene
Wunde gerührt leise glimmende Zweifel entfacht Ich wagte nicht in sein
Gesicht zu sehen dachte nur Jetzt gilts und sprach so munter und so ruhig
als ich vermochte Ich werde der Frau Gräfin ewig danken dass sie mich durch
ihre Dazwischenkunft aus einer peinlichen Verlegenheit gerettet hat Graf
Stephan scherzte nur aber sehr keck Das Erscheinen der Frau Gräfin war für
mich eine wahre Wohltat  Ich schwieg ich hörte ihn tief aufatmen und jetzt
erhob ich die Augen zu ihm  Nie bin ich imstande Ihnen den Ausdruck seines
Gesichtes zu beschreiben die Befürchtung die Hoffnung die Freudigkeit den
Schmerz die sich abwechselnd in seinen Zügen aussprachen Seine Augen hingen an
meinen Lippen als spendeten meine Worte ihm das Leben Nachdem ich geendet
hatte gelang es ihm mit ziemlicher Gelassenheit zu sagen Stephans Scherze
waren vielleicht sehr ernst gemeint Übrigens habe ich Sie Fräulein stets für
entschlossen gehalten und für vollkommen fähig Zudringlichkeit ohne fremden
Beistand in Schranken zu halten
    Dennoch habe ich den der Frau Gräfin gesegnet 
    Er richtete sich empor Genug unterbrach er mich und setzte leise aber mit
einer Gebärde unwiderruflicher Entschlossenheit hinzu Ich will es glauben Er
fasste Anka in seine Arme sie umklammerte seinen Hals und schmiegte ihr
Gesichtchen an seine Wange so nahm er mit ihr seinen früheren Platz wieder ein
verweilte lange unbeweglich und stumm in Gedanken versunken und fragte endlich
zerstreut Was lesen wir heute Nichts mehr meinte ich da es sehr spät
geworden sei So geht denn gute Nacht gute Nacht und plötzlich reichte er mir
die Hand hielt die meine fest in der seinen und sprach dabei kein Wort aber
welchen innigen warmen Dank sagte mir der Händedruck
    Anka und ich traten aus dem Salon und in dem Augenblick in dem ich die Tür
aufstiess huschte Francine von ihr hinweg Sie hatte wieder gelauscht
    Schämen Sie sich nicht fragte ich empört Aber sie lachte Nein sie
schämte sich nicht im geringsten Wie echauffiert Sie sind sagte sie und das
Kind hat wohl schon geschlafen
    Es lag ein so frecher Verdacht in ihrem Blick ihr Mund verzog sich so
höhnisch dass ich alle Herrschaft über mich verlor und ihr die uns inzwischen
auf unser Zimmer gefolgt war befahl sich augenblicklich zu entfernen
    Da warf sie sich mit einem Ausbruch leidenschaftlicher Klagen Anka zu Füßen
und kroch mit zigeunerhafter Geschmeidigkeit vor ihr auf dem Boden Mein
Herzchen hört wie man die arme Francine behandelt  mein Herzchen sieht es
Nun ich gehe schon Sie drückte ihr Tuch vors Gesicht und eilte hinweg Das
Kind jedoch trat vor mich hin wie eine kleine wütende Megäre und sagte Warten
Sie nur Grossmama weiß alles Francine schreibt alles der Grossmama
    Was wollen Sie damit sagen fragte ich was bedeutet Ihre Drohung Grossmama
darf alles wissen was hier vorgeht und Francine mag es ihr nur schreiben Die
Kleine blickte betroffen zu mir empor und begann mich anzuflehen niemand etwas
von dem zu verraten was sie mir eben gesagt niemand  am wenigsten Francine
Ich suchte sie zu beruhigen Sie forderte ungestüm ein förmliches Versprechen
und nachdem ich es gegeben küsste sie mich ein paarmal kalt mit
augenscheinlicher Selbstüberwindung als ob sie höchst ungern eine zu hohe
Rechnung bezahle Das war ich dir schuldig da hast dus Sie gab so schwer
etwas weg von ihrer Armut diese karge Seele
    Ich aber meine liebe Freundin hatte nun erfahren zu welchem Zweck mich
Francine mit stündlicher Überwachung umgab warum sie mir nachschlich auf
Schritt und Tritt unversehens neben mir auftauchte wenn ich sie am wenigsten
in der Nähe vermutete Sie war eben nichts andres als ein elender Spion und
berichtete über mich in Briefen an die Schwiegermutter des Grafen Ich hatte sie
oft schreibend gefunden wenn ich durch ihr Zimmer kam und gelacht über die
Hast mit welcher sie bei meinem Nahen ihr Gekritzel mit der Hand bedeckte oder
in die Schublade schob Angeekelt hat mich das alles aber nicht besorgt
gemacht Ich war in mancher Hinsicht jünger als meine Jahre und dachte Übles
kann von mir nicht gesagt werden wenn auch wie Anka sich ausgedrückt hatte
alles gesagt wurde es fiel mir nicht ein dass sich mehr sagen lassen könne als
alles Wahre nämlich etwas Falsches
 
                                       8
Wir befinden uns wie Sie sich erinnern im Jahre neun« hub die Hofrätin von
neuem an »es ist im Beginn des Monats Mai Dass unsre schönen Träume von einem
siegreichen Vordringen unsrer Armee unter ihrem großen Führer sich nicht
erfüllten wissen wir bereits Etwas ganz Bestimmtes Unwiderrufliches haben wir
aber noch nicht erfahren
    Ein Mainachmittag also ein gar lieblicher noch dazu der Doktor Anka und
ich kehren vom Spaziergang zurück und wie wir uns dem Tore des Hofes nähern
sehen wir es offen und vor dem Schloss einen großen Reisewagen stehen schwer
bepackt mit vier Schimmeln bespannt Anka ruft der Doktor wessen Equipage ist
das Wer ist angekommen Die Kleine schreit auf Grossmama Es ist Grossmama und
läuft so schnell sie kann in den Hof Ich ging dem Kinde nach ohne meine
Schritte zu beschleunigen und hatte alle Zeit die Dame zu betrachten die
unbeweglich neben dem Grafen stand und ihre Enkelin heraneilen ließ Sie blickte
über Anka hinweg und hielt mich ins Auge gefasst aufmerksam neugierig ohne
Missgunst und ohne Wohlwollen Erst nachdem Anka bei ihr angelangt war beugte
sie sich zu dem Kinde nieder drückte es an ihre Brust und begann mit ihm zu
plaudern Ich sah die Gräfin zum erstenmal in der Stadt war ich ihres Anblicks
nie teilhaftig geworden und überrascht und unwillkürlich zweifelnd fragte ich
Die Großmutter Ist das möglich Die Dame eine Großmutter Der Doktor murmelte
etwas von wunderbar erhalten unglaublich konserviert aber die Gräfin machte
nicht den Eindruck einer gut konservierten sondern wirklich den einer jungen
Frau Ihre hohe junonische Gestalt bewegte sich mit der Leichtigkeit und Anmut
jener Jahre die für klassische Frauenschönheit die der höchsten Blüte und
Entfaltung sind Trotz des hellen Sonnenlichtes von dem sie umwoben wurde war
nicht die Spur einer künstlichen Nachhilfe im rosigen Inkarnat ihres schönen
Gesichtes zu bemerken Ihre niedere Stirn von glatt gescheiteltem
dunkelblondem Haar umrahmt die klaren blauen Augen die feine Nase der
liebliche etwas schwellende Mund erinnerten an die verstorbene Gräfin Dieser
freilich sah man ihr Leiden schon an als ich sie kennenlernte während ihre
Mutter sich der vollen Frische blühender Gesundheit erfreute So heiter und
sorglos sie dreinsah so finster und verstört erschien der Graf Schlechte
Nachrichten rief er uns schmerzlich entgegen Geschlagen Unsere Armee auf dem
Rückzug Bonaparte auf dem Wege nach Wien
    Ich bin auf der Flucht Herr Doktor sagte die Gräfin auf der Flucht vor
unsern heimkehrenden Truppen Das sind jetzt traurige und beschämte Leute
Kolowrat übernachtet heut in meinem Hause Der Arme Vor kurzem sprach ich ihn
da war er trunken von Siegeshoffnung Ich konnte mich nicht entschließen ihn
jetzt wiederzusehen  Er hat so große Enttäuschungen durchgemacht er und
alle alle  Mademoiselle Helene nicht wahr wandte sie sich an ihren
Schwiegersohn nachdem sie von neuem ihren glänzenden und teilnahmslosen Blick
auf mir hatte ruhen lassen
    Der Graf erwiderte sie müsse mich von Wien aus kennen Alles in ihm kochte
vor Zorn über den Gleichmut dieser Frau Sie nahm davon keine Notiz Mais pas du
tout sagte sie Ich hatte noch nicht das Vergnügen und es ist eines Sie zu
sehen mein liebes Kind Nun wenn es ihr eines war sie gönnte sichs So
hartnäckig so gleichsam zergliedernd wie die Gräfin tat hatte mich noch
niemand betrachtet und ich fühlte es Sie weiß dich jetzt auswendig sie könnte
dich malen sie könnte Rechenschaft geben von jedem Faden an dir vom Band an
deinem Hut bis zu dem an deinem Schuh Und dabei beantwortete sie die Fragen
mit denen der Doktor sie bestürmte Ja ja wir hatten furchtbare Verluste
erlitten über das Schicksal ihrer Söhne jedoch konnte die Gräfin Gott sei
Dank ruhig sein Sie hatten sich wacker gehalten und waren in mörderischen
Gefechten unversehrt geblieben Aber der arme Stephan  ja der  Was ists mit
ihm rief der Graf der bisher geschwiegen die Zähne zusammengebissen hatte und
offenbar mit Widerstreben den Erzählungen seiner Schwiegermutter zuhörte Er
wollte wissen was sie sagte die Art in der sie es sagte war ihm ein Greuel
Er wiederholte seine Frage und die Gräfin antwortete indem sie bedauernd die
Achseln zuckte Verwundet vielleicht schwer   Vielleicht tot warf der Graf
heftig ein und ich erbebte bis ins Innerste Andächtig  dafür stehe ich Ihnen
gut  habe ich an dem Abend das Vaterunser gebetet das Graf Stephan sich
ausbedungen
    Die Gräfin berichtete alles was sie wusste Es war nicht viel sie hatte es
durch einen ihrer Söhne erfahren der Mittel gefunden ihr Nachricht zukommen zu
lassen In der Nähe von Regensburg bei dem heldenmütigen Angriff der
Stipsiczhusaren auf die Kavalleriedivisionen St Sulpice und Nansouty hatte man
den jungen Rittmeister an der Spitze seiner Schwadron von mehreren
Karabinerkugeln zugleich getroffen vom Pferde stürzen sehen
    Tot also oder gefangen sprach der Graf und stampfte ingrimmig mit dem Fuße
Doktor Doktor wann machen Sie mich endlich gesund
    Die Gräfin meinte man würde auch ohne ihn mit den Franzosen fertigwerden
und ließ sich in das Schloss führen um vor der Tafel ein wenig auszuruhen Beim
Diner erschien sie umgekleidet parfümiert in einer hellgrauen Toilette von
entzückender und sehr kostbarer Einfachheit Sobald sie am Tische Platz genommen
hatte war sie die Herrin des Hauses der Graf schien nur noch ihr Gast zu sein
sie führte ein sehr lebhaftes Gespräch und unterhielt uns und zugleich auch
sich selbst auf das beste Nach dem Speisen spielte sie mit Anka Domino ließ
die Kleine gewinnen und bezahlte den Verlust der Partie mit einem blanken
Dukaten den sie durch ihren Kammerdiener herbeibringen ließ Dann schickte sie
ihr Enkelchen schlafen erklärte zu wissen dass die Abende bei uns mit Lesen
zugebracht würden und rief Zur Lektüre denn
    Hocherfreut rieb der Doktor sich die Hände Schön schön und zu welcher
befehlen Eure Erlaucht
    Zu welcher Ja dafür wusste Ihre Erlaucht Rat Sie besaß ein nicht mehr ganz
neues gewiss jedoch sehr schönes Buch und hatte es hierher mitgenommen
    Oh Liebe wandte die Gräfin sich zu mir es liegt irgendwo in meinem Zimmer
 auf dem Tisch oder auf der Toilette  gehen Sie es holen Liebe 
    Ich war rasch aufgestanden zugleich mit mir aber auch der Graf Bleiben
Sie Fräulein befahl er ich will das Buch holen   Oder  ich fand der
Doktor für gut zu sagen und machte Miene sich zu erheben Zu spät der Graf
hatte das Zimmer schon verlassen
    Die Gräfin stieß ein leises langgedehntes Ah hervor und sah mich heiter
lächelnd und diesmal nicht ohne Wohlwollen an Doch war es ein sonderbares
Wohlwollen eines das nichts mit Herzlichkeit zu tun hat sondern aus
übermütiger Laune aus munterem Belustigtsein entspringt ein Wohlwollen wars
das nicht wohltut Ich errötete und wusste eigentlich nicht warum
    Der Graf kam zurück Er legte vier kleine Bände vor seine Schwiegermutter
hin Sind das die rechten Ich kann es nicht glauben  französische Bücher wir
werden doch nicht französische Bücher lesen Mama
    Französische wiederholte der Doktor entrüstet und die Gräfin lachte
Geniert Sie das Haben Sie am Ende gar Ihr Französisch vergessen sprach sie
worauf der Alte mit unbeschreiblicher Geringschätzung entgegnete Wär unmöglich
Erlaucht sintemal ich nie ein Wort davon gewusst habe Er erhielt den Rat nur
recht gut zuzuhören mit Hilfe des Lateinischen das er als Arzt doch kennen
müsse werde er heute etwas morgen mehr und übermorgen alles verstehen
    Da rief der Graf der inzwischen in einem der Bücher geblättert hatte Ich
finde nichts als Betrachtungen und Predigten Die Geschichte scheint mir
langweilig Erlassen Sie uns diese Prüfung Mama
    Langweilig  Das eine Wort kühlte den Leseeifer der Gräfin plötzlich ab
Sie war auf einmal zu nichts mehr so gut aufgelegt wie zu einer Partie Pikett
mit ihrem Schwiegersohne Ich aber kam bei dieser Gelegenheit zu dem ersten
französischen Roman den ich je mit Augen geschaut Die Gräfin übergab mir ihn
zur Durchsicht und noch am selben Abend machte ich die Bekanntschaft der
Delphine von Madame de Staël
    Lesen Sie das Buch heute und vieles darin wird Ihnen sentimental und
veraltet erscheinen Das immerwährende Niedertauchen in die eigene Seele das
Belauschen der eigenen Empfindungen in dem besonders die Heldin sich gefällt
wird Sie ermüden und dennoch ich wette aus der Hand legen Sie den Roman nicht
gern Die Menschen mit denen er Sie vertraut macht sind doch gar zu
interessant Diese Delphine ist gar zu herrlich in dem Glänze ihres
weltumfassenden Geistes gar zu rührend in der Naivität ihrer großartigen
Wahrhaftigkeit So wirkt das Buch heute noch ermessen Sie wie es auf ein
neunzehnjähriges Mädchen wirken musste das zu einer Zeit damit bekannt wurde in
der die Sitten die es schildert noch nicht antiquiert waren und das Wort
romantisch bei weitem nicht für einen Tadel galt Delphine ist die schöne junge
Witwe eines Greises der sie nur geheiratet hat um ihr sein Vermögen
hinterlassen zu können Sie hat durch ihre Großmut die Verbindung ihrer Kusine
mit einem Manne ermöglicht den weder die ihm bestimmte Braut noch Delphine
bisher gesehen haben Die letztere hört viel von ihm sieht sein Porträt ihre
Phantasie ist von ihm erfüllt sein bester Freund sagt ihr Sie sind für ihn
geschaffen Sie allein würden es verstehen ihn dauernd zu beglücken  Er wird
infolge eines Abenteuers auf der Reise verwundet man bringt ihn nach Paris er
ruft seine zukünftige Schwiegermutter an sein Krankenlager und hofft seine
Braut werde sie begleiten Statt dieser die es aus übertriebenen
Schicklichkeitsrücksichten verweigert lässt Delphine sich dazu herbei Unterwegs
bereut sie ihre Nachgiebigkeit Sie fürchtet Leonce  der Held  könne den
Schritt den sie tut missbilligen Ein Zagen ergreift sie als sie vor ihn
treten soll aber sobald sie ihn gesehen weicht jede andre Empfindung der des
Mitleids Sie steht an seinem Ruhebett er vermag kaum den Kopf zu erheben um
sie zu begrüßen und bietet in seiner Hilflosigkeit den Anblick des edelsten und
rührendsten Leidens Eine tiefe Gemütsbewegung bemächtigt sich ihrer 
    Bis dahin kam ich nicht weiter  an diesem Tage nicht um ein Wort
weiter Ich sah nicht mehr was auf den Blättern stand vor meinen leiblichen
Augen ich sah ein andres Bild als das dort geschilderte ein andres und doch so
ähnliches Bild und gewaltiger als es mich in der Wirklichkeit ergriffen hatte
ergriff es mich in der Erinnerung Was ich damals ahnungslos empfunden jetzt
wusste ichs Dieses Buch hatte es mich gelehrt
    Am nächsten Vormittag wurden Anka und ich zur Gräfin gerufen Es roch
köstlich in ihrem Zimmer sie sah frisch aus wie eine Rose war eben aus dem
Bade gestiegen lag auf der Chaiselongue und trank Schokolade Jetzt wollte sie
eine kleine Konversation mit uns haben Unterhalte mich Anka Sie begannen zu
schwatzen und die Grossmama war die Lustigere von beiden zog auch mich ins
Gespräch machte mir Komplimente über meine Augen meine Zähne meinen Teint
über was weiß ich Die große Dame zeigt gegen unsereinen ebensowenig Stolz wie
gegen ein Hündchen oder einen Kanarienvogel Man spielt mit solchen Wesen wenn
sie niedlich sind schmeichelt ihnen und verwöhnt sie Der Vogel löscht seinen
Durst aus dem Glase der Gebieterin das Hündchen schläft auf ihrem Schoss aber
die Vertraulichkeit in der man mit ihnen lebt ändert nichts an der
Rangordnung die sie in der Stufenleiter der Geschöpfe einnehmen So wenig
Menschen und Weltkenntnis ich damals besaß über den Wert der Freundlichkeiten
die mir die Gräfin erwies gab ich mich keiner Täuschung hin
    Mitten in ihrem Geplauder fiel es Anka plötzlich ein zu fragen ob ihre
Großmutter in die Gruft gehen werde den schönen Sarkophag zu sehen in dem Mama
liege
    Da vereiste gleichsam das Gesicht der Gräfin ein Ausdruck des Widerwillens
umzuckte ihren Mund wie zurückgestoßen drückte sie sich in die Kissen Nein
nein was denkst du Man darf die Ruhe der Toten nicht stören sagte sie und
sogleich entließ sie uns mit dem Auftrag ihr Francine zu schicken
    Wissen Sie was begann Anka nachdem sie ein Weilchen schweigend neben mir
einhergegangen war und mit der wichtigsten Miene und in belehrendem Tone fügte
sie hinzu Wir müssen wenn wir uns bei Grossmama langweilen nur anfangen von
der Gruft zu sprechen da schickt sie uns gleich fort
    Wir sahen die Gräfin erst bei Tische wieder Abends beteiligten wir uns alle
an einem Lottospiel mit Anka Ich saß dem Grafen gegenüber dessen Blick mit
einer Aufmerksamkeit auf mir ruhte die abzulenken seine Schwiegermutter
mehrmals umsonst versuchte Ob mir dabei wohl oder weh zumute war dürfen Sie
mich heute nicht fragen vielleicht habe ich es sogar damals nicht deutlich
gewusst Klar empfand ich nur eines ein nicht ganz trostloses sondern mit einer
geheimnisvollen schmerzlich süßen Befriedigung gemischtes Gefühl Du musst fort
 Und immer mehr befestigte sich die Überzeugung in mir Du musst fort«
 
                                       9
Die Erzählerin machte eine kleine Pause »Vergangene Freuden vergangene Leiden
sind wie geträumte Freuden und Leiden« sagte sie »Vermutlich schlage ich als
Siebzigjährige zu gering an was ich als neunzehnjähriges Mädchen im stillen und
ganz allein mit mir selbst durchzumachen hatte Mag sein und hat weiter nichts
zu bedeuten Wovon aber Notiz genommen werden muss das ist die Veränderung die
sichtlich im Benehmen des Grafen gegen mich eingetreten war Er kam jetzt öfters
am Vormittag auf unser Zimmer wohnte einer oder der andern Unterrichtsstunde
bei und verließ uns nicht ohne seine Freude über Ankas Fortschritte
ausgedrückt ohne gesagt zu haben Anka und ich können Ihnen nie genug danken
Er begann mir eine Rücksicht ja eine Ehrerbietung zu erweisen die mich in
Verlegenheit setzte die Gräfin zum Spott reizte und das Kind entrüstete Die
Kleine wies jeden auch den geringsten Tadel den ich ihr erteilte zurück sie
tat es sogar mit den Worten Sie sind böse weil ich nicht soviel Wesens mit
Ihnen mache wie Papa Indes ihr Vater meinte sie unter meiner Leitung zu einer
kleinen Vollkommenheit heranwachsen zu sehen wurde sie immer herber und
eigenwilliger und ich ihr gegenüber immer machtloser Ich hätte das eingestehen
dem Grafen die Wahrheit sagen sollen aber er tat mir zu leid er war ohnehin
gequält genug Die verhängnisvolle Wendung die der Krieg genommen hatte das
peinliche Bangen vor den Entscheidungen der nächsten Zukunft die Untätigkeit
zu der er dabei verdammt war  ich konnte es nicht über mich gewinnen den
Seelenzustand noch zu verschlimmern in den alles das ihn versetzte Ich wusste
was in dem Manne vorging was er litt und schweigend leiden musste Ihm war nicht
einmal der karge Trost vergönnt seine Befürchtungen oder Erwartungen mit einem
gleichfühlenden Wesen zu besprechen Den Doktor hatte das neuerliche Unglück
unsrer Waffen außer Rand und Band gebracht Im Anfang tobte er dann erklärte er
sich für schwer krank legte sich zu Bett und stand nur einmal im Tage auf um
den Arm des Grafen nachzusehen Was die Gräfin betrifft so entfaltete sie in
ihren Bemühungen jede ernste Erörterung zu vermeiden eine unnachahmliche
Meisterschaft Ja mein Gott cest la guerre war ihre stehende Antwort auf
jede Besorgnis jede Klage die in ihrer Gegenwart laut wurde Und sogleich
brachte sie eine angenehme Nichtigkeit eine erfreuliche Lappalie aufs Tapet
Sie kam mir vor wie eine höchst alberne Fee die in der Absicht alles Elend
auf Erden zu verdecken mit einem Vorrat rosenfarbiger Schleier einhergeschwebt
käme Diese Frau  ich fing an sie zu hassen Ihre beiden Söhne standen vor dem
Feind jeder Tag konnte ihr die Nachricht bringen Du hast keine Kinder uns
allen aber die Ihr habt kein Vaterland mehr  und sie glitt dahin voll Anmut
in spiegelheller Heiterkeit und erzählte charmante Anekdoten von charmanten
Dingen und charmanten Leuten
    Eine Woche ungefähr befand sie sich auf dem Schloss da kamen eines Abends
durch die Post Nachrichten für den Grafen und für die Gräfin
    Trostlos lauteten die Mitteilungen an den Grafen
    Die Franzosen waren in Wien  Gescheitert waren alle Hoffnungen des
Erzherzogs vor dem Feinde die Kaiserstadt zu erreichen gescheitert alle auf
ihren Entsatz gerichteten Entwürfe Wien hatte kapituliert die Franzosen waren
in Wien Zum zweitenmal im Verlauf von vier Jahren schrieb Napoleon der Welt
Gesetze vor aus dem Hauptquartier Schönbrunn
    Dies also das letzte Ergebnis Und der Preis um den es errungen worden
Der Tod von Tausenden von denen jeder einzelne ein Held gewesen war Regimenter
aufgerieben Bataillone gefangen 
    Knirschend warf der Graf die unheilverkündenden Blätter auf den Tisch
Welchen Trost wissen Sie dafür rief er seiner Schwiegermutter zu Sie atmete
etwas rascher als gewöhnlich und fuhr leicht mit den Fingern über ihre Stirn
auf der sich ein paar Fältchen gebildet hatten Nur nicht verzweifeln nur nicht
den Kopf verlieren Ich habe einen Brief der einen weniger düstern Ton
anschlägt Höre den an es wird dir wohltun Lesen Sie Liebe
    Das Schreiben das mir die Gräfin mit diesen Worten reichte war von ihrem
älteren Sohne verfasst und von dem jüngeren mitunterzeichnet Kraus die Züge
kühne Wendungen ein komischer Stil im ganzen  der frischeste Soldatenbrief
den je ein wackerer Bursch in seines Herzens ungelöschtem Durst nach Siegesglück
geschrieben Oben am Rande stand 19 Mai irgendwo am Ufer vom Russbach und die
ersten Worte des Textes lauteten Mama es geht uns gut Graf Albert gab zu dass
es ein Elend gewesen sei bei Tann und Landshut bei Abensberg und Regensburg
und ein verfluchtes Reiten heimwärts über Böhmen erst zu schnell und dann viel
zu langsam Indessen  das ist vorüber und wird wiedergutgemacht werden so
denkt die Armee  Wenn die Mama sich nur einen Begriff davon machen könnte
wie ihren Söhnen jetzt zumute ist Sie brächte ebensowenig wie die beiden heute
Nacht ein Auge zu Morgen in aller Früh gehts in die Lobau  der Satz löste
sich förmlich aus dem Briefe wie ein Jubelschrei  die Franzosen machen sich
breit auf der Insel scheinen sogar über den großen Donauarm eine Brücke zu
schlagen Man muss schauen was sie denn wollen und ein Teil der Avantgarde
unter Klenau und ein paar von unsern Regimentern brechen morgen dahin auf Da
wollen wir uns andre Sporen verdienen als die die wir in dem verwünschten
Bayern unsern Pferden in die Flanken setzten Hoch lebe Österreich
    Die Gräfin nickte beistimmend bemühte sich zu lächeln und ihr Gesicht
erhielt etwas Verzerrtes Maskenhaftes ein grünlicher Schatten bildete sich um
ihren Mund Nein Sie war nicht angetan Schmerz und Sorge zu ertragen und wenn
sie immer und um jeden Preis nach Gelassenheit rang so geschahs aus Notwehr
und sie rang dabei um ihr Leben
    Sie griff nach dem Briefe in meiner Hand Frau Gräfin rief ich da ist noch
eine Nachschrift  Sie erzitterte Nun  lesen Sie 
    Ich las Was sagst Du zur Rettung Stephans Sind das brave Kerle seine drei
Husaren die ihn zurückgetragen haben
    Diese gute Nachricht am Schluss so unbestimmt sie war verlieh der Gräfin
wunderbare Erquickung Eine gute Nachricht ein günstiges Omen Jetzt befand sie
sich wieder in ihrem Element und der Name Stephans den sie seitdem das
Gerücht von seinem Tode zu uns gedrungen nicht mehr ausgesprochen hatte kam an
dem Abend immer von neuem über ihre Lippen
    Am nächsten Tage es war der 24 Mai hatte Ankas Unterrichtsstunde eben
begonnen da hörten wir plötzlich Pferdegetrappel im Hofe und sahen einen Reiter
hereintraben vor dem Schloss absteigen die Zügel eines müdegejagten
schweisstriefenden Postgaules dem ersten Diener der herbeilief zuwerfen und
mühsam mit ganz steifen Beinen ins Tor treten Anka hatte in dem Angekommenen
sogleich den Reitknecht ihres Onkels Albert erkannt Der brachte große
Neuigkeiten Sie ließ nicht lange auf sich warten  So sag ich jetzt damals
kam es mir anders vor und ich war in meiner Ungeduld schon im Begriff ein
Verbrechen am geheiligten Hausbrauch zu begehen und Anka mit einer Bitte um
Nachricht an ihren Vater abzusenden als die Tür aufgerissen wurde und er selbst
hereinstürmte Er selbst der Graf totenbleich mit leuchtenden Augen
    Fräulein rief er teures Fräulein
    Betroffen über diese vertrauliche Ansprache steh ich da  er tritt auf mich
zu ergreift meine Hand und zieht sie an seine Brust Fräulein wiederholt er
Sie müssen es durch mich erfahren Österreich ist gerettet Napoleon ist
geschlagen Napoleon ist in zweitägiger Schlacht vom Erzherzog Karl geschlagen

    Geschlagen fragte Anka und jetzt erst schien er ihrer Gegenwart
innezuwerden das Blut schoss ihm ins Antlitz er wandte sich zu ihr
    Merke dir Anka Aspern und Esslingen  den 21 und 22 Mai  da haben die
Österreicher die große unüberwindliche Armee glorreich besiegt  Die Stimme
versagte ihm Ich sah ihn zum erstenmal überwältigt und nicht mehr Herr seiner
selbst ich sah die ersten Tränen in seinen Augen Und ich schrie er
plötzlich auf erhob den rechten Arm streckte ihn gewaltsam aus und ließ ihn
mit einer Gebärde der Verzweiflung niedersinken
    Ich war sprachlos und hatte nicht weniger Mühe meine Fassung zu bewahren
als er die seine wiederzugewinnen
    Albert hat einen Boten geschickt er ist bei der Gräfin  gehen Sie hinauf
mit Anka hören Sie was er erzählt sagte der Graf Gehen Sie wiederholte er
als ich einen Augenblick zögerte ich folge
    Wir trafen die Gräfin auf ihrem Kanapee ruhend der Doktor Francine und
August der Reitknecht standen vor ihr Francine triumphierend über die
Niederlage des usurpateur der Doktor die Stirnader hochgeschwollen die Brille
verkehrt aufgesetzt die Schleife der Krawatte am Ohr rief die Französin zur
Ordnung sooft sie den Erzähler mit Freuden und Beifallsäusserungen unterbrach
Der aber hielt sich so steil aufrecht als sein runder Rücken und seine
zitternden Beine es erlaubten und berichtete von den Heldentaten seiner jungen
Herren Von dem Generalissimus von Wimpffen und Smola von Liechtenstein
Hohenzollern und andern Leuten zu sprechen überließ er der Geschichte Er
sprach von Albert und Viktor seinen Helden war unerschöpflich in ihrem Preise
in der Beschreibung ihres Aussehens und dessen was sie getan und gesagt hatten
und wie es nach der Schlacht ihr erster Gedanke gewesen sei Botschaft zu
schicken an die erlauchte Mama Und wie dann er August gemeint Ich reit halt
hinüber ich kenn mich schon aus und wie er Pferde requiriert hatte wo er sie
fand und in achtundvierzig Stunden kaum aus dem Sattel gekommen war Schreiben
würden die Herren Grafen später Jetzt sei er da und vermelde unterdessen was
er zu vermelden habe einen Handkuss
    Damit beugte er sich um denselben gehorsamst zu übermitteln Sein altes
gelbes mit Schweiß und Staub bedecktes Gesicht näherte sich der Hand der
Gräfin und fast wäre sein langer Schnurrbart dessen Enden wie die Zweige einer
Trauerweide niederhingen mit dieser schönen duftenden Hand in Berührung
gekommen Aber ihre Eigentümerin zog sie rasch zurück und sprach den allzu
gewissenhaften Boten fortwinkend Lass Ers gut sein
    Der Graf war vor einer Weile eingetreten hatte von niemand außer mir
bemerkt ganz still in einer Ecke Platz genommen und bis jetzt schweigend mit
gesenktem Haupte zugehört
    Geh lieber Alter sprach er nun sich erhebend iss trinke schlafe lass
dirs wohlgeschehen
    Der Doktor machte sich anheischig für August auf das beste zu sorgen und
führte ihn hinweg
    Ein braver Mensch sagte die Gräfin wirklich exzellent Aber welche
Atmosphäre  Francine öffnen Sie das Fenster
    An dem Tage war natürlich nur noch von den Nachrichten die Rede die August
gebracht hatte
    Eine Trauerbotschaft befand sich darunter
    Der älteste Bruder des Grafen Stephan war bei Aspern geblieben Seinem
unglücklichen Vater stand der Jammer bevor die Todesnachricht des Erstgeborenen
am Kranken vielleicht am Sterbebett des jüngsten Sohnes zu erfahren Leider
hatte der Wachtmeister der den Grafen Stephan nach Hause geleitet bei der
Rückkehr zum Regiment nicht viel Tröstliches über den Verwundeten zu berichten
gewusst Man hoffte ihn am Leben zu erhalten man hoffte aber sicherlich war es
noch lange hin bis zu seiner Genesung und ob diese jemals ganz vollständig sein
werde  das konnte nur Gott wissen
    So meinte August weil er es so gehört hatte Die Gräfin hingegen meinte
die Ärzte wüssten wohl auch dass alles gut enden würde gäben es nur noch nicht
zu das ist schon ihre Art man kennt das Klappern gehört zum Handwerk Ein
paar Kugeln in der Brust bringen einen jungen kräftigen Menschen nicht um man
nimmt sie heraus und er ist wieder gesund
    Wunderbarerweise gewann es wirklich den Anschein als ob die verwegenen
Voraussetzungen der eingefleischten Optimistin eintreffen sollten Die nächste
Kunde von dem Grafen Stephan die bald darauf zu uns drang sprach von einer
kleinen Besserung
    Inzwischen hatten wir erfahren dass der Sieg bei Aspern nicht zu einem
offensiven Vorgehen von s des Erzherzogs benutzt worden war Die beiden
Heerführer standen einander gegenüber ohne Anstalten zu einer neuen großen
Schlacht zu treffen jeder nur auf die Verstärkung seiner Streitkräfte bedacht
Da hoffte nun der Graf wenn die Waffenruhe ein paar Wochen dauere wenigstens
an dem Schluße des Feldzuges teilnehmen zu können Er werde den Arm wohl bald
notdürftig gebrauchen können gab ihm der Doktor zu und fragte Sind Sie jetzt
getröstet Aber der Graf antwortete Ach Doktor Im Jahre neun ein Mann gewesen
sein ein Österreicher und ehemaliger Soldat und von Aspern und Esslingen nur
gehört haben  darüber tröstet nichts
    Die Gräfin beschloss nun in den nächsten Tagen heimzureisen der Graf
gedachte in ungefähr einer Woche zur Armee zu gehen und wollte vorher Anka bei
ihrer Großmutter installieren wo wir die Zeit seiner Abwesenheit zubringen
sollten Da geschah es dass die Kleine von der Gräfin kommend zu mir sagte
Fräulein die Grossmama hat Sie gar nicht gern aber gar nicht Bei Tisch fand
ich den Grafen düster und unfreundlich die Gräfin aber war äußerst angeregt
sonnig und eisig wie ein schöner Wintertag Am Abend gleich nachdem wir den
Salon betreten empfahl sich der Doktor er warf mir beim Fortgehen einen
mitleidigen Blick zu und sagte leise Seien Sie wacker  Anka wurde früher als
gewöhnlich zu Bett geschickt sie weinte und der Graf dem sonst die
geringfügigste Verstimmung seiner Tochter eine wahre Seelenpein verursachte
blieb diesmal gleichgültig bei den Tränen die sie vergoss
    Sobald wir allein waren eröffnete die Gräfin das Gespräch «
    Die Hofrätin zog die Achseln ein wenig in die Höhe überlegte ein Weilchen
und sprach »Ich will Sie nicht auf die Folter der Neugier spannen liebe
Freundin sondern gleich sagen was die Gräfin mir mitzuteilen hatte war etwas
Überraschendes etwas ganz Außerordentliches Der Vater des Grafen Stephan
ersuchte die Gräfin meine Gesinnungen gegen seinen Sohn zu erforschen Im Falle
diese günstig seien solle in aller Form um meine Hand geworben werden
    Ich entledige mich meines Auftrages sprach die Gräfin nachlässig halte es
aber für meine Pflicht Ihnen meine Meinung von der Sache zu sagen
    O weh wenn die Gräfin den Ton anschlug da mochte man sich vorsehen Da
durfte die Eitelkeit oder das Zartgefühl oder irgend etwas leicht Verwundbares
in der Seele des andern  ich hatte es schon erfahren  einer schmerzlichen
Berührung gewärtig sein Ich wollte eine solche überhaupt nicht erleiden am
wenigsten jedoch in Gegenwart des Grafen und beeilte mich der Gräfin ins Wort
zu fallen und ihr sehr lebhaft zu erklären dass ich keine Neigung für ihren
Neffen habe und mich niemals entschließen könnte seine Frau zu werden
    Was sagte ich Ihnen Mama fragte der Graf und so leise es geschah eine
mächtige Freude klang aus diesen Worten Der sie gesprochen erhob sich und
verließ das Zimmer
    Der Gräfin musste ungefähr zumute sein wie jemandem der sich zu einem
Pistolenduell vorbereitet und im Augenblick in dem er auf den Gegner anlegen
will plötzlich bemerkt dass er keinen hat Sie rückte sich in ihrem Sessel
zurecht betrachtete mit flüchtiger Aufmerksamkeit die Stickerei ihres
Taschentuches sagte mir einige Schmeicheleien und forderte mich auf Vertrauen
zu ihr zu haben Sie gab mir zugleich einen Beweis des ihren indem sie gestand
von allem unterrichtet zu sein was zwischen dem Grafen Stephan und mir
vorgegangen war Sie wusste nicht nur dass ihr Neffe mir den Hof gemacht sondern
auch dass er es ohne Glück getan hatte Sie fand das erste unrecht aber
begreiflich das zweite anerkennenswert und gleichfalls begreiflich Jetzt aber
müsse sie über einiges staunen
    Die Gräfin räusperte sich und suchte nach Worten zu ihrer Ehre sei es
gesagt es wurde ihr nicht leicht fortzufahren
    Was mich in Verwunderung setzt ist nicht der Antrag Stephans  Mein Gott
Stephan ist eben verliebt jung und töricht Auch das ist es nicht dass sein
Vater sich dahin bringen ließ diesen Antrag zu billigen und zu protegieren 
Mein Gott ein Greis der seinen Kindern gegenüber schwach geworden und es mehr
ist denn je in diesem Augenblick Wenn man soeben einen Sohn verloren hat
schlägt man dem zweiten kaum wiedergewonnenen einen Wunsch nicht ab an dem
sein Herz hängt Ein Stärkerer als mein armer Vetter wäre vielleicht unfähig
Wie gesagt über die andern staune ich nicht ich staune über Sie und über die
Raschheit und Bestimmtheit mit der Sie Stephans Bewerbung ablehnen
    Sie heftete die Augen auf mich und ich fühlte mein Gesicht hoch aufflammen
und dann erbleichen im Strahle dieses kalten und durchdringenden Blickes
    Sie haben keine Neigung für Stephan fuhr die Gräfin fort haben Sie auch
keinen Ehrgeiz
    Fragend und verwundert wiederholte ich dieses letzte Wort und sie musste
sehen dass ich seinen Sinn in Wahrheit nicht erfasste denn sie ließ sich zu
einer Erklärung herbei
    Ich meine Stephan ist arm er wird siech bleiben heißt es Seine Frau
wenn sie pflichttreu sein will würde das Leben einer Krankenwärterin führen
Aber sie wäre doch seine Frau und nach seinem Tode die verwitwete Gräfin Stephan
 Haben Sie keinen Ehrgeiz  Ihre Stimme veränderte sich ohne lauter zu
werden wurde sie schärfer und eindringlicher Keinen Ehrgeiz oder einen viel
höherfliegenden  Sie haben keine Neigung für Stephan für ihn nicht Seine
Liebe hat Sie nicht gerührt  hoffen Sie vielleicht dass die Ihre rühren werde 
einen Mann rühren der Ihnen wünschenswerter erscheint
    Dieser furchtbare Angriff kam so unversehens dass ich nicht einmal daran
dachte mich zu verteidigen Halb sinnlos vor Beschämung und Schmerz empfand ich
nur den brennenden Wunsch sogleich und unwiderleglich zu beweisen dass mir
Unrecht geschah
    Die Gräfin sah den Eindruck den sie hervorgebracht hatte Sie lehnte sich
behaglich zurück sie war wieder lauter Freundlichkeit Es ist ja so angenehm
aus dem Frieden der eigenen unzerstörbaren Ruhe dem Kampfe einer armen Seele
zuzusehen die bebt und flattert wie ein verwundeter Vogel und vergeblich nach
Befreiung von ihren Qualen ringt
    Nun Liebe was antworten Sie mir fragte die Gräfin und ich erwiderte mit
soviel Festigkeit als ich aufzubringen vermochte  ach sie war höchst gering
 dass ich längst den Entschluss gefasst das Haus zu verlassen und nur noch
gezögert habe ihn dem Herrn Grafen mitzuteilen Der Herr Graf würde fragen
warum ich fort wolle und ihm darauf der Wahrheit gemäß zu antworten sei mir
schwer Doch müsse es endlich gesagt werden Ich gehe weil ich die Hoffnung
aufgegeben habe irgendeinen Einfluss auf meinen Zögling zu gewinnen Wir hätten
durchaus kein Verständnis füreinander denn ich flösse Anka ebensowenig Sympatie
ein als ich für sie empfinde
    Die Gräfin nickte mir mit etwas ironischem Beifall zu Nicht übel schien
sie sagen zu wollen das hast du nicht übel gemacht Die Worte die sie indessen
aussprach waren Ah ja so das ist schlimm Das können Sie meinem
Schwiegersohn allerdings nicht sagen Es klänge doch gar zu sonderbar in dem
Munde einer Erzieherin Sie bot mir an dem Grafen mein Gesuch um Entlassung
vorzubringen und ich hatte noch Selbstbeherrschung genug ihre Vermittlung
anzunehmen und ihr dafür zu danken
    Wie ich dann in mein Zimmer gekommen bin weiß ich nicht Ich erinnere mich
nur dass ich den Doktor noch am selben Abend sprach und dass es mich befremdete
ihn von dem Schritt unterrichtet zu finden den der Vater des Grafen Stephan bei
mir unternommen hatte  ohne Vorwissen seines Sohnes behauptete der Doktor und
ich glaubte es gern Es war ein Opfer das der schwache und gütige Greis der
Neigung seines ihm wiedergeschenkten Kindes bringen wollte
    Sie haben abgelehnt sprach der Doktor das versteht sich von selbst Was
geschieht aber jetzt
    Er stand vor mir mit gesenktem Kopfe sein Gesicht drückte die tiefste
Verstimmung aus und seine dichten weißen Brauen waren finster zusammengezogen
Als ich ihm sagte dass ich das Haus verlassen werde erklärte er sich damit
einverstanden Je eher desto besser Am besten gleich morgen mit der Gräfin
    Er wurde am nächsten Tage sehr zornig als es hieß die Gräfin reise allein
Welcher Unsinn rief er Weil eine Reise mit einem Kinde ihr lästig wäre werden
Sie zurückgelassen Sie ist klug diese Frau sie ist klug  bis an die Grenze
der Bequemlichkeit Wo aber die Unbequemlichkeit anfängt da hört ihre Klugheit
auf  Na unterbrach er sich gehen Sie ihr Lebewohl sagen sie ist mit Anka
und dem Grafen im Speisezimmer
    Ich ging dahin und die Gräfin empfing mich mit den Worten Kommen Sie
endlich meine Schönste Ich bin im Begriff in den Wagen zu steigen
    Sie scherzte mit Anka und der Graf trat an mich heran auch er in
vorzüglich guter Laune
    Was höre ich fragte er Sie wollen uns verlassen Das ist ja treulos und
grausam Darauf war meine arme Anka nicht gefasst Indessen wenn Sie durchaus
nicht bei uns bleiben wollen  durchaus nicht wiederholte er nachdrücklich
und forschend dürfen wir Sie nicht zurückhalten
    Die Gräfin klopfte mich auf die Wange Wir meinen es gut mit Ihnen sagte
sie wir werden Ihrer nicht vergessen Adieu
    Sie ging und wenige Minuten später rollte der Wagen der sie entführte aus
dem Hofe
 
                                       10
Acht Tage noch dann sollten auch wir das Schloss verlassen Unser Weg war
gemeinsam bis zu dem Städtchen in dessen Postause wir auf der Reise nach
unserm früheren Wohnort Mittagsrast gehalten hatten Dort teilte er sich Der
Graf gedachte mit Anka nach dem Gute seiner Schwiegermutter zu fahren der
Doktor mit mir nach einem kleinen Badeorte unweit von Wien wo mein Vormund mit
seiner Familie vor den Kriegsereignissen Zuflucht gesucht hatte
    Acht Tage noch  Eine lange und  eine kurze Zeit Lang weil ich sie in
Erwartung eines schrecklichen Augenblicks zubrachte kurz weil mir schien dass
es die letzte sei die ich zu leben habe und als könne nach ihr nur der Tod
noch kommen
    Anka bemühte sich mir den Abschied leicht zu machen Sie verbarg ihre
Freude darüber nicht dass sie eine Zeitlang ohne Gouvernante sein sollte Sie
brauchte keine Francine blieb vorläufig allein bei ihr Grossmama liebte die
neuen Gesichter nicht
    Am Abend nach der Abreise der Gräfin als Anka ihrem Vater gute Nacht sagte
empfahl ich mich zugleich mit ihr Sie kommen doch wieder rief der Graf Er war
unzufrieden als ich es verneinte und erwiderte kaum meinen Gruß Am nächsten
Vormittag erschien er bei unserer Unterrichtsstunde und hörte seiner Anka die
ihm alle Reiche Deutschlands an den Fingern herzählte und auf der Karte
nachwies mit stiller Bewunderung zu Sie nahm eine kluge Miene an und fragte
ihn Weißt du das auch Er behauptete gar nichts zu wissen als das was sie ihn
soeben gelehrt hatte da jubelte die Kleine und wiegte sich in der Wonne ihrer
befriedigten Eitelkeit Sie lachte ihn aus und war dann wieder ein wenig
zärtlich mit ihm um ihn zu trösten Man mochte ihr gut sein oder nicht man
mochte die Veranlassung zu ihrer Freude billigen oder nicht das stand fest sie
sprühte von Geist und Lebendigkeit sie war herzig sie war fast hübsch in
diesen Augenblicken Und der Graf küsste ihre mageren Händchen  und sie
verstanden einander und sie liebten einander und gehörten zusammen wie der
Schatten zum Licht Er selbstlos und sie selbstsüchtig er die anbetende
Unterwürfigkeit und sie die verkörperte Tyrannei Wehe dem Dritten der sich
hätte eindrängen wollen in ihren festgefügten Bund Wehe dem Billigen und
Gerechten der gesucht hätte ihre schreienden Gegensätze auszugleichen der dem
starren Geiz zugerufen hätte Gib auch du einmal und dem überquellenden
Reichtum Halte Maß
    Ich saß neben ihnen und fühlte mich ihnen so fern als schwebten sie durch
den Weltraum auf einem andern Gestirn Ich blickte in das schöne offene Gesicht
des Vaters und dachte Nie wirst du ein Weib lieben wie dieses Kind Ich sah das
Kind an und dachte Dir den Vater entwenden hieße die einzige lebendige
Empfindung in deiner Seele ertöten
    Die Zeit verging Der Abend des letzten Tages kam heran Als ich mich mit
Anka entfernen wollte ersuchte mich der Graf zu bleiben
    Ich habe mit Ihnen zu sprechen sagte er und gab dem Doktor ein
verabschiedendes Zeichen das dieser übersah Allein zu sprechen fügte der Graf
streng und herrisch hinzu und dem Alten blieb nichts übrig als sich langsam
freilich und mit offenbarem Widerstreben zurückzuziehen
    Die Überwachung der er sich unterworfen sah hatte den Grafen verstimmt
wenigstens war der Ton durchaus nicht freundlich in dem er zu mir sprach Sie
sind meiner Schwiegermutter zu Dank verpflichtet Fräulein sie bemüht sich sehr
um Sie Da hat sie Ihnen schon einen vortrefflichen Platz als Erzieherin
ausfindig gemacht im Hause der Herzogin vP einer Österreicherin von Geburt
aber an einen Franzosen verheiratet Sie lebt in Paris  Reflektieren Sie auf
einen solchen Platz Fräulein Wünschen Sie auszuwandern
    Ich antwortete dass ich dazu bereit sei und er rief ungeduldig Machen Sie
ein Ende Wie lange soll denn die Komödie noch dauern
    Komödie wiederholte ich und der Graf fuhr gereizt fort Jawohl Komödie
Meine Schwiegermutter können Sie über die Gründe täuschen die Ihnen eine
Trennung von Anka wünschenswert machen aber nicht mich Ich kenne Sie besser
kenne Sie so gut dass Sie wohltäten wahr gegen mich zu sein Ich bitte also um
Aufrichtigkeit Warum wollen Sie fort
    Weil ich mir bewusst bin meiner Aufgabe nicht gerecht werden zu können
    Es ist zum Lachen rief er erhob sich trat an das Fenster und nachdem er
eine Weile dort gestanden und in die Nacht hinausgeblickt hatte kam er zurück
setzte sich mir gegenüber und begann ruhig und ernst Ich begreife dass Sie sich
dagegen sträuben einige Zeit in der Nähe meiner Schwiegermutter zuzubringen
Die Gräfin ist Ihnen nicht angenehm kann es nicht sein Auch sind Sie der
Gefahr ausgesetzt Stephan bei ihr zu begegnen Sie tun klug ein Haus zu
meiden von dem man ihn nicht fernhalten kann Ich sehe das ein ich freue mich
dessen sogar ja  dass ich es nur gestehe  ich hätte Sie selbst gebeten für
die Dauer meiner Abwesenheit Urlaub zu nehmen wenn Sie mir nicht zuvorgekommen
wären
    Ich nahm alle meine Selbstüberwindung und Kraft zusammen um dem Grafen
jetzt zu sagen dass ich nicht um einen Urlaub sondern um eine Entlassung
ersucht habe
    Die bekommen Sie nicht Ich habe eine wahre Freude gehabt als ich
erfuhr dass Sie meine Schwiegermutter nicht begleiten wollen aber Sie verstehen
es mir diese Freude zu vergällen Sie sind edel und charaktervoll ich ehre
Sie man muss jedoch nichts übertreiben nicht einmal die Tugend Was ist das für
ein Opfermut und für eine Lust sich selbst und andere zu quälen wenn Sie nur
damit ich Ihren Fluchtversuch nicht vereitle Ihren Wert in meinen Augen
verringern
    Das war nicht meine Absicht entgegnete ich
    Dann hatten Sie unrecht einen Vorwand zu ersinnen der diese Folge haben
und der mich nebenbei tief verletzen musste
    Ich gab keine Antwort Ich kämpfte mit meinen Tränen aber wacker denn mir
blieb der Sieg
    Kein Verständnis für Anka nahm der Graf wieder das Wort Keine Neigung für
Anka Sie haben soviel für das Kind getan und behaupten dass Sie es nicht
lieben
    Fragen Sie doch Herr Graf ob das Kind mich liebt sprach ich mir mit
unsagbarer Mühe soviel Atem abringend als ich brauchte um meine Stimme
vernehmbar zu machen Ich wählte den mildesten Ausdruck den ich fand Wir sind
einander gleichgültig Sie wollen Wahrhaftigkeit von mir  ich gebe sie 
    Helene rief der Graf
    Zum erstenmal nannte er mich Helene  und so genannt mit diesem Ausdruck
mit dieser Leidenschaft dieser Liebe  klang mein eigener Name mir fremd
    Helene ich bat Sie um Wahrhaftigkeit jetzt möchte ich Sie beinah um eine
barmherzige Lüge bitten Indessen  nein besser hoffnungslos als getäuscht Der
geirrt hat  leide Ich habe geirrt als ich glaubte in Ihnen die einzige
gefunden zu haben die meinem armen verwaisten Kinde die Mutter ersetzen könnte
    Damit wandte er sich und verließ nach kurzem Gruße das Zimmer
    Am frühen Morgen brachen wir auf die beiden Herren im ersten Wagen
Francine Anka und ich im zweiten Anka war wieder von ihrem Reisetaumel erfasst
Bis an ihr Ende soll ihr die Lust am Reisen geblieben sein die so viele
Menschen haben in deren Seele nichts vorgeht Unbewusst fühlen sie sich
getrieben den Mangel an innerer Bewegung durch äußere zu ersetzen
    Bei den Haltestationen kam der Graf zu uns schritt auch wohl wenn es
langsam bergan ging neben unserm Wagen sprach mit Anka und bedauerte Francine
die an einer heftigen Migräne litt An mich richtete er nicht ein einziges Mal
das Wort
    Am letzten Tage vor einem Abschied für das Leben demütigte er mich
vorsätzlich durch die Hartnäckigkeit mit der er mich übersah
    Und Anka wurde immer toller  Du bist ja sehr lustig sagte er zu ihr 
Ja sehr lustig und froh  Worüber denn Sie warf einen vielsagenden Blick auf
mich beugte sich aus dem Wagen drückte den Mund an das Ohr ihres Vaters und
flüsterte ihm etwas zu dann warf sie sich zurück um den Eindruck zu
beobachten den ihre Worte gemacht hatten
    Es war ein tiefer und peinlicher Der Graf wurde feuerrot seine Lippen
zuckten Anka sagte er in drohendem Tone und verließ uns
    Wir sahen ihn erst im Speisezimmer des Postauses wieder vor dem wir mit
einbrechender Nacht anlangten Das Abendessen erwartete uns Francine nahm daran
nicht teil sie hatte sich aus dem Wagen steigend sogleich ein Zimmer anweisen
lassen nachdem sie einen raschen Abschied von mir genommen Beim Souper wurde
wenig gesprochen und noch weniger gegessen Wäre Anka nicht gewesen man hätte
die Speisen unberührt abgetragen
    Plötzlich erhob sich der Graf Geh schlafen Anka Fräulein ich sage Ihnen
Lebewohl Sie reisen früher als wir Sie haben einen weiteren Weg ich sehe Sie
morgen nicht mehr sprach er rau und bestimmt seine Worte klangen wie eine
Kriegserklärung Ich danke Ihnen im Namen Ankas für die Sorgfalt die Sie ihr
angedeihen ließ Ihr Verdienst ist um so größer als alles was Sie taten für
Menschen geschah die Ihre Freundschaft nicht zu gewinnen vermochten
    Er verneigte sich und ich wollte sprechen wollte stark bleiben bis ans
Ende Aber der Abschied zerriss mir das Herz Ich war erschöpft von den Qualen
dieses Tages ich vermochte nicht länger die Tränen zu unterdrücken die mich
erstickten 
    Sie weinen rief der Graf voll Bestürzung und gleich darauf mit seltsamer
Freudigkeit Nun Gott sei Dank dass Sie doch weinen können
    Der Doktor näherte sich mir und wollte meinen Arm ergreifen Sie bleibt
befahl der Graf Führen Sie Anka indessen auf ihr Zimmer Geht
    Der Alte und das Kind gehorchten nach einigem Zögern und wir waren allein
    Finster und schweigend stand der Graf eine Weile vor mir dann begann er mit
erregter Stimme Ich bitte Sie Fräulein zeigen Sie sich einmal wie Sie sind
Würdigen Sie mich eines Einblicks in Ihre Seele Seien Sie ehrlich gegen mich
Sie waren es bisher nicht Sich schlimmer machen als man ist sich hart und
gefühllos zeigen  gleichviel aus welchem edelmütigen Grunde  ist das ehrlich
    Eine große Verwirrung und Angst erfasste mich Was verlangte er
    Ehrlich sein ihm gegenüber das hieß mein schmerzlich bewahrtes Geheimnis
verraten und meinen Stolz aufgeben der allein mir geholfen hatte die schwerste
Prüfung zu bestehen die einem jungen Menschenherzen auferlegt werden kann den
stillen Kampf mit seiner ersten Liebe
    Er schien zu erraten was in mir vorging plötzlich erhellte sich sein
Gesicht er machte einen raschen Schritt auf mich zu  unwillkürlich trat ich
zurück
    Was fürchten Sie fragte er Sie stehen unter meinem Schutz  vertrauen Sie
mir Helene  Wenn ich Ihnen wert bin so fassen Sie den Mut  was sag ich 
den Entschluss es auszusprechen Er faltete die Hände Lassen Sie sich bewegen
lassen Sie sich herab es auszusprechen Sind Sie mir gut Wollen Sie mein Weib
werden  mit einem Worte Lieben Sie mich
    Bangende Hoffnung bittende Erwartung sprachen aus seiner Stimme  und ohne
mich länger zu besinnen ohne zu denken was ich tat gab ich in einem
Augenblick die Frucht meines langen Kampfes preis und antwortete Ja Da fasste
er mich in seine Arme Endlich jauchzte er Törin Selbstquälerin
    Er legte seine Hand auf meinen Scheitel und blickte mir lange schweigend in
die Augen
    Und ich Helene habe für Sie die tiefste und innigste Liebe Der Quell
dieser Liebe  ich will Sie nicht täuschen  war Dankbarkeit für die Sorgfalt
mit der Sie Anka umgaben Und Anka muss auch in Zukunft das Erste und Letzte für
uns sein Er unterbrach sich ein Schatten flog über seine Stirn  Meine Liebe
zu Ihnen die  ich fühle es  wachsen wird von Tag zu Tag darf den Rechten
Ankas keinen Eintrag tun Anka darf nicht verarmen weil ich reicher geworden
bin reicher als ich glaubte jemals wieder werden zu können Ich hatte auf
alles Glück verzichtet und nun erblüht es mir von neuem Ich blickte in die
Zukunft wie in trübes einförmiges Dunkel und nun steht sie in lichter
Schönheit vor mir
    Er begann diese Zukunft auszumalen Nicht alles war sonnig darin Wir werden
uns vereinsamen oder kämpfen müssen um unser Glück sagte er Versöhnung mit
unserm Bunde ist von den Meinen nicht zu hoffen  ich ertrage ihren Tadel ich
weiß was ich gewinne und was ich verliere ich kenne die Welt und habe ihre
Freuden genossen und deren Wert gewogen Aber du 
    Er wollte mich nicht betrügen er sprach offen mit mir er schilderte mir
getreulich alle Bitternisse die mir bevorstanden Ich gedachte der Großmutter
Ankas und wie ihr niedriger Verdacht gegen mich nun gerechtfertigt sei in ihren
Augen und in denen der vielen die durch diese Augen sahen Sie war ja die
größte Egoistin und darum die Herrin in der Familie Frei von diesem
tyrannischen Einfluss fühlte sich nicht einmal der Mann der um mich warb den
Vorurteilen seines Standes zum Trotz
    Ist dir bange fragte er Du wirst manches erleiden gegen das ich dich
nicht zu schützen vermag es ist ja nicht zu greifen nicht zu erweisen es hat
keinen Namen und verwundet doch bis in die innerste Seele Willst du es um mich
erleiden
    Erleiden O Gott alles um ihn  und mit himmlischer Wonne«
    Die Greisin erhob das Haupt ihr Gesicht erschien mit einem Mal verjüngt und
verklärt
    »Noch sehe ich das Leuchten seiner Augen ich fühle seinen reinen glühenden
Kuss noch auf meinen Lippen Ich habe lange Jahre in einer zufriedenen Ehe
gelebt ich habe Kinder geboren und Freude an ihnen gehabt  jenen einzigen
Augenblick hat nie ein andrer überboten kein dauerndes Glück hat die Erinnerung
an dieses flüchtige verlöscht 
    Und du wolltest uns verlassen Das Kind und mich Und mit welchem Missklang
begann er plötzlich mit welcher Täuschung mit welcher Verleumdung deiner
selbst Du konntest sagen dass du mein Kind nicht liebst
    Er hielt inne  er sah mich zagend und staunend an Ich hatte mich
erbleichen gefühlt die Arme waren mir gesunken und wie ein Hauch des Todes
überlief es mich
    Helene fuhr er fort es war eine Ausflucht ich bin davon überzeugt ich
schwöre dir ich zweifle nicht  aber schwör auch du dass ich nicht zu zweifeln
brauche Es ist nur eine Laune eine Grille  aber aus Liebe zu mir aus
Erbarmen gib ihr nach
    Nun   ich konnte nicht Ich konnte nur weinen und flehen Erlass es mir
    Er fuhr heftig auf Die Stunde trennt uns oder vereinigt uns für immer 
Die mein Kind nicht liebt liebt mich nicht  Helene so war es keine Lüge
Nun dann war alles was mich rührte was Ihnen meinen Dank gewann Heuchelei
Lieblosigkeit im Gewande der Liebe dem kalten Herzen mühsam abgerungene
Pflichterfüllung Sagen Sie mir wie kann man bei Ihnen unterscheiden
zwischen Liebe und ihrem Gegenteil  der Pflicht Sie sind furchtbar  Der
Mann der am Altar Ihren Schwur empfängt wird sich ewig fragen müssen Folgt
sie dem eigenen Herzenszug oder hält sie nur gewissenhaft ein gegebenes Wort
    Was jetzt folgte was er sprach was ich erwiderte  nicht einmal in
Gedanken vermag ich dabei zu verweilen
    Meine schwer erkämpfte Ruhe Selbstüberwindung und Selbstverleugnung  zu
meinem Unheil hatte ich sie ausgeübt Was ich für das Beste an mir gehalten
erhob sich gegen mich und klagte mich an Wie hätte ich mich gegen diese Zeugen
verteidigen sollen
    Er sah was ich litt und in der letzten Sekunde noch hatte er eine Regung
des Mitleids Wir trennen uns aber wir gehen nicht aus der Welt Prüfen Sie
sich  Wenn Ihre Gesinnungen sich ändern sollten wenn Ihnen die Abneigung
gegen Anka vielleicht doch in einiger Zeit nicht mehr so unbesiegbar scheinen
sollte wie jetzt wenn Sie noch einen Versuch wagen wollten  dann geben Sie mir
ein Zeichen Ich werde es begrüßen wie einen Boten des Lichts Helene werden
Sie mir das Zeichen geben können Glauben Sie es Darf ich darauf hoffen
    Noch einmal zog er mich an seine Brust aber ich empfand nur Qual
Beschämung und Reue Wie ein Raub erschien mir jedes Wort der Zärtlichkeit das
er an mich verlor und Schrecken flößte die stürmische Heftigkeit mir ein mit
der er mich plötzlich umfasste
    Angstvoll entzog ich mich seiner Umarmung  Auf seine letzte Frage hat er
keine Antwort erhalten  mein letzter Blick hat den seinen vergeblich gesucht
Stumm unbeweglich stand er da und starrte mit düsterer Entschlossenheit vor
sich nieder
    Auf halbem Wege nach meinem Zimmer kam mir der Doktor entgegen Es bleibt
doch dabei Wir reisen sprach er hastig Sie haben Abschied genommen für immer
Nun Gott sei Dank Ein Freund sagt Ihnen das ein Vater
    Er geleitete mich durch sein eigenes Gemach das von dem Anka und mir
bestimmten nur durch ein leerstehendes getrennt war Einen andern Eingang schien
unsere Stube nicht zu haben Auf der Schwelle blieb der Alte stehen empfahl
uns sogleich zur Ruhe zu gehen und schloss die Tür
    Anka war noch hellmunter und spielte Fangball mit ihrem Klovek Als ich
eintrat näherte sie sich mir betrachtete mich von unten hinauf das
Gesichtchen gesenkt die Augen erhoben
    Sie haben geweint Fräulein fragte sie und wie innerlich abgestoßen zog
sie sich vor mir zurück und begann von einer Ecke in die andre zu hüpfen Auf
einmal blieb sie in der Nähe des geöffneten Fensters stehen und rief ganz
erschreckt Hören Sie Fräulein hören Sie  Es wohnt jemand neben uns
    Was liegt daran Anka
    Ich höre jemand auf und ab gehen
    So mag er doch
    Wenn er aber hereinkäme
    Wie denn  Durch die Wand
    Da herein Da ist eine Tür  Sehen Sie den Schlüssel
    Sie hatte recht Am Ende des Zimmers in der dunkeln Ecke welche die Wand
gegen das Fenster bildete befand sich eine Tapetentür Anka glitt auf den
Fußspitzen an sie heran legte das Ohr an den Spalt und schrie laut auf Es ist
Papa Der neben uns wohnt ist Papa und bevor ichs verhindern konnte hatte
sie die Tür geöffnet und war in das Nebenzimmer eingedrungen
    Ich hörte den Ausruf der Überraschung mit dem der Graf sie empfing Sie
wechselten einige Reden die Kleine erschien wieder ich schloss hinter ihr die
Tür und legte den Schlüssel auf den Tisch
    Anka ließ sich auskleiden Sie half dabei so gut sie konnte wich meiner
Berührung soviel als möglich aus vermied mich anzusehen und kniete endlich
unaufgefordert in ihrem Bett zum Abendgebet nieder Dann legte sie sich hin
drückte den Kopf in das Kissen und sagte vergnügt Wenn ich morgen erwache sind
Sie nicht mehr da
    Wird Sie das sehr freuen Anka
    Sie lachte ein wenig verlegen Warum fragen Sie  Sie wissen schon Sie
wissen recht gut
    Jawohl ich wusste Was ich von ihr zu erwarten hatte wusste ich
    Eine Weile verging das Kind schlief Ich saß an seinem Bett und sann  und
sann  und in mir nagte der Schmerz Was ich empfand war einzig darum nicht
Verzweiflung weil ich noch nicht wusste wieviel man überlebt und mich wie
jedes junge Geschöpf das unter einem schweren Schicksalsschlag zusammenbricht
tödlich getroffen wähnte
    Ich sah mich als eine Sterbende an und als solche gab ich mir Rechenschaft
von den verhülltesten Vorgängen in meiner Seele Im Begriff zu scheiden
brauchte ich vor der vollen Erkenntnis meiner Liebe nicht mehr zu zagen durfte
sie gelten lassen in ihrer Unermesslichkeit Hatte sie nicht bewusst und
unbewusst all mein Denken und Empfinden gelenkt Nicht mit eifersüchtiger Qual
jede Äußerung der Zärtlichkeit des Vaters gegen sein Kind bewacht Hatte sie ihn
nicht beherrschen wollen wie sie mich beherrschte Im stolzen Gefühl ihrer
Echteit und Größe sich an die Stelle von allem setzen wollen was ihm bisher
teuer gewesen Und war das nicht ihr heiliges Recht War sie nicht ohne
Falsch und bot ihm echte Treue und wirklichen Wert für eingebildeten Aber sie
gab nicht nur sie forderte auch Forderte gebieterisch was der geliebte Mann
nicht mehr geben durfte ein ganzes Herz
    Prüfen Sie sich hatte er zu mir gesagt Es war geschehen und der letzte
Zweifel getilgt die letzte Hoffnung erloschen Ich wollte nichts mehr als
hingehen und sterben und ihn dem Kinde lassen  ich dachte nicht mehr er wird
enttäuscht werden An Göttern kann man zweifeln aber an Götzen nicht Die
schafft man und schmückt man täglich neu die liebt man wie der Künstler sein
Werk sie bleiben gut und schön solange das Auge offen ist das in ihnen das
Gute und Schöne sieht
    Anka bewegte sich murmelte einige Worte ich blickte in ihr kleines
unerbittliches Gesicht  herausfordernd schien der halbgeöffnete Mund noch im
Schlafe zu sagen Was fragen Sie Sie wissen schon
    Eine Regung des Hasses zuckte in mir auf Ich erhob ich wandte mich und
trat an das geöffnete Fenster
    Es war eine gewitterschwüle Julinacht Über dem Städtchen lag Dunkel und
Stille eine bleierne Schwere in der Luft Kein Licht schimmerte auf Erden und
kein Stern am Himmel Ich beugte mich hinaus nach Erquickung lechzend 
    Da pochte es  leise pochte es an der Tür und eine bange gedämpfte
sehnsüchtige Stimme flüsterte Helene  Helene  Hören Sie mich
    Und es lag ein Ton in dieser Stimme der an jenen mahnte vor dem ich einmal
schon zurückgebebt  Ich hielt den Atem an umklammerte das Fensterkreuz mit
aller Gewalt meiner Arme  Da stehst du und regst dich nicht Schweige Herz 
schweig oder brich  Herrgott im Himmel beschütze mich beschütze mich vor
mir selbst So betete ich und dennoch  unwillkürlich unwiderstehlich streckte
meine Hand sich aus und ich hielt den Schlüssel in meiner Hand  eine Bewegung
nur noch und alles war vorbei und das Flehen dessen war erhört der immer
heißer beschwor Helene  öffnen Sie
    Nein nein  Um seinetwillen nicht Was du für dich nicht könntest tus
für ihn erspare ihm Zwiespalt und Reue rief es in mir und ich schleuderte den
Versucher den Schlüssel hinaus in die Nacht
    Er flog er klirrte und schlug im Auffallen einen kleinen Funken aus dem
Stein Nun wars geschehen und was ich nachher empfand  am besten ist es
darüber zu schweigen Es gibt seltsame Dinge in der Menschenseele die klarste
hat ihre dunklen Stunden 
    Am Bett des Kindes sank ich zusammen und vergrub mein Gesicht in die Decken
und wünschte taub zu sein oder bewusstlos oder am liebsten tot Beim ersten
Morgengrauen verließ ich das Haus begleitet von meinem alten Freunde«
    »Und der Graf machte keinen Versuch Sie zurückzuhalten Sie wenigstens noch
einmal zu sprechen«
    »Keinen Gott sei Dank«
    »Und Sie haben ihn nie wiedergesehen«
    »Nie wiedergesehen aber noch oft durch die Herzogin von ihm gehört Er hat
sich nicht wieder verheiratet und seine Tochter auch dann nicht verlassen als
sie einen eigenen Hausstand gegründet hatte Laut wurde es auf seinen Schlössern
nur noch wenn sie mit ihrem Gefolge dort verweilte Manche haben gefunden sie
sei gegen ihn nicht rücksichtsvoll genug gewesen indessen  die beiden gehörten
wahrlich zueinander Anka war in ihren Gemahl verliebt hat ihn aber um viele
Jahre überlebt Ihrem Vater ist sie bald nachgestorben Sie war erst im
vierzigsten Jahre« schloss die alte Frau und lehnte sich erschöpft zurück ihr
durchgeistigter Blick schien in weite Ferne zu schauen
    Ich war ergriffen von dem Ausdruck stiller Hoheit in ihren edlen Zügen
stand auf und nahm ihre Hand Da fühlte ich sie leise in der meinen zittern