Karl Emil Franzos
Der Pojaz
Vorwort
»Bilde Künstler rede nicht« Jedes Dichterwerk soll sich selbst erläutern
Bedarf es erst einer Erklärung so taugt es nichts Zudem nützt alles Erklären
nichts Ist das Werk lebensfähig so lebt es durch die eigene Kraft ist es als
Krüppel zur Welt gekommen so nützt ihm das Mäntelchen eines Vorworts nichts Im
Gegenteil das Mäntelchen schadet nur Ungeduldig zerrt der Leser an dem
Gewande »Lass mich doch selbst sehen wie das Kind gewachsen ist«
Dies Vorwort also soll meinen Roman weder erläutern noch verteidigen Es
soll nur einige äußere Umstände anführen und daneben einiges sagen was ich
schon lange auf dem Herzen habe und am besten bei dieser Gelegenheit vorbringen
kann
Ich bin am 25 Oktober 1848 auf russischem Boden geboren im Gouvernement
Podolien in einem Forstause dicht an der österreichischen Grenze Ich glaube
nicht dass man je die Absicht hegen wird an diesem Hause eine Gedenktafel
anzubringen sollte aber einst irgend ein Freund meiner Schriften auf diesen
Gedanken kommen so wird er ihn nicht verwirklichen können Das Haus steht nicht
mehr über die Stelle wo ich zur Welt gekommen bin und die ersten Wochen meines
Lebens verbracht habe geht heute der Pflug der gerodete Wald ist Ackerland
geworden Vor 45 Jahren wohnte dort ein wackerer deutscher Förster aus
Westfalen der meinem Vater treu anhing weil er ihn in schwerer Krankheit am
Leben erhalten hatte Den Dank dafür trug der Mann nun ab indem er die Familie
seines Lebensretters treulich aufnahm Denn der Spätherbst 1848 war eine böse
Zeit in Ostgalizien die Polen erhoben sich und gingen damit um den
vereinzelten Deutschen im Lande dasselbe Los zu bereiten wie es ihre Posener
Landsleute den Preußen ein halbes Jahr vorher zugefügt oder doch zuzufügen
versucht Zu den Bedrohten gehörte auch mein Vater denn erstlich stand er als
Bezirksarzt in kaiserlich königlichen Diensten und zweitens hatte er sich immer
als eifriger Deutscher betätigt Jeden Tag regnete es Drohbriefe auf dem
flachen Lande war bereits der Aufruhr offen erklärt im Städtchen erwartete man
stets den Überfall Man riet meinem Vater zu flüchten er war nicht der Mann
seinen Posten zu verlassen So schickte er denn nur meine Mutter die mich eben
unter dem Herzen trug und meine älteren Geschwister über die Grenze in jenes
Forstaus Dort also bin ich wie gesagt zur Welt gekommen vorzeitig meine
arme Mutter war ja in tödlicher Angst und Sorge um den Gatten Die Gefahr ging
gnädig an ihm vorbei schon im November war der Aufstand der Polen zu Ende und
sie konnte heimkehren Man sieht ich bin deshalb in Russland zur Welt gekommen
weil mein Vater sich als Deutscher fühlte und danach handelte
Auch bei meiner Erziehung Das deutsche Nationalgefühl das mich erfüllt
das auch ich mein Leben lang betätigt habe ist mir von Kindheit auf eingeprägt
worden Ich war noch nicht drei Käse hoch als mir mein Vater bereits sagte »Du
bist deiner Nationalität nach kein Pole kein Rutene kein Jude du bist ein
Deutscher« Aber ebenso oft hat er mir schon damals gesagt »Deinem Glauben nach
bist du ein Jude« Mein Vater erzog mich wie mein Großvater ihn erzogen in
denselben Anschauungen sogar zu demselben Endzweck ich sollte meine Heimat
nicht in Galizien finden sondern im Westen Und auch die Gründe die meinen
Vater dazu bewogen waren dieselben
Ich besuchte die einzige Schule des Städtchens die im Kloster der
Dominikaner dort lernte ich Polnisch und Latein Im Deutschen unterrichtete
mich mein Vater selbst Für das Hebräische hatte ich einen besonderen Lehrer
Dieser Mann war zugleich der einzige meiner Czortkower Glaubensgenossen mit dem
ich bis in mein zehntes Jahr in nähere Berührung kam Meine Mitschüler meine
Spielgefährten waren Christen Ich betrat selten ein jüdisches Haus nie die
Synagoge Religiöse Bräuche sowie die Speisegesetze wurden im elterlichen Hause
nicht gehalten Ich wuchs wie auf einer Insel auf Von meinen Mitschülern
schieden mich Glaube und Sprache und genau dasselbe schied mich von den
jüdischen Knaben Ich war ein Jude aber von anderer Art als sie und ihre
Sprache war mir nicht ganz verständlich
In diesen Eindrücken meiner Kindheit wurzelt vielleicht das Beste was ich
habe die Fähigkeit des Beobachtens Ich war von allen anderen geschieden ein
anderer als sie Aber was ich nun war wusste ich ganz genau dafür hatte mein
Vater gesorgt Ich war ein Deutscher und ein Jude zugleich Von beiden hörte ich
nur das Beste und Edelste was mich zur Treue ja zur Begeisterung entflammen
konnte Bewarf mich zuweilen ein Judenknabe mit Kot und schimpfte mich einen
Abtrünnigen so wurde mir gesagt »Er ist deshalb doch dein Bruder grolle ihm
nicht Er weiß nicht was er tut« Freilich durfte ich den Bruder nicht näher
kennen lernen aber dazu hatte ich auch geringe Lust und bescheidene
Annäherungsversuche die ich machte fielen übel aus die kleinen Kaftanträger
prügelten und verhöhnten mich Begegnete ich aber nur einem von ihnen so lief
er mir davon Das missfiel mir beides stimmte mir auch nicht zu der Geschichte
der Makkabäer die mir mein Vater so begeistert zu erzählen pflegte
So standen die Dinge in meiner Knabenzeit in Czortkow Ich hatte viel
Begeisterung für das Judentum aber einen sehr dürftigen Einblick in das reale
Leben der Juden um mich her
Einen tieferen Einblick gewann ich erst in Czernowitz wo ich das Gymnasium
besuchte allmählich und stückweise von Jahr zu Jahr mehr Nun wo mein Vater
nicht mehr war ich habe ihn bereits 1858 verloren begriff ich erst recht
unter welchen Kämpfen sein Leben vergangen in welchen Anschauungen er mich
erziehen gewollt Wie es ohne jenen festen Grund den er gelegt ohne jene
Begeisterung die er in mir entflammt mit mir gekommen wäre könnte ich mit
Bestimmtheit nicht sagen denn vielleicht hätten mich zwei Grundzüge meines
Wesens die auch ich mir nachsagen darf weil sie niemand übersehen kann der
meine Schriften oder mich kennt vielleicht hätten sage ich mein
Pflichtgefühl und mein Gerechtigkeitssinn mich annähernd denselben Weg
einschlagen lassen den ich gegangen bin Aber gut war es doch dass mein Vater
jenen Grund legte Denn je näher ich das nationalortodoxe Judentum kennen
lernte desto mehr fühlte ich mich durch seine Auswüchse im tiefsten Herzen
verwundet und fremdartig berührt Auch entging mir zwar das Poetische an vielen
seiner Formen nicht aber ihren Zauber können sie doch nur auf einen voll üben
dem sie zugleich ein Stück Kindheitserinnerung bedeuten Dies war bei mir nicht
der Fall
Es war ganz ausgeschlossen dass ich meines Vaters Sohn und frühzeitig auch
durch das Leben zum vollen Pflichtgefühl erzogen jemals daran denken konnte
meinen Glauben zu wechseln Aber ebensowenig dachte ich daran dass das Judentum
in meinem Leben eine bestimmende Rolle spielen dass ich jemals innerhalb der
engeren Genossenschaft meiner Glaubensbrüder bestimmte Ideen zur Anschauung
bringen sollte Ich wollte Jude bleiben auch hier meine Pflicht tun das war
alles Und vollends fiel mir damals nicht bei dass in mir ein Erzähler ein
Kulturschilderer des Ghettolebens stecken könnte Mir schwebte ein anderes Ziel
vor Augen ich wollte klassische Philologie studieren und Professor werden
Das Ziel schien gar nicht zu verfehlen ich war fleißig hatte Neigung für
das Fach hatte schon als Schüler eine Arbeit geleistet welche die
Aufmerksamkeit auf mich lenkte eine Übersetzung der lateinischen Eklogen des
Vergil ins Griechische in die Sprache Teokrits den dorischen Dialekt
Freilich war ich sehr arm aber die Regierung gab mir ja gewiss ein Stipendium
Auch der Landeschef der Bukowina ein wohlwollender Mann war dieser Ansicht und
unterstützte mein Gesuch auf das wärmste
Die Entscheidung ließ lange auf sich warten Endlich wurde ich eines Tages
zum Landeschef berufen Der gute Mann war in sichtlicher Verlegenheit
»Ihre Eignung steht außer Zweifel aber «
Der Gedankenstrich bedeutete das Taufbecken Einem Juden wurde das
Stipendium nicht gegeben es hatte auch keinen rechten Sinn denn ich wollte ja
eine Universitätsprofessur erreichen und die war ja dem Juden unmöglich Es war
im Sommer 1867 vor der liberalen Ära
Mit meiner religiösen Überzeugung Handel treiben das ging natürlich nicht
Auf das Stipendium musste ich also verzichten Und damit auch auf die klassische
Philologie Ein armer Junge wie ich der Mutter und Schwestern zu versorgen
hatte durfte keinen Beruf wählen der keine Aussicht auf Versorgung bot
Ich beschloss also Jura zu studieren und tats
Das schreibt sich leicht hin aber wieviel Schmerz wieviel schlaflose
Nächte zwischen jeder dieser Zeilen stehen weiß nur wer selbst in ähnlicher
Lage war Indes dies Selbstverständliche würde ich nicht erwähnen wenn es
nicht zur Sache gehörte Mein Judentum hatte mir bisher weder Vorteil noch
Schaden gebracht Nun brachte es mir Schaden den schwersten den ein Mensch
erleiden kann legte mir ein furchtbares Opfer auf den Verzicht auf den Beruf
für den ich mich selbst bestimmt von dem damals ich und andere meinten dass er
am besten für mich tauge
Derlei wirkt auf den Menschen verschieden je nach seiner Anlage Der eine
kann das Opfer nicht bringen ihm scheint der Glaubenswechsel das leichtere
Opfer Der andere verzichtet zwar beginnt aber innerlich sein Judentum als ein
Unglück zu empfinden und zu hassen Den dritten aber beginnt sein Glaube eben
deshalb näher anzugehen wärmer zu interessieren weil er ihm ein solches Opfer
hat bringen müssen
Dies Letzte war bei mir der Fall Ich wurde kein Frommer im Lande aber mein
Interesse für das Judentum das Gefühl meiner Zusammengehörigkeit mit den armen
Kaftanjuden in der Czernowitzer »Wassergasse« wurde ungleich stärker als bisher
Es ging mit der Juristerei besser als ich gedacht ich begann mich mit dem
Studium zu befreunden Da kam mir um meines Judentums willen ein neuer großer
Schmerz
Eine Liebesgeschichte Ich war kaum 21 Jahre alt Aber es traf mich doch
recht hart als mir das Mädchen sagte »Mir bricht das Herz aber Sie sind ein
Jude «
Das Herz brach ihr übrigens nicht Aber auch mir nicht Weh freilich tat es
mir recht weh Und in dieser Stimmung schrieb ich meine erste Novelle »Das
Christusbild« das die Liebe eines Juden und einer Christin schildert und wie
das Vorurteil des Weibes stärker ist als seine Liebe Freilich bereut sie aber
die Reue kommt zu spät
Ich schrieb die Geschichte binnen drei Tagen im halben Fieber
Unwillkürlich ohne nachzusinnen verlegte ich den Schauplatz in mein
heimatliches Czortkow und ließ auch sonst Jugenderinnerungen hineinspielen
An den Druck dachte ich nicht Ein Zufall bestimmte mich das Manuskript ein
halbes Jahr später an die damals verbreitetste deutsche Revue zu senden die
»Westermannschen Monatshefte« Die Redaktion nahm es sofort an und verlangte
eine neue Arbeit aus »diesem interessanten Stoffkreise«
Ich war darüber ebenso erfreut wie erstaunt dass der Stoffkreis
»interessant« sei daran hatte ich nicht gedacht Aber ebensowenig daran dieser
ersten Novelle eine weitere folgen zu lassen Ich wollte ja Jurist werden
Nun fing ich aber doch an über den »interessanten Stoffkreis« zu grübeln
Die Gestalten der Heimat wurden mir lebendig Ich hatte sie einst als sie
leibhaftig vor mir gestanden sehr nüchternen Blutes angesehen Nun aber
verklärte sie ein Zauber der Zauber der Ferne Ich studierte an der Universität
Graz war der einzige Jude an der Hochschule ja in der Stadt sah das ganze
Jahr lang keinen Juden Und während ich so grübelte war eine zweite Novelle
fertig »Der Shylock von Barnow«
Nun folgte eine lange Pause Ich geriet weil ich während des
deutschfranzösischen Krieges in einer Kommersrede meiner Sympatie für die
Deutschen kräftigeren Ausdruck gab als der neutralen österreichischen Regierung
recht schien in einen politischen Prozess dann nahm mich der Abschluss meiner
Studien in Anspruch Als ich fertig war da fühlte ich dass ich zum Advokaten
nicht taugte nur der Richterberuf zog mich an
Aber ich war ein Jude
Man errät leicht dass auch dieser Gedankenstrich ein Taufbecken bedeutet
Aber wenn ich schon als Jüngling nicht geschwankt so noch weniger als Mann
Aber leben musste ich ja und so wurde ich Journalist schrieb politische
Artikel und schnitt mit der Schere die schönsten »Vermischten Notizen« zusammen
In meinen Freistunden aber schrieb ich Novellen Bald solche aus dem
jüdischen Leben bald solche aus dem deutschen Leben Es war derselbe Drang der
mich zu beiden führte ein künstlerischer Drang Ich wollte darstellen was ich
empfand dachte erfand Aber nicht ins Blaue hinein Ich konnte nur ein Leben
schildern das ich gesehen Und so spielen meine ersten Novellen entweder in
Graz oder in Czortkow dem »Barnow« meiner Novellen
Es ist nicht meines Amtes darüber zu sprechen was meinen Büchern zu ihrem
Erfolg verholfen hat Nur eins darf ich darüber bemerken ohne den guten
Geschmack zu verletzen es waren Bücher die nicht bloß den Juden sondern auch
den Christen aller Länder gleich verständlich waren
Nun aber glaubte ich meiner eigenen künstlerischen Entwicklung etwas
anderes etwas Neues schuldig zu sein einen Roman aus dem östlichen Ghetto
Dieser Roman liegt hier vor Der Plan dazu ist sehr alt über zwanzig Jahre
Aber ich zögerte immer wieder ihn auszuführen Ich fühlte mich aus
verschiedenen Gründen noch nicht reif dazu Endlich glaubte ich nicht länger
zögern zu sollen
Warum ich so lange zögerte
Erstlich deshalb weil es sich eben um einen Roman handelt während ich
bisher aus diesem Stoffkreis nur Novellen geschrieben Das ist aber nicht bloß
bezüglich des äußeren Umfanges sondern auch bezüglich des inneren Wesens der
Arbeit ein Unterschied Die Novelle schildert einen eng begrenzten und zwar
nicht bloß durch den Raum sondern auch durch das Problem begrenzten Ausschnitt
aus einem bestimmten Leben der Roman aber soll sofern er diesen Namen
verdient ein Spiegelbild dieses gesamten bestimmten Lebens sein Wer einen
Ausschnitt schildert braucht nur diesen zu kennen zu einem Gesamtbild gehört
Beherrschung des gesamten zu schildernden Lebens in seinen sämtlichen oder doch
wichtigsten Beziehungen Ich zögerte bis ich mir sagen konnte dass ich genug
vom äußeren und inneren Leben des Judentums wüsste um an dieses Werk schreiten
zu können Oder mit einem Worte ich wollte die jüdische Volksseele tiefer als
bisher ergründen lernen
Das also ist der erste Unterschied dieser Arbeit von meinen bisherigen Ein
zweiter betrifft die Tonart dieses Werkes
Ich möchte mich als Künstler nicht selbst analysieren Das ist Sache der
Kritiker die ja auch ihre Arbeit eifrig genug verrichten und noch ferner tun
werden einige vivisezieren mich sogar Ich will daher nicht eingehend erörtern
dass und warum die Tonart meiner früheren Schriften sich zwischen Tragik und
Komik bewegte Dieser Roman schlägt eine andere Tonart an die humoristische
Warum erst dieses Werk Nun vielleicht muss man älter geworden sein mehr
erfahren und mehr gelitten haben um das »Lächeln unter Tränen« zu erlernen
Aber auch nach anderer Richtung nicht bloß der subjektiven meiner Darstellung
sondern auch der objektiven des Inhaltes darf ich diesen Roman einen
humoristischen nennen Er sucht dem Leser die Fülle jenes eigentümlichen Witzes
und Humors nahe zu bringen der im Ghetto des Ostens zu finden ist und darf
darum keine der Formen vermeiden in denen sich dieser Witz bewegt also auch in
Formen des Wortspiels nicht
Und nun ein dritter vielleicht der größte Unterschied die Tendenz
Ich glaube auch in meinen ersten Schriften meine Pflicht gegen meine
Stammesgenossen erfüllt nicht gegen sondern für sie nicht zu ihrem Schaden
sondern zu ihrem Heil gewirkt zu haben In dieser Zuversicht haben mich auch
meine chassidischen Schmäher und Angreifer nicht wankend gemacht Als ich zuerst
das Wort ergriff da gab mir ein Jude dieser Richtung ein Mann namens Dr Lippe
in Jassy den Rat mich baldigst taufen zu lassen denn das Judentum hätte für
einen Mann meiner Gesinnungen keinen Platz In milderer Form ist dasselbe oft
genug von jüdischer Seite über mich geäußert worden Ich habe es lächelnd
ertragen weil ich mir sagte »Dies ist der beste Beweis dass du deine Pflicht
getan hast Wärest du so töricht so ungerecht so feig gewesen deine Waffen
nur gegen die äußeren Feinde des Judentums zu kehren und nicht gegen die inneren
Gegner einer gesunden Entwicklung so wären diese Herren mit dir zufrieden
gewesen aber sonst niemand anders und am wenigsten dein eigenes Gewissen« Und
auf diesem Standpunkt blieb ich stehen
Freilich ein Gesamtbild lässt sich dem Leser ungleich schwerer verständlich
machen als ein Ausschnitt Aber ich habe mich bemüht meinen Roman so zu
schreiben dass er von jedem Leser gleichviel welchen Bekenntnisses auch wenn
er nie einen Juden des Ostens selbst gesehen hat verstanden werden kann
Berlin 15 Juli 1893
Karl Emil Franzo
Karl Emil Franzos ist am 28 Januar 1904 aus dem Leben geschieden ohne den
»Pojaz« veröffentlicht zu haben Was ihn bewogen hat dieses Werk wohl sein
bestes und reifstes mit dem er sich durch Jahrzehnte beschäftigt und das er im
Jahre 1893 im Alter von 45 Jahren auf der Höhe seiner Schaffenskraft vollendet
hat so lange zurückzuhalten soll hier nicht erörtert werden Nur so viel sei
gesagt zweierlei hatte kein Teil an dieser Zögerung er hielt sein Werk keiner
Änderung mehr bedürftig und hat auch tatsächlich seit dem Jahre 1893 nichts mehr
hinzu und nichts hinweggetan und er scheute nicht den Kampf mit den dunklen
Mächten die dies Buch vielleicht wieder gegen ihn aufgewühlt hätte Denn bis zu
seinem letzten Atemzuge blieb er ein Streiter für Recht und Licht
Über sein Leben und seine Vorfahren hat Franzos in der »Geschichte des
Erstlingswerkes« 1894 worin er autobiographische Aufsätze von neunzehn
deutschen Schriftstellern über ihre dichterischen Anfänge vereinigt in seinem
Aufsatz »Die Juden von Barnow« ausführliche obiges Vorwort ergänzende
Mitteilungen gemacht
Wien im Juli 1905
Ottilie Franzos
Erstes Kapitel
Der Held dieser Geschichte und zwar in Wahrheit ein Held wenn man diese
Bezeichnung nicht einem Menschen der mit Aufgebot aller Kraft leidvoll nach
einem hohen Ziele ringt ungerecht weigern will hatte auch einen heroischen
Vornamen Er hieß Sender in welcher gedrückten gleichsam ausgeknochten Form
der stolze Name Alexander den die Juden in einer glorreichen Zeit ihrer
Geschichte von den Hellenen übernommen unter ihren gequälten geknechteten
Nachkommen im Osten Europas fortlebt Minder heldenhaft klingt sein Zuname
Glatteis den irgend ein Zufall oder die Laune eines Beamten seinem Großvater
zugeteilt hatte
Aber wenige wussten dass er so hieß der Name stand eigentlich nur in seinem
Geburtsschein in seinem Konskriptionszettel und in dem Totenschein In Barnow
jedoch ward er nie anders genannt als »Sender der Pojaz« oder noch häufiger
»Roseles Pojaz« Denn die Rosele Kurländer draußen im Mauthause am Eingang des
Städtchens hatte ihn aufgezogen und er benahm sich so sonderbar wie ein
»Pojaz« meinten die Leute »Pojaz« aber ist das korrumpierte Wort für »Bajazzo«
Auch die Rosel war nur seine Pflegemutter Sender war mit niemand im
Städtchen verwandt auch sonst mit keinem Menschen in der ganzen weiten Welt
Freilich war er in Barnow geboren und stand im Buch der Gemeinde verzeichnet
Die Leute hätten ihn nicht fortjagen dürfen selbst wenn er ihnen zur Last
gefallen wäre wie die Scholle das Samenkorn das ihr der Wind zugetragen
dulden muss auch wenn es zum Unkraut wird Aber deshalb ist es doch nur ein
Zufall dass es hier gehaftet und nicht eine Meile weiter Er freilich hatte die
Empfindung nicht dass er nur so ein Korn im Winde gewesen und als sie ihn spät
genug überkam bestimmte sie sein ganzes Leben Den Leuten von Barnow aber war
er immer ein Fremder und es wunderte sie dass er so lange unter ihnen blieb
denn seine Herkunft war ihnen ja allen vertraut
Sein Vater Mendele Glatteis war ein »Schnorrer« gewesen ein fahrender
Mann der rastlos umherzog und nichts gar nichts sein eigen nennen konnte
Es gibt sehr viele solche Nomaden unter den Juden des Ostens tausend und
abertausend verurteilen sich in dieser Weise freiwillig zur bittersten Armut
zum Verzicht auf all die Güter die auch dem Dürftigsten das Leben schmücken und
erträglich machen Heimat Weib und Kind
Man sagt der Hang zur Trägheit die Arbeitsscheu erkläre diese Erscheinung
und hat dabei insoweit recht als sicherlich kein »Schnorrer« zu einer
geordneten Tätigkeit zu bringen ist Da fruchten nicht Güte noch Strenge er
würde lieber verhungern als arbeiten Aber darum allein brauchte er noch nicht
durch aller Herren Länder zu ziehen so schwer auch die Sorge ums tägliche Brot
auf den Juden des Ostens lastet die ärmsten Menschen der Erde finden sich
gewiss im polnischen und russischen Ghetto so ist doch dort noch keiner
verhungert so lang die anderen leidlich satt wurden Der Fleissige verwünscht
den Bettler aber wehe dem der gegen den Bruder harterzig sein wollte er wäre
geächtet So kann der Träge nirgendwo besser fortkommen als dort wo ihm die
fromme Satzung unter allen Umständen den Unterhalt sichert in der Fremde hat er
nicht bloß mit der Polizei zu kämpfen sondern auch mit den einheimischen
Bettlern die den Zugereisten grimmig verfolgen
Es hat also noch andere Gründe als die Trägheit dass dennoch alljährlich
und zwar in unseren Tagen genau ebenso wie vor hundert Jahren Tausende von Ost
nach West von West nach Ost wandern und dass vollends Hunderttausende innerhalb
Halbasiens von der Leita bis zur Wolga von der Newa bis zum Bosporus ihr
unstetes armseliges Wesen treiben Hier spielt die Wanderlust mit die dies
Volk einst noch weiter geführt noch mehr zerstreut hat als ohnehin durch seine
furchtbaren Geschicke bedingt war dann die Eitelkeit des »Schnorrers« vor
allem aber das Bedürfnis der sesshaften Leute nach dem Verkehr mit diesen
fahrenden Gesellen
Das klingt seltsam und dennoch ist es jener Grund der das Schnorrertum
forterhält Auch der Jude Halbasiens weiß sehr wohl dass es sich da um eine
rechte Landplage handelt er empfindet dies umso deutlicher als er selbst
nichts übrig hat Die fromme Satzung aber würde höchstens hinreichen dem
Fremden den Bissen Brot zu gewähren nicht aber den freundlichen Empfang der
ihm wird namentlich in kleinen Gemeinden die abseits der großen Heerstrassen
liegen Nur die wohlhabendsten Leute des Ortes wagen es dem eintretenden
Vagabunden zunächst ein bärbeissiges Gesicht zu zeigen aber auch sie lenken
rechtzeitig ein damit er ihnen nicht davongehe
Am Wochentag ist er nur eben willkommen aber am Festtag unentbehrlich was
wäre ein Sabbat ohne »Schnorrer« Denn es ist ein überaus dumpfes stilles
eintöniges Leben das der Jude in diesen Kotstädtchen des Ostens führt noch
gleichförmiger verbringt höchstens der slawische Bauer seine Tage und der
empfindet ihren Druck weit weniger weil sein Geist ganz ungeweckt ist Der Jude
aber hat hebräisch lesen und schreiben gelernt die Tora der Talmud haben
seinen Verstand bis zur Spitzfindigkeit geschärft ihm einen heißen Wissensdurst
erweckt aber befriedigen kann er ihn nur immer aus derselben Quelle dem
uralten Wissen der Väter Von der modernen Bildung hält ihn ja ebenso der Wille
der Machtaber wie der eigene fromme Wahn fern
Nachdem er von Morgens bis zum Abend für die Notdurft des Lebens gesorgt
möchte er erfahren was in der Welt vorgeht ob sich der Deutsche und der
Franzose vertragen vor achtzig Jahren hat er wissen wollen ob Napoleon noch
nicht aus St Helena zurückgekehrt ist heute ob Bismarck nicht wieder
Reichskanzler ist denn Napoleon wie Bismarck sind für ihn buchstäblich
unsterbliche Menschen Seine Zeitung will der Mann haben und die gedruckte
christliche nützt ihm nichts weil er sie nicht lesen kann Auch ist ihm nichts
lieber als ein guter Witz ein »gleiches Wörtel« das irgend eine schwierige
Talmudstelle scharfsinnig erklärt oder doch so dass man über die Auslegung
lachen kann auch nach Liedern oder Gassenhausern nach einem »Spiel« ist er
begierig Und im Ghetto gibt es keinen gedruckten Anekdotenschatz kein Konzert
kein Theater
So hat es denn der Himmel gnädig gefügt dass es dort wenigstens »Schnorrer«
gibt Denn der richtige Schnorrer ist alles zugleich Witzbold Sänger
Schauspieler vor allem aber die lebendige zweibeinige Zeitung Vor den
gedruckten hat diese Zeitung voraus dass sie immer in jenem Format erscheint
das dem Abonnenten wünschenswert ist will er in Kürze bedient sein in Duodez
liebt er die Ausführlichkeit in Folio Auch kann man gleich fragen wenn man
etwas nicht versteht und findet immer was man finden will wer Schnurren
liebt bekommt sie aufgetischt und die Staatsgeschichten nur als Anhang der
Politiker des Ghetto aber kann die längsten Leitartikel genießen immer nur die
hohen diplomatischen Affären mit einem Feuilleton wird er nicht belästigt
Freilich lügt der Schnorrer oft während in der gedruckten Zeitung immer nur die
Wahrheit steht auch ist seine Auffassung der Tatsachen oft eine subjektive ja
geradezu einseitige während in jedem Leitartikel die einzige Meinung zu finden
ist die man als vernünftiger Mensch über ein Ereignis haben kann
Aber dafür leistet er daneben auch noch Besonderes was sogar ein Weltblatt
nicht gewähren kann Denn keine andere Zeitung singt und führt komische
Soloszenen auf und so viel Anekdoten auf einmal wie er mitbringt könnte auch
keine bieten und erschiene sie dreimal täglich in der Größe eines Bettlakens
Darum braucht der Jude des Ostens seine »Schnorrer« und es gibt viele unter
diesen Landstreichern die sich die Kundschaft förmlich auswählen können und
nicht für jeden zu haben sind der sie als Gäste begrüßen will Aber auch bei
jenen die er seines Besuches würdigt bleibt der »Schnorrer« kaum länger als
einen Tag und selbst in einer größeren Stadt kaum länger als eine Woche Die
Unrast treibt ihn hinweg aber auch die Klugheit die Eitelkeit Er will immer
neu anziehend willkommen bleiben
Man sieht das »Schnorrertum« ist eine Erscheinung im Volksleben des Ostens
die so sehr an die eigentümlichen Verhältnisse wie an den Volkscharakter
gebunden ist dass man in aller Welt und Geschichte nichts Gleiches finden
könnte
Es läge ja nahe an den »Schmieren«Künstler zu denken wie er bei uns in
Deutschland von Dorf zu Dorf von Flecken zu Flecken zieht durch seine Talente
die Leute rührt oder erfreut und dadurch sein Brot erwirbt wenigstens
zuweilen In der Tat verdankt auch er wie der »Schnorrer« die Möglichkeit
sein Dasein zu fristen jenem dunklen Drang der Menschenbrust der auch den
Rohesten nicht fehlt dem Drang zuweilen aus der Tretmühle seines Lebens ins
Freie aus der platten Wirklichkeit in die Welt des schönen Scheins zu flüchten
Aber der »Schnorrer« ist unendlich vielseitiger und dann ist seine soziale
Stellung eine ganz andere eine viel schlimmere sollte man denken Denn der
wandernde Komödiant bettelt nur wenn er durch seine »Kunst« nicht genug
verdient während es beim Schnorrer selbstverständlich ist dass man ihn
beherbergt beköstigt und zum Abschied eine kleine Wegzehrung reicht In
Wahrheit ist diese Stellung eine weit bessere Der »Schnorrer« blickt nicht bloß
in heimlichem Selbstgefühl auf den Sesshaften herab das tut ja wohl auch der
»Schmieren«Künstler sondern lässt ihn auch oft genug seine Überlegenheit
fühlen und eine andere Behandlung als die eines Ebenbürtigen nimmt er
höchstens von den Reichsten hin in der Regel aber überhaupt von keinem In
seinen Augen ist eben Broterwerb keine menschenwürdige Beschäftigung er dünkt
sich nicht allein klüger witziger gebildeter das ist er zumeist wirklich
sondern auch vornehmer als seine Gönner vollkommen gleich aber fühlt er sich
ihnen schon durch die Satzungen des Glaubens der nur Brüder kennt und keinen
anderen Adel als den der Gelehrsamkeit Was gäbe der deutsche Dorfkomödiant
darum wenn er sich so fühlen dürfte wie der »Schnorrer«
Aber auch an den Hofnarren des Mittelalters darf man nicht denken obgleich
der Vergleich schon etwas zutreffender wäre auch er war in allen Bedürfnissen
von dem Herrn abhängig und durfte ihm dennoch die Wahrheit sagen Aber der
Hofnarr war deshalb doch ein gemieteter Diener der »Schnorrer« aber ist ein
freier Mann Ihn drückt keine Sorge um Weib und Kind um den kommenden Tag
erlebt er ihn so werden sich auch Speise und Nachtlager für ihn finden erlebt
er ihn nicht ein Grab auf dem nächsten Judenfriedhof Wenn nur seine Feinde
nicht wären die Polizei und die einheimischen Bettler Aber dann schiene ihm
sein Leben eben gar zu schön und etwas Trübsal muss jeder Mensch haben schon
der Abwechslung wegen
Freilich nicht jeder »Schnorrer« fühlt sich so glücklich An manchem nagt
die Qual ungestillten Ehrgeizes der Neid auf die begabteren Kollegen So kann
nur ein Dichterling den wahren Poeten hassen wie der unfähige »Schnorrer« den
echten richtigen Auch hier nützt der Fleiß allein nichts und sogar die
Streberei nicht auf die Dauer das beste ist die »Gabe von oben« Zum richtigen
»Schnorrer« muss man geboren sein wie zum Dichter Einer dieser Echten war der
Vater des Sender Mendele Glatteis den sie nach seiner litauischen Geburtsstadt
den »Kowner« nannten denn von den »christlichen« Familiennamen die ihnen durch
den Willen der Regierung aufgezwungen worden sind machen die Juden im Osten
untereinander noch heute keinen Gebrauch geschweige denn zu seinen Tagen er
war am Ausgang des achtzehnten Jahrhunderts geboren
Der Wille der Eltern hatte ihn zum Talmudisten bestimmt weil er früh
treffliche Anlagen zeigte und schon als Zehnjähriger mit den Gelehrten über die
schwierigsten Fragen die sie beschäftigten zu disputieren wusste Seltsame
Fragen Seit Jahrhunderten werden sie in jeder »Klaus« wie die jüdischen
Studierstuben des Ostens heißen erwogen gründlich mit Aufgebot aller
Geistesschärfe aber noch sind sie nicht ganz gelöst
Kein Wunder die Fragen sind eben gar zu schwierig Zum Beispiel an welchem
Tage Eva die Frucht vom Baum der Erkenntnis gepflückt hat Ein Sabbat war es
gewiss nicht denn da darf man keine Früchte pflücken aber welcher Wochentag
Oder von welcher Art die Leiter gewesen ist die Jakob im Traum gesehen hat
Natürlich keine Hängeleiter die an den Wolken befestigt war und bis auf die
Erde hinabreichte denn es steht ja geschrieben dass sie auf der Erde stand und
mit der Spitze an den Himmel rührte Aber war es eine Schiebeleiter die
zusammenzulegen war oder bestand sie aus einem Stück War sie aus Holz aus
Eisen oder aus was sonst Und vor allem wieviel Sprossen hatte sie Das aber
hängt mit der Frage zusammen ob die Engel die daran auf und nieder stiegen
lange oder kurze Beine hatten Wie also waren die Engel gebaut Darauf allein
kommt es an denn wohl wissen wir ja dass sie Flügel haben aber in jener Nacht
machten sie keinen Gebrauch von ihnen es steht ausdrücklich geschrieben »Sie
stiegen« Daraus aber ergibt sich die weitere Frage Warum stiegen sie warum
flogen sie nicht von Sprosse zu Sprosse Und dann »Der Herr stand oben darauf«
heißt es in der Heiligen Schrift Auf der obersten Sprosse also Oder hatte die
Leiter oben eine Plattform Und wenn diese wie breit war sie Aber das sind im
Grunde noch naheliegende Fragen im Vergleich mit jenen anderen die für scharfe
Augen zwischen den Zeilen der Heiligen Schrift stehen Im Lobgesang Mosis wird
der Herr gerühmt weil seine Rechte die Ägypter ins Rote Meer versenkt Was aber
tat zu selbigen Zeit des Herrn Linke Darüber steht nur eines fest sie hat
nicht etwa das Meer geteilt denn das vollbrachte wie geschrieben steht der
Atem des Herrn Was also verrichtete sie oder ruhte sie etwa ganz
Die Jahre kommen und gehen und werden zu Jahrzehnten zu Jahrhunderten
immer neue Gebiete des Wissens tauchen auf und unzählige Arbeiter des Geistes
mühen sich um sie und häufen sie höher und höher empor im Osten aber grübeln
sie noch heut wie im Mittelalter über die Linke des Herrn den Apfelbiss und die
Himmelsleiter Und das ist noch heute dort der einzige Weg sich als »feiner
Kopf« hervorzutun
Das gelang auch unserem Mendele Nachdem er den Körperbau der Engel auf den
Zoll festgestellt und nachgewiesen dass Gottes Linke in jenem Augenblick
wahrscheinlich nichts getan beschlossen die Eltern ihren Einzigen zu einer
»Leuchte in Israel« zu machen und der große Rabbi von Kowno nahm ihn als
Schüler in sein Haus auf
Es ging zunächst alles gut Mendele machte unerhörte Fortschritte und darum
sah der Gelehrte mild darüber hinweg dass sich der Knabe viel in den Straßen
umhertrieb seine Mitschüler neckte und sogar ihn selbst nicht verschonte Der
Weise hatte nämlich die Gewohnheit sich oft zu kratzen vielleicht auch war es
keine Gewohnheit sondern er hatte jedesmal Grund dazu und so oft er sich
kratzte tat es auch sein Lieblingsschüler und in ganz derselben Art Aber
Mendele behauptete es geschähe nur wenn es eben sein müsste und erinnerte an
den Talmud wo die Freundschaft zwischen David und Jonathan dadurch
veranschaulicht wird dass es beide stets im selben Augenblicke gehungert und
gedürstet habe Die innige Sympatie die ihn mit seinem Lehrer verbinde äußere
sich hier eben darin dass es beide zu gleicher Zeit jucke Der Rabbi zweifelte
indes möglich war es doch und so ließ er die Sache hingehen so unangenehm ihm
das Lächeln der anderen Schüler war
Er nahm es sogar geduldig hin als sich die Sympatie in immer deutlicheren
äußeren Zeichen entlud Nun musste Mendele in derselben Sekunde husten sich
räuspern und schneuzen wie der Gelehrte ja die Sympatie zwang ihn allmählich
sogar in demselben Tonfall mit derselben heiseren Stimme zu sprechen Ganz
Kowno lachte aber zu ändern war das nicht
Da machte ein allerdings seltsames Ereignis dem Unterricht ein Ende
Zu den schwierigsten Fragen die der Talmud abhandelt gehört auch die des
Blutflecks im Ei es ist für den Gläubigen geniessbar oder nicht je nach der
Form des Flecks Nun sind aber die Weisen des Talmuds trotz aller Mühe die sie
auf die Sache gewendet haben zu keiner völligen Eintracht gelangt und alle
Formen haben sie ja auch unmöglich voraussehen können So muss denn jeder
Gelehrte so oft er befragt wird sein Hirn gehörig anstrengen und er wird oft
befragt weil eine sparsame Hausfrau lieber den Gang zum Rabbi macht als das Ei
zu opfern
Nun begab es sich also dass Mendeles Mutter plötzlich von diesem Missgeschick
so oft ereilt wurde wie keine andere Hausfrau fast jeden zweiten Tag brachte
Mendele in ihrem Auftrag ein Ei zum Rabbi Und immer hatte der Blutfleck höchst
seltsame Formen die dem Gelehrten die Entscheidung umso schwerer machten als
er sehr kurzsichtig war Die Sache wurde immer unheimlicher bald hatte der
Fleck die Gestalt eines Kreuzes bald eines Fragezeichens bald eines
Buchstabens Die Henne der Frau Chane Glatteis schien geradezu verhext
Eines Tages aber brachte Mendele nach längerer Pause ein Ei zur Schule
dessen Blutfleck wohl unerhört gestaltet sein musste denn der Knabe war selbst
in sichtlicher Erregung und verfolgte die Bewegungen des Rabbi mit Spannung
Langsam beugte sich der große Gelehrte auf das Ei nieder blickte es an und fuhr
entsetzt zurück brachte den Fleck noch einmal dicht vor die Augen und schnellte
dann bleich und erregt empor
»Das war noch nie da seit die Welt steht« schrie er »Diese Henne muss ich
sehen«
Der Wunsch war begreiflich Der Blutfleck hatte diesmal die Form einiger
hebräischer Buchstaben die zusammen das Wort »Esel« bildeten Ein so
merkwürdiges und verruchtes Tier hatte die Welt noch nicht gesehen
»Ich will Euch die Henne bringen Rabbi« sagte Mendele dienstfertig
»Nein da seh ich selbst nach« rief der Rabbi und eilte zur Mutter seines
Schülers
Mendele begleitete ihn dicht vors Haus dort drückte er sich und ging
spazieren
Als er heimkam empfing ihn unter einem Hagel von Schlägen und Vorwürfen die
Kunde dass ihn der Rabbi aus seiner Schule ausgeschlossen weil er sein Spiel
mit dem Heiligsten getrieben Denn wohl hatte Frau Chane eine Henne aber dies
brave Tier legte immer Eier ohne Blutflecken Die hatte Mendele mit roter Farbe
auf den Dotter gemalt und schließlich auch durch den Eifer und die
Kurzsichtigkeit des großen Gelehrten immer kühner gemacht die sonderbare
Huldigung
Noch einen Versuch machten die Eltern des damals zwölfjährigen Knaben ihn
jenem frommen Beruf zuzuführen zu dem ihn seine seltenen Gaben zu bestimmen
schienen Sie vertrauten ihn dem berühmten Talmudisten Rabbi Meyer in Wilna an
der neben dem Ruf großer Gelehrsamkeit auch den einer besonders festen Hand
hatte
In der Tat schien der Rabbi mit Mendele leicht fertig zu werden und als
sich die wachsende Sympatie des Schülers für den Lehrer auch hier in ähnlichen
Formen zu äußern begann wie in Kowno nahm dies bald ein Ende Denn so oft diese
geheimnisvolle Kraft den Knaben trieb den Rabbi Meyer durch Nachäffung zu
verhöhnen erwachte sie auch in diesem und zwang ihn dem geliebten Schüler eine
ungeheure Maulschelle zu geben Kein Wunder dass sich die Sympatie immer
seltener äußerte immer geringer wurde und schließlich in Hass umschlug
Das ging so bis zu Mendeles dreizehntem Geburtstag fort An diesem Tage der
im Leben eines jeden jüdischen Knaben einen wichtigen Einschnitt bildet er
wird da konfirmiert und fortab beim Gottesdienst als Erwachsener mitgezählt
schien sich auch in Mendele eine große Veränderung vollzogen zu haben der Zorn
gegen den strengen Lehrer schlug in sanfte Ergebung der Hass in Liebe um Es ist
Sitte dass jeder Lehrer seinen Schüler zu diesem Geburtstage so reich als ihm
irgend möglich beschenke auch Rabbi Meiers Geschenk war sehr wertvoll aber
nur in moralischem Sinne Er hielt dem Knaben nämlich eine sehr lange
Mahnpredigt worin er ihm mit Sicherheit prophezeite dass er einmal hoch über
allen anderen Menschen enden werde am Galgen Einen anderen Knaben hätte dies
vielleicht erbittert Mendele aber schien wohl tief zerknirscht sagte dann aber
mit vor Rührung zitternder Stimme »Ihr habt recht Rabbi ich habe kein ander
Geschenk verdient Aber weil ich nun heute dreizehn Jahre alt geworden bin und
da Geschenke üblich sind so schenk ich Euch was Verschmähet es nicht obwohl
es wenig ist« Sprachs wischte sich die Tränen aus den Augen und überreichte
dem Rabbi je eine Büchse jener beiden Salben die auch der ärmste Jude des
Ostens nicht entbehren kann
Der strenggläubige Jude darf nämlich sein Haupt nicht dem Schermesser
beugen Bart und Wangenlöckchen wachsen wie ihnen beliebt und dürfen sogar nie
gekürzt werden im Gegenteil ihre Länge und Dichtigkeit ist der schönste
Schmuck des Frommen und er der sonst wahrlich auf sein Äußeres nicht viel
Pflege ja nicht einmal allzuviel Wasser wendet gebraucht doch eine Salbe die
den Bartwuchs befördert Die andere Salbe aber dient dem entgegengesetzten
Zweck das Haupthaar völlig zu entfernen denn auch dies gebietet die Mode
Durch einen anderen als einen völlig kahlen Scheitel würde sich der Fromme
entstellt fühlen und da er sich nicht rasieren lassen darf so reibt er das
Haupt von Zeit zu Zeit mit dieser scharfen Mixtur ein die zwar anfangs keine
Beschwerde macht dann aber gehörig auf der Kopfhaut brennt Beide Salben sind
weiß und haben metallischen Glanz um einer Verwechslung vorzubeugen wird die
Ätzsalbe immer in runden die Bartsalbe in eckigen Büchschen verkauft
Rabbi Meyer war über das Geschenk betroffen sogar ein wenig beschämt dann
jedoch machte er ehe er ins Lehrzimmer ging von beiden Salben Gebrauch
Mendele aber gönnte sich einen Ferialtag und trollte sich seiner Wege
Eine Stunde später merkte der Rabbi ein seltsames Brennen auf den Wangen
und als er in den Bart griff blieb ihm ein Büschel Haare in den Händen
Entsetzt stürzte er in sein Wohnzimmer die Ätzsalbe abzuwaschen aber mit ihr
ging auch der schöne lange Bart ab und das Antlitz des Würdigen glich nun der
litauischen Heide auf der nur ein wenig Gestrüpp und hie und da ein einzelner
Stamm verraten welcher herrliche Wald da einst gestanden Nach einiger Zeit
erwiesen sich auch die Haarwurzeln der Kopfhaut die er bisher immer so schnöde
mit Ätzsalbe behandelt für die unverhoffte Labung dankbar und sprossten kräftig
empor Dies Unglück ließ sich ja gut machen aber der Bart Die vielen Besuche
neugieriger und teilnehmender Verehrer die den Rabbi zu besichtigen und zu
trösten kamen freuten ihn gar nicht und Monate währte es bis er wieder auf
die Gasse zu treten wagte Der Bart aber kam in alter Fülle nie wieder niemals
und bis an sein Lebensende gab es ihm einen Stich durchs Herz wenn man ihn bat
»Erzählet doch was Euch Mendele Kowner zum Abschied verehrt hat«
Denn Mendele hatte sich die Freude versagt den Erfolg seiner freundlichen
Gabe mit eigenen Augen zu sehen und war auf Nimmerwiedersehen gegangen aus dem
Haus und aus der Stadt Er wollte heimkehren und schlug den Weg nach Kowno ein
aber je näher er der Heimat kam desto kürzer wurden die Tagereisen desto
länger der Aufenthalt bei gastlichen Glaubensgenossen und in einer Schenke
dicht vor Kowno besann er sich eines anderen und schlug den Weg nach Westen ein
Denn viel rascher als er war die Kunde jenes Streiches dieselbe Straße gezogen
und wohin immer er gelangte und als er den Ort aus dem er kam Wilna nannte
fragten ihn die Leute sofort nach Rabbi Meiers Bart und obwohl einige dazu
lachten waren doch die meisten über den unerhörten Frevel an der heiligen Zier
eines heiligen Mannes so entrüstet dass er es vorzog inkognito zu bleiben In
jener Schenke vor Kowno aber traf er einen Fuhrmann aus seiner Heimat der ihm
erzählte seine Eltern hätten anfangs viel geweint nun aber seien sie damit
beschäftigt biegsame Haselstauden in Essig zu legen auch zwei Bambusrohre
seien angeschafft und sonstige Vorbereitungen zu seinem würdigen Empfang
getroffen Da dachte Mendele dass es ja nicht gleich sein müsse machte kehrt
und zog langsam der preußischen Grenze zu
Was aus ihm werden sollte war damals nach seinem Willen noch nicht
entschieden und hätte jemand dem übermütigen aber klugen und gutherzigen
Knaben auf jener ersten Wanderung gesagt welches Lebensziel seiner harre ihm
wäre die Warnung nicht nahe gegangen Er war ja guter Leute Kind hatte etwas
gelernt warum sollte er ein »Schnorrer« werden Es fiel ihm gar nicht bei er
war nur eben der Meinung dass den Haselstauden eine längere Beize nicht schaden
würde und wollte den Zorn seiner Eltern ausrauchen lassen ehe er heimkehrte
Auch war es für ihn wie für manchen vor und nach ihm der die gleichen Pfade
geschritten eine große Verlockung dass er nicht um Brot und Obdach zu sorgen
brauchte
Wie der Scholar des Mittelalters von einer Universität zur anderen noch
öfter ins Blaue hinein sorgenlos durch ganz Deutschland ziehen konnte weil ihm
sein Barett und sein bisschen Latein die Türe jedes Pfarr und Bürgerhauses
öffneten so genügt noch heute in Halbasien das Wort »Ich bin ein
JeschiwaBocher« Zögling einer Talmudschule und die spitzfindige Auslegung
irgend einer Bibelstelle um dem Knaben dem Jüngling jedes jüdische Haus in
das er tritt zur gastlichen Stätte zu machen Das Gegenteil wäre eine Sünde
denn wer in der Lehre forscht dient dem Herrn und wer ihn unterstützt erwirbt
den Himmel Nicht einmal mit allzuviel Fragen wurde Mendele behelligt sagte er
den Leuten er sei auf der Suche nach einer passenden Schule so wunderten sie
sich auch darüber nicht Ein begabter »Bocher« wählt sich die »Jeschiwa«
sorglich aus und bindet sich nie ehe er sie persönlich kennen gelernt ehe er
weiß was ihm dort an weiterer Ausbildung oder an Stipendien geboten wird
Wenn Mendele so sprach so log er freilich er wollte zunächst keine neue
Schule beziehen ehe er nicht den Zorn der Eltern beschwichtigt hätte Nur kam
ihm das Wandern der Verkehr mit den vielen fremden Menschen so ergötzlich vor
dass er die Heimkehr immer wieder aufschob und als er gar ins Posensche gelangt
war gefiel es ihm dort so gut dass er seiner guten Vorsätze ganz vergaß Hier
waren die Städtchen reinlicher die Gemeinden wohlhabender aber auch die
Gelehrsamkeit vernünftiger ohne es selbst recht zu empfinden standen die
dortigen Rabbinen ein wenig unter dem Einfluss des deutschen Geistes und
beschäftigten sich lieber mit den wissenschaftlichen Problemen des Talmuds als
mit den Fragen über die Himmelsleiter Das gefiel dem begabten Knaben schon
weil es ihm neu war er blieb monatelang da und dort haften und lernte
ernstaft Aber zu seinem Unglück war auch die preußische Polizei regsamer als
die russische und schaffte ihn eines schönen Tages da er keine Papiere hatte
über die Grenze
Das rüttelte ihn auf er schrieb an seine Eltern ob er heimkehren dürfe
Eine Antwort wurde ihm nicht
Sie zürnten also noch schwerer als er gedacht und so traute er sich nicht
heim sondern wanderte ziellos im »Grossherzogtum Warschau« umher das die Laune
Napoleons kurz vorher geschaffen hatte Auch nun hatte er nicht Hunger noch
Kälte zu leiden zugleich stumpfte ihn die Gewohnheit gegen die Mühsal dieses
unsteten Lebens ab Dennoch regte sich ihm die Sehnsucht nach den Eltern immer
stärker im Herzen und er beschloss die Heimkehr zu wagen auf die Gefahr dass
der Empfang noch so unfreundlich ausfalle
Diesmal aber trat der Zufall dazwischen oder wenn man will das Schicksal
Als Mendele im Frühling 1812 langsam aus dem Krakauschen wo er zuletzt
verweilt hatte nach Norden pilgerte begegnete er den Kolonnen der »großen
Armee« die sich eben langsam nach Russland wälzten Es war später das
Hauptstücklein des Kowners und es hat ihn lange überlebt zu berichten wie
er bei dieser Gelegenheit zufällig die Bekanntschaft des größten Mannes seiner
Zeit gemacht und verstanden habe sich ihm durch wichtige strategische
Ratschläge unentbehrlich zu machen
»Seid Ihr schon in Warschau gewesen« pflegte er mit der Frage an seine
Hörer zu beginnen »Wer dort war kennt gewiss das große gelbe Wirtshaus gleich
rechts neben der Maut damals hat es der alte Reb Mosche gehalten Mosche mit
der roten Nas ein braver Mensch der sich nie darüber beklagt hat dass er
nicht einmal zum Fenster hinausschauen darf Nämlich die russische Polizei hat
es ihm verboten weil sonst alle Fremden geglaubt hätten dass Warschau brennt
Auch sonst ein guter Mensch er hat mich aufgenommen wie einen Sohn und mir
guten Rat gegeben wenn er nüchtern war aber freilich war er nie nüchtern Nun
auf einmal darf der arme alte Mann wieder frische Luft schöpfen die Russen
sind fort die Franzosen kommen Zwei Tage und zwei Nächte dauert der Durchzug
Soldaten zu Fuß und Reiter und Kanonen und Wagen vor den Augen hat es einem
geflimmert und in der Luft war ein Gedröhn wie ein Gewitter zwei Millionen
Menschen meint Mosche aber das war nur weil er alles doppelt gesehen hat
eine Million war es wirklich Das war aber nur der Vortrab jetzt ist erst die
Armee gekommen Zehn Millionen Mein Mosche weint vor Freude Gott wie viel
Franzosen das gönn ich den Russen Da geht die Tür auf zwei Offiziere
kommen herein ein großer und ein kleiner und bestellen Likör Gott über der
Welt schreit der Große erschreckt wie er den Mosche erblickt der Kleine aber
verzieht keine Miene Das kann doch nur Napoleon sein denk ich das ist der
einzige Mensch den nicht einmal eine solche Nase aufregen kann und wie ich ihn
anschau richtig ist ers Aber ich tu nichts dergleichen will er nicht
erkannt sein so weiß Mendele Kowner was sich schickt Nur wie er sein Gläschen
hebt heb ich das meine und sag Ihr Herr Emprör soll bis zu hundert Jahr
leben Ich danke sagt er freundlich Ha denk ich jetzt hab ich dich und
frag Warum danken Sie Er wird verlegen Weil ich auch ein Franzose bin sagt
er Du aber bist wohl ein Jude Kunststück dass Sie es erraten sag ich Ein
Kaftan und Wangenlöckchen ein Spanier werd ich sein Und so kommen wir ins
Gespräch und ich erzähl dies und das und er lacht Mir scheint sagt er du
bist ein gescheiter Mensch Was denkst du denn über den Krieg Fragen Sie
Ihren Emprör sag ich der ist noch gescheiter Lacht er Schmeichler Du
weißt doch dass ichs bin Also wie soll ich den Krieg führen Schnell sag
ich Besseres kann ich Ihnen nicht raten So schnell wie möglich Sonst kommt
der Winter und das sind die Russen gewohnt aber Sie nicht Mendele sagt er
du hast recht Meine Generale denken anders aber ich bin deiner Meinung So
schnell wie möglich marschier ich nach Petersburg Um Gottes willen schrei
ich Herr Emprör das wär eine Dummheit Erstens ist dort das Meer nahe ein
bisschen zu weit links und alle Ihre Soldaten fallen hinein Und dann ist ja dort
sehr kalt Also nach Moskau Auch nicht Auch zu kalt Hinunter nach Kiew
nach Odessa Davon will er aber nichts hören ich rede und rede er bleibt bei
Moskau Gut sag ich Bin ich der Emprör Aber was dabei herauskommt werden
Sie schon sehen Du auch sagt er und packt mich an der Hand Wieso sag
ich Weil du mitgehst Mendele Ohne dich will ich nicht nach Russland So
einen eisernen Kopf wie du kann ich brauchen Komm mit Geht es gut aus schenk
ich dir einen Zentner Diamanten geht es schlecht aus so kann es für Mendele
Kowner doch nur eine Ehre sein mit mir dem großen Napoleon kapore zu Grunde
zu gehen Und bittet und bittet bis ich nachgeb«
So kam Mendele Kowner mit Napoleon nach Russland Leider trübte sich die
freundschaftliche Beziehung durch den Eigensinn des Kaisers wohl auch durch
seine Eifersucht auf Mendeles militärisches Genie
Nahe vor Moskau nämlich riet Mendele sofort zehntausend Feuerspritzen zu
bauen und in die Stadt mitzunehmen »Denn« meinte er sehr scharfsichtig »sonst
zünden die Russen Moskau an und wir können nicht löschen und was haben wir von
Moskau wenn es verbrannt ist Gnädiger Herr Kaiser hören Sie auf den Kowner
Sie wissen er ist nicht dumm wo werden Sie sonst überwintern« Aber man
weiß ja dass die zehntausend Feuerspritzen nicht mitgenommen wurden und dass
Moskau in Flammen aufging und daraufhin sah der kluge Mendele auch alles andere
voraus und sagte dem Kaiser »An der Beresina wird es Ihnen schlecht gehen ich
rate Ihnen marschieren Sie lieber auf einer anderen Straße aber was nützt
mein Reden Leider tun Sie ja doch was Sie wollen Ich aber will nicht mehr
dabei sein denn so ein Unglück wie Sie es an der Beresina erleben werden hat
die Welt noch nie gesehen und wenn es auch für mich eine Ehre wäre mit Ihnen
kapore zu gehen ein Vergnügen wäre es nicht Also adjes Herr Emprör und
nichts für ungut«
dabei blieb es auch obwohl ihn Napoleon durch Geschenke festzuhalten suchte
und dann als alles fruchtlos war ihm zwar den Rücken zuwandte aber doch
hörbar schluchzte Mendele ging und gelangte wenn auch auf Umwegen mit heilen
Gliedern in die Heimat zurück
Die Erzählung entsprach im allgemeinen der Wahrheit nur waren einige
unbedeutende Einzelheiten doch nicht ganz genau wiedergegeben Die Begegnung in
der Schenke vor Warschau hatte wirklich stattgefunden nur war es nicht Napoleon
selbst gewesen der Gefallen an dem lustigen Burschen gefunden und ihn zum
Mitgehen bewogen sondern ein jüdischer Sergeant aus dem Elsass Maurice
Ettelmann aus Kolmar
Auch hatte Maurice wirklich bitten müssen bis sich Mendele dazu entschloss
denn so leichtfertig der Junge war wollte er die Eltern doch nicht länger
entbehren Aber in Kowno erwarteten ihn nur Prügel vielleicht sogar eine
verschlossene Türe die sich trotz allen Flehens nie wieder öffnete hier
lockte ein fremdes lustiges Leben so neben dem Sergeanten in eine Stadt
einzuziehen von allen Juden bewundert und gefürchtet als einer der mit zur
großen Armee gehörte das war doch etwas anderes als wenn er als »Bocher«
bescheiden an die Tür der Reichen klopfte Mendele ging mit als Dolmetsch
Schalksnarr und Marketender zugleich er erlebte wirklich den Brand von Moskau
entging auch tatsächlich dem Unglück an der Beresina aber nur weil das
Regiment dem er sich angeschlossen schon früher zurückgesendet worden war
Auch hatte ers in Wahrheit nicht übers Herz gebracht seinen Protektor in der
Not zu verlassen Maurice Ettelmann war verwundet worden Mendele brachte ihn
bei barmherzigen Glaubensgenossen unter und pflegte ihn bis er genesen war
Dann zogen beide in der üblichen Judentracht bis Torn wo sie schieden der
Sergeant schlug sich nach dem Westen durch und Mendele wandte sich nun endlich
nach Kowno
Zweites Kapitel
Er kam zu spät
Frau Chane war nun schon zwei Jahre tot im Hause waltete eine junge
Stiefmutter ein halbjähriges Bübchen auf dem Arm
Mendeles Vater der alte Sender Glatteis hatte sein Weib herzlich lieb
gehabt und seine Trauer um ihren Verlust war eine aufrichtige und tiefe gewesen
gleichwohl hatte er nicht einmal das Trauerjahr abgewartet um ihr eine
Nachfolgerin zu geben Denn so gebot es seine Anschauung von den Pflichten des
Frommen und wie er hienieden für seine künftige Seligkeit vorzusorgen habe
Nichts ist dem Herrn wohlgefälliger als die Vermehrung seines Volkes Nur
einen Sohn und lauter Töchter zu haben ist ein Unglück aber keinen »Kadisch« zu
hinterlassen eine Sünde So heißt das Gebet welches der Sohn alljährlich am
Sterbetag seinen Eltern zu widmen hat wie hoch diese Pflicht steht wie sehr
der Fromme ersehnt dass sie an ihm geübt werde erweist eben der Sprachgebrauch
der den Sohn kurzweg als »Kadisch« bezeichnet
Der alte Sender hatte keinen mehr Mendele war nach einem gottlosen Streich
in die Welt gelaufen hatte nie wieder von sich hören lassen der Schmerz um ihn
hatte seiner Mutter die letzten Jahre vergällt die Sorge um ihn die letzten
Stunden der Sterbenden verdüstert Sender war es der Toten und sich selbst
schuldig einen »anderen Kadisch« zu zeugen
Der Himmel war ihm gnädig gewesen der Sechzigjährige erlebte noch die
Geburt eines Sohnes Nun mochte ihn der Herr rufen wann ihm beliebte seine
Pflicht auf Erden hatte er erfüllt
Mendele aber war für ihn tot So tot dass er den Heimgekehrten nicht einmal
schmähte geschweige denn schlug Er legte ihm hundert Rubel hin genüge ihm
dieses Erbteil nicht so möge er ihn bei der Gemeinde verklagen und wies ihm
die Tür
Das Flehen des Reuigen blieb vergeblich auch seine Beteuerung dass er
geschrieben und die Erlaubnis zur Heimkehr erbeten habe verhallte ohne Wirkung
»Vielleicht lügst du nicht« war die Antwort »Dann hat eben Gott nicht
gewollt dass deine Reue noch fruchte Geh«
Die junge Frau suchte zu vermitteln Sie fürchtete sich vor dem bösen
Leumund der Stiefmutter und dass die Gemeinde ihrem Einfluss die Verstossung des
Sohnes zuschreiben würde
»Da irrst du« war die Antwort »In unserem Kowno herrscht Gottesfurcht
Kein Vater würde anders handeln Was würde es auch nützen wenn ich schwach sein
wollte Nach einigen Wochen liefe er wieder davon Ein Schnorrer ist er und ein
Schnorrer wird er bleiben ihm ist vorbestimmt hinter der Hecke zu sterben«
Und dann wieder zu Mendele »Geh«
Der Verstossene ging
Die Rubel ließ er liegen auch verklagte er den Vater nicht auf Herausgabe
eines größeren Erbteils Ihn erfüllte nur ein Gedanke »Der alte Mann soll nicht
recht behalten Er soll einst erkennen wie hart und töricht seine Prophezeiung
war und unter Freudentränen soll er mich als seinen Kadisch segnen«
In Kowno war freilich seines Bleibens nicht Aber wie ernst seine guten
Vorsätze waren bewies der einzige Besuch den er machte ehe er die Heimatstadt
verließ Er ging zu seinem einstigen Lehrer bat ihn für seine Knabenstreiche um
Vergebung und teilte ihm seinen Entschluss mit auf der besten Jeschiwa in
Russland binnen wenigen Jahren die Würde eines »Rabbi« zu erwerben
Der gutmütige Mann verzieh ihm gern und riet ihm die Schule zu Berditschew
aufzusuchen ein Vater dessen Sohn von dort die Würde eines Rabbi heimbringe
erfahre dadurch ein so großes Glück eine so hohe Ehre dass sie jeden früheren
Fehler des Jünglings tilge
»Gut so komme ich denn als Berditschewer Rabbi wieder« sagte Mendele und
bat dann ihm den Todestag seiner Mutter zu sagen »Sei überzeugt« schloss er
»und sagt es auch meinem Vater solang ich lebe wird auch meine Mutter an
diesem Tag ihren Kadisch haben«
Diese Zusage hat Mendele Glatteis getreulich eingehalten aber als
Berditschewer Rabbi ist er nicht heimgekehrt Es mag auch daran gelegen haben
dass Berditschew gar so weit von Kowno liegt Hunderte von Meilen tief im Süden
des Reiches und dass es nicht in der Natur dieses Jünglings lag seine Zunge zu
hüten Er erzählte auf dem Wege jedermann wie sich sein Leben gefügt habe und
warum er nun gerade die beste Schule aufsuchen müsse
So erfuhr es auch sein alter Gönner Rabbi Meyer von Wilna und beeilte
sich den Rabbi von Berditschew vor der Aufnahme dieses Sünders zu warnen
vielleicht beschwor er ihn darum bei seinem Barte
Gewiss ist dass der Brief seine Wirkung tat Als Mendele den großen
Berditschewer aufsuchte empfing ihn dieser nur um ihm eine donnernde
Strafpredigt zu halten und den Aufenthalt in seiner Stadt für immer zu
verbieten
Vernichtet setzte Mendele seinen Stecken weiter noch flackerte zuweilen
sein Ehrgeiz auf und häufiger noch sein Trotz aber einen ernsten Anlauf seine
Studien fortzusetzen nahm er doch nicht mehr Vielleicht unterlag er da nur
eben seinem Temperament vielleicht aber auch der ungeheuren Schätzung die sein
Volk einem Worte aus des Vaters Munde beizulegen pflegt Sender Glatteis hatte
prophezeit dass Mendele als »Schnorrer« hinter der Hecke sterben werde alle
Welt wusste es und zweifelte nicht daran dass sich das Furchtbare erfüllen müsse
Mendele freilich trug sein Haupt noch immer hoch aber wie schwer das Wort
innerlich in ihm wuchtete wagte er sich wohl selbst nicht zu gestehen bis ihn
das unstete elende und doch für Naturen seines Schlages reizvolle Leben völlig
in seinen Bann gezogen hatte Da freilich sprach er es auch aus »Ein Schnorrer
bin ich und ein Schnorrer will ich bleiben «
Er sprach es mit lachendem Munde zuweilen freilich mag ihm das Herz dabei
sehr wehe getan haben Aber manchmal lag auch ein gewisser Stolz darin und
schließlich ein gewisses Selbstgefühl Ähnlich mag es seiner berühmten
Schicksalsgenossin zu Mute gewesen sein als sie den Leipziger Spiessbürgern die
stolze Antwort gab »Nur eine Komödiantin ja aber die Neuberin«
Mendele Kowner war der König der »Schnorrer« seiner Zeit man sah ihn
überall herzlich gern es war ein rechtes Fest für jede Gemeinde wenn er
wiederkam und aus abgelegenen Ortschaften kamen oft Einladungsbriefe sie seien
doch auch Menschen und ehrliche Juden und hätten sich bisher nur mit ganz
gewöhnlichen »Schnorrern« begnügen müssen ob er sie nicht auch einmal beehren
wolle
Er aber kam nur wenn es ihm beliebte wenn ihm das Städtchen der
Auszeichnung würdig erschien einen so großen Schnorrer zu beherbergen um Geld
war er nicht zu haben verteilte auch in jenen Städtchen wo er oft einkehrte
die Gunst seines Besuches nur nach der Würdigkeit nicht nach dem Besitz Was er
forderte konnte ihm selbst ein armer Mann gewähren Nachtlager und Nahrung
wenn es sein konnte ein Gläschen Wein und zum Abschied einige Kupfermünzen so
viel als nötig war in den nächsten Ort zu gelangen
Mehr aber nahm er auch vom Reichsten nicht Der echte »Schnorrer« ist ja
auch sonst nicht habgierig aber keiner verachtete das Geld so wie der
»Kowner« Schon dies musste ihm unter den Söhnen seines Volkes dem Erwerb so
hoch steht weil das Geld seit zwei Jahrtausenden seine einzige Waffe im Kampf
mit seinen Bedrängern gewesen eine unerhörte Stellung sichern Und nun waren ja
zudem all die Gaben und Gnaden die den »Schnorrer« machen in ihm verkörpert
Ein Mann dieses Handwerks oder nein es ist ja eine Kunst muss weit
umhergekommen sein denn die Leute lassen sich zwar gern Lügen von ihm gefallen
ja sie fordern sie zu ihrer Unterhaltung aber nachdem er ihnen versichert dass
er in Italien immer nur Eier gegessen die er in der Sonne gargekocht nachdem
er ihnen das »goldene Haus« des Kaisers zu Wien und die diamantenen Fenster im
Zarenpalais an der Newa geschildert verlangen sie die an der Scholle haften
und doch von Wissbegier und Sehnsucht nach der Fremde erfüllt sind wie wenig
andere Menschen ernstaften Bericht über Land und Leute Lügt er sie dann noch
an so ist es mit seinem Ruhm vorbei
Der Kowner hatte das nicht nötig
Er war sehr weit herumgekommen fast durch ganz Europa soweit Juden
wohnten bis Petersburg und Konstantinopel bis Berlin Strassburg Wien und
Venedig So war er an Scherz und Ernst ein Krösus der immer aus dem Vollen
spendete ohne sich doch je zu erschöpfen Wo er wirksamer war wussten sie kaum
zu entscheiden Wenn er erzählte wie wenig Ruhe der arme große Rotschild in
Frankfurt am Main habe weil er um der Welt seinen Reichtum zu beweisen alle
Viertelstunde ein frisches Hemd anziehen müsse oder das Glück der Italiener
pries die so billiges Fleisch hätten weil sie keines Fleischhauers bedürften
wolle man dort einen Ochsen schlagen so schicke man ihn ohne Sonnenschirm auf
die Weide und er komme als fertiger Braten heim oder die Petersburger
beklagte weil dort zur Winterszeit die Straßen auch bei hellstem Sonnenschein
künstlich erleuchtet werden müssten da der Atem der Menschen wie eine
undurchdringliche Wolke über ihnen lagere oder über die Kaufleute klagte die
alles verteuerten sogar die Tinte die doch nur aus dem Schwarzen Meer
geschöpft zu werden brauche dann lachten alle dass ihnen die Tränen über die
Backen liefen Aber dann lauschten sie angehaltenen Atems wenn er das
märchenhafte Venedig vor ihren Augen aus dem Meere emporsteigen ließ oder
schilderte wie er von Padua nach Konstanz gewandert auf der Straße wo ewiger
Schnee liege während drunten die blauen Seen lachten und das Anland im Schmuck
des Frühlings wenn er ihnen eine Anschauung davon gab wie groß Wien oder
Berlin sei und wie die Leute dort lebten namentlich die Juden
Niemand wusste so viel Schnurren und von niemand konnte man so viel lernen
denn der Kowner wusste ja alles Nachdem er ihnen seinen vertrauten Verkehr mit
Napoleon geschildert dass sie sich vor Heiterkeit nicht zu fassen wussten machte
er ihnen begreiflich wie der Mann in Wahrheit gewesen was er angestrebt und
wie er geendet und da sie in dem Kaiser der Franzosen den Mann verehrten der
den Juden seines Landes vor allen anderen Fürsten die vollen Menschenrechte
verliehen so lauschten sie bewegt wenn ihnen der Kowner von seinem Tode auf
St Helena erzählte und wie nun sein armer Sohn in Wien dahinsieche
War aber ihrer Wissbegier in weltlichen Dingen genug getan so begann er
ihrer frommen Gelehrsamkeit auf den Zahn zu fühlen er stellte Fragen die der
Weiseste nicht beantworten konnte und erledigte sie dann durch einen Witz eine
Spitzfindigkeit dass die ganze Zuhörerschaft vor Bewunderung stumm blieb oder
aufjubelte oder gar als höchstes Zeichen des Beifalls mit der Zunge
schnalzte er war nicht umsonst »JeschiwaBocher« gewesen
Schon in all dem und der Art wie er zu erzählen wusste hatte er keinen
Nebenbuhler und nun gar erst in seinen künstlerischen Gaben
»Israel hat das Singen verlernt« klagt eine Wormser Aufzeichnung aus dem
dreizehnten Jahrhundert Man hört selten im Ghetto eine weltliche Melodie und
die Volkslieder fehlen zwar nicht ganz werden aber nicht oft gesungen Wo der
Kowner geweilt hatte änderte sich dies wenigstens auf Wochen so lang er da
war lauschten sie ihm und wagten kaum im Chorus einzufallen denn er hatte
»eine Stimm wie eine Flöt« Dann aber sang ihm Alt und Jung nach bis die
Lieder verklangen und sich wieder das traurige Schweigen über das Ghetto senkte
Aber nicht bloß singen konnte er sondern auch »Spiele« machen das heißt
komische Szenen aus dem Stegreif vorführen das Examen eines unwissenden Bochers
vor einem gestrengen Rabbi oder den Streit einer geizigen Schwiegermutter mit
ihrem leichtlebigen Schwiegersohn oder wie ein furchtsamer Jüngling vor die
Rekrutierungskommission tritt Da konnte niemand ernst bleiben nicht einmal
jene die er aufs Korn nahm indem er ihre Sprechweise nachäffte und
Anspielungen auf ihre Verhältnisse einflocht
»Lachen ist Gottesdienst« sagt ein Spruch dieses armen verdüsterten Volkes
und »Gesegnet sei von dem Heiterkeit ausgeht« Dann war noch selten ein Mensch
so gesegnet wie dieser arme landfahrende Bettelmann und selten einer den
Herzen so teuer Andere »Schnorrer« werden nur bewundert oder gefürchtet vom
Kowner aber ging jener Zauber aus der die Herzen zwingt jene seltenste aller
Gaben die für unsere Sprache nur ein viel missbrauchtes und darum verbrauchtes
Wort hat die Liebenswürdigkeit
Nur eines nahmen ihm selbst seine wärmsten Bewunderer übel dass er
unvermählt bleibe Das war unerhört und nach ihrer Anschauung ein ruchloser
Frevel den Gott unmöglich verzeihen konnte Freilich ziehen auch die anderen
»Schnorrer« einsam umher aber der frommen Satzung haben sie vorher wenigstens
äußerlich genügt Die einen haben ein Weib genommen und ihm nach wenigen Tagen
dann den Scheidungsbrief geschickt die anderen bleiben verehelicht aber ihre
Familie fällt während sie die halbe Erde durchwandern daheim der Gemeinde zur
Last Ländlich sittlich das scheint dem Juden des Ostens zwar nicht hübsch
aber weit löblicher als das Junggesellentum
Dem Kowner aber konnten sie es umsoweniger verzeihen als ihm mehr als
einmal die Gelegenheit winkte durch eine Heirat sein Glück zu machen Oder was
sie so nannten Einmal hätte sich sogar eine wohlhabende Witwe die freilich
doppelt so alt war als er durch das Bewusstsein einen so gefeierten Gatten zu
haben über den Schmerz hinweggesetzt ihn zuweilen entbehren zu müssen Sie
hatte ihm vorschlagen lassen ein halbes Jahr an ihrer Seite zu verleben die
übrige Zeit seine Bewunderer zu erfreuen
»Davon habe ich nichts« war seine mehr deutliche als höfliche Antwort
gewesen »denn der Winter neben der Alten macht mich so traurig dass im Sommer
niemand mehr den lustigen Kowner wiedererkennt« Und ähnlicher Bescheid war auch
anderen geworden die ihm mit weit günstigeren Anerbietungen gekommen
Den wahren Grund hatte er nur einem Menschen anvertraut seinem wärmsten
Verehrer einem Weinhändler in Oberungarn der ihm seine hübsche und wohlhabende
Schwester zum Weibe geben wollte
»Lass mich zufrieden« rief der »Schnorrer« lachend »Ich spüre eine heftige
Liebe die mich immer wieder herzieht aber nur für deinen Keller«
Als jedoch der Freund nicht abliess sagte er ernst »Ein Mensch der hinter
der Hecke sterben wird heiratet nicht Nun weißt du die Wahrheit«
»Mendele« rief der Mann »Für andere bist du so klug und für dich so dumm
Glaubst du dass dein Vater Gottes Willen bestimmen kann«
»Ich weiß was ich weiß« war die Antwort »Und so ein Mensch hat allein zu
bleiben«
Er blieb eine Weile stumm dann stimmte er überlaut ein keckes Trinklied an
Dieses Vorgefühl sollte den armen Menschen nicht trügen er starb hinter der
Hecke es war im Unglücksjahr 1831 und auf der Heerstraße zwischen Tarnopol
und Barnow aber in den Armen seines Weibes
Er hatte die Gefährtin wie alles sonstige Glück und Unglück seines Lebens
auf der Straße gefunden nahe seinem Heimatort hoch oben in Litauen Als die
Cholera ausbrach war er nach Kowno gewandert »Ich versuchs in einer Stadt zu
sterben« sagte er lächelnd »jetzt wo es so vielen Tausenden gelingt bring
ichs vielleicht auch zu stande«
Der wahre Grund war dass er noch einmal eine Versöhnung mit seinem Vater
versuchen wollte
Es sollte ihm nicht gelingen
Der uralte Mann war als eines der ersten Opfer der Seuche gefallen
Erbarmungslose Nachbarn wussten Mendele mitzuteilen dass er noch vor dem Tode
jenen Fluch wiederholt habe
»Da geb ichs auf« sagte Mendele »Es bleibt also bei der Hecke«
Und er wanderte wieder nach Süden
Als er eines Abends eine elende Dorfschenke betrat ein Nachtlager zu
erbitten bot sich ihm ein grauenvolles Bild Der Wirt und sein Weib lagen tot
Zwischen ihnen kauerte ihre junge Tochter wie gelähmt vor Schmerz und
Entsetzen Er hob sie sanft empor und wollte sie hinwegführen Sie litt es nicht
und stieß ihn hinweg
»Auf« sagte er und fasste ihre Hand »Wir müssen ins nächste Städtchen wo
Juden wohnen damit sie deine Eltern holen und auf ihrem Friedhof begraben«
Er musste die Worte oft wiederholen bis sie ihn verstand Dann folgte sie
ihm willenlos
Er verließ sie auch am nächsten Tag nicht und begleitete sie auf den
Friedhof zu dem armseligen Begräbnis Es war bald vorüber die Leichenträger
entfernten sich das Mädchen warf sich verzweiflungsvoll über den frischen
Grabhügel Er stand still daneben und ließ sie ihren Schmerz ausweinen Dann
aber trat er auf sie zu und mahnte »Nun ists genug Komm«
»Wohin« rief sie wild »Ich will hier bleiben bis ich auch tot bin«
»Auf den Tod wartet man nicht« sagte er sanft »Du bist ein frommes Kind
und wirst dich nicht versündigen wollen«
Er blickte um sich und ihn schauderte vor den vielen frischen Gräbern auf
denen Schlamm und welkes Laub lag vor der entsetzlichen Öde des kleinen
Friedhofs auf den der kalte Herbstregen niederrieselte Ihm wars als müsste er
sie retten als würde sie sonst im nächsten Augenblick hinsinken und sterben
»Komm« wiederholte er angstvoll »Du wirst doch Verwandte haben«
Sie schüttelte stöhnend den Kopf und sank wieder auf den schlammigen Hügel
zurück
»Nicht Schwester noch Bruder Niemand«
»Niemand« ächzte sie
»Dann will ich dein Bruder sein« erwiderte er Er fasste ihre Hand und der
Zauber der ihm so Vieler Herzen zugewendet hatte bewährte sich auch an diesem
armen geknickten Geschöpf Sie sah ihn an und folgte ihm
Er führte sie zur Stadt zu den Ältesten der Gemeinde und fragte sie wo das
Mädchen bleiben könne
»Sie ist eine Fremde« erwiderten sie »bringt sie zu ihren Verwandten«
»Sie hat keine Alles tot«
»Dann wissen wir keinen Rat«
»Und ihr wollt Juden sein« fuhr er sie an »Wisst ihr nicht was
geschrieben steht Liebe deinen Nächsten wie dich selbst Seid Ihr Heiden«
»Aber in solcher Zeit «
»Gerade in solcher Zeit« rief er »Wisst ihr wer ich bin Mendele Kowner
Nur ein Schnorrer Aber Leuten die so handeln einen Ruf in ganz Israel zu
machen dass sie niemand mehr als Menschen ansehen wird dazu bin ich der Mann«
Sie kannten den Namen und erschraken gewiss das war keine leere Drohung
»Aber was sollen wir tun« fragten sie
»Zunächst für ein Plätzchen sorgen wo die Waise ihre Schiwa halten kann«
befahl er So heißt die achttägige Trauerfrist die der Leidtragende in tiefster
Abgeschiedenheit verbringen muss in einer verdunkelten Kammer auf der Erde
hockend den Blick nach dem Schein des Totenlichtes gewendet das Tag und Nacht
brennen muss
Das durften sie nicht weigern Während die Waise bei den Leuten wohin sie
die Gemeinde in Pflege gegeben ihrer frommen Pflicht genügte blieb Mendele im
Orte Acht Tage so lange hatte der unstete Mann seit Jahren nirgendwo
verweilt die Leute wunderten sich sehr darüber
Sie sollten bald noch mehr Grund zum Staunen haben
Am achten Tage trat er vor die junge Waise
»Höre« sagte er »hier kannst du nicht bleiben Und als meine Schwester
kann ich dich nicht mit mir nehmen Ein lediger Mann und ein jung Mädele es
wäre unerhört und würde dir einen bösen Namen machen Willst du willst du
mein Weib werden«
In ihr verhärmtes Antlitz schlugen die Flammen und sie barg es in den
Händen
»Mein Gott« stammelte sie »warum wollt Ihr es tun Wie verdien ich das«
»Recht hast du« sagte er »Ein so groß Glück einen alten Schnorrer zum
Mann zu bekommen verdient keine Prinzessin Aber du hast ja nichts Besseres
Ich kann freilich nur das mit dir teilen was ich selbst hab die weite Welt
so weit Juden wohnen Aber wenigstens wirst du so weder verhungern noch in
Schande kommen Also wie heißt du Mädele«
»Miriam «
»Also Miriam willst du mein Weib sein«
»Wie gut Ihr seid« rief sie und stürzte zu seinen Füßen nieder
»Ein wahrer Engel« erwiderte er und hob sie auf »Armes Kind du wirst es
schon merken Komm zu den Ältesten«
Am selben Tage wurden sie getraut und traten vereint ihre Wanderung an
Wohin immer sie kamen waren die Leute fassungslos vor Staunen den Kowner nun
doch vermählt zu sehen und begriffen nicht warum er es getan Denn seine Sinne
konnte das unhübsche vergrämte Geschöpf nicht gereizt haben und wollte er
endlich der frommen Satzung genügen so hätte er sich dadurch zugleich ein
gemächliches Leben sichern können Er aber hatte es vielleicht bloß aus Erbarmen
getan vielleicht auch dachte er daran dass nur eines mächtiger sei als des
Vaters Fluch die eigene Guttat als Fürsprech vor dem Throne des Allgerechten
Vielleicht wollte er sich eine andere bessere Sterbestunde sichern
Gewiss ist dass er nun wieder tapfer und fröhlich wurde wie zuvor Er
betreute das junge Weib das den Mühen eines solchen Lebens nicht gewachsen war
mit rührender Liebe blieb überall länger als er gewohnt war und obwohl er
auch nun nie bettelte wies er doch jetzt um ihretwillen keine Gabe zurück auch
wenn sie ihm mit hochmütigen Worten gereicht wurde
So zogen die Neuvermählten langsam gegen Süden eine traurige traurige
Wanderung da sie am Wege wenig anderes sahen als Tod und Todesangst oder wüste
Entfesselung aller Leidenschaft diese Angst zu überwinden Der Kowner aber
blickte der Seuche gefassten Muts ins fürchterliche Antlitz er kramte keine
tollen Schwänke mehr aus aber wohin er kam ward er den Leuten in seiner
tapferen milden Art ein rechter Tröster Er mahnte zu Gottvertrauen und
Menschlichkeit wie der Rabbi aber in ganz anderen Worten die den
angstgequälten verzweifelten Menschen viel tiefer ins Herz griffen So konnte
nur Einer sprechen der selbst keine Furcht mehr kannte und von der Gnade des
Himmels felsenfest überzeugt war Namentlich seit jener Stunde wo er wusste dass
Gott seines Weibes Schoss gesegnet schien er ein anderer höherer besserer
Mensch geworden
»Gott ist gerecht« sagte er »auch mir schenkt er einen Kadisch sein Name
sei gelobt«
Nun änderte er auch sein Reiseziel Er hatte vorgehabt sich bis ans
Schwarze Meer durchzuschlagen weil dort die Cholera ihr Wüten bereits
eingestellt zu haben schien nun wandte er sich nach Westen Er wollte über
Galizien nach Oberungarn zu jenem Freunde dem Weinhändler dort sollte sein
Weib ihrer schweren Stunde entgegenharren Dass er durch Landschaften kam wo die
Seuche eben am stärksten wütete schreckte ihn nicht Noch in Tluste wo er
zuletzt mit seinem Weibe den Sabbat hielt war er tapfer wie je und da es an
Leuten fehlte die Toten zu begraben blieb er den Sonntag über und half die
fromme Pflicht erfüllen
Am nächsten Tage einem kalten aber sonnigen Dezembertage zogen sie
weiter Inmitten des Weges trat ihn die Entsetzliche an der er getrotzt und
warf ihn nieder
Er wusste sofort dass er sterben werde Das verzweifelte Weib warf sich vor
einem Fuhrmann der vorbeikam in die Kniee und flehte ihn an den Kranken nach
dem nächsten Städtchen zu bringen
Der Kowner aber schüttelte das Haupt
»Nein« sagte er »hier«
Er schleppte sich an eine Pappel am Wege es war zufällig dicht neben einer
Kapelle bettete sein Haupt auf dem Wurzelwerk der Pappel und wartete sein
Ende ab
»Gott ist gerecht« tröstete er sein Weib »Er ist es mir gewesen aber du
bist schuldlos er wird es auch dir sein Weine nicht verzweifle nicht es
könnte dem Kind schaden Meinem Kadisch Denn ich weiß es wird ein Knabe sein
Gott ist auch mir nicht bloß gerecht auch barmherzig Nenn ihn Sender nach
meinem Vater erzieh ihn zu einem braven Menschen Er soll werden was er will
nur kein Schnorrer hörst du«
Und dann noch einmal schon im Todeskampf »Nur kein Schnorrer Gottes Segen
über ihn«
Sein Weib wäre ihm wohl gern sehr gern nachgestorben aber sie durfte ja
nicht Sie fühlte das Regen des jungen Lebens unter ihrem Herzen und schleppte
sich vorwärts dem nächsten Judenstädtchen zu Das war Barnow und gleich im
ersten Hause an der Straße ward ihr was sie bedurfte ein Lager und eine
barmherzige Pflegerin
Aber sie fiel nicht allzulange zur Last Sie starb im nächsten Mai nachdem
sie vorzeitig ein schwächliches Knäbchen geboren hatte
Drittes Kapitel
Dies waren die Eltern des »Pojaz« gewesen und auch seine Pflegemutter war kein
gewöhnliches Weib Jenes erste Haus von Barnow war das Mautaus wo die
Pächterin des Strassenzolls wohnte die Rosel Kurländer eine junge starke aber
überaus hässliche Frau der ein hartes Geschick zu gefallen war
Ein sehr hartes das gaben die Leute von Barnow zu aber ein warmes
Mitgefühl für sie empfand niemand Im Gegenteil sie fanden dies Geschick
gerecht so ging es eben wenn man sich gegen Sitte und Ordnung versündigte
Die Sitte gebot dass die Braut den Bräutigam bei der Verlobung kennenlerne
nicht früher ihr den Freier zu wählen war das Recht der Eltern ihr eigener
Wille hatte dabei nicht mitzusprechen Schon dass man das Mädchen vorher befrage
galt als unschicklich und kam in Familien die etwas auf sich hielten nicht
vor eine Weigerung vollends war unerhört
Die Rosel war nun seit Menschengedenken die erste und einzige die ihren
Eltern von vornherein erklärte sie heirate nur jenen Mann den sie sich selbst
erwähle und dann diesen Frevel durchsetzte
Es gelang ihr weil sie das einzige Kind ihrer Eltern war weil ihr Wesen
von je herb und entschieden gewesen vor allem aber weil die Mutter den Wunsch
des Mädchens nicht so unvernünftig fand Die Rosel war ja fast ebenso reich wie
hässlich das Mutterherz fühlte nach wie sich ihr Kind dagegen sträubte bloß um
des Geldes willen genommen zu werden Aber auch sie war tief erschreckt als ihr
das Mädchen sagte »Froim der Schreiber hat mir gesagt dass er mich will und
ich nehm ihn« denn der Froim Kurländer war ein hübscher starker lustiger
aber sehr armer Bursche der sich durch das Abschreiben von Torarollen
notdürftig ernährte und dies umso schwerer als er sein bisschen Verdienst immer
rasch unter die Leute brachte »Eben darum nehm ich ihn« meinte die Rosel »Er
verachtet das Geld Wenn er mich will so ists um meinetwillen«
Da irrte sie Froim ließ sich nur eben durch die reiche Mitgift über das
Unglück trösten die hässlichste Frau im Kreise zu haben
Es ward eine jämmerliche Ehe Der Mann war ein Säufer und Spieler und kam
nur dazu manchmal heim um neues Geld zu holen oder sein Weib zu prügeln wenn
sie ihm keines gab Vergeblich rieten der Rosel die Verwandten sich von dem
wüsten Menschen scheiden zu lassen Die düstere Frau schüttelte den Kopf ihr
geschehe nur was sie verdient habe und sie wolle die Suppe welche sie sich
selbst eingebrockt bis auf den letzten Löffel schlucken Das erfüllte sie denn
auch ganz und gar Erst nachdem sie dem Trunkenbold nichts mehr zu geben hatte
prügelte sie ihn einmal so unmenschlich durch und schwor mit so entsetzlichen
Eiden ihn zu morden wenn er sich je wieder blicken lasse dass der Lump
verschwand als hätte ihn die Erde verschlungen
Nun pachtete die Rosel den Schranken und begann in dem einsamen Hause ein
neues mühseliges Leben Sie hielt keine Dienerin keinen Knecht und verrichtete
selbst den harten Dienst rastlos Tag und Nacht mit einziger Ausnahme des
Sabbats und auch das nur weil das Gesetz es gebot Und wenn die Leute sie vor
den Gefahren solcher Einsamkeit warnten erwiderte sie kurz jedes Kind im
Kreise kenne ihre Geschichte und wisse dass sie jetzt bettelarm sei und vor
sonstigen Anfechtungen wahre sie ihr Gesicht hinlänglich Übrigens ward jeder
dieser Rater in einer Art empfangen dass er nicht wiederkam So galt sie bald
den einen als verrückt den anderen als menschenfeindlich und ward von allen
gemieden Aber wie edel und klar sie war bewies sie an der unglücklichen Witwe
des Mendele Sie pflegte sie bis zur letzten Stunde wie eine Schwester und zog
dann das Knäblein durch künstliche Ernährung mit unsäglicher Mühe auf
Das Schicksal des »Pojaz« ist dadurch bestimmt worden dass er dieser Eltern
Sohn gewesen und von dieser Frau auferzogen worden ist er selbst hat im Grunde
wenig dazu getan wie denn überhaupt das Wort dass jeder seines eigenen Glückes
Schmied sei wohl die größte Lüge ist welche so durch all die Zeiten von Mund
zu Mund geht
Übrigens erfuhr er seine Herkunft erst spät er hielt sich für der Rosel
Sohn und die Leute taten ihr den Willen ihn nicht aufzuklären sie hatte so
flehentlich darum gebeten dass selbst der Roheste nicht entgegenhandeln wollte
Auch hielt ihn die Frau wie ihr eigenes Fleisch und Blut alle Liebeskraft
des einsamen verbitterten Herzens hatte sie dem Knaben zugewendet Wer an der
Maut vorüberfuhr und das schön geputzte Kind neben dem ärmlichen Weibe auf dem
Steinbänkchen sitzen sah musste glauben dass da eine Magd das Söhnchen ihrer
Herrin bewache
Den Leuten von Barnow begegnete die Rosel so herb wie sonst aber dem Knaben
fast töricht weich Vielleicht auch deshalb weil er trotz aller Pflege
schwächlich blieb ein mageres hastiges Bübchen mit dunklen unruhigen Augen
das fortwährend umherschoss und fragte und sich zu tun schaffte Zutraulich lief
es den Vorüberziehenden zu begleitete sie lange Strecken Weges und hatte auch
bald unter den Fuhrknechten welche da regelmäßig vorbeikamen eine große Anzahl
Freunde von denen es eifrig lernte was sie eben lehren konnten mit den
Pferden umzugehen und allerlei russische und polnische Lieder und Sprüche
gerade nicht immer des saubersten Inhalts
Es war eigen wie rasch sich das Bürschchen mit den rohen Gesellen vertraut
zu machen wusste Und doch ermunterten sie es anfangs wahrlich nicht oder hielten
sich gar den »jungen Judenhund« mit der Peitsche vom Leibe Aber er gewann sie
durch seine hastige possierliche Art und dann weil er ihre Sprache so fertig
und ohne Akzent erlernte wie sie es aus jüdischem Munde kaum gehört noch für
glaublich gehalten hatten Besonders ein schweigsamer ältlicher rutenischer
Knecht namens Fedko Hayduck der wöchentlich zweimal mit dem Gemüsewagen der
Dominikaner aus dem Meierhofe vorüberkam ward ganz bezaubert vom »Senderko«
freute sich auf die Maut wie sehr er sie sonst auch verwünschte weil dann der
Bube eine halbe Stunde mit ihm fuhr und meinte immer »Der Teufel mag alle
Heiligen loben wenn das ein Judenblut ist Den haben die Juden einmal zu Ostern
auf einen Braten gestohlen aber es war ihnen zu wenig Fleisch und Blut daran
Denn wann hat man gehört dass ein Jud so sprechen kann oder gar singen Eher
glaub ich wahrhaftig noch die Geschichte vom fleißigen Edelmann«
Minder erbaut waren die Leute im Städtchen von diesem Treiben doch ließ
sie der seltsamen Erziehung ihren Lauf Auch holte sich niemand gern ohne Grund
die wuchtigen Höflichkeiten ab die Frau Rosel für jeden Besucher bereit hielt
Aber als der Knabe endlich neunjährig geworden ohne auch nur einen Buchstaben
zu kennen trieb die Leute ihr frommes Gewissen sich ins Mittel zu legen Denn
Unterricht und Gottesdienst sind ja bei diesem Volke eins und Unwissenheit eine
Todsünde wer nicht lesen kann ist auf Erden ein Verruchter im Jenseits ein
Verdammter
So ordneten sie eine Gesandtschaft ins Mautaus ab welche wohl bitter
empfangen wurde aber doch ihren Zweck erreichte Sie werde erklärte die Frau
ihr liebes Kind keinem »Cheder« Judenschule anvertrauen aber einen
»KnabenBocher« einen Hofmeister wolle sie gern bezahlen Nur die
Schwächlichkeit des Knaben habe sie bisher abgehalten dies selbst zu
veranlassen Doch müsse sie bitten ihr einen sanften und geduldigen Menschen zu
schicken
Der Beisatz war fast überflüssig denn ungeduldige »KnabenBachorim« gibt es
nicht wenigstens nicht im podolischen Ghetto Das sind Leute anderen Schlages
als die »JeschiwaBachorim« die Hörer an den Rabbinerschulen Es ist ein
Gegensatz wie etwa zwischen dem dürftigen Schulmeister und dem übermütigen
selbstbewussten Sohn der »Alma mater« Es kommt ja auch vor dass aus einem
flotten Studenten der nicht ans Ziel gelangt ein zahmer Hofmeister oder gar
ein gedrückter Volksschullehrer wird aber dann ändert er eben sein Wesen Die
KnabenBachorim sind arme scheue demütige Menschen die sich im Schweiße des
Angesichts ihr kümmerliches Brot verdienen und alle Launen der Zöglinge und
ihrer Eltern mit so unbewegtem Gesichte hinnehmen als wäre das im Gegenteil
gerade die Butter auf dies harte Brot
Da aber mit der Frau da draußen nicht zu spassen war so schickte man ihr ein
wahres Lamm Es war dies der Bocher Naphtali der wohl mit seinem Familiennamen
Ritterstolz hieß aber ein halbverhungertes Männchen von kleiner dürftiger
Gestalt war mit einem Gesicht wie aus schlechtem Fliesspapier geschnitten
Der Unterricht begann und anfangs ging alles gut der Knabe saß still und
ließ sich in die Geheimnisse des Alphabets einführen weil ihn die Neuheit der
Sache interessierte und weil sich das bärtige Männchen im Erklären so komisch
hin und her wiegte wie ein Perpendikel und jedes Wort schön durch die Nase
sang Nur wenn der Fedko vorbeikam lief Sender davon Aber bald lief er auch
davon wenn ein anderer Wagen vorbeikam und schließlich ohne jede Veranlassung
Auch Mosche Rindsbraten Schlome Rosental Chaim Fragezeichen Selig
Diamant und wie sonst die Pädagogen von Barnow hießen hatten kein besseres
Ergebnis zu verzeichnen Da sich jeder von ihnen sonderbar hin und her bewegte
und durch die Nase sang und jeder in anderer Art so hielt der Knabe in den
ersten Stunden immer still aber da keiner gelernt hatte Variationen in seinen
Vortrag oder Vorsang anzubringen so ward das Ende immer dasselbe
Die Frau nahm sich das nicht zu Herzen »Das Kind hat ja Zeit« meinte sie
Und so hatte das blasse hastige vorwitzige Büblein wieder selige Tage fast
ein Jahr lang Aber sie sollten ein jähes Ende nehmen auf immer Zwei
Ereignisse führten dies herbei ein Spaziergang und eine Kunstproduktion
Da fuhr nämlich einmal Sender auf dem Gemüsewagen des Fedko davon und kam
nicht wieder erst am dritten Tage brachte ihn ein Barnower Dorfgeher der
angstgequälten Pflegemutter zurück Er habe nach Lemberg gewollt erklärte
Sender unbefangen weil man ihm erzählt habe dass dies die schönste und größte
Stadt der Welt sei Und als ihn die Frau fragte ob er denn nicht Heimweh oder
Bangen verspürt habe schüttelte der Zehnjährige den Kopf er kannte die
Empfindung offenbar gar nicht
Das machte die Mutter denn doch nachdenklich Aber noch fand sie nicht den
Schlüssel für die sonderbare Natur des Kindes
Erst ein Fremder sollte es ihr mit dürren Worten sagen der alte reiche
Moses Freudental als er einmal während eines jähen Regens Schutz in ihrem
Häuschen suchte
Der Greis fragte den Knaben warum er nicht lernen wolle und erhielt darauf
die keckste und possierlichste Antwort Da setzte sich das Bürschlein an den
Tisch und kopierte jeden seiner unglücklichen Erzieher so schrecklich getreu mit
allen Arten und Unarten dass der alte Mann vor ungemeinem Staunen gar nicht zum
Lachen kam Es war kein bloßes Nachäffen wie man es von ungezogenen Kindern
häufig genug sieht sondern dem Manne wars als sähe er da wirklich bald den
Chaim Fragezeichen bald den Naphtali Ritterstolz bald den Schlome Rosental
leibhaftig vor sich sitzen Und als nun der Knabe durch die Mutter
aufgemuntert auch seine Freunde die Fuhrknechte vorzuführen begann alle mit
fast unheimlicher Naturtreue in Stimme und Ausdruck da blieb der alte Mann wohl
eine Stunde über den Regen sitzen und sagte der Frau als er schied »Es ist ein
Pojaz wie ich noch keinen gesehen habe Er hats von seinem Vater aber er
triffts schon jetzt besser als der Kowner Denkt an mich in drei Jahren läuft
er davon und lässt nie wieder von sich hören Eines Schnorrers Sohn ist er und
ein Schnorrer wird er werden«
Die Frau erschrak tödlich wie Schuppen fiel es ihr von den Augen nun
konnte sie sich auch diesen seltsamen Wandertrieb erklären Eine quälende Angst
erfüllte ihr Herz nicht dazu hatte sie das fremde Kind mit so unsäglicher Mühe
aufgezogen dass es kaum flügge geworden sie allein lasse und fortziehe ins
fremde Elend hinein Und dann was hatte sie der sterbenden Mutter gelobt
»Seid ruhig Miriam und sagt es auch Eurem armen Mann wenn Ihr ihn drüben
wiederseht aus Eurem Sender wird kein Schnorrer solang die Rosel die Augen
offen hat So wahr mir Gott barmherzig sein möge in meiner letzten Stunde ich
will ihn davor hüten« Die Miriam hatte ihr nur noch mit einem Blick danken
können aber der sprach »Ich glaube dir du bist auch die Frau die ihren
Schwur halten kann« Und sie hatte ja auch dem Knaben aus dem doppelten Grund
ihn an sich zu fesseln und ihn vor jedem Gedanken an jenes unselige Leben zu
bewahren seine Herkunft so ängstlich verschwiegen hatte es durchgesetzt dass
der Rabbi es jedem eingeschärft »Der Sender ist der Rosel Sohn wer es ihm
anders sagt begeht eine Sünde«
Und nun
Aber neben dem Schmerz bäumte sich auch ein wilder Groll in ihr auf Sie
zürnte dem Knaben für das was wahrlich nicht seine Schuld war sein Blut und
seine Erziehung Denn wie sehr die Freiheit die sie ihm in ihrer Zärtlichkeit
gegönnt hatte den angeborenen Trieb habe mehren müssen sah sie nicht ein sie
hatte nur die Empfindung dass er diese Zärtlichkeit missbraucht habe Frau Rosel
verbrachte eine schlaflose Nacht Am nächsten Morgen raffte sie die
Habseligkeiten des Knaben zusammen und ging mit ihm ins Städtchen Sie wolle
ihren Sohn in ein »Cheder« tun erklärte sie und wünsche dass man ihr einen
recht strengen »Rebbe« bezeichne
Auch diesmal war der Beisatz fast überflüssig denn der Leiter eines
»Cheders« ist niemals sanft wenigstens nicht im polodischen Ghetto Wenn ein
»KnabenBocher« sich zum »Rebbe« aufschwingt zum Besitzer einer eigenen
Lehrstube in welcher er zwanzig dreißig und mehr Kinder gleichzeitig
unterrichtet so wird er auch innerlich ein anderer Mensch oder kehrt sein
Inneres ungescheut hervor da er ja nun keine ängstlichen Rücksichten mehr zu
nehmen braucht Gewöhnlich wird aus dem sanftesten »Bocher« der grausamste
»Rebbe« der nun auch unerbittlich alle jene Hiebe austeilt welche er durch
manches Jahr seinen Herren Zöglingen nur in der Phantasie widmen durfte Auch
sitzen ja da meist die Kinder ärmerer Leute welche kaum ein Lehrgeld von zwei
Kreuzern täglich bezahlen So ist der »Rebbe« vor Beschwerden ziemlich sicher
ein armer Mann ist froh wenn er sein Kind in der Schule weiß und übrigens
bewahrt ja sein eigenes Hinterteil lebhafte Erinnerungen aus der Jugendzeit
warum sollte es die junge Generation besser haben
Totgeschlagen ist im »Cheder« noch niemand worden trösten sich die Leute
und das mag wahr sein sofern man einen schlichten klaren durch den Galgen zu
bestrafenden Mord meint Aber langsam ist da sicherlich manches junge Leben
erdrosselt worden durch die abscheulichen Misshandlungen roher Fanatiker Es ist
sicherlich ein schöner und kluger Grundzug des jüdischen Volkstums das Lernen
zur religiösen Pflicht die Gelehrsamkeit zum Verdienst vor Gott den Adel der
Gelehrsamkeit zum einzigen im Judentum gültigen Adel zu machen und es wäre nur
wünschenswert dass die altgläubige Judenschaft dies auch von anderem Wissen
gelten ließe nicht bloß vom HebräischLesen und dem Pentateuch dem Talmud und
der Kaballa Aber dieser schöne und kluge Grundzug hat zur abscheulichen
Einrichtung der »Cheder« zu deutsch »Stuben« geführt einem Schandfleck des
ortodoxen Judentums an welchem die Edlen und Einsichtigen dieses Glaubens
eifrig aber vergebens herumscheuern Denn sie bringen den Schandfleck trotz
aller Mühe nicht weg vielleicht weil ihnen nur das Öl vernünftiger Überredung
zu Gebote steht und nicht das zuweilen sehr heilsame Vitriol der Gewalt So
wuchern diese Marterhöhlen für Körper und Geist noch immer fort
Auch in Barnow gab und gibt es deren viele und das Weib aus dem Mautause
hatte stattliche Auswahl Sie entschied sich für die Anstalt des Reb Elias
Wohlgeruch weil man ihr sagte dass dieser Mann es verstehe auch den wildesten
Trotz zu brechen
Elias Wohlgeruch hauste in einem der schmutzigsten dumpfigsten Gässchen von
Barnow Weder das Haus noch der Mann machten dem Familiennamen große Ehre
Modrig und baufällig war die Spelunke die wackeligen Mauern halb in die Erde
gesunken und das Innere bestand aus einem einzigen leidlich großen wüsten und
feuchten Raum der alles in einem war Küche Empfangszimmer und Schlafsaal der
Familie Lehrsaal der Anstalt und Studierzimmer des Hausherrn Da hockten in
einem Knäuel an die vierzig Kinder die größeren auf Schemeln die kleineren auf
dem nackten schlüpfrigen Lehmboden unter ihnen Reb Elias Was sie trieben
hörte man durch das ganze Gässchen ein eintöniges Summen und Surren in welches
sich zuweilen ein durchdringendes Jammergeheul mischte Gerade als die Frau mit
dem Knaben vor dem Häuschen hielt ging drinnen eine solche Exekution vor sich
Frau Rosel erbleichte fasste die Hand des Kindes fester und zauderte einen
Augenblick Dann schüttelte sie finster den Kopf und trat über die Schwelle
Freilich wich sie im selben Augenblicke unwillkürlich zurück sie war draußen in
ihrem reinlichen Feldhäuschen solcher Düfte nicht gewohnt wie sie diesen
düsteren Raum erfüllten Denn zu der Ausdünstung der vielen Menschen kam der
Dunst des Herdes an welchem Frau Chane Wohlgeruch das Mittagessen bereitete
und überhaupt genau so waltete wie Schiller singt nur dass sie nicht bloß den
Knaben sondern auch den Mädchen wehrte und bald dem bald jenem ihrer Kinder
eine ungeheure Maulschelle gab In ähnlichen Bewegungen bestand auch die
Haupttätigkeit ihres Gatten nur dass er bei der großen Anzahl der Schüler die
eigene Hand so knochig und fest sie war nicht für ausreichend hielt und darum
immer ein scharfkantiges messingbeschlagenes Lineal schwang auf welchem
mancher dunkle Fleck saß nicht Tinte sondern Blut
Das war übrigens nur das Werkzeug für den ersten Torturgrad Der zweite
wurde neben der Tür vollzogen wo auf einem Schemel ein anscheinend harmloser
aber in guten Essig getauchter Birkenzweig ruhte er ruhte aber selten Der
dritte Grad endlich wurde in einem dunklen Winkel geübt dort war ein Haufe
scharfkantiger Steine geschichtet auf die man den armen kleinen Sünder gebunden
hinwarf
Als die Rosel mit dem neuen Zögling eintrat war gerade nur das Lineal in
Tätigkeit aber auch dies wirkte wenn man aus dem Geheul des eben bearbeiteten
Jungen schließen durfte sehr energisch Auch der Lehrer war offenbar erregt
und wenn der hagere furchtbar verwahrloste Mann mit der ungeheuren Geiernase im
verkniffenen Gesichte auch sonst keinen gemütlichen Eindruck machte so musste er
nun in seiner Raserei geradezu unheimlich erscheinen
Der kleine »Pojaz« schrie denn auch als sollte er an den Spieß gesteckt
werden Frau Rosel zauderte abermals Aber dann gab sie dem Bübchen einen festen
Ruck und brachte ihren Antrag vor
Reb Elias war natürlich einverstanden hier doppelt weil sich die Frau bei
der Feststellung des Kostund Lehrgeldes nicht knickrig zeigte Er hoffe den
besten Erfolg versicherte er seiner Erziehungsmetode habe auch der wildeste
Range nicht widerstanden Und dann erklärte er dem Ankömmling in einladendster
Weise die Bedeutung des Lineals des Schemels und der Steine
Der armen Frau gab es einen Stich durchs Herz aber sie blieb fest und als
der Rebbe wahrlich nicht aus Menschenliebe fragte ob sie nicht den Knaben
mindestens jeden Sabbat über bei sich zu haben wünsche erwiderte sie »Nein
nicht eher als bis er mindestens gut lesen kann«
Aber Sender kam schon viel früher heim am Abend desselben Tages Das
Bübchen hatte sich mühsam bis zum Mautaus geschleppt und wenn es auch vor
blutigem Weinen nicht zum Reden kam so erzählte doch der arme zarte Leib dass
der Erzieher neben der alten Betschul bereits im Laufe des einzigen Tages Zeit
gefunden alle drei Mittel in Anwendung zu bringen
Die düstere Frau wusch und kühlte schweigend den Körper ihres Lieblings und
bettete ihn an gewohnter Stelle Dann verbrachte sie schlaflos die Nacht an
seinem Lager und weinte vor sich hin weinte zum ersten Male seit langen Jahren
Aber als Sender wieder wohl war zerrte sie ihn doch zurück zum Cheder In
dieser Frau war eine unheimlich starke Kraft des Willens stärker als in den
meisten Männern ihres Stammes
Man soll nicht überflüssig Düsteres berichten und nichts auf Erden ist
düsterer als grausames Leid das sich über hilfloser Kindheit entlädt Darum
kein Wort über die Art wie Reb Elias die Wiederkehr des Flüchtlings feierte
und über die Methode durch die er ihm schließlich doch das Lesen beibrachte
Das geschah freilich erst nach zwei Monaten Aber dann sah sich Reb Elias
benötigt einen Besuch im Mautause zu machen
»Ich habe ihn wirklich weit gebracht« erklärte er »wir könnten jetzt sogar
schon mit dem Übersetzen anfangen aber der Bub ist so trotzig Aus Trotz hat er
sich jetzt in eine Ecke gelegt und will nichts mehr essen«
Die Frau ging zu dem Kinde Und als sie an seinem Lager niederkniete da
wurde sie inne dass Sender in seinem Trotze noch viel weiter ging das Bübchen
atmete kaum noch und sein linker Arm war gebrochen Frau Rosel blickte den Rebbe
mit einem langen Blicke an dass er entsetzt in eine Ecke zurückwich Dann hob
sie den Knaben in ihre Arme und trug ihn heim
Der Arzt machte anfangs ein bedenkliches Gesicht weil der Bruch so lange
vernachlässigt geblieben Aber in dem schwächlichen Knaben war doch etwas von
der eisernen Natur des Vaters
Nach vier Wochen war jede Gefahr vorüber
An dem Tage wo ihr der Arzt dies erklärte wich Rosel zuerst vom Lager des
Kranken
Sie ging in ihr Gärtchen und schnitt dort eine lange starke und doch
biegsame Staude ab Und so gerüstet machte sie dem Rebbe Elias Wohlgeruch einen
Besuch Von den Gesprächen welche sie in stiller Kammer mit ihm gepflogen
wurden auf die Straße hinaus freilich nur unartikulierte Laute hörbar aber ihr
Inhalt blieb im allgemeinen doch nicht unbekannt
So endete dieser Abschnitt in den Lehr und Lernjahren des »Pojaz« mit einer
stark dramatischen Szene
Viertes Kapitel
Nun wechselt der Schauplatz dieser Geschichte sie spielt nicht mehr in Barnow
sondern in Buczacz Aber da dies gleichfalls ein erbärmliches galizisches
Judennest ist und im selben Kreise nur fünf Meilen von Barnow liegt so ist
dies anscheinend kein großer Unterschied Aber nur anscheinend in Wahrheit
trennt die Bewohner beider Städtchen die tiefste Kluft Wohl sind sie gleich
ungebildet gleich arm gleich missachtet wohl tragen sie die gleiche Tracht und
beugen sich demselben Gotte aber sie dienen ihm in grundverschiedener Weise
Die Juden von Barnow sind »Chassidim« Mucker und Schwärmer wilde
phantastische Fanatiker die zwischen grausamer Aszese und üppiger Schwelgerei
seltsam hin und her schwanken Sie halten sich daher ihr Name für die
»Begnadeten« unter den Juden weil ihnen andere tiefere Quellen der Offenbarung
fließen jene der »Kaballa« namentlich des Buches »Sohar« In Buczacz hingegen
wohnen »Misnagdim« harte nüchterne Leute die vor allem die Bibel ehren den
Talmud aber nur insoweit als er die Bibel erläutert wie denn überhaupt die
Geltung dieses Konversationslexikons bei keiner Sekte eine bindende ist ja
nicht einmal sein kann weil es nicht viele Fragen gibt über die der Talmud
nicht sehr verschiedene Ansichten entielte Praktische kühle Menschen leben
die Misnagdim schlecht und recht den Gesetzen ihres Glaubens nach halten aber
die zehn Gebote für wichtiger als alles andere erklären sich die Wunder in
möglichst natürlicher Art sind jedoch im übrigen jeder überflüssigen Grübelei
abgeneigt Jedes Gleichnis hinkt vielleicht darf hier gleichwohl an den
Gegensatz zwischen den protestantischen »Stillen im Lande« und den Rationalisten
derselben Konfession erinnert werden es ist aber eben nur ein entfernt
ähnliches Verhältnis
Da der Glaube der Juden des Ostens in allen Stücken das belebende Moment
ist der Urquell und Endzweck allen Strebens so sind die Juden von Barnow und
die von Buczacz in der Tat grundverschieden In Barnow wird viel gefastet aber
auch viel gezecht in Buczacz bewegt sich das Leben in gemessenem einförmigem
Geleise in Barnow wird den lieben langen Tag über gelehrte Dinge disputiert
und nur in den Zwischenpausen gearbeitet oder gewuchert die Buczaczer widmen
sich dem Handwerk und Handel der Fleiß die bürgerliche Ehrenhaftigkeit sind
größer die Achtung vor geistiger Tätigkeit und die Opferfreudigkeit für Armut
und Gelehrsamkeit geringer Die Barnower sind exzentrisch und leidenschaftlich
die Buczaczer gelten als harte berechnende Menschen Die gleiche Frömmigkeit
und der gleiche Druck von außen machen freilich diese Verschiedenheit dem
flüchtigen Blick unkenntlich der Pole oder Rutene merkt es kaum dass in
Buczacz eine andere geistige Atmosphäre herrscht als in den übrigen Städtchen
des Kreises wie auch dem schlesischen Wasserpolaken der Unterschied zwischen
einem Herrnhuterorte und einer protestantischen Industriestadt nicht ganz klar
ist Der Kundige kann ihn freilich nicht übersehen
Auf diese Eigenschaften der »Misnagdim« baute die Rosel Kurländer ihre
Hoffnung Wenn ein Gast irgendwo schlecht bewirtet worden ist so sagen die
Leute in Podolien »Man hat ihn aufgenommen wie die Buczaczer einen Schnorrer«
Diese nüchternen Leute haben einen Abscheu gegen alle unsteten Lumpen auch wenn
diese sehr fromm sind und lustige Geschichten erzählen Hier konnte der Knabe
rechnete die kluge Frau am leichtesten Verachtung jenes Lebens lernen zu
welchem ihn geheimnisvoll die Stimme des Blutes zog Sie gab ihn in das beste
Cheder zu Buczacz das ein gutmütiger wohlbeleibter Mann leitete Simon
Baumgrün
Simon prügelte nicht gern weil er dabei in Hitze kam auch begnügte er sich
mit drei bis vier Stunden täglichen Unterrichts Der gravitätische
unbehilfliche Mann ward von seinen Schülern aufrichtig geliebt weil sie
herausfühlten dass er sie liebte Auch unser »Pojaz« machte da wohl im Grunde
seines Herzens keine Ausnahme aber er offenbarte diese Liebe in recht eigener
Weise
In den ersten Wochen ging freilich alles gut Der Schmerz der Trennung war
leicht verwunden die fremde Umgebung beschäftigte den Knaben Zwar kamen ihm
die Leute von Buczacz langweiliger vor als jene der Heimat dafür wars aber bei
Simon Baumgrün besser als bei Elias Wohlgeruch Aber der gute Simon hatte ein
komisches Äußere und das nährte den Dämon der in dem hastigen Buben hauste
Sender äffte dem Lehrer nach erst heimlich dann offen er tat ihm tausend
Streiche an Wenn Simon in seiner Dose statt seines »gemischten Ungarischen«
Sand fand wenn er sich nicht wieder vom Sessel erheben konnte weil dieser mit
Leim bestrichen war wenn er statt des Taschentuchs einen Kinderstrumpf
hervorzog wenn er statt des guten alten Moldauers welcher zu seiner Labe
bereit stand den sauersten Essig zu kosten bekam der »Pojaz« hatte es
verschuldet dies und noch viel mehr Denn nur während des Unterrichts war der
Lehrer der Gegenstand seiner Vergnügungen für den Rest des Tages die ganze
Gemeinde
Noch heute erzählen die Leute von Buczacz halb ärgerlich halb belustigt
tausend Streiche von dem Kobold der drei Jahre in ihrer Mitte gehaust
Da kamen einmal in der Frühe jene Männer und Weiber die regelmäßig in der
Lotterie zu spielen pflegten unter großem Freudengejohle vor der Türe des
Kollektanten zusammen und jeder versicherte Gerson der Kollektant sei gestern
abend bei ihm gewesen und habe ihn aufgefordert morgen früh einen großen Gewinn
zu erheben
Als ihrer immer mehr zusammenkamen alle mit gleich strahlenden Gesichtern
da ward ihnen die Sache doch etwas bedenklich »Gerson hat sich vielleicht
geirrt« meinte wohl der und jener aber jeder war überzeugt der Irrtum beziehe
sich auf des Nachbars Gewinst
Endlich begannen sie unwillig an der verschlossenen Ladentür zu pochen
»Gerson mach auf Gerson mein Geld« Und sie wurden immer ungestümer bis
endlich das Weib des Kollektanten erstaunt öffnete
»Es hat ja diese Woche niemand gewonnen« versicherte sie »und eben darum
ist mein Mann weil ohnehin nichts zu tun war gestern nachmittag nach Kolomea
gefahren«
»Aber er ist ja gestern abend an meiner Tür gewesen« schrie der eine
»An meinem Fenster« schrie der andere
»Meine Nummern sind herausgekommen 2 5 27«
»Meine meine 17 48 80«
»Schweigt ich hab ein Terno 46 57 89«
Der Lärm wurde immer größer die Frau wusste sich der Anstürmenden nicht zu
erwehren und schrie um Hilfe
Schließlich stand die ganze Gemeinde um den Laden die Betroffenen wütend
die Zuschauer lachend Der Knabe aber der durch sein Nachahmungstalent den
ganzen Spuk angerichtet hatte saß zur selben Zeit mit ungewohntem Ernst zu
Füßen seines Lehrers und nur zuweilen zuckte es wie ein Blitz über das blasse
Antlitz
Dieses Talent entwickelte sich überhaupt immer mehr und es ist schwer zu
sagen ob die Juden von Buczacz mehr Freude oder mehr Verdruss davon hatten Auch
der harmloseste Mensch hört es gern wenn man seinen lieben Nächsten ein wenig
verspottet und darum war Sender in den meisten Häusern ein gern gesehener Gast
Da stellte sich der Knabe hin »Ratet wer ist das« Und dann hörte man eine
sanfte Lispelstimme »Erbsen immer Erbsen Weib warum gibst du mir niemals
Fleisch« Worauf eine polternde Frauenstimme erwiderte »Mit Braten bist du
aufgewachsen Verdien dir das Fleisch« Der Mann fuhr fort zu flehen das Weib
zu poltern man brauchte bloß die Augen zu schließen und hätte schwören mögen
da zanke sich der kleine Chaim Roser wieder einmal mit seinem großen Weibe
Rifka
Ein Hauptstücklein des Knaben wars sonderbare Käuze in verschiedenen
Gemütszuständen vorzuführen zärtlich oder betrunken zornig oder furchtsam
Seinem Lehrer hatte er vollends jede Gebärde abgeguckt es war den Zuschauern
fast unheimlich ob solcher Naturtreue
Aber er bedurfte dazu nicht erst langjähriger Beobachtung
Da war einmal ein berühmter Rabbi ins Städtchen gekommen verweilte über den
Sabbat und hielt am Vormittag eine Gastpredigt Am Nachmittag war bei Moses
Fränkel einem reichen Manne in dessen Hause der Rabbi abgestiegen war zu
dessen Ehren ein Fest Niemand wurde besonders geladen es war nach der Sitte
dieser Kreise selbstverständlich dass jeder kam der Lust dazu hatte Greise
Männer und Knaben Darunter natürlich auch Sender
Während sich die Frauen des Hauses in einem Nebengemach um die Gattin des
Gastes scharten suchten die Männer den hochwürdigen Herrn nach Kräften zu
vergnügen Zu diesem Zwecke ward ihm auch Sender vorgeführt und machte seine
Stücklein
»Könntest du auch nachahmen wie ich rede« fragte der Rabbi
»Warum nicht« erwiderte der Knabe und begann eine Kopie der Predigt Zug um
Zug getreu bis auf die Art des Atemholens
Die Leute sahen sich verlegen an der Rabbi lächelte aber immer
gezwungener Da ward die Tür des Nebengemachs geöffnet »Verzeiht« sagte die
Dienerin »aber die Rebbezin möchte hören was ihr Mann predigt«
Die eigene Gattin des Mannes hatte sich täuschen lassen
So ward Sender unter den nüchternen Leuten von Buczacz nicht selber
nüchtern steckte sie vielmehr mit seinen Torheiten an
Aber es ging dabei nicht immer so harmlos zu Der schlanke blasse Junge
steckte voll Tücken und Nücken Nur aus Übermut und weil es nun einmal
Menschenart ist seine Krallen zu brauchen wenn man sie hat wer sie nicht hat
findet das freilich unverzeihlich Aber gut war der Junge dabei doch grundgut
und warmherzig Er achtete nicht auf Besitz Schenken war seine Leidenschaft
und einmal kam er ohne Stiefel ein andermal ohne Hut heim weil er sie an Arme
verschenkt hatte
Solche Züge versöhnten den guten dicken Simon immer wieder mit seinem
ungezogenen Zögling »Eben ein Pojaz« sagte er achselzuckend
Minder gleichmütig nahm es die Rosel als sie endlich nach zwei Jahren zum
dreizehnten Geburtstage Senders nach Buczacz hinüberkam und die Ergebnisse der
Erziehung überblickte Mit dem vollendeten dreizehnten Jahre tritt der jüdische
Knabe wie bereits erwähnt in den Bund der Männer und dies ist auch in der
Regel die Zeit wo er einen bestimmten Beruf wählen muss
»Meine liebe Frau Rosel« sagte Simon bekümmert »fünfhundert Knaben habe
ich bis zum dreizehnten Geburtstag unterrichtet fünfhundert Ratschläge habe ich
gegeben Euch weiß ich keinen Zum Handelsmann taugt der Junge nicht er
schenkt ja alles weg Zum Gelehrten auch nicht er hat einen guten Kopf aber
keinen Fleiß«
Die kluge Frau fasste sich rasch und wusste Rat
»Dann muss er eben ein Handwerker werden« entschied sie und gab ihn zu einem
Uhrmacher in die Lehre
So begann der dritte Abschnitt im Leben dieses sonderbaren Menschen aber er
endete jäh und bald
Auch hier ging anfangs alles prächtig Der Lehrherr Hirsch Brandes war
nicht bloß der beste Uhrmacher des Kreises sondern auch einer der
vernünftigsten Männer von Buczacz Er hielt den Knaben kurz und dieser fügte
sich solange ihn die veränderten Verhältnisse und das neue Handwerk
interessierten Dann begann er sich zu langweilen und machte tausend tolle
Streiche Und endlich auch einen infolgedessen er die Stadt verlassen musste
Da schlug nämlich einmal in später Abendstunde eines Herbsttages der
Holzklöppel des Schuldieners von Buczacz des kleinen melancholischen Mendele
dreimal im wohlbekannten Takte an alle Fenster des Städtchens und mit seiner
näselnden ewig umflorten Stimme forderte Mendele die Leute auf morgen schon um
vier Uhr zum Gebete zusammenzukommen der Rabbi befehle es und werde morgen
selbst den Grund offenbaren
Seufzend erhoben sich schon in der dunklen kalten Frühe die Familienhäupter
aus ihren warmen Betten und schlichen zur »Schul« Aber das Gotteshaus war
verschlossen und nun warteten sie zähneklappernd auf Mendele und den Rabbi
Inzwischen waren auch diese beiden geweckt worden
Der Rabbi hörte an seinem Fenster die wohlbekannten drei Schläge und als er
sich aufrichtete und erschreckt rief »Mendele was ist geschehen« erwiderte
dieser »Auf Rabbi in der Schul steckt ein böser Geist und poltert Es stehen
schon eine Menge Leut draußen aber ohne Euch trauen sie sich nicht hinein«
»Gott Gott« rief der alte Mann entsetzt »es ist gewiss Berisch der
Schenker der keine Ruh im Grabe hat weil er so viel Wasser in den Schnaps
gegossen hat«
Und er fuhr hastig in seine Kleider
Gleich darauf klopfte es an Mendeles Fenster »Ich bins« rief eine
kreischende Frauenstimme »Mirl die Köchin des Rabbi Ihr sollt sogleich mit
den Schlüsseln zur Schul kommen Drinnen hört man einen bösen Geist die halbe
Gemeinde steht schon draußen«
»Gottes Schutz über Israel« stöhnte das Männchen erschreckt und stürzte
halbbekleidet zur Schul
»Hört ihrs schon lang« rief er den Männern entgegen
»Was«
»Den bösen Geist der drinnen ist«
»Bist du verrückt man hört ja nichts«
»Aber der Rabbi hat es mir sagen lassen«
Im selben Augenblick kam auch dieser herangekeucht
»Leut« rief er »es ist Berisch der Schenker«
»Der ist ja begraben«
»Eben darum Ein Lebendiger kann nicht als Geist des Nachts in der Schul
poltern«
»Aber es poltert ja nichts Rabbi«
»Wie Mendele hat mich doch geweckt«
»Rabbi Ihr habt mich ja wecken lassen durch Eure Köchin«
»Was Was Du warst ja bei mir«
»Aber Mendele warum hast du uns gestern abend herbestellt«
»Ich euch Verrückt seid ihr«
»Verrückt bist du du warst ja bei uns allen«
»Ich«
Dem armen Mendele begann es im Hirn zu wirbeln und nicht minder dem Rabbi
und den Leuten So schrien riefen klagten schimpften sie wirr durcheinander
in dichtem Knäuel schoben sie sich hin und her die tiefe Dunkelheit mehrte den
Wirrwarr es war eine unbeschreibliche Szene
»Ein böser Geist« rief plötzlich einer mit durchdringender Stimme »das
kann nur ein Geist angestiftet haben«
»Ein Geist« wiederholten die anderen und schoben sich noch enger zusammen
»Horch da klopft es ja wirklich in der Schul«
In der großen Aufregung hörten sie in der Tat was nicht zu hören war
Da fasste sich endlich einer und rief »Hört mich ihr Leute Ein böser Geist
hat es angestiftet und aus vernünftigen Leuten Verrückte gemacht Aber vor dem
braucht ihr euch nicht zu fürchten«
Es war Hirsch Brandes der Uhrmacher »Umsonst ist mein Sender gestern abend
nicht so spät nach Hause gekommen« fügte er bei
»Der Pojaz« riefen alle es fiel ihnen wie Schuppen von den Augen
»Erschlagen soll man ihn kommt kommt lebendig kommt er uns nicht aus den
Händen«
Aber da rief Hirsch Brandes »Lasst das mir ihr Leut er soll sein Teil
bekommen und dann hinaus mit ihm aus meinem Haus und aus der Stadt«
So geschahs Als Sender um die Mittagsstunde desselben Tages Buczacz
verließ da nahm er nicht bloß im Herzen sondern auch in anderen Körperteilen
lebhafte Erinnerungen mit an die Stadt seiner Jugend
Fünftes Kapitel
Die Mutter empfing ihn schlecht sehr schlecht Wohl hörte sie ihn ruhig an
ohne Schimpf und Schlag aber Prügel wären dem Jungen lieber gewesen Frau Rosel
tat als wäre er nicht zu Hause sie würdigte ihn keines Worts und Blicks sie
klagte nicht nur Nachts hörte er sie in ihrer Kammer stöhnen Und weil er ja
guten weichen Herzens war so wirkte gerade dieser stumme Schmerz tiefer auf
ihn als jede laute Züchtigung
Eines Morgens warf er sich ihr weinend zu Füßen
»Tritt mich schlag mich« schluchzte er »aber dann sag was ich nach
deinem Willen tun soll«
Die Frau schüttelte finster den Kopf
»Es kommt ja doch alles wie es kommen muss«
»Was meinst du Mutter«
»Später morgen ich werde nachdenken«
Das Geheimnis seiner Geburt war ihr fast auf die Lippen getreten sie
drängte es zurück
Am nächsten Morgen hatten Mutter und Sohn eine lange Unterredung Rosel
drang in den Zerknirschten ihr zu sagen welchen Beruf er selber wünsche
»Was du willst Mutter« war seine Antwort
Aber als sie nicht abliess meinte er zögernd »Am liebsten schau ich mir so
die Leut an und mach ihnen dann nach oder denk mir was sie tun würden wenn
ihnen ein Schmerz widerfahren möchte oder eine Freude oder ein Schreck oder
wenn sie betrunken wären Geschichten hör ich gern und weiß sie auch sehr gut
zu erzählen die Leut lachen dass ihnen der Bauch wackelt Und dann möcht ich
herumreisen Sobald ich jemand gut kenne geht er mich nichts mehr an «
Die Frau nickte fortwährend während er so sprach
»Ja ja« flüsterte sie dumpf »so genau so habe ich es mir gedacht«
Aber dann richtete sie sich hoch auf noch einmal wollte sie den Kampf
aufnehmen mit dem ererbten Dämon
»Davon kann man nicht leben« sagte sie mit harter schneidender Stimme
»hast du nie daran gedacht dir dein Brot zu erwerben«
»Nein« gestand er
»Aber es muss ja sein«
»Dann möchte ich am liebsten Fuhrmann werden« sagte er zaghaft »Da kommt
man weit herum sieht viele Menschen und während man die Pferde lenkt kann man
sich so Geschichten ausdenken«
Frau Rosel stimmte weder dafür noch dagegen sie stritt einen schweren
Kampf Endlich entschloss sie sich des Knaben Wunsch zu erfüllen Wer sich aus
einer reißenden Strömung retten will dachte sie darf nicht gegen sie
schwimmen sondern mit ihr und zugleich langsam dem Ufer zu Das erwählte
Gewerbe tat dem unsteten Sinn des Knaben Genüge und er blieb dabei doch in
geordneten Bahnen
»Noch zwei Jahre« hoffte sie »dann suche ich ihm ein braves Weib und es
behagt ihm schließlich selbst nicht mehr so ewig auf der Landstraße
umherzukollern«
Und wieder schickte sich anfangs alles gut Sender kam zum ersten
Lohnfuhrmann von Barnow Simche Turteltaub einem lustigen kreuzbraven ewig
durstigen Menschen Herr und Knecht passten zusammen vertrugen sich
vortrefflich lachten an einem Tage mehr als alle übrigen Juden von Barnow in
der ganzen Woche und gewannen sich täglich lieber
Nach zwei Monaten brachte es Sender so weit dass ihm der Herr sein eigenes
Fuhrwerk auf größere Reisen anvertraute nicht umsonst war schon in seinen
frühen Knabenjahren der Fedko sein guter Freund gewesen
Im übrigen blieb der Bursche wie er gewesen immer lustig nicht immer
harmlos voll von Possen und Tücken Nur dass ihm mit den Jahren die
Kunstfertigkeit zunahm und da er nun auch wirklich viel Zeit hatte sich
»Geschichten« auszudenken wenn er so von Barnow nach Tarnopol fuhr oder durchs
Flachland gegen die Berge Pokutiens so ward er bald im ganzen Lande im gleichen
Sinne bekannt wie früher in Buczacz Der »Pojaz« sie nannten ihn nirgendwo
anders und so groß war der Ruf seiner Streiche dass er noch heute nicht
erloschen ist Tolle Streiche in denen gleichwohl ein Fünklein Vernunft oder
Gerechtigkeitssinn nicht zu verkennen war
Er hatte dieselbe Empfindung darüber mehrere Jahre später pflegte er selbst
zu sagen »Schändlich habe ichs getrieben aber zu schämen brauch ich mich
nicht«
Das war die Einleitung und dann begann er zu erzählen »An der Grenze in
Skalat war ein kaiserlicher Finanzkommissär Meiringer hat er geheißen der war
schlauer als alle armenischen und jüdischen Schmuggler zusammengenommen Die
Regierung schickt ihn hin damit er dem Treiben ein Ende macht und gibt ihm
viele Grenzwächter mit sogar eine Kompagnie Militär Er aber lässt die Soldaten
ruhig in der Kaserne geht zu den Leuten hin die dieses Geschäft in der Hand
haben und sagt ihnen Wenn ich euch abfasse habt ihr nur Schaden und ich
keinen Nutzen Verständigen wir uns Das ist den Schmugglern nicht neu sein
Vorgänger hat es ebenso gemacht sie bieten ihm dasselbe ein Viertel vom
Nutzen Gut sagt er aber ihr versprecht es mir schriftlich und was ich
beiläufig jährlich erwarten darf Das fällt ihnen auf dann aber denken sie Er
ist doch ein Beamter Wenn er sich nicht schämt und fürchtet einen solchen
Vertrag zu machen warum wir Und sie tuns
Zwei Tage darauf sitzen sie alle im Kreisgefängnis in Barnow Der Meiringer
hat sie angezeigt die Verträge vorgelegt Sie kommen ins Zuchthaus müssen den
früheren Schaden ersetzen und der Meiringer bekommt zur Belohnung ein Drittel
davon Das Militär kann abrücken der Schmuggel hat aufgehört denn die
Schmuggler sitzen ja alle und der Meiringer wird Oberkommissär und kriegt einen
Orden
Ein anderer wäre zufrieden aber der Meiringer denkt Was fang ich nun an
Kein Schmuggel kein Verdienst für mich Das schöne Geschäft darf doch nicht
stille liegen Zwei Monate später wird wieder geschmuggelt Vieh und Getreide
aus Russland Salz und Stoffe nach Russland und dreimal so viel als sonst Der
Meiringer hat weil sich kein anderer gefunden hat die Sache selbst in die Hand
genommen und wie Er verdient ein Heidengeld dabei und das Geschäft ist
sicher sollen seine Schmuggler durch die Furt gehen so warten seine Aufseher
an der Brücke und umgekehrt
Natürlich dauerts nicht lang und es kommt eine Anzeige an den
Kreishauptmann Ein Oberkommissär wird abgeschickt und untersucht umsonst Man
schickt mehr Aufseher auch Soldaten Der Schmuggel dauert fort und den
Meiringer abzusetzen ist nicht möglich weil man ihm nichts beweisen kann Nun
kommt ein Finanzrat aus Lemberg der tüchtigste Beamte im Lande aber der findet
auch nichts
Zu dieser Zeit bin ich gerade in Skalat und höre diese Geschichte und wie
alle Leute den schlauen Schurken verfluchen Dem kommt niemand bei klagen sie
Da kommt ein anderer Fuhrmann KrummAvrumele hat er geheißen und ein
großer Gauner war er zu mir
Pojaz sagt er wann fährst du nach Barnow zurück
Morgen früh sag ich
Und heut nacht
Schlaf ich und ruhen die Pferde
Hättest du nicht Lust heut nacht etwas Besonderes zu verdienen Dein
Fuhrherr muss es nicht erfahren Deinen Wagen brauche ich nicht aber dich und
die Pferde
Ich weiß gleich was dahinter steckt denn alle Leute sagen ja dass
KrummAvrumele für den Meiringer schmuggelt
Wohin soll ich kommen
Schlag zehn ins Wirtshaus in Rossow Aber du schweigst darüber
Natürlich Abgemacht
Nun überleg ich mir die Sach Also in Rossow sammeln sich die Schmuggler
Dann fahren sie natürlich ins nächste russische Dorf nach Klobowka dort wird
aufgeladen Vor Morgengrauen müssen sie zurück sein Dann können sie also nur
den kürzesten Weg zurücknehmen über die Rossower Brücke Sind der Finanzrat und
seine Leute gegen zwei Uhr früh dort so fangen sie den Transport ab Dem
Schurken dem Meiringer gönn ichs Also muss ichs dem Rat sagen
Ich geh ins Wirtshaus wo der Rat wohnt zum dicken Froim
Der Herr Rat ist in der Kasern sagt mir der heut wird er wieder die ganze
Nacht mit dem Meiringer und den Aufsehern herumkutschieren und am Morgen mit
langer Nas heimkommen Der Schuft foppt ihn wie er will und der Herr Rat
glaubt ihm doch
Böse Sach denk ich dann glaubt er auch mir nicht
Da kommt der Kutscher vom Rat in die Stub und lässt sich ein Glas Schnaps
einschenken
Severko sagt der dicke Froim du hast genug Wie willst du heut nacht
kutschieren
Ich schau mir diesen Severko an und richtig er steht kaum noch auf den
Beinen
Froim sag ich zum Wirt gebt ihm so viel Schnaps wie er will Es ist ein
gut Werk
Bist du verrückt fragt er
Tuts sag ich und bitt so lang bis der Kerl eine ganze Flasche bekommt
Und eine halbe Stunde darauf eine zweite
Es wird Abend der Regen gießt in Strömen der Rat kommt mit dem Meiringer
um abzufahren aber die Pferde stehen im Stall und der Severko liegt unter dem
Tisch Der Rat wettert da biet ich mich an Der Wirt steht für mich gut Er
nimmts an Eine Viertelstunde später fahren wir ab
Vor die Stadt wird mir befohlen
Bei der Kaserne schließen sich uns sechs andere Wagen an mit Aufsehern und
Soldaten
Ihr fahrt uns nach befiehlt der Rat und mir Nach Dolnice
Das Dorf liegt zwei Stunden vom Städtchen und vier von Rossow der Schurk
führt uns wirklich in die entgegengesetzte Richtung Aber da lässt sich nichts
machen ich fahr auf Dolnice zu wenn auch langsam Die Nacht wird immer
finsterer der Regen stärker bei der ersten Seitenstrasse bieg ich ab Der
Meiringer merkts
Wohin ruft er
Der Weg ist kürzer lieber Herr
Aber du wirst dich verirren
Behüte
Und fahr und fahr im großen Bogen ums Städtchen gegen Rossow und die sechs
Wagen hinter mir her Der Meiringer wird ungeduldig
Wo sind wir
Bei Dolnice
Aber dort ist ja kein Wald
Ich schweig und fahr zu Vom Rossower Kirchturm schlägts ein Uhr wir
sind dicht am Dorf
Du Judenhund du hast dich verirrt
Ja Herr
Und wo sind wir
Ich weiß nicht aber dort schimmert Licht
Das Rossower Wirtshaus Aber das Nest ist ja schon leer ich fahr weit
daran vorbei der Grenze zu Nach einer halben Stunde fängt der Meiringer
ordentlich zu toben an
Halt halt
Auch der Rat schimpft und schreit ich tu als hör ichs nicht Sie
schlagen das Leder zurück und prügeln mit den Stöcken auf mich ein ich tu als
spür ichs nicht sondern fahr zu immer näher der Rossower Brücke
Halt halt
Es nützt ihnen nichts Da seh ich uns endlich etwas Dunkles entgegenkommen
einen Lastwagen Gottlob da sind die Schmuggler Ich halte die beiden stürzen
hervor die Aufseher sammeln sich um sie
Wo sind wir
An der Rossower Brücke Herr Rat sag ich Und dort kommt der Transport
Einige Minuten darauf waren die Schmuggler gefangen und am nächsten Morgen
sind sie samt dem Meiringer in die Kreisstadt geschafft worden nach
Zaleszczyki Eine Belohnung habe ich nicht verlangt und nicht bekommen mir
wars genug dass alle Leute gesagt haben Ein Bursch von achtzehn Jahren
einen Kerl wie den Pojaz hats noch nie gegeben«
Noch ungleich stolzer aber war er auf folgenden Streich
»In Tarnopol war ein steinreicher Greis Chaim Burgmann ein geiziger
harterziger Mensch Seiner verstorbenen Schwester Kinder waren bettelarm aber
er hat ihnen nie einen Kreuzer zukommen lassen von seinem Überfluss
Einmal mietet er mich nach Zloczow wir fahren die ganze Nacht durch Und
wie ich ihn so hinter mir schnarchen höre fällt mir seine Schwester Lea ein
die ich sehr gut gekannt habe von Buczacz her und ich denke dem Alten ist
etwas zu gönnen und den armen Kindern auch
So schreie ich plötzlich laut und hohl ganz mit der Stimme der Lea Du
alter Lump warum lässt du meine Kinder verhungern
Mein Chaim fährt auf
Gott mit uns schreit er was war dies für eine Stimme
Ich schweige er murmelt etwas und liegt wieder still da
Da wag ichs noch einmal
Chaim meine Kinder hungern
Nun hat ers deutlich gehört entsetzt fährt er auf
Was war das Kutscher hast du nichts gehört
Ja erwidere ich mit zitternder Stimme plötzlich hat ein kalter Wind durch
den Wagen geweht und eine schreckliche Stimme
Dem Alten sträubt sich das Haar zitternd setzt er sich neben mich auf den
Bock und fängt laut zu beten an Aber am anderen Tage hat er zehn Gulden nach
Buczacz geschickt und von da ab jeden Monat «
Seine rühmlichste Tat freilich dünkte ihm die folgende
»In Kopeczynce war ein reicher Verwalter der Herr Tuskowski Der hat eine
einzige Tochter gehabt das Fräulein Waleria Das Mädchen war recht schön aber
stolz als wär sie von Gold und hart als wär ihr Herz von Stein Sie war die
eigentliche Verwalterin und wenn ein Mädchen auf dem Hofe ein Unglück gehabt
hat ein kleines Unglück so hat sie die Arme fortgejagt ohne Erbarmen
Was tut aber Gott
Gott schickt die Husaren nach Kopeczynce und lässt den Rittmeister einen
schönen Mann sein Und nach einigen Monaten wird die stolze Panna polnisch
Fräulein selbst blass und kränklich und doch täglich runder Natürlich verbirgt
sie es ängstlich und ist noch viel strenger gegen andere so grausam streng dass
es kaum zu sagen ist
Wie ich einmal nach Kopeczynce komm erzählt mir Mortche der Schenker die
ganze Geschichte und sagt Heute nachmittag gibt sie wieder eine große
Unterhaltung im Gartenhaus um die Herrschaften zu täuschen
Ich hörs an spann ein fahr nach Tluste und nehm mir die beiden
Hebammen mit die jüdische und die christliche Zum Fräulein Tuskowska Eine
schwere Sache sie braucht euch beide
Vor dem Garten lad ich die beiden alten Weibsbilder ab Da hinein Um
Gottes willen eilt euch
Atemlos keuchen sie hinein und fragen vor der ganzen Gesellschaft wo denn
die Panna Waleria ist die sie so dringend braucht
Natürlich hat sie sie hinausgeworfen und ich selbst bin mit genauer Not den
Knechten des Herrn Tuskowski entgangen Aber am nächsten Morgen ist die Panna
Waleria aus Kopeczynce abgereist und nie wiedergekommen «
Bis in sein zwanzigstes Jahr ging dies Treiben fort Da wandelte ihn ein
jäher zufälliger Eindruck und warf ihn in neue Bahnen Auch dies sei mit seinen
eigenen Worten berichtet
Sechstes Kapitel
»Es war so gegen Ende des Winters« pflegte er darüber zu erzählen »da lässt
mich einmal Jossef Grün der Vorsteher rufen und mietet mich mit seinem Sohn
Schmule nach Sadagóra zu fahren zum Wunderrabbi
Der Schmule ist so in meinem Alter damals also war er im zwanzigsten aber
dabei blass schwach kränklich wie ein zwölfjähriges Kind Weil jedoch Jossef
gar so ein frommer Mensch war so hat er ihn schon den Herbst vorher
verheiratet noch dazu mit einem Mädchen welches um zwei Jahre älter war und
dabei dick und rot wie ein Maschansker Apfel Aber wie ein halbes Jahr vorbei
ist und sich noch immer keine Hoffnung auf ein Enkelchen zeigt wird der Alte
ungeduldig und denkt der große Rabbi muss es richten
Wie er mir das erzählt und ich mir so den Schmule anschau denk ich mir
im stillen da hat der Mann recht ohne ein Wunder wird dieses schwächliche Kind
nicht Vater werden Laut aber verspreche ich alles um was der Alte mich bittet
achtzugeben auf den Schmule und mit ihm vor den Rabbi zu gehen und ihn dort zum
Reden zu bewegen weil der schüchterne Junge sonst vielleicht gar nicht sein
Anliegen vorbringen möchte
So fahren wir also aus kommen am Abend des zweiten Tages nach Sadagóra und
kehren in einer Schenke ein Dort sind einige Juden die uns gleich vertraulich
näher rücken und fragen wozu wir gekommen sind aber nicht aus Neugier und
noch weniger aus Gutmütigkeit Das ganze armselige Nest lebt ja nur vom Rabbi
und darum sind alle seine freiwilligen oder bezahlten Helfer Die Fremden werden
ausgeforscht man berichtet dann ihren Namen ihren Stand und ihr Anliegen dem
Rabbi und am nächsten Tage wo er den Besucher vorlässt kann der Mann mit
leichter Mühe den Allwissenden spielen
Bei uns sollt ihr euch einmal eine Beule anrennen denk ich und fange an zu
klagen was für ein unerhörtes Schicksal den Schmule hergeführt hat Seit wenig
mehr als drei Jahren ist er verheiratet und alle zehn Monate gebiert sein Weib
Drillinge Immer Drillinge also zwölf Kinder in dreieinhalb Jahren und gerade
jetzt scheinen wieder neue unterwegs ein richtiges Unglück
Die Leute glaubens zuerst nicht aber dann fang ich an es genau zu
erzählen als wär ich selber die Mutter und zähl die Geburtstage und die
Namen der Kinder auf und mach von jedem die Stimme nach Da werden selbst die
Schlauesten von diesen frommen Gaunern gläubig und nicken ernst und suchen
meinen Schmule zu trösten
Der rückt unruhig hin und her schweigt aber noch Aber wie sie ihm gar
sagen Der Rabbi kann alles er wird gewiss den Schoss deines Weibes für immer
verschließen da fängt er laut zu weinen an
Gott behüt mich davor schluchzt er dann prügeln mich mein Vater und mein
Schwiegervater dass mir kein Knochen im Leibe ganz bleibt Und dann heult er
ihnen sein wirkliches Unglück vor
Anfangs schimpfen die Leute auf mich aber dann wundern sie sich über meine
Art zu erzählen und einer ruft Auf Ehr ich hätt geschworen dass ich selbst
die Kinder gesehen hab
Nun sag ich ich heiß nicht umsonst der Pojaz
Du bist der Barnower Fuhrmann rufen sie du bist Roseles Pojaz Wieviel
haben wir schon von dir gehört du musst noch mehr erzählen
Nun krame ich meine Geschichten aus und alle lachen dass ihnen die Tränen
über die Backen laufen Und an jenem Abend hab ich zum ersten Mal das Wort
gehört welches mir für mein Leben das Wichtigste das Einzige geworden ist
Was das für ein Wort war
Theater
Da sagt nämlich einer von den Sadagórern welchen sie immer den Meschumed
Abtrünnigen genannt haben weil er viele deutsche Bücher gelesen haben soll
Sinai Welt hat er geheißen Gott sagt er ewig schad dass dieser Mensch ein
Fuhrmann bleibt
Ich lach Prinz oder Wunderrabbi wär ich auch lieber sag ich
Ich kenn etwas anderes erwidert er was dir vielleicht das Liebste wär
Komödiant
Was heißt das frag ich
Das weißt du nicht So nennt man die Menschen die im Theater die
närrischen Leut spielen über die man lachen muss
Was ist ein Theater frag ich weiter
Man sollts nicht glauben ruft er erstaunt wie sehr die Polnischen zurück
sind Also höre Da tut sich eine Gesellschaft zusammen Männer und Weiber und
sie mieten einen Saal und beschmieren sich die Gesichter und ziehen sich
komische Kleider an und stellen zusammen eine Geschichte vor wie du sie uns
allein vorgemacht hast alles erlogen keine Silbe wahr aber solang man ihnen
zuhört glaubt man dass es wahr ist und lacht oder weint Die anderen Leut
aber zahlen damit sie in den Saal gehen können und zuhören und zuschauen
Und was tut der Komödiant bei Tag frag ich
Nichts da raucht er Zigarren und ist ein großer Herr weil er sich am Abend
genug verdient
Das glaub ich nicht sag ich
Ha ha ha lachen die Sadagórer er glaubts nicht So fahr doch nach
Czernowitz es ist ja kaum eine Meile dort ist jetzt ein Theater
Das will ich sag ich drauf
Es ist mir aber in jenem Augenblick nicht einmal so ernst damit gewesen
Erst als wir allein in unserer Schlafkammer sind Schmule und ich und ich kann
nicht sogleich einschlafen da fällt mirs wieder ein und nun freilich hat
mich der Gedanke gequält und zu rütteln begonnen Denn das wär ja ein Leben
wie ich mirs schon selber geträumt habe Herumfahren die Leut anschauen
ihnen ihre Narrheiten abgucken und sie dann den anderen vormachen Und nun erst
von einem solchen Vergnügen auch reichlich leben können heiß und kalt ist es
mir geworden ruhelos hab ich mich herumgewälzt und erst gegen Morgen bin ich
so eingedämmert
Dann machen wir die Geschichte beim Rabbi ab ohne viel Reden kurz und gut
er bekommt dreißig Gulden und Schmule bekommt seinen Segen Anfangs hat er
freilich fünfzig verlangt aber ich sag ihm Dann fahren wir zum Nadwornaer
Rabbi der verlangt nur zwanzig Gulden obwohl er auf Zwillinge segnet und da
hat er schnell nachgegeben
Als wir aus Sadagóra hinausfahren lenke ich links ab gegen Czernowitz
Schmule bemerkt es gar nicht bis wir endlich über der Prutbrücke sind und
in der Vorstadt der Wassergasse Da fängt er freilich zu schreien an dass er
nichts zu suchen hat in der unheiligen Stadt in welcher die Juden Hochdeutsch
reden und Schweinefleisch essen
Dann steig ab sag ich ruhig und miete dir einen Anderen
Nun klammert er sich natürlich an mich wir fahren den Berg hinauf in die
Stadt
An der Straße auf einem freien Platz ist ein Zelt aufgeschlagen davor
steht ein Mann nur in gelbliche Leinwand eingenäht dass er von fern wie nackt
aussieht und trompetet
Nur immer herein schreit er und ein Haufe Gesindel steht vor ihm und
lacht
Ist das ein Komödiant frag ich ganz bekümmert denn der Mensch hat sehr
verhungert ausgesehen
Ja antwortet mir ein Knabe
Also ist hier das Theater
Nein lacht er das ist im Hôtel Moldavie Hier tanzt man auf dem Seil und
zwei Affen sind drin
Gottlob denk ich und lass mir den Weg zum Hôtel beschreiben Gegenüber dem
Hôtel in einem kleinen jüdischen Gasthaus stell ich den Wagen ein und lauf
gleich hinüber
Im ersten Stock ist das Theater sagt man mir aber es wird erst um sechs
geöffnet
Könnt Ihr mir keinen Komödianten zeigen bitt ich den Kellner der auch ein
Jude war aber sehr komisch gekleidet eine kurze schwarze Tuchjacke hat er
getragen und hinten waren zwei Schwänze dran
Warum fragt er
Ich wills aber nicht eingestehen und bitt nur immer fort Er aber fragt
mich immer wieder
Da fährt mirs endlich so heraus
Weil ich selbst so ein Komödiant werden will
Der Mensch schüttelt sich vor Lachen und greift mir an meine Wangenlöckchen
und sagt Die musst du dir noch schöner drehen wenn dich der Direktor aufnehmen
soll
Im selben Augenblick geht ein langer Deutsch Herr in moderner Tracht an
uns vorbei und will die Treppe hinauf
Herr Direktor sagt ihm der Kellner hier ist ein neues Mitglied und
erzählt ihm meinen Wunsch
Der Deutsch schaut mich an er hat ein Gesicht zum Erschrecken blass
furchtbar mager ganz glatt rasiert so dass er halb gelb halb blau war eine
ungeheure Nase und funkelnde stechende Augen und noch dazu hat es fortwährend
in dem Gesichte gezuckt
Aber wie er mich fragt Ist es wahr da erschrecke ich nicht sondern sage
ruhig Ja und erzähle ihm alles
Der Kellner lacht fortwährend wie besessen aber der Herr bleibt ernst und
sagt mir Komm mit
Er führt mich in ein Zimmer im ersten Stock da ist eine dicke Frau gesessen
und hat sich eben das Gesicht weiß angeschmiert
Eulalia sagt er ihr hör einmal zu
Und mir sagt er Zeige uns wie du dir deinen Namen als Pojaz verdient hast
Ich nehme mir ein Herz und fang an meine Stücklein loszulassen eins nach
dem anderen Der Herr schaut die Frau an die Frau den Herrn sie lachen nicht
wie sonst meine Zuhörer aber dennoch glaube ich dass es ihnen gefallen hat
Genug sagt endlich der Herr und fängt mit der Frau zu reden an Es war aber
Hochdeutsch noch dazu ungemein schnell ich habe sehr wenig davon verstanden
Endlich fragt mich der Herr Was meinst du selbst Bursche hast du Talent
Das habe ich damals nicht verstanden ich habe geglaubt er fragt ob ich
einen Talis Betmantel habe
Nein sag ich also Aber wenn ich heirate so muss mir meine Braut einen
schenken
Sie sind erstaunt dann lachen sie und der Herr fragt wieder Ich meine ob
du glaubst dass du zum Komödianten taugst
Natürlich sag ich Ich Glauben Sie mir so hat noch nie ein Mensch dazu
getaugt
Das wird sich zeigen schmunzelt er hier hast du eine Karte schau dir
heute die Vorstellung an und komm dann in den Speisesaal
Da bitt ich noch um eine Karte für meinen Schmule und dank ihm schön und
renn wie verrückt die Treppe hinunter in mein Gasthaus
Den Schmule hab ich in Tränen getroffen das Kind hat sich allein
gefürchtet in der fremden Stadt Und wie ich sag dass er abends ins Theater
gehen soll weint er noch stärker und meint Das ist ein schlechtes Vergnügen
eine Sünde das tut er nicht Und gleich will er fort
Gut sag ich bleib zu Haus Aber gleich einspannen Wirklich nicht um die
Welt
Denn ich kann nicht beschreiben wie mir zu Mut war so als hätt mir
jemand tausend Gulden geschenkt oder als hätt ich zu viel Wein getrunken
So lauf ich also allein vor dem Hôtel Moldavie auf und ab bis es dunkel
wird und mein Herz hat mir gepocht zum Zerspringen
Endlich lässt man mich in den Saal ich war der Erste und hab mich vorn
hinsetzen wollen aber mein Platz war auf einer Bank in der Mitte Eben hat man
die Lichter angezündet ich habe mir angesehen wie der Saal eingerichtet war
Aber das hat mich nicht sehr überrascht Es war ja beinahe so wie in unserer
Betschul unten Bänke für die Männer oben zwei Galerien für die Weiber und
vor mir ein großer Vorhang wie er in Schul vor der Toralade hängt Nur dass
dort nicht das Wort Osten eingestickt war sondern es waren darauf nackte Kinder
hingemalt die so übereinandergepurzelt sind
Später wie die Leut kommen merk ich dass es doch ein großer Unterschied
ist Erstens waren es lauter feine Deutschen zweitens sind auch Männer
hinaufgegangen auf die Weibersitze und wieder haben sich Weiber auf die
Männersitze gesetzt
Dann hat plötzlich vor dem Vorhang eine Musik zu spielen begonnen Es war
ganz lustig wie ein Tanz Aber mir war nicht tanzerig gefreut hab ich mich
freilich aber dabei war mir furchtbar bang
Nun endlich schiebt sich der Vorhang hinauf merkwürdig als ob er von
selber ginge man hat nicht gesehen wer ihn zieht
Eine Gasse ruf ich dass sich die Leut nach mir umschauen und zu lachen
anfangen Es hat mir wirklich geschienen dass man da in eine Stadt hineinschauen
kann Häuser ein Turm eine Brücke Und da kommen drei Leute heraus alle
schwarz angezogen bemalte Gesichter haben sie gehabt und große falsche Bärte
angeklebt
Sie fangen an zu reden verstanden hab ich nur so viel dass es gute
Freunde sind und von Geschäften reden Aber einer von ihnen war gewiss der
Vornehmste weil er einen Pelz getragen hat und weil die anderen so um ihn
herumgetänzelt sind Anton hat er geheißen wie mein Freund der Kutscher vom
Bezirksvorsteher Dieser Anton hat fortwährend mit der Zunge angestossen und
dabei mit dem Kopfe gewackelt als ob er traurig wär
Dann sind noch einige Freunde gekommen darunter ein junger Mensch mit einem
blonden Bart der will Geld von Anton borgen Da hat sich aber gezeigt warum
Anton traurig ist er hat selbst kein Geld und muss sichs erst borgen gehen
Alle gehen hinaus und da fängt auf einmal die Stadt zu wackeln an und
schiebt sich hinauf Es war alles nur auf Leinwand aufgemalt Und statt der
Stadt ist plötzlich ein ganz schönes Zimmer da und da stehen zwei hübsche
Mädchen und sprechen miteinander
Natürlich wovon reden Mädchen vom Heiraten reden sie Aber der Älteren
gefällt keiner über jeden schimpft sie Der eine ist zu lustig und der andere
zu traurig und der dritte zu gescheit und der vierte zu dumm Gerade wie die
Panna Waleria die Tochter vom Verwalter in Kopecynce Gib acht denk ich mir
dass du kein End nimmst wie sie oder sitzen bleibst Schön bist du freilich
aber das dauert nicht ewig Da mitten im Reden laufen beide hinaus das Zimmer
verschwindet wieder die Stadt
Kommt der Blonde mit einem alten Juden Ich denk mir gleich Jetzt will er
sich das Geld vom Juden leihen Richtig ist es so dreitausend Dukaten weniger
nimmt er nicht Und der Anton sagt er soll bürgen
Faule Fisch denk ich mir der hat ja selbst kein Geld Der alte Jud wenn
er kein Esel ist wird sich doch vorher nach dem Anton erkundigen Aber da kommt
der Anton selbst dazu redet auch in den Juden hinein Schajlock hat er ihn
genannt weil ein Christ sich nie jüdische Namen merken kann der Alte hat
wahrscheinlich Schaje Jesaias geheißen
Aber Schajlock will nicht Wo ist die Bürgschaft fragt er Auf was hinauf
dreitausend Dukaten Und dann macht er dem Anton Vorwürfe dass er ihn früher
angespieen hat und überhaupt schlecht behandelt
Gott denk ich mir dieser Anton ist gewiss ein Pole Die machen es alle so
Aber wenn sie Geld brauchen kommen sie zu uns gekrochen und schmeicheln
Also die Leut reden hin und her alles kann ich nicht verstehen denn
auch Schaje spricht nicht wie ein ehrlicher Jud sondern Hochdeutsch nur dass
er durch die Nase singt und mit dem Kopf wackelt
Ich hör ihm zu und weiß nicht warum er mir sehr bekannt vorkommt Auf
einmal erkenn ich ihn es ist derselbe Deutsch der am Nachmittag mit mir
gesprochen hat aber ganz beschmiert und verkleidet
Gott schrei ich in meiner Überraschung der Direktor
Alle Leute wenden sich zu mir um und lachen
Was ist da zu lachen frag ich Es ist wirklich der Direktor
Pst pst machen die Leut
Ich schweig und hör zu was Schaje weiter redet Die dreitausend Dukaten
will er richtig hergeben aber wenn Anton nicht zahlt so darf ihm der Jud ein
Pfund Fleisch ausschneiden
Faule Fisch denk ich wieder Was hat Schaje von dem Pfund Fleisch Ich
bin gar nicht für solche Sachen Damit macht man nur Rischchus Judenhass Und
dann der Bezirksvorsteher wird es gewiss nicht zulassen denn der ist ja auch
ein Christ
Aber Schaje läuft ums Geld und wie er draußen war da ist der Vorhang mit
den nackten Kindern wieder heruntergefallen und die Musik hat angefangen zu
spielen
Ich denk es kann noch nicht aus sein und bleib sitzen Die Leut schauen
mich an und flüstern und lachen es hat mich wenig gekümmert Ein alter Herr ist
neben mir gesessen der fragt mich Sie sind wohl zum ersten Male im Theater
Wie nicht sag ich kann man denn das in Barnow alle Tage sehen
Also aus Barnow
Ja Sender heiß ich und bin im Dienst bei Simche dem Kutscher wenn Sie
ihn vielleicht kennen
Habe nicht die Ehre sagt er
Die Ehre frag ich Meinen Simche kennt wirklich jeder es ist gar keine
Ehre dabei
Aber da hat sich der Vorhang schon wieder hinaufgeschoben
Wieder ein Stück Stadt Kommt ein junger Bursch wie ein Narr angezogen
schneidet Gesichter macht Witze mit jedem sogar mit seinem alten blinden
Vater was mir gar nicht gefallen hat Er erzhält dass er Bedienter bei Schaje
ist und schimpft auf ihn so ein Lump jüdisches Brot frisst er und schimpft
dann drauf Gewundert hats mich freilich nicht Zum Beispiel der Janko der
Kutscher von unserem Doktor Schlesinger der machts grad so
Dann kommt Schajes Tochter ein ganz hübsches Mädchen aber so verdorben
wie gottlob in Barnow kein jüdisch Kind ist Über den eigenen Vater macht sie
sich mit dem Bedienten lustig aber wie Schaje kommt ist sie ihm ins Gesicht
hinein ganz gehorsam und demütig
Aber was tut sie wie er fort ist Da verkleidet sie sich als Knabe und
steckt seine Schätze zu sich und wie ihr christlicher Liebhaber kommt geht sie
mit ihm durch
Schimpf und Schande Ich war so empört zerreißen hätte ich sie können Wie
unserem reichen Moses Freudental seine Tochter Ester durchgegangen ist mit
einem Husaren da hat sie wenigstens den alten Vater nicht beschimpft und sein
Geld liegen lassen Die Leut klatschen und schreien Sehr gut und Bravo ich
aber ruf Schlecht ist sie Prügeln sollt man sie Und da lachen sie wieder
Erst wie die Stadt fortwackelt und wieder das Zimmer kommt mit den zwei
lustigen Mädchen hab ich mich erinnert dass es ja nur so ein Spiel ist
Die Mädchen haben wieder gelacht und es waren einige Herren bei ihnen
darunter einer mit einem schwarz angestrichenen Gesicht und etwas von Kästchen
haben sie gesprochen Und immer wieder Kästchen Ich hab nicht recht hingehört
was gehen mich eure Kästchen an Ich hab nur immer so nachdenken müssen wie
die Geschichte mit Schaje und mit der Tochter ausgehen wird und ob sie auch
reuig zurückkommen wird wie Ester Freudental um vor dem Hause des Vaters zu
sterben
Aber es ist ganz anders gekommen
Zuerst spazieren da zwei Herren herein und erzählen mit Lachen wie Schaje
halb verrückt in der Stadt herumläuft Und dann kommt er selbst blass verstört
aber die Galgans Lumpe haben sich noch lustig über ihn gemacht
Sie erzählen ihm dass Antons Geschäfte schlecht stehen und dass er wird nicht
zahlen können und fragen ob Schaje dann wirklich sein Fleisch nehmen wird
Ja sagt der Alte und fängt an zu reden über Juden und Christen und dass wir
so bitter von den Christen verfolgt werden durch Mark und Bein ist es mir
gegangen und durch das tiefste Herz Bis dahin hab ich noch nicht so viel
nachgedacht über uns und die Polen und hab geglaubt es schickt sich so aber
jetzt haben sich mir die Augen aufgetan über das blutige Unrecht das wir
erdulden Ach wie hat der Alte gesprochen welche Worte welche Stimme Bald
hat er geweint bald mit den Zähnen geknirscht Totenstill ist es im ganzen Saal
gewesen die Tränen sind den Leuten in die Augen getreten
Dann kommt noch ein Jud und erzählt bald von Anton bald von der Tochter
und Schaje hat vor Wut gebebt Es hat ihm um die Dukaten grad so leid getan
wie um die Tochter
Anfangs hat mich das gewundert Aber dann hab ich mir gedacht Geld ist
Geld aber ein Mädel das dem Vater fortläuft und ihn noch dazu bestiehlt ist
keine Tochter mehr
Kommt zum dritten Mal das Zimmer mit den Mädchen diesmal war der Blonde bei
ihnen er macht ein Kästchen auf es wird Hochzeit gemacht
Maseltow Glück auf sag ich aber was gehts mich an
Endlich schiebt sich der Vorhang wieder herauf Schaje und Anton stehen vor
dem Richter
So hab ich noch nie zugehört wie damals und ich habs noch heute nicht
vergessen Aber auch heute noch weiß ich nicht wer recht gehabt hat und wer
unrecht ich glaube die Christen und der Jude haben recht gehabt und beide
haben unrecht gehabt
Eine merkwürdige Geschichte
Zuerst sagt Schaje Anton hat mir diesen Wechsel unterschrieben dass ich ihm
ein Pfund Fleisch ausschneiden darf wenn er nicht zahlt Ich will mein Recht
Der Richter ist ein alter Mensch mit einem Schmerbauch aber dabei ein
Dummkopf nicht zu sagen
Er traut sich keinen Spruch zu tun und lässt einen alten Advokaten rufen
Kommt aber ein junger Advokat mit einer ganz dünnen Stimme und wie ich ihn näher
anschau ein Weib das größere von den zwei lustigen Mädchen
Sie fängt an sagt Schaje hat recht aber er soll sich erbarmen
Schaje will nicht sein Geld verlieren gekränkt und misshandelt zu werden
und noch Erbarmen dazu das wär wirklich zu viel Recht hat er denk ich Aber
da bietet ihm der Blonde Antons Freund die dreitausend Dukaten das Doppelte
das Dreifache Schaje will noch immer nichts als das Pfund Fleisch
Das hat mir nicht gefallen Sein Geld bekommt er sogar dreifach was hat er
davon wenn Anton stirbt Sie bitten ihn der Mensch soll nicht unversöhnlich
sein Mir hat da gleich nichts Gutes geahnt denn erstens ists ganz hässlich von
Schaje und dann ein Jud vor einem christlichen Gericht leider wir in Polen
wissen was das heißt
Richtig Das Mädel sagt endlich Ein Pfund Fleisch darf sich Schaje nehmen
aber wenn er einen Tropfen Blut dabei vergisst wird ihm sein ganzes Vermögen
weggenommen Heißt ein Kopf ein eiserner Kopf
Jetzt war ich sehr neugierig was Schaje tun wird Ich hab geglaubt er
wird sagen Gut mein Vermögen soll hin sein aber mein Recht will ich haben So
passt es sich für ihn hat mir geschienen wenn er schon so ein harter Mensch
ist Aber er Jetzt will er das Dreifache nehmen
Sie geben ihm aber nicht einmal das Einfache und hier fängt das Unrecht der
Christen an und hört gar nicht auf Denn was sagt das Mädel weiter Weil du
einem Christen nach dem Leben getrachtet hast sollst du selbst sterben
Nach dem Leben getrachtet Warum hat Anton so einen Wechsel unterschrieben
Warum hat das Gericht erlaubt dass so ein Wechsel eingeklagt wird Jetzt fällt
es ihnen ein
Schaje windet sich es hilft ihm nichts Sie schenken ihm nur dann das
Leben wenn er sich taufen lässt und die Hälfte seines Vermögens muss er dem
Anton geben
Wirklich sehr bequem Dreitausend Dukaten ausleihen nicht zahlen und für
diese große Müh vielleicht das Zwanzigfache als Belohnung bekommen
Und Schaje
Schaje gehorcht und wird ein Meschumed Abtrünniger
Meinen Augen hab ich nicht getraut aufgesprungen bin ich und hab die
Fäuste geballt
So ein Unrecht schrei ich Das kann ich nicht länger anschauen
Zum Glück sind schon alle Leut aufgestanden sonst wär mirs vielleicht
schlecht gegangen
Ich aber lauf allen voran die Treppe hinunter und dann auf und ab vor dem
Hotel
Bald war mir heiß bald haben mir die Zähne geklappert so aufgeregt bin
ich noch nie gewesen
Gott denk ich mir was möcht ich drum geben wenn ich in dem Spiel der
Schaje sein könnt Aber dann benehm ich mich anders entweder geb ich gleich
nach oder gar nicht
Überhaupt hat nur dieser Mensch mir gefallen der Anton hätt ich nicht sein
wollen noch weniger der Blonde Freilich hätt ich die auch anders gemacht als
diese Deutschen Der Anton zum Beispiel hat nur immer dasselbe Gesicht
geschnitten wie er in Todesangst und wie er gerettet war Oder der Blonde
immer fröhlich auch wie der Freund in Gefahr war
Schlechte Pojazen denk ich das muss ich dem Direktor sagen
Und ich geh in den Speisesaal
Es war ganz voll endlich hab ich ihn herausgefunden an einem großen
Tisch ist er gesessen mit vielen Herren und Frauen die Dicke neben ihm Er muss
ihnen schon von mir erzählt haben denn wie ich hinzukomm sagt er Seht da
ist er Der jüngste Sohn der Musen
Ich bin sehr erstaunt
Verzeihen Sie sag ich meine Mutter hat nur einen Sohn und heißt Rosel
sie hält die Maut in Barnow
Alle lachen aber der Direktor fragt Nun wie hat es dir gefallen
Gut und schlecht sag ich Aber eines müssen Sie mir jetzt gleich sagen
sind Sie ein Judenfeind oder nicht
Er stutzt Warum
Weil ich mich in Ihnen nicht auskenn Sind Sie ein Judenfeind warum haben
Sie so schön von dem Unrecht geredet welches der Pole uns antut Sind Sie kein
Judenfeind warum benehmen Sie sich so zum Schluss erst so harterzig und dann
so feig Wissen Sie was man dann sagt Dass alle Juden so sind
Mein Lieber sagt er so hat es der Dichter vorgeschrieben
Wer frag ich
Der Mann der alles ersonnen und die Worte aufgezeichnet hat
Machen Sie das nicht aus dem Kopf frag ich Wie ich und wir alle unsere
Spiele am Purim jüdische Fastnacht
Nein sagt er und klärt mich auf
Gut Aber Sie kennen gewiss den Dichter Ist er ein Judenfeind oder nicht
Alle brüllen nur der Direktor nicht
Er ist schon dreihundert Jahre tot sagt er ernst aber deine Frage kann ich
doch beantworten Er war ein edler großer Mensch darum hat er das Unrecht
eingesehen welches man den Juden antut Aber zu seiner Zeit hat man die Juden
überall so gehasst wie jetzt nur bei euch und darum hat er seinen Leuten den
Gefallen gemacht und lässt das Spiel so ausgehen dass der Jud verachtet und
ausgelacht wird
Und warum machen Sie den Schluss nicht besser
Da sei Gott vor sagt er Vielleicht siehst du einmal ein was das für eine
Sünde wäre Aber wie hat dir das Spiel gefallen
Manches gut manches schlecht mein ich und fange an zu reden von ihm von
dem Anton und von den anderen Und mach dem nach und jenem
Zuerst lachen sie mich aus und alle Leut im Saal stehen auf und stellen
sich um mich herum
Aber dann meinen sie Er ist gar nicht dumm und schauen sich manchmal
erstaunt an
Endlich sagt der Direktor Komm zu mir morgen um neun
Ich geh in mein Gasthaus Schmule schläft schon Ich leg mich auch hin
aber kein Auge hab ich geschlossen
Endlich wird es Tag ich besorge die Pferde richte den Wagen und geh dann
zum Direktor
Er ist grad beim Kaffee gesessen in einem großen roten Schlafrock mit ihm
die Dicke den ganzen Kopf voll mit Papierlocken
Höre sagt er du hast es nicht erkannt aber ich bin selbst ein Jude
Freilich aus einem anderen Land aus Preußen Aber nicht darum allein möchte ich
mich gern deiner annehmen sondern weil du höchst wahrscheinlich ein großes
Talent bist Ob du es bist ob du wirklich für das Theater taugst oder nicht
weiß ich nicht gewiss So wie du jetzt bist kann es dir niemand mit Gewissheit
sagen Aber bei Gott und auf Ehre soweit ich es jetzt beurteilen kann taugst
du vortrefflich dazu mehr als ich mehr als jemand von meinen Leuten Wenn du
schon älter wärst oder in einem guten angenehmen Leben ich möchte dir das
vielleicht nicht sagen Aber als Fuhrknecht hast du nichts zu verlieren Und
darum will ich wenn dein Entschluss feststeht dein Rater und Helfer sein
Mir sind die Tränen in die Augen gekommen wie er so gut zu mir geredet hat
Ich dank Ihnen tausendmal ich habs sagen wollen aber es ist mir nicht
über die Lippen getreten
Endlich fass ich mich und sage Übermorgen komm ich wieder und bleibe
Nein ruft er jetzt darfst du noch nicht in das lustige unsichere Leben
hinein Um Gottes willen nicht Bleibe zwei Jahre an einem Ort und lerne
Deutsch das ist das Wichtigste lesen schreiben sprechen Ferner musst du so
das Notwendigste wissen das übrige findet sich Hast du in Barnow Gelegenheit
dazu
Wenn es sein muss mein ich so wird sich alles finden
Gut sagt er ich bin jeden Winter hier vom Oktober bis zum März Aber vor
Ablauf von zwei Jahren will ich dich nicht sehen Wenn du mir schreiben willst
so wirds mich freuen Ich heiße Nadler Adolf Nadler Und nun Gott mit dir
Und mit Ihnen Sie guter Mensch sag ich unter Tränen und Sie werden von
mir hören
Und geh fort und lade meinen Schmule auf und fahr zurück nach Barnow «
Siebentes Kapitel
Als ein veränderter Mensch kam Sender in sein armseliges Heimatstädtchen zurück
Wohl trieb er noch zuweilen seine tollen Possen aber wahrlich nur als
Deckmantel für seine Pläne Es war eine wilde Energie in ihm wach geworden die
er selbst einige Tage vorher nimmer in sich geahnt hätte noch minder ein
anderer Alle Sehnen seiner Seele spannten sich so jäh so stark dass er es
fast schmerzlich empfand fast unheimlich wie den Eingriff einer fremden
übermächtigen Hand Aber trotz dieser jähen Gluten im Herzen und dies ist
vielleicht der beste Beweis dass sie echt gewesen ward er nach außen schlau
vorsichtig bedächtig
Von seiner Unterredung mit dem Direktor erfuhr zunächst niemand Vielleicht
sagte es ihm der Instinkt noch mehr als die Überlegung dass ihn dies nur hemmen
müsse Und dann »Vor der Tora in der Betschul hängt ja auch ein Vorhang«
pflegte er später darüber zu sagen »mein Plan war meine Tora «
Er begriff dass er als Fuhrknecht die »deutsche Weisheit« nicht erlernen
könne und trat vor die Mutter das unstete Leben freue ihn nicht mehr
Frau Rosel vernahm es erfreut und stimmte eifrig zu Aber als er nun bat
nach Czernowitz gehen zu dürfen schlug sie dies rund ab Was er in der
unheiligen Stadt wolle fragte sie Er erwiderte er gedenke bei einem
geschickten Meister denn doch wieder die Uhrmacherei zu erlernen
»Gut werde Uhrmacher« entschied sie »Aber hier in Barnow«
Sender widersprach nicht Und als ihm die Mutter am nächsten Tage mitteilte
dass sie ihn bei Jossele Alpenrot dem geschicktesten Uhrmacher des Städtchens
in die Lehre getan habe sträubte er sich auch dagegen nicht und trat in die
Werkstätte ein Aber sein Entschluss stand fest fand er in Barnow keinen Lehrer
des Deutschen so musste er auf eigene Faust hinaus in die Fremde
Da griff abermals ein seltsamer Zufall in sein Leben oder doch etwas was
wir armen kurzsichtigen Menschen gemeiniglich so nennen
Am Eingang des Städtchens abseits der Heerstraße stand damals ein großes
hölzernes Haus von Ställen und Fruchtschobern umgeben Die Türen der Baracke
waren schwarzgelb angestrichen und über dem Tore prangte ein kaiserlicher
Adler Das war das kk Verpflegsmagazin von Barnow welches man drei Jahre
vorher im Spätherbst 1849 in größter Eile gezimmert hatte
Der Unternehmer dieser Bauten Leib Rosenstengel aus Tluste war so reich
daran geworden dass er sich im nächsten Jahr bereits Leo nannte aber dies war
auch der einzige Segen den die Baracke brachte Denn das armselige Gebäude bot
keinen Schutz vor Kälte Wind und Regen und im April 1854 als man es am
nötigsten brauchte stürzte es nachts im Frühlingssturm zusammen Zwei Soldaten
blieben tot einige andere wurden zu Krüppeln geschlagen und meilenweit trug der
Sturmwind die Vorräte über die Heide dass die Bauern um Barnow noch lange
schmunzelnd von dem unverhofften Manna erzählten Zwei Monate darauf bekam Leo
Rosenstengel den FranzJosephsOrden Ob aber nur um dieses oder auch noch
einiger ähnlicher Verdienste willen steht jedoch nicht fest
Zur Zeit da Sender einen Mentor suchte im Frühling 1852 stand dieses Haus
noch und darin wohnten die Beamten der Verpflegskanzlei und ein »Flügel
Fuhrwesen« was aus der kk österreichischen Militärsprache übersetzt eine
Abteilung Trainsoldaten bedeutet
Es ist dies gerade kein Elitekorps Der »Fahrer« wie der Gemeine heißt ist
mehr Pferdeknecht als Soldat und wird schon darum von den Kameraden anderer
Waffen über die Achsel angesehen Er muss Dienstleistungen verrichten gegen
welche sich der soldatische Stolz sträubt er ist gleichsam nur ein Anhängsel
der streitbaren Macht Darum geht niemand freiwillig zum Fuhrwesen sondern
diese Truppe setzt sich zum Teil aus jenen Rekruten zusammen die für eine
andere Waffengattung körperlicher oder geistiger Gründe wegen untauglich
scheinen zum Teil aus Soldaten welche sich durch unziemliche Aufführung diese
Versetzung als Strafe zugezogen Der »Furbes« ist der Prügelknabe der Armee er
gilt bis das Gegenteil erwiesen ist als Dummkopf oder Spitzbube Heute ist
dies übrigens besser als in jenen Tagen da die »Fünfundzwanzig« blühten
insbesondere sind wohl derzeit die Offiziere des Korps Männer anderer Artung
als ihre Vorgänger in den Flitterjahren der Reaktion
Das waren stramme rohe Grauköpfe welche vom Gemeinen aufwärts gedient
zwanzig Jahre Feldwebel gewesen und schließlich das Leutnantspatent bei dieser
Truppe erhalten weil sie bei der ihrigen nicht recht in die
Offiziersgesellschaft gepasst hätten Oder auch sehr junge Herrchen welche so
lange leichtfertige Schulden gemacht oder sonstige Streiche verübt bis sie
endlich vor der Alternative standen Fuhrwesen oder Quittierung des Dienstes
Wie das Verhältnis solcher Vorgesetzten zu einer solchen Mannschaft sich
gestaltete braucht kaum gesagt zu werden Die Disziplin wurde leidlich aufrecht
erhalten aber wahrlich nur durch jene Wunder welche ein wahrhaft
österreichischer Heiliger jener Tage verrichtete »Der heilige Haslinger
Haselstock«
Es war an einem Sabbatnachmittag im Frühjahr da unser Sender gedankenvoll
aus dem Städtchen wandelte und dann über die Seredbrücke Auf der »Promenade«
unter den Linden welche längs des Flusses stehen spazierten die geputzten
Leute aus der »Gasse« langsam und vergnüglich auf und nieder er aber eilte an
ihnen vorbei er wollte allein sein
Seine Gedanken waren gerade nicht heiter und tröstlichere wollten ihm nicht
kommen so sehr er sich auch sein Hirn zerquälte Seit zwei Wochen war er nun
Lehrling bei Jossele aber einen Meister der »deutschen Weisheit« hatte er
bisher nicht gefunden In der Klosterschule freilich wurde sie gelehrt er
selbst hatte bei dem Sohne des Doktor Schlesinger eine Fibel gesehen und dieser
Knabe hatte ihn stolz versichert das sei zwar nur der Anfang der Weisheit doch
wer diesen Anfang erst erfasst habe verstehe eigentlich schon alles übrige
Aber an diese Schule konnte er ja nicht ernstlich denken Des Doktors Sohn
freilich durfte straflos zu den Dominikanern gehen sein Vater war zwar auch ein
Jude aber zugleich ein »Deutsch« ein angesehener Mann Ihn aber hätte für die
bloße Absicht sein Lehrherr entlassen der Rabbi gezüchtigt die Mutter
verstoßen und die Gemeinde halb tot geschlagen
So war es denn seine einzige und ach sehr karge Hoffnung einen Menschen zu
finden der ihn heimlich lehren könne wonach ihn dürstete Aber einen solchen
Weisen kannte er nicht mindestens keinen an den er sich hätte heranwagen
mögen
Da war der reiche Grünstein Schlome Grünstein der »Meschumed«
Abtrünnige wie sie ihn nannten weil er in seiner Jünglingszeit aus deutschen
Büchern sündiges Wissen gesogen Der wusste gewiss viel aber er war ein kranker
gebrochener Mann der sich heute ängstlich von ähnlichen Sünden fernhielt und
wohl kaum an die Bestrebungen seiner Jugend erinnert sein wollte
Da war ferner der einzige christliche Privatlehrer des Ortes Herr Osner
ein hageres bewegliches Männchen welches jahraus jahrein denselben gelblichen
Rock trug und in der Rechten eine riesige Tabaksdose Aber dieser Herr war
erstens sehr geschwätzig und konnte kaum ein Geheimnis bewahren zweitens lebte
er ja vom Unterrichten und verlangte vielleicht zwanzig Kreuzer für die Stunde
wie sollte Sender das viele Geld aufbringen
Noch schlimmer lagen die Dinge bei Luiser Wonnenblum dem Gemeindeschreiber
und bei Dovidl Morgenstern dem »Privatagenten« das heißt Winkelschreiber Sie
konnten Deutsch weil sie es fürs Geschäft erlernt waren aber sehr habgierig
Kurz je länger der arme Junge darüber nachdachte desto trauriger ward er
desto mehr festigte sich in ihm der Entschluss nach Czernowitz zu fliehen das
war sein Mekka dort war ja jeder Jude ein »Deutsch« Der Gedanke die Mutter zu
verlassen ihr Schmerz zu bereiten war ihm wohl peinlich aber er hinderte ihn
nicht
»Sie hat viel für mich getan« dachte er »aber das war ja ihre Pflicht ich
bin ja ihr Fleisch und Blut Es wird sie anfangs sehr schmerzen aber bin ich
nur einmal erst ein großer Komödiant so wird sie ja auch viel Freude und Ehre
davon haben und ein sorgenfreies Leben«
Während er sich all dies wieder einmal in Gedanken zurechtlegte wohl zum
tausendsten Male in den Tagen seit er heimgekehrt hatte er absichtslos einen
Pfad eingeschlagen den er sonst sicherlich vermieden hätte
Am linken Ufer des Sered in der Vorstadt Wygnanka die von Bauern und den
ärmsten Juden bewohnt wird erhebt sich ein Hügel welchen sie im ganzen Kreise
den »Barnower Berg« nennen der mäßige Hügel ist eben in dieser ungeheuren Ebene
auf Meilen sichtbar Auf dem Gipfel stehen die Trümmer einer Burg des
Stammhauses der Grafen Bortynski der Besitzer von Barnow Nur die mächtigen
Quadern der Ringmauer stehen noch aufrecht und im Schlosshof die Strebepfeiler
der Kapelle und der Brunnenrand sonst liegt alles in Schutt und Staub und
manche unheimliche Sage knüpft sich an die düstere Ruine
Da wandelt nicht etwa um Mitternacht sondern im hellen Sonnenschein ein
Weib im Schloss herum ein hohes schlankes Weib in der Tracht verschollener
Tage und wiegt leise singend ein Kind das sie in den Armen trägt Das Kind
aber hat eine rote Blutspur um den Hals und schlägt nimmer die Augen auf obwohl
die Mutter es innigst herzt und küsst
Auch ein lustiges Gespenst ist dort zu sehen gleichfalls am hellen Mittag
ein junger Leibeigener der aber seinen Kopf statt auf dem Halse unter dem Arm
trägt und die Begegnenden gern um etwas bittet So hat er einmal den alten
reichen Bauer Fedko Czunteliak aus Altbarnow um eine Pfeife Tabak ersucht ganz
freundschaftlich wie ein Bruder den anderen Der alte Fedko war damals sehr
betrunken aber als das Gespenst ihn antrat da erschrak er so heftig dass er in
zehn Sätzen den Berg hinabsprang und unten nüchtern ankam
Auch kann man oft eine Glocke im Gemäuer hören bim bam es klingt hell
und klar man kann es weithin hören Aber wer es vernimmt soll sich schnell die
Ohren zustopfen Denn die Glocke hat einen merkwürdigen Klang wer ihm lange
zuhört hat keine Freude mehr auf Erden und sehnt sich nach dem Tode Einer hat
auch gesehen wer die Glocke läutet ein junger Mönch mit einem bleichen müden
Gesichte
Um all diesen Spuk zu bannen haben die Bauern im Schlosshofe ein großes
rotes Kreuz aufgerichtet mit dem Bilde des Erlösers und einem Täfelchen auf dem
in russinischer Sprache geschrieben steht »Herr erbarme dich des Sünders«
Aber trotz des Kreuzes meiden sie doch ängstlich die Ruine und die Juden tun
eben wegen des Kreuzes dasselbe
Auch Sender zuckte zusammen als er sich plötzlich am Eingang der Ruine
fand und wandte sich eilig zur Flucht Dann aber schämte er sich auch trieb
ihn die Neugier doch mindestens einen Blick in den Burghof zu tun »Der Pojaz
fürchtet sich nicht« murmelte er um sich Mut zu machen halblaut vor sich hin
Er machte sich auf vieles gefasst aber beim besten Willen konnte er zuerst
nichts Unheimliches gewahren Über dem verfallenen Gemäuer war tiefste
Einsamkeit und breit und voll legte sich die Sonne auf die Steine und das Gras
das lustig dazwischen emporschoss Tausend Mücken schwirrten wie ein Goldregen
durch die Frühlingsluft weiße Falter kreisten langsam um das Gesträuch im Hofe
und auf den Pfeilern der Kapelle zwitscherten die Sperlinge
Der Jüngling trat weiter vor aber als er nun den ganzen Burghof übersehen
konnte unterdrückte er mit Mühe einen Schreckensruf und blieb wie erstarrt
stehen Da saß ja im Winkel hinter der Kapelle das kopflose Gespenst und neben
ihm blitzte ein breites Schwert im Grase
»Gott der Heerscharen lass zerstieben was nicht auf die Erde gehört«
murmelte er mühsam
Es war der Stossseufzer welcher dem Gläubigen in so sonderbarer Lage
vorgeschrieben ist Aber das Gespenst zerstob nicht und als er genauer
hinblickte musste er sich sagen dass es mindestens nicht gar zu unheimlich
gekleidet sei
Das Gespenst trug einen braungrauen Waffenrock mit blauen Aufschlägen eine
kk Reitose und gespornte Stiefel Auch lag neben dem Schwerte ein Tschako
und das ließ beruhigend den dazu gehörigen Kopf ahnen Und als Sender nun
ermutigt schärfer hinblickte entdeckte er dass dieser Kopf in der Tat an der
rechten Stelle saß nur war er so tief gesenkt dass man ihn kaum gewahrte
»Ein Furbes« murmelte Sender erleichtert »da ist gewiss auch eine Köchin in
der Nähe«
Aber von einem weiblichen Geschöpf war nichts zu gewahren Der Soldat war
allein und saß unbeweglich da das Haupt tief hinabgeneigt
Neugierig schlich Sender näher und stieß unwillkürlich einen leisen Schrei
der Verwunderung aus der Mann hielt ein Büchlein im Schoße
»Der Furbes liest«
Sender konnte sich vor Erstaunen nicht fassen bei einem Furbes hätte er
solche Kunst und Beschäftigung nimmer vermutet
Der einsame Leser hatte in seiner Versunkenheit den leisen Ruf überhört er
fuhr fort Blatt um Blatt hastig zu überfliegen In dem schmalen kränklichen
Gesicht glühten die Wangen die Augen leuchteten und nun erhob er die Stimme
und las in seltsamem ergreifenden Ton fast wie man ein Gebet spricht
»Ja ja die deutsche Fahne siegt
Die halbe Aula ist ja dort
Der Windischgrätz trotz allem Mord
Er hat sie doch nicht untergekriegt
Die braven Wiener Studenten
Wills Gott so wird nun wieder bald
Die teure Fahne aufgerollt
Im Aulahofe SchwarzRotGold
Und lustig bald das Lied erschallt
Von den braven Wiener Studenten«
Er hatte immer lauter gelesen immer voller und fester klang die Stimme und die
letzten Worte hatte er jubelnd gerufen Aber nun entsank das Buch seinen Händen
er starrte vor sich hin dann schlug er jählings die Hände vors Gesicht und
begann heftig zu weinen
Sender ward immer erstaunter von den Worten des Gedichtes hatte er
natürlich nichts verstanden Aber noch mehr als die Rührung des Mannes
interessierte ihn die Tatsache dass dieser lesen konnte
Zögernd trat er auf den Schluchzenden zu
»Verzeihen Sie zur Güte« sagte er schüchtern »ich möchte Sie gerne etwas
fragen tun«
Die Wirkung dieser Worte war eine ungeheure und solchen Effekt hatte Sender
jedenfalls nicht erwartet In tödlichem Schreck zuckte der Soldat empor sein
Antlitz ward leichenfahl und die starren Augen drängten fast aus den Höhlen
»Was wollen Sie« rief er endlich und die zitternden Hände krampften sich um
das Büchlein zusammen als müsste er es beschützen
»Gott« stammelte Sender nun selber erschreckt »Nur eine Frage möcht ich
Sie fragen«
»Was Wer sind Sie«
Der Mann war noch immer schreckensfahl und schob das Buch mit zitternder
Hand in den Stiefelschaft
Das gab unserem Sender den Mut zurück
»Warum erschrecken Sie« fragte er mit überlegenem Lächeln »Bin ich ein
Räuber Will ich Sie erschlagen Nur eine Frage «
»Was wollen Sie«
Aber Sender zog es vor zuerst beruhigend zu wirken
»Gewiss nichts Böses Herr Furbes Sie haben einen Säbel ich nicht ich bin
wirklich froh wenn Sie mir nichts tun Sehen Sie ich bin so spazieren
gegangen weil heute Sabbat ist und auf einmal habe ich Sie gesehen wie Sie
sitzen und lesen Da war ich sehr verwundert Denn was tut gewöhnlich ein
Furbes wenn er keinen Dienst hat Geht zu RotMoschele dem Lumpen in die
Schenke weil man ihn anderswo gar nicht hineinlässt und trinkt bis er unter
den Tisch fällt Denk ich mir der da ist ein merkwürdiger Furbes den muss ich
in der Nähe anschauen«
»Nun das haben Sie jetzt getan«
»Ja und Sie haben wirklich kein Gesicht wie die anderen Ein feines
Gesicht haben Sie ein gutes Gesicht auf Ehre Sie werden nicht böse werden
wenn ein armer Jung Sie etwas fragt Sie werden mir in Güte antworten«
Der Soldat hatte sich allmählich beruhigt
»Fragen Sie« sagte er milder
»Gleich Aber warum sagen Sie Sie zu mir Sie sind wirklich der erste
Mensch der das tut Ich bin Fuhrknecht gewesen und jetzt bin ich Lehrling bei
einem Uhrmacher und Sender heiß ich und ein jüdischer Jung bin ich zu mir
sagt man du«
»Zu mir auch« erwiderte der Mann und lächelte bitter »Ich bin ein gemeiner
Soldat beim Fuhrwesen«
»Gott behüte« wehrte Sender ab »Sie sind ja ein Mann welcher lesen kann
Lesen Und eben deswegen möchte ich Sie ja etwas fragen nämlich also ist
es schwer«
»Was«
»Nun in deutschen Büchern zu lesen Und in welcher Zeit könnte man es
erlernen wenn man sich sehr viele Mühe gibt«
Wieder lächelte der Mann aber es war ein anderes gutmütiges Lächeln
»In wenigen Wochen« sagte er »Wollten Sie es lernen«
»Ich Ob ich es will« rief Sender leidenschaftlich »Was gibt es auf der
Welt was ich mehr wollte Nichts Nichts«
»Warum«
»Weil ich ja Komödiant werden muss «
»Waas« rief der Soldat erstaunt
Das Wort war dem armen Sender nur so entfahren Aber nun blickte er dem Mann
ins Gesicht trotz aller Düsterkeit und Trauer blickten die blauen Augen hell
und offen wie die eines Kindes Und darum fasste sich nun Sender ein Herz
»Ja« sagte er »Komödiant Mit einem Menschen wenigstens muss ich davon
reden es drückt mir ja sonst das Herz ab«
Und er sagte dem wildfremden Menschen alles alles
Der Soldat hörte ernst und ruhig zu nur zuweilen glitt rasch wie ein
Blitz ein Lächeln über sein bleiches müdes Antlitz Aber als Sender endlich
fertig war seufzte er tief auf
»Gut mein Junge« sagte er »dir ist zum Glück leichter zu helfen als mir«
Sender wollte fragen aber er traute sich nicht auf dem Antlitz des
Soldaten lag ein so tiefes Weh
»Werden Sie mich nicht verraten« wagte er endlich zu bitten
»Nein aber du mich auch nicht«
»Ich« fragte Sender »was kann ich von Ihnen verraten Sie sind gesessen
und haben gelesen und geweint Ihre Kameraden sitzen bei RotMoschele und
treiben es wie die Schweine das ist ja nur eine Ehre für Sie wirklich«
»Und wenn du davon erzählst und mein Rittmeister hört es durch einen Zufall
was meinst du wie er mich dafür belohnt«
»Weiß ich Er wird Sie dafür beloben «
»Beloben«
Der Soldat lachte bitter und sagte dann langsam zähneknirschend »Er lässt
mich auf die Bank legen und halb tot prügeln«
»Beschütz uns Gott« rief Sender erschreckt »Ich werde schweigen wie das
Grab Aber« fuhr er zögernd fort »verzeihen Sie zur Güte nämlich ich
verstehe das nicht Bei uns Juden darf man keine deutschen Bücher lesen weil
die Chassidim sagen dass es eine Sünde gegen Gott ist Aber Sie sind ja kein
Jude oder ist es auch den Soldaten verboten«
»Den Soldaten Nein Wenigstens den meisten nicht Aber mir ist es
verboten«
»Ihnen allein«
»Mir und noch einigen hundert anderen die derselbe Fluch getroffen hat wie
mich«
»Ein Fluch Wer hat Sie denn verflucht Bei uns verflucht der Rabbi
hat Sie auch ein Geistlicher verflucht«
»Nein«
»Wer sonst«
»Die Reaktion«
»Wer ist das« fragte Sender »Es scheint ein Frauenzimmer Aha gewiss
eine Liebschaft «
Der Soldat musste lächeln trotz seiner tiefen Betrübnis
Er schüttelte den Kopf
»Nein Dann müssen Sie es zur Güte entschuldigen« bemerkte der Jüngling
schüchtern »aber ich habs wirklich geglaubt«
»Es war keine Liebschaft« sagte der Soldat »und die Reaktion ist kein
Weib Aber wollte man sie so abbilden man müsste eine hässliche Hexe hinmalen
Schlangen ums Haupt und Torturwerkzeuge in den Händen «
»Das versteh ich nicht verzeihen Sie zur Güte «
»Und du würdest es auch nicht verstehen wenn ich es dir auch noch so genau
erklären wollte«
»Hm« meinte Sender selbstbewusst »ich bin gar nicht dumm auf Ehre ganz
gescheit bin ich Probieren Sies nur ich werds schon verstehen Und dann
vielleicht geht es Ihnen so wie mir Sie müssen wenigstens einen Menschen haben
mit dem Sie so reden können wie Ihr Herz will «
Der Soldat nickte traurig
»Das wäre allerdings ein großes Glück« sagte er leise »ein Glück nach dem
ich mich schon lange schmerzlich sehne Also höre Hast du nie etwas von der
Aula gehört«
»Es klingt wieder wie der Name von einem christlichen Frauenzimmer« sagte
Sender zögernd »Nein ich habe nie etwas von ihr gehört«
»Und von der Revolution«
»Natürlich Das war ja erst vor vier Jahren Der Kaiser hat die große
Revolution gegeben alle Leute haben Lichter in die Fenster gestellt«
»Das war die Konstitution «
»Kann sein dass die auch dabei war bei uns hat man gesagt Die Revolution
Ich bin damals als Kutscher im Lande herumgefahren und hab mir die Sach
überall angeschaut ich erinnere mich als wärs gestern geschehen So gegen das
Frühjahr sind die Leute auf einmal verrückt geworden vor Freude Warum Die
Studenten in Wien haben dem Kaiser die Fenster eingeworfen aber er hat ihnen
verziehen und ihnen noch obendrein dafür die große Revolution geschenkt Alle
Bauern sollen freie Menschen sein die Juden sollen gleiche Rechte haben wie die
Christen und jeder Mensch darf Schnaps verkaufen und Tabak bauen Und die
Steuern hat man erzählt werden kleiner und hören mit der Zeit ganz auf Was
das für ein Jubel war nicht zu erzählen Haben Sie nichts davon gehört«
»O doch«
»Nu also Auch die Polen sind herumgeritten mit großen Bändern um den Leib
und haben geschrien Jetzt wird Polen wieder einig Da kommt ein Schreiber vom
Kreisamt und bringt den Befehl Alle müssen sich bewaffnen damit sie den Kaiser
beschützen und damit sie die Revolution beschützen denn die Polen wollen vom
Kaiser abfallen und der Revolution etwas antun Was sie ihr antun wollen hat
eigentlich niemand gewusst aber alle haben sich bewaffnet mit Säbel mit
Flinten oder mit Heugabeln und obwohl die Säbel stumpf waren und die Flinten
nicht geladen so hat sich doch jeder vor seiner eigenen Waffe gefürchtet Aber
täglich hat die ganze Gemeinde in der Frühe ausrücken müssen zur Übung die
Nazenal hat das geheißen «
»Die Nationalgarde«
»Ja die Nazenal Viel hätten sie nicht gegen die Polen ausgerichtet aber
zum Glück waren die Bauern da und haben ihre Sensen gerade gehämmert und
gesagt Wer sich gegen unseren Kaiser rührt den schlagen wir tot Da sind die
Polen plötzlich sehr demütig geworden und haben gesagt Es ist alles nur ein
Spaß gewesen Und im Herbste hat sich gezeigt dass leider auch alles andere ein
Spaß gewesen ist die ganze kaiserliche Revolution über die man sich so
gefreut hat Der Jud ist Jud geblieben so rechtlos wie früher die Steuern
haben nicht aufgehört sondern sind im Gegenteil größer geworden als je zuvor
wer Tabak gebaut hat hat ihn an das kaiserliche Magazin abliefern müssen und
das Recht Schnaps zu verkaufen hat den Gutsherren gehört so wie früher Nur
die Bauern sind frei geblieben und haben die Robot nicht mehr leisten müssen
Man hat erzählt der Kaiser hat die Revolution wieder zurückgenommen weil die
Studenten noch einmal keck gegen ihn waren Und dann hat man gehört die Ungarn
schlagen sich mit unseren Soldaten herum und darauf sind die Russen gekommen
und wie sie zurück sind ist alles in Ordnung gewesen und ganz still und ganz
ruhig «
»Ja« sagte der Soldat mit bitterem Lächeln »Ganz ruhig die Ruhe eines
Friedhofs Aber wenn ein Gott im Himmel lebt so wird es einmal wieder laut
werden sehr laut und dann wirst du wieder von den Wiener Studenten hören «
»Gut meinetwegen« sagte Sender gleichmütig »Aber was geht das uns beide
an«
»Mich geht die Revolution an denn sie war der Stolz und die Freude meines
Lebens und sie ist mein Unglück geworden Höre ich selbst war unter jenen
Wiener Studenten welche wie du meinst keck mit dem Kaiser waren Und wegen
dieser Keckheit haben sie mich anfangs zum Tode verurteilt und dann aus Gnade
für Lebenszeit als Gemeinen ins Fuhrwesen gesteckt «
»Für Lebenszeit« rief Sender erschreckt »Das ist eine furchtbare Strafe
Da sind Sie wahrscheinlich verzeihen Sie sehr keck gewesen Haben Sie dem
Kaiser vielleicht verzeihen Sie noch einmal die Fenster eingeschlagen«
»Bewahre Niemals«
»Unserem Bezirksvorsteher ist das dreimal geschehen Oder haben Sie ihm am
Ende gar aber das wird sich ja niemand trauen haben Sie ihm die Zunge
gezeigt«
»Behüte Mit unserer Ehrfurcht vor dem Kaiser hat die Sache nichts zu tun
gehabt Vielleicht wird sich einst noch zeigen dass wir die Kaisertreuen gewesen
sind nicht unsere Verfolger Aber das kannst du nicht verstehen«
»Nein« sagte Sender »Aber Ihre Strafe verstehe ich die ist sehr hart
Und warum haben Sie gerade Furbes werden müssen Da dienen ja nur die rohesten
Leute «
»Eben um die Strafe zu verschärfen«
»Und warum dürfen Sie kein Buch lesen«
»Damit ich mit der Zeit ein Tier werde dumm und stumpf damit ich gehorche
wie eine Maschine«
Der Mann schlug verzweiflungsvoll die Hände vors Antlitz
»Sie armer Mensch« sagte Sender und die Tränen traten ihm in die Augen
»Sie sind wirklich weit mehr zu bedauern als ich Denn ich weiß noch nicht was
in den deutschen Büchern steht und möchte es nur gerne wissen Sie aber haben es
schon erlernt und müssen es vergessen Ich kann mir denken das muss ein großer
Schmerz sein Und dann jetzt sind Sie ein Furbes und sonst wären Sie gewiss
ein Doktor geworden nicht wahr«
Der Soldat nickte
»Und hätten Leute kuriert«
»Nein Doktor der Philosophie ich wollte Professor werden Lehrer an
einer Hochschule «
»Lehrer« rief Sender und seine Augen leuchteten »O wenn Sie «
Er hielt inne er wagte es doch nicht zu sagen
Der Soldat nickte freundlich
»Ich will dich gerne das Lesen lehren« sagte er »Ob dein Zweck vernünftig
ist weiß ich freilich nicht und kann es nicht entscheiden aber das bisschen
Wissen wird dir keinesfalls schaden«
Sender faltete die Hände
»Ich danke Ihnen« stammelte er und die Tränen rannen ihm über die Wangen
Der Andere schüttelte den Kopf
»Nein mein armer Junge« sagte er »vielleicht habe ich dir zu danken Nun
habe ich wieder einen Menschen mit dem ich sprechen kann der mich weder quält
noch verhöhnt Und dann wie oft bin ich da unten auf der Brücke stehen
geblieben und habe in die Wellen hinabgesehen lange zu lange Es ist gut
wenn man ein Ziel vor Augen hat und sich sagen kann Es gibt einen Menschen der
dich erwartet dem du nützen kannst«
Sender nickte ernst Er hatte kaum recht verstanden was der Soldat meinte
aber er wusste Das ist ein guter Mensch und es ist ihm weh ums Herz
Darum wagte er nicht zu sprechen auch der Soldat schwieg
Endlich fasste sich Sender ein Herz und fragte »Entschuldigen Sie zur Güte
werden Sie mich hier unterrichten«
»Wo sonst« war die Antwort »Es liegt uns beiden daran nicht gesehen zu
werden Ich habe jeden dritten Tag keinen Dienst da will ich hierherkommen«
»Gott lohn es Ihnen« sagte Sender »Brauche ich eine Fibel wie sie des
Doktors Sohn hat«
»Gut wärs«
»Im Laden bei Jossef Grün sind sie zu kaufen dreißig Kreuzer kostet das
Buch Aber ich trau mich nicht hin Man wird mich fragen wozu ich sie
brauche«
»Nun« meinte der Soldat »dann muss es ohne Fibel gehen Die Buchstaben kann
ich dich aus meinem Buche hier lehren dem einzigen welches ich besitze«
Er zog es aus dem Stiefel hervor ein kleines abgegriffenes Bändchen mit
zerrissenem Deckel
»Ist das ein Gebetbuch« fragte Sender
»Nein aber mir hat es mehr Trost gewährt als wenn es ein Gebetbuch wäre«
Der Jude nahm es mit ehrfurchtsvollem Staunen in die Hand und suchte nach
dem Titel Er fand ihn natürlich da wo bei hebräischen Büchern in denen der
Druck von rechts nach links läuft das Ende zu stehen pflegt
»Verkehrt gedruckt« murmelte er erstaunt
Aber noch verblüffter ward er als er im Büchlein blätterte
»Das ist ja eine Verschwendung« sagte er »ein Leichtsinn Warum sind die
Zeilen so kurz und rechts und links ist doch so viel Raum«
»Es sind Verse« belehrte ihn der andere »Die hat ein edler Mann
geschrieben der mit uns in Wien war Ich habe das Büchlein auf dem Durchmarsch
in Mähren von einem braven Mann bekommen der Mitleid mit mir hatte Ein
größeres Geschenk hätte er mir nicht machen können Ich trage das Büchlein
beständig bei mir obwohl das ein großes Wagnis ist Weh mir wenn man dahinter
kommt«
»Warum«
»Warum« lächelte der Soldat »Weil der Mann der es gedichtet hat auch zu
jenen gehört welche keck mit dem Kaiser waren Er ist auch nur durch einen
Zufall demselben Schicksal entronnen das mich getroffen hat dem selben oder
einem ähnlichen Und merke dirs der Mann ist auch ein Jude«
»Ah wie heißt er«
»Moritz Hartmann«
»Auch aus Polen«
»Nein aus Böhmen Auch über deine Glaubensgenossen steht manches gute Wort
in dem Büchlein und du sollst es verstehen lernen«
»Gut« nickte Sender »Aber auf andere Sachen freue ich mich mehr Denn auf
Juden wissen Sie verstehe ich mich auch jetzt schon ganz gut Also übermorgen
Montag nach dem Essen komm ich her«
»Ich werde pünktlich sein« versprach der Soldat
Sie schieden und gingen auf verschiedenen Pfaden dem Städtchen zu
Achtes Kapitel
So ward Senders Wunsch erfüllt wenn auch in recht sonderbarer Weise der
einstige Wiener Legionär Heinrich Wild wurde sein Lehrer und Moritz Hartmanns
»Reimchronik des Pfaffen Mauritius« sein Fibelbuch
Von solchem Lehrer und aus solcher Fibel lernt sich mehr als das bloße
Lesen Es ging in den nächsten Monaten etwas wirr zu im Kopfe des Pojaz Wenn
die Morgensonne aufsteigt muss sie einen harten Strauss kämpfen mit den Schatten
der Nacht den Dünsten der Dämmerung Heinrich Wild hatte da ein schweres Stück
Arbeit übernommen
Aber er vollführte es gern nach bester Kraft und mit wachsendem Eifer Es
war nicht leicht zu entscheiden ob sich Lehrer oder Schüler mehr nach diesen
Stunden im einsamen Gemäuer sehnten Sie mussten auf getrennten Wegen
emporschleichen und es hatten beide oft rechte Mühe sich unbemerkt
davonzustehlen Aber sie kamen dennoch pünktlich weil sie einander lieb hatten
weil sie einander boten was jeder bedurfte der Schüler dem Lehrer ein
empfängliches teilnehmendes Herz der Soldat dem armen Judenjungen den Einblick
in die fremde Welt nach der er sich sehnte das Mittel zu jenem Ziel das ihm
der Leitstern seiner Tage war und der Traum seiner Nächte
»Theater« In der Reimchronik stand wahrlich nichts darüber Diese Reime
in denen ein freiheitsdürstendes Herz wettert und stöhnt segnet und flucht
spottet und weint hofft und verzweifelt diese holprigen ungefügen und doch so
ergreifenden Reime schilderten wohl auch eine Tragikomödie aber eine wirkliche
und wahrhaftige welche die Menschen selbst kurz vorher erlitten und erlebt Das
zuckende Leben der Gegenwart lag darin mit allen allen seinen Strebungen Darum
konnte Sender ohne den Lehrer auch nicht eine Zeile davon verstehen und der
Exlegionär musste viel erklären besonders da Sender nach Art seiner Genossen
unablässig neue Fragen tat Aber mochten sie von welchem Thema immer sprechen
von Goethe oder Frankfurter Würsten von Windischgrätz oder der Nordsee
schließlich fand Sender doch den Übergang zu dem Brennpunkt seiner Gedanken
Da lasen sie einmal in der Chronik das schöne Gedicht »Der arme Jude« Ein
gebückter Hebräer schleicht zu Kossut ins Zelt und bringt dem Diktator das
Letzte was er besitzt
»Was mir geblieben an Geld und Gut
Und was ich gerettet mein Leben und Blut
Ich brings fürs Vaterland heran
Das ich in Ungarn neu gewann«
Sender hatte seine Freude daran
»Da sieht man« sagte er stolz »dass wir Juden auch dankbar sind wenn man
uns gut behandelt«
Wild bestärkte ihn in diesem Stolze und wies darauf hin wie die Reaktion
auch die Juden wieder in ihren Rechten gekürzt habe
»Das ist wahr« meinte Sender »Aber« setzte er zögernd hinzu »gar so
schlecht ist es doch nicht und ich könnte mich nicht beklagen «
»Wie« rief der Andere erstaunt
»Nun Komödiant darf der Jud doch auch werden«
Ein andermal lasen sie die ergreifende Klage
»Umsonst lag Deutschland in Gebeten
Vorm Gott der Freiheit auf den Knien
Mein armes Wien du bist zertreten
Zertreten und gebrochen ganz
Wie Saragossa und Numanz
Und wie die Heimat der Kartager«
Und zu dem ergreifenden Texte wusste der arme Student aus der eigenen Erinnerung
blutige erschütternde Bilder zu malen
Der Jüngling hörte mit glühenden Wagen zu und seine Fäuste ballten sich
Dann versank er in tiefes Brüten
»Das wär schön« murmelte er »alle Leute möchten weinen «
»Was meinst du«
»Nämlich wenn man das auf dem Theater nachmachen würde Ich möchte dann ein
Student sein oder auch der alte Arbeiter von dem Sie erzählt haben«
»Und das ist alles was du dabei fühlst« rief Wild entrüstet »So viel
Blut so viel Tränen und du denkst nur wie man es nachäffen könnte«
Sender fuhr zusammen und blickte ihn erschreckt an
»Entschuldigen Sie « stammelte er »Ich verstehe nicht «
»Hast du denn kein Mitleid mit all dem Elend«
»Natürlich« beteuerte Sender gekränkt »Was denken Sie von mir Aber eben
darum denk ich mir Das wär der Mühe wert dass mans nachmacht «
»Theater« Was sich nicht darauf bezog interessierte Sender nicht was ihm
nicht dafür nützen konnte das trieb er gar nicht oder doch sehr ungern
So gab er sich zum Beispiel mit dem Schreiben anfangs unmenschliche Mühe Er
hatte nur Nachts in verschlossener Kammer Gelegenheit die Vorlage seines
Lehrers nachzumalen bei Tage war er ja unter den Augen seines Meisters oder der
Mutter Und so saß er beim Scheine seines dürftigen Öllämpchens Stunde um Stunde
und schrieb unverdrossen wohl an die hundert Male dasselbe Zeichen oder dasselbe
Wort
Mutig kämpfte er gegen die Müdigkeit aber einmal fielen ihm dabei doch die
Augen zu und er erwachte erst nachdem ihm ein Stück des brennenden Dochtes auf
die Hand gefallen war und eine Wunde hineingebrannt hatte Das war ihm denn doch
zu unangenehm und als er am nächsten Tage wieder im Burghofe vor dem Soldaten
stand fragte er demütig »Entschuldigen Sie zur Güte aber muss ein Komödiant
eine schöne Schrift haben«
»Warum« fragte Wild
»Darum«
Und Sender wies auf seine Wunde
»Nun« entschied der Lehrer »eine schöne Schrift muss ein Komödiant nicht
unbedingt haben aber leserlich muss er schreiben können wie jeder gebildete
Mensch«
Sender nickte fröhlich Von da ab übte er allnächtlich nur eine halbe
Stunde Leserlich schreiben meinte er das könne er ja ohnehin
Einer anderen Mühe hingegen unterzog er sich mit größter Ausdauer Er wollte
und musste hochdeutsch sprechen und es gelang ihm mit der Zeit auch überraschend
gut Sein merkwürdiges Nachahmungstalent kam ihm da vortrefflich zu statten Wie
er schon einst als Kind seinem alten Freund Fedko durch sein reines Rutenisch
schwere Zweifel an seiner jüdischen Abkunft erweckt so setzte er nun den
Soldaten durch seine reine Aussprache in Verwunderung
Doch war die Sache nicht so glatt und hatte ihre sonderbare und komische
Seite
Wild war im Unterinntal geboren und aufgewachsen und wenn er auch ein
Schriftdeutsch sprach so schlug dabei doch der grobkörnige tirolische Dialekt
sehr vernehmlich durch Mit dem Richtigen horchte ihm Sender natürlich auch
diese eigentümlichen Mängel ab und sprach daher das Deutsche etwa so als wäre
er in Jenbach geboren oder in einer anderen Zwingburg der katholischen
Glaubenseinheit Ferner hatte es der Jüngling wohl in der Gewalt alle Unarten
seines Jargons soweit sie Tonfall und Aussprache betrafen zu vermeiden aber
sein deutscher Sprachschatz war kein allzu reicher und so musste schließlich
doch sein gewohntes Jüdischdeutsch herhalten Kurz Senders Rede hörte sich so
an als wenn ein Tiroler den Dialekt der polnischen Juden sprechen würde
Es ist unbeschreiblich wie komisch das klang Der unglückliche Soldat den
sein Schicksal sonst nicht gerade zur Heiterkeit stimmte bekam oft wahre
Lachkrämpfe bis Sender gekränkt rief »Oper ichch pitte Sie pin ichch ein
geporener Deutsch«
Da schwieg Wild denn entmutigen wollte er den Schüler nicht und wie die
Aussprache etwa zu bessern wäre dafür wusste er zunächst keinen Rat »Das
schleift sich vielleicht ab« dachte er »wenn er erst unter gebildete Leute
kommt« Hingegen erfüllte ihn der tolle Wirrwarr der in diesem Schädel
herrschte mit bleibender Sorge und oft genug überkam ihn der Gedanke dass er
Sender durch den seltsamen Unterricht mehr als Gutes zugefügt Die historischen
Kenntnisse des Jünglings beschränkten sich auf die biblische Geschichte und die
Ereignisse von 1848 aus dem Nebel der dazwischen lag tauchten nur die Namen
der Kaiser Titus und Napoleon auf weil sie der eine als Feind der andere als
Freund der Juden auch im entlegensten Ghettowinkel ein unsterbliches Leben
führen daran reihten sich nun in tollem Wirbel die Gagern Radowitz Arndt und
Robert Blum Von fremden Völkern und Ländern wusste Sender fast nichts und dass
die Erde eine Kugel sei und sich um die Sonne drehe glaubte er seinem Lehrer
nur aus Höflichkeit Aber was er so etwa gleichsam zufällig erfuhr das haftete
dann auch und hatte es zu seinem Idol irgend einen Zusammenhang so blieb es
ihm vollends unvergesslich Da buchstabierte er einmal seinem Lehrer die Stelle
vor
»Die armen Magyarn habens auch erfahren
Sie büßen heut dass vor hundert Jahren
Sie ihr Moriamur pro rege riefen
Und froh in Tod und Verderben liefen
Zu retten eine fürstige Frau «
Wild erklärte ihm dass darunter Maria Teresia gemeint sei und wie sie auf dem
Pressburger Landtag die Stände zur Begeisterung entflammt habe
Sender hörte aufmerksam zu »Das wär auch ein schönes Spiel« sagte er
»Hat das noch niemand aufgeschrieben«
Wild verneinte »Und immer nur das Theater« tadelte er dann »Sonst magst
du dir nichts merken«
»Was brauch ich denn das andere« entschuldigte sich Sender »Übrigens weiß
ich schon was Vier große Königinnen kenn ich schon Die Königin von Saba die
zum Salomo zu Besuch gekommen ist und die Königin Ester die den Haman hat
aufhängen lassen und die Maria Teresia und dann die Elisabet«
»Welche Elisabet«
»Die englische Königin die unter Schaksburr gelebt hat«
Wild lachte »Woher weißt du das«
»Wie ich Ihnen das Spiel vom Schaylock erzählt hab haben Sie gesagt Das
hat ein Engländer gemacht zur Zeit der großen Elisabet Aber von ihm redet noch
jeder und von ihr Also hat sie unter ihm gelebt«
Derlei Aussprüche hoben wieder die Zuversicht des Lehrers Ein gutes
Gedächtnis viel Verstand ein rührend guter Wille waren ja vorhanden
vielleicht gelang es allmählich dieses Chaos zu klären Und er nahm die Arbeit
mit neuem Mut auf
So setzte sich der Unterricht fort bis tief in den Herbst hinein Die Tage
wurden kürzer und kühler der Oktoberregen brach ein Betrübt saßen Lehrer und
Schüler unter einem Mauervorsprung der Kapelle der ihnen leidlichen Schutz
gewährte und grübelten darüber nach wo sie den Winter über zusammenkommen
könnten Doch war da guter Rat teuer und so lange sie auch brüteten sie
fanden keinen Ausweg
Aber die Sorge war leider überflüssig gewesen
Als Sender am letzten Sabbat des Oktober trotz Sturm und Regen zur
verabredeten Stunde zur Ruine kam fand er den Soldaten nicht obwohl er bis zum
Einbruch der Dämmerung harrte
»Das schlechte Wetter hat ihn abgehalten« tröstete er sich aber es war ein
schwacher Trost wusste er doch dass es ihn sonst nie abgehalten hatte
In der Tat erwartete er auch am Dienstag einem goldklaren milden
Herbsttag seinen Lehrer vergeblich
»Er ist krank« dachte Sender betrübt Und nun erst wurde er inne wie lieb
ihm der sanfte melancholische Mensch geworden
Er beschloss Erkundigungen nach ihm einzuziehen
»Vielleicht« dachte er »kann ich ihm doch heimlich ins Spital eine Labung
zukommen lassen oder etwas Geld«
So schlich er denn um das Militärlazarett herum und sann auf ein Mittel wie
er sich mit dem Freunde in Verbindung setzen könne Da sah er einen Mann vom
Fuhrwesen herbeikommen der den Arm in der Schlinge trug An diesen trat er
heran
»Weg varfluchte Jud« rief der Soldat grimmig Es war ein Tscheche mit
rohem stupidem Gesichte der das Deutsche nur gebrochen sprach
»Entschuldigen Sie zur Güte « begann Sender demütig
»Schweig Hund«
»Aber Herr Feldwebel möchten Sie nicht fünf Kreuzer verdienen«
Das wirkte »Jo gib Jud«
»Dann müssen Sie mir aber zur Güte sagen ob Ihr Kamerad Heinrich Wild da
drinnen ist«
»Is Hund« schrie der Soldat und wurde krebsrot vor Zorn »hot mich gehaut
mit Sabel hot Martin gehaut hot Vorreiter gehaut «
»Gott beschütz uns« rief Sender erschreckt »Wie ist das zugegangen«
»Wozu frogst Jud«
»Weil er « Sender stockte und log dann rasch »Weil er mir Geld für Schnaps
schuldig ist«
»Hoho« gröhlte der Soldat »kriegst nie Geld Jud Wild pritsch kaput«
»Tot« rief Sender und sein Herz stand still vor jähem Weh
»Heut nicht Ober morgen übermorgen Is zu Stab geführt Stab in Kolomea
wird erschossen«
»Erschossen« stöhnte Sender
»Is Rebell is Hund varfluchte verdient Strick nicht ehrliche Kugel«
»Aber wie ist das zugegangen«
Dem armen Burschen versagte die Stimme
»Zuerst gib fünf Kreuzer Jud«
Nachdem er die Kupferstücke erhalten erzählte der Soldat »Weißt Jud
Wild is Tückmäuse gewesen Student varfluchte Nix lustig nix Madel nix
Schnaps Mir habm ihn alle nit leiden können Herr Hauptmann sogt immer
Tückmäuse hochverratige Kummt Herr Hauptmann Freitag Nacht in Kasern kummt in
Schlofsaal sogt Trumpeter Allarm blosen will sehen ob Ordnung is Trumpeter
blost Mir springsme alle auf Wild auch Ober da follt ihm Büchel heraus wos
hot getrogen unter Hemd Will schnell verstecken ober Herr Hauptmann sieht und
schreit Büchel her Wild wird wie Leiche sogt Ich geb nicht Schreit Herr
Hauptmann Soldaten reißts ihm Büchel weg Wir auf Wild Ober Wild auf Bett
reißt Sabel heraus fuchtelt herum schreit Wer mich anrührt wird kaput Wir
doch auf ihn Ober er haut mich mit Sabel und Kamerad Martin und Vorreiter
Endlich habm ihn doch gepackt und gebunden Wie Herr Hauptmann Büchel
aufschlagt schüttelt er Kopf Is ja von Pfaffen konn nit verboten sein Ober
donn liest er im Büchel zittert vor Wut sogt Hund wird erschossen Und
Samstag hot Wild fünfzig Stockstreich gekriegt bis is liegen geblieben wie tot
Ober heut früh sogt Herr Doktor Konn transportiert werden Lasst Herr Hauptmann
auf Wagen loden zu Kriegsgericht führen zu Stab in Kolomea «
»Und was wird mit ihm geschehen« jammerte Sender
»Worum schreist Jud Moch Kreuz über dein Geld kriegst nie mehr Wird
erschossen Hochverrate varfluchte«
Der Soldat ging
Betäubt blieb Sender stehen als hätte ihn der Blitz getroffen Die Tränen
rannen ihm unablässig über die Wangen er empfand es kaum Es war ihm dumpf im
Hirn und weh im Herzen sehr weh
Er mochte nicht heimgehen noch minder zum Meister So schlich er denn zum
Städtchen hinaus an eine einsame Stelle und warf sich da ins rote Heidekraut
nieder und weinte sein Weh aus
Er weinte nur um den armen Freund Erst als er ruhiger geworden kam ihm der
Gedanke an sich selbst und wie er nun ohne Führer und Lehrer dastehe Aber da
weinte er nicht mehr ruhig und gefasst grübelte er darüber nach was er nun
beginnen müsse
Erst am Abend kam er heim
Die Mutter erschrak als sie ihn sah
»Was fehlt dir« rief sie »Du bist totenblass«
»Es ist nichts« wehrte er ab »ein bisschen Kopfweh Morgen früh bin ich
wieder ganz gesund ich verspreche es dir«
Dieses Versprechen hielt er auch
Still und ruhig ging er am nächsten Morgen an die Arbeit Er hatte seinen
Entschluss gefasst »Ich kann Deutsch lesen schreiben und sprechen« sagte er
sich »Was mir fehlt sind Bücher Kann ich mir die auftreiben so bleib ich
Ich werd mir schon selbst weiterhelfen«
Und er grübelte darüber nach wie er sich Bücher verschaffen könne Es hatte
dies große Schwierigkeiten denn nur wenige Leute in Barnow hatten deutsche
Bücher Der Stadtarzt stand im Rufe großer Menschenliebe und Schlome Grünstein
war ein sanfter gütiger Mensch »aber« fürchtete Sender »vielleicht halten
sie mein Streben für töricht oder sündhaft und verraten mich doch«
Ein anderer Weg dünkte ihm sicherer und klüger Die einzige große Bibliothek
des Städtchens ja des Kreises fand sich im Kloster der Dominikaner Sie
stammte aus einstigen Tagen da der Orden noch sehr reich gewesen und sich
diesen Luxus erlauben konnte Auch deutsche Bücher gab es da sogar auffallend
viele und darunter solche die man wahrlich in einer gottgeheiligten Bücherei
nicht vermutet hätte
Es hatte dies seine eigene sonderbare Bewandtnis Als das Land unter
österreichische Herrschaft gekommen da war die kluge kk Militärverwaltung
die im Namen und Geiste Kaiser Josephs das Land organisierte mit Eifer und
Glück beflissen gewesen in jedes Kloster welches man nicht aufheben wollte
oder konnte doch mindestens zwei Patres aus den deutschen Erblanden zu bringen
Und wo es nur irgend anging wurde einer von ihnen zum Prior gemacht Es geschah
dies aus leichtbegreiflichen Gründen Die Interessen des deutschen Priesters
waren von denen der Regierung in dem eben gewonnenen Lande nicht verschieden So
war auch im letzten Jahrzehnt des achtzehnten Säkulums ein kluges behäbiges
Mönchlein aus dem Breisgau Pater Stephanus Prior zu Barnow geworden und blieb
an die vierzig Jahre da Aber so sanft und leicht er auch sich und den Brüdern
das Joch des gottgefälligen Berufs auflud er fühlte sich doch nie recht wohl im
fremden Lande und ließ sich darum als Tröster mindestens aus der Heimat so viele
deutsche Bücher kommen als der Klostersäckel nur immer bezahlen konnte Der
gute Stephanus las gern ein gutes Buch und stapelte die Klassiker in langer
Reihe auf aber fast noch lieber mag der dicke fromme Herr schlechte Bücher
gelesen haben sofern sie nur sehr amüsant waren Als die Patres nach seinem
Tode die Bibliothek inventierten entsetzten sie sich nicht wenig und lasen im
frommen Schreck jedes solche Buch mehrere Male Dann aber kam der sonderbare
Schatz allmählich in Vergessenheit und im währenden Zeitenlauf legte sich auch
über die Bücher des Stephanus dieselbe Staubdecke welche die schweren frommen
Folianten bedeckte Denn das Kloster verarmte immer mehr die Brüder
rekrutierten sich aus immer niedrigeren Ständen und so fanden sich schließlich
nur noch mit Mühe die Lehrkräfte für die Klosterschule obwohl da wahrlich nur
sehr schlichte Weisheit vorgetragen wurde
Die Bibliothek stand verödet und außer den Spinnen und Mäusen waltete nur
noch ein einziger Mann in den beiden hohen düsteren Sälen Das war der einstige
Meyer und jetzige Hausverweser das Klosters Fedko Hayduk jener alte
schweigsame Mann dem einst der kleine »Senderko« so gut gefallen hatte Er
sorgte seinem Auftrage gemäß dafür »dass nichts wegkomme« aber er hielt sich
nicht für verpflichtet entgegenzuwirken wenn sich das Vorhandene mehrte Und
so ward die Staubdecke immer dichter die Zahl der Mäuse immer stattlicher
Auf den Fedko nun setzte Sender seine Hoffnung oder vielmehr nur auf die
schöne kupferige Nase des Mannes Er wusste von dem vermodernden Bücherschatze
im Kloster wie jedes Kind in Barnow und wusste auch dass es nur von Fedko
abhänge ihm den Zugang zu verschaffen
»Ein Mann« dachte er »der eine solche Nase im Gesichte trägt wird wohl
nicht unbarmherzig sein wenn man sich ihm mit freundlichen Worten und gutem
Schnapse nähert«
Und diese Probe wagte er denn auch schon in den nächsten Tagen Da suchte er
den Alten in seiner Stammkneipe auf
Fedko saß in derselben Ecke wo er seit manchem Jahr zu sitzen pflegte und
trank still und lächelte stumm vor sich hin Er war ein einsamer Zecher und
überflüssiger Rede fast so abhold wie dem Wasser sofern es nicht gebrannt war
»Ei guten Tag lieber Fedko« begann Sender freundlich indes ihm das Herz
vor banger Erregung wie ein Hammer schlug »täglich jünger auf Ehre täglich
Wie lange ists schon her dass wir nicht geplaudert haben Vielleicht schon ein
Jahr Da habe ich dich vom Meierhofe der Mönche nach Barnow mitgenommen Du
musstest rasch zurück es war dein Namenstag«
»Ja ja« nickte der Alte freundlich und blickte dann wieder in sein Glas
»Wir haben so lustig geplaudert du hast mir von den vielen Mäusen in der
Bibliothek erzählt«
»Hm wirklich«
»Und hast mich gefragt ob ich kein Mittel dagegen weiß Ich wusste keins
Aber neulich habe ich ein sicheres Mittel erfahren«
»Ich glaube du irrst dich« sagte Fedko bedächtig »Ich habe die Mäuse nie
töten wollen Warum Es sind ja auch Geschöpfe Gottes «
»Aber sie zernagen die Bücher«
»Kränkt dich das«
»Nein ja « stotterte Sender verlegen
Aber da kam ihm ein rettender Gedanke
»Lassen wir die Mäuse« rief er »Eben fällt mir ein es ist heute genau ein
Jahr dass wir beisammen waren Heute ist ja dein Namenstag«
»Nein lieber Senderko«
»Schade« rief dieser »O wie schade Eben wollte ich zu Ehren des Tages
eine Flasche Slibowitz bestellen«
»So so« Der Alte dachte nach lange und gewissenhaft
»Nein« sagte er dann »so leid es mir tut heute ist nicht mein Namenstag«
»Dann wollen wir ihn im voraus feiern« rief Sender »He eine Flasche«
Der Slibowitz erschien Fedko leerte langsam das eingeschenkte Glas und
schnalzte zufrieden mit der Zunge
Dann blickte er den Jüngling freundlich an und sagte »Nun sprich nur gerade
heraus«
»Was«
»Was du von mir willst«
»Ich hm Wirklich nichts «
»Nur der alte Herrgott hat Wunder getan« sagte Fedko langsam und wuchtig
»und dann sein Sohn der Herr Christus Aber jetzt geschehen keine Wunder mehr
Und darum zahlt kein Jude einen Slibowitz wenn er nicht etwas will«
»Nun ja Aber du verrätst mich nicht«
»Ich«
»Ich weiß du bist kein Schwätzer Auch bist du ein guter Mensch und wirst
mich nicht unglücklich machen Also ich möchte die Bibliothek der Mönche
anschauen«
Fedko dachte lange nach wohl fünf Minuten Endlich sagte er »Ich habe
fragen wollen Wozu Aber das geht mich nichts an Gar nichts Also bloß
anschauen Ja«
»Und mir ein Buch nach Hause mitnehmen und wenn ichs zurückbringe ein
anderes«
»Nein« erwiderte der Alte sofort und entschieden »Nicht um die Welt
nicht um fünf Gulden Der Prior hat gesagt Fedko du stehst dafür dass nichts
wegkommt Ich stehe dafür«
»Aber ich bringe es wieder Bin ich doch in deiner Hand ein Wort von dir
macht mich unglücklich«
»Dass nichts wegkommt« wiederholte Fedko nachdrücklich »und wenn ein Buch
bei dir ist so ist es nicht in der Bibliothek«
Gegen diese Logik war nichts einzuwenden Sender seufzte tief auf
»Aber vielleicht ist es dir wenigstens erlaubt« bat er »mich täglich auf
zwei Stunden bei den Büchern einzusperren Ich verspreche dir ich ich feiere
dann wöchentlich deinen Namenstag «
Wieder dachte der Alte nach lange sehr lange
»Ja« sagte er dann
Sender atmete auf Sie verabredeten dass er täglich von zwölf bis zwei Uhr
bei den Büchern bleiben dürfe Das waren seine einzigen Freistunden um halb
zwölf begann in der Werkstätte die Mittagspause Freilich blieb ihm dann wenig
Zeit zum Essen aber was konnte ihm daran liegen
»Noch eins« sagte Fedko »Ich habe gehört dass die Juden viele böse
Zaubereien können Nicht aus Schlechtigkeit sondern nur wegen des jüdischen
Glaubens Und da drinnen sind heilige Bücher wirst du da keine Hexereien
verrichten Und wie wenn du den heiligen Geist daraus vertreibst und dann
kommt der Herr Prior und sucht ihn weil er ihn gerade braucht und findet ihn
nicht mehr «
Nachdem Sender ihn auch darüber beruhigt und mit furchtbaren Eiden
geschworen dem heiligen Geist nichts anzutun gab der Alte endlich nach
»Gut Also morgen Kurz nach dem Mittagsläuten bei der Tartarenpforte«
Neuntes Kapitel
Die »Tartarenpforte« war eine Hinterpforte des Klosters die in ein einsames
Gartengässchen mündete in dem nur zuweilen und dann auch nur in der Dämmerung
ein Liebespaar zusammentraf Ihren Namen hatte sie aus den alten blutigen
Tagen wo die Tartaren in einem der zahllosen Grenzkriege zwischen Polen und der
Türkei das Kloster belagert hatten und endlich hier eingedrungen waren um die
»Geschorenen des bleichen Götzen« zu töten
Am nächsten Tage als es zu Mittag läutete stand Sender hier harrend und
trotz der warmen fast sommerlichen Herbstsonne klapperten seine Zähne wie
Kastagnetten und ein Fieberfrost durchzitterte seine Glieder Man legt
altgewohnten Aberglauben nicht so leicht ab wie ein abgetragenes Gewand Er war
in der Anschauung aufgewachsen dass man die Augen niederschlagen müsse wenn man
an diesem Hause vorbeigehe dass es eine Todsünde sei es zu betreten
»Ich werde jetzt ein Abtrünniger« sagte er leise vor sich hin »Ist es das
Opfer wert«
Aber er bezwang sich biss die Zähne aufeinander und blieb Und bald nachdem
der letzte Schlag der Mittagsglocke verhallt war trat auch Fedko heraus einen
mächtigen Schlüsselbund in der Hand
»Mittag« sagte er »Komm«
Sender folgte entschlossen aber seine fieberhafte Erregung war so groß dass
er sich unwillkürlich an die Wand lehnte um nicht umzusinken Er atmete schwer
seine Augen schlossen sich
»Krank« fragte Fedko
»Nein nein« stammelte er mühsam
Und gewaltsam raffte er sich auf und folgte wenn auch wankenden Schritts
Sie gingen einen langen Korridor hinab Es ward immer dunkler um sie feucht
und kalt schlug ihnen die Luft entgegen grünlicher Schimmel überzog die Wände
»Der Korridor des Severin« erklärte Fedko
Vor einem mächtigen Kruzifix blieb er stehen
»Hier haben die verdammten Heiden den Prior Severin erschlagen Er war ein
neunzigjähriger Greis Hier an der Wand unter der Glastafel ist sein Blut und
Hirn zu sehen«
Sender wandte den Blick ab
»Zieh den Hut« sagte Fedko
Der Jüngling schüttelte leise den Kopf
»Komm« bat er dann
»Du willst nicht« fragte der Alte »Warum Wenn ich in eure Synagoge käme
würde ich auch den Hut ziehen Man soll keinen Gott verachten weder den alten
noch den jungen Der alte kann was der junge kann was Aber wie du willst «
Sie gingen weiter und eine Treppe empor Staub und Moder bedeckte die
Stufen eine Fledermaus erhob sich schwirrend
»Kommen die Mönche nie hierher« fragte Sender
»Nein« war die Antwort »Es ist ja nur der Aufgang zur Bibliothek Jeder
Mönche hat ohnehin sein Gebetbuch«
»Und die Lehrer der Schule«
»Der Pater Marcellinus meinst du und der Frater Antonius Die haben jeder
drei Bücher in ihrer Klause«
»Ist das genug«
»Mehr als genug«
Sender blickte ihn prüfend an aber der Alte meinte es ernst
Im ersten Stockwerk tat sich wieder ein langer Gang vor ihnen auf In einer
Nische stand unter einem Kruzifix eine Bank daneben hingen Geisseln von
verschiedener Form und Größe
»Das ist der Winkel wo die Pönitenz erteilt wird« erklärte Fedko »Aber
unter unserem jetzigen Prior kommt das selten vor Er ist ein guter Mann der
auch die Fünfe grad sein lässt Die eigenen Mönche lässt er niemals prügeln und
selbst die fremden sehr ungern nur wenn er Befehl hat «
»Kommen auch fremde hierher«
»Ei freilich Oft waren schon mehrere zugleich hier «
»Auf Besuch«
»Auf Besuch hehe freilich aber oft jahrelang und nicht freiwillig Zu
seinem Vergnügen kommt keiner her das Kloster ist arm und der Wein so sauer
dass ich wirklich lieber Schnaps trinke obwohl ich den bezahlen muss «
»Also als Gefangene«
»Natürlich wir sind ja das Strafkloster der Ordensprovinz Wenn einer ein
Ketzer wird oder den Mädchen so arg nachläuft dass es eine Schande ist so kommt
er hierher und wir setzen ihm schon den Kopf zurecht«
»Wodurch«
»Wir verstehen das«
Der Alte ergriff mit grimmigem Lächeln eine der Geisseln und hieb durch die
Luft dass es pfiff
»Ist jetzt so ein Mönch hier«
»Nein jetzt nicht sonst hätte ich dir nicht den Gefallen tun können
Denn wir pflegen diese Gäste an diesem Korridor hier einzuquartieren in den
Nonnenzimmern Nämlich damit sie die Geisseln gleich in der Nähe haben falls
es sie etwa gelüstet sich freiwillig den Teufel aus dem Leib zu treiben «
»In den Nonnenzimmern«
»Ja hehe In diesen Zellen haben einst vor hundert Jahren Nonnen
gewohnt hehe Nonnen du verstehst schon Damals war das Kloster sehr reich
und der Prior ein lustiger Mann Aber als er starb kam an seine Stelle ein
strenger Greis Der hat keinen Spaß verstanden der alte Ignatius Jagt die
Weiber hinaus richtet die Zimmer als Büsserzellen ein stellt hier an der Ecke
die Geisseln auf und der ganze Konvent muss sich vor diesen Zimmern die Waden wund
hauen «
Sender besah sich die Marterinstrumente Die meisten waren mit dunklen
Flecken bedeckt
»Das ist Blut« sagte der Alte gleichgültig »Komm «
Sie schritten den Korridor hinab Vor einer mächtigen Flügeltüre blieb Fedko
stehen Daneben war eine Marmortafel in die Wand eingelassen Sie trug in
spitzen steifen Majuskeln die Inschrift
BJBL
C BARNOV
SOSDDGSFP
MDCXI
Mit Mühe vormochte Sender die einzelnen Buchstaben zu enträtseln ihr Sinn blieb
ihm natürlich verschlossen Die Inschrift lautete Biblioteca Konventus
Barnoviensis Sancti Ordinis Sancti Dominici de Guzman sive Fratrum Praedicatorum
Bibliothek des Klosters Barnow des Ordens des heiligen Dominicus von Guzman
oder der Predigermönche Beigefügt war das Gründungsjahr der Bibliothek 1611
»Hier drin sind die Bücher« sagte der Alte
Er zog einen mächtigen verrosteten Schlüssel hervor und versuchte zu
öffnen Das Schloss krachte aber der Schlüssel drehte sich nicht
»Ich komme selten hierher« erklärte Fedko »Wozu auch So lange der
Schlüssel hier am Bund ist kommt nichts weg«
Endlich ging der Flügel auf
Ein eisiger Hauch schlug den Eintretenden entgegen durchdringender
Modergeruch beengte die Brust Es war fast dunkel in dem riesigen Raume denn
das Glas der hohen schmalen Fenster war erblindet und die Spinnen hatten es
mit dichten Netzen überzogen Als die beiden über die vermodernden Dielen mühsam
vorwärts schritten ward es urplötzlich um sie lebendig es rauschte in den
Lüften es raschelte am Boden
»Geschöpfe Gottes« tröstete Fedko »fürchte dich nicht«
»Aber wo sind die Bücher«
»Nun hier überall «
In der Tat bedeckten sie in mächtigen Regalen alle Wände vom Boden bis zur
Decke In der Dunkelheit und weil eine Staubdecke sie gleichmäßig überzog
hatte Sender die endlos aufgetürmten Reihen für die Wände selbst gehalten
»Und wenn dir das noch nicht genug sind« fuhr Fedko fort »so sieh einmal
her hier sind noch mehr «
Sie traten in einen zweiten noch größeren Saal Hier war es heller weil
durch die Fenster die Mittagssonne drang Auch hier war jedes Plätzchen mit
Büchern angefüllt es war in der Tat eine riesige Bibliothek
In der Mitte stand ein mächtiger Tisch und ein Sessel Ein hölzernes
Schreibzeug stand auf dem Tische die Tinte war längst eingetrocknet
»Hier pflegte der alte Pater Ämilius zu sitzen« erzählte Fedko »den ganzen
Tag oft auch die Nacht hindurch Hundert Bücher hat er um sich liegen gehabt
und hat gelesen und geschrieben fortwährend es war ein Mitleid mit dem
Greis Warum plagst du dich so Hochwürdigster frag ich ihn einmal Ich
schreibe ein Buch erwidert er lächelnd Aber es sind wirklich genug Bücher da
sag ich mitleidig so sieh dich doch nur um Aber er lächelt nur so vor sich
hin und schüttelt den grauen Kopf Nun nach seinem Tode habe ich seine
Schreibereien dem Prior gebracht Er hat sie flüchtig angesehen und gesagt
Verbrenne sie der Alte war ein Ketzer Aber ich habe sie hierher in einen
Winkel gelegt mir wars als könnte der Pater Ämilius keine Ruhe im Grabe
haben wenn ich so seine mühsame Arbeit vernichten würde«
Darauf nickte der Alte freundlich »So jetzt lies was du willst Um zwei
Uhr hole ich dich«
Er ging der Türe zu
Sender blickte um sich in dem wüsten halbdunklen Raume und eine jähe
Bangigkeit legte sich um sein Herz
»Fedko« rief er unwillkürlich
»Nun«
Sender schwieg
»Fürchtest du dich etwa« rief der Alte an der Türe
»Nein geh«
Der Schlüssel klirrte kreischend schloss sich der Riegel
Sender war allein
Er blieb lange regungslos auf den Tisch des Ämilius gestützt und sein Herz
schlug in dumpfen schweren Schlägen Dann richtete er sich auf
»Es muss ja sein« sagte er laut und der Klang der eigenen Stimme befreite
ihn von aller Bangigkeit
Ruhig schritt er an eines der Fächer heran und begann die Bücher zu
mustern Er fegte ein Buch nach dem anderen rein eine Staubwolke umwirbelte
ihn
Aber als er einen der Bände aufschlug standen da in lateinischer Schrift
Worte die er nicht verstand es musste eine fremde Sprache sein Sender war an
die römischen Klassiker geraten
Kopfschüttelnd wandte er sich zum nächsten Fache wieder wirbelte er eine
Staubwolke auf wieder war seine Mühe vergeblich Denn das Bändchen das er nun
hervorzog trug den Titel »Myszeis J Krasickiego« es war das erste
satirische Epos der Polen der »Mäusekrieg« des Erzbischofs Krasicki
Sender schlug das Buch auf und begann zu lesen er verstand die Worte aber
nach einer Weile schlug er traurig das Buch wieder zu
»Was gehts mich an« dachte er »was die Mäuse da auf Polnisch miteinander
reden Ich will die deutsche Weisheit«
Er trat betrübt an ein drittes Fach heran und zog ein ganz dünnes Büchlein
heraus Als er es aufschlug glänzten seine Augen freudig auf es war Deutsch
Er las den Titel
»Abenteuer des Mönchs Paphnutius und der Nonne Paphnutia Zur Kurzweil für
fromme Gemüter Gedruckt in diesem Jahre zu Kartago in der Druckerei zum
irdischen Himmel«
Voll heiligen Eifers begann er halblaut zu lesen und ging dabei auf und
nieder Aber schon auf der dritten Seite hielt er inne
»Es ist ja nicht möglich« sagte er und wurde blutrot »So etwas beschreibt
man in keinem Buche«
Aber noch einige Seiten und nun war keine Täuschung mehr möglich
Er warf das Büchlein von sich und nahm es dann wieder in die Hand
vorsichtig wie man eine Schlange anfasst und starrte auf den Titel erstaunt
entsetzt
Es war eines jener schmutzigen Pamphlete wie sie das letzte Viertel des
achtzehnten Jahrhunderts in so ungeheurer Menge geboren Sender war nicht rein
wie Telemach wer in Jünglingsjahren als Fuhrknecht die podolische Landstraße
befährt kann es nicht bleiben Aber von solcher schmunzelnden halbverhüllten
raffinierten Gemeinheit hatte er keine Ahnung und dass sie ihm lustig aus den
Lettern eines Buches entgegentrat das erdrückte ihn fast Ihm war jedes Buch so
heilig wie dem Wilden sein Fetisch und insbesondere jedes deutsche Buch stand
doch darin die »Weisheit«
»Wozu werden solche Bücher gedruckt« fragte er sich und versuchte an einer
anderen Stelle zu lesen vielleicht konnte er wenigstens dies erraten Aber
Paphnutius und Paphnutia blieben sich auf jeder Seite gleich in ihrem Reden und
Tun
Da schlug er endlich das Büchlein zu und schob es heftig an seine Stelle
zurück
Dann stand er lange regungslos und grübelte über seine Entdeckung nach
»Es gibt auch schlechte Bücher« flüsterte er erstaunt vor sich hin »um
Gottes willen wozu gibt es solche Bücher Wie kann es schlechte Bücher geben
Und dann Man weiß ja wie die Mönche sind der Fedko hat es ja eben selbst
erzählt wie wenn hier lauter schlechte Bücher wären«
Angstvoll stöberte er in dem Fache weiter Aber der zweite dritte vierte
Band den er hervorzog war gleichen oder ähnlichen Inhalts Er brauchte nicht
erst darin zu blättern um dies zu erkennen schon die sauberen Titelkupfer
ließ keine andere Deutung zu Sender war zufällig gerade an jenes Fach
geraten welches der alte Stephanus zur Erheiterung seiner Mussestunden so
reichlich ausgestattet hatte
»Umsonst« stöhnte der Jüngling »Hier sind keine Bücher aus denen ich
lernen kann ich habe die Sünde umsonst auf mich genommen«
Ratlos wendete er den Blick von einem Fache zum anderen Da fiel ihm eine
Bücherreihe ins Auge die etwas geringerer Staub bedeckte als die übrigen
Vielleicht hatte der alte Ämilius zuletzt darin geblättert
Er trat näher und zog einen der Bände hervor
»Theater« las er »Theater von Gottold Ephraim Lessing«
Und darunter stand in großem Druck
»Nathan der Weise«
Kaum vermochte er das Buch zu halten so sehr durchzitterte ihn die jähe Freude
Wie hatte er sich bei den Erzählungen seines Lehrers danach gesehnt endlich
auch so ein »aufgeschriebenes Spiel« zu lesen Hier hatte er ein solches vor
sich und es handelte dazu noch von einem Juden Und Lessing hatte es
geschrieben Sender erinnerte sich dass Wild ihm erzählt das sei ein großer
Dichter gewesen
Er blickte zum Himmel empor
»Gott Israels Herr der Heerscharen du starker und einziger Gott ich danke
dir dass du gewährt wonach dein Knecht gedürstet«
Laut und feierlich sprach er den hebräischen Dankspruch Er hallte seltsam
von den Klosterwänden wider
Dann schlug er das Buch auf Dem Titel folgten zunächst die »Personen« Er
begriff sofort was das bedeute »Da hat er aufgeschrieben wieviel Spieler man
dazu braucht und wie jeder heißt« Aber schon die erste Zeile im Verzeichnis
fasste er sehr eigentümlich auf
»Sultan Saladin« las er »O du Lump Ist das am End auch ein schlechtes
Buch« Denn »Sultan« wird im podolischen Ghetto vornehmlich in jenem Sinne
gebraucht der auch unserem Sprachgebrauch nicht ganz fremd ist es ist dort das
allgemein übliche Schimpfwort für einen Mann der seinen sinnlichen Lüsten die
Zügel schießen lässt und es zuchtlos mit mehreren Weibern zugleich hält
»Aber nein« berichtigte er sich »solche Sachen wird doch so ein großer
Dichter nicht aufschreiben Also Saladin heißt er und ein elender Sultan
ist er aha Also steht bei jedem Namen aufgeschrieben was das für ein Mensch
ist damit es der Spieler gleich weiß«
Aber schon bei der nächsten Zeile stimmte dies nicht
»Sittah seine Schwester warum steht nicht auch da wie sie ist Sie muss
ja darum nicht auch schon schlecht sein weil sie die Schwester von so einem
Kerl ist Oder ist das gar so gemeint wie in dem ekelhaften Buch von
Paphnutius Da nennen sich der Mönch und die Nonne auch Bruder und Schwester
Aber weiter Nathan ein reicher Jude in Jerusalem Was«
Sender unterbrach sich erstaunt und las es nochmals »Reich« rief er
höhnisch »und in Jerusalem Mein lieber Mensch« er meinte Lessing »ich
glaub gern dass du ein großer Dichter bist und ob du trotzdem auch ein
Schweinemagen bist wird sich erst zeigen aber dass du nichts von Juden
verstehst seh ich schon jetzt Hast du schon heutzutag von einem reichen
Juden in Jerusalem gehört Andere Leut noch nicht«
Auch diese Kritik war begreiflich Das ungemeine Elend in dem heute die
jüdischen Bewohner der heiligen Stadt dahinleben ist ein ständiger
Gesprächsstoff des östlichen Ghetto wird doch für diese armseligen frommen
Müßiggänger unablässig gesammelt und es vergeht kaum ein Monat wo nicht ein
Sendling von dorther auftaucht und durch grelle Schilderungen das Mitleid der
polnischen und russischen Juden für ihre verkommenden Glaubensbrüder wachruft
»Reich haha« Sender zuckte die Achseln »Recha dessen angenommene
Tochter meinetwegen aber von Juden weißt du wirklich nichts mein lieber
Mensch der Name heißt Rachel«
Die nächste Zeile aber machte das Maß seiner Nichtachtung für Lessings
jüdische Kenntnisse vollends überfliessen »Daja eine Christin aber im Hause
des Juden als Gesellschafterin der Recha« Sender lachte laut auf
»Gesellschafterin ausgezeichnet Weißt du nicht was für Juden in Jerusalem
wohnen Die sind ja so fromm und so dumm dass unsere Barnower Chassidim im
Vergleich zu ihnen aufgeklärte Leut sind Und so ein koscheres Betmännchen wird
eine Christin ins Haus nehmen Höchstens jede Woche einmal als Schabbesgoje
christliche Magd die am Sabbat im Hause des strenggläubigen Juden bedient die
Kerzen anzündet und löscht usw Aber für immer und als Gesellschafterin für
seine Tochter Verrückt wär er wenn ers tät denn die anderen würden ihn ja
steinigen«
Auch die nächste Zeile mehrte ihm noch das Gefühl der Überlegenheit über den
»lieben Menschen« Ein junger Tempelherr das war so viel wie ein »Deutsch«
das heißt ein aufgeklärter modern gekleideter Jude Und warum Sender hatte
seine Mitbürger oft genug jene »Gottlosen« und »Abtrünnigen« verwünschen hören
die nicht in Synagogen hebräische sondern in »Tempeln« unter Orgelbegleitung
deutsche Gebete verrichteten und gleichwohl so vermessen waren sich noch als
Juden zu fühlen so ein Mann war offenbar gemeint »Ich weiß schon« dachte er
»er wird gewiss der Rachel den Hof machen Und so einen Deutsch sollt es in
Jerusalem geben es ist zum Lachen«
Was aber war ein »Derwisch« was ein »Patriarch« und ein »Emir« mit
»Memelucken« An diesen Wörtern scheiterte all seine Findigkeit nur der
»Klosterbruder« war ihm vertraut
»Vielleicht erkenn ichs aus dem Spiel« dachte er und begann zu lesen
Mit allen Sinnen versenkte er sich in die Dichtung und las langsam jedes
Wort laut vor sich hinsprechend jede Zeile wiederholend Ob er wollte oder
nicht er musste an die Vorstellung denken der er in Czernowitz beigewohnt er
konnte Daja und Nathan nicht mit derselben Stimme lesen und drückte auch die
wechselnden Empfindungen des Mannes durch den Tonfall aus so gut er konnte Es
geschah unwillkürlich der angeborene dunkle Trieb regte sich in ihm Bei den
Reden des Nathan näselte er und agierte dazu lebhaft mit den Händen die Worte
der Daja sprach er möglichst hochdeutsch mit einer spitzen Altweiberstimme und
stemmte die Arme in die Hüften wie es die Mägde in Barnow zu tun pflegten
Es war ein saures Stück Arbeit schon weil ihm manche Worte unverständlich
waren die »Phantasie die immer malet« die »fromme Kreatur« verwirrten ihn
Vollends aber trieben ihm die vielen Sätze wo er zwar jedes Wort verstand ohne
doch den Sinn des Ganzen erfassen zu können den Angstschweiß auf die Stirne
Ganze Reden und Gegenreden musste er so durchirren
Er legte das Buch vor sich hin »Also was geht da vor« begann er und
brachte seinen Körper dabei unwillkürlich in jene wiegende Bewegung wie in der
Knabenzeit wenn er über einer schwierigen Torastelle gebrütet »Nathan reich
Kaufmann An den Reichtum glaub ich nicht recht Erstens Jerusalem Zweitens
womit er handelt ist nicht gesagt mit Kamelen mit Goldsachen Drittens
ein großer Kaufmann fährt nicht viele Wochen herum Schulden einzukassieren
sondern schickt seinen Kommis So macht es zum Beispiel unser Reb Mosche
Freudental der freilich bare dreissigtausend Gulden im Vermögen hat und wie
kann auch ein Kaufmann so lange vom Geschäft wegbleiben Aber meinetwegen Sonst
ist Nathan ein guter Mensch schenkt auch gern nur etwas scheint er doch einmal
angestellt zu haben und Daja weiß es er muss ihr mit Goldsachen den Mund
stopfen das kann bös werden Das Haus ist verbrannt während er weg war
daran liegt nichts natürlich er war versichert So was kann sogar sagt man
manchmal ein gutes Geschäft sein Recha ist gerettet durch einen Tempelherrn
Das ist aber kein Deutsch wie ich sehe sondern ein Sellner Soldat er ist
gefangen Saladin der Sultan hat ihm das Leben geschenkt Nathan sagt das ist
ein Wunder Begreif ich So ein Sultan mit Weibern ist er freundlich Männer
lässt er totschlagen der Bösewicht Aber ein großer Herr muss dieser Saladin doch
sein vielleicht ein Fürst Recha glaubt dass der Tempelherr ein Engel war
Nathan will es ihr ausreden Recht hat er Erstens ist es die Wahrheit und dann
einem Menschen kann man dankbar sein einem Engel nicht Gut weiter Jetzt
kommt Recha«
Er erhob sich versuchte Miene und Haltung eines jungen züchtigen Mädchens
anzunehmen und las mit gespjetztem Mund und möglichst zarter Stimme
»So seid Ihr es doch ganz und gar mein Vater
Ich glaubt Ihr hättet Eure Stimme nur
Vorausgeschickt «
Hier stutzte er wieder
»Mein lieb Kind« sagte er wohlwollend »mir scheint der Schrecken hat dich
so benommen dass du noch nicht recht weißt was du redest Hat man schon je
gehört dass jemand seine Stimme vorausschickt vielleicht in einem Briefele mit
der Post«
Das übrige aber gefiel ihm gar wohl auch mit Rechas Glauben an einen Engel
befreundete er sich nun weil sie ihn in so »feinen Wörtern« ausdrückte Eben
darum begann er sich nun über Nathan der es ihr ausredete zu ärgern
hauptsächlich aber deshalb weil dieser dabei gar so unverständlich sprach So
sprang er denn auch geradezu entzückt auf als er auf die Worte der Daja stieß
»Wollt Ihr denn
Ihr ohnedem schon überspanntes Hirn
Durch solcherlei Subtilitäten ganz
Zersprengen«
»Recht hast du« rief er »Gottes Recht Was Subtilitäten heißt weiß ich nicht
wahrscheinlich so viel wie Dreh talmudische Spitzfindigkeit Ich versteh mich
doch wahrhaftig auf Chassidim aber großes Wunder kleines Wunder wahres
Wunder allgemeines Wunder dagegen ist noch unser Rabbi ein Mensch mit einem
graden Verstand Und ich muss sagen ich hab ihm unrecht getan dem Lessing er
weiß wie Juden sind «
»Aber jetzt bin ich ja der Nathan« unterbrach er sich und sprach die ihm
unverständlichen Worte möglichst eindringlich im Tonfall eines disputierenden
Talmudisten und mit den eigentümlichen Handbewegungen die ihn einst an seinen
ersten Lehrern den »Bachorim« so belustigt hatten
So näselte er sich bis an den Auftritt mit dem Derwisch durch Was dieser
rätselhafte Name bedeute verstand er auch nun nicht recht aber so viel schien
ihm gewiss ein hochmütiger Bursche war er Und demgemäss las er die Rolle in
polterndem prahlendem Ton bis zu den Worten
»gesteht dass Saladin
Mich besser kennt Schatzmeister bin ich bei
Ihm worden «
da richtete er sich noch stolzer auf kniff die Augen halb zu und mühte sich
ein so hochmütiges Gesicht zu machen als ihm irgend gelingen wollte
»Bist du verrückt«
Urplötzlich tönte es ihm ins Ohr Sender fuhr zusammen fast hätte er das
Büchlein fallen lassen
Es war Fedko der Jüngling hatte im Eifer des Lesens seinen Schritt
überhört
»Zwei Uhr« sagte der Alte Und dann wiederholte er seine Frage »Bist du
verrückt«
Sender erwiderte nichts Seufzend schob er das Büchlein an seinen Platz und
folgte dem Manne der ihn fortwährend wie ängstlich betrachtete
Als sie unten vor der Pforte standen sagte Fedko »Höre du musst mir sagen
was du da oben treibst «
»Ich lese«
Der Alte schüttelte unwirsch den grauen Kopf
»Das ist nicht wahr Sag die Wahrheit Nicht aus Neugierde will ich es
wissen sondern meiner Pflicht gemäß«
»Aber das kann dir doch gleichgültig sein «
»Oho Als du mir gestern deine Bitte sagtest habe ich mir gedacht Der
Senderko war schon als Kind nicht so wie die anderen Juden er ist
wahrscheinlich ein gestohlenes Christenkind und darum liegt es ihm im Blute
dass er sich nicht vor dem Kloster fürchtet Aber jetzt habe ich dich getroffen
wie du mit den Händen herumwirfst und schreist und ein verzücktes Gesicht
machst Weißt du wer sich so benimmt Entweder ein Verrückter «
»Ich bin bei Vernunft« beteuerte Sender
»Dann noch schlimmer ein Zauberer« sagte Fedko dumpf und bekreuzte sich
»Und bei einer Zauberei helfe ich nicht mit Einmal ist keinmal hoffentlich
ist diesmal kein großer Schade geschehen Aber du kommst nie wieder hinauf«
Sender seufzte tief auf Dann begann er zu flehen seine Unschuld zu
beteuern Der Alte blieb hart Sender versprach ihm fortab nicht bloß am
Sonntag sondern auch am Mittwoch ein Fläschchen Slibowitz zu zahlen Fedko ließ
sich nicht rühren
»Du musst mir sagen was du oben treibst« wiederholte er
»Ich lerne«
»Ich bin nicht so dumm« sagte Fedko »so lernt man nicht«
So rückte denn Sender endlich mit der vollen Wahrheit heraus aber es
dauerte sehr lange bis der Alte es annähernd verstand
»Kommedia« murmelte er »Was ist das für ein Einfall Kommedia machen
unsere Bursche wenn sie um Neujahr als die Drei Könige aus Morgenland von Haus
zu Haus ziehen aber was nützt das einem Juden«
Indes so viel war ihm nun doch klar der Bursche war wohl eher verrückt
als ein Zauberer Und daraufhin ließ es sich doch wieder wagen
»Das eine sage ich dir« schloss er »wenn ich im Kloster oder in der Stadt
die geringste Verzauberung bemerke so werde ich wissen wer sie angestellt hat
und mich danach benehmen«
»Ich bins zufrieden« sagte Sender und eilte in die Werkstätte
Zehntes Kapitel
Jossele Alpenrot sonst ein sanftes stilles Männchen empfing ihn heute sehr
mürrisch
»Es ist drei Uhr« sagte er »du hältst die Arbeitsstunde nicht ein Auch
sonst kann ich unmöglich mit dir zufrieden sein endlich muss ich es dir doch
sagen Wenn das nicht besser wird so kannst du gehen«
Das hätte sich Sender sonst wahrlich nicht zu Herzen genommen das Handwerk
war ihm ja in der Tat sehr gleichgültig Heute traf es ihn hart Denn weil er
bei Jossele weder Kost noch Wohnung hatte so hatte er sich eben vorgenommen
den Meister um einen kleinen Lohn zu bitten Nur so konnte es ihm ja möglich
werden die Namenstage seines alten Freundes würdig zu feiern Nun fand er
natürlich nicht den Mut die Bitte auszusprechen
Betrübt kam er des Abends heim Es fiel ihm schwer aber er musste nun wohl
oder übel die Mutter darum ersuchen
Frau Rosel hörte ihn nach ihrer Gewohnheit schweigend an und fragte dann
kurz »Wozu«
»Nun« meinte Sender verlegen »ich bin ja kein Kind mehr Ein erwachsener
Mensch fühlt sich ja wie ein Toter wenn er so ohne Geld herumgeht«
»Warum verdienst du es nicht«
»Aber ich bin ja noch Lehrling«
»Warum heiratest du nicht«
»Heiraten«
Sender war ebenso erstaunt wie erschreckt
»Ja heiraten« wiederholte die Frau nachdrücklich »Glückliche Eltern die
das Geld dazu haben können schon früh das gottgefällige Werk tun und ihre Söhne
im fünfzehnten sechzehnten Jahre verheiraten Mir ist dies Glück dies
Verdienst vor Gott nicht beschieden gewesen Aber nun bist du über zwanzig Jahr
alt es ist die höchste Zeit daran zu denken«
»Nein« rief er heftig
»Wie« schrie sie auf
»Um Gotteswillen Mutter nein« fuhr er flehentlich fort und erhob
abwehrend die Hände an diese Gefahr für seine Pläne hatte er noch gar nicht
gedacht
»Willst du gar nicht heiraten«
»Nein«
»Niemals« schrie sie abermals gellend auf
»Niemals« erwiderte er ebenso laut fast sinnlos vor Erregung
»Warum« stieß sie heiser hervor »Aber was frage ich noch« fuhr sie
murmelnd fort »Ich weiß es ja«
Ihre Stimme brach sich die Tränen stürzten ihr plötzlich über die Wangen
und sie begann krampfhaft zu schluchzen
Das war etwas so Ungewohntes so Unerhörtes an dieser Frau dass es dem
Jüngling ins tiefste Herz griff
»Um Gotteswillen« rief er flehend »Beruhige dich doch Niemals ich habe
es ja nur so gesagt warum sollt ich niemals heiraten Ich meine nur jetzt
jetzt könnt ich an alles andere eher denken Ich hab ja noch nichts ich bin
ja noch nichts wie sollt ich ein Weib ernähren«
Er musste lange fortfahren bis sie sich wieder gefasst hatte
»Ist es nur dies« fragte sie endlich und blickte ihn scharf an
Er nahm sich zusammen und hielt den Blick aus
»Ja«
»Dafür kann Rat werden« entschied sie »Du wirst bald dein Brot verdienen
Und bis dahin kannst du ja von dem leben was die Mitgift deiner Frau trägt oder
auch von der Mitgift selbst das ist auch noch durchaus kein Unglück kein
Leichtsinn Die meisten heiraten so und es geht gut aus Also nächster Tage
werde ich mit Itzig Türkischgelb reden«
Das war der geschickteste Heiratsvermittler von Barnow
Sender seufzte tief auf
»Nächster Tage« wiederholte Frau Rosel und strich mit der flachen Hand über
die Tischdecke
Sender kannte die Bedeutung dieser Bewegung die Sache war abgemacht
Es konnte ihn wenig trösten dass er nun auch das erbetene Geld erhielt mit
dem Versprechen dass es ihm wöchentlich regelmäßig zukommen werde bis zur
Vermählung
»Hoffentlich noch in diesem Winter« schloss die Frau
Sender schlief in jener Nacht etwas später ein als sonst aber wer so jung
ist und so fest an sich selbst glaubt bringt seine Sorgen leicht zur Ruhe Bis
auf weiteres genügte ihm die Möglichkeit in der Klosterbibliotek »Weisheit« zu
erwerben und was die angedrohte Braut betraf so konnte er sich wohl über die
Entschlossenheit seiner Mutter keiner Täuschung hingeben »aber« dachte er
»ohne mich kanns doch eigentlich auch nicht geschehen und obendrein brauche ja
nicht bloß ich mich zu entscheiden sondern auch die Eltern der Braut können
Nein sagen Ich kann ja auch etwas dazu tun umsonst heißen sie mich nicht den
Pojaz«
Seine Pflegemutter aber fand auch der grauende Morgen noch wach »Er hat
vielleicht zuletzt nicht gelogen« dachte sie »aber die Sache ist nicht leicht
zu nehmen Denn jenes Niemals hat sein Blut aus ihm herausgerufen das unselige
Blut das vielleicht stärker ist als seine Liebe zu mir«
Sie wollte tatkräftig eingreifen auch diesmal den Kampf mit dem Dämon
aufnehmen aber das Herz war ihr schwer und kummervoll
Nachdem Sender nun das Geld hatte die vielen Namenstage des Fedko würdig zu
begehen fand er sich wieder regelmäßig in der Bibliothek ein und las das »Spiel
vom Juden Nathan« weiter eifrig aber mühsam und ohne vollen Erfolg weil ihm
das nötige Wissen zum rechten Verständnis fehlte Über die unzähligen dunklen
Stellen half ihm weder sein scharfer Verstand noch sein starker dramatischer
Instinkt genügend hinweg
Was er verstand packte ihn freilich mächtig schon deshalb weil es ihm so
neu war eine unbekannte fremde Welt die Welt der reinen Menschlichkeit Er
war in einem Winkel der Erde geboren und aufgewachsen wo die Binde des
religiösen Vorurteils den armen Menschen so dicht um die Augen liegt wie selten
anderwärts Als er nun mit ungemeiner Spannung aller Sehnen der Seele so wie
man eine unerhörte Entdeckung vernimmt das Märchen von den drei Ringen las da
sank ihm diese Binde freilich nicht von den Augen aber er erkannte doch dass es
Leute gegeben die sie nicht getragen Die Stelle beschäftigte ihn auf das
Lebhafteste er las sie immer und immer wieder obwohl er dabei die Neugierde
niederkämpfen musste wie »das Spiel ausgehen« werde Aber wie oft er auch
begeistert vor sich hinsprach »Eine schöne Geschichte eine wunderschöne Ich
wollt ich könnt sie gleich weitererzählen Und so sinnedig sinnreich ist
sie« er selbst vermochte sie nicht recht zu beherzigen und die Mahnung
»Wohlan
So eifre jeder seiner unbestochnen
Von Vorurteilen freien Liebe nach«
wäre ihm unerfüllbar gewesen auch wenn ihm ihr Sinn völlig klar aufgegangen
wäre »Wenn Nathan« dachte er »beweisen will dass auch ein Jud ein Christ
ein Türk ein braver Mensch sein kann dass niemand glauben soll nur er ist gut
da hat er recht Aber wenn er vielleicht sagen will Jeder Glaube ist der
richtige das ist scheint mir nicht wahr Ich hab doch gewiss nichts gegen
die Polen und bin schon zufrieden wenn sie mich in Ruh lassen aber dass ihre
Religion so gut ist wie die meinige kann ich nicht glauben Denn warum bleib
ich denn ein Jud den alle schimpfen und bedrücken Da kann ich mich ja gleich
taufen lassen Aber dass der Herr Lessing einen Juden so gerecht reden lässt war
doch schön von ihm Die Leut hören es und denken sich dann Warum sollen wir
die Juden hassen sie hassen ja auch uns nicht Und das ist gut sehr gut
Schad ist nur dass nicht alle Polen Deutsch verstehen« Denn dass die Mahnung
auch anderwärts nötig sein könnte fiel ihm nicht bei Hatte doch auch Nadler
gesagt dass die Juden heutzutage nirgendwo mehr so bedrückt seien wie in
Galizien
Als er endlich nach mehreren Wochen mit der Dichtung fertig war legte er
sie mit sehr gemischten Empfindungen aus der Hand Es kränkte sein Selbstgefühl
dass ihm so vieles unverständlich geblieben er räumte in Gedanken ein dass dies
nicht des Dichters Schuld sei aber ärgerlich war es doch und verdarb ihm die
Freude an dem Werke Auch missfiel ihm dass die Leute seines Erachtens gar so
viel redeten und zu wenig handelten es ging doch zu wenig vor kein Kampf
keine Schlacht nicht einmal eine richtige Liebesgeschichte war darin Eine
Ahnung der sittlichen Größe der Dichtung überkam freilich auch ihn »Er muss
doch wirklich ein feiner Mensch gewesen sein« urteilte er über den Dichter
»und gegen alle gut nicht bloß gegen uns Juden Aber dass er es auch gegen uns
war werd ich ihm nie vergessen« Darum empfand er es auch peinlich dass ihm
von jenen beiden »Spielen« die er kannte der »Nathan« nicht ganz so gut
gefiel als der »Schajelock« obwohl doch in diesem die Juden nicht so gut
wegkommen Und wenn er gar nachdachte wen er lieber darstellen wollte den
wilden rachegierigen »Schajelock« oder den edlen milden Nathan so gab er
vollends mit aller Entschiedenheit der unedleren Gestalt den Vorzug
»Nathan« sagte er sich »ist zwar der Bessere aber er redet immer ruhige
vernünftige Sachen und hat keine großen Leiden und keine großen Freuden Schaje
aber der kann immer schreien und herumlaufen und dies und jenes tun Nathan
wäre leichter zu machen aber Schaje wäre mir doch lieber Natürlich aber den
Schluss den müsste ich machen wie ich will«
Das nächste worüber er nun geriet war »Emilia Galotti« Aber hier kam kein
Jude vor und in diesem seinen Intriguennetze vermochte sich der arme Sender
vollends nicht mehr auszukennen so peinliche Mühe er sich auch gab Auch war
ihm natürlich die Sprache zu gebildet Da las er zum Beispiel die Szene zwischen
dem Fürsten und dem Maler las sie wohl an die zehn Male und begriff noch immer
nicht worüber die Herren sich eigentlich unterhielten Je weiter er kam desto
dunkler ward es um ihn und schließlich wurden ihm die feingefügten Szenen zu
einem Irrgang in welchem er nur noch aus Pflichtgefühl umherschlich Brennend
empfand er die Sehnsucht nach einem Lehrer und Rater und dabei dämmerte ihm
auch zuweilen die Erkenntnis auf dass dieses Lesen von »Spielen« vielleicht doch
nicht jenes »Lernen« sei welches ihm der Direktor in Czernowitz so dringend ans
Herz gelegt Tag für Tag fand er sich ums Mittagsläuten pünktlich an der
Tartarenpforte ein aber von Tag zu Tag zaghafter und betrübter
Hiezu kam noch eine äußere Bedrängnis Der Winter war hereingebrochen und
das ist ein grimmiger Gast in der großen Ebene welche schutzlos dem Nord und
Ostwind preisgegeben ist Im Saale der Bibliothek herrschte die Temperatur eines
wohlgepflegten Eiskellers
So oft Sender die Treppe emporstieg klapperten ihm schon beim bloßen
Gedanken an diese Kälte die Zähne und während der beiden Stunden musste er wie
wahnsinnig auf und ab rennen stampfen und um sich schlagen um nicht zu
erstarren
Der alte Fedko der bisher weder im Städtchen noch im Kloster durch eine
besondere Zauberei beängstigt worden und daher immer mehr zu der Überzeugung
kam dass sein armer Senderko nur eben ein stiller Wahnsinniger sei Fedko also
fühlte Mitleid mit »diesem merkwürdigen Juden« und brachte einmal eine
wohlgefütterte Kutte herbeigeschleppt
»Da schlüpf hinein« riet er »die Kutte hat dem Pater Ämilius gehört er
hat sie immer angezogen wenn er hier in der Bibliothek ein Buch gesucht hat«
Aber Sender sträubte sich lange das Mönchsgewand anzuziehen und als er es
endlich an einem besonders kalten Tage dennoch tat da war es ihm als hätte er
eine schwere fast unsühnbare Sünde auf sich genommen
Einige Tage später hatte er eine Unterredung welche das Maß seiner Sorgen
und Bekümmernisse voll machte
Als er nämlich eines Abends heimkam fand er bei seiner Mutter im warmen
Stübchen einen Mann sitzen den er sonst sehr gern gesehen hatte seit einigen
Wochen aber so ängstlich mied als wäre es der leibhaftige Teufel Das war Itzig
Türkischgelb der fröhliche »Marschallik« Lustigmacher und Heiratsstifter von
Barnow in seiner Art auch ein »Pojaz« und wahrlich nicht der langweiligste
klug und wohlwollend immer fröhlich freilich auch immer durstig
Sender war damals vielleicht der einzige Mensch in Barnow der die
Gesellschaft dieses feuchten Greises fürchtete Denn Itzig Türkischgelb war eine
überaus beliebte Persönlichkeit und verdiente dies auch durch seine Bravheit
und ewig muntere Laune In Häusern wo sich heiratfähige Kinder fanden war er
besonders wohlgelitten denn er stand im Rufe dass er selbst das hässlichste
Mädchen den ungeschicktesten Tölpel anzubringen wisse sofern er sich nur recht
der Sache annehme Nur die Mädchen liefen vor ihm davon weil er seinem Witz und
seiner Phantasie gern freien sehr freien Lauf ließ Aber Sender war kein
Mädchen und darum hatte er bei Gastmählern und Hochzeiten manche fröhliche
Stunde mit dem Alten verbracht und so wacker in allerlei Schwänken mit ihm
gewetteifert dass die Leute oft kaum zu sagen wussten wer sie besser unterhalten
habe ob der gemietete »Marschallik« oder sein freiwilliger Nebenbuhler
Jetzt freilich wurde Sender bleich als er den alten Kumpan da sitzen sah
und blickte ihn finster an Aber Itzig bemerkte es nicht oder tat so als ob er
es nicht bemerkte
»Sender« rief er ihm fröhlich entgegen »sei so gut und mach den Mund auf
und sag Ja«
Aber Sender blieb finster
»Was wollt Ihr« fragte er kurz
»Dass du Ja sagst« erwiderte der Alte freundlich »Wenn du aber vielleicht
müde bist so brauchst du nur mit dem Kopfe zu nicken und es ist uns auch genug
nicht wahr Frau Rosel«
Die Frau richtete auf ihren Sohn einen Blick dessen Macht Sender wohl
kannte denn er schlug sofort die Augen nieder
»Wir haben es dir zum Guten ausgedacht« sagte sie scharf »Reb Itzig wird
dir sagen um was es sich handelt «
»Ich kann es mir denken« sagte Sender »und ich glaube «
»Höre« befahl die Frau kurz »Redet Reb Itzig«
»Es handelt sich« begann der »Marschallik« behaglich und wiegte sich hin
und her »um eine Blume Eine schönere und duftigere Blume ist noch nie in einem
Garten gewachsen seit uns das Paradies verschlossen ist Es handelt sich um
einen Schatz Kein Mensch in unserer Gemeinde oder im Barnower Kreis hat noch je
einen solchen Schatz besessen Es handelt sich um einen Diamant Ein so
kostbarer Diamant ist noch nie gefunden worden seit die Welt steht und sogar
der Kaiser in seinem goldenen Haus in Wien wünscht sich ihn umsonst Es handelt
sich «
»Und wie heißt dieser Diamant« fragte Sender spöttisch
»Wie soll ein Diamant heißen« war die Antwort »Diamant«
»Wie«
»Chaje Diamant die Tochter von Reb Mortche Diamant dem Uhrmacher von
Mielnica«
Darauf folgte eine lange Stille Sender schwieg und biss sich die Lippen
blutig
»Der gute Jung« rief Türkischgelb »Auf so ein Glück war er gar nicht
gefasst Aber ist das ein Wunder Wirklich Ein solches Glück kann einem die Red
verschlagen Erstens ist das Mädchen schön wie die Sonne weiß wie Schnee rot
wie Blut frisch wie ein Fisch dick und schwer dass das ganze Haus zittert
wenn sie auf den Fußspitzen herumschleicht und gesund ist sie wie das ewige
Leben Eher stürzt der Himmel ein als dass die auch nur den Schnupfen bekommt
Zweitens ist Reb Mortche der geschickteste Uhrmacher im ganzen Land und sein
Geschäft ist das beste Geschäft auf der ganzen Welt und seinen Schwiegersohn
will er in dieses Geschäft aufnehmen und für das ganze Leben versorgen wie einen
Herrn wie einen Baron wie einen Grafen wie einen Fürsten wie einen Kaiser
Drittens ist das Mädchen klug wie der Tag freundlich und still wie der Mond
und versteht zu kochen dass alle Weiber von ganz Israel bei ihr lernen sollten
Neulich wie ich bei Reb Mortche war hat sie Fische gekocht in der braunen
Brühe mit Rosinen das waren Fische Sender Fische waren es auf Ehre ich
kann nicht weiterreden wenn ich an diese Fische denke das Wasser läuft mir im
Munde zusammen ich kann nicht weiterreden «
»Es ist auch nicht nötig« sagte Sender finster
»Freilich ist es nicht nötig« erwiderte der Vermittler »du weißt schon
jetzt genug um gleich Ja zu sagen zu rufen zu schreien Aber das Glück das
auf dich wartet ist noch viel größer Denn wer hat eine schönere Ausstattung
als deine Chaje Auf Ehre eine Prinzessin könnt gleich sterben vor Neid wenn
sie diese Hemden anschaut diese Röcke diese Polster diese Leintücher diese
Tischtücher diese Handtücher diese Kleider diese Hauben diese Mantillen Und
dazu Ohrringe und Armbänder und Ketten und Broschen und eine Uhr man kann blind
werden wenn man es lange anschaut so groß ist die Pracht Und dann die
Mitgift Gott hab ich zu Reb Mortche gesagt dass Ihr ein reicher Mann seid
hab ich gewusst wie jeder Mensch im Kreise aber so ein Vermögen so ein
Vermögen ich hab nicht ausreden können vor Staunen Denn was meinst du was
deine Braut mitbekommt Halt dich an den Tisch oder setz dich hin sonst fällst
du um vor Freud Sechshundert Gulden bare sechshundert Gulden Nun freilich
es ist ja das einzige Kind «
»Das ist nicht wahr« unterbrach ihn Frau Rosel »Bleibet bei der Wahrheit
Reb Mortche hat andere Töchter Aber Sender kann dennoch glücklich sein wenn er
ihn zum Schwiegersohn nimmt«
»Warum lasset Ihr mich nicht ausreden« fragte Itzig Türkischgelb ohne jede
Verlegenheit »freilich hat er noch eine Tochter aber die ist doch schon
verheiratet wozu soll ich unserem Sender von ihr erzählen Soll er denn die
auch nehmen Wenn ich aber schon von ihr rede so sollst du auch gleich wissen
wen du zum Schwager bekommst Der Mann von der Ältesten ist ein Ururenkel vom
Rabbi von Mielnica und außerdem der größte Fuhrherr von Czernowitz Meyer heißt
er und mit dem deutschen Namen Strisower «
»Der« lachte Sender höhnisch »RotMeierl Einen Karren hat er und zwei
Schindmähren «
»Soll ein Lohnkutscher vierspännig fahren« rief Türkischgelb fast
entrüstet »Und was seine Pferde betrifft der Kaiser hat keine solchen Rappen
«
»Da habt Ihr recht Solche gewiss nicht«
»Genug« befahl Frau Rosel »Die Rappen heiratest du nicht Übrigens sind
noch zwei jüngere Töchter im Hause aber «
»Es ist doch das größte Glück« fiel Türkischgelb ein »Ich hab von den
beiden gar nicht gesprochen vielleicht sind es sogar drei denn ist es mein
Geschäft mich um Kinder zu kümmern Ich kümmere mich um Erwachsene Und wie
sollen dir diese vier kleinen Kinder im Wege sein und wie sollen sie dir dein
Glück stören Als guter Mensch als guter Schwager wirst du sagen Gott lasse
alle fünf gesund aufwachsen und gebe ihnen gute tüchtige Männer wie ich bin
Ja so wirst du sprechen Sender denn ich kenn dein gutes Herz«
»Fünf« fragte Frau Rosel sichtlich unangenehm überrascht
»Ich glaube« sagte Itzig Türkischgelb unbefangen »Reb Mortche ist auch in
dieser Beziehung ein gesegneter Mann Am Ende sind es gar sechs Möglich ist es
verschwören will ich es nicht Denn mich wie gesagt kümmert nur mein Geschäft
Und ob nun zwei kleine Töchterchen im Hause sind oder noch vier andere dazu ist
deshalb diese schöne kluge dicke Chaje «
»Wie viele sinds nun aber wirklich« unterbrach ihn Frau Rosel mit scharfer
Stimme
»Sieben« gestand er »Aber ist deshalb frag ich diese schöne kluge
dicke Chaje hässlicher magerer dümmer Kann sie deshalb keine Fisch kochen
Fehlt deshalb etwas an der Aussteuer oder an den baren sechshundert Gulden Oder
wird Sender deshalb nicht ins Geschäft aufgenommen und ist darum auf Lebenszeit
ein versorgter Mann Und ist dies Geschäft nicht «
»Auch was das Geschäft betrifft müsst Ihr ihm die volle Wahrheit sagen«
fiel ihm Frau Rosel ins Wort »Dein Schwiegervater nimmt dich nur für fünf Jahre
ins Haus Während der Zeit arbeitest du in seiner Werkstätte und bekommst mit
deiner Familie freie Kost und Wohnung Die sechshundert Gulden werden für dich
auf Zinsen angelegt Nach fünf Jahren kannst du dir damit eine andere Werkstätte
ankaufen oder selbst einrichten«
»Nun was sagst du« rief Türkischgelb begeistert »Ist das nicht noch viel
schöner als wenn du etwa immer dort bleiben müsstest und noch zehn Jahre oder
zwanzig oder gar vierzig Jahre deinen Schwiegervater als Herrn über dir hättest
Ist das nicht viel schöner als wenn du dir dein Leben lang die Nachrede
gefallen lassen müsstest Er hat sein Geschäft vom Schwiegervater geerbt allein
hat ers nicht so weit gebracht Nu hab ich recht oder nicht«
»Darüber lässt sich streiten« sagte Frau Rosel »Aber über die Hauptsache
nicht dass diese Partie deshalb doch ein großes Glück für einen Menschen ist
der nichts hat auch nichts erben wird der schon vieles versucht hat eh er
Uhrmacher geworden ist und es auch jetzt noch nicht weit in seinem Handwerk
gebracht hat Darum hat mich auch alles andere nicht gestört was Sender noch
nicht weiß Aber sagt es ihm Reb Itzig Er soll nicht klagen dürfen dass wir
ihm etwas verschwiegen haben«
»Ich verstehe Euch nicht« versicherte der Marschallik treuherzig und
blickte sie fragend an »etwas was dagegen spricht Davon habe ich Euch
gegenüber nichts erwähnt und wüsste es auch unserem Sender nicht zu sagen Es
spricht ja alles dafür«
»Nun« sagte Frau Rosel »zum Beispiel dass leider ein Verbrecher in der
Familie ist«
»Ein Verbrecher« rief Türkischgelb entrüstet »In dieser Familie Frau
Rosel verzeiht aber das müsst Ihr geträumt haben Die Familie von Reb Mortche
ist ja von einem Adel einem Adel Gott wie soll ich den beschreiben Ist es
nicht schon genug wenn ich sage dass Reb Mortches Großvater der berühmte Reb
Srulze war der den ganzen Talmud auswendig gekonnt hat Auswendig Sender
von vorn und von hinten hat er ihn hersagen können und wenn man ihn mitten in
der Nacht aus dem Schlaf geweckt hat Von hinten mitten in der Nacht Wenn du
nicht darauf brennst die Urenkelin von einem solchen Gelehrten zum Weibe zu
bekommen so verdienst du nicht ein Jude zu sein Und wer ist denn der Bruder
deiner künftigen Schwiegermutter Der erste Gabe höherer Diener etwa Sekretär
beim Wunderrabbi von Nadworna Und wen hat Reb Mortches Sohn dein ältester
Schwager geheiratet Die Tochter von Reb Meyer Hirschler in Tluste ja von
Reb Meyer so wahr ich lebe Und Reb Meyer ist doch gewiss der größte Gelehrte im
Barnower Kreis aber der hat nicht von einer Verbrecherfamilie gesprochen«
»Ich auch nicht« meinte Frau Rosel »Aber deshalb bleibts doch wahr dass
Reb Mortches einziger Bruder «
»Still Frau Rosel still«
Itzig Türkischgelb zuckte schmerzlich zusammen dann erhob er sich
würdevoll ein Zug tiefer milder Wehmut lag auf seinem Antlitz
»Still« wiederholte er zum dritten Male »Mir tut das Herz weh wenn ich
anhören muss wie sich eine fromme Frau wie Ihr gegen Gott versündigt Er der
Allerbarmer hat uns befohlen Lasst die Toten ruhen und richtet sie nicht
Warum «
»Das hab ich nicht gewusst« fiel sie ein »Ist also der Mensch inzwischen
gestorben«
»Schon vor drei Jahren« sagte Itzig Türkischgelb mit zitternder Stimme »Er
ruhe in Frieden«
»Also gleich nachdem er ins Zuchthaus gekommen ist« fragte sie »Denn vor
drei Jahren ist er ja erst verurteilt worden Mir scheint aber Ihr irrt Euch
Denn wie ich mich nach der Sache erkundigt habe hat mir Reb Jossele der
Lehrherr von Sender der den Lumpen den Noah kennt und damals auch als Zeuge
vor Gericht erscheinen musste gesagt dass er ihn erst vor einigen Monaten bei
der Durchfahrt in Zloczow gesehen hat Dort ist ja das Zuchthaus Und Noah ist
mit anderen Sträflingen im Strassengraben gesessen und hat Steine zum Strassenbau
geklopft«
»Und das nennt Reb Jossele leben« rief Türkischgelb »Ich hätt ihn für
gescheiter gehalten Wer ins Zuchthaus kommt ist tot Noah ist tot für die
Welt tot für den Bruder Du darfst aber nicht glauben« wandte er sich an
Sender »dass er am Ende gar ein Räuber oder ein Mörder war Unglück im Geschäft
hat er gehabt sonst nichts«
»Saget das nicht« verwies ihm Frau Rosel streng »Ihr seid ja selbst ein so
ehrlicher Mann Auch Reb Mortche wird mir gerühmt und dass er nicht das
geringste mit den Gaunereien seines Bruders zu tun gehabt hat«
»Ich möchts auch niemand raten so was zu sagen« rief der Marschallik
»Dieser Noah sieh Sender wie merkwürdig das Leben ist Er war der Enkel von
Reb Srulze der den ganzen Talmud von hinten hat hersagen können und auch sein
Vater war ein Frommer und Gerechter und erst sein älterer Bruder Mortche
solche Vorbilder hat noch kein Mensch gehabt Und was wird aus ihm Ein Gauner
Statt Uhrmacher zu bleiben wie Mortche wird er Uhrenhändler nimmt in der
Schweiz und in Frankreich und weiß Gott wo Uhren auf Kredit und beschwindelt die
Leut von hinten und vorn fälscht Wechsel handelt mit gestohlenem Gut Reb
Mortche mahnt und rettet ihn ein zweimal endlich sagt er sich von ihm los
Und wie hat er sich seinetwegen bei dem Prozess gekränkt und geschämt obwohl es
doch eigentlich eine Ehre für ihn war «
»Eine Ehre« rief Sender
»Gewiss Denn alle Leut haben gesagt So ein Lump und so ein Ehrenmann sind
unter demselben Herzen gelegen zwei so verschiedene Brüder hat die Welt noch
nicht gesehen Übrigens frag ich « der Marschallik erhob sich »ich frag
Euch Frau Rosel und dich Sender frag ich Ist diese schöne dicke Chaje mit
den sechshundert Gulden die Tochter von Noah oder von Mortche Gebt mir zur
Güte Antwort«
»Ich habs schon gesagt« erwiderte Rosel »es ist für Sender doch ein
Glück nur soll er alles wissen Darum soll ihm auch die Bedingung nicht
verschwiegen sein dass er sich nach fünf Jahren überall wo er will
niederlassen darf nur in Mielnica nicht Denn das verschlechtert die Partie«
»Nein es verbessert sie« rief der Marschallik »Ein junger Ehemann soll
nicht immer unter den Augen seiner Schwiegereltern bleiben es tut nicht gut
Frau Rosel glaubt meiner Erfahrung es tut nicht gut Wie gern wird Sender nach
fünf Jahren mit seiner Chaje und seinen Kinderchen die ihm Gott schenken wird
hierherziehen oder nach Tarnopol wohin er will und wo es gut für ihn ist«
»Warum stellt Mortche diese Bedingung« fragte Sender
»Weil er« erwiderte Frau Rosel »seinen Ältesten auch zum Uhrmacher
ausbildet und nicht will dass du ihm einst vielleicht die Kunden wegfängst Der
Sohn soll das Geschäft erben Nun das ist im Grunde auch nur gerecht und ich
kann mir ja auch für dich nicht alles auswählen wie für einen Prinzen Ich muss
Gott danken dass sich die Sache mit dem Noah ereignet hat sonst würde Reb
Mortche gewiss nichts von dir hören wollen Aber was dies betrifft das
besprechen wir noch wenn es nötig sein sollte Ich hoff aber es ist nicht
nötig«
Sie blickte den Sohn fest an und strich die Tischdecke glatt
»Ich dank Euch Reb Itzig« wandte sie sich dann an den Marschallik
»Sender weiß jetzt um was es sich handelt und dass es wirklich ein Glück ist
das wir ihm zuwenden wollen Also heut ist Mittwoch Sonntag früh fahrt Ihr
mit ihm auf Brautschau Es bleibt dabei wie wir es verabredet haben Sonntag
früh bitte ich Euch hierherzukommen«
»Gut« erwiderte Reb Itzig »Aber ein Glück für Sender sagt Ihr nur ein
Glück Im siebenten Himmel kann er sich fühlen im vierzehnten im
vierundzwanzigsten Himmel Also Sonntag früh Lebt gesund«
Elftes Kapitel
Er ging Mutter und Sohn blieben allein Es war ein langes Schweigen zwischen
den beiden
»Sonntag früh« begann die Frau »fährst du also mit dem Marschallik nach
Mielnica und lässt dich von den Eltern des Mädchens anschauen Wenn du ihnen
gefällst so fahre ich in den nächsten Tagen hinüber und mache die Verlobung
fertig «
»Und wenn das Mädchen mir nicht gefällt«
»So fahre ich dennoch hinüber und schaue sie mir an Ich werde plötzlich
kommen so dass die Leut sich nicht herausputzen können Und wenn mir das Haus
und das Mädchen gefallen so bringe ich die Sache ins reine«
»Wirst du sie heiraten«
»Auf die Schönheit kommt es nicht an« sagte Frau Rosel »Und die Eltern
wissen da überhaupt besser Bescheid als die Kinder«
Jeder Nerv ihres Herzens zuckte schmerzhaft während sie so sprach Sie
erinnerte sich ihrer eigenen Jugend und wie ihr das ganze Leben entzweigebrochen
war weil sie gegen den Willen der Eltern und nach ihrem Herzen gewählt hatte
»Es war eine Sünde« sagte sie sich »und sie hat sich gerächt«
»Mutter« bat Sender »hast du es auch wohl überlegt«
»Ja« erwiderte sie fest »Das ist abgemacht und bleibt abgemacht soweit
wir beide etwas dazu tun können Spare dir deine Worte« fuhr sie mit
lauterer Stimme fort als er sprechen wollte »Es würde nichts nützen Gute
Nacht«
»Mutter treib mich nicht in mein «
»Ja ich treib dich in dein Glück Gute Nacht«
Er ließ die flehend erhobenen Arme sinken und ging in seine Kammer Dort saß
er im Dunkeln auf den Stuhl neben seinem Bette nieder und überdachte seine Lage
»Es geht nicht anders« murmelte er endlich »es muss sein«
Er machte Licht zog seine Schreibsachen hervor und malte langsam in so
deutlichen Buchstaben wie er sie irgend fertig bringen konnte den folgenden
Brief
»An den Herrn Wohltäter Adolf Nadler in Czernowitz
Weil Sie es mir erlaubt haben so werden Sie mir nicht bös sein Aber auch
wenn Sie es mir nicht erlaubt hätten so möchten Sie mir gewiss zur Güte
verzeihen weil es meine einzige Hoffnung ist
Nämlich in Barnow kann ich nicht bleiben
Erstens haben sie mir meinen Soldaten fortgeschleppt und erschossen
vielleicht hat es auch der barmherzige Gott von dem armen Menschen abgewendet
aber gehört habe ich nichts mehr von ihm
Nämlich dies war mein Lehrer sein Unglück war mit einem Büchel vom Pfaffen
Moritz Hartmann Geheissen hat er Wild
Zweitens habe ich jetzt im Saale bei den Mönchen Bücher aber allein
verstehe ich nur sehr wenig vom Erfrieren gar nicht zu reden Und weil ein
Unglück nie allein kommt soll ich jetzt auch noch eine Braut kriegen Der Herr
Wohltäter kann mir wirklich glauben dass ich jetzt schon der traurigste Pojaz
auf Gottes Erde bin
Lieber Herr Wohltäter wie ich in Czernowitz war haben Sie mit mir
gemacht was Gott mit Moses gemacht hat Sie haben mich auf einen Berg
hinaufgeführt und haben mir von fern das gelobte Land gezeigt Moses hat sich
mit dem Anschauen begnügen können denn er war schon sehr alt aber mir blutet
das Herz dass ich dieses Land nie soll erreichen können weil ich noch so ein
junger Mensch bin und gottlob so gut zum Theater passe Sie haben ja selbst
gesagt dass Sie einen solchen Spieler noch nie gesehen haben und es ist auch
gewiss wahr Hier wird nichts aus mir das kann ich Ihnen ganz sicher sagen Also
flehe ich Sie an dass Sie es mir erlauben und dass ich darf zu Ihnen nach
Czernowitz kommen Mein Brot verdiene ich mir schon vielleicht bei Ihnen denn
es scheint ja nur dass der Vorhang von selbst in die Höhe geht es muss ja doch
jemand ziehen und Lampen möchte ich anzünden und Stiefel putzen und alles
pünktlich verrichten bis ich spielen kann Oder vielleicht trifft sich mir ein
Uhrmacher in Czernowitz oder sonst was denn bin ich nicht gottlob ein
geschickter Mensch
So haben unsere Väter in der Wüste nicht nach dem Manna gelechzt oder nach
dem Wasser wie ich auf Ihre Antwort warte Bitte ich also mir zu schreiben
aber nicht an mich sondern an Fedko Hayduek im Kloster in Barnow weil sonst
hier die Leut was merken könnten Fedko wird mir schon den Brief geben zu
verzahlen brauchen Sie ihn nicht denn meinetwegen sollen Sie nicht Geld
ausgeben
Ich grüße den Herrn Wohltäter und die Frau Wohltäterin und schreibe darunter
als
Ihr
Sender der Pojaz
Dass ich schon schreiben kann sehen Sie lesen natürlich auch und Deutsch kann
ich reden als wenn ich nie einen Kaftan getragen hätte Alles auf Ehre Sie
können es mir glauben«
Als Sender am nächsten Tage diesen Brief im Schalter des Postamtes verschwinden
sah kehrten ihm auch Mut und Entschlossenheit zurück
Nun galt es die nächste Gefahr abzuwehren die Verlobung Er machte keinen
Versuch mehr die Mutter umzustimmen er wusste dass es vergeblich sein würde
nun musste auf eigene Faust gehandelt sein freilich nicht mit Gewalt
Als ihm Frau Rosel am Freitag morgen den Befehl gab für den Sonntag bei
seinem einstigen Lehrherrn dem lustigen Simche Turteltaub ein Wägelchen zu
mieten verzog er keine Miene »Es soll geschehen« erwiderte er und entledigte
sich des Auftrags Auch dem Marschallik der ihn am Sonnabend morgen vor der
Schul beglückwünschte und umarmte sagte er kurz »An mir solls nicht fehlen«
»Gottlob er scheint vernünftig geworden« sagte der Alte einige Stunden
später zu Frau Rosel als er ihr seinen Besuch machte um alles für den nächsten
Tag genau festzustellen »Wenn ich ihm noch so auf der Fahrt einige Winke gebe
so wird alles gut ablaufen«
»Was wollt Ihr ihm sagen« fragte sie
»Nun wie er sich zu benehmen hat um Reb Mortche und seinem Weibe zu
gefallen Sie sind auch Menschen und haben ihre Schwächen«
Sie dachte nach
»Davon redet ihm lieber nicht« entschied sie »Nicht etwa als ob ich ihm
nicht trauen würde Ich habe ihn zum Gehorsam erzogen er weiß dass er sich
fügen muss Aber vergesset nicht Reb Itzig dass er ein Pojaz ist Ich werde ihn
mahnen sich anständig zu benehmen mehr wäre von Übel«
Zur selben Stunde unterhielt sich Sender mit seinem fröhlichen Freunde dem
dicken Simche über dasselbe Thema seine Brautfahrt Aber auch dies geschah in
einer Art mit welcher der Marschallik anscheinend nur hätte zufrieden sein
können Simche der nie den Verdruss verwunden seinen liebsten Jungknecht an die
langweilige Uhrmacherei verloren zu haben neckte den Pojaz soviel er konnte
aber der ließ sich nicht unterkriegen
»Natürlich« rief er »Euer Mädele hätt ich nehmen sollen an der kein
Quentchen Fleisch ist damit ich immer an die sieben mageren Küh denken muss Da
lob ich mir meine Dicke Das ist doch ein Beweis dass Reb Mortches Kost gut
ist«
»Gut und kräftig« höhnte Simche »Die Fliegen in der Supp werden das
einzige Geflügel sein das du zu sehen bekommst«
»Ihr wisst es Ihr wart bei Reb Mortche immer eingeladen«
»Das nicht aber wenn man alle Monat zweimal nach Mielnica kommt wie ich
so kennt man die Leut und ihren Ruf Dein Schwiegervater wägt seinem Weib die
Knochen zur Supp zu ein Knauser wie kein zweiter«
»Und stehlen tut er auch«
»Das besorgt sein Bruder dein neuer Herr Onkel Nein im Ernst Sender Reb
Mortche ist sonst ein braver Mensch aber wirklich ein Geizhals Ich rat dir
beding dir bei der Verlobung mindestens für jeden Sabbat fünf Lot Fleisch aus
sonst kriegst du es nie zu sehen auch wenn du seiner Frau täglich sagst dass
sie das schönste Weib auf der Welt ist«
»So schön wie Eure Surke ist meine Schwiegermutter natürlich nicht Eurem
Schwiegersohn könnt Ihr ruhig täglich drei Pfund Fleisch versprechen wenn er
Eure Surke ansieht vergeht ihm der Appetit«
»Dafür ist meine Surke nicht lächerlich und zum Gespött fürs ganze Städtchen
wie Mortches Rifke« erwiderte der Kutscher vergnügt »Nämlich weil sie einmal
hübsch war hält sie sich noch heute dafür und tut so als wär sie ein
geschämig Mädele von vierzehn Jahren«
»Wers glaubt« rief Sender anscheinend sehr grimmig »Nun nur zu Was
wisst Ihr sonst noch von ihnen«
»Nichts« sagte Simche einlenkend »Auch will ich dich wahrhaftig nicht
abschrecken Was ich gesagt hab ist wahr aber deshalb rat ich dir doch zu
der Partie Viel Glück auf den Weg«
»Schön Dank« erwiderte Sender schlug herzlich in die dargebotene Hand ein
und drückte sie warm »Ihr habt mir einen großen Dienst erwiesen «
Dann eilte er rasch hinweg
Der Kutscher blickte ihm erstaunt nach »Pojaz« murmelte er »Ein anderer
wär bös und der fährt vor Freud schier aus der Haut wenn man auf seine
Schwiegereltern schimpft«
Am Sonntag morgen war Sender schon so früh vom Hause fortgegangen dass ihn
die Mutter nicht mehr sprechen konnte Sie sah ihn nur eine Stunde später als
er in Simches Wägelchen den Marschallik neben sich am Mautause vorüberfuhr
»Du benimmst dich vernünftig« rief sie ihm streng nach
Er sagte nichts Der Marschallik aber erwiderte statt seiner »Keine Sorg
Frau Rosel er ist wie ausgetauscht«
In der Tat war Türkischgelb vom Benehmen seines Begleiters aufs angenehmste
enttäuscht er konnte sich die ermunternden Trostreden sparen die er in
Bereitschaft gehalten Sender lachte und scherzte als wäre ihm mit dem
Leitseil das er so oft geführt auch die fröhliche Laune seiner Fuhrmannsjahre
zurückgekehrt So konnte der Marschallik statt aller Predigten jene saftigen
Scherze an Mann bringen die sein eigentliches Element waren Aber Sender blieb
nicht hinter ihm zurück und die beiden kamen gar nicht aus dem Lachen heraus
»Sender« rief der Marschallik fröhlich »so lustig bin ich noch nie auf
Brautschau gefahren aber so eine Braut hat auch noch niemand gekriegt Schön
wie die Sonn «
»Die Sonn hat auch Flecken« meinte Sender
»Dann ist sie noch schöner wie die Sonn Das Mädchen hat keinen Fehler
Du wirst selbst sehen«
»Aber wenn sie gar so herrlich ist« meinte Sender »dann nimmt sie mich am
End gar nicht«
Reb Itzig lachte
»So gefällst du mir Hast sie noch gar nicht gesehen und sorgst dich schon
um den Ausgang Aber da kannst du ganz ruhig sein Ein Bursch wie du Und dann
die Hauptsach ist doch dass du den Eltern gefällst Und daran wirds nicht
fehlen wenn du dich anständig benimmst«
»Seid unbesorgt« lachte Sender »So hat sich bisher noch nie ein Freier
benommen«
Sie langten in Mielnica an stellten das Wägelchen im Wirtshause ein und
machten sich sofort zum Hause Mortche Diamants auf Mit jedem Schritt wurde
Sender ernster und nahe dem Laden hielt er zögernd still
»Reb Itzig« begann er unsicher
»Nun« rief Türkischgelb »Ich glaube gar du hast Furcht Vorwärts es
muss sein«
Sender war bleich geworden »Es muss sein« sagte er finster »Aber meine
Schuld ists nicht«
Dann lachte er laut auf
Sie traten in den Laden Mortche Diamant ein wohlbeleibter Mann mit
gutmütigem Gesichte erhob sich von der Arbeit und begrüßte sie freundlich
»Es freut mich dass Ihr mir die Ehre schenkt« sagte er zu Sender »Was
führt Euch nach Mielnica«
Solche Diplomatie schreibt die Sitte dem Brautvater vor Aber Sender war
nicht in der Laune darauf einzugehen
»Das wisst Ihr ja« rief er lachend »Ich komme um mir Eure Tochter
anzuschauen und ob Ihr wirklich was habt Na Uhren scheinen ja genug da«
Und ungeniert trat er an den großen Schaukasten und begann die Ware zu
mustern »Aber nichts Rechtes«
Der dicke Mann räusperte sich befremdet Auch Türkischgelb war einen
Augenblick verdutzt aber er fasste sich rasch
»Gott« rief er »was für ein Uhrmacher ist unser Sender Mit Leib und Seel
ist er dabei Wo er Uhren sieht muss er sie anschaun«
»Ei Reb Itzig« lachte Sender »was seid Ihr für ein unverschämter Lügner
Ihr wisst ja ganz genau wie verhasst mir das Handwerk ist und dass mich mein
Meister jeden Tag dreimal wegjagen will Recht hat er ich bin als Uhrmacher ein
Stümper und werds bleiben Aber mich kränkt das nicht und Euch hoffentlich auch
nicht Reb Mortche Übrigens Ihr habt ja außer den Uhren wahrscheinlich noch
Geld im Beutel he«
»Verzeiht ihm« sagte der Vermittler »er er ist so wirtschaftlich so
sparsam«
»Hm Hm« Der Uhrmacher räusperte sich immer verlegener und blickte dabei
zur Erde nieder oder vielmehr nur jeder wie er kann auf seinen mächtigen
Leibesvorsprung
»Na nichts für ungut Alter« sagte Sender und klopfte ihm gemütlich auf
das Bäuchlein »Ihr scheint mir ein stilles gutmütiges Fässchen solche Leute
hab ich gern Der Alte sparts der Junge gibts aus wir werden uns schon
vertragen Aber wo ist das Mädel«
Türkischgelb gab ihm einen Rippenstoss dass er drei Schritte weit flog
»Verzeiht« sagte er zum Uhrmacher »er ist so aufgeregt weil ich ihm viel
von dem Mädchen erzählt habe und jetzt brennt er schon darauf sie zu sehen
Nun da kommt sie ja«
In der Tat erschien jetzt in der Türe welche in die Wohnung führte die
Frau des Uhrmachers und hinter ihr ein sechzehnjähriges wohlbeleibtes Mädchen
»Guten Tag« rief ihnen Sender entgegen »Ist das das Mädel Na für den
Winter nicht übel aber im Sommer müsste man sie im Keller halten sonst
zerschmilzt sie an der Sonne «
»Was« rief Frau Rifke sie traute ihren Ohren nicht
»Nun Reb Itzig« fuhr Sender gemütlich fort »ich hab sie mir zwar nach
Eurer Beschreibung anders gedacht aber « fügte er in gedämpftem Tone hinzu
den man bis auf die Gasse hinaus hören konnte »wenigstens sieht sie gottlob
ihrer Mutter nicht ähnlich«
»Was« rief Frau Rifke noch gellender und stemmte die Arme in die Seiten
»Ja ja« rief Türkischgelb laut »freilich sieht sie der Mutter ähnlich
ich habs dir ja gesagt darum ist sie so schön so «
Frau Rifkes überbreites Antlitz verzog sich zu einem verlegenen Lächeln
wem sollte sie nun glauben
»Gottlob gar nicht ähnlich« wiederholte Sender laut Dann wandte er sich an
den Uhrmacher
»Nebenbei « sagte er halblaut »eine Frage im Vertrauen Wie seid Ihr zu
den vielen Uhren gekommen«
»Was meint Ihr damit« fragte der Uhrmacher entrüstet »Gekauft hab ich
sie«
»Ich hab gemeint weil auf so vielen Genève steht das sind vielleicht
Andenken an Euren Bruder« Ein unübersetzbares Wortspiel »Genève« die
Bezeichnung der Genfer Uhren »Geneve« hebräisch Diebstahl
Reb Mortches breites Gesicht färbte sich dunkelrot »Ihr wagt es «
pustete er »Ihr wagt es «
Wieder gab Türkischgelb dem Jüngling einen Puff dass er gegen den Ladentisch
flog
»So ist der Jung« lachte er »Brennt fürs Geschäft Sieht gleich nach
welcher Stempel auf einer Uhr steht«
Aber alle Geistesgegenwart nützte da nichts mehr
»Genug« unterbrach ihn der dicke Mann keuchend vor Erregung aber
entschieden »Ich hab Euch gleich gesagt ich will mit dem Pojaz nichts zu tun
haben Ihr habt mir vorgelogen dass er vernünftig geworden ist Es ist nicht
wahr Geht mit Gott kommt gesund heim«
»Bleibt gesund« rief Sender fröhlich und war mit einem Satz zur Türe
hinaus
Er ging zur Schenke und harrte auf den Marschallik Aber dieser kam nicht
wieder Und je länger er ausblieb desto ernster wurde Sender desto bänger
wurde ihm vor den Folgen seiner Handlungsweise Und als er sich endlich nach
vierstündigem Warten entschloss allein heimzufahren da war ihm alle Lustigkeit
vergangen
Der Abend dämmerte schon als er vor den Mautschranken hielt Die Mutter
öffnete ihm
Ein Blick in ihr Antlitz zeigte ihm dass der Marschallik bereits vor ihm
dagewesen Er hatte diese Züge noch nie so streng und finster gesehen
»Ich will den Wagen abliefern« sagte er demütig
Sie nickte stumm
Als er heimkam sagte sie mit jener dumpfen klanglosen Stimme die der Sohn
so sehr fürchten gelernt »Du bist ein Lump Aber ich spreche nicht gern über
Dinge welche sich nicht mehr ändern lassen Nur über die Zukunft ein Wort Ich
habe den Marschallik bewogen dir eine andere Partie zu suchen Benimmst du dich
da ähnlich so jage ich dich aus dem Hause und kenne dich nicht mehr So wahr
mir Gott gnädig sei«
Sie erhob die Hand zum Schwure
Zwölftes Kapitel
In den nächsten Tagen war Sender sehr zerknirscht die Reue die Mutlosigkeit
lasteten schwer auf ihm »Es war Notwehr« sagte er sich zur Entschuldigung
aber wenn er die Trauer der Mutter sah oder ihrem finsteren vorwurfsvollen
Blick begegnete kam er sich wie ein rechter Sünder vor
Dann freilich regte sich jener leichte Sinn wieder der ihm ebenso im Blute
lag wie der dunkle Drang nach seinem Ziel Es gab nun freilich nur noch eine
Hilfe für ihn der Direktor in Czernowitz musste ihn aus seinen Barnower Ketten
befreien aber dieser Mann tat es auch sicherlich Und seltsam genug wuchs seine
Zuversicht desto mehr je länger die Antwort auf sich warten ließ
»Warum schweigt er« dachte er »Weil der gute Mensch eine Beschäftigung für
mich sucht Einen anderen Grund kann er gar nicht haben Wollte er Nein sagen
er würde mich darauf nicht warten lassen Und bis er was findet brauch ich ja
nicht müßig zu bleiben ich hab ja die Bücher im Kloster Freilich schneidet
mein Fedko mürrische Gesichter wenn ich ihm keinen Schnaps zahlen kann aber er
lässt mich doch immer hinein und mit der Zeit wird mir der liebe Gott auch
wieder zu einem Fläschchen Slibowitz für ihn verhelfen Und am Frieren kann doch
mir nichts liegen Hab ich als Kutscher bei Simche immer hinter dem Ofen sitzen
können«
Nur eines machte ihm ernste ja bittere Sorge was er nun lesen sollte
Mit der »Emilia Galotti« war es schlecht gegangen er hatte fast nichts
davon verstanden mit dem nächsten Bändchen des »Theater von Lessing« wie der
vergilbte Wiener Nachdruck betitelt war dem »Philotas« ging es gar nicht mehr
An die zehn Male musste er den Eingangsmonolog lesen bis ihm eine Ahnung
davon aufdämmerte in welcher Lage und Stimmung Philotas war
»Mir scheint« sagte er vor sich hin »dieser Philotas ist auch ein Soldat
wie der Tempelherr Gut da hab ich nichts dagegen Denn warum Mit einem
Soldaten kann viel geschehen ein Soldat lässt sich in einem Spiel gut machen
Das letzte Mal hab ich zu Purim jüdische Fastnacht auch einen Soldaten
gemacht einen Oberleutnant den ältesten Sohn von Haman dem Judenfeind der
sich aber bei den Juden gern Geld leiht die Leut haben sehr gelacht Das hier
scheint ein ernster ein trauriger Soldat tut nichts kann ich auch machen
Aber was für ein Mensch ist er Da kann ich bis jetzt nur so viel sehen dass er
gewiss kein Jud ist Denn erstens hat ein Jud noch nie Philotas geheißen und
zweitens sagt er dass er schon als kleiner Knabe von Waffen geträumt hat und von
Schlachten das hat auch seit Judas dem Makkabäer kein jüdisch Kind mehr getan
«
»Also« spannen sich seine Gedanken weiter »ein trauriger christlicher
Soldat Aber was für einer Ist er ein Österreicher oder ein Russ oder ein
Preuss oder ein Franzos oder ein Engländer Es ist gar nicht gesagt Schon das
gefällt mir nicht Denn wenn das Spiel gemacht wird und ich bin dieser
Philotas so muss ich doch eine Uniform anziehen Soll ich einen weißen Rock und
einen Tschako tragen wie unsere Soldaten oder einen grauen Rock und eine Mütze
wie ein Russ Aus dem Namen kann man es auch nicht erkennen Philotas und da
stehen ja auch die anderen Aridäus Strato Parmenio in meinem ganzen Leben
bin ich noch keinem Menschen begegnet der so geheißen hat Übrigens da fällt
mir eben ein der Laborant in der Apotheke heißt Philipp vielleicht heißt das
in einer anderen Sprache Philotas vielleicht sind es Franzosen denn Deutsche
oder Polen oder Russen sind es nicht «
Er nickte
»Also wahrscheinlich ein Franzos Aber was ist dieser Philotas Das ist
gar zum Lachen Hier steht Aridäus König gut Strato ist sein Feldhrr
Parmenio ist Soldat aber Philotas Philotas gefangen Zum Lachen sag ich
Gefangen ist das ein Stand ist das eine Parnosse Broterwerb Gefangen
Kommt man so auf die Welt und kann man davon leben Gefangener Feldwebel sollte
es heißen oder Hauptmann oder General denn ein Gemeiner wie mein armer Wild
ist dieser Philotas nicht sonst würde ihn ja der König nicht so pflegen lassen
Sein eigenes Zelt hat er und alle Bequemlichkeiten Aber ist er damit zufrieden
Nein er ärgert sich gar noch darüber und schimpft und schimpft und möchte sich
sogar seine Wunden aufreißen
Aber warum schimpft er Kann kein Mensch verstehen Weil er gefangen ist
Das ist doch keine Schande Er hat sich doch gewehrt sonst hätt er doch keine
Wunde Wenn ich ein Soldat bin und muss Gott verhüte es gnädig in eine
Schlacht und schlag mich herum und werd verwundet und gefangen so ist das
gewiss nicht angenehm aber ich werde sagen Das kann doch jedem Soldaten
passieren und wenn es schon geschieht so ist es doch besser ich habe Pflege
als dass ich sterben muss Also dieser Philotas ist ein Esel oder verrückt und
solche Leut gehören in kein Spiel und von dem will ich nichts mehr hören«
Er warf das Bändchen auf den Tisch und ging erregt auf und nieder
»Vielleicht auch « murmelte er nach einer Weile und hielt den Schritt an
und dachte nach
»Lessing« sprach er dann laut vor sich hin »Was hat Wild immer gesagt
Ein großer Dichter Und er hat ja auch das Spiel vom Nathan aufgeschrieben
Lessing schreibt gewiss nur was vernünftig ist Vielleicht ist es gar nicht
ernst gemeint ich mein vielleicht sollen die Leut über diesen französischen
Philipp lachen Aber nein es ist ja ein Trauerspiel da weint man Oder
vielleicht hat es doch einen Sinn und ich verstehs nur nicht Ja so wird es
sein Ich bin selbst der Esel und nicht der Philotas«
Unschlüssig begann er wieder seinen Rundgang um den Tisch Seine Zähne
klapperten vor Frost was ihm freilich nicht zum ersten Male begegnete nur dass
er diesmal diese eisige und zugleich moderschwere Luft gleichsam bis in sein
Herz hinein dringen fühlte vielleicht weil ihn heute auch das Unbehagen des
Gemüts so sehr peinigte Darum kam ihm auch diesmal Fedko nicht zu früh und als
sie an der Tartarenpforte schieden schwebte es ihm auf den Lippen »Ich komme
nicht wieder«
Er sprach es nicht aus und schon nach wenigen Stunden schien ihm der bloße
Gedanke eine Sünde Freilich verspürte er ein heftiges Kratzen in Hals und Nase
Am Abend brach eine arge Grippe aus und der Husten ließ ihn auch des Nachts
nicht ruhig schlafen aber das schien ihm wahrlich kein Grund um am nächsten
Tage das Kloster zu meiden und vollends gab es keinen inneren dazu Wenn er das
»Spiel« vom französischen Philipp nicht verstand so durfte er es freilich nicht
weiter lesen aus der Erfahrung mit der »Emilia Galotti« wusste er nun wie
wenig Nutzen ihm derlei bot Aber was folgerte daraus Er musste eben ein anderes
Spiel suchen das er fassen konnte
Vor allem etwas von »Scheckspier« dem Verfasser des »Schaje« Diesen
Dichter verstand er gewiss und das war ja obendrein wie ihm Wild versichert
der größte der je für die Bühne geschrieben Freilich hatte er seine Werke
bisher in der Bibliothek nicht aufgefunden aber sicherlich waren auch sie
vorhanden und dann war ihm geholfen Sein Herz klopfte vor Erregung wenn er
daran dachte dass er nun vielleicht auch jenes »Spiel« das ihn in Czernowitz so
mächtig ergriffen würde nachlesen können
Die beiden nächsten Male verbrachte er die Stunden in vergeblichem Suchen
Regal an Regal sah er durch ungeheure Staubwolken jagte er auf und zerstörte
Tausenden von Spinnen die emsige Arbeit ihres ganzen Lebens Antlitz Hände und
Gewand überzogen sich mit einer Schmutzkruste und der Husten wurde so arg dass
ihm der Brustkasten bei jedem Atemzug weh tat Aber »Scheckspier« stand auf
keinem der Bücherrücken
Gerade der beste fehlte Wie war dies zu erklären »Vielleicht haben die
Mönche nichts von ihm wissen wollen« dachte er »weil er an einer Stelle auch
für die Juden ein Herz gezeigt hat Aber das kanns doch nicht sein« fiel ihm
sofort bei »das hat Lessing noch mehr getan und der ist da«
Indes sein Gutes hatte dies vergebliche Suchen doch Zur Zeit da noch
Wild sein Lehrer gewesen hatte dieser einmal als er ihn besonders hartnäckig
mit Fragen gequält lachend ausgerufen »Ich bin ja kein Konversationslexikon«
Natürlich hatte er durch diese Abwehr nichts erreicht als die erneute Frage
Senders »Was ist das« Wild hatte es ihm erklärt und beigefügt das sei ein
sehr nützliches Buch man könne darin alles finden was man wissen wolle
Ein solches Buch war Sender bei der Jagd nach dem großen Dichter in die
Hände gefallen Er hatte es beiseite gelegt und holte es nun hervor Vielleicht
war es besser wenn er statt der unverständlichen Spiele dies nützliche Werk
duchlas Freilich war es gerade kein ermutigendes Anzeichen dass er auch hier
schon den Titel nicht verstand »Konversationslexikon oder enyklopädisches
Realwörterbuch Leipzig 1846«
Aber vielleicht ging es mit dem Text besser Dass man ein solches Buch nur
zum Nachschlagen benütze wusste er natürlich nicht er schlug das erste Blatt
auf und las weiter unter beständigem Räuspern Husten und Schnäuzen So erfuhr
er dass Aa ein Fluss in Frankreich sei Aachen eine Stadt in Preußen Aal ein
schlangenförmiger Fisch und Abbotsford das Landgut eines Herrn Walter Scott den
er aber nicht kannte
Kurzweilig war auch dies nicht und hätten ihn die Kälte im Büchersaal und
sein körperliches Missbehagen nicht wach erhalten so wäre er wohl über dem Bande
eingenickt Und natürlich verstand er auch in diesem Buche nicht alles Trotzdem
hielt er tapfer aus und hatte bereits erfahren dass Akbar ein mongolischer
Kaiser von Hindostan gewesen und Akerside ein englischer Dichter als sich ein
Hindernis ergab das auch diesen bescheidenen Lesefreuden ein Ende zu machen
drohte
Dies Hindernis war die Überzeugung des Fedko dass jede Arbeit ihren Lohn
verdiene Wohl ließ er Sender täglich ein aber seine Miene ward immer düsterer
und an dem Tage da dem wissbegierigen Jüngling der Genuss winkte über »Akerside«
hinaus zu den »Akephalen« zu gelangen stieß der Alte beim Empfang an der
Tartarenpforte einen so tiefen Seufzer aus dass Sender wohl oder übel um den
Grund fragen musste
»Weil mein Herz schwer ist« erwiderte Fedko »Ein Jude im Kloster es tut
doch nicht gut Gestern klagt mir der Pater Ökonom dass unsere Schweine gar
nicht mehr fett werden wollen Am Ende ist das doch ein Zauber «
»Aber Fedko« wandte Sender traurig ein »wie kannst du das glauben
Schweine mager zu machen ist doch ein schwerer Zauber und ich hätt nichts
davon Wenn ich zaubern könnt möcht ich mir meinen Husten und Schnupfen
wegzaubern und noch lieber möcht ich dann meinem lieben Fedko ein Fläschchen
Slibowitz in die Tasche zaubern Denn Geld hab ich leider nicht «
Das leuchtete dem Alten ein aber fröhlich machte es ihn nicht
»Ich habe nur gemeint« entschuldigte er sich »weil ihr diese lieben
Tierchen nicht leiden könnt Ein dummes Volk seid ihr Keinen Schweinebraten
essen keinem Mädchen nachlaufen keinen Schnaps trinken keine Lieder singen
ein ganz dummes und trauriges Volk Aber wenn es auch nicht dein Zauber ist
so vielleicht Gottes Strafe Ihr lasst mir einen Juden ins Kloster ich mache
eure Schweine mager Das bedrückt mich sehr «
»Aber ohne Grund« tröstete Sender »Wenn wir nächstens wieder bei Srul
Schänker zusammensitzen werde ich es dir beweisen«
»Nächstens« fragte Fedko kummervoll »Mein Herz ist sehr schwer Könnte
es nicht heute sein«
»Ich sage dir ja kein Heller Aber nächstens wenn unter deiner Adresse
ein Brief aus Czernowitz kommt du weißt ja«
»Ich weiß dass du ihn erwartest« erwiderte Fedko schmerzlich »Aber sonst
weiß ich leider nur dass unsere armen Schweinchen Übrigens wie Gott will
Für eine Woche will ichs noch tragen«
Auch Sender seufzte tief auf als er diesmal in die Kutte des Ämilius
schlüpfte und sich an dem großen Tische niederließ Und seine Bekümmernis war
nicht erheuchelt »Noch eine Woche « er wusste dass Fedko Wort halten würde
Dann war ihm das einzige was er hier aus eigener Kraft zur Erreichung seines
Ziels tun konnte abgeschnitten
Betrübt beugte er sich auf das dicke Buch nieder
»Akephalen« begann er zu lesen »das heißt Hauptlose Was« unterbrach er
sich »Menschen ohne Kopf«
Aber da hieß es nun »Zuerst die Monophysiten« er buchstabierte es
nochmals »heißt ein Name« seufzte er »und was er bedeutet mag Gott wissen
also Monophysiten welche sich 483 wie lang ist das her Vierzehnhundert
Jahr Gott meiner Väter das ist doch schon gar nicht mehr wahr Aber was haben
diese Leut vor vierzehnhundert Jahren gemacht 483 von der
Kirchengemeinschaft mit dem Patriarchen Petrus Magnus von Alexandrien lossagen
das heißt scheint mir sie haben mit dem Peter nichts zu tun haben wollen
und da haben sie ja recht gehabt weil er ein Patriarch war Denn ein Patriarch
heißt ein dicker roter Geistlicher der aber ganz schlecht ist und immer sagt
dass der Jude verbrannt werden muss so steht es ja im Spiel vom Nathan Also
alles in Ordnung Aber wissen möcht ich ob es mich was angeht dass sie mit
dem Peter im Altertum nicht in dieselbe Kirche haben gehen wollen weil Gott
was ist das für ein Wort weil er das Häretikon des Kaisers Zeno angenommen
hatte Was kann das sein was er vom Kaiser angenommen hat Gewiss etwas
Unrechtes Aber was «
Er schüttelte den Kopf und las dann weiter
»Akiba was Er meint doch nicht den Rabbi Akiba Er wird doch mir nicht
vom Rabbi Akiba erzählen wollen der Sohn Josephs Schüler des Gamaliel
also doch es ist wirklich der Rabbi Akiba mit dem mich schon mein alter Lehrer
Simon in Buczacz genug gelangweilt hat war ein berühmter Rabbi wirklich
Neuigkeiten weiß du einem zu erzählen der der Hauptgründer der Mischna wurde
Und das ist alles und mehr weiß er nicht«
Erzürnt schlug Sender das Buch zu und sprang auf
»Ich Narr« rief er »ich großer Narr Eine Stund frier ich jetzt wieder
zum Erbarmen Und wenn ich so bedenk was ich überhaupt während der drei Wochen
aus dem Buch da gelernt hab lachen könnt ich wenn ich nicht weinen müsst
Dass Aal ein Fisch ist aber ohne Schuppen und wie eine Schlange und man isst ihn
geräuchert oder gekocht oder mariniert Davon werd ich ein guter Spieler und
kann zum Theater gehen Obendrein weiß ich noch gar nicht was mariniert heißt
aber wenn ichs wüsst hätt ich auch nichts davon denn Fische die auf dem
Land kriechen können sind ja trefenach dem jüdischen Speisegesetz verboten
Und dann weiß ich noch dass die Affen vier Hände haben und einen Schwanz aber
das hab ich schon früher gewusst und alles andere was ich noch gelesen hab
hab ich vergessen Nein nein Wild hat sich einen Spaß mit mir gemacht
oder es gibt verschiedene Bücher von dieser Art und das ist ein dummes
schlechtes Buch Und für diese Sach sich krank machen und auch noch Schnaps
zahlen und sorgen wo man Geld dazu hernimmt Ich werd dem Fedko sagen wenn
er nur schon käm ich werd ihm sagen «
Er schlug mit den Händen um sich dass Staubwolken aus der Kutte fuhren und
murmelte vor sich hin was er dem Alten sagen wollte Aber es währte noch eine
Stunde bis Fedko erschien und während dieser Zeit überlegte sich Sender die
Sache anders und gründlicher
Nein Er gab das Lesen nicht auf so lang es anging Es schien keinen Nutzen
zu haben aber war er gebildet war er ein Deutsch stand ihm darüber ein Urteil
zu Und wenn es nutzlos war so tat er doch was er konnte Hilf dir selbst
dann wird dir Gott helfen der fromme Spruch aus seiner Knabenzeit an den er
lang nicht mehr gedacht klang wieder in ihm auf »Aushalten muss ich
aushalten«
Als Fedko endlich kam sagte er ihm genau das Gegenteil dessen was er
zuerst beabsichtigt er sei ihm sehr dankbar und hoffe ihm diese Dankbarkeit
bald zu beweisen
Der Greis nickte
»Binnen einer Woche« sagte er nachdrücklich und entließ ihn auf die Straße
Dreizehntes Kapitel
Die Tage vergingen die Antwort aus Czernowitz traf nicht eineine andere
Aussicht etwas zu verdienen ergab sich nicht Von der Mutter ein Geschenk zu
erbitten wäre Torheit gewesen Sie blieb in ihrem Benehmen gegen ihn stets
gleich kalt gab ihm nie ein schlechtes aber auch nie ein gutes Wort und nur
zuweilen wenn er unversehens den Blick erhob fand er ihr Auge kummervoll und
prüfend auf sich gerichtet namentlich in den letzten Wochen wo sein Gesicht
etwas spitzer geworden und er so viel hüstelte Auch fragte sie ihn einmal wo
er sich so arg erkältet und ob er beim Husten ein Stechen in den Lungen
verspüre Aber es klang so gleichgültig als hätte sie ihn gefragt ob ihm ein
Knopf am Kaftan fehle und als er eifrig versicherte er fühle sich ganz wohl
drang sie nicht weiter in ihn und stellte nur des Abends schweigend eine Tasse
Eibischtee vor ihn hin »Ich danke dir Mutter« sagte er und suchte ihre Hand
zu fassen da zog sie sie sachte zurück
Dies Benehmen und noch mehr das heimliche Bewusstsein seiner Schuld er war
ja fest entschlossen sie zu verlassen sobald er konnte ließ ihn keinen
Versuch wagen sie zu begütigen Stumm und gedrückt saß er ihr gegenüber und
suchte sobald er konnte sein Kämmerchen auf
Auch sein Verhältnis zu Jossele Alpenrot hatte sich seit dem Abenteuer von
Mielnica noch verschlechtert Heftig zu werden oder gar Schimpfworte zu
gebrauchen lag nicht im Wesen des stillen ruhigen Männchens Auch seine
Mahnreden wiederholte er nicht mehr Aber der Lehrling schien für ihn kaum noch
auf der Welt zu sein und er gab sich mit seinem Unterricht keine Mühe mehr
Dennoch fasste sich Sender am Morgen des Tages wo die Frist die ihm Fedko
gesetzt hatte ablief ein Herz und brachte seine Bitte vor
Der Meister blickte kaum von der Arbeit auf
»Nein« sagte er ruhig und leise wie immer »Keinen Heller Es geschieht
nicht aus Geiz oder Härte frag nur in der Gasse nach wenn du das glaubst
Aber du verdienst es nicht Deine Arbeit taugt nichts Auch will ich dir nichts
geben denn dann bleibst du vielleicht noch länger bei mir als sonst«
»Ihr wollt mich los sein« rief Sender
Der kleine Mann nickte
»Wie gern wär ich dich los Sehr sehr gern« versicherte er treuherzig
»An dem Tag schenk ich den Armen fünf Gulden Und fünf Gulden ist viel Geld
und ich verdien sie nicht leicht«
»Warum Hab ich Euch was Böses getan«
»Nein was man so Böses nennt nicht Das ist es ja eben Wenn du mir einen
Streich spielen würdest und wer könnte das besser als du so wärs zu Ende
Denn so habe ich es mit deiner Mutter abgemacht An dem Tage wo er gegen mich
den Pojaz herauskehrt darf ich ihn hinauswerfen Du tust es leider nicht und
ich muss deiner Mutter mein Wort halten Denn sie ist ein braves Weib und Gott
hat sie ohnehin hart genug mit dir gestraft durch mich soll sie keine traurige
Stund haben Aber schwer fällts mir«
Sender fühlte den Zorn in sich aufsteigen umso heftiger mit je sanfterer
Stimme das Männchen seine Reden vorbrachte Aber er bezwang sich ein Streit
mit dem Meister das wars just noch was ihm zu seinen Bedrängnissen fehlte
»Aber nun den Grund« sagte er »Ihr werdet einsehen Meister dass Ihr mir
das schuldig seid«
Der Uhrmacher nickte wieder
»Das ist wahr« sagte er »Aber der Grund ein Grund Komm her
Sender hier an meinen Tisch Sieh dir das Werk von dem Ührchen da an das
ich eben reparieren tu gehört dem Herrn Kreiskommissär Ein feines Ührchen
ein schönes Ührchen« fügte er mit fast zärtlicher Stimme bei und strich mit dem
kleinen Finger liebevoll über den Rand »es ist auch gottlob nicht ernstlich
krank sondern muss nur gereinigt werden Also wie viel Rädchen siehst du
da«
»Vier«
»Vier Richtig Was jeder Bauer sehen könnt siehst du auch Aber mehr
nicht Und viel mehr als ein Bauer verstehst du auch nicht und kannst du nicht
machen Schon das ist schlecht für mich Freilich bezahl ich dir nichts aber
auch einem anderen Lehrling würd ich nichts geben und an dem hätt ich doch
mit der Zeit eine Hilfe Jeder Mensch darf doch auf seinen Vorteil sehen nicht
wahr Aber dass du mir Schaden bringst weil alle meine Zeit und Müh an dir
verloren ist das ist nur ein Rädchen in der ganzen Sach und zwar das
kleinste Das Rädchen ist da«
Er wies mit dem Finger auf das Uhrwerk »Aber daneben« fuhr er fort »ist
ein größeres warum lernst du nichts Weil du ungeschickt bist Nein Oder dumm
Einen gescheiteren Burschen hab ich nie gehabt Oder weil du zu kurze Zeit
dabei bist Das ist ja gar schon deine zweite Lehrzeit Du lernst nichts weil
du kein Herz für unser goldenes Handwerk hast Ich aber Sender du wirst
mich ja nicht verstehen oder gar verspotten aber sagen will ichs dir doch
Täglich im Morgengebet wenn ich die Stelle sag Ich danke dir Herr dass du
mich als Mann geschaffen hast füge ich bei und als Uhrmacher Ich sag es nur
in Gedanken denn man kann doch nicht ins Gebet deutsche Worte mischen und für
Uhrmacher haben unsere Väter kein Wort gehabt aber Er hört mich doch und weiß
dass ich Ihm dankbar bin Ich denk mir oft Du hast viel Sorgen Jossele und es
könnt dir besser gehen aber du tauschst doch mit niemand und kannst nie
unglücklich werden denn du bist gottlob ein Uhrmacher Mit wem sollt ich
tauschen Mit einem Wucherer Pfui Oder mit einem anderen Handwerker Der
Schuster der Tischler mit welchen Sachen haben sie es denn zu tun Mit toten
groben Sachen Meine sind fein und leben Holz ist Holz und Leder ist Leder
aber jede Uhr hat ihre eigene Natur man muss sie erkennen und lieb haben dann
vergilt sie einem die Mühe Ich sag dir Sender ich Jossele der arme Mann
beneid keinen außer vielleicht deinen früheren Meister Hirsch Brandeis in
Buczacz weil ich leider nicht so geschickt bin wie er Aber ein Herz dafür hab
ich wie er Und nun sitzt einer neben mir der kein Herz dafür hat der dies
schöne Handwerk verachtet und das kränkt mich das ärgert mich das empört
mich«
Der kleine Mann erhob auch nun seine Stimme nicht aber sie zitterte und
seine Wangen brannten
»Verachtet« sagte Sender abwehrend »Das nicht Meister« »O ja Für einen
Dieb hältst du einen Uhrmacher gerade nicht aber du möchtest es nicht bleiben
Nicht um die Welt Und warum nicht Das ist das dritte Rädchen und noch weit
größer als das zweite weil du zu gut dafür bist du der Pojaz Natürlich
du bist ja gescheit und es fallen dir ja lustige Sachen ein über die man
lachen muss und du kannst jedem nachäffen und ihn so verhöhnen dass kein Mensch
mehr Achtung für ihn hat Wer das kann denkst du ist zum Handwerker zu gut
Ich aber sage dir« und nun erst schwoll die Stimme an »du bist zu schlecht
dazu Es gibt zweierlei Arten von Menschen die braven fleißigen die sich ihr
Brot im Schweiß ihres Angesichts verdienen das sind die Gelehrten und die
Handwerker Und andere gibt es die verachten die Arbeit und missbrauchen den
Verstand den ihnen Gott gegeben hat und leben von anderer Leut gutem Ruf und
aus anderer Leut Sack die Schnorrer die Marschalliks die Pojazen Ich bin
ein echter Uhrmacher und du bist ein echter Pojaz und darum hass ich dich
hass ich dich«
Die Erregung des Männchens gab Sender die Ruhe zurück »Das ist traurig für
mich« sagte er »Aber für Euch ists nicht schön Ja Meister es gibt
Uhrmacher und es gibt Pojazen aber warum Weil sie es so wollen Nein weil
Gott es so will Glaubt Ihr Ihr hättet ein Marschallik werden können wie unser
alter Reb Itzig«
Jossele machte eine Bewegung entrüsteter Abwehr
»Ich weiß« fuhr Sender rasch fort »Ihr hättet es auch nicht werden wollen
Also auch nicht können Meister Ihr sagt ich hätt kein solches Herz für unser
Handwerk wie Ihr Wenn das wahr ist man gibt sich ja nicht selbst sein Herz
sondern Gott tut es«
»Lass Gott dabei aus dem Spiel« rief Jossele »Gott meints mit jedem
Menschen gut Gott gibt jedem das Herz zu einer anständigen Arbeit Es kommt nur
auf unseren Willen an auf die Bravheit den Fleiß Ein guter Handwerker kann
jeder werden es ist nur sündige Hoffart wenn einer sagt Nein das mag ich
nicht lieber Pojaz dazu bin ich geboren Und mehr noch als die Hoffart spricht
der Hang zum Müßiggang solche Worte aus euch Es gibt keine geborenen Pojazen
so unbarmherzig ist Gott nicht Und wenn du hundert Tage redest ich glaub es
nicht«
»Und ich Euch nicht«
»Natürlich Wolltest du mir glauben du müsstest dich ja vor mir schämen
Übrigens wenn du recht hast wenn du ein geborener Pojaz bist was suchst du
hier Willst du bei mir Künste lernen Ich versteh nichts nur mein Handwerk
«
»Ihr wisst« erwiderte Sender düster »es ist nicht meine Wahl Und Ihr
behaltet mich auch nur meiner Mutter zuliebe So bitt ich Euch habt Geduld mit
mir vielleicht gehts doch«
»Ja wenn das vierte Rädchen nicht war« rief Jossele »Und das vierte ist
grad das größte Du bist ein schlechter Bursch und treibst wüste Sachen«
»Ich« rief Sender
»Du Du bist schlecht sag ich Dass du nicht heiraten willst wundert mich
nicht ein Pojaz will nicht gebunden sein wenn er seine Späße heut hier und
morgen dort auskramen will Aber warum sagst du denn nicht deiner Mutter Nein
warum lässt du wenn du zu feig dazu bist Schuldlose für diese Feigheit büßen
Du hast es auf dem Gewissen wenn Reb Mortche Diamant vielleicht erst in Jahren
vielleicht niemals einen Mann für seine Chaje findet die dummen Leut lachen
wenn man ihren Namen nennt so hast du sie durch deine Possen blossgestellt Ich
weiß du bist gar noch stolz darauf «
»Bei Gott nein« beteuerte der Gescholtene
Der Meister richtete sich auf wieder überflammte der Zorn sein Antlitz
»Wer hats unter die Leut gebracht« rief er »Etwa Reb Mortche weil er
so viel Freud davon hat Du warst es«
Sender musste den Blick senken In der Tat hatte er einigen davon erzählt
Aber noch schlimmer ward ihm zu Mut als Jossele fortfuhr
»Das ist aber noch nicht das Ärgste Das Ärgste ist was du jetzt treibst
Wo bist du immer während der Mittagszeit Ich hab geglaubt bei deiner Mutter
Aber du kommst nur nach Haus das Essen in dich hineinzuschlingen dann rennst
du wieder davon Hierher aber kommst du immer zu spät und wie schaust du dann
aus Halb erfroren bist du und Augen hast du als hättst du zu viel getrunken
Ich habs deiner Mutter bisher verschwiegen aus Mitleid sie härmt sich
deinetwegen ohnehin genug ab Aber jetzt muss es sein denn jetzt weiß ich
endlich was dahinter steckt«
Sender wurde totenbleich Hatte der Meister seine Besuche im Kloster
wirklich erkundet so musste er sofort fliehen gleichviel wohin auf die Gefahr
am Wege zu erfrieren oder Hungers zu sterben Denn in Barnow quälten ihn die
Fanatiker unter den Chassidim langsam zu Tode
»Du zitterst Du kannst mir nicht ins Gesicht sehen Hättst du dich doch
lieber geschämt eh du diese Schande und Sünde auf dich und ganz Israel geladen
hast So was war ja noch nicht da seit Barnow steht «
Kein Zweifel der Mann wusste alles Aber hatte er trotzdem bisher
geschwiegen so tat er es vielleicht auch ferner sofern man ihn nur recht darum
anflehte
»Meister« stammelte Sender »denkt an meine Mutter «
»Hast du an sie gedacht als du dich so an Gottes heiligem Namen versündigt
hast«
Sender beugte das Haupt noch tiefer
»Ich sehe ja ein« flehte er »es ist eine Sünde Aber seht anderswo in
Czernowitz zum Beispiel ist ja jeder Jud ein Deutsch «
»Eine schöne Ausred Übrigens hab ich das sogar von den Czernowitzern die
doch gewiss Abtrünnige sind nie gehört dass dort jeder eine Liebschaft mit einer
Christin hat wie du «
»Was« Sender traute seinen Ohren nicht
»Willst du dich aufs Lügen verlegen Du hast es ja eben gestanden Du
treibst dich täglich irgendwo mit ihr herum Neulich bist du sogar mit einem
ganz beschmutzten Kaftan hergekommen Und mager und grün wirst du davon Pfui
pfui«
»Ich bin unschuldig« rief Sender und beteuerte es mit feierlichen Eiden Es
nützt ihm aber nichts bis er auf Josseles Drängen auch bei dem Leben seiner
Mutter schwor dass er keine Christin liebe Da erst gab sich der Meister
zufrieden eines solchen Meineids wäre auch der gewissenloseste Jude nicht
fähig
Während aber Sender schwor dachte er angstvoll nach welcher Sünde er sich
statt dessen beschuldigen sollte Endlich fiel ihm etwas bei was nicht allzu
unwahrscheinlich klang Jedes Judenstädtchen ist von einem an Häusern Bäumen
oder Pflöcken befestigten Draht dem »Eiruw« umzogen Bei den »Mismagdim« in
Galizien den frommen Gemeinden in Posen und Westpreussen hat der »Eiruw« nur für
den Sabbat Bedeutung Da der Jude an diesem Tage keine Last aus seinem Hause
hinaustragen darf also niemand mit einem Gebetsmantel oder einem Taschentuch
auf die Gasse treten dürfte so wird durch den »Eiruw« der den Ort umschließt
die Fiktion hergestellt als wäre das ganze Weichbild ein Haus Der Sekte der
»Chassidim« aber die ja in Barnow die herrschende war genügt diese Bedeutung
des Drahtes nicht Bei ihnen ist es überhaupt verboten zu anderen Zwecken als
in Geschäften oder um das Gotteshaus aufzusuchen die Stube zu verlassen denn
der Fromme soll daheim sitzen und über Talmud und Tora grübeln Da aber auch
sie dies nicht immer tun können so bedeutet der »Eiruw« die Grenze innerhalb
deren man spazieren gehen darf denn da verlässt man gleichsam das Haus nicht
»Den Eiruw hab ich überschritten« gestand also Sender zu »Aber seht
Meister als Kutscher hab ich mich an frische Luft gewöhnt Ich muss täglich
gehörig laufen«
Jossele schüttelte den Kopf »Du lügst mich an« sagte er Aber sein erster
Verdacht war ungerecht gewesen und eine andere Erklärung für die steifen Hände
und die glänzenden Augen seines Lehrlings hatte er nicht so musste er denn
diesen Anwurf wohl oder übel fallen lassen
Das aber wurmte ihn und darum wurde er doppelt heftig
»Deshalb bist du doch schlecht« rief er so laut wie man es kaum je von ihm
gehört »Und von mir kriegst du nie einen Heller Geh in die Welt werd ein
Schnorrer Da bekommst du für deine Späße Essen und noch ein paar Kreuzer dazu
«
»Schweigt« brauste Sender auf und ballte die Fäuste »Ein Schnorrer«
Nicht umsonst hatte ihn Rosel in der Anschauung erzogen dass dies das
erbärmlichste jammervollste Gewerbe unter der Sonne sei
»Warum« sagte der kleine Mann höhnisch der Zorn der lang zurückgehaltene
Hass übermannte ihn »War nicht dein Vater Mendele ein Schnorrer Und deine
Mutter «
»Meine Mutter« fiel ihm Sender heiser vor Wut ins Wort und trat dicht an
ihn heran »Wer was gegen meine Mutter sagt den schlag ich nieder Und mein
Vater Was gehts mich an was aus Froim dem Schreiber geworden ist Denn
Froim hat er geheißen und nicht Mendele Er hat mich in die Welt gesetzt ja
aber wer so schlecht gegen meine arme Mutter war den brauch ich nicht als
Vater zu achten Und vorgeworfen hat mir bisher noch niemand das Unglück für
das doch ich nichts kann Ihr seid der erste schämt Euch«
Aber es bedurfte dieser Rüge nicht Jossele Alpenrot schämte sich in diesem
Augenblick ohnehin so sehr dass er in die Erde hätte versinken mögen freilich
aus einem anderen Grunde der aber noch viel triftiger war Er war eben im
Begriffe gewesen eine Roheit zu begehen die ihm niemand in Barnow verziehen
hätte geschweige denn Frau Rosel die er so aufrichtig verehrte Jedem
einzelnen in der Gemeinde auch ihm hatte ja der Rabbi das Gelübde abgenommen
Sender niemals das Geheimnis seiner Geburt zu entdecken »Es wär so schlecht
und roh von euch« hatte der Priester gesagt »wie wenig anderes auf der Welt«
Und dieser Roheit dieser Schlechtigkeit hatte er Jossele Alpenrot ein
»feiner Mensch« ein frommer Mann ein Uhrmacher sich eben schuldig machen
wollen Freilich nur weil ihm der Zorn die Besinnung geraubt aber war dies
eine Entschuldigung
Er war fahl geworden und zusammengeknickt wie ein Taschenmesser
»Verzeih« stammelte er »ich «
In derselben Haltung war vor fünf Minuten Sender vor ihm gestanden als der
Meister gesagt er wisse um seine Schliche Die beiden hatten ihre Rollen
getauscht
Sender war noch zu erregt um dessen inne zu werden Schweratmend stand er
da »Schämt Euch« wiederholte er noch einmal
»Ich schäm mich ja« sagte der kleine Mann weinerlich »und du darfst
deiner Mutter nichts davon sagen «
Da erst kam Sender der jähe Wechsel der Situation zum Bewusstsein Jählings
schlug nun auch seine Stimmung um er fühlte einen Lachreiz in der Kehle Aber
er unterdrückte ihn und sagte finster »Ihr aber werdet Ihr natürlich vom Eiruw
erzählen und dass ich überhaupt nichts tauge «
»Nein« beteuerte Jossele »Hab ich ihr denn bisher was gesagt Also es
bleibt unter uns«
Er streckte dem Lehrling die Hand hin Aber dieser tat als sähe er es
nicht Es überraschte ihn wie zerknirscht der Meister nun war er wusste es sich
nicht recht zu erklären aber das war Josseles Sache und die seine war aus
dieser Wendung der Dinge Nutzen zu ziehen
»Ihr habt mich schwer gekränkt« sagte er »Ob ich als Uhrmacher was tauge
oder nicht gleichviel ich bin ein ehrlicher Mensch wie Ihr Der Mutter
will ich nichts davon sagen es würde sie auch zu sehr kränken aber einen
Dritten wollen wir fragen ob das recht war mir vorzuwerfen dass ich eines
Schnorrers Sohn bin Den Rabbi zum Beispiel wenn es Euch recht ist «
»Um Gottes willen« wehrte der Uhrmacher so entsetzt ab dass ihn Sender ganz
verblüfft anstarrte
»Nein« fuhr der Meister fast atemlos fort »Wir brauchen keinen
Schiedsrichter Wir werden uns auch so vertragen Du verzeihst mir und ich dir«
Er ergriff Senders Hand und drückte sie »Und was ich noch sagen wollt« fuhr
er fort »du hast mich um einen kleinen Lohn gebeten Du verdienst ihn zwar
eigentlich nicht das heißt hm Also da du den ganzen Tag da sitzest in
Gottes Namen Womit wärest du denn zufrieden«
Sender riss die Augen weit auf ihm wars als ob er träume Das hatte er
nicht zu hoffen gewagt Wenn er sich vorhin gekränkter gestellt als er war so
geschah es nur um dem Meister in Zukunft nicht gar so hilflos gegenüberzustehen
wie heute Und nun bot ihm dieser das Geld an
»Ihr seid doch ein guter Mensch« sagte er gerührt und er meinte es
ehrlich Ein Gulden Monatslohn war das geringste was er fordern konnte und um
diesen Betrag bat er auch
»Ein Gulden« rief Jossele erleichtert er war auf das Doppelte gefasst
gewesen »Nun weil ich dich gekränkt hab und weil ich hoff es wird ein
Sporn sein du sollst ihn haben Vom nächsten Monat ab«
»Neingleich« bat Sender und Jossele gab nach »Aber nun an die Arbeit«
schloss er
So saßen Meister und Lehrling wieder friedlich in der Werkstätte
nebeneinander jeder über seine Arbeit gebückt aber viel brachten beide an
diesem Vormittag nicht vor sich Der Meister war zu ärgerlich der Lehrling zu
freudig gestimmt
»Ich hab doch in allem recht gehabt« dachte Jossele »und es war dem Pojaz
zu gönnen dass ers einmal gründlich zu hören bekommt Da bringt mir ein böser
Geist den Mendele auf die Zunge Das hätt eine schöne Geschichte werden können
in der ganzen Gemeinde wär ich in Verruf gekommen Aber das mit dem Gulden war
doch eine Übereilung Was hab ich nun davon Der Pojaz bleibt mir auf dem Hals
nur dass ich ihn noch bezahlen muss«
Hingegen hegte Sender nun keinen Groll mehr »Ein guter Mensch ist dieser
KleinJossele« dachte er »freilich nur eben so ein Uhrmacher Merkwürdig er
hasst mich weil ich ein anderer Mensch bin als er warum fällt mir nicht ein
deshalb ihn zu hassen Er ist mir gleichgültig eigentlich schau ich ihm sogar
nicht ungern zu wenn er so dasitzt und seine Ührchen anlächelt wenn ich
einmal in einem Spiel einen braven Handwerker zu machen hab der auch so viel
Verstand hat wie einem solchen Menschen nötig ist aber nicht mehr dann soll
er sich benehmen wie Jossele Hassen O wie lieb wollt ich dich haben wenn
ich nicht den ganzen Tag mehr dasitzen müsst und die verdammten Rädchen
reinigen Nur in einem hat er recht gehabt ich hätt die Mielnicer
Geschichte nicht erzählen sollen aber wenn ich geschwiegen hätt so hätten die
Leut am End geglaubt dass Reb Mortche mich nicht gewollt hat Nein« rügte
er sich dann selbst »lüg nicht Sender deshalb hast dus nicht getan was
wär dir auch daran gelegen sondern weils dir Freud macht wenn die Leut
über deine Geschichten lachen Es kitzelt dir im Hals wenn du so was weißt du
würdest dran ersticken wenn dus verschweigen müsstest Die dicke Chaje
bekommt schon noch einen Mann Gott sorgt für uns alle« er griff nach der
Westentasche wo er den Papiergulden geborgen »er hat auch für mich und meinen
Fedko gesorgt«
Nicht minder fromm nahm der alte Klosterdiener die Flasche Slibowitz
entgegen die ihm Sender diesmal mitbrachte »Das hat Gott nicht gewollt« sagte
er »dass ich in meinem Schmerz ohne Trost bleibe Denn unsere Schweinchen
lieber Senderko wollen noch immer nicht fetter werden«
Woche um Woche verging und Neujahr war längst vorüber aber Fedko
beantwortete die tägliche Frage ob der Brief aus Czernowitz gekommen immer
wieder mit einem energischen Kopfschütteln und fügte zuweilen sogar ein
spöttisches Wort hinzu Aber Sender ließ sich nicht irre machen »Dann kommt er
morgen« sagte er
Diese Zuversicht sollte sich glänzend erfüllen Als er eines Tages es war
im Februar und bald ein Jahr herum seit er in Czernowitz gewesen wieder an
der Tartarenpforte erschien stand Fedko harrend da ein mächtiges Paket unter
dem Arm
»Das hat mir heute der Briefträger gebracht« sagte er »Er hat mich sehr
ausgelacht denn es fühlt sich an wie Bücher und ich kann ja nicht lesen«
Mit zitternder Hand ergriff Sender das Paket und drückte es an sich Im
Biblioteksaal löste er die Siegel
Es waren wirklich Bücher eine deutsche Sprachlehre zum Selbstunterricht
eine kleine Weltgeschichte ein Lehrbuch der Geographie ein Rechenbuch ein
Briefsteller ein Lesebuch für Gymnasien und ein »Katechismus der
Schauspielkunst«
Ein Brief lag bei Der Direktor entschuldigte sich zunächst dass er erst
jetzt antworte er sei erst vor einigen Wochen mit seiner Truppe nach Czernowitz
gekommen weil sich in der Stadt kein genügendes Publikum für die ganze
Wintersaison finde und habe sich dann auch die Sache gründlich überlegen
wollen Er halte es nach reiflicher Erwägung auch nun noch für das beste dass
Sender in Barnow bleibe bis er sich die nötigste Bildung angeeignet sei er
erst einmal bei der Truppe so werde er dafür keine Zeit keine Ruhe vielleicht
auch keine Lust mehr haben Mit Hilfe der beiliegenden Bücher werde er sich auch
hoffentlich ohne Lehrer fortelfen »Du nimmst« heißt es weiter »zuerst die
Sprachlehre durch dann die anderen Bücher Der Briefsteller soll Dir nur als
Muster dienen den Katechismus liest Du zuletzt Geht es trotz der Bücher gar
nicht oder wollen sie Dich um jeden Preis verheiraten und kannst Du Dich
unmöglich anders dagegen schützen so komm in Gottes Namen sofort zu mir ich
bleibe bis Ende April in Czernowitz Aber es scheint mir wie gesagt für Dich
vorteilhafter wenn Du erst im Januar also nach einem Jahr zu mir kommst Noch
eins Bis Du meine Bücher ganz genau durchgelesen hast und verstehst musst Du
das Lesen in der Bibliothek bleiben lassen dann magst Du Schiller oder Lessing
lesen aber nicht Goethe oder Shakespeare Leb wohl bleib fröhlich Gott
schütze Dich und ich werde Dich nie verlassen Brauchst Du Geld sei es zur
Reise oder weil es Dir zu schlecht geht so schreib mir ich hab selbst nicht
viel aber es wird schon für uns beide reichen«
Sender las den Brief wohl an die zehn Male seine Augen feuchteten sich so
oft er an den Schluss kam »Der gute Mensch« murmelte er »der gute Mensch
Natürlich will ich ihm in allem gehorchen es ist ja bitter dass ich noch hier
bleiben muss aber er weiß warum«
Als Fedko erschien nahm Sender Abschied von ihm »Vielleicht komme ich in
den nächsten Monaten wieder« versprach er
Aber der freundliche Greis schüttelte traurig den Kopf »Es ist aus« sagte
er »für immer aus Ich habe ja gewusst es wird so kommen Dass du täglich so
bitter frierst und ich dafür Slibowitz trinke es war mir immer wie ein schöner
Traum und ein Traum kann nicht ewig dauern Nun kommt wieder der gemeine
Schnaps wo ich drei Fläschchen trinken muss bis mein Herz heiter wird und den
muss ich mir obendrein selbst bezahlen Aber das ist der Welt Lauf Leb wohl
Senderko«
Vierzehntes Kapitel
»Euer Hochwohlgeboren
In umgehender Erwiderung Ihres Werten vom 30 Januar beehre ich mich ganz
ergebenst mitzuteilen dass Ihnen Gott soll Glück geben und Segen und langes
Leben und soll Ihnen vergelten was Sie an mir armem Menschen tun
Es war mir sehr angenehm aus Hochdero Zuschrift zu ersehen dass sich Euer
Hochwohlgeboren in erwünschtem Wohlsein befinden und ich möcht wissen ob Sie
gesund sind und ob die Czernowitzer wenigstens die paar Wochen viel ins Theater
gehen denn der Herr Wohltäter hat ja leider kein Wort über sich geschrieben und
über die Frau und die Geschäfte Auch war ich sehr erfreut daraus zu entnehmen
dass Hochdero Unternehmungen guten Fortgang nehmen und der Herr Nadler braucht
sich nichts daraus zu machen denn für die Czernowitzer ist es eine Schand dass
er dort nicht den ganzen Winter sein kann aber nicht für ihn
Euer Hochwohlgeboren gefällige Sendung habe gleichzeitig erhalten und beehre
mich für die prompte Ausführung meiner Aufträge meinen Dank zu sagen
aufgegebenen Gegenwert habe Ihnen bestens gebucht Lieber Herr Wohltäter ich
hab ja lang auf den Brief warten müssen aber ich hab gewusst der gute Mensch
verlässt mich nicht und wie ich alles gelesen hab und die Bücher durchgeschaut
hab ich geweint vor Freude Gott muss es lohnen wie soll ich es je vergelten
außer dass ich als Schauspieler bei Ihnen bleiben werd so lang Sie wollen und
für jeden Lohn spielen auch für zehn Kreuzer täglich auf Ehre
An geschäftlichen Nachrichten vom hiesigen Platze die Euer Hochwohlgeboren
interessieren dürften beeile ich mich zunächst zu Hochdero Kenntnis zu bringen
dass ich gottlob Reb Mortches Chaje nicht zu heiraten brauch und eine andere
scheint es hat Reb Itzig noch nicht gefunden aber wenn ja so werd ich schon
machen dass sie mich auch nicht nimmt Im Kloster hab ich viel gelesen zuerst
von Lessing dann von A bis Albigenser aber der Herr Wohltäter hat recht wenig
hab ich verstanden und ich weiß gar nicht was Philotas will Übrigens ist das
Lexikon nicht so schlecht wie ich geglaubt hab denn jetzt seh ich aus Hochdero
Zuschrift den Namen von dem englischen Dichter und bisher hab ich geglaubt dass
er Scheckspier geheißen hat denn so hat es mir der arme Wild gesagt er hat es
der Arme selbst nicht richtig gewusst Alles soll geschehen wie der Herr
Wohltäter mir schreibt denn Sie sind mein Moses aber ich werd Ihnen gehorsamer
sein als unsere Väter in der Wüste ihm waren und erst im nächsten Winter komm
ich zu Ihnen und jede Zeile in jedem Buch werd ich dann auswendig wissen Sie
können mich prüfen
Was Euer Hochwohlgeboren gefällige Offerte betrifft so hat es Ihr Engel im
Buch Ihres Lebens eingeschrieben was Sie trotz Ihrer eigenen Sorgen für einen
fremden Menschen den Sie einmal im Leben gesehen haben tun wollen Aber es ist
nicht nötig lieber Herr Wohltäter weil mir KleinJossele was mein Meister
ist jetzt monatlich einen Gulden Lohn gibt und was die Reise betrifft das ist
meine letzte Sorge wenn ich erst so weit wär Denn es fährt kein Fuhrmann
zwischen hier und Czernowitz und es sitzt kein Schänker am Weg der nicht den
Pojaz kennt Nur in Czernowitz kennt mich niemand aber das wird schon anders
werden und Sie werden Ehre mit mir einlegen Sie werden schon sehen Ich weiß
nicht was ich besser machen werd ob lustige Leut ob traurige Leut aber beide
werd ich sehr gut machen da können sich der Herr Wohltäter darauf verlassen
Nur ob auch Verliebte weiß ich nicht aber so den Nathan oder den Schajelock
mir wässert schon der Mund und Sie können mir glauben mein Schajelock wird gut
sein ausgezeichnet wird er sein natürlich nach Ihnen
Indem ich mich Euer Hochwohlgeboren fernerer Geneigteit empfehle zeichne
ich
in ausgezeichneter Hochachtung
Hochdero ganz ergebenster
Sender Kurländer
künftiger Schauspieler
Barnow 8 Februar 1853
NS Die Frau Wohltäterin lass ich schön grüßen und alle Ihre Mitglieder
PS Wenn Sie mir schreiben wollen immer an Fedko Hayduk im Kloster in
Barnow denn es darf ja niemand wissen dass ich lesen kann
Nachschrift Was ich da geschrieben habe vom Schajelock und Nathan
natürlich mein ich das nicht für den Anfang Im Anfang spiel ich Bediente und
wenn Sie wollen kehr ich ein ganzes Jahr nur das Theater aus und werd doch
glücklich sein dass ich dabei bin«
Diesen Brief schrieb Sender in der dritten Nacht nach Empfang der Bücher und
schon brach der fahle Schein des Wintermorgens durch das Fenster seines
Kämmerchens als er ihn beendete Denn das war ein schwer Stück Arbeit für ihn
gewesen weil er ja nicht nach eigenem Gutdünken schreiben sondern wie Nadler
gewünscht den »Briefsteller« als Muster benutzen musste So nahm er denn in den
beiden ersten Nächten dies Buch durch aber so eifrig er las ein Entwurf der
auch nur entfernt für seine Lage gepasst hätte fand sich nicht und er musste
endlich ihrer zwei kombinieren um halbwegs zustande zu kommen einen »Dankbrief
an einen Gönner« und einen »Geschäftsbrief an eine große Firma«
Er arbeitete eifrig auch wenn unten das Glöckchen erklang zum Zeichen dass
ein Wagen den Schlagbaum passieren wollte blickte er kaum auf Das war Frau
Rosels Sache bei Tag und bei Nacht so heut wie vor zwanzig Jahren Die
wenigen Haare die ihr unter dem »Scheitel« der enganliegenden Kopfkappe der
östlichen Jüdinnen hervorquollen waren nun weiß das hagere knochige Antlitz
wies tiefe Furchen aber die Gestalt war noch so ungebrochen das Auge so scharf
wie einst Auch nun noch verrichtete sie den Dienst selbst Und doch war die
Heerstraße auch vom Abend bis zum Morgen viel befahren wohl zehnmal musste sich
die Mautnerin des Nachts vom Lager erheben Aber die tatkräftige Frau wollte von
keiner Hilfe wissen duldete auch nie dass Sender für sie eintrat
Er war es so gewohnt und dachte nicht darüber nach ob es so recht sei
auch in jenen Nächten nicht Nur eines ging ihm zuweilen durch den Sinn wenn er
das Glöckchen vernahm wie wenn die Mutter den Lichtschein bemerkte die Leiter
emporklomm und an seine Tür pochte Aber seine Kammer lag ja im Dachgiebel des
ebenerdigen Häuschens und nach hinten hinaus Frau Rosel konnte den Schein
nicht gewahren Und so las und schrieb er eifrig drauf los obwohl er sehr müde
war aber er musste nun fertig werden der Dank für solche Wohltat ließ sich
nicht länger verzögern
Als der Brief endlich vorlag gefiel er ihm wohl »Nadler hat recht wie
immer« dachte er »mit dem Briefsteller ist es schwerer aber dann kommt alles
auch viel feiner heraus«
Er streckte sich auf sein Lager hin noch etwas vom versäumten Schlaf
nachzuholen bis er den Gang zur Werkstätte antreten musste Sonst schlief er
ein kaum dass der Kopf den Polster berührte diesmal ging es nicht In seinen
Schläfen pochte es schmerzhaft die Augen brannten und so oft er in
Halbschlummer verfiel riss ihn ein angstvoller Traum wieder empor Da stand sein
Meister Jossele vor ihm und holte höhnisch den eben geschriebenen Brief hervor
den Sender unter dem Kopfpolster geborgen oder die Mutter hatte die Lade
aufgemacht wo er die Bücher versteckt und warf sie unter Verwünschungen zum
Fenster hinaus Dazu der Husten der nicht enden wollte »Wenn ich nur nicht
krank werde« dachte er angstvoll als er sich erhob mühsam ankleidete und
wankenden Schritts in die Wohnstube trat die Frühstückssuppe einzunehmen »um
Gottes willen jetzt gesund bleiben gesund«
Frau Rosel saß bereits auf ihrem gewohnten Platz am Fenster wo sie jeden
Wagen der sich nahte gewahren konnte Sie blickte nicht auf erwiderte auch
seinen Gruß nicht
Er setzte sich an den Tisch griff nach dem Löffel schob aber bald das
Töpfchen von sich Auch mit dem Essen war es heute nichts Als er sich erhob
begegnete er dem Blick der Mutter sie sah ihn so recht sorgenvoll an
»Bist du krank« fragte sie es klang ungewohnt weich
Er verneinte
»Es ist doch so« sagte sie und trat auf ihn zu »Dein Husten wird immer
schlimmer er lässt dich jetzt auch nicht mehr schlafen «
»O doch Mutter Warum glaubst du «
»Weil du immer Licht brennst gestern heute «
Er fühlte sich erröten
»Ja aber es hat nichts zu sagen« Er griff nach der Mütze »Du kannst
wirklich ruhig sein Mutter«
Sie fasste ihn scharf ins Auge
»Du fühlst keine Schmerzen« fragte sie »Spuckst kein Blut«
»Nein« beteuerte er
»Sonst müsste man den Doktor fragen« fuhr sie fort »Mit solchen Sachen darf
man in deinen Jahren nicht spassen Aber wenn dir wirklich nichts Ernstliches
fehlt so hat es vielleicht auch sein Gutes dass du gerade jetzt ein bisschen
hustest und blässer aussiehst «
»Warum« fragte er erstaunt
»Weil ja « begann sie lebhaft stockte dann aber »Wir sprechen später
einmal darüber Geh jetzt der Meister wartet«
»Was mag das sein« dachte Sender erstaunt aber um ernstlich darüber
nachzusinnen fühlte er sich zu müde nur mit Aufgebot aller Kraft konnte er die
Werkstätte erreichen und sank da matt auf seinen Schemel Und mit der Arbeit
gings heute noch schlechter als sonst
Jossele Alpenrot tat als ob er es nicht bemerkte aber Sender selbst
fühlte dass es so nicht gehe Er musste die Nächte nicht bloß zum Lesen und
Schreiben sondern auch zum Schlaf benutzen
Das tat er denn auch aber es fiel ihm schwer Nicht etwa als ob das Buch
das er nun zunächst durchnahm gar so fesselnd gewesen wäre Aus Gehorsam und in
der abergläubischen Furcht dadurch vom rechten Wege abzukommen ließ er alles
andere unberührt liegen und widmete sich der »Deutschen Sprachlehre« So oft er
heimkam und die Bücherlade aufschloss seufzte er tief auf Da lag die
»Weltgeschichte« das »Lesebuch« vor allem aber der Schlüssel zu seinem
Paradies der »Katechismus der Schauspielkunst« der sogar mit Bildern
geschmückt war die lachende weinende zornige und furchtsame Gesichter sowie
»Spieler« und »Spielerinnen« in den verschiedensten Haltungen und Kostümen
darstellten und er musste lernen was ein »Hauptwort« sei und dann wie viele
»Zeiten« es im Deutschen gebe Es war hart und nachdem er so stundenlang
konjugiert »Ich liebe ich liebte ich habe geliebt « hätte ihm das Wachen
eigentlich schwerer fallen sollen als das Schlafen Dennoch kämpfte er
allnächtlich den gleichen Strauss mit sich selbst »Nur noch ein halb Stündele
das schadet nicht« und dann »Noch zehn Minuten das halt ich leicht aus«
bis er sein Lager aufsuchte Denn je rascher er mit dem langweiligen Buche
fertig war desto eher winkten ihm die Freuden des Lesebuchs und endlich auch
die Wonnen des »Katechismus«
Er war in jenen Tagen wohl einer der glücklichsten Menschen in Barnow Denn
er war ja auf dem Weg zu seinem Ziel und felsenfest seine Zuversicht es zu
erreichen Nur das ewige Verhehlen gegen seine Mutter war ihm zuweilen peinlich
er trug nun den Schlüssel zu seiner Kammer immer bei sich obwohl Frau Rosel sie
ohnehin nie betrat und verhängte des Abends das Fenster dass kein Lichtstrahl
hinausdringen konnte Aber er musste sie ja hintergehen und wenn ihr auch die
Verwirklichung seiner Pläne gewiss zunächst nur Schmerz brachte wie reichlich
wollte er ihr einst wenn er ein großer »Spieler« geworden vergelten was sie
um ihn gelitten Sie verdiente es ehrlich so tief er sie gekränkt nun wurde
sie aus Besorgnis um seine Gesundheit von Tag zu Tag freundlicher gegen ihn Die
Wandlung mehrte das Glücksgefühl das ihn in diesen Zeiten überkommen fast
hätte er den lästigen Husten gesegnet der dies herbeigeführt
Aber seltsam als sollte nun alles verschwinden was ihm unangenehm
gewesen so wurde nun auch je weiter der März vorschritt je milder die Lüfte
wehten sein Meister gegen ihn immer freundlicher Er lachte ihn ordentlich an
wenn er morgens den Laden betrat und als Sender einmal beim Zusammensetzen
eines Uhrwerks gedankenvoll deklinierte »Das Rädchen des Rädchens dem
Rädchen das Rädchen« und dabei mit der Kneifzange die Feder sprengte war der
Meister nur einen Augenblick ungehalten dann sagte er freundlich »Mach dir
nichts daraus ich legs zum übrigen«
Sender blickte ihn verblüfft an aber der kleine Mann ärgerte sich wirklich
nicht lachte sogar über das ganze Gesicht Hatte er endlich die Geduld verloren
und wollte den ungeschickten Lehrling fortschicken Das sah Jossele Alpenrot
nicht ähnlich er war nur eben so ein Uhrmacher aber ein ehrlicher Mann Hatte
er Böses vor so schnitt er keine freundliche Miene
»Mir kanns recht sein« dachte Sender vergnügt »Ich tus gewiss nicht
absichtlich aber ich fürcht die Freud mach ich ihm noch oft«
Er wäre minder ruhig gewesen wenn er den Grund dieser rätselhaften
Fröhlichkeit gekannt hätte Es war derselbe der seine Mutter mit so zärtlichem
Bangen erfüllte Über Sender zog sich ohne dass er es ahnte ein Gewitter
zusammen Gegen Ende April fand wie alljährlich die Rekrutierung in Barnow
statt und Sender der im vorigen Mai sein zwanzigstes Jahr vollendet hatte
sich zu stellen
Das wusste er nicht konnte es nicht wissen Er gehörte ja glaubte er zu
jenen wenigen Glücklichen die gesetzlich vom Militärdienst befreit waren er
war der einzige Sohn einer Witwe Allerdings genügte dies allein nach dem
Gesetze nicht der Sohn musste der Ernährer der Mutter sein und Frau Rosel
ernährte ja ihn Aber damit nahm man es in Barnow nicht so genau für eine
solche Bescheinigung sorgte schon Luiser Wonnenblum der Schreiber der jüdischen
Gemeinde und man brauchte ihm nicht einmal gute Worte dafür zu geben nur Geld
viel oder wenig je nach dem Vermögen der Mutter Frau Rosel die arm war kam
vielleicht mit einer Taxe von zwanzig Gulden davon was für sie freilich ein
großer aber nicht unerschwinglicher Betrag war So hatte sie es Sender stets
gesagt so oft die Rede darauf gekommen und hinzugefügt »Gott hat ein Einsehen
gehabt Die Sorg wenigstens hab ich mit dir nicht es wär sonst auch
wirklich zu viel«
Es war keine Lüge keine Heuchelei wenn sie so sprach sie glaubte es
selbst so Nur weil sie eine vorsorgliche Frau war die alles gern rechtzeitig
ordnete war sie schon mehrere Monate vor der Rekrutierung im Januar nach dem
Gemeindehause von Barnow gegangen und hatte Luiser Wonnenblum ihr Anliegen
vorgetragen
Aber da harrte ihrer eine bittere Enttäuschung Der kleine höckerige
pockennarbige Mann blinzelte sie aus seinen schlauen Augen halb mitleidig halb
spöttisch an »Liebe Frau Rosel« sagte er überlegen »Das geht ja nicht Sender
ist ja nicht Euer Sohn«
»Was« schrie sie auf fasste sich aber sofort wieder »Da irrt Ihr Euch«
sagte sie ruhig »Mein Sender ist nicht unter meinem Herzen gelegen aber von
seiner Geburt bis heut bin ich seine Mutter gewesen Und auch mit dem Rabbi und
den Ältesten hab ichs ausgemacht dass er mein Kind ist an dem sonst niemand
ein Recht hat und sie alle haben mir zugeschworen er soll nie erfahren dass er
des Schnorrers Sohn ist Also «
Luiser hatte ihr ungeduldig zugehört
»Also ist er doch nicht für den Kaiser Euer leiblicher Sohn« fiel er ihr
ins Wort »und was kümmert den Kaiser was Ihr mit dem Rabbi geredet habt
Hier steht« er schlug die Matrikel auf »ich werds Euch vorlesen Frau Rosel
Sender Glatteis Sohn des verstorbenen Talmudisten und Bettelmannes Mendel
Glatteis aus Kowno und seiner gleich nach der Geburt des Knaben abgeschiedenen
Ehefrau Miriam unbekannten Geburtsnamens und das allein gilt«
Noch immer blieb Frau Rosel gelassen
»So schreibt hinzu« sagte sie »dass ich die Witwe Rosel Kurländer diesen
Sender schon vor zwanzig Jahren an Kindes Statt angenommen habe«
»Wie kann ich das Es wär ja eine Lüge«
»Eine Lüge« schrie sie empört auf »Meine Opfer meine Tränen meine
schlaflosen Nächte eine Lüge«
»Für den Kaiser« erwiderte er
»Den Kaiser Er soll alle Barnower fragen ob es nicht wahr ist
Und er ist ja auch ein Mensch und hat ein Herz «
Luiser Wonnenblum lächelte »Ihr redet wie Ihrs versteht Ich sage der
Kaiser denn wenn ich sagen würde das Gesetz so würdet Ihr mich ja noch
weniger verstehen Nämlich des Kaisers Wille ist aufgeschrieben und danach
richtet man sich und davon gibt es keine Ausnahme Sagt selbst hat der Kaiser
die Zeit alle Barnower auszufragen und dann zu entscheiden ob er der Rosel im
Mautaus den Gefallen tun will Nach dem Gesetz ist Sender nicht Euer Sohn
Und Ihr könnt ihn auch nicht nachträglich an Kindes Statt annehmen Adoptieren
heißt das versteht Ihr adoptieren «
»Meinetwegen Aber warum nicht«
»Weil Ihr keine Witwe seid«
Frau Rosel legte die Hand an die Stirne »Seid Ihr verrückt oder ich Keine
Witwe«
»Seid Ihr von Froim dem Schreiber geschieden Nein Ist er tot Ihr wisst
es nicht Folglich seid Ihr keine Witwe sondern eine Frau der der Mann
durchgegangen ist Da müsstet Ihr also zuerst eine Klage gegen Froim einreichen
weil er Euch böswillig verlassen hat Und da man ihn nicht finden könnt müsst
man die Klage öffentlich ausschreiben und sagen Meldest du dich ein Jahr nicht
so bist du tot Und dann wäret Ihr erst eine Witwe und könntet adoptieren Aber
das dauert mindestens zwei Jahre und inzwischen kann Euer Sender schon Korporal
sein «
Frau Rosel richtete sich auf »Das ist ja alles Unsinn« sagte sie »Auf
welchem Friedhof Froim liegt weiß ich nicht Gott geb ihm die ewige Ruh
Jetzt soll ich ihn klagen weil ich ihn vor zweiundzwanzig Jahren weggejagt
hab Reden wir deutsch Reb Luiser Was verlangt Ihr«
Luiser Wonnenblum erhob die Augen zum Himmel als wollte er ihn zum Zeugen
machen welchen Unverstand ein Mann wie er über sich ergehen lassen müsse
»Aber Frau Rosel« sagte er vorwurfsvoll und trat auf sie zu »Hätt ichs
denn dann nicht gleich gesagt Verdien denn ich nicht gern Aber da kann ich
nichts tun und wenn Ihr mir tausend Gulden gebt Wahrhaftig aber um
Gotteswillen« unterbrach er sich erschreckt
Frau Rosel wankte sie war einer Ohnmacht nahe Hastig ließ er sie auf einen
Stuhl gleiten
»So beruhigt Euch doch« fuhr er fort »Es ist ja keine Schlechtigkeit von
mir Wenn Ihr mir vor zwanzig Jahren gesagt hättet Ich will nicht dass dies
Kind ein Sellner korrumpiert aus Söldner Soldat wird schreibt es als Mädele
ein ich hätts um hundert Gulden getan Oder Schreibt ihn gar nicht ein
hätt nicht viel mehr gekostet Aber jetzt jetzt könnt ich ihn höchstens
sterben lassen «
»Sterben«
»Ja freilich müsst er dazu nach Tluste gehen der hiesige Doktor macht
solche Sachen nicht Dort wird ihm ein Totenschein ausgestellt erschreckt
nicht solche Leut leben am längsten Freilich muss er dann für einige Jahre
nach Russland gehen oder nach Rumänien bis er unter anderem Namen zurückkommt
Das ist das Sicherste das einzige Sichere aber es kostet fünfhundert
Gulden«
»So viel hab ich nicht« murmelte sie mit bleichen Lippen »Wisst Ihr keinen
anderen Weg«
Luiser Wonnenblum zuckte die Achseln Er kannte deren genug aber keinen wo
er auch etwas verdienen konnte Weil aber die Frau so gebrochen war so meinte
er »Ich kenn keinen Ein ehrlicher Mann hat mit solchen Sachen nicht gern
zu tun Aber fragt doch andere«
Frau Rosel wandte sich an den Mann dessen Pflicht es war den Witwen und
Waisen beizustehen den Rabbi der Gemeinde Das war ein Mensch anderen Schlages
als Luiser fromm und gewissenhaft beides freilich nur im Sinne des starren
düsteren Glaubens seiner Sekte Er galt und das wollte wahrlich etwas heißen
als der schlimmste härteste Fanatiker unter den galizischen Chassidim freilich
auch als ein Mann von untadeliger Ehrlichkeit Aber auch er fand das Bestreben
auf Schleichwegen der Militärpflicht zu entgehen nicht sündhaft im Gegenteil
Gott wohlgefällig wer »Sellner« geworden konnte ja die Speisegesetze nicht
einhalten Und vielleicht gab es damals heute ist es anders und besser
keinen Menschen im Kreise der anders dachte Dem Städter und dem Bauer dem
Polen Rutenen und Juden ihnen allen war jedes Mittel recht den Staat um die
Blutsteuer zu betrügen Und vielleicht gereichte diese Anschauung nicht ihnen
allein zur Unehre sondern auch dem Staate der nun acht Jahrzehnte über jene
Landschaft gebot ohne ihre Bewohner zu einer sittlicheren Auffassung ihrer
Pflicht erzogen zu haben
»Schlimm« sagte Rabbi Manasse Kirschenkuchen »sehr schlimm Vielleicht ist
es eine Strafe Gottes Ich wills nicht Euch zum Vorwurf sagen ich bin ja
mitschuldig Aber recht wars von uns beiden nicht Das kommt von den
Heimlichkeiten wir hätten dem Knaben seine Abstammung nicht verhehlen sollen
Wir habens aus gutem Herzen getan um ihn vor seines Vaters Schicksal zu
bewahren aber das hätte sich vielleicht auch richten lassen ohne auf unser
Haupt Sünde zu häufen Dem armen Mendele lebt ein Sohn aber der weiß nichts von
seinem Vater und sagt ihm an seiner Jahrzeit Sterbetag keinen Kadisch nach Um
das haben wir den Toten betrogen «
»Ich lass die Jahrzeit seiner Eltern halten« beteuerte Frau Rosel »freilich
durch einen Fremden «
»Gott hat aber geboten« sagte der Rabbi bekümmert »dass es das eigene
Fleisch und Blut tut«
»Und dann betet er aus seines Vaters Gebetbuch« fuhr sie zu ihrer
Entschuldigung fort »Ich habs ihm gegeben es war ohnehin sein einziges Erbe
Und gibt es auf unserem guten Ort Friedhof zwei besser gepflegte Gräber
als die von Mendele und Miriam«
Der Rabbi seufzte »Das wird uns vor Gott nicht entlasten« sagte er »Und
dann noch eine Sünd Sender ist über zwanzig Jahr alt und hat noch kein Weib
Ich weiß es ist nicht Eure sondern seine Schuld aber eine Sünd bleibts
doch Und für die Rekrutierung ist es auch nicht gut Freilich muss die
Kommission auch verheiratete Leut nehmen gottlob sind die meisten Juden schon
mit zwanzig Jahren verheiratet Aber wenn so ein junger Mensch vor den Herren
weint Mein Weib meine vier Kinder so nehmen sie doch lieber einen anderen
der keine Kinder hat und am liebsten einen Ledigen Ein Lediger Frau Rosel
ist schon gar verloren Ihr solltet doch noch einmal mit Reb Itzig sprechen es
sind ja noch drei Monate Zeit «
»Ich werd es tun« versprach sie »Aber das allein bringt ihn ja nicht
frei An wen soll ich mich sonst wenden«
»Da ist nicht leicht raten « erwiderte der Rabbi »es ist ja ein
notwendiges Geschäft aber ehrliche Leute betreiben es nicht Wollt Ihr die
Kommission bestechen so sind der Herr v Wolczynski und Dovidl Morgenstern die
anständigsten Vermittler wollt Ihr lieber einen Fehlermacher nehmen so rat
ich Euch zu Srul dem Cyrulik Bader oder zum Wundarzt Grundmayer«
Schon am nächsten Tage eröffnete Frau Rosel die Verhandlungen Itzig
Türkischgelb den sie zunächst zu sich entbot schüttelte wehmütig den Kopf
»Wer bin ich« sagte er gekränkt »Antwortet mir zur Güte Frau Rosel Bin
ich Reb Itzig der geschickteste Schadchen Heiratsvermittler im ganzen Land
oder bin ich es nicht Braucht man mich noch daran zu erinnern wenn man mir
einen Auftrag gegeben hat Bin ich eine Uhr die man immer von neuem aufziehen
muss Ich lauf von selber und lauf und lauf bis die Sach im reinen ist
Auch für Sender hab ich mir die Seel aus dem Leib gelaufen und geredet es
nützt nichts Glaubt Ihr ich bin müßig weil ich nicht zu Euch komm Aber ich
hab Euch nichts Gutes zu erzählen Es war ja schon früher nicht leicht aber
seit der Mielnicer Sach will gar niemand mehr von ihm hören«
»Das habe ich gedacht« erwiderte Frau Rosel bekümmert »Jetzt wär ich aber
auch mit einer geringeren Familie zufrieden «
Reb Itzig nickte
»Natürlich Aber war denn der Uhrmacher in Mielnica gar so was Feines Ein
Prostak gemeiner ungebildeter Mensch in der ganzen Familie niemand der je
ein Blatt Talmud gelesen hat und der Bruder im Zuchthaus Viel tiefer können
wir nicht mehr greifen das heißt soweit meine War reicht Reb Srulze in
Tluste der die Knecht mit den Mägden verheiratet der könnt Euch täglich drei
Partien vorschlagen mein Geschäft ist ein anderes Aber seid ruhig Was ich tun
kann geschieht ja und wirklich nicht bloß um meinen Vermittlerlohn zu
verdienen sondern weil ich Euch gern hab und verzeiht Euren Sender noch
mehr Ein Pojaz wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat Aber glaubt Ihr dass
das die Leut lockt Wenn ich ihn feineren Leuten vorschlag werfen sie mich
gleich hinaus sobald ich seinen Namen genannt hab mittlere Leut lassen mich
noch eine halbe Stund reden und werfen mich dann hinaus gemeine Leut hören
mich bis zu End an und sagen dann Geht Reb Itzig und kommt mir mit dem nie
wieder Ihr seht Frau Rosel ich hab nicht viel Freud davon«
»Er hat sich aber in letzter Zeit geändert« erwiderte sie »Er macht keine
Streich mehr spricht mit keinem sogar am Sabbat sitzt er in seiner Kammer
statt wie sonst bei Simche «
»So« fragte Türkischgelb »Ich hab mir gedacht nur mir weicht er aus
weil er fürchtet ich trag immer in der Kaftantasch ein Mädele bei mir und
schwups werf ichs ihm an den Hals Also still ist der Pojaz worden
Fürchtet er sich vor der Rekrutierung so sehr«
»Davon weiß er ja noch nichts« erwiderte sie »Ich weiß gar nicht wie
ichs ihm beibringen soll Nein er fühlt sich vielleicht « sie stockte
ums Himmelswillen von seinem Unwohlsein durfte sie nichts verraten das machte
die »Partie« noch schlechter »vielleicht sieht er ein dass es Zeit ist
vernünftig zu werden Ja das könnt Ihr den Leuten ruhig sagen« fuhr sie
fort »Ich bitt Euch gebt Euch Müh Ihr habt ihn ja auch gern« Ihre Augen
füllten sich mit Tränen »Soll er deshalb Sellner werden«
»Behüte« tröstete der gutmütige Marschallik »Einige wüsst ich ja schon
heut aber ob der Pojaz ihnen passen wird Euch werden sie passen« fügte er
hinzu weil sein Handwerk diese Diplomatie vorschlug aber da er ein ehrlicher
Mann war so klang seine Stimme dabei etwas unsicher
»Redet« rief sie eifrig
»Da wär die Schwestertochter vom Tluster Rabbi« sagte er »Was das für ein
Adel ist brauch ich Euch nicht zu sagen Und die möcht dem Pojaz schon den
Kopf zurechtsetzen sie ists von ihrem seligen Mann gewohnt«
»Also eine Witwe Hat sie Kinder«
»Natürlich« rief der Marschallik eifrig »Ich werd doch für meinen Sender
den ich so gern hab keine Frau aussuchen die vielleicht kinderlos bleibt
Darüber könnt Ihr bei der beruhigt sein«
»Wieviel Kinder hat sie«
»Für Kindersegen« erwiderte der Marschallik »dankt man Gott aber man
zählt ihn nicht Und vor der Kommission ist es ja gut wenn Sender sagen kann
Erbarmen ich hab neun Kinder Das älteste ist neunzehn das jüngste zwei
Jahr alt und alle sind versorgt der Rabbi versorgt sie Und ebenso wird er
den zweiten Mann seiner Nichte und die Kinder die Gott ihr noch schenkt
ernähren«
»Ich hab von ihm gehört« sagte Frau Rosel »Er soll durch Wundermachen
viel Geld verdienen aber nichts zurücklegen Und wenn der Greis stirbt«
»Der Greis« rief der Marschallik »Kaum achtzig ist er Eine Leuchte in
Israel wie ihn erhält Gott bis zu hundert und zwanzig Jahr«
Die Frau schüttelte den Kopf »Das ist mir doch etwas zu unsicher Auch
könnt sie ja Senders Mutter sein«
»Freilich könnt sie das aber wenn sie jünger wär und keine neun Kinder
hätt und wenn der Alte nicht schon so schwach wär dass ihn ein Windstoß
umblasen kann würde da sie den Pojaz nehmen Seid gescheit Frau Rosel
seid gescheit Übrigens weil Ihr es seid ich hab auch ein jung Mädele für
Euch siebzehn Jahr gesund hübsch hat bare siebenhundert Gulden Alles die
Wahrheit bei meinen Kindern schwör ichs«
»Wo leben die Eltern«
»Der Großvater Reb Mosche mit dem deutschen Namen tut er sich
Pulverbestandteil schreiben hält eine Schänke bei Tarnopol das Mädele ist in
seinem Haus aufgewachsen«
»Also sind die Eltern tot«
»Was fragt Ihr immer nach den Eltern Wenn von denen was zu erzählen wär
möcht ichs gleich sagen Es ist aber nichts von ihnen zu sagen Die Mutter
lebt irgendwo vielleicht in der Türkei ich weiß nicht wo «
»In zweiter Ehe«
»Natürlich Oder doch wahrscheinlich Möglich wenigstens ist es dass sie in
den sechzehn Jahren wo sie fort ist zweimal geheiratet hat Denn wie sie fort
ist da war sie noch gar nicht verheiratet «
»Und einer solchen Mutter Kind wagt Ihr mir anzutragen« rief Frau Rosel mit
flammenden Augen
»Ja« erwiderte Türkischgelb »ich habs gewagt weil ich Euch für edler
gehalten hab als Ihr seid Was kann das arme Mädele für seine schlechte
Mutter Da werft Ihr ihm am End auch vor dass der Großvater schon zweimal im
Kriminal gesessen hat Übrigens« fuhr er einlenkend fort »daran liegt mir
nichts ich hab Reb Moschele schon gesagt Um da meinen Vermittlerlohn zu
verdienen werd ich Euch einen vom Galgen herunterschneiden müssen Aber
nun im Ernst gesprochen ist Euch für Euren Sender eine Tochter vom Reb Chaim
Goldgulden in Kolomea gut genug Lea heißt sie«
»Wie nicht« rief sie erfreut »Er ist ein Ehrenmann und wohlhabend Aber
hat denn der noch eine Tochter zu verheiraten Der Enkel von unserem Reb Mosche
Freudental hat ja die jüngste bekommen«
»Nein Lea ist die Jüngste Das heißt bei Euch muss man jedes Wort auf
die Waagschale legen vielleicht ist sie es nicht vielleicht ist sie sogar die
älteste von den Schwestern was weiß ich Nach ihrer Größe könnt sie
jedenfalls die jüngste sein«
»Ist sie so klein« fragte Rosel argwöhnisch
»Frau Rosel« rief der Marschallik »macht mich nicht ungeduldig Saget mir
Sieben Fuß hoch muss sie sein drei Zentner muss sie wiegen Dann weiß ich wo ich
Euch Eure Schwiegertochter zu suchen hab auf dem Markt wo man die Riesendamen
zeigt Reb Chaim Goldguldens Tochter braucht nicht höher zu sein wie der
Tisch da und ist doch eine gute Partie«
»Nicht höher« rief sie erschreckt »Um Gotteswillen dann ist sie ja eine
Zwergin Das ist ja unnatürlich «
»Nein« donnerte Reb Itzig »Solche Reden verbitt ich mir Unnatürliches
ist nichts daran Habt Ihr schon gesehen dass ein Mädele dem von Kindheit auf
das Rückgrat gekrümmt ist groß wird wie ein Dragoner«
»Aber Sender wird doch die bucklige Zwergin nicht wollen«
Der Marschallik zuckte die Achseln »Seine Sach Eure Sach nicht
meine Meine Pflicht hab ich getan aber mir ist das Herz sehr schwer
Ältlich darf sie nicht sein unehelich darf sie nicht sein bucklig darf sie
nicht sein eine Braut die Euch passen könnt ist noch nicht geboren worden
Noch nicht geboren« wiederholte er schmerzvoll »Aber weil Ihr es seid ich
will weiter suchen Soweit meine Kraft reicht soll mein Sender kein Sellner
werden«
Aber er kam schon nach zwei Tagen wieder diesmal strahlend vor ehrlicher
Freude
»Heut brauch ich Euch nichts vorzureden« sagte er »Die Rechte ist
gefunden Gestern war ich in Chorostkow und hab natürlich auch meine jüngste
Tochter Jütta besucht Ihr wisst sie ist dort bei Reb Hirsch Salmenfeld
aufgenommen wie ein eigen Kind weil sie so gut kochen und nähen kann Bei der
Gelegenheit hat Reb Hirsch mit mir gesprochen er will einen Mann für seine
Malke eine Tochter aus erster Ehe Das Mädchen bekommt achthundert Gulden ist
schön jung und gesund umd meine Jütta die bei aller Jugend ein kluges Kind
ist sagt mir Gesegnet der Mann der unsere Malke bekommt Also an ihr ist
kein Fleckele und an dem Vater auch nicht aber er hat Unglück mit seinen
Brüdern gehabt Der älteste ein Militärarzt ist Christ geworden der jüngere
ein Advokat in Czernowitz lebt natürlich wie ein Deutsch Bei diesem Onkel war
Malke als Kind und hat dort leider Deutsch lesen und schreiben gelernt Ihr
seht ich verschweig Euch nichts Aber sie ist deshalb doch ein ehrlich jüdisch
Kind und Reb Hirsch grad weil er sich der Sünden seiner Brüder schämt ein
doppelt frommer Mann Er weiß dass trotzdem manchem die Verwandtschaft nicht
passen wird und wär darum mit Sender einverstanden«
Er hatte in anderer Tonart gesprochen als sonst schlicht und gerade »Es
ist ein Glück« schloss er »besinnt Euch nicht und sagt ja«
Frau Rosel zögerte dennoch »Man sollt doch den Rabbi fragen« meinte sie
»Dann wird nichts draus« warnte er Da sie aber erklärte es sonst nicht
auf ihr Gewissen nehmen zu können so fügte er sich darein und erklärte sich
sogar auf ihre Bitte bereit selbst mit dem Rabbi zu sprechen
Fünfzehntes Kapitel
Minder langwierig gestalteten sich die anderen Verhandlungen die Frau Rosel in
ihrer Herzensangst um Senders Schicksal zu führen hatte
Wer sich nicht rechtzeitig mit Luiser Wonnenblum abgefunden und dazu
waren die wenigsten vorsorglich genug da ja die Fälschung der Matrikeln schon
bei der Geburt des Knaben stattfinden musste hatte nur zwei Wege er wandte
sich an einen Agenten der die Mitglieder der Kommission bestach oder an einen
»Fehlermacher« gewöhnlich einen Bader oder Wundarzt der den jungen Menschen so
übel zurichtete dass er als untauglich befunden werden musste Beide Gewerbe
wurden von Christen und Juden betrieben ebenso waren unter den Klienten beide
Bekenntnisse gleichmäßig vertreten Da das »Fehlermachen« billiger zu stehen
kam so schlugen die minder bemittelten Leute in der Regel diesen Weg ein
Frau Rosel hatte kaum das tägliche Brot dennoch graute ihr vor diesem
Mittel Sie versuchte es zunächst bei Herrn v Wolczynski dem vornehmsten
Bestechungsagenten im Barnower Kreise der einst zwei Güter besessen hatte aber
langsam durch Verschwendung und Hazardspiel zu diesem Geschäft hinabgesunken
war das freilich seinen Mann trefflich nährte sofern er es nur recht verstand
Ein richtiger Agent musste den Charakter und die Verhältnisse aller Mitglieder
der Kommission aufs genaueste kennen um die Schwächen herauszufinden durch
deren Ausnützung er jeden dieser Offiziere Ärzte und Beamten zu seinem Werkzeug
oder doch zum untätigen Zuschauer seines Treibens herabwürdigen konnte Und
ebenso musste er eine große Personenkenntnis im Kreise haben denn von dem
Aussehen des Jünglings dem Vermögen seiner Eltern hing ja die Höhe des Preises
ab Endlich aber hatte er die schwere Kunst zu üben all seine Schuftigkeit
unter der Maske eines Ehrenmanns zu verbergen
Herr v Wolczynski verstand sich auf all dies und auf eine vierte Kunst
dazu niemals mit sich handeln zu lassen Eine große Kunst in einem Lande wo um
alles gehandelt wird Er ließ Frau Rosel ruhig reden so lang sie wollte und
überlegte »Sie ist arm hat aber eine Affenliebe für den Schlingel er ist
blass mager aber gesund « Laut jedoch sagte er nur »Dreihundert Gulden«
Sie jammerte das könne sie nicht erschwingen
»Feste Preise« war seine Antwort »Adieu liebe Frau«
Länger währten die Verhandlungen mit Dovidl Morgenstern Der Mann war seines
Zeichens Winkelschreiber Er hatte in seiner Jugend einige Jahre in Lemberg
zugebracht dort Deutsch lesen und schreiben gelernt und sich dann mit Hilfe des
Bürgerlichen Gesetzbuchs und des Strafgesetzes zu einem »feinen Kopf«
ausgebildet Für die Juden von Barnow war er neben Luiser das Orakel in allen
Rechtsfragen Da dieser Erwerb nicht hinreichte so machte er Herrn v
Wolczynski Konkurrenz Sein Geschäft war kleiner als das des Edelmanns er
verdiente weniger dabei und war ein Jude Darum galt er ebenso allgemein als
Schurke wie Wolczynski als Ehrenmann Dovidl ließ mit sich handeln er
verlangte als Frau Rosel zu ihm kam fünfhundert Gulden und kam dann zu ihr
er wolle es um zweihundert richten Aber auch diesen Betrag konnte sie nicht
aufbringen selbst wenn sie ihren einzigen Schmuck opfern wollte die
perlenbesetzte Stirnbinde
Am nächsten Tage sandte der Wundarzt Grundmayer zu ihr sie möge ihn
besuchen Er war ein alter Säufer einst als Feldscher einer Husareneskadron
nach Barnow gekommen und nach seiner Entlassung aus dem Dienst hier sitzen
geblieben
»Hoho« gröhlte er sie an als sie bei ihm eintrat »haben Sies so dick
dass sie dem Dovidl lieber zweihundert Gulden geben wollen als mir dreißig Um
dreißig Gulden schneid ich Ihrem Bengel eine Fusssehne entzwei dass er
zeitlebens hinkt oder hau ihm zwei Finger ab wenn Ihnen das lieber ist«
Die Frau starrte ihn entsetzt an
»Noch immer besser als dienen« rief er »Und um dreißig Gulden können Sie
nicht mehr verlangen Wollen Sie sichs aber mehr kosten lassen so machen wir
was Feines was sich wieder wegkurieren lässt Je nachdem der Bursch ist
schicken Sie ihn mir Vielleicht ein chronisches Magenleiden sehr zu
empfehlen Oder eine Lungenschwindsucht ist noch feiner von der echten nicht
zu unterscheiden In sechs Monaten mach ich ihn dann wieder gesund auf Ehre
so wahr ich Doktor Franz Xaver Grundmayer heiße und ein katholischer Christ bin
Kostet samt der Kur hundert Gulden«
Mit Mühe vermochte sich Frau Rosel diesen lockenden Anerbietungen gegenüber
so weit zu fassen um ihren Dank und das Versprechen sich die Sache zu
überlegen stammeln zu können
»Ist nichts zu überlegen« grollte der würdige Mann »Wollen wahrscheinlich
lieber den Lumpen den Srul in Nahrung setzen Das verdammte Judenvolk hängt
doch zusammen wie die Kletten Glauben vielleicht er machts billiger O ja
der Kerl macht vielleicht schon um vierzig Gulden eine Schwindsucht Ist aber
auch danach Entweder auf zehn Schritt zu erkennen dass der Lümmel doch
genommen wird oder so dauerhaft dass sie kein Herrgott wieder fortbringt Ich
warne Sie«
Frau Rosel beteuerte sie wolle mit dem Srul nichts zu schaffen haben Aber
ebenso fest stand ihr Entschluss auch auf die Hilfe des »Doktor« Grundmayer zu
verzichten Wohl aber tauchte ein anderer Gedanke in ihr auf wie wenn sie
Sender auf ehrlichem Wege freibrächte Der Stadtarzt von Barnow der als
Physikus des Kreises allen Rekrutierungen in seinem Sprengel beizuwohnen hatte
war freilich ein unbestechlicher aber wohlwollender und einsichtiger Mann
Sender hustete ja und war auch sonst nicht der Stärkste vielleicht nützte es
wenn sie diesen Mann um Schonung bat er tat dann gewiss was ihm sein
Pflichtgefühl gestattete Auch der Marschallik bestärkte sie in diesem Vorsatz
schon wollte sie ihn ausführen da erfuhr sie dass der Physikus diesmal den
Rekrutierungen gar nicht beiwohnen werde er sei gerade für dieselbe Zeit nach
Lemberg berufen So war es auch um ihn und andere Männer von derselben
Denkweise unschädlich zu machen hatten die vielen Wolczynskis in Galizien durch
ihre hochmögenden Gönner durchgesetzt dass die Regierung gerade im April eine
Enquête nach Lemberg berief um »über die im Rekrutierungswesen zu Tage
getretenen Missstände zu beraten« damit waren die ehrlichen Männer auf die
einfachste und unverfänglichste Weise beseitigt
Obgleich auch diese Hoffnung vereitelt war blieb Frau Rosel doch fest »Ich
kanns nicht tun« erklärte sie ihrem Gewissensrat dem Rabbi »Andere mögen den
Fehlermacher mieten ich will sie nicht schelten Und vielleicht tät ichs
auch wenn ich meinem Sender sein Fleisch und Blut gegeben hätt Aber es ist
anvertrautes Gut Was soll ich der armen Miriam antworten wenn ich ihr droben
begegne«
Der Greis nickte ernstaft
»Recht habt Ihr« sagte er »Sie wird Euch ja ohnehin Vorwürfe machen Euch
und mir des Kadisch wegen Aber das ist nicht zu ändern Nein über den
Verwaisten darf keines Fehlermachers Hand kommen Aber wo nehmt Ihr die
zweihundert Gulden her«
»Das frag ich Euch« rief sie unter strömenden Tränen »Ich brings nicht
zusammen und wenn ich den letzten Stuhl aus dem Zimmer verkauf«
»Dann stehts schlimm« sagte er gedrückt »Dovidl lässt nichts mehr nach
bei anderen eine Sammlung machen wär vergeblich Sender ist ja nicht hiesig
mag Mendele Schnorrers Sohn ein Sellner werden«
Er dachte nach »Da kann nur eines helfen eine Heirat Von der Mitgift
erlegen wir das Geld«
»Aber der Marschallik weiß nichts rechtes für ihn« wandte sie schüchtern
ein
»So nehmt was er hat Hier steht eine Seel auf dem Spiel«
»Aber wenn er unglücklich wird«
»Lieber unglücklich werden als kein frommer Jud mehr sein können Und
dann eine unglückliche Ehe lässt sich scheiden aber wer rekrutiert wird muss
sieben Jahr Sellner bleiben« So lange währte damals die Dienstpflicht in
Österreich
»Und wenn Sender nicht will«
»Schickt ihn zu mir und er wird wollen«
Die Zuversicht des frommen Mannes erhöhte auch ihren Mut getrösteter kehrte
sie heim Aber diese Stimmung hielt nicht lange vor Die Tage verstrichen Reb
Itzig ließ sich nicht blicken und doch war es nun höchste Zeit In vierzehn
Tagen schon sollte die Losung stattfinden die Versammlung aller
Stellungspflichtigen im Gemeindehause bei der jeder aus einem Säckchen die
Nummer zog welche die Reihenfolge seines Erscheinens vor der Kommission
regelte »Wie soll ichs ihm erklären« dachte sie »dass er nicht befreit ist«
Aber auch ein anderer Grund ließ sie zögern Er war gerade in diesen Tagen
so stillfröhlich wie sie ihn nie zuvor gesehen Der laute übermütige Vorwitz
der sie oft gekränkt und geärgert aber auch die verstockte Scheu mit der er
ihr in diesem Winter gegenübergestanden waren verschwunden »Jetzt« dachte
sie »zeigt sich an ihm jener Zauber der seinem armen Vater so viele Freund
gemacht hat aber dabei ist er doch gottlob so ganz anders als der so
häuslich brav und gehorsam« Sie mochte das Glücksgefühl nicht stören das ihm
aus den Augen leuchtete woher es rührte ahnte sie nicht Er hatte nun auch die
Sprachlehre überwunden schwelgte in den farbigen Bildern einer bisher
unbekannten ungeahnten Welt die ihm das Lesebuch erschloss und tat dabei in
Gedanken täglich einen Schritt vorwärts dem großen Ziele seines Lebens zu
»Der gute Junge« dachte sie »Die bittere Stund kommt ihm früh genug aber
wenigstens will ichs ihm dann auf gute Art beibringen«
Das Schicksal wollte es anders Diese Stunde sollte für beide eine der
furchtbarsten ihres Lebens werden
Es war der erste Sonntag im April zugleich der erste wolkenfreie Tag nach
den endlosen Regengüssen die für diese arme Landschaft den Anbruch des
Frühlings bedeuten denn wie alles andere Schöne was unter glücklicheren
Himmelsstrichen die Menschen labt wird ihr auch der Lenz spät und kärglich
zuteil Noch waren die Straßen grundlos die Äcker von einer Schlammschicht
bedeckt und an den Bäumen hingen die ersten grünen Blättchen triefend herab
aber nun zum ersten Male seit lange seit er zuletzt im Schnee geglitzert lag
der Sonnenschein verklärend über der traurigen endlosen verregneten Ebene und
die Luft war feucht aber warm »Frühling Frühling« murmelte Sender als er in
der ersten Frühe das Fenster seines Kämmerchens öffnete und beugte sich weit
vor diese reine Luft einzufangen »Gottlob Frühling«
Er lächelte beglückt vor sich hin »Mein letzter Frühling in dieser Kammer«
Und dann folgte der letzte Sommer und wie rasch war der Herbst da und dann zu
Neujahr
Er schloss die Augen als könnte er den Glanz des Glücks nicht ertragen in
dem sein Leben vor ihm lag soweit ihm der Blick reichte Bisher hatte ihn eine
trotzige oder kecke Zuversicht erfüllt heute an diesem ersten Frühlingsmorgen
da ihm jedes Hindernis beseitigt schien war ihm so weich und zugleich so selig
zu Mute wie nie zuvor Mit anderer höherer Empfindung als sonst langte er nun
die Gebetriemen aus dem Schrein und schlug sein Andachtsbuch auf das
Morgengebet zu sprechen
Es war ein abgegriffenes Büchlein mit mürben Blättern das wohl einst in
schwarzes Leder mit Goldschnitt gebunden gewesen heute war der Einband grau und
zerfetzt der Druck fast verwischt Ein altes Büchlein und er hatte es nie neu
gekannt die Mutter hatte es ihm einst als er beten gelernt geschenkt es habe
früher einem Verwandten gehört Aber so alt es war ihm diente es gut und gar
beim Morgengebet konnte ihn der undeutliche Druck nicht stören dies Gebet
kannte er ja wie jeder Jude auswendig und hielt beim Beten nur deshalb den
Blick auf das Buch geheftet weil es die Sitte so gebot Und vielleicht sprach
er auch das Gebet all diese Jahre oft genug aus keinem anderen Grunde die
Unterlassung wäre Sünde gewesen warum sollte er sündigen Heute aber im Glanz
dieses Frühlingstages quollen ihm die Worte nicht bloß von den Lippen sondern
auch aus dem Herzen Er war sich dessen wohl selbst kaum bewusst und noch
weniger hätte er sich über den Grund Rechenschaft geben können verstanden
hatte er diese hebräischchaldäischen Worte wohl auch sonst heute schienen sie
ihm für ihn selbst geschrieben »Dank dir Gnadenreicher der du erfüllest
wonach unser Herz schmachtet Erbarme dich über uns und gib uns in das Herz
zu verstehen und zu erkennen zu hören und zu lernen « Und als er an die
Stelle kam »Gepriesen seist du der du die Siechen genesen machst und alle
Krankheit von uns nimmst« erhob er die Augen zum Himmel
Ja auch diese Last war nun von ihm genommen die einzige die ihn noch
bedrückt Er hatte das »bisschen Husten« nicht schwer genommen aber es war doch
recht lästig gewesen und er hatte gelogen wenn er der Mutter versichert er
empfinde keinen Schmerz dabei Aber er hatte immer gehofft das werde besser
werden wenn nur erst der Winter vorbei sei und wirklich war schon während der
Frühlingsregen der Hustenreiz geringer geworden Heute quälte er ihn kaum mehr
und wenn er atmete fühlte er kein Stechen in der Lunge Wohl aber hatte er
dabei eine andere Empfindung die ihm wohl ungewohnt aber nicht peinigend war
ein Gefühl der Schwere und Wärme in den Lungen und es wuchs je mehr er die
feuchte schwüle Luft dieses Frühlingsmorgens einsog Es war als hätte der
Erdgeruch der sie erfüllte etwas Berauschendes seine Pulse klopften der Atem
ging hastiger das Blut drängte ihm zu Kopfe und als er sich am Schluss des
Gebetes wie es die Satzung vorschrieb dreimal tief gegen Osten verneigte
überkam ihn ein Schwindel dass er sich am Bettrand festhalten musste um nicht
umzusinken
Aber das ging so rasch vorbei dass es ihn nicht weiter ängstigte Als er in
die Wohnstube trat und der Mutter den Morgengruß bot blickte sie ihn mit
freudigem Staunen an und sagte »Heut gehts dir gottlob wieder ganz gut nicht
wahr Du hast ja ordentlich rote Backen wie ich sie eigentlich noch nie an dir
gesehen hab«
»Ich fühl mich auch ganz gesund« sagte er »Was hab ich dir immer gesagt
Der Husten ist nicht der Rede wert«
»Es war ja nur weil du so mager bist« Sie überflog das scharfgeschnittene
Antlitz die hochaufgeschossene bewegliche aber schmalbrüstige Gestalt »Dir
schlägt ja kein Essen an du bleibst wie ein Windhund«
»Jetzt solls anders werden« erwiderte er lachend und machte sich über die
Frühstückssuppe her »Gib acht du wirst mich bald ums Geld zeigen können so
fett werd ich«
Mit dem Essen ging es aber doch auch heute nicht recht so wenig wie früher
und jene seltsame Empfindung der Schwere in den Lungen wollte nicht weichen Um
es der Mutter zu verbergen führte er den Löffel fleißig aber fast ungefüllt
zum Munde Es kam ihm sehr gelegen dass eben ein Wagen am Schranken hielt nun
musste die Mutter das Zimmer verlassen Aber Frau Rosel blieb auf ihrem Sitz am
Fenster statt ihrer trat die alte Kasia die sonst am Sabbat den Dienst für sie
verrichtete an den Kutscher heran und nahm das Mautgeld in Empfang
»Ich hab sie heut hier behalten« sagte die Mutter zur Erklärung »weil
ich später in die Stadt muss«
»So« fragte er »Wozu«
Sie blickte vor sich nieder setzte zum Reden an und schwieg dann wieder
»Ich habe verschiedenes in Ordnung zu bringen« sagte sie endlich fast
verlegen »Wie lang bleibst du heut in der Werkstätte«
»Wie gewöhnlich bis nach Elf Warum«
»Wart heut auf mich ich werd dich abholen «
Das war so ungewöhnlich dass er sie befremdet ansah Aber sie wich seinem
Blick aus
»Dahinter steckt was« dachte er unruhig als er dem Städtchen zuschritt
»Sie war so verlegen «
Aber der Gedanke verflog rasch wie er gekommen Der Morgen war so herrlich
und ihm so freudig zu Mut er glaubte nie einen schöneren Frühlingstag erlebt
zu haben
»Guten Morgen« rief ihm der Meister fröhlich entgegen als er in die
Werkstätte trat Er hatte dem Lehrling auch sonst in der letzten Zeit häufig
zuerst den Gruß geboten nun klang es gar wie ein Jubelruf
Auch er ist an einem solchen Tag ganz anderer Laune dachte Sender obwohl
er doch nur ein Uhrmacher ist
»Guten Morgen Meister Der Frühling ist da«
»Freilich ist er da« kicherte KleinJossele »und mit ihm alles was dazu
gehört «
»Was dazu gehört« wiederholte Sender lächelnd »Natürlich die Sonne die
Blumen «
»Und noch was« lachte der Meister Da aber kam ihm das fromme Gebot in den
Sinn »Du sollst deinem Nächsten nicht unangenehme Botschaft künden es sei denn
zu seinem Heil« Er zwang sich zu einer ernsten Miene und wies Sender die Arbeit
für heute an »Es drängt aber nicht« setzte er freundlich hinzu
Dann jedoch kitzelte ihn die Neuigkeit die er unterdrückt doch ordentlich
im Halse er glaubte daran ersticken zu müssen
»Meierl Schulklopfer war eben da« begann er in möglichst harmlosem Tone
Meierl Kaiseradler war ein armseliges gebeugtes gleichsam von der Not des
Lebens zerdrücktes Männchen das sich kümmerlich als Diener der »Schul« der
Synagoge fortbrachte als solcher hatte er die Männer in den Wintermonaten zum
Schulgang zu wecken daher der Name seines Amtes Da er dabei samt seinen vielen
Kindern hätte verhungern können so gönnte man ihm den Nebenverdienst alle
amtlichen Mitteilungen der Gemeinde auszutragen
»So« fragte Sender »Müsst Ihr wieder Steuer zahlen «
»Nein Diesmal hat er dich gesucht lieber Sender«
»Mich Was wollte er«
Aber da hatte in dem kleinen Manne wieder die Ehrfurcht vor der frommen
Satzung über die Schadenfreude gesiegt »Ich weiß nicht Er kommt wohl
wieder« Und er zwang sich sogar hinzuzufügen »Etwas Böses ists wohl nicht«
»Ich wüsst auch nicht was« erwiderte Sender gleichmütig
Leise pfeifend und gemächlich machte er sich an die Arbeit die ihm
zugewiesen war Aber der Meister hatte ja selbst gesagt es eile nicht Und so
blickte er immer wieder durch die offene Ladentür auf den Marktplatz an dem des
Uhrmachers Haus lag
Es war da heute mehr Leben als sonst Die Bauern aus den Vororten zogen im
Sonntagsstaat zur rutenischen Kirche die wenigen katholischen Bürger von
Barnow eilten zur Messe in der Klosterkirche Dazwischen standen viele Juden auf
dem Platze in größeren Gruppen oder zu zweien Einige schrien und
gestikulierten andere hörten ihnen andächtig zu wieder andere starrten mit
bleichem Antlitz und traurig vor sich hin
»Was nur die Leut heut haben« fragte Sender den Meister Aber noch ehe
dieser erwidern konnte vermochte Sender sich selbst die Antwort zu geben Da
erschien hastigen Schritts das hagere Antlitz mit der Hakennase hoch erhoben
Dovidl Morgenstern auf dem Markplatz und war im Nu von einem Haufen umringt der
immer größer anwuchs
»Ach so« lachte Sender »Die Rekrutierung Wann ist sie denn«
»Die Losung ist in acht die Stellung in vierzehn Tagen« erwiderte der
Meister und lächelte die Uhr die vor ihm lag ganz verzückt an
»Freilich« erwiderte Sender »Wir sind ja schon im April Gottlob dass es
mich nichts angeht« Im stillen aber wiederholte er diesen Gedanken noch viel
nachdrücklicher »Wie entsetzlich wär das wenn ich jetzt Sellner werden müsste
Sieben Jahr muss man dienen Aus wärs mit meinem Plan mit meinem ganzen Leben
Ich glaub ich würde den Schmerz nicht ertragen Gottlob Gottlob«
Und wieder sah er gleichmütig zu wie immer mehr Leute draußen
zusammenströmten und sich die Gruppe um Dovidl Morgenstern vergrößerte
»Er lügt ihnen natürlich vor« sagte er dem Meister »dass er sie alle
befreien wird alle Und die armen Teufel glauben ihm«
Jossele Alpenrot wollte sich ausschütten vor Lachen
»Recht hast du« rief er »Für einen Hexenmeister halten ihn die Dummköpfe
Und doch wird jährlich die bestimmte Zahl genommen Hahaha Nicht einer
weniger«
»Aber hart ists doch« sagte Sender »Sieben Jahre Wens gerade trifft
ihm wär besser er wär nie geboren«
Darauf erwiderte der Meister nichts mehr und es wurde so still in der
Werkstätte dass man die Fliegen summen hörte
Nach einer Weile pfiff Sender wieder leise vor sich hin Aber er musste
dazwischen doch zuweilen die Hand auf die Brust legen Er fühlte sich völlig
wohl aber jener ungewohnte Druck wollte nicht weichen
Indes hatte auch Frau Rosel ihren Gang zur Stadt angetreten Der Rabbi hatte
ihr am Tage zuvor durch Meierl Schulklopfer sagen lassen er erwarte sie morgen
zehn Uhr er habe Wichtiges mit ihr zu besprechen Ihr Herz pochte je näher sie
seinem Hause kam Es handelte sich um Senders Schicksal
Wenige Schritte vor dem Hause hörte sie sich angerufen da kam Itzig
Türkischgelb hastig herbeigekeucht dass die dünnen grauen Wangenlöckchen nur so
um das rötliche Antlitz flogen »Er hat mich auch bestellt« sagte er »er will
mit uns die Sach in Ordnung bringen«
»Wenns nur von uns beiden abhinge« erwiderte Frau Rosel kummervoll
Im Vorzimmer des Rabbi trafen sie den armen kleinen Kaiseradler der
gleichsam Adjutantendienste bei dem Gelehrten versah »Ich hab da einen Zettel
für Euren Sohn« sagte er demütig »ich hab ihn nicht getroffen es ist die
Vorladung zur Losung darf ich sie Euch geben«
Die Frau nahm die Vorladung und ließ den Blick traurig auf dem grauen Papier
haften Oben war der kaiserliche Doppeladler zu sehen unten der Stempel der
Gemeinde Barnow die gedruckten und geschriebenen Zeilen die dazwischen
standen verstand sie nicht es waren ja »christliche« Buchstaben In deutscher
Sprache die damals im ganzen Kaiserstaat die Amtssprache war wurde der
Uhrmacherlehrling Sender Glatteis bei der Rosel Kurländer im Mautaus wohnhaft
aufgefordert bei Vermeidung der gesetzlichen Strafen usw Zur Orientierung
für den Boten hatte Luiser Wonnenblum in hebräischer Kurrentschrift an den Rand
geschrieben »Roseles Pojaz«
Frau Rosel trat vom Marschallik geleitet in die Studierstube des Rabbi Er
saß im Lehnstuhl hinter einem mächtigen Folianten und horchte einem seltsamen
Konzert An einem Tische am Fenster saßen drei Jünglinge wiegten sich
gleichmäßig hin und her und lasen unisono in hohen Tönen näselnd einen
Talmudtext dass es wie der Singsang dreier verschnupfter Tenore klang Bei dem
Eintritt der beiden hieß sie der Rabbi hinausgehen lud die Gäste zum Sitzen ein
und begann dann »Es steht geschrieben Lass die Kinder der Welt das Weltliche
besorgen Aber geschrieben steht auch Der Waisen Sache sei deine Sache Ich
hab mich nicht darum zu kümmern welcher Jung welches Mädele nimmt und ob er
Sellner wird oder nicht Aber Sender ist ein Fremdling in unserer Gemeinde und
hat sonst keinen Annehmer als mich und sein Vater er ruhe in Frieden hat
mich vielleicht ohnehin schon vor Gott verklagt wegen seines Kadisch Er soll
mir nicht auch nachsagen dürfen Er hat meinen Sender dem Verderben überlassen
Und darum muss ich jetzt über seine Heiratssach mit Euch reden und über seine
Militärsach so ungern ich es tu«
Er begann sich hin und her zu wiegen und fuhr fort »Sind es aber zwei
Sachen Nein es ist beides eine Sach Wenn Sender nicht heiratet so muss er
Sellner werden Folglich muss er heiraten Wo aber ist da die Schwierigkeit Ist
Sender vielleicht Gott bewahre außer stande zu heiraten Nein Oder haftet
Gott bewahre ein Makel an ihm Nein Oder findet sich niemand der ihm seine
Tochter geben wollt Nein Reb Itzig hier hat mir gesagt er kennt solche
Eltern Oder ist an diesen Eltern oder an ihren Töchtern ein Makel dass Ihr
Frau Rosel oder Sender sie verschmähen müsstet Nein nicht an allen Also wo
ist die Schwierigkeit frag ich nochmals Darin liegt sie dass Euch Frau
Rosel leider kaum eine zur Schwiegertochter recht ist Und ferner darin dass
Sender nicht heiraten will Das erste ist nicht in der Ordnung und das andere
ist gar eine Sünde und beides wegzutun und auszurotten als ob es nie dagewesen
wär ist meine Pflicht und mein Recht Darum hab ich euch beide hierher
berufen«
Frau Rosel machte eine Bewegung sie wollte sprechen
»Später« sagte der Rabbi streng »In der Klaus Gelehrtenstube sprechen
Weiber nur wenn sie gefragt werden und dann kurz Ich der ich doch wahrlich
genug zu sagen hätte rede auch kurz Und ich bin doch der Rabbi Denn warum
Weil geschrieben steht Das wohlriechendste Gewürz ist Schweigen Und ferner
steht geschrieben Der Weisheit Zaun ist die Schweigsamkeit Und dann steht noch
geschrieben Bevor du gesprochen bist du deiner Worte Herr Nachdem du
gesprochen sind sie deine Herren Darum besinne dich ehe du sie deinem Munde
entweichen lässt Und ebenso steht geschrieben Bewahre deine Zunge vor unnützen
Reden damit deine Kehle keinen Durst bekomme«
»Ich verstehe« sagte der Marschallik mitleidig »Soll ich Meierl
Schulklopfer sagen dass er Euch etwas Wein bringt« Und ehe sich der Rabbi über
diese unerhörte Kühnheit gefasst sprach er weiter »Wir haben nur zwischen
zweien die Wahl Erstens Reb Hirsch Salmenfelds Malke «
»Schweigt« unterbrach ihn der Rabbi »Eine Verbindung mit einem solchen
Menschen beredet man in einer Klaus nicht «
»Es steht aber« wandte der Marschallik ein »geschrieben Richte jeden nach
seiner eigenen Tat Reb Hirsch ist der Frömmste der Frommen Hab ich nicht
recht Frau Rosel«
Die Frau blickte furchtsam nach dem Rabbi hin »Der Rabbi meint aber «
begann sie zögernd
»Ich mein nicht« rief der Greis »Ich weiß dass es eine Todsünd wär In
eine Familie wo solche Frevel geschehen lässt man keinen Waisen heiraten
Vielleicht ist auch die Tochter gottlos sie kann ja Deutsch lesen«
»Aber Rabbi meine Jütte sagt «
»Eure Jütte An Eurer Stelle ließ ich mein Kind nicht dort Deutsch
Lesen und Schreiben ist ein Makel fürs ganze Leben noch mehr ein Gift ist es
Wer darf mit Gift umgehen Der Apotheker Luiser muss es können weil er die
Matrikel zu führen hat und Dovidl Morgenstern wegen der Prozesse Aber für
jedes andere jüdische Kind ob Mann ob Weib ist es Todsünde Todsünde hört
Ihr Und was immer gegen Sender vorgebracht wird er ist fromm und hält alle
Gebote und hat sich fern gehalten von den Wegen der Frevler und Abtrünnigen Ihm
ein Weib das christliche Bücher liest Ich bin sein Annehmer und duld es
nicht So ein Weib kommt überhaupt nie in meine Gemeinde niemals«
Der Marschallik zuckte die Achseln »Dann muss er die aus Kolomea nehmen«
sagte er »Reb Chaim Goldguldens Lea Der Vater ist einverstanden er weiß dass
sich kein anderer findet«
»Um Himmelswillen« schrie Frau Rosel auf »Die Kleine Bucklige Und
hässlich ist sie wie die Nacht und fast dreißig Jahr alt man hats mir
gesagt«
»Achtundzwanzig« sagte der Marschallik »Übrigens ich hätt dem armen
Sender die hübsche Malke auch lieber gegönnt «
Der Rabbi strich nachdenklich den langen Bart
»Reb Chaim Goldgulden ist ein Frommer und Gerechter« sagte er »Klein
Bucklig Was tut das Es steht geschrieben Achte auf die Schönheit des Herzens
Die Tochter von Reb Chaim ist gewiss tugendhaft und flieht vor dem Laster«
»Da könnt Ihr ganz ruhig sein« rief der Marschallik »Wenn Ihr sie kennen
würdet Lea braucht vor dem Laster nicht zu fliehen das Laster flieht vor
ihr«
»Und die zweihundert Gulden für Dovidl Morgenstern würde Reb Chaim sofort
erlegen«
»Ja« erwiderte der Marschallik »Ich glaub der würde sogar fünfhundert
zahlen Wenn nur den alten Mann nicht vor Freud der Schlag trifft Dass er die
noch anbringt hat er wirklich nicht mehr gehofft Übrigens sind ihr achthundert
Gulden vor Gericht zugeschrieben«
»Gut« sagte der Rabbi »Meierl« rief er laut »Wo ist Euer Sohn« wandte
er sich an die Frau
»In der Werkstätte Aber um Himmelswillen «
Der Schulklopfer erschien an der Tür
»Du holst den Pojaz aus seiner Werkstätte« befahl ihm der Rabbi »rasch«
Der Bote stürzte davon
»Rabbi« rief Frau Rosel unter strömenden Tränen »Das ist ja eine Sünd vor
Gott Einen Menschen mit gesunden Gliedern wollt Ihr an einen Krüppel binden«
»Schweigt« rief der Greis in heftigem Zorn »Was Sünde oder fromme Tat ist
weiß ich besser als Ihr Sünde wärs wenn er Sellner würde Glaubt Ihr ich
misch mich zum Vergnügen in Eure Sachen Aus Ehrfurcht für die Gebote Gottes
Aber dann muss ich auch so entscheiden wie es seinem Willen entspricht«
»Oh« schluchzte Frau Rosel »Das kann seinem Willen nicht entsprechen
Die Ehe wird ja auch kinderlos bleiben So ein Krüppel kann nicht Mutter werden
Nicht wahr Reb Itzig«
Der Marschallik zuckte die Achseln »Bei Gott ist alles möglich Aber
ein Wunder wärs«
»Hört Ihr« rief Frau Rosel »Ich bin ja ein unwissend Weib aber ich hab
immer gehört eine Ehe zu stiften die kinderlos bleiben muss ist Sünde«
»Ein unwissend Weib« sagte der Rabbi »Ihr sagt es selbst Es gibt nur eine
Todsünde für Mann und Weib unvermählt zu bleiben Bleibt die Ehe kinderlos so
wird sie selbstverständlich wieder getrennt Übrigens « er wandte sich an den
Marschallik »wisst Ihr noch eine dritte«
»Nein « erwiderte dieser »Aber vielleicht in einigen Tagen « fügte er
mitleidsvoll zu Frau Rosel gewendet hinzu
»Haben wir dazu Zeit« fragte der Rabbi »Gebt mir die Vorladung« befahl er
der Frau
Sie reichte sie ihm hin
Er schüttelte den Kopf »Das kann ich nicht lesen« sagte er und schob das
Blatt scheu von sich
»In vierzehn Tagen ist die Rekrutierung« sagte Frau Rosel »Aber bis dahin
«
»Sollen wir warten« fuhr der Rabbi auf »Unmöglich Lea Es bleibt dabei«
Während so über seine Zukunft entscheiden worden saß Sender ahnungslos in
der Werkstätte Als Meierl Kaiseradler hereinstürzte ihn zum Rabbi zu
entbieten schrak er heftig zusammen Hatte Rabbi Manasse von seinen Besuchen im
Kloster erfahren Dann war er verloren
»Warum« stammelte er »Wozu «
»Es ist wegen der Rekrutierung« sagte Meierl beruhigend
»Der Rekrutierung« stammelte Sender mit bleichen Lippen »Ich bin ja frei«
»O nein« flötete Jossele Alpenrot mit sanfter Stimme aber seine Augen
leuchteten vor Freude »das ist ein Irrtum von dir lieber Sender Du musst dich
stellen«
»Ja das musst du« bestätigte Meierl »Ich hab dir ja auch den Befehl zur
Losung zuzustellen gehabt Deine Mutter hat ihn eben für dich übernommen Aber
komm sie warten«
Einen Augenblick stand Sender starr vor Schrecken Dann begann er zu
taumeln er empfand plötzlich einen furchtbaren Schmerz in der Lunge als würde
ihm da ein Messer eingebohrt und gleichzeitig überflutete das Blut sein Hirn
ein Schwindelanfall wie am Morgen nur ungleich stärker
Erschreckt sprang der Meister auf den Schwankenden zu und ließ ihn auf den
Schemel gleiten Schwer atmend saß Sender da sein Antlitz ward abwechselnd
tiefrot und totenfahl instinktiv hielt er die Hand auf die Brust gepresst
»Sellner« stammelte er »Jetzt Barmherziger Gott jetzt«
»Aber nein« tröstete Meierl »So höre doch nur Sie beraten ja eben
Komm«
Sender raffte sich auf und folgte dem Boten anfangs zögernden Schritts
dann lief er rascher als dieser Die Wärme und Schwere in den Lungen wuchs zur
quälenden Hitze der Atem ging pfeifend aus und ein das fahle Antlitz war von
kaltem Schweiß überdeckt So stürzte er lange vor Meierl in die Stube des
Rabbi und auf seine Mutter zu die ihm fast ebenso bleich wie er das Antlitz
von Tränen überströmt die Arme entgegenbreitete
»Es ist ja nicht möglich« keuchte er mühsam hervor »Ich bin ja dein
einziger Sohn Wo ist der Befehl«
Er riss ihr das Schriftstück aus der Hand
»Sender Glatteis« schrie er auf »Das bin ja nicht ich Und doch bei
der Rosel Kurländer «
Das Blatt entfiel seiner Hand
»Barmherziger Gott« stöhnte die alte Frau auf und schlug die Hände vors
Antlitz
»Mutter was ist das was bedeutet das« Zitternd tastete seine Hand
nach der ihrigen
Da fühlte er sich plötzlich an der Schulter gefasst und zurückgerissen Der
alte Rabbi stand vor ihm hoch aufgerichtet mit verstörten Augen fassungslos
vor Zorn
»Elender« schrie er »Du kannst diese Buchstaben lesen Meinen Fluch
über dich Hinweg «
Sender suchte sich loszumachen da fühlte er jenen schneidenden Schmerz
wiederkehren heiß und salzig quoll es in seiner Kehle empor und drohte ihn zu
ersticken er sank zu Boden und ein Blutstrom brach aus seinem Munde
»Er stirbt« schrie Frau Rosel auf und warf sich über ihn »Ihr habt ihn mir
getötet«
Sechzehntes Kapitel
Als Sender wieder zum Bewusstsein gelangte und um sich blickte fand er sich in
seinem Bette aber im Wohnzimmer des Mautauses Es war Nacht auf dem Tisch
brannte ein Öllämpchen die Fenster standen weit offen und ließ die laue
Frühlingsluft einströmen Von der Straße her klang lauter Gesang aus rauen
Kehlen der allmählich in der Ferne verhallte Dieses Lärmen mochte ihn aus dem
Schlaf geweckt haben in dem er wohl lange gelegen sehr lange er empfand dies
sofort als er die Augen aufschlug Auf seinem Kopf lag etwas Kaltes Nasses
er tastete danach es war ein in Eiswasser getauchtes Tuch
Vom Fussende des Bettes erhob sich eine Gestalt und beugte sich über ihn
»Reb Itzig« murmelte der Kranke erstaunt
»Gottlob« rief der Marschallik fröhlich »Aber nun schläfst du noch ein
bissele wenn ich dich schön bitten tu Es ist kaum Zwei was fängst du so
früh an«
»Ich war wohl krank« stammelte Sender und nun kam ihm die dunkle
Erinnerung als hätte sich das letzte Mal da er dies Antlitz gesehen etwas
Peinvolles ja Furchtbares zugetragen aber was war es nur gewesen und wann
»War das gestern« murmelte er
»Pst« machte der Marschallik »Geschichten erzählen wir uns ein andermal«
Er streichelte ihm liebevoll das Antlitz »Nun schlaf sag ich«
Und Sender schloss gehorsam die Augen er fühlte sich so furchtbar müde Der
Alte nickte zufrieden Dann schlich er auf den Fußspitzen ans Fenster
Am Schranken draußen stand Frau Rosel sie konnte heute nacht ihren Posten
kaum auf eine Minute verlassen Denn es war die Nacht nach der Rekrutierung von
Mitternacht ab strömten die Bauern des Bezirks aus Barnow wieder in ihre Dörfer
zurück die einen traurig die anderen fröhlich aber alle betrunken Wer der
Gefahr entronnen musste dies ausgiebig feiern die Rekruten aber und ihre
Angehörigen konnten ja nicht ungetröstet heimkehren Unablässig scholl das
Heulen Schluchzen und Johlen durch die Nacht kaum dass der Lärm des einen
Trupps verklungen war verkündete schon der nächste sein Nahen So eben jetzt
»Mädel einen letzten Kuss
Weil ich jetzt marschieren muss «
heulte eine meckernde Stimme in den höchsten Tönen aus dem Leiterwagen der
langsam herangehumpelt kam und die anderen die im Wagen saßen fielen johlend
im Chorus ein »Marschieren muss «
Dennoch teilte der Marschallik der Frau nur flüsternd die Freudenbotschaft
mit
»So wahr ich die Freud haben soll« schwor er »meine Jütte unter dem
Trauhimmel zu sehen er hat ganz deutlich Reb Itzig gesagt und vernünftig
gesprochen Frau Rosel er ist gerettet«
Sie erhob die Augen zum Himmel
»Aber nun schliesset die Fenster« bat sie »Das Gesindel schreit immer
lauter Wenn nur die Nacht schon vorbei wär«
Der Marschallik tat wie sie gewünscht aber das nützte auf die Dauer nicht
Gegen die dritte Stunde kam ein Trupp vorbei der sich für den Heimweg ganz
besonders gestärkt denn er brüllte dass die Scheiben zitterten
»Nach Wien werd ich gehen
Vor des Kaisers weißes Haus
Und werde weinen und flehen
Gib den Iwon heraus«
»Der Teufel wird euch holen ehe ihr hinkommt« murmelte der Marschallik grimmig
und beugte sich unwillkürlich über den Kranken als könnte er dadurch das Lärmen
von ihm abhalten
Aber schon war Sender emporgefahren
»Rekruten « murmelte er verstört »Ich muss auch mit « Er suchte die
Decke abzuschütteln
»So wie du bist in dieser Generalsuniform« lachte der Marschallik und
drückte den Kranken in die Kissen nieder »Du bist kein Rekrut es geht dich
nichts an« sagte er nachdrücklich »Heut bin ich dein Hauptmann und befehl
dir Augen zu« Aber er musste lange bitten bis Sender sich beruhigte und nun
fuhr der Kranke bei jedem Geräusch empor
So auch als Frau Rosel zwei Stunden später endlich abkommen konnte und an
sein Lager trat
»Mutter« rief er freudig als er sie erkannte Dann aber wurde seine Miene
ängstlich »Bist du bist du mir bös«
Sie hatte bisher tapfer an sich gehalten nun war ihre Kraft zu Ende »Mein
armes Kind« schluchzte sie auf und die Tränen überströmten das bleiche
vergrämte Antlitz das in diesen bösen Tagen um Jahrzehnte gealtert war »quäl
dich nicht Wenn du nur gesund wirst ist alles gut«
Da lächelte der Kranke und als ihm die Mutter die Hand auf die Stirne
legte schlummerte er sanft wieder ein
»Das wär in Ordnung« sagte der Marschallik »Das Fieber ist weg in vier
Wochen ist er gesund Der versoffene Grundmayer hat ja kaum gewusst was er
verschreibt aber Gott hat ihn gerettet«
»Gelobt sei Sein Name« stimmte sie unter heißen Tränen bei »Aber morgen
wird er sich besinnen was geschehen ist und zu fragen anfangen «
»Und dann ist Gott tot und Ihr verloren« fiel der Marschallik ein »Sprecht
nicht so töricht Frau Rosel es wird sich alles finden Jetzt aber legt Ihr
Euch auf ein paar Stund schlafen Gleich werdet Ihr gehorchen« fuhr er
fort als sie sich sträubte »Wollt Ihr auch krank werden«
»Reb Itzig« sagte sie gerührt »was seid Ihr für ein Mensch«
»Ein kluger« erwiderte er »Der einzige Schlaukopf in ganz Barnow Da ist
eine arme verlassene Witwe mit ihrem todkranken Sohn wo war mehr Gotteslohn
zu holen als in den letzten vierzehn Tagen hier Und alles haben die dummen
Leut mir gelassen Im Ernst Frau Rosel« fügte er bei »ich hab Euch zu
danken«
Nachdem sie in ihre Kammer gegangen war setzte sich der Marschallik an das
Fussende des Lagers und verließ den Platz nur wenn ein Wagen am Schranken hielt
Er dachte nach es waren keine fröhlichen Gedanken die den mitleidigen Mann
erfüllten Er war kein Fanatiker der fröhliche kluge Lustigmacher von Barnow
es entsetzte ihn nicht dass Sender heimlich die »christlichen Zeichen« erlernt
aber unbehaglich war es ihm doch »Darum also« dachte er »hast du mir und dem
dicken Mortche in Mielnica so übel mitgespielt Natürlich ein Deutsch heiratet
spät oder gar nicht Und ein Deutsch willst du ja werden Wer das hinter dem
lustigen Pojaz gesucht hätt Mein armer Jung dazu wärs fürcht ich zu spät
für dich und wie willst dus denn nun machen Wer dir die Bücher geschenkt hat
die wir oben in deiner Lade gefunden haben mag der Teufel wissen sie sind nun
verbrannt aber das Schlimme für dich ist geblieben Der Rabbi in Wut die
Gemeinde gegen dich was machen wir nun aus dir Und was sagen wir dir jetzt
wo du deinen richtgen Namen kennst«
Sorgenvoll griff er nach Senders Gebetriemen die wie es die fromme Sitte
bei schwer Erkrankten gebietet samt dem Andachtsbüchlein in einem Netz zu
Häupten des Lagers hingen schlug sie um Stirn und Rechte und verrichtete sein
Morgengebet Als er an die Stelle kam »Hilf uns Vater dann wird uns geholfen
sein Denn von dir allein kommt das Heil« belebte sich sein Antlitz und
nachdem er das Gebet beschlossen wiederholte er die Worte noch einmal
»O ich Narr« murmelte er »Gott ist doch auch sein Vater Nein du wirst
nicht zu Grunde gehen du armer Mensch Er wird mir schon was für dich einfallen
lassen auch wenn ich selbst keinen Rat mehr weiß«
Diese zuversichtliche Stimmung hielt in ihm vor als Frau Rosel wieder
erschien ihn abzulösen »Denket wie es vor vierzehn Tagen war« mahnte er
»Als sollt die Welt über Euch und ihm zusammenstürzen Und in abermals vierzehn
Tagen ist vielleicht alles gut«
Das hoffte sie nicht aber die Vergleichung war auch ihr tröstlich Wie hart
hatten sich die Leute in jener peinvollen Stunde gegen sie und ihren Sohn
betragen Mit Mühe nur hatte der Marschallik einige bewogen den bewusstlosen
»Sünder« ins Mautaus zu tragen Allerdings wusste niemand recht was Sender
gefrevelt es genügte ihnen dass ihn der Rabbi verflucht Um ihr die qualvolle
Sorge um den Kranken zur Verzweiflung zu steigern war nur der »Doktor«
Grundmayer zur Hilfe da der Stadtarzt hatte ja nach Lemberg reisen müssen Der
Marschallik hatte recht Wenn Sender genas so hatte ihn nur Gott gerettet Dann
aber zürnte Er vielleicht gar nicht so sehr wie sein Diener der Rabbi Sie war
in strengster Gläubigkeit alt geworden und nie hatte sie irgend ein Zweifel
beschlichen nicht einmal an einem Ausspruch des Rabbi geschweige denn an der
Notwendigkeit eines einzigen der unzähligen Gebote und Verbote ihrer Sekte Auch
nun zweifelte sie nicht dass Sender schwere Sünde auf sich geladen und nicht
allein aus Vorsicht auch um Unseliges nicht in ihrem Hause zu dulden hatte sie
die Bücher und Schriften verbrannt Aber der Fluch eines Rabbi ist eine
furchtbare Strafe sie macht den Bestraften elend und verlassen war sie hier
nicht zu hart Und da die Wucht dieser Strafe Sender verblutend zu Füßen seines
Richters hingeworfen hätte er nicht dann Mitleid üben die Herbeieilenden zur
Rettung des Jünglings anfeuern sollen Er aber sagte nur »Schaffet ihn fort
Das Blut des Sünders befleckt diese Stube« War das auch im Namen und nach dem
Willen Gottes gesprochen
Sie richtete sich hoch auf
»Nein Rabbi das war zu hart « murmelte sie als stünde sie ihm gegenüber
»Und ihr anderen gar was wollt ihr von ihm Er hat gesündigt ja aber wer weiß
warum und durch wessen Verführung Aus den Wolken sind ihm ja jene Bücher nicht
in die Lade gefallen Und was er gesündigt hat hat er gebüßt und wenn ihm Gott
verzeiht indem er ihn genesen lässt so sollt ihr anderen ihn nicht verfolgen
Er ist mein Kind ich werde zu meinem Kinde stehen«
Um die Mittagsstunde kam der Wundarzt Grundmayer nach seinem Patienten zu
sehen Das war ein Beweis seines großen Pflichtgefühls denn er hielt sich kaum
auf den Beinen Sein gewöhnlicher Rausch war allerdings immer schon am nächsten
Vormittag ausgeschlafen aber am Abend nach der Rekrutierung hatte er sich eben
einen besonderen angetrunken schon aus Freude darüber weil sich diesmal die
»Fehler« aller seiner Klienten als wirksam bewährt Stolpernd und pustend kam er
auf das Mautaus losgesteuert
Frau Rosel ersah ihn zufällig schon von fern und trat ihm vor der Tür
entgegen Sender sei wieder bei Bewusstsein jetzt schlafe er tief und fest es
sei wohl das beste ihn nicht zu wecken
»Hoho« gröhlte der Trunkene »woher wissen Sie was das beste ist Aber
meinetwegen « er sank auf die Bank vor dem Hause »lassen wir ihn schlafen
Wenn er aufkommt zahlen Sie mir hundert Gulden denn dann war das eine
Wunderkur Blutsturz Nervenfieber was weiß ich alles zusammen« Er lachte
laut auf »Aber er kommt ja nicht auf Unsinn Deshalb müssen Sie mir doch einen
Gulden für jeden Besuch zahlen Auch für den heutigen Sonst«
Er erhob sich und nahm eine drohende Haltung gegen sie an Zum Glück kam in
diesem Augenblick ein Wagen vorbei der dicke Simche Turteltaub der einstige
Lohnherr Senders lenkte ihn Auch er hatte sich bisher nicht einmal nach dem
Befinden des Kranken zu erkundigen gewagt Als er jedoch die Szene sah hielt er
an und sprang vom Kutschbock
»Steigt ein« befahl er dem Trunkenen »Ich bring Euch heim« Dann wandte
er sich an Frau Rosel »Das geht nicht dass mein Sender in solchen Händen
bleibt Ich hab eben den Herrn Regimentsarzt der gestern die Rekrutierung in
Barnow geleitet hat zu einigen Kranken in Biala gebracht Nachmittag soll ich
ihn abholen ich halt auf dem Rückweg bei Euch an«
Sie vermochte ihm vor Rührung kaum zu danken »Recht habt Ihr« sagte sie
dem Marschallik als er des Nachmittags wieder erschien »Gott verlässt uns
nicht«
Sender war nur auf wenige Minuten erwacht und hatte die Suppe die sie ihm
gereicht mit Heisshunger gegessen Nun schlief er wieder
So traf ihn der Regimentsarzt Er ließ sich die Krankengeschichte erzählen
und untersuchte dann den Leidenden Als Sender die Militäruniform sah schrak er
zusammen Aber der Arzt beruhigte ihn »Nein mein Sohn aus dir wird dein
Lebtage kein Soldat«
Dies sagte er auch der Mutter »Eine Gefahr für sein Leben besteht jetzt
nicht mehr und wenn er sich schont gut nährt vor jeder Aufregung aber
namentlich auch vor jeder Erkältung hütet so kann er recht alt werden So
gesund um rekrutiert zu werden wird er freilich niemals wieder«
Sie fragte ob die Aufregungen jener Szene den Blutsturz herbeigeführt
Der Arzt zuckte die Achseln
»Vielleicht« sagte er »Wenigstens wäre er sonst wahrscheinlich nicht so
heftig gewesen Aber dann wärs eben ein Blutusten geworden Für die
Erkrankung Ihres Sohnes kann der Rabbi nichts wohl aber hängt es von ihm wie
von jedem der dem Kranken Freude oder Schmerz bereiten kann ab wie rasch und
gründlich er sich erholt Die Suppen allein werdens nicht machen«
Der Marschallik der neben Simche dem Kutscher ehrfurchtsvoll lauschend an
der Tür stand gab diesem einen kräftigen Rippenstoss »Hört Ihr« flüsterte er
»Ihr sollt mir dafür Zeuge sein«
Nachdem der Arzt gegangen sagte er zu Frau Rosel »Also die Hauptsache
keine Vorwürfe keine Fragen Und fragt er was eine beruhigende Antwort Wisst
Ihr keine so sagt es mir ich werd sie wissen«
»Immer« fragte sie zweifelnd
»Ja« erwiderte er »Ich bin nicht dumm und Gott ist allweise«
Aber dazu kam es in den nächsten Tagen nicht Sender schlief viel und lag
die übrige Zeit still da So oft die Mutter an sein Lager trat und ihm die
blassen Wangen streichelte überflog ein Lächeln sein Antlitz er schloss die
Augen und dies Lächeln haftete dann noch auf den Zügen des Schlummernden Ihm
wars als sei er wieder ein Kind und es könne ihn kein Leid anrühren so lang
ihn die Mutter behüte und mit ihm zufrieden sei Und als er endlich fragte ob
er außer Gefahr sei und wie es um seine Militärpflicht stehe so brauchte sie ja
nicht erst mit dem Marschallik zu beraten um ihn zu beruhigen
Inzwischen war Itzig Türkischgelb bemüht auch für all die anderen Fragen
die wie drohende Klippen das fernere Leben seines armen Schützlings umstarrten
eine freundliche Lösung zu finden
Zunächst warb er den dicken Simche als Bundesgenossen »Ihr müsst mir helfen
den Ochsen bei den Hörnern zu fassen« sagte er ihm »Der Ochs ist unsere
Gemeinde Mit dem Schweif den kleinen Schreiern wollen wir uns nicht abgeben
Kommt zum Rabbi«
Als sie vor dem Gelehrten standen begann der Marschallik mit der Frage ob
der Rabbi Sender in den »Cherem« Bann getan Niemand wisse es genau
»Nein« erwiderte Rabbi Manasse »Meinen Fluch habe ich über ihn
ausgesprochen den Bann nicht das muss ja schriftlich geschehen Ich warte noch
Denn es steht geschrieben Der Mensch richte nicht wo Gott gerichtet Er soll
ja im Sterben liegen «
Das sei zum Glück nicht wahr erwiderte der Marschallik und erzählte
ausführlich von Senders Zustand und der Mahnung des Arztes auch seien die
Bücher bereits verbrannt »Und darum werdet Ihr Barmherzigkeit üben« schloss er
flehend
Der Rabbi schüttelte finster den Kopf »Hat er denn mich beleidigt dass ich
ihm verzeihen könnte Es war ein Frevel gegen Gott und den muss ich strafen Mit
den fremden Zeichen schleicht sich der Abfall in die Reihen Israels ein Ihr
deutet seine Genesung als eine Gnade Gottes Nein er lässt den Sünder leben
damit er auf Erden büsse was er auf Erden gefrevelt«
»Aber der Bann ist ja eine furchtbare Strafe« klagte der Marschallik »Der
Unglückliche wäre dann brotlos friedlos heimatlos Und was ist seine Schuld
Dasselbe tun alle Juden in Deutschland und in unseren großen Städten«
»Traurig genug« war die Antwort »Ich habe leider nur über meine Gemeinde
die Macht Ich schütze sie vor dem Gift Luiser und Dovidl ich sagts Euch
schon sind Apotheker Aber von Mutwilligen ist Sender der erste und soll der
letzte bleiben So wollens unsere Weisen«
»Unsere Weisen« rief der Marschallik »Unter den zehntausend Meinungen von
zehntausend Rabbinern die der Talmud verzeichnet ist vielleicht auch eine die
Euch recht gibt und die hundert die Euch unrecht geben beachtet Ihr nicht
Der Talmud ist wie ein Wald ruft Ihr Rache oder Gnade hinein es wird daraus
schallen wie Ihr gerufen«
»Ihr redet wie Ihrs versteht Ich folge unseren Weisen Übrigens es war
ihm vorbestimmt Der Apfel fällt nicht weit vom Stamme Seinen Vater hat der
eigene Vater verflucht«
Der Marschallik wollte heftig erwidern Da hielt er plötzlich inne Von
seinem Antlitz wich die zornige Erregung und machte tiefer Betrübnis Platz
»Kommt Reb Simche« sagte er tief aufseufzend »Unsere Pflicht haben wir
getan gegen Sender aber auch gegen den Stolz unserer Gemeinde Der
frömmste Rabbi des Landes in den Händen der Polizei Aber wirds unsere Schuld
sein Reb Simche«
»Nein« wehrte der Fuhrmann entsetzt ab Er verstand nicht was der
Marschallik meinte aber er wollte keinesfalls daran schuldig sein
Der Rabbi horchte hoch auf »Was meint Ihr damit« fragte er
»Ja wenn ichs sagen dürft« seufzte der Marschallik »Aber kann ichs
sagen Redet Reb Simche könnt Ihrs sagen Könnt Ihr«
»Nein« beteuerte dieser und da log er wahrlich nicht
»Ich nehms Euch nicht übel Reb Simche Ihr seid eben Familienvater Und
ich auch Lebt wohl Reb Manasse Aber wenn der Bann erlassen ist und es
kommt die Polizei und holt Euch denkt dann an mich «
»Die Polizei« fragte der Rabbi geängstigt Er wusste wohl des Kaisers
Gericht hatte den Rabbinern streng verboten den Bann zu schleudern auch war
die angedrohte Strafe hoch Aber zur Untersuchung kam es nur wenn die Anzeige
eines einflussreichen Mannes vorlag sonst kümmerten sich die Bezirksämter nicht
darum »Hat dieser Sender so mächtige Freunde«
»Ja« sagte der Marschallik »Mögen diese Herren dann mit mir tun was sie
wollen ich warne meinen Rabbi Nur von zweien dieser Freunde will ich reden
Der eine ist so mächtig dass er neulich ich war zufällig dabei einen Herrn
in Uniform zu Sender gebracht hat und der hat gleich versprochen Sender wird
nie Sellner werden Ist es wahr Reb Simche«
»Ja« erwiderte dieser feierlich obwohl er das Lachen mit Mühe
unterdrückte
Der Rabbi rückte unruhig hin und her »Könnt Ihr bezeugen« wandte er sich
an den Fuhrmann »dass auch Ihr diesen mächtigen Freund von Sender kennt«
»Bei Weib und Kind kann ichs schwören« beteuerte der dicke Mann »Ich
kenn ihn wie mich selbst«
»Wer mag das sein« murmelte der Gelehrte beängstigt Dann aber erhellte
sich sein Antlitz
»Warum hat denn Frau Rosel so vor der Rekrutierung gezittert« fragte er
»Warum ist der Mann in Uniform nicht früher gekommen«
Türkischgelb lächelte überlegen »Ihr vergesst dass Sender geglaubt hat er
ist befreit Und der Mann in Uniform ist damals noch nicht in Barnow gewesen«
Er beteuerte auch dies mit schweren Eiden und der Fuhrmann tat das gleiche
Der Rabbi seufzte »Aber wer war es« fragte er »Sagt es doch«
»Darf ich Euch nicht sagen« erwiderte Türkischgelb »Und ebenso kann ich
Euch nicht sagen wer sein zweiter noch viel mächtigerer Beschützer ist Ich
kann nicht Aber ist Euch nicht aufgefallen woher der Bursch plötzlich lesen
und schreiben kann Woher er die Bücher hat Welch einen Haufen haben Frau Rosel
und ich verbrannt Welch einen Haufen Alles von diesen reichen Herren
Glaubt Ihr Rabbi dass solche Herren schweigen werden Eine kleine Straf für
ihren Schützling hätten sie hingenommen aber den Bann Ihr kommt ins Kriminal
Rabbi ich seh schon die Polizei wie sie Euch holt Aber das ist nicht zu
ändern Ihr müsst nach Eurem Gewissen handeln Kommt Reb Simche «
»Halt« sagte Rabbi Manasse und wischte sich den Schweiß von der Stirne
»Sender ist reuig sagt Ihr und die Bücher sind verbrannt«
»Ja aber das nützt ja nichts Kommt Reb Simche« Und er zog den Fuhrmann
zur Tür hinaus
Als sie auf der Straße waren brach der dicke Mann in ein Lachen aus dass es
wie ein Dröhnen klang
»Reb Itzig« rief er bewundernd »was seid Ihr für ein Kopf Aber warum seid
Ihr nicht dageblieben Wir hätten irgend eine Busse für Sender vereinbart und
die Sach wär im reinen«
»Weil die Busse morgen wenn er mich holen lässt kleiner sein wird Denn
zwischen heut und morgen liegt eine Nacht die er schlaflos verbringt«
In der Tat erschien am nächsten Morgen Meierl Kaiseradler beim Marschallik
und entbot ihn sofort zu dem Rabbi Türkischgelb ließ sich auch nicht lange
bitten »Vielleicht fragt er sonst einen anderen« dachte er
Aber damit hatte es keine Gefahr
»Unser gestriges Gespräch bleibt unter uns« begann der Rabbi »Sonst
könnten die Leut glauben dass ich mich vor der Polizei fürchte während ich nur
unseren Weisen folge Nach unseren Weisen lässt sich eine so schwere Strafe doch
nicht aussprechen ich hab mich davon überzeugt Es mag genügen wenn Sender
die folgenden Bedingungen erfüllt Erstens muss er zu mir kommen und mir Abbitte
tun für die Kränkung die er meinem frommen Herzen bereitet hat «
Der Marschallik nickte »Das sind Worte« dachte er »auf Worte wird es
meinem Sender nicht ankommen«
»Zweitens er muss mit einem Schwur auf die Tora geloben nie wieder ein
deutsches Buch anzurühren «
»Hm« Türkischgelb räusperte sich Seine eigene Empfindung darüber war eine
unsichere er verdammte Sender nicht sondern bemitleidete ihn nur die
Wissenschaft brachte ihm schwere Anfeindung und keinerlei Nutzen aber gleich
abschwören wie eine Sünde Und Sender musste doch einen Zweck dabei verfolgt
haben und gleichviel wie töricht dieser gewesen würde er nun gewillt sein
ihn aufzugeben
»Hm« fragte der Rabbi
»Hm« wiederholte der Marschallik Aber er sah ein da konnte der Rabbi
wirklich nicht nachgeben ohne sein Ansehen einzubüssen
»Und was noch« fragte er
»Zum dritten soll Sender zwei Jahre lang jeden Montag und Donnerstag fasten
und zum vierten jeden Sabbat auf dem Sünderplatz neben der Tür der Schul
stehen«
»Daraus wird nichts« erklärte Türkischgelb entschieden Und in beweglichen
Worten stellte er dem Rabbi vor dass ein kränklicher Mensch doch nicht im Winter
an der Tür stehen und zweimal wöchentlich fasten könne
»Aber eine dauernde Busse muss er auf sich nehmen« wandte Rabbi Manasse ein
»So lasst ihn durch zwei Jahre täglich fünf Psalmen sagen«
»Das ist eine zu leichte Strafe« meinte der Gelehrte gab sich aber
schließlich damit zufrieden »Außerdem aber« sagte er »will ich ihm das
Versprechen abnehmen bald zu heiraten Dann wird er ehrbar und vernünftig
Warum soll er nicht zum Beispiel die Lea aus Kolomea nehmen«
»Rabbi« rief der Marschallik lachend »Das wäre ja die vierte und härteste
Busse Und eine Straf solls doch nicht sein Es steht ja geschrieben Ehestand
ist Glücksstand Aber dass er Euch das Versprechen leisten soll damit bin ich
einverstanden«
Er meinte dies ernst Denn er wollte ja nicht dass Sender ein »Deutsch«
werde und unvermählt bleibe wollte es von dem Vorurteil abgesehen das auch in
ihm nicht schwieg vor allem deshalb nicht weil es ihm für den »armen Jung«
kein Glück schien nun in neue fremde Bahnen einzulenken für den
Zwanzigjährigen von schwankender Gesundheit wars zu spät
Als der Marschallik seinem Bundesgenossen Simche das Ergebnis dieser
Verhandlung mitteilte brach der Fuhrmann in den ungestümen Ausruf der
Bewunderung aus »Reb Itzig gegen Euch ist Gortschakow ein Esel und
Schwarzenberg ein Ochs Wenn Ihr Tippelmat Diplomat geworden wäret es gäb
keinen Krieg auf der Welt Mehr hätte niemand für Sender erwirken können auch
sein eigener Engel nicht«
Minder bilderreich drückte Frau Rosel ihre Zustimmung aus »Gott wirds Euch
vergelten« sagte sie »An Eurer Jütte wird ers Euch vergelten« aber auch
dies wenige erriet er mehr als er es hören konnte weil die Tränen der Freude
die Stimme der armen Frau erstickten
»Ihr sagt es ihm aber erst wenn er außer Bett ist« mahnte er Ihm machte
jener Schwur Sorge und obwohl er sonst auch sein eigenes Verdienst sehr gern
und sehr lebhaft anerkannte vermochte er doch diesmal nicht recht in das Lob
der anderen einzustimmen Denn da Sender in der Gemeinde beliebt war ärgerten
sich nur die Frömmsten darüber dass er so glimpflich davonkommen sollte wenn es
auch die meisten geradezu wie ein Wunder berührte dass der sonst so strenge
Rabbi nicht einmal auf einer öffentlichen Busse beharrte von den beiden
Mächtigen die dies bewirkt erfuhr ja niemand ein Sterbenswörtchen
Nur ein Mann der Gemeinde sonst der Stillste und Sanfteste konnte sich
über die Milde nicht beruhigen »Schimpf verdient Ihr nicht Lob« rief Jossele
Alpenrot dem Marschallik zu als sie am Sabbat nach Abschluss jenes Vergleichs
vor der Schul zusammentrafen »Ihr habt den Rabbi betört«
Itzig Türkischgelb war sonst nicht der Mann auf einen groben Klotz einen
feinen Keil zu setzen diesmal tat er es doch Der Uhrmacher hatte bisher in
seinen Zukunftsplänen für Sender eine große Rolle gespielt natürlich sollte der
Jüngling nach seiner Genesung in die Werkstätte zurückkehren
»Reb Jossele« sagte er betroffen »Ihr seid doch sonst ein Milder und
Weiser Ihr werdet doch den armen Jungen nicht verstoßen«
Der kleine Meister wurde krebsrot
»Was« schrie er und warf die Arme in die Luft »Ihr glaubt ich nehm ihn
wieder auf Diesen Pojaz diesen Tagedieb diesen Gotteslästerer Wenn ich mein
Versprechen brechen wollt was könnt ich von ihm erzählen Und wie viel
Rädchen hat er mir zerbrochen«
Die Umstehenden lachten laut
»Lacht nicht« rief er außer sich vor Wut »Wenn Gott noch zu den Menschen
reden tät er würde Euch zurufen Schickt ihn als Baal Taschuba fahrenden
Büsser hinweg aus dieser frommen Gemeinde Sonst «
»Zerbricht er noch ein Rädchen« fiel der Marschallik ein »Ihr irrt so
würdet Ihr reden wenn Ihr Gott wäret Aber Gott ist kein kleiner dummer
heimtückischer Uhrmacher«
Das Gelächter erhob sich noch lauter Jossele Alpenrot flüchtete
schmachbedeckt in den Vorhof der Schul aber auch seinem Besieger wars schwer
ums Herz »Was nun« dachte er »Ein neues Handwerk kann er doch jetzt nicht
anfangen Simche nähm ihn gleich wieder aber das ist doch kein Geschäft für
einen kränklichen Menschen«
Indes diese Frage konnte nur mit Senders Zutun erwogen werden Eine andere
Sache aber hatte der Marschallik sofort zu ordnen Der Name Glatteis im
Ladungsschein musste als Irrtum erscheinen Auch die schonendste Enthüllung
seiner Abkunft hätte den Genesenden furchtbar erregt aber noch aus einem
anderen Grunde schauderte Frau Rosel davor zurück »In der nämlichen Stund geht
er in die weite Welt wie sein Vater Er hälts dann für seine Bestimmung und
dasselbe Blut hat er ja leider Glaubt Ihr er wär auf die christlichen Bücher
gekommen wenn er nicht Mendele Schnorrers Sohn wäre Ich bin nicht eher ruhig
bis er ein Weib hat und auch vor dem Kaiser mein Kind ist« Sie wollte ihn nach
Luisers Weisung adoptieren und diesem der neben seinem Amt auch
Winkelschreiberei betrieb die Durchführung der Sache übergeben Aber vorher
musste der Gemeindeschreiber jenen »Irrtum« bescheinigen
Der Marschallik übernahm es Luiser dazu zu bestimmen »Ihr schreibt die
Vorladung zur Losung noch einmal« schlug er ihm vor »auf den Namen Kurländer
und füget bei bei Glatteis wär Euch damals die Feder ausgeglitten«
Aber Luiser war für diesen bescheidenen Scherz unzugänglich »Die größere
Sach übernehm ich« sagte er »Warum nicht Eine ehrliche Sach kostet
hundert Gulden Aber etwas Falsches bescheinigen Um keinen Preis Es geht ja um
meine Ehre Nicht um mein Leben Nicht um zehn Gulden«
»Aber um zwei« erwiderte Türkischgelb kaltblütig »Zehn Gulden kann die
arme Frau die jetzt Arzt und Apotheker bezahlen muss nicht erschwingen«
»Meine Ehre um zwei Gulden« rief Luiser entrüstet
»Also zwei und einen halben« sagte der Marschallik begütigend »aber mehr
keinen Heller Sonst lüg ich mir meinen Sender ohne Schein an« Er fasste nach
der Türklinke
Seufzend griff der Schreiber nach einem Formular und schrieb das Gewünschte
fügte auch in seiner unbeholfenen Schrift in zollhohen lateinischen Lettern bei
Friher durch Irrtum mit anterer Ruprike Glatteis geheusen »Aber nun krieg ich
auch die größere Sach«
Der Marschallik zählte das Geld auf den Tisch und steckte den Schein ein
»Wahrscheinlich« erwiderte er »Aber vorher frag ich Dovidl ob ers nicht
billiger macht«
»Den« rief Luiser höhnisch »Dovidl Morgenstern wollt Ihr eine so schwere
Sach anvertrauen Seid Ihr bei Vernunft Natürlich wird er sie übernehmen der
Stümper der zapplige Mensch übernimmt ja alles aber kann er sie denn führen
Von den Gesetzen versteht er so viel wie ich von « er suchte vergeblich nach
einer Sache von der er Luiser Wonnenblum nichts verstand und verbesserte
sich darum »wie der Rabbi von einem Walzer Und Deutsch schreibt er hahaha«
er lachte krampfhaft »in jedem Wort ist ein Fehler auf Ehre Die Herren vom
Bezirksgericht schütten sich aus vor Lachen wenn jemand mit einer Eingab von
ihm kommt Das ist ja ein Unsinn sagen sie und nicht Deutsch wir könnens gar
nicht erraten tun was er will sagen sie warum nehmen Sie zu Ihrem Schaden so
einen Esel Und ein Mensch wisst Ihr was er jetzt werden will Alles was
Koscielski bisher war Ihr lacht Reb Itzig Recht habt Ihr«
»Fällt mir nicht ein« sagte der Marschallik »Warum sollt ich lachen«
Wladimir Koscielski war der Lottokollektant und Versicherungsagent für Barnow
doch musste er nun auf diese Ämter verzichten da er Anfälle von Säuferwahnsinn
hatte »Besser als der versoffene Schlingel wirds Dovidl machen«
»Schlechter« rief Luiser grimmig »Ich sag ihm Teilen wir zur ehrlichen
Hälfte ich die Kollektur du die Versicherungen Aber er will alles Der
Stümper Und er soll gar eine Adoption durchführen Hahaha der macht Euch den
Froim lebendig statt ihn totzusagen Und warum das alles Weil er um zehn
Gulden billiger ist und nicht neunzig Gulden verlangt wie ich sondern achtzig«
Der Marschallik nickte ihm freundlich zu »Nur weiter Reb Luiser Ihr redet
gut ich hör Euch gern zu Aber hundert neunzig in einer halben Stund habt
Ihr erst zehn Gulden nachgelassen könnts von nun an nicht schneller gehen«
»Handeln lass ich mit mir nicht« erwiderte der Gemeindeschreiber »Was ich
ausgesprochen hab dabei bleibts Um achtzig wills Dovidl machen sagt Ihr
Gut aus Freundschaft für Euch tu ichs um dasselbe Geld Da kann Euch die Wahl
nicht schwer sein denn dieser Dovidl wisst Ihr wie weit es schon mit ihm
gekommen ist Ich sollt micht ja darüber freuen aber weil er Weib und Kind
hat so tut er mir eigentlich leid Nämlich weil das Bezirksamt keine Eingab
mehr von ihm annimmt sucht er jetzt einen Schreiber der besser Deutsch kann
als er Ein Erbarmen sag ich Euch Aber ists ein Wunder Er benimmt sich ja
wie ein Narr alles an ihm zappelt soll man da Vertrauen zu ihm haben Und so
einen Menschen wollt Ihr mir vorziehen wenns bei uns beiden gleich viel kostet
siebzig Gulden«
»Nein« erwiderte der Marschallik »Wenns bei euch beiden fünfzig kostet
kriegt Ihr die Sach lebt gesund«
Siebzehntes Kapitel
Der Marschallik überbrachte Frau Rosel das Schriftstück und suchte den
Konkurrenten Luisers auf Auf dem Weg hielt er plötzlich an »Das wär ja was«
murmelte er in höchster Freude »Gott im Himmel das wär ja was« Fast hätte er
vor Jubel über den glücklichen Einfall auf offener Straße einen Luftsprung
gemacht Dann eilte er hastig zu Dovidl Morgensterns Haus Aber auf dem Flur vor
der Tür mit der Tafel in deutschen und hebräischen Lettern »PrifatAgentschaft
Guter Rat in alle Sachen« verschnaufte er sich erst gründlich ehe er eintrat
Da hieß es ruhig auftreten
Dovidl ein hagerer Mann mit dünnem rötlichem Bart unsteten Augen und
fahrigen Gesten saß an seinem Pult und schrieb eifrig das Haupt tief
hinabgeneigt dass die Hakennase das Papier berührte Bei Türkischgelbs Eintritt
zuckte er empor zwang sich dann aber weiter zu schreiben »Gut Woch setzt
Euch« sagte er möglichst gleichmütig und setzte seine Arbeit fort
Der Marschallik blieb stehen und sah ihm eine Weile zu »Reb Dovidl« begann
er
»Verzeiht gleich Ich bin beschäftigt noch fünf Minuten «
»Nicht eine halbe« sagte der Marschallik freundlich aber entschieden
»Deshalb kriegt Ihr die große Sach die ich Euch bring doch nur wenn Ihrs
billiger macht als Luiser«
»Aber Reb Itzig« rief der Winkelschreiber fuhr empor und erhob
vorwurfsvoll die Arme gen Himmel »glaubt Ihr ich mach Euch was vor Hab ich
das nötig Ich hab ja so viel zu tun Wann hab ich zuletzt die ganze Nacht
geschlafen Ich erinnere mich gar nicht mehr daran Und mit Luiser droht Ihr
mir Mit diesem Stümper Wisst Ihr was die Herren vom Bezirksamt sagen wenn sie
eine Eingab von ihm bekommen«
»Ja« erwiderte der Marschallik »Sie sagen Das ist ein Unsinn der kann
nicht Deutsch sagen sie in jedem Wort ein Fehler Und schütten sich aus vor
Lachen«
»So ist es« rief Dovidl erfreut »Habt Ihrs auch gehört«
»Ja von Luiser er hats mir eben über Euch gesagt«
»Über mich« Dovidl riss seinen Kaftan auf »Ich fahr aus der Haut«
»Später Hört zuerst was ich Euch bringe« Er trug ihm kurz die Sache vor
»Sagt Dreißig Gulden und wir sind einig«
»Unmöglich« rief der Winkelschreiber »Unmöglich« wiederholte er
wehklagend und taumelte händeringend in der Stube auf und ab »Da verbrauch ich
ja auf Tinte und Papier mehr Wenn Ihr wüsstet wieviel da zu schreiben ist
Zuerst muss ich ja bei allen Gemeinden in der ganzen Welt anfragen ob sie was
von Froim Kurländer wissen denn vielleicht lebt er noch Und wenn niemand von
ihm weiß erst die Scheidung dann die Todeserklärung dann die Annahme an
Kindesstatt Einen Menschen totschlagen geht leicht und ein Kind bekommen noch
leichter aber auf gesetzlichem Wege ist das sehr schwer Und das soll Luiser
durchführen Freilich übernehmen wird ers Er will ja jetzt sogar die
Kollektur und die Versicherungen übernehmen obwohl ich ihm gesagt Jedem «
»Die Hälfte Ihr die Kollektur er die Versicherungen Merkwürdig Die
Hälften sind gleich und doch will jeder die Kollektur«
»Aber kann denn er die Kollektur führen Der Unverschämte Ich wette
dass er Euch für diese Sache zuerst achtzig Gulden abgefordert hat«
»Nein« erwiderte der Marschallik entschieden Und in der Tat warens ja
hundert gewesen
»Also siebzig oder sechzig Und ich wills um vierzig machen Warum Weil
mein Grundsatz ist Leben und leben lassen Luiser schindet die Leut und
dennoch verdien ich mehr Er spricht mir Böses nach sagt Ihr Das ist nicht
schön von ihm warum schimpf ich nicht über ihn Weil er mich erbarmt denn
seine Stube steht leer und ich such nach einem Schreiber mit Lichtern such
ich und find keinen«
»Deshalb bekommt Ihr doch nur dreißig Gulden Das vom Schreiber glaub ich
Euch nicht wer sucht der findet«
»Lächerlich Ich schreib die Eingaben zuerst in hebräischer Schrift da
gehts rascher zum Abschreiben muss ich also einen Juden haben Gibts denn hier
so viel Juden die Deutsch können Ich gut und Luiser schlecht Einen von
auswärts kommen lassen Das duldet Rabbi Manasse nicht Wer sucht der findet
Schaffet mir einen Schreiber und ich will Euch königlich belohnen zwei Gulden
sollt Ihr haben oder einen oder was Ihr verlangt«
»Ich nehm Euch beim Wort Drei Gulden verlang ich Dafür sollt Ihr einen
Schreiber haben wie noch nie einer war Er kann besser Deutsch als Ihr und
Luiser zusammen schreibt wie gedruckt ist klug wie der Tag und ein treuer
Mensch Und der Rabbi wird nichts dagegen haben«
»Gut drei Gulden Wer ists«
»Roseles Pojaz«
»Der« rief der Winkelschreiber In der Tat das war ja ein kluger Mensch
und lesen konnte er auch Aber für Sender brauchte er doch nicht dem Marschallik
einen Vermittlerlohn zu zahlen Den konnte er sich selbst schaffen
»Das ist nichts für mich« sagte er »Ein Sterbender Und gottlos ist er
auch Und ob er schreiben kann weiß ich nicht«
Der Marschallik lächelte »Ich habs ja nur für Euch und Frau Rosel gut
gemeint Sender selbst will lieber fort er hat auch schon was Reden wir
nicht mehr darüber Also kein Geschäft Reb Dovidl weder das große noch das
kleine Lebt gesund«
»Das große ist ja in Ordnung« rief Dovidl und sprang auf ihn zu »Dreißig
Gulden Abgemacht«
Er hielt ihm die Hand hin und Türkischgelb schlug ein
Als er die Tür hinter sich geschlossen hatte blieb der Marschallik stehen
und lüpfte den Hut »Reb Itzig« sagte er verehrungsvoll »das habt Ihr gut
gemacht Will Sender hier bleiben nun kann ers und braucht als Apotheker
keinen Schwur zu leisten In acht Tagen lässt Dovidl die Mutter zu sich bitten
und bietet ihrs an Und alle können zufrieden sein auch Dovidl denn der ist
ja glücklich dass er mich um die drei Gulden betrogen hat«
Er irrte nur insofern als Morgenstern schon zwei Tage darauf um Frau Rosel
sandte Seine Aussichten auf die Kollektur waren gewachsen und nun wollte er
sich den Schreiber jedenfalls sichern Aber Frau Rosel konnte nicht abkommen es
war der erste Tag den Sender außer Bette verbrachte und sie mochte ihn nicht
verlassen
Regungslos saß der Genesende im Lehnstuhl am Fenster ließ den Blick über
die Straße und das Stückchen Getreidefeld schweifen das er überblicken konnte
und atmete tief der Sonnenschein die warme Frühlingsluft taten ihm so wohl
und dass er lebte lebte Noch war die dumpfe Betäubung im Hirn nicht ganz
gewichen wie ein Spinnennetz lag es über seinen Gedanken und wenn er sich klar
machen wollte was alles geschehen und sich ausmalen wie es nun werden sollte
empfand er einen leisen Schmerz in den Schläfen Aber wozu denken Lieber atmen
und wieder atmen tief und immer tiefer und die Glieder im Sonnenschein
dehnen die Hand nach einem Blättchen der Linde vor dem Fenster strecken das
Blättchen abreißen und fallen lassen die Hand zur Faust ballen und sich freuen
dass er dies alles konnte Die Hand zitterte und wenn auch der Druck und die
Stiche in den Lungen aufgehört so musste er doch noch zuweilen husten aber
daran lag ja nichts »Sie werden gesund« hatte ihm gestern der Regimentsarzt
zum Abschied gesagt da er nun weiter musste »und brauchen keine sonstige
Medizin als Essen und Stillsitzen Und noch eins keine traurigen Gedanken« Der
Genesende nickte vor sich hin immer und immer wieder und atmete und lächelte
Traurige Gedanken Es gab nur ein Unglück auf der Welt sterben müssen und er
lebte ja und wurde gesund Aber essen der Arzt hatte recht essen wo nur die
Mutter so lange blieb Aber da trat sie ja ein den Teller in der Hand und
lächelte ihm zu Er aß gierig welch köstliche Suppe das war nur etwas wenig
Aber die Mutter sagte »In zwei Stunden bekommst du wieder einen Teller« und so
lehnte er sich geduldig in den Stuhl zurück und blickte in das Grün der Linde
und sah zu wie Sonne und Schatten im leisen Windhauch über das Laub huschten
bis er die Augen schloss und einschlief
Am nächsten Tage fühlte er sich schon viel kräftiger Da konnte er die Jacke
selbst knöpfen und stützte sich bei dem Gang ans Fenster auf den Arm der Mutter
nur weil sie es so wollte er hätte den Lehnstuhl fast selbst erreichen können
Und heute konnte er auch schon ein ganzes Zweiglein des Lindenbaums an sich
heranziehen und die winzigen Knöspchen betrachten aus denen einst die
weisslichgrünen duftigen Blüten brechen sollten Und jenes Haschespiel zwischen
Licht und Schatten konnte er länger verfolgen als gestern ohne müde zu werden
Während er so hineinstarrte flog ihm brummend ein Maikäfer an die Nase
Schwups da hatte er ihn Aber nachdem er die glänzenden Flügeldecken und die
feinen Fühlfäden betrachtet legte er ihn sacht auf das Fensterbrett und freute
sich wie rasch er davonflog Auch der Käfer und alles alles wollte leben und
sich der Sonne freuen wie er selbst Einmal schob sich eine Wolke vor die
Sonne aber sie wich bald wieder Es musste ja schön bleiben immer denn Licht
und Wärme taten ihm wohl und er musste ja gesund werden
Und darum war auch am dritten und vierten Tage der Himmel blau und es wurde
immer schöner auf der Erde Denken nein denken mochte er auch heute nicht
Aber in einem hielt ers nun doch anders Er hatte bisher kaum darauf geachtet
wer die Straße gezogen kam oder sich gar wenn er von weitem einen Bekannten zu
erkennen geglaubt tiefer zurückgelehnt um nicht erblickt zu werden er wusste
kaum selbst warum es war eine ebenso instinktive Bewegung wie das Schliessen der
Lider wenn ihn der Sonnenschein blendete Nun aber sah er sich die Leute
unbefangen an es waren freilich fast nur Bauern und ein näherer Bekannter ließ
sich lange nicht blicken Da endlich kam einer vorbei und es war sogar ein
uralter Bekannter der kleine Naphtali Ritterstolz der einst sein erster Lehrer
gewesen er war nun nicht Hofmeister mehr sondern hielt selbst eine Schule das
Antlitz sah noch immer aus wie aus grauem Fliesspapier geschnitten aber an dem
dürftigen Leib saß vorne ein ganz unmotiviertes Spitzbäuchlein und er trug die
Nase hoch wie es einem so frommen vom Rabbi bevorzugten Schulmeister zustand
Naptali war ein eifervoller Mann der Genesende fühlte eine Röte in seine
Wangen steigen und schloss die Augen Aber wie ward ihm als er die wohlbekannte
Stimme hörte »Gut Woch Sender Wie gehts dir Wahrlich du darfst das Gebet
der Genesenden aus ganzem Herzen sprechen« Und als Sender die Augen öffnete
sah er wie ihm der Würdige noch freundlich zunickte »Schon dich nur recht
dass du bald gesund wirst« Er vermochte nichts zu erwidern aber die Glut auf
den Wangen brannte stärker Wenn Naphtali so freundlich war dann zürnte auch
der Rabbi nicht zu sehr
Der Rabbi Er legte die Hand an die Stirne und sann Nun empfand er dabei
jenes Stechen in den Schläfen nicht mehr aber er schüttelte doch den Gedanken
ab Später Das hatte Zeit Aber ein anderes woran ihn Naphtali erinnert
wollte er sofort verrichten er hatte ja das »Gebet der Genesenden« noch nicht
gesprochen Er erhob sich holte aus dem Netz über dem Bette sein Andachtsbuch
hervor und schlug das Gebet auf Zunächst las er die wenigen Zeilen nur mit den
Augen und dann noch einmal flüsternd und endlich halblaut mit zitternder
Stimme indes ihm die Tränen über die Wangen rannen »Gelobt seist Du der Du
stützest die Wankenden und heilest die Siechen Tod und Leben kommen von Dir im
Tod ist Frieden aber Gnade im Leben Dank Dir der mich in Gnaden erhalten«
Die Mutter erschrak als sie ihn in Tränen fand aber ihm musste wohl zu Mute
sein wie ein Leuchten lag es über dem abgezehrten Antlitz Sie tat keine Frage
und setzte sich still mit ihrer Näharbeit in eine Ecke Er blätterte in dem
Büchlein las da und dort ließ es in den Schoss sinken und nahm es wieder auf
dabei gewahrte er was er bisher nie bemerkt dass die beiden Blätter zwischen
Deckel und Titelblatt zusammengeklebt waren Der Klebstoff haftete nur am Rande
nachdem er diesen vorsichtig abgelöst lag das bisher verborgene Blatt frei Es
wies drei Eintragungen in hebräischer Schrift und Sprache Die Tinte war
vergilbt aber er konnte sie noch deutlich lesen
Da stand zunächst in großen etwas unbeholfenen Schriftzügen geschrieben
»Dieses fein gedruckte und schön gebundene Buch habe ich Sender Sohn des
Abraham aus der Schar der Leviten der ich ein Kaufmann bin in der Stadt der
Verbannung Kowno geheißen am heutigen Tage gekauft für meinen geliebten
einzigen Sohn Mendele zu seinem sechsten Geburtstage Gottes Gnade ist mit mir
gewesen möge sie verdoppelt über meinem Sohne walten Am 5 des Monats Adar im
Jahre 5561 nach Erschaffung der Welt«1
Darunter war in feinen phantastisch verschnörkelten Zügen zu lesen »Ich
Mendele Sohn des Sender aus der Schar der Leviten der ich ein unsteter und
habeloser Mann bin schenke dies Buch jenem der es nach meinem Tode an meiner
Brust findet und mein sterblich Teil barmherzig der Erde zurückgibt nach der
Väter Weise Wer immer es sei er ist ein Glücklicherer als ich Gottes Gnade
habe ich verwirkt dir Unbekannter möge sie leuchten Auf der Wanderschaft im
Lande der Verbannung Ungarn geheißen am 8 des Monats Tischri am Vortag des
Versöhnungstages im Jahr 5590 nach der Erschaffung der Welt«2
Darunter aber hatte dieselbe Hand gesetzt »Am 16 des Monats Ab im Jahre
55923 Den Verzweifelnden richtet Er auf und begnadigt den Verurteilten Er hat
mir ein Weib gegeben und seinen Schoss geöffnet Dieses Büchlein soll meinem
Kinde gehören es ist das einzige was ich ihm vermachen kann Aber da ich nun
weiß wie gnädig der Herr ist so weiß ich auch dass dies Büchlein meinem Kinde
zum Segen sein wird«
Der Jüngling las diese Zeilen einmal und dann wieder es mochte in seiner
Stimmung liegen dass sie ihn tief ergriffen
»Mutter« fragte er »wie hat der Verwandte dem dies Büchlein früher gehört
hat geheißen«
»Warum fragst du« erwiderte sie unbefangen da sie seine Entdeckung nicht
ahnte ohne von ihrer Arbeit aufzublicken
»Am Ende wars dieser Mendele selbst« sagte er »Du hast wohl auch das
zusammengeklebte Blatt nie beachtet Sieh her was da geschrieben steht«
Ihr gerann das Blut zu Eis Ihr Blick drohte sich zu verdunkeln Sie hatte
das Blatt einst sorglich zugeklebt die Inschrift herauszuschneiden hatte sie
nicht übers Herz gebracht
»Hörst du nicht« fragte er als sie still blieb und suchte den Kopf nach
ihr zu wenden
»Doch« murmelte sie »Das Blatt Was was steht denn da geschrieben«
Er las es ihr vor
»Der arme Mann« fügte er bei »Eine so schöne Schrift er mag nicht
ungelehrt gewesen sein Und das Büchlein war das einzige was er seinem Kinde
vermachen konnte Hast du ihn gekannt«
Noch immer war ihr die Kehle wie zugeschnürt »Nein« erwiderte sie endlich
»Ich hab das Büchlein von einem verstorbenen Vetter« fügte sie dann hastig
hinzu »Ich habe es ehrlich erworben«
»Natürlich« erwiderte er »Ob aber jener Vetter Vielleicht hat er das Kind
dieses Mendele um seinen einzigen Besitz gebracht Und er war wertvoll eines
Vaters Segen wiegt schwer«
Frau Rosels Haupt war tief auf die Brust gesunken »Mein Herr und Gott«
betete sie »wenn es eine Sünde ist dass er nichts von seinem Vater weiß so lass
nur mich dafür büßen«
Sender aber fuhr nach einer Weile fort »Mutter du hast ja ein frommes
Herz du wirst gewiss einverstanden sein Wer im Zweifel ist ob er nicht fremdes
Gut besitzt muss etwas zu frommen Zwekken spenden Ich hab das Büchlein nun
schon so lang und wo wär auch das Kind jenes armen Mannes zu suchen Aber wir
wollen in der Schul eine Kerze für seine Seele anzünden lassen Vor mehr als
zwanzig Jahren ist dies letzte geschrieben da wird er wohl tot sein Gott lass
ihn in Frieden ruhen«
»Amen« rief Frau Rosel ihr wars als fiele eine Zentnerlast von ihrer
Brust »Amen«
»Mir scheint er ahnt noch immer nichts« sagte sie ihrem Vertrauten dem
Marschallik als er sich wieder bei ihr einfand »Aber mir ists doch sehr bang
Soll ich ihm nicht morgen Luisers neue Vorladung geben Dann wären seine
Gedanken wenigstens vom ersten Anzeichen abgelenkt«
»Behüte« rief Türkischgelb »Das brächte ihn erst recht zum Grübeln
darüber Die Sach will so leicht wie möglich behandelt sein wenn so ganz
zufällig die Red darauf kommt und mit allem übrigen zusammen Das lasst mich
machen sobald ichs für gut halte Jetzt müssen sich seine armen Lungen noch
ausschnaufen und auch die Seel des Menschen Frau Rosel auch die Seel hat
Lungen die das nötig haben Es ist nur deswegen dass ich warte denn jetzt
hab ich auch die Antwort auf jede Frage die er stellen kann«
Er stemmte die Arme in die Seiten und blickte sie triumphierend an
»Ja« rief sie freudig »Und die Sach mit Dovidl macht Euch keiner nach
Soll ich nun zu ihm hingehen«
»Nein Er bekommt die Kollektur und muss Sender haben Jeder Tag länger macht
den Monatslohn größer«
Schon war etwa eine Woche seit dieser Unterredung verstrichen und noch immer
hielt es der Marschallik nicht an der Zeit eingehend mit Sender zu sprechen
»Ausschnaufen lassen« wiederholte er immer wieder »er wird schon selbst zu
reden anfangen wenn ihn etwas drückt«
Aber das tat Sender nicht und wirklich empfand er kaum allzu große Sorgen
und Kümmernisse auch nachdem er wieder zu voller Klarheit über das Geschehene
gekommen Das unendlich wohlige Gefühl des Genesens das Bewusstwerden der
jugendlichen Kraft die ihm gleichsam aus diesen Frühlingsdüften in die Adern
zurückströmte ließ keine düsteren Gedanken in ihm aufkommen Aber auch an
sich schien ihm nun seine Lage nicht gar so schlimm Er war wieder gesund die
Gefahr Soldat zu werden für immer vorüber im nächsten Januar aber harrte
seiner sein Gönner warum sollte er verzweifeln Der Rabbi wusste nun um seine
heimlichen Kenntnisse gar so groß schien ja sein Zorn nicht aber angenommen
dass ers war und die Gemeinde ähnlich dachte so musste das eben getragen sein
bis die Erlösungsstunde schlug Allzu schlimm konnte es ja nicht werden so lang
die Mutter und der alte Freund in herzlicher Liebe zu ihm standen und wenn er
sich auch keiner Täuschung darüber hingab dass die rührende Güte mit der sie
ihm nun begegneten vor allem dem Genesenden galt etwas davon blieb ihm auch
für die gesunden Zeiten gewiss Ob ihn Jossele wieder aufnehmen würde war ihm
freilich sehr zweifelhaft aber wo nicht dann fand ihm sein findiger Beschützer
vielleicht ein anderes Stücklein Brot und im schlimmsten Falle musste er sich
eben bis zum Januar von der Mutter ernähren lassen Dieser Gedanke erschreckte
ihn auch nicht allzu sehr er war ja der Sohn eines Stammes dem die schwersten
Opfer der Eltern für ihre Kinder etwas Selbstverständliches sind Aber ebenso
selbstverständlich ist diesem Stamme die dankbare Treue der Kinder für die
Eltern das vierte Gebot wird nirgendwo auf Erden so heilig gehalten wie im
Ghetto des Ostens und wie konnte er davor bestehen »Es muss ja sein« sagte
er sich und malte sich aus welch behagliches und ehrenreiches Alter er der
Mutter bereiten würde Gleichwohl wollte sein Gewissen nicht schweigen und
dieser Selbstvorwurf war die einzige wahrhaft peinliche Empfindung die ihn in
diesen Tagen erfüllte Hingegen dachte er an jenen fremden Mann im Ladungsschein
kaum mehr geschweige denn dass ihn dieser Umstand mit Unruhe erfüllt hätte
das war irgend ein Versehen das sich sicherlich harmlos genug erklärte was
konnte es auch anderes sein Höchstens dass er sich wenn es ihm beifiel sagte
»Ich muss die Mutter bitten dass sie es richtig stellen lässt« Aber das hatte ja
Zeit ebenso Zeit wie zu erfahren wie ihm Rabbi Manasse gesinnt war
Etwas anderes aber hätte er allerdings gern gewusst ob die Mutter die Bücher
in seiner Lade entdeckt Aber zu fragen wäre ja Torheit gewesen es brachte sie
vielleicht erst auf die Spur Er musste warten bis er kräftig und schwindelfrei
genug war um die steile hohe Leiter zu seiner Kammer emporzuklimmen
Endlich es war in den ersten Tagen des Mai fühlte er sich dazu im
stande schlich sich eines Morgens während die Mutter am Schranken stand in
den Flur und begann die Sprossen emporzusteigen Aber sie hatte ihn gewahrt und
kam hastig nachgestürzt
»Komm herab« rief sie angstvoll »Du fällst ja hinunter«
»Aber wie denn« beruhigte er sie »Ich bins doch gewohnt«
»Ich fleh dich an« rief sie »Hab ich nicht genug Angst um dich
ausgestanden«
Daraufhin gab er nach und stieg hinab »Aber morgen musst dus erlauben«
sagte er
»Darüber reden wir noch« erwiderte sie klagte dann aber dem Marschallik
als er zur gewohnten Stunde erschien ihre Not
»Dann muss ich mit ihm reden« sagte er
»Aber es wird ihn aufregen« wandte sie angstvoll ein
»Wenn ich mit ihm red« rief er »Gebt acht dann dankt er uns noch dafür
Nun gebt mir auch noch Luisers Schein« sagte er
Sie holte das Schriftstück aus einer Truhe wo sie es sorglich in ein
Taschentuch eingeschlagen aufbewahrt Aber der Marschallik knüllte es zusammen
und steckte es dann nachlässig gefaltet in die Brusttasche
»Was tut Ihr« rief sie erschreckt
»Vernünftiges wie immer« sagte er
Lächelnd trat er in die Wohnstube und setzte sich zu seinem Schützling
»Lieber Sender« begann er »bin ich eine Katz Nein Bist du ein heißer
Brei Nein Haben wir einander lieb Ja Also will ich vernünftig und gradaus
mit dir reden«
Sender war rot geworden »Ja« sagte er »es ist nötig Reb Itzig Redet«
»Das ist aber nicht so nötig« meinte der Marschallik »als dass du
antwortest Weil ich aber nicht dumm bin so frag ich lieber gar nicht nach
Sachen über die du mir wahrscheinlich doch nicht antworten würdest Also zum
Beispiel von wem du Deutsch lesen und schreiben gelernt hast«
Er machte eine Pause
»Ihr seid wie immer der Klügste« sagte Sender mit verlegenem Lachen
»darauf würd ich Euch wirklich nicht antworten wenn Ihr fragen würdet«
»Und von wem du die Bücher hast wirst du natürlich auch verschweigen
wollen«
Aber trotzdem hielt er wieder inne und blickte Sender erwartungsvoll an
»Natürlich« erwiderte dieser
»Nun aber kammt eine Frag« fuhr der Marschallik veränderten Tones fort
»auf die du antworten wirst Betreffen diese Bücher unseren Glauben Willst du
Christ werden«
»Nein« beteuerte der Pojaz und fuhr erschreckt empor
Der Marschallik nickte
»Also du hast dabei einen vernünftigen Zweck und hoffst Nutzen davon zu
haben«
»Ja Aber was es ist kann ich Euch heute nicht sagen«
»Sondern wann«
»Spätestens im Januar«
Der Marschallik blickte ihn forschend an Sender hielt den Blick aus
»Gut« sagte der Alte »du warst bisher immer ein frommer guter Jung und
ganz klug ich red kein Wort mehr darüber bis du selbst davon anfängst Was
du aber den anderen erzählen willst ist deine Sach Nun aber was anderes
kannst du schon bis zum Januar davon leben«
Sender verneinte kleinlaut »Sonst wär ich ja nicht bei Jossele für einen
Gulden monatlich geblieben«
»Dann ists dir am End ganz angenehm dass ich dir was anderes gefunden
hab Freilich nur um kleinen Lohn und ob dir die Arbeit recht sein wird weiß
ich auch nicht«
»Mir ist alles recht« erwiderte Sender
Nun setzte ihm der Marschallik weit und breit auseinander was er mit Dovidl
vereinbart »Sieben Gulden monatlich Gestern hab ichs mit ihm abgeschlossen«
»Reb Itzig« rief Sender jauchzend und fasste seine Hand »wie soll ich Euch
danken«
»Narrele« wehrte der Marschallik ab »Hab ichs denn deinetwegen allein
getan Auch um den Maklerlohn Denn dass ich dirs nicht verschweig auch drei
Gulden für mich hab ich ihm abgedrückt Es reicht zu einer feinen Jacke für
meine Jütte Und dann vielleicht verträgst du dich mit Dovidl gar nicht er
fährt ja täglich fünfzigmal aus der Haut und zappelt dass es einem beim Zusehen
schwindelt Aber ich hab mir gedacht es ist doch ein Anfang und immerhin für
dich besser als wenn ichs mit dem Luiser versucht hätt Denn der ist gar
hoffärtig auf seine Schreiberei und kann dabei noch weniger als Dovidl Er kann
ja nicht einmal aus der Matrikel einen Ladungsschein schreiben Ich weiß nicht
ob dus bemerkt hast du hast in jenem Augenblick größere Sorgen gehabt du
Ärmster aber er hat dir ja im Ladungsschein einen fremden Namen beigelegt
Glatteis glaub ich hahaha ein schönerer ist ihm für dich nicht
eingefallen «
Auch Sender musste lächeln »Ich erinnere mich« sagte er
»Er war ganz bestürzt wie ichs ihm gesagt hab« fuhr der Marschallik
fort »Du kannst dir denken ich hab ihn auch gehörig damit aufgezogenGebt ihn
mir zurück bittet er Ich will einen anderen schreiben es kann mich mein Amt
kosten Da geb ich ihm den Schein zurück Hier und ein richtiger ist nicht
nötig sag ich Die Losung ist vorüber Aber er schreibt ihn doch und drängt
ihn mir auf Mir scheint ich hab ihn noch bei mir«
Er griff in die Schosstasche seines Kaftans »Am End gab ich ihn verloren
Na deshalb erschlägst du mich nicht«
»Gewiss nicht« lachte Sender
Der Marschallik griff nach der Brusttasche
»Halt da ist er So da hast du dein Dokument kauf dir eine feuerfeste
Kasse und legs hinein«
Sender überflog den Schein
»Hahaha« lachte er »Friher anterer geheusen in jedem Wort ist ein
Fehler«
Türkischgelb blickte ihn ehrfurchtsvoll an
»So gut Deutsch kannst du schon« fragte er »Dann brauchst du am End keine
Bücher mehr«
»O doch« rief Sender
»So Wozu Ich rat dir lass das bleiben Sonst bekommst du noch Händel mit
dem Rabbi Und ich hab dich so schwer genug mit ihm ausgesöhnt«
»Also ists Euch gelungen Ich dank Euch herzlich Sonst hätt ich ein
schweres Leben hier gehabt«
»Aber wie gesagt leicht wars nicht« fuhr der Marschallik fort »Du wirst
staunen wie weit ich ihn gebracht hab Du wirst ihm einen Besuch machen und
dann durch zwei Jahre täglich fünf Psalmen sagen Ist das nicht fürchterlich«
Sender lachte laut auf »Ganz fürchterlich« rief er
»Dann hat er noch einen Schwur verlangt dass du nie mehr ein deutsches Buch
anrührst Aber er sieht ein dass jetzt keine Red mehr davon sein kann Bei
Dovidl musst du ja die deutschen Gesetze lesen lernen«
»Natürlich Dann ist ja alles in schönster Ordnung«
»Gnädig von dir dass du das anerkennst Wirklich recht gnädig Aber wie
schwer die Sach war bedenkst du nicht Anfangs haben er und die ganze Gemeinde
getobt wie die Wahnsinnigen Er lässt deine Mutter und mich rufen Schwört mir
dass keine unheiligen Bücher im Hause sind Sonst such ich und verbrenne was
ich finde und von Schonung ist dann nie mehr die Rede Da müssen wir doch
erst nachsehen sag ich Wir suchen und finden nun du weißt ja«
Er stieß ihn schelmisch in die Rippen »Deine Mutter war sehr erschrocken
ich aber behalt ruhig Blut Was ist da Schlimmes Schlimm wärs nur wenn der
Rabbi selbst die Bücher fänd Dann kann Sender nicht mehr in Barnow bleiben
Denn na Sender « wieder ein freundschaftlicher Rippenstoss »dir brauch ich
ja nicht zu sagen was für Bilder in dem einen Buch waren Aber wenn wir sie
verbrennen so erfährt niemand was davon und für Sender ists kein Schade sag
ich«
»O doch« rief dieser erblassend »Sind sie verbrannt«
»O du Weiser« rief der Marschallik spöttisch »Entweder waren die Bücher
gottlos Dann wars für dich ein Nutzen Oder sie waren nicht gottlos Dann «
er zwinkerte ihn mit den Augen an »dann gilt doch auch von deutschen Büchern
dasselbe wie von hebräischen sie werden nicht bloß in einem Stück gedruckt
und wer sieben Gulden Monatslohn hat und sich weil es zu seinem Geschäft
gehört so viel deutsche Bücher wie er will kommen lassen kann kann sie sich
nochmals kaufen oder gar hehe schenken lassen Aber hätten wir sie nicht
verbrannt dann hätts keine solche Stellung für Sender Kurländer gegeben und
keine sieben Gulden sondern er wär zur Stadt hinausgejagt worden Also
verdienen wir deinen Dank oder nicht«
»Gewiss« meinte der Jüngling mit etwas sauersüsser Miene aber doch
aufrichtig In der Tat der Verlust ließ sich ersetzen
»So bedank dich auch bei deiner Mutter dafür« sagte der Marschallik Als
es Sender tat wurden die Augen der alten Frau starr vor Erstaunen und
Bewunderung
»Reb Itzig« rief sie »warum hat Euch Gott nicht Minister werden lassen«
»Weil er weiß« erwiderte er »dass dazu weniger Verstand gehört als zu
einem richtigen Marschallik Also morgen bringen wir die Sach mit dem Rabbi
ins reine und nächsten Sonntag trittst du bei Dovidl ein Frau Rosel wenn Ihr
glaubt dass ichs verdient hab so tät ich um ein Gläsele Met bitten«
Achtzehntes Kapitel
Es war mehrere Wochen nach dieser Unterredung ein Junimorgen aber schon um die
zehnte Stunde brannte die Sonne versengend nieder Die Gassen von Barnow lagen
verödet auch jene lieblichen Vierfüssler die sie sonst mit fröhlichem Gegrunz
erfüllten die Schweine deren Mästung der Haupterwerbszweig der wenigen
christlichen Bürger war hatten sich in die Höfe zurückgezogen wo es noch
Pfützen gab die Schlammlachen auf den Straßen waren eingetrocknet Vierzehn
Tage hatte es kein Tröpfchen geregnet jeder leichte Windhauch wirbelte
Staubwolken auf Aber er regte sich selten dumpf und schwer lag die heiße Luft
über den schmutzigen Gässchen den verwahrlosten Häusern und Düfte erfüllten
sie Düfte kein Mensch konnte sie auf die Dauer ertragen wenn er nicht ein
geborener Barnower war
Das focht unseren Sender nicht an er wars ja Und erträglicher als in den
meisten anderen Stuben von Barnow ließ sich noch in seinem
»kaiserlichköniglichen Lacal« verweilen Denn so lautete die Inschrift der
Tafel über Dovidl Morgensterns neuem Gassenladen »KK Lacal der LotoKolectur
für Barnow und der ganzen Umkegend« Den größten Raum dieser Tafel aber nahm ein
großer wenn auch etwas seltsam gemalter Doppeladler ein und so war es nicht
ganz überflüssig gewesen dass Dovidl darunter in hebräischen Lettern hatte
setzen lassen »Kaiserlicher Adler Hier wird gewonnen Ein Terno macht jeder«
Denn Adler hatte nun auch sein Konkurrent Luiser Wonnenblum an die Tür heften
können sogar deren drei aber das waren nur die Wappen der
Versicherungsgesellschaften deren Vertretung ihm nach dem Hintritt des würdigen
Koscielski zugefallen war »Luisers Hühnerstall« wie sie Dovidl nannte es lag
eine Welt von Verachtung in diesem einen Wort
Unter den Fittichen des kaiserlichen Tiers also an einem mächtigen
Schreibtisch der durch eine Barriere vom Raum für das Publikum getrennt war
saß Sender jenes Vormittags und blickte aus der Kühle auf die Straße hinaus Er
sah nun wohler aus als vor der Krankheit seine Augen waren glänzender die
Bewegungen ruhiger Auch die Kleidung bewies dass aus dem geduldeten
Uhrmacherlehrling nun ein wohlbestallter Lotterieschreiber geworden noch mehr
eine Art von »Deutsch« Der neue Kaftan hatte den üblichen Schnitt aber er war
doch etwas kürzer als früher und ebenso schienen die Wangenlöckchen gestutzt
Kurz alles hatte sich mit ihm zum Besseren gewandelt Trotzdem nagte er in
diesem Augenblick missmutig an der Unterlippe und blickte ungeduldig nach der
Tür »Er kommt nicht« murmelte er »und wenn er kommt so bringt ers nicht«
»Sender« klang die Stimme seines Herrn und Meisters aus dem anstoßenden
Gemach es war die »PrifatAgentschaft« wo Dovidl Morgenstern nach wie vor
»Rat in alle Sachen« erteilte »Ich bin fertig schreibs ab«
Aber noch ehe sich der Schreiber erheben konnte öffnete sich die Tür und
Dovidl kam hereingestürzt »Es eilt« rief er und legte zwei vollgeschriebene
Foliobogen vor Sender hin »Die Rubra ist Chaim Fragezeichen und Naphtalie
Ritterstolz contra Schlome Rosental wegen Verleumdung Eilt« wiederholte
er
»Rubrum heißt es« erwiderte Sender gleichmütig »Aber warum eilt es
Vielleicht wächst inzwischen Reb Schlomes Bart nach Das kann doch für unsere
Mandanten nur gut sein«
»Mandanten« rief Dovidl heftig »Gebrauch keine Ausdrücke die du nicht
verstehst Übrigens heißt es wirklich Mandanten Aber warum wär das gut für
sie Was kümmert das sie ob dieser Schlome einen Bart hat oder nicht«
»Freilich kümmert sie das eigentlich nichts Aber eben darum hätten sie ihn
ihm nicht ausreißen sollen«
»Ausreissen« rief Dovidl »Wer hat ausgerissen Unsere Mandanten Und das
sagst du mein Schreiber Ich fahr aus der Haut«
»Aber sie sagens doch selbst« wendete Sender ein Es war ein
Pädagogenstreit gewesen der die Gemüter der Barnower in großen Aufruhr
versetzt Sender freilich war unparteiisch geblieben »sie waren ja alle
nacheinander meine Lehrer« meinte er »und ich hab sie alle gleich lieb«
Schlome Rosental war mit Naphtali Ritterstolz dem Liebling des Rabbi über die
Auslegung einer schwierigen Talmudstelle in Streit geraten Chaim Fragezeichen
hatte Naphtali unterstützt zunächst durch die Schärfe seiner gelehrten Gründe
dann nachdem der Streit in Tätlichkeiten ausgeartet durch die seiner
Fingernägel Schlome hatte schließlich die Flucht ergriffen aber sein halber
Bart war auf der Wahlstatt Naphtalis Studierstube geblieben Schlome hatte
zunächst den Rabbi als Schiedsrichter angerufen dann aber als dieser für
seinen Liebling entschieden durch Morgenstern die Klage beim kk Bezirksamt
angestrengt
»Sie sagens selbst« rief Dovidl warf die Arme von sich und drehte sich
zweimal wie ein Kreisel um die eigene Achse »Wem haben sies gesagt Mir ihrem
Vertreter Aber vor Gericht Da lügt Schlome da ist er ein Verleumder weil er
fromme Talmudisten beschuldigt wegen schwerer körperlicher Verletzung
beschuldigt verstehst du«
»Nein« erwiderte Sender »Der Bart ist ja wirklich weg«
»Unsere Sorge Er hat sich ihn selbst ausgerissen« Dovidl ergriff die Bogen
und schwang sie wie eine Triumphfahne durch die Luft »Das hab ich hier
geschrieben um verleumden zu können selbst ausgerissen«
»Aber wenn das Gericht unsere Mandanten beeidet«
»Beeidet Hahaha« Dovidl lachte krampfhaft »Ich platz Sie sind ja
Angeklagte Die kann man doch nicht in Eid nehmen Ich platz«
»O doch« erwiderte Sender gelassen »Ihr erhebt ja die Gegenklage wegen
Verleumdung Und da sind Naphtali und Chaim die Zeugen und können beeidet
werden«
Dovidl blickte ihn wie erstarrt an »Ich fahr «
»Aus der Haut« ergänzte Sender »Aber deshalb hab ich doch recht«
Der Winkelschreiber hörte ihn nicht mehr Blitzschnell hatte er die Bogen
ergriffen und war in sein Sanktuarium zurückgestürzt
Sender setzte sich wieder hin »Und das erleb ich nun dreimal täglich mit
ihm« dachte er »Anfangs hats mir Spaß gemacht aber jetzt möcht ich eine
Abwechslung haben Wenn er doch wenigstens einmal wirklich platzen oder zum
mindesten aus der Haut fahren wollte Für mein Ziel nützt er mir gar nichts
so einen Narren werd ich nie zu machen haben den hat noch kein Dichter in ein
Stück hineingesetzt Und Nadler schweigt noch immer«
Das war der Grund seines Missmuts Es ging ihm ja nun gut er konnte
zufrieden sein Die Arbeit bedingte wohl viel Zeit aber geringe Mühe Hätte er
sich auf jene Verrichtungen beschränken dürfen für die er die sieben Gulden
Monatslohn bezog so wäre sein Tag fast nur aus Mussestunden zusammengesetzt
gewesen denn von Rechts wegen hatte er nur die Listen der Kollektur zu führen
und die mit hebräischen Lettern aber in deutscher Sprache geschriebenen
Entwürfe seines Chefs in deutscher Schrift wiederzugeben In Wahrheit wars
anders an beidem hingen mancherlei Verrichtungen die nicht im Vertrage standen
und doch getan sein wollten jedoch auch dies nahm er willig in Kauf Aber er
konnte nichts zur Erreichung seines Ziels tun in dieser Hinsicht verbrachte er
seine Tage müßig und dies ertrug er immer schwerer Er hatte sofort nach seinem
Eintritt in die Kollektur an seinen Gönner in Czernowitz geschrieben die
Wandlung seines Geschicks mitgeteilt und dringend gebeten ihm die Bücher
nochmals zu senden namentlich den »Katechismus« aber nicht etwa wieder als
Geschenk beileibe nein sondern unter Nachnahme und diesmal an seine eigene
Adresse Dass der Direktor noch in Czernowitz war wagte er freilich nicht zu
hoffen »aber« dachte er »so einen großen Künstler wird die Post schon
finden« Darum hatte er keine baldige Antwort erwartet nun aber warens schon
sechs Wochen und er harrte noch immer vergebens
Auch heute hatte der Briefbote nichts für ihn fast höhnisch winkte er ihm
im Vorbeigehen mit der Hand ab Es war dem Enttäuschten nur ein geringer Trost
dass in demselben Augenblicke die geistige Elite von Barnow zum Zwecke einer
längeren Konferenz den Laden betrat
»Hier wird gewonnen« stand auf jener Tafel noch mehr Dovidl verhieß sogar
jedermann ein Terno Er versprach nicht zu viel nur gehörte freilich eines
dazu dass man jene Nummern zwischen 1 und 90 setzte die dann in der nächsten
Lemberger Ziehung herauskamen Dass dies vom Glück vom Zufall abhänge glaubte
eigentlich niemand in Barnow und der »ganzen Umkegend« man musste eben das Glück
zwingen indem man sich nach verlässlichen Anzeichen richtete Die einen folgten
dabei mehr dem Verstande die anderen mehr dem Gemüt aber die Hilfe des
Kollekturschreibers nahmen alle in Anspruch und wenn es ihm auch die
Gemütsmenschen nicht leicht machten so erwiesen sich doch die Anhänger der
reinen Vernunft als die Zeitraubendsten
Die aber beehrten ihn eben der Apotheker Ludwig Noss der
Steueramtskontrollor Viktor Huszkiewicz und der Wundarzt Franz Xaver Grundmayer
der vierte im Bunde der Bestechungsagent Herr v Wolczynski es war dies fast
ein ebenso offizieller Beruf wie der der anderen fehlte heute
Diese Herren folgten der Mathematik Damit wenigstens eröffnete der kleine
kugelrunde Apotheker die Konferenz
»Also Senderko« begann er gewichtig »wir kommen um zu setzen Große
Einsätze bis zu fünfzig Kreuzer« Er hob den Zeigefinger »Aber ohne
Mathematik tun das höchstens die Bauern Also lies uns einmal langsam die
Listen der Nummern vor die vor sieben Jahren herausgekommen sind Langsam und
deutlich«
»Und laut« fügte Grundmayer hinzu Er hörte nicht ganz gut wenn er etwas
betrunken war und etwas betrunken war er immer »Die Lungen dazu hab ich dir
ja wieder kuriert Nämlich Sie müssen wissen meine Herren ich bin sein
Lebensretter Im April nämlich «
»Aber Herr Doktor das wissen wir ja Herr Doktor« fiel Huszkiewicz ein
»An die Arbeit Herr Doktor« Denn wenn man Grundmayer unterbrach so wurde er
grob es sei denn dass man ihn zur Begütigung »Herr Doktor« nannte »Nimm also
den Band von 1845 Sender und lies Ich werde auch heute notieren«
Er holte ein dickes Heft aus der Tasche das schon fast ganz mit
Zifferntabellen vollgeschrieben war und nahm Platz Sender aber langte seufzend
den gewünschten Band aus dem Wandschrank und begann zu lesen Er musste es tun
sein Chef hatte ihm strengstens eingeschärft jeden Wunsch der Kunden zu
erfüllen der sie in ihrer Spiellust bestärken konnte aber es war ihm so
langweilig so schrecklich langweilig
»Sender« klang die Stimme Dovidls aus dem Nebenzimmer und wieder kam er im
nächsten Atemzuge hereingestürzt auch diesmal ein Folioblatt in der Hand »Ich
hab mirs überlegt keine Gegenklage Ich sag einfach Guten Tag meine
Herren welche Ehre meine Herren Sie lassen sich vorlesen Gut sehr gut
vortrefflich ausgezeichnet Lies Sender Er liest doch deutlich hoff ich
Sind Sie zufrieden meine Herren Wenn Sie nicht zufrieden sind so sagen Sie
es Aber warum liest du noch immer nicht«
»19 44 57 3 «
»Aber meine Herren entschuldigen Sie zur Güte das ist nicht auszuhalt
Sehr interessant sehr Und Ihre Methode Pani Kontrollor großartig Was müssen
Sie damit schon gewonnen haben Noch nichts Merkwürdig Aber dann kommt es
noch Sie werden den Staat arm machen Pani Kontrollor bettelarm zum Bankrott
werden Sie Österreich bringen meine Herren So eine Methode Aber warum liest
du schon wieder nicht«
17 31 6
»Zum Verrücktwerden Nämlich ja Grossartig ist diese Methode großartig ist
sie nicht zu sagen Aber entschuldigen Sie ist das wirklich nötig Nämlich
worin besteht denn eigentlich diese Methode«
»Ganz einfach« sagte der Apotheker »Nämlich wir meinen «
»Ich meine« fiel der Kontrollor etwas pikiert ein »Oder vielmehr ich
meine nicht sondern ich weiß dass sich die Nummern nach einem bestimmten Gesetz
wiederholen Aber eins bis neunzig Sie verstehen Pani Morgenstern wie viel
verschiedene Variationen sind da möglich Da muss man also ein möglichst großes
Material haben um dahinter zu kommen Aber fast hab ichs schon heraus und
gerade die heutigen Ziffern passen merkwürdig in mein System Merkwürdig
Weiter Sender «
»51 12 1 « fuhr Sender monoton fort Wenn du erst wüsstest dachte er
wie merkwürdig das ist Denn ich sag dir ja schon eine Viertelstunde her was
mir grad einfällt »4 73 97 «
»Was« rief der Kontrollor und schnellte entsetzt empor »97 Das gibts ja
im Lotto gar nicht«
Und auch die beiden anderen Herren standen starr vor Staunen
»Verzeihen Sie« rief Sender hastig »Ich hab den Punkt übersehen 9 7
soll es heißen«
»Ach« rief der Kontrollor befriedigt »9 7 das passt wieder merkwürdig
Und jetzt geben Sie acht kommt 39 oder 58«
»Wirklich 58« rief Sender im Tone fassungslosen Staunens und klappte vor
lauter Bewunderung das Buch zu
»58« Der Kontrollor fuhr sich in die Haare »Wirklich 58 Aber das ist ja
auch so wahrscheinlich Nun hab ichs meine Herren ich habs Bei der
nächsten Ziehung kommen die Nummern« er begann murmelnd zu rechnen »kommen
6 17 83 Ich setze einen Gulden«
»Ich auch«
»Ich auch«
Sender stellte ihnen die Scheine aus erregt gingen die Herren ab
»Drei Gulden« rief Dovidl »Wenn die Nummern herauskommen so macht der
Gewinn ein Vermögen Rechne schnell aus Sender wie viel«
»Ich wart bis sie gewinnen« erwiderte dieser und griff nach dem Hut die
Uhr wies eben auf zwölf
»Aber die Eingab Ich habs ganz einfach gemacht alles ist nicht wahr Es
war nie ein Streit nie eine Prügelei «
»Und Reb Schlome hat nie einen Bart gehabt Auf Wiedersehen Meister«
»Heut wars doch wenigstens nicht ganz so langweilig wie sonst« dachte
Sender als er dem Mautause zuschritt »Aber ist das ein Leben für einen
künftigen Künstler« Freilich mahnte er sich sofort »Pojaz du hast schon auf
schlechterem Papier geschrieben« Aber der Schluss seines Selbstgesprächs lautete
doch »Wer weiß wo Nadler ist Ich muss an den Buchhändler in Lemberg schreiben
Dovidl kann mir gewiss seinen Namen sagen Ich Narr der nicht früher daran
gedacht hat Und wenn ich die Bücher doppelt bekomm ists auch kein Unglück
Ein Unglück ists nur länger müßig zu bleiben «
Er schritt unwillkürlich rascher aus als könnte ihn dies dem ersehnten Ziel
näher bringen »Als Kranker hab ich einen anderen für mich sorgen lassen aber
jetzt « Senders Tatkraft war wieder in ihm wach geworden
Als er daheim die Wohnstube betrat fand er just diesen anderen vor Der
»Marschallik« war auch sonst kein Kopfhänger heut lachte ihm vollends die
helle Freude aus den Augen
»Gottswillkomm« begrüßte ihn Sender herzlich »Ist das recht Seid Ihr nur
ein Freund für die schlechten Tage Seit vier Wochen hab ich kein Zipfele Eures
Kaftans gesehen Aber ich seh heut ist Euch was Gutes begegnet«
»Wird erst mein Jung« lachte der Marschallik »wird erst Das Beste was
ich auf der Welt hab Simche ist gestern nach Chorostkow gefahren und bringt
mir heut meine Jütte mit Das Kind war jetzt vier Jahr nicht zu Haus und seit
ihrem zehnten ist sie drüben sieben Jahr So gut sies in der Fremde hat mir
tut doch das Herz weh dass sie dort bleiben muss Aber was lässt sich da machen
Kein Mensch will heiraten nicht einmal ein gewisser Mensch ders dem Rabbi
versprochen hat«
»Findet doch erst eine die mich mag« erwiderte Sender suchte jedoch dann
hastig das Gespräch auf andere Dinge zu bringen
Es fiel ihm nicht schwer der Marschallik erzählte von seinen Kindern die
beiden Söhne verdienten sich nun als Handwerker selbst ihr Brot von den vier
Töchtern waren nun drei verheiratet »Und die Jütte bring ich auch noch an«
schloss er »Um die ist mir schon gar nicht bang Freilich hier nicht so wenig
wie die Schwestern«
»Warum nicht hier« fragte Frau Rosel »Weil Ihr arm seid Das ist doch kein
Grund«
»Nein« erwiderte er »sondern weil ich der Marschallik bin Die Leut haben
mich gern ich weiß und gegen meine Ehrlichkeit ist auch nichts zu sagen aber
mit einem Menschen der um Geld Späße macht verschwägert sich niemand gern«
Er nickte traurig vor sich hin aber gleich darauf lachte er wieder »Glaubt
Ihr ich mach mir was draus Nicht so viel Aber nun geh ich weiter«
»In der Hitze« rief Frau Rosel »Erwartet doch Eure Tochter hier und esst
mit uns so viel da ist«
Er ließ sich nicht lange bitten aß aber nur wenige Bissen »Ich kanns
nicht vor lauter Freud« sagte er »Ach wüsstet Ihr was das für ein golden
Kind ist Reb Hirsch Salmenfeld sagt mir immer Ich gönn Euch gewiss den
Richtigen für Euer Kind wie mir für meine Malke aber was ich ohne sie anfang
weiß ich nicht sie hält mir das ganze Haus zusammen Und Ihr wisst« fuhr er
stolz fort »es ist die größte Wirtschaft in Chorostkow das feinste Einkehrhaus
weit und breit Mit Müh und Not hat er sie jetzt auf acht Tag freigegeben
weil grad das Geschäft still ist Ja meine Jütte«
Nach dem Essen ging Frau Rosel auf ein Schläfchen in ihre Kammer auch der
alte Mann nickte in der Hitze ein So war es Sender allein der das Herannahen
des schweren Leiterwagens gewahrte den sein Freund Simche lenkte Wohl ein
Dutzend Passagiere saßen unter der Leinwandplache halb erstickt von Staub und
Hitze darunter einige junge Mädchen
Sender musterte sie neugierig »Du bist die Jütte« sprach er eins von ihnen
an dem lachende braune Augen in einem frischen runden Gesicht standen »An
deines Vaters Augen erkenn ich dich Komm steig ab er ist drinnen
eingeschlafen vor lauter Erwartung«
Sie sprang ab »Und du musst der Pojaz sein« sagte sie munter »Ich erkenn
dich an der Höflichkeit Einem erwachsenen Mädchen du zu sagen so eine
Feinheit lernt man nur aus den deutschen Büchern«
Die Mitreisenden lachten »Du gib acht« warnte ihn Simche »Die ist dir
über Was Nüssele Nüsschen« Der Vergleich war nicht übel sie war rund braun
und blank wie eine Haselnuss »Dein Kofferchen geb ich zu Haus ab«
Er fuhr weiter Sender öffnete ihr die Tür »Ich bitte näher zu treten
verehrtes Fräulein« sagte er neckend in seinem besten Hochdeutsch »Wenn das
Fräulein es so belieben «
Sie blickte ihn scheinbar erstaunt an »Was ist das für eine Sprach«
fragte sie »Glaubt Ihr es wär Deutsch«
»Der Stich gibt kein Blut« lachte er war aber doch rot geworden »Und da
sagt man Dicke sind gut Jetzt weiß ich wie viels bei Euch geschlagen hat«
»Kein Wunder« erwiderte sie »So ein Uhrmacher wie Ihr«
Frau Rosel kam herbeigeeilt als sie die fremde Stimme hörte und geleitete
das Mädchen zu ihrem Vater Es war rührend wie er die Augen aufriß und sie
wieder schloss und dann aufjubelte »Kein Traum Kein Traum«
Die Hausfrau brachte der Halbverschmachteten eine Labung die vier blieben
noch eine Weile in lustigem Geplauder beisammen Am schweigsamsten war Sender
es ärgerte ihn dass ihn das Mädchen vorhin so gründlich geschlagen Um ihr eine
bessere Meinung von sich beizubringen lenkte er das Gespräch auf die Kollektur
und spielte seinen Zuhörern die Szene vor die er dort erlebt Er gab sich alle
Mühe und sie lohnte sich die beiden Alten lachten laut und auch Jütte rief
bewundernd indem sie sich die Tränen aus den Augen wischte »Auf dem Theater
sieht mans nicht besser«
Sender horchte hoch auf
»Theater« fragte er »Habt Ihr je eins gesehen«
»Natürlich Im vorigen Monat war ja erst eine Gesellschaft in Chorostkow
vier Spieler und drei Spielerinnen In unserem Haus im Saal den Reb Hirsch
sonst zu Hochzeiten vermietet war die Bühne Ganz gute Geschäfte haben sie
gemacht alle Offiziere waren jeden Abend da Es ist gar nicht zu erzählen was
die für Sachen gemacht haben lustige und traurige Ganz gute Spieler« fügte
sie hinzu »Sie waren früher in Czernowitz«
»In Czernowitz« rief Sender atemlos vor Erregung »War der Herr Nadler
dabei«
»Nein« erwiderte das Mädchen
Die Mutter aber blickte ihn erstaunt an und fragte dann scharfen Tones »Du
bist ja außer dir Was gehen dich die Spieler an Und woher kennst du den Herrn
Nadler«
Sender hatte sich wieder gefasst »Die Wahrheit ist das beste« dachte er
Und so erzählte er möglichst gleichgültig dass er diesen berühmten Schauspieler
einmal auf der Bühne gesehen »Du erinnerst dich wie ich mit Schmule Grün beim
Wunderrabbi in Sadagóra war«
»Ich erinnere mich nicht« sagte sie etwas scharf jede Art von fahrenden
Leuten war ihr gleich verhasst
Das Mädchen aber meinte »Gar so berühmt kann dieser Nadler nicht sein
Wenigstens haben ihm die Spieler die in Chorostkow waren alles Schlechte
nachgesagt Sie haben ihm Schuld gegeben dass sich die Gesellschaft aufgelöst
hat Er war ihr Direktor hat sie aber nicht bezahlt und ist ihnen bei Nacht und
Nebel durchgegangen wegen fünfzig Gulden Übrigens vielleicht haben sie
gelogen Solche Lumpe Und erst die Weiber«
Sender wurde totenbleich sein Herz pochte zum Zerspringen und er fühlte
jählings wieder ein Stechen in der Lunge Die Gesellschaft aufgelöst Nadler auf
der Flucht all sein Hoffen lag im Staube Instinktiv wandte er sein Antlitz
ab dass die Mutter seine Erregung nicht sehe griff dann rasch zum Hut und
stürzte hinaus
Fast wankend schritt er im Sonnenbrand dem Städtchen zu und blieb immer
wieder stehen und murmelte mit bleichen Lippen »Was nun« Während er auf
Nadlers Hilfe baute irrte der Unglückliche flüchtig umher Und er kehrte wohl
auch nie nach der Stadt zurück die er mit Schimpf und Schande hatte verlassen
müssen und wenn der Winter kam Sender schloss die Augen »Barmherziger
Gott« stöhnte er »hättest du mich lieber sterben lassen als das zu erleben
Aber nein« murmelte er im nächsten Atemzuge »das ist ja Sünde Und doch
was wird nun aus mir«
Er hörte seinen Namen rufen Es war der Marschallik der sich nun auch mit
der Tochter auf den Weg gemacht Sender winkte ihm mit der Hand zu und suchte
rasch weiter zu gehen Aber er konnte nicht so eilen wie er wollte der Schmerz
beim Atmen hinderte ihn »Die Erregung« dachte er »Der Arzt hat mich davor
gewarnt« Bei dem nächsten Seitenweg bog er ab und wieder zum Städtchen hinaus
In das nächste Ährenfeld das er erreichte warf er sich nieder und barg sein
Haupt in den Händen Nur nichts sehen nichts hören nur allein bleiben
So lag er in dumpfer fassungsloser Verzweiflung Wild rauschte ihm das Blut
in den Ohren und die Lungen rangen nach Luft »Es kommt wieder wie vor dem
Rabbi« dachte er »Aber was liegt daran«
Dann richtete er sich doch auf lüftete die Kleider um leichter atmen zu
können »Nein« murmelte er vor sich hin und biss die Zähne aufeinander »ich muss
stark bleiben ich hab nun niemand als mich allein Aber« stöhnte er dann
»was kann ich anfangen wie mir raten wie mir helfen«
Das Bewusstsein seiner Hilflosigkeit übermannte ihn er kam sich so
unglücklich so verlassen so bemitleidenswert vor Jählings schossen ihm die
Tränen in die Augen er begann heftig zu weinen Fassungslos schluchzte er vor
sich hin und presste das glühende Antlitz gegen die kühle feuchte Erde des
Ackers
So verging eine geraume Weile Allmählich wurde sein Atem ruhiger die
Tränen flossen reichlich aber gelind Nun da sich sein Schmerz entladen
konnte er wieder ruhiger denken »Die Lumpe« hatte das Mädchen gesagt
»vielleicht haben sie gelogen« Aber nein darauf war kaum zu hoffen Sie
mochten Nadler verleumdet haben dass er heimlich geflohen aber was änderte das
an der Sache Die Gesellschaft war aufgelöst Nadler brotlos es klang ja nicht
unwahrscheinlich er hatte ihm ja selbst geschrieben in Czernowitz finde sich
nicht genug Publikum für den ganzen Winter nun war es auch für die wenigen
Wochen ausgeblieben Und wenn es nicht fünfzig Gulden waren sondern mehr
auch dies war nicht tröstlich
Er stützte das Haupt auf die Hand »Aber ist es nicht auch möglich« dachte
er »dass Nadler sie davongejagt hat Vielleicht sind es gerade die schlechtesten
unter seinen Leuten und sie sagen ihm nun aus Rache Böses nach Wenn ich
wenigstens mit einem von ihnen reden könnt ich brächt schon die Wahrheit
heraus Vielleicht treiben sie sich noch irgendwo in der Nähe herum vielleicht
kommen sie gar her Nein das nicht wer ging hier ins Theater In
Chorostkow steht viel Militär aber hier die drei Offiziere vom Furbes
Vielleicht weiß das Mädchen etwas darüber und es ist möglich dass ich selbst zu
ihnen fahr und sie ausfrag «
Drinnen im Städtchen schlug die Glocke des Klosters »Vier Uhr« erschreckt
raffte er sich auf und rannte ins Städtchen zurück »Zum Glück ist heut
Montag« dachte er »da kommen noch nicht viel Leut«
In der Tat waren des Nachmittags nur zwei Einsätze gemacht worden er konnte
es im Buche sehen Dennoch empfing ihn sein Chef mit heftigem Poltern und
Stöhnen
»Fünfundvierzig Zettel hab ich ausschreiben müssen« jammerte er »und die
Eingab ist noch nicht geschrieben obwohl sie eilt Ich fahr aus der Haut
Zahl ich dir darum sieben Gulden«
Neunzehntes Kapitel
Es war spät am Abend als Sender die Eingabe mit Müh und Not und sicherlich
nicht ohne zahllose Fehler zu Ende geschrieben dennoch ging er nicht heim
sondern zu seinem einstigen Lehrherrn dem Kutscher Nach heiterer Gesellschaft
stand ihm der Sinn freilich nicht aber Simche war ein Freund und Nachbar des
Marschallik vielleicht fand er Jütte dort Und er musste das Mädchen sprechen
Näheres von ihr zu erkunden suchen
Dem heißen Tag war wie so oft in der großen Ebene jäh und unvermittelt ein
kühler Abend gefolgt ganz Barnow hatte die dumpfen Häuser verlassen und erging
sich im Mondlicht auf der Straße Wo immer sonst Menschen wohnen vernimmt man
an solchen Abenden Liederklang lautes Lärmen und Lachen Die schwere Last des
Tages ist zu Ende getragen nicht allein die Brust auch die Seele atmet in der
Kühle leichter und tiefer Anders bei diesem Volke das auf seinem Leidensweg
über die Erde das erquickendste Gut die harmlos heitere Hingabe an den
Augenblick für immer verloren Das Behagen am Leben fehlt andere bedürfen zur
Trauer einer Ursache der Jude des Ostens zur Freude Wie still sich die vielen
Menschen hielten Nur zuweilen summte ein Mann halblaut eine Melodie der
Synagoge vor sich hin sonst war nur gemessenes Reden hörbar zuweilen aus einem
Kreise gedämpftes Lachen der Männer aus einem anderen unterdrücktes Kichern der
Mädchen Denn nicht bloß im Gotteshaus auch auf der Straße und bei jeglicher
Lustbarkeit sind die Geschlechter streng geschieden Hier standen Frauen dort
Männer in dichtem Knäuel beisammen zumeist eng um jemand geschart der
Witzworte oder eine Klatschgeschichte zum besten gab hingegen ging das junge
Volk Arm in Arm in langen Reihen auf und nieder aber kein Jüngling wagte sich
an die Kette der Mädchen und wo die Reihen einander begegneten und ausweichen
mussten drückten sie sich stumm und verlegen aneinander vorbei Nur vor den
Haustoren ging es zwangloser zu dieser Raum gehörte ja gewissermaßen noch zum
Hause
Raschen Schritts und gesenkten Hauptes ging Sender dahin rief ihn jemand
an so murmelte er einen Gruß und drückte sich hastig vorbei Aber als er
endlich das Haus des Fuhrmanns erreichte harrte seiner nur eine Enttäuschung
da saßen neben den Hausleuten auch der Marschallik und sein Weib eine dicke
muntere alte Frau aber Jütte war nicht zu sehen
»Wenn man den Wolf nennt so kommt er gerennt« rief ihm der Marschallik
entgegen »Eben war Luiser hier wir haben von dir gesprochen Haben dir nicht
die Ohren geklungen Lauter Schimpf«
»So« fragte Sender leichthin um nur etwas zu sagen
»So« äffte ihm der Marschallik nach »Tu nicht als ob es dir gleichtgültig
wär Wenigstens könntest du dich schämen wenn das wirklich so wär Luiser
sagt du kannst schon heut besser schreiben als Dovidl wenn du sagt er die
deutschen Gesetze fleißig lernst so kannst du in zwei Jahren dein eigenes
Geschäft begründen Die Gesetze hörst du«
Sender erwiderte nichts »Das wär grad das rechte für mich« dachte er
grimmig
»Nun« rief Türkischgelb ungeduldig »warum antwortest du nicht Mir
scheint du bist heut nicht richtig im Kopf Warum bist du Nachmittags
davongelaufen wie ein Verrückter«
»Mir war nicht wohl« murmelte Sender »Von der Hitze«
»So Weißt du was meine Jütte gemeint hat Er ist erschrocken wie ich von
den Spielern erzählt hab dahinter steckt was Und meine Jütte «
»Sieht ein Brett durch« ergänzte Sender ärgerlich »Was sollt dahinter
stecken« Missmutig setzte er sich hin nun konnte er sie auch bei einer
künftigen Gelegenheit nicht mehr unbefangen ausfragen
Aber er sollte noch am selben Abend alles erfahren was sie darüber wusste
Nach einer kurzen Weile gesellte sich Jütte und die Tochter des Fuhrmanns zu der
Gruppe Das Gespräch kam natürlich auf das Leben in Chorostkow und Jütte meinte
stolz obwohl Barnow einige Einwohner mehr zähle fühle sie sich doch wie in ein
Dorf versetzt Unter den Genüssen aber die das Chorostkower Leben schmückten
nannte sie auch die Konzerte der Husarenkapelle im Schlossgarten und das Theater
Die Frauen wussten nicht was das Wort bedeute der Marschallik aber
erzählte dass vor dreißig oder mehr Jahren auch in Barnow eine Truppe gewesen
»Aber die hat uns dann auch einen Ruf im Land gemacht dass sich keine mehr
hertraut die armen Leut sind fast verhungert Unser Rabbi Manasse nämlich der
damals noch ganz jung war aber womöglich noch strenger wie heut hat verboten
hineinzugehen«
»Ich begreif nicht wie man so was verbieten kann« meinte Jütte »Geht es
denn gegen Gott dass man sich unterhält und lacht und weint Und was für schöne
Spiele haben sie gemacht«
»Erzähl doch was davon« munterte sie ihre Mutter auf die nicht wenig
stolz darauf war dass die Tochter so gut zu reden wusste
»Zum Beispiel das Spiel von den Räubern« sagte Jütte »Also zwei Brüder
der eine ist schlecht und ein Gutsbesitzer der andere ist gut und ein Räuber «
»Umgekehrt Kind« verbesserte die Mutter
»Nein so ist es Nämlich der Gute ist nur Räuber geworden damit er den
Menschen hilft Das Spiel hat ein gewisser Schiller aufgeschrieben sagt meine
Malke«
»Ein feines Mittel den Menschen zu helfen« lachte Simche »War denn dieser
Schiller auch bei der Gesellschaft«
»Nein der Arme soll schon tot sein sagt meine Malke Und sie weiß ja
alles Aber noch besser hat mir das Spiel vom verliebten Schneider gefallen
Fips tut er sich mit deutschem Namen schreiben Nämlich durch ein Loch in der
Mauer wird ihm seine Braut entführt Wenn ich dran denk wie der Herr Stickler
da gemeckert hat lach ich noch heut So heißt nämlich der Spassmacher
Übrigens ein Lump nicht zu sagen Den ganzen Tag war er betrunken und ist
schließlich Reb Hirsch mit der Zeche durchgegangen Und erst die Weiber Es war
gut dass sie selber fort sind sonst hätt sie Reb Hirsch hinausgeworfen«
Sie wurde rot und verstummte
»Man kann sich denken was das für ein Gesindel ist« sagte Simche »Die
Leut die mit den Löwen und Schlangen herumziehen sind doch scheints
ordentlicher Die haben doch was«
Sein Weib aber meinte »Einmal möcht ich so ein Spiel doch sehen Vielleicht
kommen sie her«
»Ich glaub nicht« sagte Jütte »Von Chorostkow sind sie nach Kolomea
gezogen und von da wollten sie nach Siebenbürgen«
Das Gespräch nahm eine andere Wendung bald darauf ging die Gesellschaft
auseinander In bitterem Herzeleid schritt Sender seiner Wohnung zu Auch diese
Hoffnung war also zerronnen er konnte doch den Leuten nicht aufs Geratewohl
nach Siebenbürgen folgen In dieser Nacht kam kein Schlaf über seine Augen
Das Tageslicht gab ihm seinen Mut wieder mit frommer Inbrunst verrichtete
er das Morgengebet »Ich hab nur noch zwei auf die ich bauen kann« dachte er
»Ihn und mich Aber wenn ich mich nicht verlasse so tut auch Er es nicht Die
Hauptsache ist ich muss weiterarbeiten und mir die Bücher schaffen Es mag
vielleicht kein gutes Brot sein sonst hätte nicht ein Spieler wie Nadler wegen
fünfzig Gulden durchgehen müssen aber ich will lieber dabei zu Grunde gehen
als anderswie reich werden«
Heute waren keine Eingaben zu schreiben Es war der Dienstag der Tag des
Wochenmarkts zugleich der Schlusstag der wöchentlichen Kollekte wo die meisten
Einsätze gemacht wurden da hatte er keine Zeit dazu Kaum dass er den Laden
geöffnet kamen die Bauern angerückt und wollten ihre sauer erworbenen Groschen
los sein
Aber das ging nicht so rasch Die meisten wollten vorher Rat und Hilfe in
der richtigen Auswahl der Nummern Gleich der erste der sich vor Senders Tisch
schob war ein ihm wohlbekannter Kunde der ihn in der Regel eine halbe Stunde
kostete Ein stattlicher Bauer der Dorfrichter von Miaskowka der in seiner
Umgebung den Ruf großer Klugheit genoss
»Nun Senderko« begann er wie immer mit vertraulichem Flüstern »machen wir
heute das Geschäft«
»Nein« erwiderte Sender kurz »es geht nicht«
»Aber warum denn nicht Ich werde dich doch nicht verraten Und wir reden ja
auch nichts miteinander ab Ich lege meine dreißig Kreuzer hin so und du
schreibst drei Nummern auf die dir« er zwinkerte schlau »eben einfallen
und vom Gewinn bekommst du die Hälfte«
Der Richter war nämlich der Meinung es hänge nur von Sender ab welche
Nummern er am Mittwoch Vormittag als gezogen an die Ladentür stecke Der
Schreiber hatte ihn bisher ruhig bei diesem Glauben gelassen und nur immer
versichert das Geschäft gehe gegen sein Gewissen Es hatte ihm Spaß gemacht
durch welche Mittel dann der Richter seine Zweifel zu zerstreuen suchte Heute
aber sagte er kurz »Seid nicht dumm Richter Wüsste ich welche Nummern
herauskommen ich wäre längst ein reicher Mann und säße nicht mehr hier«
Der Bauer sah ihn verdutzt an
»Das heißt« sagte er zögernd »dass du es mir nie sagen wirst« Sein Gesicht
färbte sich hochrot vor Zorn er hieb auf die Barriere los »Dann treibt ihr ja
Betrug hier ihr elenden Juden Betrug Für gute dreißig Kreuzer so ein elendes
Zettelchen«
Auf den Lärm kam Morgenstern herbeigestürzt
»Du Narr« fuhr er Sender heftig an nachdem er den Sachverhalt erfahren
»so sorgst du fürs Geschäft«
Dann wandte er sich an den Bauer
»Herr Richter« flüsterte er ihm flehend zu »ich sag Euch die Nummern die
wir morgen ausstecken Höchstens wenn mir der Herr Bezirksvorsteher andere
befiehlt aber sonst gewinnt Ihr gewiss Und ich bin schon mit einem Viertel des
Gewinns zufrieden«
»Das ist was anderes« sagte der Bauer begütigt und machte seinen Einsatz
»Aber betrügen lasse ich mich nicht am wenigsten von so einem jungen Tölpel«
»Der Anfang war gut« dachte Sender seufzend und beschloss nun umso
vorsichtiger zu sein Zum Glück war unter den anderen Kunden keiner der dem
Richter von Miaskowka an Schlauheit gleichkam Diese Bauern und Kleinbürger
wollten nur wissen ob jetzt »der Wind mehr nach Grad oder mehr nach Ungrad
wehe« ob sie also vorteilhafter 15 und 43 oder 16 und 44 setzen sollten oder
noch häufiger ob »der Wind unten in der Mitte oder oben wehe« das heißt ob
sie die Ziffern zwischen 1 und 30 oder 31 und 60 oder 61 und 90 wählen
sollten »Der Wind« was sie darunter verstanden mochte der Himmel wissen es
war ihnen wahrscheinlich ebenso klar wie Sender der diesen Wind abwechselnd
durch alle drei Regionen streichen ließ Wieder andere erzählten ihre Träume und
verlangten die Nummern angegeben die diesen entsprachen zu dem Zwecke lag auch
hier wie in jeder Lottokollektur des Ostens ein Traumbuch auf dem
Schreibtisch Sender glaubte den Leuten keinen Schaden zuzufügen wenn er es
nicht erst aufschlug
»Also« sagte er der Pfarrersköchin von Barnow »Ihr habt von einem Bottich
voll Geld geträumt 7 von einem Korporal 23 und ein Hund hat Euch in die
Wade gebissen 50 Und Ihr« wandte er sich an eine alte Bäuerin
»Von einem schwarzen Huhn habe ich geträumt« erwiderte sie »und dass mir
ein junger Mann schön getan hat «
»3 und 32 Was noch«
»Und dass ich in der Kirche eingeschlafen bin«
»50 Und Sie gnädige Frau«
Die Frage galt der Gattin des städtischen Försters Frau Theodora Putkowska
ihrer boshaften Zunge wegen auch die Viper von Barnow genannt
»Ein Rosaseidenkleid« flüsterte sie ihm zu »Das ist das einzige was mir
geträumt hat aber wiederholt «
»50« erwiderte Sender
»Was« rief sie und warf den Zettel den er ihr reichte zurück »Empörend
Ist ein Rosaseidenkleid dasselbe als wenn ein Hund in die Wade beißt oder wenn
man in der Kirche einschläft Immer 50 Das ist ja ein Betrug «
Entsetzt erkannte Sender dass er die Zahl die ihn seit gestern
begreiflicherweise da er unablässig an Nadlers Los denken musste am meisten
beschäftigt etwas zu oft benützt »Lassen Sie mich nachsehen« bat er
erschreckt und griff nach dem Traumbuch
Es war zu spät schon war Morgenstern wieder erschienen nach dem Rechten zu
sehen Ein Strom von Klagen und Schimpfreden ergoss sich über das Haupt des
Schuldigen »Du willst mich zum Bettler machen« schrie er »aber eher jage ich
dich davon«
»Wie begütige ich ihn nur wieder« dachte Sender nachdem sich der Laden
geleert »Er soll mir ja die Adresse des Buchhändlers sagen« Er trat vor den
Meister »Wenn Ihr eine Arbeit für mich habt ich hab gerade Zeit«
Dovidl blickte ihn misstrauisch an »Was bist du plötzlich so eifrig« fragte
er
»Es ist auch die Langeweile« sagte Sender »Ich hab ja nichts zu lesen
Und da wollt ich Euch bitten «
»Dass ich dir etwas von den Gesetzen da gebe« fragte der Winkelschreiber
lauernd und wies auf die Bücher die vor ihm lagen
»Nein« erwiderte der Schreiber »Eine Sprachlehre will ich mir aus Lemberg
kommen lassen vielleicht auch ein Lesebuch sagt mir wie mach ich das«
Zornrot sprang Morgenstern vom Sessel empor
»Schäm dich« rief er »So jung und schon so falsch Glaubst du ich weiß
nicht wer dahinter steckt Mein lieber Luiser Er redet dir immer zu Lern die
Gesetze dann kannst du Dovidl das Brot wegnehmen Und nun soll ich dir raten
wie du dir die Bücher schaffst«
»Nein« rief Sender »Ich schwöre Euch «
»Kein Wort mehr So ein Undank «
»Aber so nehmt doch Vernunft an« rief Sender heftig »Wenn Luiser dahinter
stecken würde so könnt ers mir doch gleich selbst sagen «
»Er weiß es ja nicht War er denn je in Lemberg Nein nein mich betrügt
man nicht so leicht«
Missmutig setzte sich Sender wieder an den Schreibtisch »Dann frag ich
Luiser wirklich« dachte er »Er kommt ja gewiss auch heute«
In der Tat trat der Gemeindeschreiber kurz vor Mittag ein wie jeden Freitag
und Dienstag So sehr ihn Dovidl sonst hasste die Besuche ließ er sich gern
gefallen Luisers Einsatz war sehr ansehnlich da er das Haupt einer
Spielgesellschaft war Ihre Mitglieder wollten die Regierung nicht betrügen
aber auch von ihr nicht betrogen sein »Das lassen wir uns nicht einreden«
meinten sie »dass die Nummern in Lemberg von einem Waisenknaben gezogen werden
Der Waisenknabe trägt Brillen und einen langen Bart und sieht vorher alle Listen
durch Jene Nummern die am wenigsten besetzt sind werden natürlich gezogen
damit auch möglichst wenig Gewinne ausbezahlt werden müssen« Nun standen ihnen
freilich nicht alle Listen des Landes zu Gebote aber sie spannen ihre Netze so
weit sie konnten jeden Freitag wurden die Listen eingesehen die Ergebnisse
brieflich ausgetauscht und dann am Dienstag verwertet Keine Enttäuschung
vermochte die Überzeugung dieser seltsamen Kartellbrüder zu erschüttern dass sie
allein auf richtiger Fährte seien Auch Luiser Wonnenblum zählte das Häuflein
Papiergulden so fröhlich vor Sender hin als hätte ihm Gott selbst den Gewinn
zugesichert Aber womöglich noch heiterer wurde seine Miene als Sender ihn nach
dem Buchhändler fragte
»Recht so« flüsterte er »Du brauchst nicht einmal dem Buchhändler
schreiben Ich schaff dir schon die Gesetze durch meinen Vetter in Lemberg«
Sender lehnte dankend ab »Bemüht Euch nicht sagt mir nur wie der
Buchhändler heißt«
»Das weiß ich nicht Aber wie gesagt mein Vetter «
Als Sender es endgültig ablehnte verließ Luiser sehr erstaunt den Laden
»Glaubt er vielleicht« dachte er »ich will am Preis verdienen Nicht einmal
ich hab schon so Vorteil genug davon wenn sich Dovidl und Sender entzweien«
Sender aber schrieb ungesäumt »an den deutschen Buchhändler in Lemberg« und
bestellte die Bücher gegen Nachnahme Die genauen Titel wusste er ja nicht aber
das war wohl auch bei einem der damit Handel trieb nicht nötig
Als er den Brief in den Schalter des Postamts warf streifte sein Blick die
Briefe die über dem Schalter ausgestellt waren »An den Herrn Teaterdirektor
Nadler« Himmel das war ja sein Brief auf den er so schmerzlich Antwort
ersehnt er war als unbestellbar zurückgelangt
Der Postmeister musterte Sender lächelnd als dieser den Brief zurückerbat
»Mensch was hast du für Bekanntschaften Übrigens liegt der Brief schon einen
Monat da« Auf der Rückseite stand »Retour Adressat unbekannt wohin verzogen«
Senders Herz zog sich schmerzhaft zusammen Nun brauchte er niemand mehr zu
fragen Dieser Herr Stickler und die anderen hatten nicht gelogen
Er war nun wirklich ganz verlassen sein Gönner geflohen warum hätte er
sonst seine Adresse nicht zurückgelasen »Der Ärmste« murmelte er »wegen
fünfzig Gulden« Und neben dem Mitleid mit Nadler regte sich auch abermals das
mit sich selber
Aber nun weinte er nicht wieder Als ihn die Mutter beim Mittagessen besorgt
fragte warum er so bleich und traurig sei zwang er sich sogar zu einer
fröhlichen Miene
Zwanzigstes Kapitel
Ebenso tapfer suchte er des Nachmittags seinen Dienst in der Kollektur zu
verrichten Es war der schwerste der Woche Die Tür des Ladens stand nie still
zwischendurch musste die ganze Liste kopiert werden um mit Postschluss sieben
Uhr nach Lemberg abzugehen Denn am Mittwoch Morgens erfolgte schon die Ziehung
in Lemberg die Nummern wurden allen Kollekteuren sofort telegraphisch
mitgeteilt in dem rechtzeitigen Abgang der Liste lag also die einzige
Sicherheit des Staates gegen einen Missbrauch
Nach sechs Uhr Sender hatte schon das Kuvert geschrieben und wollte eben
die Liste unterzeichnen trat Herr v Wolczynski in den Laden
»Ich bin gestern nicht dagewesen« sagte er »mit dem Huszkiewicz will ich
nichts mehr zu tun haben Seine Methode haha die pure Narrheit Du bist ja
klug Senderko hab ich nicht recht«
Der Schreiber blickte etwas befremdet auf so leutselig war sonst Herr v
Wolczynski nicht Dann zuckte er mit diplomatischem Lächeln die Achseln
»Wir verstehen uns« rief der Edelmann und klopfte ihm vertraulich auf die
Schulter »Also ich setze auf eigene Faust Nummern die ich mir selbst
ausgerechnet habe Hier hundert Gulden« Er legte die Note hin »Es ist doch
noch Zeit«
»Gewiss« sagte Sender dienstfertig und legte die Note in die Kasse Es war
der höchste Einsatz den er je eingetragen »Bitte welche Nummern«
Wolcynski griff in die Westentasche »Da hab ich das Zettelchen« Aber es
fand sich nicht vor Er suchte im Rock im Beinkleid das Zettelchen fand sich
nicht »Verflucht« rief er »was machen wir da Habe ich noch Zeit nach Hause
zu gehen und es zu holen«
»Nein« erwiderte Sender »In zehn Minuten muss die Liste auf der Post sein«
»Aber ich kann doch nicht mein Glück versäumen« rief der Edelmann bestürzt
Im nächsten Augenblick jedoch erhellte sich seine Miene »Halt« rief er »Das
Einfachste fällt einem doch immer zuletzt ein Du schreibst sowohl in die Liste
wie in meinen Zettel nur den Einsatz und gibst mir beide ich gehe rasch heim
fülle sie aus und bringe die Liste noch rechtzeitig zur Post Du weißt der
Postmeister ist mein guter Freund ich bürge dafür Ist das nicht das Bequemste
für uns beide«
Sender erbleichte »O du Schurke« dachte er Laut aber sagte er nur
»Bequem wärs freilich aber gefährlich« Er langte die hundert Gulden hervor
und schob sie dem Edelmann zu
»Gefährlich« lachte Wolczynski »So sei doch vernünftig Hier sind zehn
Gulden Trinkgeld und wenn ich gewinne bekommst du zwanzig Prozent von meinem
Gewinn«
Auch dies Geld schob Sender zurück »Zwanzig Prozent von Ihrem Gewinn«
fragte er »Das ist zu viel für mich das sind zwei Jahre Zuchthaus«
»Wie«
»Ganz einfach Sie finden Ihr Zettelchen erst morgen nachdem das Telegramm
eingetroffen ist Die Liste geht morgen mittag ab Wird in Lemberg die
verspätete Absendung bemerkt so beträgt Ihr Gewinn zehn Jahre Zuchthaus«
»Kerl« brauste der Bestechungsagent auf »wie kannst du «
Da stockte er Die Tür wurde hastig aufgerissen es war Jossele Alpenrot
»Ists noch Zeit« keuchte er mühsam hervor und hielt Sender zwei Gulden
entgegen
Wolczynski hatte sein Geld zu sich gesteckt
»Adieu Senderko« sagte er wieder ganz freundlich »Wir sprechen uns noch
Natürlich ein Missverständnis«
»Natürlich« rief ihm Sender nach und griff dann eilig zur Feder »Rasch
Meister Also zwei Gulden Terno Welche Nummern«
»5 63 88 Sie haben mir heut nacht geträumt Den ganzen Tag hab ich mit
meinem Weib beraten ob ich setzen soll oder nicht Endlich hat sies erlaubt«
Sender hörte ihn nicht an In großer Hast schrieb er die Nummern in Zettel
und Liste ein unterschrieb sie schloss das Kuvert und rannte zur Post wo er
die Sendung mit Mühe noch anbrachte
Er fühlte sich sehr müde die durchwachte Nacht lag ihm in den Gliedern so
ging er denn heute sofort heim und lag kurz darauf in tiefem Schlaf in seiner
Kammer
Unsanft genug sollte er daraus geweckt werden Es pochte an seiner Tür
»Steh auf« hörte er die Mutter ängstlich rufen »Reb Dovidl ist da es soll
etwas im Geschäft nicht stimmen«
»Wolczynski« dachte er entsetzt und machte Licht Es war kaum zehn Uhr
Hastig fuhr er in die Kleider Aber was konnte ihm der Edelmann anhaben Und nun
hörte er auch unten eine wohlbekannte Stimme rufen »Wenn er mir das Geld nicht
zurückgibt dann sollt ihr mich kennen lernen« Das war Jossele Alpenrot
»Was mag der wollen« fragte sich Sender erstaunt Aber als er die Wohnstube
betrat erfuhr er es nur allzu bald Reb Dovidl stürzte ihm entgegen und hielt
ihm einen Lotteriezettel unter die Nase »Lies« schrie er
Sender las »50 63 88 Terno Zwei Gulden für die morgige Ziehung Was
solls damit Der Zettel ist in Ordnung«
»In Ordnung« krähte Dovidl und drehte sich dreimal um seine Achse
»In Ordnung« rief Jossele und fasste Sender an der Brust »5 habe ich
gesagt nicht 50 so wahr mit Gott helfe«
»Das ist möglich« murmelte Sender bestürzt Die Nummer war ihm im Lauf
desselben Tages zum zweiten Mal verhängnisvoll geworden
»Möglich« schrie Dovidl »Gewiss Heut bist du ja verrückt mit den fünfzig
O könnt ich sie dir aufmessen lassen Also willst du die zwei Gulden in Güte
ersetzen oder nicht Wenn nicht so brauchst du nicht mehr in den Laden zu
kommen und ich reiche für Reb Jossele die Klage gegen dich ein«
»Ich ersetze sie« sagte Sender und schüttelte das Männchen von sich ab
»Ihr braucht nicht zu drohen Es ist meine Pflicht Ich hole das Geld«
»Vom sauer erworbenen Lohn« schluchzte die Mutter hinter ihm her »Was sind
für uns zwei Gulden O er wird nie vernünftig werden«
Sender reichte seinem einstigen Lehrherrn das Geld hin und nahm den Zettel
an sich »So der gehört nun mir«
»Ja« sagte der Uhrmacher »Der Zettel gehört dir Aber wenn morgen 5 63 88
herauskommt so verklag ich dich auf die dreihundert Gulden Gewinn Reb Luiser
sagt er will den Prozess umsonst für mich führen weil er gar nicht zu verlieren
ist«
»Was« rief Morgenstern »Was« wiederholte er im Tone höchster Entrüstung
»Mich reißt Ihr aus dem Bett heraus und ich muss bei Nacht und Nebel mit Euch
herlaufen und diesem armen Teufel da die zwei Gulden herauspressen obwohl Ihr
doch gar nicht beweisen könnt dass Ihr nicht 50 sondern 5 gesagt habt und
Eure Prozesse lasst Ihr den Luiser führen Hahaha Da seid Ihr beim Rechten
Klagt nur wir haben keine Furcht Denn ich vertrete meinen Sender versteht
Ihr den vertrete ich«
»Aber Reb Dovidl« suchte ihn der Uhrmacher zu begütigen »Wenn mir Reb
Luiser sagt «
»Hinaus« rief der Winkelschreiber »Erlaubet mir Frau Rosel und du
lieber Sender erlaubet mir dass ich diesen Menschen aus eurem Hause
hinauswerfe Wisst ihr was er mir gesagt hat als wir hergegangen sind Ich
werd über den Irrtum sehr froh sein sagt er wenn ich dadurch mein Geld
zurückbekom Es war eine Übereilung von mir sagt er so viel zu setzen und
mein Weib schimpft gehörig Und jetzt wo er sein Geld hat will er durch Luiser
Prozesse führen lassen Geht und schämt Euch«
Der Uhrmacher tat wie ihm geheißen gesenkten Hauptes schlich er hinaus
und hinter ihm schritt der zürnende Dovidl stolz und finster wie ein Engel der
Rache
Als Mutter und Sohn am nächsten Morgen bei der Frühstückssuppe
zusammensassen begann Frau Rosel »Was doch dir alles begegnet du Pojaz Jetzt
spielst du gar in der Lotterie mit ohne gesetzt zu haben«
»Und am End gewinn ich noch die dreihundert Gulden Was würdest du dann
sagen Mutter«
»Traurig wär ich gerade nicht« erwiderte sie »Aber mach dir nur keine
Hoffnungen Das wär ja ein Wunder«
»Ein Wunder nicht« erwiderte er »sondern nur derselbe Zufall den ich
jetzt so oft mit ansehe Fünfhundert Menschen und mehr setzen jede Woche und
drei oder fünf davon gewinnen Und die kommen auch zu ihren Nummern auf keine
vernünftigere Weise als ich zu den meinen Warum sollt der Zufall nicht mich
treffen Aber sei ruhig Mutter ein Haus kauf ich mir auf die Hoffnung nicht«
In der Tat dachte er kaum mehr daran und arbeitete des Vormittags fleißig an
einer neuen Eingabe bis der Telegraphenbote eintrat Gleichzeitig kam
Morgenstern hereingestürzt
»Nun« fragte er als Sender das Telegramm überflog »Hast du gewonnen«
»Ja« murmelte Sender mit schwacher Stimme und sank halb ohnmächtig auf
seinen Sitz zurück »ja ich hab gewonnen«
»Mach keine Witze« rief Dovidl und riss ihm das Blatt aus der Hand Aber da
stand »8 36 50 63 88«
Die Kunde von dem Glück des Pojaz verbreitete sich pfeilschnell durch das
Städtchen und erweckte geringeren Neid und Ärger als sonstige Fälle dieser Art
nicht allein weil Sender beliebt und ein so armer Mensch war sondern weil die
Leute gleichzeitig Grund zu einer anderen für sie angenehmen Empfindung hatten
zur Schadenfreude über Jossele Alpenrot Der kleine Uhrmacher schäumte vor
Wut und lief zu Luiser damit dieser die Klage sofort einreiche Der war auch
ohne Zögern dazu bereit aber nur wenn Jossele die Kosten trage »Denn 50 ist
ja herausgekommen« sagte er »da ist der Erfolg unsicher« Aber als Jossele
erklärte sein gutes Geld wende er nicht daran war auch der Gemeindeschreiber
ehrlich genug zu sagen »Ihr hättet auch nichts ausgerichtet«
Zur selben Zeit saßen im Mautause Mutter und Sohn beisammen Hand in Hand
aber schweigend Sender empfand die Freude fast ähnlich wie zwei Tage zuvor den
Schmerz seine Kehle war wie zugeschnürt er konnte kaum atmen nicht klar
denken
»Das hat Gott getan« sagte die Mutter »O es ist so wie geschrieben
steht Er hört was nächtens unser Herz erfleht Wie oft habe ich zu Ihm
emporgerufen Sender ist kränklich sein Sinn nicht aufs Erwerben gerichtet
versorge Du ihn wenn ich nicht mehr bin Nun bist du versorgt Aber wir wollen
Ihn auch nicht vergessen Er hat uns befohlen Den Zehnten den Armen Dreißig
Gulden sind ja sehr viel Geld ich hab sie seit fünfundzwanzig Jahren nie auf
einem Fleck beisammen gesehen aber wir wollen sie doch opfern nicht wahr«
»Gewiss Mutter« stimmte er bei Ob sie recht hatte ob Gott wirklich auch
die Gewinne im Lotto bestimmte er wusste es nicht Wie oft hatte er schon in
diesen Wochen wohlhabende Leute gewinnen sehen während Arme die ihr Letztes
geopfert leer ausgegangen Aber als ein Zeichen dass der Himmel mit ihm und
seinen Plänen sei nahm er es doch auf Wie sehr war ihm dadurch die Erreichung
seines Zieles erleichtert Er brauchte nun nicht länger in Barnow zu bleiben
als ihm beliebte im Herbst wo die Theater in den großen Städten wieder
eröffnet wurden wollte er fortgehen nicht mehr nach Czernowitz sondern nach
Lemberg wo es eine noch größere Bühne gab Nun brauchte er ja keinen Gönner
mehr der ihm sofort den Unterhalt schaffte er konnte leben und sogar seine
Lehrer bezahlen bis er selbst als Schauspieler Lohn erhielt Er hatte ja nun so
viel so schrecklich viel Geld auch der Mutter konnte er etwas davon
zurücklassen Ja nach Lemberg das heißt natürlich nur wenn nicht etwa Nadler
inzwischen von sich hören ließ und ihn anderswohin berief Denn ihm wollte er
treu bleiben und auch redlich mit ihm teilen wenn der edle Mann noch immer in
Not war
»Wo nur der Marschallik bleibt« meinte die Mutter »Jetzt« fuhr sie
lachend fort »wird er mir wohl auch andere Partien für dich wissen als
ältliche Witwen und bucklige Mädchen Und nicht wahr wenn sich was Rechtes
findet du wirst nicht Nein sagen«
Sender drückte stumm ihre Hand Bejahen konnte er die Frage nicht und
verneinen mochte er sie nicht Sollte er ihr diese Stunde der Freude trüben die
erste seit langer langer Zeit die ihr wieder gegönnt war
»Und was denkst du nun zu ergreifen« fragte sie »Ich mein du bleibst
vorläufig bei Dovidl bis sich was Passendes für dich findet Aber ich will dir
nicht zureden ein wohlhabender junger Mann kann auch eine Weile so zusehen «
»Ich bleibe bei ihm« sagte Sender Es war ihm gleichgültig wo er die
wenigen Monate bis zum Oktober verbrachte wenn ihm dabei nur Zeit für seine
Studien blieb
Am Abend kamen der Marschallik und der Kutscher Simche mit ihren Familien
zum Glückwunsch und Frau Rosel bewirtete sie festlich Sie hatte eine halbe
Gans besorgt und sogar die ganze Leber dazu eine Riesenschüssel geschmalzter
Kartoffeln dazu als Dessert die höchste Delikatesse »Grieben« im eigenen Fett
geröstete klein gehackte Gänsehaut Dann Weissbrot und als Getränk Met Aber
nur die Gäste waren laut und fröhlich Frau Rosel saß still da die Freude war
ihr so ungewohnt Auch auf ihre gesellschaftlichen Pflichten als Wirtin verstand
sie sich schlecht Sie bat wohl zuweilen »Langet doch zu es reicht ja für
alle« oder fragte »Nicht noch ein Gläsele« Aber sie unterließ das »Nötigen«
wie es die Sitte gebot Die Wirtin darf sich weder um das Nein noch um eine
abwehrende Bewegung des Gastes kümmern sondern hat ihm mit sanftem Zwang oder
wo es nicht anders geht mit Gewalt noch einen Brocken auf den Teller zu bringen
und selbst sein Glas zu füllen auch wenn sie es ihm zu diesem Zwecke in
längerem Ringen mühsam entwinden muss Aber das verübelten ihr die Gäste nicht
es war ja das erste Fest seit sie dies Haus bewohnte und so erfüllten ihre
Freundinnen Frau Chane Türkischgelb und Frau Surke Turteltaub abwechselnd
statt ihrer diese Pflichten der Hausfrau und zwar ganz gründlich Sogar Frau
Rosel wurde von ihnen »genötigt« und das war gut sie hätte sonst keinen Bissen
gegessen und überflüssig war es auch bei Sender nicht Er der bei Festen
anderer so laut war saß stumm da und selbst die besten Witze seines alten
Freundes entlockten ihm kaum ein Lächeln
Natürlich ließ es der Marschallik auch an Trinksprüchen nicht fehlen und
zwar selbstverständlich in Knüttelversen wie es die Sitte seines Handwerks
gebot Der erste auf Frau Rosel weckte Rührung und Heiterkeit der andere wahre
Lachstürme denn er galt dem eigentlichen Schöpfer dieses Glücks Jossele
Alpenrot Nun war es an Sender auf die Gäste zu trinken Aber er schwieg Er
der sonst noch kühnere Reime fand als der Marschallik Da geschah ihm nur
recht wenn nun Frau Chane das Wort ergriff und die Gründe aufzählte aus denen
Sender keinen Trinkspruch verdiene Und da nun einmal heute »die verkehrte Welt«
war so hielt auch Frau Surke einen Spruch aus gleicher Tonart »Ihr Mädele
beschämt ihr ihn« rief sie ihrer Tochter Lea und Jütte zu Lea kicherte
verlegen aber Jütte blitzte den Geneckten aus ihren braunen Augen munter an und
rief das Messer ans Glas legend und über das ganze runde Gesicht erglühend zu
ihm hinüber »Ihr oder ich entscheidet Euch«
Da erhob er sich und sprach »Ihr lieben Leut wär mir das Herz minder
voll und ihr nicht unsere besten Freund wie viel wollt ich reden So aber
sag ich nur Ich dank euch Und wie es auch kommen mag erhaltet mir eure
Freundschaft«
Das war alles »Wie es auch kommen mag« rief der Marschallik »Und wenn du
noch tausend Gulden gewinnst ich bleib dein Freund« Auch das Necken der
anderen ging jetzt erst recht los
Nur Jütte schwieg Es war ihr selbst rätselhaft woher sie es wusste
vielleicht hatte sie es in seinen feuchten Augen gelesen aber sie wusste es
»Dieser Mensch hat etwas vor woran sein ganzes Herz hängt etwas Großes
Schweres Und weil er ein guter Mensch ist so wird es wohl etwas Gutes sein
Möge es ihm gelingen«
Aber auch ihm wurde eigen zu Mut als er ihrem warmen teilnahmsvollen Blick
begegnete Er streckte ihr sein Glas entgegen und ließ es an das ihre anklingen
»Ich dank euch« sagte er leise Wofür er hätte es selbst nicht zu sagen
gewusst
Einundzwanzigstes Kapitel
In den nächsten Tagen lernte Sender auch die Lasten eines solchen Glücksfalls
kennen Kaum konnte er sich der Bettler erwehren die ihn im Laden und daheim
bestürmten auch allerlei Plänemacher rannten ihm die Tür ein der eine wollte
mit seinem Gelde einen Kramladen der andere ein Viehgeschäft der dritte eine
Brauerei eröffnen Vor allem machten ihm die Geldmakler zu schaffen dreihundert
Gulden waren und sind noch heute in einer galizischen Kleinstadt ein großes
Kapital Der eine bot ihm zwanzig der andere gar dreißig und mehr Prozent
Zinsen und es waren Leute darunter die für den Betrag gut waren Aber Sender
trug sein Geld zur Sparkasse obwohl sie nur fünf vom Hundert bezahlte Selbst
die Mutter ließ dies nicht ohne heftigen Widerspruch geschehen den anderen
vollends war seine Handlungsweise unfasslich Nur die Mildesten meinten »Eben
ein Pojaz wie sollt der mit Geld umzugehen wissen« wogegen Dovidl rief »Ein
Verrückter ich fahr aus der Haut«
Zu dieser ohnehin schwer erfüllbaren Drohung ließ sich übrigens der
Winkelschreiber jetzt seinem Schreiber gegenüber seltener hinreißen als sonst
der »Kapitalist« hatte ihn nun ja nicht mehr nötig Sogar Senders Verlangen nun
täglich zwei Freistunden mehr zu erhalten führte zu einer gütlichen Einigung
nachdem er auch vom Lohn einen Gulden geopfert Nur ein Zwischenfall hätte der
Beziehung fast ein Ende gemacht denn in Dingen der Rechtgläubigkeit verstand
Morgenstern keinen Spaß schon aus Geschäftsgründen
Da brachte nämlich eines Tages als Sender abwesend war der Postbote ein
Paket für ihn für das neun Gulden Nachnahme zu bezahlen waren Da ein Lemberger
Buchhändler als Absender darauf stand legte Dovidl den Betrag aus er wollte
wissen welche Gesetze da der künftige Konkurrent heimlich bezogen und ihm
scharf ins Gewissen reden Er war angenehm enttäuscht als er eine Sprachlehre
und einen »Briefsteller« abgerechnet deren Nutzen auch ihm einleuchtete im
Paket lauter »dummes Zeug« fand wozu brauchte ein Winkelschreiber eine
Weltgeschichte ein Lesebuch und ähnliches Daneben lag aber noch ein dünnes
Büchlein und als Morgenstern dieses aufschlug und nur zwei Zeilen las ließ er
es entsetzt fallen Denn diese Zeilen lauteten »Frage An wen glaubst du
Antwort An meinen Herrn und Heiland Jesum Christum «
Es war entsetzlich es war grauenvoll aber nicht zu bezweifeln Sender war
entweder bereits heimlich getauft oder bereitete sich dazu vor Einen solchen
Menschen aber durfte er nicht länger unter seinem Dache dulden sonst traf ihn
selbst der Bannstrahl des Rabbi Und darum harrte er dem Eintreten Senders in
wildester Erregung entgegen und rief ihm dann kreischend zu »Gib mir neun
Gulden nimm deine Bücher und geh Abtrünniger weh dir«
Sender blickte ihn verblüfft an zog nachdem er den Zusammenhang begriffen
sein Beutelchen zählte die neun Gulden auf den Tisch griff nach den Büchern
und fragte dann ruhig »Seid Ihr wirklich so beschränkt wie Rabbi Manasse oder
stellt Ihr euch nur so«
»Ich platz Schlag das Büchlein auf Ich rührs nicht an das dünne
da Nun«
Sender las »Katechismus für katholische Volksschulen Das hab ich nicht
bestellt«
»Nicht bestellt Ich fahr aus der Haut Und was steht in dem Brief da«
Er hielt ihm den Begleitbrief der Buchhandlung unter die Nase Die Firma
schrieb sie habe da die Post ihr den Brief verspätet übergeben den Auftrag
erst jetzt ausführen können und die verbreitetsten unter den gewünschten Büchern
gewählt gern sei sie eventuell zum Umtausch bereit »Doch können wir Ihnen«
schloss der Brief »keinen anderen Katechismus als den beiliegenden senden da
wir nur diese offizielle vom erzbischöflichen Ordinariat approbierte Ausgabe
führen und es unseres Wissens Katechismen für einzelne Stände nicht gibt«
Nun war Sender die Sache klar »Esel« murmelte er obgleich die Schuld an
ihm lag Er hatte einen »Katechismus für einen künftigen Schauspieler« bestellt
Laut aber sagte er »Ein Missverständnis Ich schicke das Büchlein vor euren
Augen zurück Genügt euch das«
»Nein« rief der Winkelschreiber »Ich muss doch wissen was vorgeht So
gestehs doch du willst Christ werden«
Erst nachdem ihn Sender darüber mit den feierlichsten Eiden beruhigt gab
sich Dovidl zufrieden sofern er noch den Brief an den Buchhändler zu lesen
bekomme Aber dies konnte ihm Sender nicht versprechen er gedachte seine
Bestellung deutlicher zu wiederholen und für die Sendung Fedkos Adresse
anzugeben Dovidl war der letzte den er in seine Pläne hätte einweihen mögen
»Entscheidet euch« sagte er »Genügt euch mein Schwur nicht so sind wir
geschiedene Leute Und ebenso gehe ich wenn Ihr jemand eine Silbe von dem
Katechismus erzählt«
Dovidl fluchte und jammerte dann gab er nach
Die nächsten Wochen vergingen Sender in stiller fleißiger Arbeit Er konnte
sich ihr ungestört widmen im Freien im Laden in seinem Hause die deutschen
Bücher mehrten ihm nun sogar den Respekt bei den Leuten sie gehörten ja zu
seinem Geschäft Nicht ohne Rührung trat er zuweilen in jenen Schlosshof wo ihn
vor Jahresfrist der unglückliche »Furbes« das Lesen gelehrt das Schicksal hatte
ihn doch wohl geleitet wie ungleich näher fühlte er sich nun seinem Ziele
Aber nicht allein um dieses Zieles willen schuf ihm die Arbeit Behagen er
freute sich des unbekannten nie geahnten Lebens in das er nun zu blicken
begann Die Erde ihre Bewohner ihre Geschichte begannen sich ihm sacht zu
enthüllen er erkannte dass er wie ein Blinder dahingelebt oder richtiger wie
ein Kind das sich für den Mittelpunkt allen Treibens hält und sein Stücklein
Welt für die einzige die es gibt Weil seine Erkenntnis wuchs erkannte er
deutlich welche ungeheuren Lücken sie hatte und dass er erst ein winziges
Teilchen von dem wusste was es zu wissen gab ja noch mehr erst ein Atom von
dem was ihm zu wissen nötig war Aber weder diese Erkenntnis noch die
instinktive Empfindung dass er von dem Wenigen was ihn seine Bücher lehrten
vieles falsch und verkehrt auffasse vermochte seine Zuversicht zu trüben er
musste Lehrer haben gewiss der rechte Fortschritt begann erst in Lemberg aber
der war ihm ja auch gewiss
Der Herbst wenn er nur erst da war Er wünschte der Zeit Flügel jeder
einzelne dieser langen heißen Julitage wollte gar nicht enden Aber neben der
Arbeit half ihm auch der Gedanke über diese Pein des Harrens hinweg dass dies
die letzte Zeit war wo er der Mutter Liebe mit Liebe vergelten konnte Sein
Verhältnis zu ihr war nun inniger und zärtlicher geworden als je vorher
vielleicht weil sich beider Wesen seit seiner Krankheit gewandelt Sein Übermut
hatte sich gelindert kopfschüttelnd gedachte er nun selbst zuweilen der
unzähligen tollen Streiche in denen sich einst der dunkle Drang der nun das
rechte Ziel gefunden ausgetobt Die harte verbitterte Frau aber war vollends
immer weicher und nun im Sonnenschein des Glücks fast fröhlich geworden
Freilich schien es ihm als ob diese hellere Stimmung sich ihr wieder ein wenig
getrübt hätte sie seufzte zuweilen oder starrte stundenlang sinnend in das
Licht der Lampe Aber er glaubte den Grund zu wissen der Marschallik fand sich
ja wieder oft ein und sie flüsterten dann immer lange miteinander offenbar
wurde abermals über eine neue Partie verhandelt und diesmal war wohl auch
Morgenstern irgendwie dabei beteiligt denn auch er erschien ab und zu im
Mautause oder Frau Rosel in der »PrifatAgentschaft« Es wurde dann drinnen so
leise gesprochen dass er kein Wort verstand aber er war nicht neugierig
gleichviel wie die Braut hieß sie mühten sich vergeblich
Mehr Unbehagen machte es ihm dass er jenen »Katechismus« noch immer nicht
erhalten hatte endlich schrieb ihm der Buchhändler er könne das Buch ohne
genaue Angabe des Titels nicht auftreiben Aber auch dies war nicht gar so
schlimm da musste er den August und September eben anderswie nützen Nun war er
ja so weit um nach Nadlers Rat die Werke Lessings und Schillers lesen zu
können und die standen ihm in der Bibliothek des Klosters zu Gebote
Sein Freund Fedko war unschwer zu finden er saß noch immer jeden Abend in
seiner Stammkneipe Der Alte war aufrichtig gerührt als ihm Sender sein
Anliegen vortrug
»O ich habe es geahnt« sagte er »Neulich habe ich einen merkwürdigen
Traum gehabt ich bin auf dem Marktplatz gelegen und war so schwer besoffen dass
ich mich nicht rühren konnte Dann hat es zu regnen begonnen lauter Slibowitz
in den Mund hat es mir hineingeregnet Wie ich aufstehe sage ich gleich
Fedko sage ich das bedeutet etwas Angenehmes vielleicht stirbt der Prior
ein Totenmahl und es muss ein neuer gewählt werden ein Festmahl Oder
vielleicht kommt der verrückte Jude wieder Also der Prior lebt aber du bist
wieder da Nun wann willst du zu den Büchern«
»Morgen« erwiderte Sender
»Gut Morgen Aber den Slibowitz könntest du schon heute zahlen«
Sender war dazu bereit Mit strahlendem Gesicht setzte sich der Alte hinter
den Schänktisch Als er jedoch das Gläschen zum Munde führen wollte
verfinsterte sich plötzlich seine Miene
»Teufel« murmelte er bestürzt »daran habe ich ja noch gar nicht gedacht«
»Woran« fragte Sender
»Hm Da haben sie nämlich « Er stockte und sann nach Dann griff er nach
dem Gläschen und leerte es
»Ach was« murmelte er »alle Menschen sind doch nicht verrückt wie dieser
Jude da Und wenn man nur vorsichtig ist Also morgen lieber Senderko
morgen mittag«
Am nächsten Tage geleitete er ihn um die erste Nachmittagsstunde kurz nach
dem Mittagsläuten in die Bücherei
»Es ist freilich eine Gefahr dabei« murmelte er »wir müssen leise
auftreten«
»Warum« fragte Sender
»Hm nein nichts« stotterte der Alte und wurde dunkelrot er war das
Lügen nicht gewohnt Aber da standen sie schon vor der Tür der Bibliothek
»Auch ich bin seitdem nicht dagewesen« sagte Fedko treuherzig indem er
öffnete »das Herz hat mir zu weh getan So ohne dich ohne einen Zweck Du
findest alles wie früher«
Sender trat ein die Riegel schlossen sich hinter ihm
Es war in der Tat alles genau so wie er es verlassen Nur war ein
Fensterflügel geöffnet da drang die Sommerluft herein
»Vielleicht hat der Sturm den Flügel eingedrückt« dachte Sender Aber als er
näher zusah gewahrte er noch eine Veränderung Auf dem Tische des Ämilius lagen
einige vergilbte Hefte Er schlug sie auf und begann zu lesen »Homo homini
lupus« Er konnte kein Wort verstehen es war lateinisch
War einer der Mönche inzwischen hier gewesen Möglich aber was störte das
ihn Er begann nach Schillers Werken zu suchen fand sie jedoch nicht Hingegen
fiel ihm ein anderes Buch in die Hände das er gleichfalls schon dem Titel nach
kannte es war im Lesebuch oft erwähnt »Faust« von Goethe Er blätterte hin und
her Es befremdete ihn dass er kein Personenverzeichnis fand keine Einteilung
in Akte Dann aber begann er wohlgemut zu lesen
»Habe nun ach Philosophie
Juristerei und Medizin«
und so weiter bis zum Vers »Heisse Magister heiße Doktor gar« Da stutzte er
zuerst »Magister« Das war der Titel des Provisors in der Apotheke der
Magister der Pharmazie war »Ist dieser Faust Apotheker und Arzt zugleich«
dachte er »Aber warum nicht da er so vielerlei studiert hat« Und weiter las
er bis zum Vers
»Mich plagen keine Skrupel noch Zweifel«
da hielt er abermals inne und fragte laut »Was plagt ihn nicht Was heißt
Skrupel«
»Ist das das einzige was du nicht verstehst«
Es war eine sanfte leise Stimme die diese Worte hinter ihm sprach aber
Sender erschrak tödlich und das Buch kollerte auf den Boden »Gott über Israel«
stieß er entsetzt hervor und wandte sich um
Vor ihm stand ein gebückter klein gewachsener Greis im weißen Ordensgewande
der Dominikaner
»Erschrick nicht so« sagte er lächelnd »Wie kommst du her«
»Verzeihen Sie « stammelte Sender und starrte ihn aus weit aufgerissenen
Augen an
»Hat dich der Fedko eingelassen«
»Ja«
»Und was suchst du hier«
»Bücher deutsche Bücher«
Er brachte es nur mit Mühe hervor und bebend fügte er hinzu »Ich habe
nichts genommen alles stelle ich wieder an seinen Platz«
Der Greis trat näher Sender wich zurück
»Fürchte dich nicht« sagte der Mönch milde »Von mir kommt dir nichts
Schlimmes«
Er ließ sich auf den Sessel des Ämilius nieder
»Warum suchst du die Bücher hier« fragte er
»Wo könnt ich sie sonst finden« erwiderte Sender »Aber ich will nichts
als sie lesen bei Gott im Himmel«
Wieder lächelte der Greis es war ein gütiges mildes Lächeln in dem
feinen bleichen durchfurchten Antlitz »Das glaub ich dir Diebe lassen sich
nicht vom Pförtner einschliessen um den Monolog des Faust lesen zu können Aber
ich meine du könntest dies Buch und ähnliche auch anderswo finden Beim
Stadtarzt zum Beispiel der ebenfalls ein Jude ist«
»Gewiss« erwiderte Sender »Der hat viele Bücher und ist ein guter Mann er
würde sie mir vielleicht leihen und es auch niemand sagen Aber ein Zufall kann
es doch enthüllen ich hab gedacht ich bin nirgendwo so sicher wie hier«
»Aber warum diese Heimlichkeit«
»Unser Rabbi ist streng und die anderen auch Man darf höchstens die
notwendigsten deutschen Bücher lesen aber keine solchen Das ist Sünde glauben
sie«
»Das glauben auch manche andere Leute« sagte der Mönch Und wie im
Selbstgespräch fügte er leiser hinzu indem er die Hand auf die Schriften des
Ämilius legte »Der da hat recht gehabt es ist überall dieselbe Geschichte nur
die Tracht ist verschieden «
Dann fragte er »Warum tust du was der Rabbi verbietet«
»Weil ich nicht anders kann«
Der Greis nickte als hätte er diese Antwort erwartet
»Wieder einer den der große Durst quält nicht wahr«
Sender schwieg er verstand nicht was der Mönch meinte
»Die großen Rätsel haben dich angefasst und du möchtest die Antwort finden
dich den Klauen der Sphinx entreißen«
Sender schüttelte langsam und zaghaft den Kopf
Der Greis blickte ihn schärfer an »Du verstehst mich nicht« fragte er
»Wegen Rätseln bin ich nicht gekommen« sagte Sender schüchtern
»Was suchst du in den Büchern«
»Wissen« sagte Sender »Die Bildung«
Der Greis nickte »Warum suchst du sie«
»Herr Herr« Sender suchte nach der richtigen Titulatur »Herr Prior das
ist eine lange Geschichte «
»Sag nur Pater Marian oder auch Pater Poczobut dies ist mein Name ich
bin nicht Prior Und wie heißt du«
»Sender Alexander Kurländer «
»Also Alexander erzähle mir die Geschichte« Und als er den jungen Juden
zaudern sah setzte er hinzu »Du kannst mir vertrauen gewiss«
»Ja« sagte Sender »das weiß ich« Der Mann vor ihm trug eine Tracht die
ihm seit seiner Kindheit Furcht ja Grauen eingeflößt aber das war das Antlitz
die Stimme der Blick eines guten Menschen Und dann »ertappt bin ich nun
einmal« dachte er »vielleicht überzeugt er sich wenigstens dass auch ich kein
schlechter Mensch bin« Und er erzählte alles seine Schicksale seinen
Lebenszweck und viel ausführlicher als er vorhatte weil Pater Marian durch
Zwischenfragen durch den Ausdruck seiner Züge bewies dass ihn die Erzählung
lebhaft interessierte
»Merkwürdig« sagte er nachdem Sender geschlossen »Sehr merkwürdig Ich
hätte derlei kaum für möglich gehalten Und doch« fuhr er in jenem
langgezogenen halblauten Tone fort in dem er laut zu denken pflegte »was ist
da zu verwundern Wo immer so ein Funke entglimmt oft mitten im tiefsten
Dunkel und zur Leuchte wird ist auch etwas Rätselhaftes dabei den letzten
Grund kennen wir nicht Wir glauben dass diese Funken sehr selten sind auf
dieser dunklen Erde das mag nicht richtig sein sie sind häufig genug nur dass
wir von den meisten nie erfahren weil sie das Dunkel wieder verschlingt Und
wie wird es diesem da ergehen«
Er heftete seine Augen gedankenvoll auf das kluge bleiche
scharfgeschnittene Antlitz des jungen Mannes mit den feurigen rasch blickenden
Augen
»An Ausdauer wenigstens scheint es dir nicht zu fehlen« sagte er »Ich weiß
nicht wie viel dir deine Studien im Winter genützt haben aber jedenfalls hast
du einen hohen Preis dafür gezahlt Denn deine Erkältung hast du dir offenbar
hier geholt«
»Vielleicht« erwiderte Sender »Ich hab nicht darüber nachgedacht Aber
was liegt daran Jetzt bin ich gesund«
»Was liegt daran« wiederholte der Greis »Der Funke scheint echt Und warum
sollte sich nicht Ähnliches zum zweiten Mal begeben Du hast doch zweifellos«
wandte er sich wieder an Sender »von deinem berühmten Schicksalsgenossen
gehört Er war auch nur ein armer unwissender Judenknabe ein Pojaz wie du und
ist ein großer deutscher Schauspieler geworden«
»Natürlich hab ich von ihm gehört« rief Sender freudig »Er ist sogar mein
Beschützer Adolf Nadler Wissen Sie vielleicht wo er jetzt ist«
»Nadler Den kenn ich nicht Ich habe Bogumil Dawison gemeint Ich habe ihn
vor zwei Jahren einmal in Breslau gesehen als Shylock und werde den Eindruck
nie vergessen«
»Den spielt auch der Herr Nadler sehr gut« sagte Sender »Und auch ich
werde ihn gut spielen das weiß ich«
Der Greis musste lächeln »Wie alt bist du«
»Bald einundzwanzig«
»Wenn es nur nicht schon « begann er »zu spät ist« hatte er sagen wollen
Aber wozu den armen Menschen entmutigen Im September wollte er ohnehin nach
Lemberg
»Du gefällst mir« sagte er »Kann ich dir in den zwei Monaten noch etwas
nützen soll es gern geschehen«
»Ich dank Ihnen« rief Sender freudig und tat einen Schritt vorwärts Er
wollte die Hand des Greises fassen aber er traute sich nicht Als sie ihm der
Pater jedoch reichte beugte er sich ehrfurchtsvoll auf diese zitternde
runzlige Hand nieder und hätte sie geküsst wenn sie sich ihm nicht rasch
entzogen hätte
»Wenn das dein Rabbi gesehen hätte« sagte Poczobut »Übrigens wer weiß
ob ich dir nützen kann Du willst Stücke lesen sagst du Aber dann doch nicht
als erstes den Faust den kannst du ja jetzt unmöglich verstehen Lieber ein
Stück von Schiller «
»Ich hab keins finden können« entschuldigte sich Sender »Übrigens mein
erstes wärs nicht Von Lessing hab ich schon vieles gelesen Den Nathan und «
»So Nathan den Weisen Aber hast du ihn auch richtig verstanden Hältst du
nun alle drei Ringe für gleich echt«
Sender zuckte verlegen die Achseln »Ich weiß nicht Aber mein Ring ist
jedenfalls echt Denn er ist ja der älteste kann also gar nicht einem anderen
nachgemacht sein«
Der Mönch musste lachen so pfiffig war dabei das Gesicht des »Pojaz«
»Nach dieser Probe zu schließen« sagte er dann ernst »würde es dir
vielleicht nicht schaden den Nathan noch einmal zu lesen Aber nicht mit
mir« fuhr er fort »Wir wollen alles vermeiden was dich verwirren oder gar
dein Misstrauen gegen mich wecken könnte Ich will dich nicht zur Taufe bereden
Alexander wahrhaftig nicht«
»Ich glaubs Ihnen« erwiderte der Jude »Aber sagen Sie Sender Alexander
damit fang ich erst in Lemberg an Also Sie wollen so gut sein und ein Stück
von Schiller mit mir lesen Aber sind die Bücher hier«
Der Mönch wies nach der Stelle freudig brachte Sender die Bände herbei
»Aber wenn Fedko erfährt dass ein Mönch darum weiß «
»Ich werde schweigen Und es soll mir lieb sein wenn du es auch tust Denn
auch ich habe einen Gestrengen über mir wie du den Rabbi Übrigens können
wir ruhig sein die anderen kommen nie hierher «
»Sie sind wohl oft hier Aber wie kommts dass Fedko nichts davon weiß«
»Weil ich durch das Pförtchen da hereinkomme« Er wies auf eine Seitenwand
»Ich wohne in der anstoßenden Zelle«
»In einer Nonnenzelle« rief Sender
»Ja so nennen sies Seit zwei Monaten«
»Und was « Sender stockte »Und was haben Sie angestellt« hatte er fragen
wollen
Der Greis erriet es »Ja ich bin zur Strafe hier« sagte er ruhig ohne
eine Spur von Bitterkeit »Ich habe ein Buch geschrieben das meinen Oberen in
Schlesien nicht gefiel Und darum bin ich hierher geschickt worden bis nun
bis ich mich bessere«
»Sie haben es hier gewiss recht schlecht« fragte Sender teilnahmsvoll Er
dachte an die Geisseln aber davon wagte er doch nicht zu sprechen
»Nicht gut« erwiderte der Mönch »Aber was liegt daran Ich bin an siebzig
Jahre alt krank und gebrochen Ich habe keine Hoffnungen keine Pläne mehr
Mein Buch aber ist in der Welt und lebt und keine Gewalttat kann es vernichten
es wird leben bis ein Grösserer und Besserer kommt und es überflüssig macht
Möge er bald kommen«
Sender blickte ihn bewegt voll innigsten Mitleids an Aber gleichzeitig
dachte er »In meiner Weltgeschichte steht wie sie den Mönch in Rom verbrannt
haben Mir scheint gar auch ein Dominikaner Ich hab mir immer gedacht Das
wär ein feines Trauerspiel Nun weiß ich auch wie ich den Mönch machen
möcht«
Pater Marian fuhr sich über die Stirne »Und nun wollen wir ein Stück für
dich aussuchen« Aber während er noch in den Bänden blätterte schlug es Zwei
und gleichzeitig wurde der schwere Schritt Fedkos auf dem Korridor hörbar »Auf
Wiedersehen« flüsterte der Greis und verschwand in seiner Zelle
Freudigen Herzens ging Sender heim »Gott ist mit mir« dachte er »Gott
will dass ich mein Ziel erreiche Was hätte ich mir für die Zeit wo ich noch
hier bleibe besseres wünschen können«
Zweiundzwanzigstes Kapitel
Am Schranken waltete die christliche Magd Die Mutter war wie in letzter Zeit
so oft nach dem Städtchen gegangen In der Wohnstube sah Sender ihren
Strickbeutel liegen als er mit der Hand darüber hinfuhr fühlte er ein eckiges
Täfelchen Neugierig zog er es hervor »Wer ist das« murmelte er verblüfft
»Ist die hübsch«
Es war eine kolorierte Daguerrotypie wie sie vor vierzig Jahren üblich
waren und stellte ein junges auffallend schönes Mädchen dar Goldbraunes Haar
umwogte in leichten Wellen ein längliches schmales edel geschnittenes Antlitz
in dem große blaue Augen standen Die feinen Lippen waren etwas abwärts gezogen
dies und der ernste sinnende Blick gab den Zügen den Ausdruck des Strengen
fast Leidenden Sich porträtieren zu lassen ist noch heute in der Sekte der
Chassidim nicht Brauch geschweige denn damals und der Marschallik machte sich
oft genug über seine Kollegen die Heiratsvermittler in den großen Städten
lustig die mit einem ganzen Paket solcher Bilder hausieren gingen Hatte er
sich nun dennoch zu der neuen Mode bequemt Es war unwahrscheinlich Auch Frau
Rosel war solchen »gottlosen« Neuerungen schwerlich geneigt und dennoch was
konnte das Bild anderes zu bedeuten haben »Mir kanns jedenfalls gleichgültig
sein« murmelte Sender und ließ das Bild ins Beutelchen zurückgleiten
Aber dann holte er es doch wieder hervor Er hatte sich bisher nicht viel um
Frauenschönheit gekümmert ein hübsches Gesicht war ihm lieber als ein hässliches
und wie jedem Juden des Ostens ein wohlgenährtes lieber als ein mageres aber
was er bisher von der Macht und dem Zauber der Schönheit gelesen war ihm nie
recht verständlich gewesen Nun kam ihm eine Ahnung davon »So ein Gesicht hab
ich noch nicht gesehen« dachte er »Sie ist mager die Arme und doch sieht man
sie gern an auch klug muss sie sein Aber warum ist sie so traurig Ein so
junges Kind«
Er hatte sein »Lesebuch« herbeigeholt und den Aufsatz »Schillers Leben«
aufgeschlagen um sich für morgen vorzubereiten Sonst war in dem Augenblick wo
er zu lesen begann alles andere für ihn versunken Diesmal aber musste er immer
wieder nach dem Strickbeutel hinschielen und widerstand der Versuchung nicht
länger das Bild zum dritten Male hervorzuziehen
Wer war das Mädchen Wie kam seine Mutter zu dem Bilde Es konnte ja gar
nicht anders sein der Marschallik hatte es ihr gebracht Aber war das überhaupt
ein jüdisches Mädchen Er konnte nicht recht daran glauben Wenigstens vermochte
er nichts von dem Typus in den Zügen zu entdecken »Wenn sie aber eine Jüdin
ist« dachte er »dann eine ganz feine und für die werden ihre Eltern einen
anderen suchen als Sender den Pojaz Sie hat etwas im Gesicht etwas
Besonderes ich weiß nicht recht was « Es war der geistige Ausdruck
Erst als er draußen die Stimme der Mutter hörte steckte er das Bild hastig
ins Beutelchen Er wollte sie keinesfalls danach fragen sollte ihn das Mädchen
etwas angehen so musste ja sie davon zu reden beginnen
Frau Rosel trat ein ihre Lider waren gerötet sie war offenbar in
schmerzlicher Erregung Als sein Auge dem ihren begegnete blickte sie unsicher
zu Boden
»Mutter« fragte er besorgt »was ist geschehen Du hast geweint« Sie
wandte sich ab »Es ist nichts« murmelte sie Und als er in sie drang
wiederholte sie »Wirklich nichts Eine Kleinigkeit nicht der Rede wert« Sie
strich die Tischdecke glatt er wusste nun fruchtete kein Wort mehr
So schwieg er denn war aber auch nicht sonderlich beunruhigt Sie selbst
konnte kaum etwas erlebt haben was ihr um ihretwillen schmerzlich war
Wahrscheinlich war die neue »Partie« die sie mit Dovidl und dem Marschallik für
ihn geschmiedet gescheitert Daraus wäre ja ohnehin nichts geworden selbst
wenn es sich um die Schöne Traurige gehandelt hätte
Am nächsten Tage begann er unter Pater Marians Leitung die Lektüre der
»Räuber« Nach reiflicher Überlegung hatte der Greis dieses Drama als erstes
gewählt »Das verstehst du am leichtesten« sagte er ihm »und da kann ich auch
am raschesten erkennen ob wirklich wie du glaubst ein Schauspieler in dir
steckt« »Und was für einen unreifen Menschen Gefährliches darin ist« fügte er
in Gedanken hinzu »lässt sich durch vernünftige Erläuterung unschädlich machen«
Dann ließ er ihn ohne jede weitere Einleitung beginnen sogar das Verzeichnis
der »Spieler« auf das Sender neugierig hinschielte sollte er zunächst
überschlagen
Senders Herz klopfte freudig als er zu lesen begann ihm war zu Mut wie
einem der bisher taumelnd auf glatter Bahn dahingegangen und nun plötzlich
einen kräftigen Arm fühlt auf den er sich stützen kann Freilich etwas langsam
ging es nun gleich bei dem ersten Wort »Franken« verweilten sie eine Stunde
Sender war der Meinung dass dies Frankreich bedeute der Pater belehrte ihn
eines Besseren erzählte ihm eingehend von dem alten und neuen Franken und holte
dann einen Atlas herbei in welchem er ihm die deutschen Landschaften zeigte
Auch Leipzig wurde auf der Karte gezeigt und des breiteren geschildert
»wahrscheinlich ists notwendig« dachte Sender »aber so erfahr ich in den
zwei Monaten nicht was eigentlich in dem Brief aus Leipzig steht« Eine
freudige Genugtuung jedoch brachte ihm schon dieser erste Tag Als er die Worte
Franzens las »wir alle würden noch heute die Haare ausraufen über Eurem
Sarge« fügte er bei »O du schlechter Kerl«
»Woraus schließt du das« fragte Poczobut
»Er regt ja den armen Alten nur immer mehr auf« war die Antwort Worauf der
Pater meinte »Du hast Verstand Bursche«
Ähnliche Freuden freilich auch ähnliche Leiden brachten ihm die nächsten
Tage Die Erläuterungen wollten gar kein Ende nehmen und so notwendig sie sein
mochten kurzweilig waren sie nicht Darüber freilich kam Sender leicht hinweg
drückender empfand er eine andere Gefahr die er im Selbstgespräch in die
Worte kleidete »Jetzt weiß ich wer Alexander Magnus war aber warum ärgert es
diesen schlechten Kerl dass sein Bruder so gern von diesem Helden gelesen hat«
er befürchtete vor lauter Bäumen den Wald nicht zu sehen Aber wenngleich der
greise Dominikaner nun zum ersten Mal dramatischer Lehrer war so wusste er doch
worauf es auch hier ankam er vergaß die Hauptsache nicht und als sie nun die
erste Szene nochmals durchnahmen glänzten Senders Augen vor Freude »Nun
versteh ich alles« rief er »als ob das eine Geschichte wär wie ich sie
sonst am Sabbat nachmittag zwischen Minche und Marew Nachmittags und
Abendgebet meinen Freunden vor der Schul erzählt hab Auf Ehre so versteh
ichs«
Pater Marian lächelte diese Ausdrucksweise hatte für ihn allmählich nichts
Befremdendes mehr »Warum sagst du« fragte er »nicht lieber gleich als ob du
selbst die Szene geschrieben hättest und nicht Schiller«
»Könnt ich auch sagen« erwiderte Sender eifrig »Aber wenn ichs
geschrieben hätt « Er stockte »Verzeihen Sie es ist ja lächerlich so was
zu sagen «
»Nun«
»Dann ließ ich den Franz ein bissele weniger reden und nicht gar so giftig
Denn wenn der Alte jetzt nicht merkt dass das ein Hund ist so ist er schon ganz
schwach im Kopf Und dann noch etwas mir scheint der Franz ist ein gar zu
schlechter Mensch Hat denn schon je so einer gelebt«
Der Pater lachte laut auf »Du bist ein scharfer Kritiker« Dann suchte er
Sender klar zu machen unter welchen Bedingungen das Werk entstanden sei und wie
das jugendliche Genie immer starke Farben wähle
»Ich sag auch nicht dass es schlecht ist« entschuldigte sich Sender »ich
sag nur ich hätts anders gemacht« Er war ein wenig gekränkt dass auch dies
die Heiterkeit des Mönchs weckte Dann aber dachte er »Wenn es ihm Spaß macht
er darf mich sogar auslachen So den ganzen Tag allein sein der arme Mann«
Fröhlich wie in dieser Zeit immer ging er heim Wieder einmal wie vor acht
Tagen war die Mutter zur Stadt gegangen auch ihr Strickbeutel lag da Aber
jenes Mädchenbild war nicht mehr darin Das enttäuschte ihn nicht mehr es war
schon am nächsten Tag daraus verschwunden gewesen »Schade« dachte er »ich
hätt mir das Gesicht gern noch einmal angesehen So was trifft man nicht alle
Tage«
Diesmal währte es lange bis die Mutter heimkam und als sie eintrat sah
er dass sie abermals Kränkung erfahren und schlimmere als vor einer Woche Aber
ehe er fragen konnte begann sie »Hast du einmal mit dem bösen Menschen dem
Wolczynski einen Streit gehabt«
»Einen Streit kann mans eigentlich nicht nennen« erwiderte er betroffen
»Auch hätte ich nicht gedacht dass ers jemand erzählen würde Ich habe
geschwiegen freilich nicht aus Schonung sondern weil ichs vergessen habe«
Und er erzählte ihr von jener Zumutung des Edelmanns »Jetzt erst fällts mir
auf« schloss er »dass er sich seither in der Kollektur nicht mehr hat blicken
lassen«
»Der Schurke« sagte sie »Natürlich hast du recht gehabt es abzulehnen
Aber den Witz mit deinem Anteil an seinem Gewinn hättest du nicht machen sollen
Nun will er sich rächen«
»Wie kann er das« fragte er »Der Regimentsarzt hat ja gesagt dass ich vor
keiner Rekrutierung mehr zu fürchten habe« »Und wer weiß« fügte er in Gedanken
hinzu »wo ich bei der nächsten Rekrutierung bin«
»Er hat auch in anderen Dingen seine Hand« erwiderte sie »du weißt doch
wie ich vor acht Tagen so bestürzt heimgekommen bin Damals hab ichs zuerst
erfahren« Sie war nun seit nahezu einem Vierteljahrhundert Pächterin der
Strassenmaut die Pacht war ihr da sie den Zins pünktlich entrichtete auch
sonst nie Grund zur Unzufriedenheit gegeben stets nach Ablauf auf weitere fünf
Jahre verliehen worden Darum hatte sie da ihr Vertrag im März des nächsten
Jahres ablief auch diesmal im Juni das Gesuch um Verlängerung beim Bezirksamt
eingereicht Ein Bescheid war ihr nicht geworden wohl aber hatte Jossef Grün
der Vorsteher der Gemeinde sie vor acht Tagen holen lassen und ihr gesagt »Der
Wolczynski hat mich gefragt ob ich niemand für Eure Pachtung weiß Euer
Vertrag sagt er wird nicht erneuert werden Er hat das Bezirksamt im Sack
redet mit ihm« Sie war diesem Rate gefolgt hatte Wolczynski zweimal zu
sprechen versucht war aber erst heute von ihm empfangen worden »Es ist
richtig« hatte er ihr gesagt »ich habe die Herren vom Bezirksamt darauf
aufmerksam gemacht dass der Staat die doppelte Pacht davon haben kann Warum
ichs getan habe Erstens als guter Staatsbürger und zweitens weil Ihr Sohn ein
frecher Tölpel ist Die Pachtung wird am 1 November ausgeschrieben«
»Weißt du was das bedeutet« schloss sie händeringend »Dass wir ihn entweder
irgendwie begütigen müssen oder im März unser Brot verlieren Du kannst dir
denken wie viel diesen Schurken der Staat kümmert auch weiß er dass bei einer
Ausschreibung niemand eine höhere Pacht bieten wird als ich zahle
wahrscheinlich weniger Denn jeder weiß ja dass der Adjunkt Strus ein Pole ein
Freund des Wolczynski die Sache zu entscheiden hat da kommt es nicht darauf
an was einer dem Staate sondern was er diesen beiden bietet denn dann drehen
sie es schon so Der Mann hat zwar am wenigsten geboten ist aber am
verlässlichsten Das war einst wo lauter deutsche Beamte waren anders grobe
Klötze aber ehrliche Leute Ich habe den Zuschlag bekommen weil ich das meiste
geboten habe Aber jetzt«
»Er will Geld« tröstete Sender »In Gottes Namen Ich will ihm was geben«
Sie schüttelte den Kopf »Ich fürchte nein Ich weiß ja wie man mit ihm
spricht und habe ihm gesagt Was ist Ihr Preis Aber er Mit der Mutter dieses
Sender mache ich keine Geschäfte Darauf ich Wenn mein Sohn Sie beleidigt hat
so soll er Sie um Verzeihung bitten Nein ich ließe ihn mit Hunden von meiner
Schwelle hetzen wenn er käme Es ist zum Verzweifeln Auch Dovidl weiß
keinen Rat und sagt so was ist ihm beim Wolczynski noch nicht vorgekommen Und
mit dem Strus sagt er lässt sich direkt auch nichts machen Er ist ein
Heuchler ein Betbruder sagt er und nimmt nur durch den Wolczynski«
Darauf wusste auch Sender nichts mehr zu sagen »Kommt Zeit kommt Rat«
sagte er endlich zaghaft »Bis zum November sinds fast noch drei Monate«
Sie schüttelte finster den Kopf »So sprichst du in deinem Leichtsinn«
erwiderte sie »Mir presst die Sorge das Herz zusammen Und wenn das wenigstens
meine größte wäre«
»Du hast noch eine größere« fragte er bestürzt »Was ist es denn«
Sie presste die Lippen zusammen und wandte sich ab
»So sag es mir doch« drängte er »Bin ich nicht dein Sohn Hab ich nicht
ein Recht darauf mitzutragen«
Die selbstverständlichen Worte pressten ihr die Tränen aus den Augen Das
wars ja eben dass er nicht ihr Sohn war Was Luiser Wonnenblum einst dem
Marschallik in Aussicht gestellt »Gebt Ihrs dem Dovidl so macht er den Froim
nicht tot sondern lebendig« schien sich zu erfüllen freilich wars nicht
Dovidls sondern Luisers Schuld Um den Konkurrenten zu ärgern und sich für den
entgangenen Auftrag zu rächen hauptsächlich aber weil ja bei Frau Rosel nun
da Sender den Gewinn gemacht etwas zu holen war hatte sich Luiser als
»Kurator« Froims nicht mit den Edikten in den Amtsblättern begnügt sondern die
Hilfe der Rabbiner angerufen es handelte sich ja um ein frommes Werk dem
Abwesenden durfte nicht unrecht geschehen Was Dovidl in der Verhandlung
lediglich um den Preis zu steigern vorgeschützt dass »an alle Gemeinden«
geschrieben werden müsse hatte Luiser nun bei einigen tatsächlich durchgeführt
Einen Erfolg hatte er nun erreicht der Rabbi von Wadowice in Westgalizien hatte
ihm mitgeteilt dass Froim Kurländer dort längere Zeit von den Wohltaten der
Leute gelebt und vor drei Jahren nach Oberungarn gegangen Lebte er noch so
fand ihn Luiser sicherlich
Während Sender noch vergeblich in sie drang trat der Marschallik ein Er
war offenbar besonders gut gelaunt und wurde nun sehr bestürzt als er die Frau
weinend fand
Er trat an sie heran »Frau Rosel« flüsterte er vorwurfsvoll »habt Ihr
gegen meinen Rat « Er deutete mit den Augen auf Sender
»Nein« erwiderte sie hastig »Es ist etwas anderes« Und sie folgte ihm auf
den Flur wo die beiden lange berieten Als sie wiederkam schien sie etwas
ruhiger
Am nächsten Tage erzählte Sender dem Pater von dem neuen Kummer der ihn
drückte »Ich weiß« sagte er »Sie können mir nicht helfen aber ist das nicht
schlimm Wie kann ich fort eh das geordnet ist O ich hab dem Schiller
unrecht getan der Wolczynski ist noch schlechter als der Franz«
Der Greis hörte ihn teilnahmsvoll an
»Das wäre was für den da gewesen« sagte er und wies auf die Hefte des
Ämilius »Er hat ein Buch darüber geschrieben dass der Mensch gegen den Menschen
wie ein Wolf ist Aber er hat doch unrecht gehabt sein edles Herz so zu
verbittern Denke es gibt auch gute Menschen und von Natur ist keiner
schlecht Wie viel Mühe gibt sich Schiller um zu begründen warum Franz ein
Ungeheuer geworden ist«
»Natürlich« rief Sender »Wie hässlich ist er Wenn ich ihn einmal mache
werden die Leut erschrecken So« Er schnitt eine entsetzliche Grimasse »Aber
ich freu mich schon wie es weiter geht«
Damit war es jedoch für heute nichts »Nun muss ich dir auch an jenem
Abschnitt den du beinahe auswendig kannst eine bessere Aussprache beibringen«
sagte der Pater Er selbst sprach das Deutsche freilich auch mit deutlichem
oberschlesischen Akzent aber doch ungleich reiner als Wild dessen Tirolisch so
seltsam in Senders Aussprache nachklang »Lies«
Sender begann seufzend Es war hart aber es musste sein Die beiden übten
dass sich ihre Gesichter rot und röter färbten und die Stimme des alten Mannes
ganz heiser klang Er stand vor Sender und schrie ihm die Worte vor so laut er
konnte Der aber wiederholte sie in seinem Eifer mit brüllender Stimme
Darüber hörten sie den Schlag der zweiten Stunde nicht und vergaßen dass
Fedko nun eintreten musste
»Noch einmal« rief der Pater »Nicht O Karl Karl wüschtest tu sondern
O Karl Karl wüsstest du«
»O Karl wüschtest « brüllte Sender da blieb ihm der Ton in der Kehle
haften seine Augen wurden starr
In der Tür stand Fedko aber auch er stierte die beiden mit offenem Munde
entsetzt keiner Bewegung fähig an
Pater Poczobut war gleichfalls bleich geworden doch fasste er sich zuerst
»Komm doch näher« sagte er zu dem Pförtner »Beruhige dich hier geschieht
nichts Böses«
Der Alte schlug ein Kreuz ums andere seine Lippen bewegten sich aber er
rührte sich nicht vom Platze
»Hast du mich nicht verstanden« fragte der Pater und trat auf ihn zu Er
sprach das »Wasserpolakisch« des Oberschlesiers und Fedko war ein Rutene aber
sie hatten sich doch bisher verständigen können
Der Pförtner wich zurück »Wohl habe ich verstanden« murmelte er endlich
und schlug abermals ein Kreuz »Nur zu gut habe ich verstanden was hier
getrieben wird Saget die Wahrheit« fuhr er fort und trat einen Schritt
vor »wer ist dieser Karl den ihr verflucht habt«
Die beiden mussten trotz ihrer Angst laut lachen »Wir haben niemand
verflucht« beteuerten sie einstimmig
»Mir macht man nichts vor« sagte Fedko finster »Der Herr Prior ist krank
habt ihr vielleicht den gemeint Aber er heißt ja nicht Karl sondern
Chrysostomus«
Nun legte sich Sender ins Mittel
»So sei doch vernünftig« bat er »dass vom Prior keine Rede war hast du
selbst gehört Und was ich hier treibe hab ich dir schon einmal gesagt ich
lerne eine Kommedia und der Herr Pater hilft mir dabei«
Aber Fedko schüttelte den struppigen Kopf »Gesagt hast du es mir aber
jetzt sehe ich dass du gelogen hast Denn warum Die christliche Kommedia ist
vor und nach Weihnachten wo die Burschen mit der Krippe umherziehen die geht
dich nichts an denn du bist ein Jude Die jüdische Kommedia ist an eurem
Fastnachtstag da kann dir der Hochwürdige nicht helfen denn er versteht nichts
davon Also «
»Aber so lass es dir doch erklären« rief der Pater eifrig »es gibt noch
eine andere Kommedia die für alle ist Christen und Juden Nämlich «
Aber Sender wusste eine probatere Erklärung »Ich sehe dir an dass du Durst
hast« sagte er und griff in die Tasche
Diesmal jedoch verfing auch dies Mittel nicht
»Durst habe ich« sagte Fedko »Ich bin ja gottlob nicht krank Ein gesunder
Mensch hat immer Durst Aber ich bin ein Christ ein Klosterdiener Ich will
nicht von einer Sache die vielleicht gegen das Christentum geht Vorteil haben
selbst wenn es Slibowitz ist«
»Aber ich schwöre dir « rief Sender
»Deinen Schwüren glaub ich nicht Denn warum Du weißt dass du als Jude
ohnehin in die Hölle musst ob ein bisschen tiefer oder nicht kann dir schon
keinen Unterschied machen Aber wenn der Hochwürdige schwören wollte« Er
schielte zaghaft nach dem Greise hin »Zwar ein Sünder aber er hat doch die
heiligen Weihen«
»Gut ich schwöre« sagte Pater Marian Aber Fedko war nicht eher beruhigt
bis der Greis die Schwurfinger emporreckte
Da erst atmete er erleichtert auf blieb aber auch nun noch stehen blickte
vom einen zum anderen dann auf die Bücher und schüttelte den Kopf
»Merkwürdig« sagte er »sehr merkwürdig Diese Bücher wer liest sie
Sünder wie der selige Ämilian und dieser Hochwürdige da und ein Jude Den
frommen Patres fällt es gar nicht ein Also können sie doch weder gut noch
heilig sein Aber warum duldet man sie dann im Kloster Und wenn sie gut sind
warum lesen sie die frommen Patres nicht Merkwürdig Aber wie Gott will
Komm Senderko«
Von da ab konnten die beiden ungestört arbeiten Nur hielt Fedko streng
darauf dass kein Wort mehr gesprochen wurde wenn er eintrat
»Anhören will ich es nicht« sagte er Auch machte es ihn ängstlich dass der
Prior von Tag zu Tag kränker wurde »Ich weiß ja« sagte er »dass der
hochwürdige Chrysostomus nun sterben muss Altersschwäche dagegen ist kein
Kraut gewachsen Aber vielleicht schaden ihm diese Sachen doch«
Dreiundzwanzigstes Kapitel
Einige Tage später der August neigte dem Ende zu läuteten die Glocken des
Klosters dem alten Prior zu Grabe Der Unterricht musste unterbrochen werden
Pater Marian war zwar nur »zur Besserung« im Kloster aber der Konvent durfte
ihn doch nicht von der Teilnahme am Begräbnis und den Totenmessen ausschließen
Alle Geschäfte ruhten ganz Barnow war in diesen Tagen auf den Beinen
Erstlich gab es da der Adel und die Geistlichkeit des ganzen Kreises
zusammengeströmt waren viel zu sehen und ferner war die bevorstehende Neuwahl
ein Ereignis das alle Bewohner der Stadt lebhaft interessieren musste für die
Juden war es sogar eine rechte Lebensfrage Der meiste Baugrund gehörte dem
Kloster der alte Prior hatte den Juden um keinen Preis auch nur eine Elle
Bodens verkauft das Ghetto war überfüllt handelte der neue Prior ebenso so
musste ein Teil der Bewohner die Stadt verlassen Man wusste dass sich zwei
Kandidaten gegenüberstanden der duldsame Valerian und der finstere Marcellin
selbst Rabbi Manasse gestattete dass in der Schul ein Bittgottesdienst für die
Wahl des Valerian abgehalten werde Der Raum war überfüllt auch Sender fehlte
nicht und betete sogar sehr eifrig »Ein Haus brauch ich hier nicht« dachte
er »aber vielleicht hat es dann der arme Marian besser«
Als er aus der Schul heimging am Hause des Vorstehers Jossef Grün vorüber
sah er vor der Tür zwei Frauen stehen deren eine er wohl kannte Das
rotbäckige blühende junge Weib war Taube Grün die Schwiegertochter des
Vorstehers der Sender in der Sadagórer Schänke einst so reichen Kindersegen
angedichtet ein Knäblein hatte sie seither wirklich geboren Die andere war
noch ein Mädchen sie trug ihr Haar prächtiges leichtgewelltes hellbraunes
Haar als sie ihm nun ihr Gesicht zuwandte fuhr er zusammen und wurde rot das
war die »Schöne Traurige« Mit Mühe fasste er sich so weit um Taube unbefangen
zu begrüßen sie gab ihm den Gruß lächelnd und wie er zu bemerken glaubte
sogar etwas spöttisch zurück Das war wohl nur ein Irrtum gewesen und so wagte
er nach einer Weile zurückzublicken Aber er hatte sich nicht getäuscht nun
deutete Taube lächelnd nach ihm das Mädchen hörte mit fast finsterer Miene zu
und wandte sich dann als sein Blick sie traf wie zürnend ab
Betreten ging er weiter »Ich kann mir denken was Taube gesagt hat« dachte
er »Das ist der Pojaz der die vielen tollen Streiche gemacht hat« Aber wer
war die Fremde und wie war ihr Bild in Frau Rosels Strickbeutel gekommen »Kein
gutes Bild« dachte er »Sie ist ja in Wirklichkeit noch viel schöner auch
nicht so mager wie ich geglaubt hab Und dieser Wuchs wie eine Königin
Aber was gehts mich an«
Dies Letzte wiederholte er sogar laut aber es wurde dadurch nicht wahrer
Der Gedanke an das Mädchen verließ ihn nicht weder im Laden noch daheim Und
der beste Beweis dafür war dass er niemand nach ihr zu fragen wagte weder den
Winkelschreiber der als Verwandter Grüns sicherlich um den Besuch wusste noch
Frau Rosel
Bei Einbruch der Dämmerung Sender saß eben mit der Mutter beim Abendessen
trat der Marschallik ein »Wisst ihr schon« erzählte er unter anderem »heut
abend ist die Wahl Man sagt dass der gute Mensch der Valerian mehr Aussichten
hat Das wär gut für die ganze Stadt und besonders für mich Wenn die Leut
erst bauen können geht mein Geschäft doppelt so gut Jossef Grün allein baut
dann zwei neue Häuser eins für seinen Schmule und eins für Mosche den
Jüngeren«
»Der ist ja noch ledig« sagte Sender
»Wirds aber nicht lang mehr bleiben Es ist zwar noch ein strenges
Geheimnis und wenn ihr jemand ein Wort davon sagt zerstört ihr mir vielleicht
das Geschäft aber die Braut ist schon im Haus Gestern abend ist sie gekommen
Ein schönes Mädchen wunderschön gute Familie feine Mitgift aber weil sie
leider zufällig Deutsch lesen kann will sie Jossef erst einige Zeit unter
seinen Augen haben ob sie fromm genug geblieben ist«
»Natürlich« sagte Sender grimmig »So ein Glück wie den dummen Jungen den
Mosche der kaum sechzehn ist und wie dreizehn aussieht ist nicht bald eine
wert«
»Was geht das dich an« fragte der Marschallik »Du bist ja ordentlich
zornig geworden Übrigens hast du recht ein ungleiches Paar Ich hab sie
ursprünglich für einen anderen bestimmt der besser für sie gepasst hätte aber
das hab ich mir aus dem Kopf schlagen müssen der will scheint es überhaupt
nicht heiraten oder wartet auf die Prinzessin aus dem Mond Du kennst ihn auch«
Sender zwang sich zu einem Lachen aber es klang nicht ganz unbefangen
»Da habt Ihr recht getan« sagte er »Der heiratet schwerlich das heißt
nicht so bald« verbesserte er sich hastig als er die Mutter schmerzlich
zusammenzucken sah »Aber wer ist es denn«
»Reb Hirsch Salmenfelds Malke« sagte der Marschallik »die Freundin meiner
Jütte aus Chorostkow«
»So die« sagte Sender langgedehnt »Jütte hat ja Wunder von ihr erzählt«
Dann aber blitzte der Gedanke in ihm auf Wenn er gar nicht ernstlich an mich
gedacht hat wie kommt Malkes Bild in den Strickbeutel meiner Mutter Laut aber
sagte er »Also die Verlobung mit Mosche ist beschlossene Sache«
»Ich hoffe« sagte Türkischgelb »Jossef sagt Wenn sie mir gefällt Aber
wem würde die nicht gefallen Eben hat er mir gesagt Ihr habt sie noch zu wenig
gerühmt Reb Itzig Und jetzt ist sie kaum einen Tag hier«
»Und wie gefällt sie dir« wandte sich Sender an die Mutter
»Ich kenn sie ja nicht« erwiderte Frau Rosel
»Aber ihr Bild kennst du doch«
»Ihr Bild« Frau Rosels hageres Antlitz überzog sich mit dunkler Röte
»Woher weißt du dass ich ihr Bild gehabt habe Ich hab nicht gewollt dass du es
siehst wahrhaftig nein«
Sender kannte den Ton das war die Wahrheit Aber warum war sie dann gar so
verlegen und blickte hilfeflehend nach dem Marschallik hin Dahinter steckte
doch was
Er sollte es sogleich erfahren »Wir wollen ihm die volle Wahrheit gestehen
Frau Rosel« sagte Türkischgelb »Wie ich ihn kenne wirds ihn nicht kränken
Vor der Rekrutierung hab ich dich Reb Hirsch angetragen er war einverstanden
Deine Krankheit ist dazwischen gekommen Dann hab ich vor einigen Wochen die
Sach wieder anspinnen wollen und deiner Mutter das Bild gebracht Sie war ganz
entzückt das wird dich nicht wundern du hast es ja gesehen Nun sagt aber Reb
Hirsch nein Ich weiß sagt er er hat einen Gewinn gemacht auch Jütte hat gut
von ihm gesprochen aber seit ich erfahren hab dass er Deutsch kann will ich
nichts mehr von ihm wissen Das ist alles Es ärgert dich doch nicht«
»Nein« sagte Sender Dann erhob er sich und trat ans Fenster So konnte er
nicht sehen wie listig der Marschallik Frau Rosel zulächelte und dabei den
Finger auf den Mund legte
In dem Augenblick erklangen alle Glocken der Stadt und des Klosters die
Messe die den Wahlakt einleitete hatte begonnen
Der Marschallik verabschiedete sich »Ich muss doch hören was drinnen
vorgeht« sagte er »Kommst du mit Sender«
»Später« erwiderte dieser
»Mir scheint« sagte der Marschallik »du bist doch gekränkt Bedenk jeder
Mensch muss seinem Gewissen folgen auch Reb Hirsch Und dass du niemand sagst
wozu Malke hier ist darauf hab ich dein Wort nicht wahr Denn Jossef ist ja
auch sehr fromm und wenn er etwa doch nein sagt aber ich will dir keine
Hoffnungen machen«
»Hoffnungen« rief Sender ärgerlich »Redet keinen Unsinn Ich denk gar
nicht an Eure Malke«
»Das glaub ich gern« erwiderte treuherzig der Marschallik und ging überaus
vergnügt von dannen
Eine halbe Stunde später kam Sender desselben Weges »Was so ein Chassid
kann« dachte er zornig »So lang ich nichts kann und nichts habe bin ich ihm
recht jetzt nicht mehr Vernünftig gehts bei uns zu das muss man sagen Ein
so schönes gebildetes Mädchen und dieser dumme grüne Junge Übrigens für
mich ists jedenfalls so besser denn wenn mich der Vater gewollt hätt ich
hätt doch nein sagen müssen und hier wärs mir schwer gefallen glaub ich«
Vor dem Gittertor des Klosterhofs stand die halbe Gemeinde und harrte in
angstvoller Spannung der Entscheidung Man vernahm nur zuweilen ein Flüstern zu
lachen wagte niemand Umso geräuschvoller ging es drinnen im Hofe zu Da
standen saßen und lagen die katholischen Bürger der Stadt tranken und aßen bei
Fackelschein von den guten Gaben die ihnen die Diener des Klosters auf
mächtigen Holztischen hingestellt und johlten dazu dass die Fenster klirrten
Wurde der Lärm zu arg dann erhob sich Fedko der würdige Pförtner von dem
Bänkchen neben der Tür murmelte etwas gegen die Trunkenen hin und rief dann mit
Stentorstimme gegen den Haufen draußen »Ruhe ihr verruchten Juden Vor einem
solchen Lärm würde der Teufel Reissaus nehmen und nun gar der heilige Geist Und
der heilige Geist ihr Lumpenhunde ist doch bei der Wahl notwendig Denn wie
sollen die hochwürdigen Herren sonst auf den Rechten kommen«
Da drängte hastig ein halbwüchsiger Bursche durch die Reihen der Juden
»Platz« schrie er »Mich schickt mein Vater«
Es war Mosche Grün »Fedko« rief er den Pförtner an »Ihr sollt sagen wer
gewählt ist Aber gleich«
»O du freche kleine Kröte« zeterte der Alte »Willst du es früher wissen
als der heilige Geist Zurück oder«
Er hob die Hand Mosche flüchtete kreischend Die anderen verhöhnten ihn
und am lautesten Sender
Dann ging er weiter auf den Marktplatz Auch hier wimmelte es von Menschen
und wer nicht auf die Straße getreten stand doch am offenen Fenster So Jossef
Grün er sprach mit einigen Männern auf der Straße Im Fenster daneben stand die
Fremde neben Taube und blickte ernst auf das laute Treiben nieder
Sender trat so weit zurück dass sie ihn nicht gewahren konnte und starrte
zu ihr empor »Warum sollt ichs nicht tun« dachte er »Ein schönes Gesicht
darf man doch ansehen Und merkwürdig jetzt so von der Seite ist sie schöner
als bei Tage Wie diese dicke Taube die doch sonst ein hübsches Weib ist neben
ihr aussieht Wie eine Stopfgans neben einem Schwan Wahrhaftig die passende
Braut für den Jungen der sich eben so ausgezeichnet hat«
Da kam dieser eben herbeigestürzt »Vater« klagte er »sie sagen mirs
nicht Und der Fedko hat mich schlagen wollen und die anderen haben mich
ausgelacht«
»Ein geschickter Bote bist du« zürnte Jossef und ließ den Blick über den
Platz schweifen »Ist denn kein verständiger Mensch da der es mir so bald wie
möglich meldet«
Da trat Sender hervor »Ich wills versuchen Reb Jossef« sagte er und
schielte dabei zum Nebenfenster empor Er sah wie Taube auflachte und dabei
Malke neckend anstieß die aber wurde rot und trat rasch ins Zimmer zurück
»Brav Sender« sagte der Vorsteher erfreut »Du bringst es gewiss heraus«
Sender eilte zum Kloster zurück »Was bedeutet das« dachte er »Sie habens
beide wieder so gemacht wie heute vormittag«
Fedko hatte eben abermals eine Mahnrede gehalten diesmal mit merklich
unsicherer Stimme
Sender trat auf ihn zu »Wie stehts drinnen« fragte er
»Senderko du« rief Fedko zärtlich und klammerte sich ans Gitter Es war
keine überflüssige Bewegung denn die große Flasche die auf dem Bänkchen stand
war bereits nahezu leer »Noch nichts entschieden Aber sobald ich was weiß
sag ichs dir dir allein denn du bist zwar verrückt ganz verrückt
Kommedia hebe und ein Jude aber ich hab dich gern Senderko sehr gern
«
Sender blieb neben dem Gitter stehen Er brauchte nur wenige Minuten zu
harren Ein dienender Bruder erschien im Hofe und rief laut »Geht heim die
Entscheidung wird erst morgen verkündet« Unter den Juden erhoben sich Rufe der
Enttäuschung von den Zechern drinnen horchten nur wenige auf »Frag ihn was
es gibt« bat Sender den Pförtner und der steuerte denn auch gehorsam im Bogen
auf den Frater zu und kam dann ebenso zurück
»O die Schlauen« kicherte er »Sie wollen nur das betrunkene Pack los sein
Sie fürchten die Kerls lassen den Valerian sonst bis morgen früh hochleben und
fordern immer mehr Met und Schnaps Schande« er taumelte »Schande sich bei
solcher Gelegenheit zu betrinken Aber wer gewählt ist darf ich dir nicht
sagen der Bruder hats verboten«
»Dann will ich nicht in dich dringen« lachte Sender und trat zurück Im
nächsten Augenblick umgab ihn ein Knäuel Fragender und zwanzig Hände zugleich
fassten ihn am Kaftan Knöpfen und Ärmeln »Was hat er gesagt Was hat er
gesagt« Aber er schüttelte sie ab »Ich weiß es nun« rief er »Aber der
Vorsteher muss es zuerst erfahren«
Wie ein Triumphator rings von einem Gefolge umgeben trat Sender den Weg
zum Marktplatz an anfangs rasch dann immer langsamer Denn das Gefolge wuchs
von Schritt zu Schritt lawinenartig an weil einer dem anderen zurief »Sender
hats herausgebracht und bringts nun dem Vorsteher« Aber auch Sender beeilte
sich nicht es war ihm nicht unbehaglich so dahinzuschreiten von allen Seiten
bei den Knöpfen gefasst aber auch bewundert denn auch sein Lob erklang von
aller Lippen »Sie wollens nicht sagen aber der Pojaz weiß es«
Als der Zug endlich vor Jossef Grüns Haus anlangte war er aber auch
Senders Verdienst ins Ungemessene angewachsen »So ein Kopf Das war noch nicht
da«
Jossef der eben mit den Seinen beim Abendessen gesessen eilte ihm auf die
Gasse entgegen und führte ihn in die Stube »Nun« rief er in atemloser
Erregung »rede Marcellin oder Valerian«
Aber mit einem Worte Antwort zu geben war Sender nicht gewillt Er ließ
seinen Blick durchs Zimmer schweifen Da stand die ganze Familie und die anderen
angesehenen Leute der Stadt und hingen an seinem Munde Malke hatte sich in
einer Ecke verborgen hinter dem breiten Rücken der Freundin aber auch ihre
Augen sah er erwartungsvoll auf sich gerichtet »So große blaue Augen« dachte
er »wie heißt die griechische Göttin im Lesebuch die solche Augen hat« Laut
aber sagte er endlich »Furchtbar ist es bei der Wahl zugegangen Reb Jossef
ganz furchtbar Und Sachen haben sich die beiden Parteien gesagt Sachen schön
wars nicht Wenn ihr den Valerian wählt riefen die einen so ists mit der
Klosterzucht vorbei und er verkauft ganz Barnow an die Juden Und wenn ihr den
Marcellin wählt riefen die anderen so ist unser Leben hier nicht länger zu
ertragen und das Kloster verarmt Warum sollen wir den Juden nicht gegen gutes
Geld Baugrund verkaufen Es bricht ja vielleicht eine Pest aus wenn wir sie
noch länger zusammenpferchen Es ist aber noch schlimmer gekommen «
»Schlimmer« rief Jossef erblassend »Schlimmer« wiederholten die anderen
atemlos
»Bei den Verhandlungen nämlich« sagte Sender »Böse Worte aber wozu die
wiederholen Endlich sagt der Subprior Wir werden uns nicht überzeugen Wählen
wir Er verteilt die Stimmzettel und «
»Und«
»Atene heißt die Göttin« dachte Sender »aber diese Augen sollen mich noch
länger so ansehen« »Und jeder schreibt einen Namen auf« fuhr er fort »Auch
dabei ist es nicht ganz glatt zugegangen hör ich Endlich sammelt der Pater
Sekretär die Stimmen und der Subprior beginnt zu lesen Marcellin Valerian
Marcellin Valerian «
»Stimmengleichheit« stieß der Vorsteher hervor
Sender schüttelte den Kopf Zapple nur dachte er so ein Mädchen für deinen
Mosche »Dann Marcellin Marcellin Marcellin «
»Gott Israels« stöhnte Jossef Grün angstvoll
»Und Marcellin« fuhr Sender fort Halt dachte er dreizehn Wähler sinds
ja nur »Dann aber Valerian und Valerian bis zu Ende«
»Und wer ist gewählt«
»Valerian Aber es wird erst morgen verkündet«
»Valerian« jauchzte der Vorsteher und umarmte Sender »Valerian« fielen
die anderen ein Und es klang auf die Straße hinaus und einige Minuten später
bis in die entlegenste Ecke des Ghetto »Gott sei gelobt Valerian« Auch der
Ärmste der nie hoffen durfte ein Fussbreit Erde sein Eigen zu nennen jubelte
auf als wäre ihm ein Haus geschenkt ein schwerer Druck war von den Gemütern
genommen unter jenen Männern von denen das Schicksal dieser Mühseligen und
Belasteten abhing war ein menschlich Gesinnter mehr
»Wein her« rief Jossef »Setzt euch alle Du Sender neben mich Du weißt
ich hab immer was von dir gehalten Und nun erzähle wie hast du alles so genau
erfahren«
»Mein Geheimnis« erwiderte Sender lächelnd Wieder schweifte sein Blick zu
Malke hin Sie vermied es ihn anzusehen aber hören sollte sie ihn »Es ist
doch auch vielleicht manchmal für die Gemeinde gut wenn einer Deutsch lesen
kann und auch andere Leut kennt als Juden«
»Gewiss« gab Jossef zu »Das heißt« fügte er zögernd bei »für alle wärs
nicht gut Aber wenns ein Mann zugleich zu seinem Geschäft macht wie du und
so einen feinen Kopf hat so kann niemand was dagegen haben Also« fuhr er
hastig fort um von dem heiklen Thema abzukommen »wie du es erfahren hast ist
ein Geheimnis Aber warum wird die Wahl erst morgen verkündet«
»Fragt nicht Reb Jossef« sagte Sender mit vielsagendem Lächeln »Lasst Euch
an der Nachricht genügen Denn wenn ich Eure Neugierde befriedige so wird mir
dadurch vielleicht ein Weg verrammelt auf dem ich der Gemeinde auch in Zukunft
nützen kann Ein Weg ins Kloster Ihr seht ich bin ein gefährlicher Mensch«
»Nein« rief Jossef eifrig »dass du ein guter Jude bist weiß ich«
»Ich widerspreche nicht« sagte Sender lächelnd aber mit Würde »Auch
leidlich vernünftig bin ich geworden Zeit wärs« Er blickte Taube scharf an
»Wer mich jetzt noch als Pojaz ausschreit tut mir unrecht Und das alles trotz
der deutschen Bücher Reb Jossef sie können also nicht gar so schlecht sein
Ihr sagt Du bist ein Geschäftsmann dir verzeihen wir sie Freilich muss ich sie
auch zu meinem Geschäft machen ich bin ja arm Aber wenn ich reich wär tät
ichs erst recht Und wenn Ihr so denkt so muss Euch ja ein Mädchen das
deutsche Bücher liest gar als Sünderin erscheinen«
Der Vorsteher stieß ihn heftig mit dem Fuß an »Der neue Prior « begann er
laut
Aber Sender war nicht der Mann sich einschüchtern zu lassen »Warum tretet
Ihr mir auf den Fuß« fragte er noch lauter »Ich wüsst gern wie Ihr über so
ein Mädchen denkt Ich meine man muss ihr deshalb nur noch mehr Achtung «
Er verstummte bestürzt Malke die bisher mit glühenden Wangen und gesenktem
Blick dagesessen hatte sich geräuschvoll erhoben »Komm Taube« sagte sie und
schritt zur Tür hinaus Frau Taube lachte laut auf und folgte ihr
»Hast du denn nicht gewusst wer das ist« fragte der Vorsteher »Das Mädchen
kann ja selbst Deutsch lesen Nun hat sies für Spott genommen«
»Aber das wars nicht« beteuerte Sender »Ich bitt Euch sagt ihr das«
Eine Schar neuer Gäste trat lärmend ein auch sie überhäuften Sender mit
Lobsprüchen Aber seine Stimmung war für heute abend verdorben Er trat ans
Fenster draußen gingen Malke und Taube Arm in Arm auf und nieder Sollte er sie
ansprechen sich entschuldigen Vielleicht machte ers dadurch noch schlechter
»Ach was« dachte er »den Hals kanns nicht kosten« Und er trat hinaus und auf
Malke zu
»Verzeiht« sagte er »Eine Fremde soll nicht glauben dass ich sie kränken
wollte Ich habs gut gemeint «
Die blauen Augen blickten ihn abweisend fast feindselig an »Es hat mich
nicht gekränkt« sagte sie kalt »Nur unangenehm wars mir Es war gar so
deutlich «
»Das wars« gab er kleinlaut zu »Jetzt versteh ich Wenn man die Absicht
merkt wird man verstimmt heißt ein deutsches Sprichwort das in meinem
Lesebuch steht«
Sie lächelte spöttisch »So beiläufig heißt es« sagte sie »Aber es ist
kein Sprichwort sondern ein Vers aus Goethes Tasso und lautet So fühlt man
Absicht und man ist verstimmt«
»Ich wills mir merken« sagte er demütig »Ist dieser Tasso auch ein
Spiel«
»Was versteht Ihr darunter Ein Drama Ja« Es klang messerscharf »Komm
Taube«
Aber das behäbige junge Weib empfand Mitleid mit dem Misshandelten »Ihr habt
Euch ja heut ausgezeichnet Sender Wie hast du ihn genannt Malke Der Held
des Abends« Sie wollte dadurch ein Pflaster auf seine Wunde legen »Aber warum
habt Ihr mich vorhin so scharf angesehen Ich red Euch nichts Böses nach Nicht
wahr Malke«
Das Mädchen zuckte die Achseln »Ich erinnere mich überhaupt nicht« sagte
sie »dass wir über diesen Herrn gesprochen hätten Komm«
Das war Taube denn doch zu arg »Aber Malke« sagte sie und bot Sender
herzlich die Hand zum Abschied »Ihr könnt heut wohl schlafen Ihr habt uns
allen eine große Freude bereitet Hoffentlich Euch selber die größte« fügte sie
neckend bei Und als er sie fragend anblickte »Wann baut Ihr Euer Haus
Sender«
»Ich« Er lachte auf »Mit Gottes Hilfe in hundert Jahren Denn nach meinem
Tod müssts sein Lebend tu ichs nicht Wozu brauch ich ein Haus«
»Um darin mit Weib und Kind zu wohnen« lachte sie »Freilich Euch sagt man
nach dass Ihr nie heiraten werdet Ist das wahr«
»Nie« erwiderte er »Derlei soll man nicht verschwören Aber nicht so
bald« Da durchzuckte ihn plötzlich ein Gedanke Dieses hochmütige Mädchen
behandelte ihn deshalb so schlecht weil sie wusste dass ihr Vater ihn abgelehnt
hatte und nun befürchtete er könnte die Werbung nochmals bei ihr selber
versuchen »O« dachte er »diesen Irrtum wollen wir dir nehmen«
»So in zehn oder fünfzehn Jahren« fuhr er fort »früher nicht und wenn mir
die Schönste Klügste und Bescheidenste begegnete Denn Bescheidenheit Frau
Taube ist in meinen Augen mehr wert als alles andere zusammen mehr als wenn
man den ganzen Goethe auswendig kann und Lessing und Schiller und Moritz
Hartmann und Shakespeare und was weiß ich« Er wurde immer heftiger »Ein Mann
soll heiraten wenn er was ist und dann jene die er sich aussucht nicht der
Vermittler Warum mich dann werdet Ihr fragen der Marschallik dennoch
ausbietet wie der Metzger das Kalb Weil er hofft er bringt mich doch herum
Aber er irrt sich Seit der Mielnicer Sach hab ich von nichts mehr gehört und
darum auch nicht nein sagen können Aber ohne mich gehts doch nicht Und werd
ich gefragt so sag ich nein nein nein«
»So« dachte er »nun weißt dus du Hochmütige« Aber wie ward ihm als nun
das Mädchen auf ihn zutrat und ihm die Hand bot
»Ihr habt recht« sagte sie fast bewegt »Es freut mich dass Ihr so denkt
Die Vermittler stiften viel Unheil an Und erst die frühen Ehen Meine
Jütte hat mir gesagt Dieser Sender hat seine eigenen Gedanken Es freut mich
dass sie recht hat und dass es vernünftige Gedanken sind«
Frau Taube starrte die beiden betroffen an
»Unsinn« sagte sie dann mit verlegenem Lachen »Wenn jeder so dächte dann
könnt die Welt aussterben« Sie errötete »Ich hab meinen Schmule erst unter
dem Trauhimmel gesehen auch ist er zwei Jahr jünger als ich und seit ich
meine Bübele hab bin ich doch ganz glücklich Sollen sich etwa jüdische Kinder
gar noch aus Liebe heiraten«
»Bewahre« sagte Malke »Es wär zu entsetzlich« Sie wollte es spöttisch
sagen aber es klang wie der Aufschrei eines wunden Herzens
Dann wandte sie sich an Sender der noch immer ganz betroffen dastand
»Ich höre« sagte sie freundlich »dass Ihr nie einen Lehrer gehabt habt Wie
seid Ihr eigentlich zum Deutschen gekommen«
»Durch Zufall« sagte er zögernd »Aber ich weiß darum auch wenig genug Ihr
habt mich vorhin zweimal auf Fehlern ertappt aber wenn Ihr wüsstet «
»Verzeiht mir« sagte sie herzlich »Es war nicht recht von mir Wenn Ihr
meine Lehrer gehabt hättet wo wäret Ihr«
»Kaum ebenso weit« erwiderte er und wunderte sich im selben Atemzuge dass
ihm das galante Wort eingefallen Denn sein Hirn wirbelte wie ein Kreisel
namentlich wenn er sie ansah und wie schön sie nun war da ein freundliches
gütiges Lächeln die ernsten Züge verklärte »Freilich hab ichs nicht leicht
gehabt Wisst Ihr wie mir mein bisschen Bildung vorkommt Da hab ich da einen
bunten Flicken auf meinen Kaftan geheftet und dort einen wie ich sie eben
bekommen konnte aber ein deutscher Rock ists nicht geworden«
»Wer weiß« tröstete sie »vielleicht schneidert Ihr Euch den auch noch
einmal zusammen Aber es ist spät« Sie bot ihm die Hand »Gute Nacht und
auf Wiedersehen nicht wahr«
»Auf Wiedersehen« erwiderte er drückte ihre Hand herzhaft und ließ sie
dann errötend fahren
Langsam ging er heim Alle fünf Schritte blieb er stehen und legte die Hand
auf die heiße Stirne aber davon wollte es drinnen nicht klarer werden
»Da erklär mir einer das Mädchen« murmelte er »Bin ich höflich wird sie
grob werd ich grob ist sie höflich Und da erklär mir einer mich selber
Möcht ich sie heiraten Behüte Warum hab ich mich dann so geärgert dass sie
mir beigestimmt hat«
Vierundzwanzigstes Kapitel
»Ich fahr aus der Haut Was hast du da geschrieben Ich platz«
»So fasst Euch doch Reb Dovidl«
»Fassen Nicht mich sondern dich werd ich fassen und vor die Tür setzen
Oder ins Irrenhaus stecken Wenn diese Eingab abgegangen wär hätten sie mich
gefasst Das war noch nicht da«
»Aber was ist es denn«
»Er fragt noch was es ist Was schreibst du in der Sach kontra Schlome
Rosental Wenn es aber schon vom hochlöblichen kaiserlichköniglichen Bezirksamt
leider angenommen worden ist dass wir den Bart ausgerissen haben so erheben wir
Gegenklage und zwar ich Naphtali Ritterstolz wegen eines verletzten Ohrs und
ich Chaim Fragezeichen wegen eines blauen Augs Dann steht ein großer
Tintenfleck da Dann Blaue Augen und hundertunddreizehn Ausrufungszeichen Dann
Allerliebste Träumerin wie sehr bewundere ich dein sanftes liebevolles Herz
Dann Wir Endesgefertigten bitten daher um Gerechtigkeit Das nächste Irrenhaus
ist in Lemberg Es ist die höchste Zeit«
»Ich hab mich verschrieben Das kann jedem begegnen Ich wills noch
einmal machen«
»Sehr gnädig Verschrieben haha Seit zwei Wochen tust du nichts als dich
verschreiben Allerliebste Träumerin und dreihundertzweiundvierzig
Ausrufungszeichen Ich sag dir das kann nur einem begegnen der Aber ich
sprechs nicht aus ich schäm mich Du bist doch auch ein Jude Das kommt von
den deutschen Büchern«
»Davon kommt es wirklich Es ist ein Zitat aus einem Stück das ich eben
lese aus Schillers Räubern«
»Hahaha Das soll eine Entschuldigung sein Wie kommt eins zum anderen Sind
Chaim Fragezeichen und Naphtali Ritterstolz Räuber Arme Melamdim Lehrer sind
sie denen durch die Verdrehungen dieses Luiser blutiges Unrecht geschieht Ich
aber sag dir du allerliebster Träumer die Sach ist anders und ich kenn
diese Träumerin Werd nicht rot oder nein werd rot dunkelrot und schäm
dich und mach der Sach ein End «
»Ich schwör Euch wir haben bisher immer nur von deutschen Büchern
gesprochen«
»Schlimm genug dass ihr überhaupt so viel gesprochen habt dafür spricht man
über euch zehnmal mehr Ich wunder mich nur dass mein Vetter Reb Jossef es
duldet Er ist doch sonst ein frommer braver Mann Mach ein End sag ich
oder ich machs Es ist die höchste Zeit Entweder das Mädel gefällt dir und du
passt ihrem Vater dann bitt deine Mutter dass sie durch den Marschallik bei ihm
anfragen lässt Oder du hast nichts Ernstes vor dann schreib mir nicht in meine
Eingaben siebenhundertzweiundachtzig Ausrufungszeichen und unsinnige Sachen
hinein Die höchste Zeit sag ich die höchste Zeit«
Und Herr Morgenstern erhob beide Hände zum Himmel und verschwand in der
»PrifatAgentschaft«
Sender aber blieb wie vom Donner betäubt auf seinem Platze und starrte
regungslos vor sich hin Allzu klar waren seine Gedanken und Empfindungen in den
beiden letzten Wochen ohnehin nicht gewesen jetzt vollends fühlte er sie toll
durcheinander wirbeln als hätte jedes von ihnen seinen eigenen Willen und nur
er selbst keinen mehr So saß er wohl eine halbe Stunde mit weitgeöffneten Augen
und sah und hörte nichts kaum dass er ab und zu auf das Korpus delikti blickte
das Dovidl erzürnt vor ihn hingeworfen Es stand alles wirklich da der
Tintenfleck die Worte die Ausrufungszeichen Nur ihre Zahl hatte der
Winkelschreiber ein wenig übertrieben es waren nur ihrer drei Aber Sender
seufzte doch jedesmal tief tief auf so oft sie ihm in die Augen fielen
Endlich raffte er sich auf »Aber das ist ja alles Unsinn« murmelte er und
presste die Hand auf die Stirne »Unsinn« wiederholte er halblaut »Ich hab
manchmal mit ihr gesprochen ja aber solche Sachen Die Leut reden Was
können wir dafür« Und »Unsinn Unsinn« rief er nun fast schreiend als müsste
er sich selbst überzeugen und suchte in rechter Herzensangst alles zusammen
was für diese harmlose Auffassung sprach
Niemals hatten sie von der Liebe gesprochen nicht einmal in demselben Sinn
wie am ersten Abend Sie unterhielten sich von dem Leben um sie her von den
Büchern die er kannte von anderen die sie ihm empfahl und immer war sie die
überlegene aber freundlich herablassende Lehrerin gewesen er der ehrerbietige
wenn auch nicht immer zustimmende Schüler geblieben
Alles wusste sie alles Da neckte ihn Taube einmal mit seinen schüchternen
Versuchen Kaftan und Wangenlöckchen kürzer zu tragen Aber damit kam sie bei
Malke übel an »Glaubst du dass das jüdische Tracht ist Wir haben sie von den
Polen angenommen als wir hier eingewandert sind Nun tragen sie eine andere
und uns soll ihre alte heilig sein« Man sprach von dem Neujahrsfest das eben
gefeiert wurde »Alles haben wir anders als die Christen« meinte er »Die
Zeitrechnung freilich« erwiderte sie »aber die meisten Feste nicht Ostern und
Pfingsten zum Beispiel haben sie von uns übernommen« Es klang unerhört fast
sündhaft aber sie wusste es zu begründen
Zuweilen wollte ihm ob solcher Gelehrsamkeit fast bange werden er begann
Scherze auszukramen wie sie die Leute sonst gern von ihm hörten aber da
blickte sie ihn groß an und er verstummte Oder er fragte nach ihrem Leben
daheim und nach ihren Jahren in Czernowitz Darauf gab sie Bescheid aber nur
ganz kurz Er verübelte es ihr nicht es mochte traurig sein nun wieder in dem
öden Nest zu leben »unter Larven die einzig fühlende Brust« wie sie einmal
zitiert hatte »aus Schillers Taucher den müssen Sie lesen« und zudem war ja
eine Stiefmutter im Hause
Er selbst enthüllte ihr auch nicht alles Zwar von Wild erzählte er und von
den Büchern die er gelesen aber nicht von seinen Plänen »Taube verrät mich am
Ende sonst« dachte er Gleichwohl schien es ihm einmal als ob sie ihn
durchschaut hätte »Es ist merkwürdig« sagte sie »dass Sie bisher nur Dramen
gelesen haben und mich auch nur nach Dramen fragen Auch Romane sind schön und
gar Gedichte« Ihre Augen leuchteten »Laura am Klavier oder Das Lied an die
Freude Goethes Gedichte sind ja auch hübsch aber nicht wie diese Aber Sie
kümmern sich nur um Spiele Warum« Sie blickte ihn lächelnd an Er errötete
Dann begann sie vom Czernowitzer Theater zu sprechen und welch großer Künstler
Nadler sei
»Den kenn ich ja« rief er »und ein guter Mensch ist er auch«
Wieder lächelte sie ganz eigentümlich »Also Sie kennen ihn« sagte sie
»Das erklärt mir vieles« Er war sehr verlegen sie aber fuhr rasch fort »Es
ist übrigens ein gefährlicher Beruf Wie leicht gleitet man da in die Tiefe wie
schwer ists nach oben zu klimmen Es kommt nicht auf das Talent allein an
auch auf den Charakter Da war im Frühling eine Truppe bei uns erbärmliche
Schmierenkomödianten aber ein Mädchen war wirklich begabt Ich habe mich für
sie interessiert schon ihres Talents wegen und dann weil die Leute fanden sie
sähe mir ähnlich Aber sie war nicht mehr zu retten«
All der Gespräche erinnerte er sich nun »Nein Dovidl du tust mir
unrecht« Aber es war ja auch aus anderen Gründen »Unsinn« Hätte es sonst der
Vorsteher geduldet Es geschah ja unter seinen Augen »Und du Langnasiger«
murmelte er »weißt nicht was ich weiß dass er sie seinem Mosche bestimmt hat
Der Alte würde schön dreingefahren sein wenn so was zu wittern wäre«
Er streckte den Kopf aus der Ladentür und atmete tief auf Aber da fuhr er
erschreckt zusammen und wurde bleich Und warum Ein Tropfen war ihm auf die
Nase gefallen und als er emporblickte sah er dass der Himmel umwölkt war »Um
Gotteswillen es wird regnen bis zum Abend wie vorgestern und ich seh sie
nicht« Und da schoss ihm auch wieder das Blut in die Wangen »Warum war ich
vorgestern so unglücklich warum bin ich jetzt so erschrocken Weil sie mich
belehrt Das mag ich Dovidl erzählen aber nicht mir selber Lüg nicht Sender
Wenns dir nur um die Belehrung ist warum klopft dir das Herz zum Zerspringen
sobald es dämmert Warum ziehts dich wie mit Ketten zu Jossefs Haus Warum
starrst du ihr immer so ins Gesicht Du horchst kaum auf das was sie spricht
und siehst sie nur immer an und denkst O wie schön sie ist Deine Lehrerin
Hast du je von dem Furbes geträumt oder jetzt vom Pater Marian Und von ihr
allnächtlich Und du arbeitest ja auch in all der Zeit nichts mehr und was du
machst ist verkehrt Du träumst am hellen Tag und denkst ja an nichts gar
nichts mehr als an sie Du bist verliebt Sender Ja das ist das was in den
Büchern die Liebe heißt und nichts anderes«
Er sank auf den Stuhl hinter dem Schreibtisch und schlug die Hände vors
Gesicht Um Himmelswillen das war ja ein Unglück er konnte sie ja nicht
heiraten er musste doch nach Lemberg gehen sobald die Sache mit dem Mautvertrag
der Mutter in Ordnung war Aber wie sollte er fort Er war vorgestern wie ein
Narr im Regen auf dem Marktplatz auf und ab gelaufen ob sie sich nicht doch
blicken lasse und war dann endlich ebenso durchnässt wie verzweifelt
heimgeschlichen und heute hatte ihn der eine Tropfen entsetzt er blickte
hinaus nun regnete es wirklich o Jammer wie sollte er sie nun gar für immer
entbehren Sie lassen Unmöglich Sein Ziel lassen Unmöglich Aber eins von
beiden musste doch sein Das war ja ein Unglück ein wirkliches wahrhaftiges
großes Unglück
Erregt sprang er auf und begann im Laden auf und nieder zu gehen Noch
einmal suchte er sich zu verteidigen »Aber von solchen Sachen war doch wirklich
nie «
Nein aber weshalb nicht lieber Sender Nur weil du dich nicht getraut
hast davon zu beginnen Sie ist ja schon bei der geringsten Schmeichelei
unwillig geworden »Da war das mit den Namen« murmelte er »und dann mit dem
Haar« Sie hatte der Annahme christlicher Vornamen das Wort geredet auch Taube
Jütte Hirsch Wolf seien ja deutsche Namen
»Und Sie heißen dann Regina« meinte er »Königin bleibt Königin«
Da wandte sie den Kopf ab und ging bald ins Haus
Sie sprachen von der grausamen chassidischen Sitte den Mädchen vor der
Trauung das Haupthaar abzuschneiden »Wenn ich daran denke« rief er grimmig
»dass Ihr herrliches Haar geopfert werden soll« sie lohnte es in gleicher
Weise
Er war natürlich nie darüber erfreut gewesen hatte sich aber getröstet
»Sie fühlt sich eben schon als Mosches Verlobte und hat sich in ihr Schicksal
gefunden« Erst jetzt fiels ihm ein dass diese Ergebung sie nicht hinderte im
Beisein ihrer künftigen Schwägerin so scharf über derlei ungleiche Ehen
herzuziehen und von Mosche als von einem verzogenen Knaben zu sprechen Hatte es
einen anderen Grund Etwa dieser Bernhard den sie so oft zitierte
Unmöglich er musste ja weit weit älter sein als sie sie hatten sich seit
Jahren nicht mehr gesehen Es war doch wohl nur der Gedanke »Wenn ich Jossef
Grün gefalle bin ich die Braut seines Sohnes« Aber es war fast unmöglich dass
er einer der Frömmsten im Ghetto eine solche Schwiegertochter wählte Darum
gestattete er wohl auch den Verkehr mit Sender von Jossef also war kein
Einspruch zu befürchten Und ebensowenig von ihrem Vater er gab wohl nach wenn
er sah dass es auch mit Mosche nichts war Sie selbst aber »Wenn sie Mosche
gewollt hat« dachte er »so wird sie doch auch mich nehmen« Nur an ihm selbst
lag das Hindernis er musste ja Schauspieler werden
»Ich muss« murmelte er »Ich muss« wiederholte er lauter »Schon heut abend
geh ich nicht mehr hin Das Herz wird mir weh tun ich kann ihm nicht helfen
Und jetzt wird wieder gearbeitet« Er schritt an seinen Platz zurück »Mit
aller Kraft« rief er laut und streckte die Arme
»Jesus Maria O du armer Senderko«
Er sah sich erschreckt um An der Tür des Ladens stand Fedko und blickte ihn
scheu aber mitleidsvoll an
»Du Fedko Komm näher«
Aber der Alte blieb an der Tür stehen und als Sender auf ihn zutrat wich
er einen Schritt zurück
»Also du sprichst jetzt schon immer mit dir selbst« sagte er bang und
musterte ihn scharf »Ich hab dir immer gesagt Senderko das nimmt kein gutes
Ende Lässt du dich deshalb nicht mehr blicken«
»Nein Fedko ich bin noch bei Vernunft Ich bin seit der Wahl ausgeblieben
weil ich nicht gewusst habe ob Pater Marian wieder Zeit für mich hat«
»So so« Der Pförtner schüttelte den Kopf »Und Augen macht er heute auch«
murmelte er »wie ich sie noch nicht an ihm gesehen habe Aber was geht das mich
an Also« fuhr er laut fort »der Hochwürdige lässt dir sagen dass du von heut
mittag ab wieder in die Bibliothek kommen kannst obwohl er seit vorgestern
nicht mehr daneben wohnt«
»So Warum«
»Weil er kein ganzer Sünder mehr ist sondern nur noch zur Hälfte oder zu
einem Viertel oder vielleicht gar nicht Nämlich ein neuer Prior eine neue
Frömmigkeit Dieser hochwürdige Valerian« er seufzte tief auf »stellt alles
auf den Kopf Ein bisschen Trinken ist eine Sünde aber den Juden Baugründe
verkaufen das darf ein Christ Die Mönche brauchen zu viel sagt er aber bei
einer Malerin in Lemberg ein neues Altarbild für die Klosterkirche bestellen
dazu hat er das Geld Den Pater Ökonom hat er in eine Nonnenzelle gesetzt weil
er ihm nicht glaubt dass die Försterin die Frau Putkowska seine Nichte ist
und sie ist es doch schon seit acht Jahren Aber der Pater Marian der einem
Juden eine Kommedia lehrt bekommt ein schönes Zimmer im ersten Stock Das
heißt das weiß der Prior freilich nicht und solls auch nicht erfahren Also
kommst du heute an die Tartarenpforte«
»Ja und ich lasse dem Pater schön danken« Da fiel sein Blick auf die
Eingabe die musste ja sofort geschrieben sein »Erst morgen lieber Fedko da
aber gewiss«
»Gewiss« fragte der Alte und schüttelte traurig den Kopf »Was ist in
solchen Zeiten gewiss Am Ende verlier ich auch diesen Slibowitz Aber wie Gott
will«
Sender machte sich an die Arbeit Vorerst besah er sich noch die
verhängnisvolle Stelle Nun fiel ihm bei wie der Schaden entstanden Der
mächtige Tintenfleck war zuerst auf den Bogen gekommen Er hatte gewartet bis
er etwas getrocknet sei um ihn wegradieren zu können dabei waren ihm die
Gedanken von Chaim Fragezeichens blauem Auge zum Marktplatz gewandert Dann
hatte er den Bogen umschreiben wollen aber am nächsten Morgen das Blatt
gewendet und den Schluss beigefügt
»Heute soll mir so was nicht passieren« dachte er Er faltete einen neuen
Foliobogen und begann das Rubrum zu schreiben »Replik in Sachen« Dovidl
sollte diesmal zufrieden sein das Wort »Replik« ein Muster kalligraphischer
Kunst werden wie er es liebte An dem »R« malte er allein einige Minuten
»Arbeiten« dachte er dabei »Und die Sach muss ein End nehmen Aber heut
schon soll ich nicht mehr hingehen« Er blickte hinaus der Regen hatte
aufgehört »Was soll sie denn davon denken Sie wird gekränkt sein Und einmal
mehr oder weniger macht doch keinen Unterschied Und heut hat sie mir ja
versprochen das Trauerspiel von Schiller zu erzählen wo eine Königin die
andere köpft Das liest sie am liebsten sagt sie ich glaubs Malke heißt sie
eine Königin ist sie eine Regina wie die Christen sagen O wie schön sie
ist o wie schön«
Die Tür wurde aufgerissen Dovidl stürzte herein
»Die Eingab bist du fertig Noch nicht Ich fahr aus der Haut Was hast
du in den zwei Stunden getan« Er riss das gefaltete Blatt vom Tische »Was
Was« Seine Augen wurden immer größer »Regina hahaha Nach Lemberg morgen
heute in diesem Augenblick Eine Zwangsjacke und nach Lemberg«
Schreckensbleich starrte Sender auf seine neue Missetat Wahrhaftig da
stand der Name in so schönen lateinischen Buchstaben wie er sie irgend leisten
konnte
»Verzeiht « stammelte er »ich ich hab nur die Feder probieren
wollen«
»Probieren« lachte Dovidl krampfhaft »Seit zwei Stunden hat er die Feder
probieren wollen und nichts ist ihm dabei eingefallen als wie Malke auf
christlich heißt Hahaha Aber was lach ich noch Blutige Tränen sollt
ich weinen Das ist die Arbeit für sechs Gulden monatlich Du machst mich arm
du reißt mir den Kaftan vom Leibe die Hosen reißt du mir von den Beinen die
Unterhosen «
Der erregte Mann hätte sein Elend wohl bis auf die Haut enthüllt wenn nicht
seine Frau in diesem Moment die Tür der »PrifatAgentschaft« geöffnet und ihm
mit den Augen gewinkt hätte »Wer ist denn da« rief er stürzte aber als sie
ihn bedeutungsvoll anblickte eilig hinaus
Sender machte sich wieder an die Arbeit Er nahm seine ganze Kraft zusammen
und der Teil den er bis zur Mittagsstunde fertig brachte enthielt keine
Fehler Dann lief er eilig zum Essen heim er wollte raschestens zurück sein
sein Gewissen drückte ihn
Er musste allein essen Frau Rosel war nicht daheim Sie war es gewesen um
derentwillen Dovidl abberufen worden
Rabbi Manasse hatte sie zu sich entbieten lassen und ihr ein gestern an ihn
gelangtes Schreiben des Rabbi von MarmarosSziget in Oberungarn vorgelesen
Sein Amtsbruder teilte ihm mit Froim Kurländer lebe seit einigen Monaten dort
Da er als morscher und verlotterter Mensch der Gemeinde zur Last falle habe
diese mit großem Vergnügen zur Kenntnis genommen dass jemand nach ihm suche und
dies dem Bettler mitgeteilt Froim sei auch gern bereit nach Barnow zu kommen
jedoch nur gegen Erhalt der Reisekosten Ob die Barnower Gemeinde sie senden
wolle Wo nicht so wollte die Szigeter den alten Lumpen jedenfalls los sein
und ihn gleich nach den Feiertagen entfernen aber ob er dann nach Barnow komme
könnte sie nicht verbürgen »Er lebt also wirklich« schloss Frau Rosel ihren
Bericht an den Winkelschreiber verzweiflungsvoll »und kommt her obwohl unsere
Gemeinde ihm natürlich kein Geld schickt Aber wenn die Szigeter ihn fortjagen
bettelt er sich doch wohl nach Barnow durch da er ja hier gesucht wird Rabbi
Manasse sagt er muss Luiser den Brief geben«
»Dem Schurken« rief Dovidl wütend »Seht Ihr nun ein welcher Stümper er
ist«
Sie blickte ihn befremdet an »Ich denke« erwiderte sie »diesmal hat er
seine Sache nur allzu gut gemacht«
»Ein Stümper« wiederholte Dovidl nur umso heftiger »Er wird den Brief beim
Bezirksamt einreichen und den Antrag stellen dem Froim Eure Klage durch das
Szigeter Amt zuzustellen Natürlich ist es nun mit der Todeserklärung nichts
und wir haben einen Prozess der jahrelang dauert und weiß Gott wie endet Aber
deshalb ist er doch nur ein elender Stümper Warum Weil er sich auf den Zufall
verlässt Wenn dieser Froim nicht zufällig noch leben würde wie stünde Luiser
jetzt da Ein PrifatAdvokat der sich auf den Zufall verlässt hahaha Ich tu
das nie«
Aber das war kein genügender Trost für Frau Rosel und auch ihre größte
Sorge vermochte er nicht zu beseitigen
»Er wird nicht herkommen« rief er »Ganz gewiss nicht Oder doch
wahrscheinlich nicht Oder es ist doch wenigstens möglich dass er nicht kommt
Übrigens wenn er kommt ich habs Euch ja immer gesagt dass er kommen wird
Nicht Da irrt Ihr Euch Ich habs gesagt oder ich habs doch wenigstens immer
geglaubt also wenn er kommt so ists für uns umso besser Dann will er
entweder nicht zu Euch ziehen und Ihr werdet geschieden oder er will dann ist
alles in Ordnung in schönster Ordnung Und ich hoff Frau Rosel dass wir das
erreichen Er ist ja ein alter Bettler warum sollt er sich nicht von Euch
versorgen lassen«
»Aber das wär ja mein größtes Unglück« schrie sie entsetzt auf »Und was
soll ich dann meinem Sender sagen«
»Verzeiht« sagte Dovidl »das gehört nicht mehr zu der Sach Kurländer
kontra Kurländer in Familiengeschichten misch ich mich nicht Und da bald
JomKippur Versöhnungstag ist und ich bis dahin sehr viel zu erledigen hab
«
Sie ging »Nun muss er heiraten« dachte sie »Binnen zwei Wochen muss es sein
Denn wenn Froim früher da ist so geht er mir auf und davon« Und sie eilte zum
Marschallik
Itzig Türkischgelb nickte »Binnen vierzehn Tagen« sagte er Und als sie
ihn zweifelnd anblickte »Frau Rosel hab ich je mehr versprochen als ich
halten kann Heut ist Montag Spätestens am Donnerstag sind die beiden verlobt
wenn nicht geradezu ein Sched böser Geist dazwischen kommt Am Sonntag wo wir
JomKippur haben könnt Ihr unserem Herrgott nicht bloß Eure Sünden sagen denn
damit werdet Ihr arme gute Frau bald fertig sein sondern auch Eure Freuden
Und die werden groß sein So ein Mädchen«
»Aber wird er wollen«
Der Marschallik lächelte »Er Er glüht er brennt er flammt Gegen sein
Herz ist ein Kalkofen eine Eisgrube Da macht mir anderes mehr Sorge aber
das wird sich auch finden Freilich müssen wir es vernünftig anstellen Wisst
Ihr wie es unser Kaiser vor drei Jahren gemacht hat als er mit den Ungarn
nicht hat fertig werden können«
Sie blickte ihn verblüfft an
»Er hat die Russen gerufen Kommt zum Telegraphenamt«
Dort ließ er den Beamten eine Depesche schreiben Sie erfuhr nicht was drin
stand obwohl sie einen Gulden Gebühr bezahlen musste Aber der Marschallik
tröstete sie »Das Geld ist vernünftig angelegt verlasst Euch drauf Und nun
will ich mit Sender reden«
Vergnügt lächelnd schritt er neben ihr dem Mautause zu Da wurde sein
Gesicht plötzlich gramvoll und finster »Schneidet ein bestürztes Gesicht«
flüsterte er ihr hastig zu Es gelang ihr nur zu gut als sie in seine jählings
verwandelten Züge blickte »Da ist er ja« fuhr er leise fort In der Tat kam
Sender rasch des Weges er wollte in den Laden zurück
»Frau Rosel« begann der Marschallik als der junge Mann in Hörweite war
mit lauter Stimme »ich hab Euch gleich gesagt und wiederhols nun Euch geb
ich keine Schuld aber mit Sender bin ich fertig Fertig« wiederholte er
»obwohl mir das Herz dabei sehr weh tut« Seine Stimme brach sich vor Wehmut
»Denn ich hab ihn lieb gehabt wie einen Sohn und war gegen ihn wie gegen einen
Sohn Und er er tut mir dafür das an das Frau Rosel«
»Was« wollte sie fragen
»Schweigt« murmelte er hastig und fuhr laut fort »Ihr schweigt Recht habt
Ihr Da ist nichts mehr zu sagen So einen Undank wie ich von diesem Pojaz «
»Von mir« rief Sender bestürzt und trat heran »Was redet Ihr da Reb
Itzig Was hab ich Euch getan«
Der Marschallik lachte krampfhaft auf »Was er mir getan hat Das arme
unschuldige Kind Soll ich ihm überhaupt noch antworten Frau Rosel Verdient
er dass ich ihm antworte Aber weil Ihr mich drum bittet meinetwegen
Komm« und er schritt finster dem Mautaus zu
»Was ist geschehen« wandte sich Sender kleinlaut an die Mutter
Sie zuckte die Achseln »Geh nur« erwiderte sie »Du wirst ja hören« Sie
selbst trat in die Küche sie wusste nicht welches Gesicht sie bei dieser
Unterredung machen sollte
Als sie in der Wohnstube waren begann der Marschallik »In mir kochts
aber ich will ruhig bleiben Ich will dich nur etwas fragen Weißt du dass das
Vermitteln von Heiraten mein Erwerb ist Ja oder nein«
»Natürlich Ihr lebt davon Aber «
»Gut oder schlecht Bin ich ein reicher Mann«
»Nein Aber «
»Hast du gewusst dass es mein Geschäft ist wenn Reb Hirschs Malke heiratet
Und hast du gewusst wozu Malke in das Haus des Vorstehers gekommen ist Nun
Werd nicht rot wie ein Krebs nicht grün wie eine Gurke schnapp nicht nach
Luft wie ein Karpfen im Sand sondern antworte Ja oder nein«
»Nun ja«
»Und woher hast du es gewusst« donnerte Türkischgelb »Weil ich es dir
anvertraut hab Als Geheimnis meinem besten Freund anvertraut Und wie hast du
das Vertrauen benützt Du hast mein Geschäft zerstört hast die Partie
zerstört«
Sender konnte nichts erwidern Schuldbewusst stand er mit bleichen Mienen vor
seinem Ankläger
»Zerstört zerbrochen« fuhr der Marschallik fort »wie ich das zerbreche«
Er riss ein Zweiglein des Lindenbaums ab und zerstückelte es »Heut komm ich
ahnungslos zu Reb Jossef und freu mich schon auf den guten Lohn den mir Reb
Hirsch versprochen hat da donnert er mich an Ich will nichts mehr von Euch
wissen und nichts mehr von dem Mädchen Eine die sich jeden Abend von einem
Burschen unterhalten lässt und den Hof machen als ob sie beide Christen wären
ist mir für meinen Mosche zu schlecht Mit ihr red ich nicht darüber aber
ihrem Vater hab ich geschrieben dass er sie morgen abholen soll Sender«
rief er ausbrechend »warum hast du mir das getan«
»Ohne meine Absicht« stammelte dieser »Und Taube war ja dabei Sie kann
bezeugen dass ich ihr nie was Unrechtes gesagt hab«
»Lüg nicht« rief Türkischgelb heftig »Denn entweder lügst du oder du bist
ein schlechter Mensch Nur ein solcher Mensch kann es in der Ordnung finden
wenn ein junger Mann der Braut eines anderen sagt dass sie die Königin über alle
Weiber ist und dass er vor Schmerz vergeht wenn er daran denkt dass ihr
herrliches Haar abgeschnitten werden soll Du siehst ich weiß alles Die arme
Taube die auch nur Verdruss davon hat hat es heut ihrem Schwiegervater
gestehen müssen Und bedenk Malke war die Braut eines dummen grünen Jungen
und du bist ein hübscher kluger Mann der Deutsch reden kann da hätte dein
Gewissen doppelt auf der Hut sein sollen«
Sender war zerknirscht aber dieser Vorwurf schmeichelte ihm doch
»Ich will mich nicht verteidigen« sagte er »Ihr würdet mich doch nicht
verstehen weil Ihr alles nach den hiesigen Sitten beurteilt Nur eines will ich
Euch sagen wenn Ihr recht hättet wenn ich diese Partie zerstört hätte so täte
es mir wohl um Euretwillen leid aber sonst wärs mir eine Freude Denn ein
Mädchen wie Malke ist für einen Mosche zu gut Aber Ihr gebt mir grundlos die
Schuld sie hätte ihn ohnehin nicht genommen«
»Da irrst du« erwiderte der Marschallik nachdrücklich »Sie hätts getan
so lang sie an keinen anderen dachte Jetzt freilich nicht mehr Schon vor
einigen Tagen hat sie Taube gesagt Und wenn mich mein Vater verstösst ich
heirate nur den Mann den ich mir selbst ausgesucht habe für den ich passe der
für mich passt Warum wirst du so rot«
Sender wandte sich ab
»Und das« rief der Marschallik mit donnernder Stimme »das ist dein
schlimmstes Verbrechen Dass du die Partie zerstört hast könnt ich dir
verzeihen ich hab dir damals selbst gesagt ich hätt sie lieber einem
anderen gegönnt Und meinen Verdienst Gott wird mich auch so nicht verhungern
lassen Aber dass du sonst ein guter braver Mensch so schlecht so gewissenlos
an einem armen Mädchen gehandelt hast an diesem Mädchen für das selbst der
Beste kaum gut genug wär das verzeih ich dir nicht Du willst nicht
heiraten sagst du Gut deine Sache Aber dann dennoch so tun als obs dir
Ernst wäre und dem armen Mädchen den Kopf verdrehen das Herz brechen pfui
Sender ich hab kein anderes Wort du heiratest sie nicht einen anderen
nimmt sie nicht was soll aus ihr werden«
Schwer atmend das Haupt auf den Arm gestützt saß Sender da Wie bei jeder
heftigen Aufregung empfand er auch diesmal ein leichtes Stechen in der Lunge
aber er achtete nicht darauf in ihm stürmte es wie nie zuvor
»Ich habs nicht gewollt« murmelte er »Bei Gott im Himmel ich habs nicht
gewollt«
»Das glaub ich dir« sagte der Marschallik milder »Ein solches Mädchen
absichtlich ins Gerede und für sein ganzes Leben um sein Glück bringen ich
glaub dazu wär der Schlechteste nicht schlecht genug Aber jetzt ist es
einmal so Und nun Was nun Es geht mir ja nicht bloß um sie sondern auch
um dich es wird dein Lebenlang auf dein Gewissen drücken«
»Da habt Ihr recht« murmelte Sender düster und presste dann wieder die
Lippen zusammen Auch der Marschallik sagte nichts mehr Es war ein banges
schwüles Schweigen
»Ich gehe« sagte Türkischgelb endlich und griff nach dem Hut »Bleib du
ruhig hier bei Dovidl entschuldige ich dich schon und überleg dir die
Sach Ein Mensch wie du tut nichts ohne vernünftigen Grund Es muss einen Grund
haben dass du nicht heiraten willst Das also spricht dagegen aber vielleicht
doch nicht so wie du glaubst Was du aus dir machen willst mag Gott wissen
aber doch gewiss keinen Mönch Bedenke vielleicht kannst du es auch als
verheirateter Mann erreichen«
Sender machte eine heftige Bewegung nicht der Abwehr sondern der
Überraschung
Türkischgelb schien es nicht zu bemerken »Und ferner« fuhr er fort »musst
du dir überlegen ob es viele solche Mädchen gibt wie Malke und was dir die
Ruhe deines Gewissens und das Glück deiner Mutter wert sind Ich mach dir einen
Vorschlag morgen mittag ist Reb Hirsch hier und holt sie ab Willst du dass ich
mit ihm rede so sag es mir bis dahin Dass er auch jetzt nein sagen wird
glaub ich nicht der arme Vater dessen Kind du ins Gered gebracht hast
Willst du also so kann morgen abend die Verlobung gefeiert werden Willst du
aber nicht so versprich mir dem armen Kind wenigstens das Herz nicht noch
schwerer zu machen und heut abend nicht mehr auf den Marktplatz zu kommen«
»Das tu ich keinesfalls« murmelte Sender
»Wenn du dich so entschließt wie ich von Herzen wünsche so kannst du
kommen Warum nicht Malke weiß noch nichts davon dass Jossef Grün sich
entschlossen hat nein zu sagen nicht einmal dass ihr Vater morgen kommt Ich
weiß nicht warum es ihr Jossef nicht sagen will Sie ist also ganz unbefangen
und wird dich erwarten und sich kränken wenn du nicht kommst Freilich bleibst
du bei deinem Nein so ist es gleichgültig ob sie sich von heut abend an fürs
ganze Leben zu grämen beginnt oder erst von morgen mittag«
Er reichte ihm die Hand »Möge dich Gott zum Rechten führen« sagte er warm
und verließ die Stube Draußen sagte er zu Frau Rosel »Lasst ihn allein Fragt
ihn nicht Der arme Junge«
»Warum bedauert Ihr ihn« rief sie erschreckt
»Weil es ihm so hart fällt glücklich zu werden« erwiderte der Marschallik
nun wieder lächelnd »Aber er wird glücklich verlasst Euch drauf«
Je näher er der Stadt kam desto fröhlicher wurde er Er hatte eine Komödie
gespielt und sich in vielem an der Wahrheit versündigt aber es war ja notwendig
gewesen »Für ihn ists das Beste« dachte er »und für sie wohl auch Meine
Jütte sieht da zu schwarz Ein Bursch wie Sender warum sollte nicht auch Malke
mit der Zeit glücklich werden Sie ist ja sehr verständig und ein jüdisch Kind
das findet sich in alles«
Fünfundzwanzigstes Kapitel
Die Mutter folgte dem Rat des Marschallik Sie ließ Sender allein Wohl eine
Stunde vernahm sie aus der Stube keinen Laut Endlich trat er heraus nickte ihr
stumm zu und schlug den Weg in die Felder ein
Traurig blickte sie ihm nach Es gab ihr einen Stich durchs Herz wie bleich
er war »Er ist nicht mein Fleisch und Blut« dachte sie »aber doch ein Mensch
wie ich Wie hart ihm alles fällt sogar sein Glück«
Und da täuschte sie sich nicht Bitterhart wurde es dem armen Jungen Zwar
hatte er nun während er ziellos über die Stoppelfelder dahinschritt und immer
weiter in die Heide hinaus bereits seine Wahl getroffen eigentlich schon
früher während der Unterredung mit dem Marschallik aber in seiner Brust wars
darum nicht friedlicher geworden Natürlich musste er um Malke werben nicht
allein weil es das Gewissen gebot und weil ihn die Gewissheit ihrer Gegenliebe
berauschte sondern weil es ihm glattweg unmöglich schien künftig ohne sie zu
leben
Aber sein Ziel Sein heissersehntes so recht um den Preis seines Herzbluts
angestrebtes Ziel rückte ihm nun in die Ferne Freilich brauchte er nicht ganz
darauf zu verzichten der Marschallik hatte ihn erst auf diesen trostreichen
Gedanken gebracht aber der lag ja auch sonst nahe genug gab es nicht auch
verheiratete Schauspieler war nicht auch Nadler verheiratet Hätte er um Malkes
willen seinem Beruf entsagen müssen ihm schauderte »wer weiß« dachte er
»wie ich mich dann entschieden und ob ich es überlebt hätte« Drückte ihn doch
nun schon der Gedanke zu Boden dass er vielleicht ein Jahr länger harren musste
denn gleich nach der Hochzeit konnte er ja doch nicht fort
Aber je weiter er in die herbstliche rotschimmernde Heide hinausschritt
desto heller wurden seine Gedanken Vielleicht brauchte er nicht einmal ein Jahr
zu warten Malke war ja kein gewöhnliches Weib sie musste sein Ziel verstehen
und förderte ihn gewiss statt ihn zu hindern Vielleicht hatte auch sie Talent
zur Kunst doch nein den Gedanken verbannte er kaum dass er ihm aufgestiegen
sein Weib sein schönes geliebtes Weib sollte nicht vor die Menge treten Er
allein aber sie sein Leitstern ihre Zustimmung sein schönster Lohn seine
Triumphe das Glück ihres Lebens Er warf sich ins Heidekraut und schloss die
Augen um besser träumen sich die Bilder der Zukunft ausmalen zu könnenein
seliges Lächeln lag auf seinen Zügen Er hatte die Liebe so lang er sie nicht
kannte an anderen komisch gefunden eine »Narrheit« die er nie mitmachen
wollte und so fremdartig war ihm diese Empfindung erschienen dass er
zweifelte ob er je Verliebte werde spielen können Dann als sie unerwartet
über ihn gekommen hatte sie ihm Schmerz Wirrnis und Aufregung genug gebracht
aber keinen Augenblick des Glücks Nun aber flutete es auf ihn nieder mit jedem
Atemzug voller und reicher dass er all die Seligkeit kaum zu ertragen vermochte
»O wie schön das ist« murmelte er »wie schön wie schön « und dann leise
ihren Namen Ihm wurde die Brust zu eng er richtete sich auf um leichter atmen
zu können »Wie schön « und plötzlich brachen ihm die Tränen aus den Augen
und überfluteten sein Antlitz
»Ich Narr« sagte er endlich lächelnd und wischte sich die Tränen fort »Da
liege ich einsam auf der Heide und weine statt bei meiner Braut zu sein und
mich mit ihr zu freuen« Er blickte um sich Noch schimmerte die Heide in
satter roter Farbenglut aber die Sonne war im Sinken im Osten glitt eben die
weiße Mondsichel empor
Er sprang auf und schritt der Stadt zu anfangs rasch dann immer langsamer
»Halt« dachte er »meine Braut wird sie erst morgen Ich will sie auch heute
gleichsam zufällig treffen Anders freilich werden wir schon jetzt miteinander
sprechen als sonst jetzt wo ich weiß «
Er lächelte »Wie sie sich verstellt hat Was so ein Mädchen kann Über
jedes freundliche Wort war sie ordentlich böse« Er fühlte eine Empfindung des
Unbehagens der Unsicherheit in sich aufsteigen Aber er schüttelte sie ab
»Unsinn jetzt wo sie es Taube gestanden hat «
Dennoch ging er immer langsamer und als er von fern ein Licht aufschimmern
sah die Laterne am Mautschranken welche die Mutter eben angezündet hielt er
den Fuß an und blickte hinüber »Soll ichs der alten Frau schon heute sagen«
murmelte er
Er entschloss sich es nicht zu tun »Zuerst muss Reb Hirsch seine
Einwilligung geben Der Marschallik meint zwar dass sie sicher ist und wollte
er etwa nein sagen so bringen Malke und ich ihn gewiss herum aber die Mutter
soll nicht drum zittern Morgen wenn alles in Ordnung ist freut sie sich
doppelt«
Er ging weiter dem Marktplatz zu aber immer zögernder Die Dämmerung war
hereingebrochen die Mondsichel warf ihr blasses Licht über die Gartenstrasse
die er noch zu durchschreiten hatte nun war sie wohl schon mit Taube vor dem
Hause »Wie red ich sie an« dachte er
»Nun mit dem Guten Abend« lachte er dann auf »das weitere findet sich«
Dennoch schlich er nun förmlich und das Herz pochte ihm immer ungestümer je
näher er dem Marktplatz kam
Da war er endlich auf dem Platz und wieder nach einigen Minuten vor dem
Hause des Vorstehers Himmel sie war nicht da Aber da erschien sie eben mit
Taube vor der Tür
Er trat auf sie zu und bot ihr den Gruß Sie erwiderte freundlich wie immer
wenngleich nicht so laut wie Taube die ihm auch die Hand bot Er drückte sie
herzhaft und hielt dann Malke die Rechte hin Er tat es heute bei der Begrüßung
zum ersten Mal und sie blickte befremdet auf Dann rührte sie einen Augenblick
mit ihren schlanken weißen Fingern an die seinen
Es verblüffte ihn mehr als es ihn betrübte »Gut« dachte er »ich will dir
den Gefallen tun Also heut noch wie sonst« Und darum trat er auch wie immer
an Taubes Seite und schritt neben dieser her
»Nun« fragte die dicke lustige Frau »was bringt die Barnower Zeitung
heut« So pflegte sie ihn zu nennen
Er dachte nach »Dass Dovidl Morgenstern aus der Haut fährt« begann er
»wissen Sie schon Aber halt eine Neuigkeit gibts wirklich der Prior hat
bei einer Lemberger Malerin ein neues Altarbild bestellt Ein Weib das malt und
gar Heilige fürs Kloster das ist sehr komisch«
»Warum« fragte Malke »Meine Kousine Viktorine Salmenfeld die älteste
Tochter meines Onkels Franz malt auch solche Bilder und sehr gute Sie hat sich
in Wien als Künstlerin einen Namen gemacht und soll ebenso liebenswürdig wie
begabt sein Leider kenne ich sie nicht persönlich«
»Leider« rief Taube »Du musst gottlob sagen«
»Warum Weil sie Christin ist Deshalb bleibt sie doch meine Blutsverwandte
und ich weiß dass sie auch meiner freundlich denkt«
»Aber Malke« rief Frau Taube erschreckt und Sender war es kaum minder
Nach seiner Anschauung zerschnitt die Taufe jedes Band »Da sehen Sie das am
Ende gern« rief er angstvoll
»Die Taufe Nein gern niemals Und unter zehntausend Fällen ist kaum einer
wo sich nicht das geringste dagegen sagen lässt denn häufiger glaub ich
trifft sichs nicht dass es jemand aus innerster Überzeugung tut Aber daneben
gibt es Fälle die man beklagen aber nicht verurteilen darf und der liegt bei
meinem Onkel Franz vor Aber wenige fassen sie gerecht auf Mein Großvater
Nathan Salmenfeld war ein lebenskluger aber überaus strenggläubiger Mann der
seinen drei Söhnen ihr Lebensziel von Anbeginn vorgeschrieben hatte der
älteste Froim sollte Arzt der zweite Manasse Advokat werden der dritte
Hirsch mein Vater sein Wirtsgeschäft erben aber alle sollten nicht minder
fanatisch bleiben wie er selbst So musste Froim auch im Gymnasium den Kaftan
tragen auf der Universität in Pest bei Chassidim wohnen Es war ein
Höllenleben Die Christen verhöhnten ihn und diesen Juden galt er auch nicht
mehr für rein Ists ein Wunder dass er da seinen Glauben mit all dem
furchtbaren Zwang hassen lernte und ihn endlich abschüttelte Ihn haben die
Chassidim zum Christen gemacht Mein Onkel Max aber der jetzt Advokat in
Czernowitz ist hat dasselbe Martyrium durchgelitten und dann doch nur den Zwang
abgeschüttelt nicht den Glauben« Und sie erzählte begeistert welch herrlicher
Mann dies sei ein Vorkämpfer für die Rechte seiner Glaubensgenossen aber auch
für ihre sittliche Veredlung und Befreiung
»Nächstens tauft der sich auch« sagte Taube in ihrer gewohnten Weise
während Sender fragte »Wie lange waren Sie in seinem Hause«
»Sechs Jahre In meinem achten Jahr verlor ich die Mutter Das ist ja gewiss
das schwerste Unglück das ein Kind treffen kann Aber für mich hatte es doch
noch ein Glück im Gefolge ich kam in das Haus meines Onkels Er und seine Frau
haben mir die Eltern ersetzt seine Kinder die Geschwister Und einen besseren
Lehrer als meinen Cousin Bernhard hätte ich nie haben können«
Schon wieder dieser Bernhard Aber Sender beruhigte sich wieder als sie
fortfuhr »Freilich konnte er mich nur in den Ferien unterrichten er war damals
Student in Wien«
»Dann ist er wohl schon in den dreissigen« fragte er mit einem gewissen
Behagen
»Ja Zweiunddreissig Er ist jetzt noch Konzipient in der Kanzlei seines
Vaters hofft aber bald zum Advokaten ernannt zu werden Wie seine Aussichten
jetzt stehen weiß ich freilich nicht Denn ich erfahre immer weniger von der
Familie« fuhr sie mit einem leichten Seufzer fort »mein Vater wird immer
frommer er ist nun seit Jahren auch mit seinem Bruder Max entzweit«
»Aber du warst doch noch vor zwei Jahren in Czernowitz« fragte Taube
»Nur für einige Wochen das hat er ausnahmsweise erlaubt«
»Es muss Ihnen hart gefallen sein nun wieder alles zu entbehren« sagte
Sender warm und blickte sie voll liebevoller Teilnahme an
»Sehr hart« erwiderte sie »Sie verstehen mich«
Das ermutigte ihn »Nun wirds ja bald wieder besser werden« sagte er mit
leuchtenden Augen
Sie blickte ihn befremdet an »Wie meinen Sie das«
Er errötete »Das das werden Sie ja erfahren« stotterte er und versuchte
zu lächeln Es war ihm sehr willkommen als im selben Augenblick die Frau des
Vorstehers auf sie zutrat und die Geschichte vom Pater Ökonom und der Frau
Putkowska »der Viper von Barnow« zu erzählen begann
Dann trat auch Jossef Grün zur Gruppe »Nun Sender« fragte er »ich hoffe
deine Mutter war nicht allzu unglücklich über den Bescheid vom Bezirksamt«
»Welchen Bescheid«
»Hat sie ihn noch nicht Wolczynski hat mir gesagt er ist ihr bereits
zugestellt die Ablehnung ihres Gesuchs dass ihr der Pachtvertrag verlängert
wird Der Lump hats durchgesetzt und sie hat sich leider trotz meines Rats
nicht mit ihm verständigt«
»Es war ja nicht möglich« erwiderte Sender »aber ich glaube nicht dass sie
darüber sehr unglücklich sein wird« In der Tat dazu lag nun kaum Grund vor
Mit seinem Gewinn und einem Teil von Malkes Mitgift konnte er wohl auch so ihre
Zukunft sichern
Der Vorsteher und seine Frau gingen wieder aber andere Bekannte traten
heran »Wie lange bleibt Ihr noch hier« wurde Malke gefragt
»Ich weiß nicht« erwiderte sie »Wie es mein Vater bestimmt«
»Es ist doch ein Unrecht« dachte er »dass man ihr noch immer nichts von
seinem morgigen Kommen gesagt hat«
Er teilte es ihr halblaut mit
Die Wirkung war eine ganz unerwartete Sie erbleichte und starrte ihn aus
weitgeöffneten Augen erschreckt an
»Um Gotteswillen« murmelte er »was haben Sie«
Sie hatte sich gefasst
»Was ich habe« fragte sie bitter ja verachtungsvoll »Ich soll mich wohl
noch freuen dass Sie es wissen und ich nicht Ihnen hat es natürlich der
Marschallik gesagt«
»Ja« gestand er »Aber « Da durchfuhr ihn ein Gedanke sie glaubte
offenbar der Vater komme um ihre Verlobung mit Mosche Grün zu feiern
»Jetzt verstehe ich« sagte er lächelnd Freilich konnte er vor Taube nicht
offen sprechen aber es gelang ihm doch wohl sich ihr verständlich zu machen
»Sie glauben er kommt um das sagen wir das Geschäft das der Marschallik
vermitteln wollte abzuschließen Davon ist keine Rede mehr Der Mann der das
Geschäft schließen sollte hat eingesehen dass es für ihn nicht passend ist und
ist zurückgetreten«
»Wie« rief sie fassungslos vor Freude »Verstehe ich Sie recht« Sie
schluchzte auf griff nach seiner Hand und drückte sie
Ihn durchrieselte es heiß »Liebe Malke« murmelte er »Beruhigen Sie sich
Niemand wird Sie zwingen Sie Sie werden jenen Mann heiraten den Sie selbst
gewählt haben«
Das ungestüme Glücksgefühl das ihn durchflutete machte seine Worte
undeutlich aber sie hatte ihn doch verstanden
»Sender lieber Sender« stieß sie mit glühenden Wangen hervor und presste
seine Hand in ihren beiden »Sie sind ein edler Mensch Gott wird es Ihnen
lohnen durch Glück und Ruhm auf Ihrer Laufbahn die Sie sich erwählt haben«
Sie lächelte ihn durch Tränen an »Sie kennen mein Geheimnis aber ich auch das
Ihre Wir haben es wohl beide nur erraten Aber ich kann jetzt nicht so «
Ihre Stimme brach sich »Ich danke Ihnen noch morgen Bis in den Tod vergess
ichs Ihnen nicht«
Und sie stürzte ins Haus
»Was war das« fragte Frau Taube erstaunt
Er konnte nichts erwidern »Gute Nacht« murmelte er endlich und stürzte
davon ohne auf die Richtung zu achten Erst als das Rauschen des Sered an sein
Ohr schlug hielt er an Er war in die Anlagen zum Fluße gelangt Auf die
nächste Bank saß er nieder
»Was war das« sagte er endlich laut vor sich hin »Ich glaube eine
Verlobung«
Er schloss die Augen wie nachmittags auf der Heide und auch dasselbe selige
Lächeln lag auf seinen Zügen
Kühl strich der Herbstwind durchs entlaubte Geäst der Fluss rauschte durch
die stille tiefdunkle Nacht sonst war nichts hörbar als das Schlagen der
Glocken Er aber vernahm auch diese nicht nur die holde weiche Stimme »Sender
lieber Sender«
Lange lange saß er so Er hat diese Stunden nie vergessen trotz alledem
was ihnen gefolgt niemals und noch in der Sterbestunde hat ihn die Erinnerung
daran gelabt wie glücklich er in jener Nacht gewesen
Als der Morgen nahte erhob sich der Ostwind stärker und überdeckte ihn mit
welken Blättern Da endlich erhob er sich heimzugehen
Jenseits des Flusses sah er im ersten grauen Morgenschimmer die Ruinen des
Schlosses ragen »Da führ ich sie einmal hin« dachte er »an dieser Stelle hat
mein Glück begonnen Wenn das der arme Wild noch erlebt hätte«
Er ahnte nicht wie bald er den Raum wieder betreten sollte und was dort
seiner harrte
Es war bereits lichter Tag als er sein Lager aufsuchte Schon nach zwei
Stunden erhob er sich wieder das Morgengebet zu sprechen »Dank Dir
Gnadenreicher der Du erfüllest wonach unser Herz schmachtet« Seit jenem
Aprilmorgen an dem ihn dann sein Blutsturz ereilt hatte er diese Worte nicht
mehr mit so heißer Inbrunst gesprochen
Als er die Wohnstube betrat kam ihm die Mutter besorgt entgegen
»Du musst heut nacht spät heimgekommen sein« sagte sie »Ich war bis
Mitternacht auf und habe dich erwartet Gestern nachmittag hat mir der Bote
diesen Brief vom Bezirksamt gebracht« Sie reichte ihm den geschlossenen Brief
hin
»Wir wollen den hässlichen Brief nicht erst aufmachen Mutter« sagte er mit
feuchten Augen »Was sagst du immer Gott nimmt nicht bloß er gibt auch und
gibt mehr als er nimmt In dem Brief steht dass du die Maut nicht mehr
bekommst Aber deshalb wollen wir doch fröhlich sein heut verlob ich mich
mit Malke«
Mit einem Freudenschrei sank ihm die alte Frau in die Arme Sie hielten sich
lange und wortlos umschlugen
»Gottlob« rief sie dann und pries das schöne Mädchen »Aber dass du damals
das Bild gesehen hast war doch nur ein Zufall nicht meine Absicht«
»Aber ein glücklicher Zufall« sagte er fröhlich »sonst hätte ich mich
nicht so rasch in sie verliebt«
Erst nach einer Weile griff Frau Rosel wieder nach dem Brief »So lies
doch« bat sie
Er tats »Es ist so Mutter«
»Aber was wird nun aus mir« klagte sie
»Eine zärtliche Großmutter« erwiderte er und küsste ihre Stirne »da gibts
noch mehr zu tun als dem Kaiser die Maut einzuheben Und angenehmer ists
obendrein nicht wahr«
Er fand den Laden bereits geöffnet Dovidl am Schreibtisch einige Kunden
bedienend Aber unerhört genug Er drohte nicht aus der Haut zu fahren und
schwieg auch über den gestrigen Nachmittag Und als Sender davon begann
erwiderte er freundlich »Ich weiß ja was vorgeht Wenn du auch heut
nachmittag frei haben willst so sags nur«
Nur zögernd räumte er dann den Platz am Schreibtisch Er befürchtete
offenbar dass Sender heute noch mehr Unheil anrichten werde als gestern Aber
der junge Mann war trotz der durchwachten Nacht und des Ereignisses das seiner
harrte so klar im Kopf so voll ruhigen sicheren Glücksgefühls im Herzen dass
er die Arbeiten in der Lotterie trotz des großen Andrangs es war ja heute
Dienstag pünktlich erledigte und daneben noch Zeit fand die Eingabe
FragezeichenRitterstolz fertig ins reine zu schreiben Dennoch lehnte er den
angebotenen Urlaub ab
Als er zur Mittagsstunde heimging begegneten ihm einige Lohnwagen »Komisch
genug wärs« dachte er »wenn da so mein künftiger Schwiegervater an mir
vorbeiführe Ich kenn ihn ja nicht« Und als er von fern einen Chorostkower
Kutscher seinen einstigen Kumpan von der Landstraße in einem leichten
Wägelchen daherkutschieren sah blickte er neugierig hin »Da könnt Reb Hirsch
wirklich kommen« Aber drin saß nur ein Frauenzimmer er wollte vorbei ohne
aufzublicken
Da hörte er sich plötzlich angerufen und gleichzeitig hielt das Wägelchen
Er sah auf und in das runde wohlgenährte Antlitz Jüttes
»Gottswillkomm« rief er fröhlich und trat an den Schlag »Welcher gute Wind
bringt Euch her Aber bringt Ihr Euren Reb Hirsch nicht mit«
»Der kommt morgen« sagte sie unsicher und sah ihn aus den braunen Augen
die sonst so munter und durchdringend blickten fast zaghaft an »Wie wie
gehts Euch Sender«
»Dank der Nachfrag« rief er lustig »So gut wie noch nie Euer Vater sagt
Euch den Grund«
»So« fragte sie befangen und seufzte tief auf »Und wie geht es « Sie
stockte »Aber ich will Euch nicht aufhalten«
»Habt Ihr in der Zwischenzeit das Seufzen gelernt« fragte er lachend »Reb
Hirsch kommt doch gewiss morgen«
»Gewiss« erwiderte sie gedrückt »wenn es nötig ist«
»Dann kommt er« lachte Sender »Denn es ist dringend nötig Auf
Wiedersehen Und grüßt Malke Ich komm Abends wenn nicht schon früher«
»Auf Wiedersehen« murmelte sie betrübt und ließ den Kutscher weiterfahren
Er machte sich nicht viel Gedanken über das veränderte Wesen des Mädchens
daheim erzählte er der Mutter doch davon lachenden Mundes Auch sie lächelte
»Merk dirs Sender Jedes arme Mädchen das noch keinen Bräutigam hat
seufzt bei der Verlobung ihrer reichen Freundin Jütte wünscht deshalb doch dir
und Malke gewiss das Beste«
Er nickte fröhlich Leise pfeifend ging er in den Laden zurück und an die
Arbeit Während er aber der Frau Putkowska einen Traum auslegte diesmal hatte
ihr nicht von einem rosa Seidenkleid geträumt sondern von einer Geissel
stürzte Mosche Grün herein legte ein Briefchen vor ihn hin und lief davon
Pochenden Herzens besah er die Adresse »An Herrn Sender Kurländer
Wohlgeboren hier Durch Güte« Wie fein und zierlich sie schrieb Drinnen stand
»Lieber Freund
Ich habe Sie dringend zu sprechen Kommen Sie heute nachmittag vier Uhr zur
Ruine Ich werde Sie dort mit meiner Freundin Jütte erwarten
Mit herzlichem Gruß
Ihre treue Freundin
Regina Salmenfeld«
Selig verzückt starrte er auf das Blättchen Die Liebe Gute wusste wie sehr er
sich nach ihr sehnte und gewährte ihm freiwillig ein Stelldichein nur um ihm
für seine Werbung »zu danken« Du lieber Himmel sie ihm »danken« Das hätte
eine Barnowerin nicht getan aber er hatte eben das Glück eine »aufgeklärte«
Braut zu haben Jütte würde dabei sein schrieb sie natürlich aber der alte
Schlosshof war groß
Es war halb vier »Ich muss nun doch fort« sagte er Dovidl der ihn denn
auch sofort entließ
»Ich muss doch als der Erste da sein« dachte er und eilte über die
Seredbrücke den Hügel empor in den Schlosshof Aber als er den wüsten Raum
betrat sah er schon ein Frauengewand durch das kahle Geäst schimmern
Es war Jütte Sie saß auf der Bank neben dem verschütteten Brunnen und
starrte gesenkten Hauptes vor sich hin Als er näher trat fuhr sie empor
»Ihr Ihr allein« rief er und als er sah wie bleich sie aussah und dass
ihre Augen gerötet waren stieß er zitternd hervor »Was was ist geschehen«
In ihr Antlitz schlugen die Flammen »Nichts« murmelte sie »Malke ist
wohl aber sie kommt nicht Sie wollte es aber es wäre es wäre doch wohl
über ihre Kraft gegangen Die Ärmste welche furchtbaren Aufregungen hat sie
in letzter Zeit erlebt Aber auch um Euretwillen Sender habe ich sie davon
abgebracht Derlei hört man aus fremdem Munde leichter«
»Um meinetwillen« Er schwankte und griff nach dem steinernen Rand des
Brunnens sich zu halten »Was redet Ihr da«
»Hört mich an« bat sie und faltete die Hände »hört mich ruhig an Es wird
Euch hart treffen ich weiß sehr hart« Wieder schossen ihr die Tränen in die
Augen »Aber es ist niemand daran schuldig Vielleicht mein Vater aber auch
er hat es gut gemeint« Die Tränen erstickten ihre Stimme
»Sprecht« murmelte er
Sie nickte »Ich will es kurz machen Aus Eurer Verlobung mit Malke kann
nichts werden Sie liebt seit ihrer Kinderzeit einen anderen ihren Vetter
Bernhard Vor zwei Jahren hat sie sich mit ihm verlobt Reb Hirsch wollte nichts
davon wissen ein Deutsch der Schweinefleisch isst Ihr versteht Es waren
furchtbare Auftritte im Hause auch die Stiefmutter war dagegen Und die Frau
ist sehr bös Sie haben beschlossen Malke mit einem Frommen zu verheiraten
auch gegen ihren Willen Mein Vater hat sie vielen angetragen aber es ist
ja ein Getaufter in der Familie es ist nicht gegangen Darum war Reb Hirsch
schließlich auch mit Euch zufrieden obwohl Ihr auch Deutsch gelernt habt Aber
da war ja ein anderes Hindernis Ihr wolltet ja nicht heiraten wegen Eurer
Pläne Ihr wollt ja Schauspieler werden « «
Er hatte ihr wie betäubt zugehört bleich bis in die Lippen aber ohne
Regung Bei diesem Wort ging ein Zucken durch sein Antlitz
»Erschreckt nicht« sagte sie hastig »Ich bin zuerst auf den Gedanken
gekommen Malke hat es dann aus Euren Gesprächen ganz erkannt Aber von uns
beiden erfährt es niemand«
»Weiter« sagte er tonlos
»Da hat also mein Vater seinen Plan geschmiedet Ein halber Deutsch ist er
da soll er sich auch so verloben Ich sollte mit Malke herkommen Eure
Bekanntschaft vermitteln Euch und ihr zureden Aber ich hab nein gesagt Mein
Vater hat gejammert Reb Hirsch hat gedroht mich aus dem Haus zu geben Ich bin
fest geblieben« Ihre Augen blitzten »Zu einem solchen Spiel zwischen zwei
guten Menschen hab ich nicht mitelfen wollen «
»Und da haben sich die anderen gefunden« sagte er »Der Vorsteher und Taube
und die ganze Stadt Und jetzt« fügte er knirschend hinzu »bin ich zum Gespött
für sie alle geworden «
»Nur die beiden haben es gewusst« sagte sie schüchtern »Und zum Gespötte
sagt Ihr wer dürft Euch verspotten Ihr habt ehrlich «
»Dann war« unterbrach er sie finster »natürlich auch das mit Mosche eine
Lüge«
»Ja« sagte sie
Er nickte Nun war ihm alles klar Er schlug die Hände vors Gesicht ihm war
so weh so furchtbar weh zu Mute wie nie zuvor im Leben Als hätten ihm die
Leute das Herz aus der Brust gerissen und in den Schlamm geworfen Er
stöhnte leise auf auch aus körperlichem Schmerz nun empfand er wieder ein
Stechen bei jedem Atemzuge »Was liegt daran« dachte er »wenn ich jetzt sterbe
«
Dann aber raffte er sich empor »Es ist gut« sagte er und ließ die Hände
sinken »Geht Jütte«
Sie blickte ihm ins Gesicht und schlug erschreckt die Hände zusammen Wie
entstellt er war wie jählings gealtert »Sender« rief sie schluchzend »habt
Ihr sie denn so lieb Ich kann mirs ja denken sie ist so schön so gebildet
Aber bedenkt wär das ein Glück geworden Sie will ja einen anderen und denkt
nur an ihn «
»Darum hat sie sich auch hierher schicken lassen« fiel er bitter ein »Was
liegt an einem Pojaz Der muss die Komödien früh gewohnt werden«
»Das glaubt Ihr selbst nicht« rief sie »Sie hat freilich ihre Fehler wie
jeder Mensch und so lieb ich sie hab ich kenne diese Fehler Sie ist ein
anderer Mensch als Ihr vielleicht auch vielleicht auch als ich bei Euch
kommt alles aus dem Herzen und bei ihr alles aus dem Verstand Und darum « sie
errötete bis ans Stirnhaar »ich sags nicht um Euch zu trösten ich meins
wirklich so bei Gott vielleicht wärs doch zwischen Euch beiden nicht gut
geworden auch wenn sie nicht mit ihrem Doktor versprochen wär Sie ist sehr
gebildet aber sie weiß auch dass sie es ist und wer nur ein Tüpfele weniger
weiß als sie ist nichts in ihren Augen auch wenn er das beste treueste Herz
hätt« Sie sprach immer hastiger »Sie hat vielleicht hundert Bücher gelesen
ja oder gar noch mehr aber glaubt Ihr dass sie nur ein bissele Supp für einen
Kranken kochen kann Oder nähen und stricken Nur immer lesen und an den
Bernhard denken Er war ihr Lehrer und weiß mehr als sie und wenn sie ihn
bekommt ist sie eine Frau Doktorin und kann in einer großen Stadt leben «
»Aber was red ich da« unterbrach sie sich wieder flammte das rundliche
Antlitz purpurn »Ich wollt nur sagen Ihr dürfts ihr nicht verargen dass
sie hergekommen ist Sie hat die Höll im Haus und fürchtet den Vater und so
denkt sie Du hast die Gewalt und ich den Verstand Sie hat sich zum Schein
gefügt und vielleicht hab auch ich etwas Schuld Ich hab ihr gesagt Dieser
Sender hat etwas ganz anderes vor als heiraten So ist sie gekommen mit dem
Vorsatz Euch so schlecht zu behandeln dass es zu nichts kommt Aber da habt Ihr
ja zum Unglück gleich am ersten Abend gesagt dass auch Ihr nicht wollt «
»Ein Missverständnis« sagte er »Und auch das gestern abend Ich hab Mosche
gemeint und sie mich« Seine gequälten Nerven überkam plötzlich ein Lachreiz
»Hahaha«
»Sender« rief sie ängstlich »ich bitt Euch weint wenn es Euch so ums
Herz ist aber lacht nicht Mir ist so bang um Euch Ihr tut mir so leid Und
ich kann Euch doch nicht helfen« Sie hob schluchzend die gefalteten Hände zu
ihm empor »Beruhigt Euch«
Er verstummte dies Lachen hatte ihm selbst zu wehe getan Und wie er sie so
weinend vor sich stehen sah rührte ihn ihre Teilnahme
»Ich dank Euch Jütte« sagte er »Aber nun verzeiht « Seine bleichen
Lippen versuchten ein Lächeln »Es ist doch etwas plötzlich gekommen «
»Ihr wollt allein sein Aber wir müssen doch erst verabreden wie die Sach
zu beenden ist «
»Sie ist zu Ende Sie will mich nicht ich werd sie nicht zwingen«
»Aber was fangen wir mit ihrem und meinem Vater an« fragte sie angstvoll
»Beide ahnen natürlich nicht dass ich mich da eingemengt hab Was mich
erwartet wenn sie es erfahren könnt Ihr Euch denken Aber das braucht Euch
nicht zu bekümmern« Die kleine untersetzte Gestalt reckte sich energisch auf
die braunen Augen blitzten »Immer gradaus und wenn ein Mensch das Rechte
tut muss er auch die Folgen auf sich nehmen Meinetwegen also braucht Ihr meine
Bitte nicht zu erfüllen Nämlich als gestern das Telegramm meines Vaters kam
Reb Hirsch möchte gleich kommen sagte er mir Ich hab morgen ein großes
Geschäft fahr du hinüber red ihr zu sag ihr was ich ihr antue wenn sie
nein sagt vielleicht geht es auch ohne mich denn bei der Verlobung kann mich
ja Reb Jossef vertreten Gehts nicht so mag mir dein Vater morgen
telegraphieren und ich komm übermorgen Ich muss meinem Vater bis zum Abend
Bescheid sagen natürlich Nein Dann kommt Reb Hirsch morgen und das wird
furchtbar sein Also «
»Soll ich Eurem Vater sagen dass ichs mir anders überlegt habe«
»Ja darum lässt Euch Malke anflehen Ich soll sagt sie auch für mich
bitten das kann ich nicht Und Euch vorstellen dass es für Euch das beste ist
auch dies wär nicht ehrlich Denn wohl steht Ihr dann vor der Welt stolz da
aber Eure Mutter hättet Ihr schwer gekränkt Um Malkes willen aber ja da kann
ich bitten und ich tus aus ganzem Herzen« Wieder hielt sie ihm die gefalteten
Hände entgegen »Ihr bewahrt sie vor Bösem vor dem Schlimmsten Ihr kennt Reb
Hirsch und seine Frau nicht ich aber kenne sie Und Malke ist Euch ja lieb«
sie errötete »Ihr habt die Liebe zu ihr bekommen Ich weiß nicht was das
ist aber es muss etwas Großes sein Sender wenn Ihr sie sehen könntet wie
eben ich als ich von meinem Vater kam und ihr alles aufklärte so verzweifelt
die schönen blauen Augen starr vor Furcht und Entsetzen Sender sie ist
ein armes Geschöpf und weil sie Euch so teuer war und weil Ihr ein guter Mensch
seid «
»Ich wills tun« murmelte er »Verlasst Euch drauf Noch heute sag
ichs Eurem Vater «
»Sender« rief sie »das tät kein anderer Wo Ihr Eure Mutter so lieb
habt Was habt Ihr für ein Herz Gott wirds Euch lohnen Mit einem treuen Weib
das Euch liebt wie Ihrs verdient und mit Glück und Gedeihen bei dem was Ihr
vorhabt «
»dabei vielleicht wenn Er barmherzig ist« erwiderte er mit zuckenden
Lippen »Aber ein Weib ich werd allein bleiben «
Er wandte sich ab und schritt dann rasch tiefer ins Gemäuer hinein
Sie schlug den Blick zu Boden »Ich will nicht sehen wie er weint«
murmelte sie Ihr selbst aber rannen unablässig die Tränen über die runden
Wangen während sie ins Städtchen hinabschritt
Sechsundzwanzigstes Kapitel
Der düstere Versöhnungstag das heitere Fest der Laubhütten war vorüber noch
schien die Sonne Tag für Tag fast sommerlich warm vom unbewölkten Himmel nieder
aber die Juden von Barnow hatten ihr winterliches Leben begonnen sie richten
sich ja in allem nicht nach der Natur sondern nach den Satzungen ihres
Glaubens Jeder spann sich in seinen vier Wänden ein legte seine Sorgen und
Hoffnungen für den Winter zurecht und begann die Arbeit wie er sie nun bis zum
Osterfeste zu üben gedachte Das abendliche Treiben auf der Straße war zu Ende
dafür besuchten die Nachbarn einander häufig und jeden Sonnabend nachmittag
stand das Haus jedes Reichen gastlich offen
Sender ließ sich dabei nirgendwo blicken man lud ihn auch nicht ein zwar
stimmte nicht jeder bei wenn ihn sein Feind Jossele Alpenrot eine »Schande
Israels« nannte aber die Meinung des Ghetto hatte sich doch wieder gegen ihn
gekehrt und kaum minder heftig als im Frühling Denn fast ebenso schlimm wie
heimlich deutsche Bücher zu lesen erschien es ihnen ein unbescholtenes
Mädchen das man ins Gerede gebracht sitzen zu lassen Sie stritten darüber ob
nicht auch Jossef Grün mitschuldig sei weil er dies unerhörte Hofmachen »fast
wie bei Christen« geduldet aber in Senders Verurteilung waren alle einig Er
verteidigte sich auch gar nicht wenn ihm einer im Laden oder in der Schul
Vorwürfe machte sondern erwiderte nur »Ihr habt recht ich hätts mir früher
überlegen sollen aber nun ists geschehen« Da verdiente ers redlich dass ihm
Naphtali Ritterstolz einmal vor aller Welt sagte »Und wenn du noch zehnmal in
deiner Lotterie gewinnst dir gibt nie ein ehrlicher Jud sein Kind«
Nur zwei Menschen schwiegen und gerade die zunächst Beteiligten Der
Marschallik hatte geflucht und gejammert als ihm Sender an jenem Abend seinen
Entschluss mitgeteilt er hatte alles aufgeboten um ihn umzustimmen aber nun
machte er ihm keine Vorwürfe Noch mehr er schlich sich still davon wenn
andere über Sender loszogen und fuhr fort die beiden Bewohner des Mautauses
die nun wieder einsam wie auf einer Insel dahinlebten freundschaftlich zu
besuchen Alle seine Schwänke kramte er aus um sie zu erfreuen sie hatten ja
beide ein bisschen Lachen nötig Aber da versagte seine Kunst Frau Rosel hörte
ihn kaum an und auch Sender verzog sein Gesicht nur zuweilen aus Höflichkeit zu
einem Lächeln »Seid nicht hart gegen ihn« mahnte einmal Türkischgelb die
Mutter »Ich sag ihm kein Wort« erwiderte sie Es war so auch sie schwieg
»Sie wissen eben beide die Wahrheit« dachte Sender »dafür kann ich nichts« Er
irrte Nur der Marschallik dachte grimmig »Die Schamlose hat ihm vielleicht von
ihrem Bernhard erzählt« Die Mutter hatte einen anderen Verdacht »Er hat ja was
vor was es ist mag Gott wissen aber ich fühls er will was Unerhörtes
beginnen Anfangs hat sie ihm zugestimmt im letzten Augenblick nicht Da hat er
lieber sie gelassen als seinen Vorsatz« Ihr Herz krampfte sich in Zorn und
Sorge zusammen Dennoch hatte sie Mitleid mit ihm sie sah ja wie es um ihn
stand »Er ist ja verzweifelt« dachte sie »da jage ich ihn durch Vorwürfe gar
aus dem Hause«
Und in der Tat schlimm genug stand es in dieser ersten Zeit um ihn Da
hatte er nur eine Empfindung »Wär ich doch tot wie soll ich ohne sie leben«
Zuweilen zürnte er ihr und klagte sie der Hinterlist an wie hatte doch Jütte
gesagt »Bei ihr kommt alles aus dem Verstand« oder er empfand eifersüchtigen
Groll gegen »diesen Doktor« aber zumeist seufzte er nur »Sie hat recht gehabt
aber was fang ich nun an« Unablässig schwebten ihm die blauen Augen vor und
den Klang ihrer Stimme verlor er vollends nie aus dem Ohr selbst durch die
Schimpfreden Dovidls tönte er hindurch ja sogar durch die Worte des Pater
Marian und denen horchte er doch gewiss mit voller Hingabe
Denn die Lehrstunden in der Bibliothek hatten wieder begonnen Der edle
Greis hatte ihn gütig aufgenommen und widmete sich ihm nun mit vermehrtem Eifer
Er wusste nicht warum der junge Jude so bleich und verwandelt zu ihm
zurückgekehrt er fragte nicht danach ihm genügte es dass er seiner Hilfe nun
noch mehr zu bedürfen schien als vordem um sie ihm verdoppelt zu widmen »Es
ist nur Egoismus« wehrte er lächelnd ab wenn ihm Sender dankte »sonst habe
ich ja nichts zu tun nicht einmal meine Sünden habe ich mehr zu bereuen« Der
neue Prior war weder ein Gelehrter noch ein freier Geist aber ein
verständiger duldsamer Mann Er hatte das Los des berühmten Ordensbruders
dessen Buch über die Sittenlehre des Urchristentums so viel Lärm machte nach
Kräften gelindert so weit er es ohne Zustimmung der Oberen vermochte ihm eine
Tätigkeit in der Schule oder Seelsorge einzuräumen lag nicht in seiner Macht
»Egoismus das ist meine einzige Arbeit und ohne zu arbeiten kann man nicht
leben Die Arbeit allein hilft uns über alles hinweg«
Als Sender dies Wort zum ersten Male hörte glaubte er nicht recht daran
Freilich er wollte arbeiten sein Ziel war ja das einzige um dessentwillen er
noch lebte für seinen Schmerz jedoch schien es ihm kein Trost Aber allmählich
kam es doch so je mehr Zeit verstrich je größer die Freude an der Arbeit
wurde Sie hatten »Die Räuber« zu Ende gelesen und nahmen nun den »Fiesko«
durch Es ging jetzt rascher weil die Einsicht des Schülers wuchs sein
Instinkt sich immer mehr schärfte Oft genug musste der Pater über die Raschheit
staunen mit der sich Sender in so wildfremde Dinge wie die genuesischen
Verhältnisse des sechzehnten Jahrhunderts hineinfand jedes erläuternde Wort
jedes Gleichnis wurde ihm zur sicheren Stütze noch mehr über seine
Treffsicherheit in der Beurteilung von Charakteren und Situationen An komischen
Missverständnissen fehlte es nicht aber im wesentlichen begriff er doch fast
immer wie sich der Dichter eine Gestalt gedacht und worauf es ihm ankam
»Brav« sagte der Greis immer wieder »Ich glaube aus dir wird was« und
steigerte seine Bemühungen immer mehr Er ahnte nicht welche Wohltat er dadurch
seinem Schützling gerade in diesen Zeiten erwies Nun war Sender nicht mehr ganz
verzweifelt mit leiser Wehmut konnte er der Verlorenen gedenken und zuweilen
ging es ihm tröstlich durchs Herz »Wär ich nicht unglücklicher wenn ich sie
gewonnen und mein Ziel verloren hätte Die gute Jütte hat mich getröstet dass
Malke ohnehin nicht für mich getaugt hätte nun vielleicht doch Aber
beherrscht hätte sie mich gewiss mein Leben lang wie wenn ihr die so
vernünftig ist die Schauspielerei als zu unsicheres Brot erschienen wäre wenn
sie es mir verboten hätte Ich hätte mich nicht gefügt aber was dann«
Da kam ein Tag der ihm den Trost noch mehrte Sie hatten den »Fiesko«
beendet nun sollte Sender versuchen die Rolle des Mohren zu lesen die ihn
besonders angezogen hatte Er machte es so gut dass der Pater freudig ausrief
»Wahrhaftig Ich hätts kaum für möglich gehalten Du bist wirklich zum
Schauspieler geboren«
Senders Augen leuchteten »Ich dank Ihnen« rief er »Und Sie verstehen was
davon«
»Nicht allzuviel aber darin glaube ich mich doch nicht zu irren Nur um die
Aussprache stehts noch schlimm aber auch die bessert sich etwas dank deiner
Ausdauer« Mit Recht hätte der gute Priester sagen dürfen dank unserer
Ausdauer Er schrie sich täglich die Kehle heiser dass man es bis auf den
Korridor der Pönitenz hörte und Sender vollends brüllte die »a« und »o« dass
die Fenster klirrten »Wenn dein Fleiß nicht ermattet« schloss Marian »freilich
nur dann wird was Rechtes aus dir«
»An mir solls nicht fehlen« beteuerte Sender »Ich seh ja ein ein
Schauspieler muss sehr fleißig sein fleißiger als jeder andere Mensch Es ist da
so schrecklich viel zu lernen Da darf man an gar nichts anderes denken Für
mich wärs vielleicht sogar nicht gut gewesen wenn ich geheiratet hätt eh
ich was geworden bin« Es war ihm unwillkürlich entfahren er fühlte nun wie
sein Gesicht zu flammen begann
Der Geistliche lachte laut auf »Heiraten« rief er »Das ist das letzte
wozu ich dir jetzt raten möchte In zehn Jahren wenn du als Künstler
durchgedrungen bist Aber warum wirst du so rot Du ich glaube gar «
Er hob drohend den Finger aber Sender beteuerte so nachdrücklich damit
wäre es nichts dass ihm der Pater endlich glauben musste »Das freut mich« sagte
er »denn es wäre ein rechtes Unglück für dich Sogar eine Liebschaft kannst du
jetzt nicht brauchen«
Leichteren Herzens als seit Wochen ging Sender heim »Mein Pater« dachte
er »ist ja sonst ein kluger Mann wahrscheinlich hat er auch darin recht
Unsere Weisen sagen Es ist alles auch zum Guten Vielleicht ist der Schmerz
den ich um Malke gelitten hab und noch leide nur die gerechte Strafe dafür
dass ich an etwas anderes gedacht hab als an mein Ziel« Er seufzte tief auf
»Aber freilich dann muss die Schuld groß gewesen sein«
Aber als er am nächsten Tage in die Bibliothek trat begann Poczobut wieder
»Du Sender mir kommt die Sache doch verdächtig vor trotz deiner Schwüre
Warum gehst du nicht nach Lemberg Du wolltest Mitte September fort nach euren
Feiertagen In vier Tagen haben wir den 1 November und du denkst noch nicht
daran«
»Das hat einen anderen Grund« erwiderte Sender seufzend »Haben Sie den
Wolczynski vergessen«
Sein Liebesschmerz hatte diese Sorge in den Hintergrund gerückt nun wuchs
sie ihm über den Kopf Der erste November war ja der Termin wo die Maut zur
Bewerbung ausgeschrieben werden sollte Sender bereitete auch die Eingabe der
Mutter vor dass sie gleichviel was Frau Rosel bot erfolglos bleiben würde
sofern Wolczynski nicht wollte wussten beide Und der wackere Edelmann schien ja
unversöhnlich Die Mutter klagte nicht aber die zehrende Sorge stand ihr auf
dem Antlitz geschrieben er wusste nicht dass daneben auch die Angst vor Froims
Wiederkehr ihre Nächte schlaflos machte
»Was soll ich beginnen« klagte Sender dem Pater »Abwarten aber ich kenn
ja die Entscheidung schon heute was dann Die Hoffnung auf Nadlers Hilfe habe
ich aufgegeben und der Mutter mein Geld lassen und ohne Mittel in die Welt
gehen ist auch schwer möglich Freilich wird mir nichts anderes übrig bleiben«
»Und dieser Wolczynski glaubt auch ein Christ zu sein« rief Marian
schmerzvoll »Und erst dieser Strus ich kenn ihn ja aus der Kirche der fromme
Heuchler beichtet sogar wöchentlich Als ob sich Gott so betrügen ließe wie die
Menschen« Aber er konnte nur an Senders Sorgen teilnehmen helfen nicht
Am nächsten Tage jedoch schien sich auch diese Wolke zu lichten Als Sender
da es war der 29 Oktober zum Essen heimging begegnete ihm Herr v
Wolczynski Sender wollte rasch an ihm vorbei er aber blieb stehen und winkte
ihm freundlich zu »Nun lieber Senderko wie gehts Warum besuchst du mich
nicht Ich habe ja deiner Mutter gesagt dass ich dich erwarte«
»So« sagte Sender »Da hat sie nicht gut gehört Sie hat verstanden dass
nicht Sie sondern Ihre Hunde mich erwarten «
Der Edelmann lachte »Behüte Einen klugen Burschen wie dich Mit dem
verständigt man sich Aber bald müsste es sein« fügte er bedeutungsvoll hinzu
»Ich verstehe« sagte Sender »Vor dem Ersten Morgen vormittag bin ich bei
Ihnen«
Die Mutter blickte erstaunt auf als er bei ihr eintrat Heut lächelte er
wieder »Ich habs dir ja damals gleich gesagt« meinte er »der Lump will Geld
Wenn ich zäh bin so kostets nicht einmal viel Denn nun ist er mürb sonst
hätt er nicht begonnen«
Aber er hatte Wolczynski unterschätzt Zwar empfing ihn der Edelmann am
nächsten Tage freundlich und bot ihm sogar einen Stuhl zum Sitzen an aber von
Geld wollte er nichts hören
»Was fällt dir ein Senderko Mein Freund Strus tut mir ja gern einen
Gefallen und die vielen Offerten lesen ist auch lästig könnte euer
Pachtvertrag einfach zu den alten Bedingungen erneuert werden so wäre es für
alle das bequemste Aber die Pflicht gegen den Staat Und zu so einer
Pflichtverletzung soll ich ihn durch Geld bringen Da käm ich schön an Und ich
täts auch selber nicht Beamtenbestechung wie kannst du einem Ehrenmann
einem Edelmann so was zumuten«
Sender blieb kaltblütig »Dann behalten Sie die zwanzig Gulden die ich
Ihnen geben will für sich selber und lassen Sie sich von Strus den Gefallen
umsonst erweisen«
»Elender Jude« brauste Wolczynski auf »Ich soll Geld behalten das einem
anderen gehört Das mag eure Moral gestatten unsere nicht« Dann aber
besänftigte er sich wieder »Aber eben darum was wisst ihr alle von Anstand und
Ehrlichkeit eben darum weil du ein Jude bist will ich dir verzeihen Aber
lern mich besser kennen Ich erweise dir eine Gefälligkeit die mich nichts
kostet du sollst sie mir durch eine lohnen die dich nichts kostet und dir noch
was trägt Hundert Gulden Trinkgeld Nämlich ich mache noch immer meine
Lottoberechnungen verstehst du aber immer erst am Dienstag nachmittag und da
kann es ja vorkommen dass ich mein Zettelchen zu Hause liegen lasse verstehst
du und «
»Ich verstehe« sagte Sender »Es ist dieselbe Gaunerei zu der Sie mich
schon einmal haben verleiten wollen Ob sie möglich ist ohne entdeckt zu
werden weiß ich nicht «
»O doch Ich kenne einen Mann der dadurch sein Glück gemacht hat«
»Aber dass ich es nicht tue weiß ich«
Der Edelmann pfiff vor sich hin »Dein letztes Wort«
»Mein letztes Aber zehn Gulden will ich noch drauflegen Also dreißig«
»Jüdisches Hundsblut« brach Wolczynski los »Hinaus mit dir und danke Gott
dass ich dich nicht anzeige weil du mich zu einem Verbrechen hast anstiften
wollen«
»Weine nicht« tröstete Sender die Mutter als sie auf seinen Bericht in
Tränen ausbrach »deshalb gehen wir noch lange nicht zu Grunde Ich reiche die
Offerte ein nützt es nichts so wird uns doch Gott nicht verlassen«
Er machte sich stärker als er war Am letzten Januar wo das Ergebnis der
Ausschreibung veröffentlicht werden musste wollte er jedenfalls gehen aber wie
ein Bettler das neue Leben beginnen war hart
Er begann jeden Heller zu sparen Es traf sich gut dass Dovidl nun immer
mehr zu tun bekam und daher seinen Lohn erhöhen musste Auch konnte er sich durch
das Schreiben von Briefen für andere Leute etwas verdienen Wieder musste er die
Nächte zu Hilfe nehmen was ihm nicht leicht fiel denn der nasskalte Spätherbst
hatte ihm seinen Husten wieder gebracht Aber es ging nicht anders seine
Studien durften durch den Broterwerb nicht leiden Im Gegenteil nun widmete er
ihnen womöglich noch mehr Zeit und Kraft und Pater Poczobut feuerte seinen
Eifer durch sein Lob immer mehr an
Nun lasen sie »Kabale und Liebe« dann den »Don Karlos« Da es im großen
Saal zu kalt geworden siedelten sie in eine heizbare Zelle über Freilich
mussten sie nun ihre Stimmen dämpfen da sie damit dem büssenden Pater Ökonom der
in einer benachbarten »Nonnenzelle« wohnte näher gerückt waren Aber die
Furcht von ihm gehört zu werden war wohl überflüssig Er verbrachte seine Tage
in einer Art von Beschaulichkeit die Fedkos stillen Neid weckte er ließ sich
des Morgens von diesem eine Flasche Slibowitz holen und trank sich einen Rausch
an der bis zum Abend vorhielt
So war der November verstrichen Die ersten Dezembertage brachten strenge
Kälte blinkenden Schnee und wolkenlosen Himmel Nun konnte Sender wieder
leichter atmen als in der trüben Nebelluft Aber auch eine große Überraschung
sollten ihm diese Tage bringen
Eines Abends im Dezember der Marschallik war eben auf Besuch erklang das
Mautglöckchen am Hause und als Sender in die bittere Kälte hinaustrat den
Schranken zu öffnen hielt da ein kleiner von einem Knaben gelenkter Schlitten
in dem eine Reisende saß »Guten Abend Sender« grüßte sie zaghaft
Er trat näher
»Ihr Jütte« rief er überrascht »Im offenen Schlitten Ohne Pelz bei der
Kälte Und mit Eurem Koffer Was ist geschehen«
»Gutes« erwiderte sie aber es klang nicht eben fröhlich »Ist mein Vater
daheim«
»Sogar bei uns Kommt herein Ihr müsst ja halb erstarrt sein«
Sie zögerte Dann kletterte sie so rasch wie es die steifen Glieder
gestatteten aus dem Schlitten »Ach was« sagte sie tapfer »erfahren muss ers
doch« Und ebenso tapfer ließ sie in der Stube die Flut von Fragen und Klagen
mit denen der Marschallik sie empfing über sich ergehen
»Ja Vater« erwiderte sie endlich und wischte sich den Schnee aus dem
braunen Haar »fortgejagt hat mich Reb Hirsch Knall und Fall das ist nicht zu
ändern Noch vorgestern war ich sein lieb Kind sein Nüssele und heut eine
Verbrecherin Aber meine Schuld ists nicht Oder doch ja aber ich bereus
nicht«
»Wegen Malke« klagte Reb Itzig »Du hast dich für sie geopfert«
»Geopfert« Die Kleine reckte sich empor wie es ihre Gewohnheit war »Seh
ich aus wie eine Geopferte Freilich wär ich lieber in Frieden aus dem Haus
gegangen wo ich so lang wie ein Kind gehalten war Aber wozu klagen Natürlich
Malkes wegen wars Vor vierzehn Tagen kommt unter meiner Adresse ein Brief vom
Bernhard er hofft bald als Advokat angestellt zu werden ob er kommen und um
sie anhalten soll Sie antwortet ihn allein wird Reb Hirsch hinauswerfen er
soll mit seinem Vater kommen Richtig kommen gestern die beiden eine
furchtbare Szene Reb Hirsch wirft auch seinen Bruder hinaus Sie reisen zum
Schein ab Aber wie ich gestern abend zum Bäcker geh tritt mir jemand in den
Weg der Bernhard Mein Vater und ich halten morgen früh um fünf am Marktplatz
und nehmen Malke mit So hab ich denn die Nacht mit ihr durchwacht und sie an
den Wagen gebracht Wie Reb Hirsch aufsteht und das Nest leer findet ich hab
geglaubt er verliert vor Wut den Verstand Aber das nützt alles nichts fort
ist sie ich aber der Hausknecht hat uns gesehen wie wir zum Wagen
geschlichen sind aber ich hätts auch sonst nicht geleugnet ich habs
ausbaden müssen «
»Und nun« jammerte Türkischgelb
»Muss ich verhungern« erwiderte sie lachend »denn es gibt auf der ganzen
Welt keine Wirtschaft mehr die mich brauchen könnt« Sie streckte die runden
Arme »Und so schwach bin ich nebbich Ausdruck des Mitleids auch Schämt
Euch Vater für mich ists wohl nicht schlecht und für Malke ists gut und
für den da auch« Sie wies auf Sender »Ich hör die dummen Leut haben Euch
ordentlich in Verruf getan Nun sollens alle erfahren wie es damals zugegangen
ist«
Und sie erzählte es »So verdirbt die Tochter dem Vater das Geschäft« rief
Türkischgelb zwischen Zorn und Lachen Frau Rosel aber war innigst erfreut ihre
Vermutung dass er sie eines geheimen Vorhabens wegen abgelehnt war irrig
gewesen und wenn die Leute erst erfuhren wie Malke war so musste jeder Sender
beistimmen Nach ihrer Auffassung konnte nur eine Entartete bei Nacht und Nebel
mit dem Geliebten fliehen Dann aber fand auch der Marschallik kein Hindernis
mehr wenn er für Sender eine neue Partie suchte und sie hätte den Alten noch
heute darum gebeten wenn er minder betrübt gewesen wäre
Aber schon zwei Tage später war er die Sorge um Jütte los Schlome
Freudental der Besitzer des Barnower Gastofs hatte sie als Wirtschafterin
aufgenommen »Für mich ists gut« sagte Türkischgelb der Freundin »für sie
schlecht Am Ort wo ihr Vater lebt hat noch keines Marschalliks Tochter
geheiratet« Für Sender aber versprach er sich umzutun »es wird gehen nun
loben ihn ja alle« In der Tat wusste sich dieser der Glückwünsche kaum zu
erwehren »Dass dus auf dich genommen hast« hieß es »war eine Narrheit aber
dass du sie nicht genommen hast dein Glück Sonst wär die Elende dir
davongelaufen«
Er aber verteidigte sie warm und ehrlich Wohl tat ihm noch immer leise das
Herz weh wenn er ihrer gedachte aber redlich gönnte er ihr alles Gute »Mag
sie der Doktor so glücklich machen« dachte er »wie es mein Vorsatz war« Und
mit feuchten Augen las er das Blatt das um Neujahr an ihn gelangte Auf die
litographierte Anzeige »Wir beehren uns Ihnen ergebenst unsere Vermählung
anzuzeigen Doktor Bernhard Salmenfeld und Frau Regine geb Salmenfeld« hatte
Malke geschrieben »Mit tausend Grüssen innigster Dankbarkeit ihrem teuren
Freunde Alexander Kurländer« Darunter stand von der Hand des jungen Gatten
»Wie wollen wir applaudieren wenn einst Dawison II in unserem Wohnort Triumphe
feiert Aber in so ein Nest kommt er wohl gar nicht Ich werde froh sein wenn
ich für Barnow ernannt werde« Stolz zeigte er das Blatt seiner Freundin Jütte
und auch Pater Marian bekam es zu lesen
»Also doch« sagte der Greis lächelnd »Darum warst du so traurig Aber
Dawison II damit hats seine Wege« Aber er selbst fühlte sich in diesen
Tagen immer wieder an Senders berühmten Landsmann und Glaubensgenossen erinnert
Auf sein Drängen las er mit ihm den »Kaufmann von Venedig« Hatte ihn Senders
Begabung schon früher oft genug mit freudigem Staunen erfüllt so fühlte er sich
vollends durch die Art wie er den Shylock las tief ergriffen sie mutete ihn
an wie ein Wunder der geheimnisvoll waltenden Natur und als Sender die Worte
sprach »Wenn Ihr uns stecht bluten wir nicht Wenn Ihr uns kitzelt lachen wir
nicht Wenn Ihr uns vergiftet sterben wir nicht« wandte er sich ab damit
Sender nicht sehe wie ihm die Augen feucht geworden »Es ist ja alles noch
roh« dachte er »und würde auf der Bühne wahrscheinlich ausgelacht werden
die eckigen Gesten die unreine Aussprache aber welches Talent steckt in
diesem Burschen welches Gemüt Das kann ihm Gott der Herr doch nicht ohne
Absicht geschenkt haben er will dass er ein Künstler wird zur Freude zur
Erbauung der Menschen Und was ich dazu tun kann soll geschehen« Mit wahrer
Inbrunst widmete er sich dem Unterricht ihm wars als wäre auch dies
Gottesdienst
Aber dies Studium des Shylock sollte auch eine unerwünschte Folge haben In
ihrem Eifer hatten die beiden ganz ihren Nachbar den Pater Ökonom vergessen
Und so hörte dieser als er eines Tages es war um die Mitte des Januar in
der ihm gewohnten Art beschaulichen Gedanken nachhing deutlich eine
fürchterliche Stimme »Ich will ihn peinigen ich will ihn martern« Und gleich
darauf »Ich will sein Herz haben Geh und triff mich bei unserer Synagoge
« Entsetzt fuhr der Trunkene empor und lauschte »Juden« murmelte er »Juden
sind im Kloster und wollen mich töten« Und als dieselbe Stimme noch gellender
und mit geradezu blutdürstigem Ausdruck wiederholte »Ich will sein Herz haben«
brach er das Hausgesetz das ihn an die Zelle fesselte und stürzte zum Prior
Der hochwürdige Valerian schalt heftig auf ihn ein dass der verkommene
Mönch der einen starken Fuselduft verbreitete im Rausch eine Halluzination
gehabt kam ihm viel wahrscheinlicher vor als dass sich die Juden von Barnow am
hellen Tage im Kloster zusammengerottet hätten um die Mönche zu ermorden Da
jedoch der Pater mit den heiligsten Eiden beteuerte er habe es deutlich gehört
und wolle die schwerste Strafe erdulden wenn er der Lüge überführt würde so
folgte ihm der Prior kopfschüttelnd auf den Korridor der Pönitenz Der Bitte des
Paters einige handfeste Fratres mitzunehmen willfahrte er nicht »mit diesen
fürchterlichen Juden werd ich schon selbst fertig« sagte er und betrat
lächelnd den Korridor Aber wie ward ihm als er nun wirklich aus einer der
Zellen eine kreischende Stimme vernahm und offenbar die eines Juden die in
wilder Freude rief »Ja das ist wahr Geh Tubal miete mir einen Amtsdiener«
und dies wiederholte bis eine andere einfiel »Keine solchen Grimassen Sender
Und leiser« Aber der andere brüllte »Ich will sein Herz haben« Da riss der
Prior die Tür auf
Es wäre schwer zu entscheiden gewesen wer starrer vor Staunen war die
beiden als sie den Prior erblickten oder Valerian als er in einer Zelle
seines Klosters einen jungen Juden entdeckte der mit erregten Mienen und
blitzenden Augen dem Pater Marian zurief dass er jemandes Herz wolle
Unwillkürlich schlug er ein Kreuz und es währte lange bis er sich so weit
gefasst hatte um fragen zu können »Was suchst du hier Was geht da vor«
Aber noch länger währte es bis ihm Marian antworten konnte und wohl gar
eine Viertelstunde bis der Prior begriff nicht um was es sich handelte das
war ihm noch lange nicht klar sondern dass Pater Marian mindestens bei Vernunft
war Was er von dem Juden halten sollte der da totenbleich wie vernichtet mit
halbgeschlossenen Augen in einer Ecke lehnte wusste er freilich nicht wohl
aber dass er keinesfalls ins Kloster der Dominikaner gehöre »Geh« sagte er
ihm und zu Pater Marian »Sie kommen heut nachmittag zu mir«
Aber Sender konnte dem Befehl nicht sofort folgen »Hochwürdiger Herr«
stammelte er entsetzt »erst muss der Fedko da sein um mich bei der
Tartarenpforte hinauszulassen Denn wenn mich die anderen aus der großen Tür
treten sehen schlagen sie mich tot «
Zum Glück kam eben Fedko mit seinem Schlüsselbund daher So sah der Korridor
der Pönitenz nun den fünften erschreckten Mann und vielleicht den entsetztesten
von allen Und als ihm der Prior zurief »Also du besorgst den Büssern Schnaps
und lässt Juden ein« sank er fast ohnmächtig in die Kniee
Mit Mühe brachte ihn Sender wieder auf die Beine und bis an die Pforte »Es
ist alles aus« murmelte der Alte »mit meinem Dienst mit dem Slibowitz des
Ökonomen mit deinem Slibowitz Die Welt geht unter «
Es sollte glimpflicher kommen Kopfschüttelnd hörte der Prior die lange
Erzählung Marians an was Sender anstrebte warum er ihn gefördert was den
jungen Mann noch in Barnow festalte dann aber nach längerem Nachsinnen sagte
er »Lieber Bruder Sie wissen ich bin kein Gelehrter wie Sie sondern ein
dummer Mönch Ob dieser Sender zum Schauspieler taugt kümmert mich nichts ob
es ein löbliches Werk ist ihn zu fördern will ich nicht entscheiden Dass aber
die Zellen unseres Ordens nach dem Statut unseres erhabenen Begründers des
heiligen Dominikus de Guzman nicht dazu bestimmt sind dass wir darin junge
Juden zu Schauspielern ausbilden dies weiß ich ganz genau Aber andererseits
kenne ich Sie und weiß Sie können nichts Unedles gewollt haben Durch das
Vergangene also ziehen wir einen dicken Strich aber die Fortdauer des
Unterrichts muss ich verbieten Das braucht ja Sie und ihn nicht gar so sehr zu
kränken da er ohnehin in vierzehn Tagen fort will Damit ich ihn aber unter
allen Umständen los werde so will ich mir in den nächsten Tagen den Wolczynski
und den Strus ins Gebet nehmen Sie sind ja beide meine Beichtkinder und
namentlich der Strus der Heuchler schmilzt wenn man ihm die Hölle heiß macht
Ich hoffe die alte Jüdin behält die Pachtung«
Er kratzte sich an der Tonsur »Ach ja um was alles sich ein Prior kümmern
muss Und noch eins Sie haben ja diesen Sender so lange unterrichtet da
werden Sie auch Abschied von ihm nehmen wollen Nun zum Abschiednehmen darf er
noch zu Ihnen kommen meinetwegen jeden Tag wo er noch hier bleibt So
dies ist meine Entscheidung Verzeihen Sie ich bin ein dummer Mönch «
Der Greis fasste seine Hand und drückte sie »O« rief er »Sie sind der
Weiseste der Menschen«
»Schmeicheln Sie mir nicht« brauste der Prior auf »Sonst glaube ich
unrecht getan zu haben und ich habe mich doch streng ans Statut gehalten
nicht wahr«
Siebenundzwanzigstes Kapitel
So trat von all den Schrecknissen die Fedko vorausgesehen nur eines ein mit
dem Slibowitz des Ökonomen war es wirklich zu Ende Im übrigen verzieh ihm der
Prior und Sender entschädigte ihn reichlich Dem jungen Manne wars seit er
die Entscheidung des Priors erfahren als wären ihm Flügel gewachsen und die
Welt erschien ihm von ewigem Sonnenglanz überflutet Nun war er endlich frei
frei am einunddreissigsten Januar bekam die Mutter die Pacht wieder
zugesprochen am folgenden Tage wollte er nach Lemberg aufbrechen Freilich
bangte es ihm ein wenig vor der großen Stadt den wildfremden Menschen indes
das musste eben überwunden werden
Aber ein gütiges Schicksal schien ihn auch dieser Sorge überheben zu wollen
Wenige Tage nach jener Überraschung durch den Prior überreichte ihm Fedko einen
Brief Er trug den Poststempel Hermannstadt in Siebenbürgen und Nadlers
Handschrift auf der Adresse Vor Aufregung zitternd las Sender die Zeilen
Der Direktor schrieb er habe zwar seit jenem Dankbrief der ihn sehr
erfreut obwohl da noch der Briefsteller etwas zu ausgiebig benützt gewesen
nichts von Sender gehört hoffe aber dass ihn dies Schreiben gesund und seinem
Vorsatz getreu finde Auch habe er hoffentlich die Bücher fleißig studiert »Da
ich im vorigen Jahr in Czernowitz gute Geschäfte gemacht habe nur hatte ich da
viel Verdruss weil mir einige gottlob untergeordnete Mitglieder unter Führung
meines zweiten Komikers Stickler durchbrannten um sich wie ich höre in
Galizien herumzutreiben so gedenke ich auch dieses Jahr am 1 März dort
einzutreffen Willst Du kommen so erwarte ich Dich also zu diesem Termin und
möchte Dir raten Dich falls Du überhaupt noch Schauspieler werden willst nun
durch keine äußeren Hindernisse abhalten zu lassen Denn da Du nun bald
zweiundzwanzig Jahre alt bist so ists die höchste Zeit« Unumwunden schrieb
er ferner und auf die Gefahr hin in Senders Augen an Autorität einzubüssen
wolle er gestehen dass ihm Zweifel gekommen ob sein erster Rat noch zwei Jahre
in Barnow zu verbringen ein guter gewesen »Es sprach ja vieles dafür aber ich
bereue es doch Du wärest wenn ich Dich damals gleich mitgenommen hätte
wahrscheinlich viel weiter Denn fast alle Kollegen denen ich von Dir erzählt
habe waren dieser Meinung darunter namentlich Dein großer Landsmann Bogumil
Dawison den ich in diesem Sommer in Dresden gesprochen habe Meine Erzählung
Deiner Schicksale hat ihn auf das lebhafteste interessiert und an seine eigene
Jugendzeit erinnert Hoffentlich triffst Du einmal wenn auch Du ein tüchtiger
Schauspieler geworden bist mit ihm zusammen und Ihr könnt dann beide von Euch
sagen dass Euch die frühen Kämpfe und Entbehrungen nicht gebrochen sondern
gestählt haben Dawison also war es vornehmlich der mir sagte Sie kennen das
polnische Ghetto nicht wohl aber ich Sie hätten den armen Jungen sofort
befreien müssen Auch wird man nur durch Spielen ein Schauspieler nur auf der
Bühne und nicht aus Büchern Hätte Ihr Schützling wenn er ein Talent ist und
das bist Du Sender auf der letzten Schmiere zwei Jahre lang Bediente
gespielt so würde ihm das mehr genützt haben als wenn er inzwischen eine ganze
Bibliothek durchstudiert hat Wie gesagt lieber Sender ich wollte Dir dies
nicht verschwiegen haben obwohl es gegen mich spricht weil ich Dich nun
wenigstens vor längerem Zögern bewahren möchte« Der Brief schloss mit dem Rat
Wäsche aber so wenig Kleider wie möglich mitzunehmen »Denn Deinen Kaftan wirst
Du bei mir nicht tragen Was Geld betrifft hast Du keins so mach Dir nichts
draus Also auf Wiedersehen am 1 März«
Sender las und las immer wieder »Der gute Mensch« murmelte er gerührt
»Wie er sich nun gar selbst anklagt und er hat mir doch gewiss geraten so gut
ers verstanden hat Zum Glück irrt er sich obendrein er weiß ja nicht was für
einen Lehrer ich inzwischen gehabt habe und was ich schon kann Freilich nun
reise ich erst gegen Ende Februar aber an den drei Wochen kann doch mir nichts
liegen und dem Herrn Prior hoffentlich auch nicht Aber dieser Stickler
prügeln sollt man ihn solche Lügen auszusprengen wegen fünfzig Gulden
hahaha«
Er lachte vergnügt auf Auch Pater Marian wünschte ihm aufrichtig Glück
»Das scheint ein redlicher und verständiger Mann« sagte er »Du bist in guten
Händen Und dass sich Dawison für dich interessiert kann dir einmal sehr
nützen «
»Gewiss« sagte Sender »Aber wenn er« fügte er zögernd bei »nur dabei
bleibt auch wenn ich berühmt geworden bin Künstler sind oft sehr auf einander
neidisch In meinem Lesebuch steht eine Geschichte von Talma «
»Nun« lachte der Pater »für einige Jahre hat ja wohl Dawison noch keinen
Grund dazu «
Sender errötete »Natürlich Aber ich werd nie neidisch sein «
Sie lasen heute die Gerichtsszene Sender hustete so oft dass ihn der Pater
besorgt anblickte
»Das kommt von dem Brief« entschuldigte sich Sender »Sobald mich etwas
aufregt ob es nun traurig oder lustig ist spür ichs hier« Er deutete auf
die Brust
Der Pater schüttelte den Kopf »Kein Wunder« sagte er »du hast ja diesen
Winter wieder unvernünftig gelebt die Nächte gearbeitet kaum vier Stunden
geschlafen«
»Aber habe ich« wendete Sender ein »wissen können dass der Prior meiner
Mutter hilft und Nadler mir Jetzt freilich bedaure ich es Übrigens bin ich ja
gesund genug«
Dieser Meinung war der Pater nicht aber er schwieg »Wozu ihm bange
machen« dachte er »halten lässt er sich ja doch nicht« Laut aber sagte er »Du
musst dich recht schonen auf der Reise aber auch in Czernowitz Mit deinen
dreihundert Gulden reichst du freilich nicht allzuweit«
»Mit dreihundert Gulden« rief Sender erstaunt »Damit würd ich zehn Jahre
auskommen Aber ich hab ja nicht einmal so viel und nehm gar nur einen Teil
mit Von den dreihundert Gulden ist der Zehnte für die Armen abgegangen macht
zweihundertsiebzig meine Zinsen und Ersparnisse dazu macht zwanzig zusammen
zweihundertneunzig Davon nehm ich vierzig mit und zweihundertfünfzig lass ich
der Mutter«
»Das ist zu viel« rief der Pater heftig
»Ich meine nur« erwiderte Sender zaghaft »weil er schreibt ich brauche
deutsche Kleider«
»Zu viel was du der Mutter hinterlässt Sie behält ja ihren Erwerb«
Sender schüttelte den Kopf »Bedenken Sie ich muss ja gehen aber gegen sie
ist es schlecht und herzlos Auf andere Art kann ich ihr nicht beweisen dass ich
doch ein guter Sohn bin«
Der Kummer den er der Mutter bereiten würde war nun wieder wie im Vorjahr
die einzige Last die er empfand Denn im übrigen gestaltete sich alles gut die
Pacht wurde der Mutter zu den alten Bedingungen zugesprochen von Nadler kam auf
seinen Dankbrief ein zweites Schreiben das ihn herzlich willkommen hieß
Mit aller Sorgfalt bereitete er nun seine Reise vor Am Mittwoch den 24
Februar wollte er sie antreten dann war er Freitag abend in Czernowitz und
konnte sich Sonntag bei Nadler melden Da die Mutter sein Reiseziel nicht ahnen
durfte so wollte er vor Tagesanbruch das Haus verlassen bis zum Dorfe
Miaskowka zu Fuße wandern und dort einen Bauernschlitten mieten der ihn bis zum
Städtchen Tluste brachte Unter den Leuten des Ghetto wollte er von niemand
Abschied nehmen als von Jütte sie verriet ihn gewiss nicht und wenn er sie
recht bat stand sie der Mutter gewiss in den ersten schweren Tagen bei Die
anderen aber die ihm nahe gestanden wollte er zum mindesten vor der Reise noch
besuchen
Am letzten Sonnabend den er im Ghetto verbrachte lud er sich bei seinem
einstigen Lehrherrn Simche Turteltaub zu Tische Außer ihm war noch ein
anderer Gast anwesend ein »Schnorrer« »Meyer mit dem langen Bart« genannt der
damals seiner Schnurren wegen einen guten Ruf in der Bukowina und Südrussland
besaß Galizien bereiste er zum ersten Male Simche ehrte ihn durch die besten
Bissen wie es die Sitte gebot ganz besonders freundlich aber war Sender gegen
ihn Er liebte das abenteuerliche sorglose Wesen dieser fahrenden Leute und
hatte sich immer gut mit ihnen verstanden Und Meyer sah nicht bloß stattlich
und ehrwürdig aus der Bart floss ihm silbern über die Brust nieder sondern
war auch ein berühmter Vertreter seiner Zunft
Dieses Rufes war er sich auch stolz bewusst »Ich bin ja zum ersten Mal in
diesem Land« sagte er »aber ich hab keinen getroffen der nicht schon meinen
Namen gehört hätt Kein Wunder So viel wie unser König mein armer Freund
Mendele Kowner mit dem Friede sei kann ich ja nicht aber etwas doch Und so
einer wie Mendele kommt ja nie wieder«
»Ihr habt ihn noch gekannt« fragte Sender Mendeles Name war ihm natürlich
bekannt wie jedem Juden des Ostens er hatte auf seinen Fahrten von ihm
wiederholt berichten hören und die berühmteste Geschichte des »Königs der
Schnorrer« wie er mit Napoleon nach Moskau gezogen hatte ihn so erlustigt
dass er sie sich genau eingeprägt und oft anderen erzählt Aber einem der den
merkwürdigen Mann noch persönlich gekannt war er nie begegnet »Erzählet doch«
bat er
Der Wirt wurde unruhig doch musste er Meyer gewähren lassen Und so erzählte
dieser mit Begeisterung von dem unübertrefflichen Witz der stolzen
Selbstlosigkeit der Güte und Liebenswürdigkeit seines Vorbilds Auch einige
seiner Streiche kramte er aus die Geschichte von der verhexten Henne vom Bart
des Wilnaer Rabbi und welche Schnippchen er den Heiratsvermittlern geschlagen
»Aber schließlich hat er ja doch geheiratet« schloss er »Und jetzt erst fällt
mirs ein hier in der Gegend soll ja auch sein Sohn leben«
»Davon habich nie gehört« versicherte Sender und auch Simche dem es ganz
schwül ums Herz geworden beeilte sich dasselbe zu beteuern
Damit schien das Gespräch denn auch glücklich von dem heiklen Thema
abgelenkt Meyer erzählte nun Schnurren aus dem eigenen Leben und Sender war
nicht zu stolz mit ihm zu wetteifern Namentlich die Geschichte wie er dem
geizigen Chaim Burgmann als Geist seiner Schwester erschienen und dann wie er
der strengen Verwalterstochter die beiden Hebammen ins Haus geschafft rissen
Meyer zu neidloser Bewunderung hin
»Ein Glück dass Ihr ein Schreiber seid« rief er »denn wäret Ihr ein
Schnorrer geworden wir könnten alle einpacken Seit Mendele Kowner mit dem
Friede sei hab ich so was nicht gehört« Plötzlich aber Sender strich sich
eben mit stillem Lächeln ums Kinn wurden seine Augen weit und er beugte sich
fast erschreckt vor
»Was ist das« murmelte er »Wer seid Ihr«
»Was habt Ihr« fragte Sender befremdet Dass Simche totenblass geworden sah
er zum Glück nicht
»Es ist nichts« murmelte der »Schnorrer« »Jetzt ists fast weg Eine
Ähnlichkeit ist freilich noch da aber früher war sie gar zum Erschrecken Wenn
ich nicht Euren Namen wüsst Nämlich wie Ihr Euch da vorhin übers Kinn
gestrichen habt geschworen hätt ich da sitzt Mendele Kowner Grad so hat
ers gemacht grad so gelächelt nachdem er ein feines Wörtel erzählt hat «
»Also seh ich ihm etwas ähnlich« fragte Sender halb befremdet halb
geschmeichelt »Wie hat er denn eigentlich «
Aber weiter kam er nicht Simche erhob sich und begann das Tischgebet zu
sprechen obwohl sich der fremde Gast eben noch seinen Teller mit köstlicher
»Kugel« vollgehäuft
»Verzeiht« flüsterte er dann Meyer zu und zog ihn in eine Ecke »Aber da
hättet Ihr fast ein Unglück angerichtet« Er teilte ihm das Geheimnis mit und
schärfte ihm strengste Verschwiegenheit ein
»Aber das ist ja eine Sünd« rief der »Schnorrer« »Dem armen Mendele raubt
Ihr den Kadisch und ihm den Ruhm einen solchen Vater zu haben«
»Wenns eine Sünd wär« entgegnete der Fuhrmann »so hätts uns der Rabbi
nicht so aufs Gewissen gebunden«
»Freilich wenns Rabbi Manasse sagt« lenkte der »Schnorrer« ein »aber wie
fromm muss eure Gemeinde sein« Und dieser Ausruf war wohl begründet unter
Leuten die minder sklavisch jedem Gebot ihres Geistlichen gehorchten wäre die
Wahrung des Geheimnisses durch all die Jahre schwerlich denkbar gewesen
Nach dem Essen wollte Sender das Gespräch wieder auf Mendele Kowner lenken
Aber der Hausherr fuhr dazwischen »Jetzt lass auch mich was erzählen« rief er
»Diese Woch war ich in Sadagóra und hab auf dem Rückweg in Zalefzczyki
übernachtet Da ist Theater Dieselben Spieler die im Frühjahr in Chrostkow
waren Die Sach vom verliebten Schneider von der Jütte erzählt hat hab ich
jetzt selbst gesehen zum Totlachen Sehr gute Spieler«
»Was Euch nicht einfällt« erwiderte Sender »schlechte Komödianten«
»Woher weißt du das Du hast sie ja nicht gesehen«
Sender wurde verlegen Er wusste es ja nur aus Nadlers Brief »Das lässt sich
ja denken Gute Künstler würden auf der Czernowitzer oder Lemberger Bühne
auftreten statt sich bei einer Schmiere in Chorostkow oder Zalefzczyki
herumzutreiben«
»Immer deutscher redet er« lachte Frau Surke »Man versteht ihn kaum mehr«
Der nächste Dienstag war der letzte Tag den er in Barnow verbringen sollte
Dennoch erledigte er in der Kollektur alles pünktlich und stellte jeden Kunden
zufrieden sogar den Richter von Miaskowka indem er ihm hoch und teuer schwor
das nächste Mal wenn er ihn hier treffe wolle er ihm alle fünf Nummern
verraten Dovidl sollte ihm nichts nachsagen dürfen »Und dass ich ihn sitzen
lass« dachte er »dafür hat er einen Trost mein Monatgeld für Februar«
Des Mittags behob er sein Geld in der Sparkasse und nahm dann Abschied von
Pater Marian Schluchzend beugte er sich auf die welke Hand seines Wohltäters
nieder Auch der Pater war sehr bewegt »Gott mit dir« murmelte er legte ihm
die Hand aufs Haupt und sprach den Segen seiner Kirche über ihn
Sender litt es aber er zuckte unwillkürlich zusammen
»Der Segen eines alten Mannes wird dir nicht schaden« sagte der Greis und
lächelte mit feuchten Augen »Auch wenn es die Worte sind die ich gewohnt bin«
Auch Fedko war in seiner Art gerührt
»Nun ists auch mit diesem Slibowitz zu Ende« sagte er »Und einer wie du
kommt nicht wieder Denn wenn ich noch hundert Jahre lebe einen so verrückten
Juden wird es in Barnow nicht mehr geben Ach ja die Verrückten gehen die
Vernünftigen bleiben Leb wohl Senderko«
In der Dämmerung ging er nach dem Gasthof des Freudental und ließ Jütte
hinters Haus rufen Erschreckt kam sie herausgestürzt
»Was ist geschehen« fragte sie fuhr aber gleich fort »Ich weiß es ja
Ihr geht morgen«
»Woher wisst Ihr«
»Ich hab ja längst davor ich habs ja längst geahnt« verbesserte sie
sich hastig »Und Eure Mutter«
Er seufzte »Ihr werdet Euch ihrer annehmen« sagte er gepresst »Auch darum
wollt ich Euch bitten Lebt wohl«
Sie schluchzte auf »O es ist hart für die alte Frau wollt Ihr nicht
noch einige Tage Ich meine bis es schön wird sollt Ihr hier bleiben Es
ist so furchtbar kalt das ist nichts für Eure Lungen «
»Es geht nicht Jütte Ich werde erwartet In Czernowitz« Es war ihm nur so
entfahren »Aber Ihr verratet mich nicht«
»Ich Aber muss es denn sein« Sie rang die Hände
»Jütte« sagte er »was habt Ihr damals im Schlosshof gesagt Ihr wisst es
ist mein Lebensziel was macht Ihr mir das Herz schwer«
»Ihr habt recht« stieß sie hervor Dann rührte sie an seine Hand murmelte
etwas Unverständliches und stürzte ins Haus
»Das gute Mädchen« dachte er »Welches Mitleid sie mit meiner Mutter hat
Ach auch mir fällts hart«
Er ging heim Der Ostwind pfiff über die Ebene und wirbelte den Schnee auf
sein eisiger Hauch ging durch Mark und Bein Er achtete kaum darauf seine
Gedanken weilten bei der Mutter
Daheim nahm er alle seine Kraft zusammen um unbefangen zu scheinen Es
gelang ihm doch nicht ganz »Was hast du heut« fragte Frau Rosel »Bist du
nicht wohl«
»Nur müd« erwiderte er und erhob sich »Gut Nacht« sagte er mit
abgewandtem Antlitz und stieg zu seiner Kammer empor
Dort erst ließ er seine Tränen fließen »Mutter« schluchzte er immer
wieder »Mutter«
So saß er im Dunkeln bis unten das Glöckchen klang Das riss ihn empor Er
machte Licht holte sein Geld hervor legte zweihundertfünfzig Gulden in einen
Umschlag und schrieb den Brief dazu in hebräischen Lettern die sie lesen
konnte »Verzeih mir Mutter verzeih ich kann nicht anders Alle sagen dass
ich zum Schauspieler tauge und mein Herz sagt mir dass ich dazu geboren bin
Darum geh ich in die weite Welt es zu werden Ich bin nicht schutzlos gute
Menschen nehmen sich meiner an Es braucht dir nicht bang um mich zu sein auch
nicht meiner Gesundheit wegen ich fühl mich ganz gesund
Gott ist mein Zeuge ich geh nicht leicht Und Dich Mutter triffts gar
ins Herz Aber es muss sein glaub mir und mein Trost ist dass wir einst beide
diese Stunde segnen werden Auch Du wenn Du mich glücklich siehst denn Du hast
ja immer für mich gelebt Die Leute sagen es ist Pflicht der Mutter für ihr
Kind zu sorgen aber Du hast all die Jahre tausendmal mehr getan als Deine
Pflicht Und wie wenig Freuden hab ich dir gemacht und nun diesen Schmerz
Aber ich kann nicht anders ich kann nicht
Das Geld da gehört Dir als Sparpfennig für Deine alten Tage Ich rat Dir
leg es in die Sparkasse das bringt wenig Zinsen ist aber sicher Du darfst
nicht glauben dass ich Dir damit Deine Liebe bezahlen oder mich gar von Dir
loskaufen will Ich will Dir oft schreiben und Dich besuchen so oft es möglich
ist und treu für Dich sorgen
Mutter liebe Mutter verzeih mir und leb wohl«
Die Schrift war etwas undeutlich weil seine Hand zitterte Auch war an
einer Stelle ein Tropfen aufs Papier gefallen
Nun packte er seine Wäsche in ein Ränzelchen das er aus seiner
Fuhrmannszeit hatte und legte die Bücher dazu Dann griff er zu einer Schere
und trat die Kerze in der Hand vor sein Spiegelchen Es war ein bleiches aber
entschlossenes Antlitz das ihm daraus entgegenblickte Er legte die Schere an
die Schläfen und schnitt sich die Wangenlöckchen ab
Dann griff er zum Kaftan den er mitnehmen wollte um auch ihn »deutsch« zu
machen Er schnitt zwei Spannen ab und nähte den Rand zu so gut er konnte
Während dieser Arbeit hielt er oft inne und lauschte bang Das Glöckchen
klang in dieser Nacht nicht wieder das Wetter war gar zu schlimm geworden Der
Ostwind war zum Sturm angewachsen umheulte das Haus und wirbelte den Schnee
hoch empor Es war eine böse Nacht
Gegen die vierte Morgenstunde war er fertig Nun hatte er nur noch eins zu
verrichten sein Morgengebet Er schlang den Gebetriemen um Haupt und Arm
schlug sein altes Büchlein auf und betete inbrünstig Seine Seele lag vor Gott
im Staube und flehte um Trost für die Mutter um Gedeihen auf seinen Wegen »Du
hilfst denen die reinen Herzens sind und das Gute wollen « ja er durfte auf
Gottes Hilfe vertrauen
Als er das Büchlein zuklappen wollte fielen ihm wieder einmal jene
seltsamen Widmungen ins Auge die er seither so oft gelesen »Dies Büchlein soll
meinem Kinde gehören es ist das einzige was ich ihm vermachen kann Aber da
ich nun weiß wie gnädig der Herr ist so weiß ich auch dass dies Büchlein
meinem Kind zum Segen sein wird«
»Armer Mann« dachte er »dein Segen gehört nicht mir aber von deinem
Büchlein will ich mich doch nie trennen« Er steckte es in die Tasche seines
Mantels hob das Ränzel auf die Schultern griff nach Hut und Stock und
kletterte die Treppe hinab
Im Flur vor der Schlafkammer der Mutter hielt er an und lauschte Aber er
konnte die Atemzüge der alten Frau nicht vernehmen der Wind heulte zu laut
Geräuschlos suchte er die Tür zu öffnen Der eisige Sturm fuhr herein er
musste alle Kraft aufbieten sie wieder zu schließen Wie betäubt stand er einen
Augenblick still so schneidend umschnob ihn der Wind und die Schneesplitter
stachen ihm in die Augen
Dann aber richtete er sich entschlossen auf und schritt in die Nacht hinaus
einem neuen Leben entgegen
Achtundzwanzigstes Kapitel
Hunderte von Meilen erstreckt sich die Ebene gegen Osten darum hat der Wind
der von dieser Seite weht eine furchtbare Gewalt und wächst er zum Sturm an
so bergen sich Mensch und Tier vor seinem tötenden Odem und trauen sich nicht
eher hervor bis er ausgetobt »Gott dem Teufel und dem Oststurm kann niemand
widerstehen« geht das Sprichwort in Podolien Er lässt das Blut erstarren wirft
den Stärksten wie einen Halm nieder und begräbt ihn unter dem Schnee den er
haushoch emporwirbelt Wütet er mit voller Wucht so ist kein Entrinnen vor ihm
und alles Leben das ihm in die grausamen Fänge gerät erstickt und verkommt
Noch hatte der »Verderber« wie sie ihn in der Ebene nennen in dieser Nacht
nicht seine volle Kraft gewonnen Aber furchtbar genug trieb er es schon und
nach hundert Schritten musste sich Sender sagen dass er ein törichtes Wagnis
begonnen nicht mehr An eine ernste Gefahr glaubte er nicht obwohl er immer
wieder mit abgewandtem Antlitz den Rücken gebeugt die Füße breit
auseinandergestemmt stehen bleiben musste bis ein Windstoß vorüber war und auch
dann nur langsam Schritt für Schritt vorwärts kam weil der Fuß im Schnee
versank und die eisige Luft das Atmen erschwerte Aber er hatte nicht umsonst
Jahre seines Lebens auf der Landstraße zugebracht »Zum Schlimmsten kommts
heut schwerlich« dachte er »gegen Morgen wirds besser« Freilich wars
eine volle Meile bis Miaskowka aber wenn er erst den Fußweg erreichte der etwa
halben Weges von der Heerstraße abzweigt dann gings leichter Der Fußweg
kürzte die Straße ab und ging durch eine Schlucht wo der Sturm gelinder war
Und er arbeitete sich weiter von einer Pappel zur anderen die an der Straße
standen schwer atmend in Schweiß gebadet so lang er vorwärts stapfte dann
erstarrend wenn er innehalten musste aber trotzigen Mutes
Da urplötzlich mit einem Schlage als hätte eine Riesenfaust dem Verderber
die Kehle zugeschnürt verstummte er Die Luft ward still der aufgewirbelte
Schnee fiel zur Erde das Dunkel lichtete sich dass die verschneite Straße
weithin sichtbar wurde »Barmherziger erbarme Dich« stöhnte Sender auf und
blieb von Entsetzen gelähmt stehen Er wusste was diese jähe Stille bedeutete
Der Sturm sammelte neue Kraft noch eine Minute und er kam als Orkan wieder
der alles tötete und dann begrub
»Zurück« dachte er »das Haus erreiche ich vielleicht wieder den Hohlweg
nicht mehr« Er wandte den Fuß Da durchfuhrs ihn dass er sich den Rückweg
abgeschnitten buchstäblich mit der Schere ohne Wangenlöckchen im kurzen
Kaftan konnte er der Mutter den Leuten nicht mehr vor die Augen treten Und
dann war enthüllt dass er ein »Deutsch« werden wollte »Vorwärts« Und wie
ein Verzweifelter eilte er weiter als gäbe es ein Entfliehen vor dem Verderber
Aber da war er plötzlich wieder der Ungeheure Ein langgezogenes heulendes
Brausen flog ihm voraus dazwischen dumpfes Dröhnen und Knattern das Geräusch
der splitternden Äste und Bäume es wurde dunkel und nun kam er mit
entsetzlicher Wucht dahergejagt Blitzschnell hatte sich Sender auf den Boden
geworfen so allein entging er dem Lose von dem Rasenden erfasst und einige
Schritte weiter hingeschmettert zu werden Plattgedrückt lag er auf dem Schnee
das Gesicht nach der sturmfreien Seite gewendet um atmen zu können
Aber der Schnee überdeckte ihn immer dichter er drohte ihn zu ersticken
Er wollte sich erheben der Orkan drückte ihn nieder Da raffte er alle
Kraft zusammen und kroch auf Händen und Füßen vorwärts bis er die nächste
Pappel erreicht Hier konnte er wieder atmen aber nun fühlte er wie ihm die
Kälte langsam die Glieder umschnürte Noch konnte er sich regen sie abwehren
aber wie lange
Da wurde es abermals plötzlich still grabesstill nur der aufgerührte
Schneestaub fiel mit leisem Klirren nieder und fern fern ächzte etwas auf
Vielleicht ein Ast der sich vom froststarren Stamm löste vielleicht ein
verendendes Tier Sender suchte sich emporzurichten und blickte um sich Auf dem
Acker zur Rechten sah er im matten Schein des Schnees ein Kreuz ragen er kannte
es es stand etwa halben Wegs zwischen dem Städtchen und dem Hohlweg eine
Viertelmeile hatte er nun doch zurückgelegt freilich war die Stille ein böses
Zeichen Noch hatte der Orkan nicht seine volle Höhe erreicht nun galt es jeden
Atemzug nützen bis er wiederkam
Und wieder watete er durch den Schnee weiter so rasch ihn die zitternden
Kniee tragen wollten mit keuchender Brust schweissbedeckt weiter weiter
Bald musste zur Rechten eine kleine Kapelle auftauchen am Feldweg gegen
Biala vielleicht konnte er sie erreichen ehe der Orkan losbrach Er
spannte alle Sehnen an da nicht zehn Schritte weit schimmerte die Kapelle
Aber im selben Augenblick kam der Orkan herangebraust über die ungeheure Ebene
Erde und Himmel ächzten auf und wurden zu einem weißen brüllenden stöhnenden
Chaos blitzschnell ehe sich Sender niederwerfen konnte fühlte er sich von
der Riesenfaust gefasst und durch die Luft getragen und niedergeschmettert dass
ihm die Sinne vergingen
Nur einen Augenblick dann riss ihn die Todesangst empor Wie eine schwere
eiskalte Hand legte es sich auf sein Antlitz und hielt ihm den Mund zu dass er
sich ersticken fühlte Der Sturm hatte ihn in den Strassengraben geworfen und mit
Schnee bedeckt Er schlug um sich »Hilfe Hilfe« röchelte er nun konnte er
wieder atmen Langsam arbeitete er sich aus dem Graben hervor und kroch zur
Kapelle während über ihm das ungeheure Wüten der Lüfte forttobte
In der Kapelle brach er halb ohnmächtig zusammen »Wach bleiben bei
Vernunft bleiben« murmelte er und griff nach Schnee die brennende Stirne zu
kühlen Da fuhr er zusammen aus einer Ecke der Kapelle kam ein wimmernder Laut
dann ein leises Heulen Es musste ein Tier sein das sich da geborgen Und nun
kam es langsam auf ihn zu ein Wolf ein Hund Mit wirbelnden Sinnen fasste er
seinen Stock und hob ihn Das Tier kauerte sich nieder und wimmerte und wedelte
mit dem Schweif Nun sah er es war ein Hund »Moskal« rief er es ist der
verbreitetste Hundename in jener Landschaft Zufällig mochte er es getroffen
haben der Hund kam heran leckte ihm die Hände und schmiegte sich dicht an ihn
Sender ließ es geschehen und kraute ihm das Fell So trösteten und wärmten sie
sich gegenseitig der Mensch und das Tier Und beide hatten wohl in diesem
Augenblick tiefster Angst vor dem Toben der Natur dieselbe und keines eine
höhere Empfindung
Dann begann Sender seine Gedanken zu sammeln Die schlimmste Gefahr war nun
wohl vorbei Noch tobte der Orkan in ungeschwächter Kraft fort aber lange das
wusste er konnte dies nicht mehr währen Entweder linderte sich allmählich seine
Gewalt oder es trat jählings eine neue Stille ein wo der Verderber gleichsam
Atem schöpfte In beiden Fällen konnte er die Schlucht erreichen dort war
sicherlich leichter vorwärts zu kommen Denn hier sitzend den Morgen
heranwachen war unmöglich es wäre der sichere Tod gewesen Die Kälte war
entsetzlich Wieder fühlte er wie sie sich um seine Glieder legte die Füße
wurden starr und die Hände Er sträubte sich dagegen suchte sich aufzurichten
presste den Hund fester an sich Aber seine Bewegungen wurden immer langsamer
seine Kraft verließ ihn »Schlafen« murmelte er und schloss die Augen »Aber
Schlafen ist Tod« fuhr es ihm durchs Hirn und er richtete sich angstvoll auf
Aber sich zu erheben vermochte er nun nicht mehr Wieder sanken ihm die Lider
zu
Anders der Hund vielleicht weil sein Instinkt der schärfere war Er
schüttelte sich und bellte leckte dem Menschen übers Gesicht und zerrte an
seinem Rock Das brachte Sender wieder zu sich Er taumelte empor begann auf
und nieder zu stampfen sich zu schütteln dabei kollerte etwas aus seinem Rock
zur Erde nieder Es war sein Gebetbuch Er hob es auf und umklammerte es mit
beiden Händen Ihm wars als strömte ihm daraus neue Kraft zu als hätte er
damit Gottes Gewand gefasst und brauchte es nur festzuhalten um nicht zu
vergehen Das Gebet das man in Lebensgefahr zu sprechen hat fiel ihm wieder
bei er sprach die Worte vor sich hin »Herr über Leben und Tod begnade mich
zum Leben« Der Klang der eigenen Stimme gab ihm neue Kraft er kauerte sich
wieder hin das Büchlein legte er neben sich und die Rechte drauf und der Hund
kam wieder herangekrochen
Da wurde es wieder einmal jählings still Nun auf zur Schlucht Sender
erhob sich erst als er ins Freie trat wurde er gewahr dass ihm der Orkan den
Hut entführt wer weiß wie viele Meilen weit Er band ein Tuch um den Kopf und
schritt aus der Hund folgte Da erhob sich jenes Ächzen das er vorhin gehört
Es war ein heiserer krächzender langgezogener Laut Sender erstarrte das Blut
das waren Wölfe Auch der Hund hatte wohl den Ton erkannt er blieb den Schweif
eingeklemmt stehen und stieß ein ängstliches Heulen aus
»Das hilft nichts« murmelte Sender »Vorwärts der Ton scheint von der
Straße zu kommen ich will in die Schlucht Mit Gott« Und er tastete nach dem
Büchlein
Er fand es nicht Er durchwühlte die Taschen er hatte es nicht mehr Da
fiel ihm bei dass es wohl in der Kapelle liegen geblieben Er blickte zurück
kaum zweihundert Schritte wars bis dahin aber nicht viel mehr zur Schlucht
und auch diese Stille währte wohl nur kurz Aber gleichviel der Hut ließ sich
ersetzen das Büchlein nicht Und er eilte zurück der Hund folgte mit freudigen
Sprüngen
Da lag das Buch wirklich zu Füßen des Kreuzes Er hob es auf da brach der
Orkan wieder los Abermals war er in der Kapelle festgebannt von neuem begann
der Kampf gegen die Kälte So geschwächt seine Kraft war Sender fühlte sich
mutiger als früher Er hielt das Büchlein das Gewand Gottes der Sturm musste
sich ja endlich legen Und nun rötete sichs im Osten das Licht kam wieder
grau und hässlich aber doch der Tag der Tag
Gegen die siebente Stunde schwieg der Orkan Sender erhob sich und taumelte
zurück er war zu schwach die Kniee trugen ihn nicht mehr Er versuchte es
nochmals nein es ging nicht Er musste ausharren bis ein Gefährt vorbeikam
Zum Glück hatte sich mit dem Orkan auch die Kälte gebrochen Wie fast nach jedem
Oststurm in der »großen Ebene« begann nun der Wind aus Westen zu wehen sanft
warm und weich
Etwa eine Stunde nachdem es Tag geworden kam endlich von Barnow her ein
Schlitten Ein Bauer lenkte ihn sein Weib lag drin Der Hund schlug an Sender
trat vor die Kapelle und winkte dem Manne Es war der Richter von Miaskowka
»Alle Heiligen« rief er und hielt den Schlitten an »Senderko wie kommst
du her Hast du die Nacht im Freien verbracht diese Nacht«
Sender nickte »Nehmt mich in Euer Dorf mit« bat er Der Richter war dazu
bereit Nur mit dem Platz ging es nicht so leicht »Du siehst mein Weib ist
besoffen Aber wir wollen sie auf die Seite legen« Nachdem dies geschehen
konnte Sender sich setzen Der Hund sprang mit auf
»Gehört der Köter dir« fragte der Richter »Ein schönes Tier hast du dir da
ausgesucht«
Liebevoll strich der todmatte Mann über das struppige Fell »Ja der gehört
zu mir« erwiderte er »für immer Fahrt zu Richter«
Die Pferde zogen an »Du hast mir noch nicht gesagt wie du herkommst«
sagte der Bauer »Und wie du aussiehst Zum Erschrecken Und ohne Hut«
Sender erwiderte er habe in aller Frühe nach Miaskowka wollen da habe ihn
der Sturm knapp vor der Schlucht eingeholt
Der Bauer riss die Augen auf »Durch die Schlucht wolltest du Da kannst du
dem Sturm dankbar sein Sie ist ja tief verschneit und es haben sich dort Wölfe
festgesetzt Du wärest nicht lebend davongekommen Aber was schneidest du für
ein sonderbares Gesicht Jude«
In der Tat bewegt genug mochte Senders Antlitz sein »Das Büchlein hat mich
gerettet« dachte er »Gott durch das Büchlein Wäre ich nicht in die Kapelle
zurückgekehrt es zu holen « er schloss die Augen und ein Schauer überlief ihn
Dann bewegten sich leise seine Lippen zum Dankgebet
Nach einer Weile begann der Richter wieder »Verrückteit in solcher Nacht
nach Miaskowka zu laufen Und was willst du dort«
»Ein Geschäft besorgen« erwiderte Sender »mit dem Schänkwirt« Er fühlte
sich todmüde und musste nun gleichfalls ruhen »Dann will ich nach Tluste weiter
Wollt Ihr mich fahren Ich zahle gut«
Der Richter schüttelte stolz den Kopf »Das ist nicht mein Geschäft« sagte
er würdevoll Dann aber kratzte er sich nachdenklich hinter dem Ohr »Übrigens«
sagte er »ausnahmsweise mag es sein Wir haben gestern am Wochenmarkt unser
ganzes Geld versoffen Was das für ein Rausch war kannst du an meinem Weib
sehen Was wisst ihr verdammten Juden die ihr uns aussaugt davon was der Bauer
für ein schweres Leben hat Ohne Lotterie geht es wirklich nicht mehr Aber du
hast mir ja versprochen «
»Gewiss« murmelte Sender mühsam Die Nachwehen der Nacht machten sich nun
erst voll fühlbar jeder Atemzug schmerzte ihn
Taumelnd ging er in die Kammer die ihm der Schänkwirt im Dorfe anwies ließ
sich einen Tee bereiten und versank noch ehe er das Glas ganz geleert in
bleiernen Schlaf
Als er erwachte empfand er starkes Kopfweh auch ein Brennen in Rachen und
Nase aber das Stechen in der Lunge war etwas linder geworden Da er zugleich
heftigen Hunger fühlte schloss er daraus dass er noch gnädig weggekommen In der
Kammer war Dämmerung er schob es auf das verhangene Fenster aber während er
sich ankleidete wurde es immer dunkler er hatte den ganzen Tag verschlafen
Der Schänkwirt trug ihm auf was das arme Haus bieten konnte der Gast
langte tapfer zu Da stieß etwas Nasses Kaltes an seine Hand es war Moskals
Schnauze »Armer Kerl« rief er mitleidig »hast du auch den Tag über nichts
gegessen« Dann teilte er redlich mit ihm
Der Wirt setzte sich zu ihm »Verzeiht Sender aber ich halts vor
Neugierde nicht mehr aus Was wollt Ihr hier Wo sind Eure Löckchen Wo die
Kaftanschösse«
Sender dachte nach »Gut Euch will ichs sagen wenn Ihr Schweigen gelobt«
flüsterte er ihm zu »Ich habe in Rabbi Manasses Auftrag etwas in Tluste
auszuführen wobei man mich für einen Christen halten muss Es ist für die ganze
Gemeinde Erfährt es jemand vor Ablauf eines Monats so ist der Rabbi verloren
Ihr seht wir sind in Eurer Hand« »Hoffentlich hält er jetzt seinen Mund«
dachte er Den Richter der sich am Abend einfand bestellte er für den nächsten
Morgen
Wieder schlief er zehn Stunden fest und traumlos Am Morgen erwachte er mit
einem Schnupfen dass ihm die Augen tränten fühlte sich aber sonst fast wohl
»Gottlob« dachte er »es wäre ja aber auch zu entsetzlich gewesen jetzt zu
erkranken« Und als er nun doch Schmerzen in der Brust empfand zwang er sich
förmlich nicht darauf zu achten »Ich muss ja gesund sein« dachte er Fröhlich
fuhr er davon nachdem er von einem Bauer eine Pelzmütze eingehandelt und dem
Wirt noch einmal Rabbi Manasses Schicksal auf die Seele gebunden
Es war ein grauer aber fast warmer Tag Der Westwind wehte unablässig
»Verrücktes Wetter« meinte der Richter »so schlimm hats schon lange weder der
Verderber noch die Tränenmagd getrieben Seit gestern freilich ist sie
unablässig an der Arbeit« Die »Tränenmagd« so nennen sie den Westwind weil er
Regen bringt oder den Schnee schmelzen macht »Am Dniester kanns böse werden
über Nacht kommt plötzlich der Eisstoss und es gibt eine Überraschung Und was
ist das für ein Weg«
In der Tat arbeiteten sich die Pferde schwer durch den weichen Schnee und
es war bereits später Nachmittag als sie in Tluste einfuhren Bei dem ersten
Hause des Fleckens begegnete ihnen ein großer Schlitten in dem wohl zehn Juden
dichtgepresst saßen Sender wandte sich hastig ab in einem von ihnen hatte er
seinen einstigen Lehrer Schlome Rosental erkannt »Hoffentlich hat er mich
nicht erkannt« dachte er »sonst wissen die Barnower morgen Mittags welchen
Weg ich eingeschlagen habe«
Er kehrte in einem Wirtshaus ein dessen Besitzer ihm nicht bekannt war
aber kaum dass ihm der Mann die Suppe vorgesetzt hatte begann er auch »Ihr
seid doch Sender der Pojaz Ich bitt Euch sagt mir warum Ihr wie ein Deutsch
reist ohne Löckchen im kurzen Rock und mit einem Hunde Und dazu eine
Bauernmütze«
Sender dachte nach Der Wirt machte nicht den Eindruck eines Frommen in
seine Hände konnte er also das Schicksal Rabbi Manasses nicht legen »Später«
sagte er »Ihr werdet mein Vertrauen lohnen und den Spaß nicht verderben «
»Behüte« beteuerte der Wirt »Dazu sind Eure Späße zu gut Über Eure
Brautschau bei der Uhrmacherstochter in Mielnica hab ich mich krank gelacht«
»Vortrefflich« dachte Sender »der Mann hilft mir« Nachdem er ihm das
Gelöbnis strengster Verschwiegenheit abgenommen sagte er »Es ist was
Ähnliches aber glaub ich noch besser Meine Mutter will dass ich eines
Chassids Tochter in Sadagóra bei Czernowitz heirate In dem Zustand stell ich
mich ihr vor«
Der Wirt wollte sich ausschütten vor Lachen und behandelte den Gast fortab
mit noch größerer Aufmerksamkeit Auch schaffte er ihm eine billige
Fahrgelegenheit einen Kutscher der mit leerem Schlitten nach Czernowitz
zurückmusste Freilich konnten sie nicht vor Sonntag dort sein da sie über
Sabbat in Zalefzczyki rasten mussten Sender war leicht darüber getröstet »Da
schau ich mir dort die berühmte Gesellschaft Stickler an« dachte er »und die
Ruh wird mir wohltun« Denn obgleich sich auch nun seine Erfahrung bestätigte
wie sehr sein Befinden von seinem Gemütszustand abhing so konnte ihn doch all
die fröhliche Tatkraft die ihn erfüllte die Schmerzen in der Brust nicht ganz
vergessen machen Die böse Nacht hatte doch tiefere Spuren hinterlassen als er
anfangs gehofft Sein Trost war nur das warme Wetter
Es hielt auch am Freitag an wo sie aus Tluste weiter nach Süden fuhren dem
Flusstal des Dniester zu noch mehr nun wurde der West zum Schirokko es war so
schwül dass Sender den Mantel ablegen musste Der Wind leckte den Schnee weg und
weichte das Eis auf Auf der Straße war nun ein Gemisch von Kot und Schnee
durch das sich der Schlitten mühsam durcharbeitete von allen Feldern rieselte
das graue Schneewasser füllte die Strassengräben und ließ die Bäche zu Flüssen
anschwellen Überall so weit der Blick reichte quirlte und schäumte es das
eintönige Rauschen der Wasser erfüllte unablässig das Ohr
»So jäh hab ichs noch selten erlebt« sagte der Kutscher »Heut nacht
oder morgen früh macht sich der Eisstoss im Dniester auf den Weg Mit der
Sabbatruhe in Zalefzczyki ists nun nichts Wir müssen noch heute über die
Schiffbrücke sonst nimmt sie der Eisstoss mit«
»Und wo bleiben wir dann über Sabbat« fragte Sender
»In einem Feldwirtshaus jenseits des Flusses Freilich ists ein elendes
Haus aber weiter kommen wir heute nicht«
Damit war Sender schlecht zufrieden er hatte sich auf die Vorstellung und
das gute Bett in Zalefzczyki so gefreut »Wir wollen doch erst sehen obs nötig
ist« erwiderte er
Die Fuhrleute die ihnen begegneten waren verschiedener Ansicht »Die
Eisdecke hat Sprünge« erwiderte der eine »am Montag gehts wohl los« »Schon
heute nacht« meinte ein Zweiter Der Dritte wieder sagte »Vor dem Mittwoch ist
nichts zu befürchten Und wenn auch der Eisstoss abgeht der Brücke tut er
nichts«
Am heftigsten aber beteuerte die Wirtin des Gastofs in Zaiefzczyki vor dem
Sender halten ließ dass nicht das geringste zu befürchten sei
»Das Eis steht wie eine Mauer« schwor sie »vor einer Woche rührt sichs
nicht Und wenn auch was verschlägts Euch Vor fünf Jahren hat der Eisstoss die
Schiffbrücke zerstört aber seither nie Und jetzt ist die Brücke neu und ruht
auf Ketten so dick wie ich«
Dann mussten es allerdings verlässliche Ketten sein die Frau war wie eine
Tonne aber der Kutscher schüttelte den Kopf »Euch ists um die Sabbatgäste zu
tun« erwiderte er »und mir ums Heimkommen So einen furchtbaren Eisstoss wie
er diesmal wird hats lange nicht gegeben Der nimmt die Brücke mit«
Schon wollte Sender in die Weiterreise willigen da fiel sein Blick auf
einen riesigen roten Zettel am Tor »Theater in Zalefzczyki« und gleichzeitig
trat ein blonder schlanker Mensch im schäbigen Mantel einen riesigen Filzhut
schief auf den Kopf gedrückt vors Tor und blickte gähnend um sich Das verlebte
Gesicht war glatt rasiert Ein Schauspieler
Senders Herz begann zu pochen »Ist das Theater hier in Eurem Haus« fragte
er die Wirtin
»Ja« erwiderte sie eifrig »In meinem Saale Solche Spieler habt Ihr noch
nicht gesehen Und nach der Vorstellung sind alle in meiner Wirtsstube Schöne
Mädchen darunter« setzte sie mit einem unangenehmen Lächeln hinzu »So eine
Unterhaltung werdet Ihr noch nie erlebt haben«
Sender schwankte Die schönen Mädchen lockten ihn nicht aber die
Vorstellung Und er sollte den Sabbat in einem elenden langweiligen
Feldwirtshaus verbringen Aber anderseits Montag war ja der 1 März da musste
er in Czernowitz sein »Wir wollens uns ansehen wies da unten aussieht«
sagte Sender zum Kutscher und deutete nach dem Fluße »Kommt mit«
Sie schritten die Straße hinab bis zu einem kleinen künstlich erhöhten
Platz am Flussufer einer Art Bastion dicht an der Brücke Da konnten sie den
Dniester weithin übersehen eine schmutzige graue breite Riesenschlange die
sich durch das Weiß der Äcker wand Unter ihnen lag die Schiffbrücke eine Reihe
flacher mit Bohlen überdeckter Kähne die zwischen zwei mächtigen um steinerne
Pfeiler gewundene Eisenketten befestigt waren Fußgänger und Wagen zogen darüber
hin weit und breit war nichts Bedrohliches zu sehen
»Ich bleib nicht« sagte der Kutscher dennoch »Seht Euch die Farbe des
Dniester an Das Eis steht noch aber das Wasser über der Decke ist schon wohl
einen Fuß hoch sonst würde es nicht so schmutzig aussehen Die Farbe des Eises
schlägt kaum noch durch Ich kenn das«
»Das Wasser steht drüber« gab Sender zu »aber man hört ja noch nicht das
leiseste Krachen im Eis und das fängt tagelang vorher an«
»So bleibt Ihr« erwiderte der Kutscher »Ich fahre«
Ungeduldig spähte Sender um sich vielleicht war ein Eingeborener da der
diesen hartnäckigen Menschen bekehren konnte Und da war wirklich einer und gar
eine Amtsperson
In einer Ecke der Bastion schaufelte ein junger Mann in grauem
Soldatenmantel eine Grube aus Der Mantel war zerfetzt und das Gesicht des
Menschen ganz ungewöhnlich dumm aber auf seinem Strohhut blinkte ein
Blechschild »Städtische Polizei«
»Glaubt Ihr« sprach ihn Sender rutenisch an »dass die Brücke bedroht ist«
»Zu mir sagt man Sie« erwiderte der Zerlumpte würdevoll »weil ich die
Polizei bin Aber die Brücke fragt Ihr Wer sollte ihr denn was antun«
»Nun der Eisstoss«
»Der tut ihr nichts Er darf nicht Der Herr Bürgermeister hats verboten
Ich war selbst dabei wie er gesagt hat Diesmal darf der Eisstoss die Brücke
nicht zerstören es macht zu viel Kosten«
»Nun seid Ihr beruhigt« lachte der Kutscher höhnisch auf
Sender aber fragte »Und hat der Herr Bürgermeister nicht gesagt wann der
Eisstoss kommt«
»Nein Aber er sagt Nicht so bald denn ich habe noch kein Telegramm«
»Telegraphiert ihm der Eisstoss« fragte der Kutscher
»Ich weiß nicht wer« erwiderte der Polizist »Aber vorher müssen wir vom
Amt die Telegramme bekommen aus Mikolajow aus Halicz aus Jezupol aus allen
Städten da oben« Er deutete flussaufwärts »Dann erst kann er kommen Und er
darf auch gar nicht früher kommen als Mittwoch«
»Warum«
»Wegen dieser Sache da« Er deutete auf die Grube »Heute Hritzko hat mir
der Herr Bürgermeister gesagt schaufelst du die Grube für den Mörser aus
Montag schaffen wir ihn hin Dienstag laden wir ihn Also« schloss er gewichtig
»vor Mittwoch ist es nichts denn durch diese Mörserschüsse wirds der Stadt
angezeigt«
»Nun können wir ruhig schlafen« lachte der Kutscher Sender aber dachte
»Wenns nicht gerade Theater wäre ich wollt in Gottes Namen nachgeben So
aber« Da jedoch auch der Fuhrmann fest blieb so machten sie im Gasthof ihre
Rechnung glatt und schieden
Neunundzwanzigstes Kapitel
Sender ließ sich eine Schlafkammer anweisen und in der Wirtsstube ein
Mittagessen auftragen Gottlob der Kellner kannte ihn nicht und fragte daher
nicht auch nach seinen Löckchen wohl aber ob er abends das Theater besuchen
wolle und als Sender bejahte griff er in die Tasche und legte eine Karte vor
ihn hin »Sperrsitz ersten Ranges vierzig Kreuzer Nummer sechs Erste Bank
Von dem Platz sieht man am besten«
»Habt Ihr keinen billigeren« fragte Sender
»Ein Herr wie Ihr« rief der Kellner »ein Deutsch der keine Löckchen mehr
trägt und einen kurzen Rock Der zweite Rang kostet dreißig Kreuzer oder
zwanzig ich weiß wirklich nicht genau denn mit Leuten die dorthin gehen
hab ich nichts zu tun Aber auf diesem Platz ist vorgestern der Herr
Kreishauptmann gesessen und gestern der Herr Oberst Auch sieht man vom zweiten
Rang nichts«
Das gab den Ausschlag Sender zählte ihm die vierzig Kreuzer zu »Habt Ihr
keinen Zettel« fragte er
»Nein Aber am Tor klebt einer Es werden täglich nur sechs gemalt weil wir
ja hier noch sehr zurück sind Gibt es denn in Zalefzczyki eine Druckerei Aber
halt an der Kasse hängt ein Zettel den bring ich Euch«
Er stürzte ab und brachte dienstfertig den Zettel herbeigeschleppt Es war
ein Riesenblatt aus mehreren Bogen roten Papiers zusammengeklebt und mit einem
Pinsel bemalt Ein dicker Strich schied ihn in zwei Hälften Die linke wies
hebräische die rechte lateinische Lettern Beide Texte waren hochdeutsch und
besagten ungefähr dasselbe aber nur eben ungefähr
Der Zettel lautete
B
Bis Sender den Riesenzettel in seinen beiden Hälften zu Ende gelesen war ihm
der Braten kalt geworden und dann konnte er vor Ärger kaum essen Moskal konnte
sich über seinen Anteil nicht beklagen »Diese Gauner« murmelte er in sich
hinein »allen wollen sie es recht machen und lügen das Blaue vom Himmel
herunter Und das sind auch Künstler Habt ihr solche Zettel beim Herrn Nadler
gelernt ihr Halunken« Fast am meisten ärgerte es ihn dass sie dessen Namen zu
missbrauchen wagten »Na wartet das wird er euch legen«
Vieles an dem Zettel war ihm rätselhaft und reizte seine Neugierde aber er
mochte gar nicht wieder hinsehen »Gesindel eure Vorstellung will ich mir
ansehen wird auch was Schönes sein Aber sonst seid ihr keinen Gedanken von
mir wert« Er zahlte und ging sich die Stadt zu besehen die er noch nie bei
Tage gesehen er hatte als Fuhrknecht da immer nur übernachtet
Als er aus dem Tore trat hörte er plötzlich rufen »Pojaz du hier« Es
war der Wirt bei dem er damals zu übernachten pflegte »Und bist nicht zu mir
gekommen Aber wo sind deine «
»Meine Löckchen geblieben« rief Sender wütend »Der Teufel hat sie zuerst
geholt nun kommt er über die Eurigen« und er ließ den verblüfften Mann stehen
und rannte davon
»Recht wars nicht« dachte er dann »Aber dies viele Fragen macht einen
ganz wild Das muss aufhören Ob ich mich hier ganz zum Deutsch mache oder erst
in Czernowitz ist ja gleichgültig Dann erkennt mich keiner mehr«
Er trat in eine Barbierstube und ließ sich das Haar stutzen den Schnurr
und Backenbart abrasieren Der Barbier ein Jude tat es unter Kopfschütteln
»Wie ein Schauspieler« sagte er »das hat noch kein jüdisch Kind von mir
verlangt Zuerst die Löckchen «
Sender warf sein Geld hin und schoss zur Tür hinaus Unweit davon war ein
Kleiderladen Der Besitzer gleichfalls ein Jude sah ihn groß an als er ihn
fragte ob er ihm für seinen Mantel und Kaftan sowie eine Draufgabe in Barem
einen deutschen Anzug und einen modern geschnittenen Mantel eintauschen wolle
»Es kommt auf die Draufgabe an« sagte er endlich langgedehnt und brachte seine
Ware herbei Sender musste lange probieren bis sich etwas Passendes fand und
dann noch länger feilschen der Händler forderte einen unverschämten Preis »Der
Kaftan ist ja nichts nütz« sagte er »den hat kein Schneider abgeschnitten«
Erst als Sender davonging lief er ihm nach und gab sich mit zwanzig Gulden
zufrieden Nachdem der junge Mann im Hintergrund des Ladens die Kleider
angezogen trat er vor den Spiegel Er kam sich in der ungewohnten Tracht recht
seltsam vor auch der Hund bellte plötzlich auf als ob er ihn nicht erkenne
oder doch um seine Verwunderung auszudrücken
Seufzend zahlte Sender die zwanzig Gulden auf den Tisch nun blieben ihm
noch dreizehn »Ihr seid ein rechter Räuber« sagte er »es sind ja keine neuen
Kleider«
»Aber von einem Grafen abgelegt« erwiderte der Händler »Übrigens ich
will nicht lügen Dass Ihrs nur wisst jeder Christ hätts billiger bekommen
Aber einem zum Abfall verhelfen ist eine Sünde dafür will ich bezahlt sein
Wie lang mags her sein dass Ihr Eure Löckchen «
»Schweigt« donnerte Sender und lief davon »Aber nun wenigstens hats ein
Ende« dachte er
In der Tat im nächsten Laden beim Hutmacher wurde er bereits mit »Herr«
angesprochen also wohl gar nicht mehr als Jude erkannt Noch mehr
unaufgefordert reichte ihm der Handwerker einen riesigen weichen Filzhut hin
»So einen hat mir auch der Herr v Hoheneichen abgekauft« sagte er Sender sah
also sogar schon wie ein Schauspieler aus Aber sein Stolz darüber minderte
sich als der Hutmacher während er vor den Spiegel neben der Tür trat sich vor
dieselbe hinstellte und sogar ängstlich die Hand auf die Klinke legte Moskal
ließ wieder sein Bellen hören aber Sender fand dass ihm der Hut ausgezeichnet
stehe und kaufte ihn nach längerem Feilschen um drei Gulden die Bauernmütze
gab er drauf Beim Anblick des Geldes erhellte sich das Antlitz des Meisters
»Wenn Sie vielleicht« bat er »Ihren Herrn Kollegen den Herrn v Hoheneichen
auch erinnern wollten «
»Ich kenn ihn nicht« erwiderte Sender stolz »Ich bin freilich auch
Schauspieler aber nicht bei der hiesigen Schmiere sondern Mitglied des
Stadtteaters in Czernowitz Unter der echten Direktion Nadler «
»Das hätt ich mir denken können« sagte der Hutmacher ebenso devot wie
traurig »Die Hiesigen zahlen nie « Er riss respektvoll die Tür auf und
Sender schritt erhobenen Hauptes auf die Straße
Die Dämmerung war eingebrochen aber die Wärme gegen den Vormittag nur noch
gestiegen von allen Dächern triefte es nieder durch die durchgeweichten
Straßen flossen Bäche aller Schnee schien auf einmal wegzuschmelzen Der
Westwind war stärker aber auch noch schwüler geworden fast erschlaffend legte
sich sein Hauch um die Glieder dass Sender kaum den Mantel ertrug obwohl er
viel leichter war als der alte solide der ihn so lange treu vor Wind und
Wetter geschützt Es war unbehaglich auf der kotigen Straße er wollte eben in
seinen Gasthof zurückkehren als plötzlich die Worte an sein Ohr schlugen »Das
Wasser steigt Nun krachts auch schon im Eis«
Ein Herr hatte es dem anderen zugerufen beide eilten nun zum Dniester
hinab »Das wäre eine schöne Bescherung« dachte Sender erschreckt und folgte
ihnen »Zehn Gulden hab ich noch das reicht knapp zur Zehrung und Reise bis
Sonntag abend Ich werd ohnehin fast ohne Heller in Czernowitz ankommen Geht
mir nun die Schiffbrücke vor der Nase weg «
Aber so bedrohlich sah es am Dniester noch nicht aus Die Brücke unten war
nun mit Fackeln beleuchtet die Bastion voll von Menschen die sich neugierig
das ungewohnte Schauspiel besahen Angst schien niemand zu empfinden Das Wasser
war gestiegen aber man hatte auch die Ketten höher gewunden so dass die Bohlen
wieder über der Flut lagen der Verkehr über die Brücke währte fort und wurde
nur zeitweilig unterbrochen wenn es die Arbeit der Pioniere erforderte hatten
sich Baumstämme und sonstiges Trümmerwerk an der Brücke angesammelt so hoben
sie es mit Spiessen und Stangen aus der Flut schleiften es über die Brücke und
warfen es auf der anderen Seite wieder in die Strömung Unheimlich war nur das
Krachen im Eis ein seltsamer Ton dumpf einsetzend dann immer heller und
durchdringender anschwellend als schnitte eine Riesenfaust eine ungeheure
Glastafel entzwei dann in einer Art Glucksen verhallend dem Geräusch des
Wassers das in den Riss eindrang und ihn erweiterte
Inmitten einer andächtigen Schar von Zuhörern stand ein dicker alter Herr
und perorierte heftig »Nur keine Angst« rief er »vom Oberlauf ist noch kein
Telegramm da Ihr seht ich habe noch nicht einmal den Mörser aufstellen lassen
Vor dem Montag kommt der Eisstoss nicht Geht heim ich wache«
Ein jüdischer Greis in seidenem Kaftan es musste ein Vornehmer sein
drängte sich durch die Reihen »Herr Bürgermeister« rief er atemlos »da hab
ich ein Telegramm bekommen «
»Woher«
»Aus Barnow«
»Haha« rief der Bürgermeister »Seit wann liegt Barnow am Dniester« Auch
die Umstehenden lachten
»Aber es ist wichtig« erwiderte der Jude und sprach flüsternd auf den
Bürgermeister ein Aber der hörte ihn kaum an »Ein andermal Herr Silberstein
Jetzt hab ich keine Zeit für Eure jüdischen Sachen«
»Was mag das sein« dachte Sender mehr neugierig als besorgt Ihn konnte es
doch unmöglich betreffen er war ja kein Dieb den man telegraphisch verfolgen
konnte Und für sein Fortkommen am Sonntag brauchte ihm nun auch nicht bange zu
sein
Er ging in den Gasthof zurück Im Torweg stand die dicke Wirtin und hielt
ihn an als er vorbei wollte »Wohin wünschen der Herr«
»Nummer neun« erwiderte er kurz
Da riss sie die Augen weit auf und schlug die Hände zusammen »Ihr seid es
Also ein Spieler wollt Ihr wollen Sie werden«
Ähnlich empfing ihn der Kellner in der Wirtsstube Sender fühlte sich sehr
gehoben kein Zweifel wie ein Schauspieler sah er nun wirklich aus Aber auch
hier bekam er sofort die Kehrseite der Medaille zu sehen Als ihm der Kellner
das bestellte Fläschchen Moldauer brachte blieb er am Tische stehen und sagte
»Verzeihen der Herr hier wird gleich bezahlt«
Lächelnd zog Sender seine Brieftasche und holte ohne hinzusehen die
Zehnguldennote hervor Das machte sich großartig und war doch kein Kunststück
sonst war nichts mehr drin
Der Kellner wechselte »Entschuldigen der Herr« stotterte er »die hiesigen
Schauspieler «
»Glaub ich gern« sagte Sender herablassend »Wir vom Czernowitzer
Stadtteater kennen diese Leute auch«
Dreissigstes Kapitel
Der Kellner schlich hinaus Offenbar gab er draußen seine Erfahrung zum besten
die Wirtin erschien und fragte ob er nicht ein besseres Zimmer befehle Sender
lehnte dankend ab Und kaum dass sie gegangen trat der schlanke Blonde ein den
Sender bei der Ankunft gesehen und eilte mit erhobenen Armen auf Sender zu als
ob er ihn umhalsen wollte Aber Moskal richtete sich drohend auf und knurrte ihn
grimmig an So konnte er nur aus einiger Entfernung rufen »Ein Kollege Auf
Durchreise Welche Freude«
»Kusch dich Moskal« befahl Sender dem Hund »Ja« erwiderte er sehr kühl
»Schauspieler bin ich allerdings« »Aber nicht dein Kollege« fügte er in
Gedanken hinzu
Der Blonde kam heran nun mit gesenkten Armen »Hermann Dagobert v
Hoheneichen« sagte er mit leichter Verbeugung »Erster Liebhaber Held
Charakterspieler Bonvivant«
Sender erhob sich halb vom Stuhl »Alexander Kurländer« »Was soll ich noch
sagen« dachte er »Mir scheint ich werd Charakterspieler aber das muss ja
erst Nadler bestimmen« So sagte er denn gar nichts
»Kurländer« rief Hermann Dagobert v Hoheneichen »Wirklich Alexander
der berühmte Kurländer O welche Freude« Er ergriff Senders Hand »Wie oft
hab ich schon von Ihnen gehört Sie sind ja ein Pfeiler ein Stolz der
deutschen Kunst Kurländer in Zaleszcyki« Er fuhr sich an die Stirne als mache
ihn die Freude fast verrückt »Welch glücklicher Zufall«
Sender war einen Augenblick verblüfft »Sollte es wirklich einen berühmten
Kurländer geben« dachte er Als aber der andere ungestüm rief »Die Freude muss
ich begiessen Heda Wirtshaus « da wusste er Bescheid
»Sie irren« sagte er »Ich bin durchaus nicht berühmt Ich «
»Welche Bescheidenheit« rief Hoheneichen und nahm am Tische Platz »Ja so
ist die echte Größe Ich ich kann mich ja mit Ihnen nicht messen aber
bescheiden bin ich auch Nur muss alles seine Grenzen haben Sie nicht berühmt
Wer wäre es dann Man hat Sie ja wiederholt den zweiten Dawison genannt Wer
wars nur Saphir richtig Saphir Er der sonst jeden verreisst das heißt
mich hat er auch gelobt wiederholt und sehr Kollege Sie also hat er in den
Himmel gehoben« Das strömte wie ein Sturzbach er sprach einen hohen heiseren
Tenor und stieß etwas mit der Zunge an »Und war ich denn nicht selbst dabei
als Sie das ganze Haus zu Beifallsstürmen hinrissen Auch ich applaudierte wie
besessen Wo war es nur In Wien In Berlin Aber das ist ja gleichgültig
Wirtshaus wo steckt der Kerl«
Der Kellner stürzte herbei »Auch mir so eine Flasche« befahl Hoheneichen
Der Kellner blickte Sender fragend an Dieser schüttelte den Kopf
»Sie irren« wiederholte er nachdrücklich »Ich bin ja noch niemals
aufgetreten Gesehen haben wir uns freilich schon aber daran werden Sie sich
nicht erinnern« Der Sprachfehler des Künstlers hatte ihn auf die richtige Spur
gebracht »Vor zwei Jahren in Czernowitz nach der Vorstellung des Kaufmann von
Venedig Sie waren der Antonio Sie sind damals mit am Tische des Herrn Nadler
gesessen und haben sich vor Lachen über mich ausschütten wollen Ich hab dem
Herrn Direktor erzählt wie mir die Vorstellung gefallen hat«
»Das waren Sie« rief Hoheneichen ergriff Senders Hand und schwang sie wie
einen Pumpenschwengel hin und her »Der junge blasse Student waren Sie Und nun
haben Sie es schon so weit gebracht Es ist erstaunlich Aber nein es ist nicht
erstaunlich Es bestätigt nur was ich immer sage Kinder sag ich passt auf
die akademische Bildung Ja das ist kein leerer Wahn Wir alten Studenten
kommen auch beim Theater am raschesten vorwärts und nicht die Schneider und
Barbiere Prosit Vivat academia Kellner wo bleibt mein Wein«
Der Kellner rührte sich nicht Auch Sender blieb hart »Schon wieder ein
Irrtum« sagte er »ich war ja damals nicht Student sondern Fuhrknecht «
»Was waren Sie« Einen Augenblick stockte der Sturzbach aber auch nur
einen »Oh auch ein schöner Beruf Wenn die Peitsche knallt Und umso
ehrenvoller dass Sie sich so rasch emporgearbeitet haben«
»Nun das muss sich ja erst zeigen Aber ich vertraue auf den Herrn Nadler
Er ist ein braver Mann und versteht seine Sache«
»Das ist er« rief Hoheneichen »Bei Gott ja Ein Ehrenmann vom Scheitel bis
zur Sohle Das heißt Fehler hat er auch wie jeder Mensch Kollege Sie sind
jung unerfahren gestatten Sie mir ein offenes Wort Nadler ist gegen den
Anfänger wohlwollend gegen den fertigen Künstler hart da regt sich sein Neid
Je talentvoller ein Mitglied ist umso seltener beschäftigt er es Ich weiß ein
Lied davon zu singen Was bekam ich der in Wien in München in Berlin ein
Liebling des Publikums war zuletzt zu spielen Darum bin ich von ihm gegangen
das heißt darum allein nicht Er ist ja auch ein Schwindler der Gagen
verspricht und keinen Heller zahlt Er ist uns ja im vorigen Jahr durchgebrannt
und hat uns sitzen lassen Lassen Sie sich das erzählen Kollege es wird Ihnen
sehr interessant sehr nützlich sein Sehr« Er hob den Finger »Es ist meine
Pflicht Sie vor diesem Schurken zu warnen Aber mit trockener Kehle kann ich es
nicht lassen Sie uns eine Flasche trinken es ist ja unter Kollegen
gleichgültig wer sie bezahlt«
»Unter Kollegen mag sein« erwiderte Sender »Aber wer auf Nadler schimpft
und so lügt ist nicht mein Kollege Sie sind ihm durchgebrannt weil Sie der
Stickler aufgestachelt hat und haben sich dadurch wie es scheint nicht gerade
gut gebettet Und statt sich selbst anzuklagen verleumden Sie Nadler«
Der Schauspieler fuhr empor ebenso Sender »Das wird eine Szene geben«
dachte er »Gleichviel ich war es Nadler schuldig« Wohl streckte der Künstler
die Hand gegen Sender aber nur um sie gerührt auf seine Schulter zu legen
»Sie haben recht Kollege« sagte er »in allem Ich weiß es zu schätzen
wie mannhaft Sie da für Ihren Direktor eingetreten sind Auch ich bin ja ein
Charakter nicht bloß ein Talent Zum Glück ist zwischen unseren Ansichten kein
gar so großer Unterschied wir können einander entgegenkommen ohne uns selbst
etwas zu vergeben Ein Ehrenmann vom Scheitel bis zur Sohle so war mein Urteil
über Nadler ich bitte Sie dem zuzustimmen Dafür bin ich bereit Ihnen
zuzugeben dass es töricht von mir war den Einflüsterungen dieses elenden
Sticklers zu folgen und das Engagement einseitig zu lösen Und recht haben Sie
auch dass ich es zu bereuen habe« Er fiel schlaff auf den Stuhl nieder »Das
ist ja ein Hundeleben Ein Mann von uraltem Adel ein Hoheneichen Wissen Sie
was das heißt Gegen uns sind die Habsburger Parvenüs Ein Hoheneichen war im
dritten Jahrhundert deutscher Kaiser«
»Entschuldigen Sie zur Güte« unterbrach ihn Sender »Das ist schon wieder
ein Irrtum Ich hab die ganze Weltgeschichte durchgelesen Aber dass Sie es hier
nicht gut haben glaub ich gern«
»So stimmen wir also in allen Hauptsachen überein« rief Hoheneichen
begeistert und reichte ihm über den Tisch die Hand hin »Wir müssen Freunde
werden lieber Kurländer die Natur selbst hat uns zu Freunden bestimmt Wie Sie
in meiner Seele lesen Ja ein Hundeleben Wenn nicht die Begeisterung für die
Kunst wäre man müsste zusammenbrechen Welche Umgebung für einen Künstler den
Seidelmann ausgebildet Laroche gefördert Devrient anerkannt Döring beneidet
Dawison verfolgt hat Der versoffene Stickler der verkommene Birk der elende
Können dazu die drei Weibsen Hahaha Ich könnte über mich lachen wenn ich
nicht weinen müsste Man jauchzt mir zu aber was ist für einen den der Beifall
aller Weltstädte umtobt hat das Jauchzen der Chorostkower und Zaleszczyker
Wissen Sie weshalb ich auf dem rechten Ohr nicht ganz gut höre Weil mir der
tosende Jubel der Wiener über meinen Franz Moor das Trommelfell gesprengt hat«
»Da haben Sie wohl zum Glück« fragte Sender »im linken Ohr zufällig Watte
gehabt«
»So war es« erwiderte Hoheneichen »Es ging ja durch alle Zeitungen
Aber nun gar der Abstand in der Gage Nicht die Hauptsache für einen Künstler
aber doch nennenswert Damals hundert Gulden täglich und heute«
Er machte eine Pause »Ich kanns Ihnen nicht sagen lieber Kurländer« fuhr
er mit zitternder Stimme fort »denn Sie haben ein Herz für mich Ihr Herz wird
bluten«
Wieder hielt er inne und blickte Sender erwartungsvoll an Da aber dieser
keine Miene verzog winkte er den Kellner herbei
»Ruben« hauchte er »sagen Sie diesem berühmten Künstler in welcher Lage
sein Kollege ist«
»Es geht Ihnen wirklich schlecht« sagte der Kellner »Zwanzig Kreuzer
täglich und freie Station Allen Leuten sind sie was schuldig Jetzt« er
blickte auf die Uhr sie wies auf halb sieben »sind Sie wahrscheinlich sehr
hungrig denn um zwölf bekommen Sie Ihr Mittagessen Das Nachtmahl ist erst nach
der Vorstellung«
»Halten Sie ein« murmelte Hoheneichen nachdem er geschlossen »mich tötet
die Scham «
»Geben Sie dem Herrn ein Butterbrot und ein Fläschchen Moldauer« sagte
Sender Denn dem Kellner glaubte er und dieser Abkömmling eines deutschen
Kaisers war zwar nicht sein »Kollege« aber doch immerhin ein Mann der Zunft zu
der nun auch er für immer gehörte
»Bruder« jauchzte Hoheneichen »das vergess ich dir nie Denn wir wollen
uns duzen nicht wahr«
»Später« sagte Sender »Warum bleiben Sie hier« fragte er dann »Sie waren
doch schon an einer besseren Bühne«
»Der Stolz des Wiener Burgteaters Aber so ohne Heller kann ich doch nicht
fort da verhungere ich ja Und dann dir will ichs vertrauen Bruderherz
mich fesselt die Liebe Die Schönau ist meine Braut Und das elende Leben hat ja
auch Lichtblicke« fuhr er fort und biss gierig in das Butterbrot »Ich bleibe
meinem elenden Todfeind zum Trotz O dieser Können Alles will mir der Verruchte
rauben die Braut die Rollen Um ein Haar hätte er es neulich durchgesetzt dass
er den Franz Moor spielt In der Regel spiele natürlich ich den Karl und Franz
und wie Amadeus Können als Franz Moor hahaha Aber er heißt gar nicht so
sondern Aaron Kohn und war Schreiber in einer Tarnower Advokatur«
»Und ich gar in einer Barnower Kollektur« erwiderte Sender »Deshalb könnt
er doch ein anständiger Mensch sein«
»Du« rief Hoheneichen »du hättest Mist schaufeln können dich hat der
Schenius auf die Stirne geküsst Aber dieser Können «
»Pst« warnte Ruben
Zur Tür herein schob sich ein kleiner hagerer Mensch in dürftiger Kleidung
so recht der Typus eines armseligen gedrückten Juden Den Kopf gesenkt schlich
er trübselig auf seinen kurzen Beinen dem Tisch in der Ecke zu einen
Kleistertopf in der Rechten eine Riesenrolle roten Papiers in der Linken
Missmutig hob Ruben auf seine leise Bitte das Tuch vom Tisch Der Mann
breitete die Rolle darauf aus und begann die Bogen aneinander zu kleben
»Die Zettel für morgen sind schon fertig« sagte der Kellner »Wozu kleben
Sie mir wieder den Tisch voll«
»Es sind die Zettel für den Montag die erste Vorstellung in Borszczow«
erwiderte der Mann demütig »Der Herr Dirketor hats mir befohlen sie fertig
mitzunehmen weil wir am Sonntag unterwegs sind und Montag muss ich die Bühne
aufschlagen helfen«
»Wird morgen noch hier gespielt« fragte Sender erstaunt sein Gegenüber
»Freilich« erwiderte Hoheneichen »Ausverkauftes Haus Kein Platz mehr zu
haben Benefiz meiner Braut Du nimmst ihr doch ein Billett ab«
»Aber auf den heutigen Zetteln steht ja dass es ganz gewiss das letzte Mal
ist«
Hoheneichen lachte auf
»Das musst du den Schwindler dort fragen« sagte er mit gedämpfter Stimme
»Der schmiert all die Lügen zusammen Aber verzeih Bruderherz die Kröte
vergiftet mir die Luft Auch muss ich meine Rolle nochmals lesen«
Er erhob sich »Auf Wiedersehen Bruderherz Hier nach der Vorstellung
nicht wahr«
Er ging Auch der Kellner verließ das Zimmer Sender war nun mit dem
Männchen allein das emsig in seiner Hantierung fortfuhr aber zuweilen
verstohlen zu ihm herüberblickte Auch Sender musste dasselbe tun es war doch
ein ganz merkwürdig hässliches Gesicht Unter der niedrigen zurückfliegenden
Stirne in die sich krauses pechschwarzes Haar drängte saßen zwei kleine
melancholische Äuglein zwischen ihnen sprang eine Riesennase kühn hervor als
wollte sie einen Fuß lang werden zog sich dann aber wie über ihr eigenes
tolles Vorhaben entsetzt in jäher Krümmung zu den dünnen Lippen nieder dafür
sprang aber das Kinn wieder kräftig hervor »Wenn Franz Moor ein Jud wär«
dachte Sender »diese Maske würd ich mir für ihn nehmen«
Das Männchen blickte immer häufiger herüber »Nun wird er mich ansprechen«
dachte Sender mit Unbehagen Hoheneichen hatte ihm gründlich missfallen mit dem
Verfasser dieser Zettel wollte er vollends nichts zu tun haben Aber als nun der
Kleine wirklich nachdem er sichtlich mit dem Entschluss gekämpft auf ihn
zugeschlichen kam konnte er doch nicht gut Reissaus nehmen Er begnügte sich
eine möglichst abwehrende Miene zu machen
Der andere merkte es und blieb auf halbem Wege stehen
»Entschuldigen Sie zur Güte« sagte er dann demütig und schob sich noch
langsamer vorwärts »ich wollt Sie nur was fragen Ich heiße Können bin hier
bei der Truppe Sie sind doch der Barnower von dem Nadler so viel hält Ich
hab in seinem Auftrag die Bücher gekauft die er Ihnen im vorigen Januar
geschickt hat«
»Ja ich bin derselbe«
»Und entschuldigen Sie hat Sie Nadler jetzt ausdrücklich zu sich berufen
oder tun Sie es auf eigene Faust«
»Das geht Sie zwar gar nichts an« erwiderte Sender »aber er hat mich
berufen«
»Dann ist es gut« sagte Können und nickte »Sehr gut Verzeihen Sie«
Und er ging an seine Arbeit zurück
Sender sah ihm verblüfft nach »Warum haben Sie gefragt« rief er nach einer
Weile hinüber
Der Kleine kam wieder heran »Warum Sie haben recht es geht mich nichts
an Aber wenn Sie zusehen wie ein Mensch der nicht schwimmen kann ins
reissende Wasser springen will so werden Sie ihn auch fragen Hast du ein Seil
woran du dich halten kannst Und wenn er nein sagt so werden Sie ihn warnen
Sie haben gottlob ein Seil da ist nichts mehr zu sagen Was Adolf Nadler ihm
rät soll ein Mensch tun«
»Hat er Ihnen geraten ihm durchzubrennen« fragte Sender
»Ich« rief der Kleine erschreckt »Die anderen sind ihm durchgebrannt mich
hat er selbst fortgeschickt Im April drei Jahre hat er mich damals schon mit
sich geschleppt nur so aus Mitleid und weil ich als Sekretär zu brauchen war
da also sagt er mir Kohn sagt er denn das ist mein wirklicher Name und er hat
mich immer so genannt Sie schreiben eine schöne Hand Sie sind ein geschickter
Mensch ein anständiger Mensch« der Kleine richtete den gebeugten Nacken empor
»ja so hat der Herr Nadler zu mir gesagt aber zum Schauspieler haben Sie
weder das Talent noch die Gestalt Gehen Sie wieder zu einem Advokaten oder
werden Sie Kaufmann Sie werden überall besser fortkommen als beim Theater Aber
noch aus einem anderen Grund hat der Herr Nadler so zu mir gesprochen «
Das Männchen errötete »Nun ich habs eingesehen bin beim Herrn Doktor Max
Salmenfeld als Sollizitator eingetreten und er und sein Sohn der junge Herr
Doktor Bernhard waren sehr gut mit mir zufrieden Auch ich hab nicht zu klagen
gehabt und doch war ich sehr unglücklich denn das Theater wen es einmal hat
« Er seufzte tief auf »Und da kommt also Anfang Mai der Stickler zu mir Komm
mit Können als erster Charakterspieler und Teatersekretär Den Franz Moor
wirst du machen sagte er und den Wurm und den Martinelli und den Shylock und
den Mephisto und noch ein Lockmittel hat er für mich gehabt« wieder errötete
er »und das war das stärkste und so bin ich mitgegangen Entschuldigen Sie
dass ich Sie damit belästigt habe aber weil Sie vom Durchbrennen gesprochen
haben ich wäre bei meinem Herrn Nadler gern geblieben bis zu meiner letzten
Stunde«
Und er machte wieder kehrt
Sender fühlte sich seltsam angemutet weniger durch die Worte als durch
ihren traurigen Ton Das war doch ein ganz anderer Mann als er gedacht
»Wenn Ihre Arbeit nicht drängt« sagte er »so nehmen Sie einen Augenblick
bei mir Platz«
»Leider drängt sie« war die Antwort »Ich muss die Blätter bis zur
Vorstellung geklebt haben damit sie trocknen können und ich sie heutnacht und
morgen früh bemalen kann Aber wenn Sie sich zu mir setzen wollen wird es mir
die größte Ehre sein«
Sender tat es obwohl ihn der Hinweis auf die Zettel wieder kühler stimmte
»Wie lang sind Sie beim Theater« fragte er
»Sechs Jahre« war die Antwort »Ich bin spät dazu gekommen mit
fünfundzwanzig«
Sender machte unwillkürlich eine Bewegung des Erstaunens
»Weil ich so viel älter ausseh« frage das Männchen mit traurigem Lächeln
»Hoch in den Vierzigen hätten Sie mich gewiss geschätzt Aber lieber Herr was
ist das für ein Leben«
»Wie sind Sie eigentlich dazu gekommen«
»Nur durch den eigenen Willen« war die Antwort »mein Herz hat danach
getrachtet von Kindheit auf Ich bin man sieht mirs freilich nicht an aus
einer feinen reichen Familie mein Vater Schlome Kohn war der größte
Weinhändler in Tarnow und dabei der frömmste Chassid Mein älterer Bruder sollte
das Geschäft erben und ich Rabbiner werden Seit meinem fünften Jahr hat man
Talmud und Tora in mich hineingestopft soviel Platz war Aber ich weiß nicht«
er deutete auf die Stirne »da war überhaupt nicht viel Platz oder wenigstens
nicht für solche Sachen es ist nicht recht gegangen Nur eines habe ich gern
getan und darum leicht Gedichte lernen natürlich hebräische Mit acht Jahren
habe ich den halben JehudahaLevy auswendig gekonnt Meine größte Freude waren
aber die Spiele zu Purim Fastnacht und Chanuka Makkabäerfest monatelang im
voraus habe ich von nichts anderem geträumt aber mitgetan habe ich nicht ich
war zu schüchtern Und wie ichs versuchen wollte haben mich die anderen Knaben
nicht zugelassen weil ich zu hässlich war und zu klein und wie ich mirs
endlich durchgesetzt habe bin ich stecken geblieben Mit dreizehn Jahren aber
lieber Herr ist mein Unglück fertig gewesen Da war ich bei Verwandten auf
Besuch in Krakau und sie haben mich einigemal ins Theater mitgenommen und
davon bin ich verrückt geworden Nichts anderes habe ich gedacht bei Tage und
nichts anderes geträumt bei Nacht auch wie ich wieder in Tarnow war Und eines
Tages wie ich wieder früh in meine Jeschiva Lehranstalt für Talmudunterricht
gehe kommts mir
Du musst nach Krakau ins Theater Und wie ich geh und steh dreizehn Jahre
alt und mit zwei Kreuzern in der Tasche bin ich fortgelaufen und hab mich bis
Krakau durchgebettelt und Nachmittags ins Theater hineingeschlichen wie es
gerade gelüftet worden ist und mich auf der Galerie versteckt Die Vorstellung
habe ich gesehen aber dann haben sie mich hinausgeworfen und in der Nacht bin
ich vor Hunger auf der Straße ohnmächtig geworden Da hat mich die Polizei
aufgefunden und nach Tarnow zurückgebracht Und da bin ich furchtbar geprügelt
worden aber dass es nichts genützt hat können Sie sich denken«
Sender nickte
»Ich hab dran festgehalten« fuhr das Männchen fort »Jahre und Jahre Nur
vernünfig hab ichs nun anfangen wollen Man muss Deutsch können das habe ich
weil mein Bruder als künftiger Geschäftsmann einen deutschen Lehrer gehabt hat
heimlich mitgelernt Und Geld muss man haben und da habe ich« er atmete schwer
»meinem Vater hundert Gulden gestohlen und bin nach Lemberg gefahren Siebzehn
Jahre war ich alt In Lemberg gehe ich zum Direktor und frage ihn ob er mich
als Schauspieler annehmen will Er lacht sich halb tot und wirft mich hinaus
Ich laufe zu den Schauspielern Die einen verhöhnen mich und die anderen suchen
mirs auszureden Und wie ich so verzweifelt herumgeh begegnet mir ein
glattrasierter Mensch Sie sind auch Schauspieler frage ich Direktor
Talheim antwortet er Er hat eben eine Schmiere zusammengestellt für meine
neunzig Gulden hat er mich bis Stryj mitgenommen und dort einen Bedienten
spielen lassen der zu sagen hat Die Frau Gräfin lässt bitten Wie ich auf die
Bühne komme lachen die Leute wie besessen geredet habe ich nichts Da jagt
mich der Lump gleich weg und gibt mir aus Erbarmen einen Gulden zurück In
dieser Nacht« seine Stimme zitterte »habe ich mich in den Stryj gestürzt
aber Flösser haben mich gerettet Ich bin ins Spital gekommen dann hat mich mein
Vater abholen lassen«
»Schrecklich« murmelte Sender
Der Kleine nickte
»Aber das Schrecklichste ist dass mich mein Wahnsinn trotzdem nicht
losgelassen hat Unser Hausarzt war ein verständiger Mann Der Bursch ist ein
Phantast sagte er ein Schauspieler kann nicht aus ihm werden aber vielleicht
ein Schriftsteller Auf seinen Rat hat mich mein Vater so schwer es ihm seiner
Frömmigkeit wegen gefallen ist ins Gymnasium gegeben Ich habe leicht gelernt
aber ungern wozu braucht ein Schauspieler Latein und Griechisch Da hat mich
mein Vater nach drei Jahren aus der Schule genommen zu einem Advokaten gegeben
damit ich mit der Zeit die Winkelschreiberei erlerne und gleichzeitig
zwangsweise verheiratet Es war eine schreckliche Ehe ich habe meine Frau vom
ersten Tag an gehasst als Hindernis meiner Pläne und sie mich allmählich noch
mehr zum Unglück kam auch noch ein Kind ein armseliger Wurm wie ich Da stirbt
nach vier Jahren mein Vater kurz darauf mein Knabe Ich lasse mich von meiner
Frau scheiden und gebe ihr dafür mein halbes Erbe Mit der anderen Hälfte gehe
ich nach Wien und nehme dramatischen Unterricht Alle raten ab ich bleibe
dabei nur dass ich jetzt durch die Praxis lernen will Ich stelle eine Schmiere
zusammen und ziehe mit ihr durch Mähren und Schlesien nach Galizien und bringe
in zwei Jahren meine achttausend Gulden an Warum Weil ich überall die
Hauptrolle spielen will und da laufen die Leute davon Wie ich am Bettelstab
bin nimmt sich Nadler meiner an und das andere wissen Sie«
Er seufzte tief und strich gesenkten Hauptes mit dem Kleisterpinsel übers
Papier
»Aber wenn Sie dies alles so klar erkennen « begann Sender
»Warum ich nicht gehe Weil ich wahnsinnig bin« rief der Kleine
verzweiflungsvoll »Weil der Teufel in mir steckt Jetzt habe ich nur die eine
fixe Idee ich muss wieder den Franz Moor «
Die Uhr schlug acht
»Um Gotteswillen« rief er bestürzt und breitete die Blätter hastig zum
Trocknen aus »Und ich komme schon im ersten Akt Und ich hab mir für heut
eine Maske ausgedacht eine feine Maske aber sie braucht Zeit «
Und er stürzte ab
Einunddreissigstes Kapitel
Auch Sender beeilte sich seinen Sperrsitz einzunehmen Es befremdete ihn dass
er auf der Treppe nur einige Knaben traf die da umher lungerten auch im
Korridor war kein Erwachsener zu sehen die Kassierin abgerechnet Es war ein
dickes altes grellgeschminktes Weib in seltsamem Kostüm einer grauen Jacke
einem roten Unterrock und einem gelben Kopftuch
»Wahrscheinlich sind die anderen schon drinnen« dachte Sender und trat in
den Saal Aber da traf er nur Ruben der eben die Talglichter an den Wänden
anzündete
»Sie sind zu früh gekommen« sagte er »vor neun fängts kaum an Die Juden
sind nicht früher mit dem Essen fertig und auch von den Herrschaften sind viele
am Dniester unten Das Wasser steigt sehr sagt man«
»Aber die Brücke ist doch nicht in Gefahr«
»Nein gewiss nicht« beteuerte Ruben Trotzdem überlegte Sender ob er sich
nicht selbst überzeugen sollte Aber seine Lungen machten ihm heute besonders
viel zu schaffen und das Atmen in der schwülen schweren Luft war ihm vorhin
sehr hart geworden so blieb er denn und vertrieb sich die Zeit mit der
Betrachtung des Theaters
Aber daran war nicht viel zu sehen Es war ein Saal wie ihn jeder erste
Gasthof einer galizischen Kleinstadt aufzuweisen hat mittelgross mit niedriger
Decke die Wände grell bemalt hier mit Palmen und Zitronenbäumen unter denen
nackte seltsam gestaltete Wesen vielleicht Menschen vielleicht Affen
wandelten und nach den kürbisgrossen Früchten langten Doch sah man vor lauter
Schmutz wenig von all der Herrlichkeit In halber Höhe war eine Holzgalerie
angebracht zu der wacklige Treppen emporführten Der Raum diente für alle
Lustbarkeiten der Stadt in den hohen jüdischen Festtagen wo die Synagoge die
Scharen nicht zu fassen vermochte auch als Betraum Dann wurde die Galerie den
Frauen eingeräumt heute diente sie als billigster Platz als »Eintritt« Wie
überall in der weiten Welt füllte er sich auch in Zaleszczki zuerst mit Bauern
Kleinbürgern und ihren Weibern und Soldaten
»Fast alles Freibillets« flüsterte der Kellner Sender zu »Wir brauchen
heut viel Statisten«
Das war auch deutlich zu hören Hinter dem wahrscheinlich einst
himmelblauen nun schmutzig grauen Vorhang auf dem ein wenig bekleideter Lümmel
mit der Lyra im Arm von einigen sehr leicht geschürzten Vetteln umgeben
einhertanzte klangen vielerlei Stimmen halblaut durcheinander »Ihr jüdischen
Schurken« brüllte plötzlich jemand rutenisch los »wo bleibt der Schnaps Wir
wollen ihn vorher haben«
»Vorher« fielen einige ein
»Können« rief eine fettige Stimme »führen Sie den Kerl unter die Pumpe im
Hof er ist ja schon besoffen«
»Ich kann nicht Herr Direktor meine Maske ist noch nicht fertig«
»Hol der Teufel Ihre Maske Ausgepfiffen werden Sie ja doch«
Darauf hörte Sender die Stimme des Kleinen in rutenischer Sprache flehen
und beschwören
Allmählich begannen sich auch die Sitzreihen unten zu füllen mit
Unteroffizieren christlichen Bürgern in langen Kaputröcken und ihren Frauen in
grossgeblümten Umschlagtüchern Juden mit ihren Frauen in Seidenkleidern auf dem
Haupt die perlenbesetzte Stirnbinde Das war das Publikum des zweiten Ranges Um
Sender war es noch leer Er begann auf und nieder zu gehen sein Herz pochte
erwartungvoll es war eine elende Schmiere aber doch erst die zweite
Teatervorstellung in seinem Leben Der Vorhang bewegte sich an das Guckloch
das gerade in den Nabel des Apollo geschnitten war legte sich zuweilen ein
Auge »Pst pst« hörte Sender als er gerade vorbeikam und sah sich um
»Grüß Gott Kollege« klang eine helle Mädchenstimme »Ich wollte Ihnen nur
sagen dass Sie ein hübscher Junge sind Ich bin die Schönau«
Errötend schlug er den Blick zu Boden und ging weiter »Freches Volk«
murmelte er
Es ging auf neun als sich endlich auch die Reihen des ersten Ranges
füllten mit Offizieren Beamten und polnischen Herren die Damen nach der
Pariser Mode vor fünf Jahren gekleidet Da jedoch die Stühle der Musikanten an
den Pulten vor dem Vorhang noch leer waren blieb Sender neben dem Vorhang
stehen und musterte die Versammlung bis er gewahrte dass auch er nicht minder
eifrig gemustert wurde Er errötete er schob es auf die neue Tracht die ihm
wohl seltsam stehen mochte dann fiel ihm zu seinem Schrecken ein dass ihn
vielleicht unter den Juden jemand kenne Mit flammenden Wangen setzte er sich
auf seinen Platz in der ersten Reihe
Rings um ihn wurde nur vom Eisstoss gesprochen
»Morgen gehts los« hieß es von allen Seiten »Diesmal wirds sehr bös«
erwiderte der Herr rechts neben Sender auf dessen Frage
Sender seufzte tief auf aber da klang ein Glöckchen und der Vorhang rollte
empor wenn auch schwer »Er zögert mitleidvoll« sagte der Herr halblaut zu
seiner Frau
Der Kirchplatz des steirischen Dorfes wies ein mächtiges von Bäumen
umgebenes gotisches Schloss auf »Der Park von Foteringhay« flüsterte Senders
Nachbar Hanna und der Pfarrer traten auf Die Linden war eine ältliche hagere
hässliche Blondine die schrecklich kreischte aber von Birk sagte sich Sender
nach den ersten Sätzen respektvoll »Der kann was Oder hat doch was gekonnt«
fügte er bei als er sah wie Kniee Hände und Kinnlade des hochgewachsenen
Mannes zitterten und er angstvoll nach dem Souffleur schielte Aber da kamen
Stickler und Können als Lorenz und Schulmeister und die Zuschauer lachten los
Es galt der Maske Könnens in dem Bestreben die Nase zu mildern hatte er
sich dicke Wangen aus Pappendeckel und einen Riesenschnurrbart mit
emporgerichteten Spitzen angeklebt es war ein fürchterlicher Anblick Der
Kleine zuckte zusammen als er sich so begrüßt sah »WelWeltenlauf« stotterte
er das erste Wort seiner Rolle Da lachten sie wieder »Backen weg« rief ein
Offizier »Nase heraus« Das Johlen ward zum Brüllen Erst bei Hannas
Deklamation von der Judenfamilie die sie im Wald gelabt beruhigte sich das
Publikum wieder aber als nun Können sagte »Die Jüdin Ist die Jungfer
verrückt« rief jemand »Pfui Kohn gönns deinen Leuten« und der Spektakel
ging wieder an
Die Bühne füllte sich der Krämer der Schneider der Bäcker traten auf
Offenbar Soldaten in den seltsamsten Kostümen Nun war Sender das lange
Personenverzeichnis verständlich wenn er auch nicht begriff warum die
Statisten auf der linken Seite jüdische auf der rechten christliche Namen
trugen Die Reden die ihnen der Dichter zugeteilt sprach sämtlich die
Kassierin als »alte Liese«
Da erhob sich neues Lachen aber auch Beifallsklatschen zwei offenbar
angetrunkene rutenische Bauern die man ruhig in ihrer Tracht gelassen zerrten
Deborah auf die Bühne
Sender zuckte zusammen »Um Gotteswillen das ist ja Malke«
Das waren ihre blauen Augen ihr gewelltes braunes Haar Aber die Gestalt
die das Hemde und der Unterrock kaum verhüllten war viel üppiger und als die
Schönau zu sprechen begann atmete er auf Das war nicht Malkes Stimme nicht
ihr Ausdruck »Hübsch sieht das Mädel heutwieder aus« murmelte der Offizier
hinter Sender er musste ihm in Gedanken zustimmen und ließ kein Auge von ihr
Der Schrecken war verschwunden aber sein Herz pochte in schweren Schlägen und
die Wangen flammten es ärgerte ihn dass dies schamlos entblößte Geschöpf das
so überaus deutliche Blicke ins Parterre warf Malke ähnlich sah aber schön war
das Mädchen wirklich und gerade diese Ähnlichkeit hatte einen unheimlichen
Reiz Als ihr Blick ihn traf und dann immer häufiger auf ihm haftete schlug er
den seinen zu Boden und nestelte an der ihm ohnehin ungewohnten Krawatte das
Atmen wurde ihm schwer Erst als der Vorhang zur Verwandlung gefallen war wich
diese quälende Empfindung
»Schade um sie« sagte der Herr nebenan zu seiner Frau »Sie soll ein ganz
verworfenes Geschöpf sein aber ein Talent ist die doch« Darauf hatte Sender
noch nicht geachtet Als sich der Vorhang zur Waldszene zwischen Deborah und
Joseph hob gab er sich Mühe auch ihrem Spiel zu folgen Das gelang ihm
freilich nur wenn sie ihren Partner Hoheneichen anblickte nicht das
Parterre aber sein Instinkt ließ ihn sofort den ungeheuren Abstand zwischen den
beiden erkennen Sie sprach fast natürlich ihr Wehruf wie ihr Jubel gingen ihm
ans Herz »Die hätte sogar mein Pater gelten lassen« dachte er »der immer so
fürs Einfache war« Nun fiels ihm auch bei das war ja die Portia seines
ersten Teaterabends Hoheneichen hingegen heulte entsetzlich er hatte sich in
den beiden letzten Jahren offenbar sehr verschlimmert
»Gott segne dich Geliebter Gute Nacht« Deborah streckte sehnend die Hände
aus der Vorhang fiel die Leute riefen »Schönau Bravo« Und sie erschien
dreimal und verbeugte sich die runden Arme über dem üppigen Busen gekreuzt auf
den Lippen das Lächeln einer Hetäre »Schade um sie« dachte nun auch Sender
»Bisher ist aber das Judenvolk gut weggekommen« sagte Senders Nachbar zur
Linken halblaut zu seinem Begleiter
»Natürlich haben sie auf dem Zettel wieder geschwindelt« erwiderte dieser
verächtlich
Sender schnitt ein grimmiges Gesicht »Das will ich dem Kleinen sagen«
dachte er Im übrigen sprach man aber nirgendwo vom Stück sondern nur von der
Schönau und spottete daneben über Können Das Publikum war nur auf seine eigene
Unterhaltung angewiesen die Stühle der Musiker blieben leer Sender erkundigte
sich bei seinem Nachbar zur Rechten nach der Ursache
Der Herr blickte ihn lächelnd an
»Mir scheint« sagte er »das könnten Sie ebenso gut wissen wie ich Es ist
ja Sabbat Vorabend da dürfen die Musikanten nicht spielen«
Sender errötete Er hätte in dem feinen Herrn den Glaubensgenossen nicht
herausgefunden
»Gewiss ich bin auch ein Jude« erwiderte er eifrig worauf der »Herr
Doktor« so nannten ihn andere abermals lächelte die ausdrückliche
Beteuerung mochte ihm wohl überflüssig erscheinen
Die Eingangsszene des zweiten Akts brachte Sender eine weitere Erklärung für
die Länge des Zettels Der Dorfbader der den vom Schlag gerührten und darum
zunächst unsichtbaren Lorenz behandelte obwohl er für die Christen »Herr
Mohrenheim« für die Juden »Herr Kohn« hieß war derselbe Stickler der im
ersten Akt den Lorenz gespielt Für die Heiterkeit sorgte auch diesmal der
unglückliche Können schon durch seinen Anblick noch mehr durch die Hetzrede
gegen die Juden Nach einer Weile kam Stickler wieder als Lorenz dann nach der
Verwandlung die Kassierin als Judenweib und Birk als Abraham er hatte sich nur
einen weißen Bart umgebunden der Talar war derselbe den er als Pfarrer trug
Die Leute schwatzten erst als Deborah wieder erschien und ihren Monolog
über die Liebe sprach wurde es still »Stark wie der Tod ist Liebe« Sender
errötete bis ins Stirnhaar wieder blickte sie ihn voll an
Auch diesmal folgte großer Beifall aber den Vogel schoss doch der dumme
Hritzko ab der nun an Könnens Seite als Gerichtsdiener erschien Er trug seine
gewöhnliche Uniform sogar der zerfetzte Strohhut mit dem Blechschild
»Städtische Polizei« fehlte nicht Alle klatschten wie besessen und als sich
Hritzko nun aber vernehmen ließ er erwiderte auf Könnens Satz »Gehen die
Juden nicht gutwillig so jagen wir sie fort« in rutenischer Sprache
»Ja die Juden müssen fort« wollte der Jubel kein Ende nehmen Aber die
nächste Szene wo BirkAbraham Können als Juden entlarvte entfesselte fast
gleiche Heiterkeit »Kohn« jubelte es von allen Seiten »da hast dus nun« Der
Verhöhnte tat Sender leid aber dass er fast ebenso entsetzlich spielte wie er
aussah musste auch er sich sagen Hingegen gefiel ihm Birk in dieser Szene der
ergreifendsten des sonst so hohlen Tendenzstücks sehr »Auch um den ists
schade« dachte er
Dann wieder eine Verwandlung das heißt der Vorhang fiel das englische
Königsschloss hing noch immer da die Verweisung Deborahs durch Lorenz ihre
Szene mit Joseph Abermals klatschte das Publikum sie erschien diesmal
Hoheneichen an der Hand ihr Blick flammte Sender an dass er seinen
niederschlug
So blieb er auch sitzen nachdem der Vorhang gefallen war »Die Schamlose«
dachte er »die Leute merken es gewiss Was will sie von mir« Aber innerlich
schmeichelte es ihm doch
Da hörte er hinter sich einen Offizier seinem Kameraden zuflüstern »Du
Röder hast dich mit der Schönau eingelassen Sie schaut dich immer so an«
Der andere lachte verlegen »Was soll man in dem öden Nest anfangen«
Sender wurde abwechselnd bleich und rot Er wusste sich vor Scham nicht zu
fassen Und er hatte geglaubt es gelte ihm
Der erste Teil des dritten Akts die Hochzeit Josephs mit Hanna währte nur
kurz da die meisten Rollen durch Statisten dargestellte waren hingegen wurde
der Schluss die Fluchtszene vollinhaltlich gegeben So entrüstet Sender über
die Schönau war er musste sich sagen dass sie ihre Sache gut mache und als nach
den kuriosen Schlussworten die der Dichter seiner Heldin in den Mund legt »Leb
elend Denke mein Auf Wiedersehen« der Beifall losbrach stimmte er mit ein
Aber in diesen Beifall mischten sich nun auch Zischen und Widerspruch die
freilich nicht der Schauspielerin galten »Das ist ja für die Juden« riefen
einige »Juden hinaus« worauf die Juden noch stärker applaudierten Die
Offiziere hörten erheitert zu ohne sich in den Streit zu mischen und als einer
von ihnen rief
»Hoch Mosental der jüdische Schiller« stimmten alle lachend ein
Nur Senders Nachbar zur Linken schien sich nicht zu beruhigen »Juden
hinaus« rief er immer wieder Sender wandte sich heftig zu ihm da legte ihm
der Herr zur Rechten die Hand auf den Arm
»Ruhe« sagte er lächelnd »Er geht ja gegen mich Der Mann ist mein Kollege
Advokat Doktor Tittinger« stellte er sich dann vor
»Kurländer vom Czernowitzer Stadtteater« erwiderte Sender und fügte dann
alter Gewohnheit gemäß bei »Ein Barnower bin ich«
Der Advokat war etwas erstaunt »So aus Barnow« sagte er dann höflich »Da
kommt ja jetzt endlich auch ein Advokat hin der Doktor Bernhard Salmenfeld aus
Czernowitz Die Ernennung steht heute im Amtsblatt Kennen Sie ihn« fragte
er als er sah wie durch Senders Antlitz ein Zucken ging
»Nein« erwiderte dieser hastig Die Nachricht kam ihm sehr überraschend er
hatte die Bemerkung in Bernhards Brief dass dieser auch mit der Ernennung für
Barnow zufrieden sein würde für einen Scherz genommen »Also wird Malke doch
ihr Leben in Barnow verbringen« dachte er »Alles Gute mit ihr aber es ist
doch auch deswegen gut dass ich fort bin« Ihr Bild trat wieder klar vor ihn
hin es wurde ihm wehmütig ums Herz »Die Schönau sieht ihr etwas ähnlich«
dachte er »ja aber wie eine Dirne einer Königin«
Die erste Szene des vierten Akts Ruben führte eine Schar Juden nach
Amerika brachte eine andere Dekoration einen griechischen Tempel und da der
»Herr Silberstein« des Zettels ein Pseudonym für Können war stürmische
Heiterkeit Die Backen waren nun weg hingegen hatte er das halbe Gesicht mit
einem schwarzen Bart zu verdecken versucht aber die Nase leuchtete nun wieder
glorreich hervor und wurde stürmisch begrüßt Dieser Szene folgte übrigens
gleichfalls ein Streit der das Stück betraf nur spielte er sich diesmal unter
den Juden ab Namentlich auf der Galerie sah man sie heftig gegeneinander
gestikulieren
Sender begriff nicht was sie wollten
»Auch diesen Streit hat der Zettelschreiber auf dem Gewissen« belehrte ihn
der Advokat »Auf der jüdischen Seite lässt er Ruben die Juden nach Palästina
führen darum sind heute auch viele Chassidim gekommen Im Stück aber lässt ihn
der Dichter sagen Jerusalem ist unsre Heimat nicht und für Amerika schwärmen
und nun schimpfen sie über Mosental und den armen Kerl den Können während die
Aufgeklärten beide verteidigen Aber ihr Eintrittsgeld bekommen sie doch nicht
wieder« schloss er lachend »Sie sehen der Zettelmann versteht sein Geschäft«
»Mag sein« erwiderte Sender »aber bei uns am Czernowitzer Stadtteater
kommt das gottlob doch nicht vor«
Die Schlussszene befriedigte wieder alle Parteien Christen und Juden Die
beiden Kinder des Fräulein Linden weckten allgemeine Rührung die Christen waren
befriedigt dass sich der Titel »Der Juden Fluch ist der Christen Segen« insoweit
bewahrheitet als Joseph und Hanna miteinander glücklich waren und blieben die
Juden aber dass »die Feinde schließlich die Israeliten segnen müssen« sogar
mit Rosenkränzen in den Händen Der Beifall klang stürmisch alle Mitspielenden
sogar Können erschienen und verbeugten sich ein zweites Mal trat Fräulein
Schönau allein hervor und hielt eine Ansprache
»Hochverehrte Gönner« begann sie »Im Namen der Direktion danke ich Ihnen
für die überreiche Huld und Gnade die Sie uns bisher erwiesen haben und
erlaube mir zugleich Sie zu meiner Benefizvorstellung für morgen ergebenst und
dringendst einzuladen Es wird gewiss niemand das Theater unbefriedigt verlassen
denn wir werden geben auf allgemeines Verlangen Schneider Fips dann zum
ersten Male Maria Stuart von dem bekannten Dichter Friedrich Schiller darauf
das herrliche hier noch nie gegebene Lustspiel Das Landhaus an der Heerstraße
von dem unsterblichen Kotzebue der auch den Schneider Fips geschrieben hat
Ferner werde ich das Gedicht Der Handschuh von Schiller deklamieren die
Soloszene Lieschen im Hemde von einem unbekannten aber noch berühmteren
Dichter vorführen und zum Schluss meine liabn Herrn da sing i a paar fesche
Weana Liadar teils im Kostüm teils ohne Sie verstengen schon«
Sie blinzelte cynisch und schloss »Und so darf ich wohl auf geneigten
Zuspruch rechnen da ich keine Mühe gescheut habe und scheuen werde meine
teuren Gönner die verehrten Damen und Herren zufrieden zu stellen«
Lachen und Händeklatschen und alles drängte dem Ausgang zu
Zweiunddreissigstes Kapitel
Sender trat in die Wirtsstube Fast an allen Tischen saßen schon Gäste ihre
Zahl wuchs immer mehr Verlegen sah er sich um einen Platz um nur der Tisch
auf dem Können die Blätter ausgebreitet war noch leer Sender ging auf ihn zu
»Ganz richtig« rief Ruben der eben mit einem Tablett voll Speisen vorbeischoss
»dort ist der Künstlertisch«
Da zögerte Sender wieder und sah sich um Aber hier saß offenbar jeder Stand
gesondert an dem einen Tische die christlichen Honoratioren an dem anderen
Tittinger und seine Freunde in deutscher Tracht an einem dritten die Beamten
einem vierten die jüdischen einem fünften die christlichen Kleinbürger sogar
die Offiziere hielten sich je nach der Waffe getrennt an einem Tisch die
Infanteristen und Pioniere am anderen die Ulanen
»In Gottes Namen« dachte Sender und setzte sich an den Künstlertisch »Also
neben die Kollegen Aber zahlen tu ich keinem mehr was«
Ruben kam herbeigestürzt räumte die Blätter fort und deckte den Tisch
»Die Schauspieler kommen gleich« sagte er »Mit ihrem Nachtessen werden Sie
nicht zufrieden sein auch wenn man Sie einladet Ich bring Ihnen was Gutes«
Und ohne Senders Auftrag abzuwarten stürzte er wieder ab
Bald kamen auch Stickler und Birk »Freue mich ungeheuer« rief ihm Stickler
entgegen und grinste über das ganze breite flache aufgedunsene Trinkergesicht
»Habe schon gehört Keine Umstände lieber Kurländer« wehrte er ab als dieser
sich erheben wollte und fasste seine Rechte mit beiden Händen »Tausendmal
willkommen Hier Ferdinand Birk der berühmte Held und Vater früher am Wiener
Burgteater jetzt mein Stolz der Pfeiler meiner Bühne«
Wenn dem so war dann stand diese Bühne noch unsicherer als Sender geglaubt
Mühsam stolpernd ließ sich der Mann auf einen Stuhl fallen und fuhr mit
zitternden Händen über die Stirne Sender hielt ihn anfangs für betrunken aber
dazu stimmten die erloschenen Augen der todmüde Ausdruck der Züge nicht Es war
einst sicherlich ein schönes stolzes kühn geschnittenes Antlitz gewesen man
konnte es deutlich erkennen trotz aller Verwüstungen und so unheimlich das
immer wackelnde Kinn anzusehen war Der Mann musste sehr krank sein Von Sender
nahm er keinerlei Notiz
»Ein Schnäpschen Birk« fragte der Direktor
»Nein« erwiderte dieser matt »Du weißt ich vertrage es nicht Aber Hunger
hab ich« Ruben stellte eben einen Braten und ein Fläschchen Wein vor Sender
hin Die Augen Birks hefteten sich gierig auf die Speise
»Ists gefällig« fragte Sender und reichte ihm die Hälfte hinüber »Auch
etwas Wein«
»Danke« murmelte Birk und machte sich über den Teller her »Nein Wein
nicht«
»Aber das sollt ich eigentlich nicht dulden« rief Stickler »Sie sind
natürlich mein Gast lieber Kollege Nun später trinken Sie einen Schluck mit
mir Ruben meine Mischung wie gewöhnlich Und einen Kalbsbraten«
Fräulein Linden mit ihren beiden Kindern trat ein dann die Kassierin und
Hoheneichen Endlich kam auch Können geschlichen nicht durch die Haupttür
sondern aus der Küche er scheute sich offenbar durch den gefüllten Saal zu
gehen Stumm saß die armselige Gesellschaft um den Tisch selbst Hoheneichen
rief Sender nur ein kurzes »Servus Bruderherz« zu und schielte dann trübselig
nach dem Braten des Direktors Umso unablässiger schwätzte Stickler obwohl er
gleichzeitig aus Leibeskräften kaute
»Hier Hermine Linden lieber Kurländer Die Zeit der Lindenblüte ist
vorüber hehe Aber haben Sie schon je eine solche Sentimentale bewundert
Erinnrung schönrer Tage blieb zurück wie Sie sehen sogar doppelt hehe
Pepi Meyer genannt die Perle von Temesvar kann bei ihrem Benefiz auch jetzt
noch volle Häuser machen wenn sie die Billette verschenkt übrigens als
Kassierin groß als komische Alte unerreichbar Mein Hoheneichen keine
Vorstellung mehr notwendig hat Sie schon angepumpt Über Können brauch ich
Ihnen auch nichts zu sagen Sinniges Pseudonym kommt von Nichtkönnen hehe
Aber Kinder« unterbrach er sich als niemand lachte und nur jene auf die er
gerade stichelte die Mienen verzogen wie Gefolterte wenn sie gekitzelt werden
»was sitzt ihr so still da nach solchen Triumphen Ha ich verstehe die Atzung
Ruben mein Rabe wo bleibt die Atzung Ich hab euch einen köstlichen
Schmaus besorgt Ein Gläschen von meiner Mischung Kurländer«
Sender lehnte hastig ab die Mischung bestand aus einem Viertel Met drei
Viertel Schnaps der köstliche Schmaus aus einer Riesenschüssel Kartoffeln
einem Tellerchen Schmalz und einem Krug Wasser Heisshungrig machte sich die
Tafelrunde darüber her nur Birk konnte mit seinen zitternden Händen nicht so
rasch zugreifen Stickler häufte ihm den Teller voll und gab ihm auch alles
Schmalz das noch übrig war
»Da mein Ferdinand« sagte er wohlwollend »Gelt es schmeckt besser als
die Trüffelpasteten die du einst hattest Die Schönau hat wohl wieder für
sich selbst gesorgt« fragte er den Kellner
»Sie soupiert im Extrazimmer« erwiderte Ruben »Der Herr von Czapka und
drei polnische Herren haben sie eingeladen Sie trinken Champagner «
»Braves Kind« murmelte Stickler gerührt »Sorgt immer für sich selbst Und
was sagen Sie zu dem Talent« wandte er sich an Sender »Grossartig Aber weil
wir gerade von Talenten sprechen was spielen Sie für ein Fach«
Sender zählte die Rollen auf die er mit dem Pater durchgenommen Als er den
Shylock nannte fuhr Stickler wie elektrisiert empor
»Das wär was gewesen« rief er »Jammerschade dass Sie nicht früher
gekommen sind Ich hätte Sie zu einem Gastspiel gepresst und wenns drei Gulden
gekostet hätte Denn sehen Sie das ist ein Stück für Galizien Das
interessiert Jud und Christ und beide können sich nach Herzenslust freuen und
ärgern Der Shylock macht überall ausverkaufte Häuser hat der Ort über
dreitausend Einwohner so kann man ihn ruhig zweimal geben Und das Stück fehlt
mir Ich habe keinen Shylock Der Hoheneichen könnt ihn ja zur Not spielen
aber dann fehlt mir der Antonio Ich habs mir neulich extra daraufhin
angesehen aber der Antonio lässt sich wirklich nicht streichen Jammerschade«
»Ich hab ihn ja auch noch nie gespielt« sagte Sender »Wer weiß ob ich «
»Aber ja Ganz bestimmt Der Nadler ist ein na ich sage nichts Sie
schwärmen für ihn höre ich aber wen er fördert und als Anfänger blindweg
engagiert der hat Talent Eine feine Nase hat der Herr das muss man ihm
lassen Und dann ich bitte Sie in Zaleszczyki Das heißt« fügte er rasch
hinzu »Sie könnten ihn gewiss auch in Tarnopol spielen in Wien in Pardubitz
überall Aber nun ists zu spät Vier Wochen sind wir hier haben sechzehnmal
gespielt das letzte Mal Lumpazi Vagabundus und ein Stück aus den Räubern und
zwei Gulden Einnahme Heut wars passabel aber es ist auch der beste
Teatertag der Freitag und Deborah und dieser Zettel Und nach dem Benefiz der
Schönau zieht überhaupt gar nichts mehr rein gar nichts« Er seufzte auf »Also
hier gehts nicht Aber kommen Sie doch nach Borszczow mit Ich habe dort für
Montag den Schneider Fips und Kabale und Liebe angesetzt aber der Shylock würde
weit mehr ziehen Also besinnen Sie sich kurz schlagen Sie ein«
Er bot Sender die Hand hin Aber dieser schüttelte den Kopf »Montag muss ich
in Czernowitz sein« sagte er fest
»So sind Sie eben am Mittwoch dort Helft mir doch Kinder Nicht
wahr Birk er muss mit«
Aber Birk regte sich nicht Er starrte nachdem er sein Essen verschlungen
wieder teilnahmlos vor sich hin
»Birk hörst du nicht An was denkst du eigentlich An deine Gräfinnen
und Zofen von anno dazumal die Saroltahe was«
In den erloschenen Zügen glomm ein Lächeln auf ein hässliches gemeines
Lächeln und die zitternden Hände griffen wie tastend in die Luft »Die Sarolta
« kicherte er Sender sah ihn entsetzt an der Mann der bisher sein Mitleid
erweckt sah in diesem Augenblick überaus widrig aus Dann wurde das Gesicht
wieder stumpf wie zuvor
Stickler zuckte die Achseln »Nun und ihr Kinder« wandte er sich an die
anderen
»Natürlich muss er mit« riefen die Kassierin und die Linden wie aus einem
Munde
Auch Hoheneichen der bisher verdrossen dagesessen stimmte ein »Ja
Bruderherz du musst Lassen Sie ihn nicht locker Direktor ich sage Ihnen den
hat der Schenius auf die Stirne geküsst Du wirst einen Shylock hinlegen dass
ganz Borszczow wackelt Ich würde dich schon herumkriegen wenn mir die Kehle
nicht so trocken wäre «
Der Direktor verstand den Wink »Ruben ein Glas Bier für Hoheneichen«
Alle machten große Augen eine solche Freigebigkeit war wohl unerhört An
diesem Engagement musste ihm sehr viel liegen
»Bravo« rief er »Natürlich wird Borszczow wackeln Was sagen Sie Können«
Der Kleine fuhr zusammen blickte Stickler ängstlich an schwieg aber Einen
Augenblick wars still am Tische und in diese Stille hinein tönte Birks Stimme
»Nein« sagte er dumpf »Er soll nicht Soll nicht mit ins Elend hinein
Ist noch so jung«
»Birk« rief Stickler ärgerlich »Du wirst bald ganz blödsinnig«
»Ja« murmelte der Unglückliche und fuhr sich über die Stirne
»Ich fühls Aber darin hab ich recht«
Er erhob sich und schlich auf zitternden Knien hinaus
Darauf war es wieder still Endlich hatte sich Stickler gefasst »So was«
rief er und versuchte zu lachen »Weil er sich in Wien und München mit seinen
Weibern um Kraft und Verstand gelumpt hat darum soll unser junger Freund nicht
auf zwei Tage nach Borszczow Tildchen« unterbrach er sich »Da kommt sie
ja Tildchen Stab meines Alters du kommst zu rechter Zeit«
Es galt der Schönau In weit ausgeschnittenem hellgrünem schmutzigem
Seidenkleid künstliche Rosen im Haar kam sie eben zwischen den Tischen auf die
Schauspieler zu von allen Seiten neugierig oder begehrlich angestarrt und die
Blicke ebenso erwidernd Die Wangen waren geschminkt aber sie flammten offenbar
auch in natürlicher Röte und die Augen blitzten
»Guten Abend Kinder Grüß Gott schöner Fremdling Dass du mir gefällst
hab ich dir schon gesagt« Sie strich Sender ums Kinn »O die liebe Unschuld
wie rot er wird Auch im Theater so oft ich ihn angesehen habe Das reine Kind
O du Fratzerl du«
»Tildchen Das Fratzerl muss nach Borszczow mit Sei du seine Amme«
»Wird gemacht Aber zuerst das Geschäft dann das Vergnügen« Sie blickte
sich im Saal um »Gottlob die Leuteln san no da Das macht der Eisstoss Drinnen
haben mich die verrückten Polen nicht weglassen wollen aber Kinder sag
ich morgen ist mein Benefiz ich muss den Leuten noch Karten anhängen Von euren
zwanzig Gulden sag ich werd ich nicht fett Die haben s mir für vier
Sperrsitz zahlt« Sie holte die Scheine aus der Tasche und warf sie auf einen
Teller »Als gutes Beispiel Pepi die Karten«
Und sie ging an den Offizierstisch
»Ein Teufelsmädel« lachte Stickler Auch Hoheneichen der glückliche
»Bräutigam« schien sehr vergnügt nur Können saß finster da seine Wangen
flammten fast ebenso wie die Senders
Den litt es nicht mehr auf seinem Stuhl ihm wars als müsste er in dieser
Luft ersticken »Gute Nacht« murmelte er
»Aber was fällt Ihnen bei« rief Stickler »Jetzt wirds ja erst lustig«
Und als der junge Mann sich nicht halten ließ »Wir sprechen morgen weiter«
»Morgen« sagte Sender um nur loszukommen und ging in seine Kammer »Wir
gehen nicht nach Borszczow« sagte er indem er sich zu entkleiden begann
»Nicht wahr Moskal Das fällt uns gar nicht ein« Und der Hund bellte und
wedelte als wäre er derselben Meinung
Als Sender am nächsten Morgen erwachte wies seine Uhr auf neun Fast
beschämt erhob er sich so lang war er noch nie in den Federn gelegen Auch die
Lungen schmerzten ihn »Heut geh ich mit den Hühnern zu Bett« dachte er
»Denn morgen muss ich ja in aller Frühe fort Das Benefiz kann ohne mich
stattfinden Fratzerl Du freches Ding«
Als er die Treppe hinabging hörte er plötzlich die nahe Kirchenglocke
anschlagen Ihr Ton klang heute anders als gestern kurz gellend Die Schläge
folgten sich rasch unregelmäßig immer schriller Eine andere ferne Glocke fiel
ebenso ein »Feuer« rief Sender und stürmte in den Torweg
Dort kam ihm die dicke Wirtin entgegen »Erschrecken der Herr nicht es ist
nur eine Überschwemmung Was geht den Herrn die Überschwemmung an«
Ohne zu erwidern eilte er an ihr vorbei die Straße hinab dem Fluße zu
Noch immer gellte die Sturmglocke Aus allen Häusern stürzten die Leute hervor
jammerten und schrien Es regnete in Strömen ein warmer Regen In der Straße
die abwärts führte war schwer vorwärts zu kommen sie glich dem Rinnsal eines
Wildbachs
Es währte lange bis er die Bastion erreicht noch länger bis er sich durch
die triefende stossende jammernde Menge so weit durchgedrängt um das Flusstal
übersehen zu können Es war ein trostloser Anblick So weit das Auge das dichte
Regennetz durchdringen konnte nichts als Grau hässliches schmutziges Grau
oben die Wolken unten der Fluss Die Riesenschlange war seit gestern ins
Ungeheure angeschwollen ins Endlose schien sich ihr Leib zu dehnen denn nun
hatte der Fluss die Äcker überflutet und von jenen die höher lagen war der
Schnee geschmolzen Wasser Wasser nichts als graue unheimliche Flut vom
Himmel stürzte sie nieder aus der Erde schien sie emporzuquellen als wollte
sie alles Leben ersticken Man sah förmlich das Steigen des Wasserspiegels Noch
hatten eben die Gartenzäune unten über ihn hinausgeragt nun sah man nur noch
die Spitzen jetzt verschwanden auch diese
Von den Häusern dicht am Fluss ragten nur noch die Strohdächer hervor Aus
einzelnen Dachluken sah man die Bedrohten mit Tüchern winken ihr Rufen vernahm
man nicht Aus den anderen höher gelegenen Häusern flüchteten eben die
Bewohner mit entsetzten Gesichtern wild durcheinander drängend man sah
förmlich ihr Angstgeschrei aber man hörte es nicht Auch das Klatschen des
Regens das Plätschern der Flut das Poltern des Trümmerwerks das unten
dahintrieb und aneinanderstiess drang nicht ans Ohr Denn ein ungeheures
betäubendes Geräusch schwamm unablässig in den Lüften kaum auf Sekunden
ersterbend dann immer stärker anschwellend das Krachen im Eis Wie wenn ein
Orkan in eine Riesenharfe greifen würde klang es jetzt überaus gellend dass es
durch Mark und Bein schnitt dann dumpf dröhnend wie Kanonendonner bald wieder
ein minutenlanges Knattern als zersplitterten jählings alle Äste eines Waldes
dazwischen als unheimlichstes Getön jenes Gurgeln und Glucksen der eindringenden
Flut als hätte sich ein Schlund aufgetan alles Lebende hinabzuziehen Selbst
der Ton der Notglocke war vor diesem ungeheuren die Sinne betäubenden Klingen
und Dröhnen kaum hörbar
Das Eis barst aber es stand noch Immer häufiger sah man einen Block
emportauchen sich aufrichten als wollte er über den Spiegel hinwegsehen und
dann reglos liegen bleiben Noch war die Flut nicht mächtig genug sie vor sich
herzurollen sie blieben liegen und versperrten nur den Wassern den Weg Daher
das jähe Steigen des Spiegels die wachsende Überschwemmung Haus um Haus Gasse
um Gasse der Unterstadt wurden überflutet
Die Notglocke heulte unablässig ihr Hauptzweck Helfer herbeizurufen die
Leute aufzustacheln blieb unerreicht Der Slave ist schwer zur Selbstilfe zu
bringen das liegt in seiner stumpfen entsagungsvollen Natur noch schwerer der
Jude er ist ungewohnt der Gefahr die Stirne zu bieten und verliert leicht den
Kopf Fast nur die Soldaten sah man in Kähnen am Rettungswerk selten mengte
sich unter die weißen Uniformen der Pelz des Bauers der Kaftan des Juden Die
Pioniere aber waren mit der Rettung der Brücke beschäftigt indem sie die Ketten
so hoch wie möglich zu winden suchten Aber es ging schwer weil sich das Eis an
die Kähne gesetzt und sie festhielt oder niederzog Noch immer standen die
Bohlen über Wasser aber der Verkehr war nun eingestellt
Angstvoll starrte Sender auf die Brücke nieder Die Umstehenden zu fragen
hatte er aufgegeben es gab jeder eine andere Antwort Da sah er seinen
Sitznachbar von gestern abend den Doktor Tittinger in der Menge auftauchen
und drängte sich zu ihm durch Ob er morgen früh nach Czernowitz könne fragte
er
»Nein« erwiderte der Advokat »Dies selbst im besten Falle nicht Gelingt
es die Brücke so weit zu heben dass der Eisstoss unten hinweggehen kann und
kommt dieser schon heute so können Sie Montag hinüber Aber ich glaube nicht
dass es gelingt und beschädigt das Eis die Brücke so sind wir wohl für eine
Woche von der Bukowina abgeschnitten«
»Eine Woche« rief Sender angstvoll »Aber es muss doch irgendwo oben eine
Brücke geben«
»Auf zwei Tagereisen nur Fähren« war die Antwort »Wäre der Dniester so
leicht überbrückbar wir hätten längst eine steinerne gebaut Nur oberhalb
Halicz ist eine dort ist der Fluss noch zahm und klein Aber das ist wenn Sie
nach Czernowitz wollen ein Umweg von etwa fünf Tagereisen da warten Sie lieber
hier«
Dreiunddreissigstes Kapitel
In rechter Angst ging Sender ins Hotel zurück Vom Torweg blickte ihm der
hellrote Zettel entgegen der war an allem schuldig Aber im Vorbeigehen hielt
er doch an und las Das heutige Kunstwerk glich dem gestrigen nur fehlte das
Doppelspiel von Judenfeindschaft und Freundschaft dafür war eine Ansprache
beigefügt ungefähr dieselbe welche die Schönau gestern gehalten nur noch
zweideutiger »Dieser Mensch gibt sich doch zu allem her« dachte Sender halb
mitleidvoll halb verächtlich Übrigens fand sich auf diesem Zettel auch eine
Bemerkung die nur den Christen galt »Karten sind auch bei der Benefiziantin
im Hotel Gurkensalat Zimmer Nr 3 persönlich zu haben Freundlicher Empfang«
Als er in die Wirtsstube trat das versäumte Frühstück nachzuholen fand er
Können am Tisch neben dem Fenster er malte eben mit Pinsel und Schablone die
Borszczower Zettel fertig Mit demütiger Freundlichkeit begrüßte er Sender »Die
Notglocke hat ja aufgehört ich hoffe Sie können morgen reisen«
Sender zuckte die Achseln »Aber nach Borszczow gehe ich keinesfalls«
Der kleine Mann atmete auf »Da haben Sie recht« sagte er fast freudig
»Ich war schon in rechter Sorge Glauben Sie mir Birk hat wahr gesprochen Es
wäre nur ein Schritt ins Elend hinein aber auch der soll Ihnen erspart bleiben
Und dann wer weiß vielleicht käme ein zweiter und dritter nach«
Er sprach so eifrig dass Sender befremdet war »Ich danke Ihnen« sagte er
und setzte sich an sein Frühstück
»Nichts zu danken« erwiderte Können eifrig »Nichts« wiederholte er nach
einer Pause »Ich muss es Ihnen sagen es freut mich nicht bloß Ihretwegen« Er
war rot vor Verlegenheit »Auch meinetwegen Und dass ich es Ihnen gestehe das
soll die Strafe für meinen Wahnsinn sein Also mich freuts auch deshalb dass
Sie nicht den Shylock bei dieser Truppe spielen weil Stickler die Rolle mir
immer versprochen hat Und wenn nicht ich dann auch kein anderer«
Sender schwieg was war auch darauf zu sagen
Können erriet seine Gedanken »Wahnsinn sagen Sie Sie haben mich ja
gestern gesehen Freilich spiel ich nicht immer so erbärmlich auch war ja das
Unglück mit der Maske dabei Ich habe sie mir sehr fein ausgedacht aber sie ist
mir misslungen Das kann auch dem größten Schauspieler passieren nicht wahr
Aber was lüge ich da« unterbrach er sich heftig »Immer spiele ich so schlecht
immer Und dennoch dieser Wahnsinn sagen Sie Ja dennoch lieber Herr
dennoch« Er seufzte tief auf
»Wenn Sie es nur erkennen« tröstete Sender »Und mit der Maske haben Sie ja
recht«
»Auch darin nicht« erwiderte das Männchen »Wenn ich was könnte würden mir
die Leute sogar meine Nase verzeihen Und dann ich könnte doch vernünftig
werden und einsehen dass sich eine solche Nase nicht wegschminken lässt« Er
stöhnte fast »Das ist ja nicht eine das sind mehrere Nasen Aber wissen Sie
was mich am meisten gekränkt hat Dass mich die Leute Kohn gerufen haben Das
wird Ihnen unbegreiflich sein Wer eine solche Nase hat dem kanns doch
gleichgültig sein« Wieder ein Stöhnen »Der trägt ja gewissermaßen den Namen im
Gesicht «
»Auch ist es doch wahrhaftig keine Schande« fiel Sender ein
»Gewiss nicht Und dennoch Als Künstler halt ich was auf meinen
Künstlernamen Als Künstler« unterbrach er sich wieder »Als Stümper Und
doch und doch Aber ich weiß wers mir eingetränkt hat Der Hoheneichen Hat
ers Ihnen nicht auch gesagt dass ich eigentlich Kohn heiße«
»Ich erinnere mich nicht« erwiderte Sender »Wozu den Zwischenträger
machen« dachte er »Aber dass Sie selbst es mir gesagt haben weiß ich ganz
genau«
»Ihnen Sie sind ein Kollege und obendrein auch Jude Aber das Publikum
braucht es nicht zu wissen da bin ich Amadeus Können und will es bleiben Sie
lächeln Recht haben Sie Und Hoheneichen hat recht dass er mein Todfeind ist
Ich habs Ihnen ja schon gestern gesagt es ist meine fixe Idee wieder den
Franz Moor zu spielen Diesmal wirds gehen denke ich und ich weiß doch es
wird nicht gehen Die Leute werden lachen oder mir gar alles Mögliche an den
Kopf werfen wie mir auch schon oft geschehen ist Aber ich lasse nicht nach
und wie ich vor mehreren Monaten wieder Geld von meinem Bruder bekomme er
schickt mir manchmal aus Erbarmen einige Gulden bestech ich den Direktor dass
er dem Hoheneichen die Rolle abnimmt Der Stickler hat das Geld genommen und ihm
die Rolle gelassen es war beides vernünftig Aber hat nun Hoheneichen nicht
recht mich zu hassen«
»Was ist das für ein Mensch« fragte Sender »Er hat mir sehr missfallen«
Der Kleine nickte »Jetzt ist er ein erbärmlicher Lump in jeder Beziehung
Aber er ist es doch erst in diesem Jahr geworden Früher bei Nadler hat er
sich zwar auch nicht gern daran erinnern lassen dass er Max Wuttke heißt und
Barbiergehilfe aus Leipzig ist aber das war menschlich Auch streitsüchtig war
er immer aber sonst kein übler Mensch ganz geschickt er weiß doch für einen
Barbier gut genug zu reden als Schauspieler nicht unbegabt Die Lumperei hat
eigentlich erst hier begonnen hier ist alles Lug und Trug«
»Das hab ich schon an den Zetteln gemerkt« sagte Sender offenherzig »Wie
können Sie ein ehrlicher Mann solche Zettel schreiben«
Er erwartete irgend eine Erklärung oder Entschuldigung Aber er irrte sich
»Die Zettel« fragte Können befremdet »Was finden Sie daran Die Zettel
sind ausgezeichnet Ich kann sagen solche Zettel hat sonst keine Schmiere in
Galizien Ohne sie wären wir schon alle verhungert«
»Mag sein« erwiderte Sender gereizt »Aber es war doch hässlich dass Sie zum
Beispiel gestern auf einer Seite den Juden geschmeichelt und auf der anderen
gegen sie gehetzt haben« Und er berichtete die Äußerungen seiner Nachbarn zur
Linken
»Nun also Und da reden Sie von hetzen« Können lächelte schmerzlich »Ist
es erst nötig die Christen herzuladen gegen uns zu hetzen Das tue ich
übrigens auch nicht ich mache ihnen bloß vor dass das Stück gegen die Juden
geht Das muss sein sonst gingen sie nicht hinein«
»Und warum hat das Stück für Christen vier für Juden neun Akte warum hat
Mosental für Christen siebzehn für Juden hundertsiebzig Orden warum liegt für
die Christen das Dorf in Steiermark und den Juden wird vorgemacht dass sie es
vielleicht kennen«
»Und das fragen Sie« rief Können »Weil der Jude neugieriger ist mehr für
sein Geld haben will und stärkere Farben liebt«
Sender zuckte die Achseln
Ȇbrigens ist da noch manches was ich trotzdem nicht verstehe Warum geben
Sie den männlichen Statisten und Doppelrollen für die Juden jüdische für die
Christen christliche Namen während die Frauen auf beiden Seiten christliche
Namen tragen«
»Das ist eine sehr feine Sache die ich erfunden habe« sagte Können stolz
»Der Jude ist neugierig wiederhole ich da wähle ich also Namen die in dem
Städtchen stark vertreten sind Kohn Levy Hirsch Silberstein Nun sagen sich
freilich alle dass der hiesige Vorsteher Silberstein nicht plötzlich bei uns als
Ruben auftreten wird aber sie wollen doch sehen was dahinter steckt
Hingegen würde niemand glauben dass eine ehrbare jüdische Frau auf der Bühne
mittut Eine feine Sache lieber Herr und sie zieht sehr«
Sender erwiderte nicht mehr
Dieses Doppelspiel von Verstellung und Selbsterkenntnis von ungestümer
Ehrlichkeit und überspjetzter Schlauheit berührte ihn sonderbar Schweigend las
er den Borszczower Zettel Der Vermerk über die Direktion war derselbe wie hier
Und es ärgerte ihn dermaßen dass er nicht schweigen konnte
»Herr Können« sagte er »Sie sprachen von Nadler gut und dankbar warum
stehlen Sie ihm dennoch den Namen Und auf der jüdischen Seite steht sogar
Direktor Nadler jetzt heißt er Stickler Die Leute sollen glauben dass Nadler
seinen Namen gewechselt hat«
»Daran bin ich unschuldig« beteuerte der Kleine »das schreibt Stickler
vor und für die Juden ganz besonders weil Nadler unter ihnen einen großen
Namen hat Und ich esse ja Sticklers Brot«
»Es hat aber alles seine Grenzen Auch die Unanständigkeiten der heutigen
Ansprache hätten Sie nicht schreiben sollen und wenn ers Ihnen zehnmal
befiehlt«
»Das hat sie verlangt« murmelte Können
»Die Schönau«
Der Kleine nickte sein Antlitz flammte er beugte sich tief auf das Blatt
nieder »Und was sie verlangt muss ich tun Wenn sie sagen würde Können
spring in den Dniester ich täts auch Und das« er atmete mühsam »das
täte mir lange nicht so weh wie solche Ansprachen in ihrem Namen zu schreiben
«
»Mensch« rief Sender erschüttert »was reden Sie da« Nun verstand er
womit Stickler den Kleinen geködert »Sie lieben dieses Geschöpf«
Können erwiderte nichts Sein Atem ging immer rascher ein Schluchzen brach
aus seiner Brust und nun fiel ein großer Tropfen auf das Blatt nieder und
verwischte die Tusche
»Verzeihen Sie« murmelte er »Es hat mich so übermannt Ich habe schon
lange mit niemandem darüber gesprochen der es gut mit mir meint Hier wissen
es ja alle aber sie höhnen mich nur Und sie haben ja recht «
Er wandte sich ab und trat in eine Ecke An den Bewegungen der Gestalt
erkannte Sender dass der Unglückliche noch immer mit Tränen kämpfte Er hätte
ihm gern ein Wort des Mitleids gesagt aber das war doch eine gar zu hässliche
und unbegreifliche Sache
Endlich hatte sich der Kleine gefasst
»Ich weiß was Sie denken« sagte er »Seine Schauspielerei ist ein
Wahnsinn aber eine solche Person zu lieben mit dem Herzen zu lieben ist eine
Gemeinheit Und doch auch davon komme ich nie los Einst hat mir der gute Herr
Nadler gesagt Mein Trost ist nur ein Fieber dauert nicht lange Aber das war
vor drei Jahren «
»So lange schon«
»Ja Damals hats angefangen Im Frühjahr 1850 wir waren in Laibach da
ist sie mit Birk zu uns gekommen der war damals ihr Geliebter aber auch nicht
ihr erster Überhaupt glaube ich nicht dass der unglückliche Mensch viele auf
dem Gewissen hat Dazu war er immer zu nobel und zu gutmütig er hat sich von
den Weibern ruinieren und ausbeuten lassen nicht umgekehrt Sie sehen es ihm
wohl nicht an dass er einer der gefeiertsten deutschen Schauspieler war und
einer der schönsten Männer dazu und es ist doch nicht gar zu lange her Vor
fünfzehn Jahren war er noch erster Liebhaber am Wiener Burgteater er ist ja
noch gar nicht alt kaum fünfundvierzig Aber die Weiber lieber Herr die
Weiber Er hat ihnen alles geopfert seine Stellung seine Gesundheit sein
Talent Ein Wüstling sagen Sie es geschieht ihm recht Natürlich aber
jammerschade ists doch Wenn ich so denke was er selbst noch vor drei Jahren
gekonnt hat in Laibach Seinetwegen hat Nadler damals auch die Schönau
engagiert sie war eine blutige Anfängerin Elise Schütz heißt sie und ist die
Tochter eines Troppauer Beamten in ihrem siebzehnten Jahre ist sie von einem
Offizier verführt worden dann immer tiefer gesunken Endlich hat sie Birk bei
einem Gastspiel dort kennen gelernt und mitgenommen Wie schön sie damals war
ist gar nicht zu sagen Die Weiber waren mir bis dahin gleichgültig in sie habe
ich mich auf den ersten Blick bis zur Tollheit verliebt Natürlich hat sie mich
ausgelacht trotzdem und obwohl ich bald bemerkt habe dass sie auch ihren
Geliebten betrügt hat meine Liebe nur zugenommen Das hat so zwei Jahre
gedauert ihr Talent hat sich entwickelt aber auch ihre Verderbteit immer
mehr Herr was ich gelitten habe ist nicht zu sagen Endlich sagt mir Nadler
Sie werden nicht vernünftig so lang Sie beim Theater sind und alles andere
dazu Aber da hat mich der Stickler überredet Komm mit das war das einzige
Mal wo er du zu mir gesagt hat der Lump da bist du täglich mit ihr zusammen
da hast du keine Rivalen Und die Folge Noch ein Jahr Folter O Herr lieber
Herr so viel kann noch kein Mensch gelitten haben«
Sender war tief erschüttert ein so wildes Weh wie aus diesen Worten
sprach war ihm im Leben noch nie begegnet
»Das muss anders werden« sagte er »Ich will mit Nadler sprechen vielleicht
engagiert er Sie wieder Dann hätten Sie wenigstens den Trost beim Theater zu
bleiben«
Können fasste seine Hand »Ich danke Ihnen« sagte er »Sie sind ein guter
Mensch Und Nadler täte es vielleicht aus Barmherzigkeit wirklich Aber jetzt
ists zu spät «
»Jetzt«
Können wankte Sein Gesicht war totenbleich geworden er ballte die Fäuste
dass die Nägel schmerzhaft ins Fleisch drangen Und so mit gesenkten Augen
stieß er fast unverständlich hervor »All die Jahre hab ich gedacht Wenn du
sie einmal nur einmal in deinen Armen hältst dann weicht dein Wahnsinn von
dir Und vor einigen Wochen wir waren in Kolomea mein Bruder hat mir
gerade Geld geschickt «
Er brach zusammen und schlug die Hände vors Gesicht
»Jetzt nicht mehr« stöhnte er »Jetzt könnte ich einen Mord begehen um
wieder Geld zu bekommen «
»Entsetzlich« murmelte Sender und wandte sich ab Er fand kein Wort mehr
auch Können schwieg
Da ging die Tür
Es war Hoheneichen Mit ausgebreiteten Armen kam er auf Sender zu »Servus
Bruderherz der Eisstoss kommt uns zu Hilfe Nun musst du nach Borszczow Ich sage
dir «
Aber Sender war nicht in der Stimmung sein Geschwätz zu ertragen Er eilte
auf seine Kammer Als er an Nummer drei vorbeiging trat eben die Schönau
hervor in demselben hellen Seidenkleid wie gestern abend
»Guten Morgen Junge« Sie tätschelte ihm die Wange »Hast du schon eine
Karte Wart dir schenk ich eine«
Sie ging in ihr Zimmer zurück Er aber als müsste er einer Gefahr
entfliehen lief nach seiner Kammer und riegelte sich dort ein
Zur Mittagsstunde musste er doch wieder hinunter Doch ließ er sich das Essen
ins Extrazimmer bringen und schärfte Ruben ein den Schauspielern nichts davon
zu sagen
Sie wussten ihn dennoch zu finden Kaum dass er den letzten Bissen
hinuntergewürgt trat der Direktor ein hinter ihm die Schönau
»Da haben wir den Ausreisser« rief Stickler »Aber Sie entrinnen uns nicht«
Und sie schmollte »Grobian Mir so davonlaufen Das bin ich sonst nicht
gewöhnt Schein ich dir so hässlich«
Sender stammelte verlegen er habe nicht stören wollen »Und nach Borszczow
kann ich keinesfalls mit« fügte er fest hinzu
»Larifari« rief die Schönau »Was ich will setz ich durch«
Stickler aber bat »Ums Himmelswillen warum nicht Sie können ohnehin
frühestens am Mittwoch über den Dniester Ob Sie die drei Tage hier oder in
Borszczow zubringen kann Ihnen und Ihrem Direktor doch gleichgültig sein Und
bei uns können Sie spielen Geld verdienen den Beifall eines dankbaren
Publikums ernten«
»Es geht doch nicht« erwiderte Sender »Und ich habe es Ihnen schon gestern
gesagt« fügte er bei »wer weiß ob ichs kann«
»Schön« sagte Stickler »Dann sprechen Sie uns die Rolle vor Tildchen
schick die anderen nach oben und Können mag das Buch holen«
Er fasste Sender unter den Arm und zerrte ihn auf den Flur Sender schwankte
ob er sich mit Gewalt losreißen oder nachgeben sollte Er hatte sich eben für
das erstere entschieden als Birk hinzutrat Er sah noch immer gebrechlich genug
aus aber doch frischer als am Abend
»Tun Sies« sagte er »Die Probe schadet Ihnen nicht Ich habe die größten
Darsteller dieser Rolle gesehen einst Ludwig Devrient zuletzt Dawison
Vielleicht kann Ihnen ein Hinweis von mir nützen Nadler hat mir wiederholt
von Ihnen gesprochen Sie interessieren mich«
Darauf gab Sender nach Sie traten in den Saal Unten nahmen die
Schauspieler Platz auf der Bühne stellte sich Stickler das Buch in der Hand
neben Sender hin die anderen Rollen zu markieren Das Herz des jungen Mannes
klopfte dass er kaum zu atmen vermochte er konnte ja die Rolle auswendig wie
sein Morgengebet auch hatte ihn Pater Marian hier seiner Auffassung wegen
besonders belobt dennoch war ihm zu Mute als könnte er kein Wort über die
Lippen bringen
Aber es ging »Dreitausend Dukaten gut « Diese ersten Worte murmelte er
noch fast unverständlich Dann aber festigte sich seine Stimme Er nahm die
Sprechweise an wie er sie in der Klosterzelle einstudiert dann auch die
Haltung Es ging immer besser und er fühlte es er machte seine Sache gut Die
unten steckten die Köpfe zusammen und flüsterten er wusste es konnte kein Hohn
sein Stickler schien freudig überrascht und als Sender die große Rede sprach
»Signor Antonio viel und oftermals
Habt Ihr auf dem Rialto mich geschmäht «
machte er immer größere Augen »Alle Wetter« rief er nachdem Sender
geschlossen und gab fast erregt das nächste Stichwort
Als die Szene zu Ende war fasste er Senders Hand »Mensch wo haben Sie das
her«
Die anderen applaudierten nur Können und Birk nicht Der Kleine saß mit
gesenktem Haupte da Birk fast aufrecht seine Augen glänzten aber er sagte
nichts
Noch größer war der Eindruck der folgenden Szenen Immer stärker fühlte
Sender seine Kraft erwachen immer leichter flossen ihm die Worte von den
Lippen Und als er jene Rede begann die ihm Marians höchstes Lob eingetragen
»Fisch mit zu ködern sättigt es sonst niemanden so sättigt es doch meine Rache
« da vergaß er wer und wo er war er fühlte sich als der Jude Shylock auf
dem Rialto zu Venedig
Aber gerade beim Schluss dieser Rede »Die Bosheit die ihr mich lehrt die
will ich ausüben « wäre er fast gescheitert Das Wort stockte ihm in der Kehle
das Blut drängte zum Herzen mit bleichem Gesicht und erschreckten Augen
starrte er ins Parterre Sein Blick war zufällig dahin geglitten und da saß
Malke Nicht die Schönau sondern das Mädchen das er so schmerzlich geliebt
Wie die junge Schauspielerin nun dasaß das Antlitz ernst voll gespannter
Teilnahme die Augen sinnend auf ihn gerichtet das war keine Ähnlichkeit das
war Malke selbst Mit Mühe riss er den Blick los und hütete sich wohl wieder
nach ihr zu blicken Erst in der Gerichtsszene fand er die frühere Sicherheit
wieder
»Mensch« rief Stickler nachdem er geschlossen »Sie sind ja ein Hauptkerl
Und Sie trauen sich nicht den Shylock in Borszczow zu spielen Unter
tausend Anfängern findet man einen wie Sie«
Auch die anderen umringten und beglückwünschten ihn Am lautesten und
wortreichsten Hoheneichen er wollte Sender umarmen da trat die Schönau
dazwischen
»Halts Maul« befahl sie ihrem »Bräutigam« »Schieb ab Der braucht dein
Lob nicht« Ihr Gesicht wies einen ungewohnten ernsten ja herben Zug »Und
meins auch nicht«
Sie wandte sich ab und ging Verdutzt schaute ihr Sender nach und sah sich
dann nach Können um Das Männchen saß noch immer unbeweglich auf seinem Platze
das Haupt tief geneigt
»Ich lasse Sie nicht« rief Stickler »Einmal will ich auf meiner Bühne
einen solchen Kerl haben Sie haben ja fast nichts mehr zu lernen«
Da trat Birk heran
»Im Gegenteil« sagte er scharf »Technisch hat er noch sehr viel zu lernen
fast alles Aber was liegt daran Sie könnens Wenn aus Ihnen kein Ganzer
und Großer wird die Natur kann nichts dafür Merken Sie sich das ich hoffe
dass Sie einst Ihren Kollegen im Burgteater erzählen können Das hat mir der
Birk gesagt einige Wochen eh ihn der Tod erlöst «
Er nickte und schlich wankend hinweg
»Fünf Gulden Kurländer« drängte Stickler »Freie Reise freie Station für
den einen Abend«
Aber Sender riss sich los und eilte in seine Kammer Dort saß er wohl zwei
Stunden auf dem Bette mit klopfendem Herzen glühenden Wangen das Hirn voll
stolzer Träume und Gedanken Er hat dieser Stunde nie vergessen
Vierunddreissigstes Kapitel
Die Notglocke riss ihn aus seinem Sinnen empor Heulend setzte sie wieder ein
dazwischen tönte dumpfes unablässiges Dröhnen wie der Donner eines riesigen
Wasserfalls Sender stürzte auf die Straße dem Fluße zu »Der Eisstoss Der
Eisstoss« jammerte es aus hundert Kehlen Und da war er wirklich
Betäubt schaute Sender auf das gewaltige unheimliche Schauspiel nieder Die
Bastion glich nun einer Halbinsel die weit in die See hinausragt Aber nur wenn
es ein Orkan aufwühlt tobt das Meer so laut wie hier der wilde Bergfluss der
endlich die Last gesprengt die auf ihm gewuchtet und sie nun in tausend
Trümmer zerschlagen auf seiner Flut daherwälzte hob und senkte und zerrieb
Der Regen strömte unablässig fort und hemmte die Aussicht aber so weit das Auge
blickte die graue Flut und auf ihr tanzend schwingend sich bäumend ein
unendliches Gewirr weisslicher grünlicher schwärzlicher Massen Eisblöcke
Welche Formen welche Farben Hier eine schlanke ja zierliche Säule von
hellgrünem Kristall die nur leise schwankend dahinzog bis sie an ein plumpes
graues Ungeheuer geriet über das sie stürzte und zerschellte Dort eine riesige
weiße Tafel die sacht und ruhig dahinzog alles vor sich herstossend bis sie an
ein kleines schwärzliches Riff vielleicht ein Felsstück vielleicht schmutziges
Eis das mitten im Fluße lag stieß und feststand Eine zweite Tafel die
hinter ihr gezogen kam schob sich über sie eine dritte eine vierte bis das
Riff nachgab und nun der ganze Bau zusammenstürzte Dazwischen schmale
längliche Eisstücke die wie Fische dahinschossen rundliche Schollen die
langsam tänzelnd in langer Reihe dahergezogen kamen dazwischen spitze Kuppen
unförmliche Berge Aber was alles hatten die empörten Wogen fortgerissen und
trieben es nun mit und zwischen dem Eise dahin Baumstämme Kähne ein
Strohdach unzähliges Hausgerät Trümmerwerk von Häusern die Pfähle einer
Brücke ein Bett auf dem noch Polster und Decken lagen eine leere Wiege
vielleicht hatte die Mutter das Kind rechtzeitig herausgerissen vielleicht
trieb es nun starr und tot in der Flut mit
Aber so furchtbar der Eindruck fürs Auge war unendlich schreckvoller und
gewaltiger war der fürs Ohr Ein Krachen Knirschen Gellen Knattern und
Dröhnen unablässig ungeheuer laut es war als wollte die Welt untergehen als
müsste alles Menschenwerk davon zusammenstürzen Sender folgte dem Beispiel
der Umstehenden er stopfte die Finger in die Ohren aber seltsam nun hörte er
das Gedröhne gleichsam mit dem Leibe noch stärker als vorher es durchzitterte
ihn bis ins Innerste dass er die Hände wieder sinken ließ
Mitten in all dem Toben verteidigte ein Häuflein Menschen das Werk seiner
Hände tapfer gegen das Rasen der Natur Die Häuser waren nun geräumt und was
noch an Gut oder Menschen drin sein mochte verloren und ersäuft die Kraft der
Pioniere vereinigte sich auf die Erhaltung der Brücke Noch stand sie und war
hoch genug gewunden worden um der Flut den kleineren Eisschollen Durchgang zu
gewähren die höheren sammelten sich immer dichter vor ihr an Es war
schreckhaft und doch erhaben anzusehen wie die wackeren Blauröcke mit den
schwarzen Helmen auf den überfluteten Bohlen Stand hielten bis an die Kniee
die Hüften im Wasser und mit ihren Äxten und Stangen das Eis zu zertrümmern
die Blöcke hinabzudrücken suchten Aber das gelang nur bei den kleinen Stücken
jener Berg wuchs immer höher an die Flut trieb ihn immer gewaltiger an die
Brücke Da streckten sich plötzlich oben auf der Bastion fünfzig Arme
zugleich in die Luft und wiesen hinunter was wollten die Pioniere Was
bedeutete das Ein niedriges Holzgerüst wurde auf die Brücke gesetzt daran
waagrecht eine lange Schiebeleiter befestigt Sie reichte nun bis an den
Eisberg Einige kletterten hinüber legten sich flach auf die Eistafel krochen
weiter und weiter was sie da taten konnte man durch das Regennetz nicht
deutlich sehen Dann krochen sie zurück nun standen sie wieder auf der Brücke
Die Mannschaft wich rechts und links auf den Brückenkopf zurück Da ein
ungeheurer Knall der Eisberg wankte einige Blöcke flogen fusshoch empor in
Trümmer zerschlagen der Berg senkte sich und brach zusammen Sie hatten in
wasserdichtem Schlauch eine Mine versenkt das Eis gesprengt nun standen sie
wieder auf der Brücke und setzten ihr Werk fort
Diesmal wars gelungen aber das nächste Mal Schon schwammen von oben neue
Massen herab noch gewaltiger als die früheren Man konnte sie nur undeutlich
sehen die Dämmerung brach herein auch die Gestalten auf der Brücke waren kaum
noch zu unterscheiden Nun kam auch die Bundesgenossin alles Unglücks die
Nacht und lieh dem Verderben ihre dunklen Fittiche
Angstvoll starrte Sender hinab So nahe ihn das Schicksal der Brücke anging
er dachte kaum noch an sich selbst Da fühlte er sich weggedrängt in nächster
Nähe erklang ein Trompetensignal eine Abteilung Infanterie räumte die Bastion
und schob die Menge langsam gegen die Stadt zurück Als Sender wieder in der
engen Gasse stand sprach ihn plötzlich jemand beim Namen an Es war der
Advokat »Schlimm stehts Herr Kurländer« Die Bastion sei nicht in Gefahr
fügte er bei man habe sie nur geräumt um darauf einen Raketenapparat zur
Erleuchtung der Brücke anzubringen Aber es sei fraglich wie lange man sie noch
halten könne Sie selbst abzubrechen sei nun zu spät
Auf dem Heimweg überdachte Sender seine Lage War die Brücke zerstört so
musste er eine Woche hier ausharren so weit reichten seine Mittel nicht Eine
andere Hilfe als die Nadlers hatte er nicht zu erwarten Die musste er in
Anspruch nehmen Er wollte sie sofort wenn die Katastrophe eintrat erbitten
Nadler ließ ihn gewiss nicht im Stich Es war gerade kein Unglück aber doch
recht peinlich
Er ging auf seine Kammer und trocknete am Ofen seine triefenden Kleider Es
erhöhte seinen Missmut dass ihm seine Lungen so viel zu schaffen machten Ein
Wunder wars nicht da er den halben Tag im Unwetter auf der Straße gewesen
Die Vorstellung wollte er nicht besuchen Aber je näher die Uhr auf Sieben
rückte wo sie heute begann desto wankender wurde sein Entschluss Was sollte er
mit den Stunden anfangen Und dann eine Vorstellung versäumen die man sehen
konnte das ging fast gegen das Gewissen Schlag Sieben löste er sein Billett
Die »Perle von Temesvar« diesmal im Kostüm der Madame Zephir im »Schneider
Fips« wollte die vierzig Kreuzer durchaus nicht von ihm annehmen »Ein Kollege
und das Haus ist ohnehin fast ausverkauft freilich werden heut viele ihr
Billett nicht benützen« Er legte ihr das Geld hin und trat ein
In der Tat waren die Reihen wenig besetzt sie füllten sich auch später
nicht Als er vor dem Vorhang saß und die Musik begann eine Geige eine Flöte
ein Brummbass und eine türkische Trommel schweiften Senders Gedanken in immer
weitere Fernen Aber als der Vorhang aufging war er doch ganz Ohr Freilich
konnte er Sticklers Meckern als Fips nicht ganz so komisch finden wie einst
Jütte hingegen fesselte ihn der dritte Akt aus »Maria Stuart« sehr Elisabet
Linden und Mortimer Hoheneichen waren allerdings abscheulich aber von der
Schönau musste er sich wieder sagen »Wie schade um sie Wie schade« Der arme
Können als »Paulet« hatte wieder einen Lacherfolg Nachdem sich der andere
Schwank des »unsterblichen« Kotzebue mit Stickler der Schönau und Hoheneichen
abgespielt sollten die »Deklamationen und Lieder« folgen Aber kaum dass die
Schönau die ersten Strophen des »Handschuh« gesprochen gellte plötzlich wieder
die Notglocke nur einige wenige Schläge dann verstummte sie wieder
Das Publikum erhob sich und stürzte dem Ausgang zu Jeder auch Sender
wusste sofort welche Hiobspost das kurze Signal verkündete die Brücke war in
Trümmern »Und drei Pioniere verunglückt« hörte Sender im Torweg Auf der
Straße waren es schon zehn geworden Die Nacht war rabenschwarz der Regen goss
in Strömen nieder Sender kehrte um
In der Wirtsstube war noch niemand von den Schauspielern hastig schlang er
einige Bissen hinab ließ sich von Ruben Schreibzeug und Papier geben und ging
auf seine Stube den Brief an Nadler zu schreiben »Ja ja Moskal« nickte er
seinem Gefährten zu »jetzt müssen wir um Geld bitten Schulden machen«
Er hatte erst wenige Zeilen geschrieben als es an seine Tür klopfte Noch
ehe er »herein« rufen konnte trat die Schönau ein errötend fuhr er empor
»Werden Sie nicht rot« sagte sie »Werfen Sie mich auch nicht hinaus Ich
beisse Ihnen nichts ab nicht einmal küssen will ich Sie« Das sagte sie zwischen
Ernst und Lachen dann aber nachdem sie die Tür hinter sich zugezogen fuhr sie
ernstaft fort »Ich komme weil es Stickler will Was er Ihnen bietet wissen
Sie Er ist ein Schmutzian aber was er verspricht wird er halten übrigens
hätt ers auch sonst mit mir zu tun Die Brücke ist nun fort hier verzehren
Sie nur Ihre paar Groschen wenn Sie sie haben Ihr Nein hätte keinen
vernünftigen Grund mehr Wovor fürchten Sie sich eigentlich Vor der Schmiere
Die besudelt Sie das eine Mal nicht Vor mir« Sie lachte kurz auf und blickte
ihn dann wieder ernst an »Ich tue Ihnen nichts Wenn ich wollte« fuhr sie
drohend fort »lägen Sie binnen zwei Minuten da« sie deutete auf den Boden vor
sich »und würden um mich betteln Aber ich will nicht Wie ich bin bin ich
aber vor einem hab ich Respekt vor dem Talent Da irrst du habe ich dem
Stickler gesagt den nehme ich nicht auf mein Gewissen Also was soll ich ihm
jetzt sagen«
»Dass ich nicht mitkomme« sagte Sender fest aber er vermied es sie dabei
anzublicken Ihr Lachen war ihm nicht gefährlich wohl aber ihr Ernst Sie hatte
nun wieder dieselbe Miene wie bei der Probe »Verzeihen Sie aber ich kann nicht
«
»Warum nicht Die Schmiere schreckt Sie Sie sollen ja nicht dabei bleiben
Die Grössten haben so begonnen «
» und aufgehört« fiel er ein »Und wie viele sind da erstickt aus denen
was hätte werden können Mein Lehrer hat mir aus einem Buch das er gelesen hat
viele Beispiele erzählt«
»Dazu brauchen wir die Bücher nicht« Sie lachte kurz auf »Ein solches
Beispiel steht vor Ihnen Aber was beweist das für Sie«
Er blickte zu Boden »Ich weiß nicht« sagte er leise »Mir graut davor
Aber Sie Fräulein wenn Sie einsehen dass Sie Sie sind ja ein großes Talent«
fuhr er fort und seine Stimme klang immer sicherer und wärmer »Und Ihr Leben
hier kann Ihnen doch keine Freude machen Sie könnten ja an einer großen
Bühne spielen Warum sind Sie von Nadler fort Es ist schade um Sie
Und es wäre ja jetzt noch Zeit «
»Da irren Sie« erwiderte sie »Jetzt nicht mehr Ich bin schon zu tief
im Schmutz bis an den Hals auch mit allen meinen Gedanken Ich kann keine neue
Rolle mehr lernen diese hässlichen Gedanken drängen sich dazwischen und wenn
ich auf der Bühne stehe manchmal reißts mich fort aber dann muss ich wieder
ins Parterre schielen Ein Wunder ists nicht ich habe schon so vielen
Schmutz mitgebracht «
»Sprechen Sie nicht so« bat er »Es ist ja traurig Aber wenn Sie an
eine bessere Bühne kämen Vielleicht wieder zu Nadler«
»Der nimmt mich nicht mehr« erwiderte sie »Und er hat recht dass ers
nicht tut Ich habe schon im vorigen Mai aus Chorostkow an ihn geschrieben Da
hatte mir nämlich auch jemand ins Gewissen gesprochen wie heute Sie ein
Mädchen die Tochter des dortigen Gastwirts «
Sender machte unwillkürlich eine Bewegung
»Sie kennen Sie vielleicht« fragte sie »Salmenfeld glaub ich war der
Name«
»Ja« erwiderte Sender »Ich kenne sie zufällig ein gutes kluges Mädchen«
»Gewiss nur etwas zu überbildet Sie hat ganz unleidlich gesprochen immer
wie ein Buch Aber gut gemeint hat sies doch Nun auf ihr Drängen schrieb ich
an Nadler Keine Antwort Darauf versuchte ichs vor einigen Wochen noch einmal
Diesmal antwortete er er lehnte kurz ab«
»Wenn ichs ihm vielleicht vorstelle« sagte Sender schüchtern »Talente
sollen ja so selten sein «
»Ich danke Ihnen Aber es wäre nutzlos Also was soll ich dem Direktor
sagen Ich muss nun fort auch heute ein Souper im Extrazimmer« Sie ließ wieder
ihr kurzes gellendes Lachen hören »Sie sehen wie recht Nadler hat«
Er fühlte seinen Widerwillen erwachen »Ich geh nicht mit« sagte er
Sie schüttelte den Kopf »Es hat aber wirklich keinen Sinn Überlegen Sie
sichs bis morgen früh Freilich sollen wir schon um Sechs fort aber es wird
wohl Acht bis wir abreisen Auf Wiedersehen«
Sie reichte ihm die Hand Er rührte zaghaft an ihre Finger Aber sie hielt
seine Hand mit warmem Druck fest
»Leben Sie wohl Wir sehen uns wohl nie wieder« Ihre Stimme zitterte
»Vielleicht kann ich einmal erzählen Unsinn« unterbrach sie sich »In einem
Jahr bin ich tot Adieu«
Sie ging Tief bewegt starrte er ihr nach und es währte lange bis er
seinen Brief fertig schreiben konnte Er war sehr müde aber der Schlaf wollte
nicht kommen und dann hörte er noch bis in den Traum hinein ihr kurzes
gellendes Lachen
Am nächsten Morgen weckte ihn ein Klopfen an der Tür aus dem Schlaf Die Uhr
wies auf Sieben »Stickler« dachte er und verhielt sich still
Der war es wirklich »Kollege Hören Sie mich nicht Stellen Sie sich doch
nicht taub Lieber Kurländer sechs Gulden wenns sein muss Aber kommen Sie
«
Er schwieg
»Sieben Gulden« Endlich hörte er den Mann fluchend abziehen
Eilig erhob sich Sender und nahm hastig das Frühstück »Die Schauspieler
waren alle sehr unglücklich dass Sie nicht mitkommen wollten« meldete Ruben
»Nur der Können hat mir aufgetragen Ihnen zu sagen dass Sie recht getan haben«
Sender eilte zur Post und ließ den Brief einschreiben Als er auch die
Expressgebühr erlegen wollte sagte der Beamte lächelnd »Die können Sie sparen
Wir können den Brief nur über Halicz und Kolomea schicken Vor vier Tagen ist er
ohnehin nicht in Czernowitz«
Sender erschrak daran hatte er nicht gedacht »Dann will ich
telegraphieren« sagte er und erbat sich ein Formular Aber er fand in seiner
Verwirrung die rechten Worte nicht und musste immer wieder ein neues erbitten Da
meinte der Beamte endlich »Setzen Sie doch das Telegramm zu Hause in Ruhe auf
Sie verlieren nichts dabei Der Eisstoss hat ja auch die Telegraphenleitung
zerstört Wir müssens nun auf einem ungeheuren Umweg durch Ungarn und
Siebenbürgen versuchen mit Czernowitz in Verbindung zu kommen Vorläufig gehts
nicht da liegt auch ein Haufe amtlicher Depeschen Ob Sie mir das Telegramm
jetzt oder morgen früh geben ist ganz gleich«
Tief betrübt schlich Sender davon
Unwillkürlich schlug er den wohlbekannten Weg zur Bastion ein Von fernher
schon schlug ihm das Dröhnen und Krachen der Schollen ans Ohr Noch war der
Eisstoss im vollen Gange so weit das Auge blickte die graue Flut mit Blöcken
und Trümmerwerk bedeckt Von der Brücke war nur noch einer der Pfeiler zu sehen
um welche die Kette gewunden gewesen der andere lag im Fluss Der Regen hatte
aufgehört der Blick konnte weithin schweifen überall die Wüste der Wasser
Langsam ging er nach dem Hotel zurück und blieb im Torweg stehen Da kam
Hritzko herbei zog den Hut vor ihm blieb stehen kratzte sich hinter dem Ohr
und sagte endlich »Verzeihung gnädiger Herr aber ich möchte Sie etwas fragen
Sind Sie vielleicht verzeihen Sie der jüdische Lump aus Barnow der sich als
Schauspieler verkleidet hat Ich soll ihn verhaften«
Sender wurde aschfahl aber die Größe der Gefahr gab ihm die
Geistesgegenwart zurück »Nein« erwiderte er »der ist schon gestern abend nach
Lemberg fort«
»Gottlob« sagte Hritzko freudig »Auch der Herr Bürgermeister wird sich
sehr freuen Es ist kein Grund nämlich nach dem Gesetz sagt er dem
Silberstein Ich werde Scherereien davon haben sagt er dass die Juden in Barnow
es wollen genügt nicht Aber weil der Silberstein so gebeten hat schon
vorgestern und heute wieder so hat er endlich nachgegeben Meinetwegen sagt
er fassen wir den Kerl und schicken wir ihn mit dem Schub zurück Hritzko sagt
er jetzt hast du ohnehin nichts zu tun die Brücke ist ja fort Also nach
Lemberg ist er«
»Ja« erwiderte Sender »mit der Post Telegraphisch fasst Ihr ihn noch ab«
»Das können ja die Juden« sagte Hritzko »uns vom Amt gehts nichts mehr
an Aber wie sie sich ärgern werden Ich habs schlau angefangen sagt der
Silberstein Nur die Wirtin hab ich ins Vertrauen gezogen Der Lump ist ganz
ahnungslos sagt er Nun hat ers doch gerochen hehe Schönsten Dank gnädiger
Herr« Er zog den Strohhut und ging
Tief aufatmend sah ihm Sender nach Dann stürzte er in seine Kammer einige
Minuten später stand er reisefertig da Einen Gulden legte er auf den Tisch
mehr konnte das Zimmer keinesfalls kosten Nun galt es noch unbemerkt zu
entwischen Er schlich die Hintertreppe hinab der Hund als wüsste er was
vorgehe lautlos mit eingekniffenem Schwanz hinter ihm her Gottlob niemand
begegnete ihnen
Durch das Hoftor trat er auf die Straße und schritt weiter ohne auf die
Richtung zu achten nur zur Stadt hinaus wollte er gleichviel wohin Endlich
stand er an einem Mautaus »Wohin geht die Straße« fragte er den Zöllner
»Nach Borszczow« war die Antwort
Einen Augenblick zögerte er dann schritt er vorwärts »Vielleicht ist dies
das beste« dachte er »Fünf Gulden habe ich noch sieben will mir ja Stickler
zahlen Dann brauche ich wohl gar nicht an Nadler zu telegraphieren ich reiche
damit bis Czernowitz wenn ich sparsam bin Und da sie im Wirtshaus wissen dass
ich nicht habe mitkommen wollen so suchen sie mich vielleicht in Borszczow
zuletzt«
Fünfunddreissigstes Kapitel
Er schritt aus so rasch er konnte
Aber dass sie ihn auch suchten Dass seine Mutter ihn verfolgen ließ wie einen
Verbrecher trotz seines Briefs trotz seines Vermächtnisses Jetzt wo die
Gefahr für den Augenblick vorbei war übermannte ihn die Empörung O solche
Härte solche Beschränktheit hatte er ihr nicht zugemutet Aber es sollte ihr
nichts nützen nicht überall befand sich ein Bürgermeister der ungesetzliche
Befehle ausführte um den Chassidim gefällig zu sein Sie sollten ihn nicht
fangen nein »Ich werde wozu mich Gott bestimmt hat «
Und er schritt immer schneller aus Aber so konnte ers nicht lange er
musste langsamer gehen dann ganz innehalten das Stechen in der Brust war allzu
schmerzhaft geworden Nun musste er heftig husten da erschrak er tödlich Das
war derselbe widrige süsslichsalzige Geschmack im Munde den er nur einmal
verspürt und doch nie vergessen bei jener entsetzlichen Szene vor dem Rabbi
Bebend riss er das Taschentuch hervor und presste es vor den Mund ja Blut
Verzweiflungsvoll blickte er um sich rings der Morast der Äcker die
durchweichte Straße nirgends ein Mensch bei ihm nur der Hund der ihn wedelnd
umsprang »Mein Herr und Gott« flehte er und seine Hand umkrampfte das
Gebetbüchlein im Mantel »lass mich nicht so vergehen«
Es schien als wollte der Himmel sein Gebet erhören Wohl musste er immer
wieder husten und zuweilen kam noch ein roter Tropfen über die Lippen
gequollen aber zu einem Blutsturz schien es diesmal nicht zu kommen Mit
zitternden Knien setzte er seinen Weg fort und blickte immer wieder zurück ob
nicht ein Wägelchen ihn überhole das ihn mitnehmen konnte Endlich sah er einen
Karren herankommen aber er fuhr auf ihn zu Ein jüdischer Knabe lenkte ihn
Sender hielt ihn an Ob er nicht einigen großen Wagen begegnet
»Den Pojazen Ja Vor der Rosatyner Schänke Eine halbe Meile von hier«
Sie wurden bald handelseins der Knabe wandte das Wägelchen und trieb das
Pferd unablässig an »Das ist brav von dir« sagte Sender
Der Knabe sah ihn groß an »Es ist ja mein Vorteil« sagte er »Umso
schneller erreichen wir sie Und dann sind Sie so blass Herr grad als wollten
Sie sterben Meinem Vater ist einmal ein Herr im Wagen gestorben da hat er viel
Verdruss davon gehabt«
Endlich war das Dorf erreicht Vor der Schänke hielten noch die Wagen ein
einstiger Möbelwagen mit den Dekorationen und Kostümen und ein lebensmüder
Omnibus fürs Personal Als Sender abstieg trat die Gesellschaft eben heraus
die Fahrt fortzusetzen
»Hurra« rief Stickler »Jubelt Kinder Hoch Kurländer« Auch die anderen
umringten ihn freudig nur Birk nicht der mit kurzem Kopfnicken in den Wagen
kletterte
»Aber wie blass Sie sind« rief die Schönau »Und Ihre Lippen sind blutig
Was ist Ihnen«
»Nichts« wehrte er hastig ab »Etwas Husten ich habe mich erkältet
Fahren wir« fragte er den Direktor
»Wie er brennt« rief Stickler »der Stätte seiner Triumphe entgegen Ja
mein Sohn du sollst die Borszczower als Shylock hinreißen und deine drei Gulden
bekommst du obendrein«
»Fünf« sagte die Schönau und zog den Fuß vom Trittbrett »sonst fahr ich
nicht mit«
Stickler sah sie an Diese Miene mochte ihm bekannt sein »Hab ich ihm fünf
versprochen« fragte er »Dann natürlich fünf Der Stickler hält sein Wort
rein Vorwärts «
Sie kletterten in den Omnibus nur Können nicht der seinen Platz neben dem
Kutscher des Möbelwagens hatte dort waren auch irgendwo die Kinder der Linden
verpackt Die Schönau wies Sender seinen Platz zwischen der Linden und der Mayer
an auf dem Mittelsitz wo das Stoßen des Wagens am wenigsten fühlbar wurde sie
war früher darauf gesessen nun nahm sie ihm gegenüber Platz Der Direktor musste
in die Ecke Hoheneichen zum Kutscher
»Stinkadores weg« befahl sie Stickler als dieser eine Zigarre anzünden
wollte »Und Kurländer wird nicht angesprochen er soll nicht reden«
»Wegen des bisschen Husten« lachte Stickler Sender aber blickte sie dankbar
an Es fieberte ihn und er fühlte sich furchtbar schwach Mit geschlossenen
Augen saß er schweratmend da und nur wenn wieder ein Tropfen kam führte er das
Tuch zum Munde
»Das passiert den gesündesten Leuten« sagte Stickler Und die Mayer
erzählte eine lange Geschichte von einem schwindsüchtigen Grafen der sie
unglücklich geliebt und schließlich an Altersschwäche gestorben Aber die
Schönau unterbrach sie »Schweigt Man kann auch einmal still sitzen«
Langsam humpelte der Omnibus durch den tiefen Morast der Heerstraße die vom
Dniester gegen Nordosten führt Borszczow liegt nahe der russischen Grenze
zur Rechten und Linken so weit der Blick reichte überschwemmtes Heideland und
schlammige Äcker Allmählich nickten die Reisenden ein Stickler und die »Perle
von Temesvar« schnarchten vernehmlich Nur die Augen der Schönau sah Sender auf
sich gerichtet so oft er den Blick erhob »Wie gehts« fragte sie leise
»Besser« erwiderte er Er log aber als nun die Sonne durchbrach fühlte er
sich wirklich besser und nachdem er im Wirtshaus wo sie Mittagsrast hielten
eine Suppe gegessen und etwas Wein getrunken begann die Mattigkeit in den
Gliedern zu weichen Des Nachmittags kam auch der Husten seltener »Es wird
vorbeigehen« dachte er »es wäre ja auch entsetzlich wenn es nicht
vorbeiginge Jetzt krank werden sterben So hart kann der Allgütige nicht
sein«
Es war schon tiefe Dunkelheit als sie endlich das Städtchen erreichten und
vor dem Gasthaus hielten Der Wirt trat ihnen entgegen Sender fuhr zusammen
wo hatte er dies hässliche Geiergesicht schon gesehen Erst der Name Salomon
Wohlgeruch führte ihn auf die richtige Spur es war der Bruder jenes »Rebbe«
Elias der ihm einst als Kind den Arm gebrochen Den Mann kannte er nicht er
war seines Wissens nie in Barnow gewesen
Sender ging sofort auf die Kammer die ihm angewiesen war Er wolle allein
sein bat er aber er konnte nicht hindern dass ihm die Schönau selbst den Tee
brachte dann kam Birk mühsam hereingehumpelt und setzte sich an seinem Bette
nieder
»Schonen Sie sich« sagte er »Mut denken Sie an die Zukunft« Er blieb
bis er an Senders Atemzügen erkannte dass der Kranke eingeschlummert war »Die
Natur kann nicht so grausam sein« murmelte er »So ihr eigenes Werk zu
zerstören Aber sie ist oft so grausam o wie oft« Er schlich hinaus so
leise es sein wankender Schritt gestattete
Als Sender in der Nacht erwachte sah er beim Schein des Nachtlichts in der
Ecke der Stube sich etwas regen »Moskal« rief er Da schlug der Hund aus einer
anderen Ecke an Das Geschöpf drüben war Können Auf den Zehen kam er
geschlichen
»Sie wachen bei mir« murmelte Sender gerührt »Nach einer solchen Reise«
»Reden Sie nicht« bat der Kleine »Schlafen Sie Mir tuts ja nichts Ich
bin ja von Eisen Leider« fügte er fast unhörbar hinzu
Sender vernahm es nicht Und darauf schlief er wieder ein Auch diesmal wie
nach der entsetzlichen Wanderung vom Mittwoch schien sich die Natur selbst
helfen zu wollen Er schlief bis zur Mittagsstunde und als er sich erhob war
das Fieber gewichen Freilich musste er häufiger als sonst husten aber nun kam
fast kein Blut mehr
In der Wirtsstube unten begrüßten ihn seine Kollegen nun waren sie es doch
geworden als wäre er vom Tode erstanden
»Wir geben den Kaufmann erst Mittwoch« berichtete ihm Stickler »Die
Schönau wills morgen pausieren wir Besetzung eines Künstlers wie du würdig
Antonio Marocco Arragon Hoheneichen Bassanio und Alter Gobbo Birk
Porzia und Lanzelot die Schönau Tubal und Lorenzo Können Jessica und
Graziano die Linden Doge und Salarino ich Nerissa und Solanio die Mayer
Alle anderen Rollen gestrichen«
In Senders Zügen prägte sich das helle Entsetzen aus
»Eine Mustervorstellung wirds« rief Stickler »Guter Souffleur hier
gewonnen Schon auf der Probe Mittwoch zehn Uhr wirst du Augen machen Bis
dahin bist du Freiherr kannst spazieren gehen«
Das tat Sender nicht Er hielt sich den Rest des Tages auf seiner Stube und
sah sich auch nur einen Akt vom »Kabale und Liebe« an Der Saal war noch
schmutziger und kleiner als der in Zaleszczyki aber er war nahezu gefüllt und
die Leute applaudierten aus Leibeskräften Das beruhigte ihn und er schlief
trotz des leisen Bangens vor seinem ersten Debüt bald ein und es war auch am
Dienstag nahezu Mittagszeit als er in der Wirtsstube erschien
Dort malte Können eben die morgigen Zettel fertig »Damit Sie sich bei Ihrem
ersten Auftreten nicht ärgern« sagte das Männchen »habe ich diesmal die
christlichjüdischen Sachen nicht gemacht obwohl das Stück noch besser dazu
taugt als Deborah« In der Tat war der Zettel von solchem Doppelspiel frei
sogar die Titel hüben und drüben dieselben und es waren nicht weniger als fünf
»Der Kaufmann von Venedig« oder »Christen und Juden in Handel und Wandel« oder
»Was in einem Kästchen stecken kann« oder »Wie schneidet man einem lebendigen
Menschen ein Pfund Fleisch heraus ohne einen Tropfen Blut zu vergießen« oder
»Liebe Rachgier und Verzweiflung« Sender war angekündigt als »Herr Alexander
Kurländer genannt der zweite Dawison eines der größten Talente der
Vergangenheit und Gegenwart Mitglied mehrerer Weltbühnen auf der Durchreise
von Berlin nach Wien unwiderruflich nur dies eine Mal als Gast«
Er erschrak »Was werden sich die Leute versprechen« rief er
»Weniger als sie finden werden« sagte Können »Ich habe Ihnen bisher
nichts über die Probe gesagt« fuhr er stammelnd fort »Sie glauben aus Neid
und da haben Sie nicht ganz unrecht es ist auch Neid dabei gewesen Aber die
Hauptsache war der Gedanke Du bist ja nicht wert ihn zu loben« Er fasste
Senders Hand und drückte sie »Hier zur Erinnerung habe ich einen eigenen
Zettel für Sie gemalt Geben Sie acht er kommt einmal in ein Museum so wahr
ich ein elender Stümper bin Aber wie fühlen Sie sich Besser hoff ich Denn
die Nacht war gut nur zweimal haben Sie gehustet sind aber nicht erwacht«
»Sie haben wieder bei mir gewacht« rief Sender gerührt
»Ja nach der Vorstellung habe ich mich hineingeschlichen und in aller Frühe
wieder hinaus Der Moskal ist ein kluges Tier er hat gewusst ich tu seinem
Herrn nichts Danken Sie mir nicht« wehrte er hastig ab als Sender es tun
wollte
Den Abend verbrachte Sender mit Birk auf dessen Stube Der unglückliche Mann
war frischer als er ihn je zuvor gesehen und erzählte viel aus den Glanzzeiten
seines Lebens namentlich vom Burgteater dann vom Elend der Schmieren Sender
verstand die Absicht Um neun Uhr schickte ihn Birk fort »Ins Bett Morgen
müssen Sie gesund sein«
»Ich werde es sein« erwiderte Sender mit leuchtenden Augen Es war ja alles
gnädig vorbeigegangen Und welche Zukunft harrte sein
Diesmal verriegelte er die Tür Ihm war der Gedanke peinlich dass der arme
Mensch der den Tag über sich so schwer mühte nun auch vielleicht diese Nacht
auf der Diele verbringen sollte als wäre auch er sein Hund Dann träumte er
lange seligen Herzens mit offenen Augen aber noch schönere Träume brachte ihm
der Schlaf Da war alles was er von der Zukunft erwartete Wirklichkeit er
stand auf einer Bühne und blickte in ein großes vollerleuchtetes
dichtbesetztes Haus hinein es war noch viel viel größer als der Teatersaal
in Czernowitz alle Sitze mit rotem Samt ausgeschlagen und auf ihnen schöne
Frauen und Herren mit Orden und Offiziere und da da war der junge Kaiser
Er hatte eben die Szene mit Tubal beendet und alle applaudierten sogar der
Kaiser und riefen »Kurländer« Einige klopften auch auf den Boden und dies
Klopfen ward immer stärker und eine Stimme rief »Sender« die Stimme seiner
Mutter Aber wie kam sie ins Burgteater Nun jedoch schwiegen alle anderen
Stimmen und nur sie rief »Sender«
Er fuhr empor und rieb sich die Augen Barmherziger Gott das war ja kein
Traum mehr Es war heller Tag und das die Kammer im Gasthof zu Borszczow und
draußen klang das Klopfen und Rufen seiner Mutter »Sender Mach auf Es nützt
dir nichts«
Fast ohnmächtig sank er in die Kissen zurück in tollem Wirbel kreisten
seine Gedanken Aber nur wenige Sekunden er sprang aus dem Bette ans Fenster
Die Kammer lag ebenerdig eh sie etwa die Tür sprengen ließ war er längst
angekleidet und im Freien Aber das zuckte ihm nur so durch den Sinn Fliehen
Warum Und als es draußen wieder klang »Es nützt dir nichts« warf er trotzig
den Kopf zurück »0 doch« dachte er »mein gutes Recht über mich selbst wird
mir nützen«
»Ich öffne« sagte er »Warte bis ich mich angekleidet habe«
Als er fertig war legte er die Hand auf das Büchlein das auf dem
Nachttisch lag »Gott lass mich nicht vergessen dass es meine Mutter ist« Um
Stärke brauchte er nicht zu flehen
Er öffnete Die Mutter trat ein hinter ihr schob sich der Marschallik in
die Stube Moskal fuhr die Eintretenden bellend an Sender ließ ihn kuschen Das
war das einzige Wort das er hervorbringen konnte so tief erschütterte ihn der
Anblick der Mutter eine alte aber rüstige Frau hatte er daheim gelassen eine
gebrochene Greisin stand vor ihm Auch sie sah ihn starr aus entsetzten Augen
an vielleicht ebenso seiner Tracht wie seines leidenden Gesichts wegen
»Mutter« begann er endlich »Du bist umsonst gekommen Es tut mir leid
dass du meinen Brief nicht verstehen wolltest «
»O wohl habe ich ihn verstanden« rief sie »Und was ich noch nicht gewusst
habe das habe ich von der Wirtin in Zaleszczyki und dem Wirt hier lernen
können Ein Abtrünniger der mit anderen Verworfenen durch Possen sein Leben
fristet Das ist das Große was dir dein Herz gebietet und wozu dich Gott
bestimmt hat«
»Da musst du auch andere fragen« erwiderte er Er suchte ihr klar zu machen
welches Ziel er sich gesteckt verwies auf Nadlers Briefe sein Engagement in
Czernowitz
Sie hörte ihn ungeduldig an »Wahnsinn« murmelte sie immer wieder
dazwischen »Wahnsinn und Sünde«
Der Marschallik aber fragte »Sender du warst im vorigen Jahr so krank
und jetzt hast du wieder Blut gehustet bis du für ein solches Leben gesund
genug«
»Mit Gottes Hilfe ja«
»Ruf dabei Gott nicht an« rief sie wild »Du bist krank musst bei diesem
Leben bald zu Grunde gehen Aber auch wenn du gesund vor mir ständest ich würde
dich beschwören Kehr um so lange es Zeit ist Komm heim« Und als er den
Kopf schüttelte knirschte sie »Dann zwing ich dich Die Gerichte wissen dass
ein Minderjähriger unter dem Willen seiner Mutter steht«
»Probiers« erwiderte er finster
Sie wollte noch heftiger werden da trat der Marschallik dazwischen
»Nicht so« bat er »Ob du gezwungen werden kannst weiß ich nicht die
Leut reden verschieden Aber du sollst nicht gezwungen werden Nein bei Gott
Denk an deine Gesundheit und an deine alte Mutter Du bringst sie vorzeitig ins
Grab So sieh doch nur«
Sender vermochte nichts zu erwidern er stöhnte nur auf und wandte sich ab
Und so blieb er auch als sie auf ihn zutrat
»Sender« rief sie mit gefalteten Händen »Du hast geschrieben dass ich mehr
für dich getan habe als sonst eine Mutter ist dies dein Dank Mit Geld willst
du es bezahlen Hier ist dein Geld« Sie riss eine Brieftasche hervor und warf
sie auf den Tisch »Zähl nach es fehlt nichts«
Ihr Zorn gab ihm die Fassung wieder »Ich nehms nicht« stieß er hervor
»Es gehört dir Und alles was ich verdienen werde Aber mit meinem Leben kann
ich nicht zahlen«
»Und so soll ich es tun« schrie sie auf Im nächsten Augenblick sank sie zu
seinen Füßen nieder »Sender« schluchzte sie »deine Mutter liegt vor dir auf
den Knien und bettelt um ihr Leben Aber nein nicht darum nur um eine ruhige
Sterbestunde«
Er hob sie auf und umfasste sie »Zerreiss mir nicht das Herz« murmelte er
mit bleichen Lippen »Eine ruhige Sterbestunde Glaubst du dass Gott so
richtet wie Rabbi Manasse Du kannst in Freuden leben in Freuden sterben auch
wenn dein Sohn Schauspieler wird«
»Nein« schrie sie auf »Der Rabbi Das braucht mir kein Rabbi zu sagen«
Wieder mischte sich der Marschallik ein »Komm mit uns Sender sprich mit
unserem Stadtarzt Vielleicht beruhigt er die Mutter Auf einige Wochen kann es
dir ja nicht mehr ankommen«
»Nein« rief sie »Auch wenn es der Arzt erlauben würde Ich darfs nicht
zulassen Entscheide dich«
»Ich habe mich entschieden« erwiderte er »Sehr viel darf eine Mutter von
ihrem Kinde verlangen so viel nicht«
Wieder wollte sie sich zu seinen Füßen stürzen Der Marschallik hielt sie
zurück »Frau Rosel« sagte er »Er ist krank Ihr werdet es werden Schont ihn
und Euch und scheidet in Frieden Wie Gott will was zu sagen war ist gesagt«
»Nein ich geh nicht« schrie sie gellend »Nein Nein Nein« Sie war
unheimlich anzusehen Die Augen glühten wie im Wahnsinn sie hatte alle
Herrschaft über sich verloren »Mein Leben auf Erden hab ich dem fremden Kind
geopfert mein Leben im Jenseits nicht Ich will ruhig sterben ich will seinen
Eltern sagen können«
»Mutter« stammelte Sender entsetzt »Barmherziger Gott« dachte er »sie
ist wahnsinnig geworden «
Auch der Marschallik war bis in die Lippen erbleicht »Frau Rosel« murmelte
er »um Gotteswillen was redet Ihr da«
»Nun ist mir alles gleich« rief sie wild »Hier war ich in Jammer und Elend
um seinetwillen meine Seligkeit geb ich nicht für ihn Ehe sein armer Vater
Mendele Kowner im Strassengraben gestorben ist war sein letztes Wort Alles
soll mein Sohn werden nur kein Schnorrer Und deiner Mutter mit der Friede
sei hab ichs gelobt du wirst es nicht « Sie presste die Linke wie in
Todesangst aufs Herz die Rechte reckte sie empor »Was soll ich ihnen nun
sagen Was Was«
Sender stand regungslos nur die bleichen Lippen zitterten Starr blickte er
sie an dann den Marschallik Als er die Augen des Alten voll tiefsten Mitleids
auf sich gerichtet sah schloss er die seinen und sank wie vernichtet auf den
Stuhl neben dem er stand
Darauf war es sehr lange still man vernahm nur die erregten Atemzüge der
drei Menschen
Dann erhob sich Sender wankend tastete nach dem Büchlein und führte es an
die Lippen Hierauf barg er sein Gesicht und brach in heftiges Schluchzen aus
Auch Frau Rosel begann heftig zu weinen Sie wollte auf ihn zutreten aber
der Marschallik hielt sie zurück
»Kommt« flüsterte er und als sie ihm nicht folgte wiederholte er
befehlend »Kommt Nun ist er nicht Euer Sohn mehr lasst ihn mit seinen Eltern
allein« Und zu Sender gewendet »Du triffst uns unten«
Zwei Stunden mochten vergangen sein Sender ließ sich noch nicht blicken Da
schlichen die beiden an seine Tür und wagten endlich einzutreten
Sie trafen ihn in derselben Haltung wie sie ihn verlassen die eine Hand
hielt das Büchlein fest die andere deckte die Augen Als sie vor ihn traten
richtete er sich auf So schmerzvoll hatte der alte Mann in seinem langen Leben
noch keines Menschen Antlitz gesehen jedoch Senders Stimme klang zwar tonlos
aber fest »Ich komme mit«
»Sender« jubelte sie auf und wollte auf ihn zustürzen Der Marschallik
hielt sie zurück
»Ihr müsst es ihm versprechen« sagte er »dass Ihr nichts dagegen habt wenn
es unser Arzt erlaubt Er überlebt sonst den Schmerz nicht« flüsterte er ihr
zu Dann wieder laut »Es ist nicht für immer Die Toten dürfen nicht verlangen
dass sich die Lebenden für sie opfern«
»Wie Gott will« erwiderte Sender »Meine Eltern das würde ich auf mein
Gewissen nehmen Aber hat mir eine Fremde ihr Leben geopfert so darf sie mein
Leben dafür verlangen«
Sechsunddreissigstes Kapitel
Es währte eine volle Woche bis die drei wieder das Mautaus zu Barnow erreicht
Sie mussten im Schritt fahren und täglich nur wenige Stunden in Zaleszczyki und
Tluste je zwei Tage rasten Denn wohl brachte Frau Rosel ihren Pflegesohn
zurück aber als einen Schwerkranken Immer schlimmer wurde das Fieber immer
quälender der Husten Es hätte nicht erst der Mahnung der Ärzte bedurft dass er
nicht sprechen solle mit geschlossenen Augen stumpfe Trauer in den Zügen lag
er im Wagen Er litt es dass sich die Mutter um ihn mühte und wenn sie ihm
zärtlich Mut zusprach und auf den Sommer verwies der ihm wie im vorigen Jahre
die volle Genesung zurückbringen werde so gewann er es sogar zuweilen über
sich zu lächeln Aber unruhig wurde er wenn ihn der Marschallik zu trösten
suchte vielleicht werde der Stadtarzt im Sommer doch gestatten dass er gehe
wohin ihn sein Herz ziehe und die Mutter werde sich dann wohl auch darein
finden Daran wollte er nicht erinnert sein damit wars aus und vorbei für
immer und wie furchtbar sein Schmerz darüber war er zuckte zusammen wenn die
fremde Hand mitleidig an die Wunde rührte die nur der Tod heilen konnte
So stumpf so todtraurig blieb er auch in den ersten Wochen nach seiner
Heimkunft Still lag er die Hand auf dem Kopf seines treuen Hundes den Blick
ins Leere gerichtet auf dem Sofa der Wohnstube oder im Lehnstuhl am Ofen den
am Fenster vermied er ängstlich Niemand hatte ihm erzählt welches Aufsehen
seine Flucht im Städtchen erregt welche Flüche und Verwünschungen sich über
seinem Haupte entladen weil er in deutscher Tracht heimgekehrt wahrscheinlich
ahnte er es aber nicht deshalb mied er den Sitz am Fenster Nur niemand sehen
und von niemand gesehen werden in Ruhe sterben das war alles was er noch
wollte Selbst die Besuche des Marschallik und seiner Tochter rissen ihn nicht
aus diesem dumpfen Hinbrüten so lieb ihm die beiden Menschen waren so sehr ihn
ihr Mitgefühl rührte Kamen sie so gingen sie auch bald wieder denn er selbst
tat nie eine Frage was sie ihm erzählten hörte er kaum an wohl aber schien
ihn ihre bloße Anwesenheit zu beunruhigen Nur einmal als er erfuhr dass der
neue Advokat und seine Gattin in den nächsten Wochen erwartet würden belebte
sich sein Gesicht »Da kann ich wohl noch Abschied von ihr nehmen« dachte er
aber gleich darauf wurden seine Züge wieder stumpf »wozu ich war ihr ja immer
gleichgültig« Auch seine deutschen Bücher rührte er nicht mehr an während er
das Gebetbuch kaum noch aus den Händen ließ aber auch nach seinen Eltern tat er
keine Frage er fühlte sich ja schon auf dem Heimweg zu ihnen
Die drei Menschen die an ihm hingen waren tiefbekümmert aber nur dem
Marschallik und Jütte war es klar dass ihn nicht der Husten allein gebrochen
Frau Rosel gab wohl zu dass er traurigen Herzens sei »aber« meinte sie »das
gibt sich mit der Krankheit«
Dass sie recht gehandelt stand ihr unerschütterlich fest aber sie vermochte
auch nicht einzusehen dass sie ein Opfer gefordert und empfangen Im Gegenteil
schenkte ihm der Himmel die Gesundheit wieder so hatte sie ihr Teil Verdienst
daran bei jenem elenden Leben unter Dirnen und Vagabunden wäre er verloren
gewesen
Sie war sehr bestürzt als ihr der Arzt eines Tages das Gegenteil sagte Es
war dies nach seinem zweiten Besuche zu Anfang April Als ihn Frau Rosel das
erste Mal holte wusste er von Sender nur was alle Welt in Barnow erzählte dass
der unstete Mensch unter wandernde Gaukler geraten und von der Mutter
zwangsweise zurückgebracht worden das vermochte ihm kein tieferes Interesse
einzuflößen Er untersuchte den Kranken und meinte es liege Grund zur Sorge
vor aber nicht zur Verzweiflung bei guter Ernährung Gemütsruhe und einer
Molkenkur im Sommer könne er noch recht glimpflich davonkommen Aber seither
hatte ihm er war ja auch der Arzt des Klosters Pater Marian von Sender
erzählt und das weckte seine Teilnahme Obwohl ihn Frau Rosel nicht wieder holen
ließ Sender hatte so dringend gebeten dies zu unterlassen dass sie ihm den
Willen getan trat er eines Tages wieder in die Wohnstube
Er untersuchte den Kranken und schüttelte den Kopf Dann ersuchte er die
Frau ihn mit Sender allein zu lassen und sagte »Ich glaube nun Ihre
Geschichte zu kennen eine echte rechte Märtyrergeschichte Aber zum Teil
mindestens liegt es in Ihrer Hand welchen Ausgang sie nimmt So wie Sie vor
mir liegen sind Sie das Musterbild eines Kranken wie er nicht sein soll
apatisch ja verzweifelt So können Sie nie gesund werden«
Sender erhob abwehrend die Hand »Das werd ich ohnehin nie mehr«
»Da wissen Sie mehr als ich« erwiderte der Arzt »Wie es um Sie steht habe
ich Ihnen schon vor Wochen gesagt Sie werden sich auch bestenfalls Ihr Leben
lang etwas mehr schonen müssen als andere im schlimmeren viel mehr an das
schlimmste glaube ich nicht Sie haben etwas von der Natur Ihres Vaters geerbt
dessen Kraft und Ausdauer in meiner Jugendzeit fast sprichwörtlich waren Wer
nach einem Blutsturz wie Sie ihn vor einem Jahr hatten und nach den
furchtbaren Strapazen und Aufregungen Ihrer letzten Wanderung nur eben mit einem
schweren Husten davongekommen ist braucht nicht zu verzweifeln«
Sender lag schweratmend da er erwiderte nichts Auch der Arzt sprach nicht
weiter es war ja jedes Wort nutzlos Wohl aber sagte er draußen Frau Rosel
seine Meinung »Nichts hätte für seine Krankheit schlimmer sein können als
diese Rückkehr Dort wollte er leben und hier will er sterben«
Das traf sie hart aber sie glaubte es doch nicht recht
Umso besser verstand Pater Marian den Bericht des Arztes »Wenn ich ihn nur
besuchen könnte« rief er und schickte Fedko mit einem Schreiben an Sender
worin er ihm seinen Besuch oder doch Bücher anbot
Der Pförtner kam betrübt zurück »Mit unserem armen Verrückten gehts zu
Ende« meldete er »Er dankt für beides«
Auch den Besuch Malkes und ihres Gatten die sich gleich nach ihrer Ankunft
durch Jütte bei ihm anmelden ließ lehnte er ab Als sie vom Arzt erfuhren
wie es um ihn stehe baten sie ihn in einem herzlichen Brief kommen zu dürfen
Er blieb bei seinem Entschluss
Aber Jütte gab nicht nach »Ihr müsst hingehen« rief sie ihrer Freundin zu
die sie nun als Wirtschafterin ins Haus genommen »Ihr müsst« Sie rang die
Hände »Sonst stirbt er« rief sie verstört und brach in ein heftiges Schluchzen
aus
Malke blickte sie befremdet an Tränen war sie an dem tapferen Mädchen nicht
gewohnt »Jutta« sagte sie sehr ernst »Du hast einmal die Liebe eine
christliche Mode genannt «
»Ich liebe ihn nicht« rief Jütte heftig »Aber mein Leben gäb ich drum
wenn ich das seine erhalten könnte«
Ihren Willen setzte sie durch Eines Tages traten Doktor Salmenfeld und
seine Gattin bei dem Kranken ein Sender war sehr erregt und als sie ihm
herzlich zusprachen feuchteten sich seine Augen Aber er erwiderte doch nur
»Wünschen Sie mir keine Genesung Wozu Um bei Dovidl Nummern zu schreiben«
»Um ein großer Künstler zu werden« rief Malke
»Damit ists vorbei Ein todkranker Mann Und wenn auch das nicht meine
Pflegemutter verlangt das Opfer muss es verlangen und ich muss es bringen«
»Lieber Herr Glatteis« sagte der Advokat »nur das erste ist richtig Nach
ihren Anschauungen muss sich Ihre Pflegemutter durch die letzten Worte Ihrer
Eltern gebunden halten Aber Sie Ihr armer Vater war ja ein in seiner Art
berühmter Mann wir alle haben genug über ihn erfahren um zu wissen wenn er
lebte er würde Sie deshalb nicht verdammen ihm wäre der Unterschied zwischen
einem Schnorrer und einem Künstler klar Und Frau Rosel spricht ja nur gleichsam
in seinem Namen «
Sender schüttelte den Kopf »Das mag ja alles richtig sein aber ihr wäre es
doch das Furchtbarste Und darauf allein kommt es an Sie hat mir ihr ganzes
Leben auf Erden geopfert soll ich ihr dafür die künftige Seligkeit rauben«
Aber ein Interesse weckten diese Unterredungen doch in ihm er begann dem
Leben und Wesen seines Vaters nachzuforschen Der Marschallik konnte ihm viel
von Mendele berichten die Bedeutung der Inschriften im Gebetbuch ward ihm nun
verständlich Frau Rosel aber erzählte ihm von der armen Miriam wie sanft und
fromm sie gewesen wie gut und dankbar Auch lebte noch einer der Männer die
einst an Mendele Kowner die letzte Pflicht erfüllt und seinen Leichnam von der
einsamen Todesstätte nach dem »guten Ort« zu Barnow gebracht Es war Meierl
Kaiseradler der Gemeindediener Aber seine Erzählung brachte Sender eine tiefe
Erschütterung des Gemüts denn auf die Frage wo jene Stätte gewesen erwiderte
Meierl »Dicht an der kleinen Kapelle wo der Fußweg nach Biala von der Straße
abzweigt« Es war dieselbe Stelle wo der Orkan Sender in den Strassengraben
geschleudert die Kapelle wo er zu seiner Rettung das Büchlein liegen gelassen
Ihm war es kein seltsamer Zufall nun wusste er wessen Geist ihn in jener Stunde
umschwebt und gerettet Aber freilich wozu zu solchem Ende
Gegen Ende April kam ein Brief Nadlers aus Czernowitz er habe durch einen
Zufall erst jetzt erfahren warum Sender nicht gekommen In herzlichster
Teilnahme bat ihn der Direktor nicht mutlos zu werden das Siechtum zu
überwinden sein Schutz sei ihm immer sicher Dass der Zufall in einem Brief
Salmenfelds bestanden wusste Sender nicht wohl aber was er zu erwidern habe
Er dankte dem Direktor in rührenden Worten und nahm von ihm Abschied
Da sollte ein furchtbares Ereignis wieder in sein Leben eingreifen zugleich
zum Segen und zum Verderben
Es war an einem der ersten Maitage Sender besprach eben mit Frau Rosel dass
sich nächstens sein Geburtstag jähre wo er zugleich zum ersten Male den
Todestag seiner Mutter begehen könne als der Marschallik eintrat Sender sah
ihm sofort an dass er schlimme Botschaft bringe doch erfuhr er nicht um was es
sich handle der Alte teilte es Frau Rosel auf dem Flur mit Es musste etwas sehr
Schlimmes sein denn als sie wiederkam war ihr Gesicht bleich und angstvoll
doch erwiderte sie auf Senders Frage »Nichts nichts von Bedeutung«
Es musste aber von Wichtigkeit sein denn nach einer Stunde hörte Sender auf
dem Flur neben der Stimme Türkischgelbs auch jene Dovidls Aber auch von seinen
hastigen Reden konnte er nur einige Worte verstehen »Und alles das hat der
Schurk der Stümper der Luiser auf dem Gewissen« Und dann das letzte
»Beruhigt Euch ich kenne ja die Gesetze Nach den Gesetzen darf er Euch nichts
antun«
Beruhigend schien diese Versicherung nicht auf sie gewirkt zu haben als sie
in die Stube zurückkehrte war sie noch erregter Vergeblich bat Sender
nochmals ihm den Grund zu sagen Sie stand fast immer am Fenster und spähte auf
die Straße hinaus Da es dämmerte schon schrie sie plötzlich entsetzt auf
»Da ist er« und stürzte auf den Flur Gleich darauf hörte er eine raue ihm
fremde Stimme offenbar die Stimme eines Trunkenen brüllen »Selbst sollst du
mir sagen dass du mich nicht aufnimmst Warum lässt du mich dann suchen«
Und dann ihren gellenden Ruf »Geh Froim oder ich schrei um Hilfe«
So weit hatte Sender starr vor Schrecken zugehört Nun raffte er alle Kraft
zusammen und stürzte auf den Flur Er kam genau zur rechten Sekunde Da stand
ein alter entsetzlich verwahrloster Bettelmann vor Rosel hatte eben den
schweren eisernen Haken ergriffen durch den der Schranken des Nachts versperrt
zu werden pflegte und schwang ihn über dem Haupt der Greisin
»So schrei zu« brüllte er »Aber zuerst schlag ich dich tot«
Blitzschnell warf sich Sender zwischen Froim und sie Das schwere Eisen traf
sein Haupt statt des ihren Er schlug zur Erde hin in seinen Ohren dröhnte es
seine letzte Empfindung war dass ihm ein heißer Strom die Stirne überrieselte
Dann vergingen ihm die Sinne
Drei Wochen lag er betäubt zwischen Leben und Sterben der Arzt befürchtete
täglich das Ende eine so schwere Verletzung ein so heftiges Wundfieber konnte
der geschwächte Körper kaum überwinden Er bot seine ganze Kraft und Kunst auf
auch sonst fehlte es dem Kranken nicht an liebevoller Pflege und Teilnahme
Jütte wohnte nun im Mautaus um Tag und Nacht bei der Hand zu sein der
Marschallik kam täglich ebenso Salmenfeld und seine Gattin noch mehr eines
Tages trat Pater Marian ein und beugte sich voll schmerzvoller Rührung über
seinen armen Schüler der ihn nicht erkannte Der Besuch blieb im Ghetto nicht
unbekannt und machte als nahezu unerhörtes Ereignis das größte Aufsehenden
jähen Wandel der Stimmung vermochte es nicht zu beeinflussen Nun schwärmten die
Juden von Barnow wieder einmal für denselben Mann auf dessen Haupt sie kurz
vorher die schwersten Flüche gehäuft Er hatte sein Leben eingesetzt das der
Mutter zu erhalten nun war er trotz seiner deutschen Tracht wieder kein
Mensch sondern ein Engel Täglich kamen Scharen sich nach seinem Befinden zu
erkundigen wer irgend einen seltenen Leckerbissen hatte sandte ihn für den
Kranken Dass eine Gewalttat wie die Froims im podolischen Ghetto überaus selten
ist mehrte die Begeisterung der dicke Simche der zufällig vorbeigefahren und
den Frevler entwaffnet wurde wie ein Held gefeiert Die Leute hätten Froim am
liebsten gelyncht es war gut dass ihn der Bezirksvorsteher hinter Schloss und
Riegel gesetzt
»So sind sie« sagte der Arzt dem Advokaten »maßlos in ihrer Liebe wie in
ihrem Hass Aber all dies Segnen nützt dem Armen nichts«
Dies nicht vielleicht nicht einmal die aufopfernde Pflege aber seine zähe
Natur schien den Kranken retten zu wollen Die Wunde begann zu heilen die
Betäubung schwand Die Sorge des Arztes wollte dennoch nicht weichen
»Seine Genesung ist so etwas wie ein halbes Wunder« sagte er dem Pater
»aber ganze Wunder gibts in der Natur nicht Ohne dieses Unglück wäre er wohl
wieder leidlich gesund geworden sofern er nur ernstlich gewollt hätte Jetzt
fürcht ich zählt sein Leben nur noch nach Monaten Wenn ich sie ihm wenigstens
heiter gestalten könnte Aber mit der Besinnung kommt ja auch die Apathie
wieder hinter der sich in Wahrheit eine so tiefe Verzweiflung birgt«
»Sprechen Sie doch mit seiner Mutter« bat Marian »jetzt wenigstens sollte
sie doch ihren Widerstand aufgeben Schauspieler wird er ja ohnehin nicht mehr«
Der Arzt zog den Marschallik ins Vertrauen Der Alte war fassungslos vor
Schmerz
»Das kann Gott nicht zulassen« rief er dann »Vielleicht irren Sie sich
doch Die Frau aber die bring ich herum«
Er hatte zu viel versprochen vielleicht weil er der Greisin nicht alles
sagen mochte Nur so viel erreichte er dass sie ihm zuschwor kein Wort mehr
dagegen zu sagen außer wenn Sender etwa Ernst machen wollte Dann freilich
werde sie wissen was sie den Toten schuldig sei
Aber es kam weniger auf sie an als die Freunde glaubten Mit Staunen sah
der Arzt wie heiter die Miene des Kranken war als er ihn zuerst bei voller
Klarheit des Geistes wiederfand Vor ihm war Jossef Grün dagewesen und hatte die
Grüße und Wünsche der Gemeinde überbracht aber konnte dies auf Sender so tief
gewirkt haben Er war so schwach dass er kaum die bleichen Züge zu einem Lächeln
verziehen konnte aber seine Augen leuchteten und als sich der Arzt zu ihm
beugte hauchte er »Nicht wahr Herr Doktor ich werde gesund«
Der Arzt bejahte eifrig
»Ich habs ja gewusst« flüsterte er mit seligem Lächeln »Mein Herz hats
mir gesagt So gesund dass ich Schauspieler werden kann«
Der Arzt nickte
»Aber da müssen Sie dazu helfen« fügte er fast barsch hinzu seine Rührung
zu bewältigen »Nun keine trüben Gedanken mehr«
»Es ist ja kein Grund mehr« hauchte Sender »Alle sagen es und ich fühle
es auch die Schuld ist bezahlt Nun weiß ich warum ich in jener Nacht in der
Kapelle nicht gestorben bin «
Letztes Kapitel
Die Schuld war bezahlt er konnte Schauspieler werden nur die Krankheit stand
noch zwischen ihm und seinem Ziele Selten hatte der Arzt einen so tapferen
heiteren fügsamen Patienten gehabt wie es Sender jetzt war aber selten auch
einen der den gütigen Mann so oft zu seinem barschen Ton gezwungen Dieser
Gegensatz zwischen dem rührenden Glauben des Kranken und der herben Wirklichkeit
ergriff ihn immer wieder tief
Die anderen aber freuten sich nur über die Wandlung und schöpften neue
Hoffnung auch der Pater und der Marschallik Sollten sie dem Arzte mehr
glauben als ihren eigenen Augen Sender wurde ja zusehends wieder kräftiger
das Gesicht war leicht gerötet die Augen glänzten auch der Husten hatte fast
ganz aufgehört freilich wurde der Atem kürzer aber auch das gab sich wohl Vor
allem aber täuschten sie sein Mut sein Selbstvertrauen über seinen Zustand
hinweg
Nun war alles anders als früher jeder Besuch freute ihn mit den Freunden
sprach er auch von seinen Plänen nur kurz freilich schon weil ihm der Arzt
vieles Reden untersagt aber aus jedem Wort klang felsenfeste Zuversicht Frau
Rosel empfand dies jedesmal als einen rechten Stich ins Herz aber sie schwieg
ihre Zusage wollte sie halten Auch las er nun wieder eifrig und als er zum
ersten Male das Bett verlassen konnte schrieb er einen langen Brief an Nadler
worin er erzählte wie es sich mit ihm gefügt dass er nun auf dem Wege zur
Genesung sei und bitte ihn nicht zurückzuweisen wenn er sich hoffentlich
bald zum Antritt seines Engagements melde Der Direktor erwiderte umgehend aus
Lemberg Sender werde ihm immer willkommen sein und nun könne er ihm auch
bessere Vorbilder bieten als in Czernowitz er sei zum Direktor des Lemberger
deutschen Theaters ernannt worden und übernehme im Herbst die Leitung
Sender war selig jeder der Freunde musste den Brief lesen »Bis zum Herbst
bin ich ja längst gesund« sagte er »Der Herr Doktor hat es mir ja
versprochen«
In der Tat hatte der Arzt zum mindesten nicht widersprochen als Sender um
Antwort gedrängt und sie sich dann selbst gegeben »Im Herbst wollen wir dann
weiter lügen« dachte er mitleidsvoll »wenn es noch nötig sein sollte « Laut
aber sagte er »Natürlich müssen Sie vorher nach Delatyn zur Molkenkur« Heilung
konnte Sie Sender nicht mehr bringen aber Erleichterung der Atemnot
Der Kranke war es zufrieden auf Mitte Juni war die Abreise festgesetzt
Aber nun erhob sich die Schwierigkeit wer ihn begleiten sollte denn der Arzt
bestand darauf dass er nicht allein gehe Frau Rosel konnte von ihrem Posten
nicht abkommen auch hatte sie die Todesangst während Senders Flucht nicht recht
verwunden und war in den letzten Monaten sehr gebrechlich geworden Jütte Sie
selbst wäre freilich auch dazu bereit gewesen aber das verbot die Sitte Auch
Sender sah dies seufzend ein sonst hätte er sich keine bessere Gesellschaft zu
wünschen gewusst Das Mädchen war ihm durch seine selbstlose Güte sehr teuer
geworden er liebte sie so recht wie eine Schwester
»Nüssele« sagte er ihr einmal »was hast du für ein golden Herz« Seit den
Tagen seiner Krankheit duzten sie sich »Darum verstehst und begreifst du auch
alles nur durchs Herz Ich denk mir nur immer wo nehmen wir einen Mann für
dich her der dich wert ist«
Ihr war sehr weh als er so sprach aber sie bezwang sich
»So ein Mensch ist eben noch gar nicht geboren« erwiderte sie »und darum
muss ich ledig bleiben«
»Behüte« erwiderte er lächelnd »Er ist schon unterwegs Wenn er kommt und
ich bin nicht mehr da dann will ich bei der Hochzeit nicht fehlen und wenn ich
aus Berlin oder Hamburg herreisen müsste Mit einer großen Kiste voll Geschenken
komm ich dann gefahren Nüssele und schau mir den glücklichen Menschen an
der das beste Weib auf der Erde bekommt«
Da wandte sie sich ab und ging rasch hinaus ihre Kräfte drohten sie zu
verlassen Außer dem Arzte wusste wohl sie am besten wie es um Sender stand
auch dies hatte ihr das Herz gesagt das Herz das ihn liebte
Schon war beschlossen dass ein gemieteter Wärter Sender begleiten sollte
als das Schicksal für einen besseren Pfleger sorgte
Als Sender eines Nachmittags mit dem Marschallik auf dem Bänkchen vor dem
Hause saß unter dem Lindenbaum fuhr der Alte plötzlich auf und rief auf die
Straße deutend »Da ist ja der kleine jüdische Spieler aus Borszczow«
Sender blickte auf auch er erkannte Können sofort Langsamen Schrittes das
Haupt gebeugt kam der Kleine ein Ränzelchen auf dem Rücken dahergegangen Als
er Sender gewahrte blieb er wie starr vor freudigem Schrecken stehen und eilte
dann auf ihn zu
»Also Sie leben« rief er und fasste nach seiner Hand »Sie leben«
»Natürlich« erwiderte Sender »Nicht mein Geist Fühlen Sie nur Fleisch
und Blut wenn auch noch etwas wenig Hat man mich tot gesagt«
»Gottlob« rief der Kleine ohne auf die Frage zu antworten dann begrüßte
er auch den Marschallik der ihm freundlich die Hand drückte Ohne seine Hilfe
hätte er Sender in Borszczow kaum von Stickler losgebracht der Direktor hatte
fünfzig Gulden Entschädigung verlangt und sich schließlich nur auf Könnens
Vorstellung mit fünfzehn begnügt
»Kommen Sie als Quartiermacher« fragte er »Ich fürcht in Barnow werden
Sie keine guten Geschäfte machen«
Der Kleine schüttelte den Kopf »Ich bin kein Schauspieler mehr« sagte er
düster Und nun erst sah Sender dass ihm ein Wald schwarzer Stoppeln im Gesicht
wucherte
»Und die Gesellschaft«
»Aufgelöst« erwiderte Können und um seinen Mund zuckte es schmerzlich Dann
setzte er zum Reden an blickte auf den Marschallik und verstummte wieder
Der Alte verstand den Blick und ließ die beiden allein
»Es freut mich dass Sie sich endlich losgemacht haben« sagte Sender »Es
war hohe Zeit «
»Das wars« erwiderte Können »aber ich habe mich nicht losgemacht « Er
blickte zu Boden seine Lippen bebten »Ich hätte es nie gekonnt Sie ist
«
»Tot« rief Sender bewegt Wie immer sie sonst gewesen ihm hatte sie
Teilnahme erwiesen »Wie schade Ein solches Talent Aber sie war ja noch so
jung und ein blühendes Geschöpf« Da erinnerte er sich ihres gellenden Lachens
ihrer verzweifelten Reden »Hat sie sich etwa selbst «
Können nickte sprechen konnte er nicht »Sie hat sich vergiftet« stieß er
endlich hervor Aber es währte lange bis er erzählen konnte »Sie wissen wohl
noch Birk hat einst viel für sie getan und sie es ihm übel gelohnt Sie hat ihn
zuerst betrogen dann sich ganz von ihm losgesagt Er hat nie ein Wort darüber
gesprochen vielleicht habe nur ich gewusst dass dies das schmerzlichste war was
den Unglücklichen in seinen letzten Jahren getroffen hat seit dem Bruch mit der
Schönau ist es immer rascher mit ihm abwärts gegangen Und er war dazu verdammt
sie täglich zu sehen er hat auch dies ertragen müssen nur dass er außer der
Bühne nie ein Wort mit ihr gesprochen hat Um Mitte Mai wir waren eben in
Kolomea sagt er mir einmal vor der Vorstellung der Räuber Ich fürchte heut
bring ichs nicht zu Ende Und richtig gleich in der ersten Szene er hat den
alten Moor gespielt und Hoheneichen erzählt eben von Karls Verworfenheit stöhnt
er bei den Worten
Mein mein ist die Schuld auf und greift sich an die Stime und sinkt zurück
und röchelt leise Und das war so schauerlich dass eine Bewegung durchs Publikum
gegangen ist und alle gesagt haben Grossartig Und Hoheneichen merkt auch nichts
und spricht weiter aber auf das nächste Stichwort ist Birk nicht mehr
eingefallen Es war ein Nervenschlag «
»Entsetzlich« murmelte Sender
»Für ihn wars eine Erlösung« fuhr Können fort »nur dass er nicht gleich
tot war Drei Tage ist er dagelegen und hat geröchelt und Worte gelallt die ich
nicht verstanden habe Denn ich habe ihn gepflegt und war sehr betrübt denn er
hat mich nie gehöhnt Aber das war in jenen Tagen nicht mein größter Schmerz
sondern« er stockte »aber warum sollt ichs Ihnen nicht sagen da es
gottlob nicht wahr war Der Souffleur von Nadlers Gesellschaft der mein
Freund ist hat mir geschrieben Sie liegen im Sterben Also am dritten
Tage wie ich eben bei ihm bin und sehe es geht zu Ende klopfte es an die Tür
ich blicke hinaus die Schönau Sie hat entsetzlich ausgesehen Mein Gewissen
lässt mir keine Ruhe sagt sie vielleicht verzeiht er mir vor dem Tode Und
obwohl ich abmahne tritt sie ein Da zuckt es in seinem Gesicht er sucht die
Hand zu heben Weg ruft er Ferdinand schluchzt sie und wirft sich vor
seinem Bett nieder Da richtet er sich plötzlich auf und lallt Weg Dirne
Mörderin Und sinkt zurück und stirbt und noch im Tod war auf seinem Gesicht
der Abscheu und der Zorn «
Er atmete tief auf und fuhr fort »Drei Tage ist sie still herumgegangen
aber mit einem Gesicht uns allen hat nichts Gutes geahnt Da bekommt der
Stickler Furcht und bittet einige Edelleute dass sie sie zu einem Souper
einladen Und sie sagt zu Genug gejammert lacht sie es holt uns doch alle der
Teufel Aber wie das Souper beginnen soll kommt sie nicht Und wie einer auf
ihr Zimmer geht sie zu holen «
»Sie war sogleich tot« fragte Sender
Können nickte »Blausäure sie kann nicht gelitten haben« Wieder schöpfte
er tief Atem »Von mir will ich nicht reden Nach dem Begräbnis habe ich dem
Stickler gesagt Nun geh auch ich Und obwohl er mich nun plötzlich wieder du
genannt hat der Lump bin ich fest geblieben Mit den drei anderen hat er nicht
fortspielen können und ohne solche Zettel so hat sich die Gesellschaft
aufgelöst Sie suchen nun einzeln ein anderes Engagement nur die Linden nicht
die wird Putzmacherin in Czernowitz«
»Und was haben Sie vor« fragte Sender
»Ich hoffe der Herr Doktor Bernhard Salmenfeld hier nimmt mich in seine
Kanzlei Ist bei ihm keine Stelle frei so versuch ichs anderswo Um mich ist
mir nicht bange«
»Mir auch nicht« sagte Sender »Und ich wünsche Ihnen Glück dass
verzeihen Sie Sie habens selbst so genannt der Wahnsinn zu Ende ist«
Können schüttelte den Kopf
»Der Schauspielerwahnsinn da haben Sie recht Aber das andere «
Er wandte sich ab dann griff er nach Stock und Ränzel und ging mit stummem
Gruß der Stadt zu
Salmenfeld wollte den Mann den er als verlässlich kannte gern behalten
musste aber erst seinem Sollizitator kündigen So war Können für die nächste Zeit
frei und gern bereit Sender nach Delatyn zu begleiten Frau Rosel war freilich
etwas besorgt ein Fremder und ein einstiger »Spieler« dazu Aber ihr Misstrauen
war unbegründet treuer als er hing selbst Moskal nicht an seinem Herrn
Ehe sie die Reise antraten suchte Sender zum ersten Mal die Gräber seiner
Eltern auf Rabbi Manasse hatte einst den Fremden die Ruhestätte an der
Friedhofmauer angewiesen wo die Ärmsten gebettet werden aber die Gräber fand
Sender wohlgepflegt auch für zwei stattliche Grabsteine hatte Frau Rosel
gesorgt Lange saß er auf dem Grabhügel seines Vaters der von dem der Mutter
nur durch einen schmalen Raum getrennt war der eben noch knapp für eine
Grabstätte reichte »Ich war im Leben nicht bei ihnen« dachte er »im Tode will
ich es sein wohin immer mich mein Weg führt Hier wird sichs einst nach
langer hoffentlich segensreicher Arbeit am besten ruhen« Und er bat noch
selben Abends den Marschallik ihm bei der Gemeinde das Grab zu sichern »Ich
fühls« sagte er »ich werde lange leben Wer weiß wie überfüllt dann der
Friedhof ist Es soll sich nichts Fremdes zwischen uns drängen« Der Alte konnte
ihm schon am nächsten Tage die Bestätigung der Gemeinde bringen
Der Flecken Delatyn liegt in den Karpaten etwa zwölf Meilen von Barnow er
wird seiner würzigen Tannenluft sowie der kräftigen Molke wegen viel von
Lungenkranken aufgesucht Dort verbrachte Sender mit seinem treuen Können sechs
stille schöne Wochen Sie suchten niemandes Bekanntschaft die Gesellschaft des
Kleinen genügte Sender vollständig er konnte ja mit ihm vom Theater sprechen
Dazu die Bücher die schöne Natur die Hoffnung schon in zwei Monaten nach
Lemberg zu gehen er fühlte sich glücklich fast wunschlos
Auch mit seiner Gesundheit ging es immer besser Zwar die Schwäche wollte
nicht weichen aber aus dem Spiegel blickte ihm ein volleres Gesicht entgegen
und das Atmen ging leichter Selbst der Arzt war einen Augenblick freudig
überrascht als Sender sich nach seiner Rückkunft bei ihm meldete Aber die
Freude verflog als er das Hörrohr an die Brust des Kranken legte Dennoch
widersprach er nicht als dieser fragte »Nicht war im September darf ich nach
Lemberg« Wohl aber beriet er mit Samenfeld »Da muss wieder einmal Ihre
Bekanntschaft mit Nadler aushelfen« sagte er ihm »Er muss ihn durch irgend
einen Vorwand auf den Frühling vertrösten Spätestens im November ist der arme
Junge erlöst«
Der Direktor beeilte sich dem Wunsche Salmenfelds zu entsprechen nur
machte er diesmal seine Sache trotz besten Willens nicht eben geschickt Er bat
Sender sich bis zum April zu gedulden weil in den ersten Wochen der
Wintersaison eine ganze Reihe von Gastspielen stattfinde zuerst komme Dawison
dann die Rettich La Röche und Fichtner Nun bedürfe ein Anfänger der steten
Anleitung gerade die ersten Wochen seien oft geradezu entscheidend für die
ganze Künstlerlaufbahn und da werde er sich ihm ja der Gastspiele wegen nicht
widmen können
Dieser Grund leuchtete Sender nicht ganz ein da er jedoch gewohnt war jede
Weisung Nadlers wie einen Orakelspruch hinzunehmen so ließ er ihn gelten und
machte sich sogar keine Gedanken darüber »Es ist mir also vorbestimmt« dachte
er »mein Engagement im Frühling anzutreten allerdings ein Jahr später Aber
Nadler hat sicherlich wohl überlegt dass die Verzögerung der geringere Schade
ist« Hingegen erregte der Name Dawison stürmische Sehnsucht in seinem Herzen
Der berühmteste deutsche Schauspieler seiner Zeit desselben Stammes wie er der
einst freundliche Teilnahme für sein Schicksal gezeigt in Lemberg und er
sollte ihn nicht sehen Dawison hatte im Dezember vorigen Jahres das wusste er
sein Engagement am Burgteater gelöst und gastierte nun es hieß er wolle
nach Amerika gehen wie wenn sich die Gelegenheit nie wieder fand Und als er
in dem Wiener Blatte das ihn Salmenfeld lesen ließ die Nachricht fand dass der
Künstler außer dem Mephisto und Richard III auch den Shylock spielen werde
erklärte er der Pflegemutter den Entschluss nach Lemberg zu gehen Sie
widersprach heftig noch immer täuschte sie sich ja über seinen Zustand nun
wollte er ernstlich zur Bühne sie durfte es nicht dulden Der Widerstand nützte
ihr nichts umsomehr da auch der Arzt keine Einwendung hatte »Warum sollte ich
dem Ärmsten nicht noch diese Freude gönnen« sagte er zu Salmenfeld »Nur muss
freilich Können mit« Und so geschahs
In den letzten Septembertagen sollte das Gastspiel stattfinden schon acht
Tage früher brachen die beiden auf um die vier Tagereisen bequem zurückzulegen
Sender war selig welcher Genuss harrte seiner Und das Wetter war warm und
sonnig das Wägelchen bequem Nadler war verständigt und hatte seine Freude
ausgedrückt ihn wiederzusehen die Freunde hatten eben für alles gesorgt im
Kofferchen lag sogar ein feiner schwarzer Anzug damit er sich dem Künstler
würdig vorstellen könne Wenn ihn Können in diesen ersten Stunden ansah hätte
er kaum glauben mögen dass es ein Todkranker war neben dem er saß Aber bald
machten sich die Folgen der Anstrengung fühlbar der Ärmste rang nach Luft und
die rüttelnde Bewegung bereitete ihm so große Schmerzen dass er trotz aller
Selbstbeherrschung leise stöhnen musste Erschreckt ließ Können schon im nächsten
Flecken halten statt desselben Tages gelangten sie erst am nächsten nach
Buczacz der Stadt seiner Knabenstreiche die er einst so plötzlich hatte
verlassen müssen und mussten hier einen vollen Tag rasten In der Folge ging es
ähnlich ja schlimmer Die beiden ersten Gastvorstellungen waren nun versäumt
sie langten erst am Vorabend der letzten Vorstellung in Lemberg an
Sender war betrübt aber nicht verzweifelt »Der Shylock soll ja seine
bedeutendste Rolle sein« sagte er »das Beste entgeht mir also doch nicht«
Noch mehr er gewann seinem Ungemach sogar eine gute Seite ab »Ich bin doch
noch nicht so ganz hergestellt wie ich geglaubt habe vielleicht hätte mich das
Spielen jetzt noch zu sehr angegriffen im April nach einem ruhigen Winter
wirds mir weit besser gehen«
Am nächsten Tage suchten sie Nadler in der Direktionskanzlei auf Der
weichherzige Mann hatte Mühe seine tiefe Erschütterung über Senders Aussehen zu
verbergen Doch fasste er sich rasch hieß ihn herzlich willkommen und gewann es
sogar über sich ihm von Rollen zu sprechen die er ihm im nächsten Frühling
zuteilen wolle Für den Abend lud er die beiden in seine Loge am nächsten
Nachmittag versprach er Sender Dawison vorzustellen Mühsam atmend aber mit
stolzen leuchtenden Augen kehrte Sender auf Könnens Arm gestützt ins Hotel
zurück
Am Nachmittag machte der Direktor den beiden einen Gegenbesuch Sender
ruhte nur Können empfing ihn Nadler ließ sich von ihm eingehend berichten
auch von jener Probe in Zaleszczyki Als er ihm Birks Urteil erzählte rief
Nadler schmerzvoll
»Und Birk hatte einen untrüglichen Instinkt wie jedes großes Talent Ich
werde nie aufhören mir Vorwürfe zu machen dass ich ihn nicht damals sofort
mitgenommen habe«
Können wollte ihn unterbrechen
»Ich weiß was sich zu meiner Entschuldigung vorbringen lässt« sagte er
»aber mich drückts doch Es ist ja traurig genug wenn ein Talent durch eigene
Schuld zugrunde geht wie Birk Und nun erst dieser Sender Warum muss er sterben
Sein Verbrechen ist dass er deutsche Bücher nirgendwo anders fand als in der
ungeheizten Bibliothek des Barnower Klosters«
Schon lange vor Beginn der Vorstellung waren die beiden in der Loge
Klopfenden Herzens musterte Sender das stattliche Haus das sich eben füllte
Die Stätte seines einstigen Wirkens Dann dachte er an nichts als die Freude
die heute seiner harrte So andachtsvoll mag selten jemand einer Vorstellung
gelauscht haben wie der arme blasse Mensch der die Nebensitzenden zuweilen
durch sein Husten störte Als sich der Vorhang zur ersten Shylockszene hob
ergriff er unwillkürlich Könnens Hand ihn schwindelte er ertrug die Spannung
kaum
Da ein stürmisches Klatschen dass das Haus dröhnte da war Dawison
Vorgebeugt schwer atmend saß Sender da die Maske zwar verwunderte ihn nur
er hätte nie gedacht dass Shylock so alt und hässlich aussehen müsse aber die
Sprechweise das Spiel ließ ihn sofort erkennen dass diese Auffassung eine
ganz einheitliche sei Welche Bewegungen welche Stimme ihr umflorter
nervöser Klang in welchem der unterdrückte Hass zitterte ging ihm durch Mark
und Bein Bei der Rede »Signor Antonio viel und oftermals« und so weiter
feuchteten sich seine Augen Und ich war auf mein Deklamieren stolz dachte er
Die Erkenntnis der eigenen Unzulänglichkeit und die Freude einen solchen
Künstler zu hören ergriffen ihn gleichermassen Ähnliches empfand er bei den
folgenden Szenen aber die tiefste Bewegung überkam ihn während der
Eingangsszene des dritten Aktes »Wenn ihr uns stecht bluten wir nicht Wenn
ihr uns kitzelt lachen wir nicht« Das war kein Schauspieler mehr sondern
ein armer unseliger Mensch der lange seine und der Brüder Jammer verschlossen
in sich getragen der klaglos geduldet und nun plötzlich Worte fand für sein
furchtbares Weh Über Senders Antlitz rannen die Tränen nieder als am Schluße
der Szene donnernder Beifall losbrach saß er regungslos aber seine Lippen
murmelten »Mein Gott und Herr ich danke dir«
Gleich mächtig vermochte nichts mehr auf ihn zu wirken und in der
Gerichtszene wo Dawison den Blutdurst durch die grellsten Mittel verbildlichte
er wetzte sogar das Messer an der Sohle ertappte er sich sogar auf dem
Gedanken »Ist das nötig« Gleichwohl war er auch hier voll der wärmsten
Bewunderung und als der Vorhang des vierten Akts gefallen war erhob er sich
»Kommen Sie« flüsterte er Können zu
»Sind Sie nicht wohl« fragte dieser besorgt
Sender schüttelte den Kopf »Nein« erwiderte er »Aber aus diesem Künstler
hat mich Gottes Odem angeweht die anderen sind nur Menschen«
In dieser Nacht schloss Sender kein Auge Neben dem Jubel dass ihm solches zu
sehen vergönnt gewesen erfüllte ihn auch kleinmütiges Verzagen an der eigenen
Begabung Aber dann kam ihm der Trost »An Talent mag er mich hundertfach
übertreffen an Begeisterung nicht Wenn auch kein großer Künstler aus mir wird
so doch gewiss ein ehrlicher« Und dieser Gedanke beruhigte ihn so dass er im
Morgengrauen endlich den Schlaf fand
Am Nachmittag holte ihn Nadler zu Dawison ab er wohnte in einem Hotel dicht
neben dem Senders Der Direktor hatte ihn wohl vorbereitet der Künstler wusste
dass er einem Todgeweihten die letzte große Freude seines Lebens bereiten konnte
und empfing ihn darum mit größter Herzlichkeit
»Unsere Schicksale sind einander so ähnlich« sagte er »Kampf mit der Armut
und dem Vorurteil Freilich habe ich das Polnische in einer Schule erlernen
können aber mein Sequestrator für den ich Akten rein schrieb wird nicht viel
anders gewesen sein als Ihr Winkelschreiber Und das Deutsche habe ich auch als
Schreiber in der Redaktion der Gazeta aus eigener Kraft erlernen müssen Und
es ist doch gegangen Ich hoffe das wird Ihnen trostreich sein lieber
Kollege«
Sender vermochte nichts zu erwidern er sah nur immer in das
scharfgeschnittene bewegliche Antlitz Er Sender der Pojaz war bei Bogumil
Dawison und der nannte ihn seinen Kollegen Es dünkte ihm wie ein Traum
Dawison sprach dann von seiner Lemberger Zeit wie er durch Laubes
Fürsprache ans Burgteater gekommen und schließlich auch durch diesen verdrängt
worden »Aber das kann Sie nicht irre machen« fuhr er dann hastig fort
»Natürlich hat das Künstlerleben auch seine Schattenseiten Und dennoch wer
dazu berufen und auserwählt ist sollte mit keinem König tauschen wollen«
Sender nickte seine Augen glänzten Worte fand er nicht kaum dass er zum
Schluss seinen Dank stammeln konnte Auch von Nadler nahm er zur selben Stunde
Abschied
»Ich weiß« sagte er »Sie würden mir noch für einige Vorstellungen den
Besuch erlauben aber mir ists als hätte ich in die Sonne gesehen darauf kann
man lange nichts anderes unterscheiden Auch muss ich mich ja nun recht schonen
um im nächsten Frühling zur Stelle zu sein Kann ich vielleicht aber Sie
dürfen nicht böse sein erst Ende April kommen weil dann schon das Wetter
verlässlicher ist«
Nadler nickte nur sprechen konnte er nicht
Erst am zweitnächsten Morgen reisten die beiden ab Können hatte auf dieser
Rast nach den Aufregungen bestanden Gleichwohl fasste ihn auf der Rückreise oft
die Angst dass sein Pflegling am Wege sterben werde Aber es ging doch und noch
mehr ahnungslos wie er abgereist kam Sender wieder »Ich bin schwach« sagte
er dem Arzt »das ist doch nach einer solchen Reise nur natürlich«
Darum blieb er auch am nächsten Morgen geduldig im Bette Er war
schmerzloser als seit lange und griff nach den Büchern die ihm Salmenfeld
geliehen Und da traf er auf das Zitat »Jung stirbt wen die Götter lieben«
Kurz darauf kam Pater Marian zu ihm Sender erzählte von den Freuden die
ihm die Reise nach Lemberg gebracht dann sagte er »Sie haben mich so oft
belehrt tun Sie es auch heute Diesen Satz hier kann ich nicht verstehen« Er
deutete auf die Stelle
»Er hat einen guten Sinn« sagte der Pater mit zitternder Stimme Und er
sprach von den Enttäuschungen der Gebrechlichkeit des Alters »Wer jung stirbt
hat das Höchste doch schon genossen was das Leben bietet das Streben nach
hohen Zielen«
Sender nickte »Gewiss Wenn man mir sagen würde Streiche das Streben aus
deinem Leben und du wirst hundert Jahre alt ich würde antworten Dann will ich
lieber heute sterben Mein Leben war ja bisher so schön so schön Sogar meine
Liebe danke ich meinem Streben Sie hat mir viel Schmerz gebracht denken Sie
vielleicht O diese Nacht wo ich geglaubt habe dass sie mich liebt wiegt alles
auf Und meine Kunst nun beginnt ja erst mein Leben Gott lässt mich
genesen ich kann heute so leicht atmen wie seit lange sehr lange nicht«
Pater Marian ahnte was das bedeutete und der Arzt der eintrat bestätigte
seine Vermutung Nach einer Stunde waren alle die ihn liebten in der Stube
versammelt Sie mühten sich ihr Schluchzen zurückzuhalten aber er hörte sie
nicht mehr Das Bewusstsein war geschwunden er phantasierte
Aus den leisen Worten die zuweilen von seinen Lippen fielen konnten sie
entnehmen dass ihn heitere Bilder umgaukelten
»O er ist ein großer Künstler Ich danke Ihnen Herr Dawison Danke
Danke « Dann spielte er selbst den Shylock »Wenn Ihr uns stecht bluten
wir nicht Wenn Ihr « Er suchte das Haupt aus den Kissen zu heben seinen
Mund umspielte ein seliges Lächeln Nun verneigte er sich wohl vor dem Publikum
Nur einmal noch öffnete er die Augen und diesmal schien es Jütte die
seinem Bette zunächst stand als glimme ein Strahl des Bewusstseins in ihnen
Aber das Lächeln schwand deshalb nicht von seinen Lippen
»Mein Leben« hauchte er »So schön so schön «
Das waren seine letzten Worte
Fußnoten
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