1877_Francois_Stufenjahre.html




        
                              Louise von François
                         Stufenjahre eines Glücklichen
                                   Wiegensegen
In der Pfarre von Werben hat man den letzten freien Ausblick in das Tal das
sich von da ab zur Aue verflacht Der Garten umzieht nach drei Seiten das Haus
gegen Mittag trennt es nur ein Fußpfad von dem rebenbepflanzten steilen
Uferhange rasch bewegt strömt unten der Fluss seine jenseitigen Ränder steigen
mit Laubwald bedeckt mählich empor hinter saftigen Wiesenflächen die rings das
untere Dorf nebst dem Talgute umschließen während auf der nördlichen Hochfläche
unübersehbare Korngebreite sich dehnen Die Kirche vom Friedhof umschlossen
wie auch weiterhin das Oberdorf liegen eine Strecke rückwärts im freien Felde
das Schlossgut aber mit seinen sich zum Fluss absenkenden Terrassen steht nur
auf halber Uferhöhe und zieht die Auffahrt zu ihm sich entlang einer Schlucht
deren beide Seiten von ärmlichen Frönerhütten eingefasst sind Die alleräusserste
die allerärmlichste von ihnen wie ein Nest an den Felsen geklebt ist die des
Gemeindehirten das Hutmannshaus
    So hat man in der Pfarre den Blick weder zum Grunde hinab noch zum Himmel
hinan beschränkt sie bildet ein herzerquickendes Lug ins Land ein Odem
gesunder Frische und Fülle umweht sie von allen Seiten und gesunde
herzerquickende Menschen sind es auch die sie bewohnen
    Es ist Johannisnachmittag sieben Kornblumenkränze vor den Fenstern deuten
den Kindersegen an der dem Hause entsprossen ist der Vater mustert im kleinen
Vorgarten seinen Rosenflor Stock für Stock werden die vollreifen Blüten
abgeschnitten auf dass die Knospen sich zu entfalten Saft und Raum gewinnen und
die gesammelten Blätter in der Wäschtruhe verduftend mitten im Winter an die
köstlichste Blumenzeit gemahnen
    In der Weinlaube dicht neben der Haustür sitzt die Frau Pastorin der
Strickstrumpf ruht in ihrem Schoss und der Blick auf dem jüngsten der Sieben das
vor ihr in der Korbwiege schlummert Es zählt erst vierzehn Lebenstage und wäre
heute nicht das Fest des Täufers an welchem jegliches Unternehmen zum Segen
gedeiht hätte es wohl noch ein Weilchen sich in der verhüllten Wochenstube
gedulden müssen Es ist ein unruhiges spärliches Geschöpfchen nun aber hat die
hohe stille Junisonne und hat die Würze der Rebenblüte es dem kleinen Unhold
angetan er schläft seit einer Stunde nach Wiegenkinder Art und Pflicht
    So zart und blässlich das Kind so rund und rotbäckig ist die Mutter und sie
ist keine junge Mutter mehr Sie könnte gut und gern schon Großmutter sein und
dass sie mit den Freuden und Sorgen einer Kinderstube nicht kärglich bedacht
worden ist bekunden die Johanniskränze an ihrem Haus Dennoch hat sie den
kleinen Spätling sieben Jahre lang mit Sehnsucht erwartet und sich seiner
Anmeldung wie der eines Erstlings erfreut Denn die sechs Vorläufer sind
Mädchen lauter Mädchen und nun sollte und musste die Siebenzahl durch einen
Knaben abgeschlossen werden
    Nicht um ihrer selbst willen Frau Hanna Blümel fühlte sich von Grund aus
eine Töchtermutter meinte auch  es ist ein Menschenalter her dass sie also
meinte und die Meinungen ändern sich in einem Menschenalter  dazumal aber
meinte sie dass doppelt so viel Mädchen leichter zu erziehen und dereinst
leichter zu versorgen seien als halb so viel Knaben Nein nicht sich selbst
aber ihrem Gatten hätte sie doch so herzlich einen Sohn gewünscht mit dem er
wiederum so jung werden konnte wie sie es zwischen ihren Töchtern geblieben
war wiederum jung werden indem er ihn durch die Reihen seiner geliebten alten
Heiden und Christen führte Und nun war es zum siebenten Mal ein Mädchen das
kein Vater durch alte Heiden und Christenreihen zu führen Verlangen trägt und
Frau Hanna Blümel fühlte sich nahezu beschämt als hätte sie ihren irdischen
Beruf nur zur Hälfte erfüllt Zwar hatte der fromme Herr ob der Enttäuschung
weder gemurrt noch geklagt noch auch nur geseufzt Er hatte einfach
geschwiegen Es gibt aber ein sehr beredsames Schweigen und für Pastor Blümel
gab es ein speziell beredsames
    Pastor Blümel war Blumist von allen Gottesgeschöpfen liebte er keine
zärtlicher als die welche lautlos am Boden erblühen  die wenn auch mitunter
etwas allzu lauten Menschenblüten selbstverständlich ausgenommen »Zwischen
Kindern und Blumen ist Wohlsein« sagte er gern Nachdem er daher seine älteste
Tochter die noch während der Leidenszeit der hehren Königin geboren ward auf
deren Namen und die beiden nächstfolgenden auf die ihrer Grossmütter getauft
hatte wusste er für die drei nachfolgenden  da seine Hanna häuslicher
Verwechslungen halber auf eine Namensteilung verzichtete  keine
ansprechenderen zu wählen als einen von denen seiner Blumenkinder die kluge
Hausfrau aber ließ sich neben dem Luischen Lorchen und Dorchen eine Liane
Balsamine und Erika bereitwillig gefallen Sie sah ein Liebeszeichen in der
Wahl und das botanische Namenserbe für den Hausgebrauch gätlich in ein Linchen
Minchen und Riekchen umzuwandeln war ja so leicht
    Nun aber hatte der Vater sein Letztgeborenes noch nicht ein einziges Mal auf
seine Blumenverwandtschaft hin angeschaut sich keine Blumenpatenschaft für
dasselbe auserkoren Tauftag und Taufzeugen waren festgestellt Die älteste
Tochter sollte das Schwesterchen über das heiligende Wasser halten der
Amtsbruder Kurze in Bielitz und Frau Amtmann Mehlborn die Gutspächterin
sollten ihr zur Seite stehen und weil dieser guten Freundin Geburtstag heuer
just auf den sechsten Sonntag nach Trinitatis will sagen auf den Perikopentag
von dem brüderlichen Versöhnungsopfer Pastor Blümels Leibtext fiel war es
seiner Gattin leicht geworden ihn zum Verschieben des Weiheaktes bis auf diesen
Festtag zu bestimmen Als sie nun aber auch den Namen des Täuflings in Erwägung
stellte da hatte der Vater lächelnd erwidert »Wähle ihn nach deinem Gefallen
liebe Hanna«
    »Nach ihrem Gefallen« deutlicher hätte er doch wahrhaftig seine
Gleichgültigkeit nicht ausdrücken können Und das inmitten des üppigsten
Juniflors Er hatte in seinem Treibbeet zum ersten Male eine neue Sommerpflanze
zum Blühen gebracht wäre es ihm beigekommen sein Töchterchen nach ihr Gloxinia
zu taufen Frau Hanna würde kein Wort dagegen erhoben und für den Hausgebrauch
dem Linchen und Minchen ein Sinchen angereiht haben »Nach deinem Gefallen« sie
empfand die Kränkung ihres unschuldigen Lämmchens bis in den Muttergrund hinein
ja als sie heute zum ersten Male seit zwei Wochen den harterzigen
Töchtervater mit so viel Sorgfalt zwischen seinen Blumenkindern walten und dabei
so achtlos an der kleinen Menschenblüte in der Wiege vorüberschlendern sah da
hätte sie vor Entrüstung Tränen vergießen mögen und Frau Hanna Blümel hatte
wohl schon manchmal Kummertränen und öfter noch Freudentränen geweint eine
Träne der Entrüstung aber hatte ihr noch nie die guten klugen Augen getrübt
Sie beugte sich über die Wiege und küsste ihr kleines Mädchen so ungestüm als ob
sie es durch doppelte Zärtlichkeit für den Abbruch an Vaterfreude entschädigen
müsse
    Aber die Liebe macht schlau und Mutterliebe am schlausten Als sie den
grausamen Vater sich wieder einmal der Laube nähern hörte zog Frau Hanna das
Gesicht hastig unter dem Wiegenhimmel hervor lehnte sich auf der Bank zurück
und setzte ihre Stricknadeln in Bewegung In ihrem anschlägigen Haupte war ein
verwogenes Stratagem reif geworden in heller Kampfeslust hatten die Wangen sich
noch eine Schattierung höher als in Friedenszeiten gefärbt und aus den blauen
Augen blitzte ein lächelnder Trotz »Dir soll und wird zu deinem Recht verholfen
werden du unschuldige Kreatur«
    Die unschuldige Kreatur unterstützte die mütterliche Kriegslist durch
verdriessliches Gemurr Ob sie der Schlummerruhe die durchaus nicht in ihrem
Temperament zu liegen schien überdrüssig ob sie durch den ungestümen Kuss vor
der Zeit aus derselben geweckt worden war kurzum sie murrte und das Murren
schlug in Greinen um just als der Vater herantrat seine Rosenernte
darzubieten Frau Hanna beachtete weder das Greinen noch die Ernte die Stirn in
krause Falten gezogen strickte sie mit Vehemenz
    »Die Kleine verlangt nach dir Hanna« mahnte der Vater Frau Hanna nahm die
fünfte Stricknadel zwischen die Lippen zog die Brauen in die Höhe und zählte
die Maschen ihres Strumpfes
    Pastor Blümel schob das schwarze Käppchen von der Stirn zurück wischte die
Brillengläser mit dem Taschentuche ab und blickte in hellem Wunder auf das
befremdliche Gebaren Er stand noch mehr wie seine Gattin in dem Alter wo
Elternfreuden selber bei einem Landpfarrer Ausnahmen werden er schaute auf
eine mehr als zwanzigjährige Ehe zurück aber noch nie hatte er sein
frohgewilltes Weib ärgerlicher Laune gesehen noch niemals seine Stirn gefurcht
und die Lippen missmutig herabgezogen wie heute Und das umwogt von Balsamdüften
und bei einem Anlass der das Mutterherz zu inbrünstigem Danke stimmen musste
    Das Kind schrie jetzt jämmerlich die Mutter schien über dem Klappern der
Stricknadeln taub geworden zu sein
    »Die Kleine verlangt nach dir Hanna« wiederholte der Vater mit ängstlicher
Miene
    Sie biss die Lippen übereinander und strickte als ob es auf der Welt nichts
so Wichtiges wie eine Strumpfhacke fertigzubringen gäbe Der Vater setzte sich
an ihre Seite und begann die Schaukel der Wiege zu treten das Kind schrie und
strampelte merklich mit den Beinchen
    »Die Kleine verlangt nach dir Hanna« sagte der Vater zum dritten Male
diesmal mit vorwurfsvollem Klang
    »So lass doch den Schreihals« versetzte die Mutter ohne aufzublicken
»Mädchen querelen allemal ärger als Knaben«
    Pastor Blümel schüttelte den Kopf und trat die Schaukel immer eifriger Er
beugte sich über die Wiege versuchte die Bänder des Wickelbettchens zu lösen
und betrachtete aufmerksam das kleine vom Schreien kirschrote Gesicht »Ein
herziges Püppchen« meinte er nach einer Weile »Es sieht dir ähnlich liebe
Hanna«
    »Mir« widersprach sie »Dir ists wie aus den Augen geschnitten
Konstantin«
    Der Pastor schüttete seinen Rosenkorb über die Wiegendecke und kitzelte das
kindliche Stumpfnäschen mit einer Zentifolie die Kleine ward für einen Moment
still nieste dann und verzog die Lippen zu einem Lächeln was bei Wickelkindern
ein Zeichen des Unbehagens ist und einen demnächstigen Ausbruch gewärtigen lässt
Der Vater aber erwiderte das Lächeln nickte seinem Töchterchen zu und sagte
    »Die Kleine spürt wahrlich schon den Rosenduft Oder meinst du Hannchen
dass sie auf dem Weiß der Decke die bunten Farben unterscheidet«
    »Sie wird eine Blumennärrin werden« spottete die Mutter »Derlei unnütze
Steckenpferde sind fast immer ein Tochtererbe Wäre es ein Knabe  «
    »Würde er jetzt schon mit Stricknadeln spielen gelt« unterbrach sie
lächelnd der Vater »Wie vereitelte Wünsche dich doch betören Hanna«
    »Dich etwa nicht Konstantin«
    »Gott verhüte es Nun ja warum sollte ich es leugnen Ich habe bei jeder
Aussicht auf Elternfreuden also siebenmal einen Sohn erhofft Hatte der Vater
sein Genügen so hätte der alte Pädagog doch gern mit einem Knaben seinen
Plutarch noch einmal vorgenommen der Diener im Amt sich gern einen Nachfolger
herangezogen Mir war mitunter als ob ich vor der Zeit  wie soll ich nur
sagen  nun ja zusammenschrumpfe als ob bei der Bildung eines Sohnes  ja
lächle nur Hannchen  ich noch wachsen könne Als aber der Herr für den Sohn
den er versagte mir  «
    »Sieben nichtsnutzige Mädchen bescherte die von alten Heiden den Kuckuck
verstehen menschliche Wesen zweiter Klasse Mitteldinger zwischen Aff und Mann
«
    »Frevle nicht Weib« rief der Pfarrer schier entsetzt »Versündige dich
nicht Wie wirst du eines Tages deinem Gott noch dafür danken dass dieses Kind
wiederum ein Mädchen war Vota Diis exaudita malignis Das heißt Böswillige
Götter erhören unsere Wünsche sagten die alten Heiden deren du soeben höhnend
erwähntest weil du sie nicht verstehst liebe Hanna nur weil du sie nicht
verstehst da sie in manchen Gebieten heute noch uns weit überlegen sind Was
uns aber himmelhoch über sie erhebt ist dass wir eines Vaters Weisheit
verehren wenn uns die natürlichsten Wünsche versagt die teuersten Hoffnungen
zunichte werden Und darum Hanna werden wir unser kleines Mädchen lieben
nicht nur als unser Fleisch und Blut sondern auch als einen besonderen
Gottessegen Es lag eine Absicht in dieser Gabe die wir uns mühen wollen zu
verstehen Und dann Hannchen«  setzte er nach einer kleinen Pause tröstend
hinzu  vielleicht nur sie vielleicht auch ein wenig sich selbst  »Hannchen
es braucht ja just noch nicht die letzte Hoffnung zu sein«
    »Hilft der Himmel  doch« rief Mutter Hannchen mit dem hellsten Farbenklang
der Aufrichtigkeit
    Das Kind hatte wie sein Lächeln angedeutet während des Vaters erbaulicher
Rede seiner Schreilaune in wahrhaft erschrecklicher Weise die Zügel schießen
lassen Das Schaukeln verschlug nicht mehr der Vater musste es aus der Wiege
heben und auf den Armen schwenkend es vor der Laube hin und wieder tragen bis
die roten Deckelchen sich von neuem über die Augen senkten Die Mutter blickte
mit verstohlener Rührung auf die absonderliche Gruppe sie überlegte ob ihr
diplomatisches Kunststück schon im ersten Angriff gelungen sei hielt es
indessen für geraten der Krise bis auf weiteres zuwartend ihren Lauf zu lassen
Sie strickte aber gelassener und begnügte sich nachdem ihr Konstantin die
Kleine wieder in der Wiege untergebracht derselben hinter seinem Rücken die
Lage etwas behaglicher herzustellen
    Der Pfarrer hatte die Laube verlassen in ernsten Gedanken ging er den
Gartenweg auf und ab Wie sollte er sich die naturwidrige Verfassung seiner
Gattin erklären Sie bisher die verkörperte Mutterlust am ersten Tage der
Genesung unter dem strahlenden Johannishimmel umwogt vom Weihrauch der
Sommerblüte plötzlich die Seele voll Unmut die Rede eitel Sarkasmen Verdruss
ja Zorn gegen ein unschuldiges Kind Und das lediglich aus dem Grunde dass
dieses Kind sich unter ihrem Herzen zu einem Wesen ihrer eigenen Gattung
gestaltet hatte Konstantin Blümel hatte in seiner persönlichen Konstitution
wie in der seiner Familie Gott sei Dank wenig Bekanntschaft gemacht mit den
geheimnisvollen Zwischenträgern die nur allzu häufig Hader auf Leben und Tod
unter den gewaltigen Zweiherrn Leib und Seele anzustiften pflegen In diesem
außerordentlichen Falle konnte er indessen lediglich auf eine krankhafte
Überreizung der Nerven infolge des Wochenbettes schließen und so viel sah er
ein dass in gegenwärtigem Stadium es verlorene Mühe sein werde mit christlicher
und menschlicher Pflichtenlehre direkt gegen die Dämonen zu Felde zu ziehen Um
sich greifen durfte er als Seelsorger und Vater das Unheil indessen auch nicht
lassen und so gelangte er zu dem Beschluss auf einem Umwege die Gedanken in die
natürliche Bahn zurückzulenken so wie etwa der Dichter eine zuträgliche Moral
dem Volke im Gewand der Fabel zu Gemüte führt Er kehrte in die Laube zurück und
hob an indem er sich an der Seite seiner Gemahlin niederließ
    »Ich habe dir liebe Hanna noch nicht von meinem gestrigen Abendgange durch
das Dorf erzählt Du warst als ich heimkehrte ruhebedürftig und ich war
erregt wie immer wenn ich mit dem Hutmannshause in Berührung komme Der bloße
Anblick schneidet mir in das Herz Ein derartig menschenunwürdiges Obdach am
Eingange zu einem wohlangesehenen Edelhofe  ja fürwahr kein feiner Ruhm würde
es zu nennen sein hätte unsere gnädige Herrschaft diesen ihren Erbsitz in der
neuen Provinz jemals in Obacht genommen«
    »Eine Sünde und eine Schande nenne ich es Konstantin ohne Wenn und Aber«
entgegnete Frau Hanna
    Ihr Eheherr seufzte »Was dem Auge fern ist ist es dem Herzen auch« sagte
er darauf »Dazu wir wissen es ja die finanzielle Lage Der leidige
Kriegszustand hat schon manchen reichen Grundbesitzer zu einem Ärmling gemacht«
    »Den von Werben mehr der Friedens als der Kriegszustand Konstantin«
    Pastor Blümel tat als hätte er den Widerspruch nicht gehört
    »Und was den Pächter betrifft« fuhr er fort »so können Reparaturen aus
eigenem Säckel dem Manne billigerweise doch auch nicht zugemutet werden«
    »Ei warum denn nicht Konstantin« wendete Frau Hanna ein in ihrem
allernatürlichsten munteren Ton Ob sie die Rolle der Rabenmutter vergessen
hatte oder siegessicher sie fortan für überflüssig hielt  genug sie lachte
und ihr feiner Seelsorger lächelte »Ihn den Pächter haben weder Kriegs noch
Friedenszeiten zum Ärmling gemacht Mittel sind da ist des Grosshansen Spruch
und woher stammen die Mittel als aus den Vorteilen der Pachtung die von Vater
auf Sohn den Mehlborns zugute gekommen sind«
    »Erweisbar doch aber nur gesetzlich gestattete Mittel Hanna«
    »Lehre mich meinen Harpax kennen Konstantin« eiferte Frau Hanna worauf
ihr gern entschuldigender Konstantin anführte dass ohne eine streng erhaltsame
Ader ein Bauer trotz aller Arbeit es nicht zum Wohlstand bringen werde in
bezug auf den Grosshansen indessen nicht umhin konnte zuzugestehen dass dem Manne
dieser Wohlstand samt der adligen Verschwägerung einigermaßen zu Kopfe gestiegen
seien
    »Indessen« setzte er hinzu »wem schadet er durch seinen Sparren als sich
allein Bei aller Klugheit merkt er bis jetzt noch nicht dass er die Zielscheibe
des Spottes geworden ist Eines Tages aber wird er es merken und  es tut mir
immer weh liebes Hannchen wenn ich dich unter den Spöttern sitzen sehe«
    »Aber Konstantin wozu wären denn die Narren gut wenn man nicht einmal über
sie lachen dürfte«
    »Es ist ja eine so alltägliche Narretei Hanna in alten wie neuen Komödien
bis auf die Grundneige ausgenutzt langweilig oder traurig je  «
    »Im Gegenteil Konstantin ein Sonntagssparren ist es der kurzweilig wirkt
durch den Kontrast Wie es Quartalstrinker gibt die durch einen periodischen
Rausch sich für die Alltagsnüchternheit entschädigen so sticht auch unseren
Bauer nur in Pausen eine nobele spanische Fliege und in der Zwischenzeit ist er
ein Grobian und ein Filz der ersten Sorte Man käme aus der Erbosung nicht
heraus wenn seine Narretei den Patron nicht dann und wann ein bisschen
erträglicher machte«
    »Warum willst du dich nicht aber lieber an die gesunden Kräfte halten die
allen Schäden und Schrullen zum Trotz  Adams Erbteil liebe Hanna in
irgendeiner Weise keinem seiner Kinder erspart  sich in seiner Natur behauptet
haben An seine Tüchtigkeit Mäßigkeit Unermüdlichkeit und  ich will nicht das
höchste Wort gebrauchen aber ich bleibe dabei dass ein schlechtin unredliches
Geschäft dem Manne weder nachzuweisen noch auch nur zuzutrauen wäre Wie zum
Magnaten ist er auch zum Schwindler Gott sei Dank allzu standfest ein Bauer«
    »Das heißt ein Schlaukopf der das Risiko eines Schwindels scheut« rief
Frau Hanna welche jetzt unwiderstehlich aus der tragischen Rolle in ein
lustiges Lieblingstema verfallen war »Aber warte nur warte du mein
titulierter Herr Rittergutsbesitzer und Baron in spe bei der ersten Lektion
welche die gräfliche Exgouvernante dir wieder in der höheren Tafelkunst erteilt
 wir sind beim Gabelführen mit der linken Hand stehen geblieben Konstantin 
bei der nächsten Quartalsschrulle soll das baufällige Hirtenhaus dir recht
erbaulich zu Gemüte geführt werden und für ein neues Schindeldach vor Winters
dafür mindestens Konstantin bin ich dir gut«
    »Nun mache es nur gnädig mit deinem alten Zögling Hannchen« versetzte der
Pfarrherr lächelnd »Glückt es dir aber mit dem Schindeldach so freue dich dass
dasselbe noch den armen Freis das heißt den Ärmsten der Gemeinde zugute kommen
wird Auf meine Vorstellung hat der Herr General ihnen das Wohnungsrecht in
einem der Frönerhäuser wie bisher zugestanden wenn auch weder die Gemeinde
noch der Amtmann zu bewegen war den Klaus über den Johannistermin hinaus als
Schäfer beizubehalten Gestern hat er die Herde zum letzten Male ausgetrieben«
    Der gütige Mann seufzte bei den Worten seine Hanna dagegen erklärte die
Gemeinde und in diesem speziellen Falle sogar den schnöden Amtmann für durchaus
in ihrem Recht
    Wie hatte sie Frau Hanna nämlich den Klaus seit Jahr und Tag gemahnt
gewarnt gescholten Wer nicht hört muss fühlen Die vermaledeite Schenke lag
dem Hutmann ob er aus oder eintrieb allemal bei Wege Die Herde wurde seinen
wilden Buben wenn nicht gar dem alten lahmen blinden Phylax überlassen und
die gutmütigen Schäfchen sind lange nicht so dumm wie sie aussehen sie wissen
fette Wiesen einem abgeweideten Anger vorzuziehn Der Ungehörigkeiten  gelinde
ausgedrückt  die bei der vorjährigen Schur vorgekommen sind noch gar nicht
einmal zu gedenken
    Der Pfarrer konnte diesen Bezichtigungen leider nicht widersprechen setzte
aber milde hinzu »Schuld geht fast jedem Elend und Ungeschick fast jedem
Missgeschick voran liebe Hanna Werden Elend und Missgeschick aber weniger
erbarmenswert oder etwa erbarmenswerter weil sie sich erweislich sei es aus
unsern Handlungen sei es aus unsern Unterlassungen entwickelt haben Und wenn
wir hier ein Gemeinde glied auf abschüssiger Bahn sinken sehen so tief wie
meiner Zeit noch keines gesunken ist vom ansässigen Bauer zum Schafhirten und
von diesem  «
    »Zum Tagedieb und Strolch«
    »Dieses Äußerste abzuwenden war der Zweck meines gestrigen Weges liebe
Hanna Helfen das heißt dauernd Arbeit geben kann allerdings nur der Amtmann
bis dieser aber seinen Widerwillen gegen den Klaus überwunden haben bis er bei
kaum vermeidlichen Rückfällen des Arbeitsscheuen zu christlicher Langmut zu
bewegen sein wird  was meinst du mein Hannchen wenn wir den Klaus zunächst
unsere Spargelbeete umrajolen ließ«
    »Aber Konstantin damit hat es ja noch Jahr und Tag Zeit«
    »Mit dem Spargelbeet allerdings Hannchen aber mit dem Klaus hat es Eile«
    »Eile mit Weile Konstantin Die Ernte steht vor der Tür und die
Spargelbeete laufen nicht davon bis einmal die Arbeit nicht haufenweis bei Wege
liegt Aber erzähle doch deinen Dorfgang zu Ende Du warst auf des Klausen
abschüssiger Bahn angelangt Nun weiter«
    »Ja weiter« seufzte der Pfarrer »Der Mann ist schuldig unleugbar
schuldig Hanna Aber ebenso unleugbar ist er zu entschuldigen Er ist ein
Bauernsohn aber ihm fehlte nun einmal das Erbe jeglichen Bauernsinns und
Schicks dass ich so sage eine Mehlbornsche Ader Und an schlimmen
Zufälligkeiten wie wir törichterweise das Unberechnete oder vielleicht
Unberechenbare nennen hat es wahrlich auch nicht gefehlt Neun lebendige
Kinder und das zehnte vor der Tür Könnte halbwegs ein Gotteslästerer da nicht
versucht sein auszurufen Herr halt ein mit deinem Segen Schon das Aufbringen
welche Last und Qual Und sind sie endlich so weit wie die Vöglein wenn sie
flügge geworden fliegen sie hinaus in die Welt und hilflos unfähig zur Hilfe
haben die Erzeuger das Nachsehen Des Klausen Weib die arme Kreuzträgerin ist
eine Mutter nach Gottes Herzen Aber wusste sie ein Wort davon als ihr
Erstgeborener der Gardist im Lazarett mit dem Tode rang Und hätte sie darum
gewusst würde sie zur Pflege an seine Bettstatt haben eilen dürfen Oder was
konnte sie für ihren Zweitgeborenen den blöden Friede tun als er kaum eine
Stunde von ihr fern vom Gänsejungen zum Kuhjungen und vom Kuhjungen zum
Pferdejungen herangeprügelt wurde bis auch ihn schließlich der heilsame
Korporalstock unter seine Zucht genommen hat Ein Glück dass den jüngeren Sieben
die gleiche Schule in Aussicht steht Neun Jungen Prachtjungen Wahre
Enakssöhne geborene Flügelmänner einer wie der andere Der Stolz eines
Vaterlandsfreundes und die Lust eines wohlgerichteten Vaterherzens Hanna
Hanna Wer ermisst aber die sonderbare Führung welche dem einen das Heissersehnte
hartnäckig versagt und dem anderen es bis zum Übermaß bis zur Überlast
verleiht«
    Frau Hanna zog bei dieser unerwarteten Rückfälligkeit die glatte rosige
Stirn in die allerkrausesten Falten sie ließ das Kind welches weil es
wiederum zu murren begonnen sie auf ihren Schoss zu nehmen im Begriffe war so
unsanft als sie es über das Herz brachte in die Wiege zurücksinken und rief
indem sie ihm eine Faust machte »Da hörst dus unnütze Mädchenkreatur die
ärmsten Hirtenbuben wachsen ohne Zuck und Muck zu Flügelmännern und
Vaterlandsverteidigern heran während ihr armselige Jammerbasen  «
    Der Vater hatte auf dem falschen Wege in den er sich verirrt erschrocken
innegehalten Er trat wieder energisch die Schaukel fächelte das Gesichtchen
mit seiner Zentifolie bis die roten Augendeckel wieder zufielen und lenkte
ohne seine Hanna ausreden zu lassen nach seinem eigentlichen Ziele zurück
»Der Klaus saß auf einem Klotz seiner Tür gegenüber er mochte das Valet von
seiner Herde einem der Buben überlassen haben und eben erst aus der Schenke
heimgekehrt sein denn der Fuseldunst qualmte ihm gleichsam aus dem puterroten
Schädel und halb im Taumel  ganz in Taumel gerät er schon längst nicht mehr 
glotzte er in das Blaue hinein Der Schenkwirt ist auch schuldig hauptschuldig
Hanna Wozu er keinen Besseren hat hat er den Frei und der Frei ist ihm
gewärtig  leider ihm allein  und wäre es mitten in der Nacht denn jeder
eilige Botenweg jeder noch so gröbliche Dienst wird statt mit Brot oder Geld
mit den eklen Branntweinneigen bezahlt die kein Gast mehr mag Mein Gang ich
sah es war verfehlt wozu hätte in dieser wüsten Verfassung mein
Arbeitsvorschlag führen sollen Ich stellte mich als ob ich den Mann nicht
bemerkte indem ich den Kopf nach dem engen Hofraum drehte auf dessen magerem
Dunghaufen das junge Hirtenvolk sich mit ein paar Hühnern und Ferkeln
herumjagte Das liebe Vieh eitel Haut und Bein die Menschenbrut pausbäckige
Apfelgesichter Das gedeiht wie durch Wunder bei allem Unflat und Hunger«
    »Ich würde sagen Konstantin« wendete die Pastorin ein »das gedeiht weil
eine brave Mutter den Unflat alle Tage wieder abwäscht und kämmt und weil die
Brosamen von unserer Amtmännin Tische so reichlich fallen als die Batzen aus
des sauberen Herrn Amtmanns Tasche knapp Aber weiter Konstantin Du redetest
den Klaus also nicht darauf an«
    »Ich nicht ihn aber er mich Hanna  Sie kundschaften wohl nach Ihrem
Dezem Herr Pastor fragte er mit schmunzelndem Hohn  Du musst wissen Hanna
mit dem Dezem da meinte er landläufig das Zinshuhn das auf der armen
Frönerhütte lastet und das am Johannistermin regelmäßig in Erinnerung zu
bringen der Kantor törichterweise noch immer für seine Schuldigkeit hält«
    »Du solltest den Beifuss darum loben Konstantin Ordnung muss sein und Recht
bleibt Recht Der reichste Hofbesitzer beruft sich schließlich auf den armen
Fröner dessen Zinshuhn eingeschlummert ist«
    Pastor Blümel seufzte tief »Hanna« sagte er darauf »den Tag an welchem
die langgeplante Ablösung dieses widerwärtigen Opfers an Korn und Blut zu einer
Wahrheit wird den Tag wollen wir feiern wie ein zweites Hochzeitsfest«
    »Insofern die Welt auch bei uns nicht ein bisschen auf den Kopf gestellt
werden sollte wird es mit dem Feste Weile haben Konstantin« entgegnete Frau
Hanna lachend »Denn gehts ans Steuern greift der Bauer immer noch eher in den
Sack als in den Säckel Aber weiter Freund was gabst du denn dem Kujon auf
seine Unverschämtheit zurück«
    »Ich entgegnete ihm einfach dass ich nicht um des Huhnes willen gekommen
sei wie selbiges ja auch bisher alljährlich von mir gestundet worden« Worauf
der Spottvogel dann kichernd erwiderte
    »Weil mein Gezücht der Frau Pastorin in ihren Suppentopf nicht fett genug
ist gelt«
    »Ei du Höllenbraten« rief die Pastorin mit drohender Faust »Aber warte
nur warte Nun auf diesen Dank Konstantin hast du will ich hoffen deinem
Beichtsohne doch gebührentlich gedient«
    »Gebührentlich Hanna ich schwieg Leider indessen nicht beharrlich genug
denn als auf meine ablenkende Frage nach seiner Frau der Klaus mir gleichmütig
erwiderte dass sie seit Morgens auf der Gutswiese mit Heuwenden beschäftigt sei
da ich gestehe es mit Scham übermannte mich Wort um Wort der Zorn welcher
wie gerecht auch immer der Anlass für einen in meinen Jahren und in meinem Amte
doppelt sträflich ist daher ich mich denn auch über die herbe Lektion die er
mir eintrug nicht beklagen darf Scheut Ihr Euch nicht der Sünde fuhr ich auf
das Weib das Euch neun Söhne geboren hat
    Ist es meine Schuld Herr Pastor höhnte der Klaus dass kein Mädchen drunter
ist das mir derweile zu Hause eine Suppe kochen könnte
    Das Weib das zum zehnten Male ihrer Stunde entgegensieht  
    Hätte ich was dawider Herr Pastor wenn sie ihr nicht entgegensähe
    Das arme schwache Weib hetzt Ihr in dieser Johannisglut zu saurer Arbeit
hinaus 
    Hetz ich sie Herr Pastor Sie geht von alleine
    Während Ihr baumstarker Mann ein Simson von Gestalt und Kraft 
    Schön Dank Herr Pastor für den frommen Vergleich
    Die paar Heller welche die Arme im Schweiße ihres Angesichts erwirbt in
der Schenke verschlemmt 
    Wohl bekomms dem Herrn Pastor dass er seinen Durst im eigenen Keller löschen
kann
    Und dann daheim die Hände im Schoss in giftigem Kraute verqualmt
    Kann ich mit Feuer dienen Das Pfeifchen ist dem Herrn Pastor ausgegangen
    Dieser letzte Spott Hanna traf mich wie ein Natterstich Ich spürte eine
Blutwoge vom Herzen zum Hirn und vom Hirn zurück zum Herzen treiben Nun ja ich
hatte geraucht Du weißt Hanna ich rauche niemals unter meinen Kindern und
niemals unter meinen Blumen das heißt niemals wenn ich mich erhole Aber ich
rauche wenn ich mich anstrenge und ich strenge mich an auf meinen einsamen
Abendgängen durch Dorf und Flur Da suche ich Anknüpfungen für die
Erbauungsstunden im Gotteshause und für die Seelsorge in jedem Gemeindehause
Denn leider ist es ja so dass ich nach zehnjährigem Wirken denen auf die ich
wirken soll noch immer nahezu ein Fremdling geblieben bin Es fehlt ihnen zu
mir der sympatische Heimatszug dessen der Pfarrer mehr als jeder andere
Lebensgenosse bedarf Da möchte ich denn mein Gemüt recht weit auftun dass sie
es verstehen lernten bis auf den Grund und ich möchte meine spürenden Sinne
schärfen dass das was not tut denen die Gott mir gegeben hat auch wohltue
Darum rauche ich Hanna Und wahr ist es und bleibt es es prickelt ein
seltsamer Reiz in diesem Kraut aufräumend das Hirn anregend Auge und Ohr
unschätzbar für den Arbeiter im Geist So ungefähr wird denn auch wohl die
Vorhaltung gelautet haben mit welcher ich mich vor dem Klaus gleichsam zu
rechtfertigen suchte möglich jedoch mit etwas ungebärdigeren Worten denn der
Mensch grinste während er Stahl und Stein aneinander schlug recht hämisch vor
sich hin und auf jede meiner Tesen gab er gleichsam eine Antitese die mir
die Galle immer leidenschaftlicher erregte
    Also für Ihre Sonntagsepistel rauchen Sie Herr Pastor Kurios habe ich
doch immer gedacht die könnte einer ohne Tobak fertigbringen
    Wie ich nun aber als Folgerung meines Vordersatzes die gesundheitlich und
wirtschaftlich verderbensvollen Wirkungen des Tabaksgiftes auf die bloßen
Handarbeiter das heißt auf die ungeheure Mehrheit des Volkes hervorzuheben
begann da schlug der Mensch eine wilde Lache auf und sagte indem er mir den
brennenden Schwamm hinüberreichte
    Na lassen Sies gut sein und dampfen Sie Herr Pastor Es ist die alte
Geschichte Tausende sollen sich placken und schinden mit trocknem Speichel und
wüstem Hirn auf dass ein einziger Tobak rauchen und seinen Kopf für eine
Sonntagsrede aufräumen kann Das wird so des lieben Herrgotts natürliche Ordnung
genannt Wenn aber einer von den Tausenden auch einmal seinen Kopf aufräumt um
zum wenigsten in Gedanken eine Sonntagspredigt zu halten da heißt er ein
Rebeller gegen die göttliche Ordnung und das höllische Feuer ist nicht heiß
genug für ihn
    Auf diese Rede schwieg ich und ging In mir wirbelte es und wogte es Was
hatte ich mir bieten lassen müssen und von dem elendesten meiner
Gemeindeglieder Ich konnte nicht also bald zurück unter die Stätten der
Menschen auch nicht in meine eigene Hinaus in die friedsame Natur Ich schlug
den Wiesenweg ein anfangs mit ungestümen Schritten allmählich gelassener Die
Sonne war gesunken vom Abend her wogte ein goldener Flor über Himmel und Fluss
im Morgen stieg schon die Nacht empor die stille heilige Täufernacht Ich sog
den süßen Heubrodem wie einen Balsam in die Brust ihre Unruhe löste sich jenes
Etwas kam über mich das wir Weihe nennen jenes seltene Etwas im Weltverkehr
Mir war als ob alle Schleier des Daseins sich senken alle Klüfte des
Menschengeistes sich füllen müssten und wie durch Zauber stand plötzlich der
trunkene Tagedieb Frei vor mir ein anderer Mann der vielleicht zu welchem
sein Schöpfer ihn erschaffen hatte Lerne deinen Feind begreifen und du wirst
ihn lieben lernen nicht mit Menschenliebe aber mit Heilandsliebe Und da sagte
ich mir denn und sage es heute noch Hanna der Mann in welchem der
Schenkendunst sich zu so ätzendem Geifer zersetzt das ist kein Alltagskopf
Hanna wahrlich wahrlich er ist es nicht Dieser Mann war von Natur vielleicht
ein Genie ein Halbgenie will ich lieber sagen denn ihm fehlte jenes Bruchteil
von Kraft das zum Vollbringen wie zum Entsagen unerlässlich ist und mit welchem
auch er die Fesseln des Erdengeistes gesprengt haben würde
    Dein Schicksal Hanna und meines stiegen neben dem seinen in meiner
Erinnerung auf Du die brotlos gewordene Erzieherin ich der brotlos gewordene
Erzieher wir waren hundertmal ärmer als dieser Mann und sein Weib als wir in
bitterböser vaterländischer Zeit vertrauend auf Gott und unsere Liebe die
Hände ineinander legten Aber wir waren von Haus aus richtig gestellt Der
Kandidat und seine Frau haben manchen Hungertag und manche Kummernacht
durchringen müssen aber sie arbeiteten mit ihren natürlichen Kräften in der
Mädchenschule und im Jünglingsauditorium Und dieses mühselige Tagewerk
unterbrach die mannhafte Erhebung des Vaterlandes Auch der arme Kandidat schied
von Weib und Kind hochgeschwellt die Brust stürzte er sich in den befreienden
Strom Wiederum eine Tat des Geistes Und der ewige Herr hat die Getrennten
emporgehalten in dem Strudel von Blut und Not hat sie liebend einander wieder
zugeführt in dem erlösten Vaterlande hat ihnen in der neuerworbenen
gedeihlichen Provinz eine Heimstätte erschlossen wo sie frohgemut ihr Tagewerk
weiterführen in der göttlichen Forschung und der Reinigung der Herzen den
beiden Endpunkten um welche jegliche Geistesarbeit sich bewegt Würden sie an
ein Handwerkszeug gebannt das nämliche Ziel erreicht haben
    Siehe dahingegen diesen hohngeblähten Mann dessen Geist im Schenkenqualm
verdunstet würde er ein Ärmling ein Trunkenbold und Strolch geworden sein
wenn ihm statt des Dreschflegels und des Pflugs die er missmutig regierte die
Leuchte der Wissenschaft nach der er sich sehnte in die Hand gegeben worden
wäre Die Alten der Gemeinde erzählen dass es niemals einen eifrigeren Schüler
unter ihnen gegeben habe als den Frei Er hatte es sich in den Kopf gesetzt auf
den Advokaten zu studieren Pfarramt und Anwaltsstube sind ja heute noch so
ziemlich die einzigen Zielpunkte geistigen Strebens die der Bauer kennt und
anerkennt Aber der Klaus war ein Erbsohn der Vater hielt ihn mit Gewalt im
Knechtsdienste fest auf dem Hofe über welchen er eines Tages als Herr gebieten
sollte Voll Grimm und Groll entwich er und wurde Soldat Er ist heute noch ein
beherzter Mann Du weißt Hanna wie er sich bei der Feuersbrunst in Bielitz
hervorgetan hat Es war schreiendes Unrecht dass um seines üblen Leumunds
willen der Landrat verweigerte ihn zur Rettungsmedaille einzugeben Die
Anerkennung hätte ihm ein Sporn auf gute Wege werden können Dazumal durchlebte
er im Dienste der Fremdherrschaft die gleissende Niedertracht seiner
vaterlandslosen Zeit und Zone und als er nach Jahren heimkehrte war die letzte
Spur von Bauernemsigkeit und Zucht in ihm erloschen So seine Konstellation
Würde er mein Ziel erreicht haben an meiner Statt«
    Der Pfarrherr schwieg und seine Gattin schwieg auch Sie hätte auf die
wunderliche Frage nicht ja sagen können und das Nein wollte ihr doch auch nicht
flott über die Lippen schon darum nicht weil ihr Kleinglaube ihren Konstantin
ihren edlen herrlichen Konstantin betrübt haben würde Nach einer
gedankenvollen Pause fuhr der Pfarrer fort
    »Sind es nicht aber gleichsam Stiefkinder der Natur jene Ungezählten die
der allerhärtesten Tyrannei erliegen der eines aufgepfropften Geschicks das zu
erfüllen oder zu bewältigen sie nur halb die Erkenntnis und halb die Ausdauer
haben Hier die Last eines Zuviel dort die Leere eines Zuwenig Stiefkinder der
Natur und doch Gotteskinder Wer löst den Widerspruch Aber milde soll es uns
machen milde und hilfreich Hanna wenn wir solch einen Halbbruder im Geist
falsch gestellt oder verirrt am Abgrunde taumeln sehen Nicht die Gerechtigkeit
die Versöhnung ist der Ankergrund der sittlichen Welt«
    Von neuem versank der Pfarrer in seine Gedanken und auch diesmal störte
seine Hanna ihn nicht Er grübelte über den Halbbruder im Geist und ob er
letztlich nicht dennoch sich zu einem Kinde Gottes emporziehen ließe Sie
grübelte über den Tagedieb Frei und ob er letztlich nicht doch noch durch
rechtschaffene Arbeit vor dem Korrektionshause zu bewahren sei Im Grunde
grübelten demnach beide brave Eheleute die sie waren über ein und das
nämliche
    »Deine Geschichte ist wohl zu Ende Konstantin« fragte endlich die Frau
Sie hatte ihr Problem früher gelöst als der Mann und es prickelte ihr in Händen
und Füßen ihren Plan zur Tat werden zu lassen
    »Noch nicht ganz Hanna« versetzte der Pfarrer indem er nicht ohne
Anstrengung die ursprüngliche Pointe der Erzählung in sein Gedächtnis
zurückrief »Am Kreuzwege zwischen Dorf und Stadt begegnete mir des Klausen
Frau Himmlischer Vater wie abgehärmt und abgezehrt schlich sie einher als
zählte sie siebzig Jahr Und sie ist doch noch im blühendsten Alter von
deinem Jahrgang Hannchen und deinen Namen trägt sie auch Sie hatte bei Wege
an den Rainen das Abendfutter für ihre Ziege abgesichelt und schleppte nun
schwer an der doppelten Last denn ihre Stunde ist nahe Aber kein Klagelaut
entschlüpfte ihren Lippen kein Wort der Anklage gegen den schlimmen Mann der
sie so weit gebracht Wahrlich wahrlich die Hanne Frei ist ein Weib nach
Gottes Herzen Ich musste an unseres Pestalozzi herrliche Gertrud denken Sie
wünschte mir Glück zu der Geburt unseres Töchterchens und setzte mit einem
Seufzer hinzu Ach wenn doch nur einer von meinen Neunen ein Mädchen wäre dass
es mir beistände in der Wirtschaft und für mich einträte wenns einmal vollends
mit mir zum Ausspannen kommt Sie werden sehen Herr Pastor diesmal übersteh
ich die Kampagne nicht
    Ich tröstete sie so gut ich mit halbem Glauben es zu tun vermochte meinte
dass ihr Verlangen nach einer Tochter ja wohl diesmal erfüllt werden könne und
dass sie sich nach dem Wochenbett zu ihrer früheren Rüstigkeit erholen werde Sie
schüttelte traurig den Kopf Wie Gott will flüsterte sie nach einer langen
Stille Er ist ja der Vater der Waisen Und dabei schlug sie die eingesunkenen
Augen gen Himmel mit einem Blick den ich bis in meine Sterbestunde empfinden
werde Und damit ist meine Geschichte zu Ende liebe Hanna«
    Über Frau Hannas guten blauen Augen lag ein feuchter Flor Sie hatte die
Moral der Geschichte wohl gefasst wollte etwas sagen schluckte räusperte sich
und lief dann ohne es gesagt zu haben dem Hause zu Unter der Tür machte sie
halt trocknete sich die Augen und kehrte dann lachend über das ganze Gesicht
in die Laube zurück »Ich habs« rief sie schon von weitem »Konstantin ich
habs Ich gebe dem Amtmann alle Sonntage eine französische Stunde und der
Amtmann gibt dafür dem Frei Arbeit in seinem Schacht Steinklopfen lohnt Des
Klausen Brustkasten ist heil und vom Schacht zur Schenke ein gehöriges Ende Du
schüttelst den Kopf Konstantin Der Amtmann tuts nicht meinst du Ei er soll
schon Konstantin Der alte Narr mit dem urdeutschen Namen brennt auf
Fremdwörter und jedes Fremdwort heißt ihm französisch Wie lange quält er mich
schon um die feine Konversation Eh bien Monsieur Mehlborn  so oder so keinen
Klaus im Schacht  keine feine Konversation«
    Pastor Blümel lächelte und wünschte gedeihlichen Erfolg meinte jedoch dass
da die Grammatik füglich erst nach Tauffeier und Kirchgang aufgeklappt werden
dürfe zuvor mit dem Rajolen der Gartenbeete ein Anfang gemacht werden müsse
    Frau Hanna erwiderte weder ja noch nein sie eilte zum zweiten Male dem
Hause zu kehrte indessen pflichtschuldigst wieder um als sie ihren Eheherrn
freundlich ihren Namen rufen hörte
    »Ich werde einen Johannisstrauss für die arme Gertrud  ich meine für die
arme Hanne Frei schneiden« sagte er »Vielleicht dass du liebe Hanna aus
deinen Schatzkammern dem Erfreulichen etwas Nützliches beizufügen hättest Eine
unserer Töchter würde dann noch vor Abend die kleine Spende der guten Frau
hinuntertragen«
    Frau Hanna nickte einverstanden nachdem sie in Gedanken blitzschnell
Musterung unter ihren Vorräten gehalten flog sie zum dritten Male dem Hause zu
wurde aber zum zweiten Male von ihrem Konstantin zurückgerufen »Noch eins
Hannchen« sagte er indem er ihre Hand fasste »Bist du über den Namen welchen
unsere Kleine tragen soll schlüssig geworden«
    Der Mutter klopfte das Herz es galt die Probe auf ihr Exempel »Ich hatte
an Konstanze gedacht« antwortete sie lauernd »weil sie dir doch so ähnlich
sieht Konstantin«
    »Sie sieht dir ähnlich Hannchen« versetzte der Vater »Was meinst du wenn
wir sie Rose nennten«
    Pastor Blümel hatte mit dieser Wahl keineswegs eine ehemännische Galanterie
bezweckt und sie wurde auch keineswegs als solche aufgenommen Dennoch
erglänzte das Muttergesicht wie von inwendigem Sonnenleuchten Stumm vor
Glückseligkeit küsste Hanna ihrem Konstantin vielleicht zum erstenmal im Leben
die Hand riss das Kind aus der Wiege presste es an ihr Herz und flog mit ihm in
das Haus Die siebente Tochter auf welche der Vater den Namen seiner stolzen
Lieblingsblume übertragen hatte die spärliche kleine Rose würde die Mutter
wusste es der Liebling seines Herzens werden
    Pastor Blümel starrte dem Schatten von Mutter und Kind noch eine lange
Weile nachdem er im Hausflur verschwunden war mit Wunderblicken nach War es
die einfache Erzählung von der unglücklichen Neunsöhnermutter welche das
verstimmte Seeleninstrument der glücklichen Siebentöchtermutter zurückgestimmt
hatte auf seinen reinen Kammerton Oder oder   wie Schuppen begann es von
seinen Augen zu fallen  sollte er der das Studium des Menschenherzens zu
seiner vornehmsten Aufgabe gemacht hatte nach einer zwanzigjährigen Ehe in
seinem nächsten Herzen zum erstenmal den alten Satz bestätigt finden dass auch
die aufrichtigste Frau zuzeiten eine Larve trägt Eine hässliche Larve über einem
lieben Gesicht der Fall soll umgekehrt öfter vorkommen Pastor Blümel wiegte
nachdenklich sein ergrauendes Haupt lächelte aber dabei sogar ein wenig
schelmisch vor sich hin klappte dann sein Taschenmesser auf und begann den
Johannisstrauss für das arme Hirtenweib zu schneiden
    Wie er nun so wählend und bindend die Rabatten auf und nieder schritt hörte
er durch die offenen Wohnstubenfenster die helle Stimme seiner Hanna welche
einer der Töchter den Auftrag gab flink die gute Freundin Frau Amtmann
Mehlborn zu einem Besuche in die Pfarre zu entbieten und leicht war ja zu
schließen um welches Anliegen es sich bei dem Entbote handelte Denn die
Pastorsfrau und die Pächtersfrau fügten sich und griffen ineinander wie es von
guten Freundinnen nicht immer zu rühmen ist Die eine wusste zu leben die andere
hatte zu leben die eine von Haus aus gebildet war ihrem Gatten zu Liebe und
Hilfe der Bauernart in einem gewissen Sinne vertrauter geworden als der Gatte
selbst die andere von Haus aus eine Bäuerin war in einem gewissen Sinne so
gründlich aus der Bauernart geschlagen als ihr darüber hinausstrebender Gemahl
zäh darin wurzelte die eine hatte sieben Töchter die ihr Freude machten die
andere nur eine einzige die ihr Sorge machte der einen war der Stammhalter
versagt der anderen genommen Frau Rosine verfügte über einen vollen
Wirtschaftssäckel Frau Hanna über einen knappen beide halfen gern die
letztere mit ihrem offenen Kopf die erstere mit ihrer offenen Hand und dass das
Zusammenwirken von Rat und Tat heute solche Eile hatte dafür war von Pastor
Blümel selbst ja just der Anstoß gegeben worden Klaus Frei der schlimme
Patron sollte schleunigst in die Kur genommen werden
    Pastor Blümel schüttelte daher von neuem und bedenklicher als vorhin das
ergrauende Haupt als er dem freundschaftlichen Entbot einen unerwarteten
Nachtrag folgen hörte Im Fall  so hieß es  die Frau Amtmännin der Heuernte
halber heute nicht abkömmlich sei solle Luischen ihr vorläufig mitteilen dass
der gute Vater die kleine Schwester Röschen nennen wolle weil die Frau
Amtmännin Rosine heiße und in ihrer Jugend doch auch Röschen genannt worden sei
Die Frau Amtmännin werde sich über die Aufmerksamkeit freuen und ihr Patenkind
darum desto lieber haben
    Zum zweiten Male seit einer Viertelstunde ertappte der treue Seelenhirt auf
einem Schleichwege das Weib welches er ein Vierteljahrhundert lang zu kennen
geglaubt hatte gründlicher als sich selbst  denn wer ist schwerer gründlich
auszukennen als einer selbst  Auf einem blumenbesetzten Wege es ist wahr im
Pfadsuchen nach einem Herzen aber doch auf einem berechneten hinterhältigen
zweideutigen Wege »Evas Töchter Evas Töchter die ihr alle seid« murmelte
Konstantin Blümel und war entschlossen den Tag nicht vorübergehen zu lassen
ohne seinem anderen Ich die fälschliche Auslegung des Heilandswortes von der
Schlangenklugheit klargemacht zu haben
    Sein Luischen huschte nickend an ihm vorüber den Weg zum Schloss entlang
die übrigen Kinder tummelten sich im Obstgarten wo heute die ersten Kirschen
gepflückt worden waren die litauische Lene die sämtlichen Blümelschen
Nachwuchs gewartet hatte und den Eltern aus der alten Heimat in die neue gefolgt
war hantierte auf dem Bleichplatze hinter dem Hause darin war es seelenstill
    Den Rosenstrauss für die Hirtenfrau würdig einer Prinzessin in der Hand und
eine Strafpredigt auf den Lippen stieg der Pfarrer die Treppe hinan die Tür
der Kinderstube stand nach dem Flur geöffnet sie war die räumlichste des
Hauses da sie dessen ganze Morgenseite einnahm Frau Hanna hatte in ihrem Eifer
die leisen Tritte überhört sie kauerte am Boden vor der Wäschkommode und
musterte ihr Kinderzeug ein Geschäft in welchem ein guter Hausvater nicht
stören soll zumal wenn es die erste Musterung nach einer Wochenpause ist Wie
leicht kann eine Nummer verzählt ein Untätchen übersehen werden Fach für Fach
war ausgekramt Stück für Stück gegen das Licht gehalten worden um sorgfältig
zu drei Teilen abgesondert zu werden Sämtliche noch ungebrauchte Hemdchen
Windelchen und dergleichen neuerdings eigenhändig gesponnen und gefertigt
kamen als Vorrat in das untere Fach zurück vielleicht für den lange zögernden
immer noch denkbaren Sohn vielleicht aber auch erst für eine spätere
Generation denn eine Mutter von sieben Töchtern rechnet auf Enkelfreuden und
sorgen Die zweite Abteilung die zwar schon Spuren einer Geschichte in der
Kinderstube trug aber noch keine die irgend unheil zu nennen waren wurden zu
jezeitigem Gebrauch in den oberen Fächern geordnet wo aber fadenscheinige
Stellen im Flanell oder Stopfflecke im Linnen augenfällig geworden da fanden
die Stücke ihren Platz auf einem blaugewürfelten Federkissen das abseits am
Boden lag um schließlich durch eine Wickelschnur zusammengefasst zu werden
    Der heimliche Lauscher wartete das weitläufige Geschäft nicht ab er kannte
seinen Zweck und dieser Zweck hatte Eile leise legte er seinen Strauss auf das
blaugewürfelte Federkissen und stieg hinab in sein Studierzimmer das am Ende
des unteren Flurs gelegen war und in der Familie das geistliche Gemach genannt
wurde
    Wo in einem ländlichen Pfarrhause für ein Häuflein Kinder auskömmlich
gesorgt auch der Gastfreundschaft nach Neigung und Christenpflicht Rechnung
getragen werden soll da erübrigt für das geistliche Gemach nur ein schmaler
Raum Und buchstäblich ein schmaler Raum war es denn auch in welchen Konstantin
Blümel sich jetzt zu stiller Sammlung zurückzog aber einer der auch den
fremdesten Gast vertraulich angeheimelt haben würde denn nicht nur das Wesen
des Bewohners spiegelte er wider sondern auch seinen Lebensgang so wie er ihn
diesen Nachmittag sich selbst und seiner Gattin in das Gedächtnis zurückgerufen
hatte ein friedlich dahingleitender Bach der nur ein einziges Mal aber mit
unvergänglich befruchtenden Spuren im Sturmeswogen der Zeit sein Gelände
übertreten hatte
    Das einzige Fenster war von außen grün umrankt die ersten Sonnenstrahlen
blinkten morgens durch das zarte Laub vom Garten herauf grüßten die
Blumenkinder Längs der weissgetünchten Wände liefen Repositorien von rohem Holz
links auf ihnen mahnten die alten Heiden rechts die alten Christen bis
einschliesslich Martin Luther an des geistlichen Herrn Schüler und Lehrerzeit
Die jüngeren Christen waren verhältnismäßig schwach vertreten da das Amt in der
Gemeinde der Familie und im Blumengarten weder Zeit noch Reiz zu neuen
geistigen Bekanntschaften allzu häufig aufkommen ließ indessen deutete dieses
und jenes Exemplar schon durch sein Äußeres auf einen häufigen Verkehr und
hatten die beiden großen Landsleute Kant und Herder sogar auf dem Schreibtische
dauernd Platz gefunden zu ihnen auch als dritter der treue Menschenfreund
Pestalozzi sich gesellt
    Dieser Schreibtisch nebst zwei Stühlen das einzige bewegliche Zimmergerät
füllte den Fensterbogen von schlichtem Tannenholz mit Wachstuch bezogen
bildeten die alte silbergekrampte Familienbibel und ein aus Elfenbein
geschnjetztes Kruzifix seinen einzigen Schmuck Über dem Kruzifix aber hing in
Glas und Rahmen gefasst des Königs Aufruf »An mein Volk« und inmitten desselben
des friedlichen Pfarrherrn tapfer erworbenes Eisernes Kreuz
    Und hier in seinem häuslichen Allerheiligsten den beiden Kreuzen gegenüber
saß nun der friedliche Pfarrherr und es wollte ihm lange nicht gelingen die
wechselnden Eindrücke der letzten Stunden in seinem Innern glatt und gleich zu
legen
Wenn Konstantin Blümel erregt war vollzog sich vor seinem geistigen Auge ein
Prozess des Wachsens und Wandelns der sonst nur Kindern Dichtern und
schwärmerischen Liebhabern für eigentümlich gilt Und doch ist mehr als ein
Menschenalter verlaufen seitdem Konstantin Blümel ein Kind geheißen hat und
insofern zu einem Dichter wesentlich gehört dass er Gedichte macht ist er
nichts weniger als ein Dichter denn er hat sich selbst in der sangquellenden
Jünglingszeit zu keiner einzigen Liedesstrophe gedrungen gefühlt was aber den
Liebhaber anbelangt so hat er seine Hanna zwar geliebt und liebt sie heute noch
als sein anderes Ich just darum aber keineswegs als einen Engel Sie seine
Hanna nannte ihn einen Idealisten und war gütig genug sich zu freuen wenn
seine optimistische Gabe ihm manche innerliche Trübung löste und geschickt
genug ihm zu helfen wenn sie ihn nach außen hin in mancherlei Wirrnis
verstrickte
    Hatte diesen Nachmittag nun sein dürftiges Töchterchen sich in eine blühende
Rose umgewandelt ein braves beladenes Hirtenweib sich zu einem Dichtergebilde
verklärt des Weibes lästerlicher Gespons wohl gar sich ausgereckt zu einem
revolutionären Advokatengenie dem zu einem Danton oder Robespierre nichts als 
Gott sei Dank  der Boden fehlte auf dem es sich entwickeln durfte so blieben
nach alledem Herz und Hirn doch immer noch von unlösbaren Problemen geschwellt
Die ungeahnte Schlangenempfänglichkeit seiner Eva hatte er zwar vor der Hand auf
dem blaugewürfelten Federkissen zur Ruhe gebracht dafür aber plusterte sich in
der behelligendsten Weise das dürre Dezemhuhn des Exhirten Klaus zu einem
grausamen Raubvogel auf Er vermochte sich von der Vorstellung dieser Ungebühr
zu deren Praxis er nicht nur berechtigt sondern schlechtin verpflichtet war
nicht loszureißen und die Blicke auf das Ehrenzeichen über dem Kruzifix
gerichtet verfiel er in schier rebellische Untersuchungen über die
Vereinbarlichkeit derartiger »Gelübde und Opfer« mit einer Zeit in welcher das
Eiserne Kreuz gestiftet worden war und über den Widerspruch der Pflichten dem
selbst im friedfertigsten bürgerlichen Berufe dem des Priesters das Gewissen
des Christen und Menschen nicht zu entgehen vermag
    Wie er es in beunruhigenden Stimmungen zu halten pflegte schlug er endlich
seine Erbbibel auf und las im dritten Buch Mose das siebenundzwanzigste Kapitel
auf welches das Zehentopfer sich gründet von A bis Z las obgleich er es von
Jugend ab auswendig wusste es zum zweiten Male und als er endlich die Krampen
wieder schloss hatte er keine andere Lösung gefunden als die ihm von jeher die
natürliche gewesen war »Du sollst deinen Weinberg nicht genau lesen und dem
Armen und Fremdling etwas übriglassen« sagte er vor sich hin indem er sich
erhob mit dem Vorsatze zugunsten des Exhirten Frei auf die Spargelernte einiger
Jahrgänge zu verzichten
    Die Sonne hatte sich während seiner Betrachtung gesenkt es dämmerte im
geistlichen Gemach die Stunde drängte zu dem gewohnten Vespergange durch das
Dorf Er griff nach Hut und Stock er griff auch nach seiner Pfeife aber nein
die Pfeife ließ er heute im Winkel stehen Im Begriffe nach der Tür zu gehen
hörte er vom Flur aus harte Tritte und einen ungewohnten Lärm in seine Stille
dringen
    Die nämlichen Tritte den nämlichen Lärm hörte verwundert auch die Hausfrau
als sie die Treppe herabkam das blaugewürfelte Bündel blumengekrönt Tochter
Lorchen zur schleunigen Besorgung zu übergeben Die Haustür war wuchtig
aufgerissen worden eine hünenhafte Gestalt stapfte den Flur entlang um im
Dämmerlicht des geistlichen Gemaches zu verschwinden eine zweite folgte ihr
schattenhaft schwankend unter Ächzen und Stöhnen
    »Was gibt es Beifuss« fragte die Pastorin
    Keine Antwort
    Mit weitgeöffnetem Munde nach Atem ringend die Hände zusammenschlagend
über dem schweisstriefenden Haupt stürmt der Kantor dem Hünen nach Die Hausfrau
hinterdrein bis unter den Rahmen der Tür Hier steht sie starr Sie sieht ihren
Mann der vor jachem Schreck auf seinen Stuhl zurückgetaumelt ist mit beiden
Armen ein Bündel umspannen dem ähnlich das sie selber in der Hand hält  aber
nicht blumengekrönt Es ist ihm von der Tür aus zugeschleudert worden und noch
steht der Hutmann Frei mit emporgehobener Faust auf ihrer Schwelle
    »Da habt Ihr Euren Dezem das Weib ist tot« brüllt er mit der Stimme eines
Wütigen und stürmt wie er gekommen aus dem Hause
    Die drei im Zimmer starren ihm nach regungslos sprachlos eine lange Weile
    »Das Weib ist tot« haucht kaum hörbar endlich der Pfarrer
    »Tot« schluchzt die Pastorin
    »Tot« bestätigt der Kantor mit Stentorstimme
    Frau Hanna fasst sich Vor ihren Augen ist es klar geworden sie nimmt das
Bündel von ihres Gatten Schoss um dicht an das Fenster tretend es zu
enthüllen In einen zerfetzten Frauenrock ist etwas Festes eingewickelt Frau
Hannas Hände zittern Ein Kind Ein Kind nackt und bloß wie es aus dem
Mutterleibe gekommen aus dem erstarrten Mutterleibe Ein Knabe  der zehnte
Sohn Die Tränen eines Vaters und einer Mutter träufeln auf den Leib der Waise
    Während dieser Untersuchung hatte Kantor Beifuss die Erläuterung des
unerhörten Geschehnisses vorgebracht weit ausholend umständlich so als gäbe
der einzige Augenzeuge eines kriminalistischen Falles den Tatbestand zu
Protokoll Freilich vor einem Gerichtshof mit tauben Ohren
    Der Kettenhund in der Schenke hat seit ein paar Tagen die Laune Bei dieser
Johannisglut die Laune Da schwant dem Wirt nichts Gutes Am besten ein Ende mit
dem alten Vieh Mein Klaus nicht faul würgt es ab Der Wirt mag mit dem Salär
nicht geknausert haben denn des Klausen Schädel raucht sozusagen als Kantor
Beifuss der just in seiner Eigenschaft als Küster das heißt Adlatus des Herrn
Pastors seinen Termingang hält ihn vor sich her taumeln sieht Nicht weit vom
Hirtenhause holt er ihn ein und bringt das Dezemhuhn in Erinnerung Der Klaus
schlägt eine wiehernde Lache auf und rennt in das Haus Der Kantor steht im Hofe
auf der Lauer denn ein Gewieher ist keine Replik und Recht bleibt Recht Kaum
drei Minuten und der Klaus stürzt wieder heraus vergleichbar nicht einem
Menschen nicht einmal einem trunkenen Menschen sondern einem rasenden Bullen
Die Wehmutter hinter ihm drein Sie will ihm ein Pack entreißen das er mit
beiden Fäusten umklammert hält sie ringt mit ihm er macht sich los »Das Kind
das Kind« schreit die Wehmutter »er wills ersäufen« Der Wüterich rennt voran
der Kantor hinterdrein ein paar Nachbarn die just vom Heuen kommen sind auch
nicht faul Keiner hält mit dem Riesen Schritt Immer vorwärts das Paket im
Arm nach der Wasserseite etwa Gott bewahre Die Schlucht hinan am Schloss
vorbei durch das Dorf in die Pfarre und  »bums da liegts«
    Lange bevor die Erzählung ihr Ende erreichte hatte Frau Hanna das
Neugeborene in ihre Kinderstube getragen es auf ihr Bett gelegt und Licht
gezündet Es war ein wohlgebildeter Knabe so kräftig wie zehnte Kinder wohl
nur selten geboren werden »Die letzten Blutstropfen deiner Mutter sind dir
zugute gekommen mein armes Lamm« flüsterte Frau Hanna mit einem weheleidigen
Blick auf ihr eigenes Lämmchen dann aber faltete sie die Hände zum Dank dass
diesem schwächlichen Wesen die pflegende Mutterhand erhalten worden sei und was
sie in der Stille des Herzens sich gelobte das wird in der Geschichte eines
Glücklichen zu erlesen sein Ein sonniges Lächeln breitete sich über ihr gutes
Gesicht sie badete den Kleinen in ihres Töchterchens Wanne kleidete ihn 
nicht aus dem Inhalt des blaugewürfelten Bündels  sondern aus ihres
Töchterchens Garderobe reichte ihm die erste Nahrung aus ihrer Brust und
bettete dann den zehnten Sohn zu der siebenten Tochter unter dem Wiegenhimmel
Sie lagen nebeneinander wie ein Zwillingspärchen und schlummerten unbekümmert um
Lebens Leid und Lust
    Währenddessen war der Pfarrer die Hände auf dem Rücken die Blicke am
Boden ohne einen Laut zu äußern das geistliche Gemach auf und ab geschritten
Tief im Herzgrunde lag das Problem gelöst aber welche schwere Gedankenrätsel
hatte es aufgewirbelt War es ein heimliches Ahnen und Mahnen gewesen das ihn
zur Zeit der Katastrophe im Hirtenhause so unwiderstehlich in die Betrachtung
des Zehentopfers bannte War es ein unbewusstes Regen des Vaterherzens gewesen
das den trunkenen Mann im Rasen der Verzweiflung zu einer rettenden Liebestat
entflammte Der Pfarrer hatte in seinem Sinnen nicht ein Wort vernommen von den
philosophischen Bemerkungen über die menschliche Niedertracht im allgemeinen und
die des Klausen Frei im besonderen welche sein Adlatus dem Bericht über die
Vorgänge im Hirtenhause angereiht hatte Als die Pastorin sich unbemerkt der Tür
wieder näherte hörte sie den Philosophen sagen
    »Ich stehe noch immer starr und steif Herr Pastor Ist so ein Malefiz auf
dieser Erdenwelt schon dagewesen Seinen leiblichen Wurm splinterfasernackig
wie ihn Gott geschaffen hat aus dem Hause zu tragen  ins Wasser etwa Nun
freilich es wäre eine Mordtat gewesen aber in der Rage  nach Gelegenheit 
sozusagen verzeihlich Ja prosit die Mahlzeit Hinauf in die Pfarre schleppt er
ihn sozusagen in Abrahams Schoss schleppt er ihn Herr Pastor Herr Pastor
dieses menschliche Individuum ist hundert Prozent boshaftiger aber tausend
Prozent weniger dumm als es das Aussehn hat Mich soll nur wundern wie der
Kujon die Leiche unter die Erde schwindeln wird«
    Das Wort »Leiche« schlug an des Pfarrers Ohr wie der erste Hahnenschrei an
das eines Träumenden Gescheucht aus seinem metaphysischen Ideengange gemahnt
an seinen nüchternen Arbeitstag richtete er den Kopf in die Höhe und sprach
»Beifuss ich halte der edlen Gertrud  ich meine der Hanne Frei  einen Sermon«
    Der Kantor prallte drei Schritte zurück »Einen Sermon Herr Pastor Einen
Taler vier gute Groschen Herr Pastor Und ich habe mir im stillen schon den
Kopf zerbrochen wie ich nur den halben Gulden für den Segen auftreiben will«
    »Beifuss« wiederholte der Pfarrer mit Nachdruck »ich halte der Hanne Frei
einen Sermon War sie darum weniger unsere Schwester weil sie ein Lumpenkleid
trug Und kann ein Weib mehr für die menschliche Familie tun als wenn es ihrem
Verbande zehn kräftige Glieder einreiht«
    »Liebliche Rangen« murmelte der Kantor
    Aber sein geistlicher Oberherr ließ sich nicht dadurch beirren
    »Angenommen  die Statistik soll es leider lehren und Sie sind ein
Rechenmeister Beifuss angenommen also dass von vier Kindern des Volks im
Durchschnitt eines leiblich oder sittlich Schaden leidet dass demnach von den
zehnen der Hanne Frei ungefähr zwei  «
    »Zwei und ein halbes Herr Pastor«
    »Abzuzählen wären so bleiben immer noch ihrer acht zum Segen der Welt Und
sind wir nicht Staatsbürger Beifuss Kann ein Weib mehr für das Vaterland tun
als wenn es zehn oder sagen wir nur acht kraftvollen Verteidigern das Leben
gibt ja das des jüngsten sogar mit ihrem eigenen Leben erkauft Das Wochenbett
ist das Schlachtfeld der Frauen Zwei von ihren Söhnen tragen bereits des Königs
Rock die anderen werden ihn tragen  «
    »Jawohl im Zuchtause Herr Pastor wie ihr sauberer Erzeuger wenn er das
Leben behält Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm«
    »Klaus Frei war von Haus aus keine unedle Natur Beifuss und Söhne schlagen
im Temperament gewöhnlich nach der Mutter Diese Mutter aber war eine
gottgefällige Frau in all ihrer tiefen Not Sie hätte einen Lebenslauf am Altar
und eine Predigt von der Kanzel verdient  «
    »Einen Taler fünfundzwanzig Silbergroschen Herr Pastor«
    »Aber die Welt liegt im argen Der Mann ist tiefer herabgekommen als jemals
ein ansässiges Gemeindeglied die Frau in ihren Lumpen und ihrem Plack hat sich
nicht regelmäßig zum Gotteshause halten können eine Andacht innerhalb der
Kirche würde als unziemlich aufgenommen werden darum  «
    »Stimme ich allenfalls für eine Rede im Hof mit Ehren zu melden eine
Mistrede für sechzehn gute Groschen Herr Pastor«
    »Der beschränkte Raum verbietet sie hier Beifuss und der letzte Segensakt
ist allemal am weihevollsten dort wo wir den geöffneten Erdenschoss unter uns
und den ewigen Himmelsschoss über uns sehen Es bleibt bei dem Grabsermon alter
Freund«
    »Und was soll aus dem armen nackten Johannisküchlein werden Konstantin«
fragte vortretend jetzt die Frau Pfarrerin
    »Ei nun mein Hannchen« versetzte der Pfarrer lächelnd »da es nun einmal
als gebührender Dezem uns in das Haus getragen worden ist wirst du es wohl bis
auf weiteres in deinem Hühnerkorbe heranziehen müssen«
    Frau Hanna lachte froh auf ihr Freund Beifuss jedoch blickte erbarmungsvoll
zu ihr hinüber »Ein zweites Wickelkind zu dem ersten Eine schwere Last in
Ihren Jahren wertgeschätzte Frau Pastorin«
    »Ein Splitter von unseres Heilands Kreuz« entgegnete Konstantin Blümel mit
aller Würde der Liebe »für den Seelenschatz eine segenbringendere Reliquie als
die in irgendeinem Heiligenschrein angebetet wird Beifuss es bleibt bei dem
Sermon«
    Frau Hanna küsste ihrem Konstantin heute zum zweiten Male die Hand und
Kantor Beifuss empfahl sich mit dem Wunsche einer geruhsamen Nacht
    Sein Wunsch ging in Erfüllung die Mutter hatte seit zwei Wochen die erste
ruhsame Nacht denn ihr kleines Schreihälschen tat neben dem schlummernden
Wiegenbruder nicht Zuck und Muck
    Am anderen Tage erhandelte die Pastorin durch die Vermittlung Kantor
Beifussens für gewisse Verrichtungen auch ihres Adlatus von dem Witwer Frei die
Ziege für welche seine Frau das Futter abgesichelt hatte mit ihrer letzten
Kraft und Liebessorge denn sie hegte ihre »Heppe« für das Kind das ohne
Mutterbrust gedeihen sollte Und es war eine brave erkenntliche Ziege sie tat
ihre Schuldigkeit nicht nur an der Waise ihrer ersten Futterfrau sondern auch
an dem Nestäkchen der zweiten dem ihr Überfluss zugute kam Der murrende kleine
Spärling ründete rötete beschwichtigte sich von Tag zu Tage Ob die
Johannissonne das Gedeihen bewirkt hat ob die Ziege oder die Nachbarschaft des
stämmigen Wiegenbrüderchens  Wer wills entscheiden
    Wider alle Siebenschläferregel lachte am Bestattungsnachmittag der
Hutmannsfrau der Himmel blau und goldig wie bestellt für einen Sermon am
offenen Grabe Das Gefolge war so bescheiden wie die Frönerhütte aus der es
sich bewegte auch Kantor Beifussens männliche Schuljugend welche dem
vorangetragenen Kreuze nachtrabte nur schwach vertreten Auf dem Gottesacker
jedoch drängte es sich Kopf bei Kopf Selber eine Armenleiche ist ein
Schauspiel das auf dem Lande ungern versäumt wird heute aber hatten die Ehren
einer Mittelleiche welche der elenden Tagelöhnerin erwiesen werden sollten auf
die Beine gebracht was sich irgend von der Heuernte abzumüssigen vermochte und
niemals hatte Pastor Blümel an einem offenen Grabe wärmer und was die Hauptehre
war länger gesprochen Hätte den schweizerischen Seelenfreund das Leidwesen
getroffen seiner Gertrud den letzten Nachruf halten zu müssen er würde nicht
rühmlicher gelautet haben als der der armen Hanne Frei Nein weniger rühmlich
Denn auf das Heldenund Martertum von zehn der Welt geschenkten Söhnen konnte
bei aller Trefflichkeit das Weib des Lienhard vor Gott und Welt sich doch nicht
berufen
    Wie aber die Heldin des Lebenslaufs sich nach dem Liebesmasse des
Seelenfreundes gemodelt hatte so war dessen Schatzkästlein auch das Textwort
entlehnt das neben dem vom seligen Leidtragen dem Sermon zugrunde gelegt worden
war
    »Die Freude über unsere Kinder ist die herrlichste Erdenfreude Sie macht
das Herz der Eltern fromm und gut sie hebt die Menschheit empor zu ihrem Vater
im Himmel Darum segnet der Herr die Tränen solcher Freude und lohnt den
Menschen jede Vatertreue und jede Muttersorge an ihren Kindern«
    In den mannigfaltigsten Modulationen wie in einer fuga libera seines Bach
durchzog diese Melodie Pastor Blümels oratorisches Meisterstück
    Wenn Pastor Blümel indessen die Hoffnung gehegt durch diese Melodie die
Vatertreue in dem Herzen des Witwers Frei aufzuwecken so hatte er seine
Rechnung buchstäblich ohne den Wirt gemacht Klaus Frei war durch den Erlös
seiner Ziege für ein paar Tage zum Krösus geworden und während dieser Tage nicht
ein einziges Mal in dem Hause eingekehrt aus welchem die Gegenwart der Leiche
den sonst so furchtlosen Mann mit spukhaftem Grauen scheuchte Er hatte sich von
Schenke zu Schenke in der Gegend umhergetrieben die Nächte in einem
Totenschlafe auf irgendeinem Heuschober hingebracht und selber zu dem letzten
Geleit von dem Wirte mit Gewalt getrieben werden müssen Nun heulte und schrie
er freilich zerraufte sein Haar und würde in die offene Grube getaumelt sein
hätte die Leichenfrau ihn nicht am Rockzipfel festgehalten Aber es waren
Schenkentränen die er vergoss und ein Schenkentaumel der seine Füße schwanken
machte das beseligende Leidtragen und die Vatertreue die empor zum Himmel
hebt hatten an sein Ohr geschlagen als eitel Schall
    Auch die fünf welche von den Söhnen am Grabe standen starrten nur stumpf
und dumpf auf das letzte schwarze Bretterbett der Mutter Die beiden Soldaten
wussten um ihre Verwaisung noch nicht einmal und die beiden halbwüchsigen die
auf sie folgten wussten wohl darum denn sie dienten auf Nachbardörfern hatten
aber des Heuens wegen nicht zur Leiche kommen können So waren es nur die
fünfjüngsten welche der Mutter die letzte Ehre erwiesen und diese fünf
erfüllte das Behagen von der gutmütigen Amtmannsfrau für die Trauerfeier
gründlich satt gemacht und nach Möglichkeit herausstaffiert worden zu sein Der
kleine Christel zupfte an dem schwarzen Flor der an seiner Pudelmütze
flatterte und Hannes der allerkleinste nagte an einem Wurstzipfel den er bei
Wege in den Mund geschoben hatte die drei größeren aber hatten genug zu tun
die Leichenfrau beim Festalten des Vaters zu unterstützen Das beseligende
Leidtragen schlug an das Ohr der Kinder die nie etwas von heiliger Vaterfreude
gespürt erst recht als ein Schall
    Was nun aber die zuhörende Gemeinde anbelangt so machte die erhebende
Grabrede geradezu böses Blut Wenn solche Ehre dem Weibe eines Taugenichtses
widerfuhr was blieb dann für die reputierlichen Leute die Spesen und Dezem
nicht hinter die Esse schreiben Ist es eine Tugend zehn Kinder zu kriegen
Eine Sünde und eine Schande ists wenn sie statt des Zinshahns dem Pastor in den
Schoss geworfen werden müssen und wo der Mann zum Schelmen und Säufer wird wird
es mit der Frau auch allemal einen Haken haben So und noch weit ärgerlicher
gingen Gemunkel und Gemurmel von Mund zu Mund insonderheit die wohlgestellten
Familienmütter fühlten sich in ihren Ehrenrechten gekränkt Doch auch die Väter
schüttelten bedenklich die Köpfe Gut meinte er es ja ihr »neuer« Pastor wer
wollte etwas dawider haben Aber diese preußischen Raupen
    »Landsmann bleibt Landsmann Nachbar« sagte der Schulze Tränhard zu dem
alten Walbe
    In ein Herz jedoch drang die Rede von der heiligendsten Erdenfreude wie ein
Erlebnis und aus zwei Augen rannen warme beseligende Muttertränen Das waren
die Augen und das Herz der guten Pfarrersfrau die auf dem einen Arm das eigene
Kind und auf dem anderen das verwaiste unter der Pforte stand welche aus ihrem
Garten in den Friedhof führte Die Johanniskränze auf den Gräbern waren noch
nicht völlig abgewelkt der Jasmin am Zaune blühte es duftete wie Weihrauch in
dem engen Gehege und die hohe Junisonne leuchtete gleich einem Gottesblick Als
aber der letzte Segen gesprochen war Hand um Hand und dann Schaufel um
Schaufel die harten Erdbrocken auf ein letztes Menschenbett rollten und die
Pfarrersfrau in ihren Garten zurücktrat da nickte sie dem fremden Kinde das
seine Augen aufgeschlagen hatte zu und flüsterte »Die Liebe einer Mutter kann
ich dir freilich nicht ersetzen du armes Lamm aber einen guten Hirten hast du
gegen den schlimmen den du Vater nennen müsstest eingetauscht und darum bist
du dennoch ein Segenskind ein echtes rechtes Johanniskind mein kleiner
Dezem« Und ihre Lippen lächelten bei den Worten während in den Wimpern noch
die Tropfen hingen
    Es war eine traurige Ernüchterung welche heute wie schon manches Mal
vordem der verklärenden Wärme des Pfarrherrn folgte Solange sein Blick
zwischen dem offenen Erdenschoss und dem ewigen Himmelsschoss geschwebt da hatte
er nur die Mutter aus dem Volk gesehen in ihrem Heldenkampfe für das Leben das
sie gab und nährte bis zu der Stunde ihres Sieges im Tode Nach dem Amen aber
als der Blick auf der je mehr und mehr sich füllenden Grube ruhte und auf dem
gleichgültigen Gedränge um sie her da erkannte er wie aus einem Traume
erwachend die Verworfenheit und Verwahrlosung die Missgunst und
Herzenshärtigkeit gegen welche er als Streiter in seinem Amt berufen war und
gegen welche sein Rüstzeug sich wieder einmal als falsch gewählt und stumpf
erwiesen hatte Seine Streiche waren in die Luft geführt worden Er stand nicht
als ein Hirt aber als ein Fremdling unter seiner Herde Wohl dann dem edlen
Mann dass er in solchen Stunden des Verzagens seine Blumen seine Kinder und ein
Weib wie seine Hanna hatte
    Als er von seinem leidvollen Gange heimkehrte stand in der Laube der
Kaffeetisch gedeckt die beiden Neugeborenen schlummerten unter dem
Wiegenhimmel die drei welche im Hause noch Kinder hießen spielten zwischen
ihren Blumenschwestern Lorchen reichte dem Vater den herzaufmunternden Trank
Dorchen  heute ausnahmsweise zwischen Blumen und Kindern  das lange Rohr mit
dem kopfaufräumenden Kraut und dann krüllten sie die ersten Sommererbsen aus
die Luischen inzwischen gepflückt plauderten neckten sich lachten nach
glücklicher junger Mädchen Art Der Vater aber blieb in sich gekehrt und die
Mutter die schäffternd ab und zu ging ließ ihn still sich austrauern
    Erst als gegen Abend das junge Volk samt Wiege und Kaffeezeug sich in das
Haus verzogen hatte setzte sie sich mit dem Vorsatze der Ausdauer an seine
Seite Es galt eine Abmachung zwischen ihnen für welche obgleich der Plan fix
und fertig vor ihr lag sie ihm klüglich das erste Wort vergönnte
    Da Vater Klaus neben allen übrigen Elternpflichten sich auch der ersten
begeben zu haben schien fiel die Sorge für die Aufnahme seines Sohnes in den
heiligen Christenbund des Kindes Pflegern anheim Die Vereinigung der Feier mit
der des eigenen Töchterchens lag aus gemütlichen Gründen beiden Gatten nahe
empfahl sich aber auch aus praktischen Gründen Der Mutter ersparte sie ein
zweimaliges Kuchenbacken dem Vater eine zweimalige Taufrede Denn
Stegreifsreden frei aus dem Herzen heraus hätte Pastor Blümel ohne Anstrengung
wohl Tag für Tag halten mögen für sakramentale Amtshandlungen arbeitete er aber
die Vorträge gewissenhaft aus und memorierte sie bis auf das Tz von allen
Seelenkräften aber war Pastor Blümel nächst dem Rechensinn mit dem
Gedächtnissinn am kürzesten gekommen So wurde denn ohne Einwände festgestellt
dass der zehnte Hirtensohn und das siebente Pfarrtöchterchen am Evangelientage
von der brüderlichen Versöhnung gleichzeitig durch das Taufbad für ihr
Erdenwallen zum Himmel gereinigt werden sollten
    Auch bei der Patenwahl stieß man nur auf einen einzigen Haken Schwester
Luischen würde selbstverständlich für zwei junge Christen noch viel lieber als
für einen dem Teufel und seinen Werken entsagt haben von dem Amtsbruder Kurze
in Bielitz durfte man sich eines Gleichen versehen zumal wenn für den Ärmling
ausdrücklich auf das Eingebinde verzichtet wurde auch die gute Freundin
Mehlborn hätte zu der doppelten Pflichtenübernahme sicherlich lächelnd mit dem
Kopfe genickt wenn nur durch Kirchenordnung wie Sitte für einen Knaben nicht
mindestens zwei männliche Zeugen geheischt worden wären Wer sollte nun dieser
zweite männliche Zeuge sein
    Der Amtmann wäre der nächste und beste meinte die Pastorin
    Das gab der Pastor zu aber der Amtmann stand nun einmal nur bei
Honoratioren Gevatter Das gab wiederum die Pastorin zu um so mehr als sie mit
der Schachtarbeit für den Frei vor der Hand leider ihren letzten Trumpf gegen
den Hochmutsnarren ausgespielt hatte
    Nach einer nachdenklichen Pause hob sie wie von einem Einfall durchzuckt
von neuem an »Es ist nicht lange her Konstantin da rühmtest du mir als eine
echte Königssitte dass Seine Majestät die Patenschaft bei jedem siebenten Sohne
und wäre es der des ärmsten Schächers übernähme«
    »Übernahm Hanna« versetzte Pastor Blümel der seine kleinmütige Stimmung
noch nicht überwunden hatte »Übernahm als unser Staat arm an Männern geworden
war und Kindersegen für einen Landessegen galt Wohl möglich dass nach unserem
Wachstum und einer Reihe gedeihlicher Friedensjahre eine veränderte
volkswirtschaftliche Anschauung den patriarchalischen Brauch verdrängt hat
Sieben Kinder sind heutzutage keine Seltenheit Hannchen«
    »Aber zehn Söhne sind es Konstantin Wags bitte den König zu Gevatter
Freund«
    Pastor Blümel schüttelte den Kopf »Kannst du dir eine Vorstellung machen
Hanna in welchem Masse unser gütiger hoher Herr mit Bittschriften jeglicher
Gattung und nicht bloß aus niedrigem Stande behelligt wird« fragte er worauf
seine Hanna lachend erwiderte
    »Ob ich mir eine Vorstellung davon machen kann Habe ich etwa nicht in
vornehmen Häusern konditioniert Gnadengesuche heißt bei denen die es nicht
bedürfen was bei denen die es bedürfen Bettelbriefe heißt just so wie den
Armen kleine Notschulden schänden aber den Reichen große Luxusschulden nicht
So steht es nun einmal geschrieben im Kodex der großen Welt Aber was haben wir
damit zu schaffen lieber Konstantin Bittest du denn für dich oder eines der
Deinen«
    »Gott verhüte das Elend das mich zu diesem Äußersten treiben könnte«
    »Als Diener des Amtes bittest du den hohen Patron deiner Kirche für die
hülfloseste Waise deiner Gemeinde als Ritter des Eisernen Kreuzes rufst du
deines Kriegsherrn Protektorat an für den jüngsten Sprossen eines Geschlechtes
das bereits durch zwei kräftige Söhne unter des Königs Fahne vertreten ist und
dermaleinst wills Gott durch noch acht ebenso kräftige Söhne vertreten sein
wird Wer weiß ob du durch diesen Patenbrief dem armen kleinen Jungen späterhin
nicht eine Stelle im Militärwaisenhause erwirbst Konstantin Herzenskonstantin
glaube mir es gelingt Und selber wenn infolge irgendeiner neumodischen
Staatsmaxime die hohe Patenschaft abgelehnt werden sollte für ein eigenhändiges
Antwortschreiben Seiner Majestät an den freiwilligen Jäger von 1813 stehe ich
dir ein und diese Erinnerung an eine beabsichtigte Guttat würde dich bis an
dein Lebensende erquicken«
    Die Augen des freiwilligen Jägers leuchteten er entwarf in Gedanken bereits
den allerhöchsten Patenbrief Seine Gattin fuhr in voreiliger Siegesfreude fort
    »Und du kannst ja auch einfliessen lassen Konstantin dass es auf einen
Geldbettel keineswegs abgesehen ist Nur um die Ehre Friedrich Wilhelm von
Preußen deckt den Tagedieb Klaus Frei Vor der Hand ist gesorgt Wo sieben
Kinder satt werden wird es ein achtes auch Und in einem Falle der Not muss der
Amtmann dran Ja Konstantin er muss Ei wäre es nicht um den Narren Mehlborn
wir würden unsern lieben alten königlichen Herrn ja herzlich gern in Frieden
lassen Aber warte nur warte du mein zugeknöpfter hochwohlgeborener Herr
Rittergutsbesitzer und Baron in spe alle zehn Finger sollst du danach lecken
und schöne Batzen sollst du dafür zahlen als Stellvertreter Seiner Majestät von
Preußen am Tauftische des armen Hirtensohnes stehen zu dürfen«
    Frau Hanna lachte vor Herzenslust hell auf während ihr Konstantin die
Brauen bis unter die Haarwurzeln in die Höhe gezogen ihr starr in die
blitzenden blauen Augen blickte und mit drohend erhobenem Zeigefinger so wie er
es bei einer großen Gebotsmahnung von der Kanzel zu tun pflegte sich also
vernehmen ließ »Mit einem über die Welt verbreiteten Schibbolet Hanna
bezichtigen wir als ihre ärgsten Feinde die welche für einen guten Zweck des
ungute Mittel nicht verwerflich finden und nicht zum ersten Male Hanna
entdecke ich dich auf so unchristlichen Schlangenwegen Soll auch die
Mutterliebe ihre Jesuiten haben Mit einem Komödienspiel auf die Schwächen
seiner Nebenmenschen spekulieren durch Hochmut Großmut erwecken «
    »Mitleiden durch ein saures Gesicht« fiel Frau Hanna ein indem sie ihm
zärtlich die Wangen strich »Ich will es nicht wieder tun Konstantin aber sage
mir doch hast du im großen Weltwesen wie im bescheidensten Einzelnleben jemals
einen guten Zweck ohne Jesuitenkünste wie du es nennst erreichen sehen«
    »Hast du mich jemals auf Schlangenwegen entdeckt« fragte schier entrüstet
ihr Konstantin dagegen
    »Niemals« antwortete sie mit dem reinsten Klang der Aufrichtigkeit
    »Aber  aber«  sie stockte und nur in Gedanken setzte sie hinzu »Wie
häufig hast du auch redliches Herz deine besten Zwecke verfehlt«
    »Aber  warum stockst du Hanna« fragte der Pfarrer
    »Aber was sehen wir denn in der Natur Konstantin auf die du uns so oft als
eine Lehrmeisterin verweist Übles aus Gutem entstehen oder Gutes aus dem
Übel«
    »Beides« antwortete er »beides Hanna Allein Moral und Natur decken sich
nicht wie  wie «
    »Friedrich Wilhelm den Exhirten Klaus« ergänzte sie mit einem Lächeln
worauf ihr Konstantin dann fortfuhr »Die Pflanze saugt erstickende Dünste ein
und haucht Lebensluft aus ein tödlicher Giftstoff wird zur heilsamen Arznei 
wir wollen diesen großen Gegenstand zu gelegener Stunde gründlich miteinander
besprechen Hanna« unterbrach er sich selbst Ihn drängte der Patenbrief an
seinen königlichen Herrn
    Und an stilistischem wie kalligraphischem Schwung ein Meisterstück würdig
eines allerhöchsten Gevattersmannes war es welches in der Mitternachtsstunde
dieses Siebenschläfers Konstantin Blümel evangelischer Pfarrer zu Ober und
Unterwerben freiwilliger Jäger von 1813 Ritter des Eisernen Kreuzes zweiter
Klasse unterzeichnete an Seine Majestät den König Friedrich Wilhelm III
zurzeit in Bad Teplitz adressierte und nachdem er den teuren Namen mit seinem
Atem trocken gehaucht hatte über Nacht zwischen den Blättern seiner Erbbibel
verwahrte Früh am andern Tage trug er das Schreiben persönlich nach dem
städtischen Postbureau empfahl es wennschon bereits »Rekommandiert« darauf
stand dem Beamten zu gewissenhafter Beförderung und verbrachte darauf sechs
Tage in einer patriotischen Spannung wie er sie seitdem er in den
Friedensstand zurückgetreten war nicht wieder empfunden hatte Beide Gatten
hatten sich bis zur Entscheidung unverbrüchliches Schweigen gelobt
    Und endlich endlich am siebenten Tage da traf es ein das heissersehnte
blaue Kuvert dessen Inhalt sogar Frau Hannas verwegenste Hoffnungen überbot
Denn den eigenhändigen vier Zeilen in welchen der »wohlaffektionierte König«
die Taufzeugenschaft bei dem zehnten Sohne des Klaus Tobias Frei in Oberwerben
huldvollst akzeptierte war ein Patengeschenk von zehn Zehntalerscheinen
beigefügt
    Die zehn Zehntalerscheine hat die Frau Pastorin bei ihrem nächsten
Stadtgange als Heckepfennig für den armen Hutmannssohn in die Kreissparkasse
getragen das allerhöchste Handschreiben aber ist von ihr als Seitenstück zu
dem Aufruf »An mein Volk« dem schwarzweissen Bande des Eisernen Kreuzes
angeheftet worden Und so hatte der Segen des Täufertages sich an der armen
Mutterwaise schon im ersten Naturzustande bevor sie noch ein Christ geworden
war in doppelter Art bewährt Der zehnte Hirtensohn war ein Kapitalist geworden
und hatte seinem Wohltäter eine unvergängliche Herzensfreude eingetragen
    Nachdem Pastor Blümel mit feuchten Augen und fliegender Hand sein
alleruntertänigstes Dankesschreiben abgefasst hatte rüstete er sich zu dem Gange
nach dem Pächterhause um gleichzeitig die Frau Amtmännin Mehlborn als Zeugin
für sein Töchterchen und den Herrn Amtmann Mehlborn als stellvertretenden
Königszeugen bei dem Sohne des Exschäfers Frei zu Gevattern zu bitten
Die Rittergüter unserer Gegend sind keine Latifundien und die Edelhöfe
wenngleich sie häufig Schlösser heißen weder mittelalterliche Burgen noch
moderne Prachtpaläste so war auch das Hauptgut von Werben nur mäßigen Umfangs
und das Schloss mit seiner langgestreckten glatten Fassade nur ein räumliches
Wohnhaus das  abgerechnet seine breiten sich zum Fluße niedersenkenden
Gartenterrassen  ebensogut in einer städtischen Straße hätte stehen können Die
Schäden des Krieges waren selbst von außen nur oberflächlich an ihm ausgeheilt
denn es blieb unbewohnt seitdem es zu Anfang des Jahrhunderts aus den Händen
der im Mannesstamme erloschenen reichbegüterten sächsischen Familie der Werben
als Tochtererbe in die der preußischen von Hartenstein übergegangen war
    Auch die Pächterwohnung die mitten im Schlosshofe lag war zwar
umfänglicher aber weniger ansehnlich als manches Bauernhaus im Dorfe das Dach
mit Schindeln gedeckt der Fußboden mit Estrich ausgegossen das runde
Fensterglas in Blei gefasst das vorspringende Deckengebälk hätte ein Mann vom
Schlage des Schäfers Frei mit der Hand erreichen können Der reiche Mehlborn
aber fühlte sich heimisch in diesem bescheidenen Vaterhause und bewirtschaftete
von ihm aus das Gut obgleich er es ebenso leicht von dem besser erhaltenen Hofe
Unterwerbens ursprünglich einem großen Vorwerk und Filialdorfe des Hauptgutes
hätte tun können Es war dieses Talgut kurz nach dem Kriege käuflich auf ihn
übergegangen nicht das einzige auf welchem in diesen drangvollen Zeiten der
Pächter zum Herrn des Edelhofes ward auf welchem sein Vater als Grossknecht
gedient hatte Lieferungen und Lasten werden unerschwinglich der Bodenwert
sinkt und der Hypotekenwert steigt nach dem Frieden droht unverstanden oder
missverstanden das neue Ablösungsgesetz das Inventarium eignet bestenteils dem
Pächter der indessen auf fremdem Boden geerntet und sein Heu ins trockene
gebracht hat So hier wie anderwärts EhrenMehlborn der überdies keinen
verächtlichen Mahlschatz erheiratet hatte würde schon dazumal auch das heiß von
ihm ersehnte Hauptgut haben an sich bringen können wenn die Generalin von
Hartenstein sich zu der Entäusserung des Stammsitzes ihrer Familie hätte
entschließen können Heute das heißt zehn Jahre später lag diese Entäusserung
vor den Augen ihrer Erben als unvermeidliche Perspektive
    Bis zu dem Erwerb des Talgutes hatte Johann Mehlborn sich nicht mehr gefühlt
als jeder andere emsige zähe reichgewordene Bauer An dem Tage jedoch wo
Exzellenz von Hartenstein als Sachwalter seiner Gemahlin die geschäftliche
Korrespondenz statt an den Pächter Mehlborn Edelgeboren an den
Rittergutsbesitzer Herrn Mehlborn Hochwohlgeboren richtete stach ihn zum ersten
Male die bewusste nobele spanische Fliege Hatte er sich bisher mit dem Haben
begnügt nun warf er sich nebenbei auch auf das Werden und Sein Zunächst das
Werden und Sein eines titulierten Mannes
    »Denn siehst du meine Röse« sagte er zu seiner Frau »Rittersleute wären
wir nun richtiger Adel bis auf das kleine von das aber auch nicht ausbleiben
wird zum wenigsten für unsere Kinder So weit hätten wirs mit Gottes Hilfe
gebracht Jedennoch mich auf den Kreistagen und im Kreisblättchen schlechtweg
als Herr Mehlborn traktieren zu lassen und dich von den Nachbarn als bloße
Madame das geht mir wider den Strich Mittel sind da ich kaufe mir den
Amtmann Röse«
    Frau Röse nickte zustimmend mit dem Kopfe ihr Johann kaufte sich für so und
so viel hundert Taler den Amtmann und fühlte sich was seine eigene Person
anbelangt mit dieser Würde allenfalls zufriedengestellt Für seine Kinder aber
wollte er höher hinaus »dem Throne um ein paar Stufen näher« und ein kluger
Kopf wie er war fasste er das Ding auch beim richtigen Zipfel er sparte für
sie und ließ sie etwas lernen
    Sie wurden daher der Dorfkameradschaft in Kantor Beifussens Schulstube
entrückt Die Tochter ein ungewöhnlich befähigtes Kind bereiteten die kürzlich
aus der Fremde herbeigezogenen Freunde in der Pfarre so weit vor dass sie die
erste Bauerntochter unserer Gegend nach ihrer Konfirmation in ein vornehmes
Institut der Hauptstadt aufgenommen werden konnte
    »Denn siehst du Mutter« so sagte der Amtmann zu seiner Amtmännin »siehst
du was für die Grafentöchter in Bielitz drüben nicht zu gut ist das ist für
unsere Brigitte allenfalls gut genug Sie erben von ihrem Alten einmal einen
Sack voll Schulden und unsere Brigitte erbt von mir zum allerwenigsten ein
Rittergut Aber unter einem Baron tue ich es einmal für sie nicht«
    Mutter Rosine hätte bei dieser Schlusswendung freilich gern mit dem Kopfe
geschüttelt sie nickte aber doch und ihr Amtmann brachte seine Brigitte zu den
Gräfinnen in die »Institution« bei dieser Gelegenheit aber auch unter die Augen
der gutsherrlichen Exzellenzen die bisher persönlich ihm unbekannt durch
gewisse Beziehungen zu seiner Tasche indessen erwünschtermassen vertraut geworden
waren und da in dem Worte »Erbe« ein anzügliches Medium liegt tat durch dieses
persönliche Bekanntwerden die Vertrauteit einen mächtigen Vorwärtsschritt
    Oder wäre Hilmar von Hartenstein weil Geld und Gut ihm zu entschlüpfen
drohten nicht ebenso wie Brigitte Mehlborn eine Erbin war ein Erbe gewesen
ja mehr als ein Erbe war er nicht im Genuss Im Genuss eines alten stolzen
Namens des Glanzes welcher von einem ruhmwürdigen Vater auf den einzigen Sohn
zurückstrahlt im Vollgenuss der traditionellen Stattlichkeit Ritterlichkeit
Frohlebigkeit seines Geschlechts ein Hartenstein par excellence Sind diese
Erben eines Temperaments welches die Gabe des Reichwerdens und selber des
Reichbleibens auszuschliessen scheint nicht allemal auch die des Zaubers
liebenswürdiger Unwiderstehlichkeit Und unchristliche das heißt herzenshärtige
Gottesgeschöpfe sind sie beileibe ja auch keineswegs Naturphilosophinnen wie
Frau Hanna Blümel wollen freilich behaupten dass derlei katexochén
liebenswerte Lebeleute den Gegenbeweis liefern zu dem Gesetz welches aus dem
Schlimmen häufig ein Gutes erwachsen lässt und dass durch ihre kavaliere
Liebenswürdigkeit weit mehr Übel und Weh über die Welt verbreitet worden ist als
durch die Langweiligkeit der sogenannten Philister samt und sonders mögen auch
erst nachfolgende Geschlechter die bittere Hefe des süßen Weines zu verwinden
haben Aber Brigitte Mehlborn war bei sechzehn Jahren noch keine Philosophin
wennschon sie starke Anlage hatte es eines Tages zu werden »Der und kein
anderer« sagte sie zu sich selbst als sie den Tag vor ihrer Einführung in die
residenzliche Kostschule an der Tafel der Exzellenzen dem schönen
Gardereiterleutnant in seiner blitzenden Uniform zum ersten Male gegenübersass
    Und »Meinetwegen auch die« sagte zwei Jahre später seufzend der schöne
Gardereiterleutnant vor die Alternative gestellt sich aus einem
hauptstädtischen Schuldensumpfe auf den soliden Boden eines provinzialen
Infanterieregimentes zu retten und den letzten Anspruch an sein einstiges
Muttererbe fallen zu lassen oder diese Erbaussicht aus der Hand der
Pächterstochter um den Preis des Graziengürtels zurückzuerhalten
    Der tapfere General überwand das Loch im Stammbaum wie es einem Helden
ziemt seine Gemahlin kränkelte und dachte an eine selige Ewigkeit in deren
Angesicht man es hinsichtlich gewisser geistigen Gewöhnungen Vorurteile
genannt glimpflicher als in gesunden Tagen zu nehmen pflegt Mutter Mehlborn
wurde nicht gefragt würde aber wenn gefragt schwerlich mit dem Kopfe
geschüttelt haben Vater Mehlborn aber schrieb unter Frau Hanna Blümels
freundseelsorgerischer Korrektur triumphierend Ja und Amen und seine Brigitte
kehrte als strahlende Braut in das Pächterhaus zurück
    In kurzem präsentierte sich auch der ritterliche Bräutigam wie es hieß
weniger strahlend als seine Braut und leider der Frühlingsparaden halber nur
für einen halben Tag so dass den Freunden in der Pfarre der Vorzug seiner
Bekanntschaft versagt blieb Indessen soll vor dem Abschied die
Verlobtenstimmung doch noch recht merklich zum Durchbruch gekommen sein da ein
gewisses heikles Geschäft von Vater auf Sohn übertragen sich über Erwarten
glatt abgesponnen hatte
    Und warum hätte wohl auch Vater Mehlborn selbst abgesehen von seinem
edelmännischen Gelingen die Schnüren seines Säckels allzu straff anziehen
sollen Der Bodenwert stieg das Gut trug jetzt allenfalls eine Hypothek mehr
noch eins oder das andere von diesen gewissen heiklen Geschäften und der
Stammsitz der Werben war ungeteilt Mehlbornsches Erbe
    Schon im Sommer wurde die Hochzeit gefeiert weder in Ober noch
Unterwerben die beide zu exzellenzlichen Festivitäten nicht angetan waren auch
nicht in der Residenz aus welcher vor kurzem General von Hartenstein zu einem
Oberkommando in die östliche Provinz versetzt worden war sondern möglichst
still in einem kleinen märkischen Badeorte in welchem die kranke Generalin sich
zur Kur aufhielt Amtmann Mehlborn war es zufrieden sich als Brautvater mit
einer Gastofsrechnung abfinden zu dürfen obschon dieselbe der Rangstufe der
Hochzeitssippe entsprechend mit doppelter Kreide angeschrieben wurde Auch dass
die Brautmutter der Ernte und anderer Unvermeidlichkeiten halber zu Hause
geblieben war konnte ihm nur zur Genugtuung gereichen Er hatte da er noch
EhrenMehlborn hieß seine Röse gern zu Kirmes und Erntetanz unter lustige
Festgenossen geführt seitdem sie jedoch seine Gemahlin und eine gnädige Frau
ohne kleines »von« geworden sah er sie nur gern innerhalb ihrer vier Pfähle
Sie war und blieb nun einmal unempfänglich für jede höhere Kulturbestrebung
    So das Schicksal der Tochter Aber schon Jahr und Tag vor deren Einführung
in das residenzliche Institut war auch der Sohn der Sphäre des Pachtofes
entrückt worden und wäre es bei diesem Anlass nahezu geschehen dass Mutter Rosine
zum ersten und einzigen Male energisch den Kopf geschüttelt hätte Denn der
Hannes war von ihrer eigenen stillen Art und beiden am wohlsten wenn er ihr im
Milchkeller und Hühnerhof am Schürzenzipfel hing Er wuchs ihr daher auch weit
dichter an das Herz als die nach dem Vater schlagende aufgeweckte Tochter und
sie hätte ihn dort grossziehen mögen wo er nach seiner wie ihrer Meinung und
sicherlich auch nach der der Natur hingehörte auf dem elterlichen Hofe Wenn
aber Vater Mehlborn sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte was konnten
Mutter Rosine und ihr Hannes dann wohl dagegen tun Und Vater Mehlborn hatte es
sich in den Kopf gesetzt seinen Stammhalter dem Throne um verschiedentliche
Stufen näher rücken zu lassen
    »Hannes« hatte er gesagt »Hannes du studierst ich schenke dir ein
Rittergut du wirst Landrat heiratest eine Gräfin meinethalben eine arme und
alles was weiter hinaus liegt findet sich von selber«
    So wurde denn der arme stille Hannes mühsam durch das Gymnasium gedrillt
brachte es auch bis zur Universität aber bis zum Landratsamte und allem was
weiter hinaus liegen sollte brachte er es nicht denn der arme Hannes fiel im
Zweikampf mit einem Korpsbruder der das kleine »von« vor seinem Namen ererbt
und dem reichen Landsmann welcher es erst erwerben sollte den Spottnamen
»Mehlwurm« angehängt hatte
    Zuverlässig der arme Hannes war von Natur kein Raufbold der sich durch
einen unschuldigen Mehlwurm zu Mordgedanken hätte treiben lassen Aber sie
hetzten und stachelten ihn in Spott und Ernst und der am eifrigsten hetzte und
stachelte ihn mit dem was er der Ehre der Familie schuldig sei ganz toll und
töricht machte das war der Mann den er Bruder nannte weil er der Gatte seiner
Schwester geworden war Und so kriegte der arme Hannes denn einen Stich in die
Brust lag ein paar Tage purpurrot in loderndem Fieber und Phantasien von dem
heimischen Hof und dann wurde er weiß und stiller denn je »Ach Mutterchen
wie kühl muss es in deinem Milchkeller sein« war sein letztes Wort
    Die Leiche wurde nach dem Talgute gebracht und mit möglichstem Pomp in einem
Gewölbe unter der dortigen Kirche beigesetzt das auf diese Weise zur Erbgruft
der Mehlborn eingeweiht wurde Diese Feierlichkeit samt ritterlicher
Grufterrungenschaft trug viel dazu bei dass der Vater sich von dem
Wetterschlage so jach als er ihn niedergeworfen hatte wieder emporrichtete
Denn kein Schmerz der nicht eine Not in sich schließt wandelt das Grundwesen
eines Menschen um und Vater Mehlborn hatte wohl den einzigen Sohn aber nicht
was eine Not in sich geschlossen haben würde den einzigen Blutserben verloren
Er schaffte in die Breite und baute in die Höhe wie zuvor als ihm aber bald
darauf von seiner Brigitte die von jeher sein Liebling gewesen der erste Enkel
geboren ward tröstete er sich als hätte er nie einen Sohn besessen in der
Zuversicht den freiherrlich Hartensteinschen Namen dem Namen Mehlborn verbunden
zu sehen sobald nur erst auch das Hauptgut Mehlbornsches Erbe geworden sein
würde
    Für die Mutter dahingegen war der Tod des Sohnes ein Schmerz der
umwandelnden Not Ein Stoß in den Herzgrund brachte wie Pastor Blümel es
ausdrückte den Heilandstrieb zum Durchbruch über welchem im gleichmäßigen
Tageslauf sich eine Erdenschicht gebildet hatte Und vielleicht hat nur der
Mutterschmerz diese Gewalt Rosine Mehlborn hatte bis in das Matronenalter still
vor sich hin geschäfftert keinem Menschen zuleide aber auch keinem außer
ihren Allernächsten zuliebe Nun da sie an ihrem tiefsten Bedürfen Mangel
litt wurde sie die leise Helferin bei jedem fremden Mangel auf welchen ihr
Blick gerichtet ward Ihr Amtmann durfte es nicht merken einer aber merkte es
der ihr nimmer aus den Augen wich Im Morgendämmer und wenn der Mond in ihre
Kammer schien zwischen den Lämmerwölkchen welche das blaue Himmelsfeld
überziehen vom ersten Stern des Abends und von dem letzten früh blickte ihres
Hannes gutes Gesicht auf sie herab und wenn der Mangel den sie gewahrte ein
recht großer und ihre Hilfe ein Opfer war da sah sie ihren Hannes lächeln und
sie lächelte auch nickte ihm zu und sagte »Mein Hannes ich komme bald«
    An ihre Brigitte dachte sie wohl auch sie war ja ihr liebes Kind wenn sie
aber nicht ihr liebes Kind gewesen wäre würde sie an jeden Menschen eher als
die Brigitte gedacht haben Der Tochter Natur war ihr unverständlich und wurde
es durch ihr Schicksal je mehr und mehr
    Die beiden Erbkinder von Werben waren erst wenige Monate ein Paar geworden
als der einzige Bruder ein Opfer seiner unfreiwillig überkommenen
Standespflichten fiel im Pächterhause brach schier ein Mutterherz höher
hinauf jedoch »dem Throne näher« trat der beklagenswerte Ausgang hinter dem
Spottreiz des Anlasses zurück der Name Mehlborn erhielt einen belustigenden
Klang den seine alten Träger gottlob nicht ahneten der von dem chevaleresken
Gatten der vormaligen Trägerin jedoch die Ehrenpflicht heischte mit seinem
besten Kameraden ein paar Kugeln zu wechseln Ein Menschenopfer war in diesem
zweiten Kampfe um den Mehlwurm nicht zu beklagen der Wurm selbst aber um so
weniger zur Ruhe gebracht worden Hilmar von Hartenstein verstand daher einen
gnädigen Wink von oben herab und vertauschte bis auf weiteres die blitzende
Gardeuniform mit einer schlichten der Linie unter seines Vaters Kommando und in
dessen wenig vergnüglicher Garnison Wehe aber der liebenden Frau welcher ein
solches Opfer unter Zähneknirschen gebracht worden ist
    Vier Jahre waren seitdem verflossen die alte Frau von Hartenstein war
gestorben die junge Frau von Hartenstein ein einziges Mal in der Heimat
gewesen um den Eltern die beiden Enkel vorzuführen auf welchen ihre irdische
Zukunftshoffnung beruhte bei dieser rührsamen Gelegenheit aber auch gegen Vater
Mehlborn ein Geschäft der allerheikelsten Art  weil ohne die Entäusserung des
Stammgutes  durchzusetzen Unbegreiflicherweise für Vater Mehlborn sträubte
sich gegen diese Entäusserung mehr als der Erbe der Mutter die Mutter der
einstigen Erben Brigitte von Hartenstein wollte die Lebensstellung ihrer Kinder
nicht ausschließlich auf den Reichtum ihres Vaters gegründet sehen
    Die Entwicklung welche die vormalige Schülerin seit ihrer Verheiratung in
Wesen und Willen genommen hatte gab den Freunden in der Pfarre mancherlei zu
denken und vertraulich zu besprechen Brigitte von Hartenstein war auf bestem
Wege zu werden was ungefähr von ihrer Zeit ab eine »bedeutende« Frau genannt
worden ist eine Spezies die man in früheren Tagen wohl auch dann und wann
gefunden allein anders betitelt hat Kein Landmann würde in ihr den ländlichen
Ursprung vermutet aber auch kein Edelmann sich ihr als seinesgleichen
vertraulich genähert haben sie hätte für eine Gelehrtentochter gelten können
so nach dem Grunde hin hatte sie sich mit zäher Ausdauer vertieft und so
geflissentlich vermied sie den Schliff der Kreise in welche sie sich einem
Einzigen zuliebe gestellt Sie hatte unter diesen Menschen seit dem Tode ihres
Bruders aber nicht durch diesen allein bitterlich gelitten sie verachtete
ja sie hasste diese Menschen Jenen Einzigen aber liebte sie noch immer mit der
hartnäckigen Ausschliesslichkeit einer nüchternen Verstandesnatur Sie nannte
diese Liebe ihre Pflicht und forderte ausschliessliche Gegenliebe als ihr Recht
Dass sie ihren schönen charakterlosen Gatten liebte lediglich weil er ihr heute
wie in der ersten Stunde gefiel gestand die charaktervolle Frau sich nicht ein
Dass sie um von ihm geliebt zu werden erst lernen musste ihm zu gefallen würde
sie unter ihrer Würde gehalten haben
    »Hanna« sagte Pastor Blümel zu seiner Gattin nach einem langen Spaziergange
mit seiner einstigen Schülerin »Hanna diese noch minorenne Frau hat die Kritik
der reinen Vernunft gelesen und merkwürdigerweise verstanden«
    »Würde sie nicht besser daran sein Konstantin wenn sie dieselbe nicht
verstanden hätte« entgegnete Frau Hanna
    Seit diesem Besuche hatten die Amtleute kein Mitglied ihrer angefreiten
Sippe wiedergesehen Pünktlich am ersten jedes Monats traf ein Brief der Tochter
ein ein braver kluger Brief ein Musterbrief »man könnte ihn drucken lassen«
sagte der Vater die Mutter aber weinte allemal den ganzen Tag nachdem ihr
Amtmann ihn vorgelesen und sehnte sich mehr denn je nach ihrem Hannes dessen
Briefe nicht wie gedruckte geklungen hatten aber »wie mit Lettern« in ihrem
Herzen geschrieben standen
    Und so war es bis auf die heutige Stunde geblieben Die Amtmännin hatte ihr
Trauerkleid nicht abgelegt der Amtmann trug den Kopf höher denn je Frau Hanna
Blümel die mitunter das Gras wachsen hörte wollte ihm indessen doch anspüren
er hätte den bisher höchsten Schritt auf seiner Jakobsleiter ebenso gern oder
wohl gar lieber unterlassen
Pastor Blümel war festlich angetan in kurzem Beinkleid langen schwarzen
Strümpfen und Schuhen über dem Leibrock ein schmales Chormäntelchen am Rücken
niederhängend Er hatte als er in die Gegend versetzt wurde diese Art
halbamtlicher Interimstracht als eine übliche vorgefunden und vielleicht noch
der einzige in der Ephorie sie beibehalten bei einem Kranken und Trostbesuch
oder wie heute als Gevatterbitter Eben griff er nach dem Hute den er bei
derlei Gängen aber nicht über das Käppchen setzte sondern dem Brauche nach in
der Hand trug als gegen alle Familienordnung die kleine Balsamine  häuslich
Minchen  in das geistliche Gemach stürmte um einen Besucher anzumelden der
sich der Mutter in der Laube »Herr von Hartenstein« genannt habe
    Herr von Hartenstein ein Landsmann aus der alten Heimat ein Held aus
seiner großen Zeit sein Patron nach dessen Bekanntschaft er sich seit zehn
Jahren gesehnt hatte Welche neue frohe Überraschung an diesem Tage frohester
Überraschungen Oder sollte es der Sohn des Ersehnten sein seiner Schülerin
Gatte vielleicht sein künftiger Patron Ei nun dieser oder jener jedenfalls
ein teurer hochwillkommener Gast
    Nun gab es aber noch einen dritten Hartenstein einen den Konstantin Blümel
persönlich gekannt hatte zu einer Zeit wo er eine nähere Beziehung zu jener
Familie sich nicht träumen ließ ja dem er diese Beziehung recht eigentlich
dankte einen Kameraden vom Yorckschen Korps und  seltsamste Wandlung bei einem
Hartenstein  einen geistlichen Amtsbruder dessen Name neuerdings laut in die
Öffentlichkeit dringend des alten Waffenbruders Erinnerung lebhaft angefacht
hatte einen dessen Wiedersehen er noch inniger als die Bekanntschaft der
beiden anderen ersehnt  und just auf die Vermutung dieses dritten kam
Konstantin Blümel nicht Ja als der Gemeldete jetzt von der Hausfrau geleitet
die Schwelle überschritt selber da schwankte er noch zwischen der Annahme von
Vater und Sohn Erst als der Fremde sich mit den Worten einführte »Sie scheinen
mich nicht wiederzuerkennen Herr Prediger ich bin der Doktor Joachim von
Hartenstein« erst da fiel es ihm wie Schuppen von den Augen allein 
wunderbar eine steife Verbeugung war alles was ihm zum Willkomm des Ersehnten
gelang
    Während er nun aber stumm vor Überraschung dem bleichen ergrauten
bürgerlich gekleideten Manne gegenüberstand den er zuletzt mit kampfgeröteten
Wangen in der blauen Litewka das Eiserne Kreuz auf der Brust gesehen hatte
während er in plötzlicher Scheu kaum die Fingerspitzen des Amtsbruders zu
berühren wagte wo er so gern die Hand des Kameraden geschüttelt hätte da
entschleierte sich mit der Gedankenschnelle für die es keinen Maßstab gibt vor
Konstantin Blümels Seelenauge die Wechselwirkung von Natur und Schicksal die
diesen lange verehrten Mann ihm plötzlich zu einem Fremden machte Es war der
Kämpfer welcher dem Versöhner gegenüberstand
    »So schön und so tapfer wie ein Hartenstein« galt als Sprichwort unter dem
preußischen Soldatenadel und von fünf Söhnen eines alten tapferen Obersten aus
der friderizianischen Schule war der jüngste Joachim der schönste und
feurigste »den Hektor der Armee« hatte ein hoher Frauenmund ihn genannt
Sämtlich waren sie Militärs und sämtlich folgten sie dem Vater in den Feldzug
von 1806 Der unselige 14 Oktober zertrümmerte Ehre und Glück auch dieses
heldenmütigen Geschlechts Das vaterländische Heer lag am Boden einer Leiche
gleich an der die Würmer zu nagen begannen Auch gegen den Obersten tauchten
aus einem unentdeckbaren Winkel Bezichtigungen auf welche bei Freund wie Feind
ein höhnendes Echo weckten Wer unterscheidet in so trüben Tagen scharf die
Linie auf welcher Unglück und Unglimpf sich scheiden Wo so viele unrein
werden ätzt das geblendete Auge ein reiner Punkt Erst beruhigten Zeiten liegt
die Klärung ob
    Als nach dem Frieden die militärische Untersuchungskommission ihr Werk
begann war der jammervolle Greis seiner Pein erlegen von oberster Stelle ist
der Flecken auf seinem Ehrenschilde nicht bestätigt worden in den Herzen seiner
Söhne lebte er fort als ein Held Vier von ihnen umstanden seine Bahre der
fünfte moderte in den Gruben an der Saale Die Armee war aufgelöst der Brüder
Zukunft eine Frage Dort auf das tote Haupt des Vaters leistete einer nach dem
anderen den Schwur die verdunkelte Ehre rein zu waschen dereinst im Kampfe
gegen den Überwältiger des Vaterlandes zunächst in dem gegen den Verleumder des
Vaters
    Es war ein Kamerad ein Freund ja ein Blutsfreund von welchem die
Schmähung wenn nicht ausgegangen so doch erweislich nachgesprochen worden war
Die Brüder stritten sich um den Vorzug der rächenden Hand sie losten ein jeder
mit dem heimlichen Vorbehalt für den Rächer einzutreten wenn er unterliegen
sollte
    Die blutige Reihenfolge wurde ihnen erspart der das Los zog war Joachim
noch ein Jüngling doch hielt er sein Mannesrecht fest gegen den Widerspruch der
Männer und führte es durch als ein Mann
    Der Beleidiger fiel aber auch dem Rächer war eine Kugel in die Brust
gedrungen die er nach langen Jahren mit in das Grab genommen hat Als er von
seinem schweren Krankenlager erstand war die Hartensteinsche Blüte auf seinem
Antlitz einer Marmorblässe gewichen und durch sein blondes Lockenhaar zogen
sich weiße Silberfäden ein Leidensmerkmal aber ein adelndes ein Merkmal der
Wandlung die auch in der Seele des Jünglings sich vollzogen hatte und die wie
tief Erinnerung und Gegenwart drücken mochten bei einem Hartenstein eine
sonderbare genannt werden musste
    Nur der älteste der Brüder der gegenwärtige General blieb im Dienst der
reorganisierten vaterländischen Armee Die beiden mittleren suchten in der
Fremde einen Platz auf welchem sie sich früher als jene mit dem Überwältiger
messen durften Joachim ging nach Königsberg und studierte Theologie unter den
Armen der Ärmste unter den Eifrigen der Eifrigste Er war noch nicht
grossjährig als er anhebend mit den Wunden und der Schmach des Vaterlandes die
lange Reihe jener Erdenmächte hatte kennen lernen mit denen im Ringkampf der
Mensch zum Gottesleugner oder zum Heilandsjünger wird
    Er hatte seine geistlichen Prüfungen eben zurückgelegt als in seiner
unmittelbaren Umgebung die bahnbrechende Erhebung ihren Ausgang nahm Auch
Joachim griff wieder zu dem Schwert Seine beiden Brüder waren in Österreich und
Spanien gefallen nur der älteste und jüngste der Söhne des unglücklichen
Obersten von 1806 erlebten den Tag der Befreiung beide mit den höchsten Zeichen
der Tapferkeit auf der Brust
    Als Kameraden im Yorckschen Korps hatte der Rittmeister von Hartenstein den
freiwilligen Jäger Blümel wiedergefunden dem er schon während seiner
Studienzeit in Königsberg flüchtig begegnet war und da nach dem Frieden die
Pfarrstelle in Werben neu zu besetzen stand machte er deren Patron seinen
Bruder auf diesen treupreussischen Mann als den geeignetsten Seelsorger in der
jüngsterworbenen noch zweifelhaften Provinz aufmerksam
    Auch er selbst kehrte von der Fahne zur Kanzel zurück sein Sinn war aber
nicht derart gerichtet um sich in einer stillen Landpfarre wenn auch warm und
behaglich einzunisten und bald genug fand er denn auch den Wirkungskreis in
welchem sein Name seine bedeutende Erscheinung eine ungemeine Rednergabe und
vor allem sein Temperament und Wille zur völligen Geltung kommen durften Als
Oberdomprediger und Propst in einer provinziellen Hauptstadt als Doktor der
Theologie dessen Ehrendiplom die Universität jener Stadt ihm verliehen hatte
als ein Magnat der Kanzelberedsamkeit würde die höchste Würde seines Standes
die eines Generalsuperintendenten oder protestantischen Bischofs ihm nicht
entgangen sein wenn nicht auf neuem Gebiet die alte kampfesmutige Ader seines
Geschlechtes in ihm entzündet worden wäre Er hatte auf das luterische
Bekenntnis geschworen und sein Versöhnung suchender reformierter König durch
Einführung der Union ein Scharmützel der Geister heraufbeschworen als eine von
dessen Haupttriebfedern der Propst von Hartenstein sich erwies Er war der Erste
und Oberste von denen welche sich der neuen Ordnung widersetzten Seine
Hartnäckigkeit kostete ihm die glänzendste Perspektive Was fragte er danach
Sie konnte ja sie musste ihm sein gegenwärtiges Amt kosten Was verschlug es
ihm Er wäre Reiseprediger Agitator geworden ein zum Märtyrer berufener
Streiter für seines Gottes Ehr
    Der eigenartig strenge Zauber seiner Persönlichkeit und Begabung hatte ihm
in weiten Kreisen Anhang erworben selbstverständlich auch Gegner und Spötter
»Viel Feind viel Ehr« sagte Joachim von Hartenstein und sagten seine Getreuen
Die Frauen zumal schwärmten für ihn wie für einen neuen Propheten Der
dreifältige Ritter der Geburt des Schwertes und des heiligen Worts würde nicht
vergebens die Hand nach den glänzendsten Erbtöchtern seiner Provinz haben
ausstrecken dürfen und er hatte in frühreifer Jugend als stark empfänglich für
Frauenhuld gegolten
    Dennoch dachte er an eine Verheiratung erst nach dem Tode seiner Mutter die
er als treuester Sohn unter seinen Schutz genommen hatte und wenn bei seiner
Wahl die Stimme des Herzens sich auch mit weltlicher Zweckmässigkeit verband für
den Entschluss gaben den Ausschlag das Pflichtgebot eines lutherischen Bekenners
und der starke Hartensteinsche Stammessinn da in Hilmar seinem einzigen
Neffen das alte Geschlecht voraussichtlich nicht in ruhmwürdiger Weise seinen
Abschluss gefunden haben würde
    Die Erkorene war ein blutjunges Fräulein Schwestertochter seiner
Schwägerin in deren Hause sie frühverwaist heranwuchs Der General und seine
Gattin sollen sich mit der Hoffnung getragen haben durch Ottiliens liebliche
Sanftmut dem unbotmässigen Sinne ihres Sohnes einen Zügel angelegt gleichzeitig
aber auch das Stammgut des gemeinschaftlichen Großvaters von Werben durch das
Erbteil der Waise der Familie erhalten zu sehen Ebenso ging die Rede dass der
Vetter dem Bäschen überaus hold das Bäschen dem Vetter mindestens nicht abhold
gewesen sei bis des Oheims unerwartete Werbung dem kindlichen Gemüte plötzlich
eine veränderte Richtung gab Die Waise blickte zu dem edlen Manne empor nicht
nur wie zu einem Vater sondern wie zu einem Helden einem Helden auf dem
Gebiete in welchem sie selbst einen Platz wenn auch den demütigsten einnahm
sie fühlte sich durch seine Wahl in ihren eigenen Augen gehoben und würde ja
haben sagen müssen selbst wenn im heimlichsten Grunde eine Stimme nein
geflüstert hätte
    So sagte sie denn ja und wurde in ehrfürchtiger Hingebung das Weib des
Mannes der ihr Vater sein konnte Hilmar von Hartenstein aber sagte
eingeklemmt zwischen Trotz und Not »Meintwegen auch die« und heiratete
Brigitte Mehlborn
    Das Resultat der weltlichen Ehe lag zurzeit selbst vor Freundesblicken noch
im Nebel die geistliche Ehe dahingegen leuchtete bis in weite Ferne als eine
jener »wohlgeratenen« welche der große Meister Luther »die allersüsseste
Gottesgabe« nennt der Familie aber zu der sie sich je mehr und mehr
erweiterte gaben des Vaters unbedingte Autorität seine kirchliche
Ausnahmestellung und angeborene adlige Sitte ein Gepräge das sie vor profanen
Berührungen fast klösterlich abschied
    So halb Prälat und halb Patriarch mit einem merklichen Überguss vom Militär
und Kavalier so war der Mann oder so erschien er mindestens Konstantin Blümel
nachdem dieser ein hochwertes Bild aus seiner Erinnerungsmappe mit dem
gegenwärtigen Original verglichen und für dieses Original in der Galerie seiner
Phantasiegestalten vergeblich nach einem Seitenstück gesucht hatte
    Eine hohe schmächtige Gestalt das frische Kolorit und die tiefe Augenbläue
aller Hartenstein blässlich abgedämpft der dunkle Reiseanzug von weltmännischer
Einfachheit nichts was an den Pietisten aber auch nichts was an die Eitelkeit
der Gesellschaft erinnerte vornehm vom Scheitel zur Zehe herzenskühl und doch
eiferartig so sah Frau Hanna ihres Gatten vielbesprochenen einstigen Gönner
sah ihn ihrer Vorstellung gemäß und weil sie ihren Konstantin kannte begriff
sie dessen stumme Verwirrung und war beflissen den Pflichten landpfarrlicher
Gastfreundschaft an seiner Statt gerecht zu werden Sie nötigte Hochwürden in
das behaglichere Wohnzimmer Zu welchem Zweck der Raum genügte ja meinten
Hochwürden Sie bot Erfrischungen an Hochwürden dankten dafür Sie erlaubte
sich die Hoffnung Hochwürden ein Nachtlager in ihrem Hause annehmen zu sehen
Hochwürden erklärten dass sie ihren Wagen nach dem Pächterhause vorausgeschickt
und sich frische Postpferde dorthin bestellt hätten da die Universitätsstadt
noch vor Nacht erreicht werden sollte und an der neuen Verwandtschaft doch nicht
ohne Gruß vorübergegangen werden dürfe
    Der Propst  er selber nannte sich analog seinem großen Vorbilde den
Doktor von Hartenstein  begleitete die letzten Worte mit einem Lächeln welches
die heitere Pfarrfrau nicht zum Mitlächeln reizte hinterdrein jedoch einen
lachenden Eifer in ihr entzündete Sie sah dass ihre Gegenwart im geistlichen
Gemach von Überfluss sei und zog sich mit der Verneigung einer alten gräflichen
Gouvernante zurück
    »Geht mir doch« so hatte sie bei einem ähnlichen Anlasse gesagt »geht mir
doch mit den Freunden die sich vermessen für uns durch Feuer und Wasser zu
laufen Wann gerät denn ein Mensch in Feuers und Wassersgefahr Und gerät er
einmal hinein ist es unter hundert Fällen neunundneunzig Mal nicht der Freund
sondern der erste Beste der rasch bei der Hand die Hilfe bringt Sein
Alltagspäckchen sollen wir dem Freunde tragen helfen vor den kleinen
Scherereien die der Fremde übersieht oder verlacht nicht die Nase rümpfen und
nicht erst Handschuhe anziehen wenn es gilt seinen Karren aus dem Sumpfe zu
ziehen nicht mehr nicht weniger heißt das was in der vierten Bitte unserm
täglichen Brote zugezählt wird«
    Dieser ihrer Auslegung vom täglichen Brote das Frau Hanna selber
»hausbackenes« nannte gemäß brach sie heute  drei Tage vor dem
Danksagungsgottesdienst und dem heiligen Taufakt  die Klausur der Wochenstube
um ihrer guten Freundin in einer nie erlebten Verlegenheit mit den Erfahrungen
einer in angesehenen Familien konditioniert gewesenen Hauswirtin unter die Arme
zu greifen Sie lachte hellauf wenn sie sich den Wirrwarr im Pächterhause
vorstellte nachdem der fremde Diener den Besuch des vornehmen Herrn Vetters
angemeldet hatte Und just in der ersten Juliwoche wo alle dienstbaren Hände
bei der Ernte beschäftigt waren
    Schade dass die kluge Pfarrfrau nicht auch im geistlichen Gemach die
Mittlerrolle übernehmen durfte
    Sobald die beiden Amtsbrüder sich allein gegenüberstanden der eine den
anderen um Kopfeshöhe überragend und darum auch unwillkürlich auf ihn
niederblickend sagte der Fremde
    »Sie werden in gegenwärtigen Zeitläuften nicht voraussetzen Herr Prediger
dass ich auf einer Vergnügungs oder Vetternreise hier haltgemacht Mein Kommen
gilt ausdrücklich Ihnen das heißt dem Pfarrer«
    Pastor Blümel verbeugte sich schweigend Der andere fuhr fort
    »Da mein Standpunkt sattsam bekannt ist darf ich mir Präliminarien
ersparen«
    Wiederum eine stumme Verbeugung von s des Pfarrers
    »Wohlan denn Herr Prediger Wie stellt sich das Pastorat Ihrer Ephorie zu
der neuen Agende und der Durchführung der Union«
    Pastor Blümel wusste seit dem ersten Wort worauf die Glocke ausgehoben Er
hatte sich zum Widerstande gefasst und antwortete ruhig
    »Man hat sie soviel mir bekannt einmütig als einen königlichen Akt
versöhnender Christenliebe aufgenommen«
    »Auch Sie«
    »Ich unbedingt«
    »Und das Patronat«
    »Hat in Stadt wie Land keinen Widerspruch erhoben«
    »Auch mein Bruder«
    »Seine Exzellenz schrieben mir auf meine Anfrage die Heilsordnung die
meinem König genügt wird auch mir genügen Ich gedenke das nächste Abendmahl
innerhalb einer unierten Gemeinde zu genießen«
    »Es sieht ihm ähnlich«
    »Das freut mich Hochwürden«
    »Aber die Gemeinden«
    »Werden soweit sie die Unterscheidung begreifen sie nicht als eine
Beeinträchtigung ihres protestantischen Bekenntnisses auffassen«
    »Warum auch nicht Es sind ja Sachsen Landsleute der großen Aufklärer von
Leibniz an bis Lessing und  «
    »Und vor diesen Martin Luthers«
    »Gewiss Vor allen Luthers«
    »Ich fürchte Hochwürden nicht mehr zu verstehen«
    »Und ist doch so verständlich Jede Zone kann einen Helden zeugen aber in
jeder Zone wird der Held verschieden wirken In keinem anderen deutschen Gau
würde eine kirchliche Neuerung so rasch Wurzel schlagen und sich so behaglich
haben ausbreiten können wie in diesem«
    »Hochwürden scheinen das zu beklagen«
    »Sie irren Herr Prediger Ich bin Luteraner Ich kann und will nichts
anderes sein ebensowenig wie ich als Preuße wieder ein Reichsdeutscher  und
damit meine ich das Reich vor seinem kläglichsten Verfall das heißt vor der
Reformation und lange bevor es einen preußischen Staat gegeben hat  werden
könnte Aber eben weil ich nichts anderes sein kann will ich das was ich bin
ganz sein und werde mich bäumen bis zum Äußersten ehe ich mir und den Meinen
Luthers Heldentat verpfuschen lasse«
    »Ich nenne es sie vollenden Hochwürden so wie der Meister selbst sie
vollendet haben würde wenn  «
    »Er er« rief der Propst mit durchbrechender Leidenschaft »Er welcher der
Satansversuchung so urkräftig widerstand dass er lieber dem stärksten Puff den
er dem Papsttum versetzen konnte  seine eigenen Worte  entsagte als dass er
das Sakrament vom Fleisch und Blut in ein Abendmahl von Brot und Wein verhunzen
ließ«
    »Mehr als zehn Menschengeschlechter sind seit diesen Erstlingskämpfen für
eine erneuerte Norm abgestorben« entgegnete nunmehr gleichfalls warm werdend
Konstantin Blümel »Sollen der Wahn und die Wut des sechzehnten Jahrhunderts
nicht in dem weiten Grabe des siebenzehnten verschüttet worden sein Sollen sie
heute im neunzehnten zu einem Scheinleben wieder aufgerüttelt werden«
    »Und was hat diesen Wahn und diese Wut wie Sie es nennen Herr Prediger in
den Menschengeistern abgelöst Goldmacher Forscher nach dem Stein der Weisen
Betrüger und Betrogene auf den Tronen und zu Füßen derselben der nüchternste
Vernunftsdienst ein künstlich aufgewärmtes Heidentum Ateisten und
Sanskülotten auch unter uns dünkt Ihnen deren brütendes Wühlen menschenwürdiger
als jener Leben und Sterben für ein untrügliches Wort für eine ewige Idee«
    »Die ewige Idee beharrt Hochwürden aber die Ideen die sie gebiert
wechseln und wandeln in den Menschenseelen Auch wir haben zu leben und zu
sterben gewusst für eine Idee und unsere Kinder und Enkel werden es für die ihre
wieder wissen Sie haben verehrter Herr noch eben sich mit Wärme auf den
jungen Staat berufen den Sie und ich mit gleicher Liebe unser Vaterland nennen
Nun wohl dieser Staat hat jüngst einen Zuwachs von Millionen
römischkatholischer Christen erhalten sollte das nicht eine Mahnung sein für
alle protestantischen Gruppen das was sie trennt zu vergessen um als
geschlossene Phalanx unseren Widersachern gegenüberzustehen«
    »Als lose wehrlose Banden wollen Sie sagen Herr Prediger gegenüber einer
Armee in Reih und Glied Wird diese unselige Neuerung vollendete Tatsache so
gibt es in einem halben Jahrhundert nur noch griechische oderrömische Christen
und deutsche Heiden Jede Kirche heischt für ihren Bestand ein unumstössliches
Dogma Wir haben die Tradition die Glorie der Heiligen das Erbteil Sankt
Peters den Mariadienst das Messopfer und noch vier der Sakramente über Bord
geworfen verschleudern wir auch noch die Lehre von der Ubiquität das heißt den
Wortlaut der Schrift  «
    »Wir verschleudern sie nicht Hochwürden  «
    »Ihr verwässert sie nur Das Phlegma setzt sich zu Boden was von der Essenz
sich nicht verflüchtigt hat sammelt sich in einer spiritualistisch stark
anziehenden Zone Mit anderen Worten die Böcke scheiden aus in das freigeistige
Lager die Schafe in die römische Herde Halten wir aber zusammen wie ein Mann
Ihr zumal in dieser neuerworbenen Provinz deren Stimmung geschont werden muss
und die so ungemischt wie keine zweite der lutherischen Lehre angehört so wird
man die heillose Zumutung fallen lassen und das undeutbare Gotteswort wird der
Wall bleiben an welchem die stolzen römischen Wellen so hoch ich sie
vorahnend steigen sehe sich brechen werden«
    Es war dem Pfarrer von Werben eine neue Erfahrung solch einem eiferartigen
Kämpen auf religiösem Gebiete Widerpart zu halten Auf dem bewegten Schauplatz
seiner Jugendjahre tummelten sich die Geister in einer anderen Richtung und in
seinem späteren Stilleben war es die Sitte mehr als der Glaube die ihn zu
reinigender Fehde herausforderte Aber in diesem Widerstande lag ein Reiz
welcher die Schüchternheit überwand Seine Blicke hafteten leuchtend an den
beiden Kreuzen welche für ihn so gut wie für seinen Gegner die Regulatoren
des Lebens und Wirkens waren und ein warmer Strom entquoll der bewegten Seele
Er schilderte sein Traumbild einer auf dem evangelischen Urgrund geeinigten und
gereinigten Kirche als einer Anstalt menschlicher Liebe zur Verkündung der
göttlichen als der idealsten Macht für das unter den harten Forderungen der
Materie sich abringende Menschengeschlecht als der höchsten Instanz für alle
dunklen strittigen Lebensfragen »Dieser hehre Tempelbau« so schloss er seine
Rede »er leuchtet mir vor wie den Wüstenpilgern das Gelobte Land Mit Augen
schauen werde ich ihn nicht Aber schon das ist hohe Freude zwischen Unglauben
und Aberglauben zwischen Willkür und Knechtung ein Sandkorn zu seinem
Untergrunde beizutragen Und das meine ich zu tun indem ich unbeirrt in die
Fussspuren eines ersten Schrittes versöhnender Weisheit und Bruderliebe trete«
    Herr von Hartenstein hatte ihm mit merklicher Ungeduld zugehört Nach den
letzten Worten ergriff er rasch seinen Hut und erwiderte »Ich bin zu positiv
gerichtet zu nüchtern wenn Sie so wollen um Ihnen in dieses Phantasienreich
Schlaraffenland würde unser kerniger Meister es vielleicht genannt haben 
folgen zu können Überdies drängt die Zeit Und so habe ich nachträglich nur zu
sagen Verzeihung dass ich Sie aufgehalten habe Herr Prediger Sie waren im
Begriff in Amtsgeschäften auszugehen«
    »Nur in einer privaten Angelegenheit zu Amtmann Mehlborn Hochwürden«
versetzte der Pfarrer
    »Dann freut es mich dass unser Weg der gleiche ist« sagte Herr von
Hartenstein und sie brachen auf
    Sie schritten an der Kirche vorüber deren Tür von Sonnenauf bis Untergang
offen stand eine Neuerung des Blümelschen Regiments von welcher leider
seltener als er gehofft ein stiller Einkehrer Segen zog Ohne weitere Erklärung
trat der Propst ein und der Pfarrer folgte ihm
    Des Erbaulichen an Konstruktion wie gottesdienstlichem Gerät war hier so
wenig wie an allen anderen ländlichen Betäusern unserer Gegend wahrzunehmen
Wände und Deckengebälk weiß getüncht ein roter Ziegelboden Kanzel Altartisch
und Bänke ohne Schnitzwerk von dunkel gebeiztem Holz Eine Falltür aus rohen
Bohlen gezimmert führte hinab in die von der Werbensche Gruft die
voraussichtlich keinen erdenmüden oder noch erdenfrohen Pilger mehr aufnehmen
sollte Der Propst äußerte kein Verlangen der abgelebten Sippe seine Ehrfurcht
zu bezeugen dahingegen er einer geistlichen Geschlechtsfolge auf die er
unerwartet stieß einen bemerkbaren Anteil zuwendete Es waren die Bildnisse
sämtlicher Gemeindepfarrer seit dem ersten lutherischen Bekenner die den
schmalen Altarplatz in doppelter Reihe umzogen Der damalige Patron hatte ein
Legat zu dieser Stiftung ausgesetzt und der Kunstwert nach dem Masse des
Geldwerts unverkennbar abgenommen In gleicher Größe und gleichem schwarzen
Talar und Barett standen die würdigen Herrn einer neben und einer über dem
anderen in Reih und Glied Kein geistlicher Nachfahre würde sich durch den
Aufblick zu ihnen erbaut oder physiognomisch belehrt kein leiblicher Nachfahre
sich also einen werten Ahnherrn geträumt oder gewünscht haben Die Gemeinde aber
hing mit Liebe an ihrem einzigen Ornament und bis auf die kürzlich erlebte
Franzosenzeit ihrer einzigen historischen Erinnerung Die Namen selber der
ältesten der alten Seelenhirten hatten sich fortgeerbt von Geschlecht zu
Geschlecht von diesem ein Erlebnis von jenem ein Charakterzug von den
beliebtesten ein Schwank und man würde sich williger irgendwelche Veränderung
der alten Agende ja sogar ein neues Gesangbuch haben gefallen lassen als eines
der kaum noch erkennbar nachgedunkelten alten Pastorbilder gemisst
    Die Altarwände waren bis auf einen einzigen Platz gefüllt »Soll die Reihe
dieser treuen Männer geschlossen werden mit einem der von ihrem Glauben
abgefallen ist« sagte auf die leere Stelle deutend der Propst mit einem Ton
der halb wie Spott und halb wie eine Beschwörung klang
    Pastor Blümel unterdrückte die Antwort Die Kirche seine Kirche würde ihm
der letzte Ort zu polemischer Widerrede gewesen sein Er hatte im stillen längst
auf den letzten Platz in der geistlichen Galerie verzichtet Seine Werbenschen
Beichtkinder er wusste es würden ihn keineswegs als einen Abtrünnigen
verketzern weil er auf des preußischen Königs Befehl zwei neue Worte von denen
eines obendrein der Herr Jesus war in die alte Spendeformel aufnahm die
Werbenschen Leute waren ja überhaupt beileibe keine widerborstigen Untertanen
Dass aber ihre geistliche Galerie an Reliquienwert für sie eingebüßt haben würde
wenn sie mit einem neuen Preußen anstatt mit einem alten Landsmann ihren
Abschluss fand das wusste Pastor Blümel auch und Pastor Blümel obgleich oder
weil Unionist verstand Reliquienwert zu schätzen
Pastor Blümel »herbergete gern« nach christlicher Vorschrift wie seine Hanna es
tat nach natürlicher Neigung wenn Pastor Blümel aber die Gastlichkeit eine
germanische Erbtugend nannte so nannte Frau Hanna ihren Konstantin einen
deutschen Schwärmer Und zu leugnen ist allerdings nicht dass Konstantin Blümel
zu den Schwärmern gehörte die ihr Volk  selbstredend en bloc  in jeglicher
Völkertugend leuchten sahen mit alleiniger Unterschätzung derjenigen in welcher
es allezeit geleuchtet hat und wills Gott auch fernerhin leuchten wird denn die
Bescheidenheit ist die Tugend des Würdigen
    Verwies dann der Gatte die Gattin auf seines armen Volkes notgedrungene
Arbeitsamkeit welche den gastfreien Naturtrieb in Zügel halte so verwies die
Gattin den Gatten aus der Völkerkunde auf die weit größere Armut just der
gastfreiesten Stämme und aus seiner persönlichen Erfahrung auf das Institut der
Schenke für dessen Pflege es dem deutschen Mann niemals an Musse und Batzen
gebreche
    »Die Schenke« sagte sie »ja die Schenke Konstantin ist eine
urteutonische Einrichtung und wenn dein alter Heide ihrer nicht gebührentlich
Erwähnung getan haben sollte bewiese es dass er der blondgelockten Germania
nicht bis in den Herzgrund gedrungen ist Der Schenkenzug aber bläst naturgemäß
das gastliche Herdfeuer aus Leben wir denn in einer Wüstenei Sind wir nicht
eine zivilisierte Nation Vivat fürs Geld jeder für sich und die Schenke für
alle vivat die Schenke Und dann die deutsche Humanität Konstantin Die armen
Gastwirte müssten ja bankrott werden wenn jeder Hauswirt seinen Anhang in seinen
eigenen vier Pfählen beherbergen wollte Ist einer ein wohlhäbiger Mann und hat
er bedürftige Anverwandte denen seine deutsche Gemütlichkeit die
Gastofsrechnung ersparen oder einen guten Freund mit dem er sich einmal
vertraulich aussprechen möchte ei nun da findet sich allenfalls oben zwischen
den Rumpelkammern des Bodens ein Plätzchen wo man ihn untersteckt für die
Hauswirte selbst würden diese hohen Regionen im Sommer zu heiß im Winter zu
frisch und keinenfalls behaglich gefunden werden für einen auswärtigen Besuch
dahingegen sind sie hinlänglich temperiert und von genügendem Behagen«
    Frau Hanna erzählte dann recht kurzweilig ihre gastfreundlichen Erlebnisse
bei dem städtischen deutschen Biedermann und bei dem ländlichen ungefähr
desgleichen Will sagen wenn der ländliche kein Bauer ist denn richtige Bauern
besuchen sich nicht Bewirten und bewirtet werden ist ein Spaß für Leute die
nichts zu tun haben für Pastoren und Adel
    Zwei oder drei Tage jedoch hierzulande in der Zeit wo das Kirchenjahr auf
die Neige geht da ist unser Bauer in der Tat ein ideal germanischer gastfreier
Mann da kracht seine Tafel von Speisen und Tränken die er sich zwölf Monate
lang am Munde abgezwackt hat da wird auch der Ungeladene nicht ungesättigt
entlassen die Brosamen fallen in des Armen Schoss und die auswärtige
Freundschaft nächtigt in den dicksten Federbetten Prosit die splendide
Kirmeszeit
    Und in dieser splendiden Weise war die heilige Kirchweih auch von Johann
Mehlborn gefeiert worden solange er sich nur noch als reicher Bauer fühlte
seitdem er sich aber als titulierter Erb Lehn und Gerichtsherr fühlte wurde
noch zehnmal mehr gebrodelt gebackt und gezapft nur versteht sich für eine
erlesenere Gesellschaftsschicht als die bäuerliche Bekanntschaft und
Freundschaft der Pflege Es kamen benachbarte Kantoren und Pastoren Amtsleute
und Gutsbesitzer unter letzteren bis jetzt freilich nur noch die ohne kleines
»von« es kam der städtische Anhang der für den Hof arbeitete vom
Schornsteinfegermeister bis zum Schuhmachermeister hinab die willkommensten
Gäste aber waren jene anderweitigen Kunden die als Müller Fleischermeister
Bäckermeister und so weiter die Produkte des Hofes bezogen Wäre der gnädige
Herr Propst zur novemberlichen Kirmeszeit in den Hof geschneit er hätte vor der
christlichen Herbergslust seiner neuen Sippe Respekt bekommen müssen
    Nun aber fuhr er in das Haus wie ein Blitz zu hoher Sommerszeit in der
Natur der reichsten in der Wirtschaft der kahlsten und für die Gastfreundschaft
der ungelegensten des ganzen Jahres Kleeernte Heuernte Rapsernte noch nicht
vollständig eingebracht und die Kornernte vor der Tür Für einen städtischen
Kurierdienst kein Pferd im Stall kein Knecht keine Magd auf dem Hof kein
Kuchen gebacken kein Braten im Vorrat die Gardinen ungewaschen nicht einmal
die gute Stube frisch gescheuert
    Und diese unwirtliche Blöße dieser sozusagen Naturzustand stieg mit
grausamer Helligkeit jach vor Johann Mehlborns Seele auf als er in Hemdsärmeln
und Leinenhosen zum höchsteigenhändigen Abbansen auf einem Heuwagen stehend zum
ersten Male im Leben eine Equipage mit silbernen Wappenschildern an den Schlägen
in den Hof fahren einen Livreediener mit silbernen Wappenknöpfen vom Bocke
springen sah und von unten herauf ihm Johann Mehlborn den bevorstehenden
Besuch des Herrn Propstes von Hartenstein ankündigen hörte Der feine Bediente
hatte ihm demnach trotz Hemdärmeln und Leinenhosen die freiherrliche
Verwandtschaft an der Nase angesehen er konnte weiß Gott sich doch nicht
selbst verleugnen wie der Portier im exzellenzlichen Hause bei ungelegenen
Besuchen seine Herrschaft verleugnete Er hätte aus der Haut fahren oder in ein
Mäuseloch kriechen mögen
    Wenn aber gastlicher Sinn eine zweifelhafte Volkstugend ist eine
ritterliche Tugend ist sie sonder Zweifel Ein einziger schwacher Moment und
Ritter Mehlborn ist tapfer gefasst und gewillt dieser Tugend Raum zu geben Vom
Wagen herunter ins Haus hinein
    »Röse Röse den Schlüssel zur guten Stube Einen Besen Sägespäne Röse
Weißen Sand ein Wischtuch eine Bürste Röse«
    Selbst ist der Mann gefegt gewischt gebürstet mit eigener ritterlicher
Hand der geschicktesten Jungemagd zum Muster Der Sofabezug von
klatschrosenrotem Moiré leuchtet als hätte noch niemals ein Kirmesgast darauf
Platz genommen das Holzwerkvon strohgelber Birkenmaser blitzt und blinkt wie
pures Gold Aber das Blankwichsen der geschnitzten schwarzen Delphine welche
den Fuß des Sofatisches zieren das kostet noch Schweiß Ist die gute Stube des
Amtmannshauses Stolz so sind die geschnitzten Delphine der Stolz der guten
Stube Die Tische der Nachbarschaft samt und sonders haben noch vier dünne
glatte Beine Amtmann Mehlborns Sofatisch hat einen dicken Fuß mit drei
geschnitzten »Philadelphias«
    »Aber Mutter so rühre dich doch du stehst ja wie im Traume«
    Die unschuldige Mutter Röse sie im Traume Als ob in solcher Hatz einem
Menschen der Frieden käme wo er seinen Liebling zwischen den Abendwolken
lächeln sieht Hatte sie denn nicht erst dem abtrabenden Postillion ein
Kümmelchen reichen müssen und dem feinen Bedienten ein Schmalzbrot dazu
schmieren Und pustete sie denn jetzt nicht nach Lungenkräften die
Fliegenleichen aus den goldenen Tassen auf der guten Kommode die armen
hochmütig verirrten Fliegen die in der guten Stube einem grausamen Hungertode
erlegen waren da sie in der bescheidenen Wohnstube drüben sich behaglich bis in
den Winter hinein hätten mästen können
    »Aber Mutter ist denn heute Zeit für die Fliegen Wer guckt denn auch
gleich in die Oberköpfchen«
    Mutter Rosine stellte das Pusten ein und machte sich an das Putzen der
Fensterscheiben denen durch die abgelebten Insekten erbärmlich mitgespielt
worden war
    So nur noch ein paar Hände voll Sand auf die gefegten Dielen gestreut und
die gute Stube ist in Stand Bleiben der Herr Vetter über Nacht wird ein Bett
darin aufgeschlagen An Federbetten ist kein Mangel und an Überzügen auch nicht
sogar ein paar weiße sind für erhofften vornehmen Besuch angeschafft worden und
bis zum Beziehen ist auch die Jungemagd wieder auf dem Hof
    »Jetzund ans Decken«
    Amtmann Mehlborn ist ein Fünfziger aber noch bei Jünglingskräften Ein
Spiel für ihn die schwere eichene Tafel aus der Leutestube in die gute zu
rücken die beiden Enden herauszuziehen und während die Amtmännin Weißzeug und
Geschirr auflegt die Vorräte herbeizuschleppen welche Rauchkammer und Keller
in Julitagen bieten Treppauf treppab wie ein Wetter Beim Heuladen in der
Mittagsglut würde dem beleibten Herrn der Kopf nicht so schmählich geraucht
haben wie bei diesen gastfreundlichen Ritterdiensten Zweien Schinken und einem
Dutzend diverser Würste werden Holzzeichen und Bindfäden abgeschnitten das
letzte Sauergurkenfass geöffnet ganze Batterien von Weinflaschen des edelsten 
Werbenschen  Gewächses aufgepflanzt was der Tafel an Mannigfaltigkeit gebrach
ersetzte die Masse Eine Schwadron hätte sich beim Herbstmanöver an ihrer Fülle
sättigen und in undisziplinarischen Taumel zechen können Aber immer hatte der
Hausherr seiner Gastlichkeit noch nicht genug getan  das liebe Gut blieb
etwas übrig kam ja nicht um  immer hatte er noch etwas zu fordern etwas
auszusetzen
    »Aber Mutter hausmachenden Drell fix ein blumiges Tischtuch«
    »Röse der Teller hat einen Sprung«
    »Aber Frau hast du denn gar kein Augenmass Dort hinunter noch eine Wurst
die Geometrie muss doch rauskommen Röse«
    Die arme Mutter Röse wusste nicht mehr wo ihr der Kopf stand Das Weinen war
ihr näher als das Lachen »Ach dass die gute Frau Pastorin auch gerade in Wochen
liegen muss« seufzte sie
    »Ja« brummte ihr Amtmann »wenn man die Leute nicht braucht hat man sie
das ganze Jahr und braucht man sie endlich einmal  «
    »Hat man sie auch« ergänzte eine lachende Stimme und Holland war aus
seiner Not
    Numero eins brachte die gute Freundin heimlichen Trost Hochwürden blieben
nicht über Nacht es brauchte kein Bett aufgeschlagen zu werden Numero zwei
verurteilte sie die Strategie der Massen zu einer Abendmahlzeit war die Stunde
viel zu früh Hurtig die Tafel wieder hinaus Dort auf den Sofatisch eine
leichte Kollation eine Schale Milch ein Körbchen Erdbeeren frisch von den
Kindern im Pfarrgarten gepflückt und fürsorglich mitgenommen das genügte
    Dem gastlichen Rittersmann kam es hart an sein geometrisches Kunstwerk
eigenhändig wieder zu zerstören Brote Butter Käse Schinken Würste saure
Gurken und sämtliche Weinflaschen bis auf zwei eine rote und eine blanke die
sich absolut nicht abdringen ließ bis auf gelegenere Zeit nebenan in die
Schlafkammer zu tragen Gottserbärmlich kam ihm die »Kollision« über den
»Philadelphias« vor Aber die Frau Pastorin war Gouvernante in einem Grafenhause
gewesen sie musste sich auf den Appetit vornehmer Leute in der Vesperstunde
verstehen
    »Wenn der gnädige Herr nun aber bis in den Abend hinein bleibt« fragte
Mutter Rosine schüchtern
    »Dann machen wir Tee Frau Amtmännin«
    »Tee Ist der arme Herr denn krank«
    »Gottlob nein Aber seinesgleichen trinken auch wenn sie gesund sind
abends Tee«
    »Was Sie sagen Frau Pastorin Kamillen oder Flieder«
    »Aber Mutter Mutter wie dumm« fuhr der Amtmann dazwischen
»Amerikanischen Tee Tee aus Chinarinde natürlich«
    »Ich schicke durch Luischen schon die rechte Sorte und sie besorgt das
übrige wenn er bleibt Aber Sie werden sehen er bleibt nicht«
    »Desto besser« dachte der Amtmann laut jedoch sagte er »Das täte mir
leid«
    »Nun aber fix an die Toilette Dein seidenes Abendmahlskleid Mutter Und
Handschuhe hörst du Handschuhe Und noch eins Rufe mich nicht Jôhann so
heißen bei den Vornehmen alle Kutscher und wenn du von mir redest sage nicht
mein Amtmann wie gegen die Bauern und das Gesinde Nenne mich  «
    »Ich werde dich gar nicht nennen Jôhann« versprach Frau Rosine und ihr
Amtmann gab sich damit zufrieden Sie hätte »mein Gemahl« oder »lieber
Johannes« wie es diesem geistlichen Vetter am eindrucksvollsten geklungen haben
würde doch im Leben nicht über die Lippen gebracht
    »Sie ist und bleibt HentschlerRöse«
    Mit diesem Stossseufzer sprang der korpulente Herr leichtfüssig wie ein
Hirsch die Treppe zum Boden hinan wo in dunkler Kammer zwischen Pfeffer und
Mottenkraut eingepackt das Kleid des Hochzeitsvaters ruhte das um schweres
Geld vom königlichen Hofschneider geliefert binnen fünf Jahren selbst nicht zum
Genuss des heiligen Mahles aus der Lade genommen worden war
    Unten in der Wohnstube aber blickten und nickten die beiden guten
Freundinnen sich lächelnd zu Das Gottestischkleid blieb ruhig im Schranke
hängen nur eine frische Haube wurde aufgesetzt und statt der leinenen eine
schwarze Taffetschürze über den Alltagsoberrock gebunden der seit des armen
Hannes Tode ein Trauerrock geblieben war Die Amtmannsfrau sah häuslich nett
aus recht wie die liebe stille Seele die sie ja war Und dann saßen die beiden
guten Freundinnen nebeneinander und plauderten nicht von dem fremden vornehmen
Besuch sondern von dem Wiegenpärchen in der Pfarre und der geplanten
sonntägigen Doppeltaufe Frau Hanna vertraute Frau Rosinen unter dem Siegel der
Verschwiegenheit  bis es jedenfalls heute noch von ihrem Konstantin gelöst
werden würde  das Geheimnis von dem königlichen Mitgevatter und seinem
Stellvertreter Frau Rosine hatte sich darauf gefreut auch die arme
Hutmannswaise ihr Patchen nennen zu dürfen sie erkannte es aber doch
dankbarlichst an dass ein so hoher Ehrenposten für den der Herr Landrat sich
nicht zu groß geachtet haben würde ihrem Amtmann zugedacht worden war Das
Eingebinde versicherte sie werde sie sich indessen nicht nehmen lassen so als
ob sie die richtige Gevatterin wäre und was in späteren Tagen Patenpflicht sei
darauf könne die Frau Pastorin sich von ihr Rechnung machen
    Während dieses gemütlichen Zwiegesprächs unten in der Wohnstube machte oben
in der Bodenkammer der germanische Hauswirt recht ungemütlich die Erfahrung was
es bedeuten will dass Hoffart Zwang zu leiden hat In seinem Alltagsrock hatte
er es kaum bemerkt wie umfänglich die hohen Bestrebungen auch seinem Leibe
angeschlagen waren Der blaue Frack würde geplatzt sein wenn er die gelben
Knöpfe hätte schließen wollen die Arme staken wie in einer Zwangsjacke in den
Ärmeln die steife hohe weiße Krawatte ging hinten nicht mehr zu und die noch
höheren weißen steifen Vatermörder reichten nur noch bis hinter die Ohren die
feinen Lackstiefeln aber pressten dass der arme Gestiefelte laut aufstöhnen
musste Ist es indessen nicht ein Merkmal des Wohlstandes wenn der Mensch in die
Breite auslegt und gewöhnt er mit einiger Geduld sich schließlich nicht an
alles selbst an pressende Stiefel beides wahr allein  ach dass unser
heissestes Verlangen doch fast immer zu früh oder zu spät in Erfüllung geht seit
acht Tagen hat der städtische Meister den Bartwuchs nicht geschoren den üppigen
Haarwuchs seit vier Wochen nicht gestutzt Freund Beifuss würde willig seine Hand
zur Aushilfe geboten haben aber wo in dieser Hast den Allerweltsmann Beifuss
auftreiben
    Ei nun was einmal nicht geht das geht nicht und ein kluger Kopf wird aus
jeder Not eine Tugend zu machen wissen Die feinsten Pastores fangen alleweile
an ihre Haare lang zu tragen der Propst von Hartenstein tuts am Ende auch
warum Amtmann Mehlborn also nicht da er wenn auch nicht selbst ein Pastor
doch halb und halb der Patron des Pastors ist und die Quatember zu zählen sind
wo er es ganz und gar sein wird Was aber die Stoppeln im Gesicht anbelangt so
wird Amtmann Mehlborn es gelegentlich einfliessen lassen dass er sich nicht nur
zwei zivile Backenbärte sondern auch einen ritterlichen Schnurrbart stehen
lässt und das wird keine leere Ausflucht sein Rittersmann Mehlborn begreift
sich selber nicht dass er des kennzeichnenden Schmuckes so lange entraten
konnte Mit außerordentlicher Genugtuung steckt er den Siegelring an dessen
Karneolstein mit einem verschlungenen I M und einer Krone aber leider noch
ohne Perlen darüber das Mittelglied des Zeigefingers erreicht wer hätte dieses
Juwel bemerkt wenn die weißen Hochzeitshandschuhe noch an die Hand zu bringen
gewesen wären Der Herr Amtmann wird sie in der Hand tragen vornehm wedelnd
nach Art eines Kavaliers Es ist ein befriedigtes Lächeln mit welchem der Herr
Amtmann einen letzten Blick in seinen kleinen Handspiegel wirft Die dicke
goldene Erbskette an der silbernen Uhr macht einen nobelen Effekt das dicke
Berlockebündel hüpft und blitzt dass es eine Lust ist über der schwarz
verhüllten rundlichen Leibesfülle  Er langt nach seinem Hut und  lässt ihn
fallen ein Stich ist ihm jählings durch das Mark gefahren
    »Fix Jôhann fix Sie sind schon da« hört er von unten herauf das
unverbesserliche Weib rufen das er noch eben im Geiste »seine Gemahlin«
angeredet hat
    In seinem Aufruhr seiner Hast und der pressenden Fussbekleidung wäre er um
ein Haar die steile Bodenstiege hinabgestürzt und was er unten im Flur zu sehen
und zu hören bekommt ist wahrlich nicht dazu angetan ihm die Kontenance
zurückzugeben Im Hintergrunde entschlüpft die geistliche Beraterin verstohlen
durch die Hoftür  in diesem entscheidungsvollen Moment O dass ihr guter Freund
im nämlichen Moment ihr nicht Schur um Schur vergelten konnte  Im Vordergrunde
steht seine Gemahlin im kattunenen Alltagsoberrocke sonder Reverenz noch
Handschuhe ihrem Pastor und erst nach diesem dem hohen Gastfreunde die
schwielige Hand zum Gruße reichend und ihn in den reinsten Werbenschen
Naturlauten willkommen heissend
    »Zum Katolischwerden ists« sagte Johann Mehlborn das heißt er dachte es
nur denn dieser bedeutende Mann wusste was er seinem Stande den Ehestand
eingeschlossen schuldig war Wer verlangt von dem häuslichen Weibe die Bildung
des Mannes Wie das hochzeitliche Gewand den kattunenen Oberrock wie den
etikettewidrigen Händedruck die Reverenz zu welcher so tief als in sotanem
knappen Gewande tunlich der stattlich breite Rücken abwärts gezogen wird so
deckt der Wohllaut der männlichen Rede die »kalligraphischen« Schnitzer der
Frau Noch niemals hatte Johann Mehlborn Gelegenheit gehabt sich so im
Zusammenhange vor einer Standesperson auszusprechen Inständigst war sein
Bedauern dem hochwürdigen Herrn Propst in diesem bescheidenen Amtshause das
er nämlich Johann Mehlborn nur ihrem beiderseitigen Herrn Bruder Exzellenz
zu Gefallen und Vorteil noch nicht geräumt habe keinen solenneren Empfang
bereiten zu können zuverlässig war seine Beteuerung dass der hochwürdige Herr
Propst mit aller Standesgemässheit aufgenommen werden würde wenn er ihm nämlich
Johann Mehlborn künftighin auf dessen eigenem Rittergute die Ehre seines
Besuches vergönnen werde Wie Honigseim floss der »französisch« gewürzte Vortrag
über Johann Mehlborns rote Lippen wie Musik klang sie in sein eigenes Ohr in
seinem stolzen Haupte reifte während desselben der Entschluss als Bewerber um
den Platz eines ritterschaftlichen Abgeordneten im Provinziallandtage
aufzutreten und durch seine leider erst so spät erprobte rednerische Gabe die
große lange schwebende Frage der zu verbreiternden Wagenspur zum endlichen
Austrag zu bringen Als aber von s des so standesgemäss Gefeierten der
Vortrag nur mit einer stummen Verbeugung gefeiert ward  es schien heute der Tag
stummer Verbeugungen  da wird es jedem natürlichen Menschen einleuchten dass
Johann Mehlborn an der so laut gerühmten oratorischen Kraft des geistlichen
Hartenstein bedenklich irre ward
    Und auch im Punkte der feinen Lebensart schien es schwächer mit ihm
bestellt als es von einem Freiherrlich von Hartensteinschen Familiengliede zu
erwarten gewesen wäre Denn was sollte man dazu sagen dass er in die gute Stube
und auf den Ehrenplatz des klatschrosenroten Kanapees genötigt auch von dieser
Höflichkeit keine Notiz nahm sondern wie der ordinärste Bauer sich einen
Rohrstuhl aus der Ecke holte und sich nicht einmal darauf setzte nein nur die
Hände auf die Lehne gestützt stumm wie ein Ölgötze hinter demselben stehen
blieb
    Ei nun mochte er stehen der kuriose Menschensohn Ein gebildeter Hauswirt
muss Langmut üben Was er sich aber nunmehr herausnahm wird der langmütigste
Hauswirt sich von dem kuriosesten Menschensohne schwerlich gefallen lassen
Erquickte er sich wohl durch einen Tropfen an der Kollision die über den
Philadelphias aufgetragen stand Armselig genug war sie was wahr ist muss wahr
bleiben Jedoch wer trug die Schuld als die superhelle Pastorsfrau die eines
Mehlborn Gastfreundschaft nach ihrer eigenen Pauvreté taxierte Gut Aber durfte
von der doch gewiss reputierlichen Mahlzeit die in der Schlafkammer bereitstand
wohl ein Bissen hereingebracht werden Bewahre Als ob man es an Aufzählen
Anpreisen Nötigen hätte fehlen lassen Und mir nichts dir nichts ohne alle
Fasson schlug er eines wie das andere ab schüttelte den Kopf und bat  um ein
Glas Wasser Ein Glas Wasser nicht der miserabelste Landstreicher hätte in des
reichen Johann Mehlborn Hause mit einem Glas Wasser fürliebgenommen und dieser
nobele Anverwandte  
    »Dieser nobele Anverwandte kann mir gestohlen werden« dachte der reiche
Johann Mehlborn tat nun auch nicht mehr dergleichen warf sich in einen Stuhl
und hielt seinen Mund Ein Engel ach nein kein Engel ein höchst unfriedsamer
Geist flog durch die gute Stube
    Aber so ungemütlich ihm selbst zumute war ein friedsamer Geist gab dem
guten Pastor Blümel ein was allenfalls noch geeignet schien der
überhandnehmenden üblen Laune zu steuern Er setzte sich auf den Ehrenplatz
ließ sich ein Glas Wein einschenken stieß mit dem Herrn Amtmann an auf sein
Wohl trank es aus ohne allen Appetit und sann  mit dem stärksten Verlangen
nach seiner Pfeife  auf einen ablenkenden Unterhaltungsstoff zu welchem er
sein persönliches Anliegen nicht geeignet erachtete
    Noch hatte er denselben indessen nicht gefunden als die Hausfrau in die
stille gute Stube zurückkehrte ihrem Gaste das gewünschte Glas Wasser reichend
das sie frisch am Brunnen geschöpft hatte Er dankte und trank sie bat ihn ihr
die Ruhe nicht mitzunehmen Er ließ sich an ihrer Seite nieder und nun brach
sie das Eis indem sie in ihrer so arg wie harmlosen Weise sich nach dem
Befinden der gnädigen Frau und der lieben kleinen Familie erkundigte
    Die gute Frau schien den Schlüssel zu ihres schweigsamen Gastes Herz und
Lippen gefunden zu haben denn er gab freundlich den Bescheid dass es seiner
Ottilie recht wohl gehe und dass Gott sein Haus mit drei Kindern gesegnet habe
einem Sohn Martin «
    »Wie unser Herr Doktor Luther« fiel Frau Rosine ein
    »Nach ihm Frau Amtmann wie es einem lutherischen Pfarrer für seinen
Erstgeborenen ziemt Die beiden jüngeren sind Töchter«
    »Wie heißen denn die lieben kleinen Fräulein gnädiger Herr«
    »Lydia und Priscilla Frau Amtmann«
    »Die Namen habe ich aber noch niemals gehört Wohl Freundschaftsnamen
gnädiger Herr«
    »Evangelische Namen treue Bekennerinnennamen« erklärte der Propst und
sein ungetreuer Amtsbruder hörte mit Recht oder Unrecht zum zweiten Male eine
Anzüglichkeit aus der Erklärung heraus
    »Mein seliger Sohn hatte auch einen schönen frommen Namen Er hieß Johannes
gnädiger Herr« flüsterte die arme Mutter und ihre stillen Augen blickten
tränengefüllt gen Himmel
    Auch Joachim von Hartenstein schlug die Augen groß in die Höhe sein
bleiches Gesicht wurde noch einen Schatten bleicher er stemmte die Hand gegen
die Brust und seine Lippen zuckten wie von verbissenem Schmerz Zum zweiten
Male flog ein Engel durch die gute Stube wenn es nicht der Geist alter
blutiger Stunden gewesen ist
    Pastor Blümel räusperte sich was seine Freundin an ein Wort des Dankes das
sie ihm schuldig sei gemahnte
    
    »Ich freue mich recht auf den Sonntag« sagte sie indem sie ihm über den
Tisch hinüber die Hand reichte »Wie ein Kind freue ich mich mein lieber Herr
Pastor Und dass das kleine Herzchen halbwegs nach mir heißen soll und dass  «
    Der Pastor Blümel drückte bedeutungsvoll ihre Hand gab auch mit den Augen
einen Wink nicht fortzufahren die ehrliche Seele hatte jedoch in seiner Hanna
Schlangenschule allzu geringe Fortschritte gemacht um diese Warnungszeichen zu
verstehen »Und dass« setzte sie hinzu »dass auch mein Jôh   mein guter Mann
wollte ich sagen die Ehre haben soll« 
    Der gute Mann war froh bei schicklicher Gelegenheit das vornehme Schweigen
brechen zu dürfen »Was für eine Ehre« fragte er »Bin ich auch mit gebeten
als Fr   als Speisegevatter meine ich he Schön Dank Pastorchen Ich bin
dabei Schön Dank«
    »Behüte Vater« entgegnete die Amtmännin ihr Pastor mochte blinken soviel
er wollte »Behüte nicht bloß so nebenher Stehen sollst du selber stehen bei
dem armen kleinen Frei«
    »Sollte mir fehlen« brummt der Amtmann dem der alte Mehlborn bedenklich in
den ritterlichen Nacken zu schlagen begann »Komm mir doch nicht mit deiner
alten Litanei Der Herr Pastor weiß es ja ich stehe nicht ein für allemal
nicht bei  «
    »Aber Jôhann bei dieser ehrenvollen Gelegenheit  «
    »Schöne Gelegenheit Schöne Ehre den zehnten Jungen von einem Bruder
Saufaus übers Wasser zu halten Schönes Exempel für zehn Kinder
Bettelpatenbriefe an honette Leute auszutragen Und tuts einer beim zehnten muss
ers beim neunten auch tun und dann beim achten beim siebenten am Ende wird
ein Observatorium draus und der herzallerliebste Allerweltspate kann selber
Bettelpatenbriefe austragen gehen«
    Es wäre jetzt dringend Zeit gewesen mit der Eröffnung vom Königsgevatter
einzuschreiten Aber die gute Freundin hatte sich besonnen dass sie ihrem Pastor
damit nicht vorgreifen dürfe und dem Pastor widerstand sie jetzt erst recht Er
war sich kaum deutlich bewusst aus welchem ersten oder letzten Grunde Witterte
er erneuten Streit mit dem geistlichen Zeugen War es die Entrüstung über seines
Beichtsohnes erbarmungsloses Gebaren heute doppelt empfindlich vor diesem
streng richtenden Zeugen In der Stille entschlossen die Ehre der königlichen
Stellvertretung einem Würdigeren als diesem harterzigen reichen Manne
zuzuwenden begnügte er sich ihm zu sagen dass er die geziemende Erwiderung auf
eine schicklichere Stunde verschiebe
    Leider jedoch ließ Rede und Gegenrede sich nicht mehr aufhalten Herr von
Hartenstein war auf den beregten Fall aufmerksam geworden und seine Nachbarin in
vollem Zuge ihm die gewünschte Aufklärung zu geben Mit einer Geläufigkeit
welche bei der stillen Seele nur erklärt werden kann durch die Freude mit der
ein guter Mensch des anderen Loblied singt Tränen der Rührung und des
Freundesstolzes in den Augen erzählte sie von dem Trauerfall im Hirtenhause
von des Herrn Pastors erbaulichem Grabsermon und der Wohltat der lieben Frau
Pastorin Wie sie das verwaiste Kind an das Mutterherz und sogar an die
Mutterbrust genommen habe wie der zehnte Sohn und die siebente Tochter in der
Wiege nebeneinanderlägen als wären sie ein Zwillingspärchen und wie sie die
schon jetzt in aller Unschuld nicht anders denn zwei Engelchen miteinander in
der Badewanne säßen sie gleicherweise auch nächsten Sonntag miteinander im Bade
der heiligen Taufe zu Christen geweiht werden sollten
    Der Gastfreund hatte ihr zugehört mit gefälligerem Anteil als der Ehegatte
der irgend etwas Unverständliches in seinen Bart brummte Jetzt richtete der
erstere an den letzteren die Frage
    »Verstehe ich Sie recht Herr Amtmann so entziehen Sie sich einer der
wesentlichsten Christenpflichten aus dem Grunde dass in Ihrer Gemeinde wie in
etlichen anderen mir bekannten die Unsitte waltet die Taufzeugen an Stelle der
Eltern das Kirchenopfer tragen zu lassen«
    »Na das fehlte gerade noch« rief der alte Mehlborn und lachte dabei mit so
gröblichem Spott dass sein vornehmer Widerpart schier entsetzt zusammenzuckte
»Auch noch die Spesen den Gevattern auf den Hals gewälzt Dass das Stehen egal
ein Muss würde notabene bloß für den der was zu spesen hat und dass zu guter
Letzt der rückständige Herr Taufzeuge in den Turm spazieren müsste derweile der
Mosjö Lump von Vater sein Fleisch und Blut anstatt des Zinshahnes in die Pfarre
trüge Quod non Herr Hochwürden so dumm ist die Werbener Gemeinde nicht
Verlangts nun einmal die Humorität dass dem Kindersegen Tor und Tür geöffnet und
daher wie unser Herr Pastor es beliebt die Taufgebühr erlassen wird  «
    »Die Taufgebühr darf auch den ärmsten Eltern nun und nimmer erlassen
werden« unterbrach ihn der Propst mit einem strengen Seitenblick auf seinen
Amtsbruder »Die Christenliebe mag der Menschennot auf anderen Wegen
entgegenwirken Jedwede unserer Gebühren ist ein Opferzoll welchen der große
Reformator aus der alten Kirche in die neue gerettet hat«
    »Ein gemein Almosen das man williglich gäbe und austeilete unter die Armen
nach dem Exempel Sankt Pauli« zitierte Pastor Blümel mit ruhiger Würde und der
standfeste Luteraner mochte das Zitat wohl gültig finden da er kein anderes
dagegen anführte Aus seiner persönlichen Amtspraxis war bekannt dass er die
Stolgebühren seiner reichen Gemeinde zwar nicht bloß als ein freiwilliges
Almosen in Empfang nehme dass er aber das was er mit der rechten Hand gefasst
alsobald mit der linken in seine Armenbörse lege und dass diese Börse lose
Schnüre habe
    »Wenn demnach« so wendete er sich von dem geistlichen Widerpart zu dem
weltlichen zurück »das Gottesopfer es nicht ist das Ihnen widersteht und ich
nicht annehmen kann dass der heilige Akt an sich es ist da Sie ja in höher
gestellten Kreisen sich demselben nicht zu entziehen scheinen so ist mir
unerfindlich was  «
    »Was mir bei Betteltaufen widersteht« unterbrach ihn nicht der Ritter
sondern der Bauer Johann Mehlborn im allertrautesten Werbenschen Deutsch »Na
sehen Sie Herr Hochwürden das Menschenopfer ist es das was man ein
Beutelmassakrieren nennt um mich noch christlich auszudrücken Höher hinauf ei
freilich Geldkosten machts da auch ganz gehörige Kosten Gevatterkutsche
Gevatterbukett Gevatterhandschuhe ein feiner Präsentierteller für die Frau
Gevatterin die schweren Douceurs noch gar nicht in Anschlag gebracht Aber es
bleibt unter der Freundschaft man hat seine Ehre und seinen Spaß davon dem
Amen folgt ein Traktament und damit hat die Geschichte ein Ende Konträr bei
solcher Lumpenbagage da fängt die Drangsalei nach dem Amen erst an Als da ist
Eingebinde niemalen schwer genug soundso viel ins Becken für den Küster
soundso viel der Hebamme in die Hand Was geht mir Johann Mehlborn die Hebamme
an Anjetzo die Suppen für die Gevattermutter sechs Wochen lang und die
Altgevattern desgleichen den Topf gehaufte voll dass die ganze wertgeschätzte
Familie während des Wochenbettes hübsch satt wird Anjetzo Patenpräsent am
ersten Geburtstag und an jedem kommenden von neuem bis in Metusalems Alter
hinein Weihnachtens ein Wecken Auslösung am Kindeltage was Blankes für den
Neujahrskarmen Kleidasche zum ersten Abendmahl Geschenk zur Hochzeit zur
Grosspatenschaft kurz und gut eine Schraube ohne Ende eine quasi vom hohen
Herrgott eingesetzte Sakriererei Du hast was heissts und ich habe nichts du
bist mein Herr Pate folglich musst du mich füttern mich anziehen mich was
lernen lassen musst für mich gutsagen mir borgen mir helfen und immer wieder
helfen Sela«
    Der erzürnte Bauer schlug mit beiden Fäusten auf den Tisch dass Gläser und
Flaschen aneinanderklirrten Mutter Rosine wimmerte Pastor Blümel blickte ernst
vor sich hin Herr von Hartenstein zog die Lippen ob es nun Ekel bedeutete oder
bloß ein Lächeln so tief hinab als Lippen sich ziehen lassen Dann aber
äußerte er mit strengem Ton derlei weltliche Verquickung schädige die Würde des
Sakramentes und müsse ihr von berufener Seite durch Lehre und Beispiel gesteuert
werden Der Taufzeuge sei bewusster Bürge für des Täuflings unbewusstes
Christengelübde er habe darauf zu halten dass auch kein Jota desselben in
seiner geistigen Zucht verkümmert werde Nicht weniger aber auch nicht mehr
Die leibliche Fürsorge das weltliche Fortkommen sei Sache der Familie
eventuell der Gemeinde welcher es insofern sie wohl geführet werde an
gutgewillten Christenbrüdern mit offenem Herzen und offener Hand nicht fehlen
werde wobei jedoch in erster Ordnung darauf zu achten sei dass der Pflegling
auf seinem natürlichen Grund und Boden erwachse damit die Wohltat sich nicht in
eine Wehetat verwandele
    »Man soll eines Kindes Wiege nicht verrücken« fuhr er darauf aus
schließlich zu dem Pfarrer gewendet fort »Das aber um so weniger wenn wie im
gegenwärtigen Falle außer dem urväterlichen Sündenerbe aus dessen Joche uns
alle nur die Gnade erlöset außer dem Erbe elementarer Not unter dessen Joche
nach göttlicher Ordnung die ungeheuere Mehrzahl der Menschheit im Schweiße
ihres Angesichts seufzt und seufzen wird bis an das Ende der Tage auch noch ein
besonderes Erbteil bösen Blutes einem Kinde eingeimpft ist und je mehr und mehr
zu wuchern droht Die Sünde der Väter soll heimgesucht werden bis in das dritte
und vierte Glied oder falls Ihnen dieser Wortlaut antiquiert dünken sollte
Herr Prediger auch das Laster entwickelt sich von Geschlecht zu Geschlecht wie
die Tugend wie die Sitte wie alle sogenannte Kultur Der Großvater dieses
Knaben war vielleicht nur ein Bärenhäuter der Vater ward zum Trunkenbold Der
Sohn im Taumel gezeugt der elementaren Arbeitsstufe in die er hineingeboren
ward entrückt für die höhere auf welcher er erwächst unzulänglich beanlagt
ein heimliches Gift in seinen Adern wird als Tor und kann als Verbrecher enden
Gefährlicher als Sünde tun wirkt Sünde guteissen und der vor allen welcher
einer Gemeinschaft als Hüter göttlicher Zucht und Ordnung vorzustehen berufen
ist soll es unterlassen das warnende Beispiel der Sündenfolge zu vertuschen
Ich nehme den Einwand den Sie mir machen wollen Herr Prediger von Ihren
Lippen Jawohl im Reiche Gottes da sind wir Gleiche In ihm und nur in ihm
da gibt es wohl Stufen aber keine Schranken da konnte der niedrigste Sprosse
des niedersten Volkes konnte selber der sündige Zöllner noch zum Apostel
werden Und solch ein Apostel von Gottes Gnadenfinger berührt solch ein
Erwählter war auch der arme Bergmannssohn auf dessen Namen wir geweiht sind
Die abgelebte Schule des Klosters in der er selbst gebildet worden war zu
sprengen die Christenheit in ihre natürliche Ordnung zurückzuführen die
verweltlichte Kirche zu einem sichtbaren Gottesreiche wieder aufzurichten das
war der hehre Plan dessen Bau die Nachfahren in Trümmer schlagen und von dem
es wie ein scharfer Splitter in das Auge eines Getreuen dringt wenn er das
erste Sakrament gleich einem Markttrödel abschätzen sieht«
    Im Hofe schmetterte ein Postorn Der Propst erhob sich der Pfarrer auch
Seltsame Widersprüche rangen in des friedlichen Mannes Brust die Liebe die ihm
Glaube war und Zorn ja Feindseligkeit gegen zwei Menschen welche er seit
Jahren im gemeinen wie im erhabenen Sinne Freunde genannt hatte drängten ihn
zum Protest gegen des einen schnöde des anderen grausame Konsequenzen Hatte er
bis zur Stunde einen mutterlosen Säugling zu zeitweiser Obhut in sein Haus
genommen in diesen Minuten der Leidenschaft nahm er ihn an sein Herz als eines
jener Stiefkinder der Natur an welchem er den Beweis adelnder Menschenliebe zu
führen habe Und so sagte er denn mit gehobenem Haupt und der Klangfarbe der
Ironie die wahrlich in seinem Gemüte ein Fremdling war und trotzdem Wort um
Wort sich bis zur heimlichen Schadenfreude steigerte
    »Sie würden mich wohl kaum so sträflicher Fahrlässigkeit in meinem Amt so
schwerer Irrtümer in meinem Glauben und Handeln vor Zeugenohren bezichtigt
haben Hochwürden wenn Sie nicht mindestens den Versuch einer Rechtfertigung
meinerseits erwartet hätten wäre es auch nur um Ihrer mächtigen Logik mit
meiner schwächlichen neue Beweismittel zuzuführen Wohlan ich wage den Versuch
vor diesen Zeugenohren selbstverständlich auf beregten Einzelfall beschränkt
Ist es ein Irrtum das Erbteil welches uns der Erlöser mit seinem Leben und
Sterben erworben hat für wirksamer zu halten als das welches uns im Blute des
ersten und vielleicht des letzten Vaters überkommen ist so bin ich dieses
Irrtums schuldig indem ich mich vermesse einen Erben väterlicher
Sündhaftigkeit aus seinem Wurzellande in das meine zu verpflanzen und unter der
Zucht meines Hauses wenn auch nur zu elementarer Arbeit und Not aber so Gott
will zu einem Erben seines Reiches heranzubilden Und fernerhin ist es
Schädigung eines sakramentalen Weiheaktes wenn brüderliche Liebeswerke aus ihm
gefolgert werden so bin ich in hohem Masse dieser Schädigung schuldig denn ich
habe meiner Gemeinde bei jedem amtlichen Anlass das Steuern und Stillen
menschlicher Not als christliche Tugend und Sitte an das Herz gelegt ja ich
war noch in dieser Stunde gewillt einem Gliede meiner Gemeinde das Gemüt für
jenes Erbteil der Barmherzigkeit zu erwecken und seinen rückwirkenden Segen ihm
zuzuwenden In letzterem Betracht und durchaus ohne Vorbehalt bekenne ich mich
endlich schuldig einer Irrung deren Konsequenz auch mir Hochwürden und mir
zumeist wie ein scharfer Splitter in das Auge gesprungen ist eines sträflichen
Mangels von Gott gebotener Klugheit in der Berechnung des Herzens das ich für
jene Zuwendung empfänglich und darum ihrer würdig achtete Aus diesem Grunde
Herr Amtmann ziehe ich mein Gesuch an Sie zurück noch bevor ich es gestellt
Es fehlt  Gott Preis  in meiner Gemeinde weder an gläubigen Christen noch an
gutwilligen Menschenfreunden welche für die Waise des armen Hirtenweibes das
weihende Gelübde mit allen barmherzigen Folgerungen nicht scheuen und daher ein
Anrecht haben es im Namen des ersten Gottes und Menschenfreundes in unserem
Vaterlande auszusprechen Unser teuerer König hat sich selbst geehrt indem er
den zehnten Sohn eines der ärmsten seiner Untertanen mit seiner Patenschaft
beehrte«
    Der Redner schwieg und seine drei Hörer schwiegen auch der eine starr mit
offenem Munde die andere schluchzend mit vor die Augen gehaltener Schürze der
dritte lächelnd Aber es war nahezu ein amtsbrüderliches Lächeln mit welchem
der standfeste Luteraner sich von dem biegsamen Unionisten in der Stille
verabschiedete Der eiferartige Widerspruch schien ihn priesterlicher angemutet
zu haben als vorhin das ideale Schlaraffenland
    »Aber Mann  Blümel  Pastor  Freund« stieß endlich Johann Mehlborn
hervor indem er seinen Seelenhirten mit beiden Armen schüttelte als wäre er
ein Apfelbaum »Im Namen Seiner Majestät Königlicher Prokurist Allerhöchster
Mitgevatter Und das sagen Sie erst zu guter Letzt«
    »Hätten Sie Ihrem irdischen Lehnsherrn zu Gefallen tun sollen Herr Amtmann
was Sie dem himmlischen verweigerten« entgegnete Pastor Blümel drückte Frau
Rosinen die Hand und folgte Herrn von Hartenstein der sich mit leichtem Gruße
empfohlen hatte
Mit hastigen Schritten schlug Konstantin Blümel den Heimweg ein So hoch hatte
er sein Haupt nicht getragen so stolz seine Brust sich nicht geschwellt
seitdem sein Kommandeur das Eiserne Kreuz an dieselbe geheftet Ja solch eine
Kampfesstunde macht frisches Blut
    Und doch warum ging er mit Siegerschritten Dass er ein verworfenes
Stiefkind der Natur als das seine angenommen  war das ein Triumph Vor zwei
Stunden würde er das gleiche getan würde hätte er es durchzuführen vermocht
sämtliche Waisen seiner Gemeinde angenommen haben  ohne jeglichen Tugendstolz
Dass er einen betörten Mann vor Zeugenohren mit einer Hohnrede gegeisselt Hatte
er den alten Mehlborn nicht gekannt Hatte er nicht schlechtin gelogen mit der
Entschuldigung dass er das Herz ihm zu öffnen gehofft Ja hatte er nicht
geradezu mit Schlangenklugheit auf seine Torheit spekuliert Dass er einem
tapferen geistlichen Obersten tapfer Widerpart gehalten  Das also war es 
allein das
    Unwillkürlich mäßigte er seinen Schritt Was schied ihn plötzlich von dem
Manne den er viele Jahre freudig und dankbar verehrt hatte Was machte ihn zu
seinem Gegner Hatte jener eine Tat getan ein Wort geredet das der
reformatorische Held auf welchen sie beide geschworen verleugnet haben würde
Widersprach Konstantin Blümels eigene Satzung der von den durch Gott gesetzten
Erdenschranken von dem Erbe der Sünde in unserem Blut von dem kaum merkbaren
Fortschritt der sittlichen Kultur Wie oft hatte er denn das Wagnis eines
Kindes Wiege zu verrücken gelingen sehen
    Vor der offenen Kirchtür hielter still Die letzten Sonnenstrahlen fielen
auf die schwarzen Priesterbilder am Altar die leere weiße Stelle glänzte wie
eine Silberscheibe Wäre er in Wahrheit nicht mehr würdig diese Stelle
einzunehmen Wäre er in Wahrheit ein Abtrünniger weil  
    Hastende Schritte ein gekeuchtes »Halt halt« unterbrachen die Prüfung
Der arme Quartalsritter Wie der Schweiß von seiner Stirn tropfte wie er
pustete im knappen goldknopfigen Hochzeitsfrack Wie er Lippen und Augen
zusammenkniff sooft die zierlichen Lackstiefel auf ein Steinchen stießen
    »Aber Pastor Pastor« schrie er schon von weitem »So nehmt doch nur Räson
an alter Freund Kann denn einem Menschen nicht einmal was Menschliches
passieren Ich war in der Bosheit Pastor Hol der Henker diesen hochmütigen
Narren mit seiner verrückten Wiege und seinen Schranken und Stufen Der pure
Tusch Auf mich gings Blümel egal auf mich Na drei Kreuze hinter dem Patron
Ich stehe Pastor Ich stehe aus gutem Herzen und bleibt Ihr trotzig so stehe
ich mit Gewalt Aber so wahr ich Johann Mehlborn heiße ich stehe«
    Pastor Blümel war kein hartköpfiger Christ er pflegte dem reuigen Sünder
die Hand entgegenzustrecken und Neinsagen ist ihm keiner Zeit eine leichte
Sache gewesen Dennoch würde er in diesem außerordentlichen Falle schwerlich
nachgegeben haben hätte er sein eigenes Gewissen völlig rein gefühlt  und
wäre nicht seine Hanna von der Gartenpforte aus des Sturmes und Abpralls Zeugin
gewesen und herbeigeeilt die Mittlerschaft zu übernehmen Mit dem Handgelübde
auch ohne französische Stunde den Exhirten Frei gegen braven Lohn in seinem
Schacht arbeiten zu lassen mit dem fernerweitigen Handgelübde in Zukunft wenn
gewünscht der Patenpflicht samt Pertinenzien bei jedem Werbener Frönerkinde
gerecht zu werden erkaufte der Rittergutsbesitzer Mehlborn die Ehre kommenden
Sonntag am Tauftisch der Werbener Kirche und für ewige Zeiten in deren
Taufregister als Stellvertreter Seiner Majestät von Preußen zu paradieren Die
Versicherung »Wen Johann Mehlborn über das Taufwasser gehalten hat den wird er
auch bei gemeinen Gelegenheiten über Wasser halten« gab er in seiner
Herzensfreude ungefordert noch drauf und drein
    Ach er ahnte nicht der wohlgemute Ritter dass er mit dieser Ehre die
höchste Stufe zum Throne erklommen haben sollte und dass er seiner Magnatenlaune
zum letzten Male volles Genügen getan aus welchem Grunde denn auch diesem Tage
ein ausführliches Kapitel in der Geschichte seines Stiefpaten bewilligt werden
musste Denn mit dem Besuche des geistlichen Hartenstein war in seine stolze
Brust ein Keimkorn misstrauischer Abneigung gegen eine Familie um deren Gunst er
bis dahin so eifrig geworben hatte eingesenkt worden Und das Korn sprosste und
bestockte sich Als seine Brigitte das nächste Mal ein Schuldenregister ihres
flottlebigen Gatten ohne gleichzeitigen Kontrakt für den Verkauf des Gutes
einreichte schlug er die Tilgung rundweg ab
    In Konstantin Blümels Seele dahingegen hatten nach einer schlummerlosen
Nacht die stolzen Wellen sich gelegt und Joachim von Hartenstein nahm als
Mensch als Patriot und Priester fast uneingeschränkt den bisherigen Raum in
seinem Herzen wieder ein In seinem Tageskalender welcher diesen Aufzeichnungen
vielfach zur Vorlage dient steht unter jenem Datum geschrieben
    »Alles Unheil ist werdendes Heil Ein absoluter Trieb nach Erhaltung wirkt
daher unheilvoll weil er sich feindlich gegen das Werdende verhält Mit Recht
ist in verwandtem Sinne behauptet worden dass sogar ein absoluter Trieb nach
Vollkommenheit eine Krankheit sei Hätten vollkommene Menschengeschlechter eines
Heilands bedurft Und bedürfte seiner ein vollkommener Mensch  wenn es einen
gäbe Bei alledem welch ein Zauber liegt doch in der Macht eines Glaubens auch
wenn wir ihn nicht verstehen und selbst wenn er zum Fanatismus wird den wir auf
jedem anderen Gebiet als dem göttlichen hassen«
    Bei dem Verrücken der Wiege und der Liebesprobe an einem Stiefkinde der
Natur blieb es selbstverständlich und bei dem gemeinsamen Tauffest blieb es
auch Nur das Programm für dieses erlitt eine kleine Abänderung insofern dass
auch die Täuflingin einen Vizepaten erhielt und der Täufling ihrer sogar zwei
Es hatte sich nämlich der werte Amtsbruder Kurze in Bielitz am Tage zuvor den
Knöchel verstaucht und schickte als Stellvertreter seinen Sohn Der
Feierlichkeit tat dieser Wechsel indessen keinen Eintrag und der
darauffolgenden Fröhlichkeit kam er nur zugute da der ehrwürdige alte Herr
Amtsbruder als Gevatter für Gevatterin Luischen lange nicht so gepasst haben
würde wie der junge muntere Herr Kandidat Das wunderbare Wasser wirkte in den
jugendlichen Herzen einen bis dahin schlummernden sympatischen Zug und das
obligate Gevatterküsschen zauberte auf die jugendlichen Wangen einen Rosenflor
welcher das Herz der Taufmutter verheissungsfroh klopfen ließ
    Frau Hanna Blümels Taufkuchen war noch niemals so hoch aufgegangen wie bei
diesem Doppelfeste und die Erdbeerbowle welche sie aus den Gewächsen ihres
Gartens und Weinbergs gebraut war noch keinem ihrer Herrn Gevattern so angenehm
prickelnd wie heute Amtmann Mehlborn zu Kopfe gestiegen
    Als majestätischer »Prokurist« trug er selbstredend den goldknopfigen
Frack dem ein städtischer Meister unter den Armen ein Stück bequemlich
eingesetzt hatte Ebenso selbstredend würde für einen bloßen Prokuristen das
Eingebinde eitel Verschwendung gewesen sein Aber die Gesundheit der Täuflinge
stand ihm zu und wurde glorreich von ihm ausgebracht nach dem das erste Glas
vom Taufvater auf das Wohl des Allerhöchsten Gevattersmannes geleert worden war
Als spät am Abend der Vizegevatter der Taufmutter zum Abschied die Hand drückte
rief er in seinem kräftigsten Bass »Ich will nicht Johann Mehlborn heißen wenn
dieser Königspate es nicht einmal bis zum Verwalter auf einem von Johann
Mehlborns Rittergütern bringt«
    So großartig war die Perspektive des zehnten Hutmannssohnes schon an dem
Tage da er einen Namen erhalten hatte
    Dieser Name war ein gebotenes Paten und zwiefältiges Muttererbe Da der
Freische Nachwuchs jedoch bereits durch einen Friede und durch einen Hannes
vertreten war musste dem »Friedrich Hans« ein Rufname beigefügt werden und
entschied sich Pastor Blümel für den einigermaßen sonderbar aber kennzeichnend
lautenden Dezimus der auch in der Gemeinde da er an das schmählich
ausgetauschte Dezemhuhn erinnerte lange nicht so »preussisch« gefunden wurde wie
der der Septima welche geschwisterlicher Analogie halber der Rose Konstantia
angehängt ward Kantor Beifuss äußerte sogar bedenklich »Wenns nur nicht eine
böse Sieben bedeutet«
    Und so schlummerten und strampelten denn Rose und Dezimus als junge Christen
nebeneinander unter dem Wiegenhimmel und weil sie mit ihrem Kosenamen Ma und
Mus hießen waren die ersten Laute die sie lallen lernten Mus und Ma
 
                                  Knabenstern
Noch bevor das Korn geschnitten worden war der kleine Mus auch von Vaterseite
eine Waise und hatte der Hutmann Frei des Gerechten sanftes Schlummerkissen
auch leider verwirkt so ist es  Gott sei heute noch Dank dafür  doch kein
Sünderende das er etwa im Taumel oder in der Verzweiflung genommen hat Er
starb im Gegenteil einen Opfertod wennschon unbewusst und ohne dass einer von
denen welchen er schweres Unheil abgewendet es ihm gedankt hätte
    Ein wildes Gebaren ging dem Sterben voran keiner in der Gemeinde hatte
Ähnliches erlebt daher denn auch in ihr der alte heidnische Erbfeind Kobold
geheißen seit der Kriegsdrangsal nicht dermaßen seinen Spuk getrieben Selber
der aufgeklärte Kantor Beifuss konnte nicht leugnen dass er spät am Abend von
einem Besuch in der Weidenmühle heimkehrend einen bärengrossen schwarzen Kater
mit Gluhaugen gleich illuminierten Fensterscheiben das Hirtenhaus habe
umschleichen sehen Der noch aufgeklärtere Amtmann Mehlborn lachte freilich
seinen Freund Beifuss aus und nannte des Klausen Zustand schlechtweg
Säuferrappel der Kreisphysikus den Pastor Blümel zu Hilfe rufen ließ nannte
ihn dahingegen Wasserscheu Der verdächtige Wirtshund welchen er in der
Geburtsstunde seines Sohnes erdrosselt hatte den Klaus in die Hand gebissen
Wer achtete darauf Der Klaus am wenigsten Es war ein Tollhundsbiss
    Da seit dem Siebenschläfer keine Leiche im Dorfe bestattet worden war fand
Klaus Frei sein Reihengrab an der Seite seiner Frau Pastor Blümel sprach den
Segen darüber und im Frühling sprosste der Rasen auf dem Hügel des lästerlichen
Mannes so grün wie auf dem des tugendlichen Weibes aber nur auf letzterem lag
Jahr für Jahr ein Johanniskranz
    Die Waisen welche seit der Mutter Tode ein Vagabondenleben geführt hatten
wurden nunmehr in die Welt verstreut Zweien von ihnen erwirkte der Pfarrer ein
Unterkommen in provinziellen Versorgungsanstalten dem dritten durch seines
Patrons Vermittlung sogar eine Stelle im königlichen Militärwaisenhause Die
älteren Brüder wurden auf Bauernhöfen zu Knechten herangezogen keiner jedoch in
der heimischen Gemeinde wo seit des Vaters nach wie vor nicht geheuerem Ende
der Widerwille gegen die Hirtenbrut ein unüberwindlicher geworden war und die
Ehre welche dem jüngsten Spross als Pastorziehkind angetan ward das böse Blut
obendrein ätzte
    Die gute Amtmannsfrau hätte wohl gern das Beispiel in der Pfarre nachgeahmt
und den kleinen blondlockigen Hannes als Sohn in ihr Haus genommen Aber welchen
Kampf mit ihrem Amtmann würde das gekostet haben Und die gute Amtmannsfrau
fühlte sich von Tage zu Tage weniger eine Kämpferin Ihre Kräfte gingen auf die
Neige bald so getröstete sie sich würde sie mit ihrem rechten Hannes im
rechten Vaterhause vereinigt sein Sie begnügte sich daher in die Hand ihrer
Pfarrfreundin eine kleine Summe niederzulegen die für das Kostgeld zweier der
Waisen solange sie zum Dienen noch nicht herangewachsen waren eben zureichte
Darüber hinaus klapperte sie aber auch oftmals  den Ohren beider Freundinnen
recht tröstlich und wohlgefällig  mit dem Inhalt einer Sparbüchse die sie die
Gevatterbüchse nannte und in die sie wohl jeden Tag ein Münzstück für ihre
Zwillingspaten steckte
    So stand das Hirtenhaus denn leer der Rest seines Gerätes Bett und Lumpen
waren der Tollwut halber verbrannt worden das Schindeldach blieb
unausgebessert denn lange Zeit fand sich  gottlob  in der Gemeinde keine
Familie die arm genug gewesen wäre zwischen den kahlen Lehmwänden ein Obdach
zu suchen
    Die nächsten Jahre brachten böse Seuchen über das Land bei uns die alten
Blattern weiterwärts die neue Cholera Die Hälfte des jungen Freischen
Enaksgeschlechtes war dahingerafft bevor der jüngste des selben ahnte was
Brudersein heißt Man hat ihm späterhin seine Abstammung nicht verheimlicht er
kannte aber keine Familie außer der welche ihn aus dem kalten Mutterleibe warm
an ihr Herz und fest an ihre Hand genommen hatte und fürwahr er würde denen
seines Blutes nicht mit gleicher Innigkeit angehangen haben denn das zärtliche
Neigen des Kindes stützte die tiefe Dankbarkeit der Waise
    In der töchterreichen Pfarre aber wurde das fremde männliche kleine Anwesen
von keinem als Überlast oder unnützer Brotesser angeschaut sondern wie der
Zugehörigste gehätschelt und gehegt Alle Welt hatte ihre Freude wenn sie den
Mus und die Ma nebeneinander auf der Mutter Schoße sitzen oder späterhin sie
Hand in Hand laufen und spielen sah Sie waren unzertrennlich wie
Zwillingskinder dabei aber so verschieden geartet wie leibliche Geschwister es
selten sind Ma zart zierlich behende ein schwarzlockiges Strudelköpfchen
zu Lust und Verdruss nervös erregt Mus schon dazumal wie er lebenslang
geblieben ist groß stämmig weiß und rot niemals krank und niemals
ungebärdig Blinkende Sternchen nannten die Schwestern die Augen der kleinen Ma
die des Bruders Mus hätten sie Vollmondsaugen nennen müssen so groß und rund
waren sie so hell und still Aber nicht wie der liebe Mond oder hinter ihrem
dichten Wimperschleier die Sternchen der Ma blickten sie stetig hinunter zu den
Käferchen und Blümchen im Grunde sondern unverwendet und ungeblendet aufwärts
zu den Himmelslichtern wenn sie durch die Scheiben oder durch die Laubenblätter
drangen
    »Das Mädchen sieht wie sie kriechen der Junge wie sie fliegen« sagte
Kantor Beifuss mit welchem Sprichwort er freilich dem einstigen Verwalter ein
bedenkliches Prognostikon stellte Die Mutter aber verteidigte ihren Mus
erklärte dass er die Augen nicht von dem Schwesterchen verwende sooft sie ihn
allein mit ihr in der Kinderstube oder auf dem Rasenplatze lasse dass er den
Quirlequitsch hüte wie einen anvertrauten Schatz und ihr den Ärger mit einer
Kindsmagd erspare
    Überhaupt wusste die Mutter sich etwas mit ihrem Mus und zwar nicht etwa
wie es mancher anderen Mutter beigekommen sein würde um der Wohltat willen die
sie ihm erwies sondern was schwerlich einer anderen beigekommen sein würde um
eines geheimnisvollen Segens willen der mit dem Mus unter ihrem Dache
eingezogen sei Frau Hanna Blümel war gegen gute wie böse zauberische
Einbildungen in der Gemeinde ihrem Konstantin bisher eine rüstige
Hilfsstreiterin gewesen nun musste sie sich um ihres Johannisglaubens willen
manchmal von ihm strafen lassen
    So glatt und gleich so ohne jegliche Krankheitsnot und Fährlichkeit war es
noch nie in ihrer Kinderstube abgelaufen Auch in der Wirtschaft glückte alles
alles gedieh die Familie breitete sich aus über Hoffen und Erflehen Seitdem am
doppelten Tauffeste aus dem Gevatterküsschen ein Verlobungskuss geworden war
hörten die Bräute in der Pfarre von Werben nicht auf Sooft nach dem
Hochzeitsschmaus der Brautkranz ausgetanzt wurde spielte das blinde Glück der
nächstfolgenden Schwester das ahnungsvolle Symbol auf das Haupt und kaum ein
Jahr verging dass aus der Krone nicht eine Haube geworden wäre Es zählte kein
Nabob und kein Pair zu der Freierschar aber wer in der Pfarre von Werben hatte
sich auch Rechnung auf einen Nabob oder Pair gemacht Das junge Paar baute
seinen Herd und das Elternpaar sah ihn bauen auf seinem eignen bescheidenen
Grund das junge Paar zog aus und das Elternpaar sah es ziehen oftmals in weite
Ferne wenn aber die Wehmutstränen gegen die Freudentränen hätten abgezählt
werden sollen würden die letzteren überwogen haben An dem Tage wo Balsamine 
das Minchen des Hauses  mit einem amerikanischen Schulmanne vielleicht auf
Nimmerwiederkehr zu Schiffe ging da sagte Pastor Blümel zu der bewegten
Mutter indem er dem Liebling zu seinen Füßen die dunklen Löckchen streichelte
    »Erkennst du jetzt Hanna die väterliche Liebe die uns statt des ersehnten
Benjamin dieses Röschen gab Denn ein Haus ohne Töchter kommt mir vor wie ein
Garten ohne seinen holdesten Schmuck die Blumen«
    »Und einen Baum der unserem Alter Frucht und Schatten geben soll hat eine
gütige Hand ja auch zwischen die Blumenkinder eingepflanzt« versetzte Frau
Hanna und sah ihren Dezem mit echten Mutteraugen an
    Aber das ist weit vorgegriffen Als bei der jüngsten Pfarrhochzeit in
Ermangelung anderweitiger Bewerber Schwester Rosen der Brautkranz und Bruder
Dezimus der Bräutigamsstrauss gereicht wurden da feierten Rose und Dezimus ihren
dreizehnten Johannistag Zurzeit jedoch stehen sie erst im Beginn ihres zweiten
Stufenjahres das heißt sie sind vom Mus und der Ma zum Dezem und Röschen
vorgeschritten und traben selbander in Kantor Beifussens Schulstube
    Und da muss denn leider bekannt werden dass im flüssigen Lesen und zierlichen
Schreiben der große Dezem von dem kleinen Röschen auf eine für den Helden einer
Geschichte bedenkliche Weise überholt worden ist ja wäre zwischen menschlichen
Hirnschalen nicht eine unsichtbare Zahlenwelt aufgetaucht  nach dem Sprachlaut
vielleicht das erste Mysterium welches den urwilden Jäger von dem urwilden
Jagdtier unterschied  da müsste dem Biographen für seines Helden Schülerehre
bange werden Die Aritmetik rettet sie Schwester Röschen hat es im Leben nicht
über das dritte der Spezies hinausgebracht aber mit Addieren und Multiplizieren
hat das klügste Frauenköpfchen ja auch für seine Lebenszeit mehr als genug
getan während wenn möglich noch ein Dutzend weitere Spezies erfunden werden
müsste um diesem oder jenem männlichen Schädel sein Gnügen zu tun Und
hinreichend dick für derlei Speziesappetit war Held Dezems Schädel schon in
seinem ersten Stufenjahr Kantor Beifuss der sich als einen zweiten Adam Riese
schätzte erklärte den Pfarrdezem für ein Quatermillionengenie wie es ihm in
seiner Praxis noch nicht vorgekommen sei Die heidenmässige Fertigkeit müsse dem
Täufling mit dem heidenmässigen Namen eingebunden worden sein äußerte er
vertraulich gegen Frau Julchen seine Hausehre In einem städtischen
Kaufmannsgeschäfte da könne der Junge es einmal zu etwas bringen was aber ein
Verwalter auf Amtmann Mehlborns Wirtschaftshofe mit solcher Quatermillionenkunst
anfangen solle das war dem Kantor Beifuss ein Rätsel
    Und dem Pastor Blümel war es um so mehr ein Rätsel als er sich niemals für
einen Nebenbuhler Adam Riesens gehalten und es niemals beklagt hat dass von
allen idealen Gebieten das sogenannte unumstössliche ihm das verhüllteste
gewesen ja nahezu ein grauenerregendes geworden ist als er in der Schülerzeit
einen Zipfel seines Schleiers zu lüften gezwungen ward Wie sollte er des
Knaben vor Gott und Menschen verantwortlicher Führer die ihm selbst so
fremdartige Gabe entwickeln wie sie in seiner bescheidenen Lebenssphäre
dereinst verwerten
    Dieser erst durch die Schule geweckte Sinn wurde indessen noch bedenklicher
wenn der Vater ihn mit einem zweiten in Verbindung brachte der sich schon
früher ohne durch Lehrwort oder Beispiel erregt worden zu sein in dem Knaben
offenbart hatte bis dahin aber von den Eltern als eine Kinderlaune belächelt
worden war der nämlich für das Licht und die Lichter des Himmels
    »Es ist der dem Menschen eingeborene Trieb des Suchens« sagte der Vater
»des Suchens ohne bestimmten Zweck Das Kind sucht mühsam Steinchen und Blümchen
und wirft sie hat es sie gefunden wieder fort Ich alter Knabe sogar bücke
ich wenn ich mich im Walde ergehe nicht hundertmal meinen steifen Rücken um
mich mit Pilzen zu beladen deren Wohlgeschmack mir unerfindlich ist die du
Hannchen der Giftgefahr halber nicht auf den Tisch zu bringen wagst und die
ich wieder fortwerfe wie die Kinder ihre Steine und Blumen wenn mir nicht eine
alte Kräuterfrau begegnet der ich mit meinem Funde einen Gefallen erweise«
    »Aber was sucht denn unser Dezem zwischen Wolken und Sternen Konstantin«
fragte nach dieser Erklärung Mutter Hanna
    Ja was suchte der Dezem wenn er im Sommer stundenlang auf dem Hünengrabe
hinter dem Pfarrgarten saß und  unverwendet wie ungeblendet  der Sonne
nachstarrte ohne etwas anderes zu sagen als »Nun steht sie über dem Turm«
oder »Nun ist sie am Zornberg  über den Fluss weg  in der Stadt« Was suchte
er wenn er an langen Winterabenden oder in stiller Morgenfrühe den aufgehenden
Mond erwartete sich verwunderte über seine wechselnde Gestalt und ohne den
Namen eines einzigen zu wissen sämtliche größere Sternbilder kannte die er am
Horizonte auf und nieder steigen sah Ehe er noch einen Blick in einen
gedruckten Kalender getan hatte er sich auf eigene Hand einen Familienkalender
gebildet hatte herausgebracht um welche Stunde zu Vaters Geburtstag im
Dezember die Sonne aus ihrem Nebelbette stieg und um welche sie sich zu
Mutters Geburtstag im August in ihr Flussbett niederlegte Wie vor
Jahrtausenden vielleicht auch schon ein Hirtensohn sah er in den Sternen des
Himmelswagens eine Freundesgruppe und taufte sie der Größe nach auf die Namen
seiner sieben Schwestern seinen Liebling aber Winters den letzten im
Morgendämmer also den ersten welchen er beim Erwachen gewahr ward den nannte
er noch ganz apart seinen Röschenstern
    Dem ruhigen kräftigen Knaben durfte frühzeitig mancher Botenweg in Stadt
und Umgegend anvertraut werden Als er eines Tages mit seinem gefüllten
Henkelkorbe von einem solchen außer Atem zurückkehrte schalt ihn die Mutter ob
seiner Hast Er aber sprach und seine runden stillen Augen sprühten dabei von
heller Lust
    »Ich bin mit der Sonne um die Wette gelaufen Mutter und früher angekommen
als sie«
    »Die Sonne läuft nicht Mus« versetzte die Mutter lächelnd »unsere Erde
ist es die mit den lieben Sternchen ringelrund um sie tanzt wie ihr Kinder um
eure alte Mama«
    Das war das erste Problem in Dezimus Freis kindlichem Hirn und es erregte
in ihm einen Aufruhr wie kaum ein zweites in späteren Tagen Die Sonne die er
laufen sah sollte stillestehen und die Erde die er feststehend unter seinen
Füßen fühlte sollte sich drehen hatte die kluge Mutter gesagt war also wahr
    Die kluge Mutter bereute ihre Übereilung sie wusste dass ihr Konstantin
derleivorzeitige Aufklärung nicht billigte und sie war eine gehorsame Ehefrau
wenn sie auch dann und wann auf schlängelnden Wegen das Ziel zu erreichen
suchte das sie ihn auf geradem Wege verfehlen sah Wer aber A sagt muss B
sagen und so half sie sich am Abend aus der Verlegenheit mit einem
Kunststückchen dessen sie sich aus ihrer Gouvernantenzeit erinnerte Sie
steckte eine Stricknadel durch ihr Wollknäuel und drehte es als Mutter Erde im
Kreise um sich selbst und gleichzeitig auf halbschiefer Bahn um die leuchtende
Astrallampe die als Großmutter Sonne präsentiert worden war während Schwester
Riekchen mit einem Zwirnsknäuel Enkelchen Mond genannt eine ähnliche Bahn um
die Erdenmutter beschreiben musste
    Die lustige Ma lachte hellauf nicht über das Experiment nach welchem sie
gar nicht geguckt hatte sondern über ihren dummen Mus der mit gläsernen Augen
und offenem Munde starr wie ein Götzenbild den Wunderbeweis anstarrte Der
Mutter aber war es als ob sie das Herz des Versteinerten hämmern hörte Er saß
die ganze Nacht aufrecht in seinem Bett die Blicke an den Vollmondshimmel
geheftet am anderen Tage aß und trank er kaum schlich gleich einem
Nachtwandler achtlos auf seine Umgebungen umher nach Sonnenuntergang aber kam
er jubelnd vom Hünengrabe gesprungen fiel der Mutter um den Hals und rief
»Jetzt hab ichs weg«
    Ähnliche Probleme folgten sich nach einem starken Gewitter ein
Doppelregenbogen ein Sternschnuppenfall und noch mehrere alle aber waren
weniger packend oder leichter zu lösen als jenes erste und ihre mähliche
Enträtselung im Herzen dieses glücklichen Kindes vielleicht das am stärksten
empfundene Glück ein Glück wie es so rein und freudig ja immer nur in der
Kindheit die nicht nach dem Zusammenhange forscht empfunden werden kann
    Die Mutter half ihm in seinem kindlichen Ringen nicht weiter Im
Herzensinnersten aber weidete sie sich an ihres Knaben sonderbarer Doppelgabe
deren eine sie sein Dezemsteil die andere seinen Johannissegen nannte Sie
baute Luftschlösser auf ihren Grund wie jede rechte Mutter sie für ihren
Liebling baut mag der besonnene Vater sie auch unerbittlich wieder
niederreissen Und Vater Blümel riss die ihren unerbittlich nieder
    Konstantin Blümel gehörte nicht zu den eifrigen Glaubenshelden welche dem
urewigen Menschendrange aus dem Dunkel zum Licht das zürnende »Eritis sicut deus
« entgegenhalten Gewisslich nicht In der Tiefe seines Gemütes hatte er den
Punkt gefunden auf welchem Glauben und Wissen Denken und Dichten sich decken
und ehrte er darum jegliche Forschung welche den Menschen dem Menschen näher
bringt dem vergangenen dem gegenwärtigen dem zukünftigen ob sie nun Kenntnis
wirke Nutzen Sitte oder auch nur Freude In der Himmelskunde aber sah er einen
Grössendrang welcher den Menschen von dem Menschen abzieht und den er dem
Erklimmen unwirtlicher Gletschergipfel verglich Es war Konstantin Blümel nicht
gegeben den Begleitstern eines Fixsterns zu entdecken oder seine Bahnelemente
auch nur hypotetisch festzustellen Wäre es ihm aber gegeben gewesen würde er
höchstwahrscheinlich die Mühe der Entdeckung und selber der Hypothese sich
erspart und während der Zeit seine alten Heiden und neuen Christen auf den
Gehalt der Bergpredigt hin geprüft oder seine Rosenstöcke okuliert haben
    Wie aber der Größenwahn in der Himmelsforschung ihm widerstand so wies er
als einen Liebeswahn auch im eigenen Herzen die Versuchung zurück sich auf
einer jener fernen Welten eines leibhaftigen Wiedersehens seiner Vorangegangenen
zu getrösten Denn unsere Heimkehr ist in Gott und Gott ein Geist der wohl
seinen Willen aber nicht sein Wesen zu offenbaren uns Menschen fähig und würdig
erachtet hat
    In Schauern der Unendlichkeit sich entzücken beim Aufblick zum nächtlichen
Sternenhimmel lieben auch als Symbol die wärmende Leuchte die aus dem
Erdenstaube neues Leben weckt das und nicht mehr hieß ihm menschliches
Teilhaben an jenen unerreichbaren Weltenräumen und mit vorlauter Neugier mit
plumpem Werkzeug sich in ihre Bahnen drängen hieß ihm den Adel ihrer Poesie
den Zauber ihrer Heimlichkeit entweihen
    Darum waren es auch nur vorübergehende Bedenken welche ihm bei seines
Pfleglings eigenmächtigem Kalendarium oder seinem Vorsprung in den vier Spezies
auf Kantor Beifussens Schulbank aufstiessen und ferne lag es ihm aus ihnen den
Schluss auf eine Dissonanz für seine Zukunft zu ziehen Nicht zu einem Arbeiter
im Geist zu einem verständnisvollen gesitteten Arbeiter in Feld und Flur ihn
heranzubilden hatte er den Knaben an seine Hand genommen und der ruhig starke
Pulsschlag den er in dem jungen Herzen spürte galt ihm als Bürge dass es sich
von seinem natürlichen Grunde nicht verirren werde Weise aber war es
mütterlichen Hirngespinsten die sich gar leicht dem Kindergemüte einnisten von
vornherein zu steuern weise auch nach aussenhin den Knaben seinem Ursprung und
seiner Bestimmung gemäß heranzuziehen und wenn der Hirtensohn seinem
geistlichen Vater eine Wohltat mehr als die andere gedankt hat so ist es die
Pflege des schlichten Sinnes der sein mütterliches Erbteil war und der dem
Durchbruch seines Wesens aus dem Dunkel zum Licht Raum und Freiheit wahrte
    Mutter Hanna verstand und liebte es ihre Töchter  und das hübsche
Nestäkchen zumal  zierlich zu kleiden Sie hätte fürs Leben gern auch mit
ihrem Sohne ein bisschen Staat gemacht Wie schicklich ließ sich aus
Konstantins abgelegtem Zeug Pumphöschen und Wämschen für den Mus zurechtstutzen
Aber der Mus trug noch als Dezem und sogar Sonntags einen blauen Leinenkittel
reinlicher aber nicht zierlicher wie der ärmste Frönersohn er schlief schon
da er noch Mus hieß allein in einer kalten Bodenkammer und wenn Schwester Ma
die ein Leckermäulchen war ihre Semmel nicht dick genug mit Butter gestrichen
und womöglich noch Honig darauf haben wollte so tunkte Bruder Mus ein Stück
Schwarzbrot in seine Morgen und Abendmilch ohne nach Butter und Honig zu
lechzen Bis zu Tränen hat es ihn aber oftmals gerührt wenn er seine
Pastormutter um nichts vor ihrem lieben Jungen vorauszuhaben auch nur ein
Stück Schwarzbrot tunken sah Er wusste er war ein armes Waisenkind und wenn er
groß war diente er als Knecht auf einem Bauernhofe Seine stolzen
Patenaussichten waren gleich luftigen Schemen verflogen
Denn während unter einem liebreichen Walten im Pfarrhause alles Gute zum
Besseren sich entwickelt hatte war im befreundeten Amtshause die Skala des
Friedens und der Freude tief unter Null gesunken seitdem Mutter Rosine zu ihrem
winkenden Hannes in den Himmel gegangen Pate Mus spürte den schlimmen Wandel
zum ersten Male als er an der Hand seiner Pastormutter der Leiche folgte und
sein Herr Vizegevatter der ihm bisher allezeit lachend einen Klaps auf die
Backe gegeben und »Mosjö Verwalter« genannt hatte heute als
Hauptleidtragender ihn mit einem grimmigen Blick beiseitestiess und
»Zudringlicher Bengel« zwischen den Zähnen murmelte Die schlimme Wandlung
hatte indessen eine Vorgeschichte die fast so alt wie Pate Mus selber war
    Seit bei dem Besuche des geistlichen Hartenstein ein erster undeutlicher
Schatten in Johann Mehlborns stolzes Gemüt gefallen war sah er die Ehe seiner
Tochter in einem getrübten Lichte das bei den geringfügigsten Anlässen
nachdunkelte Der spekulative Bauer hatte die exzellenzliche Spekulation auf ein
von Schulden befreites Erbgut klar genug durchschaut und sie nicht minder
berechtigt erachtet wie seine eigene väterliche Spekulation auf ein
freiherrliches Wappenschild Aber wohlgemerkt fest in der Hand gleich einer
Goldbarre musste das Besitztum gehalten werden nicht flüssig wie Quecksilber
zwischen den Fingern zerrinnen Darum hatte er wohl eine Zeitlang die Wechsel
des Generals der Universalerbe seiner Gemahlin war honoriert sein Darlehn auf
das Gut eintragen lassen und die Zinsen vom Pachtschilling abgezogen Als sein
Gutaben jedoch so hoch angeschwollen war dass die Zinsen den Pachtschilling
überstiegen protestierte er die Wechsel und öffnete seine väterliche Hand nur
noch zu der im Heiratskontrakt bedingten äußerst mäßigen Rente ein wie er
meinte unfehlbares Mittel das Gut das er buchstäblich in der Tasche hatte
auch dem Namen nach an sich zu bringen Dass das Werbensche Erbe welches die
Hartenstein verschleudert hatten aus Mehlbornscher Hand auf beider Enkel
übergehe das war nun einmal eine von den fixen Ideen deren vielleicht nur ein
so harter Bauernschädel wie Johann Mehlborns fähig ist
    Wohlgemerkt aber auch zum zweiten der Blutsfreundschaft seiner Tochter
musste die Ehre angetan werden welche den faktischen Besitzern zweier
Rittergüter und eines Geldkastens der leichtlich noch ein drittes in sich
schloss gebührte Hiess das aber  um nur den Anlass aufzuführen der sozusagen
dem Fasse den Boden ausschlug  hieß das aber den faktischen Besitzern beider
Werben die schuldige Ehre antun wenn die Tochter mit den beiden Enkeln
herbeieilt den letzten Segen der verlöschenden Mutter zu empfangen der Herr
Eidam jedoch bleibt seelenruhig zu Hause als ginge ihm die Sache keinen
Pfifferling an entschuldigt sich nicht einmal wie in früheren Zeiten mit
Manövern und Paraden erscheint auch nicht beim feierlichen Begängnis und
schenkt sich sogar so gut wie sein Herr Vater Exzellenz die schriftliche
Kondolenz an welcher doch selber die gräflichen Nachbarn auf Bielitz es nicht
fehlen lassen
    Nun aber war die Frau mit dem guten Herzen tot Es fehlten hier ihre
sänftigenden Tränen dort die heimlich nachhelfende Hand Hier wie dort
steigerte wechselseitig Ursache die Wirkung Wirkung die Ursache der Abneigung
bis zur Erbitterung bis zur Verwilderung und schließlich bis zum Bruch Als der
junge Herr schuldenhalber den Dienst quittieren musste lachte er über die
Zumutung auf dem Gute dessen Erbherr er nominell noch war abhängig von seinem
widerwärtigen Schwiegervater und unter dessen Augen ein knappes Bauernleben zu
beginnen Bei Nacht und Nebel war er seinen Gläubigern und unleidlichen
Familienbanden entwichen es ging die Rede dass durch Vermittlung seines Vaters
ihm in russischen Diensten eine förderliche Stellung erwirkt worden sei Die Ehe
wurde gerichtlich geschieden
    Seine Gattin hatte diesem Schritte zu welchem ihr Vater seit Jahren
gedrängt bis zum Äußersten widerstanden Nicht dass der Zauber der ihr junges
Herz berückt auf die Dauer sich gegen Gleichgültigkeit und Zügellosigkeit
behauptet hätte Brigitte Mehlborn war keine Romanheldin Nicht als ob sie sich
über die Gründe getäuscht hätte welche nach bürgerlichem und selbst nach
christlichem Recht eine Scheidung gestatteten Brigitte Mehlborn hatte ein
scharfes Auge Ungehöriges an Menschen und Zuständen zu sehen und zu sichten
Aber Brigitte Mehlborn gehörte zu den spröden Naturen welche den einmal
erwählten Standpunkt behaupten gegen Freund und Feind Eben weil sie nicht mehr
liebte wurde es ihr leichter Lieblosigkeit zu ertragen als sich über sie zu
beschweren eben weil sie ihre Klageberechtigung kannte scheute sie deren
demütigendes Eingeständnis und so geschah es dass während der schuldige Gatte
nach einer vollgültigen Befreiung die er nicht beanspruchen durfte drängte
die schuldlose Gattin in eine solche erst dann willigte als es galt ihr
mütterliches Alleinrecht gegen jedweden Anspruch zu wahren Nicht dem Vater der
kein Verlangen danach trug dem Vater des Vaters der Verlangen danach trug
entzog sie durch eine gerichtliche Scheidung die Obervormundschaft über die
Kinder die nur auf diese Weise ihr ausschliessliches Eigentum werden konnten
    Aus dem gleichen Grunde entzog sie diese Bevormundung aber auch ihrem
eigenen Vater über dessen Sphäre sie sich erhoben hatte nicht erst durch ihre
Ehe sondern durch einen eingeborenen Bildungstrieb den späterhin ein stark
herausgeforderter Widerstandssinn nur stachelte Vater und Tochter hatten jetzt
die nämlichen Feinde sie konnten aber nicht mehr die nämlichen Freunde haben
    Johann Mehlborn war in jachem Rücklauf der spät entwickelten
Magnatenschrulle über deren Ursprung hinweg zum alten zähen Bauerntrotz
zurückgekehrt Er würde hätte er die Macht dazu besessen aus republikanischer
Tugend niemals einen Königstron gestürzt und kommunistische Weltverbesserer
die zurzeit auch im deutschen Vaterlande einen stillen Anhang fanden würde er
mochten sie Professoren oder Schneider heißen ohne Gnade zu Galgen und Rad
verurteilt haben Aber alles was Edelmann hieß das hasste Johann Mehlborn trotz
einem Robespierre Ehre und Macht der Gesellschaft gipfelten für ihn wie einst
für die Helden des Bundschuhs wenn auch aus anderen Gründen in dem Stande der
die Scholle bebaut und sein Geld in Eisentöpfen vergräbt Er aß nicht mehr mit
der linken Hand sondern aus der Faust wie sein Vater der Grossknecht es
getan trug Schmierstiefeln und im Winter einen Schafspelz bediente sich
»französischer« Redensarten nur wenn ihm im ehrlichen Werbener Deutsch keine
volkstümlich genug klingenden einfielen und würde sich des »Amtmanns« mit
Freuden entäussert haben wenn ihm die Regierung das schöne Geld das er ihm
gekostet zurückerstattete Hätte er es durchzusetzen vermocht würde seine
Brigitte den Namen Hartenstein oder mindestens das schnöde Adelszeichen vor ihm
abgelegt und als ländliche Wirtin auf ihrem Erbhofe gewaltet haben ihre Kinder
würden als Bauernenkel erzogen worden sein und das leichte Patrizierblut würde
sich zu dauerhaftem Arbeiterblut verdichtet haben
    Aber er vermochte es nicht durchzusetzen Seine Brigitte war die Erbin
seines harten Kopfes sie beharrte bei Namen und Titel und übersiedelte als
Wirtschafterin auf ihres Vaters Hof so wenig wie sie als Dame des Hauses in den
Palast ihres Schwiegervaters übersiedelt war sondern zog in die den
Familiengütern benachbarte Universitätsstadt der Provinz Wie Vater Mehlborn
keine tragfähige Krume seines Ackers unbebaut ließ so hätte sie jede geistige
Faser in ihren Kindern entwickeln mögen und hier fand sie ausgiebige
Bildungsmittel für sie Für ihre eigene Person aber fand sie hier einen Boden
in welchem sich leichter Wurzel schlagen ließ als in dem kalten schweren des
Nordens fand die Ansprüche an das äußere Leben so bescheiden wie sie sie
finden musste wenn sie auch nach außen hin sich Geltung verschaffen wollte Da
sie Erziehungsgelder von ihrem Schwiegervater nicht annahm ihr erbitterter
Vater aber jegliche Unterstützung verweigerte sah sie sich auf ihr mütterliches
Erbteil beschränkt und trug kein Bedenken das Kapital anzugreifen weil die
Zinsen für ihre Zwecke nicht ausreichten Es wurde ihr leicht sich in
schicklicher Mitte von Hartensteinschem Übermaß und Mehlbornschem Untermass zu
halten ein alter Name eine reiche Erbaussicht woben einen gewissen Nimbus um
ihre Person und ihr Haus im Kreise ihrer neuen Lebensgenossen wurde Brigitte
von Hartenstein unbestritten gefeiert als eine »bedeutende« Frau die einzige
Eitelkeit für die sie empfänglich war
    Sie hat es wahrscheinlich niemals erfahren dass ihr alter Freund in der
Pfarre es gewesen dem sie das aus der Not helfende mütterliche Erbteil zu
danken und dass er um dieses Erbteils willen die Gunst seines Patrons in spe
verwirkt auch manches kleine Scharmützel mit seiner Hanna zu bestehen hatte
Auch Dezimus ist hinter das Geheimnis erst gekommen lange nachdem er es als
einen Segen erkannt die Schutzherrschaft seines Vizepaten wider Wissen und
Willen verscherzt zu haben Die Sache hatte sich aber also zugetragen
    Als Mutter Rosine das ersehnte letzte Stündlein nahen fühlte ließ sie an
einem Tage wo sie ihren Amtmann fernab auf einem großen Viehmarkte wusste den
treuen Seelsorger an ihr Lager entbieten um nachdem sie das heilige Abendmahl
aus seiner Hand empfangen hatte die Bitte an sein Herz zu legen dass er ihren
letzten Willen aufsetze und denselben hinter ihres Amtmanns Rücken gerichtlich
dingfest mache Zwar wolle sie ihrem Amtmann da er nun einmal seinen Kopf
daraufgesetzt nicht zuwider sein und ihr Eingebrachtes ihm ganz allein
verschreiben so wie die selige Frau Exzellenz mit ihrem Gute es an den Herrn
Exzellenz getan Ihre liebe Brigitte sei ja ihres Johann einziges bisschen
Fleisch und Blut was könne ihr durch die Verschreibung entgehen Heiraten wolle
ihr Amtmann nicht wieder weil das schöne Werbensche Anwesen nicht zerkleinert
werden solle und in der Hand ihres lieben Schwiegersohnes würden die paar
Tausend Mütterliches seiner Frau ja doch verdunsten wie Wasser auf einem heißen
Stein Mit dem Eingebrachten sollte ihr Amtmann also seinen Willen haben von
ihrem Ersparten aber habe sie Mutter Rosine diesem und jenem eine kleine
Zuwendung zugedacht um welche die gute Frau Pastorin wisse ihr Amtmann aber
nicht früher wissen solle bis sie Mutter Rosine unter der Erde sei Und dazu
gehöre eine Verschreibung welche sie allein nicht fertigbringe
    Pastor Blümel lehnte nicht nur dieses Ansinnen ab sondern redete ihr auch
das Testamentsvorhaben aus Der Grossteil ihres Vermögens gebühre dem Gesetze
nach der Tochter und gesetzlichen Ordnungen entgegen zu verfügen mache selbst
unter den nächsten Angehörigen fast allemal böses Blut Amtmann Mehlborn sei
reich weit reicher als seine Gattin mutmasse auf etliche Tausend Taler mehr
oder weniger könne es ihm nicht ankommen während sie unter Umständen der
Tochter zu einer Wohltat zu werden vermöchten sie habe einen klugen Kopf und
bis zu ihrer Grossjährigkeit in Jahr und Tag bleibe das Vermögen ja ohnehin in
des Vaters Hand Die Mutter solle der gesetzlichen Ordnung daher ihren Lauf
lassen etwaige besondere Wünsche ihrem Manne anvertrauen und sich auf deren
redliche Erfüllung verlassen
    In der Hauptsache leuchtete dieser Freundesrat der guten Frau ein Sie hatte
zu der Verschreibung sich überhaupt ja bloß um Ruhe zu haben entschlossen nur
gegen die letzte Versicherung schien sie Bedenken zu hegen nickte indessen auch
hierzu schließlich mit dem Kopfe richtete sich im Bett in die Höhe und kramte
tief aus dem Stroh eine tönerne Sparbüchse hervor in deren Spalt sie hastig
noch einen Papierschein den sie unter ihrer Jacke verborgen gehalten hatte
klemmte Die Büchse wollte sie dem Pastor absolut aufnötigen seine liebe Frau
wisse schon was sie zu bedeuten habe
    Und der Mann der lieben Frau wusste es auch Es war ja die Gevatterbüchse
mit welcher die Frau Patin manches Mal vor den Ohren ihrer guten Freundin
geklappert hatte um ihr den wachsenden Inhalt bemerkbar zu machen auch manches
Mal wenn sie vor ihren Augen wiederum einen Taler hineinsteckte den Taler
»einen Heckepfennig für ihre Patenkinder« genannt Denn Mutter Rosine ließ es
sich nun einmal nicht nehmen dass sie obgleich nur für einen der Täuflinge in
das Kirchenbuch geschrieben für beide das Christengelübde ausgesprochen habe
wie sie ihre Patenpflichten denn auch allezeit für beide in der herkömmlichen
Weise betätigt hatte
    Selbstverständlich dass Pastor Blümel die Annahme des heimlichen
Patengeschenkes noch viel entschiedener ablehnte als die Abfassung eines
heimlichen Testamentes Das Hin und Widerreden hatte die Kranke merklich
erschöpft die Tochter welche der alte Freund schon vor einigen Tagen
herbeigerufen langte nur noch rechtzeitig an der Mutter die Augen zuzudrücken
Der Amtmann aber hatte über einem allerdings vorteilhaften Ochsenhandel den
letzten geeigneten Moment für die Verschreibung verpasst er musste das
gesetzliche Kindesteil auszahlen will sagen sich des Schraubstockes begeben
durch welchen er die Scheidung der freiherrlichen Ehe einschliesslich des
Gutsverkaufs erpresst haben würde Von mündlich vorgebrachten letzten
Erdenwünschen und Auslieferung der Patenbüchse war keine Rede Die geheime
Unterredung musste dem Amtmann aber doch zu Ohren gekommen sei denn er hatte
seitdem auf die Freunde in der Pfarre einen argen Zahn
    Frau Hanna empfand und verstand vollkommen dass ihr Konstantin nicht anders
als er gehandelt hatte handeln können Sie war eine ehrenhafte Ehefrau Sie
hatte aber auch ein Mutterherz und darum zwickte sie heimlich ja dann und wann
auch wohl vernehmlich der Unwille über den entschlüpften Heckepfennig Die
Patenbüchse hatte gar zu getröstlich vor ihren Ohren geklappert Nicht um ihres
Röschens willen der Inhalt würde ungeteilt dem Dezem zugute gekommen sein
Erlebte sie es denn nicht Jahr für Jahr wie ohne Kopfzerbrechen sich Töchter
versorgen Aber ein Sohn der das Brot erwerben lernen soll welches Frauen nur
zu backen und zu verzehren brauchen Ihr braver Junge Der reiche Mann hatte die
arme Waise ihres Notpfennigs schnöde beraubt dabei blieb sie und wenn Vater
Blümel dagegen einwendete der Tod sei der Kranken zuvorgekommen ehe die
Wünsche ausgesprochen wurden dann rief seine Hanna aufgebracht
    »Konstantin Konstantin die Menschheit kennst du aber den Menschen kennst
du nicht Warum geht der Amtmann dir aus dem Wege sucht statt wie sonst bei
uns Rat und Tat bei allerlei fremdem Volk Warum schneidet er unserem guten
Jungen ein Gesicht schimpft ihn einen zudringlichen Bengel und gibt ihm einen
Rippenstoss Versündige dich nur einmal an einem Unschuldigen und du wirst ganz
gewiss sein Feind geworden sein  das heißt wenn du ein Mehlborn bist« setzte
sie lachend hinzu und ihr Konstantin konnte in der Stille des Herzens ihr nicht
gänzlich unrecht geben
    Die Tochter war übrigens nicht besser als die einstigen Freunde mit dem
Amtmann daran obgleich ihr kein Unrecht durch ihn widerfahren und obgleich sie
notgedrungen die Scheidung endlich beantragt hatte Sie hatte nachher den Vater
nur für so lange Zeit wiedergesehen als erforderlich war ihm ihre getroffenen
Einrichtungen auseinanderzusetzen und das mütterliche Erbteil in Empfang zu
nehmen Sein Zorn seine Drohungen prallten an ihr ab wie ihre Vernunftsgründe
an ihm er aber erboste sich über sie und sie erboste sich nicht Ärger lag so
wenig wie Nachgiebigkeit in ihrer Natur Sie tat wie sie überzeugt war ihre
Pflicht Sie würde ihn öfter besucht haben aber er lud sie nicht ein er betrat
niemals ihr Haus selbst wenn er in ihrem Wohnorte Geschäfte hatte Sie schrieb
ihm lange Briefe aber es war zweifelhaft ob er sie nur las jedenfalls
beantwortete er sie nicht Nach allem Vorhergegangenen  und dazu gehörte dass
durch einen Zufall der schmähliche Anlass von seines Sohnes Tod dem Vater erst
nach Jahren kund geworden da die Tochter ihn doch von Haus aus gekannt und
schweigend hingenommen  hatte sie es gründlich bei ihm verschüttet weil sie
während der Scheidungsverhandlungen nicht die Abtretung des Gutes von ihrem
Schwiegervater durchgesetzt eine Forderung die bei einiger Nachgiebigkeit
ihrerseits schwerlich auf Widerstand gestoßen wäre
    Aber warum ihre intimste Angelegenheit mit der eigennützigen ihres Vaters
verquicken Was verschlug ihr der Besitz von soundso viel hundert Morgen
alteimischen Landes Sie hatte auf dem elterlichen Hofe sich niemals zu Hause
gefühlt sie dachte an nichts weniger als ihre Kinder zu Landwirten zu
erziehen und kaum hätte etwas ihr unverständlicher sein können als dass der
alte Bauer ihr Vater jetzt mehr denn je nach dem Besitztitel als nach einem
Racheakt an dem verhassten Geschlechte trachtete Sie Brigitte hegte keine
Rachegedanken und keinen Hass gegen eine Familie mit welcher sie ein für allemal
abgeschlossen hatte nachdem sie ihre mütterliche Freiheit gegen jener Ansprüche
durchgesetzt Im Guten wie im Schlimmen dachten Vater und Tochter nur an sich
selbst eine Einigung war daher nicht abzusehen
    Der Pachtkontrakt von Hochwerben lief in diesem Jahre zu Ende und keine der
beiden Parteien hatte bis in den Sommer hinein einen Schritt zu seiner
Erneuerung oder Kündigung getan Der General offenbar nicht weil er die erstere
für unvermeidlich erachtete Er hätte heute ja leichtlich die doppelte
Pachtsumme erzielen können aber das Inventar eignete dem Amtmann und die
Schuldenlast war nicht abzuschütteln Wohl oder übel es musste alles beim alten
bleiben Der Amtmann dahingegen war entschlossen endlich kurzen Prozess zu
machen Zu Michaelis kündigte er die Hypothek Voraussichtlich hatte er dadurch
gewonnen Spiel trotzte aber sein Widerpart kam es zur öffentlichen
Versteigerung nun so erstand es Johann Mehlborn freilich mit schwerem Verlust
denn den Spottpreis der Pachtung und die hohen Prozente konnte die beste eigene
Bewirtschaftung nicht ersetzen Aber er hatte seinen Willen und hatte seine
Rache und Wille und Rache sind schon das Risiko eines Geldopfers wert zumal
wenn das Opfer ein so unwahrscheinliches ist wie in gegenwärtigem Falle
    Seitdem er diesen Entschluss gefasst hatte betrachtete Johann Mehlborn das
Werbensche Hauptgut als sein unbedingtes Eigentum war aber seltsamerweise der
Aufenthalt daselbst ihm verleidet Er wandelte vorläufig nur in Gedanken die
Säle des Schlosses zu Kornböden das Pächterhaus samt guter Stube zu
Gesindekammern um und übersiedelte in Wirklichkeit schon vor der Ernte mit
seiner Wirtschaft auf das Talgut Das dortige Wohnhaus hieß nicht ein Schloss
kein Edelmann hatte jemals in ihm gefaulenzt und geprasst unter der dortigen
Kirche ruhten keine ritterlichen Gebeine nur die seiner Rosine und ihres
Hannes an welchen letzteren er Tag und Nacht mit wurmendem Grimme zurückdachte
nicht mehr als an einen seiner Standesehre sich opfernden Kavalier sondern als
an einen von einem Junker gemordeten redlichen Bauernsohn Ja um den Preis des
eigenen Lebens hätte er den zurückgesetzten Erben wieder lebendig machen mögen
seitdem die vorgezogene Erbin sich in schnödem Hochmut von dem Vater abgewendet
hatte Und wahrlich ein hoher Preis wäre es nicht gewesen den er für die
Erweckung des guten Jungen gezahlt haben würde Johann Mehlborn hatte keine
Freude am Leben mehr als höchstens die anderer Lebensfreude zu verkümmern und
vergällen Sobald er nur erst Herr beider Werben hieß würde er sich willig in
die Gruft zu seiner Rosine und ihren Hannes haben tragen lassen
Es war in der Morgenfrühe nach einem gestrigen Unwetter dem der erwähnte
Regenbogen folgte nicht der erste welcher vor Dezems Augen aber der erste
welcher vor seiner Seele sich als neues Himmelswunder aufbaute
    »Was ist das« hatte er staunend gefragt als er nachdem gegen Abend die
Sonne sich durch das chaotische Gewölk gerungen eine bunte Brücke über den
Fluss hinweg sich vom Zornberge bis zum Hünengrabe spannen sah
    Der Vater welcher bis die herrliche Erscheinung sich verzogen schweigend
mit gefaltenen Händen am Fenster gestanden hatte schlug die Heilige Schrift auf
und las das Kapitel von der Sündflut und dem Friedensbunde Gottes mit der
geretteten Menschheit
    »Und wenn es kommt dass ich Wolken über die Erde führe soll man meinen
Bogen sehen über den Wolken« Das war die Antwort auf des Dezem Frage
    Und gewiss eine herzbewegliche Antwort Der närrische Dezem hätte nun aber
gern auch noch gewusst wie der liebe Vater im Himmel es anfange seinen
Friedensbogen zwischen den schwarzen Wolken in aller Geschwindigkeit so schön
bunt anzumalen und in ebensolcher Geschwindigkeit ohne Farbenspur wieder
auszulöschen Und auf diese Fragen blieb Vater Blümel die Antwort schuldig Als
er aber nach dem Abendsegen sich an das Klavier setzte  Vater Blümel war bis an
sein Lebensende ein eifriger Musikant  und des alten Gellert Lied von der Ehre
Gottes in der Natur zum Vortrag brachte da geschah es zum ersten Male dass der
arme Dezem an aller Menschenweisheit irre ward Denn nun sah er die Sonne die
nach der Mutter Sagen sich nicht rühren sollte in des Vaters Sang aus ihrem
Zelte geführt werden und ihren Weg laufen gleich als ein Held Dass dem
Hirtenjungen von Werben für eine Sonne solch ein Heldenlauf weit schicklicher
als das Stillestehen dünkte wird jedes Kind begreiflich finden
    Er hatte wiederum eine ruhelose Nacht und da der andere Tag ein Sonntag
also keine Schule war der Himmel aber so rein als hätte niemals ein schwarzes
Wolkenheer auf ihm gelagert rannte er den letzten Bissen des Morgenbrotes noch
im Munde hinaus auf das Hünengrab
    Das Hünengrab hart an der Pfarrgartenmauer wurde ein Erdaufwurf genannt
wie die Gegend unter gleichem Titel verschiedentliche aufzuweisen hat Ob
wirklich Heldengebeine darunter eingescharrt waren hatte bis dato niemand
untersucht Unmöglich wäre es just nicht da diese Landschaft seit grauer
Vorzeit der Tummelplatz wilder Entscheidungen gewesen ist Pastor Blümel achtete
indessen dafür dass lediglich alte Steinbruchreste auf diesen Punkten
zusammengehäuft worden seien Weil das Hünengrab aber in die nördliche Ebene
hinein eine noch weitere Aussicht als selbst das Pfarrhaus bot hatte der Pastor
seinen schmalen Gipfel geebnet ein paar Ebereschenbäume darauf gepflanzt und
eine Ruhebank unter ihnen angebracht auf welcher jeder der fremd des Weges
kam gern eine Umschau hielt
    Auf diesem Hügel der ihm gestern wie ein Pfeiler der wundersamen
Wolkenbrücke vorgekommen war dachte der arme Dezem nun allen Ernstes irgendein
geheimnisvolles Überbleibsel aus Gottvaters Bauoder Malkasten aufzufinden da
jedoch ringsumher nichts zu entdecken war als allbekanntes Himmelblau und
Erdengrün setzte er sich auf die Bank mit dem löblichen Entschluss auf seiner
Schiefertafel die er zu diesem Zwecke mitgebracht Kantor Beifussens Exempel für
die nächste Rechenstunde zu lösen Wie manchem bedeutenden Helden im
Widerstreit von Stimmung und Pflicht geschah es nun aber auch dem bescheidenen
dieser Geschichte dass der Stimmung der Obsieg blieb Für die Exempel war immer
noch Zeit Zuvörderst galt es auf der leeren Tafelseite das Phänomen das ihm so
gewaltig im Kopfe rumorte sich durch eine Illustration zu vergegenwärtigen und
zu verdeutlichen Das aber machte er so
    Quer über die Tafel zog er einen doppelten Strich auf denselben schrieb er
»Fluss« zwischen krausen Schnörkeln über dem Fluße stand zu lesen »Wolken«
Hart am Fluss in dessen Mitte trug ein Haus die Inschrift »Pfarre« und in einem
ihrer Fenster ein dicker Punkt das Wörtchen »Ich« Am äußersten Tafelende war
der städtische Kirchturm nicht zu verkennen ob aber das Gesicht welches mit
einer Strahlenglorie umstrichelt Gottvater oder Mutter Sonne zu benennen sei
darüber grübelte der Künstler eine Weile und entschied sich endlich die Frage
offen zu lassen wie er demgemäss auch auf die Brücke welche am
entgegengesetzten Ende hoch oben den Fluss überspannte mit lateinischen Lettern
malte »Regenbogen oder Friedensbogen« Trotz dieses EntwederOders so viel
hatte er über seiner Arbeit doch glücklich ausgeklügelt dass das zweideutige
Strahlenantlitz über dem Turm das Farbengebilde hervorgezaubert haben müsse und
dass dieses mit der Glorie jener Strahlen erloschen sei Und das war für den
Anfang genug
    »Was ist das« fragte er selber strahlend vor Freude indem er seinem
Röschen das im rosa kattunenen Sonntagskleide einhergetänzelt kam sein stolzes
Kunstwerk vor die Augen hielt
    »Dummes Zeug« antwortete Röschen lachend und beachtete das Nachbild so
wenig wie sie gestern das Vorbild beachtet hatte
    Sie trug im Schürzchen einen Haufen Blumen die ihr Papa zu einem Kranze
geschnitten hatte denn Kränzebinden war Röschens Lust weit mehr als selber
»Puppens spielen« geschweige denn Stricken oder am Kinderrädchen spinnen Kein
Tag solange es Blüten gab verging dass sie nicht ein Prachstück der
Gärtnerkunst geliefert und eines der alten Großvateroder Grossmutterbilder in
der Wohnstube damit geschmückt hätte Im Winter aber half sie sich mit
Efeublättern welche ihr Mus auf der Gartenmauer pflücken musste und mit Blumen
welche die geschickten Fingerchen aus farbigen Papierstreifen zusammenkniffen
Wo das Röschen waltete ging es bunt und lustig zu am lustigsten aber in ihres
Dezem Herzen Er war aus einem Hüter des Schwesterchens Handlanger geworden
allezeit willig in Arbeit und Spiel Mutter Hanna sagte manchmal ärgerlich »Der
Junge wird dem Prinzesschen noch einmal die Strümpfe stopfen müssen« Dazu kam es
indessen nicht Mutter Hanna stopfte Prinzesschens Strümpfe lieber selbst
    Auch heute ließ der Dezem auf Röschens Geheiß seine Schilderei im Stich um
sich neben sie auf einen Stein am Fuße des Hügels zu hocken Er pflückte ihr
Zweige vom Zaun reichte ihr die Blumen zu und erwies sich wieder einmal als der
klägliche Stümper welcher er in der Botanik geblieben war trotz der täglichen
Übungen auf dem Gartenbeet und beim Kränzebinden »Mus eine Nelke« Und er
reichte ein Löwenmaul »Dummer Mus eine lila Levkoie neben den blauen
Rittersporn das schändet sich ja Mus fix hole dort die Gänseblümchen Und
drüben am Rain die Kornblume Fix Mus fix«
    Und Mus ließ sich schelten und rannte und pflückte und tat alles was das
Strudelköpfchen ihm hieß mit so viel Vergnügen dass er sämtliche
Himmelsprobleme darüber vergaß
    Der Kranz war eben fertig geworden als die Glocken zum ersten Male
läuteten In einer Stunde hieß es zur Kirche gehen Die Kinder hatten in ihrem
Eifer und über dem Geläut nicht bemerkt dass auf dem Feldwege der von der
Landstraße zum Dorfe führte eine herrschaftliche Equipage sich genähert hatte
dass seine Insassen ausgestiegen und von der entgegengesetzten Seite auf das
Hünengrab gestiegen waren während der leere Wagen weiter nach dem Dorfe fuhr
»Gefällt es dir hier Lydia« hörten Mus und Ma jetzt eine kräftige Männerstimme
fragen
    Sie fuhren auf und schauten in die Höhe Da oben stand ein mächtig großer
Herr mit schneeweissem kurzem Lockenhaar und einem schneeweißen Schnurrbart
dessen Spitzen fast die Ohrläppchen berührten Ein weißes achtzackiges Kreuz
war auf den blauen Zivilüberrock geheftet den hohen runden Hut hatte er
abgenommen denn erhitzt wie er von dem Aufstieg schien trocknete er sich mit
seinem Taschentuche die Stirn die glatt und rosig wie die eines Kindes glänzte
    Und neben dem alten Herrn stand ein Mädchen  nein wohl schon ein Fräulein
 in der Größe zwischen Röschen und Dezem aber von so ruhig ernsthafter
Haltung dass es wohl ein paar Jahr mehr zählen mochte als die beiden Unter dem
breitrandigen Strohhut hing das mattblonde Haar in zwei dicke Zöpfe geflochten
bis zu den Knien hinab nicht nach Kinderart und auch nicht nach der Mode der
Zeit reichte dahingegen das weiße Kleid weit über die Knöchel Als sie den
langen weißen Schleier zurückschlug blickte Dezimus in ein Gesicht so schneeig
wie er noch kein Menschenantlitz gesehen hatte Die lichte Gestalt auf der Höhe
wo er im Geiste noch immer den Friedensbogen eingesenkt sah kam ihm schier vor
wie ein Engelsbild
    Sie hatte bei der Frage des alten Herrn still den Kopf geneigt und richtete
nun die großen Augen dunkel wie Hyazintenblüten aufmerksam das Tal entlang
während ihr Begleiter aus ihrer Hand einen Gegenstand nahm fast so lang wie ein
Spazierstock aber bei weitem dicker Dezem dachte an die Posaunen auf welchen
in des Vaters großer Erbbibel die himmlischen Heerscharen Halleluja blasen
Röschen dachte an die Blaserohre mit welchen die Dorfjungen nach den Spatzen
schossen da der alte Herr aber die Posaune oder das Blaserohr statt an den Mund
vor das rechte Auge führte und also bewaffnet gleichfalls die Gegend nach allen
Seiten musterte da Dezimus überdies am Ende des Instruments eine Glasscheibe
blinken sah war er schlau genug auf eine Art von Riesenbrille zu schließen
mit deren Hilfe irgend etwas Außerordentliches zu erspähen sei Vermochte sein
Pastorvater doch die feine Schrift welche mit bloßen Augen er selber bei Tage
nicht unterschied durch seine Brille die halbe Nacht hindurch ohne Anstrengung
zu lesen und gehörte seines Pastorvaters Brille doch auch zu den Weltwundern
über welche der Hirtensohn sich stille Gedanken machte Er hatte mehrmals
durchzuschauen versucht aber nichts als grauen Nebel wahrgenommen Nun brannte
er vor Begierde es mit dem großen Rohr zu versuchen
    »Du Mus« flüsterte Röschen ihm in das Ohr indem sie ihn an den Haaren
zupfte »du Mus der Herr da oben das ist unser General«
    Und alsobald hüpfte sie flink wie ein Eichkätzchen den Hügel hinan machte
höflich wie alle Pastorkinder von Papa und Mama erzogen wurden vor dem alten
Herrn einen tiefen Knix reichte ihm den Kranz und sagte dreist »Da Herr
General«
    Der Herr nahm das Rohr vom Auge und legte es hinter sich auf die Bank
»Woher kennst du denn den General kleine Maus« fragte er mit einem
freundlichen Blick auf das hübsche muntere Kind
    »Am Bart und am Stern Herr General«
    So gut verstand das kleine Pfarrröschen sich auf die Menschen schon zu
Anfang ihres zweiten Stufenjahres Wo hätte ihr großer Wiegenbruder wohl so viel
Witz und so viel Mut hergenommen Er drückte sich verstohlen um den Hügel herum
und erreichte die Höhe von der entgegengesetzten Seite den Herrschaften im
Rücken
    Der alte Herr lachte belustigt hob die Kleine unter den Armen in die Höhe
und küsste sie herzhaft ab was sie sich ohne Sträuben gefallen ließ trotz des
gewaltigen Barts »Sag mal Kind ist das Haus dort zwischen den Bäumen das
Gut« fragte er darauf
    »Nein unsere Pfarre Herr General« antwortete Röschen
    »So bist du wohl gar ein Pfarrtöchterchen Kleine«
    »Freilich das siebente Herr General«
    »Das siebente Potz tausend Ist dein Papa zu Haus«
    »Alleweile noch ja Herr General Wenns aber zum drittenmal läutet muss er
in die Kirche und ich auch«
    »So wollen wir während des Gottesdienstes einen Spaziergang machen Lydia
und erst danach unseren Pfarrbesuch abstatten« sagte der Herr zu seiner
Begleiterin die still beiseitestand Als er sich nach dem Pfarrtöchterchen
umsah flog es wie ein Schmetterling den Abhang hinunter und der Gartenpforte
zu
    Sonntags wurde der Betstunde um ein Uhr halber bald nach der Frühkirche zu
Mittag gegessen der angekündigte Besuch fiel daher just in die Tischzeit Papa
würde die vornehmen Gäste natürlich zur Tafel laden ein vorbereitender Wink
Mama natürlich von Wichtigkeit sein so hatte Schwester Röschen die noch nicht
einmal das kleine Einmaleins konnte während jener Rede blitzschnell kalkuliert
Wie wäre Bruder Rechenmeister auf solchen Schluss verfallen
    Der alte Herr wendete sich rückwärts um seinen Dollond wieder aufzunehmen
und da lachte er denn noch belustigter als vorhin indem er hinter der Bank
einen Bauernjungen auf den Knien liegen und ohne es anzurühren durch das
Fernrohr gucken sah aber wie es eben lag von der verkehrten Seite
    Der arme Dezem fuhr in die Höhe und schlug die Augen nieder wie ein
ertappter Dieb
    »Bist du auch ein Pfarrkind« fragte der Herr
    Dezem schüttelte
    »Aber doch aus dem Dorf«
    Dezem nickte
    »Du möchtest wohl gern durch mein Glas gucken gelt«
    »Ja ja« stotterte Dezem mit freudiger Hast
    »Nun so guck Wohin soll ich es richten«
    »In die Sonne gnädiger Herr«
    »In die Sonne Ei was willst du denn in der auskundschaften Junge«
    »Ob sie läuft« antwortete Dezimus jetzt ganz dreist
    »Nun probiers kleiner Kopernikus« sagte lachend der alte Herr
    Er richtete das Glas nach der Sonne und Dezimus starrte hinein bis ihm die
Augen übergingen aber entdecken von dem was da oben getrieben wurde konnte er
nichts außer einer Lerche die mit bloßen Augen sich wie ein Schmetterling
ausgenommen hatte und durch das Glas in ihrer natürlichen Größe erschien Ein
Wunder blieb freilich auch das und nachdenklich legte er den Tubus in die Hand
des weißen Fräuleins das ihn sorgfältig zusammenschob
    Die Zeit musste hingebracht werden Der alte Herr setzte sich auf die Bank
und nahm die Tafel welche Dezimus darauf niedergelegt hatte zur Hand Für das
illustrierte Phänomen auf der Rückseite schien der würdigende Sinn ihm zu
gebrechen die Exempel dahingegen mochten ihn an alte Bakelzeiten erinnern er
betrachtete sie und versuchte sogar eines von ihnen auszurechnen
    »Wahrhaftig Lydia ich kann nicht mehr multiplizieren« sagte er nach einer
Weile indem er lachend den Kopf schüttelte »Ist leider von jeher meine
schwache Seite gewesen« setzte er mit einem Seufzer hinzu »Sind es deine
Aufgaben mein Junge«
    Dezimus nickte wieder stumm
    »Rechne mal hier das was ich Alter nicht herausbringe«
    Der Quatermillionenheld wurde rasch damit fertig machte darauf die Probe
der Division und als dieselbe ohne Fehl zutraf schmunzelte der alte Herr
»Sieh sieh«
    Er musterte den Jungen vom Kopf zur Zeh so wie er einen Rekruten gemustert
haben würde Der Dezem war ein strammer Bursche und  ohne Heldenschmeichelei
 wenigstens ein ehrliches Gesicht ihm nicht abzusprechen Der schneeweiße
Hemdskragen die blanken Stiefeln  vom Helden eigenhändig gewichst  machten
auch einen guten Effekt Der alte Herr schüttelte wohlgefällig das schöne
weissgelockte Haupt »Wie heißt du mein Junge« fragte er
    »Dezimus Frei gnädiger Herr«
    »Dezimus ein kurioser Name nicht wahr Lydia«
    »Weil ich der zehnte Sohn bin gnädiger Herr«
    »Der zehnte Sohn Potztausend das nenn ich Segen Aber halt halt wie ist
mir denn Am Ende gar der arme Schäferjunge für welchen der Werbener Pfarrer
den König zu Gevatter bat als ich das letztemal mit ihm in Teplitz war Wie
lange ist es doch her Weiß Gott schon acht Jahr Auch dein Vater Lydia hat
mir dazumal  wie einem derlei alte Geschichten doch plötzlich wieder
auftauchen  über die tolle Dezemswirtschaft unter meinem Patronat gründlich
die Leviten gelesen Ich habe herzlich über die Geschichte gelacht Bist du der
Königspate Junge«
    Dezimus sagte »Ja« Zum ersten Male war er stolz auch auf die zeitliche
Ehre die ihm in der heiligen Taufe angetan worden war Ja so stolz dass er auf
das weiße Fräulein das ihm bisher unnahbar feierlich gegenübergestanden hatte
nahezu verwegen seine Augen richtete
    »Prächtig prächtig« rief der alte Herr indem er sich vergnügt die Hände
rieb »Wie das unsere alte Majestät amüsieren wird und welchen stattlichen
Gardisten kann ich ihm in Aussicht stellen Flügelmann im ersten Garderegiment
Feldwebel schließlich Zahlmeister mit Leutnantskompetenz  was sagst du zu der
Karrière Königspate«
    Der Königspate sagte nichts dazu er ahnte nicht im entferntesten was
diese Würden zu bedeuten haben Da aber ein so hoher Gönner sie in Vorschlag
brachte musste der Ersatz für den Verwalter ein unermesslicher sein und das
freute ihn in die Seele seiner Pastormutter die diesen missglückten Posten noch
immer nicht verwinden konnte Aufgetaut wie er einmal war schwoll ihm das Herz
von stolzem Glück Noch nie hatte ein Mensch ihn gefragt Wie ist dirs ergangen
Wie hast dus getrieben in deinen langen acht Lebensjahren Noch nie hatte er
einem Menschen die Wohltäter rühmen können die ihm der Inbegriff alles Würdigen
waren der alte Herr lächelte über die treuherzige Weitschweifigkeit des kleinen
Schwätzers und selber das stille weiße Fräulein belebte sich bei der Vorführung
von Pastorvater und Pastormutter von den sechs großen Schwestern und der
kleinen siebenten die eigentlich sein Zwilling sei Auch Kantor Beifussens und
der litauischen Lene wurde gebührentlich Erwähnung getan und nur erst als der
alte Herr ihn mit der Frage unterbrach ob er den alten Mehlborn kenne da
stockte der Redefluss einen Augenblick dann jedoch wurde wahrheitsgemäss
erwidert der Dezem kenne den Herrn Amtmann freilich ganz genau da selbiger ja
auch sein Herr Pate sei und es früherhin so gut mit ihm gemeint habe dass er ihn
sogar zu seinem Inspektor machen wollen Seit dem Tode der Frau Amtmännin könne
der Herr Amtmann den Dezem aber nicht mehr leiden und seitdem der Herr Amtmann
hinunter auf das Talgut gezogen sei  «
    Der alte Herr fuhr von der Bank in die Höhe »Wie was« brauste er auf
»der Mehlborn wohnt nicht mehr im Schloss Aber zum Henker das verdirbt mir ja
das halbe Gaudium Wann ist er denn   « Er hatte nicht Zeit die Frage zu
vollenden denn »Dort kommt der Herr Prediger lieber Onkel« rief das weiße
Fräulein und wirklich bog Pastor Blümel bereits im Ornat hastigen Schrittes
um die Gartenhecke Röschen flatterte wieder vor ihm her wie ein Schmetterling
    Der fremde Herr ging ihm mit ausgestreckten beiden Händen entgegen
    »Ihr liebes Töchterchen hat unser Inkognito zu Ihnen ungelegener Stunde
aufgehoben Herr Pfarrer« sagte er »Richtig gespürt hat indessen das kleine
Ding Ich bin in der Tat der General von Hartenstein und diese hier ist meine
Nichte die Tochter des Propstes den Sie ja kennen«
    Pastor Blümel freute sich  und wie von Herzen  des ersehnten
Bekanntwerdens bedauerte durch sein Amt für ein paar Stunden in Anspruch
genommen zu sein rechnete aber wie sein Liebling wiederum richtig
vorausgespürt auf das Glück Onkel und Nichte als Mittagsgäste in seinem Hause
zu begrüßen
    Der General nahm ohne Umstände an »Es ist ein leidiger Anlass« sagte er
darauf »der mich zum ersten und voraussichtlich zum letzten Male in meine
Besitzung führt Davon indessen später Leider höre ich dass mein Pächter seine
Residenz verlegt hat Besucht er Ihre Kirche regelmäßig«
    »Nur noch die seines eigenen Gutes das mein Filial ist Exzellenz«
    »Bon« versetzte heiter die Exzellenz »So möchte ich heute seinen
Kirchenplatz einnehmen Denn vor der Eröffnung die ich ihm zu machen habe und
auf die ich mich bei aller Kläglichkeit des Anlasses freue wie ein Schneekönig
item vor dieser Eröffnung an seiner Seite Ihren Segen Herr Pfarrer zu
empfangen würde mich einigermaßen gotteslästerlich angemutet haben«
    Die beiden Herren schlugen den Kirchpfad längs der Gartenmauer ein Röschen
flatterte wieder voran Mama den zusagenden Bescheid zu hinterbringen Dezimus
ging mit dem weißen Fräulein hinterdrein Beide schwiegen eine Weile still Der
Bauernjunge im blauen Leinenkittel wusste nichts womit er das vornehme weiße
Fräulein privatim hätte unterhalten können und das vornehme weiße Fräulein
mochte von dem Bauernjungen bereits zur Gnüge unterhalten worden sein Endlich
fragte sie aber doch
    »Du hast wohl noch niemals durch ein Fernglas gesehen«
    
    Er antwortete »Nein« weil er jedoch allemal beherzt wurde wenn auf seine
Wunder die Rede kam setzte er hinzu »Ich möchte aber alle Tage durch solche
Gläser sehen können«
    »Hast du schwache Augen«
    »Nein Falkenaugen sagt die Mutter«
    »Wozu brauchst du dann ein Glas«
    »Weil ich in den Himmel blicken möchte«
    »An den Himmel meinst du wohl Dezimus In den Himmel blicken wir hienieden
nicht Wenn du größer wirst musst du einmal auf eine Sternwarte gehen«
    Dezimus fragte was eine Sternwarte sei und das weiße Fräulein belehrte
ihn soweit als ein zehnjähriges frühreifes Kind über ein derartiges Institut
dessen forschende Insassen und deren Werkzeuge zu belehren vermag Sie erzählte
auch dass sie mit ihrem älteren Bruder von dessen Hofmeister auf das
Observatorium ihrer Vaterstadt geführt worden sei und dass sie durch ein
mächtiges Fernrohr die Berge auf dem Monde deutlich gesehen habe und eine Menge
Sterne die sie mit bloßen Augen gar nicht wahrgenommen deutlich wie die
leuchtendsten am Himmel
    »Ist Ihre Vaterstadt weit« fragte Dezimus mit fliegendem Atem Ihm
schwindelte das Hirn
    »Sehr weit« antwortete das weiße Fräulein »Ich glaube aber eine
Sternwarte gehört zu jeder Universität und ihr habt ja mehrere
Universitätsstädte in der Nähe Gestern haben wir in einer übernachtet und
heute wollen wir in einer anderen übernachten Da kannst du ja leicht einmal
hinkommen Dezimus«
    Wieviele Menschen sind sich wohl bewusst in welchem Momente die Sterne
welche ihr Leben regieren sollten zum ersten Male an ihrem Horizont gedämmert
haben Dem Hirtensohne von Werben dämmerte der seine in den Minuten wo das
schöne weiße Fräulein ihm verkündete dass die großen und kleinen Lichter am
Himmel Welten seien wie unsere Erde eine ist und dass es kluge Männer gäbe die
ihre Bahnen zu berechnen wissen
Unter der Kirchtür trafen sie mit den beiden Herren und Röschen zusammen die
älteren Schwestern waren schon vorausgegangen Frau Hanna gestattete sich an
diesem Ausnahmsfeste Herrendienst vor Gottesdienst gehen zu lassen Da der
Prediger seinen Eingang durch die Sakristei zu nehmen hatte wurde Dezimus mit
der Ehre betraut die Herrschaft in den Patronatsstuhl zu geleiten Lydia
erklärte indessen dass sie des Oheims Rückkunft auf dem Gottesacker erwarten
werde
    »Du kleine Betschwester willst die Sabbatfeier schwänzen« fragte Herr von
Hartenstein lachend
    »Der Vater würde es nicht erlauben« versetzte Lydia sehr leise aber
bestimmt
    Der General stampfte mit dem Fuße »Narretei und kein Ende« rief er
unwillig »Allons voran«
    Pastor Blümel aber sprach nach einem langen Blick in das bleiche ernste
Kindergesicht »Ihre Nichte handelt recht Exzellenz« Und seit diesem ersten
Blick hat er nicht minder wie sein Dezem Lydia von Hartenstein wie eine
Idealgestalt in seiner Seele gehegt
    So blieb das weiße Fräulein denn zurück und das Pfarrröschen wurde ihr zur
Gesellschaft vom Kirchenbesuche dispensiert Sie klatschte vor Vergnügen in die
Hände während die andere sich still auf einen alten Pastorgrabstein neben der
Kirchtür niederließ
    Dezimus dagegen schritt als Majordomus dem Gutsherrn voran zu dem Erbstuhl
der Werben und nahm auf des Herrn Befehl auch an seiner Seite Platz welche
Auszeichnung halb eingeschlummerte böse Erinnerungen an das Hutmannshaus in der
frommen Zuhörerschaft aufstörte Denn so klug wie sein Röschen war Pastor
Blümels Gemeinde auch männiglich erkannte den General an Bart und Stern »Die
Exzellenz« raunte man sich von Ohr zu Ohr Solch denkwürdigen Gottesdienst
hatte man in beiden Werben nicht erlebt seit Anno 17 die Lutereiche gepflanzt
worden war Nicht das älteste Mütterchen nickte ein alle Augen hingen an dem
stattlichen Herrn dessen mächtiger Bass Orgel und Chor übertönte Dezimus hielt
ihm gewissenhaft das Gesangbuch unter das Gesicht weil der alte Herr aber
vorzog ohne Brille sich in der Kirche umzusehen statt mit der Brille in das
Buch sang er aus dem Kopfe und wollte der Kirchenvogt als er den
Klingelbeutel herumtrug erhorcht haben dass der Herr der Melodie des
Morgenliedes »Mein erst Gefühl sei Preis und Dank« den Text des Reiterliedes
»Frisch auf Kameraden aufs Pferd aufs Pferd« untergeschoben habe Der
Kirchenvogt meinte indessen einer Exzellenz die statt eines Pfennigs einen
Taler in den Klingelbeutel stecke einer solchen Exzellenz werde ein Text nach
ihrem Gusto wohl zu gestatten sein
    Nun aber die Predigt Sie klang vom ersten Gruß bis zum letzten Amen wie
eine Ruhmeshymne nicht nur in den Ohren der friedfertigen Gemeinde sondern auch
in denen des tapferen Waffenbruders zu dessen Ehren der sorgfältig
ausgearbeitete Perikopentext für den nächsten Jahrgang beiseitegelegt und dem
heroischen Priestergeschlecht der Makkabäer ein heroisches königlich preussisches
Soldatengeschlecht an die Seite gestellt worden war Niemals hatte Konstantin
Blümel schwungvoller extemporiert niemals waren ihm seine großen Erinnerungen
so freudig aus der Seele geströmt Er schilderte den Lebenslauf eines
vaterländischen Helden vom ersten Erwachen noch unter des einzigen Friedrich
wehender Siegesfahne durch Drangsal und Erlösung bis zu den abschliessenden drei
Salven über dem frisch gefüllten Hügel Dem närrischen Dezem fiel über der Rede
das gestrige Abendlied ein und Mutter Sonne wurde ihm zu einem hohen General
»Er kommt und leuchtet und strahlt uns von ferne und läuft den Weg gleich als
ein Held«
    In der Gemeinde hatte die Predigt einen gewaltigen Eindruck gemacht und der
»neue« Pastor samt seinem Preussentum binnen achtzehn Jahren den ersten festen
Schritt in die Gemüter getan Seit heute wusste man was man an dem Manne und an
dem Vaterlande welches das unsere geworden war besaß »Sprit haben sie diese
Preußen« sagte am Abend in der Schenke der Schulze Tränhard zu dem Hoferben
des alten Walbe »Und Kurage haben sie auch das muss man ihnen lassen Aber
aber wenns mit den drei Salven nur nicht vorgespukt hat Nachbar«
    Auch der gefeierte Held sagte auf dem Heimwege zu dem Prediger »Wolle der
Himmel Freund dass die Grabrede die ich einmal nicht hören werde so rühmlich
lautet wie die mit welcher Sie mich heute a priori erbaut haben« Und der alte
Herr lachte bei den Worten doch mit einer Träne in der Wimper Pastor Blümel
aber hätte die drei Salven lieber ungelöst gelassen
    Weit unbefriedigender war der Erfolg welchen das Pfarrröschen mit seiner
Gespielin erzielte Sie hatte das kindesmögliche vorgeschlagen das närrische
Mädchen von dem alten Pastorstein fortzulocken Blumen pflücken Kränze winden
im Garten Beeren suchen zu Mama in das Haus gehen Kochens spielen und wer weiß
was noch Das närrische Mädchen hatte zu einem wie dem anderen schweigend den
Kopf geschüttelt während des Gesanges und der Liturgie unbeweglich mit
gefaltenen Händen gesessen und als sie drinnen die Predigt beginnen hörte aus
einem Täschchen das ihr am Gürtel hing ein kleines Neues Testament
hervorgezogen in welchem sie die Kapitel des Evangeliums und der Epistel des
Tages andächtig las Röschen war währenddessen in das Haus gelaufen und rasch
zurückgekehrt in einem Arme ihre Wickelpuppe in der anderen ihre Tirolerin
die sie mit Stolz präsentierte Da das närrische Mädchen aber nur abwehrend mit
der Hand winkte hatte Röschen ein Mäulchen gezogen dann aber hellauf gelacht
und ohne sich weiter um ihren Gast zu kümmern begonnen sich auf eigene Hand
zu unterhalten Sie pflückte zwischen den Gräbern Wegebreitblätter und kleine
Blüten heftete sie mit Dornen zu zierlichen Puppenhütchen zusammen und legte
sie auf einem Leichenstein wie in einem Putzladen aus dem die Tirolerin als
Ladenmamsell präsidierte Röschen hätte bei ihrem Geschäft gern ein Liedchen
gesungen mit den Lerchen hoch oben im blauen Himmel um die Wette aber das
schickte sich dicht an der Kirchtür während Papa predigte am Ende doch wohl
nicht Röschen sang ihr Liedchen nur im Herzen
    So saßen die beiden Kinder jedes nach seiner Art beschäftigt auf den alten
Pastorsteinen sich still gegenüber bis die Leute aus der Kirche kamen und nun
auch Dezimus sich zu ihnen gesellte
    »Du hast zu Hause wohl viel schönere Puppen als meine« fragte Röschen
während sie selbander nach der Pfarre gingen
    »Ich habe gar keine Puppen« antwortete Lydia »aber die mit welchen meine
Schwestern spielen sind nicht so schön gekleidet wie diese«
    »Mit was spielst du denn aber wenn du keine Puppen magst«
    »Ich habe sonst mit meinem kleinen Bruder gespielt und jetzt spiele ich mit
meinem Schwesterchen«
    »Wie alt ist denn dein Schwesterchen«
    »Sechs Wochen«
    »Aber mit einem Wickelkinde kann man doch nichtspielen«
    »Doch Besser wie du mit deiner toten Wickelpuppe«
    »Ich spiele mit meiner Wickelpuppe aber auch nur wenn mein Mus nicht da
ist Sonst spiele ich immer mit meinem Mus« Und dabei zupfte sie ihren Mus
neckisch an den Haaren und flüsterte ihm in das Ohr »Du Mus dies fremde
Mädchen ist noch weit närrischer wie du mit deinen Sternen«
    In der Weinlaube vor dem Hause empfing Frau Hanna ihre Gäste Da an diesem
außerordentlichen Tage das Abhalten der Betstunde dem Adlatus Beifuss übertragen
das Diner demnach zu einer späteren Stunde als der in welcher Exzellenzen ihr
Frühstück zu nehmen pflegen angesetzt worden war hatte die kluge Hausfrau für
einen Imbiss gesorgt einen Ohnmachtsbissen wie sie lachend sagte weil
Kirchenluft zu zehren pflege Die Exzellenz lobte ihre Fürsorge und tat ihr Ehre
an alle anderen aber auch sogar das weiße Fräulein von welchem Dezimus es
doch weit natürlicher gefunden haben würde wenn es sich bloß von Mondenschein
und Sonnenstrahlen genährt hätte
    Nach dem Ohnmachtsbissen verfügten die beiden Herren um durchaus ungestört
zu sein sich in das geistliche Gemach auf besonderen Wunsch der Exzellenz
folgte ihnen die Hausfrau nachdem sie ihre wirtlichen Obliegenheiten mit den
exaktesten Vorschriften den beiden erwachsenen Töchtern die noch im Hause
waren übertragen hatte die Kinder tummelten sich im Garten
    Der General von Hartenstein gehörte von Natur nicht zu der Spezies die aus
ihrem Herzen eine Mördergrube macht Heute aber war ihm erst unter dem
Heldenlauf im Gotteshause und dann unter den fröhlichen Menschengesichtern in
der Gartenlaube die Seele absonderlich flott geworden und sprudelte er nun ohne
Bedenken aus was bis zur Stunde schwer auf ihr gelastet hatte
    »Habe ich« so hob er an »jemals eine Kreatur gehasst so ist es diesen
Mehlborn Denn einen Feind den er bewundert wie den Napoleon etwa den hasst
kein Soldat so was mir hassen heißt Er ringt mit ihm Mann wider Mann und gibt
Gott die Ehre hat er ihn abgetan Aber diese bäurische Kanaille  zertreten
möchte ich sie wie ein widriges Reptil«
    Pastor Blümel schreckte mit einer Gebärde des Entsetzens zusammen Sein Gast
reichte ihm über den Tisch hinüber die Hand und sagte mit seinem
Hartensteinschen kordialen Lachen »Beruhigen Sie sich frommer Herr Ich
erfreue mich Gott seis geklagt nicht des nervus rerum mit dessen Hilfe einem
Mehlborn der Garaus gemacht wird nur auf einen  nun wie sage ich doch gleich
 nun auf einen Schabernack ist es abgesehen und dieses Gaudium denke ich mir
heute nachmittag zu bereiten indem ich zu dem Patron sage Unser Kontrakt läuft
mit diesem Jahre ab Die Pachtung ist anderweitig vergeben Mein Justitiarius
wird Ihr Darlehn tilgen samt Zins und Afterzins Salve auf Nimmerwiedersehen
Der Scherz ist mir zur Hälfte vereitelt da ich den Schächer nicht mehr aus dem
Tempel jagen kann Den kleinen Racherest sollen Sie mir aber gönnen Freund
Denn Hand aufs Herz wie würde Ihnen zumute sein wenn Sie ein alter
lendenlahmer Wicht wie ich Ihren Sohn Ihr einziges Kind am Rande eines
Abgrundes taumeln sahen und der Nächststehende der welcher allein ihn retten
konnte zog seine Hand zurück und ließ ihn sinken«
    »Exzellenz  «
    »Still Freund still Ich weiß was Sie mir vorhalten dürfen Die
Stirnlocke hat sich mir weit über die ziemlichen Jahre hinaus gebleicht und ich
ziehe kein Jota von meiner Torheit ab Auch meinen armen Jungen kann und will
ich nicht rein waschen Aber was wollen Sie Er wuchs heran in einer
tatenreichen Zeit und ward zum Mann in diesen faulen Schlendertagen Seitdem wir
Hartensteine von Ahnen wissen rumort in unseren Adern Soldatenblut Nehmen Sie
meinen Bruder an den Propst zu welchen Windmühlenkämpfen die Hartensteinsche
Ader ihn hetzt Sie werden ihn einen Don Quixote nennen  «
    »Gott sei dafür Exzellenz« unterbrach ihn der Pastor mit Wärme »Es ist
als Diener im Amt mein bitterster Schmerz gewesen die Toleranz zur Tyrannei
werden zu sehen und es ist nur natürlich dass die Treue den Trotz gebiert«
    »Nun wie Sie wollen Pastor« entgegnete der General »Um so eher werden
Sie zugestehen dass es ein Kunststück ist wenn solch ein prickelndes junges
Soldatenblut am häuslichen Herdfeuer ausdauert ohne überzuschäumen oder
einzusickern Eine zärtliche Huldin wie meine Schwägerin Ottilie so ein Weib in
Gottes Namen die hätte das Kunststück allenfalls fertiggebracht aber diese
bäurische Marzibille  «
    »Verzeihen Sie Exzellenz« fiel bei dieser Wendung Frau Hanna dem
aufgebrachten Herrn in das Wort »Verzeihen Sie wenn ich Ihr Urteil über die
Mutter Ihrer Enkel zu berichtigen wage Frau Brigitte von Hartenstein ist nicht
nur eine charaktervolle sie ist auch  trotzdem sie meine Schülerin war fragen
sie nur Konstantin  eine gediegen gebildete Frau«
    »Aber wer bestreitet denn das Verehrteste« erwiderte der General
»Gediegen wie eine Barre Mit ein wenig unsoliderem Zusatz legiert würde sie
handlicher geworden sein Sie lächeln werte Frau Ei nun so zu lächeln hätten
Sie Ihre Schülerin lehren sollen Aber solch eine Gangart wie auf hoch
gespanntem Seil Schritt für Schritt die Balancierstange in der Hand und
zwischen den Lippen einen scharf geschliffenen Stahl   still davon Es ist
überstanden Was übersteht einer nicht Mein armer Junge  helf ihm Gott Der
Kaukasus ist eine Schule Zum äußersten ein Tscherkessenblei  Den Vater der
schon in der Rheinkampagne gefochten triffts ist der Himmel gnädig nicht mehr
mit Still davon«
    Der alte Herr machte eine Pause Es ging kein Atemzug durch das geistliche
Gemach
    »Was ich aber niemals überwinden kann und will« so fuhr der General
nachdem er sich gefasst hatte fort »was mich stacheln wird solange meine Augen
offen stehen ist dass ich auf mein Fleisch und Blut den geringfügigsten
Einfluss ja den natürlichsten Anteil an ihm verwirkt haben soll dass ich ohne
es hindern zu können erleben muss wie der alte tapfere lebensfrohe Pulsschlag
meines Geschlechtes entartet dort unter der Geissel eines Schwärmers hier unter
dem Dreschflegel in einer Bauernfaust«
    Pastor Blümel saß still in sich versunken er durchlebte im Geiste die
Peripetien eines Vaterherzens das sich in derlei wunderlichen Sprüngen des
Leides und der Laune offenbarte und überließ auch diesmal seiner Hanna das
beschwichtigende Wort an seiner Statt auszusprechen
    »Wer der selber Kinder hat empfände diesen Stachel Ihnen nicht nach
Exzellenz« sagte sie seufzend setzte darauf aber mit ihrem wirksamen Lächeln
hinzu »Wenn indessen der Verdruss eines Widersachers ein Trost ist so halten
Sie sich an den dass der mütterliche Großvater Ihrer Enkel den nämlichen Pfahl
in seinem Fleische fühlt da die Tochter auch ihm den geringfügigsten Einfluss
auf ihre Kinder verwehrt und dieselben seinem Zürnen zum Trotz in gebildeten
Lebenskreisen erzieht«
    »Wirklich wirklich« rief der alte Herr indem er sich vergnügt die Hände
rieb »Ei nun ähnlich sieht ihr diese kindliche Gemütlichkeit und Sie haben
recht ein Trost bleibt es immer wenn auch nur ein halber Jetzt aber steht es
fest morgen dringe ich bei ihr ein mag sie ein Gesicht schneiden so sauer sie
es fertig bringt Ich will und muss mich überzeugen was sie aus den Kindern
macht ich will und muss meine Enkel wiedersehen  vielleicht zum letzten Male
sehen Und nun zur Hauptsache wie glauben Sie wird Brigitte die Überraschung
aufnehmen dass ich Hochwerben verkauft habe«
    »Verkauft  und nicht an den Amtmann«
    »Würde es dann für Brigitte eine Überraschung sein Nein an meine
Schwägerin«
    »Die Gemahlin des Propstes«
    »Leider nicht an sie Auch diese liebe Seele ist eine Hartenstein geworden
das heißt sie hat ihre Geldtasche nicht fest genug gehalten um einen alten
Familiensitz gegen einen Mehlborn zu behaupten Just ihr indessen wird der
Handel wie jetzt so hoffentlich dereinst zugute kommen Die Käuferin ist ihre
Tante Schwester ihrer Mutter und meiner seligen Frau ein lediges Fräulein in
meinen eigenen blühenden Jahren die Letzte der Werben«
    Hätten in dem bescheidenen Pfarrhause schöngeistige Zeitblätter Eingang
gefunden so würde für dessen Insassen die neue Patronin keine Unbekannte
gewesen sein Denn da erschien wohl selten eine Korrespondenz aus »Elbflorenz«
ohne Tusneldas von Werben als einer Polyhymnia oder mindestens Mäzena zu
gedenken Ihr Geist ihre Originalität ihr Harfenspiel die schönsten
Frauenarme  noch im siebenzigsten Jahr  wurden gerühmt und sogar besungen
aufrichtig besungen denn Ironie zählte nicht stark zu der Ästetik ihrer Zeit
und Zone Das gastliche Werbensche Haus in der Ostraallee als dessen
Spezialität es galt dass neben ausgesuchten künstlerischen Genüssen diejenigen
welche Leib und Seele zusammenhalten nicht verabsäumt wurden war ein Zielpunkt
der einheimischen wie durchziehenden Hautevolee auch der des Geistes und
letztere revanchierte sich für obenerwähnte Genüsse durch obenerwähnte
Huldigungen
    Aber Pastor Blümel und seine Hanna gehörten zu keiner Art von Hautevolee
leider ja nicht einmal zu der des Kirchentums sie waren in der neuen Provinz
niemals über ihre beiden kleinen Nachbarstädte hinausgekommen hatten niemals
ein Exemplar der Abendzeitung oder Eleganten Welt in der Hand gehalten und da
weder die preußische Staatszeitung noch ein teologisches Fachblatt der
Harfenkönigin Tusnelda von Werben jemals Erwähnung getan gutsherrliche
Traditionen aber seit einem Menschenalter in der Gemeinde erloschen waren war
nicht bloß die Bedeutung sondern sogar die Existenz einer noch lebenden
Werbenschen Schwester neben den beiden verblichenen dem Pfarrerpaar eine
absolute Neuigkeit um so lebhafter aber auch das Interesse an dem was der
bisherige Patron mit bravem Reiterhumor von der gegenwärtigen Patronin
berichtete
    Eingängliches war es just nicht und eine Besserung der Patronatszustände
deutete es leider auch nicht an Ein geistreiches Weltkind das in der Jugend
wenngleich reich und schön den Dienst der Musen dem der Laren vorgezogen nach
dem Verlust einer trefflichen Singstimme es im Harfenspiel zu ungewöhnlicher
Virtuosität gebracht und den Mittelpunkt eines großen geselligen Kreises
gebildet hatte darauf beschränkte sich ungefähr was der Schwager von der
Schwägerin wusste oder mitzuteilen beliebte Die Dame war überdies  keineswegs
aus religiösem Drang sondern lediglich weil das Vaterland ihren gesteigerten
ästhetischen Bedürfnissen Gnügendes nicht mehr bot  in alten Tagen noch gen Rom
gepilgert mit der noch kürzlich ausgesprochenen Absicht bei Lebzeiten nicht in
die Heimat zurückzukehren dahingegen dereinst ihre Gebeine statt unter der
Pyramide des Cestius in der Werbenschen Erbgruft eine Ruhestatt finden zu
lassen »Ein Indizium« so meinte der alte Herr »dass auch in der verdrehtesten
aller schöngeistigen und freigeistigen Schrauben eine patriarchalische Erbader
nicht zu verwüsten ist«
    »Meiner Person« so erklärte er weiterhin »war die Harfenistin wie man so
sagt spinnefeind Nicht sowohl aus königlich sächsischem Patriotismus denn die
Musen und ihre Jünger sollen ja Kosmopoliten sein vielmehr aus Verdruss weil
ihr Vater meiner Frau und nicht ihr der ältesten Tochter die Werbenschen
Erbgüter hinterlassen hatte Zugegeben dass sie diese standhafter als meine gute
Sidonie behauptet haben würde Die Harfenistin hat ihre bare Abfindung zwischen
ihren geschmeidigen Fingern nicht nur wacker zusammengehalten sondern noch
klüglich vermehrt auch von anderer Seite ist ihr eine Erbschaft zugefallen sie
gilt für eine sehr reiche Person und hatte das Zeug dazu es zu werden Aber was
wollen Sie Zum Erben von Land und Leuten sucht ein Mann sich einen Mann und
wenn Künstlerinnen auch nicht altern der Vater rechnete nicht nach dem Genie
sondern nach dem Kalender und dachte immer noch besser ein preußischer mit
einem Sohne gesegneter Oberst als eine sächsische alte Jungfer Kurz und gut
Sidonie erhielt die Güter und die Fäden zwischen der Harfenkönigin und der
Soldatenfrau rissen seitdem kurz und klein Ich tat daher schlechtin einen
Schuss ins Blaue  auch weiß Gott nicht mit vergnüglichem Herzen  als ich
ihr vor einiger Zeit den Vorschlag machte das letzte Familiengut den Krallen
dieses Mehlwurm zu entwinden will sagen es mir zu einem zivilen Preise
abzukaufen und seit dem Abschied von meinem armen Jungen hat mir zum ersten
Male wieder ein Tropfen geschmeckt als sie umgehend kurz und bündig meinen
Vorschlag akzeptierte und eine Kaufsumme bewilligte just hinreichend dass kein
Schmuhl und kein Mehlborn sagen sollen sie seien durch die Hartenstein Vater
und Sohn um eines Deutes Wert zu kurz gekommen Für die Enkel mag einer sorgen
dem Sorgen leichter wird als den Hartenstein Eingebüsst haben sie durch den
Handel nichts  der alte Bauer wird das ausgezahlte Kapital nicht zum Fenster
hinauswerfen  leicht aber könnten sie nach anderer Seite einer Erbaussicht
näher gerückt worden sein Mein Sohn und Ottilie sind Tusneldens nächste
Blutsverwandte und wird sie den alten Stammsitz nicht wie vielleicht ihr
bewegliches Vermögen in fremde Hände kommen lassen Blieb also nur die
Rücksicht auf Brigitte  «
    »Die« fiel die Pastorin ein »dafür bürge ich Exzellenz aus der
Entäusserung weder Ihnen einen Vorwurf machen noch auf einen Vorteil für die
Zukunft rechnen wird«
    »Nun um so besser« versetzte gutmütig der alte Herr »Ich will kein
Vatergefühl für diese Tochter heucheln kann ihrerseits mich auch keiner
Tochterzärtlichkeiten rühmen Allein auf Rosen ist sie in meiner Familie nicht
gebettet gewesen und sie zu guter Letzt noch mit einem Dorne ritzen zu müssen
würde mir wahrlich den sonst so erwünschten Handel verleidet haben«
    Der alte Herr machte von neuem eine Pause auch das Pfarrerpaar schwieg Er
wie sie legten nach ihrer Art sich die Veränderungen zurecht die urplötzlich
über eine liebe Heimat gekommen waren
    »Nach dieser Eröffnung« hob Herr von Hartenstein wieder an »bin ich noch
mit einer zweiten im Rest die Sie Freund als Ortspfarrer nicht sonderlich
anmuten Ihr gutes Herz aber denkich mit mir altem Schadenfroheinigermassen
aussöhnen wird da dieses Anliegen weit mehr als der Mehlbornsche Kitzel es war
das mich bewogen hat in den sauren Apfel der Unterhandlung mit meiner
feindlichen Schwägerin zu beißen Es handelt sich um meinen Bruder den Propst
Sie kennen ihn und wissen wie er sich gegen die Auslegung dreier Buchstaben
gebäumt Amt und Brot dafür in die Schanze geschlagen und wie billig den
kürzeren gezogen hat Sie werden vielleicht auch gehört haben in welcher Weise
er es seitdem unter den Getreuen seiner alten Gemeinde getrieben dem Anschein
nach als Privatmann in Wahrheit als geistliches Parteihaupt kurz und bündig
als konservativer Revolutionär Der Name Hartenstein hat ihn bisher geschützt
aber die Allerhöchste Langmut ist erschöpft So oder so er muss zur Ruhe
gebracht werden Sehr möglich dass es dem Starrkopf gar nicht unerwünscht
gewesen wäre hinter Schloss und Riegel mit einer bescheidenen Märtyrerkrone
verehrt zu werden und bei einem Umschlag im Regiment  wie er sich fest
überzeugt hält  mit einer Siegerkrone um so strahlender zu leuchten Zu seinem
Glück oder Unglück ist er seinem Helden Luther aber auch in den heiligen
Ehestand gefolgt und hat die Familiensorge zumal bei seiner Kränklichkeit ihn
mürbe gemacht Was soll ich weiter sagen Er ist ein Hartenstein das heißt ein
unbesonnener Haushalter und ein Stümper in allem was die Welt Geschäfte nennt
Schon als er die reichste Pfründe der Provinz innehielt kam er niemals aus
Seitdem er sie verscherzt hatte seitdem es obendrein galt abgesetzte
Amtsbrüder bedürftige Glaubensgenossen Schüler und Konventikel zu
unterstützen Traktate auf eigene Kosten drucken zu lassen lebte er von der
Schnur Allerwege offenes Haus und offene Hand allerwege wie ein Prälat im
guten Glauben apostolischer Einfachheit dazu unkluge Anlagen und superkluge
Anwälte insolvente Schuldner und insolente Gläubiger wer der ein Hartenstein
ist wüsste nicht ein Lied über diesen Text zu singen Wenn uns die Schuppen von
den Augen fallen ist es regelmäßig zu spät Enfin Not bricht Eisen er geht
ins Exil will sagen nach Werben«
    »Nach Werben« rief das Pfarrerpaar aus einem Mund
    »Nach Werben In das Bereich der alten Heidin Tusnelda die er mit Augen
zwar niemals gesehen mit Worten jedoch um so öfter in den Bann getan hat Sauer
genug mag es ihm ankommen Aber der Blöße musste ein Anstandsmäntelchen
umgehangen werden Er ist trotz allem und allem ein Hartenstein und die Heidin
trotz allem und allem eine Blutsverwandte Wo würde er einen schicklicheren
Ruheplatz gefunden haben Das Schloss wird restauriert nicht wie mir die alte
Kunstseele schreibt weil sie selbst es jemals zu bewohnen gedächte sondern
weil sie sogar in Rom keine Freundin von Ruinen geworden sei am wenigsten von
modernen Da aber bewohnte Räume sich besser als unbewohnte erhalten könne es
ihr nur erwünscht sein wenn dieser postume Kirchenvater sich in den ihren
einen Familientempel errichten wolle Nun ich sollte denken Freund dass man
weniger demütigend keine Notilfe leisten könne«
    »Aber Exzellenz« entgegnete Pastor Blümel »eine Gemeinde eine
Landschaft in welcher der eiferartige Herr weit und breit keinen
Gesinnungsgenossen treffen wird  «
    »Sind eben darum die geeigneten für den eiferartigen Herrn« versetzte der
General »Die Isolierhaft auf einem Familiengute das binnen kurzem
voraussichtlich sein Erbe sein wird  denn die Mehlbornsche Kreuzung in meinem
Nachwuchs wird fürchte ich der Letzten der Werben nicht sonderlich anziehend
sein  in lachender wohlhäbiger Umgegend kann sich ein Märtyrer schon gefallen
lassen Dieser Blick in das Tal   ich hätte hier wohl meine Tage beschließen
mögen Vorbei vorbei Ich sterbe wie ich gelebt als ein Hartenstein als
Soldat«
    Der alte Herr sprang auf und machte einen Gang durch das Zimmer »Uff« rief
er »solch ein Vortrag strapaziert ärger als ein Gefecht Ein Glas Wasser
bitte liebe freundliche Frau«
    »Eine Flasche Wein Hanna« verbesserte ihr Konstantin
    Frau Hanna holte und kredenzte den Labetrunk Der alte Herr küsste ihr
dankbar die Hand und fuhr nachdem er sich zu einer abschliessenden Anstrengung
gestärkt hatte also fort
    »Sie werden die Beweggründe einsehen aus welchen ein kaum Gekannter mit dem
Vertrauen eines alten Freundes diese Intimitäten vor Ihnen enthüllt hat werden
den Mann der Ihr nächster Nachbar wenn auch nimmer Ihr Beichtsohn werden wird
aus seiner Lage heraus beurteilen und wenn seine Familie in ihrer völligen
Fremde Rat und Hilfe von Ihnen erbittet werden Sie raten und helfen In diesem
guten Glauben wende ich mich zunächst an Sie Frau Pfarrerin Ich denke morgen
in X einen Bauverständigen für die Restauration des Schlosses anzuwerben Raum
und Komfort für eine Familie der höheren Stände nicht mehr nicht weniger
fordert meine Mandatarin Da ich selbst indessen zu häuslichen Anordnungen tauge
wie jener Wohlbekannte zum Lautenschlagen habe ich mir als Adjutanten mein
Nichtchen mitgebracht«
    »Das Kind Exzellenz«
    »Ja lächeln Sie immerhin werte Frau die Lydia ist nur den Jahren nach ein
Kind Um ehrlich zu sein ich für meine Person wüsste mit solchem Dämchen
Heiligkeit nicht etwas Rechtes anzufangen So wie Ihre Kleine wünschte ich mir
meine Enkelin Haben Sie sie kürzlich gesehen Frau Pfarrerin«
    Frau Hanna verneinte und Herr von Hartenstein meinte halb missgestimmt und
halb galant er fürchte seine Sidi sei zu sehr ihrer Mutter Kind um mit Frau
Hanna Blümels Sprösslingen Ähnlichkeit zu haben
    »Abgesehen davon« setzte er mit einem Anflug von Bitternis hinzu indem er
die rechte Schulter in bedeutungsvoller Weise in die Höhe zog »Still davon Ich
weiß nicht ob viele Kinder aus der Wiege fallen aber das weiß ich ein Kind
Ottiliens würde nicht aus der Wiege gefallen sein Die arme Kleine Still
still Wir sprachen ja von Lydia Wollen Sie glauben dass das Mädchen bei seinen
zehn Jahren die Seele des Hauses ist Dem lässigen älteren Bruder eine
anspornende Lerngenossin den jüngeren Schwestern eine Art von Gouvernante und
dem Vater schon nahezu eine Freundin«
    »Aber der Mutter Exzellenz« rief Frau Hanna schier beängstet »Ums Himmels
willen was ist sie der Mutter und  verzeihen Sie  aber was ist die Mutter«
    »Die Mutter« antwortete der alte Herr herzlich lachend »ei nun die Mutter
ist eben das Mütterchen in der Kinderstube und die Tochter wird ihr denke ich
eine dienstwillige Pflegerin sein so eine Art barmherzigen Schwesterleins wenn
sie wie zur Stunde wieder einmal eine ihrer Heldentaten  Sie verstehen mich
Frau Pfarrerin  glorreich vollbracht hat Die Ottilie gehört zu der schwerlich
stark vertretenen Spezies Ihres Geschlechts die nur die Augen aufzuschlagen
wagt wenn sie eine Wiege an ihrer Bettseite stehen sieht Jenseit der
Kinderstube hört ihr Anspruch an die Welt wie der an sich selber auf Nun Sie
werden ja bald genug diese absonderlichen Kostgänger an unseres Herrgotts
Speisetische kennen und zutreffender als ich alter Haudegen beurteilen lernen
Was ich zunächst noch auf dem Herzen habe Frau Pfarrerin ist die Bitte meine
Kleine nach dem Schloss zu begleiten und ihr eine zweckmässige häusliche
Einrichtung an die Hand zu geben Lydia weiß und erklärt was die Familie nach
ihrer bisherigen Gewöhnung bedarf Sie sehen zu wie sich diesem Bedürfen in den
vorhandenen Räumen ungefähr gnügen lässt Ich übermittele Ihre Vorschläge an den
Bauverständigen und verweise ihn auf Ihre fernerweitigen Anordnungen Schlagen
Sie ein liebe freundliche Frau«
    Die liebe freundliche Frau schlug in die dargereichte Hand und der alte
Herr atmete auf wie erlöst von schwerer Last Bald danach stellte von ihm
entboten Justizrat Hecht der Patrimonialrichter beider Werben sich ein mit
welchem der General sich zu einer privaten Unterredung zurückzog Als der Rat
der muntere Gesellschaft und Tafelfreuden liebte dringende Geschäfte an
Gerichtstagen daher immer zu verschieben gewusst hatte heute am Sonntag
»dringender Geschäfte halber« die Tischeinladung der Pfarrfreunde ablehnte und
nach der Stadt zurückkehrte um erst am Nachmittage auf dem Talgute mit seinem
bisherigen Patron wieder zusammenzutreffen sagte die kluge Frau Hanna
    »So wahr ich lebe Konstantin der alte Fuchs hat bei dem Gutskauf die Hand
im Spiel gehabt Um es aber mit dem Amtmann nicht zu verderben stellt er sich
als Überrumpelten Die Exzellenz ist ausgeschröpft vivat der Bauer Wo wäre der
Advokat dem selber ein Mehlborn das Kraut nicht ein bisschen fetter schmalzen
müsste«
    Im Lichte gestanden hatte der schlaue Rat sich indessen stark denn an der
Pfarrtafel ging es nicht nur munter sondern auch hoch heute her Wäre statt der
Waffeln in der Eile ein Staatskuchen herzustellen gewesen es hätte Hochzeit
oder Kindtaufe gefeiert werden können Sämtliche Schüsseln waren erzdelikat und
der Bowle welche die ersten Pfirsich des Pfarrgartens würzten sprach nicht nur
der weinkundige preußische General wacker zu sondern auch das weiße Fräulein
nippte wie ein Bienchen von dem süßen Trank Dem Dezem kam überhaupt das weiße
Fräulein gar nicht mehr so überirdisch vor seit es auf dem Bleichplatze
anfänglich ein wenig ungelenk dann aber so gewandt wie die Pfarrschwestern groß
und klein Kämmerchenvermieten und Reifchenwerfen mitgespielt und später bei
Tische die lachende schwatzende Gesellschaft zwar erst mit großen Augen
angestaunt dann aber ganz herzhaft mitgelacht und mitgeschwatzt hatte
    »Wie meine Lydia auftaut« rief der alte Herr und Pastor Blümel nannte die
rosige Färbung ihrer Wangen einen Anemonenhauch Er verwendete kaum die Blicke
von dem fremden eigenartigen Kinde
    Als der verehrte Held und Gast das letzte Glas mit einem Hoch auf
»Kleinröschen« das er sich zur Tischnachbarschaft erbeten geleert hatte
sprang er auf und rief
    »So nun bin ich in der Stimmung«
    »Eine Tasse Kaffee Exzellenz«
    »Danke verbindlichst Kaffee schlägt nieder Jetzt rasch hinüber zum
herzallerliebsten Herrn Bruder«
    Das Talgut lag nur ein paar Büchsenschüsse unterhalb Hochwerbens weil aber
jenseit des Flusses konnte es zu Wagen nur in weitem Bogen über die städtische
Brücke erreicht werden Fußgänger benutzten den Fährkahn der dicht unter dem
Pfarrweinberge jederzeit bereitstand und den daher auch Herr von Hartenstein dem
städtischen Umwegevorzog Die Begleitung seines Wirtes lehnte er jedoch mit den
Worten ab »Das fromme Freundesgesicht würde mir die Bataillenlaune dämpfen Der
Königspate soll mich hinüber führen«
    Der Königspate ist sich in keinem seiner Stufenjahre einer Bataillenlaune
bewusst geworden Im Beginn seines zweiten schlug er schüchtern einen Haken
sooft er den widerborstigen Amtmann von weitem kommen sah und heute hätte er
hundertmal lieber als den tapferen General vor den Feind das weiße Fräulein auf
das Schloss geleitet um wie seine Pastormutter ihm geheißen bei der Vermessung
Dienst zu leisten Aber was halfs Seufzend legte er Zollstock und Bindfaden
Papier und Bleistift beiseite und schritt dem alten Herrn voran indem er ihm
auf den steilen Bergstufen seine stämmigen Schultern als Stütze dienen ließ
    Im Hofe angelangt setzte er sich dann ruhig wartend auf eine Bank vor der
Haustür während der fehdelustige General sonder Präliminarien den Gegner wie
Zieten aus dem Busche überfiel Sein rechtskundiger Beistand traf erst eine gute
Weile nach der festgesetzten Stunde ein außer Atem zwar aber leider zu spät
um der Katastrophe Zeuge und Meister zu werden
Ein Gewitter hatte am Morgen vor der Sonne gestanden seinen Ausbruch für die
Nacht oder den nächsten Tag ankündigend die Gerstenernte war noch nicht
eingefahren daher trotz des Sonntags Gesinde und Zugvieh draußen auf dem
Felde und im Hofe Seelenstille Der rüstige Amtmann gönnte sich nachdem er zehn
Stunden auf den Beinen gewesen eine späte Mittagsruhe Schwerlich dass ihn ein
Bombenschlag erweckt hätte aber nur eine Milchkuh brummte dann und wann im
Stall und der Kettenhund bellte kurz auf wenn die Augustfliegen ihm gar zu
schamlos die Nase kitzelten
    Dezimus konnte hinter Bauten und Bäumen den Tiefgang der Sonne nicht
beobachten er wusste daher nicht wie lange er auf der Bank gewartet hatte
vielleicht ist es keine Viertelstunde gewesen wenn es aber auch Stunden gewesen
wären die Zeit würde ihm nicht lang geworden sein Die Tafelgenüsse und die
Hundstagshitze hatten ihn halb betäubt Er drückte seine Augen zu es war ihm
wie mitten in der Nacht Er stand auf einer hohen Warte an des weißen Fräuleins
Seite und schaute die Berge im Mond und Millionen von Sternen hellglänzend wie
das liebe Siebenschwesternbild Die Himmelslichter verschwammen in eins mit den
Menschen welche er im Herzen trug und ganz von selbst fand auch das weiße
Fräulein den gebührenden Platz in der Höh »Lydia« nannte er den schönen
stilleuchtenden Stern den er in dieser Sommerzeit jeden Abend zuerst der Sonne
folgen sah ohne zu ahnen dass es der nämliche treue Begleiter sei den er im
Winter morgens als seinen Röschenstern ihr hatte vorangehen sehen
    Jach fuhr er wie aus einem Traume empor Die Haustür war hastig aufgerissen
worden und der General auf die Rampe getreten Hut und Stock in der Hand und das
Gesicht noch eine Schattierung höher gerötet als da er vorhin sagte »So nun
bin ich in der Stimmung«
    Ihm auf dem Fuße folgte der Amtmann Wirklich der Amtmann Der arme Dezem
erschrak wie vor einem Gespenst Erdenfahl das braune Gesicht die Knie
schlotternd unter den schäbigen Lederhosen die geballten Fäuste in die Höhe
gereckt Er rang nach Atem zu einem Wort und brachte es nicht über die Lippen
die ein weißer Schaum bedeckte
    »Komm mein Junge« rief der General indem er flink wie ein Jüngling die
Rampe hinabsprang und sich den Schweiß von der Stirn trocknete
    Des Stillwütigen Augen fielen bei diesem Rufe auf den Paten der starr an
seiner Seite stand  ach und seine Augen nicht allein
    Was schießen doch für Funken durch ein Menschenhirn wenn die Leidenschaft
ihren Siedepunkt erreicht Lichtblitze und Irrwische Heldenopfer fallen oder
Sündenböcke der nämliche Zünder hat einen wie den anderen zu Boden gestreckt
    Friedfertiges Hirtenlamm armer Sündenbock
    Die Fäuste stürzen nieder auf dein sternenträumendes Haupt deine roten
Backen schwellen und die blauen Augen laufen über wie Wasserbäche  um dein
junges Leben ach da ist es geschehen 
    Nein Dezimus nein der Todesstreich auf den du gefasst bist er wird von
dir abgewehrt und tapfer gerächt wie es einem Königspaten gebührt wirst du
auch Aber das Leben ist dir nicht mehr eine Lust und die Rache kein
Schmerzensgeld Vor Scham und Tränen gewahrst du es nicht einmal wie glorreich
deine Unschuld triumphiert Ja solch ein Stock solch ein alter preußischer
Heldenstock wie Vater Blücher ihn wahrlich nicht für die Langeweile an seinem
Sattelknopfe getragen hat rechts und links fuchtelt er deinem Missetäter um die
Ohren Hieb um Hieb bläut er ihm den Rücken bis er zusammenbrechend am Boden
ächzt Zu guter Letzt noch einen Fußtritt und »Komm mein Junge« ruft der
alte Herr zum zweiten Male und lacht dabei dass ihm wie dir armer Schelm die
Tränen über die Backen laufen Mit solchem Bravourstück den Mehlstaub von seinen
Sohlen schütteln zu dürfen hätte der Tapfere vor zehn Minuten noch nicht sich
träumen lassen
    Sobald er den Rücken gewendet hat streckt der weiseste aller Räte sein
Haupt zwischen dem Rahmen der Haustür hervor Auch dieser Ehrenmann lacht aber
nur in den Bart »O weh Herr Amtmann« schreit er »Sie sind die Treppe
heruntergestolpert Ja diese verflixten Holzpantoffeln« Und er hilft seinem
Gerichtsherrn auf die Beine während die Exzellenz lachend durch das Hoftor
schreitet und der Königspate bitterlich weinend hinter ihm drein schleicht
    Sehr möglich dass es im deutschen Vaterlande jener Zeit noch keinen
Hutmannssohn gegeben mindestens keinen zehnten der wie gegenwärtiger in seinem
zweiten Stufenjahre noch nie einen Hieb empfangen hatte und wie hinzugesetzt
werden darf auch nicht herausgefordert Selber Kantor Beifuss der handfeste
Bakelmeister senkte vor dem Quatermillionenschüler sänftiglich sein Instrument
»Leibesstrafen schänden« war eine von Konstantin Blümels pädagogischen Maximen
und seinem Pastorvater keine Schande zu machen das oberste Gebot das auf der
Tafel dieses Kinderherzens von unsichtbarer Hand geschrieben stand Und nun war
er geschändet und die Schmach brannte ihn wie eine glühende Kohle Die Mutter
würde ihn freilich liebhaben wie bisher und der Vater ihm vorhalten dass auch
sein Heiland einen Backenstreich erduldet habe so weit tröstete ihn sein
schuldloses Gewissen während des mählichen Dorfweges welchen er die Exzellenz
anstatt der steilen Weinbergsstufen zurückführte Wie aber würde sein Röschen
ihn auslachen und necken und wie sollte er dem weißen Fräulein das er vor
wenig Minuten als schönsten Stern an den Himmel versetzt hatte mit der
verräterisch flammenden Backe und den verschwollenen Lidern unter die Augen
treten Er sprach auf dem Wege nicht ein Wort und da er kein Feigenblatt sein
Brandmal zu verhüllen entdecken konnte gelangte er zu dem Ausweg sich
heimlich um den Pfarrgarten herumzuschleichen und hinter dem Hünengrabe zu
verstecken bis das weiße Fräulein auf Nimmerwiedersehen über alle Berge sei
    Aber die junge Gesellschaft welche sein Kommen von der Laube aus
wahrgenommen hatte vertrat ihm den Weg umringte ihn und zog ihn in ihr
munteres Spiel Die rote Backenschwulst mochte wohl auf den Sonnenbrand
geschoben werden wenn sie nicht gar samt der Tränenspur auf dem Wege
verschwunden war denn weder Röschen noch das weiße Fräulein merkte das Brandmal
ihm an Auch weder Vater noch Mutter schien um die Schändung zu wissen heute
nicht und späterhin auch nicht den schlimmen Paten sah er in Jahren nicht
wieder und so wurde die schmähliche Erfahrung zwar noch lange Zeit im Gemüte
gehegt dem Skelette gleich das einem fremden Sprichworte gemäß auch das
reinlichste Menschenhaus in einem Winkel bergen soll allmählich aber zerrann
das Skelett in Nebelduft zu einem Schemen In dem Alter aber wo schon mancher
Mann die verdiente Birkenrute gesegnet hat da schätzte das glückliche
Johanniskind den unverdienten Denkzettel seines Vizepaten als einen Treffer in
der Lebenslotterie
    Dass der rächende Held nicht ängstlich wie die gekränkte Unschuld mit den
Ritterstreichen die auf Amtmann Mehlborns Edelhofe gefallen waren hinter dem
Berge hielt wird von keinem Menschenkenner bezweifelt werden
    »Mir galt die Faust« rief der alte Herr nachdem er den Pfarrfreunden den
vergnüglichen Abschluss eines verdrießlichen Handels mit satten Farben
geschildert hatte »Ich sage Ihnen der alte Knabe glich einem wütigen Trakehner
Bullen Mit den Hörnern hätte er den herzallerliebsten Herrn Bruder aufspiessen
in Grund und Boden hätte er ihn stampfen mögen Da dieser Scherz aber nicht so
ohne weiteres ausführbar war kühlte er sein Mütchen an dem ersten Besten der
ihm im Wege stand wie ich selber im Ärger schon manchmal einen Spiegel oder
dergleichen zerschlagen habe wenn mein Bursche für einen Jagdhieb nicht gleich
bei der Hand war«
    »Sie irren Exzellenz« entgegnete Frau Hanna in geteilter Stimmung von
Zorn Belustigung Mitleid und Schadenfreude »nicht Sie uns Konstantin und
mich meinte das Ungetüm als er unseren Pflegesohn misshandelte Pudelnass von dem
Sturzbad das die Spekulation seines ganzen Lebens verschwemmte durchschiesst
ihn beim Anblick des armen Jungen der Argwohn eines von langer Hand zwischen
Ihnen und uns abgekarteten Spiels und wird er nunmehr seine wohlverdiente
Züchtigung meinem braven Dezem lebenslang entgelten lassen«
    »So wollen wir uns denn beiderseitig unserem Prügelknaben verpflichtet
fühlen« versetzte heiter die Exzellenz »und uns zu einer Schadloshaltung
zusammentun Schon dem Herrn Paten zur Ranküne müssen wir ihn jetzt höher
avancieren lassen als zu dem Verwalterposten um den mein spanisches Rohr ihn
gebracht hat Und es steckt etwas in diesem Hirtenjungen Ich rühme mich nicht
ein Psycholog zu sein aber es steckt ein Element in ihm das sich entwickeln
lässt Was für eins ist mir freilich dunkel Soldatenblut ist es leider nicht
Mein Hilmar in dem Alter würde die Hand die sich an ihm vergriff gebissen
haben wie eine wilde Katze würde er dem Stier in das Genick gesprungen sein
ihm die Augen ausgekratzt haben und Hilmars Sohn täte es trotz des
Bauernblutes in seinen Adern wills Gott auch Ihr Dezem stand still wie ein
Ölgötze Wie wärs wenn wir ihn Theologie studieren ließ Was meinen Sie Herr
Pfarrer zu einem Substituten in alten Tagen wenn der Mensch sich nach Ruhe
sehnt nehmen wir einmal an in zwanzig Jahren«
    Mutter Hannas Augen leuchteten auf da plötzlich ihr heimlichster kühnster
Herzenswunsch als etwas leicht Erfüllbares vorgebracht ja gleichsam als etwas
Gebührendes gefordert wurde Um so bedenklicher überrascht schaute ihr
Konstantin drein Er saß eine lange Weile schweigend und schüttelte den Kopf
    »Der Knabe hat bisher eine unwesentliche Rechenfertigkeit ausgenommen
weder eine entscheidende Gabe noch ein entscheidendes Verlangen nach
wissenschaftlicher Ausbildung offenbart« wendete er endlich ein worauf der
General erwiderte
    »Zum Henker auch Gehört denn zu einem Landpastor so etwas ganz Besonderes
Nichts für ungut Freund aber wie viele dumme Jungen haben einer Gemeinde schon
die Köpfe weidlich heiß gemacht Und ein dummer Junge ist Ihr Dezem keineswegs
Er hat seinen gesunden Bauernkrips Wissen Sie wie unser geistlicher Minister
Seiner Majestät einmal den Einfluss der katholischen Landpfarrer auf ihre
Gemeinden erklärt hat Nicht weil sie ledige Männer sondern weil sie der
Mehrzahl nach Bauernsöhne sind wirken sie mehr als die unseren sagte er«
    Pastor Blümel pflichtete der Erklärung bei Der städtische Bürgerstand aus
welchem das Amt der Evangelischen sich vorzugsweise rekrutiere weiche und wäre
es selbst der niedere in Sitte und Anschauung von denen des platten Landes
vielfach ab »Die universellere Bildung die wir vor unseren katholischen
Amtsbrüdern vielleicht voraus haben« setzte er mit einem Seufzer hinzu
»bewirkt leider allzu häufig mehr eine Kluft als eine Brücke«
    »Nun da hätten wir ja just was wir brauchen« rief der General »Was Sie
mit Ihrer importierten Bildung vermutlich nicht fertig bringen der heimische
Hirtenjunge wird es Und nun malen Sie sich einmal recht lebhaft den Heidenspass
aus wenn das ärmste niedrigste Werbener Kind Ihr misshandelter Dezem diesem
Protzen von Mehlborn  denn erleben kann er es noch Geizhälse werden immer
steinalt  in feierlichem Ornate hoch von der Kanzel herab vor versammelter
Gemeinde die Leviten so recht aus dem Grundtexte liest Einen Versuch zum
wenigsten wäre die gute Sache doch wert«
    »Und wenn der Versuch missglückte Exzellenz Wenn wir des Knaben Blick in
eine geistige Sphäre gerichtet hätten und ihm fehlte die Kraft in derselben
festen Fuß zu fassen Man soll eines Kindes Wiege nicht verrücken hat Ihr Herr
Bruder der Propst gesagt«
    »Meinst du denn Konstantin« fiel seine Gattin ihm in das Wort mit
eindringlicherem Ernst als er sie jemals hatte reden hören »meinst du denn
dass du dieses Kindes Wiege nicht schon verrückt hast in der Stunde wo du es in
die deines eigenen Kindes legtest Meinst du weil du den Knaben einen
Bauernkittel tragen und eitel Brot zum Frühstück essen lässt dass er unter den
Knechten und Mägden eines Bauernhofes die Sitte und die Liebe deines Hauses
jemals verschmerzen würde Du hast zu viel getan Mann oder nicht genug«
    Ein tiefer Seufzer entrang sich statt der Gegenrede Konstantin Blümels
Brust »Und wenn dem so wäre Hanna« sagte er nach einer Pause »so gehören zu
allem geistlichen Werden zeitliche Mittel Ich danke Ihrer Güte Exzellenz
diese auskömmliche Pfründe Aber ich bin ein Fünfziger habe eine zahlreiche
eigene Familie und kein Vermögen Darum  «
    »Darum muss und wird es meine Sorge sein Freund« fiel Herr von Hartenstein
ein »die Stellvertretung bei einem Königspaten die von Gottes und Rechts wegen
mir als Gutsherrn von Haus aus zugekommen wäre fortan zu übernehmen Habe ich
nicht das Geschick gehabt ein ritterschaftliches Patronat in meiner
Soldatenfaust festzuhalten so viel um einen armen Hirtenbuben zu einem
Kandidaten der Gottesgelehrteit auszubilden wird einem preußischen General
allemal übrigbleiben  Komm einmal herauf mein Junge« rief er das Fenster
öffnend unter welchem die Kinder sich im Garten tummelten und als Dezimus
eintrat fragte er »Was möchtest du einmal werden Bursche«
    »Nur nicht Inspektor bei meinem Amtmannspaten« stieß Dezimus hervor mit
zitternder Stimme und einer Blutwoge bis unter das strohgelbe Haar
    »Gut Was aber sonst«
    »Was mein Vater will«
    »Möchtest du was Tüchtiges lernen und wenn du groß wirst studieren«
    »Ja ja studieren« rief Dezimus wie elektrisiert »Auf den Himmel
studieren gnädiger Herr«
    »Auf den Himmel Bravo Du bist unser Mann Nun lauf Student bestelle mir
in der Schenke den Wagen und sage meiner Nichte dass sie sich bereitält«
    Sobald der Knabe das Zimmer verlassen hatte sagte Pastor Blümel der
während des kurzen Zwiegesprächs mit gefalteten Händen am Fenster gestanden
hatte »Der Mensch irrt nur allzu häufig wenn er handelt auch wenn er am
besten zu handeln meint Daher will ich Ihrer Anregung Exzellenz als einer
Mahnstimme von oben folgen und meinen Pflegesohn der Probe einer
wissenschaftlichen Ausbildung unterziehen so wie ich meinen leiblichen Sohn
derselben unterzogen haben würde Ich bin viele Jahre Informator gewesen und
traue mir die Fertigkeit noch zu einen Knaben für die höheren Schulklassen
vorzubereiten Solange ich lebe bleibt indes die Sorge für das Kind dessen
Wiege ich verrückt habe und bleibt seine Führung mein mein allein Exzellenz
Schliesse ich die Augen bevor es sein Ziel erreicht  «
    »Sorgt und führt es Gott« rief die Mutter indem sie sich mit
überströmenden Augen an ihres Gatten Brust warf
    Auch der preußische Herr drückte bewegt seine Hand »Mann« sagte er »Sie
sind in Wahrheit unseres Heilands Jünger Wollte Gott dass wir uns nicht zum
letzten Male gesehen hätten«
    Rasch verließ er das Zimmer und das Haus vor welchem der Wagen eben
vorfuhr
    An der Tür wartete Lydia reisefertig Sie hatte vorhin bei Dezems eiligem
Entbot ihr Gürteltäschchen abgenestelt und es Röschen gereicht die es den
ganzen Tag lüstern bewundert hatte und nun über den Besitz laut aufjubelte Für
den armen Hirtendezem hatte sie ein Geldstück aus ihrer Börse gelangt Als der
arme Hirtendezem aber jetzt atemlos mit strahlenden Augen aus der Schenke
zurückkam und rief »Ich soll studieren Röschen Ich soll auf den Himmel
studieren Fräulein Lydia«  da steckte sie den Taler leise wieder ein und ein
Hauch der Scham überflog ihre blütenweissen Wangen
    »Ich schicke dir aus der Universitätsstadt eine Himmelskarte Dezimus«
sagte sie zum Abschied neigte sich darauf tief vor dem Prediger und seiner
Gattin und küsste beider Hände wie sie Vater und Mutter die Hände zu küssen
gewohnt war dann stieg sie zu dem Oheim in den Wagen
    »Tu deine Schuldigkeit Königspate« rief der alte Herr von oben herab warf
Röschen noch eine Kusshand zu und das Gefährt bog um die Friedhofsmauer
    Dezimus ahnte nicht was eine Himmelskarte sei nicht einmal was eine
Erdenkarte aber er schlief am Abend statt unter den Schauern erlittener
Demütigung unter denen einer großen Erwartung ein
    Am anderen Morgen ging er wie alle Tage in Kantor Beifussens Dorfschule
zuvor aber hatte sein Pastorvater die erste lateinische Lektion mit ihm
abgehalten und in der Vesperstunde hielt er eine zweite und also fortan einen
Tag wie alle außer am Sonntag dem Tage des Herrn Er lernte stetig wie der
alte Informator es nannte und weil er dem alten Informator zur Ehre zu lernen
hatte lernte er auch freudig wennschon er andere Gegenstände die er nur
dunkel ahnte lieber gelernt hätte als Wortbeugungen und Vokabeln einer fremden
Sprache Konstantin Blümel aber schmeckte seit jener ersten Lektion den
Johannissegen welchen seine Hanna schon von dem Augenblicke an empfunden wo
sie das mutterlose Kind an ihre Brust genommen hatte War er bis dahin Dezems
christlicher Wohltäter gewesen so machten die alten Heiden ihn zu Dezems Vater
    Im Laufe der Woche traf aus der Universitätsstadt nebst einem großen
Himmelsatlas ein fix und fertiger Schüleranzug ein und der Hirtensohn wurde zum
Kandidaten der Zukunft eingekleidet Jeden Abend fortan aber sobald er das
Pensum das ihn für ein unsichtbares Himmelreich vorbereiten sollte zustande
gebracht hatte studierte er auf das sichtbare Himmelreich das auf den Karten
abgebildet stand und zwar studierte er in Gesellschaft Schwester Erikas 
häuslich Riekchens  und unter Anleitung eines wahlverwandten Liebhabers
    Dieser Liebhaber war der Überbringer des Doppelgeschenkes ein junger
Architekt welcher neben dem Umbau eines alten städtischen Klosters in ein neues
Gymnasium die Instandsetzung des Werbener Schlosses übernommen hatte
Konferenzen mit der Hausfrau führten ihn häufig unter deren gastliches Dach und
wen dürfte es wundernehmen dass er über Schwester Riekchens freundlichen
Augensternen die Erklärung der himmlischen Sternenaugen der er sich gefällig
unterzogen hatte oft und immer öfter vergaß und über dem fremden Hausbau zum
eigenen Hausbau Lust bekam Der Taufsegen erneuerte sich Bevor das Schloss
wohnlich hergestellt war gab es in der Pfarre wieder einmal eine Braut Held
Dezem dem Glückskinde aber war es beschieden früher als die Grenzen von Reuss
älterer und jüngerer Linie die der Milchstrasse und der Venusbahn unterscheiden
zu lernen
    Alle Welt studierte den Winter hindurch in der Werbener Pfarre sogar die
alte gräfliche Gouvernante wurde von dem Fieber angesteckt kramte ihren
Meidinger hervor und gab Kleinröschen jeden Abend eine französische Stunde Weil
Kleinröschen aber absolut nichts lernen wollte was Bruder Dezem nicht
mitlernte wurde der Dezem auch Mutter Hannas Schüler und die Mutter nannte 
es ist bewundernswert was solch ein achtjähriger Held alles fertig bringt 
aber wahrlich die Mutter nannte die Fortschritte ihres Dezem im Vergleich zu
denen des Quirlequitsch hundert Prozent »Die lateinische Grammatik arbeitet der
französischen vor Hanna« entschuldigte Pastor Blümel seinen Liebling indem er
ihm die schwarzen Löckchen streichelte Es war ein gesegneter Winter
    Dass der Amtmann unwiderruflich zum Feind geworden sei bezweifelte man zwar
nicht da man ihn jedoch niemals zu Gesicht bekam so spürte man es auch nicht
Nur dass er seitdem auch in seiner Kirche fehlte machte dem alten Seelsorger
ernstliches Herzeleid Beim nächsten Gerichtstag erzählte der Justizrat wie
sauer es seinem Herrn Patron ankomme den ritterlichen Exbruder nicht wegen
grober Misshandlung verklagen zu können »Aber wo sind die Zeugen« fragte
lachend der Judex »Der achtjährige Dezem zählt für Null und ich  ich habe
nichts gesehen als dass der Herr Amtmann auf der Nase lagen und etwelche
Schwielen hatten die vom Fall auf das kröpelige Hofpflaster gekommen sein
können Im übrigen was hätte eine Busse der alten Exzellenz geschadet Auf ein
paar hundert Taler kommt es keinem Hartenstein an Und was hätte sie dem alten
Mehlborn genutzt da ja nicht er sondern Majestät Fiskus die paar hundert Taler
in die Tasche gesteckt haben würde«
    So musste der arme Amtmann denn auch diesen Grimm hinunterwürgen und dass er
noch im nämlichen Herbst das nachbarliche Bielitz an sich brachte das war wohl
eine gelungene Spekulation aber ein Trost für die misslungene war es nicht Der
Auenboden von Bielitz trug kräftiger als der Höhenboden von Werben aber war es
Heimatsboden Es fiel ihm denn auch gar nicht ein auf das bedeutendere Gut zu
übersiedeln Nur zu der dortigen Kirche hielt er sich wenngleich er jeden
Sonntag die verdrießliche Bemerkung machte dass es sich über seiner Gruft doch
weit andächtiger als über der der bankerotten Grafen habe beten lassen
    Eine Genugtuung sollte er in diesen bösen Tagen indessen doch erleben denn
die Erdenluft wurde für ihn rein von dem Atem der beiden Menschen die er auf
der Welt am bittersten gehasst ja der beiden einzigen gegen welche er den Hass
wie vormals die Verehrung sich nicht bloß in den Kopf gesetzt hatte Der alte
General starb eines raschen Todes wenige Wochen nachdem er seinem Bruder eine
geziemende Heimstätte vorbereitet und von seinen Enkeln einen friedlichen
Abschied genommen hatte wenige Wochen nachdem er sich a priori an dem
ruhmvollen Nachrufe eines ehemaligen Waffenbruders erbaut Die drei Salven
hatten also doch vorgespukt
    Für die neuen Freunde in dem Werbener Pfarrhause war dieses plötzliche Ende
die einzige Trübung des so heiter zur Rüste gehenden Jahres bald genug aber
dankten sie für dieses Ende als für eine Gnade von Gott denn es ersparte dem
greisen Vater die Kunde dass  wie er weheleidig es als Sühne auch für die
eigene Torheit vorausgeschaut  ein Tscherkessenblei seinen armen Jungen
getroffen habe Brigitte Mehlborn war somit wie dem Herzen und dem Gesetze nach
schon längst auch der reinen Vernunft nach die Witwe Hilmars von Hartenstein
Dass sie als solche dem Vater Mehlborn wieder näher gerückt sei kann in dieser
Chronik von Werben leider nicht verzeichnet werden Hat die Erbitterung sich nur
einmal in einem harten Kopfe festgesetzt erlischt sie nicht mit ihrem
Gegenstand sie überträgt sich Und auf wen hätte der Patriarch Mehlborn die
seine wohl natürlicher übertragen sollen als auf die unnatürliche Tochter die
sich steifte die Witwe Hilmars von Hartenstein zu heißen und als solche zu
leben
    Gegen den Frühling hin war das Schloss in wohnlichen Zustand gebracht und
auf mächtigen Wagen langte der Hausrat der künftigen Bewohner an dessen Ordnung
Frau Hanna Blümel leitete Etliche Tage später folgte die Familie nebst einem
Hauslehrer und zahlreicher Dienerschaft Die Gärten standen noch kahl aber an
Gewinden von Tannenreis und Efeublättern hatten Röschens kunstfertige Hände es
nirgends fehlen lassen Sie lauschte mit ihrem Dezem hinter einer Hofmauer
verborgen während der Vater die Ankömmlinge auf der Schlossrampe empfing und mit
einer Anrede begrüßte so warm wie er eine zuständige Gutsherrschaft begrüßt
haben würde
    Alle trugen zufolge der beiden Familiensterbefälle denen sich noch der des
jüngstgeborenen Töchterchens gesellt hatte tiefe Trauerkleider Alle schienen
durch Abschluss und Eintritt tief bewegt Am tiefsten der Propst Er war tödlich
bleich und in den neun Jahren dass Pastor Blümel ihn nicht gesehen hatte zum
Greise ergraut Lydia wendete ihre großen ernsten Augen kaum von seinem
Gesicht Die Mutter schwamm in Tränen Die Kinder  außer Lydia zwei Söhne und
zwei Töchter  ließ die Köpfe hängen Herr von Hartenstein reichte dem Pastor
stumm die Hand und schritt eine Foliobibel im Arm in das Haus voran seine
Gattin Kinder und Dienerschaft folgten in geordnetem Zuge Die Blümelsche
Familie wendete sich heimwärts Bevor sie den Hof verlassen hatte ertönte von
oben herab der Chorgesang »Ein feste Burg ist unser Gott« begleitet von einer
kleinen Orgel welche Kantor Beifuss in dem Werbenschen Ahnensaale dem einzigen
unverändert gebliebenen Raume im Schloss aufgestellt hatte Die Spielerin war
Lydia
    Zu einem traulichen Verkehr zwischen den beiden geistlichen Familien wie
ihn die Blümelsche wohl gewünscht aber kaum erwartet hatte kam es nicht Herr
und Frau von Hartenstein machten nach Verlauf einer Woche im Pfarrhause einen
Besuch der in geziemender Frist von dem Pastor und seiner Gattin erwidert und
von beiden Seiten ein und das andere Mal im Jahre wiederholt wurde Damit hatte
es sein Bewenden Nach jedem dieser Besuche aber belebte sich im Pfarrkreise das
Interesse an diesen edlen Menschen die in einer dem eigenen Leben so fremden
Beschränkung ihr Gnügen fanden und war es zumal Frau Ottilie welche in ihrer
mädchenhaften zarten Schöne ein herzrührendes Bild hinterließ Bei mehr als
dreißig Jahren war der Ausdruck ihrer Züge und Augen kindlich heiterer als der
ihrer zwölfjährigen Tochter und welche ein Kontrast mit dem ernsten
greisenhaften Gatten
    »Behüte Gott dieses Weib« sagte Frau Hanna »dass es nicht eines Tages eine
schwere Mutterlast auf seinen Schultern zu tragen habe«
    Lydia war regelmäßig Zeugin jener förmlichen Besuche und unverändert das
stille weiße Fräulein wie bei der ersten Begegnung auf dem Hünengrabe Keine
Spur jemals wieder von dem Anemonenhauch beim fröhlichen Exzellenzenmahl Wie
ihre Mutter für die Pfarrfrau so ward für deren Gatten die Tochter je mehr und
mehr zu einem Gegenstande sinnend sorglichen Anteils Er pflanzte sie in seinen
Kindergarten und nannte sie seine Lilie
    »Behüte Gott diese Blume mit dem reinen Trieb zur Höh vor Lohe und Wurm dass
sie nicht schon im Morgenlicht den Kelch des Herzens zusammenziehe« sagte
Konstantin Blümel
    Die Hartensteinsche Familie besuchte die Dorfkirche niemals Der Vater hielt
häusliche Erbauungen und gab den Kindern auch selbst den Unterricht in der
Religion In weltlichen Fächern lehrte sie als Lebensgenosse ein von der
Regierung suspendierter Dozent der heimischen Provinz Magister Klein Da die
Standesgenossen weit und breit nicht zugleich Gesinnungsgenossen waren wurde
auch nach aussenhin kein Umgang gepflegt Es gab in der Gegend zwar einige
Adelsfamilien von innerlich religiöser Richtung Stille im Lande wie sie seit
Herrmann Frankes Zeiten genannt wurden ohne Ausnahme jedoch hatten sie sich dem
Unionsedikt unterworfen und das war eine Kluft über welche für den Doktor von
Hartenstein keine Brücke führte
    So beschränkte sich denn der gelegentliche Verkehr auf etliche
Treugebliebene aus dem Gelehrtenstande der benachbarten Universität die ein dem
Hartensteinschen verwandtes einflussloses Separatistenleben führten Der dem
Propst am nächsten Stehende aus dessen Händen er für seine Person auch das
Abendmahl nach der alten Spendeformel empfing war der in neuerer Zeit häufig
genannte Professor Hildebrand Während seiner Lehrtätigkeit ohne wesentlichen
akademischen Einfluss hatte bei seiner Suspension die Studentenschaft einmütig
durch einen solennen Fackelzug gegen den Gewaltakt demonstriert und den
unbeugsamen still gelehrten Herrn für einen Tag oder zwei zu einem
Glaubenshelden erhoben Seitdem gehörte auch er zu der kleinen Schar der
Auserwählten welche von einem gewissen Wendepunkte erwartete dass die
Dornenkrone sich in eine Siegerkrone verwandeln werde
    So verband sich einem innersten Gesetz eine Art von äußerer Notwendigkeit
um das häuslich klösterliche Wesen in welches die Familie wie die Perle in der
Muschel sich abschloss vollständig zu machen vielleicht auch die Absicht es
augenfällig zu machen Es kennzeichnete das Exil Die Lebensweise war eine
reichliche aber streng geregelt die Dienerschaft bejahrt und sinnesverwandt
die Einrichtung etwas kahl und ohne individuelles Gepräge aber von
übereinstimmender Gediegenheit Das Silberzeug wie das dunkelgebräunte
Zimmergerät bekundeten neben Sammlerfleiss und Kunstverstand den früheren
kostspieligen Aufwand Man würde sich in eine Abtei des fünfzehnten Jahrhunderts
oder in eine Ritterburg versetzt geglaubt haben wenn der lichte glatte
nüchternbehagliche Schlossbau nicht gar zu widerspruchsvoll an eine neuere Zeit
erinnert hätte
    Von der Gemeinde wurden die Schlossbewohner nur vom Tale aus bemerkt sobald
sie sich auf den Terrassen bewegten Selbst Ein und Ausgang nahmen sie nicht
durch den Wirtschaftshof sondern unterhalb durch den Garten Diese Ein und
Ausgänge beschränkten sich indessen auf einen fast täglichen Samariterweg die
arme Frönerschlucht hinan und allezeit auf den Vater und die älteste Tochter
Was aber auf diesen Wegen erbaulich und hilfreich gespendet und allmählich auch
gebessert worden ist das schätzte und dankte Pastor Blümel als einen persönlich
empfangenen Segen Wie freudig würde er Hand in Hand mit diesem Paar die Schäden
in seiner Gemeinde ausgeheilt haben
Schon vor den Schlossbewohnern war der neue Pächter eingezogen mit welchem sich
indessen da er nicht eine mildherzige Rosine sondern eine handfeste Grossmagd
zu seiner Eheliebsten erkoren hatte keine Pfarrfreundschaft hegen ließ Den
Wirtschaftsbetrieb änderte er insofern als er die Hofprodukte in die
entferntere nördliche Nachbarstadt absetzte weil er mit dem Besitzer des
Talgutes und des reichen Bielitz welcher die seinen nach wie vor in die nahe
Kreisstadt tragen ließ nicht Konkurrenz zu halten vermochte In der Morgenfrühe
jedes Mittwoch und Sonnabend fuhr daher ein schwer beladener Pächterkarren nach
X und mehr als einmal saß in Ferienzeiten Dezimus nicht im neuen Schülerrock
aber im alten Leinenkittel hinter dem Knecht auf einem Butterkübel um für
seinen Vater in der alten Dombibliotek ein seltenes Bücherexemplar zu entlehnen
oder bei dem Schlossgärtner ein seltenes Blumenexemplar zu erhandeln bei Wege
auch wohl für die Mutter diese oder jene wirtschaftliche Besorgung abzumachen
    An einem des Predigtstudiums halber lektionsfreien Sonnabend während der
Ernteferien des nächsten Jahres machte er wieder einmal diese Marktfahrt mit
Ein werter Amts und Blumenbruder Vater Blümels hatte von einem ausländischen
lieblich duftenden Gewächs berichtet das der Schlossgärtner heuer in besonderer
Üppigkeit zum Blühen gebracht habe Vater Blümel schmachtete nach dem Duft der
unbekannten Gardenia und sein Dezem freute sich ihm zu dem Genuss verhelfen zu
dürfen
    Doch war es ein Fleischergang die Spezies bereits ausverkauft Der
Abgesandte wurde an den Gärtner Reichart in der Universitätsstadt der noch
Vorrat habe verwiesen In der Universitätsstadt Den Knaben durchzuckte ein
Blitz das Ziel seiner Sehnsucht seit Jahr und Tag So oft hatte er die Hälfte
des Weges zu diesem Ziele zurückgelegt ohne dass ihm der Einfall gekommen wäre
auch die zweite Hälfte zurückzulegen Heute kam ihm der Einfall »Ich hole
meinem Vater die Gardenia auf der Universität« rief er entschlossen Würde er
sie ihm geholt haben würde er zwei Meilen in das Blaue hinein gerannt sein
wenn »auf der Universität« nicht die Warte mit den in den Himmel dringenden
Rohren gestanden hätte Weiß schon ein Kind was ein Vorwand  nun ja aber
auch was ein Selbstbetrug ist Gleichviel ob die Mutter der Weisheit oder
Kindesliebe ein Genius war es welcher Held Dezem in sein erstes Abenteuer
hetzte
    Zunächst in die vorstädtische Ausspännerei wo dem Knecht die erklärende
Bestellung in das Pfarrhaus übertragen wurde dann spornstreichs voran auf der
schnurgeraden pappelgesäumten Chaussee Den Weg verfehlen konnte er nicht und
weitere Skrupel sparte er sich »Erst hole ich die Gardenia dann gucke ich fix
einmal durch das große Rohr und laufe in der Nacht nach Hause zurück« So sein
Programm Dass das Gucken durch das große Rohr mehr Schwierigkeit machen könne
als etwa das Wasserschöpfen an einem Born daran dachte er nicht Nach den
Sternen gucken kann jeder so gut wie Wasser schöpfen Dass er hungrig und müde
werden könne daran dachte er noch viel weniger so satt war er von Erwartung
und so rege von Lust
    Und noch satt und rege erreichte er am Nachmittag das städtische Tor Er
hatte sich eine Universität anders vorgestellt Nichts als ganz gewöhnliche
Häuser längs ganz gewöhnlicher Gassen in einer ganz gewöhnlichen Stadt wie er
schon ihrer zwei hatte kennen lernen Die Gassen liefen geradeaus nach dieser
nach jener Seite liefen kreuz und quer Wohin sollte er sich nun wenden Er
fragte eine Heringshökerin  nach der Sternwarte  o nein welcher Jüngling
wird den Namen seiner ersten Geliebten vor einer Heringshökerin entweihn Er
fragte nach dem Gärtner Reichart
    »Da musst du erst geradeaus gehen dann links dann wieder rechts und wenn
du ans Wasser kommst musst du weiter fragen« belehrte recht anschaulich die
Hökerfrau Und Dezimus lief geradeaus und links und wieder rechts fragte auch
diesen und jenen und schaute sich zwischendurch nach allen Seiten um ob nicht
irgendwo die hohe Warte in den Himmel rage Aber bis zum Gärtner Reichart sollte
es immer noch weit sein und ein paar Türme sah er wohl über die kleineren
Häuser sich erheben aber einen Bau so majestätisch so ganz absonderlich auf
dessen Dache statt der Feueressen goldglänzende Rohre gen Himmel gerichtet
waren solch ein ragendes Wunderwerk erblickte er nirgends
    Endlich gelangte er an den Fluss und weil nicht alsobald ein Mensch zum
Weiterfragen bei der Hand war schritt er eine Weile auf einem schmalen Pfade
zwischen dem schilfbewachsenen Ufer und umzäunten Gärten voran Über einer von
diesen Gartentüren konnte ja leicht das Schild des Gärtners Reichart angebracht
sein
    Bei der Wendung um eine vorspringende Gartenmauer stand er jählings wie in
den Boden gewurzelt Sein Atem stockte die Augen starrten in die Höhe Auf
steilem Felsen zwischen Bäumen und wirrem Strauchgeschlinge ragte ein Turm
ragten Mauern und Pfeiler wie er noch keine gesehen So grau und anscheinend
wandelbar hatte er sich allerdings eine Sternwarte nicht gedacht von blitzenden
Rohren keine Spur Aber wer konnte wissen was alles noch hinter den Bäumen
verborgen stak Es war auf dem höchsten Punkte der Gegend der am höchsten
ragende Bau eine gewöhnliche Menschenwohnung konnte es nicht sein auch kein
Schloss und keine Kirche welche beide einem Werbener Eingeborenen ja sattsam
bekannt waren Was also sonst als die Universität mit ihrer Warte Dem Knaben
war als stände er vor eines alten Königs Thron Dort oben dort oben da lag
sein gelobtes Land
    Er hätte hinandringen mögen hineindringen gleich jetzt Er musste bei Tage
ja aber erst die Gardenia holen Nur den Pfad der auf die Höhe führte wollte
er erspähen um ihn später in der Dunkelheit ohne Aufenthalt einschlagen zu
können Vorwärts fiel der Felsen steil nach dem Fluße ab zur Seite hinderte
die Gartenmauer den Überblick Ob er wohl hinanklimmen durfte um auf ihrer Höhe
eine Umschau zu halten ohne vielleicht wie ein Dieb von ihr heruntergejagt zu
werden Aber halt dort nahe dem Ufer steht ja wie zur Rundschau aufgepflanzt
eine alte Buche breit geästet mit mächtiger Krone Das Erklettern ein Spiel für
den Dezem der schon manches Jahr das Obst im Pfarrgarten abgenommen hat Hinan
also hinan bis zum Wipfel Im Nu ist er oben und oben oben da  neue
Verzückung da starrt er statt auf die Warte in ein Menschenantlitz so schön
so wunderschön wie er noch kein Menschenantlitz gesehen schöner selbst als das
des weißen Fräuleins denn es blüht wie eine Rose Ein Knabe nein ein junger
Herr wenn auch nicht größer als Dezimus selbst goldgelockt und geputzt gleich
einem Prinzen sitzt zwischen den Ästen behaglich wie in einer Laube raucht
eine Zigarre und lacht dem Dezem in das verblüffte Gesicht
    »Du was suchst du hier oben Junge« rief der junge Herr »Vogelnester Das
will ich dir anstreichen« Er wippte mit einer Reitgerte die er in der Hand
hielt Sporen an den Stiefeln trug er auch und in das eine Auge ein Brillenglas
geklemmt
    »Ich wollte bloß sehen wie man auf die Sternwarte kommt« antwortete
Dezimus schüchtern indem er auf den Turm deutete
    Der junge Herr wollte vor Lachen sich ausschütten »Das alte Gerümpel hältst
du für die Sternwarte Das ist ja die Burgruine Dummrian«
    Dezimus blickte beschämt zu Boden »Wo liegt denn die Sternwarte« fragte er
aber doch
    »Die liegt näher der Stadt zu Von hier aus kann man sie nicht sehen Was
hast denn aber du auf der Sternwarte zu suchen Bursche«
    »Ich will durch ein Fernrohr die Sterne sehen die auf meinen Himmelskarten
gezeichnet stehen«
    »Du ein Bauernjunge eine Himmelskarte Nein das ist aber toll Wo kommst
du denn her Bursche«
    »Von Hochwerben«
    »Von unserem Gut Na das nenne ich gelungen Kennst du die Lydia
Hartenstein«
    »Ja«
    »Und den alten Mehlborn«
    Dezimus wurde rot zögerte einen Augenblick und dann sagte er leise »Ja«
    »Ein richtiger Bauernfilz nicht wahr«
    Keine Antwort
    »Wie heißt du denn Junge«
    »Dezimus Frei«
    »Dezimus Frei der Hutmannszehent der ein Schwarzrock werden soll Famose
Geschichte ganz famos Wie sie die Sidi amüsieren wird Warum hast du denn aber
den verschossenen Kittel an Wir haben dir doch voriges Jahr einen Rock
geschickt so gut wie meinen eigenen Na wie dieser da freilich nicht das ist
mein Reitanzug  Aber still still« flüsterte er plötzlich »Da unten kommen
sie«
    Dezimus lugte durch die Zweige nach denen die unten kommen sollten und da
bemerkte er denn um die Gartenmauer biegend einen langen von Kopf zu Fuß in
Schwarz gekleideten Herrn der an jedem Arm eine Dame führte Die eine hager und
auffallend runzelig daher wohl hochbetagt aber in blühende Farben angetan
sogar das kaum handgrosse Gesichtchen rosenrot und die zierlich beschuhten
Füßchen vogelleicht schwebend die andere Dame jung wohlbeleibt daher der Gang
etwas schleppend das Gesicht blässlich der Anzug schlicht und dunkel Ein
kleines Mädchen schlenderte hinterdrein einen Busch von blühendem Schilf im
Arm
    Sobald die vorderen aus dem Gesicht waren streckte der junge Herr den Kopf
durch das Laub und ließ einen Ruf gleich dem des Wachtelschlags erschallen
    »Pittperitt pittperitt«
    Das kleine Mädchen kehrte um und blickte in die Höh »Du Mäxchen« rief es
lachend worauf der junge Herr mit gedämpfter Stimme fragte
    »Ist die Luft rein Vermissen sie dich nicht wenn du hier ein paar Minuten
zurückbleibst«
    »Sie schwatzen von untergegangenen Städten ich pflücke Schilf Fiele ich in
das Wasser wie dazumal aus dem Bett wer merkte es« versetzte die Kleine mit
munterem Klang aber einem wenig kindlichen Spott im Blick
    »So warte Ich habe einen gottvollen Scherz für dich« sagte der junge Herr
indem er sich behende durch die Zweige wand und von dem letzten mit einem kecken
Satz zu Boden sprang
    Dezimus folgte gelassener Da er die Frage nach dem Gärtner Reichart noch
auf dem Herzen hatte stellte er sich bescheiden beiseite und wartete bis die
beiden miteinander fertig waren dabei musterte er das kleine Mädchen das ihm
wie auch der junge Herr bekannt vorkam als hätte er einmal von ihm geträumt
Es hatte ein hübsches Gesicht und ein Paar mächtige Augen die noch viel heller
blitzten als seines Röschens Augen die erdbeerroten Lippen lachten so häufig
wie seiner Pfarrschwestern Lippen aber nur wenn sie den jungen Herrn anlachten
hätte Dezimus an seiner Pastormutter Lachen denken können An das weiße Fräulein
konnte er bei dem kleinen Mädchen gar nicht denken Sein Körperchen dauerte ihn
weil es einen so gar großen Kopf mit einem dicken schwarzen Haarwald zu tragen
hatte und dass die eine Schulter ein Ende über die andere hinausragte nun das
nahm sich freilich neckisch aus schadete aber nichts das kleine Mädchen gefiel
ihm doch Der junge Herr aber gefiel ihm so dass er kein Auge von ihm verwenden
mochte und sogar die großen Rohre über ihn vergaß Die Art wie er mit dem
kleinen Mädchen umging rührte des Dezem Herz Er nannte sie nicht ritterlich
aber sie war ritterlich und dabei zärtlich
    »Da bin ich Schwesterchen« rief er indem er die verschobenen Schultern
umfasste »Aber sieh mich doch einmal an Mein neuer Rock hat doch kein Loch
weggekriegt Ist mein Haar in Ordnung Sidi«
    dabei bückte er sich und das kleine Mädchen hob sich auf die Zehenspitzen
stäubte ihm den Rücken ab strich die üppigen Locken glatt bei welcher
Beschäftigung Dezimus sich wunderte was für lange Arme und Finger doch das
kleine Mädchen habe Der junge Herr zog ein Spiegelchen aus seiner Tasche
betrachtete sich sagte »Bon« und dann erzählte er
    »Ich sitze drüben bei Vogels und bestelle mir eine halbe Sekt Da sehe ich
sie kommen Sie glauben mich in der Klasse Wenn bei Vogels Konzert ist
Duckmäuser was ich bei euch lernen kann habe ich mir lange an den Schuhen
abgelaufen Item sie kommen Der gnädigen Tante muss ein Extravergnügen bereitet
werden Die wird Augen gemacht haben vom römischen Korso in Vogels Garten
Enfin sie kommen sie sind schon da und dass ich nach einer Vorlesung über
Moralphilosophie nicht lüstern bin kannst du dir denken Publica nämlich denn
privatissime halte ich sie allenfalls noch aus bis  nun du weißt ja schon bis
wann Ich entschlüpfe also durch die Seitentür und weil vom Garten aus der Weg
nach allen Seiten zu übersehen ist einstweilen auf den Baum Dass die
Harfenmuhme die Musik da drüben nicht lange aushalten würde konnte ich mir ja
denken«
    »Köstlich köstlich« rief das kleine Mädchen in die Hände klatschend
    Während der junge Herr nunmehr seinen Zusammenstoß mit dem Werbener
Hirtenjungen lustig vortrug fiel es diesem endlich  o des Schlaukopfs
endlich  wie Schuppen von den Augen dass es die Kinder Frau Brigittens von
Hartenstein seien welchen sein gutes Glück ihn so verwunderlich
entgegengeführt Er hatte sie nach dem Tode der Amtmannsfrau vor fünf Jahren ja
gesehen und wieviel war im Pfarrhause von ihnen die Rede gewesen Sie freilich
hatten den Bauerjungen im blauen Kittel damals nicht beachtet und es war hübsch
von der kleinen Sidi dass sie ihm heute wie einem alten Bekannten die Hand
reichte und sagte »Auf die Sternwarte möchtest du Aber wie willst du denn da
hineinkommen armer Schelm Du denkst es dir wohl so leicht wie in eure Werbener
Kirche«
    Der arme Schelm mochte den Kopf wohl recht erbarmungswürdig hängen lassen
denn das kleine Fräulein sann offenbar darüber nach wie ihm zu helfen sei und
endlich rief sie in den Augen helle Lust wie sie sich für ihre Jahre schickte
um die gekräuselten Lippen aber ebenso hellen Hohn wie er sich für ihre Jahre
gar nicht schickte »Ich habs ich habs Das trifft sich gut Heute abend ist zu
Ehren der Grosstante aus Rom bei uns Tee Ästetischer Tee Schadet nichts
Hirtendezem wenn du das nicht verstehst Der Professor der die Sternwarte
unter sich hat kommt auch und der soll dich mitnehmen Verlass dich auf mich
ich wills schon machen Aber nun muss ich ihnen nach Am Ende vermissen sie mich
doch und stellen sich ein mit Stangen und Haken mich aus dem Wasser zu fischen
Komm nur gleich mit Dezimus«
    Dezimus berichtete von dem Blumenstock den er erst noch holen müsste worauf
der Junker von Hartenstein versetzte
    »Das hast du nah Junge Reicharts Gretchen ist eine scharmante kleine
Katze darum weissich wo ihr Vater wohnt Siehst du dort drüben Lauf rasch
hole deine Blume komm dann hier unter den Baum zurück und warte auf mich Ich
kann doch bei Gott meinen Sekt nicht im Stiche lassen und eine frische
Havanna muss ich mir auch anstecken Du Sidchen gehst voran und eröffnest die
Präliminarien Das heißt du erzählst dass du zufällig dem Pfarrdezem aus Werben
begegnet bist und die Geschichte von der Sternwarte und der Gardenia Gelogen
ist dabei ja kein Wort denn lügen kleine Unschuld ich weiß es ja lügen tust
du nicht«
    »Nicht gern Mäxchen Aber dir zu Gefallen tu ichs doch Von dir ist nicht
die Rede Du sitzest in der Klasse Lass mich nur machen Meine Geschichte ist
schon fertig und äußerst interessant«
    Damit ging sie Sie schleifte den linken Fuß ein wenig bewegte sich aber
dennoch geschickt und sogar graziös Ihr Bruder sagte
    »Höre Junge dass du kein Wort von unserer Baumpartie verrätst«
    »Wenn sie mich nun aber fragen« wendete Dezimus kleinlaut ein
    »Wer soll dich denn fragen Dummhut Aber nun mach fort«
    Dezimus machte fort und erlangte glücklich eine Gardenia Sie sollte
eigentlich zwei Groschen mehr kosten als ihm der Vater dafür mitgegeben da er
aber verlegen sein leeres Lederbeutelchen zeigte ließ Herr Reichart mit sich
handeln Hätte der Käufer eine volle seidene Börse gezeigt und statt des Kittels
seinen Kandidatenrock getragen würde Herr Reichart schwerlich mit sich haben
handeln lassen Einer von den Fällen wo ein Hirtenjunge weiter als ein Junker
reicht »Ein Prachtexemplar« hatte Herr Reichart die Gardenia genannt Dezimus
fand einen roten Feldmohn der von einem Erntewagen gefallen war weit
prächtiger und den Duft der Lindenblüten im Pfarrgarten weit erquicklicher als
den der fremden Gardenia Zu einem Blumisten wie sein Pastorvater hatte Held
Dezem leider nicht entfernt das Zeug
    Unter der Buche musste er eine Weile warten bis der Junker kam Derselbe
mochte seine halbe Sekt allzu hastig hinuntergestürzt haben und das was er
seine Havanna nannte ihm auch zur Überlast nach dem Kopfe gestiegen sein denn
seine Augen und Backen glühten und er schwatzte beiwege in das Blaue hinein
allerlei krauses Zeug von welchem Dezem der Dummhut gottlob nicht den
zehnten Teil verstand unbewusst jedoch spürte dass er es in der Werbener Pfarre
nicht gehört haben würde
    »Weißt du Junge« fragte der Junker unter anderem »wer vorhin das
angepinselte Gespenst mit dem Blumenhute war das sich von der schwarzen
Hopfenstange am krummen Arme spazieren führen ließ Die Harfenmuhme wars aus
Rom die morgen auf ihr Gut nach Werben will und heute ihre Erben nämlich mich
und Sidi Revue passieren lässt Und weißt du wer die Hopfenstange war der mein
kugelrundes Mamachen wie ein Strickbeutel am anderen Arme hing Zacharias heißt
der Mann den gelehrten Zacharias lässt er sich schimpfen und ein Pfaffe ist er
aber so einer  wenn du den Unterschied verstehst  der seinen Blödsinn nicht
von der Kanzel sondern vom Katheder zum besten gibt item ein Herr Professor
Und mein gelehrtes dickes Mamachen will den gelehrten dürren Zacharias zum
Manne nehmen Aber der Henker soll mich holen wenn ich so einen Philister von
Pastor Vater nenne«
    »Mein zweiter Vater ist auch ein Pastor« versetzte Dezimus mit Stolz da er
des Junkers Pointe nicht verstanden hatte
    »Aber dein erster Vater war ein Schafhirt und der meine ein Freiherr von
Hartenstein Zwischen einem Pflegevater und einem Stiefvater ist übrigens noch
ein Unterschied mein Junge«
    Beide Erklärungen waren unwiderleglich daher denn Dezimus auch nichts
weiter äußerte als sein Lieblingswort »Ja«
    »Nun meinetwegen« fuhr der andere fort »Ehe es zur Hochzeit kommt bin ich
über alle Berge«
    »Wo wollen Sie denn hin Herr Max« fragte Dezimus betrübt dass er den
schönen jungen Herrn vielleicht im Leben nicht wiedersehen sollte
    »In die Welt hinaus so weit als möglich Überall besser als hier«
    »Doch nicht zu dem wilden Volke wo Ihr lieber Vater totgeschossen worden
ist«
    »Nach Russland nein Russland ist eine Despotie und ich bin Republikaner
Und wenn Papa auch noch lebte und mich zu sich riefe ein Tyrannenknecht werde
ich nie Ich habe es geschworen« flüsterte er geheimnisvoll stimmte aber
gleich darauf mit heller Kehle an »Bricht dir nicht entzwei die Schulter nicht
entzwei die morsche Schulter Autokrator  krator  krator  Es hats doch
niemand gehört« fragte er indem er sich scheu nach allen Seiten umsah »Es
wimmelt von Spionen in diesem vermaledeiten räucherigen Nest und alle halten
sie mich schon für einen Studenten Die armen Burschen Denen sitzen sie gehörig
auf dem Dache«
    »Sie gehen wohl noch in die Schule Herr Max«
    »Leider weil ich muss Aber kein Mensch muss müssen Und kurzum ich will
nicht mehr Was diese Philister mir beibringen können weiß ich längst oder
brauche ich nicht zu wissen In einem einzigen Buche steht mehr als in ihren
hohlen Köpfen allen zusammen und ich lese manchmal die halbe Nacht hindurch
Gings freilich nach meiner Mama würde ich ein Federfuchser wie ihr Zacharias
Aber ich bedanke mich Frau Mutter ich bedanke mich Die Hartenstein haben an
einem Schriftgelehrten genug«
    »Da wollen Sie wohl Soldat werden wie Ihr seliger Herr Großvater
Exzellenz«
    »Ich habe das Alter noch nicht Und dann ja wenn man gleich General wäre
das heißt wenn wir schon die Republik hätten wo das jüngste Genie am höchsten
steigt  Kommen wird sie die Republik« er fiel wieder in den Flüsterton 
»wir haben es geschworen Dezimus Es ist ein Geheimbund Er heißt der Werdetag
Ich bin Präses Alle Sonnabend kommen wir in der Sonne zusammen aber ganz
verstohlen Heute auch für mich wird es spät werden wegen Mamas
Teegesellschaft Wir rauchen wir spielen Karte wir sind fidel Die anderen
trinken Bier Es sind lauter arme Schlucker Aber ich mag kein Bier ich trinke
Wein Ich bin auch der einzige Edelmann in dem Korps Und da haben wir es
geschworen Der Tag der Freiheit oder die ewige Nacht Wenn du größer wärst
Dezimus ich meine wenn du schon auf der Schule wärest führte ich dich ein als
Gast«
    Ei nun Held Dezimus dachte es sich gar nicht uneben wenn er erst groß
geworden sein werde in einem fidelen Werdetag mit fidel zu sein obschon als
armer Schlucker nur mit Biergenuss Vor der Hand beschäftigte ihn indessen
vorzugsweise die Frage was der schöne junge Herr werden wolle wenn er binnen
kurzem das Präsidium des Werdetags in weniger würdige Hände niederlegte Und
diese Frage stellte er denn auch ganz unumwunden indem er zuversichtlich die
Antwort erwartete ein Sternenforscher und begierig war zu erfahren welcher
Weg zu diesem einem so herrlichen Junker einzig geziemenden Ziele eingeschlagen
werden müsse Als der herrliche Junker nun aber einfach antwortete »Gar
nichts« da starrte er ihm verblüfft in das Gesicht denn einen Menschen der
gar nichts war hatte der Zögling Konstantin Blümels sich bisher nicht denken
können
    »Nichts oder alles Ein freier Mann« verdeutlichte Junker Max »Mein
eigener Herr Wenn der alte Mehlborn tot ist sind Sidi und ich Millionäre denn
Mama will er enterben Wir werden aber nie vergessen dass sie unsere Mutter ist
wenn sie auch Madame Zacharias heißt Und von der römischen Tante erben wir auch
alles denn die pröpstlichen Hartensteins sind ihr zu fromm Vor der Hand sorgt
Sidi sie hat viel in ihrer Sparbüchse Wirds vor der Zeit alle gehe ich unter
die Kunstreiter«
    Dezimus fragte was Kunstreiter seien und wurde berichtet die einzigen
freien Menschen in diesem geknechteten Jahrhundert die Schauspieler
ausgenommen deren Kunst aber lange nicht so nobel sei
    »A propos« unterbrach sich der junge Herr »du kommst ja über X Hast du
nicht gehört ob der Le Voisin in der Kürassierreitbahn noch Vorstellungen gibt
Ich bin schon ein paarmal drüben gewesen versteht sich heimlich Heute wollte
ich auch wieder hin Wenn aber Mama Gesellschaft hat muss ich die Honneurs
machen«
    Dezimus wusste dass le voisin in Frankreich der Nachbar heiße von einem Le
Voisin in X wusste er nichts und da sie just vor Frau von Hartensteins Hause
standen konnte der Junker ihm nur noch einschärfen auch wenn er gefragt werde
nichts von ihrer Begegnung zu verraten »Mucksmäuschenstill Junge hörst du
und so ein Schafsgesicht gemacht wie jetzt« Damit sprang er je zwei Stufen auf
einmal nehmend die Treppe hinan um vor dem ästhetischen Zirkel den Geist des
Sekts noch ein Stündchen auszuschlummern »Wenn sie nach mir fragen mache ich
meine Pensa du weißt schon Schwesterchen« sagte er zu der kleinen Sidi die
ihm auf dem Flur entgegenkam Sie nickte und nahm dann Dezimus der auf des
Junkers Geheiß ihm langsam nachgefolgt war bei der Hand um ihn der Mutter
vorzuführen
    Das hätte der abenteuernde Schäfersohn in seinem staubigen Leinenkittel sich
aber nicht träumen lassen dass er in dem vornehmen Hause aufgenommen werden
würde wie ein Prinz Ja Heimat bleibt Heimat der reinsten Vernunft zum Trotz
Frau Brigitte fragte nach den Bewohnern von Schloss und Pfarre von Pächter und
Schulhaus nach Hinz und Kunz Sie fragte mit Anteil wennschon nicht mit Wärme
Nur nach ihrem Vater fragte sie nicht und das wäre ja auch die einzige Frage
gewesen auf welche Dezimus keinen Bescheid hätte geben können Endlich fragte
sie denn auch ob ihr kleiner Gast Hunger habe und etwas genießen möchte auf
welche Fragen der kleine Gast ehrlich »Ja« und höflich »Wenn ich bitten darf«
antwortete demzufolge in die Küche geführt ward und eine gewärmte
Mittagsschüssel vorgesetzt erhielt die er bis auf den Grund leerte Die kleine
Sidi die von wenig mehr als der Luft und ein bisschen Zuckerwerk oder Obst
lebte sah mit Wunderaugen welche Stoffmassen solch ein neunjähriger
Hirtenmagen unterzubringen vermöge Gehört ein guter Magen denn aber nicht zu
den Grundbedingungen eines Glücklichen
    »Eure neue Gutsherrin Fräulein von Werben wünscht dich zu sehen Dezimus«
sagte Frau von Hartenstein darauf »Reinige dich daher und kleide dich um
Meines Sohnes Zeug wird dir passen«
    Die kleine Sidi welche ihr Mäxchen bei seinem Pensum von keinem Dritten
stören lassen wollte war flink bei der Hand Wäsche und Kleider herbeizuholen
und den Dezem in eine Hinterstube zu führen »Erst nimm ein Bad« sagte sie
indem sie einen Schrank öffnete
    In der Werbener Pfarre wurde sobald es im Fluße zu kalt wurde regelmäßig
Sonnabend nachmittags im Waschhause gebadet Aber da setzte man sich in eine
Wanne Dass einer stehend in einem Schranke baden sollte dünkte dem Dezem wider
alle Naturordnung Die kleine Sidi lachte ihn jedoch aus drehte die Hähne auf
ließ kalten und warmen Regen sprühen und verlangte dass Dezimus sich in ihrer
Gegenwart unter die Traufe stelle Er wurde feuerrot die Kleine kicherte wie
ein Kobold
    »Dummer Dezem« sagte sie »Ich bin ja kein Mädchen Ich habe ja einen
Buckel Ich bin ein Nix«
    Der dumme Dezem fand jedoch dass sie trotz des Buckels kein Nix sondern ein
Mädchen sei und jagte sie aus der Tür Dann ließ er sich vorschrifsmässig im
Schranke bespritzen rumpelte sich ab bürstete den Strohwald auf seinem Kopfe
glatt und machte sich fein Obgleich der Junker fünf Jahr mehr zählte als er
passten ihm jenes Sachen wie angegossen Ja Kleider machen Leute Wenn er sich
in dieser Pracht doch seinem Röschen hätte präsentieren können
    Als er eben im Begriffe war eine Weste mit türkischem Muster anzulegen
trat die kleine Sidi wieder ein Sie stieg auf eine Hütsche um eine Krawatte
mit künstlichem Knoten unter seinen Hemdskragen zu schlingen »So« sagte sie
»so gefällst du mir Nun gib mir einen Kuss«
    Dezimus leistete Folge Gleich darauf ging es zur Vorstellung der neuen
Gutsherrin in den Salon Auf dem Flur begegnete ihnen der Junker in glänzendem
Wichs und duftend wie ein Veilchen »Mein Mäxchen ist aber doch viel schöner als
du« sagte die kleine Sidi und Dezimus stimmte ihr mit voller Überzeugung bei
    Das was der Salon hieß war nicht so geräumig wie die Wohnstube in der
Werbener Pfarre und einen herrschaftlichen Saal hatte Dezimus doch auch schon
gesehen wenn auch nur einen von Ahnen bevölkerten Dennoch stand er auf der
Schwelle dieses Staatsgemachs wie geblendet denn alles blitzte und blinkte in
dem Raume Ein Kronleuchter brannte in der Mitte und eine Lichterreihe über
jeder Tür Vor dem orangegelben Divan war der Teetisch serviert mit funkelndem
Gerät im Hintergrunde lehnte zwischen einer blühenden Hortensiengruppe eine
goldene Harfe und am entgegengesetzten Ende des Zimmers stand ein Flügel
geöffnet Gäste waren noch nicht gegenwärtig nur die Hausfrau der projektierte
zweite Vater und die blühende alte Dame welche er neben seiner Verlobten am
krummen Arme spazieren geführt hatte Im eifrigen Gespräch wurde der Eintritt
der Kinder nicht alsobald bemerkt
    »Unerhört« hatte eben Frau von Hartenstein ausgerufen
    »Lächerlich« die alte Dame leichthin erwidert
    »Nicht ganz so lächerlich wie es scheinen mag meine Gnädige« der
zukünftige Hausherr widersprochen »Ist es doch die natürliche Konsequenz
unserer unseligen Staatsmaximen Jegliches Märtyrertum lockt wie die Phantasie
so den Unverstand Denken Sie an die Kreuzzüge der Kinder  «
    »In homöopatischer Verdünnung« spottete die alte Dame »Wie der Held so
sein Affe«
    Bei diesen Worten traten die Kinder ein
    »Siehst du die angepinselte Mumie auf dem Sofa Die ists Du musst ihr die
Hand küssen« zischelte Junker Max in Dezems Ohr und schassierte graziös mit
galantem Beispiel voran
    Die »Junkermuhme« mit ihren roten Bäckchen und schwarzen Löckchen unter
einem umfangreichen Blumenhut mit den weißen Zähnen hinter den lachenden
Lippen dem smaragdgrünen Gewande und dem palmendurchwirkten Purpurschal stach
dem Dezem gar wohlgefällig in die Augen aber wie der schöne Junker es riet und
tat seine Lippen auf das schneeweiße Handschuhleder zu drücken nein solche
Verwegenheit kam dem bescheidenen Hirtensohne nicht in den Sinn Er machte unter
der Tür einen Diener so tief als sein stämmiges Rückgrat sich niederzwingen
ließ und da just die ersten Geladenen sich einstellten schob er sich sacht in
den Ofenwinkel
    Sidi oder wie sie im Salon genannt wurde Sidonie zog ihn aus diesem
hervor um sich mit ihm an einem Seitentischchen zu etablieren Und so war es
diesem zum Glück geborenen Johanniskinde beschieden schon auf der Schwelle
seines zweiten Stufenjahres der Teilnahme an einem ästhetischen Teezirkel
gewürdigt zu werden Eine Ehre die sich auf seinen späteren Lebensstufen nicht
wiederholen sollte daher denn dem Helden im Salon ein ausgiebiges Kapitel
gewidmet werden soll
Den ersten Geladenen folgten die anderen mit der Pünktlichkeit welche an diesem
außerordentlichen Abend den Drang der Huldigung bedeutete kunstsinnige Damen
ohne ihre weniger kunstsinnigen Ehegatten gelehrte Herren ohne ihre weniger
gelehrten Ehegattinnen die Creme des akademischen Genius desgleichen etliche
ledige schöngeistige Wesen beiderlei Geschlechts aus dem Laienstande Männiglich
wie weibiglich verbeugte sich mit nicht weniger feierlichem Ernst wie der
Hirtensohn von Werben vor der farbenprangenden Muse welche die Magie der
Sixtinischen Kapelle umwitterte Die Hausfrau bereitete den Tee schweigend in
aschgrauem Kleid weißer Pelerine und spiegelglattem Haarscheitel ein Bild der
ernsten Wissenschaft neben dem der heiteren Kunst und absichtlich oder nicht
dessen Folie Sie hatte sich der geselligen Gewöhnung der Verwandtin ihrer
Kinder tunlichst zu genügen zu dieser läppischen Unterhaltung herbeigelassen
in ihren Zügen aber stand geschrieben »Einmal und nicht wieder« Jederzeit von
bleicher Gesichtsfarbe glich dieselbe heute der ihres Gewandes das heißt
nichts weniger als einer bräutlichen ihre Lippen waren fest geschlossen die
Augen verfolgten den Sohn und als dieser Miene machte dem um den Teetisch sich
bildenden Zirkel sich einzureihen verwies sie ihn mit einer eisigen Gebärde in
den Kinderwinkel
    Soweit es einer Mutter von so strenger Gedankenzucht gestattet ist einen
Liebling oder gar einen Verzug zu haben das heißt unwillkürlich und unbewusst
so weit und leider schon viel zu weit war es Brigitten von Hartenstein dieser
schöne Knabe der Erstling ihres Jugendglücks Das Blut schoss ihm daher bei
dieser unerlebten Demütigung in das Gesicht trotzig schritt er nach der Tür
ruhig ging die Mutter ihm nach und führte ihn ohne ein Wort zu sagen so wie
man ein unartiges Kind in die Ecke stellt an das Pfeifertischchen
    Junker Max schäumte eine Weile saß er stockstumm an der Unterlippe nagend
die Hände wühlend in dem lockigen Haar die kleine Sidi streichelte ihm die
Backen flüsterte die zärtlichsten Schmeichelnamen in sein Ohr machte nach dem
Teetisch hin eine Faust und lief dann mit der Inspiration der Liebe ihr noch
uneingeweihtes goldgepresstes Stammbuch herbeizuholen auch Tinte und eine
feingeschnittene Krähenfeder die sie dem Erzürnten mit einem aufmunternden Wink
in die Hand zwang Und die Aufmunterung wirkte das Selbstbewusstsein besiegte
die Kränkung es erwachte der Stolz welcher dem Tertianer ziemt wenn er sich
von Gottes und Rechts wegen als Primus in Prima fühlt und das Haupt einer
republikanischen Verschwörung ist War dieses Konvivium hochgradigsten
Philistertums und allerverdrehtester alter Schrauben das Opfer der Unterhaltung
eines genialen Jünglings wert eines Jünglings welcher der Apollo des
Gymnasiums hieß und nach welchem die holdesten Mädchen sich schmachtend die
Augen aus dem Kopfe sahen Unsinn Blödsinn Abgeschmackt Wert war das
Konvivium allein seines satirischen Kunstgeschicks und was wahr ist muss wahr
bleiben  das Album der kleinen Sidi ist der Nachwelt erhalten worden  die
flüchtigen Federskizzen welche am Kindertischchen gleichsam aus dem Ärmel
geschüttelt wurden sie würden dem ernstaftesten der ernstaften Herrn am
Teetisch ein Lächeln abgezwungen haben vorausgesetzt dass er beim Blättern
nicht auf die Illustration seiner eigenen werten Person gestoßen wäre Vor
diesem vierzehnjährigen Karikaturisten lag eine Zukunft
    Der arme Dezem freilich saß zwischen dem satirischen Gezischel und Gekritzel
hüben und dem ästhetischen Gesumme und Gebrumme drüben wie ein verirrtes
Weidelamm Zum ersten Male im Leben würde er sich sterblich gelangweilt haben
hätte die Spannung nach dem großen Manne welcher die Sternwarte regieren
sollte sein Blut nicht in Wallung erhalten Sooft die Tür sich auftat und ein
neuer Herr Doktor oder Herr Professor Fräulein Tusnelden von Werben vorgestellt
wurde fragte Dezimus seine kleine Gönnerin »Ist es der« Aber immer war es der
noch nicht
    Der Tee hatte gezogen die Hausfrau eine silberne Schelle ertönen lassen
der letzte Stuhl im Kreise war besetzt Dezems Hoffnung tief gesunken Da  da
öffnete sich die Tür und ein bleicher Jüngling trat ein mit einer Miene welche
Dezimus an die seines Kantors Beifuss erinnerte wenn er als Leichenbitter
feierlich von Haus zu Hause wandelte Auch der schwarze Leibrock den er trug
hätte füglich Kantor Beifussens Kleiderschrank entlehnt sein können nur die
Handschuhe waren nicht ganz schwarz sondern vermutlich einmal weiß gewesen und
von einem Stoff aus dem man Strümpfe macht
    »Da kommt er« rief Dezimus neubelebt
    Schallendes Gelächter am Pfeifertisch Unschuldiges Weidelamm weißt du denn
nicht einmal was ein Lohnbedienter ist der bei festlichen Gelegenheiten an
Stelle der Köchin das Teebrett umherreicht Ach nein du weißt es nicht In
deinem Pastorhause wird das Brett von den lieben Schwestern umhergereicht und
du selbst bist schon manches mal mit dem Kuchenkörbchen hinterdrein geschritten
Dein Herz wird immer schwerer armer Dezem
    Aber jetzt jetzt Noch einmal öffnet sich die Tür und ein Herr tritt ein
ein hoher stattlicher Herr mit blühenden Wangen aber kurios schon mit
schneeweissem Lockenhaar wie die selige Exzellenz und auch wie eine Exzellenz
trägt er eine stolze Uniform silbergeschnürt von silbergrauer Farbe
Beinkleider die bloß bis zum Knie reichen weissseidene Strümpfe und
Schnallenschuhe nur keinen Säbel »Da ist er« jubelt Dezimus laut auf und
wiederum schallendes Gelächter selber am feierlichen Teetisch bricht eine
joviale Laune durch als Fräulein Tusnelda zu dem blühenden Herrn mit den
weißen Locken der ihr das Teegebäck präsentiert sagt »Bedanke dich bei meinem
kleinen Landsmann Mattner er hat dich für einen Gelehrten gehalten« Dem
kleinen Landsmann fiel das Herz vor die Schuhe
    Der Tee ist genommen der Hausherr der Zukunft erhebt sich um die gefeierte
Virtuosin an ihre Harfe zwischen der Hortensiengruppe zu führen Sie streift die
weißen Handschuhe ab die hinan bis zu dem radförmigen kurzen Bauschärmel
reichen Die »schönsten« Frauenarme enthüllen sich Üppig sind sie nicht denn
Kunstübung zehrt aber mehlig weiß wie des blühenden Mattner Haupt Sie stimmt
die Saiten sie präludiert kein Hauch geht durch den Salon keine Regung nur
die schwarzen Löckchen zittern unter dem Blumenhut dann ein Lied sonder
Dichterwort noch Sangeslaut aber zart rein und glühend der tiefsten Seele
entströmend so wie Tusnelda von Werben und nur sie die Adelaide einst
gesungen hat als sie jung und neu eine Liebesbotschaft aus himmlischen
Sphären die lauschende Welt mit Wonneschauern durchbebte O du Hirtensohn aus
Bethlehem Das Saitenspiel das dich zum König weihte es scheucht heute noch
wie vor Jahrtausenden die finsteren Dämonen aus dem Menschenhirn was aber mehr
bedeuten will es schmelzt die Rinde der Philisterherzen Dein kleiner
deutscher Hirtenbruder vergisst die geträumten Sternenrohre die weisen Leviten
drücken einander stumm die Hände und die Priesterinnen des Schönen weinen
überirdische Entzückungszähren Das kleine verwachsene Mädchen aber stürzt sich
jauchzend der alten Künstlerin an die Brust und ihr schöner Bruder Übermut
zerknittert sein gelungenstes Blatt das die Unterschrift »Harfenmuhme« trägt
Nur die Hausfrau hatte unbewegt gesessen die Blicke geheftet auf ihren Sohn
    Das Dankopfer entsprach dem Enthusiasmus des Eindrucks Man hatte etwas
Vollendetes gehört und was mehr bedeuten will etwas Ungewohntes Aber die
vollendetste Piece füllt einen Teeabend nicht aus und wer hat den Mut oder die
Demut nach dieser Ersten der Zweite zu sein und nach dem Ungewohnten mit etwas
Gewohntem aufzuwarten Kein Mann nicht der musikbeflissenste der jungen
Doktoren weder der vielbeliebte Cellospieler noch der allbeliebte
Balladensänger ein Weib musste sie beschämen Ein Fräulein mit goldenen
Hängelocken ließ sich nach schicklichem Sträuben an den Flügel führen kramte
eine Weile sinnend in dem mitgebrachten Notenvorrat und wählte darauf sei es
nun in erweckter heiliger Erinnerung an den Reigentanz vor der Bundeslade sei
es in der profaneren an die eigene leider entschwundene Reigenzeit genug das
Fräulein wählte Webers Aufforderung zum Tanz noch immer das beliebteste
Vortragsstück der Zeit und gemeinhin ein recht bewegliches Stück Weil die Dame
aber in jenes Stadium getreten war das zwischen denen des Vogels und Fisches im
weiblichen Erdenwallen die Mitte hält begann sie und beharrte ohne Abirrung in
dem feierlich massvollen Tempo in welchem der König der Harfe unzweifelhaft
seinen Reigentanz vorgeführt haben wird oder in welchem heutigentages etwa ein
Großvater den Reigen mit der Großmutter eröffnen würde
    Keiner von der Dame musikalischen Freunden hatte ihr bis heute eine
Beschleunigung dieses Tempos zugemutet keiner selber der rigoristische
Cellodoktor nicht hatte es einer in heilige oder profane Erinnerungen
Verlorenen bemerkbarlich übelgenommen wenn bei schwierigen Touren ihr ein
kleiner unharmonischer Fehlgriff entschlüpfte Heute aber zuckten Finger und
Füße wackelten Löckchen und Blümchen am ästhetischen Teetisch und am
satirischen Pfeifertisch wurden ganz ausverschämte Gesichter geschnitten Bei
Gelegenheit einer kleinen Terz die korrekter gegriffen eine große gewesen wäre
kreischte die kleine Sidi laut auf »Au« und dann wechselte sie mit der
römischen Grosstante einen Blick und ein Kopfnicken die eine weit nähere Wahlals
Blutsverwandtschaft bekundeten
    »Du spielst ja wohl auch Kind« fragte Fräulein Tusnelda zum Pfeifertisch
hinüber nachdem die stimmungsvolle Dame geendet und den Tribut der Höflichkeit
geerntet hatte
    »Gewiss« antwortete Sidi dreist
    »So lass einmal hören Kleine«
    Die Mutter wollte es wehren aber die Kleine hatte bereits Posto gefasst auf
dem Kissen mit welchem Bruder Max hurtig das Taburett vor dem Flügel erhöht
hatte und streckte die Hände die für ihre Figur zwar unmäßig lang immer
jedoch nur die eines zwölfjährigen Mädchens waren auf die Tasten
    »Was soll ich spielen« fragte sie nach der Tante gewendet
    »Was du zu können glaubst Kleine«
    Die Kleine klappte das Notenheft zu das vor ihr noch aufgeschlagen lag
ihre Augen funkelten wie Koboldsaugen und aus dem Kopfe statt aus dem
erinnerungsreichen Gemüt schlugen die schlanken Finger das eben verklungene
Tonstück von neuem an aber mit »Posaunen und Jauchzen« im Tempo der Jugendlust
und ohne einen einzigen unharmonischen Oberoder Untersatz Die Weisesten der
Weisen trippelten mit den Füßen wie auf ihrem ersten Studentenball und dann
klatschten sie bravo mit aller Macht nur die schönsten der erheiterten schönen
Seelen blinzelten ohne ein Fünkchen Schadenfreude zu der gedemütigten
Mitschwester hinüber die kleine Sidi aber warf sich in ihres Mäxchens Arme sie
hatte seine Kränkung gerächt den Pfeifertisch zu Ehren gebracht Dass sie mit
ihrem Triumph über die zum Tanze herausfordernde Jungfrau sich ein Künstlerherz
verbunden und eine weittragende Aussicht für ihr verkümmertes Dasein gewonnen
hatte das ahnte die kleine Sidi in dieser Stunde freilich noch nicht Nur die
Mutter hatte das dreiste Wettspiel nicht herausgehört Sie hegte keine
Reigenerinnerungen und Musik war ihr gedankenstörendes Geräusch ihre Blicke
hafteten an dem schönen Sohn
    Der Muse welcher ein gastlicher Sinn den Vorrang gegönnt hatte war mit
diesem Bravourstück genuggetan wennschon für die weniger sinnlichen
Darbietungen die ihm folgen sollten statt der hüpfenden Stimmung eine
elegische empfänglicher gemacht haben würde
    Denn zur Feier der fremden Künstlerin und zur zarten Mahnung an den Wert des
deutschen Vaterlandes dem sie eingestandenermassen nach diesem letzten Besuche
und der Ordnung ihrer heimischen Angelegenheiten für immer den Rücken zu kehren
gewillt war hatte eine Kunstschwester auf verwandtem Gebiet und zugleich Witwe
eines grundgelehrten deutschen Mannes sich bewogen gefühlt von ihren
mannigfachen Reliquien die heimlichste und heiligste zum ersten Male zu
offenbaren einen Brief in welchem der größte deutsche Dichter mit seiner
eigenhändigen Unterschrift sein Beileid an ihrer Verwitwung beglaubigt hatte
    Der große Dichter war wie der große Gelehrte wills Gott ein Seliger
geworden um beide vereint trug die edle deutsche Frau seit Jahren schon den
Trauerschleier und hatte sie den einen von ihnen auch niemals mit leiblichen
Augen gesehen fühlte sie sich geistig dennoch eine Doppelwitwe denn sie selber
war eine Dichterin und nicht gering das huldigende Opfer ein Wort das der
größte Bruder im Apoll an den Schwestergenius gerichtet mit einer bloß
ausübenden Künstlerin zu teilen
    Die Eröffnung würdig vorzubereiten hatte ein befreundeter Doktor der
Ästetik einen Vortrag ausgearbeitet welcher in Betracht dass sein Hörerkreis
wenn nicht der Mehrzahl so doch der Hauptperson nach der schöneren Hälfte des
Menschengeschlechtes angehörte des Altmeisters bildenden Einfluss auf diese
schönere Hälfte behandelte und in welchem er diese Hälfte wieder in zwei
Hälften fachgemässer ausgedrückt Kategorien   
    Aber  der Vortrag ist ja gedruckt und von Mitund Nachwelt gebührentlich
gewürdigt worden wenn jedoch  denn das ist der Kasus auf welchen es an dieser
Stelle lediglich ankommt  wenn also der Held dieser Geschichte ihn nicht
gebührentlich gewürdigt hat so wird hoffentlich weder dem Vortrag noch dem
Helden ein Abbruch an ihrer Schätzung dadurch geschehen Fragwürdig würde im
Gegenteil erscheinen ob es der Vortrag verdiente gedruckt der Nachwelt
erhalten zu werden wenn er auf besagten Helden einen anderen Eindruck gemacht
hätte als den er gemacht hat und ebenso fragwürdig ob der Held verdient
hätte dereinst biographisch behandelt zu werden wenn er  auch abgesehen von
einer zweimeiligen Fusswanderung  einem Vortrag über Goethes bildenden Einfluss
auf das weibliche Geschlecht müßig und mucksmäuschenstill sitzend drei
Viertelstunden lang zugehört hätte ohne  versteht sich nur in seinem zweiten
Stufenjahr  die Wirkung zu erfahren die er erfuhr
    Der brave Dezimus er reißt die Augen auf und gähnt mit vorgehaltener Hand
wie es dem Zögling einer einstmals gräflichen Gouvernante ziemt aber immer
schwerer nickt und immer tiefer sinkt sein dicker Kopf jetzt hinunter bis zur
türkischen Weste jetzt bis auf die Arme die sich über dem Pfeifertischchen
kreuzen »Ist er da« lallt er noch dann fallen die Lider ihm zu und er hört
von der Beileidsbezeigung des großen Goethe und dem was ihr vorangeht und
nachfolgt kein Sterbenswort Er schläft er schläft wie ein junger Ratz er hat
in seinem Leben noch nicht so fest  nein das wäre zuviel behauptet  aber er
hat in seinem Leben nicht fester geschlafen
    »Dieser Hirtensohn bekundet einen hohen Grad frühreifer Urteilskraft«
bemerkte keineswegs im Flüsterton Fräulein Tusnelda gegen ihren Nachbar den
anverlobten Hausherrn und der anverlobte Hausherr seufzte zur Erwiderung
»Beneidenswerter Stand der Unschuld«
    Weiter kam er nicht denn der Ästetiker hatte eben das Heft zugeschlagen
die Reliquie wurde aus dem Busen gezogen und »Auf die Suppe folgt der Braten«
sagte Fräulein Tusnelda
    Das Diktat welches nunmehr zum Vortrag gebracht wurde enthielt nur wenige
schlichte Worte wie ein Greis bei eines Greises Scheiden sie naturgemäß fühlt
und sagt von einem anderen an eine andere gerichtet würde in beruhigter
Gemütsstimmung das Schreiben mit manchen ähnlich lautenden von dem Kaminfeuer
verzehrt worden sein dahingegen von einem Goethe diktiert und von eines Goethe
eigener Hand unterzeichnet es alle Aus sicht hat die schwungvollsten
Trauerkarmen und sogar das gelehrte Elaborat zu welchem es den Impuls gegeben
um unberechenbare Generationen zu überdauern ja einem edlen Weine gleich mit
jedem Lagerjahre an Wert zu steigen Wie fühlte heute schon die glückliche
Eignerin trotz ihres Witwenunglücks sich beneidet wie phantasievoll
ergründete sie aber auch die geheimnisvolle Tiefe jeglichen Bindeworts spürte
unter dem gelassenen Redesatz den klopfen den Jugendpuls schöpfte ohne ihn zu
erschöpfen aus dem Born einer göttlichen Zeugungskraft
    Der Drang nach einem weihevollen Abschluss des Seelenschmauses bevor das
kalte Abendbrot gereicht ward ist unüberwindlich die edle Witwe erhebt sich
sie war nicht nur eine Dichterin sie war in gehobenen Momenten es auch aus dem
Stegreife Die Gesellschaft erwartete eine Improvisation Die Dichterin wagt an
ihre musikalische Kunstschwester die Bitte um leise Harfenbegleitung die
Kunstschwester aber schüttelt schnöde die schwarzen Löckchen unter dem weißen
Blumenhut worauf hin wiederum die Dichterin wehmutsvoll die weißen Locken unter
dem schwarzen Schleiertuch schüttelt und mit in die Höhe geschlagenem Blick
einer Seherin gleich die himmlische Eingebung erwartet als   als die Tür
sich auftut und  ja das Glück kommt nicht bloß Märchenprinzen im Schlaf  und
Er erscheint Er ist da
    So gering auf einer mittleren Universität die Hörerzahl eines Astronomen
auch nur sein kann so gab es auf der unseren jener Zeit nicht bloß keinen
gefeierteren sondern auch keinen populäreren Lehrer als den alten Herrn mit dem
sokratischen Satyrkopf und dem sokratischen Menschenherzen und nicht Frau von
Hartenstein allein strich den Tag an welchem er ihr Haus zu flüchtiger Einkehr
beehrte rot im Kalender an Heute scheuchte seine Begrüßung zum ersten Male die
Sorgenwolken von ihrer Stirn wenngleich er auch heute leider nur als Meteor am
ästhetischen Firmament auftauchen sollte denn am wissenschaftlichen Firmament
hatte sich eine totale Mondfinsternis angekündigt und der Umgang mit großen und
kleinen Himmelsregenten erzieht nun einmal eine Höflingsschule
    »Indessen« setzte er hinzu indem er Fräulein von Werben als einer alten
Bekanntin die Hand drückte »ließ es mir doch keine Ruhe Sie Verehrteste
noch einmal zu sehen und wenn es sein kann zu hören Denn es bleibt bei Ihrem
Wort unser beider Künste sind Schwestern und welche von ihnen die ältere ist
ob die erste Harfe welche ein Tebaner gestimmt oder die erste Mondfinsternis
welche ein Chaldäer beobachtet hat diesen zweifelhaften Vorrang wollen wir uns
gegenseitig nicht streitig machen Und darum edle Tebanerin rühren Sie Ihr
Saitenspiel zu einer Weise nach welcher der alte Chaldäer für den Rest seiner
Nächte die himmlischen Leuchten harmonisch wandeln sehen wird«
    In der nächsten Minute saß Fräulein von Werben zwischen der Hortensiengruppe
hinter ihrer goldumrahmten Pedalharfe vielleicht der klangvollsten und
kostbarsten welche Erards Meisterhand konstruiert hat Während sie stimmte
sagte der Professor nachdenklich »Seit ich Sie zum ersten Male hörte es war in
der Dresdener Hofkirche und lange lange ist es ja her ich war fast noch ein
Knabe und Sie Sie sangen damals noch  Tusnelda mit der Seraphsstimme wissen
Sie wohl  seitdem nun hat mir in mancher stillen Sternennacht eine alte
italienische Hymne vor den Ohren gesummt ja ich darf sagen wie Sphärenrhytmus
das Herz sehnsüchtig geschwellt In Wirklichkeit habe ich die Melodie niemals
wieder vernommen Es wäre ein Wunder wenn Sie sich ihrer noch erinnerten«
    »Das Wunder könnte sich begeben haben« versetzte das Fräulein »Aber sagen
Sie Professor warum tragen Sie nicht wie ich eine Perücke Das Organ der
Galanterie liegt Ihnen bedenklich bloß Die Harmonie der Sphären sollen Sie
übrigens noch einmal klingen hören wenn auch nur mittelst eines Notbehelfs Die
Finger sind mir gottlob noch nicht lahm geworden«
    »Die Zunge auch nicht« versetzte der Professor und beide lachten
    Dann griff die Künstlerin in die Saiten zu einer jener kindlich hehren
friedvollen Palestrinischen Weisen die man in Deutschland dazumal außerhalb der
Dresdener Hofkirche nur selten hörte welche die Dame aber mit solcher
Virtuosität auch des Gemütes modulierte dass der alte Chaldäer durch den
Notbehelf der Saiten sich gar wohl in der Jugend goldene Sangestage versetzt
fühlen durfte und eine edle Dichterin nur mit übermenschlicher Anstrengung die
zuströmenden Gesichte im Herzensgrunde zu stauen vermochte
    »Nun aber Gefallen für Gefallen Freund« sagte Fräulein Tusnelda nachdem
sie auf ihren Divanplatz zurückgekehrt war »Hat die Kunst meiner alten Finger
den Weisen auf eine Viertelstunde wieder jung gemacht soll seine alte Weisheit
einen Jungen auf ein paar Jahrgänge älter machen«
    Und sie erzählte darauf das Sternenabenteuer ihres Werbenschen Schäferbuben
mit so knapper Anschaulichkeit wob mit so anmutigem Humor sein Dezemsschicksal
ein dass die Gesellschaft dem Vortrag der gewandten alten Scheherezade lauschte
wie zuvor dem der gewandten alten Harfenkönigin Ja das Glück kommt im Schlaf
Glückseliges Johanniskind in dieser Schlummerstunde wurdest du zum Romanhelden
inauguriert
    »Fast tut es mir leid Ihren kleinen Träumer ernüchtern zu müssen«
versetzte der Professor »Wenn er aber ein Rechter ist würde trotz allem und
allem es eines Tages doch geschehen müssen So früh als möglich demnach die
Probe Wach auf mein Sohn wach auf«
    »Dezem wach auf« rief die kleine Sidi indem sie den Schläfer an den
Schultern schüttelte
    Dezem fuhr in die Höhe und rieb sich die Augen Er wusste nicht wie ihm
geschah Eben hatte er in dunkler Bodenkammer von seinem Röschen geträumt und
nun saß er in strahlendem Kerzenlicht und eine vornehme Gesellschaft stand
lachend um ihn her Er wurde wie mit Scharlach übergossen und hätte vor Scham in
die Erde kriechen mögen »Komm kleiner Kollege« sagte der Professor ihn bei
der Hand fassend »Die Sterne haben nicht warten gelernt«
    »Gestatten der Herr Professor dass ich mich anschliesse« fragte Junker Max
    Der Professor wechselte einen bedeutungsvollen Blick mit der Mutter und
ihrem auserkorenen Gemahl
    »Besser den Mond sich verfinstern sehen als sich einem Sonnenstich
aussetzen« äußerte Fräulein Tusnelda worauf die Mutter denn in strengem Ton
entschied
    
    »So geh Dass du aber sobald der Herr Professor dich entlässt ungesäumt auf
geradem Wege nach Hause kommst Und du mit ihm Dezimus hörst du Ich verlasse
mich auf dich«
    Dezimus sagte »Ja« Junker Max war weiß geworden wie eine Wand
    Sie gingen
Der Weg zum Observatorium war ziemlich weit Als sie in ein dunkles Quergässchen
der an dunklen Quergässchen äußerst reichen Stadt bogen raunte der Junker in
Dezems Ohr »Wir sind verraten ich muss sie warnen« und bat darauf mit
ausgesuchter Höflichkeit den Herrn Professor wegen plötzlichen Schwindels nur
zu einem Trunk Wasser in ein Haus treten zu dürfen über dessen offenem Torweg
eine schwächliche Öllampe das Zeichen »Zur goldenen Sonne« erkennen ließ
    Der alte Herr schüttelte den Kopf ehe er aber noch seiner Weigerung in
Worten Ausdruck geben konnte wurde er von einem anderen überholt mit dem er
stumm einen Händedruck wechselte und der alsobald hinter der verglimmenden Sonne
verschwand
    »Unser Rektor« zischelte Max indem er sich zitternd an Dezems Arm
klammerte
    Er sprach kein Wort während des Weges auch der alte Chaldäer schien den
Schwindelanfall für abgetan anzusehen er wendete sich mit seinen Fragen
ausschließlich dem kleinen Sternenfreunde zu und dieser offenbarte zutraulich
alle Heimlichkeiten die er seinen himmlischen Lieblingen abgelauscht Als
darauf jedoch der alte Chaldäer ihm das heutige Phänomen leichtfasslich erklärt
hatte da schwieg freilich auch er aber die hohen Lieblinge blickten in ein
ernsthaftes Kindergesicht das eine Weihe empfangen hatte
    »Du wirst« sagte der Professor »nichts anderes als einen Schatten über die
Mondscheibe ziehen sehen wie du schon manches Mal eine Wolke darüber ziehen
sahst Auch wirst du die Sternbilder die du mit bloßen Augen wahrnimmst nicht
wie du vermutest in Mondes oder gar Sonnengrösse schauen und die welche dir
erst das Fernrohr deutlich macht werden dir nur als schwache Fünkchen leuchten
Das darf dich aber nicht beirren mein Sohn Nichts was wir hienieden schauen
können ist so groß als wir es uns denken und nichts was wir erreichen
können so vollständig als wir es erstreben Weil du nun aber nunmehr weißt
dass es der Schatten deiner Erde ist welcher dir seit Jahrhunderten voraus
berechenbar ihren Trabanten ein paar Minuten lang verhüllte und weil du weißt
dass die kleinen Himmelslichter welche es dir angetan haben Welten sind wie
die welche du bewohnst und dass es millionenmal mehr und millionenmal fernere
Welten gibt als die welche du selbst mit den schärfsten menschlichen Werkzeugen
zu erkennen vermagst darum wird es dir keine Ruhe lassen ihr gesetzmässige
Bahn soweit deine Kräfte reichen zu erforschen und es würde mich freuen wenn
ich dir bei dieser Forschung dereinst länger als heute ein Führer sein dürfte«
    Und es geschah wie der weise Chaldäer vorausgesagt Der sinnliche Eindruck
welchen Dezimus durch das große Rohr empfing blieb weit hinter seinen
Erwartungen zurück und der des Gemüts war nicht so erhebend wie der des
Allnachtshimmels ohne die räumliche Beschränkung durch ein Instrument Das aber
was als Gedanke schon in dem Kinde geglommen hatte einen Sporn erhalten der
seinem Mannesstreben die Richtung gab
    Das erste Morgengrau dämmerte als sie die Sternwarte verließen welche 
auch eine Enttäuschung für den Hirtensohn  nichts weniger als einem hehren
Tempelbau glich Der unglückliche junge Verschwörer hatte während der langen
Beobachtungsstunden wie auf Kohlen gestanden und an keinen anderen Erdschatten
gedacht als den welcher den Werdetag verfinsterte Nachdem der Professor die
Knaben in dem Garten der das Observatorium umgab verlassen hatte um nach
seiner Wohnung abzubiegen rief Max mit bebender Stimme
    »Ich muss fort auf der Stelle Was hilfe es wenn sie mich auch noch fassten
Gib Sidi heimlich dies Blatt Gottlob dass ich es unbemerkt kritzeln konnte
Sonst gegen keinen Menschen ein Wort Adieu«
    »Nein Herr Max« entgegnete Dezimus indem er ihm den Weg vertrat »Sie
müssen mit mir nach Hause gehen Wir haben es Ihrer Frau Mutter versprochen und
dem Herrn Sternenprofessor auch«
    »Aber Junge« schrie Max außer sich »bist du denn gar zu dumm Begreifst
du denn nicht um was es sich handelt Sie haben die Statuten sie haben die
Mitverschworenen Ich bin das Haupt ein grässliches Exempel wird statuiert
werden Lebenslängliches Zuchthaus ein Todesurteil  «
    »Ach bewahre« tröstete Dezimus »Das lässt ja der Herr Professor Ihr
zweiter Vater gar nicht zu Kommen Sie nur kommen Sie«
    Er wollte ihn fortziehen jener sich losreißen Sie rangen miteinander in
der stillen noch nächtigen Gartenallee Dezimus war der stärkere Max der
gewandtere der Sieg zweifelhaft Da  da wie ein lauerndes Gespenst aus dem
Boden geschossen  stand plötzlich der zweite Vater zwischen ihnen packte ohne
einen Laut von sich zu geben den zukünftigen Sohn am Arm und schleppte ihn
stracks nach Hause
    Als der Dezem nun still hinter den beiden herschlenderte waren Sonne Mond
und Sterne für ihn am Himmel ausgelöscht Denn wie Schuppen war es ihm von den
Augen gefallen und wie ein Zentner auf sein Herz Hatte er den schlimmen
Streich den er einem anderen gewehrt nicht ausgeführt War er nicht heimlich
in die Welt hinausgelaufen Würde seine liebe Mutter nicht in Angst um ihn
vergehen und sein gütiger zweiter Vater zum ersten Male ein grässliches Exempel
an ihm statuieren Ach der ruchlose Bösewicht der er war Und alles um eines
Werdetags willen gerade so wie Junker Max Bittere Reuetränen strömten über
seine Backen Er wollte nur bei Frau von Hartenstein seinen Kittel wieder
anziehen dann in einem Atem heimlaufen und wie der verlorene Sohn fussfällig
für seine Schandtat um Vergebung flehen
    Als er aber das Haus erreichte in welchem die ästhetische Versammlung sich
seit Stunden aufgelöst hatte stieß er unter der Tür auf die alte Gutsdame die
nach einer langen vertraulichen Besprechung mit ihrer Verwandtin im Begriffe
war in ihr Hotel zurückzukehren
    »Du bleibst Junge« sagte sie lachend »Ich bringe dich morgen selbst nach
Werben und übernehme die Verantwortung bei deinen Eltern«
    Was sollte Dezem tun Er blieb legte sich aufs Ohr und schlief der
ruchlose Bösewicht er schlief als hätte er das allerfriedlichste Gewissen zu
seinem Schlummerpfühl Als er aber endlich gegen Mittag durch die kleine Sidi
mit Gewalt aus den Federn in die Kleider und zur Besinnung gebracht worden war
da hätte an schwindelhaftem Erfolg binnen vierundzwanzig Stunden sich wohl nicht
leicht ein Abenteurer mit ihm messen können
    Ausgerückt im Bauernkittel auf dem Butterfass des Leiterkarrens kehrte er
heim im Junkerhabit auf hohem Kutschertron neben dem schmetternden Postillion
der ein Viergespann lenkte rollte im Fluge die Straße entlang auf der er
gestern im Schweiße seines Angesichts getrabt war Im hinteren Kabriolett hatte
von seinem Ehrenplatze durch ihn verdrängt der Diener mit den blühenden Wangen
und dem schneeweißen Lockenhaar sich missmütig eingeschichtet zwischen die
ältliche Kammerdame und einen Berg von Schachteln und Koffern Im Fond der
wappenprangenden Reisekarosse saß die Gutsherrin mit Junker Max auf dem
Rücksitz ruhte eingekapselt die goldene Harfe der Künstlerin zweites Ich das
sie eifersüchtig mit den Augen hütete So glorreich sollte der Einzug in Werben
gehalten werden Und dazu im Arm die duftende Gardenia und im Herzen die
Erinnerung an das große Rohr und den weisen Chaldäer
    Was im Inneren des Wappenwagens verhandelt wurde drang natürlich nicht zu
Dezems Ohr Dass es ein hochnotpeinliches Strafgericht sein könne befürchtete er
keineswegs war im Gegenteil heute mehr noch als gestern geneigt den
jugendlichen Verschwörer als Helden zu bewundern da beim Einsteigen sein
schönes Gesicht vor Glückseligkeit gestrahlt hatte und er keinen Gedanken an
seine nächtlichen Ängste und ihren beiderseitigen Ringkampf bewahrt zu haben
schien Die kleine Sidi hatte sich zwar mit Tränen aus seinen Armen gewunden
aber es waren Tränen welche ein Schimmer froher Erwartung durchleuchtete
    Als in der Stadt wo Dezimus gestern die Gardenia vergeblich gesucht hatte
die Pferde gewechselt wurden langte aus entgegengesetzter Richtung die
Personenpost eben an Mehrere Passagiere stiegen aus unter ihnen ein ältlicher
Herr der sich seine Peife an der des Schirrmeisters anzündete »Der Vater«
jubelte Dezimus auf sprang mit einem Satze vom Bock und hielt die seltene Blume
wie im Triumph in die Höhe
    »Mein guter Sohn« sagte Pastor Blümel gerührt »Mir zuliebe hast du diesen
weiten Weg gemacht«
    Dezimus stand wie angedonnert mit niedergeschlagenen Augen
    »Ach nein Vater« sagte er kleinlaut darauf »ich habe es den Sternen
zuliebe getan«
    Bevor der Vater das Rätsel zu lösen vermochte beugte sich zwischen den
Spiegelscheiben des Wappenwagens ein blumengeschmücktes Lockenhaupt hervor und
eine glockenhelle Stimme rief
    »Dieses redliche Hirtenblut wollen wir zu Ihrem Nachfolger heranziehen Herr
Pastor Ich heiße Tusnelda von Werben«
    Vater Blümel hegte ein zu gutes Vertrauen in seines Dezem rüstigen Körper
und ruhigen Kopf als dass er gestern abend die Nachricht von der ausgedehnten
Blumenexpedition mit irgendwelcher Sorge aufgenommen hätte seine sonst so
starkmütige Hanna dahingegen sah ihr verirrtes Lamm dem Wolf in den Rachen
rennen und im allerglücklichsten Fall vom Gendarm auf dem Schub in seine Hürde
zurücktransportiert Nach einer ruhelosen Nacht erklärte sie rund heraus
    »Du Konstantin oder ich« und so machte ihr Konstantin sich denn auf die
Suche des verirrten Lamms und  der bedrohten Gardenia
    Wie er nun aber halben Wegs beiden im erwünschtesten Wohlbefinden begegnete
durch eine fabelhafte Verkettung obendrein unter Schutz und Geleit der Patronin
die jemals mit Augen zu sehen er nicht zu hoffen gewagt hatte da spürte er eine
Anwandlung von seiner Hanna Glauben an die Himmelsgunst eines Johanniskindes
und mit herzlicher Freude nahm er der Dame Einladung zur Heimkehr in ihrer
Gesellschaft an
    Ein Platzwechsel wurde dadurch erforderlich Junker Max bestieg zu seiner
innerlichsten Befriedigung den Thron des Postillions tauschte sich gegen ein
Biergeld die Führung der Leinen ein und lenkte ohne einen Rest von
Verschwörerlaune zum ersten Male einen Wappenwagen viere lang vom Bock Dezimus
wurde in das Innere des Wagens aufgenommen und musste zusehen wie er sich auf
einer Kante neben dem Harfenpedal einrichtete Da jedoch wiederholtes
Herunterrutschen das Zwiegespräch der beiden Würdenträger störte kauerte er
sich auf den Wagenboden nieder und hat mit dem Prickeln seiner einschlafenden
Gliedmaßen die Ehre einer gefeierten Künstlerin zu Füßen zu sitzen ganz gewiss
nicht zu teuer erkauft
    Da die Gutsdame nur einen einzigen Tag zur Kenntnisnahme des Besitztums das
ihr seit länger als einem halben Jahrhundert ein fremdes geworden war bestimmt
und die Absicht hatte dem vormaligen Werbenschen Erbpächter Mehlborn einen
Besuch abzustatten ersparte sie sich einen zeitraubenden Bogen indem sie
statt der Landstraße einen Seitenweg auf dem jenseitigen Ufer einschlagen ließ
Die Begegnung ihres Pfarrers mit dem sie mancherlei Geschäftliches abzusprechen
hatte kam auch ihr erwünscht und bald war sie mit ihm im Gleise der
Vertraulichkeit
    »Man braucht« hob sie an indem sie ihm freundlich die Hand reichte »mit
einem Menschen keineswegs einen Scheffel Salz zu essen um ihm in das Herz sehen
zu lernen Ichziehe wie bei anderen Naturansichten einen bedeutenden
Totaleindruck einer Menge kleiner Lokaleindrücke vor und die Bekanntschaft mit
Ihrem Dezem gab mir solch ein Gesamtbild Ihres Wesens Im übrigen hat mein
Schwager der General es auch an kleinen Einzelnbildern nicht fehlen lassen so
dass ich bei Ihnen und den Ihren hinlänglich zu Hause bin Sie müssen nämlich
wissen Herr Pastor dass die feindliche Verschwägerung zu guter Letzt in einen
intimen Freundschaftsbund umgeschlagen war und dass an einem noch intimeren
Bündnis wie selbiges durch einen Paragraphen Ihres Landrechts erläutert wird
nichts weiter fehlte als dass das Bedürfnis der Unterstützung nicht ein
gegenseitiges war Zu meinem Glück da ich sonst statt dieses Blumenhutes eine
Witwenhaube tragen würde«
    Die Dame plauderte diese und alle folgenden Vertraulichkeiten so unbefangen
aus als ob nicht ein Kind derselben Zeuge gewesen wäre Möglich dass sie
meinte der unschuldige Dorfjunge verstehe sie noch weniger als er wo sie hier
und dort in seinen Gedankenkram passten sie wirklich verstand Im übrigen gibt
es für geniale Leute ja keine Indiskretionen
    Die Rede kam demnächst auf Frau von Hartenstein und keine Neuigkeit hätte
den alten Lehrer mehr überraschen können als die von ihrer bevorstehenden
Wiederverheiratung und kaum eine bänglicher berühren als die von ihr getroffene
Wahl
    »Kennen Sie Zacharias« fragte Fräulein Tusnelda
    »Nur aus Bruchstücken seiner kritischen Exegese« antwortete der Pastor
seufzend »Der Mann ist stark im Zerstören Wie erklären Sie gnädiges Fräulein
diese so schwer begreifliche Wahl«
    »Ei nun sehr natürlich aus dem bereits angezogenen Paragraphen von der
wechselseitigen Unterstützung Brigittens Mittel sind nahezu erschöpft ihr
Ehrgeiz ist es aber keineswegs Jener Trieb zum Zerstören wie Sie ihn nennen
ein Trieb zu welchem übrigens gemeinhin mehr Mut als Geist gehört also ein
Charakter und kein Genie hat dem Mann einen Namen und glänzende
buchhändlerische Honorare eingetragen ohne ihm bis dato seinen Lehrstuhl zu
kosten So hilft der Mann ihr aus der Not Er seinerseits ist klug genug zu
wissen dass auch im geistigen Zerstören nicht leicht Maß zu halten ist Ein
Stück bröckelt dem anderen nach Das Publikum aber liebt allerorten ein
Mittelmass Hand und Fuß die Nase der ganze Kopf sogar mag einer Autorität
abgeschlagen werden ein Torso soll stehen bleiben Fenster und Türen aus einem
Tempel gerissen das Dach abgedeckt die Ruine wird um so ehrwürdiger und am
Ende lässt sich noch eine Windmühle auf ihren Grundmauern errichten Der Tag
könnte also kommen an welchem scharfsinnige Negationen weniger glänzende
Honorare eintragen würden abgesehen davon dass über kurz oder lang der
nämliche Umschlag von welchem mein Neffe der Propst die Rückkehr zur Kanzel
erhofft meinen Quasineffen in spe den Professor von dem Katheder nötigen
dürfte Und leiblicher Hunger täte dann weh In dieser eines weisen Mannes
würdigen Fürsicht gewähren die Mehlkammern eines reichen Schwiegervaters die
tröstlichste Perspektive So sorgt der Mann für die Zukunft die Frau für die
Gegenwart und da im übrigen Mann und Frau ungefähr in gleichem Masse aus den
gleichen Stoffen zusammengesetzt sind darum auch die gleichen Bedürfnisse
haben ist eine harmonische Ehe zu prognostizieren«
    »Aber auch ein gedeihliches Elternhaus« wendete Pastor Blümel ein
    »Das just um so weniger« versetzte die alte Dame »Die Familie gedeiht nur
in gemischten Elementen und Kinder badet man nicht in Spiritus Zumal diese
Hartensteinschen Kinder die vielseitig begabt schon jetzt einseitig
entwickelt sind Beide lieben nur sich das heißt auch sich untereinander zur
Mutter haben sie keinen Zug und den auserkorenen neuen Papa hassen sie
schlechtin Derlei Stiefverhältnisse können überhaupt nur durch frühe Gewöhnung
oder durch die Vernunft erträglich gemacht werden Für die erste sind die Kinder
zu alt für die letzte zu jung Beiden Teilen wird es daher einen verdrießlichen
Übergang ersparen wenn ich die Tochter bis zu einem reiferen Stadium mit mir
nach Rom nehme Ich vermeide im allgemeinen unschöne Umgebungen da das kleine
Anhängsel aber gescheut und für die Musik ungemein talentiert ist denke ich es
mit ihm aushalten zu können Schade dass sie zur Harfe nicht die Figur hat von
einer Gesangstimme kann bei solchem Brustkasten überhaupt nicht die Rede sein
Aber sie empfindet die Kunst und die Kunst wird sie für manche versagte
Empfindungen schadlos halten müssen Notabene für unfreiwillige Versagungen
denn freiwillig sind solche der höchste Triumph den wir Frauen feiern können«
    »Aspasia« sagte der Pastor lächelnd und Fräulein Tusnelda nickte ihm
befriedigt zu
    »Für die Tochter wäre somit zunächst gesorgt« fuhr sie darauf fort
»Problematischer steht es um den Sohn Sein Großvater war der schönste Mann den
meine Augen geschaut und der Enkel gleicht ihm Sehen Sie doch mit welcher
Grazie er draußen die Zügel führt Nur absichtslos doch wie mit Absicht schön
Könnte ein Künstler ihn nicht zum Vorwurf eines jungen Sonnengottes nehmen Und
wie die Glieder so der Intellekt Er lernt spielend sagen seine Lehrer hat
Gabe zu allem Lust zu vielem Ausdauer zu nichts Aus diesen Faktoren bilden
sich die Tagediebe die als Genies ein Monopol nicht bloß der Freiheit sondern
Frechheit zu haben glauben zumal auf fettem Boden Stellen Sie sich vor der
Bengel hat gestern abend eine Teegesellschaft seiner Frau Mama  ehrenwerte
Philister und langweilige schöne Seelen einer deutschen Provinzialstadt  mit
ein paar Federskizzen hingeworfen dass sie in einem Witzblatt wenn Ihr eines
besässet Parade machen könnte Hier eine Probe Die Harfenmuhme«
    Fräulein Tusnelda zeigte das abgerissene Blatt auf dessen Rückseite Max in
seiner gestrigen desparaten Stimmung die Abschiedsworte an seine Schwester
gekritzelt und welche der lauernde zweite Vater ihm entwunden hatte Pastor
Blümel schüttelte seufzend das Haupt und seine Patronin fuhr fort
    »Und stellen Sie sich weiterhin vor dass am nämlichen gestrigen Abend eine
republikanische Verschwörung entdeckt und aufgehoben worden ist deren Obmann
dieser kunstfertige Tertianer war Mich wundert nur dass er nicht alsobald zur
Organisation einer Räuberbande à la Karl Moor vorgeschritten ist Kleine
Gernegrosse Ein Auswuchs Ihrer allerliebsten Staatsmaximen«
    Pastor Blümel stieß einen tiefen Seufzer aus und schlug die Augen zu Boden
als ob er selber ein verantwortlicher Teilhaber dieser Staatsmaximen gewesen
wäre Hätte es sich in seiner Patronin Wappenwagen geschickt würde er seine
Pfeife angezündet haben so schmerzlich verworren war seine Gedankenarbeit
    »Für die Zukunft eine heilsame Lehre  falls sie verstanden wird« sagte
die Dame leichthin »Seis darum Hängen wird man die dummen Jungen natürlich
nicht man steckt sie stillschweigend irgendwo unter Was aber den Häuptling
anbelangt so ist seine Mama der Verlegenheit überhoben den Witwenstuhl
verrücken zu müssen in Gegenwart eines Zeugen der ein Karikaturblatt von der
Weiheszene entwerfen würde Was aber bis auf weiteres anfangen mit dem
Tausendsasa Ich für meine Person habe keinerzeit den Trieb zur Grachenmutter
in mir gespürt und der Tropfen Werbenschen Blutes der in des Burschen Adern
noch fließt kann mir die Verpflichtung nicht auflegen die Rolle in alten Tagen
zu forcieren Bliebe also der Großvater Mehlborn dem ich en passant nicht allzu
gelinde auf den Zahn fühlen werde Unter allen Umständen besitzt er den nervus
rerum auf welchen es in der Zukunft ankommen wird und zugegeben muss ja auch
werden dass der Dreschflegel ein probates Korrektiv gegen Verschwörerlaunen ist
nur nicht gegen solche eines Bluts von vierzehn Jahren Wer soll zunächst dem
tollen Füllen die Halfter über den Kopf werfen Ich frage Sie Freund Sie sind
ja halb und halb Pädagog was sollen wir mit dem Irrwisch anfangen«
    Bis dahin hatte Dezimus wenn auch mit immer steigender Entrüstung an sich
gehalten Nun jedoch ertrug er es nicht länger den schönen jungen Herrn so
schmählich verlästert ihn wohl gar mit des bösen Amtmanns Dreschflegel bedroht
zu sehen Er hatte gestern um des vierten Gebotes willen mit ihm gerungen er
der doch weit schnöder gegen dieses Gebot gefrevelt hatte Ihm aber war wegen
des großen Rohres kein böses Wort gesagt worden und jener wurde bloß wegen der
Republik behandelt wie der verlorene Sohn Seit die vornehme Dame ihn einen
jungen Sonnengott genannt hatte leuchtete er Dezimus nun vollends vor wie der
alleredelste Held
    »Er will unter die Kunstreiter gehen« platzte er daher heraus mit dem
Stolze der reinsten Bewunderung
    Die alte Dame lachte hellauf »Bravo« rief sie in die Hände klatschend
»bravissimo dass man doch niemals an der Mutter Natur verzweifeln soll Lassen
wir ihn laufen lassen wir ihn reiten wenn er sich wundgeritten hat wird er zu
Kreuze kriechen und hängt der Brotkorb ihm dann nur ein wenig hoch kann aus
dem unbärtigen Karikaturenzeichner noch etwas Rechtschaffenes zustande gebracht
werden«
    »Ein gewagtes Experiment« versetzte Pastor Blümel so traurig als die Dame
lustig schien
    »Wissen Sie eine wirksamere Zucht als die der Not«
    »Solange die Liebe nicht erschöpft ist gewiss«
    »Wollen Sie ihn etwa in Ihrem Töchtergarten schulen Ich meine es im Ernst
Freund im allerernstaftesten Ernst Versuchen Sie es mit dem jungen Wicht«
    »Mir bleiben« entgegnete Pastor Blümel nach einer Pause »Kraft und Zeit
nur allenfalls für einen Schüler meinen Pflegesohn und der ist ein Anfänger
ein Lehrling auf Probe Bestände er diese dürfte ich auch für seine höhere
Ausbildung Kenntnisse und Methode mir nicht mehr zutrauen schon jetzt werde ich
für die Anfangsgründe der Mathematik mich leider nach einer Aushülfe umtun
müssen Nicht als einen Schüler kann ich daher Ihren jungen Verwandten in die
Obhut meines Hauses nehmen wollen Sie ihm denselben als Gast für eine
Übergangszeit anvertrauen wird er darin herzlich willkommen und so Gottwill
wohlgeborgen sein«
    »Probieren wirs denn zunächst einmal in der Klosterschule des frommen Herrn
Ohm wohl möglich dass sie die Wirkung der Reitschule wettmacht« versetzte die
Patronin führte ihr Projekt aber nicht weiter aus da man in der Nähe des
Talgutes angekommen war Sie beugte sich aus dem Wagenfenster »Dort oben Ihre
Pfarre« rief sie »und hier die Kirche Ich bin in ihr getauft worden 
eingesegnet  und wenn ich zum letzten Male meinen Einzug in ihr halten werde
 machen Sie es dann gnädig Freund mit dem alten harfespielenden Heidenkind«
    Die Lippen lachten bei den Worten über den Augen aber lag ein feuchter
Nebel wie er wohl nicht häufig deren Funkelblick verschleiert haben mochte
Gleich darauf jedoch sagte sie in ihrem gewohnten kecken Ton »Ich bin auf dem
Schloss nicht angemeldet und meine Nerven haben auch in Rom den Heiligenduft
nicht vertragen lernen Würde Ihre Hausfrau Freund mich und meine Harfe zur
Nacht beherbergen wollen Max und die Diener mögen sehen wie sie auf dem
Schloss unterkommen«
    Pastor Blümel drückte ihr erkenntlich für diesen Vorzug die Hand hieß den
Wagen halten und Dezimus aussteigen Er sollte zu Fuß heimkehren der Mutter den
werten Gast anmelden die Gardenia sorgfältig mit Wasser bespritzen aber wie
er ihm noch besonders einschärfte von dem was er im Wagen vernommen kein Wort
gegen irgendeinen Menschen verlauten lassen Mit dieser Vorschrift zog Dezimus
ab
    Die alte Dame lachte belustigt über die frühe Erziehung zur
Beichteimlichkeit »Der Junge sieht danach aus als hätte er auch ohne Ihre
Mahnung den Mund gehalten« meinte sie »Der ist kein Karikaturenzeichner Mein
Wort darauf er besteht Ihre Schülerprobe Bilden Sie ihn in Gottes Namen
soweit es Ihnen bequem ist zu Ihrem Nachfolger oder in irgendeinem ihm
vielleicht gemässeren Fach zu Ihresgleichen aus Für die Mittel seiner späteren
Lehrjahre werde ich Sorge tragen«
    Pastor Blümel dankte ablehnend für dieses Anerbieten wie er schon vor Jahr
und Tag dem General dafür gedankt hatte Solange er lebe wäre der Knabe den er
auf seinen Boden verpflanzt sein Sohn Ernte er Vaterfreude von ihm habe er
Vatersorge und väterliche Verantwortung für ihn zu tragen er allein Jegliche
fremde Wohltat mache das Verhältnis zu einem schielenden
    »Sie sind ein weiser Tor oder ein törichter Weiser« versetzte das
Fräulein »Ich habe die Mittel und Sie haben sie nicht Aber wie Sie wollen
Man soll keinem Menschen den Genuss verkümmern etwas Rechtes auf eigene Hand
durchzuführen Für einen möglichen Todesfall meinen oder Ihren will ich
indessen jetzt schon mit dem Justitiarius festsetzen dass das teologische
Stipendium welches auf Werben ruht seinerzeit zum ersten Male einem
Werbenschen Bauernsohne zugute komme Es tut keiner Weisheit Abbruch wenn sie
von einem Vater im Himmel ihren Ausgang nimmt mag sie auch nicht allerwegs auf
dieses Familienverhältnis hinauslaufen Dem Gottesgelehrten kann späterhin immer
noch ein weltliches Pfropfreis beliebig aufgesetzt werden«
    Als die vierspännige Wappenkutsche mit dem jungen gepuderten Lakaien und
der geputzten alten Zofe im Kabriolett im Talhofe einfuhr saß Johann Mehlborn
in Hemdsärmeln und Leinenhosen auf der ominösen Bank vor seiner Tür Er sprang
in die Höhe ging bis an das Haus kehrte aber um setzte sich wieder und ließ
dem kuriosen Geschehnis seinen Lauf Irgend etwas rumorte bei dem stolzen
Schauspiel in seinem Blut vielleicht der aufgestörte Bauerntrotz vielleicht
die unterbundene Magnatenader Im Verlauf jedoch fand die alte Dame mit den
rosigen Runzelwangen und den klugen Blitzaugen seinen Beifall und auch ihr
resolutes Mundwerk war nach seinem Geschmack Als sie dem Sohne ihres
väterlichen Grossknechts die Hand reichte und ihn daran erinnerte dass sie ihn
zum letzten Male als pausbäckigen Posaunenengel auf seiner Mutter Arme gesehen
habe stieg eine Zähre in sein Auge und sie würde übergelaufen sein wenn das
mobile Fräulein nicht in einem Atem auf ein weniger rührsames Thema
übergesprungen wäre
    Dieses Thema war der seiner Familie bevorstehende Ersatz des
Geblütsaristokraten durch einen der hohen Wissenschaft Der Amtmann war durch
seine Brigitte schon von der Affäre unterrichtet auch durch seinen Bielitzer
Pastor von der Schriftgelahrteit des Mosjö Zacharias Seinetalben wäre sie in
ihrem Witwenstande ohne leiblichen Vater fertig geworden werde sie in ihrem
zweiten Ehebunde wohl auch noch ohne Gottessohn fertig werden Er Johann
Mehlborn halte es mit dem zweiten Artikel und dem vierten Gebot Damit basta
    Als die Dame darauf ihm seinen Enkelsohn vorstellte winkte er ihn heran
musterte ihn stillschweigend vom Kopf zur Zeh griff dann in seine Hosentasche
und schenkte ihm einen Taler
    Junker Max wurde rot und schnitt ein Gesicht wie ein verkleideter
Lustspielprinz den einer im Ernst für einen Kammerdiener hält und ihm ein
Douceur anbietet Seine Hand zuckte als ob er dem schäbigen alten Bauer der
sein Großvater und ein Millionär war das Geldstück vor die Füße zu werfen Lust
habe Fräulein von Werben aber sah ihn mit einem scharfen Blicke an und sagte in
noch schärferem Ton »Bedanke dich schön Herr Neffe es wird dir manchen
Schweißtropfen kosten ehe du den ersten Taler verdienst«
    So machte Junker Max denn eine stumme Verbeugung und steckte den Taler ein
mit dem nobelen Vorsatz sich seiner als Biergeld an den Postillion zu
entledigen
    Die Dame rückte nunmehr mit der Frage nach des Großvaters Ratschlägen und
Plänen für seines Enkelsohnes Zukunft hervor Wie zu erwarten stand erhielt sie
den Bescheid der Junge solle lieber heute als morgen aus der Schule genommen
und unter seine des Großvaters Schere gebrächt werden Sobald er das feine
Früchtchen zu einem richtigen Ökonomen zugestutzt wolle er ihn als Inspektor
über eines von seinen Gütern setzen Der Junker von Hartenstein wurde demnach
der Erbe von des Hirtendezem glänzenden Patenaussichten
    Damit schloss die Zusammenkunft der beiden nach barlichen Gutsherrschaften
Alles in allem und noch dazu gezählt dass Bielitz in diesem trockenen Sommer
eine weit einträglichere Ernte als Hochwerben geleistet hatte würde der alte
Erbpächter der Letzten seiner angestammten Gutsherrschaft die Wiedererwerbung
ihres Vätersitzes aufrichtig gegönnt haben insofern sie selbst anstatt der
verhassten geistlichen Hartensteine auf ihm residierte Da sie aber morgenden
Tages schon wieder außer Lands zu gehen beabsichtigte und ihre widerwärtige
Sippschaft ihm vor der Nase sitzen blieb hätte er ihr die stolze Staatsvisite
lieber geschenkt und den Taler für das dicknäsige Früchtchen von Enkel nicht zum
Fenster hinausgeworfen
    In noch weit höherem Masse fand die neue Herrin dass sie sich den Umweg über
das Talgut hätte sparen können und auch der friedfertige Pastor Blümel zog
unbefriedigt von dannen da zu einer erhofften Wiederanknüpfung mit seinem
ungetreuen Beichtsohne die Gelegenheit keineswegs günstig gewesen war Seine
Patronin hatte nicht ohne Absicht der Überraschung erwähnt die sie aller Welt
also auch der Pfarrfamilie durch den Gutskauf bereitet habe Das aber hatte der
kluge Bauer ja schon lange erspürt oder erfahren Seine »Bosheit« auf die
einstigen Freunde war von weit älterem Datum und so blieb es auch zwischen
Talgut und Pastorei bei der eingenisteten Entzweiung
    Während dieser ungemütlichen Zusammenkunft trabte Held Dezimus in höchster
Beseligung heimwärts Bild um Bild tauchte die Zauberwelt in welcher er einen
Tag lang geschwelgt hatte vor seinen Blicken wieder auf Dem Wunder folgte der
Zweifel Am Ende hatte er die Herrlichkeit nur geträumt oder in einem
Märchenbuche gelesen Aber nein doch nein Er trug ja auf seinem Leibe des
Sonnengottes stolzes Junkerkleid unter dem Arme zusammengerollt seinen eigenen
Bauernkittel und in der Hand die duftende Gardenia Er war der Märchenprinz Er
hob den Kopf höher als er ihn gestern gehoben sein Herz klopfte stolzer als
es gestern geklopft er sah sich gleichsam in eine neue Konstellation versetzt
funkelnde Erdenlichter schlossen eine Kette zwischen welcher sein Stern fortan
eitel lustig sich drehen werde Dämmernd wie es nicht nur Kindern geschieht
spürte er das Regen bisher ungeahneter Dämonen
    Hüte dich armer zehnter Hirtensohn Du wirst nie in deinem Leben wieder
der Held eines Märchenabenteuers sein wirst nie wieder in einer Wappenkutsche
von einem jungen Sonnengotte viere lang vom Bocke gefahren werden und einer
berühmten Künstlerin zu Füßen sitzen von den Erdenlichtern in deren Kreise du
dich eitel lustig drehen siehst könnte manches als Irrwisch dich in einen Sumpf
verlocken Nur an den ewigen Himmelslichtern Dezimus an ihnen halte fest
    Da die Weinbergstür unter Verschluss gehalten wurde hatte er nach der
Überfahrt den Umweg durch das Dorf zu nehmen vorüber an dem Hutmannshause das
heute noch wandelbarer als an dem Tage wo er darin zur Welt gekommen an dem
Felsen klebte und von einer ebenso dürftigen Familie wie damals bewohnt wurde
Dezimus kannte seinen Ursprung ohne ihn je als ein Leid empfunden zu haben
Noch keinmal sooft er an dieser elenden Herberge vorübergekommen waren ihm die
Waisen eingefallen die vor ihm unter dem nämlichen Dache dem nämlichen Blute
entsprungen waren In seinem heutigen Hochgefühl würden sie ihm noch weniger
eingefallen sein
    Da öffnete sich die Tür und ein Kind in den Armen wiegend trat das weiße
Fräulein über ihre Schwelle Er hätte ihr entgegenlaufen ihr die bevorstehende
Überraschung ankündigen mögen allein der lange ernsthafte Blick mit welchem
sie zu ihm hinübersah bannte seinen Schritt Vielleicht war es nur das bunte
Junkerkleid das sie in Verwunderung setzte vielleicht verglich sie aber auch
in ihrer nachdenklichen Art dieses durch die Liebe gerettete Kind mit dem
siechen Wurm den sie in der vorigen Minute auf der Streu sich hatte winden
sehen und den sie zur Beschwichtigung in das Freie trug
    Und als ob es diesem Mädchen bestimmt sei die verborgensten Lebenskeime in
dem Knaben zu erwecken drang sein stiller Blick ihm in das Herz Zum ersten
Male fühlte er sich gemahnt an die Brüder die in der Welt umherirrten
vielleicht gestorben verdorben waren er wusste nicht wo und wie Es war kein
Blutessehnen das sich in ihm regte Aber er sah sich zurückgedrängt auf seinen
natürlichen Grund und eine Aufgabe für seine Mannesjahre hatte sich angebahnt
    Der Propst der zur nächsten Frönerhütte vorangeschritten war winkte Lydia
zu sich heran sie legte das Kind in seiner Mutter Arm und eilte an Dezimus
vorüber dem Vater nach Von der Höhe herab flog jubelnd mit ausgebreiteten
Armen das liebe Röschen das den verloren gegangenen Bruder im Kahne stehend
erkannt hatte Es gab einen und dann noch einen zweiten lauten bunten
Tagesschluss in welchem Dezimus seines weißen Fräuleins still mahnenden Blick
vergaß Als er aber nach der Gutsherrin Abreise zum ersten Male wieder durch die
Schlucht in das Tal hinunterstieg stand er wie erstarrt das Hutmannshaus war
verschwunden abgetragen bis auf den Grund die arme Frönerfamilie zeitweise in
einem Nebenbau des Schlosses untergebracht
    Tag für Tag trieb es den Knaben nun hinunter an den leeren Platz und Tag
für Tag sah er etwas Neues entstehen Der vorhängende Felsen wurde abgetragen
der gewonnene Raum geebnet ein frischer Grund gelegt Mauer um Mauer
aufgezogen noch vor Winters stand ein sauberes kleines Haus an Stelle des armen
Nestes in welchem er das Erdenlicht erblickt hatte Im Laufe der Zeit
wandelten eine nach der anderen sämtliche Frönerhütten sich in freundliche
Wohnstätten um wurde die Straße gepflastert von Bäumen eingefasst und so zu der
nettesten im ganzen Dorfe hergestellt
    Es war nicht Fräulein Lydias frommer Liebessinn welcher diese Umwandlung
bewirkt oder auch nur angeregt hatte es war Fräulein Tusneldas Schönheitssinn
der empört worden war als sie bei der Auffahrt zu ihrem Väterschloss sich
derartig von Verfall und Unflat umgeben sah »Unter einem italienischen Himmel
erträgt sich das allenfalls« hatte sie zu Freund Blümel gesagt »hier aber will
ich selbst als Leiche diesen Ekelweg nicht noch einmal passieren«
    So griff sie denn tief in ihren Säckel erhob den Ortspfarrer zu ihrem
Schatzmeister seine Gattin zu ihrer Werkführerin und spornte zur Eile Denn wer
über das siebenzigste Jahr hinaus sich noch eine Grabesstrasse anlegen will der
darf nicht lange fackeln lassen
    Dezimus hatte diesen Zusammenhang bald genug erfahren In seiner Phantasie
aber schwebte das weiße Fräulein so wie er es zum letzten Male aus seinem
Geburtshause hatte treten sehen als Engel des Trostes über der erneuerten
Stätte Und mit dem natürlichen Wege auf welchen jener stille Blick wie ein
Leitstern ihn gewiesen hatte soll seine Knabenstufe abgeschlossen sein
 
                           Der Kampf am Jugendhimmel
Und wieder ist nahezu ein Stufenjahr zurückgelegt solch eine Spanne in welcher
die Knaben Jünglinge die Männer Greise werden die Greise ihre Augen schließen
und deren sachter Wandel in dem Pfarrhause von Werben nichts geändert hat als
dass nur noch zwei Kinder darin glücklich sind Aus dem Röschen ist eine Rose
geworden die holdeste Blüte in Konstantin Blümels Töchtergarten Bruder
Dezimus nach wie vor ein frisches Hirtenblut ist fortgeschritten auf ebener
Bahn und steht jetzt dicht vor jener hohen Schwelle die aus der Vaterhut in die
Freiheit führt
    Kurze Zeit nach der Gutsherrin Wiederabreise hatte der Propst an Pastor
Blümel die Bitte gerichtet seinen Pflegesohn den mathematischen Unterricht mit
Martin dem ältesten der Hartensteinschen Kinder und vier Jahr mehr zählend als
Dezimus teilen zu lassen Der Vater machte kein Hehl daraus dass dem Knaben
alles Lernen ohne treibenden Sporn schwer falle Sei nun bisher Schwester Lydia
selber in alten Sprachen seine Studiengenossin gewesen so müsse auf deren
Teilnahme bei jener strengen Disziplin doch füglich verzichtet werden und eben
in ihr wäre eine bedeutendere Ausbildung geboten da Martin sich für die
militärische Laufbahn entschieden habe
    »Der Verzicht ihn zu einem Diener unseres Amtes heranzuziehen ist mir hart
angekommen« äußerte der Propst »Leider aber hat er die schmiegsame Natur
seiner Mutter geerbt und was zu anderer Zeit paradox klingen würde für die
heutige gilt dass der geistliche Stand mehr Energie erheischt als der des
Soldaten Der letztere schließt die Selbständigkeit aus welche jener bedingt
Mein zweiter Sohn mit seinem lebhafteren Temperament wird will es Gott die
Hoffnung erfüllen die ich auf den ältesten gesetzt hatte Ich hätte Martin nun
gern bis nach seiner Konfirmation unter der Zucht meines Hauses erhalten
schlügen Sie mir meine Bitte indessen ab würde ich mich genötigt sehen ihn
schon jetzt dem Hannoverschen Alumnat einzureihen in welchem er bis zu seinem
Diensteintritt weitergebildet werden soll Auf eine in äusserem Betracht sich ja
empfehlende Erziehung in unserem Kadettenhause wie meine Brüder und ich selbst
sie genossen haben muss ich aus Gründen die zu erörtern überflüssig sein würde
verzichten«
    Pastor Blümel erspürte in diesem Anerbieten Fräulein Tusneldens
nachwirkenden Einfluss gab aber um so williger seine Zustimmung da auf diese
Weise die bedenkliche Lücke in seinem eigenen Unterricht ausgefüllt wurde Und
so hatte der Quatermillionenjunge an diesem Tage zum letzten Male auf Kantor
Beifussens Schulbank gesessen um fortan als matematischer Kumpan Martins von
Hartenstein in dem suspendierten Magister Klein einen tüchtigen Lehrmeister zu
finden
    Von den übrigen Schlossbewohnern sah er während dieser regelmäßigen
Unterrichtsstunden wenig in dem treuherzigen Martin aber fand er einen Freund
für das Leben und zwischen den Familien der beiden Freunde wurden teilnehmende
Beziehungen angebahnt vornehmlich zwischen Röschen und Martins beiden jüngeren
Schwestern das weiße Fräulein war und blieb für das frohmütige Pfarrtöchterchen
zu still und ernst oder wie Röschen selbst es nannte zu alt und klug
    Als nach etlichen Jahren Martin in das strengluterische Alumnat abging war
auch Dezimus reif für die höheren Gymnasialklassen geworden Es würde seinem
Pflegevater leicht geworden sein ihm eine Freistelle in Schulpforta zu
erwirken sehr schwer dagegen sich schon jetzt von seinem Sohne zu trennen
Nicht mehr aus Gewissenssorge wie einst aus reiner Vaterfreude wollte er ihn so
lange als angänglich unter seinen Augen behalten und wenigstens der Repetent
seiner Studien in den alten lieben Heiden bleiben Da das einstige Kloster
welches der baubeflissene Eidam räumlich umgeschaffen sich auch geistig als
eine lichtvolle Lehrstätte bewährt hatte trabte Dezimus fortan jeden Morgen
seelenvergnügt nach der Stadt und kehrte jeden Nachmittag seelenvergnügt heim in
sein Dorf rückte gesetzmässig von Stufe zu Stufe und alle Zeichen deuten darauf
hin dass er auch fernerweitig seelenvergnügt und gesetzmässig emporrücken werde
wenn er zum nächsten Herbstsemester ausgerüstet mit dem Werbenschen Stipendium
als Studiosus der Gottesgelehrteit in die Stadt einzieht in welcher er zum
ersten und einzigen aber hoffentlich nicht zum letzten Male den Sternenhimmel
durch ein großes Rohr betrachtet hat
    Bei dem gelehrten Professor Zacharias wird er dort allerdings keine Kollegia
hören können  was Vater Blümel nicht im entferntesten beklagt  und in der
Frau Professorin Zacharias wird er keine sorgliche Heimatsfreundin wiederfinden
was Mutter Blümel auf das tiefste beklagt um ihres Sohnes willen aber auch um
der Frau Professorin willen Denn die Gegenströmung welche wenn die alte
Gutsherrin recht hatte er selber deutlich vorausgewittert hatte den
freisinnigen Kritiker geheiligter Überlieferungen von seinem Lehrstuhl
gescheucht  lange vor der Zeit wo die reiche Erbstätte seiner Gattin ihm eine
Zuflucht hätte bieten können und ohne dass von dieser einstigen Erbstätte aus ihm
in der Gegenwart eine Notülfe geboten worden wäre
    Johann Mehlborn wirtschaftete unermüdet weiter manches Jahr nachdem der
königliche Greis als dessen Stellvertreter er am Tauftische des Werbener
Hirtensohnes gestanden hatte in die Gruft gesenkt worden war er
erwirtschaftete sich sogar ein drittes Rittergut zu den beiden ersten aber die
einzige Erbin für die er sie erwirtschaftet hatte ließ er Mangel leiden weil
sie selbst und der Gatte welchen sie sich erkoren nicht Hand in Hand mit ihm
wirtschaften wollten und konnten Und doch nagte dieser Mangel schärfer an ihm
selbst als an denen welchen er ihn auferlegte Es gab im weiten Umkreis keinen
friedeund freudeärmeren Menschen als den reichen Johann Mehlborn Wie ein
grimmiger Höhlenbär trottete er brummend unter Gottes freiem Himmel umher
zwischen den unübersehbaren Feldgebreiten die er sein eigen nannte
    Eine schweizerische Hochschule hatte den Professor Zacharias aufgenommen
Wie aber im monarchischen Vaterlande nicht gegen die Ungunst von oben so
vermochte er im republikanischen Auslande nicht gegen die Ungunst von unten
seine Forschungen als Lehrstoff zu verwerten Er lebte nur noch von
schriftstellerischen Arbeiten und war Manns genug keine seiner Konsequenzen zu
unterdrücken obgleich das Publikum  auch darin hatte die alte Harfenkönigin
richtig vorausgespürt  ihm nicht mehr goldene Früchte ernten ließ
    Auch seine Gattin hatte um des lieben Brotes willen zu der Feder gegriffen
und erzielte durch populärwissenschaftliche Elaborate zumeist pädagogischen
Inhalts einen Ertrag welcher der praktischen Frau eine leidlich bequeme
Hausführung ermöglichte In dieser gemeinsamen Beschäftigung aus gleichem
Grundquell und in gleicher Richtung wennschon die Zielpunkte der Frau die Höhe
der männlichen nicht erreichten fühlte Frau Brigitte sich in ihrer eigensten
Sphäre und ihre zweite Ehe wurde in Wahrheit eine Musterehe  obgleich oder
weil dieselbe kinderlos blieb
    Die kleine Sidi war bis heute bei der Grosstante in Rom geblieben und schwamm
in deren kühlem klaren Element wie eine Forelle im buntumblühten Bach Hätte
ihr Mäxchen an ihrer Seite schwimmen dürfen würde niemals ein glücklicheres
Kind als dieses arme verunstaltete Geschöpf zur Jungfrau herangewachsen sein
Jene einzige Herzenssehnsucht blieb ihr indessen ungestillt sie hatte den
Bruder nicht wieder gesehen seitdem er als vorzeitiger Karbonari von der alten
Harfenkönigin dem bräutlichen Hause seiner Mutter entführt worden war
    Er jedoch wie sie in eine ihm zusagende neue Welt Da er weislich dem
Gelüste entsagte sich der in diesem geknechteten Jahrhundert einzig freien und
dabei nobelen Menschengattung zuzugesellen wurde das Experiment ihm erspart
das die alte Dame lachend gebilligt hatte Er war nicht als verlorener Sohn
reuig heimzukehren gezwungen nicht durch Not zur Vernunft gebracht und der
Brotkorb ihm nicht allzuhoch gehängt worden freilich aber auch Konstantin
Blümels Liebesschule hatte er nicht kennen lernen Ein kurzer Aufenthalt im
Bereiche seines geistlichen Oheims dessen gleichalteriger Sohn in Fassen und
Wissen tief unter ihm stand hatte genügt eine Koststelle in einem adeligen
Erziehungsinstitute Dresdens ihm äußerst anziehend erscheinen zu lassen auch
hinderten die republikanischen Antezedentien des Tertianers den nunmehrigen
Sekundaner keineswegs sich unter hocharistokratischen Kameraden recht von Grund
aus wohlzufühlen
    So unangemessen den Grundsätzen der Mutter dieser Bildungsgang sein mochte
sie war für den Augenblick zu sehr durch ihre persönliche Lebenswendung in
Anspruch genommen um sich nicht einen Ausweg gefallen zu lassen der ihr nach
der drängendsten Seite hin Freiheit gewährte In ihrer Nähe konnte sie nach den
kindischen Vorgängen den Sohn nicht halten so gab sie in bezug auf ihn dem Rate
der klugen alten Weltfrau nach wie sie schon in bezug auf die Tochter demselben
nachgegeben hatte
    Brigitte von Hartenstein war nicht eine zärtliche aber auch keineswegs eine
gleichgültige Mutter so wie sie zu lieben vermochte liebte sie ihre Kinder
und nur sie auf der Welt Die Sorge für ihre Kinder war es zumeist welche sie
zu der Verbindung mit einem redlichen geehrten und äußerlich wohlgestellten
Manne bewog und sie irrte nur indem sie die kindlichen Bedürfnisse ihren
eigenen gemäß erachtete
    Denn kein schwierigeres Verhältnis in welches eine pflichtvolle Frau sich
zu stellen vermag ist auszudenken als wenn sie ihren Kindern einen Stiefvater
gibt unberechenbar schwieriger als das selber Stiefmutter zu werden Hier hat
sie sich der von Natur und Sitte gesetzten Autorität des Mannes zugunsten
fremder Kinder zu unterwerfen dort vielleicht zuungunsten ihrer eigenen Nun
war es Brigitten aber beschieden in der Verbindung mit ihrem zweiten Gatten ihr
volles Genügen zu finden ein geistiges Ineinanderziehen das in ihrem
natürlichsten Verhältnis um so mehr eine Lücke entstehen ließ als das was
Sehnsucht heißt ihrem Gemüt ein fremdes war Dazu der räumliche Wechsel und
eine Lage die ihr bald genug Beschränkung und konzentrierte Arbeit zur Pflicht
machten wenngleich die Arbeit zu einer genussvollen Pflicht
    Nur so ist zu erklären dass das was lediglich einen Übergang erleichtern
sollte zur dauernden Entfernung und wenigstens von der Kinder Seite zur
völligen Entfremdung werden durfte und dass die Frau welche ihr Mutterrecht so
eifrig gewahrt hatte  die Anhängerin des kategorischen Imperativs welche
gelehrte Traktate über die Erziehungskunst veröffentlichte  die ihren Kindern
angemessene Ausbildung fremden Einflüssen und fremder Unterstützung überließ
Sie vermochte zurzeit dem Sohne Hilmars von Hartenstein nur zu bewilligen was
sie dem Sohne von Thomas Zacharias bewilligt haben würde Darüber hinaus sorgte
die alte väterliche Verwandte und die Mutter wusste vielleicht nicht einmal wie
weit diese Sorge ging
    Nachdem sie indessen durch innere wie äußere Notwendigkeiten sich zu diesem
Abweichen von vernunftgemässen Satzungen hatte drängen lassen durften die
Resultate dieser Inkonsequenz sie wohl zufriedenstellen Beide ihre Kinder waren
glücklich dass sie es nicht durch sie waren diese Kränkung  falls sie
überhaupt als solche empfunden worden wäre  würde sie als Regung von
mütterlichem Egoismus überwunden haben und konnte ja wohl auch das Glück
welches einem verehrten Manne durch sie gewährt ward sowie ihr eigenes
Wohlbefinden dafür entschädigen Die Zeugnisse ihres Sohnes priesen ihn als ein
Genie In einem Alter wo andere erst die Prima erreichen ging er zu
juristischen und kameralistischen Studien ab nach der Universität der
aristokratischen Vorschule entsprechend zu der am Rhein welche man jenerzeit
eine Prinzenakademie zu nennen begann Es folgten ein paar Semester in der
Hauptstadt und das Doktorexamen das mit Auszeichnung bestanden ward krönte
die flugartige Entwicklung
    Dass es der Krone aber auch nicht an einer modischen Perle fehle entzündete
dieser universale Wunderjüngling durch sprühende Liederfunken die
vaterländischen Herzen die mehr denn jemals lyrisch empfänglich waren so wie
eine Flamme bevor sie erlischt noch einmal hell aufzulodern pflegt
Seltsamerweise indessen zündeten am lebhaftesten nicht die erotischen Ergüsse
für welche es dem Dichter trotz seiner Jugend doch keineswegs an Stimmung und
Erfahrung gebrach sondern die Hymnen stolzer Freiheit für welche er an
Stimmung und Erfahrung zwar auch keinen Mangel litt aber doch vielleicht nicht
in dem Sinne in welchem er sie besang ja sie entzündeten sogar das hohe
Publikum seines Lebenskreises und vor allen dessen weibliche Hälfte
    Der Dichter von Hartenstein trug um diese Zeit als freiwilliger Husar eine
der blitzendsten Uniformen der Armee Aber keiner seiner loyalen Kameraden nahm
Anstoß an seinem schwungvollen metrischen Barrikadenbau Irgendeinen Gegenstand
muss ja der Dichter zum Vorwurf haben und so wusste man einen fiktiven
Tyrannenhass von einem effektiven zu unterscheiden Ein junger Kavalier von
altritterlichem Namensklang und neuritterlicher Lebensart ein freiwilliger
Husar welcher der einzige Enkel eines Grossgrundbesitzers ist und sich außerdem
auf eine steinreiche und steinalte Erbtante berufen darf erfreut sich nicht
bloß in materiellem Betracht eines weittragenden Kredits abgesehen davon dass
der Modestrom einem Lustrum gefällig macht was einem anderen verwerflich dünkt
    Über die Richtung welche er für die Zukunft einzuschlagen habe war der
junge Baron noch im Schwanken Sollte er der Tradition seiner Väter gemäß die
militärische Laufbahn fortsetzen oder dem Rate der gelehrten Mutter und selber
dem der alten Künstlerin gemäß die staatsmännische erwählen für welche seine
Studien und Verbindungen ihn glänzend vorbereitet hatten Am nächsten lag es in
der Freiheit eines Gentleman und in ästetischer Universalität der Jugend
goldenen Tag zu genießen und unter frohem Wechsel zu erwarten was das Glück
seinem Günstling mühelos in den Schoss werfen werde
    Der klangvolle Tenor seiner Poesien hatte einen Widerhall gefunden selbst in
dem unpoetischen Gemüt der Mutter Nach so vielen Schönen Tapferen
Lebensfrohen seines Geschlechtes gab es zum ersten Male schön und lebensfroh
auch er einen Genialen einen Dichter von Hartenstein und dieser Auserwählte
war ihr Sohn Wie hätte ihr Herz nicht in stolzer Freude und Erwartung schlagen
sollen Wiedergesehen hatte sie ihn nur ein einziges Mal während einer
schweizerischen Ferienreise und wenngleich nur flüchtig hinreichend lange
wenigstens für sein Bedürfen Auch waren seine Briefe nur seltene und kurz um
so länger und lehrreicher dagegen die ihren
    Auch »auf seinen Gütern« wie er den WerbenMehlbornschen Komplex nicht nur
nannte sondern allen Ernstes a priori betrachtete hatte der junge Herr seit
jenem unfreiwilligen Knabenaufentalte sich weder sehen noch jemals von sich
hören lassen Hätten nicht Frau Zacharias und Fräulein Tusnelda in Briefen an
Pastor Blümel seiner regelmäßig erwähnt würde er dort wo naturgemäß seine
Heimat war oder doch eines Tages werden sollte spurlos vergessen worden sein
Diese Briefe jedoch nährten in der Seele des ihm so ungleichartigen Hirtensohnes
eine bewunderungsvolle Erinnerung ja steigerten diese zu einem heroischen
Phantasiegebilde und wo wäre ohne solches Phantasiegebilde ein Knabe jemals zu
einem tüchtigen Manne geworden Max von Hartenstein war und blieb das
glänzendste Gestirn an Dezimus Freis Frühlingshimmel und wie er in der holden
Venus wenn sie im Morgendämmer der Sonne vorleuchtete sein fröhliches Röschen
sah und wenn sie im Abenddämmer der Sonne nachleuchtete die treue Lydia lange
nachdem er wusste dass es der nämliche Wandelstern sei welcher die hohe
Himmelskönigin umkreise so sah er in dem herrlichen Jupiter seinen Max
    Aber noch in einem anderen ebenso ungleichartigen Gemüte hatte das schöne
junge Menschenbild eine unverlöschliche Spur hinterlassen Auch dem stillen
weißen Fräulein hieß alles was Freude weckt Max Sooft sie Dezimus begegnete
schlug sie den beiden so wohlklingenden Namen an Sie tat es ruhig auch vor
Zeugen ohne künstliche Umhüllung einfach wie sie allezeit war »Hat Frau
Zacharias Maxens erwähnt Schreibt Tante Tusnelda wie sich Max in Bonn
gefällt« Oder auch »Wissen Sie noch Dezimus wie schön Max diese Ballade
deklamierte jenes Volkslied sang«
    Und wenn Dezimus nun jeden Laut noch wusste jeder Bewegung sich erinnerte
wenn er mit sonst ihm keineswegs eignender Geläufigkeit berichtete von den
riesenmässigen Fortschritten den glänzenden Zeugnissen den Erfolgen seines
Idols dann röteten sich leise der Hörerin bleiche Wangen und die großen
graublauen Augen färbten sich gleich den dunkelsten Hyazintenblüten
    »Nicht wahr Sie haben ihn auch lieb Fräulein Lydia« fragte Dezimus dann
wohl und »Sehr lieb« antwortete Lydia in ihrer natürlichen Weise
    Durch dieses gemeinsam gepflegte Andenken hatte sich zwischen Lydia und
Dezimus eine Art von Verhältnis gebildet das sich aus der Kinderzeit in die der
Erwachsenen hinüberzog und nur insofern eine Heimlichkeit war als kein Dritter
sich gläubig genug erwies ihren Kultus zu teilen Wie auch Fernstehende sich
Freunde nennen wenn sie einen Helden einen Dichter oder Künstler mit gleicher
Inbrunst verehren so machte das Traumbild »Max« das Fräulein und den Hirtensohn
zu Freunden indem es sie über den trennenden Unterschied der Jahre und
Verhältnisse hinweghob
    Nun aber entpuppte sich aus dem Traumbild der Dichter mit seinen greifbaren
Stanzen und Terzinen Dezimus schwärmte für diese feuriger als für irgendeine
Ode des Horaz und wenn die Tiefe des Sinnes ihm mitunter unergründlich der
Schwung der Bilder ihm zu hoch bemessen war so schlug der Rhythmus des Lautes
doch wie Musik an sein Ohr und er schmetterte ihn ohne einer Melodie zu
bedürfen mit seinem sich just zum Bass umsetzenden Alt hinaus in die wonnige
Frühlingsluft
    Die reifere Lydia dagegen wollte fühlen was ihr klang und was sie fühlte
wollte sie verstehen Sie hatte nicht nur ein fein musikalisches Ohr sondern
mehr noch ein tief musikalisches Herz dem schon für manches liebe Lied eine
Melodie aufgegangen war Die des liebsten von ihnen »Wenn alle untreu werden«
sang sie ihrem Vater jeden Abend an der kleinen Orgel im Ahnensaale vor Wie sie
aber auch sinnen mochte für keines von Maxens Gedichten fand sie im Herzen oder
auch nur im Ohr eine Melodie und wenn ihr Vater dieselben mit einem seinem
sangeskundigen Meister nachgebildeten Kraftworte »Sprühteufel« nannte so tat
ihr das zwar weh aber sie widersprach ihm nicht wie doch Dezimus es wagte
wenn sein Pastorvater sie lächelnd »Strohfeuer« nannte
    So lockerte denn bis zu einem gewissen Grade der Dichter den
Freundschaftsbund welcher über dem Traumbild geschlossen worden war mehr denn
jemals indessen nistete in dem Freunde die Vorstellung sich ein so ein Etwas
das man Kinderweisheit nennt dass diese herrliche weltfremde Jungfrau zu diesem
herrlichen weltstürmenden Jüngling notwendig gehöre wie ei nun wie etwa der
standfeste Dezimus zu seinem neckischen Rosenschwesterchen oder in seine
Sternensprache übersetzt wie ein Mond zu seinem Planeten gehört
    Lydia hatte bei neunzehn Jahren in kaum merklichen Übergängen sich zu
einer Erscheinung entfaltet so wie ein Zögling Konstantin Blümels der niemals
ein gemeisseltes oder gemaltes Bild gesehen hat das Schönheitsideal sich träumt
der Leib der Seele Überguss Für Konstantin Blümel selbst aber den Greis mit dem
Dichterherzen wenn er die hohe keusche Liliengestalt den gebeugten Vater am
Arm langsam die Terrassen auf und nieder schreiten sah nur für seine Schonung
besorgt ihr Blick nur an seinem hangend das Bild der erfülltesten Kindesliebe
für Konstantin Blümel verwandelte sie sich in die Tochter des blinden
Tebanerkönigs von allen klassischen Heidengestalten ihm die rührendste
    Und wohl trug sie Antigones Los in diesen Frühlingstagen Ihr Höchstes
Teuerstes ihr Vater litt schwer seine Kraft war gebrochen scheinbar
plötzlich aber aus altem Keim Es krankte sein Herz auch was der Arzt so
nennt jachen Erstickungskämpfen folgte Todesmattigkeit
    Der Wechsel im Regiment auf welchen der eifrige Mann so zuversichtlich
gerechnet hatte sich seit Jahren vollzogen ohne seine Erwartungen zu erfüllen
während Professor Zacharias der öffentlichen Wirksamkeit entsagen musste war von
der seines Antagonisten der Bann stillschweigend wie er auferlegt ward
genommen worden aber als Duldung nicht als Triumph und gering auch nur war
die Zahl der Getreuen welche die Satzung der Toleranz vorgezogen hatten Herber
hätte ein Mann wie Joachim von Hartenstein nicht enttäuscht werden können
Sollte er seiner stolzen Zurückgezogenheit entsagen um ein Sektenpriester zu
werden
    Dennoch würde er sich noch einmal in den Streit der Welt gewagt haben wenn
jenes zunehmende Körperleiden ihn nicht so empfindlich gehemmt hätte Nun
ergriff ihn eine Unruhe die ihn heute vorwärts drängte morgen zurück und es
war nicht der Aposteleifer allein der in ihm rang es war wenn auch nur wenige
es ahneten und nur die Tochter seine vertraute Geschäftsführerin bis zu einer
gewissen Grenze es wusste es war die Vatersorge
    Seine apologetischen Schriften hatten ihn noch weniger goldene Früchte
ernten lassen als die kritischen des Professor Zacharias nicht das gedruckte
Wort das gesprochene war seine Stärke Von Jahr zu Jahr in der Zuversicht einer
demnächstigen Rehabilitierung hatte das Stilleben in Werben so beschränkt es
der Familie nach ihrem früheren Zuschnitt erschien den Rest des mütterlichen
Vermögens bis auf einen verschwindenden Bruchteil aufgezehrt der berufene
Ernährer aber sah sich alternd krank verlassen und von fünf Kindern nur den
ältesten Sohn der kürzlich Offizier in einem Infanterieregimente geworden war
notdürftig versorgt Der stolze Mann der nach seines großen Meisters Vorbild
zeitliche Güter so gering geachtet hatte nun wurde er um zeitlicher Güter
willen »zwischen Tod und Hölle« hin und her geworfen und der Gedanke des Lebens
wie des Sterbens ihm zu gleicher Marter
    In solchen zweifelhaften Zuständen schwebten außerhalb des Pfarrhauses
fast alle Menschen zu welchen Dezimus liebend und ehrerbietig in die Höhe
blickte ja schwebte in gewissem Sinne auch er selbst da er binnen kurzem aus
der Heimat scheiden sollte als unerwartet die Kunde von dem Ableben der greisen
Gutsherrin in Werben eintraf
Der junge Doktor von Hartenstein hatte die Todesbotschaft dem Justitiarius
zukommen lassen zum Zweck der Mitteilung an die Familie und der Massnahmen für
die demnächstige Beisetzung Er selbst war im Begriff nach Rom abzureisen um
seine Schwester heimzugeleiten Über das Ende seiner Verwandtin berichtete er
nur flüchtig dass es ohne vorhergehendes Krankenlager bei klarem Bewusstsein
erfolgt sei »Warum kann solch ein schönes Leben nicht von vorn angefangen
werden« wären ihre letzten Worte gewesen Sie hätte für die Einbalsamierung
ihres Leichnams und für den aufzulösenden Hausstand exakteste Vorschriften
hinterlassen wie denn auch schon bei ihrer kurzen Anwesenheit vor neun Jahren
in dem Archiv des Schlosses die Anordnung ihrer Bestattung niedergelegt worden
von welcher nun unverzüglich Kenntnis zu nehmen sei
    Im Umkreis der Heimat hatten nur wenige die Abgeschiedene gekannt keiner
sie geliebt und wie kleinlaut äußert sich denn überhaupt die Totenklage um
einen Achtziger auch wenn er gekannt und geliebt worden ist Um so lebhafter
beschäftigte man sich mit den äußeren Veränderungen welche der Todesfall nach
sich ziehen musste Konjektur über Konjektur bei hoch und gering nur Pastor
Blümel versenkte sich mit Innigkeit in das entschwundene Leben  schon um der
Parentation willen welche der Würde wie der Wahrheit gemäß abzuhalten er nicht
nur als Pfarrer sondern mehr noch als Vertrauensmann den sie Freund genannt
hatte verpflichtet war
    Wie er aber auch sinnend ihre Spur verfolgen wie er ihre Briefe
durchgrübeln mochte es wollte ihm nicht gelingen die Widersprüche dieser Natur
zu einem Kettenschluss ineinanderzufügen den scharfen Verstand und die
Bizarrerien das gütige Bezeigen und den Mangel an Liebe den weichen
Künstlersinn und die ätzende satirische Ader die Unfähigkeit zum Glauben und
das Bedürfnis jegliches wahrhafte übersinnliche Streben zu ergründen und zu
ehren die unverwüstliche Daseinslust und die Bereitwilligkeit aufzuhören Sooft
Konstantin Blümel bei eines Menschen Tode die Magie seines Lebens erspürt hatte
hier fand er die Zauberformel nicht Nun ja ihr fehlte das Organ für den
Schmerz War es aber darum allein dass die glückliche Harfenkönigin sich ihm
nicht zu einem Dichtergebilde verklärte wie einst das elende Hirtenweib
    Indessen hatte in seinem Pfarrbereich ein lebhaftes Treiben Platz gegriffen
War die Kirche selbst von innen und außen schon vor Jahr und Tag säuberlich
hergestellt worden hatten selbst die ehrwürdigen schwarzen Herren am Altar sich
eine Wäsche und einen aufmunternden Pinselstrich gefallen lassen müssen so galt
es nun schleunigst die Gruft unter der Kirche zum Empfang des letzten
Herbergsgastes würdig zu erneuern Alle Hände voll waren zu tun um den
modernden kellerartigen Raum in ein blaues Himmelsgewölbe umzuwandeln es mit
goldenen Sternen zu besäen bunte Fensterscheiben einzulassen den Fußboden mit
Granitplatten zu belegen die alten Särge aufzupolieren und wo selbige mürbe
geworden in neue Gehäuse einzukapseln Kein Pünktchen über dem I war in der
eigenhändigen Vorschrift ausgelassen
    Sobald der Sarg in die Gruft gesenkt worden sollte die goldene Harfe darauf
befestigt und ihm zu Häupten eine Marmorstatue aufgerichtet werden welche
unter den Jugendzügen Tusneldas von Werben die Muse der Tonkunst darstellte
und von dem ersten Meister der Zeit gefertigt der Stolz des gastlichen Hauses
in der Ostraallee möglicherweise auch noch dessen am Monte Pincio gewesen war
Dies aber geschehen sollte unverweilt an Stelle der Falltür die Gruft durch
eine Steinplatte für alle berechenbare Zeit geschlossen werden
    »Denn« so erläuterte die Verordnung »kein Mensch von heute oder morgen hat
ein Interesse daran diese Stätte der Verwesung wieder zu betreten Wenn aber
nach Jahrhunderten vielleicht  durchaus kein beklagenswerter Schade  der
Oberbau in Trümmer gelegt sein wird sei es durch verjüngende Barbarenhorden
sei es allein durch die verjüngende Barbarei der Zeit und wenn nach
Jahrtausenden vielleicht von den Forschern einer neuen Kulturepoche dieser
Trümmerhaufe durchwühlt werden wird dann soll das was heute an die
Vergänglichkeit mahnt als ein Merkmal des Unsterblichen auf Erden entdeckt und
gewürdigt werden«
    Die stärkste Spannung erregte das Testament das vor der letzten Abreise
nach Rom in Dresden niedergelegt worden war und vorschriftsmässig jetzt von dort
an das Patrimonialgericht ausgehändigt wurde Als Termin für die Eröffnung war
die alte Sitte einer Monatsfrist vom Tage des Todes ab auf die von dem der
Bestattung hinausgeschoben worden »Ein Schabernack dem alten Spottvogel
leichtlich zuzutrauen Die erblustige lachende Sippe wird aus weiter Ferne auf
den Trab gebracht und schließlich ihr ein Schnippchen geschlagen« So legte
nämlich der Judex Hecht der selbst ein arger Spottvogel war jene
Aufschubsklausel aus und zwar auf Grund der Aufschrift des Testamentes die
folgendermaßen lautete »Zu publizieren im Ahnensaale von Werben durch den
Justitiarius von Werben in Gegenwart ad eins der Mitglieder der Familie von
Hartenstein insofern selbige dem Geschlechte der Werben blutsverwandt oder
verschwägert sind und Verlangen hegen den letzten Willen der letzten
Namensträgerin zu erfahren Ad zwei des Ortspfarrers von Werben insofern am
Tage der Publikation der jezeitige Herr Konstantin Blümel noch im Amte stehen
oder aber dessen Pflegesohn Dezimus Frei ihm in diesem Amte nachgefolgt sein
sollte«
    Nun hinsichtlich dieses letzten »Oders« hatte die lebenslustige Testatorin
ihre Dauerkraft freilich um viele Jahre überschätzt in Mutter Hannas Herzen
aber hatte das »Oder« den Johannissegen gewaltig ins Kraut schießen lassen
Sollte ihr braver Dezem bloß auf dem Testamente stehen und nicht auch darin Ihr
Konstantin belächelte den Aberglauben Wollte es ihm auch nicht gelingen den
Kitt der einzelnen Seelenteile seiner weiland Patronin klärlich zu analysieren
das Totale zu welchem die widersprechenden Teile sich so oder so verkittet
hatte er hinlänglich erfasst um zu wissen dass sie nur einen Bluts oder
Kunstgenossen würdig erachtet haben werde des Erbes auf welchem die heitere
Freiheit ihres Lebens wesentlich beruht hatte Aber einen Vertrauensakt sah er
in der Berufung mutmasslich ein Bürgenamt für irgendwelches heikle Kommissorium
Und dieses ehrende Zeugnis von Herzenskunde galt Konstantin Blümel als das
kostbarste Legat auch für den Jüngling den er auf seinen Boden verpflanzt
hatte
    In des Propstes Zustande trat seit Eintreffen der Todesbotschaft eine
auffällige Besserung ein seine Haltung hob sich vor den Blicken sank ein
Nebel die Schritte wurden elastisch wie einst
    »Niederschlagendes Resultat« sagte Pastor Blümel mit einem tiefen Seufzer
»wenn unter dem Druck der Erdgewalten der Idealist dahin gelangt von einem
Lotteriegewinst den Frieden für sein Leben und Sterben zu erwarten«
    Die Beisetzungsangelegenheiten führten Herrn von Hartenstein wiederholt in
das Pfarrhaus er war mitteilsam wie noch nie einmal äußerte er sogar dass er
seine Tage in der ihm liebgewordenen Stille von Werben zu beschließen gedenke
für den wahrscheinlichen Fall dass dessen Besitz auf seine Gattin als nächste
Erbin übergehe
    Lydia begleitete den Vater regelmäßig bei diesen Besuchen in ihren Augen
leuchtete ein Widerstrahl von seinem neuen Leben und noch eine zweite Hoffnung
zauberte auf ihre Wangen den einstigen Anemonenhauch Ihr Bruder Martin war
bereits zu der Bestattungsfeier eingetroffen und durften denn nicht auch
Sidonie und Max für sie erwartet werden um voraussichtlich bis zur
Testamentseröffnung zu verweilen Ein voller Monat Freude
    Freund Martin strahlte im neuen Glück der Epauletten er kam jeden Tag ein
paarmal auf die Pfarre stolziert und machte natürlich seiner Weltstellung
entsprechend Röschen den Hof
    »Ist die aber reizend geworden« sagte er mit der Miene heimlichen
Vertrauens aber einer Stimme als ob er seine ersten Rekruten kommandierte
»Dich nicht in die zu ver lieben Dezimus bist du denn von Stroh«
    »Ich liebe sie ja« versetzte Dezimus stillvergnügt
    Röschen dahingegen sagte »Ein guter Junge dein Martin Aber wie kommt es
nur Die Zeit wird mir mit ihm greulich lang und mit dir alter Dezem wird sie
es doch nicht«
    »Das kommt der Martin schwätzt und Dezem hört dir Plaudertasche zu«
erklärte lachend Mutter Hanna Denn unter vier Augen betrieben Röschen und Dezem
ihre Schmeichelreden und Zärtlichkeiten nicht Eifersüchtig auf den Leutnant
konnte sonach der Primaner aber auch nicht werden
    Häufig brachte Martin seine beiden jüngeren Schwestern Priszilla und Phöbe
mit da wurde denn wie zu Kinderzeiten im Garten getollt oder auch in der
Wohnstube ein Tänzchen gemacht Peter Kurze gab den erforderlichen dritten
Partner ab und Peter Kurze war ein gewaltiger Springer vor dem Herrn trotz
eines Fettbäuchleins schon in Schülerjahren
    Und so ist denn die Reihe der Vorführung endlich auch an Peter Kurzen
gekommen der in der Geschichte eines Glücklichen nicht nur eine Rolle zu
spielen haben wird sondern auch selber ein Glücklicher war zweifelsohne besser
als der andere geeignet zur Heldenrolle in einer Geschichte die in erster
Ordnung doch unterhalten soll Als jüngster Sohn des seligen Amtsbruders von
Bielitz daher Luischens Schwager und als eine kreuzfidele Haut war er Dezems
Intimus auf der Schule geworden und die Pfarrtür von Werben stand allezeit
gastlich vor ihm offen Wenn sie ihm aber auch ungastlich vor der Nase
zugeschlagen worden wäre würde er durch die Hintertür wieder eingeschlüpft sein
und gerufen haben »Da bin ich Peter Kurze ich ich ich« Denn blöde war
Peter Kurze eben nicht Wo er einen Schornstein rauchen sah dachte er Hier ist
gut sein Hatte Dame Fortuna just nicht splendid für ihn gesorgt so sorgte er
um so beflissener für sich selbst und schob sich als armer Teufel äußerst
vergnüglich durch die Welt
    Da er ein paar Jahr mehr als Dezimus zählte war er heuer bereits als
medizinischer Fuchs zu den Ferien eingesprungen und prangte nun erst recht in
der Glorie der lustigmachenden Person Dass er in seiner Manier nicht weniger als
der Leutnant in der seinen dem Pfarrröschen »die Kour schnitt« verstand sich
wie er selbst es ausdrückte »am Rande« Aber  glückselige Organisation für
einen Primaner  auch der Doktor in spe machte Dezem keine Herzbeklemmung
    Vater Blümel wollte freilich das Tanzen in Erwartung einer
Verwandtenleiche nicht geziemend finden seine Hanna aber sagte
    »Gönne doch den armen Dingerchen den ersten Luftzug der Freiheit wer weiß
lieber Konstantin wer weiß wie bald ihn ein Trauerhauch verweht«
    Damit schlug sie einen Schottischen an und die drei Paare hopsten
seelenvergnügt rundum am vergnügtesten die beiden Fräulein Bei dem flinken
Pfarrröschen aber hatte auf diesen ländlichen Bällen der Leutnant entschieden
das Prä
    Lydia begleitete die Geschwister niemals Sie ließ den Vater nicht allein
Ihr jüngster Bruder Philipp hatte das Scharlach gehabt und die Mutter würde
nicht um die Welt die Krankenstube vor den gesetzmässigen sechs Wochen verlassen
haben Den siechen Gatten wusste sie ja unter der Tochter Augen wohlversorgt
    Eines Nachmittags als das junge Volk im Pfarrgarten wieder einmal recht
übermütig den Plumpsack walten ließ kam Lydia aber dennoch ohne den Vater den
Geschwistern nach gegen ihre Art in ängstlicher Aufregung Die Kammerfrau der
Tante hatte von dem Hafenplatze wo die Ausschiffung der Leiche stattgefunden
geschrieben da ihr Eintreffen in Werben binnen zwei Tagen erwartet werden
durfte wünschte der Propst dass Martin bis zu der Station wo die Eisenbahn
verlassen wurde ihr entgegenreise um den Kondukt in die Heimat zu geleiten
Max und seine Schwester hatten bereits in Rom den Landweg eingeschlagen die
Kammerfrau vermutete sie längst in Werben Und sie waren nicht angelangt hatten
keinerlei Nachricht von sich gegeben »Wenn ihnen ein Unfall zugestoßen wäre«
schloss Lydia
    »Ach gar ein Unfall« widersprach Röschen lachend »Sie werden sich
unterwegs wo es hübsch war aufgehalten und gedacht haben Was schadet es der
seligen Tante wenn sie ohne unser Beisein bei ihren Vätern den Einzug hält«
    Die Schlossgeschwister brachen auf die Pfarrgeschwister inklusive Peter
Kurzens begleiteten sie Den Weinberg hinab den Uferpfad entlang die
Terrassen hinan ging es in neckischem Fliehen und Sichhaschen Keiner fragte
danach dass die tolle Jagd aus den Schlossfenstern beobachtet werden könne Seit
dem Eintreffen der Trauerpost aus Rom schien in dem klösterlichen Hause alles
außer Rand und Band geraten Nur Lydia und Dezimus gingen sacht hinterdrein sie
folgten Max auf seiner Alpenreise und langten am Fuße der Terrasse erst an als
die anderen längst im Schloss verschwunden waren
    Jählings starrte beider Schritt stockte beider Atem Von oben herab kam
einer ihnen entgegen mit verwegenem Satz die letzte Mauerstufe
hinunterspringend
    »Lydia« rief Max umfasste sie mit beiden Armen und presste seine Lippen auf
die ihren
    Sie war einen Moment von Purpur übergossen im nächsten hatte sie sich ihm
entwunden Ein Schauer flog über ihren Leib sie stand entfärbt mit
geschlossenen Augen wie in den Boden gewurzelt
    »Grüß Sie Gott Dezimus Himmel was sind Sie groß geworden Aber sehen Sie
doch dieses Bild dieses Göttermenschenbild«
    Sidonie war es welche langsam die unterste Terrasse niedersteigend also
sprach indem sie die eine Hand Dezimus entgegenstreckte und mit der anderen auf
die versteinerte Gruppe der beiden schönen jungen Verwandten deutete Dann
gegenseitiger Willkommenwechsel Aufklärung und Mitteilung Sidonie führte das
Wort Maxens Augen hingen mit gleichem Entzücken an Lydia wie die von Dezimus an
seinem Jovisstern
    Aber auch die Verwandlung der kleinen Sidi machte ihn staunen Eine
langwierige ortopädische Kur hatte Wunder an ihr gewirkt sie war bedeutend
gewachsen und wenn die Unebenheit des Baues auch nicht ausgeglichen werden
konnte der Kopf war nahezu schön man sah es ihr an dass nur ein äußerer Unfall
die Missgestalt verschuldet hatte Das gemischte Blut der Hartenstein und
Mehlborn strömte in ihren Adern so gesund wie in denen ihres herrlichen Bruders
Im übrigen war sie wie schon als Kind sich ihres Makels bewusst und brach ihm
durch rüstigen Humor die Spitze ab Lydia sprach an diesem Abend kaum ein Wort
Ihre Lider waren wie im wachen Traume gesenkt sie schwebte einher als ob ihr
Flügel gewachsen wären
    Am anderen Morgen widerfuhr dem vom Glück erkorenen Johannissohne wieder
einmal so unverdient wie unversehens eine außerordentliche Ehre Während er sich
mit seinem Vater in der großen Geschäftsangelegenheit des Tages auf dem Schloss
befand rollte der Wagen vor in welchem Martin der seligen Grosstante bis zur
Bahnstation entgegenreisen sollte Die Begleitung seines Vetters war als
selbstverständlich angenommen worden Fräulein Sidonie erklärte indessen rund
heraus ihr Bruder sei für solch eine ermüdende Partie von der Reise zu
angegriffen
    Max lächelte bei den Worten widersprach jedoch nicht nur zu der
ernstblickenden Lydia sagte er leise »Ich halte es mit dem Tod aber nicht mit
den Toten«
    »Aber du lieber Gott ich ganz allein den weiten Weg hin und zurück da muss
ich ja vor Langeweile sterben« sagte Martin im allerkläglichsten Ton »Komm du
mit Dezimus tu mir den Gefallen«
    Und so geschah es dass Held Dezimus wie er einstmals zu Füßen der
blumengeschmückten Harfenkönigin eine rasche stolze Fahrt in einem Viergespann
gemacht nach Jahren als Leidtragender in einer Trauerkutsche und geziemend
feierlichem Tempo dem stolzen Viergespann folgte in welchem die nämliche
Harfenkönigin im kunstvoll gemeisselten Marmorsarge zur Gruft ihrer Ahnen
befördert wurde Vor dem Sarggehäuse saß neben dem rabenschwarzen
Leichenkommissarius silberstrotzend der Diener mit den noch immer blühenden
Wangen Breite Trauerflore wallten vom Hut über seine weißen Locken In einem
zweiten Wagen folgte weinend die alte Kammerfrau nebst der gleichfalls zu
versenkenden seligen Harfe beide dicht in schwarzen Krepp gehüllt Auf einem
dritten Gefährt überwachte ein bewährter Werkführer die Muse der Musik in ihrer
hölzernen Umkapselung Gewiss ein imposanter Kondukt weit und breit unerlebt
    Aber die Fahrt währte lange und Morgenluft zehrt selbst im Gefolge eines
Leichenwagens Ein weislich von Freund Martin mitgeführtes Frühstück tat daher
gute Dienste wurde auch von beiden Leidtragenden mit so munterem Appetit
verzehrt als ginge die Reise flott zu einer Hochzeitsfeier
    An der Grenze des Werbener Weichbildes stiegen die Freunde aus um sich der
Rangordnung ihres Leidwesens gemäß dem Zuge einzureihen denn hier wartete der
Pfarrer samt allen welche berufen oder auch nicht berufen waren der Gutsherrin
und dem mit ihr abscheidenden angesehenen Geschlecht die letzte Ehre zu
erweisen
    »Ein hübsches Zügelchen« sagte schmunzelnd Kantor Beifuss zu seinem Nachbar
dem vormaligen Quatermillionenschüler während der Kondukt sich die neue
Grabesstrasse hinanbewegte auf deren Boden Kalmuszweige und Maienlaub
verdufteten
    Die Kirche war in eine Laube umgewandelt der Altarplatz so dicht mit
Lorbeer und Zypressengruppen gefüllt dass außer für den Sarg nur noch Raum für
die beiden Familien des Schlosses und der Pfarre übrigblieb Im Schiffe dagegen
drängte sich Kopf an Kopf Aus weitem Umkreis hatte hoch und gering den
köstlichen Frühlingstag benutzt um die Fliederblüte und das Begängnis einer
Harfenkönigin zu genießen Auch Amtmann Mehlborn wurde seit vielen Jahren zum
ersten Male wieder in seiner alten Kirche zwar nicht unter den Leidtragenden
aber doch unter den Schaulustigen bemerkt
    Die Glocken hatten in Pausen schon den ganzen Morgen geläutet Sobald der
Sarg über die Kirchschwelle gehoben ward stimmte wohleingeübt die städtische
Liedertafel eine Motette an über den Psalmistenspruch »Ich bin verstummt und
schweige der Freuden Wie gar nichts sind alle Menschen die doch so sicher
leben«
    Nun hielt Pastor Blümel die Parentation nicht in freier Eingebung seinem
Gemüte entströmend ein wohlbedachtes wohlgefügtes Redestück würdig der
Künstlerin deren Lebensabriss es in sich fasste und diesem entsprechend der
Text
    »Wessen Ohr mich hörte der pries mich selig und wessen Auge mich sah der
rühmte mich Denn ich errettete den Armen der da schrie Gerechtigkeit war mein
fürstlicher Hut und welche Sache ich nicht wusste die erforschte ich Ich
gedachte ich will meiner Tage viele machen und in meinem Neste ruhen«
    Es war sonst nicht Pastor Blümels Sache solch ein Bibelwort aus seinem
natürlichen Zusammenhange gerissen einem fremdartigen Anlasse einzuzwängen und
gewisslich hatte Fräulein Tusnelda von Werben keine Seelenverwandtschaft mit dem
Dulder von Uz Da in diesem speziellen Falle aber nun einmal sich durchaus nicht
auf den Glauben die Liebe und Hoffnung eines Christen in diesem irdischen
Jammertale berufen werden durfte half sich auch ein Blümel aus der
Verlegenheit wie mancher seiner frommen Amtsbrüder es ohne Skrupel tut Die
warme Zuversicht aber mit welcher er aussprach dass diese Greisin welche der
seltensten eine nur mit den guten nicht mit den bösen Erinnerungen des Hiob
aus dem diesseitigen Leben geschieden sei in dem unerforschlichen Jenseit für
die Entwickelungen reifen werde welche hienieden nur der Traurigkeit entkeimen
dem Leidtragen das wir eben darum ein beseligendes nennen diese warme
Zuversicht machte auch die Herzen der Hörer warm und gab dem christlichen
Segensspruch die Weihe der Wahrhaftigkeit
    Ob auch dem Propst von Hartenstein mit diesem seltsamen Textwort und der
Anwendung des Unionisten Genüge geschehen ließ sich weder behaupten noch
verneinen Er saß in sich versunken tödlich bleich die Hand seiner Tochter
Lydia in der seinen Seine Gattin weinte und die Kinder hoben die Augen nicht
vom Boden Fräulein Sidonie jedoch drückte dem Redner einverstanden die Hand
und ihr Bruder versicherte ihm später lächelnd er habe seine schwierige Aufgabe
bewundernswert gelöst Amtmann Mehlborn aber soll auf dem Heimwege gegen Kantor
Beifuss seinen einzigen sogenannten Freund geäußert haben Solange er seine
Augen offen hätte möchte er nichts mehr mit dem alten Blümel zu schaffen haben
Es wäre ihm aber doch lieb wenn er es so lange machte dass er ihm noch einmal
den Lebenslauf auslegen könnte
    Unter entsprechendem Chorgesang war der Sarg in das Gewölbe hinabgelassen
worden die goldene Harfe wurde über ihm befestigt die Muse der Musik auf ihr
Postament gestellt Noch vor Tagesneigen hatte man die schliessende Platte in den
Boden gefügt und die letzte Spur von Tusnelda von Werbens Freudenleben war
verschwunden
    Programmgemäss wurde das Erlöschen des alten Geschlechts durch einen Schmaus
gefeiert Der Pächter bewirtete die Dienstleute des Hofes für die Würdenträger
das heißt die Pfarrfamilie und den Justitiarius öffnete Herr von Hartenstein
zum ersten Male den Werbenschen Speisesaal Dort wie hier waren die Tafelgenüsse
der abgeschiedenen reichen Herrin würdig die Ehrenbezeugungen zu ihrem Andenken
unter freiem Himmel jedoch lauter und nachhaltiger als zwischen den spärlich
gefüllten vier Pfählen Der Propst sehnte sich nach seinem Ruhebett seine
Gattin nach ihres Knaben Quarantänezimmer Die Sonne hatte schon tief gestanden
als die Suppe und sie war noch nicht gesunken als der Kaffee genommen ward
Rat Hecht machte sich auf den Heimweg nach der Stadt Pastor Blümel mit seiner
Hanna auf den nach der Pfarre Die junge Gesellschaft fühlte das Bedürfnis
frischer Luft und brach zu einem Spaziergange auf Nur Sidonie die schwache
Fussgängerin blieb zu Hause Sie schmachtete nach Musik die sie seit der
Abreise von Rom weder geübt noch gehört hatte und da es in der geistlichen
Familie außer einem Kinderklapperkasten ein Klavier nicht gab wurde im
Ahnensaal an Lydias Orgel der Vortrag einer Bachschen Fuge zu einer
abschliessenden Trauerfeier
    Peter Kurze der Lustigmacher war zum Vorteil einer geziemenden Stimmung
nicht von der spazierenden Partie indem er als ungeladener Tafelgast sich in
die Umgegend verzogen hatte Die anderen zerstreuten sich gruppenweis unter dem
dämmernden Abendhimmel Leutnant Martin kletterte mit Lebensgefahr am
Mühlgrabenufer auf und ab die zarten Vergissmeinnicht zu pflücken die ohne
seine augenschärfenden Erstlingsgefühle ungesehen verblüht sein würden
Schönröschen auf einem Baumstamme sitzend wand einen Kranz aus den
Blaublümlein Des Leutnants Seligkeit hing von dem Besitze dieses Kranzes ab Er
wollte ihn im Schlachtgewühl als feienden Talisman auf seinem Herzen tragen Das
schnöde Röschen aber meinte lachend für solches Unterfutter sei seine Uniform
viel zu knapp und setzte den Kranz auf ihre schwarzen Locken worauf der
Leutnant versicherte er stehe ihr göttlich
    An Dezimus Arm hatten sich die beiden Fräulein Priszilla und Phöbe gehängt
mit der Bitte er solle sie an diesem feierlichen Abend ein wenig mit der
Sternenwelt bekannt machen Und warum sollte Dezimus ihnen dieses weihevolle
Verlangen nicht befriedigen Er führte sie nach dem Hünengrabe und nannte ihnen
die Sternbilder die eines nach dem anderen am östlichen Horizonte auftauchten
während gen Abend der Himmel noch im Karmin des Sonnenunterganges glühte Nun
wollten die Fräulein aber auch für die fünf Schlossgeschwister ein besonderes
Sternbild gleich dem der sieben Pfarrschwestern ausgesucht haben Und warum
sollte Dezimus ihnen nicht auch dieses Verlangen befriedigen Er ließ ihnen
sogar die Wahl zwischen der Kassiopeja und dem kleinen Bären Sie konnten lange
nicht einig werden die Kassiopeja war freilich viel schöner der lieben
Nachbarschaft wegen entschieden sie sich aber doch für das Fünfgespann neben dem
Siebengespann
    Max hatte Lydias Arm unter den seinen gezogen und ging mit ihr den Uferpfad
entlang Der milde Abend lud zu einer Wasserfahrt ein aber der Bootsmann hatte
nach dem heutigen sauren Tagewerk zu früher Stunde Schicht gemacht und der Kahn
regierte sich schwer von einem allein
    So setzten sie sich denn auf eine Bank vor der aus Rohr geflochtenen
Fährhütte und blickten eine lange Weile schweigend auf den Fluss der zu ihren
Füßen im Abenddämmer glitzerte Ringsum zog sich das alte Werbensche
Fasanengehege Das Unterholz ist zu Bäumen herangewachsen und es nisten seit
vielen vielen Jahren keine goldenen und silbernen Jagdvögel mehr in ihrem Laub
Aber unscheinbare Nachtigallen haben sich angesiedelt in dem verlassenen Reich
und locken von weit und breit Sangesgenossen herbei Windstille in dichten
Laubkronen klares Wasser Ameisenhügel von keinem Spatenstich gestört dann
und wann ein Ruderschlag und abends vor der Fährhütte ein lauschendes Paar was
braucht eine Nachtigall zum Heimischwerden mehr Es waren glückliche Kolonisten
So gut jedoch wie heute wo man die alte Menschenschwester zur Ruhe gelegt so
gut war es ihnen lange nicht geworden denn sie hatten allerlei Volks an ihrem
Gehege vorüberstreifen sehen und die Nachtigallen sind auch in der Minnezeit
gar neugierige Kreaturen
    Nun aber ist es wieder still geworden Nur dort unter dem Fliederbusch sitzt
noch ein Menschenpaar so schön wie noch keines ihren Liebesweisen gelauscht
und was ein Maienabend an Wonnen zu bieten hat dieser bot es Hoch oben die
blaue Nacht mit ihrem Goldgefunkel linde Lüfte und vom Boden Nektarwürze aus
allen Wipfeln sehnsüchtig schmachtendes Locken Im engen Bett rauscht weiter
abwärts der Fluss hier aber weitet er sich still und dunkel zu einem
Himmelsspiegel
    »Still und dunkel wie deine Augen Lydia« flüstert Max »Ein süßes
heiliges Märchen wie du«
    Und dann saßen sie wieder lange Hand in Hand und schwiegen und atmeten den
Zauber des Mai
Am anderen Morgen nahm die Schlossfamilie mit ihren Gästen das Frühstück auf der
Terrasse der Propst hatte sich über Nacht merklich erholt Philipp sonnte sich
mit seinem Mütterchen zum ersten Male nach der langen Zimmerhaft Aus aller
Blicken sprachen Hoffnung und Lust so als antworteten sie auf den Maienblick
der Natur
    »Mir ist dieses Tal früher gar nicht so anmutig vorgekommen« sagte Max und
Sidonie die allen anderen gern neckend widersprach aber jederzeit ihres
Bruders Echo war setzte hinzu »Ich hatte keine Erinnerung mehr von ihm
stellte es mir aber vor wie den Anfang der Lüneburger Heide Im Mai finden wir
freilich auch Heideschnucken graziös Nun es müsste sich allenfalls hier schon
leben lassen«
    Die Geschwister hatten bei ihrer unerwarteten gestrigen Ankunft dem Oheim
erklärt dass sie die Frist zwischen der Bestattung und Testamentseröffnung
welche aus einem ominösen Zufall am 24 Juni Mutter Blümels Segenstag
stattaben musste in Dresden zuzubringen gedächten Jetzt stellte Max unerwartet
die Frage
    »Würdest du mich liebe Tante diesen Monat lang dir als Gast gefallen
lassen«
    »Und mich natürlich auch« ergänzte Sidonie »denn Max und ich sind fortan
eins«
    Frau von Hartenstein blickte schüchtern zu ihrem Gatten und dieser scharf
eindringend zu Lydia hinüber die eine Pupurwoge auf den Wangen die Lider
senkte »Ihr sollt uns willkommen sein« sagte der Propst darauf
    »Herzlich willkommen« beteuerte Frau Ottilie und die Geschwister sagten
Dank
    Nach einer Pause fragte der Propst ob sie willens seien den Amtmann
Mehlborn aufzusuchen
    »Ich denke nicht daran« antwortete Max während Sidonie nur stumm die
Achseln zuckte Lydia aber fragte mit fast strengem Blick
    »Nicht eueren Großvater sehen eurer Mutter Vater«
    »Das wäre kein Grund Kousinchen« äußerte Max leichthin »Aber gut du
befiehlst so werden wir ihm aufwarten«
    Sidonie nickte zustimmend sogar sichtbar befriedigt
    Die Unterhaltung anfänglich heiter fliessend war unwillkürlich in einen
kurzen Trab von Frage und Antwort geraten der keinem erquicklich schien Als
weiterhin der Oheim zu wissen wünschte welche Pläne der Neffe für seine Zukunft
verfolge antwortete dieser
    »Im Moment keine Das Testament wird den Ausschlag geben«
    »Aber lieber Max« wendete Sidonie ein »welchen Einfluss auf deine Wahl
dürfte diese Verfügung haben Du weißt ja unter allen Umständen bleibt dir
freie Hand«
    Der Propst zuckte zusammen als ob er einen Krampf am Herzen spüre Mehr als
Sidoniens Worte hatten die sie begleitenden Blicke ihm verraten dass sie sich
und ihren Bruder des Werbenschen Erbes versichert hielt Besass sie ein Zeugnis
dafür sie die einzige der Familie welcher die Erblasserin näher getreten war
die sie vielleicht mütterlich liebgewonnen hatte Er erhob sich rasch um sich
in sein Zimmer zurückzuziehen kehrte halben Wegs jedoch um und sagte mit
ungewohnter Freundlichkeit
    »Sei unseren lieben Gästen Lydia doppelt eine aufmerksame Wirtin da die
Mutter durch Philipps Rekonvaleszenz noch vielfach in Anspruch genommen ist Ich
selbst fühle mich ja Gott sei Dank jetzt wohl genug um deine Gegenwart einmal
auch anderen gönnen zu dürfen«
    Sidonie erinnerte sich auch nicht des flüchtigsten Wortes als Zeugnis für
das ihr vorbestimmte Erbe aber sie bedurfte dieses Wortes auch nicht so fest
stand ihre Zuversicht desselben nahezu wie eines natürlichen Rechtes Und in
der unumwundenen Art welche sie sich im Verkehr mit der Tante angeeignet hatte
sprach sie diese Zuversicht auch aus als sie noch am nämlichen Vormittag auf
die Pfarre kam um wie sie fortan jeden Morgen tat das dortige Instrument zu
benutzen da dasselbe immerhin noch etwas weniger Klapperkasten als das des
Schlosses war
    »Kann eine Verblendung törichter sein« sagte sie halb ärgerlich halb im
Scherz »Ich merkte es an all seinem Gebaren und habe es an einer rechtzeitigen
Warnung nicht fehlen lassen Dieser standfeste Jünger des blutarmen Doktor
Luther hat sich allen Ernstes in den Kopf gesetzt die Schatzkammer der
leibhaftigen Frau Hulda zu überkommen Er der einzige Mensch der ihr
unverständlich daher schlechtin widerwärtig war den sie immer nur den
Oberdruiden nannte und von dessen Familie sie nicht viel mehr hatte kennen
lernen als dass sie samt und sonders nicht die schwächste künstlerische Ader in
sich barg«
    »Die sie aber in drückender zeitlicher Sorge wusste« wendete Pastor Blümel
ein
    »Wusste sie darum Sie korrespondierte mit keinem von ihnen und ich selbst
bin erst diesen Morgen auf den Argwohn gekommen als  «
    »Ja sie wusste darum liebes Fräulein«
    »Um so schlimmer für sie Die Sorgen waren selbstverschuldete ein Grund
mehr die Sorgenträger von einem Besitz auszuschliessen auf dessen Erhaltung es
ihr vor allen Dingen ankam Eine unantastbare Leibrente würde an dieser Stelle
die gebotene Hilfe sein«
    »Frau Ottilie von Hartenstein bleibt aber immer der Dame nächste
Blutsverwandte«
    »Nach meinem Papa welcher der Sohn der älteren Schwester und der geborene
Erbe von Werben war Hat sein Vater ihm das Nachfolgerecht verscherzt ei nun
die schönheitssüchtige Tusnelda nannte Großpapa gern den schönsten Mann den
ihre Augen gesehen und irre ich nicht stark war er der einzige der ihr
jungfräuliches Herz schwach gemacht haben würde wenn er nicht ihre Schwester
die eine treffliche Tänzerin war der trefflichen Sängerin vorgezogen hätte
Würde denn auch ohne eine gewisse Sympatie sie nach allem Vorhergegangenen
sich bereitwillig mit ihm ausgesöhnt für die Erziehung seiner Enkel in so
umfassender Weise Sorge getragen haben Was hat sie für die Kinder Ottiliens
getan die wenn auch in anderer Weise der Verkümmerung nicht weniger
ausgesetzt waren als wir Überdies war die Tante so jugendlichen Sinnes zog bis
an ihr Ende die heitere Jugend so unverhohlen aller sogenannten Altersweisheit
und Tugend vor dass es ihr auch in bezug auf ihr Erbe auf einen näheren oder
ferneren Verwandtschaftsgrad nicht ankommen konnte zumal wenn bei dem letzteren
auf eine Nachfolge in ihrem künstlerischen Streben zu rechnen war«
    »Und ist Ihnen niemals der Gedanke gekommen dass die leidenschaftliche
Kunstfreundin über ihre Hinterlassenschaft zu kunstfördernden Zwecken verfügt
haben könnte«
    »Hinsichtlich ihres Barvermögens des Hauses in Dresden ihrer Sammlungen
und so weiter höchst wahrscheinlich hinsichtlich des Werbenschen Stammgutes
keinenfalls Warum hätte sie es als Siebzigerin mit dem Opfer weit höheren Zins
tragender Dokumente wieder in ihre Hand gebracht Ist dies der Platz wo man
etwa eine Harfenschule gründet Nein was der Familie entstammte sollte der
Familie verbleiben und die Repräsentantin dieser Familie war für sie  ich
Mich hat sie gebildet mein ist ihr Talent ihre Anschauung in gewissem Sinne
ihr Schicksal Nur ich kann ihr eigenes Leben fortführen um dies aber zu
können muss ich zunächst ihre Erbin sein Ich das heißt mittelbar mein Bruder
Denn das wusste sie ja ganz wohl und darin hat sie mich von früh ab festgemacht
dass ich ein Krüppel wie ich durch die Vernachlässigung meiner Mutter geworden
bin niemals einen näheren Angehörigen haben werde als meinen Max der überdies
für fast jegliche Kunstrichtung reicher als ich begabt und durch die Fürsorge
der Tante vollständig darin ausgebildet ist«
    »Der aber so gut wie Sie Fräulein Sidonie dereinst ein Vermögen besitzen
wird gegen welches das Erbe von Werben verschwindet«
    »Eben darum Nicht eine mäßig nur eine reich gefüllte Hand genügte ihren
Zwecken Sehr möglich dass sie direkt zu meines Bruders Gunsten testiert haben
würde hätte sie in ihm nicht das unwirtschaftliche Hartensteinsche Temperament
vorausgesetzt Mich hielt sie für praktischer und mit Recht Man kann des Guten
nicht zu viel haben für sich und andere pflegte sie zu sagen Sie tat in
letzerer Beziehung auch viel Nur dass man ihre Wohltat nicht bemerken nicht
durch sie bedrückt beschämt erscheinen ihr nicht anders als durch frohen Genuss
dafür danken durfte Darum gab sie auch meinem Max so gern weil er alles
Förderliche ohne demütigende Phrase wie himmlischen Regen und Sonnenschein von
ihr angenommen hat«
    Pastor Blümel machte noch den Einwand dass die Verstorbene ihren letzten
Willen ja aufgesetzt habe bevor sie sich von der ihrer Sinnesart gemässen
Entwicklung ihrer Verwandten überzeugt und dass er unverändert geblieben sei
Sidonie ließ an ihrer Zuversicht indessen nicht rütteln Ihre Luftschlösser
standen fix und fertig aufgebaut Die Familie des Propstes mochte ob der Vater
lebte oder starb nach wie vor das Schloss bewohnen und den Notpfennig welchen
die Erblasserin ihr vielleicht zugewendet hatte darin genießen Sie Sidonie
folgte ihrem Bruder wohin es auch sei »Er braucht Freiheit und ich finde
alles was ich brauche in seiner Nähe«
    Nach diesem Schlusssatz setzte sie sich an das Klavier und das Prestissimo
einer Beetovenschen Sonate erbrauste in Perlenreine unter ihren schlanken
Händen
    »Mir klingt es vor den Ohren Konstantin als wäre wieder einmal Lisettchens
Milchtopf in Scherben zerbrochen« sagte Frau Hanna welche dem Gespräche ohne
ein Wort darein zu geben zugehört hatte Ihr Konstantin seufzte
    Für den Besuch des Talgutes am anderen Nachmittag hatte Sidonie zur eigenen
Schonung und zur Belustigung des gesamten jungen Volks sich eine Kahnfahrt
ausgedacht Lydia wollte zurückbleiben da ihr Vater seit gestern morgen sich
wieder übler fühlte er selber aber drängte sie zur Teilnahme mit einer Hast
die sie befremdete Wollte er allein sein Gönnte er ihr eine flüchtige Freude
vor einem unvergänglichen Schmerz Oder  hatte er einen Blick in ihren
heimlichsten Seelengrund getan Lydia errötete bei dieser letzten Vorstellung
aber sie ging mit erleichtertem Sinn nachdem sie ihr aufgestiegen war
    Vor der Fährhütte traf die Schlossgesellschaft mit der Pfarrgesellschaft
zusammen ein jeder froh gelaunt und witzig nach seiner Art nur Max erschien
trotz Lydias Gegenwart um des unliebsamen Zieles willen verstimmt
    »Wissen Sie wie Sie mir vorkommen Fräulein Rose« fragte der Leutnant und
da Fräulein Rose die Vorstellungen eines Leutnants nicht zu erraten vermochte
erklärte er »Wie ein weißes Täubchen mit einem schwarzen Köpfchen zwischen drei
schwarzen Tauben mit weißen Köpfen«
    Auch diese dem Kleiderschrank entlehnte Galanterie wurde lachend gewürdigt
    »Wie gefällt dir Röschen« fragte Martin seine Kousine die in Erwartung des
Kahnes seinen Arm genommen hatte
    »Allerliebst« antwortete Sidonie »Sie gleicht dieser Gegend Die frische
Anmut lässt die Schönheit nicht vermissen«
    »Du hast recht« fiel Max der Frage und Antwort gehört hatte ein »In
solche Gegend zieht man sich zurück wenn man des Weltlebens überdrüssig
geworden ist und solch ein Mädchen heiratet man wenn man nicht mehr nach
Schönheit und Liebe verlangt«
    »Seid ihr alle beide aber merkwürdig« entgegnete Martin gegen seine Art ein
wenig pikiert »Was mich anbelangt so finde ich Röschen wunderschön und dass
nicht immer aus Liebe geheiratet werden kann das begreife ich Warum aber einer
Röschen heiraten sollte der sie nicht schön findet und nicht in sie verliebt
ist das begreife ich nicht«
    »Weil sie ein zierliches Pantoffelregiment führen würde große Schönheiten
aber gewöhnlich große Füße haben« erklärte Sidonie lachend und der Leutnant
war so klug wie zuvor
    Man stieg in den Kahn Dezimus und Peter Kurze führten die Ruder die
übrigen gruppierten sich je zwei nebeneinander auf den Bänken Lydia und Max
Dezimus zunächst Die maifrischen Gesichter inmitten der maifrischen Landschaft
erquickten das Auge der verwöhnten kleinen Künstlerin Sie hatte eine besondere
Art von Gitarre oder Laute aus Italien mitgebracht und heute nicht vergessen
»Zu einer Gondelfahrt gehört Gesang« sagte sie »mache den Anfang lieber Max«
    Nach kurzer Verständigung griff sie in die Saiten und ihr Bruder hob eine
Barkarole an mit einem Tenor so weich und glockenhell wie die Gesellschaft
außer Sidonien noch keine Menschenstimme vernommen hatte Lydias große Augen
hingen mit Entzücken an seinen Lippen Röschen jubelte laut auf und Dezimus
bewunderte in neidlosem Verstummen die Fülle der besten Gaben welche die Natur
diesem herrlichen Jüngling eingebunden hatte Ach wie arm und gering nahm er
sich neben diesem Glücklichen aus er der doch auch ein Glückskind hieß
    Wer hätte unmittelbar nach diesem Wohllaut seine Stimme hören lassen mögen
Da Peter Kurze der unermüdliche Unterhalter durch das Ruder in Anspruch
genommen war kam somit die Reihe des Witzigseins wieder an den Leutnant und da
ihm just nichts Neueres oder Geistreicheres einfiel sprang er auf und begann
mit ausgespreizten Beinen bald links bald rechts tretend den Kahn zu
schaukeln so dass stark gefüllt wie er war das Wasser um ein Haar über die
Ränder getreten wäre
    Priszilla und Phöbe kreischten laut auf »Halte mich Dezem« schrie
Röschen
    »Dummer Junge« brummte Peter Kurze zum Glück unverstanden Sidonie aber
rasch gefasst zog den armen Spassvogel an ihre Seite nieder mit den Worten »Hier
bleibst du sitzen Du Phöbe neben Rosen Nicht gerührt«
    »Ich bin schon als Fähnrich Freischwimmer gewesen ich würde euch alle
gerettet haben« sagte der Leutnant leistete aber gehorsam Folge und saß
mucksmäuschenstill
    Das Gleichgewicht der Bewegung war somit hergestellt dass aber auch das der
Stimmung wiederhergestellt werde hob Peter Kurze seinen Leibkanon an den er
bei jeder möglichen Gelegenheit zum Vortrag brachte und in welchen das
kunstsinnige Fräulein Sidi unverdrossen einstimmte
    »Sind wir wieder einmal beisamm gewesen
    Han uns wieder einmal liebgehat« und so weiter
    Nur Dezimus und die beiden welche seiner Ruderbank zunächst saßen sangen
nicht mit Die beiden flüsterten miteinander und jenem erweckte das Flüstern
von dem ein Wort und das andere zu ihm hinüber drang bewegliche Gedanken
    Beim Schwanken des Bootes hatte Lydia sich an Max geklammert er umfasste
sie drückte sie an sich und hauchte in ihr Ohr
    »So sterben wäre das nicht schön« setzte aber lauter rasch hinzu »Nein
nein zuvor so leben Lydia«
    Sie entwand sich seinen Armen und senkte die Lider vor seinen flammenden
Blicken Nach einer langen Stille fragte sie leise »Du sagtest neulich Max du
liebtest den Tod aber nicht die Toten Hiess das so viel als du liebtest die
Lebenden aber nicht das Leben«
    »Nein gewiss« antwortete er »das hieß es nicht denn als ich es sagte
hatte ich noch keinen Lebenden geliebt«
    »Max«
    »Du meinst meine Schwester O nicht doch Lydia Was ich für dieses gute
verkümmerte Wesen empfinde ist Trauer oder wie du es nennen magst Erbarmen
Liebe aber ist Wonne ist Seligkeit und heute Lydia heute  «
    »Aber das Leben Max« unterbrach sie ihn hastig »Liebst du erfüllt dich
das Leben«
    »Wer liebte es nicht Lydia und wer dürfte es nicht lieben da es einen Tod
gibt der es endet wenn es kein Leben keine Erfüllung mehr ist«
    »Was nennst du leben Max« fragte Lydia nach einer neuen Stille
    »Das« antwortete er Er zog aus ihrem Gürtel eine Frührose die er ihr vor
der Abfahrt gereicht hatte sog in vollen Zügen ihren Duft ein bis die Blätter
auseinanderfielen und warf sie dann in den Fluss »Das«
    Der Kahn stieß in diesem Augenblicke an das Ufer Max führte seine Schwester
nach dem Herrenhause die übrige Gesellschaft schlug in der Zwischenzeit unter
Peter Kurzens Führung einen Spazierweg ein Lydia blieb zurück Sie wäre wohl
gern ganz allein gewesen einer jedoch musste den Kahn sichern für den es in
dieser Nähe der Stromschnellen keinen Anhalt gab da dieser eine aber Dezimus
war blieb sie wenigstens so gut wie allein Denn nach den heimlichsten
Offenbarungen einer Dichterseele eine Unterhaltung zu versuchen nein so
ausverschämt war der Held dieser Geschichte nicht
    Lydias Blicke folgten sinnend der Rose weit hinaus bis sie auf und nieder
tauchend zwischen den weißen Strudeln verschwunden war Jetzt erst schien sie
eines Dritten Gegenwart innezuwerden und da es ihr einfallen mochte dass er
wohl ihr Gespräch mit Max gehört haben könne fragte sie mit dem ihr eigenen
gütigen Lächeln »Was nennen Sie leben lieber Dezimus«
    Er dachte eine Weile nach dann zu ehrlich um seine Zeugenschaft zu
verleugnen antwortete er »Was ich selber vom Leben weiß heißt auch nur
glücklich sein Wie aber mein Vater mich das Leben verstehen lehrt heißt es
reifen werden«
    »Und sterben«
    »Ich glaube das nämliche«
    Ob diese Antwort Lydia genügte Ob sie dem Glauben sich einfügen ließ den
sie selbst unumstösslich von ihrem Vater überkommen hatte Gewisslich nicht Aber
ihr Puls schlug heute empfänglich für die Deutungen der Jugend Freude und Liebe
jauchzten in ihrer Brust Sie stellte keine Frage weiter saß ganz still mit
halbgeschlossenen Augen so als ob die plätschernden Wellen sie in Schlummer
lullen sollten und wie aus einem Traume erwachend fuhr sie jach in die Höhe
als Max und seine Schwester unerwartet früh zurückkehrten
    Sidonie lachte aus ihren klugen Augen blitzte ein lustiger Spott ihres
Bruders schönes Gesicht dahingegen war durch einen Zug mehr von Ekel als Zorn
bis zur Unschönheit entstellt
    »Ich gehe zu Fuße nach Hause« sagte er »Am Fährplatze erwarte ich euch
Du Lydia« setzte er freundlicher hinzu »müsstest eigentlich mit mir kommen Du
hast mir diese hässliche Stunde aufgenötigt und bist mir eine Vergütung
schuldig«
    Sie stieg ohne ein Wort der Erwiderung aus legte ihren Arm in den seinen
und sie gingen den Uferpfad entlang
    Da die übrige Gesellschaft noch zögerte setzte Sidonie sich neben Dezimus
auf die Ruderbank um ihm in blühenden Farben die Begegnung mit ihrem herzigen
Grossväterchen auszumalen Sie ahmte seine Naturlaute nach schilderte die
patriarchalische Toilette die Schauer der düster romantischen Höhle Stube
genannt mit ihren Spinnweben ihrem Staub und Dunst beschrieb das ambrosische
Vespermahl ein schwarzes Brot rund und hart wie ein Mühlstein dazu ein
aromatischer Käse vom ehrwürdigen Grau des Schimmels überzogen und ein Krug
lehmfarbigen Nektars neuhochdeutsch »Kofent« genannt
    »Alle Genre der Poesie waren vertreten« sagte sie »mit Ausnahme des
heldenmässigen das erst mein Mäxchen in die Heimatszene trug Sogar das
dramatische kam noch als dickes Ende hinterdrein Und so hätte ich nun auch
einmal einen Blick in die ursprüngliche germanische Volksseele getan von
welcher eure Denker die Rettung unserer durch Überbildung angefaulten
Gesellschaft erwarten und könnte allenfalls auch ein Idyll oder wie eure
Dichter es neuerdings auszudrücken belieben eine Dorfgeschichte schreiben Ewig
schade Dezimus dass Sie sich den poesiestrotzenden Inspektorposten bei Ihrem
Vizepaten verscherzt haben und wirklich unverzeihliche Verblendung dass mein
Mäxchen der als Dichter doch notwendig nach Anregungen trachten muss sich so
hartnäckig dagegen sträubt Aber sagen Sie heimtückischer Schäferknabe was
haben Sie meinem trauten Papachen eigentlich angetan dass Ihr bloßer Name allen
bukolischen Frieden aus seiner ungeschminkten Seele scheucht Als ich ich weiß
auch gar nicht wie ich darauf geriet erwähnte dass Sie nächstens zur
Universität abgehen würden und die Werbener Pfarre so gut wie in der Tasche
hätten wenn nach ein vier fünf Jährchen etwa der alte Blümel sich nach Ruhe
sehnen sollte da war mirs als sähe ich Bankos Geist in Hemdsärmeln und
bocksledernen Buxen vor mir aufsteigen Der der krächzte er dass es mich
eiskalt überlief der mich abspeisen Der Lumpenjunge  verzeihen Sie  der
Lumpenjunge mir den Lebenslauf halten Und dann brüllte er Sackerment und
schlug mit beiden Fäusten auf den Tisch dass   aber da kommen die anderen
Unter vier Augen die Fortsetzung Es handelt sich ja um Ihre Missetat an meinem
eigenen Fleisch und Blut Nur so viel noch Ich habe in gutem Glauben Sie
christlich herausgestrichen  des Abspeisens halber Freund Dezimus«
    Die anderen stiegen ein Sidonie hatte schon während der letzten Worte ihre
Gitarre rein gestimmt und löste nun die lustige Dorfgeschichte mit einem
traurigen Volksliede ab das die Gesellschaft mit Brummstimmen begleitete
    Die klagende Weise wehte zu den beiden hinüber die raschen Schrittes talauf
den einsamen Uferweg zwischen junggrünenden Erlenbüschen wandelten Max war
heute nicht wie seine Schwester zum Karikaturenzeichnen aufgelegt alles was
Adel hieß hatte sich in ihm empört Überdies schloss Lydias kindlicher Ernst
unwillkürlich bei jedem der ihr nahte eine ironische Stimmung aus ja selbst
die gutmütige Deckung des Humors
    »Welch eine Zumutung« rief Max unwillig »und welch ein Widersinn einen
Menschen wie diesen ehren zu sollen oder gar ihn zu lieben«
    »Ich kenne deinen Großvater nicht« entgegnete Lydia sanft »ich glaube dir
aber armer Max dass das erste menschliche Gebot ihm gegenüber kein leichtes
ist Allein warum wäre denn auch sonst diesem Gebote eine Verheißung schon für
diese Welt gegeben Wo die Liebe natürlich ist trägt sie ihren Lohn in sich«
    Sie sah ihn bei diesen Worten mit einem Blicke an welcher die heimlichste
Tiefe ihrer Seele entschleierte und vor dessen Zauber aller Widerspruch und
aller Groll aus seinem Herzen floh Er presste sie in seinen Arm an seine Brust
Die Liebe die natürlich ist hatte sie zueinander gezogen
    Sie setzten sich auf einen Rasenhügel und was da unter dem pfingstlichen
Blattgesäusel gehaucht worden  der Worte werden es nicht viele gewesen sein
aber selbst diese wenigen wiederzugeben ist dem Erzähler nicht gegönnt
    Muntere Stimmen vom jenseitigen Ufer weckten sie aus ihrem Traum Er däuchte
den Glücklichen ein Moment und doch war die Sonne gesunken als Dezimus sie
hinüber in das Gehege ruderte in welchem Sidonie zum heiteren Abschluss ihres
Festes ein Tischchendeckedich hergezaubert hatte Das junge Volk tat sich
gütlich und trieb seinen Scherz während Max seine Schwester abseit führte zu
einer Mitteilung die sie wie das eigenste Schicksal berührte Lydia war ohne
umzublicken am Ufer entlang geflohen die Terrassen hinan in ihr Haus
    Die Mutter kam ihr auf den Zehenspitzen aus ihres Gatten Zimmer entgegen
Sie hatte Tränenspuren in den Augen aber ihr argloses Kinderlächeln auf den
Lippen »Er ist eingeschlummert« sagte sie auf die halbgeöffnete Tür deutend
    Der Propst saß am Fenster vor sich einen Haufen Papiere in welchen er bis
zum Tagesneigen geblättert hatte Sein edles weißes Haupt war auf die Brust
gesunken die welken Lider deckten die Augen doch schlief er nicht Seit Jahren
quälte ihn ja dieses Schmachten nach Schlummerruhe das künstliche Mittel nur
stillten um es desto peinvoller zu reizen Als er seiner Tochter leisen
beflügelten Schritt vernahm hob er den Kopf ihr entgegen Sie warf sich ohne
jedes Wort zu seinen Füßen und barg auf seinen Knien das Gesicht das im Purpur
der Scham erglühte
    Derlei affektvolle Bezeugungen waren beider Naturen und dem keusch
begrenzten Verhältnis der Familie fremd Wo aber ein Mensch dem anderen in so
seltener Weise verbunden ist wie dieser Vater seiner Tochter bedarf es keiner
Erklärung für einen stark bewegenden Trieb Der Vater wusste was die Tochter
erlebt hatte ein Widerstrahl ihres Glücks flog über seine fahlen Wangen und er
erleichterte ihr das Geständnis das sich so schwer von ihrem Herzen löste
indem er nach einer langen Pause anhob
    »Ich will dir nicht bergen Lydia dass wie ich dich so still umfriedigt
heranwachsen sah ich den Glauben gehegt habe vielleicht die Hoffnung du
erwüchsest zu einer jener Berufenen die Martin Luther hohe reiche Geister
nennt weil sie in edler Freiheit lieber für das Himmelreich wirken wollen als
für die Welt Ich achtete dich zu gut Lydia für die gemeine Not Aber Martin
Luther nennt diese Berufenen seltene Menschen zählt unter Tausenden kaum einen
Und wie ich selber mich der Befugnis nicht würdig erkannte mich über Gottes
natürliche Ordnung hinwegzusetzen ich der ich doch ein Mann war mit schweren
Lebenskämpfen hinter sich und einer großen Lebensaufgabe vor sich so werde ich
um so williger zu meiner Tochter sagen Trage Weibes Los sobald du des Weibes
natürlichen Trieb in deinem Herzen spürst Liebst du Max Lydia«
    »Ja ich liebe ihn« stammelte Lydia mit bebenden Lippen und sie blieb auf
ihren Knien wie der Beichtiger vor dem Hüter seiner Seele
    »Warum zitterst du dann aber und scheust dich wie vor einem Frevel weil du
einen Mann liebst wie doch das Weib es soll«
    Lydia hatte sich zu einem Ausspruch über Wohl und Wehe gefasst Sie erhob
sich von ihren Knien und sprach »Nicht dass ich ihn liebe aber dass du ihn nicht
lieben wirst mein Vater darum zittere ich Er ist keiner von den Unseren
keiner von den Deinen Vater  «
    »Weiß ich das nicht« unterbrach sie der Propst »Er ist nicht einmal ein
Christ Er ist dass ich so sagen soll noch ein Fragment Aber eben darum sehe
ich in deiner Liebe eine Mission und segne sie als solche Du kennst mich
Lydia und wirst darum es keinen Sophismus nennen wenn ich dir gestehe Hättest
du dich einem Manne zugeneigt festgewurzelt in seinem Glauben der aber nicht
der deine nicht der unsere meine Tochter war oder wäre Max auch dem Geiste
nach seiner Mutter Sohn einer von denen welche das ewige Geheimnis von seinem
Throne reißen um die nackte Vernunft auf denselben zu erheben so würde ich
deine Wahl zwar nicht haben hindern dürfen aber meinen Segen hätte ich ihr
nicht geben dürfen denn es war keine Einigung zwischen euch abzusehen So aber
ist in deine Hand gegeben ein unerfülltes Gemüt in welchem der Strahl einer
reinen Liebe den reinen Glauben das Gebet der Liebe das Wunder der Gnade
bewirken wird Die Skepsis ist niemals unüberwindlich meine Tochter Es waren
oftmals heidnische Männer denen untertan zu sein die Apostel ihren Jüngerinnen
geboten und nicht zum geringsten ist durch dieses Gebot das Heil in die
Heidenwelt gedrungen Das Lydia ist dein Beruf und danach handle«
    Lydia stand hochaufgerichtet mit gefaltenen Händen und verklärtem Blick
Dann aber neigte sie sich zu ihrem Vater nieder und küsste voll inbrünstigen
Dankes seine Hand Ein paar Minuten waltete tiefe Stille
    Herr von Hartenstein war wieder schattenbleich geworden krampfhaftes Ringen
zuckte aus seinen Mienen Was er bis dahin gesagt hatte war als freudige
Überzeugung leicht aus seiner Seele geflossen nun kostete es ihm einen harten
Kampf zu sagen »Ich bin noch nicht zu Ende meine Tochter«
    Lydia setzte sich an seine Seite nahm seine kalte Hand in die ihre und
hielt den Blick unverwendet auf ihn gerichtet Er hob an
    »Aber auch in dem anderen Sinne welchen wir neben jenem höchsten als eine
heilige Aufgabe hegen und pflegen im Sinne der Familie muss ich deine Wahl als
eine Schickung der Gnade verehren Du allein kennst die sorgenvolle Lage in
welche das Gesetz der Treue mich gedrängt hat Aber auch du kennst sie nicht
aus und jung wie du bist vermagst du den martervollen Zustand nicht zu
ermessen unter welchem ein Vater sehnsüchtig der Erlösung und doch erdenbange
aus dem Kreise hülfloser Kinder scheidet  vielleicht in der nächsten Stunde
schon Jetzt scheide ich beruhigt Als Gattin eines begüterten Mannes aus
unserem Geschlecht ist es nicht nur dir ermöglicht sondern es ist auch ihm eine
Satzung des Blutes die Pflichten für die Vergangenheit den Aufgaben für die
Zukunft zu einen Bedarf ich deines bindenden Wortes Lydia dass du für deine
Mutter und deine Geschwister Sorge tragen wirst nach wie vor als für deine
eigensten Angehörigen wenn ich von ihnen gegangen bin«
    »Nein Vater« antwortete Lydia indem sie seine Hand an ihr Herz drückte
»nein es bedarf keines ausdrücklichen Versprechens um mich in irgendeiner Lage
an das Gesetz der Treue gegen die Menschen welche bis heute meine nächsten
waren zu mahnen Aber vergib wenn ich in diesem Betracht deine Auffassung
meines Verhältnisses zu Max nicht begreife Denn auch seine zweifelhafte äußere
Lebensstellung war ein Grund um dessentwillen ich an deiner Zustimmung
verzagte Er dankt seine Ausbildung fremder Unterstützung er ist durch diese
Unterstützung die er fortan entbehren wird verwöhnt ist sorgloser Gemütsart
Es wird Jahre währen bevor er irgendwelches Amt irgendwelche Verwertung seiner
mannigfachen Anlagen erringen kann Und du baust auf ihn als den Schützer deiner
Familie du nennst ihn einen begüterten Mann«
    »Er wird es in der Kürze sein« versetzte der Propst mit sichtbarem Zwang
    »Sein Großvater ist noch ein rüstiger Mann« entgegnete Lydia unerschrocken
da Klarsehen ihr jetzt zu einer Pflicht geworden war »Seine Familie ist ihm
gänzlich entfremdet und zwischen dem Großvater und dem Enkel steht die Mutter«
    »Nun denn Lydia « sagte Herr von Hartenstein nach einem tiefen Atemzuge
»ich hätte diese Erörterung dir und mir erspart gewünscht da du mich aber zu
derselben drängst so wisse dass ohne Zweifel Max der Erbe von Werben ist«
    »Der Erbe von Werben  Max  Vater« fragte Lydia betroffen
    »Zuverlässig Lydia Deine Mutter stand der Besitzerin verwandtschaftlich
näher aber sie stand ihr äußerlich wie innerlich fern Wenn ich nun das Wesen
der wunderlichen Greisin von Grund aus überdenke so suchte sie für ihr altes
Geschlecht einen Stammhalter auf den sie wohl selbst seinen Namen überträgt
und dürfen wir uns darüber täuschen wie weit an Glanz der Gaben die sie über
alles schätzte unser Martin gegen seinen Vetter zurücksteht Philipp der ihm
einmal ähnlicher zu werden verspricht lag noch in der Wiege als sie ihren
letzten Willen abfasste und niemals änderte Dazu das nahe Verhältnis zu Sidonie
die ihrer Sache gewiss scheint Es ist so es kann kaum anders sein  aber  ich
fühle mich erschöpft Geh Lydia hole Max  und dann lasst mich ruhen«
    Lydia ging aber nicht beflügelten Schrittes wie eine der sich ein
entzückendes Hoffen erfüllen soll Ein Nebelflor hatte sich plötzlich zwischen
ihr Auge und den Sonnenschein gedrängt
»Max und Lydia sind verlobt« mit diesem Jubelruf trat am anderen Morgen Sidonie
in die Pfarre ein
    Pastor Blümel fuhr erschrocken wie vor einer Hiobspost zusammen und auch
seiner Hanna die doch sechs Töchter mit so gutem Glauben unter die Haube
gebracht hatte wollte der Glückwunsch gar nicht flott vom Herzen gehen Röschen
und Dezimus dahingegen waren wohl erfreut aber gar nicht überrascht Sie hatte
schon am Bestattungsabend ein Liebesvögelchen über dem Schloss zwitschern
hören er hatte ja von jeher an eine Konjunktion des herrlichen Jupiter und der
holden Venus geglaubt Die hausbackene Folgerung von Hochzeit und Herdfeuer wie
bei gemeinen Sterblichen wollte ihn freilich hier ganz kurios bedünken
    »Sie sind füreinander prädestiniert« rief Sidonie in ihrer Herzensfreude
»Wer hat schon ein so vollkommenes Menschenpaar gesehen Ach die Schönheit gibt
doch das einzige Frauenrecht auf Glück Beide reinster Hartensteinscher Typus
und doch Gegensätze auch seelisch Hier übersprudelnde Fülle einsaugende
sammelnde Stille dort Und dass auf diese Weise ein natürlicher Ausgleich für
getäuschte Erbaussichten bewerkstelligt wird auch das ist mir lieb denn
verdrießlich ist solch ein Vorzug unter Gleichberechtigten allemal Schade dass
Sie ihnen nicht die Traurede halten dürfen Papa Blümel Der Propst wird sich
diese natürlich nicht nehmen lassen Ich möchte um meines Mäxchens willen sie
wäre schon überstanden Das Hochzeiten müsste eigentlich aus dem Stegreif ganz in
der Stille betrieben werden Den Trauermonat muss man natürlich anstandshalber
respektieren Dann aber auch keinen Tag zwecklosen Sehnens mehr Die Brautreise
gönne ich den Glücklichen allein wohin und so lange es ihnen beliebt Geht es
aber an das Hüttenbauen so hausen wir zu dreien und der Welt wird ein Exempel
vorgeführt werden dass es sich mit einer Schwester weit behaglicher als mit
einer Schwiegermutter wirtschaften lässt«
    Max täuschte weder seine Braut noch sich selbst wenn er sie seine erste
Liebe nannte Wohl war er kein Neuling in der Frauenhuld er hatte seit den
Knabenjahren Knospen und volle Rosen mancher Art umflattert Eine Blüte so rein
und eigenartig wie diese hatte sich aber ihm noch niemals erschlossen und wie
vor einem ungeträumten Gebilde dem Künstler plötzlich ein höheres Ideal aufgeht
so ergriff sein Gemüt der Zauber dieser keuschen heiligen Schöne Zum ersten
Male blickte er zu einem Menschen empor
    Dennoch war Lydia noch glücklicher als er Sie der Emporblicken eine
Gewöhnung war sie fühlte zum ersten Male die Wonne des Umfangens Ihr
innerlichster Kelch öffnete sich dem warmen Sonnenstrahl War sie im
eigentlichen Sinne niemals ein Kind gewesen nun erst da das Weib in ihr die
Hülle sprengte ward sie ein Kind Hatte sie bisher älter geschienen als sie
war nun schien sie jünger ihre Wangen färbten sich gleich Maienrosen die
stillen Augen leuchteten in meerdunklem Glanz sie bewegte sich rascher die
leise Stimme tönte klangvoll aus der Brust heraus sie lächelte fröhlich wie
noch nie
    Denn wann hätte das Nachtgespenst der Sorge standgehalten vor der Liebe
erstem Morgenstrahl Jener Nebel der jach vor Lydias Augen aufgestiegen war
hatte sich unter dem Verlobungssegen gesenkt auch ihres Vaters Krankheit sah
sie in einem heitereren Licht ein Widerstrahl ihrer Freude fachte seine Kräfte
an sie war sein liebstes sein eigenstes Kind er hoffte für sie und sie für
ihn So lebte sie Tage und Tage im reinsten Äther des Glücks  Zehn Tage im
reinsten Glücksäter  wie viele Menschen sind es die auf sie zurückblicken
    War das Brautpaar verpflichtet sich dem Großvater Mehlborn als solches
vorzustellen Max hatte nein gesagt Lydia ja und ein Bräutigam von kaum zwei
Wochen gibt nach Bruder Martin erbot sich an Stelle des kranken Vaters das
junge Paar »zu chaperonnieren«
    So zog man bei hellem Sonnenschein aus um eine Stunde später unter einem
drohenden Gewitter heimzukehren Amtmann Mehlborn war wie füglich hätte
erwartet werden können beim ersten Kleeschnitt auf dem Felde gewesen Leutnant
und Doktor von Hartenstein hatten ihre Karten abgegeben der letztere da seine
Braut über derartige gesellschaftliche Utensilien nicht verfügte nachdem er
unter die seine gekritzelt hatte »und Lydia von Hartenstein Verlobte«
Irgendwelche herzliche oder auch nur höfliche Erwiderung wurde mit gutem
Grunde nicht erwartet
    Trotz des erwünschten Verfehlens empfand Max heute doppelt weil auch aus
einer Art von Scham vor seiner Braut das Widerwärtige dieses Familienbezugs Er
kam daher während des Heimwegs auf seine neuliche Behauptung zurück dass derlei
aufgenötigte Verhältnisse nicht nach hohen sittlichen oder gemütlichen Werten zu
bemessen seien »Kannst du im Ernst das Band zwischen mir und diesem alten Manne
Liebe nennen Lydia« fragte er und da sie nicht augenblicklich eine Antwort
gab gab er sie selbst indem er fortfuhr »Im besten Falle wäre es ein
Blutszwang im schlechtesten Heuchelei und selber das was du als Tugend oder
dergleichen Willensakt anführen möchtest hieße gerade darum nimmermehr Liebe
die ja die Freiheit selber ist Und wäre es mein leiblicher Vater wenn ich ihn
nicht lieben könnte ohne dass er mein Vater ist dann verdiente mein Gefühl zu
ihm diesen Namen nicht«
    Lydia schwieg auch jetzt die Augen sinnend zu Boden gesenkt der ehrliche
Martin aber erwiderte
    »Nimm es mir nicht übel Max aber das finde ich am Ende doch ein bisschen
stark Da wäre ich ja nicht besser als ein Hund oder Pferd die wohl einem Herrn
anhängen aber keinen Vater und keine Mutter kennen Sind uns denn die
Anverwandten für nichts und wieder nichts vom lieben Gott gegeben Und wenn dein
Großpapa den Spieß nun umdrehte und sagte mein Herr Enkelsohn ist gar nicht
nach meinem Geschmack ich werde mir einen Erben suchen der mir gefällt«
    »Würde ich seine Geschmacksrichtung durchaus in der Ordnung finden«
entgegnete lachend Max »wenn auch die Folgerung auf das Pflichtgebiet anders
gezogen werden muss für den welcher das Leben gibt und dem welchem es
willenlos gegeben wird Auch das Tier sorgt für seine Brut Beruhige dich
indessen Freund keinem Bauer richtiger ausgedrückt keinem Ungebildeten fällt
es ein sich einen fremden Erben zu suchen wenn ihm der natürliche auch noch so
wenig zusagte Das ist es ja eben was ich Blutszwang item der Liebe Gegensatz
genannt habe«
    »Ich würde es ganz anders nennen Max«
    »Und wie Bruder Leutnant wenn es beliebt«
    »Das richtige Wort fällt mir nicht gleich ein Aber würde ich denn nämlich
gar nicht etwa bloß weil ich es geschworen sondern ganz von Natur nicht mehr
an meiner Fahne hängen weil ein siegreicher Feind sie in Fetzen gerissen
hätte«
    Lydia drückte ihrem Bruder mit einem zustimmenden Blicke die Hand und das
war das erste Zeichen des Widerspruchs das sie sich gegen ihren Verlobten
gestattete
    Unter Donner und Blitz erreichten sie das Haus Sidonie war mit den beiden
jüngeren Kousinen nach der Pfarre gegangen dagegen eine Briefsendung der Mutter
aus der Schweiz eingetroffen als Antwort auf die Verlobungsanzeige von s
des Propstes und der Kinder
    Mütterliche Freude hatte die Verbindung mit einer Familie die ihr so
fremdartig gegenüberstand Frau Brigitten ja nicht erwecken können schlechtin
Einspruch dagegen zu erheben war indessen unstattaft und zu pflichtmässig
aufrichtig um einen Anteil den sie nicht empfand mit Phrasen abzufertigen
behandelte sie das Verhältnis eingänglich von einer Seite die bisher
geflissentlich oder nicht unberührt geblieben war von der praktisch
häuslichen
    »Du hast mein Sohn« so schrieb sie unter anderem »mit dem Leben bisher
getändelt wie ein Kind Nun baue ich darauf dass das was du dein Glück nennst
den Ernst des Mannes in dir reifen und dich für die erste Menschenpflicht die
einer der Gesamtheit nutzbringenden Tätigkeit tüchtig machen werde Wenn deine
künftige Gattin dir in diesem Sinne eine Gehülfin wird dann aber auch nur
dann wirst du wie den Zweck der Ehe mit ihr erreichen so das Glück der Ehe
durch sie erfahren Ich lese mit Staunen zwischen Sidoniens Zeilen heraus dass
sie zumeist um deinetwillen sich auf das Erbe des alten Familiengutes
zuversichtlich Rechnung macht Ich kann euch beide nicht dringend genug vor
diesem Fehlschluss warnen Wie ich eure Grosstante  ohne Zweifel richtig 
beurteile überträgt sie in dem Stammsitz ihrer Familie ein Ehrenamt und solch
ein Ehrenamt überträgt keine Werben auf die Enkel eines reich gewordenen Bauers
Dass sie deine und deiner Schwester Wohltäterin gewesen ist würde nur ein Grund
mehr für meine Auffassung sein denn selten schätzt man die welche von unserer
Großmut Vorteil gezogen haben
    Gesetzt aber auch du würdest durch irgendwelche Schicksalsgunst vor der
Zeit deiner Reife in eine nach aussenhin unabhängige Lage versetzt entbände dich
das von deiner ersten Pflicht gegen dich selbst und gegen die Welt Gibt es
etwas Erbärmlicheres als einen vornehmen Müßiggänger der Kraft Geld und Zeit
in spielerischen Liebhabereien vergeudet und in Genüssen die weil sie niemals
befriedigen alle Tage wechseln müssen Es ist im Gegensatz zu reicheren
Ländern ein Segen der durchschnittlichen Armut unserer höheren Stände dass das
Faulenzertum selbst von Erbsöhnen als Unsitte und das Dienen als Pflicht und
Ehre gilt Oder hältst du eine deiner künstlerischen Anlagen die leichte
Dichtergabe eingeschlossen für bedeutend genug um sie selber bei fleißiger
Übung in langer Zeit über den Dilettantismus zu erheben Täusche dich nicht
mein Sohn sie sind es nicht eben um ihrer Vielseitigkeit willen nicht und ganz
besonders bei deiner Temperamentsanlage nicht Eine großartig schöpferische
Künstlerkraft ist fast ohne Ausnahme eine einseitige und ein großartig
schaffender Künstlerwille ist es auch
    Täusche dich aber auch nicht darüber dass du auf unberechenbare Jahre hinaus
 und wahrlich zu deinem Heil  auf dich allein gestellt sein wirst auf
Selbstüberwindung und strengen Fleiß Da du nun einmal vorzeitig an die Gründung
eines eigenen Hausstandes gedacht hast somit eine aussichtslose militärische
Friedenskarriere aufgegeben werden muss  und dafür preise ich wie man so sagt
den Himmel mein Sohn  bleibt dir keine Wahl als die allein deiner würdige
die wissenschaftliche Bahn zu der du vorbereitet bist zu verfolgen und mit
bescheidenem Anfang einem edlen Ziele zuzustreben Es naht sich ja mit starken
Schritten die Zeit in welcher auch in unserem Vaterlande mit dem Schlendrian
aufgeräumt werden wird Sei es als Beamter sei es als akademischer Lehrer hast
du dann den Punkt gefunden von welchem aus ein geistvoller Mann den Hebel
ansetzt um für den Umschwung der Zeit sein Pflichtenteil beizutragen«
    Den Schlusspassus von des geistvollen Mannes archimedischem Zeitberuf
abgerechnet  denn aus dem Munde einer Brigitte Zacharias schmeichelt die
Anerkennung seiner Bedeutendheit auch den unzärtlichsten Sohn  erregte »der
pädagogische Leitartikel der sich in ein Briefkuvert verirrt hatte«  dem
Adressaten ein herzliches Lachen Die Frau Professorin hatte jedoch ihrem
Glückwunsch an den Propst und seine Tochter ungefähr die gleiche Ermahnung
beigefügt indem sie beiden unter deren vorwaltendem Einfluss sie zurzeit den
Sohn sich dachte die Zügelung vorlauter Erwartungen und unsteter Gelüste zur
Gewissenssache machte und diese beiden nahmen die Sache ernst wenn auch nicht
aus übereinstimmenden Gründen
    In dem Vater weckte das apodiktische Absprechen jeglicher Erbaussicht des
jungen Bräutigams kaum zur Ruhe gebrachte persönliche Hoffnungen wieder auf
während gleichzeitig die einleuchtenden Belege für diesen Abspruch den Riss in
den Stammbaum über welchen die Not hinweggeholfen hatte als empfindlichen
Makel erscheinen ließ und die zweifelhafte Existenzfrage ernstliche Sorge
erregte Hätte er seine Tochter nicht so tief beglückt gesehen würde er der
Heidenbekehrung zum Trotz das voreilige Verlöbnis bereut haben
    Seine Tochter dahingegen fühlte sich plötzlich aus ihrer traumumfangenen
bräutlichen Seligkeit aufgescheucht und dem ernüchterndsten Tagewerke
gegenübergestellt Arme Lydia welche widersprechenden Forderungen werden dir
gutem weltfremden Mädchen doch in einem Atem vorgehalten Ein ungläubiges
Weltkind zum gläubigen Luteraner zu bekehren und eine schwere Familiensorge auf
seine jungen Schultern zu legen heischt der Vater einen dilettierenden
Flattergeist zum liberalen Staatsbürger und praktischen Hauswirt zu bändigen
verlangt die Mutter und der welchen du liebst mehr als dein Dasein liebst er
will dass du mit ihm den Schaum des Lebensbechers schlürfst und nichts weiter
erstrebst als ihn zu beglücken und durch ihn beglückt zu sein Ist es ein
Wunder wenn hastig die Maienrosen von deinen Wangen flüchten und deine Blicke
der Nebelflor der ersten Glückesstunde wiederum verschleiert Jenes dunkle
Ahnen dass du den Mann welchem du lebenslang als deinem Hort vertrautest an
eine haltlose Planke geklammert in der Brandung verschwinden und den Stern der
Liebe so jach wie er aufgetaucht an deinem Horizonte verschwinden sehen wirst
    »Nun Feinliebchen« fragte Max nachdem die mütterlichen Briefe
gegeneinander ausgetauscht und still zu Ende gelesen worden waren »wie gefällt
dir die Perspektive in vier bis fünf Jahren  denn früher würde es selbst dem
unermüdlichsten Büffel und wenn er als ein Engel vom Himmel heruntergefallen
wäre bei unserem löblichen Schematismus platterdings unmöglich sein  item in
vier bis fünf Jahren als Hausfrau eines königlichen Gerichtsassessors notabene
vorderhand noch eines Diätarius in einem kassubisschen Landstädtchen hinter dem
Kochherd und dem Bükefass zu stehen«
    »Ei nun mir würde sie schon gefallen« antwortete Lydia mit einem Lächeln
das freundlich aber nicht mehr wie vor wenig Stunden fröhlich war »wenn nur
du lieber Max sie dir gefallen ließest«
    »Ich würde sie mir allerdings nicht gefallen lassen weder für dich liebes
Herz noch für mich selbst Ersiehst du aber aus dieser Zumutung wie
unverständlich die Mutter und ich uns gegenseitig sind«
    »Aus dieser Zumutung Liebster ersehe ich es nicht Mir scheint deine
Mutter hat recht«
    »Hinsichtlich der Erbschaft meinst du«
    »Auch hinsichtlich ihrer«
    »Mehlbornsche Verbissenheit Kind Alle Plebejer misstrauen dem Adel Tante
Tusnelda setzte ihren Stolz darein frei von Vorurteil zu sein Geld und Gut
dagegen wusste sie zu schätzen Abstrahiert von persönlichen Sympatien und
Antipatien würde schon der Reiz sich das zersplitterte Werbensche Besitztum
einstmals in einer Hand vereinigt und durch einen bedeutenden Landkomplex
erweitert zu denken sie bewogen haben das Stammgut auf mich zu übertragen
Meine kleine Sidi hat sich die Erbschaft freilich in den Kopf gesetzt und ich
lasse sie gern in ihrem Wahn da im wesentlichen nichts an der Sache geändert
wird Bruder und Schwester wirtschaften aus einer Tasche Du aber Lydia wirst
mir beipflichten dass die schönheitssüchtige Harfenkönigin nimmermehr ein
verunstaltetes zum Einzelnleben verurteiltes Geschöpf wie meine arme Schwester
zur Repräsentantin ihres Geschlechtes erwählen konnte«
    »Ich habe kein Urteil über die Sinnesart unserer Tante« versetzte Lydia
»und ich sehe mit Schmerz diesen Wirbeltanz um ein goldenes Kalb Ach glücklich
die Armen lieber Max deren Andenken nicht über ihrer Hinterlassenschaft
verloren geht Ist es denn aber nicht unter allen Umständen ein Frevel über
sein eigenstes Schicksal einen bloßen Zufall entscheiden zu lassen«
    »Kleiner Luterscher Starrkopf Entscheidet über unser ganzes Leben denn
nicht das was du höchst unfromm Zufall nennst und ich der Unfromme
Himmelsgunst Nur der Krämer baut nach Ameisenart jeder sich fühlende Mensch
rechnet auf seinen Stern«
    »Nicht der Christ« entgegnete Lydia leise
    Ihr Verlobter maß sie mit einem unmutigen Blick Das »Heilige ihrer
Schönheit« wie er es nannte hatte ihn angezogen diese »Betschwesterphrase«
stieß ihn ab weit mehr als die »Schulweisheit« der Mutter ihn abgestoßen hatte
Beide schwiegen
    Lydia fühlte dass heute nichts mehr von ihm zu erreichen sein würde sie
setzte sich in einen Fensterbogen und blickte hinauf zu dem grauen Wolkenhimmel
Sie rang mit ihrem Nebel Max wäre seine Verstimmung abzuschütteln gern in das
Freie hinausgestürmt aber das Gewitter hatte sich in einen Landregen verzogen
es musste im Hause stillgehalten werden
    Bruder Martin unter dem Vorwand Sidonien den Brief ihrer Mutter zu
bringen hatte Eile gehabt sich der lustigen Jugend in der Pfarre zuzugesellen
der Propst ruhebedürftig sich zurückgezogen Philipp studierte mit seinem
Lehrer in dessen Zimmer seine Mutter blickte kaum von ihrer feinen Handarbeit
auf Die Bescheidenheit der Unterhaltungsansprüche welche diese friedliche
Seele an sich selbst wie an andere stellte hatte Max schon wiederholt in
Staunen versetzt heute versetzte sie ihn nahezu in Zorn Er hätte etwas
Zerstreuendes lesen mögen aber auf dem Schloss gab es nur vertiefende Lektüre
eine bewegte Weise singen aber an der Orgel oder dem Klapperkasten Er schritt
mit unmutiger Hast das Zimmer auf und ab seine Blicke streiften die
stillsinnende Geliebte Die Vorstellung dass sie ihre Jugend hingebracht habe
und ohne sein Dazwischentreten auch ferner hingebracht haben würde ohne die
Einödigkeit ihres Daseins nur innezuwerden rührte ihn halb und halb erbitterte
sie ihn So leben Nixen nicht warmblütige Menschen Ihn würde die
Notwendigkeit mehr als einen Regenabend in dieser Wohnstubenatmosphäre zu
verbringen schlechtin toll gemacht haben
    Seine Tage waren bisher in so frohem Wechsel verrauscht und er hatte so
wenig auf fremde Existenzen geachtet dass solch verdrießliche Stimmung ihm eine
neue Erfahrung war Sie hätte ließe sich meinen just die geeignete sein müssen
zu einem fesselnsprengenden Sang einem Sturmlied oder einer weltschmerzlichen
Elegie Da sie indessen den Rhythmus in seiner Brust statt ihn zu lösen
dämmte da in ihm und außer ihm alles was Klang hieß schwieg musste Bruder
Martin wie ein rettender Genius begrüßt werden als er abgesendet von der
gesamten jungen und alten Gesellschaft erschien das Brautpaar zur
Verherrlichung eines musikalischen Abends in die Pfarre einzuladen Lydia hätte
wohl vorgezogen in stillem Alleinsein sich durch den Nebel zu kämpfen doch
legte sie ohne Einwand ihren Arm in den des Geliebten und sie gingen
    Wer Max von Hartenstein dem umhuldigten Dichter und verhätschelten Liebling
der distinguiertesten grossstädtischen Kreise noch vor zwei Wochen gesagt hätte
dass er als Matador im Werbenschen Pfarrhause glänzen  oder am Ende nicht
einmal glänzen werde Er lachte spöttisch über sich selbst und hätte der Liebe
zürnen mögen welche den besten Mann in so läppische Netze verstrickt Dass einer
von seiner Zunft welchen das Vaterland zurzeit noch seinen größten nannte es
einstmals nicht unter seiner Würde gehalten hatte das holdeste deutsche Idyll
in einem ländlichen Pfarrhause nicht etwa zu dichten sondern zu durchleben
fiel ihm zur Versöhnung mit sich selbst wohl ein war aber doch nur ein halber
Trost denn der alte Dichter hegte bloß ein Liebchen dem er am ersten
langweiligen Tage entfliehen durfte und den jungen Dichter fesselte eine
verlobte Braut Gottlob dass dieser bräutliche Zwitterzustand zu Ende lief und
dass er bald ein geliebtes Weib eine Galatea die unter seinen Küssen zum Leben
erwachen würde in seine wahre Heimat führen durfte
    Sidonie hatte eben eine Mazurka von Chopin ihrem »melancholischen
Liebling« ausrasen lassen als der welcher bisher ihr lächelnder Liebling
gewesen war eintrat auffällig in der Stimmung eines Furioso und an seiner
Seite die Braut auf deren Wangen die Blüte der Freude erloschen war Das kluge
Fräulein erkannte alsobald die Wirkung der mütterlichen Briefe und suchte sie in
einem Zwiegespräch mit ihrem Bruder hinwegzuscherzen Aber die Wirkung beharrte
nicht sowohl weil sie ihn persönlich so stark ergriffen hatte sondern weil er
das Herz so stark ergriffen sah das seine Impulse nur von ihm empfangen sollte
    »Ach geh doch Brüderchen« sagte die kleine Sidi lachend »Ein Poet und
eifersüchtig auf die Kritik der reinen Vernunft«
    Das Pfarrröschen hatte währenddessen am Klavier Platz genommen um ohne
Scheu vor dem demütigenden Abstand ein munteres Liedchen anzustimmen auch mit
ihrer Lerchenkehle und ihrem Schweizerbuben bei gegenwärtigem Publikum einen
Anklang gefunden der sich mit dem des nationalen Patos der Virtuosin reichlich
messen durfte Nun aber da die Sennerin ihr Liebeslocken ausgezwitschert hatte
war an Bruder Apoll die Reihe sein Liebesgrollen in entsprechenden Tönen
auszuströmen
    Sidonie hatte dafür gesorgt dass ein Teil ihres Notenvorrats »die selige
Harfe« nach der Heimat begleitete sie reichte ihrem Bruder ein Heft
Schubertscher Lieder in deren Vortrag er wie sein Ruf ging exzellieren
sollte Da sie selbst diesen Ruf noch nicht erprobt hatte war sie in der
gespanntesten Erwartung
    »Dies« sagte Max Sie schlug die einleitenden Akkorde an und
    »Bedecke deinen Himmel Zeus mit Wolkendunst« schallte es zornsprühend
durch das friedliche Blümelsche Familienzimmer
    Max hätte schwerlich eine Wahl treffen können welche seiner sonoren Stimme
seinem dramatischen Vortrag und seinem heutigen Missmut sich trefflicher anpasste
als diese musikalische Deklamation aber auch keine deren Text die alten wie
jungen Herzen seiner Hörer tiefer erschüttert hätte Nicht einer von ihnen
außer Sidonien auch Konstantin Blümel nicht des heidnischen Mytos Freund
auch nicht Peter Kurze der akademische Fuchs oder Dezimus Frei der Primaner
die doch sämtlich mit dem gottzürnenden Titanen einen mehr oder minder
behagenden Umgang in seiner Ursprache geführt hatten nein nicht einer von
ihnen kannte die majestätische Version ihres vaterländischen Dichters und sie
wirkte vielleicht eben darum so mächtig weil die begleitende Musik dem
unerreichbaren rhytmischen Zauber der Sprache nur gleichsam als Folie beigefügt
worden ist In dramatischer Steigerung hob sich Satz um Satz und als das
höhnende »Und dein nicht achtet wie ich« verhallte da herrschte minutenlang
atemlose Stille In Sidoniens Augen funkelten Tränen und dem Greise wie dem
Jüngling rieselten Schauer vom Kopf zur Zeh Rose Martin und seine jüngsten
Schwestern empfanden was sie nur halb verstanden und Peter Kurze verstand was
er nur mäßig empfand Dort aber im Fenster saß Lydia bleich wie eine Entseelte
die glanzlosen Augen weit geöffnet ihre Arme hingen schlaff am Körper herab
und zwei kalte Tropfen glitten über ihre Wangen »Und dein nicht achtet wie
ich« hauchten die bebenden Lippen
    »Hast du die Verse selber gemacht Max« fragte endlich der Leutnant Und
mit der Frage kam wieder Leben in die Gesellschaft
    Max gab keine Antwort er selbst war durch den Vortrag bis zum Verstummen
ergriffen Schwester Sidi aber schon wieder in belustigter Laune entgegnete
    »Nimm dafür an dass er sie selber gemacht Freund Martin lass es dir aber
nicht einfallen auch dergleichen machen zu wollen«
    Und Freund Martin nahm dafür an dass das Genie der Familie die Verse
gemacht und es fiel ihm nicht ein auch dergleichen machen zu wollen Röschen
flocht mit fliegenden Fingern einen Narzissenstrauss den sie am Morgen gepflückt
hatte zu einem Kranze um ihn statt des mangelnden Lorbeers dem Sänger auf
die Locken zu setzen Peter Kurze aber raunte in Dezems Ohr
    »Läufts mit der Erbschaft schief soll er aufs Theater gehen und sein Glück
ist gemacht«
    Max hatte sich zu Lydia gewendet deren Erschütterung ihn entzückte er
erwartete ein entsprechendes Beifallszeichen aber sie sah ihn nur flehend an
und sagte leise »Singe das Lied nicht wieder Max«
    »Da es dir nicht gefallen hat in deiner Gegenwart gewiss nicht Liebe«
versetzte er gereizt
    »Gefallen ach Max« entgegnete sie mit sanftem Vorwurf »Es klang wie aus
deiner Seele heraus«
    »Es klang auch aus meiner Seele heraus« sagte er und wendete sich ab
    Am anderen Morgen hatten die Wolken am Himmel sich verzogen und die in den
Gemütern auch Der gekränkte Prometeus war wieder ein zärtlicher Liebhaber und
die verstörte Gläubige eine vertrauende Braut Dauernd jedoch ließ sich ein
reiner Ton zwischen den Verlobten nicht behaupten Das blinde Glück ihrer Liebe
war dahin
    Weit weniger für den Mann mit dem noch unverflogenen Rausch als für die
Jungfrau die aus ihrem Kindestraum gerissen worden war In seiner Gegenwart
umspann sie der Zauber der ersten Liebesstunde war sie aber allein dann prüfte
sie den Zauber auf seinen Gehalt und er zerfloss nur allzu häufig in einen
Schauder der Scham oder des Zweifels Der Wohllaut seiner Rede bestrickte sie
wie zuvor suchte sie aber nach ihrem Sinn dann fand sie selten einen
Zusammenklang mit ihrem Gemüt und nicht einmal eine Umschreibung in ihren
Gedanken
    Sie sah ein dass sie erst lernen müsse ihn zu verstehen Sie las seine
Dichtungen von neuem und es ging ihr mit ihrem Wohllaut auch heute noch wie mit
dem der Rede sie nahm auch dieses und jenes von den Büchern in die Hand welche
er sich zur Kurzweil für die Stunden die er nicht mit der Geliebten verbringen
durfte hatte schicken lassen Das Neueste der Zeit deutsche Lyrik und
französische Romane
    Lydia hatte als Mitschülerin ihres Bruders wie später zur Unterhaltung ihres
kranken Vaters so genau wie nur wenige junge Mädchen mit Konstantin Blümels
alten Heiden und Christenfreunden Bekanntschaft gemacht ein Roman war ihr aber
noch niemals vor Augen gekommen Für Max anfänglich ein Reiz der Besonderheit
mehr Er verglich ihren Bildungsgang dem eines Klosterfräuleins im Mittelalter
und nannte sie seine Roswita Was Wunder nun dass der Blick den er ihr in eine
neue Dichterwelt erschloss sie berauschte dass ihre Pulse flogen und das Leben
welches sie bis heute geführt hatte ihr eng und schal erschien  solange sie
las oder ihn lesen hörte Wenn sie aber nachdem die erste Wallung gedämpft war
sich fragte ob sie eine Freiheit wie diese Helden und Heldinnen der Passion
sie forderten wie auch Max sie forderte für die Geliebte und für sich selbst
ob sie eine solche Freiheit fordern und dulden nicht nur wolle und dürfe
sondern einfach könne dann rief aus ihrem heimlichsten Innern eine Stimme
»Nimmer« Lydias Welt war vielleicht beschränkt aber ihre Schranken waren tief
begründet und ragten hoch Wären sie ihr nicht durch Erziehung und Schicksal
gesetzt worden sie würde sich solche freiwillig gesetzt und niemals
überschritten haben Sie trachtete danach sich unter die Oberhoheit eines
Gatten zu stellen wie sie bisher ohne Wanken unter der ihres Vaters gestanden
hatte Und an diesem Trachten scheiterte sie denn das Heldentum und das
Martyrium deren sie so gut wie alle diese gedichteten weiblichen Opfer unserer
gesellschaftlichen Einrichtungen fähig gewesen wäre waren solche die
hinwiederum der Dichter den sie liebte nicht verstand Wie hätte sie diesem
Manne nun vollends der Leitstern werden sollen der ihm zwischen Klippen und
Strudeln hindurch die Bahn zum Hafen wies
    Da ihr Vater neuerdings ebenso lebhaft wie die Professorin nach einem
definitiven Plane für des Sohnes Zukunft drängte kam sie wiederholt auf diesen
Gegenstand zurück war aber leider zu wenig in Frau Hanna Blümels Lebensschule
gewitzigt um für ihre gute Sache den gelegenen Moment abzuwarten und so
geschah es denn mehr als einmal dass sie Maxens Widerwillen und Widerspruch sich
bis zum Widersinn steigern hörte
    Der Schematismus und die kleinliche Praxis jeglicher Beamtenkarriere dünkte
ihm unerträglich  ihr einziger Ausläufer der ihn gelockt haben würde der in
die Diplomatie erheischte die äußeren Mittel deren Mangel ja eben von seinen
Drängern vorausgesetzt wurde Der Entscheid musste daher zunächst eine offene
Frage bleiben Im übrigen waren die Prämissen der Mutter wohl die richtigen
aber die Folgerungen die sie zog waren verkehrt Just weil wir mit
Riesenschritten einem politischen Umschwung entgegengingen galt es sich
ungebunden für denselben zu erhalten Ein Parlament fordert unabhängige Männer
Was aber die akademische Laufbahn betraf lagen denn nicht auch auf ihr
Handfesseln hier Fussangeln dort Wer hatte die Freiheit zu lehren was er
dachte auszusprechen was in ihm glühte was die Begeisterung der Jugend
entzündete Leeres Stroh dreschen abgestandene Formeln wiederkäuen die bloße
Vorstellung erregte Ekel Endlich aber welche Zeit erforderte die zu
verfolgende Bahn wenn der süßeste Besitz erst von dem erreichten Ziele abhängig
gemacht werden sollte
    »Lieben wir uns denn nicht« wendete Lydia ein »Können wir denn nicht
warten«
    »Warten« rief er in heller Entrüstung »Warten wie der Herr Kandidat und
seine ewige Braut Warten heißt die gute Stunde verpassen und kein Unglück
wurmt wie ein verpasstes Glück Heute liebst du mich so wie ich eben bin aber
ich kann mich ändern du kannst dich ändern weißt du denn ob du mich in
soundso viel Jahren ja nur in einem Jahre auch noch liebst«
    »Max« unterbrach ihn Lydia entsetzt »o Max mit solchem Zweifel im Herzen
denkst du eine Ehe einzugehen«
    »Eben darum muss ich sie eingehen Kind« versetzte Max »Die Ehe so sagt
man wenigstens hat eine ausgleichende Macht Unter allen Umständen hat sie die
der Gewöhnung der gemeinsten aber gewaltigsten von allen Erdenmächten Die
Franzosen heiraten selten aus Liebe und befinden sich lediglich durch
Akkommodation nicht übler als wir deutsche Idealisten mit unserer
Sentimentalität Freie Liebe ein Verhältnis ohne gesetzlichen Zwang wäre
unbedingt reiner schöner edler sogar bindender als mit dem Zwang Jede
Schranke reizt zur Übertretung Ein Verlöbnis aber das heißt halbe Freiheit und
halber Besitz ist auf die Dauer ein Unding ein Zwitterzustand in dem sich die
Liebe verzehrt und da nun einmal bis auf weiteres die Liebe nur unter der
Form der Ehe von der noch herrschenden sozialen Bornierteit anerkannt wird
müssen wir Mann und Frau werden Lydia nicht mit dem abgematteten Puls der
Geduld sondern morgen heute diese Stunde noch im ersten Sonnenstrahl der
die Herzen erschlossen hat«
    Lydia fühlte sich empört Hätte ihren Vorstellungen ihren Erfahrungen
ihrem Ideale von der Heiligkeit der Treue in schnöderer Weise Hohn gesprochen
werden können als durch dieses Freiheitskredo Sie hätte vor dem Geliebten
fliehen mögen bis an das Ende der Welt Aber er zog sie an sein Herz er küsste
die eisigen Tropfen aus ihren Wimpern auf hauchte die glühendsten Liebesworte
in ihr Ohr und als sie sich endlich seinen Armen entwand da sagte sie lächelnd
zu sich selbst »Gefällt er sich denn nicht in Paradoxen Ist er nicht ein Poet
Hat er mir nicht vor kaum einer Stunde die geheimnisvolle Operation klarzumachen
gesucht unter deren Bezauberung der Dichter der Künstler seelische Vorgänge
und Temperamentseigenheiten darstellt die seinem persönlichen Verlangen und
Erfahren die allerfremdesten sind Hat er nicht gesagt man braucht kein Otello
zu sein um einen Otello zu spielen kein Don Juan um einen Don Juan zu
schaffen Im Gegenteil Passionen verwischen die reine Vorstellung der Passion
Stimmungen denen wir unterworfen sind trüben die welche wir unserem Bilde
einhauchen möchten Du musst ihn nur besser verstehen dich ihm akkommodieren
lernen wie er es nennt Und endlich Lydia Hand auf das Herz du selbst deren
Grundgesetz die Treue und nicht die Freiheit ist was ersehnst du denn heimlich
und heiß als sein zu werden morgen heute diese Stunde noch und dann  für
ewig Ist deine Liebe anderer Natur als die seine als  alle Liebe«
    Tage Wochen gingen hin je näher der entscheidende Termin rückte um so
ruheloser wurde der Propst um so auffälliger seine Zerrüttung Er glaubte sein
Ende nahe und hätte sein Haus bis in das Kleinste ordnen mögen Aber was wäre in
dieser Ungewissheit zu ordnen gewesen Lydia musste viel in seiner Nähe sein er
ließ sie und Martin mündig sprechen verpflichtete die erstere auf die er bauen
durfte im umfassendsten Sinne als Obervormünderin ihrer jüngeren Geschwister
Zum nominellen Vormund bestellte er seinen Freund und Schicksalsgenossen
Hildebrand Auch dieser hatte die Freiheit des Lehrens wiedergewonnen aber
leider wenig Schüler die davon Segen zogen auch seine Manneskräfte waren in
das Leere verpufft worden
    Unter der Zucht dieses Getreuen sollte denn auch Philipp jetzt
dreizehnjährig weitergebildet und gefestigt werden sobald nur immer der Mutter
die Trennung von ihrem Hätschelkinde zugemutet werden durfte Der Knabe hatte
leichtes Hartensteinsches Blut allein der Vater hegte das stärkste Vertrauen in
seine Befähigung Bis zu seiner letzten Stunde träumte er von einer Säule des
Protestantismus aus seinem Stamm da er selbst als solche durch die Ungunst der
Zeit gebrochen und verwittert war
    Seinen Neffen sah er wenig Dessen lebhaftes zuversichtliches Gebaren war
ihm unbehaglich das zärtliche Bezeigen gegen seine Braut machte den Vater
nahezu eifersüchtig und  Max liebte Kranke so wenig als er Tote liebte Er
kam daher häufig mit seiner Schwester und auch ohne diese in die Pfarre die er
die friedliche Pastorei von Wakefield nannte
    »Ich schnappe nach einem frischen Atemzug wie ein Fisch nach Wasser« sagte
er »Meine arme Lydia setzt kaum noch den Fuß aus dieser bedrückenden
Siechenstube Das muss ein Ende nehmen der Vater ist dem Tode durchaus nicht so
nahe als er wähnt Ich habe ein paar Semester eifrig medizinische Vorträge
gehört Was kann man auf der Universität nicht alles nebenbei betreiben Ihnen
Freund Dezimus werden Exegese und Kirchengeschichte hinlänglich Zeit lassen
sich am Sternenhimmel umzutun Ihr alter Chaldäer lebt ja wohl auch noch nicht
wahr Nun den Mann gönne ich Ihnen Ein Stückchen Faust steckt in jedem
richtigen deutschen Studenten So zog mich auch die Patologie an und die des
Herzens insbesondere weil es das bis jetzt unerforschteste Fleckchen an unserem
Leichnam ist und  das reinlichste Ja wäre die Sache ohne Patientenpraxis zu
betreiben gewesen wer weiß ob sich nicht statt eines zurzeit höchst
überflüssigen Doctor juris ein allezeit unentbehrlicher Doctor medicinae aus dem
Ei der Wissenschaft geschält hätte Das klingt wohl paradox ist es aber
keineswegs«
    »Keineswegs« bestätigte Mutter Blümel lachend »Meine Rose blättert auch
gern im Kochbuch nach süßen Speisen sich aber am Kochherd die Fingerchen
schwarz zu machen ist ihr äußerst fatal«
    Max lachte gleichfalls »Nun was ich sagen wollte« fuhr er darauf fort
»Der Vater leidet bekanntlich seit seiner Jugend am Herzen Ein plötzliches Ende
ist möglich ein langsames qualvolles Hinsiechen aber wahrscheinlicher Dem muss
Lydia entzogen werden um jeden Preis Ich bin der Hüter ihrer Gesundheit ihrer
Schönheit ihres Glücks Noch in diesem Sommer wird sie mein und ich entführe
sie so weit dass kein Krankengestöhn ihr Ohr erreichen kann«
    Er kam wiederholt auf diesen Plan zurück ein Winteraufentalt in Rom dünkte
ihm die leichtest ausführbare Sache von der Welt
    »Wer einmal in Rom gewesen ist kann nirgend anderswo ganz unglücklich
werden sagt Schwester Sidi unserem Goethe nach Ich aber sage wer einmal in
Rom gewesen ist kann nirgend anderswo wieder ganz glücklich werden Der Blick
den ich darauf geworfen war leider nur ein Augenblick Nun zieht es mich wie
mit Ketten dahin zurück Den Honigmond auf Kapri den Winter in Rom Mit diesem
Gedanken wache ich morgens auf und lege mich abends nieder«
    Es war am Tage vor der Testamentseröffnung dass Max diese Worte sprach
So war denn der letzte Johannistag gekommen welchen Dezimus als Kind des Hauses
in der Heimat feiern sollte Die Schule wurde am Morgen für die sommerliche
Ferienzeit geschlossen wenn er gegen Mittag aus der Stadt zurückkehrte stand
der Geburtstagstisch gedeckt darauf Mutter Hannas Rosinenkuchen mit achtzehn
brennenden Wachsstöckchen ringsherum und dem dicken Lebenslicht in der Mitte
Daneben die Briefe und kleinen Angebinde die in den letzten Tagen von den sechs
fernen Schwestern eingetroffen und sorgfältig verborgen worden waren Und welch
ein Prachtstück von Johanniskranz wird das liebe Röschen gewunden haben Und was
mag es nur sein was sie seit Wochen hinter seinem Rücken gekniffelt und hastig
mit einem Tuche bedeckt hat sobald er das Zimmer betrat Goldene Sternchen auf
blauem Grund soviel hat er herausgeblinzelt Am Ende eine Tasche um seine
Kassenscheine darin auf der Brust zu bergen da er durch das Werbensche
Stipendium ja in Bälde ein Rentier werden wird Oder gar eine Mappe in welcher
die teueren Heimatsbriefe für ewige Zeiten verwahrt werden sollen Abend für
Abend will ja das liebe Röschen schreiben was am Tage vorgefallen oder ihr
eingefallen ist und jeden Sonnabend soll der Wochenbrief abgehen um ihrem
alten Dezem den Sonntag erst recht zu einem Festtage zu machen
    Nach der Bescherung gab es dann ein Leibgericht Ganz gewiss die ersten
grünen Erbsen des Jahres und dazu Schwemmklösse und Schinken vor dem Abendsegen
aber noch irgend etwas Lustiges vom lieben Strudelköpfchen ausspintisiert
Heute würde die junge Schlossgesellschaft gekommen und gesungen und gesprungen
worden sein  wenn das Testament nicht gewesen wäre Röschen hatte schon
gestern ärgerlich gesagt »Die alte Harfenkönigin hätte auch was Klügeres tun
können als sich gerade einen Monat vor deinem Geburtstage einmauern zu lassen
Ich sehe es kommen Dezem mein hübsches Plänchen fällt mir in den Born«
    Als Dezimus im Trabe aus der Stadt zurückkehrte begegnete ihm nahe dem
Schloss der Vater der sich zur Testamentseröffnung begab Er war im Ornat und
tief bewegt Sollte doch über das Wohl und Wehe einer Familie an der er den
innigsten Teil nahm in dieser Stunde entschieden werden
    »Du musst dich mit der Bescherung gedulden bis ich heimkomme mein Sohn«
sagte er und ging in den Hof Der Justitiarius überholte ihn
    »Rüsten Sie sich mit starken Nerven Freund« rief er ihn an »ich wittere
eine Tragikomödie wie sie im Buche steht«
    In der Nähe der Pfarre kamen die drei jüngsten Schlosskinder mit Röschen
Dezimus entgegen
    »Wir haben uns Ihre Schwester geholt weil uns allein angst und bange
wurde« sagte Priszilla »Kommen Sie auch mit auf die Terrasse guter Dezimus
Die Eröffnung muss gleich vor sich gehen«
    Naturgemäss hätte Dezimus Hunger spüren müssen und er hatte ihn auf dem Wege
auch weidlich gespürt Aber die Spannung vertrieb ihn plötzlich er ging mit auf
die Terrasse
    »Ach was für ein schrecklicher Tag lieber Dezimus« klagte das freundliche
Backfischchen Phöbe das sich an seinen Arm gehängt hatte »Mama zerfliesst in
Tränen Papa sieht aus wie der liebe Heiland am Kreuze und sogar Lydia die
doch sonst immer so ruhig ist zittert Bei Tische haben nur der Herr Magister
und Philipp ordentlich gegessen ich bloß ein kleines bisschen Mehlspeise Max
hielt es schon am Morgen nicht mehr aus er hat sich mit der Kousine vom Pächter
in die Stadt fahren lassen Sie sind aber schon wieder da Sie haben die
Verlobungsringe abgeholt die gleich die Trauringe werden sollen und jedem von
uns etwas Nettes mitgebracht mir ein Korallenkreuzchen Ich darf es freilich
solange wir Trauer tragen nicht umhängen Ach es ist so hübsch in Werben
seitdem die Verwandten da sind Glauben Sie dass wir fortmüssen lieber
Dezimus«
    »Nein das glaube ich nicht Fräulein Phöbe« antwortete Dezimus mit
Überzeugung »Ihre selige Tante wusste wie wert Ihrer Frau Mutter dieser
Aufenthalt war und Ihre Tante hatte ein sehr gütiges Herz«
    »Ein gütiges Herz Ach wie mich das freut« rief die Kleine »Höre nur
Priszilla Dezimus behauptet Tante Tusnelda habe ein gütiges Herz gehabt und
der Herr Magister hat doch gesagt sie wäre eine Heidin gewesen«
    »Gütig können auch Heiden sein Fräulein Phöbe« belehrte Dezimus mit Würde
Das erste Merkzeichen seines geistlichen Berufs
    »Mir ist es ganz egal ob wir hierbleiben oder wo wir hinziehen« fiel
Bruder Philipp ein »Wenn ich nur kein Pastor werden muss Ich will Soldat wie
mein Martin werden«
    »Das darfst du ja nicht werden Philipp«
    »Ich will aber und damit Punktum« rief Philipp mit den Füßen stampfend
    Sie hatten die Terrasse erreicht und drängten sich in eine Gruppe unter dem
Ahnensaale zusammen Eine Weile blieb noch alles still Dann ertönte die Orgel
Ohne einen gewissen feierlichen Apparat durfte im pröpstlichen Hause kein irgend
wichtiger Akt vor sich gehen
    »Lydia spielt Befiehl du deine Wege« flüsterte Priszilla
    Die Fräulein falteten die Hände und auch Dezimus betete das gute Lied im
Herzen nach bis die Orgel schwieg Alle blickten gespannt in die Höhe Max
öffnete einen Fensterflügel verschwand jedoch alsobald von ihm Bei aller
Zuversicht mochte ihm schwül geworden sein während der Justitiar die Siegel des
verhängnisvollen Schriftstückes löste Auch Dezimus wurde schwül zumute
Seltsamerweise richteten seine Wünsche sich indessen lediglich auf Lydia da
doch sonst nichts reich und groß genug war was er dem herrlichen Max nicht
gegönnt hätte Röschen dahingegen flüsterte ihm in das Ohr
    »Was wetten wir Dezem die alte Dame hat Max zu ihrem Erben eingesetzt und
ich an ihrer Stelle hätte es auch getan«
    Von oben herab drang unverständliches Gemurmel der Rat las vor Es musste
ein großes Vermögen und eine lange Reihe von Verfügungen sein denn der Vortrag
nahm gar keine Ende »Wie es scheint« dachte Dezimus »bekommen viele ein Teil
und das ist auch besser als einer alles«
    Da  jählings Unruhe oben Hin und Widerlaufen Stühlerücken ein schriller
Schrei »Es war Mama« rief Philipp
    Die Kinder stürzten in das Haus Rose und Dezimus ihnen nach Auf der Treppe
kam ihnen der Vater entgegen totenbleich in tiefster Bestürzung
    »Hole schleunigst die Mutter Rose« stammelte er »Sie soll ihre Lanzette
mitbringen es muss eine Ader geschlagen werden Du Dezimus folge mir in den
Saal«
    Als Dezimus den Saal betrat lag der Propst anscheinend ohnmächtig auf
seinem Stuhle zurückgesunken in Lydias Armen die Gattin auf den Knien
umklammerte in Todesangst seinen Leib sämtliche Zeugen umstanden mit verstörten
Blicken die Gruppe der Justitiarius brachte vor tauben Ohren hastig den
Vortrag der Schreiber das Protokoll zum Abschluss
    »Eilen Sie mit des Pächters Pferden zur Stadt nach einem Arzt säumen Sie
keine Minute« sagte Pastor Blümel zu Max der sich alsobald entfernte
    Martin und Dezimus trugen den ungelenken Körper in das Krankenzimmer lösten
seine Kleider und legten ihn auf das Ruhebett unterdessen kam Mutter Blümel
die als rechte Pfarrersfrau in dringenden Fällen der Chirurgus der Gemeinde war
Röschen mit ihr zurückgekehrt blieb auf ihren Wink im Vorzimmer zurück In der
nächsten Minute trat Sidonie aus dem Krankenzimmer schattenblass und zitternd
    »Nur einen Augenblick« stammelte sie »Ich kann kein Blut sehen Bitte
hole mir ein Glas Wasser Der Onkel hat eine Ohnmacht«
    »Aber wer hat denn das Gut« fragte Röschen als sie mit dem Wasser
zurückkehrte
    »Vorderhand ich« antwortete Sidonie sichtlich enttäuscht »Nach meinem
Tode  Gott weiß wer Hoffentlich werde ich so lange leben bis Max auf festen
Füßen steht«
    Damit ging sie wieder in das Krankenzimmer und Röschen blieb allein
    Kluge Jüngferchen sind nicht minder wie Nachtigallen und Spatzen neugieriger
Natur und das kluge Pfarrjüngferchen war keine Ausnahme von der Regel was bei
gegenwärtigem Anlass auch ein Rigorist ihm nicht als Sünde anrechnen wird
Röschen horchte am Schlüsselloch nach einem Lebenszeichen des Ohnmächtigen 
Totenstille Röschen zerbrach sich den Kopf über das Rätsel das nichts als
Verdriesslichkeit angerichtet zu haben schien  keine Lösung Röschen wurde
selbst ganz verdrießlich
    Zu ihrem Glück kam aus dem Ahnensaal der Justitiar der allein mit dem
Protokollführer das Geschäft hatte zu Ende führen müssen Der alte Rat war
nächst ihrem jungen Dezem des Pfarrröschens Spezial er nannte sie Töchterchen
Augentrost und kehrte niemals im Hause ein ohne eine Tüte gebrannter Mandeln
mitzubringen die Töchterchen Augentrost fürs Leben gern knabberte Was konnte
natürlicher sein als dass Röschen sich dem alten Herrn an den Arm hängte ihn
eine Strecke des Heimwegs begleitete und ihren Wissensdurst aus erster Quelle zu
stillen suchte
    Der alte Herr seinerseits plauderte gern und ein hübsches Kind am Arm
doppelt gern Ein Amtsgeheimnis war die Sache nicht mehr ein interessanter Fall
aber war sie und würde sie noch lange Zeit für die Abendunterhaltung in der
Resource bleiben So erfuhr denn Röschen auf blumigen Wiesenwegen unter einem
lachenden Johannishimmel und aus einem lachenden Munde brühwarm und haarklein
denn Lücken duldete Röschens Gründlichkeit nicht die »Tragikomödie« die sich
im Ahnensaale abgespielt hatte und ihr Dezem der währenddessen den Schlussakt
miterlebte erfuhr erst am anderen Tage aus Röschens Munde dass sich  für
Röschen doch die Hauptsache  wieder einmal ein Täufersegen über sein Haupt
ergossen hatte
    Sobald Lydia den Choral beendet hatte setzte sie sich zur Linken ihres
Vaters dessen kalte Hand in die ihre nehmend Er war gespensterhaft bleich Zu
seiner Rechten saß die Mutter neben ihr Martin die Weinende mit seinen Armen
umfassend Dann folgte Sidonie Max stand hinter dem Stuhle seiner Braut Pastor
Blümel verhielt sich in der Nähe des Tisches vor welchem der Justitiar und der
Protokollführer Platz genommen hatten »Zwischen dem Altar der Orgel den alten
Ahnenbildern und dem alten Pastor im Ornat gegenüber der kohlschwarzen
feierlichen Gesellschaft machte der alte Judex unzweifelhaft einen Effekt wie
er ihn in seinem Leben noch nicht vorgebracht« meinte vergnüglich der Rat
    Von dem Schriftstück das nunmehr zum Vortrag kam versicherte er dass es
wie von A bis Z durch die Testatorin eigenhändig niedergeschrieben so seinem
gesamten Duktus nach zuverlässig ohne fremden Beirat von ihr ausgeklügelt
worden sei
    »Als ob man die alte Harfenkönigin reden hörte Paragraphen für Paragraphen
waren wie bei einem Gesetzerlass die Motive beigefügt Meist freilich in
verzwickt ironischer Fassung Einfälle wie ein altes Haus aber von
unanfechtbarer Sach und Fachkenntnis Summa Summarum ein mustergültiges
Dokument Wenn es viele solche schneidige Köpfe wie den dieses alten Fräuleins
unter seinem Blumenhute gäbe könnten wir Advokaten nur gleich die Bude
zumachen«
    Der Vermögensstand bis in das Detail aufgezählt und nach den im letzten
Lebensstadium geführten Büchern kodizillarisch vervollständigt erwies sich noch
umfänglicher als man erwartet hatte Eine erhebliche Barsumme wie auch das
Dresdener Haus fielen musikalischen Bildungszwecken zu An einem Erardschen
Flügel der in jenem Hause zurückgeblieben war sollte Pastor Blümel in alten
Tagen sich von Töchtern oder Enkelinnen sein Abendlied vorsingen lassen
sämtliche römischen Instrumente und Noten mit Ausnahme der seligen Harfe
erhielt Sidonie Die Dienerschaft etliche verarmte Künstler und andere bisher
Unterstützte waren mit Legaten und Renten bedacht ein eisernes Kapital für die
Witwen und hinterlassenen ledigen Töchter der Werbenschen Pfarrer und
Schullehrer ein anderes zu baulichen und wohltätigen Gemeindezwecken
niedergelegt Die Verfügung über beide Stiftungen wurde nach freiem Ermessen dem
Ortspfarrer überlassen insofern und solange als der gegenwärtige Herr
Konstantin Blümel oder als dessen Nachfolger sein Pflegesohn Dezimus Frei in
diesem Amte standen Bei anderweitiger Besetzung fiel die Verwaltung der
Gutsherrschaft unter gerichtlicher Kontrolle anheim
    Mit diesem Ehrenamte war Dezimus Frei aber längst noch nicht abgefunden
denn nachdem der dreijährige Genuss des auf Werben ruhenden theologischen
Stipendiums dem ersten studierenden Hirtensohne der Gemeinde noch einmal
ausdrücklich stipuliert worden war folgte nachstehender Passus
    »Da es mir einleuchtend ist dass besagter Dezimus Frei sich leichter am
sichtbaren Himmelszelt als im unsichtbaren Himmelreich umtun lernen wird
vermache ich ihm die Summe von zweitausend Talern Und zwar soll ihm selbige
ausgezahlt werden vor dem Universitätsbesuch falls er sich von Haus aus für
das Studium der Astronomie entschließt demnach des Stipendiums verlustig geht
oder nach Genuss des Stipendiums um bei gereifter Erfahrung die Freiheit zu
haben sich in angemessener Sphäre wenn auch nur als Nebenzweck
weiterzubilden Wie ich es denn in keiner Weise verwerflich finden würde wenn
man in jedem Pfarrhause ein Observatorium errichtete zum Merkmal dass die Welt
sich dreht«
    »Der Dezem ist aber doch ein Glücksvogel« rief Röschen den alten Freund
unterbrechend aus »Und er kennt nicht einmal eine Note singt und spielt bloß
aus dem Kopf An mich hätte die alte Harfenkönigin doch auch ein bisschen denken
können Ich mache meine Sache doch ganz anders wie der Dezem«
    »Ei nun Kindchen sie hat ja eventuell auch an Sie gedacht« tröstete der
Rat
    »An mich Ich werde doch wahrhaftig keine alte Jungfer werden Und vor der
Pfarrerwitwe in Werben wird der liebe Herrgott mich doch hoffentlich auch
bewahren«
    »Aber bedenken Sie doch das schöne Instrument«
    »Das ist auch wahr Und am Ende was dem Dezem gehört ist ja auch so gut
wie mein«
    »Nun sehen Sie wohl Da können Sie sich auch noch eine faustdicke goldene
Repetieruhr an den Gürtel hängen die gleicherweise Ihrem Dezem testiert worden
ist Ein Erbstück von Vaterseite das in der Hand des Hutmannssohnes wiederum
ein Erbstück werden und an den Wandel der Geschlechter mahnen soll«
    »Schönen Dank gnädige Dame« rief Röschen mit einem Knix und einer Kusshand
die sie gen Himmel warf »Aber was hat denn nun eigentlich der schöne Herr Max«
    »Der schöne Herr Max ei nun der hat das Nachsehen Kindchen  «
    »Schändlich empörend  «
    »Nach meiner unmassgeblichen Meinung keineswegs Im übrigen teilt er diesen
Blick in das Leere mit diversen anderen ebenso würdigen Expektanten Nicht ein
einziger Familienname ist in dem Schriftstück als Erbe aufgeführt Keinem
zuliebe und manchem zuleide ist eine Ausnahme gemacht worden«
    »Aber ums Himmels willen wer kriegt denn da das Gut«
    »Nur gelassen Herzchen Das dicke Ende kommt allemal nach Die trauernde
Sippschaft im Ahnensaal ist auf eine weit längere Geduldsprobe gestellt worden
als Sie und die Sentenzpillen die sie derweile hinunterwürgen musste werden
ihr schwer genug im Magen gelegen haben Nachdem also über jeden Batzen und
Fetzen verfügt worden war hieß es zu guter Letzt ungefähr so
    Die Unsterblichkeit meines übernatürlichen Menschen würde mir wünschenswert
sein ist aber bezweifelbar Unbezweifelbar dahingegen ist die natürliche
Torheit oder törichte Natürlichkeit jedwedes Menschen auf dieser wandelbaren
Erdenstätte längstmöglich eine unwandelbare Spur zu hinterlassen Auch ich
bekenne mich dieser Torheit schuldig Da ich jedoch mit leiblicher
Nachkommenschaft Gott sei Dank nicht gesegnet bin und da die Kunst die zu
hegen mir gegeben war leider eine ist die verfliegt wie die Blume des Weines
bleibt mir gleich dem ersten besten alten Bauer nur ein Stück unbeweglicher
Scholle um ihr ein Merkzeichen einzuprägen von dem alten Geschlecht das auf
ihr erwachsen ist und bis auf etliche fremde Pfropfreiser mit meiner Person
erlischt
    Vor zwei Jahrhunderten hatte der von der Werbensche Grundbesitz durch die
geschickte und gefüllte Hand einer Frau sich zu einem der umfänglichsten in
sächsischen Landen ausgedehnt In dem Erbe von Mann auf Mann zerbröckelte er um
schließlich in dem Erbe von Mann auf Weib ein Nichts zu werden Einer ledigen
alten Frau der letzten die den Namen trägt war es gegönnt seinen Grundstock
als käufliche Ware wieder in ihre Hand zu bringen Um diesen vor nochmaliger
Zertrümmerung zu bewahren befestigt sie ihn zu einem Kunkellehn und um durch
die Zersplitterung der Einkünfte sein verblichenes Ansehen nicht noch weiter
verbleichen zu lassen stiftet sie ein weibliches Seniorat«
    »Den blitzartigen Eindruck dieser letzten Worte« schaltete der Rat lachend
ein »das Aufflackern des leichenhaften alten Herrn wie unter einem galvanischen
Strom das grimmige Lächeln des jungen Doktors die Grimasse seiner Schwester
hätten Sie sehen müssen Kind Leider konnte ich das interessante Schauspiel nur
eine Minute lang während des eigenen Verschnaufens genießen In der nächsten las
ich weiter und in der dritten glich der Umschwung der Stimmung einer
Revolution«
    »Die den Jahren nach älteste meiner Grossnichten eventuell Urgrossnichten« so
stand geschrieben »das heißt der leiblichen Nachkomminnen meiner beiden
Schwestern soundso fügt sobald sie das achtzehnte Jahr erreicht hat und nicht
verheiratet ist ihrem Familiennamen den von der Werben bei und tritt
fideikommissarisch in den Genuss meines Rittergutes Werben und so weiter und so
weiter mit der Verpflichtung sich seiner Verwertung und Erweiterung nach
Kräften zu widmen und darum es zu ihrem wesentlichen Aufenthalt zu machen Beim
Umbau des Schlosses ist von vornherein darauf Rücksicht genommen worden dass
durch letztere Bedingung das Wohnungsrecht nicht beschränkt wird welches meiner
Nichte Frau Ottilie von Hartenstein zugesagt ist solange sie lebt oder solange
es ihr beliebt An dem Tage wo die Nutzniesserin mit Tode abgeht oder etwa in
den Ehestand tritt folgt ihr in dem Benefizium das den Jahren nach älteste
Fräulein nicht der ihr zunächst stehenden Familie sondern des gesamten
Geschlechts«
    »Der Propst war schon bei den Worten solange sie unverheiratet ist von
seinem Sitze in die Höhe gefahren er stand mit vorgebogenem Leib und glasig
starren Blicken beide Hände gegen das Herz gestemmt Jetzt bei der Satzung von
dem gesamten Geschlecht sank er ohnmächtig in seiner Tochter Arm«
    »Das ist der Schluss der Komödie denn die nun folgenden exakten Bestimmungen
im Fall einer Vakanz oder gar des Erlöschens der Linie und dergleichen werden
für Sie Dämchen Neubegier noch gleichgültiger sein als für die enttäuschte
Hörerschaft im Ahnensaal«
    »Wie kann denn Sidonie aber sagen dass sie zunächst die Erbin sei« fragte
Röschen nach kurzem Nachdenken »Lydia ist ja acht Monate älter als sie«
    »Aber Braut« versetzte der Rat
    »Braut sein heißt nicht verheiratet sein« wendete Röschen ein wonach der
Rat ausrief
    »Ei Sie kluge kleine Maus Na da können wir noch ein erbauliches
Handgemenge in diesem Familientempel erleben«
    »Und welche von beiden glauben Sie hat die kuriose alte Dame vor Augen
gehabt« fragte Röschen
    »Sie hat gar keine Person vor Augen gehabt lediglich ein Ideal« antwortete
lachend der Rat »Und dieses Ideal heißt Auf dem Stammschlosse der Werben eine
alte Jungfer in Permanenz«
    Nach dieser Seite hin sattsam aufgeklärt brannte das liebe Röschen vor
Verlangen wiederum inmitten des Schauplatzes so interessanter Entwicklungen zu
stehen Die Erzählung hatte sie eine weite Strecke auf dem Stadtwege
vorangeführt und da just des Pächters Wagen mit Max und dem wohlbekannten
Doktor Brand vorüberkam verabschiedete sie sich hurtig von ihrem alten Gönner
gab ein Zeichen zum Halten und schwang sich behende in das Gefährt Der arme
schöne junge Herr tat ihr in der Seele leid Sie würde ja wahrhaftig sie
würde ihres Dezem Legat  nein das ganze Legat nicht aber die Hälfte des
Legats darum gegeben haben hätte sie mit dem Opfer den armen schönen jungen
Herrn zu ihres Dezem künftigen Patron erheben können
    »Ihr Herr Onkel ist von einer Ohnmacht befallen worden« fragte sie ihn
    »Ich fürchte mehr als eine Ohnmacht« antwortete er
    Und seine Furcht war begründet Doktor Brand konnte lediglich bestätigen
    »Der Propst von Hartenstein ist tot«
Lydia kehrte am Arme ihres Verlobten von dem Grabe zurück in welches Joachim
von Hartenstein versenkt worden war in der nämlichen Stunde des Siebenschläfers
wo vor achtzehn Jahren das arme Hirtenweib seine Ruhe gefunden und nur wenige
Schritte von dessen Hügel entfernt
    Nicht Pastor Blümel Professor Hildebrand der Getreue hatte den letzten
Segen gespendet die Feier war so still und schlicht wie die der Gutsherrin
laut und prunkvoll verlaufen aber die Junisonne ergoss sich in vollen Strömen
als die letzte Spur von einem vielbewegten Menschenleben verschüttet wurde
    Lydia war unverweilt in das Zimmer ihrer Mutter gegangen die seit der
Sterbestunde des Gatten in sinnverwirrendem Fieber lag Da sie dieselbe
schlummernd und Frau Hanna Blümel als sorgsame Hüterin an ihrer Bettseite fand
schlich sie unbemerkt in das Gemach wo ihr Vater die Augen geschlossen hatte
und saß dort in sich versunken bis der Abend dämmerte
    Max schritt währenddessen in bitterem Unmut die Terrasse hastig auf und ab
Der bizarre letzte Wille seiner Verwandtin hatte ihn empfindlicher als er sich
merken ließ enttäuscht So sollte ihm denn wieder einmal die Dankbarkeit gegen
einen Nächststehenden erspart werden wie sie ihm gegen Vater und Mutter und
gegen deren Väter und Mütter erspart worden war Selbst in seiner Schwester
Seele schuldete er sie nicht war es doch nur ein Zufall dass sie Jahr und Tag
mehr als Priszilla zählte Berechtigt weil empfänglich für jede Himmelsgunst
kam er sich vor wie ein Verstossener
    Tiefer aber noch als seine Enterbung verstimmte ihn Lydias Gebaren Er hatte
sie seit der verhängnisvollen Stunde kaum gesehen kein Wort aus ihrem Munde
gehört Ihre Tage und Nächte waren zwischen dem Krankenbett der Mutter und der
Bahre des Vaters geteilt gewesen Max schweifte im Freien und suchte Zuflucht in
der Pfarre Er liebte ja den Tod aber nicht die Toten und verstand sich auf
Krankheiten aber nicht auf Kranke Was hieß das nun aber für eine Liebe die
vor einem natürlichen längstvorausgesehenen Verluste spurlos verschwunden
schien Was hieß das für ein Glück das nicht dem alltäglichsten Unglück die
Wage hält Die schnödeste Selbstsucht ist es sich in einen Schmerz wie in eine
Austernschale zurückzuziehen und eine Perle nennen diese Frommen das krankhafte
Produkt das sich in solcher Schale bildet
    Sidonie die sich zu ihm fand teilte seine Auffassung Sie besaß jetzt
reichlich die Mittel ihm die Freiheit deren er bedurfte zu gewähren Was ihr
war war sein Sobald die Mutter der dringendsten Lebensgefahr entronnen sollte
er Lydia still sich antrauen lassen und sie dieser Atmosphäre der Trübsal
entführen Für eine fernere Zukunft mochten die Pläne in beruhigter Stimmung
gefasst werden
    Mit dem Vorsatz dieser unumwundenen Forderung kehrte Max bei einbrechender
Dämmerung in das Haus zurück Lydia war weder bei der Mutter noch in ihres
Vaters Zimmer nicht ohne heimlichen Schauder ging er sie zu suchen in den
Saal wo vor wenigen Stunden der Sarg gestanden hatte Ein Leichendunst
umwitterte ihn
    Das lebensgrosse Bild des Propstes war für die heutige Feier über dem Altar
aufgerichtet worden vor diesem lag Lydia auf den Knien Sie erhob sich sobald
sie ihn kommen hörte ging ihm entgegen und reichte ihm schweigend die Hand
seiner Umarmung aber entzog sie sich Er wollte sie aus dem Zimmer führen sie
winkte ihn nach einer Fensternische und nahm ihm gegenüber Platz so dass sie das
Bild des Vaters nicht aus den Augen verlor Der aufgehende Mond warf sein
fahles kaltes Licht auf die hohe Gestalt im düsteren Priesterkleide fahl und
kalt war auch das Antlitz der Tochter die in ihrem faltigen Trauergewande dem
Bilde so wunderbar ähnelte wie dem Lebenden kaum je
    Ihre eisige Ruhe die rücksichtslose Zumutung dieses unheimlichen
Aufenthaltes die phantastische Überspannung des Leidtragens reizten den jungen
Mann bis zur Unerträglichkeit Hätte er sie in Tränen schwimmend gefunden hätte
sie diese Tränen an seinem Herzen ausgeweint seine Anklage würde sich in
Mitklage umgewandelt und nicht herbe wie jetzt würden die Worte geklungen
haben in welchen er als Herr ihrer Zukunft eine beschleunigte Verbindung
forderte
    Sie hatte ihn ohne einen Laut oder nur eine Regung weder des Widerspruches
noch der Entschuldigung aussprechen lassen nun sagte sie
    »Du weißt nicht Max was es heißt einen Vater begraben und eine Mutter mit
dem Tode ringen sehen du leugnest das Gefühl das ich als das erste menschliche
zu hegen und zu ehren gelehrt worden bin Darum vergebe ich dir die harte Rede
in dieser Stunde Vergib du nun aber auch mir wenn meine Rede dir hart klingen
wird Ich kann deine Forderung nicht gewähren und bestehst du auf ihr gebe ich
dir dein Wort zurück«
    Er starrte sie an wie betört Sie fuhr fort
    »Ich habe meinem Vater gelobt und ich habe mir selbst gelobt ihn in der
Pflicht für seine Hinterlassenen zu vertreten Ich wusste um welchen Preis Oder
trautest du dir die Hingebung zu mich in dieser Pflicht nicht zu beirren und
den Mut sie mit mir zu teilen«
    Er lachte bitter auf »Ich« rief er »ich der Enterbte der von der
Großmut seiner Schwester die Mittel entlehnen muss seine eigene Existenz und die
seines anverlobten Weibes auf unberechenbare Jahre hinaus zu fristen ich soll
die Verantwortlichkeit und die Verbindlichkeit für eine zweite dürftige Familie
 «
    »Ich sehe« unterbrach ihn Lydia »dass du die Hülflosigkeit unserer Lage und
die Last die dir erwachsen würde deutlich ermissest ich wusste auch zum
voraus dass du keine andere Antwort als die du gegeben hast mir geben würdest
wohl auch sie nicht geben konntest Und eben darum Max müssen wir scheiden«
    Er verstand sie noch immer nicht vollständig brauste aber jetzt schon auf
in Hohn und Groll
    »Ei wie versteht ihr doch ihr Auserwählten« rief er »zu paktieren nicht
nur mit dem Begriffe Liebe als einer trüglichen Naturbestimmung sondern auch
mit dem Schriftkanon auf den ihr euch wenn es euch passt als untrüglichen
Gesetzgeber beruft Ein warmherziges Weltkind würde nicht daran deuteln dass es
Vater und Mutter zu verlassen habe um dem Manne dem es Liebe gelobt hat
anzuhangen auch wenn dieser Mann  ja dann um so weniger  um berechtigte
Lebensaussichten betrogen worden ist und in ehrlicher Selbsterkenntnis sich
scheuen muss eine Aufgabe zu übernehmen welche durchzuführen er nicht imstande
sein würde«
    »Noch bin ich nicht deine Gattin« entgegnete Lydia und ihre Stimme bebte
zum ersten Male bei den Worten »für welche der Laut der Schrift Gesetzeskraft
haben müsste noch gilt für mich die älteste Pflicht Dennoch ahnest du nicht
Max was es mich kostet wortbrüchig zu scheinen nicht es zu sein ja was es
mich kosten würde wäre ich nicht einmal deine Braut dir und der Schwester die
dich liebt mehr als sich selbst Aussichten zu verkümmern die ihr für
berechtigte achtet«
    Max fuhr in die Höhe als hätte ihn eine Viper gestochen Jetzt erst begriff
er die Tragweite ihres Entschlusses »Das also ist es« rief er mit einem
Hohngelächter das in dem weiten düsteren Raume unheimlich widerhallte »Ein
Rechenexempel ist des Pudels Kern«
    Auch Lydia hatte sich erhoben sie presste beide Hände gegen die Brust ein
Fieberschauer schüttelte ihren Leib Doch sagte sie fest »Ja das ist das
schwerste der Opfer die ich fordere und bringe schwerer selbst als das deiner
Liebe Max«
    Er ging mit heftigen Schritten im Saale auf und ab sie fuhr fort
    »Wüsste ich einen Erwerb irgendeine Lebensstellung die mir ermöglichte
meine Mutter und meine verwaisten Geschwister so zu versorgen wie der brechende
Blick meines Vaters es von mir forderte ich würde wie demütigend der Ausweg
ihn diesem demütigendsten vorziehen Da ich keine Wahl habe nehme ich für eine
unbestimmte Frist das Erbe in Anspruch das deine Schwester sich gesichert
glaubte und das ihr ein Jahresdatum  und kein Recht außer diesem  verkümmert
Als du eintratest Max flehte ich zu Gott um die Kraft der Überredung Sidonien
zu einer zeitweisen Teilung dieses Erbes zu bewegen Es ist hinlänglich reich
uns beiden zu genügen Wenn aber der Buchstabe der Verfügung es auch nicht also
heischte die erste Benefiziatin das heißt die Versorgerin meiner Mutter und
ihrer Kinder kann nur ich sein nicht sie«
    »Mit anderen Worten« rief Max »du schämst dich der Dankbarkeit gegen die
Schwester des Mannes dem du Treue gelobt hast aber du schämst dich nicht mit
dem Verlobten zu brechen weil er ein Ärmling geworden und jenes edle Geschöpf
von Natur und Schicksal misshandelt zu einem Ausgleich berechtigt und bestimmt
wie es war zur Almosenempfängerin zu erniedrigen Pfui über diesen Stolz«
    Lydia war bis in den Herzgrund erschüttert So schroff hatte sie die Deutung
ihres Entschlusses nicht geahnt so grausam nicht die Probe ihrer
Standhaftigkeit »Sei barmherzig Max« bat sie mit aufgehobenen Händen »Nein
sei nur gerecht Ich darf ja nicht anders und es ist ja auch nur auf wenige
Jahre dass ich die Entsagung von dir erflehe und die schwere Überwindung von
ihr Ich liebe dich Max wie in der ersten Stunde da ich dein geworden bin ja
tiefer als in ihr denn ich musste dir wehe tun Habe ich dir deine Freiheit
zurückgegeben ich werde dir treu sein werde deiner warten bis «
    »Bis der Erbe des reichen Mehlborn dir ein Äquivalent zu bieten hat für
soundso viel tausend Taler Rente«
    Max war gewiss keine unedle Natur Eigennutz in diesem gröblichen Sinne lag
ihm so fern dass er ihn auch nicht leicht in einem anderen vorausgesetzt haben
würde am wenigsten in diesem Mädchen Das schnöde Wort kam nicht aus seinem
Herzen und nicht aus seiner Vernunft Der Zorn hatte es ihm eingeblasen und der
Trotz bäumte sich zu sagen »Ich war ein Rasender vergib« Wehe ihm Er hatte
mit barbarischer Faust sein Bild im reinsten Herzensspiegel zertrümmert und
solange seine Ohren offen stehen wird er die Scherben klirren hören Wie reich
des Lebens Becher ihm sprudeln möge dass er den Adel der Liebe verwirkte ist
die Hefe die ihn trüben wird Wehe ihm und ihr Sie schwankte nach ihres Vaters
Zimmer die Tür fiel hinter ihr in das Schloss wie die der Zelle in welcher die
Jungfrau sich zur Nonne weiht Mit stürmischen Schritten verließ Max den Saal
nach der entgegengesetzten Seite 
    Im Pfarrhause war der Abendsegen früher als sonst gelesen worden nach drei
abspannenden Tagen sehnte ein jeder sich nach Ruhe Frau Hanna hatte zum ersten
Male das Krankenzimmer der Witwe verlassen auch Dezimus treulich Dienst
geleistet als Totenwächter und Vermittler der letzten schweren Obliegenheiten
für ein Menschenleben Nun dachte er in seiner Bodenkammer »einen langen Schlaf
zu tun«
    Da wurde hastig die Klingel gezogen und wie Sidonie vor wenig Wochen außer
Atem eingetreten war mit dem Rufe »Max und Lydia sind verlobt« so trat sie
heute wieder außer Atem ein mit dem Rufe »Max und Lydia sind entzweit« Sie
kam um Lebewohl zu sagen da sie noch diesen Abend mit ihrem Bruder abzureisen
gedachte
    Den Hergang des Bruchs stellte sie dar so wie sie ihn nach einer
Unterredung mit ihrem Bruder und einer leider erst darauffolgenden mit Lydia
selbst aufgefasst hatte Für dieses kluge Mädchen scharfblickend gerecht und
billig wie junge Menschen es selten sind gab es einen Punkt auf welchem die
Bildfläche sich verkehrte und das war sein Liebespunkt sein Max So viel
goldene Luftschlösser hatte die kleine Sidi auf die Freiheit des Reichtums
gebaut sich die Zukunft so reizvoll ausgemalt ein Künstlerleben ähnlich dem
der alten Harfenkönigin aber durch das Verhältnis zu ihrem Bruder erweitert und
vertieft nun wurmte die Enttäuschung sie nur um seinetwillen und ihres eigenen
Schiffbruchs gedachte sie kaum Es handelte sich um ihn darum statt des
sicheren Klarblicks blinder Groll Der höhnende Geifer hatte sich aus seiner
Brust in die ihre gestürzt hatte sich darin gestaut und ergoss sich nunmehr in
brausenden Strömen
    »So sind sie diese Heiligen« rief sie aus »Als sie Max für eine Partie
hielten lockten sie ihn an fingen ihn ein wie man einen Gimpel einfängt den
man zum Dompfaffen abrichten will Nun im Elend schlagen sie die einzige
Pforte der Freiheit vor ihm zu und berufen sich wie Shylock auf seinen Schein
auf den Buchstaben ihres Rechts Kaltblütig zerfleischt dieses Mädchen ihm das
Herz und behauptet dabei noch dass sie ihn geliebt Als ob solch eine
Mondscheinsprinzessin wüsste was lieben heißt«
    Pastor Blümel widersprach der Aufgeregten warmen Herzens mit allen Gründen
der Gewissenspflicht er nannte Lydias Forderung einen Akt kindlicher Pietät
eine Selbstopferung aus stark empfundener Familientreue worauf denn Sidonie
eifernd erwiderte »Nun wie Sie wollen Pastor Aber was beweisen Sie mit Ihrer
Entschuldigung als dass auch die Familie ihre Jesuiten hat Abstrakte
Idealisten denen jedes Mittel das rechte ist für einen Zweck von welchem ihr
Herz nichts weiß Ihren Vater mag Lydia geliebt haben ich traue es ihr zu denn
sie ist seinesgleichen Aber liebt sie ihre Geschwister die ihr so unähnlich
sind liebt sie nur ihre Mutter«
    »Lieben Sie Ihren Bruder etwa nicht Sidonie da Sie doch wohl kaum sich für
seinesgleichen halten« wendete Frau Hanna ein
    »Freilich liebe ich ihn« antwortete Sidonie »und eben darum weil ich
nicht seinesgleichen bin  Ach wie von Herzen möchte ich ihm doch ähnlich
sein  Aber ich liebe ihn keineswegs weil er mein Bruder weil er ein
Pflichtbegriff für mich ist sonst müsste ich auch meinen Großvater lieben Ich
liebe ihn weil er liebenswürdig ist mein Bertrand de Born weil ich keinen
anderen zum Lieben habe weil ich gar nicht anders als ihn lieben kann Wäre ein
Fremder so wie er Sie zum Exempel Dezimus ich liebte Sie wie ihn«
    »Für welche schmeichelhafte Versicherung ich mich im Namen meines Dezem
schönstens bedanke« sagte Mutter Hanna lachend und Sidonie lachte auch
    Dezimus aber vermochte eine ritterliche Wallung nicht länger zu bemeistern
Denn bei aller Bewunderung für das glänzendste Meteor an seinem Jugendhimmel
hatte er in dem Kampfe der an demselben ausgebrochen war mit Entschiedenheit
Partei genommen für den treuen Abendstern der sich aus seiner gesetzmässigen
Bahn nicht verdrängen ließ So einfach als ob es sich um einen mathematischen
Folgesatz handelte sagte er daher
    »Warum will denn aber gnädiges Fräulein Ihr Herr Bruder nicht warten bis
seine Braut ihre edle Aufgabe vollbracht oder er selbst sich eine unabhängige
Stellung errungen hat Einem der begabt ist wie er sind Tor und Tür ja nach
allen Seiten hin aufgetan und wie viel reiner muss die Freude des
Zusammentreffens am Ziel mit dem Bewusstsein erprobter Kräfte sein«
    »Max und warten« hatte zu Anfang der Rede Sidonie belustigt der Pastorin
zugeraunt Jetzt beim Schluss des Vortrags sagte sie aber schon wieder in hellem
Ärger »Gut Heil Ihnen Kandidat in spe auf solchem Philisterwege Zuvor aber
beantworten Sie mir gefälligst die Frage da die Demut doch noch weit mehr als
die Lammsgeduld eine christliche Tugend ist warum nahm denn Ihre fromme Lydia
die Mittel zur Erfüllung ihrer edlen Aufgabe aus meiner Hand nicht an Durfte
sie mir zutrauen dass ich die Familie in welche mein Bruder getreten war in
Dürftigkeit gelassen haben würde Wenn sie sich gegen ihre Gewöhnung
einigermaßen beschränken musste nun so büsste sie eben ihres Vaters Schuld So
wäre es recht gewesen so billig Aber nein Zum Danksagen ist man zu erhaben
Ein Weltkind aufzugeben ein anderes zu berauben ist ganz in der Ordnung
beiden das Gnadenbrot anzubieten wohl gar noch Großmut der bloße Gedanke
treibt mir die Galle in das Blut Komme es wie es mag ich danke Gott dass Max
sich aus dieser tugendhaften Umstrickung losgerissen hat Nun und nimmer würde
er an der Seite dieser eisigen Jungfrau anders als elend geworden sein«
    »In letzterem Punkte pflichte ich Ihnen bei« versetzte Mutter Hanna ruhig
»Auf der anderen Seite jedoch muss ich meines Sohnes philisterhaften Vorschlag
dahin ergänzen dass ein Mann mag er zehnmal ein Genie sein das Heiraten
bleiben lassen soll wenn er nicht die Lammsgeduld besitzt sich ein sicheres
Brot verdienen zu lernen Sie aber Kind sollten es sich zweimal überlegen und
wenigstens eine Nacht hindurch beschlafen ehe Sie so eklatant mit Ihrer Familie
brechen Bedenken Sie dass vernünftige Menschen für ihre persönliche Würde weit
weniger heikel als für die ihrer Anvertrauten zu sein brauchen sich selber
würde Lydia getrost zugemutet haben was sie ihrer Mutter nicht zumuten durfte
wie Sie Sidonie Ihrem Bruder nicht was Sie selber getrost sich zumuten
dürfen Lassen Sie ihn denn ziehen wohin sein Genius ihn treibt Mit ihm leben
können Sie vor der Hand nicht bleiben Sie also hier zunächst bei uns Eine
Vermittlung mit Ihrer Familie wird unschwer anzubahnen sein vielleicht nach
mehr als einer Seite hin Jedenfalls sind Sie die Grossmütige nicht Ihre
Kousine wenn Sie in eine Teilung der Revenüen willigen«
    »Ja liebe Sidonie« nahm nun auch Vater Blümel wiederum das Wort »ja
bleiben Sie bei uns und sammeln Sie feurige Kohlen auf Lydias Haupt Das
unglückliche Mädchen handelte gemäß seinem Grundgesetz also recht Es gibt aber
kein weheres Geschick als wenn wir unserem Gewissen nicht etwa bloß unser
eigenes Glück sondern das Glück derer die wir lieben zum Opferbringen müssen
Sie retten den Frieden einer Seele Sidonie«
    Sidonie blieb nicht unbewegt bei diesen Worten Die erste Wallung war
verdampft und zu trotzigem Stolz war sie zu klug Sie reichte den beiden alten
Freunden über den Tisch hinüber die Hand und sprach »Handelte es sich um mich
allein würde ich Ihrem Rate vielleicht folgen und Lydia eine Genugtuung gönnen
wie ich an ihrer Statt sie mir selbst gegönnt haben würde Mir gegenüber ist sie
ja faktisch auch durchaus in ihrem Recht Aber auch ich habe ein Grundgesetz
Freunde und das heißt Treue gegen meinen Bruder Ich darf nicht durch die Hand
eines Mädchens das seine Liebe so gering achtete um sie einem nüchternen
Pflichtgebot unterzuordnen mir meinen Lebensweg  und das hieße indirekt den
seinen  bequem machen lassen Ich muss sein Schicksal teilen«
    »Und was denken Sie zu tun Wohin wollen Sie sich wenden«
    »Zunächst gehe ich zu meiner Mutter Ich habe aus der römischen Fülle eine
hübsche Sparsumme gerettet die für den Anfang genügt Das Weitere wird sich
finden Tor der man ist Programme zu entwerfen die der leiseste Atemhauch des
Schicksals oder der Leidenschaft wie Kartenhäuser umbläst Ich sage wie mein
Max nur auf die Gunst des Augenblicks ist Verlass«
    Der Wagen fuhr bei diesen Worten vor Ihrem Bruder den peinlichen Eintritt
zu ersparen eilte Sidonie ihm entgegen Die Familie folgte ihr herzlich bewegt
Max sah bleich aus und sprach kein Wort
    »Ich schreibe bald« rief Sidonie vom Wagen herab
    Die Freunde lauschten unter der Tür bis zum verhallenden Räderrollen Dann
sagte Röschen halb betrübt und halb ärgerlich
    »Euch alle dauert Lydia und ihr bewundert sie Mich dauert Max und ich
bewundere seine Schwester Ach und wie einödig wird es nun in Werben werden
Wenn du auch noch fort bist alter Dezem halte ich es nicht mehr aus«
Der gemütliche und tätige Anteil an dem Schicksalswechsel der Menschen zu
welchen er hoch emporgeblickt hatte Dezimus völlig in Anspruch genommen Es
heißt etwas für einen Jüngling zum ersten Male einen idealen Stern sich
verdunkeln ein Idol verkümmern sehen Nun jedoch da der Tageslauf wieder in
sein Gleichmass trat fiel ihm ein dass die Freiheitspforte die sich seinem
stolzen gestürzten Helden geschlossen für ihn den bescheidenen aufgetan
hatte
    Es war ihm bis heute nicht ein einziges Mal in den Sinn gekommen dass sein
Leben sich in einem anderen als dem von seinen Wohltätern gezogenen Gleise
abspinnen könne Als Stipendiat von Werben seiner Heimat durch treuen Fleiß Ehre
zu machen dereinst seines Vaters Gehülfe und in ferner Gott wolle
allerfernster Zeit sein Nachfolger zu werden das war sein Ziel und er blickte
auf dasselbe mit dankbarem Stolze Völlig unerwartet war nun auf ein diesem
Ziele schnurstracks entgegengesetztes als das seiner Natur gemässere nicht bloß
gedeutet worden sondern auch mit großmütiger Hand die Bahn zu demselben
geebnet und er spürte ein heißes Verlangen diese Bahn zu betreten Die Analyse
des sichtbar Unendlichen dünkte ihm auf einmal weit interessanter als die
Auslegung der Apokalypse Sternenbahnen erforschen auf stiller Warte weit
zusagender als Predigten halten auf der Kanzel von Werben
    Hiess denn nun aber seinem Gelüste folgen nicht alle Erwartungen seiner
Wohltäter vereiteln Hiess es nicht schnöder Undank abzuweichen auf einen Pfad
auf welchen sein Vater und Bildner ihm nicht zu folgen vermochte Und zumal auf
einen der selbst in weiter Ferne und Fremde ein gedeihliches Ziel noch
zweifelhaft ließ während das gedeihlichste in nächster Nähe gesichert war
Mochte ein leibliches Kind solches Opfer von seinen Eltern zu fordern berechtigt
sein aber auch das Kind der Barmherzigkeit die hülflose Waise vom ersten
Lebenshauche an Und sein Röschen
    Dezimus stand erst im Aufschritt zu der Jünglingsstufe sein Puls schlug
ruhig und seine Phantasie schweifte mehr zwischen Sternen als Menschenbildern
sein Verhältnis zu dem schönen Mädchen hatte im Grunde daher noch nicht Hand und
Fuß Wenn Röschen ein Knabe gewesen wäre würde es sich kaum anders gestaltet
haben Dass er aber dem Kinde neben dem er in der Wiege gelegen hatte angehören
müsse bis in das Grab dass eine Liebe für die er keinen Anfang wusste auch kein
Ende haben könne dass unter welchem Namen auch immer er zu dieses Kindes
Schirmer berufen sei zu seinem Versorger seinem nächsten ewigen Freund das
stand für ihn fest wie ein Naturgesetz nicht erst seit heute oder gestern
sondern seitdem er sich seines Daseins bewusst geworden Die kleine Rose war ein
Teil von ihm sein bestes Teil Und was konnte er auf dem neuen Lebenswege für
sie werden
    Noch ein drittes kam dazu Von dem Augenblicke an wo sein stolzester
Knabentag damit abschloss dass er das weiße Fräulein aus dem Hutmannshause treten
sah und er sich zum ersten Male deutlich als das Kind dieser armen Hütte gefühlt
hatte von dem Augenblicke an waren seine Gedanken häufig zu den unbekannten
Brüdern in die Ferne geschweift Nicht aus Blutszwang wie Max von Hartenstein
geringschätzig solchen Trieb genannt nicht einmal aus neugierigem Verlangen
einfach aus einem Gefühl der Beschämung wie es jeden gutgearteten Menschen
überkommt wenn er sich selbst in unverdienter Fülle und Gleichberechtigte in
ebenso unverdienter Entbehrung sieht Er hatte damals auch alsobald den Vater
nach dem Schicksale seiner Geschwister befragt und erfahren dass der treue
Gemeindepfleger sie nicht aus den Augen verloren hatte Je mehr sie freilich
selbständig im Leben Fuß fassen lernten um so seltener war eine Auskunft über
sie zu ermitteln gewesen Die Dezimus im Alter zunächst Stehenden waren früh
gestorben die Erwachsenen wie Heimatslose in der Welt verstreut Ob wo und wie
viele ihrer vielleicht heute noch leben Gott Vater wird es wissen ihr Bruder
Dezimus weiß es nicht
    Ein erwünschter Zufall war es daher dass vor Jahr und Tag der älteste von
den beiden die beim Tode der Eltern bereits Soldaten waren sich mit dem Gesuch
eines Taufzeugnisses zum Zweck seiner Verheiratung an den Pfarrer von Werben
wendete und dass durch ihn ein schwacher Faden sich wieder anknüpfen ließ Bruder
Klaus war nach Ablauf seiner Dienstzeit Ruderknecht später Matrose und endlich
Steuermann auf einem Kauffahrteischiff geworden er kam nur selten an das Land
wo er dann im eignen bescheidenen Heimwesen auf einer der friesischen Inseln
einkehrte Wer von seinen Brüdern noch lebte wusste auch er nicht Nur durch
Zufall war er einmal mit seinem soldatischen Kumpan dem einzigen der ihm von
Angesicht erinnerlich geblieben zusammengetroffen als dieser im Begriffe
stand nach Amerika auszuwandern Dort so schrieb der Prediger der Insel der
diese Nachrichten seinem binnenländischen Amtsbruder vermittelte war auch er
verschollen und das Enaksgeschlecht aus dem Hirtenhause demnach wahrscheinlich
zusammengeschmolzen bis auf zwei
    Diese Rückwärtsgedanken waren in Dezimus nun aber besonders lebhaft angeregt
worden als er bei Gelegenheit des Werbenschen Erbes die Fragen des
Blutszusammenhanges und der Verpflichtungen welche er auferlege von den
verschiedensten Standpunkten erörtern hörte Sein ganzes Herz gehörte ja den
Wahlverwandten ein heimlicher Gewissensdrang trieb ihn aber den Naturverwandten
entgegen und als durch Stipendium und Legat ihm die Mittel zu einer Notülfe
geboten wurden schrieb er an den Bruder Steuermann im Inselhause schilderte
sein eigenes glückliches Los sprach den Wunsch des Bekanntwerdens aus bat
dringend um gelegentliche Forschung nach dem in Amerika verschollenen Friedrich
und erklärte sich zu brüderlicher Handreichung froh bereit
    Sein Herz schlug befreit nachdem er diesen Schritt in seinen ältesten
Zusammenhang zurückgetan hatte Vermochte er denn aber die verheissene
Handreichung wahr zu machen wenn er die abirrende Bahn zu einem zweifelhaften
Ziele betrat Denn mit dem gutgemeinten Verspruch hatte er leider die Dämonen
der langen Zahlen und großen Rohre keineswegs ausgetrieben Er mochte sich
winden und wenden wie er wollte er kam aus dem Zwiespalt von Lockung und
Pflicht nicht heraus Sogar sein bis dahin unangefochtenes robustes Hirtenblut
zeigte Spuren des heimlichen Kampfes die roten Backen erblassten der Leib
magerte ab der Schlaf wurde unruhig schlechtin hohläugig sah der arme Junge
aus und so musste es zweifelhaft erscheinen ob die großmütige Legatarin indem
sie seine Schülerwiege verrückte ihm nicht eher eine Wehetat als eine Wohltat
erwiesen hatte
    Hätte er nur einen weisen Mann gewusst den er zum Schiedsrichter der
strittigen Parteien in seiner achtzehnjährigen Brust hätte aufrufen dürfen Aber
er wusste nur einen den weisesten der Weisen und just vor ihm hätte er den
Tummelplatz in undurchdringliche Nebel hüllen mögen Oder hätte er nur einen
mitfühlenden jungen Gesellen gewusst in dessen Herz er seine Ängste ergießen
konnte Aber er hatte gute Kameraden die Hülle und Fülle ein Spezial jedoch war
ihm seit der Kinderstube immer nur sein Röschen gewesen und was dieser Spezial
ihm raten würde brauchte er nicht erst zu erfragen »Dummer Dezem natürlich
musst du Pastor werden und in unserer hübschen Pfarre bleiben Für das gnädige
Legat machen wir uns alle Jahre eine Lust«
    So fragte er denn Röschen nicht aber er fragte Peter Kurzen als dieser das
nächste Mal in die Pfarre eingesprungen kam und Peter Kurze zog die Augenbrauen
in die Höhe und antwortete mit salbungsvoller Stimme
    »Verehrungswürdiger Gutfreund dessen Namen ich nicht auszusprechen wage
das Heu beider Bündel duftet süß So dächte ich natur und vernunftgemäss wir
genössen von beiden«
    Von beiden Mit Peter Kurzen war freilich ernstaft keine Sache
abzusprechen im Spasse aber traf er manchmal den Nagel auf den Kopf Von beiden
    Oftmals dachte Dezimus an sein weißes Fräulein wennschon er ahnte dass
Lydias Ratschluss nicht anders lauten würde als »Entsage« Was verlangte er denn
aber Besseres als eine unumstössliche Richtschnur für seinen Willen Ja gewiss
er würde dieser Meisterin in der schwersten aller Lebenskünste blindlings
nachgeeifert haben hätte er nur ohne Zudringlichkeit sich irgendwo und wie bei
ihr Gehör zu verschaffen gewusst Allein er hatte seit jenem verhängnisvollen
Tage sie nur dann und wann aus der Ferne gesehen wenn sie im Morgengrauen oder
Abenddämmer vor ihres Vaters Grabe stand Sie war eine Nonne geworden und ihr
Bereich in Wahrheit zu einem Kloster
    Ihre Mutter genas allmählich im Laufe des Sommers Obgleich sie bewusstlos
auf dem Fieberbette gelegen hatte dennoch die Zeit ihr linderndes Wunder an der
sanften Seele gewirkt und nun stumpfte die Ermattung das Herzeleid ab Ihre
Umgebungen ihre äußere Lage waren die gewohnten geblieben nichts fehlte als
der dessen Qualen sie seit Jahren in der Stille qualvoll mitempfunden hatte
und der war selig bei seinem Herrn Für eine Ottilienseele ein erträglicher
Schicksalsschlag unter einer schweren Mutterlast wäre sie zusammengebrochen
    So fand sie sich denn auch leichter als man gefürchtet hatte in die
Trennung von ihrem Liebling welche gemäß des Vaters letztem Willen in dieser
Zeit stattzufinden hatte leichter zumal auch dadurch dass der ungestüme Knabe
sich aus der Eintönigkeit des Trauerhauses bereitwillig in einen neuen Zustand
versetzen ließ Phöbe war schon zu Ostern von dem Vater eingesegnet worden der
bisherige Informator schied daher aus der Familie um in einer kleinen
lutherischen Gemeinde der alten Heimat das Seelsorgeramt zu übernehmen Martin
war zu seinem Regiment zurückgekehrt nur seine beiden jüngsten Schwestern
wurden dann und wann noch in der Pfarre gesehen um für ein paar Stunden
fröhlich darin aufzuleben
    In den Augen der gesamten Familie und zumeist in denen der kindlichen Mutter
war Lydia an die Stelle des Vaters gerückt Wie sie des Hauses Versorgerin
geworden war wurde sie bedingungslos dessen Autorität Ein sonniger
Frühlingstraum war verweht ein düsterer Todesschatten vorübergezogen das Leben
glitt hin in gewohntem nur noch lautloserem Gleis
    Die Mitteilung welche Sidonie versprochen hatte blieb aus monatelang
wusste man weder auf dem Schloss noch in der Pfarre was aus den Geschwistern
geworden sei Erst zu einer Zeit die eigentlich bereits in den nächstfolgenden
Abschnitt gehört kam durch Martin  unter dem Siegel der Verschwiegenheit 
eine bewegliche Kunde an seinen Freund Dezimus Max hatte sich schon vor seiner
Reise nach Rom zum Landwehroffizierexamen gemeldet halb und halb wohl mit dem
Vorbehalt eines eventuellen Übertritts zur Linie Nun war kürzlich seine Wahl in
eklatantester Weise von dem Offizierkorps abgelehnt worden Als Anlass vermutete
man eine Reihe von Gedichten welche unter seinem vollen Namen in einem
neugegründeten freisinnigen rheinischen Zeitblatt erschienen waren und in den
höchsten Regionen schweres Ärgernis hervorgerufen haben sollten Der brave
Martin war »ganz aus dem Häuschen« wie er selber es nannte über die Schande
welche der ganzen Familie angehängt worden sei und welche er selbst in seiner
Karriere gehörig werde ausbaden müssen Auch dauerte ihn sein Vetter der
bisher ein Glückskind wie wenige nun auf einmal aus einer Patsche in die andere
gerate »Und« so schloss der Brave »und alles um ein paar elender Verse willen
um die kein Hahn gekräht hätte wenn man nicht solches Wesen davon gemacht Und
wenn ich ihrer ein dickes Buch voll gelesen hätte mir wäre als hätte ich
Wasser getrunken«
    Da die betreffenden Zeitungsnummern konfisziert worden waren lag wenigstens
eines der Gedichte dem Briefe bei Pastor Blümel  für welchen das Siegel nicht
unerbrochen blieb  nannte es eine gereimte Umschreibung der zweiten
Prometeusstrophe nur dass der nicht mehr Zeus hieße »dessen Majestät sich
kümmerlich von dem Gebetshauch hoffnungsvoller Toren nährte« Indessen wollte
auch dem guten Blümel das ehrenkränkende Verdikt gegen den »Zornesausbruch eines
heilig glühenden Herzens dem die ersten Blütenträume nicht gereift waren« wenig
einleuchten Er sah in der Offiziersuniform das sicherste Korrektiv aller
Titanengelüste und fürchtete die Früchte welche die Erbitterung zeitigt Pastor
Blümel seufzte viel an diesem Tage und rauchte stark
    Als Lydia zum ersten Male die Einkünfte der Werbenschen Stiftung bezog
sendete sie die Hälfte des Betrags durch Pastor Blümels Vermittlung an Sidonien
unter der Adresse ihrer Mutter Umgehend erhielt sie die Summe auf gleichem
Umwege zurück Die Professorin behandelte ohne jegliche Spur von Enttäuschung
oder Verletztsein die Angelegenheit rein als Geschäft Ihre Tochter so meinte
sie habe für einen derartigen Ausgleich nicht einmal den Anspruch der
Billigkeit da es keinem Zweifel unterliegen könne dass Fräulein von Werben bei
Abfassung ihres letzten Willens an die aussichtslose Familie ihrer Nichte
Ottilie gedacht habe und nicht an Sidonie die weder zurzeit noch soweit sich
voraussehen ließe in Zukunft einer solchen Zuwendung bedürftig sei oder sein
werde Im übrigen scheine ihre Tochter sich im mütterlichen Hause heimisch
einzugewöhnen und sie sende den Pfarrfreunden ihre besten Grüße Des Sohnes
wurde nicht erwähnt
    Lydia vermochte mit dieser Abweisung sich nicht zufrieden zu geben Es
widerstand ihr auf Kosten der Verwandten die sich  und wie Lydia glaubte mit
gutem Grund  für die Nächstberechtigte gehalten hatte ein mehreres in Anspruch
zu nehmen als zur Versorgung ihrer Familie erforderlich war und sie ersehnte
den Zeitpunkt wo sie auf das Ganze verzichten durfte Wie tiefes Elend war um
dieses leidigen Mammons willen über sie gekommen  Durch Pastor Blümels des
zeitweiligen Kurators der Stiftung Hand legte sie daher die Teilsumme bei jedem
Termine hypotekarisch nieder sei es zur späteren Verfügung ihrer Verwandten
sei es zu einem von diesen zu bestimmenden wohltätigen Zwecke
    Der Herbst war gekommen ein milder gedeihlicher Weinherbst aber keiner im
Pfarrhause freute sich wie sonst auf die Lese da der Sohn sie heuer nicht
mitfeiern durfte Das liebe Röschen war wie es sagte ganz desperat Es stellte
in seiner Desperation allen Ernstes den Antrag mit seinem alten Dezem auf die
hohe Schule zu ziehen ihm den Haushalt zu führen wie schon manche Pfarrtochter
es ihren studierenden Brüdern getan und nebenbei in einer Fabrik das
Blumenmachen zu erlernen Und während dieses Antrags streichelte das liebe
Röschen seinem alten Dezem die Backen kniff ihm zärtlich die Ohrläppchen und
zupfte ihn an seinen langen strohgelben Haaren Der alte Dezem aber  ei nun
es war ein Vorschlag zur Güte  und der alte Dezem hätte sich solch eine rosige
Studentenwirtschaft mit tausend Freuden gefallen lassen Zwei gewichtigere alte
Leute ließ sie sich aber durchaus nicht gefallen und diese gewichtigen alten
Leute hießen Papa und Mama Da schmollte das liebe Röschen ein Weilchen lachte
dann und flocht einen Asternkranz ihr alter Dezem dagegen schmollte nicht
sondern versank wiederum in sein Sternensehnen
    An einem der letzten Nachmittage waren die beiden jungen Schlossfräulein
gekommen um mit Röschen im Pfarrberge Trauben zu naschen Dezimus hatte den
Vater auf seinem Vespergange durch das Dorf begleitet und saß nun mit ihm unter
den rotbeerigen Ebereschenbäumen auf dem Hünengrabe den Untergang der Sonne
geniessend Solch ein himmelreines Schauspiel ist im späten Oktober eine seltene
Gunst und wenn es vielleicht das letzte ist das binnen einer Sonnenwende in
einer lieben Heimat genossen wird da rührt es ein junges Herz wohl bis auf den
Grund
    Auch der Vater hatte in andächtiger Stille der versinkenden Flamme
nachgeschaut bis der abendliche Horizont in ein Purpurmeer verwandelt schien
Dann hob er an
    »Zum ersten Male mein Sohn und leider Monde hindurch bin ich irregeworden
an dem sicheren Gefühl dem ich als dem Leitstern deines Lebens vertraut habe
Ich sehe dich bei zufälligem Anlass schwindelnd schwanken und wer bürgt dem
Schwankenden dass er nicht strauchele dem Strauchelnden dass er nicht falle«
    Dunkle Schamröte überzog des Jünglings Gesicht er sah sich durchschaut von
dem einzigen vor dem er seine Blöße hätte verhüllen mögen Denn die
Dankbarkeit wie jede echte Liebe ist keusch
    »Durch eine förderliche Fügung« fuhr der Vater fort »ist dein Blick auf
einen Beruf gelenkt worden welcher dem von dir bisher in das Auge gefassten
zuwiderläuft und welchen du urplötzlich als den dir natürlich eingeborenen
erkennst Hättest du ihn ohne jene Fügung verfehlen können wenn er wirklich
deine Grundbestimmung gewesen wäre Und warum willst du eine Entscheidung vom
Zaune brechen da sie dir nach einer Probezeit als reife Frucht in den Schoss
fallen muss Es sind nur wenige Gebiete auf denen in unserem kurzen Hienieden
ein gründlicher Forschersinn heimisch zu werden vermag aber je eines mehr ist
eine Verdoppelung unserer Existenz Warum willst du nicht ein paar Jugendjahre
daransetzen um jenes dir vorbestimmte Gebiet zu prüfen das wie dunkel und
begrenzt es auch erscheint doch des Menschen ewigstes Anliegen umfasst Ist es
dir denn verwehrt daneben oder danach auf jenes andere abzuschweifen das klar
überschaubar sich dennoch in das Grenzenlose verliert und in Ewigkeit ein
Bruchstück bleiben wird Warum willst du den seltenen Vorzug nicht nützen deine
Kräfte nach zwei diametral entgegenlaufenden Richtungen hin zu prüfen«
    »Aber die Zeit die mir auf diesem Kreuzwege verloren geht Vater« wendete
Dezimus schüchtern ein »Ich könnte nahe dem Ziele stehen wo ich dort vor einem
Anfang stehe«
    »Doch als ein gefesteter Mann der ohne Fehltritt weiterschreitet Wohl dem
Jüngling der nicht mit seinen Lehrjahren zu geizen braucht«
    »Und dann Vater und dann  beraube ich nicht einen Bedürftigen wenn ich
eine Wohltat zwecklos vergeude«
    Der Greis blickte zuerst betroffen vor sich nieder darauf aber mit einem
vollen Liebesblick auf den Sohn und endlich sprach er in freudigster
Entschiedenheit »Ich danke dir für dieses Wort mein Sohn Es soll mir als
Schiedsspruch gelten dass ich deine Wiege an den rechten Platz gerückt habe und
dass ich als dein Vater verpflichtet bin die völlige Reife der Entwicklung von
dir zu fordern Ach mein Kind das Leben hat nicht Sonnenschein für alle und
wir berauben jedesmal einen Bedürftigen wenn wir uns einer Himmelsgunst
erfreuen Wo aber wäre ein Mensch ohne solche Selbstsucht fertiggeworden Und
sich selber fertigbringen soweit die eingeborene Gestaltungskraft reicht ist
des Menschen oberstes zeitliches Gesetz denn nur nach dem Masse seiner
Fertigkeit wirkt er«
    Der Greis machte eine kleine Pause dann fuhr er fort
    »Bei deiner ruhig wägenden Gemütsanlage bei der engen Umfriedigung deines
bisherigen Daseins würdest du es nur zu einer einseitigen Ausgestaltung bringen
wenn du mit dem ersten Schritt in die Freiheit dich einbürgertest in einem
abstrakt ideellen Reich in welchem es wohl gilt stetig vorwärts zu dringen
aber nicht zu ringen wohl zu wägen aber nicht zu wagen Leben aber
Mannesleben heißt Kampf und Kampfes Zeuge sein Ein solcher Ringkampf um der
Menschheit höchste Güter ist nun aber ohne dass du es ahnetest während deiner
Knabenjahre aufgelodert und wird in deinen Mannesjahren noch nicht ausgelodert
sein Auf weltlichem Gebiet wie auf dem geistlichen in welchem du deine Schule
durchzumachen hast stehen die Parteien widereinander unter dem Feldgeschrei
Hie Freiheit hie Autorität Aus kindlicher Ferne hast du in dem Propst von
Hartenstein und Professor Zacharias zwei bedeutende Männer kennen lernen die
dir als Chorführer gelten dürfen Zwischen ihnen aber streifen Plänklerscharen
diesseit wie jenseit sich berufend auf das nämliche Schibolet aber
haarspaltend miteinander hadernd um die Heischungen des Gemütes des
Verstandes ja der kennzeichnenden Uniform Auf einen dieser Tummelplätze sende
ich dich nun mein Sohn um dir soweit es dem Menschen gegeben ist eine reine
Lösung für den eigenen Geist zu erringen Denn eine beherrschende Stellung wird
kein Heutiger mehr erreichen noch niemals hat die Menschheit drei Jahrhunderte
zurückgelebt Die segenfördernde Macht des Gottesgedankens die ewige Botschaft
der Barmherzigkeit in der Seele deines Volkes in bescheidenem Umkreis rege zu
erhalten ihm ein Lehrer ein Tröster ein Freund und Vorbild zu sein das und
kein glänzenderes ist dein Ziel auf der von Kind ab vorgezeichneten Bahn
Solltest du während derselben erkennen dass sie weder dich noch andere zu jenem
Ziele führen würde sollten berechenbare Messungen dich stärker locken als das
Geheimnis des Wortes das du zu ergründen und zu verkünden hast dann aber nur
dann ist es nicht bloß dein Recht sondern deine Pflicht auf jener sich
kreuzenden Bahn vorwärts zu dringen nach dem Urgesetz der Wahrhaftigkeit So
ziehe denn aus mein Sohn und wie du nach treuer Arbeit dich entschieden haben
magst du kehrest heim des bin ich getrost als unser gesegnetes unser
glückliches Johanniskind«
    Lächelnd doch feuchten Auges schloss der Greis seine Rede Dezimus aber der
Junge schlecht und recht fiel wie erlöst zu seines Vaters Füßen presste dessen
beide Hände gegen sein Herz und heiße Tropfen rannen darauf nieder Ein
vernehmliches Wort aber sprach er nicht
    Am anderen Tage obgleich es der Abschiedstag war ging er wie auf Federn
ja wahrlich der stämmige Enakssohn er schwebte so leicht war sein Herz Sein
Abiturientenzeugnis hatte brav gelautet und die Trennung währte ja nur kurz
zum heiligen Christ war er wieder da Er empfahl sich in beiden Gemeinden Haus
bei Haus selbst bei seinem Vizepaten versuchte er vorzudringen zu seiner
Genugtuung indessen vergeblich Auch Lydia war nicht sichtbar Frau von
Hartenstein aber entließ ihn mit mütterlichen Tränen und ihre beiden jüngsten
Töchter schenkten ihm die Andenken die ihm schon zum Geburtstage bestimmt
gewesen waren Die kleine Phöbe hatte eigenhändig 365 Blätter je mit einem
Bibelverse beschrieben Alle Morgen sollte ihr guter Dezimus so wie es im
pröpstlichen Hause gang und gäbe war sich auf einem dieser Blätter die
Tageslosung ziehen Fräulein Priszilla aber brachte gar ein schönes Album auf
das sie unter einem Kornblumenkranze seinen Namen gestickt hatte und in welches
sich mit Ausnahme des kranken Vaters sämtliche Familienglieder eingetragen
hatten auch Max dazumal noch hoffnungsvoller Bräutigam war darin verewigt
wennschon nicht mit einer eigenen Inspiration so doch mit einer dem Schüler
gemässen Horazischen Sentenz Lydia hatte geschrieben
    »Dring durch die Kreise bis zum fernsten
    Vor dessen Licht kein anderes sich behauptet«
    Dante war einer der wenigen Dichter welche Lydia als Vorleserin ihres
Vaters gründlich kannte und vielleicht der einzige welchen Max nicht las
    Am Abend war in dem Hause aus welchem der Sohn scheiden sollte die tapfer
verhaltene Wehmut nicht länger zu bannen Kein Scherz und kein Ernst wollten
mehr verfangen ein jeder zögerte mit dem Aufbruch zu beginnen Erst als es
Mitternacht schlug erhob sich der Vater legte schweigend die Hände auf des
Jünglings Haupt und stieg hinunter in das geistliche Gemach
    »Ich sehe dich noch mein Dezimus« sagte die Mutter indem sie rasch das
Zimmer verließ
    Bruder und Schwester waren allein Sie schlang die Arme um seinen Hals und
sagte zwischen Schluchzen und Lachen »Dass du mich nur liebbehältst alter
Dezem unter den Scharteken und Rohren deiner dummen Universität« Dann lief
sie beide Hände vor dem Gesicht der Mutter nach
    Das liebe närrische kluge Röschen wie wäre es nur möglich gewesen dass
irgendwo und wie und wann ihr alter Dezem sie nicht liebbehalten hätte
    Er dachte den Weg wie dazumal auf der Suche nach der fremden Blume zu Fuß
zu machen legte sich daher gar nicht nieder sondern saß an seinem
Kammerfenster bis der Morgenstern in voller Herbstpracht aufgegangen war Dann
brach er auf
    Als er die Haustür leise öffnete kam die Mutter ihm nach drückte ihn an
ihr Herz und schluchzte ja sie schluchzte »Vergiss nur die Wäschzettel nicht
mein Dezem«
    Die liebe närrische kluge Mutter als ob ein Sohn den sie erzogen hat
die Wäschzettel vergessen könnte
    Der nächste Weg zur Landstraße führte über den Friedhof Während er zu einem
Abschiedsgruss vor dem Hügel der Mutter stand deren Liebe ihm eine Fremde
ersetzt hatte trat hinter dem weißen Marmorkreuz das den Namen Joachim von
Hartenstein trug eine dunkle Gestalt hervor Es war Lydia die an dieser Stelle
täglich die Sonne aufgehen sah Er konnte es nicht lassen er trat an sie heran
und reichte ihr die Hand Sie hielt sie eine lange Weile in der ihren und
schweigend schieden sie
    Als er unter der Pforte sich noch einmal umblickte stand die hohe dunkle
Gestalt regungslos wie zuvor neben dem weißen Kreuz Und so war das letzte Bild
das er aus der Heimat in sein neues Leben trug das der Jungfrau über welcher
der Morgenstern leuchtete
 
                              Die ersten Prüfungen
Die akademische Zeit ist dem Zeitraum nach kein Stufenjahr Es gibt aber wohl
manchen studierten Mann der mit dieser ersten Sprosse auf der Freiheitsleiter
auch die oberste erklommen hat und keinen einzigen wird es geben dem wenn er
schon lange Jahre den Berg des Lebens abwärts steigt nicht ein Rosenflor der
Jugend die welken Wangen überflöge sooft Gedanke oder Rede rückwärts schweifen
auf die kurze Spanne wo er das Gaudeamus sang und Unsinn Weisheit nannte
    Und da will uns denn bedünken als ob das Wertzeichen des Zustandes welchen
wir einen glücklichen nennen weit weniger der Genuss sei welchen er gewährt
als die Erinnerung welche er hinterlässt Denn ach wie bleiern drückte oftmals
die Gegenwart die im Gedächtnis so goldig leuchtet Wie viele freie Musensöhne
gab es  und gibt es vielleicht auch heute noch  denen wenn sie abends im
engen Dachstübchen matt und müde sich auf ihr schmales Federbett niederwarfen
der Kopf geraucht hat nicht nur von den unlösbaren Problemen der
Weisheitsschulen sondern weit mehr noch von den Pauklektionen in welchen sie
den Tag über noch manch dickhäutigeres Haupt als das eigene rauchen machten
die nur halbsatt vom Freitisch im Konvikt und vom barmherzigen Wandertisch
nach dem Bierseidel und der Knasterpfeife den mundstopfenden Mächten des
knurrenden Magens vergeblich schmachteten wie viele denen wenn sie sich
morgens die bedenklich ausplatzenden Stiefel wichsten und am fadenscheinigen
Rock die abgesprungenen Knöpfe festnähten wenn sie die Kragen und Manschetten
welche das einzige Wochenhemd schamhaft verhüllen sollten auf die umgekehrte
Seite wendeten denen dann wiederum der Kopf geraucht hat über das Problem der
fälligen Wäschgroschen und Schustertaler Ach wie viele freie Musensöhne die 
ade Humor  sehnsüchtig des goldenen Handwerksbodens daheim gedachten mit
Seufzen die Bissen berechneten die Vater und Mutter für dieses Martyrium der
Gelehrsamkeit dem eigenen Munde absparten und die dann »grollend schon in
Blütentagen« ausriefen »O du Galeere du Sklavenmarkt von Welt«
    Ja groß war auch in des Hirtensohnes von Werben Zeit und Zone die Zahl
dieser Märtyrer der Wissenschaft welche die beste Jugendkraft verbrauchten die
Dornen und Steine aus ihrem Wege zu räumen um dann vom Bücken gekrümmt ihre
Straße sachte bergan zu schlendern und erst beim Rückblick aus weiter Ferne das
Haupt wieder zu heben und zu rufen »Es war doch schön« Aber der glückliche
Hirtensohn und Stipendiat von Werben gehörte nicht unter diese Zahl
    Auch er kehrte abends in ein Dachstübchen zurück aber es hatte wie seine
heimische Kammer einen freien Horizont und schon im zweiten Semester ragte es
über die Baumkronen des schönen Gartens der die Sternwarte umgab hinweg und
er hatte seinem Hausherrn dem jetzt urgreisen Chaldäer statt des Zinses nicht
mehr als diesen und jenen Handlangerdienst in seiner Wissenschaft zu entrichten
Auch er hatte sich mit dem Überschwang des Bejahens und Verneinens in den
antagonistischen Theologen und Philosophenschulen abzufinden aber er
zermarterte sich nicht Herz und Hirn über den festen Punkt an den er sich in
diesem Wirrsal zu klammern habe denn er wusste eine Ausflucht wo ihm der ewige
Gottesgedanke in ursprünglicher Reine entgegenleuchtete und war er dann und
wann übersatt von unverdaulicher Buchstabenspeise so ward der Durst nach jenem
Born aus welchem wohl Probleme aber keine Kontraste rieseln doch niemals
gestillt sei es dass er sich morgens unter dem mathematischen Katheder
ernüchterte sei es dass er nachts durch mächtige Refraktoren eine neue Welt im
Himmelsozean auftauchen sah
    Auch er gab in freien Stunden Lektionen und Repetitorien aber in dem
Gebiete das ihm das geläufigste war und nur an so weit Vorgeschrittene bei
denen er indem er lehrte noch zu lernen vermochte Auch er setzte dann und
wann die Füße unter den Tisch einer freundlichen Studentenmutter aber nur als
geladener gern gesehener Gast Er brauchte nicht mit Manschetten und
Hemdskragen zu knausern denn das Waschhaus in der Werbener Pfarre war ein
flottes Institut und wenn er auch seine Stiefel eigenhändig wichste und seine
Kleider eigenhändig bürstete Knöpfe und Bänderchen brauchte einer der sich
Frau Hanna Blümels Sohn nannte sich nicht eigenhändig anzunähen
    Er war ein kerngesundes Blut das mit sechs Stunden festen Schlafes
übergenug und darum von vierundzwanzigen achtzehn freie Zeit hatte für die
Verrichtungen zu denen der Mensch wache Sinne braucht Er hatte sich keiner der
neuzeitlichen gottesgelehrten Verbindungen eingereiht war auch weder
Burschenschafter noch Korpsbruder irgendwelcher Kouleur demnach ein Kamel aber
doch ein kreuzbraver Kamerad und nach wie vor Peter Kurzens des standfesten
Teutonen spezialster Spezial sein zweiter Freund denn der erste war »natur
und vernunftgemäss« Peter Kurze selbst  Er hat sich wenig in Fechtut und
Paukhandschuhen auf der Mensur geübt aber die Flinte lernte er während seiner
freiwilligen Dienstzeit gleich im ersten Jahre handlich regieren Er hatte eine
durstige Studentenleber für alle Tage indessen doch nur auf klaren Born und
durfte er sich auch nicht der Charakterstärke rühmen die das Übel und Weh der
ersten Knasterpfeife mit stoischem Gleichmut überwindet um es in der Fertigkeit
des Giftverdampfens so weit als möglich zu bringen ein Spassverderber war er
darum nicht Er konnte sonder Widerwillen Tabaksqualm riechen und mit Lust einen
Salamander reiben helfen konnte singen allenfalls auch springen und ließ den
Spitznamen des »stillvergnügten Hünen« sich gefallen als ob es ein Ehrentitel
gewesen wäre würde auch schwerlich Blut darum vergossen haben wenn ein
witzboldiger Kumpan den Hünen in einen Philister umgetauft hätte Alles in
allem er gehörte auch in dem akademischen Stufenjahre zu den Glücklichen die
schon in der Gegenwart rufen »Es ist doch schön«
    Ach die köstlichen Sonntagsstunden wenn er nach einer Sternennacht und dem
Morgengottesdienst den allerneckischsten Röschenbrief erbrach in Gedanken die
vergangene Woche Hand in Hand mit dem lieben Kinde nachlebte und am Abend den
Gegengruss berechnet für das Ohr der gesamten Familie im allerehrbarsten
Dezemsstil niederschrieb Und dann jene allerköstlichste Zeit  zusammenaddiert
ein volles Viertel des Jahres  die er als alter Pfarrdezem in der Heimat
verlebte Fand er die herrlichen Eltern nicht jedesmal wohlauf und frohmütig wie
zuvor Schienen sie nicht von ihrem Seelenfrieden geschirmt wie von einer
Glocke die sie absperrte gegen den zerstörenden Altershauch Und fand er nach
jeder Pause sein Röschen nicht immer lockender zur Rose erblüht Klopfte das
Herz ihm nicht immer bänglicher wenn er schied Wusste er aber nicht auch dass
die Liebeshütte an der er geschäftig baute kein leeres Luftschloss war
    Ging er dann freilich aus der Pfarre hinunter in das Schloss da
durchschauerte ihn je länger je mehr ein frostiger Odem als ob er aus einem
blühenden Garten in einen sonnenlosen Kreuzgang träte und das Bild das er von
der ersten Idealgestalt seines Lebens in sein Studentenstübchen zurücktrug
beunruhigte ihn wie ein Rätsel dessen Lösung dem Klarheit suchenden Sinne nicht
gelingt
    Lydia war kaum minder schön als während der kurzen Wochen da der Schmelz
der Liebe ihre Wangen überhauchte ja vielleicht schöner klassischer würde ein
Künstler gesagt haben das Auge erweitert die Haltung majestätischer die
Konturen gefesteter marmorbleich und marmorgleich Aber er sah in ihr nicht
mehr einen Verheißung blinkenden Stern und unwillkürlich erneuerte sich nach
jeder Begegnung in des Jünglings Seele der Eindruck jener Vollmondsnacht die
als lebhaftestes Ereignis aus seinen Knabenjahren ragte Die Blicke haften an
der stilleuchtenden Scheibe wie an einem friedreichen Menschenangesicht da
jählings breitet der Erdschatten sich über sie und als sie vor dem
hundertfältig geschärften Auge wieder auftaucht starrt er auf ein versteinertes
Landschaftsbild mit weißen Graten und dunklen Abgründen zwischen ihnen aber
ohne belebenden Strahl und Strom eine erstorbene Welt oder eine werdende Das
ist das Rätsel
    Was fehlte Lydia Der Vater vor dem sie sich lebenslang gebeugt Der
Geliebte der sie ein paar Frühlingswochen hindurch umfangen hatte Gibt es für
solches Entbehren keine ausgleichende Macht nicht einmal die der Zeit Schritt
sie nicht unwandelbar auf einer ihrer Natur gemässen Bahn Hatte sie nicht das
Bewusstsein unerschütterlicher Treue das ja Genügen geben soll Hatte sie nicht
einen tiefgewurzelten Glauben der ja beseligen soll Ihr Haus glich einem
Kloster Aber spricht man nicht von kindlich stillen glücklichen Nonnenaugen
Auch Lydias Augen waren still aber glückliche Kinderaugen waren es nicht
    Was fehlte Lydia fragten mit dem Jüngling auch die Freunde in der Pfarre
für welche das herrliche Menschenbild ebenso wie für ihn fast unnahbar
geworden war
    »Freude fehlt ihr« schalt Röschen »nichts als Freude Wozu ist einer auf
der Welt als seines Lebens froh zu sein und andere sich seiner froh zu machen«
    »Wo das Herz traurig ist hilft keine Freude« sprach Vater Blümel dem
weisen Salomo nach
    »Die liebe Eitelkeit fehlt ihr nichts als die liebe Eitelkeit« brummte
Peter Kurze
    »Und das soll ein Mangel sein« entgegnete lächelnd Pastor Blümel
    »Wenn es der pure blanke Hochmut ist der dieses lebenspendende Fluidum 
universal verbreitet wie der Sauerstoff der Luft  aufsaugt mehr als ein
Mangel Papachen ein Frevel gegen die menschliche Gesellschaft und eine
spontane Verkümmerung des eigenen höchst werten Ich« eiferte Peter Kurze und
setzte erläuternd mit einem galanten Kratzfuss gegen Schönröschen hinzu »Wenn
die Rose selbst sich schmückt schmückt sie auch den Garten hat der  na der
unsterbliche Wieland gesagt«
    »Beschäftigung fehlt ihr ausfüllende Tätigkeit« meinte Mutter Hanna und
ihr Konstantin dagegen »Ja was soll sie denn tun«
    Ja was sollte sie tun Sie tat was sie vermochte oder was ihr zu tun
gestattet schien Der Hausstand war nach wie vor in der Mutter Hand verblieben
aber sie sorgte für ihre Familie wie ein Vater und da es seit dem Vermächtnis
Fräulein Tusneldens in der Gemeinde wenig Notleidende mehr gab ein wohltätiges
Eindringen in das Einzelnleben daher unstattaft geworden war förderte sie in
den Nachbarstädten die Vereine welche unter dem Namen der inneren Mission
allmählich wenn auch nur schwächlich in Aufnahme kamen Mit besonderem Eifer
weil durch eine Persönlichkeit angeregt widmete sie sich aber den Interessen
der äußeren Mission
    Einer der getreuesten Freunde ihres Vaters der Bruder des Professors
Hildebrand hatte nachdem er seiner Pfarrstelle verlustig geworden gefolgt von
Weib und Kind sich der englischen Missionsstation in Palästina angeschlossen
und daselbst in religiösem wie in etnographischem Betracht einen ausgiebigen
Wirkungskreis gefunden Sein »Palmental« war der jungen Freundin vertraut wie
eine Heimat geworden aus seiner Seele zog in die ihre das Verlangen dem
protestantischen Deutschland eine bis dahin schlummernde Teilnahme für die
Heilsbestrebungen der englischen und amerikanischen Stammes und
Glaubensgenossen an dieser hehrsten Stätte anzuregen Sie las korrespondierte
spendete sammelte für diesen Zweck sie schrieb zu seiner Förderung sogar in
Zeitschriften die ihm zu dienen geeignet waren und da ein verwandtes Streben
gleichzeitig in höchstgestellten Kreisen wach geworden war wurde der Name
Lydias von Hartenstein zu einem weithin genannten während doch ihre Person in
fast unnahbarer Zurückgezogenheit verharrte Eine fürstliche Frau bot ihr einen
Wirkungskreis in ihrer unmittelbaren Nähe mit vom Hofleben befreienden
Befugnissen an Lydia lehnte ihn ab Die Pflicht der sie ihr Glück und ihren
Herzensfrieden zum Opfer gebracht hatte war noch nicht erfüllt sobald sie es
sein würde hegte sie den Plan in dem neuerrichteten evangelischen Krankenhause
der Hauptstadt abschliessend einen Beruf zu suchen Auch bewog sie ihre Schwester
Priszilla in der Zwischenzeit für sie einzutreten
    »Nicht« wie sie dem abmahnenden Pastor Blümel sagte »nicht dass das
lebensfrohe Kind in diesem schweren Dienst eine dauernde Aufgabe finde nur eine
Schule wie jedes Mädchen sie durchmachen sollte um der ernstesten und
wichtigsten weiblichen Aufgabe gerecht zu werden«
    Und bevor ein Jahr ablief hatte das schöne lebensfrohe Kind aus dieser
ernsten Schule einen allerseits befriedigenden Ausschlupf gefunden Ein Kranker
den sie gepflegt ein nicht mehr ganz junger Beamter mäßig mit Glücksgütern
gesegnet aber von guter Familie und strenggläubiger Richtung daher voller
Aussicht zu einer gedeihlichen Laufbahn bot ihr seine Hand Sie wurde von
Herzen angenommen und Phöbe eben herangewachsen rat an der Schwester Stelle
um nach kaum Jahr und Tag denselben natürlichen Ausweg zu finden Ja vielleicht
könnte es sich heute noch zutragen dass einem jungen Fräulein zumal wenn es
sanft und schön wie die Hartensteinschen ist leichter im Krankensaal als im
Ballsaal die Myrte blüht
    Als Dezimus Freis Studienzeit zu Ende lief lebte Lydia mit der Mutter auf
dem Schloss allein sie lebten würdig friedlich und einig nebeneinander wenn
auch nicht miteinander oder ineinander Frau von Hartensteins Tage waren nach
Bedürfen ausgefüllt Sie schrieb viel mütterliche und empfing viel kindliche
Briefe sie hatte Aussteuern herzustellen Hochzeiten auszurichten endlich ein
erstes Enkelkind zu wiegen Was braucht eine Ottilie mehr Lydia aber glich ihr
Leben denn nicht dem »der hohen freien Geister« für welches ihr Vater sie zu
bilden gehofft hatte erhaben über die gemeine Not Und dennoch sagte Konstantin
Blümel in jener Zeit von ihr zu seinem Sohn »Sie siecht an ihrem Ideal«
    Vor keinem Menschen hatte Lydia jemals den Namen ihres einstigen Verlobten
wieder genannt auch Sidonie würde für sie eine Verschwundene gewesen sein wenn
Pastor Blümel dem die Aussöhnung der Familie eine Herzenssache war sie ihrem
geistigen Gesichtsfelde nicht beharrlich genähert hätte Die erste Anknüpfung
bot der folgende Brief welchen Dezimus an seinem nächsten Geburtstage erhielt
    »Da die vorjährigen guten Wünsche uns in der Kehle steckengeblieben sind
erhalten Sie wertgeschätztes Johanniskind die Dosis heuer verdoppelt Ich sehe
im Geiste Sie umschichtig sich erlaben an den Tafeln der Leviten und Chaldäer
und rufe ehrlichen Glaubens Wohl bekomms Ein braver Hirtenmagen verträgt sauer
und süß
    Nächstdem sollen Sie gebeten sein sooft Sie etwas zu schreiben wissen mir
einen Brief zu schreiben frisch von der Leber weg sonder drapierende
Gazewolken die in unserem biderben Deutsch die Welt allemal gleichsam mit
Brettern verschlagen und für geschmackvolle Leute wie Sie und ich vollständig
aus der Mode gekommen sind Auch sollen Sie gleiche Gunst von ihrer Rose
erbitten unter dem lockigen Strudelköpfchen blüht manche Blume auf deren Duft
mich erquicken würde
    Ich grüße die gemütliche Pfarrfreundschaft in corpore die heilige
Schlossfreundschaft nicht einbegriffen denn ich grüße nur solche mit denen ich
es gut meine und gut meine ich es mit meiner sublimen Sippe noch immer
keineswegs Aber nicht mehr wegen der Johannisoffenbarung vom vorigen Jahr und
ihren Konsequenzen Aus reiner Idiosynkrasie Der Lilienduft ist für meine
Nerven zu stark Im übrigen verweise ich konform dem Gesetz der reinen
Vernunft auf Mama Brigittens Deklaration und rechne darauf dass der Reverend
Primrose Numero zwei mich mit seinem Notpfennig aus dem Werbenschen Opferkasten
fortan in Frieden lasse Sela
    Ein Stücklein von Held Martin muss ich indes doch noch zum besten geben
bevor ich hinter die feindliche Basenschaft ein Punktum mache ein Romanstreich
unverkennbar seiner spezifischen Phantasie entsprungen und doch korrekt ein
pröpstlich Hartensteinsches Bravourstück Vernehmen Sie also dass er mir in
optima forma seine tapfere Hand angetragen hat Mir sage ich und bin heilig
davon durchdrungen dass er mit diesem Mir nicht Papa Mehlborns gelegentliche
Erbin sondern die von seiner Familie gekränkte Unschuld im Sinne gehabt hat
wie ich gleicherweise davon durchdrungen bin dass er unter dem Druck des
erhaltenen Korbes nicht an Herzbrechen sterben wird Und so möge sein
ritterlicher Wille ihm mit einer Lorbeerkrone vergolten werden
    In Parentese und zu Ihrem Nutz und Frommen hoffnungsvoller Kandidatus
teologiae und matrimoniae es gibt keine zärtlichere Paarung als wo das
Fräulein klug und mit einem kleinen Verdruss irgendwelcher Art behaftet das
Männlein statt dessen mäßig gewitzigt aber schön und womöglich ein Jahrzehent
jünger ist Umgekehrt will sagen das weibliche Anwesen jung und einfältig und
der Gespons ältlich und hell da mag der Engel mit dem feurigen Schwert immerhin
schon ein wenig auf der Lauer stehen Wo aber der göttliche Intellekt halbiert
ist und Adam dem Evchen Evchen dem Adam mit gleichscharfen Augen auf die Finger
passen die nach der verbotenen Apfelfrucht langen da ist der Weg vom Paradies
zum Infernum ein Katzensprung wennschon es auch von dieser Erfahrungsregel
gesegnete Ausnahmen gibt wie ich selbiges an dem philosophischen Konsortium zu
dem ich neuerdings in Kindschaft getreten bin Tag für Tag erfreulich
wahrzunehmen habe
    Nun aber endlich zu den Fragen mit welchen ich die hochwürdige Blümelei im
Chorus mich bestürmen höre Wie treibts die kleine Sidi Wie geht es wie
gefällt es ihr in der arktischen Zone nach welcher sie urplötzlich aus Arkadien
verschlagen wurde Ei nun leidlicher und lustiger Freunde als Ihr es Euch
träumen lassen mögt wennschon es ein eigen Ding bleibt sich die Kindlichkeit
anzugewöhnen in einem Stadium das sich die Würden einer Respektsperson gefallen
lassen könnte Meine Mutter ist keine von den Musen und Grazien die ich als
Nonplusultra der Weiblichkeit zu verehren gewöhnt worden bin aber eine
gescheite grundredliche grundtüchtige Frau Ich merke mit Staunen wieviel von
ihrem Blute in meinen Adern rinnt Ja hätte ich mich ihrer physischen
Naturkraft zu erfreuen wer weiß ob ich nicht im allereigentlichsten Sinne ihre
Tochter geworden wäre Aber diese Natur Freund Peter Kurze möge hören und
staunen Nie im Leben hat ihr ein Finger weh getan ich bin überzeugt dass sie
uns Kinder vom Baume geschüttelt hat nie im Leben hat sie einen Nerv zucken
gespürt härter noch als ihr Wille ist ihre Haut Stellen Sie sich vor dass sie
bis tief in den Herbst hinein in unserem See badet während mir mitten im Sommer
die Hand abstirbt wenn ich sie eine halbe Minute aus dem Boot in das eisige
Wasser tauche Reines Nixenblut
    Der Professor  er prätendiert nicht dass ich Papa zu ihm sage sondern
begnügt sich mit dem guten Freund  ist ein Ehrenmann Gentleman würde in
gewissem Sinne viel zu wenig und in einem anderen ein wenig zuviel für ihn sein
Kurzum wir vertragen uns sonder anstrengende Toleranz Das Land sagt mir zu
wenn nicht in Italien wüsste ich nicht wo ich lieber leben möchte Für
meinesgleichen kommt gleich nach der hohen Kunst die hohe Natur und die hohe
Gesellschaft erst ein weites Spatium hinterdrein Indessen ist es auch mit der
letzteren nicht ganz so eidgenössisch nüchtern wie ich gefürchtet hatte
bestellt Wir verkehren fast nur  wennschon nicht absolut aus freier Wahl  mit
Ausländern will sagen zumeist Deutschen Flüchtlingen Missvergnügten
Phantasten Narren aber auch etwelchen tüchtigen und vielen gebildeten Köpfen
dermang Frau Brigitte Zacharias spielt unter diesen Römern in spe die Rolle
einer inspirierenden Egeria ihr Fräulein Tochter die einer preußischen Volumnia
oder dergleichen Will sagen die kleine Sidi spielt die Patriotin im Ernst Die
schwarzweisse Kokarde ist ja ihr einziges Hartensteinsches Erbe Leider dass sie
es nicht mit ihrem Bruder teilen kann Sie wissen ja aber wohl wie man dem
armen Jungen im Vaterlande mitgespielt hat
    Doch ich bin noch nicht mit der kleinen Sidi zu Ende da ich ja kein Wort
von ihrem wesentlichsten Ingredienz der edlen Musika erwähnt habe Und da hat
das Blatt sich denn so kurios gewendet dass sie in Ermangelung von fertigen
Meistern mit sehr unfertigen Schülern fürliebnimmt und  hört hört  und  na
dreist heraus  Klavierstunden gibt Tag für Tag vier bis sechs Stück à vier
bis sechs Frank wobei sie sich das Jahr netto auf tausend Taler steht Wie die
alte Harfenmuhme vor Lachen sich schütteln wird wenn sie aus hohem
Himmelsfenster dieses Treiben einer Werbenschen Geschlechts nach folgerin
erspäht Denn bis zur reifenden Traurigkeit Papa Blümel wird sie es binnen
Jahr und Tag dort oben wohl schwerlich gebracht haben Tat sie sich doch noch in
ihrer letzten Stunde etwas darauf zugut in diesem irdischen Jammertale eine
Achtzigerin geworden zu sein ohne es sei denn im Wickelbunde eine Träne
vergossen zu haben
    Item es ist ein gutes Geschäft bis auf die rebellischen Nerven Ihretalben
bin ich indessen schon wiederholentlich auf den Einfall gekommen in meine
sogenannte Heimat zurückzukehren und mich allda redlich aber etwas
gesundheitlicher zu nähren indem ich mit dem Material Papa Mehlbornscher
Kuhställe eine Molkerei im großen begründete In der Schweiz lernt sich so
etwas und fertig brächte ich allenfalls auch das Die klügste aller Pfarrmütter
hatte irre ich nicht schon vorig Jahr etwas derart mit mir im Sinn In jenem
sturmflutigen Zustand war es zu früh dazu und heute wahrscheinlich auch noch
Wenn Mama Blümel mir indessen im Milchkeller des Talgutes jährlich tausend Taler
verbürgen könnte  denn auf das liebe Geld bin ich ein Vogel der es Vater
Mehlborn wettmacht  wer weiß ob ich nicht die patriotische Paukmamsell in der
Diaspora aufgäbe und Euch das idyllische Rührstück vorführte Sidonia in der
Käserei
    Und nun zu guter Letzt noch einen Blick auf den dessen Stern ist er gleich
aus der Region Ihrer regierenden Jungfrau gestürzt Ihnen getreuer Hirtensohn
denke ich doch immer noch anziehender leuchten wird als der welcher über dem
Haupt der Melkerin der Zukunft kulminiert Nun auch mein Mäxchen lässt es sich
gefallen so wie er es treibt treibt er es auch just nicht so wie Sie und
andere Leute es für ihn in Aussicht genommen hatten Der Mensch zieht ja nun
einmal einen Missstand seiner Wahl dem Wohlstande vor den sein bester Freund für
ihn ausgeklügelt hat und nennt seine Freiheit das was er im Grunde seine
Unfreiheit nennen sollte Kurz und gut das Mäxchen ist auf dem Wege nach Rom in
Paris hängengeblieben  dem rechten Platze hässliche Erfahrungen zwar nicht zu
verwinden aber zu vergessen  und er schwingt allda tapfer nicht bloß die
Adlerfeder des Poeten sondern wie tutti quanti auch die Hahnenfeder des
Publizisten Falls sein jüngster Ruhm noch nicht bis in Ihre Pflegstätte
deutscher Wissenschaft gedrungen sein sollte erlasse ich Ihnen denselben
auszuposaunen
    Mag er Singt er sich auch nicht in eine Fürstengruft wird der Huf seines
Pegasus auch keine Republik der Gleichheit und Brüderlichkeit aus unserem
biderben vaterländischen Boden stampfen solange er bei diesem oder
irgendwelchem anderen unschuldigen Zeitvertreib sich frei fühlt und froh wird
frei und froh sich fühlen auch der kleine Trabant der nur mit bewaffnetem Auge
erkennbar sich um diesen bis jetzt noch sehr veränderlichen Stern bewegt Woher
kommt denn alles Glück freilich auch alles Unglück in der Welt als dass wir
coûte que coûte uns an ein Individuum hängen müssen oder sei es meinetwegen an
ein Ding Bleiben Sie darum den hohen Himmelsaugen treu Hirtensohn Sie
riskieren mit ihnen weniger von Ihrem Johannissegen als mit allen die Ihnen
hienieden blitzen und blinken würden Solches wünschend verbleibe ich meines
standfesten Freundes Polarius gleicherweise standfeste Freundin Sidi«
    Die Freunde in der Pfarre spürten zwischen den scherzhaften Worten manchen
unterdrückten Seufzer und manche unterdrückte Träne heraus und wenn es eine
gute Art des Mitleids ist anderen Mitleid ersparen zu wollen so wurde die
Absicht hier nicht erreicht
    Der Eindruck wiederholte sich bei jedem der späteren Briefe die regelmäßig
am Johannistage eintrafen und in Text wie Ton nicht wesentlich anders lauteten
Sie wurden gleich dem ersten von der gesamten Familie in verteilten Gebieten
ausführlich beantwortet so dass die Entfernte in ihrer sogenannten Heimat wohl
orientiert bleiben durfte Dezimus als Auswärtiger begnügte sich mit dem
Referat über seine eigene bescheidene Person und die Zustände seiner Akademie
Vater Blümel der Versöhner behandelte den Artikel Lydia
    Das liebe Röschen hatte sich Held Martin als Gegenstand auserkoren und
freute sich schon im nächstjährigen Briefe durch folgende Eröffnung auf einen
interessanten Effekt rechnen zu können
    »Den alleruntertänigsten Gratulationsknicks zu der Krone welche meines
lieben Fräuleins Sidi verehrlicher Herr Vetter und Freier sich schon in jungen
Tagen erworben hat wenn es vorderhand auch nur eine Myrtenkrone ist Binnen
weniger Wochen feiert er im Werbenschen Ahnensaale Hochzeit mit einem verwaisten
Fräulein das sich zweiunddreissig reiner Ahnen und des erforderlichen
Kommissvermögens  seine des Helden Bezeichnung nicht meine  zu erfreuen hat
Ein hochnäsiges blasses Spürrippchen nach unserem ländlichen Dafürhalten Der
bravste der Braven gab einem gewissen schwarzlockigen Strudelköpfchen nicht
undeutlich zu verstehen dass er kein weibliches Wesen seinem Ideal so gänzlich
entsprechend gefunden haben würde als eben besagtes Strudelköpfchen dass er
aber auch abgesehen von dem Kommissvermögen als ein Hartenstein Rücksichten zu
nehmen habe welche gewöhnliche Leute Vorurteile nennen Ei nun Spürrippchen
oder Strudelköpfchen einmal unter dem Pantoffel ist er der Held der mit
diesem oder jenem in ein Himmelreich kommt Mein Dezem gehört wenn auch aus
einigermaßen abweichenden Gründen zu der nämlichen Kouleur mit der wir Mädchen
uns eigentlich gar nicht einlassen sollten Denn wenn ein Mann durch uns nicht
unglücklich werden kann wie soll er denn durch uns glücklich werden oder wir
durch ihn Versucht wird es mit dem Dezem aber doch wohl werden müssen«
    Jedem dieser Briefe wurde allerseits eine herzliche Einladung in das
Pfarrhaus beigefügt Am dringlichsten von Mutter Hanna wenn sie es auch
ablehnen musste die Bürgschaft für eine auf dem Talgute zu errichtende
Schweizerei so wiet zu übernehmen dass durch ihre Erträge einem Freiheitsdichter
in der Metropole des Genusses die Adlerfeder mit feinem Golde überzogen werde
Über Papa Mehlborn ihre briefliche Spezialität konnte Mutter Hanna von Termin
zu Termin lediglich berichten dass er rüstig weiterwirtschafte und nur sein
Augenlicht immer bedrohlicher im Abnehmen sei Er stände ja aber auch hoch in
seinem achten Jahrzehnt
Philipp von Hartensteins Vormund war ein gewissenhafter Herr Wenn er unter den
Hörern seines Kollegs einen gefunden hätte dessen matematische Beflissenheit
der exegetischen nur annähernd ebenbürtig gewesen wäre würde er ohne auf
heimische Beziehungen Rücksicht zu nehmen den Zögling des toleranten Pfarrers
von Werben ebenso fern von seinem Zögling gehalten haben als jener sich schon
seit dem zweiten Semester fern von des keineswegs toleranten Herrn Professors
Privatissimum hielt Da außer dem Studiosus Frei solch ein närrischer Kauz der
die Matesis pura als genussreiches Nebenstudium der Exegese betrieb nun aber
einmal nicht aufzutreiben war und da der Schematist von Staat nun einmal einen
gewissen Grad der Matesis pura für einen zukünftigen Jünger Doktor Martin
Luthers unerlässlich fand da endlich auf diesem neutralen Gebiet konfessionelle
Widersprüche nicht zu befürchten waren machte er aus der Not eine Tugend und
wendete dem armen Hutmannssohne von Werben für wöchentlich vier Pauklektionen
wöchentlich acht gute Groschen zu Denn sotane Lektionen aus
landsmannschaftlicher Gefälligkeit gratis anzunehmen dieses hoffärtige Ansinnen
konnte dem armen Hutmannssohne selbstredend nicht zugestanden werden
    Nun wenn auch dafür abgelohnt machte es Dezimus Freude seines weißen
Fräuleins erziehende Aufgabe die in bezug auf den Knaben eine schwere war um
ein Bruchteil zu erleichtern und er nahm es geduldig in den Kauf dass bevor
das Buch aufgeklappt wurde regelmäßig ein Sturm leidenschaftlicher Klagen und
ein Strom von Tränen Tränen der Wut beschwichtigt werden mussten
    Philipp hatte sich während des Siechtums seiner leidenschaftlich geliebten
Mutter darein ergeben dem vom Vater erwählten Tutor zu folgen und es war im
Grunde ja auch nur eine häuslich strenge Regel welche er mit der anderen
vertauschte Aber es ist ein Unterschied ob das Haus in welchem solche Regel
waltet in lachender Landschaft gelegen ist oder in einer halbdunklen rauchigen
Stadtgasse ob Andachten und Choräle in hohen Sälen erklingen oder in einer
engen Gelehrtenstube ob Benedikte und Gratias an einer völlig besetzten
Familientafel gesprochen werden oder vor und nach dem bescheidenen Mahle eines
Professors mit dreihundert Talern Gehalt und den Kollegiengeldern eines
Privatissimums das die Zahl der Musen selten erreichte ob man in den
Freistunden sich auf blühender Gartenterrasse  wenn auch nur in Gesellschaft
von ein paar Schwesterchen  austummelt oder sterbensseelenallein in einem
mauerumragten Hinterhof vor allem aber ob eine zärtliche Mutter wie Frau
Ottilie das weibliche Element der Familie vertritt oder eine ältliche emsige
kinderlose Schaffnerin wie die Hausfrau des Professors Hildebrand
    Hatte schon daheim Magister Klein seine liebe Not mit dem Stillsitzen des
lebhaften nicht unbegabten aber widerwillig lernenden Knaben gehabt so war
diesem jetzt nun alles und jedes zuwider sträubte gegen alles und jedes sich
sein Hartensteinsches Blut Unter den Augen seines Zwingherrn saß er
mucksmäuschenstill mit verbissenem Grimm in der Klasse verstopfte er sich
gleichsam die Ohren um wegen Ungelehrigkeit und Trotz je eher je lieber von der
Schule gejagt zu werden Vor seinem »lieben guten Dezimus« aber tobte er sich
aus wie ein unbändiges Füllen Er wollte fort aus dem Pfaffenhause in das
Kadettenkorps in die weite Welt gleichviel wohin nur fort fort Er wollte
kein Schwarzrock er wollte Soldat werden wie alle Hartenstein sogar sein
Vater als er noch jung gewesen Warum hatte Martin werden dürfen was ihm
gefiel Wer gab einer Schwester das Recht ihren Bruder zu zwingen in ein
Verhältnis das ihm widerstand
    Bei jedem Ferienbesuche brachte er die nämlichen Klagen und Beschwerden auch
den Seinigen zu Gehör wenn auch in abgedämpften Tönen Denn der Mutter
erweckten sie nur unstillbare Seufzer und Tränen und vor Lydia scheute er sich
da in ihrer Hand ganz allein  das einzusehen war er klug genug  sein Schicksal
lag Wenn er aber niemals eine andere Antwort erhielt als »Es ist deines
seligen Vaters Wille gewesen harre aus« dann stürmte er verzweifelnd in die
Pfarre wo er in Röschen eine offene in Mutter Hanna eine heimliche Verbündete
gegen den Gewaltakt der an ihm verübt ward fand und was Pastor Blümel zur
Begütigung dagegen redete redete er in den Wind Nicht in den Wind sondern wie
gegen einen ehernen Wall redete Pastor Blümel aber auch zu dem Herzen der
väterlich geliebten Lydia sooft er sich ihr gegenüber zum Anwalt ihres Bruders
aufwarf Sie fragte ihn ob er in seinem Pflegesohn die Neigung zu einem diesem
angemessen dünkenden Beruf nicht gleichfalls niedergehalten habe
    »Nur die Entscheidung dafür bis zu der Zeit seiner Reife« antwortete Pastor
Blümel
    »Mehr fordere auch ich nicht« versetzte Lydia »Sollte für einen
halbwüchsigen Knaben die Zeit der Reife aber schon gekommen sein Und was geht
Philipp ab Würde er in einem Alumnat wie Sie es vorschlagen größere Freiheit
haben«
    »Keineswegs und diese würde auch keineswegs zu wünschen sein Aber eine
jugendlich gesellige Sphäre in welcher er sich nicht in das Extreme getrieben
fühlte Bei jedem zu bildenden Menschen muss mit seinem Temperament gerechnet
werden«
    »Er ist als jüngstes Kind durch übergrosse Liebe verwöhnt strenge Zucht tut
ihm not Das Leben ist kein bequemes Schaukelbett Er steht unter Obhut der
gewissenhaftesten Pfleger der treuesten Freunde seines Vaters Er wird eines
Tages arm sein Je einfacher seine Lebensweise geregelt ist um so leichter wird
er künftige Beschränkungen ertragen Jedes Kind soll erzogen werden gemäß der
Lage welche sein von Gott berufener Hüter für ihn voraus zu berechnen vermag
Mein seliger Vater hat bitterlich gelitten weil wie er glaubte diese
Erkenntnis ihm zu spät gekommen ist«
    Was sollte Pastor Blümel diesen logischen Folgerungen entgegenhalten Er
seufzte Aber der Seufzerhauch machte nicht wie der Dichter es will »ihm der
Seele Spiegel klar« Eine deutliche Stimme warnte ihn dass dieses seltene
Mädchen an seiner wichtigsten Aufgabe scheitern werde indem es sie überspanne
und dass ihr eigener Frieden schwerer als der des anvertrauten leichtblütigen
Knaben bedroht sei Lydia krankte an ihrem Ideal und dieses Ideal war der
Glaube an vollkommenen Menschenwert Sie hatte ihre Liebe zu Max als eine Irrung
erkannt aber als eine Irrung von der sie nicht zu genesen vermochte und eben
darum war sie hart mehr noch gegen sich selbst als gegen den Bruder in welchem
sie einen Blutsund Geistesverwandten des Geliebten mit nur weit schwächerer
Begabung sah Selbst ihr Vater stand vielleicht nicht mehr ganz so hoch wie
einst auf dem Piedestal in ihrer Brust
    Indem Pastor Blümel diese sorglichen Erwägungen in des Sohnes Seele ergoss
und dessen Bitten um eine angemessenere Behandlung seines jungen Freundes mit
ihnen abfertigte fühlte sich nun aber der Jüngling weit mehr als der Greis der
ersten Idealgestalt seines Lebens innerlich entfremdet Die kindliche
Vertraulichkeit hatte mit Maxens Dazwischentreten ja aufgehört Dezimus sah
Lydia seit Jahren nur noch gleichsam aus der Ferne Erinnerung und Phantasie
jedoch arbeiteten an dem weißen Fräulein geschäftig weiter bis allmählich und
immer dichter zum Herzen hinan ein kalter Nebelbrodem sich zwischen sie und
ihren jugendlichen Bewunderer drängte
    Je schattenhafter nun aber das Bild des weißen Fräuleins in seiner Seele
verblasste um so wesenhafter gestaltete sich die Neigung zu der süßen Rose
deren Duft er nach jeder Trennungspause begehrlicher in sich sog Er dachte gar
nicht mehr daran nach Ablauf seines Trienniums sich noch einmal zu abstrakten
Messungen auf die Schülerbank zu setzen er dachte nur so rasch als möglich ein
fertiger Mann ja durch Aneignung des besten Teiles seines Selbst erst recht zum
Mann zu werden Dezimus Dezimus hüte dich Du bist bisher sonder Hast noch
Rast wie es einem Glücklichen eignet deine Bahn gewandelt Hüte dich vor den
Dämonen Jüngling Lass es mit deinen Sternen nicht deinen Stern dich kosten
    Peter Kurze war es der jezeitige Doktorand welcher etwas weniger
euphemistisch ausgedrückt diesen Warnungsruf vernehmen ließ »Stillvergnügter«
sagte er »das Kandidatenfieber ist bei dir ausgebrochen«
    Aber Dezimus lächelte nur ob dieser Prognose Die Sache lag nicht entfernt
so bedenklich wie der Medikus in spe erachtete Keine Spur von Fieber Peter
Kurze war selber verliebt daher nicht klarsichtig in das liebe Röschen
verliebt daher eifersüchtig viel stärker verliebt als Dezimus weil ein paar
Jahr älter und obendrein Mediziner will sagen ein Praktikus des Natürlichen und
keine Spur von Idealist Wächst solch ein Kandidatenparoxismus zwanzig Jahre
lang aus der Wiege heraus Trägt Dezimus an seinem Finger ein Ringlein das zu
einer künftigen Kette den Anfang bildet Hat er dem schwarzen Strudelköpfchen
eine einzige Locke geraubt Sammelt er Vergissmeinnicht oder Busenschleifen
Begnügt er sich nicht mit dem Lichtbild in seinem Herzen statt auf ihm eines zu
tragen wie der fortschreitende Erfindungsgeist seit kurzem sie an Stelle der
mühsam mit dem Storchschnabel entworfenen Schattenbilder unserer Väter im
Umsehen von der Zauberin Sonne zeichnen lässt Von all diesen Liebhabermerkmalen
kein einziges Nicht ein Wort ist zwischen dem Studenten und seinem Röschen
gefallen das der Kandidat und seine Rose hätten einlösen müssen Endlich aber
die Hauptsache was hätte es denn verschlagen wenn das Kandidatenfieber
ausgebrochen wäre Nur in der Ordnung würde es gewesen sein
    Hiess er denn nicht schon seit Monden Herr Kandidat Hätte er nicht Predigten
halten können so viel ihm und seinen etwaigen Zuhörern beliebte ohne dass ein
gewogener Professor sein Approbatum darunter setzte Und ist dieser Abschnitt
nicht lediglich darum unerwähnt geblieben weil er im Grunde ein Abschnitt nicht
war und das Aufhören des Trienniums und Stipendiums in seinem Tageslauf so gar
wenig geändert hatte Statt gottesgelahrte Kollegia zu hören gibt er etliche
Unterrichtsstunden in einer höheren Lehranstalt sitzt aber nach wie vor zu
Füßen seines herrlichen Chaldäers und arbeitet in der Zwischenzeit mit
Feuereifer an der Vorbereitung zu dem Examen pro ministerio nach welchem der
Ordination nichts mehr im Wege steht Bei dem bevorstehenden österlichen
Ferienbesuche wird er seinem Vater erklären dass im Gestritt der Schulen das
was not tue ihm unverkümmert geblieben und dass er freudig gewillt sei dem
Vater zur Seite zu treten sobald dieser ihm sagen wird »Ich bin müde geworden
mein Sohn Stehe mir bei die Seelen unter meinen Augen ein wenig höher gen
Himmel zu richten« Warum soll der Kandidat daher nicht so gut wie jeder andere
an Hüttenbauen denken
    Ja er lachte den Doktoranden recht stillvergnügt ob seiner Diagnose aus
Bei alledem aber lachte er noch viel stillvergnügter als besagter Doktorand und
Rival ihm erklärte dass er der verflixten Promotion halber sich heuer den
Appetit auf Mutter Blümels Osterfladen verkneifen müsse um ohne Gefühlspause
über der Patologie einer Fettleber seiner schriftlichen Probearbeit zu
büffeln Es rann in Freund Dezems Adern kein Otelloblut absolut ohne Dämonen
geht es aber auch in der stillvergnügtesten Brust nicht ab Die Osterwanderung
ohne seinen besten Freund kam ihm noch einmal so vergnüglich vor
    Aber noch ein zweites leider wenig frohstimmendes Anliegen sollte während
ihr erledigt werden Sämtliche Repetitorien bis auf das seines jungen
Landsmannes waren aufgegeben worden Jetzt musste auch dieses wenigstens
beschränkt werden Die Examenansprüche drängten und ein erster
schriftstellerischer Versuch ein astronomischer Leitfaden den er unter der
Ägide seines getreuen Himmelsführers unternommen hatte sollte womöglich noch
vor jenem Abschluss vollendet werden Es galt daher die Zeit gründlich
auszukaufen Und Philipp hätte doch mehr denn je nicht bloß einer fördernden
Nachhülfe sondern auch eines hingebenden Umgangs bedurft
    Er war zum zweiten Male nicht nach Prima versetzt worden und bäumte sich mit
äusserstem Trotz gegen den aufgedrungenen Schülerberuf Da ihm als Strafe für
seine Lässigkeit die österliche Ferienreise untersagt worden war hatte Dezimus
sich vorgesetzt sein Fürsprecher bei Lydia zu werden um ihre Zustimmung zu der
ersehnten Soldatenlaufbahn zu erwirken Der brave Hirtensohn Eine Ader Don
Quixotes spukte doch wahrlich in seinem mathematischen Kopf Sich zu
unterfangen woran Konstantin Blümel der Versöhner gescheitert war
    Am Nachmittag vor der Reise saß er bei dem Artikel »Sternschnuppen« einem
Leibartikel über seinem Leitfaden als Philipp in das Stübchen stürmte und sich
lautjubelnd ihm in die Arme warf Die Decke in seines Professors Rauchneste war
zusammengestürzt es musste ein Umbau und eine Neuordnung der Bibliothek
vorgenommen werden der unbequeme Hausgenosse wurde daher bis nach den Festtagen
zu seiner Mutter entlassen Dezimus hatte die Eisenbahn die zwischen der
Universitäts und der Werbenschen Kreisstadt schon seit Jahren fertiggestellt
war noch niemals benutzt er schritt mit Lust von Zeit zu Zeit einmal tüchtig
aus Dem jungen Faulpelz war nun als Strafe diktiert worden die Reise statt wie
bisher per Dampf diesmal per pedes mitzumachen Was doch dieser gelehrte
Professor für ein Menschenkenner war Die erste Fussreise eine Wanderung mit
seinem lieben guten Dezimus  eine Strafe Ach wenn er doch die ganze Welt mit
ihm hätte durchwandern können Das große Kind hatte sich bereits probeweise
Ränzchen und Botanisiertrommel umgehängt auch einen gewaltigen Knotenstock
zugelegt Er glich dem Vogel dem die Käfigtür geöffnet worden ist er sang und
pfiff vor heller Lust krähte wie ein Hahn und wieherte wie ein Ross Es war ja
ganz unmöglich dass er je wieder in das grauliche Nest zurückkehrte Wenn nur
sein lieber guter Dezimus ihm tapfer beistände musste Schwester Lydias
steinhartes Herz ja endlich erweicht werden Der mütterlichen Zustimmung war er
längst gewiss Zum Winter trug er den bunten Rock
    Während dieses wohligen Flügelschlagens erdröhnten die Treppe herauf
wuchtige Tritte die Tür wurde aufgerissen und in ihrem Rahmen erschien eine
Gestalt die sich bücken musste um nicht anzustossen halben Kopfs höher als der
Hüne unter den Musensöhnen und mindestens noch einmal so breit wennschon
besagter Hüne sich auch keiner Wespentaille zu rühmen hatte Ein Prachtstück von
Mann mit seinem rötlich gelockten Haar und Bart dem wetterbraunen Gesicht und
den weitgeöffneten meerdunklen Augen Er kam Dezimus bekannt vor obgleich er
doch wusste dass er ihn niemals gesehen hatte so wie ihn hatte er sich seinen
Vater vorgestellt seinen armen Vater ehe er bis zur Hutmannshütte
herabgesunken war
    »Na wer von euch Jungen ists denn« rief der Fremde mit hauserschütterndem
Bass als aber die »beiden Jungen« verwundert schwiegen brach er in ein
schallendes Gelächter aus und sagte indem er sich mit der Faust vor die Stirn
schlug »Dummrian der winzige Piepmatz kanns doch nicht sein« dabei kriegte er
den Großen beim Kopf schmatzte ihn auf beide Backen presste ihm die Hände dass
ihm der sonst bei einer Kraftäusserung just nicht zimperlich war ein »Au«
entfuhr und erst nach dieser tatsächlichen Begrüßung stellte er sich vor mit
den Worten »Ich bin Bruder Klaus«
    Da gab es denn viel lautes und stilles Vergnügen dann aber gewaltige
Neugier und gewaltigen Durst Den letzteren von s des Steuermanns die
erstere nur von s der beiden Jungen Denn Bruder Klaus wusse ja aus
zweilangen Schreibebriefen wie es dem Zehnten des Hutmannshauses gegangen war
und hätte er es noch nicht gewusst würde er es ihm an den Augen angesehen haben
nämlich gut und weiter brauchte Bruder Klaus nichts zu wissen denn Jahr aus
Jahr ein zwischen Wind und Wellen gewöhnt einer sich das Fragen ab Dahingegen
liebte er es wenn er einmal auf dem Trockenen saß seinen Lungen durch Erzählen
Motion zu machen und so tat er denn seinen Mund auf und nicht eher wieder zu
bis die Punschterrine welche die Haushälterin des alten Sternenprofessors
gefällig besorgt hatte bis auf den letzten Tropfen geleert und das was das
Herz anfüllte für heute wenigstens genügend ausgeschüttet war
    Der erste große Schreibebrief dessen Eintreffen der Inselpastor mit der
Bemerkung dass der Steuermann Frei auf einer Indienfahrt begriffen sei
angezeigt hatte war Jahr und Tag vor des Adressaten Heimkehr angelangt die
erbetene Antwort aber aus guten Gründen unterblieben Mit dem Buchstabenmalen
hatte Bruder Klaus es schon unter Kantor Beifussens Fuchtel nicht gar zu weit
gebracht und während der zwanzig Jahre dass er kreuz und quer die Wasserwelt
durchsteuerte war es ihm »rattenkahl« abhanden gekommen Auch seine Frau Stina
hieß sie verstand sich auf diese Fingerkunst nur schwach kontrarie der
Inselpastor der sich sogar bis zum Bücherschreiben auf sie verstand würde die
Sache doch nicht so ausgedrückt haben wie es der Klaus mit leibhaftigen Worten
getan »Besser« hatte er zu seiner Stina gesagt »besser ich mache bei
gelegener Zeit einmal hinein«
    »Denn nicht wahr« so fragte er lachend »bei euch zulande wird immer noch
wie sonst allerwegens gemacht wo bei uns Strandleuten hingesegelt wird«
    Weil Bruder Klaus nun aber erst noch verschiedentliche große und kleine
Touren abzusteuern hatte war er erst gestern dazu gekommen zum Dank auch noch
für den zweiten Schreibebrief den der neubackene Kandidat in sein Inselhaus
geschickt sich in Hamburg zum ersten Male im Leben auf eine Eisenbahn zu
setzen musste auch binnen fünf Tagen schon wieder in seinem Hafen sein um eine
Kaffeeladung aus Brasilien zu holen Dann aber hatte er sich eine Landpause
vorgenommen und gedachte wenn er es nämlich so lange aushielt den Winter über
bei Frau Stinen und dem kleinen pausbäckigen Matrosen zu bleiben der während
jener vom Pastor gemeldeten Indienfahrt in dem Inselhause eingesprungen war
Neckischerweise dieser erste Bube an einem Tage mit dem erwähnten Bruderbrief
dem ersten Schreibebrief in Mutter Stinas Ehestande Der Inselpastor hatte ihn
ihr im Wochenbette vorgelesen dann hatte sie ihn selber durchstudiert und zwar
so oft bis sie ihn auswendig konnte von A bis Z Der Inselpastor aber hatte
beim Kirchgange der Wöchnerin eine Predigt über den Bruderbrief gehalten und das
Gleichnis vom Säemann das just an der Reihe war so erbaulich ausgelegt wie
noch keinmal zuvor Denn das Korn das der Säemann ausstreute hatte er für
gewöhnlich Gottes Wort genannt heute aber nannte er es Menschenkind Und von
zehn Körnern die aus einer Mutterähre gefallen wären sieben auf die sandige
Düne und die dürre Geest geweht und von den Vögeln gepickt worden und nur zwei
die als der Schnitter mit der Sense kam bereits weitab zwischen Dornen und
Steinbrocken Wurzel geschlagen hatten wären schlecht und recht fortgekommen
Das zehnte Korn aber sei auf guten Marschenboden gefallen sei darin angewachsen
und werde so Gott wolle Frucht tragen für die verlorenen sieben mit Denn die
Ordnung der Natur sei es wohl dass eine Kreatur die andere verdränge um sich
das eigene Leben zu fristen die Ordnung des Geistes aber und unseres ewigen
Heilands Gebot sei es dass ein Menschenbruder für den anderen einstehe und
einbringe was der andere ledig gelassen habe Und diese Ordnung im Gottesreiche
nenne man die Liebe
    Um dieser erbaulichen Auslegung willen hatte die Steuermannsfrau den
unbekannten Schwager im Binnenlande als Paten ihres Erstgeborenen in das
Kirchenbuch eintragen lassen und darauf bestanden dass der Bube auf den Namen
Dezimus getauft werde sie rechnete aber stark auf die nachfolgenden Neune von
denen jeder einen so schönen Schreibebrief zustande bringen lernen sollte dass
sein Pastor eine Predigt darüber halten konnte wie die von dem zehnten Korn
Und was die Steuermannsfrau sich einmal in den Kopf gesetzt das setzte sie auch
durch Bis jetzt waren es der Buben drei Der allerinständigste Wunsch den der
Buben Mutter seit der Zeit aber im Herzen hegte war der dass der schöne
Briefsteller Schwager und Gevatter sie einmal in ihrem Hause das das
allersauberste der Insel war besuche und darum hatte sie ihrem Steuermann
keine Ruhe gelassen bis er sich auf die Eisenbahn gesetzt die Einladung
anzubringen
    Dezimus schlug in die mächtige Bruderhand mit dem Versprechen gestattete es
Gott nach zurückgelegter Prüfung seinen ersten weiteren Ausflug in das saubere
Haus seiner Inselschwägerin zu nehmen und gestattete es deren Herr Pastor
seine erste Predigt in der Kirche zu halten wo der Erstling aus dem zweiten
Geschlecht das dem armen Hutmannshause entstammte auf den Namen und in der
Hoffnung des zehnten Kornes getauft worden war
    Weniger froh stimmend als das Inselidyll lautete der Bericht welchen Bruder
Klaus zu geben hatte über das zweite Korn das just oberflächlich Wurzel
geschlagen als der Schnitter die Mutterähre mähete Bruder Friede hatte sich
von amerikanischen Agenten zur Auswanderung anwerben und das was man Zufall
nennt ihn später mit seinem Ältesten in einem brasilianischen Hafen
zusammenstossen lassen Aber Bruder Friede trug ein Lumpenkleid
    »Er hätte im Heimlande bleiben und auf den Unteroffizier dienen sollen«
meinte der Steuermann »Er war von jeher von einer Gemütsartigkeit die man bei
euch zulande demide oder feige nennt Der blöde Friede hat er schon auf Kantor
Beifussens Schulbank geheißen Unter den Soldaten aber heißt es parieren was zu
der Feigigkeit passt drüben in Amerika kontrarie heißt es sich rühren und
riskieren was zu der Demidigkeit ganz und gar nicht passt Von wegen des
Parierens hätte er nun allenfalls auch zum Matrosen getaugt aber da war nun
wiederum der Umstand mit der Seekrankheit die dem armen Kerl ganz heidenmässig
mitgespielt und vor der er einen Respekt ärger als vor dem gelben Fieber hatte«
    Einmal wird der blöde Friede es aber doch noch mit dem spassigen Würgengel
auf der Salzflut riskieren müssen Bruder Klaus weiß ihn zu finden wenn er
nämlich noch am Leben ist und wird ihn auf der Retour von seiner nächsten
Spritzfahrt nolens volens in das Schlepptau nehmen ihn in sein Inselhaus
transportieren und während seines faulen Winters sich nach einem Schlenderposten
für den armen Burschen umtun Also hat Mutter Stina in Erinnerung an das zehnte
Korn es dekretiert Und mit Mutter Stina ist nicht zu spassen denn ein Ehemann
der durchschnittlich von zwölf Monaten elf das Schiffssteuer führt hat
natürlicherweise das häusliche Steuer auch im zwölften Monat seiner Ehefrau zu
überlassen
    Im Haupte des Bruders Kandidaten war dieser Schlenderposten bereits
entdeckt Das Hutmannshaus jetzt keine elende Herberge mehr stand wieder
einmal ohne Anwärter da für eingeborene Ärmlinge in der Grabesstrasse
überflüssig gesorgt war und eine Gemeinde die wie die Werbener auf sich hält
sich wohl hüten wird auswärtige Ärmlinge an ihren Benefizien teilnehmen zu
lassen Bruder Friede mag in dem Hause sich nach Belieben die Zeit vertreiben
bis über kurz oder lang  Schäfer Kunz hat seine Siebenzig auf dem Rücken  der
Hutmannsposten erledigt wird Wie aber wird die gute Mutter Hanne sich freuen
wenn sie eines Tages aus hohem Himmelsfenster herniederschauend den einen ihrer
Zehne die Weideherde und den anderen die Seelenherde in ihrem Dorfe führen
sieht
    Nichts hätte dem Steuermann willkommener sein können als der Wanderplan der
beiden Jungen Natürlich trabte er mit in das alte Nest Bevor der Hahn gekräht
hatte waren sie seelenvergnügt auf dem Wege und der Kandidat ließ sich auch
die Laune nicht verderben als wider die Abrede vor dem Tore sein guter Freund
und Nebenbuhler aus dem dreiblätterigen Klee ein Vierblatt machte Das
geistliche Blut hatte sich zu guter Letzt in dem Doktoranden geregt und das
Gewissen ihm geschlagen die heilige Osterzeit durch die Vertiefung in eine
Fettleber zu entweihen Da überdies ein mäßiger Grad persönlicher Kurzatmigkeit
und ein hoher Grad kaum stillbaren Durstes von jener am unrechten Orte
abgelagerten rechtmäßigen Substanz hergeleitet werden durften musste es dem
Doktoranden nicht nur gesundheitlich sondern auch ärztlich von Wichtigkeit
sein wenn er den abmindernden Einfluss einer energischen Muskelbewegung auf
sotane Substanz an seiner persönlichen Leber ausprobierte Beide Motive
leuchteten ein
    Munter ging es nunmehr die pappelgesäumte Straße entlang welche vor
vierzehn Jahren der Held des Glücks als Abenteurer auf dem Bocke und dann zu
Füßen der weiland Harfenkönigin mit einem Viergespann dahingerollt war Bruder
Steuermann führte das Wort der Doktorand wurde übertönt und versenkte sich in
die stille Erwägung ob sein Weizen ihm nicht etwa als Schiffsarzt blühen könne
oder etwa die Patologie des gelben Fiebers in dessen endemischer Zone zu
studieren sei
    Philipp hatte sich an des Matrosen nervigen Arm gehenkelt und seine
Hartensteinschen frohen Augen hafteten leuchtend an dem wetterbraunen
Mannsgesicht Die Kinderstube auf dem Schloss von Werben war eine von den wohl
seltenen in welcher Kampes Robinson nicht gelesen worden nun war dem
Achtzehnjährigen zumute wie einem Achtjährigen wenn ihm dieser unersetzliche
Liebling der Kinderwelt zum ersten Male unter die Augen gerät Alles war der
jungen Landratte neu Seeleben und Strandleben Schiffe und Fische Wogen und
Winde die gesamte weite freie Gotteswelt die jenseit seines grauen
buchgefüllten Kerkers lag Seine Brust schwellte sich von wollüstigem Sehnen
    Aber auch Dezimus erntete sein Teil von Robinsonfreude und auch seine Brust
schwellte sich von wollüstigem Sehnen Denn die unstete Woge zu seinen Füßen
beherrschen ist es ja nicht allein was der Segler auf hohem Meere lernt auch
der Ozean zu seinen Häupten muss ihm ein Vertrauter werden er muss das Steuer
nach den ewigen Gestirnen lenken lernen Und wie der Freund dieser ewigen
Gestirne nun zum ersten Male aus eines Zeugen Munde den Eindruck schildern
hörte den der Weltumschiffer empfängt wenn er in der Nacht wo er die Zone
überschritten hat plötzlich eine andere Himmelswelt im Strahlenfeuer der Tropen
leuchten sieht und er sich nun vorkommt wie auf einer anderen Erdenwelt da
überrieselten Schauer des Jünglings Leib und tief aus dem Herzen lockte eine
Stimme Erst einen Blick auf das südliche Kreuz und dann Hütten bauen unter dem
Richtstern des Nordens
    Mit kräftigerem Bass war noch kein Osterlied in der Kirche von Werben
gesungen worden als von dem Steuermann Klaus Frei so voll Wunder und Stolz Haus
bei Haus in der Gemeinde noch kein Heimatskind willkommen geheißen als der
Weltumsegler Klaus Frei Selber die bleichen Wangen in der klösterlichen
Schlosskemnate überflog wieder einmal ein Anemonenhauch Die Angelegenheit des
blöden Friede erledigte sich sonder Bedenken denn wo es ein Werk der
Barmherzigkeit galt waren Lydia und Konstantin Blümel jederzeit eines Sinnes
Als nach ein paar frohen Tagen Bruder Steuermann aus seinem alten Neste schied
erneuerte Bruder Kandidat das Versprechen im Verlauf des faulen Winters in dem
sauberen Inselhause einzukehren und den Bruder Amerikaner heim in das elterliche
Hirtenhaus zu führen
    Nun erst kam die Reihe an Philipps freiheitliches Anliegen Der arme
Philipp Er hatte das heitere Zusammenleben von der ersten Stunde bis zur
letzten hoffnungssicher geteilt nun traf ihn seiner Schwester Schiedsspruch wie
ein Donnerschlag Es war seit nahezu vier Jahren zum ersten Male dass Dezimus
für länger als eine Begrüßung unter Lydias Augen trat um als Fürsprecher ihres
Bruders diesem den ersehnten Eintritt in den Militärdienst zu erwirken Lydias
strenges Urteil über den Knaben und ihre Weigerung seiner Lust zu willfahren
waren unüberwindlich
    »Auch zum Soldatwerden« sagte sie »gehört tüchtiges Lernen das heißt
lernen wollen denn Sie selber geben zu dass Philipp es vermag Zunächst aber
Gehorsam lernen Mein Vater hat in seinem nächsten Zusammenhange erlebt bis zu
welchem Äußersten ein ungezügeltes Temperament vornehmlich in diesem Stande
führt und er hat an sich selbst erlebt wie erneuernd Gottes Wort und eine
strenge Zucht auf ein Gemüt voll ungestümer Begierden wirken Eines Vaters
Weisheit hat für den Sohn gewählt er muss unter straffem Zügel ausharren bis er
zur Selbstführung fähig geworden ist«
    Lydia geleitete ihren Bruder persönlich in das Haus zurück das er seinen
Kerker nannte Da er die unumstössliche Weisung erhalten hatte nicht früher als
nach bestandenem Primanerexamen in die Heimat zurückzukehren musste auch während
der großen sommerlichen Erholungsvakanz in unzerstreuter Arbeit stillgesessen
werden Der Knabe dessen Phantasie eben erst die Fühlhörner in ein Reich der
Freiheit ausgestreckt hatte folgte dem eisernen Willen starr und stumm in
verbissenem Grimm
    Dezimus verhehlte sich nicht dass Lydia dem Wesen nach das Richtige gesagt
hatte und es tat aber die Weise in der sie es sagte und tat beklemmte ihm das
Herz Hätte der Vater an seinen Sohn die gleiche Heischung gestellt würde
selbst Konstantin Blümel sie gebilligt haben Es rumorte ja ein gefährlich
unstetes Blut in diesem Geschlecht Das Beispiel Hilmars von Hartenstein und in
anderer Richtung auch das seines Sohnes warnten laut Nun aber da es ein Weib
war ein junges Mädchen das die Heischung stellte eine Schwester die sich
Vaterrechtanmasste nahm die gemütliche Familie im Pfarrhause samt und sonders
gegen sie Partei Vater Blümel sah mit tiefem Seufzen das Bruderherz sich gegen
das Schwesterherz empören und den allzu straff gespannten Bogen brechen seine
Hanna beklagte die arme Mutter deren Tränen so für gar nichts geachtet wurden
Röschen schüttelte unwirsch die schwarzen Locken und schalt wie ein kleiner
Rohrsperling auf die tyrannische Nonnenseele im Schloss Sie würde in Peter
Kurzen natur und vernunftgemäss einen Sekundanten gefunden haben auch wenn er
nicht zufällig ihr zärtlicher Anbeter gewesen wäre Nun aber da er es war
verdoppelte sich im Schwelgen von Rosendüften die Idiosynkrasie welche der
nervenstarke Mediziner mit der nervenschwachen Klaviermeisterin gegen das Arom
der weißen Lilie teilte Er nannte sie schlechtweg nur »die Belladonna« und
dozierte mit naturwissenschaftlicher Unfehlbarkeit
    »Ein Gramm Blutshoffart zwei Gramm Heiligenhoffart von der Mutterbrust an
stündlich eine Prise voll eingeschnupft und mit dem Kuckuck müsste es zugehen
wenn aus einem weiblichen Wickelkinde in mannbaren Jahren nicht ein Individuum
reif für die Zwangsjacke werden sollte«
    Diese allseitige Schilderhebung hatte plötzlich des Kandidaten eigene
feindselige Position verändert er lief spornstreichs in das andere Lager
hinüber und brach für sein weißes Fräulein die allerritterlichsten Lanzen »Es
gewährt die Liebe gar oft ein schädlich Gut wenn sie den Willen des Fordernden
mehr als sein Glück bedenkt« zitierte er und fand in der Bewunderung von Lydias
aufopferndem Streben wenigstens in dem Vater einen standfesten Verbündeten Des
Doktoranden giftige Analyse der hehren Lilie reizte ihn aber Wort um Wort zu
weit gewaltigerem Zorn als die Qualen der Eifersucht auf die liebliche Rose ihn
fertiggebracht haben würden und so muss es als ein Segen gepriesen werden dass
die Patologie einer Fettleber wieder so mächtig in Peter Kurzen wurde um ihn
schon am zweiten Osterabend in seine Doktorandenklause zurückzutreiben Wer
weiß ob die Jünglingsstufe eines Glücklichen sonst nicht mit einem blutigen
Konflikt abgeschlossen hätte
    Gottlob der Störefried war fort Und nunmehr allein im trauten
Familienkreise kam des Kandidaten eigenstes Anliegen an die Reihe der
Aussprache Er eröffnete dem Vater seinen freien und festen Entschluss und hoffte
im stillen stark dass der Vater ihm entgegnen würde »Salve mein Sohn der
Greis wird allgemach müde spute dich«
    Der Greis lächelte aber nur und sagte »Bene vixit qui bene latuit
Indessen mein Sohn die Stunde der Entscheidung hat noch nicht einmal
ausgehoben«
    Für den Kandidaten aber hatte sie vernehmlich ausgeschlagen und für sein
liebes Röschen so schien es auch Sie umgaukelte ihren Mus wie der
allerzierlichste Schmetterling hing sich im Garten an seinen Arm und flatterte
vor ihm her als er den Platz zu einem Tempelbau für das Rohr der Zukunft
auszuwählen die Treppe zum Boden hinanstieg Natürlich wollte Röschen es nicht
dulden dass um des dummen Rohres willen ihre lieben Täubchen aus dem Schlage
vertrieben würden und wenn ihr alter Dezem ihr handgreiflich demonstrierte dass
die lieben Täubchen über dem warmen Kuhstall ja weit behaglicher logieren
würden da erklärte sie ihrem alten Dezem dass Kuhdunst sie übel mache und dass
sie doch wahrhaftig um der langweiligen Sterne willen nicht auf den Besuch ihrer
Lieblinge verzichten könne Und so stritten sie sich hin und her über
Taubenschlag und Observatorium wohl auch über noch mehr dergleichen wichtige
Objekte lachten aber dabei gingen Hand in Hand und blickten sich wie die
allereinträchtigsten Menschenkinder in die Augen
    So schied denn Dezimus wie er hoffte zum letzten Male als Feriengast aus
dem Elternhause Sein Gewissen war leicht voll sein Herz auch der Nerv
welcher bisher beunruhigend auf sein Hirn gedrückt hatte in das Gleichgewicht
gesetzt seitdem er sich seinem frühesten Zusammenhange wieder eingefügt sah
Frohgemuter als er ist schwerlich ein Kandidat seiner Amtsprüfung
entgegengeschritten
Wer aber überdächte den Lauf auch des glücklichsten Menschenlebens ob es sein
eigenes oder das eines Vertrauten sei ohne dass in jedem Stufenjahr ja auf
jeder Jahresstufe einer an welchem sein Blick mit Anteil gehangen oder der
wenn auch nur mittelbar auf ihn eingewirkt hatte seinem Gesichtsfelde entrückt
worden wäre in das Schattenreich Klagen und Fragen werden laut wir fühlen eine
Lücke rasch aber weht die Zeit Klagen und Fragen verstummen binnen Wochen
oder auch nur Tagen ist die Lücke ausgefüllt junges Licht verdrängt die
Schatten bald ist es als hätten wir das was war nur geträumt Das stärkste
Menschenherz hat nur für wenige Schmerzen die Kraft sie treu bis in das Grab zu
tragen
    Auch in des Hirtensohnes von Werben engumschriebenem Jugendkreise bewegte
sich wie wir sahen Stufe um Stufe ein Leichenzug als dessen Zeuge er klagen
und fragen hatte hören wohl auch bescheidentlich mitgeklagt und mitgefragt
bis wie ein Windeswechsel ein Hochzeits oder Kindtaufszug ihn verdrängte Und
so sollte er auch seine Studienstufe nicht vollenden ohne solchen ebbenden und
flutenden Strom
    Noch im Frühling traf ihn die Todeskunde von seines Freundes Martin junger
Frau Sie war im ersten Kindbett erlegen Dezimus hatte sie nicht gekannt ihre
kleine Waise wusste er an Frau Ottiliens Herzen mütterlich geborgen so dauerte
ihn denn wohl der arme Witwer er schrieb ihm auch einen herzlichen
Beileidsbrief und dann war Lisbeth von Hartenstein zu den Schatten geweht 
vielleicht nicht bloß für ihn
    Tiefer griff für viele und auch für Dezimus selbst ebenso unerwartet ein
anderes Scheiden während der sommerlichen Zeit
    Sidoniens kürzlicher Johannisbrief hatte des Persönlichen wiederum wenig
Neues gebracht Sie sprach mit wachsender Anerkennung von ihrer Mutter und deren
Gatten obgleich sie den letzteren noch immer nicht Vater nannte Ihre früheren
Heimatspläne hatte sie niemals wieder erwähnt sie mochten wohl mehr Scherz als
eine Fühlung gewesen sein
    Eingänglich und mit geistvollem Humor behandelte sie dagegen das politische
Gestritt das durch den langer Hand vorbereiteten Sonderbundskrieg in nächster
Nähe gesteigert ihr an Harmonien gewöhntes Ohr als krauses Charivari
umschwirrte Da gab es rings um die kleine Musikmeisterin als der einzigen
standfesten Borussin religiöse Freigeister staatlich konservativ staatliche
Radikale schwärmend für eine neue Religion Liberale aller Grade begeisterte
Polen umstürzende Russen italienische Verschwörer Groß und Klein Alt und
Neuteutonen Republikaner Sozialisten und Kommunisten im widerspruchsvollsten
Miteinander und Gegeneinander Aus der Ferne trug dann noch der französierte
Bruder Poet eine Klangfarbe hinein die zwischen Trikolore und blutigem Purpur
schwankte allemal aber ein wenig in das Hartensteinsche Wappengold schillerte
    »In meinem Mäxchen ist der Junker vom Werdetag wieder aufgewacht« schrieb
die Schwester
    Dezimus bewunderte an seiner jungen Freundin den hellen Sinn der inmitten
eines betäubenden Phrasenschwalls redliche Torheit so haarscharf von gemachter
Verwogenheit unterschied ohne sich durch irgendwas oder irgendwen in der
eigenen Meinung der Billigkeit gegen alle und der Liebe gegen einen einzigen
beirren zu lassen Kritik und Neigung die feindlichen Schwestern gingen in
ihrer Natur einträchtig Hand in Hand Sie verstand den Menschen hielt sich an
sein Ursprüngliches und nicht an die verkehrten Äußerungen durch welche er in
eine schiefe Stellung gedrängt überschüssige Säfte ausgärte leider aber auch
oftmals seine wesentlichste Essenz verflüchtigte Bei keinem Menschen aber mehr
als bei ihrem Max Über denselben sagte sie indessen auch heuer weiter nichts
als leider verständlich genug
    »Paris verdirbt ihn das heißt die Pariserinnen für welche ein schöner Mann
ein Genie ist auch wenn er es nicht wie in seiner Art mein Mäxchen wäre Wer
fragt beim Belvederischen Apoll nach seiner Leier Bei aller Abgötterei die der
deutsche Lord Byron mit sich treiben lässt glaube ich aber dennoch dass er
wahrhaft geliebt nur die einzige hat für die er kein Genie gewesen ist und dass
er eben darum sie vielleicht heute noch liebt Das Schwanenlied mit seinem
Schmachten nach heilig kühlem Frieden ist das rührendste was er gedichtet hat
und wahrscheinlich das einzige das sich in den Herzen dauernd einbürgern wird
Ich habe beim ersten Lesen eine Melodie dazu gefunden die in Paris entzücken
soll notabene wenn der Dichter sie selbst vorträgt Als Ehemann würde er
freilich raue Seide mit seinem Schwan gesponnen haben Nun was eine Frau zur
Verzweiflung brächte eine Schwester hält es aus ohne Herzensbankrott«
    Sidoniens Brief versetzte wie immer Dezimus in eine prüfende Stimmung
heute aber vornehmlich nach einer Seite hin die er bisher so gut wie gar nicht
in Betracht gezogen hatte Seine Grundanlage war die der stillen Forschung und
seine heimische Zone für politische Strömungen ein schwach lodernder Herd Auch
auf der Hochschule welcher er angehörte hatte das vorwaltend teologische
Element Aktion wie Reaktion wesentlich vom staatlichen Gebiet in das geistliche
gedrängt Ein außerhalb stark bewegendes Zeitorgan mit radikalen Tendenzen hatte
innerhalb nur schwachen Widerhall gefunden und war kaum vermisst worden als es
polizeilich des Landes verwiesen wurde
    Nun jedoch trafen die erregenden Schweizer Nachrichten zusammen mit denen
von dem blutigen Aufstande in Polen zusammen aber auch mit dem ersten größeren
parlamentarischen Versuch in unserem Vaterlande der von den einen hoffnungsvoll
begrüßt von den anderen vielfältig bemängelt schließlich keinem einzigen zu
genügen schien und an jeden ernstaften Mann trat die Frage heran wie er sich
inmitten der immer dichter zudrängenden staatlichen Probleme zu stellen unter
welchem Banner er die Aufgabe zu erfüllen habe die auch dem Bescheidensten als
Bürger und Patriot gestellt ist
    Dezimus legte sich diese Frage zum ersten Male vor und eben darum konnte er
zu einem zufriedenstellenden Abschluss wie er ihn zwischen den theologischen
Parteien gefunden zu haben glaubte nicht gelangen Es fehlte ihm der
ausschlaggebende Drang des Moments der Affekt Vielleicht hat es unter den
Hunderten seiner jungen Kommilitonen keinen zweiten gegeben dessen Natur die
innerliche und die äußerliche so durchaus eine deutsche war wie die des
Hirtensohnes von Werben In deutscher Weise glauben denken wollen handeln war
ihm so eingeboren und unveräusserlich wie Atemholen oder der Mutterlaut in der
fremdartigsten Umgebung würde ein fremdartiger Überguss an ihm abgeglitten sein
Auch schwärmen in deutscher Jugendweise eignete ihm wohl das heißt schwärmen
nicht bloß für ein individuelles sondern auch für ein zuständliches Ideal aber
das schwarzrotgoldene Banner für welches die Jünglinge der ihm vorangehenden
Generation geschwärmt und gelitten hatten war für ihn kein solches Ideal Der
Faden der in ein deutsches Reich der Vergangenheit zurückleitete war in der
Pfarre von Werben schwarzweiss übersponnen worden und ihn grauste vor den
blutigen Strömen unter welchen allein er in ein deutsches Reich der Zukunft
hinübergeleitet werden konnte die parlamentarischen Forderungen aber welche
jene nämlichen Jünglinge jetzt als Männer stellten schlugen chaotisch
unverständlich an sein junges Ohr In Summa der Kulturgipfel seiner Rasse ja
vielleicht aller Rassen ragte für ihn in einem anderen Kreise als dem
staatlichen in einem engeren für den einzelnen in einem weiteren für die
Gesamtheit Hätte er wie Max von Hartenstein als geborener Aristokrat und
Millionär in spe inmitten einer Metropole zeitentzündender Ideen gestanden
wohl möglich dass die der Gleichheit und Brüderlichkeit einen lebhaften Anklang
in seinem Herzen gefunden hätte Als Sohn der misera plebs auf einem Dorfe durch
die Wohltaten höhergestellter edler Menschen herangebildet wendete sein Gemüt
sich ab von dem demokratischen Schibbolet als einer Undankbarkeit und
Überhebung Wohl dünkte die Zeit ihm herrlich und er hoffte auf ihre Erfüllung
wo kein verzweifelnder Vater sein Kind statt eines Huhnes oder Lammes als
Frönerzins in das Haus barmherziger Menschen zu tragen brauchte wo kein
Richter wie EhrenHecht die Übertretungen von hoch und gering von arm und
reich mit ungleichem Masse büßen ließe wo der Glaube eines Joachim von
Hartenstein und der Zweifel eines Thomas Zacharias sonder Acht und Bann laut
werden durften für solchen würdigeren Zustand aber mitzuwirken anders als im
persönlichen Dienst seines bescheidenen Heimatskreises trug er kein
herzschwellendes Verlangen Der Zögling Konstantin Blümels des freiwilligen
Jägers von 1813 hatte gelernt dass es süß sei kämpfend für das Vaterland zu
sterben dass es auch süß sei kämpfend für einen konstitutionellen Staat zu
leben  ei nun Held Dezimus ist ja jung vielleicht lernt er es noch
    Der Inhalt von Sidoniens Brief klang noch in ihm nach als Dezimus aus dem
Pfarrhause die Kunde erhielt dass die lebensvolle Frau deren noch eben mit
würdigender Anerkennung gedacht worden war nicht mehr unter den Lebenden weile
Kerngesund hatte Brigitte Zacharias sich in die ihr so vertraute Seeflut
gestürzt als Leiche war sie an das Ufer gespült worden der Glücklichen eine
die mit Bewusstsein in ihrem Elemente leben und unbewusst auch in ihrem Elemente
sterben
    Und da wurde denn wieder einmal viel bängliches Fragen und Klagen vernommen
denn ein bedeutender Platz war unausfüllbar ledig geworden Man fühlte die
Vereinsamung des Gatten der mit dieser Frau in der seltensten Einigung
verbunden gewesen war man fühlte die Schutzlosigkeit der verwaisten Tochter
vor allem aber fühlte man die Qual des Greises der das letzte ja das einzige
menschliche Wesen das er geliebt hatte vor sich hinscheiden sah ohne es so
glücklich gemacht zu haben wie es in seiner Macht gestanden
    Er hatte sich nachdem die Schreckenskunde ihm von seiner Wirtschafterin
vorbuchstabiert worden war in seiner Kammer eingeriegelt und ließ keinen der
ihm Trost zuzusprechen kam vor sich weder den alten treuen Blümel noch die
neuen Prediger seiner beiden anderen Güter noch selbst den Emeritus Beifuss den
einzigen welchem er als einem Zeitgenossen sich dann und wann vertraulich
näherte und auch der einzige gegen welchen er späterhin einmal seines
Verlustes erwähnte »Was hilft mir nun meine Gruft wenn meine Brigitte nicht
drinnen schläft« hatte er gesagt Ihm graute seit der Zeit vor dem Sterben
nach welchem er in den Tagen seines Grimmes sich manchmal gesehnt hatte
Vielleicht schwante ihm dass seine Brigitte sich in jener Welt vor dem
allerhöchsten Throne wiederum eine Stufe höher stellen werde als er und dass er
sich in Ewigkeit ohne dankbare Tochter behelfen müsse und in dieser Welt hatte
er doch wenigstens seine dankbare Scholle
    Auch schritt er schon am dritten Tage die Raine seiner Äcker kreuz und quer
wie vor der Hiobspost Er schritt rüstig wenn auch am Stock und vor den Augen
einen grünen Schirm Es war ihm nur ein schwacher Lichtschimmer geblieben Wehe
aber dem der sein Gebrechen ihm anzumerken schien und daraufhin wohl gar sich
eine Ruhepause vergönnt hätte Er kannte blindlings jeden Platz der einem
Arbeiter angewiesen war und wähnte für einen Sehenden gehalten zu werden wenn
er seine Stimme so laut erhob dass seine Befehle weit in die Aue hinein gehört
wurden
    »Der Bär brummt« hieß es dann in der Gegend und die Fröner lachten sich in
die Faust weil der alte Spürhund das faule Wesen doch nicht schnüffeln konnte
Er wusste auch recht gut dass er auf Schritt und Tritt betrogen werde er
witterte einen Dieb hinter jedem Zaun und legte aus Furcht vor Einbrechern sich
nicht zu Bett Das Reichwerden hatte dem Mann keine schlaflosen Nächte gekostet
aber das Reichsein kostete dem Greise die Ruhe Tag und Nacht Er verfiel
sichtlich
    Mutter Blümel fügte daher ihrem Trauerbriefe an Sidonie die unumwundene
Mahnung bei ihren natürlichen Platz in der Nähe des Großvaters sobald als
möglich einzunehmen Nicht nur aus Kindespflicht gegen den blinden Greis
sondern auch zur Wacht über ihr künftiges Erbe Dringender denn je wurde die
Einladung in das Pfarrhaus wiederholt und Tag für Tag auf einen zusagenden
Bescheid gehofft Tag für Tag jedoch vergebens
    Auch Dezimus schickte sich an Sidonien ein teilnehmendes Wort ihrem
tapferen Sinne gemäß zu sagen unwillkürlich jedoch tönte es aus in einen
weicheren Klang als er sich vorgesetzt hatte denn während des Schreibens
überkam ihn zum ersten Male die Vorstellung dass  und wie bald vielleicht  er
selbst einen gleichen Schmerz zu tragen haben werde ja dem Gesetze der Natur
nach ihn unvermeidlich tragen müsse da seine Mutter ein Geschlecht vor der
geschiedenen vorauszählte Gottlob dass ein junger Mensch solche Vorgesichte des
Natürlichen nicht lange auszuhalten vermag Aber mit einem Gefühl der Beschämung
ermass Dezimus den Unterschied des Glücks im Empfangen und Empfinden der
Mutterliebe zwischen sich der Waise und dem leiblichen Kind und dieses
Ermessen hauchte über seine Worte eine Tränenspur Auch wollte ihm tagelang
nicht gelingen eine ahnungsvolle Wehmut zu bannen Endlich aber griff er mit
wackerem Entschluss nach seiner Examenpräparation und der Korrektur der ersten
Druckbogen seines Leitfadens und über Präparieren und Korrigieren verwehte das
bängliche Ahnen mit Mutter Brigitten zu den Schatten
    Ein nachhaltigerer weil allzu lebendiger Störenfried blieb der arme
Philipp wennschon der Kandidat ihn nur noch selten zu Gesicht bekam Die
Übungsstunden hatten aufgehört auch darum weil der Knabe im mathematischen
Gebiet weniger einer Nachhülfe bedurfte als in dem der verhassten alten Sprachen
und diese letztere jetzt von dem Professor selbst in verdoppeltem Masse geleistet
wurde Während der großen Ferien jedoch war den beiden Heimatsgenossen dann und
wann ein gemeinschaftlicher Spaziergang  selbstverständlich ohne Schenkenziel 
gestattet worden eine Vergünstigung die Lydias Fürwort zu danken sein mochte
und die der ältere ihr auch aufrichtig dankte wenngleich er mit dem jüngeren
mehr denn jemals seine liebe Not hatte
    Nach Hause sehnte sich derselbe zwar keineswegs denn die Mama saß fern in
des verwitweten Martin Kinderstube und die ausschliessliche Gesellschaft seiner
harterzigen Schwester mutete ihn noch graulicher an als die des Horaz und des
Professor Hildebrand Überhaupt genügte ihm die stille Heimstätte von Werben
jetzt nicht mehr ja es gab kaum einen erreichbaren Platz der seinem
Knabentrotz genügt haben würde Es war kein Zweifel dass er auch bei der
nächsten Versetzung nicht nach Prima aufrücken werde und er wollte auch gar
nicht hinaufrücken er wollte nichts was er sollte was er aber an Stelle des
Gesollten wollte das wusste er wohl selber nicht und Dezimus wusste es noch viel
weniger Denn wenn der Junge nach Tollkopfsart sagte »Noch einen Winter in dem
Loche halte ich nicht aus Lassen sie mich nicht gutwillig los dann weiß ich
was ich tue« da dachte Dezimus »Ja was kann er denn tun Desperate Burschen
laufen heutzutage nicht wie zu Vater Klausens Zeiten unter die Soldaten sondern
allenfalls von den Soldaten fort« Der arme Philipp war des Kandidaten einziges
Kümmernis in diesen frohgeschäftigen Sommertagen
Das Hauptexamen war glücklich bestanden die wichtigste Stufe zum Altar der
Heimatskirche erklommen Auch der Leitfaden lag zur Überraschung für Vater
Blümel bereit zierlich gebunden mit kleinen Himmelskärtchen durch schossen
und was die Hauptsache war gekrönt mit einem Vorwort von des greisen
Sternenmeisters eigener Hand Dieser teuere Gönner hatte von Haus aus als
Einführung in die Gelehrtenzunft zu einem Versuch aus des Günstlings eigener
Gedankenwelt geraten der Günstling aber sich mit dieser Zusammenstellung für
Schülerkreise begnügt Einmal aus geziemender Bescheidenheit zumeist jedoch aus
dem Verlangen seinen Vater auf leichtfassliche Weise in eine Bahn zu locken
welcher der dereinstige Verweser der väterlichen nebenbei keineswegs zu entsagen
gedachte Eine zunftgemässe Abhandlung über die Meteorenschwärme so luminöse
Hypotesen er darin aufstellen mochte würde Konstantin Blümel den Greis noch
weniger als in jungen Jahren angemutet haben während das vorliegende Zeugnis
einer der Schule nutzbringenden Tätigkeit recht eigentlich nach seinem Sinne
war
    Dezimus nahm nach der Rückkehr aus der Provinzialhauptstadt vor deren
Konsistorium das Examen geleistet worden war sich nicht die Zeit sich Lehrern
und Freunden zu empfehlen Binnen kurzem musste er ja doch wiederkommen um je
nach des Vaters Entscheidung Abschied zu nehmen für immer oder seine
Lehrertätigkeit zu erweitern Der Tag sollte aber nicht zur Rüste gehen ohne
dass die frohe Botschaft den teuersten Menschen von Angesicht zu Angesicht
verkündet wurde und darum gedachte der Kandidat nunmehr ja ein gemachter Mann
sich zum ersten Male den Luxus einer Heimfahrt per Eisenbahn zu gestatten
    Auch das Lebewohl von Philipp wollte er sich und dem armen Jungen sparen
Der morgende Tag brachte ihm wiederum ein kaum vermeidliches Scheitern es
sollte nicht geschärft werden durch den Eindruck des eigenen Gelingens durch
den Sprung in die Heimat die eigene Gefangenschaft nicht noch empfindlicher
gemacht Als er jedoch aus dem Hause trat um nach dem Bahnhofe zu gehen kam
Philipp ihm entgegen Er hatte des Freundes Rückkehr erfahren und ihm Glück
wünschen wollen Nun gab er ihm das Geleit
    Er war wortkarg ja verbissen wie sonst immer nur in Gegenwart seines
»Kerkermeisters« er hielt die Lider gesenkt schlug er sie aber einmal in die
Höhe dann glimmte ein seltsam unheimliches Feuer in den schönen blauen
Hartensteinschen Augen Auch fand der Freund ihn blass und abgemagert er mochte
harte Strafreden hören harte Klausur haben aushalten müssen Dezimus fragte
nicht danach Zu helfen war hier nicht und das Mitleid eines Glücklichen ist
ein so schwacher Trost
    Im Vorübergehen trat er bei einem Uhrmacher ein dem er am Morgen sein
stolzes Erbkleinodium zu einer leichten Reparatur übergeben hatte und es ist
der Biograph verdienten Tadels gewärtig weil er dieses einzigen Wertstückes
seines Helden erst bei so später Gelegenheit Erwähnung tut Denn der Werbensche
»Erbsackseiger« war ein vielbemerkter Gegenstand unter der Studentenschaft
gewesen hier der Bewunderung dort des Witzes am häufigsten wohl des Neides
da wenn auch nicht ein Stutzer so doch jeglicher Altertümler ein erkleckliches
Sümmchen dafür geboten haben würde
    Umschlossen von einem standfesten Goldgehäuse näherte das Kunstwerk sich
der Kugelform und bildete demnach in des Trägers Westentasche eine Aufbauchung
welche einem Uneingeweihten das Leidwesen von Peter Kurzens Doktorandenvorwurf
befürchten lassen durfte dem Eingeweihten erhöhte selbstverständlich das
Gehäuse des Pretiosums Wert wurde nun aber gar auf der Rückseite ein
freiherrliches Wappen augenfällig mit einer Krone darüber in deren Perlen
sieben kleine Diamanten eingelassen waren so konnte der Hirtensohn wenn er
sich etwa späterhin auf Reisen begeben sollte sich dreist für einen Baron
ausgeben ja für einen Krösus gehalten werden falls er auch noch die kurze
Kette mit dem faustdicken Berlockenbündel daranhängte die er ein Feind alles
Übermuts bis jetzt in seiner Schieblade verborgen hielt Auch schätzte Dezimus
sein nutzbringendes Pretiosum hoch vergaß beim Aufziehen  jeden Morgen seine
erste Tat  niemals der großmütigen Testatorin in Dankbarkeit zu gedenken und
wenn er ausnahmsweise in der Nacht einmal aufwachte ließ er die Uhr
repetieren lediglich aus dem Grunde um sich durch den kräftigen Schlag dessen
kein heutiges Werk sich rühmen dürfte an die energischen Akzente der alten
Harfenkönigin erinnern zu lassen Die Kluge hatte den rechten Mann für ihr
Erbstück gewählt
    Die unbedeutende Herstellung war von dem Meister versäumt worden binnen
einer Stunde hätte sie erfolgt sein können aber der Kandidat durfte keine
Minute zögern wenn er den letzten Zug noch erreichen wollte Er musste sich bis
zur Rückkehr von seinem Regulator trennen für einen an Pünktlichkeit gewöhnten
Sternenschüler und Musterjüngling ein verdriessliches Ding Aber halt hatte 
leider Gottes  Doktor Peter Kurze ihm nicht erklärt dass er nicht ermangeln
werde sich morgen zum Ministeriumsschmause in der Pfarre einzustellen
    »Holen Sie lieber Philipp bitte die Uhr vor Abend ab und tragen Sie sie
zu Doktor Kurzen der sie mir morgen nach Werben mitbringen wird« sagte der
Kandidat und erhielt ein williges Versprechen
    Hastig ging es nun vorwärts denn zufällig war auch Philipp heute ohne Uhr
und ein eiliger Mensch ist ohne Uhr doppelt eilig Während Dezimus sein Billett
löste bemerkte er dass sein junger Freund an den Beamten eines anderen
Schalters eine Erkundigung richtete deren Bescheid ihn auffällig verstörte Was
hatte der Junge vor Dezimus durfte sich mit Fragen nicht aufhalten da die
Glocke zur Abfahrt läutete Im Begriff in das Koupée zu steigen fragte ihn
Philipp mit niedergeschlagenen Augen
    »Hätten Sie wohl zehn Taler übrig um sie mir vorzuschiessen« Und als er
nicht augenblicklich eine Antwort erhielt setzte er dunkelerrötend und
stammelnd hinzu »Ich  ich bin  ich habe  eine Schuld  «
    »Ich habe so viel nicht bei mir« versetzte Dezimus »aber in ein paar Tagen
bin ich zurück und dann wollen wir die Sache in Ordnung bringen«
    Der Schaffner drängte zum Einsteigen Philipp warf sich mit Ungestüm in des
Freundes Arme
    »Behalten Sie mich lieb guter Dezimus« schluchzte er und wendete sich dann
rasch ab seine hervorstürzenden Tränen zu bergen Er lief den Perron entlang
als werde er gejagt
    Dezimus war tief betreten Wäre der Zug nicht bereits im Rollen gewesen er
würde dem Knaben nachgeeilt sein ihn ausgeforscht ermutigt haben er wäre
morgen dann mit viel leichterem Herzen heimgereist Ohne Zweifel trug der Arme
sich mit dem Plan nach verfehltem Examen zu seiner Mutter und Martin zu
flüchten Und auch Schulden hatte der Unglücksmensch Freilich kein Wunder denn
der Vormund hielt ihn knapp und er war nicht knapp gewöhnt auch mochte die
Mutter heuer nicht wie sonst in der Ferienzeit sein Beutelchen heimlich
gefüllt haben Dezimus nahm sich vor des Knaben Lage noch einmal recht
ernstlich mit Vater Blümel und sogar mit Fräulein Lydia zu besprechen Seine
vorgeschrittene geistliche Würde machte ihn schier verwegen
    Das ist wohl etwas Großes wenn ein Kandidat reif zum Amt und obendrein als
gedruckter und honorierter Schriftsteller zum ersten Male einkehrt in ein
pfarrliches Elternhaus in welchem ihm eine sorgenlose Zukunft und köstlicher
Segen gesichert ist Da gibt es Lachen und Weinen und Beten und Singen und
Händedrücken und zärtliches Umfangen da gibt es eine schlummerlose Nacht unter
Luftschlösserbauen und buntem Erinnern Aber die glücklichste von allen ist doch
die Mutter Wie gestern erlebt steht vor Hanna Blümels Seele die Stunde wo sie
das arme nackte Dezemkind von ihres Konstantin Schoße nahm und es in ihres
Töchterchens Wiege legte mit dem Gelöbnis ihm eine Mutter zu werden Dazumal
glänzte ihr Haar noch wie eitel Gold heute ist es ein Silberscheitel und
blühen die Wangen auch noch rosenrot glatt und gleich sind sie nicht mehr
sondern in hundert krause Greisenfältchen zusammengezogen Aber ihr Ziel ist ja
auch erreicht und so froh erreicht Wie oft begegnet ihr denn einer Mutter die
im siebenten Jahrzehent von acht Kindern nicht um ein einziges Herzeleid oder
gar ein Trauerkleid getragen hätte Die sechs Töchter glücklich in das Leben
gestellt hat und nun die siebente am allerglücklichsten gestellt weiß Herz an
Herz mit dem einzigen Sohn So inbrünstigen Dankes voll wie in dieser Nacht hat
Hanna Blümel wohl noch nie an ihren Gott gedacht
    Und die Herzenslust währte noch den ganzen anderen Tag und wie wurde sie
laut in Sang und Schwank als gegen Mittag Peter Kurze zum Ministeriumsschmause
einsprang Ein redlicher Freund war er Peter Kurze das müsste der Feind ihm
lassen wenn er einen hätte Sonder Falsch noch Neid Beim eigenen
Doktorschmause war er nicht fideler gewesen Freund Kandidat konnte vor lauter
Jokus es nicht ein einziges Mal zu einer eifersüchtigen Wallung bringen
    Wo hatte Peter Kurze denn aber die Uhr Den Erbsackseiger  Peter Kurze
wusste von ihm nichts
    Ach nur zu natürlich dass Philipp in seiner Not das Abholen vergessen
hatte Der arme Junge Zwischen Mitleid und lustiger Torheit fehlte dem
Kandidaten das gewohnte Picken auf seiner Leberseite aber doch Ein Mittelmass
von Gewöhnsamkeit  geniale Leute schimpfen sie Pedanterie  gehört so scheint
es zu der Substanz eines Glücklichen
    Just um dieser Substanz willen musste nun aber nach dem Jubeltag der
Werkeltag der Pflicht wieder in seine Rechte treten Und da war es denn zunächst
Peter Kurze der ein ernsthaftes Dilemma zu allseitigem Gehör brachte
    Peter Kurze nannte sich Herr Doktor laborierte aber wie die Mehrzahl
junger Anfänger seines Zeichens kläglich am Patientenfieber und gering war
zurzeit die Aussicht auf ein stillendes Labsal in seiner heimatlichen Provinz
der er den Segen seiner Kunst doch vorzugsweise gegönnt haben würde In einer
anderen Provinz dahingegen hatten Misswachs Hunger und Not eine böse Seuche
gezeugt von welcher die Zeitblätter ein grauenvolles Gesamtbild entwarfen Noch
grauenvollere Einzelnschilderungen waren in die Pfarre gedrungen durch Lydia
die ein Kind dieser Gegend war und mit ihr noch in manchem Zusammenhange stand
Von verschiedenen Universitäten und auch von der unseren waren junge Mediziner
zu freiwilligem Helferdienst aufgerufen worden Sollte Peter Kurze nun diesem
Rufe folgen
    Sein väterlicher Freund Blümel sagte mit Entschiedenheit »Ja« und sein
brüderlicher Freund Dezimus wenigstens nicht mit Entschiedenheit »Nein« Das
liebe Röschen sagte gar nichts denn das liebe Röschen war gleich bei dem Worte
»Typhus« aus der Ratsstube gelaufen Mutter Blümel aber sagte achselzuckend
»Ja mein Junge wenn du nur ein Tischchendeckedich in deinen Arzneikasten
packen könntest«
    Und da saß eben der Haken Peter Kurze war Arzt mit Leib und Seele und Arzt
sein heißt das Gegenteil von einem Hasenfuß Er dachte nicht an
Ansteckungsgefahr und er schmachtete nach einem ernstaften Duell mit dem
Würgeengel Tod Aber wo blieb die Ehre der Wissenschaft wo der Erfolg und wo
der Lohn dessen ein braver Arbeiter doch allemal wert ist insofern er mit dem
Pflasterkasten nicht zugleich einen Brotschrank aufzuschließen hatte »Erst wenn
die Hungerleider satt gemacht sind kann der Vielfrass ausgehungert werden«
sagte er und zog schließlich ab mit der Entscheidung die Sache erst noch ein
paar Wochen mit anzusehen ehe er in den saueren Apfel beisse Privatim versprach
er Freund Dezimus noch den armen Philipp ins Gebet zu nehmen und umgehend über
den Ausfall des Examens Bericht zu erstatten sich auch gelegentlich nach der
Uhr umzutun
    Nun aber saßen im geistlichen Gemach Vater und Sohn allein sich gegenüber
zum Ratschluss über die beiden Wege die vor dem letzteren geöffnet lagen Auf
jeden von ihnen zog ein Magnet und jeder von ihnen bedingte einen schweren
Verzicht Entweder Altersruhe für den Vater und Rosenwonne für den Sohn dann
aber blieb die Chaldäerforschung ein Fragment Oder die Chaldäerforschung
fortgesetzt bis zu einem zünftigen Grad und statt der Rosenwonne Hangen und
Bangen Und wie entschied der väterliche Berater
    »Ich fühle mich noch nicht fertig und du bist es noch nicht mein Sohn
Lehre und lerne weiter wie bisher Wenn es not tut werde ich dich rufen«
    Was aber war das Hauptmoment bei dem Entscheid das Moment aus welchem der
Greis auch keineswegs ein Hehl machte Nun eben die ersehnte Rosenwonne
    »Keine Jünglingständelei mein Sohn aber auch keine Jünglingsehe
Mannesreife  «
    Bei diesem Worte stockte er denn die Tür wurde hastig aufgerissen und wie
in des Sohnes erster Lebensstunde stürzte ein verzweifelter Mensch in das
geistliche Gemach Lydia die stille unbewegliche Lydia Bleich wie ein Geist
schauernd und bebend über den ganzen schönen Leib sank sie in den Stuhl von
welchem Dezimus entsetzt in die Höhe gefahren war und reichte ihm keines
Wortes mächtig ein Blatt das sie zusammengeknittert zwischen ihren fliegenden
Händen hielt Ein Brief an Dezimus adressiert aber erbrochen Philipps
knabenhafte Züge
    »Ich fliehe Dezimus Wohin sage ich Ihnen nicht weil Sie es nicht
verschweigen würden wenn Lydia Sie fragt Ich will mich nicht langsam zu Tode
quälen lassen Ich will leben oder meinetwegen auch sterben aber ordentlich
sterben wie ein Hartenstein nicht wie ein Sklave Ich schreibe in Ihrer Stube
Wenn Sie den Brief finden bin ich lange dort wohin ich will Dezimus guter
Dezimus ich habe Sie beraubt Ich hätte es keinem anderen getan aber ich weiß
Sie schimpfen mich keinen Dieb Ich konnte nicht anders Den ganzen Sommer habe
ich gespart bei Mama und den Schwestern gebettelt nur bei Lydia nicht weil
die mir doch nichts gegeben hätte Aber ich weiß gar nicht es wurde immer
wieder alle und ich musste immer wieder von vorn anfangen Nun habe ich alle
meine Sachen und Bücher heimlich verkauft aber es reichte doch noch nicht Und
Sie kommen nicht drum lieber Dezimus Lydia gibt es Ihnen wieder der Schande
wegen Aus Liebe für mich hätte sie es nicht getan Und wenn wir uns einmal
wiedersehen lohne ich es Ihnen tausendfach denn dann kann ich es Lange wirds
freilich dauern Und vielleicht sehen wir uns auch gar nicht wieder Aber dann
glauben Sie mir Dezimus dass ich in meiner letzten Stunde an Sie gedacht habe
als an den der außer meiner Mama es auf der Welt ganz allein mit mir gut
gemeint hat Ach meine liebe liebe Mama Aber sie hat ja nun die kleine Tili
und sie wusste ja wie schrecklich unglücklich ich gewesen bin Sobald ich
angekommen schreibe ich ihr und Ihnen auch
                                                                        Philipp
    P S Die Uhr hat Aaron Kalb Sie ist nur versetzt für zehn Taler kriegen
Sie sie wieder Meine eigene habe ich verkauft um ein Lumpengeld weil sie nur
von Silber war Und ich könnte sie auf der Reise so gut brauchen Ach Wäre ich
nur erst fort«
    Was war für eine Lydia der Bruch mit dem Geliebten was selbst der Tod des
Vaters gegen dieses Erleben Angeklagt der härtesten Lieblosigkeit gehasst von
dem Bruder den Gott als Kind an ihr Herz gelegt hatte verzweifelnd in einen
Abgrund vielleicht in den Tod durch sie getrieben dieses Kind das einzig auf
ihren Schutz gestellt gewesen war
    »Mörderin« stand es geschrieben in ihren wahnsinnstarren Augen
    »Wo  wo soll ich ihn suchen« rang es sich aus ihrer Brust
    »Nicht Sie überlassen Sie es mir« sagte Dezimus selbst erschüttert bis
auf den Grund und sie darauf wie belebt
    »Ja ja gehen Sie mit mir Ich bin so fremd in der Welt«
    Pastor Blümel aber und auch der Vormund welcher während der letzten Worte
eingetreten war  das erstemal dass er diese geistliche Schwelle überschritt 
widersprachen ihrem Vorhaben Sie sei körperlich zu angegriffen um einem
rastlos Eilenden zu folgen die Rücksicht auf eine Frau könne ihn nur aufhalten
und hindern
    Sie senkte das Haupt bis auf die Brust »Den welchen er geliebt hat lässt
Gott ihn vielleicht finden  mich nicht« Laut gesprochen hat sie diese Worte
wohl kaum aber Dezimus las sie in ihrer gemarterten Seele
    Er vernahm nur Bruchstücke der Erläuterungen welche der Vormund nunmehr
über das Entweichen seines Pfleglings gab Hier war so wenig zu sagen wie zu
hören nur Eile tat not fliegende Eile Der alte Herr hatte die Schilderung
seiner Ängste seines Harrens Forschens und Suchens der vergeblichen Anfragen
nach allen Seiten auch seiner Fehlgriffe und falschen Schritte die laut
machten was geheimgehalten werden musste bis zur endlichen Erspürung des
Briefes und dem Aufbruch nach Werben noch nicht vollendet als Dezimus
reisegerüstet in das Zimmer zurückkehrte Nicht einmal den Abschied von seinem
irgendwo umherschweifenden Röschen hatte er sich gegönnt der nächste Zug durfte
nicht verfehlt werden Die günstige Fügung dass die Mutter die Sparsumme des
königlichen Patengeschenkes deren er zum Zweck etlicher Anschaffungen bedürftig
geworden war kürzlich erhoben hatte befreite ihn auch hinsichtlich des
wesentlichsten Reisebedürfnisses von zeitraubenden Weitläufigkeiten
    »Was darf ich Ihrem Bruder von Ihnen sagen wenn es mir gelingen sollte ihn
aufzufinden« fragte er indem er zum Abschied Lydia die Hand reichte
    »Was das Herz Sie heißt« hauchte Lydia und bedeckte in Angst und Qual dann
wieder das Gesicht mit ihren bebenden Händen Ihr Bruder ihr Kind ein
Landstreicher ein Dieb seine Spur erforscht von einem Fremden den er geliebt
hatte und sie  sie gehasst
    Um die Mittagsstunde erreichte Dezimus die Universitätsstadt Er hatte
während der Fahrt mit so kaltem Blute als er das seine abzudämpfen imstande
war den spürenden Blick auf das Ziel gerichtet das dem Flüchtigen vorgeschwebt
haben konnte und was ist solch ein anstrengendes Erstreben anderes als ein
Gebet um Erleuchtung von oben Bei seiner Mutter oder einem der Geschwister war
der Knabe nicht und den heimischen Militärdienst  so viel musste ihm klar sein
 verscherzte er durch sein heimliches Entweichen Was kannte er aber und was
gab es außer diesem Dienst Lockendes für ihn in der Welt Der Weg nach Russland
wohin sein Vetter Hilmar geflüchtet war langwierig und schwierig die Grenze
unentdeckt kaum zu erreichen ohne Empfehlung ja ohne Legitimation die
bescheidenste Stellung nicht zu erwarten Amerika Aber da galt es zu arbeiten
mit Axt und Pflug die Freiheit die dort zu finden war nicht die welche ein
junger Brausekopf suchte Die Fremdenlegion in Algier Nein doch nein Der
Franzosenhass lag allen Hartenstein seit Generationen im Blute und Freund
Philipp gebärdete sich gern wie ein kleiner Marschall Vorwärts Aber halt doch
halt Ein Werbeplatz für die holländischen Kolonien
    Das war so eine von den luminösen Hypotesen wie die beim jüngsten
Meteorenschwarm und »jegliche Entdeckung ist einmal Hypothese gewesen« hatte
sein weiser Sternenvater gesagt
    Wie Schuppen fiel es dem Freunde plötzlich von den Augen Er sah des Knaben
glühende Blicke bei Bruder Steuermanns Wundermären von der Pracht des indischen
Himmels der Üppigkeit der Natur dem wollüstigen Schlürfen der eingewanderten
Nabobs Möglich dass auch noch aus weniger redlichem Munde ihm ein Brillantfeuer
vorgespiegelt worden war oder dass er irgendwo gelesen hatte von den zahlreichen
deutschen Landsleuten unter den geworbenen Truppen von ihrem glänzenden Sold
dem raschen Aufsteigen den reichen Pensionen den Schätzen die um den Preis
des Lebens im Kampfe mit wilden Bestien und Völkerstämmen aufzuraffen sein
sollten Die Jugend nimmt manches Katzengold für echt und was fragt ein
freiheitsdurstiges Herz nach dem Freiheitspreis Das indische Pfefferland war
jener Zeit immer noch das gelobte für abenteuernde Naturen und verlorene Söhne
Die goldenen Berge welche der arme Junge so hoffnungssicher in Aussicht
stellte bestärkten die Eingebung dass es auch sein Kanaan gewesen sei
    Je mehr dem Freunde nun aber diese jähe Vorstellung zur Gewissheit ward um
so bänglicher schlug sein Herz Auch er der Ältere war im weiten Weltwesen ja
noch ein Kind Der Zufall aber hatte gewollt dass er von einem leichtsinnig
verlockten Studenten der als Deserteur sich wieder in das Vaterland
durchgeschlagen die Wahrheit erfahren hatte über den entwürdigenden Zustand des
holländischen Fremdenkorps nicht bloß fern in den Kolonien sondern selbst auf
den heimischen Drill und Einschiffungsplätzen und so hätte er sich Flügel
anheften mögen um den Verblendeten zu überholen und Lydias Bruder einem Elend
zu entreißen dem von zehnen neun physisch oder moralisch unterliegen
    Sein erstes war von dem Beamten jenes zweiten Schalters die Erkundigung zu
erfahren welche Philipp neulich an ihn gerichtet hatte Der Jüngling war eine
auffällige Erscheinung schön wie alle Hartenstein mit Ausnahme Martins und
dieser Auffälligkeit es zu danken dass der Beamte sich der Erkundigung noch
erinnerte der schöne junge Mensch hatte nach dem Preise eines Fahrbilletts bis
zur niederländischen Grenzstation gefragt zuerst nach dem der zweiten Klasse
dann bescheidentlich nach dem der dritten und die unerwartet hohe Summe auch
dieser dritten ihn sichtbar niedergeschlagen Der Arglose ahnte nicht dass
diese Fragen zu einem Fingerzeig für einen praktischeren Verfolger als sein
gelehrter Vormund werden konnten Für Dezimus wurden sie zum Beweis wennschon
weder dieser Beamte noch irgendein anderer sich erinnerte den auffälligen
jungen Mann bei der späteren Abreise wiedergesehen zu haben Da er an jenem
Nachmittag nicht nach Hause zurückgekehrt war vermutete Dezimus dass er zu Fuße
bis zur nächsten nur eine Meile entfernten Station gegangen sei und von da aus
den Nachtzug benutzt habe
    Dezimus selbst blieben bis zum Abgang des westlichen Zuges zwei lange bange
Stunden Um sie nicht völlig nutzlos hinzubringen begab er sich zu dem
Pfandleiher und  und Kandidat Kandidat du fühlst dich zum Priester reif und
sündigst wider Gottes heiliges Gebot Du lügst lügst ohne Erröten lügst wie
gedruckt dass du in augenblicklicher Geldverlegenheit im Begriff eine kleine
Reise anzutreten deinen jungen Freund beauftragt habest ein Darlehn auf deine
Uhr aufzunehmen und dass du jetzt kämest sie auszulösen
    Da der Hüne der Studentenschaft eine wohlbekannte Persönlichkeit war und
sein junger Freund ausdrücklich auf diese Persönlichkeit behufs der Auslösung
hingewiesen hatte erlitt dieselbe keinen Anstand und war dem bösen Leumund
soweit in der Eile oder leider überhaupt noch möglich Einhalt getan
Einigermassen erleichtert trabte Dezimus sein Pretiosum auf dem Herzen nach dem
Bahnhofe zurück und nun du Glücklicher leite dich dein Johannisstern
    In der Nachmittagsstunde in welcher er mit seinem Röschen einen
Superintendentenbesuch in der Stadt verabredet hatte dampfte er in die Welt
hinein auf der Suche nach dem verlorenen Sohn Er sah im Geiste das liebe Kind
daheim unruhig hin und wieder trippeln wohl auch ein bisschen schmollen und
schmälen und dann sah er eine andere sich die Hände wund ringen im bittersten
Seelenjammer von der weiten Gotteswelt aber die sich zum ersten Male vor ihm
auftat sah er leider wenig was  versteht sich in anderer Stimmung  sein
Neulingsauge erquickt haben würde Er hätte sich wie bei seinem ersten
Abenteuer eine Universität so heute beim zweiten eine Reise anders denken
können Endlose Stoppel oder Rübenfelder wirres Bahnhofsdrängen und Treiben
langweilige Gesichter Gesellen ohne Reiselust wie er selbst und bald sah er
nichts mehr denn es kam die Nacht und mit der Nacht kam endlich auch der
Genius der selbst den Unruhigsten ruhig macht Als des Schaffners Ruf »Station
Deutz« den Genius verscheuchte rang sich das erste Morgengrauen durch den
Nebel der über dem Rheinstrom brütete
    Der nordwärts führende Zug ließ ihm so viel Zeit um über die Schiffbrücke
zu gehen und einen Blick auf den Torso des Domes zu werfen dessen Herstellung
seit etlichen Jahren mit so viel Eifer betrieben wurde Das Königswort das
dieses »Werde« rief hatte in der Pfarre von Werben einen mächtigen Widerhall
gefunden Es deutete gleich einem Meisterspruch auf einen weit größeren und noch
weit unfertigeren Bau für welchen Hammer und Kelle zu rühren waren Die
Erinnerungen seiner glorreichen Zeit und die Entsagungen die ihnen folgten
wurden in dem Greise jung zum ersten Male empfing der Sohn aus dem Munde des
alten Christen die Lehre des alten Heiden dass es süß sei für das Vaterland zu
sterben
    Und dieses Lehrwort wachte an diesem Morgen in seiner Seele auf als er in
dem Irren nach einem sein Vaterland fliehenden betörten Kinde den Strom
überschritt der von sich hebenden Dunstschleiern umflattert glanzlos und doch
majestätisch breit und ruhig zu seinen Füßen wallte Auch dieser Fluss galt ja
als Symbol In gärenden Zeiten wirkt alles Bedeutende als ein Deutnis und die
Zeit in welcher Dezimus Frei ein Jüngling hieß kennzeichnete ja durchweg ein
gleichsam dichterisches Ringen aus der Vorstellung in die Darstellung
    Jählings haftete sein Blick starrte sein Schritt Herr der Welt Wer ist
die jugendlich schmächtige Gestalt die bleich wie ein Schatten mit weiten
übernächtigen Aug en bebend und schwankend sich über das Gitter beugt so als
ob die nebelumwogten grauen Fluten sie zugleich lockten und schreckten Der Hut
ist vom Kopfe in den Strom gesunken der feuchte Morgenwind weht durch die
wirren gelben Locken »Philipp« schreit Dezimus auf und  der verlorene Sohn
taumelt halb ohnmächtig in seine ausgespannten Arme
    Er zog ihn in das nächste Wirtshaus am Kölnischen Ufer ein warmer Trunk
belebte ihn die beklommene Brust erleichterte ein Tränenstrom Ach dieses
ungestählte Muttersöhnchen wie bald würde es den Heischungen der Macht die es
Freiheit nannte erlegen sein an jedem Orte wo es sie wirklich gefunden hätte
nicht bloß sie zu finden gewähnt
    In der Verfolgungsangst und doch wieder der Seligkeit eines der Galeere
Entsprungenen hatte er sich keine Raststunde gegönnt nur immer vorwärts
gedrängt von einem Haltepunkt zum anderen bis er den Werbeplatz am Zuydersee
erreichte Was er dort zu finden hoffte Eine deutliche Vorstellung wird er
nicht gehabt haben Aber einen bunten Schauplatz einen lustigen Tummelplatz
vielleicht so etwas von einem preußischen Paradeplatz auf dem man sang »Ein
freies Leben führen wir« Und statt dessen sah er das rohe Treiben und Drillen
der fremden Söldlinge  der Masse nach Deserteure Vagabonden Ausgestossene aus
dem Walle der Familie der Heimat der Gesellschaft mancher mit einem
Kainszeichen auf der Stirn  wurde er Zeuge einer körperlichen Züchtigung die
ihm das Blut erstarren machte
    Ein wohlmeinender Bürger mit dem er in einem Wirtshaus zusammentraf und den
der Anblick des schönen betörten Jünglingsknaben rührte belehrte ihn dass nach
den neueren Bestimmungen kein Ausländer es im Kolonialdienst weiter als bis zum
Unteroffiziersposten bringen könne  und der Knabe hatte von
Generalsepauletten von Orden und Lorbeerkronen geträumt Der wohlmeinende
Warner belehrte ihn fernerhin dass unbärtige Bürschchen wie er fast ausnahmslos
schon den Einflüssen des Klimas und seiner lockenden Bodenfrüchte erliegen dass
aber selbst abgehärtete entsagungsstarke Männer sich nur in einem Bruchteil
gegen die Strapazen des Dienstes behaupten  und das Bürschchen hatte von
lustigen Elefantenritten von Tigerjagden in Palmenwäldern und einer
Nabobsheimkehr geträumt
    Aus allen Himmeln gestürzt entsetzt verzweifelnd kehrte der
freiheitslüsterne Junge wiederum ohne Atem zu schöpfen die Straße die er
gekommen war zurück Die Luft war kühl und seine Kleidung noch sommerlich sein
Sparpfennig aufgezehrt Hungernd übernächtig schauernd vor Frost schaudernd
vor Angst und Scham stand er nun auf der Rheinbrücke von Köln zwischen der Wahl
 der Heimkehr als Bettler und Vagabond nein der Heimkehr nicht aber vor
der als Bettler und Vagabond sich bis über die Grenze zu einem Werbebureau für
die französische Fremdenlegion durchzuschlagen oder durch einen Sprung in die
Tiefe seinem Elend rasch ein Ende zu machen So stand er kaum mehr fähig zu
einem Entschluss und sehr möglich dass die Erschöpfung den Taumelnden jedes
Entschlusses überhoben haben würde wenn der Stern der Glücklichen ihm nicht
einen Wegweiser mit stämmigen Armen entgegengeführt hätte
    Dezimus erfuhr diese klägliche Robinsonade von vier Tagen erst nach und nach
in weit späterer Stunde In der gegenwärtigen begnügte er sich zu dem
Ausgehungerten zu sagen »Iss« und nachdem er sich sattgegessen zu dem
Übermüdeten »Nun schlaf« Und was hätte auch ein weiserer Mentor als der
Kandidat von Werben sich zu sein vermass diesem willenlosen Gottesgeschöpf zur
Stunde Weiseres heißen können als iss und schlaf
    Nachdem das Gottesgeschöpf aber ausgeschlafen hatte lange und fest wie ein
Murmeltier ließ es sich sonder Skrupel noch Unterhandlungen nach dem Bahnhofe
von Deutz zurückführen alle seine Sorge warf es zwar nicht auf den Herrn aber
auf seinen lieben guten Dezimus der würde es wohlmachen Der liebe gute
Dezimus wollte und konnte zwar nichts versprechen als die Vergebung Schwester
Lydias nach vorausgegangener reumütiger Busse dennoch währte es nicht lange und
das leichte Bösebubenblut wallte so frohgemut auf wie je Was auch über ihn
verhängt werden mochte alles war besser als die Fuchtel von Harderwyk und der
Hunger auf der Rheinbrücke von Köln
    Es war spät am Abend als sie die heimische Pfarre erreichten unangemeldet
da Telegramme des Privatverkehrs es auf dieser Strecke zu jener Zeit noch nicht
gab Die Bewohner hielten sich schonend zurück nach flüchtiger freudiger
Begrüßung des Sohnes überließen sie es diesem Glücklichen seinen Findling in
die eigene Bodenkammer zu geleiten und in sein eigenes Bett zu verweisen allwo
er sich denn wiederum in Bälde des Schlummers des Gerechten oder des Murmeltiers
erfreute Dezimus dagegen begab sich so spät es war nach dem Schloss
    Dort hatten sich infolge der Schreckenspost die gesamte Familie und deren
nächste Freunde zusammengefunden die Mutter mit ihrem kleinen Pflegling
Martin seine Schwestern und ihre Gatten der Vormund und selber der alte treue
Magister Klein waren herbeigeeilt um gemeinsam mit dem anerkannten Haupte der
Familie mit Lydia zu beten zu ratschlagen je nachdem zu handeln oder auch
nur zu weinen und verzweifelnd die Hände zu ringen In allen Zimmern des
Schlosses brannte noch Licht ein jeder saß angstvoll wach in seinem Kämmerlein
    Doch sah Dezimus nur Lydia Als sie seine frohe Botschaft vernommen hatte
fasste sie seine beiden Hände neigte ihre Stirn zu ihnen herab und heiße
Tränen die ersten welche den Krampf des Herzens lösten rannen auf sie nieder
Ein vernehmliches Wort sprachen die zitternden Lippen nicht Als sie das schöne
Haupt aber wieder erhob da stand in ihren Augen geschrieben »Du hast mir mehr
als das Leben gerettet Freund«
    Keiner wusste besser als Dezimus selbst wie so gar gering sein Verdienst bei
dieser Rettung war wie alles nur das Wirken jener heimlichen Macht welche die
einen Zufall nennen die anderen Stern und die Glücklichsten Gottes Rat Was er
im Leben aber noch von Menschenkreuz und Leid zu tragen haben mag der
Dankesblick der in dieser Nacht aus seines weißen Fräuleins Augen strahlte
wird ihn bis in seine Sterbestunde beseligen
Eine schriftliche Weisung des Vormunds entbot am anderen Morgen den verlorenen
Sohn und »seinen edlen Erretter«  »hört hört« spottete das lustige Röschen 
nach dem Schloss Ein schwerer Gang für den edlen Erretter denn er ahnte mit
Fug kein festliches Gewand werde dem verlorenen Sohne entgegengetragen und kein
gemästetes Kalb zu seinem Willkomm geschlachtet werden dagegen ein strenger
Areopag den Spruch über ihn fällen und das Los über seine Zukunft werfen Selbst
wenn Lydia nach den Erschütterungen der letzten Tage mit solch einer
Manifestation des Familienrechtes nicht einverstanden gewesen wäre wenn sie im
stillen Kämmerlein wo ein Erlöster betet zu ihrem Bruder hätte sagen mögen
»Ich vergebe dir« würde sie über Nacht inmitten eines bluts und wahlverwandten
Kreises den hohen feierlichen Grundton auf welchen bei aller Abgeschlossenheit
ihr Vaterhaus gestimmt worden war haben herabstimmen können
    Auch Philipp mutmasste eine widerwärtige Szene und seine Stimmung war halb
trotzig halb verzagt »An Ihnen Dezimus habe ich mich vergangen das ist
richtig« sagte er »Sie aber haben mir vergeben haben meinen dummen Streich
sogar vertuscht Und was habe ich den anderen getan«
    »Die Ungehörigkeit gegen meine Person war bei weitem die leichtere«
entgegnete Dezimus »wenngleich sie nach dem Masse der Welt gemessen schwer
genug in das Gewicht fallen mag Das bittere Herzeleid aber das Sie Ihrer
Mutter und Schwester angetan haben kann Ihnen kein Mensch vergeben bis Sie es
durch freudigen Gehorsam gesühnt«
    »O meine Mama die ist bloß froh dass ich wieder da bin« versetzte der
Leichtfuss mit obligater Torenzuversicht »Und Lydia was für ein Recht hat denn
Lydia über mich Und was kann sie mir am Ende denn auch tun Legt sie mich noch
zehnmal an die Kette reiße ich mich noch zehnmal wieder los Sie wird sich aber
wohl hüten denn mit dem Pastorwerden habe ich es  Gott sei Dank  doch ein
für allemal verschüttet«
    »Mit dem Soldatwerden aber auch« entgegnete Dezimus
    Der Leichtfuss seufzte und ließ ein Weilchen den Kopf hängen »Sie sollen
mich wie Vetter Hilmar nach Russland schicken « meinte er darauf »Ich wäre von
selber hingegangen wenn es nur nicht gar zu weit gewesen wäre Und dann wollte
ich doch für mein Leben gern einmal eine große Seereise machen«
    Das Wort verhallte in diesem Augenblick eindruckslos an des Freundes Ohr in
dem Augenblick der Entscheidung aber wachte es plötzlich lebendig in dem Herzen
auf wie ein Samenkorn das ein Insekt in einen Blütenkelch getragen hat
    Sie hatten den wenig bemerkten Eingang über die Terrassen genommen Im
Schloss herrschte ungeachtet der zahlreichen Insassen Totenstille Es galt
ein heimliches Gericht die weibliche Dienerschaft war durch verschiedentliche
Aufträge für die Morgenstunden entfernt worden nur der alte Wagner ein
Getreuer und Vertrauter aus der einstigen Heimat zurückgeblieben und sein auch
wohl das Verdienst jene unzuverlässigen Zeuginnen beseitigt zu haben
Schweigend mit zerwühlten Mienen öffnete er die Tür des Ahnensaales
    Dezimus hatte ihn seit der Leichenfeier für den Propst nicht wieder
betreten Dessen Bild hing wie dazumal über dem kleinen Betaltar da wo der
Sarg gestanden hatte stand heute eine dunkelverhangene Tafel an welcher der
Familienrat gehalten werden sollte Die männlichen Mitglieder waren bereits
versammelt die beiden Geistlichen im Ornat der Obertribunalsrat und der
Kammerherr die Gatten von Priszilla und Phöbe das weiße Johanniterkreuz auf
den schwarzen Leibrock geheftet Martin im Dienstanzug den Helm unter dem Arm
Alle standen mit den Gesichtern dem Bilde des Vaters zugekehrt und schienen den
Eintritt seines ungeratenen Sohnes nicht zu bemerken
    Menschen aus einem Gusse  Martin etwa ausgenommen  waren sie über die zu
treffende Entscheidung eines Sinnes und der Zweck der demonstrativen
Versammlung neben dem persönlichen Genügen wohl kaum ein anderer als der der
unglücklichen Mutter in imponierender Weise eine harte Notwendigkeit erklärlich
zu machen Denn ein so schwacher Menschenkenner dass er erwartet hätte durch
solch feierlichen Aktus einen Philipp zur Zerknirschung und zur Umkehr zu
bewegen ein so schwacher Menschenkenner war doch wohl nur der alte ehrliche
Professor Hildebrand
    Philipp hatte beim Überschreiten der Schwelle die Lippen trotzig
übereinandergebissen Glut und Blässe wechselten auf seinem Gesicht Er hielt
des Freundes Hand fest umklammert die seinige war eiskalt Aber nur die Frauen
waren es vor deren Wiedersehen ihm bangte die geliebte Mutter und die
Richterin Lydia Als er daher gewahr wurde dass er es nur mit den Männern der
Familie zu tun haben sollte und er diese Männer ihm so geflissentlich den Rücken
kehren sah hatte er Mühe ein Lachen zu unterdrücken und drehte in Gedanken
dem hohen Gerichtshof eine echte rechte Bösebubennase
    Dezimus zog ihn in eine Fensternische welche der Eingangstür zunächst und
der Versammlung zufernst lag und da konnte der brave Martin es denn nicht
länger über das Herz bringen er ging auf Dezimus zu drückte ihm die Hand
zuckte die Achseln schüttelte den Kopf schlug mit einem Seufzer vor seinem
Nichtsnutz von Bruder die Augen nieder und kehrte dann schweigend zu dem
schweigenden Chor zurück
    Noch dauerte es eine gute Weile in welcher Dezimus nichts als das Ticktack
des Korpus delicti in seiner Westentasche vernahm Endlich aber öffnete der alte
Wagner die Tür und in den Saal wankte von Lydia gestützt von ihren beiden
jüngeren Töchtern gefolgt die unglückliche Mutter Martins Töchterchen auf dem
Arm Sie sank wie gebrochen auf den ersten erreichbaren Sessel
    Beim Erblicken dieses gramdurchwühlten gütigen Mutterangesichts der
weiten leeren Augen welche in den jüngsten Tagen ihren Tränenborn erschöpft zu
haben schienen riss sich Philipp von des Freundes Hand und stürzte mit einem
schrillen Aufschrei zu der Matrone Füßen So den Kopf in ihren Schoss vergraben
blieb er liegen während der ganzen Verhandlung Die Mutter hatte den einen Arm
um seinen Nacken geschlungen als ob sie ihn festhalten wollte gegen den
Bannspruch der Gerechtigkeit im anderen Arme lag die schlummernde Enkelin ein
spärliches Würmchen das während der jachen Reise unpass geworden war und das die
treue Pflegerin in all ihrer Angst und Not nicht für eine Stunde aus den Augen
gelassen haben würde Sie weinte auch jetzt nicht nur dann und wann vernahm man
ein leises Wimmern ohne dass man unterschied kam es aus des Kindes oder der
Matrone Brust
    Die schweigende Gruppe unter dem Bilde hatte sich den Eintretenden
zugewendet der Vormund schritt auf sie zu die drei Schwestern neigten sich bis
zur Erde vor dem greisen Seelsorger und Vertreter des Vaters sie küssten seine
Hand so wie sie beim Morgengruß die des Vaters zu küssen gewohnt gewesen waren
Die sonst so freundliche Mutter grüßte nicht einmal mit den Augen Sie hatte
nicht daran gedacht ihren Morgenanzug mit einem der Feierlichkeit
entsprechenden zu vertauschen Lydia trug wie noch immer seit ihres Vaters
Tode ein Trauerkleid und die beiden Schwestern hatten es ihr heute nachgetan
Es handelte sich ja wieder um einen düsteren Akt im Ahnensaale
    Der Professor bot Frau von Hartenstein den Arm sie an den Ehrenplatz der
Gerichtstafel zu führen Sie schüttelte schweigend das Haupt und rührte sich
nicht aus ihrer mütterlichen Umstrickung Priszilla und Phöbe hätten sich wohl
gern in ihrer Nähe gehalten doch folgten sie gehorsam ihren Gatten an deren
Seite
    Der Ehrenplatz blieb unbesetzt da auch Lydia ihn ablehnte Sie trat zur
Seite in einen zweiten Fensterbogen von welchem aus sie die Schmerzensgruppe
der Mutter mit dem Sohn im Auge halten konnte Dort stand sie aufrecht mit
gefaltenen Händen ohne sich zu regen das was um sie her laut ward schien an
ihrem Ohr abzugleiten ein innerlichster Vorgang sich zur Klarheit
durchzuringen aber einer unter welchem das gebeugte Haupt sich hob Dass der
uneingeweihte Kandidat dem Wink des ordnenden Vormunds an das untere Ende der
Tafel nicht Folge leistete sondern in seinem dunkelumhüllten Fensterwinkel
verharrte wird die Versammlung der Eingeweihten ihm als geziemende
Bescheidenheit angerechnet haben
    Magister Klein setzte sich an die Orgel das alte Luterlied »Aus tiefer Not
schrei ich zu dir« wurde angehoben Lydia sang nicht mit auch die am tiefsten
von der Not Bedrängten Mutter und Sohn waren nicht gestimmt zu einem Gebet mit
Sangesklang Dann trat der Professor vor den Altar und hielt eine Ansprache über
das Heilandsgebot »So dein Bruder an dir sündigt so strafe ihn und so er sich
bessert vergib ihm« Gewisslich das rechte Gebot in dieser Stunde und mit
bewegter Seele auch ausgedeutet wie es dem Priester gebührt den Folgesatz an
der Spitze
    Aber die schwere Aufgabe dieser Stunde war zur Erleichterung jedes einzelnen
unter die Berufenen verteilt worden und der Folgesatz hatte einen Vordersatz
dessen Klarlegung dem Rat vom obersten Gerichtshof als Vertreter der weltlichen
Gerechtigkeit sach und fachgemäss zustand Dass dieser seine Aufgabe lösen werde
sonder Ansehen der Person dass er streng nach dem Gesetzeslaut deduzieren und
urteln werde durfte von einem preußischen Richter selbst in einem Familienrat
vorausgesetzt werden
    Er verlas aus dem Landrecht die Paragraphen gegen welche der Angeklagte
gefrevelt hatte durch die Aneignung fremden Eigentums durch seine heimliche
Auswanderung vor erfüllter militärischer Dienstpflicht durch seine Flucht aus
der vormundschaftlichen Gewalt Er verlas auch das Strafmass das auf diese
Vergehen gesetzt war und das Maß war kein geringes
    Dies vorausgeschickt glaubte das rechtsbeflissene Mitglied der Familie sich
bei alledem  vielleicht nicht ohne gelinde Beugung seines staatlichen Gewissens
 zu dem Antrage befugt in Betracht der Jugend des Übeltäters in
fernerweitigem Betracht dass durch den rechtzeitigen Eingriff eines Dritten die
sträfliche Handlung hinsichtlich der beiden letzten Anklagepunkte beim Versuche
geblieben sei die dem Staate zustehende Pflicht der Strafe in diesem besonderen
Falle auf die Familie zu übertragen unter der selbstverständlichen
Voraussetzung dass eine so gläubig in sich gefestete Familie wie diese das Maß
der Busse dem des Vergehens adäquat bemessen und die bürgerliche Gesellschaft vor
fernerer Schädigung durch den jungen Übeltäter schützen werde
    Dieser kriminalistischen Klarlegung vorgetragen im allerernstaftesten
Ernst angehört dagegen mit allseitig zerstreuten oder gleichgültigen Mienen
folgte eine Pause atemloser Spannung für die Mutter ihren Sohn und dessen
Freund Wem von ihnen wäre auch nur einen Augenblick der Gedanke an die
materielle Stattaftigkeit eines Rechtsschutzes und Strafaktes von s des
Fiskus in den Sinn gekommen Dahingegen die Frage in welcher Weise die so
gläubig in sich gefestete Familie solchen Rechtsschutz und Bussakt fordern werde
schwer die Herzen jener drei belastete Die übrigen Familienglieder waren über
diese Frage schlüssig geworden in einer schlummerlosen Nacht auch die jungen
Schwestern hatten der Entscheidung zugestimmt wennschon mit zerrüttetem Herzen
auch Lydia und sie sogar mit gehobenem Herzen Es handelte sich nur noch dem
verlorenen Sohn und vornehmlich seiner Mutter den Beweis zu führen dass um
seiner eigenen Existenz wie um der Ehre und Ruhe seiner Angehörigen willen keine
andere Wahl als die getroffene zu treffen war Und diese Darlegung hatte der
Kammerherr von Behrmann Phöbes Gatte übernommen Nach dem Priester und Richter
war die Reihe an dem Kavalier
    »Welch eine Zukunft« so fragte er »bleibt einem jungen Edelmann der
wohlbegabt und wohlgebildet in zurechnungsfähigem Alter von der Scheu vor
geistiger Anstrengung und christlicher Zucht sich so weit treiben ließ die
natürlichsten und heiligsten Bande schnöde zu zerreißen und als Abenteurer in
die Welt zu gehen Der um seiner eigenen Ruchlosigkeit zu frönen unter
trügerischen Vorwänden sich die erforderlichen Mittel erschwindelt seine
Habseligkeiten  gespendete Wohltat seiner schwesterlichen Versorgerin 
heimlich verschleudert ja sich sogar an dem Eigentum eines Fremden vergreift
eines dürftig von anstrengender Arbeit lebenden Heimatsgenossen des Schützlings
seiner edlen mütterlichen Ahnen Selbst für den Fall dass infolge vorbeugender
Massnahmen welche die Dankbarkeit diesem braven jungen Manne eingegeben hat der
schmähliche Handel als Geheimnis in einem kleinen Kreise gewahrt bleiben sollte
 was im höchsten Masse zu bezweifeln ist  selbst für den Fall dass verborgen
vor den Augen der Welt sich eine Umkehr wirkende Busse hätte ersinnen lassen 
was keinem seiner nächsten Angehörigen gelungen ist  selber in diesen
günstigsten Fällen welche Laufbahn könnte in unserem Staate einer betreten
oder in welcher könnte er sich behaupten der in seinen eigenen Augen und in
denen sei es auch nur eines Dutzend Menschen ein Betrüger ist ja ein Dieb
Der Jüngling hat sich auf den im Blute der Hartenstein ererbten Soldatenberuf
gesteift Leutnant von Hartenstein kann einer dem Verbande eines Offizierkorps
angehören den sei es auch nur ein Dutzend Menschen als Betrüger kennen ja
als Dieb«
    Der Leutnant von Hartenstein antwortete kleinlaut »Nein« und dass er dabei
rasselnd an seinen Säbel schlug geschah wohl weniger um das Nein zu
verstärken als es den Ohren des brüderlichen Betrügers und Diebes unhörbar zu
machen Der Kammerherr von Behrmann aber hatte das Nein gehört und durfte sich
darauf berufen
    »Sein edler Vater« so fuhr er fort »hatte für den Sohn den geistlichen
Beruf erwählt Des Sohnes störriges Widerstreben trieb ihn in die Sünde Gesetzt
den Fall die Strafe der Sünde wirke Reue die Reue Besserung kann einer als
Gottes Priester die Gebote die auf den Gesetzestafeln geschrieben stehen
verkünden der weiß und von dem auch nur ein Dutzend Menschen weiß wie schwer
er selber gegen mehr als eines dieser Gebote gesündigt hat«
    Die beiden Priester der Versammlung schüttelten schweigend die grauen
Häupter Da sie redliche Priester und sich wohl bewusst waren dass schon aus
manchem freiheitslüsternen Adamssohne mit der Zeit ein um so eifermütigerer
Apostel geworden ist galt ihre schweigende Verneinung gewisslich nicht der Frage
im allgemeinen sondern dem Zweifel an einer geistlichen Umkehr in diesem
besonderen Fall Und in diesem besonderen Fall stimmte ihnen der werdende
Priester im Fensterwinkel aufrichtig wenn auch nur in der Stille des Herzens
bei
    »Kann einer Richter sein« fuhr der Fragsteller fort »Hüter des
gesellschaftlichen Rechts in irgendwelchem Amt Verwalter der Autorität oder des
Eigentums seines Staates der nur vor eines Dutzend Menschen Augen und seinen
eigenen mit dem schimpflichsten Makel behaftet ist«
    »Nein dreimal nein« rief der Rat vom obersten Gericht mit der Energie
eines Mannes der für die Sicherheit von König und Vaterland einzustehen hat
    Die Reihe der Erwägungen war mit diesem dreifachen Nein erschöpft von
irgendeinem teoretischen Berufe konnte bei des Jünglings unstetem Temperament
nicht die Rede sein und irgendein industrielles Gewerbe nicht in Betracht kommen
in einem Kreise der von allen attischen Anschauungen keine so gründlich wie die
der schändenden Handarbeit in sich aufgenommen der schändenden Handarbeit
selbst für einen den die Natur nun einmal absolut zum Geistarbeiter verdorben
hat Das Korrektiv würde schmählicher als das Übel welches es herstellen
sollte erschienen sein Der ritterlichen Hand geziemte das Schwert die Feder
und allenfalls noch  der Pflug
    Freund Dezimus der während der hochnotpeinlichen Argumentation wie auf
Kohlen gestanden und vielleicht mehr als Inkulpat selbst Blut und Essig
geschwitzt hatte die sichere Hoffnung gehegt dass der kammerherrliche Schwager
der in einer abgelegenen Provinz ein ihm eignendes Rittergut von mässigem Umfang
persönlich bewirtschaftete abschliessend seine Bereitwilligkeit erklären werde
den Bruder seiner Gattin als landwirtschaftlichen Eleven in seine Zucht zu
nehmen und wenn die unglückliche Mutter überhaupt eines Rettungsplanes fähig
gewesen wäre würde auch sie keinen anderen als diesen ins Auge gefasst haben
Ihr Eidam der diese mütterliche Hoffnung mutmaßen mochte war daher beflissen
ihr sie mit ausführlichen Gründen zu benehmen Nicht nur dass der zeitweilige
Dienst bei allerhöchsten Personen neben anderweitigen ritterschaftlichen
Obliegenheiten ihn ausserstand setzten eine so schwere Verantwortung wie die
Korrektur und Rehabilitierung eines derartig verirrten Familiengliedes auf sich
zu laden nicht nur dass die Zwitterstellung eines Blutsverwandten und
Untergebenen fast immer eine unhaltbare ist dass sie bei einem so zügellosen
Temperament zu einem gefährlichen Beispiel für die nächste Familie wie für
Untergebene werden kann welche Aussicht bot selbst bei soliderer Anlage die
ökonomische Laufbahn einem jungen Edelmann der gänzlich ohne Vermögen war Wohl
geziemte der Pflug einer ritterlichen Hand aber der eigene Pflug musste es sein
Konnte ein Hartenstein wie Hinz und Kunz lebenslang Verwalter oder allenfalls
Pächter eines Fremden sein konnte er der von einem Privatmann besoldete Jäger
oder allenfalls Unterförster sein Eine erneuernde Arbeit in Wald und Flur blieb
demnach gleichfalls von der Wahl ausgeschlossen
    Und so lautete denn  wie leider schon oftmals nach einem jugendlichen
Tollkopfsstreich  der Schiedsspruch der in der Stille der Nacht einmütig
gefasst nunmehr im Ahnensaale von Werben verkündet und einmütig bestätigt wurde
»Das Exil« Nur fern von seiner Familie seiner Heimat seinem Staat und
Erdteil von allem an dem er bisher gehangen nur als Fremdling in einer
fremden Zone unter einer unfertigen Gesittung konnte einer der in seiner Ehre
also beschädigt in seiner Sitte also gesunken war den Raum finden auf dem er
sich zu einem neuen Menschen umbildete Fort in eine neue Welt fort
    Philipp hatte bei der letzten Ausführung den Kopf von der Mutter Schoße
emporgerichtet seine Augen funkelten vor Lust und Ungeduld Was wollten denn
diese törichten Schwätzer als sein eigenes glühendes Verlangen War die Strafe
die sie diktierten denn etwas anderes als das Vergehen dessen sie ihn
beschuldigten »Juchhei in eine neue Welt Fort fort« rief er gleichzeitig mit
dem Antragsteller
    Der Brust der Mutter aber entrang sich bei diesem bannenden und jauchzenden
»Fort« ein so markerschütternder Schrei dass der Redner in seinem Vortrag
innehielt und der Sohn den Kopf wieder in ihren Schoss sinken ließ Alle Blicke
richteten sich nach der unglücklichen Frau Priszilla und Phöbe näherten sich
ihr mit überströmenden Augen Der Knabe war auch ihr Liebling gewesen beide
waren junge Mütter sie hatten den Streich vorgefühlt und sie fühlten ihn jetzt
nach der mit dem grausamen »Fort« das zärtlichste Herz wie ein Todesstreich
durchzuckte ohne dass sie ach ihn abzuwehren vermochten
    Nur Lydia war auf ihrem Platze verharrt mit weitgeöffnetem Blick starrte
sie auf die bewegte Gruppe ihre Glieder bebten unter dem faltigen Trauerkleide
selber ihre Lippen waren weiß Sie hatte den Schmerz der Trennung die ihr
Rettung hieß nicht in dieser Muttertiefe geahnt sie hatte das Opfer das sie
selbst befreien sollte mehr als das bedacht welches sie auferlegte »Das ist
dein Werk« klagte der unerbittliche Genius in ihrer Brust sie an Das Wort der
Erläuterung der Beschwichtigung das Wort welches die Strafe als eine Gnade
darstellen sollte war ihr zugeteilt gewesen da sie es nicht auszusprechen
vermochte tat es der väterliche Freund an ihrer Statt
    Er ging auf Frau von Hartenstein zu ergriff ihre Hand und redete ihr zu
Gemüt mit bewegtem ja fast mit zürnendem Klang Durfte sie ihm zutrauen dass er
ein Kind an dem er Vaterstelle vertrat einen Sohn Joachim von Hartensteins
einen Knaben mit noch unentwickelten selbst körperlichen Kräften in die Fremde
hinausstossen werde in die Irre einer ungebändigten äußeren Natur in das
Wirrsal der wüsten Gesellschaft die jenseit des Ozeans den Boden für neue
Kulturen düngt Nimmer nimmermehr Der Port in welchem ihr verirrtes Kind
landen sollte war ein Friedensport die Hütte die ihn bergen sollte war eine
Hütte der Liebe die Arme die ihn umfangen und leiten sollten waren Vaterarme
Kannte die Mutter ihn denn nicht hieß sie ihn denn nicht ihren Freund den
treuen Mann der in der Zeit der Drangsal Amt und Heimat verließ um als
Sendbote seines ewigen Herrn das Licht des Heils in das Bereich
nachtumschatteter Seelen zu tragen Wirkten nicht Weib und Kind lehrend und
pflegend frohbeglückt an seiner Seite Hatte er nicht manchen Jünger aus seiner
deutschen Heimat zu gleichem Wirken sich nachgezogen Nannten Kirche wie
Gelehrtenwelt seinen Namen nicht mit Stolz Waren es nicht Festtage in der
Familie Joachim von Hartensteins wenn aus dem Palmentale neue Kunde anlangte
von dem Gnadenwunder das die Gebete und die Opfer heimischer Bekenner in immer
weiteren Kreisen falschgerichteter Seelen zeugten
    »Unser Vaterland die Wiege des Protestantismus hat sich in einer der
erhabensten Aufgaben von seinen Tochtervölkern schmachwürdig überholen lassen
Noch wirken an der Stätte auf welcher das Heil gezeugt von welcher es in die
Welt hinausgetragen worden ist die deutschen Sendboten die es in jene
verdunkelte Stätte zurücketragen unter fremder Ägide Schon jedoch sind die
höchsten und hehrsten Herzen dafür erweckt die Säumnis einzuholen Bald wird
das Friedenskreuz auf preussischem Banner wehen und unter diesem zweifach
heiligen Zeichen der dem Vaterlande verlorene Sohn demselben wiedergewonnen
werden Seine Strafe heißt Liebe dulden und seine Busse Liebe üben lernen sein
Exil ist der Boden der jedes Christen teuerste Erdenheimat ist«
    Es war eine eingängliche Schilderung welche nach diesen warmen Worten
Professor Hildebrand von dem äußeren und inneren Gedeihen der englischen
Missionsstation in Palästina entwarf wohl nur darum so eingänglich um der
aufgeregten Mutter eine Pause der Sammlung zu gewähren Denn weder ihr noch
irgendeinem seiner Hörer wurde etwas Unbekanntes mitgeteilt Leider auch dem
nicht auf welchen jenes Gedeihen eine Heilswirkung üben sollte Wenn früherhin
der Vormund über seines Zöglings Stumpfsinn ja seinen Abscheu vor vertiefenden
Lehrworten geklagt hatte so war es zweifelhaft was dem Kindskopfe gründlicher
widerstand ob die Schulexpositionen der alten Heidendichter oder die Berichte
der neuen Heidenbekehrer die ein Haupttema der Unterhaltung in seinem »Kerker«
bildeten Was fragte der Sausewind Philipp nach den Operationen der Gnade in
einer Berbernseele was nach den Rudimenten von Sprache und Sage semitischer
Völkerbrocken Die »Friedenshütte des Palmentales« war ihm nur wiederum ein
Gefängnis in welchem gesungen und gebetet wurde abgeschieden von allem was
auf Erden lacht und lockt noch weit einödiger als der Ahnensaal von Werben oder
die Bücherklause der Gelehrtenstadt
    Während des Professors Vortrag wachte der alte Unband denn auch merkbar in
ihm auf er warf den Kopf in die Höhe wollte aufspringen murrte halb
unterdrückte Laute Da die Mutter aber ihren Arm immer dichter um seinen Hals
schlang ihm die Locken streichelte und in sein Ohr flüsterte »Still still
mein Kind ich verlasse dich nicht« wurde ein Ausbruch notdürftig gehindert
bis der Redner geendet hatte Zustimmungssicher überblickte er den Kreis seiner
Hörer einer nach dem anderen neigte schweigend das Haupt nur Lydia stand in
sich versunken und die Matrone erhob sich zu einer Gegenrede von ihrem Platz
    Eine Purpurwoge überflog ihr blasses kindliches Gesicht sie zitterte so
heftig dass sie die schlummernde kleine Enkelin um sie nicht fallen zu lassen
auf ihren Sessel niederlegte und mit beiden Armen den Sohn umklammerte Sie rang
nach einem Wort war aber so gewohnt sich schweigend zu fügen dass sie den Sinn
nicht alsobald fand und den Laut drängte alles was Angst und Qual heißt in
die Brust zurück Nach einer erwartungsvollen Pause fragte der alte Freund
daher ob sie gegen das Rettungswerk welches er nach bestem Wissen und
Gewissen im Einverständnis mit allen den Ihrigen zum Vorschlag gebracht einen
Einwand zu erheben habe
    Sie schüttelte das Haupt »Nein nein« presste sie hervor »Aber  aber ich
verlasse meinen Sohn nicht  ich gehe mit wohin er geht«
    Die sanfte Frau sah danach aus als ob sie zu dieser mütterlichen Heldentat
unwiderruflich entschlossen sei Keiner hatte diesen Zug von Energie je an ihr
wahrgenommen Eine lange Pause entstand Die richtenden Männer blickten
betroffen erst die Matrone dann sich untereinander an Wo blieb die Strafe und
wo die Busse des verlorenen Sohnes unter diesem Geleit Die jungen Töchter warfen
sich an der Mutter Herz entsetzt von der Vorstellung der Entbehrungen und
Gefahren welche das zarte teuere Leben bedrohten Auch Martins Augen waren
feucht Er näherte sich der Gruppe hob sein Töchterchen von dem Sessel in die
Höhe und legte es in der Mutter Arm während er mit dem seinen ihren bebenden
Leib umspannte
    »Und was soll aus diesem armen Würmchen werden wenn auch du von ihm gehst
Mama« fragte er mit schluchzender Stimme
    Die unglückliche Frau taumelte auf ihren Platz zurück Zum ersten Male
entstürzte ein Tränenstrom ihren Augen Im Arm das schwache mutterlose Kind an
der Hand den geächteten Sohn schweiften ihre Blicke von jenem zu diesem und von
diesem zu jenem Welches von beiden liebte sie mehr das schuldige Kind oder das
unschuldige Welches von beiden bedurfte der Liebe einer Mutter mehr Ach
bewahre doch Gott in Gnaden ein armes Frauenherz vor solcher Liebeswahl Kein
Atemzug wehte durch die Schwüle des Ahnensaals
    Da nahte sich Lydia mit festen Schritten das schöne Haupt hoch
aufgerichtet ein hehres Feuer in den Augen und auf den Wangen eine Purpurblüte
»Nicht du meine Mutter« sagte sie indem sie die Hand der Witwe an ihr Herz
drückte »Dein Platz ist bei diesem Kind Mit deinem Sohne gehe ich und ich
gelobe dir fortan mit deinen Augen über ihn zu wachen«
    Die Mutter lehnte ihr Haupt an der Tochter Brust
    »Lydia« stammelte sie »Lydia du mit ihm du  o mein Joachim hast du
es gehört«
    In diesem unter sich so vertrauten Kreise ahnte keiner dass der Entschluss
welchen Lydia mit solcher Ruhe äußerte nicht erst die Eingebung des Augenblicks
sei sondern eine vorbedachte Selbstbefreiung von schwerem Druck  keiner als
Dezimus der einzige dem Kreise nicht Vertraute Alle anderen sahen nur das
Opfer die Mehrzahl neben dem moralischen Opfer auch das materielle da es ja
den Verzicht auf das Werbensche Erbe in sich schloss und gewiss berechnete
mancher die Einbusse die auch ihn mittelbar bedrohte Aber so natürlich erschien
alles was dieses Mädchen Besonderes tat so besonders alles was ihm natürlich
war und so unbedingt war die Schätzung ihrer adligen Natur dass auch nicht der
leiseste Einwand gegen ihr Vorhaben erhoben wurde Der schwere Familienkonflikt
würde heute wiederum wie beim Tode des Vaters durch das Opfer der Schwester
erledigt worden sein wenn  ja wenn nicht der gewesen wäre welchem es dazumal
einschliesslich und heute ausschließlich gebracht wurde
    Der aber der törichte Knabe gebärdete sich plötzlich als ob der böse
Geist in ihn gefahren sei In dem Geleit der Mutter so aufrichtig es gemeint
war hatte er eine gütige Täuschung gesehen einen Einfall der ihm das Wasser
in die Augen trieb aber doch nicht viel mehr als eine Seifenblase Wenn es auf
ihn selber angekommen wäre ei freilich was hätte er sich denn Besseres
wünschen können als mit seinem Mütterchen eine Bussfahrt um die halbe Welt zu
machen an irgendeinem hübschen Platze es zum Aussteigen zu bereden und allda
seines jungen Lebens froh zu werden Aber die anderen Was sollte diese liebe
gute englische Mama unter Juden Heiden und Türken Weit eher als dass man sie
fort ließ ließ man ihn ja los Die ganze Geschichte war dummes Zeug
    Nun jedoch da Lydia an der Mutter Stelle trat wurde die Geschichte
bitterer Ernst und die lange verbissene Wut brach jählings in dem Unband aus
Er riss sich von der Mutter Hand ballte die Fäuste und stampfte mit den Füßen
Die Augen sprühten wie wilde Katzenaugen
    »Und ich gehe nicht mit« kreischte er mit überschnappender Fistelstimme
»Ich kann keine Heiden bekehren und ich mag keine bekehren Ich bin selber ein
Heide Ja ein Heide bin ich Ein Heide Ich will nicht beten und singen zu
Hause nicht und im Gelobten Lande noch viel weniger Schleppt mich nur hin ich
laufe unter die Türken und werde Soldat Sperrt mich nur in die Kajüte bindet
mich fest beim Landen müsst ihr mich doch losmachen und ich springe ins Meer
und schwimme mich frei lebendig oder tot«
    Welcher Umschlag in den Gemütern Lydia stand starr und fahl wie ein
Gespenst alles Mitleid der jungen Schwestern war verstummt selbst die Mutter
blickte verzagt Die Männer zitterten oder knirschten vor Empörung
    »In die Zwangsjacke mit dem Besessenen« murmelten die geistlichen Freunde
    »In das Zuchthaus mit dem Bösewicht« riefen die weltlichen Schwäger
    Dann eine Pause stummer Ratlosigkeit Philipp wischte sich den Schweiß von
der Stirn und den weißen Schaum von den Lippen Die Tarantel hatte ausgebraust
Wallt doch selbst in grauen Siedeköpfen die wilde Wut einen Atems auf und ab
und hat sie abgewallt ist das Gehäus bis auf weiteres entleert Gegenwärtigen
kindischen Siedekopf aber gar hätte man fünf Minuten nachdem er sich als Heide
proklamiert ihn an Bord eines christlichen Missionsschiffes geführt er würde
gefolgt sein wie ein Lamm Ja er blickte schon wieder ganz wohlgemut dem
Freunde zu dessen Gegenwart er seit einer Stunde vergessen hatte und den er
jetzt aus seinem Fensterwinkel auf die rat und sprachlose Versammlung
zuschreiten sah Sein lieber guter Dezimus er würde ihn schon noch einmal aus
seiner argen Klemme ziehen
    Die Blicke der weisen Richter waren denen des jungen Toren nicht ohne
Befremdung gefolgt Was wollte Saul unter den Propheten
    Wenn für ein Problem das Tag wie Nacht hindurch Hirn und Herz zerwühlt hat
im Sturme des Affekts jach wie ein Blitz die Lösung uns durchzuckt dann
nicht wahr dann nennen wir es Eingebung Und wenn wiederum im Sturme des
Affekts die Eingebung einen zündenden Ausdruck findet dann nennen wir diesen
Beredsamkeit Wirkung und Wirksamkeit solcher Art war dem glücklichen Kandidaten
in dieser Stunde beschieden Er hatte einen Einfall zu rechter Zeit was allemal
ein Treffer ist in der Lebenslotterie einen recht einfachen Einfall ebenso
einfach wie der des Kolumbus nicht da er Amerika entdeckte sondern da er das
bewusste Ei zum Stehen brachte
    In Parentese Nach Frau Hanna Blümels Dafürhalten ein weit
verwunderlicheres Kunststück als die Entdeckung Amerikas insofern das Ei weder
ausgelaufen noch ein hartgesottenes gewesen sein sollte
    Diesen einfachen Einfall brachte der Kandidat nun aus eigener
Machtvollkommenheit der bestürmten und bestürzten Versammlung zu Gehör aus
warmem Herzen mit warmem Wort denn er sprach als Freund Dass er dabei nicht
ohne gewisse diplomatische Rücksichtsnahmen verfuhr wird man hoffentlich seinem
redlichen Hirtensinn weder als Ironie noch als Achselträgerei auslegen Selber
von der Kanzel herab muss ein Redestück ja wohl dem Auditorium ohrgerecht
zubereitet werden wie viel mehr in einem Ahnensaal
    Unabsichtlich kunstgemäss nahm er seinen Ausgang von dem geringfügigsten
Punkt will sagen von seiner eigenen Person Er erzählte denen die es noch
nicht wussten und just denen galt ja seine Überredung von seinem Bruder einem
erprobten Seemann der den kommenden Winter in einem bescheidenen Heimwesen auf
einer der friesischen Inseln auszuruhen gedenke und dass er der Kandidat im
Begriffe stehe einer geschwisterlichen Einladung in dieses Heimwesen zu folgen
Unumwunden richtete er darauf an die welchen die Entscheidung über seines
jungen Freundes Schicksal zustehe die Bitte ihm denselben als Begleiter auf
dieser Reise anzuvertrauen und falls die Verhältnisse seinen Erwartungen
entsprechend gefunden werden sollten ihn alldort für eine Probezeit der Obhut
braver einfacher Menschen und der geistigen Führung des Predigers der Insel
dessen Name ja als der eines treuen Christen und bewährten Pädagogen weit über
den Kreis seiner nächsten Wirksamkeit hinaus bekannt sei zu überlassen
    Erstes Zeichen rednerischen Erfolges die beiden frommen Seelsorger neigten
bei diesem Passus vom Inselpastor zustimmend die Häupter
    »Insofern nämlich der Jüngling gewillt sei sich dieser Probezeit ohne
Sträuben zu unterwerfen und  «
    »Ja ja ich will« unterbrach ihn Philipp freuderot indem er Anstalt
machte sich seinem Erretter in die Arme zu stürzen
    Der aber wehrte ihn ab »Nicht an Ihnen ist zunächst die Entscheidung und
es ist kein Freudenleben das Sie erwartet törichtes Kind« sagte er mit
Mentorwürde für welche Zurechtweisung er ein zustimmendes Neigen auch der
beiden schwägerlichen Häupter erntete
    »Ein unruhig neugieriges Verlangen« so fuhr er fort »prickelnd in den
Adern dieses Jünglings den ich über seine Jahre hinaus noch einen Knaben
nennen möchte hat ihn in eine schwere Verirrung getrieben und es ist im Kreise
dieser Berufenen entschieden worden dass unsere gesellschaftlichen Einrichtungen
einem derartig Verirrten seines Standes selbst wenn er ein anderer geworden
wäre nicht den Raum gewähren auf welchem er sich zu einem nützlichen und
glücklichen Menschen heranbilden dürfte Mir in meiner Stellung gebricht wie
das Urteil so die Befugnis solchem Entscheid zu widersprechen«
    In Mienen und Gebärden allseitige Zustimmung des Männerkreises bei diesem
Zeugnis bescheidener Selbstschätzung
    »Sollte aber nicht vielleicht für eine derartig angelegte Natur der Beruf
des Seemanns in Betracht zu ziehen sein Sollte  «
    »Ja ja Seemann will ich werden« unterbrach ihn Philipp zum zweiten Male
um zum zweiten Male zur Ruhe verwiesen zu werden
    »Der maritime Verkehr unseres Vaterlandes« so hob sein Fürsprecher von
neuem an je mehr und mehr auch von einem sachlichen Eifer beherrscht
»beschränkt sich bis jetzt auf den Handel von Privaten Die Sehnsucht des Volkes
aber drängt zu Schutz Förderung und Forschung nach einer staatlichen Ausdehnung
dieses Verkehrs«
    Seitens des Kammerherrn Zeichen der Missbilligung von dem Redner leider
unbemerkt
    »Und wenn diese Ausdehnung eines Tages errungen werden sollte würde dann
für einen bereits seemännisch Geschulten nicht auf eine angemessene Stellung im
vaterländischen Dienst zu rechnen sein«
    Die Nichtübereinstimmung mit dieser zweifachen Erwartung einer preußischen
Flotte und eines auf ihr bediensteten Schwagers wurde jetzt auch an dem hohen
Rat so augenfällig dass der Kandidat sich beeilte eine sympatischere Saite
anzuschlagen
    »Aber auch abgesehen von dieser zweifelhaften Zukunftsfrage wie häufig ist
es ausgesprochen worden und wem leuchtete es nicht ein dass das wagnisvolle
Ringen zwischen Ozean und Himmel wie kein anderer Beruf geeignet sei einen
schwanken Menschen fest einen schwachen stark zu machen warum nicht auch
diesen Jüngling dem ein unbestimmter Drang in das Weite den Segen der Nähe
verkennen lässt Warum mit der Zeit ihn nicht auch reif für das erhabene Amt das
seine Freunde für ihn erwählten wenn er auch heute noch nicht fähig ist seine
heiligende Bedeutung zu fassen Schon manchen unserer wirkungsvollsten
Missionare hat der Drang der Forschung ja der Abenteuer unter die Heidenwelt
getrieben bevor das Erbarmen mit deren geistiger Armut den Eifer des Apostels
in ihm zum Durchbruch brachte
    Wenn aber auch dieser höchste Segen eine Frage der Zukunft bleiben muss so
würde der Gewinn für die Gegenwart wohl in keiner Weise eine Frage sein Ein
winterlicher Aufenthalt auf dem einsamen Eiland unter den Eindrücken
elementarer Allgewalt im ausschliesslichen Umgang mit Menschen die vertraut
sind den herben Entsagungen und Drohnissen des seemännischen Berufs würde die
Entscheidung für oder gegen diesen Beruf in dem Jüngling zur Klarheit bringen
würde den Seinen wie ihm selbst zur Wahl eines anderen die Frist gewähren der
zarte Körper würde sich kräftigen äußere Kenntnisse und innere Erkenntnis
würden gefördert knabenhafte Einbildungen verscheucht werden der Übermut Grad
um Grad sich zu besonnenem Mannesmut abdampfen«
    Als der Kandidat mit diesen Worten seine Jungfernrede schloss erntete er
einen großen Triumph Der verlorene Sohn hing an seinem Halse nannte ihn seinen
Retter seinen einzigen Freund Bruder Martin nannte ihn gar ein famoses Genie
und die beiden Schwestern umschmeichelten ihn unter Lachen und Weinen ohne dass
ihre Herren Ehegemahle darob eifersüchtig wurden Die unglückliche Mutter aber
dankte ihm wie eine zum Tode Verurteilte für die erwirkte Gnadenfrist
    »Ja er soll mit Ihnen gehen« schluchzte sie »Handeln Sie für ihn als ob
er Ihr Bruder wäre«
    Und endlich die weisen Richter was blieb ihnen übrig als aus der Not eine
Tugend zu machen und ihren Herrgott im stillen zu preisen weil ihnen einen
Winter lang vor dem bösen Buben Ruhe verschafft worden war Keiner aber inniger
als der alte Familienfreund der vier Jahre hindurch bei seinen
Vormundspflichten weit Unleidlicheres auszustehen gehabt hatte als der junge
Leichtfuss bei seinen Mündelpflichten Die Seemannsprobe unter der geistigen
Obhut des wohlberufenen Inselpfarrers war eine Erlösung für den gottesgelehrten
alten Herrn Er stellte daher einer etwaigen weichmütigen Sinnesänderung
vorzubeugen auch lediglich die Bedingung dass die Reise sobald als möglich
angetreten werde und als Dezimus sich jede Stunde zu ihr bereit erklärte
gleichviel ob Bruder Steuermann bereits in sein Winterquartier gerückt sei oder
nicht  Herr im Hause war ja doch die Steuerfrau  wurde gleich der heutige
Abend zum Antritt der Bussfahrt bestimmt Diese würde unter persönlicher Führung
des treuen Vormunds vonstatten gegangen sein wenn nicht Fräulein Lydia sich zu
seiner Stellvertretung erboten hätte ein Tausch gegen welchen von keiner Seite
Einwand erhoben wurde und von Seite des Kandidaten Frei am wenigsten
    Die unglückliche Lydia Sie allein teilte die allgemeine Befriedigung nicht
Wohl drückte auch sie Dezimus die Hand wie man sie einem notelfenden Freunde
zu drücken pflegt aber die Purpurblüte war auf ihren Wangen erloschen und auf
ihre Seele die Last zurückgewälzt von welcher sie sich durch ein edles Opfer zu
erlösen gehofft hatte Keiner im Kreise ihrer Gleichgesinnten ahnte diese Last
Der einzige Fremde in diesem Kreise aber verstand und empfand sie wie einen
eigensten Schmerz
    Im Pfarrhause feierte der Kandidat der eine bängliche Schicksalsfrage so
befriedigend gelöst hatte einen zweiten außerordentlichen Triumph wenn auch
nicht gerade als inspiriertes Genie so doch als ein Held des Glücks Vater
Blümel der Versöhner würdigte diese Lösung zwar als den ersten tatsächlichen
Beweis dass der Sohn über den Angelegenheiten im hohen Himmel und an demselben
nicht zum Simplex und Tolpatsch in den Nöten des Menschenlebens geworden sei
Mutter Hanna aber die eines solchen Beweises längst nicht mehr bedurfte sah in
dem bösen Buben bereits den Admiral einer in Zukunft möglichen deutschen Flotte
oder doch zum allerwenigsten einen wackeren Schiffskapitän das jedoch
keineswegs um seiner maritimen Begabung willen sondern lediglich aus dem
Grunde dass die Hand ihres gesegneten Johanniskinds sich in seine Untaten
gemischt hatte und Röschen  ja freilich das liebe Röschen schmollte und
schmälte recht strudelköpfisch bei Lichte besehen war aber auch dieses
Schmollen und Schmälen ein Triumph und ein recht süßer Triumph
    Dieser alte Dezem Kaum in das Haus wollte er schon wieder fort und
Röschen hatte sich doch den ganzen langweiligen Sommer hindurch auf die
Kandidatenvakanz und zum ersten Male seit vier Jahren auf eine lustige Weinlese
gefreut Und wenn er noch ganz allein auf seine wüste Insel gegangen wäre Aber
in Gesellschaft eines wunderschönen Fräuleins  denn der dumme Junge zu dritt
der zählte für Null  bei Nacht und Nebel in die weite Welt hinein zu dampfen
schickte sich das Schickte sich das ganz besonders für einen Kandidaten pro
ministerio Nein es schickte sich nicht Und darum wollte Röschen mit Röschen
wollte endlich auch einmal eine Reise machen das Meer sehen eine große Stadt
und was es etwa sonst noch Hübsches bei Wege zu genießen gab
    Ja das liebe Röschen wollte mit absolut mit und ihren alten Dezem ei
nun den hatte sie bald genug herum Fürs Leben gern hätte er sie mitgenommen
So als zehntes Korn von Rosen und Lilien eingefasst oder als Dezemshuhn von
Lerche und Schwan begleitet was hätte das für einen Einzug in Mutter Stinens
Inselhause gegeben
    Der Plan scheiterte aber leider an dem Nein des sonst so nachgiebigen Papa
Blümel der seinen Liebling eine kleine Törin schalt und als nun auch Leutnant
Martin sich die Vorstellung erlaubte dass eine so schöne Dame wie Fräulein Rose
doch eine gar zu gefährliche Eskorte für einen jungen Sträfling wie Bruder
Philipp sein würde und weheleidig hinzusetzte dass er und seine beiden
Schwestern sich so herzlich auf ein zerstreuendes Zusammensein mit ihrer
liebenswürdigen Freundin gefreut hätten was blieb dem lieben Röschen da übrig
als zu lachen und ihrem alten Dezem zu erklären während er mit dem schönen
Fräulein Busspsalmen singe werde sie um sich seiner angemessen zu beschäftigen
es sich angelegen sein lassen einem betrübten Witwer gründlich Trost zu
spenden
    Zu welchem lobenswerten Vorsatz der alte Dezem seinen Segen gab
Ach es war durchaus keine Lustreise in des lieben Röschens Sinn zu welcher die
drei jungen Menschen mitten in der Nacht aufbrachen Eine hastige stillernste
Fahrt durch Gegenden in welchen auch wenn die Sonne scheint die schlummernde
Seele nicht erwacht und die bedrückte sich nicht erhebt In keiner der
bedeutenderen Städte wurde geweilt umgehend lösten Dampf und Postverbindung
sich ab Mit schwerem Herzen durch Dunkel und Nebel nur immer voran
    Aber nicht Lydia allein auch Dezimus fühlte sich beklommen Von seinem
Heldenstolze war eine klägliche Neige übriggeblieben Wie ein Experimentator
ja wie ein Abenteurer kam er sich vor wie ein waghalsiger Spieler mit fremdem
Glück Graue Dunstschleier umhüllten das Inselhaus das er als einen Hafen
geschildert hatte und wenn das steuerlose Boot das er in diesem Hafen bergen
wollte nun als Wrack an die heimische Küste zurückgespült wurde wie sollte er
vor dem Chor der strengen Richter bestehen wie vor Lydias ernster Seele
    Nur der welcher diese Zweifel um das Geratewohl einflößte empfand von
ihnen keine Regung Nachdem er sich den Abschied von seinem Mütterchen aus dem
Sinne geschlagen schaute er so wohlgemut drein wie seit seinen Kinderjahren
nicht mehr bald genug aber drückte er da es des Unterhaltenden weder zu sehen
noch zu hören gab seine Guckaugen zu und ließ sich in den Schlummer rütteln
der Glückliche seines Schlags auf hartem oder weichem Polster bei gutem oder
bösem Gewissen nicht lange auf sich warten lässt
    So ohne Zeugen in stiller Nacht dem jungen Manne gegenüber dem sie so
Bedeutendes zu danken glaubte bezwang Lydia endlich den in sich gekehrten
mitteilungsscheuen Sinn Dezimus war ihr seit Jahren ein Fremder geworden und
schwerlich mochte sie ihn jemals in irgendeinem Sinne als ihresgleichen geachtet
haben Nun jedoch da er in einer entscheidenden Weise in ihr eigenstes Leben
eingegriffen hatte erkannte sie sein Anrecht ihren Nächsten zugezählt zu
werden Denn nur Vertrauen kann eine Guttat lohnen und wie es einen Spürsinn
gibt für die wahrhaftige Teilnahme welcher der vernehmbare Ausdruck nicht
genügt oder nicht gelingt so löste sich im Sagen und Verstandenfühlen das Band
das ihre Brust zusammenschnürte und sie redete wie sie es seit ihrer großen
Schicksalswendung nicht mehr getan hatte in vollen freien Herzenstönen So
gestand sie denn auch was Dezimus von vornherein geahnt hatte dass der
Entschluss ihren Bruder zu begleiten und sich dauernd aus allen heimischen
Verhältnissen zu lösen nicht bloß als Gewissensakt einen lockenden Zauber auf
sie geübt und dass seine Vereitelung ihr einen tiefen Niederschlag bewirkt habe
    »Wie oft« sagte sie »ist es doch die nackte Selbstsucht welche die
Aureole eines Opfers umschimmert Ohne es mir deutlich einzugestehen sehnte ich
mich nach einer veränderten Sphäre nach einem Anfang gänzlich neuen Lebens Die
Aufgabe welche ich meiner Familie gegenüber zu erfüllen hatte wäre überdies
mit diesem Neuanfang erfüllt gewesen Meine Schwestern sind versorgt die Mutter
hat in Martins Hause den ihr gemässesten Wirkungskreis Den durch meine Schuld
verirrten Bruder glaubte ich in meines Vaters Sinne und törichterweise auch in
des Knaben eigenem beweglichen Sinne auf einen guten Weg zu führen ich durfte
einen Platz räumen auf dem ich mich allezeit als Eindringling gefühlt habe«
    Dezimus erlaubte sich diese letzte Auffassung als eine unrichtige zu
bezeichnen Sie ließ aber seinen Widerspruch nicht gelten
    »Ich musste« sagte sie »in jener äußersten Bedrängnis es als eine göttliche
Fügung nehmen die mir diese Ausflucht bot Sie kostete mich mein Selbstgefühl
aber ich hatte keine Wahl Nach ihrer Mutter Tode steht Sidonie heute hülfloser
da als ich und es ist mir nicht etwa Pflicht nein Wohltat sie an meine
Stelle treten zu lassen und das was sie aus meiner Hand ablehnen zu müssen
glaubte dankbar aus der ihren anzunehmen Das heißt die Mittel welche Philipps
von neuem zweifelhaft gewordene Existenz erfordert während ich meinen eignen
Weg einschlage«
    Dezimus kannte die kleine Sidi gut genug um voraus zu wissen dass sie auch
diese in eine zu erweisende Wohltat umgekleidete erwiesene Wohltat noch ablehnen
werde Muss einer denn aber wahrlich nicht ein Johanniskind sein der auf diesem
»am Golde hängenden nach Golde drängenden« Erdenrund das seltene Schauspiel
genießt zwei gleich bedürftige und keineswegs durch Sympatie verbundene
menschliche Wesen sich gegenseitig einen Goldhaufen zuschieben und gegenseitig
zurückschieben zu sehen Eine Schimäre ist das Gold leider Gottes nicht aber
hier wurde es schlechtin zur Schikane
    Während er lächelnd diese Betrachtung anstellte war Lydia unvermerkt auf
die jammervollen Einzelnheiten übergegangen welche ihr alter Lehrer über die
Heimsuchung in seiner Provinz den Freunden hinterbracht hatte Hier wäre nun der
geeignetste Platz für eine die eine Lebensaufgabe sucht gewesen ungeschult
wie sie in der Krankenpflege großen Stils indessen noch war würde sie für die
gegenwärtige Not zu spät gekommen sein Sobald sie aber zu einem einigermaßen
befriedigenden Überblick über ihres Bruders neue Lage gekommen sein werde
erklärte sie sich fest entschlossen sich zur Diakonissin auszubilden und
dauernd ihren Beruf in diesem Amt zu finden Was hätte denn auch einer Lydia
angemessener sein können als solcher Entschluss
    Dennoch war Dezimus auf diese Konsequenz ihres Planes das Vorrecht an
Werben ihrer Kousine abzutreten nicht gefasst gewesen und ein Krampf schnürte
plötzlich seine Brust zusammen Er fand keinen stichhaltigen Einwand und er
hätte keinen finden können Aber Lydia fühlte ihm an dass er nach solchem
Einwand ringe und kam ihm mit einem ehrlichen Bekenntnis zuvor
    »Meine natürliche Aufgabe war einigen wenigen viel zu sein In
eigensinniger Verblendung habe ich diese Aufgabe verfehlt und ich nehme es als
Busse hin fortan allen Einfluss auf des mir anvertrauten Kindes Schicksal seinen
besseren Freunden zu überlassen Was könnte in solcher Lage nun aber gebotener
sein als das Streben vielen etwas zu werden und gäbe es für eine Frau die der
Familienpflicht enthoben ist wohl einen erfüllenderen Beruf als den welchen
wir ziemlich hochtrabend Samariterdienst nennen«
    Dezimus hätte wohl einen erfüllenderen Beruf gewusst aber durfte ein
dreiundzwanzigjähriger Kandidat der Gottesgelehrteit dem allerschönsten
Fräulein das es für ihn gab unter vier Augen raten »Ja einem einzigen alles
werden« Obendrein da dieses allerschönste Fräulein schon einmal an diesem
Alleswerden gescheitert war  So sagte er denn nur kleinlaut mit
niedergeschlagenen Augen indem er das Blut in seine Wangen schießen fühlte
»Keinen für eine der das Ungemeine das Naturgemässe ist«
    »Warum« rief Lydia mit einem Eifer ja mit einem Feuer wie sie vielleicht
niemals geredet hatte »warum soll dem Weibe nicht naturgemäß sein was es dem
Manne doch ist Oder nennen Sie den Beruf des Arztes auch einen ungemeinen Es
müssen mehr solche allgemeine Aufgaben uns erschlossen werden Die Erfüllung
die Sie zu meinen scheinen liegt nicht in unserer Gewalt wofür wir aber die
zulängliche Kraft des Organs in uns erkennen müssen wir auch das Recht haben
uns auszubilden und das Ausgebildete zu verwerten Ich bin von meinem Vater für
ernste Lebenszwecke erzogen worden Soll ich die letzten Jahre der Jugendkraft
ratlos und tatlos in einer Sinekure verträumen Darf ich es Und wenn ich
dürfte ich vermöchte es nicht Nicht mehr Seit der Stunde wo mein harter
Wille einen schwachen Knaben an den Rand des Abgrunds trieb seit ich erkannt
habe dass das was ich für meine Reife hielt meine Unreife war drängt eine
unwiderstehliche Gewalt mich aus meiner beengenden Stille heraus Mir ist als
senke sich ein dichter Schleier der mir seit Jahren das wahrhaftige Leben
verhüllte und ich sehe keine Hilfe für mich als die Hilfe einer Tat«
    Die Sonne war während dieser Rede aufgestiegen eine goldigklare
Oktobersonne Philipp erwachte von dem Schein der ihm plötzlich in die Augen
fiel und Lydia versank wieder in stilles Sinnen Dezimus wechselte mit dem
Jünglinge gleichgültige Bemerkungen über äußere Eindrücke sein Herz aber war
froh bewegt auch ihm hatte sich der Schleier gesenkt der ihm sein weißes
Fräulein seit Jahren verhüllt hatte
    Nach einer ruhigen Überfahrt langten sie auf der Insel an Die Brüder waren
vor ein paar Tagen heimgekehrt der timide Amerikaner um  so hatte es die
regierende Steuerfrau dekretiert  bevor er in das binnenländische Hirtenhaus
übersiedelte in kräftigender Strandluft und Beköstigung sich von der läppischen
Seekrankheit gründlich auszuheilen
    Die Freude des brüderlichen Wiedersehens und Sichkennenlernens äußerte sich
je nach der Art in starken schwachen oder auch in gar keinen Lauten
aufrichtig aber war das Willkommen das die unbekannten Begleiter empfing Diese
seefahrenden Insulaner sind Leute die mit allerlei Volk umzugehen lernen und
das saubere Haus am Strande war auf Gastlichkeit eingerichtet Während der
Badezeit hatte es Herrschaften die ebenso fein waren wie die gegenwärtigen
wohl schon des öfteren beherbergt Im Winter jedoch und aus barer Freundschaft
noch nie auch erklärte Mutter Stina so wunderschöne Menschenbilder wie diese
Hartensteinschen noch nie mit Augen gesehen zu haben nicht einmal gemalt Der
blöde Bruder Friede aber der wenn auch etwas abgezehrt an Leibeslänge seinem
Ältesten kaum etwas nachgab verwendete kaum die Augen von dem lieben prächtigen
Junkerchen und folgte ihm auf Schritt und Tritt wie eine Neufundländer Dogge
einem freundlichen Kinde folgt
    Die Bedingungen zu Philipps Beherbergung erledigten sich daher zu
allseitiger Zufriedenheit und dass es der kernhaften Steuerfrau samt
Steuermann kein Hexenstück deuchte neben ihren bis jetzt bloß drei
persönlichen Buben einen freiherrlichen Wildfang zum Schiffsjungen zu
dressieren verdient schwerlich der Erwähnung
    Tiefer eingeweiht in des Wildfangs Vorgeschichte wurde der Inselpastor ein
Mann so recht von Grund aus wie er Lydia in ihrer gegenwärtigen Stimmung not
tat und für ihr dringendstes Anliegen wie geschaffen Als Sohn eines
Schiffskapitäns mit nautischer Kenntnis vertraut war es ihm leicht den
Jüngling auf den erwählten Beruf hin zu prüfen als vormaliger festländischer
Gymnasiallehrer und als unverheirateter Mann war es ihm ein wohltuender Wechsel
sich ein paar Tagesstunden dem klassischen Unterricht zu widmen und seine Augen
wachsam auf eine junge Seele gerichtet zu halten Philipp versprach seinem
Freunde Dezimus in die Hand gehorsam und fleißig in seiner Verbannung
auszuhalten
    »Und da ich Ihnen die Hand darauf gegeben« so lautete seine Logik »halte
ich es auch Lydia hatte ich nie etwas gelobt warum hätte ich ihr parieren
sollen«
    Es verschwand demnach von vornherein das kleinmütige Verzagen Alles und
jedes ließ sich an so wie der Held des Glücks im entscheidenden Moment es
geschaut und geschildert hatte Er hat sich weder auf seinen Scharfsinn noch
auf seine Rhetorik etwas zugute getan die Wochen aber welche er an der Seite
seines weißen Fräuleins des frohen Gelingens Zeuge ward hat er nicht aufgehört
zu den köstlichsten seines Lebens zu zählen denn es waren ewige Offenbarungen
welche beider Seelen auf der stillen Insel eingegeben wurden
    Sie wie er feierte den ersten weiten Ausblick in die Welt sie wie er
fühlte zum ersten Male den starken Pulsschlag der Natur denn sie standen am
Meer Wohl waren es nicht die hesperischen Gestade zwischen welchen Lydia nach
dem Palmentale zu segeln gehofft nicht des Kreuz des Südens das Dezimus
sehnend sich im tropischen Ozean spiegeln sah Es war ein kahler Strand ein
nebelgrauer Himmel eine nordische See Aber doch die See Und von allen
Natureindrücken wirkt keiner so überwältigend wie der des Meeres weil es nicht
nur den höchsten Sinn sondern jeglichen Sinn des Leibes und des Geistes
gefangennimmt
    Wir sehen sein Lächeln und sein Zürnen wie die einer beseelten Kreatur wir
hören den Rhythmus seiner Sprache atmen seinen seltsam würzigen Brodem fühlen
die wogende Kühle mit der es uns umspült Und wie lockt es die Phantasie in
seine Tiefen wie lockt es den forschenden Gedanken in alle erreichbare Fernen
während es gleich dem unerreichbaren Firmament das es widerstrahlt das Ahnen
und Mahnen des Unendlichen im heimlichsten Seelengrunde aufstört
    Endlich aber es ist unser eigen Welches Gemüt erschütterte nicht das
Ringen unter welchem die schwache Eintagsfliege Mensch zum Herrn über den
Leviatan sich setzt sei es dass sein Kiel die Brandung durchfurcht sei es
dass er mit Ameisenfleiss seine Scholle zum Schutz gegen Sturm und Woge umwallt
Wie zeugt und hebt es jede Mannestugend und Kraft Wer darf sagen dass er das
Geheimnis der Heimatliebe spüre so wie der spärliche Menschenrest auf diesen
Inselbrocken die einstmals blühender fester Boden waren Hunderttausende die
er genährt hat die einbrechende Flut verschlungen und die wenigen die sie
verschonte hat sie jede Stunde zu verschlingen die Macht Und doch klammern sie
sich an ihn schützen bebauen ihn und aus paradiesischer Üppigkeit lockt es
den Seefahrer an seine raue umbrandete Küste wie in einen weichumfangenden
Mutterarm und der sturmgepeitschte Wogenschlag hallt ihm wie ein Wiegenlied
    Und all diese Schauer einer hehren herben Größe empfanden Lydia und Dezimus
zu zweien so als wären sie allein O was waren das für Stunden am Strand im
Boot in dämmernder »heiliger Frühe« bei glutdurchströmtem Tagessinken unter
dem nächtlich strahlenden Firmament Wie weitete sich seine Brust wie färbten
sich ihre lange bleichen Wangen Diese reine Menschenblüte die unter rauhem
Frühlingssturme ihren Kelch zusammengezogen hatte sie öffnete ihn zu
düftereichen Strömen und die ernste Freundschaft die sich in diesen Stunden
des Erwachens schloss die wird wohl standhalten wie am mitternächtigen Horizonte
der Stern der dem Piloten auf hoher See die Richtung gibt
Freund Kandidat saß wieder im Giebelstübchen des Chaldäerhauses Da der
Seelenvater sich wie zuvor schon der Sternenvater für Zurücklegung auch des
Oberlehrerexamens entschieden hatte war wider Hoffen und halb und halb auch
wider Verstehen die Rosenwonne in die Ferne gerückt Indessen ließ nachts die
Beobachtung gewisser Lieblingsphänomene die am novemberlichen Himmel zu
schwärmen pflegen und ließ am Tage die Rückschau auf phänomenale
Meeresoffenbarungen es zu beängstigenden Schauern des Kandidatenfiebers nicht
gelangen Unter sprühenden Weltenfunken und goldenen Erinnerungen unter Träumen
von eitel Frieden und Freude flogen Tage und Wochen dem Glücklichen hin als
jach das Schicksal geschritten kam das mit ehernem Tritt Bahnen verschüttet und
Bahnen bricht
    Die mehrerwähnte böse Seuche hatte sich von ihrem ursprünglichen Herd auch
über andere Teile des Vaterlandes wo sie ein dichtgedrängtes Volk der
genügenden Nahrung entbehrend fand ausgebreitet Für die Werbener Gegend war
man jedoch außer Sorge unter den erquicklichen Luftströmen ihres Tales und
seinen der Mehrzahl nach wohlhäbigen Bewohnern hatte seit Menschengedenken
selbst keine Kinderkrankheit epidemisch Fuß gefasst Die Cholera war vor Jahren
in den nachbarlichen Auenstädten und Dörfern wie ein Würgengel aufgetreten an
der Werbener Flurmark machte sie halt Im frommen Dank für diese Gnade hatte man
dazumal in der Pfarre wie auch in diesem und jenem Bauernhofe wo die Blümelsche
Sinnesart allmählich Widerhall gefunden für die Heimgesuchten gearbeitet
gesammelt gespart das Entbehrliche hingegeben und also geschah es heuer
wieder Tropfen leider auf einen heißen Stein
    Lydia sandte unter des Kurators Zustimmung den größten Teil der aufgesparten
Hälfte ihrer Rente in die bedrängten Gegenden sie glaubte sich zu diesem
Eingriff in ihre eigene Ordnung berechtigt da binnen kurzem ja das volle
Einkommen auf ihre Kousine übergehen werde
    Denn das herzstärkende Zwischenspiel am Meer hatte Lydia in ihrem ernsten
Zukunftsplane nur gefestigt Sidonie war durch Freund Blümel bereits davon
benachrichtigt dass jene unmittelbar nach Philipps Entscheidung über seinen
Beruf also zum Frühling in die große Diakonissenanstalt am Rhein eintreten
werde Sie lebte zurzeit auf dem Schloss wieder ganz allein Die Geschwister
waren in ihre Heimstätten die Mutter in Martins Haus zurückgekehrt
    Pastor Blümel bekämpfte ihr Vorhaben nicht doch bangte ihm vor dessen
Ausführung weniger um ihretwillen als um seiner selber willen Lydias
Verhältnis zu ihm und seinem Hause war seit der Heimkehr von der Insel ein
verändertes Sie besuchte regelmäßig seine Kirche von Mutter Hanna wurde sie in
ihrer Einsamkeit gleich einer Angehörigen gehegt und auch Röschen gewöhnte sich
an das »In die Höhe blicken« und »Schweigenhören« wie sie es nannte der Vater
aber liebte sie mehr denn je wie ein eigenes Kind ja wie ein im Greisenalter
erfülltes hehres Traumbild der Seele In seinem Erinnerungskalender aus jener
Zeit steht offenbar in bezug auf Lydia die Bemerkung
    »Wie gewisse stark organisierte Körper sich erst völlig entwickeln nach
einem Fieber das die in der Ruhe stauenden Säfte in Umschwung bringt so gibt
es hochgerichtete Seelen in denen erst durch einen Irrtum ja durch ein Fehl
ein Gleichmass der Wirkungen hergestellt wird Hier wie dort ringt die
unterdrückte Natur sich aus ihrem Bann«
    Auch mit Dezimus war Lydia in Briefwechsel getreten Der Austausch der immer
zufriedenstellenderen Nachrichten von der Insel gab den Anlass dafür wenn auch
nicht seinen einzigen Stoff Da aber neben jenen Nachrichten die Außenwelt ihnen
wenig Erfahrungen zutrug tauschten sie die immer reichlicher strömenden ihres
inneren Lebens gegeneinander aus und Dezimus genoss die volle Seligkeit in die
Seele einer Freundin zu ergießen »was durch das Paradies der Brust« in seinen
Sternennächten gewandelt war Er hätte schwerlich entscheiden können welches
Kuvert er freudiger erbrach das von einem ernsten Lydiabriefe oder das von
seines Röschens schelmischer Wochenepistel
    Es war am Morgen des letzten Sonntags im Kirchenjahr welcher dem Gedächtnis
der Verstorbenen geweiht ist als Dezimus vor der erwarteten Familienpost einen
Brief von Lydia erhielt schon ehegestern geschrieben hatte ein Zufall die
Beförderung verzögert leider verzögert da er eine zur Eile drängende Kunde
enthielt die Fieberseuche war in Talwerben ausgebrochen
    Einer von den Ärmlingen des Eichsfeldes welche im Frühling aus ihren
Dörfern wandern um tief in das Land hinein Arbeit zu suchen hatte in Schlesien
größeres Elend gefunden als er daheim verlassen und statt Winterbrot den bösen
Krankheitsstoff zurückgetragen Bettelnd schleppte er sich mühselig den weiten
Weg entlang bis er endlich vor der Schenke des Talgutes zusammenbrach und in
einer Scheune verschied Unerfahrenheit in der Behandlung und Bestattung mochte
die Schuld getragen haben dass das Unheil mit der Hast und Vehemenz eines bösen
Zaubers sich von Haus zu Haus von Dorf zu Dorf in der Aue verbreitete Der zur
Leichenschau berufene Gerichtsaktuar der Küster ein paar Knechte und Mägde des
Gutshofes waren bereits erlegen Ein panischer Schrecken hatte das Volk gepackt
man scheute sich der dringendsten Handreichungen Lydia durfte autodidaktisch
eine tüchtige Vorschule zu dem erwählten Berufe durchmachen Auch ärztliche
Hilfe tat not da die aus den Nachbarstädten meistenteils erst gesucht wurde und
gebracht werden konnte wenn Hilfe zu spät kam Lydia forderte Dezimus daher
auf so rasch als möglich einen jungen Mediziner für den Dienst in ihrer Gegend
anzuwerben Sie bot ihm bis zum Erlöschen der Epidemie freie Station im Schloss
und neben seinen ärztlichen Gebühren ein Salär aus ihren Mitteln Noch fügte sie
hinzu dass Hochwerben bis jetzt verschont geblieben sei der Vater aber seines
Amtes im Filial mit Jünglingseifer warte
    Dezimus war entschlossen noch heute zur Unterstützung seines Vaters und
seiner Freundin nach Hause zu eilen sobald er nur des Auftrags der letzteren
sich entledigt hätte Die natürliche Wahl fiel auf Freund Kurzen nicht bloß
weil er ein Heimatsinteresse für die Sache hatte sondern auch weil er keinen
eifrigeren und tüchtigeren jungen Mann seines Faches kannte und sein gutes
Zutrauen ihm noch kürzlich von dem ersten klinischen Lehrer der Universität
bestätigt worden war als er mit ihm bei seinem alten Chaldäer zusammentraf Er
fand den Freund indessen weder in seinem unbehaglichen Dachgelass noch in den
behaglicheren Lokalen in welchen er seinen gesunden Appetit zumal auf
»flüssiges Brot« zu stillen pflegte Wo hätte er ihn außerdem suchen sollen
Auf Praxis leider nicht denn seit netto sechs Monaten hatte Doktor Peter Kurze
in Blättern und Blättchen zwanzig Meilen in der Runde seine ärztlichen Dienste
ausgeboten wie  sein eigenes Gleichnis  wie sauer Bier jedweder rationellen
Kur inklusive Zahnausziehen und Hühneraugenschneiden würde er sich mit
Hochgenuss unterzogen haben dennoch hatte sich etwelche akademische
Kneipkumpane ausgenommen die honoris causa behandelt werden mussten noch kein
einziges einer rationellen Kur bedürftiges Individuum in seine ausgespannten
Netze verfangen
    Als nach langem vergeblichen Umherirren Dezimus nach seiner Wohnung
zurückging in der Absicht seinen Auftrag schriftlich anzubringen stürmte ihm
von dorther der Gesuchte entgegen indem er schon auf zwanzig Schritt Distanz
die große Mär zu verkünden begann dass heute an dem jedes medizinische Herz
bewegenden Totenfeste  obschon für seine eigene ärztliche Person an jeglichem
wissenschaftlichen Verbrechen noch unschuldig wie ein neugeborenes Lamm  der
Entschluss in ihm reif geworden sei aus der Not eine Tugend zu machen und seine
Künste bei den Wasserpolacken an den Mann zu bringen Er hatte seine akademische
Legitimation bereits in der Tasche morgen in Tagesfrühe wollte er aufbrechen
    Da in der letzten Stunde stößt er auf den Fortunatus aus der Heimatsaue
der ihm statt der fernen Klientel die den Bettelsack trägt in nächster Nähe
eine andere mit gefüllten Brotschränken anbietet dazu freie Station in einem
Edelhofe und ein ganz respektables Gehalt
    Wie das Elend einer Menge dem einzelnen ja häufig zum Segen wird so wird
die ansteckende Hungerseuche Doktor Peter Kurzen zu einem Schmaus Er tut auf
offener Straße einen Freudensprung in die Luft dann einen zweiten dem
hünenhaften Glücksboten an den Hals Ade Wasserpolackei Morgen mit dem
Tagesgrauen ist der Retter in der Heimat Er würde es schon heute abend sein
wenn er nicht zuvor seinen Pflasterkasten mit Säftchen und Pülverchen für die
erste Hilfe zu füllen hätte zum Zweck welcher Vorsichtsmassregel auch noch in
der Eile ein kleines freundschaftliches Bargeschäft erledigt werden muss In
Peter Kurzes Augen genoss der Stipendiat und Legatar von Werben das Ansehen eines
Millionärs
    Während Dezimus sein Bündel schnürte wurde ihm ein zweiter Brief gebracht
nicht der erwartete von Rosens sondern wiederum von Lydias Hand Er war mit
citissimo bezeichnet und enthielt nichts als die Worte »Kommen Sie ohne
Verzug« Selbst Datum und Unterschrift fehlten
    Das Herz stockte in seiner Brust Welches Unheil hatte diesen Ruf der
Todesangst eingegeben Er hätte sich Flügel anheften mögen und musste warten
warten warten bis zum Abend
    Endlich brauste der Zug heran Gegen die eine Stunde welche die Dampffahrt
währte dünkten ihm die früheren sieben Wanderstunden ein Flug In dunkler Nacht
erreichte er die Haltestelle keuchend legte er den Rest des Weges zurück die
Schritte stockten in dem vom Regen erweichten Boden Kein Stern leuchtete am
Himmel und im Herzen  ach verhülle dich nicht auch du Stern aller Bangenden
in dunkler Weltennacht
    Des Eilenden Blicke haften an dem lieben Hause auf der Höhe aus dessen
Fenstern je näher je mehr ein flackernder Lichtschimmer den Nebel durchdringt
so als ob angstzitternde Menschen von Zimmer zu Zimmer irrten Wer war da oben
krank wer vielleicht  tot
    Als er um die Friedhofsmauer bog rollte von der Pfarre her ein Fuhrwerk ihm
entgegen Doktor Brands wohlbekannte Chaise Mit einem Satz war Dezimus am
Schlag das fahle Laternenlicht fiel auf seine qualverzerrten Züge
    »Sie kommen zu spät armer Freund« rief der alte Familienarzt ihm zu
    »Wer wer« stieß Dezimus hervor
    Die Pferde zogen an Dezimus der sich an den Schlag geklammert hatte wurde
zu Boden geschleudert die Antwort verhallte
    Er raffte sich auf und eilte nach der Pfarre Die Haustür stand offen doch
mochte sein Schritt gehört worden sein denn auf dem Treppenabsatz trat Rose ihm
entgegen Die blühende fröhliche Rose fahl wie ein Gespenst mit gläsernen
Augen von Schauern geschüttelt auf den Wangen eiskalte Tränen und eiskalte
Schweißtropfen auf der Stirn Ja krank auch sie aber Gott sei gelobt noch
lebend Ohne einen Laut sank sie an seine Brust
    »Der Vater« flüsterte er
    Sie schüttelte den Kopf
    Die Mutter also seine Mutter
    An den Bruder geschmiegt von seinem Arm umfangen trat Rose in das
Krankenzimmer Der Vater saß auf dem Bettrande die Hände der sterbenden Gattin
in den seinen Ihre Augen waren geschlossen die Züge friedvoll wie in der
ersten Stunde nach vollbrachter Erdenqual Doch lebte sie noch und liebte auch
noch Denn als sie das Nahen der Kinder spürte schlug sie den Blick in die
Höhe und ein letztes Lächeln flog über ihr gutes Gesicht
    Sie sanken vor dem Bett auf die Knie Die Sterbende machte eine unruhige
Bewegung indem sie auf ihren Trauring deutete richtete dann einen flehenden
Blick zu ihrem Konstantin hinüber und senkte mit dem Ausdruck freudiger
Erfüllung die Lider als der Vater die Rechte des Sohnes und die der Tochter
ineinander und die halberstarrten Mutterhände auf die Häupter der Verlobten
legte
    Und so im Segen tat das fröhlichste Mutterherz seinen letzten Schlag Eine
und die nämliche Minute hatte die Liebenden einander zu eigen gegeben und ihnen
die älteste Liebe geraubt Dezimus fühlte nicht seinen großen Gewinn er fühlte
nur seinen großen Verlust den ersten von den Schmerzen die ein Glücklicher
trägt bis in das Grab
 
                                Sein Brautstand
Eine jähe Bewegung unterbrach die heilige Stille in welcher die Verlobten die
kalten Segenshände der Mutter und die warmen des Vaters auf ihren Häuptern dem
Entatmen lauschten Rose war ohnmächtig zusammengesunken Als Dezimus sie in
seine Arme nahm um sie in ihre Kammer zu tragen bemerkte er Lydia die still
zu Füßen des Sterbebettes gestanden hatte Sie folgte ihm um die gebotenen
Belebungsmittel anzuwenden tröstend flüsterte sie ihm zu dass sie keinen Anfall
der herrschenden Krankheit befürchte da diese unter anderen Symptomen
aufzutreten pflege »Sterben sehen ist schwer  und diese Mutter« sagte sie
    Dezimus kehrte in das Totenzimmer zurück als eben der Vater der treuen
Gefährtin zum letzten Lebewohl die Hand drückte Er war so ruhig wie alle Tage
»Ich komme bald meine Hanna« sagte er leise und Dezimus las in seinen
erschöpften Zügen dass diese Zuversicht nicht trügen werde
    »Nimm auch du Abschied« wendete er sich darauf zu dem Sohn »du darfst
dieses Zimmer nicht wieder betreten«
    Während der Jüngling die toten Lippen und Hände küsste öffnete der Greis die
Fenster und drängte den Widerstrebenden dann aus der Tür die er verschloss und
deren Schlüssel er zu sich steckte
    »Es ist unsere Pflicht« sprach er »voranzugehen mit dem Beispiel der
strengen Vorsicht die wir von anderen fordern müssen selbst wenn sie wie hier
wahrscheinlich nicht vonnöten wäre«
    Während eines Ganges durch den Garten erzählte er dem Sohne darauf den
leidvollen Vorgang der erst in der vorigen Nacht mit einem Schüttelfrost seinen
Anfang genommen und dessen Ende ohne Schmerzgefühl schon nach zwölf Stunden
eine Lähmung auf die sanfteste Weise vorbereitet hatte Es war daher glaublich
dass durch Sorgen und Mühen der letzten Tage beschleunigt es lediglich der Lauf
der Natur war der sich an der Greisin erfüllt hatte Wenn es aber auch der
Beginn der Epidemie gewesen wäre so gebührte Gott zweifach Dank für diese
rasche Erlösung ohne Qual und Angst in Klarheit und Freudigkeit bis zum letzten
Augenblick Sie hatte vollbracht Des Greises Sorge galt der Tochter die erst
vollbringen lernen sollte
    »Sie ist dein geworden mein Sohn früher als ich gedacht wolle Gott nicht
zu früh« sagte er »führe sie an fester Hand treu durch das Leben«
    Mit dem Händedruck der statt des Dankesworts des Vaters Rede erwiderte
betraten sie Rosens blumengeschmücktes Mädchenzimmer Sie lag auf ihrem Bett in
Lydias Armen Das Leben schien ihr in Übermaß zurückgekehrt das Gesicht
flammte nach Atem ringend wendete sie sich ruhelos hin und wieder Plötzlich
richtete sie mit starrem Blick den Kopf in die Höhe und ein Blutstrom entquoll
ihrem Munde So in Todesschmerz begann und in Todesängsten endete Dezimus Freis
Verlobungsstunde
    Spät in der Nacht kehrte er mit Doktor Brand den er zu Hilfe geholt aus
der Stadt zurück Die Geliebte lag einer Schlafenden gleich doch mit nur
halbgeschlossenen Augen Glut und Blutung waren gestillt die Flammen auf den
Wangen erloschen Sie gab auf keine Frage einen Laut kein Zeichen des
Verstehens sie regte sich nicht atmete kaum merklich Der alte Vater war auf
einem Stuhl an der Bettseite eingeschlummert Lydia hatte die eine Hand auf die
Stirn der Kranken gelegt mit der anderen hielt sie deren beide Hände
ineinandergefügt umspannt Sie glaubte an das Auflegen der Hände Man braucht
aber nicht so starken Glaubens wie Lydia zu sein um die wohltuende Wirkung zu
spüren wenn durch innige Berührung eines kraftvollen Menschen gleichsam ein
Strom warmen Lebens in einen Entkräfteten übergeht oder ein kühlender Hauch in
das Blut des Fieberglühenden
    Der Doktor fand keine beunruhigenden Symptome Er kannte Rosen seit ihrer
Geburt ihre Lungen waren heil der matte Puls deutete nicht auf Entzündung Das
frohlebige Kind war ekel und krankenscheu die schauervollen Schilderungen die
ihr nicht hatten erspart werden können die Furcht vor Ansteckung der Anfall
der Mutter Angst und Schmerz das erste Totenbild im Leben hatten die
Nervengeister überreizt und einen abnormen Blutandrang bewirkt dessen Ergiessung
naturgemäß die Erschöpfung folgte Unbedingte Ruhe zweckmässige Kost und einige
leichte Tonika würden den erschlafften Lebensgeist bald wieder aufrichten
meinte Doktor Brand
    Er hatte sich noch nicht aus der Pfarre entfernt als wie er verheißen
Doktor Kurze sich in dieser einstellte Wenngleich ein Anfänger konnte ihm als
Verwandten und Freunde des Hauses ein Einblick in den Zustand der Kranken nicht
verweigert werden Und so gewährte  wenn auch als Braut eines anderen wie
leider natur und vernunftgemäss seit Jahren vorauszusehen  Schönröschen den
heissersehnten ersten kritischen Fall über welchen Doktor Peter Kurze ein
ärztliches Gutachten abzugeben hatte Da Doktor Peter Kurze aber mit Leib und
Seele zu den Erstlingsjüngern der neuen Schule zählte die beim Abweichen von
typischen Lebenserscheinungen das Pünktchen über dem i zu ergründen trachtete
wollte er von des alten Kollegen seelisch gestörtem Lebensgeist nichts wissen
und suchte den Sitz des Übels in Störungen eines leiblichen Organs und einem
äußerlichen Motiv Seine erste Frage war nach Quantität und Qualität des
entleerten Bluts und als er von keiner Seite eine befriedigende Antwort
erhielt da es ununtersucht beseitigt worden war schüttelte er mit energischer
Entrüstung sein ärztliches Haupt Er machte darauf mit der Neuigkeit des
Beklopfens Behorchens und anderer exakten Untersuchungen allerdings nur bei
den Laien in der Krankenstube einen bedeutenden Effekt Lächelte nun der alte
Spiritualist über den modernen Hokuspokus mit welchem kein Hund aus dem Ofen
gelockt werde so lachte der junge Naturalist über die blutspeiende Seele und
die vor Olims Zeiten ausgeheckten Arkana die nur den Apotekerkarren schmieren
helfen nannte der Alte den Jungen  selbstverständlich hinter seinem Rücken 
einen in der Wolle gewaschenen Scharlatan so nannte der Junge den Alten 
ebenso selbstverständlich hinter seinem Rücken  einen mürben Schlauch an dem
kein neuer Flicken hafte Und da musste es denn um der lieben Rose und derer
willen die für ihr Leben zitterten als ein Segen betrachtet werden dass der
Antagonismus in Diagnose und Prognose sich nicht auch auf die Behandlungsweise
erstreckte Kühle Temperatur kuhwarme Milch und Ruhe anderes als der
spiritualistische Äskulap wusste der materialistische auch nicht anzuraten und
mit der Vorschrift »Keine Jammermienen lachende Gesichter«  einer
Vorschrift die doch auch nicht lediglich auf eine Störung deutet die man
tastet hört und sieht verließ Peter Kurze des geliebten Röschens Lager um
unter Führung des ungeliebten Schlossfräuleins als Held auf sein erstes Kampffeld
vorzudringen
    Rose lag unverändert ohne merkbares Leiden ohne Regung und Bedürfnis
irgendwelcher Pflege Der alte Vater wich nicht aus ihrer Nähe am Abend
übernahm Dezimus die Wacht Der Tag war ihm auch äußerlich ruhelos vergangen er
hatte das Begräbnis anzuordnen das schon am anderen Nachmittag stattfinden
sollte auch die Trauerbotschaft in die Ferne mitzuteilen Es war des Vaters
ausdrücklicher Wille und er war überzeugt darin nach dem seiner Hanna zu
handeln dass keines der Kinder oder Enkel um dieser Feier willen die infizierte
Gegend betrete
    »Für die unheilvollen Folgen rechtmässiger Handlungen gibt es keine
Verantwortung« sagte er und machte sich daher auch nicht die geringsten
selbstquälerischen Gedanken den Ansteckungsstoff vielleicht in seine Familie
getragen zu haben Eine Befriedigung des Gemüts und der Sitte die niemand Hilfe
und vielen Gefahr bringen konnte rechnete er aber nicht zu jenen
obligatorischen Handlungen
    Auch die Kranzbinderin der Gemeinde hatte der Mutter nicht den letzten
Schmuck reichen können und als in der schweren Stunde ein Sonnenblick den
Herbstnebel durchdringend auf ihr Lager fiel und ein flüchtiges Lächeln auf
ihre Lippen zauberte da ahnte sie nicht dass er das frische Grab ihrer Mutter
beschien und dass der wärmste Liebesstrahl aus ihrem Leben gewichen war
    Dem Sarge folgte nur der greise Gatte gestützt auf den Sohn und hinter
beiden Lydia Die angstzitternden Gemeindeglieder hielten sich in weitem Abstand
von der Grube Keinen der Befallenen hatte der Würgengel ja so hastig abgetan
wie die alte Pastorfrau Doch fehlte es an Tränen an aufrichtigen Tränen nicht
Hanna Blümel hatte viel früher als ihr Konstantin und fast ohne Ausnahme die
Herzen seiner Pfarrkinder zu finden gewusst
    »Vater ich danke dir für den Segen den du mir für Zeit und Ewigkeit in
diesem Weibe bescheret hast« sagte Konstantin Blümel mit fester Stimme sprach
dann den Friedensspruch über das Grab und stand bis dasselbe gefüllt war in
stillem Gebet auf der Stelle die er sich dicht daneben zur letzten Ruhestatt
vorbehalten Wenige Schritte zur Seite lag der Hügel der armen Hirtenfrau
welche Dezimus das Leben gegeben hatte aber erst heute war ihm eine Mutter
versenkt worden
    Das Opfer im Pfarrhause blieb das einzige der Obergemeinde um so weiter
verbreitete sich die Epidemie in der Aue Doktor Peter Kurze schwamm wie ein
Fischchen in seinem Element er gönnte sich nur wenige Raststunden im Schloss
diese wenigen aber wusste er zu rühmen Ein Komfort wie er unter Frau Ottiliens
Walten zur häuslichen Regel geworden war für Doktor Peter Kurzen ein entdecktes
Schlaraffenland und dass er in der unnahbaren Schwanenkönigin die er vor wenig
Monaten reif für das Narrenhaus erklärt hatte über einen so praktischen
unermüdlichen Amanuensis zu verfügen haben werde das hätte Doktor Peter Kurze
sich noch viel weniger träumen lassen Lydia schaltete mit angemassten
Herrenrechten in der Untergemeinde Haus bei Haus und Haus bei Haus ließ man in
der Not den angemassten Herrendienst sich gefallen Peter Kurze zog aus dem
physiologischen Grundsatz von den angewandten Kräften einen ihm neuen
psychologischen Beweis
    »Wie scharmant diese heilige Jungfrau latente Stoffe aus sich
herausarbeitet« sagte er zu seinem Freund dem Kandidaten
    Lydia dahingegen dachte still bei sich »Wie die Tüchtigkeit in seinem Beruf
doch den gewöhnlichsten Menschen zu adeln vermag«
    So blühten »Ysop und Lilie« friedfertig nebeneinander und wirkten
einträchtig Hand in Hand Bei Peter Kurzen aber datierte seit den Erstlingstagen
seiner ärztlichen Praxis die Schwärmerei für eine Sprungfedermatratze und ein
weibliches Ideal
    Sooft er von seinen Rundgängen nach dem Schloss zurückkehrte sprach er in
der Pfarre vor um nach dem »herzigen Dinge« dem Röschen zu sehen dessen
ausschliessliche Behandlung er für sein Leben gern in die Hand genommen hätte da
die andauernde Erschlaffung ihn zu beunruhigen begann Sämtliche innere Organe
hatte er nach exaktester Untersuchung  wie sein altmodischer Kollege ohne eine
solche  als heil erklären müssen für das Sprengen etwelcher überfüllter
Äderchen machte er dagegen statt heimlich empörter Nervengeister den spirituosen
Inhalt eines zur Hälfte entleerten Fläschchens verantwortlich das von dem alten
Kollegen als vorbeugendes Mittel in das Haus gestiftet worden war und von
welchem das arme Kind im Glauben dass viel viel helfe über Gebühr Gebrauch
gemacht haben mochte »Das Blut so viel dessen noch vorhanden ist mit Gift
versetzt« erklärte er Indessen nur guten Muts Doktor Peter Kurze ist bei der
Hand und wenn alle Stränge reißen weiß er ein heroisches Korrektiv für dessen
Wirkung natur und vernunftgemäss gutzusagen ist Einstweilen gilt es mit
gelinden Reizmitteln den Grad der Inertie auf Apathie oder Anästesis zu
untersuchen und zunächst mit dem unverfänglichsten aller Reize dem auf die
Lachmuskeln eine Probe zu machen Wenn freilich der kleine Schelm über einen
Heidenspass nicht mehr lachte dann stand es bedenklich um das arme Kind und das
heroische Korrektiv musste ernstaft in das Auge gefasst werden
    Auf diese Probe hin betrat Doktor Peter Kurze in der Vesperstunde des
Begräbnistages das Krankenzimmer nachdem er sich außerhalb desselben wegen
seines notgedrungenen Fehlens bei der Trauerfeier entschuldigt hatte
    »Ich komme direkt von Ihrem großen Feinde Mehlborn Papa Blümel und quasi
als dessen Friedensgesandter an Sie« hob er mit seinen muntersten
Trompetentönen an »Nämlich und so wie Vater Walbe sagt Auf Befehl meiner
hohen Prinzipalin bin ich in die sagenhafte Bärenhöhle gedrungen nach deren
Erforschung ich schon längst ein naturwissenschaftliches Lüstchen gehegt Muhme
Timpel die Wirtschaftsdame hatte sich am Morgen gelegt wie ich schwarz auf
weiß geben kann indessen nicht unter den Erscheinungen des Hungertyphus au
contraire im Gegenteil unter denen einer übervölligen Ladung von Wellfleisch
und Sauerkraut Das schmaust und zecht anjetzo im Herrenhause als stünde man
vor dem Jüngsten Tag«
    »Ist der Amtmann denn krank« fragte Pastor Blümel indem er den Erzähler in
die Nebenstube winkte Der drastische Erregungsversuch enteiligte ihm seines
Kindes Leidensstatt Zu des Heilkünstlers ärztlichem wie zärtlichem Bedauern
hatte er sich auch als total unwirksam erwiesen
    »Krank nichts weniger« antwortete der Doktor lachend »Aber rein aus dem
Häuschen sage ich Ihnen Der Tod der Tochter mag ihm doch ärger mitgespielt
haben als er sich merken ließ und die unerlebte Seuchennot macht ihn nun
vollends toll und töricht Gott weiß in welcher alten Scharteke er einmal von
dem schwarzen Tod will sagen von der Pest die vor soundso viel Jahrhunderten
auch in der Werbenschen Gegend reinen Tisch gemacht haben soll gelesen hat
Cholerageschichten neueren Datums kommen dazu kurzum der alte Knabe bildet sich
steif und fest ein das schwarze Gespenst sei wieder da und habe ihm Johann
Mehlborn zur Strafe für seine Sünden den Morbus in den Leib gejagt Besagten
Morbus lässt er sich nun absolut nicht ausreden wennschon ihm keine Ader weh tut
und er lediglich vor Sterbensangst verfällt Sein Leichnam ist heil wie der
eines bemoosten Hechts Bis auf die Augen versteht sich Denn die sind futsch
insofern er es nicht auf eine Operation ankommen lässt Ich habe ihm den
Staarstich gratis angeboten Was täte es wenn er missläng Blind ist er
sowieso und wo fände ich eine herrlichere Gelegenheit zu einem ersten Versuch
Aber gegen diesen Mehlwurm ist ein Stier ein Lamm«
    »Welches ist denn nun aber der Auftrag den er dir an mich gegeben hat«
unterbrach mit merklichem Unwillen Pastor Blümel den Vortrag dieses
»aufheiternden« Erlebnisses
    »Dass Sie zu ihm kommen und sein Herz entlasten sollen Papachen« antwortete
der Doktor in seinem natur und vernunftgemässen Vorhaben keineswegs irritiert
»Seit die Timpel ihm dummerweise den Heimgang der guten Mutter hinterbracht hat
ächzt er ringt die Hände und flennt wie ein geprügelter Bube Wenn ich nur
hinan könnte stöhnt er ein über das andere Mal aber kann einer sich rühren
der den Morbus im Leibe hat Ich schlug ihm zur Herzensergiessung und eventuellen
Abspeisung  in deren Folge bei derartigen Todeskandidaten regelmäßig die
Genesung einzutreten pflegt  item ich schlug ihm den werten Amtsbruder in
Bielitz vor Aber da kam ich schön an Papachen Was weiß so ein grüner Junge 
er ist vorige Woche ein Sechziger geworden  von Werbenschen Zeiten und
Mehlbornscher Not Hat der Bielitzer die Brigitte nur mit Augen gesehen hat er
der Röse und dem Hannes den Sermon gehalten Nein sein Werbenscher musste es
sein sein Blümel musste es sein Und wenn der runter kam und ihm seine Sünden
vergab und ihm den Lebenslauf zu halten gelobte dann mochte es seinetalben mit
dem schwarzen Morbus sein Bewenden haben«
    Konstantin Blümel der Greis bedachte sich keinen Augenblick wenige
Stunden nachdem er sein Weib bestattet hatte das Krankenbett seines liebsten
Kindes zu verlassen und erschöpft von Gram und Sorge wie er war bei
anbrechender Nacht in das Tal hinabzusteigen um der Einbildung eines alten
Toren genugzutun des einzigen Menschen der ihm im Leben feind geworden war
Der Sohn mochte warnen soviel er wollte Freund Kurze mochte sich ob seiner
übel angebrachten Aufmunterung zehnmal einen Esel schimpfen  wer aber hätte
natur und vernunftgemäss einem Siebziger auch noch solchen Hitzkopf zutrauen
können  Der Pastor hängte sein Chormäntelchen um und schritt voran
    Indessen schon unter der Tür knickte er zusammen die jungen Männer mussten
ihn zu seinem stillen Kinde zurückführen
    »Geh du an meiner Statt« sagte er zu Dezimus und als dieser zögerte Vater
und Braut beide seiner Pflege bedürftig um eines eingebildeten Kranken und
auch seines einzigen Feindes willen zu verlassen rief der Alte als ginge es
wie Anno 13 fort von Weib und Kind in den Kampf »Tapfer voran mein Sohn
Recht trauern heißt sich selbst überwinden«
    So machte der Kandidat sich denn auf den Weg zur ersten Probe in seinem
seelsorgerischen Amt Freund Kurze versprach während seiner Abwesenheit in der
Pfarre Wacht zu halten
    Dezimus hatte seit seiner großen Erfahrung noch keine Viertelstunde gehabt
in welcher seine Tränen unbeobachtet fließen durften nun genoss er diese Wohltat
auf dem abendlichen Gange Im Kahn traf er mit Lydia zusammen die in das Tal
ging die Nacht bei einem schwerkranken Kinde zu durchwachen Sie reichten sich
schweigend die Hände und gingen dann schweigend nebeneinander hin In Freude
oder Leid mit Lydia fühlte Dezimus sich niemals zu zweien
    Auf dem Talgute sah es wüst und öde aus Dienstboten zur persönlichen
Abwartung hatte der Amtmann niemals gehalten die alte Ausgeberin lag krank im
Oberstock Knechte und Mägde taten sich gütlich auf Schlenderwegen keiner
kümmerte sich um den blinden Greis Sie machten sich lustig über ihn und gönnten
ihm die Qual die er sich in den Kopf gesetzt hatte da der liebe Herrgott nun
einmal mit so unverdienter Barmherzigkeit seine Geissel an dem erbarmungslosen
Geizkragen und Leuteschinder vorübergehen ließ
    Der alte Mann saß mutterseelenallein in seiner Bärenhöhle im Ofen qualmte
ein halberloschenes Torffeuer der Docht der zinnernen Öllampe blakte
schwärzliche Dünste von Russ und Rauch zogen gleich Wolken durch die wochenlang
nicht gelüftete Stube Auf dem vielleicht ebenso lange nicht abgestäubten Tische
standen eine Kanne kalten Kamillentees und ein Napf gleichfalls kalter
Roggensuppe beides noch gestrige Krankentraktamente Muhme Timpels Daneben lag
das Rezept das Doktor Kurze verschrieben und für das sich noch kein Bote
gefunden hatte Es mochte wohl von dem Kaliber dessen der Muhme Timpel sein
über welches Doktor Kurze vorhin geäußert hatte »Wäre sie eine Dame gewesen
würde ich gesagt haben Reinen Born getrunken da sie eine alte Grossmagd war
verschrieb ich den Born mit Sirup braun gefärbt«
    Dezimus hatte seit seinen Knabenjahren den Amtmann nicht in der Nähe
gesehen Hätte er nicht gewusst dass er keinem anderen als ihm gegenüberstehe er
würde den behäbigen Mann nicht wiedererkannt haben in der schier unheimlichen
Gestalt mit dem verfallenen Leib dem eisengrauen struppigen Haar und Bart der
weißen Nebeldecke über den eingesunkenen schwarzen Augen Das ist der Mensch
    Der Kandidat hatte von seiner Adoptivfamilie angenommen das sachsenhöfliche
»schön« vor dem »guten Morgen« oder »guten Abend« fortzulassen als der Alte
daher einen ungewohnten Tritt und die kurze »preußische« Begrüßung hörte
kreischte er vor Freude laut auf und dann schluchzte er vor Rührung wie ein
Kind
    »Sie kommen Herr Pastor Ach Sie guter Herr Pastor Sie armer Herr Pastor
Weiß der Herr ich habe nicht zum Begängnis nauf gekonnt Sie sehens ja kann
ich mich rühren Und was für eine schöne Predigt werden Sie ihr gehalten haben
Und nun sind sie alle beieinander die Frau Pastorin und meine Brigitte und
meine Röse und mein Hannes alle beieinander und ich ich habe den Tod im Leibe
und muss auch fort Herr Pastor Herr Pastor glauben Sie dass ich wenn ich fort
bin zu den Meinigen kommen werde«
    »Ich glaube dass wir im jenseitigen Leben mit denen wiedervereinigt werden
die wir hienieden treuliebend im Herzen getragen haben« versetzte Dezimus
durch seine Erinnerungen bewegt »Im übrigen ist es nicht Pastor Blümel der vor
Ihnen steht Herr Amtmann Da er selbst für den Weg sich körperlich zu erschöpft
fühlte sendete er mich um ihm Ihre Wünsche zu hinterbringen Ich bin Dezimus
Frei«
    »Dezimus Frei« schrie der alte Mann auf und fuhr von seinem Stuhl in die
Höhe als hätte ihn eine Hornisse gestochen Die Schwäche ließ ihn jedoch
alsobald zurücksinken und so saß er eine lange Weile in sich gekehrt und nickte
und murmelte vor sich hin indem er aufwachende Erinnerungen und Vorstellungen
wie sonstmals die Wagnisse und Treffer einer Spekulation an den Fingern
abzählte »Dezimus Frei  der Hirtendezem  dem ich den Inspektor gelobt habe
 der Königspate  den den ich um ein Haar massakriert  der der kommt
gerade alleweile wo ich den Tod im Leibe habe  Gottes Finger Gottes Finger
 Röse meine Röse  Herrgott ich schwerer Sünder  Und er ist am Ende schon
ordentlicher Pastor droben  «
    »Noch nicht Herr Amtmann« unterbrach ihn Dezimus »Und so Gott will noch
lange Zeit nicht«
    »Aber doch Pastors Substitarius gelt«
    »Auch dazu bedürfte ich erst noch der Ordination Ich bin erst Kandidat und
nur nach Werben gekommen um meinem Pflegevater bei den jetzt so schweren
Obliegenheiten seines Amtes soweit ich dazu berechtigt bin beizustehen«
    »Aber das ist ja Jacke wie Hose Substitarius oder Kandidat Pastors
Abgesandter das ist die Sache Und er kommt aus gutem Willen herunter und
fürchtet sich nicht vor dem Gift in meinem Leib Und abspeisen wird er mich und
mir den Lebenslauf halten wird er Und ich habe ihn windelweich gebläut und ich
hätte ihn totgeschlagen in meiner Wut Aber ich will alles wieder gleichmachen
alles wieder gut verlassen Sie sich auf mich verehrlicher Herr Kandidat«
    »Nennen Sie mich doch du und Dezimus wie sonst Herr Amtmann« sagte
Dezimus lächelnd worauf der Alte jedoch mit Eifer entgegnete
    »Beileibe nicht Beileibe nicht höre sagen zu einem der einem zum
geistlichen Troste abgesandt ist und einem die letzte Ehre erweisen darf Nur
wenns mir einmal so unversehens herausfährt da nehmen Sie mirs nicht für ungut
um der alten Freundschaft willen verehrlicher Herr Kandidat«
    Wieder saß er eine lange Weile in Gedanken versunken wiegte den Kopf und
zählte an den Fingern Dann aber schlug er jählings mit beiden Fäusten auf den
Tisch dass Kanne und Napf aneinanderklirrten und rief mit einer Stimme die an
den alten Kraftmenschen Mehlborn erinnerte
    »Ja so stimmts so solls sein So und nicht anders so wahr ich Johann
Mehlborn heiße Alles soll dir zukommen alles sollst du haben Kandidat alles
Denn warum Wen habe ich außerdem Und was wird wenn ich fort bin aus dem
lieben Gut Und du hasts um mich verdient Denn warum Was gehe ich dich an
Habe ich wie ein Pate an dir gehandelt oder nur wie Königs Prokurist Wie ein
Sakermenter habe ich an dir gehandelt und du handelst an mir wie ein
Christenmensch Und du bist auch der Mann dazu Kandidat Was für ein hübscher
Kerl du geworden bist Komm doch einmal recht dicht an mich heran mein Gesicht
ist bei Abend ein bisschen blöde geworden Aber das hat nichts auf sich Was ich
sehen will sehe ich doch Und schneiden lasse ich mich nicht Partoutement
nicht Aber eine Brille will ich mir anschaffen wenn ich wieder gesund geworden
bin Eine grüne wie die von Beifussen Grün stärkt«
    Der Kandidat musste ganz nahe an seinen Stuhl treten musste sich bücken
drehen sich betasten bestreichen der Länge und Breite nach mit den
Fingerknöcheln ausmessen lassen genau wie eine Kreatur die vom Rosskamm
erhandelt wird
    »Ja weiß Gott ein strammer Bursche bist du geworden« wiederholte der Alte
nach der Untersuchung »Einen Kopf höher wie mein seliger Hannes und noch einmal
so breit Und schon einen Bart und Haare so weich wie ein Seidenhase Wie die
Haare sos Gemüt stehts geschrieben Und kein Finger tut dir weh gelt
Hundert Jahre kannst du werden und was vor dich bringen in deinem Leben Denn
warum Ein Rechenmeister bist du gewesen wie du noch im Kittel liefst und wie
mans so nennt einen Turkel hast du gehabt vom Mutterleibe an Und siehst du
Kandidat Glück haben ist im Menschenleben Numero eins und Grütze im
Oberstübchen Numero zwei Und wenn dein Vater auch als ein Saufaus bis zum
Schafhirten heruntergekommen ist ein richtiges Werbener Kind bist du doch und
heißt anjetzo Herr Kandidat und dürftest einen abspeisen und wenns ein König
wäre und wenn einer keine eigenen Angehörigen hat da ist einem der Pate doch
immer noch der nächste Denn siehst du Kandidat meine Brigitte die ist dir im
Seebade ertrunken Hätte sie ihre Schuldigkeit an mir getan wäre sie bei mir
geblieben sie lebte heute noch und kriegte nun alles Für wen habe ich mich
geschunden und geplackt Was habe ich nicht alles an sie gewendet erst in der
Benehmichte und dann bei der Wirtschaft mit dem Windhund von Baron Hätte sie
mir gefolgt  aber Strafe muss sein so stehts geschrieben und darum hat sie in
ihren jungen Jahren daran glauben müssen Und höre Kandidat der zweite Mann
den sie genommen hat der ist dir noch zehnmal ärger als der erste Denn warum
Der erste das war doch bloß ein Schwerenöter dahingegen der zweite  na es
wird dir nicht verborgen geblieben sein auf deiner hohen Schule  der zweite
das ist ein Freimaurer so einer von der Zunft die den Herrgott im Himmel
absetzen will und meine Brigitte sagen die Leute hat ihm mit ihrer Feder bei
dem Geschäfte geholfen Und nun stelle dir einmal die Wirtschaft hienieden vor
Kandidat wenn den beiden und ihren Helfershelfern ihr Vorhaben gelungen wäre
keinen Schöpfer im Himmel keinen Vater keinen Richter und zu guter Letzt
keinen Erbarmer Der Erdenmensch ein Wurm der auffrisst was er findet und am
Ende selber von den Würmern gefressen wird«
    Der alte Mann machte eine Pause er faltete die Hände vielleicht betete er
zu dem Erbarmer für seine Brigitte die an die Würmer geglaubt und die nun die
Würmer nagten Der Kandidat machte einen schwachen Versuch ihn über die
freimaurerische Wirksamkeit Frau Brigittens und ihres zweiten Gatten tröstlich
aufzuklären da er heute aber durchaus nicht in lehrhafter Stimmung war lenkte
er des alten Mannes Gedanken auf seine Enkelkinder die jener völlig aus dem
Gedächtnis verloren zu haben schien schlug jedoch mit den bloßen Namen wie mit
einem Stock in einen Wespenschwarm Der alte Mehlborn wie er vor zwanzig Jahren
leibte und lebte war jählings wieder aufgewacht
    »Die die« schrie er die Hände zu drohenden Fäusten geballt »die sind
erst recht von der giftigen Kouleur Für die ist das vierte Gebot nun vollends
ein Kinderspott Meine Brigitte die hat mir zum wenigsten doch alle Monate
einen Schreibebrief geschickt Gelesen habe ich sie seit ihrer zweiten Heirat
nicht mehr aber aufgehoben habe ich sie alle eine ganze Kiste voll Kandidat
Aber die die Brut Fragt eines nur nach mir in meiner schweren Not Da lassen
sie mich blind werden und sterben und verderben Und sie juchhei oben hinaus
Und wenn ich tot bin da kommen sie und sacken ein Aber prosit die Mahlzeit
Nichts sollen sie haben das blanke Nachsehen sollen sie haben du sollst alles
haben Kandidat Grün und gelb sollen sie sich ärgern bersten vor Bosheit
sollen sie Kandidat«
    Der Kandidat ließ geduldig den aufgebrachten Großvater seinen Ingrimm
auspoltern setzte sich und dachte an seine liebe stille Mutter im Grabe und
sein liebes stilles Röschen auf dem Krankenbett So viel von der menschlichen
Naturgeschichte verstand allenfalls auch er um zu wissen dass ein deutscher
Bauer solange er noch einen Blutserben hat sein Hab und Gut nicht einem
Fremden gönnt und wenn der Fremde sein bester Freund und der Blutserbe sein
Erzfeind wäre Der schwarze Tod und die Patenerbfolge erledigten sich Hand in
Hand Ohne Widerrede rückte er daher auch wie der Alte es ihm hieß eine
schwere Eisentruhe unter seinem Stuhle hervor setzte sie vor ihn auf den Tisch
öffnete sie und reichte ihm das Kontobuch das obenauf lag Des Blinden
zitternde Finger blätterten darin während er mit einem misstrauischen Schielen
sagte
    »Bei Heller und Pfennig weiß ich was drinne steht und was im Kasten drinne
liegt bei Heller und Pfennig weiß ichs auch Nur über das Mussteil bin ich nicht
ganz helle Denn siehst du Kandidat das Mussteil kann ich ihnen nicht
entziehen so stehts einmal geschrieben im Gesetz Aber keine hohle Nuss kriegen
sie über das Muss das übrige kriegst du alles du Kandidat Und wenn wirs
miteinander ausgerechnet haben dann lasse ich anspannen und du fährst heute
noch in die Stadt und holst die Gerichte Aber nicht den alten Hecht Ich hätte
es für die Langeweile bei ihm denn er ist mein Justiz Ich wende es aber dran
du holst das richtige Amt Denn siehst du Kandidat der Hecht der ist ein
Fuchs Der hat mir die Suppe mit der alten Exzellenz eingebrockt und du armer
Kerl hast sie austütschen müssen Wahrlichen Gott ich hätte dich
totgeschlagen so war ich in der Wut Aber nun kriegst du dafür auch deinen
Lohn und wenn die Sonne aufgeht ist alles baumfest gemacht und der
dickschnäuzige Absalon und seine bucklige Schwester sollen daran glauben lernen
einen Muttervater wie Johann Mehlborn über die Achsel anzugucken«
    »Sie irren Herr Amtmann« wendete Dezimus ein »Ihre Enkelin ist eine
vortreffliche Dame sehr gescheut und gar nicht stolz Sie wird ohne Säumen zu
Ihrer Pflege herbeieilen sobald ich ihr schreibe dass Sie nach ihr verlangen«
    »Ich verlange aber nicht nach ihr dummer Junge« fuhr der Alte auf »und
das Schreiben sollst du unterwegs lassen Das Muss sollst du mir ausrechnen und
in die Stadt sollst du fahren und mir die Gerichte holen«
    »Ich verstehe mich auf derartige Berechnungen nicht Herr Amtmann«
versetzte Dezimus »und für einen Stadtweg habe ich heute abend keine Zeit Ich
muss nach Hause eilen da Vater und Schwester krank liegen«
    Der alte Mehlborn zuckte bei den letzten Worten zusammen als sähe er ein
Gespenst Hatte eben noch der Bär gebrummt nun krümmte sich der Wurm
    »Die auch die auch« ächzte er »Das Rosenpatchen auch Großer Gott in
deine Hände die auch den schwarzen Tod«
    »Wir fürchten so Schlimmes nicht Herr Amtmann Nur die starke Erschütterung
 «
    »Aber sie liegt doch krank sie kann doch sterben und sie wird auch
sterben schon mir zum Schure wird sie sterben und vor mir hinaufgehen und mich
droben anklagen bei meiner Röse  und  und  und das wars ja eben derhalben
ich den Herrn Pastor zu mir herunter genötigt habe und was Sie nun als sein
Abgesandter anhören sollen verehrlicher Herr Kandidat dass Sie wenn Sie mir
den Lebenslauf halten mich nicht vor der lieben Menschheit blamieren«
    So hörte denn Pate Kandidat als ehrwürdiger Beichtvater das Bekenntnis an
das halb mit Reue und halb mit Selbstbeschönigung sich der alten Seele in ihrer
vermeintlichen Todesnot entrang Habsucht Geiz Harterzigkeit im allgemeinen
war es nicht was ihn behelligte und unerwartet Besonderes erfuhr der Sohn
Mutter Hannas auch nicht Der Mann der für einen Millionär geschätzt wurde
war um zirka hundert Taler willen seiner treuesten Freunde Feind geworden und
ohne dass er es sich eingestand sein eigener zumeist denn mit dem Respekt vor
sich selbst war es seitdem vorbei mit dem vor allen andern Leuten aber auch
denn was ich denk und tu das trau ich anderen zu
    Er hatte die Patenbüchse aus der Hand seiner sterbenden Röse genommen mit
dem Gelöbnis sie der Frau Pastorin zu dem bewussten Zwecke auszuhändigen und
diese Aushändigung nun »die hatte er in der Rage vergessen« Er hätte sie
freilich auch gar nicht nötig gehabt denn was in der Wirtschaft erübrigt wird
gehört dem Ehemann und nicht der Frau so steht es geschrieben im Gesetz und
schwarz auf weiß war auch nichts über die Sache dagewesen Wenn einer aber einen
in den letzten Zügen liegen sieht verspricht er manchmal etwas was ihn nach
der Zeit wurmt Kurz und gut der Amtmann hatte die Patentaler  beileibe nicht
etwa unterschlagen  nur auf Hypothek gegeben jetzt aber wollte er sie
ausliefern obendrein Zins auf Zins aber freilich nur drittalb Prozent denn
mehr komme bei der Ökonomie nicht heraus und tue er ein übriges mit einem
Dokument über hundertfünfzig Taler Das aber sollte der Kandidat noch diese
Nacht seiner Schwester aushändigen ehe sie etwa auch noch daran glauben müsse
und Johann Mehlborn am Ende als ein schwerer Sünder von seiner Rosine vor Gottes
Thron empfangen werde
    Er kramte während dieser Beichte unter den Papieren in seinem Kasten und
tastete trotz Blindheit und schwarzen Todes geschickt genug ein
Hypotekendokument hervor von welchem der Kandidat nicht mit Unrecht vermutete
dass es auf schwachen Füßen stehe da Johann Mehlborn sich sonst wohl kaum so
leichten Herzens von ihm getrennt haben würde Er der Kandidat machte zwar den
Einwand dass er die Sache erst mit seinem Vater bereden und morgen dessen
Entscheidung bringen werde da er aber sah wie so gar eilig der Alte es hatte
zwei Fliegen mit einem Schlage zu klappen indem er gleichzeitig sein Gewissen
entlastete und sich eines verdrießlichen Wertzeichens begab steckte er das
Schriftstück ein
    Mit merklich erleichtertem Herzen sagte der reuige Sünder darauf
    »Und wie ichs mit dir vorgehabt Kandidat dabei bleibts Denn warum wer
solls kriegen Und weißt du was meine Röse in ihrem letzten Stündlein für mich
gesagt hat Johann hat sie gesagt sooft du der armen Hirtenwaise etwas zugute
tust wird es der liebe Heiland dir an Leib und Seele gesegnen Und was einer in
seinem letzten Stündlein prophezeit das kommt von oben Der Herr wird mirs an
meinem Leiblichen gesegnen Und darum sollst du alles haben Kandidat alles bis
auf das Muss«
    Der Kandidat riet ihm die Angelegenheit zuvörderst zu beschlafen dann
ruhig zu überlegen bis eines seiner Enkelkinder mit dem er sie besprechen
könne in seiner Nähe sei »Nur eine Woche Geduld Herr Amtmann und ich bürge
Ihnen dafür dass wenigstens Fräulein Sidonie Ihnen zur Seite steht«
    »Wenn sie die Erbschaft wittert ja warum denn nicht« versetzte der Alte
mit höhnischem Gelächter »Was ein Rabe ist fliegt nach Gold«
    »Ich wiederhole Ihnen Sie verkennen Ihre Enkelin Herr Amtmann Fräulein
Sidonie ist weder hoffärtig noch verschwenderisch Sie hat diese Jahre her
Klavierstunden gegeben um ihrer seligen Mutter die Haushaltung zu erleichtern«
    Das war eine glückliche Wendung Sie machte dem reichen Mann der sein
einziges Kind hatte darben lassen sichtbar einen bedeutenden Eindruck
»Stunden Stunden für Geld« fragte er
    »Für Geld Herr Amtmann«
    »Aber was kann bei dem Fingerieren denn herauskommen Kandidat«
    »Fräulein Sidonie ist sehr geschickt in ihrer Kunst sie schlug ihren
jährlichen Erwerb auf tausend Taler an«
    »Wawawas tausend tausend Taler«
    »Sie wird aber keinen Augenblick anstehen diesen einträglichen Erwerb
aufzugeben um dem Vater ihrer seligen Mutter  «
    »Na die Spielstunden die müssen ihr freilich angerechnet werden im
Testament« unterbrach ihn der Alte »Für dich bleibt dann immer noch genug und
satt Kandidat Aber mehr als das Muss und die Stunden zu Kapital gemacht
nicht Denn siehst du Kandidat die Sache hat einen Haken Das Mädchen ist
schief Und wenn einer schief ist und wenn einer schielt da traue ich ihm nicht
quer über den Weg Und Männer kriegt sie weil sie ausgewachsen ist wohl zehne
aber Nachkommenschaft keine Und wenn an Nachkommenschaft nicht zu denken ist
was wird da aus dem schönen Anwesen das Johann Mehlborn sechzig Jahre lang sich
zusammengerackert Grund und Boden wird um ein Dudeldei verschleudert alles zu
bar gemacht für den Bruder Luft und von dem Bruder Luft außer Landes
verjuchheit Nein und ein Punktum dahinter Nein Die Wirtschaft muss
beieinanderbleiben der Bruder Luft soll auch auf Umwegen nichts erlangen
keinen Pfifferling über das blanke Muss«
    Dezimus wendete ein dass Fräulein Sidonie besser als er selbst imstande sein
werde des Großvaters ungünstige Meinung über seinen Enkelsohn zu zerstreuen
und dass sie für ihre eigene Person gar wohl an die Gründung einer Familie denken
dürfe da ihr körperliches Gebrechen durchaus nicht so erheblich sei als jener
es sich in den Jahren der Entfernung vorgestellt Fräulein Sidonie wäre eine
gesunde und sehr hübsche Dame Das aber waren gute Worte und keineswegs in den
Wind geredet Der Großvater dachte schon gar nicht mehr an das Patenerbe und
wenn er es auch nicht eingestand brannte er vor Verlangen sein Tochterkind zur
Stelle zu haben Als Dezimus erklärte dass er sie morgenden Tages nach Werben
einladen werde da hatte der alte Mann nur noch das einzige Bedenken dass das
Schweizerland erschrecklich weit gelegen sei und der schwarze Tod raschen Prozess
mit einem Menschen mache Der Kandidat suchte ihn auch darüber zu beruhigen
    »Doktor Kurze versichert ja aber dass Sie von der bösen Krankheit gar nicht
befallen seien Herr Amtmann und Sie sehen auch wahrlich nicht danach aus als
ob Sie dieselbe zu befürchten hätten«
    »Nicht meinst du wirklich nicht Kandidat Aber siehst du meine grausamen
Schmerzen«
    »Wo tut es Ihnen denn weh Herr Amtmann«
    »Hier und da ach du meine Güte überall Das Herzgespanne das Kreuze  «
    »Aber zum Aushalten ist es doch«
    »Je nun zum Aushalten wäre es allenfalls Aber die Beine wie die steif
sind und eiskalt Und höre nur Kandidat wies mir im Bauche knurrt«
    »Sie werden Hunger haben Herr Amtmann«
    »Na freilich Mordhunger Die Krankheit heißt ja eben darum die
Hungerseuche Denn wenn einer der sie hat was zu sich nimmt drückt es ihm auf
der Stelle das Herz ab Seit zwei Tagen ist kein Bissen über meine Lippen
gekommen Nur wie ichs gar nicht mehr aushalten konnte hat mir die Timpeln ein
bisschen von ihrem Tee und von ihrem Mehlmus geschickt Ich konnte aber nicht
einen Löffel voll hinunterbringen so wendete sich mir das Eingeweide um Und
siehst du denn nicht Kandidat meine Hände sind schon ganz schwarz«
    »Der Lampenschatten fällt darauf Herr Amtmann Ei nicht doch Sie haben
sich beim Torfanlegen geschwärzt Waschen Sie sich und Sie werden sehen dass
sie rot wie alle Tage sind«
    »Waschen ja waschen« entgegnete der Alte in ärgerlich weinerlichem Tone
»Wo soll ich denn Wasser hernehmen und Seife und eine Quehle Kann ich denn
aufstehen Habe ich denn einen der nach mir fragt Ja wenn meine Röse noch
lebte oder mein Sidonchen wäre schon da Siehst du Kandidat wenn einer ein
Lump ist da springen die Leute ihm bei und greifen ihm unter die Arme Wenn
einer aber in Schweiß und Plack etwas vor sich gebracht hat da beschreien sie
ihn wünschen ihm die schwere Not an den Hals und ist sie da lachen sich die
Neidhammel in die Faust Du wirsts schon auch einmal erleben Kandidat wenn du
erst oben in deiner schönen Pfarre sitzest«
    Der geistliche Berater und Beichtiger ging in die Küche holte warmes Wasser
und Waschzeug und reinigte dem reuigen Sünder das Gesicht das nicht weniger wie
die Hände von Russ und Kohle geschwärzt war dann aber ließ er den Sünder sich
die Hände so lange seifen und reiben bis wieder eine menschliche Farbe zum
Vorschein kam Von Gram und Sorge bedrückt wie er war und wahrlich nicht
aufgerichtet durch die kindische Zerknirschung und selbstsüchtige Großmut einer
Greisenseele die sich am Grabesrande wähnt muteten diese Handreichungen ihn
nahezu erheiternd an Denn wenn eine rasche mutige Tat für welche einem
Menschen  und auch nur dem glücklichsten  vielleicht ein oder zweimal im
Leben die Herausforderung geboten wird ihn aus seiner Bedrängnis über sich
selbst erhebt so sind es die gemeinen Erweisungen des Tageslaufs welche das
gestörte Gleichgewicht mählich wieder in die Richte bringen Und ist denn dieses
Gleichgewicht am Ende nicht unser wahrhaftes Glück
    Die Hände waren rein auch das Zimmer notdürftig gelüftet und das qualmende
Ofenfeuer zum Lodern gebracht Der Kandidat riet dem armen Hungerleider nunmehr
auf seine seelsorgerische Verantwortung hin sich etwas Leibliches zugute zu
tun erbat sich die Schlüssel zu Keller und Speisekammer die der Hausherr Muhme
Timpeln bei ihrer Erkrankung abgenommen holte Brot und einen Schinken
entdeckte glücklich auch noch eine Flasche alten Rheinweins die während der
stolzen Magnatenzeiten in das Haus gestiftet und in einem Kellerwinkel vergessen
worden sein mochte Und der arme Todeskandidat schlürfte den Labetrunk wie ein
lechzender Storch und verschlang die köstlichen Mundbissen wie ein
ausgehungerter Wolf
    »Ach wie das gut tut« rief er ein über das andere Mal sich auf den Magen
klopfend »Nun erzeige mir aber auch noch den Gefallen Kandidat und stelle die
Neigen hier unter meinen Stuhl dass keiner dazu kann und ich sie gleich bei der
Hand habe Oder möchtest du etwa auch ein Häppchen«
    Dezimus dankte
    »Aber doch einen Schluck«
    »Auf Ihr Wohl Herr Amtmann« sagte Dezimus indem er ihm das Glas aus der
Hand nahm Der Alte bemerkte schmunzelnd dass es sich nicht leerer anfühlte als
es ihm wieder zurückgereicht wurde
    Noch musste der Kandidat die Eisenlade wieder sorgfältig schließen und
verbergen dann entkleidete er den taumelnden alten Mann führte ihn an sein
Bett und nachdem er ihm die dicke Federdecke bis an die Ohren gezogen dies
kaum geschehen auch schon die ersten Laute eines Mehlbornschen Schlummers
vernommen hatte schüttelte er den Staub von seinen Füßen und eilte
freiaufatmend seinem stillen Hause zu Als er sich der Fähre näherte hörte er
ein Postorn schmettern ein Wagen bog von der Stadtseite her in die Dorfgasse
ein »Wiederum ein Kranker dem ein Arzt zu Hilfe gerufen worden ist« dachte
Dezimus seufzend
    In der Pfarre ruhte der Vater bereits und Peter Kurze sehnte sich laut
gähnend nach des Tages Lasten auf seiner Sprungfedermatratze einen tiefen
Schlaf zu tun Auch dem armen Bräutigam fielen vor Erschöpfung die Lider zu Auf
die litauische Lene war ja Verlass Strickstrumpf und Kaffeetrank halten alte
Augen wach das liebe Röschen war ja auch ihr Hätschelkind und leider verlangte
es nichts anderes als dann und wann mit einem matten Blick nach einem Tropfen
Wasser Dezimus warf sich in seinen Kleidern auf das Sofa der offenen
Nebenstube Der Tag der im hehrsten Schmerzgefühl begonnen hatte in Trübsal
und Trivialität verlaufen war endete mit einem Totenschlaf Darf einer aber ein
Glücklicher heißen der mehr als einen solchen Tag erlebt
Am anderen Morgen entschied der Vater dafür das Dokument anzunehmen Sein Wert
erschien auch ihm äußerst fragwürdig »aber« meinte er »was kann es uns auf
ein Dankeswort ankommen wenn der kindische alte Mann durch dieses
Scheingeschenk mit sich selber ausgesöhnt wird«
    Dezimus machte den Versuch sein Röschen durch die Mitteilung von dem
Patenlegat zu erheitern Sie verblieb unbeweglich mit halb geschlossenen Lidern
und als er die blassen Wangen streichelnd sie fragte ob sie sich denn nicht auf
das kleine Treibhaus das sie sich für das Geld bauen wollten ein wenig freue
wendete sie als ob sie kein Wort mehr hören möge den Kopf nach der Wandseite
Das bewegliche junge Herz schien gegen Wunsch wie Gram erschlafft Dezimus
zitterte bei der Vorstellung dass das liebste Leben in solch geheimnisvoller
Stille entweichen könne Er hätte die welken Hände nicht aus den seinen lassen
die Blicke nicht von dem weißen Rosenantlitz verwenden mögen
    Aber der Vater gestattete ihm kein müssiges Weilen »Lass den Greis wachen«
sagte er »und wirke du an seiner Statt«
    Der Amtsbruder in Bielitz musste um seine Vertretung bei sakramentalen
Handlungen angegangen werden in manches Kranken in manches Trauerhaus der
Untergemeinde war Ermutigung und Trost zu tragen Ja Vater Blümel ging so weit
an die Vorbereitung zur Sonntagspredigt des Sohnes erste Predigt zu mahnen
damit hatte er des Sohnes Kraft und guten Willen aber doch überschätzt
    Der Abend dämmerte als er das Gut betrat in welchem er die dankbare
Annahme des Vermächtnisses melden sollte Wie eilig er nun aber auch war wie
tief von Weh und Angst erschüttert wie bänglich er sich in die stille
Leidenskammer der Geliebten sehnte eine sonderbare Veränderung des
verwahrlosten Herrenhauses konnte ihm nicht entgehen War es doch als ob kleine
dienstfertige Wichtelmännchen über Nacht darin gewaltet hätten Die blinden
Fensterscheiben blinkten hell die Spinneweben waren fortgefegt die
Steinfliesen des Flurs geschwemmt und mit weißem Sand bestreut aus
Kohlenpfannen wirbelten würzige Wacholderdämpfe in die Höhe Auch die Wohnstube
war gescheuert und gelüftet auf dem sauber gedeckten Tische Wein und ein
Vesperimbiss aufgetragen Der Amtmann gewaschen gekämmt und rasiert mit dem
guten Kirchenrock angetan schien um ein Mandel Jahre verjüngt um seine breiten
Lippen spielte eine neckische Laune die früherhin keineswegs zu seinen
Temperamentseigenschaften gezählt hatte Als Dezimus vom Flur her das Zimmer
betrat verließ es jemand durch die Kammertür Wer war im Zwielicht nicht zu
unterscheiden Das Rauschen eines Frauenkleides ließ indessen darauf schließen
dass Muhme Timpel die Anfechtung von Wellfleisch und Sauerkraut so glücklich
überwunden habe wie ihr alter Herr den Würgengel der Hungerseuche und dass zum
Dank für diese Gnade sie einen neuen reinlichen Menschen angezogen
    Dezimus richtete seinen Auftrag und sprach seine Befriedigung über des Herrn
Amtmanns sichtliches Wohlbefinden aus worauf der Herr Amtmann indem er das
Glas aus welchem er sich eben gestärkt hatte aus der Hand setzte lachend
erwiderte
    »Na ja mein Junge wie es so den Anschein hat kannst du es noch zum
richtigen Pastor bringen ehe du mir den Lebenslauf zu halten hast Aber höre
Kandidat die Klughänse von Doktores die sollen mir mit ihrem Mehlmus und
Kamillentee gewogen bleiben Nicht heraus hinein treiben sie das schwarze
Gespenst Du bist mein Mann Pate mit deinem Schinken und deinem Wein Aber
freilich noch ein drittes muss dazukommen wenn dem Morbus der Garaus gemacht
werden soll«
    Er blinzelte bei diesen Worten mit den Augen die nicht mehr ganz scharf
sehen und spannte mit den Ohren die noch immer sehr scharf hören konnten nach
der Kammertür durch welche der Weiberrock verschwunden war Pate Kandidat aber
lächelte und dachte »Jawohl das Gemüt befreit von dem Druck eines
Handgelöbnisses und eines unsicheren Dokuments«
    Der so wunderbar vom Tode Gerettete rieb sich seelenvergnügt die Hände
Plötzlich jedoch schien eine unbehagliche Vorstellung ihm durch den Kopf zu
schießen Er fragte ob der Kandidat sich mit der Zitation des städtischen
Gerichts auch nicht übereilt habe und als die Frage verneint ward kehrte die
joviale Stimmung ihm zurück
    »Siehst du mein Junge« sagte er »es wäre bloß weggeschmissenes Geld
Wofür brauche ich denn ein Testament Du wirsts wohl gemerkt haben es war
nächtens in meinem Oberstübchen nicht ganz helle Die grausame Krankheit hatte
mir gar zu schmählich mitgespielt Und darum hattest du von wegen des
Beschlafens wieder einmal ganz recht Heute bin ich auf dem richtigen Punkte
Wozu brauche ich einen letzten Willen Ich habe zwei leibliche Tochterkinder
und das mit dem Muss  Pflichtteil nennens die Gerichte ich konnte mich nur
nächtens nicht auf den gehörigen Titel besinnen  wäre zuwider Gottes Ordnung in
der Heiligen Schrift Meinst du nicht auch Kandidat«
    »Jedenfalls Herr Amtmann zuwider der Natur und einem gütigen Vaterherzen«
antwortete Dezimus
    Der Amtmann drückte ihm nach seiner Art gerührt die Hand »Eine ehrliche
Haut bist du Kandidat« sagte er »das muss der Feind dir lassen Eine
grundehrliche Haut Und helle bist du auch mordhelle hast ein Einsehn in
jedwede Sache wie sie schmeckt und riecht Aber dein Schade solls nicht sein
Verlass dich auf den alten Mehlborn wenn er auch nicht dein Pate ist Denn was
verschlägt am Ende ein königlicher Prokurist Der alte Mehlborn hats gut mit dir
im Sinn«
    Er machte eine Pause simulierte ein Weilchen indem er wie vorhin nach
der Kammertür starrte dann hob er von neuem an
    »Siehst du Kandidat es ist mir über Nacht wie man zu sagen pflegt ein
Licht aufgesteckt worden Mein Enkelsohn betreibt in der französischen
Hauptstadt die Wissenschaft und schreibt Lesebücher Er hat die Kunst von seiner
Mutter meiner Brigitte geerbt nur dass das was mein Enkelsohn macht sich
reimt wie die Lieder die im Gesangbuche stehen Aber eine Sünde ist das
Versemachen nicht und eine Schande auch nicht und ein ganz hübsches Stück Geld
kommt bei dem Bücherschreiben heraus Meinst du nicht auch Kandidat«
    »Unter Umständen allerdings«
    »Unter Umständen bloß he Wovon hätten denn meine Brigitte und ihr
Professor gelebt und gut gelebt Geld wie Heu sage ich dir wenn auch nicht
ganz so viel wie sich bei der Ökonomie herausschlagen lässt Aber die kann mein
Enkelsohn ja auch noch betreiben lernen er ist ja noch ein junges Blut Was
aber den Professor anbelangt den Wittmann von meiner Brigitte kein Gedanke an
einen Freimaurer bei ihm der Beifuss ist ein Esel dass er mir den Freimaurer in
den Kopf gesetzt Die Lesebücher die der Professor schreibt kann einer wie
Beifuss ja gar nicht verstehen Und den Herrgott hat der Professor in seinen
Schriftstücken auch beileibe nicht abgesetzt Nur einen anderen Mantel hat er
ihm umgehängt grasgrün und himmelblau statt nach der alten Mode Purpur und
Gold Na das ist seine Sache Herrgott bleibt Herrgott Die Hauptsache ist das
Gesetz Was nun aber vollends mein Sidonchen  «
    Er machte von neuem eine Pause und Dezimus stand vor Staunen starr und
stumm Wer hatte dem blinden Greise dieses Licht aufgesteckt Ein Traumgeist
der Geist des Weins oder bloß das Frohgefühl der Genesung Hatte Peter Kurze
ihn in die Kur genommen oder etwa  etwa Lydia Zuzutrauen wäre die Absicht dem
weißen Fräulein sicherlich gewesen aber die Wirkung diese Wirkung einer Lydia
auf einen Johann Mehlborn Des Kandidaten Blicke folgten denen des Amtmanns nach
der Tür Er unterschied aber nichts als die blankgeputzte Messingklinke
    »Was aber mein Sidonchen anbelangt« fuhr der Alte fort »so hast du zum
dritten Male wahrgesprochen Kandidat Mein Sidonchen ist dir ein ganz
scharmantes Mädchen rund und rot wie ein Borsdorferapfel zum Anbeissen sag ich
dir und von wegen des Schulterstücks na weiß Gott die Brille müsste einer
aufsetzen wenn er die Schiefigkeit bemerken sollte«
    Kicherte da nicht jemand hinter der Kammertür Törichte Einbildung es ist
ja alles mäuschenstill und der über Nacht bekehrte Großvater fährt auch ganz
ungestört in der Anpreisung seines Fleisches und Blutes fort »Zehn Männer
Kandidat kann dir mein Sidonchen kriegen ein Dutzend Wochenbetten wären nicht
zuviel für sie bis zur goldenen Hochzeit kann sies bringen Und höre
Kandidat gescheut ist dir mein Sidonchen gescheut wie ein Advokat und die
Worte kann sie dir setzen wie der allerschönste Pastor und auf die Wirtschaft
versteht sie sich dass meine selige Röse dir nichts egal gar nichts dagegen
gewesen ist Eine Käserei will sie bei mir anlegen so wie sie draußen in der
Schweiz schon manchen armseligen Hutmann wie dein Vater einer war Kandidat
zum reichen Manne gemacht hat Nur dass draußen außer dem Rindvieh anstatt wie
bei uns Schafe mehrenteils Ziegen gehalten werden und die Ziegen nicht so viel
Fütterung brauchen Dafür haben wir aber die Wolle«
    Der Kandidat fasste sich mit beiden Händen nach der Stirn Träumte er oder
war hier ein Wunder geschehen Sollte Sidonie geschrieben haben Aber der blinde
Großvater hätte den Brief ja nicht lesen können Die Frage nach Lydia brannte
auf seinen Lippen des Alten Redefluss ließ sie aber nicht zum Ausdruck kommen
    »Und siehst du mein Junge« fuhr er in einem Atemzuge fort »weil du doch
nun einmal halb und halb meine Pate bist und ich dir den Inspektor versprochen
und nicht gehalten habe  denn warum du wolltest ja nun einmal absolut auf den
Postor studieren  und weil meine selige Röse dich mir sozusagen aufs Herz
gebunden hat und weil ich dir nächtens wo mich die Morbuslaune ein bisschen
benebelt hatte mit der Erbschaft einen Floh ins Ohr gesetzt habe
desselbigengleichen aber auch weil die Werbensche Pfarre ein einträglicher
Posten ist und einer ganz bequem die Wirtschaft auf dem Talgute daneben
betreiben kann und weil die paar Tausend Legation von dem römischen Fräulein
doch auch eine angenehme Zubusse sind kurz und gut weil alles klappt und stimmt
wie gemaust derhalben will ich dir mein Sidonchen zur Frau geben und lieber
heute als morgen kann die Hochzeit sein«
    Dezimus bei aller Betrübnis seiner Seele hatte Mühe ein Lachgelüst
niederzukämpfen und noch war er zu einer schicklichen Gegenrede nicht gelangt
als eine kühle Frauenhand sich in die seine legte und eine wohlbekannte
klangfrische Stimme fragte
    »Nun was sagen Sie zu dem Antrag Johanniskind«
    Da stand er denn wie eingewurzelt mit stockendem Atem so als wäre der
liebe Mond gleich einer Bombe zu seinen Füßen niedergeplatzt Gottlob dass es
halb Nacht in der Stube war und keiner bemerken konnte wie der kalte
Angstschweiß ihm von der Stirne tropfte
    Der alte Mehlborn hatte nach seiner anstrengenden Werbung sich durch ein
Spitzgläschen von seiner bewährten Medizin gestärkt  Johann Mehlborn stand
wahrlich in Gefahr in alten Tagen zum Bacchusjünger auszuarten  nun kicherte
er sich die Hände reibend vor sich hin
    »Stockstumm vor Pläsier steht er da hihihi wie der dumme Junge von Meissen
steht er da hihihi«
    »Sie sagen nichts und das ist genug gesagt« flüsterte Sidonie indem sie
langsam ihre Hand aus der seinen zog Dezimus aber der sich mühsam gefasst
hatte erwiderte
    »Ich beklage gnädiges Fräulein dass diese Greisenschrulle vor Ihren Ohren
laut werden musste und ich beschwöre Sie zu glauben  «
    »Na was tuschelt Ihr denn so heimlich miteinander« unterbrach der
Großvater die feierliche Beschwörung »Liebeswörtchen schon hihihi«
    »Nicht doch Großvater« antwortete Sidonie mit ruhiger Stimme wennschon
Lippen und Glieder leise zitterten »Der Schlaukopf hat es gemerkt dass du
deinen Spaß mit ihm getrieben«
    »Ich einen Spaß einen Spaß ich« rief der Alte völlig verdutzt
    »Nun was denn sonst Großvater Habe ich dir denn nicht gesagt dass er schon
seit Jahren ein Schätzchen im Herzen trägt Nicht Ei was da habe ich gedacht
die Sache verstünde sich von selbst Siehst du Großvater ein Kandidat der
bloß mit einer Herzallerliebsten von der hohen Schule abgeht der kann sagen
dass er noch mit einem blauen Auge davongekommen ist gewöhnlich erfreut er sich
schon einer verlobten Braut Habe ich nicht recht Herr Kandidat«
    »Soweit es meine Person betrifft allerdings gnädiges Fräulein« antwortete
Dezimus bewegt »ich habe seit Jahren eine Liebe im Herzen getragen und die
Geliebte ist meine verlobte Braut geworden Auf ihrem Sterbebette hat meine
Pflegemutter die Hand ihrer Tochter in die meine gelegt für das Leben«
    Er atmete nach diesem Geständnis auf wie erlöst Sidonie war betroffen ein
paar Schritte zurückgewichen es war minutenlang in dem dunklen Zimmer kein
Atemzug zu hören Jählings jedoch schlug der alte Mehlborn mit beiden Fäusten
auf den Tisch und stieß mit der Naturkraft seiner guten Tage einen Fluch aus
vor welchem eine andere nervenschwache Dame als die gegenwärtige bis zur
Ohnmacht erschrocken sein würde »Das ist« schrie er nachdem das Donnerwetter
ihm Luft gemacht »das ist ja egal wieder so ein hinterrückscher Streich wie
dazumal der mit der alten Exzellenz das ist ja  «
    »Nicht doch Großvater« unterbrach ihn Sidonie die sich gefasst hatte »Es
ist eine Zuneigung und ein mütterlicher Plan von Kindesbeinen an Wenn du in
letzter Zeit mehr mit unseren guten Freunden in der Pfarre zusammengekommen
wärest würdest du den Braten längst gerochen haben«
    Sidonie lachte bei den Worten mit seltsam vibrierendem Klang der Bär war
aber einmal aufgewacht und so brummte er sich unerschütterlich aus
    »Schwatz doch nicht so dummes Zeug Sidonchen Das ist ja alles nicht hotte
und nicht hü Wenn zwei miteinander in der Boje gelegen haben zum Henker das
ist ja egal als ob Bruder und Schwester Mann und Frau werden wollten Die
Geschichte muss auseinander Ein Sterbebett ist doch nicht etwa Gottes Altar und
Brautstand noch lange kein Ehestand Der Junge müsste ja des Teufels sein
Sidonchen Die kleine Röse ist arm wie eine Kirchenmaus und mit dir kriegt er
einmal ein Rittergut und eines in der Tasche obendrein«
    Sidonie lachte von neuem und natürlicher als vorhin
    »Ja wenn er nur früher gewusst hätte wie gut du es mit ihm vorhattest
Großvater« sagte sie trat an den Tisch schenkte das Spitzgläschen wieder
voll und der Großvater nachdem er es ausgeschlürft streichelte ihrzärtlich
die Backen und sagte schmunzelnd von einem lichtvollen Einfall durchzuckt
    »Weißt du was mein Sidonchen weil du es bist will ich ein übriges tun
Höre die kleine Röse so pauvre wie sie ist die geben wir deinem Mäxchen und
er zieht mit ihr hinüber und wirtschaftet als mein Verwalter in Bielitz Du
nimmst den Kandidaten und bleibst hüben bei mir Und wenn dein Mäxchen etwa  «
    »Du hast recht« fiel Sidonie ein »das wäre ein Vorschlag zur Güte den wir
miteinander überlegen wollen Großvater Jetzt aber musst du durchaus ruhen Das
viele Sprechen hat dich angegriffen du siehst schon ganz blass aus und bist rau
auf der Brust Dass um Gottes willen kein Rückfall kommt Mit solch einer
Krankheit ist nicht zu spassen Großvater«
    Der störrische alte Mann gehorchte wie ein Kind Er ließ sich von seinem
Sidonchen nach dem Kanapee führen streckte sich wie sie es vorschrieb »der
Länge lang« aus und drückte die Augen zu Bald verriet der schnarchende Atem
dass die ungewohnte Labe auch heute wieder ihre Schuldigkeit getan Sidonie legte
ihren Arm in den des Kandidaten und sie verließen das Zimmer
    Eine Weile gingen sie nebeneinander her und schwiegen sich aus Ach solch
ein armseliger Stümper ist ja der stolze Willensheld Mensch genannt dass eine
unbehagliche Situation die wärmsten Affekte seiner Seele wettzumachen vermag Wo
fänden wir den idealen Helden welcher die Weihe des Ostermorgens Doktor Fausten
unverdrossen nachempfunden hätte wenn ebenso unverdrossen eine Brummfliege sich
auf seine Nase setzte Dezimus Frei hatte gestern seine Mutter begraben er
zitterte für das Leben einer geliebten Braut rings um ihn her wüteten Tod und
Verderben in diesen Minuten jedoch empfand er nichts rein gar nichts als die
Verlegenheit des armen Schäfersohnes der einem reichen Edelfräulein ins
Angesicht einen Korb gegeben hat eine Verlegenheit die allerdings
Märchenhelden öfter empfinden werden als ein Kandidat der Theologie Die Not
wurde aber immer romantischer da das verschmähte Edelfräulein sich mit der
Unbefangenheit einer glücklichen Braut an des Schäfersohnes Arm hängte und
zweiselig mit ihm im Mondenschein spazierte über den Hof durch den Garten
längs des murmelnden Flusses bis zu dem friedlich ruhenden Nachen Das Fräulein
hätte fürchten wir bis zur Stadtbrücke mit dem Hirtensohne spazieren können
ohne dass ihm in der Schwüle seines Intellekts ein würdiges Wort oder auch nur
eine unwürdige Redensart zur Aufklärung und Entschuldigung gelungen wäre
    Das Fräulein war es welches beherzter als er endlich den Bann der
Stimmung brach und  ja Laut scheucht Furcht  und mit dem ersten sonoren Klang
ihrer Rede da wurde auch dem verlegenen Kandidaten wieder ganz frisch und
beherzt zumute das aber um so mehr da er lediglich zuzuhören und nur selten
ein Wörtchen dareinzugeben hatte
    »Menschen wie Sie Dezimus und ich« hob Sidonie an »dürfen sich denke
ich ohne Verwirrung alles sagen und alles voneinander hören Und so sage ich
Ihnen denn was Sie ohnehin von vornherein durchschaut haben werden dass Papa
Mehlborns Antrag weder ein Scherz noch die Schrulle eines Greises gewesen ist
sondern mein eigener zwar rasch gefasster aber wohlbedachter Plan Auf Ihre
Ablehnung war ich gefasst und würde sie Ihnen zugute gehalten haben auch wenn
Sie  worauf ich allerdings nach dem Tone Ihrer Briefe keineswegs gefasst war 
nicht bereits der hoffnungsvolle Ehestandskandidat einer anderen gewesen wären
Die Wahrheit zu sagen ich hatte Ihr Röschen von jeher Freund Kurzen zu gedacht
So wenig ich nun aber Ihnen den Ungeschmack in der Lebenskunst zutraue sich
und wäre es um zehn Rittergüter willen zum Mann einer Frau machen zu lassen
die Ihnen missfiel oder einfach bloß nicht gefiel so wenig werden Sie meiner
Person die Abgeschmackteit einer verliebten Laune zutrauen auch wenn ich Ihnen
ehrlich gestehe dass Sie der einzige Mann sind dem ich einen solchen Antrag
hätte stellen lassen ja eben darum nicht Ich dachte mir aber Dezimus dass
zwei gute Freunde beide frei und klug ohne Anlage zu leidenschaftlichen
Problemen ungeplagt von dämonischen Störefrieden beide dagegen anhangend einem
tief aus der Seele treibenden Lebenszweck dass diese beiden ihre Hände
ineinanderlegen könnten vertrauend jenem Gleichgewicht und jener
verständnisvollen Selbstbewussteit auf welchen letztlich die Befriedigung jedes
Zusammenlebens doch beruht Sie Dezimus würden durch die Verbindung mit mir
Ihrer beschränkenden Lage entrückt Ihnen die weiteste Umschau am Himmel und auf
Erden die freieste Entwicklung gewährt worden sein dazu der Anteil das
völlige Verstehen eines Nächstgestellten Mir gewährte sie ein starkes Herz und
eine feste Hand Und sehen Sie Freund die arme kleine Sidi bedarf mehr denn
jemals eines starken Herzens und einer festen Hand um ihr eine Gefahr abwenden
und ein Schicksal tragen zu helfen denen sie ganz allein machtlos
gegenübersteht«
    »Sie sprechen von Max« fragte Dezimus
    »Nun ja von wem denn sonst Ist er nicht mein Lebenszweck wie die
Chaldäerweisheit der Ihrige ist Ihr lebt hier so scheint es wie Crusoe auf
seiner Insel spürt nichts von den Wettern die über dem Festlande brauen und
von den Dämpfen die unter demselben brüten Ich aber komme von solchem Herd
und Max steht harsch an dem Krater von welchem der Ausbruch droht Nicht
Schwarzseherei Hellblick Hellblick der Liebe ist es wenn ich ihn von den
speienden Flammen ergriffen und unter der Asche verschüttet schaue Noch in
dieser Nacht werde ich ihm schreiben und weil die Beredsamkeit eine Gabe ist
die er vor vielen besseren Gaben schätzt und auf sich wirken lässt werde ich ihn
mit so viel rhetorischem Aufwand als einer Schwester zu Gebote steht
beschwören vor dem Ausbruch in unseren stillen Hafen zu flüchten Wenn er sich
in Bielitz einrichtete soviel ihm beliebt als Grandseigneur es wäre ein
ableitender Wechsel Wenn er sich einen eigenen Herd gründete es wäre wie
schwach auch immer eine Bürgschaft der Stetigkeit Mit den äußeren Mitteln soll
nicht gekargt werden der schwarze Tod hat mir trefflich in die Hände gearbeitet
und kein anderer als Sie Johanniskind mich auf den Zaubertrank verwiesen mit
dessen Darreichung die geheimnisvolle Wandlung vollzogen werden wird Ich traue
mir zu diesen halsstarrigen Greis zu regieren wie eine Gliederpuppe mit List
oder Gewalt ihm den Schlüssel seiner Eisentruhe zu entwinden Was kommt es mir
darauf an um einen vollebenden Zwanziger zu retten einem absterbenden
Achtziger ein X für ein U zu machen Die Frage ist nur wird mein Plan an dem
nicht scheitern den er retten soll Und wenn der Reiz ritterlicher
Sesshaftigkeit den Unsteten heimwärts lockte würde er nicht bald wieder
zurückgetrieben werden in sein geniales Zigeunertum Würde selber die Liebe zum
Weibe imstande sein ihn häuslich zu bannen Wird wenn den Rhein herüber die
Fanfaren schmettern die ihm das was er Freiheit nennt verkünden wird er
dann wie ein feuriges Ross nicht jeden Zügel sprengen und werden Sie dann
Dezimus mit Manneswillen und Manneskraft  für ihn einstehen  Nein das läge
außer Ihrer Macht  aber zu seiner Rettung für mich eintreten nicht als ein
Bruder wie ich Törin einen Augenblick gewähnt aber als  «
    »Sein Freund und Ihrer Sidonie« sagte Dezimus mit warmem Händedruck
    Sidonie erzählte darauf dass sie alsobald nach ihrer Mutter Tode sich bewusst
gewesen wo fortan ihre Heimstatt und welcher Art ihre Werkstatt sei Die
Neueinrichtung ihres Stiefvaters und ein Nervenleiden das sie hart mitgenommen
hatten die Ausführung verzögert Bei ihrem endlichen Aufbruch vor ein paar Tagen
sei es auf eine Überraschung im Blümelhause abgesehen gewesen Als sie jedoch
beim gestrigen Eintreffen in der Stadt den Ausbruch der Epidemie den Tod der
guten Pfarrmutter und Rosens Erkrankung erfahren sei sie ohne Verzug nach dem
Talgute aufgebrochen und daselbst angelangt als just der Kandidat die heroische
Kur an Papa Mehlborn vollbracht und zum Lohn dafür das Erbe der unartigen
Enkelkinder in Aussicht gestellt erhalten habe Mit ergötzlicher Laune
schilderte sie nunmehr wie sie die günstige Konjunktur benutzt um sich in
Verbindung mit Traum und Weingeistern rasch in des alten mürbe gewordenen
Eisenmannes Gemüt und Hause festzusetzen und mit welchen Engels und
Teufelskünsten sie gesonnen sei ihre Position zu behaupten
    »Greise sollen wie Kinder behandelt werden« sagte sie »Mein altes Kind
wird sich nicht über sein pflegendes Mütterchen zu beklagen haben er darf aber
niemals aufhören sich vom Würgengel bedroht zu wähnen und niemals bezweifeln
dass er sieht was zu sehen er sich und anderen vorspiegelt«
    Sie waren der Fähre nahegekommen als Sidonie ihren Arm aus dem des
Begleiters ziehend mit folgender Wendung abschloss
    »So nun stehen wir will es Gott für das Leben klar und fest uns zur
Seite und mir erübrigt nur noch der Glückwunsch zu Ihrer Verlobung Freund Ein
redlicher Wunsch aber leider nur ein Wunsch denn die Zuversicht Ihres
Eheglückes habe ich nicht Brummen Sie doch nicht so unwillig in Ihren kürzlich
gesprossten Bart Kandidat Als ob ich die Zärtlichkeit Ihrer gegenseitigen
Gefühle bezweifelte oder mir anmasste irgend etwas von irgendeiner erotischen
Gefühlsspezies zu verstehen und mich nicht gern belehren ließe dass eine
Gewohnheitsneigung aus der Boje herausgewachsen sich zu einer dergleichen
Spielart entwickeln könne Das aber weiß ich dass zum Dauerglück in der Ehe
will sagen einer Ehe die nicht bloß auf die gemeine Platteit hinausläuft mehr
gehört als irgendeine Spielart der Liebe Denke ich an den kurzen Wonnetraum von
Max und Lydia zurück wie er doch wahrlich einer reellen raschen Herzensglut
entspringend dennoch beim ersten Anstoß in Groll und Zwietracht zerstob halte
ich dagegen die in Kampf und Not unerschütterliche Befriedigung der auf keinen
lebhafteren Pulsschlag gegründeten zweiten Ehe meiner Mutter so sage ich
Kontraste reizen die Harmonie der Treue erwächst aus verwandten Elementen Auf
die gleiche Sehweite kommt es nicht an aber auf die gleiche Sehlinie kommt es
an Was aber versteht Liebchen Rose von des Chaldäers Sternenziel Was der
lichtsuchende Chaldäer von seines Rosenliebchens Erdenlust Falter und Rose
Mäxchen und Röschen  Freund wären Sie nicht bis über die Ohren vernarrt Sie
nennten den Einfall meines alten neuen Herrn schlechtin luminös Sie aber
Sternengucker trösteten sich müssten sich trösten würden sich trösten nicht
etwa mit der kleinen Sidi die Ihnen außer etwelchen Rittergütern nichts als
einen hellen Kopf auf einem ungleichen Schulterstück als Mahlschatz zubringen
würde sondern mit der zum Himmel strebenden hehren Lilienblüte die ohne Sie
einsam im Mondschein des Klostergartens verduften würde«
    Dezimus prallte schier entsetzt einen Schritt zurück sein ganzes Wesen
protestierte gegen diese wenn auch nur scherzhaft gemeinte Weissagung Ließ der
kleine Kobold an seiner Seite ihn aber nur zu Worte kommen Lachte er nicht so
ausgelassen wie bloß Kobolde einem verblüfften Menschenkinde in das Gesicht zu
lachen imstande sind Und schmetterte er dann nicht mit seiner metallhellen
Stimme sein musikalisches Kapriccio unerschütterlich zu Ende
    »Aber so fahren Sie doch nicht gleich aus der Haut Kandidat wenn ein
alter ehrlicher Kamerad Sie besser kennt als Sie sich selbst hören Sie doch
ruhig erst den natürlichen Folgesatz Lieben Sie Ihr Röschen so zärtlich Sie es
fertigbringen heiraten Sie es meinetwegen auch das weiße Fräulein war ist und
bleibt bei alledem Ihr Ideal Indessen nur getrost Sagte ich Ihnen bei einer
anderen Gelegenheit ein gesunder Magen und ein gesunder Kopf vertragen
vielerlei so sage ich Ihnen bei der heutigen ein gesundes Herz verträgt noch
mehr ja sogar mehr zu gleicher Zeit Eine Wiegenliebe wie die zu Ihrer Rose
eine verständige Freundschaft wie die zu der kleinen Sidi und ein hehres
Traumbild wie das der Schwanenjungfrau Sie haben Platz für alle drei und
bleiben ungestört und unbeschwert möglicherweise sogar als Ehemann unser
mustergültiges Johanniskind«
    Damit schüttelte sie ihm herzhaft die Hand und schlug dann lachend so rasch
sie vermochte den Rückweg ein Der ungalante Korbverleiher dachte nicht daran
ihr das Geleit zu geben
    Dezimus du Held des Glücks sie nennen dich eine redliche Haut und preisen
dich ob deines ruhigen Bluts das große Wort Liebe ist dir niemals allzu
geläufig gewesen sogar nicht gegen deinen besten Freund und der bist auch du
am Ende doch wohl selbst deine Phantasie hat selten mit Amoretten gegaukelt
und zum Heroismus der Leidenschaft zum Weibe hast du bis dato keinen Drang
gefühlt solange du von deinem Leben weißt hast du den Zug zu der holden
Schwesterblüte gespürt wie dein natürlichstes Recht und seit du dich als Mann
fühlst wie deine natürlichste Pflicht was du von Hangen und Bangen empfunden
das hangte und bangte nach ihr Und da kommt nun ein Menschenkind lebenskundig
und wahrheitsmutig wie du kein zweites kennst nennt sich deinen braven
Kameraden und sagt dir auf den Kopf zu dass deine Liebe gar nicht die echte
rechte Liebe sei dass du  schäme dich Dezimus  ein leibhaftiger Don Juan
noch ehe du ein Bräutigam geworden ein zweites und drittes Verhältnis
angebandelt habest und am Ende kommen noch ein halbes Dutzend hinterdrein denn
wo ist bei solcher Anlage ein Aufhören abzusehen Zum allerärgsten aber hat
dieses kluge Menschenkind sich darauf gesteift dass du ein Traumbild umkreisest
nicht bloß in der Phantasie wo es hingehört und dir wenigstens nicht schaden
kann sondern als leibhaftiger Mann ein leibhaftiges Weib als sein
prädestiniertes anderes Ich
    Aber so habe dich doch nicht wie ein Narr Kandidat Denke doch an deine
erste Sonntagspredigt Du schreist dich ja heiser mit deinem »Hol über hol
über« Hat der alte Veit sich bereits auf das Ohr gelegt so erweckt ihn nicht
die Posaune des Jüngsten Gerichts Du nimmst dann den Weg über die Brücke und
läufst dir den Wirrwarr von Liebesgedanken aus dem Hirn Welchem Menschen der
sich gesunder fünf Sinne erfreut fällt es ein bei Seuchenzeiten in rauer
Novemberluft durch den Fluss zu schwimmen um nichts und wieder nichts als eine
halbe Stunde früher bei der zu sein die er wirklich liebt Und sieh da kommt
ja auch schon der alte Veit fein gelassen in deinem eigenen bedächtigen
Hirtenschritt in welchem ein Mensch sein Ziel am zuverlässigsten erreicht Und
nun bist du jenseit und wenn du auch wie ein Wetter durch die Dorfgasse fegst
du hast bis zur Pfarre hinlänglich Weile dir zu überlegen ob ein Ideal in
Wahrheit ein so gefährliches Wesen sei wie man dir hat einreden wollen ein
Wesen das dich in deiner Herzenstreue beirren könnte
    Und siehst du wohl ehe du noch den Gottesacker erreichst da bist du schon
wieder der alte Dezem aller Tage ja wahrhaftig du lachst Was versteht solch
ein armes verkümmertes Wesen das keinen Näheren als einen Bruder lieben darf
und will von eines Jünglings Rosenwonne Was versteht die kleine Sidi mit
ihrem altklugen Kopf und vorwitzigen Mund von einem Traumbild der Seele Sind
die hohen Himmelslichter dort oben nicht auch deine Traumbilder gewesen und
würdest du sie als Ideale gehegt haben wenn du sie mit deinen Armen umspannen
konntest wie die blühende Erde in welcher dein Dasein wurzelte Sei und bleibe
dein weißes Fräulein dir ein Ideal und eine Seelenschwester für das Leben die
nach welcher deine Pulse schlagen das ist »die liebliche geliebte Eine die
Jugend dir und Jugenddrang verbunden« das ist dein Blumenkind deine Rose
    Sie lag noch so still anteillos und doch ruhelos wie er sie verlassen
hatte In dieser Nacht aber hätte keiner bei ihr Wache halten dürfen als er
allein Er setzte sich auf den Bettrand schlang den einen Arm um ihren Hals und
umspannte mit der anderen Hand die beiden welken kühlen Kinderhände Und wie er
so eine Weile gesessen hatte ihr Köpfchen an seiner Brust da war es als ob
ein Strom von seinem flutenden Leben in das ebbende hinüberwogte Sie schlug
einen Augenblick lächelnd wie sonst die Lider zu ihm in die Höhe dann fielen
sie ihr zu und sie schlummerte ein Die heissersehnte Schlummerruhe
Genesungsruhe Er neigte die Lippen auf die wirren Locken über ihrer Stirn 
der erste Bräutigamskuss Er sog ihren Odem ein den göttlichen Lebenshauch Er
hätte das Klopfen seiner Pulse hemmen mögen um sie nicht zu erwecken und doch
laut jubeln aus voller Brust »Dich liebe ich dich ganz allein«
Doktor Brand fand Rosen am anderen Morgen noch schlummernd aber es war nicht
die erquickende Ruhe der Genesung es war die betäubende der Erschöpfung Fast
schien es als ob die Schlummernde ohne wieder zu erwachen in den ewigen
Schlaf hinübergleiten werde so matt schlug der Puls so kaum hörbar schlichen
die Züge des Atems Wohl oder übel musste der alte Symptomiker der Diagnose des
jungen Exaktikers zustimmen der Blutverlust war stärker gewesen als er
angenommen und nicht seelische Überwältigung hielt den Körper im Bann sondern
körperliche Erschlaffung die Seele In welcher Weise aber den Verlust ersetzen
da das liebe Kind die geringste Nahrung verschmähte der Schlaf statt zu
stärken abspannte und kein Heilmittel anschlug Der alte Herr war am Ende mit
seinem Latein und wie in derartigen kritischen Fällen wo eben kein Rat mehr zu
geben ist auch ein braver Medikus zu der Auskunft gelangen kann den Patienten
aus seinem Gesichtsfelde zu verweisen zB an die Homöopatie über welche 
bei unkritischen Fällen  kein Sarkasmus beissend genug im Sprachschatze einen
Ausdruck findet oder in ein entlegenes Bad dessen Heilkräfte allerdings
innerhalb der eigenen Praxis nicht erprobt worden sind wo aber falls sie sich
an dem Patienten bewähren die Genesung dem kundigen Berater zugute geschrieben
wird falls sie sich dagegen nicht bewähren ein Kurverstoss Diätfehler
Erkältung und so weiter die Schuld zu tragen hat im allerschlimmsten Falle
jedoch der Patient wenigstens nicht unter des Beraters Augen die seinigen
schließt  desselbigengleichen wollte auch Doktor Brand obschon er skeptisch
die Achseln zuckte gegen das heroische Korrektiv seines neubacknen Kollegen
nicht länger Widerspruch erheben
    Das Korrektiv in einem Familienrate dem auch Lydia beiwohnte dargelegt
hieß Transfusion fremden Bluts Kein neues Mittel allein selten angewendet
Peter Kurze selbst hatte die Operation nur ein einziges Mal von dem Meister »zu
dessen Füßen er gesessen«  eine von den wenigen euphemistischen Redensarten
deren Peter Kurze sich bediente  vollziehen sehen aber mit glorreichem
Erfolg Er nannte sie natur und vernunftgemäss den direktesten
Erneuerungsprozess und würde ihm die weiteste Verbreitung in Aussicht zu stellen
gewagt haben insofern sich die Schwierigkeit überwinden ließe für jedes
blutarme oder blutkranke Individuum ein blutreich gesundes aufzufinden das sich
zur Teilung seines wertvollsten Lebensstoffes entschlösse Denn von dem
Lebensstoff als Lebensmittel höchst wertvoller Vierfüssler wollte der
materialistische Doktor nichts wissen der Mensch sei zwar auch eine warmblütige
Bestie aber eine Bestie die durch Vermittlung ihres spezifischen warmen Blutes
denkt Hypothese zwar noch vorderhand aber keineswegs eine irrationelle mit
Hilfe frischen Lebenssaftes sei sogar ein Greisenleben wieder jung zu machen
    Der Vortrag mit Begeisterung zu Gehör gebracht wurde nicht ohne
Begeisterung aufgenommen In Vater Blümel dämmerte die Erwähnung des Verfahrens
bei einem seiner alten Heiden deren Heilverständnis er von den Neueren selten
übertroffen achtete Lydia sah in dem Akt ein symbolisches Opfer das ihrem
innersten Sinne entsprach Dezimus aber stimmte voll beseligender Hoffnung zu
Aus wessen Adern als den seinen hätte der lebenspendende Quell in die der
Geliebten denn geleitet werden dürfen
    Noch in der Nacht dampfte Peter Kurze nach der Universitätsstadt um  des
ängstlich schwachen Papa Blümel mehr als überflüssige conditio sine qua non 
von dem Meister zu dessen Füßen Peter Kurze gesessen ein Zeugnis einzuholen ad
eins über die Zulässigkeit der seltsamen Spende für die bedürftige kranke
Tochter und ihre Ungefährlichkeit für den verleihenden gesunden Sohn Ad zwei 
Superlativ aller Überflüssigkeit  über Doktor Peter Kurzens Befähigung für die
betreffende Operation
    Schon am anderen Mittag kehrte er mit einer Siegermiene zurück Er brachte
schwarz auf weiß die absolute Erledigung aller überflüssigen Bedenken
vornehmlich des ad zwei brachte den erforderlichen Apparat und sogar zwei junge
Kollegen welche des Meisterstücks Zeuge zu werden ein wissenschaftliches
Verlangen trugen Er hätte unverweilt zum Angriff schreiten mögen da aber in
Rosens Zustand verschlimmernde Symptome sich nicht geäußert hatten und die
Hoffnung nicht aufgegeben werden durfte auch ohne das Wagnis eine Besserung
eintreten zu sehen wurde auf Vater Blümels Verlangen die Operation auf Sonntag
nachmittag verschoben Es war der des ersten Advent und des Sohnes erste Predigt
eine weihevolle Vorbereitung zu der lebenspendenden Tat
    Das Gotteshaus war am Sonntagmorgen dicht gefüllt selbst die Untergemeinde
durch ihre gesunden Insassen männiglich vertreten Not lehrt ja beten und die
quasi Probepredigt eines Pfarramtskandidaten lockt auch in Drangsalszeiten an
zumal wenn der Prediger der Sohn des Gemeindehirten ist Lydia saß im
Herrenstuhl und sogar des Professor Zacharias wahlverwandte Stieftochter hatte
ihrem Kameraden zu Ehren die Scheu vor Kirchenluft überwunden Als während des
Morgenliedes »Auf ermuntere dich mein Geist« der Kandidat mitten aus den
Frauenreihen heraus der kleinen Sidi hohen hellen Diskant unterschied hätte
der kräftige Zuruf seinen Geist wohl ermuntern können falls er bänglich
bedrückt gewesen wäre
    Aber Dezimus war zu tief bewegt um bänglich bedrückt zu sein Hatten Musse
wie Stimmung zur Vorbereitung ihm auch gefehlt nach einer Woche wie seiner
letzterlebten und über einen Episteltext wie den des dreizehnten Kapitels des
Römerbriefes da lässt sich frei aus dem Herzen heraus am allererwecklichsten
reden War seine ganze Seele doch voll von dem einen »Die Liebe ist des
Gesetzes Erfüllung« und von dem anderen »Die Stunde ist da aufzustehen vom
Schlaf« Ja hätte er auch nichts über die Lippen gebracht als das Gebet für
seine Mutter die einzige der Obergemeinde die in dieser Woche heimgegangen
war dies Gebet würde mehr Tränen haben fließen lassen als der kunstfertigste
Redebau
    Beide denn auch mit Tränen in den Augen stießen Lydia und Sidonie unter der
Kirchpforte aufeinander zum ersten Male seit ihrem harschen Bruch Sie reichten
sich schweigend die Hände und lebten fortan nebeneinander wenn auch nicht wie
Schwestern aber doch als so gute Basen wie es einer Tochter Joachim von
Hartensteins und einer Zöglingin der alten Harfenkönigin gegeben sein konnte
Das strittige Erbobjekt war durch Sidoniens dauernde Übersiedlung in ihres
Großvaters Haus erledigt und auch Lydia hatte in ihrer nächsten Umgebung eine
Aufgabe gefunden die sie an auswärtigen Samariterdienst vorderhand nicht denken
ließ
    Die Sonne stand am Himmel so hoch und so leuchtend wie sie am ersten Advent
zu steigen und zu leuchten vermag als man sich im Pfarrhause zu der Tat
bereitete vor welcher das Herz des rüstigen Unternehmers stärker als in seiner
bisherigen Praxis ja als in seinem ganzen bisherigen Leben pochte Der Wagehals
spielte mit seinem »direkten Erneuerungsprozess« hinsichtlich seines ärztlichen
Renommees schlechtin va banque für seine Heimat mindestens Das Verfahren war
unerlebt und unerhört in siebenfache mystische Dunstschleier gehüllt Blut ist
eben ein ganz besonderer Saft es darf nein es muss vergossen werden im Kriege
von der Justiz auch durch die Chirurgie Die Zahl der Werbenschen
Gemeindeglieder zumal weiblichen Geschlechts war nicht gering die ohne
gelegentliche Abzapfung mittelst Schröpfköpfen oder Lanzette ihr Leben bedroht
erachtet haben würde aber den abgezapften Stoff anstatt ihn in die Gosse zu
schütten einem Nebenmenschen in den Leib zu filtrieren das schien ein Frevel
wider die Natur wenn nicht gar gegen den Heiligen Geist und scheu von der
Seite schier wie ein Schwarzkünstler wurde der allbekannte Lustigmacher des
Pfarrhauses angesehen als er sich vermass mit der geheimnisvollsten
menschlichen Flüssigkeit wie mit einem Apotekersäftchen umzuspringen
dahingegen sein stillvergnügter Kumpan der Hirtendezem bis dato immer noch ein
bisschen über die Achsel angesehen gleich einem Opferlamm mit weheleidigen
Blicken betrachtet ward Hätte ihn während der Operation etwa der Schlag
gerührt seine braven Werbenschen Landsleute würden einen neuen Märtyrer in
ihren Kalender aufgenommen haben
    Weder Neugierde noch Teilnahme sind vorherrschende Bauerneigenschaften da
diese außerordentliche Begebenheit aber einmal direkt durch den Emeritus Beifuss
indirekt durch dessen vertraute Freundin die litauische Lene ruchbar geworden
war zogen Teilnehmende und Neugierige herbei des verwogenen Blutandels in der
Pfarre Zeuge zu werden und die alte Lene hatte ihre liebe Not den Zudrang der
Nachbarn und Einwohner im Vorgärtchen festzuhalten während oben im Flur Freund
Beifuss die Kantoren beider Gemeinden der Amtsbruder von Bielitz nebst
Sidonien die ja kein Blut sehen konnte mit gespanntem Atem nach dem Resultat
im Krankenzimmer lauschten
    Dahinein waren dem Doktor Brand zwei wissensdurstige städtische Kollegen
gefolgt im Verein mit den beiden welche Doktor Peter Kurze aus der
Universitätsstadt herbeigeführt hatte ein Fünfgericht und wahrlich kein milde
gestimmtes vor welchem ein junger Praktikus sich sei es als Koryphäe der
Zukunft sei es als Scharlatan zu erweisen hatte Der junge Praktikus
bezweifelte nicht entfernt das Natur und Vernunftgemässe der Operation an sich
er bezweifelte ebensowenig dass ohne sie die Patientin ihrer Erschöpfung erlegen
sein würde Erlag sie ihr trotz der Operation so hieß er ihr Mörder und 
Doktor Faust suche dir eine Klientel unter den Wasserpolacken oder den
Antipoden
    An eine Stuhllehne geklammert stand im Hintergrunde der alte Vater zitternd
und bleich Sein liebes Kind sein jetzt ach so weißes Röschen saß
aufgerichtet von Lydias Armen umschlungen im Bett das matte Köpfchen an der
Freundin Brust gelehnt ließ sie anteillos wenn nicht bewusstlos das
Erforderliche mit sich geschehen Lydias Blicke hingen unverwendet an denen des
Freundes als ob sie dringen wollten in den innersten Grund dem der
lebenspendende Quell entsprang Er hatte ruhig seinen Arm entblößt und mit einer
wollüstigen Empfindung die roten Tropfen aus seiner Schlagader strömen sehen
Als nun aber auch der Geliebten die Pforte durch die das Leben einziehen
sollte geöffnet ward da erblasste er erbebte und minutenlang da kein Hauch
im Zimmer rege ward lag vor seinen Augen ein schwarzer Flor
    Aber der Schleier fiel ein Schein wie vom Morgenrot flog über das weiße
Blütengesicht die Lider weit geöffnet schauten die Augen fragend und halb
lächelnd im Kreise umher Der Greis lag mit emporgehobenen Händen auf seinen
Knien Jairi Töchterlein war lebendig geworden dem Verlobten war es als hätte
sich eine Ehe vollzogen
    Ein Moment heiliger Stille aber nur ein Moment Der sieghafte Praktikant
winkte mit der Hoheit eines Souveräns die gelehrte und bewegte Versammlung aus
dem Krankenzimmer das während der Stunden eines erhofften herstellenden
Schlummers nur von ihm selbst und der unschädlichen litauischen Lene betreten
werden durfte Kein Laut der Freude der Frage nicht einmal ein Lobspruch des
genialen Wunderdoktors durfte in dem Gehörfelde der Patientin geäußert werden
Unten aber im geistlichen Gemach da brach der Jubel aus und war der Kandidat
als er vor drei Monaten im Ahnensaale der Werben das Ei des Kolumbus zum Stehen
brachte ob seines Blicks und seiner Rede wie ein Genie gepriesen worden so
wurde er heute gefeiert als hätte er ein Heldenopfer vollbracht
    »Edler Freund« stand in Lydias strahlenden Augen geschrieben
    »Tapferer Kamerad« schmetterte die kleine Sidi mit einem starken
Händedruck
    Der Greis aber zog ihn an sein Herz und stammelte unter Tränen
    »In dieser Stunde mein Sohn hast du der fremden Frau die Liebe einer
Mutter heimgezahlt«
    Ein paar Unzen überschüssiges Blut für mehr als zwanzigjährige Muttertreue
Ach wie oft sind es doch so leicht erkaufte Erfolge die am höchsten
angerechnet und am reichsten gelohnt werden Die wahren Opfer werden im
Verborgenen gebracht und keiner zählt sie und keiner zahlt sie heim
    »Ein Glückspilz bist du und ein Glückspilz bleibst du alter Dezem Wer
sich mit dir einlässt hat gewonnen Spiel« sagte mit einem Luftsprung Peter
Kurze und nach des Glückspilzes Dafürhalten hatte Peter Kurze den Nagel wieder
einmal auf den Kopf getroffen
    Die geliebte Rose erholte sich wie durch ein Wunder Leib und Seele wachten
auf gleichzeitig zu Lebenslust und Todestrauer Nun erst ward sie das Fehlen der
Mutter gewahr nun erst flossen ihre Tränen und dämmerte das Ahnen dass in einer
kurzen Spanne sie völlig eine Waise sein werde Denn der erste Todesschmerz und
wenn der Verlust längst überwunden wäre die sorglose Zuversicht zu dem Leben
hat er für allezeit ausgelöscht Die Tochter wusste was der hinfällige
Greisenleib bedeute und sie hatte von Kind auf dem Vater stärker als der Mutter
angehangen Ihre Züge trugen seitdem ein vertieftes herzrührendes Gepräge
Dezimus fand sie reizender denn je Vater Blümel aber der Blumist sah in ihr
nicht mehr die zum Entfalten reife Zentifolienknospe des Gartens köstlichste
Zier und gottlob auch nicht mehr die weiße Rose mit dem lichtgelben Kelch die
wir symbolisch auf unsere Gräber pflanzen er verglich sie jener lieblichen
Gattung welche »errötende Jungfrau« genannt wird weil nur ein verschämtes
Glühen aus der Tiefe heraus die zarte Hülle durchschimmert Da er diesen Wandel
aber vornehmlich inneward wenn er die Tochter in der Nähe ihres Verlobten sah
erfüllte sie ihn mit inniger Freude
    Der Vater hatte nicht wie seine Gattin auf eine Vereinigung der beiden
Kinder gerechnet und sie auch kaum gewünscht Er hielt geschwisterliche
Gewöhnung weder für den Grund aus welchem bräutliches Verlangen noch für den
aus welchem die Würde der Ehe erwächst Wohl war ihm des Sohnes zärtlicheres
Bezeigen seit seinen Jünglingsjahren nicht entgangen Röschen aber sein
Spätling war über die gewöhnliche Grenze hinaus ein Kind geblieben und ihre
unverändert neckende Vertraulichkeit deutete nicht auf einen wärmeren
Herzschlag Er verlängerte daher geflissentlich des Sohnes Entfernung vom Hause
bis die Vernunft oder vielleicht eine andere Neigung das reine brüderliche
Verhältnis zu seiner Tochter hergestellt haben würde Nun jedoch da sie unter
dem Schatten des Todes seine Braut geworden war da sie dem Liebenden ein neues
Leben zu danken hatte ahnte er in der errötenden Mädchenblüte das heimliche
Erwachen des Weibes und seine letzte Erdensorge ward mit dieser Wahrnehmung
gescheucht denn ist der Liebesschutz eines Gatten nicht allemal erfüllender als
der der treuesten Brüderlichkeit
    Fast in gleichem Verhältnis wie die Kranke im Pfarrhause sich erholte
erlosch die Seuche in der Auengegend und da nach solchem Abschluss ein besonders
günstiger Gesundheitszustand einzutreten pflegt schloss gegen die Weihnachtszeit
hin auch Peter Kurzens erster Wettlauf in der ärztlichen Arena ab Er schied
nicht ganz leichten Herzens aber mit dem Nimbus eines Doktor Eisenbart Seine
Erfolge hatten in der Nachbarschaft Aufsehen gemacht und er selber weislich
dafür Sorge getragen dass sein Licht auch für weitere Kreise nicht unter dem
Scheffel leuchte Weit über die heimische Provinz hinaus stand in
wissenschaftlichen Blättern und unterhaltenden Blättchen zu lesen von dem
plötzlichen Halt der Werbener Epidemie infolge des energischen Eingriffs und der
rationellen Behandlungsweise eines freiwillig zur Hilfe geeilten jungen Arztes
Soundso Auch die wunderartige Rettung eines halb schon erstorbenen jungen
Mädchens durch die bisher selten gewagte Übertragung fremden kräftigen Blutes
wurde an dieser Stelle in fachgemäss wissenschaftlicher Beleuchtung an jener
Stelle in herzrührend populärer dargestellt Auf diese wirksamen Empfehlungen
hin fühlte Doktor Peter Kurze sich befugt sich in der Universitätsstadt »dem
geistigen Zentrum der Provinz« zunächst zwar nur als Praktiker niederzulassen
unter günstigen Konjunkturen sich aber auch als Dozent daselbst zu habilitieren
Sattelfest auf jeglichem ärztlichen Flügelross oder Gaul leuchtete ihm die so
glorreich erprobte Blutmetode als demnächst zu kultivierendes Steckenpferd
verheissungsvoll vor Er fühlte sich als gemachten Mann als selbstgemachten
Mann als den eigenen Schöpfer seines Glücks
    Als gemachten Mann aber auch noch in einem zarteren Sinne als dem
medizinisch chirurgischen Eigentümlicher Rapport mit seinem zweiten Freund von
nicht weniger als drei Huldgestalten umschwebt und just den nämlichen wie jener
skrupulöse Freund sagte  aber ohne jeglichen Skrupel  Doktor Peter Kurze der
Heimatsaue Lebewohl Numero eins die alte Flamme für das Herz Numero zwei
ein weibliches Ideal für die Phantasie unschätzbare Schätze eine jede in ihrer
Art Aber ein gesetzter Mann denkt wenn er liebt an Hüttenbauen und zum
Hüttenbauen eines doch immer noch lediglich von der Hoffnung zehrenden Doktors
der Medizin war aus Brotschranks wie anderen Gründen weder Flamme noch Ideal
leider angetan Dahingegen die dritte keine Huldgestalt in rationellem Sinn
aber gescheut pikant interessant als demnächstige Erbin mehrerer Rittergüter
zum Hüttenbauen für einen dergleichen Doktor express geschaffen schien Über
seinen Erfolg hegte er nicht den geringsten Zweifel Fräulein Sidonie hatte sich
in Gelehrtenkreisen bewegt wusste daher eine aufgehende Leuchte der Wissenschaft
von einem Dreierlicht zu unterscheiden Fräulein Sidonie trug einen altadeligen
Namen besaß aber hinlänglich Ingenium um über verrottete Vorurteile erhaben zu
sein oder mindestens um Vorurteil gegen Vorurteil matematisch abzumessen und
einzusehen dass ein ungleicher Schulterbau am Ende eine Freiherrnkrone und
mehrere Rittergüter aufwiegt »Transfusion und Sidonie von Hartenstein« mit
diesem Feldgeschrei rückte Doktor Peter Kurze in die Arena des geistigen
Zentrums seiner Heimatsprovinz ein
Im Frühling wurde es ein halbes Jahrhundert dass Konstantin Blümel sein erstes
teologisches Examen abgelegt hatte Bis zu diesem Jubiläum falls er es
erlebte gedachte er sein Amt dem Namen nach beizubehalten dann sollte der Sohn
an seine Stelle treten Den Sohn drängte es nach diesem Abschluss Nicht sowohl
in seiner Kandidateneigenschaft als in der des Bräutigams dem das Amt eine
nicht mehr bloß mit Freuden sondern mit Bangen ersehnte Erfüllung bringen
musste
    Denn seltsam die Rosenwandlung welche dem Vater so befriedigend erschien
sie erschien dem Verlobten je mehr und mehr befremdlich und wenn der völlige
Besitz die Wandlung nicht rückläufig machte so hätte er schier verzweifeln
müssen Die errötende Jungfrau ach war sein liebes Röschen nicht mehr Nicht
dass sie sich unschwesterlich gegen ihn bezeigt hätte im Gegenteil nur allzu
schwesterlich ja im Grunde erst jetzt schwesterlich da bisher doch immer mit
dem schelmischen Übermute eines Hätschelkindes zu rechnen gewesen war Nun
zeigte sie ihm den Anteil einer mehr Verpflichteten als Berechtigten sorgte für
ihn mit nahezu dem Eifer ihrer seligen Mutter ging ernstaft wie eine Freundin
auf seine Bestrebungen ein nannte ihn Tränen in den Augen ihren Lebensretter
aber sie neckte ihn nicht mehr widersprach ihm nicht mehr umtändelte ihn nicht
mehr wie sonst und wo war die Liebende die hoffende Braut Hatte sie sich
bisher hüpfend an seinen Arm gehängt sich die Händchen streicheln lassen
Wangen und Stirn ihm zum Kuss gereicht nun ging sie ehrbarlich an seiner Seite
entzog ihm die Hand entwand sich den Armen die sie verlangend umfingen und
ach von Sichküssenlassen durfte gar nicht mehr die Rede sein
    Anfänglich ehrte Dezimus diese Zurückhaltung als ein geziemendes
Traueropfer oder er dachte wohl auch sie hat dem Tode in das Auge gesehen und
muss erst wieder leben lernen bemerkte er aber wie sie in Gegenwart dritter zu
all ihrer früheren Munterkeit zurückkehrte hörte er die Scherzreden die sie
mit der kleinen Sidi wechselte überlas er die je mehr und mehr sich wieder
freudig stimmenden Briefe die sie an die Schwestern an Philipp Peter Kurzen
und sogar Freund Martin schrieb dann musste er sich sagen dass eine natürliche
wenn auch noch so leidvolle Erfahrung das Grundwesen eines Menschen auf die
Dauer nicht umwandele und dass das heitere Blumenkind einzig und allein gegen ihn
verändert sei Sollte das in Wahrheit der Umschlag geschwisterlicher in
bräutliche Liebe sein
    Die Kousinen Hartenstein trafen sich allabendlich in der Pfarre und niemals
kamen sie ohne dem Greise irgendeine Erquickung mitzubringen die eine eine
schöne Blume oder Frucht die andere von dem guten Wein der sich an Papa
Mehlborn dauernd als Spezifikum bewährte Lydia und der Vater unterredeten sich
dann erbaulich miteinander während Sidonie in der Nebenstube auf dem
klangvollen Flügel der Harfenkönigin musizierte Zwar hatte sie ihren eigenen
nicht minder klangvollen sich aus der Schweiz nachschicken lassen was aber ein
richtiger Musikant ist verlangt nach dem Anklang in einem Menschenohr und
weder das von Papa Mehlborn noch von Muhme Timpel waren akustisch auf ein Echo
angelegt Auch Dezimus leistete seinen kräftigen Bass und Röschen trillerte wie
ein junger Pirol wenn es der Trauerzeit entsprechend auch nur ernste Weisen
waren die zum Vortrag kamen
    Nach dem geistlichen Konzert wurde gelesen Sidonie die weitaus am
reichsten Gebildete des jugendlichen Kreises und mit allem Trefflichen wohl
versehen hatte das Buch des Tages den Kosmos in das Haus gestiftet Ihr
Kamerad trug vor erläuterte und schwelgte dabei in seinem eigensten Element
der Greis übersetzte nach seiner Art die wahrnehmbare Welt symbolisch in die
des ahnenden Gemüts Lydia die Hände im Schoss sog mit großen Augen und der
Begierde eines dürstenden Kindes ungekannte Lebensstoffe ein Sidonie nickte
verständnisvoll während die Hände wie auf einer Klaviatur sich dehnten und
drückten Rose aber lächelnd mit den zierlichen Fingern Läppchen und Fädchen zu
Blättern und Blumen zusammendrehte und nur mit halbem Ohr auf die Wunder der
Welterscheinung lauschte von denen sie sogar nur wenige mit ganzen Augen
betrachtet haben würde Wenn Peter Kurze Zeuge dieser abendlichen Unterhaltungen
gewesen wäre was er indessen nicht ward  möglicherweise weil ein gewisser Korb
ihn beschwerte wahrscheinlichererweise weil er bereits anderweitigen Spuren
folgte  angenommen aber dass Peter Kurze den Lektor so inmitten der drei
ungleichartigen Hörerinnen die sich gleicherweise seine Freundinnen nannten
hätte sitzen sehen würde er ihn dem Hahn im Korbe oder edler ausgedrückt der
Perle im Golde verglichen ein Uneingeweihter aber eine Braut unter den
Freundinnen schwerlich vermutet haben
    Zwei von ihnen führte der Freund dann regelmäßig im winterlichen Abenddunkel
nach ihren Heimwesen zurück Lydia bis an das Schloss Sidonie die Terrassen
hinab zum Gute hinüber kehrte er aber dann beflügelten Schrittes sehnsüchtig
nach der Pfarre zurück so hatte die welche seine Braut hieß sich bereits zur
Ruhe gelegt und dem Vater ihren Gutenachtgruss aufgetragen Seufzend setzte der
Bräutigam bevor er sich in der Kammer des Vaters auf sein Bett warf sich an
den Arbeitstisch zerwühlte sich Hirn und Herz aber die exegetische Abhandlung
rückte nicht vor und die über die Sternschnuppen kam ihm gar nicht mehr in den
Sinn
    So war es denn ein wunderliches Wesen das in dem stillen Pfarrhause sich
umtrieb aber froh und reich verlief unter demselben dem Greise der Winter den
er mit ungetrübter Klarheit seinen letzten nannte ja geflissentlich so nannte
um die Kinder mit seinem Heimgange vertraut zu machen Seine Körperkräfte
schwanden sichtbar aber die des Geistes und selber die der Sinne blieben rege
Schlummerte er auch oftmals ein beim Erwachen fühlte er sich aufgefrischt zum
Geben und Empfangen Sein Trachten ging dahin den friedlichen Zustand in
welchem er schied ohne Unterbrechung für seine Lieben zu befestigen
    An einem Nachmittage bald nach Neujahr als er mit dem Sohne zum Zweck von
dessen Sonntagspredigt das Evangelium von der Hochzeit von Kanaan mit der
herrlichen Epistelperikope des zwölften Römerbriefes erläuternd zusammengestellt
hatte winkte er auch die Tochter an seine Seite und indem er beider Hände in
die seinen nahm sagte er ohne weitere Einleitung
    »Und warm im Herzen von dieser öffentlich verkündeten apostolischen
Vorschrift die für den priesterlichen Stand wie für den ehelichen eine goldene
Regel ist verlies dann mein Sohn das gesetzliche Aufgebot und erflehe Gottes
Segen zu deiner Verbindung mit meinem lieben Kind«
    Beide Verlobte stießen einen Schrei aus Er der hellen Freude sie des
Erschreckens ja schier des Entsetzens Der Vater achtete weder des einen noch
des anderen sondern fuhr in seiner natürlichen Gelassenheit fort
    »Dass es mein Wunsch ist als letzten Dienst in meinem Amt eure Hände
ineinanderzulegen vielleicht noch eine kurze Spanne eures Glückes Zeuge zu
sein dürfte gegen manche schwer wiegende Bedenken kaum in Betracht kommen Aber
indem ich eure Vereinigung beschleunige erleichtere ich euch die Trennung von
mir Denn das ist ja eben der höchste Segen der Ehe dass sie die Bürde des
Lebens erleichtert weil sie die Tragkraft verdoppelt Indessen hat neben der
des Gemüts noch eine zweite weltliche Erwägung diesen Entschluss in mir gereift
Stürbe ich bevor ihr Mann und Frau geworden würde die friedliche Ordnung eurer
Gegenwart für längere Zeit unterbrochen Es gäbe ein Rennen und Laufen das in
Trauertagen doppelt störend ist Entweder müsstest du Dezimus bis nach deiner
Ordination die Pfarre verlassen und das Amt das du im wesentlichen verwaltest
einem anderen anvertrauen oder Rose müsste im ersten Herzeleid zu einer ihrer
Schwestern übersiedeln da ihr über meinen Begräbnistag hinaus nicht unter einem
Dache leben dürftet«
    »Und warum« rief Rose und schüttelte das Strudelköpfchen so unwirsch wie in
ihren fröhlichsten Tagen »warum Väterchen sollen Bruder und Schwester nicht
wie bisher unter einem Dache leben dürfen«
    »Weil sie Bruder und Schwester nicht mehr sind sondern Bräutigam und Braut
mein Kind« versetzte der Vater »und weil jeder Mensch aber ein Diener des
Amts zumeist sich den gemeingültigen Gesetzen der Sitte und Schicklichkeit zu
fügen hat«
    »Aber welchem vernünftigen Menschen fällt denn so etwas  so etwas Albernes
ein« eiferte Rose »Und bloß um der dummen Bauern willen sollen wir die
Trauerzeit um unsere Mutter mit einem Feste unterbrechen«
    »Wir werden kein Fest feiern mein Töchterchen Ich lege in Gegenwart
unserer lieben Abendgäste eure Hände still ineinander und deine verklärte
Mutter wird segnend im Geiste unter uns sein«
    Der Vater sagte das wohl und sagte es mit Überzeugung Im Herzensgrunde
jedoch hatte der Vorwurf der Tochter Einlass gefunden Nicht dass er ihn bei sich
selbst unerwogen gelassen aber dass er ihn von ihr nicht erwartet hätte Er
blickte mit bewundernder Liebe auf sein zartsinniges treues Kind und als er
gar Tränen in seinen Augen gewahrte sagte er nach einer sinnenden Pause mit
jener Kindesunschuld die sich bis zum Grabesrand in diesem seltenen Menschen
der gereiftesten Weisheit verbunden hat
    »Wer sollte es nicht würdigen wenn ein feiner weiblicher Sinn vor der
höchsten Erfüllung bangt solange einem berechtigten Empfinden nicht sein
Genügen ward Kennen wir denn aber nicht unseren Dezimus Er wird in deiner
kindlichen Treue eine Bürgschaft mehr für sein eigenes Glück gewahren und sich
auch als dein Gatte mit der Liebe einer Schwester begnügen solange der Trauer
um eine Mutter nicht ihr Recht geschehen ist«
    Dezimus legte schweigend seine Hand in die dargebotene des Greises Er tat
es mit niedergeschlagenen Augen und wennschon er im Leben nicht selten mit
verräterischen Blutwogen zu schaffen gehabt hat so über und über in Karmin
getaucht wird sein ehrliches Gesicht schwerlich je zuvor oder je nachdem gewesen
sein aber auch sein Herz selten peinvoller geschlagen haben
    Rose hatte während des Vaters letzten Worten wie versteinert gesessen
Jählings überfiel sie ein Zittern sie sprang auf und die Hände vor das Gesicht
geschlagen floh sie aus dem Zimmer Der Vater lächelte still vor sich hin Dem
Bräutigam lag eine Zentnerlast auf dem Herzen
    Zu seiner Erleichterung trat im nämlichen Augenblick der Emeritus Beifuss
ein behufs einer amtlichen Anfrage da er der Küsterpflicht nicht gleichzeitig
mit der des Schulregenten entsagt hatte Sein alter Herr teilte ihm die gefasste
Entschließung mit Es lag ihm daran seine Gemeinde über die Beweggründe des
immerhin auffälligen Schrittes vorbereitend aufzuklären und für derlei
Vorbereitungen war der Adlatus Beifuss just der rechte Mann Mutter Hanna hatte
ihn allezeit die wandelnde Glocke genannt
    Rose kehrte in das Zimmer erst zurück nachdem die beiden Freundinnen
eingetroffen waren sie setzte sich in den Ofenwinkel und sprach an dem Abend
kein Wort Der Bräutigam stand ebenso schweigsam im Fensterbogen Er starrte zum
Himmel empor an dem doch so dick war der Nebel kein einziges Sternchen zum
Durchbruch kam Der Vater teilte auch seinen lieben Abendgästen das Vorhaben
mit das seinem Leben einen beruhigenden Abschluss geben sollte Da Rose ihre
Bedenken nicht von neuem laut werden ließ blieben sie unerwähnt und es
befremdete Dezimus einigermaßen dass Lydia die für alles Edle und Schickliche
doch so feine Organe hatte jene Bedenken nicht vorauszusetzen sondern das
Verlangen nach der väterlichen Weihe für den Bund der Herzen das natürlichste zu
finden schien Das musikalische für Missklänge daher äußerst scharfe Ohr der
kleinen Sidi dahingegen spürte die durch diesen Akkord gestörte Harmonie bald
genug heraus war auch über die Urheberschaft der Störung nicht im Zweifel Dem
Vater sagte sie zwar nur in trockenem Ton dass ihm eine recht lange Frist
gegönnt sein werde sich des Glückes seiner Kinder zu erfreuen da
Todesvorbereitungen gewöhnlich in Lebensverlängerungen umschlügen während des
Heimwegs der heute zu verfrühter Stunde weil ohne geistliches Konzert samt
Weltbetrachtung angetreten ward spottete sie jedoch nach Herzenslust über die
hochzeitliche Stimmung die im Schmollwinkel ausgeschwiegen worden sei
    Die kluge Sidi hatte wenn sie spottete immer einen Zweck und fast immer
einen so guten dass Lydia ihm zugestimmt haben würde insofern sie ihn unter
solcher Verkappung erkannt hätte Sie erkannte ihn auch heute nicht Rosens
Widerstreben war ihr wohl nicht entgangen aber das leichterzige Kind gewann
dadurch in ihrer Schätzung wie es schon in der des Vaters gewonnen hatte und
so wendete sie mit vorwurfsvollem Tone ein
    »Muss denn nach dunkler Nacht das Auge sich nicht erst an das Sonnenlicht
gewöhnen lernen«
    Dezimus drückte ihr für dieses gute Wort die Hand Sidonie zuckte nur
schweigend die Achseln als sie den Weg aber allein mit dem Freunde fortsetzte
sagte sie unmutig
    »Wenn diese Idealisten doch nur das Urteilen bleiben lassen wollten Alles
wird nach dem eigenen Gefühlsmassstabe bemessen nichts nach dem der Natur der
Individualität Zu stark wäre für dieses frohe Auge das Licht des Glücks Zu
schwach ist es ihm Das Leben ist mächtiger als der Tod Rose denkt nicht an
ihre Mutter«
    Sie merkte zu spät dass sie die wundeste Stelle im Herzen des Freundes
berührt habe und lenkte daher begütigend ein
    »Das liebe Mädchen mit Staunen haben wir alle es bemerkt hat sich redlich
Mühe gegeben sich Ihrem Wesen Freund anzubilden Nicht weil sie Ihre Braut
geworden dies Verhältnis dünkte ihr von klein auf das natürliche aber weil sie
Ihnen das Leben zu danken glaubt und sie das Leben liebt Nun müssen aber auch
Sie sich Mühe geben sich ihrem Wesen anzupassen das heißt nicht nur es sich
spielerisch gefallen zu lassen sondern ernstaft darauf einzugehen Rose ist
durchaus nicht das Kind für das sie sich gibt und für das sie genommen wird
Sie ist eine fertige Natur und kann ein Charakter werden Sie weiß was sie
will weiß warum sie lacht und weint mit dem Lockenköpfchen nickt und es
schüttelt Und eben in dieser bewussten Ursprünglichkeit in dieser
Wechselwirkung von Kindersinn und Überlegung wirkt sie auf jedermann so reizend
Allezeit ein Kind sein macht läppisch allezeit überlegt sein unausstehlich Bei
alledem ist ihr Grundwesen die Freude und diesem natürlichen Freudensinn müssen
Sie auch bei dem gegenwärtigen Anlass Rechnung tragen Dezimus Ihr gegenseitiges
Verhältnis ist ja nicht auf eine sich überstürzende Leidenschaft angelegt so
wie etwa mein Max eine große Liebe versteht Wie oft mögt ihr beide euch in
aller Seelenruhe euer Verhältnis als Mann und Frau ausgemalt haben kaum viel
anders als das von Bruder und Schwester Aber die Hochzeit hat die Kleine sich
jederzeit als ein besonderes Fest gedacht in ihrem beschränkten Kreise sie
niemals anders als hohes Fest gefeiert Die Hochzeit ist im Frauenleben der
trennende goldene Schnitt der leuchten soll weitinaus in ein nur allzuoft
graues trübseliges Einerlei Was bedeutet der Braut nicht schon das frohe
Schaffen der Aussteuer die Wahl des Hochzeitskleides der Gedanke an Schleier
und Kranz in dem auch die Hässlichste einen Schönheitstriumph feiert Nehmen Sie
ihr aber auch noch Sang und Klang des Polterabends und Hochzeitsschmauses und
aus dem goldenen Schnitt wird ein bleierner oder bestenfalls einer der sich von
dem abgebleichten Metall der Altargefässe nicht unterscheidet Ja wer weiß hat
sich Ihr bewegliches Bräutchen nicht gar auf eine Hochzeitsreise gespitzt Es
geht nicht Freund so ohne Zier und Lust ein Sterbebett im Hintergrunde und
eines im Spiegel vorgehalten die Kinderstube in der die Wiege gestanden hat
nunmehr die Hochzeitskammer Papa Blümel würde freilich diese unklassische
Auffassung vom goldenen Schnitte nicht gelten lassen Sie müssen ihn hinzuhalten
suchen ich will Ihnen treulich darin beistehen Ich kenne aus alter wie neuer
Erfahrung die Zähigkeit eines Greisenlebens Lassen Sie nur erst die
Frühlingssonne scheinen und im Garten die Blumenkinder spriessen dann wallen
auch im Herzen die stockenden Säfte wieder auf der umnebelte Hochzeitsstern
wird golden blinken und die Kranzjungfern Lydia und Sidi werden mit Peter
Kurzen und Held Martin den lustigen Brautreigen führen«
    Hatte das kluge Mädchen recht War es wirklich nur das Und konnte es dem
Liebenden ein Trost sein wenn es wirklich nur verkümmerte Freude war welche
den starken Trieb des Weibes also im Banne hielt Nein ach nein Er ahnte es
ja nicht erst seit heute dass es ein anderes war ein größeres oder geringeres
die Wirkung des unerklärlichen Rosenwandels Mochte Lydia den Ernst der Stimmung
zu hoch anschlagen Sidonie schlug ihn zu niedrig an Hier klaffte eine Lücke
und welches Geheimnis auch auf ihrem Grunde brütete die Stunde drängte er
durfte sein Auge nicht länger vor dem schneidenden Lichtstrahl verschließen
    Stundenlang nach der Trennung von Sidonien war er im dicken Nebel der
Himmel und Fluss umhüllte den Uferpfad hin und wieder geschritten Zweifel und
Fragen auf und ab wälzend wie den Stein des Äoliden »dass der Schweiß seinen
Gliedern entfloss von schrecklicher Mühe gefoltert« Mitten in der Nacht kehrte
er heim Der Vater war längst zur Ruhe gegangen und eben das hatte er gewollt
Er hätte heute kein Wort mehr aus seinem Munde den Blick seiner Augen nicht
ertragen Aber im Wohnzimmer brannte noch die Lampe und schon auf der Treppe
kam Rose ihm entgegen mit dem Finger auf dem Munde und einem Wink bei ihr
einzutreten Sie sah so blass aus wie jüngst auf dem Krankenlager ein Zug fast
von Trotz dehnte die Lippen die sich sonst so anmutig kräuselten als ob sie in
einem gewaltsamen Entschluss die Zähne aufeinanderpresse Über den Augen jedoch
lag ein feuchter Flor sie hatte geweint
    »Ich habe dich erwartet Dezimus« sagte sie ruhig indem sie auf einen
Stuhl dem ihren gegenüber deutete »weil ich dir heute noch etwas sagen muss Es
wird dir wehe tun aber irremachen wollen darfst du mich nicht denn ändern kann
ich es nicht wahrhaftig nicht«
    Sie sann ein Weilchen den Blick am Boden dann fuhr sie fort
    »Dezimus wir müssen dem Vater den Willen tun Er ist so schwach und wir
wissen jetzt wie rasch ein Leben endet Er muss im Glauben an unser Glück die
Augen schließen oder ganz allmählich an eine andere Auffassung gewöhnt werden
Darum verkünde nur das Aufgebot Drei Wochen sind eine lange Frist Es wird sich
bis dahin ein Aufschub ersinnen lassen Im äußersten Falle werde ich wieder
krank Mir ist schon jetzt als würde ich es ohne Lüge Es rückt dann die
Fastenzeit heran in der er nicht leicht eine Ehe schließen würde es kommt der
Frühling der ihn kräftigen wird  wenn nicht  nun du verstehst dies wenn
nicht Wir ersparen ihm die Wahrheit oder er könnte sie ertragen die Wahrheit
Dezimus dass seit ich deine Braut geworden bin ich weiß dass ich deine Frau
nicht werden kann«
    »Hast du mich denn nicht mehr lieb Rose« fragte er nein er hauchte es
oder vielleicht dachte er die Frage auch nur aber Rose hatte sie verstanden
Sie mochte die Tiefe seiner Bewegung nicht geahnt den Grad seiner Wärme nach
dem der ihren bemessen haben Möglich dass sie bis dahin auch mehr das was sie
selber aufgab als die Entsagung die sie forderte in Betracht gezogen hatte
Nun da sie seine Erschütterung inneward sagte sie mit herzlicherem Klang als
zuvor
    »Ich habe dich noch lieb Dezimus mehr denn jemals lieb ja im Grunde liebe
ich dich erst jetzt denn erst jetzt weiß ich was du wert bist und dass es
keine bessere Liebe gibt als die deine zu mir Sieh seitdem ich mich auf mich
selbst besinne dachte ich nicht anders als dass wir von Natur zueinander
gehörten ich freute mich auf die Zukunft die der Vergangenheit glich und
fühlte mich als deine Verlobte lange bevor ich es war Denn in der Stunde da
ich es ward fühlte ich nur den eisigen Tod und dann fühlte ich tagelang
nichts gar nichts bis du mir mit deinem Blute das Leben wiedergegeben hattest
und ich nun plötzlich wusste wie ich dich liebte wie tief ich dich liebte 
aber nicht als dein verlobtes Weib Es war eine Blutesliebe geworden eine
Geschwisterliebe und nicht wahr guter Dezimus du würdest mir das Leben
erkauft haben auch wenn du wusstest welchen Preis du dafür zu zahlen hattest«
    Er sagte nicht ja obgleich er es hätte sagen dürfen Nach einer Pause
fragte er so leise wie vorhin »Liebst du einen anderen Rose«
    Das schelmische Lächeln ihrer früheren Tage flog über ihre Lippen »Einen
anderen« versetzte sie »Närrischer Dezem ei wen denn wohl Peter Kurzen oder
Held Martin Schäme dich doch Dezimus du beleidigst dich und mich mit derlei
Rivalen Und dennoch« setzte sie nach einer nachdenklichen Pause hinzu »und
dennoch könnte ich am Ende mit jedem von ihnen leichter fertig werden als mit
dir Denn über sie lachte ich mich hinweg aber mit dir ist es mir heiliger
Ernst dir könnte ich nichts Halbes geben heute mindestens nicht mehr geben«
    Sie hielt betroffen inne da sie ihn mit einem Tränenstrom kämpfen sah dann
aber immer wärmer und wärmer werdend fuhr sie mit der ihr eignenden holden
Beweglichkeit fort
    »Ich werde nie einen Menschen wie du bist wiederfinden Ich habe dich
lieber als alle anderen Menschen als meine Schwestern alle zusammengenommen
Nur meinen Vater habe ich ebenso lieb wie dich aber wie lange werde ich meinen
lieben Vater noch haben Dezimus ich blicke zu dir auf wie  zu meinem
Schutzengel würde ich sagen wenn ich die fromme Lydia und nicht Rose Blümel
wäre die an Schutzengel nicht glaubt nur an gute Menschen wie du Sieh
Dezimus ich wüsste mir nichts Schöneres auszudenken als mein Leben lang um dich
zu sein hier in der Pfarre oder anderwärts wo es dir gefiele als dein Kind
als deine Schwester deine Freundin deine Versorgerin als  ach lächele doch
nur ein einziges Mal Dezimus  als deine demütige Magd nur nicht als deine
Frau Erst seit dein Blut in meinen Adern fließt  oder wäre es dass der Tod
mich reif gemacht  erst seit ich deine Braut bin weiß ich was es heißt
eines Mannes Weib zu sein und ich weiß auch was es heißt eine Sünde begehen
wider den Heiligen Geist Ich würde den Himmel auf Erden an deinem Herzen haben
und wenn ich dich von mir weise und habe auch meinen Vater nicht mehr ach dann
bin ich ja das allerverlassenste arme Kind auf der ganzen Welt Und dennoch
etwas etwas Heimliches das ich nicht nennen kann  es muss doch wohl mit dem
Dämon an den des Vaters alte Heiden geglaubt seine Richtigkeit haben Dezimus
 ja ein Dämon sträubt sich und bäumt sich gegen meinen Willen wie gegen einen
Frevel an der Natur Du weinst Dezimus Ach weine doch nicht Ich bin ja deine
Tränen gar nicht wert Nein so traurig darfst du mich nicht ansehen Dezimus
Hast du mich denn wirklich so sehr lieb Das habe ich mir ja gar nicht gedacht
Du bildest es dir am Ende nur ein Du wirst eine andere finden die besser ist
als ich die wirst du heiraten und glücklich werden und mir es noch einmal
danken dass ich dich nicht so geliebt habe wie sie dich liebt Oder höre
Dezimus wer weiß ob es bei mir nicht ein Nervenspuk ist den die Krankheit
zurückgelassen hat oder das Todesgesicht Die selige Mutter hat mich ja immer
einen Querkopf gescholten dein Blut in meinen Adern kann versickern Der Mensch
wird alle paar Jahr ein neuer sagt Peter Kurze Ich glaube es freilich nicht
aber es kann ja sein du musst nur Geduld mit mir haben Dezimus Ich kann dich
ja wieder lieb haben lernen wie sonst wo ich so gern deine Frau geworden wäre
so lieb wie ich dich lieb haben möchte Aber wahrlich wahrlich Dezimus
niemals mit einer bessern Liebe als in dieser Stunde wo ich ohne Neid und Groll
eine Stimme im Innersten sagen höre Es ist sein alter Johannissegen der ihn
vor dir und vor sich selbst bewahrt«
    Dezimus reichte ihr stumm die Hand und schlich in die Kammer wo der Vater
schlief Und da hat er in dieser Nacht wohl einen guten Kampf gekämpft aber
keinem Menschen ist es eingefallen ihn ob seines Sieges als Helden zu preisen
Und ob ihm sein schweigendes Bräutigamsopfer eines Tages heimgezahlt werden
wird  Ach was fragt ein Mensch nach dem Glück das er gewinnen kann in dem
Augenblicke wo er das was er besaß verlor Dezimus hatte seine Rose niemals
schöner gesehen sie niemals so heiß geliebt wie in dieser Nacht
    Der Morgen kam der Vater erwachte Dem armen Dezimus wurde es plötzlich
wieder schwarz vor den Augen Denn in dem Kampfe den er auszukämpfen hatte da
schien die Proklamation welche ihm für den Sonntag aufgegeben worden war
freilich nur ein geringfügiges Hindernis Wenn aber einer eine schwere Last
bergan zu tragen hat da hemmen die Steinbrocken die auf seinem Wege verstreut
liegen den strauchelnden Schritt mehr als der jache Felsenvorsprung der sich
in weitem Bogen umgehen lässt Tag und Nacht rang Dezimus mit dem Entschluss dem
Vater die Wahrheit zu bekennen Aber der Greis war in diesen Tagen so
sterbensmatt hätte eine starke Erregung gewagt werden dürfen oder welche
schonende Täuschung wäre zu ergrübeln gewesen
    So legte Dezimus sich denn am Sonnabend nieder mit dem Vorsatz morgen nach
der Predigt zu verkünden »Es sind entschlossen in den heiligen Ehebund zu
treten« und so weiter und darauf des Himmels Segen zu seiner Verbindung mit Rose
Blümel zu erflehen Fest jedoch stand es in ihm nach dieser bewussten groben
Unwahrheit mit dem priesterlichen Amte abzuschließen sobald er die müden
Greisenaugen zugedrückt haben würde
    Einer Nacht ohne Schlaf folgte gegen Morgen ein Halbschlummer ruhelos wie
jene Die hässlichen Zweifel des Wachens verkehrten sich in Schwindelängste des
Traums »Von der Kanzel fallen« nennt der Volksmund das kirchliche Aufgebot
Bräutigam und Braut stehen auf einem hohen Gerüst Er sieht sie straucheln
sinken will sie halten taumelt und stürzt mit einem gellen Schrei ihr nach in
die Tiefe Über dem Schrei wachte er auf Der Greis stand an seinem Bette
    »Du sollst nicht lügen mein Sohn« sagte er ruhig und das kirchliche
Aufgebot wurde nicht verkündet
Wochen vergingen ohne in die Augen springende Veränderung der Vater schien
seinen Plan vergessen zu haben und wer hätte ihn daran erinnern sollen In der
Gemeinde hatte sich die Sage verbreitet der Pastor habe da er sich merklich
kräftiger fühle die Trauung verschoben bis er sie zum Frühling in seiner
Kirche zu vollziehen imstande sei Möglich dass Rose des beflissenen Adlatus
Einbläserin gewesen ist vermutlicher indessen Fräulein Sidonie
    In der Pfarre wurde die Weltbetrachtung fortgesetzt Sidonie spielte ihre
Fugen Dezimus dankte es Lydia dass sie ihre Sangesscheu vor fremden Ohren
überwindend jetzt regelmäßig an seiner Statt den Vater durch ein Beetovensches
Gellertlied oder eines von seinem alten Bach erquickte Nie hatte er einen
reineren edleren Alt gehört Ohne dass ein aufklärendes Wort gefallen wäre
verstanden beide Freundinnen den Grund von des Bräutigams traurigen Augen
Sidonie wenig von der heimlichen Lösung überrascht und sie noch weniger
beklagend dachte »Er muss durch« suchte ihn mit Ernst und Scherz zu
zerstreuen brachte ihm gute Bücher Karten kleine optische Instrumente machte
ihm Freude wo sie konnte Mehr aber wahrhaft wohl tat ihm Lydia die
ahnungslos von seiner Erfahrung betroffen und in seine Seele betrübt ihn mit
einer leisen schwesterlichen Güte umspann und in deren Blicken geschrieben
stand »Ich weiß was Sehnsucht heißt mein Freund« Zu ihrem von Tage zu Tage
wachsenden Verständnis seiner wissenschaftlichen Interessen gesellte sich nun
noch ein herzliches Mitleid wie seinerseits der gewohnten hohen Verehrung sich
eine dankbare Rührung verband um ihre gegenseitige Freundschaft zu einer
vollständigen zu machen Oftmals aber schmerzte es ihn dass von all dieser Güte
er allein der Empfangende war und um die arme Rose die ihre Brautkrone doch so
tapfer der Wahrhaftigkeit geopfert hatte  die Billigkeit dieser Einsicht hatte
die Kränkung dem Verschmähten Gott sei Dank nicht geraubt  um sie kümmerte
sich keiner als er allein
    Freilich sah Rose nicht danach aus als ob ihr eine Zukunft verschüttet
worden wäre Ein neuer seltsamer Geist schien in ihr aufgewacht Oder wäre es
der ihres Einst gewesen der mit dem »reifenden Todesgesichte« um ein heimlich
Werdendes rang Wallende Unruhe wechselte mit grübelndem Versinken manchmal war
es als fühle sie sich selbst ängstlich den Puls manchmal als dränge es sie
sich einem Menschen an die Brust zu werfen Die ernste Lydia nannte ihren
Zustand Gewissensbangen die kluge Sidi dagegen einfach Langeweile ob Fugen und
Weltbetrachtung »Das Rosenkind weiß was es will wenn es am wenigsten es zu
wissen scheint« war heute wiederum ihr Satz
    Ob die kluge Sidi sich aber heute nicht wiederum täuschte Ob das Rosenkind
wirklich wusste nach was es verlangte Und was verlangte es denn Sich freuen
gefallen geliebt werden wie einst Oder was mehr War die »querköpfige Laune«
verflogen das Blut des Bruders in ihren Adern versickert Bereute sie den
heimlichen Bruch Hatte die »beste Liebe« der natürlichen Liebe wieder Raum
gegeben Dezimus wenn er ihren lächelnden Blicken begegnete wenn sie ihm
herzlich die Hand reichte die er freiwillig nicht mehr zu berühren wagte der
arme törichte Dezimus hoffte wieder nach armer törichter Liebhaber Art
    In diese lauernde Stimmung drang nun aber sonderbar belebend ein Hauch von
dem prickelnden Atem der Zeit und wie Sidonie es gewesen war welche die
Weltbetrachtung gegen die Todesbetrachtung auf die Tagesordnung gebracht hatte
so war sie es jetzt wieder welche für die Streitfragen der Herzen in denen der
Politik einen Ableiter fand So zurückgezogen sie gegenwärtig lebte sie hatte
bis vor kurzem in einem regen Verkehr gestanden stand noch mehrfältig und zumal
mit ihrem Stiefvater Zacharias in einem Briefwechsel der sich nicht mit
Intimitäten befasste sie hielt die bedeutendsten Zeitblätter und Publikationen
auch des Auslandes und was der Hauptfaktor war bei starker Erhaltsamkeit der
Gesinnung besaß sie einen scharfen Sinn für das Schürende und Treibende im
Einzelleben wie im allgemeinen Allerorten witterte sie Gärung und glimmende
Glut zumeist aber dort wo das Herz schlug in dem das ihre pulste
    Für den Augenblick zwar wusste sie Max fern Der Brief in welchem sie ihn zu
dem Herrenleben in Bielitz einlud hatte sich mit einem gekreuzt in welchem er
ihr einen Winteraufentalt in Andalusien meldete Lange freilich würde es ihn
dem holdesten Himmel zum Trotz unter maurischen Schönheitsresten nicht dulden
seine Zone war die der Aktualität Die Schwester war indessen schon froh genug
ihn fern zu wissen in einer Gegenwart wo sie nun einmal mochte es ein
Nebelbild sein bedrohliche Dämpfe dem Krater entsteigen sah
    Die Stoffe die sie am Tage gesammelt hatte die trug sie am Abend nun
hinauf in die stille Pfarre und der sie am gierigsten verschlang der sie
einsog wie einen belebenden Wein das war der friedliche sterbensmatte Greis
Er konnte den Moment kaum erwarten in welchem seine kundige junge Freundin das
Zimmer betrat er lauschte fragte las in kräftigeren Stunden mit der regsten
Neubegier und wie ein erfahrener Landmann wenn er in weitem Abstand Blitze
züngeln sieht am Zuge der Wolken und Wechsel der Winde am Fluge der Vögel und
manchem anderen tierischen Instinkt sorglich die Niederschläge berechnet die
seine Heimatsflur erquicken oder bedrohen können so spähete und spannte der
alte Freiheitskämpfer von 1813 nach der elektrischen Spannung welche sich
entladend in seinem Preussenlande eine Saat die er selbst mit ausgestreut hatte
und deren Reife er nicht mehr erleben sollte je nachdem befruchten oder
vernichten würde
    Patriotische Erinnerungen und Erwartungen ließ so schien es ihn den
Zwiespalt zweier junger Herzen vergessen
    Noch war es indessen ja nur die Schwüle vor dem Orkan welche der
Empfängliche spürte noch ahnte keiner an welcher Stelle und in welcher Weise
der atmosphärische Strom sich entladen werde Als Sidonie jedoch eines Abends
die Neuigkeit von dem Ableben des alten Dänenkönigs brachte als sie mit
apodiktischer Beweisführung dartat dass sein Nachfolger die strittige
Nationalitätenfrage zugunsten des Gesamtstaates lösen werde ja von seinem
Standpunkte aus lösen müsse da steigerte sich in dem Greise das bängliche
Vorgefühl zu einem prophetischen Gesicht Er sah den Funken in seinem Volke
niederschiessen nicht wie schon manchmal als einen kalten Schlag und wie
entfernt und beschränkt auch immer der Herd große Geschicke sah er sich auf ihm
entzünden Sidonie lächelte über den aufgeregten alten Herrn Mochte er recht
haben Der Kampf um einen Fetzen deutschen Landes um eine Handvoll »deutscher
Sklaven« war keiner für welchen ihr Max weder zum Rebellen noch eventuell zum
Patrioten ward Die zündende Idee vertrat ihm auch an dieser Stelle Deutschlands
Feind
    In dem Sohne dagegen zitterte des Vaters Erregung nach Schon während seiner
Universitätszeit hatte »der Schmerzensschrei« der Herzogtümer wie in den Herzen
der Kommilitonen so auch in dem seinen einen starken Widerhall gefunden Er
hatte dem alten redlichen Vater Jahn endlosen Beifall klatschen helfen als
dieser bei Gelegenheit eines Sängerfestes in der Umgegend die deutsche Jugend im
Binnenlande aufrief sich zu scharen unter dem Banner der durch einen
schmachwürdigen Königsbrief bedrohten deutschen Brüder diesseit und jenseit des
Eiderflusses und als darauf in tausendstimmigem Chorus »SchleswigHolstein
meerumschlungen« gesungen wurde da erscholl der Bass des Hünen der
Studentenschaft so donnermässig wie vor der Zeit noch nie und nach der Zeit nicht
wieder Er der Hüne hatte sogar es ganz plausibel gefunden als Vater Jahn
darauf öffentlich seine Missbilligung aussprach dass jenes herrliche deutsche
Lied in Klang gesetzt worden sei zu eitlem Prahl auf die Weise »Flieg Käfer
flieg« müsse das heiligste Anliegen seines Volkes schon dem Kinde an der
Mutterbrust durch die Ohren in das Gemüt dringen und ihm das Eingeweide
umwenden
    Feuerfangen wie Stroh und wie Strohfeuer verflackern ist aber nicht eines
Glücklichen Art Dezimus hatte nach jenem beweglichen Sängerfeste oftmals über
die Bruderschaft an der Eider nachgedacht und wenige Streitfragen der Zeit
waren ihm so verständlich geworden wie diese Zwar schätzte er auch die
Inseldänen als deutsche Brüder aber doch nur als Halbbrüder und da vollbürtige
Geschwister den halbbürtigen im Erbe auch der Liebe vorangehen jene
halbbürtigen sich überdies wie recht feindliche Stiefbrüder gebärdeten fühlte
er aus dem Herzen der vollbürtigen heraus ein gutes Recht gekränkt Als er nun
aber bei seinem kürzlichen Inselaufentalt einen Teil dieser rechten Brüder
kennen lernte und so kernhafte tüchtige Menschenbrüder unter ihnen als er
anschaulich in dem Küstenstreifen um den es sich handelte die Pforte in das
Weltweite erkannte deren kein zum Leben berufener Staat entraten kann da
brannte ihn die Schmach die ein kleines einiges Volk seinem großen uneinigen
Volke anzutun wagte und er ermass die Gefahr für einen dem letzteren
unentbehrlichen Besitz Musste dieser Besitz mussten Recht und Ehre in blutigem
Streit erobert werden diesen Streit hätte er ausfechten helfen mögen in seiner
gegenwärtigen Stimmung aber mehr denn je Oft ach wie oft sehnte er sich aus
seiner Schwüle heraus nach einer erfrischenden Tat
    Wie es denn nun aber in Fragen um das Allgemeine oftmals ein Persönliches
ist welches den Anteil schärft ja sogar ihm eine veränderte Richtung gibt so
war es an jenem Abend der Gedanke an Philipp der sorgenvoll aus Lydias Seele in
die ihres Freundes zog War er es doch welcher den Jüngling in den Umkreis des
glimmenden Herdes geführt hatte die Verantwortung für sein Schicksal fiel auf
ihn Er spürte wie das Hartensteinsche Blut in dem Jüngsten des Geschlechtes
aufschäumte wie es ihn hinriss zu Torheit und Übermut er sah ihn ergriffen
verzehrt von den Flammen Und so spukte der tote Dänenkönig in dem friedlichen
binnenländischen Pfarrhause gleich einem drohenden Gespenst
    Zum Glück spuken Gespenster jedoch nicht über Nacht wenigstens nicht in
einem Pfarrhause wie dem Blümelschen Am anderen Tage fühlte ein jeder dass er
mit seinen Befürchtungen weit über das Ziel hinausgeschossen habe und dass nicht
mit Feuer und Schwert erledigt zu werden brauche was mit Feder und Tinte zu
erledigen ist Der alte Dänenkönig war tot was wusste die kleine Sidi von den
Staatsgedanken des neuen
    Um so friedfertiger als man gestern kriegerisch gestimmt gewesen vertiefte
man sich heute statt in die Politik der Neuen Rheinischen Zeitung in die Physik
des greisen Humboldt und da war es denn eine Anspielung von ihm welche um der
gründlichen Lydia genugzutun den Vorleser zu der Verdeutlichung des optischen
Grundsatzes dass jeder Mensch seinen eigenen Regenbogen sehe veranlasste Das
führte Vater Blümel nun hinwiederum recht behaglich in sein Lieblingsgebiet die
Gesetze der sichtbaren Natur auf die der unsichtbaren zu übertragen Sidonie
die während dergleichen »Transfigurationen« nicht immer streng bei der Sache
war summte vor sich hin »Zart Gebild wie Regenbogen wird auf dunklem Grund
gezogen« Rose aber sog den Duft einer Hyazinte ein lächelnd mit halboffenem
Munde so als ob auch ihr ein heiteres Gebilde sich auf dunklem Grunde male und
als ob auf ihren Lippen der Ruf schwebe »sieh die liebe Sonne ist wieder
durchgebrochen«
    Dezimus gedachte des Tages wo ihm der Vater das Wunder der bunten
Himmelsbrücke als eine Tat der göttlichen Versöhnung erklärt hatte und er
hinauslaufend um noch eine Spur aus der himmlischen Werkstatt zu entdecken
sein weißes Fräulein wie einen Engel der Verheißung stehen sah Und bei diesem
Erinnern überkam ihn so völlig wie noch nie das Bewusstsein dessen was er diesem
herrlichen Wesen schuldig geworden war nicht bloß durch die Wirkung welche es
auf ihn geübt sondern mehr noch durch die welche ihm gestattet worden war
dagegen auszuüben Und das ist ja wohl das Höchste was ein Mensch dem anderen
danken kann Seine Blicke hingen an dem edlen Gebilde das auch ihm sich auf
dunklem Grunde erhob er sah wie sie die Brücke der Versöhnung die aus dem
eigensten Gemüte heraus in den Himmel führt dem Greise gedankenvoll nachbaute
wie sie verständnisvoll mit einem innigen Blicke ihm die Hand drückte Dann aber
sah er sie erbleichend plötzlich auf ihrem Stuhle zurücksinken die Tür ihr
gegenüber war leise geöffnet worden und in ihrem Rahmen stand wie von der
unerwartetsten Erscheinung gebannt die Blicke auf sie geheftet ein schlanker
bleicher Mann die unerwartetste Erscheinung auch für sie »Max« jubelte
Sidonie auf indem sie sich in seine Arme stürzte »Max«
    Ja Max Länger als vier Jahre waren es dass er den Groll des Titaniden in
diesem Raume ausgeströmt länger als vier Jahre dass er mit neuen
Titanengelüsten gegen den alten Himmel gestürmt Menschen nach seinem Bilde
gedichtet und  wohl mehr denn der ursprüngliche Prometeus  genossen und sich
gefreut als geweint und gelitten hatte Die Büchse der Pandora hatte sich auch
über seinem Haupte ergossen die Jünglingsblüte das Erbe eines kampfgestählten
Geschlechts war auf dem Antlitz des Mannes verwelkt die bleiche Farbe das
erweiterte Auge die gedehnten Züge sprachen von der Müde die der Überreizung
folgt und dennoch ja darum erst recht war er der schönste Mann welchen alle
in dieser Minute auf ihn gerichteten Blicke jemals geschaut hatten oder schauen
würden und darum erst recht war er wie man es so nennt ein interessanter
Mann
    Menschen aus einem Gusse wie Lydia oder nach seiner Art auch Held Dezimus
werden schwerlich sogar von schmeichelnden Biographen als interessante Leute
aufgeführt werden In Max von Hartensteins Anlage und Schicksal ja bis auf den
äußerlichen Habitus hinab lag jedoch wie selten in einem jenes zwiefältige oder
zwiespaltige Etwas das als Zauber der Interessanteit wirkt Er war nach Geblüt
und Neigung Edelmann und nach Gesinnung Demokrat er fühlte sich einen Dichter
und lebte wie ein Kind der Welt er wusste sich und stellte sich dar als den
Erben einer Million und darbte wohl manchmal um das tägliche Brot er betrat den
heimischen Boden als ein Fremdling und den Kreis der Gleichgestellten nahezu mit
dem Stigma des Ausgewiesenen aber mit den Ansprüchen und dem Gebaren des Herrn
er trug noch das strenge Trauerkleid um seine Mutter aber von einem Schnitt
wie im weiten Umkreis seines künftigen Dominiums noch kein Kleiderschnitt
gesehen worden war Und wie trug er das Kleid Wie ließ dem blondlockigen
Germanen mit dem tiefblauen treuherzigen Hartensteinschen Blick und Ton die
flüssigen Allüren die spielenden Aperçüs eines Eingewohnten von Paris wie
verstand er wenn er wollte und heute wollte er es jedem zu sagen was ihm zu
hören gefiel wie kaum merklich zu schmeicheln wäre es auch nur mit einem
Augenaufschlag einer Bewegung der Hand Und doch war er zum Komödienspiel zu
gründlich Stimmungsmensch und zur Koketterie zu selbstbewusst und stolz
    Er war seiner Überraschung alsobald Herr geworden und grüßte nun rund im
Kreise mit vollkommener Unbefangenheit Nachdem er sich vor Vater Blümel
ehrerbietig wie vor einem Patriarchen verbeugt zog er die Hand die Lydia ihm
schweigend gereicht hatte ebenso schweigend an seine Lippen und hielt sie ein
paar Sekunden an denselben fest Etwas anders nüanciert nicht ganz so ernstaft
oder vielleicht ritterlich war die Berührung der rosigen Fingerspitzen ihrer
Nachbarin der erste Handkuss mit welchem irgendein Mensch das Pfarrröschen
ehrte selber ihr alter Dezem war in den Tagen seiner Rosenwonne auf solche
Galanterie nicht verfallen und wer in aller Welt hatte vor diesem
aristokratischen Demokraten das Pfarrröschen jemals »gnädiges Fräulein«
tituliert wer sich so ausdrucksvoll gewundert wie bis zum Nichtwiedererkennen
in den Jahren der Trennung eine freundliche Gönnerin größer und schöner  das
letzte Epiteton wurde nur mit den Augen gelächelt  geworden sei Auch der Herr
Kandidat würde mit dem biderben Handschlag den er erntete wohl zufrieden
gewesen sein wenn die nachfolgende Gratulation zu seinem Verlobungsglück ihm
nur nicht wie ein Stich durch die Brust gefahren wäre Endlich aber die kleine
Sidi die ließ der prächtige Mensch gar nicht aus dem Arm nicht von seiner
Hand Er streichelte ihre blassen Wangen ihren schlichten Scheitel blickte und
nickte ihr zu wie eine Mutter ihrem kranken Kind und alles das so einfach als
ob das Gehörige auch immer das Natürliche wäre
    Er erzählte darauf dass er in die Heimat gekommen sei um unter den
Auspizien seiner Schwester ein tüchtiger Landwirt zu werden dass er sich auf
ihre Überraschung gefreut und als er sie nicht in ihrer Werkstatt den armen
alten Großvater aber bereits schlummernd gefunden er der Lockung nicht habe
widerstehen können sie im Kreise der Freunde aufzusuchen
    Welche wohlgelungene Überraschung nicht bloß für die Eine der sie galt
diese Eine aber strahlte wie eine Selige kaum dass sie die Augen von ihrem
Liebling verwendete heute in Wahrheit ihrem Bertrand de Born Denn auch des
Greises Puls schlug in einem lebhafteren Takt und der betrübte Kandidat des
Predigtamts sah seinen Jovisstern leuchten wie in der Schülerzeit die aber
welche als seine Braut von dem Gaste beglückwünscht worden war die noch vor
einer Stunde so träumerisch prüfend zu dem brüderlichen Verlobten
hinübergeschielt hatte die funkelte und sprühte jetzt wie ein gestreicheltes
Kätzchen tändelte zierlich mit dem Teegeschirr und hatte  wo nahm sie es nur
auf einmal her  für jedes heiter neckende Wort ein heiter neckendes Gegenwort
Das frische Blut das aus einem fremden Herzen dem ihren eingeimpft worden war
nach langem Stauen in Fluss gekommen das kindliche Gesicht bis unter die üppigen
Locken mit seinem Purpur übergiessend Die verschämte Mädchenblüte hatte sich
wiederum zur Zentifolienknospe umgewandelt die unter dem ersten Sonnenstrahl
die Hülle sprengen wird
    Nur Lydia schien von dem allseitigen Zauber unberückt sie die doch
zweifellos die einzige war welche der Zauberer des Berückens wert geachtet und
ebenso zweifellos die einzige für welche ein jeder im Kreise die Bezauberung am
natürlichsten gefunden haben würde Ihr greiser Freund lauschte mit einem
Ausdruck froher Hoffnung zu ihr hinüber ihr junger Freund mit einem der scheuen
Furcht über deren Beweggrund er sich keine Rechenschaft hätte geben können sie
aber war wieder das unnahbare Klosterfräulein geworden wie das Röschen
plötzlich zur Rose aufzubrechen schien so hatte sie den geöffneten Lilienkelch
zusammengezogen Sie blickte ernst vor sich hin sprach nur wenn sie eine
Antwort zu geben hatte und als die Stunde des gewöhnlichen Aufbruchs gekommen
war erhob sie sich vor den anderen um heimzukehren Dezimus wollte sie
begleiten Sidonie aber sagte lachend
    »Für heute Freund sind Sie Ihres Ritterdienstes quitt Unser Weg führt ja
am Schloss vorüber Verzögern Sie Papa Blümel der über Gebühr aufgeregt worden
ist den Abendsegen nicht«
    Lydia legte ruhig ihren Arm in den welchen Max ihr bot Sidonie hing sich
in den anderen Rose flatterte wie ein Schmetterling ihnen bis an die Haustür
voran und kehrte nicht wieder in das Wohnzimmer zurück Dezimus hatte das
Nachsehen ein schmählich ausgestochener Held Er sang dem Vater das Abendlied
schloss keine Wimper in der Nacht und fühlte am Morgen sich doch als erwache er
aus einem wüsten Traum Wie gestern die kriegerische Wallung war heute die
zauberische Blendung gescheucht Aber die Augen taten ihm weh und das Herz wie
kaum je
    Rose hatte an diesem Tage zu schaffen wie die Maus in sieben Wochen War das
aber ein Wunder Rose war ja an die Stelle der Hausfrau gerückt und es Mutter
Hanna gleichzutun sicherlich nichts Kleines Die alte Lene musste frische
Teekringel backen obgleich der Vorrat noch nicht aufgezehrt war ei nun er
mochte etwas abschmeckend geworden sein dem Bräutigam fehlte dafür nur das
würdigende Organ ihm mundete früherhin alles und jetzt leider nichts Reine
Gardinen wurden aufgesteckt Zuverlässig waren die alten bestäubter gewesen als
sie dem Bräutigam vorgekommen Sterngucker haben für Mullwolken selten den
richtigen Blick wem aber hätte es auffallen dürfen dass blühende Hyazinten und
Tazetten mit Myrten und Geranien zu zierlichen Gruppen geordnet wurden Hatte
das liebe Röschen ihre Umgebungen nicht allezeit gern geputzt Die Lust zum
Putzen war ihr nur in den Schattenmonden eingeschlummert Aber sieh doch hat
sie sich selbst heute zum ersten Male nicht wieder geputzt Gott behüte sie
trägt ja ihr tägliches Trauerkleid und wenn die schwarze Krause den schlanken
Hals etwas weniger knapp umschließt die natürlichen schwarzen Löckchen etwas
zierlicher sich ringeln so ist das zufälliges Geraten oder wenn ja ein bisschen
Kunst mit unterlief das allererfreulichste Zeichen Sich hübsch machen heißt
bei einem siechenden Kinde genesen sein und bei einem gesunden doch wahrhaftig
nicht etwa eine Sünde
    Lydia stellte zu gewohnter Stunde sich ein
    »Aber wo bleibt denn Sidi« fragte Rose und spähete aus dem Fenster
wenngleich es so rabendunkel war dass weder auf dem Talwege noch irgendeinem
anderen ein lebendes Wesen hätte erspäht werden können und nach einer
Viertelstunde fragte und spähete sie von neuem obschon der Mond noch immer
nicht aufgegangen war Sidonie kam nicht das geistliche Konzert unterblieb
Rose erklärte sich für heiser dem Kandidaten war die Kehle zugeschnürt Auch
der Kosmos wurde heute nicht aufgeklappt da Lydia es angemessen fand der
Freundin nicht zuvorzueilen und auch kein anderer ein lebhaftes Verlangen nach
einem Horizont der über den beider Werben hinausreichte zu tragen schien
Dagegen sang Lydia ehe sie sich entfernte zum ersten Male das Novalislied das
sie ihrem Vater jeden Abend vor dem Schlafengehen gesungen hatte
    »Wenn alle untreu werden so bleib ich dir doch treu«
    Als Dezimus sie nach dem Schloss zurückführte fragte sie ihn welchen
Eindruck Max auf ihn gemacht habe und er bekannte ihr aufrichtig den Zauber
den diese aussergewöhnliche Persönlichkeit mehr denn je auf ihn und die Seinen
ausgeübt Sie erwiderte im Augenblick nichts aber er dankte ihr schon die
Frage es war das erstemal dass sie den Namen des einst so tiefgeliebten Mannes
vor ihm oder irgendeinem anderen ausgesprochen hatte Liebte sie ihn noch oder
liebte sie ihn wieder Nach einer langen Stille sagte sie
    »Es ist etwas Seltsames um solch ein Wiedersehen Man merkt an ihm erst das
Wirken der Zeit Mir ist als ob eine Binde von meinen Augen gefallen wäre«
    Sie ahnte wohl nicht dass sie mit diesen Worten dem Freunde ein Rätsel
aufgegeben hatte Denn die Zeit versöhnt und die Zeit verlöscht
    Rose war heute ausnahmsweise noch nicht in ihr Stübchen gegangen Sie stand
wieder am Fenster und schaute in das Tal hinab das jetzt vom Mond beleuchtet
ward »Wie langweilig diese Lydia ist« sagte sie mit krauser Stirn ein Gähnen
unterdrückend »Hätte Sidonie nicht ein bisschen Leben in die langen Winterabende
gebracht sie wären nicht zum Aushalten gewesen«
    Als sie Dezimus zur guten Nacht die Hand reichte fragte sie
    »Glaubst du Dezimus dass Lydia den Baron noch liebt«
    Das war ja eben die Frage die ihm so mächtig in Kopf und Herzen herumging
aufrichtig aber wie er nun einmal war auch wenn er mit seiner Aufrichtigkeit
sich selbst ein Leides tat antwortete er dass er das allerdings nicht wissen
könne aber ihre Liebe zu ihm ebenso natürlich finden würde wie die seine zu
ihr
    »Er  sie Ach warum nicht gar« rief Rose unmutig »Es ist Torheit was man
von alter Liebe sagt Was im Herzen gestorben ist wacht nicht wieder auf Und
wie viele mag er in der Zwischenzeit angebetet haben Sie ist ja auch viel zu
alt für ihn«
    »Sie ist zwei Jahr jünger als er«
    »Aber steif wie eine Großmutter«
    Das liebe Röschen war keineswegs wie die kluge Sidi behauptete ihrer
Stimmungen allezeit Herr sonst würde sie die heutige fein für sich behalten
haben denn wehe tun wollte sie ihrem armen Dezem gewisslich nicht
    Am nächsten Sonntag dem an welchem das dritte Aufgebot und nach ihm die
Trauung stattgefunden haben würde war Max mit seiner Schwester in der Kirche
Er hatte seinen Platz dem Herrenstuhl gegenüber gewählt wo er von Lydia bemerkt
werden musste sobald sie den Blick der Kanzel zuwendete Sie wendete nach ihrer
Gewohnheit während der Predigt ihn kaum von der Kanzel ab der Prediger hätte
aber nicht die leiseste weltliche Störung ihrer Andacht wahrnehmen können Wenn
die alte Liebe wieder aufgewacht war musste der heilige Ort den gebührenden Bann
ausüben
    Unter der Kirchpforte stieß das Geschwisterpaar mit dem nominellen Brautpaar
zusammen und geleitete es zu einer Staatsvisite in die Pfarre
    Der Herr Baron wunderte sich dass er das gnädige Fräulein nicht in der
Kirche bemerkt habe worauf das gnädige Fräulein mit einem allerliebsten
Schelmenblinzeln erwiderte der Herr Baron habe eben mit dem Rücken gegen den
Pfarrstuhl gelehnt gestanden Das hätte der Herr Baron sich nun für künftige
Kirchbesuche gesagt sein lassen können Leider hatte es jedoch bei diesem ersten
Besuche sein Bewenden Es wäre der Werbenschen Erbgruft nur ein Erinnerungszoll
dargebracht worden äußerte der Herr Baron
    Überhaupt drückte in dem Baron der Umschlag aus einer interessant
gemütlichen in eine interessant ironische Stimmung sich deutlich aus Er
beglückwünschte Pastor Blümel über das Wunder der Toleranz das sein Beispiel in
der Gemeinde gewirkt habe Wie müsse dem standfesten Onkel Propst im Chore der
himmlischen Heerscharen zumute sein wenn er seine Tochter mit so seelenruhiger
Andacht einem unionistischen Gottesdienste beiwohnen sähe Schreite die
Freisinnigkeit in gleicher Progression fort könne die einstmalige
Seelenfreundin des Professor Hildebrand es noch zur Adeptin von Papa Zacharias
bringen
    Pastor Blümel erwiderte ruhig dass er diese Befürchtung nicht hege und
lenkte das Gespräch auf ein Gebiet wo er seinen Gast mehr als in dem eines
gläubigen Herzens zu Hause halten durfte auf das der Politik indessen auch auf
dieses nur so weit als es die vaterländische Grenze nicht berührte Er bat um
eine nähere Erklärung der Reformbankette die in den Zeitblättern ja nahezu als
eine Existenzfrage des französischen Staates behandelt würden war aber nach
erhaltener Aufklärung merklich enttäuscht da er hinter dem ungestümen
Verlangen ein Mahl zu halten und beliebige Toaste auszubringen eine
karbonaristische Verschwörung oder andere dergleichen Heimlichkeit welche die
Regierung ausgewittert vermutet hatte Worauf denn Herr von Hartenstein
lächelnd erwiderte es sei in Frankreich nichts Neues mit Explosivstoffen in
der Form von Knallbonbons eine Feuersbrunst zu entzünden Im teuren Vaterlande
walte die entgegengesetzte Manier ob Wenn die Mine bis zum Platzen vollgeladen
sei leite man sie in Äderchen und Kanälchen ab und der erste beste Landregen
spüle sie in den Strom der Zeit
    Nun Konstantin Blümel wusste von einer vaterländischen Mine und er hatte
sie selbst mit laden helfen die gar wuchtig einen Koloss über den Ozean
geschleudert hatte Doch verlautbarte er diese Erinnerung nicht sondern
erkundigte sich nach dem Befinden des Herrn Amtmann Mehlborn Der Pulsschlag
seines Entzückens hatte sich während dieser Sonntagsvisite indessen bedeutend
ermässigt
    Am anderen Tage fand Rose es dringlichst angemessen dass der amtliche
Stellvertreter des Vaters diese Visite erwidere fühlte sich selbst auch
hinlänglich zu einem Spaziergang bei so prachtvollem Winterwetter gekräftigt
begleitete den väterlichen Stellvertreter demnach ein Endchen und bekam bei Wege
ein unwiderstehliches Gelüste zu sehen wie Freundin Sidi sich in der alten
Bärenhöhle ihr Nest eingerichtet habe
    Ei nun fürwahr traulich genug Zunächst gab es gar keine Höhle mehr
sondern ein sauberes Wohngelass und in dem Gelass keinen brummenden Bären sondern
einen gemütlichen alten Herrn der ganz fidel hinter seinem Spitzgläschen sang
»Gestern abend war Vetter Michel da« und dann seine Augen zutat und schlief
Die Augen seiner Hüterin aber die klugen Sidiaugen die hatten noch nie in
einer reineren Freude gestrahlt Zum ersten Male hatte sie einen Menschen vor
dem sie ihre reichen Gaben unter keinem anderen Zwang als dem der natürlichsten
Liebe entfalten durfte den sie hegen und pflegen durfte den sie zu halten
hoffte für das Leben Denn auch er war glücklich neben ihr und durch sie
Wer liebte nicht das Neue wer bedürfte seiner nicht Wer aber hätte jemals mehr
unter seinem Banne gestanden als der Dichter Hartenstein Er lebte und webte im
Wechsel Der Wechsel war sein Element sein tägliches Brot Der erwünschteste
Zustand hätte ihn auf die Dauer bedrückt der unerwünschteste Umschlag ihn
momentan aufgeschnellt Paris mit seiner unerschöpflichen Mannigfaltigkeit war
ihm daher der gedeihlichste Boden und die Ebbe und Flut seiner äußeren Mittel
die ihn zwischen den verschiedenartigsten Existenzen auf und nieder trieb für
seine Schaffenskraft das vielleicht notwendige Ferment Allezeit im Salon würde
er aufgehört haben ein Dichter zu sein allezeit in der Mansarde wäre er es
wahrscheinlich niemals geworden Auch die Einsamkeit wurde dann und wann zu
einem ersehnten Wechsel Auf Alpengipfeln am Meeresstrand oder wie diesen
Herbst unter einem südenprächtigen Himmel ganz allein da dehnte sich die
Brust schwellte sich die Künstlerseele  drei vier Wochen lang dann aber zog
es ihn wieder in das Gewühl wie in ein Heim
    Dieser Aufenthalt mitten im Winter in nüchterner Landschaft auf Papa
Mehlborns emsigem Wirtschaftshof hätte daher so scheint es der widerwärtigste
sein müssen den er erwählen konnte Aber es war etwas Neues er nannte ihn ein
Idyll Die Erwartung des grossväterlichen Ablebens das gegen ihren Glauben
seine Schwester ihm als bevorstehend dargestellt hatte eine brüderliche
Wallung vielleicht eine momentane Geldklemme hatten ihn hergetrieben nun hielt
das Wohlgefühl zärtlicher Fürsorge mit welchem zum ersten Male seit seiner
Kindheit ein Mensch ihn umspann ihn fest die materielle Fülle das Ansehen der
Sesshaftigkeit machten sich geltend hohe Kulturbestrebungen im nächsten
Zusammenhange mit seinen bisherigen literarischen Tendenzen tauchten auf
Möglich dass auch die Wiedereroberung seiner frühesten einzigen wahrhaft
Schönen auf welche unerwartet sein erster Blick gefallen war ihn lockte dass
nebenbei das deutsche Pfarrtöchterchen ihm zu einem kleinen Roman allerliebst
genug dünkte Einem Dichter ist Frauengunst ja der Kastalische Quell und hat
denn nicht der alte Meister welchem der junge bescheidentlich nachstrebte die
angenehme Empfindung einer gleichzeitigen Doppelliebe zu rühmen gewusst
    So war er denn allen Ernstes gewillt in dem stattlichen Grafenschlosse von
Bielitz dessen Erbe zu werden er jeden Tag erwarten durfte sich häuslich
einzurichten und a priori den Herrn in ihm zu spielen An dem nervus rerum
gebrach es nicht Sidonie war vollständig Meisterin der Lage der alte
bärbeissige Mehlborn ein stillvergnügter Knabe geworden seitdem seine junge
Pflegemutter ihm die Milch des Alters nicht ausgehen ließ Er nippte zippte und
nahm seinen Herrgott für einen frommen Mann Wiederholt hatte Dezimus seinem
guten Kameraden diese Behandlungsweise vorgehalten »Sie schläfern Ihr altes
Kind mit Mohnsäftchen ein und erziehen es zum Idioten« hatte er gesagt sie
aber lachend erwidert
    »Zum Idealisten erziehe ich es und die guten Genien der Jugend wecke ich
auf Hätte ich mein Papachen bei seinem Dünnbier belassen fühlte es sich blind
und elend wäre misstrauisch und missvergnügt keifte am Tage mit widerborstigen
Frönern und grauelte sich nachts vor Raubmördern und dem Gespenst des schwarzen
Todes Nun ich ihm stündlich ein Gläschen von dieser braven Liebfrauenmilch
einschenke  selbstverständlich unter der Etikette Werbensches Gewächs  glaubt
er liebt hofft vertraut sieht mit Augen seine Felder spriessen an seines
Sidonchens problematischem Schulterstück zwei goldene Engelsfittiche leuchten
und schlummert von vierundzwanzig Stunden netto zwanzig wie der Gerechte in
Abrahams Schoss Wer ein Achtziger werden will kann sich nichts Besseres
wünschen«
    Indem Sidonie auf diese Weise Genien der Jugend die in Papa Mehlborn bis
dahin geschlummert hatten zum Leben erweckte war sie indessen vorsichtig und
auch gutmütig genug die Dämonen des Alters die von Kindesbeinen an in ihm rege
gewesen waren und selten gründlich einzuschläfern sind nicht
heraufzubeschwören Die vielwerte Eisentruhe blieb unverrückt unter Papachens
Bett ihr Schlüssel tags in Papachens Rocktasche nachts unter seinem Pfühl
Sein Sidonchen hatte noch keinen Blick in die Truhe getan Ihr genügten die
Wirtschaftserträge nach welchen Papachen wenig mehr fragte und gewisse
Stempelbogen zu deren Kontrasignatur  unter der Rubrik Rechnungen Quittungen
und so weiter  sie sonder jeglichen Gewissensskrupel Papachen die Hand führte
Die grossjährige Enkelin und Erbin des unzurechnungsfähigen Greises erfreute sich
eines weittragenden Kredits bedurfte desselben aber auch nach Ankunft ihres
Bruders in täglich wachsendem Masse
    Er hatte Bedürfnisse der mannigfaltigsten Art eine allezeit offene Hand
auch große philantropische Projekte für welche bis zum reellen Erbantritt
wenigstens die Einleitungen getroffen wurden Sidonie nahm alles auf ihre Kappe
ihres Bruders Kredit blieb unangetastet sein Name stand unter keinem Wechsel
er war der Schöpfer sie der Handlager Da sollten die Lasten der »weißen
Sklaven« nicht etwa abgelöst sondern einfach aufgehoben werden den
freiwilligen Arbeitern Häuser gebaut gegen welche die der Grabesstrasse von
Werben armselige Hütten waren und dergleichen vieles »Der Baum eines Volkes
treibt von unten herauf« sagte er und wer hätte etwas dagegen sagen können
»Seine Wurzeln müssen gedüngt und begossen werden« Wo Max von Hartenstein
lebte musste menschenwürdig zu leben sein war er ein Egoist so war sein
Egoismus großmütiger Natur Ja er trug sich allen Ernstes mit dem Entwurf eines
Phalansteriums auf seinem einstigen Grund und Boden nachdem er für die
Errichtung eines solchen in überseeischen Zonen seit seinen Pariser Tagen
geschwärmt und schriftstellerisch gewirkt sogar gedichtet hatte In der
Neuordnung des Eigentums sah er die große Frage der Zukunft und in der
republikanischen Freiheit der sozialen Gleichheit nur ihre Vorläufer
    Vorderhand musste man sich freilich begnügen das eigene Leben menschenwürdig
auszugestalten Die Einrichtung des Herrensitzes Anschaffungen Bestellungen
anzuknüpfende Verbindungen ließ es auch für die unermüdliche Intendantin zu
regelmäßigen Pfarrbesuchen nicht mehr kommen Um so erfreulicher waren die
Überraschungen wenigstens für Freundin Rose Sidonie war beflissen sie in ihre
Nähe zu ziehen sie zu sich einzuladen sich auf ihren Fahrten in Stadt und
Umgegend von ihr begleiten zu lassen und der Vater gönnte seinem Liebling diese
Erholung bevor binnen kurzem sich wiederum ein Trauerschleier über ihren
Jugendtag breiten würde Auch das peinliche Zusammensein der dem Namen nach noch
immer Verlobten erhielt dadurch eine für beide Teile wohltätige Unterbrechung
    Denn ohne es auszusprechen hatte der Vater von der ersten Stunde ab nicht
nur die Lösung des Verhältnisses das seine Kinder ein paar Monate hindurch
gequält hatte klar erkannt sondern auch ehrend und verstehend deren Grund und
wenn er die Getrennten dennoch vereint in seiner Nähe hielt so geschah es in
der Hoffnung dass sie sich stillschweigend wieder in jenes geschwisterliche
Verhältnis zurückleben würden das sie mehr als zwei Jahrzehnte beglückt hatte
Er achtete den Sohn für stark genug diese schwere Probe zu bestehen und gönnte
ihm die Befriedigung seinem väterlichen Wohltäter bis zu seiner letzten Stunde
eine Stütze zu sein Nach derselben mochte er frei aus seinem Gemüte heraus die
Entscheidung über seine Zukunft treffen Sein Vögelchen ließ er für ein Weilchen
fliegen
    Und da waren es für das Pfarrröschen wohl goldene Stunden wenn es in
seidene Wagenpolster gedrückt oder im lustigen Schlitten den der schöne junge
Baron hinter den beiden Damen lenkte ein zierlicher Jockei zu Pferde
vorantrabend in der Gegend umherschwärmte Stunden wie sie das Pfarrröschen
wohl für eine Märchenprinzess geträumt einen wirklichen Menschen sie aber noch
niemals hatte durchkosten sehen Es mochte der weltlustigen jungen Seele
bedünken als ob das Schicksal sie recht irrtümlich in den Schoss einer still in
sich begnügten geistlichen Familie getragen habe
    Indem Sidonie die Freundin auf diese Weise ihrer heimischen Sphäre
entfremdete nahm sie den Bruch des Verlöbnisses als ein fait accompli und als
des Bräutigams gutes Glück Hätte sie sein Glück aber auch in Rosens Besitz
gesehen würde sie schwerlich angestanden haben es auf diesen Bruch ankommen zu
lassen insofern das Wohlbefinden ihres Bruders auch nur auf Momente dadurch
gefördert wurde Es galt ihn mit starken Reizen an die Heimat zu fesseln
Lydias Wiedergewinn würde der am stärksten wirkende gewesen sein Aber die Kluge
zweifelte nicht bloß an dem aus ihm erblühenden Segen sondern einfach an seinem
Gelingen und so wurde die leicht zu gewinnende liebliche Rose coûte que coûte
als Gegenreiz in den Vordergrund geschoben Dieses von Grund aus gütige recht
und billig denkende Mädchen das einst seine unglückliche Verwandtin »eine
Jesuitin der Familienpflicht« gescholten hatte es fand jetzt jedes Mittel gut
und gerecht für einen Liebeszweck dem sie sich blind wie einem Schicksalszwang
unterwarf Ach der Ärmste den sie ein Johanniskind nannten Hätte Freund Peter
Kurze ihn gegen Ende des Winters gesehen er würde ihn nicht wie zu seinem
Anfang als Hahn im Korbe beneidet haben Verlassen hatte ihn die Braut
verlassen sein Kamerad ohne das Recht des Eingriffs und doch ohne die Freiheit
zur Flucht sah er in der beschämendsten Lage ratlos und tatlos ein Verhängnis
herantreiben dem er sich mit seiner letzten Kraft hätte entgegenstemmen mögen
und er würde an sich selbst und an aller Menschenhoheit und Treue haben
verzweifeln müssen hätte nicht sein weißes Fräulein fest und ermutigend ihm zur
Seite gestanden Ja Lydia war ihm geblieben Lydia und Konstantin Blümel der
herrliche Greis der sich noch niemals so väterlich ihm zugeneigt hatte wie
jetzt da es galt die Wunden zu verbinden die sein liebstes Kind ihm schlug
die Wunden welche der Sohn um jeden Preis dem Auge des Vaters  ach nein jedem
Auge  hätte entziehen mögen
    Der alte Vater erkannte mit Reue seinen Irrtum als er dem flügellahmen
Vögelchen den Käfig öffnete Er hatte seinem Liebling den kleinen Finger
bewilligt und der Liebling herzhaft beide Hände ergriffen Der alte Vater so
todesgewiss er war er hätte jetzt leben mögen leben mit Jugendkräften um den
Flatterling wieder einzufangen das betörte Kind zu überwachen das strauchelnde
zu leiten und es würdig seiner selbst nicht mehr wie er eine kurze Zeit
gehofft dem Gatten am Herzen aber dem Bruder an der Hand zurückzulassen
    Der Greis so wenig wie der Jüngling war erfahren in den Vorspiegelungen
unter welchen eine Leidenschaft sich unbewusst in die Herzen schmeichelt und
noch minder waren es beide in den bewussten Kunstgriffen die jenem natürlichen
Ränkespiel in die Hand arbeiten Aber sie sahen mit Blicken welche die Liebe
schärfte die einfache Liebe die sie verstanden Und da konnte ihnen denn nicht
entgehen dass Max Rosen niemals beflissener entgegenkam den Zauber seiner
Persönlichkeit niemals verführerischer zur Geltung brachte die Wichtigkeit
seiner philantropischen Pläne die Vorzüge seiner gesellschaftlichen Stellung
niemals geschickter hervorhob als wenn er Rosen in Lydias Gegenwart sah Nicht
die leichte Eroberung die schwere war sein Ziel ohne Zweifel sein ernsthaftes
Ziel und seine gröbliche Täuschung nur die dass er in tändelnder Laune auf
Eigenschaften zu wirken hoffte welche eine reine Seele nicht einmal begreift
eben darum aber  so widerspruchsvoll geht es in den Phantasien solcher
Pseudoidealisten zu  eben weil sie jede niedrige Regung ausschloss ihm diese
reine Seele zu der begehrenswertesten machte Denn hätte Lydia das lockende
Spiel verstanden und ihm nicht widerstanden würde sie ihm der Mühe des Spiels
noch wert erschienen sein
    Nicht mehr ungetrübt der Sohn wohl aber der Vater hoffte noch dass auch die
sonst so scharfsichtige Rose dieses Ränkespiel durchschaue und dass sie mit
unberührtem Herzen sich nur von der glänzenden Neuheit der Weltfreude blenden
lasse Indessen auch dieser dämonischen Blendung musste gesteuert werden und
wenn den Bitten nur wiederum Bitten der Mahnung Liebkosung der Warnung ein
Schelmenlächeln entgegengesetzt wurden so blieb endlich nur das Gewicht der
väterlichen Autorität um die Wagschale in die Richte zu bringen
    Die jenseitigen Wiesen über die im Herbst der Fluss getreten waren
zugefroren auf weiter Strecke eine Eisbahn bildend welche Max ein gewandter
Schlittschuhläufer wie als echter Hartenstein der gewandteste Reiter Schütze
und Fechter täglich benutzte  vielleicht weil sie aus den Fenstern des
Schlosses überschaut werden konnte Auch die Pfarrkinder waren vom Vater zu
dieser Übung angehalten worden und Rose hatte sie erst aufgegeben als ihr
Dezem auf die Universität zog und sie nun die Schlittschuh sich eigenhändig
anschnallen und ohne jeglichen Zeugen ihre Kunststückchen hätte machen müssen
Jetzt aber wachte plötzlich die alte Lust in ihr wieder auf und Tag für Tag
wurden ein paar frohe Stunden auf dem glatten Spiegel vergaukelt Da Freundin
Sidoniens Gesundheit ihr nicht gestattete als Eismutter am Ufer auf und ab zu
spazieren wurde Freund Dezimus um seinen Anstandsschutz ersucht und er  ja
was bleibt denn solch einem Quasibräutigam übrig wenn sein Quasibräutchen nach
langer Siechenhaft das Bedürfnis kräftigender Luftbewegung fühlt  was als
erst dem Bräutchen und dann sich selbst die Schlittschuhe anzuschnallen und
bescheidentlich nebenher zu schleifen wenn die beiden anderen Hand in Hand
kunstvolle Kreise und Achten ziehen
    Eines Nachmittags kehrte er mit Rosen von solcher Leistung zurück er
schweigsam und mutlos wie alle Tage aber auch sie nicht mit den purpurnen
Wangen und freudeblitzenden Augen wie bisher sie fröstelte und ließ das
Köpfchen hängen Der Baron war nicht auf dem Eise gewesen weder er noch seine
Schwester hatten den Tag über etwas von sich sehen oder hören lassen
    Der Vater war im Begriff mit zitternder Hand die Adresse auf einen Brief zu
schreiben sie lautete an seine Tochter Erika deren Mann vor kurzem als
Bauinspektor in eine näher gelegene Stadt versetzt worden war Der Greis sah
auffällig bleich aus doch klang seine Stimme ruhig als er den Sohn bat den
Brief den er zu eiliger Bestellung empfohlen hatte heute noch nach der Post zu
tragen
    »Das trifft sich gut Dezimus« rief Rose plötzlich belebt »Du gehst mit
mir über das Gut und holst mich dort auf dem Rückwege wieder ab Ich habe
Sidonien ein Stickmuster versprochen das ich ihr heute noch bringen möchte«
    Rasch wollte sie auf und davon der Vater aber äußerte mit Entschiedenheit
dass es zu einem Besuch auf dem Gute zu spät am Tage sei So legte sie denn Hut
und Pelzpelerine ab indem sie die Lippen ganz allerliebst zu einem
Kinderschippchen verzog und sich knapp auf die Kante des Stuhls nach welchem
der Vater dem seinen gegenüber deutete niederließ Den Sohn der sich
entfernen wollte bat er so lange zu verziehen bis er seiner Tochter eine
Eröffnung gemacht haben werde
    »Du hast dir« so hob er darauf zu Rosen gewendet an »seit Jahren einen
Besuch bei deiner Schwester gewünscht Heute willfahre ich diesem Wunsche Ich
habe Erika geschrieben dass sie dich am übernächsten Tage zu erwarten hat
Dezimus wird die Freundlichkeit haben dich zu begleiten und bis zum Sonntag
zurückgekehrt sein«
    Rose lachte anfänglich über den wunderlichen Einfall als sie jedoch des
Vaters unzerstörbaren Ernst erkannte wurde sie blass streichelte ihm die Wangen
und sagte mit ihren schmeichelndsten Tönen »Wie kannst du nur daran denken
Väterchen dass ich dich verlassen würde jetzt wo du deiner kleinen Rose doch
ein wenig mehr als in früherer Zeit bedürftig bist«
    »Ich fühle mich entschieden kräftiger als noch vor kurzem« versetzte der
Vater »Und habe ich denn nicht meinen Dezimus Stiesse mir aber während seiner
Abwesenheit ein Rückfall zu würde die gute Lydia mir gewiss nicht fehlen«
    »Aber welchen Grund kannst du haben mich fortzuschicken und eine Fremde an
meine Stelle zu setzen« fragte Rose gereizt wie neuerdings immer wenn Lydias
lobend erwähnt wurde
    »Da du den Grund nicht fühlst würdest du ihn auch nicht verstehen«
antwortete der Vater so streng wie er noch nie zu seinem Liebling geredet
hatte »So sage ich denn einfach ich will«
    »Und wenn ich sage ich will nicht« rief Rose mit dem Ton der Schelmerei
aber einem Blick voll Trotz
    Konstantin Blümel war ein milder Vater und gegen sein jüngstes Kind zweifach
mild Aber solch ein dreister Widerspruch war noch aus keines Kindes Munde vor
ihm laut geworden Erst während dieser wenigen Silben wurde ihm völlig der
Unsegen klar der in seinem nächsten Herzen Wurzel geschlagen hatte Mit den
großen tiefen Augen welche die Macht seines Gemüts immer noch viel
eindringlicher als seine guten Worte ausdrückten blickte er schweigend in die
ihren bis sie sie schamrot niederschlug Dann aber sagte er mit leise bebender
Stimme
    »Widerrufe dieses Wort mein Kind Ich möchte dir die Bitternis ersparen
mit welcher du in naher Stunde dich erinnern würdest dem letzten Liebeswillen
deines Vaters getrotzt zu haben«
    Sie brach in einen Tränenstrom aus glitt zu seinen Füßen nieder und
schmiegte sich an seine Knie wie ein Kind »Ich will ja Vater« schluchzte sie
»will alles was du willst Ach was kann ich denn aber dafür dass ich hier so
glücklich bin«
    Bei diesen Worten wurde hastig die Tür geöffnet Sidonie wankte in das
Zimmer schattenbleich die arme gebrechliche Gestalt wie geknickt Sie würde
zu Boden gestürzt sein wenn Dezimus sie nicht in seinen Armen aufgefangen
hätte
    »In Frankreich  Revolution« stammelte sie »Max  fort  ohne Lebewohl« 
    Rosens Kopf war an des Vaters Brust gesunken Er hielt ihn mit beiden Armen
umschlungen Seines Kindes Hand sollte ihm die Augen schließen
Nach mehr als dreissigjähriger politischer Windstille über dem Vaterlande
schossen mit Sturmesjagd nun Wochen dahin in welchen jeder Tag jede Stunde in
erschütterte Herzen eine erschütternde Kunde trug Der Orkan tobte bis in die
bescheidenste Hütte Reiche wankten Throne und alte Ordnungen stürzten zusammen
wie die Luftschlösser im Gesichtsfelde von Werben Die Nöte des Einzelnen werden
in solchen Zeiten geringschätzig übersehen aber sie drücken nicht minder als in
stillen Tagen und nur die Freuden der stillen Tage sind schal geworden
    War es nun die wehende Frühlingsluft die Freude über sein in äußerster
Stunde ihm zurückgegebenes Kind oder war es jener allerorten die Geister bis
zum Überschwang reizende Gewitterstrom der auch den mürben Greisenleib
elektrisch belebte Vater Blümel schüttelte wie durch ein Wunder Todesschwäche
und Todesschwanen ab Er hatte zum vorbestimmten Termin sein Entlassungsgesuch
und das für des Sohnes Ordination eingereicht nach dem Osterfest sollte diese
stattaben Er dachte aber allen Ernstes daran die Kanzel wieder zu besteigen
und mit dem ewigen Wort gegen den Dämon der Empörung zu Felde zu ziehen Der
Sohn war ihm längst nicht feurig genug er paktierte viel zu viel mit den
Forderungen des Tages Sagte der Jüngling »Alles Recht muss erstritten werden
und die Freiheit ist das höchste Recht« so sagte der Greis »Jedes Recht muss
mühsam erarbeitet werden was im Taumel gezeugt wird reift nicht zu dauernder
Geburt Die Freiheit muss erst als Pflicht erkannt worden sein bevor sie als
Recht gefordert werden darf«
    Es war ein teoretischer Streit in der Praxis würden Vater und Sohn gar
nicht weit auseinander gegangen sein
    Rose hielt sich tapfer Ihre Wangen glühten und ihre Augen funkelten nicht
mehr aber nur ein Liebender hätte ihr anspüren können dass mit dem Meteor
welches an ihrem Horizonte für kurze Wochen aufgestiegen mehr als ein
Freudenrausch verschwunden war Sie sprach nie von Max es sei denn mit
Sidonien die sie nach wie vor besuchte aber sie ging sichtlich mit
Überwindung nur weil das Fernbleiben aufgefallen sein würde Auch der Vater und
Bruder oder Bräutigam schwiegen den gefährlichen Flüchtling geflissentlich tot
im Herzen des Bräutigams aber leibte und lebte er als sein einziger Feind denn
er hatte mit einem Glück das ihm mehr wert war als sein eigenes ein schnödes
Spiel getrieben Ja er hasste sein einstiges Idol und wenn er mit ihm nicht
auch die hasste welche jenes Spiel abgekartet ohne Bedenken Freundin und Freund
in dasselbe eingesetzt hatte so geschah es um der großen Liebe willen die sie
zu dem Frevel getrieben und weil sie litt wie eine Mutter leidet um den
verlorenen Sohn
    Das mutige Mädchen war ein zitterndes händeringendes Weib geworden auch
körperlich krank Lydia welche das Talgut überhaupt selten und seit Maxens
Anwesenheit niemals betreten hatte teilte jetzt ihre Zeit zwischen ihm und der
Pfarre Sie pflegte Sidonien ermutigte sie soweit ihr wahrhaftiger Sinn es
zuließ und erleichterte ihr die Sorge für den blinden blöden alten Mann Peter
Kurze würde einen Luftsprung getan haben hätte er gesehen wie die »Energien«
dieser Schwanenjungfrau sich in Taten umsetzten
    Eines Abends sagte sie zu Dezimus der seinen treulosen Kameraden nicht
wiedergesehen hatte seitdem dieser so tief aus seinen Himmeln gestürzt worden
war »Versuchen Sie es doch einmal Freund Sidonien ein wenig aufzurichten Sie
sind ihr sympatischer als ich Vielleicht gelingt es Ihnen sie zur Annahme
eines Arztes zu bewegen wenngleich ihr Zustand mehr zu denen gehören mag die
Doktor Kurzen so unliebsam sind weil sie sich nur mit Seelenohren aushorchen
lassen«
    Als Dezimus am anderen Morgen Sidoniens Zimmer betrat fand er sie in
fiebernder Erregung mit glühenden Wangen auf und nieder schreitend Dass sie ihm
Leides zugefügt schien ihr gar nicht in den Sinn zu kommen Nach kurzem Zaudern
gestand sie ihm sie habe ihren Bruder in der verwichenen Nacht gesehen
heimlich flüchtig auf der Durchreise nach Berlin Und der Schluss den sie aus
dieser heimlichen eiligen Reise zog hieß auch hier auch bei uns Revolution
    Dezimus wollte ihr diese Folgerung ausreden Sie ließ in ihrer Unrast ihn
aber gar nicht zu Worte kommen Anhebend mit einem Versuch zum Spott steigerten
sich ihre Vorstellungen zu den grausamsten Wahngebilden
    »Da bin ich nun« rief sie »in den Ideen aller menschenmöglichen Freiheit
und Neuheit herangewachsen erst in Rom bei der ateistischen Harfenmuhme dann
in der Schweiz bei der parlamentarischen Mutter unter dem Konvivium der
trikoloren und blutroten Fahnenschwenker aller Völkersorten und ich sehe ja
auch weit deutlicher als diese Maulhelden samt und sonders was uns gebricht und
was wir brauchen um fertig zu werden Und doch sitze ich hier und ringe mir die
Hände wund um mein altes Preußen so wie ich es als Vätererbe überkommen habe
und hassen ja schlechtin hassen möchte ich die welche es in Trümmer schlagen
wollen um eines Neubaus willen der nicht mehr mein altes Preußen ist Die Kopie
eines größeren hüben eines reicheren drüben ein Mischmasch von Pfuscherstil
o ich kenne die Schablonen Und mitten unter diesen Zerstörern steht der
Mensch den ich liebe mehr tausendmal mehr als mich selbst Mein Max ein
Verschwörer ein Rebell Ein Hartenstein siegend auf der Barrikade oder  oder
fallend auf dem Schafott«
    Sie kreischte die letzten Worte die Augen stierten als sähe sie ihres
Bruders blutiges Haupt »Und ich kann ihn nicht retten  nicht retten «
flüsterte sie tonlos von einem Schauder geschüttelt
    Lydia war während der letzten Reden leise eingetreten entsetzt von dem
Unheil das sie sah und verkünden hörte hatte ihr Fuß unter der Tür gestarrt
Das kranke gebrechliche Geschöpf bemerkte sie und stürzte auf sie zu mit
Blicken in welchen das Rasen des Fiebers und der Todesangst funkelte
    »Du du hättest ihn retten können« rief sie unter konvulsivischem
Schluchzen »Denn dich hat er geliebt dich allein Du kannst es noch heute
denn er liebt dich noch heute O liebe ihn Lydia liebe ihn und er ist
gerettet«
    »Du bist krank Sidonie« entgegnete Lydia erschüttert »Du wähnst Gefahren
die nicht sind Wenn aber wirklich eines anderen Liebe einen Menschen retten
könnte vor sich selbst müsste der für welchen du zitterst nicht durch deine
große Liebe gerettet worden sein«
    Sidonie lachte auf in gellendem Hohn »Ich ich eine verkrüppelte
Schwester Ja wenn ich ein Weib wäre ein schönes Weib ein Schwan wie du
Lydia wie du Nur Leidenschaft siegt über Leidenschaft Rufe ihn zu dir sage
ihm ich liebe dich  «
    »Du phantasierst Sidonie« unterbrach sie Lydia plötzlich mit eisiger Ruhe
»du weißt  «
    »Ich weiß du liebst ihn nicht du liebst ihn nicht mehr Aber sage es ihm
nur Halte ihn auf halte ihn hin ein paar Tage ein paar Wochen lang bis der
Krater ausgespieen und er ist gerettet«
    Lydia wendete sich schweigend von ihr ab
    »Du hast ihn niemals geliebt« schrie die Unglückliche indem sie erschöpft
zu Boden sank und in einen Tränenstrom ausbrach
    Lydia richtete sie empor führte sie nach ihrem Ruhebett setzte sich an
ihre Seite und fasste nach ihrer Hand Sidonie entzog sie ihr um ihr Gesicht zu
bedecken
    »Geht geht« rief sie nach einer Pause »Lasst mich allein Ihr beide wisst
nicht was Lieben ist Geht geht haltets miteinander nach eurer Art«
    Sie wollten sich entfernen Sidonie winkte sie zurück
    »Schicken Sie mir Rosen Dezimus« schluchzte sie »Und du Lydia du kannst
ja beten Ach bete bete dass ein anderer barmherziger sei als du«
    Lydia neigte schweigend ihr Haupt bis zur Brust hinab drückte dem armen
Mädchen die Hand und dann ließ sie es allein Im Hofe stießen sie auf Doktor
Brand den Lydia heimlich hatte herbeirufen lassen nachdem sie ihm das
Erforderliche mitgeteilt hatte verließ sie mit Dezimus das Gut Beide waren bis
in den Herzgrund erschüttert Nachdem sie eine lange Weile schweigend
nebeneinander gegangen waren hob Lydia an
    »Es waren Wahngebilde der Fieberangst Aber wie vor einem Rätsel stehe ich
vor einer Liebe welche solche Angst gebiert und ist es ein Mangel oder eine
Gnade dass ich diese Liebe nicht einmal begreife Auch ich habe meinen Vater
über alle andere geliebt aber ich habe an ihn geglaubt wie an keinen anderen
Die elementarste Menschenliebe die einer Mutter sagt man mache blind diese
Schwester aber sieht die Irrungen dessen welchen sie liebt schärfer als ein
Feind sie sehen könnte und dennoch liebt sie ihn Großen Sinnes denkend und
handelnd nach einem anderen Gesetz als er ausgebeutet versäumt verlassen von
ihm frevelt sie um seinetwillen lachenden Mutes und stirbt vielleicht an der
Qual dieses unüberwindlichen Zwangs Hätte ich sie täuschen sollen Dezimus
vielleicht vom Tode befreien durch ein erheucheltes Wort«
    »Nein« so beantwortete sie sich die Frage selbst bevor er sie gleichfalls
mit Nein zu beantworten gewagt hatte »Nein ich halte sie höher als sie den
welchen sie liebt und ich halte auch ihn noch zu hoch um zu glauben dass er
durch eine Lüge gerettet werden könnte«
    Wieder ging sie eine Weile stillsinnend an seiner Seite dann hob sie von
neuem an indem sie ruhig mit einem großen Blick zu ihm in die Höhe sah
    »Ja Freund ich habe diesen Mann geliebt so wie seine Schwester verlangt
dass ich ihn heute zu lieben heucheln soll geliebt weit über die Stunde hinaus
in der ich erkannt hatte dass er nicht mein Leitstern durch das Leben werden
konnte und ich nicht der seine Jahrelang hat der warme Puls sich gegen das
kalte Erkennen empört habe ich lieber an mir selber gezweifelt als an dem der
sich in einer Wallung vielleicht berechtigten Zorns von mir getrennt hatte Die
Ferne blendet Dezimus Denn als er mir plötzlich wieder gegenüberstand war er
ein anderer für mich geworden der  der er war Ich wusste dass ich an diesen
Mann nimmer hätte glauben lernen und dass die Liebe ohne Glauben eine Täuschung
ist Wenn ich aber Ihnen Freund nach jenem unfreiwilligen halben Geständnis
dessen Zeuge Sie wurden dieses ganze freiwillig mache so geschieht es weil
ich Sie mit Erfahrungen ringen sehe welche den meinigen gleichen Mögen Sie es
nun als einen Vorwurf nehmen oder als einen Trost auch Ihnen ist eine Liebe
ohne Glauben wider die Natur und Ihr Puls wird eines Tages ruhig schlagen wenn
Ihr Herz sich vielleicht am höchsten hebt«
    Er drückte die Hand die sie ihm reichte mit stummem Dank an seine Brust
dann trennten sie sich Und was hatte er aus jenem Bekenntnis so Ergreifendes
herausgehört dass kein Dankeslaut ihm voll genug erschien Nichts als das eine
Wort »Ich liebe Max nicht mehr« Aber solch ein Wort durchzuckt wie ein
Sternenstrahl den Nebel
    Im übrigen fand er in seiner Herzensstimmung weder mit Lydias bräutlicher
noch mit Sidoniens schwesterlicher Leidenschaft einen verwandten Zug Wen das
Leben zwischen Güte und Liebe so warm gebettet hat wie ihn dem wird ein
einzelner Mensch nicht zum zwingenden Idol die Gefühle verteilen sich und eine
Neigung die aus der Wiege herauswächst berückt das Herz nicht mit der Passion
für ein Zauberbild Er hatte seine Rose geliebt so wie sie eben war und so wie
er selbst eben war hatte er geglaubt von ihr geliebt zu werden Erwies sich
dieser Glaube als ein Wahn nun wohlan Er war kein Max welchem ein ungeteiltes
Verlangen zum Sporn des Verlangens wird Er forderte ein Herz für ein Herz ein
ganzes Leben für ein ganzes Leben und wurde es ihm versagt nun  so wusste er
zu entsagen
    Sehrlöblich Freund Dezimus höchstvernünftig Nur mit Verlaub dein
Biograph würde es heldenhafter gefunden haben wenn du zu dieser löblichen
Vernunft gelangt wärest schon vor der Stunde wo dein weißes Fräulein dir die
Eröffnung machte es liebe seinen Einstgeliebten nicht mehr
    Als Dezimus in die Pfarre zurückkehrte erwartete ihn der nachstehende
Brief
    »Lieber Dezimus
    Ich habe Ihnen die Hand darauf gegeben dass ich nichts ohne Ihre
Einwilligung unternehmen will und ein Wort ein Mann Nun sehen Sie die See
läuft mir nicht davon aber einen Krieg gibts nicht alle Tage und weil die
Leute hier alle sagen es ginge los darum bitte ich Sie lassen Sie mich mit
ins Feld wider den Dänenkönig Unser Herr Pastor hat die Sache von der Kanzel
herab einen guten Kampf genannt nur dass er freilich nicht von Blutvergießen
dabei gesprochen hat Was aber ein guter Kampf ist das ist auch wert dass ein
bisschen Blut darin vergossen wird Nun sehen Sie lieber Dezimus ich verstehe
von den alten Traktaten kein Sterbenswort und was hat mir der neue Dänenkönig
getan Und unser preußischer König kriegt die Herzogtümer doch gewiss auch nicht
Ich denke aber so der dumme Streich den ich nun einmal gemacht habe wird
immer noch eher durch ein paar Tropfen Blut als durch ein Meer voll Salzwasser
abgewaschen und nachher kann ich mich mit Ehren vor allen Menschen wieder sehen
lassen als ein richtiger Hartenstein und wer weiß am Ende verdiene ich mir
noch einen Orden Denn Kourage habe ich das können Sie mir glauben Kourage wie
ein Löwe
    Ihr Bruder der Amerikaner nämlich will auch mit das heißt wenn er das
Fieber bis dahin los wird das ihn ganz erschrecklich schüttelt Der arme
Pechvogel Zu Schiffe die Seekrankheit zu Lande das Schüttelfieber und im
Felde am Ende das Kanonenfieber Nein nein Er ist ja Ihr Bruder Dezimus Der
Witz fuhr mir nur so heraus Im Gegenteil ich denke im Feuer da glückts ihm
und weil er ein alter preußischer Dreijähriger ist machen sie ihn gewiss bald
zum Feldwebel und geben ihm die Litze Der Steuermann der würde wohl gar gleich
Offizier Für sein Leben gern möchte er auch mit Aber seine Frau lässt ihn
nicht Sie denkt er wird totgeschossen Als ob das Wasser Balken hätte In drei
Wochen sticht er in See und holt aus der Havanna glaube ich eine Ladung Tabak
und wenn bis dahin kein Krieg wird nimmt er mich mit Viel lieber als in die
Teerjacke möchte ich aber erst ein Weilchen in den bunten Rock
    Und darum lieber Dezimus bitte sprechen Sie mit Lydia Wenn die ja sagt
brauchen wir den Vormund gar nicht erst zu fragen An meine Mama schreibe ich
selbst Dass die aber nichts dawider hat weiß ich voraus Umgekehrt wie Ihre
Schwägerin Stina fürchtet sie die Haifische zehnmal mehr als die Kanonen Also
mein guter lieber Dezimus ich verlasse mich wieder einmal ganz auf Sie und bin
und bleibe zu Wasser und zu Lande auf Leben und Tod
                                                                             Ihr
                                                    dankbarer getreuer Philipp«
    Das gab nun wiederum eine neue Gedankenwende Dezimus stimmte seinem jungen
Freunde ohne Bedenken zu Brannte ihm selbst doch der Boden unter den Füßen und
hätte er doch kaum einen Kampf gewusst in dem er sich freudiger aus seiner
heimischen Zwitterstellung befreit hätte Der Vater dahingegen stimmte mit Lydia
in dem Zweifel überein ob der Kampf falls er entbrannte eine Revolution zu
nennen sei oder wie die Erhebung von 1813 die Verteidigung eines
unveräusserlichen Rechts und nicht an dem weltfremden Greise und Weibe war es
diese Frage zu entscheiden Als aber ihr König im Namen Deutschlands sie
entschieden hatte da hat selbst die Mutter ohne Zagen dem Jüngling zugerufen
»Sühne dein Unrecht in einem Kampfe um das Recht« Denn Soldatenblut ist ein
Erbe auch von Mann auf Weib und eine zärtliche Ottilie die an einem
Masernbette zittert gürtet ihrem Sohne das Schwert wie die tapferste
Römermutter
    Als dieser mütterliche Zuruf geschah erdröhnte die stille Landschaft noch
von dem Donnerschlage des achtzehnten März Wenn es aber wahr ist dass ein
absterbender Baum dessen Wurzeln mit Blut begossen werden junge Triebe zu
spriessen beginnt so glich der Greis welcher mit seiner Liebe diese Landschaft
ein Menschenalter hindurch beschattet hatte einem solchen Baum Das Blut das
in der Märznacht geflossen war hatte seine Wurzeln begossen In seinem
Vaterlande in Preußen eine Empörung nicht nur versucht  sondern gelungen
    Eine lange Weile lag er von dem Niedersturz wie zerschmettert die Kinder
hielten ihn für entseelt Plötzlich jedoch richtete er sich empor in Blicken
Worten Schritten ein Jüngling Dezimus vor seinem Stuhl auf den Knien liegend
las in seinen Augen den Vorwurf »Was zauderst du Träumer Eile wohin in
dieser Stunde ein Mann gehört«
    Als nun aber der Sohn nicht länger bedenklich die Ordre vorwies welche
gleichzeitig mit der Schreckensbotschaft eingetroffen ihn als Reservisten zu
seinem Regimente einberief da hätte er wahrlich nicht daran denken dürfen als
stellvertretender demnächst zu ordinierender Pfarrer gegen sie zu reklamieren
Er dachte indessen an nichts weniger als an Reklamieren Der Vater aber um
ihm zu beweisen wie entbehrlich fortan seine Aushülfe geworden sei ordnete für
den nächsten Morgen die kirchliche Andacht an mit welcher der Freund der Blumen
und des Sonnenscheins alljährlich Frühlingsanfang zu feiern pflegte Bei dieser
Gelegenheit wollte er sich  nunmehr er der Stellvertreter des Sohnes  seiner
Gemeinde wieder vorstellen und unmittelbar nach dem Gottesdienst sollte ohne
erweichenden Abschied der Sohn aufbrechen unter die Fahne
    »Ein Windstoß hat die erlöschende Flamme wieder angefacht Wenn du
heimkehrst mein Sohn wird sie niedergebrannt sein Sammeln die Flammen der
Liebe sich denn aber nicht zu neuvereintem Leben auf dem ewigen Herd von dem
sie sich ergossen haben«
    Also sprach der Greis am Abend in der Kammer in welcher er zum letzten Male
mit dem Sohne schlafen sollte legte ihm die Hände auf das Haupt und dann sich
zur Ruhe Bald schlummerte er friedlich wie ein Kind bis in den Morgen hinein
    »Und wie scheiden wir« fragte Dezimus als er vor dem Kirchgang Rosen zum
Abschied die Hand reichte
    Sie kämpfte ihre Tränen nieder und antwortete lächelnd »Nun ich denke du
scheidest wie ein guter Bruder der seiner törichten kleinen Schwester das Leid
das sie ihm angetan hat vergibt und ihr die Freiheit dankt die sie ihm
wiedergegeben«
    »Rose hast du Max geliebt«
    »Geliebt« rief sie und schüttelte trotzig das Köpfchen »Lieben einen der
uns als Lockvogel für eine andere am Faden zappeln lässt Nein nein nicht
geliebt Nur froh bin ich gewesen  um hohen Preis  aber ohne Reue«
    Der Vater trat bei diesen Worten ein Er hatte zum erstenmal seit seiner
friedlichen Amtsführung das Eiserne Kreuz an den Talar geheftet und so als
Freiwilligen von 1813 führte der Reservist von 1848 ihn auf die Kanzel die er
nicht wieder zu betreten gemeint hatte Dort oben aber hielt der Greis über den
Paulusruf »Wachet steht im Glauben seid männlich und seid stark« jene
wunderbare Frühlingspredigt von der Treue im Wandel und Gottes Odem im Sturme
der Zeit die eines grosssinnigen Königs Herz erweckt haben würde die jedoch
auch in den Herzen seiner einfachen Hörer gezündet hat wie ein Prophetenwort und
nicht vergessen worden ist bis zur Stunde der endlichen Erfüllung Für den Sohn
war es das letzte priesterliche Wort aus Vatermunde und niemals wieder ist ein
Priesterwort ihm so tief in die Seele gedrungen
    Zwischen den Gräbern der Mütter stand wie bei seinem ersten Scheiden aus der
Heimat Lydia Sie haben kein Wort gesprochen aber Auge in Auge haben sie eine
lange Weile die Hände ineinander gehalten Die Treue im Wandel
    Als Dezimus sein Bataillon das zu dem Korps in den Marken gezogen worden
war erreichte hatte es eben den Befehl erhalten in die Herzogtümer
einzurücken
 
                                Die Mannesstufe
Beim Sturm auf das Danewerk wurde Dezimus durch den Arm geschossen was nicht
leicht von einem Menschen für einen besonders glückhaften Aufschritt zur
Mannesstufe erachtet werden wird und von ihm selber am wenigsten dafür erachtet
worden ist während mit den Augen des Historikers will sagen des Biographen
angesehen es immerhin eine Schicksalsgunst genannt werden muss wenn einer der
als loyaler Waffenträger gute Miene zum bösen Spiel zu machen hat das klägliche
Ende eines braven Anfangs zu welchem er selber soviel an ihm war mitgewirkt
hinter der Bühne erleben darf Alles was Politik heißt gehört indessen nicht
zu der Geschichte eines Glücklichen jener Zeit
    Allseitig wird dahingegen es als ein Treffer anerkannt werden dass zu den
akademischen Kommilitonen die mit ihm unter die Fahne gerufen worden waren
auch Peter Kurze als freiwilliger Assistenzarzt seines Bataillons gehörte und
dass dieser treue Kumpan es war welcher den Verwundeten nach einem rückwärts
gelegenen Lazarett geleitete und ihn allda der Pflege eines nicht minder treuen
und geschickten Kumpans überantwortete der nämlich Bruder Friedens des timiden
Amerikaners
    Der arme Pechvogel war das Fieber nicht rechtzeitig los geworden um als
»Bursche« zugleich mit dem lieben Junkerchen an das er sein ganzes gutes Herz
gehängt hatte in das Feld zu rücken Sobald »die Laune« aber einen Tag über den
gewohnten Termin ausgesetzt hatte rückte er seinem lieben Junkerchen nach
    Schon während der Überfahrt stellte der Schütteldämon sich indessen wieder
ein mühsam und langsam schleppte er sich voran und da war es denn wieder
einmal Bruder Dezems Johannisstern der auch dem armen Pechfriede zugute kam
Denn schauernd und klappernd weiß wie eine Wand seines Endes gewärtig hockte
er am Chausseegraben als das Bataillon der Universitätsstadt den Flügelmann
Frei an der Spitze und mit ihm Hilfe in der Not die Straße dahergezogen kam
    Freund Peter Kurze erbarmte sich des armen Teufels mit einer gehörigen Dosis
Chinin steckte ihn auf einem Trainkarren unter und erzielte an dem ersten
Patienten seiner militärischen Praxis einen seiner rühmenswertesten Erfolge auch
auf dem bisher wenig kultivierten Gebiete der Psychologie Natur und
vernunftgemäss würde der vierzigjährige blöde Friede mit seinem dreitägigen
Schüttelfrost zum Sturmlaufen so wenig der rechte Mann gewesen sein wie mit der
obligaten Würgenot zum Heringsfang zum geduldigen Krankenwärter aber war er
»wie gemacht« und da bei dem eiligen Aufbruch nach langjähriger Friedenspause
die Sanitätskolonne just nicht ausgiebig bestellt war erschien Doktor Peter
Kurzen dem die Organisation eines Feldlazaretts wesentlich oblag der blöde
Friede als ein erwünschter Lückenbüsser dem armen Pechfriede aber Doktor Peter
Kurze als endlicher Pfadfinder in Fortunas Zauberreich
    Zur Zeit als sein liebes Junkerchen heil und munter wie jede Kreatur in
ihrem Element überschäumend von Heldenmut allerseits wohlangesehen und
wohlgelitten mit der Zastrowschen Freischar im Vordrang nach Jütland begriffen
war saß demnach sein projektierter alter Bursche ebenso heil und munter wie
eine Kreatur in ihrem Element ebenso heldenmütig in seinem Dienst ebenso
wohlangesehen und wohlgelitten in Doktor Peter Kurzens Lazarett verband neben
manchen anderen Wunden seines »lieben« Bruders zerschossenen Arm legte kühlende
Umschläge auf seine Stirn wachte nachts an seinem Bett und leistete nachdem er
seiner Pflege entrückt war einem weit bedeutenderen Blessierten noch weit
bedeutendere Dienste Nach dem Waffenstillstand hat er dann seinen »lieben«
Herrn  dazumal Obersten  in dessen persönlichen Dienst er getreten war nach
seiner Garnison der der Werbenschen Heimat zunächst gelegenen Festungsstadt
begleitet hat alldort unwissentlich in seines »lieben« Bruders Dezimus erstem
männlichen Stufenjahr eine ziemlich problematische Rolle gespielt und
schließlich durch seines »lieben« Herrn nunmehr Generals Verwendung den
Posten eines Lazarettinspektors in einer schönen Stadt am Rhein erlangt allwo
er heute noch lebt nach langem Missgeschick einer der Glücklichsten deren in
dieser Chronik von glücklichen Leuten Erwähnung geschah und was Doktor Peter
Kurzens wissenschaftliche Errungenschaft bei dem Falle anbelangt der
handgreifliche Beleg dass einem Individuum dem der Sauerstoff der Meerluft
Würgen und der der Strandluft Schütteln erweckt der Stickstoff eines
Krankenhauses die Atmosphäre ist in der es gedeiht
    Nachdem er des Wundfiebers Herr geworden hatte Peter Kurze des Freundes
Missgeschick an Vater Blümel gemeldet und in jenes Namen angefragt ob während
der voraussichtlich lange währenden Frist bis zu erneuter Kriegstüchtigkeit des
Sohnes Assistenz im friedlichen heimischen Pfarrhause gewünscht werde Umgehend
und so diktatorisch wie er noch keine aus Vatermunde vernommen erhielt Dezimus
die Weisung dass solche Assistenz nicht gewünscht werde Der Vater wirke so
rüstig wie jemals in seinem Amt Sobald er sich eines Beistandes bedürftig
fühle verspreche er den Sohn zu rufen Derselbe solle sich gründlich
ausheilen am ratsamsten in der kräftigenden Seeluft der Insel Wenn er nach
seiner Herstellung sich arbeitsfähig fühle ohne bereits wieder waffenfähig zu
sein hoffe der Vater dass er um keinenfalls mit etwas Halbem abzuschließen
die aufgeschobene Ordination nachholen dann aber unverweilt seine frühere
Lehrerstelle wieder einnehmen und aller bindenden Verpflichtungen ledig sich
noch einmal auf sein Lieblingsstudium hin einer Selbstprüfung unterziehen werde
    Dezimus hatte seit Jahren nicht mehr an einen Wechsel des Berufes gedacht
hätte das Geschick an das er sich gebunden fühlte ihm aber auch diese Freiheit
gestattet nicht mit einem Sprunge würde er die Wendung vollzogen haben Ob er
sich auf der Kandidaten oder Pfarrersstufe noch einmal zu den Füßen eines
Kateders niederließ in der Absicht es eines Tages zu besteigen was hätte es
im Grunde verschlagen Nur wertvolle Zeit hätte es ihm erspart Aber Glücklichen
mit seinem Pulsschlag eignet es nun einmal allerwege reinen Tisch zu machen
    Wenn der Vater nun plötzlich die aufgegebene Perspektive wieder eröffnete
wenn er mit solcher Dringlichkeit beflissen war den Sohn von der Heimat
fernzuhalten so hat dieser die bewegende Ursache wohl geahnt und die
liebreiche Schonung tiefgerührt empfunden Max war in die Heimat zurückgekehrt
die öffentlichen Blätter hatten es gemeldet Privatnachrichten Freund Kurzens es
bestätigt dass aber weder des Vaters noch Lydias Briefe es erwähnten dass
Sidonie ihm gar nicht schrieb und Rose die früher so plauderlustige nur
flüchtige Zettel über des Vaters Ergehen das bezeichnete deutlich genug die
peinvolle Stellung welche dem Liebenden oder auch nur dem Bruder erspart werden
sollte
    Ob Max von Hartenstein tatsächlich an einem der revolutionären Ausbrüche
jener Zeit teilgenommen hat ist für Dezimus wenigstens niemals an den Tag
gekommen Zu denen welche man die intellektuellen Urheber derselben nannte hat
er unbestritten gehört und unbestritten würde die Geschichte der Stufenjahre
dieses Glücklichen sehr viel spannender als die seines bescheidenen Nebenbuhlers
zu lesen sein welch ein zwiespältig interessanter modern romantischer Zauber
diesen Helden umwittern In die Jugendgeschichte des Hirtensohnes von Werben
gehört indessen lediglich dass der gleichzeitige Erbe eines alten ritterlichen
Namens und des steinreichen Bauers Johann Mehlborn nachdem er die äußerste
Schattierung republikanischer Freiheit und sozialistischer Gleichheit öffentlich
vertreten hatte  wie in dem demokratischen Klub der Hauptstadt so im
Frankfurter Vorparlament dem er sich zugesellt  sich nicht abhalten ließ als
Kandidat für das allgemeine Parlament aufzutreten wennschon er in seinen
extremen Bestrebungen von der gemässigten Mehrheit jener Vorversammlung
überstimmt worden war
    Er tat es in seiner Heimat wo der Kavalier mit altem Namensklang und
splendider Hand leichteren Erfolg zu haben glaubte als der Volkstribun in der
Hauptstadt nahm zu diesem Zweck seinen Herrensitz von neuem in dem stattlichen
Bielitz und wohl ist es denkbar dass der Frühling den er dort verbrachte dem
für erregende Kontraste so Empfänglichen der genussvollste seines Lebens gewesen
ist Wie aber hätte er in irgendwelcher Stimmung und in dieser spannendsten
zumal des Reizes galanter Huldigung und weiblicher Hingabe entbehren können
Zwei schöne Frauen beide begehrenswert standen ihm gegenüber Die eine liebte
ihn nicht mehr die andere  vielleicht  noch nicht Reiz und Reizung hier und
dort Und wenn die andere ihn vor kurzem wirklich noch nicht geliebt haben
sollte war das ein Grund dass sie jetzt ihn nicht dennoch lieben sollte Jede
Lücke der Heimatsbriefe welche ein ahnender Sinn auszufüllen hatte deutete auf
das Glück zweier Liebenden
    Der Aufenthalt in der reinen Luft und der heuer selbst während der
gewöhnlichen Badesaison ländlichen Stille der Insel hatte Dezimus körperlich
gestärkt der Verkehr mit dem trefflichen Pfarrherrn ihn geistig gefördert und
wie es in dem Schwebezustand einer körperlichen und geistigen Herstellung häufig
eine mechanische Tätigkeit ist welche das Gleichgewicht der Kräfte am
sichersten wiederherstellt so war es die Geduldsprobe des Schreibenlernens mit
der linken Hand welche gegenwärtig den Genesenden von dem schweren Zwiespalt
der Zeit und dem kaum minder schweren seines persönlichen Lebens heilsam
ablenkte
    Ehe er im Spätsommer die Insel verließ um sich zum Zweck der Ordination
nach der Hauptstadt seiner Provinz zu begeben brachte ein Brief Freund Kurzens
ihm sehr verspätet die Kunde dass »der rote Hartenstein« nicht nur in der
Kandidatur für das deutsche Parlament sondern auch späterhin bei einer Nachwahl
für die preußische Nationalversammlung »gründlich durchgeplumpst« sei Zwei
Kapazitäten der Gelehrtenrepublik waren aus der Urne hervorgegangen »Rote und
Schwarzweisse« so schloss der Getreue »schreien unisono Zeter über den
unverbesserlichen deutschen Gusto für den zünftigen Zopf Die ersteren wollen an
dem heimlichen Spukedinge das sie zur Volksseele aufgeschraubt haben schier
verzweifeln Als ob man nicht Respekt haben müsste vor dem gesunden Augenlicht
einer Nation die bisher nicht einmal der Wahl ihrer Nachtwächter gewürdigt
worden ist und nun im Handumdrehen über das Regiment eines  Notabene erst
nolens volens zusammenzukleisternden   gewaltigen Reiches entscheiden soll
wenn sie sich an die einzigen hält die sie in aller Jämmerlichkeit niemals im
Stiche gelassen haben an die Männer der Wissenschaft an uns Auch an dich
alter Dezem wird einmal die Reihe kommen An Doktor Peter Kurzen ist sie
bereits gewesen Hätte der Bruchteil jener edlen Volksseele welcher im
Werbenschen Fleisch geworden ist den Helden des einfarbigen zwei oder
dreifarbigen deutschen Zukunftsstaates zu stellen gehabt  beim ewigen Äskulap
Transfusion ist die Losung auch für Dame Germania  kein anderer als jener
Meister der Bluts staatsmännisch ausgedrückt Stammverschmelzung würde auf
das Schild gehoben worden sein Auf zwanzig Stimmzetteln hat sein stolzer Name
geprangt der des roten Junkers nur auf zehn auf denen obendrein die
Handschrift der kleinen Sidi unverkennbar gewesen sein soll Im übrigen ist er
der rote Junker nämlich wieder einmal über alle Berge«
    Diesem Briefe folgte während des Freundes Inselaufentalt nur noch einer von
Lydia in welchem sie ihm mitteilte dass sie am Erntedankfeste zum ersten Male
und mit freudiger Überzeugung das Abendmahl aus der Hand seines Vaters zu
empfangen gedenke Wäre der Termin für seine Ordination nicht bereits
festgesetzt gewesen würde der Sohn diesen Freudentag des Greises mitgefeiert
haben als einen eigenen Freudentag
    Länger als eine Woche blieb er von nun ab ohne Kunde aus der Heimat Jener
Termin war unerwartet einige Tage früher als er ihn dorthin gemeldet hatte
anberaumt worden spätere Briefe mochten ihn daher noch auf der Insel gesucht
und nicht mehr vorgefunden haben
    Er hatte seit Monaten nur Lokalblätter zu Gesicht bekommen nun erst im
Zentrum der Provinz erfuhr er wie kindisch aufgeregt es auch in diesem
gemütlichsten aller Landesteile ja im unmittelbaren Umkreis von Werben
zugegangen war Hatte man es gottlob bis zum Blutvergießen auch nirgendwo
kommen lassen wie viele betörte Exzedenten büssten den Frevel einen Adler
abgerissen ein Steueramt geplündert die einberufene Landwehr aufgewiegelt zu
haben mit langjähriger Festungshaft oder im glücklichsten Fall mit der Flucht
über das Meer Und bei der Mehrzahl dieser Ausschreitungen wurde der rote
Hartenstein als heimlicher Anstifter genannt Dezimus sah in seinem einstigen
Idol jetzt einen Feind dennoch sträubte seine ganze Seele sich dagegen ihn
verantwortlich zu machen für den Jammer und das Elend das in unzählige Familien
getragen worden war Von der Mutter eines seinen Eltern bekannten und werten
Arztes eines bis dahin unbescholtenen gebildeten wohlsituierten Mannes der
einen seinem letzten Zwecke nach durchaus unverständlichen Bauernaufstand
angefacht hatte wurde erzählt dass sie sich vor Kummer die alten Augen blind
geweint habe Und alles das was wenigstens den Vater bis auf den Herzgrund
erschüttert haben musste hatte man dem Sohne verschwiegen Aus Schonung  oder
warum sonst
    Die bänglichste Ahnung übermannte ihn Abgesehen von seiner Verwundung würde
er schon durch den geschlossenen Waffenstillstand seiner militärischen
Verpflichtung enthoben worden sein Des Vaters Widerspruch durfte ihn nicht
länger bannen In der Nacht die seiner Ordination folgte brach er nach der
Heimat auf Ach mit welch anderen Empfindungen war er nach seiner vorjährigen
Prüfung in das liebe Haus zurückgekehrt Wie öde war es darin für ihn geworden
Nichts ihm geblieben als noch für etliche Wochen oder Monde die Vatertreue eines
Greises und nichts für alles Verlorene ihm gegeben als  freilich das Höchste 
der Blick in Lydias hohe reine Freundesseele
    Früh am Morgen erreichte er die Werbensche Flur Die Ernte war eingebracht
das Leben auf den Feldern hatte aufgehört Sobald er jedoch die Friedhofspforte
erreichte umfing ihn dichtes Drängen und Treiben Er brauchte nicht zu fragen
was es bedeute Neben dem Hügel der Mutter die er geliebt hatte war eine Grube
ausgehöhlt Er erreichte das Haus nur noch zu rechter Zeit um die treueste
Segenshand zum letzten Male zu küssen den Deckel auf den Sarg seines Vaters zu
heben und dann den Friedensspruch über sein Grab zu sprechen
Erst durch die Kanzelrede des Pfarrers von Bielitz erfuhr er den
wunderherrlichen Ausgang dieses teueren Lebens Niemand hatte ihn seitdem der
Greis die winterliche Abspannung so glücklich überwunden in dieser Kürze
vorausgesehen Rüstig wartete er seines Amtes hielt mit der unerschöpflichen
Fülle seiner Liebe den schwersten Gemütsprüfungen stand Am Sonnabend morgen
befiel ihn plötzlich eine Ohnmacht er erholte sich von dieser doch mag er das
nahende Ende vorgefühlt haben denn er begann einen Brief mit den Worten »Komm
mein Sohn den Vater zu vertreten  « Nach diesem Satze entglitt die Feder
seiner Hand man drang in ihn sich zu schonen allein er bestand darauf wie
alljährlich am Erntedankfeste das Versöhnungsmahl zuerst sich selbst aus des
geistlichen Freundes Hand reichen zu lassen dann es seiner Gemeinde
auszuteilen Und ohne Zeichen von Schwäche schritt er am Morgen zum Gotteshause
nahm erst selbst die weihende Speisung und darauf in seine Hand den Kelch um
ihn der väterlich geliebten Freundin zu reichen welche an der Seite seiner
Tochter sich zum ersten Male in seiner Gemeinde dem Tische des Herrn nahte
Noch sprach er die Spendeformel mit sicherer Stimme dann sank er zu Füßen des
Altars nieder  entseelt
    So in Herrlichkeit mögest auch du einmal heimgehen du Glücklicher wenn
deine Stunde gekommen ist
    Dezimus hatte bis jetzt Rosen nur flüchtig aus der Ferne gesehen während
der Grablegung unter der Gartenpforte dann während des kirchlichen Aktes im
vergitterten Pfarrstuhl beide Male an Lydias Seite Nun erst nachdem alles
vollbracht fiel es ihm auf keines der anderen Geschwister gegenwärtig zu
finden mit Ausnahme von Erikas Gatten der aber auch unmittelbar von der Kirche
zum Bahnhof eilte da seine Frau im Kindbett lag und er nicht über Nacht vom
Hause fern sein mochte Rose hatte in der Überwältigung des Schlages die Anzeige
zu machen vergessen und als Lydia sie nachträglich erliess war es für die
entfernter Lebenden zu spät geworden der Trauerfeier beizuwohnen
    »Die Kleine ist in einem unzurechnungsfähigen Zustande« meinte Schwager
Bauinspektor »wohl begreiflich bei der Last die sie sich auf das Herz geladen
Du tust mir leid armer Bruder Brauchst du Beistand rechne auf uns« Damit
ging er
    Dezimus entfloh den lästigen Beileidsbezeigungen die ihn umschwirrten Er
suchte Rosen Im geistlichen Gemach wo vor wenig Stunden der Sarg gestanden
hatte kniete sie vor des Vaters Stuhl das Gesicht in ihre Hände begraben Auf
dem Schreibtisch unter dem Kruzifix lag lorbeerumkränzt das Eiserne Kreuz das
Martin von Hartenstein dem Sarge des Veteranen vorangetragen hatte daneben das
Blatt mit den letzten Zügen einer zitternden Hand
    »Komm mein Sohn den Vater zu vertreten«
    Lange stand Dezimus unbemerkt an Rosens Seite und als sie darauf seine Nähe
spürte starrten ihre Augen in unheimlicher Irre als ob sie ihn nicht
erkennten Er zog sie in die Höhe schauernd und zitternd lag sie an seinem
Herzen bis endlich ein Tränenstrom den Krampf der Seele löste »Er hat mir
nicht mehr den Kelch der Versöhnung gereicht aber lieb hat er mich gehabt bis
zum letzten« schluchzte sie »wird er mich auch liebhaben dort dort wo er nun
 alles weiß«
    »Ewig« sagte Dezimus und dann führte er sie hinauf in das einstige
Familienzimmer unter die verdorrten Blumenstöcke und die lange abgewelkten
Kränze ihrer Freudenzeit und Hand in Hand feierten sie das Trauerfest ihrer
Verwaisung Sie sprachen nur von ihm oder schwiegen in der Erinnerung an ihn
Keine Frage über ihr gegenwärtiges Verhältnis oder das zu einem anderen wurde
laut In Dezimus Herzen aber hallte das letzte Vaterwort wider und dieses Wort
bedeutete »Bleib und hilf meinem liebsten Kind«
    Und dass er bleiben werde wurde als selbstverständlich auch in beiden
Gemeinden angenommen Am Morgen hatten sie ihren alten Pastor hinausgetragen am
Nachmittag kamen sie ihren neuen Pastor willkommen zu heißen die Kantoren die
Schulzen der Pächter die großen Hofbesitzer alle voll Preis des
Abgeschiedenen aber auch voll guten Zutrauens in den welcher ihn ersetzen
sollte alle jedoch nebenbei mit einem Etwas auf dem Herzen das sich
befremdlich in Mienen Achselzucken und halben Redensarten kundtat und immer
noch eher zu der Kondolation als zu der Gratulation zu stimmen schien Seltsam
während der Trauerfeier war es Dezimus kaum aufgefallen und jetzt fiel es ihm
plötzlich ein das Augenverdrehen und Kopfnicken und Schütteln und die Blicke
die nach dem vergitterten Pfarrstuhl geworfen wurden beim Erwähnen der schweren
innerlichen Anfechtungen in des Greises letzten Lebenstagen Waren die
Zeitzustände gemeint des Sohnes Verwundung  oder  was sonst
    Etwas deutlicher drückte sich der alte Tränhard aus der bereits zu Vater
Klausens Zeiten die Schulzenwürde bekleidet hatte »Sie dauern mich Herr
Pastor grausam dauern Sie mich« sagte er seufzend nachdem er eben erst
schmunzelnd des Herrn Pastors grausames Glück hervorgehoben hatte in so jungen
Jahren und obendrein in seinem eignen Orte in eine so schöne Stelle gerückt zu
sein »Und dass der ehrwürdige Herr Pflegevater in seinen alten Tagen das noch
erleben musste«
    »Was erleben« hätte Dezimus fragen mögen aber die Kehle war ihm
zugeschnürt
    Der Emeritus Beifuss als Respektsperson aus Bakelzeiten und als wandelnde
Glocke der Gemeinde glaubte noch weniger ein Blatt vor den Mund nehmen zu
müssen »Danken Sie Ihrem Schöpfer Herr Pastor dass Sie noch so mit einem
blauen Auge davongekommen sind« meinte er »Die Menschheit wird alle Tage
schlechter aber hören Sie sehen Sie ich habe dem Pudelkopf sein Lebtage
nicht getraut Schon da sie im kurzen Kittelchen und gestickten Höschen Tag für
Tag ein frisches Bukett im Schürzenbunde wie eine Bachstelze in meine Schulstube
gewippt kam da habe ich zu meiner Frau gesagt Julchen habe ich gesagt die
wird ihrem Manne einmal was zu raten aufgeben Na bis zum Manne ist es  Gott
sei Dank  nicht gekommen Aber hören Sie sehen Sie Herr Pastor wenn zweie
miteinandergehen und es geht nachher wieder auseinander na das kann einer
alle Tage passieren sehen Liebesstand ist nicht Ehestand Wenn der Liebste aber
für seine Liebste sein Blut vergossen hat und es um ein Haar bis zum Aufgebote
gelangt ist und nur die Gesundheit kommt dazwischen und nachher die Fasten und
nachher der Krieg mir nichts dir nichts bloß weil er sich Herr Baron
tituliert sich mit einem so nichtswürdigen Rebellen einzulassen dem der
heilige Ehestand ein Kinderspott ist dem alten ehrwürdigen Papachen ein
Schnippchen zu schlagen mit dem buckligen Fräulein das seinen leiblichen
Großvater um ihn nach Herzenslust bemopsen zu können in alten Tagen zum
Saufaus macht unter einer Decke zu spielen alle Abende  na ich will nichts
weiter verraten aber hören Sie sehen Sie Herr Pastor nehmen Sie mirs nicht
übel aber da steht einem der Verstand stille«
    Die Pein der Gegenrede wurde dem armen Dezimus durch den eintretenden Martin
und den Rückzug des Emeritus erspart Seit dem Frühling in die unferne
Festungsstadt versetzt von welcher aus er mit blanker Klinge aber gottlob
ohne Blutvergießen die kleinen Unruhen der Umgegend hatte zerstreuen helfen
war der brave Leutnant eilend herbeigekommen dem Veteranen die letzte Ehre zu
erweisen und hatte schon am Grabe geweint wie ein rechter Held der sich seiner
Tränen nicht zu schämen braucht Weinend stürzte er sich auch jetzt dem Freunde
in die Arme
    »Das war ein guter Mann« schluchzte er »Auf Ehre der Tod meines Vaters
ist mir nicht so nahe gegangen wie der seine schon um des lieben Mädchens
deiner Rose willen Aber sie soll gerächt werden als ob sie meine leibliche
Schwester wäre Du darfst es nicht weil du ein Geistlicher bist und dir nimmt
es am Ende auch kein Mensch übel wenn du ihn nicht forderst Du bist ja kein
Offizier nicht einmal bei der Landwehr Aber ich ich Verlass dich auf mich
Wie lange dürstet mich schon nach dieses Halunken Blut Du denkst gewiss wegen
Lydias Aber nein Dezimus nein Lydias wegen tut er mir eher leid Es ist
gewiss nicht leicht mit ihr auszukommen sie will zu hoch mit allen Menschen
hinaus und am Ende ist sie es doch gewesen die ihm den Laufpass gegeben hat
Ich habe in der Geschichte niemals ganz klar gesehen Aber unseren alten Namen
so schmählich in den Kot zu treten Der rote Hartenstein wird er in den nobelen
Zeitungen geschimpft und die Lumpenblättchen heben den roten Hartenstein in den
Himmel«
    »Wo ist Max« unterbrach ihn Dezimus dem wahrlich die Geduld zuzuhören in
dieser Stunde herzlich schwer ankam
    »Ja wenn ichs wüsste Freund Seitdem der Kavaignac mit dem Pariser Plebs
reinen Tisch gemacht hat scheint es ihm in Bielitz nicht mehr recht geheuer
vorgekommen zu sein Wo es aber einberufene Landwehren aufzuhetzen ein Zeughaus
zu plündern gibt und dergleichen da wird der rote Hartenstein gewiss nicht weit
um die Ecke stehen Es heißt sie fahnden auf ihn Und wenn sie ihn fassten Es
wäre schauderhaft Ein Hartenstein im Zuchthaus Wolle haspelnd wegen
Hochverrats Eher schieße ich ihn nieder Einmal dachte ich schon ganz gewiss
ich hätte ihn am Kragen Es war bei dem sogenannten Doktorputsch du wirst wohl
von ihm gehört haben So ein Pflasterkasten Was meinst du Dezimus wenn am
Ende Peter Kurze auch noch anfinge die Republik auszurufen Aber dieses
Hartensteinsche Genie muss Doktor Faustens Zaubermantel in Pacht genommen haben
der Blondkopf den ich statt seiner erwischte war ein armer Hungerleider von
Schneider«
    »Deine Voraussetzung ist eben eine irrige gewesen Freund« entgegnete
Dezimus »Ein so gescheiter Mensch wie dein Vetter lässt sich nicht auf derlei
kindische Versuche ein«
    »Nicht etwa nicht« eiferte der Leutnant »Denke doch nur an den Napoleon
in Strassburg und dann noch einmal mit dem Adler in Boulogne War der etwa auf
den Kopf gefallen Sie sagen ja er setzt es am Ende doch noch durch Und
bedenke doch nur Maxens Wut Von der Offiziersliste gestrichen zu werden Ein
Hartenstein Und warum Um ein paar lumpiger Verse willen die kein Mensch
gelesen hätte wenn man nicht solches Wesen darum gemacht Da kann einer
freilich zum Mordbrenner werden Ich selber wenn ich an die Schande denke die
dadurch auf die Familie geworfen worden ist da wendet sich mir das Eingeweide
um Ich habe seitdem auch von keinem Menschen wieder ein Gedicht gelesen und
ich danke meinem Schöpfer dass ich kein Dichter bin Weil Max aber einmal einer
ist hat er mir aus dem Grunde am Ende immer leid getan Und zweitens Dezimus
dass er sich in Röschen verliebt hat das kann ich ihm auf Ehre auch nicht so
übelnehmen Sie ist dir gar zu reizend Freilich war sie deine Braut Aber
siehst du dein Freund wie ich war Max am Ende nicht und solche Geschichten
sind schon unter leiblichen Brüdern passiert Und wenn er ihr sei nicht böse
lieber Junge wenn er ihr ich meine nur so ein bisschen besser gefallen hat als
du das solltest du dem armen Dingelchen auch nicht so sehr zur Last legen
Freund Ich finde dich schöner schon weil du einen halben Kopf größer bist als
Max aber  de gustibus non est disputandum so sagen ja wohl wir Lateiner«
    Dezimus machte einen schwachen Versuch zu lächeln der unwiderlegliche
Wortführer schöpfte Atem und geriet darauf allmählich in die blutdürstige
Stimmung von der er ausgegangen war zurück »Aber siehst du Dezimus« fuhr er
fort »ein schlechter Kerl ist der Max doch Warum heiratet er Röschen nicht
Und wenn er zehnmal den Namen Hartenstein trägt seine Mutter war eine Mehlborn
und wer mit blutroten Demokraten auf Duzbrüderschaft steht der kann sichs doch
wahrhaftig nur zur Ehre anrechnen wenn eine Pastorstochter ihn nimmt Und denke
ich daran da werde ich fuchswild Aber ich finde ihn schon noch und wo ich ihn
finde  na verlass dich auf mich Es ist wahrhaftig auch an der Zeit dass einer
von uns etwas für dich tut Was sind wir dir nicht alles schuldig geworden Erst
beim Magister wie ich noch ein recht dummer Junge war und du mir so geduldig
nachgeholfen hast und dann wegen Philipps den du so klug und nobel aus der
Patsche gezogen hast Denke doch nur im Militärwochenblatte hat er mit Ruhm
erwähnt gestanden Der Erste ist er oben auf der Schanze gewesen zum Leutnant
haben sie ihn schon gemacht Und unsereiner muss während der Zeit in dem
verdammten Festungsneste auf Wache ziehen und allerhöchstens einen verrückten
Pflasterkasten mit seinem Raubgesindel ohne einen Schuss Pulver zu tun zu
Paaren treiben Zum Haarausraufen sag ich dir ist es zum Kopfeinrennen
Könnte man am Ende aber nicht an aller Naturphilosophie zum Narren werden wenn
man erlebt dass das größte Genie in einer Familie ihren guten Namen dermaßen an
den Pranger stellt und der verlorene Sohn der Familie bringt ihn wieder zu
Ehren wie ein Held«
    Nach dieser Bemerkung drückte er dem Freunde zum Abschied die Hand da das
verdammte Festungsnest nicht über Nacht einem republikanischen Handstreich
ausgesetzt werden durfte ohne dass ein Hartenstein zur Stelle gewesen wäre um
ihn abzuschlagen
    In Dezimus Freis Hirn sah es so wüst aus wie in seinem Herzen dunkel Er
hätte heute kein Wort mehr hören keinen Menschen mehr sehen können Rosen am
wenigsten Und wie dankte er Lydia ihr schonendes Zurückhalten Ihm war als
müsse er vor der Reinen selbst in Gedanken sein Angesicht verbergen
    Und dann kam die Nacht und wie der Strahl eines Springquells der so hoch
steigt wie er tief gefallen ist und wiederum so tief fällt als er hoch
gestiegen so rastlos trieben Gram und Grimm in seiner Seele auf und ab
    Früh am Morgen ging er hinunter zu Sidonien Bei seinem unerwarteten
Eintritt flog eine Blutwelle über ihre abgezehrten Wangen Sie reichten sich
nicht wie sonst die Hand sondern standen sich eine Weile schweigend wie Feinde
die sich messen Aug in Auge gegenüber
    »Wo ist Ihr Bruder« fragte Dezimus endlich
    »Da wo Helden wie Sie und Ihr Freund Martin ihn nicht finden werden falls
sie Lust haben sollten sich von ihm das Lebenslicht ausblasen zu lassen«
antwortete sie mit einem Ausdruck hämischen Zorns der ihre klaren Züge widrig
verzerrte
    In der nächsten Minute hatten sie indessen schon den gewohnten Ausdruck
wiedergewonnen Die Lippen lachten aber die Augen blickten ernst unter einem
Trauerflor »Verzeihen Sie mir« sagte sie ruhig »Sie können sich nicht denken
wie es mich seit Monaten aufbringt in jedes Tropfes und in jedes Heuchlers
Mienen die Frage zu lesen Wo ist Ihr Bruder der rote Hartenstein Ich weiß
Sie spielen keine Rolle ich wüsste aber auch wahrlich keine welche zu spielen
Sie ein Recht hätten«
    »Ich habe das Recht im Namen eines Vaters der seine Tochter unter meinem
Schutze zurückgelassen hat zu fragen ob es lediglich ein Spiel war welches
mit dem Frieden eines Herzens und der Ehre eines Hauses getrieben worden ist
oder ob  «
    »Ist es Ihre Schutzbefohlene die diese Frage Ihnen auf die Lippen gelegt
hat« unterbrach ihn Sidonie mit dem vorigen höhnischen Klang
    »Würde ich die Frage an Sie richten wenn ich sie ihr nicht hätte ersparen
wollen«
    »Vortrefflich Hätten Sie ihr die Frage indessen nicht erspart würden Sie
wissen dass sie das Spiel lediglich mit sich selbst getrieben hat«
    »Will das sagen dass sie Ihren Bruder nicht geliebt«
    »Geliebt Natürlich hat sie ihn geliebt«
    »Und er sie«
    »Natürlich auch das«
    »Und mit dem Vorsatz der Treue«
    Sidonie lachte »Das ist mehr Verehrtester als ich anzugeben oder auch nur
anzunehmen imstande bin Entscheiden Sie daher nach eigenem Ermessen Ist die
Zeit in die wir geraten sind eine in welcher ein Max an Hüttenbauen denken
könnte«
    »Also ein Spiel Hat mein Vater es geahnt«
    »Er muss doch wohl weil er dem Amoroso schlechtin sein Haus verboten hat
Allerdings wäre es weiser gewesen das nicht zu tun da er es aber einmal getan
hätte sein sonst so kluges Töchterchen klüger gehandelt wenn es nicht heimlich
 «
    Dezimus ließ sie den Satz nicht vollenden »So habe ich nichts weiter zu
hören« sagte er und wendete sich zum Gehen
    Sidonie aber schritt ihm nach legte ihre Hand auf seine Schulter und
sprach »Bleiben Sie Dezimus Ich habe Ihre Freundschaft verloren vielleicht
verscherzt Indessen eine Viertelstunde könnten Sie für den Kameraden der Ihnen
einmal etwelche Rittergüter in den Schoss werfen wollte doch füglich übrig
haben wenn nicht zu seiner Rechtfertigung so doch Ihnen selbst vielleicht zu
Rat und Hilfe Setzen Sie sich Dezimus Sie sehen übernächtig aus So Glauben
Sie mir ich erkenne die ganze Misslichkeit Ihrer Lage Lassen Sie uns bedenken
wie sie zu erleichtern wäre Ihnen die abgeschmackte und abgestandene Partie
eines FreundGemahls im Hintergrunde des ungetreuen Liebhabers zuzumuten oder
zuzutrauen fällt mir nicht ein Aber zu Ihrer Schutzbefohlenen in ein
geschwisterliches Verhältnis wie Sie es zwanzig Jahre lang gewohnt gewesen
sind zurückzutreten das brächten Sie fertig und es würde Ihren fernerweitigen
gemütlichen Bedürfnissen auf die Dauer auch kaum hinderlich sein da über kurz
oder lang ich meine aber über kurz sich zuverlässig einer finden würde der
das just nicht bequeme Hüteramt aus Ihren Händen nähme Und wer weiß ob dieser
eine nicht schließlich dennoch der wäre dem Sie es heute  nun dreist heraus 
voreilig aufnötigen möchten«
    »Bei Gott im Himmel nicht« rief Dezimus aufspringend »Sein Opfer ihm
entwinden will ich und werde ich ihn wissen lassen dass wenn die bukolische
Laune ihn gelegentlich wieder anfliegen sollte heute ein anderer sein Hausrecht
wahrt als der vertrauende edle Greis dem es so schnöde mit Füßen getreten
worden ist«
    »Ich glaube Ihnen« sagte Sidonie mit einem warmen Blick
    »So ist es in Ihrer Natur so verstehe ich Sie Und nun geben Sie mir einmal
die Hand und zwingen sich auch den zu verstehen dem Sie feind geworden sind
Ich meine sein Ideal Denn auch er hegt ein Ideal und zwar eines das dem
Ihrigen durchaus nicht schnurstracks entgegenläuft Nur dass Sie ein Ganzer im
kleinen sind und er ist ein Halber im großen Er hat einmal gesagt in jedem
Menschen stecke ein Faustschicksal Das sage ich nicht In Menschen Ihres
Schlags steckt es keineswegs Aber in dem meines Bruders da steckt es Die Idee
fließt aus Gott zur Verwirklichung bietet Satanas die Hand Meines Max Ideal
ist Freiheit für sich selbst und für alle anderen Gleichheit Er fühlt den
Widerspruch nicht einmal Ohne Zweifel würde es ihm wie eine höchst sträfliche
Beschränkung seines Freiheitsrechtes vorkommen wenn die Tagelöhner von Bielitz
und Werben deren menschenunwürdiges Dasein ihn empört eines Tages in seinen
menschenwürdigen Salon rückten und sagten Herr Bruder nimm du einmal zur
Ausgleichung unter unseren Schindeldächern fürlieb und wir wollen uns zwischen
deinen Götterbildern gütlich tun Oder Das Versemachen und Redenhalten wollen
wir uns bis auf weiteres selbst besorgen greife du einmal freundlichst zu Hacke
und Kelle und hilf uns aus den Steinen dieses Schlosses das wir niederzureissen
beabsichtigen die Häuserchen bauen von welchen zum Dank für deine guten
Lehren dir eines nicht besser und nicht schlechter als die anderen überlassen
werden soll Derlei praktische Konsequenzen zieht aber ein Schwärmer nicht
oder wenn Sie so wollen er macht mit der Praxis den Anfang nach seiner Manier
indem er sein Geld zum Fenster hinauswirft Immer noch besser als wenn es in
Papa Mehlborns Eisentruhe verrostete Lassen wir also sein sacré feu auslodern
Weisheit oder Torheit jeder Mensch bedarf eines Glaubens um dessentwillen ihm
das Leben lebenswert und das Sterben sterbenswert erscheint Die Zeit ist nicht
fern wo er nicht mehr an seine Artikel glauben und einsehen wird dass jedes
Philosophem welches so flach ist dass die große Menge es zu fassen vermag dem
Funken gleicht den eine Katze aus der Herdasche auf den Heuboden trägt und dass
  Aber Sie werden ungeduldig Zur Sache denn Held Martin der mit seinem
gezückten Pistol bis in meinen stillen Winkel gedrungen ist ist ein Narr wenn
er Max zutraut an den albernen Aufwieglungen dieser Gegend teilgenommen zu
haben Er betreibt das Geschäft en gros hat aber nichts anderes gesagt und
getan als hundert andere auf welche zu fahnden zurzeit noch keiner Regierung
eingefallen ist lebt unangefochten in Wien Berlin oder Frankfurt wo der
elektrische Strom sich just am anziehendsten entladet Der Sinn steht ihm so
hoch wie je er glaubt noch hartnäckig an den Aufschwung der Bewegung und ist
blind dafür dass sie mit Riesenschritten niederwärts steigt Wie still wird es
bald geworden sein nach dem wüsten Getös Wie still dann zeitweise auch in ihm
Alle meine Hoffnung beruht darauf dass nach der unnatürlichen Überreizung die
natürlichen Reize in ihm zur Geltung kommen zu oberst das Idyll das er so
jählings abgebrochen hat Sparen Sie ihm Ihre Rose bis zu diesem Wendepunkte
auf Mit ihrem rücksichtslosen Realismus mit ihren wohlbewusst verführerischen
Impulsen ist sie das Naturchen das wie kein zweites für ihn passt Sie haben mir
diese Taxierung schon wiederholentlich übelgenommen Es hilft aber alles nichts
eine Frau die nicht reizen will reizt auch nicht und Rose hat bisher jeden
Mann gereizt und außerdem  liebt sie Max ja täuschen Sie sich nicht sie
liebt ihn heute noch Die Frage ist nur wo und wie Sie Ihren anvertrauten
Schatz bis auf weiteres bergen sollen Wären Sie nicht ihr Bräutigam gewesen
oder wären Sie wenigstens nicht ein Landpastor sagte ich einfach leben Sie zu
zweien weiter wie bisher zu dreien Für den Idealisten wie für die Realistin
steht ja doch ein heimlicher Sozius als Schutzwehr zwischeninne Aber Sie sind
nun einmal leider Gottes dem Namen nach ihr Bräutigam gewesen sind nun
einmal leider Gottes der Hirt einer Bauernherde geworden und wer wirken will
musstraurig aber unerlässlich  sich der Bornierteit anbequemen Keiner sähe
in Rosen wieder wie einstmals Ihre Schwester sie würde unter Achselzucken und
Naserümpfen bestenfalls zu Ihrer Haushälterin herabgezogen werden und Sie
selbst ständen auf einem verlorenen Posten Nun sagte ich am liebsten Schicken
Sie das Kind zu mir Es wäre mir ein Trost für Auge und Herz das kluge holde
Geschöpf um mich zu haben und an einem Nektar welcher die kopfhängende
Seelenblume auffrischt wie die Liebfrauenmilch mein altes Väterchen sollte es
ihr nicht fehlen Ich bin zum Schwestersein geboren und Musik und ein voller
Beutel sind für eine Rose gar sympatetische Medien Aber da ist nun wieder
einmal der liebe Bruderstolz richtiger ausgedrückt die moralische Ranküne Das
Haus der kleinen Sidi ist dem ehrenfesten Hirtensohn zur Höhle geworden in
welcher das Drachengift ausgebrütet worden ist Und da weiß ich denn freilich
keinen besseren Rat als bringen Sie Rosen zu der von ihren Schwestern die
materiell am behaglichsten lebt Lange aushalten wird sie es als Einschiebsel in
dieser häuslichen Beschränkung nicht dafür ist sie zu selbsterrlich gewöhnt
und nicht zum geringsten verwöhnt durch den welchen sie ihren alten Dezem
nannte Aber es handelt sich ja auch nur um ein Interim Der eine oder der
andere wird sie in die Freiheit locken und von dem einen oder dem anderen wird
sie sich locken lassen  wiederum zu einem selbsterrlichen Regiment«
    Dezimus entfloh ohne Gegenwort Sidonie hatte Öl in die Flammen gegossen
die sie beschwichtigen wollte Was sie mit klaren Worten ausgesprochen mit
halben ihn hatte ahnen lassen ihre Voraussetzungen und Voraussagungen das
Ziel nach dem sie deutete den Weg auf den sie ihn wies eines wie das andere
widerstand seinem innerlichsten Sinn Nein die Tochter Hanna und Konstantin
Blümels war nicht die berechnende Buhlerin als welche die Schwester Maxens von
Hartenstein sie sah und mit eigennütziger Vorliebe sehen wollte Mochte die
Leidenschaft sie verirrt haben bis an den Rand eines Abgrundes verirrt sie war
fähig und wert durch die ernste Treue eines Mannes erhoben zu werden gerettet
vor sich selbst vor den Umstrickungen eines Schwelgers und dem Geifer der Welt
Der aber welcher seitdem er von seinem Leben wusste ihr als seinem nächsten
Menschen angehangen hatte war gewillt in einem anderen Sinne als vor einem
Jahr sein Herzblut mit ihr zu teilen
    Im Wirbelkampf auf und ab wogender Gedanken ging er mit heftigen Schritten
den Talweg auf und ab Oftmals hob er halb in Sehnsucht halb in Schmerz den
Blick zu Lydias Fenstern empor er hätte ihr sagen mögen »Entscheide du« Aber
nein Nur er allein hatte aus innerstem Gemüt in diesem Widerstreit zu
entscheiden und bevor er den Spruch über seine Zukunft ihr zur Billigung
vortrug hatte er ein Wort aus einem anderen Munde als dem ihren zu vernehmen
Ihn graute vor diesem Wort sein Fuß starrte sooft er ihn hob um in das Haus
zurückzukehren das jetzt das seine hieß
    Endlich entschlossen war er bereits die ersten Weinbergsstufen
hinangestiegen als ihm mit raschen Sätzen von oben herab einer den er am
wenigsten erwartet hatte sein Freund Kurze entgegenkam Dem Armen musste die
Kehle wohl jämmerlich trocken geworden sein denn er biss erst in eine Traube
die er sich im Vorüberrennen vom Stocke riss ehe er die Hülsen vor sich
hinblasend dem Bergansteigenden zurief dass er ihn aus den Pfarrfenstern habe
kommen sehen und weil er nur noch zehn Minuten verziehen dürfe ihm
entgegengesprungen sei Er habe ihm eine Welt von Mitteilungen zu machen
Dezimus solle ihn daher auf dem Dorfwege bis zur Schenke wo sein Pferd
untergestellt sei begleiten
    Nach einem kraftvollen Beileid und Glückwunsch zum Amtsantritt
vereinigenden Händedruck erzählte er dann dass sein Bataillon auf dem
Rückmarsch vom Kriegsschauplatz gestern in der Nachbarstadt einquartiert worden
sei um heute zur Verstärkung der Festungsgarnison weiterzurücken
    »Mit den Donnerwettern über unsere Retirade« meinte er »wollen wir den
Zeitungshelden nicht ins Handwerk pfuschen Die Ohren gellen mir davon und die
Zeit ist edel das Schlimmste vom Schlimmen aber dass wir wohl in den
Friedensstand zurückgekehrt aber nicht demobil gemacht worden sind Wenn nur
wenigstens nicht die Feldzulage aufhört Na wer weiß ob in der Festung nicht 
en passant  ein Koup zu machen ist In unserem Gelehrtennest ist der
Gesundheitszustand zurzeit von kläglicher Erfreulichkeit Man munkelte davon
dass in der Festung etwelche angenehme Cholerafälle eingeschleppt worden seien
Ist dir etwas davon zu Ohren gekommen Alterchen«
    Dezimus verneinte und Peter Kurze seufzte »Schadel« fuhr aber darauf mit
natur und vernunftgemässer Munterkeit in seiner Welt von Mitteilungen fort
    Gleich nach dem Einmarsch sich zu einem Pfarrbesuch aufmachend hatte er
zuerst vom Schenkwirt bei dem er abgestiegen dann ergänzend von Freund Martin
dem er auf dem Wege nach der Pfarre begegnete den Tod des prächtigen alten
Herrn samt »allem was drum und dran hing« haarklein erfahren und sich darum
gern von Martin bereden lassen die Nacht statt in dem Hause der Trübsal auf
der erprobten Sprungfedermatratze des Schlosses zuzubringen heute morgen hatte
er nun aber bereits länger als eine Stunde in Gesellschaft des armen Röschens
auf den sein Filial inspizierenden neubackenen Herrn Pfarrer gewartet
    »Das herzige Dingelchen deine Rose« rief er aus »Und wie ihr die Trauer
steht Nicht einmal das Weinen entstellt sie Mag einer in der Welt herumkommen
so weit er will solch ein Schätzchen findet er nicht wieder Und siehst du
alter Freund wie ich so den verweinten schwarzen Blitzäugelchen
gegenübergesessen habe und den abgehärmten Grübchenbäckchen die vorig Jahr noch
weißer aussahen wie heute und durch Peter Kurzens Kunst doch wieder zu
Rosenknöspchen aufgeblüht sind da ist es mir wie eine Rakete durch das Hirn
geschossen oder meinetwegen durch das urkräftige Pumpwerk Herz genannt
Transfusion probatum est Peter Kurze wird zum zweitenmal ihr Doktor werden
will sagen unter heurigen hygienischen Umständen  ihr Gemahl  Na so reiße
doch deine Augen nicht wie Scheuntore auf als spräche ich chaldäisch Pastor
von einem Tag Du nimmst sie doch nicht denn warum du hast sie schon einmal
gehabt und es steht geschrieben du sollst auf ein neues Kleid nicht einen
alten Lappen setzen oder meinetwegen auch umgekehrt keinen neuen Lappen auf
ein altes Kleid Und sie passt zu einer Pfarrersfrau auf dem Lande auch ganz und
gar nicht dahingegen für einen Doktor mit tüchtiger Praxis in einer munteren
Stadt ist sie wie gemaust Und ich brauche so bald als möglich eine Frau denn
da der Feldchirurgie so schnöde der Garaus gemacht worden ist gehe ich damit
um meine Kunst vorzugsweise dem schönen Geschlechte zuzuwenden Ein rentables
Geschäft und ein angenehmes aber einem Junggesellen fehlt der Kredit heiraten
tue ich sowieso warum also nicht die die mir von jeher am besten gefallen hat
und heute noch am besten gefällt Weil sie eine Liebschaft gehabt hat Na habe
ich etwa keine Liebschaften gehabt Ich sage dir so eine Heilige der das Herz
nicht einmal mit dem Kopfe davongelaufen ist so eine Vernunftsbille kann mir
gestohlen werden Weil ein dicknäsiger Junker sie im Stiche gelassen Nun just
darum ist es an Peter Kurzen zu zeigen wo heute die wahre Humanität zu suchen
ist Einen Strich durch den Handel gemacht und fortan reinen Tisch gehalten
Romane müssen sein Weit besser gelebt als gelesen Das kurze lustige Endchen
grüner Jugend um Gottes willen nicht vor der Zeit auslaufen lassen in eine
altersgraue Chaussee Im biederen deutschen Vaterlande aber spielt das
Schlusskapitel am Altar Oder etwa weil Hinz und Kunz und Marte und Mieke die
Köpfe zusammenstecken und sich Schelmenworte in die Ohren flüstern Was fragt
Peter Kurze nach Hinz und Kunz und Marten und Mieken außer wenn sie auf der
Nase liegen und er sie wieder auf den Strumpf bringen muss Freilich sie ist arm
wie eine Kirchmaus und das ist allerdings ein Grund und ein sehr stichhaltiger
Grund Aber bin ich nicht im Handumdrehen und  just durch diese meine erste Kur
zum Doktor Eisenbart geworden Verstehe ich etwa keine Liquidation zu schreiben
Habe ich mir nicht bereits ein rundes Sümmchen zurückgelegt Siehst du
Alterchen ich habs mit diesem und jenem Goldfisch probiert zuletzt sogar mit
der kleinen schiefen Kröte deinem guten Kameraden Aber weiß der Six keiner
biss an Na ich habe mich an den Körben nicht lahm getragen und heute danke ich
meinem Herrgott dass er sie mir aufgebürdet ich mag keine Reiche als deren
untertäniger Diener ich ersterben müsste Mich verlangt nach einem drallen
blitzäugigen Weibchen das zu mir sagt Peter Kurze ich habe ein bisschen an
Schwindel und Herzweh laboriert aber du hast mich wieder gesund gemacht Peter
Kurze ich danke dir«
    Dezimus lächelte so wenig lächerlich ihm zumute war »Und glaubst du im
Ernst guter Junge« fragte er »dass Rose Blümel dieses Habdank dir sagen kann
und wird«
    »In Dreiteufels Namen ich meine in Gott Hymens Namen warum sollte sie
nicht« versetzte Kurze laut lachend zwar aber mit dem Selbstbewusstsein das
dem Meister gestattet ist »An der Partie wie ich dir eben weitläufig
demonstriert ist doch vernunftgemäss nichts auszusetzen und an der Person na
was könnte sie an der wohl auszusetzen haben Sieh mich doch an altes Haus
Steht mir die Uniform nicht wie dem schmucksten Leutnant von der Garde Und wenn
ich erst hoch zu Rosse unter ihrem Fenster Parade machen werde  Zu Pferd zu
Pferd da ist der Mann erst was wert Nur ein bisschen Geduld mit der Zeit
pflückt man Rosen Heute freilich heute  na geradezu abgewiesen hat sie mich
auch heute nicht«
    »Wie  was  du hättest heute  einen Tag nachdem ihr Vater  «
    »Just darum heute schon Was der Tod niedergeworfen hat muss rasch durch das
Leben wieder aufgerichtet werden«
    »Und  und  was hat sie dir geantwortet«
    »Sprich mit meinem Bruder dem ich fortan Gehorsam schuldig bin Peter« hat
sie gelispelt und die Augen dabei niedergeschlagen und ich na ich hätte um
ein Haar laut auf ihr ins Gesicht gelacht Gehorchen ihrem alten Dezem den sie
seit zwanzig Jahren wie ein Kind seinen Hampelmann am Fädchen regiert Da sie
ihn indessen einmal abwechslungshalber zu ihrem Vormund erhoben hat halte ich
hiermit bei dieser Respektsperson kurz und bündig um ihrer Mündel zierliches
Händchen an und hoffe sie sagt ebenso kurz und bündig  «
    »Nein« antwortete Dezimus kurz und bündig
    Peter Kurze prallte drei Schritte zurück »Wie  was  nein« schrie er
auf verblüfft wie er es vielleicht zum erstenmal im Leben war »Nein Nein
Höre Dezimus nimm mirs nicht übel aber beim Äskulap du bist nicht bei
Trost Meine ich doch Wunder aus welcher Patsche ich dich ziehe An wen hab ich
denn bei der Geschichte gedacht Na natur und vernunftgemäss in erster Hand
freilich an mich selbst und in zweiter ebenso natur und vernunftgemäss an das
herzige Röschen aber zu dritt als guter Freund doch an dich Mein ich doch
dass du mir vor lauter Dankbarkeit an den Hals springen wirst Und nun rundweg
nein Oder  solltest du etwa selber  Na freilich in dem Falle trete ich
zurück Das muss ich jedoch sagen Freund Peter Kurze ist kein Zimperling aber
eine derartige Retourkutsche wäre mehr als Peter Kurze fertigbrächte«
    »Den Grund werde ich dir ein andermal sagen wenn er dir bis dahin nicht von
selbst klar geworden sein sollte« versetzte Dezimus »Sieh da hält der Wirt
schon dein Pferd bereit Es ist hohe Zeit Gehab dich wohl«
    Damit schlug er stracks den Pfarrweg ein
    Freund Kurze schaute ihm kopfschüttelnd nach Dieser gelassene
mustervernünftige Kumpan Ob er ihm nicht hätte eine Eisblase auf den
Gehirnkasten verordnen sollen Erst nach dem jener hinter der Friedhofspforte
verschwunden war schwang er noch immer kopfschüttelnd sich hoch zu Ross um 
ohne Fensterparade  seiner Truppe nachzusprengen
    Dezimus fand Rosen wie gestern im geistlichen Gemach dem rechten Ort für
das was er auszusprechen hatte Sie saß in des Vaters Stuhl den Blick auf das
lorbeerumkränzte Kreuz gerichtet das sie wieder unter dem Rahmen befestigt
hatte »Wenn ich ein Bild von ihm hätte aus der Zeit da wir Kinder waren
Dezimus« sagte sie mit dem weichsten Klang in dem er sie jemals hatte reden
hören »Nun sehe ich über dem Gekreuzigten immer nur sein liebes Haupt so wie
ich es im Sarge gesehen habe und Tag und Nacht höre ich eine Stimme klagen
Mein Kind mein Kind warum hast du mir das getan«
    Dezimus setzte sich an ihre Seite und ergriff ihre Hand »Rose« fragte er
nach einer Pause »hat der Vater um deine  deine Liebe gewusst«
    Sie neigte schweigend den Kopf
    »Und im Glauben an die  Zukunft sie  anfänglich wenigstens  gebilligt«
    »Nein« antwortete sie mit fester Stimme »Er hat weil ich nicht fort von
hier wollte Sidonien und  ihm den Verkehr mit unserem Hause und noch
entschiedener mir den mit dem ihren untersagt ich aber ich  «
    »Ich weiß das still davon« unterbrach sie Dezimus und saß dann ebenso wie
sie eine lange Weile in Gedanken versunken Ja dieses Kind das die Reue so
tief wie nur der Tod sie aufwühlt hegte das so ernstaft Leid trug das Kind
des Mannes dessen ganzes Leben auf Versöhnung gerichtet gewesen es war es
wert dem Leben versöhnt zu werden mit dem höchsten Opfer welches der Sohn
dieses Mannes zu bringen imstande war
    »Rose« hob er von neuem an »ein mal ein einziges Mal lass mich einen Blick
bis in den Grund deines Herzens tun und was er mir enthüllt soll dann zwischen
uns unberührt bleiben für das Leben«
    »Frage« sagte sie mit einem Augenaufschlag so groß und entschlossen dass
auch ein Zweifelmütigerer als Dezimus an der Wahrhaftigkeit ihres Willens nicht
gezweifelt haben würde
    »Nun denn« fragte er »du hast Max geliebt aber hast du auch an seine
Liebe geglaubt«
    »Ja Dezimus so fest wie er an die meine«
    »Und an seine Treue«
    »Nein Er hat sie mir niemals versprochen und ich habe niemals gefordert
was ich wusste das er nicht halten würde«
    »Und hast ihn dennoch geliebt«
    »Dennoch« rief sie und ein Strahl entzückter Erinnerung flog über ihr
blasses Gesicht »Ich liebte ihn schon damals als ich zu stolz war es dir und
mir selber einzugestehen Ich hatte ihn geliebt auf den ersten Blick das heißt
seit jenem Winterabend denn vor Jahren da war ich noch ein Kind Und als ich
ihn wiedersah liebte ich ihn wieder Und sähe ich ihn von neuem ich glaube 
nein ich weiß es ich liebte ihn von neuem Dezimus Dezimus« setzte sie mit
einem Anflug schwermütiger Schelmerei hinzu »es ist etwas an dem was unsere
litauische Lene von den Liebestränken der alten Heiden erzählt Aber  es sind
nicht die besten Menschen die diesem Zauber verfallen und darum wirst du
Dezimus ihn nicht einmal begreifen«
    Er wusste genug Er hätte ihr wie vorhin zurufen mögen Höre auf Sie aber
fuhr unerschrocken in ihrer Beichte fort
    »Ja Dezimus sähe ich ihn wieder ich liebte ihn wieder Allein ich will
ihn nicht wiedersehen niemals wiedersehen Ich möchte vor ihm fliehen bis an
das Ende der Welt ich möchte dass es auch für uns Klöster gebe Er hat mich
zuviel gekostet Zuerst dich Dezimus und deinen treuen Bruderglauben und dann
meinen Vater Ach wie viele Kinder haben denn solch einen Vater Und er ist
betrogen von mir vielleicht voll Jammer um mich in den Himmel gegangen
Dezimus es ist zu schön einmal ganz glücklich gewesen zu sein Aber alles was
ich von Freuden genossen habe gäbe ich darum wenn ich um meinen Vater trauern
könnte reinen Herzens wie du«
    »Er war ein Friedenbringer auf Erden und hat nicht aufgehört es zu sein«
sagte Dezimus innig bewegt »Du wirst in Frieden um ihn trauern lernen meine
Schwester«
    »Glaubst du« rief sie sichtbar belebt »Ja vielleicht wenn ich eine so
rechtschaffene Frau würde wie unsere Mutter es war und so viel Gutes täte wie
sie Und darum« setzte sie mit niedergeschlagenen Augen hinzu »hat Peter mit
dir gesprochen Dezimus«
    »Ja«
    »Und was hast du ihm geantwortet«
    »Nein«
    »Nein Dezimus Ihm genügt was ich ihm zu geben habe«
    »Vielleicht aber es genügt mir nicht für dich Auch in der Liebe macht
Geben seliger denn Nehmen Du würdest ihn niemals lieben lernen und dein Herz
hat noch nicht ausgelebt Rose«
    Er stand auf und machte ein paar Gänge durch das Zimmer Sie blickte
betreten bald zu ihm hinüber bald in ihren Schoss Vor ihr stehen bleibend
fragte er darauf »Würdest du jetzt noch wie einst gern und zufrieden neben mir
leben können Rose die Schwester neben dem Bruder und die teueren Eltern im
Geiste zwischen uns«
    »Neben dir« rief sie »bei dir mit dir allezeit um dich Und so
glücklich wie ich es auf Erden noch werden könnte vielleicht wieder ganz so
glücklich wie einst«
    »So gib mir deine Hand die Schwester dem Bruder Wir wollen miteinander
leben als die für welche die reinste Erdenliebe uns gebildet hat«
    Sie reichte ihm die Hand sagte jedoch dabei anfänglich zaghaft dann je
mehr und mehr entschlossen »Aber wir dürfen ja nicht Dezimus du weißt ja der
selige Vater hat es verboten um der dummen Bauern willen verboten damals
schon als ich noch sein schuldloses Kind war Und dann  dann Dezimus wenn er
nun wiederkäme der den ich niemals wiedersehen will Nein Dezimus hier darf
ich nicht bleiben Bringe mich fort von hier wohin du willst und wenn es zu
einer der Schwestern wäre die alle das Haus voll Kinder haben und alle
bitterböse auf mich sind weil ich mich so schmählich an dir vergangen habe und
mich alle wegen meines Leichtsinns scheel ansehen würden und nicht ein bisschen
Geduld mit mir haben wie du so viel Und erst ihre Männer und deren Sippschaft
Schrecklich schrecklich Tausendmal lieber unter Stockfremde die nichts von
mir wissen Wenn du es aber willst Dezimus gehe ich auch zu den Geschwistern«
    »Weder unter Fremde noch zu den Geschwistern wir bleiben beieinander Rose
aber  nicht hier«
    »Wo du willst Dezimus auf einer wüsten Insel meinetwegen nur beieinander
und nur nicht hier Denkst du etwa noch auf die Sterne zu studieren und mich zu
deiner Schwester Studentin zu machen wie wir es uns ausgemalt haben als  ach
als ich noch dein liebes Röschen war und du mein alter Dezem warst«
    »Nein mein Röschen das denke ich nicht« entgegnete Dezimus lächelnd »Es
wäre ein weitaussehendes Brot Ich bleibe was ich bin aber nicht hier Was
meinst du zu einem Tausch mit Schwester Luisens Mann Er hat sich längst ein
einträglicheres Amt ersehnt und bei dem großen Hausstand tut es ihm not Wir
sind nur zwei für uns reicht es zu Ganz so freundlich wie in unserem Tal wird
es freilich in der preußischen Heide nicht sein aber es ist weit entlegen
Niemand hat uns dort gekannt niemand wird etwas anderes in uns sehen als das
was wir von heute ab einzig wieder sind die Geschwister des bisherigen
Pfarrerpaares Dort in unserer lieben Eltern Heimat wirst auch du mein
Röschen um deinen Vater in Frieden trauern lernen«
    Sie war bei den letzten Worten zu seinen Füßen niedergeglitten und bedeckte
seine Hände mit Küssen und Tränen »Dezimus Dezimus« schluchzte sie »dich
konnte ich aufgeben von dir mich abwenden um eines willen eines  «
    »Still still« unterbrach er sie »Nie wieder zwischen uns ein Wort von 
dem«
    Er zog sie in die Höhe setzte sich an ihre Seite und ihre Hand ergreifend
fuhr er fort »Glückauf also im Heidedorf mein Röschen Aber der Winter kann
über diesem Wechsel vergehen und kaum wiedergefunden möchte ich dich ungern
aus den Augen verlieren Da weiß ich denn keinen besseren Rat als dass du die
Zwischenzeit auf dem Schloss verbrächtest bei  Lydia«
    Er sprach den Namen sehr leise Alles was in seinem Entschlusse Opfer hieß
wurde mit dem Namen ja angedeutet
    Auch Rose zuckte zusammen »Bei Lydia« rief sie mit gerunzelter Stirn Und
nach einer Pause »Muss es sein Dezimus«
    »Wenn du Vertrauen zu mir hast ja«
    »Nun denn so will ich Aber  aber wird auch sie wollen Dezimus«
    »Sie wird es« sagte er mit Zuversicht
    Er ging zu Lydia gehobenen Hauptes aber mit bebendem Schritt Sie allein in
dem Wandel der sich um ihn vollzogen hatte zu ihm gestanden in wandelloser
Treue von dieser Einzigen sich zu lösen dünkte ihm sich lösen von seinem
Stern Auch sie erbleichte als er ihr seinen Entschluss mitteilte ihre Augen
füllten sich mit Tränen und lange nachdem er ausgeredet hatte schwieg sie
noch still Dann aber sagte sie mit schöner Freude »Ich wäre dieser Wahl für
Sie vielleicht nicht fähig gewesen Freund Aber sie ist die würdigste die Sie
treffen konnten und fern oder nah wir bleiben was wir uns geworden«
    Und als er darauf sie bat seine Schwester in ihre Obhut zu nehmen da
stutzte sie zwar einen Augenblick sagte aber auch dann indem sie ihm die Hand
reichte mit Freudigkeit »Ich werde sie zu lieben suchen so wie Sie meinen
Bruder geliebt«
Noch von keinem Menschen war der Hirtendezem so dankbar als glückbringendes
Johanniskind verehrt worden wie von Schwester Luischen und ihrem Manne bei dem
Vorschlage des Ämtertausches auch machte dieser da Lydia als Patronin von
Werben mit ihm einverstanden war nur bei dem jenseitigen Konsistorium einige
Weitläufigkeiten und man hatte sich bis zu deren Erledigung etwa zu Anfang des
nächsten Jahres zu allseitiger strenger Heimlichhaltung verpflichtet War doch
des ärgerlichen Geträtsches in Gemeinde und Umgegend übergenug laut geworden
    Ein Liebling der Pfarreingesessenen wie ihre älteren Schwestern war das
neckische Röschen von jeher nur bei den besonderen Gelegenheiten gewesen wo sie
kam einer Mieke und Marte den kunstvoll gewundenen Brautkranz um den Zopf zu
legen oder einem Hinz und Kunz den Totenkranz auf den Sarg Bauern lieben
gesetzte Leute Ihre rücksichtslose Leidenschaft hatte die Abneigung dann zu
einem Ärgernis gemacht und der jähe Tod des Vaters das Ärgernis nahezu zu einem
Mord »Die Schande hat ihm das Herz abgedrückt« hieß es Nun jedoch da man die
heillose Kreatur anstatt sich in den hintersten Weltwinkel zu verkriechen als
Gesellschafterin der unantastbaren Schlossdame unter den Augen der Gemeinde
weiterleben sah dämpften die schwarzen Gesichte sich in ein zweifelhaftes
Nebelgrau ab bald vielleicht würden sie sich vollständig verzogen haben Hatte
im Jahre der Demokratie die adlige Herrschaft auch viel von ihrem Nimbus
eingebüßt so war durch Lydias aufopfernde Wirksamkeit während der kürzlichen
Elendszeit nahezu ein Heiligenschein um die unsere gewoben worden und wahre
Güte wirkt ja allerwärts wie ein reinigender Quell
    Rose bezeigte sich tapfer und Lydia milde wie ein Engel Wohl miteinander
werden konnte es indessen den beiden ungleichartigen Naturen deren Geschick
sich so eigenartig in den Herzen der nächsten Menschen verschlang keineswegs
und wohl zumute war auch keineswegs dem Freunde der ihnen diese Prüfungszeit
auferlegt hatte wohl nicht einmal wenn er außer ihrer Nähe war Denn das soll
keiner glauben dass das Bewusstsein recht zu tun um schweren Preis uns von
vornherein wie ein Johannissegen erquicke Erst wenn die Wolken sich gelichtet
haben baut der Friedensbogen sich auf Es waren die ersten Monate
unüberwindlichen Missmuts die Dezimus durchlebte Bei dem bewussten kurzen
Interim konnte ihm ein Frohgefühl heimatlichen Wirkens nicht kommen es lohnte
sich kaum Beziehungen anzuknüpfen die sich nicht befestigen sollten ein
Samenkorn auszustreuen dessen Aufgehen nicht einmal er gewahren durfte und von
dem er nicht wusste ob sein Nachfolger es in seinem Sinne pflegen werde Zum
ersten Male seit Jahren und stärker denn jemals wachte der alte Sternengenius in
ihm auf und in mancher schlummerlosen Nacht rang er mit dem Versucher der ihn
von der Kanzel im nordischen Heidewinkel auf die Warte des Chaldäers lockte
    Dazu der Zwiespalt im Weltwesen In ruhigen Zeiten nimmt man Exaltationen
gleich denen welche in diesem Sommerhalbjahr von Land zu Land aufloderten
nahezu für Krankheiten über welche der Irrenarzt zu befinden hat und diese
Erinnerungen werden in beruhigten Zeiten aufgezeichnet Gesagt sei darum nur
dass für den jungen Pfarrer von Werben dieses Halbjahr der Tat eine reifende
Schule gewesen war Er blickte jetzt nicht mehr von fern auf ein
unverständliches oder gleichgültiges Treiben er sah die Wetter über ihm brauen
und unter ihm sich entladen Nach Anlage Erziehung und Schicksal stand er auf
einer mittleren Höhe auf der er jedoch mit aller ihm eignenden Standhaftigkeit
sich behauptet haben würde Er bedurfte um sich frei zu fühlen nur eines
bescheidenen Raumes aber innerhalb desselben reiner Luft und eines klaren
Lichtes Hatte nun bisher der Orkan heiß von Südwesten getobt so erhob sich von
Tage zu Tage frostiger von Nordosten her der Gegenstrom Schweres graues
Novembergewölk trübte die kurze Tageshelle wer mochte sagen ob der
Niederschlag noch einmal als zündendes Gewitter oder als dämpfendes
Schneegestöber erfolgen werde
    Wenn nun aber schon er der fest und mäßig Gerichtete an einer befreienden
Klärung verzweifelte wie tief musste Sidonie deren Neigung und Überzeugung so
weit auseinanderstrebten unter diesen wechselnden Strömungen leiden Er hatte
sie nicht wiedergesehen war aber zu lange ihr Freund gewesen um nicht zu
spüren unter welchen Kämpfen sie die Skala der Widersprüche eines starken
Geistes welchen die Liebe schwach macht durchzitterte und bei aller
innerlichen Entfremdung fehlte ihr anregendes Wesen ihm wie ein Gewürz an
welches der Gaumen sich gewöhnt hat Sie siechte auch körperlich und verließ ihr
Haus nicht mehr Dem alten Kinde zu dessen Wärterin sie sich aufgeworfen hatte
wirkte der Göttertrank nur noch als Opiat bei jeder Augenwende konnte der
Halbschlummer in den ewigen hinübergeglitten sein von den Menschen mit denen
die Mitteilsame im vorigen Winter so anmutend verkehrt hatte war auch ihr nur
Lydia treu geblieben aber Lydias Gegenwart zog ihr das Herz zusammen während
die der einzigen die es ihr flott gemacht haben würde weil auch sie liebte
trotz allem und allem liebte Rosens Gegenwart ihr versagt war Wohin Dezimus
blicken mochte in sich wie außer sich sah er Unruhe und Missbehagen
    Und der lange drohende lange ersehnte Niederschlag erfolgte denn endlich
auch so wie des jungen Mädchens feinspürender Sinn ihn schon vor Monden
verkündet hatte  ohne Blitzeszünden Fast scheint es als ob auch in der
geistigen Natur die elektrische Spannung beim Nahen der winterlichen Sonnenwende
nicht so mächtig ist als wenn im Frühling Tag und Nacht sich gleichen Die
furchtbleichen Häupter richteten sich trotzig empor die siegflammenden Wangen
entfärbten sich Viele die wild gewesen waren wurden zahm manche die zahm
gewesen waren wild nur wenige blieben sich unerschütterlich treu dass aber Max
von Hartenstein der Dichter und Rhetor der Revolution zu den Getreuen seines
Glaubens jetzt um so ritterlicher stehen werde hat keiner seiner Freunde oder
Feinde bezweifelt Auch Sidonie sah in ihm jetzt einen seiner Heimat Verlorenen
sie grübelte Tag und Nacht über eine gesicherte Neugestaltung seines Lebens
hätte unverweilt sich mit ihm in der Ferne vereinigen mögen und war doch an den
Schlummerstuhl des blöden Greises gefesselt Im Schloss von Werben glaubte man
dass Max sich in das Ausland gerettet habe
    Der Schlag der in der Hauptstadt gefallen war zitterte in den Provinzen
nur mäßig nach in unserer Gegend war es überhaupt fast ausschließlich die
Festungsstadt als Enklave rings von erregten Kleinstaaten umgeben in welchen
die Schürungen von vornherein einen lebhafteren Anklang gefunden Hatten doch
schwarzsehende Kannegiesser schon im Sommer dem sogenannten Doktorputsch eine
gefährliche Wichtigkeit zugemessen indem sie als sein Ziel einen Handstreich
auf diesen festen Platz ausgewittert Unbestritten gärte in der niederen
Bürgerschaft ein gewisses unruhiges Treiben gedämpft allein durch das
geschickte und energische Auftreten des kommandierenden Generals
    Da ein Teil der Besatzung der Armee in den Marken zugeteilt worden war
hatte man neuerdings zur Verstärkung der Garnison die Reservisten und jüngsten
Landwehrklassen der umliegenden Bezirke einberufen und es gehörte wie es bei
solchem schematischen Verfahren wohl zu geschehen pflegt der Reservist Frei zu
diesen Einberufenen obgleich er als ordinierter Pfarrer von allen
Mordgeschäften entbunden gewesen wäre selbst wenn er den zum Regieren der
Mordwaffen erforderlichen Arm nicht in der Binde getragen hätte Er hatte sich
seit Wochen einen Ausflug nach der Festungsstadt vorgenommen bevor er in sein
neues Amt übersiedelte er glaubte dem redlichen Freund Kurze die Mitteilung
dieser geplanten Lebenswendung schuldig zu sein gedachte von seinen
kriegerischen Kameraden Abschied zu nehmen Martin und seine gütige Mutter noch
einmal wiederzusehen da er ja einen wie den anderen vielleicht für immer aus
den Augen verlor vor allem aber verlangte ihn seinem Bruder der in der Kürze
seinen »lieben Herrn« anjetzo General in dessen neue Garnison begleiten würde
noch einmal die Hand zu drücken Die Einberufung beschleunigte nun die
Ausführung dieses Plans Es mutete Held Dezimus plötzlich an den Schematismus
zu übergipfeln und anstatt sich schriftlich abzumelden es persönlich an Ort und
Stelle zu tun Möglich dass sogar eine Art von loyaler Demonstration  um ihrer
Wohlfeilheit willen verschämt  im Hintergrunde schimmerte Die Einberufung war
nirgendwo mit patriotischem Hochgefühl begrüßt worden die gehorsame
Folgeleistung des verwundeten Pfarrherrn dürfte etwa murrenden Wehrkameraden
daher immerhin ein wackeres Beispiel geben Kurz und gut Held Dezimus war
gewillt für ein paar Tage seine Misslaune gemütlich und patriotisch zu
zerstreuen
    Als er am Nachmittag aus der Stadt wo er die Vorkehrungen für seinen
Ausflug getroffen hatte zurückkehrte stürzte ihm die litauische Lene die
seine Haushälterin geworden war mit verstörten Mienen entgegen Der »schandbare
Junker« war wieder da Ja er hatte die Schandbarkeit so weit getrieben um
frank und frei auch auf dem diesseitigen Ufer spazieren zu gehen am Hünengrabe
vorbei die Gartenmauer entlang über den Gottesacker wo er eine lange Weile
vor dem frischen Hügel des alten Pfarrers still gestanden durch das Dorf und
unterhalb der Schlossterrassen bis zum Fährboot in welchem er auf Mehlbornschen
Grund zurückgekehrt war
    Die alte Lene hatte dem dazumal »scharmanten« Junker mehr als erlaubt
goldene Brücken gebaut solange sie an ihn als ihres Herzblättchens Zukünftigen
geglaubt nun er das Herzblättchen so schandbarerweise in Verruf gebracht hatte
war die Hölle nicht heiß genug für den Teufelsbraten geheizt Auch hatte ihrer
Darstellung zufolge der Höllenkandidat sich bereits zu einem richtigen
Räuberhauptmann umgemodelt trug statt der zierlichen Locken von ehedem einen
wilden Haarwuchs statt des blonden Schnurrbärtchens auf der Oberlippe einen
fuchsroten struppigen Vollbart und was er auf dem Leibe hatte war der
Wüstigkeit des Hauptschmuckes entsprechend Aber die alte Lene litt an blöden
Augen und nicht bloß im Traume mitunter an feindlichen Erscheinungen Ihrem
jungen Herrn wollte diese neueste Erscheinung nicht recht einleuchten Selbst
Sidonie hatte da sie keine Kunde von ihm oder über ihn erhalten ihren Bruder
außer Landes in Sicherheit geglaubt Sollte sie die Gefahr für ihn so wesentlich
überschätzt haben Indessen ging Dezimus die Sache doch im Kopfe herum und so
begab er sich nach dem Schloss sie mit den Freundinnen zu beraten
    Rose kam ihm nicht wie sonst wenn sie seinen Schritt auf der Treppe
erlauscht hatte entgegengesprungen Auch im Wohnzimmer saß Lydia ruhig lesend
allein Doch bestätigte sie die feindliche Erscheinung Max war gesehen worden
zwar nicht von ihr selbst aber von dem alten Wagner und am entscheidendsten
von Rosen als er eine lange Weile am Ufer auf und ab schlendernd sich mit
etlichen begegnenden Landleuten und auch mit dem alten Fährmann unterhalten
hatte durchaus gegen seine bisherige höflich ablehnende Gewohnheit Denn der
volksfreundliche Dichter besaß die feinen empfindlichen Sinnesnerven
geistreicher Köpfe er konnte den gemeinen Mann  selbstverständlich nur
buchstäblich genommen  nicht riechen Wo aber eine reale Antipathie der idealen
Sympatie in das Gehege kommt behält leider gewöhnlich und nicht bloß bei für
Gleichheit schwärmenden Aristokraten die Antipathie die Oberhand
    Kein Zweifel demnach Max wollte bemerkt sein wollte zeigen dass er nicht
so kompromittiert sei als selbst seine Schwester angenommen dass er sich
vollkommen sicher fühle und vielleicht sogar die Absicht hege das ländliche
Herrenleben fortzuführen Lydia konnte nicht verhehlen dass Rosen trotz der
Herrschaft die ihr über das bewegliche Temperament gelinge eine starke
Erregung anzuspüren gewesen sei sie riet das arme Kind aus der beunruhigenden
Nähe zu entfernen bis der Grund jenes geflissentlichen Gebarens sich aufgeklärt
haben werde
    »Denn« so sagte sie in seltener Übereinstimmung mit Sidonien »warum
sollte für diesen unsteten Geist ein endliches Bedürfnis der Treue undenkbar
sein Warum sollte er nach der alle Kräfte überspannenden Aufregung in
häuslicher Herzlichkeit nicht Frieden suchen und finden Rose liebt ihn so wie
er ist und so wie sie ist das heißt viel charaktervoller als ich das
anmutsvolle Kind bisher beurteilt hatte wüsste ich kein geeigneteres weibliches
Wesen um ihn nicht nur zu reizen sondern auch dauernd zu fesseln Für sie
selbst und auch für Sie Freund wäre dieser Abschluss aber jedenfalls weit
natürlicher als der welchen Sie hochherzig in das Auge gefasst haben«
    Sie schlug nun vor dass Rose ihren Bruder auf seiner kleinen Reise begleiten
und einige Zeit bei Frau von Hartenstein die sie wiederholt freundlich zu sich
eingeladen hatte verweilen solle
    Dezimus ging in Rosens Zimmer der Abend dämmerte Sie lag auf dem Sofa die
Augen halb geschlossen die Lippen halb geöffnet die Wangen flammend wie im
Fieber »Du weißt es« rief sie ihm entgegen und  aufgewachte Erinnerungen
aufgewachtes Verlangen aufgewachte Hoffnung  nur nicht aufgewachte Furcht
klang aus dem Vibrieren ihrer Stimme Hatte er Lydias Vorschlag ihrer Wahl
anheimgeben wollen so sprach er ihn jetzt aus als unumstösslichen Entschluss
    Sie machte jach eine abwehrende Bewegung sann aber dann eine Weile nach und
sagte endlich »Ja ja bringe mich fort« Freiwillig versprach sie auch da die
Reise erst am übernächsten Tage angetreten werden konnte sich nicht aus dem
Schloss und Lydias Nähe zu entfernen
    Hätte Sidonie ihr Gebaren zu deuten gehabt sie würde gesagt haben »Es
heißt hoffen nicht verzichten Der kleine Schlaukopf hat gelernt wie ein Max
zu fesseln ist«
    Lydia und Dezimus dahingegen sagten »Sie kämpft gegen einen natürlichen
Zauber aber mit dem Willen ihn zu besiegen«
    Beide hatten vielleicht recht Im Wogen der Leidenschaft tauchen Dämonen und
Genien nebeneinander in die Höh und wieder unter In den Krisen die sie
aufwirbelt entscheidet aber ohne Wahl ihr Erstgeborener der Affekt
    Der folgende Tag verging ohne Behelligung und ohne Spur von dem feindlichen
Zauberer Hielt er sich zurück Hatte er die Gegend wieder verlassen War er 
eine Phantasmagorie des Hasses und der Sehnsucht  vielleicht gar nicht
dagewesen Um nicht schlechtin in das Blaue hinein zu handeln war Dezimus nahe
daran geradenweges Sidonien zu befragen ob ihr Bruder die Absicht hege sich
in der Heimat niederzulassen Nach besserem Besinnen verschob er indes die Frage
bis nach seiner Rückkehr Er gönnte unter allen Umständen der armen Rose einen
zerstreuenden Wechsel und hatte die Gefahr sich verzogen war eine Heimholung
ja leicht bewerkstelligt
    Sie fuhren ab Rose lachte und Dezimus lachte selbst über die Figur welche
er in seinem Reisekostüm spielte Weil eine scharfe Luft wehte und der
verbundene Arm sich nicht bequemlich in den wärmenden Paletot fügen wollte
hatte er über den langen schwarzen Pfarrerrock den kurzen bunten Soldatenmantel
gehängt und dementsprechend im Koupe den hohen steifen schwarzen Hut mit der
handlichen Feldmütze vertauscht die er zufällig in der Tasche des Mantels fand
Zahlreiche Wehrleute füllten von Station zu Station den Zug da der morgende Tag
der der Gestellung war Der Nachmittag war vorgerückt bevor das Ziel erreicht
ward
    Als man das dunkle Festungstor passiert hatte fand man den Bahnhof
militärisch besetzt der umgebende Wall war mit Kanonen bepflanzt aus dem
Inneren der Stadt hörte man Schüsse fallen
    Auf dem Perron wirres Treiben und Drängen Angst und Entsetzen krächzten wie
Raben in der Luft Eine Revolte so hieß es sei ausgebrochen mit Hilfe der
renitenten Landwehr die schwache Besatzung überrumpelt worden Barrikaden lange
Zeit heimlich vorbereitet ragten im Handumdrehen häuserhoch aufgetürmt das
Blut flösse in Strömen der Belagerungszustand sei erklärt Die Reisenden
welche in der Stadt hatten einkehren wollen eilten ohne Aufenthalt weiter nach
der nächsten Station die Fremden die in der Stadt geherbergt hatten drängten
fliehend nach den abgehenden Zügen Sie wurden streng gemustert und wenn sie
der Legitimation entbehrten polizeilich zurückgehalten Der Pfarrer von Werben
und seine Schwester waren die einzigen zurückbleibenden Passagiere und da er
sich weislich mit einem Pass für sich und sie versehen hatte durften sie
ungehindert sich in den Wartesaal dem einzig gestatteten Einund Ausgang
verfügen von dort aus aber ihre Schritte lenken wohin ihnen beliebte
    Zu den ungeheuerlichen Gerüchten welche auf dem Bahnhofe gespukt hatten
stimmte indessen verwunderlich wenig die Öde der Straße welche die Geschwister
jetzt betraten Nur aus der Ferne fiel dann und wann noch ein Schuss Ortsfremd
wie er war hielt Dezimus es für geraten Rose in einem dem Bahnhofe zunächst
gelegenen Gasthause unterzubringen während er selbst über die Lage der Dinge
Erkundigung einzog
    Der Wirt stand vor der Torfahrt wie er lachend sagte als einziger
häuslicher Insasse mit Ausnahme seiner Frau die vor Schrecken krank zu Bett
liege Die Gäste seien entflohen für Kellner und Mägde sei kein Halten gewesen
Die liebe Neugier habe sie samt und sonders auf den Tummelplatz des Skandals im
Inneren der Stadt getrieben
    Während er die Herrschaften in das erste beste Zimmer zu ebener Erde führte
erklärte er indes zu ihrer Beruhigung die sogenannte Revolte für einen
erbärmlichen Krawall und auch diesen für so gut wie unterdrückt Nur aus Übermut
werde noch hier und dort ein Gewehr abgefeuert Die Zahl der Gefallenen auf
s der Truppen sei kaum nennenswert auf s des Pöbels leider Gottes
weit geringer als um des guten Exempels willen zu wünschen wäre Die
militärische Tätigkeit beschränke sich lediglich noch darauf die Häuser nach
dem Gesindel das sich in sie geflüchtet habe zu durchstöbern vor allem nach
den wohlbekannten Rädelsführern »Ist es nicht wie ausgestorben« fragte er
lachend da er »die Herrschaften« an das Fenster treten sah »Die Vorsichtigen
haben sich in ihren Wohnungen abgesperrt die Vorwitzigen sind ausgeflogen
dorthin wo sie etwas Schreckliches zu hören und zu sehen vermuten Im
Mittelpunkte der Stadt der in seiner Bauart an und für sich schon einem Gekröse
gleicht mag es ein schönes Schieben und Drängen geben Nichts geht dem Plebs
über das Totgedrücktwerden«
    Dezimus unterbrach den mitteilsamen Herrn mit der Frage nach dem
Bataillonsbureau in dem er sich zu melden hatte Die Straße lag nahe
erreichbar abseiten des Gewühls Auf die weitere Frage nach der Wohnung der
Frau von Hartenstein prallte der leichterzige Herr Wirt erschrocken zurück Er
hatte ein argloses Zutrauen zu seinem geistlich gekleideten Gaste gehegt da
Pfarrer und Hoteliers gemeinhin konservative Gesinnungsgenossen sind  nun
musterte er ihn mit den bedenklichsten Mienen
    »Von Hartenstein« rief er nachdem er sich physiognomisch beruhigt hatte
»Von Hartenstein sagen der Herr Aber das ist gerade ja der auf welchen man
als den Urheber des Unternehmens fahndet Und klug und verwogen wäre der Patron
schon dazu So ein fester Stützpunkt halben Wegs zwischen Frankfurt und Berlin
der Plan war weiß der Deixel nicht ohne Wenn der Streich morgen am
Stellungstage mit geschulten Leuten unternommen worden wäre kein Zweifel dass
man mit Kanonen darein hätte fegen müssen und die halbe Stadt wäre zu einem
Trümmerhaufen zusammengeschossen worden Unser Herr Kommandant lässt Gott sei
Dank nicht mit sich spassen Heute ist er in Dienstgeschäften auswärts und weil
man ihn morgen wieder auf seinem Posten wusste hat man  ein Heidenglück diese
Dummheit  die Ladung vorzeitig zum Platzen gebracht Denn mit unserer
Gassenbande allein brauchte freilich nicht viel Federlesens gemacht zu werden
Die Hauptsache ist nur dem roten Hartenstein endlich den Garaus zu machen«
    Dezimus erklärte dass nicht dieser Hartenstein es sei nach dessen Wohnung
er gefragt sondern ein junger Offizier vom sten Regiment der erst vor kurzem
hierher versetzt worden sei und da Herr Goldmann noch nicht die Ehre hatte den
Betreffenden zu kennen entfernte er sich das Adressbuch herbeizuholen
    Rose hatte sich während des Wirtes Rede an eine Stuhllehne geklammert ihre
Glieder flogen das Gesicht das sie dem Fenster zugekehrt hielt war
schattenbleich die Zähne schlugen wie im Fieberfrost aneinander Dezimus suchte
sie zu beruhigen wennschon ihm selbst nichts weniger als ruhig zumute war
    »So glaube doch solcher Wirtshauskannegiesserei nicht Kind« sagte er »Wie
wäre diesem vermeintlichen Urheber solch ein Tollmannsstreich zuzutrauen Und
wissen wir denn nicht am besten an welchem Orte derselbe zu suchen ist«
    Der Wirt trat wieder ein Er brachte Licht denn es war in der Zwischenzeit
dämmerig geworden und den Wohnungsanzeiger Der Leutnant von Hartenstein war
noch nicht darin aufgenommen Dezimus meinte dass er sich im Bataillonsbureau
nach ihm erkundigen werde und legte nachdem der Wirt um nach seiner kranken
Frau zu sehen sich entschuldigend zurückgezogen hatte sein Soldatenzeug ab Er
gedachte seine dienstliche Angelegenheit so rasch als möglich abzutun und mit
Rosen heute noch heimzukehren wenn auch leider wahrscheinlich erst mit dem
Abendzuge da der nachmittägige binnen einer halben Stunde abging Wie
verwünschte er seine loyale Demonstration
    »Nimm mich mit Dezimus« presste Rose hervor indem sie sich an seinen Arm
klammerte
    »In ein Militärbureau« entgegnete er lächelnd »In kurzem bin ich zurück
und bleibe dann bei dir oder führe dich wenn du es wünschest zu Frau von
Hartenstein Soll ich dir ein Zimmer im oberen Stock wo es ruhiger ist geben
lassen«
    »Es ist ja auch hier ruhig« versetzte sie plötzlich gefasst »Ich schließe
die Tür Geh nur geh«
    Dezimus ging Rose öffnete das Fenster und sah ihm nach bis er in einer
Seitengasse verschwand Es war noch Zwielicht aber die Strassenlaternen wurden
bereits angezündet Ringsum Seelenstille Rose zitterte noch immer Fürchtete
sie sich O gewiss nicht Die kleine Rose war nicht furchtsamer Art und was
hätte sie auch für sich selbst zu fürchten gehabt Sie zitterte für einen
anderen sie spähete nach ihm hätte  vor ihm fliehen  nein hätte mit ihm
fliehen ihn retten mögen um jeden Preis Sie dachte nur an ihn es war als ob
sie seine Gegenwart wittere Und doch ringsumher kein Mensch
    Plötzlich hörte sie Tritte In der Ferne kam eine Patrouille die Straße
entlang An ihrer Spitze ein Offizier dessen gezogenen Säbel sie im Lampenlicht
blitzen sah Sonst niemand
    Aber da  da  aus einem Quergässchen einbiegend eine Gestalt  der nach
dem sie gespäht Nicht der visionäre Räuberhauptmann mit rotem struppigem Haar
und Bart ein elegant gekleideter Tourist geht er raschen aber sicheren
Schrittes dicht unter ihrem Fenster hin dem Bahnhofe zu Wenige Schritte und
das Kommando muss ihn überholen »Max« rief sie »Max«
    Er blickte in die Höhe bei der doppelten Beleuchtung von außen und innen
wurde auch sie augenblicks erkannt In der nächsten Minute stand er ihr im
Zimmer gegenüber
    »Ist hier ein Ausgang nach der entgegengesetzten Seite« fragte er ohne
merkliche Aufregung während sie besonnen die Kerzen auf dem Tische ausblies und
das Fenster schloss
    Das Zimmer hatte nur die Tür durch die er eingetreten war Rose flog sie
zu sperren Der Riegel war eingerostet der Schlüssel steckte von außen Indem
sie um ihn abzuziehen die Tür leise öffnete prallte sie gegen den
eindringenden Offizier Martin gottlob Martin
    Sie war im jachen Anstoß auf der äußeren Schwelle zu Boden gestürzt er wie
ein Rasender an ihr vorüber in das Zimmer gerannt deren Tür er hinter sich in
die Angel schlug Von draußen herein hallten die Tritte des Kommandos Atemlos
lauschte sie auf ihren Knien liegend Es marschierte vorüber dem Bahnhofe zu
Wie erlöst sprang sie auf wollte in das Zimmer zurück  da trat der Wirt aus
der gegenüberliegenden Tür
    »Der Offizier der Patrouille ist in das Haus getreten« rief er lachend
»vermutet wohl gar bei mir den roten Hartenstein Ein dicker Irrtum mein Herr
Leutnant im Hotel Goldmann sucht kein Verschwörer Unterkommen«
    »Es ist ein Kriegskamerad der meinen am Fenster stehenden Bruder erkannt
hat und für einen Moment bei ihm eingetreten ist« versetzte Rose mit
vollkommener Ruhe »Ihren roten Hartenstein sollen sie übrigens hörte ich
recht entdeckt haben Ich kam Sie um ein paar Streichhölzer zu bitten Herr
Wirt Der Windzug hat uns die Lichter ausgeblasen Und dann ein Beefsteak für
meinen Bruder Aber bitte recht bald Er hat Eile«
    Damit folgte sie dem Wirt in die jenseitige Schenkstube
    Drüben im Fremdenzimmer standen währenddessen Martin und Max sich auf
Armeslänge gegenüber der eine mit gezücktem Degen der andere mit gespanntem
Terzerol Ein rascher Degenhieb schlug es ihm aus der Hand
    »Kanaille« schrie Martin und drang in sinnloser Wut auf seinen Verwandten
ein der ruhig wie eine Säule stand ein zweites Terzerol ihm entgegenstreckend
    Eine Minute lang ging kein Atemzug durch den Raum und in dieser Minute war
Martin seiner Vernunft wieder so weit mächtig geworden um zu sagen »Spare dir
den Mord du hast genug auf dem Gewissen Entkommen kannst du nicht draußen
steht meine Mannschaft Aber siehst du du heißt einmal von Hartenstein und ich
möchte doch nicht dass ein Hartenstein als Zuchtäusler endigt Darum warte bis
ich sie abgeführt und dann  flieh«
    »Sobald Sie mir Genugtuung gegeben haben werde ich tun was mir beliebt«
entgegnete Max mit eisiger Kälte »Dort am Boden liegt mein Pistol die
Strassenlaterne gibt hinlänglich Licht Wählen Sie Ihren Platz Schießen Sie«
    »Hier im Zimmer du bist verrückt« sagte Martin »Mach dass du fortkommst
mit der Person oder ohne sie Ich habe die Wache am Bahnhof Ich drücke meine
Augen zu« Damit wendete er sich nach der Tür
    »Nun denn« rief der andere mit erhobener Stimme »auf die Kanaille eine
Memme Ein Hasenfuß der sich nicht schießt«
    Martin zitterte vor Zorn aber der Zorn der andere blind macht ihn machte
er klar »Ich bin im Dienst« sagte er als ob er mit sich selbst überlege doch
mit lauter Stimme »Nicht jetzt und nicht hier Morgen in Werben  nein nicht
in Werben der Skandal soll der Familie erspart werden Halben Wegs zwischen
dort und hier In H Ein stilleres Nest gibts im Winter nicht Punkto zwölf im
Mordtal jenseit der Ruine Sekundanten brauchen wir nicht Ich fände keinen
gegen einen wie  du und einen den du fändest könnte ich nicht akzeptieren
Schiessest du mich nieder nun so hast du deine Rolle würdig ausgespielt Fällst
du  «
    »Ich bitte sich über diese Eventualität nicht zu beunruhigen« unterbrach
ihn Max mit einem Wink nach der Tür »Auf Wiedersehen morgen um die
Mittagsstunde im Mordtal jenseit der Ruine«
    Martin ging Unter der Tür rief er noch zurück »Höre Max verliere keine
Zeit Das Hotel kann jede Minute durchsucht werden Kommts heraus werde ich
infam kassiert Aber  du bist einmal ein Hartenstein«
    Kaum fünf Minuten waren seit der verhängnisvollen Begegnung hingegangen Als
Martin hastig die Torfahrt durchschritt trat Rose aus dem Schenkzimmer
Erschleuderte auf »die Person« einen verächtlichen Blick den Zeigefinger auf
den lächelnden Lippen nickte sie ihm zu wie ihrem allerzärtlichsten Freund
    »Gott sei Dank dass sie ihn haben Herr Leutnant« rief der Wirt der Rosen
gefolgt war
    »Wen« fragte der Leutnant barsch
    »Den roten Hartenstein wen denn sonst«
    Der Leutnant stürzte mit einer grimmigen Gebärde aus dem Tor
    »Unser Beefsteak Herr Wirt so rasch als möglich« drängte Rose und Herr
Goldmann rannte die Treppe hinan um seine Frau mit der Freudenpost dass sie den
roten Hartenstein hätten wieder flott und in Abwesenheit der Köchin für die
Bereitung des Beefsteaks fähig zu machen
    Rose zog den Schlüssel von ihrer Zimmertür trat ein und schloss hinter sich
ab Weder sie noch Max sprach ein Wort Sie schlang aus ihrem Trauerschal eine
Binde in welche sie seinen Arm legte stülpte ihm ihres Bruders Feldmütze auf
hängte ihm seinen Militärmantel um dem Himmel Dank die Pässe steckten in der
Tasche Und dass der verräterische Vollbart den ein Pfarrer nicht zu tragen
pflegt abrasiert worden auch das war ein Glück Sie gab ihm seinen Hut in die
Hand so wie ihr Bruder den seinigen vorhin getragen hatte sie dachte an jede
Kleinigkeit  nur an ihren alten Dezimus dachte sie nicht Sie zündete sogar
vor dem Fortgehen die Kerzen wieder an damit der Wirt das Zimmer noch für
besetzt halte Das erste Signal wurde eben gegeben als sie an Maxens Arm den
Bahnhof betrat Während sie die Billette löste zeigte er die Pässe dem
nämlichen Polizisten welchem Dezimus sie vor noch nicht einer Stunde gezeigt
hatte
    »Kurios wie das Lampenlicht täuscht dieser Pastor ist mir vorhin einen
halben Kopf größer vorgekommen« dachte der Polizist während die beiden eben
noch Zeit hatten ein unbesetztes Koupé aufzufinden und zu besteigen Der
wachtabende Offizier stand ihnen den Rücken zuwendend am entgegengesetzten
Ende des Zugs
    In der Stadt hat man noch tagelang nach dem roten Hartenstein geforscht
Niemand hat je bezweifelt dass er der Urheber der Emeute gewesen ist aber
niemand hat auch je ergründet wie er aus den geschlossenen Toren hat entkommen
können
Des Reservisten Frei dienstliche Meldung war so rasch als er vorausgesetzt
erledigt worden »Wenn Sie jemals wieder unter die Fahne berufen werden Herr
Pfarrer« hatte sein Kommandeur lächelnd gesagt »wird es als Feldgeistlicher zu
einem ernstafteren Kampfe als dem heutigen sein«
    Er dachte nicht mehr an Bruder und Freunde sondern nur Rosen womöglich
noch mit dem Nachmittagszuge heimzugeleiten Als er mit Sturmesschritten das
Hotel erreichte hörte er ihn von der entgegengesetzten Seite heranbrausen es
war also noch Zeit zum Fortkommen Hastig betrat er sein Zimmer Rose war nicht
darin auch sein Soldatenzeug fehlte So hatte sie sich dennoch in das obere
Stock geflüchtet Er ging in die Gaststube Vom Perron schallte das erste
Signalläuten
    »Die junge Dame hat etwas liegen lassen« fragte der Wirt »Warum haben Sie
sie nicht ruhig hier gelassen Ich sah oben aus dem Fenster meiner Frau wie Sie
sie nach dem Bahnhofe führten und bemühte mich vergeblich Ihnen zuzurufen dass
Sie es nicht nötig hätten Der Spuk ist zu Ende der rote Hartenstein
eingefangen Die junge Dame  sie sprach von Ihnen als von einem Bruder ich
würde sie weit eher für Ihre Fräulein Braut gehalten haben so zärtlich
schmiegte sie sich ja an Ihren Arm  hat mir den glücklichen Fang selbst
mitgeteilt auch schien sie nicht im entferntesten besorgt zu sein Holen Sie
sie zurück noch ist es Zeit oder wenn nicht so hoffe ich dass Sie zum
wenigsten über Nacht mein Haus beehren«
    
    Ein grausamer Blitz der Hellsicht hatte während dieser Rede des armen
Dezimus Hirn durchzuckt Was er dem Wirt geantwortet hat ist ihm nicht bewusst
geblieben In solchen Momenten spricht und handelt im Menschen die Maschine
Atemlos erreichte er die Rampe die zu dem Bahnhofführte halb besinnungslos
rüttelte er an der geschlossenen Gittertür der Zug hatte sich in Bewegung
gesetzt in der nächsten Minute pfiff er durch das dunkle Festungstor Er war zu
spät gekommen zu spät Aber würde die Erinnerung an seine Mannesjahre die eines
Glücklichen gewesen sein wenn er in der Wut des Wahnsinns den Verfolgten fünf
Minuten früher unter die Augen getreten wäre
    »Du suchst deine Rose Armer Junge sie ist auf und davon  mit ihm« So
flüsterte Martin der ihn bemerkt hatte und zu ihm heraus auf die Rampe getreten
war in sein Ohr
    Er zog darauf des Freundes Arm in den seinen und während er ihn in dem
rückwärts liegenden stillen Hofe auf und nieder führte ergoss er sein
aufgeregtes übervolles Herz gewohnterweise in behaglichen Strömen
    »Siehst du Dezimus« sagte er seinen Vortrag noch einmal zusammenfassend
»siehst du du kannst dir von meiner Wut gar keine Vorstellung machen So muss es
in Spanien einem Stier zumute sein vor dessen Augen sie in einem fort mit einem
roten Lappen wedeln Wo ich hinhörte schimpften sie auf den roten Hartenstein
wo ich hinsah stöberten sie nach dem roten Hartenstein die Kerle von meiner
Kompagnie glotzten oder schielten mich auf den roten Vetter Hartenstein an und
wie ich die beiden braven Jungen dicht hinter mir fallen sah  ja wärs auf dem
Felde der Ehre gewesen gegen einen Feind vor dem man Respekt hat was kann
einem am Ende Schöneres passieren aber in einem Strassenkrawall gegen solch
verruchtes republikanisches Gesindel  da hab ich mirs geschworen dass ich ihr
junges Blut an dem roten Hartenstein rächen wollte Und wie ich ihn nun auf
einmal aus dem Fleischergässchen biegen sehe es war beinahe schon dunkel aber
in solcher Bosheit erkennt einer einen den er sucht in pechrabenschwarzer
Nacht siehst du Freund da hätte ich ihn niederstechen mögen wie einen tollen
Hund würde Schande halber am Ende ihn aber doch haben entwischen lassen wenn
ich nicht unter der Tür auf dein Röschen gestoßen wäre Das liebe herzige Ding
entführt verführt zugrunde gerichtet durch den nichtswürdigen Patron siehst
du Dezimus da fuhr mir die Kanaille so heraus die ein Hartenstein freilich
nicht auf sich sitzen lassen kann und wenn er zehnmal eine ist«
    Dezimus war während der langatmigen Auseinandersetzung seiner selbst so weit
Herr geworden um dem Aufgebrachten den Irrtum in betreff Rosens aufzuklären
worauf der gute Junge plötzlich besänftigt mit einem Seufzer sagte »Ja hätte
ich das vorher gewusst um so lieber hätte ich ihn entwischen lassen und ihm die
Kanaille ganz gewiss erspart«
    Aber geschehen war nun einmal geschehen einem Hartenstein durfte
Satisfaktion nicht verweigert und der Hasenfuß von einem Leutnant nicht
eingesteckt werden »Und darum alter Freund« fuhr er fort »es tut mir leid um
dich und es schickt sich eigentlich für einen Geistlichen auch nicht aber
einer ein einziger muss am Ende um die Affäre doch wissen und wenigstens von
weitem dabei zugegen sein Einer von uns beiden bleibt ganz gewiss wer weiß am
Ende bleiben wir alle zwei und wir können in dem einödigen Walde doch nicht wie
die Kadaver von angeschossenem Wild verenden und liegen bleiben Weil aber so
manches darum und daran hängt womit du als Vertrauensmann der Hartensteinschen
Familie dich allein befassen kannst darf dieser eine kein anderer sein als
du«
    Dezimus reichte ihm zusagend die Hand Es würde ihm nicht beigekommen sein
diesem Hartenstein sein blutiges Vorhaben auszureden auch wenn er selbst in
dieser Stunde es für einen Frevel erachtet hätte Er schärfte ihm nur ein auch
für einen ärztlichen Zeugen Sorge zu tragen und verwies ihn an den
zuverlässigen beiderseitigen Freund Kurze Dann aber stürmte er fort um allein
zu sein Allein mit den tobenden Geistern der Hölle in seiner Brust mit seinem
Hass seiner Rache seiner Wut
    Die Tore waren gesperrt er durfte mit seiner bösen Genossenschaft nicht
hinaus in das einsame Freie Aber auch auf den Straßen war es ja still und am
stillsten da wo es den Tag über am geräuschvollsten getost hatte Er rannte sie
auf und ab kreuz und quer stundenlang unter dem sternenlosen nebelnden
Novemberhimmel über dem mit Blut bespritzen Boden Er dachte nicht daran dass
in manchem Hause an dem er vorüberstrich bittere Tränen flossen Herzen in
Todesängsten schlugen Wenn aber das Merkmal der Männlichkeit das sein sollte
dass es dem Jüngling gelingt die Sturmgeister des Blutes wie Feinde vor sich
niederzuwerfen so ist Dezimus Frei erst in diesen nächtigen Stunden ein Mann
geworden Und ob man den Mann zum Glücklichen erkläre weil er über jene Geister
ein Sieger ward oder zum Sieger weil er ein Glücklicher war sein Mannesglück
wurzelte in diesen nächtigen Stunden
    Als er vor Abgang des Abendzuges nach dem Bahnhofe zurückkehrte war der
Sicherheitswächter des Tages abgelöst worden von einem der sich über die
mangelnde Legitimation nicht zufrieden geben wollte Die blauen Augen das
blonde Haar wenn es sich just auch nicht lockte stimmten zu dem Signalement
des roten Hartenstein die Bürgschaft welche der wachtabende Leutnant von
Hartenstein für den ihm befreundeten Pfarrer eines Hartensteinschen Gutes
übernahm verdoppelte das Misstrauen der in der Binde ruhende Arm die
Totenblässe der Angstschweiß auf seiner Stirn steigerten das Misstrauen zum
gegründeten Verdacht und so würde der friedliche Pfarrherr von Werben zum Lohn
für seine loyale Demonstration die Nacht als roter Hartenstein in den
Kasematten verbracht haben hätte sein guter Stern nicht zum Empfang des mit
dem erwarteten Zuge zurückkehrenden Generals seinen Kommandeur auf den Bahnhof
geführt dessen Zeugnis sich denn der bürgerliche Wächter der Sicherheit wohl
oder übel beugen musste
    Hatte auf seinem Abendgange Dezimus sich nun mit den innerlichen
Sturmgeistern notdürftig auseinandergesetzt so galt es nunmehr während der
nächtlichen Heimfahrt mit dem nüchternen Hausgeist Vernunft zu einem Ziel zu
gelangen Was sollte und wollte er zunächst Die Flüchtigen suchen Aber wo sie
finden vor dem unseligen Geschehnis des morgenden Tages Bei Sidonien bei
Lydia Gewiss nicht Die Gefahr des Entdeckt und Aufgehaltenwerdens war in der
Heimat größer als anderwärts abgesehen von der Schwierigkeit morgen bei hellem
Tage unbemerkt den Ort des Stelldicheins zu erreichen In dessen Nähe würden sie
ohne Zweifel weilen
    Und da war denn der Zug mit dem er fuhr ein Eilzug der gegen sein
Erwarten Winters in dem stillen Badedorfe nicht anhielt Hatte die Fahrt dem
Ungeduldigen bereits eine Ewigkeit gedünkt so musste er nun noch bis zu der
nächsten Stadt dampfen und von da aus nahezu eine Meile zu Fuß rückwärts
wandern Er kannte und liebte die Gegend sie war ja sein Heimatstal Wie so
manchesmal hatte er singend und pfeifend die maifrischen Buchenwälder
durchstreift wenn nach einer lustigen Fahrt die Kommilitonen der nachbarlichen
Universitäten auf der Ruine Pfingsten feierten wie so manchesmal als
stillvergnügter Gesell inmitten der lautvergnügten an der Tafel des einzigen
Wirtshauses im Badedorfe kommersiert Heute ist es nebeldicke Novembernacht der
Wald dessen Saum entlang er schreitet streckt die entlaubten Äste wie dürre
Gerippenarme ihm entgegen in diesem Walde aber soll wenn es Mittag geworden
ein blutiges Werk vollbracht werden an welchem er teil hat wie an einem
eigensten Geschick und wenn er an das Tor des Gastauses klopft geschieht es
um ein verzweifelndes Weib zu finden das nach einer mutigen Liebestat unter
Todesschauern ringt
    Aber wahrlich selbst bis zum Verzweifeln musste er klopfen und rütteln
bevor der Hausknecht das Tor endlich öffnete und den seltenen Wintergast mit
schlaftrunkenen Augen anstarrte Dieser forderte ein Zimmer  das er nicht
betrat einen Imbiss  den er nicht berührte Wie verloren warf er die Frage hin
ob das Haus von Gästen stark besetzt sei Leider war es seit Wochen nur von den
Eingesessenen besetzt eine Auskunft die kurz darauf Herr Strobel der
Scheffelwirt bestätigte
    Herr Strobel begrüßte den Ankömmling wie einen alten Bekannten er hatte den
Hünen der Studentenschaft in gutem Gedächtnis behalten obschon dieser niemals
mit Säbel und Sporen geklirrt auch weniger Seidel ausgestochen hatte als der
bescheidenste Knirps Auch von seinem kriegerischen Missgeschick und dem so früh
errungenen geistlichen Amte erwies sich Herr Strobel durch das Kreisblättchen
unterrichtet
    Diesem wackeren Manne band der junge geistliche Herr nunmehr das Märlein
auf welches er beiwege sich mühsam ausgediftelt hatte Denn welche Kunst ist so
schwer dass in der Not nicht auch ein Stümper sie betreiben lernte Aus Zufall
war ihm zu Ohren gekommen dass ein alter Schulfreund mit seiner jungen Frau auf
der Hochzeitsreise in dem freundlichen Badeorte zu übernachten beabsichtigte
Der Wunsch des Wiedersehens war natürlich erwacht aber durch Amtsgeschäfte
gestern nachmittag abgehalten hatte der Pfarrer erst den Nachtzug benutzen
können um das junge Paar wenigstens noch am Frühstückstische zu begrüßen
    Leider wie schon gesagt war er falsch berichtet seit Wochen weder ein
junges noch altes Paar noch selbst ein einzelnes Individuum männlichen oder
weiblichen Geschlechts im Goldenen Scheffel eingekehrt auch wie Herr Strobel
wahrheitsgemäss versichern durfte kein zweites Logierhaus in welches die
Herrschaften sich verirrt haben konnten im Orte vorhanden Dass aber ein so
außerordentlicher Fall wie zur Winterszeit die Einkehr in einer Privatwohnung
nicht ohne das größte Aufsehen zu erregen hätte vor sich gehen können brauchte
Herr Strobel kaum zu erwähnen erwähnte es aber doch
    Sein Gast bedauerte die zwecklose nächtliche Beunruhigung Die Freunde waren
nicht im Ort sehr natürlich Er hatte sich plötzlich besonnen  ein tröstliches
Merkmal wie weit ein Novellist durch Übung es in der Erfindungskunst zu bringen
vermag  dass in einem unfernen Pfarrhause ein zweiter allerdings älterer
Schulfreund heimse dem der erste ohne Zweifel sein Frauchen präsentiert haben
werde ihn alldort aufzusuchen war der dritte nun um so lieber bereit da er
sich der Hoffnung nicht entschlagen mochte das junge Paar zu einem Abstecher in
sein eigenes freundliches Pfarrhaus zu bewegen Weil aber nach dem Frühzug bis
zum Abendzug kein anderer hier im Orte anhalte das Wetter mild sei und wenn
nur der Nebel sich senke die Gegend sogar im Winter einen angenehmen
Reiseeindruck biete beabsichtige er eine Wagenfahrt in Vorschlag zu bringen und
bäte daher Herrn Strobel ihm für den Nachmittag seine Equipage zur Verfügung zu
stellen der zweifelhaften Witterung halber den Wagen geschlossen Bei näherer
Prüfung empfahl es sich auch den Umweg durch das Dorf zu vermeiden Die
Fusswanderung konnte die junge Frau ermüdet haben Das Gefährt solle daher in der
Mittagsstunde aber ja recht pünktlich auf der Landstraße bereitalten an der
Stelle wo das Mordtal durch welches der nächste Weg nach dem Pfarrdorfe ja
führe auf jene Straße münde Den Fahrpreis war der Mieter selbstverständlich
bereit auch wenn das Geschirr unbenutzt bliebe zu entrichten Weitläufigkeiten
zu ersparen sogar im voraus Das letztere wäre nun durchaus überflüssig
gewesen der Herr Pastor hatte Kredit es wurde schließlich aber doch mit dem
Versprechen der Geduld im Fall eines Wartestündchens angenommen
    Wie der Wind jagte nunmehr der fabulierende Held von dannen auf die Suche
nach seinem glücklichen jungen Paar zunächst allerdings nicht in das Mordtal
das zum Pfarrdorfe führte sondern stracks nach dem Bahnhofe Er blickte durch
die trüben Scheiben in das einzige Wartezimmer der Docht einer Hängelampe
kohlte ein Kellner schlief auf zwei Stühlen ausgestreckt Tor der er gewesen
In diesem öffentlichen Raume ein unglückliches Paar auf der Flucht
vorauszusetzen oder in diesem unheimlich öden nach einem glücklichen auf der
Hochzeitsreise Kundschaft einziehen zu wollen Jedes weitere Auskunftsuchen war
überdies verdächtigend
    So machte er denn einen Gang durch die bergansteigende einzige Dorfgasse
die kleinen Häuser vor welchen im Sommer geputzte Kindergäste sich tummelten
lagen schlummerstill nur ein Hahn krähte hier eine Kuh brummte dort dann und
wann brannte eine Morgenlampe eine schwache Rauchsäule wirbelte aus dem
Schornstein in den Nebel Alles so friedlich wie daheim und wie unfriedlich
mochten daheim die Herzen schlagen wenn vielleicht schon in der Nacht die
Häscher auf den feindlichen Mann gefahndet hatten nach welchem er selbst wie
betört in der Irre umherspähte
    Ja in der Irre Denn Schritt um Schritt war es ihm wie Schuppen von den
Augen gefallen Würde der Verfolgte hier im nächsten Bereich der Verfolger
eine Zuflucht gesucht haben da er von der rückwärts liegenden Station aus auf
fremdem Gebiet mit weit geringerer Entdeckungsgefahr den Platz der Entscheidung
erreichen konnte Schieben sich doch in diesem Talwinkel gar mancher Herren
Länderchen ineinander deren Grenzen ein preußischer Gendarm nicht so ohne
weiteres zu überschreiten wagt Auf dem jenseitigen Ufer war er mindestens einen
Tag lang geborgen  aber die letzte Hoffnung erloschen ihn dort vor der
verhängnisvollen Stunde aufzufinden
    In dieser beklemmenden Erkenntnis hatte Dezimus die Berglehne erreicht von
welcher er manchesmal einen erquickenden Blick in das grüne Tal getan hatte
Heute lag es im ersten schwachen Morgendämmer weiß in grau Der Nebel
verdunstete in phantastischen Gebilden die oberen Regionen klärten sich ein
leiser Reiffrost überzog die entlaubten Äste mit glitzernden Kristallen Jenseit
warf die schmale Mondsichel einen fahlen Schimmer über das schwärzliche Gemäuer
der Ruine ostwärts da wo die Heimat lag leuchtete noch der Morgenstern Ein
erquickendes Landschaftsbild auch heute für ein Auge das hoffnungsfroh darauf
geschaut hätte
    Und warum zuckte des Beschauers Auge warum schlug sein Herz jählings
hoffnungsfroh Was bedeutete das Lichtchen drüben zwischen dem schwarzen
Gemäuer als dass der alte Burgschenke der Sommers so manches Fass in seinem
»Verlies« verzapfte auch nicht aus demselben gewichen wäre und wenn ein
Gletscherwall sich rings um dasselbe gezogen hätte Wie manchen akademischen
Witz über des alten Kilian Kellertreue und die romantischen Abenteuer seiner
beiden einzigen Winterkumpane Mops und Mietz hatte Dezimus belachen hören und
mit belacht Der alte Kilian kochte seinen Morgenkaffee weiter nichts Und
dennoch erleuchtete das Flämmchen auf dunklem Grund den Beschauer plötzlich wie
eine Vision wie ein Blinken seines treuen Johannissterns »Dort oben dort
oben« rief er laut auf
    Er nahm sich nicht Zeit zu dem Umwege durch das Dorf setzte als wäre er
selbst ein Verfolgter auf der Flucht den steilen Abhang hinunter quer durch
die Wiesen bis zum Ufer von wo ein Kahn an den Fuß des Burgfelsens trug Beim
Übersetzen fragte er den Fährmann ob dann und wann wohl noch ein Fremder den
alten Kilian besuche Der Fährmann hatte seit diesem Monat keinen mehr
hinübergerudert
    Auf dem jenseitigen Ufer schlug Dezimus statt des sich windenden Fahrweges
den steilen Fußpfad ein mit Siebenmeilenschritten und keuchender Brust Es war
licht geworden ein leiser Luftauch die Nebel scheuchend verhieß einen klaren
Sonnenaufgang einen blauen Himmel über der düsteren Tat
    Schon der Ringmauer nahe stockte der eilende Schritt Vom Fuß zum Gipfel
war der Pfad von der Ruine aus zu übersehen einer der nicht entdeckt sein
wollte konnte sich längst zwischen den weitläufigen Trümmern verborgen oder von
der entgegengesetzten Seite entfernt haben Dezimus seufzte laut auf als ob es
sein Schutzgeist wäre und nicht sein Feind der vor ihm geflüchtet
    Und wirklich war er von oben bemerkt und erkannt worden denn der alte
Burgwirt stand schon auf der Lauer vor dem halbzerfallenen Tor schwenkte seine
Pudelmütze und schrie ihm das »Salve« entgegen das er seinen Lieblingsgästen
abgelauscht hatte Dann aber schüttelte er dem Ankömmling herzhaft die Hand und
rief »Das nenne ich Glück« Er drückte den schönen Begriff mit einer durchaus
nicht schön zu nennenden akademischen Hyperbel aus »Seit dem Reformationsfeste
kein Gesicht und an Sankt Katrinen ihrer zwei«
    »Ihr habt schon Gäste Freund« fragte Dezimus mit klopfenden Pulsen
    »Nur einen« antwortete der Alte »So was dergleichen wie ein Maler kommt er
mir vor Er stellte sich ein wie Nikodemus in der Nacht von jener Seite Aus
dem Reiche denk ich mir denn ein Landeskind ist er nicht Herr Wirt und Hören
Sie hat er mich tituliert das erste Mannsen das wie ein geziertes Berlinsches
Mamsellchen den alten Kilian per Herr und Hören Sie traktiert Und Wein hat er
sich bestellt Bier ist für so einen zu kommun Na der alte Kilian kann auch
mit Wein aufwarten und an Sankt Katrinen mit schmackhafterem Wein als Bier Er
hat sich gestern abend auf einer Fusstour im Nebel verirrt und will nun den
Sonnenaufgang hier oben genießen Und dazu kanns allenfalls Rat werden denn der
Nebel ist weg Aber gestiegen und ohne Nieselwetter gehts heute nicht ab Wie
er Sie den Berg ransteigen sah sagte er Noch einer der die Sonne hier oben
aufgehen sehen will Nötigen Sie ihn herein Herr Wirt und bringen Sie uns ein
Frühbrot und Wein«
    Auf des Alten Erkundigung wärmte Dezimus nun die Fabel  leider war es im
wesentlichen ja keine  aus dem Goldenen Scheffel wieder auf nur dass er das
zweiselige Pärchen in einen ledigen Freund verwandelte worauf der Alte
schmunzelnd erwiderte »Na warten Sie ihn nur getrost hier oben ab Ists ein
alter Bruder Studio geht er der Ruine nicht vorbei und der alte Kilian
schreibt in seinen Kalender An Sankt Katrinen drei Mann hoch oben auf der
Burg«
    »Sie werden sich mit zweien begnügen müssen Herr Wirt der Gesuchte ist
gefunden« sagte hinter ihnen eine Stimme mit wohlbekanntem musikalischen Klang
    Max von Hartenstein war unbemerkt in den Torrahmen getreten Dezimus Frei
folgte ihm in das Verlies Er zitterte jener war ruhig wie ein Bild von Stein
Der alte Kilian wunderte sich dass zwei alte Freunde die sich suchen und
finden zum Salve sich nicht einmal die Hände schütteln Aber einer aus dem
Reich der »Hören Sie« zum alten Kilian sagt und ein weiland Kamel das den
Pastorrock auf dem Leibe trägt die haben eben ihre absonderlichen Mucken
    »Sie suchen Ihre Schwester« fragte Max
    »Zunächst allerdings sie« antwortete Dezimus
    »Nun sie wird hoffe ich gestern abend wohlbehalten im Schloss von Werben
eingetroffen sein Wir haben uns auf der vorletzten Station getrennt«
    Es kam Dezimus nicht in den Sinn diesem stolzen Menschen in irgendeiner
Lage eine Unwahrheit zuzutrauen Max hatte Rose berechenbar heimlich verlassen
Sie ahnte sein blutiges Vorhaben nicht Die ganze Konstellation war verrückt
    Der Wirt hatte das Frühstück gebracht Max entkorkte die Flasche kostete
forderte eine zweite bot Dezimus ein Glas das dieser ablehnte und trank dann
selbst in durstigen Zügen ohne dass es ihn zu erregen schien Darauf sagte er
    »Sie würden mich verbinden Herr Pfarrer wenn Sie dieses Blatt bis auf
weiteres an sich nähmen Es ist nicht wahrscheinlich dass ich Werben in der
Kürze wiedersehe und das Leben kann wohlfeil werden in dieser Zeit Für den
Fall meines Todes geben Sie diese Zeilen meiner Schwester«
    Er nahm bei den Worten von dem Tische im Fenster ein Blatt Papier faltete
es und schrieb mit Bleistift »An Sidonie« darauf »Mir fehlt eine Oblate«
setzte er hinzu »Aber auch unverschlossen weiß ich dass Sie vor dem genannten
Termin keinen Einblick nehmen werden Nach jenem Termin steht er Ihnen frei«
    Dezimus barg das Blatt in seiner Brieftasche In einer späteren Zeit ist ihm
der Inhalt mitgeteilt worden Er lautete
    »Ich erwarte von meiner gütigen Schwester dass sie ihre Freundin Rose Blümel
in jedem Sinne als die rechtmäßige Witwe ihres Bruders betrachten wird
                                                                           Max«
    »Und nun wären wir wohl fertig miteinander Herr Pfarrer« sagte Max
    Seine frostige Ruhe die Ironie in Miene und Klang hatten in Dezimus das
Feuer der Verfolgung unter den Zweifelgrad hinabgedämpft die Gleichgültigkeit
mit welcher er des Mädchens erwähnte das so großmütig die tiefste Kränkung
vergessend mit Hintenansetzung von allem was es hochzuhalten hatte ihn der
dringendsten Gefahrentrissen empörte ihn Aber er dachte an dieses Mädchen und
an die beiden anderen die mit ihm um diesen Mann leiden würden und so zwang er
sich zu dem Worte das er wusste es in den Ohren dieses Mannes wie eine
Narrenrede verhallen würde
    »Nein Herr von Hartenstein« sagte er »der Zweck um dessentwillen ich
auch Sie gesucht ist noch nicht einmal berührt«
    »Eh bien Was möchten Sie«
    »Sie beschwören bei allem was Sie wert und heilig achten von der Tat
dieses Tages abzustehen«
    »Sie wissen darum« fuhr Hartenstein auf »Und wer noch außer Ihnen«
    »Keiner mindestens durch mich und bei Gott in keinem anderen Auftrag als
dem meines Herzens habe ich  «
    »Ich weiß die Ehre zu schätzen« unterbrach ihn Max mit einem schnöden
Lächeln »und ich sage Dank dafür dass der eifrige Levit von mir dem Heiden
voraussetzt er werde eher als der gläubige Bekenner die linke Wange bieten
wenn die rechte den Streich empfangen hat«
    »Sie irren Herr von Hartenstein Es war nicht priesterlicher Eifer es war
einfach die Freundschaft für die Ihnen nächststehenden Menschen die mich zu
Ihnen trieb statt zu dem anderen den ich im Bann unüberwindlicher Vorurteile
befangen wusste«
    »Und was berechtigte Sie« rief Max indem eine Blutwoge sein marmorbleiches
Gesicht überflog »was berechtigte Sie zu der Annahme dass ich ich diese
Vorurteile wie Sie es nennen nicht hege Meinen Sie dass ich die Sache der
misera plebs für die ich meine Existenz in die Schanze geschlagen so
verstanden habe um im Sinne des Plebs ein Schimpfwort für ein Scherzwort zu
nehmen und nicht vielmehr des Volkes Schranken so weit hinauszurücken dass es
wie wir für sein Recht und seine Ehre den Einsatz des Lebens nicht zu hoch
erachte«
    Dezimus blickte eine Weile betreten zu Boden dann erwiderte er aber
kleinlauter als vorhin »Ein ungemeines Streben in ungemeiner Zeit zieht keine
Alltagskonsequenzen Ihre Freunde Herr von Hartenstein werden es schwerlich
verstehen und sicherlich es Ihnen nicht vergeben wenn der Tribun sich dem
Kavalier zum Opfer stellt Retten Sie sich für die Sache um derentwillen Sie
wie Sie sagen Ihre Existenz in die Schanze geschlagen haben«
    »Ich habe keine Freunde an deren Verständnis mir gelegen wäre« entgegnete
Max mit einem geringschätzigen Achselzucken »und die Sache die ich die meine
nannte ist über meine Lebenszeit hinaus eine verlorene Das Volk  es bleibt
bei dem Weidetier«
    »Wills Gott nicht« rief Dezimus »Solange die Menschheit währt wird der
Kampf für die Menschlichkeit geführt werden wenn auch mir anderen Waffen als
den heutigen Wollen Sie die Flinte in das Korn werfen weil  lassen Sie mich
Sie an die Stunde erinnern in der ich den frühesten Blick in Ihre Seele getan
 weil Ihre ersten Blütenträume nicht reiften Sie haben auf unberechenbare
Jahre hinaus mit Ihrem Vaterlande gebrochen wollen Sie mit einem Mord von ihm
scheiden Suchen Sie ein neues ein nach freieren Satzungen bereits geordnetes
mit dem Bewusstsein einer selbstüberwindenden einer hochherzigen Tat Fliehen
Sie Herr von Hartenstein Die Stunde drängt nein die Minute gelüstet es Sie
in Handschellen mit Ihrer Jugend abzuschließen«
    »Seien Sie ruhig Freund« versetzte Max lächelnd »Ich werde keine
Handschellen tragen«
    »Sie wollen sterben Max Warum nicht leben Nicht lebend sühnen was Sie
vielleicht noch nicht einmal einen Irrtum nennen was aber nachdem der Irrtum
zu einem Verhängnis geworden ist nicht für Sie allein Sie wie Sie sich auch
stellen mögen als ein Frevel gemahnen wird Der Tod scheint nur unreifen
Geistern eine sühnende Tat Leben Sie eilen Sie Sie haben meinen Pass tauschen
wir die Kleider fliehen Sie nach der Insel berufen Sie sich bei meinem Bruder
auf mich Er rudert Sie nach Helgoland Ihre Schwester die jede Stunde von
ihrem traurigen Posten erlösen kann wird Ihnen folgen und  «
    »Und  Rose« fragte Max mit einem lauernden Seitenblick
    »Soweit die Macht eines Bruders über die Schwester reicht bei Gott im
Himmel niemals« antwortete Dezimus und sein Ton mochte den Ernst seines
Willens nicht bezweifeln lassen denn Max reichte ihm die Hand und über seinen
Augen lag ein feuchter Nebel
    »Sie sind ein seltener Mensch Dezimus in Wahrheit ein Glücklicher« sagte
er mit weichem Klang »Ich danke Ihnen Sie haben mir den Glauben wiedergegeben
dessen letzten Rest ich gestern verloren hatte«
    »Den Glauben an die natürliche Guteit der misera plebs« versetzte Dezimus
und diesmal war er es welcher lächelte »Wahren Sie sich diesen Glauben Herr
von Hartenstein auch wenn er in bezug auf mich sich nicht völlig zutreffend
erweisen sollte So wenig wie es der Priester war der sich bekehrend in Ihre
Nähe drängte so wenig ist es der Sohn des armen Hutmanns Ihrer Heimat der aus
natürlichem Drang an die Kraft Ihres Gemütes appelliert Es ist der Zögling des
Mannes dessen liebstes Kind Sie höher gehalten hat als Ehre und Herzensfrieden
obgleich es wusste dass Ihre Neigung nur eine Wallung war Und es ist der Freund
einer anderen welcher mit dem Leben eines Bruders das des Mannes auf dem Spiele
steht dem sie einst ihr reines Herz geöffnet hatte«
    »Lydia« rief Max Er machte einen Gang durch das Zimmer
    Dezimus trat an das Fenster Die Sonne war ohne dass sie es bemerkt hatten
klar aufgestiegen schon jedoch wieder von auf und ab wallenden Dünsten
umschleiert Der Tag würde in Regen enden in Tränen ahnte Dezimus
    Max war an seiner Seite stehen geblieben »Es kann nicht sein Freund«
sagte er »Das Blut ist stärker als die Logik Ihrer Großmut Schon das gestrige
Unternehmen dessen unzeitige kindische Ausführung Sie wenigstens nicht auf
meine Rechnung setzen sollen hat meinen Namen zum Spott gemacht Soll ich nun
noch unter dem Gelächter meiner Zeitgenossen aus der Arena flüchten in die ich
mit vollen Backen zum Kampf geladen habe Ich würde vor dem gestrigen Begegnis
versucht haben nach Süddeutschland zu entkommen wo eine nochmalige Erhebung
für eine wenn auch nicht soziale doch politische Neuerung Deutschlands nicht
völlig undenkbar ist Nach jenem Begegnis habe ich von der Hand eines beherzten
Weibes welches wäre mir die Frist gegönnt das meine werden würde mich
entführen lassen nicht zu schmählicher Flucht sondern zu einer Rettung der
Ehre dem einzig geziemenden Abschluss der mir übrigblieb Es muss geschehen
Aber Freund Lydia wird um keinen Bruder Leid zu tragen haben und falle ich 
so oder so  mögen Sie ihr sagen dass das Leben wenig Wert mehr für mich hatte
seit sie ihr reines Herz vor mir verschließen musste«
    Lydia Warum hatte Dezimus diesen teuersten Namen aufgerufen warum die
schwerste Versuchung für sich selbst heraufbeschworen Sprach sie »Nimm die
Schmach auf dich Max ich teile sie mit dir« er würde sich gerettet haben für
sie um ihretwillen vielleicht  nein gewiss
    »Schieben Sie die Tat auf bis Lydia über sie entschieden haben wird
erwarten Sie ihre Weisung auf der Insel« Sein Herz krampfte während er diese
Worte sprach und seine Blicke wurzelten am Boden während er die Antwort
erwartete
    »Nein« lautete sie nach kurzem Zögern »Sie liebt mich nicht mehr und ihr
Mitleid ließe mich nur noch tiefer sinken als ich mich gesunken fühle Ist es
aber möglich so lassen Sie ihr das Schicksal dieses Tages verborgen bleiben«
    Der letzte schwerste Versöhnungsklang war machtlos verhallt Lydias hehres
Bild vor der Seele schieden sie
    Am Bahnhofe traf Dezimus mit Martin und dem getreuen Doktor Kurze zusammen
Nachdem er bei dem beleidigten Feinde gescheitert war machte er noch einen
Versuch den beleidigenden Freund umzustimmen er erinnerte daran wie dieser
mit dem unantastbaren Ehrenruf nachdem er noch gestern die Feuerprobe auf das
tapferste bestanden so viel leichter als sein allseitig und auch von ihm
geschmähter Gegner die Hand zur Versöhnung bieten ja sogar dem Zusammentreffen
aus dem Wege gehen könne Er erinnerte auch  wennschon er über diese
Eventualität im Innersten beruhigt war  bei einer traurigen Möglichkeit an den
Jammer seiner Mutter an die Verwaisung seines Töchterchens und gewiss blieb das
zärtliche Vater und Sohnesherz bei diesem Mahnen nicht ungerührt
    »Ich habe mein Testament gemacht und dich zum Vormund meiner kleinen Tili
ernannt Dezimus« sagte er mit Tränen in den Augen Aber es gibt nun einmal
einen Punkt auf welchem auch der Schwache unbeugsam ist und je schwächer
häufig desto mehr
    So brachen sie denn nach dem Mordtale auf das Freund Kurze »wie seine
Tasche« zu kennen versicherte Er hatte auf einer Lichtung desselben während der
pfingstlichen Burgkommerse an mancher kameradschaftlichen Paukerei mit Nadel und
Heftpflaster teilgenommen hin und wieder wohl auch mit Schläger und Rapier Er
war beileibe kein Feind von derlei Entladungen eines überschüssigen Bluts weder
im Spaß noch sogar im Ernst Das gegenwärtige bitter ernsthafte Vorhaben
erklärte er jedoch natur und vernunftgemäss für einen Raptus der Absurdität
    »Denn« so sagte er beiwege zu Freund Dezimus während der sonst so
mitteilsame Martin stillschweigend voranschritt »denn Numero eins Blut wäscht
einen Flecken von der Ehre ab aber Blut wehrt ihn auch ab Gibt mir mein Bruder
einen Knuff gebe ich ihm wieder einen und er und ich sind so gut wie vorher
Demgemäss können Brudersöhne sich schon einmal einen dummen Jungen anbrummen
ohne gleich loszuknallen Der dumme Junge erstickt im natürlichen Blut Numero
zwei bei jeglichem Ärgernis entscheidet die Präsenz Müssen Kanaille und
Hasenfuß gewärtig sein Tag für Tag oder allenfalls auch nur dann und wann mit
den Köpfen gegeneinander zu rennen na so schießen sie sich wieder zu
Ehrenmännern zurecht oder meinetwegen auch tot Wissen sie aber von vornherein
dass sowieso selbigen Tags einer von ihnen auf Nimmerwiedersehen ins Zuchthaus
transportiert wird oder bestenfalls über das Weltmeer echappiert item dass
Kanaille und Hasenfuß quasi nicht mehr füreinander vorhandene Individuen sind
warum soll einer dem anderen zuvor mit Teufelsgewalt das Lebenslicht ausblasen
oder was noch weniger angenehm sein würde es sich von ihm ausblasen lassen
Narren sind sie alle beide diese Hartensteine der rote wie der blaue
Indessen ich habe die Hoffnung sie zu kurieren noch nicht aufgegeben Woran
die Weisheit zuschanden geworden ist das hat schon manchmal ein Jokus zustande
gebracht Lass mich nur machen alter Dezem«
    Trotz dieser tröstlichen Versicherung entwarf er indessen mit der ihm eignen
praktischen Umsicht das Programm für jeglichen mehr oder minder schwierigen Fall
und fühlte sich der redlichsten Teilnahme unbeschadet durchaus con amore bei
dem verzwickten Handel
    In der Waldlichtung wartete Max bereits Er hatte als Beleidigter keine
weitere Bedingung als die des gleichzeitigen Feuergebens zu stellen eine
Bedingung welcher Martin mit einem Kopfneigen zustimmte Dezimus drückte erst
dem Freunde dann dem Feinde die Hand nur dem letzteren mit einem
Abschiedsgefühl und wahrlich mit einem wehe tuenden Dann nahm er seinen Platz
außerhalb des erwählten freien Raums
    Peter Kurze dahingegen stellte sich in dessen Mitte Er reckte sich
räusperte sich und begann darauf in seiner kommentwidrigen vierfältigen
Eigenschaft als Medikus Unparteiischer und Sekundant beider Parteien  denn der
priesterliche Hüne der sich mit mäusefahlem Angesicht dort an die alte
Hagebuche lehnte zählte lediglich für eine »geistige Natur«  recht weidlich
die Narrenkappe zu schütteln und die Narrengeissel über das natur und
vernunftwidrige wie auch nebenbei brudermörderische Vorhaben zu schwingen
    Der Wahrheit die Ehre Peter Kurzens Rede war ein satirisches Musterstück
wie er kein zweites geleistet hat Auch blickte er nachdem er geendet mit
siegesstolzer Zuversicht von einem der feindlichen Hartensteine auf den anderen
Der Dichter lächelte um so grimmiger schaute der Leutnant drein Das war nicht
der Mann der sich eine bitter ernsthafte Sache von einem Bajazzo verpfuschen
ließ Da jedoch zu einer Rückwärtsbewegung wie der Mittelsmann sie empfohlen
denn auf eine Handreichung hatte er von vornherein bescheidentlich verzichtet
weder der Lächelnde noch der Grimmige Anstalt machte da auch von außen her kein
willkommnes Hindernis in die Szene sprang keine Feuerkugel vom Himmel fiel
kein Spaziergänger des Weges kam kein Forstüter nicht einmal ein Gendarm
raunte er dem Freunde unter der Hagebuche zu »Vor derartigem Blödsinn erbleicht
sogar dein Johannisstern«
    Dann aber setzte er sich in Positur maß die Schritte ab reichte mit einer
Verbeugung einem jeden seine Waffe führte ihn an seinen Platz und zählte ohne
Zagen »Eins  zwei  drei«
    Die Schüsse fielen Max der in die Luft gefeuert hatte brach leblos
zusammen
    »Ist er tot« schrie Martin auf Er sah so sterbensfahl aus wie der welcher
am Boden lag Der Doktor zuckte schweigend die Achseln
    Die Kugel war nahe der Schulter in die Brustöhle gedrungen Kurze legte den
blutstillenden Verband an und entfernte sich darauf um wie verabredet die
diplomatischen Massnahmen zu treffen die kaum weniger als der ärztliche Dienst
eines Meisters Kunst erheischten
    Er eilte nach dem Ausgang des Tales wo der Wagen pünktlich eingetroffen
war präsentierte sich dem Kutscher als der vom Mieter erwartete Freund der
vorangegangen sei um für einen plötzlich erkrankten Begleiter einiges
Erforderliche im Dorfe einzuholen Als Ortsunkundiger bat er den Kutscher indem
er ihm ein Trinkgeld in die Hand drückte diese Besorgungen für ihn abzutun
Wein und einen Imbiss aus dem Wirtshause Hofmannsche Magentropfen aus der
Apotheke vom Kaufmann eine Flasche Kölnisches Wasser kurzum er schickte ihn
von Pontius zu Pilatus indem er versprach in der Zwischenzeit die Leinen
gewissenhaft festzuhalten Kaum aber dass der Mann aus der Gehörweite war
schwang Peter Kurze sich auf den Bock um über Stock und Stein nach der Lichtung
zu jagen
    Hier hatte währenddessen der Verwundete ohne Zeichen des Lebens am Boden
gelegen den Kopf an Dezimus Brust dessen Hand gepresst auf den Verband der
Wunde Martin an seiner Seite kniend küsste seine Hände weinte wie ein Kind
»Bei Gott im Himmel« schluchzte er »ich habe es nicht gewollt Ich hatte auf
den Oberarm gezielt und ich treffe das Daus in der Karte Warum hat er auch in
die Luft gefeuert und dabei gezuckt dass ich die Brust treffen musste In meinem
Leben kann ich dem armen Röschen nicht wieder in die Augen sehen«
    Als der Doktor mit dem Wagen zurückkehrte und den Verband erneuert hatte
wurde der Kopf des Verwundeten mit verschiedentlichen Taschentüchern umwunden
das Gesicht obendrein durch ein breites schwarzes Pflaster unkenntlich gemacht
des Pastors Feldmütze ihm über die Ohren gezogen der Soldatenmantel ihm
übergehängt und auf diese Weise umgewandelt in Bruder Frieden den blöden
Amerikaner der beim gestrigen Strassenkampfe in der Festung zufällig einen Schuss
wegbekommen hatte der rote Hartenstein in den Wagen gehoben
    »Und nun machen Sie sich aus dem Staube« sagte der Doktor zu Martin »Sie
haben Ihre Heldentat getan Das Weitere ist unsere Sache«
    Martin ging Wie einst sein Vater hatte er die Ehre der Hartenstein mit
blutiger Hand gerächt Dass er aber wie sein Vater deshalb ein krankes Herz
durch das Leben tragen werde wird für den Sohn nicht zu befürchten sein
    Der Verwundete ruhte in Dezimus Armen Freund Kurze nachdem er sorgfältig
die Gardinen geschlossen hatte führte den Wagen Schritt für Schritt nach der
Haltestelle versprach dem Kutscher als dieser zurückkehrte ein doppeltes
Trinkgeld wenn er zur Schonung seines kopfleidenden guten Freundes ein gleich
langsames Tempo beibehalte und nahm dann seinem Pflegling gegenüber auf dem
Rücksitze Platz
    Wie der alte Kilian prophezeit hatte war das Wetter in einen Landregen
umgeschlagen die Dämmerung daher noch früher als sonst im Spätherbst
hereingebrochen die Straße menschenleer Wohin nun aber mit dem vielleicht
sterbenden Mann Wo Rast für ihn suchen selbst im günstigsten Falle lange
währende heimliche Rast Wo die sorgsame Pflege für ihn finden deren er
unumgänglich bedurfte Eine weite Fahrt würde er nicht überstanden haben Selbst
Werben war im Grunde zu weit Welche Wahl blieb aber außer Werben Auch hatten
beide Freunde von Haus aus an keine andere Zuflucht als die des Talgutes
gedacht Bei näherer Überlegung mussten sie sich jedoch sagen dass dort bei den
Seinen der Verfolgte zuerst gesucht und unvermeidlich entdeckt werden würde
Wohin aber sonst
    »Aufs Schloss mit ihm« rief plötzlich der Doktor mit dem Trompetenton der
Unwiderleglichkeit »Bei seiner feindlichen Exbraut vermutet den roten
Hartenstein nicht die feinste Schnüffelnase Still wie in einem Kloster
Matratzen und Verpflegung ideal Dort oder nirgend ist er geborgen Dort oder
nirgend leistet Peter Kurze sein ärztliches Meisterstück Aufs Schloss mit ihm«
    Wie Dolchspitzen hatte des armen Dezimus Brust ein jeder dieser natur und
vernunftgemässen Sätze mit den Erinnerungen die sie weckten und nur allzu
naheliegenden Folgerungen durchzuckt Er schwieg eine lange Weile kämpfte
schwere Seufzer nieder und sagte dann auch seiner Natur und Vernunft gemäß
»Ja auf das Schloss«
    Vor der Station von welcher aus er gestern abend seine Fusswanderung
angetreten hatte verließ er den Wagen da er wenn er den Nachmittagszug
benutzte einen mehrstündigen Vorsprung gewann um in der Heimat Rat und Hilfe
vorzubereiten Und von allen Martern die er seit vierundzwanzig Stunden zu
bestehen hatte ist die Unheilsbotschaft an die beiden Frauen wahrlich nicht die
am wenigsten martervolle gewesen
    Rose hatte als sie am verwichenen Abend allein aufgelöst in Schmerz und
Angst auf das Schloss zurückkehrte die Geschehnisse dieses Tages und ihren
Anteil an ihnen ohne Hehl der Freundin mitgeteilt und war von dieser um ihrer
großmütigen Tat willen aufrichtig bewundert worden Sie selbst wäre des gleichen
Entschlusses ja fähig gewesen allein schwerlich der gleichen praktischen
Durchführung Von dem bevorstehenden Zweikampf hatte Rose keine Ahnung Sie wie
Lydia schwankte ob es Absicht oder unfreiwillige Verspätung wenn nicht gar
eine verhängnisvolle Begegnung gewesen war dass Max als er auf der letzten
ausserpreussischen Station das Koupé ohne Vorwand verlassen hatte nicht dahin
zurückkehrte Mit Zittern und Zagen hatten sie im Geiste ihn umherirren sehen
verfolgt erkannt verhaftet gefangen aber dann auch wieder hoffnungsvoll ihn
geborgen und unentdeckt den Hafen erreichen von welchem das nächste Schiff ihn
in die Freiheit trug
    Und nun zu hören dass er von allen Seiten bedroht als ein zum Tode
Verwundeter in seine Heimat geführt werde Rose stand vernichtet starr und
stumm Seit gestern fühlte sie sich nicht mehr als die verlassene Geliebte die
mutvoll gegen ihr Begehren und die Schmach der Missdeutung kämpft Sie hatte
gehandelt wie ein zur Treue verpflichtetes Weib bekannte ihre Liebe ohne Scheu
war froh gewillt Gefahr und Verbannung mit dem Geächteten zu teilen Höher denn
jemals vor sich selbst gestellt stürzte eine Minute sie in den Abgrund alles
Entsetzens
    Aber auch Lydia stand erschüttert wie eine Liebende Selbst wenn sie nicht
die Tat eines Bruders zu sühnen nicht der Großmut dieses Mannes das Leben eines
Bruders zu danken gehabt hätte würde es kaum einen Preis gegeben haben der ihr
für seine Rettung zu hoch erschienen wäre Denn wenn die Sehnsucht der Liebe in
einem Herzen auch erlischt das Mitleid der Liebe bleibt lebendig bis zum
letzten Atemzuge Dezimus hatte ja nicht daran gezweifelt dass sie ohne Besinnen
ihn bergen und pflegen werde sie hätte nicht Lydia sein müssen wenn das
unbedingt Menschliche ihr nicht höher gestanden hätte als die bedingte Natur
die gemeinhin dem Weibe eignet Und dennoch als er sie jetzt so freudig ohne
jegliches Bedenken dessen was sie für sich selbst auf das Spiel setzte in
seinen Vorschlag willigen sah krampfte in seinem Herzen eine Empfindung der er
sich schämte einen Namen zu geben Er fühlte den Puls des Weibes für den
Einstgeliebten schlagen
    Man hatte allerdings schon am Morgen auch auf dem Schloss nach Max
geforscht eine Haussuchung wie sie auf dem Talgute und auch in Bielitz
stattgefunden war auf Lydias Wort hin jedoch unterblieben Sie hoffte dass es
bei dieser Nachfrage sein Bewenden haben oder dass sie einer späteren zu begegnen
wissen werde
    Rose jedoch widersprach ihr mit plötzlich aufgewachter Energie
    »Nein« rief sie »Es wird bei dieser ersten nicht sein Bewenden haben und
je eifriger du dich einer Haussuchung widersetzest um so mehr wirst du dich
verdächtig machen Er ist hier so wenig wie auf dem Talgute zu verbergen Schon
dass er bei der Ankunft wenn auch im Dunkeln durch das Dorf und über den Hof
gefahren werden muss da er in seinem Zustande nicht die Terrassen hinangetragen
werden könnte dass die Schenke dem Gute gegenüberliegt und von ihr aus jeder
ungewohnte Ein und Ausgang beobachtet werden kann dass die Fenster des
Schlosses von allen Seiten zu übersehen sind und es in ihm wohl eine
zusammenhängende Zimmerflucht aber keinen einzigen Schlupfwinkel gibt keine
Seitentreppe oder Hintertür Und was machte wohl Bruder Frei auf dem Schloss
der Hartenstein Was brauchte der unschuldige Hirtenfriede mit so viel
Heimlichkeit darin gepflegt zu werden So dumm wäre nicht der dümmste Bauer
wieviel weniger ein geschulter Polizist um nicht am ersten Tage hinter dem
versteckten Hutmannssohn den verfolgten Herrensohn auszuwittern«
    Alle diese Einwendungen hatten auch für Dezimus einen einleuchtenden Grund
Aber der Seitenblick mit welchem Rose dabei die sinnende Schlossbesitzerin
streifte bekundete noch einen heimlichen Vorbehalt und  keineswegs edel aber
leider wahr  dass dieser Vorbehalt in seinem Herzen einen lauten Widerhall
fand
    »Nein Dezimus« fuhr Rose fort mit schmeichelnden Tönen die
Rücksichtslosigkeit umhüllend deren nur der Egoismus weiblicher Liebe fähig
ist »nein du hast um meinetwillen um seinetwillen Großes getan und geduldet
aber du hast nichts getan weil alles umsonst wenn du nicht auch das Letzte
tust wenn du ihn nicht dorthin bringst dort birgst wo er allein geborgen ist
wo keiner ihn sucht wo dein Bruder mit Recht hingehört  wenn du ihn nicht
aufnimmst in deine stille abgelegene Pfarre«
    In die Pfarre Ein preußischer Hochverräter verborgen in einer preußischen
Pfarre Minutenlang herrschte atemloses Verstummen Des weißen Fräuleins Blicke
hingen mit nicht minderer Spannung als die des glühenden Weibes an des jungen
Pfarrherrn Lippen
    »Ein Samariterdienst der Ihnen das priesterliche Amt kosten würde Freund«
sagte Lydia endlich mit leise zitternder Stimme Als er aber dennoch das Haupt
zustimmend neigte da drückte sie ihm die Hand mit einem Freudenblick der allen
Zweifel und Vorbehalt aus seiner Seele scheuchte und ihm alle Qualen seines
qualvollsten Lebenstags lohnte
    Eine Stunde später trug der Pfarrer den Hochverräter in das Haus dessen
höchster Schmuck seit einem Menschenalter das schwarzweisse Kreuz über dem des
Erlösers gewesen und bettete ihn zur Pflege in dem stillen Gartenzimmer wo
einstmals der mutterlose Hirtenknabe in die Wiege des eigenen Kindes gebettet
worden war Dazumal hatte die Junisonne hoch am Himmel gestanden heute stürmte
und ergoss sich der Novemberstrom Aber von Nacht und Nebel verhüllt war es
doch die nämliche Leuchte welche das Samenkorn in jener Stunde ausgestreut
zur Reife brachte
Und in diesem stillen Gartenzimmer haben die drei liebenden Frauen den
Verwundeten gepflegt zwar nicht heil aber doch allmählich zum Leben Nie hat
ein Mensch geahnt dass es der Feind des Hauses war der unter einem Brudernamen
in Todesqualen rang Selbst die litauische Lene nicht Denn wenn auf ihre blöden
Augen auch guter Verlass war und auf ihre treue Seele der beste die Zunge lief
ihr dann und wann davon wenn sie mit ihrer guten Freundin Beifuss vertraulich
Zwiesprach hielt und ganz unversehens würde die Sturmglocke im Dorfe geläutet
haben Es war daher klüglich gehandelt dass ihr Hätschelkind sie von vornherein
in ihr eigenstes Revier die Küche verwies und Lydia ihren alten Wagner der an
und für sich schweigsamer Natur war und auf seines Fräuleins Verlangen stumm wie
ein Fisch in die Krankenstube versetzte um die Dienste zu erweisen für welche
Frauenhände nicht ausreichten und dem Pfarrer die Zeit gebrach
    Doktor Peter Kurzen gelang eine schwierige Operation indem er die Kugel aus
der Brust löste und eine treffliche Kur indem er die verletzten Gewebe
ausheilte Beider Darstellung hat  wenn der interessante Fall auch in eine
andere Zeit und Zone verlegt werden musste  dem ärztlichen Rufe welcher just
vor einem Jahre in dem nämlichen Raume begründet worden war wesentlichen
Vorschub geleistet Unter den friedlicheren politischen Auspizien wurde Doktor
Peter Kurze just um diese Zeit seiner militärischen Pflichten quitt Zu seiner
höchsten Befriedigung da in der Festungsstadt die erhoffte Cholera morbus sich
als Illusion erwiesen hatte und die wenigen Opfer der Emeute seinem Tatendurst
auch nicht annähernd zu genügen vermochten Bevor er in »das geistige Zentrum
der Provinz« zurückkehrte machte er daher in dem befreundeten Pfarrhause von
Werben Station »um den Ansprüchen seiner bedeutenden Klientel in jener Gegend
gerecht zu werden« Diese Klientel beschränkte allerdings zurzeit sich auf einen
einzigen Fall zählte materiell jedoch für zehn ja für hundert Sidonie würde
wenn verlangt die Rettung ihres Max mit dem demnächstigen Erbe eines
Rittergutes gelohnt haben Aber Doktor Peter Kurze war ein bescheidener Mann
    Über die ärztliche Behandlung hinaus hatte nebenbei zwischen der
schwächlichen Korbverleiherin und dem rüstigen Korbträger sich ein literarisches
Verhältnis eingefädelt das zunächst zwar nur den Zweck hatte verdächtigende
Spuren von dem Krankenzimmer im Werbenschen Pfarrhause abzulenken beiden
Praktikanten aber zu einem Quell erheiterndster Laune wurde Schon in den
nächsten Tagen bekam man in der einen Zeitung zu lesen
    »Zuverlässigen Nachrichten zufolge ist der bekannte Max von Hartenstein am
25 huj in Lausanne gesehen worden Wem es daher schon aus Gründen der
Vernunft nicht einleuchten sollte dass ein Mann sagen wir ein Agitator von
seinem Kaliber an dem kindischen Putsch in X keinen Teil gehabt haben kann dem
würde es doch schon aus räumlichen Gründen unbezweifelbar werden«
    Einige Zeit später stand in dem Blatte einer anderen Farbe
    »Einsender hat in einem lauschig stillen Winkel am herrlichen Lemansee die
Bekanntschaft des berühmten Dichters Max von Hartenstein gemacht und das Glück
gehabt eines Blicks in seine jüngste Schöpfung Pandora gewürdigt zu werden
welches großartige Epos in ottave rime abgefasst an Schwung und Farbenglut sich
dreist mit den höchsten Leistungen der Byronschen Muse messen darf und
eigentümliche Streiflichter auf eine Zeit fallen lässt über welche Pandorens
Büchse wieder einmal die Fülle ihres Unsegens ausgegossen hat«
    Wenn diese und ähnliche Artikel im Werbenschen verbreitet wurden dann
lachte Sidonie wie in alten glücklichen Siditagen und die übrigen Wächter im
Krankenzimmer lächelten denn sie wussten wessen Phantasie die Dichtung
entsprungen war und welche Hand sie unter die Druckerpresse befördert hatte
    Peter Kurzen war bei derlei »Fickfackereien« so wohl zumute wie einem
Schmerlchen im klarsten Bachwasser Er verhöhnte seinen Freund Dezimus der über
den Rudimenten der diplomatischen Kunst wie ein AbcSchütze stockerte und unter
den Praktiken zu denen sie den Diplomaten nötigt sich krümmte »wie die Bauern
wenn sie in den Turm kriechen sollen« Und doch war im Grunde Peter Kurze keine
weniger ehrliche Haut als sein geistlicher Freund Erzählt man denn aber nicht
dass einzelne Individuen einen Giftstoff von welchem ein Partikelchen der großen
Mehrzahl den Tod bringen würde in zehnfältiger Dosis als Arznei ja als
Leckerbissen und sogar als Schönheitsmittel zu sich nehmen und bei dieser Diät
gesund und kräftig ein Patriarchenalter erreichen
    Der junge Pfarrer von Werben war leider jedoch ein solcher Arsenikschlecker
nicht Leib und Seele siechten an den Konsequenzen seiner Samaritertat wie an
vergiftetem täglichen Brot
    Wenn er von der Kanzel herab das Grundgebot vom »Ja ja nein nein«
verkündet hatte oder das von der Obrigkeit die Gewalt über einen jeden haben
soll und auf dem Heimwege erkundigte sich ein wissbegieriger Familienvater nach
den näheren Umständen von seines Bruders verwunderlicher Blessurgeschichte 
Peter Kurze hatte dieselbige in Kurs gesetzt  oder eine teilnehmende
Gemeindemutter fragte nach dem Befinden des armen guten Friede dem sie ein
selbstbereitetes Pflaster gar zu gern eigenhändig mit einem die Heilung
bedingenden heimlichen Spruch auf seine Wunden gelegt hätte dann trat kalter
Angstschweiß auf das Pfarrers Stirn und der Bescheid würgte wie Wurmsamen in
seiner Kehle Wohlwollende Amtsbrüder warnten ihn ob seines bedenklichen
Aussehens Sie meinten er habe sich nach seiner Verwundung nicht hinlänglich
geschont und rieten zu einer ernstaften Erholungskur Erwiderte er nun auf
solchen Rat dass er sich eine Luftveränderung vorgesetzt habe indem er seinen
Bruder nach dessen Genesung auf die Insel zurückgeleite so sagte ihm der
heimliche Störefried im Herzen dass diese Antwort wiederum nichts als ein
diplomatischer Kunstgriff sei Und ach wie ernstaft war sie doch gemeint wie
aus tiefster Seele schmachtete er nach den reinigenden Elementen und ach wie
sehnsüchtig nach den hohen stillen Sternen deren Priesteramt kein
Samariterdienst entweiht
    Auch Lydia leistete ja verstohlen Samariterdienst auch sie pflegte dem
Namen nach den armen Hirtenfriede der sich fern am Rhein in der Abwartung
seines lieben Herrn nunmehr Generals so behaglich fühlte wie im Leben noch
nie Aber Lydia war nicht falsch gestellt indem sie es tat sie übte des Weibes
natürliche Pflicht nicht eine Ausnahmspflicht welche der Alltagspflicht
widersprach Selber Lydias Beispiel konnte dem armen Pfarrherrn das Herz nicht
erleichtern
    Noch weniger jedoch als der Samariter schien der welcher verwundet am Wege
gelegen hatte der Tat der Barmherzigkeit froh zu sein Nachdem Max Fieberwahn
und Letargie so weit überwunden hatte um seine Erinnerungen mit dem Bewusstsein
der Gegenwart verknüpfen zu können da las Dezimus oftmals in seinem düsteren
Blick und den zusammengezogenen Brauen den Vorwurf »Warum hast du mir nicht den
Abschluss der mir ziemte gegönnt«
    Seine Pläne waren gescheitert sein Rausch ernüchtert er war ein
Geächteter sein Name gebrandmarkt bei denen die aller Theorie zum Trotz er
allein für seinesgleichen hielt über die sich zu erheben über die eines Tages
zu herrschen er geträumt hatte Und dann er war ein Siechling geworden er dem
niemals eine Ader weh getan der das was Schonung heißt in keiner Weise
gekannt hatte ein hinfälliger Mann  wie er ahnte für kurze Lebensfrist
    »Als standfester Philister können Sie es wie Papa Mehlborn zum Achtziger
bringen als roter Hartenstein oder meinetwegen auch nur als blauer gebe ich
Ihnen keine zwei Jahr« hatte Doktor Peter Kurze erklärt Max von Hartenstein
aber war einer dem viel leben mehr gilt als lange leben Er hatte wie ein
Künstler sich an dem Anblick seiner eigenen Schönheit geweidet nun zeigte der
erste Blick in den Spiegel den Rose ihm vorhielt eine verfallene Gestalt
hohle Augen und abgezehrte Züge die er kaum für die seinigen halten mochte ihn
graute vor der Zukunft dieses wandelnden Gerippes Auch die Großmut deren
Gegenstand er sich fühlte drückte ihn Er war eine Natur zum Geben nicht zum
Empfangen An die Aushülfe seiner Schwester hatte er sich von Kind ab als an
etwas Selbstverständliches gewöhnt er schenkte ihr indem er von ihr nahm sie
dankte ihm nicht er ihr wenn er sie für sich sorgen ließ Und nun diese
Hingebung dulden zu müssen von Lydia die ihn verschmäht hatte deren Wimper
nicht zuckte deren Hand nicht zitterte wenn sie den Verband auf seine Wunden
legte eine barmherzige Schwester und  weiter nichts von dem Sohn der misera
plebs dem der reiche Mann sein einziges Lamm geraubt hatte und der als Entgelt
seine Existenz auf das Spiel setzte und sein Gewissen belastete Wahrlich es
war eine grausame Rache die sie genommen indem sie dieses Dasein der Schmach
gefristet hatten
    So war denn keiner froh als Sidonie und mit ihr natürlich Rose denn Lydia
war nur ruhig voll frommen Dankes für eine gelingende gute Tat Rose aber Rose
war selig denn Rose liebte und wenn sie sich auch schwerlich darüber täuschte
dass ihr nicht die höchste Empfindung zum Lohne ward wenn ihr holdes Getändel
dem Genesenden auch nur ein flüchtiges Lächeln erweckte schon dieses Lächeln
war ein Gewinn denn sie allein zauberte es auf die bleichen Lippen Und gibt es
denn nicht auch weibliche Naturen denen ein erobertes Glück schwerer wiegt als
eines das ohne Kampf in unsere Arme läuft Sie war des Sieges über ihre
Nebenbuhlerin in seinem Herzen gewiss Liebte er Lydia noch sie liebte ihn nicht
mehr und eine Geliebte die nicht liebt wird zum Schemen Sie aber Rose sie
liebte und darum fühlte sie sich liebenswert Sie war es ein paar Wochen lang
für den Flatterling gewesen und sie würde es wieder sein unentwegt sein wenn
sie ganz die Seine geworden und treu zu dem Unglücklichen stand nachdem der
Glückliche ihr entflohen war So rechnete die kleine Rose und die kleine Rose
war allezeit eine geschickte Rechnerin gewesen wo es just nicht auf ideale
Ziffern ankam Die kluge Sidi aber sagte
    »Mein Mäxchen hat seine Meisterin gefunden und ist gottlob auf dem besten
Wege aus einem Freiheitshelden ein Pantoffelheld zu werden Gut Heil dem armen
Jungen zu der Chance Ihnen aber Kamerad seinem moralischen Gegenfüssler
zweimal gut Heil Muss man doch wahrlich ein Johanniskind sein wenn sogar unsere
Missetaten uns zum Segen gereichen sollen Als Tugendheld wären Sie lebtags ein
Sklave geblieben als Hehler und Helfershelfer eines Verschwörers kommen Sie zur
Freiheit und zu Ihrem Ideal Aber so werden Sie doch nicht rot junger
geistlicher Herr Ich meine ja nur die lieben Sterne«
    So drängten alle und alles fort aus diesem Zwitterzustand fort in reine
Luft das aber um so mehr da die Zeit sich näherte in welcher der Wechsel der
Ämter verabredet worden war und ein Aufschub kaum ermöglicht werden konnte ohne
neue Menschen in das Geheimnis zu ziehen Wie eine Heilsbotschaft wurde es daher
aufgenommen als in der Weihnachtszeit Meister Kurze den Ausspruch tat dass er
nunmehr eine Translokation gestatten dürfe wenn auch naturund vernunftgemäss
nicht in einem Atemzug sondern mit einer Kunstpause in der Mitte zu welcher
aus diplomatischen wie ärztlichen Motiven Mutter Stinas Inselhaus sich empfehle
Man rüstete sich demnach zur Reise
    Sidonie hatte nicht anders angenommen als dass sie ihren Bruder begleiten
werde um sich im Leben nie wieder von ihm zu trennen so zuversichtlich
rechnete sie auf den Befreier Tod und kein Tag keine Stunde verging wo sie
ihn nicht hinter des Greises Schlummerstuhle lauern sah wo sie das Ohr nicht an
des Greises Brust lehnte nach dem letzten Atemzuge lauschend Immer aber regte
sich wieder das wunderbare Geheimnis Leben genannt und die Maschine taktierte
weiter lange nachdem der rastlose Arbeitsgeist der sie achtzig Jahre regiert
sich abgenutzt hatte
    Am Silvestermorgen ging Dezimus Frei zum letzten Male in die Stadt seiner
Ephorie und wenn es in diesen Aufzeichnungen gelungen ist das Wesen seiner
ersten Lebensstufen deutlich zu machen bedarf es keiner Schilderung des
Kampfes den dieser mit allem Heimatlichen abschliessende Gang ihm kostete Der
altbefreundete Superintendent war längst vertraulich in den Ämtertausch
eingeweiht nun erbat sein junger Amtsbruder zum Zweck einer Erholungsreise
sich eine geistliche Stellvertretung bis zur Ankunft des neuen Pfarrers und
löste darauf einen Pass nach der Insel ausgestellt auf seinen Namen den seiner
Pflegeschwester und seines kranken Bruders Und das war Dezimus Freis letzte
bewusste Lüge
    Heimgekehrt empfing ihn Sidonie mit der Kunde dass ihr Großvater
eingeschlummert sei für immer Lachende Erben beim Augenschluss eines
Mammonsnarren sind keine Seltenheit diese Erben lachten nicht erlösender aber
ist kein Augenschluss empfunden worden als der dieses alten betörten Kindes von
seiner jungen Hüterin Noch eine mahnende Besprechung mit seiner Schwester unter
vier Augen eine zweite mit dem Genesenden aus beider Munde ein entschlossenes
»Ich will« dann fügte Dezimus Frei in Konstantin Blümels geistlichem Gemach
Maxens und Rosens Hände ineinander und sprach des Priesters Segen über ihren
Bund
    Ein wunderliches Dreiblatt von Verschmähten und Verschmähenden Lydia
Sidonie und Peter Kurze war des Bundes Zeuge und unterzeichnete ein Dokument
über den geistlichen Akt das im Schlossarchiv niedergelegt wurde da das
Kirchenregister an dem geächteten Hartenstein und seinen Hehlern und
Helfershelfern nicht zum Verräter werden durfte Solches aber geschehen
entkleidete Dezimus Frei sich des priesterlichen Ornats und richtete an seine
vorgesetzte Behörde seinen Verzicht auf das geistliche Amt Als Beweggrund
nannte er mit voller Wahrheit das Verlangen sich dem Studium der Astronomie zu
widmen
    Sobald es Abend geworden war der letzte Abend dieses schweren
Kampfesjahres bestieg er mit der welche seine Schwester und dem welcher sein
Bruder hieß den Wagen welcher sie nach der nördlichen Bahnstation führte Dort
im Koupé stieß  seinerseits unter einem Schrei der Überraschung  Doktor Peter
Kurze mit den Geschwistern zusammen setzte die Reise auch in ihrer Gesellschaft
fort da er  wie mit weitschallendem Posaunenton verkündet ward  den Ruf in
ein holsteinisches Lazarett behufs einer eine Meisterhand heischenden
Amputation erhalten hatte
    Es musste mit dieser Operation indessen nicht allzu drängende Eile haben
denn der Operateur dampfte wohlgemut an der Lazarettstadt vorbei segelte auch
ebenso wohlgemut mit den Freunden nach der Insel hinüber der er erst acht Tage
darauf nachdem er seinem Patienten ein zuversichtliches »Gut Heil« zugerufen
hatte den Rücken kehrte Er schwelgte in dem Plane sich in der
Universitätsstadt zu habilitieren und mittelst seiner auf Mehlbornschem Acker
erwachsenen goldenen Ernte eine Privatklinik zu gründen die sich gewaschen
haben sollte Was das Gewaschensein nämlich nach seiner unmassgeblichen
Meinung nicht von jeder Klinik zu rühmen sei Seinem zweitbesten Freunde
vertraute er außerdem dass er sich kürzlich in ein allerliebstes Wittweibchen
verschossen habe auf geneigtes Gehör rechne unter allen Umständen aber
entschlossen sei fortan nur noch auf Witwen  natur und vernunftgemäss der
handlichsten Spezies des schönen Geschlechts  zu reflektieren
    Max erholte sich sichtbar unter dem Wehen der Meerluft und dem Gefühle der
Freiheit Rose triumphierte Er war weich und bewegt oftmals mit Tränen in den
Augen Leise begann er wieder sich des Lebens zu freuen und dieses Leben dankte
er ihr
    Nach Ablauf einer Woche kam Sidonie und Lydia begleitete sie zum letzten
Lebewohl
    Lydia und Dezimus standen am Strande allein als das Boot abstiess in
welchem Bruder Klaus die Freunde nach Helgoland ruderte Der erste Sonnenschein
des Jahres rang sich durch den Inselnebel den Fliehenden und denen welche
ihnen nachblickten das Symbol eines neuen Lebens
    Als der letzte Schimmer des weißen Segels verschwunden war da stand die
treue Weltenmutter glorreich leuchtend über ihren Häuptern und Dezimus Frei
hielt an seinem Herzen das Weib welches seinen Jugendträumen als Leitstern
vorgeschwebt hatte und seinen Mannesjahren die Erfüllung bringen sollte
Bis zu diesem Abschluss mein Konstantin bin ich gelangt während der Wochen
die wir auf dem unwirtlichen Eiland hinbrachten in Erwartung des Phänomens an
welchem wir die Entfernung unserer Erde von der alten guten Sonnenmutter zu
ermessen hoffen Morgen ist die entscheidende Stunde es regnet am Horizonte
brauen dichte Nebel die Gefährten blicken beklommen noch vertraue ich aber
meinem bewährten Johannisglück
    Und nun lege ich die Feder aus der Hand mit welcher ich die Erinnerungen an
dieses Glück als ein Vatererbe für dich niedergeschrieben habe Die Tatsachen
sind treu Wie aber eine Landschaft die sich uns im Morgengold eingeprägt hat
verwandelt scheint wenn wir im Nachmittagsschatten auf sie niederschauen so
mag auch die Farbe über Menschen und Dingen von dazumal sich im Gedächtnis
nachmittägig verwandelt haben und wenn es dich etwa bedünken sollte dass das
Licht mit ungebührlichem Glanze auf die Gestalt des Helden gefallen sei  ei
nun mein Konstantin es sind nur die besten Autoren die heller als ihre Helden
leuchten und wem wird ein Fünkchen Eitelkeit wohl so gern verziehen werden als
dem Vater der seinem Sohne ein Erinnerungsbild hinterlassen möchte
    Es sind nur die Stufenjahre der Jugend die ich vollenden konnte nicht mit
Unrecht aber hat man gesagt dass die ersten beiden Jahrzehnte »die süßen
zweiundzwanzig« wie der Dichter sie nennt die Hälfte eines Manneslebens
umfassen und wenn es Metusalems Alter erreichen sollte Die andere Hälfte die
mit Lydia beginnt und den Sternen mag soweit du sie nicht miterlebt deine
Mutter dir ergänzen Drücke auch aus meiner Seele heraus die Segenshand an dein
Herz die so warm in der meinen gelegen und dich so treu bis heute geleitet hat
    Aber es war nicht gemütlicher Zeitvertreib nicht die erquickende Rückschau
in blaue Fernen allein die mich trieben deinen Blick auf das gute Heimland zu
lenken dem du Korn auf Korn entsprossen bist Wie es einem Geschichten
erzählenden Vater ziemt lag mir eine Lehre im Sinn die ich dir zurufen wollte
just aus der antipodischen Zone in die ich seit Monden und auf Monde hinaus
mich gebannt um eines Lichtmomentes willen den ein Wolkenschatten verdunkeln
kann
    Es ist nahezu ein Postulat geworden dass die Zeit in der du zu reifen
berufen bist den idealen Lebensgehalt verkümmern lässt In dir erfahren wirst du
es nicht Einem Sohne Lydias verkümmert nicht sein Ideal Glaube es aber auch
nicht wenn du es hörst oder liest Die Ideale wandeln und wechseln erhellen
und verdunkeln sich wie die Ideen das Ideale währt und webt ewig wie die Idee
Du kennst nunmehr den Mann den diese Zuversicht bis in seine Todesstunde
beseligt hat Und wenn es dir nicht gegeben sein sollte die unlöschbare Flamme
in Ausnahmsgeistern leuchten zu sehen und glimmen selber da wo ihr
geflissentlich Hohn gesprochen zu werden scheint so wirst du ihren warmen Strom
doch spüren in jedem guten Menschenherzen Die Güte deren Namen selbst unsere
Sprache von Gott entnommen hat ist das reinste Ideal
    Es sind Feiglinge mein Sohn und sie waren es seit Jahrtausenden die da
sagten und sagen Nichts lieben und nichts glauben nichts erstreben noch
ersehnen als die Ruhe des Nichts heiße weise sein und einzig Erdenglück
Schwächlinge und Ärmlinge Die Ärmsten unter uns Sie kennen unseren Reichtum
nicht einmal unseren Reichtum selbst in der Traurigkeit die kein Menschenglück
und keine Menschenweisheit löst weil sie das ewige Erbteil ist das den
Menschen erst zum Menschen macht
    Kämpfe darum mutig mein Sohn und scheue der Wunden nicht um das was du
in dir trägst zu behaupten im Gestritt der Welt Denn nur dieses Eigenste ist
dein Glück Das holde Gestirn an dem wir die Sonnenkraft ermessen es hat auch
über deiner Wiege gestanden und wird dich leiten durch das Leben bis es als
Abendstern dir leuchten wird dort hinüber wo wir mit reiferen Sinnen das
Wandelbare zu erfassen und mit tieferem Sinn das Unwandelbare zu ergründen
hoffen