1876_Ebner_Bozena.html




        
                           Marie von EbnerEschenbach
                                     Bozena
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Leopold Heissenstein war der reichste und einer der geachtetsten Bürger des
mährischen Landstädtchens Weinberg Ob auch einer der beliebtesten das stand
dahin und machte die geringste seiner Sorgen aus Witzbolde unter den
Eingeborenen meinten ein Mann von Geist und Geschmack sei er jedenfalls das
bringe schon sein Geschäft mit sich  das ansehnliche Weingeschäft nämlich das
sich seit Generationen in seiner Familie forterbte und das er zu unerhörter
Blüte gebracht hatte
    Wie Leopold der einzige Sohn seines Vaters gewesen war so wurde auch ihm
nur ein männlicher Sprosse aber ein prächtiger Junge beschert der den Ruhm des
alten Hauses glorreich fortzusetzen versprach
    Ein Töchterchen das seine Frau ihm in den späteren Jahren der Ehe gebar
betrachtete Heissenstein als ziemlich unwillkommene Zugabe zu seinem Glücke
»Denn« pflegte er zu sagen »der Sohn trägt Geld in das Haus die Tochter trägt
Geld aus dem Haus«
    Auf eine Mitgift übrigens wenn auch auf eine sehr anständige kommt es
einem Manne wie Heissenstein nicht an und damit fertigt er dereinst das Mädchen
ab
    Die Existenz dieses Kindes dem Vater so gleichgültig wurde für die Mutter
eine Quelle unsäglicher Freude der letzten welche die kränkliche Frau auf
Erden genießen sollte Der Sohn war ihrer Sorgfalt sobald dies nur halbwegs
anging entzogen und nach Wien in eine Erziehungsanstalt gebracht worden
Heissenstein hatte geglaubt ihn nicht früh genug aus der Kinderstube und den
Händen der »Weibsleute« befreien zu können Wie recht er daran getan das wurde
ihm täglich durch den unheilvollen Einfluss bestätigt den die abgöttische Liebe
der Mutter auf die kleine Rosa ausübte Die Unarten des Kindes erfüllten ihn mit
einer Art von spöttischer Befriedigung Ihm selbst war die Unerbittlichkeit mit
welcher er Mutter und Sohn einander entfremdete manchmal grausam erschienen 
jetzt fand er sie auf das glänzendste gerechtfertigt
    Dass die arme Frau sich eben mit allen Kräften ihres entschwindenden Lebens
an das einzige klammerte das man ihr ließ daran dachte er nicht Er war nicht
gewohnt auf die Empfindungen andrer Rücksicht zu nehmen am wenigsten auf die
seiner stillen Lebensgefährtin Was er tat war wohlgetan und der Eindruck den
es hervorbrachte gleichgültig In sicherer Ruhe schritt er dahin seiner selbst
gewiss nichts fürchtend nichts bereuend Und so in der Fülle der
Zufriedenheit traf ihn der schwerste Schlag der ihn treffen konnte er verlor
seinen Sohn Der Knabe wurde so rasch hinweggerafft dass seine Eltern die bei
der ersten Nachricht seiner Erkrankung herbeigeeilt kamen ihn nicht mehr am
Leben trafen
    Es dauerte lange bis Heissenstein an seinen Verlust glauben lernte Die
Wirkung des ersten großen Unglücks das der zuversichtliche Mann erfuhr war
vernichtend
    Für wen habe ich gearbeitet  Ich habe keinen Erben  in dieser Klage
gipfelte sein Schmerz Seine Hoffnungen waren zerstört seine Erinnerungen
vergällt Wer blickt gern auf ein Leben voll Mühen zurück wenn ihm die Früchte
derselben geraubt worden Heissenstein konnte was sein Fleiß erworben nicht
einem Namensträger hinterlassen demnach war der Lohn seines Fleißes dahin
    Mit wunderbarer Standhaftigkeit hingegen benahm sich die Mutter bei dem Tode
ihres Erstgeborenen Keiner hatte es gehört wie sie mit dem letzten Kusse auf
seine Lippen ihm die Worte zugehaucht »Ich komme bald zu dir«
    Und von dem bleichen Toten hinweg wandte sie sich mit verdoppelter
Zärtlichkeit ihrem rosigen lebensfreudigen Liebling zu Beständig von der
Ahnung naher Trennung erfüllt geizte sie mit jedem Augenblicke den sie bei dem
Kinde zubringen frohlockte über jedes Lächeln das sie ihm abgewinnen konnte
warb um seine Liebkosungen und zagte und zitterte vor seinen Tränen
    Röschen war schon zu dem vollen Bewusstsein ihrer Wichtigkeit und der
Unverletzlichkeit ihres Willens gelangt als sich plötzlich die Augen schlossen
die mit verwöhnender Liebe über ihr gewacht hatten Frau Heissenstein entschwand
eines Morgens wie ein Schatten von der Wand ohne vorhergegangene sichtbare
Krankheit ohne die geringste Pflege in Anspruch ohne Abschied genommen zu
haben von dem gefürchteten Manne und von dem geliebten Kinde Bevor Herr Leopold
ahnte dass auch dieser Verlust ihn bedrohe erfuhr er ihn
    Und seltsam Die demütige Frau welcher er solange sie lebte nur eine sehr
oberflächliche Beachtung gegönnt hatte wurde von ihm jetzt so bitter vermisst
als ob sie der Mittelpunkt all seiner Interessen gewesen wäre Das Gefühl des
Verlassenseins ergriff ihn das keinen Menschen mit solcher Trostlosigkeit
überfällt wie den Egoisten wenn die von ihm scheiden deren Existenz er zu
seinen Gunsten ausbeutete Nun machte er den Versuch das einzige Geschöpf das
er auf Erden noch sein nannte an sich heranzuziehen Allein zwischen dem an
Widerspruch nicht gewöhnten Vater und seinem eigensinnigen Töchterlein wollte
kein Band sich knüpfen lassen Der Trotz und der Ungehorsam des Kindes setzten
die Geduld Herrn Leopolds gar bald auf harte Proben Er bestand sie nicht Nach
einigen stürmischen Auftritten aus denen Rosa zwar hart misshandelt aber als
Siegerin hervorging erschrak ihr Vater vor seiner eigenen Heftigkeit und
überließ die fernere Erziehung des Wildfangs der Magd des Hauses einer derben
und verlässlichen Person von zweiundzwanzig Jahren mit Namen Bozena Für diese
äußerte das Kind schon zu Lebzeiten seiner Mutter eine zärtliche Liebe welche
die arme Verstorbene oft eifersüchtig gemacht hatte Rosa nannte die Dienerin
wie sie es wohl von andern gehört hatte »die schöne Bozena« und ertrug die
raue Behandlung die sie zeitweis von ihr erfuhr mit fröhlicher
Standhaftigkeit
    Die schöne Bozena hätte sich an Größe und Stärke kühnlich mit einem
Flügelmanne des Garderegiments Friedrich Wilhelms I messen können dabei besaß
sie ein ausdrucksvolles und gescheites Gesicht in dem ein Paar rabenschwarze
Augen funkelten die auch der mutigste Mann nicht ohne leises Grauen in Ungnaden
auf sich gerichtet sah Das Schönste jedoch an der schönen Bozena war die Röte
ihrer Wangen und das blendende Weiß ihrer Zähne Allerdings konnten die Lippen
hinter denen das prächtige Gebiss zum Vorschein kam etwas schwellend genannt
werden und was die Nase betraf so geschah ihr kein Unrecht wenn man sie  wie
ein launiges Mitglied der Passbehörde »ex officio« getan  »landesüblich« nannte
Gegen alles Schmucke und Zierliche empfand Bozena Verachtung aber mit der
Reinlichkeit nahm sie es genau die Arbeit flog unter ihren Händen und so
blitzblankes Hausgerät einen so nett gedeckten Tisch so sauber gehaltene
Stuben wie im Hause Heissenstein fand man auf Meilen in der Runde nicht wieder
    Mit dem Kinde das ihr nun ausschließlich anvertraut war ging sie um wie
eine Bärin mit einem jungen Hündchen umgegangen wäre für das sie eine
mütterliche Zuneigung gefasst hätte Wenn sie ihre Riesenfaust gegen die Kleine
ballte und sie mit einer Stimme anschrie die aus der Brust eines Ogers zu
kommen schien dann lachte das verwegene Ding aber es gehorchte
    Bozena war sich wohl bewusst das Kind und der Haushalt ihres Herrn könnten
schwerlich besser betreut werden als es durch sie geschah und lebte in tätiger
Ruhe dahin sehr zufrieden mit ihrem Lose ohne Furcht dass jemals eine
Veränderung eintreten könnte
    Indessen wurde sie noch vor Verlauf eines Jahres nach dem Tode der Frau
welche sie so vollständig ersetzen zu können meinte aus ihrer Sicherheit
aufgeschreckt Das Gerücht Herr Heissenstein stehe im Begriffe sich zum
zweitenmal zu verheiraten verbreitete sich und Neugierige die durch Bozena
Bestimmteres darüber zu erfahren hofften trugen es ihr zu Sie wurden zwar mit
ihrer Nachricht nicht viel besser empfangen als ein Zündfaden von einer Rakete
aber so fest überzeugt als Bozena zu sein vorgab ihr Herr werde »keine solche
Dummheit« begehen war sie doch nicht
    Von Stunde an begann sie den Gebieter unter scharfer Aufsicht zu halten
Trotz der größten Aufmerksamkeit vermochte sie jedoch nicht die geringste
Veränderung weder in seiner Lebensweise noch in seiner Stimmung wahrzunehmen
Höchstens dass sich die letztere in der jüngsten Zeit noch um etwas
verschlechtert hatte Und Bozena deren Weise es sonst war wenn sich eine Wolke
auf dem Gesichte ihrer Herrschaft zeigte auf dem ihren sofort ein ganzes
Gewitter aufsteigen zu lassen lächelte jetzt um so freundlicher je finsterer
der Kaufmann erschien Als dieser eines Abends mit ganz besonders verdrossener
Miene heimkam und nachdem er Befehl gegeben das für ihn bereitstehende
Abendessen wieder abzutragen sich in sein Zimmer begab hatte Bozena Mühe
ihren Jubel zu unterdrücken
    »Gute Nacht« rief sie Herrn Leopold mit ihrer süßesten Stimme nach und
setzte für sich triumphierend hinzu Er hat ihn den Korb
    Sie schlief sehr gut in dieser Nacht und begab sich mit ausgezeichnetem
Frohmut am nächsten Morgen an die Arbeit Es war Sonntag und da gestern
besonders gründlich gescheuert worden war genügte heute eine leichte Nachhilfe
Bozena beschäftigte sich eben mit Besen und Wischtüchern im Speisezimmer da
trat ihr Herr Heissenstein entgegen glatt rasiert und stattlich das Gebetbuch
in der Hand
    »Mach fertig« sprach er »kleide Rosa an Ich werde nach der Messe meine
Braut hierherbringen damit sie das Haus und das Kind kennenlerne«
    Nur ein König dem Krone und Zepter plötzlich entrissen wurden weiß was
Bozena bei diesen Worten empfand Ihr Blick zuckte an Heissenstein wie ein Blitz
vom Wirbel bis zur Sohle hinab und unter der Fülle von Geringschätzung die
sich auf ihre Lippen gelagert hatte erschienen dieselben noch dicker als sonst
    »Braut« rief sie »Sie wollen wieder heiraten  Wozu denn«
    Herr Heissenstein richtete sich so hoch er konnte der Riesin gegenüber auf
knöpfte mit stolzer Entschlossenheit seinen neuen dunkelbraunen Winterrock
zusammen und erwiderte »Meine Tochter braucht eine Mutter und ich brauche
einen Sohn«
    Damit verließ er wuchtigen Schrittes das Zimmer
 
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Die Braut die der angehende Greis sich erkoren hatte war die Tochter eines
Professors am städtischen Gymnasium Nach dem Tode ihres Vaters hatte sie sich
in die Landeshauptstadt begeben um dort eine Stelle als Erzieherin des Grafen
Karl von Rondsperg anzutreten Zehn Jahre hindurch wurde diese Position unter
mancherlei Kämpfen siegreich von ihr behauptet Nach dem Verlaufe jener Zeit war
 wie die Gouvernante auf das bestimmteste erklärte  die Erziehung der Zöglinge
vollendet Aller Schmuck der Bildung setzte die angeborenen Vorzüge der jungen
Komtessen in das hellste Licht
    Fräulein Nannette hielt in Gegenwart der gräflichen Eltern und einiger
hochgeborenen Angehörigen eine kleine Rede in der sie den Satz verfocht dass
sagen zu sollen was hier noch zu lehren sei ihr die größte Verlegenheit
bereiten würde Helle Freudentränen welche über die männlichen Wangen des
Vaters und über die zarten Wangen der Mutter liefen belohnten die Spenderin
einer so ehrenhaften Anerkennung Durch den Anblick der hervorgebrachten Wirkung
berauscht ließ sich die Rednerin zu einem uneingeschränkten Lobe der
opferfreudigen Unterstützung welche ihren pädagogischen Bestrebungen von s
des edlen Elternpaares stets zuteil geworden sei hinreißen Die Erschütterung
aller Gemüter wurde dadurch noch erhöht und als Fräulein Nannette mit den
Worten schloss es bleibe ihr nun nichts mehr zu tun übrig als zu scheiden und
die Erinnerung an all das genossene Gute mit sich zu nehmen baten der Graf und
die Gräfin sie möge ihnen das Herz nicht zerreißen
    O schöne Stunde unvergesslicher Anblick Alle Anwesenden umschlangen
Fräulein Nannette in einer Umarmung und küssten sie auf ihren Mausmund
    Der Herr Graf aber begab sich stracks in sein Zimmer und ließ aus der
Kanzlei Tinte und Papier holen Er setzte unter dem Beistande seiner Gemahlin
und des Gutsverwalters ein Diplom in die Welt das ein Wunder war an Auffassung
Stil und pompöser Sprache Es ließ sich kein einziger Schlusspunkt darin
erblicken die Sätze flossen ineinander und auseinander ein Redestrom so breit
wie die Aufzählung der Tugenden Verdienste Vorzüge und Talente Fräulein
Nannettens ihn erforderte
    Und so gestaltete sich die Abreise der plötzlich allen teuer gewordenen
Hausgenossin zu einem wahren Familienfeste Die heiligsten Schwüre ewiger Liebe
und Dankbarkeit wurden ausgetauscht und Vater Mutter und Töchter einerseits
Fräulein Nannette andrerseits brachten es im Taumel ihrer Gefühle so weit nicht
nur zu sagen nein auch zu glauben die Zeit ihres Zusammenlebens sei eine
schöne und glückliche gewesen
    Die Erzieherin hatte beschlossen ehe sie daran ging sich einen neuen
Wirkungskreis zu schaffen einige alte Verwandte zu besuchen die ihr im
heimatlichen Städtchen noch lebten Sie kehrte denn nach Weinberg zurück an der
Spitze ihres großen Ruhmes ihrer kleinen Pension und einiger Ersparnisse Der
Nimbus den der jahrelang gepflogene Umgang mit vornehmen Leuten ihr verlieh
umstrahlte sie mit schier unheimlichem Glanze und imponierte besonders denen
unter ihren Mitbürgern die sich für eingefleischte Demokraten hielten
    Schon einige Tage nach Nannettens Ankunft  und etwa drei Vierteljahre nach
Frau Heissensteins Tode  begegneten einander auf der Promenade der reichste Sohn
und die gebildetste Tochter der Stadt
    Sie drückte ihm ihre Teilnahme an seinem Verluste in Worten aus die man so
geschmackvoll gewählt noch nie vernommen hatte unter den Kastanienbäumen der
städtischen Anlagen Sie gedachte auch mit Wehmut der freundschaftlichen
Beziehungen in welchen sie in schönen Jugendtagen zu der edlen Verklärten
gestanden Ihr größtes Mitgefühl jedoch erregte die Sorge die dem
»alleinstehenden Witwer« aus dem Dasein einer Tochter erwuchs
    »O Herr Heissenstein welche Aufgabe für Sie dieses Dasein Eine Aufgabe
deshalb so groß für einen Mann weil sie eigentlich zu klein für ihn ist Wie
soll er dem erziehlichen Momente gerecht werden das alles ist Herr
Heissenstein alles«
    Sie legte auf dieses letzte Wort ein Gewicht das zusammengeballt schien aus
der Überzeugungskraft von tausend fanatischen Seelen empfahl sich mit
bescheidener Würde und enteilte mit so gleichmäßigen kleinen Schritten dass es
war als rolle sie auf unsichtbaren Rädern über den Kies des Weges dahin
    Herr Heissenstein blickte ihr eine geraume Weile nach und dachte Das
erziehliche Moment ja ja  das erziehliche Moment Er wusste freilich nicht was
sie darunter gemeint hatte aber die Worte prägten sich seinem Gedächtnis ein
und zugleich erwachte in ihm ein gewisser Respekt vor dem erstaunlichen
Frauenzimmer das solche Ausdrücke mir nichts dir nichts gebrauchte wie
gewöhnliche Menschen Wasser oder Brot sagen
    Er sah sie wieder er besuchte sie ab und zu bei ihren alten Verwandten Die
Ehrfurcht welche von diesen dem Fräulein gezollt wurde und die demütige
Liebenswürdigkeit mit der die Verehrte ihn behandelte taten seinem stolzen
Herzen wohl Er gewann die Überzeugung dass er sich im Notfalle an Nannettens
spitzes Gesicht würde gewöhnen können Leicht wurde ihm der Entschluss sich ein
zweitesmal zu verheiraten nicht aber er fasste ihn doch dem Hause dem
anzuhoffenden Erben zu Ehren dessen Mutter zu werden die über alles Lob
erhabene Dame Nannette ihm gerade gut genug schien
    Feierlich trug er ihr denn eines Tages seine breite Rechte an und sie legte
ihr Pfötchen mit einer Eile hinein die ihn fast bestürzt machte ob seines
raschen Glückes Sein Wort war kaum verpfändet als er sich von der Ahnung
ergriffen fühlte er habe der Erhaltung seines Stammes ein schweres Opfer
gebracht Die nächste Zukunft rechtfertigte diese Befürchtung es war ein
unseliger Ehebund den Herr Leopold mit Frau Heissenstein II schloss Der Mann
starr unbeugsam von dem Glauben an sich selbst durchdrungen die Frau von dem
Teufel der Hofmeisterei besessen hätte leichter auf das Atemholen als auf das
Spenden guter Lehren verzichtet Sie unterzog das Benehmen ihres Gatten seine
Art zu gehen zu grüßen zu sprechen zu essen einer beständigen Kritik und
suchte ihn in allen diesen Beziehungen durch ihre Ratschläge auf das
gründlichste zu reformieren
    Der erstaunte Herr Heissenstein ließ sich dies alles eine Zeitlang ruhig
gefallen er begriff nach und nach was sie damals gemeint haben mochte als sie
von dem »erziehlichen Momente« sprach das »alles« sei
    Er schwieg lange plötzlich jedoch fuhr er empor und war im Zorne so
fürchterlich dass Frau Nannette sich von dem Schrecken den er ihr in diesem
Augenblicke einflößte nie mehr ganz erholte Er erklärte ihr er sei ohne
jemals »erzogen« worden zu sein zu Vermögen Ansehen und hohen Jahren gekommen
Er denke nicht daran jetzt nachzuholen was er ohne den geringsten Schaden
davon zu verspüren in seiner Jugend versäumt habe Der Mensch lebe nicht dem
zuliebe er auch nur eine seiner Gewohnheiten möge sie gut oder übel sein
aufgeben wolle Er wies sie übrigens an ihre Erziehungskünste an seiner Tochter
zu üben dazu habe er die Gouvernante geheiratet dazu sei sie da
    Dieser Befehl gehörte freilich zu der großen Menge derer die leichter
gegeben als befolgt werden In ihrer Art war Rosa ebensowenig danach angetan wie
ihr Herr Papa sich einem fremden Willen zu unterwerfen Das Kind heimlich von
Bozena unterstützt leistete Unglaubliches an Widerstand gegen die
stiefmütterliche Autorität und brachte es wirklich dahin dass Frau Nannette
gestand es sei doch etwas an der Behauptung gewisser Materialisten und
Nihilisten die sie bisher auf Tod und Leben bekämpft hatte es gäbe Kinder
deren unbändigem Naturell gegenüber selbst die bewährtesten von pädagogischen
Autoritäten ersten Ranges als unübertrefflich anerkannten Erziehungsmetoden
sich ohnmächtig erwiesen
    Am kläglichsten jedoch scheiterten Frau Heissensteins Bemühungen doch
wenigstens in den Augen der Magd Bozena einiges Ansehen zu gewinnen Waren Herr
Leopold und seine Tochter naive Gegner die sich nur kräftig wehrten wenn sie
angegriffen wurden so galt es bei Bozena auf der Hut sein vor einer stets
kampfbereiten hartnäckigen Plänklerin die auf jede Gelegenheit lauerte die
Feindseligkeiten selbst zu eröffnen Frau Nannette war in allem was die Leitung
eines Hauswesens betrifft unerfahren wie ein Säugling und es gab für Bozena
Veranlassungen genug ihre Überlegenheit fühlen zu lassen ob sie nun genau das
Gegenteil einer erhaltenen Weisung mit Erfolg ins Werk setzte oder eine
ungeschickte Anordnung wörtlich befolgte und dadurch die Gebieterin grausam
blossstellte
    So hatte sich die Existenz Frau Heissensteins II recht bedauerlich
gestaltet und nicht wenig moralischer Mut gehörte dazu um doch wie sie es
tat vor Verwandten und Nachbarn den Schein der Zufriedenheit zu retten und an
ihre ehemaligen Zöglinge regelmäßig alle Vierteljahre Briefe zu entsenden in
denen nur von Liebe zu Mann und Kind und von »Gesang der Sphären in Haus und
Gemüt« die Rede war
    Endlich jedoch trat ein Umstand ein der die Stellung Dame Nannettens in dem
alten Heissensteinschen Familienneste völlig und günstig veränderte
    Bozena bemerkte mit schwer gebändigter Entrüstung dass Herr Leopold seine
Gemahlin mit Rücksicht und Aufmerksamkeit zu behandeln begann Dinge die bisher
für ihn zu den gleichgültigsten gehört hatten ihre Stimmung und ihr Befinden
schienen ihm wichtig geworden »Wie gehts der Frau« fragte er beim Kommen
»gebt acht auf die Frau« sagte er beim Gehen Nur an seinem Arme durfte sie das
Haus verlassen Der mürrische Kaufmann fand Koseworte für seine Nannette er
nannte sie »seine liebwerte Oberhofmeisterin« und »seine alte graue Maus« er
empfahl Bozena und Rosa die unbedingteste Unterwerfung der geringsten Laune der
Gebieterin und Mutter gegenüber und drohte jeden Widerstandsversuch auf das
unbarmherzigste zu bestrafen
    Bozena rang mit der Verzweiflung sie verlor den Schlaf und einen Teil ihres
Appetits und fegte in ihrer Küche herum wie ein Wirbelwind Die Anzahl der Koch
und Speisegeschirre die damals im Heissensteinschen Hause in Trümmer verwandelt
wurden erreichte eine erstaunliche Höhe Es versteht sich von selbst dass ein
rauchender Vulkan leichter dahin zu bringen gewesen wäre seine glühende Lava
still hinabzuschlucken anstatt sie auszuwerfen als Bozena den Ausbruch ihres
gärenden Grolls zu unterdrücken
    Nicht lange und Herr Leopold fand eines Morgens seine Gattin und seine
Magd die erste zornesblass die zweite zornesrot in einem Wortwechsel
begriffen der nur seines Sängers bedurft hätte um unsterblich zu werden wie
jener der Königinnen vor dem Dome zu Worms oder wie jener der gekrönten
Schwestern im Parke zu Foteringhay
    Der Kaufherr warf einen Blick voll Besorgnis auf seine Frau und einen
ingrimmigen auf die kecke Dienerin
    »Was unterstehst du dich« rief er dieser zu und stürzte ihr mit erhobener
Hand entgegen Sie aber hochaufgerichtet den Kopf zurückgeworfen die Arme in
die Seiten gestemmt stand wie ein Fels Herausfordernd blickte sie ihren Herrn
an dessen stattliche Gestalt sich neben ihrer hünenhaften fast klein ausnahm
und schleuderte der Gebieterin über seinen Kopf hinweg eine niederschmetternde
in kurze Sätze zusammengefasste und mit Kraftworten gewürzte Kritik ihrer
Tätigkeit als Stiefmutter und Hausfrau zu
    Jeder Versuch den der Kaufmann machte Bozenas derber Beredsamkeit Einhalt
zu tun verlieh derselben nur einen höheren Schwung der Zorn der Riesin wuchs
indem er tobte wie die flammende Lohe vom selbsterzeugten Sturme angefacht
    Endlich raffte Heissenstein alle seine Kraft zusammen »Hinaus Kanaille Aus
dem Zimmer  aus dem Hause  du bist entlassen« schrie er bei jedem Satze neu
Atem holend
    Ein wildes Gelächter antwortete ihm
    »Entlassen« wiederholte Bozena mit grimmigem Hohne »Nicht entlassen 
Oh  ich gehe selbst Und gehe heut und gehe gleich«
    Der ungebändigte Hochmut der echten Plebejerin brach aus diesen Worten
hervor und verkündigte jubelnd was sie nicht aussprachen die stolze
Überzeugung Ich gehe und das Behagen die Ordnung die Wohlfahrt des Hauses
nehm ich mit
    Von vorahnender Wollust der Rache berauscht stürmte Bozena dem Ausgange zu
Sie hatte schon die Schwelle betreten schon die Klinke erfasst als sie sich
plötzlich am Kleide ergriffen und zurückgehalten fühlte Ohne sich umzusehen
versuchte sie von sich zu schieben was sie hinderte in ihrer triumphierenden
Flucht Da berührten ihre Finger seidenweiche Locken da lag ihre Hand auf dem
Haupte eines Kindes Schmerzdurchzuckt als hätte sie ein glühendes Eisen
berührt fuhr sie zusammen Ein Laut nicht Schrei nicht Schluchzen ein
qualerpresstes Stöhnen entrang sich den halbgeöffneten Lippen der Riesin
    »Fort du Range« rief sie dann und die mächtig erwachte zornig bekämpfte
Rührung gab ihrer Stimme einen heiseren unheimlichen Klang Aber der
hartgewöhnte Zögling Bozenas ließ sich so leicht nicht einschüchtern Nur
heftiger zerrte Rosa ihre raue Freundin am Gewande und wiederholte ohne
Aufhören und in allen Tonarten »Bleib Bleib doch Bleib bei mir«
    Und Bozena wie ein plötzlich ohnmächtig gewordener Simson biss die Lippen
und rang die Hände Doch gärte in ihr die aufrichtigste Wut gegen den Unband
der sich zwischen sie und ihren Sieg drängte gegen das undankbare Geschöpf das
sich an ihr Kleid hängte und sagte »Bleib«  anstatt zu sagen »Geh befreie
dich« Oh sie gibt nicht nach die Rosa Aber die Bozena noch weniger das ist
gewiss sie reißt sich los sie geht ohne einen Blick auf das eigensinnige Ding
zu werfen  Täte sies  wer weiß was noch geschähe Sie tut es nicht sie
will nicht  Und indem sie sagt Ich will nicht  ist es geschehen
    Du grundgütiger Gott Da steht das Kind vor ihr im Nachtemdchen mit ganz
zerzausten Haaren in denen noch ein Flaum aus dem Kissen wie eine Schneeflocke
liegt und sieht dem Bilde des Christkindleins so ähnlich das Bozena auf dem
letzten Jahrmarkte gekauft hat  Aus dem Bette ist die Kleine gesprungen um
ihr nachzueilen und stampft jetzt völlig ungeduldig den Boden mit ihren kleinen
nackten Füßen und fragt zugleich schmollend und schmeichelnd »Wer gibt mir heut
mein Frühstück Wer kleidet mich heut an«
    Nun wars vorbei mit Bozenas Herrlichkeit
    »Wer heut wer morgen wer je« ruft sie mit einem Ausbruch
leidenschaftlicher Klage  ihr Zorn ihr Trotz ihre Stärke alles dahin Sie
hebt den Schützling empor und presst ihn mit inbrünstiger Liebe an ihre Brust
Ein letzter Kampf und die Gewaltige beugt sich das Kind immer in den Armen
vor der Herrin die sie verabscheute beinahe bis zur Erde Zum erstenmal im
Leben kam ein Wort der Versöhnung aus ihrem Munde »Verzeihen Sie mir Frau
verzeihen Sie mir Herr  Behalten Sie mich« bettelte demütig die sich
unentbehrlich und unersetzlich wusste
    Und man behielt sie Aber Bozena musste das Eingeständnis dass sie sich vom
Hause Heissenstein nicht trennen konnte teuer bezahlen »Macht besitzen und
nicht missbrauchen ist Tugend«  Frau Nannette besaß diese Tugend nicht Sie
ersparte der überwundenen Löwin keinen Fußtritt und keinen Nadelstich Ihre
kleinlichen Nörgeleien wurden von Bozena mit Größe ertragen Einmal zum
Bewusstsein gekommen dass sie in unzerreissbaren Fesseln lag nahm sie die
Konsequenzen ihrer Schwäche mit hochherziger Ergebung hin Nur sehr
scharfsichtige Augen merkten dass sie leide Ein alter Kommis des Kaufherrn der
Bozena immer mit Auszeichnung behandelte und zum Lohne dafür ein Wohlwollen
genoss welches die Schöne sonst nicht an das Männervolk verschwendete fragte
sie um diese Zeit »Wie leben Sie« Und sie antwortete ohne Anmut aber mit
Kraft »Wie soll ich leben Ich fresse Galle und saufe Tränen«
    Es kam der Tag an dem Herr Heissenstein der Magd befahl die Wiege vom
Bodenraum herabzuholen Bozena gehorchte schweigend aber nachts stand sie auf
trat an das Bettchen in dem ihr Liebling schlief und jammerte »O du armer
Wurm Du armer Wurm du«
    Und ein andrer Tag kam an dem Herr Heissenstein steif wie eine Bildsäule
im Fenster des dunkel getäfelten Speisezimmers lehnte und mit rotunterlaufenen
Augen auf den großen Platz hinausstarrte Trotz der äußeren Bewegungslosigkeit
war sein ganzes Wesen in Aufruhr er murmelte unverständliche Worte vor sich
hin und sein fahles Angesicht trug den Ausdruck der größten Spannung
Zusammengekauert auf einem der hochlehnigen Holzstühle saß Rosa Sie hatte
mehrmals versucht sich leise aus dem Zimmer zu schleichen und war daran
ebensooft durch ein gebieterisches »Du bleibst« das ihr der Vater zurief
verhindert worden Sie begann sich zu fürchten vor ihm vor der Stille vor der
hereinbrechenden Dunkelheit sie regte sich nicht mehr sie zählte um sich die
Angst zu vertreiben die Gläser und Tassen auf dem altertümlichen Kredenzkasten
erst stumm dann halbflüsternd endlich halblaut singend nach einer
selbsterfundenen Melodie
    Da wurde ein Geräusch vernehmbar die Tür öffnete sich und auf der Schwelle
stand Bozena ein Licht in der Hand das ihre Züge grell beleuchtete Ein
sonderbares Gemisch von Empfindungen von Freude und Sorge drückte sich in ihnen
aus Heissenstein war aus der Fenstervertiefung hervorgetreten an den großen
Speisetisch auf den er seine beiden flachen Hände legte Die Knie zitterten
ihm und pfeifend entrang der Atem sich seiner Brust
    Bozena rief »Kommen Sie Herr Kommen Sie«
    Er sah die Botin unverwandt und mit fragenden erwartungsvollen Blicken an
und keuchte endlich ohne seine Stellung zu verändern »Es ist ein Sohn  rede
 es ist ein Sohn«
    »Was  Sohn« erwiderte Bozena  »Sie sollen kommen der Frau geht es
schlecht«
    Heissenstein richtete sich mit Gewalt empor und ging mit heftigen und doch
müden Schritten auf die Magd zu
    »Aber das Kind « rief er »das Kind ist da  lebt«
    »Ist da   lebt« wiederholte sie
    »Ist ein Knabe« setzte er hinzu fast schreiend in bangender Qual
    »Ist ein Mädchen« sagte Bozena Sie sagte es ruhig und beschwichtigend Er
jedoch außer sich sinnverwirrt meinte Hohn und Schadenfreude aus ihrer Stimme
klingen zu hören Mit einer Verwünschung stürzte er auf die Verkünderin der
unwillkommenen Botschaft los stieß sie vor die Brust dass sie taumelte und
ging  nicht zu seiner schwerkranken Frau nicht zu dem neugeborenen Kinde
sondern zurück in sein Gemach dessen Tür er hinter sich zuwarf und verriegelte
    Bozena war von dem unerwartet erhaltenen Schlage einen Augenblick wie
betäubt der Leuchter entsank ihr Aber schon in der nächsten Minute hatte sie
sich aufgerafft Sie sandte ihrem Herrn ein boshaftes Gelächter nach und
streckte ihrer kleinen Rosa die auf sie zuflog die Arme entgegen Sie hob
ihren Liebling hoch empor auf ihren mächtigen Händen und rief jauchzend »Er hat
keinen Sohn  er wird keine Tochter haben als dich  du bleibst die einzige 
Die dort  sterben« flüsterte sie liebkosend in des Kindes Ohr »du lebst du
wirst leben  und schön und reich und glücklich sein«
 
                                       3
Den Befürchtungen der Ärzte und den Hoffnungen Bozenas zum Trotze erholte sich
Frau Heissenstein und auch ihr Sprössling dem bei seinem Erscheinen die
Möglichkeit abgesprochen wurde die Nacht zu überdauern blieb am Leben Ja er
bekundete bei Überwindung der Fährlichkeiten die jede Säuglingsexistenz
bedrohen eine Zähigkeit und Kraft die alle Sachverständigen in Erstaunen
setzte Die Neugeborene erhielt in der Taufe den Namen Regula und während ihre
Mutter wochenlang hilflos und ohnmächtig daniederlag und ihr Vater sich grollend
von ihrer Wiege abwendete fand sie ein Herz am Eingang ihres Lebensweges das
sich ihr hingab mit stürmischem Entzücken Die kleine Rosa begrüßte in dem
plötzlich erschienenen Schwesterchen ein Geschenk das der gute Storch für sie
und ganz allein für sie gebracht hatte Sie fasste Posto an der Seite des gelben
winzigen Geschöpfes das jämmerlich kreischend in seinen Kissen lag und so
erbärmliche Gesichter schnitt und die mageren Händchen so sonderbar ballte und
ausstreckte
    »Es stirbt es stirbt« rief sie wenn sich die kleinen alten Züge
veränderten und verzerrten Und wenn es die Augen aufschlug sang sie ihm vor
und bewunderte es und wollte ihm beständig etwas zu essen geben
    Als Frau Heissenstein wieder auf die Beine kam war es ihre erste Sorge ihre
Tochter in Schutz zu nehmen vor Rosas aufdringlicher und äusserungsbedürftiger
Liebe »Durch die wird ihr nichts Gutes« meinte sie und blieb immer darauf
bedacht die beiden Kinder voneinander fern zu halten
    Stets hinweggewiesen und fortgedrängt kam Rosa dennoch wieder Das wilde
ungestüme Ding saß oft stundenlang an der Tür des Zimmers in dem Regula zunahm
an Hässlichkeit und Wohlbefinden vor Gott und den Menschen still wartend bis
ihr endlich gestattet wurde einzutreten »Aber nur für einen Augenblick  du
hörst  Und nur um sie zu sehen  du verstehst Zum Sehen sind uns die Augen
gegeben nicht die Hände Keine Umarmung«  Derlei ganz unnötige Kundgebungen
waren Frau Nannetten besonders verhasst
    Das gelbe Töchterchen hingegen wuchs unter dringenden Warnungen vor der
Schwester heran »Mache es nicht wie die Danke Gott dass du nicht bist wie
die« Das Entgegengesetzte von allem was Rosa tat das war das Rechte
    Der Glaube Nannettens an sich selbst konnte von jeher zu den starken Dingen
gezählt werden seitdem sie aber ein Kind geboren kam sie sich so merkwürdig
und wichtig vor als ob sie die erste gewesen sei der eine solche Tat überhaupt
gelungen war Früher gehörte zu ihren stehenden Redensarten auch der Satz
»Kinder in die Welt setzen ist leicht sie erziehen ist schwer« Jetzt geriet
sie in Zweifel welcher von beiden Wirksamkeiten die Palme zu reichen sei
Abwechselnd beugte sich die Gouvernante vor der Mutter die ihr ein solches
Erziehungsmaterial geliefert wie dieses Wunder Regula und die Mutter vor der
Gouvernante die es so glänzend auszunützen verstand Schon in der Wiege hatte
das Kind die ersten dunkeln Begriffe von Schicklichkeit in sich aufgenommen Mit
drei Jahren gab es bereits Beweise von ernstem Wissensdrang Einer Strafe
bedurfte es nie mit Lob und Bewunderung wurde es geführt diese beständig
hervorzurufen war sein unablässiges Bemühen Kein Kind war jemals so bestrebt
seinen eigenen Willen durchzusetzen wie Regula einen mütterlichen Befehl zu
erfüllen keines haschte jemals so gierig nach guten Bissen wie sie nach guten
Lehren und die Resultate derselben blühten als ausgesucht feine Manieren
überraschend höfliche Redewendungen aus ihrem wohlgeschulten Benehmen hervor
    Im fünften Jahre trug sie schon einen Schnürleib und sagte mit echtem
Pariser Akzente »oui monsieur« und »non madame« Mit dem Widerspiel ihrer
eigenen Vollkommenheit der unartigen Rosa wollte sie natürlich nichts zu tun
haben und diese gab es endlich auf sich um ihre Liebe zu bewerben sie kehrte
wieder zu ihrer schönen Bozena zurück die sie mit offenen Armen aufnahm
    So war das Gleichgewicht von neuem hergestellt und die beiden Parteien
standen einander im offenen und verdeckten Kampfe gegenüber Einen scheinbaren
Mittelpunkt bildete der Hausvater Nur einen scheinbaren in der Tat vereinsamte
er immer mehr die ganze »Weiberwirtschaft« war ihm im Grunde gleichgültig
Empfand er überhaupt eine sympatische Regung für eines seiner Kinder so war es
für die stille Regula Wenn ihm ein oder das andere Mal das Lob das ihre Mutter
ihrer Musterhaftigkeit spendete gar zu übertrieben schien so sagte er nur
»Brav  zu brav Was nicht gegoren hat ist solange die Welt steht noch nicht
Wein geworden« Worauf Frau Nannette die Ellbogen fest an die Rippen drückte
sich steif aufrichtete und dem Blicke des immer noch gefürchteten Mannes
ausweichend erwiderte sie sei bisher des Glaubens gewesen »des Rebensaftes
Klärung« vollziehe sich nach andern Gesetzen als diejenigen welche der
Erziehung einer jungen Dame vorstünden
    Herr Heissenstein war sehr alt geworden seit seiner letzten Enttäuschung und
Regula wurde die Vermittlerin des Einflusses den Nannette allmählich auf ihren
Gatten zu üben begann Einen gewissen Grad von Bewunderung vermochte er seinem
wohlerzogenen Kinde nicht zu versagen Sie verneigte sich so ehrerbietig vor
ihm brachte ihm fortwährend stumme Ovationen dar ihre Haare waren immer so
glatt gekämmt ihre Kleider immer so nett sie saß und stand immer so gerade
fiel niemals einem andern ins Wort widersprach nie Und dann  ihre Kenntnisse
Ihr Wissen Die Gelehrsamkeit seiner Frau hatte Herrn Leopolds Eitelkeit oft
verletzt die Gelehrsamkeit seiner Tochter schmeichelte ihm Es war doch hübsch
wenn sie sich an seinem Geburtstage vor ihn hinpflanzte als Ester gekleidet
eine Verbeugung machte so tief dass man im Zweifel sein konnte ob sie sich auf
den Estrich niederlassen oder wieder aufrichten werde und dann begann
»Peutêtre on ta conté la fameuse disgrâce
De laltière Vasti dont joccupe la place «
Oder wenn sie als Schwester der Pallantiden erschien und ohne auch nur einen
Augenblick zu stocken die famose Tirade deklamierte
»Que mon coeur chère Ismène écoute avidement
Un discours qui peutêtre a peu de fondement «
  Und so weiter
    Musste Herr Heissenstein da nicht sagen »Bravo meine Regel Bravo« Und
musste sein Blick sich nicht fragend und missbilligend auf die große Tochter
richten die von der Sprache in der die Kleine sich so geläufig ausdrückte
nicht mehr verstand als eine Kuh vom Spanischen das heißt soviel wie ihr
eigener Vater Musste da nicht Frau Nannettens heuchlerisch bekümmertes »An der
erlebst du keine Freude« Eindruck auf ihn machen
    Freilich bewahrte Rosa ihre Unabhängigkeit aber dies geschah auf Kosten der
Familiengemeinschaft und der Zusammengehörigkeit Sie war gleichsam außerhalb
des Gesetzes erklärt und man ließ ihr diejenige Nachsicht zuteil werden welche
aus dem Verzweifeln an einem Menschen entspringt Und Rosa die bisher lachend
getrotzt und die indirekten Ermahnungen der Stiefmutter die heftigen Rügen des
Vaters mit einem Scherzworte erwidert hatte begann nachdenklich zu werden Ihre
Heiterkeit verschwand ihr froher Gesang erscholl nicht mehr in den Gängen des
düstern alten Hauses man sah die liebliche Gestalt des Fräuleins Augentrost
wie der Kommis sie nannte nicht mehr treppauf treppab hüpfen zur Wette mit
Hündchen und Kätzlein Sie saß eingeschlossen in ihrer Stube pflegte die Blumen
und Vögel die sonst ohne Bozenas Beihilfe verdurstet und verhungert wären oder
las Romane aus der Leihbibliotek des Städtchens in der sie sich im geheimen
abonniert hatte
    Und gerade damals wo sie einer Stütze am bedürftigsten gewesen wäre wurde
ihr von ihrer einzigen Beschützerin keine geboten
    Die schöne Bozena war um diese Zeit in der ihr Herzensliebling in die
Mädchenjahre sie selbst aber in die Jahre der reiferen Weiblichkeit trat eine
lahmgelegte Kraft Sie verbrauchte all ihre Seelenstärke für sich konnte an
andre nichts davon abgeben Mit gewohnter Pünklichkeit verrichtete sie zwar
ihren Dienst sie hatte ihn ja im kleinen Finger aber das Herz war nicht mehr
dabei Ihr Feuereifer brannte hell wie je aber als eine stille Flamme nicht
mehr funkensprühend nach allen Richtungen Man sah sie jetzt nach beendeter
Arbeit müßig dasitzen die Hände im Schoss Plötzlich angerufen fuhr sie auf wie
aus einem Traume Das seltsamste war dass sie begann ihrer äußeren Erscheinung
mehr Aufmerksamkeit zu widmen und sogar Freude am Putz zu finden Die
haushälterische Bozena verwendete so manchen Gulden für Schmuck und Tand Ihr
lebhaftes Interesse für die Ereignisse in Haus und Stadt war erloschen Etwas
Großes ging vor in ihrem Innern und auf die ganz erfüllte Seele besaßen von
außen kommende Eindrücke keine Macht
    Worin die Ursache der merkwürdigen Umwandlung in Bozenas Wesen zu suchen
war das ahnte nur ein Mensch Mansuet Weberlein der Kommis Ein stummes
Verständnis das allezeit tiefer ist als eines das Worte braucht um sich zu
offenbaren herrschte zwischen den beiden Bozena wusste dem Alten Dank für sein
einsichtsvolles Begreifen und für sein rücksichtsvolles Schweigen die
Gesellschaft des einzigen der sie durchblickte tat ihr wohl und wurde von ihr
aufgesucht Dem Alten hingegen war Bozena viel lieber als sie und er selbst es
ahnte
    Die Woche hindurch war Herr Mansuet außerhalb seines Glasverschlages in den
ebenerdigen Geschäftslokalitäten nicht zu erblicken aber »am Namenstage der
Faulenzer« wie er den Sonntag nannte gönnte auch er sich eine kleine Erholung
Da kam er gegen Abend staubig wie eine Ofenfigur aus seiner Höhle
hervorgekrochen und nahm Platz in einer der Mauernischen des Torweges die wohl
ursprünglich zur Aufnahme einer Statue oder einer Blumenvase bestimmt sein
mochten Er zündete seine Pfeife an und meinte nun er schmauche im Freien
Regelmässig stellte sich Bozena bei ihm ein er nickte ihr zu und sagte »Muss mir
ein bisschen die Bummler ansehen«  »Muss Ihnen ein bisschen helfen« erwiderte
sie In Wahrheit aber machten sich beide aus den Bummlern nichts
    Gewöhnlich erschien Bozena in ihren Hauskleidern die Festgewänder legte sie
nach dem Kirchenbesuche ab und sich nach beendetem Tagewerk noch einmal in
Staat zu werfen war ihr nicht der Mühe wert Auch in ihrer Einfachheit gefiel
sie ihren zahlreichen Anbetern nur zu wohl und hatte ohnedies genug zu tun die
Zudringlichsten in respektvoller Entfernung zu halten
    Herr Weberlein war nicht wenig erstaunt als sich Bozena eines Sonntags
prächtig angetan zum Nachmittagsgeplauder einfand Sie kam langsam in Gedanken
versunken die Treppe herab Ihre rechte Hand glitt das Geländer entlang den
Rücken der linken hielt sie fest an den Mund gedrückt Das runde Häubchen mit
den flatternden Bändern saß wundergut auf dem reichen Haar mit seinem
schwarzblauen Glanze Eine Korallenschnur umfasste den kräftigen und
geschmeidigen Hals über die Brust war ein schneeweisses Tuch gekreuzt Kurze
bauschige Ärmel ließ die wohlgeformten Arme frei Ein Rock von broschiertem
dunkelgrünem Damast fiel in schweren Falten bis zu den Knöcheln nieder eine
seidene Schürze bunt gestickte Strümpfe und glänzende Schnallenschuhe
vervollständigten den halb städtischen halb ländlichen nagelneuen Anzug
    Der Tausend sie war schön und majestätisch anzusehen in dieser Pracht die
mächtige Gestalt Weberlein betrachtete sie vergnügt kauerte sich tiefer in
seine Nische und murmelte »Sauber Sauber«
    Bozena stand nun vor ihm und grüßte mit einem Anfluge von Verlegenheit
»Sapperlot« sprach der Alte »das ist ja schön von Ihnen dass Sie sich auch
einmal mir zu Ehren in Parade versetzt haben«
    »Ihnen zu Ehren doch nicht« antwortete sie
    Er schlug ein Schnippchen als wollt er sagen Sie haben gut leugnen ich
weiß was ich weiß Bozenas Gesicht bedeckte sich mit hoher Röte und sie sprach
leise aber resolut »Es ist heut Tanz beim Grünen Baum da geh ich hin«
    Der Blick den Weberlein jetzt auf sie warf bewies dass es möglich sei
zugleich Mitleid und Verachtung auszudrücken Sein unproportioniert großes Kinn
bewegte sich ein paarmal hin und her in der hohen halbmilitärischen Krawatte
in der es endlich zur Hälfte verschwand und er rief »Sie sind scheint mir 
närrisch«
    Bozena erwiderte nichts Sie hatte die Arme gekreuzt lehnte sich an die
Wand und blickte stumm und trotzig vor sich nieder
    Auf dem Platze wurde es immer lebendiger Dem heißen Sommertage war ein
erquickender Abend gefolgt ihn zu genießen strömte die schöne Welt der Stadt
der Promenade zu Unter denen die am Hause vorüberkamen dünkten sich nur
wenige zu vornehm um dem Vertrauensmanne Herrn Heissensteins einen Gruß
zuzurufen so mancher blieb stehen und wechselte mit ihm einige Worte Auch
Bekannte Bozenas kamen  stille Verehrer die es nicht auszusprechen wagten wie
begehrenswert ihnen die rüstige Jungfrau mit ihrem Fleiß und Geschick und mit
ihren wie man wusste ansehnlichen Sparpfennigen erschien kühne Bewerber die
sie heimzuführen hofften wenn nicht gleich so doch sicherlich dann wenn
einmal Fräulein Rosa wegheiraten würde aus dem väterlichen Hause Auch einige
hübsche Mädchen bestens geschmückt zum heutigen Tanze fanden sich ein und
vergrösserten den Halbkreis der sich um Bozena gebildet hatte wie um eine
Audienz erteilende Königin
    So war schon eine ziemlich zahlreiche Gesellschaft im Torwege versammelt
Und jetzt trat aus dem gegenüberliegenden vom Kreishauptmann Grafen Kühnwald
bewohnten Hause ein junger Mann auf den sich sofort die allgemeine
Aufmerksamkeit richtete Die Mädchen stießen einander an und kicherten die
Männer zuckten die Achseln ein Schreiberlein in einem schäbigen Rocke den nur
der Umstand zum Sonntagsrocke stempelte dass er einst schwarz gewesen war sagte
mit einem Ausdruck von schlecht verhehltem Neide »Da kommt Bernhard der Pfau«
    »Dann wird auch die Gräfin nicht weit sein« ließ eine Mädchenstimme sich
vernehmen
    Und wirklich die sogenannte Gräfin schritt eben über den Platz Sie war
eine stattliche Bauerntochter die reichste und umworbenste aus dem nahen Dorfe
das gleichsam die Vorstadt Weinbergs bildete Begleitet von ihrer Sippe begab
sie sich zum Tanze Der junge Mann näherte sich ihr und schien eine Frage an sie
zu stellen Die Dorfgräfin nickte gnädig und setzte ihren Weg fort indessen er
auf das Haus Heissenstein zuschritt
    Ein schlanker Bursche wars in der kleidsamen Montur eines herrschaftlichen
Büchsenspanners im dunkelgrünen Rock mit Aufschlägen von Samt silbernen
Wappenknöpfen und Achselschnüren ein schmuckes Mützchen auf den braunen
dichten kurz gehaltenen Locken Seine Haltung war vornehm und frei das Gesicht
fein geschnitten Siegesgewissheit in jeder Miene und Bewegung kam der Bursche
heran und kindische Freude an sich selbst leuchtete ihm aus den Augen Er
grüßte die Gesellschaft mit der herablassenden Freundlichkeit eines
gutsituierten Mannes gegen geringe Leute Dem Kommis gegenüber äußerte er
einigen Respekt die übrigen neckte er wusste aber auch jedem etwas Angenehmes
zu sagen und jeden in das Gespräch zu ziehen Nur eine Person in dem Kreise sah
er nicht bemerkte er nicht  die ansehnlichste und auffallendste von allen
Bozena
    Und die war plötzlich verstummt Sie hatte den Kopf an die Wand
zurückgelehnt und die Augen halb geschlossen Von ihren Schläfen herab die
Wangen entlang zog sich ein weißer Streifen  das Erbleichen sehr rot gefärbter
Menschen Verstohlen warf der Jäger manchmal einen Blick nach ihr hin und je
gequälter ihm der Ausdruck ihres Gesichtes erschien desto lustiger wurde er
desto übermütiger seine Laune Mansuet Weberlein kämpfte mit einem nervösen
Zucken im Arme verdrehte die Beine so dass seine einwärts gebogenen Fußspitzen
einander auf dem vorspringenden Mauersockel begegneten und schoss gegen Bernhard
den Pfau eine bissige Bemerkung nach der andern ab Endlich rief er giftig
»Schad um Sie Indessen Sie uns hier Späße vormachen tanzt Ihnen ein
Tölpelpeter oder ein Lümmelhans Ihre Gräfin weg«
    Der Jäger wollte antworten aber ein stämmiger Bursche kam ihm zuvor »Seine
Gräfin« spöttelte er »dem Büchsenspanner seine  Warum nicht gar«
    Ein hochmütiges Lächeln kräuselte Bernhards Lippen »Oho du Gescheiter
nicht mehr lange Büchsenspanner Im Herbst gibt mir mein Graf ein Revier«
sprach er
    »Die Bäuerin schiert sich was um dein Revier« entgegnete der Bursche und
zu einem der Mädchen gewendet fügte er rasch hinzu »Wollen wir sie fragen
Toni«  Und Toni antwortete eiligst »Ja« und dem sich entfernenden Pärchen
folgten andere Tanzlustige nach und bald war die ganze Versammlung
auseinandergestoben Auch der Jäger empfahl sich jetzt auf das höflichste bei
Weberlein nach einigen Schritten aber blieb er als besänne er sich plötzlich
stehen wandte sich gegen Bozena und fragte wie jemand der innerlich
widerstrebend eine Pflicht der Artigkeit erfüllt »Kommen Sie nicht auch« Dann
eilte er den übrigen nach mit großen Schritten und schlecht verhehlter
Besorgnis dass sie sich ihm vielleicht anschließen könnte
    »Prosit« zischelte der Kommis zwischen den Zähnen »sonst haben Sie keine
Schmerzen«
    Aber wie ward ihm als Bozena nun vor ihm stand und mit gepresstem Tone und
niedergeschlagenen Augen sagte »Alsdann adje Herr Weberlein«
    Nein das kann nicht sein  Das ist ja die bare Unmöglichkeit  In
Scharen waren sie oft gekommen die allerbesten Tänzer der Stadt und des Dorfes
und hatten gesagt »Erweisen Sie mir die Ehre« und »Machen Sie mir die Freude
« Und sie hatte geantwortet »Ich geh zu keinem Tanz« Und jetzt warf ihr ein
Laffe ein Geck von oben herab eine Aufforderung hin so leer so gnädig so gar
nichts sagend als höchstens Ein ganzer Bengel will ich doch nicht sein und sie
lachte ihm nicht ins Gesicht sie schwieg  sie folgte ihm dem Laffen dem
Gecken demütig wie ein Hund seinem Herrn Donner und Wetter Wenn der liebe
Gott vom Himmel gestiegen wäre und es dem Kommis Weberlein erzählt hätte dieser
würde geantwortet haben »Verzeih mirs  Gott aber das kann ich nicht
glauben«  Und nun sah ers nun musste er es sehen mit seinen eigenen Augen
und konnte seine eigenen Finger legen in die Wunden die dem Stolze Bozenas
geschlagen worden Er blickte völlig verstört zu ihr empor und brachte nur ein
Wort heraus nur das einzige Wort »Was«
    Sie schien ein Weilchen zu zögern dann sprach sie mühsam und mit trockenen
Lippen »Ich muss wissen wie es steht mit ihm und der Eva« und wandte sich und
von weitem in wohlberechneter Entfernung folgte sie dem Jäger
    Herr Weberlein nahm eine boshafte und wegwerfende Miene an mit abscheulich
menschenfeindlichen Blicken stierte er auf den Platz hinaus und kehrte ihm und
dem Treiben da draußen endlich ganz und gar den Rücken Wie ein Alräunchen
hockte er in seiner Nische und zog in kurzen raschen Zügen den Rauch aus seiner
Pfeife Er schmauchte nicht mehr er tobakelte und umgab sich mit kleinen
dichten Wolken die ihn dräuend und unheilverkündend als Zeichen seiner großen
inneren Erregteit umflogen
 
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Beim »Grünen Baum« hatte die Unterhaltung schon begonnen aber noch war wenig
Wein getrunken worden noch gab es keine ausgelassene Lustigkeit noch hatte
kein Streit stattgefunden Die Paare drehten sich langsam und mit
bewunderungswürdiger Ausdauer Von Zeit zu Zeit ertönte ein lauter Jubelruf ein
Bursche klatschte in die Hände hob seine Tänzerin hoch empor ließ sie dann
sich ein Weilchen allein neben ihm herschwenken umfasste sie von neuem und
ruhig tanzten sie weiter mit denselben schläfrigen Gesichtern mit denen sie
ihre Fronarbeit verrichteten
    Bernhard trat oft in die Mitte der Stube sah mit Wohlgefallen wie viele
Mädchenaugen sich erwartungsvoll auf ihn richteten winkte jedoch keine der
Anwesenden nach Bauernsitte zu sich herbei Eva war für diesen Walzer versagt
und mit einer Geringeren trat er nicht in den Reigen
    Bozena stand alle Frauen und die meisten Männer die sie umgaben
überragend finster und grollend in einer Ecke und wies alle Aufforderungen
sich an dem Tanze zu beteiligen kurz ab Sie sei nur gekommen ein wenig
zuzusehen müsse gleich wieder heim Die Musik schwieg ein Tanz war zu Ende
nach kurzer Pause wurde wieder aufgespielt und jetzt hatte Bernhard die
»Gräfin« erfasst und wirbelte mit ihr durch die Stube Nicht langsam und
matterzig wie ihr früherer Partner frisch mit fröhlicher Anmut und
Leichtigkeit schwenkte er sie im Takte Wie zwei Vögel schwebten sie flogen
sie als ob die Lüfte sie trügen jetzt im engen Kreise wie die Lerchen jetzt
wie die Schwalben  dahingleitend in weiten Bogen Er flüsterte ihr etwas zu
und die kokette Dorfschöne blinzelte ihn herausfordernd an fester drückte er
sie an sich warf den Kopf zurück und schien zu fragen Wer widerstände mir
Sie nicht minder selbstbewusst aber weniger naiv schlug die Augen nieder und
schien zu antworten Ich  vielleicht
    Bozena verwandte von den beiden keinen Blick ihr Herz klopfte zum
Zerspringen schmerzliche Eifersucht zerschnitt ihr die Brust Oh jung sein und
begehrenswert wie jene dort Im Angesichte aller mit Stolz von ihm umfangen
werden wie sie nur einmal nur einen einzigen seligen Augenblick Tu ein
Wunder Gott der du alles kannst Befriedige diese dürstende Sehnsucht erlöse
diese arme ringende Seele lasse sie einmal unschuldig sein ohne Reue und
Scham 
    Zu so unerfüllbaren Wünschen hatte Bozena sich verstiegen als eine Stimme
sie anrief »Grüß Gott« Evas Vater ein alter schöner Mann war zu ihr
getreten er deutete mit dem Mundstück seiner Pfeife auf seine Tochter und fuhr
fort »Das tanzt das tanzt« Wohlgefällig betrachtete er sein Kind und sah dann
wieder die Angeredete an als wollte er sie zur Bewunderung auffordern Schon
drängte sich ein hartes Wort auf Bozenas Lippen aber sie sprach es nicht aus
vielmehr sprach sie den Greis forschend ins Auge fassend »Ein schönes Paar«
Der Bauer verzog den Mund »Paar« wiederholte er »Paar die zwei  je nun
auf dem Tanzboden  ja« Und Bozena atmete auf Derselbe Ausdruck des
engherzigen Hochmuts der in den welken Zügen des Alten wie versteinert lag 
das blühende Gesicht seiner Eva trug ihn auch Die wird ihr nicht im Ernste eine
Nebenbuhlerin der ist der Jäger trotz aller seiner Vorzüge zu gering  Bozena
verließ die Wirtsstube sie schritt über den Hof einem kleinen Obstgarten zu
von dem aus der Fußsteig der bis an die Stadtmauer führte leicht zu erreichen
war Auf eine Bank unter einem Apfelbaume ließ sie sich nieder und versank in
ihre düsteren Gedanken Eine kurze Zeit nur und lebhafte eilende Schritte
näherten sich Sie blickte nicht zurück sie wusste er ist es er sucht sie auf
Im nächsten Augenblicke war er bei ihr setzte sich neben sie auf die Bank und
sprach schmeichelnd »Bozena lässt sich die Böse endlich finden«
    Sie antwortete ihm nicht Er suchte jedoch vergeblich ihre Hand zu fassen
»Was hast du wieder So sag doch ein Wort  Was ist dir« sagte Bernhard mit
dem leicht erregten Unwillen verwöhnter Menschen
    Nun fuhr sie auf »Er fragt er fragt noch  Wie jetzt kann er kommen
weil ich allein bin Vor den Leuten kennt er mich nicht  Weißt du was Wie
du mit mir spielst so spielt die Eva mit dir«
    Das hatte sie nicht sagen wollen nicht gleich nicht so aber der Ingrimm
der in ihr kochte sprudelte die Worte heraus Keuchend lehnte sie sich zurück
an den Stamm des Baumes biss die Zähne übereinander und kreuzte die Arme über
der gequälten Brust
    Bernhard lachte gezwungen
    »Mit mir spielt niemand« entgegnete er »Die Eva weiß recht gut dass mirs
nicht im Ernst zu tun ist um sie  Und du  solltest wissen dass ich dich
liebhabe« rief er mit plötzlich ausbrechender Zärtlichkeit und wollte sie
umfassen
    Sie stieß ihn zurück und sprach an allen Gliedern bebend »Seit einem Jahr
vergällt er mir mein Leben Küsst mich im geheimen und verleugnet mich vor den
Leuten  Fort von mir« herrschte sie als er statt aller Antwort die Zürnende
an sein Herz zu ziehen strebte »Es muss aus sein  hörst du  ich verstelle und
verstecke mich nicht mehr Lass mich in Frieden wenn du dich meiner schämst«
    Bozena stemmte die Hand gegen seine Brust und hielt ihn von sich mit
ausgestrecktem Arme Und mit diesem stählernen Arme das wusste Bernhard wohl
hätte er vergeblich gerungen So senkte er den Kopf auf ihn nieder lehnte seine
Wange daran und sprach »Ich mag das Gerede der Klatschmäuler nicht  es könnte
meinem Grafen zugetragen werden Und der du weißt ja meint am besten wärs
für mich wenn ich die Kammerjungfer der Frau Gräfin nähme Aber ich mag sie
nicht« rief er sich aufrichtend »Sie ist mir zuwider  ich hab nur eine gern
 Lass mich nur einmal Förster sein  und die ganze Welt soll schon sehen 
wen« Es war ein Klang von warmer überzeugender Empfindung in seinen Worten
Er hatte sie lieb die Bozena gewiss er war stolz auf den uneingeschränkten
Besitz dieses bisher unbesiegten Herzens Er freute sich der Gewalt die ihm
über die Gewaltige gegeben war Sein unsicheres Wesen wurde von ihrem starken
sein schwankender Wille von ihrem festen mächtig angezogen Im Bewusstsein ihrer
unbegrenzten Liebe ruhte er wie in einer goldenen Wolke er fühlte sich durch
ihre Hingebung gehoben und verklärt Schützend umhüllte sie ihn ohne ihn je
gedemütigt zu haben denn immer war sie bereit sich ihm zu unterwerfen und
alle Lust und alles Weh kam ihr von ihm Ein Wort und die Unbezwingliche lag zu
seinen Füßen die größere Seele beugte sich vor seiner Kleinheit denn kraft
ihrer Liebe war er ihr Herr
    Bozena hatte den Arm sinken lassen der Jäger schlang den seinen um ihren
Hals und presste seine Lippen auf die ihren Ihr Zorn zerschmolz unter seinen
Küssen Heisse Tränen traten ihr ins Auge und sie sprach wehmütig »Ich werde
niemals deine Frau Du wirst dich niemals zu mir bekennen Schweig« fiel sie
ihm ins Wort da er widersprechen wollte »Dazu hast du nie den Mut  Ich bin
nur eine arme Magd und du willst höher hinaus  wir sind nicht füreinander «
    »Ich will dich« beteuerte Bernhard mit Ungestüm »keine andere weil sich
keine mit dir vergleichen kann Meinst du ich bin blind und seh das nicht 
Hab Geduld  Wirf mir nichts vor  Wir kommen doch zusammen aber jetzt
will ich nichts wissen nichts hören nichts fragen als nur Hast mich lieb«
    Bozena legte die gerungenen Hände in ihren Schoss und seufzte schmerzlich
auf »Fragst nicht auch ob Gott im Himmel lebt  O Jesus ob ich ihn
liebhabe Ich wollt ich könnte sagen nein oder ich wollt ich könnte sagen
warum«
    Trotzig richtete sie sich auf und sprach als trachte sie sich selbst zu
beruhigen über die Natur ihrer Liebe »In dein hübsches Gesicht hab ich mich
nicht vergafft«
    Der Jäger lachte und küsste sie und Bozena erduldete seine Liebkosungen
aber sie erwiderte sie nicht
    »So bist du heute« grollte sie »und morgen ist alles wieder wie früher
und morgen trittst du mir wieder aufs Herz Oh könnt ich frei sein  könnt
ich mich losmachen von dir«
    Er erschrak über die Verzweiflung die aus ihrer Stimme klang zum ersten
Male tauchte die Möglichkeit sie zu verlieren vor ihm auf und erfüllte ihn mit
tiefster Besorgnis mit bitterstem Weh »Dich losmachen von mir« fragte er
vorwurfsvoll »das möchtest du«
    »Wohl möcht ichs« antwortete sie »aber was hilft mir das  Bin ich
nicht wie verfangen im Dorngestrüpp es zerfleischt mich  und lässt mich nicht
los  Bernhard Bernhard« Sie beugte sich vor mit beiden Händen griff sie in
sein Haar zog seinen Kopf an ihre Brust und schaute in die Augen die sich
bittend und voll heißer Zärtlichkeit zu ihr erhoben »Bist mir denn treu«
schrie sie plötzlich auf
    Das rief wieder die alte Bozena das war wieder die echte alte Leidenschaft
 Sie zitterte um ihn er hatte sie wieder Der funkelnde Blick des Jägers ruhte
fest in dem ihren und seine Seele frohlockte Übermütig strich er mit Daumen
und Zeigefinger den Schnurrbart in die Höhe und sprach schmollend wie ein
berechnender kluger vollendeter Don Juan »Bist du denn mein«
    »Schäm dich« erwiderte sie und barg ihr Gesicht in ihre Schürze und
schluchzte laut
    Er aber flehte tröstete beteuerte Kein Liebesschwur den er nicht tat
kein Schmeichelwort das er nicht sagte Und Bozena lauschte seiner süßen Rede
von neuem überwunden von neuem überzeugt Er wolle ein Ende machen das gelobte
er und sollt es ihn die Stelle kosten und seines Grafen Gnade Von der Bozena
lässt er nicht er kennt ihren Wert ihr gehört er an in Glück und Not im Leben
und im Tode Nur sie vermag   da fährt er zusammen hält inne  hinter den
Büschen des Zauns hat sichs geregt Der Teufel haben seine Worte einen Zeugen
gehabt War ein Lauscher da Bernhard springt empor und auf die Stelle los von
der aus das Geräusch gekommen Er ruft laut »Wer da«  keine Antwort und
ringsum niemand zu erblicken Sie sind allein
    Etwas verlegen über die Bestürzung die er unwillkürlich hatte erblicken
lassen kehrt der Jäger zurück In einen andern Menschen verwandelt
gleichgültig und kalt stand er vor seiner Geliebten und sagte »Es ist spät 
ich muss fort«
    Sie biss die Zähne übereinander und maß ihn mit verachtungsvollen Blicken
    »O du« rief sie »wenn einer dort gestanden hätt und wärs der Stallbub
gewesen aus eurem Hause  Und hätte der gespasst Unser Jäger geht mit der Magd
des Weinhändlers  vor dem Stallbuben hättest du mich verleugnet Jetzt hättest
dus getan  Und wenn dich heut abends beim Tische der Hausoffiziere jemand
nach mir fragt wirst du antworten Ich kenne sie nicht Gelt« schrie Bozena
mit vernichtendem Hohne und richtete sich hoch auf vor ihm der mit finsterem
Gesichte zur Erde starrte und  schwieg
    »Ich Narr Ich Narr« stöhnte sie und wandte sich und rannte davon Sie
schaute nicht  er rief sie nicht zurück und dennoch hemmte sie bald die
Raschheit ihrer Schritte Sie blieb stehen  sie lauschte  sie wartete und
setzte dann immer langsamer ihren Weg fort Wie oft hatten sie sich schon so
getrennt aber niemals hatte ein Abschied ihr das Herz zerrissen wie dieser
Hatte sie doch nie so harte Worte zu ihm gesprochen war ihm doch niemals so weh
durch sie geschehen Wird er ihr je verzeihen  Schon denkt sie nichts andres
mehr als Wird er mir je verzeihen 
    Das macht sie ist gefangen ein Spielball in eines Knaben Hand  die große
Bozena
 
                                       5
Während Bozena in so schweren Herzenskämpfen rang wurde auch ihr Schützling von
seinem Schicksal ereilt Zugleich glücklicher und unglücklicher als ihre
Getreue hatte Rosa eine Neigung eingeflößt die sich nicht verbarg die nur
allzu eifrig zur Schau getragen wurde die aber so gut wie keine Hoffnung bot
zu ihrem Ziele dem Frieden einer erwünschten Ehe zu gelangen
    Seit einigen Monaten war in der Umgebung Weinbergs ein Ulanenregiment
einquartiert dessen hübschester Leutnant den großen sehr mittelmäßig
gepflasterten Platz des Städtchens für den geeignetsten Ort zu halten schien wo
seinen Pferden die letzte höchste Dressur beizubringen wäre Er kam heut auf
dem Mohrenkopf und morgen auf dem Schwarzbraun er umkreiste den steinernen
Brunnen im Jagdgalopp im spanischen Schritt im kurzen und im langen Trabe Er
jagte die Hand am Schirme seines Käppchens im Fluge wie ein Kosak oder er
ritt feierlich und langsam wie der Cid unter Ximenens Altan an dem alten Hause
vorüber Und am Fenster stand Rosa voll Bewunderung und lächelte ihm zu Seit
dem Augenblicke da sie ihn zum ersten Male gesehen hatte ein neues Leben für
sie begonnen Seltsam seltsam war ihrs damals ergangen So meinte sie so
rasch so plötzlich und unwiederbringlich hätte noch keine ihr Herz verloren
nein verschenkt  gern glückselig verschenkt
    Mit klingendem Spiele und flatternden Fähnlein war das Regiment auf einem
Marsche nach der neuen Garnison durch die Stadt geritten Und Rosa von dem
Schalle der lustigen Musik an das Fenster gelockt hatte sich ergötzt an dem
bunten Schauspiel zu ihren Füßen Zug um Zug marschierte vorüber und manches
Auge richtete sich mit Wohlgefallen auf das Mädchen das so übermütig auf die
staubbedeckten Reiter herabsah als defilierten sie nur ihr zu Ehren und zum
Spasse da vorbei
    Endlich kam er herangeritten nachlässig mit schlaffen Zügeln und träumte
vor sich hin Nun schien das alte Haus seine Aufmerksamkeit zu erregen Wie ein
verwitterter Aristokrat inmitten geschniegelter Emporkömmlinge nahm es sich mit
seinen etwas abgebröckelten Stukkaturen seinen schweren Strebepfeilern und
tiefen Fensterbogen aus neben den blanken charakterlosen Nachbarn Der Offizier
sah an dem grauen Gemäuer empor wie überrascht von seiner altertümlichen
Schönheit Als wecke es in ihm eine wehmütige Erinnerung betrachtete er es
ernstaft ja traurig und doch fast liebevoll Und jetzt begegnete sein Blick
dem der Rose am Fenster dieser holden trotzigen Rose so schön so frisch in
ihrer düsteren Umrahmung Vier junge Augen ruhten ineinander mit unschuldigem
Erstaunen mit selbstvergessenem Entzücken Und das alte ewig neue Wunder
vollzog sich in zwei von Schmerz und Glück noch unberührten Seelen erwachte die
Sehnsucht und mit Bangen die Ahnung all der Wonnen und all des Wehs die sie
bestimmt waren einander zu bereiten die Ahnung des großen Lebensgeheimnisses
das Aufgehen des eigenen in einem fremden Dasein
    Unwillkürlich hielt der Jüngling sein Pferd an und stand regungslos mit
emporgewandtem Haupte mit dem Ausdruck der seligsten Bewunderung auf seinem
Gesichte Eine Hand die sich auf seine Schulter legte eine Stimme die ihn
anrief »Schläfst du Fehse« weckte ihn aus seiner Versunkenheit Er errötete
über und über und setzte sich wieder in Bewegung Der Kamerad aber war der
Richtung welche die Augen des Freundes genommen mit den seinen gefolgt er
lächelte und machte eine Bewegung als wollte er sagen Ja so  jetzt verstehe
ich
    Und Rosa bestürzt beschämt eilte vom Fenster hinweg mit dem Gefühl einer
ertappten Sünderin Wie peinlich war der Augenblick Und doch  sie hätte ihn
nicht tauschen mögen gegen alle frohen Stunden die sie bisher erlebt
    Das kindische Pärchen flog in sein erstes Liebesabenteuer hinein wie junge
Vögel in das Feuer Damals hatte ein österreichischer Offizier alle mögliche
Zeit seine Privatangelegenheiten zu besorgen Wenn er wie Fehse es tat auch
täglich drei Meilen weit ritt um an der Wand den Schatten seiner Angebeteten
oder am Fenster den Schimmer ihres Nachtlämpchens zu erblicken der Dienst der
ihm oblag brauchte nicht darunter zu leiden
    Später wurde der Leutnant in ein dem Städtchen näher gelegenes Dorf
versetzt und nun begannen jene Fensterparaden auf dem Platze die sehr bald
Rosas Freude ausmachten und Herrn Heissenstein ein Ärgernis gaben
    Frau Nannette nahm von alldem keine Notiz
    Eine Sache von der man sich nur Kenntnis verschaffen konnte indem man aus
dem Fenster sah fand sie für angemessen zu ignorieren Sie predigte nicht etwa
mit Worten allein sie predigte durch ihr Beispiel Sie pflegte zu unterlassen
was Regula bleibenlassen sollte
    Jawohl bleibenlassen Oder hat man jemals gehört dass ein wohlerzogenes
Mädchen Lust und Zeit hätte aus dem Fenster zu sehen Wenn dies der Fall dann
muss Frau Nannette sich schämen und ihre Unwissenheit bekennen Denn wahrlich
ihr ist dergleichen niemals zur Kenntnis gekommen
    Einen stillen aber heißen Bewunderer fanden die equestrischen Übungen des
Leutnants an Mansuet Weberlein Von seinem Kasten aus in dem er hockte wie der
Frosch im Wetterglase begleitete der Kommis die Versuche des Ulanen Fräulein
Augentrosts Aufmerksamkeit zu erwecken mit seinen innigsten Sympatien Er war
ein so begeisterter Anhänger des Militärs dass er jedem Unternehmen gleichviel
ob es von dem ganzen Stande oder von einem einzelnen seiner Mitglieder in das
Werk gesetzt wurde das beste Gedeihen wünschte
    Wie es kam dass sich in Weberleins Seele kriegerische Neigungen
entwickelten ist unerklärt geblieben Er stammte aus einem friedfertigen
Geschlechte Seine Ahnherren hatten als Kommis im Geschäfte Heissenstein gedient
solange dasselbe überhaupt bestand und sein Vater hatte ihn auferzogen in der
Furcht Gottes und der Militärpflicht Und trotzdem Als er achtzehn Jahre alt
und noch nicht viel über drei Schuh in der vertikalen aber schon bedenklich in
der schrägen Richtung gewachsen war da kamen Werber aus Ungarn herüber in die
Stadt Mansuet entlief seinem väterlichen Hause und stellte sich
    Er wurde ausgelacht und heimgeschickt Aber von diesem Tage an galt er in
seiner Familie für einen Haudegen und fühlte sich in einem gewissen Grade mit
dem Soldatenwesen verbunden
    In gemütlichen Stunden sagte er zu seinen Vertrauten »Sehen Sie jetzt wäre
ich Hauptmann wenn ich nämlich gedient ich wäre sogar Major wenn man mich
nämlich dazu gemacht hätte«
    Er wusste den Militärschematismus auswendig und avancierte mit seinen
eingebildeten Kameraden in seinem eingebildeten Range Wenn der hübsche Leutnant
Fehse am Hause vorüberritt da verfehlte Mansuet niemals dem zweiten Kommis
zuzuflüstern »Sehen Sie der wäre jetzt mein Subordinierter wenn ich nämlich
gedient hätte bei den Ulanen nämlich und zwar im zweiten Regimente«
    Die unschwer zu erratenden Absichten seines »Subordinierten« aus allen
seinen Kräften zu fördern empfand Weberlein den lebhaftesten Drang Und eines
schönen Morgens als Fehse wieder sein Pferd auf dem Platze tummelte bemerkte
sein stiller Gönner mit einer Hand auf den Schützling deutend und mit der
andern dem Prinzipal einen Brief zur Unterschrift vorlegend »Ansprechendes
Exterieur das des Herrn Leutnants Scheinen hier einen Punkt der Anziehung
gefunden zu haben«
    Und als Heissenstein schwieg fuhr der Kommis mit einem diplomatischen
Lächeln fort »So frei gewesen über den Herrn Leutnant Erkundigungen
einzuziehen Bei Grosshändler Heller Sind dort täglicher Gast Gute Referenzen
Sehr ästimiert im Regimente höchst anständig«
    »Kümmert das Sie« fragte Herr Heissenstein in wegwerfendem Tone und schob
dem Kommis den unterzeichneten Brief hin
    Weberlein legte einen zweiten vor und erwiderte »Sehr viel Die
Anständigkeit des Nebenmenschen kümmert mich immer sehr viel«
    »Sie wollen sich vermutlich mit ihm in Verbindung setzen« bemerkte der
Prinzipal spöttisch Weberlein war einmal entschlossen kühn zu sein er ließ
sich nicht irremachen durch die majestätische Ironie Heissensteins Er dachte
Wetter man muss etwas tun für seine Freunde Ein gutes Wort kann Wunder wirken
es kann Möglichkeiten ins Auge fassen lassen die sonst nicht erwogen worden
wären
    Und so sprach er »In Verbindung  ich  Nur insofern als ich vermöchte
eine Verbindung mit andern Personen zu vermitteln die ihm wahrscheinlich
erwünschter wäre«
    Während dieser letzten Rede hatte der Haudegen seine Augen recht fest auf
das Blatt in seiner Hand gerichtet Jetzt wandte er sie seinem Chef zu Der saß
kerzengerade aufgerichtet und machte eine so eisige Miene dass Mansuet sich von
ihrem Anblick durch und durch erkältet fühlte und hüstelnd als fröre ihn
seinen Rock zuknöpfte Heissenstein sah den Kommis von der Seite an und jede
Falte auf seinem Gesichte jedes Haar seiner emporgezogenen Augenbrauen schien
zu sagen Dieser Mensch wird mich niemals verstehen
    Der Tag verging Herr Heissenstein kam auffallend früh und in auffallend
schlechter Laune zum Abendessen Die letztere wurde noch vermehrt als er Rosas
Platz am Tische unbesetzt fand Ein unerquickliches Gespräch entspann sich
zwischen dem Herrn und der Frau vom Hause
    »Wo ist Rosa«
    »Wie allabendlich bei Heller«
    »Wer gab ihr die Erlaubnis «
    »Die nimmt sie wohl selbst Wer hätte der etwas zu erlauben«
    »Ich« schrie Heissenstein
    »Du hast doch bis jetzt gegen diese Besuche nichts einzuwenden gehabt«
meinte Frau Nannette
    »Von nun an hab ich dagegen einzuwenden« war des Hausvaters kategorische
Antwort und Bozena erhielt den Befehl Rosa sofort abzuholen und nach Hause zu
bringen Die Magd gehorchte und Regel die inzwischen ihre Suppe ausgelöffelt
und ohne das leiseste Geräusch geschleckt hatte küsste ihren Eltern die Hände
verbeugte sich ehrfurchtsvoll und verließ das Zimmer
    Das Ehepaar war allein
    Er hatte die »Brünner Zeitung« sie ihren Strickstrumpf zur Hand genommen
Vor ihm stand eine Flasche Weines vor ihr ein kleiner Arbeitskorb in dem das
Knäuelchen infolge der unglaublichen Geschwindigkeit mit der sie strickte
ruhelos umherhüpfte Die Bewegung dieses Knäuelchens schien Herrn Heissenstein
unangenehm zu sein denn er sah es manchmal über die Zeitung hinweg grimmig an
    Eine Atmosphäre des Unbehagens umgab die beiden alten Leute und Frau
Nannette bemühte sich vergeblich sie zu zerstreuen Sie lächelte nickte mit
dem Kopfe sagte von Zeit zu Zeit »Ja ja« und »Du lieber Gott schon ein
Viertel nach neun« oder »Wie doch ein Tag so rasch vergeht« Sie versuchte
sogar durch ein kleines gemütliches Gähnen die gezwungene Stimmung in eine
bequeme zu verwandeln Alles umsonst
    Endlich hielt sie im Stricken inne und indem sie mit der Nadel einige
Brotkrümchen auf dem Tische in eine gerade Linie schob teilte sie ihrem Manne
mit als besänne sie sich dessen plötzlich  dass sich ihr heute vormittags auf
der Promenade Leutnant von Fehse habe vorstellen lassen
    Herr Heissenstein äußerte den Anteil den er an dieser Nachricht nahm
dadurch dass er halblaut zu lesen begann »Versteigerung der kärntnerischen
Kammerfondsherrschaft Friesach samt der Fronleichnamsbruderschaft Metnitz «
    Frau Nannette fuhr fort »Ein sehr gebildeter sehr wohlerzogener junger
Mann «
    »An Gebäuden an Grundstücken an Untertanen an Zehenten« murmelte
Heissenstein
    »Du hörst nicht Lieber« sprach seine Gemahlin und setzte mit größerem
Nachdrucke hinzu »Von altem Adel aus Hannover«
    In einem Tone der deutlich sagte Ich will auch nicht hören und mit wie
es schien gesteigertem Interesse an seiner Zeitung las Heissenstein »An
Untertansgiebigkeit an unsteigerlichem Gelddienste 609 Gulden 23 34 Kreuzer
«
    »Die Fehse sind so alt wie die Montmorency« rief nun Frau Nannette etwas
gereizt dazwischen und vergaß in der Aufregung ihrer Rede die logische
Gliederung zu geben die sie ihr sonst so gern verlieh  »So alt wie die
Montmorency und er spricht das schönste Deutsch das ich jemals hörte«
    »An Kleinrechten« las Heissenstein weiter »ein Paar Filzstiefel ein Stück
Hechten siebenundzwanzig Hendeln zwei Faschingshühner   einhundertundfünf
Pfund Harreisten «
    Jetzt riss der Faden von Frau Nannettens Geduld Mühsam mit großer
Selbstüberwindung knüpfte sie ihn wieder zusammen
    Sie beugte sich vor tippte mit der Stricknadel auf den Ärmel ihres Mannes
und sprach »Es wäre mir angenehm wenn meine Regula öfters Gelegenheit hätte
dieses ganz vortreffliche Deutsch sprechen zu hören Das Kind ist so
bildungsfähig Man sollte es nicht glauben aber heute vormittags wechselte Herr
von Fehse einige Worte mit ihr und schon nachmittags überraschte sie mich mit
der Anwendung einiger Imparfaits und Subjonctifs und mit einer weichen
Aussprache der Zischlaute die mich entzückte Gestatte demnach lieber Mann
«
    Die Stricknadel fuhr schmeichelnd über den Rockärmel und bittende Augen
ruhten auf dem hartnäckigen Leser Dieser erhob den Kopf und lächelte seine
Ehehälfte an spöttisch geringschätzig herausfordernd
    Frau Nannette fühlte augenblicklich ihre Lippen trocken werden und ihren
Hals sich zusammenschnüren Sie dachte nicht ohne einen kleinen Schauder dass
es möglich sei einen Menschen inständigst zu hassen durch ein ganzes Leben
hindurch wegen eines einzigen Lächelns wenn es soviel Verachtung soviel Hohn
ausdrücke wie dieses
    »Du wünschest also« sprach Herr Heissenstein »wenn ich recht verstehe
einen Montmorency«  Gott wie sprach der Mann diesen edlen Namen aus  »als
Sprachlehrer für unsere Regel Ich zweifle ob diese Art in solcher Eigenschaft
zu fungieren pflegt bei Weinhändlerstöchtern«
    Jetzt wurde die Türe des Vorzimmers geöffnet die Stimme Rosas ließ sich
vernehmen Herr Leopold stand auf »Genug gescherzt« rief er während seine
Tochter eintrat Er wandte sich gegen sie und schleuderte ihr in drohendem Tone
die Worte zu »Herr Leutnant von Fehse wird mein Haus niemals betreten«
    Das Mädchen erbleichte und fragte ganz verwirrt über diesen sonderbaren
Empfang »Warum Vater  Warum  Was hast du gegen ihn«
    »Nichts gegen ihn nichts für ihn« erwiderte Heissenstein »und dabei solls
sein Bewenden haben«
    »Warum« wiederholte sie »er ist brav und gut alle Welt liebt ihn«
    »Du wohl auch« fuhr er sie mit grausamem Spotte an
    »Ja« antwortete Rosa hochaufatmend
    Er sah sie an und eine leise Regung des Erbarmens mit dem Kinde wurde
lebendig in seiner Seele Streng aber ohne Härte sprach er »Schlag dir die
Löffelei aus dem Kopfe Ich will nichts wissen von einem Herrn von Fehse Du
hast gehört mein Haus betritt er nie«
    »Doch Vater« war die kühne Antwort des Mädchens »er kommt morgen Er will
bei dir um mich werben«
    »Werben« schrie Heissenstein in aufloderndem Zorne »Werben« Mit
flammendem Gesichte schritt er auf seine Tochter zu 
    Frau Nannette lief es kalt über den Rücken und mit einem kleinen Schrei
sprang sie auf floh in die Fensterecke und wünschte zu sein was ihr Mann sie
einst genannt eine Maus  um sich verkriechen zu können
    Anders empfand die Tochter die Schuldige auf deren Haupt das Ungewitter
sich zu entladen drohte das die funkelnden Augen des Vaters seine zuckenden
Lippen sein röchelnder Atem verkündeten Furchtlos kreuzte sie die Arme und sah
ihn mit trotziger Entschlossenheit an Sie war schön und Bozena hatte doch
recht sie glich ihrer Mutter Selbst jetzt noch in ihrem Zorne mahnte sie an
die sanfte Frau  Jene hätte das Haupt gebeugt sie erhobs  jene hätte den
Kampf vermieden sie nahm ihn auf  und dennoch und dennoch 
    Mitten in seiner Wut in seiner Empörung über den Widerstand den sie zu
leisten wagte kam es ihm Ich hab das Mädel lieb  Und wie Ekel an all der
Kriecherei und Heuchlerei um ihn her erfasste es ihn und zog ihn mit Macht zu der
einzigen die seinem Willen ihren Willen entgegensetzte
    Es war totenstill im Zimmer Frau Nannette zitterte unhörbar und Vater und
Tochter standen einander lautlos gegenüber Endlich sprach Heissenstein »Er will
kommen Gut denn«
    »Vater« rief Rosa jubelnd über diese unerwartete Antwort Sie ergriff
seine Hand und wollte sie küssen Er entzog sie ihr mit den Worten »Mache dir
keine Hoffnung du Törin«
Heissenstein empfing den Herrn Leutnant von Fehse mit aller möglichen Steifheit
Als der Offizier von Bozena geleitet eintrat erhob sich der Herr des Hauses
ging ihm aber nicht entgegen Er ließ ihn herankommen erwiderte seinen
militärischen Gruß mit einem Kopfnicken und als Fehse sich nannte wies er ihm
schweigend einen großen Lehnstuhl an der neben dem Schreibtische stand Er
selbst setzte sich wieder auf seinen kleinen unbehaglichen Strohsessel Gerade
aufgerichtet vor seinem Gaste die Hände auf die Knie gelegt jede einleitende
Phrase verschmähend erklärte er dem jungen Manne er wisse welch einen
ehrenvollen Antrag zu stellen der Herr Leutnant gekommen sei und bedauere
lebhaft dass die obwaltenden Verhältnisse ihn zwängen denselben abzulehnen
    Fehse wurde abwechselnd blass und rot richtete seine sanften blauen Augen
voll Treuherzigkeit auf den Kaufmann und erklärte seinerseits dass er Fräulein
Rosa innigst liebe
    Herr Heissenstein schenkte dieser Versicherung unbedingten Glauben und der
Offizier fühlte seine Hoffnung dass der Vater seiner Geliebten nicht
unerbittlich sein könne wachsen Er rief er sei zwar noch sehr jung bekleide
noch keine hohe Charge habe kein Vermögen aber er stamme aus einer geachteten
Familie trage einen ehrenwerten Namen besitze leidliche Fähigkeiten und hoffe
Karriere zu machen Über seinen Ruf bei Vorgesetzten und Kameraden möge
Heissenstein Erkundigungen einziehen sein Oberst sei bereit sie zu erteilen
    Während er sprach beobachtete der Geschäftsmann ihn scharf  Eines großen
Geistes Kind bist du nicht dachte er aber ein hübscher anständiger Bursche
Fehses offenes Wesen machte einen günstigen Eindruck auf den misstrauischen und
zurückhaltenden Kaufherrn und der Gedanke an die Möglichkeit einer Vereinbarung
flog ihm durch den Sinn Aus Liebe hat schon mancher größere Opfer gebracht als
das wäre das der junge Edelmann um Rosas willen bringen müsste sagte sich
Heissenstein
    Er begann umständlich und mit Bedacht dem Offizier zu erzählen seit wie
vielen Generationen das Geschäft an dessen Spitze er stehe sich in seiner
Familie vom Vater auf den Sohn fortgeerbt habe Ihm hätte der Himmel seinen Sohn
genommen aber seine ehrenwerte Firma müsse doch fortbestehen und so sei es
denn sein unabänderlicher Entschluss die Hand seiner älteren Tochter nur
demjenigen Manne zu gewähren der sich herbeiliesse den Namen Heissenstein
anzunehmen und dereinst das Handlungshaus weiterzuführen
    Das Gesicht Fehses verfinsterte sich und als Heissenstein mit den Worten
schloss »Wollen Sie auf diese Bedingung eingehen« antwortete er bebend vor
Entrüstung »Was berechtigt Sie zu glauben dass ich meinen Namen weniger
hochhalte als Sie den Ihren  Ich bin übrigens Soldat mit Leib und Seele und
will es bleiben mein Leben lang«
    Herr Heissenstein zollte der klaren und männlichen Sprache des Offiziers die
an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrigliess und ihre Unterredung beendete
seine Anerkennung Er fügte sich erhebend hinzu dass er von einem Manne von so
korrekter Gesinnung auch ein korrektes Benehmen erwarte Er äußerte seine aus
seiner Hochachtung für Herrn von Fehse entspringende Überzeugung dass dieser
künftighin jede Gelegenheit Rosa zu begegnen meiden werde und unter der soeben
ausgesprochenen Verzichtleistung auf ihre Hand auch die Verzichtleistung auf
ihre Neigung verstehe
    »Keine von beiden« entgegnete der junge Offizier flammend und glühend »Ich
liebe Ihre Tochter und werde von ihr geliebt ich werde alles daransetzen sie
zu erringen«
    Und gleich darauf seine Heftigkeit bereuend flehte er »Machen Sie uns
nicht unglücklich«
    »Verlieren Sie keine Worte« sprach Heissenstein »Es dürfte Sie später
verdrießen wenn Sie sich erinnern würden Herr Leutnant von Fehse dass Sie sich
vor einem Weinhändler umsonst gedemütigt haben« Er machte einige Schritte gegen
die Tür
    »Ich werde« rief Fehse außer sich »nie von Ihrer Tochter lassen  und
seien Sie überzeugt sie auch nicht von mir  Sie sollen bereuen was Sie
heute tun Merken Sie wohl Ich habe Ihnen nichts versprochen Ich habe kein
Wort zu halten als das Wort das ich Ihrer Tochter gab« Heissenstein stand eine
Weile in Gedanken versunken und blickte dem Enteilenden nach Dann setzte er
sich an den Schreibtisch und verfasste einen langen Brief den er noch am selben
Tage eigenhändig der Post übergab
    Rosa wurde fortan unter strenger Aufsicht gehalten Zwei traurige Monate
hindurch durfte sie das Haus nicht verlassen und außer in Gegenwart Frau
Nannettens keinen Besuch empfangen Dennoch gelang es Fehse einmal ihr
Nachricht zu geben und Bozena die im Zimmer neben dem ihren schlief und der es
war als habe sie ihren Liebling schluchzen gehört fand Rosa als sie an ihr
Bett trat im Schlafe weinend wie sie es als Kind so oft getan Und dabei hielt
sie ein beschriebenes von Tränen durchnässtes Blättchen an ihre hochgerötete
Wange gedrückt
    Am nächsten Morgen fragte Bozena wohl »Was war das für ein Brief« Aber sie
bekam eine ausweichende Antwort und begnügte sich damit
    »Wie mögen Sie die Rosa quälen« sagte sie zu ihrem Herrn »So eine erste
Liebelei das ist wie Märzenschnee «
    So rein meinte sie und so vergänglich
    Von Ahnungen und Träumen nährt sich die junge Liebe ist fern von ihrem
Gegenstand glücklich durch den Gedanken an ihn wenn sie weint so freut sie
sich ihrer Tränen und wenn sie leidet ist sie stolz auf ihren Schmerz  Was
bedeutet die unschuldige Schwärmerei eines Kindes gegen die lodernde Höllenglut
im Herzen Bozenas
 
                                       6
Heissenstein erschien eines Tages in ungewöhnlich guter Stimmung im
Familienzimmer Er hatte zwei angenehme Nachrichten erhalten Die erste lautete
das Regiment des Leutnants von Fehse sei im Begriffe in eine neue Garnison zu
marschieren die zweite hatte ein Brief gebracht die Antwort auf das Schreiben
das er nach seiner Unterredung mit dem Offizier nach Wien geschickt
    Sie lautete
    
    »Wohledler Herr
Euer Wohledlen zeige ich hiermit an dass mein Sohn Joseph sich im Verlaufe der
nächsten Woche die Ehre geben wird Euer Wohledlen persönlich aufzuwarten
Derselbe ist vor wenigen Tagen aus England hier eingetroffen allwo er die ihm
aufgetragenen Geschäftsangelegenheiten zu gedeihlichem Abschlusse gebracht hat
Meine angenehme Hoffnung ist es jetzo dass es ihm auch reüssieren möge sich die
Wohlgeneigteit und die gute Gesinnung Euer Wohledlen und deren werter Familie
zu erwerben und kann keineswegs umhin zu versichern dass mein innigster Wunsch
befriedigt wäre wenn mir heut über ein Jahr die Gelegenheit geboten und die
Satisfaktion gewährt würde in grossväterlichem Kometenwein grünes Siegel die
Gesundheit des ersten FrohburgHeissenstein ausbringen zu dürfen
Der ich verharre Euer Wohledlen dienstwilliger
                                                                      Frohburg«
Während der Mahlzeit sprach Heissenstein wiederholt von seinem ehemaligen Jugend
und jetzigen Geschäftsfreunde Frohburg Er lobte dessen wohlgeratene Kinder er
lobte vor allen dessen zweitgeborenen Sohn Joseph den er zum letztenmal vor
fünf Jahren in Wien gesehen hatte Der Jüngling war damals zwanzig Jahre alt und
berechtigte zu den schönsten Hoffnungen In gut bürgerlichen Verhältnissen
erzogen zur Arbeit und Pflichterfüllung angehalten hatte er sich zu einem
tüchtigen Manne herangebildet Wohl dem Vater der sich eines solchen Sohnes
rühmen darf wohl der Frau die er einst mit seiner Hand beglückt  Heissenstein
kündigte den bevorstehenden Besuch Josephs an und trug Frau Nannette auf das
Gastzimmer zu seinem Empfange auf das beste herstellen zu lassen
    »Ich hoffe und wünsche dass er sich heimisch fühle bei uns« setzte er
hinzu und die Drohung Weh euch wenn er sich nicht heimisch fühlt klang aus
seinem Tone
    Obwohl Frau Nannettens stummes Kopfnicken die einzige Antwort war die er
erhielt obwohl sich nicht die leiseste Einwendung gegen seine Behauptungen und
Befehle erhob hatte er sich in eine Gereiztheit hineingeredet die nur
hartnäckiger Widerspruch erklärt haben würde
    Oder wurde sie vielleicht durch Rosas bleiches Gesicht hervorgerufen 
durch den verhaltenen Schmerz mit dem sie ihre Lippen biss  durch die Blicke
die sie ihm aus glühenden Augen zuwarf die in der letzten Zeit dunkler geworden
schienen und in jenem feuchten und feurigen Glanze leuchteten den vieles Weinen
jungen Augen verleiht  Las er die Gedanken von ihrer Stirn ab Lag ihr Herz
offen vor ihm
    Sie hatte ihn verstanden und schauderte So wenig kannte sie der alte Mann
Er meinte sie zwingen zu können zu einer ihr widerstrebenden Ehe Wäre ihr Herz
auch frei gewesen niemals hätte sie sich zwingen lassen Und jetzt da sie
liebte da er es wusste glaubte er für sie wählen zu können  Welch ein
Abgrund klaffte zwischen ihm und ihr wie fremd stand sie mitten unter den
Ihren wie allein im Vaterhaus Mit welcher bitteren Qual empfand sie die
traurigste von allen Einsamkeiten die unter Menschen die uns die nächsten sein
sollten
    Unzufrieden mit sich selbst verließ Heissenstein das Gemach Er hatte sich
übereilt Er hätte noch schweigen noch nichts verraten sollen von seinen
Zukunftsplänen hätte einen Monat oder zwei ins Land gehen lassen sollen bevor
er den Geschäftsfreund an die längst schon zwischen ihnen genommene Verabredung
mahnte Er machte einen Gang durch die Stadt und besann sich dass im Kontor die
Arbeit seiner warte Er begab sich in das Kontor und sah bald ein dass er
unfähig war auch nur zwei zusammenhängende Zeilen niederzuschreiben Endlich
versuchte er sich mit Mansuet in ein Gespräch einzulassen Aber der war
schweigsam und niedergeschlagen und gab nur einsilbige Antworten
    »Wissen Sie schon die Ulanen marschieren« fragte der Chef unter anderm
    »Weiß« brummte Mansuet und spitzte die Ohren wie in die Ferne lauschend
    »Sie kommen schon hier vorbei« rief der zweite Kommis und sprang auf »man
hört die Musik«
    Heissenstein verließ das Kontor und stieg zum Zimmer seiner Tochter empor
    Als er die Tür des weitläufigen Gemaches leise öffnete sah er Rosa in der
Fensternische halb sitzend halb liegend hingestreckt Sie hatte die Arme über
ihren Arbeitstisch geworfen und das Gesicht in die Linnen vergraben die ihn
bedeckten Ihr ganzer Körper bebte unter den Erschütterungen eines heftigen
Schluchzens das sich schmerzlich emporrang aus der Tiefe ihrer Brust
    Von einem flüchtigen Mitleid ergriffen blieb ihr Vater ohne ein Zeichen
seiner Gegenwart zu geben am Eingange stehen
    Er war gekommen um sie zu verhindern dem Geliebten ein letztes Lebewohl
zuzuwinken nun dachte er Mag sie doch  nachher ist ja ohnehin alles vorbei
    Das Getrappel der Pferde ertönte auf dem Pflaster die Klänge eines alten
Reiterliedes schallten durch die Luft »Lebewohl Lebewohl mein Lieb« sprachen
sie riefen sie dem verstehenden pochenden Herzen zu
    Langsam richtete Rosa sich auf sie öffnete das Fenster nicht beugte sich
nicht hinaus Mit dem Rücken an die Wand gelehnt die Arme schlaff herabhängend
stand sie regungslos atemlos und starrte hinunter
    Und jetzt stieg eine dunkle heiße Blutwelle in ihr Gesicht  Jetzt war er
vorbeigekommen  Und jetzt nickte sie ernstaft und wiederholt als hätte ihr
jemand fragend zugewinkt und als antworte sie Ja  ja gewiss Und wie
beteuernd presste sie beide Hände an ihre Brust
    Was solls War das eine Verabredung 
    Geräuschvoll schloss Heissenstein die Türe deren Klinke er noch in der Hand
hielt
    Rosa wandte sich erblickte ihren Vater und mit einem Schrei mit
ausgebreiteten Armen stürzte sie auf ihn zu Sie warf sich vor ihm nieder und
umklammerte seine Knie sie drückte ihre Lippen auf seine abwehrenden Hände und
beschwor ihn mit Tränen und mit Schluchzen »Vater Vater gib mich ihm«
    Aber das bisschen Mitleid das er mit einem Geschöpf empfinden konnte das
sich ihm widersetzte war erloschen Dass sie noch hoffte dass sie noch meinte
ihren Willen durchzusetzen dass sie es noch versuchte das empörte ihn Ist er
der Mann der seine Entschlüsse ändert  hat er nicht so manchen den er
übereilt gefasst zu seinem eigenen Nachteil ausgeführt bloß deshalb weil er
ihn einmal gefasst hatte Und sie traute ihm zu er werde jetzt nachgeben da es
sich um die Erfüllung eines Lebenswunsches handelte um das Gelingen sorgsam
vorbereiteter und lang gehegter Pläne Er hatte ihr wohl zuwenig Strenge
gezeigt sie fürchtete ihn nicht genug
    Er ließ sich nicht zu einem Zornesausbruch hinreißen er blieb nur dabei
sie muss sich fügen Der Sinn von allem was er sagte war Mit dem Ungeliebten
wirst du leben den Geliebten wirst du vergessen
    Auch in ihr waren die weichen und sanften Empfindungen nicht die
vorherrschenden In die Laune zu bitten kam sie selten Heut galt es ihr
ganzes Lebensglück und das alte Wort Not lehrt beten bewahrheitete sich an
ihr Sie flehte demütig und inbrünstig aber so wie er von seinem Entschlusse
nicht wich so blieb auch sie bei dem ihren Ich heirate keinen andern als
meinen Geliebten
    »Ich hab ein trauriges Leben« klagte sie »Du warst niemals gut gegen mich
und die andern sind bös und falsch gewesen Endlich hab ich mein Herz an einen
Fremden gehängt kann ich dafür Hat eure Gleichgültigkeit mich nicht dazu
gestoßen Sei du jetzt väterlich  verzeih mir  denke wenn ich ein Unrecht
getan habe es ist zur Hälfte dein Verzeih mir Vater und lass mich gewähren
Du weißt ich war zeitlebens ein störrisches Geschöpf Und den braven Joseph
heiße warten ein paar Jahre nur dann heiratet er die brave Regula Die sagt ja
zu allem was du befiehlst die ist nicht widerspenstig wie ich Belohne sie für
ihren Gehorsam mit deinem ganzen Hab und Gut Ich will nichts ich verzichte auf
alles  nur deinen Segen gib  sag nur ziehe hin «
    »Ins Elend« rief Heissenstein »Weißt du was du verlangst Kennst du den
Jammer einer armseligen Militärwirtschaft das Herumzigeunern von Dorf zu Dorf
 Eine Ehe ohne eigenen Herd einen Haushalt den man nicht bestreiten
Kinder die man nicht erziehen kann Und er  glaubst du dass er dich möchte
wenn du ihm kämst ohne einen Heller Ein Narr wäre er wenn er dich so nähme
und gewissenlos dazu Also nein Und kein Wort mehr darüber du gehorchst«
    Sie bewegte noch ihre Lippen aber sie sprach nicht mehr Ihre Tränen waren
versiegt finster blickte sie ihren Vater an der schon an der Türe stand Da
schien ein plötzlich ausbrechendes Gefühl sie zu überwältigen Sie eilte ihm
nach und warf sich an seine Brust Er fragte »Bist vernünftig  willst
gehorchen«
    Sie gab keine Antwort sie trat weg von ihm nachdem sie ihn noch einmal
innig geküsst hatte
    Eine Stunde später ließ sie ihn bitten den Rest des Tages auf ihrem Zimmer
zubringen zu dürfen und die Erlaubnis dazu wurde ihr gewährt
    Frau Nannette lauerte und beobachtete und schlich mehrmals an Rosas Türe
vorbei und sah zufällig  sie wusste wenigstens selbst nicht wie es geschah 
durch das Schlüsselloch Rosa saß an ihrem kleinen Pulte und ordnete die
Gegenstände die in der Lade aufbewahrt waren
    Im ganzen Hause herrschte einmal wieder dumpfe Gewitterschwüle Der »Herr«
grollte Bozena ging mit verstörter Miene umher Mansuet war in bärbeissiger
Laune und hatte auf offener Straße einen Streit gehabt mit Bernhard dem Pfau
Einen Streit den der kleine Kommis mutwillig heraufbeschwor
    Ohne allen Grund war er im Gespräche mit dem Jäger immer anzüglicher
geworden und hatte endlich etwas gemurmelt von einem »erbärmlichen Wicht« Und
Bernhard hatte erwidert »Führen Sie keine solchen Stichelreden Sie haben kein
Savoirvivre« Worauf Mansuet rief »Das ist mir tuttegal Wenn ich auch nicht
sage was Sie sind deswegen bleiben Sies doch«
    Der Streit würde sicherlich zu Tätlichkeiten geführt haben wenn der
gräfliche Kammerdiener der demselben beiwohnte den Jäger nicht fortgezogen und
gesagt hätte »Lass ihn was kümmerst du dich um den alten Krakeeler«
    Früher als gewöhnlich wurde heut zur Ruhe gegangen Jeder der Hausbewohner
schien Eile zu haben sich in seine Stube zurückzuziehen
    Frau Nannette schritt in der ihren auf und nieder seltsame Gedanken und
Hoffnungen bewegten sie
    Sie war kurzsichtig ihr Ehrgeiz zu wenig hochfliegend gewesen Sie hatte in
dem Leutnant von Fehse nur einen bildenden Umgang gesehen nur einen Reformator
für Regulas vom Dialekt etwas angehauchte Aussprache Und nun zeigte sich dass
er sie hätte befreien erlösen können von dem ewig störenden Einfluss der
Stieftochter er hätte geschickt unterstützt diese vielleicht sogar dahin
bringen können sich mit ihm zu verbinden auch gegen den Willen ihres Vaters
    Ein unversöhnlicher Zwiespalt wäre daraus entstanden Heissenstein hätte sich
losgesagt von der verlorenen Tochter und in alle Rechte die Rosa einbüsste
würde Regula getreten sein
    Frau Nannetten schwindelte als alle diese Gedanken in ihr aufstiegen So
nahe war so erreichbar die Erfüllung ihrer kühnsten verwegensten Wünsche
gewesen und sie hatte nichts davon geahnt Eine kostbare einzige nie
wiederkehrende Gelegenheit war versäumt ihrer Tochter die alleinige Herrschaft
über das Haus und all seine reichen Güter für die Zukunft zu sichern
    Aufgeregt wie nie in ihrem Leben bestieg sie ihr Lager und löschte das
Licht Aber an Schlaf war nicht zu denken Sie lag sinnend und grübelnd und
ihre Pulse hämmerten fieberhaft
    Im Kamin heulte der Sturm und draußen umraste er das Haus warf Sand an die
Scheiben dass sie klirrten prallte an das Tor dass es dröhnte riss Ziegel vom
Dach und schleuderte sie mit Gepolter auf die Straße Frau Nannette hüllte sich
in ihre Decke und flüsterte mechanisch ihr Abendgebet
    Wie ist ihr Wird ihre spröde Phantasie beweglich und gaukelt ihr die
Verwirklichung ihrer Träume vor  Narrt sie die Einbildung oder hört sie
wirklich das Haustor knarren in seinen verrosteten Angeln  Es ist geöffnet
worden mühsam langsam  und alsbald schlägt der Sturm es wieder zu und schwer
fällt es ins Schloss
    Nannette erhebt sich und eilt ans Fenster Die Nacht ist dunkel von keinem
Stern erhellt Die vier Öllampen welche die Beleuchtung des Platzes zu besorgen
haben verbreiten ein gar spärliches Licht Sie lauscht sie späht in die Nacht
hinaus sie wünscht sich die Augen einer Eule um die Finsternis durchdringen zu
können Jetzt jetzt sieht sie in die Lichtscheibe die eine der Lampen auf den
Boden wirft eine Gestalt treten  eine Gestalt im weißen Reitermantel  sie
scheint eine zweite zu stützen zu leiten  Einen Augenblick sind die beiden
klar und deutlich sichtbar dann verschwinden sie im Dunkel Nannette hat sie
erkannt  Und ihr Gewissen ruft ihr zu Verhindere Unheil  rette das Haus vor
Schmach Auf auf den Mann geweckt  ein Wort ein Ruf von ihm führt das
verirrte Kind zurück Noch ist es Zeit  tu deine Pflicht
    Was Pflicht  Ihrer Tochter die Wege bereiten das ist ihre Pflicht 
    Minuten vergehen schwerwiegende Minuten Das Schicksal gönnt ihr noch eine
Frist um ihre Kraft zusammenzuraffen zu einer guten Tat
    Sie lässt sie ungenützt vergehen
    Ein leichter Wagen fliegt über das Pflaster Funken sprühen auf unter den
Hufen der Rosse  In den Lüften aber wird es still  still ringsumher  nichts
laut als nur der Schall den jenes Gefährte weckt und sein jagendes Gespann Von
Fieberfrost geschüttelt horcht Nannette Sie möchte den Sturm beschwören dass
er das Gerassel der Räder übertöne das den Vater wecken ihre Hoffnungen noch
jetzt vernichten kann 
    Grundlose Sorge Der Sturm hat nur neuen Atem geschöpft er erhebt sich
stärker als zuvor und verschlingt in seinem Toben das ohnmächtige Geräusch das
die Erde ihm zusendet in sein luftiges Reich
Am nächsten Morgen als Bozena ihm das Frühstück auf sein Zimmer brachte war
Heissensteins erste Frage »Wie geht es Rosa«
    »Alles still bei ihr sie schläft wohl noch« antwortete die Magd
    Er zürnte »Schläft  um acht Uhr Was für Gewohnheiten  Hat die
Prinzessin soviel Zeit übrig Wecke sie Schicke sie hierher«
    Eine Viertelstunde verging Rosa kam nicht Bozena brachte keinen Bescheid
    Ist das Kind krank  Unsinn Man wird nicht krank wegen einer bekämpften
Laune Das kommt in Romanen vor nicht im Leben Oder stellt sie sich vielleicht
krank Das wäre sehenswert
    Mit raschen Schritten geht er über den Gang kleine Treppen auf und ab Der
Weg von seinem Zimmer zu dem der Tochter scheint ihm endlos  Ein rechtes
Winkelwerk denkt er dieses Haus Er würde den alten Kasten umgebaut haben
wenn ihm der Himmel einen Sohn gelassen hätte Aber so  Für einen
Schwiegersohn unternimmt er dergleichen nicht An die Stelle eines Kindes wird
der niemals treten wenn er auch noch so ehrenvoll den Namen der allgeschätzten
Firma trägt
    Heissenstein biegt um die Ecke des schmalen Ganges der zu Rosas Zimmer
führt und staunt die Tür nur angelehnt zu finden Er tritt ein Rosa ist nicht
da  das Bett ist unberührt  die Lade des Pultes in dem sie ihre kleinen
Reichtümer aufzubewahren pflegt geöffnet doch scheint nichts darin zu fehlen
und der Schlüssel steckt Heissenstein schließt die Lade und zieht den Schlüssel
ab »Nachlässig und vergesslich wie immer« brummt er dabei jedoch erfasst ihn
eine unerklärliche Angst
    Er eilte zu seiner Frau hinüber sie saß am Klavier und gab ihrer Tochter
Unterricht
    »Hast du Rosa schon gesehen« fragte er und bemühte sich seinem Ausdruck
den Anschein der Gleichgültigkeit zu geben
    »Heute noch nicht« antwortete Frau Nannette obenhin ergrünte wie der
Freiherr von Münchhausen und wandte sich sofort wieder zu Regula sie
beschwörend dis und es trotz ihrer scheinbaren Ähnlichkeit niemals zu
verwechseln
    Heissenstein murmelte einen Fluch und schritt hinaus Er ist wohl verrückt
sich Gedanken zu machen Wohin anders sollte Rosa gegangen sein als in die
Kirche die Frühmesse zu hören zu beten um Ergebung Sanftmut Geduld die ihr
nottun wahrlich  Das ists Wie kam er nicht gleich darauf  Dass man doch
immer die einfachste natürlichste Erklärung zuletzt findet
    Jetzt wird sie wohl zurückgekehrt sein und wenn auch nicht er will sie
erwarten in ihrem Zimmer und sie ohne Härte empfangen Er nimmt sich überhaupt
vor in Zukunft milder gegen sie zu sein Ihr Vorwurf gestern so ungerecht er
war hat ihm weh getan und fordert zum mindesten eine Widerlegung eine
Zurechtweisung
    Auf dem Gange rennt Bozena ihrem Herrn in den Weg verstört  bleich wie der
Tod
    »Fort« keucht sie  »das Kind ist fort«
    »Schweig Närrin« ruft er ihr zu »Rosa ist daheim  in ihrem Zimmer muss
daheim sein«  und zum zweiten Male tritt er in das Gemach
    Bozena weiß es ist nicht  er irrt und dennoch weckt die Zuversicht die
ihr Herr zur Schau trägt in ihr einen Schimmer von Hoffnung er ist trügerisch
wie bald und er erlischt Sie stehen in dem Gemache des Kindes und finden es
leer
    Von neuem jammert Bozena »Sie ist fort« Und den alten Mann überfällt
plötzlich und mit Entsetzen die Gewissheit dass er seine Tochter verloren hat
    Augenblicklich fordert seine Qual ein Opfer an dem sie sich rächen kann
Schäumend mit der blinden Wut eines Tieres dringt er auf Bozena ein und
schmettert sie zu Boden Sie fällt hin wie ein Baum sie wehrt sich nicht
    »So hast du sie gehütet« schreit er halb von Sinnen und wiederholt ohne
Aufhören »So hast du sie gehütet«
    Sie zuckt nicht unter seiner ehernen Faust sie erhebt sich nicht sie fühlt
nichts sie weiß nichts zu sagen als »So hab ich sie gehütet«
    Er fasst ihre gerungenen Hände und reißt sie empor auf ihre Knie
    »Sie musste durch dein Zimmer  musste sie nicht  Und du liegst auf dem
Ohr  und hörst nichts siehst nichts  hast geschlafen wie ein Klotz  Hast
geschlafen während sie davonging  du du Die sich ihre Pflegemutter nannte
 Eine saubere Pflegemutter Eine saubere Wärterin Eine brave Magd«
    Bozena lag gebrochen und ohnmächtig vor ihm auf den Knien Als er die Worte
sprach »Hast geschlafen « hatten ihre Augen ihn mit der Scheu des Wahnsinns
angeblickt und sich dann gesenkt in verzweiflungsvoller Scham
    Ein klägliches Wimmern und Stöhnen entrang sich ihrer Brust  Geschlafen
das glaubte er 
    O der harte raue Gebieter  der schonungslose Herr vor dem alle zittern
den sie unbarmherzig nennen der das geringste Versehen wie einen
unverzeihlichen Fehler bestraft  Nicht mit dem leisesten Verdacht streift er
ihre Schuld Was sie getan hat das traut er ihr nicht zu Er klagt sie an doch
er verunehrt sie nicht wie ers sollte  wie sie es verdient wie sie selbst
sich verunehrt hat
    Was sie getan er kann es nicht einmal im höchsten Zorn denken  sie ist
schlechter als ein Mensch denken kann 
    Sorglosigkeit wirft er ihr vor Einen Schlaf den sie nicht mehr hat  den
Schlaf der Unschuld der Ehrlichkeit und eines ruhigen Gewissens
    Weh über Bozena  sie hat sich selbst gerichtet  den Augenblick verschmerzt
sie nie
    Angesichts ihrer masslosen Verzweiflung gewann Heissenstein einige Fassung Er
öffnete Rosas Pult er suchte nach einem Briefe nach einem Abschiedswort das
sie vielleicht für ihn hinterlassen hatte Er fand nur einen kleinen Zettel den
er vorhin übersehen und darauf stand »Ich gehe zu ihm ohne einen Heller«
    Das war ihre Antwort auf des Vaters »Glaubst du er nähme dich ohne einen
Heller«
    Er knitterte das Blatt zusammen und warf es zur Erde Bozena stürzte sich
darauf  und las  und raffte sich empor riss den Schrank auf und durchsuchte
ihn mit brennender Hast »Nichts« rief sie schmerzlich »o du guter Gott 
nichts fehlt als die Kleider die sie auf dem Leibe trug und ihr leichtes
Mäntelchen  So geht sie aus dem Vaterhause  so geht mein Kind mein Leben
mein alles hinaus in die weite Welt«
    Heissenstein gebot ihr Schweigen Er hat sich ermannt Zwei Stunden später
saß er im Postwagen und fuhr denselben Weg den die Ulanen genommen
    »Wenn jemand nach mir fragen sollte« hatte er beim Abschied gesagt »ich
bin mit«  wie schwer brachte er den Namen über die Lippen  »mit Rosa nach
Wien gefahren Das ist alles was ihr wisst Ihr versteht«
    »Ihr versteht« sagte er aber er sah dabei nur seine Frau an Der
Verschwiegenheit seiner Magd war er gewiss
 
                                       7
An diesem Tag gönnte sich Bozena keinen Augenblick der Ruhe Kein Raum vom
Keller bis zum Dachboden in dem sie nicht nachsah mit kundigem Auge nicht
ordnete mit flinker und geschickter Hand Sie scheuerte und fegte verfolgte
ihren verhasstesten Feind den Staub bis in seine verborgensten Schlupfwinkel
und blickte des Abends zufrieden auf ihr vollendetes Werk
    Es war ihr letztes Vermächtnis an das Haus dem sie durch achtzehn Jahre
treu gedient
    Sodann begab sie sich ins Kontor zu Mansuet Er war allein die jüngeren
Herren hatten schon Feierabend gemacht
    »Was steht zu Diensten« fragte der Kommis mit einer Gespreizteit die nach
Würde aussehen sollte Seit jenem Tanze beim »Grünen Baum« zeigte er sich etwas
zurückhaltend gegen Bozena
    »Ich habe Sie bitten wollen« antwortete die Magd ihm ein Päckchen
reichend das in Papier gewickelt und mit einem Wollfaden zugebunden war »mir
mein Sparkassenbuch aufzuheben«
    Er bemühte sich sein Erstaunen zu verbergen und sprach nachlässig »Wie
komme ich zu der Ehre Ist Ihr Geld bei Ihnen nicht mehr sicher«
    »Seien Sie schon so gut und heben Sie mirs halt auf« erwiderte sie und
streckte ihm die Hand entgegen in die er seine langen Finger zögernd legte
    »Ich danke Ihnen im voraus Herr Mansuet Ich danke Ihnen überhaupt für
alles«
    Fort war sie Hatte ihn verlassen bevor er Zeit fand sie zurückzuhalten
und sich seine Bestürzung über den bewegten Ton ihrer Stimme recht zum
Bewusstsein zu bringen Und jetzt erst besann er sich jetzt erst fiel es ihm mit
banger Besorgnis auf das Herz dass sie reisemässig gekleidet war ein Bündel trug
und eine Geldtasche umgeschnallt hatte
    »Will auch die davongehen« murmelte er mit schmerzlicher Ironie vor sich
hin
    Da möchte er zuvor doch ein Wort mit ihr reden
    Er hatte ihre Stube niemals betreten jetzt begab er sich dahin Auf sein
Pochen erfolgte keine Antwort dennoch trat er ein Inmitten des Zimmers stand
ein gepackter Koffer auf den Deckel hatte eine ungeübte Hand den Namen »Bozena
Ducha« mit weißer Ölfarbe gepinselt
    Der Kommis stellte sich davor hin und betrachtete ihn mit wehmütigen
Blicken
    Sie geht ihrem Kinde nach Hat recht  ich verstehs dachte Weberlein Und
mich freuts dass sies über das Herz bringt sich loszumachen von dem Hund dem
Bernhard Mich freuts sehr Und eine heiße Träne stieg ihm ins Auge
    Er sah sich um in der hochgewölbten weissgetünchten Stube in der alles
Reinlichkeit atmete Hier also hat sie existiert die Bozena Da steht ihr
gewaltiges Bett mit seiner schneeigen Decke daneben die buntbemalte Truhe die
ihr Eigentum war die sie mitgebracht hatte aus dem heimatlichen Dorfe Im
Fenster ihr Arbeitstisch auf dem Gesimse der Rosmarinstock den sie aus einem
kleinen Zweige gezogen über der Tür das geschnitzte Christusbild auf dessen
Haupt sie über die Dornenkrone ein Blumenkränzlein gelegt hat Oh  die Bozena
 Wenn sie das einem Menschen getan hätte statt einem Gotte  Wenn sie einem
Menschen die Dornen des Lebens in Blumen verwandelt hätte  einen Gott hätte
der sich gefühlt
    Mansuet lässt sich auf einen Schemel nieder stützt den Ellbogen auf den
Koffer und den Kopf auf seine Hand und  träumt so wach er ist  so alt er ist
    Wie die Sachen stehen hätte ihn die Bozena wohl schwerlich genommen Er ist
zu klein für sie sie ist zu groß für ihn Wenn er aber länger geraten wäre um
einen halben Schuh oder  einen ganzen  wenn er überdies schön geworden wäre 
und das hätte ja ohne Wunder der Fall sein können es sind so viele Leute schön
Dann  Wer weiß was dann geschehen wäre
    Seinen eigentlichen Beruf würde er gewiss ergriffen haben  Soldat wäre er
geworden und ein Reiterstückchen wie jenes das Fehse der Sapperloter heute
nachts ausgeführt  das hätt er auch getroffen er traut sichs zu
    Nur dass er sich nicht so lieblich es auch ist das Fräulein Augentrost
mitgenommen hätte  Er weiß eine andre  die hätte er zu seiner Herrin
gemacht der seine Lorbeeren zu Füßen gelegt die auf starken Armen durch das
Leben getragen  An deren Herzen würde er jetzt ruhen ein seliger Mann
    So schwärmt der kleine Mansuet von Liebe Ruhm und Wonne und kauert neben
Bozenas Habseligkeiten wie ein armer Köter neben den zurückgelassenen Gewändern
seines Herrn
Der schöne Bernhard saß in seiner Stube und war mit der Abfassung eines Briefes
beschäftigt der ihm viel Mühe machte Er legte die Feder weg ergriff sie
wieder er schien zu warten dass sie sich von selbst in Bewegung setze und das
Schreiben beende das an eine angebetete Wilhelmine gerichtet war und von Liebe
von einem feindlichen Geschicke von Selbstverleugnung und Vertrauen sprach
    Aber die Feder deren gequälter Bart sich schon jämmerlich sträubte wollte
ihm den Gefallen nicht tun Sie benahm sich im Gegenteil so widerspenstig dass
er sich bequemen musste sie neu zu schneiden Von dieser Beschäftigung weg warf
er wohlgefällige Blicke im Zimmer umher Es war mit allerlei Kram überladen und
hingen nicht die zwei Gewehre der Hirschfänger und die Saunadel an der Wand
man könnte glauben anstatt im Zimmer eines jungen Jägers in dem einer alten
Kammerjungfer zu sein Dazu fehlen weder die Gitarre an blauem Bande noch die
Schattenrisse und Neujahrsbildchen in goldpapiernen Rähmchen noch so mancher
andre geschmacklose Tand aus Wachs und Porzellan
    Die Feder war geschnitten und so gut oder übel als es ging wurde der
Brief fortgesetzt Ein elastischer und energischer Schritt der sich auf der
Treppe vernehmen ließ störte den Jäger auf das angenehmste in seiner
verdrießlichen Tätigkeit Rasch warf er den angefangenen Brief in die Tischlade
sprang auf und begrüßte das hochgewachsene Weib das jetzt über die Schwelle
trat mit den jubelnden Worten »Das hätt ich mir nicht getraut zu hoffen dass
du heut wiederkommst«
    »Freu dich nicht« antwortete Bozena und er erschrak über das düstere
Feuer das aus ihren Augen leuchtete und über die Abscheu verratende Bewegung
mit der sie ihn von sich wies
    Zwei Schritte und sie stand am Tische legte ein seidenes Tuch ein
Gebetbuch und einen Ring darauf und sagte »Ich komm nur dir die Sachen
zurückzubringen die du mir geschenkt hast Es ist aus zwischen uns Ich geh«
    Was ist der durch den Kopf gefahren dachte Bernhard nahm eine
gleichgültige Miene an und fragte »Du gehst  und warum  und wohin«
    Sie zuckte schweigend die Achseln er ertrug den eiskalten Blick nicht den
sie auf ihm ruhen ließ und wendete sich ab
    Ärger und Verdruss erfüllten ihn Sie ist ihm hinter irgendeine Liebelei
gekommen gewiss deshalb zürnt sie und droht ihn zu verlassen Dass sie es
wirklich tun könnte das fällt ihm nicht im Traum ein
    Eher löscht die Sonne aus als ihre Liebe zu ihm eher verliert er den
Glauben an sich selbst als den an ihre Treue
    Nur Vorsicht jetzt nur unbefangen bleiben  Am besten ist er fängt sie in
ihrem eigenen Netz
    »Warte« ruft er ihr zu »so kommst du mir nicht fort Wer bringt muss
nehmen Nimm auch du alles zurück was du mir geschenkt hast«
    Er trat an seine Schublade und wollte sie öffnen da erinnerte er sich des
Briefes an die »angebetete Wilhelmine« der darin lag und dessen in großen
Lettern prangende Aufschrift dem scharfen Auge Bozenas schwerlich entgangen
wäre Er errötete und ließ den schon ausgestreckten Arm sinken
    »Behalts« sagte sie »ich werde keinen Liebsten mehr haben dem ich es
schenken könnt«
    Wie seltsam hart klang ihre Stimme welche Entschlossenheit sprach aus ihrem
Ton und welche wehmütige Trauer aus ihrem Gesicht aus ihrer Haltung und ihrem
ganzen Wesen Kann man zugleich so stark sein und so weich die Seele eines
Helden besitzen und das Herz eines Weibes
    Den Schwachen der geherrscht hatte über soviel Kraft erfasste zum erstenmal
ein Bangen dass diese sich gegen ihn erheben könnte
    Und als er Bozena stumm und gelassen dem Ausgange zuschreiten sah rief er
ihr zu »Bleib  Was hast du nur  Was hab ich dir denn getan«
    »Nichts« erwiderte sie »Lass mich ich hab Eile«
    »Du bleibst  ich wills   ich bitte dich«
    Er folgte ihr umschlang sie und drückte sie heftig an sich
    Er sah wie sie erbebte und unsäglich litt aber die Zärtlichkeit der
Selbstsüchtigen ist der Grausamkeit verwandt Stumpf gegen Bozenas
widerstrebende Empfindung drückte er Kuss um Kuss auf ihre Lippen und flüsterte
»Ich hab dich lieb  Bleib bei mir Bozena  Warum willst du nicht«
    Sie entrang sich seiner Umarmung ihre Wangen flammten und ihr Atem flog
    »Verstehst nicht« sagte sie »es ist aus Ich bin jetzt von dir los und für
immer denn ich hab die Stunde verflucht wo ich zum ersten und letzten Mal
durch dich glücklich war«
    »Verflucht«
    Durch Mark und Bein drang ihm dieses Wort es verletzte ihn in seiner
Manneseitelkeit er stieß einen Schrei echten Schmerzes aus und als sie den
vernahm da wusste sie dass ihr Herz doch nicht so ganz für ihn gestorben war
Eine sanfte Regung erwachte in ihr ein bleicher Schimmer ihres einstigen
Gefühls Und sosehr sies drängt nur fort nur fort  hinweg  stumm wie sie
gewollt kann sie doch nicht von ihm gehen
    Sie fasste ihn beim Arme und indem sie den Nacken niederbeugte um ihm in
das trotzig gesenkte Angesicht zu sehen sprach sie gedämpft und rasch »Du hast
mich gehabt mit jedem Gedanken in meinem Hirn und mit jedem Hauch in meiner
Brust Und was hast du aus mir gemacht  Weniger wert bin ich worden durch
dich  an Lug und Trug hast du mich gewöhnt und meine Schuldigkeit hab ich um
dich versäumt  Schweig« gebot sie als er sie unterbrechen wollte »ich werf
dir nichts vor dir nichts  alles alles nur mir Du kannst vielleicht nicht
anders  Ich aber hätte anders gekonnt und ich hab zehnfach gefrevelt denn
ich hab gefrevelt gegen meine Natur Das geht so eine Weil  man ist ja wie
betrunken  aber die Stunde kommt wo man erwacht   Mir ist sie gekommen
 fürchterlich  und darum muss ich jetzt fort und  darum Bernhard sag ich
dir jetzt Lebewohl«
    Und wieder wandte sie sich und wieder stürzte er ihr in den Weg Alles in
ihm seine Leidenschaft seine Eitelkeit sein Trotz empörten sich gegen die
Trennung von ihr
    »Ich lass dich nicht« schrie er »Ich rufe das ganze Haus zusammen laufe
hinüber zu deinen Herrenleuten und sage ihnen dass du entfliehen willst«
    »Das tust du nicht« sagte sie und war wieder völlig ruhig und gefasst Mit
ausgebreiteten Armen stellte sie sich vor die Tür »Ich binde und kneble dich
wenn du mir drohst bei meiner armen Seele ich tus  Werd ich fertig mit dir
oder nicht wenn ich will  was meinst Willst du die Schande erleben dass sie
dich morgen so finden und hören dass dich ein Weib gebunden hat«
    Zornig und beschämt trat Bernhard zurück Nein mit Gewalt war gegen Bozena
nichts auszurichten und doch verlieren konnte er sie nicht Zu köstlich war
ihr Besitz Ist sie nur durch Güte und Demut wiederzugewinnen  wohlan er übt
Güte und Demut
    Er warf sich vor ihr nieder er küsste weinend den Saum ihres Kleides und
flehte mit gerungenen Händen »Bleib bei mir Bozena«
    Aber die Stimme der sie sonst gefolgt wäre und hätte sie aus dem Abgrund
der Hölle nach ihr gerufen hatte ihren alten Zauber eingebüßt Noch bewegte
noch erschütterte ihr Klagen das Herz Bozenas doch brach es ihren Willen nicht
mehr Sie hatte auf den Schrei der Sehnsucht ihres Geliebten keine Antwort als
ein schmerzliches »Leb wohl«
    Da sah er zum letztenmal zu ihr empor  angstvoll  fragend  erwartungsvoll
  und begriff endlich dass alles vorüber war
    Er sprang auf keuchend und stöhnend stürzte er sich auf sein Bett und
wühlte seinen Kopf in die Kissen Bozena warf einen letzten Blick auf ihn und
verließ das Gemach
In menschenfeindlichster Stimmung war Herr Heissenstein nach drei Tagen von
seiner Fahrt zurückgekehrt Als Frau Nannette ihm die Entweichung Bozenas
mitteilte äußerte er nicht das geringste Befremden Er war und blieb schweigsam
und undurchdringlich Nannette musste die raffinierten Künste auf welche
neugierige Frauen sich verstehen anwenden um ihm nur eine dürftige Kunde
seiner Erlebnisse zu entlocken Alles was sie schließlich erfuhr bestand
darin dass Rosa anständig untergebracht und das Regiment Fehses weitermarschiert
sei nach Ungarn
    »Er wird sie jetzt heiraten müssen es bleibt nichts andres übrig « sagte
Nannette und warf einen lauernden Blick auf ihren Mann
    Dieser war damit beschäftigt Schriften zu ordnen die er einem eisernen in
die Wand eingelassenen Schrank entnommen der zur Aufbewahrung von Wert und
Familienpapieren diente Aus einer großen Anzahl vergilbter Blätter hatte er den
Trauschein seiner ersten Frau und den Taufschein Rosas hervorgesucht und sie auf
dem Schreibtische ausgebreitet Nannette bot sich an den Rest »in das Archiv«
wie sie großartig sagte zurückzutragen aber der undankbare Gatte belohnte
ihren guten Willen nur durch ein mürrisches »Lass gut sein«
    Er holte aus dem Schranke ein dünnes Päckchen auf dessen Umschlag
geschrieben stand »Meiner Tochter Rosa mütterliches Erbe« und begab sich damit
zum Schreibtisch zurück Frau Nannette schlich ihm nach auf Schritt und Tritt
sie gab sich die erdenklichste Mühe eine sanfte Duldermiene anzunehmen und
wiederholte mit einem tiefen Seufzer durch den trotz aller Anstrengung ihn zu
unterdrücken ein Laut des Jubels und Triumphes sich Luft machte »Er wird sie
jetzt heiraten müssen es bleibt ihm nichts andres übrig«
    Abfertigend ohne sie anzusehen erwiderte Heissenstein »Natürlich«
    Dieses beunruhigte sie Soll zuletzt noch alles glücklich enden für die
ungeratene Tochter Nannettens Angst vor einem solchen Ausgange überwand einen
Augenblick ihre Furcht vor ihrem Manne
    Mit grimmiger und etwas spöttischer Freundlichkeit sagte sie  und dabei
zitterte in ihrem linken Mundwinkel ein Nerv wie ein frierendes Küchlein im
Neste »Du verzeihst wohl  Du gibst wohl deinen Segen«
    Er fuhr auf »Ich« donnerte er sie an und schlug mit der Faust auf den
Tisch dass das Zimmer dröhnte und dass Frau Nannette einer Ohnmacht nahe war
    O Himmel  So wie jetzt hatte er ausgesehen in jenem unvergesslichen
Zornesausbruch in dem er das zarte Pflänzchen ihres Mutes so unbarmherzig
knickte dass es seitdem nur noch kränkliche Schösslinge trieb 
    Nannette empfand plötzlich eine ganz merkwürdige Schwäche in den Knien und
glaubte wahrhaftig sie werde umsinken Das aber geschah nicht denn ihr Mann
äußerte den Wunsch allein zu bleiben durch ein bündiges »Hinaus« Und sie
trat sofort einen Rückzug an der nichts an Eile und manches an Hoheit zu
wünschen übrigliess
    In der nächsten Zeit hatte Heissenstein häufig Unterredungen mit seinem
Rechtsfreunde Herrn Doktor Paul Wenzel Stundenlang und bei verschlossenen
Türen wurde da verhandelt und durch niemand nicht einmal durch die besorgte
Hausfrau und unter keinerlei Vorwand ob er nun in Gestalt eines kleinen
Imbisses eines eben angelangten Briefes oder einer dringenden Nachfrage
erschien durften die Herren in ihrer Arbeit unterbrochen werden
    Da besann sich Nannette plötzlich dass die Frau des Advokaten eine
Jugendbekannte von ihr sei dass sie einstens »intim liiert« mit ihr gewesen war
und sie empfand die nagendsten Gewissensbisse die alte Freundin so lange
vernachlässigt zu haben So setzte sie denn eines schönen Nachmittags ihre
Herbstkapotte mit den schottischen Bändern auf  ein Geschenk das ihre
einstigen Zöglinge ihr kürzlich aus Wien zugesendet hatten eine echte Lannoy
 hüllte sich in ihren schwarzen Seidenmantel und wurde eine Viertelstunde
später bei der Gattin des Advokaten angemeldet
    Die gute Frau empfing sie in ihrem unbehaglichen und unbewohnten Salon mit
allen Zeichen der Ehrfurcht und mit einer Verlegenheit die zu verbergen sie
nicht einmal versuchte so gut wusste sie dass es vergeblich sein würde Sie
bezeigte eine überschwengliche mit einem gewissen Entsetzen vermischte Freude
über den unerwarteten Besuch Sie entschuldigte sich dass Frau »von« Heissenstein
sie im Hauskleide treffe  aber eine Familienmutter du guter Gott muss überall
zugreifen  Sie entschuldigte sich dass sie nicht ihr Leben damit zubringe
auf den Besuch Frau »von« Heissensteins zu warten sie entschuldigte sich dass
sie Kinder habe und dass es heute nachts geregnet Sie dankte endlich im stillen
Gott als ihr Mann eintrat und sie von dem mühevollen Geschäft erlöste ganz
allein mit der gebildetsten Frau der Stadt ein Gespräch führen zu müssen bei
welchem diese allerdings nicht zu Worte kommen konnte
    Der Advokat war ein schöner Greis mit fein modelliertem Kopfe blassem
Gesichte und vornehmer Haltung Seine Mitbürger schätzten ihn hoch und die
»Herrschaften« auf den umliegenden Gütern sahen ihn als ein Orakel an »Was hat
der Wenzel gesagt  Man muss den Wenzel fragen« sprachen die feudalen Herren
sooft die Weisheit ihrer Verwalter nicht ausreichte um irgendeinen Konflikt
zwischen dem herrschaftlichen Amte und den Untertanen zu lösen
    In seinem Berufe war Wenzel ein Kato im geselligen Verkehr jedoch und an
seinem eigenen Herde liebenswürdig und galant wie ein Abbé des 18 Jahrhunderts
Weich hatte das Leben ihn gefasst er empfand es dankbar und machte auch andern
das Leben so leicht als er konnte
    Seine viel jüngere Frau verehrte in ihm einen Halbgott und den Nimbus eines
solchen hatte sie verstanden ihm an seinem schlichten bürgerlichen Herde zu
wahren Die liebevolle Bewunderung eines demütigen Weibes ist erfinderisch ihr
Gegenstand wandelte in einem Gemüsegarten  unter Palmen
    Bedächtig als fürchte er durch eine rasche Bewegung die Weihrauchwolke zu
zerstreuen die ihn umfloss kam Wenzel auf Frau Heissenstein zugeschritten die
sich erhob und »dem lieben verehrten Freunde« voll Rührung ihr kleines rundes
Händchen das die Gestalt eines Lindenblattes hatte entgegenstreckte
    »Ich weiß was Sie hierherführt gnädige Frau« sagte der Advokat indem er
sie mit bescheidener Verbindlichkeit nötigte ihren Platz in der Sofaecke wieder
einzunehmen »Ihr edles Herz ist beängstigt durch die harten Maßregeln die Ihr
Herr Gemahl gestern gegen seine unglückliche Tochter ergriffen hat«
    »So ist es« rief Frau Heissenstein und führte ihr Taschentuch an ihre
trockenen Augen »Sie verstehen mich verehrter Freund Raten Sie helfen Sie
Ich selbst bin machtlos Mein vortrefflicher angebeteter Mann gestattet mir
auch nicht ein Wort der Entschuldigung für das irregeleitete Kind zu sprechen«
    Der Advokat bedauerte sie sehr versetzte sich ganz in ihre traurige Lage
und seine Frau vergoss teilnehmende Tränen
    »Dieser gestrige Schritt« nahm Nannette wieder das Wort »diese  dieses
 ich will sagen dieser  Schritt «
    Was hätte sie darum gegeben fragen zu dürfen was für ein Schritt das war
Aber soviel will sie sich nicht vergeben Dass sie keinen Einfluss auf ihren Mann
hat gesteht sie ein dass sie sein Vertrauen nicht besitzt  nimmermehr Und
Wenzel hilft ihr nicht Er schüttelt nur den Kopf und wiederholt »Er ist zu
hart Ihr Herr Gemahl zu hart«
    Nannette beschwört ihn sein möglichstes zu tun um ihren durch seine
unbegreifliche Tochter so schwer gekränkten Gatten zur Milde zu stimmen und
rüstet sich zum Aufbruche Sie bittet Nachsicht mit ihr zu haben sie ist nur
gekommen um sich auszusprechen sie hofft der Advokat und seine teuere Frau
werden ihr verzeihen dass sie es so unumwunden getan eine Missdeutung besorgt
sie »von solchen Seelen« nicht Sie bedauert ihren über alles geliebten Mann
ihn zu tadeln erkühnt sie sich nicht Sie geht von dem Ehepaare bis an die
Treppe geleitet
    »Wie gut und lieb ist sie« sagte die Doktorin
    »Eine kluge Frau« sagte lächelnd der Doktor
    Obwohl Nannette den Zweck ihres Besuches nicht vollkommen erreicht hatte und
die Maßregeln die Heissenstein gegen seine Tochter ergriffen ihr nach wie vor
ein Geheimnis blieben war sie doch mit dem erreichten Resultate recht
zufrieden Sie hatte erfahren dass ihr Mann unversöhnlich ist und sie hatte
eine einflussreiche und hochachtbare Persönlichkeit überzeugt dass die
Stiefmutter keine Schuld daran trägt
    Am Abend brachte der Postbote einige Briefe für Herrn Heissenstein die
Nannette übernahm Darunter befand sich einer von Rosa Diesen behielt sie
zurück  aus Vorsicht Er konnte auf den Gemütszustand ihres Mannes schädlich
wirken Sie fühlte die Verpflichtung sich mit seinem Inhalt bekannt zu machen
Der Brief war mit dem Herzblut des Kindes geschrieben und manche Träne war auf
ihn gefallen
    Nannette ist so ergriffen und erschüttert findet das leidenschaftliche
Einstürmen auf den beleidigten Vater so unpassend dass sie nicht daran denkt
den Brief abzugeben ja  ihn verbrennt
 
                                       8
Der Groll Heissensteins gegen seine Tochter wurde durch die Zeit nicht
vermindert eher sogar erhöht Er hatte Rosa nicht aufgegeben und aus seinem
Herzen gestrichen nein sie beschäftigte ihn immer er führte in Gedanken
fortwährend Krieg mit ihr Mit der vom Verstande nicht mehr streng gezügelten
Phantasie des Greises malte er sich ihr Vergehen in den dunkelsten Farben aus
und verwünschte sie der Schmerzen wegen die sie nicht aufhörte ihm zu bereiten
An der Ansicht die er sich einmal von der Sache gebildet hatte hielt er
hartnäckig fest  Rosa trug Schuld an dem Untergange des Hauses sie hatte
Schande auf seinen Namen und auf sein graues Haupt gehäuft er durfte ihr
niemals vergeben  auch wenn er so schwach wäre es tun zu wollen
    »Ihre Schuld kann niemals gutgemacht und demnach auch nie vergeben werden«
war der Sinn der Antwort die er Mansuet zurief sooft dieser ein gutes Wort für
seinen Liebling einlegte Damit war in den Augen des alten Herrn jede weitere
Verhandlung abgeschnitten Gegen dieses Argument dessen schlagende Wirkung ihn
sooft er es aussprach mit der Gewalt einer eben erst entdeckten Wahrheit
ergriff gab es keine Einwendung
    Mansuet beobachtete mit tiefem Bedauern die sichtliche Veränderung die mit
seinem Herrn vorging und sagte zu Schimmelreiter dem zweiten Kommis »Der
Prinzipal ist wie ein Herbsttag nimmt ab an beiden Enden«
    Schimmelreiter besaß ein schwaches Begriffsvermögen aber ein starkes
Streben die hohen und witzigen Gedanken des gescheiten Weberlein nachzudenken
    »An beiden Enden« wiederholte er »das heißt von unten und von oben«
    Mansuet sprach etwas wegwerfend »Das heißt physisch und moralisch«
    »Sehen Sie sehen Sie« rief Schimmelreiter »so hab ichs aufgefasst«
    Fast noch weher als Heissensteins ohnmächtiger Trübsinn tat Mansuet Frau
Nannettens kaum noch verhehlter Triumph Sie sah jetzt mit Ruhe der Zukunft
entgegen die Gefahr dass ihre Stieftochter jemals wieder in ihre Kindesrechte
eingesetzt werden könnte schien so gut wie überwunden Rosas Flucht wurde für
Nannette ein Abschnitt in der Zeitrechnung nicht mehr noch weniger Sie sagte
»Das war vor oder nach unserm Familienunglück« wie die Mohammedaner sagen »vor
oder nach der Hedschra«
    Etwa anderthalb Jahre nachdem Rosa und Bozena das alte Haus verlassen
hatten in der Lichtmesswoche erhielt Mansuet einen Brief von seiner Freundin
aus einem Dorfe in der Nähe von Arad Sie schrieb dass Rosa ein zartes Mädchen
zur Welt gebracht das in der Taufe die Namen Leopoldine Rosa erhalten das sein
Vater jedoch nie anders als Röschen nenne Der Herr Oberleutnant sei herzensgut
die junge Frau liebe ihn auch wie sichs gehört und wie ers verdient »Aber«
hieß es in Bozenas Schreiben »sie hat sich gar verändert und wenn der Herr
Heissenstein nicht doch zuletzt ein Einsehen hat und ihr verzeiht so drückt es
ihr das Herz ab und es nimmt wahrhaftig und Gott kein gutes End mit ihr«
    Dieser Brief enthielt einen Einschluss von Rosas Hand und in dem lag ein
Zettelchen Die junge Frau bat den lieben getreuen Herrn Weberlein  den auch
ihr Mann unbekannterweise herzlich grüßen ließ  auf das innigste dasselbe in
einer guten Stunde ihrem Vater zu übergeben
    Mansuet wartete einen Tag zwei Tage Das dünne Blättchen brannte wie Feuer
auf seiner Brust Er verbiss den Schmerz und benahm sich gegen seinen Prinzipal
wie ein Liebhaber der eine zürnende Schöne um jeden Preis in eine bessere Laune
zu versetzen wünscht Er hätte sich auf seine Knie vor ihm niederwerfen mögen 
seine Stimme bebte wenn er das Wort an seinen mürrischen Chef richtete ein
Wink von diesem verlieh dem kleinen Kommis Flügel Von seinen Gefühlen
überwältigt erfasste er plötzlich Heissensteins Hand küsste sie und presste sie
dann mit einer Gebärde voll unwillkürlicher Komik an seine Brust
    Heissenstein konnte sich eines Lächelns nicht erwehren und fragte »Was haben
Sie denn«
    »Einen Brief« platzte Mansuet heraus »einen Brief von unserer Rosa«
wiederholte er fast weinend  und hielt seinem Herrn das Zettelchen hin
    Heissenstein war bleich geworden bis an die Lippen vergeblich rang er nach
Worten röchelnd als läge eine Faust an seiner Gurgel und würge ihn trat er
auf Mansuet zu riss das Papier aus seinen zitternden Fingern und warf es vor
seinen Augen in das Feuer
    Minuten vergingen bis der völlig außer Fassung geratene Mann zu sprechen
vermochte und dann brachte er mit wuterstickter Stimme die Drohung hervor
»Wagen Sies noch einmal sich zum Boten jener  Frau zu machen und mit Schimpf
und Schande jag ich Sie aus dem Hause«
    Mansuet sah ihn mit einem sonderbaren Blicke an und nach einer Pause in
welcher er ruhig zu überlegen schien sagte er »Gut«
    Ein Jahr danach um dieselbe Zeit erschien wieder ein Brief Bozenas und
enthielt abermals einen Einschluss Rosas Bozena hatte sich dieses Mal sehr kurz
gefasst ihre Zeilen enthielten nur einen Gruß an Herrn Weberlein und die
dringende Bitte ihr mit umgehender Post einen Teil ihrer Ersparnisse
zuzusenden Mansuet besorgte diesen Auftrag sofort obwohl die Ausführung
desselben mehrere Morgenstunden in Anspruch nahm Herr Heissenstein hatte voll
Ungeduld soeben zum zehntenmal nach ihm gefragt als er endlich eintrat ganz
erhitzt den Hut und den Oberrock mit Schnee bedeckt
    »Wo waren Sie« herrschte sein Chef ihn an »was fällt Ihnen ein
davonzulaufen um die Mittagszeit vor Expedition der Post«
    Mansuet begab sich schweigend in seinen Glasverschlag warf dort einige
Zeilen auf einen Stempelbogen den er mitgebracht hatte trat dann zu Herrn
Heissenstein breitete das Blatt vor ihm auf dem Tische aus und sprach »Hier
meine schriftliche Kündigung Will Sie nicht in die Notwendigkeit versetzen
mich mit Schimpf und Schande aus dem Hause zu jagen Und hier«  er legte einen
Brief auf den Stempelbogen  »ein heut morgens eingelangtes an meinen Herrn
Prinzipal durch mich zu übermittelndes Schreiben«
    Heissenstein sah abwechselnd den Kommis und das zusammengefaltete Blatt an
auf dem er die Schrift seiner Tochter erkannt hatte Wie ein elektrischer Schlag
durchzuckte es ihn doch behielt er Ruhe genug um erwidern zu können »Ich
verweigere die von Ihnen erbetene Entlassung Sie befinden sich in meinem
Dienste und haben zu gehorchen«
    Er stand auf und wies dem Kommis seinen Platz an »Setzen Sie sich 
Setzen Sie sich « wiederholte er und Mansuet folgte seinem Befehle
»Schreiben Sie« Mansuet nahm eine Feder zur Hand  »Schreiben Sie Der
Unterzeichnete verbittet sich in Zukunft jede weitere Belästigung «
    Mansuet bebte am ganzen Körper kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn aber
er schrieb und Heissenstein fuhr fort zu diktieren » Belästigung  durch
Übersendung von Zuschriften die an ihren Adressaten zu befördern ihm die
Pflicht verbietet Mansuet Weberlein Kommis«
    »Mansuet« rief dieser und sprang auf  »ich soll das unterschreiben 
Sie glauben ich werde das unterschreiben  eine haarsträubende Lüge«
    Er fasste sich mit beiden Händen an den Kopf sein Gesicht war kreideweiss
    »Mit Wonne und Entzücken« schrie er so laut dass jedes seiner Worte
deutlich vernommen werden konnte in der nebenanliegenden Stube in welcher Herr
Schimmelreiter arbeitete  »mit Wonne und Entzücken erfüllt mich jeder Beweis
der Erinnerung und des Vertrauens den ich von ihr erhalte von der armen Rosa
Das ist die Wahrheit  die schreib ich  wenn Sies erlauben« setzte er leiser
hinzu »sonst  auch das nicht denn das zu verbieten haben Sie ein Recht
Nämlich heute noch Da liegt meine Kündigung« Er deutete auf die Schrift und
stürzte wie ein Rasender hinaus und in sein Zimmer wo er eifrig seinen
Kleiderschrank auszuräumen begann
    Eine Stunde lang herrschte im Kontor so tiefe Stille dass Schimmelreiter
angst und bange wurde Was tut der alte Herr  ist er eingeschlafen  ist er
ohnmächtig geworden Schimmelreiter hätte gern nachgesehen doch fehlte ihm der
Mut dazu Endlich hörte er seinen Namen rufen und stand im nächsten Augenblicke
vor seinem Chef
    Dieser hatte gerötete Augen und sah merkwürdig alt und kummervoll aus Er
reichte dem Kommis ein Bögelchen Papier und ersuchte ihn daraufzuschreiben
»Wird retourniert
Im Auftrage meines Prinzipals
Schimmelreiter«
Heissenstein faltete und kuvertierte das Blatt selbst über Rosas unerbrochenen
Brief und sprach »Die Adresse nun«
    Schimmelreiter setzte die Feder an und wartete
    »Wirds« rief jener »worauf warten Sie«
    »Auf die Angabe der Adresse« erwiderte kleinlaut der Kommis
    » Ja  so Frau von Fehse  kk Oberleutnantsgattin zu Sega bei Arad in
Ungarn Haben Sies«
    »Zu dienen«
    Heissenstein erhob sich »Auf die Post damit und sogleich«
    Aber der Befehl reute ihn sobald er gegeben war Mit einem misstrauischen
Blick nahm er seinem Untergebenen den Brief aus der Hand und steckte ihn zu
sich »Lassen Sies« sprach er »ich gehe ohnehin aus  komme wohl an der Post
vorbei «
    Schimmelreiter brachte Hut und Oberrock und blickte seinem Herrn nach der
langsam und gebeugt im Schneegestöber über den Platz schritt
    Dahin seine stolze Haltung  Was ist aus dem Manne geworden dachte er
Als sich Mansuet nachmittags nach dem Kontor begab um seine Filzschuhe zu
holen die er dort stehengelassen hatte und einige ihm gehörende Kostbarkeiten
aus seiner Lade zu sich zu nehmen ein Federmesser das Bozena ihm einst verehrt
 ein Beutelchen das Rosa für ihn gestrickt  endlich auch den neuesten
Militärschematismus sah er seine Kündigung auf seinem Pulte liegen
    Auf dem unteren Rande des Schriftstücks standen ganz klein und verschämt
von Heissensteins Hand geschrieben die Worte »Kann nicht angenommen werden
Bitte vielmehr den getreuesten Diener geduldig in Gutem und Üblem bei mir
auszuharren H«
    Mansuet brach in ein krampfhaftes Weinen aus und schluchzte
    »Mir verzeiht er mir altem Esel  Seinem armen Kinde nicht  O
Menschenherz«
    Der nächste Brief den Mansuet von Bozena erhielt brachte keinen Einschluss
mehr von Rosa Die junge Frau war krank Sie hatte vor der Zeit ein Knäblein
geboren das nur wenige Stunden lebte und konnte sich seitdem nicht recht
erholen Bozena ließ sich zu keinem Worte der Klage herbei sie zeigte dem alten
Gönner das letzte Ereignis in der kleinen Familie an und bat ihn ihr auch den
Rest ihrer Ersparnisse zuzusenden
 
                                       9
Der Sommer des Jahres 1847 kam heran Im Hause Heissensteins wurde ein schönes
Fest der sechzehnte Geburtstag Regulas feierlich begangen »Die ganze Stadt«
nahm daran teil mit alleiniger Ausnahme des Kommis Weberlein der von heftigen
Kopfschmerzen ergriffen sich im Augenblicke wo er zur Tafel gerufen wurde zu
Bette legte So mancher schöne Toast ward ausgebracht auf das edle Elternpaar
der Gefeierten und auf die Gefeierte selbst Den schönsten jedoch sprach Advokat
Wenzel der Regula als »die junge Hoffnung des alten Hauses« und ihre Eltern als
»den Stolz der Stadt« so hoch und lange als es auf Erden nur denkbar möglich
leben ließ
    Man ging spät und äußerst erhoben und gerührt in später Nachtstunde
nämlich um zehn Uhr auseinander
    Am folgenden Tage trat Heissenstein eine Reise nach Wien an und kehrte von
dort nach dem Verlaufe einer Woche in ganz ungewöhnlich munterer Stimmung und in
Begleitung Joseph Frohburgs zurück
    Frau Nannette empfing den jungen Mann als er nach sorgfältig gemachter
Toilette im Gesellschaftszimmer erschien wo die Familie ihn erwartete mit
jener aus Hass und Liebe Neid und Wohlwollen gemischten Empfindung die
überzärtliche Mütter dem zukünftigen Schwiegersohn entgegenbringen
    Der also wird in den Besitz ihres teuersten Gutes treten für den hat sie
das vorzüglichste der Geschöpfe geboren und erzogen
    Die gescheite Frau war zum erstenmal in ihrem Leben um eine Ansprache
verlegen als Joseph Frohburg sich tief und ehrfurchtsvoll vor ihr verbeugte
und Heissenstein gewann Zeit die Vorstellung und Bewillkommnung auf das
schlichteste zu besorgen indem er sprach »Das hier ist meine Frau und das
dort ist meine Tochter Lass dirs bei uns gefallen mein Junge«
    Gefallen
    Joseph hatte den Blick zu Regula erhoben und sogleich wieder gesenkt Der
erste Eindruck den sie auf ihn hervorbrachte war ein ungünstiger Nannette
konnte sich das nicht verhehlen aber sie tröstete sich mit der Hoffnung ihr
Geist werde ihn bezwingen
    »Zum Abendessen« rief Heissenstein »ich habe wahrhaftig Appetit«
    Man begab sich in das Speisezimmer und Joseph erhielt seinen Platz neben
Regula
    Nannette selbst die ihrer Tochter doch alles mögliche Gute zutraute war
erstaunt über die feine Weise mit der sie auf den Ideengang des Gastes
einzugehen und dabei ihr Licht auf den Scheffel zu stellen verstand
    
    Er sprach von Nestroys letzter Posse Sie wusste in seinen Bemerkungen
darüber Anknüpfungspunkte zu finden die sachte hinüberführten auf die Orestie
des Äschylus ihre philosophische Bedeutung und ihren politischen Zweck Er
sprach von der Lieblichkeit der Donauauen  sie schwebte von diesen nach den
Sozietätsinseln und nannte den Namen jeder einzelnen Er sprach von dem Tode
seiner Mutter sie  von der Nadowessischen Totenklage Er erzählte von dem
»Putsch« der Schweizer Radikalen sie ließ ein Wort über Huitzilopochtli den
Kriegsgott der Azteken fallen
    Zuletzt wurde das Verständnis zwischen dem jungen Pärchen ein so
vollständiges dass Rede und Gegenrede überflüssig schien Dem Gaste zum
mindesten der von nun an schwieg
    Beim Beginne des Abendessens hatte sein Blick noch manchmal scheu und
prüfend auf der eckigen Gestalt Regulas geruht auf ihrem gelben Gesichte und
den gleichfarbigen an die Schläfe angeklebten Scheiteln von denen auch nicht
ein Haar abstand jetzt blieb er hartnäckig auf das Tischtuch geheftet Joseph
wurde bleicher und bleicher und musste endlich gestehen dass er sich unwohl
fühle
    Heissenstein hob sofort die Tafel auf und geleitete seinen Gast der
aufzuatmen schien als er das Speisezimmer im Rücken hatte auf die für ihn
bereit gehaltene Stube
    Am frühen Morgen schon stand ein Postwagen vor dem Hause und Joseph in
Reisekleidern vor Heissenstein
    »Verzeihen Sie mir mein väterlicher Freund« sprach der junge Mann
treuherzig »aber  ich habe mirs überlegt ich fühle noch keinen Beruf mich
zu verheiraten Ich glaube am ehrlichsten zu handeln wenn ich es Ihnen gleich
eingestehe«
    »Wozu die Eile« fragte Heissenstein betroffen »lerne meine Regel besser
kennen Sie gehört zu der Sorte von Weibern denen jeder Mann ohne Sorge sein
Lebensglück anvertrauen kann«
    »Ich bin davon überzeugt« erwiderte Joseph »allein ob das ihre in meinen
Händen gesichert wäre daran zweifle ich«
    Heissenstein sah ihn an und schüttelte den Kopf »Sei aufrichtig  sie
gefällt dir nicht« sagte er mit einem Ausdruck von so hoffnungsloser Trauer in
Stimme und Gebärde dass Joseph davon ergriffen die Hand des alten Mannes fasste
und drückte Dieser klopfte ihm auf die Schulter »Nun ja ich habe Besseres für
dich im Sinne gehabt  Es hat aber nicht sein sollen«
    So endete Heissensteins letzter Versuch den Traum seines Lebens zu
verwirklichen Mansuet suchte vergebens ihn darüber zu trösten indem er ihn
versicherte er fände zehn für einen Freier für das Fräulein Tochter und zwanzig
für einen die bereit wären seinen Namen anzunehmen
    »Keinen mehr dem ich ihn anbieten möchte« entgegnete Heissenstein »Glauben
Sie dazu sei mir leicht einer gut genug  So mag er denn erlöschen Ich seh es
ein der Mann der mir recht wäre nimmt die Regel nicht«
    Er verfiel in einen dumpfen Trübsinn aus dem ihn nur noch selten ein
Ausbruch des Zornes gegen die Zerstörerin alles dessen weckte was er noch als
Glück zu empfinden vermocht hätte Mansuet wagte längere Zeit hindurch nicht
Rosas zu erwähnen Er hatte zwar auf seine dringende Nachfrage wie die junge
Frau sich befinde beruhigende Antwort erhalten aber Bozena hatte ihm zugleich
mitgeteilt sie habe es ihrem jungen Herrn in die Hand geloben müssen keine
Briefe mehr in das Heissensteinsche Haus zu schicken Es sei genug gebettelt
worden er selbst wolle nun von einer Versöhnung nichts mehr hören
    Das habe ich längst gefürchtet dachte Mansuet Er ist kk Offizier er
kann sich die fortgesetzten Demütigungen nicht gefallen lassen Was jetzt
beginnen du guter lieber Gott  Wenn von hier aus keine Schritte geschehen
dann ists für immer mit der Hoffnung auf eine Aussöhnung vorbei Wir sind so
weit gekommen dass uns nur mehr eine Person Hilfe schaffen könnte  Frau
Nannette Sie müsste sich zur Vermittlerin machen zwischen Vater und Tochter Sie
ist die Herrin des Hauses und ihres alternden Gatten Er hat aufgehört ihr
Widerstand zu leisten anfangs aus Gleichgültigkeit später aus Ohnmacht
    Die Folge dieser Betrachtungen war dass sich Mansuet seiner Rosa zuliebe bis
zu einer Art demonstrativer Höflichkeit erniedrigte der verhassten Gebieterin
gegenüber Er lief nicht mehr davon wenn er sie von weitem erblickte er wandte
sich nicht ab wenn er ihr begegnete Er blieb stehen machte Front und grüßte
sie feierlich Er brachte es sogar einmal dahin mit einem Grinsen das um alles
in der Welt freundlich sein sollte aber einfach  grässlich war zu sagen »Sehr
kalt heute  Belieben zu frieren «
    Weiter ging es nicht  Nicht um den MariaTeresiaOrden Nicht um die
ewige Glückseligkeit
    So versuchte ers denn doch sich an Heissenstein zu wenden und erfuhr keine
heftige Abweisung mehr Der alte Mann antwortete mit schmerzlichen Klagen mit
tiefem Selbstbedauern dass er nicht verzeihen dürfe  dass seine Pflicht es ihm
verbiete
    Mit unerschöpflicher Geduld mit einem Eifer der sich nie verleugnete
begann Mansuet immer von neuem Vorstellungen zu machen um Mitleid zu bitten 
es war und blieb vergeblich
    Der alte Mann wurde nur ängstlich versank nur tiefer in seine Grübeleien
und wiederholte melancholisch »Ich darf nicht guter Mansuet Seien Sie mir
nicht böse aber  ich darf nicht«
    In solchem Zustande fand das Revolutionsjahr 1848 den einst so kräftigen
Heissenstein Die Ereignisse der Märztage rüttelten ihn auf aus dem Traumleben
das er seit einiger Zeit führte Ein neues Interesse ergriff ihn Zwei Monate
lang zählte ihn die liberale Partei zu ihren Anhängern vom 15 Mai an wurde er
ihr erbitterter Gegner
    Mansuet hatte natürlich keinen Augenblick von etwas anderm gesprochen als
von Dreinschlagen Einhauen und Niederreiten Wie man dem »Bäckenrummel« in Wien
unter weiland Kaiser Franz ein Ende gemacht so hätte man dieser »Lumperei von
einer Revolution« ein Ende machen sollen die ganz allein durch ein paar
Landstände und durch ein halbes Dutzend Studenten »aus purem verfluchtem
Übermut« angerichtet worden war
    Schimmelreiter hingegen erklärte sich für einen konstituierenden Reichstag
mit einer Kammer als Übergangsstadium zur europäischen Republik Er abonnierte
auf die »Konstitution« und schwor erst seitdem er dieses Blatt halte wisse er
was es heiße ein politisches Bewusstsein haben
    Eines Tages las er im Gasthause einigen andächtigen Zuhörern aus seiner
Zeitung vor wie man »auf dem Leichname des Weltkinderspieles Nationalität
zuletzt siegend die Fahne des alles vereinenden Weltbürgertums aufpflanzen
müsse« da riss ihm Mansuet der von ihm unbemerkt eingetreten war das Blatt aus
der Hand und forderte ihn auf Degen  und auf Pistolen
    Schimmelreiter erklärte dieser Forderung nicht entsprechen zu können und
durch volle vierzehn Tage hatte Mansuet für ihn nur das Schweigen der
Verachtung Es herrschte bittere Feindschaft zwischen den beiden bis die
glorreichen Nachrichten aus Italien ihre Gemüter besänftigten Als Radetzky
siegreich in Mailand eingezogen war zog auch die Versöhnung in das Kontor ein
und die zwei Säulen des Heissensteinschen Hauses ragten wieder in herzerhebender
Eintracht ruhig und friedlich nebeneinander
    Im September dieses ereignisvollen Jahres kamen Bekannte Nannettens nach
Weinberg Graf und Gräfin Rondsperg die Eltern ihrer ehemaligen Zöglinge Der
Graf hatte sein Gut verlassen infolge ziemlich ernster Konflikte in die er mit
seinen Bauern geraten war
    Diese Leute ließ sichs nicht nehmen dass eine Änderung eingetreten sei in
dem Verhältnisse zwischen »der Herrschaft« und ihnen nicht nur scheinbar nicht
für kurze Zeit wie der alte Graf meinte sondern in Wirklichkeit und für immer
Er aber dessen Vermögen seit Jahren schon zerrüttet war wollte nicht an den
Bestand einer Neuerung glauben die seinen völligen Ruin herbeiführen musste
Doch wurde er es endlich müde ihnen Vernunft zu predigen diesen störrischen
Dummköpfen die immer wieder auf die Behauptung zurückkamen die
Patrimonialrechte seien aufgehoben Zum erstenmal seit der Verheiratung seiner
Töchter  seit vollen vierzehn Jahren  verließ der Greis sein Schloss Rondsperg
und das undankbare »Gesindel« seine Bauern
    Fern von ihnen wollte er die Wiederkehr der alten Zeiten und die
Wiedereinführung der alten einzig gesetzlichen Gesetze erwarten Bis dahin
sollten die Leute nur sehen wie sie fertig würden ohne ihn
    Gleich nach der Ankunft des Grafen und seiner Gemahlin in Weinberg begaben
sich Heissenstein und Nannette nach dem »Grünen Baum« in dem die Herrschaften
abgestiegen waren und luden sie dringend ein das unbehagliche Quartier im
Gasthofe mit einer Wohnung zu vertauschen die ihnen Heissenstein in seinem Hause
zur Verfügung stellte
    Der Antrag wurde mit liebenswürdiger Freundlichkeit angenommen Schon am
folgenden Tage zog das gräfliche Ehepaar begleitet von einem einäugigen
Kammerdiener und einer gichtbrüchigen Kammerjungfer in die zu seinem Empfange
auf das beste geschmückten Räume ein Und gewiss betrat Karl V das Haus Anton
Fuggers auf dem Weinmarkte zu Augsburg mit nicht geringerem Bewusstsein einer von
ihm erwiesenen Gnade als Rondsperg das Haus des Kaufmanns Leopold Heissenstein
In seiner Art auch nicht minder gastfrei als der Nachkomme des Webermeisters zu
Graben gegen den Beherrscher der Hälfte der damals bekannten Welt bezeigte sich
der Weinhändler gegen den herabgekommenen Edelmann Während dessen Anwesenheit
wurde das Haus von Besuchern nicht leer und Heissenstein empfing die Gäste
seiner Gäste mit derselben Zuvorkommenheit die er diesen erwies Frau Nannette
drückte abwechselnd ihre einstigen Zöglinge die Baronin von Waffenau und die
Präsidentin von Horsky an ihr bewegtes Herz Die erste kam von ihrem Gute
Haluschka die zweite kam aus Wien die erste brachte vier unglaublich wilde
Jungen im Alter zwischen sieben und zwölf Jahren mit die zweite nur ihren
steifen wortkargen Mann Alle kamen um die alten Leute zu sehen und der teuren
ExErzieherin und ihrem edlen Gatten Dank und Lobpreisungen darzubringen Frau
Nannette war manchmal zumute als ob ihr Flügel wüchsen
    Heissenstein hingegen hatte wahre wenn auch nicht ungetrübte Herzensfreude
nur an einem Gaste an Ronald dem Sohn des Grafen dem die Aufgabe zugefallen
war seinem Vater die Wege zur Rückkehr zu ebnen und die guten Beziehungen
zwischen Schloss und Dorf Rondsperg wiederherzustellen Er fuhr ab und zu und
seine Anwesenheit war für Heissenstein jedesmal ein schmerzliches Fest Mit einer
Mischung von Neid und Wohlgefallen betrachtete er den schönen ernsten Jüngling
und dachte Wärst du mein Sohn
    Während im Reichstage zu Wien und im Parlamente zu Frankfurt die Abschaffung
des Adels beantragt wurde genossen so einige seiner Mitglieder nur weil sie
diesem Stande angehörten an den Flammen eines gutbürgerlichen Herdes ein daheim
längst entbehrtes Behagen
    Die Gräfin nahm die Gastfreundschaft Heissensteins und die
Ergebenheitsbezeigungen Nannettens dankbar und demütig mit der Empfindung hin
mehr zu empfangen als sie je erwidern könnte Der Graf ließ sich alle
Ehrenbezeigungen huldvoll gefallen und belohnte sie  wie er überzeugt war
reichlich  durch ein gelegentlich hingeworfenes Wort der Anerkennung
    Im Frühjahr kam Ronald um seine Eltern wieder nach Rondsperg abzuholen Der
Graf ließ sich überreden »seine Untertanen« seien durch seine Abwesenheit den
ganzen Winter hindurch genug bestraft und entschloss sich um so leichter in ihre
Mitte zurückzukehren da ihm der Bauernrichter durch Ronald hatte sagen lassen
das leere Schloss käme ihm und der getreuen Gemeinde vor wie eine große Laterne
ohne Licht
    Als man Abschied genommen hatte wandte sich Ronald noch einmal zu
Heissenstein erfasste seine beiden Hände und sprach »Ich kann Ihnen niemals
vergelten was Sie für uns getan haben  doch gäbe ich alles darum es
wenigstens versuchen zu dürfen«
    Nannette und Regula vernahmen diese Worte Ihre Blicke begegneten einander
wie zwei Blitze  Was meinst du fragte der eine  Es wäre mein innigster
Wunsch antwortete der andere Ronald dreiundzwanzig Jahre  du siebenzehn Er
vornehm aber arm  du bürgerlich aber reich  Sehr reich durch meine
Fürsorge mein Kind 
    Ehrgeizige Gedanken stiegen in der Weinhändlerstochter auf Ihre Mutter
jedoch übte sich in unbelauschten Stunden in allen möglichen Betonungen der
halblaut hingehauchten Worte »Meine Tochter die Gräfin Rondsperg«
Die Revolution ging indessen unaufhaltsam ihren Gang Pöbelunruhen in Wien
Bürgerkrieg in Ungarn die Oktobertage die Abreise der kaiserlichen Familie
nach Olmütz die Desertion der Tschechen aus dem Reichstage und  parallel
laufend mit diesen Ereignissen in Weinberg  Aufpflanzung einer schwarzgelben
Fahne auf dem Heissensteinschen Hause und Katzenmusik vor demselben
unfreiwillige Entfernung einiger Bürger aus dem Honoratiorenzimmer im »Grünen
Baum« weil die Herren erklärt hatten die SlovankaLipa sei ein Klub von
Spitzbuben die Bildung einer slawogermanischen Partei contra den Weltbürger
Schimmelreiter die Entdeckung Weinberg stehe auf tschechischem Boden heiße
eigentlich Winohrady und es sei eine wahre Schande dass seit Generationen die
Landessprache daselbst nur mehr von Handwerkern und Dienstleuten gesprochen
werde Endlich die Entsendung einer Deputation an Weberlein die ihn als Pan
Tkadlecek ansprach und ihn aufforderte seinen böhmischen Ahnen zu Ehren diesen
Namen den sie gewiss geführt hätten wieder anzunehmen
    Mit edlem Freimute ersuchte Mansuet die Herren sich zum Teufel zu scheren
Er hatte andere Sorgen Seine Seele sein Herz alle seine Gedanken befanden
sich auf den Schlachtfeldern in Ungarn und mit leidenschaftlichem Interesse
verfolgte er die Nachrichten die vom Kriegsschauplatze kamen vor allen jedoch
 die Schicksale des zweiten Ulanenregimentes Er wusste dass es an der Teiss im
Feuer gestanden und große Verluste erlitten hatte er erwartete mit Spannung
mit Todesangst die offiziellen Meldungen die verhängnisvollen Listen der
Verwundeten und Toten Als die Nachricht der Kapitulation bei Vilagos kam
grollte und jubelte er in einem Atem Er liebte die Russen sehr aber diesen
Sieg gönnte er ihnen doch nicht So breit hätten sich meinte er die zum Tanze
geladenen Gäste nicht machen dürfen Auf den Platz des Hausherrn stellt sich
kein anständiger convivus Über die Meldung des Marschalls Paskiewitsch an
seinen Kaiser »Ungarn liegt zu Eurer Majestät Füßen« kränkten sich zwei
Menschen in Österreich die »Hyäne von Brescia« und der Kommis Weberlein Alles
was die andern dabei empfanden kam im Vergleiche zu der Empfindung dieser
beiden nicht in Betracht
    An einem schönen Augustnachmittage befanden sich Heissenstein und Mansuet
allein im Kontor als der Mann eintrat der für den letzteren zur Zeit die
wichtigste Person auf Erden war der Briefträger
    Er hatte dem Chef mehrere Briefe zu übergeben dem Kommis nur die Wiener
Zeitung und ein zerknittertes und beschmutztes Schreiben das Weberlein beiseite
warf um sich in das Offizielle Journal zu versenken Es bringt heute eine lange
Reihe von Namen die Namen der in sechs Schlachten Verwundeten und Gefallenen
des kaiserlichen Heeres
    Mansuet überfliegt sie alle aber er sieht nur einen Der scheint ihm rot
geschrieben mit jungem frischem Blute der leuchtet ihm entgegen brennt ihm
wie Feuer in die Augen dass sie schmerzend übergehen der Name ist Wilhelm von
Fehse 
    Er sieht den vor sich der ihn trug den schlanken Ulanen mit dem
Jünglingsgesicht Er sieht ihn Liebe und Leben atmend auf seinem
schwanenhalsigen breitschultrigen Schwarzbraunen den Platz umkreisen  Und er
sieht ihn daliegen bleich und kalt auf zerstampfter leichenbedeckter Erde
unter den Hufen der über ihn hinwegjagenden Rosse mit durchschossener Brust 
    Mansuets Knie wanken er wendet behutsam seinen Stuhl und sinkt auf ihn
nieder seinem Herrn den Rücken zukehrend
    Das Zeitungsblatt das seiner Hand entglitten das auf den Tisch gefallen
ist bedeckt er vorsichtig mit seinem Taschentuche dabei kommt ihm der Brief in
die Hand den er achtlos beiseite geworfen hatte Er betrachtet ihn einen
Augenblick ein sonderbarer Umstand fällt ihm auf der Brief trägt den Stempel
der kk Feldpost Mansuet eröffnet ihn  ein Blick auf das antiquierte Datum 
die fremden Züge  die Unterschrift  O du gerechter Gott sie lautet Wilhelm
von Fehse
    Weberlein vermag einen dumpfen Schmerzenslaut nicht zu unterdrücken
Heissenstein sieht über das Blatt in dem er liest zu ihm hinüber und fragt
»Was haben Sie«
    »Oh  nichts « antwortet der Kommis und meint seinen Herrn beruhigt zu
haben und bemerkt nicht dass dieser ihn beobachtet Er liest
    »Geehrter Herr
Ich zeige Ihnen der Sie immer so teilnehmend gegen uns gewesen sind im eigenen
und im Namen meines Töchterchens den am Zwölften des vorigen Monats erfolgten
Tod meiner lieben Rosa an«
Ein Schleier verdunkelte Mansuets Augen in seinem Kopfe brauste es ihm war
als schwände ein Teil seines Bewusstseins er hörte nicht dass sich hinter ihm
jemand erhob er bemerkte nicht dass eine Hand die Lehne seines Stuhls
umklammerte Er biss die Zähne übereinander und fuhr im Lesen fort
»Sie ist in dem kleinen Badeorte Rosenau in Siebenbürgen wohin ich sie bei
Beginn des Frühjahres auf Anraten unseres Regimentsarztes brachte gestorben
Ich musste sie im Juni dort verlassen als wir uns um Pest konzentrierten Sie
und mein Röschen blieben unter der Obhut Bozenas zurück und durch diese habe
ich im Feld die Nachricht des Todes meiner Frau erhalten  Solange es anging
hielt Bozena meinen zerbröckelnden Haushalt mit kräftiger Hand zusammen Sie ist
jetzt die einzige Beschützerin meines Töchterchens aber eine treue
Beschützerin und kehre ich aus dem Feldzuge heim so werden wir drei uns
weiterhelfen In diesem Falle werde ich zu sorgen wissen für das kleine Wesen
an dem ich das Verbrechen gutzumachen habe dass ich es in dieses Dasein rief
Sollte ich aber fallen so empfehle ich Ihrer Fürsprache bei Ihrem Herrn das
Kind und seine Pflegerin Über zwei Gräber hinweg wird er doch nicht grollen
Ich wollte den Mann nicht wieder anrufen aber ich habe schon mehrmals dem Tod
ins Auge geblickt harte Kämpfe stehen uns noch bevor das weckt ernste Gedanken
 und ich bitte für das Kind
    O Herr Es ist Frevel und Wahnsinn zu kränken was man liebt wie es Frevel
und Wahnsinn ist um jeden Preis besitzen zu wollen was man liebt Rosa war
ebensowenig danach angetan den Strapazen des Lebens das ich ihr anzubieten
hatte mit dem nagenden Schmerze über die Unversöhnlichkeit ihres Vaters zu
widerstehen Er und ich wir haben sie getötet Sie brauchen das dem alten Manne
nicht zu sagen aber es ist die Wahrheit«
»Es  ist  die Wahrheit« schrie eine Stimme deren Klang Mansuet mit Schaudern
erkannte und ein schwerer Körper stürzte zu Boden Auf die Diele hingestreckt
lag Heissenstein mit dunkelrotem Gesichte mit bläulichen Lippen mit
hervorgequollenen Augen Er rang nach Worten und nur unartikulierte Laute nur
ein klägliches Lallen drang aus seinem schmerzvoll verzogenen Munde
    Der eilends herbeigerufene Arzt konstatierte einen Schlaganfall Nach
einigen Tagen war der Kranke außer Lebensgefahr er vermochte wieder zu
sprechen doch blieben seine Glieder gelähmt
    In der dritten Nacht die Mansuet allein am Bette seines Herrn durchwachte
begann dieser plötzlich von seiner Tochter Rosa zu sprechen Er erzählte dem
Getreuen anfangs stockend dann hastig überstürzt von dem Tage an dem er Wut
und Verzweiflung im Herzen den Ulanen nachgefahren war Wie er sie in der
Hauptstadt eingeholt und von dem Obersten empfangen diesem seine Klage
vorgebracht habe Der Oberst hörte ihn mit einer Gelassenheit an die ihn
entrüstete ließ den Auditor rufen und ersuchte Heissenstein diesem »die fatale
Geschichte« gleichfalls mitzuteilen Und der Kaufmann sah  oder glaubte zu
sehen  wie seine beiden Zuhörer während er sprach einander lächelnd
zublinzelten
    »Was befehlen Sie dass nun geschehe« fragte der Auditor  Heissenstein wusste
nicht ob ihn oder den Oberst
    Der letztere schien sich zu besinnen und sagte dann nachlässig zu dem
Kläger gewendet »Wollen Sie dass der Leutnant Fehse unglücklich dass ihm der
Prozess gemacht werde Wollen Sie ihn auf die Festung bringen«
    »Das können Sie« fügte der Auditor ernstaft hinzu
    »Freilich« bestätigte der Oberst »und Ihre Tochter nach Hause führen 
triumphaliter«
    Ja dieses Wort hatte er gebraucht und spöttisch gebraucht Heissenstein
besann sich dessen ganz genau jetzt noch und jetzt noch durch die Tränen in
denen seine Augen schwammen funkelte ingrimmiger Zorn
    Der Oberst fuhr fort »Sie können das alles tun aber glauben Sie mir
lassen Sie es bleiben Gehen Sie zu Ihrer Tochter sie soll wie ich höre bei
der Frau des Regimentsarztes  einer sehr anständigen Person  untergebracht
sein und lesen Sie dem jungen Mädchen tüchtig den Text Ich will indessen den
Herrn Leutnant gehörig verreissen Und dann bin ich der Meinung ziehen wir
beide andere Saiten auf halten das Maul und verheiraten die Leutchen in aller
Stille Schicken Sie die Kaution ich komme um die Heiratsbewilligung ein Sie
kriegen einen prächtigen Kerl zum Schwiegersohn und ich bekomme eine
bildhübsche und steinreiche Frau Leutnant ins Regiment wir können beide
zufrieden sein«
    Wieder lächelte der Auditor und Heissenstein war überzeugt man habe ihn zum
besten Die reiche Weinhändlerstochter wurde als eine gute Beute angesehen
einem armen Leutnant der von der Gage lebt wohl zu gönnen Abgekartet war
alles zwischen diesen Leuten und seine Tochter war vielleicht weniger ihr
Opfer als ihre Mitschuldige 
    »Mansuet« sagte der alte Mann »als ich nach Hause fuhr meinte ich immer
hinter mir herlachen zu hören und ich dachte nicht mehr an Strafe für mein
ungeratenes Kind ich dachte Rache an ihm zu nehmen  Und doch«  er
schluchzte leise und seine Stimme wurde immer schwächer  »hätte sie damals
mein Erbarmen angefleht  hätte sie sich damals an mich gewendet  mein Schmerz
war noch jung  mein Groll hatte sich mir noch nicht so in die Seele
eingefressen wie später  vielleicht hätte ich verziehen  Ich hoffe es von
mir Mansuet dass ich verziehen hätte «
    Der Kranke weinte bitterlich und Weberlein trocknete ihm die Augen mit
einem Tuche und sagte »O ganz gewiss lieber Herr ganz gewiss«
    »Aber sie schrieb nicht« sprach Heissenstein indem er tief aufseufzte »Sie
ließ mich in dem Glauben oder in dem Wahne dass sie mit jenen Leuten
einverstanden sei die meiner spotteten«
    »Es hat niemand Ihrer gespottet« beschwichtigte Mansuet »am wenigsten der
Herr Oberst so etwas kommt nicht vor bei einem braven Ulanen Sie werden sichs
in der Aufregung nur eingebildet haben Und was die Rosa betrifft so meine ich
immer dass sie damals geschrieben hat Bozena wenigstens berief sich in ihrem
ersten Briefe auf ein Schreiben das die junge Frau an Sie gerichtet hatte
gleich nach ihrergleich nach dem Unglück «
    »Nein nein« sagte Heissenstein »ich habe nichts bekommen nicht ein
einziges Wort Ich wartete einen Tag  zwei Tage  Oh sehnlich Mansuet 
Dann war es aus Der Advokat musste ihr schreiben dass sie enterbt und verstoßen
sei  Das wenige das ihre Mutter hinterlassen hatte schickte man ihr«
    Weberlein schüttelte ungläubig den Kopf »Nur das Sie irren  das hätte
ja nicht einmal gereicht die Leutnantskaution «
    »Es reichte auch nicht« flüsterte Heissenstein
    »So mussten sie den armen Haushalt auf Schulden gründen Grausam grausam«
seufzte Mansuet setzte sich auf einen Schemel neben Heissensteins Bett und
verschränkte seine langen unruhigen Finger so fürchterlich fest als wollte er
sie brechen
    Eine Zeitlang schwiegen die beiden Greise Endlich wurde es Tag Mansuet
stand auf löschte die Lampe und beugte sich über seinen regungslos daliegenden
Herrn Der sah ihn fragend an »Das Kind  nicht wahr  die elternlose Kleine
« sprach er
    »Freilich Herr an der wollen wir alles gutmachen« rief Mansuet »Ich bin
jetzt ruhig über Sie lieber Herr und bitte um Urlaub Ich will gehen die
Bozena aufsuchen und ihren Pflegling  wenn Sie es erlauben In acht Tagen bin
ich wieder da«
    »Gehen Sie mein guter Mansuet  bringen Sie mir das Kind meiner Rosa« bat
Heissenstein
    Weberlein küsste die Hand seines Gebieters und Frau Nannette trat ein
    Sie trug einen Schlafrock aus vergilbter Mousseline de laine und auf dem
Kopf ein Häubchen mit meergrünen Bändern Ein fahler Anblick dachte der Kommis
    »Frau« sagte Heissenstein zu seiner Gattin die zärtlich nach seinem
Befinden fragte indem er nach Mansuet hinsah »Er will gehen Bozena und
Röschen abzuholen  Du hast doch nichts dagegen«
    Nannette biss sich auf die Lippen und antwortete mit der Versicherung sie
wolle sogleich das Frühstück besorgen und freue sich dass ihr Mann gut
geschlafen habe man sehe es an seinen frischen Augen Mansuet meinte im
stillen dies sei eine kühne Behauptung denn jene Augen waren eingesunken und
ihre müden Lider halb geschlossen
    »Ich nehme gleich hier von Ihnen Abschied meine Gnädigste« sprach
Weberlein »noch vor Mittag will ich fort«
    »Wozu die Eile« erwiderte Nannette »Wozu überhaupt « sie stockte 
»Bozena findet ohne Sie ihren Weg«
    »Ich empfehle mich meine Gnädigste« sagte Mansuet mit vor Zorn bebender
Stimme und wie aus dem Rohr geschossen flog er zur Tür hinaus
    Aber nachdem er seinen Koffer bereits aufgegeben und seinen Platz im
Poststellwagen bezahlt hatte trat er den breitkrempigen Hut à la Wallenstein
und einen außerordentlich großen Regenschirm in den Händen ohne sich anmelden
zu lassen in Nannettens Gemach
    »Gnädigste« sagte er und jedes seiner Worte war scharf wie ein
Rasiermesser »ich hoffe in Bälde die Enkelin des Herrn einführen zu können in
ihr väterliches Haus Dann wird dieselbe in die Rechte ihrer Mutter eingesetzt
werden Durch Sie selbst Gnädigste Aus Ehrgefühl um der Achtung Ihrer
Mitbürger willen um des Seelenfriedens Ihres Mannes willen werden Sie es tun«
    Nannettens Nase immer das erste und meistens das einzige das in ihrem
Gesichte errötete brannte wie eine glühende Kohle
    »Ich werde tun was meinem Gatten recht ist« sprach sie »nicht mehr nicht
weniger«
    »Alles was Sie tun ist recht« rief Mansuet »nämlich ihm« verbesserte 
oder vielmehr verschlechterte  er sich und seine Sache
    »Was ich darf wird geschehen«
    »Was Sie wollen wird geschehen«
    »Wollen  dürfen  für mich Herr Weberlein eines und dasselbe« Nannettens
Busen hob sich sie atmete schnell »Ich bitte missverstehen Sie mich nicht Mir
liegt« sprach sie nachdrücklich »an der Achtung der Menschen und an dem
Seelenfrieden meines Gatten Aber  die wohlgeratene und die ungeratene Tochter
es ist ein Unterschied Ich sehe nicht ein warum das Kind dafür belohnt werden
soll dass seine Mutter  davongelaufen ist«
    »O Frau Prizipalin« rief Mansuet zugleich beschwörend und drohend »tun Sie
Ihre Schuldigkeit«
    »Vor allem will ich meine Schuldigkeit tun gegen meine Tochter« erklärte
Nannette »Elternpflicht ist die erste Pflicht«
    Mansuet trat einige Schritte zurück
    »O Frau Prinzipalin« wiederholte er und fuhr nach kurzer Pause mit einem
wahrhaft teuflischen Lächeln fort »Wenn ich bedenke wie viele große Verbrechen
und wie viele kleine Schändlichkeiten schon im Namen der Elternpflicht begangen
wurden und täglich begangen werden dann danke ich meinem Gott dass die Nötigung
zu solcher Pflichterfüllung niemals an mich herangetreten ist und dass ich
sterben darf ohne Progenitur«
 
                                       10
Vier Wochen nach Weberleins Abreise erschien ein Brief von ihm aus Arad Er
meldete darin dass es ihm noch nicht gelungen sei eine Spur von denen die er
suchte aufzufinden Er bat einen Aufruf an Bozena der sie dringend zur
Rückkehr nach Weinberg auffordere in allen österreichischen Blättern zu
veröffentlichen
    »Das wäre doch ein Skandal« bemerkte Regel
    Nannette ehrte die feinen Empfindungen ihrer Tochter und sooft Heissenstein
sagte »Den Aufruf gute Frau hast du dafür gesorgt dass der Aufruf in die
Zeitungen komme  durch Wenzel nicht wahr Du brauchst es ihm nur aufzutragen
 hast du es getan Liebe«  so oft wandte sie verlegen den Kopf und
erwiderte »Morgen soll es geschehen«
    Und jedesmal nickte ihr Heissenstein freundlich dankend zu und sagte »Wenn
der Aufruf gedruckt sein wird möcht ich ihn lesen«
    Er äußerte auch manchmal den Wunsch sich mit Wenzel zu beraten  wegen
seines Testamentes Aber der Arzt hatte nachdrücklich verboten irgend jemand
vorzulassen mit dem der Kranke von Geschäften sprechen könnte und Nannette
musste dem Advokaten den Eintritt verweigern  so weh es ihrem zartfühlenden
Herzen auch tat Übrigens war es Heissensteins Sache nicht mehr auf einem
Wunsche zu bestehen derselbe war meist im Augenblicke vergessen in dem er
entstanden war
    Das Jahr neigte sich zum Ende und mit ihm das Leben des kranken Greises
Seine Gedanken begannen in Verwirrung zu geraten er unterschied nicht mehr
zwischen seinen Einbildungen und der Wirklichkeit Täglich erzählte er
Schimmelreiter seine Enkelin werde nun bald kommen Und gewöhnlich gab er dem
Kommis die Versicherung die bevorstehende Freude verdanke er seiner Frau die
alles veranstaltet habe zu Bozenas Heimkehr
    »Und Bozena bringt mir das Kind« flüsterte der Kranke geheimnisvoll »Meine
Frau hat einen Aufruf in die Zeitung setzen lassen lesen Sie mir ihn vor ich
ersuche Sie«
    Schimmelreiter hatte von einem Aufrufe nichts gehört denn der Brief
Mansuets war ihm vorenthalten worden Ratlos was er tun oder sagen sollte
griff er dann nach einem Zeitungsblatte und murmelte einige Worte denen der
Greis jedoch von seinen Träumen befangen keine Aufmerksamkeit mehr schenkte
    Er lag ruhig tage und nächtelang die Augen nach der Tür gerichtet und
sagte von Zeit zu Zeit »War das nicht Bozenas Schritt  Mir ist als hörte ich
sie kommen«
    Bittend erhob sein Blick sich zu Nannette »Es sollte ihr doch jemand
entgegengehen Vielleicht weiß sie nicht mehr den Weg«
    Diese Sehnsucht ihres Mannes nach dem Kinde seiner pflichtvergessenen
Tochter war Nannetten sehr peinlich und Regel gab zu verstehen dass sie sich
verletzt fühle und gehofft habe ihrem Vater mehr zu sein
    Um Neujahr erhielt Schimmelreiter einen Brief von Mansuet aus Klausenberg
Dort war Weberlein vier Wochen lang krank gelegen hatte aber trotzdem »keine
Minute« den Zweck seiner Reise aus dem Auge verloren Er hatte geschrieben
viele Erkundigungen eingezogen viele Boten ausgesendet und schließlich so viel
erfahren dass er meine dermalen die Vermutung aussprechen zu können Bozena sei
mit dem Kinde auf dem Heimwege begriffen Freilich dürfte sie »ohne einen Knopf
Geldes« sein »Sie wird wohl« so schloss Mansuets seltsame Epistel »keine
andern Postpferde in Ungelegenheit versetzen als die beiden die jedem Menschen
angewachsen sind Da heißt es hü sagen zum rechten und hot zum linken Fuß Aber
finalemang und wenn es schon nicht anders ist Die Bozena hats unternommen
die Bozena bringts zustande Was mich bei der Sache bis aufs Blut beißt und
wurmt das ist dass die alte Schermaus Hypudaeus arvalis das schädlichste
Nagetier am Ende doch recht behält und dass ich ebensogut getan hätte hinter
dem Ofen sitzenzubleiben als mich hier an der Szamos und an der großen Kükülü
herumzutreiben bis ich ein Fieber auf dem Buckel und die Nachricht in der
Tasche hatte dass die Vögel auf die ich fahnde ausgeflogen sind«
    Schimmelreiter hütete sich wohl Frau Heissenstein von dem Inhalte dieses
Briefes auch nur ein Wort zu verraten Sie hatte am Morgen eine Unterredung mit
dem Arzte gehabt der äußerst besorgt war und erklärte die Kräfte des Kranken
schwänden in bedenklicher Weise Mit aller möglichen Schonung machte Nannette
ihre Tochter mit diesem Ausspruche des Arztes bekannt Regula blieb dabei gefasst
und stark Wie immer bemüht ihre Mutter aufzurichten sagte sie »Sonderbar
eben heut ist mir der Vater wohler vorgekommen«
    Nannette jedoch war nicht zu beschwichtigen Ruhelos wie ein Perpendikel
bewegte sie sich zwischen ihrem und dem Zimmer des Kranken hin und her Regula
ersuchte sie mehrmals sich nicht aufzuregen was keinem Menschen nütze ihr
selbst aber schädlich sei Sie gab ihrer Mutter den Rat ein wenig auszugehen
frische Luft kalmiere die Nerven Dieser Aufforderung Folge leistend trat Frau
Heissenstein langsam vor den Spiegel und setzte mit angenommener Gelassenheit und
Sorgfalt ihren Hut auf Da kam die Magd hereingestürzt und rief sie zu dem
Kranken den plötzlich eine Ohnmacht angewandelt hatte
    Nannette und ihre Tochter eilten nach Heissensteins Zimmer Die Wärterin und
Schimmelreiter waren damit beschäftigt ihn zu laben 
    Einen Blick auf die verfallenen Züge ihres Mannes und Nannette rief
schaudernd der Magd und dem Diener zu »Den Arzt  Den Priester « Jene
rannten davon und ließ in der Bestürzung das Haustor geöffnet stehen
    Und in diesem Augenblicke kam über den großen Platz geschritten eine hohe
Frauengestalt in schadhaften die Spuren langer Wanderung tragenden Gewändern
Sie hielt sorgfältig in ein Tuch gehüllt ein schlafendes Kind in ihren Armen
Müden Schrittes schleppte sie sich auf das alte Haus zu und klomm langsam die
Treppe empor Ihr Gesicht verklärte sich als sie an dem dunkeln Getäfel des
Eingangs hinaufblickte ihr Auge grüßte die wohlbekannten Räume Wie neu belebt
durchwanderte sie die lange Zimmerreihe und stand endlich hochklopfenden
Herzens vor dem Schlafgemach ihres alten Gebieters Drinnen das Hinundhereilen
hastiger Schritte ein ängstliches Fragen und Flüstern das schwere Ächzen eines
Kranken Sie stieß die Tür auf und trat ein
    Mit Schrecken und Staunen richteten sich die Augen aller Anwesenden auf das
fremde Weib abwehrende Hände streckten sich gegen sie aus und plötzlich
kreischte eine dünne Stimme wie in Todesangst »Bozena«
    »Bozena« wiederholte tonlos und keuchend eine zweite Stimme aus der Tiefe
des Zimmers und von Nannette und Regel unterstützt richtete eine
Greisengestalt sich in den Kissen des Lagers auf
    »Herr« antwortete die Gerufene mit einem Schrei des Schmerzes über ihn
über den Jammer seines Anblicks und kniete an der Schwelle nieder
    »Näher  näher« flüsterte er und Bozena ihre letzte Kraft aufbietend
erhob sich trat heran setzte das Kind auf das Fussende des Bettes und brach
zusammen
    Niemand dachte daran ihr Hilfe zu bringen wie versteinert standen alle
    Der Kranke aber sah das Kindlein an lange lange  liebevoll Es war klein
für seine Jahre und von einem solchen Ebenmass der Glieder dass jede seiner
Bewegungen dem Auge schmeichelte wie sichtbar gewordener Wohllaut Gesundheit
blühte auf seinen zarten rosig angehauchten Wangen und Fülle des Lebens sprach
aus den leuchtenden Augen mit denen es die fremde Umgebung anstaunte zwischen
Lachen und Weinen
    Endlich wandte der Greis den Blick von dem Kinde ab und richtete ihn auf
seine Frau  unsäglichen Dankes voll Und Nannette erbebte bis ins Mark als
dieser schon halb erloschene Blick sie traf und als der sterbende Mann zu ihr
sprach »Dieses Glück  ich danke es dir Sei dafür gesegnet«
    Ein Schatten glitt über sein Gesicht »Die Verwaiste « hauchte er und
eine schwere Träne rollte ihm die Wange entlang Plötzlich raffte er sich auf
ein Funke der alten Kraft wurde lebendig in ihm er erhob das Haupt und wandte
es gegen Regula  Seine Hand die so lange bewegungslos gewesen deutete auf
das Kind »Deine heiligste Pflicht« rief er gebieterisch seiner bleichen
Tochter zu  »Verstehst du mich «
    Damit sank er zurück Einmal noch hob sich seine Brust  und er hatte
ausgelitten
 
                                       11
Der Poststellwagen der Mansuet nach Weinberg zurückbrachte fuhr im selben
Augenblick durch das Tor in dem der stattliche Zug der Heissenstein zur letzten
Ruhestätte geleitete sich nach dem Friedhof in Bewegung setzte Als Weberlein
das alte Haus betrat da hatten sie soeben seinen toten Herrn daraus
fortgeführt
    In grenzenloser Bestürzung vernahm der Kommis diese Kunde Er war zu spät
gekommen Er hatte dem Greise nicht mehr die Hand drücken ihn nicht mehr fragen
können »Was ist geschehen für Ihr Enkelkind«
    In wilder Eile rannte Mansuet nach dem Gottesacker Die kirchliche Zeremonie
war noch nicht beendet als er dort anlangte er durchbrach die versammelte
Menge und drängte sich bis an die Stelle vor von der herüber er Lichter
schimmern und bläuliche Weihrauchwolken in die klare Winterluft aufsteigen sah
Noch war das Grab nicht geschlossen über seinem Gebieter Neben dem betenden
Priester auf den Arm des Grafen Ronald gestützt stand Nannette mit verstörtem
Angesicht und kaum fähig sich aufrecht zu halten An ihrer Seite Regula ruhig
steif die herben Lippen fest geschlossen Und hinter ihr sie hoch überragend
 Wer  O Himmel  gütiger  Wer Es ist die große es  war die schöne
Bozena An ihrer Hand ein kleines holdes Geschöpf  Mansuet muss alle Kraft
aufbieten um nicht laut einen teuren Namen auszurufen Röschen tönt es in
seinem Innern mit wehmütigem Jubel
    Während des Schlusses der traurigen Feier verwendete er kein Auge von dem
Kinde und als alles vorüber war und die anwesenden Bekannten sich um Nannette
und Regula drängten um ihnen ihr Beileid zu bezeigen näherte er sich Bozena
bei der nur Schimmelreiter allein stehengeblieben war Sie begrüßte ihn mit
einem ernsten Kopfnicken und er dem das Herz doch weich zum Schmelzen war
pflanzte sich vor sie hin starr und eckig wie eine Feuerkieke und sagte
nachdem er die Freundin lange betrachtet »Haben sich sehr verändert«
    »Bin grau geworden« erwiderte Bozena zog das kleine Röschen das sich ganz
und gar eingewickelt hatte in die Falten ihres Rockes aus seinem Verstecke
hervor und hob es in ihren Armen auf
    »Nicht gerade grau vielmehr pfeffer und salzfarbig« sprach Mansuet und
als Bozena ihn darauf versicherte er hingegen sehe gerade noch so aus wie vor
sieben Jahren antwortete er gleichgültig »Die Leute behauptens«
    Schimmelreiter hat später oft erzählt Mansuet sei ihm damals merkwürdig
affektiert vorgekommen Man habe ihm einen schweren Kampf zwischen Schmerz und
Freude und zugleich das Bestreben angesehen nicht mehr davon zu verraten als
er für vereinbar hielt mit seiner Manneswürde
    »Ich bin aber« nahm Bozena nach einer Pause das Wort »noch so rüstig wie
je und ich bitte Sie sagen Sie das der Frau Was ihr zwei andere Mägde
leisten das leiste ich allein und betreue nebstbei das Kind es soll ihr keine
Ungelegenheit machen solange ich da bin Ich bitte Sie Herr Mansuet legen Sie
ein gutes Wort für mich ein damit man mich bei dem Kinde lässt«
    »Ganz überflüssig« antwortete der Kommis »die Frau wird Sie gern behalten
die kennt ihren Vorteil«
    Sie waren langsam hinter der Menge die sich nach allen Richtungen verlief
hergeschritten und traten nun aus dem Friedhofe Mansuet schielte immerfort nach
dem Kinde das ihn das Köpfchen an Bozenas Hals geschmiegt so schelmisch
anblinzelte wie die Augen eines sechsjährigen Mädchens nur immer vermögen
    »Werden Sie« fragte der Kommis »das Kind noch lange so herumschleppen«
und setzte sich an Röschen wendend mürrisch hinzu »Weißt du wohl dass es eine
Schande ist sich tragen zu lassen wenn man so alt ist wie du«
    »Es liegt viel Schnee« meinte Bozena entschuldigend »und sie ist nicht
schwerer als eine Puppe«
    »Mag sein« entgegnete Mansuet »Was haben Sie nur an der aufgezogen«
    »Klein ist sie das ist wahr« sagte Bozena
    »Und stumm auch« sagte Mansuet
    Da brach das Kind in schallendes Gelächter aus und rief so laut es konnte
»Ich bin nicht stumm  und gehen kann ich auch  Und ich will jetzt laufen
Bozena Du kannst den kleinen schlimmen Mann auf den Arm nehmen damit er wieder
gut wird«
    Bozena war sehr erschrocken über diese unpassende Äußerung ihres Zöglings
und gebot ihm Schweigen Zu Mansuet aber sprach sie »Ich hoffe Sie können
nicht bös sein auf ein dummes Kind«
    Worauf er großartig erwiderte »Lassen Sie sich nicht auslachen«
    Schimmelreiter jedoch küsste wie verzückt das über Bozenas Schulter
herabhängende Händchen der Kleinen Schweigend langte die Gesellschaft zu Hause
an Unter dem Tore setzte Bozena ihre leichte Bürde ab sie blieb stehen
kreuzte die Arme und hielt eine Weile die Augen stumm auf das gegenüberliegende
Haus gerichtet
    »Wer wohnt jetzt dort« fragte sie endlich mit Überwindung
    »Gar viele Leute« antwortete Mansuet »wir haben ja Wohnungsnot in
Weinberg Der Kreishauptmann der Herr Graf ist im Jahre achtundvierzig
fortgekommen Und unser Bekannter sein Jäger«  Mansuet wandte den Kopf und
heftete den Blick so fest auf einen der steinernen Torpfeiler als ob sich dort
etwas Unerhörtes begäbe  »der hat die Kammerjungfer der Gräfin geheiratet und
ein Revier gekriegt hier in der Nähe «
    »Hier in der Nähe« wiederholte Bozena
    »Ist aber längst nicht mehr da hat selbständig nicht gut getan heißt es«
fuhr Mansuet fort »So schickte ihn sein Graf auf eines der großen Güter die er
in Böhmen besitzt Dort lebt der Bernhard unter der Zucht des Oberförsters der
keinen Spaß versteht  verstehen soll Soll  das alles weiß ich ja nur vom
Hörensagen «
    »In Böhmen also« sagte Bozena leise vor sich hin
    »Ja ganz hoch oben Es heißt auch er sei öfter betrunken als nüchtern
aber ich will ihm nichts Übles nachreden Es heißt er prügle seine Frau nun
das ist ihre Sache Ein Wunder wärs übrigens nicht Das verwöhnte Jüngferchen
passt auf keinen Fall für ihn Der hätte ein tüchtiges Weib gebraucht das ihm
den Daumen aufs Auge setzt«
    Ein Bote von Frau Heissenstein der Mansuet und Schimmelreiter nach dem
Gesellschaftszimmer beschied wo ihnen das Testament von dem sie noch keine
Kenntnis hatten vorgelesen werden sollte unterbrach dieses Gespräch Die
beiden Kommis empfahlen sich und folgten dem Rufe der Gebieterin
    Als sie eintraten fanden sie Nannette auf das eifrigste  Mansuet
behauptete auf das zudringlichste  bemüht den Grafen Ronald zurückzuhalten
der sich verabschieden wollte Sie gab ihm mit einem süßsäuerlichen Lächeln zu
verstehen dass es gefühllos wäre die Hinterbliebenen eines ihm befreundeten
Mannes in solcher Eile zu verlassen
    Ronald ließ sich endlich überreden und blieb vermochte aber nicht zu
verbergen wie unpassend ihm seine Anwesenheit im Hause in diesem Augenblicke
erschien
    Man setzte sich um den Tisch Doktor Wenzel verlas das Testament
Heissensteins
    Der Verstorbene ernannte darin seine einzige Tochter Regula Heissenstein
zur Universalerbin seines ganzen Vermögens Die Nutzniessung desselben verblieb
lebenslänglich seiner getreuen Gattin Frau Nannette Heissenstein Einige
ansehnliche Legate waren ausgesetzt Schimmelreiter war reichlich Mansuet
fürstlich bedacht Ihm wurde überdies im ebenerdigen Geschoss des Hauses eine
Wohnung für die Dauer seiner ganzen Lebenszeit zur freien Verfügung gestellt
Mit warmen Worten sprach Heissenstein von dem »treuesten Diener« er empfahl
seiner Frau und seiner Tochter ihn hoch in Ehren zu halten und ohne seinen Rat
nichts Wichtiges zu beschließen
    Während Doktor Wenzel diesen Absatz des Testamentes salbungsvoll vortrug
schien Mansuet immer kleiner zu werden und sank zuletzt so tief in sich
zusammen dass sein vornübergebeugter Kopf in eine Linie mit dem Tischrande zu
stehen kam und keiner von den Anwesenden sein Gesicht sehen konnte
    Einige Verfügungen zugunsten der Armen der Stadt folgten zuletzt kam die
Anordnung das Geschäft des Kaufmanns nach seinem Tode sogleich aufzulösen und
das Verbot die Firma unter was immer für Bedingungen zu veräussern Mit
Leopold Heissenstein habe das Handlungshaus zu bestehen aufgehört Das Testament
war vor sieben Jahren verfasst und seither auch nicht ein Wort daran geändert
nicht das kleinste Kodizill beigefügt worden
    Eine Stunde später empfahl sich Graf Ronald bei den Damen Mansuet und
Schimmelreiter begleiteten ihn bis an den Wagen und machten dann einen weiten
Spaziergang auf der Landstraße Erst bei sinkender Nacht kamen sie heim Sie
waren die ganze Zeit hindurch fast stumm nebeneinander hergegangen
    Jetzt als sie schon unter das Haustor traten sprach Schimmelreiter »Ja
ja Sie sind nun eine glänzende Partie und ich bin eine sehr annehmbare«
    »Was sind Sie« fragte Mansuet
    »Eine annehmbare Partie« wiederholte Schimmelreiter und zupfte sich an dem
dünnen borstigen weitabstehenden Barte Er sah mit seinem runden Gesichte
seiner flachen Nase und seinen großen Augen einem Seehunde ähnlicher denn je
    »Besonders Ihre fünfundfünfzig Jahre werden die Frauenzimmer locken« sprach
Weberlein wegwerfend
    »Ich wünsche mir keinen Backfisch« rief sein Kollege eifrig und fügte nach
einer Pause während der Mansuet ihn spöttisch von der Seite ansah stockend und
in großer Verlegenheit hinzu »Diejenige welche  ist bereits mittelalterlich«
    Aber schon im nächsten Augenblicke wollte er wie Lazarillo lieber
gestorben sein als diese Rede ausgesprochen haben denn er hörte neben sich ein
derart schneidendes »So« als hätte eine Schlange es gezischt Der kleine
Mansuet fuhr mit beiden Händen in die Taschen seines Rockes hob sich so hoch
er konnte auf den Fußspitzen empor und sagte dem großen Schimmelreiter trocken
in den Bart hinein »Beruhigen Sie sich  Diejenige nimmt Sie nicht« Mit
diesen Worten wandte er sich und war so rasch verschwunden als hätte ihn der
Boden verschlungen
    Während sich dieses zu ebener Erde ereignete saßen im düsteren Speisezimmer
des ersten Stockes Nannette und ihre Tochter beim Abendessen Regula hatte
keinen Appetit und machte schon zum zweitenmal die Bemerkung dass Graf Ronald
ein angenehmer aber doch gar stiller und schweigsamer junger Mann sei Mit ihr
zum Beispiel habe er keine Silbe gesprochen
    Nannette legte das Stückchen Brot das sie eben im Begriffe war in den Mund
zu stecken auf den Tisch betrachtete es eine Weile tiefsinnig und sagte indem
sie einen fast schalkhaften Blick auf ihre Tochter warf nichts könnte mehr für
ihn sprechen als  dass er nicht gesprochen habe
    In ihrem Zimmer im zweiten Geschosse des Hauses saß Bozena bei einer
flackernden Kerze und nähte an einem Kinderkleidchen Neben ihrem großen Bette
stand ein kleines das einst Rosa gehört hatte als diese noch ein Kind war
Jetzt schlief ihr verwaistes Töchterchen darin Sie selbst aber und ihrer
gedachte Bozena in dieser Stunde sie schlief am Fuße des Negoi in einem
stillen Alpentale im fernen Grabe Dort ruhte sie umsungen von den
geheimnisvollen Liedern des Sturmes umhüllt von der schimmernden Decke des
Schnees für alle tot nur lebend noch in der Erinnerung einer armen Magd und in
den Träumen eines schlafenden Kindes
Mansuet hatte recht gehabt Nannette hütete sich wohl Bozena zu entlassen
    Sie war viel zu klug um sich über ihre geringe Befähigung zur Ausübung des
Hausfrauenberufes zu täuschen und dass Regel in diesem Punkte in ihre Fusstapfen
trat wusste sie ebenfalls So konnte ihr nichts willkommener sein als Bozenas
tätige und umsichtige Hilfe Und nicht nur praktischen auch moralischen Vorteil
schaffte deren Gegenwart Dass Frau Heissenstein das Kind und die Magd der
entlaufenen Stieftochter die ihr eigener Vater verstoßen aufgenommen hatte
erregte die Bewunderung der ganzen Stadt Sich ein Verdienst aus einer Handlung
machen die ihr zum Nutzen gereichte wie entsprach das Nannettens Neigungen
    Bozena trachtete »der Frau« das kleine Röschen soviel als möglich aus den
Augen zu schaffen denn sein Anblick berührte die Stiefgrossmutter sehr
unangenehm Um keinen Preis jedoch hätte Bozena zugegeben dass es auch nur
einmal heißen könne sie habe dem Kinde zuliebe das geringste im Dienste
Nannettens oder Regulas versäumt So traf es sich dass infolge einer
schweigenden Übereinkunft zwischen der Magd und ihrem alten Gönner dieser sehr
oft die Stelle einer Wärterin und eines Hofmeisters bei der Kleinen versah Er
weihte sie in die Geheimnisse des Lesens und Schreibens ein lehrte sie die
Volkshymne singen führte sie sonntags zur Kirche und war täglich in der
Mittagsstunde mit ihr auf der Promenade zu sehen Und wie stolz schritt er da
neben ihr einher So schreitet nur noch ein ruhmbedeckter Kanonier neben der
schönen Köchin seines Herzens Der sechzigjährige Mansuet lebte auf in der Liebe
zu Röschen diese neue Leidenschaft stellte sogar seine alte Neigung für Bozena
in den Schatten Ja ja  es ist nicht zu leugnen allmächtig wirkt der Reiz der
Jugend unwiderstehlich der Zauber der Anmut er bezwingt selbst die gefeite
Seele und »ein gebrechlich Wesen ist«  der Mann
    Woche um Woche verging Monat um Monat Im Hause Heissenstein wurde es immer
stiller denn seine Gebieterin kränkelte und siechte dahin Tiefe Melancholie
hatte sich ihrer seit dem Tode ihres Mannes bemächtigt »Er zieht sie nach«
sagten die Leute Sie nahm sichtbar ab wenn man sie aber fragte ob sie sich
krank fühle erwiderte sie fast erschrocken sie habe sich niemals besser
befunden Der Arzt meinte ihre Nerven seien angegriffen der herannahende
Frühling der häufige Aufenthalt in freier Luft werde sie herstellen Der
Frühling kam doch brachte er keine Veränderung im Befinden Nannettens herbei
Sie litt an Schlaflosigkeit sie fieberte
    Eines Tages ließ sie Doktor Wenzel rufen und ersuchte ihn alle gesetzlichen
Schritte einzuleiten um Regula die im Begriffe stand in ihr zwanzigstes Jahr
zu treten grossjährig sprechen zu lassen Nannette sah der Erfüllung dieses
Wunsches mit einer Ungeduld entgegen die wohl verriet dass sie keineswegs so
ruhig über ihren Gesundheitszustand war wie sie vorgab Was sie quälte war
aber nicht die Furcht vor dem Tode sondern eine peinliche Erinnerung von der
sie sich vergeblich loszumachen suchte Sie wurde was sie niemals gewesen war
zerstreuungsbedürftig und zu gleicher Zeit außerordentlich fromm Sie brachte
trotz aller Warnungen des Arztes der die größte Schonung empfahl ihre Tage
damit zu ihre Bekannten und die Kirchen zu besuchen Erschöpft oder aufgeregt
kehrte sie heim niemals jedoch aufgeregter als wenn sie aus dem Beichtstuhle
kam An solchen Tagen wirkte der Anblick Röschens wie der eines Schrecknisses
auf sie Niemand konnte sich das erklären nur Bozena sagte zu Mansuet sie
verstehe es wohl Bozena war übrigens die Vorsicht selbst niemals kam ein Wort
über ihre Lippen das auch nur dem Schatten eines Vorwurfs gegen »die Frau«
geglichen hätte
    Der Arzt fand endlich einen Namen für Nannettens Krankheit er nannte es ein
Zehrfieber und erteilte seiner Patientin den Rat nach der Schweiz zu reisen
    »Werde ich dort gesund stehen Sie mir dafür« fragte sie und rief als er
eine ausweichende Antwort gegeben hatte »Schon gut schon gut Lassen Sie mich
zu Hause « Sie vollendete den Satz nicht warf einen feindlichen Blick auf
den Arzt und entließ ihn
    Er ging durchdrungen von Bewunderung für die starkmütige Frau und sorgte
für die Verbreitung ihres Ruhmes
    Sobald Regula grossjährig erklärt worden war eröffnete ihre Mutter eine
lebhafte Korrespondenz mit der Freiin von Waffenau in der viel von dem Grafen
Ronald die Rede war Er selbst ließ sich nicht blicken
    Nebst den geselligen Verpflichtungen und den frommen Übungen die sie sich
auferlegt hatte nahm die Abwickelung der Erbschaftsangelegenheit und die
Auflösung des Heissensteinschen Geschäftes die Witwe in Anspruch Sie entfaltete
eine staunenswerte Tätigkeit sie wollte vom kleinsten Detail selbst Kenntnis
nehmen sie ließ sich täglich durch Wenzel Bericht erstatten verhandelte mit
Mansuet beriet sich mit Schimmelreiter den sie zu ihrem Sekretär ernannt
hatte
    Aber seltsam all die Interessen die sie mit so großem Eifer betrieb
füllten ihre Seele nicht aus Ein rätselhaftes Etwas ein Gedanke nie
ausgesprochen immer zurückgewiesen immer wiederkehrend ein quälender Mahner
und Bedränger hielt sie in seinem Banne Mitten im Gespräche überkam es sie
plötzlich fasste sie mit unsichtbaren Händen und in ihrer Kehle erstarb der
Laut auf ihrer Zunge das Wort Ihr glanzloses Auge irrte unstet und ohne Blick
umher in peinvolles Sinnen versunken schien sie der Gegenwart und allem was
sie umgab entrückt
    Einmal geschah es dass Nannette in einer Anwandlung dieser Art sich rasch
erhob geschäftig zu ihrem Schranke eilte ihn öffnete und unbeweglich vor ihm
stehenblieb Ihre Hände sanken herab 
    »Mutter« rief Regula nicht eben liebevoll »was ist Ihnen was suchen
Sie«
    Nannette wandte sich ihr zu wie traumverloren mit dem Gesichte einer
Nachtwandlerin »Den Brief« flüsterte sie »um ihn zu verbrennen Aber  er ist
schon verbrannt«
    »Welchen Brief Mutter«
    Nannette legte den Finger auf ihren Mund sah ängstlich um sich und sprach
»Schweigen Schweigen«
    Kurze Zeit darauf fand Regula die bleiche Frau im Halbdunkel in der Mitte
des Zimmers stehen regungslos wie eine Wachsfigur stierte sie vor sich nieder
und ihre aufrechte Haltung bildete einen unheimlichen Gegensatz zu dem Ausdruck
tödlicher Erschöpfung in ihrem Angesichte Regula näherte sich ihr und fragte
mit leisem Grauen »Mutter woran denken Sie«
    Die Angerufene erschrak ein Schauer rieselte durch ihren Körper als sie
das Auge erhob und ihre Tochter erkannte beugte sie sich ganz nahe zu ihr und
sagte ihr ins Ohr »An den letzten Blick des Sterbenden«
    »Beruhigen Sie sich beruhigen Sie sich Sie sind aufgeregt« ermahnte
Regula führte Nannette zum Sofa und nötigte sie sich zu setzen
    »Ich bin nicht aufgeregt liebes Kind« erwiderte die Kranke in kaltem Tone
und verzog die Lippen zu einem schwachen Lächeln »Ich überlege nur wie schade
es ist dass ich mich damals gegen die Reise Mansuets aussprach und dass ich jenen
Aufruf nicht veröffentlichen ließ Es wäre dadurch nichts verdorben worden es
wäre trotzdem alles gekommen wie es kam und  wie edel hätten wir gehandelt«
    »Es kann uns auch jetzt niemand einen Vorwurf machen« meinte Regula
    Nannette schwieg eine Weile dann sagte sie »Und der Dank des Sterbenden
mein Kind  wäre er dann nicht gerechtfertigt gewesen«
    »Scheinbar Mutter« sprach Regula Sie begriff diese seltsame Reue nicht
    Frau Heissenstein legte ihre Hand auf die Hand ihrer Tochter »Scheinbar 
Unterschätze nie den Wert des Scheines Schein ist alles was sich nicht
greifen nicht mit Ziffern berechnen nicht mit der Waage wägen lässt Ehre
Ansehen vor der Welt  guter Name  wo läge da zwischen Schein und Wesen die
Grenze  Scheine achtungswert  du bist es« fügte sie mit etwas erhobener
Stimme hinzu und Regula wusste ihr nichts zu antworten als »Sie sind so eigen
Mutter«
    Es wurde immer schlimmer mit Nannette Der Arzt erzählte jedem der es hören
wollte im Vertrauen sie werde schwerlich den Herbst überleben Regula diese
traurige Mitteilung zu machen fehlte ihm teils der Mut teils die Gelegenheit
Sie wich ihm ängstlich aus sie fragte ihn höchstens im Vorbeieilen »Es geht
besser nicht wahr« und schlüpfte hinweg ohne seine Antwort abzuwarten Ihr
lag vor allem daran sich so lange als möglich über das bevorstehende Unglück zu
täuschen musste es kommen so wollte sie davon überrascht werden Sie war
sparsam mit ihren Gefühlen sie fürchtete  natürlich unbewusst  eine vor der
Zeit geweinte Träne könne auf Kosten der Anstandszähre vergossen worden sein
die im entscheidenden Augenblicke nicht fehlen durfte
    Die Zeit kam in der Nannette das Zimmer nicht mehr verließ es ging rasch
mit ihr zu Ende Sie hatte sich in ihren letzten Lebenstagen ganz an Bozena
geschlossen die kaum mehr von ihrer Seite weichen durfte Wurde ein Besuch
vorgelassen so war es der Kranken angenehm die Dienerin vorstellen und sagen
zu können »Es ist unsere brave Bozena sie hat die Enkelin meines Mannes
zurückgebracht Sie wissen das Kind seiner unglücklichen Tochter«
    Ein Jahr nach dem Tode Heissensteins kämpfte seine Witwe ihren letzten Kampf
Der Arzt erklärte eines Abends er werde die Nacht im Hause zubringen Regula
schlich still und verstört umher immer nur bemüht sich zu fassen Sooft sie an
das Bett ihrer Mutter trat winkte diese sie hinweg »Denn« flüsterte die
Kranke Bozena zu »es greift sie zu sehr an«
    Wie auf eine schweigende Verabredung versammelten sich die Hausgenossen
gegen zehn Uhr im Zimmer das an Frau Nannettens Schlafgemach stieß Die Lampe
stand auf dem Tische auf dem Kanapee saß Regel häkelte an etwas sehr Feinem
und Kunstvollem und musste immerfort Maschen zählen Zu ihrer Rechten hatte der
Doktor Platz genommen beide Arme auf die Lehnen seines Fauteuils gestützt und
betrachtete mit wohlgefälliger Aufmerksamkeit seine wie zur allgemeinen
Bewunderung ausgelegten dicken und reich beringten Finger
    Der Geistliche der der Kranken vor acht Tagen auf ihren ausdrücklichen
Wunsch die Sterbesakramente gereicht hatte Mansuet der gekrümmt wie ein
Sprenkel auf einem kleinen Ecksofa saß und Schimmelreiter der bereits ein
wenig schnarchte hielten sich im Hintergrunde des Zimmers
    Um Mitternacht hörte man Nannette laut und eifrig sprechen der Arzt und der
Priester begaben sich zu ihr kamen aber sogleich wieder zurück weil die
Kranke die bei vollem Bewusstsein war allein mit Bozena zu bleiben wünschte
    Mansuet stellte leise dem Doktor eine Frage auf welche dieser für alle
vernehmlich antwortete »Vermutlich bis zum Morgen«
    Er setzte sich wieder in seinen Fauteuil und nickte ein Die andern selbst
der Geistliche ein noch sehr junger Mann der bis jetzt wacker mit dem Schlafe
gekämpft hatte folgten seinem Beispiele
    Es schlug ein Uhr die Lampe begann düsterer zu brennen im Nebenzimmer war
es still geworden Regula lehnte sich zurück sie kreuzte die Arme sie schloss
die Augen Kalte Schauer liefen ihr über den Rücken
    Ich sollte zu meiner Mutter dachte sie ich sollte  Aber sterben sehen
ist fürchterlich sie hat es schon einmal erfahren Und sie zögert und verfällt
endlich in einen unruhigen Schlummer aus dem sie plötzlich auffährt
    Ihr gegenüber steht Bozena totenbleich
    »Meine Mutter stirbt« spricht das Fräulein
    »Sie ist tot« antwortet die Magd mit leiser Stimme »kommen Sie« Sie fasst
die Zitternde Schwankende und von ihr geleitet begibt sich Regula an das
Totenbett ihrer Mutter
    Von den Schläfern war keiner erwacht
    Weder der Arzt noch der Priester wollten es Wort haben dass sie im
entscheidenden Momente nicht auf ihrem Posten gewesen und widersprachen denen
nicht die zu erzählen wussten Nannette sei nach herzzerreissendem Abschied in
den Armen ihrer Tochter gestorben
 
                                       12
Nun waren sie allein die altgeborene Regel die unverwüstlich junge Bozena und
das immer fröhliche Röschen wohl selten würfelt »seine Majestät der Zufall«
größere Kontraste zusammen Beschirmend waltete der Geist Mansuets über dem
seltsamen Kleeblatte Der Alte war dem Fräulein Heissenstein freundlicher gesinnt
seit dem Heimgange Nannettens weil sie nicht mehr unter dem schädlichen Einfluss
ihrer Mutter stände meinte er in der Tat aber nur deshalb weil er sich jetzt
als Regels Beschützer fühlte Trotz all ihres Ernstes all ihrer Weisheit
bedurfte sie seines Rates holte ihn gern ein und befolgte ihn sogar
    »Sie hat Heissensteinsches Blut in den Adern das muss sich nolens volens
dokumentieren« versicherte Mansuet eines Tages Bozena und dem Sekretär »Warten
Sie nur geben Sie nur acht nächstens tut sie etwas für das Kind«
    Aber Schimmelreiter schüttelte zweifelnd den Kopf er sprach »Sie ist nicht
verpflichtet etwas für das Kind zu tun also wird sie auch nichts tun Wie
lautet Ihre werte Meinung« wandte er sich galant an Bozena
    Diese antwortete in der bedachtsamen Weise die sie seit ihrer Rückkehr
angenommen hatte »Ich hoffe auf ihre Großmut«
    »Prosit« sagte Schimmelreiter dem es infolge eifrigen Bestrebens gelungen
war sich einige von Mansuets Redewendungen anzueignen »Leichter pressen Sie
Himbeersaft aus einer Zitrone als eine großmütige Regung aus dieser Seele«
    Bozena schwieg und ließ sich auf keine weitere Erörterung ein
    »Sie widerspricht mir nicht gern« erklärte später der Sekretär
Schimmelreiter mit Selbstgefühl
    Sie widerspricht überhaupt keinem Menschen mehr dachte Mansuet Misstraut
sie uns oder ist ihr alles so gleichgültig geworden dass sie nicht einmal ein
Wort dafür einsetzen mag Was geht in ihr vor  Gott mag es wissen
Nach dem Tode der Frau Heissenstein hatte Graf Ronald ihrer Tochter einen
teilnahmsvollen Brief geschrieben aber gekommen war er nicht All die Arbeit
die er sich aufgebürdet dürfte ihn abgehalten haben meinte Regel muss er doch
die Geschäfte der Beamten versehen die man in Rondsperg entlassen hatte weil
man sie nicht mehr besolden konnte
    Er war jetzt Direktor Rentmeister Förster und Wirtschafter in einer
Person Mit eisernem Fleiße mühte er sich ab um die Armut fernzuhalten von
seinem väterlichen Dache Der alte Graf wollte nicht wissen wie es um seine
Verhältnisse stand Vermochte Ronald es einmal nicht zu verhindern dass ein
ungeduldiger Gläubiger sich an den Greis drängte dann wies ihn dieser an seinen
Sohn der die Leitung der Geschäfte allein übernommen habe Den aber fragte er
mit einer gewissen Schadenfreude wann endlich die Segnungen des von ihm
eingeführten neuen Regimes eintreten würden
    Dass sein Wohlstand für immer entschwunden sei daran vermochte er
ebensowenig zu glauben als an den Bestand der neuen Staatsordnung Rondsperg war
ja ein Juwel Rondsperg besaß ja unerschöpfliche Hilfsquellen Sein Besitzer
konnte durch die Ungunst der Zeiten in augenblickliche Verlegenheiten geraten
aber nicht in dauernde
    Wäre Ronald auch imstande gewesen seinem Vater diesen beglückenden Wahn zu
rauben er hätte es nicht getan dazu liebte er ihn viel zu sehr So setzte er
denn unverdrossen seine vergebliche Arbeit fort Ein Entschluss hätte freilich
das bevorstehende Unheil wenigstens verzögern und dem Sohne einen Teil des
väterlichen Gutes retten können man hätte Rondsperg verpachten müssen Aber bei
dem alten Grafen fand das Wort »Verpachtung« ebensoviel Anklang wie bei jedem
unumschränkten Herrscher das Wort »Konstitution« Ronald sprach es einmal aus
und  niemals wieder
    Regula Heissenstein war von diesen Verhältnissen genau unterrichtet Der
ehemalige Direktor von Rondsperg hatte sich in Weinberg ein nettes Haus gebaut
und lebte dort in behaglichem Wohlstande Er traf Schimmelreiter oft beim
»Grünen Baum« und sprach gern mit ihm von dem Schauplatze seiner einstigen
Taten Er war ein gutmütiger Mann und bewahrte auch den gnädigen Herrschaften
die er fünfundzwanzig Jahre lang soviel es irgend an ihm lag bestohlen hatte
ein freundliches Interesse Dem Sekretär Regulas gegenüber ließ er es an zarten
Winken nicht fehlen welch ein verdienstliches Werk es wäre den braven jungen
Grafen aus aller Not zu retten indem man ihm zu einer reichen Heirat verhülfe
    »Ein Goldfischchen wie das Fräulein Heissenstein das wäre halt was für ihn«
sagte der Direktor mit einem diplomatischen Lächeln
    »Ein adeliger schöner Mann wie der Graf von Rondsperg das wäre was für
sie« erwiderte der Sekretär und schmunzelte auf das verbindlichste
    Die beiden Ehestifter machten einen Überschlag der Kosten die erforderlich
wären um Rondsperg wieder ertragsfähig zu machen die verpfändeten Grundstücke
einzulösen die eingestürzten Wirtschaftsgebäude aufzurichten den fundus
instructus zu erneuern und eine Stunde später teilte schon der Herr Sekretär
seinem Fräulein die Ergebnisse dieser Berechnungen mit Sie nahm seinen Bericht
gleichgültig entgegen wie etwas das sie gar nicht kümmerte begab sich aber
flugs an ihren Schreibtisch und begann sofort auf eigene Hand eifrigst zu
rechnen Sie fand zu ihrer lebhaften Befriedigung dass die Summe um die sichs
handeln würde so ansehnlich sie auch war doch kaum ein Viertel ihres mobilen
Vermögens betrug Dieses Resultat versetzte sie in so gute und unternehmende
Laune dass sie noch selbigen Tages an Ronald schrieb um ihm für die Teilnahme
zu danken die er ihr bei Gelegenheit des Todes ihrer unvergesslichen Mutter
ausgesprochen hatte
    Ihr Brief war mit all der Zurückhaltung verfasst die höchste Wohlerzogenheit
einer jungen Dame einem jungen Herrn gegenüber auferlegt der Stil wie
gedrechselt die Schrift wie gestochen Es war ein Muster von einem Briefe und
konnte nicht verfehlen auf Ronald und seine Eltern denen der Empfänger ihn
doch gewiss mitteilen würde den besten Eindruck hervorzubringen Eine Danksagung
dürfte kaum ausbleiben und Regula nimmt sich vor dieselbe nicht unbeantwortet
zu lassen Die Korrespondenz kommt in Gang es folgt wohl einmal eine
persönliche Begegnung Die Kapitalistin erkundigt sich freundlich nach den
Erfolgen der Tätigkeit des Landwirtes Vertrauen belohnt ihre Teilnahme Sie 
in ausnehmend delikater Weise  bietet Hilfe Er  nicht minder delikat  zögert
anfangs und  gibt endlich nach »Unter einer Bedingung mein Fräulein  die
Hand von der ich annehme muss mein werden«  »O Herr Graf  Sie missverstehen 
Sie verkennen vielleicht die uneigennützige Absicht «  »Kein Wort weiter
Edelste « Sein Schnurrbart ruht auf ihren Fingerspitzen  der Rest ist
Schweigen  Soll und Haben finden sich
    Während Regula von der Eroberung Ronalds träumte träumten alle spekulativen
Junggesellen und alle noch heiratsfähigen Witwer in Weinberg von dem Glück die
Erbin heimzuführen Der eine tat es mit mehr der andere mit weniger Zuversicht
doch kam jedem wenn auch nur in einem Augenblicke des Übermuts der Gedanke
die Heissensteinschen Reichtümer seien bestimmt von ihm eingeheimst zu werden
Regula sah sich bald von einem Heere huldigender Freier umschwärmt die nichts
so emsig suchten als die Gelegenheit ihr Beweise der Ehrfurcht und Bewunderung
zu geben und den heißen Wunsch an den Tag zu legen der Alleinstehenden ihren
Schutz angedeihen zu lassen und sich ritterlich zwischen sie und die
Fährlichkeiten der bösen Welt zu werfen
    Das korrekte Fräulein empfing selbstverständlich keine Herrenbesuche nur an
drittem Orte war sie für ihre männlichen Sklaven zu treffen Um so eifriger
wurde sie von dem weiblichen Anhang ihrer Bewerber von deren zärtlichen
Müttern Schwestern und Basen belagert Diese ließ es nicht fehlen an der
ausbündigsten Schmeichelei und Regel sog dieses gefährliche Gift mit immer
wachsendem Wohlgefallen ein Wie schoss jetzt ihre bereits von Frau Nannette
zärtlich gepflegte Eitelkeit in die Blüte Wie trugen die Verhältnisse dazu bei
ihren Durst nach Lob zu erhöhen Sie war die unumschränkte Herrin ihrer werten
Person es galt nicht erst einen bärbeissigen Vater eine launische Mutter einen
einflussreichen Verwandten zu gewinnen um sich der Ersehnten nahen zu dürfen
Kein Ausdruck der Ergebenheit ging unterwegs verloren jedes überschwengliche
Wort gelangte unmittelbar an seine richtige Adresse der Duft jedes
Weihrauchkörnleins das ein frommer Beter um Regulas Minnesold zu verbrennen für
gut fand wurde von der Göttin selbst eingezogen
    Ein Jahr nach dem Tode ihrer Mutter konnte Regula schon ebenso viele Briefe
als seitdem Tage verflossen waren in die Lade legen in der sie ihre teuersten
Erinnerungen verwahrte Und alle diese Briefe enthielten mehr oder minder
unumwunden ausgesprochene Heiratsanträge Von ihren Bewerbern durfte keiner sich
rühmen dass sie ihm die leiseste Hoffnung gegeben und keiner sich beklagen dass
sie ihm die kühnste Hoffnung genommen habe Sie hatte niemals an eine andere
Verbindung als an die mit dem Grafen Ronald gedacht aber dennoch wollte sie von
ihren zahlreichen Freiern nicht einen missen Eine volle Woche hindurch war sie
verstimmt weil ein Witwer von fünfzig Jahren der überdies Krautwurm hieß
unzufrieden mit der ausweichenden Antwort die sie ihm erteilte sich rasch
resolvierte und eine andere Wahl traf die sofort Genehmigung fand
    Fräulein Regula hielt es mit dem Futter für ihre Eitelkeit wie Voltaire mit
seinem Ruhme Er hatte davon für eine Million aber er wollte noch für einen
Sou
    Seit der Erfahrung die sie an Herrn Krautwurm gemacht hatte wurde sie noch
vorsichtiger in der Behandlung ihrer Bewunderer Dennoch gab es einen unter
ihnen den sie misshandelte zugleich der einzige der Zutritt in ihr Haus
erhalten da er im Laufe der Zeiten Röschens Unterricht in den sogenannten
deutschen Gegenständen übernommen hatte Er war ein blonder hübscher junger
Mann mit dunkelblauen Augen und einem Vollbarte Ihm war im Leben alles verkehrt
gegangen Er war zum Poeten geboren und wurde Professor der Mathematik er
schwärmte für Schönheit und Güte und  verliebte sich in Regula Ja er
verliebte sich in sie Was nicht einmal einem Geizhalse dem reichen Fräulein
gegenüber gelang  er brachte es zuwege oder vielmehr ihn überfiels wie ein
reissendes Tier aus dem Busche den ahnungslosen Wanderer überfällt
    Wie es möglich war dass dieses reizlose Geschöpf eine brennende Leidenschaft
erregte  wer kann es begreifen Der nicht der meint das Entstehen der Liebe
bedürfe eines andern Grundes als die Beschaffenheit des Herzens dem sie
entspringt Was gefiel dem Professor Ludwig Bauer an Regula Ihre frostige
Höflichkeit ihr wächsernes Gesicht  Was trieb ihn zu ihr Vielleicht nur das
Verhängnis das zu manchem Menschen spricht Hier ist eine Gelegenheit tief
unglücklich zu werden  ergreife sie Hier fließt ein Strom unsäglicher Leiden 
stürz dich hinein
    Der junge Professor liebte das Fräulein Heissenstein mit einer grimmigen
stets beleidigten und gekränkten Liebe die ihm alle Lebensfreude verdarb und
die er nur um so hartnäckiger festhielt mit verbissener Treue Um Regula täglich
sehen zu können bot er sich an ihrer kleinen Nichte Unterricht im Rechnen und
in der Grammatik zu gehen Die Tante ging sehr gern auf diesen Vorschlag ein
Sie fürchtete ohnedies es könne auffallen dass »ein ungebildeter Kommis« der
alleinige Führer des nun schon achtjährigen Kindes auf den Pfaden der
Wissenschaft sei Hingegen geriet ganz Weinberg in Bewunderung als es bekannt
wurde ein Professor des Gymnasiums bringe jetzt in eigener Person der kleinen
Waise die vier Spezies bei und führe sie am Ariadnefaden seiner Weisheit durch
das Labyrinth der Endungen
    Es ist erstaunlich  Und was das kosten mag Ja Fräulein Heissenstein ist
eben jederzeit und immer man kann nur sagen großartig
    Allabendlich Schlag sechs Uhr trat Professor Bauer in das Speisezimmer wo
Röschens Lehrtisch in einer Fensternische aufgeschlagen war und wo sie ihn
seufzend erwartete aber nicht seufzend aus Ungeduld Sein erstes Wort lautete
regelmäßig »War Fräulein Tante nicht da Wird Fräulein Tante nicht kommen« Und
kam sie nicht dann hatte Röschen eine schlimme Stunde Erschien sie aber so
beeilte er sich zu sagen »Es ist gut du warst sehr brav du bist fertig«
    Ei wie rasch sie in diesem günstigen Falle ihren kleinen Lehrkram
zusammenräumte sich in einen Winkel des Zimmers verkroch und auf ihre
Schreibtafel statt Ziffern Herren und Damen zeichnete mit unförmig großen
Köpfen und unglaublich dünnen Armen an deren Enden fünf Stängelchen hingen die
sich für Finger ausgaben
    Sobald Ludwig Bauer die von ihm Angebetete erblickte wurde er entweder
mürrisch oder verlegen Ein nicht erhörter Liebhaber ist selten liebenswürdig
er tut gewöhnlich das möglichste um seine Sache zu verschlimmern Von seinen
Gefühlen zu sprechen war dem Professor selten erlaubt um Regulas stets zur
Abwehr bereite Tugend nicht unter die Waffen zu rufen Versuchte er es aber
sich angenehm zu machen indem er interessante Dinge vorbrachte die den
gebildeten Geist des Fräuleins mit neuen Erkenntnissen schmücken sollten dann
kam er meist am schlechtesten an Regula empfand einen wahren Abscheu vor allem
Wissen das sie nicht selbst besaß und hatte bei den Erörterungen des
Professors eine Art den Mund zu verziehen zerstreute Blicke umherzuwerfen und
mit fast geschlossenen Lippen zu sagen »Warum nicht gar« die ihn jedesmal auf
das grausamste beschämte
    Zu andern Zeiten wieder benahm sich Bauer höchst stürmisch und ungebärdig
Röschen konnte sich eines Tages nicht genug darüber wundern dass ihre Tante so
gar keine Angst vor ihm zu haben schien sondern sein heftiges Gezänke mit Ruhe
ja mit einem Lächeln der Befriedigung anhörte
    »Stimmen Sie sich herab stimmen Sie sich herab Bester« sagte sie
    Sie sagte »Bester« zu einem Menschen der schrecklich böse war  Röschen
konnte darauf schwören
    Der Professor stand auf machte einen Gang durch das Zimmer trat vor Regula
hin kreuzte die Arme und sprach »Ich bin Ihnen so gleichgültig wie der Hund
der dort über den Platz läuft  Sie haben kein Herz Fräulein«
    Regula warf einen Blick auf das Kind das in der Ecke des Zimmers spielte
und entgegnete in ermahnendem Tone »Sie wissen nicht was Sie reden«
    »Nicht  Bin ich Ihnen etwa nicht gleichgültig  Antworten Sie mir«
rief der arme Professor in einem Atem flehend und drohend
    »Sie könnten es mir werden wenn Sie so fortfahren  Freund« säuselte das
Fräulein und schlug züchtig die Augen nieder »Wäre das nicht traurig 
Freundschaft ist so schön  denken Sie an Jean Paul  Ich möchte Sie nicht
verlieren «
    »Fräulein Fräulein  o Fräulein« war alles was er hervorbrachte im
Sturme seiner Gefühle Regula richtete sich kerzengerade auf murmelte etwas von
Anmassung und Tyrannei die sie sich verbitten müsse und machte eine
verabschiedende Handbewegung
    »Oh« stöhnte Ludwig gerade wie Otello »Oh  Oh « und stürzte zur Tür
hinaus
    Röschen hatte sich in ihrer Angst hinter einen der hochlehnigen Sessel
gekauert und erwartete ihre Tante werde sich gleichfalls in Sicherheit zu
bringen suchen Sie machte ihr schon Platz neben sich »Komm hierher« flüsterte
sie fürchtend der wütende Professor könnte wiederkehren
    Aber für das Kind war heut ein Tag der Überraschungen Statt besorgt zu
scheinen sah die Tante dem Enteilenden mit einem triumphierenden Blicke nach
und versuchte sogar ein Liedchen zu trällern aber das misslang ihr denn sie
hatte weder Gehör noch Stimme oder vielmehr beides falsch und ungehorsam und
wenn sie singen wollte »Der Eichwald brauset die Wolken ziehen« geriet sie
jedesmal in die Melodie von »Robert  Robert mein Geliebter«
Ungefähr um dieselbe Zeit sah Mansuet den guten Schimmelreiter mit ganz
verstörtem Gesicht aus dem Zimmer Bozenas treten Er nahm im Gehen eine neue
schwarze Krawatte von seinem Halse ab und ersetzte sie durch die dunkelgrau und
grün quadrillierte die er gewöhnlich trug Als er an Weberlein vorüber sollte
machte er um ihm auszuweichen einen so großen Bogen als die Breite des Ganges
irgend erlaubte Aber das half ihm nichts Sein Freund schritt resolut auf ihn
zu nahm vertraulich seinen Arm und sprach »Na wissen Sies jetzt Sie hat
nein gesagt versteht sich«
    Schimmelreiter sah noch immer um sich mit Blicken starr und gläsern wie
die eines Menschen der eben einen großen Schrecken gehabt hat Grenzenloses
Erstaunen die höchste Bestürzung malten sich auf seinem runden Gesichte
    Plötzlich blieb er stehen fasste Mansuets beide Hände und indem er sich zu
dem kleinen Manne niederbeugte flüsterte er ihm zu »Sie hat denken Sie sie
hat nein gesagt  denken Sie sich das«
    Und nun ließ er Mansuets Hände los und rang die seinen wie ein Trostloser
    Der Alte redete ihm zu »Beschwichtigen Sie sich Wissen Sie was  Machen
Sie sich nichts daraus«
    Der abgewiesene Freier musste zugeben dass er nicht leicht etwas Klügeres tun
könnte  Aber freilich gleich das Klügste zu tun wer trifft das so leicht
Überdies würde die Sache damit noch nicht abgetan sein Das Schlimmste kommt
nach das Gerede der Leute »Alle Leute werden es erfahren« jammerte
Schimmelreiter
    »Was fällt Ihnen ein« fragte Mansuet »Die Bozena schwatzt nicht und außer
ihr weiß es niemand«
    Der Sekretär gestand das Fräulein wisse es ihr habe er pflichtschuldig
gemeldet er gehe mit dem Gedanken um »sich zu verändern« Freilich ohne ihr
mitzuteilen auf wen seine Wahl gefallen sei
    »Dann ist ja alles vortrefflich« sagte Weberlein »dann gehen Sie gleich
und nehmen eine andere«
    Diese Äußerung rief so brutal sie schien durchaus keine Entrüstung bei
Schimmelreiter hervor er meinte vielmehr das sei zu überlegen kam jedoch
alsbald wieder auf die Katastrophe zurück die jetzt seine ganze Seele erfüllte
    »Aber die Bozena  Begreifen Sie die Bozena Begreifen Sie dass sie mich
ausgeschlagen hat Sie hätte doch wirklich ein Glück mit mir gemacht So
eindringlich habe ich es ihr vorgestellt  Es nützte nichts Sie wird niemals
heiraten behauptet sie Ich lasse nicht nach mit Fragen Warum warum Ob sie
ihr Herz an einen gehängt hat den sie nicht kriegen kann  Ob sie gar so hoch
hinaus will Nein nein sagt sie Was also hält Sie ab sag ich Und sie
darauf Ein unübersteigliches Hindernis  Das immer bleiben wird  Immer  An
dem nichts zu ändern ist  Nichts Lassen Sie es jetzt gut sein Herr Sekretär
 Und ich hätte es sollen gut sein lassen Aber da reitet mich der Teufel dass
ich nicht schweigen kann dass ich noch frage Wenn das unübersteigliche
Hindernis nicht wäre würden Sie mich dann nehmen  Glauben Sie es oder nicht
 Sie antwortet mir Wenn Sie es durchaus wissen wollen auch dann nicht Ja
Auch dann nicht hat sie gesagt Und jetzt möchte ich wissen sie ist ja gut
tut niemandem gern weh  warum sie nicht lieber geschwiegen  warum sie nicht
lieber eine ausweichende Antwort gegeben hat«
    »Jede andere hätts getan  aber sie sie sagt nur die Wahrheit aber die
ganze Sie ist wahr wie der Tag« erwiderte Mansuet
 
                                       13
So manche gutmütige Frau in Weinberg meinte Fräulein Regula sei freilich ein
Engel und Bozena freilich die bravste Magd unter der Sonne aber dennoch könne
man das Schicksal des zwischen den beiden aufwachsenden Kindes nicht gerade ein
beneidenswertes nennen
    Röschen flößte gar vielen Leuten Mitleid ein die sie an einem Fenster des
grauen Hauses stehen und sehnsüchtig herabblicken sahen zu den Kindern die auf
dem Platze herumliefen und spielten Ihr war Umgang mit Wesen ihres Alters nicht
gegönnt und der Verkehr mit dem Kinde Mansuet entschädigte sie dafür doch
schwerlich Bozena wagte einmal ihr gnädiges Fräulein darauf aufmerksam zu
machen wurde aber trocken abgewiesen Regula vermochte nicht einzusehen dass
die Kleine einer andern als einer vernünftigen Umgebung bedürfe Durchaus nicht
Sie selbst habe sich als Kind immer nur in Gesellschaft von Erwachsenen bewegt
und es sei ihr wohl bekommen
    »O Bozena« sagte Röschen einst »hätt ich doch lange Beine«
    »Was würden sie dir nützen du Knirps« fragte Bozena
    »Ich liefe  liefe « und das Gesicht des Kindes war wie durchleuchtet von
der geträumten Wonne »liefe so schnell wie die Vögel fliegen«
    Regula sah die Magd bedeutsam an und sprach halblaut »Die Natur ihrer
Mutter Man kann sie nicht genug in acht nehmen«
    Dieses Wort schnitt Bozena ins Herz aber sie verriet sich nicht Sie neigte
das Haupt ehrerbietig vor ihrer Herrin »Sie werden das Kind behüten« sagte
sie »es ist in Ihrem Schutze und geborgen«
    Das Fräulein zuckte die Achseln und dachte das unumschränkte Vertrauen das
die Leute in sie setzen sei doch manchmal unbequem Aufgebürdet aufgedrungen
wurde ihr das Kind der Schwester und der Ruf von Tugend und Großmut den sie
genießt zwingt sie es bei sich zu behalten Und in tiefinnerster Seele ist sie
ihm so unbeschreiblich abgeneigt Alles an ihm missfällt ihr stört sie regt sie
auf Sein Lachen und Singen greift ihr die Nerven an seine Liebkosungen bringen
sie in Verlegenheit »Lass mich das schickt sich nicht« sagt sie wenn Röschen
ihr entgegenfliegt und ihr in die Arme stürzen will
    Mansuet nannte Regula das unmütterlichste Frauenzimmer das ihm jemals
vorgekommen sei und meinte »Wenn die einmal ein Kind kriegt und es fängt an
zu schreien dann schickt sie um die Polizei«
    Das Leben im Hause der alten Jungfer von zweiundzwanzig Jahren lief ab wie
der Mechanismus einer Uhr pünktlich und blutlos In ihrer frostigen Atmosphäre
konnte die Rede nicht sein von der freudigen und ungehemmten Entfaltung einer
jungen Seele
    Arme Kinder haben die goldene Freiheit reiche Kinder haben einen
vergoldeten Käfig Röschens Kindheit wurde in einem Käfig verlebt aber er war
von Eisen Und dennoch war sie ein fröhliches Röschen und die Wahrheit erprobte
sich an ihr Haben kann man das Glück aber bekommen nicht Sie war glücklich
denn sie liebte was sie umgab und wusste nicht was Grollen sei Sie liebte die
lieblose Tante sie trieb Abgötterei mit der strengen Bozena und mit dem alten
Mansuet und der vergalts ihr redlich Was die Magd betraf so war Röschen ihr
teuerstes Gut sie würde ohne Zögern jedes Opfer für sie gebracht ihr Herzblut
wenn es galt tropfenweise für sie vergossen haben aber so wie sie ihre
trotzige Rosa geliebt hatte vermochte sie nicht mehr zu lieben Das tiefste
Gefühl welches sie jemals beseelt das hatte die mit ins Grab genommen die von
ihr gepflegt worden war als sie selbst noch jung gewesen Sie ließ Röschen
niemals so derb an wie sie deren Mutter angelassen hatte aber dies geschah
nicht weil sie mehr Liebe sondern weil sie mehr Mitleid für sie empfand
    So wenigstens legten die beiden ehemaligen Kommis sich Bozenas stilles
zurückhaltendes Benehmen aus Sie aber waltete mit altem Fleiße in den alten
Räumen nur nicht mehr mit dem alten Übermut Wenn sie das Zimmer betrat in dem
sie vor zwanzig Jahren ihren Herzensliebling triumphierend in ihren Armen
erhoben und ihm alle Herrlichkeit der Welt prophezeit hatte da glitt ein
Schatten über ihre Stirn
    Ein Fremdling saß nun das Kind ihrer Rosa am Tische im Vaterhause und aß das
Gnadenbrot aus ungnädiger Hand 
    Sechs Wochen nachdem sich Schimmelreiter von Bozena einen so
wohlgeflochtenen Korb geholt hatte erhielt er das Jawort einer minder
harterzigen Schönen Mit verklärten Augen verjüngt durch das Glück stellte er
sich seinem Fräulein als Bräutigam vor Regula erhöhte seine Seligkeit noch
durch die huldvolle Annahme seiner Einladung der Hochzeit beizuwohnen Auch
Bozena erhielt von der Gebieterin die Erlaubnis zugleich mit ihr bei dem Feste
zu erscheinen das Schimmelreiter äußerst prachtvoll auszurichten gedachte
    Die von ihm Erwählte war die Tochter eines kleinen Beamten ein blonde
Jungfrau von Mutter Natur mit so dauerhaften Reizen ausgerüstet dass der Zahn
der Zeit durch vierzig volle Jahre fast vergeblich an ihnen genagt hatte
    Sie sah bei der Trauung wirklich gar nicht übel aus das musste ihr jeder
lassen  der es ihr nicht nehmen konnte Ein paar Rivalinnen versuchten es
umsonst Allgemein jedoch hieß es Schimmelreiter hätte besser getan Bozena zu
erwählen die wohl um einige Jährlein älter aber denn doch eine ganz andere
Person sei als die Beamtentochter
    Zur kirchlichen Feier war die halbe Stadt gebeten zu dem Gastmahle das am
Abend beim »Grünen Baum« stattfand nur eine kleine auserlesene Schar
    Das junge Ehepaar empfing seine Gäste in dem mit Blumen dekorierten und im
Glanze von vielen Kerzen prangenden Honoratiorensaale Vier Kellner
schwarzbefrackt mit Rosen im Knopfloche waren an der Tür postiert und
verneigten sich alle zugleich sooft einer der Geladenen eintrat Der erste der
sich einfand war Doktor Wenzel mit seiner Frau und seinem erstgeborenen Sohne
Der Familie folgte auf dem Fuße ein magerer Freiherr aus altadeligem Hause aber
sehr herabgekommen in seinen Finanzen der einstens ein wirklicher Attaché
gewesen sein sollte man wusste nicht bei welcher Gesandtschaft Er war einer von
Regulas hartnäckigsten Freiern und fühlte sich glücklich Schimmelreiters
Freundschaft errungen zu haben nachdem er um die Mansuets vergeblich geworben
 Sodann erschienen der ehemalige Direktor von Rondsperg und Herr Professor
Bauer zuletzt die Angehörigen der Braut
    Schimmelreiter ging von einem zum andern und dankte jedem für die Ehre die
er ihm erwies Doktor Wenzel sprach angelegentlich mit der Neuvermählten die
vor Gemütsbewegung wie eine Päonie glühte und lobte den Charakter ihres Mannes
dann begab er sich zu diesem und lobte die Bescheidenheit und Anmut seiner
»bräutlichen Frau«
    Der Professor hatte heute seinen schüchternen Tag drückte sich an die Wände
und wich schon von weitem jedem aus der Miene machte auf ihn zugehen zu
wollen Manchmal warf er einen sehnsüchtigen Blick nach der Tür öfter jedoch
einen wütenden auf den Freiherrn Dieser hatte seine schwarzgefärbten Haare in
kleine Locken brennen lassen trug eine weiße Krawatte und am roten Bande das
Kommandeurkreuz des Hausordens einer deutschen Miniaturfürstlichkeit Er sah
ganz erschrecklich vornehm aus und der schlichte Ludwig Bauer geriet darüber in
Verzweiflung
    Um acht Uhr erschien endlich Fräulein Heissenstein gefolgt von Mansuet und
Bozena Dass auch dieser Zutritt gewährt wurde in die vollkommen distinguierte
Gesellschaft die Schimmelreiter an seinem Ehrentage um sich versammelte wurde
dem Festgeber sehr hoch angerechnet noch höher aber dem leutseligen Fräulein
das sich herabliess mit der Magd an einem Tische zu sitzen Regula wurde
ehrfurchtsvoll empfangen und von Schimmelreiter an die Spitze der Tafel
geleitet wo sie zwischen ihm und dem Freiherrn Platz nahm Ihr gegenüber am
unteren Ende des Tisches saß Bozena zwischen Mansuet und Wenzel jun der
ungemein viel aß besonders Brot und sooft ihn jemand ansprach aus Bestürzung
darüber einen großen Bissen in den Mund steckte bevor er den Versuch machte zu
antworten Die natürliche Folge war ein Erstickungsanfall den der bescheidene
Jüngling in aller Stille zu überwinden suchte
    Dieser oft wiederholte Vorgang den alle Anwesenden außer den Eltern Wenzel
bemerkten trug nicht wenig zur Erhöhung der allgemeinen Heiterkeit bei Er
wirkte so unbedeutend er war befreiend auf die bisher etwas gedrückte Stimmung
der Braut Immer freundlicher gestaltete sich das Fest es herrschte bei dem
größten Anstand die größte Unbefangenheit Jedermann schien zu denken Da sitze
ich im schön geschmückten Saale an reich gedeckter Tafel esse die köstlichsten
Sachen bin auf das beste gekleidet befinde mich in zahlreicher und feiner
Gesellschaft und fühle mich dabei so heimisch als befände ich mich zu Hause in
meiner Stube
    Dass es bei einem Souper an dem Doktor Wenzel teilnahm an Trinksprüchen
nicht fehlte braucht wohl nicht erst gesagt zu werden Es wurde auf das Wohl
der Neuvermählten auf das Wohl Regulas auf das Wohl des Freiherrn des
Direktors und des Professors getrunken Schimmelreiter brachte ein Hoch aus auf
die Familie seiner geliebten Frau der Freiherr eines auf die Frauen von
Weinberg der Direktor eines auf Doktor Wenzel und seine Angehörigen und auf das
ganze weibliche Geschlecht Nun neigte sich das Fräulein zu Schimmelreiter und
flüsterte ihm leise einige Worte zu Er erhob sich wie elektrisiert und sprach
»Eine edle Dame mahnt mich dass wir bisher noch eines versäumten das uns ziemt
«
    Die Pause die der Redner hier machte benützte der Professor um
leuchtenden Auges und mit bewegter Stimme das Zitat zu bringen
»Willst du genau erfahren was sich ziemt
So frage nur bei edlen Frauen an«
und Schimmelreiter fuhr fort »Nämlich auch die treue Dienerin des Hauses
Heissenstein Jungfrau Bozena hochleben zu lassen Auf ihr Wohl« rief er und
dieser Toast fand lebhaften Anklang Bozena verließ ihren Platz und ging mit dem
Glase in der Hand von einem zum andern um mit ihm anzustossen Dies wurde für
jeden der des Gespräches mit seinen Nachbarn satt war das Signal gleichfalls
aufzustehen Der Herr Direktor begab sich zu Regula und fragte sofort ob sie
Nachrichten von »seinen Herrschaften« habe Er bedauerte über die Massen »seinen
lieben Grafen Ronald« nannte Rondsperg einen famosen Besitz  »das heißt hm
 freilich es könnte alles wieder werden wenn  ja  wenn«
    Schimmelreiter schlüpfte zu seiner Gattin hinüber und sagte der Verschämten
ins Ohr das Souper sei ausgezeichnet nobel gewesen dann näherte er sich
Mansuet dem er gestand er glaube behaupten zu dürfen seine Kati habe sich zu
der Verbindung mit ihm nicht nur aus Vernunft entschlossen sondern auch aus
Liebe
    In diesem Augenblicke ließ sich im Nebenzimmer ein lauter Wortwechsel
vernehmen Deutlich unterschied man die Rufe »Zurück«  »Hier tritt man nicht
ein «  »Geladene Gesellschaft« Und dazwischen wiederholte eine heisere
Stimme unablässig »Macht Platz macht Platz ihr Esel  Was  geladen Wüssten
sie dass ich da bin ich wäre auch geladen« Der Lärm wuchs dumpfe Schläge
fielen  die Tür flog auf  und ein Mann trat ein den sogar die die in
früheren Zeiten oft mit ihm verkehrt hatten nicht gleich erkannten
    Es mussten einige Augenblicke vergehen bevor ihnen zum Bewusstsein kam dass
dieser dicke Geselle mit den schwimmenden Augen dem roten aufgedunsenen
Gesichte dem kurzen keuchenden Atem kein andrer sei als  Bernhard der
ehemals schöne Jäger Bernhard der Pfau
    Er sah betroffen über den Anblick der stattlichen Gesellschaft scheu
umher rückte den Hut ins Genick und sagte wie um sich selbst Mut zu machen
»Man wird doch seine Bekannten besuchen dürfen im Wirtshaus«
    »Der Mensch ist berauscht« sagte der Freiherr halblaut
    Regula stieß einen leisen Schreckensruf aus und die Herren und Frauen
eilten zu ihr um sie zu beruhigen So stand Bozena die inzwischen ihre Runde
beendet hatte und wieder an ihrem Platze angelangt war allein dem Eindringling
gegenüber Aug in Auge Sie stand still  stumm und wie versteinert vor Grauen
und Schmerz
    Ihr Leben war eine lange Busse gewesen für eine kurze Verirrung und nun trat
der Mensch der sie verleitet hatte vor sie hin und ihr schien als sei nichts
gesühnt als stiege ihre entwürdigte Vergangenheit verkörpert aus dem Dunkel des
Vergessens und riefe ihr drohend zu Mich besiegst du nie ich bin unsterblich
bin unüberwindlich 
    Einen Augenblick zögerte der Jäger dann ging er frech auf die Schweigende
zu und rief »Bozenka kennst mich denn nicht mehr«
    Sie senkte finster den Kopf und er fuhr fort »Erst heute bin ich
angekommen  bin hier wegen des Nachlasses meiner Frau die gestorben ist 
leider Meine erste Frage war nach dir natürlich und wie ich höre du bist da
lauf ich hinüber zu euch Dort heißts Beim Grünen Baum Nun richtig  So
grüß dich Gott Bozenka Und jetzt lass uns plaudern«
    Er hatte im Gehen etwas schwankend einen Sessel herbeigeholt und setzte
sich an die Seite Bozenas die blass wie man sie niemals gesehen auf ihren
Stuhl gesunken war
    Schimmelreiter hatte indessen mit den Herren geflüstert und schien eine
Abrede mit ihnen genommen zu haben Er näherte sich jetzt und sagte
geschäftsmässig zu dem Jäger »Alle Anwesenden sind meine Gäste Dies zur
Kenntnis«
    »Potztausend der Schimmelreiter« rief Bernhard »Servus servus  Alle
Anwesenden Ihre Gäste  Ich auch demnach  bin auch anwesend Ein Glas her
Schenk ein altes Tintenfass«
    Der Sekretär ließ sich nicht beirren sondern fügte im früheren Tone hinzu
»Weiß mich nicht zu besinnen dass ich Sie geladen hätte« und dabei machte er
rasch nacheinander winkende Bewegungen mit den Händen als wollte er sagen
Fort fort fort
    Bernhard lachte blödsinnig legte die Arme bis zu den Ellbogen auf den
Tisch rückte näher zu Bozena heran sah ihr von unten hinauf ins Gesicht und
sagte »Er möcht mich weg haben der Alte aber was hilfts  Ich gehe nicht
ich bleib bei dir mein Herzel«
    
    Nun fuhr Mansuet auf ihn los »In welchem Tone erlauben Sie sich mit der
Jungfer zu reden« herrschte er ihn giftig an
    »Das ist der Mansuet glaub ich« rief Bernhard spöttisch »Bon soir Herr
Mansuet was kümmert Sie mein Ton  Wenn ihr« er blinzelte Bozena vertraulich
zu »mein Ton nicht recht ist wird sies schon sagen Nicht wahr Bozenka mein
Schatz«
    Mansuet hielt sich nicht länger »Der Teufel ist dein Schatz du
Trunkenbold« schrie er »und nun fort und wenn du die Türe nicht findest
fliegst du zum Fenster hinaus«
    Das Gesicht des Jägers flammte er rief »Du Lump Was gehts euch an ihr
Lumpe wie ich spreche mit meiner Geliebten«
    »Deiner Geliebten« wetterte der kleine Kommis und hatte ihn im selben
Augenblicke am Kragen und zerrte ihn vom Sessel herab auf den Boden »deine
Geliebte  Nimm das zurück oder ich schlag dich tot ich schlag dich tot«
    Bernhard tobte wie ein Rasender unter den Fäusten Schimmelreiters der ihn
gepackt hatte und ihm gleichfalls zurief »Nimm das zurück«
    Er wehrte sich mit allen seinen Kräften und schrie dabei »Just nicht Euch
zum Trotze nicht Meine Geliebte meine Geliebte sie wars«
    Mansuet kannte sich nicht mehr »Bestie« kreischte er riss ein Messer vom
Tische und stürzte damit auf Bernhard zu 
    Da erfasste eine eiskalte Hand die seine und entwand ihm das Messer mit einem
Rucke  Bozena stand zwischen dem Jäger und seinen Angreifern
    »Lasst ihn« sprach sie ihre Stimme klang hart wie Metall »Lasst ihn Es ist
wahr«
    Ein dumpfer Schrei erhob sich Bernhard stand langsam auf warf
triumphierende Blicke im Zimmer umher und machte Miene auf Bozena zuzueilen
Doch sie mit stummer Verzweiflung im Angesichte mit einer Gebärde unsäglicher
Verachtung wies gebieterisch nach der Tür
    Der Elende blieb erschrocken stehen murmelte einige unverständliche Worte
zupfte seine Jacke zurecht und gehorchte
    Eine lange Pause folgte die Männer warfen einander fragende Blicke zu die
Frauen senkten die ihren zur Erde Frau Doktor Wenzel traten Tränen in die
Augen hätte sie nur dem Rate ihres Herzens folgen dürfen sie wäre hingetreten
zu Bozena und hätte ihr die Hand gedrückt Der Zweifel jedoch ob ihr Mann dies
billigen würde hielt sie zurück und sie sagte nur unwillkürlich »Arme
Bozena« Schimmelreiter starrte die Heldin des eben erlebten peinlichen
Auftritts mit offenem Munde so befremdet an als sähe er sie heute zum
erstenmal Seine Gattin vernahm wie er leise vor sich hin sprach »Darum also
 O wie brav« Der Freiherr wandte sich mit den Worten »Une maîtresse femme
ma parole dhonneur« zu Regula Das Fräulein aber deren Nase weiß wie Kreide
geworden war eitel Entrüstung und Unwille »Skandal  Skandal  Skandal«
wiederholte sie in einem fort ließ ihrem Lohnkutscher befehlen vorzufahren und
entfernte sich ohne Abschied von irgend jemandem zu nehmen mit der Familie
Wenzel der sie Plätze in ihrem Wagen antrug Ihre bestürzten Verehrer gaben ihr
das Geleite
    Bozena stand noch immer wie angewurzelt auf derselben Stelle und schien von
allem was vorging nichts zu sehen und nichts zu hören
    Mansuet trat zu ihr berührte ihren Arm und sagte sanft und unaussprechlich
traurig »Kommen Sie«
    Die Unglückliche zuckte zusammen ein schwerer schmerzlicher Seufzer hob
ihre Brust und gesenkten Hauptes folgte sie ihrem alten Freunde
 
                                       14
Ernst und von langer Dauer war die Unterredung zu der am nächsten Tage Fräulein
Heissenstein Herrn Doktor Wenzel geladen hatte Es wurde die gewichtige Frage
erörtert ob Bozena nach der gestrigen unerhörten Szene beim »Grünen Baum« im
Hause bleiben dürfe
    Eine Person die ihre eigene Schande in der Wirtsstube ausruft ist keine
passende Umgebung für eine ehrsame junge Dame Andrerseits ist es auch nicht
leicht Bozena zu entlassen »weil sie der Familie durch so lange Jahre treu
gedient hat« sagt  weil sie mir sehr nützlich ist denkt Regula Wir haben sie
schwer genug vermisst all die Jahre hindurch
    »Mein gnädiges Fräulein« meinte nach reiflicher Erwägung der kluge und
praktische Doktor Wenzel »das gestrige Ereignis gehört zu denen die
genausoviel Bedeutung haben als man ihnen beilegt«
    »Bin ich nicht schuldig ihm eine große Bedeutung beizulegen« fragte
Regula »bin ich es nicht mir selbst schuldig Bestimmt nicht die Strenge die
ich einem Verbrechen gegenüber «
    »Einem Vergehen  einem Vergehen« berichtigte lächelnd der Advokat
    »  die ich einem schweren Vergehen gegenüber ausübe meinen eigenen
Wert« fuhr Regula fort und Wenzel unterbrach sie von neuem und versicherte
»Keineswegs«
    »Was werden die Leute sagen wenn ich meinen Abscheu vor so offenbarer
Schande durch nichts  durch gar nichts betätige Fällt nicht ein Teil von ihr 
es ist ein grauenhafter Gedanke  auf mich selbst zurück« entgegnete Fräulein
Heissenstein indem eine Gänsehaut sie überlief
    Wenzel begann ein wenig ungeduldig zu werden was sich bei ihm durch
verdoppelte Freundlichkeit äußerte Er ergriff Regulas Hand küsste sie und
sprach »Getrost  Seien Sie getrost Es wird niemandem einfallen Sie
verantwortlich zu machen für eine Jugendsünde Ihrer bereits in Jahren stehenden
Dienerin Sie waren vermutlich noch nicht geboren als jene Sünde begangen
wurde« versicherte der Advokat mit einem fast zärtlichen Blicke und stand auf
»das entebt Sie«  er suchte seinen Hut mit den Augen  »jeder
Verantwortlichkeit«
    »Glauben Sie wirklich« flüsterte Regula
    Der Doktor hatte seinen Hut ergriffen und machte rücklings einige Schritte
nach der Tür »Wirklich« wiederholte er mit seiner süßesten Stimme »wirklich
und wahrhaftig Gnädigste Sie nehmen sich in der ganzen Sache aus  unschuldig
wie eine weiße Taube  Und das arme Ding die Bozena  Du guter Gott  Diese
Leutchen das hat andere Ansichten als Sie engelhaftes Fräulein über gewisse
natürliche Vorgänge «
    »Doktor Wenzel« rief Regula streng und vorwurfsvoll »nichts dergleichen in
meiner Gegenwart  Ich muss bitten «
    »Befehlen befehlen  Sie müssen immer befehlen« sprach der galante alte
Herr und das Fräulein gestand ihm zu sie sehe ein dass er im Grunde recht
habe »Es könnte wohl sein und wäre ziemlich natürlich dass es für niedere
Menschenklassen auch niedrigere Klassen der Moralität gäbe Zwischen dem Stande
einer Person und ihren Affinitäten besteht sicherlich eine große Harmonie
Geburt und Begriffe Delikatesse Takt Gewissen decken einander Ich glaube
das Ich begreife es sogar  und  wie schon Madame StaëlHolstein sagte
Begreifen heißt verzeihen Nicht wahr lieber Doktor«
    Wenzel küsste noch einmal Regulas Hand dankte ihr für das edle Wort das sie
eben gesprochen hatte fühlte sich beglückt durch den großmütigen Entschluss der
sich darin äußerte und schied wie er sagte »gehoben und gerührt«
    Auf dem Gange traf er Schimmelreiter samt Gattin und Bozena Die
Neuvermählten waren in voller Gala gekommen um dem Fräulein Heissenstein für die
Huld zu danken die sie ihnen gestern durch ihre Anwesenheit beim Hochzeitsfeste
erwiesen hatte
    Unterwegs trafen sie die Magd und vermochten sich wie es schien vom
Gespräche mit ihr gar nicht loszureißen Die kleine dicke Frau Kati deren
Gesicht bei Tageshelle glänzte als hätte sie es in Öl gebadet hielt Bozenas
Rechte fest in ihren fetten mit gestrickten Handschuhen bekleideten Händen
dabei blickte sie mit dem Ausdruck überströmender Liebe Begeisterung und
Andacht zu der Riesin empor
    Schimmelreiter umkreiste die Gruppe stolz und zärtlich wie ein Schwan sein
Nest und sagte alle Augenblicke zu Bozena »Verehrte Freundin«
    Es war also ausgemacht Bozena blieb aber ihre Stellung im Hause erlitt
eine Veränderung Der geringste Lohn den die Tugend für mannigfache Entbehrung
ansprechen darf ist wohl der die Sünde erinnern zu dürfen an die
Unübersteiglichkeit der Kluft die sie voneinander trennt
    Alsbald ereignete sich etwas Seltsames man könnte es fast ein Wunder nennen
Das Fräulein verlor ihrer Dienerin gegenüber die Sprache und das Augenlicht Und
wenn Bozena noch so dicht vor ihr stand und wenn sie ihr ein Glas Wasser
darreichte oder einen Befehl einholen wollte um die Antwort auf eine
eingetroffene Erkundigung bat gleichviel das Fräulein war ihr gegenüber mit
einer Blindheit geschlagen vollständiger als die Bileams und mit einer
Stummheit hartnäckiger als die des Zacharias
    Nach einiger Zeit freilich zeigten sich die üblen Folgen dieses
Ignorierungssystems Trotz des besten Willens die unausgesprochenen Wünsche
ihrer Herrin zu erraten gelang dies Bozena doch nicht immer es gab so manches
Missverständnis und Regula entschloss sich endlich andere Saiten aufzuziehen
    Zuvor jedoch wollte sie musste sie der Verirrten die Augen öffnen musste
einen Funken ihrer eigenen leuchtenden Moral in die Finsternis werfen in der
die Unselige wandelte
    Das Fräulein ließ Bozena in den roten Salon bescheiden auf dessen größtem
Kanapee sie Platz genommen hatte Sie fand nach einem Blicke in den
Pfeilerspiegel dass sie sich gut ausnahm in dem stattlichen Raume der
gewöhnlich unbewohnt war und in dem es immer niemand wusste warum nach Äpfeln
roch
    »Bozena« sprach die Dame zu der Eingetretenen nach einer Pause in der sie
sich vergeblich bemühte dem erstaunten aber treuherzigen Blick zu begegnen
den die Magd auf sie richtete »Bozena ich war lange Zeit zweifelhaft ob ich
Ihnen noch ferner gestatten soll und darf bei mir zu bleiben Ja  sehr
zweifelhaft«
    Die Rednerin wartete auf eine Einwendung als keine erfolgte fuhr sie fort
»Sie werden wissen warum  Wissen Sie warum«
    Bozena hatte die Augen gesenkt ihre Lippen bebten leise und sie antwortete
fast unhörbar »Ja«
    »Man hat Pflichten gegen sich selbst Bozena« nahm das Fräulein wieder das
Wort »begreifen Sie das  Sie begreifen es vielleicht nicht  aber
gleichviel Ich hätte die meinen gegen mich nicht außer acht lassen sollen 
und dennoch habe ich es getan um eine Seele zu retten  die Ihre  begreifen
Sie das«
    Das Fräulein hatte sich allmählich in eine giftige und erbitterte Stimmung
hineingeredet die durch Bozenas scheinbare Ruhe vor allem aber durch ihr
Schweigen bedeutend erhöht wurde Sie murmelte etwas das wie »Klotz« klang
und sagte dann laut mit beklommener Stimme als wäre der Hals ihr
zusammengeschnürt »Wenn ich soviel tue werden Sie sich wohl bequemen etwas zu
tun hoff ich Sie werden  hoffe ich mein Vertrauen nicht missbrauchen 
Was« unterbrach sie sich plötzlich selbst »was haben Sie gesagt«
    »Nichts gnädiges Fräulein« antwortete Bozena Dunkelrote Flecken brannten
unter ihren Augen und ihr Busen flog
    Regula wiederholte mit den Nasenflügeln zitternd »Nichts  freilich 
Ich muss Sie aber bitten etwas zu sagen Ich muss Sie bitten mir das heilige
Versprechen zu gehen dass Ihr Lebenswandel in Zukunft ein  ein « sie suchte
nach einem bezeichnenden Worte »ein sittsamer sein wird«
    Bozena schwieg
    »Versprechen Sie« rief das Fräulein  ihr Atem wurde immer kürzer immer
bissiger der Zug um ihren Mund  »ich fordere Ihr Versprechen wie gesagt Ihr
heiligstes dass Sie  dass «
    Regula hielt inne schluckte einigemal hintereinander und sprach dann wie
entschlossen trotz allen inneren Widerstrebens den entscheidenden Schlag zu
führen »Dass Sie außer Verbindung bleiben  dass Sie sich nicht wieder
einlassen mit Ihrem  Geliebten«
    Das Fräulein warf von der Seite einen raschen Blick nach ihrer Magd Diese
hatte die Hand auf die Brust gedrückt und auf ihrem Angesichte lag der Ausdruck
eines Schmerzes den das Menschenwort nicht ausspricht jenes Schmerzes der
stumm zum Himmel schreit
    Nein Nein  Hätte Regula gewusst was sie tat sie hätte es nicht getan
nicht einmal sie die herzlose Drahtpuppe
    »Fräulein« rief Bozena einen Augenblick fassungslos außer sich Bald
jedoch kehrte ihr die Macht der Selbstüberwindung zurück Mit gewaltig
erzwungener Ruhe in Ton und Haltung mit einem Klang der Wahrheit der das
eingefleischte Misstrauen hätte überzeugen müssen sprach sie »Es ist alles aus
zwischen ihm und mir seit Jahren aus«
    Sonderbar und unbegreiflich Regula empfand bei diesen Worten und der Art
in der sie gesprochen wurden die Beklemmung und das Unbehagen die in den
Seelen engherziger Menschen die Ehrfurcht ersetzen Von all den weisen Lehren
die sie sich zurechtgelegt hatte wollte ihr keine mehr einfallen So blieb ihr
denn nichts übrig als ein Ende zu machen Und einige unverständliche Worte
murmelnd entließ sie ihre Magd
    Bozena sorgte dafür dass die Schranke welche das Fräulein zwischen sich und
ihr aufgerichtet hatte niemals überschritten wurde Ihr ganzes Benehmen gegen
die Herrin sagte deutlich Du hüben  ich drüben Du hast mit mir nichts gemein
    Die Besorgnis jedoch die Regula vor dem schädigenden Einfluss der Gefallenen
empfand beschränkte sich auf ihre eigene Person für ihre Nichte schien sie von
ihm nichts zu befürchten Das Kind befand sich nach wie vor unter Bozenas Obhut
    Regula war eine eifrige Besucherin des Theaters und sobald sie sich von
Herrn oder Frau Wenzel geleitet dahin begeben hatte erschien Mansuet um
Bozena und Röschen nach seinen Gemächern abzuholen Der Alte war zu der
Überzeugung gelangt dass der Unterricht den Professor Bauer dem Kinde erteilte
eigentlich gar kein Unterricht zu nennen war Und das Mädchen wächst heran soll
etwas lernen soll auch Begriffe kriegen von Literatur Er holte alte Hefte
herbei in die er vor Zeiten Gedichte und Lieblingsstellen aus den Werken
vaterländischer Autoren eingeschrieben hatte Und während Bozena nähte und
Röschen eine Strickerei in den Händen hielt die schon ganz grau aussah aber
durchaus nicht wachsen wollte las er den beiden Damen vor
    Zu den köstlichsten Bissen von Mansuets poetischem Schmause gehörte
»Herkules am Scheidewege« »Psychens Klagen« und »Amors Klage« von Bergel »Die
ersten Genien der Menschen« liebenden Eltern geweiht von Paul Lamatsch von
Warnemünde »Trinklied im Frühling« nach Höltys Trinklied im Winter
Das Glas gefüllt
Kein Nord mehr brüllt  und so weiter
»Letzter Wunsch« von Charlemont das so wunderschön begann
Wenn sie einst naht die düstere Abschiedsstunde
Das Aug sich trübt und leise pocht das Herz
Wenn banges Weh entschwebt dem starren Munde
Und jede Lust verdrungen hat der Schmerz  und so weiter
Oder gar »Der Berggeist des weißen Gebirges« Röschens Lieblingsballade bei
welcher ihr so köstlich gruselte und bei deren letzten Strophen ihr kleines Herz
so laut pochte  Sie rückte jedesmal ganz dicht an Bozenas Seite wenn Mansuet
las
Und die Sonne blutig scheidend
Sinket in der Berge Schoss
Und von wilden Peitschenschlägen
Widerhallt das ganze Schloss
Da erbrausts wie Sturmestoben
Rings erregend Angst und Graus
Von vier Rossen fortgezogen
Fährt der Geist zum Schloss hinaus
Hiess es dann dem alten Freunde eine Freude machen so deklamierte Röschen in
voller Begeisterung und mit merkwürdigem Tonfalle »Osterreichs Termopylen
1809« von Charlemont Wie glühten dabei ihre Wangen wie glänzten die Tränen
in seinen Augen Wie befriedigend endete nach einem solchen Hochgenuss der Tag
für den Greis und für das Kind
    Andere Male wieder wurde der historischen Überlieferung ihr Recht Mansuet
machte sein kleines Auditorium mit der ereignisreichen Geschichte der Kostka von
Postupitz bekannt Er erzählte um in Röschen die Liebe zu den Wissenschaften zu
wecken und ihr einen Begriff zu geben von den Ehren zu denen man durch sie
gelangen könne von Johanna von Boskowitz der berühmten Äbtissin des
Zisterzienserinnenstiftes Maria Saal in Altbrünn Im 16 Jahrhundert lebte sie
und war so gelehrt dass ihr die Philologen Opat und Kzel ihre Übersetzung des
Neuen Testamentes widmeten Auch Nachrichten aus dem Leben des großen
Kremsierers Johannes Benedikti des weisen Bertoldus de Wischaw und des
Meistersängers Bliczkowsky wusste Mansuet mitzuteilen Ereignete es sich dass
Röschen dabei ein klein wenig schläfrig wurde so beeilte sich der Alte etwas
Lustigeres vorzubringen Mit einem Sprunge versetzte er sich in das königlich
städtische Nationalteater zu Brünn und zauberte »Die Fee aus Frankreich« »Die
Grafen Mombelli« oder den »Schwarzen Wundermann« herbei um seinen Liebling zu
ermuntern
    Es waren köstliche Abende diese bei Mansuet am schönsten aber wurden sie
wenn Bozena das Wort ergriff So wie Bozena meinte Röschen könne niemand
sprechen denn sie sprach ihr von ihren Eltern Und auch Mansuet hörte sich
niemals satt an ihren Mitteilungen über das geliebte Paar
    »Sagen Sie mir nur« fragte der Alte »wie war das als der Herr Leutnant
fort musste ins Feld«
    »Wie ich schon oft erzählt habe traurig wars« erwiderte Bozena »Der
Doktor hat es dem Herrn Leutnant schon gesagt gehabt Sie muss sterben und ich
hab es von selbst gewusst  Der Herr Leutnant hat sich beim Abschied sehr
zusammengenommen«
    »Freilich ein Soldat« murmelte Mansuet
    »Er hat sie ganz sanft geküsst und nur gesagt Leb wohl und schone dich Sie
hat ihm auch das Herz nicht schwer machen wollen und von nichts gesprochen als
vom Wiedersehen In ihm war alles wie eingefroren Doch als er gehen will
streckt sie auf einmal die Arme nach ihm aus und da verliert er seine Fassung«
    Bozena hielt inne machte eine Bewegung mit der Hand als ob sie etwas von
sich abwehren wollte und fuhr aufatmend fort »Ich meinte schon sie könne ihn
nimmermehr lassen er könne sich nimmermehr losreißen  Sie waren wie die
Kinder Ach  so jung  so schön  so gut  und beide nur einen Schritt vom
Grabe«
    Röschen hatte ihren Kopf in Bozenas Schoss gelegt jetzt erhob sie ihn und
sagte mit seligem Lächeln »So gut waren sie Bozena«
    »Und dann« fragte Mansuet
    »Dann nichts mehr Diese da«  die Magd streichelte das Gesicht des Kindes 
»hat er auf den Arm genommen und sie zärtlich geküsst «
    »Weil er mich so liebgehabt hat« warf das Kind voll stolzer Zuversicht ein
    »Und sie mir zurückgegeben« schloss die Erzählerin »und gesagt Bozena  du
wirst sorgen«
    Ein langes Schweigen trat ein Röschen schien eingeschlummert Plötzlich
aber öffnete sie die schlaftrunkenen Augen und sprach zu Bozena emporblickend
»Bei der Hochzeit meiner Eltern warst du gewiss Brautjungfer«
    Mansuet und Bozena tauschten einen raschen Blick der seine hatte den
Ausdruck der Bestürzung der ihre war finster und verwirrt
    »Nicht wahr« lallte Röschen mit schwerer Zunge und senkte die müden Lider
    Bozena beugte sich über sie »Nein Kind  nein«
    »Warum nicht«
    »Es hätte sich nicht geschickt«
    Das Kind hauchte leise ein zweites »Warum« und schlief schon fest als es
kaum ausgesprochen war
    »O Herr Mansuet« begann Bozena nach einer Weile und öffnete dem Getreuen
zum erstenmal ihr verschlossenes Herz  »In der Nacht meine ich oft die Worte
meines Herrn zu hören Bozena du wirst sorgen Damals wie er sie gesprochen
hat da habe ich nur gedacht Natürlich  Und jetzt sind mir die Hände
gebunden jetzt ist alles verloren ich kann für niemand mehr sorgen keinem
mehr helfen denn ich bin  verachtet«
    »Sie« rief Mansuet
    »Ja ja ich bins Wenn eines noch so hart ist gegen sich selbst  das
fühlts doch  Ich hab das Unglück der Mutter auf dem Gewissen und das
Unglück des Kindes dazu  Ich kann nichts mehr tun für das Kind «
    »Was wollten Sie denn tun Bozena«
    »Ihm helfen zu seinem Recht  was sonst«
    »Wie  dem Fräulein zum Trotz «
    »Nicht ihr zum Trotz Mit ihrem Willen Ich hätts von ihr erlangt  Noch
ein paar Jahre Herr Mansuet und was ich ihr geraten hätt das hätte sie getan
Glauben Sies oder nicht  noch ein paar Jahre und geführt hätt ich sie an
einem Haar  Gott straft mich schwer  ich bin hilflos und gebrochen und
werde zu dem Kinde meiner Rosa niemals sagen können an der Schwelle des
Vaterhauses Tritt ein du bist daheim«
    Mansuet betrachtete sie staunend Das also hatte sie sich zugetraut Darum
also die schweigende Unterwerfung der widerspruchslose Gehorsam die stündliche
Selbstverleugnung  Das alles war bewusst gewollt  war die Frucht ihrer
großen Liebe und ihrer großen Reue
    Nein denkt er die Bozena lernt man nicht aus
    Der alte Mansuet drückt die Hand an seine Stirn und spricht »Wer weiß 
Wer weiß «
 
                                       15
Jahr um Jahr verging Röschen wuchs heran körperlich und geistig gar seltsam
ausstaffiert  mit Regulas abgelegten Kleidern mit Mansuets wunderlichem
Wissenskrame Die ärmste Genossin eines reichen Hauses besaß sie nichts zu
eigen als Kind auch nicht ein Spielzeug später keine von all den kleinen
Herrlichkeiten die so wertlos und so wert gehalten ein Mädchenzimmer
schmücken und ein Mädchenherz erfreuen
    Mansuet sparte wie ein Hamster »Für ihre Zukunft« Jetzt meinte er
brauche sie nichts Und Bozena gab ihm von ganzem Herzen recht »Man tut ihr
nichts Gutes Sie soll sich nur gewöhnen zu entbehren« Aber Röschen entbehrte
nichts weil sie niemals etwas besessen hatte und weil ihr jede Gelegenheit zum
Vergleiche mit andern fehlte Sie hatte nur eine Sehnsucht und auch diese halb
unbewusst die Sehnsucht nach mehr Luft mehr Sonnenschein als sie im düstern
Hause genoss
    Bozena fand nie Zeit sie spazierenzuführen und Mansuet konnte sich
nachgerade nicht mehr entschließen seine Stube zu verlassen Er wurde sehr alt
und etwas geschwätzig und wiederholte täglich dieselben Späße Das Fräulein
konnte nicht im Seidenkleide vorüberrauschen ohne dass er sang »Das Schiff
streicht durch die Wellen Fidolin Fidolin« Schimmelreiter nicht über den
Platz schreiten ohne dass Mansuet deklamierte »Guter Mond du gehst so stille«
und so weiter
    Der Sekretär hingegen blühte wie ein Jüngling Er war unbeschreiblich
glücklich mit seiner Kati und sang ihr Lob vor jedem der es hören und vor
jedem der es nicht hören wollte
    Fräulein Regula veränderte sich wenig nur die Haut ihres Gesichtes wurde
etwas gespannter nur ihre Zähne wurden noch etwas länger Wenn auch die Zahl
ihrer Jahre zunahm die Zahl ihrer Verehrer nahm nicht ab denn der Reichtum
besonders wenn er in stetem Wachsen begriffen ist erhält immer jung
    Die Stadt Weinberg hatte indessen teilgenommen an den Segnungen des
aufblühenden Verkehrs Seitdem ein stattlicher Bahnhof sich dicht vor den
Anlagen erhob seitdem der Eisenstrang die Stadt im Halbbogen umkreiste seitdem
Telegraphendrähte Nachrichten aus allen Richtungen der Windrose über die Köpfe
der guten Weinberger hinübertrugen war ein gewaltiger Andrang von fremden
Zuzüglern entstanden von unternehmenden Leuten die ihr Glück versuchen wollten
in der im Aufschwunge begriffenen Stadt Neue Häuser wuchsen wie Pilze aus dem
Boden Regula hatte drei bauen lassen und im Gemeinderat wurde der Beschluss
gefasst die Gasse in der sie sich  weiß und glatt wie ungeheure Bogen Papiers
 erhoben Heissensteingasse zu nennen
    Sooft Regula an diesen ihren Schöpfungen vorbeiging tat es ihr jedesmal
leid dass die Pietät ihr verbot in einer derselben ihren Wohnsitz
aufzuschlagen Wie stimmten die scharfen Ecken die geraden Stiegen die
getünchten Gänge dieser Bauwerke mit ihrem Geschmacke überein Im alten Hause
hatte sie sich gefürchtet von Kindheit an Es knisterte so seltsam in seinem
Holzgetäfel es war immer etwas laut in den Dielen in den Decken  Als hätten
die grauen Wände von dem Leben der Menschen dessen jahrhundertlange Zeugen sie
waren einiges in sich gesogen vernahm man darin jene geheimnisvollen Stimmen
des Leblosen welche die bang lauschende Seele mit leisem Grauen erfüllen
    Aber wie gern sie es auch getan hätte Regula verließ das Haus ihrer Väter
doch nicht die Leute hätten sie vielleicht deshalb tadeln sie für frivol oder
pietätlos halten können
    Übrigens was dereinst geschieht kann niemand wissen vorläufig ist sie
entschlossen aus dem Familienhause erst zu scheiden  als verheiratete Frau
Dass der Augenblick in dem sie eine solche werden sollte sehr nahe bevorstehe
versichern der Direktor und der Sekretär auf das bestimmteste Dem Grafen Ronald
liefe wie man zu sagen pflegt das Wasser bereits in den Mund erklärte der
erste er wisse nicht mehr wo aus noch ein die größte Wohltat würde ihm der
erweisen der ihn aufmerksam machte wie nah die schönste Rettung liegt
Schimmelreiter fragte ihn ob er sich nicht selbst dieses Verdienst erwerben
wolle 
    Aber der Direktor bemerkte mit Feinheit einen solchen Eingriff in ihre
Rechte dürfte ihm die Freifrau von Waffenau füglich übelnehmen
    Der Verkehr zwischen Regula und jener vielbeschäftigten Dame war nicht
besonders lebhaft Man sah einander zweimal im Jahre Im Frühling machte das
Fräulein einen Besuch in Haluschka im Spätsommer erwiderte ihn die Baronin Da
kam sie mit ihrem Manne und mit zweien ihrer Söhne  sie hatten deren sechs 
nach Weinberg Alljährlich wurden nämlich ein paar andere dieser Jünglinge auf
das Gymnasium geführt um dort ihre Maturitätsprüfung zu machen Sie fielen
regelmäßig durch Die Freifrau sagte »Ei ei welche Schande«
    Der Freiherr sagte »Zum Gelehrten muss man halt geboren sein« die
Weinberger wiederholten ihren alten Witz der Baron Waffenau sei mit vier
Pferden nach Weinberg gekommen und mit zwei Eseln abgefahren  und alles war
gut
    Die Stunden die der Vater mit seinen Söhnen in dem Tempel der
Wissenschaften zubrachte benützte die Mutter um ihre Vorräte an Zucker und
Kaffee einzukaufen und einen Besuch bei Regula abzustatten Die Baronin war eine
mittelgrosse Frau mit feinen Zügen mit dunklen immer noch feurigen Augen und
Leberflecken auf dem Gesichte eine unvergleichliche Hausfrau und Gattin und
eine schwache Mutter Sie war einst sehr schön gewesen hatte aber keinen Wert
darauf gelegt Die Sorgen für ihren eigenen Herd nahmen sie völlig in Anspruch
fremdes Elend fand soweit ihre beschränkten Mittel es erlaubten bei ihr Hilfe
aber kein Mitleid nie war über ihre Lippen ein anderes Trostwort gekommen als
»Es ist einmal so« und  je nachdem es passte »Sie sind selbst schuld« oder
»Wer kann dafür« Gar nicht zu begreifen ja völlig unnatürlich schien es ihr
dass eine Frau sich für anderes lebhaft interessieren könne als für ihren Mann
ihre Kinder und ihren Haushalt Sogar ihren Eltern hatte sie sich allmählich
entfremdet Von Rondsperg sprach sie nur um zu sagen dass sich dort alles
wohlbefinde Wenn Regula sich die Bemerkung erlaubte sie habe gehört »Frau
Gräfin Mutter« seien unwohl gewesen antwortete sie »Meine Mutter hat eben
wieder einen ihrer gewöhnlichen Anfälle von Schwäche gehabt Das hat nichts zu
bedeuten«
    Und im stillen dachte sie Was kümmerts dich neugierige alte Jungfer
    Einige Tage nach dem Gespräche zwischen Schimmelreiter und dem Direktor kam
die Baronin diesmal zweispännig und allein beim »Grünen Baum« angefahren Sie
ließ dort ihre Equipage einstellen trug dem Kutscher auf sich nicht zu
betrinken die Pferde gut zu versorgen und für drei Uhr nachmittags alles zur
Abfahrt bereit zu halten Sodann begab sie sich zu Fuße nach dem
Heissensteinschen Hause
    Als sie bei dem Fräulein eintrat befand sich die Baronin in großer
Aufregung und gab sich keine Mühe sie zu verbergen
    Sie wisse wohl längst sagte sie gleich nach den ersten Begrüßungen zu
Regula und es sei ja ein öffentliches Geheimnis dass die pekuniären
Verhältnisse ihrer Eltern nichts weniger als glänzend sind Dennoch habe die
Mitteilung die Ronald ihr gestern gemacht sie traurig überrascht  Rondsperg
muss verkauft werden und zwar so bald als möglich es gibt kein Mittel der
Familie das Gut zu erhalten
    Regula neigte ihr Haupt und sprach »Das ist ja schrecklich«
    »Wohl« rief die Baronin und ihre Stimme verriet eine tiefe Erschütterung
»besonders wenn man an unsere alten Eltern denkt  Aber  was ist zu tun 
Sie glauben mir liebe Regula wenn ich Ihnen sage dass ich nicht gekommen bin
Ihnen vorzuklagen«
    Regula versicherte sie sei davon überzeugt und die Baronin fuhr fort
»Sondern vielmehr um Ihnen einen Vorschlag zu machen zu dem die Lage der Dinge
meinen Bruder zwingt Wollen Sie Rondsperg kaufen liebe Regula«
    Das Gesicht des Fräuleins leuchtete auf im Triumph glücklich erfüllter
Erwartung und die Baronin beeilte sich hinzuzusetzen »Nämlich  unter einer
Bedingung«
    Hastig fiel ihr Regula ins Wort und meinte bevor von Bedingungen die Rede
sein könne müsste man ihr Zeit lassen den so unerwarteten Antrag in reifliche
Erwägung zu ziehen Noch wisse sie nicht ob sie überhaupt imstande sei darauf
einzugehen
    Ei dachte die Baronin willst du uns zappeln lassen  willst du uns in der
Kühlwanne halten mein Schatz und sagte mit einem scharfen Blicke und mit ganz
verändertem Tone »Das versteht sich von selbst einen solchen Entschluss fasst
man nicht von heut auf morgen Und jetzt sagen Sie mir  wo kaufen Sie Ihren
Kaffee Ich war mit meinem letzten GoldJava äußerst unzufrieden«
    Die Baronin erwähnte der Angelegenheit die sie nach Weinberg geführt hatte
mit keinem Worte mehr aber Regula kam darauf zurück Dies geschah auf dem Wege
zum Gasthofe wohin sie die Baronin begleitete Beide Damen traten nun aus ihrer
Reserve und verständigten sich bald so weit dass die Baronin sagen konnte ihr
Bruder werde in den nächsten Tagen kommen um mit Regula zu sprechen Das
Fräulein erwiderte es werde sie freuen obwohl sie »eigentlich« Herrenbesuche
nicht empfange Die Freifrau blieb voll Verwunderung stehen und wollte in ihrer
Aufrichtigkeit schon ausrufen Tun Sies getrost Aber sie besann sich Regulas
Miene und affektierte Befangenheit machten einen befremdenden Eindruck auf sie
Wie ein Blitz durchzuckte sie der Gedanke Die Weinhändlerin hält sich für
gefährlich  und forschend betrachtete sie das gelbe Fräulein  Ihr Reichtum
hat vielleicht doch schon einen oder den andern in Versuchung geführt Ja ja
Geld beherrscht die Welt Wäre sie nur nicht gar so reizlos  die einfachste
Lösung all der Verlegenheiten läge nahe Der arme Ronald darf im Grunde weniger
Ansprüche machen als sie und ein Ertrinkender greift sogar nach einer  Regula
    Schweigend erreichte man das Tor des Gastofes Der Wagen der Baronin war
bereits angespannt sie bezahlte ihre Rechnung wechselte einige Worte mit dem
Wirte und wandte sich abschiednehmend zu Regula der sie beide Hände
entgegenstreckte Das Fräulein legte die Fingerspitzen hinein die leichte aber
nicht erlernbare Kunst einem Menschen warm und herzlich die Hand zu drücken
verstand sie nicht
    »Montag also kommt Ronald« sprach die Baronin Helle Tränen standen ihr in
den Augen als sie davonfuhr Seit der Todeskrankheit ihres ältesten Sohnes
hatte sie nicht mehr geweint »Armer Ronald« seufzte sie »das Elend nicht das
deine  das trügest du  aber das Elend deiner Eltern oder  diese Frau 
Armer Ronald  welche Wahl«
    Ihr schwesterliches Herz das lange geschlafen hatte war plötzlich erwacht
Die Zeit die so vieles vollbringt hatte dem Professor Bauer im Hause Regulas
die Stellung eines Hausfreundes gesichert das heißt er brauchte sich nicht
mehr immer misshandeln zu lassen er durfte manchmal selbst misshandeln Die
schüchternen Tage kamen bei ihm seltener um so häufiger die melancholischen und
die rabiaten Er quälte Regula oft mit seiner Eifersucht Sie jedoch hatte sich
an seine bärbeissige Anbetung gewöhnt und hätte sie nicht mehr entbehren mögen
Es ist doch sehr schmeichelhaft einen Menschen nach Willkür froh oder traurig
machen sein Herz stellen zu können wie eine Uhr zu wissen Diese
Anhänglichkeit ist wie ein gutes Gewehr sie versagt nie
    Der Professor schmollte zürnte verlor tausendmal die Geduld aber er fand
sie immer wieder denn er liebte und war treu Zur Verzweiflung brachte ihn
Regula wenn sie ihm ihre Freundschaft anbot und sagte sie wolle leben und
sterben wie ihre Ideale die Königinnen Elisabet von England und Christine von
Schweden Der Professor schüttelte grimmig sein Haupt und erinnerte an die
Grafen Essex und Monaldeschi Das Fräulein wurde ernstlich böse und erklärte
diese beiden Herren für Lügen der Geschichte Hierauf entbrannte regelmäßig ein
heißer Kampf Ludwig Bauer schleppte alle möglichen Geschichtswerke herbei die
Zeugnis für die in Frage gestellten Existenzen ablegen sollten Regula wies die
Zumutung von sich dergleichen zu lesen man schied voll gegenseitigen
Unwillens und es war vorgekommen dass Professor Bauer sich durch volle drei
Tage im alten Hause nicht blicken ließ wegen der Grafen Essex und Monaldeschi
    Als er von dem bevorstehenden Besuche des Grafen Ronald hörte geriet er in
große Unruhe
    Er fragte so lange »Was will er Was hat er hier zu suchen« bis Regula
abweisend sprach »Vous mennuyez cher professeur«
    Die Vorbereitungen die zu dem Empfange des seltenen Gastes getroffen
wurden schmerzten den täglichen auf das tiefste Er ging wie er pflegte wenn
ihm das Herz gar zu schwer war zu Bozena und sprach »Ich bitte Sie  was fällt
ihr ein Jetzt wird das Silbergeschirr auf der Kredenz aufgestellt  Eben bin
ich dem Hausknechte begegnet der Teppiche aus dem Keller herauftrug  Und die
Überzüge werden von den Kronleuchtern herabgenommen  Hat man je dergleichen
gesehen  Was soll das alles heißen sagen Sie mir um Gottes willen«
    Regula wusste sehr gut dass der Professor bei Bozena über sie klagen ging
aber das kümmerte sie gar nicht obwohl es ihr sonst schrecklich war wenn auch
nur eine Grille etwas anderes zirpte als ihr Lob Sie war überzeugt diese
Klagen spricht die Liebe und die Verschwiegenheit hört sie an sie sterben
innerhalb der vier Mauern der Stube Bozenas Bei der ist ihre Herrin in guten
Händen niemals wird die Dankbarkeit dieses Weibes gegen sie erlöschen Bozena
würde sich Lieber die Zunge abbeissen als ein Wort des Tadels gegen sie
aussprechen eher zugrunde gehen als nicken wenn jemand ein ungünstiges Urteil
über sie fällt Regula hatte ihre Verlässlichkeit hundertmal erprobt
Der Tag an dem Graf Ronald in Weinberg eintreffen sollte erschien und
Fräulein »von« Heissenstein wie die Höflichkeit ihrer Mitbürger sie nannte
empfing zur festgesetzten Stunde ihren Gast im roten Salon
    »Sehr willkommen Graf Rondsperg« sprach sie und verfertigte eine ihrer
vortrefflichen Verbeugungen durch welche sie Ehrfurcht vor dem Begrüssten und
Selbstgefühl gemildert durch mädchenhafte Bescheidenheit auszudrücken wusste
    Wie schön er geworden ist dachte sie dabei fast bestürzt und lud ihn mit
einer steifen Bewegung zum Sitzen ein
    In der Tat er hatte sich in den Jahren völliger männlicher Reife gar
herrlich entwickelt Noch lag der Hauch der Jugend auf seinem Angesichte aber
aus seinem ganzen Wesen sprach energische Entschlossenheit und die Ruhe
selbstbewusster Kraft
    Vollkommene Unbefangenheit vermag in vielen Fällen auch die erfahrenste
Weltläufigkeit zu ersetzen Unbeirrt durch Regulas Zierereien verstand es der
einfache Ronald das Gespräch allmählich auf das zu lenken was ihm so wichtig
und so schmerzlich war auf die Ursachen die ihn zwangen sich seines Gutes zu
entäussern Sodann setzte er dem Fräulein die Vorund Nachteile auseinander die
ihr aus der Erwerbung Rondspergs erwachsen würden Er wies ihr nach wie die für
den Kauf verwendete Summe sich erst in Jahren dann aber sicher und reichlich
verzinsen würde
    Regula war ihm mit gespannter Aufmerksamkeit gefolgt
    »Erlauben Sie« fiel sie ihm jetzt in das Wort »wenn ich die beiden nach
Ihrer Angabe zur Entlastung und Instruierung Rondspergs erforderlichen Summen
addiere so ergibt sich der Preis den Sie für das Gut fordern Gesetzt ich
schlösse den Kauf was bliebe dann Ihnen«
    »Nichts« sagte Ronald mit großer Gelassenheit »aber glauben Sie nicht dass
ich Ihnen Rondsperg ohne Ursache so wohlfeil überliesse Meine Uneigennützigkeit
ist eine scheinbare Man muss dem allzu billigen Verkäufer misstrauen er
beabsichtigt vielleicht sich bezahlt zu machen durch  Unbezahlbares«
    Regula war im Begriffe auszurufen Zu rasch das kommt zu rasch als ein
verstohlener Blick auf Ronald sie veranlasste diese Worte vorläufig noch zu
unterdrücken Auf seinen Lippen schwebte ein trauriges Lächeln das sie
befremdete Sie schwieg und war in Verlegenheit und hatte sonderbarerweise den
Wunsch noch verlegener werden zu müssen
    Ronald fuhr fort »Sehen Sie verehrtes Fräulein als mir mein Vater vor
sechs Jahren Rondsperg übergab tat ers im Glauben damit ein unschätzbares
Geschenk zu machen und als ein solches nahm ich es an Hätte ich dem alten
Manne sagen sollen Du gibst was dir kaum mehr gehört dein Eigentum ist dir
unter den Händen zerronnen Dein Geschenk ist eine Last bürde sie mir nicht
auf«
    »Konflikt der Pflichten« murmelte Regula und bemühte sich einen
tiefsinnigen Ausdruck anzunehmen
    »Auch Sie haben Ihren Vater geliebt« rief Ronald treuherzig »hätten Sie
vermocht ihn aus einer beglückenden Täuschung zu reißen  Einen Greis der
in seinen Anschauungen befangen die Wahrheit kaum mehr zu fassen vermöchte
oder wenn er es vermöchte unter ihrer Wucht zusammenbräche«
    Regula schlug die Augen nieder und seufzte »Was ist Wahrheit«
    Ronald hatte sich nicht unterbrechen lassen er sprach weiter »Nein dacht
ich bleib in deinem Wahn und sinke sanft von ihm gewiegt in den Schoss der
ewigen Ruhe dem du so nahe stehst  Ich meinte es durchsetzen und ihm
Rondsperg noch erhalten zu können bis an sein Ende  ich habe mich getäuscht Es
ist unmöglich das Gut zu behaupten ohne meine Schwestern ohne Menschen die
uns Vertrauen geschenkt haben zu benachteiligen  So suche ich denn einen
Käufer für Rondsperg und da ich einen edlen Käufer brauche bin ich gekommen
um es Ihnen anzubieten«
    Edel muss seine Gattin sein sagte Regula bei sich Sie zog ihr Taschentuch
hervor um nur irgend etwas zu tun sie richtete ihren Blick auf das schön
gestickte RH in der Ecke desselben und sah im Geiste eine Grafenkrone sich
neunzackig darüber erheben
    Ronald schien eine Antwort zu erwarten ein Zeichen der Aufmunterung und
Regula fragte endlich »Inwiefern brauchen Sie ihn edel«
    »Weil ich ihm zumute« erwiderte Ronald »einen Besitz zu erwerben den er
nicht antreten dürfte solange meine Eltern leben Mein Vorschlag lautet Sie
kaufen Rondsperg lassen aber den Kaufvertrag ein Geheimnis bleiben zwischen uns
und den von uns bestellten Zeugen Ich verwalte vorläufig den Besitz für Sie und
übergebe Ihnen dereinst statt des verwahrlosten ein wohlgeordnetes Gut  Sie
werden nicht viele Jahre warten  Ich würde Ihnen ein treuer Verweser sein 
es gibt nichts das ich nicht für die tun möchte der meine Eltern es verdanken
dass sie sterben dürfen auf ihrer heimatlichen Scholle«
    Regula fragte sich ob diese letzten Worte nicht beinahe ein Eheversprechen
enthielten  wenn man es so nehmen wollte Sie sann und sann Ganz so wie sie
sichs gedacht war die Sache nicht gekommen Eigentlich schlug ihr der Graf
einen guten Handel vor  unter einer sentimentalen Bedingung Das letztere tut
er im Vertrauen auf den Ruf den sie genießt Regula überlegt dass ihr Ruf von
Edelmut und Seelengrösse sie schon manchen Gulden gekostet hat Diesmal trägt er
etwas ein  viel sogar Es ist ein Zukunftskauf der ihr angeboten wird aber
ein glänzender Sie kennt Rondsperg durch den Direktor so genau  Nur ist ihr
mit dem Kauf allein nicht gedient  als Gräfin von Rondsperg gedenkt sie dort zu
residieren Ronald sieht sie fragend an wäre jetzt nicht der Moment gekommen
für sie  die Hand auszustrecken für ihn  die großmütige zu ergreifen
    »Was sagen Sie mein Fräulein« spricht er
    »Ich sage  ja« lispelt sie und reicht ihm die zitternde Rechte
    Er erfasst und drückt sie herzhaft »Ich danke Ihnen«
    Eine Pause tritt ein Sein Haupt neigt sich leise Nun erhebt es sich
wieder und er fährt in entschlossenem Tone fort »Die gemütliche Seite unserer
Angelegenheit wäre abgetan die geschäftliche kommt an die Reihe«
    »Schon abgetan« ruft Regula unwillkürlich
    Ronald betrachtete sie erstaunt und sie schoss bestürzte Blicke umher denen
es nur darum zu tun war dem seinen auszuweichen Wahrlich sie hasste ihn
grimmig in diesem Augenblick
    Sie fragt sich Hat mich dieser Graf zum besten Verbirgt sich Hohn hinter
seiner scheinbaren Offenheit Sie sinnt bereits auf Rache aber vor allem muss
ihre Verwirrung ihm verborgen werden Regula lächelt sauersüss und spricht »Das
Geschäftliche bitte ich abzumachen mit meinem Rechtsfreunde Doktor Wenzel«
    »Er ist auch der meine« erwiderte Ronald »und wenn Sie erlauben will ich
sogleich zu ihm«
    »Sie träfen ihn vermutlich auf dem Wege hierher er wird mit uns speisen«
    »Um so besser wenn ich mich mit ihm in Ihrer Gegenwart besprechen darf Und
wann gedenken Sie nach Rondsperg zu kommen mein Fräulein«
    »Was soll ich dort«
    »Es kennenlernen Sie müssen Rondsperg gesehen haben bevor Sie es kaufen
darauf bestehe ich«
    Er fuhr mit der Hand über seine Stirn und setzte nach kurzem Schweigen
hinzu »Sie werden über die Verwahrlosung erschrecken die Ihnen dort auf
Schritt und Tritt begegnet Ich wäre nicht gern Zeuge Ihrer ersten unangenehmen
Überraschung Gestatten Sie mir einige Tage nach Ihnen einzutreffen um Sie in
Ihrem neuen Eigentume zu begrüßen«
    Regula horchte hoch auf Alle ihre entschwundenen Hoffnungen kehrten im
Fluge zurück Vielleicht zögert er nur noch zu sprechen er kann es ja kaum tun
ehe sie ihren künftigen Wohnsitz sieht und sich mit ihm zufrieden erklärt
    Und Regula flüstert schüchtern »Unter welchem Vorwande könnte ich
erscheinen«
    »Es bedarf keines Vorwandes Sie werden eine Einladung von meiner Mutter
erhalten Meine Mutter kennt unsere Lage genau« Ronald sprach rasch und mit
einer Ergriffenheit deren völlig Herr zu werden er nicht vermochte »Obwohl sie
sich nicht darüber ausgesprochen hat weiß sie weshalb ich hier bin Was meinen
Vater betrifft so war es längst sein Wunsch Sie nach Rondsperg zu bitten Wir
hielten ihn davon ab meine Mutter und ich Der Unterschied zwischen der
Gastfreundschaft die wir einst in Ihrem Hause genossen und der die wir Ihnen
zu bieten haben wäre zu groß gewesen«
    »O Herr Graf« sprach Regula geschmeichelt »kein Wort weiter Ich komme
sobald die Frau Gräfin mich dazu auffordert Es sei mir jedoch gestattet meine
kleine Nichte und eine Dienerin mitzubringen  denn so ganz allein  das
könnte auffallen  Meinen Sie nicht auch«
    Sie war in der heitersten Laune Als ihre Tischgäste Doktor Wenzel
Professor Bauer und der Direktor eintraten hatten ihre Wangen ein belebtes
Gelb das den Professor entzückte Niemals war sie ihm angenehmer und wie er
sagte »bedeutender« erschienen ihre Augen strahlten förmlich vor Klugheit und
sie sprach gescheite Sachen O wie hasste er den Reichtum der sie unabhängig und
zugleich für so viele begehrenswert machte Er hätte ihre Häuser verbrennen in
ihren Geldschrank einbrechen und seinen Inhalt in alle Winde streuen mögen Er
war überzeugt dass sie füreinander geboren waren und dass nichts zwischen ihnen
stand als dieser abscheuliche Reichtum Wenn Regula zuzeiten gnädig sagte »Ja
mein Freund ich ermesse die Tiefe der Neigung die Sie mir weihen« wähnte er
sich dem Inbegriff aller Seligkeiten näher Ludwig Bauer glich der Kohle die
sich in einen Eisblock verliebte und meinte der weine vor innerer Rührung weil
ihre Nähe ihn tauen machte
    Das Diner fiel vortrefflich aus Der Tisch war tadellos gedeckt ein
Bedienter in einfacher gar nicht geschmackloser Livree servierte behend und
geräuschlos die feinen Gerichte die milden und feurigen Weine »Echter
Heissensteiner« rief der Direktor nach jedem Trunke begeistert aus
    Die Herren machten der Mahlzeit alle Ehre  den Professor ausgenommen der
sich sonst eines guten Appetits erfreute aber heute nicht essen konnte Er
verschlang nur Ronald  nämlich mit den Augen Ihm schwante Böses
    Und Ronald dachte Dieser Mann der Wissenschaft scheint sehr aufgeregt er
ist gewiss im Begriffe eine Entdeckung zu machen
    Der Professor jedoch machte keine andere Entdeckung als die immer neue
seiner Liebe zu Regula
 
                                       16
Die Eisenbahnfahrt dauerte nur wenige Stunden Schon um zwölf Uhr mittags waren
die Reisenden auf der Station angelangt wo der Wagen aus Rondsperg ihrer
wartete  eine grüne Kalesche auf Schneckenfedern mit schmalem Kutschbock der
in der Luft zu schweben schien Freundlich grinsend begrüßte der Kutscher die
Damen und hob sie in den Wagen Mit Hilfe zweier Volontärs die ihre Dienste
angeboten hatten band er sodann den Koffer des Fräuleins und die Reisetaschen
ihres Gefolges auf das Trittbrett fest und schwang sich auf seinen luftigen
Sitz Die Volontärs forderten eine unverschämte Entlohnung für ihre Mühewaltung
Regula machte ein saures Gesicht murmelte etwas von »idyllischen Zuständen«
bezahlte und die Equipage setzte sich in eine halb wiegende halb schaukelnde
Bewegung die Röschen entzückte Trotz der Abmahnungen ihrer Tante stand sie
auf kniete auf dem Rücksitze des Wagens nieder lehnte sich an den Kutschbock
und begann ein eifriges Gespräch mit dem Rosselenker Er war ein alter Mensch
mit krummem Rücken trug einen weitläufigen Rock aus grobem grauem Tuch und auf
dem Kopf einen hohen Zylinder den er trotz des schönen Wetters unter den Schutz
eines Überzugs aus Wachsleinwand gestellt hatte dessen Bändchen ihm gemütlich
um die Nase baumelten
    Regula hatte sich anfangs sehr unwirsch über die Hitze geäußert sich aber
doch nicht entschließen können den grünen Gazeschleier zu lüften unter dem sie
beinahe erstickte Zuletzt kam sie in so üble Laune dass sie gar nicht mehr
sprach den Fächer dicht vor das Gesicht hielt und mit geschlossenen Augen sich
in die Ecke des Wagens drückte während Bozena wie eine japanische Zofe einen
großen Sonnenschirm über dem Haupte der Herrin ausgespannt hielt
    Röschen schwatzte indessen eifrig mit dem Kutscher weiter Den Gegenstand
ihres Gesprächs bildeten die zwei Braunen die in bequem zottelndem Trabe das
Gefährt hügelauf hügelab zogen Sie waren beide tief eingesattelt und hatten
lange abstehende Ohren die sie unaufhörlich bewegten Ihre Namen waren Kocka
und Myska Katze und Maus und Florian hatte sie gewartet von ihrem ersten
Lebenstage an bis zu dem ehrwürdigen Matronenalter in dem sie jetzt standen Er
erzählte seiner aufmerksamen Zuhörerin sie seien Schwestern die eine sechzehn
Jahre  Röschen rief »Gerade wie ich«  die andere siebenzehn Jahre alt und
beide besässen erwachsene Kinder Als so klug schilderte er seine Zöglinge dass
man wohl begriff warum er es für überflüssig hielt ihnen irgendwelche Leitung
oder Ermahnung angedeihen zu lassen »Die spinnen so fort« sagte er »wenn
drauf ankommt ganze Tog hoben Weg in die Füss« Lustig tanzten die Zügel auf
den Kruppen der Braunen als hätten sie nur den Zweck ihnen die Fliegen zu
verscheuchen Wenn Myska was regelmäßig geschah sooft es bergab ging
stolperte rief Florian mit geheuchelter Verwunderung »Oho«
    Röschen meinte die Fahrt habe kaum begonnen als sie sich schon ihrem Ende
nahte Man war am Ausgange eines Wäldchens aus Laub und Nadelholz angelangt
Florian richtete sich so gerade auf als die Beschaffenheit seines Rückens es
erlaubte deutete mit der Peitsche auf ein großes viereckiges Gebäude das
inmitten der Felder vor einem langgestreckten Dorfe lag und sprach die Brust
von Stolz geschwellt das Haupt auf die Seite geneigt über die Achseln zu
Röschen »Rondsperg«
    Nun wurde ein schmaler Feldweg eingeschlagen der sich so wunderlich krümmte
und wand dass es schien als führe er statt in die Nähe des Reisezieles weitab
von ihm Kocka und Myska wussten das aber besser Sie stießen einander mit den
Köpfen an und ließ ein gedämpftes Wiehern vernehmen ohne Übermut aber voll
Zufriedenheit Jedes Kind musste verstehen dass sie sagten Wir sind zu Hause
    Jetzt fuhr der Wagen über eine Hutweide auf der einige Kühe ihr Futter
suchten aber nicht fanden wie ihre eingefallenen Flanken und ihre
schlotternden Euter bewiesen Florian rang mit sich selbst ob er etwas oder
nichts sagen sollte Nach einer Weile entschloss er sich zu ersterem und erklärte
in bedauerndem Tone »Herrschaftliche Viech« 
    Doch rasch als gälte es den unliebsamen Eindruck den seine Worte
hervorgebracht haben mochten schleunigst zu verwischen streckte er den Arm mit
der Peitsche aus beschrieb einen Bogen der den halben Horizont umfasste und
sprach »Herrschaftliche Grund«
    Ein unabsehbares Heer aufgescheuchter mit den Flügeln schlagender Gänse
begrüßte die Ankömmlinge mit lautem Geschnatter Ohne sich davon beirren zu
lassen liefen die Braunen über eine breite geländerlose Brücke welche die
Ufer eines seichten sanft dahingleitenden Bächleins miteinander verband und
einer Allee von überständigen meist gipfeldürren Pappeln zu an deren Ende die
Einfahrt zum Schloss sichtbar wurde Es war dies ein gemauerter Bogen zwischen
zwei steinernen Säulen auf denen verwitterte Unholde hockten die unförmigen
Tatzen auf Wappenschilder gestützt deren Embleme nicht mehr sichtbar waren Die
Pferde lenkten ein der Wagen rasselte über das Pflaster des Schlosshofes und
hielt unter der Einfahrt Nachdem Florian aus allen Kräften mit seiner Peitsche
geschnalzt hatte erschien ein Diener in einem flatternden Zwilchkittel öffnete
den Wagenschlag und half den Damen beim Aussteigen Bozena machte sich von
Florian auf das bereitwilligste unterstützt mit der Bagage zu schaffen Regula
und Röschen traten in die Halle An beiden Seiten derselben befanden sich hohe
verhangene Glastüren eine Doppeltreppe dem Eingange gegenüber führte zu dem
ersten Geschosse empor Die Bildhauerarbeit an der Steinrampe und die
Stukkaturen an den Wänden waren so oft übertüncht worden dass es kaum mehr
möglich war ihre ursprünglichen zierlichen Formen zu erkennen
    Vom Korridor her kamen der Graf und die Gräfin herbei und blieben ihre
Gäste erwartend auf dem obersten Treppenabsatze stehen Regula beschleunigte
ihre Schritte nicht langsam stieg sie hinan warf schräge Blicke um sich und
dachte Ärmlich  Ärmlich  Voll peinlicher Ungeduld folgte Röschen der
Tante und flüsterte ihr zu »Sie warten die alten Leute warten«
    Endlich vor dem Paare angelangt machte Regula eine tiefe Reverenz der Graf
erwiderte sie freundlich mit entblösstem Haupte die Gräfin verbeugte sich
mehrmals nacheinander rasch und wie es schien unwillkürlich bewegten sich
ihre Lippen Wehmütig ergriffen von dem Anblick der alten Frau trat Röschen
auf sie zu und küsste ihre Hand Der Graf bot der Tante seinen Arm die Gräfin
nahm den der Nichte und so geleiteten sie ihre Gäste zu den ihnen bestimmten
Gemächern An der Schwelle blieb der Hausherr stehen und sprach »Es ist alles
zu Ihrem Empfange bereit treten Sie ein meine Damen«
    Die Hausfrau stammelte einige Worte der Entschuldigung und bat
vorliebzunehmen
    Unzufrieden unterbrach sie ihr Gemahl »Ohne Komplimente Nicht wahr meine
Damen  Lassen Sie sichs bei uns gefallen In einer halben Stunde wird die
Tischglocke das Zeichen zur Tafel geben Auf Wiedersehen«
    Die Zimmer welche die Ankömmlinge bezogen waren groß und kahl sie boten
die Aussicht auf den Teich des Dorfes und auf einen Teil des verwilderten Parks
Ein kleineres an das Röschens anstossendes Zimmer war für Bozena bestimmt
    Regula ließ sich von dieser ankleiden und fragte spöttisch »Wie gefällt es
Ihnen hier  Ein hübsches Haus  Ein hübscher Park«
    dabei rieb sie sich die Hände mit Mandelkleie und sagte zu sich selbst Das
wird anders werden
    Sie hatte ihre Toilette eben beendet als eine heisere Glocke ertönte und
derselbe alte Diener der sie am Wagen begrüßt hatte die Meldung brachte die
Suppe sei aufgetragen
    Der »Lakai« war jetzt mit einem Frack nach der Fasson des Rondsperger
Schneiders angetan Er hatte ein weißes Tuch um den Hals geschlungen und trug
Gamaschen aber keine Handschuhe Die Wappenknöpfe die auf seiner Kleidung
angebracht waren mochten wohl einmal versilbert gewesen sein
    Mit einer gewissen nachlässigen Grazie geleitete der Edle sich von Zeit zu
Zeit umsehend ob sie ihm auch folgten die Damen in den Salon Der lag in der
Mitte des Gartenflügels hatte fünf Fenster und den Umfang einer mäßig großen
Reitschule An den Wänden ließ sich die Spuren einer äußerst feinen und zarten
Malerei entdecken und Reste von Vergoldung an der weiß lackierten Einrichtung im
Stile des Kaiserreichs Über einem Kanapee auf dem sechs Personen bequem Platz
gefunden hätten hing das Brustbild der Mutter des alten Grafen Sie war als
Hebe gemalt und nur mit einer roten Echarpe aus durchsichtigem Stoff bekleidet
Regula deren Auge sich zufällig zuerst auf sie gerichtet hatte dachte mit
stillem Entsetzen Die Hebe wird verbrannt  Und doch war dieses Bild das
einzige in dem ganzen Gemache das nicht mit grausamer Beredsamkeit von Verfall
sprach Die blauen Seidenüberzüge der Möbel so matt und glanzlos und so
vielfach geflickt die kunstvoll geschnitzten Trophäen über den Fenstern und
Türen die einst kostbare Vorhänge getragen hatten und jetzt so nutzlos in ihren
eisernen Haken hingen an den Pfeilern die halb erblindeten Spiegel die traurig
all diese verblichene Pracht widerstrahlten wie deutlich bezeugten sie den
Gegensatz der hier herrschte zwischen einst und jetzt
    Am Eingange des Saales stand das greise Ehepaar wie es im Treppenhause
gestanden hatte Er zufrieden und selbstbewusst sie kummervoll und beschämt In
respektvoller Entfernung hielt sich ein großer alter Mann mit derben Zügen das
dichte graue Haar über der Stirn zu einer Schnecke zusammengedreht einen
goldenen Siegelring auf dem knochigen Zeigefinger Er wurde von dem Hausherrn
als »mein Burggraf« vorgestellt und man begab sich zu Tische Die Gräfin selbst
servierte eine safrangelbe Suppe und Peter trug mit großer Geschäftigkeit die
gefüllten Teller umher und schien sich nichts daraus zu machen wenn sein heißer
Inhalt seine Daumen umspülte
    Ein bäurischer Gesell Peters Gehilfe den dieser seit langem mit wenig
Geduld und wenig Glück in die Geheimnisse seines Berufes einzuführen suchte
schlich hinter ihm her Peter kommandierte ihn mit Blicken Winken und
halblauten Anrufungen wovon eine  sie lautete »Du Ross«  vom Grafen überhört
wurde die Gräfin in Schrecken versetzte Regulas Indignation erweckte und den
Burggrafen ergötzte
    Auf dem Tische stand prachtvolles Obst in Schalen aus Sevresporzellan und
dazwischen ein Bronzeaufsatz wunderbare Arbeit aus der besten Florentiner Zeit
ein Kunstwerk von hohem Werte
    Regula nahm sich vor heute noch an Wenzel zu schreiben im Kaufvertrage sei
der Punkt der von der Erwerbung des Schlosses samt Mobiliar handelt ganz
besonders zu betonen
    Und sie sprach »Ein bewunderungswürdiger Tafelschmuck  Die Figuren sind
vorraffaelisch gedacht und könnten wohl von Donatello oder von Bruneleschi
ausgeführt sein wenn nicht gar von Ghiberti  ja ich würde es sogar wagen sie
Benvenuto Cellini zuzuschreiben«
    »Sie sind Kennerin« antwortete der Graf vergnügt »Ich hatte keine Ahnung
von dem Werte dieses Dings Ein Schurke von Antiquar der hier herumreist und
die Schlösser unter dem Vorwande bestiehlt er wolle Einkäufe machen für
Sabatier in Paris hat viele tausend Francs dafür geboten Aber wir pflegen
nicht Handel zu treiben und ich gab Befehl den Mann an die Luft zu setzen
Unter anderm«  sprach der Greis lebhaft zum Burggrafen  »Ist es geschehen
Ich vergaß bisher danach zu fragen Ist es geschehen«
    Der Burggraf verneigte sich und erwiderte »Sozusagen gräfliche Gnaden«
    Während die Suppe gegessen wurde stand Peter mit verschränkten Armen am
Kredenztische und warf unverschämte Blicke auf die beiden Fremden dabei dachte
er Nun ihr Weinhändlerinnen gefällt es euch bei uns Habt ihr in eurem Leben
schon etwas dergleichen gesehen  Was sagt ihr dazu
    Dann servierte er weißes ausgekochtes Rindfleisch auf silberner Schüssel und
Kohlrüben in einer blauen Kasserolle mit abgebrochenem Henkel
    Der Hausfrau standen Schweißtropfen auf der Stirn der Hausherr war in der
muntersten Laune und als Peters Adlatus eine der Sevresschalen fallen ließ und
diese zerbrach sagte der Graf »Es tut nichts mein Peter repariert das wieder
Nicht wahr Peter«
    Peter zog den Mund so schief als wollte er sich in das Ohr beißen und
antwortete »Jo«
    Der Graf sprach mehrmals von Ronald doch geschah dies immer in gereiztem
Tone Er stellte selten eine Behauptung auf ohne hinzuzufügen »Mein Sohn ist
andrer Meinung« Er bedauerte dass Ronald nicht anwesend sei um den Damen die
Honneurs von Rondsperg zu machen  aber »Mein Sohn ist niemals da wo er sein
sollte«
    »Er kommt morgen« warf die Gräfin ein
    Ohne Notiz von den Worten seiner Frau zu nehmen erklärte der Greis seinen
Gästen warum er sie nicht begleiten könne bei den kleinen Ausflügen in die
Umgebung die er ihnen zu unternehmen riet Er hatte die Grenzen des Parks seit
dem Jahre achtundvierzig nicht mehr überschritten denn er wollte sich nicht der
Möglichkeit aussetzen einem Bauern zu begegnen der sich vielleicht besänne ob
er den Hut vor ihm abziehen solle oder gar einem der ein Gewehr auf dem Rücken
trüge »Wenn man zu alt ist die Anarchie zu bekämpfen muss man zum mindesten
gegen sie protestieren Mein Sohn freilich verträgt sich mit ihr« setzte er
achselzuckend hinzu
    Nach dem Speisen begab man sich in den Garten Der Kaffee wurde auf der
Terrasse getrunken die den Gartenflügel des Schlosses umgab und zu der man
durch die Halle und eine Salle à terrain gelangte welche einst ihrer kühlen
Lage und freundlichen Aussicht wegen als Sommerspeisesaal gedient hatte
    Von der Terrasse aus überblickte man einen Teil des Parks der allen
Anforderungen die Jean Jacques Rousseau an einen solchen stellt auf das
vollständigste entsprach Ringsum dehnte sich das fruchtbare wohlgepflegte
Land Da war jedes Fleckchen ausgenützt jeder Wegrain mit Obstbäumen bepflanzt
Schwerlich hätte ein Maler sich hier seine »Motive« geholt die charakterlosen
Hügel in der Nähe die grüne Bergesreihe die den Horizont mit einer fast
geraden Linie abschloss konnten auf Schönheit keinen Anspruch machen aber
herzerfreuend wie die Großmut wie die Dankbarkeit war der Anblick des
tausendfachen Segens mit dem dieser Boden die Sorgfalt lohnte die ihm zuteil
wurde von Menschenhand
    Der Graf blieb neben Regula stehen und sah sie erwartungsvoll an Sie
schwieg und  schwieg
    Er sprach endlich mit Ungeduld »Was sagen Sie zu meiner Aussicht«
    Regula liebte es nicht interpelliert zu werden Mit steifer Haltung und
einem bösen Lächeln antwortete sie »Wenn ich gleich Ihnen Herr Graf mit
Polykrates sprechen dürfte Dies alles ist mir untertänig würde ich ohne
Zweifel finden dass Ihre Aussicht schön sei«
    Röschen hatte sich stumm neben die Gräfin gesetzt und versank ganz und gar
in Bewunderung  So große Weizenfelder das ist ja eine Pracht Und wie der
Wind spielend darübergleitet und sanfte Wellen sich bilden die jetzt wie Silber
schimmern und jetzt wie Gold Der Schatten einer Wolke kommt geflogen und
spiegelt sich in diesem Meere von Ähren Neben den gelben Feldern stehen grüne
dazwischen farbenprächtige Mohnblumenbeete sie würden einen Garten schmücken
An der Ecke der Parkmauer wo der Weg in das Dorf führt erheben sich drei
uralte Linden ihre Zweige sind so dicht verschlungen dass sie zusammen nur eine
Krone bilden  eine Riesenkuppel über dem heiligen Johannes aus Stein der sein
graues Haupt zu dem Kreuz in seinem Arm demutvoll niederbeugt
    Die vom Acker heimkehrenden Weiber mit schweren Grasbündeln auf dem Rücken
steigen so müde sie sind doch die Stufen des Standbildes hinan und küssen den
halbverlöschten Namen Jesu auf seinem Sockel Desgleichen tun die alten Bauern
und ihre aufgeklärteren Söhne entblössen zum mindesten das Haupt vor dem
Schutzpatron des Dorfes  Die Sonne neigt sich zum Untergange immer einsamer
wird es auf den Wegen nur einzelne Nachzügler kommen noch langsam
einhergeschritten An ihnen vorbei galoppiert eine Schar kleiner Jungen mit
nackten Beinen sie reiten die Pferde von der Hutweide nach Hause unter Hurra
und lautem Geschrei 
    Röschen möchte mit ihnen jauchzen so seelenvergnügt fühlt sie sich Sie
sieht die Augen der Gräfin mit dem Ausdruck so innigen so mütterlichen
Wohlgefallens auf sich gerichtet Ach könnte sie etwas tun für die arme alte
Frau  Aber sie kann nichts tun als sich zu ihr neigen und sagen »Wie schön
ist es bei Ihnen«
    Die Greisin streichelt ihr sanft die Wange  der alte Herr blickt schalkhaft
zu ihr hinüber und droht ihr mit dem Finger »Oh  o diese Augen Werden die
noch Unheil genug in der Welt anrichten  Sehen Sie mich nicht an Fräulein
von Fehse  sehen Sie mich nicht an«
Am nächsten Morgen in aller Gottesfrühe war Röschen schon im Garten und zu
Mittag lag schon  niemand wusste durch welche Zauberkünste  das Kindervolk im
ganzen Umkreise des Schlosses in ihren Fesseln Die zwei »Jüngsten« des Maiers
und das »Allerjüngste« des Schmiedes und die »Sämtlichen« des Gärtnergehilfen
liefen hinter ihr her wie Hündlein Eine kleine kugelrunde Anitschka mit kurzem
Näschen und roten Pausbacken pflanzte sich vor dem Schlosstore auf als Röschen
darin verschwunden war und ließ sich so wenig wie eine treue Schildwache von
ihrem Posten vertreiben Sobald der Gegenstand ihrer Leidenschaft wieder
erschien machte sie eine dicke Lippe ergriff eine Falte von Röschens Kleid und
watschelte so resolut neben ihr her als hieße es nun Durch Not und Tod
    Während Röschen die Jugend bezwang eroberte Bozena das Alter Gleich bei
ihrer ersten Begegnung mit ihm hatte sie des alten Grafen Gunst errungen Er
erklärte sie sofort für eine der gescheitesten Personen die ihm jemals
vorgekommen seien Sie musste sich nachmittags auf der Terrasse einfinden und die
Aussicht bewundern Zufällig  dieser Zufall traf immer ein sobald der Greis
zehn Worte mit einem fremden Menschen gewechselt hatte  kam das Gespräch auf
die Ereignisse des Jahres achtundvierzig Bozena erzählte durch seine Fragen
gedrängt von ihrem Aufenthalte in Ungarn von ihrer Wanderung durch das kaum
niedergeworfene Land Der Graf  honneur aux dames  forderte sie auf sich zu
setzen und als Bozena diese Zumutung als könne sie nur im Scherze gemeint
sein lächelnd ablehnte nahm der alte Herr seinen Hut ab und legte ihn neben
sich auf die Bank
    Beim Abendessen sprach er mit Regula mehrmals von ihrer Magd »Eine Libussa
Ihre  wie heißt sie  Eine Fürstin Libussa  Eine solche Dienerin macht
der Herrin Ehre Auf Ihr Wohl mein Fräulein«
    Er leerte ein Glas saueren Landweins mit einem solchen Behagen als verwandle
er sich auf seiner Zunge in den edelsten Johannisberger
    Regula hatte den Nachmittag ihrer Korrespondenz gewidmet Sie schrieb einen
langen Brief an Wenzel und einen nicht viel kürzeren an Mansuet Dem letzteren
trug sie Grüße auf an alle ihre Bekannten und Verehrer In der langen Liste der
angeführten Namen fehlte nur der des Professors Bauer Von diesem Getreuen
erwartete sie schon mit der morgigen Post einen Brief den zu beantworten sie
sich vornahm
    Ihr letzter Gedanke als sie ihr Haupt auf das Kissen ihres dürftigen Lagers
legte war an ihn Was wird er sagen wenn er von meiner Verlobung hört  Der
Arme  vielleicht erschiesst er sich
Es war Sitte auf Schloss Rondsperg um neun Uhr zur Ruhe zu gehen Drei Stunden
vor Mitternacht musste der Graf geschlafen haben sonst hatte er seiner Meinung
nach nicht geschlafen Um zehn Uhr durfte eigentlich kein Licht mehr im Hause
brennen So war denn auch heute alles still und dunkel als Ronald langsam in
den Schlosshof ritt Nur an einem Fenster schimmerte noch ein matter Lichtschein
wie der von einer verdeckten Lampe Zu diesem blickte Ronald eine Weile sinnend
und zögernd empor dann fasste er einen raschen Entschluss übergab seinen Klepper
 einen Sohn der Myska  dem herbeieilenden Florian und trat einige Minuten
später nach leisem Pochen in das Schlafzimmer seiner Mutter
    Die alte Frau saß noch angekleidet vor dem Arbeitstischchen im Fenster Vor
ihr auf dem Nähkissen lag ein zerlesenes Buch Albachs »Heilige Anklänge«  Bei
dem Anblick ihres Sohnes fuhr sie erschrocken zusammen er bemerkte es wohl und
sprach beklommen »Sie sind noch auf gute Mutter «
    »Ich werde sogleich Nacht machen  wollte nur noch « wie entschuldigend
wies sie auf das Buch »ein wenig beten«
    »Der Vater schläft«
    »Seit einer Stunde« Sie wagte nicht ihn anzusehen ein Gefühl peinlicher
Furcht hatte sie ergriffen das echt weibliche Gefühl der Furcht vor der
Entscheidung O ging er wieder  O spräch er nicht dachte sie und sagte »Es
ist spät«
    Ronald blieb trotz dieses Winkes Er holte einen Stuhl aus der Ecke des
Zimmers und setzte sich seiner Mutter gegenüber
    »Wir haben Gäste« fragte er
    »Ja Und  die kleine Waise« fügte sie mit Lebhaftigkeit hinzu »welch ein
holdes Geschöpf  Ein Herzenslabsal dieses Kind «
    »So« entgegnete Ronald zerstreut und suchte vergebens nach Worten Auch er
hatte die Augen gesenkt und sah die Hände seiner Mutter in ihrem Schoss beben
und diese welken hilflosen Hände raubten ihm den Mut brachten ihn um seine
Entschlossenheit
    Mutter und Sohn wandelten seit Jahren fast stumm nebeneinander Was am
schwersten auf ihnen lastete darüber durften sie nicht sprechen denn es hätte
zur Klage geführt über den Gatten den Vater und Sorglosigkeit zu heucheln
vermochten sie nicht
    Bei ihrem Manne und bei der Tochter die in ihrer Nähe lebte hatte die
Gräfin es endlich aufgegeben Verständnis zu suchen allzu verschieden von ihr
waren sie geartet Durch mehr als vierzig Jahre konnte sie es täglich erfahren
Sie lieben mich aber sie kennen mich nicht Von der zweiten ihrer
Lieblingstochter war sie durch die Verhältnisse getrennt Jahre verflossen
ohne dass sie ihres Anblicks froh wurde Monate ohne dass Nachrichten von ihr
eintrafen Alle an seine Frau gerichteten Briefe gingen durch des Grafen Hände
er bemerkte es missbilligend wenn die Korrespondenz zwischen Mutter und Tochter
zuzeiten etwas lebhafter wurde
    »Eine glückliche Frau hat nichts zu schreiben« meinte er »und glücklich zu
sein ist die Pflicht einer jeden die einen braven Mann hat«
    Es war endlich dahin gekommen dass die Gräfin nur noch mit Bangen dem
Erscheinen der Briefe entgegensah nach denen sie doch zugleich so sehnsüchtig
verlangte
    Ronald saß mit gekreuzten Armen da starrte vor sich hin und dachte Könnt
ich ihrs ersparen
    Zu drückend wurde dieses Schweigen die alte Frau unterbrach es mit der
Frage »Du gehst doch morgen auf die Jagd«
    Er nickte wie gequält »Gewiss  gewiss«
    Seine Stimme klang so seltsam die Gräfin blickte besorgt zu ihm empor und
sah in sein bekümmertes Gesicht Jeder seiner Züge verriet den Kampf seines
Innern  ein bitterer Vorwurf gegen sich selbst gegen ihr feiges Zagen vor dem
eingestandenen Leid regte sich in ihr Du armes Kind dachte sie und das
Mitleid mit dem Sohne gab der Schwachen Kraft mit einemmal das Schwerste und
mit wenigen Worten alles zu sagen »Ronald  Lieber  sprich getrost Wann
müssen wir wegziehen von hier«
    Aufatmend ergriff er mit beiden Händen die Hand die sie ihm reichte und
rief »Niemals gute Mutter Sie werden Rondsperg nie verlassen«
    »Wie kann das sein da wirs doch nicht behaupten können«
    »Der Kauf wird nur unter der Bedingung geschlossen dass Sie hier fortleben
genau wie bisher«
    Die Greisin schüttelte bedenklich den Kopf »Wenn diese Bedingung angenommen
wurde dann hast du sie teuer bezahlt « Er wollte verneinen »Leugne nicht«
sprach sie »es kann nicht anders sein «
    »O Mutter« fiel er ihr mit erzwungener Heiterkeit ins Wort »Fräulein
Heissenstein verzichtet gern auf das Glück in unserm alten Neste zu wohnen«
    »Es wird mehr von ihr verlangt als nur das Sie darf die Rechte die sie
erwirbt nicht geltend machen wenn wir hier  wie du sagst  fortleben sollen
wie bisher«
    »Auch dazu ist sie bereit«
    »Weil ihr Vorteil es ihr rät Nicht wahr  Nicht wahr« wiederholte sie
angstvoll »Du hast dein Eigentum verschleudert damit zwei alte Leute ihre
letzten Jahre in altgewohnter Weise hindämmern können«
    »Verschleudert Was du nur denkst Darüber mache dir keine Sorgen«
    Sie seufzte schmerzlich »Unser Alter zehrt deine Jugend auf  Ständ es
bei mir das sollte nicht geschehen Dürft ich sprechen ich würde dich
anflehen Kind Vergeude nicht länger dein Leben  Geh tausendmal gesegnet 
gründe dir eine Zukunft und lass zusammenstürzen was morsch und reif zum
Untergang ist  der Wechsel alles Irdischen verlangt sein Recht«
    Er wollte sich der Rührung erwehren die ihn ergriff und entgegnete »Wie
beredt ist meine Mutter heute geworden Und wozu  Um zu sagen was sie nicht
sagen darf«
    Ein leuchtendes Lächeln verklärte ihre Züge »Beredt  ja Bin ich nicht wie
eine alte Harfe mit zerrissenen Saiten die auf einmal zu klingen beginnt Es
ist ein Wunder  ein gar vergängliches Weil mir aber die Zunge gelöst ist so
höre Sohn deine stumme Mutter sieht und zählt jeden Schweißtropfen auf deiner
lieben Stirn jeden unterdrückten Widerspruch jedes still und freudig gebrachte
Opfer «
    Plötzlich beugte sie sich nieder und presste ihre Lippen auf seine Hand
    Im selben Augenblick lag er auf seinen Knien und schloss mit ehrfurchtsvoller
Zärtlichkeit die gebrochene Gestalt in seine Arme 
    »Und Sie Mutter« flüsterte er »leiden Sie nicht auch«
    »Schweig mein Kind« mahnte sie und zog sein Haupt an ihre Brust Und an
diesem schweren Tage war ihnen beiden leichter ums Herz als seit langer Zeit
 
                                       17
Ronald kam von der Jagd zurück An seiner Waidtasche hingen zwei Hasen und ein
Dutzend Rebhühner und Wachteln Er ging die Hügellehne die zum Schloss führte
langsam hinauf denn die Sonne stand im Scheitel und die Hitze war groß Sein
Hund zottelte hinter ihm her mit weit aus dem Maule hängender Zunge Nun waren
sie am Pförtchen in der Parkmauer angelangt das auf die Felder führte Während
Ronald den Schlüssel aus der Tasche zog und sich bemühte das vom letzten Regen
her noch stark verrostete Schloss zu öffnen hatte sich der Hund hingelegt
keuchend mit fliegenden Flanken den Kopf auf den ausgestreckten Vorderpfoten
und verwandte kein Auge von seinem Herrn der nun im Begriffe die Tür
aufzustossen lächelnd zu ihm niederblickte als wollte er sagen Ist dirs
recht dass wir heimgekommen sind Und Herr und Hund sahen einander an mit
inniger Freundschaft und mit einem Ausdruck so voll von Rührung dass er sich
beinahe komisch ausnahm in den Angesichtern zweier solcher Recken Dann gingen
sie durch verwachsene Laubgänge über Wege von Disteln und Hasenkraut
überwuchert dem Hause zu
    Ronald hatte die Terrasse erreicht und schritt dem Saal zu der zwischen ihr
und der Halle lag Auf der Schwelle die Klinke der halbgeöffneten Tür in der
Hand blieb er plötzlich stehen und winkte seinem Hunde der sogleich wie zu
Stein geworden sich nicht mehr regte nicht einmal mehr keuchte sondern seinen
Herrn mit derselben atemlosen Aufmerksamkeit anblickte mit welcher dieser das
Bild betrachtete das sich ihm darbot
    Mitten im Saale auf einem Schemel saß Röschen und erzählte einem Auditorium
von sechs kleinen Personen eine wie es schien bewegliche Geschichte Ihre
Stimme hob sich hell und laut bis zu einem Ausrufe dem eine Pause höchster
Spannung folgte dann sank sie zu geheimnisvollem Geflüster herab Was sie
erzählte verstand Ronald kaum er lauschte auch nicht ihren Worten er lauschte
nur dieser holden Stimme ganz ergriffen von ihrem Klang in dem eine Fülle von
Empfindungen nach Ausdruck zu ringen schien Röschen saß von ihm abgewandt er
konnte ihr Gesicht nur zum Teile sehen nur den Umriss ihrer zarten Wange nur
die dunkelblonden Zöpfe des reichen Haares die über ihre Schultern fielen und
die Löckchen in ihrem schlanken Nacken
    Das Publikum der Erzählerin hingegen war eitel Neugier Die eine der
Zuhörerinnen hatte den Zeigefinger in den Mund gesteckt so tief es ging riss
die Augen und blies die Backen auf und hörte zu aus allen ihren Kräften Eine
andere presste das Kinn an die Brust glühte über und über hielt beide Fäuste
fest geballt und die trotzige Ungeduld ihrer Mienen sprach Weiter Weiter 
Was kommt jetzt
    Anitschka im höchsten Staate mit buntem turbanähnlich um den Kopf
gewundenem Tuche und breiter Halskrause saß steif und feierlich neben ihrem
Abgotte Ihr dreijähriges Schwesterchen und noch ein zweites leichtsinniges
Wesen in gleichem Alter hockten auf dem Boden und teilten ihre Aufmerksamkeit
zwischen der Rednerin und einem goldgrün schimmernden Rosenkäfer den sie in
einem Schächtelchen mitgebracht hatten und nun auf der Diele herumspazieren
ließ
    Ronald blieb eine Weile in der Betrachtung dieser Gruppe versunken bald
jedoch als würde er beschämt inne dass er hier die unwürdige Rolle eines
Lauschers spiele zog er vorsichtig einen seiner schwerbestiefelten Füße nach
dem andern zurück und trat von der Türe weg die er unhörbar wieder schloss Dann
wendete er sich rasch und   stand Aug in Auge mit Bozena
    Sie war hinter ihm durch den Gang gekommen ohne dass er sie bemerkt hatte
    Die beiden maßen einander mit den Blicken Fast drohend schien der ihre zu
fragen Was hast du hier zu lauschen
    Mit harmlosem Erstaunen schien der seine zu sagen Warum missgönnst du mir
den holden Anblick
    Ronald legte grüßend die Hand an seinen Hut »Sie sind Bozena« sprach er
»wir haben uns vor zehn Jahren am Grabe Ihres Herrn gesehen«
    Bozena bejahte
    »Und die Märchenerzählerin dort ist das kleine Mädchen das Sie damals vom
Friedhof hinweg in Ihren Armen trugen Nicht wahr«
    »Ja Herr Graf«
    »Wie ist die hold und lieblich geworden« sprach er mehr zu sich selbst als
zu ihr
    Das Gesicht der Magd wurde immer finsterer sie warf den Kopf in den Nacken
sah Ronald wieder an wie früher mit dem misstrauisch forschenden Blick und
schritt an ihm vorüber in den Saal
    Ronald gab seine Jagdbeute in der Küche ab und wanderte nach seinen Zimmern
Auf dem Schreibtische neben den hochaufgestapelten Wirtschaftsbüchern und
Rechnungen fand er neu angelangte Briefe alle dringenden alle gleichen
Inhalts Ihr sollt bald erledigt werden dachte er und ergriff die Feder um den
Auszug aus der Gutsbeschreibung zu beenden die er für Regula entworfen hatte
Die Arbeit wollte nicht vom Fleck gehen lächerlich zu sagen denn  wer könnte
diese optische Täuschung erklären  über die Katastralmappe auf die er von
Zeit zu Zeit einen Blick werfen musste sah er ganz deutlich kleine braune Locken
fliegen wie man sie doch nur natürlich gekräuselt und seidenweich im Nacken
eines Mädchen schimmern sieht  Und auf dem länglichen Viereck das
kyrillische Buchstaben als »Wiese« bezeichneten lagen Rosen  Rosen die Fülle
 Eine Knospe darunter die aufgeblühten alle an Schönheit überstrahlend
wunderbar in sich geschlossen den grünen Kelch in zartes Moos gehüllt Sie
schien sich leise zu regen ihr duftendes Blättergefüge sich zu lösen sich
atmend zu entfalten unter seinem Blicke  Wie kindisch doch und störend solch
ein müssiges Spiel der Phantasie  Am störendsten aber und wirklich unerträglich
ist ein Vorwurf den er sich machen muss Seine Mutter hat gestern zu sprechen
begonnen von einem jungen Geschöpf einem Kinde dessen Anwesenheit für sie ein
wahres Herzenslabsal sei und er nur mit dem beschäftigt was er selbst zu
sagen hatte schenkte ihr kein Gehör Ein Unrecht das er sogleich gutmachen
will
    Er hat sich rasch umgekleidet und schreitet durch die Halle heiß strömt die
Luft ihm entgegen die Hitze ist drückend ein schweres Gewitter steigt am
Horizonte auf wie dichter bleigrauer Qualm türmen die Wolken sich übereinander
dazwischen schießen Blitze ihre glühenden Pfeile
    Ein Knecht rennt über den Hof und ruft Ronald zu »Das kommt Das kommt«
    Ronald stieg die Treppe empor und begab sich nach dem Zimmer seiner Mutter
Er fand sie nicht allein das Fräulein von Fehse leistete ihr Gesellschaft sehr
angenehme wie es schien denn beide lachten herzlich Die Wände haben Ohren
aber keine Zungen sonst hätten die alten ihre Bewunderung ausgesprochen über
den ihnen völlig fremd gewordenen Schall der heute so munter an sie anprallte
    Die Gräfin stellte Ronald ihrer kleinen Freundin vor Diese wurde etwas
verlegen als sie hörte dass er sie heute schon gesehen und beinahe in
Versuchung geraten war sie zu belauschen und sagte »Das wäre nicht recht
gewesen« Er wisse das wohl meinte Ronald deshalb sei es auch nicht geschehen
Sie sprachen angelegentlich zusammen von Weinberg von dem alten Hause in dem
Röschen aufgewachsen von Bozena und Mansuet So unbefangen auch ihr Auge dem
seinen begegnete es lag etwas in ihrem ganzen Wesen das sagte Wie weit bist
du mir jungem Kinde überlegen und lässest michs doch nicht empfinden  Ihn
aber mache der Anblick dieses anmutigen Röschens gar nachdenklich Für wen bist
du erblüht in Dunkel und Stille Welche Hand ist bestimmt dich einst zu
pflücken O wär sie stark dich zu behüten im rauen Leben  O wär sie zart
den Schimmer nicht abzustreifen der wie Himmelsabglanz dein Wesen verklärt ja
stark und zart und bewahrte dir die Unschuld deiner Seele
    Das Gewitter war immer näher gekommen und stand nun senkrecht über dem
Schloss keine Pause mehr zwischen dem Aufleuchten des Blitzes und dem Rollen
des Donners Die Gräfin und Röschen waren an das Fenster getreten und blickten
hinaus als plötzlich ein harter rasselnder Schlag niederfuhr der das Haus bis
in seine Grundmauern erschütterte Der Graf stürzte mit den Worten herein »Das
hat eingeschlagen« Ronald eilte aus dem Zimmer und sein Vater rief ihm nach
»Im Gartenflügel wars«  »Nein  nein« hörte man ihn schon aus der Ferne
antworten  »Doch« schrie der Graf »im Gartenflügel« Und so rasch er konnte
gefolgt von seiner Frau und von Röschen lief er in den Saal hinüber An der
Altantüre angelangt schlug der Greis die Hände laut zusammen und jammerte
»Meine Linden brennen  Der Sturm erhebt sich  kein Tropfen fällt vom
Himmel wir haben so lange Dürre gehabt  Meine Linden sind verloren«
    In der Tat der große Ast des mittleren der Bäume der wegstrebend aus der
gemeinsamen Krone einen buschigen Bogen über die Straße bildete stand in
Flammen Knechte und Landleute hatten sich um die Linden versammelt blickten
hinauf schüttelten die Köpfe und teilten einander mit »Dort oben brennts«
Jetzt aber drängte sich ein Mann durch die Gruppe der müßigen Zuschauer erstieg
den Sockel der Johannesstatue und schwang sich von da aus in die Zweige in
denen er verschwand Bald sah man ihn in der halben Höbe des vom Sturme
gerüttelten Baumes auf einem Ast stehen und gegen den brennenden wuchtige
Beilhiebe führen um ihn vom Stamme zu trennen
    »Wer ist der Narr« fragte der Graf mit schlecht verhehlter Besorgnis
    »Es ist Ronald« antwortete die Gräfin kaum des Wortes mächtig Eine kleine
Hand streckte sich nach der ihren aus Stütze bietend und  suchend und die
alte Frau blieb an Röschen gelehnt in stummer von dem Kinde treulich
geteilter Angst im Fenster stehen
    Die Leute unten hatten inzwischen Feuerhaken herbeigeholt und zerrten aus
allen Kräften an den ihnen erreichbaren Zweigen des brennenden Astes Das Feuer
griff immer weiter um sich beleckte schon das dürre Holz am Stamme loderte
schon zu Ronalds Füßen empor  Da strömte wie aus plötzlich geöffneten
Schleusen ein Platzregen aus den Wolken nieder und fast zugleich stürzte
rauchend und prasselnd der gewaltige Ast unter weithin vernehmbarem Gekrache zur
Erde Die Heldenschar am Fuße der Linde machte sich über ihn her und löschte die
aufzüngelnden Flammen die noch um den Leichnam ihres Opfers kämpften
Erstaunliche Tätigkeit entfalteten dabei der Burggraf Kutscher Florian vor
allen jedoch  Meister Peter
    Von dem Augenblicke an da der Regen zu strömen begann war der Graf
ungeduldig geworden
    »Da haben wirs« rief er »der Himmel löscht selbst was er angezündet hat
 Warum mir meine schönste Linde ruinieren « Er wandte sich um   und sah
mitten im Saale möglichst fern von Fenstern und Türen eine schwarz verhüllte
Gestalt auf einem Sessel sitzen Während die Anwesenden das Schauspiel an der
Parkmauer mit leidenschaftlichem Interesse verfolgten musste sie sich von ihnen
unbemerkt eingefunden haben
    »Fräulein Heissenstein« fragte der Graf
    »Jawohl« antwortete eine Stimme unter der seidenen Mantille hervor die
ihre Eigentümerin sich um den Kopf gewickelt hatte »Aber  sprechen Sie nicht
Der geringste Luftzug könnte einen Blitzstrahl herbeilocken«
    Der Graf versicherte das Gewitter sei vorübergezogen und bat sie »sich zu
developpieren«
    Die Gräfin und Röschen halfen ihr bei dieser Operation denn allein
vermochte sie sich nicht zu helfen Sie war noch zu angegriffen und stammelte
nur mit bleichen Lippen »Ich glaubte mich in das größte Gemach des Hauses
flüchten und mich in Seide isolieren zu sollen  wegen der gefährlichen
Elektrizität Herr Graf welche jetzt über unserer Atmosphäre schwebt«
    »Bravo bravo mein Fräulein« sagte der Greis »das ist Vorsicht  deren
Verwandtschaft mit der Weisheit wir kennen«
    Jetzt kam der Burggraf pustend und sich den Schweiß von der Stirn wischend
»Keine Gefahr mehr  Wir haben alles gerettet«
    »Ihr habt Ihr habt  Der liebe Herrgott hat  Ihr habt nichts getan als
Unsinn mir meinen Baum verstümmelt  Gibt es denn keine Feuerspritze Hat
keiner von den Dummköpfen an eine Feuerspritze gedacht« rief der Graf zornig 
in diesem Augenblicke war das nächstliegende Auskunftsmittel ihm selbst
eingefallen
    »Die Feuerspritze ist noch nicht zurück von dem Waldhof wohin sie gestern
geschickt wurde weil ein paar leere Bauernscheunen brannten  ganz
unnötigerweise  ich hab es gleich gesagt« versetzte der Burggraf
    Sein Herr fuhr ihn an »Da haben Sie etwas Sauberes gesagt  Aber lassen
Sie das jetzt gut sein Kümmern Sie sich auch ein wenig um mich  sorgen Sie
dafür dass endlich aufgetragen werde Meine ganze Hausordnung ist gestört  Wo
bleibt Peter«
    Trotz aller Eile mit der man nun das Auftragen des Mittagsmahles betrieb
wurde es vier Uhr bevor die Herrschaften sich zu Tische setzen konnten Der
Gewitterregen war in einen dichten anhaltenden Landregen übergegangen man
musste den Rest des Tages im Zimmer zubringen was die üble Laune des Grafen
nicht wenig erhöhte
    Er hatte Ronald mit den Worten empfangen »Trop de zèle mein guter Ronald 
trop de zèle« und sah ihn schmollend wie ein Kind entweder verdrießlich oder
gar nicht an Der Nachmittag drohte langweilig zu werden die Gesellschaft hatte
sich in den großen Saal begeben Regula dachte im stillen darüber nach ob
Ronald sie wohl verstehe Der Graf vertiefte sich in die erstaunlichen
Kombinationen eines Kapuzinerspieles auch die Gräfin und Ronald schwiegen Da
sagte Röschen die bisher ganz still und nachdenklich gewesen war plötzlich
»Es war schrecklich das Gewitter«
    »Haben Sie Angst gehabt« fragte Ronald
    »O sehr« erwiderte Röschen »um Sie«
    Regula warf ihrer Nichte einen missbilligenden Blick zu der Graf jedoch hob
den Kopf empor und ein schalkhaftes Lächeln erhellte sein altes Gesicht Seine
Liebe zu seinen Kindern kam ihm augenblicklich zum Bewusstsein sobald andere
ihnen Teilnahme zeigten Mit unnachahmlicher Liebenswürdigkeit sagte er zu
Röschen »Erlauben Sie mein Fräulein dass ich Ihnen im Namen dieses Landjunkers
ohne Lebensart ergebenst danke«
    Seine Verstimmung war wie durch Zauber verschwunden er machte Fräulein
Heissenstein förmlich den Hof was sie entzückte und bat sie endlich eine
Partie Bézique mit ihm zu spielen »Um die Ehre natürlich« Ronald könne
indessen der Gräfin und Röschen etwas vorlesen »Etwas Heiteres etwas von
Kotzebue Nur mit deinen Klassikern verschone die Damen«
    Der Graf und Regula gingen an den Spieltisch der in einer Ecke des Saales
stand und Ronald erkundigte sich nach Fräulein Röschens Geschmack in der
Literatur Die Schülerin Mansuet Weberleins legte arglos ihre Kenntnisse an den
Tag und welch eine drollige Raritätensammlung kam da zum Vorschein Ronald
konnte sich nicht genug wundern Dieses reichbegabte begeisterungsfähige
Geschöpf hatte in die lichte Zauberwelt der Poesie niemals einen Blick getan
fremd geblieben war ihr alles Schöne was je gesungen und gesagt worden
    Nach kurzem Besinnen holte Ronald ein stattliches Buch herbei vielgelesen
gab es Zeugnis von der Freundschaft in welcher sein Besitzer zu ihm stand Es
enthielt einfache und hehre Gesänge aus uralter Zeit Teils las teils erzählte
Ronald »dem freudig blickenden Mägdlein« von den Kämpfen herrlicher Helden um
ein zauberisches Weib um eine Stadt die mit dem Urbilde der Schönheit das
Verderben in ihre Mauern aufgenommen vom unversöhnlichen Hass der Menschen und
der Götter  aber auch von Vaterlandsliebe häuslicher Tugend von Kindes und
Gattentreue Er las wie der tapferste all der Königssöhne die hinauszogen um
ihren bedrängten Herd zu verteidigen Abschied nahm von seiner Gattin und von
seinem lieben Kinde wie er es geküsst und sanft in den Armen gewiegt  Ein
tiefes Atmen ein leises Schluchzen unterbrach Ronald Röschen die ihn eben
noch mit leuchtenden Augen angesehen hatte saß nun da mit gesenkten Lidern
bebenden Lippen und rang mit ihren Tränen
    Die Gräfin legte den Arm um sie Ronald sprang bestürzt empor 
    »Double Bézique« rief der Graf triumphierend und lachte aus vollem Herzen
»Sie hätten das verhindern können mein Fräulein«
    Aber das Fräulein war zerstreut gewesen Sie hatte statt ihr Aufmerksamkeit
auf das Spiel zu konzentrieren Ronalds verwünschtem »Tiktaktak« zugehört wie
der Graf den Silbenfall des Hexameters nachahmend sagte
    »O Herr Graf« sprach Regel ihre Karten auf den Tisch legend
»verunglimpfen Sie nicht den traulichen Sänger von Chios«
    Sie wünschte dass Ronald weiterlese aber dieser entschuldigte sich und sah
dabei so verlegen ja fast verstört aus dass Fräulein Heissenstein der Behauptung
des Grafen eine gelehrte Dame wie sie imponiere seinem Sohne viel zu sehr
allen Ernstes Glauben schenkte
    Röschen blieb den Rest des Abends schweigsam sie hatte einen mächtigen
Eindruck empfangen einen Blick in eine neue Welt getan Gestalten von
unsterblichem Leben erfüllt groß in Tugend und Schuld an sich vorüberwandeln
gesehen Und aus dem Bilde voll Erhabenheit und Glanz war umstrahlt von der
Majestät des Schmerzes ein liebes schönes Menschenpaar hervorgetreten und
hatte sie an eine Erinnerung aus frühen Kindertagen gemahnt die in ihr noch
dämmerte
    »Es hat Sie allzusehr ergriffen« sagte Ronald zu Röschen »den Abschied des
Kriegers von Frau und Kind wollen wir nicht mehr lesen«
    »Im Gegenteil noch oft sehr oft« erwiderte sie
    Ronalds Gedanken beschäftigten sich noch lange mit ihr und kamen auch immer
wieder auf eine vorläufig noch fiktive Persönlichkeit auf den Mann zurück der
sie einst heimführen sollte Wird er seines Glückes wert sein  Wird er es zu
ermessen verstehen  Der Beneidenswerte  nicht das Leben nur darf er sie
kennenlehren auch dessen verklärtes Bild die Poesie Weiß unter Hunderten
einer was das bedeutet Was es bei ihr bedeuten würde
Im Laufe des nächsten Vormittags suchte Ronald das Fräulein Heissenstein im
Garten auf wo sie sich nach Bozenas Angabe befand um ihr die inzwischen
beendete Gutsbeschreibung zu übergeben und um mit ihr die Angelegenheiten
Rondspergs zu besprechen Regula versuchte mehrmals der Unterhaltung einigen
Schwung zu verleihen aber es wollte nicht gelingen Einmal wurde Ronald sogar
fürchterlich zerstreut und antwortete auf ihre Bemerkung es gebe nichts
Träumerischeres als einen sonnigen Sommertag besonders nach einem Regentag
»Achtundert Joch mein Fräulein« Ein paar Minuten früher waren sie Röschen und
Anitschka begegnet die große Sträusse von Wiesenblumen trugen Röschen hatte den
ihren emporgehalten und Ronald im Vorübereilen zugerufen »Für Ihre Mutter«
    Er wanderte weiter an Regulas Seite und in einiger Entfernung von ihnen
ging sein Vater mit dem Burggrafen im Garten spazieren er hatte Ronald und das
Fräulein wohl bemerkt schien ihnen aber sorgfältig auszuweichen Eine böse
Vorbedeutung Ronald wusste wenn der alte Herr es vormittags vermeidet mit ihm
zu sprechen so geschieht es weil er etwas gegen ihn auf dem Herzen hat Vor
Tische darf aber keine unangenehme Erörterung stattfinden das wäre gegen alle
Regeln der Hygiene Ärgern darf man sich ohne Schaden für die Gesundheit erst
nachmittags
    Bis dahin versparte sich denn auch heute der Greis das Aussprechen seines
Verdrusses der tückische Anstifter desselben sein Günstling wurde
ausnahmsweise zum schwarzen Kaffee auf die Terrasse geladen Und kaum hatte sich
die Gesellschaft um den runden Tisch versammelt als der Graf auch schon seinem
ihm gegenübersitzenden Sohne zurief »Unter anderm Mir ist gemeldet worden dass
die Bauern Tag und Nacht an der Grenze jagen Weißt du davon«
    »Nein Vater« erwiderte Ronald und sah dabei den Burggrafen strafend an
was der mit dreister Gelassenheit ertrug
    »Mein guter Sohn kümmert sich um derlei Lappalien nicht« spöttelte der
Graf »Was liegt ihm daran  Warum sollte der Bauer nicht jagen  Es freut
auch ihn und seine Freude wiegt die des Edelmanns auf Vor Gott sind wir alle
gleich Deshalb nehmen wohl die Hannaken wie ich ebenfalls höre die Pfeife
nicht mehr aus dem Munde wenn sie mit dir sprechen«
    Den Anfang seiner Rede hatte der alte Herr an die ganze Gesellschaft ihren
letzten Satz an seinen Sohn allein gerichtet es war ein direkter Angriff den
Ronald mit lächelnder Ruhe hinnahm und mit dem offenen Geständnis beantwortete
»Es kommt freilich vor«
    Der Graf schüttelte sich wie durchfröstelt von Widerwillen »Zu meiner
Zeit« fuhr er fort »steckte der Bauer wenn er mich von weitem sah auf die
Gefahr hin in Flammen aufzugehen die brennende Pfeife in seine Tasche Dir 
klopft er sie einmal auf der Nase aus«
    Dies sollte im Scherze gesprochen sein kam aber um so bitterer heraus je
mehr der Graf sich bemühte die in ihm gärende Entrüstung hinter seinem Spotte
zu verbergen
    Die Gräfin erbebte leise Regula verzog den Mund und dachte Wie kann man
sich das bieten lassen Der Burggraf kicherte untertänig und Röschen erschrak
und erbleichte  Was wird geschehen  Wird Ronald zornig auffahren gegen
seinen Vater  Angstvoll schoss ihr Blick zu ihm hinüber und traf ein ernstes
aber unbewegtes Angesicht auf dem ihr Auge ruhen blieb so voll Mitgefühl so
voll Bewunderung dass der Mann unter diesem begeisterten Kinderblicke errötete
und den seinen senkte
    Es war eine schwüle Sekunde und allen gereichte es zur Erquickung einen
Wagen in den Hof rollen und Peter melden zu hören »Frau Baronin kummen«
    »Meine Tilde« rief der Graf lebhaft und erhob sich um die Tochter zu
begrüßen deren sonore Stimme sich bereits in der Halle vernehmen ließ
    Gleich bei ihrem Erscheinen erklärte die Baronin sie käme heute weder um
Papas noch um Mamas sondern nur um Regulas willen auf welche sie auch zuerst
zuging und der sie flüchtig einen Kuss auf die Wange gab
    »Ronald und ich« rief die Freifrau »wollen diese Städterin mit unserer
Landwirtschaft bekannt machen für die sie sich außerordentlich interessiert«
    Der Graf dachte zwar davon habe er bis jetzt nichts bemerkt aber es freute
ihn immer wenn sich jemand geneigt zeigte die Herrlichkeiten Rondspergs in
Augenschein zu nehmen
    Auf den Wunsch der Baronin musste ohne Verzug angespannt werden sie lachte
als ihre Mutter sie bat doch ein wenig von ihrer Fahrt auszuruhen Was tut man
denn beim Fahren anderes als ruhen Sie hatte keine Zeit zu verlieren
übermorgen in aller Gottesfrühe musste sie wieder fort denn »Wir nehmen die
Sommerbirnen ab und fangen schon Montag an das Korn zu schneiden«
    Während die Baronin von der bevorstehenden Ernte sprach hörte sie nicht
auf Röschen zu beobachten und zwar mit einem Interesse und einem Wohlwollen
das ihr ein fremdes Wesen nicht leicht einflößte
    Sie hatte dem Unglück ihres Bruders heiße Tränen gezollt damit war aber
auch die Sentimentalität abgetan nun hieß es sich eine Räson machen sich in
das Unvermeidliche fügen Ronald kann nichts Gescheiteres tun als in den sauren
Apfel beißen und die Weinhändlerin heiraten Wenn die einmal ihre Schwägerin
ist wird Tilde sie schon dahin bringen ihre allerliebste Nichte so großmütig
auszustatten dass sie ohne weiteres auf das Glück Anspruch machen darf eine
Schwiegertochter der Baronin Waffenau zu werden
    Das kann sich alles finden dachte die praktische Frau und mahnte zum
Aufbruch
    »Auf Wiedersehen Papa auf Wiedersehen Mama auf Wiedersehen Kleine« Sie
fuhr schmeichelnd mit der Hand über Röschens Scheitel Mich wundert sagte sie
zu sich selbst dass die kluge Regula dieses bezaubernde Ding mitgenommen hat
Ronald ist zwar sehr verständig aber  er ist ein Mann und ihn so geradezu
herausfordern zum Vergleiche  Ich hätt es an ihrer Stelle nicht gewagt
    Sie nahm Regulas Arm und führte sie hinweg Fräulein Heissenstein aber fand
die Baronin erweise Höflichkeiten die sie füglich ihrem Bruder überlassen
sollte
    Ein hoher Jagdwagen war vorgefahren die beiden Damen installierten sich
darin Ronald schwang sich auf den Vordersitz und ergriff die Zügel Florian
wurde zu seiner großen Unzufriedenheit daheim gelassen Er hätte sich so gern
zum Cicerone des Stadtfräuleins gemacht weil der junge Herr Graf gar nicht
verstand den Leuten wie sichs gehört Sand in die Augen zu streuen
    Das Ziel nach dem Ronald lenkte war ein ansehnlicher zu Rondsperg
gehörender Hof der von ziemlicher Höhe aus die Gegend beherrschte Nach einer
Viertelstunde raschen Fahrens hielt der Wagen vor einem Gebäude das ehemals ein
Schlösschen gewesen und später in einen Schüttkasten umgewandelt worden war
Leere Scheunen und Ställe schlossen sich hufeisenförmig an ihn an In der Mitte
des Hofes stand ein Kastanienbaum in dessen Schatten ein alter Hahn mit
gichtisch zuckenden Beinen und zerzaustem Gefieder seinen ihn umgebenden Harem
bewachte Ein paar Schritte weiter befand sich ein Ziehbrunnen neben dem einige
Holzrinnen die ein Knabe mit Wasser zu füllen beschäftigt war auf dem Boden
lagen Dieser Junge wurde herbeigerufen und ihm die Hut der Pferde anvertraut
    »Gib acht auf Kocka und Myska« rief ihm die Baronin zu und hüpfte leicht
wie ein sechzehnjähriges Mädchen aus dem Wagen
    Regula zeigte sich beim Aussteigen so unbeholfen hatte so gar keine Ahnung
wohin sie den Fuß setzen sollte dass Ronald sich genötigt sah sie in seine Arme
zu nehmen und aus dem Wagen zu heben was er denn auch ohne Umstände tat und was
ihr recht zu sein schien Dann geleitete er sie durch das offene Tor der Scheune
zu einem mit Erlen bewachsenen Platze der eine weite Fernsicht gewährte
    »Von hier aus« sagte Ronald »überblicken Sie so ziemlich die Rondsperger
Flur Die Wiese dort unten hinter dem breiten Gerstenfeld  Mein Gott
Fräulein wohin sehen Sie denn Links  noch weiter  so  Die Wiese dort
die Pappeln auf jener Hügelkette zu deren Füßen Sie das Schloss sehen  sehen
Sie es«
    Regula versicherte sie »nehme es ganz deutlich wahr«
    »  und das Flüsschen drüben im Tale das stellenweise herüberschimmert wo
seine Ufer sich verflachen bilden die Grenzen Ihres Reiches Hier mein
Fräulein übergebe ich Ihnen Rondsperg Die gerichtlichen Schritte macht Doktor
Wenzel unser beiderseitiger Vertrauensmann Für Sie und mich ist der Kauf mit
diesem Handschlage geschlossen«
    Er reichte ihr die Hand und seine Schwester bemerkte dass er leicht
erblasste als Regulas Hand in die seine sank Fräulein Heissenstein blickte ihn
dabei an schmachtenderwartungsvoll und sah so komisch aus dass die Baronin
ein Lachen verbeissen musste obwohl sie in einer Stimmung war  einer Stimmung
 Sie hätte alle Welt prügeln mögen
    Regula warf Kennerblicke um sich fragte vor einer Stechapfelstaude ob dies
nicht Enzian sei verwechselte Schierlings mit Eibischblüte und Hirse mit Raps
und erklärte zuletzt sie müsse gestehen dass sie die umliegenden Felder schön
finde
    »Sie sind leider verpachtet auf Jahre hinaus« rief die Baronin
»parzellenweise verpachtet und  unter welchen Bedingungen «
    Sie lief in Verzweiflung zwischen der Scheune und einem Hühnerstalle hin und
her »Das ist der gute Papa gewesen sehen Sie  der gute Papa Ganz Rondsperg
verpachten was uns vor Jahren noch hätte retten können  o eher sterben 
Aber hie und da einen abgelegenen Acker an einen Gläubiger warum nicht  Dann
aber auch um ein Stück Brot «
    Ronald fiel seiner Schwester ins Wort »Es bietet sich jetzt die
Gelegenheit« sagte er »den größten Teil der Pächter mit geringen Opfern
abzufinden Sie müssen es tun Fräulein Ich rate Ihnen diesen Ihren besten Hof
einzulösen und wenigstens solange ich noch hier als Ihr Bevollmächtigter
fungiere in eigener Regie zu behalten«
    »Ich werde tun was Sie mir raten Herr Graf« sprach Regula und trat an
seine Seite und als die beiden nebeneinander standen dachte die Baronin Es
ist doch nicht möglich  Nein es ist doch nicht möglich
    »Auch wollte ich Ihnen ankündigen« fuhr Regula fort »dass mein Sekretär mit
der ersten Rate des Kaufschillings morgen früh hier eintrifft und «
    »Aber liebste Regula« unterbrach sie die Baronin »was fällt Ihnen ein
den Mann hierherzubestellen Seine Ankunft würde Aufsehen in Rondsperg machen
Er darf nicht kommen Ronald muss Ihren Schimmel«  sie nahm sich niemals Zeit
Schimmelreiters ganzen Namen auszusprechen  »auf der Station erwarten das Geld
in Empfang nehmen den Überbringer aber bitten um Gottes willen wieder
heimzufahren Wenn der Burggraf zehn Worte mit dem Sekretär tauscht so kommt er
euch hinter euren frommen Betrug und rapportiert ihn Papa in einer Weise die an
uns allen zusammen nicht ein gutes Haar lässt«
    Ein alter Schäfer der den Tieren die er trieb ähnlich sah kam mit seiner
kleinen Herde den Berg herauf und wünschte »guten Nachmittag« Während Ronald
sich mit ihm in ein Gespräch einließ spazierte Tilde von einem Gebäude zum
andern öffnete die Türen sah in die Fenster hinein und rief »Diese Mauer
stürzt nächstens zusammen  hier brauchts einen neuen Dachstuhl  der Stall muss
eingerissen werden  Prickelt es einem nicht in allen Fingern Möchte man
nicht gleich selbst Hand anlegen«
    Jetzt kam auch das Weib des Schäfers herbei und begrüßte die Baronin mit
großen Freudenbezeugungen brach aber sofort in heftiges Schluchzen aus und
klagte unter beständiger Anrufung des göttlichen Heilands und der »svatá
panenka« Maria »Dass ich meine gnädigen Herrschaften so selten sehe Dreizehn
Jahr  dreizehn Jahr sind der Herr Vater und die Frau Mutter nicht mehr bei uns
gewesen  Es ist ihnen hier zu traurig  Freilich wie sieht es auch aus«
    Die Baronin tröstete sie »Sei ruhig Liborka Es wird anders werden Nicht
wahr« sprach sie zu ihrem Bruder der sich genähert hatte »nächstens schickst
du Maurer und Zimmerleute herauf«
    Ronald erwiderte dies könne mit Erlaubnis Fräulein Heissensteins schon
morgen geschehen Fräulein Heissenstein aber freute sich darüber sehr erkundigte
sich nach den Ziegelpreisen und legte beachtenswerte Kenntnisse im Baufache an
den Tag
Die Heimfahrt wurde unter tiefem Schweigen zurückgelegt Die Baronin gab sich
ihren Betrachtungen hin und das Ergebnis derselben war Ronald hat ganz recht
in den sauren Apfel zu beißen Wenn meine Wirtschaft in einem solchen Zustand
wäre wie die seine und müsst ich um ihr aufzuhelfen die Frau des Teufels werden
 ich nähm den Teufel weiß Gott
    Ronald dachte an ein Paar braune Augen an einen leuchtenden Blick Er
dachte Röschen Röschen wie wird es dir ergehen in dieser argen Welt du Herz
voll Mitleid du Seele voll Begeisterung
    Regula hingegen sagte zu sich selbst Dieser arme Graf man muss ihn bedauern
 Er kann nicht sprechen  aus Delikatesse  Ich werde  es ist schrecklich
 die ersten Schritte tun müssen
    Die Sonne stand schon ziemlich tief als die Equipage in der Nähe des Parks
anlangte die Baronin schrie plötzlich auf »Unerhört Da steht Papa mit Röschen
unter den Linden  außerhalb seiner vier Mauern außerhalb seines freiwilligen
Kerkers  ein Ereignis Das ist ja ein Ereignis« rief sie dem Grafen zu vor
dem jetzt der Wagen hielt
    »Jawohl aber«  der alte Herr deutete auf seine Begleiterin  »wo es Feen
gibt da geschehen Zeichen und Wunder Sie befehlen der Sterbliche gehorcht
Jetzt jedoch bitte ich euch mich aufzunehmen Tilde räume mir den Platz und
ergreife die Zügel Mein Sohn wird die Ehre haben Ihnen auf dem Heimwege seinen
Schutz angedeihen zu lassen oder vielmehr ich empfehle ihn dem Ihren« sagte
er zu Röschen
    Die Baronin hatte sich beeilt auszusteigen und half ihrem Vater in den
Wagen Dann besann sie sich einen Augenblick und wollte schon sagen Fahr zu
Ronald ich will Röschen geleiten Aber als sie zu ihm hinaufblickte ergriff
sie ein menschlich Rühren Es war ein solcher Glanz des Glückes über sein
Gesicht verbreitet dass sie dachte Er hat der Bitternisse genug mag er auch
einmal eine Freude haben  Und schon saß sie auf dem Bock und nahm die Zügel
aus Ronalds Hand Mit einem Satze sprang er herab die Baronin trieb die Pferde
an und rasch rollte der Wagen längs der Mauer des Parks
    Ronald sah ihm nach und ihm war zumute als entführe dieser enteilende
Wagen alle seine Sorgen und als stände er nun allein und frei auf der Erde mit
dem Lieblichsten das sie trug und ihn überkam eine Empfindung der Seligkeit
wie er sie nicht mehr gekannt seit seiner Knabenzeit seit den Tagen unbewusster
Wonne wo man sich noch nicht wundert dass man glücklich ist
    Nicht minder froh als er schien Röschen und als er fragte »Wohin nun
Welchen Weg nehmen wir« antwortete sie ohne sich zu besinnen »Den weitesten«
    »Das mein ich auch« rief er »am liebsten führt ich Sie über jene Berge
dort«
    Er glitt rasch mit der Hand über die Augen »Wie wärs was denken Sie wenn
wir so zusammen wandern gingen weit  weit und erst heimkehrten in unzählig
vielen Jahren  Da klopfen ein Paar uralte Leute an der Pforte des Schlosses
Wer ists fragt eine Stimme die wir nicht kennen Ronald und Röschen die
eines schönen Abends spazierengegangen sind und länger als sie anfangs dachten
verweilten auf dem Weg «
    »Traurige Heimkehr« sagte Röschen »Ihre Mutter tot  Bozena tot  und wir
so alt «
    »Gut denn Wenn Sie sich vor einer großen Reise fürchten so wird nur eine
kleine unternommen Wir gehen durchs Dorf in den Hain über die Hutweide zu den
Pappeln denselben Weg von dort an den Sie gekommen sind Ist das recht«
    »Es ist recht Sie müssen aber nicht glauben dass ich mich vor einer großen
Reise fürchte Schon als kleines Kind bin ich aus Siebenbürgen nach Weinberg
gereist durch ganz Ungarn«
    »Ja  auf Bozenas Arm«
    »Und auch zu Fuße«
    »Was hilfts dass Sie eine so tapfere Reisende sind wenn Sie nicht mit mir
reisen wollen« Ronald blieb stehen und fragte plötzlich »Wissen Sie dass ich
Ihr Vater sein könnte«
    Röschen antwortete ohne ihren Blick von dem seinen abzuwenden »Ich kann
mir meinen Vater nur denken wie ich ihn zum letztenmal gesehen habe « Sie
stockte
    »Erinnern Sie sich seiner«
    »O ganz deutlich  und doch « Sie hielt von neuem inne
    »Röschen was denken Sie jetzt«
    »Ob Sie ihm nicht ähnlich sehen  Er war auch jung wie Sie und war 
Fragen Sie nur Bozena und Mansuet die haben ihn gekannt«
    Sie schritten weiter langsam und ernst und dabei glücklich wie Kinder
Bauersleute gingen und fuhren an ihnen vorüber und mit jedem tauschte Ronald
einen Anruf oder einige Worte
    Im Dorf hatte man bereits Feierabend gemacht Vor einem hübschen Hause das
sich durch den Anschein von Wohlhabenheit vor seinen Nachbarn auszeichnete
saßen drei Männer auf einer Bank Großvater Vater und Enkel Als Ronald sich
ihnen näherte nahm der Greis die Pelzmütze vom Kopfe und erhob sich der Mann
blieb sitzen zog aber den breitkrempigen Hut grüßend ab Der Jüngling hatte die
Arme gekreuzt rührte sich nicht und blickte gleichgültig vor sich hin
    Ronald sagte zu Röschen »Ein Beispiel für viele An die Art des Greises war
mein Vater gewöhnt«
    Er dankte dem Gruße der Männer trat dicht vor den Jüngling und streifte ihm
ruhig das Käppchen ab
    »Nicht meinetwegen« sprach er »aber deinetwegen Hut ab mein Junge wenn
dein Vater und dein Großvater ihre Häupter entblössen sonst stehst du einst mit
dem Hut in der Hand vor deinen Kindern«
    Der Bursche blickte trotzig zu ihm auf und schien von der Lehre wenig
erbaut Aber der Großvater sagte zu seinem Enkel »Es ist dir recht geschehen«
    Ein junges Weib das am Zaune ihres Gartens stand riss die Augen weit auf
als sie Ronald vertraulich mit Röschen plaudernd daherkommen sah und rief ihm
zu »Aha Das ist die Braut aus der Stadt« Sie stemmte beide Hände in die
Seiten und betrachtete das Mädchen mit Wohlgefallen »Meiner Treu eine Hübsche
haben Sie sich ausgesucht«
    »Was fällt Euch ein« erwiderte er »das ist nicht meine Braut Die würde
mich ja nicht nehmen die wartet auf einen Jüngeren«
    »Sie soll sich nicht versündigen« sprach das Weib und schien sehr
aufgelegt Röschen eine wohlgemeinte Zurechtweisung zu erteilen Aber Ronald kam
ihr zuvor und sagte scherzend »Die Frau meint mirs gut«
    An einem der letzten Häuser des Dorfes eilte Röschen rasch vorbei  »denn«
sagte sie »hier wohnt Anitschka wenn sie mich sieht will sie wieder mit An
der Hand habe ich sie nach Hause führen müssen sie wäre sonst nicht gegangen«
    »Wie« fragte Ronald »Sie waren heute schon hier«
    »Eben  mit Ihrem Vater«
    Armer Vater dachte er heute vergaß er seines langjährigen Grolles heute
da sich das letzte Band gelöst hat zwischen ihm und den Bewohnern seines
Rondsperg Er hat ohne es zu wissen Abschied von ihnen genommen
    Am Ausgange des Dorfes befand sich ein Hain aus dichtem Gebüsch gebildet
das einzelne Buchen und Birken überragten Ein klares Wässerchen schlang sich
durch das Gehölz längs seines Ufers führte ein Fußsteig zu einem freien Platze
empor Eine Hügellehne umschloss eine mächtige Eiche beherrschte die grüne
Bucht Die alte Riesin streckte drohend einen abgestorbenen Zweig in die Lüfte
hinaus ihre dunkel belaubten Äste verschlangen sich wie zu Schutz und Trutz
Finster stand sie da mit ihrem zerklüfteten Stamm und ihrem breiten von manchem
Sturm arg mitgenommenen Wipfel inmitten des üppigen strotzenden Anwuchses und
sie schien zu sagen Solche wie ihr hab ich schon viele kommen und 
verschwinden gesehen
    Zu ihren Füßen unter einem schindelgedeckten Dache erhob sich ein
Standbild der heiligen Anna die ein Buch in der Hand hielt aus dem sie eine
außerordentlich kleine Jungfrau Maria lesen lehrte Die Figuren waren aus Holz
und von einem einheimischen Künstler bunt bemalt Auf den Blättern des
aufgeschlagenen Buches stand das Abc demjenigen treu nachgebildet das der
Schulmeister von Rondsperg seiner Jugend vorschrieb
    An den Bergesabhang nebenan war ein Kapellchen angebaut Es hatte einen
niedrigen dreieckigen Giebel und wölbte sich über einen Brunnen voll reinsten
Wassers Röschen schöpfte sogleich daraus mit der hohlen Hand  Nein so wie
dieser hatte sie noch nie ein Trunk gelabt Sie kniete am Rande des Brunnens und
sah hinein Ruhig und dunkel schimmerte der Wasserspiegel und von der Tiefe
herauf drangen sich regelmäßig wiederholend glucksende Laute
    Ein leises Lüftchen erhob sich und rauschte wie Gesang in den Wipfeln der
Buchen und Birken und wie ein dumpfes Brausen in dem Gezweig der Eiche Die
kecken Vöglein die darin hausten fielen mit lustigem Gezwitscher ein und
umflogen geschäftig die traulich sichere Wohnstätte die ihnen der alte Baum in
dem Gewirre seiner Äste bot
    Röschen hatte sich auf eine der Wurzeln gesetzt die wie gepanzerte
Schlangen aus dem Boden ragten glückselig schaute sie vor sich hin Eine
schlanke blaue Glockenblume hoch emporgeschossen aus dem Moose schien ihre
besondere Bewunderung zu erregen Ronald wollte sie brechen »Lassen Sie die
Blume leben« rief Röschen »es sind noch nicht einmal alle ihre Glocken
aufgeblüht und  sehen Sie nicht wie sie sich freut dass sie dastehen darf im
kühlen Schatten auf ihrem samtenen Teppich  Aber « fragte sie plötzlich mit
einem forschenden Blick »warum so traurig«
    »O Fräulein Röschen« antwortete Ronald »ich bin es lange nicht so sehr
als ich Ursache dazu hätte  Eine törichte Behauptung  nicht wahr« beeilte
er sich hinzuzufügen als er sah wie bei diesen Worten die Heiterkeit auf ihrem
Gesichte erlosch »Es kann kein großes Leid sein das nicht einmal vermag uns
recht traurig zu machen Und überdies  wer hat nicht seine Sorgen«
    »Ich« sprach Röschen »habe bis jetzt noch keine Sorgen gehabt«
    »Jetzt aber haben Sie welche« versetzte er und beugte sich lächelnd näher
zu ihr Ein sanfter Vorwurf lag in ihren Augen und der Seherblick der Liebe las
mit innigem Entzücken Röschens Antwort darin und alle ihre unausgesprochenen
Gedanken Sie sagten in ihrer stummen Sprache Wie kannst du so fragen Weißt du
nicht dass fortan deine Sorgen die meinen sind  Seit jetzt  seit dem
Augenblick wo ich dich bewundert habe in deiner Güte du starker Mann
Plötzlich ists gekommen und wird immer bleiben die Empfindung stirbt nicht
die uns beide zueinander zieht Kann ich aufhören das Edle zu lieben Kannst du
aufhören zu beschützen was sich dir so vertrauensvoll hingegeben hat
    In gar lieblicher Gestalt tritt die Versuchung an ihn heran doch er muss ihr
widerstehen Der Traum des Kindes ist zu schön um Wirklichkeit zu werden 
Ein Wort würde den Zauber zerstören Soll er es sprechen
    Röschen hatte sich erhoben »Wir vergessen ja dass wir heute noch heim
wollen« sagte sie
    Er ging voran bog mit beiden Händen die Zweige auseinander die den
schmalen steil aufwärts steigenden Pfad überdeckten und bahnte so seiner
Begleiterin den Weg Sie folgte schweigend Hinter ihr schlugen die Zweige
wieder zusammen und wenn er anhielt und sich umwandte sah er sie dastehen
unter dem grünen lebendigen Gewölbe wie ein Heiligenbild in laubgeschmückter
Nische So bist du mein dachte er so bin ich allein mit dir abgeschlossen von
der ganzen Welt
    Tiefe Stille senkte sich über den Hain leise nur zwitscherte noch hie und
da ein silbernes Stimmchen in den Wipfeln bewegte sich ein Blatt an den
hängenden Zweigen der Birken ein rosenroter Schimmer fiel durch das Dickicht
es lichtete sich immer mehr Ronald und Röschen traten in das Freie  Der
Himmel war mit runden flockigen Wolken überzogen die im Widerschein der
untergehenden Sonne leuchtend das Firmament bedeckten wie ein ungeheures
purpurnes Vlies
    Röschen breitete die Arme aus »Schön« rief sie »wunderbar schön«
    »Ich bin so glücklich Fräulein Röschen« begann Ronald etwas unsicher und
zögernd »dass es Ihnen hier gefällt Rondsperg ist vielleicht bestimmt Ihr
zukünftiger Aufenthalt zu werden«
    Sie sah ihn mit schmerzlichem Erstaunen an der Ton in dem er diese Worte
gesprochen hatte klang so seltsam fremd und kühl
    »Es ist doch etwas Ernstes an dem was ich vorhin im Scherze zu Ihnen
sagte« fuhr er fort »Ich muss wandern liebes Röschen wer weiß wie bald  wer
weiß wie weit  über die Berge die Ihnen von den Linden aus so fern
erschienen sind Ich gehe einer ungewissen Zukunft entgegen und darf niemandem
sagen Teile sie mit mir Aber das Schicksal ist mir doch günstig  Sie sollen
ja daheim sein an dem Orte den ich von meiner Kindheit an geliebt habe und ich
werde an Rondsperg nicht denken können ohne zugleich an Sie zu denken  Das
wird mir die Seele erhellen  immer und überall«
    Röschen war sehr blass geworden ihr Herz klopfte rasch und bang tausend
Fragen drängten sich auf ihre Lippen doch sprach sie nur die eine aus »Sie
wollen fort«
    »Nicht heute noch morgen« antwortete er hastig und beklommen »und dass ich
gehe ist ein Geheimnis das nur Sie erfahren weil ich vor Ihnen keines haben
will und weil ich Ihnen alles Gute zutraue demnach auch Verschwiegenheit«
    Bestürzt erhob ihr Blick sich zu ihm er hatte den seinen abgewendet und
eilte rasch vorwärts sie hielt Schritt mit ihm in wenigen Minuten war die
Allee erreicht
    »Wir sind so fröhlich ausgegangen und kommen nun so traurig heim« sagte
Ronald »und ich bin schuld daran «
    »Es tut nichts« erwiderte Röschen »traurig sein ist auch gut«
    »Sie sind es nie gewesen  niemals  sagten Sie nicht«
    Sie schüttelte den Kopf und lächelte ihn mit feuchten Augen an
    »O Röschen« sprach er 
    »Willkommen« rief eine Stimme und aus dem Schlosshofe trat ihnen der alte
Graf entgegen den Hut auf dem Ohr gerade aufgerichtet mit Augen so frisch und
hell wie die eines Jünglings Erbarmungslos ließ er seinen Blick auf dem
Gesichte seines Sohnes ruhen und weidete sich an dessen Verwirrung mit
herzlichstem Ergötzen
    »Nun mein Fräulein« sagte er zu Röschen »ich hoffe Sie haben meine
Begleitung bitter vermisst«
    »Ja  nein   ja« stotterte sie in größter Verlegenheit und entfloh in das
Haus
    »Ich lege mich Ihnen zu Füßen« rief der Greis ihr nach und klopfte mit
einer plötzlichen Anwandlung von Zärtlichkeit seinem Sohn auf die Schultern
»Nicht übel die kleine Person   Was sagst du  Flösst dir Aversion ein 
Schade«
    Er lachte und als Ronald stockend erwiderte »Was denken Sie lieber
Vater« sprach er »Nichts  was sollte ich denken  ein alter Mann  wer
kümmert sich heutzutage um die Gedanken eines alten Mannes «
    Er sah Ronald an und es ward ihm weich und liebevoll zumute wie lange
nicht »Basta  Lassen wir das gut sein « und wieder klopfte er ihm auf die
Schulter »Wir verstehen uns« Er war davon überzeugt
    Dieses Mal aber hatte er seltsamerweise recht
Röschen wurde aus dem Schlafe in den sie gesunken war sobald sie ihr Haupt auf
das Kissen gelegt hatte durch melodische Klänge geweckt die leise und lieblich
durch das offene Fenster hereinschwebten Aus einem Zimmer des Erdgeschosses
stiegen sie zu der Schlummerstätte des jungen Mädchens empor Eine Geige sang in
ihrer wortlosen Sprache ein beredtes Lied  Kein Lied der Sehnsucht und der
werbenden Liebe  Wie innig und heiß auch seine Töne erklangen sie sprachen
nicht von den ungestümen Wünschen der Menschenbrust sie sprachen von
überwundenem Schmerz von gebändigter Leidenschaft von Frieden und von seliger
Erhebung über alles Erdenweh
    Röschen lauschte aufrecht sitzend auf ihrem Lager mit halbgeöffneten
Lippen mit gefalteten Händen Wie durchsichtig schimmerte ihr Angesicht im
Mondenschein Sie hörte nicht dass eine Tür aufgestoßen worden dass jemand sich
näherte sie zuckte zusammen als eine wohlbekannte Hand sie berührte und  lag
im nächsten Augenblicke weinend in den Armen Bozenas Diese schloss das Kind an
ihre Brust und sprach ihm beruhigend zu bis Röschen in den süßen und tiefen
Schlummer fiel der sich so rasch auf müde junge Augenlider senkt
    Bozena beugte sich über die Schlafende Armes Kind streckst du die Hand
nach dem Gute deiner Feindin aus  Was hat der Himmel mit dir vor  Will er
sie strafen durch dich oder musst auch du zugrunde gehen damit drüben noch eine
steht die Klage führt über sie vor Gottes Thron  Über sie  und über mich
    Bozena rang die Hände O hätt ich noch meine alte Kraft
    Im Nebenzimmer hatte sich indessen folgendes begeben Regula erhob sich
nachdem sie eine Weile dem Spiele Ronalds gelauscht aus ihrem jungfräulichen
Bett zog ihre gelben Pantoffel an und trat an den Tisch auf dem in einem Glase
eine Rose stand die die Baronin von Waffenau ihr verehrt hatte Diese Rose nahm
Regula und warf sie zum Fenster hinaus das sie möglichst geräuschlos geöffnet
hatte Sie dachte dabei an »Des Sängers Fluch« Sodann schlüpfte sie wieder
unter ihre Decke und schlief unter den Klängen von Ronalds Geige ein Gegen
Morgen träumte sie Napoleon I sei angekommen und werbe um ihre Hand
 
                                       18
Fremdes Eigentum dachte Ronald als er um die Mittagszeit von der
Eisenbahnstation zurückkehrend auf welcher er Schimmelreiter erwartet hatte
über die Rondsperger Grenze ritt Ein Fußsteig führte durch die Felder den
schlug er ein Das Korn stand dicht und mannshoch vom Winde bewegt beugten
sich die Halme als ob sie grüßten und trauliches Geflüster erhob sich in ihren
goldig schimmernden Wogen Wie bald und ich werde nicht mehr dein pflegen
dürfen du mütterliche Erde dachte Ronald
    Wer liebt den Boden nicht den er bebaut Dem Landmann war zumute als er so
dahinritt zwischen seinen Feldern wie einem Herrscher der scheiden muss von
seinem treuen Volke 
    Baronin Tilde hatte soeben ihre anspruchslose Dinertoilette beendet da
pochte es an ihre Tür und Ronald trat ein Sie empfing ihn mit der Frage »Nun
das Geld erhalten«
    »Ja«
    »Auf dem Heimwege den Notar gesprochen Mit den Pächtern unterhandelt«
    »Mit zweien schon abgeschlossen«
    »Ja ja es ist unglaublich was man auf dem Lande mit barem Gelde
ausrichten kann« sagte die Baronin seufzend
    Sie ließ sich genau Bericht erstatten über die Bedingungen die vereinbart
worden waren und begleitete Ronalds Auseinandersetzung mit den Ausdrücken ihrer
Zufriedenheit
    »Ist recht  Gebührt ihm  Gebührt dir  Der Nutzen gleich groß für beide
Teile  Das sind Geschäfte wie ich sie liebe und wie unsereins sie machen
darf«
    Während des Gespräches ordnete sie auf dem Tisch die eben benützten
Gegenstände aus ihrer Reisetoilette nachdem sie jeden sorgfältig mit einem
Rehfellchen abgewischt hatte und fuhr fort »Nimm dich nur vor dem Burggrafen
in acht Ich habe dem alten Spion anvertraut du hättest ein billiges Anlehen
gemacht das dich in den Stand setzt alle die Einlösungen und Bauten die im
Werke sind durchzuführen Das mag er getrost rapportieren das schadet nicht
Dass man Schulden machen müsse leuchtet dem guten Papa immer ein  Nun aber
denk auch an dich mein Sohn und daran dich selbst sicherzustellen«
    »Wie meinst du das«
    Die Speiseglocke sandte ihre schrillen Töne durch das Haus und die
Geschwister beeilten sich ihrem Rufe zu folgen Der Graf forderte Pünktlichkeit
von seinen Kindern nicht er wollte sie  sie sollten ihn im Speisesaal
erwarten Es lief niemals ohne Rüge ab wenn dieses Gesetz auch nur minutenlang
übertreten wurde
    »Hast du denn mit ihr gesprochen« fragte die Baronin im raschen
Weiterschreiten
    »Mit wem«
    »Nun  mit ihr  mit der dame de vos pensées «
    »Was fällt dir ein« antwortete Ronald seine Stimme war bewegt »wie dürfte
ich  Ein solches Glück ist nicht für mich«
    Er blieb plötzlich stehen erfasste die Hand seiner Schwester und presste sie
so gewaltig dass Tilde einen Ausruf des Schmerzes nicht unterdrücken konnte
    »Nun höre« rief die Baronin in der das Blut der Rondsperg aufwallte mit
heftigem Unwillen »Gott danken auf ihren Knien kann sie jede Stunde  die «
    Sie bogen eben um die Ecke des Ganges und erblickten Regula und Röschen die
ihnen entgegenkamen ebenfalls auf dem Wege nach dem Speisesaal begriffen
    Man begrüßte einander und die Baronin bot Fräulein Heissenstein den Arm
    Nein dachte sie kostbar wirst du dich nicht machen meine Beste schön
bitten wirst du dass man dich aufnehme denn »das Glück«  ach die Männer sind
doch unbegreiflich  ist ganz und gar auf deiner Seite
    »Seien Sie barmherzig Regula« flüsterte sie dem Fräulein zu »Unser Recke
ist schüchtern wagt es nicht seine Gefühle auszusprechen  man muss ihm zu
Hilfe kommen«
    Regula erwiderte »O Baronin« Ihr Gesicht glänzte von jener kalten Freude
die befriedigte Eitelkeit allen eines tieferen Gefühls Unfähigen gewährt
    Schüchtern ist er allerdings über die Massen sagte sie zu sich selbst Er
hat nicht einmal gewagt die Rose aufzuheben die gestern abends aus meinem
Fenster flog Sie lag am Morgen noch auf derselben Stelle auf die Regula sie
geworfen hatte und es blieb dem Fräulein nichts übrig als hinzuschleichen und
das inzwischen verwelkte verräterische Symbol ihrer Huld  wieder abzuholen
    Ronald hatte  vermutlich um nicht unhöflich zu erscheinen im Vergleiche mit
seiner Schwester  Röschen seinen Arm geboten Die kleine Hand die sich auf
denselben legte zitterte so sehr sah so schutzbedürftig aus dass es unmöglich
gewesen wäre sie nicht mit der freigebliebenen Linken zu erfassen sie nicht zu
drücken treuherzig und warm Und dann war es wieder unmöglich die freudige
Bestürzung zu sehen die die Augen des Mädchens aussprachen ohne mit innigster
Teilnahme zu fragen »Was ist Ihnen liebes Röschen«
    Es erfolgte keine Antwort Sehr beängstigend   und doch auch wieder sehr
natürlich Man war ja mechanisch weitergeschritten man trat ja schon in den
Saal wo der Graf und die Gräfin soeben von Fräulein Heissenstein
bekomplimentiert wurden Arm in Arm und Hand in Hand stand das junge Paar vor
dem alten
    Der Vater warf einen triumphierenden Blick auf seinen Sohn  wie aus dem
Traum erwachend ließ Ronald den Arm plötzlich sinken und stammelte einige
unverständliche Worte Die Gräfin aber zog Röschen die in lieblicher Verwirrung
auf sie zueilte an ihr Herz
    Zu Anfang des Mittagessens trug der alte Graf die Kosten der Unterhaltung
fast allein Er erzählte Anekdoten denen man gleich anmerkte dass sie einer
bedenklichen Pointe zusteuerten sobald er sich der jedoch näherte hielt er
inne mit gespielter Verwirrung und sprach »Die Ehrfurcht die ich für Sie hege
meine Damen verbietet mir Ihnen das Ende dieser Geschichte zu erzählen«
    Er überbot sich an Liebenswürdigkeit gegen Regula und sagte ihr sogar etwas
Schmeichelhaftes über die Farbe ihres Kleides die er  da sein Geschmack ein
ausgezeichneter war  abscheulich fand er gab sich Mühe sie zu bereden ein
Gläschen Wein zu trinken sie lehnte es ab mit einem obligaten Schreckensrufe
Als der Braten kam wurde Fräulein Heissenstein gelehrt und brachte mancherlei
wissenschaftliche Dinge zur Kenntnis der Gesellschaft Sie befliss sich einer
besonderen Vornehmheit in jeder ihrer Bewegungen und steckte keinen Bissen in
den Mund ohne dabei ein Gesicht zu machen das ihre Verachtung einer so
untergeordneten Beschäftigung wie es die Ernährung des leiblichen Menschen ist
an den Tag legte Sie war ganz Geist ganz Verstand und bediente sich nur der
gewähltesten Ausdrücke sie sagte Kossaten statt Halbbauern und Pretia rerum
statt Preise der Lebensmittel
    Nachmittags hatte Ronald einen Auftrag seines Vaters auszuführen
entschuldigte sich und fuhr davon Die Gräfin begab sich mit Regula und Röschen
nach der Terrasse die Baronin die ihnen folgen wollte wurde von ihrem Vater
zurückgehalten da er mit ihr zu sprechen wünschte
    »Wir werden die Ehre haben Sie bald einzuholen meine Damen und hoffen Sie
dann in günstiger huldvoller Stimmung zu finden« sprach der alte Herr und
zwinkerte dabei Regula schalkhaft zu Sie fand es angemessen die Augen
niederzuschlagen  sie verstand ihn ja so wohl Ronald hatte sich seinem Vater
anvertraut und ihm die Förderung seiner Herzensangelegenheit übertragen Der
Graf will sich nun mit seiner Tochter beraten in welcher Weise dies am besten
geschähe Das alles liegt auf der Hand Die Entscheidung naht  morgen
vermutlich wird die Verlobung gefeiert Regula kann nicht umhin mit dem größten
Erbarmen an Ludwig Bauer zu denken In den letzten drei Tagen hatte er dreimal
geschrieben Es tut ihr leid um ihn  aber wer kann helfen Der Augenblick in
dem man die Hand nach einer Grafenkrone ausstreckt ist nicht der in dem man in
Versuchung kommt Frau Professor zu werden Regulas Wege sind gewiesen und
Ehrgeiz ist und bleibt die Leidenschaft großer Seelen
    »Nun Tilde« fragte der Graf indem er sich auf seinen mit gesteiftem
Kattun überzogenen Diwan niederließ »was habe ich dir zu sagen«
    »Nun lieber Papa« erwiderte die Baronin die sich an seine Seite gesetzt
hatte und sofort eifrig an ihrer Häkelei zu arbeiten begann »wenn Sie das nicht
selbst wissen «
    Er lachte lehnte sich behaglich zurück und sprach »Sag einmal an Tilde
was sind von jeher meine Ansichten gewesen über den Wert der Gabel im
Stammbaume Was halte ich davon«
    »Nicht viel« erwiderte die Baronin und sah ihren Vater verwundert an Ja
sagte sie zu sich selbst wenn sichs nur um die Gabel handelte  ich sehe aber
nicht einmal eine Zinke
    »Ich bin für das englische Prinzip« rief der Graf »Der Mann gibt seiner
Frau mit seinem Namen auch seine Ahnen«
    »Jawohl Papa das ist Ihre Ansicht«
    »Und so habe ich denn nichts gegen eine Verbindung deines Bruders mit dem
kleinen Fräulein von Fehse einzuwenden« fuhr der Graf fort »es ist mir
gleichgültig dass ihre Mutter aus bürgerlichem Hause stammte Der Adel ihres
Vaters macht alles wieder gut«
    O Gott der arme Papa dachte die Baronin und ließ in stummer Bestürzung die
Arbeit in ihren Schoss sinken
    »Du kannst mit der Tante sprechen« sagte der alte Herr in einem Tone als
ob er seiner Tochter die huldvollste Vergünstigung erwiese »Heiraten einleiten
ist Weibersache Mein guter Ronald obwohl rechtschaffen verliebt tut den Mund
nicht auf Wenn man ihn sich selbst überlässt findet er Mittel sich die Sache
am Ende gar noch auszureden Lauter Vernunft lauter Überlegung und kein
Entschluss das sind die Liebhaber von heute Was meinst du Tilde« fragte er
etwas ungeduldig nach einer Pause in welcher er vergeblich auf ein Wort der
Zustimmung gewartet hatte
    Die Baronin war  ein seltener Fall  ratlos und außer Fassung Wie es kam
wusste sie nicht aber es kam es ging ihr plötzlich auf deutlich und
überzeugend Der unpraktische Papa versteht diesmal seinen unpraktischen Sohn
Ronald hat die Torheit begangen sich in die kleine rosige Fee zu verlieben
Tilde erklärte sich jetzt alles seine erregte Antwort von vorhin seinen
leidenschaftlichen Händedruck An eine Verbindung mit dem Fräulein Heissenstein
hat er nie gedacht er hat Rondsperg ohne jeden eigennützigen Vorbehalt
verkauft Die Baronin irrte sich wie schon so oft in ihm indem sie meinte
das Vernünftige erscheine auch ihm einmal als das Selbstverständliche Sie ist
voll Unmut gegen ihn und doch  welch ein Wirrsal von Gefühlen in ihrer Brust
 doch auch wieder stolz auf diesen törichten Bruder mit seiner verwünschten
Selbstlosigkeit mit seiner Großmut die an Tollheit grenzt Das Abscheulichste
ist das Klügste in gar vielen Fällen und wärs in diesem ganz gewiss Wie hatte
sie es ihrem edlen Ronald zutrauen können  Sie begreift sich nicht Sie fühlt
sich beschämt über ihre Kurzsichtigkeit sie ist entsetzt über den voreiligen
Wink den sie Regula gab Diese denkt nichts andres als Gräfin Rondsperg zu
werden  das ist ausgemacht Sie wird sich bitter rächen wenn ihre Hoffnungen
nicht in Erfüllung gehen die kalte Kreatur und sie kann es  Ronald ist in
ihren Krallen
    Die Baronin war eine zu starke Seele um durch ihre Mienen zu verraten was
in ihr vorging Ihr Vater las darin nichts von ihrer Angst und ihrer Bestürzung
aber gar ernst sah die Tochter aus und ihr langes Schweigen verdross ihn In
gereiztem Tone wiederholte er den letzten Satz seiner unbeantwortet gebliebenen
Rede »Was meinst du Tilde«
    Sie erwiderte langsam und zögernd »Ach  Papa  es ist schwer «
    Der alte Herr fuhr auf »Was ist schwer  Einem Menschen ankündigen dass
man beabsichtigt ihm eine Ehre zu erweisen  Die Weinhändlerin hat sich wohl
in ihren kühnsten Träumen nicht bis zu einer Verbindung mit unserm Hause
verstiegen Ich meine sie würde um eine solche zu ermöglichen alle denkbaren
Opfer bringen Nun  Opfer fordern wir gerade nicht aber sie kann etwas tun für
ihre Nichte Ronald braucht nichts von seiner Frau aber seine Frau braucht
etwas für sich Sie wird bei uns nicht einziehen wollen wie Griseldis bei
Percival von Wales Und so wünsche ich denn« fügte der Graf freundlich und fast
bittend hinzu »dass meine kluge Tilde die Sache mit der alten Tante in Ordnung
bringe und zwar gleich wir haben keine Zeit zu verlieren wenn du uns durchaus
morgen schon verlassen willst«
    Die Baronin hatte ihre Häkelei wieder aufgenommen und schien ganz vertieft
in ihre Arbeit Jetzt erhob sie den Kopf und sprach »Lieber Papa das geht
nicht so schnell«
    Ihr Vater stand mit einer zornigen Gebärde auf Er machte leise und
ungeduldig vor sich hinsummend einige Gänge durch das Zimmer blieb dann
plötzlich stehen und sprach »Du legst großen Eifer für das Wohl deines Bruders
an den Tag«
    »Was ich irgend kann will ich für ihn tun«
    »So tu es gleich« sagte er etwas besänftigt
    »Unmöglich  ärgern Sie sich nicht Papa« rief sie als er wieder Miene
machte aufzufahren »aber ich werde morgen noch hierbleiben und dann wollen wir
sehen«
    »Wollen wir sehen« spöttelte er giftig und mit der Absicht zu verletzen
»Du sprichst wie ein Minister  Meine Kinder dürfen sich nicht oft rühmen oder
 beklagen dass ich Ansprüche an sie stelle Wenn es aber einmal geschieht dann
lassen sie mich fühlen dass es nie geschehen sollte«
    Der arme Papa  der arme Papa dachte die Baronin wieder Sie legte ihre
Arbeit zusammen Ganz und gar mit ihren eigenen Sorgen beschäftigt fiel ihr
nicht ein dem heftigen Ausfall ihres Vaters die geringste Beachtung zu
schenken Sie hatte sich erhoben und schritt dem Ausgange zu
    »Wohin« rief der Graf
    »Ich will einen Boten nach Haluschka senden damit sie mich dort nicht
umsonst erwarten« antwortete sie und verließ das Zimmer
    Der alte Herr blieb sehr unzufrieden zurück ein Verdacht steigt in ihm auf
Die Baronin hat vielleicht die Nichte der Millionärin einem ihrer Söhne
bestimmt aber das soll sich die kluge Tilde aus dem Kopf schlagen Daraus wird
nichts Der Graf wünscht seinen Enkeln alles mögliche Gute aber ein Röschen
verdient keiner von ihnen denn sie sind doch nur  tölpelhafte Krautjunker
    Er ging noch lange in seinem Zimmer auf und ab und sann über einen Entschluss
nach den er gefasst hatte und ohne Verzug ins Werk zu setzen gedachte
Als Ronald gegen Abend in den Schlosshof fuhr saß Bozena auf einer Bank unter
einer der Kugelakazien Sobald er sie erblickte hielt er an übergab Florian
die Zügel sprang vom Wagen und eilte auf sie zu Sie hatte sich erhoben und
blieb ihn erwartend ruhig stehen
    »Das ist ja eine Gnade« sagte Ronald »dass Sie nicht wie gewöhnlich vor mir
davonlaufen Was haben Sie gegen mich Bozena Seien Sie aufrichtig mit mir
kann mans sein«
    »Und mit mir soll mans sein« antwortete Bozena »Obwohl mirs niemand
gesagt hat Herr Graf weiß ich ja weshalb wir hierhergekommen sind«
    »Kein Wunder« sprach er »Alle Leute  meinen Vater ausgenommen  kennen
meine Verhältnisse«
    »Also« rief Bozena und der Ernst mit dem sie ihn angesehen hatte
verwandelte sich in Strenge »Betören Sie mir das kleine Mädchen nicht«
    »O weh« erwiderte Ronald und indes er sich bemühte zu scherzen zuckte es
schmerzlich über sein Gesicht »das kleine Mädchen hat mich betört Ich bin ein
ganzer Narr geworden der oft das Gegenteil von dem tut was er tun möchte«
    Sie schoss einen finster funkelnden Blick nach ihm und sprach »Wenns so ist
«
    »Seien Sie ruhig« fiel er ihr ins Wort »Sie können dennoch ruhig sein Ich
hab Übung in der Kunst zu mir selbst zu sagen Möchtest das wohl gern  Du
sollst es nicht haben  Als ich dieses Röschen neulich sah da wußt ich bei
meiner Treu zugleich Nach dem hast dich dein Leben lang gesehnt und Es soll
nicht blühen an deiner Brust  Glauben Sie mir« setzte er nach einer kleinen
Pause hinzu »ich hab mein Herz in der Hand« Er ballte dabei die Faust als ob
er darin etwas zerdrücken wollte
    »Das ist schon gut« sagte Bozena »machen Sie aber auch dem Kind das Herz
nicht schwer«
    »Ich will ja nicht« rief er »aber gestern  Ich sage Ihnen alles Bozena
 gestern war ein Augenblick in dem ich dachte Warum soll ich mein Glück von
mir weisen Ich hab ein Recht auf Glück so gut wie ein andrer Da wollt ich
schon zu Ihnen gehen  denn Röschen gehört Ihnen Sie sind so gut die Mutter des
Mädchens als ob Sie es geboren hätten  und Ihnen sagen Trauen Sie mirs zu
dass ich ein Weib ernähren kann Ich weiß was es heißt sich plagen man wird mir
auftun wo ich anklopfe Ich wollt Ihnen sagen Sie sind schon einmal mit einem
armen Paare in die Welt gezogen «
    Bozena schüttelte den Kopf »Weil ichs schon einmal getan habe tu ichs
nicht wieder Herr Graf«
    »Und ich bin auch nicht gekommen Sie darum zu bitten« sprach Ronald »Ich
habe mir den schönen Traum aus dem Sinn geschlagen Ich darf an mich nicht
denken solange meine Eltern leben und mir sagen Wenn sie tot sind wirst du
anfangen glücklich zu sein  das geht auch nicht Auf Gräber pflanzt man
Zypressen nicht Myrten Ich mag auf den Tod meiner Eltern nicht warten«
    Bozenas Augen senkten sich und sie sagte »Brav«
    »So heißt es Abschied nehmen« Er brauchte alle Kraft der Selbstüberwindung
um mit fester Stimme sagen zu können »Ich werde sie vielleicht gar nicht mehr
sehen Wie ich höre fährt Ihr Fräulein schon übermorgen nach Weinberg zurück
Und ich komme ohnedies spät nach Hause und bin auch wieder fort beim ersten
Morgengrauen«
    »Damit wird Fräulein Heissenstein schlecht zufrieden sein« sagte Bozena Er
fragte jedoch mit solcher Unbefangenheit was dem Fräulein an ihm läge und
sagte als sie entgegnete »Das wissen Sie nicht« so vorwurfsvoll und doch mit
einem so unwillkürlichen Lächeln »Aber Bozena« dass sie ihm plötzlich mit den
Worten »Nichts für ungut« ihre Hand reichte
    Ronald hielt sie fest »Glauben Sie mir«
    »Ich glaube Ihnen«
    »Nun denn Ich habe Röschen unaussprechlich lieb aber jetzt hier ohne dass
sie es hört sage ich ihr Lebe wohl«
    Sie schüttelten einander die Hände und traten beide in das Haus
 
                                       19
Am nächsten Tage um zehn Uhr morgens stand der alte Graf vor dem Spiegel und
warf einen letzten Blick auf sein Ebenbild das ihm daraus wohlgefällig
entgegenlächelte Die Gräfin hielt sich auf einige Schritte Entfernung und
betrachtete ihn mit wehmütiger Freude
    Der Frack mit dem hohen Kragen und den Schwalbenschwänzen den er trug
stammte aus den dreissiger Jahren und hätte besser in ein Museum als in eine
Garderobe gepasst Nicht viel größerer Jugend durften sich das schwarze
Beinkleid die weiße Weste und Krawatte rühmen die der Greis angetan hatte
    »Etwas gelblich meine Atours« sagte er indem er die Falten seiner
Krawatte zurechtstrich »aber es schadet nicht Fräulein Heissenstein wird das
als eine zarte Rücksicht ansehen  auf ihren Teint den ich nicht in Schatten
stellen will Nun mein Amtszeichen« rief er und trat vor seine Gemahlin hin
Die Gräfin steckte ihm ein Sträusschen mit winziger Masche in das Knopfloch des
alten Fracks aus dem ein farblos gewordenes Band des Leopoldordens hervorragte
Ihre Finger zitterten dabei und fast wäre er ärgerlich geworden über ihre
Ungeschicklichkeit Doch er nahm sich zusammen zog die Luft durch seine
geschlossenen Zähne und sagte nur »Kommt der Peter noch nicht«
    Er ging wieder an den Spiegel und glättete sein dichtes wie Silber
schimmerndes Haar
    Trotz der abgetragenen ja ärmlichen Kleider die seine abgemagerte Gestalt
in scharfen Falten umschlotterten hatte er ein gar adeliges Aussehen
    Seine alte Frau folgte ihm mit ihren Blicken wie er so rasch und aufrecht
Ungeduld in jeder Miene im Zimmer hin und her schritt Sie dachte an die Zeiten
zurück da ihr dieser Mann als der höchste aller Menschen erschienen war an das
lange Leben das sie an der Seite des einzig und ewig Geliebten  vertrauert
Sie dachte wie sich am Ende doch alles habe ertragen lassen weil er wenn auch
selbst oft lieblos doch auf ihre Liebe immer vertraut hatte In dieser Stunde
aber flammte ihre ganze Seele in einer Empfindung des Dankes gegen ihn auf ging
er doch hin um die lieblichste Braut für seinen Sohn zu werben Konnte wenn er
es tat der Erfolg zweifelhaft sein Das Glück nach dem der bescheidene Ronald
die Hand nicht auszustrecken wagt sein Vater wird es ihm erringen Und dann 
dann hilft Gott weiter denkt die fromme alte Frau
    Peter erschien und meldete »die Freile« ließe bitten
    Die Gräfin sagte »Ich warte hier auf dich«  ihr Gemahl nickte beistimmend
ergriff seinen Hut und seine Handschuhe und trat mit wichtiger Miene seinen Weg
an
    Regula war als der Besuch des Grafen ihr angekündigt worden mit einem
Briefe an Bauer beschäftigt gewesen Derselbe begann also
»Sie wissen lieber Freund wie tief ich Houwald immer bewundert habe
Und Segen floss auf ihre Tritte
Wie Himmelstau auf Blumen drauf 
das  so  sollte mein Leben sein  Aber 
Begrüsst der Mensch nicht weinend seine Welt 
Gibt es etwas das uns bestimmt Bester  wenn nicht  die Verhältnisse  Die
lieben mich gewiss die mich verstehen Verstehen Sie die Opfer die man seinem
besseren Selbst bringt  Achten Sie mich  O Freund  bleiben Sie es
«
Da meldete Peter seinen Herrn und im Taumel ihres Triumphes wollte Regula mit
den Worten schließen Ich bin die Braut des Grafen Ronald von Rondsperg Als sie
aber »Ich bin« niedergeschrieben hatte legte sie die Feder hin Abergläubische
Besorgnisse hielten sie zurück von der Verkündigung einer noch nicht vollzogenen
Tatsache
    Sie erhob sich von dem Sessel in der Fensternische nahm Platz auf dem
Kanapee und gab sich der angenehmsten Erwartung hin Ihr Herz hüpfte wie ein
junges Lämmlein
    Als angehende Gräfin von Rondsperg wird sie also nach Weinberg der getreuen
Stadt zurückkehren Sie wird mit namenlosem Jubel empfangen werden sie wird
keine Neider haben vielmehr wird sich in ihr jeder geehrt fühlen und ein Fest
wird es geben als ob die gesamte Bevölkerung in den Grafenstand erhoben worden
wäre Sie nimmt sich vor huldvoll und herablassend zu sein und so leutselig
als ob sich nichts verändert hätte in ihrem Verhältnisse zu ihren Bekannten
Diese werden entzückt und ihre Anbeter verliebter sein als je Wenn sie in die
Stadt gefahren kommt mit vier Pferden feurig und schnaubend wie Drachen werden
die Hüte der Männer fliegen und die Frauen werden knicksen und jeder wird
fragen »Haben Sie unsere Gräfin gesehen« Einmal kommt es noch zu einer
öffentlichen Ovation 
    Da pocht es an der Tür Sie ruft »Herein« Der Graf steht auf der Schwelle
    »Oh  Herr Graf« stammelt Regula sich erhebend »in pontificalibus  Was
bedeutet «
    Der Greis verneigt sich und weist schmunzelnd auf das Sträusschen in seinem
Knopfloch
    »Beinahe wie ein Freiwerber« spricht das Fräulein leise erschrickt aber
sofort über diese unpassende Äußerung Wirklich sie weiß nicht mehr was sie
sagt sie muss sich zusammennehmen
    Der alte Herr stellte sich in Positur drückte die Absätze aneinander hielt
mit beiden an die Brust gepressten Händen seinen Hut vor sich neigte das Haupt
und sprach mit heiterer Feierlichkeit »Ich komme Fräulein Heissenstein im
Namen meines Sohnes um bei Ihnen in aller Form und schuldigen Ehrfurcht
anzuhalten um die Hand ihrer Nichte des Fräuleins Rosa von Fehse«
    Hölle und Tod was ist das  Regula hatte sich lächelnd vorgebeugt um die
lieblichste Botschaft zu vernehmen und erhielt einen Schlag ins Gesicht Sie
fuhr zusammen und trat keines Wortes mächtig einen Schritt zurück
    Der Graf war kein Menschenkenner er hielt ihr stummes Entsetzen für
sprachlose Überraschung und dachte nur Diese alte Jungfer sieht sogar in der
Freude widerwärtig aus Er gönnte ihr einige Augenblicke um sich zu erholen von
dem unerwarteten Glück das er ihr verkündigt hatte und hub dann mit herzlicher
Selbstzufriedenheit wieder an »Nun mein Fräulein Wird es mir gestattet sein
meinem Sohne eine gute Botschaft zu bringen«
    In einem Tone der ihn durch seinen gereizten und feindlichen Klang
befremdete erwiderte Regula »Darf ich fragen ob Sie als Bevollmächtigter
Ihres Sohnes mit seinem Wissen und Willen kommen Herr Graf«
    Ohne sich zu besinnen mit der größten Unbefangenheit rief der Greis
»Jawohl mein Fräulein Und ich kann nicht glauben dass es Sie in Erstaunen
setzt Ihrem Scharfsinn ist nicht entgangen was mein guter Ronald so wenig zu
verbergen vermag seine Liebe zu Fräulein Rosa«
    Regula stieß ein »Oh« hervor das dem Greis trotz all seiner Zuversicht
bedenklich erschien Sollte die »Weinhändlerin« Ronalds Bewerbung um ihre Nichte
doch nicht mit unbedingtem Entzücken aufnehmen
    Augenblicklich beim ersten Zweifel empörte sich sein Stolz
    »Ich hätte nicht gedacht mein Fräulein so lange als Bittsteller vor Ihnen
stehen zu müssen« sprach er
    Das Fräulein wies ihm einen Stuhl an und nahm Platz auf dem Kanapee Sie
hatte allmählich die Herrschaft über sich wiedererlangt und sagte so ruhig sie
konnte »Ich gestehe Ihnen Herr Graf dass mich diese Bewerbung um die Hand
eines Kindes befremdet « Er wollte Einsprache tun sie ließ ihn nicht zu
Worte kommen »  und dass ich bisher noch nicht daran gedacht habe Rosa zu
verheiraten«
    »Um so mehr Grund jetzt daran zu denken« rief der Graf »Die Gelegenheit
die sich bietet ist nicht zu verschmähen Einen brillanteren Mann als meinen
Ronald können Sie für Ihre Nichte finden aber keinen braveren  Übrigens kommt
es mir nicht zu meinen Sohn zu loben«
    »Mir gegenüber« sprach Regula scharf und spöttisch »hieße das wohl Eulen
nach Athen tragen Ich kenne seinen Wert«
    »Nun dann zögern Sie nicht länger« sagte der Greis munter »Legen Sie die
Hände der jungen Leute ineinander die nur gar zu gern sich in die Arme fallen
möchten«
    »So« hauchte Regula
    Nein  Dass eine solche Schmach ihr widerfahren könne hätte sie niemals für
möglich gehalten Man hat sie unter falschen Vorspiegelungen hierhergelockt und
überfällt sie nun mit der Zumutung ihre Ansprüche aufzugeben zurückzutreten
vor einer andern  und vor wem Vor einem Geschöpf das von ihrer Gnade lebt
das betteln ginge ohne sie
    Der Graf denkt Sie schweigt lange Sie meint vermutlich es sei anständig
nicht merken zu lassen wie geehrt sie sich fühlt Gönnen wir ihr dieses
unschuldige Vergnügen Nach einer kleinen Weile hebt er wieder an »Fassen Sie
einen für uns günstigen Entschluss verehrtes Fräulein Tun Sies in einer Weise
die Ihrer würdig ist und würdig des Rufes Ihrer Großmut und Freigebigkeit«
    Freilich  auf diese war es abgesehen sagt Regula zu sich selbst Mein Geld
wollt ihr nicht mich
    Ihr unruhig umherschweifender Blick fällt auf den Brief den sie eben
geschrieben hat und wie ein Blitz durchzuckt es sie  Das ists  da liegt
die Lösung Geschehe was wolle strafe sichs wies mag  was liegt an der
Zukunft Der große Augenblick fordert sein Recht
    »Verständigen wir uns Herr Graf« spricht Regula »handelt es sich nur um
meine Einwilligung zu der Verbindung der jungen Rosa mit Ihrem Sohne oder
erwarten Sie dass meine Großmut und Freigebigkeit dieselbe ermögliche«
    »Mein Fräulein« rief der Greis auffahrend
    Regula setzte mit erzwungener Gleichgültigkeit hinzu »Wenn das letztere der
Fall wäre müsste ich Ihnen zu meinem Bedauern erklären dass ich nichts für meine
Nichte tun kann Ich habe nähere Verpflichtungen ich bin  verlobt«
    Er war unfähig die unangenehme Überraschung in die diese Nachricht ihn
versetzte zu verbergen und hätte jedes Wort mit dem er an die Freigebigkeit
des Fräuleins appelliert hatte mit einem Tropfen seines Herzblutes
zurückerkaufen mögen
    »Ich wünsche Ihnen und Ihrem Herrn Bräutigam Glück« sagte er sarkastisch
lächelnd »wäre Ihnen aber dankbar wenn Sie mir die Erlaubnis geben wollten
auch meinem Sohne Glück wünschen zu dürfen  zu Ihrer Einwilligung «
    Regula unterbrach ihn »Ich versage sie nicht Herr Graf Es kann mir nur
lieb sein meine Nichte in eine Familie treten zu sehen in welcher auf irdische
Güter ein so geringer Wert gelegt wird denn diese  sind ihr nicht zuteil
geworden«
    »Verlieren Sie darüber kein Wort mein Fräulein« rief der Graf
»Geldheiraten zu schließen war in unserm Hause niemals Brauch und heute noch
darf trotz der Ungunst der Zeiten der Eigentümer von Rondsperg eine Braut nach
seinem Herzen wählen«
    Regula erbebte vom Wirbel bis zur Sohle Der Gegner selbst hatte ihr den
vergifteten Pfeil in die Hand gedrückt den sie nur abschnellen brauchte um
tödlich zu treffen und sich zu befreien von dem lechzenden Durst nach Rache der
in ihrem Innern so qualvoll brannte und Befriedigung heischte Eine Sekunde lang
zögerte sie  Ihr Wort war verpfändet aber ein Narr der Betrügern Wort hält
Regula ist nicht gewillt das Unrecht zu beschützen sondern  es zu entlarven
    »Ihr Sohn ist nicht mehr Eigentümer von Rondsperg« sagte sie gepresst und
stammelnd »er hat es mir verkauft«
    Der alte Mann sprang auf starrte sie an  stumm verständnislos
    Regula erhob sich gleichfalls und wiederholte jetzt bestimmter mit fester
Stimme »Er hat es mir verkauft Rondsperg ist mein  seit gestern«
    Er taumelte zurück unter diesem Schlage  er war totenbleich der Atem
stockte in seiner Brust
    Erschrocken aber nicht gerührt betrachtete ihn Regula »Fassung Herr
Graf« sprach sie kalt
    »So bin ich Ihr Gast  In Rondsperg Ihr Gast« schrie der Greis und
schmerzlich verband sich die Heftigkeit des Zornes der Entrüstung der
Beschämung die in ihm rangen mit dem Bewusstsein seiner Hilflosigkeit
Plötzlich raffte er alle Kraft zusammen richtete sich auf und stürzte aus dem
Zimmer
    Regula war von einem nervösen Zittern ergriffen worden das ihre Glieder
kläglich schüttelte Es dauerte lange bis sie vermochte an den Tisch im
Fenster zu treten und den begonnenen Satz »Ich bin « zu Ende zu schreiben
Er schloss jetzt anders als sie es vor einer Weile im Sinne gehabt und zwar
»Ich bin die Ihre Regula Heissenstein«
    Sie rief Bozena und trug ihr auf den Brief sofort durch einen Boten nach
der Bahnhofstation zu befördern Er konnte um fünf Uhr nachmittags in Bauers
Händen sein
    Frau Professor also  Dies das Ende  Frau Professor Bauer Regula
brach in unaufhaltsames Weinen aus
Die Baronin von Waffenau erwartete an der Seite ihrer Mutter in banger Besorgnis
den Erfolg der Unterredung des Grafen mit Regula Als der Greis jetzt erschien
verriet ihr ein Blick auf sein verstörtes Gesicht was geschehen war
    »Oh die Schlange sie hat uns verraten« rief Tilde
    Diese Worte brachten den Grafen noch mehr außer sich
    »Sie euch  Ihr mich« keuchte er die Stimme versagte ihm er stampfte
heftig mit dem Fuße und brachte mühsam die Worte hervor »Ronald  her 
hierher«
    »Ich will um ihn schicken« sprach die Baronin in beruhigendem Tone »Regen
Sie sich nicht so auf Papa Was geschehen ist ist geschehen weil es musste
weil es anders nicht möglich war«
    Zu ihrer Mutter sagte sie leise »Verlieren Sie nicht den Mut Mama ich
komme gleich wieder« und eilte einen besorgten Blick auf die Eltern werfend
hinweg
    Der Greis hatte sich auf den Rohrsessel vor seinem Schreibtisch geworfen
die Gräfin trat zu ihm
    »Karl« sprach sie flehend und legte die Hand auf seine Schulter Er bäumte
sich auf als ob der Verrat ihn berührt hätte und schleuderte ihre Hand von
sich
    »Du hast alles gewusst Warst einverstanden mit dieser  Brut  Still«
fuhr er sie an als sie antworten wollte und die arme Frau wankte
eingeschüchtert und bebend zu ihrem vorigen Platz zurück
    Wuchtige Schritte erdröhnten im Gange der Burggraf erschien
    »Ah« rief ihm sein Herr mit unheimlichem Gelächter entgegen »wissen Sie
schon Rondsperg ist  verkauft verkauft«
    Der Alte schlug schallend die Hände zusammen »Hatt ich mirs doch gedacht«
    »Ja« fuhr der Graf fort »jawohl Meine Kinder verkaufen mir das Dach über
dem Kopf zum Dank dafür dass ich es ihnen geschenkt habe Ich lebe hier in
meinem Rondsperg von einer Krämerin Gnaden  mache vor ihr die lächerliche
Figur eines alten Narren der in fremdem Hause den Herrn spielt Aber was liegt
daran Die Schmach ihres Vaters wird meinen Kindern  bezahlt Für Geld ist ja
alles feil das Vätererbe das uns den Namen gegeben hat die Gräber der Ahnen 
alles zu haben für Geld Auf die Trommel damit Die Millionärin kauft und
mein Sohn macht ein brillantes Geschäft«
    Die Baronin die inzwischen zurückgekehrt war trat unerschrocken auf ihren
Vater zu Sie trug ein riesiges Wirtschaftsbuch in den Armen das sie vor ihn
auf den Schreibtisch hinlegte
    »Es ist jetzt nicht mehr Zeit zu verhehlen und zu schonen Papa Die ganze
Wahrheit wird Ihnen weniger weh tun als die halbe« sagte sie und schlug das
Buch auf »Öffnen Sie die Augen seien Sie gerecht gegen den besten Sohn Hier
steht in Zahlen ausgedrückt die Geschichte seines langen fruchtlosen Kampfes
Sie können auch leicht sehen was ihm bleibt bei dem brillanten Geschäfte das
er mit Fräulein Heissenstein abgeschlossen hat«
    Der Burggraf spannte hastig seine Brille auf die Nase und fiel wie ein
Raubvogel über das Buch her
    Es war sein größter Verdruss dass ihm konsequent der Einblick in Ronalds
Buchführung verweigert worden war Jetzt endlich lag der Gegenstand seiner
Neugier vor ihm jetzt konnte er sich und andere überzeugen dass die Leitung der
Rondspergschen Güter in einer Reihe von Missgriffen bestanden hatte seitdem sie
ihm und seinem Freunde dem Direktor entzogen worden war Er nahm auf einen
Wink des Grafen Platz neben ihm und die beiden begannen eifrigst zu rechnen und
zu lesen Der Graf der seit Jahren nur noch in den Träumen seiner sanguinischen
Einbildungen gelebt hatte mutete plötzlich seinem Verstande eine gewaltige
Anstrengung zu Er rang seine Gemütsbewegung nieder und rief die schlummernden
Kräfte seines Urteilsvermögens wach um mit kaltem Blute beweisen zu können
Soviel habe ich gegeben  und so wirds mir gedankt
    Blatt um Blatt wurde umgeschlagen Von Zeit zu Zeit sprach der Graf »Wie 
Der Acker nicht mit einbezogen  Wie Der Wald kommt gar nicht vor« Und
jedesmal erhob sich die Baronin und bewies aus dem Buche mit Scharfsinn und
raschem Überblick »An Zahlungs Statt angenommen von dem und dem  Versetzt für
soundsoviel«
    Wohl glühten ihr die Augen wie im Fieber wohl war sie rot wie eine
Mohnblume doch blieb die innere Ruhe die trotz aller äußeren Lebhaftigkeit sie
niemals verließ ihr auch jetzt treu
    Fast zwei Stunden vergingen die Züge des Grafen wurden immer gespannter
ihr Ausdruck immer düsterer und kalter Schweiß trat auf seine Stirn
    Hingegen schien das Interesse des Burggrafen an dem Studium der
Wirtschaftsrechnungen allmählich zu erlöschen Er richtete sich unter
verschiedenen »Ahs« und »Ohs« aus seiner gebückten Stellung auf rieb seine
lange Nase mit dem ringgeschmückten Zeigefinger und erhob sich endlich Seine
farblosen borstigen Haare durch die er fortwährend wider den Strich gefahren
war standen jedes einzeln in die Höhe er wandte sich zu der Baronin und sagte
mit einer Mischung von Frechheit Bosheit und Beschämung »Das Papier ist
geduldig«
    Der Baronin wallte einen Augenblick die Galle über »Sie wissen recht gut «
begann sie mit zorniger Stimme aber sie mäßigte sich sogleich senkte den Blick
auf die Häkelei an der sie unermüdlich arbeitete und murmelte »Wer mit Ihnen
streiten wollte Tropf«
    Als sie nach einer Weile wieder emporsah war der Platz an dem der Burggraf
gestanden hatte leer Der ländliche Intrigant hatte sich leise
davongeschlichen
    Der Graf aber saß steif und stumm in seinen Sessel zurückgelehnt Seine
rechte Hand lag auf dem offenen Buche die linke hing schlaff herab Weder seine
Frau noch seine Tochter wagten ihn anzusprechen Dumpfe Stille herrschte im
Gemache
    Da schlug es zwölf Uhr vom Kirchturm und das Mittagsglöcklein sandte seine
hellen Töne durch das geöffnete Fenster herein sie schienen zu sprechen Ruh
aus gequältes Menschenvolk Ein Augenblick der kühlen Rast am heißen Tage ist
dir gegönnt  Die Baronin legte ihre Hand an die brennende Stirn die Gräfin
betete leise Jetzt »O Himmel sei uns gnädig«  sachte war die Tür geöffnet
worden Ronald trat ein Er sah seine Mutter und seine Schwester fragend an
bestürzt über den Ausdruck von Todesangst in ihren Zügen
    »Sie haben mich rufen lassen Vater« sprach er
    Bei dem Laute seiner Stimme fuhr der Greis empor schwankte als hätte
Schwindel ihn ergriffen Seine Augen schlossen seine Lippen bewegten sich
»Ronald« sagte er mit bebender gebrochener Stimme Er breitete die Arme nach
seinem Sohne aus »Ronald  verzeihe mir«
    Es war der Wunsch des Grafen Rondsperg sogleich zu verlassen und sich nach
Haluschka zu begeben wo seine Tochter ihn und seine Frau einstweilen aufnehmen
sollte Mit Mühe brachte man ihn dahin die Abreise auf den morgigen Tag zu
verschieben damit der Freiherr von Waffenau von der Ankunft seiner
Schwiegereltern verständigt werden und Anstalten zu ihrer Aufnahme treffen
könne Ronald schickte sich an sofort nach Haluschka zu fahren um seinem
Schwager die Lage der Dinge auseinanderzusetzen Am folgenden Morgen wollte er
wieder zurück sein Die Baronin schrieb in seinem Auftrage an Regula und teilte
ihr mit dass Ronald am nächsten Tage um zwölf Uhr mittags zur förmlichen
Übergabe von Rondsperg bereit sein werde
    Der Tag verging mit eifrigen Vorbereitungen zur Abfahrt dem alten Herrn
schien der Boden unter den Füßen zu brennen die Gräfin beschäftigte sich mit
dem Packen ihrer Habseligkeiten Sie ging still und lautlos im Zimmer umher mit
ihrem gewohnten Ausdruck geduldigen Sichfügens in das Unvermeidliche Ihre
Kammerjungfer saß in einem Lehnsessel seufzend unter der Last ihrer Gicht und
ihres Fettes und jammerte dass sie sich der Gebieterin nicht nützlich machen
konnte Neben dem Koffer kniete Röschen legte Stück für Stück hinein und
benetzte die Hand der Gräfin die es ihr reichte mit ihren Tränen Die alte
Frau versuchte nicht sie zu trösten aber wenn das Kind gar zu bitterlich
weinte strich sie ihr sanft über Haare und Wangen und sagte mit ihrer
ängstlichen und hilflosen Stimme »Nur Mut nur Mut«
    Regula hatte indessen den Brief der Baronin erhalten und einen zweiten Boten
nach der Eisenbahnstation expediert Er war der Träger eines Telegrammes das an
Doktor Wenzel gerichtet war und denselben in Begleitung der Herren Weberlein und
Schimmelreiter nach Rondsperg beschied Die Anwesenheit des Advokaten hätte bei
der Übernahme des Gutes vollkommen genügt aber Regula empfand in diesem
schwierigen Augenblick das Bedürfnis sich mit ihren Getreuen zu umgeben Sie
wurde etwas ruhiger als diese Vorkehrung getroffen war doch nagte eine
Empfindung an ihr die sie bisher nicht gekannt hatte die ihr immer als das
größte aller Schrecknisse erschienen war die Empfindung Es gibt Menschen die
mich nicht bewundern die mich anklagen mich vielleicht geringschätzen
    Sie überlegte die Motive ihrer Handlungsweise rechtfertigte jedes
erschöpfte sich in Beweisen dass sie das Notwendige das Richtige getan  und
dennoch war ihr die Brust wie zusammengeschnürt und dennoch wollte der Druck
nicht weichen der beklemmend und schwer auf ihr lastete
    Eine gedämpfte Stimme die sie leise ansprach weckte sie aus ihrem Sinnen
Sie erhob den Kopf
    Neben ihr stand Bozena
    Ihre Lippen bebten sie war totenblass leidenschaftliche aber unterdrückte
Erregung verriet sich in ihrem ganzen Wesen »Die Herrschaften lassen packen«
sagte sie »Es heißt sie wollen Rondsperg für immer verlassen«
    »Mögen sie« erwiderte Regula mit scheinbarer Gleichgültigkeit »Ich habe
Rondsperg gekauft bin hier die Herrin und kann niemanden der nicht gern mein
Gast ist zwingen es zu sein Sie wollen fort ich werde sie nicht bitten zu
bleiben«
    »Tun Sie es doch Fräulein« sprach Bozena »Die plötzliche Abreise der
alten Herrschaften würde gegen Sie Fräulein böses Blut machen«
    Regel stieß ein kleines höhnisches Gekicher hervor das Bozena nicht
irrezumachen vermochte sie fuhr fort »Niemand weiß wie sehr Sie beleidigt
worden sind «
    »Wissen Sies«
    »Ja Fräulein ich lebe in Ihrer Nähe und hab offene Augen Die andern  die
Menschen die Sie nicht kennen werden sagen Sie hat sich eingebildet der
junge Graf werde sie heiraten und weil er ihr das Röschen vorzieht jagt sie
aus Rache seine Eltern aus dem Hause«
    Wahr  wahr denkt Regula ihre schlimmsten geheimsten Befürchtungen eben
erst mühsam zum Schweigen gebracht gewinnen eine Stimme die aus fremdem Munde
doppelt schrecklich klingt »Bozena« ruft sie zugleich entrüstet und unsicher
»wie dürfen Sie es wagen «
    »s ist meine Schuldigkeit dass ich Sie warne« spricht die Magd »Was
wissen Sie von der Bosheit der Menschen  Die größte Freude der Menschen ist
lästern die Besten zu lästern denn bei den Schlechten da zahlt sichs nicht
aus Sie Fräulein sind  nach Gebühr « Bozena neigte ihr Haupt bei diesen
letzten Worten »bisher nur geachtet und geehrt worden Geben Sie acht was
geschieht wenn es einmal heißt Sie hats nicht verdient  sie hat uns um
unsere Achtung und Ehrfurcht betrogen«
    »Niemand wird das sagen« rief Regel und streckte die kalten Hände zitternd
aus
    »Das und noch viel Schlimmeres verlassen Sie sich drauf« fuhr Bozena hart
und unerbittlich fort »Plötzlich wird jeder etwas wissen Der eine Die ältere
Schwester hat im Elend sterben müssen damit ihr alles zukomme der
Erbschleicherin «
    »Still« kreischte das Fräulein
    Bozena jedoch ruhiger und ruhiger werdend je furchtbarer Regels Aufregung
wuchs sprach weiter langsam und nachdrücklich »Ein andrer steht auf und sagt
Auf dem Totenbette hat ihr der alte Herr das Kind seiner armen Rosa empfohlen
und hat ihr mit seinem letzten Hauch zugerufen Deine heiligste Pflicht  Sie
hat sie nicht erfüllt hat dem Kind nicht gegeben was ihm gebührt«
    Regula machte einen verzweifelten Versuch sich aufzuraffen »Gebührt«
wiederholte sie »ihm gebührt nichts Was ich für das Kind getan habe geschah
aus Gnade und gutem Willen Jeder billig Denkende sieht das ein An dem Urteil
der bösen Zungen der Verleumder  braucht mir nichts zu liegen«
    In welchem Widerspruch standen diese Worte mit dem Ausdruck in dem sie
gesprochen wurden
    »Fräulein« sagte Bozena warnend und eindringlich »Sie wissen es nicht Ihr
Haus ist auf Ungerechtigkeit erbaut Das ist ein Grund so schmal  er trägt Sie
nur solange Sie geradeaus gehen  Biegen Sie einmal vom rechten Weg ab  um
die Breite eines Haares so stürzt unter Ihnen alles zusammen  Sie brauchen
den Schutz Gottes  geben Sie dem Kind nicht was ihm vor den Menschen
sondern was ihm vor Gott gebührt Tun Sies weil Sie großmütig sind und brav
Tun Sies von selbst Fräulein sonst müsst ich Sie dazu zwingen   zu Ihrem
Besten gutes Fräulein«
    Ihre Augen funkeln  sie schlägt sie nieder ihre ganze Gestalt strebt empor
 aber Bozena beugt sich Regula wirft ihr unter den herabgesenkten Brauen einen
misstrauischen Blick zu sie weiß nicht ob ihre Magd schmeichelt oder droht
Diese fährt fort Nachdruck legend auf jede Silbe »Um Ihretwillen ist Ihre
Schwester verstoßen worden «
    »Weil sies verdient hat nicht um meinetwillen« ruft das Fräulein
    »Doch  um Ihretwillen Rosa ist um die Verzeihung ihres Vaters bestohlen
worden Das weiß ich Fräulein denn gefoltert von Gewissensqualen hat es mir
Ihre Mutter in ihrer Todesstunde anvertraut Der Brief «
    »Schweigen Sie« schreit Regula »ich weiß nichts ich will nichts wissen
von einem Briefe  ich kanns beschwören ich habe keinen Brief gesehen  und
 wer hat ihn gesehen«
    »Niemand« antwortet Bozena mit kalter Ruhe »denn er ist unterschlagen
worden und  verbrannt«
    »Ha« Regula atmete auf befreit von einer Zentnerlast »So gibt es auch
keinen unterschlagenen Brief  Wer kann beweisen dass es einen gab Wer wird
es glauben«
    Die Magd stand da umflossen von einer wunderbaren stillen stolzen
Majestät ihre große Gestalt schien noch zu wachsen ihr ganzes Wesen atmete
Macht und wie Erz klang ihre Stimme als sie sprach »Beweisen kann ich es
nicht aber ich werde es sagen und  mir wird man glauben«
    Mit schrecklicher Wucht fielen diese Worte auf die Seele Regulas Ja der
wird man glauben
    Deutlich und lebendig in jedem Zuge erhob sich vor ihr ein längst
vergessenes Bild Sie sah ihre Magd zwischen Mansuet und den Jäger treten und
hörte sie sprechen »Es ist wahr « Bozena hätte damals nicht lügen sie
hätte nur schweigen brauchen und der Jäger wäre als Verleumder gebrandmarkt
gewesen an ihr  hätte keiner gezweifelt Aber sie sprach sie gab der Wahrheit
die Ehre Ja der wird man glauben  Und ein zweites Bild tauchte auf vor
Regula Sie erblickte sich auf dem schmalen Pfade von dem Bozena gesprochen
hoch über allen Menschen und von allen vergöttert Und nun ein unseliger
Schritt aus Rache getan im Zorn beleidigter Eitelkeit und der Glanz der sie
umgab erlischt und sie sinkt sinkt immer tiefer in einen Abgrund  grässlich
schauerhaft Die Verachtung der Menschen  Alles verlässt sie  der zuerst
der sie so redlich geliebt und ihren Reichtum so redlich gehasst hat  Schon
gehasst bevor er wusste dass sie ihn einem Verbrechen dankte
    »Bozena« stöhnt Regel ihre Zähne schlagen zusammen ihre Hände greifen
stützesuchend umher »Bozena was soll ich tun Was verlangen Sie« Sie denkt
nur noch an Rettung an Rettung um jeden Preis
    Mühsam ihre Fassung bewahrend pochenden Herzens antwortet Bozena demütig
und zögernd »Ich habe meinem Fräulein nichts vorzuschreiben aber wäre ich Sie
ich würde zu den alten Leuten sagen Bleibt Rondsperg gehört eurem Sohn dem es
Röschen zur Morgengabe bringt«
    Regula lachte grell auf und brach dann in ein krampfhaftes Schluchzen aus
Plötzlich schien ein schwacher Hoffnungsschimmer in ihr aufzuleuchten
    »Bozena« sprach sie  oh mit gar geringer Zuversicht und zitternd wie
Espenlaub »Wenn ich  Sie  bäte  zu schweigen«
    Die Magd erwiderte kein einziges Wort aber sie bäumte sich mit einer
Gebärde auf so wild so stolz so voll grimmigen Hohnes dass Regula keinen
Ausweg vor sich sehend wimmerte »Nein nein ich bitte Sie nicht   ich will
tun  was Sie verlangen «
    Da stieg ein Schrei masslosen Jubels aus Bozenas Brust »Engel« rief sie
jauchzend »Erlöserin  meine ewige Seligkeit dank ich Ihnen und meinen
zeitlichen Frieden« Sie warf sich vor der Herrin nieder und berührte den Boden
mit ihrer Stirn ihr ganzer Körper bebte mit Anstrengung rang sich der Atem aus
ihrer Brust »Erlöserin Erlöserin« wiederholte sie weinend und frohlockend im
Taumel eines an Schmerz grenzenden Entzückens
    Regula meinte einen Augenblick dass ihre immer so ruhige und zurückhaltende
Dienerin wahnsinnig geworden sei
    Bozena richtete sich auf die Knie empor sie erhob den Kopf und die Arme
als bringe sie dem Himmel ein Opfer dar und rief »Das Glück des Kindes für das
Glück der Mutter  Herr Herr Sie hätte getauscht Nimm du es an und nimm
damit die Sünde von mir«
 
                                       20
Als Professor Bauer den Brief Regulas erhielt machte er alle Stadien eines mit
dem Jawort der Geliebten überraschten Liebhabers durch Vor allem traute er
seinen Augen nicht dann traute er ihnen und geriet in ein dityrambisches
Entzücken aus dem er in elegische Rührung überging und sich fragte Verdiene
ich auch ein solches Glück Im heißen Drang seines mitteilungsbedürftigen
Herzens eilte er hinüber zu Mansuet ihm das große Ereignis zu verkünden Auf
halbem Wege jedoch besann er sich eines andern machte plötzlich kehrt rannte
ebenso schnell nach Hause zurück als er davongerannt war stopfte in größter
Hast seinen schwarzen Anzug und einige Wäsche in einen Reisesack und stürmte
nach dem Bahnhofe wo er eben noch Zeit hatte ein Billett zu dem in der
Richtung nach Rondsperg abgehenden Zug zu lösen In der ersten halben Stunde der
Fahrt hielt sich seine Stimmung auf ihrer schwindelnden Höhe in der zweiten
begann sie zu sinken und in der dritten schoss  wie eine schwarze Schlange die
die Fähigkeit abzufärben besäße  der Zweifel trübend über das spiegelglatte
Meer seiner Wonne
    Entalten die Worte »Ich bin die Ihre« auch wirklich ein Eheversprechen
 Lassen sie sich auch wirklich dem Sinn und Geiste nach mit Ich will Sie
heiraten übersetzen Sind sie nicht etwa nur als bloße Höflichkeitsform zu
betrachten wie sie oft angewendet wurde von unsern größten Dichtern  wie etwa
Schiller an Kotta schreibt »Der Ihrige  Schiller«  Regulas klassische
Bildung die ihn so oft zur Bewunderung hinriss erweckt ihm in diesem
Augenblicke Grauen
    Der Zug hält in der Station für Rondsperg der Kondukteur reißt den Schlag
des Waggons auf »Eine Minute Aufenthalt«  Nein Bauer steigt nicht aus 
Er fährt weiter  wohin ist ihm gleichgültig nur weiter nur hinweg  Die
Lokomotive lässt einen scharfen Pfiff vernehmen er gellt Feigling O Schmach
das gilt ihm  Der Kondukteur steckt sein zorniges Gesicht in den Wagen »Ist
kein Passagier für Hullein da«  Der Professor schnellt bestürzt empor »Aber
zum Teufel so steigen Sie doch aus Sind Sie denn taub« fährt ihn der
Eisenbahnbedienstete mit der Höflichkeit seines Standes für Insassen der zweiten
Wagenklasse an In größter Verlegenheit wie ein ertappter Schulknabe beeilt
sich Bauer schleunigst zu gehorchen Er steht auf dem Boden eine mitleidige
alte Frau wirft ihm seine im Wagen vergessene Reisetasche zu  der Zug braust
davon Er blickt ihm nach und denkt er hätte nie geglaubt dass ein gesetzter
Mann und Professor in eine zugleich so traurige und lächerliche Lage kommen
könne Was nun beginnen Bauer ist ratlos Da hilft ihm einer der
menschenfreundlichen Volontärs die vor wenigen Tagen durch ihre Habgier Regulas
Entrüstung erweckten indem er die Frage an den Professor stellt ob er nach dem
Städtchen fahren wolle das eine halbe Stunde weit von der Station und auf dem
Wege nach Rondsperg liegt Bauer bejaht es  jetzt ist sein Plan gemacht er
wird im Städtchen übernachten und sichs dort überlegen ob er umkehren oder
weiterreisen solle Unter dem Beistande des Volontärs gegen den er sich in
Danksagungen erschöpft besteigt der Professor einen scheppernden Einspänner
der ihn und seine Effekten um zehn Uhr abends vor dem Tore des »Goldenen
Schwan« des ersten Hotels in K absetzt Nach einem sehr frugalen Abendessen
begibt sich Bauer in das ihm angewiesene Zimmer wo er die Nacht
zusammengekauert in einem sehr kurzen und sehr hohen Bett zubringt seine
langen Glieder darin auszustrecken wäre unmöglich gewesen An Schlaf denkt Bauer
nicht Er gerät allmählich in eine begeistert resignierte über Erdenweh und
Erdenlust erhabene Stimmung Wunderbar hat das Schicksal ihn geführt man möchte
sagen fast gegen seinen eigenen Willen aus seiner kleinen Studierstube bis
hierher in das katafalkähnliche Bett im Gastzimmer Nr 3 des »Goldenen Schwan«
zu K Nimm mich auf deine Flügel Fatum denkt der Professor und das Fatum
scheint bestimmt zu haben ihn schlafend seinem Ziele entgegenzutragen denn
trotz aller Aufgeregteit nickt Bauer fest und fester ein und als er erwacht
schlägt es eben neun Uhr vom Ratausturme Bauer kleidet sich an und begibt sich
in den Speisesaal zum Frühstück Auf der Schwelle bleibt er stehen wie
angewurzelt vor Überraschung zur Salzsäule verwandelt Er hat im Zimmer in
einem lebhaften Gespräche mit dem Wirte begriffen die Herren Wenzel Weberlein
und Schimmelreiter erblickt
    »Ah auch berufen auch berufen« spricht der Advokat in seiner freundlichen
Weise »das ist allerliebst Sie haben doch noch keinen Wagen bestellt  Und
wenn sagen Sie ihn wieder ab Sie fahren mit uns nach Rondsperg «
    Fatum Fatum Der Professor tauscht Händedrücke mit den Freunden
protestiert gegen ihre Einladung und nimmt sie natürlich an Er kann ja
unterwegs noch aussteigen er kann selbst noch am ersehnten Ziele angelangt
die Flucht ergreifen sich bescheiden zurückziehen wenn seine Anwesenheit
unerwünscht sein sollte 
    Inzwischen aber trägt ihn der mit kräftigen Pferden bespannte Wagen des
Wirtes zum »Goldenen Schwan« im raschen Trabe immer näher zu dem Orte wo die
Geliebte weilt Seine Reisegefährten beobachten alle ein wie ihm scheint
ostensibles Schweigen Nur von Zeit zu Zeit nickt Wenzel und sagt auf die
Felder deutend zwischen denen der Weg läuft »Herrliche Frucht« Und Mansuet
bestätigt und fügt hinzu »Prächtiger Boden« Der Sekretär enthält sich eines
jeden Zeichens der Teilnahme Stolz und aufrecht sitzt er da wie das
personifizierte Selbstbewusstsein und scheint zu sagen Was liegt mir an alledem
Er nahm besonders gegen Bauer und Mansuet Mienen an von einer Feierlichkeit
von einer mitleidigen Herablassung  nicht zu beschreiben
    Bauer dachte Wahrlich neben diesem Schimmelreiter nähme Cäsar sich aus wie
ein Hanswurst
    Und nun rollen sie bereits über das Pflaster des Schlosshofes Vor dem Tore
steht Bozena und ruft ihnen zu »Kommen Sie  kommen Sie  es ist die höchste
Zeit« Über die Anwesenheit des Professors scheint sie sich besonders zu freuen
dieser hat ihr nur gleich zu folgen während die andern drei Herren gebeten
werden einen Augenblick zu verziehen
    »Wie sehen Sie denn aus« fragt Mansuet die Magd »Sie leuchten ja wie die
liebe Sonne«
    Bozena antwortet ihm nicht sie eilt mit Bauer dessen Hand sie erfasst hat
die Treppe hinauf Wenzel und Mansuet sehen einander befremdet an  Ein
sonderbarer Empfang  Was hat das zu bedeuten  Das Haus ist wie
ausgestorben im Hofe steht die Britschka der Baronin Waffenau und ein bepackter
Wagen Jetzt öffnet sich die Stalltür in der Ecke gegenüber Kocka und Myska
kommen heraus mit gesenkten Köpfen und herabhängenden Ohren und stellen sich von
selbst jede an ihren Platz an die Deichsel Florian folgt in Hemdärmeln seinen
Rock auf dem Arme er wirft brummend und gestikulierend das Kleidungsstück auf
den Bock und beginnt die Stränge einzulegen
    Wenzel gefolgt von seinen Begleitern tritt den Alten mit der Frage an
»Wer reist denn ab«
    Aber Florian verschmäht zum erstenmal in seinem Leben die Gelegenheit sich
beredsam zu zeigen und antwortet nur mit einem trotzigen Kopfschütteln das
deutlich sagt Von mir erfahrt ihr nichts
    Da schlägt Wenzel vor hinaufzugehen und eine mitleidige Seele aufzusuchen
die sie bei dem Fräulein anmelde Der Wirtskutscher hat ihre Mantelsäcke
Überröcke und Regenschirme auf den nackten Boden deponiert und ist
davongefahren Schimmelreiter der sonst so anspruchslose fühlt sich verletzt
»Man hätte Lust umzukehren« spricht er »ist das eine Art  Einen kommen
lassen so weit her und sich dann um einen nicht kümmern  sehr kurios
wirklich«
    Die Herren treten in die Halle und zögern wieder sie wissen nicht wohin
sich wenden  Vom Korridor her lassen sich endlich Schritte vernehmen und die
Stiege herabgeschlichen kommt ein kleiner stiller Zug Voran Peter mit
Reiseeffekten beladen in ausserdienstlichem Phantasieanzug den anzulegen er der
Gelegenheit entsprechend fand vermutlich wegen des Inkognitos Ihm folgt die
Gräfin von Ronald geleitet Der Widerschein ihrer klaren Seele liegt fast wie
ein Schimmer von Heiterkeit auf ihrem ehrwürdigen Angesicht So geübt wie von
ihr wird die Demut zur Würde die Geduld zur Unüberwindlichkeit Ein zweites
Paar erscheint der Graf gestützt auf den kräftigen Arm seiner Tochter  Er
trennt sich schwer von seinem Rondsperg Ein jeder Schritt den er vorwärts tut
scheint ihn zu schmerzen Seine Kraft ist gebrochen über Nacht hat er sich
verwandelt er scheint nun auch was er ja längst gewesen ein armer alter
Mann
    Die Stadterren entblössen ihre Häupter als die Herrschaften sich ihnen
nähern Ihr Gruß wird erwidert aber kein Wort mit ihnen gesprochen Der Graf
drängt zur Eile »Nur fort nur fort« flüstert er kaum hörbar seiner Tochter
zu
    In diesem Augenblicke ertönt der Klang einer lieben angstvollen Stimme
Röschen kommt die Treppe herabgeflogen wirft sich abwechselnd dem Grafen und
der Gräfin in die Arme und weint und beschwört sie die sich ihrer vergeblich zu
erwehren suchen »Bleiben Sie um Gottes willen bleiben Sie«
    »Lassen Sie uns liebes Kind« sagt die Baronin bewegt und in Gefahr ihre
Fassung zu verlieren
    Aber nun steht Regula vor ihr am Arme eines freudetrunkenen Mannes des
Herrn Professor Bauer und auch diese beiden sprechen wie aus einem Munde
»Bleiben Sie«
    »Nimmermehr« entgegnet der Graf »im fremden Hause«
    »In dem Ihres Sohnes Herr Graf« spricht Regula feierlich während der
glückverklärte Bauer in Bewunderung zerschmilzt  und dort an der Tür des Saales
eine hohe Gestalt steht deren Blick unverwandt auf ihr ruht als wollte er sie
unter seinem Banne halten Aber Bozena kann zufrieden sein das Fräulein
wiederholt sogar ihre Worte »Rondsperg gehört Ihrem Sohne dem es meine Nichte
zur Morgengabe bringt«
    »Oh« riefen Mansuet Wenzel und Schimmelreiter
    »O liebe Regula« rief die Baronin
    »O Röschen« rief Ronald
    Der Graf und die Gräfin schwiegen In ihren wunden Seelen vollzog sich der
Übergang vom Schmerz zur Freude nicht so rasch
    Die Demütigung bleibt dachte der Greis aber er blickte auf seinen Sohn er
blickte auf das holde Röslein und sprach mit tiefer Verbeugung zu Fräulein
Heissenstein »Ich danke Ihnen«
    Die Gräfin ging auf Regula zu und diese von einer ihr fremden Regung
ergriffen drückte ihre Lippen auf die Hand die sich ihr entgegenstreckte Dem
Grafen aber sagte sie »Zu dem was jetzt geschieht war ich  eigentlich 
immer entschlossen aber Sie begreifen dass ich diesen Entschluss nicht
ankündigen durfte ohne die Einwilligung meines Verlobten «
    »Ihres Verliebten« platzte Bauer heraus den manchmal ein satanisches
Gelüste ergriff am unpassendsten Orte den schlechtesten Witz zu machen »Sie
hatten nur einen Fehler in meinen Augen Ihren Reichtum  ich bin selig dass er
sich ein wenig vermindert hat«
    »Schön vortrefflich« sprach Doktor Wenzel gerührt und wollte einige
wohlgesetzte Worte hinzufügen aber Mansuet vereitelte diesen Vorsatz Er wurde
 wie Bozena sagte wenn sie später von den Begebenheiten dieses Tages erzählte
 »der reine Narr« Der erste Kuss den Manneslippen auf den Mund der spröden
Regula drückten sie erhielt ihn nicht von ihrem Bräutigam sondern von ihrem
alten Kommis er wurde nicht durch heißes Flehen gewonnen unter dem duftenden
Fliederstrauche beim Gesang der Nachtigallen  er wurde ihr öffentlich geraubt
und zwar unter einem solchen Ausbruch von Wonne Begeisterung und Entzücken dass
Regula nicht einmal zu zürnen vermochte Ach dies alles tat so wohl nach den
schweren Träumen dieser Nacht in denen sie Bauer gesehen hatte sie verlassend
und ihr Rübchen schabend und Mansuet auf Fledermausflügeln sie umschwirrend in
immer engeren Kreisen und ihr dabei zukrächzend »An den Pranger An den
Pranger«
    Bauer hatte bei dem Kusse Mansuets ein wenig die Stirn gerunzelt Regula
lächelte ihn auf das süßeste an und hauchte »Lieben Sie mich Ludwig achten
Sie mich«
    Nun näherte sich Schimmelreiter und pries seine Herrin in gehaltener und
würdevoller Weise Dann aber schloss er also »Gnädiges Fräulein haben mir
dereinst die Ehre erwiesen meiner Vermählung beizuwohnen erlauben Sie nun auch
«
    Er beschirmte seinen Mund mit der Hand und sagte ihr einige Worte ins Ohr
    Regula schlug die Augen nieder errötete und sprach »So  Ei ei  Ich
gratuliere«
    Als auch Ronald und Röschen dem edlen Fräulein gehörig gedankt hatten
eilten sie einem gemeinsamen Gefühle folgend zu Bozena die sich in ihre Stube
zurückgezogen hatte Die jungen Leute fanden sie in die Betrachtung eines
kleinen armseligen Bildchens versunken das einst in Arad von einer
kunstbegeisterten Dilettantin gemalt worden war und Rosa vorstellen sollte
    Ronald hielt bei Bozena förmlich um sein Röschen an in Worten so warm und
gut dass sie ihrer niemals vergaß Lange verweilte das Brautpaar bei der
Getreuen Den Kopf an ihre Brust gelehnt von ihrem Arm umschlungen saß das
Kind neben ihr als wollte es zum letztenmal den Schutz genießen in dem es
durch sein ganzes Leben so sicher geruht hatte Ronald blickte die beiden an
glücklich selig  er sagte »Gott segne Sie Bozena« und wusste doch nicht
wieviel er ihr verdankte
Die Stadt Weinberg war in freudiger Aufregung an dem Tage an dem Regula als
Braut Ludwig Bauers in ihr Haus zurückkehrte Allentalben hieß es »Sie hätte
einen Grafen haben können und wählt einen armen Gelehrten Welcher Edelmut
Welche Bescheidenheit«
    Regula Bauer geborene Heissenstein blieb zeitlebens der Gegenstand der
Bewunderung ihrer Vaterstadt und ihres Gatten »Sie fühlt tiefer als wir alle
aber sie will es nicht zeigen« pflegte er mit bedeutsamer Miene zu sagen Seine
Ehrfurcht vor dieser geheimnisvollen Gefühlstiefe wuchs von Jahr zu Jahr und
Regula gewöhnte sich nachgerade den Mann der sie so völlig verstand und zu
schätzen wusste als einen Halbgott anzusehen
    Schimmelreiter und seine Kati bekamen nach sechsjähriger Ehe das
allerschönste Kind das seit Menschengedenken in Weinberg geboren ward Ein
blondes Mägdlein mit einem Madonnenangesicht mit Augen so blau wie der Himmel
und so tief wie das Meer »Der Engel von Weinberg« wurde sie später genannt
    Mansuet übersiedelte nach Röschens Vermählung ganz und gar nach Rondsperg
Er saß stundenlang auf der Terrasse ließ sich von der Sonne bescheinen und
behauptete er fühle täglich mehr ihre verjüngende Kraft Der alte Graf leistete
ihm fleißig Gesellschaft sie bewunderten zusammen die Aussicht und sprachen von
dem Jahre achtundvierzig
    Bozena erbat und erhielt ihre Entlassung aus dem Dienste der Frau Professor
Bauer und nahm gleichfalls ihren Aufenthalt in Rondsperg Sie wiegte noch eine
dritte Generation auf ihren Armen und dieses kleine Volk kannte sie die man
einst die schöne die große genannt nur als  die gute Bozena