Peter Rosegger
Die Schriften des Waldschulmeisters
Lebensbeschreibung des Verfassers
von ihm selbst
Einer der vom Geschicke so hinausgestellt worden ist dass voraussichtlich ja
schon bei seinen Lebzeiten mytisch gestimmte Leute seine Lebensgeschichte
nachdichten und weiter erzählen ein solcher tut gut wenn er ihnen zuvorkommt
Am Ende weiß doch jeder selbst am besten was es mit ihm ist Nur aufrichtig muss
er sein Bei einem Poeten tut sich das selten ganz leicht weil die Erinnerung
gerne ein wenig umgebogen wird durch eine zudringliche Phantasie
In dem Berichte der hier folgt wird das nicht so sein Knapp und der
Wirklichkeit gemäß soll da mein unbedeutendes aber nicht armes Menschenleben
aufgeschrieben werden
Als ich mich auf dieser Erde fand war ich ein Knabe auf einem schönen
Berge wo es grüne Matten gab und viele Wälder und wo so weit das Auge trug
andere Berge standen die ich damals aber noch kaum angeschaut haben werde Ich
lebte mit Vater und Mutter und etlichen Knechten und Mägden in einem alten
hölzernen Hause und es gab in Hof und Stall auf Feld und Wiese und im Walde
immer alle Hände voll zu tun und das Arbeiten vom frühen Morgen bis in die
späte Nacht war etwas ganz Selbstverständliches sogar schon bei mir und wenn
ich auf dem Anger mit Steinchen Erde Holzstückchen usw spielte so hatte ich
immer Angst des Vaters Stimme würde mich jetzt und jetzt zu einer Arbeit rufen
Ich habe das Spiel mit Hast getrieben um es noch vor der Arbeit Rande zu
bringen und ich habe die Arbeit mit Hast vollbracht um wieder zum Spiele zu
kommen Und so hat sich eine gewisse Eilfertigkeit in mein Wesen eingewachsen
der war es im Studium oder im Schaffen die Geduld und Bedächtigkeit nicht
immer die rechte Wage hielt
Mein Geburtsjahr ist 1843 Den Geburtstag 31 Juli habe ich mir erst
später aus dem Pfarrbuche zu Krieglach heraussuchen lassen denn bei uns daheim
wurde nur mein Namenstag Petri Kettenfeier am 1 August und zwar allemal
dadurch gefeiert dass mir meine Mutter an diesem Tage einen Eierkuchen buk
Unsere kleine Gemeinde die aus etwa vierundzwanzig auf Höhen und in
Engtälern zerstreuten Bauernhäusern bestand hieß Alpel oder wie wir sagten
die Alm war von großen Wäldern umgeben und durch solche stundenlange Wälder
auch getrennt von unserem Pfarrdorfe Krieglach wo die Kirche und der Friedhof
standen Mitten in diesen schwarzen Fichtenwäldern unweit von anderen kleinen
Gehöften die zerstreut lagen und in denen es genau so zuging wie bei uns lag
denn meine Heimat mit den Hochmatten Wiesen und Feldlehnen auf denen das
Wenige kümmerlich wuchs was wir zum Leben brauchten
Krieglach liegt im Mürztale an der Südbahn die damals schon eröffnet war
Wir waren nur drei Stunden von dieser Hauptverkehrsstrasse entfernt trotzdem
aber durch die schlechten Wege und besonders durch unsere Unbeweglichkeit fast
ganz von der Welt abgeschlossen
Mein Heimatshaus hieß beim Klupenegger Mein Vater war auch in demselben
geboren ebenso sein Vater Groß und Urgroßvater dann verliert sich der
Stammbaum Die Geschwister meines Vaters waren als Hausbesitzer oder Dienstboten
in der Gegend zerstreut Meine Mutter war die Tochter eines Kohlenbrenners
dieser konnte den Bücherdruck lesen was in Alpel zu jener Zeit etwas
Außerordentliches war Er erteilte neben seinem Gewerbe auch Unterricht im
Lesen aber es sollen wenig Lernbegierige zu seiner Hütte gekommen sein Seine
Tochter die nachmals meine Mutter geworden hatte die Kunst in unser Haus
mitgebracht Die Geschwister meiner Mutter lebten als Holzleute und Köhler in
den Wäldern
Ich mochte fünf Jahre alt gewesen sein als in Alpel die Mär ging man höre
auf unseren hohen Bergen die Kanonenschüsse der Revolution in Wien Das war nun
wohl nicht möglich doch aber ein Beweis wie die Beunruhigung auch in unsere
stille Gegend gedrungen war Was die Befreiung von Zehent und Abgaben von Robot
und Untertänigkeit bei meinen Landsleuten für einen Eindruck gemacht hat weiß
ich nicht wahrscheinlich nicht den besten denn sie waren sehr vom
Altergebrachten befangen Mir kleinem Jungen aber hatte die Revolution etwas
Gutes gebracht
In einer Nachbarspfarre jenseits der nahen oberländischen Grenze gerieten
der Pfarrer und der Schulmeister in Zwiespalt der Neuerungen wegen Der
Schulmeister hielt es so ein wenig mit der neuen Zeit Als aber das Jahr 1849
kam war der Pfarrer auf einmal wieder obenauf und verjagte den Schullehrer mit
Verweigerung eines entsprechenden Zeugnisses Nun war der Schulmann ein
Bettelmann und kam als solcher auch in unsere Gemeinde Alpel In dieser befanden
sich ein paar Bauern die dem streitbaren Pfarrer nicht grün waren und den
Schulmeister aufnahmen Der Schulmeister sein Name war Michel Patterer ging
umher und lehrte den Kindern das Lesen Schreiben und Rechnen Er bekam dafür
das Essen und Tabaksgeld Die Kinder folgten ihm von Haus zu Haus und unter
ihnen war auch ich Endlich wurde ihm ein bestimmtes Wohnhäuschen angewiesen wo
er im Jahre 1857 gestorben ist
Mein Schulbesuch war aber ein sehr mangelhafter da wars die größere
Entfernung oder ich wurde zu häuslichen Arbeiten besonders zum Schafe und
Rinderhüten oder als Botengeher oder zum Futterschütten in der Mahdzeit oder
zum Garbentragen im Schnitt oder zum Ochsenführen bei Fuhrwerken oder zum
Furchenaushauen beim Ackern verwendet dann wieder wars der ungestüme Winter
oder meine körperliche Schwächlichkeit und Kränklichkeit die mich am Schulgehen
hinderten Ich als der Älteste unter meinen Geschwistern wovon unser nach und
nach sieben kamen war das Muttersöhnchen und bei meiner Mutter fand ich
bisweilen sogar ein wenig Schutz wenn ich mich der Schule entschlagen wollte
denn die Schule war mir im Grunde recht zuwider weil ich erstens das viele
Rechnen hasste und zweitens die Buben die mich gern hänselten da ich meine
besonderen Wege ging und mich zu ihnen nicht schicken wollte Indes einen oder
zwei Kameraden hatte ich immer an denen ich hing und mit denen ich auch die
Knabenwildheit redlich durchgemacht habe
Noch bei Lebzeiten des alten Schulmeisters war die Rede gewesen ich »täte
leicht lernen« hätte den Kopf voll von allerlei Dingen ich sollte studieren
Unter Studieren verstand man gar nichts anderes als nach Graz ins Seminar und
später ins Priesterhaus gehen Und es war richtig ich war der eifrigste
Kirchengeher und aufmerksamste Predigtörer als welcher ich das erste
Hochdeutsch vernahm denn wir sprachen alle miteinander das »Bäurische« nämlich
die sehr altertümliche Mundart der Vorfahren die vor Jahrhunderten aus Schwaben
oder Oberbayern in unsere Gegend eingewandert sein sollen Das Hochdeutsch des
Predigers so schlicht es von heimischen Landeskindern auch vorgetragen wurde
war wohl von den Wenigsten verstanden für mich hingegen hatten die Kanzelreden
einen großen Reiz ich ahmte sie nach Ich hielt wo ich allein ging und stand
laute Predigten aus dem Stegreif ich ging auf Suche nach geistlichen Büchern
schleppte sie wenn ich dazu die Erlaubnis hatte in mein Vaterhaus zusammen
las dort die halben Nächte lang laut im Predigerton auch wenn mir kein Mensch
zuhörte und trieb allerhand mystische Phantastereien
Also führte mich meine Mutter zu Geistlichen umher und bat um Rat wie ich
denn in die »Studie« zu bringen wäre »dass es nichts tät kosten« Denn durch
Unglücksfälle Wetterschäden Feuer Krankheiten waren wir verarmt Aber die
geistlichen Herren sagten wenn kein Vermögen da wäre so könnten sie keinen Rat
geben Nur einer war der Dechant von Birkfeld welcher sich erbötig machte
mich selbst im Latein zu unterrichten und später für mein Fortkommen was tun zu
wollen Ich wurde also nach Birkfeld zu einem Bauer Waxhofer gebracht wo ich
Pflege genießen und von da aus vierklassige Marktschule sowie den zugesagten
Lateinunterricht des Dechants besuchen sollte Allein einerseits die kecken
Jungen meines Wohnungsgebers andererseits das Heimweh nach Vater und Mutter
setzten mir so sehr zu dass ich schon nach drei Tagen bei Nacht und Nebel
aufbrach und den fünf Stunden langen Berg und Waldweg bis zu meinem Vaterhause
zurücklegte In jenen Tagen ist mein Heimweh geboren worden das mich seither
nicht verließ auf kleineren Touren wie auf größeren Reisen in Stadt und Land
mein beständiger Begleiter war und eine Quelle meiner Leiden geworden ist Es
war dasselbe Gefühl das mich später zu Weib und Kind zog und immer wieder
zurück nach den heimatlichen Bergen als ihre steilen Hänge ihre herbe Luft
meiner schwachen Gesundheit längst schädlich und gefährlich zu werden begannen
Nun von Birkfeld zurückgekehrt war ich entschlossen mich dem Stande
meiner Väter zu widmen Indes aber steigerte sich meine Neigung zum Schrifttum
In Krieglach lebte eine alte Frau welche die Hoffnung auf mein Weiterkommen
nicht aufgab und mir ihre Bücherschränke zur Verfügung stellte Da fand ich
Gedichte Jugendschriften Reisebeschreibungen Zeitschriften Kalender
Besonders die illustrierten Volkskalender regten mich an In einem solchen fand
ich eine Dorfgeschichte von August Silberstein deren frischer mir damals ganz
neuer Ton und deren mir näher liegende Gegenstand mich zur Nachahmung reizte
Ich war damals etwa fünfzehn Jahre alt Ich versuchte nun auch Dorfgeschichten
zu schreiben doch fiel es mir nicht ein meine Motive aus dem Leben zu nehmen
sondern ich holte die Stoffe aus den Büchern Ich schrieb nun selbst Kalender
die ich auch eigenhändig illustrierte Gedichte Dramen Reisebeschreibungen aus
Ländern in denen ich nie war alles nach alten Mustern Erst sehr spät kam ich
darauf dass man aus dem uns zunächst umgebenden Leben die besten Stoffe holt
Wir hatten uns noch einmal angestrengt dass ich in eine geistliche Anstalt
käme aber vergebens Von jenen Herren die später wiederholt das Bedauern
ausdrückten dass ich keiner der Ihren wäre hat mir die Hand nicht einer
gereicht Und ich glaube es ist gut so Denn schon meine Weltanschauung von
damals hätte im Grunde nicht mit der ihren harmoniert Ich war mit ganzer Seele
Christ Vor mir stand der katholische Kultus groß und schön aber meine Ideale
gingen andere Wege als die politischen der Kirche
Durch das Wanken und Wähnen was ich denn werden solle war mir endlich alle
Lust zum Bauernstande abhanden gekommen Meine Körperbeschaffenheit war auch
nicht dazu geeignet und so trat ich im Sommer 1860 bei dem Schneidermeister
Ignaz Ortofer Katrein am Hauenstein in die Lehre Bei demselben verblieb ich
fast fünf Jahre und wanderte mit ihm von Haus zu Haus um den Bauern die Kleider
zu machen Ich habe in verschiedenen Gegenden im kultivierteren Mürztale wie im
verlassenen Fischbacher Walde und im sogenannten »Jackelland« in mehr als 60
Häusern gearbeitet und diese Zeit und Gelegenheit war meine Hochschule in der
ich das Bauernvolk so recht kennen lernen konnte
Nicht unerwähnt mag ich das Verhältnis lassen in welchem ich damals zur
Familie Haselgraber in Katrein am Hauenstein stand Der alte Haselgraber
betrieb nebst einer kleinen Bauernwirtschaft und verschiedenen Gewerben auch
eine Krämerei und stand also im Verkehr mit der Welt In seinem Hause in
welchem ich wie daheim war fand ich Bücher und Zeitungen vor allem aber an
Haselgrabers Söhnen und Töchtern gute Freunde die wie ich ein Interesse an
Büchern und geistiger Anregung hatten denen ich auch meine Dichtungen zu lesen
gab teilweise sie ihnen widmete und mit denen ich in langjährigem
freundschaftlichsten Verkehr stand
Die Erinnerung an diese Menschen die heute größtenteils begraben teils in
der weiten Welt zerstreut sind weckt jetzt noch das Gefühl der Dankbarkeit und
Wehmut in mir
Ich hatte in meiner Jugend das Glück meist mit guten Menschen
zusammenzusein darunter vor allen zu nennen meine Mutter meinen Vater und
meinen Lehrmeister Meine Mutter war die Güte die Aufrichtigkeit die
Wohltätigkeit Arbeitsamkeit selbst Mein Vater voll herzlicher Einfalt
Redlichkeit Duldung und echter Religiosität Mein Lehrmeister war ein fleißiger
Handwerker der auf sein Gewerbe was hielt und mich mit milder Hand zur
Arbeitsamkeit leitete Für sein Leben gern wollte er einen tüchtigen
Schneidermeister aus mir machen aber er mag wohl früh geahnt haben dass seiner
Liebe Müh umsonst sein werde Trotzdem hat er mit herzlicher Neigung zu mir
gehalten bis ich ihm davonging
Ich hatte nie das Bestreben meinem Handwerke fortzugehen obwohl ich mit
meinen Leistungen nicht recht zufrieden sein konnte Mich hat nämlich schon seit
meiner Kindheit her eine wunderliche Idee geleitet oder missleitet Sie
entsprang aus meiner Kränklichkeit und war geeignet einerseits mich zu
verkümmern anderseits mich zu erhalten Mir war nämlich in allen meinen Zeiten
zumute dass mein Leben nur noch ein kurzes sein werde und daher das Streben
nach einer besseren Stellung zwecklos So habe ich stets in einer gewissen
traumhaften Leichtsinnigkeit hingelebt mit jedem nächsten Jahre den Tod ja
mit jedem sich anmeldenden Unwohlsein resigniert das Ende erwartend Der Weg
den ich machte war demnach weniger ein Werk der Absicht als des Zufalls ich
sage lieber der Vorsehung
Auch während meiner Schneiderzeit hatte ich allerlei gedichtet und
geschrieben und durch Lobsprüche und Ratschläge veranlasst schickte ich eines
Tages eine Auswahl von Gedichten nach Graz an das Journal »Die Tagespost« Ich
war lüstern einmal zu sehen wie sich meine Poesien gedruckt ausnähmen Der mir
ganz fremde Redakteur des Blattes Dr Svoboda veröffentlichte richtig einiges
war übrigens aber der Ansicht dass mir das Lernen wohltätiger wäre als das
Gedrucktwerden Er suchte mir durch einen warm und klug geschriebenen Aufsatz
Gönner welche mich vom Gebirge ziehen und mir Gelegenheit zur weiteren
Ausbildung bieten möchten Da war es vor allem der Grossindustrielle Peter
Reininghaus in Graz der mir allsogleich Bücher schickte und mich materiell
unterstützte dann der Buchhändler Giontini in Laibach welcher sich bereit
erklärte mich in sein Geschäft zu nehmen Nun verließ ich völlig planlos nur
vom Drange beseelt die Welt zu sehen mein Handwerk und meine Heimat fuhr nach
Laibach wo ich einige Tage deutsche slowenische und italienische Bücher hin
und her schob dann aber von Heimweh erfasst fast fluchtartig nach Steiermark
zurückkehrte
Ich habe mir den Vorwurf zu machen Wohltätern gegenüber meine Dankbarkeit
trotzdem ich sie tief empfand nicht immer genügend zum Ausdruck gebracht zu
haben so wars auch bei Giontini das plötzliche Verlassen meiner neuen
Stellung sah nichts weniger als dankbar aus Trotzdem hat Herr Giontini mir das
Ding nicht übelgenommen sondern seine Wohlgesinnung mir in manchem Schreiben
bewiesen und bis zu seinem Tode erhalten
Meine Absicht war nun nach Alpel zurückzukehren dort wieder Bücher zu
lesen und zu schreiben und die weite Welt Welt sein zu lassen Allein in Graz
das ich auf der Rückfahrt berührte ließ mich Dr Svoboda nicht mehr fort Nun
begann dieser Mann dem ich meine Lebenswende verdanke neuerdings tatkräftig in
mein Leben einzugreifen Er suchte mir Freunde Lehrer und eine Anstalt an der
ich mich ausbilden sollte Die Landesinstitute aus denen später mancher Tadel
laut wurde dass es mir an klassischer an akademischer Bildung fehle diese
Institute blieben vornehm verschlossen Eine Privatanstalt war es und zwar die
Akademie für Handel und Industrie in Graz die mich aufnahm deren tüchtige
Leiter und Lehrer den zweiundzwanzigjährigen Bauernburschen in Arbeit und
geistige Pflege nahmen
Schon in den ersten Tagen meines Grazer Lebens bot mir der pensionierte
Finanzrat Frühauf in seiner Wohnung Unterstand und Pflege gegen ein lächerlich
billiges Entgeld Reininghaus ist nicht müde geworden mit Rat und Tat mir
beizustehen In seinem Hause erlebte ich manche Freude und an seiner Familie
sah ich ein Vorbild deutscher Häuslichkeit Später nahm mich der Direktor der
Akademie für Handel und Industrie Herr Franz Dawidowsky in sein
Erziehungsinstitut für Studierende der Handelsakademie wo ich unter dem
Deckmantel eines Haussekretärs ein frohes Heim genoss Drei Jahre war ich im
Hause dieses vortrefflichen Mannes den ich wie einen Vater liebte und dessen
nobler Charakter günstig auf meine etwas bäuerliche Engherzigkeit wirkte
Gleichzeitig lernte ich an den Institutszöglingen es waren Deutsche Italiener
Engländer Serben Ungarn Polen usw verschiedenerlei Menschen kennen und so
ging der Erfahrungszuwachs gleichen Schrittes mit den teoretischen Studien
vorwärts
Meine weit jüngeren Studienkollegen waren zumeist rücksichtsvoll gegen mich
doch wie ich früher das Gefühl gehabt dass ich nicht recht zu den Bauernjungen
passe so war es mir jetzt dass ich auch nicht zu den Söhnen der Kaufleute
Bankiers und Fabrikanten gehöre Indes schloss ich Freundschaft mit einem
Realschüler später Bergakademiker mit einem oberländischen Bergsohn namens
August Brunlechner Wir verstanden uns oder strebten wenigstens uns zu
verstehen beide Idealisten beide ein wenig sentimental uns gegenseitig zu
Vertrauten zarter Jugendabenteuer machend und dann wieder uns zu ernster Arbeit
ermunternd uns darin unterstützend so hielten wir zusammen und die alte
Freundschaft währt heute noch fort
Ferner finde ich in der Liste meiner damaligen Freunde und Gönner die Namen
Falb des bekannten Gelehrten und Reisenden damaligen Religionsprofessors an
der Handelsakademie der mir die Aufnahme an dieser Anstalt vermittelt hat
ferner v Rebenburg Reicher Oberanzmayr Kleinoscheg Födransperg Grein
Friedrich Steiner Meyer usw Die damaligen Teaterdirektoren Kreibig und
Czernitz gaben mir freien Eintritt in ihre Kunstanstalten freundlich zog man
mich zu öffentlichen Vorlesungen und so gedachte man meiner bei verschiedenen
Gelegenheiten Mir kann also nichts gefehlt haben
Ich hatte aber noch gar nichts geleistet Dr Svoboda hat es eben
verstanden durch wiederholte warme Notizen durch Veröffentlichung manches
meiner Gedichte das Interesse des Publikums für mich warm zu erhalten
Das Studieren kam mir nicht leicht an ich hatte ein ungeübtes Gedächtnis
und für kaufmännische Gegenstände eine Begriffsstützigkeit wie man sie bei
einem Poeten nicht besser verlangen kann Doch arbeitete ich mit Fleiß und
gelassener Ausdauer und nebenbei sehnte ich mich nach Alpel Die Südbahn
schickte mir manche Freikarte um mehrmals des Jahres dieses Alpel besuchen zu
können
Bemerken möchte ich den Umstand dass ich trotz meines oft krampfhaften
Anschmiegens an die engste Heimat doch stets und wohl ganz unbewusst von einem
kosmopolitischen Geiste beseelt war der aber allemal in die Brüche ging so oft
ich in Kriegszeiten die Volkshymne klingen hörte und die schwarzgelbe Fahne
flattern sah Die ganze Welt alle Völker alle Menschen liebte ich sofern sie
meinem Vaterlande nicht feindlich waren
Andere Dinge gab es an denen ich nicht so klar unterscheiden konnte was
das Richtige war
So zum Beispiel in Sachen der Rückhaltslosigkeit und Offenheit Als Knabe
hatte ich selbstverständlich gar keine Meinung lächelte jeden zustimmend an
der eine Meinung dartat und konnte mich des Tages von mehreren die verschiedene
Ansichten vertraten überzeugen lassen Diese Unselbständigkeit dauerte ziemlich
lange Und später als ich zu einer persönlichen und festen Überzeugung gekommen
war hatte ich lange nicht immer den Mut dieselbe zu vertreten Leuten die oft
ganz das Gegenteil von meiner Ansicht behaupteten konnte ich in mir nicht zu
nahe gehenden Dingen gleichgültig beistimmen erstens um nicht unhöflich zu
sein zweitens um mich nicht Rohheiten auszusetzen mit denen der Brutale den
weicher gearteten Gegner in jedem Falle schlägt
Von diesem Fehler ging ich allmählich zu einer Tugend über die aber auch
mitunter wieder in einen Fehler auszuarten drohte Ich wurde bei mir
nahestehenden Personen und in mir naheliegenden Sachen die Rückhaltslosigkeit
und Offenheit selbst Ich war nicht mehr imstande anders zu reden als was in
mir lebte So wurde ich oft rücksichtslos selbst gegen meine Freunde es
schmerzte mich oft wenn ich merkte dass ich ihnen weh getan aber angeregt oder
gereizt musste meine Meinung unverblümt über die Zunge Auch gegen meine
öffentlichen Widersacher hätte ich rücksichtsvoller sein dürfen insofern sie es
mit ihrer Sache redlich gemeint haben Dass ich die Tückischen und Falschen
zornig bekämpft ja manchmal empfindlich verwundet habe das tut mir nicht leid
So bin ich zu jenem Freimute gelangt der dem Literaten wohl anstehen mag
dem Menschen im Verkehr mit Menschen aber nicht immer zur Zierde und zum
Vorteile gereicht
Ich bin schon frühe in den unverdienten Ruf eines liebenswürdigen Burschen
gekommen selbstverständlich hat sich von nun an dieser Ruf nicht mehr
gesteigert wodurch meine innere Festigung Selbständigkeit und geistige
Spannkraft allerdings nur gewonnen hat
Indes behaupte ich nicht dass ich an einer einmal gefassten Ansicht nun immer
unumstösslich festgehalten hätte Obschon meine Weltanschauung in Ganzen gleich
geblieben ist so habe ich mich einer wirklich überzeugenden Macht niemals
verschlossen habe mich im Laufe meiner Jahre meiner Erfahrungen und Studien
verbessert und mich im Leben in der Geschichte und Philosophie soviel
umgesehen dass ich nun von einem unumstösslich fest überzeugt bin nämlich von
der Fehlbarkeit aller menschlichen Erkenntnis
Also verrannen die Studienjahre und ich wusste nicht was aus mir werden
sollte Im günstigsten Falle konnte mich ein Grazer Kaufmann in sein Kontor
nehmen und für diesen Fall kam mir der Gedanke dass ich ohnehin nicht mehr
lange leben werde wirklich recht bequem
Auf meinen Landausflügen war mir das Auge aufgegangen für etwas was ich
früher immer gesehen aber niemals geschaut hatte für die ländliche Natur und
für die Landleute Ich hatte allerdings schon als Kind und zwar ganz unbewusst
ein Auge für die für Landschaft Wenn ich mich an die ersten Wanderungen mit
Vater und Mutter zurückerinnere so weiß ich nicht mehr weshalb wir die Gänge
machten oder was dabei vorfiel oder gesprochen wurde aber ich sehe noch den
Felsen und den Bach und den Baumschlag und weiß ob es Morgens war oder
Nachmittags In dieser Zeit nun gegen Ende der Studien in der Handelsakademie
kam mir Adalbert Stifter zur Hand Ich nahm die Werke dieses Poeten in mein Blut
auf und sah die Natur im Stifterschen Geiste Es ist mir später schwer geworden
Nachahmung meines Lieblingsdichters zu vermeiden und dürften Spuren davon in den
älteren meiner Schriften wohl zu finden sein
Den Landleuten gegenüber regte sich nun in mir ein lebhafter Drang sie zu
beobachten und sie wurden der Gegenstand meiner Dialektgedichte
Zahlreiche Proben davon brachte ich meinem Dr Svoboda Seine Beurteilung
war nicht ohne Strenge doch verstand er es meinen oft herabgedrückten Mut
allemal wieder zu wecken was sehr not tat Er verwies mich auf große Vorbilder
jedoch solche machten mich stets mutlos während Leichteres weniger Gelungenes
wenn es überhaupt in meiner Richtung lag mich reizte und belebte Besseres
zu schaffen Der Einfluss Dr Svobodas auf meine geistige Entwickelung ist ein
großer obgleich mir sein hoher ästetischer Standpunkt lange Zeit
unverständlich und kaum zu erreichen schien Als er mir einst sagte ich müsse
ein in ganz Deutschland gelesener Schriftsteller werden lachte ich ihm dreist
ins Gesicht aber er lehrte mich Selbstzucht und die Selbstschätzung den
Ehrgeiz damit hat er manches erreicht
Um jene Zeit suchte ich in Graz einen Verleger für ein Bändchen Gedichte in
steierischer Mundart Ich fand einen einzigen der sich bereit erklärte das
Büchlein herauszugeben wenn mir Robert Hamerling dazu ein Vorwort schriebe
Schon einige Monate früher hatte ich die Kühnheit gehabt mich selbst bei
Hamerling vorzustellen Sein mildes Wesen und das Interesse das er für mich
zeigte ermutigten mich ihm die Gedichte vorzulegen und dafür um ein Vorwort zu
bitten Und Robert Hamerling hat meinem »Zither und Hackbrett« wie wir das
Büchlein nannten einen Begleitbrief mitgegeben der mir fürs Erste bei dem
Verleger Herrn Josef Pock in Graz ein ganz anständiges Honorar eintrug Diesem
Vorworte ist es zu verdanken dass die Kritik dem Büchlein ihre Aufmerksamkeit
zuwandte und »Zither und Hackbrett« hatte einen schönen Erfolg
Robert Hamerling war mir dieser ersten Tat ein treuer Freund geblieben Sein
schlichtes Wesen seine gütige bescheidene Art zu leiten und zu raten seine
liebreichen Gesinnungen seine von jeder Überschwenglichkeit freie ich möchte
sagen klassisch reine Weltanschauung war für meine Schriften aber noch mehr
für die Ausbildung meiner Denkungsart von wesentlichen Folgen Dieser stets
anregende schöpferische Geist dieser beruhigende versöhnende Charakter dieses
stille aber entschiedene Hinstreben nach dem Schönen und Guten ist für mich in
meinen verschiedenen Lebenslagen von unschätzbarem Werte geworden
Ein freundlicher Zufall wollte es dass »Zither und Hackbrett« gerade in den
Tagen erschien Juli 1869 als ich nach beendigten Studien die Handelsakademie
verließ um nun eine Stelle zu suchen Dr Svoboda jedoch sagte »Jetzt suchen
Sie keine Stelle jetzt mieten Sie sich ein lichtes Zimmer und studieren und
dichten auch machen Sie Reisen schauen die Welt an und schreiben darüber Sie
haben einen glücklichen Stil werden Ihre Schriften in den Zeitungen abdrucken
lassen und dann als Bücher herausgeben Das Land Steiermark wird Ihnen ein
Stipendium verleihen und Sie werden Schriftsteller sein«
So ist es auch geworden Schon für die nächsten Monate zog ich mich in meine
Waldheimat zurück und schrieb ein neues Buch in steirischer Mundart »Tannenharz
und Fichtennadeln« später das Buch »Stoansteirisch« Die Dialektwerke sind bei
Leikam in Graz verlegt Diesem folgte bald das beschreibende Werkchen
»Sittenbilder aus dem steierischen Oberlande« später erweitert unter dem Titel
»Volksleben in Steiermark« Die Winterszeit verlebte ich in Graz wieder bei
meinem alten Finanzrat Frühauf besuchte Vorlesungen an der Universität und
trieb fleißig Privatstudien Im Sommer reiste ich Ich bereiste Steiermark
besonders Oberland Oberösterreich Salzburg Kärnten und Tirol
Im Jahre 1870 machte ich eine Reise durch Mähren Böhmen Sachsen Preußen
bis auf die Insel Rügen Ging dann nach Hamburg zur See nach den Niederlanden
und fuhr rheinaufwärts bis in die Schweiz Ich hatte vor die Schweiz genau zu
studieren doch zog es mich mit solcher Macht nach der Steiermark zurück dass
mir der ausbrechende deutschfranzösische Krieg eine willkommene Veranlassung
war den unter meinen Füßen brennend gewordenen Boden eiligst zu verlassen
Zwei Jahre später bereiste ich Italien Ich wollte auch nach Sizilien doch
hat mich in Neapel das Heimweh derart übermannt dass ich umkehrte und bei Tag
und Nachtfahrten den kürzesten Weg nach Hause suchte In den heimatlichen Tälern
lag der frostige Herbstnebel aber ich stieg auf die Berge in den Sonnenschein
hinauf und war glücklich Die Alpenhöhen waren meine Lust Ich ging stets
allein und diesen Wanderungen verdanke ich hohe Genüsse
Im Jahre 1870 von meiner Reise durch Deutschland heimgekehrt fand ich auf
meinem Tische eine Aufforderung des Pester Verlagsbuchhändlers Gustav Heckenast
mit welchem ich schon früher in bezug auf seinen Freund Adalbert Stifter in
Briefwechsel gestanden für seinen Verlag ein Buch zu schreiben Das Buch war
aber schon fertig und hieß »Geschichten aus Steiermark« Heckenast ließ es
sogleich drucken und ermunterte mich zu neuen literarischen Arbeiten Ein Jahr
später besuchte ich den fein gebildeten Weltmann auf seinem Landgut in Marót
Er schloss sich freundlich an mich ich mich innig an ihn es entwickelte sich
zwischen dem vornehm denkenden Kunstmäcen dem verdienstvollen Begründer der
deutschungarischen Literatur und dem noch etwas unsicher tappenden steirischen
Poeten ein freundschaftliches Verhältnis das bis zu Heckenasts Tode 1878
währte und nebst vielfachen moralischen Vorteilen für mich meine materielle
Existenz als Schriftsteller begründet hat Ich ließ bei Heckenast innerhalb 8
Jahren nicht weniger als 14 Bände erscheinen außerdem noch 6 Jahrgänge eines
Volkskalenders »Das neue Jahr« dessen Plan und Redaktion er mir übertragen
hatte Zwei weitere Jahrgänge dieses Kalenders gab ich nach Heckenasts Tod beim
Hofbuchhändler Hermann Manz in Wien heraus Heckenast war es auch der mir den
Rat Dr Svobodas alle meine Bücher früher in Zeitschriften zu veröffentlichen
wiederholte Mir war das häufige Auftauchen meines gedruckten Namens fast
peinlich aber da ich sah dass es auch bei anderen der Fall war die vielleicht
nicht so sehr auf den Ertrag der Ware angewiesen sein mochten beruhigte ich
mich und gewöhnte mich daran wie sich das nachsichtsvolle Publikum daran
gewöhnt hat
In jenen Jahren kam mir gar nichts leichter an als literarisches Schaffen
ja es war mir ein Bedürfnis geworden alles was ich dachte und fühlte
niederzuschreiben Jedem kleinen Erlebnisse entkeimte ein Gedicht jeder
bedeutendere Vorfall drängte sich mir zu einer Novelle auf und ließ mir keine
Ruhe bis die Novelle geschrieben war Selbst in nächtlichen Träumen webten sich
mir Erzählungsstoffe Es war wohl auch einmal eine Zeit da ich auf Jagd nach
Gedanken für Gedichte oder nach Stoffen für Novelletten ausging aber das war
immer das Unerspriesslichste So auch taugten mir die Stoffe nicht die ich in
Büchern las oder erzählen hörte Nur unmittelbar Erlebtes oder was mir
plötzlich blitzartig durch den Kopf ging das zündete und entwickelte sich
Häufig ist mir der Rat erteilt worden Wald und Dorf zu verlassen meine
Stoffe aus der großen Welt zu holen und durch philosophische Studien zu
vertiefen Ich habe das versucht habe aus den Studien schöne Vorteile für meine
Person gezogen doch in meinen Bauerngeschichten haben sich die Spuren von
Bücherstudien niemals gut ausgenommen Nur der Geist der Toleranz und
Resignation den man aus der Geschichte der Menschen und ihrer Philosophie
ziehen kann mag meinen Büchern zu statten kommen Weiteres fand ich nicht
anwendbar ja es irrte und verwirrte mich und verflachte mich wo es andere
vertieft Jedem ist es nicht gegeben Mir ist es auch nicht gelungen der
sogenannten Welt genug Verständnis und Geschmack abzugewinnen vieles worin die
»gute Gesellschaft« lebt und webt kam mir flach leer ja geradezu abgeschmackt
vor Und aus den gelehrten Büchern schreckte mich nur allzu oft der Dünkel und
die Menschlosigkeit zurück Aus der Philosophie der modernen Naturgeschichte so
anregend dieselbe auch wirken mag ist für Poeten nicht viel zu holen und wo
ich mich mit meinen ländlichen Stoffen einmal dem Zeitgeist anbequemen wollte
da kamen jene Produkte zustande von denen mein literarisches Gewissen
behauptet sie wären besser ungeschrieben geblieben Andere haben gerade auf
diesem Felde Bedeutendes geleistet aber ich dessen Weltanschauung wenigstens
in Grundstrichen schon gezogen war als ich aus meinen bäuerlichen Kreisen trat
vermochte in der tausendstimmigen Klaviatur des Weltlebens den rechten Ton nicht
mehr zu finden
Es war mir auf solchen Wegen nicht wohl zu Mute ein tiefes Unbefriedigtsein
begann ich zu fühlen auch hier kam etwas wie Heimweh über mich und so habe ich
zu mir gesagt Du kehrst zurück in jene große kleine Welt aus der so Wenige zu
berichten wissen du erzählst nicht was du studierst sondern was du erfahren
hast du erzählst es nicht in ängstlicher Anlehnung an ästhetische Regeln
erzähle es einfach frei und treu Und diesen Charakter meine ich soll nun die
Mehrzahl meiner Schriften tragen Bei vielen habe ich scheinbar meine Person zum
Mittelpunkt gemacht eine Form von der sich freilich manche Beurteiler täuschen
ließ wonach sie vielleicht die starke Selbstgefälligkeit eines Autors
betonten der immer nur von sich selbst zu sprechen liebt
Ich hatte darauf gebaut dass die Leser in meinen betreffenden Erzählungen
meine Person für den Stab am Weinstock halten würden Was sich dran und drum
rankt dass ist die Sache Ich erzähle von Menschen die ich kannte von
Verhältnissen die zufällig auch die meinen waren von Erfahrungen die vor
meinen Augen gemacht worden sind und deren Wert an ihnen selbst liegen muss
Meine Person darin lässt sich wenn man will in den meisten Fällen durch eine
andere ersetzen Ich selbst hätte vielleicht eine fremde Figur als Träger
hingestellt wenn ich Raffinement genug besäße etwas was ich persönlich
erfahren oder was in mir geistig entstanden einem anderen anzudichten Die
Unmittelbarkeit und Wahrheit hätte dadurch nicht gewonnen
Wer sich nach einer Richtung hin verkernt der wird stets einer gewissen
Einseitigkeit in Stoff und Stil verfallen und allmählich wird man ihm
»Manierirteit« zum Vorwurfe machen Die Gefahr manierirt zu werden ist gerade
bei solchen Autoren die man Originale nennt vorhanden ich suchte mich vor ihr
zu hüten indem ich sie mir stets vor Augen hielt Man nebelt wohl lange
zwischen Extremen herum bis man zur Einsicht kommt dass das Natürlichste das
Beste ist
Ich bin von der Kritik belobt worden Besondere Anerkennung hat aber meine
große Fruchtbarkeit gefunden wo noch ein Weiteres getan wurde da stand gerne
von »Ursprünglichkeit« und »Waldfrische« zu lesen Glimpflicher ist wohl kaum
einer weggekommen als ich so dass mir nach Heckenasts Tode einer meiner
Verleger ganz unwirsch schrieb »Machen Sie doch dass Sie endlich einmal ein
Buch fertig bringen welches ordentlich verrissen wird sonst müsste ich für die
Zukunft ihre Manuskripte ablehnen« Und der Mann hat als das nächste Buch die
Rezensenten auch wieder »so waldduftig und taufrisch anmutete« wirklich
abgelehnt
Allerdings haben kirchliche Fachblätter daran Ärgernis genommen dass ich in
meinen Schriften das allgemein Menschliche und Gute befürwortete dass ich die
Gebote Gottes höher stellte als die der Kirche aber sie haben das genommene
Ärgernis auch redlich wieder gegeben und zwar durch die niedrige Art und Weise
ihrer Angriffe Auch andere Kreise und Stände haben sich zeitweilig von meiner
rücksichtslosen Meinungsäusserung hart verletzt gefühlt So mitunter Advokaten
Ärzte Jäger Lehrer Studenten und Professoren auch Journalisten Gewerbsleute
und Geldmänner alle habe ich schon beleidigt doch viele haben mir der
ehrlichen Absicht willen nicht bloß die Irrtümer sondern auch die Wahrheiten
wieder verziehen Wer aber nicht verträglich sein kann wer keinen anderen
Standpunkt als den eigenen gelten lassen will das sind die teoriestarren
Parteifanatiker die deshalb für den Dichter auch gar nicht vorhanden sein
sollen
Nach dem Eintritt in die städtischen Kreise in die Welt ist eine
bemerkenswerte Wandlung in mir vorgegangen Ich war nämlich enttäuscht Ich
hatte dort eine durchschnittlich bessere Art von Menschen zu finden gehofft als
im Bauerntume stieß aber überall auf dieselben Schwächen Zerfahrenheiten
Armseligkeiten aber auf viel mehr Dünkel und falschen Schein Und diesen
geschulten und raffinierten Leuten konnte ich die Niedertracht viel weniger
verzeihen als dem Bauer Es begann in mir eine Art von Misstrauen gegen die so
laut gepriesene Bildung und Hochkultur aufzukommen Ich wendete mich schon darum
mit Vorliebe den Naturmenschen zu Selbstverständlich bin ich der Roheit auch im
Bauerntume ausgewichen so gut es anging und habe an ihm nur das Menschliche und
Seelische in meinen Schriften zu fixieren gesucht Das Elend dem nicht zu
helfen ist kann kaum Gegenstand eines poetischen Werkes sein Meine
Schilderungen und meine Novellen aus dem Volksleben mögen sich hier und da
scheinbar widersprechen der Grund liegt darin dass ich als Schilderer meine
Stoffe aus der Regel als Novellist meine Stoffe aus den Ausnahmen gezogen habe
Im Ganzen glaube ich die Ausdehnung und Bedeutung meines Gebietes erfasst zu
haben und die enge Beschränkung meines Talentes zu erkennen Jenen die mich
darum etwa bedauern sei bemerkt dass ich mich in dieser Beschränkung niemals
beengt sondern stets frei reich und zufrieden gefühlt habe
Was ich jedoch fortwährend vermisste das ist die Schulung den gründlichen
und systematischen Unterricht in der Jugend Das lässt sich nicht mehr nachholen
In den Lehrbüchern unbewandert hat man oft das Einfachste und Wichtigste für
den Augenblick des Bedarfes nicht zur Stelle Ein Beispiel aus der Grammatik
Ich kann über keine Deklination und Konjugation über keine Wortbezeichnung und
über keinen Satzbau wissenschaftlich Rechenschaft geben Ich habe zB das Wort
Anekdote wohl schon dreihundertmal geschrieben und weiß es heute noch nicht auf
den ersten Moment ob man Anektode oder Anekdote schreibt So fehlte mir auch
jene gewisse für schriftstellerische Arbeiten so vorteilhafte Gewandtheit die
aus allen Werken und Schriften rasch das Fördernde und Passende herauszufinden
und zu verwerten weiß das Studium ging ohne mir seine Form als Handhabe zu
überlassen allerdings sachte in mein Blut über so dass mitunter manches was
ich aus mir selbst zu schöpfen glaubte fremden Ursprungs sein mag während ich
nicht leugnen will dass anderes was ich aus irgendwelchen Gründen mit fremdem
Siegel versah aus mir selbst gekommen ist
In der ersten Zeit meiner schriftstellerischen Tätigkeit hat mich wohl auch
die Eitelkeit ein bisschen geplagt Die Rezensionen über meine Arbeiten fochten
mich nur wenig an Waren sie schmeichelhaft so hielt ichs für
selbstverständlich dass man mit mir Rücksicht habe dass man mein Wollen
anerkenne und ermuntere Waren die Rezensionen absprechend so konnte es mich
auch nicht wundern dass man meine vielleicht schülerhaften jedenfalls noch
unreifen Erzeugnisse bemängelte Ich hatte über mich keine Meinung und so sehr
mich meine Dichtungen während ihres Entstehens begeisterten so gleichgültig
waren sie mir nachdem ich sie vom Halse hatte
Als aber später verschiedenerlei Auszeichnungen kamen Lobpreisungen vom
Publikum schmeichelhafte Zuschriften und Ehren von bedeutenden
Persönlichkeiten Huldigungen von Korporationen Gemeinden usw da drohte mich
einmal der Wirbel zu überkommen Aber nur vorübergehend Im Hinblick auf die
Geschichte wirklich hervorragender Männer die man nicht gefeiert sondern
gelästert hat in Anbetracht der verschiedenen Ursachen Höflichkeitssitten des
Lokalpatriotismus oder etwa eines versteckten Eigennutzes wurde mir die
Inhaltslosigkeit eines solchen Gefeiertwerdens bald klar Und wenn ich den Tag
erlebe da jene die den »steirischen Dichter« einst vergötterten ihn vergessen
oder missachten werden so kann mich das nicht mehr treffen Liegt in meinen
Schriften Wert so werden sie sich durchschlagen liegt keiner drin so ist das
rasche Vergessenwerden der natürliche und beste Verlauf
Selbstverständlich freue ich mich offenmütiger Bezeugungen von Wohlwollen
und Ehren solche sind mir stets eine Bestätigung des wohltuenden Eindruckes
den ich durch meine Schriften auf die Mitmenschen gemacht
Ich gestehe allerdings dass meine schriftstellerische Tätigkeit längst nicht
mehr ohne Absicht ist ich will mitarbeiten an der sittlichen Klärung unserer
Zeit Habe ich Beifall so wird er mich der Sache wegen freuen wird mich der
Freunde und Stütze berechtigen deren ich bedarf
Im Januar 1872 starb meine Mutter Sie hatte noch Freude gehabt an meiner
neuen Lebensbahn die sie aber nicht begriff Das Heimatshaus war den Gläubigern
verfallen sie starb nach jahrelangem Siechtum in einem Ausgedinghäuschen das
einsam zwischen Wäldern stand Mein Vater zog später ins Mürztal wo ihm nach
mancherlei neuerlichen Drangsalen ein freundlicheres Daheim gegeben wurde
Einige Zeit nach dem Tode der Mutter hatte es den Anschein als wenn ich das
Siechtum von ihr geerbt hätte Ich kränkelte konnte auf keine hohen Berge
steigen und war schwerfällig in meinen Studien und Arbeiten Heckenast lud mich
auf sein Landgut zur Erholung Aber dort wurde mir trotz der allerbesten Pflege
und liebevollsten Behandlung noch übler und schon nach wenigen Tagen musste ich
meinem Freunde gestehen dass ich Tag und Nacht keinen Frieden hätte dass ich
heim müsse ins Waldhaus Da fuhr Heckenast selbst mit in die Steiermark herein
und um reiste um mich zu zerstreuen mit mir in Kreuz und Quer durch das schöne
Land
In demselben Sommer war es als mir auf dem Waldwege nach meiner Heimat
Alpel etwas Außerordentliches begegnete Nämlich ein zwanzigjähriges Mädchen aus
Graz das mit seiner Freundin eine Bergpartie nach Alpel machte um das
Geburtshaus des Lieblingspoeten zu sehen Sie glaubte mich auf einer Reise in
weiten Landen und hatte mich vorher auch nicht persönlich gekannt Die Liebe hat
mich in meiner Jugend oft geneckt und ich sie wie es in meinen Schriften
sattsam zu sehen Aber als sie plötzlich da war wirklich erschien da war sie
mir unerhört neu und gewaltig Die Folge jener Begegnung auf dem Waldwege ist
dass ein Jahr später 1873 im Waldkirchlein Mariagrün bei Graz Anna Pichler und
ich uns fürs Leben die Hände reichen
Nun kam für mich eine glückliche Zeit Ich war wieder gesund Wir führten
ein ideal schönes häusliches Leben in Graz Anna war die echte Weiblichkeit und
Sanftmut und ihre weiche heitere Seele regte mich zu den besten poetischen
Schöpfungen an deren mein begrenztes Talent überhaupt fähig war In jenen zwei
Jahren sind auch »Die Schriften des Waldschulmeisters« entstanden Nach einem
Jahre wurde uns ein Söhnchen geboren in welchem sich unser Glück zur
denkbarsten Höhe steigerte Im zweiten Jahre kam ein Töchterlein und zwölf Tage
später ist mir mein Weib gestorben
Ich begann wieder zu reisen aber allemal schon nach kurzer Zeit zogs mich
zu den Kindern zurück Ich begann wieder zu kränkeln zu größeren Arbeiten
fehlte mir die Stimmung und doch musste ich nach einer strengeren zerstreuenden
Tätigkeit suchen Nun fiel mir damals ein alter Lieblingsplan ein eine
Monatsschrift für das Volk herauszugeben mit der Tendenz den Sinn für
Häuslichkeit die Liebe zur Natur das Interesse an dem Ursprünglichen und
Volkstümlichen wieder zu wecken Ich begründete 1876 die Monatsschrift
»Heimgarten« und fand an der altrenommierten Firma Leikam in Graz einen
tüchtigen Verleger Mir gelang es die meisten meiner literarischen Bekannten
und Freunde als Robert Hamerling Ludwig Anzengruber Eduard Bauernfeld Alfred
Meissner Rudolf Baumbach August Silberstein Friedrich Schlögl ja die besten
Autoren der Zeit überhaupt zu Mitarbeitern des neuen Blattes zu gewinnen das
heute noch besteht geleitet von meinem Sohne Hans
Zu einer weiteren Tätigkeit veranlassten mich verschiedene Körperschaften des
In und Auslandes die mich einluden in ihren Kreisen Vorlesungen aus meinen
Werken in steirischer Mundart zu halten womit ich schmeichelhafte Erfolge
erzielte Das wirkte ermunternd auf meinen Gemütszustand An dreißig Jahre lang
hielt ich nachher solche Vorlesungen die endlich wegen sich steigernder
Kränklichkeit aufgegeben werden mussten
Trotz der unterschiedlichen Obliegenheiten und Aufgaben war ich unstet und
haltlos Die Freude an meinen wohlgearteten gedeihenden Kindern hatte zu viel
Schmerz in sich Den kleinen Haushalt führte mir eine meiner Schwestern Vielen
Dank schulde ich den Eltern meiner verstorbenen Gattin welche mir in dieser
harten Zeit liebevoll beigestanden sind Auf tatkräftiges Anraten Heckenasts
entschloss ich mich 1877 unweit von dem mehr und mehr in Wald verfinkenden Alpel
mir und den Kindern ein neues Heim zu schaffen Ich baute in Krieglach ein
kleines Wohnhaus wo ich die Sommermonate zuzubringen pflege während ich die
Winter stets in Graz verlebe
Die Sorgen und das Vergnügen sowie die kleinen körperlichen Arbeiten
welche das neue Häuschen verursachte taten mir wohl Im Jahre 1878 erfolgte der
Tod meines Freundes Gustav Heckenast nach welchem ich meine Vereinsamung
neuerdings hart empfand Ich hatte ihn jährlich mehrmals in Pressburg besucht
wohin er übersiedelt war er kam zu mir nach Steiermark oder wir gaben uns in
Wien ein Stelldichein Auch standen wir in lebhaftem Briefwechsel und seine
Briefe enthalten Schätze von Herzlichkeit und Weisheit In meiner Betrübnis über
den neuen Verlust mied ich die Menschen und strebte am liebsten den finsteren
Wäldern zu und schaute andererseits doch wieder nach Genossen und Freunden aus
In der Haltlosigkeit eines unsteten Gemütes war mein Tun und Lassen nicht immer
zielbewusst woraus mir manches Leid entstand mir und anderen Da nahm es
eine neue Wendung
In Krieglach lebte den Sommer über die Familie Knaur aus Wien die mir mit
großer Freundlichkeit entgegenkam und der ich gerne nahte Die Anmut sowie die
Vorzüge des Geistes und des Herzens der Tochter Anna veranlassten in mir
neuerdings die Sehnsucht nach einem verlorenen Glücke Anna wurde 1879 mein
Weib und so hat sich der Kreis der Familie wieder geschlossen dessen Wärme und
Frieden für meine Existenz sowie für meine geistige Tätigkeit das erste
Bedürfnis ist
Das Bild eines neuen freundlichen Lebens breitete sich vor meinen Augen
aus ein zweites Söhnlein und unlang hernach zwei Töchterlein kamen und sie
erfüllten mich mit neuen Zukunftsträumen
Im Jahre 1880 bewarb sich die bekannte Firma Hartleben in Wien um den Verlag
meiner Werke die dann nach meinem Rückkauf der Heckenastschen Rechte ihr
übertragen wurden Die in den ersten Jahren sich freundlich gestaltete
Verbindung mit Hartleben musste wegen Differenzen geschäftlicher und
autorrechtlicher Natur 1893 gelöst werden In diesem Jahre schloss ich einen
Vertrag mit dem Hause L Staackmann in Leipzig das später auch meine Bücher aus
dem HartlebenVerlage erworben hat So war ich auf ein ruhiges sorgloses
Geleise gekommen und in dem wahrhaft freundschaftlichen Verhältnisse das
zwischen Staackmann und mir sich herausgebildet hat und das in den zwanzig
Jahren durch keinen Hauch getrübt worden ist habe ich meine Arbeitsfreudigkeit
wieder gewonnen und meine reiferen Bücher geschrieben
In meinem äußeren Leben hat sich nicht mehr viel Neues zugetragen Den
Frieden eines behaglichen Heims wahren mir Frau und Kinder und beleben mir
zeitweilig vier muntere Enkel
Also ist aus dem Waldbauernbübel der Guckinsleben aus diesem der
Schneiderbub aus diesem der Student aus diesem der Schriftsteller und aus
diesem endlich der Großvater geworden Innerlich aber ist mir beinahe ganz so
wie in den fernen Jugendtagen
So weit ist meine Lebensgeschichte vor Jahren aufgeschrieben worden Seiter
haben sie viele andere nacherzählt und wohl mit unbefangenerem Blick und
größerem Geschick als ich tun konnte Ich selbst habe noch das Buch »Mein
Weltleben« ersten und nun auch zweiten Band geschrieben in dem an die Jugend
anknüpfend tiefer gründende Abschnitte meines seiterigen Lebens dargestellt
werden
Immer von neuem drängt mich meine Seele zur Arbeit und immer von neuem
mahnt mich mein erschöpfter Körper zur Rast Es ist aber schwer zu ruhen wenn
man als Mensch noch so vieles zu tun als Schriftsteller noch so Manches zu
sagen hätte
Ich ging als Schriftsteller einen Weg der wie sichs zeigte nicht viel
betreten war ich fühlte mich auf demselben oft vereinsamt aber ich bin nicht
umgekehrt
Mir scheint nicht alles was wahr ist wert vom Poeten aufgeschrieben zu
werden aber alles was er aufschreibt soll wahr und wahrhaftig sein Und dann
soll er noch etwas dazugeben was versöhnt und erhebt denn wenn die Kunst nicht
schöner ist als das Leben so hat sie keinen Zweck Furchen ziehen durch die
Äcker der Herzen dass Erdgeruch aufsteige dann aber Samen hineinlegen dass es
wieder grüne und fruchtbar werde so wollt ichs halten
Ich habe es mit meinen Mitmenschen ja gut gemeint Allerdings sie haben
mich oft verdrossen Obgleich ich das Glück hatte zumeist mit vortrefflichen
Charakteren umzugehen so habe ich doch auch die Niederträchtigkeit kennen
gelernt und gesehen mit welcher Wollust die Menschen imstande sind sich
gegenseitig zu peinigen Schändlichkeiten und Übeltaten stets unter einem
schönen wenn nicht gar geheiligten Deckmantel verhüllend Ich habe Zeiten
durchlebt da ich es für die größte Narrheit hielt den Leuten Gutes tun zu
wollen Aber wenn ich ihr Elend sah und das Übermaß ihrer Leiden da dauerten
sie mich Ich bin ja einer von ihnen Ich sehe den Jammer einer
jahrtausendelangen Geschichte den sie sich selbst im blinden Ringen nach
glücklicheren Zeiten gemacht haben Aber ich sehe auch dass wir heute lange
nicht auf dem rechten Fleck stehen Lieber nach vorwärts und ins Ungewisse
hineinstürmen als hier stehen bleiben Aber wenn ich sehe wie im rasenden
Flug oder sagen wir in der rasenden Flucht nach »vorwärts« das Gemüt zu
Schaden kommt dieses unser größtes Gut und ich keinen Ersatz dafür zu ahnen
vermag so blase ich zur Rückkehr in die Wildnisse der Natur zu jenen kleinen
patriarchalischen Verhältnissen in welchen die Menschheit noch am natürlichsten
gelebt hat Und wenn das auch nicht geht weils nicht gehen kann dann
Nein doch ich vertraue der Zukunft Es werden Stürme kommen wie sie die
Welt noch nicht gesehen aber wenn wir die großen Anbilder und Tugenden der
Besten unserer Vorfahren und der Wenigen von heute die Schlichteit die
Opferwilligkeit den Familiensinn den Frohsinn die Liebe die Treue die
Zuversicht in die Zukunft hinüberzutragen vermögen um sie neu zu beleben und zu
verbreiten dann wird es gut werden
Ich habe mein schwaches Talent nicht vergraben Ich habe mich nicht betören
lassen von jener Lehre dass der Poet neben dem Schönheitsprinzipe keine Absicht
haben solle und auch nicht von jener die im Dichterwerk nur Zweck will sei es
nach dem Moralischen oder dem Materiellen hin Ich habe die Gestalt genommen
wie sie das Leben gab aber sie nach eigenem Ermessen beleuchtet Ich habe die
hellsten Lichtpunkte dorthin fallen lassen wo ich glaube dass das Schöne und
Gute steht damit entschwindende Güter wieder ins Auge und Herz der Menschen
dringen möchten Des Niedrigen habe ich gespottet das Verderbliche bekämpft
das Vornehme geehrt das Heitere geliebt und das Versöhnende gesucht Mehr kann
ich nicht tun
Soll es nun heute sein oder in noch späteren Tagen willig mag ich meinen
morschen Wanderstab zur Erde legen willig meinen Namen verhallen lassen wie
des heimkehrenden Älplers Juchschrei verhallt im Herbstwind Aber ich ich
selbst möchte mich an dich du liebe arme unsterbliche Menschheit klammern und
mit dir sein durch der Jahrhunderte Dämmerung hin und Weg suchen helfen den
Weg zu jener Glückseligkeit die das menschliche Gemüt zu allen Zeiten geahnt
und gehofft hat
Peter Rosegger
»Weg nach Winkelsteg«
Diese Worte standen am Holzarm Aber der Regen hatte die altförmigen
Buchstaben schier verwaschen und der Balken selbst wackelte im Wind
Ringsum ist struppiger Tannenwald über demselben stehen ein paar uralte
Lärchen empor deren kahles Geäste weit hineinragt in den Himmel In der Tiefe
einer felsigen Schlucht braust Gewässer Unzähligemale hat die alte Bergstrasse
mittels schiefer halb eingesunkener Holzbrücken über diesen Alpenbach geführt
bis da herein wo der Bergwald rechts sich lichtet und zwischen den Wipfeln zum
erstenmale die Gletscher niederleuchten auf den Wanderer der aus bevölkerten
Gegenden kommt
Der Wildbach gießt von den Gletschern her Die Straße aber wendet sich
links milderen Waldgeländen zu um nach Öden und Wildnissen endlich wieder in
belebte Ortschaften einzuziehen Dem Flussgebiet entlang zieht nur ein
verschwemmter steiniger Hohlweg über welchen der Sturm Fichtenstämme geworfen
hatte die nun seit Jahrzehnten lehnen und dorren
Hier am Scheidewege auf dem Felsen stand ein hohes hölzernes Kreuz mit drei
Querbalken und den bildlich dargestellten Marterwerkzeugen der heiligen
Leidensgeschichte als Speer Schwammstab Zange Hammer und den drei Nägeln
Das Holz war wettergrau und bemoost Eng daneben stand der Balken mit dem Arme
und der Inschrift »Weg nach Winkelsteg«
Dieses Zeichen wies den verwahrlosten steinigen Weg mit dem Gefälle gegen
das enge Hochtal in dessen Hintergrunde die Schneefelder liegen In fernster
Höhe über den licht sich hinziehenden Schneetüchern ragt ein grauer Kegel auf
an dessen Spitze Nebelflocken hängen
Ich saß auf einem Felsblock neben dem Kreuze und blickte zu jener grauen
Spitze empor Das war der weit und breit berühmte und berüchtigte graue Zahn
das Ziel meiner Gebirgsreise
Als ich so dasaß hauchte jenes Gefühl durch meine Seele von dem kein
Mensch zu sagen weiß wie es entsteht was es bedeutet und warum es so sehr das
Herz beklemmt gleichsam mit einem Panzer der Ergebung umgürtet auf dass es
gerüstet sei gegen Etwas das kommen muss Ahnung nennen wir den wundersamen
Hauch
Ich hätte vielleicht noch länger geruht auf dem Steine und dem Tosen des
Wildwassers gelauscht allein mir schien als strecke sich Holzarm immer länger
und länger aus und zum Mahnrufe wurden mir die Worte »Weg nach Winkelsteg«
Und wahrhaftig als ich mich erhob da sah ich dass mein Schatten schon ein
gut Stück länger war als ich selbst Und wer weiß wie weit ab es noch lag das
letzte und kleinste Dorf Winkelsteg
Ich ging rasch und sah nicht viel um Ich merkte nur dass die Wildnis immer
größer wurde Rehe hörte ich röhren im Wald Geier hörte ich pfeifen in der
Luft Es begann zu dunkeln und es war noch nicht Zeit zum Nachten Über dem
Gebirge lag ein Gewitter Ein halb ersticktes Murren war zu hören und nicht
lange so erhob sich ein Grollen und Rollen als ob all die Felsen und
Eiswuchten des Hochgebirges tausend und tausendfach aneinander prallten Die
Bäume über mir bogen sich mächtig hin und her und in den breiten Blättern eines
Ahorn rauschten schon die großen eiskalten Tropfen
Das Gewitter ging bis auf diese wenigen Tropfen vorüber Weiter drin aber
musste es ärger gewesen sein denn bald brauste mir im Hohlweg ein wilder
Giessbach mit Erde Steinen Eis und Holzstücken entgegen Ich rettete mich an
die Lehne hinan und kam mit großer Mühe vorwärts
Über der Gegend lag nun Nebel und an den Ästen der Tannen stieg er nieder
bis zu dem feuchten Heidekraut des Bodens
Als er gegen die Abenddämmerung ging und als die Waldschlucht sich ein wenig
weitete kam ich in ein schmales Wiesental dessen Länge ich des Nebel wegen
nicht ermessen konnte Die Matten waren bedeckt mit Eiskörnern der Bach hatte
sein Bett überschritten und hatte die Brücke fortgerissen die mich hätte
hinübertragen sollen auf das jenseitige Ufer von wo mir durch das Nebelgrauen
ein weißes Kirchlein und die Bretterdächer einiger Häuser zuschimmerten
Es war frostig kalt Ich rief hinüber zu den Leuten die am Wasser
arbeiteten Holzblöcke auffingen und den Fluss zu regeln suchten Sie schrien mir
die Antwort zurück sie könnten mir nicht helfen ich müsse warten bis das
Wasser abgelaufen sei
Bis so ein Giesswasser abläuft das kann die ganze Nacht währen Ich wage es
und will durch den Fluss waten Aber als sie drüben diese meine Absicht bemerken
winken sie mir warnend ab Und bald stemmt ein großer hagerer schwarzbärtiger
Mann eine Stange an und schwingt sich mittels derselben zu mir herüber Dann
häuft er hart am Ufer einige Steine übereinander und legt auf dieselben das
Brett welches die anderen über die Fluten herüberschieben Dann nahm er mich
an der Hand und sagte »Nur fest anhalten« und führte mich über das schaukelnde
Brett an das andere Ufer
Während wir über dem Wasser schwebten hub das Aveglöcklein an zu klingen
und die Leute zogen ihre Hüte ab
Der große schwarze Mann geleitete mich über die knisternden Eiskörner zum
Dörfchen hinan »So ist es« brummte er unterwegs »lässt der Herrgott was
aufwachsen hauts der Teufel wieder in die Erden hinein Die Kohlpflanzen sind
hin bis auf Stammel und das letzte Stammel auch Der Hafer liegt auf dem
Hintern und reckt seine Knie gegen den Himmel hinauf«
»Das Wetter hat so viel Schaden getan« sagte ich
»Das seht Ihr« versetzte er
»Und weiter draußen da hats kaum getropft«
»Das glaube ich s ist allemal nur uns Winkelstegern vermeint Vom heutigen
Tag an darf sich eins den ganzen Sommer über wieder nicht satt essen wollen wir
für den Winter den Magen nicht in den Rauchfang hängen« So antwortete er
Das Dorf bestand aus drei oder vier größeren hölzernen Häusern einigen
Hütten rauchenden Kohlstätten und dem Kirchlein
Vor einem der größeren Häuser an dessen Tür ein breiter von vielen Tritten
zerschleifter Antrittstein lag blieb mein Begleiter stehen und sagte »Kehrt
der Herr bei mir ein Ich bin der Winkelwirt« Er deutete bei diesen Worten auf
das Haus als ob das sein Ichselbst wäre
Bald hernach war ich in der Stube Die Wirtin nahm mir gar behende die
Reisetasche und den feuchten Überrock ab und brachte mir ein paar Strohschuhe
herbei »Nur gleich das nasse Leder und die Schliefschuhe anstecken nur fein
gleich fein gleich ein nasser Schuh auf dem Fuß läuft zum Bader« Nicht lange
so saß ich trocken und bequem an dem großen Tische unter dem Hausaltar und unter
Wandleisten auf welchen der Reihe hin buntbemaltes Ton und Porzellangeschirr
lehnte Auf dem Gläsergestelle war eine Unzahl von Kelchfläschchen umgestülpt
und der Wirt fragte mich gleich ob ich Branntwein begehre Ich verlangte Wein
»Ist wohl kein Tröpfel im Keller gewesen so lang das Haus steht« sagte
der Wirt unmutig »aber Holzapfelmost hätt ich einen rechtschaffenen guten«
Das war mir schon recht doch als er in den Keller gehen wollte trippelte
sein Weib herbei nahm ihm hastig den Schlüssel aus der Hand »Geh Lazarus
schneuz dem Herrn das Licht sein geschwind Lazarus wirst schon dein Tröpfel
noch kriegen«
Ein wenig brummend kam er zum Tisch zurück reinigte den Docht der
Unschlittkerze sah mich eine Weile so an und fragte endlich »Der Herr ist
zuletzt gar unser neuer Schulmeister Nicht So auf den grauen Zahn hinauf
geht die Wander Wird morgen wohl nicht gehen Ist auch diesen Sommer noch kein
Mensch hinaufgestiegen
Das muss einer im Frühherbst tun zur andern Zeit ist kein Verlass auf das
Wetter Nu wie man halt schon so nachgrübelt ich hab gemeint der Herr
dürft der neue Schulmeister sein Es versteigt sich sonst wunderselten einer da
herein der nicht herein gehört Auf den neuen Schulmeister warten wir schon
alle Tag Der alte ist uns durchgegangen hat der Herr nichts gehört«
»So Lazarus tu schön fein plaudern mit dem Herrn« sagte die Wirtin im
zärtlichen Tone zu ihrem Manne als sie mir den Most und zugleich auch die
Abendsuppe vorsetzte
Das Weib war nicht mehr zu jung aber es war das was die Wäldler
»kugelrund« nennen Sie hatte ein zweifaches und unter demselben um den vollen
Hals eine Silberkette Ihre Äuglein guckten klug und mild hervor wenn sie
sprach und wenn sie mit jedem Winkel und Nagel des ganzen Hauses bekannt und
verwachsen lustig in allen Ecken und Enden herumregierte Wie im Scherze
regelte sie alles und redete mit dem Gast und lachte mit dem Gesinde in der
Küche und im Vorhause Dass jetzt der Schauer wieder alles zerschlagen sei
freilich nicht gar lustig meinte sie aber besser sei es allerwege das Eis
falle vom Himmel auf die Erde als wenn es von der Erde auf den Himmel fiele und
da oben auch noch alles in Scherben schlüge Da hätt eins schon gar nichts mehr
zu hoffen Und wie sie so die Sache auslegte sprudelte die Fröhlichkeit
ordentlich aus ihr hervor und der ganze Kreis um sie war heiter und jedes
schien sich so gehen zu lassen in dem was es tat empfand und sagte aber es
ging doch alles nach der Schnur
»Ihr habt eine treffliche Wirtin« sagte ich zum Wirt
»Das wohl das wohl« bestätigte er leise und lebhaft »brav ist sie meine
Juliana aber halt aber halt « Das Wort blieb ihm im Halse stecken oder
vielmehr er zerbiss es drückte und presste es hinab auf sprang er und die Hände
am Rücken geballt schritt er über die Stube und wieder zurück und goss sich ein
Glas Wasser in die Gurgel
Dann setzte er sich auf die Bank und war ruhig Aber es war noch nicht ganz
gut er hatte die Fäuste geschlossen und starrte auf den Tisch Ich habe
einmal auf einem Jahrmarkt einen Araber gesehen eine mächtig hohe Gestalt
knochig hager rau und lederbraun schwarz und vollbärtig glutäugig mit
langer scharf gebogener Nase schneeweißen Zähnen mit dichten Brauen und einem
weichen wollartigen Haarfilze völlig so sah der Mann aus der jetzt schier
unheimlich vor mir brütete
»s gibt kein Weibel mehr so herzensgut und getreu« murmelte er plötzlich
weitere Worte zermalmte er zwischen den Zähnen
Ich sah der Mann war in einer peinlichen Stimmung ich suchte ihn aus
derselben zu erlösen
»Also durchgegangen sagt Ihr ist der alte Schulmeister«
Da hob der Wirt seinen Kopf »Man kann just nicht sagen dass er
durchgegangen ist es hat ihm nichts weh getan bei uns Ich denk wer fünfzig
Jahr in Winkelsteg Schullehrer oder was weiß ich alles ist der läuft im
einundfünfzigsten nicht davon wie ein Rossdieb«
»Fünfzig Jahre dahier Schullehrer« rief ich
»Schullehrer und Arzt und Amtmann und eine Weil auch Pfarrer ist er
gewesen«
»Und ein Halbnarr ist er auch gewesen« schrie einer vom Nebentische her wo
sich mehrere schwarze Gesellen etwa Holzer und Kohlenbrenner bei
Schnapsgläsern niedergelassen hatten »Ja freilich« rief die Stimme »da
draußen bei der Wacholderstauden ist er die längste Zeit gehockt und hat mit dem
Wisch geschwätzt und ich vermein den Gimpeln hat er das Singen lehren wollen
nach Noten Hat er wo einen scheckigen Falter erspäht so ist er ihm
nachgeholpert den ganzen halben Tag ein Halterbübl könnt nicht kindischer
sein Hat ihn leicht gar so ein Tier fortgelockt hat der Alte nimmer
heimgefunden ist liegen blieben im Wald«
»Zur Weihnachtszeit fliegen keine Falter herum Josel« sagte der Wirt halb
berichtigend halb verweisend »und dass er in der Christnacht ist in Verlust
geraten das wirst wissen«
»Der Teufel hat ihn geholt den alten Sakermenter« gröhlte eine andere
Stimme in dem finsteren Winkel der Stube am großen Kachelofen Als ich
hinblickte sah ich in der Dunkelheit die Funken eines Feuersteines sprühen
»Musst nit Schorschl musst nit so reden« sagte einer der Köhler »musst
bedenken der alte Mann hat schneeweisses Haar gehabt«
»Ja und Hörner unter demselben« riefs vom Ofen her »leicht hat ihn
keiner so gekannt den alten Schleicher wie der Schorschl Meint Ihr er hätts
nit abgemacht gehabt mit den großen Herren dass wir keine was haben gewonnen
beim Lottergspiel Lotterie Wesweg hat denn der Kranabetsepp gleich in der
zweiten Woch da der Schulmeister ist weggewesen einen Terno gemacht Der
bucklig Duckmauser selber hat freilich Geld gehabt hats vergraben auf dass
was er selber nit braucht die armen Leut auch nit brauchen sollen O leicht
könnt einer andere Geschichten erzählen wären nicht so gewisse Leut in der
Stuben«
Die Stimme schwieg man hörte nur das Pauffen der rauchsaugenden Lippen und
das Zuklappen eines Pfeifendeckels
Der Wirt stand auf warf seinen Lodenwams weg und ging in flatternden
Hemdsärmeln einige Schritte gegen den Ofen Mitten der Stube stand er still »So
gewisse Leut sind in der Stuben« sagte er gedämpft »Schorschl dasselb
deucht mich selber aber nit beim redlichen Tisch sitzen sie vor aller Leut
Augen im stockfinsteren Winkel ducken sie sich wie nichtsnutzige Schelm «
Er brach ab man merkte es wie er sich Gewalt antat gelassen zu bleiben er
zog sich schier krampfhaft zusammen aber er bleib stehen mitten in der Stube
»Freilich freilich die Branntweinbrenner haben den Alten nicht leiden
mögen« sagte einer der Köhler Dann zu mir gewendet »Bester Herr der hats
gut gemeint Gott tröst seine arme Seel Hat noch die Orgel gespielt in der
heiligen Nacht aber in der Christtagsfrüh ist kein Gebetläuten gewesen Den
Reiter Peter das ist halt unser Musikant hatt er in der Nacht noch
angeredet dass der sollt die Musik für den Christtag übernehmen das ist sein
letztes Wort gewesen und weg ist der Schulmeister Du heiliger Antoni was
haben wir den Mann nicht gesucht Spüren hat man ihn nicht können der Schnee
ist weit und breit und gar im Wald drin steinhart gewesen hat jeden tragen
so weit er hat wollen gehen Ganz Winkelsteg ist auf gewesen ist alle Wälder
abgegangen und alle Straßen draußen im Land«
Der Mann schwieg ein Achselzucken und eine Handbewegung deuteten an sie
hätten den Schulmeister nicht gefunden
»Und so haben wir Winkelsteger keinen Schulmeister« sagte der Wirt »Ich
für mich brauch keinen ich hab nichts gelernt und werd nichts mehr lernen
ich leb so Aber einsehen tu ichs wohl ein Schulmeister muss sein Und so
sind wir Gemeindebauern und Holzleute halt zusammengestanden dass wir einen
neuen «
Ich hatte in diesem Augenblick das Mostglas an den Mund gesetzt um den Rest
des frischenden Trankes zu schlürfen Und das war als hätte es dem Manne die
Sprache verschlagen Er starrte nun auf das leere Glas wollte dann sein
Gespräch wieder fortsetzen schien aber kaum mehr zu wissen wovon geredet
»Ich denk mir meinen Teil« versetzte einer der Kohlenbrenner »und ich
sag dasselb just und gerade dasselb was der Wurzentoni sagt Der alte
Schulmeister sagt er hat ein Stückel mehr verstanden als Birnsieden ein gut
Stückel mehr Der Wurzentoni nicht einmal zehn und hundertmal hat er den
Schulmeister gesehen aus einem kleinwinzigen Büchlein beten und sind alles so
Sprüchel drin gewesen und Zauber und Hexenzeichen lauter Hexenzeichen Wär
der Schulmeister im Wald wo gestorben sagt der Wurzentoni so hätt man den
Toten finden müssen und hätt ihn der Teufel geholt so wär das Gewand
zurückgeblieben denn das Gewand sagt der Wurzentoni ist unschuldig über das
hat der Teufel keine Gewalt hat keine Ganz was anders ist geschehen meine
Leut Der Schulmeister verzaubert hat er sich und so steigt er unsichtbar
Tag und Nacht in Winkelsteg herum Tag und Nacht zu jeder Stund Das ist
weil er will wissen was die Leut in der Heimlichkeit tun und über ihn reden
und weil Ich sag nichts Schlechtes über den Schulmeister ich nicht Wüsst
auch nicht was bei meiner Treu wüsst nicht was«
»Ei tät der Teufel nicht mehr wissen wie der schwarz Kohlenbrenner«
hüstelte die Stimme hinter dem Ofen »noch heut tät der alt Grauschädel die
Winkelsteger bei der Nasen herumführen«
Ein gereizter Löwe könnte nicht wütender aufspringen als es jetzt der
derbe finstere Wirt tat Ordentlich stöhnend vor Begier stürzte er hin in den
Ofenwinkel und dort war ein angstvolles Aufkreischen
Da eilte die Wirtin »Geh Lazarus wirst dich scheren mit diesem dummen
Schorschel da Ist nicht der Müh wert dass du desweg einen Finger krumm tust
Geh sei fein gescheit Lazarus schau jetzt hab ich dir dort dein Tröpfel
hingestellt«
Lazarus ließ nach der Schorschl huschte wie ein Pudel zur Tür hinaus
Lazarus hatte Haarlocken in der Faust Knurrend schritt er gegen den Kasten
auf welchem ihm sein Weib ein Glas Apfelmost gestellt hatte Fast lechzend
zitternd griff er nach dem Glase führte es zum Mund und tat einen langen Zug
Dann hielt er starren Auges ein wenig inne dann setze er wieder an und leerte
das Glas bis auf den letzten Tropfen Das musste ein fürchterlicher Durst gewesen
sein Langsam sank die Hand mit dem leeren Gefäß nieder tief aufatmend glotzte
der Wirt vor sich hin
So verging die Zeit bis die Wirtin zu mir kam und sagte »Wir haben ein
gutes Bett da oben auf dem Boden aber sags dem Herrn fein grad heraus der
Wind hat heut ein paar Dachschindeln davongetragen und da tuts ein klein wenig
durchtröpfeln Im Schulhaus oben wär wohl ein rechtschaffen bequemes Stübel
weil es für den neuen Lehrer schon eingerichtet ist und fein zum Heizen wärs
auch und wir haben den Schlüssel weil mein Alter Richter ist und auf das
Schulhaus zu schauen hat Jetzt wenn sonst der Herr nicht gerade ungern im
Schulhaus schläft so tät ich schon dazu raten Ei beileib es nicht
unheimlich gar nicht es ist fein still und fein sauber Mich däucht das ganze
Jahr wollt ich darin wohnen«
So zog ich das Schulhaus dem Dachboden vor Und nicht lange nachher
geleitete mich ein Küchenmädchen mit der Laterne hinaus in die stockfinstere
regnerische Nacht den Hütten entlang an der Kirche hin über den Friedhof an
dessen Rande das Schulhaus stand Das Rasseln des Schlüssels an der Tür
widerhallte im Innern Im Vorhause war es öde und die Schatten der
Laternsäulchen zuckten wie gehetzt an den Wänden hin und her
Da traten wir in ein kleines Zimmer in dessen Tonofen helle Glut knisterte
Meine Begleiterin stellte ein Licht auf den Tisch schlug die braune Decke des
Bettes über und zog aus dem Wandkasten eine Lade hervor damit ich meine Sachen
dort unterbringe Da rief sie auf einmal »Nein das ist richtig dass wir uns
alle miteinander schämen müssen jetzt liegen diese Fetzen noch da herum«
Sofort fasste sie einen Armvoll Papierblätter wie sie in der Lade wirr
herumlagen Will euch gleich helfen ihr verzwickelten Wische in den Ofen
steckt ich euch«
»Musst nicht musst nicht« kam ich dazwischen »vielleicht sind Dinge dabei
die der neue Lehrer noch brauchen kann«
Verdriesslich warf sie die Blätter wieder in die Lade Es wäre ihr in ihrer
Aufräumungswut sicher eine große Lust gewesen sie zu verbrennen wie ja
unwissende Leute häufig das Verlangen haben alles was ihnen nutzlos dünkt
sogleich zu vernichten
»Der Herr kann des alten Schulmeisters Schlafhauben aufsetzen« sagte das
Mädchen hernach etwas schelmisch und legte eine blaugestreifte Zipfelmütze auf
das Kopfkissen des Bettes Dann gab es mir noch einige Ratschläge wegen der
Türschlüssel sagte »So in Gottesnamen jetzt geh ich« und sie ging
Die äußere Tür sperrte sie ab an der inneren drehte ich den Schlüssel um
und nun war ich allein in der Wohnung des in Verlust geratenen Schulmeisters
Was war das für ein sonderbares Geschick mit diesem Manne und was waren das
für sonderbare Nachreden der Leute Und wie verschieden waren diese Nachreden
Ein guter vortrefflicher Mann ein Narr und gar einer den zuletzt der Teufel
holt
Ich sah mich in der Stube um Da war ein wurmstichiger Tisch und ein brauner
Kasten Da hing eine alte schwarze Pendeluhr mit völlig erblindetem
Zifferblatte vor welchem der kurze Pendel so emsig hin und her hüpfte als
wollte er nur hastig hastig aus banger Zeit in eine bessere Zukunft eilen
Und meint ihr ich hätte von draußen herein nicht auch die Unruh der
Kirchturmuhr gehört
Neben der Uhr hingen einige aus Wacholder geschnittene Tabakspfeifen mit
übermäßig langen Rohren ferner eine Geige und eine alter Zither mit drei
Saiten Sonst war überall das gewöhnliche Hausgeräte vom Stiefelzieher unter
der Bettstatt bis zu dem Kalender an der Wand Der Kalender war von
vorhergegangenem Jahre Die Fenster waren bedeutend größer als sie sonst bei
hölzernen Häusern zu sein pflegen und mit gepflochtenen Gittern versehen In
diesen Gittern steckten verdorrte Birkenzweige
Da ich einen der blauen Vorhänge beiseite geschoben hatte blickte ich
hinaus ins Freie Es war finster nur von einer Ecke des Kirchhofes her
schimmerte es wie ein verlorener Strahl des Mondes Das war wohl das
Moderleuchten eines zusammengebrochenen Grabkreuzes oder eines Sargrestes Der
Regen rieselte es zog ein frostiger Windhauch durch die Luft wie gewöhnlich
nach Hagelgewittern
Ich hatte die Alpenfahrt für den nächsten Tag aufgegeben Ich beschloss
entweder in Winkelsteg schön Wetter abzuwarten oder mittels eines Kohlenwagens
wieder davonzufahren Brauen im Gebirge selbst zur Sommerszeit ja doch oft
wochenlang die feuchten Nebel während draußen im Vorlande der helle
Sonnenschein liegt
Ehe ich mich ins Bett legte wühlte ich noch ein wenig in den alten Papieren
der Schublade herum Da waren Musiknoten Schreibübungen Aufmerkblätter und
allerhand so Geschreibe auf grobem grauem Papier Es war teils mit Bleistift
teils mit gelblichblasser Tinte bald flüchtig bald mit Fleiß geschrieben Und
da lagen zwischen Blättern gepresste Pflanzen entstaubte Schmetterlinge und eine
Menge Tier und Landschaftszeichnungen auch eine Karte von Winkelsteg zumeist
gar recht unbeholfen gemacht Aber ein Bild fiel mir doch auf ein mit bunten
Farben bemaltes komisches Bild Es stellte einen alten Mann dar Der kauerte
auf einem Baumstrunk und schmauchte eine langberohrte Pfeife Auf dem Haupte
dessen Haare nach rückwärts gekämmt warn hatte er eine plattgedrückte schwarze
Kappe mit einem breiten wagrecht hinausstehenden Schilde Aber ein Künstler war
es doch der das Bild gemacht im Ausdruck des Angesichts war er zu spüren Aus
dem einen Auge das ganz offen stand blickte eine ernste und doch milde Seele
heraus aus dem andern das halb geschlossen nur so blinzelte sah ein wenig
Schalkheit hervor In einem Hause aus dessen Fenstern lugen ists nicht gar
sonderlich arm und öde Über den vom wohlwollenden Künstler vielleicht doch zu
rosig gehaltenen Wangen war es aber fast als ob seinerzeit Wildbäche Furchen
gerissen hätten Völlig spaßhaft hingegen nahm sich auf dem sonst glattrasierten
Gesichte der lange weiße Spitzbart aus er war unter dem vorgebeugten Kopfe wie
ein vom Kinne niederhängender Eiszapfen Um den Hals war ein hellrotes Tuch
mehrfach geschlungen und vorne mehrfach zusammengeknüpft Dann kam der Wall des
Rockkragens und der blaue Tuchrock selbst ein Frack mit niederstrebenden
Taschen aus deren einer der launige Künstler gar ein Zipfelchen hervorlugen
ließ Der Rock war eng zugeknöpft bis hinauf unter dem Eiszapfen Die Hofe war
grau eng und sehr kurz die Stiefel waren auch grau aber weit und sehr lang
So kauerte das Männchen da und hielt mit beiden Händen genussselig das lange
Pfeifenrohr und schmauchte Leichte Ringelchen und Herzchen bildete der Rauch
Der das Bild gemacht ist ein großer Kauz gewesen nach dem es gemacht der
ist noch ein größerer gewesen Einer oder der andere war sicher der alte
Schulmeister der auf unerklärliche Weise verschwunden nachdem er fünfzig Jahre
im Orte Lehrer gewesen »Und unsichtbar stieg er in Winkelsteg herum Tag und
Nacht zu jeder Stund«
Ich stieg ins Bett und lag und sann Ich ahnte freilich nicht wer es
gewesen war der das Haus gebaut und vor mir auf dieser Stätte geruht
Die Glut im Ofen knisterte matt und matter und war im Absterben Draußen
rieselte der Regen und doch lag eine Stille über allem so dass mir war als
hörte ich das Atemholen der Nacht Ich war im Einschlummern da erhob sich
plötzlich ganz nahe über mir ein lebhaftes Schallen und mehrmals hintereinander
laut und lustig klang der Wachtelschlag Ganz täuschend ähnlich waren die Laute
dem lieblichen Rufe des Vogels im Kornfelde Die alte Uhr war es gewesen die
mir so seltsam die elfte Stunde verkündet hatte
Und der süße Wachtelschlag hatte mein Sinnen und Träumen entführt hinaus auf
das lichte sonnige Kornfeld zu den wiegenden Halmen zu den blau leuchtenden
Blumenaugen zu den gaukelnden Schmetterlingen und so war ich eingeschlafen an
demselben Abende im geheimnisvollen Schulhaufe zu Winkelsteg
Wie mich der Wachtelschlag eingelullt hatte so weckte mich der
Wachtelschlag wieder auf Es war des Morgens zur sechsten Stunde
Im Stübchen atmete noch die weiche Wärme des Ofens an den Wänden und auf
der Decke lag es blass wie Mondlicht Und es musste die Sonne schon am Himmel
stehen es war im Juli Ich erhob mich und zog einen der blauen Fenstervorhänge
zurück Die großen Scheiben waren grau angelaufen nur hie und da löste sich
eine Tropfenperle und rollte hin und her zuckend nieder durch die unzähligen
Bläschen und Tröpfchen hinter sich einen schmalen ziehend durch welchen das
Dunkel des braunen Kirchendaches hereinblickte
Ich öffnete das Fenster frostige Luft ergoss sich in das Zimmer Der Regen
hatte aufgehört an der Friedhofsmauer lag ein Wall zusammengeschwemmter
Eiskörner mit niedergeschlagenen Baumrinden und gebrochenen Reisigwipfeln
gemischt An der Kirchenwand lagen Schindelsplitter des Daches die Fenster der
Kirche waren mit Brettern geschützt Einige Eschen standen am Platze da tropfte
es nieder von den wenigen Blättern die der Hagel verschont hatte Noch ragte
dort das verschwommene Bild eines Rauchfanges was weiter hin war das deckte
der Nebel
Ich hatte den Gedanken an die Alpenwanderung heute gar nicht mehr
hervorgeholt Langsam zog ich mich an und betrachtete das Triebwerk der alten
Schwarzwälderuhr welches durch zwei aneinanderschlagende Holzplättchen den
schmetternden Schlag der Wachtel so täuschend gab Hernach wühlte ich da es mir
zum Frühstück noch zu zeitig war eine Weile in den Papieren der Lade herum Ich
bemerkte dass außer den Zeichnungen Rechnungen und jenen Bogen die zu
Pflanzenmappen dienten alle beschriebenen Blätter eine gleiche Größe hatten und
mit roten Seitenzahlen versehen waren Ich versuchte die Blätter zu ordnen und
warf zuweilen einen Blick auf deren Inhalt Es waren tagebuchartige
Aufzeichnungen die sich auf Winkelsteg bezogen Die Schriften waren aber so
voll von eigenartigen Ausdrücken und regellos geformten Sätzen dass Studium und
eine Art Übersetzung nötig schien um sie der Verständlichkeit zuzuführen
Die Mühe däuchte mir gleich anfangs nicht abschreckend denn ich hoffte hier
Urkunden des so entlegenen Alpendörfchens und vielleicht gar aus dem Leben des
verschwundenen Schulmeisters zu finden Indem ich emsig weiter ordnete und mit
dieser Arbeit schon völlig zur Rüste kam entdeckte ich plötzlich ein dickes
graues Blatt auf welchem mit großen roten Buchstaben geschrieben stand Die
Schriften des Waldschulmeisters
So hatte ich nun gewissermaßen ein Buch zusammengestellt und das Blatt mit
den roten Lettern legte ich aufs Geratewohl obenan als des Buches Überschrift
Mittlerweile hatte meine Wachtel die achte Stunde verkündet und auf dem
Kirchturme läuteten zwei helle Glöcklein zur Messe Der Pfarrer ein schlanker
Mann mit blassem Angesichte schritt von seinem Hause die kleine Steintreppe
heran zur Kirche Einige Männer und Weiber zogen ihm nach entblößten noch weit
vor der Tür ihr Haupt oder zerrten die Rosenkranzschnur hervor und besprengten
sich andächtig am Weihwasserkessel des Einganges
Ich ging zur Tür hinaus und über den hügeligen Sandboden hin Und ich ging
weil die Orgel gar so freundlich klang zur Kirche hinein Da war es auf den
ersten Blick wie es in jeder Dorfkirche ist und doch ganz anders
Je ärmer sonst so ein Kirchlein ist je mehr Silber und Gold sieht man an
ihm funkeln alle Leuchter und Gefäße sind von Silber alle Verzierungen und
Heiligenröcke und Engelsflügel und gar die Wolken des Himmels sind von Gold
Aber es ist nur Schein Ich kann jenem Bauersmann nicht Unrecht geben der als
er in der Kirche einmal Messnerdienste verrichten musste und dabei in nähere
Bekanntschaft mit den Bildnissen und Altären gekommen ausrief »Wie unsere
Heiligen von weitem funkeln und vornehm sind so meint man was der tausend wir
für Himmelsmänner haben und wenn man sie in der Nähe anschaut ist alles Holz«
In der Kirche zu Winkelsteg fand ich das anders Freilich war auch da alles
aus Holz und größtenteils aus ganz gewöhnlichem Fichtenholz aber es war nicht
geschminkt mit Goldglanz schreienden Farben Geflunker und Gebänder und was
sonst solchen Zierat gibt es war wie es war und wollte nicht anders sein
Die Kirchenwände standen in mattem Grau und waren fast leer In einer Ecke
des Schiffes klebten ein paar Schwalbennester deren Bewohner heute auch bei dem
Gottesdienste bleiben und dem Herrn nach ihrer Art das »Sanctus« sangen Den
Chorboden da oben und den Beichtstuhl und die Kanzel und die Betstühle man sah
es wohl hatten heimische Zimmerleute ausgeführt Der Taufstein hatte auch sein
Lebtag keinen Steinmetz und der Hochaltar keinen Bildhauer gesehen Aber es war
Geschmack und Zweckmässigkeit in allem Der Altar war ein würdevoll dastehender
Tisch zu welchem drei breite Stufen emporführten Er war bedeckt mit einfachen
weißen Linnen und in einem Gezelte aus weißer Seide zwischen sechs schlanken
aus Lindenholz geschnitzten Leuchtern stand das Heiligtum Was mir aber am
meisten auffiel was mich rührte fast erschreckte das war ein nacktes großes
Kreuz aus Holz welches über dem Zelte ragte Dieses Kreuz mochte nicht immer da
oben gestanden haben es war wettergrau der Regen hatte die Fasern
hervorgewaschen die Sonne hatte Spalten gezogen Das war der Winkelsteger
Altarbild Ich habe nie einen Prediger ernster und eindringlicher sprechen
gehört als es dieses stille Kreuz tat auf dem Altare
Dann fiel mir noch ein Zweites auf was fast abstach von der Armut und
Einfachheit so in diesem Gotteshause herrschte was aber die Stimmung und Ruhe
nur noch erhöhte An beiden Seiten des Altares waren zwei schmale hohe Fenster
mit Glasmalereien Sie tauten ein rosiges Dämmerlicht über den Altar
Der Priester verrichtete die Handlung die wenigen Anwesenden knieten in den
Stühlen und beteten still und die mild tönende wie in Ehrfurcht leise
zitternde Orgel betete mit war wie eine flehende Fürsprache vor Gott für die
arme Gemeinde die seit gestern da das Ungewitter die Feldfrucht vernichtet
neuen Kummer trug
Als die Messe zu Ende war und die Leute sich erhoben bekreuzten die
Kniebeugung machten und davongingen stieg ein hübscher junger Mann die
Chorstiege herab Ich fragte ihn vor der Kirchtür ob er es sei der die Orgel
gespielt habe Er neigte den Kopf Er schritt gegen das Dörfchen hinab ich ging
mit ihm und suchte ein Gespräch anzufangen Er sah mir mehrmals treuherzig ins
Gesicht aber er sagte kein Wort und er wendete sich bald und schritt abseits
gegen den Bach Nachher habe ich erfahren dass er stumm ist
Und endlich saß ich im Wirtshause bei meinem Frühstück Es bestand aus einer
Schale Milch mit gebranntem Kornmehl gewürzt Das ist der Winkelsteger Kaffee
Und nun was gedachte ich zu tun
Ich teilte der heiteren Wirtin meine Absicht und meinen Wunsch mit das
ungünstige Wetter in Winkelsteg abzuwarten im Stübchen des Schulhauses zu
wohnen und die Schriften des Schulmeisters zu lesen »wenn ich dazu Erlaubnis
hätte«
»O mein Gott ja von Herzen gern« rief sie »wen wird der Herr denn irren
da oben Und das alte Papierwerk schaut sonst auch kein Mensch an wüsst nicht
wer Davon kann sich der Herr aussuchen was er will Der neue Schulmeister wird
schon selber so Sachen mitbringen Glaubs aber dieweil noch gar nicht dass
einer kommt Ja freilich mag der Herr oben bleiben und ich lass ihm fein warm
heizen«
So ging ich wieder hinauf zum Schulhause Nun sah ich es von außen an Es
war recht bequem und zweckmäßige gebaut es hatte ein flaches weit
vorspringendes Schindeldach und es hatte in diesem Vorsprunge und in seinen
hellen Fenstern eine Art Verwandtschaft mit dem gutmütig schalkhaften
schildkäppchenbedeckten Antlitze jenes Alten auf dem Bilde
Dann trat ich in das Stübchen Es war bereits aufgeräumt und im Ofen
knisterte frisches Feuer Durch die hellen Fenster starrte zwar der düstere Tag
mit dem tief auf die Bergwälder hängenden Nebel herein aber das machte das
Stübchen nur noch traulicher und heimlicher
Die Blätter die ich am Morgen in Ordnung gebracht hatte die rau und grau
vergilbt waren und eng beschrieben Zeile an Zeile die nahm ich nun aus der
Schublade und setzte mich damit zum rein gescheuerten Tisch am Fenster so dass
das Tageslicht freundlich auf ihnen ruhen konnte
Und was hier ein seltsamer Mann niedergeschrieben hatte das begann ich nun
zu lesen
Was ich las das gebe ich hier besonders dem Inhalte nach schlecht und
recht wieder
Doch musste an der Urschrift in der Form manches geändert und geglättet es
musste gestrichen ja beigefügt werden wie es zum Verständnisse nötig und so
weit es mir nach Durchforschung der Zustände erlaubt und möglich war Ferner
mussten die absonderlichen Ausdrücke in Klarheit die regellos hingeworfenen
Sätze in Regeln und Zusammenhang gebracht werden Indes sei bemerkt dass ältere
Sprachformen und Wendungen die in den Blättern sich vorfanden tunlichst
beibelassen wurden um der Schrift von ihrer Eigenart zu wahren
Das erste Blatt sagt nichts und alles es enthält vier Worte
Die Schriften des Waldschulmeisters
Erster Teil
»Lieber Gott
Ich grüße Dich und schreibe Dir eine Neuigkeit Heute ist mein Vater gestorben
Er ist schon zwei Jahre krank gewesen Die Leut sagen es ist ein rechtes
Glück Die MuhmeLies sagt es auch Jetzt haben sie den Vater schon
fortgetragen Der Leib kommt in die Totenkammer die Seel geht durch das
Fegfeuer in den Himmel hinauf Lieber Gott und da hätt ich jetzt recht eine
schöne Bitt Schick meinem Vater einen Engel entgegen der ihn weist Für den
Engel leg ich mein Patengeld bei es sind drei Groschen Mein Vater wird recht
eine Freud haben im Himmel und führ ihn gleich zu meiner Mutter Ich grüße
Dich tausendmal lieber Gott den Vater und meine Mutter
Andreas Erdmann
Salzburg im 1797ger Jahr
am Apostel Simonitag«
Dieser Brief ist zufällig erhalten geblieben mit ihm hebe ich an Ich weiß
noch den Tag Ich habe in meiner sehr großen Einfalt die drei Groschen wollen in
das Papier legen Kommt selbunter die MuhmeLies herbei liest mit ihrem
Glasauge die Schrift und schlägt die Hände zusammen »Du bist ein dummer Junge«
ruft sie aus »ein sehr dummer Junge« Eilends nimmt sie mein Patengeld läuft
davon und erzählt meine Sach im ganzen Hause vom Torwartgelass an bis hinauf
zum dritten Stock wo ein alter Schirmmacher wohnt Jetzt kommen die Leut alle
miteinander zusammen in unser Zimmer herein zu sehen wie ein sehr dummer Junge
denn ausschaut
Gelacht haben sie und so lang haben sie gelacht bis ich anfang zu
weinen Jetzund haben sie noch ärger gelacht Der alte Schirmmacher mit seinem
himmelblauen Schurz ist auch da der hebt die Hand auf und sagt »Ihr
Herrschaften das ist ein närrisches Lachen etwan ist er gescheiter wie ihr
alle miteinand Geh her zu mir Büblein heute ist dein guter Vater gestorben
deine Muhme ist viel zu gescheit und ihr Haus zu klein für dich du
kleinwinziger Bub Geh mit mir ich lehre dich das Regenschirmmachen«
Was hat jetzo die Muhme gegreint überlaut Aber das kann ich mir denken
insgeheim ist es ihr recht gewesen da ich mit dem Alten die zwei Treppen
hinaufgestiegen bin
Selbunter wie mir mein Vater gestorben werd ich im siebenten Jahr gewesen
sein Ich weiß nur dass meine Eltern mit mir bis zu meinem fünften Jahr im
Waldland gelebt haben Im Waldland am See Felsberge Wald und Wasser haben die
Ortschaft eingefriedet in der mein Vater Salzwerksbeamter gewesen Wie die
Mutter gestorben hebt mein Vater kränkeln hat seine Stelle aufgeben müssen
ist mit mir zu seiner wohlhabenden Schwester in die Stadt gezogen In einem
leichteren Amt hat er wieder arbeiten wollen um seiner Schwester die sich
stets der Tugend der Sparsamkeit beflissen Dach und Nahrung redlich erstatten
zu können Aber in der Stadt ist er krank Jahr und Tag nur dass er mir zur Not
das Lesen und Schreiben lehrt sonst hat er gar nichts getan Und es ist
gekommen wie ich es im frühern aufgeschrieben habe
Bei dem alten Mann im dritten Stock bin ich mehrere Jahre gewesen Wie er
so habe auch ich einen himmelblauen Brustschurz getragen Man erspart dadurch an
Gewand In der ersteren Zeit bin ich mehrmals zur Muhme hinabgegangen auf
Besuch aber sie hat mich fortweg und solange einen sehr dummen Jungen geheißen
bis ich nicht mehr hinabgegangen bin Selbunter hat mein Meister einmal das Wort
gesagt »Gib acht Andreas dass du nicht so gescheit wirst wie deine Frau
Muhme«
Wir haben lauter blaue und rote Regenschirme gemacht haben sie dann in
großen Bünden auf Jahrmärkte getragen und verkauft Einen breiten Schirm haben
wir über unsere Ware gespannt und die Marktbude ist fertig gewesen Und wenn
das Geschäft so gut ist gegangen dass wir letztlich auch die Bude verkauft so
sind wir allbeide in ein Wirtshaus gegangen und haben uns was gut sein lassen
Ansonsten aber haben wir die Ware in Bünden wieder nach Hause getragen und
daheim eine warme Suppe genossen
Wie mein Meister über die siebzig Jahre alt ist wird ihm die Welt nicht
mehr recht hat müssen eine andere haben ist mir gestorben Gestorben wie mein
Vater
Ich bin der Erbe gewesen Zweitalb Dutzend Schirme sind da die pack ich
eines Tages auf und trag sie dem Markte zu Auf demselbigen Markt hab ich Glück
gehabt Er ist in einem Tal nicht gar weit von der Stadt Menschen in Überfluss
aber die wenigsten werden sich zur Morgenfrühe gedacht haben sie gehen auf den
Markt dass sie Regenschirme kauften
Kommt zur Mittagszeit jählings ein Wetterregen wie weggeschwemmt sind die
Leute vom Platz und mit ihnen meine Schirme Ein alleinziger ist mir noch
geblieben für mich selber dass ich trocken bliebe mitsamt meinem gelösten Geld
Was läuft doch über den Platz ein Mann daher dass alle Lachen spritzen Meinen
Regenschirm will er kaufen
»Hätt ich selber keinen« sage ich
»Hab schon manchen Schuster barfuß laufen sehen« lachte der Mann »aber
hörst Junge wir richten uns die Sach schlau ein Bist du aus der Stadt«
»Ja« sag ich »aber kein Schuster«
»Das macht nicht Ein Wagen ist dahier nichts zu haben so gehen wir
zusammen Bursche und benützen den Schirm gemeinsam letztlich magst ihn
behalten oder das Geld dafür haben«
Gottesschad wärs um den feinen Rock den er anhat denk ich und sag »So
ist es mir recht«
Arm in Arm bin ich Schirmmacherbursch mit dem vornehmen Herrn in die Stadt
gegangen Wir haben unterwegs miteinander geplaudert Er hat es so zu fügen
gewusst dass ich ihm nach und nach all meine Umstände und meine ganze
Lebensgeschichte erzählt hab
Der Regen hörte auf die Sonne scheint ich trage den Schirm noch offen über
der Achsel dass er trocknen mag Wir kommen zur Stadt da will ich zurückbleiben
nicht schicksam dass ich mit einem so feinen Herrn durch die Stadt gehe Er
hat mich aber freundlich eingeladen nur mit ihm zu kommen Er hat mich zuletzt
mit in sein Haus geführt hat mir Speise und Trank vorsetzen lassen hat mich
endlich gar gefragt ob ich nicht bei ihm bleiben wolle er stehe einer Bücherei
vor und benötige in ihr einen Handlanger
Was weiß ich unfertiger Mensch mit der Schirmmacherei anzufangen Ich werde
Handlanger in der Bücherei
Damalen hab ichs gut gehabt Mit meinem Herrn bin ich zufrieden gewesen
der hat mir das Regenschirmdach reichlich erstattet kein Lüftlein hat mich
beleidigt unter seinem Dach Aber die Handlangerarbeit hat mir nicht von statten
gehen wollen Der helle Fürwitz ists gewesen mit jedem Buch das ich zur Hand
bekommen hätt ich auch gleich Bekanntschaft machen mögen Allerweile hab ichs
mit den Aufschriftblättern und Inhaltsverzeichnissen zu tun gehabt und ich hab
das was mir insonderheit erfahrungswert geschienen gar zu lesen angefangen
Auf das Zurechtstellen und Ordnen der Bücher hab ich vergessen
Was sagt mein Herr eines Tages zu mir Bursche für das Auswendige der
Bücher bist du nicht zu brauchen du musst in das Inwendige hinein Mir dünkt es
gut dass ich dich in einer Lehranstalt unterbringe
»Ja freilich ja freilich das ist mein heimlich Verlangen«
»Es wird gelingen dich in die dasige Gelehrtenschule1 zu stellen du wirst
rechtschaffen und fleißig sein wirst Unterstützung finden es geht rasch
aufwärts und kehr die Hand wirds heißen Herr Doktor Erdmann
Ganz heiß wird mir bei diesen Worten Nicht gar lange nachher und mir ist
noch heißer geworden Mein Broterr hat es durchgesetzt ich bin in die
Gelehrtenschule gekommen und schnurgerade mitten hinein in das Innere der
Bücher Aber in der Schule da werden einem trutz die allerlangweiligsten Bücher
in die Hand gegeben die kurzweiligen sind allesamt verboten Dinge die mich
auswendig und einwendig gar nichts angegangen hab ich müssen in meinen Kopf
hineinpressen Das ist eine Pein gewesen denn damalen haben mir meine Jahre und
Lebensumstände den Kopf schon hübsch vollgepfropft gehabt mit anderen Dingen
Eine siebenfältige Speiskarte ist mein Wochenkalender gewesen Mein
Mittagstisch ist gestanden Am Montag bei einem Lehrer am Dienstag bei einem
Freiherrn am Mittwoch bei einem Kaufmann am Donnerstag bei einem
Schulgenossen der ein reicher Tuchmacherssohn gewesen und mich zu sich in einen
Gasthof geladen hat Am Freitag hab ich bei einem alten Obersten gegessen am
Samstag bei sehr armen Leuten in einer Dachstube denen ich dafür die Kinder im
Rechnen unterrichtet und am Sonntag bin ich bei meinem Schutzherrn gewesen dem
Vorsteher der Bücherei Auch habe ich von all diesen Menschen Kleider an meinem
Leibe getragen
So ist es jahrelang gewesen Da hat mich mein DienstagTischherr für sein
Söhnlein zum Hauslehrer bestellt Jetzt ists schon besser gegangen Zuerst habe
ich den armen Leuten in der Dachstube das Mittagsmahl nachgelassen aber die
Pflicht empfunden den Unterricht ihrer Kinder doch fortzusetzen Ein weiteres
ist gewesen dass ich einmal meinen Frack anziehe der ist sehr fein und
vornehm ist auch für mich nicht gemacht worden und meine Muhme besuche Meine
Muhme macht zierliche Bücklinge und nennt mich ihren lieben sehr lieben Herrn
Vetter
Wie freudig ich auch anfangs drein gegangen bin in meinem Lernen es ist
mir gar bald verleidet worden Da habe ich vormalen immer gemeint in einer
Gelehrtenschule würde man Himmel und Erde erfassen und alles was darin ist im
schönen Zusammenhange erkennen lernen sie tun ja so als ob sie das alles inne
hätten die Herren Gelehrten wenn sie in hoher Würde über die Gasse gehen Das
hat mich sauber betrogen Für einen der nur studiert um ein lustiger Student
sein zu können für einen der nur lernt um dereinstmalen als »Gelehrter« zu
prangen oder als solcher sein Brot zu erwerben für so einen mag diese
Gelehrtenschule taugen Für einen nach wahrem Wissen und Erkennen Strebenden
aber ist sie ein erbärmlich Ding Ein sehr erbärmlich Ding
Schöne Gegenstände sind auf dem Lehrplan gestanden Schon in den unteren
Abteilungen haben wir Erdbeschreibung Geschichte Mess und Grössenlehre
Sprachlehre usw gehabt Die verkehrte Welt ists gewesen In der
Erdbeschreibung haben wir statt Länder und Völkerkunde nur die Größe der
Fürstentümer und ihrer Städte vor Augen gehabt In der Geschichte haben wir
anstatt der naturgemässen Entwicklung der Menschheit nachzuspüren spitzfindige
Staatenklügelei getrieben der Lehrer hat allfort nur von hohen Fürstenhäusern
und ihren Stammbäumen Umtrieben und Schlachten geschwätzt sonst hat der Wicht
nichts gewusst In der Messlehre haben wir uns mit Beispielen abgeplagt die weder
der Lehrer noch der Schüler verstanden und im Leben selten vorkommen Die
Sprachlehre ist schon gar ein Elend gewesen Ach die schöne arme deutsche
Sprache ist zugerichtet dass einem das Herz möcht brechen Seit vielen Jahren
ist sie von der welschen belagert ja hochnotpeinlich auf die Folter gespannt
Und wollts ein deutscher Bursche einmal versuchen seine reinen Mutterlaute
wieder zu Ehren zu bringen allsogleich taten die hochgelahrten Herren
herbeistürzen mit ihrem Griechisch und Latein um mit dem toten Buchstaben der
toten Sprachen auch den deutschen Laut zu töten Ich weiß recht gut welchen
Segen die Sprache des Homer und Virgil in sich trägt davon zeugt unser
Klopstock und Schiller Aber die gelehrten Pharisäer von denen ich rede gehen
auf den Buchstaben und nicht auf den Geist Mit überflüssigen Dingen pferchen
sie uns den Kopf voll Die unsinnigsten Lehrsätze vor Jahrhunderten von
verkehrten Köpfen erfunden müssen wir auswendig lernen ja wenn ich all
das Erbärmliche wollte beschreiben Und wer das dürre Zeug nicht mag und kann
der wird von den Lehrern misshandelt Wir sind schutzlos sie haben uns in ihrer
Gewalt Beliebt es ihnen Späße zu machen so müssen die uns ergötzlich sein
Haben sie Zahnschmerz so müssen wir es entgelten Ach das ist ein böses
Gehetze und Geplage für unbemittelte Bursche schon gar ein Elend
Während ich in der Anstalt gewesen haben sich zwei Schüler ums Leben
gebracht Auch gut hat der Leiter der Schule gesagt was sich nicht biegt
das muss brechen Und das ist die Grabrede gewesen
Da ist am ersten Tage nach einem solchen Selbstmord dass ich daran komme in
der lateinischen Sprache über das Wesen der römischen Könige vor meinen Lehrern
und Lerngenossen eine Rede zu halten Ich komme geradewegs von der Bahre meines
unglücklichen Kameraden und hocherregten Gemütes besteige ich den Redestuhl
»Ich will vergleichen zwischen den Römern und den Deutschen« rufe ich »die
alten Tyrannen haben den Körper geknechtet die neuen knechten den Geist Da
draußen in der finsteren Kammer verlassen und aller Ehre beraubt liegt einer
zu Tode gehetzt «
Ich mag noch einige Worte gesagt haben dann aber nahen sie und führen mich
lächelnd vom Redestuhl herab »Der Erdmann ist verwirrt« sagte einer der
Lehrer »nicht deutsch sondern lateinisch soll er sprechen Demnächst wird ers
besser machen«
Bin nach Hause getaumelt wie ein Narr Heinrich der Tuchmacherssohn mein
Tisch und Schulgenosse eilt mir nach »Andreas was hast du getan was hast du
geredet«
»Zu wenig zu wenig« sage ich
»Das wird dich verderben Andreas kehre sogleich um und leiste den Herren
Abbitte«
Da lache ich dem Freunde in das Gesicht Er fasst mich jedoch bewegt an der
Hand und sagt »Wahr ist es bei Gott es ist wahr was du gesprochen Wir
empfinden es alle aber just deswegen werden dir die Herren das Wort nimmer
verzeihen«
»Das sollen sie auch nicht« entgegne ich in meinem Trotze
Heinrich schweigt eine Weile und geht neben mir her Endlich sagt er »Ein
wenig klüger musst du werden Andreas und jetzt geh und fasse dich«
Meine Hand zittert da sie das schreibt es ist aber alles schon vorbei
Ein Jahr vor dieser obigen Begebenheit hat mir mein Freund Heinrich die
Unterrichtsstelle vermittelt und zwar in dem vornehmen Hause des Freiherrn von
Schrankenheim Meine Aufgabe ist nicht groß einen Knaben habe ich zu
unterrichten und für die Lehrgegenstände der Hochschule vorzubereiten In diesem
Hause ist es mir gut ergangen und ich habe nicht mehr nötig gehabt mein
Mittagsbrot an verschiedenen Tischen zu erbetteln Mein Schüler Hermann ein
prächtiger lernbegieriger Jüngling hat mich lieb gehabt So auch seine
Schwester ein außerordentlich schönes Mädchen ich bin von Herzen ihr Freund
gewesen
Aber wie die Zeit so hingeht da wird mir zuweilen kindisch zumute wird
mir fortweg schwüler und unbehaglicher in dem reichen Hause Ein wenig
ungeschickt und linkisch bin ich immer gewesen jetzund wirds noch ärger Ich
habe keinen festen Boden unter den Füßen und zuweilen kein rechtes Vertrauen zu
mir selber Die Leute im Hause wissen es alle dass ich ein blutarmer Junge bin
und sie vergessen es keinen Augenblick sie zeigen sich gar mitleidig und selbst
die Dienerschaft will mir oftmals Geschenke zustecken
Gerade mein Zögling hat Feingefühl ist lustig und zutraulich zu mir und
das Mädchen o Gott o mein Gott das ist ein schönes schönes Kind gewesen
Wenn ich des Abends gewandelt bin außer der Stadt und über entlegene Wiesen
oder an buschigen Lehnen hin und es hat mir ein Blütenblatt um das Haupt
getanzt oder es ist mir eine Heuschrecke über den Fuß gehüpft da hab ich
oftmals bei mir gedacht was es doch eine Glückseligkeit wäre schön und reich
zu sein Die Zwerge von dem nahen Untersberg und den Kaiser Karl habe ich
angerufen in meiner Einfalt Heiss ist mir geworden in der Brust geschwärmt habe
ich von »Blumen und Sternen und ihren Augen« Von wessen Augen Da schrecke
ich auf Jesus was ist das Andreas Andreas was soll daraus werden
Dazumal bin ich achtzehn Jahre alt gewesen Aus Rand und Band bin ich eines
Tages zu meinem Freunde Heinrich gelaufen hab ihm alles anvertraut Heinrich
hat mich sonst am besten verstanden von allen Menschen Aber diesmal hat er mir
den Rat gegeben ich möge mich bezwingen es ginge fast allen jungen Leuten so
wie mir aber es ginge vorüber Kaum um fünf Jahre älter als ich hat er so
gesprochen
So bin ich ganz allein Da denke ich bei mir Gleichwohl jung an Jahren
kann ich die Sache doch auch ruhig überlegen trutz altkluger Leute Dass ich
arm bin das verspürt keiner so als ich selber dass ich bescheidener Herkunft
bin das treibt mich aus mir selber etwas zu machen Recht hat er ich werde
mich bezwingen aber nur wenn ich vor meinen Lehrern stehe Ich werde meine
eigenmächtig strebenden Neigungen der Weile bezähmen und mich mit Fleiß und
Ausdauer der Anstalt unterwerfen Trotz all des Unsinnes und der
Ungerechtigkeit so durchlaufen werden muss man in ein paar Jahren Doktor
hochweiser Magister
Und hochweise Magister dürfen um Freiherrntöchter freien Ein Mann werde
ich hintreten und um sie werben
Noch habe ich meine Absicht in mir verschlossen habe mich aber mit festem
Willen meinem Studium ergeben bin unter meinen Genossen einer der ersten
gewesen Prächtig ist es vorwärts gegangen und meinem Ziele näher und näher
Schon sehe ich den Tag an welchem ich ein Mann von Stand und Würde die
Jungfrau freien werde Im Hause haben sie mich alle lieb der Freiherr ist nicht
adelsstolz und mag vielleicht gerne einen Gelehrten zum Tochtermann haben Bin
wohl in Freude und Glück gewesen Da haben mich meine Lehrer bei der
Hauptprüfung niedergeworfen
Schnurgerade bin ich nach Hause gegangen an demselbigen Tag bin hingetreten
vor den Vater meines Zöglings »Herr ich habe großen Dank für Ihre Güte zu mir
Länger kann ich in Ihrem Hause nicht bleiben«
Er sieht mich sehr verwundert an und entgegnet nach einer Weile »Was wollen
Sie denn beginnen«
»Ich muss fortgehen von dieser Stadt«
»Und wo werden Sie hingehen«
»Das weiß ich nicht«
Der gute Mann hat mir mit ruhigen Worten gesagt dass ich überspannt und wohl
krank sein müsse Was mir geschehen könne auch anderen geschehen er wolle mich
pflegen lassen und im Frieden seines Hauses würde ich mich wieder erholen und
übers Jahr die Prüfung gewiss mit Glück bestehen
Hierauf habe ich meine Absicht fortzugehen noch bestimmter dargetan ich
habe es wohl gewusst die Ursache meines Falles ist die deutsche Rede über die
lateinischen Könige gewesen und in solchen Verhältnissen würde ich eine
Hauptprüfung nimmer bestehen Heinrich hat recht gehabt
»Gut mein eigensinniger Herr« ist der Bescheid des Edelmannes »ich
entlasse Sie«
Bei wem soll ich mich verabschieden Bei meinem jungen Zögling Bei der
Jungfrau Herrgott führe mich nicht in Versuchung Sie ist noch gar so jung
Sie hat mich freundlich und heiter entlassen Ein Schlucker geht davon ein
gemachter Mann kehrt wieder zurück Mehr Trotz als Mut ist in mir gewesen
Meine alte Muhme habe ich noch besucht Jetzund wie ich nicht mehr im
feinen Frack sondern in einem groben Zwilchrock vor ihr stehe und ihr meinen
Entschluss sage dass ich fort ginge fort vielleicht zur Rechten vielleicht zur
Linken hin da hat nicht viel gefehlt dass ich wieder die ausdrucksvolle
Bezeichnung bekomme »Nein« ruft sie »nein aber du bist ein ein recht
absonderlicher Mensch Da ist er schier ein braver rechtschaffener Mann
gewesen und jetzt ach geh mir weiter«
Sie ist meine einzige Verwandte auf der Welt
Zu Heinrich bin ich endlich gegangen »Ich danke dir zu tausendmal für deine
Lieb du getreuer Freund wie tut es mir weh dass ich sie dir nicht lohnen
kann Du weißt was geschehen ist Wie du mich hier siehst so gehe ich davon
Habe ich etwas Bedeutendes vollbracht so werde ich wiederkehren und dir
vergelten«
Es ist mir nicht mehr erinnerlich ob ich ihm von ihr auch noch was gesagt
habe Jung sehr jung bin ich freilich gewesen als ich meinen Fuß hab in die
weite Welt gesetzt
Heinrich hat mich eine weite Strecke begleitet Am Scheidewege hat er mich
gezwungen seine Barschaft anzunehmen Brust an Brust haben wir uns ewige Treue
gelobt dann sind wir geschieden
O Heinrich du goldgetreues Herz du hast es gut mit mir gehalten Und wie
habe ich es dir gelohnt mein Heinrich mein Heinrich
Die Sonne geht von Morgen gegen Abend sie hat mir meinen Weg gewiesen
»Ade Welt ich gehe nach Tirol« hab ich gesagt im Tirolerland tun sich
jetzund die Leut zusammen gegen den Feind Der Höllenmensch Bonaparte führt die
Franzosen ein will uns das Vaterland zertreten ganz und gar
Nach etlichen Tagen steig ich zu Innsbruck die Burgtreppen hinan »Mit dem
Andreas Hofer will ich reden« sag ich zum Torwart
»Wer wehrt dirs denn« sagt der und stößt seinen Spieß auf den Marmelstein
dass es gerade klingt Ich geh durch der Zimmer dreie oder vier eines vornehmer
wie das andere große Spiegel an den Wänden güldene Kronleuchter an den Decken
und gar der Fußboden glänzt wo nicht bunte Webematten gebreitet sind wie Glas
und Edelholz Bauernbursche gehen aus und ein singen pfeifen poltern rauchen
Tabak und sind in Alpentracht von den derben Nägelschuhen bis hinauf zu dem
spitzen Hahnenfederhut Letztlich stehe ich in einer großen Stube sitzen ein
paar bäuerliche Männer am Schreibtisch ein paar andere stehen daneben laden
ihre großen Pfeifen mit Tabak halten bayerische Geldnoten über eine brennende
Kerze und zünden sich damit das Rauchzeug an
»Will mit dem Andreas Hofer sprechen« sage ich Sollt warten heißts er
tät gerad regieren Ich stelle mich an Allerhand Leute gehen aus und ein Ein
junges Menschenpaar ist mir noch im Kopf das ist arg verzagt wie es eintreten
soll »Dass sie uns gerad erwischt haben müssen« knirscht der Bursche der Maid
zu »desweg sag ich ja allemal nur in keiner Hütten nit«
»Ach leider Gottes« sagt sie »und jetzt setzen sie uns den Strohkranz auf
oder tun uns was anderes an dass wir uns nimmer haben können Der Sandwirt ist
so viel gestreng«
Sie werden vorgerufen Da höre ich drinnen aufbegehren »Luderei leid ich
keine Wer seids denn« Der und die »Seids nit etwan blutsverwandt«
»Ah das nit« Habts euch wirklich gern« »Freilich wohl« »Auf der Stell
zsammheiraten«
Ich habe meiner Tage nicht so viel lustige Gesichter gesehen als die
gewesen womit das junge Menschenpaar jetzund ist heraus und davongelaufen Die
sind arm allzwei und dennoch gehts so leicht Nun komme ich daran
Da steht ein Mann in Hemdärmeln mit einem grossmächtigen Vollbart auf »Was
willst denn«
»Ich will zur Wehr gehen«
Der bärtige Mann es ist der Hofer über und über schaut mich an und nicht
allzu laut sagt er »Bist gleichwohl noch recht jung Hast Vater und Mutter«
»Nimmermehr«
»Bist vom Land Tirol«
»Nicht aber gleich von der Nachbarschaft her«
»Wohl ein Studiosus Willst Geistlich werden«
»Zur Wehr möcht ich gehen und fürs Vaterland streiten«
Nun greift er in den Ledergurt zieht Silbergeld heraus legts auf den
Tisch Da Bursche Gott gesegnes magst nach Wien gehen und dich beim Karl
werben lassen Bist ein unerfahrener Mensch Bist auch unser Landsmann nicht«
Ich mach meine Begrüßung und will mich kehren
»He da« ruft er mir nach schiebt mir das Silbergeld vor
»Ich sage meinen Dank Das Geld brauch ich nicht«
Jetzund wie ich gesagt hebt dem Mann das Aug an zu glühen »Das ist
wacker das ist brav« ruft er »Kannst schreiben Brauch einen Schreiber der
eine gute Schrift und ein gutes Gewissen hat«
»Mein Gewissen ist auch für einen Soldaten gut genug« sage ich finster
»He Seppli« ruft drauf der Hofer »weis dem Mann Messer und Stutzen bei
Schau das ist brav« er presst mir die Hand »Arbeit werden wir schon kriegen
selbander«
Ich bin Kriegsmann Tirolerschütz Arbeit hat es bald gegeben
Die Franzosen und die Bayern und etwan auch die Österreicher hinten haben es
nicht gelitten dass in der Burg zu Innsbruck ein Bauer sollt König sein Mit
Haufen ist der früher von den Tirolern dreimal geschlagene Feind eingebrochen
ins Land Der Stutzen ist mir besser in die Hand gegangen als ich vermeint All
Vergangenes hab ich vergessen nur meinen Freund Heinrich hätt ich an der Seit
mögen haben gegen den Feind Eine welsche Fahne hab ich genommen und wie ich
die zweit will holen haben sie mich ertappt Drei bärtige Franzosen haben mir
wütenden Knaben lachend das Wehrzeug abgenommen Gefangen haben sie mich
dann davongeschleppt durch das Bayern und Schwabenland hinein in das
Frankenreich
Ich mag die Zeit nicht wieder beschreiben Eine Hundenot ist es gewesen
Eine Hundenot nicht weil ich drei Jahr lang gelegen bin in der Gefangenschaft
eines fremden Landes sondern weil ich ein Empörer gegen mein eigen Land Gegen
unseres Kaisers Willen hat es geheißen hätten sich die Tiroler erhoben denn
von seiner Hand seien sie den Bayern zugeteilt gewesen Deutsche Landsleute
selber haben es gesagt und so ist mein Herzensunglück angegangen Anstatt ein
Heldenwerk hast du eine böse Tat vollführen helfen Andreas als Empörer liegst
du in Ketten
Von einem großen Feldzug nach Russland und ins Morgenland hinein wird
gesprochen Selbunter werde ich wie viele andere meiner Landsleute frei Viele
andere haben der Heimat zugestrebt Ich weiß von einer Heimat nichts darf
nichts wissen Blutarme Narren wie ich einer bin sind in der Heimat übler
daran als anderswo Und als Empörer der ich nun bin kehre ich schon gar nicht
heim Ich will das arge Fehl sühnen dass ich gegen den großen Feldherrn rechtlos
die Waffen geführt ich will mit seinen Scharen ziehen um die Völker des
Morgenlandes befreien und der Hut des Abendlandes unterordnen zu helfen Ein
großes Ziel Andreas aber ein weiter Weg Die Deutschen haben uns den Weg
schwer gemacht aber der Feldherr ist wie ein Blitz hingefahren in die
zerrissenen Völkerfetzen die keinen großen Gedanken gehabt und keine große Tat
Und das Heer der Russen haben wir vor uns hingeschoben über die wilden Steppen
und endlosen Schneeheiden viele Wochen lang Aber zu Moskau hat der Russe den
Feuerbrand geschleudert zwischen sich und uns mitten in seine eigene Hauptstadt
hinein Jetzund stehen wir tief im Lande des ewigen Winters und sind ohne
Halt und Stätte und Mittel Mensch und Schöpfung allmitsamt ist unser Feind
gewesen Da hats der Feldherr gesehen es geht bös in die Brüch und wir
haben uns zur Umkehr gewendet Ach großer Gott Die weiten Sturmwüsten die
hundert Eisströme die unendlichen Schneefelder die gewesen sind zwischen uns
und dem Vaterland Wer marschieren kann und seine erstarrten Beine mag
abschleifen bis auf die Knie wer dem sterbenden Gefährten den letzten Fetzen
vom Leib mag reißen um sich selber zu decken wer das warme Blut will saugen
aus seinen eigenen Adern und das Fleisch von gefallenen Rossen und getöteten
Wölfen will verzehren wer mit den Decken des Schnees sich kann erwärmen und mit
den Wellen des Wassers und mit den Schollen des Eises versteht zu ringen und
obendrein den Schreck und den Gram und die Verzweiflung weiß zu besiegen
vielleicht dass er seine Heimat sieht
Erstarrt wie mein Leib ist meine Seel und mein Gedanken in einer Wildnis
unter den schneebelasteten Ästen einer Tanne bin ich liegen geblieben
Ein räucherig Holzgelass und ein lebendig Feuer und ein langbärtiger Mann
und ein braunfärbig Mädchen haben mich umgeben als ich erwacht bin auf einem
Lager von Moos Eine Pelzhaut ist auf meinem Körper gelegen Draußen hat es wie
ein Wasser oder wie ein Sturm Das sind gute freundliche Augen gewesen die
aus den zwei Menschen mich angeschaut haben Der Mann hat des Feuers gepflegt
das Mädchen hat mir Milch in den Mund geflösst In ihrer rauen Sprache haben sie
Worte gewechselt ich hab kein einziges verstanden An Heinrich habe ich
gedacht an den lieben Laut seiner Worte Mein Leib hat mich geschmerzt der
Mann hat ihn in ein nasses Tuch geschlagen Das Mädchen hat mir ein kleines
Kreuz mit zwei Gegenbalken vor die Augen gehalten und dabei etwas gemurmelt wie
ein Gebet Sie betet den Sterbesegen Andreas
Du liebes Freundeshaus in Feindesland was in dir weiter mit mir gewesen
ist das weiß ich nicht mehr zu denken Das braune Mädchen hat seine Hand
oftmals an meine Stirne gelegt Wärs dazumal dazu gekommen es wär ein schönes
Sterben gewesen Es hat sich anders zugetragen Noch heute hör ich den Schlag
der die Hüttentür hat zertrümmert Kriegsgefährten sind eingedrungen haben den
alten Mann misshandelt und das braunfärbige Mädchen von meinem Lager gestoßen
Mich haben sie davongetragen hin durch den Sturm und hin durch die Wildnisse
dem Heere nach
Mir aber ist gewesen als täten sie mich schleppen aus der Heimat fort
Gottes ist die Welt überall Aber die Gefährten haben mich nicht zurückgelassen
das hat mich doch wieder im Herzen gefreut Fest und treu will ich sein will zu
ihnen halten und meinem großen Feldherrn dienen
Am Rhein bin ich genesen Und zur neuen Frühjahrszeit ein neues Leben hab
ich in mir empfunden Ein Bursch der dreiundzwanzig Jahre zählt hab ich
geglüht für das Hohe und Rechte für das Gemeinsame für die Menschenbrüder
aller Himmelsstriche hab in Begeisterung mit meinen Scharen ausgerufen »Ein
Gott im Himmel und ein Herr auf Erden« Er ist der Befreier der Fürstenhader
muss enden Die Stämme müssen ein großes einiges Volk werden Solche Gedanken
haben mich begeistert Des Feldherrn finsteres Aug wie ein Blitz in der Nacht
hat uns alle entflammt Gegen das Sachsenland sind wir gezogen um dort den
Streit für unseren Herrn auszukämpfen und das schöne deutsche Land unter seinen
Schutz zu stellen
Bei Lützen hab ich einem welschen Feldherrn das Leben geschützt vor
Dresden hab ich dem Blücher das Ross niedergeschossen bei Leipzig hab ich
meinen Heinrich erschossen
»Andreas« das ist sein Todesschrei gewesen An dem hab ich ihn erkannt
Mitten aus der Brust ist der Blutquell gesprungen
Jetzt kommt mir die Besinnung Mein Gewehr hab ich um einen Stein
geschlagen dass es zerschmettert waffenlos bin ich in die Schlacht gerast mit
seinem eigenen Schwert hab ich einem Franzosenführer den Schädel gespalten
Was hats genützt Ich hab doch gegen mein Vaterland gestritten gegen die
Brüder die meine Sprache reden während ich meine welschen Gefährten kaum
verstanden Und ich hab meinen Heinrich erschossen Ach wie spät gehen mir die
Augen auf
Bist ein unerfahrener Mensch Geh nach Wien zum Karl Du getreuer
Hofer hätt ich deinen Wink befolgt Deine Fahne ist gut gewesen und
herrlicher als alle anderen im weiten Land Von der Stund an da mir der
Glauben an sie aus dem Herzen gerissen worden ist mein Unglück angegangen Die
Lieb zur freien Welt hat mich in die Gefangenschaft gebracht mein freiwillig
Büssen hat mich in Schuld gestürzt die Treue zu meinem Feldherrn und die
Sehnsucht nach einem Großen und Gemeinsamen hat mich zum Verräter meines
Vaterlandes zum Mörder meines Freundes gemacht Andreas wenn schon die
Tugend dich dahin geführt wohin erst hätte dich böse Absicht gestürzt Den
treuen Führer hast du stolz abgelehnt da hat dir Erfahrung und Führung
gemangelt Andreas du hast dich dem Handwerk und der Wissenschaft und dem
Soldatenleben zugewendet Elend Wirrnis und Reue hast du geerntet Fremde
Menschen haben dich gehegt und gepflegt wie einen Sohn und Bruder sie sind
dafür misshandelt worden Du bringst der Welt und den Menschen nichts Gutes
Andreas du musst in die tiefste Wildnis gehen und ein Einsiedler sein Im
Sachsenlande unter dem Balken einer Windmühle hab ich mir diese Wahrheiten
gesagt Und danach bin ich davon bin geflohen durch das Böhmen und
Österreicherland bin nach vielen Tagen in die Stadt Salzburg gekommen Dass in
dieser Stadt mich armen kranken herabgekommenen Gesellen noch wer erkennen
sollt hab ich nicht gefürchtet Im PetersFriedhofe liegt mein Vater begraben
den Hügel hab ich sehen wollen ehe ich mir die Höhle suche in einer
verlassenen Waldschlucht der Heimat Und wie ich so auf der kalten gefrorenen
Erden liege und weinen kann aus dem Herzen über mein noch so blutjunges und so
unglückseliges Leben da kommt ein Herr zwischen den Gräbern gegangen frägt
nach meiner Kümmernis und schlägt die Hände zusammen »Erdmann« ruft er aus
»Sie hier Und wie sehen Sie aus Kaum vier Jahre davon und kaum mehr zu
erkennen«
Herr von Schrankenheim steht vor mir der Vater meines einstigen Zöglings
Ich bin mit ihm zwischen den Hügeln auf und ab gegangen hab ihm alles
erzählt Mit fast hartem Ernst drückt mir der Mann Geld in die Hand »Da
schaffen Sie sich Kleider und kommen Sie dann in mein Haus Einsiedler werden
pah das ist kein Gedanke für einen jungen braven Burschen Ihre Kleinmut
müssen Sie überwinden ein weiteres wird sich geben«
Mit großer Angst bin ich in sein Haus gegangen denn die eine Narrheit hab
ich noch nicht überwunden gehabt
Der Herr von Schrankenheim hat mich seinem Sohne vorgestellt Das ist schon
ein recht hochgewachsener zierlicher Herr geworden Die Hände am Rücken hat er
eine stille Verbeugung vor mir gemacht und nach kurzer Weile noch eine und ist
abgetreten Hierauf hat mich der Vater in sein Arbeitsgemach geführt hat mich
auf den weichsten Sessel niedersitzen geheißen
»Erdmann« hebt er nachher an zu reden »ist es Ihr wahrhaftiger Ernst dass
Sie in die Wildnis gehen und Einsiedler werden wollen«
»Das ist für mich das Beste« antworte ich »ich tauge nicht unter die
Menschen die in Lust und Freuden leben mich haben die wenigen Jahre meiner
Jugend herumgeworfen in Irren und Wirren von einem Land in das andere und in
der Völker Not Herr ich kenne die Welt und bin ihrer satt«
»Sie sind kaum an die vierundzwanzig Jahre und noch nicht auf der Höhe ihrer
Kraft und Sie wollen verzichten auf die Dienste die Sie den Mitmenschen würden
leisten können«
Da horche ich auf das Wort fasst mich an
»Wenn Sie meinen Sie haben bislang nur übles gestiftet warum wollen Sie
sich aus dem Staube machen ohne der Welt dem Gemeinsamen auch das Gute zu
geben das gewiss in reichem Masse in Ihnen schlummert«
Da erhebe ich mich von meinem Sitze »Herr so weisen Sie mir die Wege
dazu«
»Wohlan« sagt der Herr von Schrankenheim »vielleicht kann ich es wenn Sie
wieder Platz nehmen und mich anhören wollen Erdmann ich wüsste eine tiefe und
wahrhaftige Einsiedelei in welcher man den Menschen dienen und vielleicht
Großes für das Gemeinsame wirken könnte Weit von hier drinnen in den Alpen
dehnen sich zwischen Felsgebirgen große Waldungen in welchen Hirten Schützen
Holzschläger Kohlenbrenner beschäftigt sind in welchen auch andere Menschen
wohnen wie sie sich etwa redlich zurückgezogen oder unredlich geflüchtet
haben und die nun durch erlaubten oder unerlaubten Erwerb ihr Leben fristen
Wohl wahr es sind finstere Menschen in deren Herzen das Unglück oder noch was
Ärgeres nagt Sie haben weder einen Priester noch einen Arzt noch einen
Schullehrer in ihrer Nähe sie sind ganz verlassen und abgesondert und nur auf
ihre Unbeholfenheit und auf ihr eigenes ungezügeltes Wesen angewiesen Ich bin
der Eigentümer der Waldungen Ich habe seit längerer Zeit schon die Absicht
einen Mann in diese Gegend zu senden der die Bewohner derselben ein wenig
leite ihnen mit redlichem Rate beistehe und die Kinder im Lesen und Schreiben
unterrichte Der Mann tönnte sich gar sehr verdient machen Es findet sich
wahrhaftig so leicht keiner dafür es wäre denn einer der weltsatt in der
Einsamkeit leben und doch für die Menschen wirken wolle Erdmann was meinen
Sie dazu«
Nach diesen Worten ist mir jählings gewesen als ob ich sogleich meine Hand
hinhalten und sagen müsste Ich bin der Mann dazu Mit den Zuständen dieser alten
Welt zerfallen will ich in der Wildnis eine neue gründen Eine neue Schule
eine neue Gemeine ein neues Leben Lasst mich heute noch hinziehen So ist
das Feuer doch nicht ganz tot es sind aus der Asche Funken gestoben
»Wir haben den Winter vor der Tür« redet der Herr weiter »Sie bleiben den
Winter über in meinem Hause und pflegen reiflicher Überlegung und wenn wieder
der Sommer kommt und es gefällt Ihnen mein Antrag noch so gehen Sie in die
Wälder«
So oft ich im Vorzimmer ein Kleid hab rauschen gehört bin ich erschrocken
und letztlich hab ich den Herrn gebeten er möge mich über den Winter ziehen
lassen mit den Schwalben würde ich wieder kommen und seinen Vorschlag annehmen
Er hat sichs nicht nehmen lassen mir die »Mittel« für den Winter zu
spenden dann aber bin ich geflohen Im Vorsaale ist eine Frauengestalt
gestanden an der bin ich vorübergehuscht wie ein Wicht
Einen Tag bin ich gewandert bis ans Waldland an den See wo meine Kindheit
und meine Mutter begraben liegt Und hier im Ort hab ich mir für den Winter ein
Stübchen gemietet Oftmals steige ich die Schneelehnen hinan und stehe unter
bemoosten Bäumen wo es mir ist als sei ich einmal mit meiner Mutter mit
meinem Vater gestanden oftmals gehe ich über den gefrorenen See und denke an
die Tage in welchen ich im Kahn bei Vater und Mutter über die weichen Wellen
gefahren bin Das Abendrot ist auf den Bergen gestanden der Sangschall einer
Almerin hat an die Wände geschlagen Mein Vater und meine Mutter haben auch
gesungen Das ist voreh gewesen voreh
Ich bin in Frankreich auf der Festung gelegen ich bin krank und sterbend in
den Wüsten Russlands geirrt und nun leb ich in dir du stilles trautes
Stübchen am See Es wär ja alles gut die Zeit der Not versinkt wie ein
Traumbild nur du solltest nimmer aufgegangen sein unglückseliger Tag im
Sachsenland du wirst mich ewig brennen Heinrich ich fürchte mich nicht vor
deiner Grabgestalt nur ein einzigmal tritt zu mir dass ich dir sag es ist in
Blindheit geschehen ich kann nicht mehr anders mit meinem Leben will ichs
löschen
Nun ist es gut Ich habe mich seit vielen Tagen geprüft habe mein Vorleben
erforscht und es in kurzen Worten hier aufgeschrieben auf dass es mir stets um
so klarer vor Augen liege wenn neue Wirrnis und Trübsal über mich kommen wird
Ich denke wohl dass ich die Schule des Lebens vielleicht um ein Weniges besser
bestehen mag als die Schule der Bücher und toten Lehrsätze Ich bin zur
Erkenntnis gekommen und mein Gemüt ist ruhig geworden Wie ich meine Erlebnisse
und Verhältnisse meine Eigenschaften und Neigungen genau überdacht habe so
glaube ich es ist keine Vermessenheit den Vorschlag des Freiherrn von
Schrankenheim anzunehmen
Bin ich von außen gleichwohl noch recht jung von innen bin ich hochbetagt
Von einem alten Mann ein guter Rat wohl den Waldleuten willkommen sein
Salzburg
Am Tage des heiligen Antoni von Padua 1814
Es ist richtig ich gehe in den Wald Ich bin ausgerüstet und mit allem
fertig Der Freiherr hat mir in allem seinen Beistand zugesagt Sein Sohn
Hermann hat mich wieder mit einer freundlichen Verbeugung begrüßt Der junge
Herr ist ein wenig blass er wird viel lernen Seine Schwester Hier waren
in der Urschrift zwei Zeilen so vielfach durchstrichen dass sie vollständig
unlesbar geworden sind
Meiner Muhme soll es wohl gehen Ich habe ihr nicht das Leid antun mögen
das sie bei meinem Aussehen und Vorhaben empfunden hätte habe sie nicht mehr
besucht Nun bläst das Postorn Lebe wohl du schöne Stadt
Schon drei Tage auf der Reise Das ist doch ein freundlicheres Wandern wie
jenes auf den Wintersteppen
Vorgestern hat grünes Hügelland mit malerischen Gebirgsgegenden gewechselt
Gestern sind wir in ein breites Tal gekommen Heute geht es fort Berg auf und
ab durch Wälder und Schluchten und an Felswänden hin Jetzt wird die Straße
allweg schmaler und holperiger zuweilen müssen wir aus dem Wagen steigen und
niedergebrochene Steinblöcke beseitigen dass wir weiter fahren können Gemsen
und Rehe sehen wir mehr als Menschen Die heutige Nachterberge habe ich
schuldig bleiben müssen Die Geldnote die ich bei mir habe können die Leute
dieser Gegend nicht wechseln Ich hätte dem Wirt ein Pfand gelassen aber er hat
gemeint wenn es sei wie ich sage dass ich in die Wälder der Winkelwässer gehe
und alldorten verbleibe so würde sich wohl einmal eine Gelegenheit bieten ihm
den geringen Betrag zuzuschicken Es käme zuzeiten ein Bote aus jenen Waldungen
gegangen der dies gerne besorge Die Geldnoten muss ich dem Herrn
zurückschicken und um kleine Münzen bitten
An diesem vierten Tage bin ich ausgesetzt worden
Die Postkutsche ist ihren Weg weiter gerollt ich habe noch eine Weile das
helle Horn klingen gehört im Walde darauf ist alles still gewesen und ich sitze
da bei meinem Bündel mitten in der Wildnis
Durch die Waldschlucht rauscht ein Bach heraus der die Winkel heißen soll
und dem entlang ein Fußsteig geht Er geht über Gestein und Wurzeln ist mit
dürren Fichtennadeln vergangener Jahre besät und sieht aus wie von wilden Tieren
getreten Diesen Weg muss ich wandeln
Dort durch die Wipfel sehe ich eine weiße Tafel blinken das ist ein
Schneefeld Und da drin sollen noch Menschen wohnen
So weit hatte ich in den Schriften gelesen da läutete es auf dem Turme zum
Zeichen der zwölften Stunde Gleich darauf klopfte es ans Fenster Die Wirtin
schicke mir einen Regenschirm wenn ich zum Essen gehen wolle Es strömte der
Regen und in grauen Strähnen rieselte es vom Dache
Nach Tische las ich weiter
Im Winkel
So will ich alles aufschreiben Für wen das weiß ich nicht etwan für den
lieben Gott wie vormaleinst das Brieflein als mein Vater gestorben All das
Seltsame und Bewegende das ich erlebe müsst mir das Herz zersprengen dürft
ich es nicht ausplaudern Ich erzähle es dem Blatt Papier Vielleicht findet
sich dereinst ein Mensch dem ichs mag vertrauen und sollt er mich auch nur
zum halben Teil erkennen Ihr stillen weißen Blätter wollt jetzund meine Freunde
sein und teilnehmen an den Tagen die mir nun kommen mögen Ich trag heute noch
ein dunkles Haar und ihr seid grau zumal etwan überlebt ihr mich weit und seid
mein zukünftig Geschlecht
Ein Blättchen Papier kann älter werden
Wie das frischeste Maiblatt auf Gottes Erden
Wie das flinkeste Gemslein am Felsenwall
Wie das lockige Kind im lieblichen Tal
Ein Blättchen Papier weiß und mild
Ist oft das treueste einzige Bild
Das der Mensch zurücklässt künftigen Zeiten
Da über seinen Staub die Urenkel schreiten
Das Gebein ist zerstreut der Grabstein verwittert
Das Haus zerfallen die Werke zersplittert
Wer weist in der ewigen großen Natur
In der wir gewaltet unsere Spur
Neue Menschen ringen mit neuem Geschick
Keiner denkt an die alten zurück
Da ist ein Blatt mit seinen bleichen
Tintenstrichen oft das einzige Zeichen
Von dem Wesen das einst gelebt und gelitten
Gelacht geweint genossen gestritten
Und der Gedanke dem Herzen entsprossen
In Schmerz oder Lust und tollen Possen
Sinkt hier nieder und der Ewigkeit Kuss
Verhärtet ihn zu einem ehernen Guss
O möge er geläutert in fernen Zeiten
Wieder in die Herzen der Menschen gleiten
Meine Ankunft hier ist an einem Samstag gewesen Als ich am Winkelbach
hereingestolpert bin ist mir schon hie und da so ein Waldteufel begegnet wie
sie braun und bärtig voll Moos und Harz in ihren Lodenkitteln hier herumgehen
Sie sind wie heimlose dürrästige Baumstrünke die nach einem frischen Erdboden
suchen auf dem sie wieder wachsen und gedeihen mögen Da sind sie gerne vor mir
stehen geblieben haben mit Schwamm und Stein Tabakfeuer geschlagen und mich
finster oder verwundert angeschaut Mancher Augen haben so Funken geworfen wie
ihre Feuersteine Andere sind wieder treuherzig und weisen mir den Weg Ein sehr
derber und sehr stämmiger Bursche der eine Rückentrage mit Säge Axt Mehlkübel
und anderen Dingen getragen hat ist als er mich des Weges schreiten sieht
misstrauisch beiseite gestanden und hat gemurmelt »Gelobt sei Jesu Christ«
»In Ewigkeit Amen« ist meine Antwort und als er diese hört wird er
zutraulich und geht eine Strecke mit mir
Endlich öffnet sich ein wenig das Tal Es ist ein kleiner Kessel in welchen
aus verschiedenen Schluchten und über das Gewände hernieder das sich zu meiner
linken Hand erhebt Wässer zusammenfliessen Diese bilden die Winkel Hier ist
ein sehr dicker oberseitig plattgehackter Baumstamm über den Bach gelegt auf
welchem der Fußsteig hinüberführt zu einem hölzernen Hause das am Waldhange
steht Das ist die Försterschaft das einzige größere Haus in diesen Wäldern
Weiterhin in den Gräben und Hochtälern sind Hirten oder Holzschlägerwohnungen
und jenseits der bewaldeten Bergrücken wo schon große Blössen geschlagen sind
und ein Kohlenweg angelegt ist stehen Dörfer von Köhlerhütten
Dieses kleine Tal heißen sie »im Winkel« Es ist noch fast in der
Urtümlichkeit nur dass das stattliche Haus mit seiner kleinen häuslichen
Umgebung darin steht und der Fußpfad und der Steg dahin führt
Das Försterhaus nennen sie auch das Winkelhüterhaus Ich bin in dasselbe
gegangen habe in dem Flur mein Bündel auf eine Truhe gestellt und mich selbst
daneben hingesetzt
Der Förster ist just mit Arbeitsleuten beschäftigt die ihre Rait das
heißt ihren vierwöchentlichen Arbeitslohn einheben wie es bei den Holzleuten
so Herkommen ist
Der Förster ein sehr herrischer und ein sehr rotbärtiger Mann hat die
Leute rau und kurz abgefertigt und die Leute haben sich die Rauheit sehr gerne
gefallen lassen und gar artig schweigsam ihr Geld eingestrichen
Nachdem das Geschäft geschlichtet worden steht der Förster auf und reckt
seine stämmigen Glieder die in echter und rechter Jägertracht stecken So trete
ich jetzund zu ihm und überreiche ihm ein Schreiben das ich von dem Eigentümer
der Wälder mitgebracht habe
In diesem Schreiben wird alles Wesentliche gestanden sein Es ist mir eine
gut eingerichtete Stube angewiesen worden Eine kernige Frau die da ist und
umsichtig alles ordnet wie es ihr scheint dass es nötig und gut ist mit in die
Seiten gestemmten Armen jählings vor meiner offen Tür stehen geblieben und hat
laut und hell gerufen »Jerum jerum so schaut ein Schulmeister aus«
Sie hat in ihrem Leben noch keinen Schulmeister gesehen
Ich bin bald eingerichtet habe meine mitgebrachten Habseligkeiten in
Ordnung Da tritt der Förster in meine Stube Er hat schier höflich angeklopft
Er besieht meine Wohnung und frägt »Ist sie Euch gut genug«
»Sie ist gut und wohnlich«
»Seid Ihr zufrieden«
»Ich hoffe dass ich es sein werde«
»So wird es recht sein«
Darauf geht er mehrmals über die Dielen auf und ab und die beiden Hände in
die Hosentaschen gesteckt bleibt er letztlich vor mir stehen
»Und nun seht zu wie Ihr anheben und fortkommen mögt Ich gehe morgen davon
und komm nur jeden Samstag in das Winkel herein Die übrigen Tage habe ich in
anderen Gegenden zu schaffen meine Wohnung ist in Holdenschlag vier Wegstunden
von hier Gleich eine Schule aufrichten lieber Mann das schlagt Euch wohl
aus dem Kopfe Erst müssen wir mit den Alten fertig werden Ihr ich sags das
sind Steinschädel Und dass Ihrs nur gleich wisst wir haben allerhand Leut in
unseren Wäldern Nachweisen lässt sich keiner was Arges aber sie sind hergezogen
von Aufgang und Niedergang wesweg das weiß der Herrgott Zumeist sind es wohl
Bauersleut von den vorderen Gegenden herein die sich in die Wälder geflüchtet
haben um der Wehrpflicht zu entrinnen Gibt auch Gesellen unter ihnen denen
man in der dunklen Nacht nicht gerne begegnet Wildschützen sind sie alle
Solange sie nur auf das Tier des Waldes schießen lassen wir sie frei
herumgehen das ist nicht zu ändern und man braucht ihrer Hände Arbeit Wenn sie
aber auch einmal einen Jäger niederbrennen dann lassen wir sie aus dem Wald
führen Beweibet sind meisten aber jeder hat die Seine nicht vom Traualtar
geholt Werdet Leute antreffen die in diesem Jahrhundert noch keine
Kirchenglocke gehört und keinen Chorrock gesehen haben Werdet bald merken was
das bei den Leuten für Folgen hat Tut es auf welche Weise Ihr glaubt aber
Ihr müsst vorerst die Leute kennen lernen Und wenn Ihr dann meint Ihr würdet
auf sie einzuwirken vermögen dann werden wir Euch darin unterstützen Ihr seid
noch recht jung mein Freund gebt ach und seid gescheit Wenn Ihr wollt so
nehmt Euch die erste Zeit einen Buben der Euch mit der Gegend bekannt macht
Und wenn Ihr was benötigt so wendet Euch an mich Gehabt Euch wohl«
Nach diesen Worten ist er davongegangen Das scheint es ist nun mein Herr
möge er auch mein Schützer sein
Schon in der ersten Nacht habe ich in dem Strohbette sehr gut geschlafen
Das Rauschen das vom Bach heraufkommt tut mir wohl Es ist der Brachmonat
aber die Sonne kommt spät über den Waldberg herauf dass sie freundlich in meine
Stube luget
Ich bin des Morgens hinaus in das Freie gegangen Wie ist es da frisch und
grün und tauschimmernd und an den Waldbergen so weit sie von dem engen Tal aus
zu sehen spinnt sich das bläuliche Sonnentuch über die Lehnen Gegen die
Abendseite hin streben die Vesten der Felsen auf und oben am Rande stehen wie
Schildwachen verwittere Fichtenzwerge in die Bläue des Himmels hinein Der Rand
da oben soll aber noch lange die höchste Zinne nicht sein Darüber kämen erst
die Matten der Almen wo jetzt in Sträuchen die roten Rosen blühen sollen
hernach kämen wieder Felswände an denen das milde Edelweiss prangt und die roten
Tropfen der Kohlröschen zittern wie ich das als Studiosus auf Ausflügen
mehrmals gefunden habe Über diesen Felsen legt es sich wohl hin in weiten
unwirtlichen Feldern des Schnees und des Eises wie ich sie gestern als eine
weiße Tafel schimmern hab gesehen
Wenn ich in meinen Aufgaben hier unten glücklich bin so will ich einmal
emporsteigen zu den Gletschern
Und über den Gletschern ragt letztlich der graue Zahn von dessen Spitze aus
wie mir meine Wirtin hat gesagt in weitesten Weiten das große Wasser soll zu
sehen sein Bin ich glücklich hierunten so gönne ich mir dass ich von dem hohen
Berge aus einmal das Meer anschaue
Ich bin in Krieg und Sturm durch die halbe Welt gerast und hab nichts
gesehen als Staub und Stein und jetzt im Frieden der Einsamkeit geht mir ein
Auge auf für die Schöpfung
Aber Wildschützen Soldatenflüchtlinge Gesellen denen man zur Nacht
nicht gerne begegnet Andreas das wird ein heißes Tagwerk geben
Urwaldfrieden
Mir ist es schon recht im Walde Die wenigen Leute die mich in den Wald gehen
sehen lugen mir nach und können es nicht verstehen dass ich ein junger
Bursche so in der Einschicht herumsteige Ei ja freilich ich werde von Tag zu
Tag jünger und hebe an zu blühen Ich genese Das macht die urtümliche
Schöpfung die mich umwebt
Gefühlsschwärmerei treibe ich nicht Wie er einzieht durch die Augen und
Ohren und all die Sinne der liebe der schöne Wald so mag ich ihn genießen
Nur der Einsame findet den Wald wo ihn mehrere suchen da flieht er und nur
die Bäume bleiben zurück
Sie sehen den Wald vor Bäumen nicht Ja noch mehr oder zwar noch weniger
sie sehen auch die Bäume nicht Sie sehen nur das Holz das zum Zimmern oder
Verkohlen das Reisig das zum Besen dient Oder sie machen die grauen Augen der
Gelehrteit auf und sagen Der da gehört in diese Klasse oder in diese als
wie wenn die hundertjährigen Tannen und Eichen lauter Schulbuben wären
Mir ist schon recht im Walde Ich will solange ich ihn genieße von seinem
Zwecke wie diesen Zweck die Gewinnsucht der Menschen versteht kein Wort noch
gehört haben ich will so kindlich unwissend sein als wär ich erst heute vom
Himmel gefallen auf das weiche kühle Moos im Schatten
Ein Netz von Wurzeln umgibt mich teils saugt es aus der Erde seinen Bäumen
die Muttermilch teils sucht es den Moosboden und den Andreas Erdmann darauf mit
sich zu verflechten Ich ruhe sanft auf den Armen des Netzes auf Mutterarmen
Gerade empor ragt der braune Stamm der Fichte und reckt einen Kranz von
knorrigen Ästen nach allen Seiten Die Äste haben lange graue Bärte so hängen
die filzigen Flechtenfahnen nieder von Zweig zu Zweig Wohl geglättet und
balsamtriefend ist die silberig schimmernde Tanne In den rauen furchigen
verschnörkelten Rinden der Lärchen aber ist mit den geheimnisvollen Zeichen der
Schrammen die ganze Weltlegende eingegraben von dem Tage an als der verbannte
Brudermörder Kain zum ersten Male unter dem wilden Astgeflechte der
Libanonlärche geruht hat bis zur Stunde wo ein anderer auch ein Heimatloser
den Wohlduft der weichen hellgrünen Nadeln friedlich trinkt
Dunkel ists wie in einem gotischen Tempel der Nadelwald baut den
Spitzbogenstil Obenhin ragen die hunderttausend Türmchen der Wipfel dazwischen
nieder auf den schattigen Grund leuchtet wie in kleinen Täfelchen zerschnitten
die tiefe Himmelsbläue Oder es segeln hoch oben weiße Wölklein hin und suchen
mich zu erspähen mich den Käfer im Waldfilz und wehen mir einen Gruß zu von
Nein sie ist geborgen unter stolzem Dach von Menschenhand ihr Wolken habt
sie nicht gesehen oder habt ihr sie Ach sie wehen von fernen Oden und
Meeren
Da flüstert es da säuselt es es sprechen miteinander die Bäume Es träumt
der Wald
Eine schneeweiße große Blüte weht heran blühen die Nadelwälder denn nicht
in den Blutstropfen ihrer purpurnen Zäpfchen Woher die weiße Blüte Es ist ein
Schmetterling der sich verirrt von seiner sonnigen Wiese und nun im Dunkel des
Waldes angstvoll gaukelt
Wer bricht aber in den verwachsenen Kronen die Äste entzwei dass sie krachen
und prasseln und in dürren Zweigen niedertänzeln Ein Habicht braust dahin mit
einem grellen Pfiff und ein armes Waldhuhn muss sein Leben enden Alle Wildtauben
sind auf und girren ihr Sterbegebet da knallt es und nieder inmitten des
schimmernden wogenden Kranzes der Tauben stürzt der getroffene Raubvogel
Unterwegs zum Grab will seine Klaue noch ein Opfer haschen und in dem brechenden
Auge funkelt lange noch die Raubgier
All mein Lebtag hab ich keine so merkwürdige Webematte gesehen als dieses
bunte wunderbare Flechtwerk des Moosbodens Das ist ein Wald im Kleinen und in
dem Schoße seines Schattens ruhen vielleicht wieder Wesen die wie ich das ewige
Gewebe der Schöpfung betrachten Hei wie die Ameisen eilen und rennen wie sie
mit ihren haardicken Armen der kleinen Dinge kleinste umklammern mit ihrem
ätzenden Saft alles Feindliche zu vergiften meinen sie wollen gewiss auch noch
die Welt gewinnen vor dem Jüngsten Tag
Ein glänzender Käfer hat ihnen lange zugesehen er denkt verächtlich über
die mühsam Kriechenden denn er selbst hat Flügel Jetzt flattert er übermütig
empor und funkelnd kreist er hin und plötzlich ist er umgarnt und gefesselt in
Stricken Die Spinne hat an diesem Dinge schon lange still und emsig gearbeitet
ein Schleier wie zarter keiner geflochten wird auf Erden ist des strahlenden
Käfers Leichenkleid geworden
Die Vöglein im Geäste wollen auch ihr Kunstwerk stellen sie flechten wo
das Reisig am dichtesten ist aus Halmen und Zweigen ein Wiegenkörbchen für ihre
liebe Jugend Und wenn ihnen die Sonne just recht am Himmel steht so singen und
jauchzen sie bei ihrer Arbeit dass es ihn allen Nadeln und Bäumen wiederklingt
sonst aber hocken sie im Nest und schnäbeln und legen die zarten buntstreifigen
Eier
Ob es denn wahr ist dass sich derselbe eine rote Faden fortspinnt durch alle
Geschlechter des Menschen und Tierreiches bis hinab zum allerkleinsten Wesen Ob
denn alles nach dem einen und selben Gesetze geht was der König Salomon getan
auf seinem goldenen Throne und was die träge sich wälzende Raupe tut unter dem
Stein Das möcht ich wohl wissen
Husch dort hüpft ein Hase bricht sich der gekrönte Hirsch Bahn durch das
Gestrüppe Jeglicher Strauch tut auch so geheimnisvoll als ob er hundert Leben
und Waldgeister in sich verberge Jetzund höre ich das Läuten der Hummel Wenn
in diesen Wäldern einmal eine Kirche gebaut würde und eine Glocke auf den Turm
käme so müsste sie klingen Auf dem Erdgrunde liegen die scharf geschnittenen
Schattengestalten und darüber hin spinnen sich die Saiten des Lichtes Und die
Finger des Waldhauches spielen in diesen Saiten
Ich trete hinaus in die Lichtung Ein zitternder Luftauch rieselt mir
entgegen schmeichelt mit den Locken küsst die Wangen dass sie röten Hellgrünes
Haidegebüsch mit den roten Blütenglöckchen der Beeren hier und dunkelglänzendes
Preiselbeerkraut der immergrüne Lorbeer unserer Alpen für den würdigen Dichter
des Waldes so einer zur Welt geboren wird Die Waldbiene surrt herum auf den
Sträuchern und jedes Blatt ist für sie ein gedeckter Tisch
Und über dieser dämmernden duftenden Flur erhebt sich ein schwarzer Strunk
mit dem gehobenen Arm seines kahlen Astes trotzig dem Himmel drohend weil
dieser durch einen nächtlichen Blitzstrahl ihm das Haupt gespalten Und es
erhebt sich dort graues zerklüftetes Gestein in dessen Spalten sich behendig
die Eidechse birgt und die schimmernde Natter und an dessen Fuße die zierlich
durchbrochenen Blätter der Farnkräuter und die blauen allfort grussschwankenden
Hütchen der Enziane wuchern Weiterhin wo sich die Quelle befreit und aus ihrem
dunkelschattigen Grunde schimmert wachsen an ihrem Ufer die tausend Herzen des
Sauerklees und der heilsamen Wildkresse die der Hirsch so gerne pflückt und das
Reh auf dass sie ihre Lunge nicht verlasse zur Stunde der Flucht
An der Lehne neben Dornstrauch und wilden Rosen liegt vom Sturme hingeworfen
seit vielen Jahren das Gerippe einer Fichte schier weiß wie Elfenbein Hoch
ragen ihre Wurzeln auf wie einst ihr Wipfel und eine Schnecke hat sich verirrt
in einen starren Zweig der Wurzel hinaus und kann ihren Weg zum Erdreich kaum
finden
Wo kein Weg geht dort geht der meine wo es am steilsten ist wo das
Gestrüppe der Erlenbüsche und Dornsträucher am dichtesten ist wo die Hundsbeere
wächst wo die Natter raschelt im gelben Buchenlaub des vergangenen Jahres
Wildhühner erschrecken vor mir und ich vor ihnen und meine Füße sind das
Elementarunglück der Ameisen und mein vordringender Körper ist die Geissel
Gottes den Spinnen deren Bau zugrunde geht an diesem Sommertage
Es ist eine Lust so in die Wildnis zu dringen ins Dämmerige und Ungewisse
hinein was ich ahne reizt mich mehr als das was ich weiß was ich hoffe ist
mir lieber als das was ich habe Vielleicht geht es anderen auch so
Ich stehe am Rand einer Wiese die von jungem Fichtenwalde umfriedet ist In
meiner nächsten Nähe aus dem Dickicht ist ein Tier aufgefahren welches in
Sprüngen über die Wiese hinsetzt und am jenseitigen Rande stehen bleibt Es ist
ein Reh Dort steht es nun hält hoch seinen Kopf und lauert Ich halte mich wie
ein Baumstrunk Ich dürste sonst nicht nach Blut es wäre denn bisweilen nach
dem der Trauben aber jetzt folge ich einer angeborenen des Neigung des
Menschen hebe meinen Wacholderstock lege ihn an die Wange wie ein Gewehr und
ziele gegen die Brust des Wildes Das steht dort etwa hundertundzwanzig
Schritte von mir entfernt und blickt zu mir herüber Es weiß recht gut dass ein
Wacholderner nicht losgeht Endlich hebt es zu grasen an Ich setze den Stock
wieder zur Erde und trete weiter auf die Wiese hinaus Das Reh hebt rasch sein
Haupt und ich meine jetzt und jetzt werde es davonstieben Aber es eilt nicht
es leckt an seinem Hinterkörper und mit seinem Fuße graut es sich hinter den
Ohren dann sieht es mich wieder an und beginnt zu grasen
»Rehlein« sage ich »du vergissest den schuldigen Respekt gegen den
Menschen Hältst du mich nicht für fähig dir gefährlich zu werden Mich
wunderts hierzulande streifen Jäger und Wildschützen Du scheinst sonst kein
heuriger Hase zu sein stellst dich aber sehr unerfahren Unter uns Leuten würde
man ein solches Betragen Dummheit nennen«
Das Tier grast ganz allmählich gegen mich heran hält nicht selten ein um
mich anzuschauen wirft aber stets erschrocken den Kopf in die Höhe so oft es
von irgendeiner andern Seite ein Geräusch hört und bereitet sich zum Sprunge
Es muss was wittern denn einmal macht es ein paar große Sprünge wodurch es mir
aber noch um mehrere Schritte näher kommt Dann beruhigt es sich wieder und
grast mit Hast und Lust Die Ohren sind immer gespitzt und das ganze Wesen ist
ein Bild ängstlicher Wachsamkeit und Fluchtbereitschaft
»Du weißt es doch« sage ich »dass du in Feindesland bist Keine Minute
sicher vor dem Schuss das muss wohl recht bange machen«
Ich rücke ihm allmählich näher das Reh beachtet es nicht und grast mir
entgegen Oft hält es ein und sieht mich an mit Ruhe und Vertrauen während es
jeder anderen Richtung mit ängstlichem Misstrauen zu begegnen scheint
»Mich freut es ungemein« sage ich »dass du mir nicht abgeneigt bist Es
lässt sich nicht leugnen dass ich zu jenen Ungeheuern gehöre die auf zwei Beinen
gehen Aber alle Zweibeinigen sind nicht gefährlich Ich schon gar nicht ich
habe vorhin ein oder zwei Verslein gedichtet wenn ich sie dir vorsagen darf
«
Da machte das Tier im Schreck einen weiten Sprung abseits
»Es wäre nicht lang gewesen« sage ich bedauernd dass ich das Reh
verscheucht aber es kommt mir grasend bald wieder näher
»Es ist nicht schlau von dir dass du mich kränkest Das Lied ist für meinen
Schatz gemacht Es lebt irgendwo eine die ich im Grunde des Herzens lieb habe
aber kein Mensch ahnt es und sie selber auch nicht Da habe ich ihr denn diese
Verse gedichtet Sie müssen aber wieder vergessen werden Wie hältst dus in
solchen Sachen
Das Tier tritt mir wieder um zwei Schritte näher und hebt zu schnuppern an
Da wird mir ganz vorwitzig zumute
»Liebes Reh« sage ich und halte ihm die Arme entgegen »Ich kann nicht
sagen wie du mich anmutest Hätte ich was bei mir ich schösse dich nieder
Nein von mir fürchte nichts Ich schieße nimmer Du atmest dieselbe Luft wie
ich dein kleines Auge sieht denselben Sonnenschein wie ich dein Blut ist so
warm wie das meine warum soll ich dich umbringen Einmal habe ich zwar zu
mir gesagt Bist ein niederträchtiger Bursch s ist schon lange vorbei und
seither manches geschehen was dafür und manches was dawider spricht Aber aus
Passion bringe ich nichts um In der Notwehr ists was anderes da achte ich
kein Leben außer das meine und wenn ich Hunger habe und eine Büchse so
schieße ich dich doch nieder da hilft dir alles nichts«
Trotz alledem kommt das Rehlein immer näher auf mich zu Ich stehe wie eine
Säule da und zehn Schritte vor mir das Tier und sieht mich an Es ist mir schier
unheimlich Das muss kein rechter Mensch sein zu dem das Wild sich gesellt
»Du bist neugierig« sage ich »wie sich so einer von der Nähe anschaut
Nun betrachte mich nur recht Aber diese Lappen aus Leinwand und Wollenzeug
gehören nicht dazu In Wahrheit sehen wir anders aus Und wenn du uns sähest so
nackt und bloß wie du selber bist alle Angst und Furcht müssest du vor uns
verlieren Von Haus aus können wir nicht schießen können nicht so laufen wie
du können uns nicht nähren von diesem Kraute können nicht wohnen im Dickicht
So armselig sind wir Wir so heißt es hätten es wohl einmal gekonnt aber in
dem Masse als unsere Vernunft gewachsen sei unser Körper abhängig geworden sei
fein und empfindlich und verweichlicht und schwächlich geworden Und wenn es so
fortgeht löst sich der ganze Mensch in Geist auf dieser wieder muss vergehen
wie die Flamme stirbt wenn Docht und Öl verzehrt ist Dann sind wir fertig
und ihr kommt an unsere Stelle«
Der ganze aschgraue Leib des Tieres ist schön kräftig und geschmeidig
wenn es den Kopf recht hoch erhebt ist es fast stolz und seine Augen sehen so
klug und gutmütig auf mich her
»Ich weiß nicht« sage ich »ob denn du auch immer suchest ohne zu wissen
was ob du dich abmühest Tag und Nacht um ein Gut zu erreichen das dich dann
wenn du es besitzest doch nicht befriedigt Ich weiß nicht ob der Hass es ist
der dich belebt der Ehrgeiz der dich peitscht die Liebe die dich unglücklich
macht die Lust die dich tötet Bei uns ist es so Nun stehen wir beide uns
gegenüber und blicken uns an Bedauere ich dich oder bedauerst du mich Du hast
und geniessest voll was du haben und genießen kannst uns werden die süßen
Freuden des Herzens von der Erbarmungslosigkeit des Verstandes und auch der
Vorurteile vergällt Unser Fühlen artet in Denken aus und das ist unser
Unglück Wollen wir noch was Gutes haben so müssen wir uns euch nähern Was
Du schüttelst das Haupt du verneinst es Reh Du möchtest am Ende gar auch ein
Mensch sein Nein so weit bist du noch nicht vorgeschritten dass du unzufrieden
wärest Deine Not ist der Jäger so wie die unsere der Mensch Uns drohen die
größten Gefahren von unseresgleichen Ist dir das neueste Wochenblatt schon zu
Gesichte gekommen Ei so du liesest keine Blätter du frissest sie Ist auch
gesünder nur vor Druckblättern hüte dich die sind giftig Sie wären es nicht
aber sie saugen das Gift aus dem Boden auf dem sie stehen aus der Luft die
sie umweht aus der Zeit der sie dienen Gottlob dass sie in den
Winkelwäldern nicht wachsen Da wächst der Sauerklee und das ist was für dich
und der Pilzling das ist was für mich Übrigens mein liebes Ricklein wie
lange werden wir denn hier stehen bleiben Wie stehts mit dem
Ausderhandfressen«
Ich reiße Gras aus dem Boden ein Geschäft das mein Reh mit Kennerauge
verfolgt
Knallt ein Schuss Ein kurzes Pfeifen ist durch die Luft gegangen das Reh
hat einen Sprung gemacht und läuft nachher mit vollster Entfaltung seiner
Schnellkraft über die Wiese und schnurgerade ins Dickicht hinein
Im nahen Gestämme verzieht sich langsam der schwefelige Rauch Ich eile den
Wildschützen zu suchen um ihn dem Gericht zu überliefern weil er geschossen
und um ihn freizubitten weil er nicht getroffen Ich sehe weder den
Schützen noch das Reh und ich bin rasend in dem Gedanken das Reh könne mich
für den Mitschuldigen für den Verräter oder gar für den Meuchelmörder halten
und ich will in seinen Augen weder ein schlechter Freund noch ein schlechter
Schütze sein
Was nützt all das Der Schwärmer hält nicht vor im Späterbste wenn mir
wie ich es verhoffe der Rehbraten auf den Tisch kommt werden die
freundschaftlichen Gefühle sicherlich wieder erwachen aber nicht aus dem Herzen
werden sie kommen sondern aus dem Magen
Der Mensch kann ein Schelm werden und das ist bisweilen gut Es hat ja
nicht gar lange angehalten Bald ist wieder was anderes da
Das jauchzende Brüllen eines Stieres hallt heran oder das Schellen und
Meckern einer Ziege Der Hirtenjunge hüpft herbei Mit den Wacholdersträuchern
mag er nichts zu schaffen haben die Nadeln stechen die blauen Beeren sind
bitter Aber Erdbeeren pflückt er in die Haube oder was ihm lieber ist in den
Mund Dann pflückt er das schmale spitzige Blatt vom Bocksbartkraut führt es
zur Lippe und bringt durch dasselbe einen Pfiff hervor der weithin hallt in den
Hängen und den in der Ferne andere Hirtenjungen wieder zurückgeben Das ist dem
Völklein des Waldes das Zeichen seiner Brüderlichkeit
Durch das Himbeergestrüppe windet sich ein Waldrauchsammler der aus dem
Ameisenhaufen die Harzkörner hervorschaft Aus diesen Harzkörnern bereitet er
den Weihrauch das wundersame Korn dessen Wolkenschleier der Sterblichen Augen
bezaubert dass sie hinsinken vor das Opferbrot und den Herrn sehen
Am Rain bei purpurnen Eriken unter Brombeerlaub wuchert die Süsswurzel das
ist des Hirtenknaben leckeres Gewürze und auch die Sennin nascht gerne davon
auf dass sie eine klingende Stimme kriege zum Jodeln auf der Alm Der Sennin
merk ich geht es oft sonderbar wohl hat sie viele gar rechtschaffen viele
Worte auf der Zunge aber das rechte für ihre Herzenslust ist nicht dabei und
so drückt sie sich denn anders aus und singt ein Lied ohne Worte dass sie hier
so weit es klingt den Jodler heißen
Ich ziehe durch einen von Wildwässern des Kares ausgerissenen Hohlweg
abwärts Bäume und Sträucher wölben ihn zu einer Laube Ein kühler Luftauch
fächelt da stehe ich am Ufer eines Waldsees Finstere Gewände und schlanke
braune Stämme des Urwaldes schließen ihn ein O so still so still ists über
dem See Das verlorene Blatt einer Buche oder Eiche raschelt heran ich höre
jenes ewige Klingen der tiefsten Lautlosigkeit
Es ist wo ein Glöcklein im Weltenraum wir wissen nicht im Erdengrund
hienieden oder im Sternenkranze das ruft uns allerwege Und zur geruhsamen
Stund erfasst unsere Seele den traulichen Klang und sehnt sich und sehnt
sich
Urwaldfrieden du stille du heilige Zuflucht der Verwaisten Verlassenen
Verfolgten Weltmüden du einziges Eden das dem Glücklosen noch geblieben
Horch Andreas Hörst du noch das Klingen und Hallen des wortlosen Liedes
Das ist das Jauchzen der Hirten in ihrem Paradiese Hörst du auch das ferne
Pochen und Schallen Das ist der Holzhauer mit der Axt der Engel mit dem
Schwerte
Bei den Hirten
Das Hirtenvolk ist das erste gewesen Die Hirten sind von den Menschen denen
man in diesen Waldbergen begegnen kann die harmlosesten So habe ich mit dem
Hirtenvolke angefangen
Hab jetzund auch schon ein gut Stück Schäferleben ausgekundschaftet Bis
auf die zweie oben in der Miesenbachhütte sind sie aber nicht allhier daheim
die Hirten sind nirgends recht daheim sind Wandersleute Zur Winterszeit leben
sie draußen in den vorderen Gegenden hausen in Bauernhöfen denen sie
angehören Sie leben zwar dort bei den Menschen schlafen aber bei den Rindern
und Ziegen Dann kommt das Frühjahr die Ähren auf dem Felde gucken schon ein
wenig aus den grünen Hülsen hervor und gen Himmel auf zu sehen ob nicht die
Schwalben schon da sind Die Frühlingsgiessbäche schwinden und trocknen Jetzt
tun sie ihren Viehstand aus dem Stall und ziehen selbander den Almen zu Die
Kühe tragen schellende Blechglocken die Kalben und Stiere tragen grünende
Kränze wie am Gottsleichnamstag die Menschenkinder
Bei dem Auftriebe zur Alm wenn junge Leute und Rinder mitsammen wandern
geht das Bekränzen ohn Ärgernis ab wenn aber nach vielen Flitterwochen auf
lichten Höhen die Rinder zum Spätherbst wieder mit frischen Kränzen zurück ins
Tal kommen so trägt nicht immer auch die Sennin den grünen Zweig noch im Haar
Auf der Alm gibt es viel Sonne und wenig Schatten und das frische Wasser muss
der Almbub weiten Weges herbeischleppen da verdorrt bigott nichts leichter
als so ein zart Sträusslein im Lockenhaar
Zur lieben Sommerszeit ist es da oben gut sein So sind sie denn gut froh
und ich wahrhaftig und bei meiner Treu ich bins mit ihnen Gram und Herzweh
sind wie Glashauspflanzen die wollen in der frischen Alpenluft nicht gedeihen
Gar der Alte der sonst brumbeissige Ochsenhalter der seine schwerfällige Schar
auf den Almen weidet hat ein hölzern Pfeiflein bei sich das trotz der
heisergewordenen Lunge des Alten noch rechtschaffen hell mag jauchzen Allerweil
singen und blasen sonst wird er mager der arme einsame Narr und das Öchslein
nicht fett
Und in der Sennerei da ists gut bestellt da ist hübsch alles beisammen
An dem Herd mit der Flamme und den russigen Töpfen sitzt die Häuslichkeit Vor
dem wackelnden Tisch an dem kindisch aufgeputzten Hausaltar kniet die Religion
Und wo die Bettstatt steht da hätte Gott nichts Besseres mehr hinzustellen
vermögen Aus rauen Brettern ist das Bett gezimmert mit Moos und Binsen
gefüttert weiter gehts mich nichts an In der Nebenkammer stehen Kübel und
Töpfe da ist das Milch und Buttergeschäft dessen Erträgnis dem Eigentümer der
Sennerei redlich zugeliefert wird
Die ganze Wirtschaft schließen vier Holzwände ein in denen die Almerin
nächtlicherweile das Goldmännlein klöpfeln hört dieses Klöpfeln bedeutet ihr
die Erfüllung des Herzenswunsches Ich habe der gläubigen Aga nicht sagen
mögen dass ich meine das klöpfelnde Goldmännlein dürft ein fleißiger Holzwurm
sein Was der tausend gingen auch den Holzwurm ihre Herzenswünsche an Diese
werden aber doch erfüllt die einfältigen Leute da herum haben lauter Wünsche
die erfüllbar sind Und wie die Maid in der Hütte so schlummert im Stall der
Hirtenbursche Sein Wunsch ist ausschlafen
Am Morgen da schreit die helle Sonne zum Fenster herein Sie schreit es
sei Zeit Da will die Sennin mit dem Kübel in den Stall wo unter vier Füßen die
weißen Milch und Butterbrünnlein fließen Auf die Milch wartet schon die Flamme
des Herdes und auf die Suppe der Hirtenbursche Er jodelt und jauchzt da
vergeht die Zeit Das Einfachste aber ist schon wies der Bertold macht er
legt sich unter die Bäuche der Kühe und trinkt das Frühstück gleich aus dem
Euter heraus
Just bei dem Bertold und der Aga in der Miesenbachhütte hab ich meine
Erfahrungen gemacht Nimmt nach der Morgensuppe die Aga den Korb auf den
Rücken und stiegt hinab gegen die Futterwiese der Talmulde auf dass sie als
sorgsame Hausfrau ihrem vierfüssigen Gesinde den Tisch bereite bei dem es sich
melken lässt Mahl hält die Herde den ganzen Tag schon zur Morgenfrühe leitet
sie der Bertold auf die taufrische Weide
Ich habe zu solcher Stunde einmal der Aga zugehört Sie trillert und singt
und ich schreibe mir so Sachen gerne auf
»Wan da Winkelboch va Milch wa
Und da Hochkogl va Butta
Und is Winkeltol vul Sterz dazua
Däs war a Fressn mei Bua«
Der Bertold hörts besinnt sich nicht lange auf ein so sachlich Lied
gehört ein noch sachlicheres Er steht auf der Wand und singt dem Mädchen zu
»Wan dei rots Hor va Guld wa
Und dei Kröpfl vul Tola
Und dei Miada vul Edlstoan
Däs wa ma recht däs kunts toan«
Und drauf sie
»Die Tola tatn dih juckn
Die Edlstoan tatn dih druckn
A guldanas Hor war olls zviel zort
Fü dein borstadn Bort«
Sie bleiben einander nichts schuldig im Schnaderhüpfelgefecht
Wie es aber nur kommen mag dass im Waldland für Lieb und Zärtlichkeit nicht
so viele Worte wachsen wollen als für Spott und Posse Ist schon die Lieb da
unten nicht gar geschwätzig so ist sie hier oben bei den Legföhren und
Kohlröschen stumm wie der Fisch im Wasser Der Kuss wird hier auch nicht so
abgeschäckert wie anderswo Es ist möchte ich sagen als wie wenn sich das
warme Blut nicht Zeit nehme bis an die Lippen heraufzusteigen zu einer Weile
wo es anderwärtig so viel zu tun gibt In die Arme fährt alles hinaus und weiß
sich so ein verliebter Bursche mit seiner Empfindung nicht anders zu helfen so
fasst er sein Mädchen wie der Müller den Kornsack und schwingt es hoch in die
Luft und tut ein Jauchzen dabei dass schier die Wolken auseinanderfahren wenn
ihrer am Himmel stehen
Der Bertold macht es um kein Tüpfelchen anders Es sind zwei junge
blutarme Leute auf der einsamen Alpenhöh sich selbst überlassen Was ist da zu
beginnen Je nun je nun ich denk für mich dieweilen noch gar nichts
Bei den Waldteufeln
In dieser Wildnis gibt es Gewerbe von denen ich keine Ahnung gehabt habe
Buchstäblich von der Erde von dem Gestein heraus graben die Leute ihr Brot Und
von den Bäumen schaben sie es herab und aus dem allebendigen Ameishaufen wühlen
sie es hervor und aus ungeniessbaren Früchten zwingen sie es durch die
hundertfältigen Mittel ihrer Schlauheit Dass der Mensch doch so alles zu finden
und zu nützen weiß Hat er aber schon alles gefunden und genützt Und die
Bedürfnisse sind sie schon dagewesen ehe die Mittel gefunden worden oder sind
sie die Folgen der errungenen Dinge Wäre das letztere der Fall ich hielte
die tausenderlei Errungenschaften für keinen Gewinn
Die verkommenen oder verwegenen »Waldteufel« stehen mit den Menschenscharen
draußen in engerer Verbindung als man meint und als sie es vielleicht selbst
ahnen mögen Na doch sie wissen es gar wohl Da ist gleich der Wurzner Seine
Lodenkutte geht ihm schier bis zu den Waden hinab sein Hut ist ein wahres
Familiendach das aber stellenweise schon durchlöchert ist und bricht Schon von
weitem kennt man ihn Da oben im Gestein klettert er herum und wühlt mit seinem
krummen Stecheisen die Speikwurzel hervor dabei brummt er denn gar zuweilen
sein schlecht Liedel
»Wan ih speikgrobn tua
Auf der Olm do herobn
Do denk ih gern auf dWeibaleut
Darots es wo da Speik hinkimmt
Ins Türknlond für dWeibaleut
Damit s an bessern Gruchn kriagn
Im Türknlond de Weibaleut«
Ich weiß es noch nicht ob es wahr ist dass Speik von hier in die Türkei
wandert Aber sie glauben es und so ist es ihnen so viel als wahr Dieses stolze
Bewusstsein des Wurzners dass er die Frauenwelt des Morgenlandes in einen
besseren Geruch bringe wird angefochten
Dort auf der Felswand steht ein alter Gefährte der hört das Lied er häkelt
die Messinghäftchen seines Wamses auf und öffnet seinen Mund
»Wanst ollaweil auf die türkischn
Weibaleut denkst
Du Loter do hots an Fodn
Geh gwürz dih liaba selba
Mit Speik auf der Olm
Kon da nit schodn«
So necken sie sich und das ist ihre harmlose Seite Aber der Waldteufel hat
seinen Pferdefuss Der rechte Waldmensch hat einen doppelläufigen Kugelstutzen
der eine Lauf heißt »Gemsennot« der andere »Jägertod« Könnt er schreiben mit
seinem krummen Messer hätte er diese Namen in den Stahl gegraben aber er merkt
sichs im Kopf das von Gemsennot und Jägertod
Längst hätt er das Graben aufgegeben und wollt ganz dem Wildern leben
aber er vermeint unter den Steinen und Wurzeln einmal einen vergrabenen Schatz
zu finden Schatzgraben Gold und Edelstein unter der Erde das hat er im
Märchen gehört und kann es nimmermehr vergessen
Gold und Edelstein unter der Erde Schatzgraben Das Märchen hat recht
der Wurzelgräber hat recht der Ackersmann hat recht der Bergknappe hat recht
Aber der Schatzgräber hat nicht recht
Meine Wirtschafterin sagt das traurigste Schatzgraben sei ihr gewesen als
sie vorzeit ihren Schatz begraben
Das acht ich dass ich den Wurzner oder den Pechschaber oder den
Ameisenwühler nicht beleidige So Leute heben gar mit dem Wettermachen an dass
all des Teufels ist Blitz und Hagel kann die Wälder vernichten weit und breit
Darum in den Alpengegenden die vielen schweren Gewitter weil dahier die
Wettermacher daheim Wie sie es aber anfangen dass die Nebel aufsteigen aus den
Schründen und Wetterlöchern dass die Taustäubchen zu Wasser verdichten dass die
Tropfen zu Eiskörnern erstarren dass die Eiskörner zu check sich kochen dass
aus den Wolken das Feuer sprüht dass die flammenden Wurfspiesse der Blitze
hinsausen durch die Nacht und dass die ungeheuren Rollen der Donner sich wälzen
bis endlich alles niederbricht zu den zitternden Menschen und Tieren der Erde
wie sie das anfangen das soll ein tiefes Geheimnis der wilden Gesellen sein
ich habe es bislang nicht zu erfahren vermögen
Eines ist gewiss Der Bauer der vorderen Gegenden hat eine Art Ehrfurcht vor
den Wildlingen im Gebirge und liefert ihnen oft Lebensmittel gegen geringes
Entgelt es ist doch allfort besser im Beutel kein Gewinn als auf dem Felde
Schaden
Wahrhaftig das ist ein verhängnisvoller Wahn dieser Menschen dass sie durch
eigenes Wollen und eigne Kraft Dinge zu wirken vermeinen von denen die
Schöpfung den menschlichen Witz ausgeschlossen hat und dass sie dagegen Dinge
verabsäumen in denen sie durch eigenes Wollen und eigene Kraft Großes
hervorzubringen vermöchten Es ist jedoch draußen wo die Macht und
Geistesstolzen wohnen auch nicht besser nur dass dort andere und schädlichere
Irrtümer sind denn sie werden mit bedeutenderen Mitteln und in größerem Masse
begangen als hier Glorreich o Menschheit sind deine Fortschritte aber in
deinen ungeheuerlichen Vorurteilen bist du noch immer ein sehr erbärmlich Ding
Da oben hinter dem Bergrücken ist eine umwaldete Talmulde die sie die
Wolfsgrube nennen Vor kurzem bin ich in dieser Wolfsgrube gewesen Ich komme
eben zurecht wie sie einen Mann begraben der weder Wurzner noch Ameiswühler
noch Pechschaber noch Branntweinbrenner noch ein Wilderer gewesen war Aber
der allermerkwürdigste Waldteufel Die Sache hab ich teils selbst erfahren
teils ist sie mir erzählt und verbürgt worden
Gearbeitet hat er gar nichts Das ist einer gewesen der sich durch Essen
sein Brot erworben hat Sie haben ihn allerwärts den »Fresser« genannt einen
anderen Namen halt ich hat er gar nicht gehabt Das soll ein ganz verkommener
Mensch gewesen sein aber gewaltig stark am Leibe Sein Haupthaar ist durch
Schweiß und Harz zu einem unlöslichen Filz verworren gewesen da hat er keines
Hutes bedurft Sein Bart ist gewesen wie aus verdorrten Fichtennadeln so
stachelig seine mächtigbreite Brust wie übersponnen mit zehnfachem Spinnenweb
da hat er den Brustlatz erspart An seinen wuchtigen Füßen hat sich eine völlige
Hornhaut gebildet da ist ihm das Schuhwerk überflüssig gewesen Eine wüste
Erscheinung Ich hab ihm noch vor einigen Tagen im Winkel begegnet Hebt wie
er mich sieht eine Handvoll Sand vom Boden auf und will den Sand verschlingen
wenn ich ihm eine kleine Gabe dafür wollt reichen Oft ist er hinaus auf die
umliegenden Dörfer auf Kirchtage gegangen hat den Leuten was vorgefressen
Nicht Werg und Bänder und derlei Dinge wie es sonst Taschenspieler tun hat er
verschlungen sondern Tuchstücke Leder und Glasscherben Selbst Schuhnägel und
sie mögen noch so rostig gewesen sein hat er verzehrt Gerne hat er einen alten
Stiefel oder Filzhut zerissen die Fetzen mit Essig und Öl bereitet und
gegessen Das hat ihm Geld eingebracht und sein Beutel wie sein Magen haben wohl
verdaut Unsereinem tät so ein Essen nicht taugen hat der Rüpel gesagt
freilich wohl ein Schnäpslein muss dazu sein das beißt im Magen auch die
Kieselsteine klein Jahr und Tag hat ers getrieben aber ein End nimmts mit
allem und der Ostersonntag hat nicht viel größere Läng wie der Charfreitag
Just beim Schnäpslein ist er gesessen in Kranabetannes Hütte und hat in seinem
Übermut gesagt »Kiefel kaue dein Schwarzbrot nur selber Hannes ich trink
den Branntwein und beiss das Gläselein dazu« Ist jetzund vom finsteren
Herdwinkel ein alter Wurzner hervorgekrochen »s schwarz Brot willst
verachten du« Darauf der Fresser »Geh her Wurzner dich fress ich mitsamt
deiner Krax Rücktrage« Hat der Alte ein Würzlein hervorgezogen »Da tät ich
wohl was haben großer Herr das ist noch ein wenig stärker wie du« »Her
damit« schreit der Fresser errafft das Würzlein und steckt es in seinen
Schlund »Bist hin« hat der Alte gekichert ist davon in den Wald Steht
nicht lang an springt der Fresser auf und hinaus auf den Anger Dort stürzt er
nieder und ist tot über und über Da haben wirs wohl gewusst was das Ding
bedeutet Den alten Wurzner hat kein Mensch gekannt der Teufel ists gewesen
Halb Tat halb Mär so hat es der Leute Aberglauben aufgefasst und mir
erzählt Sie haben den Mann auch nicht hinausgetragen auf den Holdenschlager
Kirchhof Im Moorboden der Wolfsgrube wo nur die Binsengarbe wuchert und ihre
Glockenfähnlein wiegt haben sie eine Grube gemacht In dichtes Fichtengeäste
haben sie den Mann geschlungen mit einer Stange haben sie ihn an das Grab
gewälzt bis er hinabgekollert
Zur selbigen Stund ist eine kleine Schar von Betern über die Moorheide und
durch die Wolfsgrube gezogen Sie waren in einem Kare des Hochgebirgsstockes
gewesen wo ein Kreuz stehen soll im Gestein Diese kleine Schar ist an der
Grube stehen geblieben und hat laut für den Toten ein Vaterunser gesprochen Da
hat jählings eine braune Kohlenbrennerin das Wort ergriffen und in ihrer Art
ausgerufen »Ihr Hascher dem hilft euer fromm Gebet just so viel wie dem Fisch
im Wasser ein trocken Pfaidlein tät nutzen Der ist schon dort wo die Hühner
hin pissen das ist ja der Glasscherbenfresser«
»Nachher gilt das heilig Vaterunser für unsern Viehstand daheim« sagen die
Beter und gehen davon
Ein einziger Mann ein blasser schwarzlockiger niedergebeugter und seltsam
hastender Mann ist noch stehen geblieben an der Grube hat hinabgestarrt hat
eine Scholle auf den Leichnam im Reiserkleide geworfen hat in der Runde
umhergeblickt und die Worte gesagt »Mit Erden werden sie ihn doch bedecken
Seines guten Magens wegen wird ihn der Teufel nicht geholt haben und etwan ist
sein Herz schlechter gewesen als sein Magen«
So die Grabrede Und hierauf kommen ein paar Männer und scharren Erdreich in
die Grube
Ich bin später mit dem gebeugten blassen Mann den sie den Einspanig
nennen wieder zusammengekommen Da habe ich an ihn die Frage getan »Was ist
das mit dem Glasscherbenfresser Das ist doch eine märchenhafte Geschichte«
»Märchenhaft ist das ganze Waldland« spricht der blasse Mann »Und der
Aberglauben ist dieser Leute geistiges Leben«
Nach diesen Worten hat er sich gewendet und ist emsig von hinnen geholpert
Wie Alter bist nicht auch du selber ein Sohn des Waldlandes Bist
wahrhaftig seltsam und märchenhaft genug Den Einspanig den Einsamen nennen
sie ihn sonst wissen sie schier nichts von ihm zu sagen
Auch mit den Pechern hab ich schon Bekanntschaft gemacht Der Pecher das
ist schon auch ein wunderlicher Geselle Man riecht ihn schon von weitem und man
sieht ihn glitzern durch das Dickicht Die Hacke glitzert mit der er das Harz
von den Bäumen schabt die Steigeisen glitzern mit welchen er an den glatten
Stämmen emporklettert wie eine Waldkatze um den Baum auch an seiner Höhe
abzuernten oder wenn keine Ernte ist zu verwunden auf das für künftig das
Harz hervorquelle Und die Lederhose glitzert und der mit Pech völlig
überzogene Lodenspenser glitzert und die Scheide des langen Messers an den
Lenden glitzert und letztlich das Glutauge Wenn eine Blüte oder eine
niederfallende Tannennadel ihn streift so bleibt sie kleben an seinem Arm an
seinen Haaren an seinem Bart Wenn eine Fliege herumtanzt oder ein Falter oder
eine Spinne das Tierchen bleibt kleben an dem Manne und bunt besetzt ist sein
Kleid mit kleinen aus dem Pflanzen und Tierreiche wenn er in Wald und
Abenddunkel heim in seine Klause kehrt Der Pecher verwundet die Bäume arg und
bringt sie zuletzt ums Leben Der Urwald ist dem Untergang verfallen Die alten
Tannen und Fichten sind durch den Pecher zu Krüppeln geworden jetzt strecken
sie ihre langen Arme nach ihm aus möchten den Todfeind am liebsten erschlagen
Aus dem Harze bereitet der Pecher durch das Verfahren des Abdunstens das
Terpentin und andere Öle wie sie in den Waldgegenden gegen allerhand
Krankheiten und Gebrechen in großen Mengen verwendet werden Ich habe schon
mehrmals zugesehen auf so einer Brennstelle wie die schwarze Masse kocht und
brodelt bis sie in geschlossene Tonbehälter kommt aus welchen ihr zu
gewinnender Gehalt durch Röhren in die Zuber und Flaschen übergezogen wird Mit
diesen Zubern und Flaschen in einem großen Korbe geht nun der Mann hausieren
Der Holzschläger kauft Pechöl gegen jegliche Verletzung die er sich in seinen
Kämpfen mit dem Walde zuzieht Der Kohlenbrenner kauft Pechöl gegen Brandwunden
der Kohlenführer für sein Ross der Branntweinbrenner für sein Fässlein Der
Wurzner kauft gegen Verrenkungen und gegen Bauchgrimmen das er sich durch seine
meist ungekochte Nahrung zuzieht Das Kleinbäuerlein weiter draußen kauft Pechöl
für sein ganzes Haus und Vieh gegen alle bösen Zustände
Du Pechölmann Mir nagt seit lang schon im Herzen ein kleinwinzig Käferlein
wärs nicht zu tilgen mit deinem gallbitteren Öl
In des Pechers Klause darf man sich nicht niedersetzen man bliebe kleben
Und gleich kämen die kleinen ungewaschenen und zerzausten Rangen heran und
krabbelten empor und ritten gar auf den Nacken und man käme ihrer nicht mehr
los Das sind die lebendigen Sünden der Alten sagt meine Haushälterin
Besser lebendige als wie tote sage ich
Des Pechers Wohnung ist einfach genug Unterhalb der nackte Erdboden
oberhalb das schieferige Baumrindendach seitalb die Wand aus rohen Stämmen
gezimmert und mit Moos verstopft Der holperige Steinherd ist gleich als Tisch
eingerichtet Unter der Bettstatt ist die Vorratskammer für Erdäpfel Schwämme
und Holzbirnen Der wurmstichige Kleiderschrank ist das allerheiligste des
Hauses er bewahrt die geweihten Andenken der Voreltern das Taufangebinde der
Kinder und den Wettermantel des Pechers wenn er nicht am Leibe ist Die Fenster
haben kaum so viel Glas wie die Leut sagen der »Fresser« sich daran hätte
satt essen können »Lappen und Strohpapier sind auch so gut wie Spiegelscheiben
wenn einer kein sauberes Gesicht durchgucken lassen kann« meint der Pecher
Wohl der weiß von Spiegelscheiben was der ist nicht allfort im Wald gewesen
Gar weit weit in der Wienerstadt etwan ist er wachgestanden vor Spiegelscheiben
hat ihm nicht gefallen ist durchgegangen ist eingefangen worden ist
spiessrutengelaufen ist wieder durchgegangen und in die Wildnis herein lässt
sich nicht mehr fangen
Hinter dem Schrank hängt das Schiessgewehr Tritt einmal der herrschaftliche
Jäger ins Haus und sieht ers so ists gut eine Waffe muss sein im Wald gibt
es Wölfe
Sieht ers nicht so ists besser
Bei des Pechers Hauswirtin ists auch so sieht man sie so muss man
bedenken dass im vierzigsten Jahr bei niemandem ein neuer Frühling mehr
anbricht dass wie das Sprichwort sagt am Halse ein Kropf besser ist als ein
Loch das einäugig und nicht blind und dass ein wenig säbelbeinig weder Schande
noch Prahlerei ist Sieht man sie nicht so ists besser
Wie ich aber schon wahrgenommen hab bleibt an manchem Pecher zuweilen auch
ein junges kleben Viele Landmädchen sind um ein gut Teil anders wie die
Stadtfräulein
Die Stadtfräulein haben es zumeist nicht ungern wenn ihre Liebhaber recht
schön weiß und zart und schlank und gefügig sind und zärtlich wie Tauben Die
Landdirnen wieder mögen einen der recht derb und rau und struppig und eckig
und wild ist Wenn eine die Wahl hat zwischen einem der ihr schäkernd die
Strümpferln stopfet und einem andern der sie anwettert mit jedem Wort so
nimmt sie den Wetterer
Sie hat ihn ja doch im Sack Wie geht das Lied das der Pecher gern gern
singt
»Fürs Pech hon ih mei Hackel
Fürs Haserl mei Bix
Fürn Jager a por dicke Fäust
Fürs Mensch hon ih nix
Nix is ollszweng hot s gsogt
Hot mih ba da Tür ausgjogt
Hiazt geh ih und prügl an Jager o
Dass ih an Unterholtin ho«
Mag sein dass nicht viel Schönes dran ist indes wer einmal so ein Lied
singt der tut dem Jäger nichts Wer mit finsteren Gedanken umgeht der singt
kein heiter Lied
Unter den Waldteufeln der Gehobeltste der Geschmeidigste und meines
Ermessens der Gefährlichste ist schmeidigste und meines Ermessens der
Gefährlichste ist der Branntweiner Er trägt ein feineres Tuch wie die andern
und schneidet allwöchentlich seinen Bart Er trägt allerwege so ein Fläschlein
mit sich herum mit dem er vertraulich jedem aufwartet der ihm in den Weg
kommt »Du« sagt er zum Wurzner zum Pecher wenn es heißer Sommer ist »du
ein kühl frisch Tröpfel hätt ich da« Und wenn es kalter Winter ist »Du los
horch auf das höllisch Feuer hätt ich da«
Wer trinkt der ist ihm verfallen der kommt ihm in die Schenke
Der Branntweiner erntet zweimal Fürs erste von den Ebereschen die roten
Beeren von den Hagebutten Wacholdersträuchern vom Heidekraut von allem was
hier Früchte hervorbringt Der Branntweiner glaubt an den Geist der Natur der
in allen Geschöpfen lebt und beschwört ihn hervor aus den Früchten des Waldes
und wie jener Zauberer im Märchen hinein in die Flasche flugs den Stöpsel
darauf dass er gefangen ist Seine Brennerei ist ein förmlicher Zauberkreis
unter dem hohen finsteren Tann ein Kreis wie ihn auch die Spinne zieht und
einwebt Bald sind ein paar Fliegen da und zappeln im Netze Die Waldleute wie
sie herum und ihren Geschäften nachgehen zuletzt aber kleben bleiben in der
Schenke das sind der zweibeinigen Spinne die Fliegen an denen der
Branntweiner nun seine zweite Ernte hält
Jedes Weib rät dem Mann er möge nicht den Weg über den Tann nehmen der sei
so finster und uneben er sei auch weiter als jeder andere Der Mann siehts
ein hat auch gar nichts auf dem Tann zu tun aber s ist eben ein wandelbar
Ding die Gesundheit wie er so hinschreitet da empfindet er jählings ein
Drücken in der Gurgel ein Grimmen im Bauch ein schlimmes Grimmen schier wie
die Magengicht Pechöl hat er keines bei sich da weiß er nur noch ein Mittel
und er nimmt den Weg über den Tann »Das erste Gläschen sagt der Rüpel
lindert den Schmerz das zweite macht warm ums Herz das dritte macht noch
wärmer das vierte macht den Beutel nicht mehr ärmer das fünfte tut erst die
Glieder spannen bei dem sechsten wackeln schon die Tannen bei dem siebenten
geht es glühheiss durch den Leib bei dem achten verlangt sichs nach dem Weib«
Heimwärts wankend aber flucht der gute Mann über das »schlechte« Weib dass
es ihm in diesem schaudervollen Nebel mit keinem Licht entgegenkommt und wenn
er endlich den Hut tief und schief in die Stirne gedrückt zur Hütte
hereintorkelt so weiß das was Weib schon was es geschlagen hat und was es noch
schlagen könnte wenn es nicht sich nicht beeilte sofort auf den Dachboden oder
anderswohin zu entkommen
Mich närrischen Jungen stimmen meine Entdeckungsreisen heiterer als ichs
je vermeint hätte Es liegt ein traurig Geschick über diesem Völklein aber
dieses Geschick macht zuweilen ein unsäglich spasshaftes Gesicht Ich halte diese
Waldleute auch nicht für so verdorben Verwahrlost und ungeschlacht sind sie Es
ließe sich vielleicht was aus ihnen machen nur Sauerteig muss dazu kommen dass
sie aus ihrer Versunkenheit einmal auflockern
Aussterben wird das Geschlecht nicht so leicht Gerade in dem feuchten
dunkeln Waldboden gedeihen die kleinen Rangen wie die Pilze Die Jungen gehen
den Weg der Alten und tragen die Wurzelkrampe oder den Hirtenstab oder die
Pechhacke oder die Holzaxt
Beim Pfarrer draußen in Holdenschlag ist bekannt dass die Waldkinder lauter
Mädchen sind Die Knaben werden zumeist getauft mit dem Wasser des Waldes sie
sind in kein Pfarrbuch geschrieben auf dass sie vergessen bleiben draußen im
Kreisamte und im Verzeichnisse der Wehrpflichtigen Die Männer hier sagen die
Landesregierung und was dazu gehöre koste ihnen mehr als sie ihnen wert wäre
und sie verzichten darauf Das lasse ich gelten aber die Regierung verzichtet
nicht auf die gesunden Winkelstegerleute
Die Mädchen werden sie ein wenig flügge gehen bald auch ins Ameisen und
Wurzelgraben ins Kräutersammeln und sie wissen für alles Absatz und sie
pflücken die Erdbeeren und die Hagebutten und Wacholderfrüchte für den
Branntweiner Und die Jungen denen noch das Höschen nicht trocken wird den
ganzen Tag helfen schon auch den Branntwein trinken
Vor einiger Zeit habe ich einer Kinderschar zugesehen Sie spielen unter
Lärchenbäumen Die niedergefallenen Lärchzapfen sind ihre Hirsche und Rehe
denen sie grünes Reisig vorlegen zum Fressen Andere laufen umher und spielen
hinter Gebüsch »Verstecken« »Salzhalten« »Geier austreiben« »Himmelund
Höllfahren« und wie sie die Schalkheiten und Leibesbewegungen alle heißen
Man sieht ihnen gerne zu sie sind zwar alle halbnackt haben wohlgebildete und
gesunde Glieder und ihre Spiele sind so kindlich heiter wie ich anderwärts
noch nie Kinder spielen gesehen habe Hier ist die verwundbare Stelle des
»Waldteufels« der am Ende ein gehörnter Siegfried ist
Ich habe den Kleinen unter den Lärchen fortwegs zugelächelt aber sie haben
mich kaum angeblickt nur dass sich die Jüngsten vor mir gefürchtet Nach einer
Weile hab ich es versucht mich in ihre Spiele zu mengen wie sich da die
meisten gleich verblüfft zurückgezogen haben Nur wenige geben sich mit mir ab
wie ich aber von diesen wenigen im Wettlaufen und Haschen einige Male überlistet
werde da kommen auch die anderen wieder herbei Und bald bin ich in dem
tollschwirrenden Kreise dieser jungen Menschen ein guter und gern gesehener
Bekannter Ich schwätz ihnen manches vor noch öfter aber lasse ich mir von
ihnen erzählen Ich gehe zu den Kindern in die Schule um die Schulmeisterei zu
lernen
Von oben durch einen Strick zur Höhe ziehen lassen sich die Waldleute nicht
wer sie für die Höhe gewinnen will der muss ganz zu ihnen niedersteigen muss sie
Arm in Arm und wohl auf weiten Umwegen emporführen
Im Felsentale
An den Lehnen der Voralpe und an den Hängen des Hochzahn und seiner
Gletscherketten ziehen sich fort und fort die Waldberge hin in der Richtung
gegen Abend Von oben gesehen liegen sie da in der Bläue wie ich mir das Meer
denke bergend in ihren Gründen die ewigen Schatten und die seltsamen Menschen
Eine Tagreise vom Tale der Winkel gegen Abend hin fernab von der letzten
Klause ist jene Stelle von der die Waldleute sagen da sie die Welt mit
Brettern verschlagen
Mit Steinen vermauert wäre besser gesagt Senkrecht aufsteigende
tiefklüftige Wände schließen hier das Waldland ab Es beginnt der Urstock der
Alpen in welchem die Felsschichten nicht mehr liegen noch lehnen sondern
fallrecht gegen Himmel ragen Ein Meer von Schnee und Eis mit Klippen an denen
ewige Nebel hängen soll unabsehbar hingebreitet sein über die Riesenburgen die
da oben ragen und vormaleinst ein Eden gewahrt haben das heute versteinert und
in Starrnis versunken ist So die Sage Dass doch dieser wundersame Traum von
einer einstigen verlorenen Glückseligkeit die Herzen aller Völker und
Volksschichten durchdämmert
Dass jenseits des Alpenstockes wieder menschenbewohnte Gegenden beginnen das
wollen mir viele Leute hier gar nicht glauben Nur ein alter schlau blinzelnder
Kohlenbrenner sagt sein Großvater hätte wohl einmal erzählt es seien da hinten
drüben Menschenwesen die so hohe und spitze Hüte trügen dass wenn sie des
Nachts auf den Bergen herumgingen sie nicht selten damit einen Stern vom Himmel
stechen täten Und der Herrgott müsst des Abends jedmal sorgsam die Wolken
vorschieben sonst hätt er längst mehr kein einzig Sternlein an seinem Himmel
Der Schalk hat die Spitzhüte der Tiroler gemeint
Wo nun dieses Waldland von dem Felsgebirge begrenzt wird sind verrufene
Stellen Dort hat man schon manchen toten Gemsjäger gefunden dem ein Körnlein
Blei durch die Brust gegangen Auch bricht sagen die Leute aus einer der
zahlreichen Felsenhöhlungen zuweilen ein Ungeheuer hervor das alles
verschlingt das aber im Gebirge einen unermesslichen Schatz von Edelgestein
bewacht Wenn das Waldland noch eine Weile besteht so muss ein heldenhafter Mann
kommen der das Ungeheuer besiegt und die Schätze hebt Bislang ist noch kein
solcher dagewesen
Ich meine ich wollte es erkennen und nennen das Ungeheuer
Den finsteren Sagen angepasst ist jene Gegend Sie ist ein totes Tal in
welchem kein Finklein will singen keine Wildtaube will glucken kein Specht
will hacken in welchem die Einsamkeit selbst ist eingeschlummert Auf dem
grauen Sandmoosboden liegen zerstreut Felsblöcke umher wie sie von dem hohen
Gewände niedergebrochen sind Dort und da ist ein vorwitziges Fichtenbäumchen
hinangeklettert auf einen solchen wettergrauen Klotz und blickt stolz um sich
und meint es sei nun besser als die anderen halb verkommenen Gewächse unten
auf dem Sandboden Wird nicht lange dauern so wirst du verhungern und
verdursten auf dem dürren Felsboden und herniederfallen Hierum kann der Wald
nicht gedeihen und steigt doch wo eine schlanke kerzengerade Fichte empor so
sind ihre Tage gezählt Jählings kommt ein Sturmwind niedergefahren von den
Felsmulden und legt den schönen jungen Stamm mitsamt der losgelösten Wurzel fast
sanft hin über den Boden Und da tut er jetzund als wollte er eine kleine Weile
sich nur ausrasten und bald wieder aufstehen mit seinen grünen Zweigen und
weiter wachsen und indessen fallen ihm schon die Nadeln ab und es schrumpft und
springt die Rinde und die Käfer lösen sie los und nach einer Zeit liegt das
nackte bleiche Gerippe da das immer mehr und mehr in die Erde hinein versinkt
aus der das Bäumchen einst hervorgewachsen war
Und doch muss eine Zeit gewesen sein in welcher der Wald hier glücklicher
gediehen ist es ragt ja noch hier und da der graue gespaltene Rest eines
gewaltigen Tannenbaumes empor oder eines uralten Ahornes in dessen Höhlen das
Wiesel wohnt oder durch die der Fuchs den Eingang hat zu seiner unterirdischen
Behausung
Die Kiefer allein ist noch kampfesmutig sie will die steilen Lehnen
hinanklettern zwischen den Wänden will wissen wie es da oben aussieht bei dem
Edelweiss bei den Alpenrosen bei den Gemsen und wie weit es noch hinauf ist
bis zum Schnee Aber die gute Kiefer ist dich keine Tochter der Alpen balde
fasst sie der Schwindel und sie bückt sich angstvoll zusammen und kriecht mühsam
auf den Knien hinan mit ihren geschlungenen verkrüppelten Armen immer weiter
vorgreifend und rankend die Zapfenköpfchen neugierig emporreckend bis sie
letztlich in den feuchten Schleier des Nebels kommt und in demselben planlos
umherirrt zwischen dem Gestein
Auf einem der niedergestürzten Felsblöcke dieses letzten Tales des
Waldlandes steht ein Kreuz Es ist unbeholfen aus zwei rohen Holzstücken
gezimmert es hängt stellenweise noch die Rinde daran Still steht es da in der
verlorenen Öde es ist wie die erste Kunde von dem Welterlöser welche der
heilige Bonifaz vormaleinst in den deutschen Wildnissen aufgepflanzt hat Die
Eidechse schlüpft auf dem Felsengrunde dahin ein Reh trippelt heran mit seinen
schlanken Füßen und blickt mit hochgehobenem Kopf und klugen Augen zu dem
Kreuzbilde empor Es will ihm schier bedünken das Ding sei nicht so geradewegs
gewachsen auf dem Stein es hebt ängstlich an hin und her zu lugen es schwant
ihm von jenem schrecklichen Wesen das schlank wie ein Baum auf zwei Beinen
einherzieht und den knallenden Blitzstrahl schleudert nach ihm dem armen harm
und wehrlosen Tiere Des Entsetzens voll schlägt es seine Beine aus und eilt von
dannen
Ich habe schon mehrmals nach der Bedeutung jenes Kreuzes gefragt Seit
Gedenken steht es auf dem Stein kein Mensch kann sagen wer es aufgestellt Der
Sage nach sei es gar nicht aufgestellt worden Alle tausend Jahre flög ein
Vöglein in den Wald und das brächte ein Samenkorn mit aus unbekannten Landen
Alle anderen Körner seien bislang verloren gegangen oder man wisse nicht sei
die Giftpflanze mit der blauen Beere oder der Dornstrauch mit der weißen Rose
oder ein anderes Schlimmes oder Gutes daraus entwachsen Das letzte Korn aber
habe jenes Vöglein auf den Klotz im Felsentale gelegt und daraus sei das Kreuz
entsprossen Man gehe zuweilen hin um davor zu beten manchmal habe das Gebet
daselbst schon Segen gebracht manchmal aber sei auch ein Unglück darauf
gekommen Man wisse also auch vom Kreuze nicht ob es zum Heile oder zum Unheile
sei Den Einspanig sehe man noch am öftesten im Felsentale und er verrichte
seine Andacht vor dem Bilde aber man wisse auch vom Einspanig nicht ob er
Gutes oder Schlimmes bedeute
Nach mehreren Tagen der Wanderung bin ich wieder einmal zurückgekehrt in
mein Haus an der Winkel Mehrmals über das Kreuz im Felsentale und den Einspanig
nachdenkend hab ich im Winkel ein weniges erfahren
Erstlich wie ich eintrete in das Haus wundere ich mich dass dass meine
sonst recht gutmütige Hauswirtin heute gar aufgebracht ist Die Sache soll so
gewesen sein am Försterhause geht der Einspanig vorüber Die Haushälterin
schaut just zur Tür hinaus und denkt Ei wenn sich nur mit diesem seltsamen
Menschen einmal ein kleines Plaudern anheben ließ dass eins doch ein bisschen was
von ihm erfahren könnt Und kaum er so zufällig sein Haupt gegen die Tür
wendet lädt sie ihn artig ein an der Bank ein wenig abzurasten Er tuts sie
bringt ihm eilig Milch und Brot herbei und frägt ihn in ihrer Weise »Ihr guter
Mann Gottes wo kommt Ihr denn her«
»Von dem Felsentale hernieder« ist die Antwort
»Ihr Närrchen« ruft das Weib aus »das soll ja so viel eine böse Gegend
sein Da oben im Felsental ist die Welt mit Brettern verschlagen«
Darauf der Einspanig »Wo ist die Welt mit Brettern verschlagen Gar auf
keinem Fleck Die Berge gehen weit weit zurück hinter den Hochzahn dann kommen
die Hügelländer dann kommen die Ebenen dann kommt das Wasser Viele tausend
Stunden breitet sich das Wasser dann kommt wieder Land mit Berg und Tal und
Hügeln und wieder Wasser und wieder Land und Wasser und Land und Land «
Hat ihn die Haushälterin unterbrochen »Jesus Einspanig wie weit denn
noch«
»Bis heim bis in unser Land in unseren Wald in das Winkel in das
Felsental Ehrsame Frau gibt Euch Gott Flügel und Ihr fliegt fort gegen
Sonnenuntergang und fort und immerfort der Nase und der Sonne nach so kommt
Ihr eines Tages von Sonnenaufgang her geflogen gegen Euer friedsam Haus«
Darauf die Hauswirtin »O du Fabelhans fable wen andern an ich bin die
Winkelhüterin Die Milch schenk ich Euch und redlicher alter Leut Wort dazu
es ist ein Fleck da ist die Welt mit Brettern verschlagen So ist der alte
Glauben und in dem will ich leben und sterben«
Der Mann soll darauf gesagt haben »Weib Eueren alten Glauben hoch in
Ehren Aber ich bin den Weg schon gegangen gegen Niedergang hin und von Anfang
her«
Und dieses Wort hätte das Weib vollends erbittert »Du bist eine
Lugentafel« soll sie gerufen haben »auf dich hat der Teufel seinen
Heimatschein geschrieben«
Und hierauf sei der Mann kopfschüttelnd davongezogen
Das gute Weib muss schon schwer auf mich gewartet haben um sich weiters Luft
zu machen Als ich nach Hause komme ruft sie mir über den Gadern Bretterzaun
her entgegen »Mein Eid mein Eid Was es doch auf der lieben Erde Gottes für
Leute gibt Jetzund glauben sie gar nimmer ans End der Welt Ich aber sag
unser Herrgott hats recht gemacht und ich bleib bei meinem alten Glauben und
die Welt ist mit Brettern verschlagen«
»Freilich freilich Winkelhüterin« gebe ich bei und steige über die Bretter
des Hausgaderns »Wohl richtig mit Brettern verschlagen«
Und so bleiben wir beim alten Glauben
Bei den Holzern
Dass doch der Wald wie er sich so hinbreitet über Höhen und Täler unabsehbar
wie er daliegt grün und dunkel und weiterhin duftig blauend am sonnigen
Sehkreis der stille unendliche Wald dass er doch auch seine Feinde hat
Wie ist das eine schöne säuselnde rauschende brausende allebendige
Ringmauer schützend vor dem wüsten Unfrieden draußen Aber Waldfried ist
gestorben
Im Forste braust der Sturmwind schlägt manchem jungen Tannling den lustig
winkenden Arm weg bricht manchem trotzigen Recken das Genick Und in der Tiefe
rauscht und schäumt in weißen Gischten und Flocken wie ein brandender
Wolkenstrom der Wildbach und wühlt und gräbt und nagt das Erdreich von den
Wurzeln immer weiter und weiter hinein dass der wuchtige Baum zuletzt schier in
der Luft dasteht und sich oben mit starken Armen nur noch an den Nachbarn hält
um nicht zusammenzubrechen endlich aber doch niederstürzt in das Grab das ihm
jenes Wasser heimtückisch gegraben hat Jenes Wasser welches er durch seinen
Nebeltau gestärkt durch seine dichte Krone vor dem Lechzen des Windes
geschützt durch seine Schatten vor dem zehrenden Kusse der Sonne bewahrt hat
Und auf den luftigen Wipfeln hackt der Specht und unter den Rinden frisst die
Borke und das Sägerad der Zeit geht allerwege und die Späne fliegen im
Frühlinge als Blüten im Herbste als gedörrte Nadeln und Blätter
Es geht ewig zu Ende und im Ende keimt ewig der Anfang
Da naht nun der Mensch mit seiner Zerstörungsgier Da schallt das Schlagen
und Pochen da surrt die Säge da klingt das Beil auf das Stemmeisen im dunkeln
Grunde wenn du oben hinblickst über das stille Meer der Wipfel so ahnst du
es nicht welchen es angeht
Aber das Stemmeisen und der Keil dringen tiefer und tiefer da schüttelt
einer der Hundertjährigen sein hohes Haupt er weiß doch gar nicht was die
Menschlein wollen da unten die kleinen possierlichen Wesen er kann nicht
begreifen und schüttelt wieder das Haupt Da geht ihm der Stoß ins Herz unten
knistert es schnalzt es und nun wankt der Riese knickt ein rauschend und
pfeifend in einem weiten Bogen kreist er hin mit wildem Krachen stürzt er zu
Boden Leer ist es in der Luft eine Lücke hat der Wald Hundert Frühlinge haben
ihn emporgehoben mit ihrer Liebe und Strenge jetzt ist er tot und die Welt ist
und bleibt ganz auch ohne ihn den lebendigen Baum
Still stehen die zwei drei Menschlein sie stützen sich auf den Beilstiel
und blicken auf ihr Opfer Sie klagen nicht sie jauchzen nicht eine grausame
Kaltblütigkeit liegt auf ihren rauen sonnverbrannten Zügen ihr Gesicht und
ihre Hände sehen auch aus wie von Fichtenrinden Sie stopfen sich ein Pfeiflein
schärfen die Hacken und gehen wieder an die Arbeit Sie hauen die Äste von dem
hingestreckten Stamme sie schürfen ihm mit einem breiten Messer die Rinde ab
sie schneiden ihn vielleicht gar in klafterlange Stücke und nun liegt der
stolze Baum in nackten Klötzen
Der Holzhauer denkt nicht daran kann nicht daran denken nur dass er sich
wenn der »Meisterknecht« nicht zugegen ein wenig auf den weißen Stock mit den
Jahresringen setzt und wieder ein Pfeifchen stopft oder wie das bei den
Waldleuten schon eine absonderliche Gewohnheit ist sich gar einen Ballen Tabak
in den Mund steckt um einen halben Tag an ihm zu kauen Das Tabakkauen ist dem
Holzschläger ein eigener Genuss es ist ihm wie er sagt das halbe Essen und
dreiviertel Arzenei
Die Baumstämme werden in diesen Gegenden zumeist zu Kohlen verwandelt und zu
diesem Zwecke zu Scheitern oder längeren Stücken »Dreilingen« drei
hackenstiellangen Strünken zerkleinert Die Kohlen werden entweder zu Wagen
oder wo der Weg zu elend ist auf den Rücken der Pferde oder Halbpferde
hinausbefördert zu den Hammerwerken der Vorgegenden Nur die schönsten Stämme
werden als Bauholz verwendet Die Buchen und Ahorne und andere Laubhölzer wie
sie hier wachsen werden am wenigsten benützt nur dass sie ihr Laub für Streu
und Lagerstätten liefern sonst bleiben sie sich selbst überlassen bis sie
inwendig verfault ausgehöhlt nach und nach absterben und zusammenbrechen Dann
entstehen schwammartige Auswüchse auf den vermodernden Strünken und es kommt
der Pecher oder der Wurzner schlägt die Auswüchse los mörsert sie platt beizt
sie ein und bereitet so den Feuerschwamm
Der Holzhauer weiß freilich nichts von der Schönheit der Wildnis Dem
Holzhauer ist der Wald nichts anderes als dem Bauer das Feld auf dem er erntet
Aber er erntet für andere Wie ist das ein langes Tagwerk von der Morgenfrühe
bis zur Abenddämmer eine einzige Ruhestunde nur zu Mittag Während der
Waldteufel sein eigener Herr ist der Holzhauer der Herren Knecht Was die
Nahrung anbelangt so ist der Holzschläger ein Geschöpf das sich von Pflanzen
nährt außer er wäre ein tüchtiger Wilderer und ließe sich nicht erwischen Doch
schwelgt er in der Einbildung und nennt seine Mehlnocken gerne nach den Tieren
des Waldes So genießt er zum Frühstück zum Mittagsmahle zum Abendbrot nichts
als Hirschen Füchse Spatzen und wie er seine Mehlnudeln schon tauft Mich
hat ein junger Mann eines Freitags zu einem »Hirschen« eingeladen Ei denke
ich der hält den Fasttag nicht das ist sicher der Evangelischen einer die von
den Bauernkriegen her in den Alpen zurückgeblieben sein sollen Aber jene
»Hirschen« sind harmlose Mehlküchlein gewesen
Achtzehn Groschen Arbeitslohn des Tages das ist schon eine gute Zeit
mancher Wäldler hat sich davon ein Häuschen Weib und Kind und eine Ziege
angeschafft Das ist dann ein eigener Herd da kommt zu dem Mehlgerichte noch
eine fette Ziegenmilchsuppe und zu der Suppe ein Häuflein schreiender Rangen
da gehts schon hoch her
Indes ist der Aufwand in der Waldhütte nicht übertrieben Es wird zum Glücke
von braven Familienvätern nicht viel verlangt
»Jo won mas holt hot
Kon ma lebn noch sein Gschmock
Für die Kinder a Brot
Und für mih an Tabok«
heißt ein Lied des Waldhäuslers
Andere freilich und wohl die meisten ertränken ihr Erworbenes und ihre
anspruchslose Zufriedenheit im Branntwein Solche Junggesellen wohnen zusammen
zu Dutzenden in einer einzigen Hütte kochen ihr Mahl an einem gemeinsamen Herd
der in der Mitte der Klause steht An den Wänden ringsum sind die Strohlager
aufgestellt
In jeder Hütte haben sie einen »Goggen« und einen »Tomerl« der Gogg ist
ein Holz und Eisengestell auf dem Herde welches die Kochpfannen über dem Feuer
hält es sind deren oft ein Halbdutzend um die Flammen aufgerichtet Der
Tomerl ist ein Mensch der aber auch Hansl oder Lippl oder wie er will heißen
kann aber gewöhnlich einen grossmächtigen Kopf hohe Achseln und kurze Füße hat
der die Hände gerne bis zu den Knien hinabhängen lässt und allweg grinst und
lächelt ohne dass er selbst weiß warum Er ist das Stubenmädchen der
Küchenjunge der Holz und Wasserträger allfällig der Ziegenhirt die
Zielscheibe für ledige Späße und die Hausehre Jede ordentliche
Holzknechtütte muss einen Tomerl haben
Ferner sind in der Holzknechtütte in irgendeinem Winkel unter irgendeiner
Diele stets geladene Kugelstutzen verborgen
Der Werktagsanzug der Holzschläger hat keinen ausgeprägten Grundzug er ist
zum Teile ein zerfasertes Lodengewebe zum Teile ein mattfarbiges
Strickwollenzeug zum Teile eine hornähnliche Lederrinde alles mehr oder minder
mit Harz überklebt ausgiebig den inneren Menschen verdeckend Das Wahrzeichen
aber ist der hohe gelblich grüne Hut mit dem Federbusche Der Federbusch muss
wohl in Ordnung sein daran hängt weiß Gott eine Wilderer oder
Liebesgeschichte oder ein »saggerisch Raufen«
Aber wenn einmal die Kirchweih kommt Die Kirchweih muss es sein denn
Sonntage gibts hier nicht fehlt ja doch des Sonntags Herz die Kirche
Zur Kirchweih ziehen sie hinaus zu den ferneren Orten und da sind sie
angetan diese rauen Waldmenschen mit Frack und »Zylinder« s ist kaum zu
glauben Aber der Frack ist ja aus grobem Loden mit grünem Tuche verbrämt
ganze Bäumchen aus grünem Tuche geschnitten prangen am Rücken über den Schössen
und an den Ärmeln und große Messingknöpfe leuchten in die Ferne und ein
mächtig hoher Stehkragen bildet die Feste um den Kopf auf welchem nun der
ebenfalls aus groben Haaren aber mit einem breiten grünen Bande und funkelnder
Messingschnalle breitkrempige oben weit ausgeschweifte Zylinder sitzt
Bis in die Alpenwildnis herein also die welsche Mode gedrungen
Zum größten Teile sind es gutmütige Menschen gereizt aber können
unglaublich wild werden Da hebt ihr Blut an zu brausen wie ein Sturmwind im
Forst und der kleinste Funken leidenschaftlicher Erregung wird zu einem
Waldbrande Die Augen dieser Waldmenschen so tief sie stecken mögen hinter den
Brauen sind klar und glühend Deutlich ist die Gutherzigkeit darin zu lesen und
der Jähzorn
Aber fromm sind sie schier verdächtig fromm Jeder hat sein
Weihwasserfläschel und sein Anhängsel an der Brust jeder betet seinen
Rosenkranz mit Einschliessung »aller armen Seelen im Fegfeuer und zur Erlangung
von Geld und Gut so nutzlos vergraben ist in der Erden« Und jeder hat in
seinem Leben zum mindesten ein Gespenst gesehen
Wie ich diese Leute bis jetzt kennen gelernt habe ist ihnen ein blutiger
Raufhandel etwas Gewöhnliches schier Selbstverständliches ein Totschlag nichts
so Seltenes Hingegen Diebstähle kommen nicht vor
So sind sie in den Hochwäldern Der Holzbauer wird geboren unter dem Baume
sein Vater gibt ihm möcht ich schier sagen fast eher den Axtstiel in die
Hand als den Löffel und anstatt nach dem Zulp greift der Kleine nach der
Tabakspfeife Wer Tabak nicht zu kaufen vermag der macht sich ihn aus
Buchenblättern
Just sonderliche Armut ist ihnen nicht angeboren Die stille Freude kennen
sie kaum sie fahnden nach gellender Lust Selbst der Schmerz greift nicht recht
an Wenn einer sich mit dem scharfen Beil in das Bein fährt so sagt er es tät
ein bisschen »kitzeln« In wenigen Tagen ist alles wieder heil Haut sich einer
unversehens einen Finger weg so ist das zuwider des Tabakfeuerschlagens
wegen
Tannenharz und Pechöl und ein alter Beinbrucharzt und Zahnbrecher sind in
dieser waldschattigen Welt die ganze medizinische Fakultät
Heimweh ist wenn sie hinauskommen ihr Seelenleid Heimweh die Heimatlosen
Das Leid heißt Sehnsucht nach den Waldbergen in welchen sie einmal den
Jahreslauf durchlebt
Der schwarze Mates
Im Hinterwinkel steht die unheimliche Hütte Ich bin vor kurzem in ihr gewesen
und hab den Raufbold Mates den Menschen mit der herben Schale gesehen Es ist
ein kleines hageres Männchen liegt hingestreckt auf einem Mooslager und hat
Arm und Kopf in Fetzen gewunden Er ist arg verletzt
Die Fenster der Klause sind mit Lappen verdeckt der Mann kann das Licht
nicht vertragen Sein Weib jung und anmutig aber abgehärmt zum Erbarmen kniet
neben ihm und netzt ihm mit Holzapfelessig die Stirn Sein Auge starrt sie fast
leblos an aber sein Mund mit den weißen Zähnen ist als wollte er lächeln Der
Mann riecht stark nach Pechöl
Als ich eintrete hocken ein blasser schwarzlockiger Knabe und ein
helläugiges Mädchen zu seinen Füßen und diese Kinder spielen mit Moosflocken
»Das wird ein Gärtelein« sagt das Mädchen »und da baue ich weiße Rosen an«
Der Knabe bildet aus Hölzlein ein Kreuz und ruft »Vater jetzt weiß ich es
ich mache den Holdenschlager Freitof«
Die Mutter erschrickt und verweist den Kleinen das gellende Geschrei der
Mates aber sagt »Je schreien magst sie schon lassen den Freitof wird auch
noch einer brauchen Aber eines Weib lass dem Lazarus seinen Jähzorn nicht
gelten Um des Herrgotts Willen nur das nicht Du schweigst Du willst mein
Wort nicht halten Meinst etwan du verstündest es besser als ich du ich sag
dirs Weib mach mich nit wild«
Die Lappen reißt er von den Armen und will sich aufrichten Das Weib sagt
ihm liebreiche Worte und schiebt ihn sanft zurück Mehr noch aber schiebt die
Schwäche und er sinkt auf das Lager
Die Kinder sind aus der Hütte gewiesen worden und auf dem sonnigen
Wiesenplane bin ich eine Weile bei ihnen gewesen und habe mich mit ihnen unter
Spielen und Märchenerzählen ergötzt
Ein paar Tage später komme ich wieder hinauf Da geht es dem Kranken ein gut
Teil schlechter Er kann sich nicht mehr aufrichten wenn die Wut kommt
Was ihm denn eigentlich fehle
»So viel geschlagen ist er worden« hat mir das betrübte Weib mitgeteilt
Ich bin anfangs durch die Kinder eingeführt worden und genieße im Hause des
Mates einiges Vertrauen Ich gehe öfters hinauf ich will allzumal auch das
Elend im Walde kennen lernen
Einmal als der Mates in einem ruhigen Schlummer liegt und ich neben dem
Lager sitze atmet das Weib schwer auf als trüge sie eine Last Dann sagt sie
die Worte »Ich getrau mirs wohl zu sagen auf der Welt gibt es keine bessere
Seel als der Mates ist Aber wenn ein Mensch einmal so gepeinigt worden von
den Leuten und so niedergedrückt und so schwarz gemacht wie er so müsst er
kein frisch Tröpfel Blut im Leib haben wollt er nicht wild werden«
Und ein wenig später fährt sie fort »Ich wüsst zu reden ich hab ihn von
Kindeszeit auf gekannt«
»So redet« habe ich entgegnet »in mir habt ihr einen Menschen vor Euch«
»Lustig ist er gewesen wie ein Vöglein in den Lüften hell zuckt hat alles
an ihm vor lauter Freud und Lebendigkeit Und er hats damalen noch gar nicht
gewusst dass er zwei grossmächtige Meierhöf erben sollt hätts auch nicht
geachtet am liebsten ist ihm die Erden Gottes gewesen wie sie daliegt im
Sonnenschein Wartet nur s ist nicht allerweg so fortgegangen«
Und nach einer weiteren Weile fährt das Weib fort »In seinem zwanzigsten
Jahr herum mags gewesen sein da ist er einmal mit einer Kornfuhr in die
Kreisstadt gefahren Das Fuhrwerk hat ein Überreiter Gendarm zurückgebracht
der Mates ist nicht mehr heimgekommen
»Oho Heimgekommen schon« unterbricht sie der Kranke und will sich heben
»Es ist nichts Unrechtes das du erzählst Weib aber wissen wirst es nicht
recht bist ja nicht dabeigewesen Adelheid wie sie mich erwischt haben Ich
erzähls selber Wie ich in der Stadt mein Geschäft fertig hab geh ich ins
Wirtshaus dass ich mir ein wenig die Zunge netz Auf dem Kornmarkt müsst Ihr
denken wird das Redwerk trocken bis der letzte Sack vom Wagen geschwätzt ist
Wie ich in die Wirtsstuben tret sitzen ihrer drei vier Herren bei einem
Tisch laden mich ein dass ich mich zu ihnen setz und mit ihnen Wein trink
Freundlich sind die Herren gewesen eingeschenkt haben sie mir«
Der Mann unterbricht sich um Atem zu schöpfen sein Weib bittet ihn dass er
sich schone Der Kranke hört es nicht und fährt fort »Von den Welschen haben
sie erzählt die in Ewigkeit keine Ruh geben wollen und von den Kriegszeiten
und dem lustigen Soldatenleben und gleich darauf fragen sie wieder wie das
Korn geraten was der Scheffel koste Ich bin lustig worden hab meine Freud
gehabt dass sich mit weltfremden Leuten so schön über allerhand plaudern lässt
Da hebt einer das Glas unser König soll leben Wir stoßen an dass schier die
Gläser springen ich schrei dreimal lauter als die andern der König soll
leben« Der Kranke bricht ab es zittern ihm die Lippen Nach einer Weile
murmelt er »Mit diesem Ruf ist mein Unglück angegangen Wie ich wieder fort
will springen sie auf halten mich fest oho Bursch du bist unser Unter
die Werber bin ich geraten Fortgeführt haben sie den jungen noch gar nicht
ausgewachsenen Menschen unter die Soldaten haben sie mich gesteckt und
verkauft bin ich gewesen«
Mit den knochigen Fingern zerballt der Mates eine Moosflocke
»Gräm dich nicht Weib« stößt er hervor »bin schon besser Mit meinen
letzten Worten will ich das Gezücht noch niederschlagen Das kann ich wohl
sagen auf weitem breiten Feld bin ich nicht so wild gewesen wie dazumal
Heim hätt ich mögen heim hats mich zogen mit schweren guldenen Ketten Und
einmal mitten in der stürmischen Winternacht bin ich fort und heimzu geflohen
Im Rainhäusel hab ich mich aufgehalten bei meiner alten Base Und jetzt haben
mich meine eigenen Landsleute verraten Auf einmal sind die Überreiter da dass
sie mich fangen Just dass ich noch aus dem Häusel und in den Wald hinaufhusch
und denk wenn sie mich überlistet haben so überlist ich sie wieder Zwei
große Fanghunde haben umhergeschnuppert aber ich bin durch den Bach gelaufen
und in demselben eine gut Läng hinan dass die Äser meine Spur haben verloren
Und die Überreiter im Häusel haben alles durchstöbert ins Bettstroh und ins Heu
haben sie gestochen mit ihren Messern die Höllteufel und die ganze Hütte
hätten sie schier umgestürzt Wie sie mich aber nicht haben gefunden hat einer
sein Brennscheit meiner alten Base auf die Brust gesetzt auf der Stell sag
wo er ist oder ich schiess dich nieder wie einen Hund Ja da ist er gewesen
und wo er jetzt ist das kann ich nicht sagen Vor die Tür hinaus haben sie
drauf das Weibel geschleppt drei Gewehrläuf sind auf ihre Brust gerichtet und
insgeheim haben sie ihr zugemunkelt aber gleich schrei so laut du kannst geh
nur her Hiesel die Überreiter sind lang schon wieder davon Willst es nicht
tun wirst morgen begraben Von all dem hab ich im selbigen Augenblick nichts
gewusst wie ich so im Dickicht versteckt bin Hab aber lang gelauert und
gemeint es wäre hell erlogen dass sie mich fangen Da hör ich die Base rufen
geh her Hiesel die Überreiter sind lang schon davon Ich spring auf und
der Hütte zu da seh ich das Weibel die Händ über den Kopf zusammenschlagen
da hör ich schon das Lachen und ich steh mitten drin unter den Überreitern
Herrgotts Kreuz da bin ich wohl nach meinem Taschenfeitel gefahren Hat mir
aber einer den Kolben an den Arm geschlagen Und ein paar Tag darauf gehts
über mich los Die funfzig Rutenstreiche damalen haben den Teufel in mich
hineingeschlagen Mein zerfetzter Rücken ist mit Essig und Salz eingewürzt
worden der Heilung wegen Es hat Eil gehabt Der Welsche ist ins Land
gefahren wie der bös Feind Da bin ich freilich auch in die Hitz gekommen und
hab drein gefeuert Ein einzige Pulverladung hab ich noch gehabt wie der
Feind ist zurückgeworfen für dieselbig Kugel hätt ich noch wen andern gewusst
bei uns herüben auf hohem Ross Aber das nicht das nicht hab ich mir gedacht
Aug in Aug ist gescheiter Und nachher bin ich wieder durchgegangen in die
Heimat«
»Und wenn Ihr Eure Heimat so geliebt warum habt Ihr nicht für sie streiten
wollen« unterbreche ich ihn »warum seid Ihr davongegangen«
»Mag sein dass es eine Schurkerei gewesen« sagt der Mates »mag sein Oder
leicht mags auch nicht sein«
»Mag das sein wie es will« ist meine Antwort »ich kenne einen Mann der
hat nicht nur nicht für sein Land gestritten sondern gegen«
»Ich bin in meiner Heimat nicht verblieben« fährt der Mates fort »mein
Eigentum hab ich im Stich gelassen und hab mich dass sie mich nimmermehr
finden in diese hinterste Wildnis verkrochen Gehetzt gehetzt Herr Jesus
Und dahier bin ich erst das wilde Tier worden Mein Weib du weißt es«
Ein stöhnender Aufschrei war es gewesen aber die Worte sind wie im
Entschlummern gelallt Er schweigt und schließt die Augen Wie ein letztes
Auflodern und ein Verlöschen
»Für einen Hascher haben ihn die Leut gehalten da er ist zurückgekommen«
setzt das Weib fort »Groschen und Pfennige haben sie zusammengeworfen in einen
Hut und ihn denselbigen Hut wollen schenken Dafür hätt der Mates bald ein
paar totgeschlagen er will nichts geschenkt haben Wie ihn darauf die Leut zu
Dutzenden verfolgt ist er auf einen Lärchenbaum geklettert hat sich von einem
Wipfel auf den andern geschwungen wie eine Waldkatz und da haben die Leut
gesehen dass er doch wer ist Aber das Hieselein haben sie ihn spottweise
geheißen Nachher ja freilich wohl hat er sich ein Mädel ausgesucht «
»Das allerschönste im Wald« unterbricht sie der Kranke wieder »und ein
solcher Hoffartsteufel ist in ihm gewesen dass er der Halbkrüppel
demselbigen Mädchen die Treu nur versprochen im Fall er kein schöneres mehr
sollt finden Heiliges Kreuz was ist da nicht gerauft worden Andere haben das
Mädel auch haben wollen Dem Vornehmsten und Saubersten hab ich die Adelheid an
der Nase vorbei heimgeführt und eine Bravere hätt ich nimmer finden mögen«
Wieder schweigt er und überlässt sich dem Halbschlummer
»Fürchterliche Schläg hat er oftmalen bekommen« sagt das Weib »aber auf
den Füßen ist er geblieben und da hat ihn einer herumschleudern mögen wie der
Will Zu jedem Samstagabend hat er sein Messer geschärft für das
Erlholzschneiden aber oftmalen hab ich gebeten lieber Mann um Christi
willen lass das Messerschärfen sein Allerweg hats mir geschwant einmal
werden sie ihn bringen auf der Tragbahr Und sonst wenn er nüchtern gewesen
da hats gar keinen besseren fleissigeren und hilfreicheren Menschen gegeben im
ganzen Waldland als den Mates Da hat er lustig sein und wie ein Kind lachen
können Freilich ist ihm weil er Soldatenflüchtling sein Heimatsgut draußen im
Land verfallen gewesen aber mit bluteigenen Händen hat er die Kinder ernährt
und gar für andere Leut die sich nichts mehr erwerben mögen hats noch
gelangt Wegen seiner Redlichkeit und Verlässlichkeit haben sie ihn im Holzschlag
zum Meisterknecht gemacht Und dennoch hat zum Sonntag der Wirt die Händ über
den Kopf zusammengeschlagen ist das Hieselein gekommen das sie nun schon
allfort das schwarze Hieselein geheißen haben Ist es auch voll Gemütlichkeit
zur Tür hereingegangen so ist doch darauf zu schwören gewesen dass es ohne
Raufen nicht abgeht Er hats nicht lassen mögen Dasselb ist aber wahr
nüchtern geworden hat er jedem alles wieder abgebeten Zuletzt aber du meine
heilige Mutter Gottes da ist das Abbitten nicht mehr angegangen Die
Holzschläger sind all zusamm gekommen dass sie dem Raufer gleichwohl er ihr
Meisterknecht im Wirtshaus den Herrn einmal zeigen Erstlich wie sie sehen
dass er Branntwein trinkt ein Glas ums andere haben sie angefangen ihn zu
necken und zu höhnen bis er wild wird und drein fährt Sie sind all über ihn
her Und zur selbigen Stund hat ihn der Schutzengel verlassen eine Hand frei
fährt er nach dem Messer stößt es dem Köhler Bastian in die Brust Jetzt
haben sie den Mates geschlagen dass er liegen geblieben auf der Erden Zwei
Wurzner haben ihn heimgetragen«
Drauf spricht er »Das aber sag ich dass ich so nicht versterben mag
Aufsteh ich und geh zum Gericht und klag andere an dass ich den Bastian hab
erstochen Von den hinterlistigen Werbern an die mich aus meinem Jugendfrieden
in die blutige Welt geliefert haben wo ich geschändet worden bis auf den
Köhler Bastian der mir mit Hohn und Spott selber noch das Messer aus der
Scheiden hat gelockt alle ruf ich vor den Richterstuhl alle müssen dabei
sein wenn mir der Henker den Hals bricht«
Das Weib kreischt auf der Mann sinkt röchelnd auf das Moos zurück
Da hüpfen und jauchzen die Kinder zur Tür herein Sie zerren ein weißes
Kaninchen bei den Ohren mit sich lassen es in der Stube frei und der Knabe
verfolgt es Das bedrängte Tier hüpft zum Mooslager und dem Kranken über die
Beine Im Winkel bleibt es sitzen und schnuppert und sieht mit seinen großen
Augen angstvoll hervor Der Knabe schleicht ihm bei und erwischt es bei den
Beinen Da winselt es und beißt den Verfolger in den Finger »Wart du wart
du Rabenvieh« wütet der Knabe und wird glührot im Gesicht und seine Finger
graben sich krampfig in den Hals des Tieres und ehe noch Mutter und Schwester
dazwischen kommen ist das Kaninchen tot
Der Mates schlägt sich die Hände in das Gesicht und ruft »Jetzt lebt der
Zornteufel auch in meinen Kindern fort das muss ich noch erfahren«
Wenige Minuten hernach bricht der Mann in Tobsucht aus Noch an demselben
Abend ist er gestorben
Den schwarzen Mates haben sie im Wald eingescharrt Das Weib hat unsäglich
geweint auf dem Hügel und als sie endlich von dannen geführt ist worden da ist
der Einspanig gekommen und hat auf das Grab ein Tannenbäumlein gepflanzt
Am Tage der Geburt Mariens 1814
Und so bin ich in den Winkelwäldern herumgegangen Ich bin im Hinterwinkel
gewesen und in den Miesenbachschluchten und in den Karwäldern und in den
Lautergräben und in der Wolfsgrube und im Felsentale und auf den Triften der
Almen und drüben in der Senke wo der schöne See liegt Ich habe diese
wundersame Alpengegend kennen gelernt und zum großen Teile auch die Menschen
die in ihr wohnen Ich habe mich bei den Alten eingeführt und mit den Jungen
bekannt gemacht Es kostet Mühe und es gibt Missverständnisse Die besten dieser
Leute sind nicht so gut und die schlechtesten nicht so schlecht als ich mir
vorzeiten gedacht habe Ein paar Ausnahmen aber deucht mir schier gibt es
doch
Ich muss sogar ein wenig unredlich sein sie dürfen es nicht wissen weshalb
ich da bin Viele halten mich für einen Flüchtling und sind mir deshalb gewogen
Ein Mensch den diese Wäldler gern haben mögen muss von der Welt verachtet und
verbannt sein muss schier so wild und Glück und sorglos sein wie sie selbst
Ich habe mich denn auch um eine Arbeit umsehen müssen Ich flechte Körbe aus
Rispenstroh und Weiden ich sammle und bereite Zunder ich schnitze aus
Buchenholz Spielsachen für Kinder Ich habe mich schon so sehr in dem Zutrauen
der Leute befestigt dass sie mich das Schärfen der Arbeitswerkzeuge lehren so
dass ich den Holzschlägern die Beile und Sägen scharf zu machen verstehe Das
bringt mir manchen Groschen ein und ich nehme ihn an muss ja angewiesen sein
auf meiner Hände Arbeit wie alle hier In meiner Stube sieht es bunt aus Und
da sitze ich wenn draußen schlecht Wetter oder der lange Herbstabend ist
zwischen den Weidenbüscheln und Holzstücken und den verschiedenen Werkzeugen
und schaffe Selten bin ich allein dabei es plaudert mir meine Hauswirtin vor
oder es sitzt ein Pecher oder Wurzner oder Kohlenbrenner neben mir und
schmaucht sein Pfeifchen und sieht mir schmunzelnd zu wie ich das alles anfange
und zu Ende bringe und greift letztlich wohl gar selber an Oder es sind Kinder
um mich denen ich Märchen erzähle oder die mit den Schnittspänen spielen bis
auch das Spielzeug in meiner Hand fertig ist An Sonntagen sitzt gar der Förster
stundenlang bei mir und hört meine Erfahrungen und Pläne wegen der
Winkelwaldleute Wir besprechen allerlei und zuweilen schreibe ich einen langen
Brief an den Herrn des Waldes
Die Holzschläger die früher drüben in den Lautergräben gerodet haben
ziehen sich immer mehr gegen das Winkel herüber und schon einige Male hab ich
durch den stillen Wald das Donnern eines fallenden Baumes vernommen Von der
Lauterkuppe schaut seit einigen Tagen eine blassrote Tafel herab die sich von
Tag zu Tag ausdehnt und in der Morgensonne fremd zwischen dem dunkeln Grüne des
Waldes niederleuchtet
In den Schluchten der Winkel gegen die Straße hinaus arbeiten Steinbrecher
und Teichgräber es wird ein Fahrweg angelegt dass die Kohlen und Holzstämme
besser hinausbefördert werden können
Ich gehe gern zu den Arbeitern herum und sehe ihnen zu und spreche mit
ihnen auf dass ich mir in den Dingen einige Erfahrungen sammle
Zuweilen aber sind die Leute doch ein wenig misstrauisch gegen mich und
begegnen mir mit ihren Vorurteilen Ich trage gern ein Büchel von Wolfgang
Goethe mit mir herum und wo so ein schönes lauschiges Plätzel ist da setze ich
mich auf einen Rasen oder auf einen Stein und lese in dem Buche dabei bin ich
schon mehrmalen aus dem Hinterhalte beobachtet worden Und da schleicht im Walde
das Gerücht herum ich sei ein Zauberer und hätte ein Büchlein mit lauter
Zaubersprüchen
Ich habe nachgedacht ob mir dieser seltsame Nimbus für meine Pläne anfangs
nicht einigen Vorteil brächte Gewiss sind die Eltern leicht zu bewegen ihre
Kinder von mir das Lesen lernen zu lassen wenn ich ihnen sage versteht einer
nur erst die Zaubersprüche in dem Büchlein so kann er teufelbeschwören
schatzgraben wettermachen oder je nach Bedarf die Wettermacher unschädlich
halten nach Belieben Ich denke dass selbst Erwachsene und gar Grauköpfe ihre
Arbeitswerkzeuge fallen lassen und zu mir in die Schule gehen würden Von mir
aber wäre es schändlich und ich täte dadurch nur das Verkehrte erreichen von
dem was ich will Nicht dass die Leute lesen und schreiben lernen ist die
Hauptsache sondern dass sie von den schädlichen Vorurteilen befreit werden und
ein reines Herz haben Freilich könnte ich ihnen später Bücher der Sittenlehre
unterschieben und sagen da drin stehen die echten Zaubersprüche aber die
Getäuschten hätten kein Vertrauen mehr zu mir und das Übel wäre größer anstatt
kleiner
Nicht auf Umwegen wollen wir schleichen eine gerade Straße hauen wir durch
das Urgestämme
Ich habe aus dem Buche den Leuten einige Male Lieder vorgelesen den Mädchen
das »Heideröslein« und den Burschen das »Christel« gelehrt Gleich haben sie
ich weiß gar nicht woher eine Weise dazu und jetzt werden die Lieder im
Walde schon gesungen
Und so ist nun der Herbst gekommen Der Himmel ist wenn die Morgennebel in
den Tälern sich lösen hell und rein und alle Wolken sind aufgesogen Die
Nadelwälder sind dunkelbraun die Laubhölzer sind gelb oder rot und auf der
Talwiese grünt es frisch oder es liegt auf derselben das Silber des Reifes In
diesen Wäldern ist der Herbst buntfarbiger und fast lieblicher als der Lenz
Der Frühling ist ein übermütiges Glitzern und Schillern Singen und Jauchzen
allerwege der Nachsommer hingegen ist wie ein stiller feierlicher Sonntag Da
horcht und gehorcht nichts mehr der Erde da lauscht alles ahnungsvoll dem
Himmel und der Atem Gottes säuselt stimmungsvolle Lieder durch die goldenen
Saiten der milden Sonne
Der Himmel ist ja so redlich geworden er hält tagsüber mehr als er des
Morgens mit seinen nebeltrüben Augen verspricht Man schaut in sein blaues
stilles Aug
Dort sitzt an einem Waldfeuer der Hirtenknabe Er tut runde Dingelchen aus
dem Sack und schiebt sie in die Glut
»Sage mir Junge woher hast du die Erdäpfel«
Er wird rot und sagt »Die Erdäpfel die die hab ich gefunden«
»Gesegne dir sie Gott aber ein andermal finde sie nicht mehr sondern gehe
die Winkelhüterin an wenn du Hunger hast sie schenkt sie dir« Geschenkte
schmecken nicht gefundene tuns besser ist auch das Salz schon dabei gelt
Dort steht ein Strauch der hat sich gestern abends mit einem Kettlein von
Tauperlen geschmückt heute ist der Tau erstarrt und brennt der Pflanze schier
das Herze ab
Ich habe an einem solchen Nachsommertage einmal eine sehr alte Frau im Walde
sitzen gesehen Diese Frau hat einst ein Kind gehabt Das ist in die neue Welt
gegangen ins heiße Brasilien um das Gold zu suchen Der herbstliche
Gesichtskreis ist so grenzenlos klar dass die Mutter in die ferne Vergangenheit
vermag zu schauen wo der Liebe Knabe steht Sie schaut ihn an sie lächelt ihm
zu sie schlummert ein Am andern Morgen sitzt sie noch auf dem Stein und hat
einen weißen Mantel um Der Schnee ist da der Nachsommer ist vorbei Und über
das Wasser schifft ein Blatt Papier das zieht gegen die heißen Zonen
Südamerikas Einem sonnenverbrannten Mann gibt es Nachricht vom fernen Daheim
Mutter im Walde gestorben Ein kleines Tränlein windet sich mühsam zwischen
den Wimpern hervor die Sonne saugt es rasch auf und nach wie vor heißt die
Losung Gold Gold
Käme noch ein einziger Brief zurück ins alte Mutterland er müsste erzählen
der Sohn im Golde erdrückt
Was träume ich hier Es ist der Weltlauf der mich nichts angeht Ich will
Frieden haben mitten im stillen Herbsten dieses Waldes
Dort oben in der Buchenkrone löset sich ein müdes Blättchen los sinkt von
Ast zu Ast und tänzelt an unendlich zarten schillernden Spinnfäden vorüber und
hernieder zu mir auf den kühlen Grund Die Menschen in der Ferne mit denen
ich vormaleinst gelebt was werden sie treiben Das außerordentliche Mädchen
blüht immer immer auch im Herbst im Sachsenland werden die dürren Blätter
wehen über Gräbern
Einsamkeit kann einsam Leid nicht bannen Ich muss mich nach Dingen
umsehen die mich zerstreuen und erheben und die mich nicht einseitig werden
lassen in meiner Umgebung
Ich habe begonnen Pflanzenkunde zu treiben ich habe mit meinen Augen aus
Büchern herausgelesen wie die Eriken leben und die Heiderosen und andere und
ich habe mit meinen Augen dieselben Pflanzen betrachtet stunden und
stundenlang Und ich habe keine Beziehung gefunden zwischen dem toten Blatt im
Buche und dem lebendigen im Walde Da sagt das Buch von der Genziane diese
Pflanze gehöre in die fünfte Klasse unter dieser in die erste Ordnung komme in
den Alpen vor sei blaublütig diene zur Medizin Es spricht von einer Anzahl
Staubgefässen von Stempel und Fruchtknoten usw Und das ist der armen Genziane
Tauf und Familienschein O wenn so eine Pflanze ihre eigene mit eitel Ziffern
gezeichnete Beschreibung selbst lesen könnte sie müsste auf der Stelle
erfrieren Das ist ja frostiger wie der Reif des Herbstes
Das wissen die Waldleute besser Die Blume lebt und liebt und redet eine
wunderbare Sprache Was wissen die nicht von der Schlüsselblume vom
Frauenschühlein vom Muttergotteshäuberl vom Schneeglöckel vom Vergissmeinnicht
für schöne Geschichten So gaukeln die kleinen Blumenseelen im Gemüte des
Älplers umher Aber ahnungsvoll zittert die Genziane naht ihr ein Mensch und
mehr bangt sie vor dessen leidenschaftglühendem Hauche als vor dem todeskalten
Kusse des ersten Schnees
So bin ich der nicht Verstehende und Unverstandene Sinnlos und planlos
wirble ich in dem ungeheuren lebendigen Rade der Schöpfung
Verstünde ich mich nur erst selbst Kaum nach dem Fieber der Welt zur Ruhe
gekommen und mich des Waldfriedens freuend drängt es schon wieder einen Blick
in die Ferne zu tun so weit des Menschen Auge kann reichen Dort auf der
blauen Waldesschneide möcht ich stehen und weit hinaus ins Land zu anderen
Menschen sehen Sie sind nicht besser wie die Wäldler und wissen auch kaum mehr
jedoch sie sterben und ahnen und suchen dich o Herr
Auf der Himmelsreiter
Eines schönen Herbstmorgens habe ich mich aufgemacht dass ich den hohen Berg
besteige dessen höchste Spitze der graue Zahn genannt ist Bei uns im Winkel
herunten ist doch allzu viel Schatten und da oben steht man im Lichtrunde der
weiten Welt Es ist kein Weg man muss gerade aus durch Gestrüppe und Gesträuche
und Gerölle und Zirmgefilze
Nach Stunden bin ich zu der Miesenbachhütte gekommen Das junge heitere Paar
ist schon davon Die lebendige Sommerszeit ist vorbei die Hütte steht in
herbstlicher Verlassenheit Die Fenster aus der sonst die Aga nach dem Burschen
geguckt sind mit Balken verlehnt der Brunnen davon ist verwahrlost und sickert
nur mehr und das Eiszäpfchen am Ende der Rinne wächst der Erde zu Die Glocke
einer Herbstzeitlose wiegt daneben die läutet der versterbenden Quelle zu ihren
letzten Zügen
Das Gartenbeet das die Sennin im Sommer so sorgsam gepflegt hat auf
welchem lieblich die hellen Blüten haben geflammt wuchert jetzt wild
halbverdorrt zernichtet O wie sehnsuchtsvoll wartet im jungen Frühling unser
Auge auf die ersten Blumen des Gartens Mit all unseren Mitteln stehen wir dem
Beete bei in seinem Keimen wie schützen wir es in seinem Grünen und Blüten und
mit welch stolzer Freude bewundern wir sein hochzeitliches Prangen Nun aber
beginnt unsere Liebe für den Garten mählich zu erkühlen wir reichen ihm nicht
mehr unsere Hände Allein prangt er weiter und wird eine wuchernde Wildnis von
unsäglicher Schönheit Aber umsonst des Menschen Gemüt ist satt geworden und
der Garten wuchert und verwuchert und verblasst unverstanden und unbeklagt
In meinem Gärtlein wachsen brennende Nesseln und Hummeln summen darin Ich
sollt wohl irgendwen haben der es bestellt Geht hinweg ihr bösen
Geschichten Ein Narr könnt einer werden wollt man dran denken
Ich habe mich auf den Kopf des Wassertroges gesetzt und mein Frühstück
verzehrt Das ist ein Stück Brotes aus Roggen und Hafermehl gewesen wie es
hier allerwärts genossen wird Das ist ein Essen wie es buchstäblich den
Gaumen kitzelt recht grobkörnig und voll Kleiensplitter Draußen im Land wo
Weizen wächst tät so ein Backwerk nicht schmecken hier ist es ganz der
Gegenstand der Bitte gib uns heut unser täglich Brot Gibt aber auch Zeiten
in dieser Gegend in welcher der Herrgott selbst mit dem Haferbrote kargt da
kommt gedörrtes Stroh und Moos unter den Mühlstein Mir gesegne Gott das Stück
Brot und den Schluck Wasser dazu Mit dieser Zubereitung ihr Herrenköche
schmeckt alles gut
Nachher heb ich an weiter zu steigen Zuerst bin ich über das Kar
hingegangen aus dessen Mulden überall verwaschene Steine hervorquellen
Dazwischen stehen falbe Federgrasschöpfe und Flechtengefilze Einige zarte
schneeweiße Blümlein wiegen sich auch und blicken ängstlich um sich als hätten
sie sich gar sehr verirrt in die Felsenöde herauf und möchten gerne wieder
zurück Von dem einst so schönen roten Meere der Alpenrosen stehen die spiessigen
Struppen des Strauches Ich steige weiter umgehe einige Felswände und die Kuppe
des Kleinzahn dann schreite ich einer Kante entlang die sich gegen den
Hauptgebirgsstock hinzieht Da habe ich die augenblendenden Felder der Gletscher
vor mir glatt leuchtend wie Elfenbein sich hinlegend in weiten sanften
Lehnen und Mulden oder in schründigen vielgestaltigen Eishängen von Höhe zu
Höhe Dazwischen ragen starre Felstürme auf und dort in luftiger Ferne über die
lichten Gletscher erhebt sich ein dunkelgrauer scharfzackiger Kegel weit
emporragend über die höchsten Gipfel des Gebirges Das ist mein Ziel der graue
Zahn
Ein scharfkalter Luftstrom hat gerieselt von den Gletschern her und das
ganze unmessbare Himmelsrund ist fast finsterblau gewesen dass ich über den
grauen Zahn herüber jenen Stern hab erblickt den wir zur ersten Morgen oder
Nachtstunde so wundersam leuchten sehen und den sie die Venus heißen Es ist
aber doch die Sonne gestanden hoch in dem Gezelt Die fernen Schneeberge und
Felshäupter sind so klar und niedlich gewesen dass ich schier vermeint sie
lägen wenige Büchsenschussweiten vor mir und wären aus gleissendem Zucker geformt
Gegen Morgen hin fällt die Gegend ab in den welligen Grund des Waldes Und
die sonst so hochragenden Almweiden liegen tief wie in einem Abgrunde und dort
und da liegt das graue Würfelchen einer Almhütte Von der Mitternachtsseite
heran gähnen die schauerlichen Tiefen des Gesenkes in deren Schatten das
glanzlose Auge des Sees starrt
Nun bin ich ein paar Stunden den beschwerlichen und gefährlichen Weg der
Kante entlang gegangen bis zu den Gletschern Hier habe ich meine Steigeisen an
die Füße gebunden das Ränzlein enger geschnallt und den Bergstock fester in die
Hand genommen Der Bergstock ist ein Erbstück von dem schwarzen Mates Es ist
in diesem Stock eine Unzahl kleiner Einschnitte die aber nicht andeuten wie
oft etwan sein früherer Eigner den Zahn oder einen anderen Berg bestiegen
sondern wie viele Leute er im Raufen mit diesem Knittel zu Boden geschlagen hat
Ein unheimlicher Geselle und mir hat er emporhelfen müssen über die weite
glatte Schneelehne hinweg über die wilden Eisschründe und letztlich hinan den
letzten steilen Hang auf die Spitze des Zahn Hats getreulich getan Und wie
gerne hätte ich von diesem hohen Berge aus dem nachgerufen in die Ewigkeit
Freund das ist ein guter Stock wärst hoch mit ihm gekommen hättest ihn
verstanden
Stehe ich jetzt oben Gehts nicht mehr weiter
Wenn ich so ein Wesen tät sein das sich an den Sonnenfäden könnt
emporspinnen in das Reich Gottes
Unter einem Steinvorsprung auf verwitterten Boden hab ich mich hingesetzt
hab die Dinge betrachtet Hart um mich sind die feinen zerbröckelten Zacken der
senkrecht liegenden Schiefertafeln gewesen Über mir wogt vielleicht ein
scharfer Luftstrom hin ich höre und fühle ihn nicht mich schützt der
Felsvorsprung die höchste Spitze des Zahn Auf meine Glieder legt sich die
freundliche Wärme des Sonnensternes Die Ruhe und die Himmelsnähe tut wohl Ich
sinne wie das wäre in der ewigen Ruh Und selig sein ewig zufrieden und
schmerzlos leben nichts wünschen nichts verlangen nichts fürchten und hoffen
durch alle Zeiten hin Ob das nicht doch ein wenig langweilig wird Ob ich
mir nicht etwan doch einmal Urlaub nehmen möcht dass ich hier unten wieder
könnt die Welt anschauen Mein Gutsein dahier geht leichtlich in eine Nussschale
hinein Aber ich meine wenn ich einmal oben wär herunten wollt ich wieder
sein s ist ein Eigenes um irdisch Freud und Schmerz
Nur eines wollt ich mir bedenken ginge ich auf Urlaub zurück Ein gutes
Engelein müsste mir seine Flügel mitleihen wie wollt ich fliegen über die
weißen Höhen und sonnigen Gipfel und Kanten bis in die Ferne dort wo die Säge
der Gebirgskette den lichten Himmel durchschneidet und auf jenem letzten weißen
Zähnchen wollt ich ruhen und hinblicken in die Weiten des Flachlandes und zu
den Türmen der Stadt Vielleicht könnte ich den Giebel des Hauses erblicken
oder gar das Gefunkel des Fensters an dem sie steht
Und tät ich das Gefunkel desselbigen Fensters erblicken dann wollt ich
gern umkehren und zurück in den Himmel
Ob es wohl wahr ist dass man von dieser Spitze aus das Meer kann sehen
Meine Augen sind nicht klar und dort in Mittag zittert das Graue der Erde mit
dem Grauen des Himmels ineinander Den festen Boden kenne ich was Moder ist
nennen sie fruchtbare Erde Könntest du mein Augenblick nur ein einzigmal das
weite Meer erreichen
Als endlich die Sonne sich so hat gewendet dass der blaue Schatten ist
erschienen auf meiner steinigen Ruhestatt da habe ich mich erhoben und bin
emporgestiegen auf den allerhöchsten Punkt Ich habe den Rundblick getan in die
ungeheuere Zackenkrone der Alpen
Und danach bin ich niedergestiegen an den Felshängen den
Gletscherschründen den Schneefeldern bin hingegangen auf dem langen Grat bin
endlich wieder herabgekommen auf die weichen Matten Da sind vor mir wieder die
Waldberge gewesen aus den Tälern ist die Dämmerung gestiegen Diese hat mir
fast wohlgetan vor meinem überreizten Auge hat es noch lange geflimmert und
gefunkelt Eine Weile habe ich die Hand davorgehalten Und als ich meinen Blick
wieder vermocht zu heben da hat auf den Höhen das Gold der untergehenden Sonne
geleuchtet
Wie ich zu der Miesenbachhütte komme vor der ich des Morgens eine Weile
gesessen bin veranstaltet der schalkhafte Zufall eine Begebenheit
Ich denke da ich so vorübergehen will just darüber nach wie freundlich
und heimatlich ein bewohntes Menschenhaus dem Wanderer entgegengrüsst hingegen
aber wie so eine leere verlassene Stätte gespensterhaft dasteht schier wie ein
hochragender Sarg Da höre ich von der Hütte her plötzlich ein Gestöhne
Meine Füße sonst recht müde schon sind auf einmal federleicht geworden
haben davonlaufen wollen aber der Kopf hat sie nicht fortgelassen und die
Ohren haben angestrengt gelauscht und die Augen haben gelugt Unter einem
Winkel des Dachvorsprunges ist ein Pfauchen und Schnaufen und da sehe ich gar
was recht Sonderbares Aus der braunen Holzwand ist ein Menschenhaupt mit Brust
zwei Achseln und einer Hand herausgewachsen und allsamt ist es lebendig und
zappelt und von innen höre ich wie die Füße poltern
Aha denke ich ein Dieb der sich da drin vielleicht die Taschen ein wenig
zu voll angestopft hat und beim Herauskriechen unselig stecken geblieben ist
Es ist ein junger Kopf mit krausem Haar aufgestrichenem Schnurrbärtl weißem
Hemdkragen und rotseidenem Halstuche wie man das sonst Wäldern selten findet
Wie er mich gewahr wird schreit er hell »Du heiliges Kreuz aber das ist
ein Glück dass da einer kommt Erweiset mir die Guttat und helfet mir ein wenig
nach es braucht ja nur ein klein Ruckel Das ist schon ein verflixt Fenster
das«
»Ja Freund« sage ich »da muss ich dich früher wohl ein wenig ausfragen
Wissen tät ichs wer dich am leichtesten könnt herauskriegen der
Gevattersmann mit der roten Pfaid der tät dir schön sachte das Stricklein an
den Hals legen ein wenig anziehen gleich wärst in der freien Luft«
»Dummheiten« entgegnet er »als ob der ehrlich Christenmensch nicht kunnt
stecken bleiben ist das Loch zu eng Ich bin der Holzmeistersohn von den
Lautergräben und geh heut über die Alm in den Winkelegger Wald hinab Wie ich
da an der Hütten vorbeigeh seh ich die Tür angelweit offen dass sie der Wind
allfort hin und herschlägt s ist nichts drin denk ich bei mir selber gar
nichts drin was der Müh wert wäre dass sies forttrügen aber eine offene Tür
in einem stockleeren Haus mag eins nicht leiden über den ganzen Winter hindurch
der Schnee hereinfliegen das ist keine gute Sach Die Sennin muss es eilig
gehabt haben wie sie ab ins Tal getrieben hat das ist schon die Rechte die
alles offen lässt Nu ich geh darauf hinein mach die Tür zu und weil gar
kein Schloss ist rammle ich von innen ein paar Holzstücke vor steig nachher
auf die Bank will durchs Rauchfenster hinaus und verklemm mich da dass schon
des Teufels ist
Ich hab dem Burschen aber noch nicht getraut und guck ihm eine Weile zu
wie er zappelt
»Und stecken bleiben meinst wolltest nicht da unter dem Dach bis morgen
ein paar Leut kommen und dich kennen täten«
Da knirscht er mit seinen Zähnen und macht die heftigsten Anstrengungen aus
seiner bösen Lage zu entkommen
»Muss morgen in aller Früh zu Holdenschlag sein« murmelt er
»Was willst denn zu Holdenschlag« sage ich
»Nu mein Gott weil eine Hochzeit ist« brummt er unwirsch
»Und musst leicht wohl dabei sein«
Er will nicht mehr antworten »Jessas und Anna weil ich dazu gehör« stößt
er endlich heraus
»Nachher freilich nachher müssen wir schon trachten dass wir dich
loskriegen« sage ich klettere an der Wand ein wenig empor und heb an dem
Burschen zu zerren an bis wir die zweite Hand heraus haben dann gehts schon
leichter Nicht lange darauf so steht er am Boden sucht seinen davongerollten
Spitzhut auf schlingt sich die steif gewordenen Arme und Beine ein blickt mit
hochrotem Gesicht nochmals empor zu dem Rauchfensterlein und ruft »Du
Höllsaggra da hats mich derwischt gehabt«
Dann sind wir in der Dämmerung zusammen hinabgestiegen gegen den Winkelegger
Wald Der Bursche hat nicht recht mit mir reden wollen Ich habe versucht meine
Bosheit gut zu machen habe ihm versichert dass ichs ja gleich erkannt er sei
kein Dieb
»Und morgen wirst also zu Holdenschlag bei der Hochzeit sein Bist zuletzt
gar der Brautführer he«
»Der Brautführer nein derselb bin ich nicht«
»leicht hätten sies zu Holdenschlag auch allein gemacht wärst da oben
stecken geblieben«
Er zieht den Hut über die Augen und blickt auf die Baumwurzeln über die wir
nun hinabsteigen
»Allein« meint er endlich »nein dasselb glaub ich nicht Wisst die
Sach geht halt so zu allein machen sie es schon deswegen nicht weil weils
völlig so ausschaut wie wenn ich der Bräutigam wär«
Dieses Wort gehört bin ich stillgestanden hab den Burschen eine Weile
angestarrt und gedacht wie das böse wäre wenn unten die Braut und die ganze
Hochzeit harren und harren täten und der Bräutigam steckt oben im Rauchfenster
der Sennhütte Der junge Mann hat mich hierauf höflich zu seinem Ehrentag
eingeladen Er hat mich geführt wir sind hinabgestiegen durch den finsteren
Wald bis zum engen Tal des Winkelegg
Ein Berg von ausgeschälten Holzblöcken liegt da das ist der Winkelegger
Wald der auf einer langen Riese Stamm an Stamm herangerutscht gekommen ist
Neben dem Holzhaufen stehen die drei schwarzen grossmächtigen Betten der Meiler
über denen langsam und still milchweisser Rauch emporqualmt zu den Kronen der
Schirmtannen
Der Holzmeistersohn von den Lautergräben hat mich genötigt mit ihm in die
Klause zu treten die unter den Schirmtannen steht
In der Klause sind drei Menschen zwei Hühner eine Katze und die
Herdflamme Sonst habe ich kein lebendiges Wesen gesehen
Ein junges Weib steht am Herd und legt Lärchengeäste kreuzweise über das
Feuer Mein Begleiter sagt mir dieses junge Weib sei seine Braut
Hinter dem breiten Kachelofen der schier bis zur russigen Decke der Stube
emporgeht und der mich den fremden Eindringling mit sehr großen grünen Augen
anglotzt sitzt ein Mütterlein und zieht mit unsicheren Fingern die Buntriemen
durch ein neues Paar Schuhe wobei es sich allfort die Augen wischt die schon
recht abgestanden sein mögen wie ein altes Fensterglas das viele Jahre lang im
Rauche der Köhlerhütte gestanden Mein Begleiter sagt mir dieses Weib sei die
Mutter seiner Braut welche von den Leuten allerwege die Russkatel geheißen
wird
Weiter hin im dunkelsten Winkel sehe ich eine derbe männliche Gestalt mit
entblösstem Oberkörper die sich aus einem breiten Holzbecken mit solcher Gewalt
wäscht und abreibt dass sie schnauft wie ein Lasttier
»Das ist meiner Braut der Bruder« erklärt mir mein Begleiter »er ist der
Köhler dahier und sie heißen ihn den RussBartelmei«
Dann tritt der Holzmeistersohn zu seiner Braut und sagt ihr dass er da sei
und dass er an mir jenen Menschen mitgebracht habe der allweg in den Wäldern
herumgehe und die hohe Gelehrsamkeit habe und der ihnen zum Hochzeitstag die
Ehre erweisen werde
Das junge Weib wendet sich wenig gegen mich und sagt »Schauet dass Ihr wo
niedersitzen mögt s geht halt so viel zerrissen zu bei uns wir haben nicht
einmal einen ordentlichen Sitzstuhl«
Hierauf spricht der junge Mann eine Weile leise mit seiner Braut Ich halte
er hat ihr die Geschichte von der Sennhütte erzählt weil sie auf einmal
ausgerufen »Aber na du bist doch ein rechter Närrisch Musst denn überall
hineingucken oder bist es von eher so gewohnt worden da oben bei der
Sennhütten«
Der Bursche wendet sich zu seiner Schwiegermutter »Gebt her die Schuh Ihr
lasst ja doch die Löcher zur Hälfte aus für so feine Arbeit mögt Ihr nimmer
lugen«
»Ja du Paul dasselb ist wohl wahr auch« keifelt die Alte gemütlich aus
ihrem zahnlosen Munde »aber hörst Paul mein Ahndl hat meiner Mutter die
Brautschuh eingeriemt meine Mutter hats mir getan und ich für was wär ich
altes Krückel denn auf der Welt wollt ich für meine Annamirl nicht auch
einriemen«
»leicht kriegt Ihr bald andere Arbeit Mutterle beim Heideln Wiegen
braucht Ihr nicht zu lugen« versetzt der Paul schalkhaft
Da hebt die Annamirl den Finger »Du«
Und im dunkeln Winkel ist das vorige Plätschern und Schnaufen Ein Mensch
der einmal so angeschwärzt ist wie der RussBartelmei der vermag sich nicht
mehr so leicht weiß zu waschen vor der Welt und sollte seine Schwester gar den
Holzmeistersohn von den Lautergräben heiraten
Und mein Holzmeistersohn zieht die Riemen in die Schuhe seiner Braut Die
Alte einmal zu den ersten Worten veranlasst kommt ins Schwätzen »Und vergiss
mirs ja nicht Annamirl« sagt sie »musst es auch probieren Einmal wirds doch
anschlagen«
»Dass ich den Patengroschen2 sollt anbauen Mutterle«
»Dasselb ja Und unter einer Zwieseltann musst du in der Hochzeitsnacht
den Groschen vergraben Das ist der Geldsamen und wirst sehen in drei Tagen
wird er blühen und in drei Monaten kann er gleichwohl schon zeitig sein Die
Vorfahren haben es auch so gemacht aber allen ists nicht gelungen Gewesen
ists so mein Ahndl hat die Zeit versäumt meine Mutter hat die Zwieseltann
nicht mehr gefunden und ich hab einen unrechten Groschen in die Erden tan
Deswegen meine Tochter merk dir die Stund und die Zwieseltann und der
Groschen wird aufgehen und Geld genug wirst haben dein Lebtag lang«
Die Annamirl öffnet eine alte Truhe und beginnt in den Kleidungsstücken und
anderen Geräten herumzukramen Ich glaube sie hat den Patengroschen gesucht
Der Köhler im Winkel wäscht und reibt sich Mehrmals wechselt er das Wasser
und immer wird es schier schwarz wie Tinte Endlich aber bleibt es nur grau da
lässt der RussBartelmei ab und trocknet sich dann kleidet er sich an setzt sich
auf die Türschwelle und aufatmend sagt er »Ja Leut die eine Haut hätt ich
jetzt herunter und die andere ist noch ein wenig oben« Dieselbe aber die noch
ein wenig oben ist sehr rot geworden ist stellenweise gar noch ein bisschen
braun und es soll doch immer noch der RussBartelmei sein der morgen seiner
Schwester zur Hochzeit geht
Ich werde eingeladen dass ich über die Nacht in der Hütte bleibe und die
Braut setzt mir gastlich eine Eierspeise vor weil ich der »gelehrte Mann« der
käme die Zeit und hätten die Kinder einen guten Kopf leicht zu brauchen wäre
Der Rauch hat die Hühner aus ihrer Abendruh aufgetrieben da kommen sie nun
zu mir auf das Tischchen und machen zuckend hohe Krägen über den Topfrand in
meinen Kuchen hinein Wollen sie zuletzt gar ihre Eier wieder zurückhaben
Auch die Alte kommt mir immer näher tut zweimal den Mund auf und
unverrichteter Sache wieder zu und murmelt dann in ihr blaues Halstuch hinein
»Ich reds doch nicht s wird gescheiter sein«
Ich bin ihrer Furchtsamkeit zu Hilfe gekommen »Allfort wohlauf Mutterle«
»Dank Euch Gott die Frag« entgegnete sie sogleich und rückt mir noch
näher »diemal ja unberufen Was noch kommen wird weiß unsereins nicht Und
dass ichs nur daher red wie ichs versteh er ist ein gelehrsamer Mann sagen
die Leut nachher wird er das Wahrsagen wohl auch kennen Gar nicht Aber
das hätt ich gemeint sollt so ein Mensch wohl lernen Und von wegen dem
Lottergspiel weil wir schon so weit bekannt sind weiß er keine Nummern«
»Jestl und Josef« schreit jetzt das junge Weib plötzlich auf »eilet
eilet Mutterle mir deucht das Kätzl ist ins Wasserschaff gekugelt«
Da wackelt die Alte gegen den Winkel hin in welchem früher der Bartelmei
gewesen aber das Kätzlein ist schon fort ist vielleicht gar nie im Wasser
gewesen Die Annamirl wird sich der kindischen Fragen ihrer Mutter schämen und
hat ihnen durch obige List ein Ende gemacht
Am andern Tag als die Morgenröte durch den weißen Kohlenrauch hat geglüht
sind von allen Seiten des Waldes her Leute gekommen Schmuck und geschmeidig
sind alle gewesen wie ich sie hier noch nie so gesehen Sie bringen
Hochzeitsgaben mit Der Pecher kommt mit dem glänzenden schwarzen Pechöltopf
Und er meint es wohl so Für die Brautleut zur Gesundheit Was will das Pechöl
sagen Habt ihr im Leben auch Pech zu tragen müsst Ihr ihm gleich das Öl der
Geduld zuteilen Das will das Pechöl sagen Wurzner kommen mit Gesäme und
duftenden Kräuterbüscheln die Ameisgräber kommen mit »Waldrauch« Kinder
bringen Wildobst in Fichtenrindenkörbchen Holzhauer tragen Hausgeräte herbei
Der Schwamelfuchs ein altes verhöckertes und verknorpeltes Männlein schleppt
eine grossmächtige Tonschüssel heran einen rechten Familientopf wohl für ein
ganzes Dutzend Esser Andere bringen hölzerne Löffel dazu wieder andere kramen
Mehl und Schmalzkübel aus und ein Kohlenbrennerweib kommt ganz verlegen
hereingetorkelt und steckt der Braut ein sorgsam umwickeltes Päckchen zu Als
diese mit unbehilflichen Worten die Spenderin lobend es öffnet kommen zwei
wackergestopfte Kapauner zum Vorschein Das erspäht die alte Russkatl die
bereits auch festlich angezogen erwartungsvoll an den Wänden herumschleicht
und sie flüstert zu ihrer Tochter »Weißt wohl Annamirl wo die best Brautgab
hinkommen muss Ja wohl in den kühlen Erdboden hinein Nachher kommt eine schöne
Frau in guldenem Wagen gefahren und an den guldenen Wagen sind zwei Kätzlein
gespannt die graben mit ihren Pfoten die Brautgabe aus und die Frau nimmt die
Gab in ihre schneeweißen Händ und fährt dreimal um die Hütten herum nachher
kann kein Elend kommen in eueren heiligen Ehstand« So klingt das Märchen von
der Freia noch fort im deutschen Walde
Die Annamirl schweigt eine Weile und dreht die schweren säuberlich
gerupften und gefüllten Geflügel in der Hand um und um als wären sie schon am
Bratspiess dann versetzt sie »Ich halt Mutter in der Erden kunnten sie
verfaulen oder es frässen sie die Kätzlein und deswegen ist es dass ich sag
wir essen sie selber«
Zuletzt naht gar der feine Branntweiner mit seinem großen vollbauchigen
Plutzer der gleich einen weingeistigen Geruch verbreitet in der ganzen Hütte
Das riecht der RussBartelmei der sofort herbeieilt um zu sehen wie so ein
Tonplunzer eigentlich gemacht und zugestopft ist
Aber da kommt die Annamirl dazwischen »Dank dir zu tausendmal Gott
Branntweinhannes das ist schon gar zu viel das können wir nicht abstatten Das
ist leicht das best Brautgeschenk und so tu ich damit den alten Brauch«
Behendig zieht sie den Stöpsel aus dem Plutzer gießt den funkelnden
rauchenden Branntwein bis auf den letzten Tropfen auf den Erdboden
Die Alte kichert und keift »Du Närrisch du allbeid Kätzlein werden dir
rauschig wird aber das ein Gehetz sein«
Als alle beisammen sind hat schon die Sonne zur Tür hereingeleuchtet In
der Nacht ist ein Mahl gekocht worden das die Leute nun mit gutem Appetit und
lustigen Worten verzehren Ich habe ebenfalls davon genossen und habe mich unter
die Kinder gemacht die da gewesen und denen ich von den Speisen in ihre
hölzernen Schüsselchen gefasst auf dass sie auch etwas bekommen
Darauf sind wir alle davongegangen Bei den Kohlenmeilern bleibt ein
einziger alter Mann zurück der mit seinem Eisenhaken lange vor der Tür steht
ein kurzes hochtürmiges Pfeiflein schmaucht und uns nachblickt bis wir in dem
waldschattigen Hohlweg ihm verschwunden Dann liegt nur noch die stille
Morgensonne auf den Schirmtannen
Viele Männer des Hochzeitszuges haben sogar Schussgewehre bei sich getragen
aber nicht nach den Tieren zielen sie heute in die freie Luft schießen sie
hinein und sie halten es für eine große Feierlichkeit und Pracht wenn es recht
knallt und hallt
Gesungen und gejauchzt wird dass der Sommertag zittert Herzensfreudige
Lieder habe ich da gehört Schalkheiten werden getan altergebrachte Spiele
unterwegs gehalten und es ist schon Mittag als wir zur Pfarrkirche von
Holdenschlag gelangen Fünf Männer kommen uns entgegen mit Trompeten Pfeifen
und einer gewaltig großen Trommel Mit einer wahren Festfreudenwut haut der
Trommelschläger drein und das ist ein Gehetz und mächtiges Gelächter als der
Schlägel plötzlich das so sehr gemarterte Fell durchbricht und in den Bauch
hineinschiesst um seinem Takte auf dem andern Felle noch rechtzeitig
nachzukommen Ein Bursche schleicht lauernd um den Zug und will uns nach alter
Sitte die Braut entführen allein der Brautüter wacht Er wacht eigentlich mehr
über seinen Geldbeutel als über die Braut denn wäre ihm diese abhanden
gekommen der Entführer hätte sie in ein entlegenes Gasthaus geschleppt und der
Brautüter hätte müssen die Zeche zahlen
Der Bräutigam geht neben der ersten Kranzjungfrau erst nach der Trauung
gesellt er sich als Ehemann zu seiner Gattin und nun geht der frühere
Brautüter mit der Kranzjungfrau auf dass gleich der Keim zu einer neuen
Hochzeit gelegt ist Der Brautüter ist mir wohl bekannt er heißt Bertold die
Kranzjungfrau heißt Aga
In der Kirche wird Wein getrunken und der Herr Pfarrer hält eine sehr
erbauliche Rede von dem Ehesakramente und den Absichten Gottes Der gute alte
Herr hat sehr schön gesprochen aber die Leute aus dem Walde verstehen sein
Hochdeutsch nicht recht Erst im Wirtshause als wir schon alle gegessen
getrunken und Schabernack getrieben haben ist für die Leutchen die rechte
Predigt Da erhebt der alte bärtige Rüpel sein Weinglas und hebt an zu reden
»Ich bin kein gelehrter Mann hab keinen Doktornzipf auf und keine Kutten
an Tät ich mein Weinglas nit haben zur Hand bei meiner Treu Leut ich
brächt kein gescheit Wörtl zustand Dass die Zung mir wird gelöst wie es Moses
ist gewesen desweg trink ich den Wein fällt mir auch leichter ein schicksam
Wörtl ein Ich bin als der alte Bibelreiter bekannt wär ich Rittersmann ich
ritt auf einem Schimmel durchs Land Und in der Bibel da hab ich einmal ein
Sprüchel erfragt der Herrgott das Kreuzköpfel hats selber gesagt ist der
Mensch allein sagt er so tut er kein gut aber sind ihrer viel so tun sie
auch kein gut so probier ichs halt justament zu zwein und zwein und sperr
sie paarweis in die Hütten ein Aber schauts da wird gleich die Hütten zu
klein Sie brauchen grossmächtiges Haus zuletzt ists heilig Paradeis zu eng sie
müssen in die weit Welt hinaus Müssen hinaus in den wilden Wald und auf
stockfremde Heiden müssen leiden und meiden und zuletzt wieder scheiden Da hat
der lieb Herrgott seinen Sohn geschickt dass er sollt die Schäflein weiden Ich
hör auf das Kreuz wohl drei Hammerschläg klingen zur Rechten zur Linken zu
Füßen da möcht einem das Herz zerspringen Darauf ist geronnen das
rosenfarbne Blut das tut uns den Himmel erwerben Dir bring ich das Glas o
Gotteslamm für dein heiliges Leiden und Sterben«
Da ist es still gewesen in der ganzen weiten Stube und der alte Mann hat
das Glas ausgetrunken
Bald aber füllt er es zum zweitenmal und spricht »Ihm sei die Ehr aber es
soll der Herr nun in Freuden auch bei uns sein und darum laden wir zu diesem
Ehrentag auch den Herrn Jesus ein wie auf der Hochzeit zu Kana in Galilä auf
dass er uns mache das Wasser zu Wein den ganzen Winkelbach heut und alle Tag
Und der Wein ist hell und rein weiß und rot zusammengossen wie die zwei jungen
Herzen sein zusammengeschlossen in Lieb und Ehr und sonst keiner mehr Der
Wein wird gewachsen sein bei Sonn und Mondenschein zwischen Himmel und Erden
so wie unsere Seel von oben ist und der Leib von der Erden Und der süße
guldene Wein soll Braut und Bräutigam zur Gesundheit sein«
Das ist jetzt eine Lust und ein Geschrei und die Pfeifen und Geigen klingen
drein und der Braut gießen sie Wein auf ihren grünen Kranz
Jeder hebt nun sein Glas und bringt seinen Hochzeitsspruch sein Brautlied
aus dem Stegreif dar Zuletzt torkelt die alte RussKat empor und mit
unglaublich heller Stimme singt sie
»Schneid Birnbam
Schneid Buxbam
Schneid birnbuxbamni Ladn
Mei Schatz will a buxbamas Bettstadl haben«
Das ist ihr Trinklied und Hochzeitsspruch gewesen Wies jetzt angegangen
da hab ich gemeint der Hall und Schall drücke alle vier Wände hinaus in den
ruhsamen Abend
Nach und nach ist es wohl wieder stiller geworden und die Leute haben ihre
Augen auf mich gelenkt ob ich der gelehrte Mann denn keinen Brautspruch
wisse
So bin ich denn aufgestanden »Glück und Segen dem Brautpaar Und wenn nach
fünfundzwanzig Jahren seine Nachkommen in den Ehestand treten so wird es in der
Pfarrkirche am Stege der Winkel sein Das möge kommen Ich leere den Becher«
So hat mein Brautspruch gelautet
Darauf ist ein Gemurmel und Geflüster gewesen und einer der Ältesten ist an
meinen Platz getreten und hat mich höflich gefragt wie die Rede gemeint
Die ganze Nacht hin hat in dem Wirtshause zu Holdenschlag die Musik
geklungen haben die Hochzeiter getanzt und gesungen
Am anderen Morgen haben wir das Ehepaar aus seiner Kammer hervorgeholt Dann
ist eine lange Weile der Brautüter gesucht und nicht gefunden worden Wir
hätten den Bertold zu einem uralten Hochzeitsspiele dem Wiegenholzführen
benötigt
Wer hätte gedacht dass der wildlustige Bursche in des Pfarrers Stube steht
eine ganze Alpenglut auf seinen Wangen trägt und mit beiden Händen die Krempen
seines Hutes zerpresst
Der Pfarrer zu Holdenschlag das muss ein scharfer Mann sein geht würdigen
Schrittes in der Stube auf und ab und sagt mit väterlicher Stimme die Worte
»Zähme dich mein Sohn und bete verlängere dein Abendgebet dreimal oder
siebenmal wenn es nötig ist Die Versuchung wird weichen Heiraten Ein
Habenichts wozu denn Hast du Haus und Hof hast du Gesinde Kinder dass du ein
Weib brauchst Nun also Auf den Bettelstab heiraten die Narrheit geht
nicht an Wie alt bist du denn«
Auf diese Frage errötet der Bursche noch mehr Es ist eine schauderhafte
Blödheit wenn einer sein Alter nicht weiß Und er weiß es nicht Um zehn Jahre
wird er nicht fehlen wenn er auf geradewohl zwanzig sagt
»Werde dreißig erwerbe dir Haus und Hof und dann komme wieder« ist des
Pfarres Bescheid Darauf geht er in die Nebenstube und der Bertold bleibt
stehen und ihm ist als müsse er noch was sagen ein gewichtig Wort das alle
Einwände zu Boden wirft und der Herr beigeben muss ei das ist ganz was anders
dann heiratet in Gottesnamen
Aber der Bursche weiß kein Wort das es vermöchte zu deuten und hell zu
künden warum er eins ewig eins sein will mit Aga dem armen Almmädchen
Da Herr Pfarrer nicht mehr zurückkehrt aus der Nebenstube sondern in
derselben sein Frühstück verzehrt wendet sich der Bursche endlich traurig der
Tür zu und steigt die Treppe nieder auf der er vorher wie auf einer
Himmelsleiter mit voller Zuversicht emporgestiegen war
Aber auf der grünen Erde angelangt ist er ein anderer Und es ist ein Arg
gewesen wie der Bursche sich an diesem zweiten Hochzeitstage übermütig toll
gebärdet hat
Am Nachmittage hat sich gepaart Mann und Weib Bursch und Magd der Andreas
Erdmann hat sich zum alten bärtigen Rüpel gesellt und so sind wir alle wieder
zurückgegangen in die Wälder der Winkel
Fußnoten
1 Hier scheint ein Irrtum obzuwalten unseres Wissens hat zu jener Zeit in
Salzburg keine Gelehrtenschule bestanden Vielleicht ist der wahre Name der
Anstalt absichtlich verhüllt worden
Der Herausgeber
2 Taufmünze so die Braut einst von ihrem Paten erhalten
Die Schriften des Waldschulmeisters
Zweiter Teil
1815
Vor mehreren Jahrhunderten sollen in der Gegend der Winkelwässer Menschen
gewohnt haben die sich von Getreidebau Viehzucht und Jagd ernährt Die
Winkel ist vorsorglich eingedämmt an ihren Ufern hin grünen gepflegte Wiesen
und ein Fahrweg führt hinaus zu den vorderen Gegenden An den Bergen grünen
Felder So soll es gewesen sein Unweit von dem Platze wo jetzt das
Holzmeisterhaus steht zeigt ein Mauerrest die Stätte wo eine Kirche gestanden
haben soll Zwar geht die Meinung es sei keine Kirche gewesen sondern ein
Götzentempel in welchem sie noch den Wuotan Met zugetrunken und Tiere geopfert
so oft der Vollmondschein durch die Blätter der Linden gerieselt Zur selben
alten Zeit sei jedes Jahr ein schneeweisser Rabe niedergeflogen von den
Alpenwüsten und diesem habe man Korn auf die Steine gestreut der Vogel habe
das Korn aufgepickt und hierauf sei er wieder von dannen geflogen Einmal aber
habe man dem weißen Raben keine Körner gestreut weil ein Missjahr gewesen und
weil ein Mann die Sache für etwas Albernes ausgelegt habe Darauf sei der Rabe
nicht mehr gekommen Aber kaum der Winter vorüber da seien von Sonnenaufgang
her wilde Völkerscharen herangeströmt mit hässlichen braunen Gesichtern
blutroten Hauben und Rossschweifen auf wunderlichen Tieren reitend seltsame
Waffen schleppend und gar in die Winkelwälder hereingezogen Diese Rotten
haben geplündert und die Bewohner zu Hunderten davongeschleppt so dass die
Gegend menschenleer geworden
Dann sind die Häuser und der Tempel verfallen das Wasser hat die Dämme und
Wege zerstört und die Wiesen mit Schutt oder Gestein übergossen Obstbäume sind
verwildert auf den Feldern sind Lärchenwälder gewachsen die Lärchen aber durch
Tannen und Fichten verdrängt worden Und es sind die finsteren hundertjährigen
Hochwälder entstanden
Es ist nicht zu bestimmen ob der Kern der heutigen Waldleute von jenen vor
Jahrhunderten abstammt Ich glaube vielmehr so wie die alten Bewohner durch
eine an die Alpen brandende Welle wilder Zeiten fortgeschwemmt worden sind so
sind nach vielen Jahren in den Stürmen der Zeit Splitter anderer Stämme in diese
Wälder verschlagen worden Man sieht es den Leuten ja an dass sie nicht auf
sicherem Boden der Heimat fussen dass sie aber geichwohl den Drang haben sich in
den Waldboden einzuwurzeln und den Nachkommen ein gesichertes und geregeltes
Heim zu bereiten
Dennoch aber dämmert auch in diesen Menschen die Waldesgöttermär der alten
Deutschen fort Sie lassen im Herbste die letzten Früchte auf den Bäumen oder
behängen mit denselben ihre Kreuze und Hausaltäre um für ein nächstes Jahr
Fruchtbarkeit zu erlangen Sie werfen Brot in das Wasser wenn eine
Überschwemmung droht sie streuen Mehl in den Wind um dräuende Stürme zu
sättigen so wie die Alten den Göttern haben geopfert Sie hören zur heiligen
Zeit der Zwölfen die wilde Jagd so wie die Alten schaudernd Vater Wuotans Tosen
haben vernommen Sie erinnern sich an Hochzeitsfesten der schönen Frau mit den
zwei Katzen so wie die Alten die Freia haben gesehen Und wenn die
Winkelwäldler draußen in Holdenschlag einen begraben so leeren sie den Becher
Metes auf sein Andenken Überall klingt und schimmert sie durch die alte
germanische Sage und Sitte Im Vordergrund aber tönt und webt Herrschendes das
hohe Lied vom Kreuze
Wohl die meisten der Winkelwäldler müssen es empfinden was hier fehlt nur
die Wenigsten wissen es zu nennen Aber jener Speiker hat es getroffen als er
vor einem Jahre bei der Köhlerhochzeit die Worte gesagt »Um uns schiert sich
kein Pfarrer und kein Herrgott Dem Elend und dem Teufel sind wir verschrieben
Für uns ist auch ein Hundeleben gut genug wir sind ja die Winkler«
Aber der Speiker kanns noch erleben und mein Trinkspruch wird in Erfüllung
gehen Ich bin seit der Hochzeit wieder um ein Jahr jünger geworden Die
Winkelwäldler werden eine Kirche bekommen
Will ein Volk aus wilder Ursprünglichkeit sich aufbauen zu einer schönen
ebenmässigen Höhe so muss der Gottestempel zu dem Baue das Erste sein
Darum beginne ich in den Winkelwäldern mit der Kirche
Ich habe drängen und dringen müssen Der Herr von Schrankenheim hat seinen
Palast mitten in der Stadt da schallt zu jedem Fenster eine andere
Kirchenglocke herein und zwischen den Fenstern auf zierlichen Gestellen prangen
hundert Bücher für Herz und Geist Wer ahnt es da was in den fernen Wäldern so
ein Klang und ein Predigtstuhl bedeutet Endlich aber hat es der Gutsherr doch
eingesehen und heute sind schon Männer da um die Baustelle zu prüfen
Da drüben neben dem Winkelhüterhaus schnurgerade vom Steg herauf der über
die Winkel führt ist ein erhöhter Felsgrund sicher vor Gesenken Lahnen und
Wildwasser Er liegt zwischen dem Hinter und Vorderwinkel und von den
Lautergräben dem Miesenbachtale und dem Karwasserschlag ist völlig die gleiche
Weite bis hierher zu dem erhöhten Felsgrund Das ist der rechte Platz für das
Gotteshaus Ich habe einen Plan eingereicht wie ich mir denke dass so ein
Waldkirchlein sein soll
Das Kirchlein sei nicht gar zu klein damit alle darin Platz haben die
kummervollen und bedürftigen Herzens sind wie es deren im Waldlande viele gibt
und fürder geben wird Es sei nicht gar zu niedrig denn der hohe Wald und die
Felswände haben den Sinn verwöhnt und geweitet und ist es auch dass die
Menschenwohnungen hier sehr gedrückt sind so wird es dem Blicke doppelt wohl
tun wenn er sich in der Wohnung Gottes erheben kann In den Kirchen der Städte
sollte stets ernste Dämmerung herrschen damit sie dem licht und genussvollen
Leben der Reichen und Großen einen Gegensatz darbieten in dem Gotteshause des
Waldes aber muss lichte und milde Freundlichkeit lächeln denn ernst und dämmerig
ist der Wald und des Wäldlers Haus und Herz So soll die Art der Gottesverehrung
das Leben ausgleichen und ergänzen und was der Werktag und das Haus verweigert
das soll der Sonntag und die Kirche bieten Der Tempel soll die Schutzstätte in
den Stürmen dieser Welt und er soll der Vorhof der Ewigkeit sein
Der Turm des Waldkirchleins sei schlank und luftig wie ein aufwärts
weisender Finger mahnend drohend oder verheissend Drei Glöcklein mögen die
Dreizahl in der Einheit Gottes verkünden und das dreitönige Lied singen von
Glaube Hoffnung und Liebe Einen recht guten Platz möchte ich der Orgel
bestimmen denn der Orgelton muss den Armen im Geiste so die Predigt nicht
verstehen das Wort Gottes sein
Vergoldete Bilder und prunkende Zieraten in der Kirche sind verwerflich die
Gottesehre soll nicht liebäugeln mit Schätzen dieser Erde Mit dem Einfachen und
durch das Einheitliche kann man am beredtsten und würdigsten den Gott und
Ewigkeitgedanken versinnlichen
Es muss aber noch des weiteren das Zweckmässige bedacht werden So habe ich
für die Mauern der Trockenheit wegen Backsteine vorgeschlagen Die Bänke und
Stühle müssen zum Ausruhen eingerichtet sein denn der Sonntag ist ein Ruhetag
Wenn während des Orgelklingens auch einmal einer einnickt was weiter Er träumt
in den Himmel hinüber Für den Fußboden sind die Steinplatten zu feucht und zu
kalt dicke Lärchenbretter sind dazu geeignet Für das Dach sind des häufigen
Hagelschlages wegen weder Ziegeln noch größere Bretterlatten anwendbar dazu
sind kleine Lärchenschindeln am besten
Mein Plan ist angenommen worden
Es werden bereits Wege ausgeschlagen und Baustoffe herbeigeschaft Im
lehmigen Binstal wird eine Ziegelei errichtet an der Breitwand ist ein
Steinbruch angelegt worden
Die Waldleute stehen da und sehen den fremden Arbeitern zu Sie haben auch
ihre Gedanken dabei
»Eine Kirche wollen sie uns bauen« sagt einer »gescheiter sie täten das
Geld den Armen teilen Der Herrgott soll sich nur selber ein Haus bauen wenn er
nicht unter freiem Himmel bleiben und im Winkelwald wohnen will«
»Was sie uns nur für einen Kirchenheiligen einlegen werden«
»Den Huberti denk ich«
»Den Huberti Je der ist Weidmann gewesen der hälts nicht mit uns
Arbeitsleuten der mag nur die Jäger leiden Ich sag für uns wären die
vierzehn Notelfer recht«
»Geh die täten uns zu viel kosten Und der große Christof ist auch dabei
für den wäre ja gar keine Kirchtür weit genug«
»Wer verlorne Sachen finden will Sankt Antoni tut Wunder viel« sagt Rüpel
der alte Borstenbart bei dem sich jedes Wort im Gleichklang zum andern fügt er
mag die Zunge wenden wie er will
Andere wünschen zum Kirchenheiligen den Florian der gegen das Feuer ist
aber die am Wasser wohnen möchten den Sebastian haben
Ein Weiblein hat gar nicht uneben bemerkt in den ganzen Winkelwäldern sei
kein Mensch der die Orgel spielen könne da wisse man doch dass als
Pfarrheilige nur Cäcilia die rechte
Darauf entgegnet ein alter Hirt »So eine Red ist keine Sach Die Leut
können sich selbander helfen aber auf das arme Vieh müsst ihr denken Der
heilige Erhart das ist ein Viehpatron geht uns schon herein in das Winkel«
Danach ein anderer »Mit dem Vieh halt ichs nicht Wir brauchen die Kirche
für die Leut Und weil sich einer schon was kosten lässt so muss was Rechtes
werden Ich bin kein Heid und ich geh in die Kirche und ich bin für ein
sauberes Weibsbild«
»Versteht sich alter Loter« schreit sein Weib »dass du nur alleweil fürs
schlechte Beispiel bist«
»Hast recht Alte für euch muss eine sein die mit gutem Beispiel
vorangeht«
So rechten sie halb im Spaß und halb im Ernst Den ganzen Himmel haben sie
durchstöbert und keinen Heiligen gefunden der allen recht gewesen wäre
Und es muss doch eines kommen das allen recht ist Ich habe darüber schon
meine Gedanken
Die Waldberge lichten sich immer mehr und mehr wie wenn es Tag würde aus
der Dämmerung Die Höhenschneiden werden schartig und es dehnt sich der Himmel
Mancher Marder kommt um seinen hohlen Baum mancher Fuchs um seine Höhle
Unschuldige Vöglein und raubgierige Geier werden heimatlos da Wipfel um Wipfel
hinstürzt auf den feuchten Moosboden den endlich wieder einmal die Sonne
bescheint Winter und Sommer hindurch sind die Holzschläger tätig gewesen
Draußen im Lande haben Holz und Kohlen in gutem Begehr gestanden
In diesem Sommer habe ich nicht mehr viele freie Zeit
Draußen ist Krieg der Gott weiß es nicht mehr enden will Zu Holdenschlag
sind schon wieder die Hämmer geschlossen worden und es kommt kein Kohlenwagen in
den Wald Die Holzarbeit ist eingestellt die kräftigsten Männer streichen müßig
umher Da drüben in den Lautergräben sollen vor kurz zwei Holzschläger eines
Beutels Tabak wegen bös gerungen haben
Ich habe den Männern den Rat gegeben zu den Vaterlandsverteidigern zu
gehen Davon wollen sie nichts hören Sie haben keine Heimat sie wissen von
keinem Vaterlande Willkommen sind ihnen die Welschen wenn sie Geld mitbringen
und eine bessere Zeit
Gott gebe die bessere Zeit und halte die Welschen fern
Für mich ist es ein Glück dass ich kühlen Blutes bin Das wilde Jahr hat die
Sprossen meiner Leidenschaft getötet Nun darf ich mein ganzes Streben auf das
eine Ziel lenken aus diesen zerstreuten zerfahrenen Menschen ein Gemeinsames
ein Ganzes zu bilden Ist dieses gelungen so haben wir alle einen Halt Ich
werde ihnen und mir eine Heimat gründen Vor allem kommt es darauf an den
Freiherrn zu stimmen sonach muss auf die Waldleute eingewirkt werden
Eine übermäßige Kraft scheint mir dazu nicht nötig zu sein wohl aber ein
zähes Bemühen Diese Menschen sind wie Lehmkugeln ein Anstoß und sie rollen
eine Weile fort Weiter kommen sie selbst nur geleitet müssen sie werden dass
sie einem und demselben Ziele zustreben Glieder sind genug aber spröde und
unschmiegsam selbander Wenn nur erst die Kirche fertig ist dass die Gemeinde
ein Herz hat dann machen wir uns an den Kopf und bauen das Schulhaus
Im Herbste 1816
In einer der letzten Wochen bin ich mit einem Papierbogen zu allen Hütten
des Waldes herumgegangen Da habe ich die Hausväter nach dem Stande ihrer
Wirtschaft nach der Zahl ihrer Familie nach den Geburtsjahren und Namen der
Leute gefragt Das Geburtsjahr kann zumeist nur nach Geschehnissen und
Zeitumständen angegeben werden Der ist geboren im Sommer in welchem das
große Wasser gewesen die ist zur Welt gekommen in demselbigen Winter als man
Strohbrot hat essen müssen Solche Ereignisse sind ragende Marksteine
Das Namensverzeichnis wird nicht gar zu mannigfaltig Die Bewohner
männlicher Art heißen Hannes oder Sepp oder Bertold oder Toni oder Mates
die Leute weiblicher Gattung sind Katrein benamset oder Maria welcher Name in
Mini Mirzel Mirl Mili Mirz Marz umgewandelt und ausgesprochen wird Ähnlich
geht es mit anderen Namen und kommt einer von draußen so muss er sich eine
Umwandlung nach den Zungen der Hiesigen sogleich gefallen lassen Mich haben sie
einige Zeit den Andredl geheißen aber das ist ihnen ein zu großer Name für
einen so kleinen Menschen und heute bin ich nur mehr der Redl
Von Geschlechtsnamen wissen schon gar die wenigsten was Viele mögen den
ihren verloren vergessen andere einen solchen nie gehabt haben Die Leute
gebrauchen eine eigene Form ihre Abstammung und Zugehörigkeit zu bestimmen
Beim HanslToniSepp Das ist ein Hausname und es ist damit angezeigt dass der
Besitzer des Hauses Sepp heißt dessen Vater aber Toni und dessen Großvater
Hansel genannt worden ist Die KatHaniWabaMirzMargaret Da ist die Kati
die Ururgrossmutter der Margaret Der Stamm mag doch schon lange in der
Waldeinsamkeit stehen
Und so wird eine Person oft durch ein halbes Dutzend Namen bezeichnet und
jeder schleppt die rostige Kette seiner Vorfahren hinter sich her Es ist das
einzige Erbe und Denkmal
Das Wirrsal darf aber nicht so bleiben Die Namen müssen für das Pfarrbuch
vorbereitet werden Zu den Taufnamen müssen Zunamen erfunden werden Das wird
nicht schwer gehen wenn man der Sache am Kern bleibt Man benenne die Leute
nach ihren Eigenschaften oder Beschäftigungen oder Stellungen das lässt sich
leicht merken und für die Zukunft beibehalten Ich nenne den Holzarbeiter Paul
der die Annamirl geheiratet nicht mehr den HieselFranzelPaul sondern kurzweg
den Paul Holzer weil er die Holzstrünke auf den Riesen zu den Kohlstätten
befördert und die Leute diese Arbeit »holzen« heißen Der Schwammschlager Sepp
der seines Vaters Namen vergessen soll auch nicht mehr anders heißen als der
Schwammschlager und er und seine Nachkommen mögen angehen was sie wollen sie
bleiben die Schwammschlager Eine Hütte in den Lautergräben nenne ich die
Brunnhütte weil vor derselben eine große Quelle fließt Wozu den Besitzer der
Hütte HieselMichelHieselHannes heißen Er ist der Brunnhütter und sein Weib
ist die Brunnhütter und wenn sein Sohn einmal in die Welt hinausfährt Soldat
wird oder Fuhrmann oder was immer er bleibt der Brunnhütter allerwegen So
haben wir nun auch einen Sturmhanns der hat oben auf der stürmischen
Wolfsgrubenhöhe sein Haus
Einen alten sehr dickhalsigen Zwerg den Kohlenführer Sepp heißen sie seit
lange schon den Kropfjodel Da habe ich letztlich das Männlein gefragt ob es
zufrieden sei wenn ich es unter dem Namen Josef Kropfjodel in meinen Bogen
einschreibe Er ist gerne dazu bereit Ich habe ihm noch vorgestellt dass aber
auch seine Kinder und Kindeskinder Kropfjodel heißen würden Da grinst er und
gurgelt »Zehnmal soll er Kropfjodel heißen mein Bub« Und ein wenig später
setzt der Schelm bei »Den Namen gottdank den hätten wir Ei hätten wir den
Buben auch«
Drüben im Karwasserschlag stehen drei buschige Tannen die der
HolzschlägerMeisterknecht der JoselHanselAnton zu Schutz für Mensch und Tier
hat stehen gelassen Zu Lohn heißt der Mann Anton Schirmtanner für ewige Zeiten
Die neuen Namen finden Gefallen und jeder der einen solchen trägt hebt
seinen Kopf höher und ist zuversichtlicher selbstbewusster als er sonst
gewesen Nun weiß er wer er ist Jetzund kommt es darauf an dem neuen Namen
einen guten Klang zu erwerben und ihm Ehre zu geben
Schauderlich erschreckt hat mich nur der Almbursche Bertold »Einen Namen«
ruft er »für mich ich brauch keinen Namen ich bin ja niemand Zu einem Weib
hat mich Gott nicht gemacht und ein Mann sein das erlaubt der Pfarrer nicht
Die Ehe ist mir verwehrt weil ich bettelarm bin Heißt mich den Bertold
Elend Ich brech die Satzung und mein Fleisch und Blut verrat ich nicht«
Nach diesen Worten ist er wie ein Wütender davon geeilt Der einst so
lustige Bursche ist kaum mehr zu erkennen Ich habe in den Bogen den Namen
Bertold geschrieben und ein Kreuz dazu gemacht
Auch noch ein anderer streicht in den Winkelwäldern herum von dem ich nicht
weiß ob und welchen Namen er trägt Wenn doch so kanns ein böser sein Der
Mann weicht am liebsten den Leuten aus vergräbt sich oft für lange Zeit und
man weiß nicht wo taucht zu seltsamen Stunden wieder auf und man weiß nicht
warum Es ist der Einspanig
Im Mai 1817
In diesem Winter habe ich eine schwere Krankheit zu bestehen gehabt Die
Ursache derselben ist das Unglück des Markus Jäger den ein Wildschütze
angeschossen hat Der Jäger ist drüben in einer Hütte der Lautergräben gelegen
Ich gehe mehrmals zu ihm hinüber weil der Brand in die Wunde zu kommen droht
und weil sonst niemand ist der den Kranken pflegen will und kann Anstatt dass
die Leute hier eine Wunde mit lauem Wasser und gezupften Linnen rein halten
täten kleben sie allerlei Schmieren und Salben hinein Das muss schon eine
kräftige Natur sein die sich trotz solcher Hemmnisse aufrafft Ich habe recht
zu tun gehabt dass mir der Jäger nicht unterlegen ist
Als ich das letztemal bei ihm bin ist ein stürmischer Märztag Auf dem
Rückwege sind die Pfade schauderhaft verschneit und verweht Stellenweise ist
mir der Schnee bis zur Brust emporgegangen Viele Stunden habe ich mich so
fortgekämpft aber es bricht die Nacht herein und ich habe das Winkeltal noch
lange nicht erreicht Eine unsägliche Ermüdung kommt über mich der ich zwar
lange widerstehe die endlich aber nicht mehr zu überwinden ist Da habe ich
schon gar nichts anders mehr gemeint als dass ich so mitten im Schnee würde
umkommen müssen und dass sie mich im Frühjahr finden und an der neuen Kirche im
Winkel vorüber nach Holdenschlag tragen würden Dahier im Waldesfriedhof möcht
ich liegen Aber noch lieber darauf stehen
Erst nach Wochen habe ich es erfahren dass ich nicht erfroren bin dass mir
an demselbigen Abende zwei Holzhauer auf Schneeleitern entgegengekommen sind
mich bewusstlos gefunden und ins Winkelhüterhaus getragen haben Als ich nachher
viele Tage lang in der schweren Krankheit gelegen sollen sie sogar einmal den
Bader von Holdenschlag zu mir gerufen haben Und der Bote der den Arzt geholt
hätte wie er mir seither selbst erzählt den Auftrag gehabt gleich auch mit
dem Totengräber zu reden Der Totengräber hätte gesagt »Wenn mir der Mann nur
das nicht antäte dass er jetzt stürbe s ist ja kein Loch zu machen in dieser
steinhart gefrornen Erden«
Es freut mich recht dass ich dem guten Mann die Mühe hab ersparen mögen
Als die Gefahr der Krankheit vorbei hat mich erst ein recht hartnäckiges
Augenleiden verfolgt das noch nicht ganz gehoben ist Ich muss noch eine lange
Zeit in der Stube verbleiben wohl so lange bis draußen das Tauen eingetreten
und das Wildwasser vorbei Mir ist gar nicht einsam Ich schnitze in Holz ich
will mir eine Zither zusammenleimen oder so etwas dass ich mich in der Tonkunst
übe bis in der Kirche die Orgel fertig sein wird
Es sind oft Leute gekommen die sich neben mir auf die Bank gesetzt und
gefragt haben ob ich schon recht gesund sei Die RussAnnamirl die jetzund mit
den Ihren in das Holzmeisterhaus der Lautergräben gezogen ist und nach der neuen
Ordnung Anna Maria Russ heißt hat mir in der vorigen Woche drei große Krapfen
herübergeschickt Dieselben sind von denen die zur Festfreude gebacken worden
da ein kleinwinziger Russ angekommen ist Sie haben den Kleinen mit Krapfen
getauft
Auch die Witwe des schwarzen Mates ist einmal zu mir gekommen Sie hat mich
in großem Kummer gefragt was mit ihrem Buben dem Lazarus zu machen der habe
die wilde Wut Die wilde Wut das sei wenn einer über den geringsten Anlass in
Zorn ausbreche und alles bedrohe Der Lazarus sei so er habe das in noch
höherem Grade als es sein Vater gehabt Schwester und Mutter seien in Gefahr
wenn der Knabe nur erst kräftiger würde Ob es gegen ein solches Elend denn gar
kein Mittel gäbe Was kann ich der bedrängten Frau raten Eine stete
gleichmäßige Beschäftigung und eine liebreiche aber ernsthafte Behandlung sei
dem Knaben angedeihen zu lassen habe ich vorgeschlagen
Unter allen Menschen der Winkelwälder dauert mich dieses Weib am meisten
Ihr Mann ist nach einem unglückseligen Leben gewaltsam erschlagen und ehrlos
begraben worden Dem Kinde steht nichts Besseres bevor Und das Weib
vormaleinst an bessere Tage gewöhnt ist so weichherzig und milde
Ehgestern kommt ein Knabe zu mir der einen Vogelkäfig mit sich schleppt
Der Junge ist so klein dass er mit seinem Händchen gar die Türklinke nicht
erreichen kann und eine Weile zaghaft klöpfelt bis ich ihm öffne Er steht noch
in der Tür als er anhebt »Ich bin der Bub vom Markus Jäger und mein Vater
schickt mich her der Vater schickt mich her «
Der Schlingel hat die Ansprache auswendig gelernt und bleibt stecken und
wird rot und will sich wieder von dannen wenden Ich habe Mühe bis ich es
erfahre dass sein Vater mir sagen lasse er sei völlig geheilt und mir wünsche
er dasselbe und er komme demnächst zu mir um sich zu bedanken und er schicke
zwei übermütige Schopfmeisen und er möchte mir da ich wie er wisse noch
nicht in das Freie gehen könne das ganze Frühjahr in die Stube senden
Was fange ich mit den kleinen Tieren an sie flattern wenn man ihnen nahe
kommt wirr im Käfig umher und zerstossen sich vor Angst die Köpfchen an den
Spangen Ich lasse sie in unseres Herrgotts Vogelkäfig in den Mai
hinausfliegen
Und als endlich die Zeit erfüllt da bin ich eines frühen Morgens auch
selber hinausgetreten in den freien Mai Der Haushahn kräht der Morgenstern
guckt helläugig über den dunkeln Waldberg Der Morgenstern ist ein guter
Geselle der leuchtet getreulich so lange es noch dunkel ist und tritt
bescheiden in den Hintergrund sobald die Sonne kommt
Leise schleiche ich durch das Haustor dass ich die Leute nicht wecke die
haben sich nicht wochenlang so ausgerastet wie ich denen liegt noch der
gestrige Tag auf den Augenlidern die der heutige schon wieder wach begehrt
Im Walde ist bereits das zitternde rieselnde Erlösen aus tiefer Ruhe Wie
ist eines Genesenen erster Ausgang so eigen Man meint der ganze Erdboden
schaukelt mit einem schaukelt sein wiedergeborenes Kind in den Armen O du
heiliger Maimorgen gebadet in Tau und Wohlduft durchzittert und durchklungen
von ewigen Gottesgedanken Wie gedenke ich dein und deines Märchenzaubers der
sich zu dieser Stunde von der Glocke des Himmels und von den Kronen des Waldes
niedergesenkt hat in meine Seele
Und dennoch habe ich zur selbigen Stunde ein seltsam Weh empfunden Mir
ist die Jugend gegeben und ich lebe sie nicht Was ist mein Zweck Was bedeute
ich Kurz vor diesen Tagen bin ich seit Ewigkeit her ein Nichts gewesen kurz
nach diesen Tagen werde ich ein Nichts sein in Ewigkeit hin Was soll ich tun
Warum bin ich an dieser kleinen Stelle und zu dieser kurzen Zeit mir meiner
bewusst worden Warum bin ich erwacht Was muss ich tun
Da habe ich mirs von neuem gelobt zu arbeiten nach allen meinen Kräften
und auch zu beten dass mir so schwere herzverbrennende Gedanken nicht mehr
kommen möchten
Als die Sonne aufgeht stehe ich noch am Waldessaume Unten rauscht das
Wasser der Winkel und aus dem Rauchfange des Hauses steigt ein bläulich
Schleierband auf und im Kirchenbaue hämmern die Maurer
Meine Hauswirtin hat es gleich wahrgenommen dass ich des Morgens nicht in
der Stube und hat gezetert über meinen Leichtsinn Und als sie erst gar
erfährt dass ich in der kühlen Frühe auf feuchtem Moosboden geruht da fragt sie
mich ganz ernstaft ob es mir denn zu schlecht sei in ihrem Haufe oder ob ich
sonst was auf dem Herzen hätte dass ich mir so ans Leben wolle ja und ob ich
nicht wisse dass der welcher sich so auf den Tauboden des Frühjahrs hinlege
dem Totengräber das Maß gebe
Sonnenwende 1817
Das ist ein seltsamer Waldgang gewesen und ich ahne er lässt sich nicht
verantworten im Himmel und auf Erden Wo in den schattigen Felsschluchten des
Winkelegger Waldes das Wässerlein rieselt da bleibe ich stehen Hier auf
diesen Wellen lasse deine Gedanken schaukeln ohne Zweck und Ziel Du kennst die
Mär vom Letestrom der Griechen Das ist ein eigen Wasser gewesen wer davon
getrunken hat der Vergangenheit vergessen die Wellen des Waldbächleins sind
ein noch eigeneres Wasser wessen Seele auf denselben schaukelt und trüge er
auch den Winter im Haar der findet wieder die längst vergangene Zeit seiner
Kindheit und Jugend Sollte nicht der Lete für mich besser taugen
Ich gehe tiefer hinein in die Wildnis und ruhe im Moose und lausche der
immerdar klingenden Ruhe Manches erst aufgeblühte Blümlein wiegt nah an meiner
Brust und will leise anklopfen an der Pforte meines Herzens Und mancher Käfer
krabbelt ängstlich heran er hat im Dickicht der Gräser und der Moose etwan den
Weg verloren zu seinem Liebchen Jetzund hebt er seinen Kopf empor und frägt
nach dem rechten Pfad Weiß ich ihn selber Sag du uns an wo wird die
Sehnsucht gestillt die mit uns ist auf allen Wegen Eine Spinne lässt sich
nieder vom Geäste sie hat sich emporgerungen zur Höhe und nun sie oben ist
will sie wieder unten sein auf der Erden Sie spinnt Fäden ich spinne Gedanken
Wer ist der Weber der aus losen Gedankenfäden ein schönes Kleid weiß zu weben
Wie ich noch so träume rauscht es im Dickicht Es ist kein Hirsch es ist
kein Reh es ist ein Menschenkind ein junges glühendes Weib erregt und
angstvoll wie ein verfolgtes Wild Es ist Aga das Almmädchen Sie eilt auf
mich zu erhascht meine Hände und ruft »Weil Ihrs nur seid weil ich Euch nur
finde« Dann schaut sie mich an und es stockt ihr der Atem und sie vermag den
Aufruhr in ihr nicht niederzudämpfen »Es hat einen bösen Schick« schreit sie
wieder »aber ein ander Mittel weiß ich nimmer Der bös Feind stellt mir nach
mir und ihm gleichwohl auch Wir fürchten die Leut jetzund aber Euch bin ich
zugelaufen Ihr seid fromm und hochgelehrt Ihr helft uns dass wir nicht
versinken allbeid ich und der Bertold Wir wollen in Ehren und Sitten leben
gebt uns den Ehspruch«
Ich weiß anfangs nicht was das bedeutet und als sie es klar tut sage ich
»Habt Ihr den treuen Willen so wird Euch der Ehesegen von der Kirche nicht
vorenthalten werden«
»Mein Gott im Himmel« schreit das Mädchen »mit der Kirche heben wir nichts
mehr an die versagt uns die Ehe weil wir nichts haben Aber wenn der Herrgott
bös auf uns tät werden das wäre arg Das Gewissen lässt mir keine Ruh und
zu tausendmal bitt ich Euch schenket uns den Segen den jeder Mensch kann
schenken Ihr seid wohl selber noch jung und habt Ihr ein Lieb so werdet Ihrs
wissen es gibt kein Lösen und Lassen Wir leben in der Wildheit zusammen weil
wir uns lassen mögen wir haben keine Seel die unser Freund wollt sein und
uns das Glück wollt wünschen von Herzen Ein gutes Wort möchten wir hören und
wenn nur einer tät kommen und sagen wollt mit Gottes Willen und Segen
einander verbleiben bis zum Tod So ein einzig Wort und wir wären erlöst von der
Sünd und ein Ehpaar vor Gott im Himmel«
Diese Sehnsucht nach Befreiung von der Sünde dieses Ringen nach dem
Rechten nach der menschlichen Teilnahme nach dem Frieden des Herzens wen
hätte das nicht zu rühren vermögen
»Ihr herzgetreuen Leut« rufe ich aus und reck die Arme »der Herrgott
mög mit Euch sein ich wünsche es Euch«
Da ist schon auch der Bursche neben dem Mädchen gekniet Und so habe ich mit
meinen Worten etwas getan was von mir gar nicht zu verantworten ist im Himmel
und auf Erden Ich habe eine Trauung vollzogen mitten im grünen Wald
Am Peter und Paulitag 1817
Doch seltsam was in diesem Jungen steckt in des schwarzen Mates Sohn Er
hat das Herz seiner Mutter und das Blut seines Vaters Nein er hat ein noch
größeres Herz als seine Mutter und ein dreimal wilderes Blut als sein Vater
Dieser Knabe wird ein Heiland oder ein Mörder
Die alte RussKat siecht seit Monaten Die Leute sagen es fehle ihr an
gesundem Blut Das hat auch der kleine Lazarus gehört und gestern ist er zu mir
gekommen mit einem hölzernen Töpfel und dem großen Seitenmesser seines Vaters
und hat mich aufgefordert ich möge aus seiner Hand Blut ablassen und es der
RussKat schicken
Er glüht im Gesicht ist aber sonst ruhig Ich verweise ihm sein Ansinnen
Er schießt davon Und bald danach hat er im Hofe des Winkelhüterhauses eine
Taube erwürgt aus Zorn aus Liebe ich mag es nicht entscheiden
Ich trete hinaus zu dem toten Tiere »Lazarus« sage ich »jetzt hast du
eine Mutter umgebracht Siehst du die armen hilflosen Jungen dort Hörst du
wie sie weinen«
Bebend steht der Knabe da blass wie Stein und ringt nach Luft und zerbeisst
sich die Unterlippe Ich drehe ihm den eingezogenen Daumen aus und giesse Wasser
auf seine Stirn
Ich führe ihn in seine Hütte zurück Dort fällt er erschöpft auf das Moos
und sinkt in einen tiefen Schlaf
Es muss was geschehen um das Kind zu retten Wie wenn es zu mir nähme sein
Vater und sein Bruder wäre es zähmte und leitete nach meinen Kräften es
unterrichtete und zur Arbeit anhielte und in aller Weise seine Leidenschaft zu
töten suchte
Etwan hat der Knabe doch zu viel Blut meinen die Leute
Hundstage 1817
Der Sturmhanns hat ein Hündlein ein gar possierlich Tier weiß recht klug
dreinzuschauen und freundliche Augen zu machen und anhänglich schweifzuwedeln
dass man meint man müsse es frei liebhaben wie ein Menschenkind Und da ich ihm
in die Nähe gekommen bin schwapp hab ich eins in den Waden Wie dieser
Hund so sind auch die Hundstage Das ist ein Glitzern und Sonnenleuchten des
Morgens und ein Vogelzwitschern und alle Blumen heben ihre Köpfeln zur Höhe und
grüßen und lachen dich an Und die Sonne streichelt dich und küsst dich und die
Sonne umarmt die Welt mit glühender Lieb wer wollte da nicht hinausstreichen
in den wohligen Schatten der Wälder Du wandelst frei dahin und schauest zur
grünen Erde und denkst du lieber du holder Tag Da sind auf einmal die
finsteren Wolken über dir und der Sturm reißt dir den Hut vom Haupt und der
Regen schlägt dir rasend ins Gesicht birg dich rasch es kommt auch Eis
gesaust
Die Hundstage Kann denn auch die Natur untreu sein Der Mensch ists der
ihr Böses zeiht weil sein Denken unvernünftig und seine Weisheit mangelhaft
ist Es gibt nichts Böses und nichts Gutes außer in dem Herzen des einen
Wesens dem der freie Wille gegeben ist
Wenn wir uns den freien Willen abstreiten könnten dann wären wir alles
Gewissens los Im Walde gibt es manchen dem das recht wäre
Am Jakobitag 1817
Heute bin ich wieder im Hinterwinkel im Hause des Mates gewesen Das Weib
trostlos Seit zwei Tagen ist der Knabe Lazarus verschwunden
Das Schreckliche ist geschehen In seinem Jähzorn hat er einen Stein nach
der Mutter geschleudert Als das geschehen hat er einen grausen Schrei getan
und ist davongegangen
Auf der Grabstätte des Mates hat man gestern frische Spuren zweier Knie
entdeckt
Wir haben Leute aufgeboten dass sie den Knaben suchen In einer dar Hütten
ist er nicht Es wird auch an den Abgründen und Bächen nachgespürt
»Er hat mich nicht treffen wollen« jammert die Mutter »und das ist ein
kleiner Stein gewesen aber auf dem Herzen liegt mir ein großer Einen größeren
hätt er nimmer nach mir schleudern mögen als dass er davon ist«
Drei Tage später
Keine Spur von dem Knaben Wohl eine andere Spur haben die Leute gefunden
große Pfoten mit vier und fünf Zehen Wölfe und Bären gibt es in der Gegend
Es geht das Gerücht drüben in den Lautergräben habe ein Holzhauer gestern
die halbe Nacht mit einem Bären gerungen bis es dem Manne endlich gelungen sei
seinen Arm dem Tiere in den Rachen zu stoßen dass es daran erstickt Ich bin
heute in den Lautergräben gewesen dort wissen sie nichts von der Mär
Dagegen hat mich einer von dort gefragt ob es wohl wahr dass im Winkel
drüben ganz nahe am Hause ein Rudel Wölfe den Erdmann gefressen hätte
Das sei nicht wahr habe ich geantwortet
Aber der Mann behauptet er wisse das zwar ganz bestimmt Die Leute täten es
allerwärts erzählen und hundert Schritte vom Kirchenbaue hintan sehe man das
Blut auf dem Sandboden und Fetzen von der Bekleidung
Ich entgegne dass ich das Blut auch gesehen habe dass dasselbe aber von
einem Lämmlein herrühre welches die Winkelhüterin gestern abends eben für den
Erdmann ausgeweidet habe dass den Erdmann also nicht die Wölfe aufgefressen
hätten sondern dass der Erdmann das Lämmlein aufgegessen habe und dass besagter
Erdmann ich selber sei
Der Mann ist darauf recht verlegen und meint er habe mich nicht erkannt
sonst hätte er das Gerücht nicht nacherzählt ihm möge ihm nur verzeihen dass
die Sache nicht wahr ist
Am PetriKettenfeiertag 1817
Das ist wie ein knatterndes Lauffeuer durch den Wald gegangen Im
Karwasserschlag wissen sie es in Miesenbach wissen sie es in den Lautergräben
wissen sie es und ich im Winkel weiß es dass es die bereits alle wissen was
doch erst heute morgens geschehen ist
Das Töchterlein des Mates besucht zuweilen die Grabesstätte des Vaters und
bepflanzt sie mit Hagebuttensträuchern Heute zur Frühe wie es wieder hinkommt
leuchtet ihm etwas entgegen Auf dem Hügel ragt ein Stab und daran flattert ein
Papier Das Mädchen läuft heim zur Mutter diese läuft zu mir in das
Winkelhüterhaus dass ich kommen und sehen möge was das sei
Es ist sehr merkwürdig Eine Nachricht ist es von dem Knaben Auf dem Papier
stehen in fremden Zügen die Worte
»Meine Mutter und meine Schwester Habt keinen Groll und keine Sorge Ich
bin in der Schule des Kreuzes
Lazarus«
Die Leute richten ihre Blicke auf mich Der Knabe kann nicht lesen und nicht
schreiben fast niemand kann es im Walde Die Leute meinen ich sei hochgelehrt
ich müsse von allem wissen
Ich weiß von nichts
Allerseelen 1817
Das ist ein lautloses Auf und Niedergehen der Menschen
Ein Tröpflein sammelt sich am hohen Zweig des Baumes sickert hinaus auf die
letzte Nadel wiegt sich und glitzert und funkelt oft grau wie Blei oft rot
wie Karfunkel Kaum noch hat es die Farbenpracht des Waldes und des Himmels in
sich gespiegelt so zieht ein Luftauch und das Tröpflein löst sich von dem
wiegenden Tannenzweig und fällt nieder auf den Erdengrund Und der Erdboden
saugt es ein und keine Spur ist mehr von dem funkelnden Sternchen
So auch lebt des Waldes Kind und so vergeht es
Draußen ist es anders Draußen erstarren die Tropfen in dem frostigen Hauch
der Sitte und die Eiszapfen klingeln aneinander und im Niederfallen klingeln
sie und ruhen eine Weile noch der Welt Herrlichkeit in sich spiegelnd auf dem
Erdboden bis sie zerfließen und vertauen wie der Gedanke an einen lieben
Toten
Draußen sind ja die Friedhöfe nicht für die Toten sondern für die
Lebendigen Der Lebende feiert dort das Andenken an seine Vorfahren und er
feiert seine künftige Friedhofsruhe Für den Lebenden ist das Rosenbeet und die
Inschrift Der Lebende empfindet in seinem Gemüte die Ruhe wenn er an den
Schläfer denkt der von Drangsal erlöst ist Der Lebende fühlt das Hinabsinken
des Toten und hofft für jenen die Urständ Niemand geht unbelohnt über
Friedhofserde diese Schollen kühlen die Leidenschaften und erwärmen die Herzen
und nicht allein des Todes Frieden steht auf den Blumenhügeln geschrieben
sondern auch des Lebens Wert
Der Wald legt Ruhe wohin Ruhe gehört Dort hat der tote Schläfer kein
Nachtlicht wie der lebendige keines gehabt »Das ewige Licht leuchte ihnen«
ist das einzige Begehren Die Späterbstsonne lächelt matt und verspricht ihren
ewigen Glanz und der nächste Frühling sorgt für Blumen und Kränze
Nicht der toten Leiber wird im Walde gedacht sondern ihrer lebenden Seelen
Wehe wenn diese sündig verstorben im Fegefeuer schmachten
Als der hungernde Hans seinem hungernden Nachbar auf der Au das Stück Brot
hat gestohlen und darauf war verstorben da war der Urwald noch nicht gestanden
Der Leib war verwesen der Hans vergessen die Seel ist im Fegfeuer gelegen
Die Au ist zum Walde der Wald ist zur Wildnis geworden die Wölfe heulen und
kein Mensch ist weit und breit an den Hängen des Gebirges wogen Sommerlüfte und
Winterstürme und mit jeder Minute ein Körnlein Sand und mit jedem Jahrhundert
eine Bergeswucht rollt in die Tiefe der Schluchten Und die arme Seele liegt im
Feuer Wieder kommen Menschen in die Einöden und die Hochwälder fallen und
Hütten und Häuser erstehen und eine Gemeinde wird gebildet die Seele aus
alten längst untergegangenen Sonnen liegt in den Gluten des Fegfeuers und ist
verlassen und vergessen
Aber ein Tag geht auf im Jahre solch vergessenen Seelen zum Troste
Als Christus der Herr am Kreuz ist gestorben und nur noch der letzte Tropfen
Blut in seinem Herzen ist gewesen da hat ihn sein himmlischer Vater gefragt
»Mein lieber Sohn die Menschheit ist erlöst wem willst du den letzten Tropfen
deines rosenfarbenen Blutes zukommen lassen« Da hat Christus der Herr
geantwortet »Meiner lieben Mutter die am Kreuze steht auf dass ihre Schmerzen
sollen gelindert sein« »O nein mein Kind Jesus« hat darauf die Mutter Maria
geantwortet »wenn du den bitteren Tod willst leiden für die Menschenseelen so
mag ich die Mutterpein auch noch ertragen ist sie gleichwohl so groß dass sie
nicht das Meer kann löschen und wär die ganze Erden ein Grab sie nicht kunnt
begraben Ich schenke den letzten Tropfen deines Blutes den vergessenen Seelen
im Fegfeuer auf dass sie einen Tag haben im Jahr an dem sie von dem Feuer
befreit sind«
Und so sei nach der Sage Deutung Allerseelentag entstanden An diesem
Tage sind auch die verlassensten und vergessensten Seelen von ihrer Pein befreit
und stehen im Vorhofe des Himmels bis der letzte Stundenschlag des Tages sie
wieder in die Flammen ruft
Das ist im Walde der Sinn und Gedanke des Festes Allerseelen und manche
gute Tat wird geübt auf die Meinung den abgeschiedenen Seelen die Feuerspein zu
lindern
Über den einsamen Gräbern aber brauen die Späterbstnebel und junger Schnee
verbirgt des Hügels letzten Rest und darauf haben etwa die Klauen eines Hähers
ein Kettchen gezogen als einziges Zeichen des Lebens das hier oben noch
waltet des unauflöslichen Bandes Deutung um Leben und Tod ist eine ewige
Kette gewunden
Heute muss ich oft an den Lucas denken Ein Brenner der in den Lautergräben
begraben liegt Dem Holzmeister Luzer ist in einer Nacht ein Ziegenbock
gestohlen worden unweit von der LucasHütte haben sie hernach vom Tiere Haut
und Eingeweide gefunden Da ists offenbar der Lucas ist der Dieb Und wie im
Walde schon überall die Lässigkeit herrscht so klagen sie den Brenner nicht an
und so kann er sich nicht rechtfertigen Gleichwohl hat er gemerkt wie er bei
den Leuten im Arg steht Und einmal hat er ausgerufen »Hättet ihr mir meine
Hände abgehauen hättet ihr mir das Augenlicht genommen ich wollte zufrieden
sein Aber ihr habt mir meine Ehre weggenommen jetzt ists vorbei« Die
Leute haben gesagt »Mag er sich winden und wenden wie er will den Ziegenbock
hat er doch gestohlen Ist der Lucas darüber närrisch geworden »Diebe muss man
hängen« soll er gesagt haben und hat man ihn nachher an dem Aste einer Föhre
gefunden Von jeher haben sich Selbstmörder ihren Grabplatz selber gewählt so
haben sie den Lucas zwischen den roten Wurzeln der Föhre verscharrt
Erst vor wenigen Wochen hat er sich ereignet dass ein arbeitsloser Holzmann
auf dem Totenbett das Geständnis abgelegt er wäre es der dem Luzer den Bock
davongetrieben hatte Ich werde heute doch noch zum Grabe des Lucas in die
Lautergräben gehen
Dann gibt es in den Winkelwäldern noch ein Grab das die Leute wissen und
verachten Und dennoch ist es an diesem Tage des Gedächtnisses nicht einsam
gewesen
Das Töchterlein des schwarzen Mates hat am Grab des Vaters wieder ein Blatt
gefunden
»Mir geht es wohl Ich denke an meine Mutter an meine Schwester und an
meinen Vater Lazarus«
Das ist die Botschaft Die einzige Botschaft von dem verschwundenen Knaben
seit vielen Tagen Die Schriftzüge sind dieselben wie auf dem ersten Blatte
Keine Menschenspur geht außer der des Mädchens zum Grabe hin keine davon
Pfade von Füchsen und Rehen und anderen Tieren ziehen in Zick und Zack durch den
winterlichen Wald
Am Katarinentag 1817
Es ist ein Brief geschrieben worden dass der Knabe um Gottes und der Mutter
willen zurückkehren möge in die Hütte Der Brief ist gut verwahrt über dem Grabe
an dem Kreuzlein befestigt worden Bis zum heutigen Tage ist er noch dort
niemand hat ihn erbrochen
Weihnacht 1817
Heute habe ich Heimweh nach den Glockenklängen nach in Wehmut erlösenden
Orgeltönen Ich sitze in meiner Stube und spiele Krippenlieder auf der Zither
Meine Zither hat nur drei Saiten eine vollkommenere habe ich mir nicht zu
schaffen gewusst
Die drei Saiten sind mir genug die eine ist meine Mutter die andere mein
Weib die dritte mein Kind Stets in seiner Familie begeht man die Weihnacht
Nur wenige der Waldleute gehen mit Spanlunten hinaus nach Holdenschlag zur
nächtlichen Feier Es ist auch gar zu weit Die übrigen bleiben in ihren Hütten
aber schlafen wollen sie doch nicht Sie sitzen beisammen und erzählen sich
Märchen Sie haben heute einen sonderartigen Drang aus ihrer Alltägigkeit
herauszutreten und sich eine eigene Welt zu schaffen Mancher übt alte
heidnische Sitten aus und vermeint durch dieselben einem unsäglichen Gefühle des
Herzens zu genügen Mancher strengt seine Augen an und blickt hin über die
nächtigen Wälder und meint er müsse irgendwo ein helles Lichtlein sehen Er
horcht nach Feierglockenklingen und lieblichen Engelsstimmen Aber nur die
Sterne leuchten über den Waldbergen heute wie gestern und immer Ein kalter
Luftauch weht über den Wipfeln Eisflämmchen flimmern nieder von den Kronen und
zuweilen schüttelt ein Geäste seine Schneelast ab
Aber anders berührt in dieser Nacht das Flimmern und das Fallen des Schnees
und die Menschengemüter zittern in sehnsuchtsvoller Erwartung des Erlösers
Ich habe ein einfältig Christbäumlein wie man sie in nordischen Ländern
haben soll zusammengerichtet und dasselbe der Anna Maria Russ in die
Lautergräben geschickt Ich denke die Kerzenflammen müssen freundlich spiegeln
in den Äuglein ihres Kleinen Vielleicht dass gar ein Funke ins junge Herz
hineinzuckt und dort nimmer verlischt
In der Hütte der Witwe kann kein Christbaum sein Auf dem Grabe des Mates
liegt sehr viel Schnee das Briefgehäuse aus Reisig hat eine hohe Haube Der
flehende Brief der Mutter an das Kind muss verderben ohne erbrochen und gelesen
worden zu sein
März 1818
In einem Winkel der Karwässer drüben hat sich der Bertold eine Klause
erworben Er ist zu den Holzleuten gegangen
Die Aga hat gestern ein Kindlein geboren Es ist ein Mädchen Sie haben es
nicht nach Holdenschlag getragen Ich bin geholt worden dass ich es taufe Ich
bin kein Priester und darf dem Kirchenkalender keinen Namen stehlen Waldlilie
habe ich das Mädchen geheißen und mit dem Wasser des Waldes habe ich es getauft
Ostern 1818
Wann wird der Engel kommen der den Stein hinwegwälzt
»Jerum jerum unser Herrgott ist gestorben Aber wie ich schon sag es
erfährt eins halt nichts in dieses Hinterland herein Schau schau ist eh
nimmer jung gewesen hab schon mein Lebtag von ihm gehört Hat halt doch auch
einmal fort müssen Uh wem bleibts aus« Das hat der alte Schwammelfuchs
gesagt als er erfahren dass zu Holdenschlag am Charfreitag von der Kanzel
verkündet worden unser Herrgott sei gestorben zu Jerusalem
In ernster und in höchster Verwunderung meint es der Alte der doch zu jedem
Abendgebete die Worte sagt »Gelitten unter Pontius Pilatus gekreuziget
gestorben«
Es ist Zungengebet Das wahre Gebet betet nur das Herz in seiner Not in
seiner Freude aber die Leute werden sich desselben nicht bewusst In Untiefen
begraben liegt noch das Ding das wir wahre Gottesehre oder Frömmigkeit heißen
Die Leute eilen in der Osternacht oder am Morgen in den freien Wald hinaus
zünden Feuer an lassen Schiesspulver knallen und spähen in der Luft nach dem
päpstlichen Segen der am Ostermorgen von der Zinne der Peterskirche zu Rom
ausgestreut werde nach allen vier Winden
Es ist immer das unbewusste Sehnen und Ringen Man merkt es liegt etwas
begraben in den Herzen was nicht tot ist Wann aber wird der Engel kommen der
den Stein hinwegwälzt
Am SanktMarkustag 1818
Der Schnee ist geschmolzen Drüben im Gesenke donnern noch die Lahnen Vor
einem Jahre haben wir einige Obstbäume gepflanzt diese grünen jetzt ganz frisch
und der Edelkirschbaum treibt fünf schneeweiße Blüten
Der Kirchenbau hat wieder begonnen Die Maurer haben sich auch schon an den
Pfarrhof gemacht Der wird ein stattliches Haus nach dem Plane des Waldherrn
Warum muss der Pfarrhof denn größer sein als etwan das Schulhaus Das Schulhaus
soll ja für eine ganze Familie und für eine Schar junger Gäste eingerichtet
sein der Pfarrhof herbergt nur einen oder ein paar einzelne Menschen deren
Welt sich nicht nach außen breitet sondern im Innern vertieft
Aber der Pfarrhof soll das Heim und die Zuflucht sein für alle Rat und
Hilfebedürftigen eine Freistatt für Verfolgte und Schutzlose und auch der
Mittelpunkt der Gemeinde
Als Neues in der Jahreszeit kehrt stets das Alte wieder die Leute leben in
ihrer gewohnten Beschäftigung und unbewussten Armut fort
Ich kann nicht mehr so im Walde herumgehen um mit den Leuten zu verkehren
von ihnen zu lernen und ihnen dafür anderweitig zu nützen Ich kann nicht mehr
flechten und schnitzen nicht mehr so in der Schöpfung leben und Baum und
Blumenkunde treiben und das Erdreich ausspähen was etwan aus demselben für uns
zu holen wäre Ich muss stetig dem Baue sein die Arbeiter und Vorarbeiter gehen
auf meinen Rat Ich muss viel nachdenken und Bücher und fremde Erfahrungen zu
Hilfe ziehen dass wir nicht auf Irrwege geraten
Mir behagt aber die Sache bei all der Anstrengung und ich werde jünger und
kräftiger
Gestern ist der Dachstuhl aufgesetzt worden Viele Menschen sind dabei
anwesend gewesen jeder will zur Kirche sein Scherflein beitragen Die Witwe des
Mates und ihre Tochter arbeiten auch im Bau Sie sprechen kein Wort mehr von
dem Knaben Aber letzthin hat das Weib ein Steinchen mit aus ihrer Hütte
gebracht und die Worte gesagt »Ich möchte gern dass dieses Sandkorn unter dem
Altar liege«
Es ist der Stein den der Knabe nach der Mutter geworfen
Pfingsten 1818
Das erste Fest der neuen Kirche Aber nicht in derselben sondern vor
derselben Gestern ist das Turmkreuz aufgerichtet worden Es ist von Stahl und
vergoldet ein Geschenk des Freiherrn
Eine große Menge Leute hat sich versammelt es gibt doch viele Bewohner in
den Wäldern
Von Holdenschlag aber soll kein Mensch dagewesen sein nicht einmal der
Pfarrer Letztlich gönnen sie uns etwan gar die neue Kirche nicht Wohl aber
ist jenseits des Winkelbaches der Einspanig gesehen worden Er schleicht und
lauert zerrt sein aschenfarbig Lodentuch über das bewüstete Haupt hastet am
Bache hin und wieder und endlich hinein in das Dickicht Das ist ein seltsamer
Mensch mehr und mehr zieht er sich zurück von den Leuten und nur an bedeutsamen
Tagen wird er gesehen Niemand weiß wer er ist von wannen er kommt und was er
webt das weiß kein Weber
Auch der Holzmeister nimmt an dem Feste teil ist ganz außerordentlich
aufgeziert und hat gar seinen roten Vollbart gekämmt In der Hand hat er einen
beknopften Stock getragen da merke ich gleich es geht nicht gewöhnlich Und
richtig er hält eine Rede in welcher er sagt dass er heute im Namen des
Waldherrn der neuen Gemeinde die neue Kirche übergebe
Das Kreuz trägt ein kräftiger Mann an den Arm gebunden hinauf Es ist Paul
der junge Meisterknecht aus den Lautergräben Von dem Turmfenster durch das er
heraussteigt ist ein sehr einfaches Gerüste an dem beinahe senkrechten
Schindeldach empor bis zur Spitze Gelassen klettert der Träger an den Balken
hinan Zur Spitze angekommen steht er frei aufrecht und löst sich das Kreuz vom
linken Arm In der Menschenmasse ist es still und ringsum kein Laut als ob
noch die Urwildnis wäre an den Ufern der Winkel Jeder hält den Atem an als
wäre ein unbewachter Hauch imstande dem Manne auf schwindelnder Höhe das
Gleichgewicht zu stören
Der Paul hütet seinen Blick und seine Bewegungen sind langsam und
regelmäßig Ich vermeine schon ein Zucken und Wenden zu bemerken das nicht zur
Sache gehört schon fasst mich der Schreck da senkt sich das Kreuz in seinen
Grund und steht fest In demselben Augenblick strauchelt der Mann da schallt
herunten in meiner Nähe ein Schrei Aber Paul steht oben
Der Schrei ist aus dem Munde der Anna Maria gekommen Sie ist blass und ohne
noch einen Laut zu tun setzt sie sich auf einen Stein
Und jetzund wirds erst lustig Der Paul zieht ein Glas hervor hebt es
leert es und schleudert es nieder auf den Boden Es zerspringt in tausend
Scherben und die Leute ringen untereinander um diese Scherben um solche für
ihre Enkel zu erhaschen und dereinst sagen zu können seht das ist ein Teil
des Glases aus dem bei der Aufrichtung unseres Kirchturmkreuzes getrunken
worden
Noch steht der Paul auf hoher Spitze Arm in Arm mit dem Kreuze da kommt im
Turmfenster der graubärtige Kopf unseres FabelhansRüpel zum Vorscheine Der
zwinkert so gewaltig mit den weißen Augenbüschen dass man es gar herunten
bemerken kann und hebt so an zu reden
»Weil ich mich nicht auf die Spitz getrau so ich zu diesem Fenster
herausschau Auf der Spitz steht ein junger Mann dem steht das Trinken an das
Reden aber mir Alten Will euch doch keine Predigt halten dafür wird unten die
Kanzel gebaut und dieselb einem rechtschaffenen Pfarrer vertraut Neben der
Kanzel werdet ihr einen Taufstein erblicken dem hab ich nichts mehr zu
schicken aber es gibt Leut in der Pfarr die brauchen so ein Waschtrog alle
Jahr der Taufbrunn darf nicht zu klein im Holzhauerland muss das ein starker
Brunnen sein Aber gleich daneben tut der Beichtstuhl stehn da tragen sie alle
Sünden hinein sind sie groß oder klein Gott wird sie verzeihn der
Beichtvater aber soll die Ohren verschließen der kann die Sünden von sich
selber wissen Dann ist der Hochaltar da schüttet man seinen Kummer aus und
geht wieder frisch und jung nach Haus Und der liebe Gott wird zwölf Engel
senden die werden die Gemeinde bewachen an allen Enden Da hör ich was auf
dem Turm das Glöcklein spricht und seh leuchten das heilige Kreuz im
Sonnenlicht wie ein Wegweiser ein göttliches Zeichen dass wir allzusamm mit
Gottes Gnad den Himmel erreichen Und weil ich heut auf diesem Turm schon
die Glocken muss sein so ruf ich es weit ins Land hinein dass es hallt und
schallt über Berg und Wald bis hin in die schöne Stadt wo unser braver Herr
seinen Wohnsitz hat Ich und wir all und die ganze Gemein bedanken uns wohl
von Herzen fein fürs Gotteshaus zur schönen Zier und der Engel soll uns leiten
all zur himmlischen Tür Das ist mein armer Gruß und noch tät ich meinen
zum Schluss ehvor wir selbander im Himmel uns freun wollen wir auf Erden noch
lustig sein«
In den Herzen haben die Worte gezündet und ich hätte gleich meinen eigenen
Schutzengel mögen schicken dass er dem Herrn in der Stadt den lieblichen
Dankesgruss gebracht
Als hierauf der Paul glücklich vom Turme zurückkommt auf den festen
Erdengrund hat ihn sein Weib mit beiden Armen empfangen »Gott gibt dich mir
mit eigenen Händen zurück«
Darauf gehen sie dem Hause zu das heute eine laute Schenke geworden ist
Und siehe die Fügung da ist der Paul nach wenigen Stunden auf dem breiten
ebenen und grundfesten Boden des Wirtshauses nicht mehr so sicher gestanden wie
oben auf der Spitze
Das erhöhte Kreuz aber hat seinen Arm huldreich ausgebreitet über die Kirche
und über das Wirtshaus
Einige Tage später
Es wird aber nicht wahr sein was man über den Sohn unseres Waldherrn redet
Der junge Herr soll es toll treiben Es haben auch der Reichtümer allzuviel auf
ihn gewartet als er in dieser Welt ist angekommen Ei freilich lässt sich mit
klingendem Namen und klingender Münze im Leben etwas machen
Aber ich habe dem guten Hermann ja gesagt woher das Brot kommt und was
Arbeit heißt Freilich das eine hat mir nicht gefallen wollen dass er niemals
auf die Arbeiter des Feldes und auch niemals auf die Blumen des Frühlings und
auf die Blätter des Herbstes hat geachtet
Doch nein Hermann du kannst so sehr nicht irren An deiner Seite steht ja
der heiligste treueste Schutzgeist den die Erde und der Himmel geboren hat
Komme doch einmal herein in unseren schönen stillen Wald
Morgenrot und Edelweiss
Im Sommer 1818
Zuweilen ist mir im Winkel hier doch gar recht einsam zu Herzen Ich weiß nun
aber ein Mittel dagegen ich gehe zu solchen Stunden hinaus in die noch größere
Einsamkeit des Waldes und ich bin in derselben sogar schon nächtlicher Weile
gewesen und habe die schlummernde Schöpfung betrachtet und Ruhe empfunden
Nacht liegt über dem Waldlande Der letzte Atemzug des vergangenen Tages ist
verweht Die Vöglein ruhen und träumen und dichten künftige Lieder Aber die
Käuze krächzen und Äste seufzen in ihren Stämmen Die Welt hat ihr Auge
geschlossen aber ihr Ohr tut sie auf der ewigen Klage der Menschen Wozu Ihr
Herz ist Felsgestein und nimmer zu wärmen Nein sie wärmt ja mit ihrer Ruhe und
mit ihrem Blick Oben drängt sich Gestirn an Gestirne es tanzt seinen Reigen
und freut sich des ewigen Tages Auch dem Walde naht der Morgen wieder schon
winken ihm die Zweige
Es naht der junge König auf Wolkenrossen vom Aufgang her geritten und bohrt
seine glutlodernden Lanzen in das Herz der Nacht und diese stürzt nieder in
dämmernde Schluchten und von felsiger Zinne rieselt das Blut
Alpenglühen nennen es die Leute und wenn ich ein Dichter wäre ich wollte
es besingen
Zu dieser Jahreszeit wäre es auf dem grauen Zahn gut sein Zur Nachtszeit
während unten in den Tälern die Menschen ausruhen von Mühsal und träumen von
Mühsal und sich stärken zu neuer Mühsal stehen da oben die ewigen Tafeln in
stiller Glut und um Mitternacht reicht über dem Zahn ein Tag dem andern die
Hand
»O das ist ein schönes Licht« hat der alte Rüpel einmal ausgerufen »das
leuchtet hinaus in die weite Fern das leuchtet mir hinein in mein tiefes Herz
das leuchtet mir hinauf zu Gott dem Herrn«
In meiner Seele ist zuweilen eine so seltsame Empfindung Sehnsucht nach dem
Weiten nach dem Unbegrenzten ist nicht ganz der rechte Name dafür Durst nach
dem Lichte möchte ich sie heißen Mein armes Auge du vermagst der dürstenden
Seele nicht genug zu tun du wirst in dem Meere des Lichtes noch ertrinken und
sie wird nicht gesättigt sein
Ich bin dieser Tage wieder auf dem Zahn gewesen Bald werde ich ja an den
Glockenstrick geknüpft sein wenn andere Leute Feiertag haben Es sei der
Glockenstrick ist ein langer Atem der sagt mit jedem Zug den Menschen was Gutes
und lobet Gott
Ich habe von dem hohen Berge aus nach den Niederungen geschaut aber das
Meer hab ich nicht gesehen Ich habe gegen Mitternacht geschaut bis zu den
fernsten Kanten hin von da aus man vielleicht das Flachland könnt sehen und
die Stadt und den Giebel des Hauses und das Gefunkel der Fenster
Und wie lang müsstest du fliegen du Blick meines Auges bis hin ins
Sachsenland zum Grabe
Der scharfe Wind hat meine Gedanken abgeschnitten Da bin ich wieder
niederwärts gestiegen
An einem Überhang des Grates habe ich etwas Freundliches gefunden
Das habe ich am Gestade des fernen Sees von meiner Ahne schon gehört und
das habe ich von den Menschen dieses Waldlandes wiederholt vernommen dass in der
Sonne drin die heilige Jungfrau Maria am Spinnrade sitzt Sie spinnt Wolle von
schneeweißen Lämmlein wie sie im Paradiese weiden Da ist ihr einmal als sie
bei dem Spinnen eingeschlummert und vom Menschengeschlechte hat geträumt ein
Flöcklein der Wolle auf die Erde gefallen ist hängen geblieben an einem hohen
und Felsen und die Leute haben es gefunden und Edelweiss geheißen
Zwei Sternchen davon hab ich abgepflückt und sie an meine Brust getan Das
eine das ein wenig rötlich leuchtet sei Heinrichrot genannt das andere
schneeweiße das lasse ich bei seinem alten Namen
Als ich gegen Abend zu den Wäldern und Geschlägen niederkomme stößt mir was
unsäglich Liebliches zu Da sehe ich unweit meines Fusssteiges eine Schichte
frischgrünen Grases es duftet mir einladend entgegen und so denke ich dass ich
hinschreite dazu und meine ermüdeten Glieder darauf ein wenig rasten lasse Und
wie ich nun zur Grasschichte komme sehe ich darin ein Kindlein schlafen Ein
blütenzartes herziges Kindlein in Linnen gewickelt Ich bleibe stehen und
wahre meinen Atem dass er nicht in Verwunderung ausbreche und so das Wesen
wecke Ich vermag kaum zu denken wie es komme dass dieses hilflose blutjunge
Menschenkind zu dieser Stunde an dieser entlegenen Stelle sei Da klärt es sich
schon auf Von der Talmulde wankt eine Grasladung heran und unter derselben
schnauft die Aga die für ihre Ziegen Futter sammelt und das Kind ist ihr
Töchterlein meine Waldlilie
Das Weib ladet hierauf den Grasvorrat auf ihren Rücken und das Kind auf ihre
Brust und wir gehen zusammen dem Tale zu
Ich bin an demselben Abende in ihre Klause eingekehrt und hab Ziegenmilch
getrunken Der Bertold ist spät vom Holzschlage heimgekommen Die Leutchen
führen ein kümmerliches Leben aber sie sind guten Mutes und die junge
Waldlilie ist ihre Glückseligkeit
Als der Bertold an meiner Brust das Edelweiss sieht sagt er mit dem Finger
drohend »Ihr gebt acht das ist ein gefährlich Kraut«
Ich verstehe ihn nicht da setzt er bei »Das Edelweiss hätt schier meinen
Vater getötet und das Edelweiss will mir die Lieb zu meiner schon verstorbenen
Mutter vergiften«
»Wie so wie so Bertold« frage ich
Da erzählt er mir folgende Geschichte Auf der andern Seite des Zahn vom
Gesenke hinaus ist ein Forstjunge gewesen der hat ein Sennmädchen lieb gehabt
Aber das ist gottlos stolz gewesen und hat eines Tages zum Forstjungen gesagt
»Bist mir ja recht und ich mag dein werden aber eine Gewährschaft musst du mir
geben von deiner treuen Lieb Bist ein flinker Bursch schlagst mirs ab wenn
ich ein Edelweiss verlang von der hohen Wand herab«
»Mein Leben ein Edelweiss sollst du haben« jauchzt der Bursch denkt aber
nicht daran dass sie die hohe Wand die Teufelsburg heißen weil sie unbesteigbar
ist weil an ihrem Fuß Martertafeln stehen von Wurznern und Gemsjägern zeugend
die herabgestürzt Und die Sennin bedenkt es nicht das sie eine neue
Martertafel begehrt
Aber dasselb ist wohl wahr dass einem die Lieb toll den Kopf verrückt Der
Forstjunge hat sich aufgemacht noch an demselbigen Tag
Er besteigt das niedrigere Gewände über welches der Holzhauer mit seiner
Kraxa noch wandeln muss er erklettert Hänge an denen der Wurzner seinen Speik
aussticht er schwingt sich über Schründe und Klippen denen kaum mehr der
Gemsjäger traut Und er erreicht endlich jene schaudervollen Stellen an der
Teufelsburg die unter sich den zerrissenen Abgrund über sich das senkrecht
aufsteigende Getürme haben
Auf einem nächsten Felsvorsprung ist ein Gemslein gestanden das hat lustig
sein Haupt erhoben und spottend auf den Burschen herübergeschaut Es ist nicht
geflohen da oben ist das Wild der Jäger und der Mensch das hilflose Wild Das
Gemslein scharrt mit dem Vorderfuss da fliegen weiße Flaumschüppchen auf
Edelweiss
Der Bursche weiß wohl er hat seine Auge zu wahren dass das Rad in dem
Haupte nicht anhebt zu kreisen Er weiß wohl blickt er empor am Gewände so ist
er der Abschied vom Himmelslicht und senkt er sein Auge niederwärts so schaut
er in sein Grab
Nicht die Gemse der Boden auf dem sie steht ist heute sein Ziel
Einstemmt er den Alpenstock und windet sich und schwingt sich Blau und grau
wird es um sein Auge Funken tauchen auf und kreisen und vergehen Nichts sieht
er mehr als das Lächeln der Sennin da schleudert er den Stock von sich da hebt
er an und hüpft und springt in weiten Sätzen Und die Gemse macht sich auf und
setzt wild über sein Haupt und der Forstjunge sinkt hin auf das weiße Bett ins
Edelweiss
Am zweiten Tage nachher hat der Oberförster bei den Leuten nachfragen
lassen ob der Forstjunge nicht gesehen worden sei Am dritten Tage haben sie
das Sennmädchen gesehen im Walde laufen mit gelösten Haaren Und an dem Abende
desselben Tages ist der Forstjunge auf einen Stock gestützt durch das Tal
geschritten
Wie er herabgekommen von der Teufelsburg das hat er keinem Menschen
erzählt noch vielleicht erzählen können Edelweiss hat er bei sich getragen
einen Strauss an der Brust einen Kranz auf dem Haupte schneeweiß edelweiss
sind seine Haare gewesen
Und das Sennmädchen das sich in seinem Übermut an dem braunen Lockenkopf
versündigt hat jetzund das Weisshaupt geliebt und gepflegt bis es selbst ein
solches geworden in späten Jahren
Fast schön hat der Bertold diese Geschichte erzählt und letztlich
beigesetzt dass er von dem Forstjungen und der Sennin das Kind sei
Im Herbst 1818
Wenn ich in den Wäldern herumgehe zu großen und kleinen Leuten und von den
ersteren lerne und die letzteren lehre so sehne ich mich oftmals zurück zum
Steg der Winkel Da haben die letzten Jahre her die Leute um das Winkelhüterhaus
mit Axt und Hammer so herumgearbeitet und ich habe selber zuweilen ein wenig
meine Hand daran gelegt Und nun ich die Augen einmal aufmache und die Dinge
betrachte sehe ich dass wir ein Dorf haben
Neben dem Hause sind ein paar Hütten aufgerichtet worden anfangs nur für
die Bauarbeiter und nun werden sie zu ständigen Häusern eingerichtet Und da
ist der Martin Grassteiger ein Kohlenbrenner aus den Lautergräben
herübergekommen und hat zwei solche Hütten um eine ganz erkleckliche Summe
erkauft und zur Verwunderung der Leute gleich bar ausbezahlt Aus den
pechschwarzen Kohlen werden funkelnde Taler gemacht hat die alte RussKat
einmal gesagt Und mit blanken Talern hat der Grassteiger die Hütten bezahlt
und nun ist er ein ansehnlicher Mann
Der Pfarrhof ist der Vollendung nahe und die Kirche ebenfalls und danach
kommt das Schulhaus dran o Gott ich erlebe eine sehr große Freude in diesen
Wäldern
Gestern zur Abendstunde haben wir die Kirche zum erstenmal zugesperrt Es
ist der Baumeister der Tischler aus Holdenschlag der Holzmeister dabei
gewesen aber ich weiß nicht wie es gekommen dass wie wir auseinander
gegangen der Schlüssel mir in den Händen ist verblieben Ja so ich bin der
Schulmeister Ich weiß es selber kaum dass ich es bin und da schreibt mir
letztlich der Waldherr er sei mit meinem schulmeisterlichen Wirken im Walde
recht zufrieden Was tue ich denn Geschichten erzähle ich den Kindern und
weise ihnen mancherlei Kleinigkeiten des Waldes die sonst zeitlebens kein
Mensch hier noch beachtet hat mit denen aber die Kinder tolles Wesen treiben
und ihre Freude haben
Die vordersten Fenster in der Kirche zwischen welchen der Altar kommt sind
mir nicht ganz recht Die Scheiben sind so hell und das tut mir zuweilen im
Auge weh Und es schaut die Waldlehne und der Holzschlag herein Ei das wäre
was rechtes für den Sonntagsbeter da tät er im Gedanken allfort Holz hacken
statt seine arme Seele demütig dem lieben Gott vorzuführen und er tät die
geschlagenen Stämme zählen und die Stöcke und die Reisighaufen und solche Dinge
um deren Anzahl er sich sonst die ganze Woche nicht kümmert Da muss das Gebet
schon wie ein Blutquell aus dem Herzen strömen wenn der Gedanke dabei nicht
durchzugehen trachtet und weil das nicht immer ist so muss man die Kirche wie
eine Burg bewahren dass der Sonntag nicht hinaus und der Werktag nicht herein
kann
Die beiden Fenster müssen mit Glasmalereien versehen werden und das will
ich besorgen Ich habe mir rotes gelbes blaues und grünes Papier kommen lassen
und arbeite nun schon seit Tagen als Bildschnitzer bei verschlossenen Türen
Über den Kirchenheiligen sind die Leute noch nicht einig geworden Aber ich
habe darüber meine Gedanken Stellen wir gar keinen auf »Leute« habe ich
gesagt »stellen gar keinen auf Jeder soll sich den seinen denken nach
Belieben Die Heiligen sind unsichtbar und im Himmel wir können sie nur aus
schlechtem Holz nachmachen und das täte sie leicht verdrießen«
»s mag wohl richtig sein« haben einige auf diesen Vorschlag geantwortet
»und wir ersparen die Unkosten«
Den Altartisch hat ein Vorhacker vom Karwasserschlag gezimmert Der
Vorhacker ist ein armer Mann mit reichem Kindersegen er hat aber für die
Kirchenarbeit kein Entgelt genommen »Auf eine gute Meinung tu ichs« hat er
gesagt »für die Meinigen tu ichs auf dass mir keines stirbt und keines mehr
dazukommt«
Der liebe Gott muss nicht recht verstanden haben kaum ist der Altartisch
fertig rückt dem Vorhacker der neunte Bub auf die Welt
Um zu zeigen dass es eine Ehre ist für den Wald wenn so ein armer Mann ein
gemeinnütziges Werk vollbringt so nennen wir den Vorhacker weil er auch einer
ist der seinen Namen nicht weiß den Ehrenwald Der Name reicht für seine
neun Buben und für weiteres
Der Franz Ehrenwald ist ein geschickter und strebsamer Kopf Weil ihm der
Altartisch gelungen ist so will er sich nun ganz auf das Zimmer und
Tischlerhandwerk verlegen Er hat sich schon eine Unzahl Werkzeuge gesammelt und
zwei Körbe voll von Hobeln Reifmessern Bohrern Sägen Beilen Stemmeisen und
Dingen verschafft die er gar nicht anzufassen weiß und sein Lebtag nicht
brauchen wird Aber die Werkzeugkörbe sind sein Stolz und seine Buben können
ihm keinen größeren Ärger verursachen als wenn sie in ihren eigenmächtigen
Tischlerarbeiten ihm etwan einen Bohrer verschleppen oder ein Messer schartig
machen Sie mögen nur brav das Handwerk lernen die zwei Körbe werden ja einmal
ihre Erbschaft sein
Ich habe mehrere Pläne für Wohnhäuser gezeichnet wie sie gebaut werden
sollen dass sie dauerhaft licht luftig leicht heizbar für die Lebensweise
der Leute geeignet und geschmackvoll sind Nach solchen Plänen hat der Franz
Ehrenwald bereits mehrere Häuser begonnen Eines davon gehört dem Meisterknecht
Paul in den Lautergräben Die Bauten sind nicht kostspielig da der Waldherr das
Holz dazu umsonst gibt auch sollen sie sagt man steuerfrei bleiben
So fängt das Geschäft des Meisters Ehrenwald gut an er muss sich Gehilfen
nehmen und seine Buben werden ihm bald zu wenig sein Auch geht er bereits mit
einem Plan für sein eigenes Haus um Letztlich als ich einmal unten am Bache
stehe und Forellen fische kommt er sachte ich weiß gar nicht von woher auf
mich zu und lispelt mir geheimnisvoll ins Ohr »Glaubt mir mein neues Haus wird
saggrisch toll saggrisch toll wirds« Kein Mensch sonst ist in der Nähe
gewesen und die Fische sind auch in der Winkel taub Aber saggrisch toll
flüstert er leise wunderprächtig wird sein Haus Der Mann ist schier kindisch
vor Stolz er ist auf seinem Fahrwasser früher ist es gar keinem eingefallen
dass man auch in den Winkelwäldern stattliche Wohnungen bauen könne
Auf dem Kreuzwege
Im Herbst 1818
Oben in der Öde des Felsentales steht ein hölzernes Kreuz Es ist dasselbe
welches emporgewachsen sein soll aus dem Samenkorne des Vögleins das alle
tausend Jahre in den Wald fliegt
Ich bespreche mich mit dem Förster und einigen der Ältesten Hernach frage
ich den alten Bartkopf und Fabelhans Rüpel der sonst auch just kein wichtig
Geschäft hat ob er mit mir gehen wolle hinauf in die Karwässer und in das
Felsental und ob er mir das bemooste Kreuz wolle herabtragen helfen in das
Winkel
Und so gehen wir an einem hellen Herbstmorgen davon
Beiden ist uns unsäglich wohl gewesen Dem schattendunkeln Winkelbach haben
wir Dank gesagt für sein Schäumen und Rauschen Dem Wiesengrün haben wir Dank
gesagt dass es Wiesengrün ist dem Taue und den Vöglein und dem Reh und dem
ganzen Wald haben wir Dank gesagt Wir steigen über glatten Waldboden wir
steigen über verwittertes Gefälle und bemoostes Gestein Die Bäume sind alt und
tragen lange Bärte mit jedem steht der Fabelhans auf brüderlichem Fuße Auf den
Weben der Moose begegnen uns Käfer Ameisen Eidechsen wir grüßen sie alle und
lustflunkernde Schmetterlinge laden wir ein dass sie mit uns kommen sollten zum
Kreuze Die kleine bunte Welt hat davon nichts wissen wollen
Mein Gefährte ist ein sehr seltsamer Kauz Wer ihn nicht kennt der kann ihn
nicht glauben Aber unter den Waldmenschen gibt es einmal die wunderlichsten
Leute Draußen in der durchgebildeten und abgeschliffenen Welt nennt man solche
Erscheinungen Dichter hier heißen sie Halbnarren
Der Rüpel ist so ein Halbnarr Sie heißen ihn auch den Fabelhans weil er
allfort was zu fabeln weiß und sie heißen ihn den ReimRüpel weil er und das
ist die Merkwürdigkeit nicht zehn Worte sprechen kann ohne zu reimen Es ist
eine tollwitzige Gewohnheit Seine ganze Lebensgeschichte hat er mir unterwegs
in Reimen erzählt Die Reime haben zwar gottslästerlich geholpert aber wer soll
auf so steinigem Waldboden nicht holpern und stolpern Ich will es doch
versuchen mir seine Geschichte einzuprägen
»Ein Küsterbüblein bin ich gewesen« hebt er an »draußen in Holdenschlag
stehts noch zu lesen Wenn ich den Strick hab geschwungen und die Glocken
haben geklungen hab ich den Takt gesungen und den Schwenkel nachgeahmt mit
meiner Zungen Beim Ministrieren hab ich dem Pfarrer Wein in den Kelch
gegossen aber unter dem Wasserkrüglein hat er gleich gezuckt kaum ein
Tröpflein ist er schon davongeruckt Wasser und Wein als Fleisch und Blut das
ist unser höchstes Gut aber wer in den Kelch zu viel Wasser tut der verdirbt
das rosenfarben Christiblut Als ich von der Kirchen bin fortgekommen hat
mich ein Schmied in die Lehr genommen Der Blasbalg hat mit Gleichmass
angefangen und der Hammer ist taktfest mitgegangen und der Amboss hat geklungen
sind die Funken gesprungen und alles hat sich gefügt und gereimt als wär es
gehobelt gewesen und geleimt Gerade meinem Meister hats nicht angepasst da hat
er mich nach dem Takt beim Schopf gefasst Und schaut bei diesen taktfesten
Dingen Klingen Singen und Springen hab ich zum stillen Feierabendfrieden bass
angefangen Reime zu schmieden Aber wie auch geschmiedete Reime geraten es
sind keine Hufeisen sind keine Spaten und der Eisenschmied hat den Reimschmied
bald verjagt hinaus in den Wald Im Wald hab ich Moos gezupft und Wurzeln und
Kräuter gerupft bin federleicht geworden und mit dem Reh gesprungen bin lustig
geblieben hab mit den Vöglein gesungen Der Förster ein Vetter von mir hat
gedacht ich kunnt bei dem Lungern gar leicht verhungern und hat mich zum Jäger
gemacht Wie ich die erste Büchs hab umgehangen haben die Tier im Wald ein
Freudenfest begangen Ich hab nach dem Wild geschossen und die blaue Luft
getroffen da bin ich dem Reh auf Versfüssen nachgeloffen Das ist gar stehen
geblieben ich kunnt nach Belieben mich setzen auf seinen Rücken auf so
ungleichem Bein das sehe es ein könne das Gehen nicht glücken Das tat sich
dem Förster nicht schicken und von meinem Jagen und schießen will er gar nichts
mehr wissen Bin eine Weil in der Welt herumgegangen hab allerlei
angefangen mit allerhand Herren tät ich verkehren teils haben sie mir
gutherzig den Dienst aufgesagt teils haben sie mich davongejagt Und schaut
so schleift es fort und so werd ich alt und so holper ich wieder zurück in
den Wald und das ist mein Aufenthalt Und wenn ich wo Leute find die
gutherzig und lustig sind so mach ich mich bescheiden und mit Freuden daran
und singe sie an und singe zur Tauf und Hochzeit und anderer Lustbarkeit um
ein Stücklein Brot ists auch schwarz und trocken gesegne mirs Gott Bin ich
gesund und wird mir die Zungen nicht lahm im Mund so leid ich keine Not Und
ist es Zeit so kommt der Herr Tod ich bin bereit und gehe heim und das ist
der allerbeste Reim Und hör ich singen und posaunenklingen so steh ich
wieder auf Und das ist des ReimRüpels Lebenslauf«
Ich möchte den Mann die wilde Harfe oder den Waldsänger heißen oder den
evangelischen Sperling er säet nicht und erntet nicht und bettelt nicht und
die braven Winkelwälder ernähren ihn dennoch während draußen im weiten Land die
Sänger hungern
Nach vielen Stunden sind wir endlich hinaufgekommen in das Felsental Als
wir am zerrissenen Gewände hingehen in deren Klüften das Grauen schlummert und
als wir mitten in den niedergebrochenen Klötzen das Kreuz ragen sehen teilt mir
mein Begleiter mit es tät ihm scheinen als husche dort eine Menschengestalt
zwischen den Steinen Ich aber habe außer uns zweien niemanden bemerkt
Vor dem Kreuze stehen wir still Auf dem Felsklotz ragt es wie es vor
Jahren geragt wie es nach der Menschen Sagen seit unerdenklichen Zeiten
gestanden Wetterstürme sind über ihn hingezogen und haben die Rinde gelöst von
dem Holze sie sind dem Kreuzbilde nicht weiter gefährlich worden Aber die
milden Sonnentage haben Spalten gesprengt an den Balken Das Himmelsauge wölbt
sich in lichter Bläue über den verlorenen Weltwinkel Die niedergehende Sonne
blitzt schräge hinter dem Gefelse hervor und spinnt in den uralten kahlästigen
Baumrunen und bescheint den rechten Arm des Kreuzes Ein braunes Würmchen
kriecht über den Balken dem sonnigen Arme zu doch kaum es den Arm erreicht ist
die Glut erloschen Ein Kieferschabkäfer läuft an dem Stamme empor und eilt
unter das letzte Rindenschüppchen um etwan die Puppe einer Ameise zu erhaschen
Dem ist das bestrahlte Kreuz ein Gottesreich dem ist es ein Tummelplatz
seines Strebens und Geniessens
Unserer Gemeinde möge es das erstere sein
Es ist gut dass kein Mensch weiß wer den Pfahl im Felsentale gezimmert und
aufgestellt hat Denn niemals sollen sich unter den Anbetenden jene Hände
falten die das Bild der Gottheit geschnitzt haben Von dem Berge Sinai herab
hat Moses die Gesetztafeln geholt dem Volke als wahres Bild Gottes Erst als
die Israeliten aus ihrem eigenen Geschmeide und mit eigenen Händen ein Bild
geformt ist ein Götzenbild daraus geworden
Als wir auf den Fels gestiegen um den Kreuzpfahl abzulösen hat der Rüpel
sein Gesicht bedeckt mit beiden Händen »Wir brechen den Altar im Felsenkar«
ruft er in Erregung »bei wem soll nun im Sturme beten der Baum und das
verfolgte Reh am Waldsaum«
Mir selbst haben die Hände gezittert als wir das Kreuz ausheben und auf
unsere Schultern nehmen Ich habe es so getragen dass der Querbalken an meinem
Nacken gelegen wie ein Joch der Rüpel hat den Stamm nachgeschleppt
Und so gehen wir mit der Last hin zwischen den Klötzen und zwischen den
Baumrunen Als wir zu dem Hange kommen da bricht die Abenddämmer an
Die ganze Nacht sind wir mit dem Kreuze gegangen her durch die Waldungen In
den Schluchten und Engpässen ist es ganz grauenhaft finster gewesen und an manch
alten Stamm hat unser Pfahl gestoßen Wo der Weg über Höhen geht da rieselt
durch das Geäste das Mondlicht und wir schreiten hin über die weißen Tafeln und
Herzen die auf dem Boden liegen
Mehrmals haben wir das Kreuz auf die Erde gestellt und uns den Schweiß
getrocknet gar wenig haben wir mitsammen gesprochen Nur einmal hat der Rüpel
den Mund aufgetan und folgende Worte gesagt »Das Kreuz ist schwer und herb
mags nur tragen bis ich sterb Aber tun sie mich begraben möcht ich ein
grünes Bäumlein haben das nicht zusammenbricht auf mein Gebein das aufwächst
gegen Himmel im Sonnenschein«
Da ist es bei so einem Ablasten dass neben uns eine dunkle Gestalt über den
Weg huscht Sie streckt eine Hand aus deutet auf einen breiten Stein und dann
ist sie verschwunden Wir haben beide diese Erscheinung bemerkt aber wir haben
kein Wort gesagt und erst als wir auf der Wiese der Karwässer das Kreuz wieder
aufrecht auf die Erde stellen so dass dessen scharfer Schatten ruhesam über dem
tauigen Grasgrunde liegt sagt der Alte »Wie in den bitteren Leidenstagen der
Herr das Kreuz auf den Berg hat getragen und wie er mit seinen schweren Lasten
auf einem Stein hat wollen rasten da tritt aus dem Haus ein Jud heraus und
sagt der Stein gehört mein Und der Herr schwankt weiter in seiner Pein Und
selbiger Jud kann nicht sterben und ruhen muss heut noch wandern von Landen zu
Landen von einem Jahrtausend zum andern in glühenden Schuhen« Dann nach
einer kleinen Weile fährt der Rüpel fort »Und weil in der heutigen Nacht wir
mit dem Kreuze gehen so haben wir gar den ewigen Juden gesehen Er hat uns
geladen ein zur Ruh auf den Stein das wäre gewesen nicht unsere Rast aber die
Ruhe sein«
In der Kohlstatt der hinteren Lautergräben haben uns vier Männer aus dem
Winkeltale erwartet Diese nehmen uns das Kreuz ab legen es auf eine
grünsprossige Bahre und tragen es davon
Wie wir herauskommen zu unserem Tale da bricht der Tag an Und es klingt
und zittert ein Ton durch die Luft der nicht vergleichbar ist mit
Menschengesang und Saitenspiel und aller Musik auf Erden Schon jahrelang habe
ich diesen Ton nicht gehört weiß ihn kaum mehr zu deuten Wir alle stehen still
und horchen es ist die Glocke von unserer neuen Kirche
Während wir im Felsentale gewesen sind die Glocken angekommen und erhöht
worden
Wie ich an diesem Morgen das Glöcklein gehört da hab ich es nicht lassen
mögen habe laut gerufen »Leute jetzt sind wir nimmer allein Alle Gemeinden
draußen läuten zu dieser Stunde wir haben mit ihnen den gleichen Morgengruß
den gleichen Gedanken Wir sind nicht mehr stumm wir haben unsere gemeinsame
Zunge auf dem Turm die in Freude und in Trübsal spricht was wir empfinden
aber nicht vermögen zu sagen Und der ewige Gottesgedanke der überall weht und
webt aber nirgends fassbar und in keinem Bilde und durch kein Wort voll und ganz
ausgedrückt werden kann im klingenden Reife der Glocke allein nimmt er Gestalt
an für unsere Sinne und wird fassbar unserem Herzen Und so bringst du uns du
süßer Glockenklang trostreiche Botschaft von außen und von innen und von oben«
Die Männer haben mich angestaunt dass ich rede und was es denn viel zu
reden gäbe wenn Kirchenglocken läuten das höre man draußen zu Holdenschlag
doch alle Tage Nur der gute Rüpel ist beiseite geeilt und hinter die
Erlenbüsche hinauf auf dass er unbeschadet von meiner heiseren Rede den reinen
Glockenton hat hören können
Vor der Kirche sind sehr viele Menschen versammelt um die Glocken zu
vernehmen und das Kreuz zu sehen Jenes Kreuz das entsprossen ist aus dem
Samenkorne so das Vöglein hat gebracht welches alle tausend Jahre einmal durch
den Wald fliegt
Kirchweih 1818
Sonntag ist
Der erste Sonntag in den Winkelwäldern Die Glocken haben es schon im
Morgenrot verkündet und da sind die Leute herbeigekommen aus dem Hinterwinkel
aus dem Miesenbacheck von den Lautergräben von den Karwassern und aus allen
Klausen und Höhlen der weiten Wälder Heute sind sie nicht Holzer oder
Kohlenbrenner oder was sie eben sonst sein mögen heute zum erstenmal schmelzen
sie zusammen in eins in einen Körper und heißen die Gemeinde
Die Kirche ist fertig Über dem Altartische ragt das Kreuz aus dem
Felsentale es steht hierorts so anspruchslos und schier so stimmungsvoll wie
es dort in der Einsamkeit gestanden Unter den Leuten werden Äußerungen gehört
das sei das wahchaftige Kreuz des Heilandes Wenn sie Trost und Erhebung in
diesem Gedanken finden dann ist es wie sie sagen
Das Gezelt des Heiligsten ist ein Geschenk des Freiherrn die Kerzenleuchter
und das Speisegitter hat der Ehrenwald geschnitzt Wer doch die zwei schönen
Altarfenster mit den Glasmalereien gespendet hat werde ich gefragt Es ist gut
dass die Fenster so hoch sind sonst müsste man es wohl merken dass über den
Glastafeln nur buntes Papier klebt Die beiden Fenster stellen in einem grünen
Dornenkranze mit roten und weißen Rosen die zwei Gesetztafeln Moses vor Über
dem Altare und dem Kreuze ist ein Rundfenster mit dem Auge Gottes und den
Worten »Ich bin der Herr dein Gott der dich befreit aus der Knechtschaft
Mache dir kein geschnjetztes Bild um es anzubeten«
Der Pfarrer von Holdenschlag der hier gewesen um die Weihe und den
Gottesdienst zu vollziehen hat mir bedeutet die obigen Worte passten nicht »Du
sollst allein an einen Gott glauben« müsse es heißen Ich antwortete dass ich
die angewendeten Worte in einer sehr alten Bibel gelesen hätte
Der Schulmeister von Holdenschlag hat die Orgel gespielt die einen sehr
reinen ich möchte sagen innigen Klang hat »Die Freuden und Schmerzen die der
Mund nicht kann sagen sie sprudeln aus Musik wie ein Bronnen in der Sonnen«
sagt der alte Waldsänger
Wie ich mich auf der Zither geübt habe so übe ich mich nunmehr auf der
Orgel Jeder liebliche Ton ist ein Eimer der niedersteigt in das Herz des
Andächtigen und die Seele emporhebt zum Altare Gottes
Der Pfarrer von Holdenschlag hat eine Predigt gehalten über die
Bedeutsamkeit der Kirchweih und der Pfarrkirche und über das Leben des Menschen
vom Taufstein bis zum Grabe Da fällt mir ein dass wir noch keinen Friedhof
haben Kein Mensch hat daran gedacht oder denken wollen so oft auch die Rede
vom Taufstein gewesen Meine ganze Andacht ist weg und während hernach bei
der Messe der Schleier des Weihrauches aufsteigt habe ich immer daran denken
müssen wohin wir doch den Friedhof legen werden Und nach dem Hochamte da
alles herausströmt auf den Platz zu den Verkaufsbuden der Hausierer um die
Schätze und Künste zu betrachten die nun die Welt der neuen Gemeinde im Winkel
hereinzusenden beginnt steige ich den Hang hinan bis zur sanften Hebung über
die sich der finstere Hochwald hinzieht gegen das Gewände Dort lege ich mich
auf die abgefallenen Fichtennadeln des Bodens Ich bin schier abgespannt von den
ungewohnten Erregungen des Ereignisses und versuche des Friedhofes wegen wie
sichs hier oben ruhen lässt
Vom Platze herauf höre ich das Geschrei der Marktleute und das Gesurre der
Menge
Vielen ist aber die Kirche nicht recht weil noch kein ordentliches
Wirtshaus dabei steht Ei der Branntweiner Hannes ist ja doch da der hat sich
unter Eschen ein Tischchen aufgeschlagen und große Flaschen und kleine
Kelchgläser darauf gestellt »Was wär das für eine steintrockene Kirchweih
wenn wir nicht trinken täten« sagen die Leute und der Bursche will auch seiner
Maid ein Gläschen zahlen Und der Teufel ist ein frommer Mann der will jede
neue Kirche nachmachen aber es wird halt immer ein Wirtshaus daraus Der
Schenktisch ist sein Hochaltar die lose Wirtin sein Priester das Gläserklingen
sein Glocken und Orgelspiel des Wirts Säckel sein Opferstock die Spielkarten
sind sein Gebetbuch und wenn einer im Rausch und Zank niedergeschlagen wird so
ist das sein Opferlamm
Das ist der Schatten von der Kirche Und der Arbeiter legt sich nach der
heißen Woche nur zu gerne in den Schatten
Bei dem Mittagsmahle das wir selbander im Winkelhüterhause eingenommen hat
es der Holzmeister schon erzählt der Grassteiger will um Erlaubnis einkommen
dass er eine Schnapsschenke errichten dürfe
Den Wirt hätten wir schon aber wo steckt unser Pfarrer
»s wird auch keiner hereinwollen in diesen mit Brettern verschlagenen
Weltwinkel« meint der Holdenschlager
»Gelt Hochwürden« schreit die Winkelhüterin ins Gespräch hinein
»wahrhaftig das sag ich hundertmal Fort möcht ich von dieser Einöden heut
lieber wie morgen Es ist nichts anzuheben in diesem Winkel Wie wär es
unsereinem so handsam gewesen dass eins an Sonntagen ein wenig Branntwein
ausgeschenkt hätt aber halt ja der Grassteiger ist der Hahn im Korb«
»He« lacht der Pfarrer »Wirtshäuser Wird noch ein belebter Ort werden
dieses Winkel Winkel ei die Gemeinde hat ja noch gar keinen Namen«
Über den Namen der Gemeinde ist nicht bloß nachgedacht es ist ein solcher
sogar schon bestimmt worden Wie soll die Waldpfarr heißen Den Leuten wäre die
Erörterung dieser Frage eine willkommene Veranlassung gewesen bei dem neuen
Wirt zusammenzukommen und die Gemeinde mit Schnaps zu taufen Aber wir taufen
mit Wasser Unser Wasser heißt die Winkel über die Winkel führt dahier seit
unvordenklichen Tagen ein Steg wenn ihn das Wasser fortgerissen haben ihn die
Leute wieder aufgebaut weil er hier am Kreuzpunkte der Talschluchten und der
Waldpfade unentbehrlich ist Den Platz um das Winkelhüterhaus nennen sie kurzweg
»am Steg«
Am Steg am Winkelsteg steht die neue Kirche Und Winkelsteg so heißt sie
und so heißt die Gemeinde Unser Waldherr Schrankenheim hats unterschrieben
Wie unsere Kirchweih eingeläutet worden so wird sie ausgeläutet Da hat
sich an diesem Tage noch etwas sehr Erregendes zugetragen Die Holdenschlager
Herren und der Förster sind fortgewesen am Winkelsteg ist es wieder still Es
dunkelt schon früh und im Hochgebirge liegt der Nebel Es ist bereits finster
da ich zu meinen Glocken gehe Heute zum ersten Male brennt das rote Ämplein am
Altare das nun fortan das ewige Licht geheißen werden wird und nimmer
verlöschen soll so lange das Gotteshaus steht Das ist die Wacht vor dem Herrn
Wie ich in die Kirche trete sehe ich in dem matten Schein am Speisegitter
eine Gestalt Da kniet noch ein Mensch und betet Wenn einer so lange leben muss
in dem Elende des Tages so wird hernach völlig Sonntag zu kurz da man bei dem
lieben Gott eingekehrt ist oder bei sich selber So denke ich und stehe eine
Weile still und trete endlich vor dass ich den Beter aufmerksam mache auf das
Absperren der Kirche Wie mich aber die Gestalt bemerkt rafft sie sich auf und
will fliehen Zuletzt ist es gar kein Beter sage ich und fasse den
Davoneilenden und sehe ihm ins Gesicht Ein junger Bursche ists
»Was wirst du rot Schelm« rufe ich
»Ich bin kein Schelm« antwortet er »und Ihr seid auch rot das ist von der
Ampel« Da sehe ich ihn recht an Wer wird es gewesen sein Der Lazarus ists
gewesen der verschollene Sohn der Adelheid
Ich habe die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und ein Geschrei erhoben
mitten in der Kirche
»Junge was ist das mit dir um Gottes willen wo bist du gewesen Wir haben
dich gesucht deine Mutter hat dich ausgraben wollen aus dem Gestein der Alpen
Und wie bist du heute da Lazarus Ja das ist schon gar aus aller Weis«
Der Knabe ist dagestanden und hat auf meine Worte gar nichts geantwortet
nicht ein Wörtlein
Darauf habe ich geläutet Lazarus ist neben mir gestanden seine Bekleidung
ist eine Wollendecke seine Haare gehen ihm über die Achseln hinab sein Antlitz
ist blass Er sieht mir zu er hat noch keine Glocke läuten gesehen Und was ich
empfinde Jetzt hab ich eine hellklingende Zunge jetzt kann ich das Ereignis
ja verkünden hin in die Berge
Endlich kommt meine Haushälterin was denn das Läuten bedeute ein
halbdutzendmal habe sie schon den »englischen Gruß« gebetet und ich höre noch
nicht auf
Da lasse ich den Glockenstrick wohl fahren und deute auf den Jungen »Seht
endlich ist er da Habt Ihr das Läuten denn nicht verstanden Der Lazarus ist
gefunden«
Besser als jegliche Glocke weiß solche Mär ein Weib zu verkünden Kaum eilt
die Winkelhüterin rufend davon sind ich und der Lazarus schon von Menschen
umringt Ich weiß kaum wie ich die Sache erzählen soll und der Junge murmelt
ein um das andere Mal »Paulus« und sonst sagt er kein Wort
Wir fragen ihn wer Paulus sei Statt auf die Frage zu antworten versetzt
er mit seltsam scheuem Blick »Er hat mich hergeführt zum Kreuz« Und laut und
angstvoll ruft er »Paulus« Seine Zunge ist unbeholfen seine Stimme
fremdartig
Wir führen ihn ins Haus die Hauswirtin stellt ihm zu essen vor Traurig
blickt er auf den Eierkuchen wendet den Kopf nach allen Seiten und immer wieder
zurück auf den Kuchen und rührt keinen Bissen an
Allmiteinander reden wir ihm zu dass er essen möge Seine mageren Hände
strecken sich aus dem Lodenüberwurf hervor und nach der Speise aus aber sie
zucken wieder zurück und der Junge zittert und hebt endlich an zu schluchzen
Später bittet er um ein Stück Brot das er mit Heisshunger verschlingt dabei
fallen ihm die schwarzen Locken über die Augen herab er streicht sie nicht zur
Seite Zuletzt taucht er das Brot in den Wasserkrug und isst mit gesteigerter
Gier und trinkt das Wasser bis auf den letzten Tropfen
Wir stehen herum und wir sehen ihm zu und wir schütteln unsere weisen
Häupter und wollen fragen und fragen und der Junge hört nichts und starrt in
die Spanlunte die an der Wand leuchtet oder zum Fenster hinaus in die
Dunkelheit
Noch in derselben Nacht haben ich und der Grassteiger den Knaben
hinaufgeführt in den Hinterwald zu seiner Mutter Hütte Ein paarmal hat er uns
davon und die Lehnen hinanklettern wollen in den Wald Stumm wie ein Maulwurf
und scheu wie ein Reh ist er gewesen
Wir kommen zu des schwarzen Mates Haus die schwarze Hütte genannt Da
liegt alles in tiefer Ruh Das Brünnlein flüstert vor der Tür das Geäste der
Tannen ächzt über dem Dache In der Nacht hört man auf solche Dinge am Tage
ist wenn einer so sagen dürfte das stete Tönen des Lichtes da wird
dergleichen selten beachtet
Der Grassteiger hält den Knaben an der Hand Ich stelle mich an ein Fenster
und rufe hinein durch die Papierscheibe »Adelheid wacht ein wenig auf«
Da ist drinnen ein kleines Geräusch und ein verzagtes Fragen wer denn
draußen
»Der Andreas Erdmann von Winkelsteg ist da und noch zwei andere« sage ich
»Erschreckt aber nicht In der neuen Kirche hat sich ein Wunder zugetragen Der
Herr hat den Lazarus erweckt«
In der Hütte leckt mehrmals ein roter Schein an den Wänden wie matte Blitze
zu sehen Das Weib hat an der Herdglut einen Span angeblasen
Sie leuchtet uns zur Türe herein aber als sie den Knaben sieht fällt der
Span zu Boden und verlischt
Da ich endlich wieder ein Licht zuwege bringe lehnt das Weib an dem
Türpfosten und Lazarus liegt auf dem Angesichte Er wimmert Der Grassteiger
hebt ihn empor und tut ihm die Locken aus dem Antlitz Die Adelheid steht fast
regungslos im Nachtkleide nur in ihrer Brust ist Unruhe Sie legt die beiden
Hände über die Brust sie wendet sich gegen die Wand und lechzt nach Atem ich
habe gemeint sie bricht uns zusammen Letztlich wendet sie sich zum Knaben und
sagt »Bist wohl einmal da Lazarus« Und zu uns »Tut euch ab dort auf der
Bank will gleich eine Suppe kochen« Und wieder zum Knaben »Zieh die nassen
Schuh aus Bub«
Er hat gar keine Schuhe an den Füßen Sohlen aus Baumrinden hat er
angebunden
Das Weib geht zum Bette weckt das Mädchen es möge schnell aufstehen es
sei der Lazarus gekommen Das Mädchen hebt an zu weinen
Die Suppe steht fertig auf dem Tisch der Knabe starrt mit seinen großen
Augen den Tisch und die Mutter an Und jetzt erst bricht das Mutterherz los
»Mein Kind du kennst mich nimmer Ja ich bin alt geworden über die hundert
Jahr Wo bist mir gewesen diese ewige Zeit Jesus Maria« Sie reißt das Kind an
ihre Brust
Lazarus lässt es geschehen und starrt zur Erde ich merke wohl wie seine
Lippen zucken aber er sagt kein Wort Er muss Bedeutsames erfahren haben seine
Seele liegt unter einem Banne
Als er hierauf seinen Lodenüberwurf austut um auf das frisch bereitete
Lager zu steigen langt er aus diesem Übertuch eine Handvoll grauer Körner und
streut sie mit einem Wurf über den Fußboden hin Kaum das geschehen hebt er an
sich zu bücken und die Körner Steinchen sind es wieder aufzulesen Er zählt
sie in seiner Hand und sucht dann in allen Fugen und Winkeln und hebt mit
Sorgfalt jedes der Körnchen und zählt und sucht wieder und sucht mit
Gelassenheit eine lange Weile auf dem Estrich der Hütte bis er das letzte Stück
hebt und ihm die Zahl in der Hand voll ist Und selbunter haben wir den Jungen
zum ersten Male lächeln gesehen Danach tut er die Steinlein wieder in die
Tasche seines Überwurfes und geht zu Bette
Er schläft bald ein
Wir sind noch lange am Herd gestanden bei der Spanlunte und haben unsere
Gedanken ausgesprochen über das Seltsame wie es mit und in diesem Kinde ist
Christmonat 1818
Der Knabe Lazarus muss in einer wunderbar mächtigen Schule gewesen sein Von
seinem Jähzorne ist kaum eine Spur mehr nur geht wenn er erregt ist ein
kurzes blitzartiges Zucken durch sein Wesen Er wird auch wieder fröhlich und
heiter Von seinem Leben im Jahre seiner Abwesenheit will er nichts Rechtes
aussagen Paulus hätte ihm verboten mehr zu reden als nötig Zuweilen erzählt
er aber doch nur sind die Worte unklar und verwirrt schier wie Traumrednerei
Er spricht von einem Felsenhause und von einem guten ernsten Manne und von
Bussübungen und von einem Kreuzbilde
Lebhaft und bestimmt werden seine Worte nur wenn er in der Lage ist seine
und des Mannes Ehre irgendwie verteidigen zu müssen
In der Gemeinde wird viel dem »Wunderknaben« gesprochen Einige glauben
Lazarus sei bei einem Zauberer in der Lehre gewesen und werde noch große Dinge
vollbringen
Der alte Waldsänger sagt er täte meinen nun müsse bald der Messias
erscheinen Lazarus sei der neue Vorläufer Johannes der Täufer der sich in der
Wüste genährt von Heuschrecken und wilden Schnecken
Gott walte es Ein tätiger und herzenswarmer Pfarrer wäre für Winkelsteg der
Messias Aber es ist wie der Holdenschlager gesagt hat es will keiner herein
in die verlorenen Waldtäler
Ich bin der einzige der die Kirche verwaltet läutet Orgel spielt singt
und vorbetet wenn Sonntag ist Die Täuflinge und Toten müssen nach Holdenschlag
wie vor und eh
Im Hornung 1819
Was geht das mich an Gar nichts gehts mich an Aber ich bringe es doch
nicht aus dem Kopf was mir der Förster von dem jungen Herrn erzählt hat
Mit Verweichlichung seines Körpers sei es angegangen mit losen lockeren
Spielen Gelagen Schlemmereien und Ausschweifungen gehe es weiter Bah wir
sind Freiherr wir sind Millionär wir sind ein schöner junger Mann also
dreinfahren So hats der Förster ausgelegt Ei der wirds so genau nicht
wissen
Hermann soll in der Hauptstadt sein weit von daheim und von seiner
Schwester Ja selbunter wäre freilich alles möglich Gott schütze dich
Hermann Es wäre auch nicht schön von mir dem Schulmeister wenn sein erster
Schüler ein
Heb dich weg du hässliches Wort Hermann ist ein braver junger Mann Was
weiß der Förster
Im Frühjahr 1819
Die Gegend altert schnell Die Berge werden grau und kahl der Wald wird
verbrannt in allen Tälern rauchen Kohlstätten
Mit Mühe hab ich es durchgesetzt dass sie da oben an der Hebung einen
kleinen Schachen stehen lassen Der soll das letzte und bleibende Stück Urwald
sein und unter seinem Schatten sollen die toten Winkelsteger ruhen
Der Pfarrhof ist fertig Die Pfarre ist längst ausgeschrieben Einen Lacher
tun sie wenn sie es lesen »Das mag eine saubere Seelsorge sein in diesem
Winkelsteg der Messopferwein besteht aus Holzäpfelmost die Hostie aus
Hafermehl Je wenn in Winkelsteg der Pfarrer verhungert so ist er selber
schuld warum speist er nicht Baumrinden die Waldkatzen kommen ja auch davon«
Winkelsteg ist bös verschrien es wäre aber so arg nicht Ich kriege für
das dass ich die Kirche versorge und zuweilen auf den Predigtstuhl steige um
den Leuten zur Erbauung vorzulesen reichlich Mehl und Wildbret Die Leute
sagen es sei schade dass ich nicht Pfarrer geworden
Von der Herrschaft des Waldes sind Messengelder geschickt worden dass in der
Gemeinde Winkelsteg ein Gottesdienst gestiftet und gebetet werde auf eine gute
Meinung Es hat sich die Tochter des Hauses vermählt
Gott sei Dank dass mein Körper und mein Geist hier so reichlich
Beschäftigung findet Dieser Einspanig gibt Nachdenken
Öfter und öfter wird er im Orte gesehen gebückt wie ein leibhaftig
Fragezeichen gebückt und krumm so geht er einher Noch immer aber weicht er
den Leuten aus und wer ihm doch nahe zu kommen weiß um eine Frage an ihn zu
stellen dem gibt er eine Antwort die drei Fragen gebiert Auch in der Kirche
ist er schon gesehen worden ganz zu hinterst in der Nische wohin der
Beichtstuhl kommen soll
Der alte Rüpel hält das Wesen ganz entschieden für den ewigen Juden Nun
so viel mag ich selber glauben der Einspanig ist ein Teil desselben Der ganze
ewige Jude hat meines Glaubens viele Millionen Köpfe
Im Sommer 1819
Da hätten wir nun auf einmal einen Pfarrer und zwar einen so seltsamen und
der so geheimnisvoll ist wie unser Altarbild das Kreuz aus dem Felsentale
Am letzten Tage des Heumonats zur Mittagszeit ist es gewesen Ich gehe in
die Kirche um die Gebetglocke zu läuten Da steht der Einspanig auf der
obersten Stufe des Altars und übt die Förmlichkeiten des Messelesens
Ich sehe ihm eine Weile zu Er liest die Messe wie sie der Holdenschlager
nicht vollendeter darbringt Als er aber damit fertig ist ernstaft von den
Stufen niedersteigt und mit niedergeschlagenen Augen dem Ausgange zuwandelt da
ist es doch meine Pflicht dass ich ihn anhalte und zur Rede stelle
»Herr« sage ich »Ihr tretet in dieses Gotteshaus wie es ja jeder darf
der aufrichtigen Herzens ist aber Ihr steiget zu dem Allerheiligsten empor und
übet Dinge die nicht jedem zustehen Ich bin der Hüter dieses Hause und habe
Euch zu fragen was Euer Treiben bedeutet«
Er ist dagestanden und hat mich mit großer Gelassenheit angeblickt
»Guter Freund« sagt er hierauf mit einer Stimme die wie eingerostet tönt
»Die Frage ist kurz und leicht die Antwort ist lang und schwer Weil Ihr aber
das Recht habt sie zu verlangen so habe ich die Pflicht sie zu geben
Bestimmet den Tag an welchem Ihr hinaufgehen wollt zu den drei Schirmtannen in
der Wolfsgrube«
»Wozu« sage ich
»Die Antwort liegt nicht auf dem Wege Unter den Schirmtannen mögt Ihr sie
erfahren«
»Wohl« sage ich »wenn es so ist so will ich mich am nächsten Sonnabend um
die dritte Nachmittagsstunde bei den drei Schirmtannen in der Wolfsgrube
einfinden«
Er neigt den Kopf und geht davon
Ich will von diesem Vorfalle einstweilen den Leuten nichts melden Das ist
ein Narr würden sie aufschreien allmiteinander
Mag ja sein Ich werde zu den Schirmtannen gehen und vielleicht Näheres über
den Mann erfahren Finde ich so viele und so schöne Narrheit in ihm wie in dem
alten Rüpel so bin ich zufrieden Sollte es in Winkelsteg schon mit Pfarrhof
und Schulhaus nicht gehen so bringe ich doch etwan einen lustigen Narrenturm
zuweg
Und das ist auch gut
Die Antwort des Einspanig
Am Morgen
Im Tannenwalde herrscht tiefe Trauer wie Totenklage wie Grabesschauer so
wehts durch der Wildnis umnachtete Mauer Dahingestreckt am Waldessaum ins
Leichenbett aus moosigem Flaum gemordet liegt der urälteste Baum O seht
den Mörder über die Steppe fahren er rast in Verzweiflung mit fliegenden
Haaren verfolgt und gegeisselt von rächenden Scharen Den armen Mörder o lasst
ihn ziehen ihm ists gegeben Unheil zu sprühen Und neu aus dem Tode wird
Leben blühen
Nicht der alte Rüpel ist es der mich ansteckt dass ich schon am frühen
Morgen solche Zeilen schreibe sondern eine innere Bewegung die mich bei der
Kunde von dem Sturme erfasst hat sich in Worten Luft gemacht
In dieser Nacht hat ein Sturm gehaust In Winkelsteg haben wir nichts
verspürt nur ein schweres Getose ist gehört worden von Mitternacht her Im
Schachen des Gottesackers ist kein Wipfelchen geknickt
Am Abend
Wie ich aber nun da ich in den neuen Geschlägen drüben Geschäfte habe über
die Lauterhöhe geh ist mir der Weg zehnfach verlegt durch wild zerzauste
zersplitterte in Kreuz und krumm gefallene Bäume Ein starker Harzduft weht in
den Gräben zahllose Waldvögel flattern heimatlos umher denn ihre Nester sind
zerrissen Hier und da machen sich schon Holzhauer an das Gefälle dass sie die
Stämme glätten und schälen In den Holzhauerhütten soll das eine fürchterliche
Nacht gewesen sein Einigen hat es den Dachstuhl zerrissen dass am Morgen die
treibenden Wolken des Himmels hineingeschaut auf den Feuerherd und die wirren
Strohstätten Bei den Köhlern im Karwasser ist ein abgerissener Fichtenstamm auf
einen Meiler gefallen so dass das Feuer herausgebrochen ist und die
hingepeitschten Flammen schier einen Waldbrand erzeugt hätten Der Bertold soll
wie wütend mit dem Dämpfen des Feuers gearbeitet haben und dabei mit seinem
linken Fuß zu Schaden gekommen sein
Manch wüste Scharte ist den Wäldern geschlagen und als ich am Nachmittage
zu den Schirmtannen in der Wolfsgrube komme sehe ich dass die mittlere geknickt
ist Sie ist von den dreien die größte und wohl die älteste gewesen
Auf dem hingestreckten Stamm der sein Geäste tief in den Erdboden gebohrt
hat sitzt der Einspanig
Er hat sich ein Wollentuch um die Schultern gelegt und über das Tuch wallen
die Strähne des schwarzen Haares mit seinen vielen grauen Fäden Die Beine hält
der Mann übereinander geschlagen darauf stützt er seinen Ellbogen und auf
diesen das gesenkte Haupt mit dem blassen Antlitz
Da ich nahe erhebt er sich
»Ihr kommt doch« sagt er »und ich hätte beinahe nicht kommen können Die
Sturmnacht hat meine Behausung gesperrt sie hat einen Felsklotz vor den Ausgang
gewälzt« Und nach einem schweren Atemzug sagt er das trübselige Wort
»Vielleicht wäre es besser gewesen diese Nacht hätte mich in der Felsenhöhle
begraben für alle Zeit als dass ich Euch heute die Antwort gebe Da ich sie aber
gebe so gebe ich sie Euch am liebsten Ich habe Rechtschaffenes von Euch gehört
und freue mich der Gelegenheit Euch näher zu kommen Meine Antwort junger
Mann ist eine schwere Last helfet sie mir tragen wie Ihr ja auch die Mühsal
der anderen Waldbewohner auf Euch geladen habt Ich weiß wohl Ihr versteht
Priesteramt zu vertreten so seid mein Beichtvater und erlöset mich von einem
Geheimnis von dem ich nicht weiß ist es eine schwarze Taube oder ein weißer
Rabe Wenn es aber wäre dass Ihr mich nicht solltet begreifen können «
Er hat eingehalten in seinem Blick ist etwas wie Misstrauen gelegen
Ich versetze hierauf dass ich ihn nach nichts fragen wolle als nach der
Ursache seines Gebarens am Altare unserer Kirche
»Da fragt Ihr mich ja nach allem« ruft er mühsam lachend aus »da fragt Ihr
mich nach meinem Lebenslauf nach meinem Seelenweh nach meinem Teufel und nach
meinem Gott Gut gut kommt nur her und setzt Euch zu mir auf diesen Stamm
Besser schickt sich keine Stätte für meine Antwort als eine aus Vernichtung
gebaute So setzt Euch«
Mir wird schier unheimlich Im Tann ist es still dass man das träge Ächzen
des Geästes vernehmen kann oben aber fliegt das Gewölke dahin von einem Gewände
zum andern
Ich setze mich neben den Mann in dessen Augen und Worten aber viel mehr
Kraft liegt als man in dem gebückten sich schwer schleppenden Einspanig hätte
vermuten können
Ja der Einspanig geheißen weil er nie in Gesellschaft eines zweiten
gesehen worden Jetzund sitzt das Zweispan auf dem Stamme die Frage und die
Antwort
»Wisst was das ist ein Herrenkind« frägt der Mann jäh und starrt mir ins
Gesicht »In einem Palast geboren in einer goldenen Wiege gewiegt werden Der
raue Erdboden ist verdeckt mit weichen Geweben die brennenden Sonnenstrahlen
und Wetterwolken des Himmels sind verhüllt mit schweren Seidenvorhängen für
jeden leisen Wunsch eine Dienerschar eine Gegenwart voll Ebenmass und
hundertfach gehüteten Behagens eine Zukunft voll Genuss und hoher Würden das
heißt Herrenkindschaft Auch ich bin ein Herrenkind gewesen und als solches
ärmer wie ein Bettelknab Ich habe es aber zur Zeit nicht gewusst und erst als
ich der Jahre zwölf oder vierzehn gezählt ist mir die schreckliche Frage
erwacht Mensch wo hast du deine Mutter Meine Mutter hat mir das Leben
gegeben und das Sonnenlicht ihr eigenes wars gewesen bei meiner Geburt ist
sie gestorben
Meinen Vater habe ich selten gesehen er ist auf Jagden oder auf Reisen
oder in der großen Stadt Paris oder in Bädern Meine Liebe für Vater und
Mutter mir ins Herz gegeben verschwende ich an meinen Hofmeister der stets um
mich ist als Lehrer und Gesellschafter und der mich sehr lieb hat Er ist ein
mildfreundlicher heiterer Mann und sehr fromm und gut Oft wenn er in unserer
Hauskirche die Messe gelesen hat er ein verklärtes Antlitz gehabt wie der
heilige Franz Xaver auf dem Altare Und hat gesagt dass er eine Eingebung hätte
ich sei zu großen Dingen erkoren Daraus habe ich seine außerordentliche Liebe
zu mir wahrgenommen
Und nun soll ich eines Tages diesen Freund verlieren Da ist zur selben Zeit
nämlich ein Gesetz herausgekommen und in den Ländern regt sich die Verfolgung
gegen den Orden dem jener Mann angehört Mein Hofmeister muss fort spricht aber
die Zuversicht aus dass wir nach überstandener Trübsal uns wiedersehen würden
Und siehe das Wort ist über alles Erwarten schnell in Erfüllung gegangen
Nach wenigen Monaten schon ist mein Erzieher wieder im Hause Er ist wie er
sagt aus dem Orden getreten
Ich bin zum Jünglinge herangewachsen Meinen Hofmeister liebe ich wie einen
älteren Bruder Oft habe ich ihn insgeheim um seine Ruhe beneidet In mir hat
sich zur selbigen Zeit ein Unstetes zu regen begonnen Im Hause ist es mir zu
eng im Freien nicht weit genug ist es still so verlangt mir nach Lärm und
habe ich Lärm so sehne ich mich nach Stille Mein Drang ist gewesen wie ein
blinder heisshungeriger pfadloser Mann auf der Heide
Da sagt mir einmal mein Erzieher Das lieber Freund ist der Fluch der
Kinder der Welt Das ist die rasende Sehnsucht die trotz aller Güter und
Genüsse der Erde keine Sättigung finden kann außer sie flieht in die Burg die
Christus gegründet hat auf Erden
Wenn du zu mir sprichst entgegne ich du weißt doch dass ich ein Christ
bin
Das bist du nur in der Gesinnung sagt er aber dein Leib ist es der so
wild nach Erfüllung lechzt Deinen Leib musst du in die Burg Gottes einführen
Mein lieber Freund alle Tage bete ich zu Gott dass er dich so glücklich werden
lassen möge als ich es bin dass du wie ein Bruder Jesu werdest
Von diesem Tage an als mein Hofmeister so gesprochen hat empfinde ich die
Last und das Unstete in mir doppelt schwer aber als ich mich ernstlich prüfe
sehe ich dass es mir unmöglich wäre der Welt zu entsagen
Du hast mich nicht verstanden sagt hierauf mein Erzieher einmal und es
wundert mich dass du nach den Jahren der Erziehung deinen Freund so missverstehen
kannst Wer sagt dir dass du den Freuden der Welt entsagen solltest Die Freuden
der Welt sind ein Geschenk Gottes aber sie nicht genießen seiner selbst willen
sondern zu Gottes Ehre das ist es was uns wahre Befriedigung gewährt
So geht mir nun ein neues Leben auf mein sittliches Gefühl das mich sonst
zurückgehalten eifert mich jetzt an dass ich all den verlangenden Sinnen meines
Wesens Sättigung verschaffe In Freude und Genuss Gott dem Herrn dienen so gibt
es keinen Zwiespalt mehr
Mein Freund lächelt und lässt gewähren Die Welt ist schön wenn man jung
und auch gut wenn man reich ist Ich lasse sie mir sehr gut sein ich will
ihren Becher leeren ehe ich am Altare den Kelch trinken soll
Und nach wenigen Jahren habe ich den Freudenbecher geleert bis zum
Bodensatz Da ekelt mich da bin ich satt und übersatt Und die Welt langweilt
mich
Und nun da ich mittlerweile auch grossjährig geworden hat mein Freund
wieder ein Wort gesprochen und auf seinen Rat habe ich mich entschlossen Ich
trete der Gemeinschaft bei und tue das Gelübde Mein Vermögen fällt dem Vereine
zu und ich leiste das Gelöbnis des unbedingten Gehorsams
Und nun da ist eines Tages ein Mädchen zu mir gekommen das ich früher
oft gesehen Jetzt darf ich es nicht kennen Es bittet mich dass ich es mit dem
Kinde nicht verlassen möge es bittet um Gottes willen Allein ich bin
bettelarm darf mich auch für sie an niemand andern wenden mich bindet der
Gehorsam
Wenige Tage danach ist das Mädchen als Leiche aus einem Teiche gezogen
worden Schmerzerfüllt klage ich an der Brust meines Freundes dieser schiebt
mich sanft von sich und sagt »Gott hat alles wohl gemacht«
Nach diesen Worten ist der Mann den sie den Einspanig nennen wie
erschrocken zusammengefahren Ein Häher ist über unseren Häuptern
dahingeflattert Hierauf greift der Einspanig rasch nach meiner Hand und ruft
»Heute noch bin ich vermählt mit ihr In jeder Nacht steht sie mit dem Kinde
vor meinem Lager Der Orden hat einen schönen Stern das ist der Marienkult
Mancher Jüngling der entsagen muss blickt liebeglühend auf zu der Jungfrau mit
dem Jesukinde Mir aber wird das Bildnis zum Gespenst ich sehe in demselben das
betrogene Mädchen
Ich bin zum Priester geweiht worden und habe statt meiner weltlichen Titel
und Würden nichts als den Namen Paulus erhalten Ich bin vorbereitet worden
viel eher als ich und mein Vater es geahnt haben
Ich habe Natur und Vermögen geopfert und meinen eigenen Willen und nur
eines habe ich noch besessen das Vaterland Auch daran kommt die Reihe Es wird
erklärt unsere Vereinigung sei nach dem bestehenden Gesetze des Bodens im Lande
verlustig Fast war ich zu schwach gewesen meine Heimat und meinen betagten
Vater zu verlassen allein da gibt es kein Auflehnen des Herzens Wir sind
Märtyrer zur Ehre Gottes und so sehr bin ich Schwärmer dass mir dieser Gedanke
Entschlossenheit gibt mich von allem loszureißen
Wir sind nach Welschland gezogen Zu Rom habe ich die Gräber der Apostel und
Märtyrer besucht und habe gewähnt in dem Lande ein still beschauliches Leben
führen zu können Aber bald werden wir ausgesandt zur Arbeit Ich weiß kaum mehr
durch welche Vermittlung aber auf einmal sehe ich mich versetzt in eines der
Länder die gegen Abend liegen an den Hof des Königs Vielleicht ist es meine
Abkunft vielleicht die Erziehung die ich genossen vielleicht auch meine
Gelehrsamkeit oder eine gewisse Klugheit die ich mir nach und nach angeeignet
oder es kann meine Körpergestalt gewesen sein die schön genannt war oder all
das zusammen oder noch ein anderes was mich befördert hat ich weiß es nicht
Ich habe nach einiger Zeit ein einflussreiches Amt in der Staatskanzlei
erhalten Und mein Wahlspruch ist gewesen Sei ein geheimes Rad
Geschmeidigkeit Sanftmut Heiterkeit und Duldsamkeit sind die Tugenden
deren ich mich zu befleissigen gehabt habe So bin ich der Freund des Hofes
geworden der gerne gesehene Gesellschafter der gesuchte Ratgeber und wenn ich
in der Schlosskapelle meine Messe gelesen habe so sind die hohen Frauen vor dem
Altare auf den Knien gelegen Endlich bin ich Beichtvater des Königs geworden
Die Welt lächelt und mir gefällt ihr Lächeln wieder Leicht trage ich das
Gelübde der Armut denn ich wohne im Königspalast Treu bleibe ich dem Gelübde
der Entsagung denn was ich genieße das genieße ich Gott zuliebe
Da bricht eine bewegte Zeit an In der Welt wütet die Empörung auch in
unserem Lande gärt ein Aufruhr Öfter als sonst versammelt der König die Großen
des Reiches um sich und angelegentlicher wird die Beichte die er an jedem
dreissigsten Tag mir ablegt
Da kommt eines Tages an mich ein Befehl er ist mit großem Siegel
verschlossen Als ich ihn gelesen lehnt sich etwas in mir auf Nein so kann
ich nicht handeln so mein Amt nicht missbrauchen
Zur selben Zeit erhalte ich die Nachricht von dem Tode meines Vaters Das
bringt mich zu mir selbst Kindesliebe Schmerz Sehnsucht Heimweh
Schuldbewusstsein und Reue graben in meinem Gehirne
Da kommt plötzlich der Befehl ich würde mich einschiffen nach Ostindien
Das schmettert mich vollends nieder Anstatt ins Vaterland soll ich in
einen fernen Weltteil reisen Warum Zu welchen Zwecken Wer frägt Die erste
Satzung lautet Gehorsam«
Hier hat der Mann seine Erzählung unterbrochen Mit den Fingern ist er sich
über seine hageren Wangen gefahren bis herab zu den Bartstoppeln des Backens
Sein Auge in welchem Unruhe und Müdigkeit gelegen hat sich schwermütig empor
zur Höhe gewendet Da oben haben die finsteren Wolkenlasten nicht mehr
hingejagt sondern angefangen sich an den Felswänden niederzusenken Tiefe
Stille und Dämmerung ist gelegen über dem Waldkessel der Wolfsgrube
Und endlich fährt der Einspanig fort »Vier ewige Sommer habe ich mit
einigen Gefährten in dem heißen Indien verlebt Die Beschwerden sind groß
gewesen Nur in der Erfüllung des Berufes habe ich einigen Trost gefunden Nicht
mehr für besondere Vorteile eines Bundes haben wir gearbeitet sondern für die
gemeinsame Sache der Menschen die Gesittung Wir haben den Hindus den Pflug
gegeben auf ihren Berghöhen haben wir das Kreuz gepflanzt Wir predigen ihnen
die Gotteslehre der Selbstaufopferung und Liebe Anfangs haben sie Misstrauen und
Verfolgung gegen uns endlich aber öffnen sie ihr Herz Als Boten des Himmels
haben sie uns verehrt
Bereits haben wie in Dekan eine christliche Gemeinde zustande gebracht da
kommen abendländische Scharen Engländer und Franken bekriegen Teile des Landes
und unterjochen sie Da handelt es sich nicht mehr um die christliche Liebe
sondern um Reis und Gewürze Und vorbei ist es gewesen mit dem Glauben der
Hindus an unsere Lehre Ermorden haben sie uns wollen Auf ein fränkisches
Schiff haben wir uns geflüchtet und sind zurückgekehrt nach Europa
Nun sehe ich endlich mein Vaterland wieder Eine andere Zeit ist Das Volk
ist lau und droht mit dem Abfalle Wir werden planmässig verteilt in Stadt und
Land
Da ich mich am Königshofe nicht bewährt habe ich auch auf den Reisen
verwildert und aus dem Geleise der gesellschaftlichen Verhältnisse gekommen bin
und da an mir ferner mehr Gewissensskrupel als Klugheit zu merken ist so trifft
mich das Los ich werde den Volksmissionären zugeteilt Kaum kann ich meine
Geburtsstadt und das Grab meines Vaters besuchen ehe ich fort muss in das
Gebirge Mit drei Genossen wandere ich von Gegend zu Gegend um in bestimmten
Pfarrkirchen sogenannte Missionen abzuhalten Bei mächtigen Herren sind wir die
Heiteren Geschmeidigen Duldsamen gewesen bei den wilden Völkern die Apostel
der Kultur die strengen und liebevollen Lehrer des Christusglaubens Hier aber
bei dem verknöcherten trägen leichtsinnigen und noch dazu durch neue
Grundsätze verdorbenen Landvolke müssen wir erscheinen als Warner als Richter
der Sünde
Anfangs da kommen sie mit Übermut und Neugierde zur Kirche herein um die
Wanderprediger zu sehen aber als sie die dumpfen Worte von der Not der Seelen
von der Gefahr der Welt von der Sterbestunde und von dem schrecklichen Gericht
hören da heben sie an zu erbleichen Bald liegen sie zerknirscht vor dem
schwarzverhüllten Altare drängen sich zu unseren Beichtstühlen
Vor jeder Kirche haben wir ein hohes kahles Kreuz aufgestellt Christus ist
für euch gekreuzigt worden jetzt kreuziget euch selbst in Abtötung und Busse
Ich bin in Eifer geraten der mich fortgezogen hat in dem was unseres Amtes
gewesen und der mich fortgerissen hat in eine Schwärmerei die ich bislang an
mir nicht gekannt habe Mein beständiger Ruf Tuet Busse
Wie lebendig und lustig es im Dorfe auch gewesen ist wo wir eingezogen es
wird bald still in den Gassen und öde auf den Feldern und Wiesen
Der Roggen verdorrt unser Weizen reift Aber wenn die Stunden der
Begeisterung vorüber so ist eine Öde in mir und ein Dämon der mich fortweg
abwenden will von dem heiligen Beruf Ich habe diesen Dämon für den Teufel
gehalten Es wird aber was anderes gewesen sein Nicht wahr jetzt kommt schon
die Nacht«
Fast verwirrt hat mich der Mann angeblickt als hätte er von mir die
Beantwortung seiner Frage erwartet
»Die Nacht kann das noch nicht sein« habe ich entgegnet »der Nebel legt
sich so über den Wald«
»Ja ja« fährt der seltsame Erzähler wie träumend fort »es kommt die
Nacht Junger Freund Ihr werdet sehen es kommt die finstere Nacht«
Nun ist es eine Weile so still dass man vermeint den Nebel spinnen zu hören
in dem Geäste der Tannen Nachher erzählt der Mann weiter
»In einem großen Dorfe ist es gewesen Ich sitze noch spät abends im
Beichtstuhl Die Kirche ist endlich leer geworden und die Ampel des Altars legt
ihren Schein schon an die Wände Ein einziger Mann steht noch neben dem
Beichtstuhl und scheint unentschlossen ob er sich nähern oder auch die Kirche
verlassen soll
Ich winke ihm Er schrickt zusammen tritt näher und sinkt auf die Knie vor
dem Schuber des Beichtstuhles Sein Bekreuzen ist ein krampfhaftes Zucken der
rechten Hand über das Gesicht Er sagt nicht das übliche Gebet in wirren und
hastigen Worten teilt er mir sein Bekenntnis mit Dann faltet er die Hände so
fest ineinander dass sie zittern und stammelt die Bitte um Lossprechung Ich
will dem Geängstigten Worte des Trostes sagen Aber unwirsch stoße ich mein
eigen Herz zurück
Und wie er stumm so dakniet entgegne ich in ruhiger Weise das Unrecht
könne ihm nicht verziehen werden vor Gott solange es nicht gutgemacht
Gutmachen das kann ich nicht mehr versetzt er mein Nachbar ist
fortgezogen ich weiß nicht wohin Er nicht ist nicht zu finden
So wandert ihn zu suchen besser die Füße abgehen bis auf die Knie als
dass die Seele ewig verloren gehe
Aber mein Weib meine Kinder ruft er
Um so mehr Seelen stürzet Ihr mit Euch in das Verderben
Ich will fasten beten will Almosen geben zehnfach mehr als was ich
betrogen
Dem Betrogenen selbst müsst ihr das unrechte Gut zurückgeben
Da schreit er fiebernd ist der Herr nicht am Kreuz gestorben Mord und
Totschlag werden verziehen und mir kann meine Verirrung nicht vergeben sein
Der Mann ist nimmer zu finden
Sein Widerspruch bringt mich in eine Erregung Strenge den Unbussfertigen
lehrt die Satzung
Makelt nicht mit dem gerechten Gott rufe ich Dreimal höher ist der
Himmel seit er durch das Kreuzopfer ist erkauft worden und neunmal tiefer die
Hölle seitdem die Menschen drei Nägel geschlagen durch Christi Händ und Füße
Über diese meine Worte ist ein Aufstöhnen dann ein Fluchwort Ich höre den
Schall der Tritte eines Davoneilenden Ich bin in der nächtigen Kirche allein
Ich trete aus dem Beichtstuhl knie hin vor den hochragenden Altar und bete
für den Verstockten Und wie ich so emporblicke zu dem Bilde der Königin der
Beichtiger da ist es mir als trete sie plötzlich hervor aus der Nische aus
dem Teiche sie mit dem Kinde in blutrotem Schein
Der Türe eile ich zu Siehe da ist der Ausgang verschlossen
Ich habe die Sperrstunde nicht wahrgenommen Die Kirche ist entlegen vom
Orte das nächste Haus ist die Totenkammer Da hört es keiner wie man auch
rufen mag
Eingeschlossen in den düsteren Raum in welchem ich von dem leidigen Teufel
so oft gesprochen und von der ewigen Höllenpein Dort im Gezelt der ewige
Gott jetzo bist du mit ihm allein
Nein ich habe es nicht vermocht hinzublicken auf den Altar das rote Licht
schwebt auf mich zu Ich verkrieche mich wieder in den Beichtstuhl
So bin ich dagesessen mit erregten Sinnen Jetzt und jetzt muss sich der
Vorhang bewegen und eine kalte Hand hereinlangen Aber es bleibt still
Sonst knien sie da draußen vor dem Schuber die armen Sünder und erforschen
das Gewissen und jetzt erforscht es der Beichtiger selbst Habe zurückgeblickt
auf mein Leben Wie ist es so bewegt wie bin ich arm und einsam gewesen Und so
hart Und in dem Teiche ist ein Herz verloschen Das einzige das mich lieb
gehabt in der weiten Welt Was ist gemeint gewesen mit meinen hohlen Taten
Wenn ich vor Gottes Richterstuhl stehe Wird auch nur eine Seele sein die sagt
Er hat mich gerettet
Und als es in mir so schreit da ist plötzlich ein Stöhnen vor dem Schuber
des Beichtstuhles als kniete jener Mann noch davor Ich fahre empor aber
still ist es das Mondlicht rinnt durch das Fenster
An wem liegt die Schuld als an mir Wie viele Jahre sind mir noch
gegeben O Gott führe mich weg von deinem Altare dem ich ein unwürdiger Diener
gewesen Und von den Menschen führe mich weg Führe mich zu einer einsamen
Stätte wo ich mich selbst erlösen kann
Diese Sehnsucht hat sich wie Tau gelegt auf mein Gemüt ruhiger ist es
geworden und meine Augen sind gesunken
Jetzt aber höre ich plötzlich von außen eine Stimme die Pater Paulus ruft
Endlich befreit denke ich und will mich erheben In demselben Augenblick höre
ich aufschreien Jesus Maria da ist er da hängt er am Strick
Ich tue einen Schrei der in dem Kirchenschiffe gellt und von dem ich selbst
erschrocken bin Da ist draußen noch ein Klageruf und ich höre wie sich die
Leute eilig wieder davonmachen Der Aufschrei in der Kirche mein Hilferuf hat
sie verscheucht Ich bin allein Erregt dass mir der Atem stockt Mitternacht
schlägt es Und wie Draußen hängt einer am Strick
Auf mein Angesicht bin ich gefallen Heiliger Gott bewahre mich vor
Selbstmord
Aber jetzo steigt plötzlich eine Ahnung in mir auf Wie wenn es der Mann
ist dem ich zur späten Abendstunde die Lossprechung verweigert den ich in die
Verzweiflung zurückgestoßen habe Wenn er hingegangen ist und sich das Leben
genommen hat In derselben Stunde guter Freund habe ich Schreckliches
ausgestanden Der Selbstmörder wie er mich angrinst mit starrem Auge Und aus
den Tiefen des Teiches Und all die unerlösten Seelen kommen denen ich die
Verdammung gepredigt Und inmitten steht das hohe Kreuz und eine Stimme höre ich
rufen Du hast die Liebe getötet«
Ächzend ist der Mann hingesunken auf das Geäste des Baumes Kaum habe ich es
vermocht ihn wieder aufzurichten Nebelfeuchtes Wildfarnkraut reiße ich ab und
lege es auf seine heiße Stirne
»Erzählet ein andermal zu Ende« sage ich »und gehen wir heute in unsere
Wohnungen es kommt wahrhaftig schon die Nacht«
Er hat sich aufgerichtet ist mit den Zipfeln seines Mantels sich über die
Augen gefahren
»Heute ist der Frieden in mir« sagt er hierauf ruhig »aber so oft ich an
dieselbe Stunde denke stockt mein Blut Nun jetzo wird es schon besser Wie
ich meine Augen wieder auftue da schaut das Morgenrot zu den Fenstern herein
Wie ein gütiges Lächeln liegt es auf dem Altare und auf dem Bilde der Mutter
Maria Ich habe mich aufgerichtet und ein Gelöbnis getan und da ist mir
gewesen als müsse alles anders werden
Bald danach haben die Schlüssel der Kirchentüre gerasselt Leute kommen Sie
brechen in ein Frohlocken aus als sie mich sehen und führen mich an der Hand
in das Freie Sie erzählen wie sie mich gesucht wie sie wohl einen Schrei
gehört in der Kirche wie sie aber gemeint hätten es sei eine Geisterstimme
Sie führen mich abseits vom Kirchhofe denn dort ist an einem eisernen
Grabkreuze der Selbstmörder gehangen
Ich habe mich nachher in mein Zimmer verschlossen und bin in demselben
verblieben den ganzen Tag Ich hätte an dem Tage eine Predigt halten sollen über
die Busse und die Erbarmungen Gottes Ein anderer meiner Genossen hat es für mich
getan Die Leute sollen sich erzählt haben ich sei die Nacht über absichtlich
in der Kirche geblieben und hätte Offenbarungen gehabt
Spät abends als ringsum alles geschlafen habe ich auf ein Blatt Papier die
Worte geschrieben Lebt wohl meine Brüder Forscht nicht nach mir
Und dann habe ich genommen was mein und bin aus dem Hause gegangen und aus
dem Dorfe und die Landstraße entlang die ganze Nacht
Planlos ist mein Wandern Ich überlasse mich dem Zufall Ich habe nichts zu
verlieren nur aus dem Bereiche der belebteren Gegenden trachte ich
fortzugelangen Ich habe meine Richtung gegen das Gebirge genommen
Als der Morgen graut bin ich zwischen Waldbergen ein Bach rauscht mir
entgegen Ich trinke aus dem Wasser und ruhe auf einem Stein Da kommt so ein
Waldmensch des Weges der zieht seine Kopfbedeckung ab vor meinem priesterlichen
Kleide Ich erhebe mich und bitte den Mann dass er mir den Weg weise ich wollte
weit hinein ins Gebirg bis dorthin wo der allerletzte Mensch wohnt
Der allerletzte Mensch der wird wohl der Kohlenbrenner der RussBartelmei
sein hat der Mann geantwortet
So weiset mir den Weg zum RussBartelmei und bedeckt Euer Haupt
Habt Ihr mit dem Köhler was zu schaffen frägt er dreister da wir schon
auf dem Wege sind Ihr der Köhler ist leicht schwarz an Leib und Seel den
mögt Ihr nimmer weiß waschen Schlechter wie andere wird er auch nicht sein Was
wollt Ihr ihm denn
Ich glaube ich habe dem Frager von einer weitläufigen Verwandtschaft was
gesagt Da bleibt er stehen und sieht mich an Verwandtschaft tät mich wohl
freuen Der RussBartelmei bin ich halt selber
Ich gehe mit dem Manne über Berge und durch Schluchten Bis zur Mittagszeit
sind wir bei seinem Hause
Drei Tage bleibe ich bei den Leuten Schwarz sind sie freilich Bei einem
Volke des Morgenlandes ist schwarz die Farbe der Tugend und der Seligen sie
malen dafür den Teufel weiß Ich habe das in der Meinung ihm ein Gefälliges
mitzuteilen dem Kohlenbrenner gesagt Der aber guckt seltsam aus seiner
Hutkrempe hervor und entgegnet Wird doch nicht sein Nachher wäre ja der
Pfarrer auf der Gasse ein Engel und in der Kirche ein Diese grobe Rede hat
mich wohl gestoßen
Am dritten Tage nachdem ich und der Bartelmei viel und über vieles
miteinander gesprochen und uns gegenseitig Teile aus unserer Lebensgeschichte
erzählt die seine ist kohlschwarz und die meine noch schwärzer da frage ich
ihn ob er mein Freund sein wolle Ich hätte vor in der Wildnis zu leben und zu
arbeiten für meine Seele und wolle redlich bestrebt sein in der Einsamkeit
Gutes zu stiften da man unter Menschenscharen auch mit bestem Willen nicht
immer das Rechte fördere Als Freund habe er mich gegen Entgeltung mit den
allernotwendigsten Bedürfnissen zu versehen des weiteren aber mich als
Geheimnis zu bewahren
Der Mann hat sich lange besonnen dann sagt er So ein Einsiedler wollt Ihr
werden Und da soll ich der Rab sein der Euch das Brot vom Himmel bringt
Ich erkläre dass ich mir das Brot selbst suchen wolle dass man aber auch
Kleidungsstücke und andere Dinge bedürfe und dass ich nicht ermangeln würde mit
meiner kleinen Habe dafür zu danken
So ist er bereit mir zu dienen Nur müsse ich ihm auch einmal eine
Gefälligkeit erweisen und vielleicht eine ganz absonderliche Er habe schon
auch sein Anliegen
Ich habe das Köhlerhaus verlassen und der Bartelmei hat mich geführt noch
weiter in die Wildnis hinein Bis in das Felsental bin ich hinaufgekommen da
sind gar keine Menschen mehr da ist nur der Urwald und das starre Gewände Und
hier ist es mir recht gewesen in einer verborgenen Höhle an der eine Quelle
vorbeirieselt habe ich mich eingerichtet Im Felsentale ist ein hölzernes Kreuz
gestanden das seiner Tage auch ein verlorener Waldmensch aufgerichtet haben
mag Das ist mein Versöhnungsaltar Ein Kreuz ohne Heiland wie ich es sonst den
bedrängten Seelen vorgehalten war mir endlich selber geworden
Und so junger Freund habe ich nun gelebt in der Einsamkeit habe mit den
Wurznern und Pechern gearbeitet Und so ist Jahr um Jahr verflossen Von
Entbehrung will ich nicht reden schwerer ist mir das Gefühl des Verlassenseins
geworden und die Sehnsucht nach den Menschen hat mich oft hart gepeinigt Nur
der Gedanke dass Entsagung meine Sühne ist hat mich getröstet Oft bin ich
hinaus in die Täler gegangen wo Menschen wohnen in lieber Geselligkeit Ich
habe mich gelabt mit dem Bewusstsein ihrer Gewissensruhe und Zufriedenheit und
bin wieder zurückgekehrt in das ewig einsame Felsental zu meiner Höhle und zu
dem stillen Kreuze auf dem Steingrunde
Der Kampf in mir aber ist statt geringer größer und schwerer geworden und
zuweilen kommt mir der Gedanke was ist das für ein Leben in lahmer
Tatlosigkeit in der man niemandem nützt sich selber doch verzehrt Kann das
Gottes Wille sein
Zurückkehren in den Orden das wäre unmöglich In der offenen Welt leben
unter dem Schilde eines abtrünnigen Priesters das wäre ein zu großes Ärgernis
an der treuen Berufserfüllung im allgemeinen Was bleibt mir übrig als für das
Völklein des Waldes nach Kräften wohltätig zu wirken Aber ich weiß es nicht
anzufassen Mit trockenen Predigten stiftet man nicht immer das Wahre Den
Teufel habe ich ja so lange gerufen bis er mir selber gekommen Gott und die
christliche Liebe lehren Damit bin ich schlecht gefahren So habe ich gar keine
Neigung mehr den Menschen mit Worten zu dienen
Wo ich Kinder sehe da gehe ich auf sie zu dass ich ihnen ein Liebes könnte
erweisen aber sie haben sich vor mir gefürchtet Ich bin gemieden und nirgends
gern gesehen selbst in der Hütte des Bartelmei nicht mehr Ich bin auch so
seltsam so unheimlich zuletzt hat mir vor mir selber gegraut Ein Verbannter
lebe ich im Felsentale und zwischen dem Gestein lechze ich nach Wohltun Und ich
bin doch wieder davongeschlichen gegen die Wässer hinaus
Dem altersschwachen Weiblein habe ich die Holzschleppe vom Rücken genommen
auf dass ich sie in seine Klause trage Dem Hirten habe ich die Herde von dem
gefährlichen Gewände abgeleitet Und im Winter wenn gar keine Menschen sind
weit und breit habe ich mit dürren Samen und wilden Früchten die Vöglein
gefüttert und die Rehe Geweint habe ich über diesen meinen armseligen
Wirkungskreis und vor dem Kreuze habe ich gebetet Herr vergib und nur einmal
lass mich was Gutes vollenden
Und so habe ich in der Absicht etwas Rechtes zu vollbringen den Jungen
aus dem Hinterwinkel zu mir genommen Ich hatte gehört dass er von seinem Vater
die Tobsucht geerbt haben soll Ich habe bedacht dass wie der Mates daran
zugrunde gegangen so auch der Lazarus daran zugrunde gehen müsse könne durch
eine entsprechende Zucht dem Übel nicht gesteuert werden Auch habe ich bedacht
dass ein schwaches weichherziges Weib nimmer imstande ist dem gefährdeten Kind
die strenge Leitung die nötig ist angedeihen zu lassen Da habe ich eines
Tages im Walde den Knaben am Grabe seines Vaters getroffen Er hat erbärmlich
geweint und ist nicht von mir geflohen wie andere Kinder Und als ich ihn frage
was ihn denn so sehr betrübe da antwortet er er hätte einen Stein geschleudert
nach seiner Mutter und so wolle er jetzt sterben
Ich entgegne ihm er möge getrost sein ich hätte auch einmal so einen Stein
geschleudert gegen Menschen aber nun wäre ich in die Wildnis gegangen dass ich
Busse tue und einen besseren Mann aus mir mache Und ich frage ihn ob er es auch
so halten wolle Der Knabe hat mich flehend angeblickt und ja gesagt
So habe ich ihn mit mir genommen in das Felsental und in mein Haus Über ein
Jahr habe ich ihn bei mir behalten auf dass ich ihn an strenge Ordnung hielte
und seine wilden Anfälle zu unterdrücken suchte Täglich haben wir vor dem
Kreuze gemeinsam unsere Andacht verrichtet Und ich habe dem Knaben die
Geschichte von dem Gekreuzigten erzählt habe ihm mit aller Wärme eines
sehnenden Herzens dargestellt die Liebe Geduld und Sanftmut des Heilandes und
ich habe gemerkt wie das Gemüt des Knaben davon ergriffen worden ist Es ist ja
ein herzensguter Junge
Wir haben zusammen gearbeitet haben Waldfrüchte Kräuter und Schwämme
gesammelt zu unserer Nahrung Hirsche und Rehe haben wir nicht geschossen wie
der Lazarus einmal vorgeschlagen Stühle und Fussmatten flechten wir für unsere
Felsenwohnung und für den Branntweiner der sie an den Mann zu bringen weiß
Viel Brennholz sammeln wir auf vor unserem Eingang Gehe ich in die Lautergräben
oder in die Winkelwälder hinaus so bleibt der Knabe willig im Felsenhause und
arbeitet allein Gerne hat er mir von seiner kleinen Schwester erzählt aber nie
ein Wort von seiner Mutter gleichwohl er im Traume oft genug von ihr gesprochen
hat Ich habe es ihm angemerkt wie sehr das Gewissen seiner Tat ihn hat
gepeinigt
Auf dass der Knabe sich in Geduld und Sanftmut übe habe ich ein Mittel
erfunden das wie seltsam und einfältig es auch aussehen mag doch eine
schätzbare Wirkung in sich trägt Ich fasse einen Rosenkranz aus grauen
Steinperlen zusammen und diesen Rosenkranz muss mir der Lazarus allabendlich
abbeten ehe er zu Bette geht Aber nicht mit dem Munde abbeten sondern mit den
Fingern und mit den Augen Er muss nämlich alle Perlen von der Schnur streifen
dass sie auf den Erdboden hinkollern und nun ist seine Aufgabe dass er die in
alle Winkel gerollten Kügelein mühsam wieder zusammensuche und auflese Anfangs
hat er bei dieser mühsamen Arbeit sein Zucken wohl bekommen aber da er dadurch
dem Geschäfte hinderlich statt förderlich ist so hat er es nach und nach mit
mehr und mehr Fassung verrichtet trotzdem das Suchen oft stundenlang dauert
bis er die letzte und allerletzte Perle findet Und endlich hat er es mit einer
Ruhe und Selbstüberwindung getan die verehrungswürdig ist Kind sage ich
einmal das ist das schönste Gebet dass du Gott und deiner Mutter zu Liebe tun
kannst und damit erlösest du deinen Vater Da blickt mich der Junge mit seinen
großen Augen glückselig an
Wir haben nicht gar viel miteinander geredet aber um so gewichtiger und
überlegter ist jedes gesprochene Wort gewesen Er scheint mich lieb gehabt zu
haben er hat jeden Wunsch meiner Augen zu erfüllen gesucht Nach meiner Weisung
hat er mich den Bruder Paulus geheißen
Wohl es ist eine gewagte Art gewesen wie ich den Knaben zu mir gerissen
und geschult habe aber ich mag hoffen dass er glücklich auf einen besseren Weg
geleitet ist O mein Freund wie oft habe ich mir gesagt einem und wenn
auch nur einem Menschen musst du von allen Seelengaben die dem Priester zu
Gebote stehen sollen die Gabe der Selbstbeherrschung eigen machen dann bist du
erlöst
Ich habe mich im Laufe des Jahres oft nach der Mutter des Knaben umgesehen
und so sehr ich mich selbst an den Knaben gewöhnt habe ich doch den Tag
ersehnt an welchem ich dem armen Weibe das verschollene Kind wieder zurückgeben
kann wie ein Stück reinen Goldes nach der Läuterung
Da finden wir eines Abends das Kreuz nicht mehr auf dem Steingrunde Es war
unser Gottesaltar gewesen und das Zeichen der Entsagung und Selbstbeherrschung
Und nun starrt uns die moderige Grube an aus dem es emporgeragt
Wer hat mir auch dieses Einzige noch weggenommen Soll es Kohlen geben oder
eine Herdflamme in der Hütte Ist der weite Wald nicht mehr groß genug legen
sie die Hand noch an das Kreuz Was hat es ihnen getan Oder schnitze einer den
Heiland dazu Oder hat es ein Kranker ein Sterbender holen lassen auf dass er
davor bete
So habe ich an jenem Tage gefragt und gegrübelt Und am Abend noch eile ich
durch das steinige Tal und meine irgendwo müsse mein Gotteszeichen liegen Ich
laufe in den Wald hinab den Fußsteig hin da sehe ich zwei Männer die das
Kreuz auf den Schultern tragen
Und nun ist es mir eingefallen es kommt in die neue Kirche am Steg die
Wäldler stellen es auf den Altar Sie verehren es wie ich es verehre auch sie
wollen Entsagung und Aufopferung lernen auch sie sind Menschen die streben und
ringen nach dem Rechten wie ich Da ist in mir eine Freude erwacht die mir
schier das Herz hat zersprengt Um den Hals fallen hätte ich Euch mögen Euch
der ganzen Gemeinde Ich gehöre ja zu Euch ein Pfarrkind«
Dann sagt er noch »Jetzt ist keine Zeit mehr zum Reden Ich bin ja auch zu
Ende Kurze Zeit danach habe ich den Lazarus fortgeführt aus diesem Felsentale
und hinaus zur neuen Kirche auf dass er vor dem Kreuze bete Ich habe ihn von
Herzen gesegnet denn ich habe wohl gewusst dass er mir nicht mehr zurückkehren
wird in das Felsenhaus
Und allein habe ich weiter gelebt wohl verlassener als je und doch
beruhigter und mein Herz hat sich gehoben als wollte der Bann anheben zu
schwinden Öfter und öfter bin ich hinausgegangen zur neuen Kirche in der mein
Kreuz steht Und die Menschen haben mich nicht mehr gemieden Almosen haben sie
mir gereicht auf dass ich beten möge vor Gott ihr Seelenheil Daraus habe ich
wohl mit Beschämung ersehen dass sie mich für besser halten als ich selber
Ich bin auch wieder in das Haus des Bartelmei gegangen in dem sie mehr von
mir wissen als in den anderen Hütten Des Köhlers Mutter die Kat ist schon
seit Jahren krank die bittet mich dass ich um Gottes Erbarmung Willen doch
einmal eine Messe für sie lese zu einem glücklichen Sterben Das habe ich dem
alten Weiblein gerne versprochen und die Messe habe ich gelesen und zwar vor
meinem Kreuze in der Kirche am Steg«
So weit hat der Mann erzählt
Wir schweigen beide eine gute Weile Endlich habe ich die Worte gesagt »Wie
sich das schon wunderbar fügt im Lebenslaufe so ist das vielleicht Eure letzte
Messe in unserer Kirche nicht gewesen«
»Ich habe Euch die schuldige Antwort gegeben« versetzt der Einspanig »was
daraus für Euch für mich erwächst davon kann heute noch nicht gesprochen
werden«
Mit diesen Worten hat er sich von dem Holzstamme erhoben Und wie er nun so
aufgerichtet vor mir steht da ist er jünger und größer als er sonst
geschienen Einen tiefen Atemzug hat er getan und plötzlich hat er heftig meine
Hände gefasst in die seinen und mit bebender Stimme gerufen »Ich danke Euch ich
danke Euch«
Und hierauf ist er hastig davongegangen
Er schreitet aufwärts in der Richtung gegen das Felsental Ich schreite
abwärts in die Lautergräben und gegen Winkelsteg
Meine Schuhe stoßen oftmals an Gestein und Gefälle Eine nebelfeuchte
finstere Nacht liegt über den Wäldern
So ist mein Misstrauen gegen den Einsiedler glücklich zuschanden geworden
Wenn einer auf die Welt verzichtet sie mag ihm sein was sie will und
jahrelang in der Wildnis lebt unter unerhörten Entbehrungen und mit eisernem
Willen die Wünsche seiner Seele bekämpft dem ist es ernst Zu welchem Zwecke
wäre er auch in die Wälder gegangen lange ehvor am Steg noch ein Kirchenstein
gelegen zu welchem Zwecke hätte er sich gemieden gemacht von den Leuten und
seinem Wohltätigkeitsdrang nur im Verborgenen zu genügen gesucht Und vor mir
armem Mann hat er die Fasern seines Herzens entwirrt dass ich hineinsehe in sein
Inneres wie es auch dasteht in der Schuld
Oft habe ich mir gedacht der erste Seelsorger in Winkelsteg darf kein
Gerechter sein sondern ein Büsser Nicht ein Mann sei es der nie gefallen
sondern einer der aus dem Falle ist aufgestanden In der Tiefe und Finsternis
der Wäldler muss er stehen und sich zurechtfinden können auf dass er diesen
Menschen vorauszugehen weiß hinan zur lichten Höhe
Im Sommer 1819
Das ist sauber das ist possierlich das ist schon gar zu lustig jetzund
Ich habe heute den ganzen Tag gelacht und geweint
Es wird nur eine scherzhafte Mär sein aber sie wird allenthalben ernstaft
erzählt Und bei dem was bislang schon zu hören gewesen kann es ja möglich
sein
Verspielt soll er uns haben der schlechte Mensch
Verspielt uns samt und sonders die ganzen Winkelwälder mit Stock und
Stein mit Mann und Maus und mit dem Andreas Erdmann verspielt am grünen Tisch
in einer einzigen Nacht Und verspielt an einen Juden
Einige Tage später
Sei es wie es sei wir wollen an unserem Tagwerk weiter arbeiten Ich bin
heute in dem Miesenbachwald gewesen um die Bäume zu besehen die für den
Schulhausbau bestimmt sind Sie müssen im Christmonat gefällt werden das ist
für Bauholz die beste Schlagzeit über den Sommer können sie trocknen und im
nächsten Herbst muss der Bau aufgeführt werden
Als ich an der Schwarzhütte vorübergehe tritt der Einspanig heraus Er hat
den Lazarus besuchen wollen der Knabe ist aber nicht daheim der ist jetzt
Ziegenhirt bei den Holzern im Vorderwinkel Adelheid soll den Einspanig anfangs
bittere Vorwürfe gemacht haben hierauf aber habe sie ihr Gesicht in die Schürze
verborgen und schluchzend ausgerufen »Ich weiß es wohl Ihr habt Euch das
Himmelreich verdient mit meinem Kinde«
Ich und der Einspanig sind mitsammen gegen Winkelsteg gegangen Leute die
uns begegnen lachen sich die Hälse dick über die Geschichte dass wir verspielt
seien Der alte Rüpel sagt er schneide dem Moisi zu Ehr seinen Bart nicht
mehr
»Ja Ja« sage ich zu meinem Begleiter »so sind wir jetzund jüdisch und in
unseren neuen Tempel kriegen wir einen polnischen Rabbi herein So säuberlich
hat uns der junge Herr Judas Schrankenheim verraten«
Da bleibt der Einspanig stehen und starrt mich an Vom Fuß bis zum Kopf und
wieder vom Kopf bis zum Fuß starrt er mich an und sagt endlich »Ihr seid mir
sonst nicht dumm vorgekommen Erdmann« Und da wir wieder einige Schritte
gegangen sind versetzt er »Ein ordentlicher Mensch sollte so alberne Dinge
nicht glauben Wie kann uns denn der junge Herr Schrankenheim verspielt haben
Mit dem besten Willen nicht Er ist nicht Herr über die Güter seines Vaters und
noch gar nicht grossjährig«
Da glotz ich einmal drein
Eine Bergeslast ist mir vom Herzen gefallen aber im zweiten Augenblick bin
ich wieder erschrocken Ich hab ja noch gestern vor aller Leute Ohren den
jungen Herrn einen schlechten Menschen geheißen
Das wird mich noch in der Ewigkeit martern Aber wenn ich ein Ehrenmann
bin dann mach ichs gut Ein lockerer Vogel mag er ja sein doch redlich und
hochherzig bist du Hermann und das müssen die Leute wissen An drei Sonntagen
nacheinander verkünde ich es von der Kanzel unser junger zukünftiger Herr
Hermann von Schrankenheim ist redlich und brav Gott erhalte ihn Und das
Schmachwort bitte ich dir ab bis zu meinem Tode
Der Einspanig ist bei mir eingekehrt Eines meiner Stubenfenster geht gegen
die Kirche und den Pfarrhof hinüber An demselben sitzen wir und verfallen in
ein Gespräch das zwei Stunden lang dauert
Wir können jetzt wenn schön Wetter die Zeit schon nach Stunden messen der
Franz Ehrenwald hat an die Mittagsseite des Turmes eine Sonnenuhr gemalt
Als der Einspanig fort ist schreit die Haushälterin »Wie närrisch jetzt
hat uns der Kuckuck den auch wiederum ins Haus getragen«
»Der Kuckuck« entgegne ich übermütig »ja wohl dieser Mann ist selber wie
der Kuckuck hat kein Nest muss ruhelos von einem Baum zum andern flattern ist
überall gemieden und nirgends daheim Aber im Lenz hören wir ihn doch gern denn
er bringt uns ja das Frühjahr und er ist ein Wahrsager und zählt uns die
Lebensjahre vor«
»Ja« schreit das Weib »und fabelt uns himmelblau an wie mich damalen und
ist ihm die Welt leicht nicht mit Brettern verschlagen so ist es sicherlich
sein Kopf Geht mir weg mit Eurem Einspanig«
Wenn die gute Winkelhüterin wüsste was ich in einer Stunde darauf dem
Freiherrn für einen Brief geschrieben habe
Im Mai 1820
Hier im Walde ist Tag und Nacht ist Winter und Sommer ist Friede und Not
ist Sorge und zuweilen ein wenig Behagen im Ausruhen von der Arbeit So schleppt
es sich fort Der Wagen der Zeit hat bei uns das vierte Rad verloren da geht es
zuweilen schief und unschön aber es geht
Draußen sagt man wollen sie wieder die Welt umkehren Von Krieg wird
gesprochen Um uns Winkelsteger kümmert sich kein Mensch mehr Aber ich erlebe
eine Freude Mehrere junge Winkelsteger wollen sich freiwillig anwerben lassen
zu den Soldaten Das ist ein Anzeichen ihres erwachten Bewusstseins dass sie ein
Vaterland und eine Heimat haben die sie verteidigen müssen Es ist eine
erste schöne Frucht der jungen Gemeinde
Das Wäldermorden ist für eine Zeit eingestellt draußen sind die Hämmer
geschlossen Viele heben jetzt an die Geschläge zu roden und daraus Äcker zu
machen Aus Holzschlägern und Kohlenbrenner werden Ackersleute Das ist gut der
Holzschläger vernichtet aber der Bauer richtet auf
Von der Herrschaft ist auf mein Drängen ein Schreiben gekommen Anders als
ich vermeint Jetzt sei nicht die Zeit für Kirchen und Pfarrergeschichten wir
sollten uns behelfen
Das ist ein sehr weiser Rat Aber die Leute wollen nicht mehr in die Kirche
gehen »Wenn es keine Mess und keine Predigt gibt« sagen sie »still beten
kann eins auch unter dem grünen Baum« Sie stellen sich aber nicht unter den
grünen Baum sondern in die Branntweinschenke
Die Herde zerstreut sich wieder wenn kein Hirte ist
Der Förster ist auch davon da er in anderen Gegenden zu walten hat So bin
ich allein mit meinen Winkelstegern wie Moses mit den Israeliten allein ist
gewesen in der Wüste
Die Gebote sind verkündet aber die Leute bauen wieder an dem goldenen Kalb
Und Manna fällt nicht mehr vom Himmel
Pfingsten 1820
Heute ist der Einsiedler aus dem Felsentale in unserer Kirche vor dem Altare
gestanden hat die Messe gelesen
Das Kirchengeräte haben wir aus Holdenschlag wie es dort in der Pfarrkammer
gelegen und nicht mehr benützt worden ist In das Messkleid haben die Mäuse
Löcher gefressen aber die Spinnen haben diese Löcher wieder zugewoben
Ich habe die Orgel gespielt Die Kirche ist just so groß dass man es vom
Chor aus noch sehen kann wenn dem Priester am Altare Tropfen im Auge stehen
Die Leute haben wenig gebetet und viel geflüstert Dieser Einspanig das
ist zuletzt ja der zweite heilige Hieronymus
Und der Waldsänger hat mir nach dem Gottesdienst die Worte gesagt »Habt Ihr
den ewigen Juden gesehen Er hat in den Leidenstagen für den Heiland das Kreuz
getragen heut hinauf nach Golgata Er ist erlöst hosianna«
Ich habe dem Einsiedler diese Worte mitgeteilt und beigesetzt »Lasst Euch
die Rede freuen der Mann ist voll des heiligen Geistes«
Am Feste Allerheiligen 1820
In Welschland haben sie Händel Ansonsten ist es blinder Lärm gewesen und
unsere Vaterlandsverteidiger sind wieder zurückgekommen Es geht in das alte
Geleise und wir stecken dem Wagen der Zeit das vierte Rad wieder an
Ich habe die Leute veranlasst dass sie unter sich ein Oberhaupt wählen auf
dass jemand sei der Verordnungen erteile Streitigkeiten schlichte und die
Gemeinde zusammenhalte
Sie haben den Martin Grassteiger gewählt und nennen ihn nun den Richter
Und bei derselben Versammlung hat der neue Richter den von dem Waldherrn
anerkannten zukünftigen Schullehrer der Gemeinde Winkelsteg vorgestellt
Dieser Schullehrer bin denn ich Die Leute sagen das hätten sie längst
schon gewusst dass ich der Schulmeister sei Der Grassteiger sagt es müsse alles
auch Form Rechtens geschehen
Wenige Tage nach dem obigen lässt der Richter durch mich die Pfarrerwahl
ausschreiben Darüber lacht alles »Sollen wir aus den Pechhackern und
Kohlenbrennern einen wählen s wird aber keiner taugen Studiert ist für uns
Winkler gleich einer genug aber so närrische Gewohnheiten haben unsere Männer
keine Häuserin mögen sie nit leiden«
So machen sie ihre Späße wissen aber recht gut auf wen es abgesehen ist
Und sie haben ihn auch gewählt
Wir sollen uns selber behelfen hat der Waldherr gesagt so haben wir uns
selber beholfen
Der Einsiedler aus dem Felsentale ist Pfarrer von Winkelsteg
Martini 1820
Die RussKat ist gestorben
Sie ist neunzig Jahre alt geworden Ihr letzter Wille ist dass man ihrer
Leiche feste nägelbeschlagene Schuhe anziehe sie würde den Weg aus der
Ewigkeit oftmals zurückmachen müssen auf die Erde um zu sehen wie es ihren
Kindern und Kindeskindern fortan gehe
Die RussKat ist die erste die sie in die Walderde unseres neuen Friedhofes
hinabtun werden
Auf zwei Stangen haben sie zwei Männer herübergetragen aus den Lautergräben
Der weiße noch harzduftende Tannenbrettersarg ist mit Erlstrauchbändern auf der
Bahre befestigt gewesen Der RussBartelmei und sein Schwestermann Paul Holzer
mit einem Knäblein sind hinter den Trägern dreingegangen Sie haben laut gebetet
und stets auf die Wurzeln der Bäume geblickt über die sie geschritten Auch die
Träger haben sehr behutsam gehen müssen denn der Boden mit dem Späterbstreif
ist jetzt gar schlüpfrig
Vor Jahren soll es gewesen sein Da haben sie von den Almen einen Hirten
herabgetragen um ihn draußen auf dem Holdenschlager Kirchhof zur Ruhe zu
bringen Wie sie sich da oben an den schmalen Steigen der Miesenbachwände
herauswinden strauchelt einer der Träger und und der Sarg rollt über den Hang
und stürzt in den Abgrund so dass nicht ein Splitterchen davon mehr gesehen
worden ist
Das soll den Leuten sehr arg gewesen sein und der Totengräber zu
Holdenschlag hat doch bezahlt werden müssen
Wir Winkelsteger haben keinen Totengräber Wir können ihn nicht ernähren
Wenn doch einmal einer stirbt so tut ers nicht eher als bis sein letzter
Groschen vertan ist So müssen eben ein paar Holzerburschen her und die Grube
ausschaufeln Sie verlangen nichts dafür sie sind froh wenn sie aus der Grube
frisch und gesund wieder hervorkriechen mögen
Während der Totenmesse ist der Sarg ganz allein vor der Kirche auf der
harten Erde gestanden Da kommt ein Vöglein geflogen hüpft auf den Sargdeckel
und pickt und pickt und flattert wieder davon
Der Rüpel hat es gesehen und das sei habe es ihn nicht betrogen der Vogel
gewesen der alle tausend Jahr einmal in den Wald kommt geflogen
Nach der Messe haben wir die RussKat hinaufgetragen zum bereiteten Grab
Die Angehörigen blicken starr in die Grube
Nach der Einsegnung hat der Pfarrer eine kurze Rede gehalten Ich habe mir
nur davon gemerkt dass wir durch den Tod der Unsern an Gleichmut gewinnen für
die Widerwärtigkeiten dieses Lebens und einen ruhigen ja vielleicht freudigen
Hinblick auf unser eigenes Sterben Jede Stunde sei ja ein Schritt dem
Wiedersehen zu und bis uns jene Pforte der Vereinigung wird aufgetan leben
unsere Heimgegangenen fort im heiligen Frieden unseres Herzens
Er kanns auslegen Wie es unsereins wohl auch empfindet aber man weiß die
Worte nicht dazu Er hat die Sach nicht verlernt und ist er gleich jahrelang
oben im Felsental gewesen
Jetzt ist noch ein anderer gekommen Der Rüpel schiebt sich sachte vor da
machen ihm die Leute Platz »Schauen was der Rüpel heut weiß«
Und als der Waldsänger auf dem Erdhügel steht und den Spatenstiel als Stock
in der Hand hält dass er auf dem lockeren Grund nicht strauchelt und als er
einen Blick hinabtut auf den Schrein da hebt er an zu reden wie hier
aufgeschrieben
»Geboren ist sie worden vor neunzig Jahren Ihr Lebtag ist sie mit keinem
Rösslein gefahren Mit ihren Füßen ist sie gegangen talab und bergauf ihren
ganzen mühseligen Lebenslauf Sie ist beigesprungen den Leuten in Kummer und
Nöten und dabei hat sie hundert Paar Schuh zertreten Und andere hundert Paar
Schuh tät sie wagen um ihren Kindern das Brot auf den Tisch zu tragen Und
weitere hundert Paar Schuh sind zerrissen auf Schmerzenswegen die sie hat
wandeln müssen Für Tanz und sonstige Lustbarkeiten fürwahr tät sie brauchen
nicht ein einziges Paar Dann hat sie angezogen die letzten Schuh und ist
fortgegangen in die ewige Ruh Die heiligen Engel taten ihre Seele führen wohl
durch das Fegefeuer bis zu den himmlischen Türen Und unter der Erde tut ruhen
der arme Leib in seiner hölzernen Truhen Schlaf wohl Katrin in deiner
neuen Wiegen wir werden bald an deiner Seiten liegen bis der Herr uns tut
wecken zu seinen heiligen Scharen auf dass wir mit Leib und Seel in den Himmel
mögen fahren«
»Der Rüpel wäre der Pfarrer für die Winkelsteger« hat nun der Mann gesagt
den sie den Einspanig geheißen
Ja wenn er nicht unter ihnen aufgewachsen wäre
Als wir der Pfarrer und ich mit der Schaufel einige Erdschollen auf den
Sarg geworfen tritt der RussBartelmei ganz betrübt zu uns und frägt was uns
seine Mutter denn getan habe dass wir ihr noch in das Grab die Klötze
nachschleuderten Da haben wir es ihm dargelegt dass das einen letzten
Liebesdienst bedeute und dass Erde die einzige Gabe sei die man einem Toten zu
Lieb könne reichen
Darauf hebt der Bartelmei an und schaufelt Erde hinab bis man keine Ecke
mehr sieht von dem weißen Schrein und die Leute ihm die Schaufel aus der Hand
nehmen auf dass sie die Grube schließen
Nach dem Begräbnisse sind sie in das Wirtshaus des Grassteigers gegangen und
haben sich mit Branntwein erfrischt so wie auch die Alten ihren Toten haben
nachgetrunken
Gott zählt seine Leute auch in Winkelsteg und da darf ihm keines fehlen
Kaum ist auf dem Friedhofe das Gräblein zugemacht wird in der Kirche das
Taufbecken aufgetan Der erste Tote und der erste Täufling an einem Tage aus
einer Familie
Auf demselben Waldweg den heran vor ein paar Stunden der Sarg ist
geschwankt haben zwei Weiber ein neugebornes Kind herübergetragen aus den
Lautergräben
Das Kind ist eine Enkelin der RussKat und gehört der Anna Maria
Es klopft an die Kirchentür tät bitten um die Taufe und heißen möcht es
gern Katarina
Wir haben alle Heiligen des Himmels zur Auswahl und der Name der Großmutter
wird ihm nicht versagt sein
Die Schriften des Waldschulmeisters
Dritter Teil
Im Jahre 1830 Zur Winterszeit
Die sechzehn Jahre her seit ich in den Winkelwäldern bin weiß ich keinen
solchen Schnee als in diesem Jahre Schon seit Tagen kommt mir kein Einziges
mehr in die Schule Die Fenster meiner Stube sehen aus wie Schiessscharten Wenn
es noch ein wenig so fortgeht so sind wir allmiteinander verschneit Zweimal
des Tages wird von mir bis zum Pfarrhofe ein Pfad ausgeschaufelt der an der Tür
des Grassteigerhauses vorübergeht
In dem Grassteigerhause haben wir der Pfarrer und ich unser
gemeinschaftliches Mittagsmahl Das Frühstück bereitet sich jeder in seiner
Wohnung Am Abende kommen wir stets zusammen entweder im Pfarrhofe oder bei mir
im Schulhause
Wie es nur denen in den Gräben und Karwässern gehen wird Da drüben ist ein
Schneegestöber noch viel wüster als im Winkel Es liegen um diese Zeit in den
Häusern viele kranke Leute und es werden sich keine Wege machen und erhalten
lassen dass sie einander beispringen könnten Und über die Lauterhöhe zu kommen
ist schon gar eine Unmöglichkeit Die Markstangen die an den Steigen stecken
gehen kaum mehr aus dem Schnee hervor die Lasten auf den Bäumen reißen die Äste
ab und brechen die Stämme Des Schneiens ist kein Ende Keine Flocken fallen
mehr es ist ein schweres undurchsichtiges Staubwirbeln Und die Hauben der
Geäste und Pfähle und die Dachgiebel bauen sich höher von Minute zu Minute
Wenn ein Wind kommt so rettet das vielleicht den Wald kann aber zu unserem
Verderben sein Eine Stunde Sturm über die lockeren Schneelehnen her und wir
sind eingedeckt
Der Pfarrer hat alle Waldarbeiter denen nur beizukommen ist gedungen dass
sie Pfade herstellen in die Lautergräben Karwässer und daselbst von einer
Hütte zur andern Einmal sind sie richtig hinübergekommen aber die Rückkehr ist
doch wieder die neue Mühe Die verschneiten Leute drüben werden doch vorgesorgt
sein sie haben ihre Welt ja in ihren Hütten
In einer Klause des Karwasserschlages soll wohl schon seit fünf Tagen die
Leiche eines alten Mannes liegen
Der Pfarrer hat sich heute Schneeleitern an die Füße gebunden um bei den
Kranken Besuche zu machen Aber der Schnee ist zu locker der Mann hat wieder
umkehren müssen Nun macht er Pakete zusammen sie sind aus der Speisekammer
unseres Wirtes und sollen durch kräftige Holzhauer in die Lautergräben zu den
Kranken getragen werden
Das sind kurze Tage und doch so lang Ich habe meine Zither habe die neue
Geige die mir der Pfarrer zu meinem jüngstvergangenen Namenstage hat bringen
lassen ich habe andere Dinge die mir sonsten Zerstreuung geboten haben Aber
jetzt mutet mich nichts an Stundenlang gehe ich in der Stube auf und ab und
denke nach was dieser Winter noch für Folgen haben kann Es gibt Hütten genug
in den Gräben wo die Leute mit ihren Schaufeln nicht gewesen sind Wir wissen
nicht wie es in denselben aussieht
Auf dass ich mich von der drückenden Tatlosigkeit erlöse habe ich heute die
Lade unter der Ofenbank aufgemacht und meine alten Tagebuchblätter
herausgenommen um nachzuschlagen was die Gemeinde seit ihrem Bestehen für
Schicksale gehabt
Da sehe ich es ist seit zehn Jahren nichts mehr geschrieben worden Zwei
Dinge mögen die Ursache gewesen sein dass ich die Aufzeichnungen unterbrochen
habe Erstens ist das Bedürfnis nicht mehr in mir gewesen meine Gedanken und
meine Empfindungen aufzuschreiben da ich an unserem Pfarrer einen Freund
gefunden habe dem ich mich unverhohlen mitteilen kann wie er sich mir
mitteilt und mir seine seltsame Lebensgeschichte dargelegt ehe er mich noch
gekannt hat Das ist einer der wenigen die durch Drangsale geläutert edel und
rein aus den Wirren und Irren der Welt hervorgehen Die Wäldler lieben ihn von
Herzen er leitet sie nicht durch Worte bloß sondern mehr durch seine Taten
Seine Sonntagspredigten erhärtet er an den Wochentagen durch Beispiele Er
opfert sich auf er ist den Leuten alles Seine Haare sind nicht mehr schwarz
wie vormaleinst im Felsentale sein Gesicht ist ernst und immer gütig Die
Betrübten blicken ihm in die Augen und empfinden Trost
Gerne erzählt er wenn wir auf der Bank oder um den Tisch beisammensitzen
von der weiten schönen Welt von fremden merkwürdigen Ländern von den Wundern
der Natur Pfeifenfeuer gehen dabei aus denn alles hört ihm zu mit Ohren und
Mund Nur die alte Frau aus dem Winkelhüterhause erklärt des Pfarrers
Erzählungen für vorwitzige Fabeleien ein ordentlicher Priester meint sie
müsse hübsch von Himmel und Fegfeuer reden und nicht allweg von der Erden Sie
horcht aber zu und es gefällt ihr doch
Vor mehreren Jahren hat die kirchliche Behörde unsere Pfarrerfrage einmal
aufgetischt hat unsern Vater Paul nicht anerkennen wollen sondern einen neuen
hereinzustellen Miene gemacht Hei da haben die Winkelsteger zu toben
angefangen und die Sache ist beim alten belassen worden Dagegen aber wird
Winkelsteg draußen nicht als Gemeinde und Seelsorge anerkannt sondern als eine
Niederlassung von Halbwilden und verkommenen Menschen wie sie das früher
gewesen
Mir hat das anfangs sehr wehe getan wir hätten uns so gerne der
Allgemeinsame angeschlossen aber da sie uns zurückdrängen so sage ich schier
am liebsten um so besser so lassen sie uns fürder in Ruh und wir können
ungefährdet und unbeschränkt wie sie es draußen nicht können noch wollen
dem Ziele einer Mustergemeinde zustreben
Die zweite Ursache der Vernachlässigung meines Tagebuches ist die viele und
mannigfaltige Arbeit die mein Beruf mir auferlegt
Anfangs ist es der Bau des Schulhauses gewesen der mir keine Ruhe gelassen
Es ist denn alles hergestellt worden wie ich es für die wichtige Sache am
zweckmässigsten halte
Das Haus ist von Meister Ehrenwald aus Holz aufgeführt Das Holz regelt
Wärmezustand besser als der Stein auch zerstreut es mehr die Dünste und gibt
frische Luft Dann ist mir darum zu tun gewesen den Leuten einen zweckmässigen
und geschmackvollen Holzbau als Muster aufzustellen Es ist zu meiner Freude die
leichte zierliche und doch haltfeste Art meines Schulhauses und seine bequeme
Einteilung und Einrichtung schon vielfach nachgeahmt worden Meine Fenster
Türen Maurer und Schlosserarbeiten werden bereits von der ganzen Umgebung als
mustergültig betrachtet
Um das Haus ist ein Garten und ein geräumiger Spielplatz mit Werkzeugen für
körperliche Übungen angelegt Das Haus ist zum Schutze gegen die Unbill der
Witterung ringsum mit einem breiten Vordache versehen aber so dass es dem
Lichte des Innern nicht Eintrag tut In der Schulstube ist vor allem auf die
Gesundheit der Kinder Rücksicht genommen worden Die Bänke stehen nicht zu dicht
aneinander und die Tischläden sind hoch damit sich die Schüler das gebückte
Sitzen nicht angewöhnen Bei dem Lesen lasse ich den Schüler aufstehen damit er
das Buch von den Augen in entsprechender Entfernung halten kann Die Fenster
sind so verteilt dass das Licht den Lernenden von der linken Seite oder von
rückwärts kommt Zum Ablegen der Überkleider ist ein Vorkämmerchen eingerichtet
auf dass bei schlechtem Wetter uns die Ausdünstung nicht schädlich werde Den
Wärmegrad der Stube suche ich immer mit jenem von draußen in einem gewissen
Verhältnisse zu halten damit die Einund Austretenden nicht ein zu jäher
Wechsel treffe
Was meine Wohnung im Schulhause anbelangt so ist sie nicht groß aber sehr
traulich Und tausendmal traulicher noch macht sie mir jene Winterfahrt durch
Russland der ich zuweilen wie eines wilden Traumes gedenke Wohl ich bin seit
jenem Traume um viele Jahre jünger geworden wie mich die Stürme der Welt zu
Boden geschlagen so habe ich mich aufgerichtet an der Ursprünglichkeit des
Waldes
Ein weit schwereres Amt als die Schulangelegenheiten und eine weit größere
Pflicht ist mir die Überwachung der geistigen Gesundheit der mir Anvertrauten
Klugheit und für ihren eigenen Vorteil zu denken und zu handeln lernen sie
leicht aber sich dem Ganzen anzupassen dass ihr Dasein mit jenem der
Mitmenschen und jenem der Außenwelt im allgemeinen stimme das findet sich viel
schwerer Es ist einmal so Das erste und allererste Lebenszeichen welches in
dem jungen Menschenkinde die aufkeimende Seele von sich gibt ist die
Offenbarung der Selbstliebe Ob Menschenliebe daraus wird oder Selbstsucht das
entscheidet die Anlage und die Erziehung Wer Kinder zu starken und rechten
Menschen machen will der pflege in ihnen die harmlosen Freuden den Mut das
Gerechtigkeitsgefühl und die Wahrheitsliebe Mehr braucht es nicht möchte ich
fast sagen
Waldlinie im Schnee
Im Winter 1830
Uns ist ein Stein vom Herzen Das Unwetter hat sich gelegt Ein ganz leichter
Wind ist gekommen hat die Bäume sachte von ihren Lasten erlöst Ein paar
mildwarme Tage sind gewesen da hat sich der Schnee gesetzt und man kann mit
Fussleitern gehen wohin man will
Es hat sich in dieser Zeit aber doch etwas zugetragen drüben in den
Karwässern Der Bertold dessen Familie von Jahr zu Jahr wächst und von Jahr zu
Jahr weniger zu essen hat ist ein Wilderer geworden Der Holdenschlager
versteht es besser als unsereiner der ein weichmütiger Spiegelfechter ist sein
Lebtag lang Arme Leute dürfen nicht heiraten sagt der Holdenschlager Nun
nach Sitte und Brauch haben sie nicht geheiratet aber vor mir sind sie gekniet
im Walde und jetzt hungern sie allmiteinander
Meinetwegen Nein nein mein Segen bedeutet ja nichts O Herrgott dein ist
die Macht und mich lasse nicht noch einmal versinken in Schuld
Ist also ein Wilderer geworden der Bertold Das Holzen wirft viel zu wenig
ab für eine Stube voll von Kindern Ich schicke ihm an Lebensmitteln was ich
vermag aber das genügt nicht Für das kranke Weib eine kräftige Suppe für die
Kinder ein Stück Fleisch will er haben und schießt die Rehe nieder die ihm des
Weges kommen Dazu tut die Leidenschaft das ihre und so ist der Bertold der
vormaleinst als Hirt ein so guter lustiger Bursch gewesen durch Armut Trotz
und Liebe zu den Seinigen und durch Torheit anderer recht sauber zum Verbrecher
herangewachsen
Einmal schon bin ich bittend vor dem Förster gelegen dass er es dem armen
Familienvater um Gottes willen ein wenig nur ein klein wenig nachsehen möge er
werde sich gewiss bessern und ich wolle mich für ihn zum Pfande stellen Bis zu
diesen Tagen hat er sich nicht gebessert aber das Geschehnis dieser wilden
Wintertage hat ihn laut weinen gemacht denn seine Waldlilie liebt er über
alles
Ein trüber Winterabend ist es gewesen Die Fenster sind mit Moos vermauert
draußen fallen frische Flocken auf alten Schnee Bertold wartet bei den Kindern
und bei der kranken Aga nur noch bis das älteste Mädchen die Lili mit der
Milch heimkehrt die sie bei einem nachbarlichen Klausner im Hinterkar erbetteln
muss Denn die Ziegen im Hause sind geschlachtet und verzehrt und kommt die Lili
nur erst zurück so will der Bertold mit dem Stutzen in den Wald hinauf Bei
solchem Wetter sind die Rehe nicht weit zu suchen
Aber es wird dunkel und die Lili kehrt nicht zurück Der Schneefall wird
dichter und schwerer die Nacht bricht herein und Lili kommt nicht Die Kinder
schreien schon nach der Milch den Vater verlangt schon nach dem Wild die
Mutter richtet sich auf in ihrem Bette »Lili« ruft sie »Kind wo trottest
denn herum im stockfinsteren Wald Geh heim«
Wie kann die schwache Stimme der Kranken durch den wüsten Schneesturm das
Ohr der Irrenden erreichen
Je finsterer und stürmischer die Nacht wird je tiefer sinkt in Bertold der
Hang zum Wildern und desto höher steigt die Angst um seine Waldlilie Es ist ein
schwaches zwölfjähriges Mädchen es kennt zwar die Waldsteige und Abgründe
aber die Steige verdeckt der Schnee den Abgrund die Finsternis
Endlich verlässt der Mann das Haus um sein Kind zu suchen Stundenlang irrt
und ruft er in der sturmbewegten Wildnis der Wind bläst ihm Augen und Mund voll
Schnee seine ganze Kraft muss er anstrengen um wieder zurück zur Hütte gelangen
zu können
Und nun vergehen zwei Tage der Schneefall hält an die Hütte des Bertold
wird fast verschneit Sie trösten sich überlaut die Lili werde wohl bei dem
Klausner sein Diese Hoffnung wird zunichte am dritten Tag als der Bertold
nach einem stundenlangen Ringen im verschneiten Gelände die Klause vermag zu
erreichen
Lili sei vor drei Tagen wohl bei dem Klausner gewesen und habe sich dann
beizeiten mit dem Milchtopf auf den Heimweg gemacht
»So liegt meine Waldlilie im Schnee begraben« sagt der Bertold Dann geht
er zu anderen Holzern und bittet wie diesen Mann kein Mensch noch so hat bitten
gesehen dass man komme und ihm das tote Kind suchen helfe
Am Abende desselben Tages haben sie die Waldlilie gefunden
Abseits in einer Waldschluch im finsteren wildverflochtenen Dickichte
junger Fichten und Gezirme durch das keine Schneeflocke vermag zu dringen und
über dem die Schneelasten sich wölben und stauen dass das junge Gestämme
darunter ächzt in diesem Dickichte auf den dürren Fichtennadeln des Bodens
inmitten einer Rehfamilie von sechs Köpfen ist die liebliche blasse Waldlilie
gesessen
Es ist ein sehr wunderbares Ereignis Das Kind hat sich auf dem Rückweg in
die Waldschlucht verirrt und da es die Schneemassen nicht mehr hat überwinden
können sich zur Rast unter das trockene Dickicht verkrochen Und da ist es
nicht lange allein geblieben Kaum ihm die Augen anheben zu sinken kommt ein
Rudel von Rehen an ihm zusammen alte und junge und sie schnuppern an dem
Mädchen und sie blicken es mit milden Augen völlig verständig und mitleidig an
und sie fürchten sich gar nicht vor diesem Menschenwesen und sie bleiben und
lassen sich nieder und benagen die Bäumchen und belecken einander und sind ganz
zahm das Dickicht ist ihr Winterdaheim
Am andern Tage hat der Schnee alles eingehüllt Waldlilie sitzt in der
Finsternis die nur durch einen Dämmerschein gemildert ist und sie labt sich an
der Milch die sie den Ihren hat bringen wollen und sie schmiegt sich an die
guten Tiere auf dass sie im Froste nicht erstarre
So vergehen die bösen Stunden des Verlorenseins Und da sich die Waldlilie
schon hingelegt zum Sterben und in ihrer Einfalt die Tiere hat gebeten dass sie
getreulich bei ihr bleiben möchten bis es aus ist da fangen die Rehe jählings
ganz seltsam zu schnuppern an und heben ihre Köpfe und spitzen die Ohren und in
wilden Sätzen durchbrechen sie das Dickicht und mit gellendem Pfeifen stieben
sie davon
Jetzt arbeiten sich die Männer durch Schnee und Gesträuche herein und sehen
mit lautem Jubel das Mädchen und der alte Rüpel ist auch dabei und ruft »Hab
ich nicht gesagt kommt mit herein zu sehen vielleicht ist sie bei den Rehen«
So hat es sich zugetragen und wie der Bertold gehört die Tiere des Waldes
hätten sein Kind gerettet dass es nicht erfroren da schreit er wie närrisch
»Nimmermehr mein Lebtag nimmermehr« Und seinen Kugelstutzen mit dem er seit
manchem Jahre Tiere des Waldes getötet hat er an einem Stein zerschmettert
Ich habe es selber gesehen denn ich und der Pfarrer sind in den Karwässern
gewesen um die Waldlilie suchen zu helfen
Diese Waldlilie ist schier mild und weiß wie Schnee und hat die Augen des
Rehes in ihrem Haupte
Im Winter 1830
Von dem Sohne unseres Herrn wollen die Gerüchte nicht schweigen Wenn es
auch nur zur Hälfte wahr ist was von ihm gesagt wird so ist das ein toller
Mensch So fährt kein Vernünftiger drein
Ich will mirs doch anmerken und demnächst seinem Vater schreiben Hermann
möge einmal in unseren Wald hereinkommen und sehen wie es allhier aussieht und
wie arme Leute leben
Solche Gebirgsreisen können auch von Nutzen sein
Winterszeit
Der Lazarus Schwarzhütter sieht des Grassteigers Töchterlein Juliana gern
Das Töchterlein mag auch den Burschen leiden so gucken sie zusammen Jetzt hat
aber der Pfarrer das Zusammengucken so junger Leute verboten Gut er hat das
Recht zu predigen sie gucken zusammen und vermeinen dazu auch ein Recht zu
haben ein Recht von dem der Lazarus erklärt hat dass sie nimmer davon lassen
wollen
Wohlan denkt sich der Pfarrer vor dem Altar gebe ich dem Lazarus was ich
selber nicht habe
Weihnachten 1830
In der heiligen Christnacht sind die Leute schon wieder von allen Seiten
herbeigekommen Die von den Spanlunten abgefallenen Glühkohlen sind lustig
hingeglitten über die Schneekruste wie Sternschnuppen
Viele Wäldler sind in ihrem Begehr nach der mitternächtigen Feier ein gut
Stück zu früh dran Da die Kirche noch nicht aufgesperrt und im Freien es kalt
ist so kommen sie zu mir in das Schulhaus Ich schlage Licht und da ist bald
die ganze Schulstube voll Menschen Die Weiber haben weiße bandartig
zusammengelegte Tücher um das Kinn und über die Ohren hinaufgebunden Sie
huschen recht um den Ofen herum und blasen in die Finger um das Frostwehen zu
verblasen
Die Männer halten sich fest in ihren Lodengewändern verwahrt Sie behalten
die Hüte auf den Köpfen sitzen auf den Tischbrettern der Schulbänke und besehen
mit wichtigtuender Bedächtigkeit die Lehrgegenstände welche die Jüngeren den
Älteren erklären Einige gehen auch über den Boden auf und ab und schlagen bei
jedem Schritte die gefrornen Schuhe aneinander dass es klappert Fast alle
rauchen aus ihren Pfeifen Der Urwald ist auszurotten aber das Tabakrauchen
nimmer
Ich kleide mich rasch an ich soll in der Kirche doch der erste sein
Jählings klopft es sehr stark an der Tür Die Waldleute klopfen nicht wer
ist es also Eine weiße Schafwollenhaube guckt herein und unter der Haube
steckt ein alter Runzelkopf mit weißen Lockensträhnen Alsogleich erkenne ich
den Waldsänger Heute trägt er einen gar langen Rock der bis zu den Waden
hinabgeht und mit Messinghäkelchen zugeknöpft ist Darüber hängt ein Schnappsack
und eine Seitenpfeife und auf einen Hirtenstab stützt sich der Alte und seinen
braunen weltumfassenden Hut hält er in seinen Händen Dieser Hut ist seine
Hütte und sein Heim und seine ganze Welt Ein guter Hut denkt er ist das beste
im Weltgetümmel und der Erde Hut nennen sie den Himmel
»Was hocket ihr denn da ihr Bärenhäuter« ruft der Rüpel laut und lustig
»draußen scheint schon lang die Sonnen Gelobt sei der Herr und ich bring
auch die wundersame Mär die sich heut zugetragen hat drunten in der
Betlehemstadt Hört ihr keine Schalmei und kein Freudengeschrei So luget zum
Fenster hinaus taghell beleuchtet ist jedes Haus«
Die Leute stecken ihre Köpfe richtig zu den Fenstern aber da ist nichts als
der finstere Wald und der Sternenhimmel Was sollten sie ansonsten denn noch
sehen
Der Alte guckt schmunzelnd nach links und nach rechts wie viel er wohl
Zuhörer habe Sonach stellt er sich mitten in die Stube hin pocht mit dem
Stocke mehrmals auf den Fußboden und hebt so an zu reden
»Da steh ich allein draußen auf der Heid und schau schläfrig herum weit
und breit und treib meine Schäflein zusamm hab dabei gehabt ein
wutzerlfeists Lamm Und wie ich das anschau eine Weil da hör ich ein Ghetz
und ein Gschall grad hoch in der Luft es ist wahr und sie musizieren sogar
Ich hab nit gwußt was das bedeutt und wer denn da tobt voller Freud Die
Lämmlein sein gsprungen drauf eins nach dem andern auf das feiste hat so
lieblich plärrt wie es das Wunder hat ghört Drauf seh ich hab gmeint s
ist ein Mär kleine Bubn fliegen in Lüften umher Ein Engel fliegt grad auf
mich zua den frag ich was gibts denn heut Bua Da schreit er gleich lustig
und froh Gloria in excelsis Deo Das kunnt ich mein Eid nicht verstehn
Geh Bübel musst deutsch mit mir redn ich bin ein armer Hirt in der Gmein
und die Lämmlein können auch nit Latein So mach sich der Hirt nur geschwind
auf und geh er nach Bethlehem drauf dort wird er finden ein neugeborn
Kindelein ja gar ein wunderschön Kind liegt zwischen Esel und Rind Nicht in
einem Königssaal nur in einem Ochsenstall liegt unser eingfatschter Gott der
uns hilft aus aller Not«
Das ist des alten Sängers »Botschaft« die er während der Weihnachtszeit in
allen Häusern verkündet
Wir haben ihm einen kleinen Botenlohn gegeben da sagt er noch ein paar
heitere Sprüche und humpelt wieder zur Tür hinaus
Die Leute sind ganz schweigsam und andächtig geworden und erst als die
Kirchenglocken zu läuten anheben werden sie wieder lebendiger und verlassen
unbeholfen in Worten und Gebärden die Stube
Ich habe das Licht ausgelöscht das Haus verlassen und bin in die Kirche
gegangen Das ist die Nacht in welcher vom Orient bis zum Okzident die Glocken
läuten Ein Freudenruf schallt durch die Welt und die Lichter strahlen wie ein
Diamantgürtel um den Erdball Auch in unserer Kirche ist es licht wie am
hellen Tage nur zu den Fenstern schaut die schwarze Nacht herein Jeder hat ein
Stück Kerze oder gar einen ganzen Wachsstock mitgebracht denn in der
Christnacht muss er seinen Glauben und sein Licht haben Die Leute drängen sich
zum Kripplein das heute an der Stelle des Beichtstuhles aufgerichtet worden
ist Ich habe vor mehreren Jahren aus Linden und Eschenholz die vielen kleinen
Figuren geschnitzt und sie zur Versinnlichung der Geburt Christi
zusammengestellt Es ist der Stall mit der Krippe mit dem Kindlein mit Maria
und Josef mit Ochs und Esel es sind die Hirten mit den Lämmlein die heiligen
Könige mit den Kamelen es sind ferner spasshafte Gestalten und Gruppen wie sie
Freude Wohltun und Liebe zum Christkinde nach der Leute Auffassung ausdrücken
sollen In der Luft hängen die Engel und die Sterne und im Hintergrunde ist die
Stadt Bethlehem
Was der Rüpel weiß zu sagen in Worten das will ich durch diese Bilder
erzählen Und die Leute erbauen sich bass an dieser Darstellung Aber sie halten
sie Gott sei Lob eben nur wie ein Bild von dem sie wissen dass es nichts
bedeuten und nichts wirken kann als die Erinnerung
Mit einem Heiligenbilde auf dem Hochaltare wäre das anders das hätten sie
Jahr um Jahr und in allen Lebenslagen vor Augen das täten sie wohl zum Herrgott
selber machen
Auf dem Chore ist in dieser Nacht Unheil gewesen Der Pfarrer stimmt schon
das ambrosianische Loblied an ich sitze an der Orgel und ziehe zur hohen
Festfreude alle sechs Stimmenzüge auf da platzt jählings der Blasebalg und die
Orgel stöhnt und pfaucht und gibt keinen einzigen klingenden Ton Meiner Tage
bin ich nicht in solcher Verlegenheit gewesen als in dieser Stunde Ich bin der
Schulmeister der Choraufseher ich muss Musik machen und die Musik ist ja
eigentlich das Fest und ohne Musik gibt es in der Kirche gar keine Christnacht
Aller Leut Herzen hüpfen aller Leut Ohren spitzen sich der Musik entgegen da
schürft mir der Teuxel jetzt den Blasbalg auf Ich habe meinen Kopf in die Hände
genommen hätte ihn am liebsten zum Fenster hinausgeworfen Vergebens hüpfen
meine Finger alle zehn über die Tasten hin taubstumm ist das ganze Zeug und wie
maustot
Der Paul Holzer sein Weib und die Adelheid von der Schwarzhütte die auf
dem Chore neben mir sitzen merken wohl meine Pein aber sie rücken nur so her
und hin und hüsteln und räuspern sich und heben an in hellen Stimmen zu singen
»Herrgott dich loben wir all«
Das ist mir wie Öl ins Herz gegangen
Aber das Lied wird bald aus sein und danach kommt das Hochamt und da muss
Musik Chormusik sein um alle Welt
Holpert der alte Rüpel die Treppe herauf »Schulmeister Will schon heut
die Orgel schweigen so nimm die Geigen«
»O Gott Rüpel die ist zu Holdenschlag beim Leimen«
»Und kunnt ich auch die Geigen nicht zuwege bringen so tät ich bei meiner
Treu die Kirchenlieder auf der Zither singen«
Für dieses Wort habe ich den Alten so stürmisch umarmt dass er erschrocken
ist Ich eile und hole die Zither und bei dem Hochamte klingt auf dem Chor ein
Saitenspiel wie es in dieser und etwan auch in einer andern Kirche niemalen so
gehört worden ist Die Leute horchen der Pfarrer selber wendet sich ein wenig
und tut einen kurzen Blick gegen mich herauf
Und so ist mitten in der langen Winternacht zu Winkelsteg das Christfest
gefeiert worden Leise zittern und wiegen die Saitentöne sie singen dem
neugeborenen Jesukindlein das Wiegenlied und dem Menschen den Frieden Und sie
schrillen und wecken das schlafende Kind ehe der falsche Herodes kommt und sie
trillern ein Wanderliedchen für die Flucht nach Ägypten
Ich spiele den Messgesang spiele Lieder wie sie meine Mutter gesungen und
mein Nährvater der gute Schirmmacher und im Hause des Freiherrn die Jungfrau
Und letztlich weiß ich selber nicht mehr was ich kindischer Mann der
Gemeinde und dem heiligen Kind hab vorgespielt in dieser Christnacht
Ich werde den Winkelstegern noch so verrückt wie der ReimRüpel
Nach dem Mitternachtsgottesdienst hat der Pfarrer durch mich die Ärmsten der
Gemeinde die Alten die Brestaften die Verlassenen zu sich in den Pfarrhof
rufen lassen
Je da ist es noch heller wie in der Kirche Da ist mitten in der Stube ein
Baum aufgewachsen und der blüht in Flammenknospen an allen Ästen und Zweigen
Da gucken die alten Männlein und Weiblein gottswunderlich drein und kichern
und reiben sich die Augen über den närrischen Traum Dass auf einem Baum des
Waldes Lichter wachsen das haben sie all ihrer Tage noch nicht gesehen
Jenes Wundervöglein von den tausend Jahren sagt der Pfarrer sei wieder
durch den Wald geflogen habe ein Samenkorn in den Boden gelegt und dem sei
dieses Bäumchen mit den Flammenblüten entsprossen Und das sei der dritte Baum
des Lebens Der erste sei gewesen der Baum der Erkenntnis im Paradiese der
zweite sei gewesen der Baum der Aufopferung auf Golgata und dieser dritte Baum
sei der Baum der Menschenliebe der uns das Golgata der Erde wieder zum
Paradiese gestalte Im brennenden Dornbusch habe Gott vormaleinst die Gebote
verkündet und in diesem brennende Busche wiederhole er es heute du sollst den
Nächsten lieben wie dich selbst
Hierauf hat der Pfarrer die Kleidung und Nahrung verteilt wie die Gaben
bestimmt gewesen und die Worte gesagt »Nicht mir danket das Christkind hats
gebracht«
»Du mein du mein« rufen die Leute zueinander »jetzund steigt uns das
Christkind schon gar in den Bald herein Ja weil wir halt eine Kirche haben und
so viel einen guten Herrn Pfarrer«
Der Rüpel auch einer der Beschenkten ist allein kindischer wie die andern
allmitsammen Er eilt um den Baum herum als täte er das Christkind suchen im
Gezweige »Aber mein« schreit er endlich »die Sonn darf nicht bös auf mich
werden ich weiß kein Licht auf der Erden weiß keins zu nennen das so hell tät
brennen wie dieser Wipfel mit seinem Gipfel Seid fein still und lauscht Hört
ihr wies in den Zweigen rauscht Wie Spatzen fliegen die Engelein und bauen
ein Nest fürs Christkind zum heiligen Fest Der Weiße dort der Kleine Flügel
hat er noch keine der wär jetzt schier herabgefallen Geh lass dir ein paar
Steigeisen teilen vom Schmied ich will sie schon zahlen Schau ich hab heut
ein warm Jöpplein kriegt und in jedem Säckel ein Taler liegt Und kommt ihr
Engel nur auch bald zu allen anderen Bäumen in unserem Wald auf dass ihr tätet
anzünden die Lichterkronen zu tausend Millionen«
Keinen Löffel voll hat der alte Rüpel gegessen als die andern beim
Grassteiger warme Suppe genießen Und als Stroh in die Stube getragen und ein
Lager bereitet ist worden dass die Leutchen nicht in der Nacht zu ihren fernen
Hütten wandern müssen da ist der Rüpel hinausgegangen unter den freien Himmel
und hat die Sterne gezählt und jedem einen Namen gegeben Und der aufgehende
Morgenstern hat den Namen »Vater Paul« erhalten
Der Pfarrer hat sich mehrmals an den Waldherrn gewendet auf dass den
Kleinbauern hier die sich den schlechten Boden mit vieler Mühe nutzbar gemacht
haben dieser Boden gegen Entgelt zu eigen überlassen werden möge Es ist aber
kein Bescheid zurückgekommen Es heißt der alte Herr sei auf Reisen und der
junge in der Hauptstadt und die Welt sei zu weit und die Hauptstadt zu laut
als dass so ein Wort aus dem Walde gehört werden könne
Wir Winkelsteger bleiben denn Lehensleute
Am 14 des Eismonats 1831
Heute habe ich die Nachricht von dem Tode meiner Base der MuhmeLies
erhalten Sie hat mich zu ihrem Erben eingesetzt Alte Jugendbekannte die sich
seit zwanzig Jahren nicht mehr um mich gekümmert haben beglückwünschen mich zur
Erbschaft Ich weiß aber noch nichts Näheres Wie viel kann die alte Frau denn
besessen haben Wohl war sie reich gewesen hat aber alles in Glücksspielen
versetzt
Und wenn nur ein Groschen ist und wenn gar nichts ist bei meiner Seel
so freut es mich doch dass sie meiner gedacht hat Sie hat mir es stets
wohlgemeint Jetzt hab ich gar keinen Verwandten mehr auf dieser Welt
Ostern 1831
In den Winkelwäldern müssen die kirchlichen Feste und Darstellungen das
ersetzen was sie draußen in der Welt die Kunst nennen
So wie ich nach meinem armen Können für die Weihnachtszeit ein Kripplein
aufgestellt so hat nun der Ehrenwald mit seinen Söhnen ein Grab Christi
geschaffen
Da stehen im Seitenschiffe der Kirche vier hohe mit Bildern aus der
Leidensgeschichte gezierte Bretterbogen wie Eingangspforten die von der
vordersten bis zu der hintersten immer enger und dunkler werden Und im
dämmerigen Hintergrunde ist in einer Nische die Grabesruh Jesu und darüber der
Tisch für das Heiligste umgeben von einem Kranze bunter Lampen An beiden
Seiten des Grabes stehen zwei römische Kriegsknechte zur Wacht Bei der Feier
der Auferstehung verschwindet der Leichnam und in dem Lampenkranze erhebt sich
das Bild des auferstandenen Heilandes mit den Wundmalen und mit der Fahne
Ein tiefer Sinn liegt in der ganzen Begehung Die Fastenzeit schreitet
vor wird ernster und ernster die Musik verstummt wochenlang die Bildnisse
verhüllen sich Es naht die Charwoche der würdevolle Palmsonntag der
geheimnisvolle Gründonnerstag der düstere tiefbetrübte Charfreitag der stille
Samstag In der Ruhe liegt ein Ahnen und Sehnen und leise mahnt des Propheten
Wort Sein Grab wird herrlich sein Noch einmal verdüstert sich das
Gotteshaus wie Golgata in der Finsternis aber die roten und grünen Lampen
glühen die Festkerzen strahlen da erschallt hell und freudevoll der Ruf Er
ist auferstanden Jetzt klingen die Glocken klingt die Musik knallen die
Böller und die Fahnen rot wie brennendes Feuer wehen und die Menschenschar
zieht in das Freie und ihre Lichter flammen in Abenddämmerung hin durch den
Wald
In den Städten haben sie einen noch viel größeren einen schweren Prunk
Aber wo nehmen sie die Stimmung und wo nehmen sie die wahre hoffende Freude an
der Auferstehung die in der gläubigen Armut liegt Inneren Frieden suchend
schleichen sie abseits an der Kirchhofsmauer hin und murmeln mit dem unseligen
Doktor »Die Botschaft hör ich wohl «
Lenzmonat 1831
Ich hebe bereits an aus der Erbschaft Bauten aufzuführen Ich baue mir in
Winkelsteg ein großes schönes Haus größer wie der Pfarrhof Den Plan dazu hab
ich schon fertig Aber ich selber will darin nicht wohnen so lang in die
Schulmeisterei mag betreiben Einmal dem siechen Reutmann im Karwasserschlag
gebe ich im Hause eine Stübchen und die alte kinderlose Brunnhütterin aus den
Karwässern führe ich hinein und die kranke Aga dann führe ich den Markus Jäger
herbei der erblindet ist und den Josef Ehrenwald den ein fallender Baum
geschädigt hat Und andere und andere und so wird das große Haus nach und nach
voll werden Es torkeln viele mühselige Leute herum in den Winkelwäldern
Einen Arzt und frische Arzneien stelle ich ihnen auch her das heißt wenn
das Geld auslangt Dann nehme ich possierliche Leute auf die viel Musik machen
und ansonsten allerhand unterhaltlich Spiel treiben Ein Armenhaus muss man nicht
auch noch mit Einsamkeit und Trübsal umgeben die lustige Welt soll ihm zu allen
Fenstern hereinlugen und sagen ihr seid auch noch mein und ich lass euch nicht
fahren
Den Baugrund für dieses Haus brauche ich heute noch nicht zu zahlen denn
ich baue einstweilen mein Schloss nur so in die Luft hinein Die Erbschaft ist
noch nicht da Aber es heißt meine Base hätte im Glücksspiel große Summen
gewonnen
Dem alten Rüpel werde ich in meinem Armenhause das freundlichste Kämmerlein
weisen Der arme Mann ist schier ganz verlassen Seine Sprüche lohnen die Leute
kaum mehr mit einem Stück Brot Sie haben vergessen wie sie vormaleinst zu
festlichen Stunden so oft von den heiterfrommen Liedern erbaut worden sind wie
sie gelacht und geschluchzt haben dabei und wie sie so oft zu einander gesagt
haben »s ist wie wenn der heilige Geist aus ihm tät reden«
Freilich wohl ist bei dem Alten heute nicht mehr viel zu holen und er wird
schon recht kindisch Jetzund hat er sich aus Baumästen einen Reifen gebogen und
in demselben eitel Strohhalme wie Saiten aufgezogen Das ist seine Harfe er
lehnt sie an seine Brust legt die Finger auf die Halme und murmelt seine
Gesänge
Es ist doch ein rührender Mensch wenn er so dasitzt auf einem Stein im
Waldesdunkel gehüllt in seinen fahlfarbigen weiten Mantel umwuchert von
seinem langen schneeweißen Bart von seinen schimmernden Lockensträhnen die
voll und wild über die Achsel wallen Sein starres tautrübes Auge richtet er zu
den Wipfeln empor und singt den Vöglein von denen er es gelernt
Die Tiere des Waldes fürchten sich nicht vor ihm zuweilen hüpft ein
Eichhörnchen nieder vom Geäste auf seine Achseln und macht ein Männchen und sagt
ihm was ins Ohr
Seine Worte werden immer unverständlicher so wie seine Lieder Er passt
seine Gesänge auch nicht mehr den Menschen und ihren Gelegenheiten an Er singt
tolle Liebes und Kindeslieder als träume er seine Jugend Wenn der Weissbart
zur Sommerszeit unbeweglich auf einer Bergeshöhe sitzt so meint man von weitem
ein Sträusschen Edelweiss zu sehen
Dann laufen Käfer und Ameisen an seinem Rock und krabbeln an seinem Bart
empor und Hummeln umkreisen sein Haupt als ob wilder Honig drin wäre
Der Pfarrer hat mir eine Besorgnis mitgeteilt
Er sagt es sei möglich dass ich ein reicher Mann würde Und als reicher
Mann zöge ich fort in die Welt um all die Wünsche mir zu erfüllen die ich in
der Einsamkeit ausgeheckt und grossgepflegt hätte Ganz selbstlos sei kein
Mensch
Diese Äußerung hat mir eine ruhelose Nacht gekostet
Ich habe mein Herz erforscht und wahrhaftig einen Wunsch in demselben
gefunden der weit über die Winkelwälder hinausgeht
Aber mit Gut und Geld ist er nicht zu erfüllen Sie ist vermählt
Was lästerst du Andreas Dein Wunsch ist ja erfüllt Sie ist glücklich
Am 24 des Lenzmonats 1831
Heute haben sie in den Lautergräben den Sturmhans von der Wolfsgrubenhöhe
tot gefunden Es ist an der Leiche der Bart versengt Die Leute sagen eine
blaue Flamme die aus dem Mund hervorgestiegen habe ihn getötet Sie erklären
es sich so der Sturmhans habe sehr viel Wacholderbranntwein getrunken habe
sich dann etwan eine Pfeife anzünden wollen und anstatt des Tabaks habe der
Atem Feuer gefangen und dem Manne die Seele herausgebrannt
Gut zur Hälfte wird das wohl richtig sein
Am 1 April 1831
Heute ist mir meine Erbschaft behördlich zugewiesen worden
Sie besteht aus drei Groschen und einem Brief von der MuhmeLies
Der Brief liegt bei
»Lieber Andreas
Ich bin alt und krank und hilflos Du bist Gott weiß wo im Gebirge In
meiner Krankheit denke ich über alles nach Ich habe Dir wohl Unrecht getan und
bitte Dich um Verzeihung Dieses Geld drückt mich am meisten es ist Dein
Patengeschenk Du hast es seiner Tage für Deinen Vater in den Himmel schicken
wollen Ich habe es Dir damals genommen Nimm das Andenken zurück Andreas und
verzeihe mir Ich will ja ruhig sterben Gott segne Dich und eines muss ich Dir
noch sagen wenn Du im Gebirge bist so gehe nicht mehr zurück Alles ist eitel
In guten Tagen sind mir meine Freunde getreu gewesen jetzt lassen sie mich in
der Armut sterben
Ich küsse Dich viel tausendmal mein lieber einziger Blutsverwandter Wenn
mich Gott in den Himmel nimmt so will ich Deine Eltern grüßen
Deine bis in den Tod
liebende Muhme
Elise«
Fronleichnam 1831
Seit drei Jahren schon sammeln wir Geld für einen Traghimmel Aber wir
Winkelsteger können uns den Himmel nicht kaufen Wir müssen uns selber einen
machen
Der alte Schwamelfuchs hat aus grünenden Birkensträussen ein tragbares Zelt
gebaut auf dass wir zu diesem Feste das Hochwürdigste nach gebührender Weise aus
der Kirche in das Freie tragen können
Das ist ein feierlicher Umgang gewesen im Sonnenschein Und die Leute von
dem harten Winter endlich befreit haben hellen Lobgesang gesungen Im Walde
haben wir geruht und der Pfarrer hat mit dem Heiligsten den Segen gegeben nach
allen vier Gegenden des Himmels hin
Es ist noch nicht erhört worden dass mitten im Gottesdienst ein weltlicher
Mensch so seine Stimme hätt erhoben Der alte Rüpel hats getan voll Seele wie
in seinen besten Zeiten und das ist sein Fronleichnamsspruch gewesen
»Klinget alle Glöckelein singet alle Vögelein der große Gott kommt aus
himmlischen Türen geht im grünen Wald spazieren Er rastet süß auf dem grünen
Rasen wo die Hirschlein und Rehlein grasen Er sagt sein erstes mächtiges
Wort da steigen alle Blümlein aus der Erden hervor Er spricht sein zweites mit
hellem Schall das weckt jeglich Samenkorn im Tal Und ruft er sein drittes
Wort da müssen die Donner schweigen und die Blitze sich neigen und vor seinem
Hauch sind die bösen check in Wasser zerflossen O dir sei Preis und Ehr
du grossmächtiger Herr Und wirst du einstmals dein letztes Wort sprechen so
werden die Berge beben und die Felsen brechen werden die Himmel krachen werden
die Toten erwachen wird das Feuer die Welt vernichten Zu dieser lieblichen
Stund im grünen Wald sei gebeten o Gott in Brotesgestalt tu uns gnädiglich
richten«
Der alte Mann weiß immer noch ans Herz zu stoßen mit seinen Worten
Erschüttert und gehoben sind wir besonders der Pfarrer und ich wieder
zurückgekehrt zur Kirche Und das grüne Birkengezelt mit den weißen Tragsäulen
wird über dem Altare stehen bis seine tausend Blätterherzen werden verwelkt
sein
Endlich ist die Antwort wegen der Grundablösung in unserem Pfarrhofe
eingelangt
Der Gutsherr gibt dem Pfarrer zu verstehen er möge sich als gewissenhafter
Seelsorger der er sei nicht auch noch weltliche Sorgen aufbürden
Des Weiteren steht nichts zu lesen
Von einem sterbenden Waldsohne
Im Winter 1831
Wer hätte das vorzeiten von dem Einsiedler im Felsentale gedacht Die
Tatlosigkeit nach dem bewegten Leben die Abgeschiedenheit von den Menschen
hätte ihn zum Narren machen können
Es ist wunderbar gekommen Nur die großen Sorgen und kleinen Leiden eines
Waldpfarrers und der einförmige und doch so vielseitige und vielbedeutende
Zustand einer Waldgemeinde in der Ursprünglichkeit und Abgeschlossenheit ist das
Rechte für ihn das ihn gerettet hat
Nun hat er sich hineingelebt in die Verhältnisse kennt jedes seiner
Pfarrkinder inwendig wie auswendig und leitet es mit seinen Beispielen
Es wütet jetzt eine böse Seuche in den Winkelwäldern es wird uns der
Friedhof zu klein und wir können schier die Totengräber nicht auftreiben die
kräftigsten Männer liegen auf dem Krankenbette
Der Pfarrer ist Tag und Nacht nicht daheim sitzt in den entlegensten Hütten
bei den Kranken sorgt für Seelentrost und auch für leiblich Wohl hat ihm
gleichwohl der Freiherr geraten sich nicht mit weltlichen Dingen zu befassen
Letztlich da er doch einmal daheim in seinem warmen Bett schläft klopft es
jählings ans Fenster
»s ist eine rechte Grobheit Herr Pfarrer« ruft es draußen in der
pechfinsteren Nacht »Ein Versehgang ist in die Lautergräben hinüber Wir wissen
uns nicht zu helfen Steht uns bei mein Bruder will versterben«
»Wer ist denn draußen« fragt der Pfarrer
»Die Anna Maria Holzer bin ich Der Bartelmei will uns verlassen«
»Ich komme« sagt der Pfarrer »wecket nur auch den Schulmeister dass er die
Laterne und das Heiligste bereite Das Läuten soll er lassen es schläft ja
alles«
Das Weib hat mich aber doch gebeten dass ich die Zügenglocke läute auf dass
auch andere Leute für den Sterbenden beten möchten Und als der Pfarrer danach
zwischen den Häusern hingeht und das Weib mit der Laterne und dem Glöcklein
vorauswandelt da knien an den Haustüren schlaftrunkene Menschen und beten
Es ist eine stürmische Winternacht der Wind saust über die Lehnen und
pfeift durch das kahle gefrorne Geäste der Bäume Schneestaub wirbelt heran und
verlegt den Weg und stiebt in alle Falten der Kleider
Das Weib eilt mit Hast voran und die roten Scheintafeln der Laternen zucken
auf dem Schneegrunde hin und her und das Glöcklein schrillt unablässig aber die
Töne verklingen im Sturmwind und die Menschen des Dörfleins sind wieder zur Ruhe
gegangen und auch ich bin nachdem ich den Zweien eine Weile nachgeblickt in
meine Stube zurückgekehrt
Ich will es aber niederschreiben was dem Pfarrer in derselbigen Nacht
begegnet ist Es ist durch kein Beichtsiegel verschlossen
Als unser Vater Paul an dem Bette des Kranken steht sagt dieser »Gedenkt
es der Herr Pfarrer noch wie er in die Karwässer gekommen ist Gedenkt ers s
ist lang vorbei wir beid haben seither wohl was erfahren sind eisgrau
geworden bei meiner Treu«
Der Pfarrer ermahnt den alten Kohlenbrenner sich durch angestrengtes Reden
aufzuregen
»Und kann er sich erinnern was ich damalen hab gesagt ich hätt auch mein
Anliegen und kunnt leicht einmal von einem geistlichen Herrn eine große
Gefälligkeit brauchen Dieselb Zeit ist jetzt da Ich lieg auf dem Todbett
Den EhrenwaldFranz hab ich schon angeredet dass er mir die Truhen zimmert Und
mit meinem Leib täts nachher in Richtigkeit sein aber mit meiner Seel
Pfarrer verzeih mirs Gott die ist dir schwarz wie der Teufel«
Der Pfarrer sucht zu sänftigen und zu trösten
»Warum denn« frägt der Bartelmei »bin ja gar nicht verzagt Weiß
gleichwohl dass alles recht muss werden Was macht denn der Herr Pfarrer für
Geschichten mit seiner weißen Pfaid Nein das brauch ich nicht wir tun die
Sach kurzweg ab Wenn einer so auf dem letzten Stroh liegt ist man zu nichts
mehr aufgelegt Tu sich der Herr nur setzen Das sag ich aber gleich mit
dem Glauben stehts bei mir schlecht glauben tu ich wenn ichs recht will
sagen an gar nichts mehr Der Herrgott ist selber schuld dass ich so bin
herabgekommen Er hat auf mich schön sauber vergessen Er hat mirs versagt und
er hätts in seiner Allmächtigkeit wahrhaftig bei meiner Seel leicht tun mögen
Ich mag davon ja wohl reden Selbunter wie die SeppMarian ist gestorben die
ein wenig mein ist gewesen hab ich an ihrem Todbett gesagt Marian hab ich
gesagt wenn du jetzund musst verlöschen du junges Blut und ich allein sollt
verbleiben meiner Tage lang so ist das die größte Grausamkeit von Gott im
Himmel oben Aber wissen möcht ichs Marian und vor meinem Tode möcht ichs
wissen was es mit der Ewigkeit ist von der sie sagen allerweg dass sie kein
End hätt und dass die Menschenseel in ihr tät fortleben Es ist nichts
Rechtes zu erfahren und da sollt einer fremder Leut Reden glauben und etwan
wissen die auch nichts Und jetzt Marian hab ich gesagt wenn du doch wohl
fort musst und du bist in der Ewigkeit weiter gleichwohl wir dich begraben
haben so tu mir die Freundschaft und komm wenn du kannst mir noch einmal
zurück und wenns auch nur ein Viertelstündlein ist und richt mirs aus
damit ich weiß wie ich dran bin Die Marian hats versprochen und wenn sie
kann so wird sies halten davon bin ich überzeugt gewesen Darauf wie sie
verstorben hab ich viele Nächte nicht schlafen mögen hab immer gemeint
jetzt und jetzt wird die Tür aufgehen wird die Marian hereinsteigen und sagen
Ja Bartelmei magst es wohl glauben s ist richtig s ist eine Ewigkeit
drüben und du hast eine unsterbliche Seel Was meint der Herr Pfarrer ist
sie gekommen Nicht ist sie gekommen gestorben und tot und weg ist sie
gewesen Und seither ich kann mir nicht helfen glaub ich schon an gar
nichts mehr«
Er schweigt und horcht dem Tosen des Wintersturmes Der Pfarrer soll eine
Weile in die flackernde Spanflamme gestarrt und endlich die Worte gesagt haben
»Zeit und Ewigkeit mein lieber Bartelmei ist nicht durch einen Heckenzaun
getrennt über den man hinund herhüpfen kann wie man will Der Eingang in die
Ewigkeit ist der Tod im Tode streifen wir alles Zeitliche ab denn die Ewigkeit
ist so groß dass nichts Zeitliches in ihr bestehen kann Darum ist der
Verstorbenen auch dein vorwitzig Wort ausgelöscht gewesen und alle Erinnerung an
das zeitliche Leben Frei von allem Erdenstaub ist sie in Gott eingegangen«
»Tu er das lassen Herr Pfarrer« unterbricht ihn der Kranke »es drückt
mich auch gar nicht Ist das wie es ist es wird schon recht sein Aber einen
andern Haken hats mit mir selber bin ich noch nicht in der Ordnung Ich bin
nicht gewesen wie ich hätt sein sollen aber ich möcht gern meine Sach und
andere tuen auch gern ihre Sach richtig stellen Lang hab ich nicht mehr
Zeit das merk ich wohl und desweg hab ich den Pfarrer aufschrecken lassen aus
dem warmen Bett und will ihn zu tausendmal bitten dass ers wollt vermitteln
Jetzt s ist zwar heimlich geblieben aber sagen will ichs wohl ein arger
Wildschütz bin ich gewesen viel Rehe und Hirschen hab ich dem Waldherrn
gestohlen«
Hier bricht der Köhler ab
»Und weiter« fragt der Pfarrer
»So und ist ihm das noch nicht genug« ruft der Alte »aufrichtig Herr
Pfarrer sonst weiß ich nichts Meine Bitt wär halt nachher die dass mir der
Herr Pfarrer bei dem Waldherrn mein Unrecht wollt abbitten Hätts wohl lang
selber schon getan hab mir aber allfort gedacht eine Weil wartest noch zu
könntest leicht wieder was brauchen vom Wald herein müsstest später noch einmal
abbitten wär mir unlieb Tus nachher mit einem ab Allzulang hab ich
gewartet jetzt kann ich nimmer Der Waldherr ist wer weiß wo zu weitest weg
Aber gelt der Herr Pfarrer ist so gut und gleichts bei ihm aus mit einer
christlichen Red und tut sagen ich hätts wohl bereut könnt es aber nicht
anders mehr machen Jetzt gewesen ists halt so Kohlenbrennerei gibt wohl
ein Stückel Brot aber wenn einer zum Feiertag einmal so einen Bissen Fleisch
dazu wollt beißen so muss man schnurgrad mit der Büchs hinaus in den Wald Man
kanns nicht lassen und wenn sich einer noch so lang spreizt s ist gar
schad man kanns nicht lassen Wenn sie mich etwan einmal erwischt hätten
die Jäger so wär jetzund das Gered nicht vonnöten und ich müsst dem Herrn
Pfarrer nicht so schmerzlich zu Gnaden fallen Ei der Tausend jetzt hab ich
mich dennoch wohl angestrengt es steigen mir die Ängsten auf«
Sie haben ihn mit kaltem Wasser gelabt Der Pfarrer hat seine Hände gefasst
hat ihn mit guten Worten versichert dass er bei dem Waldherrn Verzeihung
erwirken werde Danach hat er dem Kranken die Lossprechung erteilt
»Bedank mich bedank mich fleißig« sagt drauf der Bartelmei mit schwacher
Stimme »nachher wär ich so weit fertig und Pfarrer jetzt täts mich bei
meiner Seel schon selber freuen wenn es wahr wär dasselb von der Ewigkeit
und wenn ich nach der unruhevollen Lebenszeit und nach dem bitteren Tod schön
langsam könnt in den Himmel einrücken Wär wohl eine rechtschaffen bequeme
Sach das«
So hat sich in dem armen schwerkranken Mann das Bedürfnis und die Sehnsucht
nach Glauben und Hoffen ausgesprochen Unser Herr Pfarrer hat ihn dann gefragt
ob er die heilige Wegzehrung empfangen wolle
»Nicht vonnöten« ist die Antwort gewesen
»Musst doch Bruder musst doch« meint die Anna Maria »einem Geistlichen
der mit dem heiligen Leib unverrichteter Sach muss zurückkehren tanzen die
Teufel nach bis zur Kirchentür«
»Du närrisch Weibmensch du« schreit der Bartelmei »jetzund
Kindergeschichten erzählen dass dich der Herr Pfarrer recht mag auslachen s
wär mir doch all doch eins und gern möcht ich das Teigblättlein verschlucken
dass der Herr unangefochten könnt nach Haus gehen aber ich halt nichts drauf
und da hab ich oftmalen gehört wärs eine grossmächtige Sünd wollt einer in
vorwitziger Weis das heilige Sakrament empfangen«
Auf dieses Wort hat der Pfarrer des Kranken Hand gedrückt »Hochmütig
Bartelmei musst du desweg nicht werden jetzt in deinen alten Tagen aber das
sag ich dir du denkest schon das Rechte Du bist Büsser du glaubst an Gott und
an der Seele ewiges Leben ob du dirs gestehen magst oder nicht ob du das
heiligste Brot zu dir nimmst oder nicht rein ist dein Herz und dein ist die
Seligkeit«
Da soll sich der alte Mann hoch emporgerichtet haben die Hände hätte er
ausgebreitet mit nassen Augen hätte er gelächelt und gerufen »Jetzt hab ich
das Rechte gehört Der Pfarrer mag so gut sein und mir die Wegzehrung reichen
Nachher mag er kommen der Knochenhans Jesus Jesus was ist das die Marian«
schreit der Bartelmei jählings Dann richtet er die Augen nach der Spanflamme
und flüstert »Ja Mädel wie steigst denn du daher heut in der finsteren
Nacht Marian Botschaft bringst mir Botschaft«
Immer höher richtet er sich auf immer wiederholt er das Wort »Botschaft«
endlich sinkt er zurück und schlummert
Nach einer Weile schlägt er die Augen auf und sagt mit matter Stimme »Bin
ich kindisch gewesen Schwester Ein bsunderlicher Traum Es steigt mir das
Geblüt so auf Ich verspürs lang wirds nimmer dauern es kommt mir schon zum
Herzen Ich muss euch behüt Gott sagen allen miteinander Hab auf deine
Kinder acht Schwester dass sie dir nicht in den Wald laufen mit der Büchs
Für die Truhen ist der Ehrenwald schon bezahlt Und tut mich fleißig waschen
will nicht als der kohlschwarze RussBartelmei in den Himmel eingehen«
Als das Morgenrot durch die Fensterlein schimmert ist der Mann tot Sie
ziehen ihm sein Sonntagsgewand an und legen ihn auf das Brett Seiner Schwester
Kinder besprengen ihn mit Wasser des Waldes
Gestern haben wir ihn begraben
Zur Faschingszeit 1832
Das geht toll zu Das ganze Grassteigerhaus wollen sie umkehren über den
Kirchplatz johlen sie hin und treiben Unfug
Im Pfarrhofe liegt ein Bauernknecht dem haben sie den Kinnbacken
zerschmettert
Faschingsonntag ist das An die Seuche wird nicht gedacht In das Wirtshaus
kommen sie zusammen und trinken Branntwein sie sind heiter und lachen und
necken sich Es röten sich die Gesichter da will jeder sticheln und spotten
aber keiner mehr geneckt sein Eines krummen Wortes eines scheelen Blickes
oder auch eines Mägdleins wegen entsteht ein Streit Es setzt Backenstreiche mit
flacher Hand das ist zu wenig sie schlagen mit den Fäusten drein ist auch
zu wenig sie brechen Stuhlfüsse schwingen sie mit beiden Armen wütend lassen
sie niedersausen auf die Köpfe Das ist genug Streckt sich einer auf den Boden
Die Unterhaltung ist aus
»Seid gescheit Leutchen« hab ich beim Grassteiger unten einmal gesagt
»wollt ihr an den Ruhetagen so wüst sein so weicht der Segen von euerer Arbeit
und es kommt noch eine böse Zeit über Winkelsteg«
Da tut sich ein Meisterknecht aus dem Schneetale hervor »Weil wir Wildlinge
sind desweg bleiben wir arme Teufel Glaubs schon auch Recht hat er der
Schulmeister gerauft wird nimmer und ich sag dirs Grassteigerwirt wenn
noch einmal ein Raufhandel geschieht in deinem Haus so komm ich mit einem
Zaunstecken und klieb euch allen die Schädel auseinand«
Es steckt einmal so in den Leuten Nur dass bei solchen Händeln der Lazarus
nicht mittut das ist mein Trost Sie wollen wohl mit ihm anhäkeln aber da
macht er sich aus dem Staub Es zuckt zuweilen in ihm aber er dämpft wacker
nieder Er ist ein Mann durch und durch Auch ist die Juliana ein Schutzengel
und hilft ihm getreulich dass er sich beherrsche
Der Förster hat den Lazarus wollen auf das flache Land hinaus befördern
wenn einer einmal ein so seltsames Geschick habe wie dieser junge Mensch meint
er so müsse auch ganz was Besonderes aus ihm werden Aber der Lazarus will
nicht fort vom Wald Er wird ein braver Mann und zu etwas Besserem könnte er es
auch draußen nicht bringen und wollt ihn gleich Kaiser und König an seinen
Thron setzen
Ein gutes Zeichen ist dass er keinen Branntwein trinkt Der Branntwein ist
Öl ins Feuer und so geschehen die bösen Händel
Wir Gemeindehäupter trinken nie einen Tropfen davon Nun um so mehr bleibt
für die anderen
Der Pfarrer hat schon mehrmals scharf vor diesen Getränken gewarnt
Letztlich hat er in seinem Zorn den Branntwein einen Höllenbrunnen ein Gift für
Leib und Seele und die Branntweinbrenner und Schenker mit heller Stimme
Giftmischer geheißen
Der alte Grassteiger hat an seiner Nase hinabgelugt und nicht lange danach
hat er bekannt werden lassen dass bei ihm frischer Obstmost angekommen sei
Der Kranabetannes aber hat es so glatt nicht abgehen lassen Mit einem
größeren Stock als er sonst gewöhnlich bei sich trägt ist er vor zwei Tagen im
Pfarrhofe erschienen
Er klopft an die Tür und selbst als der Pfarrer schon zweimal vernehmlich
herein ruft klopft er noch ein drittesmal Schwerhörig ist er nicht er will
nur zeigen dass wenn gleich ein Waldteufel er bei den Herren doch Schick und
Anstand zu halten weiß und wäre es auch vor seinem Feind den er heute
niederschmettern will
Endlich in der Stube bleibt er eng an der Tür stehen presst die Hutkrempe
in die Faust und murmelt in seinen fahlen Stoppelbart »Hätt ein Wörtel zu
reden mit dem Herrn Pfarrer«
Der Pfarrer bietet ihm freundlich einen Stuhl
»Hätt ein kleines Anliegen« sagt der Mann und bleibt auf seinem Flecken
stehen »bin der Branntweinbrenner vom Miesenbachwald ein armer Teufel der
sich seinen Brotgroschen hart muss erwerben Arbeiten mag ich gern so lang mir
altem Manne Gott das Leben noch schenkt wiewohl mich die Leute schon
niederdrucken möchten und mir die Kundschaften abzwicken«
»Setzet Euch« sagt der Pfarrer »Ihr seid erhitzt seid etwan recht
gelaufen«
»Gar nicht Hübsch stad bin ich gegangen und hab unterwegs gedacht bei mir
selber dass keine Gerechtigkeit mehr ist auf der Welt und bei keinem Menschen
mehr bei gar keinem er mag noch so heilig ausschauen Was ist denn das für
ein Pfarrer der einem armen Familienvater seiner Gemeinde das letzt Stückel
Brot aus der Hand und schlägt Ist und trägt schon die ehrlich Arbeit nichts
recht so muss einer halt stehlen rauben wird wohl besser sein als wenn ein
armer abgematteter so ein Tröpfel Branntwein in den Mund tut ist ja der
Höllbrunnen das«
Der Mann schnauft sich aus der Pfarrer schweigt er weiß dass er den Sturm
vertoben lassen muss will er bei ruhigem Wetter säen
»Und wer den Höllbrunnen braut« fährt der Mann fort »der muss wohl mit dem
Teufel bekannt sein Die Leut schauen mich auch richtig für so einen an Sollen
recht haben Aber wenn ich schlecht bin aus mir selber bin ichs nicht Und wer
mir mein Geschäft verdorben der wird wohl anderweitig für mich sorgen Herr
Pfarrer umsonst bin ich nicht da«
Der Branntweiner vergisst ganz seine gewohnte Geschmeidigkeit und nimmt
schier eine bedrohliche Stellung an
»Wenn Ihr der Branntweiner vom Miesenbachwald seid« sagt der Pfarrer in
seiner Gelassenheit »so freut es mich dass ich Euch sehe Da Ihr so selten nach
Winkelsteg herauskommt so habe ich schon zu Euch gehen wollen Wir müssen
miteinander reden Ihr gebt den Winkelwäldlern keinen Branntwein mehr da seid
Ihr ein Ehrenmann ein großer Wohltäter der Gemeinde Ich danke Euch Freund
Und auch Eure Umsicht ist sehr zu loben Es ist doch wahr dass Ihr jetzt mit
den Kräutern und Harzen und Wurzeln Arzneien Öle und kostbaren Balsam bereitet
und draußen im Lande dafür Abzugsquellen suchet Ich gehe Euch nach meinen
Kräften und Erfahrungen gerne dabei an die Hand Ei gewiss das ist ein guter
Griff den Ihr gemacht habt und in wenig Jahren seid Ihr ein wohlhabender
Mann«
Da weiß der Branntweiner gar nicht wie ihm geschieht Er hat gar keinen
Griff gemacht hat niemals an Balsam und ÖlErzeugung gedacht aber die Sache
kommt ihm auf der Stelle so vernünftig und fasslich vor dass er dem Pfarrer nicht
widerspricht und schmunzelnd als angehender BalsamErzeuger den Kopf wiegt
»Und solltet Ihr lieber Freund vorläufig etwas für Weib und Kind benötigen
mein Gott zu Anfang behilft man sich wie man kann so mag ich gerne gerne
mit einer Kleinigkeit dienen Ich bitt Euch recht mich ganz als Euren Freund
zu kennen«
Der Hannes hat ein unverständliches Wort gebrummt ist aus dem Hause
gestolpert hat seinen Knittel über den Rain geschleudert
In der Fastenzeit 1832
Die kirchliche Behörde fängt wieder an Ihr ist unser Pfarrer noch immer
nicht rechtmäßig genug sie will ihm die Kirche verschließen
Die Kirche die wir gebaut haben mit Mühe und Sorgen
Es ist still genug in unserer Kirche Vater Paul hält den Gottesdienst in
den Krankenstuben und auf dem Friedhofe Die Leute kommen nur mehr in den Särgen
zur Pfarrkirche heraus Die Seuche ist zur »Sterb« geworden Die Schule ist
schon seit Monaten geschlossen
Es geht die Sage der Pfarrer wäre schuld an der Seuche da er das
Branntweintrinken abgesagt Der Branntwein sei das allersicherste Mittel gegen
Ansteckungen
Der Hannes lauert Erst jetzt lehnt sich sein Stolz auf gegen den Pfarrer
dessen Schalkheit und Milde er vor wenigen Wochen unterlegen ist
Es ist ein immerwährender Kampf gegen das Geschick und gegen die Bosheit
Wer ausharrt im Ringen und in seiner inneren Überzeugung der erlangt das Ziel
Das ist ein schönes Wort aber ich habe es noch nicht recht erproben können
Am 22 März 1832
Heute ist unser Pfarrer gestorben
Zwei Tage später
So hat sich noch keiner selbst erlöst wie dieser Mann dieser seltsame
Mann der an einem Fürstenhof regiert in Indien gepredigt und in der Höhle des
Felsentales gebüßt hat
Alle Irrpfade des Priestertums hat er durchwandeln müssen bis er das Wahre
gefunden den Armen im Geiste ein Helfer und Freund zu sein
Er hat sich in den Häusern der Kranken seinen Tod geholt Die Verlobung des
Lazarus Schwarzhütter mit der Juliana Grassteiger hat er gesegnet Ein kleines
Unwohlsein hat ihn von der Feierlichkeit weg auf seine Stube gerufen Er hat sie
nicht mehr verlassen Und ein guter getreuer Hirt hat er uns in seiner letzten
Stunde noch das Bedeutsamste gelehrt das Sterben Wie ein lächelndes Kind ist
er entschlummert Wir die wir es gesehen fürchten keiner mehr das Sterben und
wir haben uns gelobt nach seinem Vorbilde streng unsere Pflichten zu erfüllen
Und ich kanns nicht glauben Ohne Ruh und Rast schau ich zum Fenster
hinaus ob er nicht des Weges kommt in seinem braunen Rock Er hat sich schon
ein wenig stützen müssen ist wohl doch gebeugt gewesen unter seinen weißen
Haaren
Ohne Ruf und Rast geh ich am Pfarrhofe vorüber es ist kein Klopfen mehr
an den Fensterscheiben es lächelt kein freundliches Gesicht mehr heraus
Da stehe ich still und meine ich müsse laut seinen Namen rufen
Und ich kann es nicht glauben dass er dahin ist
Bei dem Leichenbegängnisse ist der Holdenschlager Pfarrer dagewesen Er hat
sich bass gewundert über die allgemeine Trauer die in den Winkelwäldern
herrscht
Selbst der Branntweiner Hannes ist zum Grabe gekommen und hat eine Scholle
hinabgeworfen Nur der alte Rüpel ist nicht zu sehen gewesen der hat wohl im
Urwaldfrieden das Grablied gesungen Zu Winkelsteg haben die Glocken gesprochen
Und als letztlich auch die Glocken stumm geworden da sind die Leute still
davongezogen in ihre armen zerstreuten Wohnungen
Nur ich allein stehe noch da und starre hinab auf den falben Tannensarg Vor
achtzehn Jahren habe ich den Mann das erstemal gesehen Er ist am Grabe
gestanden das sie in der Wolfsschlucht dem »Glasscherbenfresser« gegraben Seit
zwölf Jahren ist er Pfarrer zu Winkelsteg gewesen Die Leute wissen es nicht und
messen es nicht wie viel sie ihm zu verdanken haben Heute blicke ich nieder
auf seinen Schrein ja das ist der Schlusspunkt zu der Antwort Einspanig
Wie ich darüber noch sinne kommt die alte Haushälterin des
Winkelhüterhauses meine ehemalige Wirtin herbeigewackelt Sie guckt auch in
die Grube fährt sich mit der Hand über das Gesicht tappt nach meinem Arm und
sagt »Gott geb ihm den ewigen Frieden Das ist ein braver Mann gewesen Aber
ein Fabelhans auch Wie ein Vogel ist sein Sinn herumgeflogen in der weiten
Welt und auf keinem Fleck hat er gesagt wär die Welt mit Brettern
verschlagen Und jetzt gucket einmal recht hinab Schulmeister Da unten ist
sie Gott geb ihm den ewigen Frieden da unten ist sie mit Brettern
verschlagen«
Das Wort ist gesagt und hastig humpelt sie auf ihren Krücken davon
Und sie hat halt doch endlich recht die Alte So unbegrenzt der menschliche
Geist auch fliegen mag in den Weiten sein letztes Ziel wird umschlossen von den
Brettern des Sarges Glücklicher Schläfer dir ist ein unendlicher Raum jetzt
die Truhe Noch nicht lang und dir war zu eng die unendliche Welt
Großer Dichter vergib dass ich dein Wiegenlied zur Grabschrift wandle
Ostern 1832
Die Seuche ist erloschen Man sieht viele blasse abgehärmte Gesichter
umherwandeln
In den Mulden der Waldberge und in den Spalten der Felsen schießen
Wildwasser zur Tiefe Der Wasserfall über die Breitsteinerwand ist meines
Erlebens noch nie so groß und schön gewesen als jetzt Aber es ist gar kein
Fallen es ist ein lindes Niederschweben von der Höhe aus der Ferne gesehen
Doch wer die Wassermassen in der Nähe betrachtet Das ist ein gar gewaltiges
Losreissen und wuchtiges Niederstürzen dass der Erdboden klingt Warum erhebt
sich unsere Seele zu einem Wohlbehagen wenn man die Wirkung einer großen Kraft
sieht Im Miesenbachgraben und in den Karlehnen donnern die Schneelahnen Hoch
über den Firnen blaut der Himmel
Da wir in der Kirche keine Auferstehungsfeier haben so drängt es die Leute
das Osterfest in anderer Weise zu begehen
Der Charsamstag ist vorbei das Turmkreuz der Kirche schimmert im Abendrot
viel glühender als sonst Es wird heute aber nicht Nacht ein neues Leben steht
auf Die Leute gehen im Festkleide aus ihren Wohnungen hervor Ein neuer Tag
bricht an am Abende und Festfeuer leuchten auf den Höhen Wer von diesen
Menschen weiß es denn dass auch die alten Deutschen zu solcher Jahreszeit der
Göttin des Frühlings Freudenfeuer angezündet
Wem nur dieser Einfall ist beigekommen Da oben auf dem Bühel steht ein
alter einzelner Fichtenstamm den haben sie vom Fuß bis zur Wipfel mit dürrem
Gezweige Moos und Stroh umflochten
Wenige Schritte seitwärts haben sich die Leute um ein kleines Feuer
versammelt und singen Lieder Weiber mit verdeckten Handkörben sind auch dabei
und Kinder spielen mit gefärbten Eiern
Es ist schon spät in der Nacht der Lazarus will mit der Lunte gehen dass er
die Osterkerze in Brand stecke da huscht durch den finsteren Wald der alte
Rüpel herbei reißt seine Binsenhaube vom Haupte und sagt »Gelobt sei Jesu
Christ der am Kreuz gestorben ist«
Wir sind alle hellverwundert dass der Alte wieder einmal unter die Leute
geht und ich will ihn sogleich einladen dass er sich zu mir und dem Grassteiger
setze wo wir einen Mostkrug stehen haben
»Dank für die Ehr« sagt der Rüpel und zieht seine Strohharfe unter dem
Rock hervor und in die Flamme hineinstarrend hebt er an zu reden
»Komm just von Jerusalem her Alle drei Kreuz auf dem Berg Kalvari stehen
leer Christi Leib haben sie gelegt in ein neues Grab die Seel ist gefahren
zur Höllen hinab Die Altväter täten warten schon hart Dem Abraham hat das
Feuer versengt den langen Bart der Moses ist schon tausend Jahr im Rauchfang
gesessen und hat auf seine zehn Gebot vergessen Der Adam der vorwitzig Mann
und die Eva haben gehabt kein Röcklein nit an die tät das Feuer wohl
saggrisch beißen Das Paradies ist ihnen schon lang verheißen und durch die
Leidensnot und den bitteren Tod täts ihnen jetzt Christus erlauben So hat
mirs der recht Schächer erzählt dem linken tät ichs nit glauben«
»Nu Rüpel« sagen die Leut »wenn du sonst nichts mehr weißt so bist auch
grad kein heiliger Geist«
Unbekümmert um diesen Spott fährt der Alte fort »Am heutigen Morgen sind
unsere lieben Frauen zum Felsengrab gegangen schauen Ist ein Junggesell
gesessen auf dem Stein die Magdalena gucket schon vorwitzig drein kreiselt ihr
güldenes Lockenhaar fein und denkt wie alt mag er sein Mit Verlaub schöne
Frauen der liebe Herr Jesus ist nit hie der ist auferstanden schon in
allerfrüh Da haben die Frauen für die fröhliche Mär ein Trinkgeld wollen geben
Gott zu Ehr aber der Junggesell ist gelaufen zum Himmel hinein ich täts auch
täten mich tragen meine alten Bein«
Wieder schweigt der alte Rüpel Da aber keiner die Anspielung auf ein
Trinkgeld verstanden hat so fährt er fort »Der Herr Jesus geht spazieren im
Wald tät sich ausruhen von bitteren Leiden ein Hirtenknab steht auf stiller
Heid der tät weiße Schäflein weiden Tät weiden die Schäflein und weinen
dabei gar bitterlich bitterlich weinen Da fragt ihn Herr Jesus was weinst du
mein Kind es tut ja die Sonnen scheinen Ja freilich sie scheint auf den
Rasen grün der mir meinen Vater tut decken und der Heiland ist gestern am
Kreuze gestorben wer wird mir den Vater wecken Da spricht der liebe Herr
Jesus »Mein Kind siehst du die Felsen beben Der Herr ist erstanden wird
wecken dereinst die Toten zum ewigen Leben«
Der alte Mann schweigt und starrt in die Flamme Sein Haar und Bart ist im
Scheine des nächtlichen Feuers rot wie Alpenglühen
Und der Schein des Feuers fällt in Bändern hin durch das Gestämme auf die
frischen Gräber des nahen Kirchhofes
Eine schwere Stille ruht über der Versammlung als erwarte sie schon diese
Osternacht die Auferstehung der Toten
Da richtet sich jählings der Kopf des Alten wieder auf anmutig zart gleiten
seine Finger über die Saiten aus Stroh wie Schalkheit zuckt es in seinen Zügen
und als wollte er seine frühere Rede ergänzen sagt er mit fast kecker Stimme
»Der Hirtenknab der junge Tropf schüttelt ungläubig seinen großen Kopf Da
langt ihm der Herr die Hand hin zumal und weist ihm sein heiliges Wundenmal
just so fürwahr und das Wundmal ist groß wie ein Groschenstück gar «
Überzeugend genug streckt der Greis die hohle Hand aus und mancher legt
richtig ein »Wundmal« hinein einen guten Pfennig oder ein Groschenstück Ich
hätte ihm diesmal nichts geschenkt Was hat er denn so fromme Sprüchlein zu
singen wenn er sie nachher allemal wieder mit einem losen Frevel zerstört
Der Alte bedankt sich für die kleinen Gaben dann ist er im Walde
verschwunden Man wundert sich dass er neuerdings wieder so lebendig wird
Der Grassteiger hat den armen Mann suchen lassen um ihn für die Ostern an
seinen Tisch zu führen Der Rüpel ist nicht gefunden worden
So gehts immer tiefer in die Nacht zum großen Glück eine recht laue Nacht
denn keiner auch von den erst Genesenen keiner ist zu bewegen gewesen nach
Hause zu gehen
Der Stand eines Sternbildes weist die Mitternacht den Beginn des
Ostertages Da fährt ein Flämmchen in den strohumwundenen Baum und die
Osterkerze lodert hoch über dem Waldtale gegen den Sternenhimmel auf
Nun jubeln die Kinder die Weiber und die Männer aber weiterhin als Hall
und Schall vermag zu dringen leuchtet die Feuersäule und verkündet dem
Waldlande ringsum den Ostertag
Und zur selbigen Stunde haben die Weiber ihre Handkörbe aufgedeckt auf dass
die Gottesgaben darin Brot Eier und Fleisch der liebe Osterhauch mag
befächeln Und so ist unserem Festbrote die Weihe zuteil geworden die der Vater
Paul uns für diese Ostern nimmer vermag zu spenden
Erst gegen Morgen ist die Osterkerze deren hochstrebende Flamme sie gar in
den Miesenbachgräben sollen gesehen haben verlodert zusammengebrochen
Dann sind wir von dem nächtlichen Osterfeste heimgekehrt in unsere Hütten
Von diesen Tagen an Andreas wirst du nicht mehr jünger Jünger wer hat
dich gelehrt so ungereimt zu schwätzen Zähl deine Eisfäden auf dem Haupte
zähle sie wenn du kannst du alter Mann
Ich meine der Pfarrer hat mich mitgenommen
Mai 1832
Von unserem jungen Herrn hört man große Dinge Und diesmal sind sie amtlich
erhärtet Hermann hat die Güter des Vaters übernommen und ist demnach unser
Herr
Als Angebinde hat er den Winkelstegern alle rückständigen Arbeitsleistungen
und die Grundeinzahlungen auf zehn Jahre hinaus nachgesehen Das ist ein guter
Anfang Die Winkelsteger wissen ihre Dankbarkeit nicht anders zum Ausdrucke zu
bringen als dass sie in der Kirche eine zwölfstündige Andacht halten um für die
Gesundheit des jungen Herrn zu beten
Hermann soll kränklich sein
Gestern ist der Bertold zu mir gekommen Seit jenem Tage da er sein
vermisstes Kind unter den Tieren des Waldes gefunden wildert er nicht mehr
sondern arbeitet mit Fleiß und Schick in den Holzschlägen und seine Kinder
erwerben sich ihr Brot durch Sammeln von Waldfrüchten
Der Mann hat mir gestern ein Bündel gedörrter Blätter gebracht dieselben
wüchsen nur drüben im Gesenke und besässen eine wunderbare Heilkraft die auch
der jahrelang kränkelnden Aga die Gesundheit wieder gegeben hätte Die Lili habe
die Blätter gesammelt und getrocknet und da sei es ihnen beigefallen dieselben
dem jungen gnädigen Herrn Schrankenheim zu schicken es sei kein Zweifel dass
er bei entsprechendem Gebrauche des Krautes genesen würde Ob ich nicht so
freundlich sein wolle die Arznei zu übermitteln
Ich habe es dem Bertold zugesagt
Alpenrot
Fronleichnam 1832
Der Waldsänger ist nun auch verstummt Sein ganzes Leben und Sterben ist
angelegt wie ein rosenprangender Dornstrauch in der Wildnis
Ich habe seine wunderlichen Worte so gerne aufgeschrieben und bin gegen
seine Sprüche ein paarmal ganz pharisäisch worden Als ob eine solche Einfalt
freveln könnte Er hat eben Himmel und Erde vermengt wie das jeder Dichter tut
Und Humor ist lange noch kein Frevel Nun lege ich in diesen Blättern sein
Ende nieder
Der Kropfjodel hat auf der Breitsteinalm eine Hirtenhütte Und in dieser
Hirtenhütte hat er zur Sommerszeit zwei übermütige Söhne welche die Rinder
versorgen und zu ihrem Zeitvertreib allerhand Tollheiten begehen In letzter
Zeit hat sich der Rüpel bei ihnen aufgehalten und ihnen durch seine Lieder und
Strohharfenspiele Spaß gemacht Der Alte ist zeitweilig verwirrt und
schwachsinnig gewesen Und das ist den Jugen just ein rechtes Spielzeug
Allerwege ist der Alte der Bock auf dem sie reiten und er lässt es nicht
ungerne geschehen es freut ihn schier dass er bei »Teppen« noch Anwert hat
sagt er zu gescheuten Leuten tauge er nimmer
Des Abends ist der Rüpel stets in die Hütte gekommen hat was zu essen
erhalten und die Nachtruhe auf dem Heuboden
Da ist es eines frühen Morgens dass der alte Rüpel vor der Hütte auf einem
taufeuchten Stein sitzt Er spielt auf der Strohharfe und wendet seine matten
Augen empor gegen das Morgenglühen der Felsen Gellt ihm jählings ein wüster
Schrei in das Ohr Er schrickt empor da stehen die Jodelbuben neben ihm und
lachen Der Alte blickt sie gutherzig an und lächelt auch ein wenig
»Tust strohdreschen Rüpel« frägt der Veit und deutet auf die sonderlichen
Saiten
»Und schon so zeitig« sagt der Klaus
Der Alte wendet sich »Ihr wisst das von der Morgenstund« Dann legt er die
Hände an die Lippen und lispelt den Burschen vertraulich ins Ohr »Sie hat Gold
im Mund«
»Geh« entgegnet der Klaus spottend »du da heißt sie sich ja die Zähn
aus« Die Hirten erheben über diesen ihren Einfall ein Lachen
»Da oben habt ihrs ja das Gold da oben« Der Alte deutet zitternd gegen
die glühenden Wände
»Ja du Rüpel das ist wahr« sagt der Veit ernstaft das ist richtig Gold
geh nur hinauf und schabe es herab«
Der Greis blickt befremdet drein
»Da kriegst du einen ganzen Korb voll Gold zusammen und etwan mehr noch«
sagt der Klaus »da kannst du dir ein goldenes Schloss bauen und einen goldenen
Tisch kaufen und einen goldenen Wein und eine goldene Harfe und eine goldene
Frau«
»Eine goldene Harfe« murmelt der Rüpel und seine Augen leuchten auf Dann
fährt er sich mit der Hand über die Stirne Er hat das vom goldenen Morgen
zuerst selber gesagt gleichnisweise Und jetzt sollte es wirklich so sein
»Und das Zeug da gibst du des Grassteigers Esel in die Krippe« ruft der
Veit
Bei diesem Spott auf seine Harfe soll es wie der Schatten einer Wolke über
des Alten Antlitz gezogen sein
»Du Veit« droht er »mein Harfenspiel das legt dir nichts vor dein Ziel
Das lass du in Ruh«
Das Wort reizt den Burschen »So spielt man auf dieser Harfe« ruft der Veit
und fährt mit der Hand über die Saiten dass es rauscht und alle Halme springen
Dann sind sie davongelaufen
Der Alte sitzt noch eine Weile und bewegt sich nicht Er starrt auf die
zerrissene Harfe er wischt mit beiden Händen die Augen er will sich aus dem
Traume helfen er kann es nicht glauben dass es wahrhaftig sei Sein Alles und
Einziges haben sie ihm zerstört sein Saitenspiel Erst als oben in den Felsen
schon der helle Sonnenschein liegt erhebt er sich Den Astreifen mit dem
Strohgewirre hat er sich umgehangen zu den beleuchteten Wänden hat er
emporgestarrt und mit schweren Schritten ist er davongewankt hinan gegen die
Schroffen über die der Wasserfall niederrieselt im Sonnenleuchten zu sehen wie
flüssiges Gold
An dem Abende desselben Tages ist es dass die beiden Hirten wieder lustig um
den Herd ihrer Hütte wirten wie sie es gewohnt Sie kochen Mehlklösschen welche
sie »Fuchsen« nennen da sie fuchsbraun geröstet sind Die Herde ist von ihren
Weiden geholt und in Sicherheit des Stalles gebracht
Lustig sind die Jodelbuben allerwege aber zum Feierabend am lustigsten Ist
der alte Harfner in der Hütte so necken sie diesen ist er nicht da so necken
sie sich selbander Der Harfner ist heute noch nicht da so hüpft der Klaus wie
ein Affe dem Veit auf die Achseln reitet auf dessen Nacken und ruft »Esel wer
reitet«
»Einer über dem andern«
So treiben sie es Dann verzehren sie ihre Mehlfuchsen und mit dem
Pfannenruss streichen sie sich Schnurrbärte an Nach einem Schnurrbart geht ihr
Sinn und ein Mägdlein möchten sie küssen weil das nach dem Sprichwort den
Bartwuchs fördert Der alte Rüpel könnt aus seinem Bart Silbersaiten spinnen
für die Harfe
Heute ist der Alte noch nicht da hat ihn etwan doch der Spaß am Morgen
verdrossen Die Burschen mögen davon nicht reden Eine gelinde Reue verspüren
sie und ein Stück Mehlfuchs tun sie in eine Holzschüssel und tragen die
Holzschüssel auf den Heuboden und stellen sie auf die Lagerstätte des Alten
dabei fasst sie schon wieder der Schalk sie verrammeln das Lager mit Rechen und
Heustangen Und nun wird der Alte kommen und sich die Rase anrennen und
rechtschaffen brummen und zuletzt auf den Mehlfuchs stoßen Und der Mehlfuchs
wird ihn für alles versöhnen
Die Burschen haben in derselbigen Nacht prächtig geschlafen Und als sie
erwachen sind in den Wandfugen schon die goldenen Saiten des Morgens gezogen
Das Lager des Alten aber und das Mehlgericht ist noch unversehrt und
verrammelt mit Rechen und Heustangen
Der Klaus geht zu der Herde der Veit geht in das Freie Und das ist heute
wiederum eine Morgenfrühe Frisch und klar und tauig die Almen und Wälder der
Himmel reingeküsst von der Morgenluft Und hoch auf den Zinnen des nahen
Felsgewändes leuchtet die Sonne Ein Vöglein wirbelt übermütig auf dem Giebel
der Hütte und der Brunnen plätschert emsig in den Trog
Der Veit geht zum Brunnen Die Älpler waschen sich des Morgens Hände und
Gesicht so gerne am kalten Quell Das schwemmt alle Schläfrigkeit hinweg und
macht Auge und Herz heiter heiter wie der junge Tag Veit kraut mit den
Fingern emsig sein wirres Haar zurecht und hält die beiden Hände unter die
sprudelnde Rinne Wohl tut die rieselnde Kühle Veit Aber da spinnt sich im
Wässerlein heran ein blutroter Faden und er schwimmt und schlingelt und ringelt
sich in der hohlen Hand Erschrocken zieht der Bursch die Arme zurück und starrt
in die Rinne auf der ein zweites drittes Fädchen und Fäserchen heranschwimmt
und er starrt in den Trog wo die Fädchen und Fasern sich winden und einigen und
teilen und lösen
Veit eilt in den Stall »Klaus komm es sind heut so Dinger im Wasser«
Klaus kommt und sieht und sagt halblaut »Das ist Blut«
»So ist da oben eine Gemse ins Bächl gestürzt« versetzt Veit
»Aber dass der Rüpel nicht da ist« sagt der Klaus und ein wenig später
setzt er bei »der täts leicht kennen ob es Gemsenblut kann sein«
Der Veit ist blass »Klaus« sagt er »steig mit hinauf in die Schlucht«
Sie sind dem Wässerlein entlang gegangen es rieselt wieder klar
Tiefer und tiefer steigt die Sonne nieder an den stillen Felsen höher und
höher und mit jedem Schritte hastiger steigen die beiden Burschen empor und
zwängen sich durch enge Schluchten wie sie das Wasser in wildem Wettertoben
gerissen oder in ruhigem Zeitlaufe gehöhlt hat Die Burschen sagen kein Wort zu
einander sie winden sich durch taunasses Himbeergesträuche und Knieholz sie
klettern an den schroffen Wänden hin sie hören ein Rauschen Sie kommen der
Stelle nahe wo das Wasser wie ein Goldband über die sonnige Wand stürzt
»Da ist ein Strohhalm« sagt der Klaus jählings Es sind zwei
aneinandergeknüpfte Halme Und daneben liegt der Reifen aus Tannengeäste An den
Gestrüppen des Hanges hängt mancher Halm zerrissen und zerknittert und darunter
in der Tiefe des Grundes
In der Tiefe ist der alte Mann gelegen
Der Kopf ist zerschmettert in der linken Hand hält er starr gepresst den
Zweig eines Alpenrosenstrauches Über die Rechte rieselt das Wasser
So haben sie ihn gefunden Wer kann es sagen wie der alte Mann verunglückt
ist Etwan hat er da oben nach dem Golde des Alpenglühens gefahndet auf dass er
sich eine neue goldene Harfe erwerbe Und da ist der mühselige Greis gestürzt
Noch im Fallen hat er sich halten wollen am Rosenstrauche dessen Zweig mit
einem glühenden Röslein ihm in der Hand geblieben Und das ist des Waldsängers
Ende
An diesem Fronleichnamsfeste haben wir ihn in die Erde gelegt Gar viel
Leute sind nicht dabei gewesen Aber die Waldvögel auf den Wipfeln des Schachens
haben ihrem Sangesbruder ein helles Schlummerlied gesungen
So arm hat keiner geschienen in den Winkelwäldern als dieser Mann und so
reich ist keiner gewesen Das allwaltende allumfassende und unfassbare heilige
Sängertum des Volkes hat in diesem Manne seine Verkörperung gefunden
Auf Vater Paulus Grab steht ein Kreuz aus dem Holze einer uralten Tanne
Auf des Sängers Hügel pflanze ich einen jungen Baum
Juli 1832
Mit den Jodelbuben haben wir ein Elend Sie wollen oben in der Almhütte
nicht mehr bleiben sie sollen in den Nächten immer Klopfen und Stöhnen auf dem
Heuboden vernehmen Mitten im Sommer muss der Kropfjodel abtreiben und die Hütte
sperren Der Veit will sich an keiner Quelle mehr waschen Er sieht in jedem
Brunnen Blutstropfen die sich anklagend an seine Hand wollen legen an dieselbe
übermütige Hand welche die Harfe des Alten zerbrochen
Im Herbst 1834
Die Schule ist auf einige Wochen geschlossen Die Kinder helfen bei der
Ernte diese ist spät reif geworden und muss nun noch vor dem Frost gewonnen
werden Oben auf den Felsenhöhen gibt es schon Schneestürme
Ich hätte doch wieder einmal hinaufsteigen mögen auf den hohen Berg auf dass
ich könnte hinausblicken Ich lebe gar so vereinsamt in mich hinein Die Alten
sind mir weggestorben die Jungen habe ich erzogen aber nicht zu meinen
Genossen Ich bin ihr Schulmeister Den Schulmeister lassen sie in Frieden
ziehen und wenn er alt und grau auf seinem einschichtigen Bänklein sitzt so
werden sie meinen ein Schulmeister müsse so sitzen
Der neue Pfarrer ist ein junger Mann der schickt sich besser für sie der
tut mit im Wirtshaus und auf der Kegelbahn Als er sich letztlich aus der
Kreisstadt das neue Messbuch verschrieben hat er auch Spielkarten kommen lassen
Der Lazarus und sein Weib die Juliana sind Besitzer des Grassteigerhofes
sie setzen das Wirtshaus fort handeln mit Tabak und allerhand Kleinigkeiten
Gar ausländische Kleiderstoffe sind bei dem Grassteiger zu haben Es gibt Leute
in der Gemeinde die nicht mehr mit den Loden und Zwilchjacken vorliebnehmen
die was Besonderes am Leibe haben wollen so zum Probieren sagen sie heute
noch Aber ich achte es ist Untreue
Manchmal durchstreifen wie voreh Häscher unsere Gegend um Schwärzer und
Soldatenflüchtlinge einzufangen
Sommer 1835
Ich erzähle die Dinge wieder nur meinen geduldigen Blättern sie bewahren
die Geschehnisse länger in Erinnerung als ich und ganz Winkelsteg Es ist mir
wie eine Pflicht geworden unsere Schicksale aufzuzeichnen Dereinst werden
andere Menschen sein sie sollen auch von uns wissen
Zuweilen kommt Hagel und großes Wasser und vernichtet die Ernten und
schleudert die strebsamen Ackerbauwirte in der Entwicklung ihres Wohlstandes auf
Jahre zurück
So auch wieder in diesem Jahre Die Leute dörren nun das Stroh bringen es
in die Mühle es sind deren ein halb Dutzend im Tale und das wird Brot für
den Winter sein
In meinem Leben ist kein Wettersturm und kein Sonnenschein
Aber ich will mein Frühjahr und meinen Sommer haben und jetzt habe ich zu
meiner Wanduhr eine Vorrichtung gemacht Die Metallschelle des Schlagwerkes habe
ich weggetan und dafür aus zwei Blättchen und einer Feder ein Ding
zusammengetan das zu jeder Stunde den Wachtelschlag nachahmt Hier in der
Gegend hört man die Wachtel kaum alle drei Jahre einmal aber in meiner Stube
bleibt es nunmehr Sommer zu allen Jahreszeiten Die Kinder und ich haben eine
rechte Freude daran
Da draußen im Holdenschlager Graben durch den jetzt eine neugebaute Straße
zieht dort wo die Winkelsteger Gemeinde begrenzt ist haben unsere Bauern ein
Wetterkreuz setzen lassen Es hat drei Querbalken an denen die bildlichen
Leidenswerkzeuge des Herrn ragen Das Kreuz wird als Schutz gegen böse Wetter
hoch verehrt Der uralte Schwamelfuchs aber meint dasselbe sei mehr schädlich
als nützlich es lasse die bösen Wetter die ja alle vom Zahn herabkämen nicht
weiter und so müsse es sich über Winkelsteg entleeren
Auf die Meinung des Schwamelfuchs hin haben die Bauern das Wetterkreuz
richtig niederreissen lassen Hingegen haben nahe an derselben Stelle die
Holdenschlager ein ganz ähnliches aufgestellt auf dass die Gewitter hier gebannt
und nicht hinaus auf ihre Felder gelangen können
Jetzt sind die Winkelsteger in doppelter Verlegenheit und ich ihr Lehrer
mit ihnen
Schulhalten und nichts als Schulhalten und die Hirngespinste unter diesen
Filzhüten sind nicht umzubringen Schulhalten Es ist viel und dennoch ist es
ein tatenloses Leben Wie ist das anders gewesen zur Zeit als wir die Gemeinde
erweckt haben Es gäbe auch heute noch genug und übergenug zu schaffen und zu
erschaffen aber der alte Pfarrer ist gestorben der neue schiebt mich beiseite
und soll letzthin gesagt haben es gäbe Wichtigeres zu tun als was so ein
AbcJäger plane
Ich bin so alt noch nicht und täte noch arbeiten Ein paar Stunden
schulhalten Schreibbogen linieren Federn und ein saures Gesicht schneiden ein
wenig Brennholz klieben und die paar Geschäftchen in der Kirche das macht
meinen Kopf leer und meine Zeit nicht voll
Der Schlaf ist bald satt und wenn ich bis die lange Nacht vergeht im
Bette müßig liege so ist das noch das Allerschlechteste Da kommen mir Gedanken
zum Närrischwerden alte Zeiten blütenzarte Gesichter und totenblasse ja
zum Närrischwerden Und dann höre ich eine Stimme ich hätte meinen Weg
verfehlt könnte in Glanz leben und sehr glücklich sein Aufspringe ich vom
Lager die Geige reiße ich von der Wand und hebe an zu scharren an den Saiten
auf dass ich die Gespenster wieder verscheuche
Und die Saiten die wissen mir besseren Trost sie flüstern ich möge
zufrieden sein ich hätte das Glück gehabt erspriesslich für die Menschen zu
arbeiten ich hätte den Hang stets der Vollkommenheit meines eigenen Wesens
zuzustreben ich hätte die Herrlichkeit der Schöpfung um mich ich hätte die
Geister großer Menschen in meinen Büchern versammelt Ich würde noch manches
nach meinen Kräften wirken und dereinst mit Befriedigung die Augen schließen
Ich habe mir wieder wie seiner Tage einmal aber ernstlicher vorgenommen
in meinen freien Stunden des Sommers mich mit der Pflanzenwelt abzugeben sie
wissenschaftlich zu zerlegen und zu betrachten Aber wie geht es mir dabei Da
habe ich heute ein Pflänzlein gefunden gepflückt und hier auf meine Mappe
gelegt
Mich reut der Mord Es ist so frisch und hold gestanden am Rain und hat
seine kleinen Arme ausgestreckt den lieben Sonnenschein zu umarmen O zürne
mir nicht du liebholdes Wesen du bist in deiner Jugend gestorben es hat dir
ein Menschenauge gelächelt es hat dich ein Menschenherz geliebt
Und so geht es mir Zu schluchzen hab ich angefangen ich altes Kind Und
das heißt Pflanzenkunde treiben Andreas für die Wissenschaft bist du ganz
und gar nicht zu brauchen du bist ein Träumer
Letztlich habe ich wieder einmal das Zeichnen versucht habe eine Karte von
den Winkelwäldern gemacht Hätte ich nur auch die Messkunst gelernt das gäbe
jetzt ein anregendes und nützliches Geschäft Denn diese Gegend muss nun doch
auch der Welt zurechtgelegt werden
Waldlilie im See
Maria Himmelfahrt 1835
Jählings ist was Unvorhergesehenes gekommen
Vor mehreren Tagen erhalte ich ein Schreiben von meinem einstigen Schüler
unserm jetzigen Herrn
Hermann schreibt mir dass er jene Kräuter die ich ihm von einem Holzer
gesandt richtig verwendet habe und seither eine Linderung in seinem kränklichen
Zustande empfinde Dieser Umstand habe ihn auf den Gedanken gebracht das
Gebirge welches er bisher ohnehin noch nicht kenne zu besuchen und in der
milden Frühherbstzeit einige Tage daselbst zuzubringen Er beabsichtige ganz
allein zu reisen denn die Menschen namentlich die Städter seien ihm unsäglich
zuwider das sei wohl eine Eigenheit seines abgespannten Zustandes aber er
könne sich derselben nicht entschlagen An der Welt habe er sich krank genossen
in der Ursprünglichkeit der Alpen in ihren Wildnissen wolle er Heilung suchen
Er erinnere sich noch an mich seinen ehemaligen Lehrer er erinnere sich auch
meiner Verdienste um die Winkelwäldler und er bitte mich nun ihm im Gebirge
ein Führer zu sein und mich an dem bestimmten Tage in der Ortschaft Grabenegg
einzufinden
Grabenegg eine gute Tagereise von hier entfernt ist keine Ortschaft es
sind nur einige Steinschlagerhütten die an der Zillerstrasse stehen und von
einem dort auslaufenden Berggraben den Namen haben
Ich habe mich denn an dem bestimmten Tag in Grabenegg eingefunden habe dort
den Waldherrn erwartet der in einem gemieteten Wagen auch richtig angekommen
Dann bin ich mit ihm weiter gegen das Hochgebirge gefahren
Der Herr hat mich völlig erschreckt ich habe ihn schier nicht mehr erkannt
aber er hat mich auf den ersten Blick als den Andreas begrüßt Sein Gruß ist
höflich gewesen und der arme Mann ist lebenssatt
Bis zum ersten Felsentore führt der Fahrweg Hier hat der Herr das Fuhrwerk
zurückgeschickt und wir sind auf rauen Steigen wie sie das Hochwild getreten
in die Wildnis hineingegangen auf deren Höhen die Eisfelder liegen Der Herr
ist vorangeschritten fast finster und trotzig zuweilen mit der Begier des
Jägers der dem Hirsch auf der Fährte ist Ich habe nicht gewusst wohin und was
der Mann will er auch nicht Ich habe gewaltige Angst gehabt dass wir für die
Nacht kein Obdach finden könnten habe dem Herrn dieses Bedenken mitgeteilt er
hat darüber eine Lache geschlagen und ist weiter gestürmt
Da ist mir jählings der Gedanke beigefallen Andreas du wanderst mit einem
Irren Wäre der graue Zahn vor mir niedergestürzt so sehr hätte mein Herz
nicht erschrecken können als vor diesem Gedanken
Ich habe gefleht und gewarnt ich habe ihn nicht zu halten vermocht nur an
Hängen ist er stehen geblieben hat einen Blick in den Abgrund getan um sofort
wieder weiter zu eilen Alle Glieder haben ihm gezittert große Tropfen sind ihm
auf der Stirne gestanden als er in der Abenddämmerung an einer Felsenquelle
zusammengebrochen ist
Ich habe in derselbigen Stunde meinem lieben Gott alles alles versprochen
wenn er uns ein Obdach finden ließe Er hat mich erhört Unweit der Quelle habe
ich in der Kluft zweier Wände eine Klause entdeckt wie solche gerne von
Gemsjägern aufgerichtet und zum Schutze benützt werden
Und unter diesem Dache mitten in den Schauern der Wildnis ist ein Feuer
angemacht und dem Freiherrn aus Moos und Strauchwerk eine Ruhestätte bereitet
worden
Wir verzehren was wir bei uns haben und trinken Wasser Als das Mahl
vorüber ist lehnt sich der Herr aufatmend an die Mooswand und haucht »Das ist
gut das ist gut«
Und nach einer Weile richtet er sein Auge auf mich und sagt »Freund ich
danke Ihnen dass Sie bei mir sind Ich bin krank Aber hier werde ich genesen
Das ist ja das Wasser von dem der angeschossene Hirsch trinkt Ich hab es
toll getrieben toll Ist kein Spielzeug der Mensch Schließlich bin ich zum
Glücke den Ärzten entkommen Ich mag in keinem Metallsarg liegen er riecht nach
Prunk nach erkünstelten Tränen pfui«
Zu meinem Troste ist er bald eingeschlummert Ich habe die ganze Nacht
gewacht und auf Mittel gesonnen den armen kranken Mann unter Menschen zu
bringen Wir sind weit ab wollen wir nach Winkelsteg so müssen wir über das
Gebirge
Am andern Morgen als ich bereits ein neues Feuer angemacht habe und als
schon Sonnenstrahlen durch die Fugen blicken erwacht der Mann übersieht
anfangs wie staunend seine Lage und sagt »Guten Morgen Andreas«
Hierauf hebt er sogleich an sich reisefertig zu machen
»Ich will auf den hohen Berg steigen den sie den grauen Zahn heißen« sagt
er »ich will diese Welt einmal von oben ansehen Begleiten Sie mich und machen
Sie dass wir noch einen oder zwei Männer mitbekommen Haben Sie keine Sorge
meinetwegen Gestern ist ein böser Tag gewesen Wie gehetzt bin ich durch die
wüsten Gegenden gezogen ohne Ziel Mir selber hätte ich entrinnen mögen wie
ich denen da draußen entronnen bin Der ganze Jammer meines Elends war über mich
gekommen Aber diese Luft heilt mich oh diese reine heilige Luft«
Als wir aus der Klause treten müssen wir die flachen Hände über die Augen
halten Es ist ein mächtiges Leuchten Die Äste des Tanns allein verschleiern
noch das Licht in den Schatten des Geflechtbodens zittern Tautropfen Viele
davon trinken schon von den glühenden Quellen der durch das Geäste rieselnden
Sonne Auf den Wipfeln jauchzen die Vogelscharen Eichhörnchen hüpfen herum und
lugen nach Morgenbrot und Gespielen
Da lächelt Hermann
Wir schreiten weiter Wie lichtes Nebelgrau schimmert es uns zwischen den
Stämmen entgegen Ein fast lauer Luftauch zieht Da lichtet sich jählings der
Wald und jeder Baum am Rande streckt seine Arme aus weist lautlos vor
Ehrfurcht ein wunderbares Bild
Ein stiller See liegt da weit hingedehnt blau grün schwarz wer kennt
die Farbe An den Ufern der Morgenseite erhebt sich über graues Gestein der
dunkle Bergwald mild umschleiert von den Lichtfäden der Sonne An dem
gegenüberliegenden Strande baut sich eine ungeheuere Felswand hinter der sich
Höhen und Höhen Hänge und Hänge schichten bis hinan zu den höchsten Riffen und
Zinnen und Zacken am Saume des blauen Himmels Mannigfaltig und herrlich über
alle Beschreibung zieht sich das Hochgebirge hin in einem Halbrund Hier unten
noch Lehnen Rasen und samtgrüne Filze der Wacholdersträucher Dann die
milchweissen Fäden der niederstürzenden Wasserfälle deren Tosen von keinem Ohr
vernommen in den Räumen der Lüfte verhallt Dann die Geröllfelder die
Schuttrisen jedes Steinchen klar gezeichnet in der reinen Luft dann Klüfte mit
Schatten mit Schründen mit Schnee dann verwitterte Felsgestalten wild und
hochragend dämonenhaft in ihrer Ungeheuerlichkeit und ewigen Ruhe
Ein Steinadler schwingt sich im Blau jetzt wie ein schwarzer Punkt jetzt
wie ein silbernes Blättchen umkreist er eine Felsenspitze Und in den hintersten
Höhen aufgerichtet sanft lehnend lichte Gletscher und rötlich leuchtende
Tafeln der Wände in welchen der Griffel der Zeit stetig meisselt um einzugraben
in den Bau der Alpen die ewige Geschichte und die ehernen Gesetze der Natur
Ich sehe es noch sehe alles noch vor meinen Augen es ist der See im
Gesenke mit dem Bergstocke des grauen Zahn
Ich habe Ähnliches schon geschaut und dennoch hat mich die Herrlichkeit
fast erschreckt Der Freiherr aber steht da wie ein Stein Seine Augen haben
sich verloren in dem unendlichen Bilde seine Lippen saugen bebend die Seeluft
ein
Danach sind wir hinabgestiegen zu den Ufern des Sees Hier plätschert das
Wasser an den stumpfkantigen Steinen
»Der See kann auch wild sein« hat hier der Herr bemerkt »sehen Sie wie
weit den Hang hinan die Steine glatt geschwemmt sind«
Aus diesen Worten habe ich ersehen dass Hermann ein verständiges Auge für
die Natur besitzt Freilich freilich kann dieser See ein wüster Geselle
werden so mild und lieblich er heute ruht Und jetzt kommt jählings das
Wundersame Dort unten wo das Gebüsche der Wilderlen in den See taucht dort
guckt ein Menschenhaupt aus dem Wasser hervor Es hebt sich das Haupt und von
den braunen langen Locken und von dem blühenden Antlitz rieseln die Tropfen der
Flut Hals und Nacken sind ein wenig sonnengebräunt aber die sanftgebauten
wiegenden Achseln schimmern durch das Wasser wie schneeweisser Marmor Ein
junges schönes Weib eine Wasserjungfrau Weiß Gott ein Dichter könnt einer
werden So was Schönes Und es hat sich noch mehr zugetragen
Der Waldherr ist kurzsichtiger als ich und hat sich dem Bilde genähert in
demselben Augenblick ist die Gestalt untergesunken und nur die Erlen haben
gefächelt über dem Wasser und sonst haben wir nichts mehr gesehen
Hermann starrt mich an Ich starre in den See Der wirft im Luftauche
leicht wuppende Reifen ist hier spiegelglatt dort zitternd Und das Haupt
taucht nicht mehr hervor
Minuten vergehen Ich spähe mit Herzklopfen nach dem badenden Wesen wer
weiß ob es schwimmen kann Mir fährt es durch den Kopf Wie wenn sich das
Mädchen aus Schamgefühl im Wasser vergräbt
Nach einer Weile der Angst und Not habe ich das atemlose Kind aus den Wellen
hervorgezogen Mit der wenigen Erfahrung die uns zu Gebote steht haben wir
sein Leben wieder erweckt sein siebzehnjähriges Leben Und siehe das wildscheue
Wesen Kaum erwacht und von unseren Händen bekleidet hat ihm die Angst Kraft
geliehen ist es aufgesprungen und hingeflohen am Waldhange
Der Herr hält sich den Kopf mit beiden Händen »Andreas« ruft er »mein
Übel kehrt wieder ich habe Erscheinungen eine Fee habe ich gesehen«
»Das ist keine Fee« gebe ich ihm zur Antwort »das ist die Tochter jenes
Holzers der dem gnädigen Herrn die Kräuter geschickt hat«
Die Waldlilie ist es gewesen
Einige Tage später
Heute ist der Herr mit dem Schimmel des Grassteiger davongefahren
Aus der Besteigung des Zahns ist nichts geworden Als uns am See die
Waldlilie entschwunden gewesen hat Hermann gesagt »Mein Schicksal ist
gekommen ich steige nicht auf den Berg Führen Sie mich in Ihr Winkelsteg
Andreas«
Und in Winkelsteg ist er drei Tage verblieben hat unsere Einrichtungen
betrachtet und zum Teile belobt hat viel von unserem Wasser getrunken Die
Leute haben es nicht glauben wollen dass das der Waldherr sei ein Weiblein hat
gemeint der Waldherr müsse einen goldenen Rock tragen und dieser Mann hat
einen aus braunem Tuche Sein Gesicht ist wie mit Asche bestreut aber unter der
Asche merke ich Funken Vor wenigen Tagen habe ich gesagt er sei lebenssatt
heute meine ich schier er sei lebenshungrig Es ist recht seltsam Gestern hat
er den Bertold zu sich gerufen dass er ihm das Heilkraut bezahle
Der alte Rotbart ist längst im Ruhestand so ist der Bertold Förster in den
Winkelwäldern geworden und wohnt nun mit den Seinen im Winkelhüterhause In
wenigen Tagen wird die kirchliche Trauung des Försters mit dem Weibe Aga still
vollzogen werden So hat es der Herr angeordnet Zu tausendmal freut es mich
Hermann hat eine kerngesunde Seele ein Kranker kann so rasch und sicher nicht
handeln Aber ein absonderlicher Mensch ist er doch Ehe er davonfährt kommt er
zu mir in das Schulhaus zieht mich zu sich auf eine Bank nieder und sagt
»Schulmeister sie hat ihr Magdtum höher gehalten als ihr Leben hätte ich denn
geglaubt dass es ein solches Weib gibt auf Erden Sie Erdmann haben voreinst
die Welt von unten herauf kennen gelernt Ich habe die Welt von oben hinab
durchschaut Wir sind ihrer beide satt Mir ist nichts Außerordentliches
widerfahren Erdmann ich habe nur gelebt bis an die Grenzen des Wahnsinns
Ich gehöre auch herein in diesen Wald Andreas ich gehöre auch herein Aber
ich muss wieder zu meinem alten Vater Gott bewahre dass ich sie mit mir nehme
Glückselig dass sie die Welt nicht kennt Ihnen vertrau ich sie Schulmeister
Hat sie das Bedürfnis einiges zu lernen so lehren Sie sie hat sie das
Bedürfnis nicht so ehren und bewachen Sie sie wie eine wilde Lilie im Wald
Und bewahren Sie das Geheimnis Schulmeister Wenn ich genesen kann so werde
ich wiederum kommen«
Und nachdem er mit seinen mächtigen Worten die großen Änderungen vollzogen
hat ist er mit dem Knecht und dem Schimmel des Grassteigers gegen Holdenschlag
gefahren
Andere hat das Leben wie es unser junger Herr geführt zugrunde gerichtet
ihn hat es zum Sonderling gemacht Sein tief angelegtes Wesen ist zwar
erschüttert aber nicht gestürzt worden
An demselben Tage als des Morgens Hermann von hier abgereist ist sind drei
Steckbriefe angekommen Der junge gnädige Herr von Schrankenheim seit
längerer Zeit schon an Schwermut leidend sei in Verlust geraten Aller
Wahrscheinlichkeit nach sei er in das Gebirge gezogen denn er habe sich mit
Kleidern versehen wie sie Bergreisende tragen Und nun sind die Kleider ist
mein ganzer lieber Zögling Hermann beschrieben gewesen so genau wie ein
entsprungener Sträfling
Gut er wird ja zurückkehren Er hat seine Waldbesitzungen bereist was
weiter Sollt er denn just in der Weise der Reichen reisen Sollte ein
Schrankenheim denn niemals aus seinen Schranken treten dürfen
Das ist einmal ein Herr für Winkelsteg Gott sei Dank
Und mir ist Heil widerfahren ist ja doch der Bertold und seine Familie
gerettet Ich habe die Leute so schwer auf meinem Gewissen getragen
Die unklaren Worte unseres Waldherrn die er mir bei seinem Abschiede
gesagt sind zum Teile klar geworden Die Waldlilie besucht das Schulhaus und
wir üben uns im Lesen und Schreiben und allem was daranhängt so weit ich
selber Bescheid weiß Sie ist gar fleißig und gelehrig kann selbständig denken
und wird von Tag zu Tag noch schöner
Fürs erste in sie in ihren Namen hineingewachsen und hat etwas von einer
Lilie an sich so schlank und weiß und mild und doch verspürt man auf ihren
runden Wangen den Kuss der Sonne Fürs zweite ist ihr von den Rehen jener
Winternacht was geblieben die anmutige Behendigkeit und das Auge
Du Andreas Siehst du jeden deiner Schüler so genau an
Ja sie gefällt aber allen
Sie gefällt den Armen den sie beizustehen weiß Manchen Traurigen hat sie
schon getröstet durch ihre warmherzigen Worte manchen Verzagten hat sie
erheitert durch ihren liebholden Gesang Und es ist zu herzig alle Kinder von
Winkelsteg kennen die Waldlilie und hängen ihr an Tät nur der Pfarrer noch
leben der hat an so Leuten seine Freude gehabt
Und ritterlich ist das Mädchen trutz wilder Tiere und böser Leute steigt
sie im Gebirge umher um Früchte und Pflanzen zu sammeln Es steht ja
geschrieben auf ihrer Stirne »Machtlos ist vor dir alles Böse«
Letztlich bringt sie mir eine blaue Enziane mit hochroten Streifen wie
solche nur drüben im Gesenke wachsen
»Bist du wieder am See gewesen Lilie« frage ich Da wird sie rot wie die
Enzianstreifen und läuft davon
Etwan hat sie es gar nicht gewusst dass ich einer jener Männer bin von denen
sie in ihrem Wildbade überrascht worden vor denen sie sich in ihrer Not in die
Tiefe des Sees geflüchtet und von denen sie der eine ans trockene Land gezogen
hat
Der Vorfall muss ihr wie ein Traumbild sein er möge nie mehr erwähnt werden
Aber von dem Waldherrn der ihre Familie aus Not und Armut gezogen spricht
sie mit Freude und Begeisterung
Zur Auswärtszeit 1837
Es hat sich erfüllt Die Anzeichen sind in der Luft gelegen seit jenem Tage
im Vorsommer an welchem Hermann wie neu erwacht zum gesunden Manne in
Winkelsteg wieder angekommen ist und als sein erstes mich nach der Waldlilie
gefragt hat
Er findet keinen Gefallen mehr an den lauten schwelgenden Kreisen von so
vielen die »Welt« genannt aber nichts weniger als die Welt bedeutend Den
Wendepunkt hat er überstanden Er ist eingetreten in das gereifte Leben in
welchem man nach der Schönheit der Schöpfung und nach dem inneren Werte des
Menschen frägt Die Waldlilie ist eine wundersam schöne Jungfrau geworden und
meine Mühe um die Ausbildung ihrer Seelenanlagen ist herrlich belohnt
So hat es sich erfüllt Der Schrankenheimer hat seine Schranken
durchbrochen Vor zwei Tagen am Feste der Himmelfahrt des Herrn ist in unserer
Kirche der Waldherr mit der Waldlilie getraut worden
Hermann hat drüben am See im Gesenke ein Sommerhaus bauen lassen wollen um
mit seiner Gattin alljährlich einige Frühherbstwochen daselbst zu wohnen Aber
die Waldlilie hat ihn gebeten das zu unterlassen Sie liebe jene Gegend aber
sie könne den See nicht besuchen
Sie haben uns verlassen und sind davongezogen in die schöne Stadt Salzburg
Im Winter 1842
In Einöde und Einförmigkeit vergehen die Jahre warum nennt mich niemand den
Einspanig
Die junge Frau hat sich seither doch besonnen am See im Gesenke steht das
Sommerhaus Da geht es in den Wochen des Frühherbstes gar lebendig zu und die
Bergwände bewachen das Familienglück unseres Herrn
Der Förster Vater Bertold mit seinem Weibe wohnt jahraus jahrein in dem
Hause am See und die Geschwister der Frau von Schrankenheim dürfen auf ein
besseres Los hoffen als jenes von dem ihnen an der Wiege ist gesungen worden
Der alte Herr von Schrankenheim hat noch zwei Enkel gesehen ehe er zu
Salzburg im Winter des Jahres 1840 verstorben ist
Winkelsteg hat durch das Haus im Gesenke nichts gewonnen Dorthin ist eine
gute Straße gebaut worden von dort aus werden die Wälder bewacht und die
Arbeiten geleitet Dorthin kommen die Besuche fremder Herrschaften dort werden
die großen Jagden angestellt Das Haus in dem voreh so öden und verrufenen
Gesenke ist das Herrenhaus und Winkelsteg bleibt die arme Bauern und
Holzschlägergemeinde und die Zustände zu Winkelsteg werden nicht besser und
der Schulmeister zu Winkelsteg
Lass das gut sein Schulmeister
Vor einiger Zeit habe ich mir aus vielen Papierbogen ein Schreibebuch
zusammengeheftet und es zum Schutz mit Deckeln aus weißem Lindenholze versehen
In demselben führe ich nun ein heimliches Leben von dem niemand was weiss1
1 August 1843
Heute nacht ist dem Reiterbauer in den Karwässern ein Knäblein geboren
worden Sie haben es zur Taufe gebracht Da der Pfarrer auf einige Tage verreist
und das Kind schwächlich ist so habe ich ihm die Nottaufe gegeben Auf den
Wunsch des Vaters bin ich gleich auch der Pate gewesen Die drei lieben
Herrgottsgroschen meine Erbschaft von der Muhme vormaleinst auch mein
Patengeschenk jetzund soll sie der kleine Peter haben
Im Sommer 1847
Als ich in den Wald gekommen bin habe ich die Menschen zerstreut
verkommen ungezählt gefunden Heute sehe ich ein neues Geschlecht
Um die Kirche steht ein Dorf Um das Dorf stehen Apfel und Birnbäume und
tragen Früchte in allen Winkeln ist versucht worden aus Wildlingen Edelbäume
zu ziehen grossenteils ist es gelungen
Zum Sonntag kommen schmucke Menschen aus allen Gräben Die Männer tragen in
ihrer Eigenart schwarze Knielederhosen und grüne Strümpfe die Weiber bauschige
Samtspenser und wunderspasshafte Drahtauben mit Vergoldung und Bänderwerk Das
ist keine Kleidung mehr wie sie im Walde wächst Sonst haben sie die Leinwand
von ihren Flachsäckern den Loden von ihren Schafen das Schuhleder von ihren
Rindern die Felle und Pelze von ihrem Wildstande getragen heute streichen
Hausierer in den Winkelwäldern um schleppen wertvolle Rohstoffe fort und lassen
Prunk und Flitter dafür da Zum Probieren »aus Spaß« haben die Leute anfangs
die neuen unzweckmässigen Dinge genommen heute haben sie sich hineingelebt und
der Spaß ist Ernst geworden
Die Jungen sind wohl weit vielseitiger als die Alten aber auch weit
anspruchsvoller auch haben sie mir zu wenig Sinn und Ehrfurcht für das Alte
aus dem sie hervorgegangen sind Nur den Tabak rauchen sie und den Branntwein
trinken sie noch wie es die Alten haben getan
Was kann der alte Schulmeister allein machen Ach lebte mein Pfarrer noch
Der kleine Reiter Peter mein Patenkind ist ein ganz netter Junge aber es
ist ein Unglück mit ihm geschehen er hat durch einen Fall aus dem Bette die
Stimme verloren
Gerne wollte ich ihm die meine überlassen für mich hat sie keinen Anwert
mehr Des alten Schulmeisters Stimme ist heiser geworden da wird nicht mehr auf
sie geachtet
Im Frühjahr 1848
Ich weiß nicht wie das für mich nun werden wird Ob es nicht am besten
wäre ich nähme auf einige Wochen Urlaub und ginge davon
Draußen zieht das Kriegsvolk in den Städten verrammeln sie die Gassen und
die Straßen und reißen die Paläste ein Eben deswegen kommt sie ja Die Frau des
Feldherrn kommt Hermanns schöne Schwester die mich so hat närrisch gemacht
Im Hause am See ist kein Platz mehr so flüchtet sie sich mit ihren Kindern
zu uns
Das Winkelhüterhaus wird für sie eingerichtet Wie danke ich Gott dass unser
Winkelsteg ihr eine Zuflucht bieten kann in dieser Zeit
Ich will denn doch nicht weggehen Will bleiben und sehr stark sein und mich
nicht verraten Ich will ihr einmal recht ins Auge schauen ehe ich sterbe
Ich sehe es wohl Gott meint es gut mit mir Ihr Auge wird die dunkelnden
Waldberge lichten ihr Atemhauch wird die Alpenluft mildern und weihen Und
zieht sie auch wieder davon Winkelsteg wo sie geweilt wird meine Heimat sein
Vor den Eingang des Hauses bauen wir einen schönen hohen Bogen aus
Tanngezweige und wir bekränzen den Altar in der Kirche
Alles wird fein bereitet aber kein Mensch denkt daran dass die Steine aus
dem Wege geschafft werden müssen Solche Frauen haben zartere Füße als
unsereiner im Gebirge
Jetzund klaube ich schon einen Tag und zwei Nächte an den Steinen des Weges
Die Leute lass ich lachen und es ist nur gut dass der Mond scheint
Einige Tage später
Jetzt sind sie da Sie und die zwei Kinder und die Dienerschaft Da hätte
ich freilich die Seine nicht wegzuräumen gebraucht sie sind mit Ross und Wagen
gekommen
Bei der Ankunft sind schier alle Winkelsteger auf dem Platze versammelt
gewesen Der Pfarrer hat eine Begrüßung gehalten ich habe mich in das Schulhaus
verkrochen Aber ich bin im Herzen erschrocken just vor meinem Fenster sind sie
ausgestiegen und da hab ich gemeint sie wollten zu mir herein
Ich habe sie sehr gut gesehen sie ist ja noch jünger geworden Kaum aus dem
Wagen gehoben läuft sie einem Falter nach Das ist aber ihre jüngste Tochter
gewesen Sie selber
Bei meiner Treu ich hätt sie nicht mehr erkannt
Sie hat alte Spiegel mit goldenen Rahmen aber so treu ist keiner dass er
wie mein Herz ihr herrliches Bild so bewahrt hätte bis auf den heutigen Tag
Das Bild ist jetzt verloschen und meine Jugend wie Nebel zergangen
Brachmonat 1848
Gestern bin ich den ganzen Tag im Gebirge herumgestiegen bin gar auf dem
Zahn gewesen Unterwegs hab ich mich zehnmal gefragt warum steigst du hinauf
du altes Kind Oben wird die Antwort sein hab ich gedacht Ich habe
Alpenkrone gesehen ich habe in die blauende Tiefe des Gesenkes geblickt wo an
der schwarzen Tafel des Sees das Herrenhaus liegt ich habe gegen Mittag hin
mein Aug angestrengt mein schon recht schwaches Aug aber es ist gar
umsonst So oft ich hinauf mag klettern das Meer hab ich noch immer und immer
nicht geschaut
Man soll es sehen können heißt es aber an einem klaren Wintertag
Jetzund hab ich sonst nichts mehr zu wünschen so will ich das eine noch
Bei meinem Herabsteigen habe ich einen Strauss von Alpenrosen Edelweiss
Kohlröslein Speik Arnika und anderen Blumen und Pflanzen gesammelt hab ihn
vornehm auf meinen Hut gesteckt wie ein tollverliebter Bursch Für wen trägst
du den Buschen heim Ich für Weib und Kind Hei du verrückter Alter du
Aber wenn ich weg von ihr bin wie da oben auf der Alm so sehe ich doch
wieder dass sie hold ist Einen Alpenblumenstrauss wird sie von mir nehmen ich
will ja recht artig und nicht zudringlich sein Hätt ich nur eine einzige
Ader von dem alten Rüpel wie wollt ich ein Lied hersagen das sich zum Strauss
tät schicken So meine Gedanken es ist schrecklich wie ich noch übermütig
bin
Wie ich herabkomme zur Lauterhöhe wo der Schirmtanner ein Kreuz hat setzen
lassen und wo heute auf dem Waldanger des Holzmeisters Rinder grasen und lustig
dabei schellen setz ich mich zur Rast unter einen Baum Ich gucke auf einen
arg verwüsteten Ameisenhaufen hin Nur wenige der Tiere kriechen ratlos herum
auf der Trümmerstätte ihres Fleißes
Ich merke es ein Ameisengräber ist dagewesen hat den herrlich
eingerichteten Staat zerstört und beraubt Mit den geraubten Eiern füttert er
gefangene Vögel die frei sein sollten im Himmelslichte die aber in der
Gefangenschaft schmachten ihr Lebtag lang weil sie das Unglück haben die
Lieblinge der Menschen zu sein Es ist die Sage dass über den Grabhügel eines
Ameisengräbers keine Ameise geht
Aus dergleichen Gedanken weckt mich ein Zupfen an meinem Hut ich wende
mich um zu sehen wer mich neckt Eine braune Kuh steht da und zerkaut meinen
Alpenstrauss
Bin aufgefahren hab das vorwitzige Rind mit meinem Stab wollen züchtigen
da fällt es mir ein gutes Tier etwan machen meine Blumen dir mehr Vergnügen
als ihr so gesegne dir sie Gott Sie trinkt dafür deine gute Milch
Als ich zum späten Abend in das Dorf herabkomme sind ihre Fenster hell
beleuchtet
Einen Spaß muss man auch haben
Einer von den Bedienten der Frau der Jakob ist ein Kreuzköpfel Können tut
er alles er kann musizieren kann schneidern und schustern und kann zeichnen
gar Komödie spielen kann er Die Frau muss aber solche Dinge nicht recht leiden
mögen denn der Jakob kommt allerweg zu mir in das Schulhaus her wenn er seine
Künste üben will Da hab ich meine Kurzweil und muss oft närrisch lachen
Ich habe dem Jakob einen Pfeifenkopf geschnitzt dafür schenkt er mir
allfort den besten Tabak So schnitzen sagt er das könne er nicht Die
Höflichkeit hat mir noch kein Mensch gesagt wie der Jakob Auch macht er mir
allerhand Schwänke vor auf dem Kopf kann er stehen bauchreden kann er
wahrsagen kann er und Karten aufschlagen Meiner Tag hab ich keinen so
geschickten Menschen gesehen Aber eines habe ich ihn gebeten in Gegenwart der
Schulkinder möge er nicht allzu viel so Künste treiben s ist mir lieber
Letztlich hat mich der Jakob gar gezeichnet Auf Ehre ich hab nicht sitzen
wollen aber er hat mich herumgekriegt bis ich all meinen Staat um mich getan
und dort auf dem Holzblock Platz gefasst habe Er hat mich gezeichnet und mit
Farben bemalt dass es eine Herrlichkeit ist Das rote Halstuch ist gar zum
Sprechen getroffen
Das Bild hat er mir geschenkt Ich guck es heimlich an aber die
Schulkinder dürfen mirs nicht sehen
Wills wohl fleißig verstecken
Hab gemeint ich werd mich recht an ihre Kinder machen Aber sie sprechen
eine welsche Sprache und die versteh ich nicht Der junge Herr ist fortweg bei
Pferden und Hunden das Mädchen möchte sich auf den Wiesen umhertreiben bei den
Blumen und Käsern Aber das wird ihr verwiesen Sie ist schon völlig zu groß um
glückselig sein zu dürfen
Dieser Tage ist Hermann verzeih mirs Gott dass ich ihn allfort noch so
nenne vom Gesenke herübergekommen um seine Schwester zu besuchen Die Frau
hat sich krank gemeldet Der Jakob sagt die beiden hätten kein rechtes
Zusammensehen Die Gnädigste erkenne keine Schwägerin an die nach Tannenpech
rieche
Heute hat die Frau eine Tafel gegeben und dazu den Pfarrer und den
Grassteiger eingeladen Mir ist ein Stück Braten und ein Glas Wein ins Haus
geschickt worden Zum Glück geht ein Bettelmann vorbei dass mir die Speisen
nicht verdorben sind
So sind heute zwei Bettelmänner abgespeist worden
Bei der Tafel sei von mir gesprochen worden sagt der Jakob Die Frau habe
erzählt ich hätte als armer Student in dem Hause ihres Vaters eine Weile das
Gnadenbrot genossen dann sei ich aus der Schule davongegangen und als Vagabund
zurückgekehrt dann hätte mich ihr Vater um Gottes willen in den Wald getan und
mir das Brot gegeben
So weißt dus nun Andreas Erdmann aber kein graues Haar desweg es täte
die weißen entstellen
August 1848
Nun sind sie wieder fort Jakob hat mir ein schwarzes Beinkleid und einen
weißen Handschuh dagelassen
Juli 1852
Die Grundablösungen sind bewilligt worden Die meisten Bauern von Winkelsteg
sind nun ihre eigenen Herren s ist ihnen vom Herzen zu gönnen Aber ihre Augen
sind schlechter geworden jeder sieht mich nicht wenn ich des Weges an ihm
vorüberkomme
In diesem Sommer bin ich wieder auf dem Berg gewesen Hab schon gemeint
ich sehe es gegen Mittag hin Ist aber nur ein Nebelstreifen gelegen
Ich habe mir bei dieser Bergfahrt ich weiß nicht durch das grelle Licht
der Weiten oder durch einen scharfen Wärmewechsel wieder das böse Augenleiden
zugezogen das viele Wochen gewährt und mich an meinem Berufe gehindert hat
Ich denke dem stummen Peter Reiter sollte man ein wenig Musik lehren Er
muss doch was haben um sein Herz auszulegen Es ist unglaublich wie das weh
tut wenn man alles in sich verschließen muss
1853
Der Peter hat Schick er spielt schon auf der Zither und auf der Geige
Später muss er mir an die Orgel Die Winkelsteger werden auch in Zukunft noch ihr
Messlied haben wollen Ich werde nicht immer sein
Der Grassteiger oder wie sie ihn jetzt heißen der Winkelwirt ist mir gut
und er ist gegen jeden gut ganz Winkelsteg hat an ihm einen Freund Aber seine
alte Krankheit will sich wiederum melden Wenn ihn zuweilen etwas erregt so muss
er gar sehr mit sich kämpfen Ich hab gesagt er sollt wieder anheben mit den
Rosenkranzkügelchen täten aber vielleicht nicht mehr viel helfen es ist Gefahr
vorhanden dass er ins Trinken kommt Der ginge zu Grund wenn er nicht eine so
brave Frau hätt Die Juliana weiß mit ihm umzugehen ihr zu Lieb leidet er den
bittersten Durst
Der Branntweiner Schorschl der Hannes ist schon tot wirft mir dann und
wann die Fenster ein Er hält mich für seinen größten Feind weil ich die Kinder
vor dem Branntwein warne
Die Fenster verklebe ich mit Papier Die Kinder warne ich vor Schädlichem
so lang ich lebe
1855
Der Pfarrer ist uns ausgetauscht worden gegen einen blutjungen Der
Blutjunge sagt die Seelsorge sei arg vernachlässigt und will das Krumme auf
einmal gerade machen Er ordnet Betstunden Buss und Bittgänge an Seine
Predigten sind scharf wie Lauge Für manche mags taugen Aber es gibt so viele
wunde Herzen
Seit der neue Pfarrer da ist bin ich in der Schule schier überflüssig
geworden Er füllt die Stunden mit Glaubensunterricht aus
Die Kinder haben mehr Fähigkeit als ich je erfahren den ganzen
Katechismus kennen sie auswendig
Der Kaiser und der Papst sollen miteinander ein eigenes Gesetz für das
Seligwerden herausgegeben haben und seit ewigen Zeiten ist zu Winkelsteg nicht
so viel vom Teufel gesprochen worden als jetzt
24 August 1856
Heute ist öffentliche Schulprüfung gewesen Der Dechant von der Kreisstadt
ist da In Glaubenssachen ist er sehr zufrieden Was das Übrige anbelangt hat
er den Kopf geschüttelt Beim Kommen hat er mich artig gegrüßt beim Fortgehen
hat er mich nicht gesehen
Oft sitze ich eine lange Weil da oben im Schachen unter den alten Bäumen
Dieser Schachen ist noch übrig geblieben von den großen Wäldern über dessen
Gründen sich die Gemeinde breitet als ein in die Kette der Menschheit
eingereihtes Glied
Ich mag unter dem Schachen sitzen so lange ich will kein Mensch ruft mich
Wenn die Toten nur nicht gar so fest schliefen
Ich bin ein alter Späher Meine Augen sind krank und müd und gucken doch
zuweilen was aus
Durch den Bretterzaun habe ich es gesehen wie der Reiter Peter das
Schirmtannermädchen an der Hand gefasst und nicht mehr lassen hat wollen Durch
tausend Gebärden hat er ihr was erzählt das Blut ist ihm in die Wangen
gestiegen aber das Mädchen hat fortweg gesagt »Nein Peter nein«
Da hat der Junge jählings die Geige bei der Hand und spielt der Rosa ein
Stück vor das ich ihm nicht gelehrt hab Wundersam ist es gewesen wie ich es
meiner Tag nimmer hätt gemeint dass der Peter spielen könnt
Ja und so lange hat ers getrieben bis ihm die Rosa ist an den Hals
gefallen »Hör auf mir tuts zu weh Peter ich hab dich ja gern«
s ist ein Gescheer mit den jungen Leuten Hat so ein Bursch keine Stimm
zum Schwätzen so hebt er seine Liebschaften gar mit der Geige an
Zur Winterszeit 1857
So ein Tagebuch ist doch ein treuer Freund Was man ihm auch anvertrauen
mag es vergisst nichts und plaudert nichts aus Wenn ich diese Schriften
durchsehe so kann ich es gar nicht glauben dass ich das alles mit erlebt und
geschrieben habe Es sind wunderliche Geschichten
Ich bin doch einmal wer gewesen Aus einem alten Mann bin ich ein junger
geworden aus einem jungen wieder ein alter halbblinder dem bei dem Messliede
schon die Noten tanzen auf dem Blatt Die Leut haben mich beiseite geschoben
Mein Gott anderen geht es auch nicht besser Ich verlang ja nichts ich
hab mein Teil getan und bins zufrieden
1864
Und seit fünfzig Jahren bin ich nicht mehr aus diesen Wäldern gekommen
Und die Waldleute entstehen leben und vergehen dahier und steigen in ihrem
ganzen Lebenslauf nicht ein einzigmal auf den Berg wo man die Herrlichkeit kann
sehen und am hellen Wintertag das Meer
Das Meer Wie wird es da leicht und weit im Herzen Dort zieht ein Kahn
steht ein Jüngling darin der winkt
Heinrich Was ist das
Der Narr Versjetzt seine Lebenszeit im Winkel und hätt ein Schiffer werden
sollen
Heiliger Abend 1864
Die Laufbahn ist kurz Vom Winkelhüterhause bis hinab zu der Kirchhofsmauer
rutschen sie auf ihren Brettchen und Schlittchen dahin über den gefrorenen
Schnee Und wie sie dabei lärmen und die Sache beeifern Ich warte auf den
Reiter Peter er kommt mit seiner Geige dass wir zusammen das neue Krippenlied
versuchen Einstweilen gucke ich den lustigen Kindern zu und schreibe
Pelzhauben haben sie auf die Kleinen und eine ganze Weile haben sie zu
trippeln und zu schnaufen bis sie mit ihrem Fahrzeug oben ankommen und unten
sind sie in zehn Augenblicken Lange Müh und kurze Freud
Der Peter kommt mit der Weihnachtsprobe »Schlaf süß schlaf in heiliger
Ruh« Das Lied soll morgen
Das letzte Blatt
morgen
Mit diesem Worte enden die Schriften
Zwei lange Regentage hatte ich gelesen Aus dem vorigen Jahrhundert hatte
ich mich durch ein merkwürdiges Leben herangelesen bis zu dem letztvergangenen
Weihnachtsfeste
morgen
Der Kopf war mir heiß und schwer ich blickte nach der Tür Der Mann muss ja
hereintreten und weiter schreiben was am nächsten Morgen gekommen wie es
weiter gewesen war Denn das ist kein Abschluss und kein Abschied das ist ein
hoffender Blick in die Zukunft ein Morgenstern
Fast wie eine Überzeugung empfand ichs der Schulmeister lebt In der
Fremde wird er wandern und irren der arme Mann mit der großen Sehnsucht die
keinen Namen hat Es ist die Sehnsucht die wir alle empfinden ob seichter ob
tiefer die Sehnsucht nach dem Ganzen Allgemeinsamen nach dem Wahren aber
Unfassbaren in dem unsere drängende strebende bangende Seele Ruhe und Erlösung
zu finden hofft
Mir war als müsste ich auf und davon und den alten guten kindlichen Mann
suchen allerwege Was war das für ein großes Streben und Ringen gewesen Ein
vergebliches Aufraffen nach den Zielen der Gesellschaft ein krampfhaft
unterdrücktes Auflodern jugendlicher Leidenschaft ein verzweifeltes
Hineinstürzen in die Wirren des Lebens ein begeisterter Flug durch die Welt
ein furchtbares Erwachen aus Täuschung ein Fliehen in die Öden der Wildnis ein
stilles stetes Wirken in Ergebung und Aufopferung ein großes Gelingen eine
tiefe Befriedigung Da naht das Alter ein junges Volk und neue Verhältnisse
bieten keine Gelegenheit zu Taten mehr ein betrübtes Zurückziehen in sich
selbst Verlassenheit und Einsamkeit Zweifeln Grübeln und Träumen und ein
stilles Ergeben und Versickern In Alter Unbehilflichkeit und Einfalt ist er
ein Kind geworden ein in Träumen lächelndes glückliches Kind Aber die
Sehnsucht und das Ahnen des Jünglings ist ihm geblieben Und ein großer Lohn ist
ihm geworden ein Entgelt das uns mit seinen Schicksalen versöhnt ein Entgelt
wie es die Welt nimmer gibt und geben kann wie es nur aus treuer Erfüllung des
Lebens entsteht der Frieden der Seele
Die Wachtel der Uhr schlug achtmal Ich verschloss die Blätter sorgsam in die
Lade und ging hinab gegen das Wirtshaus Es dunkelte schon eine frostige Trübe
lag allerseits und eine scharfe Luft strich durch den feinrieselnden Regen
Der Lazarus stand vor der Haustür wendete sein Gesicht nach allen
Himmelsgegenden und sagte »s wird anders werden« Er sagte es zu sich selbst
Er hatte gewiss keine Ahnung dass der junge fremde Mensch der ihm nun nahte
seine ganze Geschichte wisse
Der Wirt war an demselben Abend recht redselig aber ich war schweigsam und
begab mich bald wieder in mein Schulhaus zur Ruhe
Wie sah ich nun alles ganz anders an als vor zwei Tagen Fast daheim war
ich in diesem Alpendörfchen in welchem ich gleichsam mit dem Schulmeister jung
gewesen und alt geworden
Und der Mann der die Gemeinde gegründet und grossgezogen mit seinem
Lebensmark sollte fremd sein und vergessen
Nein er ist überall zu verspüren Unsichtbar steigt er in Winkelsteg herum
Tag und Nacht zu jeder Stund hatte nicht so der Kohlenbrenner gesagt
Der nächste Morgen war so hell dass er mir durch das geschlossene Augenlid
drang Als ich es öffnete sah ich einen lichten klaren Wintertag
Ich sprang auf Es hatte geschneit die weiße Hülle lag über dem ganzen
Tale auf allen Dächern und Bäumen Der Himmel war rein
Bald war ich gerüstet zu meiner Alpenfahrt
»Heut wohl« sagte die Wirtin »heut ist es sein auf der Höh wenn den
Herrn der Schnee nicht irrt Wer Geduld hat sag ich fort der erwartet alles
auf der Welt gar ein schön Wetter in Winkelsteg Mitnehmen muss der Herr halt
wen« Dann zu ihrem Manne »Du leicht will sich der Reiter Peter einen feinen
Führerlohn verdienen«
»Der Reiter Peter« sage ich »der ist mir schon recht das Schwätzen
unterwegs ist mir ohnehin zuwider«
»Ei der Herr weiß es schon dass der Peter nicht schwätzt ja der ist fein
still hat er die Geigen nicht bei sich«
Der Peter war jener stumme junge Mann der mir vor zwei Tagen nach der
Messe an der Kirchtür begegnete So stieg ich denn mit dem Patenkind des
Schulmeisters mit allem Nötigen wohl versorgt das Gebirge hinan
Der Schnee war weich und leuchtete in der Morgensonne und hub an zu
schmelzen Bald standen die niedergedrückten Pflanzen und Blumen wieder auf und
die Vögel sangen und hüpften in dem Geäste und schüttelten die Flocken von den
Bäumen Frisch und neulebendig grünte es zwischen dem rosig angehauchten Weiß
und in einer großen Klarheit lagen die Waldberge Es war in einer wundersamen
Weise der Sommer vermählt mit dem Winter
Wir gingen an dem Schachen des Friedhofes vorüber der Peter zog seinen Hut
vom Kopfe und trug ihn solange in der Hand bis wir vorbei waren Die alten
Bäume flochten hoch über den wenigen Gräbern die Äste und Kronen so ineinander
dass es war wie in einem gotischen Dome Wohl legte sich über den Wipfeln noch
der Schneeschleier hin im Schatten auf den Gräbern aber prangte frisches Gras
und Moosgeflechte und darüber ragten und lehnten an den Stämmen oder lagen
verwahrlost hingestreckt die grauen bild und inschriftlosen Holzkreuze
Ich wollte mir die Ruhestätte des Pfarrers Paulus und des ReimRüpels zeigen
lassen Der Peter sah mich fragend an davon wusste der junge Mann nichts
Später kamen wir auf einen Bergsattel
»Wir sind auf der Lauterhöhe« fragte ich meinen stillen Gefährten Er
nickte bejahend mit dem Kopfe Ich dachte an den zerstörten Ameishaufen an das
Rind das den Alpenstrauss frass an die Schirmtannen da hinten an den
Schirmtanner und plötzlich fragte ich den Peter »Die SchirmtannerRosel die
kennst du«
Er wurde rot wie eine Alpenrose
Von diesem Bergsattel aus hatte sich gegen Mitternacht hin eine ganz neue
Gegend aufgetan Täler und Waldberge zogen sich in tiefer Klarheit hin links
erhoben sich Felswände die weit über die Wälder weg einen schründig
durchbrochenen Wall bildeten In dieser Richtung hin dachte ich mir die Gegenden
der Lautergräben Karwässer der Wolfsgrube und des Felsentales
Der Weg führte talab wir aber bogen links ein und stiegen durch
Fichtenwald Zirmgesträuche immer höher empor bis zu den Almblössen die sich
hinanziehen gegen die ragenden Felsmassen
Die Schneehülle war hier zwar etwas dichter und spröder hinderte aber nicht
sonderlich im Wandern Ein paar Hütten standen da aus deren Dachfugen Rauch
hervordrang und in deren Ställen die Rinder schellten Diese mussten heute Heu
fressen aber nach dem Schnee sollen gute warme Tage kommen In welchem Fenster
dieser Hütten wohl der Meisterknecht Paul gesteckt sein mochte
Wir schritten weiter bald merkte ich dass mein Begleiter selbst den Weg
nicht kenne Der Schnee war hier schon fast geschmolzen in der Sonne Wir gingen
den Felsen zu stiegen an den Mulden empor wie ich mich erinnerte dass der
Schulmeister gegangen war und endlich kamen wir auf das Grat
Das Bild war unvergleichlich Der Schulmeister hat es geschildert
Wir gingen dem Grat entlang ruhten dann ein wenig um uns mit Brot und
Fleisch zu laben und die Steigeisen an die Füße zu schnallen Hierauf gingen wir
langsam über das Gletscherfeld hinan gegen den Kegel
Die Luft war außerordentlich rein und ruhig ich empfand in mir eine Frische
und ein Wohlbehagen zum Aufjauchzen Je näher wir der Spitze kamen je flinker
förderten wir unsere Schritte auch der Peter war lustig geworden
Nun waren wir oben standen auf der Spitze des Zahn Mir war zumute als
wäre ich schon früher mehrmals auf dieser Höhe gewesen Um uns lag in einer
unendlichen Ruhe wie der Schulmeister sagt die Krone der Alpen
Selbst dort hinter den weiten Wäldern im sonnendurchwobenen Mittag ragten
die Kanten und Spitzen eines fernsten Gebirgszuges noch deutlich und darüber
hinaus schnurgerade hingezogen lag ein schimmerndes Band das Meer
Mir war zumute als müsste ich fortrasen hinab von Fels zu Fels und hin über
Berg und Tal den Schulmeister zu suchen ihm zuzurufen »Kommet und seht«
In lauter Begeisterung und in stiller Versunkenheit habe ich wohl lange
hinausgestarrt Dann stiegen wir einige Schritte niederwärts unter den
Steinvorsprung wohl denselben an welchem der Mann vor fünfzig Jahren gesessen
war und geträumt hatte
Hier war noch ein wenig Schnee Wir setzten uns auf trockene Klötze und
hielten Mahlzeit Der Peter spielte mit seinem Stock im Schnee er zeichnete
Buchstaben hin ich meinte er wolle mir etwa seine Gedanken und Empfindungen
aufschreiben Aber er zerstörte die Zeichen wieder und es war nur loses Spiel
Mein Auge schweifte hinaus flog von einem Berg zum andern bis zu den
fernsten italischen Höhen Es glitt hin es trank vom Meere Über den Wassern
sah ich das Lichtwogen der mittägigen Sonne
Plötzlich gellte neben mir ein Schrei Der Bursche war emporgesprungen und
wies mit beiden Händen auf den hügeligen Schneeboden hin
Ich forschte nach der Ursache da waren noch des Jungen Buchstabenreste da
war aufgewühlter Flaum da war
Es war grauenhaft zu sehen Von der Schneehülle halb blossgelegt starrte ein
Menschenhaupt hervor
Nur wenige Augenblicke war der Bursche schreckerstarrt tatlos dagestanden
dann eilte er die Erscheinung von der Schneehülle vollends zu befreien Mit
Fieberhast arbeitete er und als ein ganzer Menschenkörper dalag da verbarg er
sein Gesicht sank mir in die Arme und wimmerte
Da lag ein mumienhafter Mann gerollt in einen braunen Mantel die Züge
eingetrocknet die Augen tief gehöhlt die wenigen Locken des Hauptes wirr
»Kennst du ihn« fragte ich den Burschen
Er neigte traurig den Kopf
»Ist es der Schulmeister« rief ich aus
Der Peter neigte das Haupt
Als wir endlich einige Fassung gewonnen hatten huben wir an den Toten
näher zu betrachten Er war sorgsam in den Mantel geschlagen an die Schuhe
waren Steigeisen geschnallt daneben lag ein Bergstock In dem halb offenen
Ledertäschchen fanden sich einige verdorrte Brotkrumen und ein
zusammengeknülltes feuchtes Papier Nach diesem griff ich und zog es
auseinander Da standen Worte Worte in schiefen regellosen Zeilen mit
Bleistift unsicher hingedrückt
Die Worte sind leserlich und lauten
»Christtag Ich habe bei Sonnenuntergang das Meer gesehen und das Augenlicht
verloren«
So hatte er sein Ziel geschaut Als Erblindeter hatte er das Blatt
beschrieben das letzte Blatt zu seinen Schriften Dann hatte er sich wohl
hingelegt auf den Steinboden hatte die eisige Winternacht erwartet und war in
derselben gestorben
Wir bauten aus Steinen einen Wall um den Toten und wölbten ihn notdürftig
ein Dann stiegen wir nieder zu den Almen und den kürzeren Weg über Miesenbach
nach Winkelsteg
Des andern Morgens zur frühen Stunde stiegen ihrer viele empor gegen den
grauen Zahn und ich mit ihnen Der alte Schirmtanner war auch dabei der wusste
vieles von dem Schulmeister zu erzählen und seine Worte stimmten mit den
Schriften überein
Und so trugen wir den alten Andreas Erdmann der in der trockenen kalten
Alpenlust fast zur Mumie vertrocknet war herab in das Tal der Winkel zur
Pfarrkirche die unter seinem Walten erbaut worden war trugen ihn auf den
Friedhof den er selbst angelegt hatte im Schatten des Waldes
Die Nachricht der alte Schulmeister sei aufgefunden worden hatte sich bald
verbreitet in den Winkelwäldern und alles strömte herbei zum Begräbnisse und
alles pries den guten Mann Der Winkelwirt weinte wie ein Kind »Der hat meinen
verlassenen Vater gesegnet auf dem Todbett« rief er Den Peter musste der
Schirmtanner von der Bahre hinwegführen
Der Förster vom Herrenhaus war da Ganz in der Nähe des Grabes wuchs eine
Waldlilie
Der Branntweiner Schorschl hielt einigen die am Friedhofseingange standen
eine Rede er habe nichts gar nichts gegen den Schulmeister gehabt doch der
Schulmeister sei eigensinnig gewesen Das eine sei zu bedenken hätte der
Schulmeister ein Fläschel Wacholderbranntwein bei sich gehabt er wäre nicht
erfroren
Zur Abendstunde unter Fackelschein ist der gute alte Mann in die Erde
gesenkt worden
Die Schriften zu denen ich in so eigentümlicher Weise gekommen bin habe
ich mir von der Gemeinde Winkelsteg erbeten auf dass ich sie der Öffentlichkeit
übergebe als Zeugenschaft von einem armen reichen fruchtbaren und selbstlosen
Leben in der Verborgenheit des Waldes
In schmerzlicher Bewegung habe ich das letzte Blatt mit den Bleistiftworten
zu den Schriften gelegt Schlage nach mein Leser es wird dir ein Umstand nicht
entgehen das erste Blatt ist von einem Kinde an das Jenseits gerichtet Und von
demselben Kinde wird nach der Erfüllung der Zeit das letzte Blatt gleichsam aus
dem Jenseits herübergesandt uns Ringenden auf Erden als des Vermächtnisses
Siegel mit der Inschrift
Entsagung und Ergebung
Fußnoten
1 Dieses »Schreibebuch« ist in den Schriften nicht vorgefunden worden
Der Herausgeber